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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Caspar Hauser + oder Die Trägheit des Herzens + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 7, 2008 [EBook #25721] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASPAR HAUSER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Caspar Hauser + + oder + + Die Trägheit des Herzens, + + Roman + von + + Jakob Wassermann + + Erste bis vierte Auflage + + Deutsche Verlags-Anstalt + Stuttgart und Leipzig + 1908 + + + +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + +#Published May 6th, 1908. Privilege of copyright in the United States +reserved under the act approved March 3, 1905 by Deutsche +Verlags-Anstalt, Stuttgart# + +Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart Papier von der +Papierfabrik Salach in Salach, Württemberg + + + + Es ist noch dieselbe Sonne, + die derselben Erde lacht; + aus demselben Schleim und Blute + sind Gott, Mann und Kind gemacht. + Nichts geblieben, nichts geschwunden, + alles jung und alles alt, + Tod und Leben sind verbunden, + zum Symbol wird die Gestalt. + + + + +Erster Teil + + + + +Der fremde Jüngling + + +In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare +Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in +Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn +beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab. + +Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wußte, woher +er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er +war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige +Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer +wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein +Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder +seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die +ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den +Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf. + +Die Nürnberger sind ein neugieriges Volk. Jeden Tag wanderten Hunderte +den Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern +alten Turmes, um den Fremdling zu sehen. In die halbverdunkelte Kammer +zu treten, wo der Gefangene weilte, war untersagt, und so erblickten +ihre dichtgedrängten Scharen von der Schwelle aus das wunderliche +Menschenwesen, das in der entferntesten Ecke des Raumes kauerte und +meist mit einem kleinen weißen Holzpferdchen spielte, das es zufällig +bei den Kindern des Wärters gesehen und das man ihm, gerührt von dem +unbeholfenen Stammeln seines Verlangens, geschenkt hatte. Seine Augen +schienen das Licht nicht erfassen zu können; er hatte offenbar Furcht +vor der Bewegung seines eignen Körpers, und wenn er seine Hände zum +Tasten erhob, war es, als ob ihm die Luft dabei einen rätselhaften +Widerstand entgegensetzte. + +Welch ein armseliges Ding, sagten die Leute; viele waren der Ansicht, +daß man eine neue Spezies entdeckt habe, eine Art Höhlenmensch etwa, und +unter den berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die, daß der +Knabe jede andre Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurückwies. + +Nach und nach wurden die einzelnen Umstände, unter denen der Fremdling +aufgetaucht war, allgemein bekannt. Am Pfingstmontag gegen die fünfte +Nachmittagsstunde war er plötzlich auf dem Unschlittplatz, unweit vom +neuen Tor, gestanden, hatte eine Weile verstört um sich geschaut und war +dann dem zufällig des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die +Arme getaumelt. Seine bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse +des Rittmeisters Wessenig vor, und da nun einige andre Personen +hinzukamen, schleppte man ihn mit ziemlicher Mühe bis zum Haus des +Rittmeisters. Dort fiel er erschöpft auf die Stufen, und durch die +zerrissenen Stiefel sickerte Blut. + +Der Rittmeister kam erst um die Dämmerungsstunde heim, und seine Frau +erzählte ihm, daß ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der +Streu im Stall schlafe; zugleich übergab sie ihm den Brief, den der +Rittmeister, nachdem er das Siegel erbrochen, mit größter Verwunderung +einige Male durchlas; es war ein Schriftstück, ebenso humoristisch in +einigen Punkten wie in andern von grausamer Deutlichkeit. Der +Rittmeister begab sich in den Stall und ließ den Fremdling aufwecken, +was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde. Die militärisch +gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur mit +sinnlosen Lauten beantwortet, und Herr von Wessenig entschied sich +kurzerhand, den Zuläufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen. + +Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknüpft, denn der +Fremdling konnte kaum mehr gehen; Blutspuren bezeichneten seinen Weg, +wie ein störrisches Kalb mußte er durch die Straßen gezogen werden, und +die von den Feiertagsausflügen heimkehrenden Bürger hatten ihren Spaß an +der Sache. »Was gibt's denn?« fragten die, welche den ungewohnten Tumult +nur aus der Ferne beobachteten. »Ei, sie führen einen betrunkenen +Bauern,« lautete der Bescheid. + +Auf der Wachtstube bemühte sich der Aktuar umsonst, mit dem Häftling ein +Verhör anzustellen; er lallte immer wieder dieselben halb blödsinnigen +Worte vor sich hin, und Schimpfen und Drohen nutzte nichts. Als einer +der Soldaten Licht anzündete, geschah etwas Sonderbares. Der Knabe +machte mit dem Oberkörper tanzbärenhaft hüpfende Bewegungen und griff +mit den Händen in die Kerzenflamme; aber als er dann die Brandwunde +verspürte, fing er so zu weinen an, daß es allen durch Mark und Bein +ging. + +Endlich hatte der Aktuar den Einfall, ihm ein Stück Papier und einen +Bleistift vorzuhalten, danach griff der wunderliche Mensch und malte mit +kindisch-großen Buchstaben langsam den Namen Caspar Hauser. Hierauf +wankte er in eine Ecke, brach förmlich zusammen und fiel in tiefen +Schlaf. + +Weil Caspar Hauser -- so wurde der Fremdling von nun ab genannt -- bei +seiner Ankunft in der Stadt bäurisch gekleidet war, nämlich mit einem +Frack, von dem die Schöße abgeschnitten waren, einem roten Schlips und +großen Schaftstiefeln, glaubte man zuerst, es mit einem Bauernsohn aus +der Gegend zu tun zu haben, der auf irgendeine Weise vernachlässigt oder +in der Entwicklung verkümmert war. Der erste, der dieser Meinung +entschieden widersprach, war der Gefängniswärter auf dem Turm. »So sieht +kein Bauer aus,« sagte er und deutete auf das wallende, hellbraune Haar +seines Häftlings, das etwas nicht ausdrückbar Unberührtes hatte und +glänzend war wie das Fell von Tieren, die in Finsternis zu leben gewohnt +sind. »Und diese feinen weißen Händchen und diese sammetweiche Haut und +die dünnen Schläfen und die deutlichen blauen Adern zu beiden Seiten des +Halses, wahrhaftig, er gleicht eher einem adligen Fräulein als einem +Bauern.« + +»Nicht übel bemerkt,« meinte der Stadtgerichtsarzt, der in seinem zu +Protokoll gegebenen Gutachten neben diesen Merkmalen die besondere +Bildung der Knie und die hornhautlosen Fußsohlen des Gefangenen +hervorhob. »So viel ist klar,« hieß es am Schluß, »daß man es hier mit +einem Menschen zu tun hat, der nichts von seinesgleichen ahnt, nicht +ißt, nicht trinkt, nicht fühlt, nicht spricht wie andre, der nichts von +gestern, nichts von morgen weiß, die Zeit nicht begreift, sich selber +nicht spürt.« + +Die hohe Polizeibehörde ließ sich durch ein solches Urteil nicht aus +dem vorgesetzten Gang der Untersuchung lenken; es bestand der Verdacht, +daß der Stadtgerichtsarzt durch seinen Freund, den Gymnasialprofessor +Daumer, beeinflußt und zu diesen Überschwenglichkeiten verführt worden +sei. Der Gefängniswärter Hill wurde beauftragt, den Fremdling insgeheim +zu belauern. Er spähte oft durch das verborgene Loch in der Türe, wenn +sich der Knabe allein wähnen mußte; aber es war immer derselbe traurige +Ernst in den bald schlaffen und beklommenen, bald wie durch den Anblick +eines unsichtbaren Furchtgebildes verzerrten und zerrissenen Zügen. Es +war auch vergeblich, nachts, wenn er schlief, an sein Lager zu +schleichen, hinzuknien, auf den Atem zu horchen und zu warten, ob er +verräterische Worte aus dem Innern auf die Lippen trug; Leute, die Übles +im Schild führen, pflegen nämlich aus dem Schlaf zu reden, auch schlafen +sie eher bei Tag als bei Nacht, wo sie ihren Gedanken und Entwürfen +nachhängen, aber diesen umfing der Schlummer, sobald die Sonne sank, und +er erwachte, wenn sich der erste Morgenstrahl durch die verschlossenen +Läden zwängte. Es konnte Argwohn wecken, daß er jedesmal zusammenzuckte, +wenn die Tür seines Gefängnisses geöffnet wurde; wahrscheinlich jedoch +gab sich darin nicht die Angst eines schuldbewußten Gemüts zu erkennen, +sondern vielmehr eine übermäßige Erregbarkeit der Sinne, denen jeder +Laut von außen zu qualvoller Nähe kam. + +»Unsre Herren auf dem Rathaus werden noch viel Papier beschmieren +müssen, wenn sie auf dem Weg weiterkommen wollen,« sagte der gute Hill +eines Morgens -- es war der dritte Tag der Haft Caspar Hausers -- zu +Professor Daumer, der den Fremdling besuchen wollte; »ich kenne gewiß +alle Schliche des Lumpenvolks, aber wenn _der_ Bursche ein Simulante +ist, will ich mich hängen lassen.« + +Hill sperrte auf, und Professor Daumer trat in die Kammer. Wie +gewöhnlich erschrak der Gefangene, aber als der Ankömmling einmal im +Raum war, schien ihn Caspar Hauser nicht mehr zu gewahren und schaute, +bezaubert im dumpfen Nichtwissen, still vor sich nieder. + +Da geschah es, als Hill den Fensterladen geöffnet hatte, daß der Knabe, +vielleicht wie nie zuvor in seinem Leben, den gefesselten Blick erhob, +ihn von der schweigenden, gleichmäßigen Furcht wegkehrte, die das Innere +seiner Brust beherbergen mochte, und ihn durchs Fenster hinausschweifen +ließ in das besonnte Freie, wo Ziegeldach an Ziegeldach sich steil und +glühendrot auf einem Hintergrund von bläulich dämmernden Wiesen und +Wäldern malte. Er streckte seine Hand aus; Überraschung und freudloses +Staunen verzog seine Lippen, zögernd griff er mit dem Arm in das +funkelnde Gemälde, als ob er das bunte Durcheinander draußen mit den +Fingern anfassen wolle, und als er sich überzeugt hatte, daß es nichts +war, etwas Fernes, Trügerisches, Ungreifbares, da verfinsterte sich sein +Gesicht, und er wandte sich unwillig und enttäuscht ab. + +Am selben Nachmittag kam der Bürgermeister Binder in Daumers Wohnung und +teilte im Verlauf eines Gesprächs über den Findling mit, daß die Herren +vom Stadtmagistrat eher feindlich und ungläubig als wohlwollend gegen +diesen gestimmt seien. + +»Ungläubig?« entgegnete Daumer verwundert, »in welcher Beziehung +ungläubig?« + +»Nun ja, man nimmt an, daß der Bursche sein Gaukelspiel mit uns treibt,« +versetzte der Bürgermeister. + +Daumer schüttelte den Kopf. »Welcher Mensch von Verstand oder +Geschicklichkeit wird sich aus purer Heuchelei dazu herbeilassen, von +Brot und Wasser zu leben, und alles, was dem Gaumen behagt, mit Ekel von +sich weisen?« fragte er. »Um welches Vorteils willen?« + +»Gleichviel,« antwortete Binder unschlüssig; »es scheint eine +verwickelte Geschichte. Da niemand sagen noch vermuten kann, worauf das +Spiel hinaus will, ist Vorsicht um so mehr geboten, als man durch +leichtsinnige Gutgläubigkeit den gerechten Hohn der Urteilsfähigen +herausfordert.« + +»Das klingt ja beinahe, als ob nur die Zweifler und Neinsager +urteilsfähig heißen könnten,« bemerkte Daumer stirnrunzelnd. »Von der +Gilde haben wir leider genug.« + +Der Bürgermeister zuckte die Achseln und blickte den jungen Lehrer mit +jener milden Ironie an, welche die Waffe der Erfahrenen gegenüber den +Enthusiastischen ist. »Wir haben eine neuerliche Untersuchung durch den +Gerichtsarzt beschlossen,« fuhr er fort. »Der Magistratsrat Behold, der +Freiherr von Tucher und Sie, lieber Daumer, sollen dieser Untersuchung +kommissarisch beiwohnen. Der aufzunehmende Akt wird dann, zusammen mit +den bereits vorhandenen polizeilichen Protokollen, der Kreisregierung +überschickt.« + +»Ich verstehe: Akten, Akten,« sagte Daumer spöttisch lächelnd. + +Der Bürgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte +gutmütig: »Seien Sie nicht so überlegen, Verehrter; unsre Welt schmeckt +nun einmal nach Tinte, und daran habt ihr Bücherwürmer doch wahrlich +nicht die wenigste Schuld. Übrigens,« er griff in die Rockbrust und +brachte ein zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein, »als Mitglied +der Kommission werden Sie gebeten, Einblick in ein wichtiges Dokument zu +nehmen. Es ist der Brief, den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig +abgegeben hat. Lesen Sie.« + +Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete: »Ich +schicke Ihnen hier einen Burschen, Herr Rittmeister, der möchte seinem +König getreu dienen und will unter die Soldaten. Der Knabe ist mir +gelegt worden im Jahre 1815, in einer Winternacht, da lag er an meiner +Tür. Hab' selber Kinder, bin arm, kann mich selber kaum durchbringen, er +ist ein Findling, und seine Mutter hab' ich nicht erfragen können. Hab' +ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen, kein Mensch weiß von ihm, +er weiß nicht, wie mein Haus heißt, und den Ort weiß er auch nicht. Sie +dürfen ihn schon fragen, er kann es aber nicht sagen, denn mit der +Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt. Wenn er Eltern hätte, wie +er keine hat, wär' was Tüchtiges aus ihm geworden, Sie brauchen ihm nur +etwas zu zeigen, da kann er es gleich. Mitten in der Nacht hab' ich ihn +fortgeführt, und er hat kein Geld bei sich, und wenn Sie ihn nicht +behalten wollen, müssen Sie ihn erschlagen und in den Rauchfang hängen.« + +Als Daumer gelesen hatte, gab er dem Bürgermeister das Schriftstück +zurück und ging mit ernster Miene auf und ab. + +»Nun, was halten Sie davon?« forschte Binder; »einige unsrer Herren sind +der Ansicht, der Unbekannte selbst könne den Brief geschrieben haben.« + +Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne, schlug die Hände +zusammen und rief: »Ach, du himmlische Gnade!« + +»Dazu ist natürlich gar kein Grund vorhanden,« beeilte sich der +Bürgermeister hinzuzufügen. »Daß bei der Abfassung des Schreibens eine +zweckvolle Tücke gewaltet hat, daß es dazu bestimmt ist, Nachforschungen +zu erschweren und irrezuführen, ist offenbar. Es ist eine schnöde +Kaltherzigkeit im Ton, die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat, +daß der Jüngling das unschuldige Opfer eines Verbrechens ist.« + +Eine mutige Meinung, in welcher der Bürgermeister durch einen Vorgang +sehr bestärkt wurde, der sich ereignete kurz nachdem die Herren von der +Kommission am folgenden Morgen das Gefängnis Caspar Hausers betreten +hatten. Während der Wärter damit beschäftigt war, den Knaben zu +entkleiden, ließ sich drunten in einer Gasse am Burgberg eine +Bauernmusik hören und zog mit klingendem Spiel an der Mauer vorüber. Da +lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern über den Körper Hausers, sein +Gesicht, ja sogar seine Hände bedeckten sich mit Schweiß, seine Augen +verdrehten sich, alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen, dann +stieß er einen tierischen Schrei aus, stürzte zu Boden und blieb zuckend +und schluchzend liegen. + +Die Männer erbleichten und sahen einander ratlos an. Nach einer Weile +näherte sich Daumer dem Unglücklichen, legte die Hand auf sein Haupt und +sprach ein paar tröstende Worte. Dies wirkte beruhigend auf den +Jüngling, und er wurde stille; nichtsdestoweniger schien der ungeheure +Eindruck des gehörten Schalls seinen Leib von innen und von außen +verwundet zu haben. Tagelang nachher zeigte sein Wesen noch die Spuren +der empfundenen Erschütterung; er lag fiebernd auf dem Strohsack, und +seine Haut war zitronengelb. Teilnahmsvollen Fragen gegenüber war er +allerdings herzlich bewegt, und er suchte nach Worten, um seine +Erkenntlichkeit zu beweisen, wobei sein sonst so klarer Blick sich in +dunkler Pein trübte; besonders für den Professor Daumer, der zwei- bis +dreimal täglich zu ihm kam, legte er eine zärtliche Dankbarkeit, +schweigend oder stammelnd, dar. + +Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein, und das +zum erstenmal; der Wärter hatte auf seine Bitte das untere Tor +abgesperrt. Er saß dicht neben dem Gefangenen, er redete, fragte, +forschte, alles mit einem vergeblichen Aufwand von Innigkeit, Geduld und +List. Zum Schluß beschränkte er sich darauf, das Tun und Lassen des +Jünglings voll Spannung zu beobachten. Plötzlich stieß Caspar Hauser +seine verworrenen Laute aus: er schien etwas zu fordern und spähte +suchend herum. Daumer erriet bald und reichte ihm den gefüllten +Wasserkrug, den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte. Caspar nahm den +Krug, setzte ihn an die Lippen und trank. Er trank in langen Schlücken, +mit beseligter Gelöstheit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen, +wie wenn er für den kurzen Zeitraum des Genusses vergessen hätte, daß +das dämonisch Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrängte. + +Daumer geriet in eine seltsame Aufregung. Als er nach Hause kam, +durchmaß er länger als eine halbe Stunde mit großen Schritten sein +Studierzimmer. Gegen acht Uhr pochte es an der Tür, seine Schwester trat +ein und rief ihn zum Abendessen. »Was glaubst du, Anna,« rief er ihr +lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu, »zweimal zwei ist vier, wie?« + +»Es scheint so,« erwiderte das junge Mädchen, verwundert lachend, »alle +Leute behaupten es. Hast du denn entdeckt, daß es anders ist? Das sähe +dir ähnlich, du Aufwiegler.« + +»Nicht gerade das hab' ich entdeckt, aber doch etwas der Art,« sagte +Daumer heiter und legte den Arm um die Schulter der Schwester. »Ich will +einmal unsre braven Philister tanzen lassen! Ja, tanzen sollen sie mir +und staunen.« + +»Betrifft es etwa gar den Findling? Hast du was mit ihm vor? Sei nur auf +der Hut, Friedrich, und laß dich nicht in Scherereien ein, man ist dir +ohnedies nicht grün.« + +»Gewiß,« gab er, rasch verstimmt, zur Antwort, »das Einmaleins könnte +Schaden leiden.« + +»Nun, weiß man noch gar nichts über den Sonderling?« fragte bei Tisch +Daumers Mutter, eine sanfte alte Dame. + +Daumer schüttelte den Kopf. »Vorläufig kann man nur ahnen, bald wird man +wissen,« entgegnete er mit starr nach oben gerichtetem Blick. + +Am folgenden Tag brachte die »Morgenpost« einen Artikel, der die +Überschrift trug: Wer ist Caspar Hauser? Wenngleich auf diesen Appell +keiner der Leser eine Antwort zu erteilen vermochte, wurde der Zudrang +der Neugierigen so groß, daß das Bürgermeisteramt sich genötigt sah, die +Besuchsstunden durch eine strenge Vorschrift zu regeln. Bisweilen +standen die Leute Kopf an Kopf vor der offenen Tür des Gefängnisses, und +in allen Gesichtern war die Frage zu lesen: Was ist es mit ihm? Was ist +es für ein Mensch, der die Worte nicht versteht und dennoch sprechen +kann, die Dinge nicht erkennt und dennoch sehen kann, der zu lachen +vermag, kaum daß sein Weinen zu Ende, der arglos scheint und +geheimnisvoll ist und hinter dessen unschuldig leuchtenden Augen +vielleicht Übeltat und Schande verborgen sind? + +Sicherlich spürte der Gefangene, spürte es schmerzlich, was die lüstern +auf ihn gerichteten Blicke begehrten, und der Wunsch, ihnen zu +willfahren, erzeugte möglicherweise die erste erhellende Dämmerung, +welche ihm selbst die Vergangenheit langsam begreiflich machte, so daß +er in beunruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes erst +fühlte und die Gegenwart damit verband, im tiefsten schaudernd an der +Zeit messen lernte, was sie verändernd mit ihm getan, und was er sah, +mit dem verglich, was er ehedem gesehen. Er begriff das Fordernde der +Frage und ward des Mittels inne, die verlangenden Mienen zu befriedigen. + +Mit durstigen Sinnen suchte er das Wort. Sein flehentlicher Blick grub +es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen. + +Hier war Daumer in seinem Element. Was keinem andern, dem Arzt nicht, +dem Wärter nicht, dem Bürgermeister nicht, den Protokollanten erst recht +nicht gelingen wollte, das vermochte nach und nach seine Behutsamkeit +und zweckvolle Geduld. Die Person des Findlings beschäftigte ihn aber +auch dermaßen, daß er seiner Studien und privaten Obliegenheiten, ja +beinahe seines öffentlichen Amtes darüber vergaß, und er erschien sich +wie ein Mann, den das Schicksal vor das ihm allein bestimmte Erlebnis +gestellt hat, wodurch sein ganzes Leben und Denken eine glückliche +Bestätigung erfährt. Unter seinen Notizen über Caspar Hauser lautete +eine der ersten wie folgt: »Diese in einer fremden Welt hilflos +schwankende Gestalt, dieser schlafumfangene Blick, diese angstverhaltene +Gebärde, diese über einem etwas verkümmerten Untergesicht edel thronende +Stirn, auf welcher Frieden und Reinheit strahlen: es sind für mich +Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft. Wenn sich die Vermutungen +bewahrheiten, mit denen sie mich erfüllen, wenn ich die Wurzeln dieses +Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blühen bringen kann, dann will +ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums +entgegenhalten, und man wird sehen, daß es gültige Beweise gibt für die +Existenz der Seele, die von allen Götzendienern der Zeit mit elender +Leidenschaft geleugnet wird.« + +Es war ein schwieriger Weg, den der eifervolle Pädagoge ging. Da, wo er +zu beginnen hatte, war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding, Wort +um Wort mußte erst seinem Sinn angeheftet, Erinnerung erst erweckt, +Ursache und Folge in ihrer Verkettung erst entschleiert werden. Zwischen +einer Frage und der nächsten lagen Welten des Begreifens, ein Ja, ein +Nein, oft hilflos hingeworfen, galt noch nichts, wo jeder Begriff erst +aus der Dunkelheit erstand und die Verständigung von Vokabel zu Vokabel +stockte. Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit +den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln, als selbst der +hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war erstaunlich, mit +welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er +aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und +Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte, so daß es Daumer zumute war, +als hebe er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele +er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden +Erinnerungen. Er hielt den Körper, indes der Geist des Knaben +zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine Kunde brachte, +dergleichen kein Ohr je vernommen. + + + + +Bericht Caspar Hausers, von Daumer aufgezeichnet + + +Soweit Caspar sich entsinnen konnte, war er immer in einem dunkeln Raum +gewesen, niemals anderswo, immer in demselben Raum. Niemals den Menschen +gesehen, niemals seinen Schritt gehört, niemals seine Stimme, keinen +Laut eines Vogels, kein Geschrei eines Tieres, nicht den Strahl der +Sonne erblickt, nicht den Schimmer des Mondes. Nichts vernommen als sich +selbst, und doch nichts von sich selber wissend, der Einsamkeit nicht +inne werdend. + +Das Gemach muß von geringer Breite gewesen sein, denn er glaubte, einmal +mit ausgestreckten Armen zwei gegenüber liegende Wände berührt zu +haben. Vordem aber schien es unermeßlich groß; angekettet an ein +Strohlager, ohne die Fessel zu sehen, hatte Caspar niemals den Fleck +Erde verlassen, auf dem er traumlos schlief, traumlos wachte. Dämmerung +und Finsternis waren unterschieden, so wußte er also um Tag und Nacht; +er kannte ihre Namen nicht, allein er sah die Schwärze, wenn er einmal +in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden waren. + +Er hatte kein Maß für die Zeit. Er konnte nicht sagen, wann die +unergründliche Einsamkeit begonnen hatte, er dachte zu keiner Stunde +daran, daß sie einmal enden könne. Er spürte keinerlei Verwandlung an +seinem Leibe, er wünschte nicht, daß etwas anders sein solle, als es +war, es schreckte ihn kein Ungefähr, nichts Künftiges lockte ihn, nichts +Vergangenes hatte Worte, stumm lief die regelvolle Uhr des kaum +empfundenen Lebens, stumm war sein Inneres wie die Luft, die ihn umgab. + +Wenn er am Morgen erwachte, fand er frisches Brot neben dem Lager und +den Wasserkrug gefüllt. Bisweilen schmeckte das Wasser anders als sonst; +wenn er getrunken hatte, verlor er seine Munterkeit und schlief ein. +Nach dem Aufwachen mußte er dann das Krüglein sehr oft in die Hand +nehmen, er hielt es lange an den Mund, doch floß kein Wasser mehr +heraus; er stellte es immer wieder hin und wartete, ob nicht bald Wasser +komme, weil er nicht wußte, daß es gebracht wurde; hatte er doch keinen +Begriff, daß außer ihm noch jemand sein könne. An solchen Tagen fand er +reines Stroh auf seinem Bette, ein frisches Hemd am Körper, die Nägel +beschnitten, die Haare kürzer, die Haut gereinigt. All das war im Schlaf +geschehen, ohne daß er es gemerkt, und kein Nachdenken darüber umflorte +seinen Geist. + +Ganz allein war Caspar Hauser nicht; er besaß einen Kameraden. Er hatte +ein weißes Pferdchen aus Holz, ein namenloses, regungsloses Ding und +gleichwohl etwas, in dem sein eignes Dasein sich dunkel spiegelte. Da er +die lebendige Gestalt in ihm ahnte, hielt er es für seinesgleichen, und +in den matten Glanz seiner künstlichen Augenperlen war alles Licht der +äußeren Welt gebannt. Er spielte nicht mit ihm, nicht einmal lautlose +Zwiesprach hielt er mit ihm, und obwohl es auf einem Brettchen mit +Rädern stand, dachte er nie daran, es hin und her zu schieben. Aber wenn +er sein Brot aß, reichte er ihm jeden Bissen hin, bevor er ihn selbst +zum Mund führte, und bevor er einschlief, streichelte er es mit +liebkosender Hand. + +Das war sein einziges Tun in vielen Tagen, langen Jahren. + +Da geschah es einst während der Zeit des Wachens, daß sich die Mauer +auftat, und von draußen her, aus dem Niegesehenen, erschien eine +ungeheure Gestalt, ein Niegesehener, der erste Andre, der das Wörtchen +Du sprach und den Caspar deshalb den Du nannte. Die Decke des Raumes +ruhte auf seinen Schultern, etwas unverständlich Leichtes und +Veränderliches war in der Bewegung seiner Glieder, ein Lärm war um ihn, +der das Ohr füllte, Laut um Laut floß rasch von seinen Lippen, zu +atemlosem Hören zwang das Leuchten seiner Augen, und an seinen Kleidern +hing das Draußen als ein betäubender Geruch. + +Von den vielen Worten, die aus dem Munde des Du kamen, verstand Caspar +zunächst keines, aber durch tieferregtes Aufmerken begriff er +allmählich, daß der Ungeheure ihn fortbringen wolle, daß das Ding, das +seine Einsamkeit geteilt, den Namen Roß trug, daß er andre Rosse +erhalten werde und daß er lernen solle. + +»Lernen,« sagte der Du immer wieder, »lernen, lernen.« Und wie um +klarzumachen, was das heiße, stellte er einen Schemel mit vier runden +Füßen vor ihn hin, legte ein Blatt Papier darauf, schrieb zweimal den +Namen Caspar Hauser und führte beim Nachschreiben Caspars Hand. Dies +gefiel Caspar, weil es schwarz und weiß aussah. + +Darauf legte der Du ein Buch auf den Schemel und sprach, auf die +winzigen Zeichen deutend, die Worte vor. Caspar konnte sie alle +wiederholen, ohne irgend den Sinn erfaßt zu haben. Auch andre Worte und +gewisse Redensarten plapperte er nach, die ihm der Mann vorsagte, zum +Beispiel: »Ich möcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.« + +Der Du schien zufrieden; jedenfalls um ihn zu belohnen, zeigte er ihm, +daß man das Holzpferd auf dem Boden hin und her rollen könne, und damit +vergnügte sich Caspar, als er am andern Morgen erwachte. Er schob das +Rößlein vor seinem Lager auf und ab, wobei ein Geräusch entstand, das +den Ohren wehe tat; deshalb ließ er es wieder und begann dafür mit dem +Pferd zu reden, indem er die unverständlichen Laute aus dem Munde des Du +nachahmte. Es war eine wunderliche Lust für ihn, sich selbst zu hören, +er hob die Arme und füllte den Raum mit seinem freudigen Gelall. + +Seinen Kerkermeister mochte dies verdrießen und beunruhigen, er wollte +ihn zum Schweigen bringen: auf einmal sah Caspar einen Stab über seine +Schulter sausen und spürte zugleich einen so heftigen Schmerz auf dem +Arm, daß er vor Schrecken nach vorne fiel. Mitten in der Angst machte er +die erstaunliche Wahrnehmung, daß er nicht mehr ans Lager angebunden +war. Eine Zeitlang verhielt er sich ganz stille, dann versuchte er, +vorwärts zu rutschen, aber ihm graute, als er mit seinen bloßen Füßen +die kalte Erde berührte. Mit Mühe erreichte er sein Lager und versank +sofort in Schlaf. + +Es wurde dreimal Nacht und Tag, ehe der Du wiederkam und versuchte, ob +Caspar noch seinen Namen schreiben und die Worte aus dem Buch lesen +konnte. Er verbarg nicht seine Verwunderung, als der Knabe dies mühelos +vermochte. Er wies auf Dinge rings im Raum und nannte ihre Namen; er +redete langsam, Aug' in Aug' mit Caspar, und hielt ihn dabei an der +Schulter fest; durch seine Blicke, seine Gebärden, das Verzerren seiner +Züge hindurch ahnte Caspar, was er sagte, und ihm schauderte, während +seine stotternde Zunge dem Mann gehorsam war. + +In der folgenden Nacht wurde er aus dem Schlaf gerüttelt. Lange und mit +Qual spürte er es und konnte doch nicht ganz erwachen. Als er endlich +die Augen aufschlug, war die Mauer geöffnet, und ein purpurroter Schein +floß in den Raum. Der Du war über ihn gebeugt und sprach leise, +vielleicht um Caspars Furcht zu stillen. Er richtete ihn empor und +bekleidete ihn mit Hosen, mit einem Kittel und mit Stiefeln, dann +stellte er ihn auf die Füße, lehnte ihn gegen die Wand und kehrte sich +mit dem Rücken gegen ihn. Er umfaßte seine Beine, hob ihn auf, Caspar +umschlang mit den Armen seinen Hals, und nun ging es hinauf, einen hohen +Berg hinauf, so schien es Caspar; in Wirklichkeit war es wahrscheinlich +die Treppe des unterirdischen Verlieses. Furchtbar dröhnte der Atem des +Mannes, etwas Kühles und Feuchtes schlug Caspar ins Gesicht, setzte sich +in seinen Haaren fest, die sich von selbst zu bewegen anfingen, und +klammerte sich an seine Haut. + +Plötzlich wich die Schwärze, sie rauschte auf den Boden nieder; alles +wurde weit, weich und blieb doch dunkel; in der Tiefe, in der Ferne +wuchteten fremde große Dinge; von oben brach ein blauer Strahl und +verlor sich wieder, das Schlüpfrig-Feuchte blähte die Falten der +Kleider, durchdringende Gerüche wogten umher, Caspar begann zu weinen +und schlief auf dem Rücken des Mannes ein. + +Beim Erwachen lag er auf dem Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt, und +von unten strömte Kälte in den Leib. Der Du richtete ihn auf. Die Luft +brannte sonderbar, und ein unerträglich heller Schein flirrte vor den +Augen. Der Du machte ihm begreiflich, daß er gehen lernen müsse; er +zeigte ihm, wie er gehen solle, er hielt ihn von hinten unter den Armen +und stieß seinen Kopf gegen die Brust, ihm so befehlend, daß er auf den +Boden sehen solle. Caspar gehorchte wankend und zitternd, die Luft und +der Schein brannten ihm die Augenlider, die Gerüche machten ihn +schwindeln, die Sinne vergingen. + +Er schlief wieder; wie lange, das wußte er nicht. Auch wußte er nicht, +wie oft er zu gehen probiert hatte, als es wieder dunkel wurde. +Vielleicht glaubte er, es sei Nacht geworden, während sie sich nur in +einem Wald befanden. Den Weg gewahrte er nicht, er konnte nicht sagen, +ob es aufwärts oder abwärts ging. Ob Bäume oder Wiesen oder Häuser da +waren, wußte er nicht. Bisweilen schien ihm alles ringsum in rote Glut +getaucht, aber wenn das Weiche, Dunkle kam, dehnten sich Luft und Erde +bläulich und grün. Ob Menschen vorübergingen, konnte er nicht sagen, er +gewahrte nicht den Himmel, er sah nicht einmal das Gesicht des Mannes. +Einmal fiel Wasser von der Höhe; er dachte, der Du schütte ihn mit +Wasser an, und beklagte sich, doch jener entgegnete, er schütte ihn +nicht an, er deutete in die Luft und rief: »Regen! Regen!« + +Wie lange er so unterwegs gewesen, wußte er nicht. Ihm dünkte, jedesmal +wenn er sich, erschöpft vom Gehen, zur Ruhe niedergelegt, sei ein Tag +vergangen. Furcht zog ihn hin und bemeisterte seine Müdigkeit, sie +spannte seine Gelenke und riß sein Haupt nach oben, indes die Augen +unaufhörlich zur Tiefe starrten. Der Du gab ihm dasselbe Brot zu essen, +das er im Kerker genossen, und ließ ihn Wasser aus einer Flasche +trinken. Caspars Erschöpfung und seine Angst, wenn der Wind durch die +Büsche sauste, oder wenn ein Tier schrie, oder wenn das Gras um seine +Füße klirrte, suchte er durch das Versprechen schöner Pferdchen zu +besiegen, und als Caspar endlich längere Zeit allein gehen konnte, sagte +er, nun seien sie bald da. Er wies mit dem Arm in die Ferne und sagte: +»Große Stadt.« + +Caspar sah nichts, taumelnd tappte er vorwärts; nach einer Weile hielt +ihn der Du bei den Armen zum Zeichen, daß er stehenbleiben solle, gab +ihm einen Brief und sagte, den Mund nahe an Caspars Ohr: »Laß dich +weisen, wo der Brief hingehört.« + +Caspar machte noch ein paar Schritte, und als er sich dann umsah, war +der Du verschwunden. Er spürte plötzlich Steine unter den Füßen, er +tastete nach allen Seiten, um sich zu halten, er sah Steinmauern, die im +Sonnenlicht feurig lohten, aber Entsetzen packte ihn erst, als er +Menschen gewahrte, erst einen, dann zwei, dann viele. Grauenhaft nah +kamen sie heran, umstanden ihn, schrien ihm zu, einer ergriff ihn und +schleppte ihn vorwärts, alles ringsumher war Lärm und Getöse; er +begehrte zu schlafen, sie verstanden ihn nicht; er sprach von seinem +Vater, von den Rossen, sie lachten und verstanden ihn nicht; er jammerte +über seine wunden Füße, sie verstanden es nicht; er schlief im Stall des +Rittmeisters, dann kamen wieder andre Gestalten, um, kaum daß sie sich +gezeigt, mit unbegreiflicher Hast wieder zu fliehen, die Luft war schwer +und kaum zu atmen, die gewaltigen Dinge, als welche ihm die Häuser +erschienen, drängten sich an ihn an, und auf der Wachtstube erschreckten +ihn die wilden Mienen und Gebärden der Leute so, daß er zu Tränen seine +Zuflucht nahm. + +Wiederum schlief er lange, und danach wurde er auf den Turm gebracht. +Der Mann, der ihn die große Stiege hinaufführte, sprach mit starker +Stimme und öffnete eine Tür, die einen besonderen Hall von sich gab. +Kaum hatte er sich auf dem Strohsack niedergelassen, so begann die +Turmuhr zu schlagen, worüber Caspar in unermeßliches Erstaunen geriet. +Er lauschte angestrengt, aber nach und nach hörte er nichts mehr, seine +Aufmerksamkeit verlor sich und er fühlte nur das Brennen seiner Füße. In +den Augen hatte er keine Schmerzen, da es dunkel war. Er setzte sich auf +und wollte nach dem Krüglein langen, um seinen Durst zu stillen. Er sah +kein Wasser und kein Brot, anstatt dessen sah er einen Boden, der ganz +anders beschaffen war als dort, wo er früher gewesen. Nun wollte er nach +seinem Pferdchen greifen und mit ihm spielen, es war aber keines da, und +er sagte: »Ich möcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.« + +Das sollte heißen: Wo ist das Wasser hin und das Brot und das Pferdchen? + +Er bemerkte den Strohsack, auf dem er lag, betrachtete ihn mit +Verwunderung und wußte nicht, was es sei; mit dem Finger darauf +klopfend, vernahm er dasselbe Geräusch wie von dem Stroh, das sonst sein +Lager gewesen. Dies erfüllte ihn mit Beruhigung, so daß er wieder +einschlief und erst mitten in der Nacht vom oftmals wiederholten Ton der +Glocke erwachte. Er lauschte lang, und als der Schall verklungen war, +sah er den Ofen, der eine grüne Farbe hatte und einen Glanz von sich gab +(denn Caspar vermochte selbst in tiefer Dunkelheit die Farben zu +unterscheiden). Er blickte sehr angespannt hinüber und murmelte wieder: +»Ich möcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.« + +Das sollte heißen: Was ist denn dieses und wo bin ich denn? Auch drückte +er damit sein Verlangen nach dem glänzenden Ding aus. + +In der Frühe öffnete der Wärter die Fensterläden, das helle Tageslicht +tat Caspars Augen wehe; er fing zu weinen an und sagte: »Hinweisen, wo +der Brief hingehört,« und damit wollte er sagen: Warum tun mir die Augen +weh? Tu es weg, was mich brennt, gib mir das Pferdchen zurück und plag +mich nicht so. Denn er sprach im Geiste mit dem Du, von dem er glaubte, +daß er Abhilfe schaffen könnte. Er hörte die Uhr wieder schlagen, das +nahm ihm die Hälfte der Schmerzen, und indes er horchte, kam ein Mann +und stellte allerhand Fragen, aber Caspar gab keine Antwort, weil seine +Aufmerksamkeit auf den verhallenden Klang gerichtet war. Der Mann faßte +ihn am Kinn, hob seinen Kopf in die Höhe und redete mit starker Stimme. +Jetzt hörte Caspar zu und sagte all seine gelernten Worte her, aber der +Mann verstand ihn nicht. Er ließ seinen Kopf los, setzte sich neben +Caspar und fragte immerfort; als nun die Uhr wieder tönte, sagte Caspar: +»Ich möcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.« + +Das sollte bedeuten: Gib mir das Ding, das so schön klingt. + +Der Mann verstand ihn nicht und redete weiter, da fing Caspar an zu +weinen und sagte: »Roß geben,« womit er den Mann bat, er möge ihn nicht +so quälen. + +Er saß dann lange Zeit allein. Aus weiter Ferne klang ein +Trompetenschall aus der Kaiserstallung, und als ein andrer Mann eintrat, +sagte Caspar die Redensart mit dem Brief; das sollte heißen: Weißt du +nicht, was das ist? Der Mann brachte den Wasserkrug und ließ Caspar +trinken, danach ward es ihm leicht zumute und er sagte: »Möcht' ein +solcher Reiter werden wie mein Vater.« Das bedeutete: Jetzt darfst du +nicht mehr fortgehen, Wasser. Bald erklang wieder die Trompete und +Caspar lauschte freudig; er dachte, wenn sein Pferdchen käme, würde er +ihm erzählen, was er gehört. + +An diesem Tag aber begann schon die Peinigung, die er von den vielen +Menschen auszustehen hatte. + + + + +Eine hohe amtliche Person wird Zeuge eines Schattenspiels + + +Natürlich hatte es wochenlang gedauert, bis Professor Daumer einen so +vollständigen Einblick in die Vergangenheit des Jünglings gewonnen +hatte. Dies alles ans Licht zu bringen, kündbar, greifbar, hatte +Ähnlichkeit gehabt mit der Arbeit eines Brunnengräbers. Was anfangs ein +Fiebertraum geschienen, besaß nun die Züge des Lebens. + +Daumer verfehlte nicht, der Behörde den Sachverhalt in einer +gewissenhaften Niederschrift vorzulegen. Die Folge davon war, daß sich +der Magistrat entschloß, die Bahn förmlicher Verhöre zu verlassen und in +eine vertrautere Beziehung zu dem Unglücklichen zu treten. Die +auffälligen Besonderheiten seines Wesens sollten noch einmal überprüft +werden, hieß es in einer der gerichtlichen Noten, deshalb wurden Ärzte, +Gelehrte, Polizeibeamte, scharfsinnige Juristen, kurz unzählige +Personen, die an seinem Schicksal freien Anteil nahmen, zu ihm auf den +Turm geschickt. Es war ein endloses Schnüffeln und Debattieren, Zweifeln +und Staunen, doch die verschiedenen Erklärungen liefen alle auf eins +hinaus, und die bloße Kraft des Augenscheins mußte den Daumerschen +Bericht bestätigen. + +Wenige Tage später, gegen Anfang Juli, veröffentlichte der Bürgermeister +einen Aufruf, der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte. +Zunächst wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert, und +nachdem die eigne Erzählung des Jünglings mit tunlichster +Ausführlichkeit wiedergegeben war, beschrieb der Verfasser diesen +selbst. Er sprach von der alle Umgebung bezaubernden Sanftmut und Güte +des Knaben, in der er anfangs immer nur mit Tränen und nun, im Gefühl +der Erlösung, mit Innigkeit seines Unterdrückers gedenke; von seiner +rührenden Ergebenheit an diejenigen, die häufig mit ihm umgingen, von +seiner unbedingten Willfährigkeit zum Guten, die mit der Ahnung dessen +verbunden sei, was böse ist, ferner von seiner außerordentlichen +Lernbegierde. + +»Alle diese Umstände,« fuhr der beredsame Erlaß fort, »geben in +demselben Maß, in dem sie die Erinnerungen des Jünglings bekräftigen, +die Überzeugung, daß er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des +Herzens ausgestattet ist, und berechtigen zu dem Verdacht, daß sich an +seine Kerkergefangenschaft ein schweres Verbrechen knüpft, wodurch er +seiner Eltern, seiner Freiheit, seines Vermögens, vielleicht sogar der +Vorzüge hoher Geburt, in jedem Fall aber der schönsten Freuden der +Kindheit und höchsten Güter des Lebens verlustig geworden ist.« + +Eine kühne und folgenschwere Vermutung, die eher dem mitleidigen Gemüt +und dem romantischen Geist als der behördlichen Vorsicht eines hohen +Bürgermeisteramtes zur Ehre gereichte! + +»Zudem beweisen mancherlei Anzeichen,« hieß es weiter, »daß das +Verbrechen zu einer Zeit verübt worden, wo der Jüngling der Sprache +schon einmal mächtig gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung +gelegt war, die gleich einem Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen +hervorleuchtet. Es ergeht daher an die Justiz-, Polizei-, Zivil- und +Militärbehörden und an jedermann, der ein menschliches Herz im Busen +trägt, die dringende Aufforderung, alle, auch die unbedeutendsten Spuren +und Verdachtsgründe bekanntzugeben. Und nicht etwa deswegen, um Caspar +Hauser zu entfernen, denn die Gemeinde, die ihn in ihren Schoß +aufgenommen, liebt ihn, betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr +zugeführtes Pfand der Liebe, das sie ohne gültigen Beweis der Ansprüche +andrer nicht abtreten wird, sondern nur, um die Übeltat zu entdecken und +den Bösewicht samt seinen Gehilfen der gerechten Sühne auszuliefern.« + +Wahrscheinlich wurden von den Urhebern große Hoffnungen an das Manifest +geknüpft, aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und +bereitete den Nürnberger Herren mancherlei Verlegenheiten. Zunächst lief +eine Menge unsinniger und verleumderischer Bezichtigungen ein, durch +welche eine Reihe von adligen Familien und von intimen Vorgängen in +aristokratischen Kreisen dem Gerede ausgesetzt wurden: Kindesmord, +Kindesraub, Kindesunterschiebung waren nach Ansicht des gemeinen Volks +Verbrechen, welche die vornehmen Leute täglich und zum Vergnügen +begehen. + +Schlimmer war es, daß die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof +des Rezatkreises auf nichtamtlichem Weg zu Händen kam. Irgendein +grimmiger Hofrat am selben Gerichtshof erließ allsogleich ein +gepfeffertes Schreiben an die Kreisregierung in Ansbach, worin erstlich +die Publikation des Nürnberger Bürgermeisters als vorschriftswidrig, +zweitens als abenteuerlich bezeichnet wurde, worin drittens der lebhafte +Tadel darüber ausgedrückt war, daß durch das verfrühte Preisgeben +wichtiger Umstände eine Kriminaluntersuchung wenn auch nicht vereitelt, +so doch sehr erschwert worden sei. Der ergrimmte Hofrat ersuchte daher +die Regierung, den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen und zu +befehlen, daß die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzüglich anher +zu senden seien. + +Die Regierung ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie sendete ein +Reskript an den Stadtkommissär von Nürnberg und äußerte sich dahin, daß +die erzählte Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe +Unwahrscheinlichkeiten enthalte, daß der Gedanke an eine ärgerliche +Täuschung nicht abzuweisen sei. Gleichzeitig wurden die noch vorhandenen +Exemplare des »Intelligenzblattes« und des »Friedens- und +Kriegskuriers«, in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war, +beschlagnahmt. Dies wurde dem Appellhof ordnungsgemäß mitgeteilt und die +Erwägung daran geknüpft, ob die strafrechtliche Verfolgung des Häftlings +einzuleiten sei oder nicht. + +Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder. +Schleunigst ließen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten +sie mit Eilpost nach Ansbach hinüber. Vielleicht wähnten sie, daß nun +alles gut sei, aber der grimme Hofrat dortselbst erhob alsbald wieder +seine Stimme. »Die Verhöre mit dem Häftling und die Zeugnisse über ihn +sind aktenmäßig nicht einwandfrei,« zeterte er; »es sind keineswegs alle +Personen, die zuerst mit ihm in Berührung getreten sind, polizeilich +vernommen worden; ferner hätte der Professor Daumer, um der öffentlichen +Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu geben, seine +Gespräche mit dem Findling zu den Akten legen sollen.« + +Die Regierung, um ein übriges zu tun, warnte den Magistrat vor +einseitigem Verfahren. Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall +von Trotz und Entrüstung: ja, aber in den Maßregeln, wie ihr sie +verlangt, liegt Gefahr, die Entdeckung zu hemmen, welche Anklage die +vorgesetzte Behörde mit zorniger Energie zurückwies. Holt eure +Versäumnisse nach, diktierte sie, protokolliert Verhöre, schickt Akten, +Akten, nichts als Akten. + +Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgänge verfolgt. Er +bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behörde als widerwärtige +Federfuchserei und hatte allen Ernstes die Absicht, seinem Unmut in +einer geharnischten Epistel an die Regierung Luft zu machen. Mit Mühe +hielten besonnene Freunde ihn davon zurück. »Aber es muß doch etwas +geschehen!« warf er ihnen voll Empörung entgegen, »man ist ja auf dem +besten Weg, einen Justizmord zu begehen, und soll ich dazu die Hände in +den Schoß legen?« + +»Das ratsamste wäre,« antwortete der Freiherr von Tucher, der bei diesem +Auftritt anwesend war, »sich persönlich an den Staatsrat Feuerbach zu +wenden.« + +»Das hieße also, nach Ansbach reisen?« + +»Gewiß.« + +»Aber nehmen Sie denn an, daß er, als Präsident des Appellgerichts, von +den Maßnahmen seiner untergebenen Beamten nicht schon unterrichtet ist +und sie etwa gar mißbillige?« + +»Gleichviel, ich verspreche mir etwas von einer mündlichen +Auseinandersetzung; ich kenne Herrn von Feuerbach, er ist der letzte, +der einer gerechten Sache sein Ohr verschließt.« + +Die Reise wurde beschlossen. Daumer und Herr von Tucher befanden sich am +andern Tag schon in Ansbach. Unglücklicherweise war der Präsident +Feuerbach gerade auf einer Inspektionsreise durch den Bezirk, sollte +erst am fünften Tag zurückkommen, und die beiden Herren, sofern sie das +vorgesetzte Ziel erreichen wollten, mußten ihren Aufenthalt in der +Kreishauptstadt über Gebühr verlängern. + +Mittlerweile hatte der Findling eine gar böse Zeit. Sein Turmgefängnis +wurde das Ziel aller Müßiggänger und Neugierlinge der ganzen Stadt. Man +lief hin wie zu der Ausstellung einer unterhaltsamen Rarität, denn der +magistratische Erlaß hatte ihn zu einem öffentlichen Gegenstand gemacht. +Seine bisherigen Beschützer waren ein wenig zurückhaltender geworden, +denn man wußte ja nicht, wie die Geschichte enden würde und ob nicht ein +hochweises Appellgericht ihn zum gewöhnlichen Schwindler stempeln würde. +Der Turmwärter durfte der allgemeinen Volksbelustigung nicht steuern, +der Bürgermeister selbst hatte die früheren Befehle aufgehoben, weil es +zweckmäßig schien, daß möglichst viele Leute den Fremdling sahen. Oft +erbarmte ihn der wehrlose Knabe, doch schmeichelte es anderseits seiner +Eitelkeit, Herr über ein solches Wunderding zu sein, auch spazierte +nebenbei mancher Groschen in den Beutel. + +Brach der Morgen an und Caspar Hauser erhob sich vom Schlaf, seltsam +müde, mit den Augen das Licht meidend; saß er traurig stumm in der Ecke, +während Hill den Strohsack aufschüttelte und Wasser und Brot brachte, +dann erschienen schon die ersten Besucher, die berufsmäßigen +Frühaufsteher: Straßenkehrer, Dienstmägde, Bäckergesellen, Handwerker, +die zur Arbeit gingen, auch Knaben, die auf dem Weg zur Schule einen +ergötzlichen Abstecher machten, sogar einige höchst unbürgerliche +Erscheinungen, zerlumpte Herren, die die Nacht im Stadtgraben oder in +einer Scheune verbracht hatten. + +Mit dem Verlauf des Tages wurde die Gesellschaft vornehmer; es kamen +ganze Familien, der Herr Rendant mit Weib und Kind, der Herr Major +a. D., der Schneidermeister Bügelfleiß, Graf Rotstrumpf mit seinen +Damen, Herr von Übel und Herr von Strübel, die ihre Morgenpromenade zum +Zweck einer Besichtigung des kuriosen Untiers unterbrachen. + +Es war ein heiteres Treiben; man konversierte, wisperte, lachte, +spottete und tauschte Meinungen aus. Man war freigebig und brachte dem +Jüngling allerlei Geschenke, die er ansah wie ein Hund, der noch nicht +apportieren gelernt hat, den fortgeworfenen Spazierstock seines Herrn +ansieht. Man legte Eßwaren vor ihn hin, um seinen Appetit zu reizen; so +schleppte zum Beispiel die Kanzleirätin Zahnlos einmal eine ganze +Schinkenkeule herauf, die allerdings am andern Tag verschwunden war -- +wohin, das wußte niemand; doch zog man bedeutsame Schlüsse daraus. + +Vor allem hieß es: zeigt uns das Wunder, das angepriesene Wunder! Aber +da der schweigsame, sanftherzige Knabe nichts von alledem tat, was sie +in ihrer lüsternen Erwartung sich eingebildet, so begannen sie entweder +zu schimpfen -- als ob sie Eintrittsgeld bezahlt hätten und darum +betrogen worden wären -- oder stellten die erstaunlichsten Torheiten an. +Indem sie ihn fortwährend mit Fragen quälten, woher er komme, wie er +heiße, wie alt er sei und ähnliches, kamen sie sich sowohl witzig wie +überlegen vor. Sein flehentliches Kopfschütteln, sein ungereimtes Nein +oder Ja, das wie aus Kindermund froh-bereitwillig und furchtsam zugleich +klang, sein Gestotter, sein gläubiges Lauschen, alles das erregte ihr +Behagen. Einige brachten ihr Gesicht ganz nah an seines und waren höchst +vergnügt, wenn er vor ihren Starrblicken sichtlich bis ins Innerste +erschrak. Sie befühlten seine Haare, seine Hände, seine Füße, zwangen +ihn, durchs Zimmer zu spazieren, zeigten ihm Bilder, die er erklären +sollte, und taten zärtlich mit ihm, während sie einander listig +zuzwinkerten. + +Aber die Harmlosigkeit solcher Versuche ward den unternehmenderen +Geistern bald überdrüssig. Man wollte sich doch überzeugen, ob es seine +Richtigkeit damit hatte, daß der Gefangene jede Nahrung außer Brot und +Wasser verschmähe. Man hielt ihm Fleisch und Wurst, Honig oder Butter, +Milch oder Wein vor die Nase und amüsierte sich köstlich, wenn der Knabe +vor Ekel förmlich außer sich geriet. »Ei, der Komödiant,« kreischten sie +dann, »tut, als ob er unsre Leckerbissen verachte! Hat sich +wahrscheinlich mal in eines großen Herrn Küche überfressen!« + +Einen Hauptspaß gab's, als einmal zwei junge Meister der +Goldschlägerinnung Schnaps herbeibrachten und sich verabredeten, dem +Hauser das Getränk mit Gewalt aufzunötigen. Der eine hielt ihn, der +andre wollte ihm das volle Glas zwischen die Lippen schütten. Doch +konnten sie ihren Plan nicht ausführen, weil ihr Opfer durch den bloßen +Geruch, der aus dem Gefäß strömte, das Bewußtsein verloren hatte. Sie +waren einigermaßen verdutzt und wußten mit dem Ohnmächtigen nichts +anzufangen; zum Glück sahen sie ihn atmen und hatten weiter keine +Furcht. »Glaubt ihm doch seine Kniffe nicht,« meinte ein stutzerhaft +gekleidetes Bürschlein, das bisher gelangweilt dabeigestanden, »ich will +ihn schon wieder munter kriegen.« Sprach's, zog lächelnd die goldene +Schnupftabaksdose und steckte eine volle Prise unter die Nase des +vermeintlichen Simulanten, dessen Gesicht sogleich von heftigen +Zuckungen bewegt wurde, worüber alle drei in Gelächter ausbrachen. Als +dann der Wärter kam und sie derb zur Rede stellte, zogen sie schimpfend +ab und räumten den Plan einem gravitätischen älteren Herrn, der den +langsam zum Leben zurückkehrenden Caspar von vorn und von hinten +beschnüffelte, den Finger an die Stirn legte, sich räusperte, den Kopf +schüttelte, erst französisch, dann spanisch, dann englisch auf den +Jüngling einredete, mit dem Wärter tuschelte, kurz von Wichtigkeit +förmlich barst. + +Caspar jedoch sah ihn immer nur an und sagte in jämmerlichem Ton: +»Heimweisen.« + +»Warum spielst du nicht mit dem Rößlein?« fragte, als die wichtige +Person gegangen war, der Wärter. Man verständigte sich mit Caspar noch +immer mehr durch Gesten als durch Worte, und er selbst las, was Worte +ihm nicht mitteilen konnten, von den Augen und den Händen der Menschen +ab. + +Er blickte auch Hill lange an und sagte: »Heimweisen.« + +»Heimweisen?« antwortete der Wärter, halb verdrießlich, halb mitleidig. +»Wohin denn heim? Wo bist du denn daheim, du Unglückswurm? In dem +unterirdischen Loch vielleicht? Nennst du das daheim?« + +»Der Du soll kommen,« sagte Caspar klar, langsam und hell. + +»Der wird sich hüten,« versetzte Hill, bärbeißig lachend. + +»Der Du kommt, bald kommt,« beharrte Caspar, und er schaute mit einem +Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel, als sei er +überzeugt, daß der Du durch die Lüfte schreiten könne. Dann erhob er +sich in seiner mühevollen Weise, nahm sein Spielpferdchen und versuchte +es zu tragen, denn dies allein wollte er von den Gegenständen, die er +geschenkt erhalten, mitnehmen, wenn der Du käme, sonst nichts. + +Hill begriff sein Vorhaben. »Nein, Caspar,« sagte er, »jetzt mußt du +schon in dieser Welt bleiben. Daß sie dir nicht gefallen mag, versteh' +ich wohl. Mir gefällt sie auch nicht, aber dableiben mußt du.« + +Caspar, wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte, erfaßte doch +den unabänderlichen Beschluß, den sie enthielten. Er begann an allen +Gliedern zu beben, laut weinend warf er sich zu Boden, aber auch später, +als es dem bestürzten Hill gelungen war, ihn zu trösten, schien es, wie +wenn er vor Kummer sein Herz verhauche. Die Traurigkeit seines Gemüts +überflutete das kindhafte Gesicht wie ein dunkler Schleier, und am +Morgen waren seine Lider durch die während des Schlummers vergossenen +Tränen verklebt. + +Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen, sondern +kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck. Bei jedem Krachen der +Treppe schüttelte es ihn, und er schauderte, wenn sich wieder und wieder +ein neues Gesicht über der Schwelle zeigte. Zitternd sah er die Menschen +an, der Geruch ihres Atems war ihm eine Pein und unerträglich, wenn sie +ihn berührten. Am meisten Furcht hatte er vor ihren Händen. Zuerst sah +er immer die Hände an, merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe, +und ehe er sie an seiner Haut spürte, erschrak er schon, denn sie +erschienen ihm wie selbständige Geschöpfe, kriechende, klebrige, +gefährliche Tiere, deren Tun von einem Augenblick zum andern gar nicht +abzuschätzen war. + +Nur Daumers Hand, die einzige, deren Berührung angenehm war, war +verschwunden. Warum? dachte Caspar, warum war dies alles? Warum das +seltsame Getöse von früh bis spät? Woher kamen die fremden Gestalten, +warum so viele, und warum war ihr Mund und ihr Auge böse? + +Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr, auch hungerte ihn nicht +mehr nach dem gewürzten Brot. In seiner Erschöpfung dünkte ihm mitten am +Tage, es sei Nacht geworden, und das Heißgleißende, -funkelnde, von dem +man ihm gesagt, daß es der Schein der Sonne sei, wurde vor seinen müden +Augen zu purpurnem Dunst. Es beängstigte ihn das Geräusch des Windes, +denn er verwechselte es mit den Stimmen der Menschen. Er sehnte sich in +die Einsamkeit seines Kerkers zurück; heimweisen war sein einziger +Gedanke. + +Es war ein Sonntag. Spätnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus +Ansbach wieder angelangt, und in ihrer Begleitung befand sich der +Staatsrat von Feuerbach, der sich entschlossen hatte, den Findling +selbst zu besuchen und womöglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher +von Akten und Erlässen zu bringen. Nachdem er im Gasthof zum Lamm +Quartier gemietet hatte, ließ sich der Präsident von den beiden Herren +sogleich zur Burg und auf den Turm führen. Es hatte schon neun Uhr +geschlagen, als sie dort ankamen. Groß war ihre Überraschung, als sie +das Zimmer Caspars leer fanden; die Frau des Wärters erklärte verlegen, +ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen. Der +Rittmeister von Wessenig habe nämlich einigen seiner von auswärts +zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewünscht, habe +heraufgeschickt und befohlen, daß man Caspar bringe. + +Daumer war erbleicht und schaute, Schlimmes ahnend, finster zu Boden; +Herr von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern, und über +die bartlosen Lippen des Präsidenten huschte ein halb mokantes, halb +verächtliches Lächeln; seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch +Pflichtversäumnisse vielfach beleidigten Fürsten, als er sich mit der +schroffen Aufforderung zu seinen Begleitern wandte: »Führen Sie mich zu +diesem Wirtshaus!« + +Die Dunkelheit war eingebrochen, über dem Dach des Rathauses stand +fahlleuchtend der Mond. Schweigend schritten die drei Männer den Berg +hinab, und kaum waren sie, das winklige Gassengewirr verlassend, auf den +Weinmarkt getreten, als Daumer stehenblieb und mit erregter Stimme +flüsterte: »Da ist er.« + +In der Tat sahen sie Caspar, der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme +Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte. Der Präsident und Herr +von Tucher blieben ebenfalls stehen, und sie bemerkten jetzt, daß der +Jüngling plötzlich innehielt, zurückschauderte und, ein maßloses Staunen +in den vor Angst weit aufgerissenen Augen, zu Boden starrte. Die drei +Männer näherten sich eilig, um zu erfahren, was es sei. Sie sahen nichts +weiter als die Mondschatten des Jünglings und seines Begleiters auf dem +Pflaster. + +Caspar wagte nicht mehr sich zu regen, weil er jede Bewegung seines +Körpers nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding. Seine Lippen waren +wie zum Schrei geöffnet, seine Wangen schneeweiß und die Knie +schlotterten ihm. War es doch, als ob alles Grauenhafte und +Geheimnisvolle einer Welt, in die ein Ungefähr ihn geschleudert, sich zu +dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe. + +Daumer, Herr von Tucher und der Wärter bemühten sich um ihn, der +Präsident stand wortlos daneben. Als er emporblickte, bemerkte Daumer, +der ihn heimlich und gespannt beobachtete, in seinem strengen Gesicht +eine unverstellte Erschütterung. + +Es fehlte nicht viel, so wäre Hill, den der Zorn des Präsidenten am +ersten traf, noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden; nur die +mutige Fürsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das +Gewitter auf schuldigere Personen ab, denn die Vernachlässigung, die der +Gefangene erlitten, war allzu offenbar. Seiner ungestümen Art gemäß +suchte der Präsident sogleich den Bürgermeister Binder auf, dem er die +heftigsten Vorwürfe machte. Herr Binder konnte nicht umhin, dem +Präsidenten kleinmütig beizupflichten; die Entschiedenheit, mit der er +den Gegenstand behandelt sah, übte tiefen Eindruck auf ihn, und er mußte +einen kaum wieder gutzumachenden Fehler vor sich selber eingestehen. Von +seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen, die Scherereien mit der +Regierung hatten ihn verdrossen, jetzt auf einmal, da der mächtige Mann +seine Stimme für den Findling erhob, wurde er sich seiner +Bereitwilligkeit bewußt, alles Fördernswerte für Caspar Hauser zu tun, +und er erklärte sich ohne weiteres einverstanden, als Herr von Feuerbach +verlangte, der Knabe müsse seiner bisherigen Lage entrissen werden. »Er +soll in eine geordnete Pflege kommen,« sagte der Präsident, »Professor +Daumer hat sich freiwillig erboten, ihn zu sich ins Haus zu nehmen, und +ich wünsche nicht, daß dieser Schritt im geringsten verzögert werde.« + +Binder verbeugte sich. »Ich werde morgen mit dem frühesten die nötigen +Anstalten treffen,« antwortete er. + +»Nicht, bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen,« versetzte der +Präsident hastig; »ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte, +daß man mich eine Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse.« + +Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen. Kaum daß er, nach +tagelanger Abwesenheit, Mutter und Schwester ordentlich begrüßte. »Die +Herrschaften müssen artig gewütet haben,« grollte er, indem er +unaufhörlich durch das Zimmer wanderte, »der Knabe ist ja ganz verstört. +Das heiß' ich menschlich sein, das heiß' ich Einsicht haben! Barbaren +sind sie, Schlächter sind sie! Und unter solchem Volk zu leben bin ich +gezwungen!« + +»Warum sagst du es ihnen nicht selbst?« bemerkte Anna Daumer trocken. +»Hinter deinen vier Wänden zu schimpfen fruchtet wenig.« + +»Sag mal, Friedrich,« wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn, »bist +du denn wirklich fest davon überzeugt, daß du dein Herz nicht wieder +einmal an einen Götzen wegwirfst?« + +»Aus deiner Frage erkennt man, daß du ihn noch immer nicht gesehen +hast,« antwortete Daumer fast mitleidig. + +»Das wohl; es war mir ein zu groß Gerenne.« + +»Also. Wenn man von ihm spricht, kann man nicht übertreiben, weil die +Sprache zu ärmlich ist, um sein Wesen auszudrücken. Es ist wie eine +uralte Legende, dies Emportauchen eines märchenhaften Geschöpfs aus dem +dunkeln Nirgendwo; die reine Stimme der Natur tönt uns plötzlich +entgegen, ein Mythos wird zum Ereignis. Seine Seele gleicht einem +kostbaren Edelstein, den noch keine habgierige Hand betastet hat; ich +aber will danach greifen, mich rechtfertigt ein erhabener Zweck. Oder +bin ich nicht würdig? Glaubt ihr, daß ich nicht würdig bin dazu?« + +»Du schwärmst,« sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast +unwillig. + +Daumer zuckte lächelnd die Achseln. Dann trat er an den Tisch und sagte +in einem Ton, dessen Sanftheit gleichwohl einen gefürchteten Widerstand +im voraus zu bekämpfen schien: »Caspar wird morgen in unser Haus ziehen; +ich habe Exzellenz Feuerbach darum angegangen und er hat meiner Bitte +willfahrt. Ich hoffe, daß du nichts dawider einzuwenden hast, Mutter, +und daß du mir glaubst, wenn ich versichere, es ist eine Sache von +großer Bedeutung für mich. Ich bin höchst wichtigen Entdeckungen auf der +Spur.« + +Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen. + +Am nächsten Morgen um zehn fanden sich Daumer, der Bürgermeister, der +Stadtkommissär, der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof +vor dem Gefängnisturm ein und warteten dritthalb Stunden auf den +Präsidenten, der bei dem Findling oben war. Daumer, der Gespräche mit +andern vermeiden wollte, stand fast ununterbrochen an der +Umfassungsmauer und blickte auf das malerische Gassen- und Dächergewirr +der Stadt hinunter. + +Als der Präsident endlich unter den Wartenden erschien, drängten sich +alle mit Eifer heran, um die Meinung des berühmten und gefürchteten +Mannes zu hören. Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so düsteren +Ernst, daß niemand ihn mit einer Anrede zu belästigen wagte; sein +machtvolles Auge blickte brennend nach innen, die Lippen waren gleichsam +aufeinander geballt, auf der Stirn lag eine von Nachdenken zitternde +senkrechte Falte. Das Schweigen wurde vom Bürgermeister mit der Frage +unterbrochen, ob Exzellenz nicht geruhen wolle, das Mittagessen in +seinem Haus zu nehmen. Feuerbach dankte; dringende Geschäfte nötigten +ihn zu sofortiger Rückkehr nach Ansbach, entgegnete er. Darauf wandte er +sich an Daumer, reichte ihm die Hand und sagte: »Sorgen Sie sogleich für +die Übersiedlung des Hauser; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und +Pflege. Sie werden bald von mir hören. Gott befohlen, meine Herren!« + +Damit entfernte er sich in raschen, kleinen, stampfenden Schritten, +eilte den Hügel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche. +Die Zurückbleibenden machten etwas enttäuschte Mienen. Da sie alle +überzeugt waren, daß der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und +daß kein andres als sein Auge das Dunkel durchdringen könne, welches +über Untat und Verbrechen brütete, waren sie verstimmt über eine +Schweigsamkeit, die ihnen beabsichtigt und planvoll erschien. + +Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers. + + + + +Der Spiegel spricht + + +Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengärtlein auf der +Insel Schütt; es war ein altes Gebäude mit vielen Winkeln und +halbfinstern Kammern, doch erhielt Caspar ein ziemlich geräumiges und +wohleingerichtetes Zimmer gegen den Fluß hinaus. + +Er mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Es zeigten sich jetzt mit +einem Schlag die Folgen der jüngstdurchlebten Zeit. Er war wieder ohne +Sprache, ja bisweilen wie ohne Gefühl des Lebens. Auf den ungewohnten +Kissen warf er sich fiebernd herum. Wie jammervoll, ihn bei jedem +Knacken der Dielen erschaudern zu sehen; auch das Geräusch des Regens an +den Fenstern versetzte ihn in aufgewühlte Bangnis. Er hörte die +Schritte, die auf dem weiten Platz vor dem Haus verhallten, er vernahm +mit Unruhe die metallenen Schläge aus einer fernen Schmiede, jeder +Stimmenlärm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen des +Schmerzes hervor; und von Moment zu Moment vertauschten seine Züge den +Ausdruck der Erschöpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit. + +Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett. Diese Opferkraft und +Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen. »Er muß mir leben,« sagte +er. Und Caspar fing an zu leben. Vom dritten Tag ab besserte sich sein +Zustand stetig und schnell. Als er am Morgen erwachte, lag ein +besinnendes Lächeln auf seinen Lippen. Daumer triumphierte. + +»Du tust ja, als ob du selbst dem Kerker entronnen wärst,« meinte seine +Schwester, die nicht umhin konnte, an seiner Freude teilzunehmen. + +»Ja, und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten,« antwortete er +lebhaft; »sieh ihn nur an! Es ist ein Menschenfrühling.« + +Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen. Daumer führte ihn in den +Garten. Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade, band er +ihm einen grünen Papierschirm um die Stirn. Späterhin wurden die +Dämmerungszeit oder die Stunden bewölkten Himmels für diese Ausgänge +vorgezogen. + +Es waren ja Reisen, und nichts geschah, was nicht zum Ereignis wurde. +Welche Mühe, ihn sehen, ihn das Gesehene nennen zu lehren. Er mußte erst +zu den Dingen Vertrauen gewinnen, und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm +selbstverständlich ward, machte ihn ihre unvermutete Nähe bestürzt. Als +er endlich die Höhe des Himmels und auf der Erde die Entfernung von Weg +zu Weg begriff, wurde sein Gang ein wenig leichter und sein Schritt +mutiger. Alles lag am Mut, alles lag daran, den Mut zu kräftigen. + +Das ist die Luft, Caspar; du kannst sie nicht greifen, aber sie ist da; +wenn sie sich bewegt, wird sie zum Wind, du brauchst den Wind nicht zu +fürchten. Was hinter der Nacht liegt, ist gestern; was über der nächsten +Nacht liegt, ist morgen. Von gestern bis morgen vergeht Zeit, vergehen +Stunden, Stunden sind geteilte Zeit. Dies ist ein Baum, dies ist ein +Strauch, hier Gras, hier Steine, dort Sand, da sind Blätter, da Blüten, +da Früchte ... + +Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde +einleuchtend durch das unvergeßliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf +der Zunge, er spürt es bitter oder süß, es sättigt ihn oder läßt ihn +unzufrieden. Auch hatten viele Worte Gesichter; oder sie tönten wie +Glockenschläge aus der Dunkelheit; oder sie standen wie Flammen in einem +Nebel. + +Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man +mußte nachlaufen, und hatte man es endlich erwischt, so war es +eigentlich gar nichts und machte einen traurig. Gleichwohl führte +derselbe Weg auch zu den Menschen; ja, es war, als ob die Menschen +hinter einem Gitter von Worten stünden, das ihre Züge fremd und +schrecklich machte; wenn man aber das Gitter zerriß oder dahinter kam, +waren sie schön. + +Hatte es am Morgen neu geklungen, zu sagen: die Blume, am Mittag war es +schon vertraut, am Abend war es schon alt. »Dies Herz, dies Hirn, zur +Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten, treibt wie vertrockneter +und endlich befeuchteter Humus Sprößlinge, Blüten und Früchte in einer +Nacht,« notierte der fleißige Daumer; »was dem matten Blick der +Gewohnheit unwahrnehmbar geworden, erscheint diesem Auge frisch wie aus +Gottes Hand. Und wo die Welt verschlossen ist und ihre Geheimnisse +beginnen, da steht er noch seltsam drängend und fragt sein +zuversichtliches Warum. Nach jedem Schall und jedem Schein tappt dies +zweifelnde, erstaunte, hungrige, ehrfurchtslose Warum.« + +Es ist nicht zu leugnen, Daumer war oft erschreckt durch das Gefühl +eignen Ungenügens. Heißt das noch lehren? grübelte er, heißt das noch +Gärtner sein, wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet, das +maßlos wuchernde Getriebe keine Grenze achtet? Wie soll das enden? +Zweifellos bin ich hier einem ungewöhnlichen Phänomen auf der Spur und +meine teuern Zeitgenossen werden sich herbeilassen müssen, ein wenig an +Wunder zu glauben. + +Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars, einst heimkehren zu +dürfen; »erst lernen, dann heim,« sagte er mit dem Ausdruck +unbesiegbarer Entschiedenheit. »Aber du bist ja zu Hause, hier bei uns +bist du zu Hause,« wandte Daumer ein. Aber Caspar schüttelte den Kopf. + +Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinüber, wo +Kinder spielten, deren Wesen er mit komischem Befremden studierte. »So +kleine Menschen,« sagte er zu Daumer, der ihn einmal dabei überraschte, +»so kleine Menschen.« Seine Stimme klang traurig und höchst verwundert. + +Daumer unterdrückte ein Lächeln und während sie zusammen ins Haus +gingen, suchte er ihm klarzumachen, daß jeder Mensch einmal so klein +gewesen, auch Caspar selbst. Caspar wollte das durchaus nicht zugeben. +»O nein, o nein,« rief er aus, »Caspar nicht, Caspar immer so gewesen +wie jetzt, Caspar nie so kurze Arme und Beine gehabt, o nein!« + +Dennoch sei dem so, versicherte Daumer; nicht allein, daß er klein +gewesen, sondern er wachse ja noch täglich, verändere sich täglich, sei +heute ein ganz andrer als der Hauser auf dem Turm, und nach vielen +Jahren werde er alt werden, seine Haare würden weiß sein, die Haut +voller Runzeln. + +Da wurde Caspar blaß vor Furcht; er fing an zu schluchzen und stotterte, +das sei nicht möglich, er wolle es nicht, Daumer möge machen, daß es +nicht geschehe. + +Daumer flüsterte seiner Schwester etwas zu, diese ging in den Garten und +brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe, eine aufgeblühte und eine +verwelkte Rose mit herauf. Caspar streckte die Hand nach der +vollblühenden aus, wandte sich aber gleich mit Ekel ab, denn so sehr er +die rote Farbe vor allen andern liebte, der heftige Geruch der Blume war +ihm unangenehm. Als ihm Daumer den Unterschied der Lebensalter an Knospe +und Blüte erklären wollte, sagte Caspar: »Das hast du doch selbst +gemacht, es ist ja tot, es hat keine Augen und keine Beine.« + +»Ich hab' es nicht gemacht,« entgegnete Daumer, »es ist lebendig, es ist +gewachsen; alles Lebendige ist gewachsen.« + +»Alles Lebendige gewachsen,« wiederholte Caspar fast atemlos, indem er +nach jedem Wort pausierte. Hier drohte Verwirrung. Auch die Bäume im +Garten seien lebendig, sagte man ihm, und er getraute sich nicht, den +Bäumen zu nahen, das Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestürzt. Er fuhr +fort zu zweifeln und fragte, wer die vielen Blätter ausgeschnitten habe +und warum? warum so viele? Auch sie seien gewachsen, wurde geantwortet. + +Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue, die sollte +tot sein, trotzdem sie aussah wie ein Mensch. Caspar konnte stundenlang +die Blicke nicht davon wenden, Verwunderung machte ihn stumm. »Warum hat +es denn ein Gesicht?« fragte er endlich, »warum ist es so weiß und so +schmutzig? Warum steht es immer und wird nicht müde?« + +Als seine Furcht besiegt war, ging er heran und wagte die Figur zu +betasten, denn ohne zu tasten, glaubte er nicht dem, was er sah. Er +hatte den heftigen Wunsch, das Ding auseinander nehmen zu dürfen, um zu +wissen, was innen war. Wie viel war überall innen, wie viel steckte +überall dahinter! + +Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stück des abschüssigen Weges +entlang. Daumer hob ihn auf, und Caspar fragte, ob der Apfel müde sei, +weil er so schnell gelaufen. Mit Grauen wandte er sich ab, als Daumer +ein Messer nahm und die Frucht entzweischnitt. Da ward ein Wurm sichtbar +und krümmte seinen dünnen Leib gegen das Licht. + +»Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker,« sagte Daumer. + +Das Wort machte Caspar nachdenklich; es machte ihn nachdenklich und +mißtrauisch. Wie vieles war da im Kerker, wovon er nicht wußte! Alles +Innen war ein Kerker. Und in wunderlicher Verworrenheit knüpfte sich an +diesen Gedanken die Erinnerung an den Schlag, den er damals erhalten, +nachdem ihn der Du gelehrt, wie man das Pferdchen frei bewegen könne. In +allen fremden Dingen lauerte der Schlag, in allen unbekannten wohnte +Gefahr. Eine gewisse strahlende Heiterkeit, die allmählich Caspars Wesen +entströmte und die das Entzücken seiner Umgebung bildete, war daher +stets an jene erwartungsvolle, ahnungsvolle Bangigkeit gebunden. + +Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend, gewahrte +Caspar einen Regenbogen am Himmel. Er war starr vor Freude. Wer das +gemacht habe, stammelte er endlich. Die Sonne. Wie, die Sonne? Die Sonne +sei doch kein Mensch. Die natürlichen Erklärungen ließen Daumer im +Stich, er mußte sich auf Gott berufen. »Gott ist der Schöpfer der +belebten und unbelebten Natur,« sagte er. + +Caspar schwieg. Der Name Gottes klang ihm seltsam düster. Das Bild, das +er dazu suchte, glich dem Du, sah aus wie der Du, als die Decke des +Gefängnisses auf seinen Schultern ruhte, war unheimlich verborgen wie +der Du, als er den Schlag geführt, weil Caspar zu laut gesprochen. + +Wie geheimnisvoll war alles, was zwischen Morgen und Abend geschah! Das +Regen und Raunen der Welt, das Fließen des Wassers im Fluß, das Ziehen +luftig-dunkler Gegenstände hoch in der Luft, die man Wolken nannte, das +Vorübergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse, und vor allem +das Flüchten der Menschen, ihre schmerzlichen Gebärden, ihr lautes +Reden, ihr sonderbares Gelächter. Wie viel war da zu erfahren und zu +lernen! + +Es schnürte Daumer das Herz zusammen, wenn er den Jüngling in tiefem +Nachdenken sah. Caspar schien dann wie erfroren, er hockte +zusammengekauert da, seine Hände waren geballt und er hörte und spürte +nicht mehr, was um ihn vorging. + +Ja, es war zu solchen Zeiten eine vollständige Dunkelheit um Caspar, und +nur, wenn er lange genug versunken war, hüpfte aus der Tiefe etwas wie +ein Feuerfunken, und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde +Stimme zu sprechen. Wenn der Funken wieder verlosch, tat sich die äußere +Welt wieder kund, aber eine schwermütige Unzufriedenheit hatte sich +Caspars bemächtigt. + +»Wir müssen einmal mit ihm hinaus aufs Land,« sagte Anna Daumer eines +Tages, als der Bruder mit ihr darüber gesprochen. »Er braucht +Zerstreuung.« + +»Er braucht Zerstreuung,« gab Daumer lächelnd zu, »er ist zu gesammelt, +das ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemüt.« + +»Da es sein erster Spaziergang sein wird, wäre es gut, die Sache +möglichst still zu unternehmen, sonst sind wieder alle Neugierigen bei +der Hand,« meinte die alte Frau Daumer. »Sie schwatzen ohnehin genug +über ihn und über uns.« + +Daumer nickte. Er wünschte nur, daß Herr von Tucher mit von der Partie +sei. + +Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt. Es war schon +fünf Uhr nachmittags, als sie vom Haus aufbrachen, und da sie auf +Caspars langsame Gangart Rücksicht nehmen mußten, gelangten sie erst +spät ins Freie. Die begegnenden Leute blieben stehen, um der +Gesellschaft nachzuschauen, und oft hörte man die staunenden oder +spöttischen Worte: »Das ist ja der Caspar Hauser! Ei, der Findling! Wie +fein er's treibt, wie nobel!« Denn Caspar trug ein neues blaues +Fräcklein, ein modisches Gilet, seine Beine staken in weißseidenen +Strümpfen und die Schuhe hatten silberne Schnallen. + +Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg, +der nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwärts schwankte. +Die Männer schritten in gemessener Entfernung hinterdrein. Plötzlich +erhob Daumer den rechten Arm nach vorn, und gleich darauf blieb Caspar +stehen und sah sich fragend um. + +Erfreut und in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu, weiterzugehen. Nach +ein paar hundert Schritten hob er wieder den Arm, und abermals blieb +Caspar stehen und blickte sich um. + +»Was ist das? Was bedeutet das?« fragte Herr von Tucher erstaunt. + +»Darüber gibt es keine Erklärung,« antwortete Daumer voll stillen +Triumphes. »Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen noch viel Merkwürdigeres +zeigen.« + +»Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein,« meinte Herr von Tucher ein +bißchen ironisch. + +»Hexerei? Nein. Aber wie sagt Hamlet: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel +und Erde --« + +»Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt?« +unterbrach Herr von Tucher noch immer mit Ironie. »Ich für meinen Teil +schlage mich zu den Skeptikern. Wir werden ja sehen.« + +»Wir werden sehen,« wiederholte Daumer fröhlich. + +Nach oftmaligem kurzem Rasten ward am Rand einer Wiese Halt gemacht, und +alle ließen sich im Gras nieder. Caspar schlief sogleich ein; Anna +breitete ein Tuch über sein Gesicht und packte sodann einige +mitgebrachte Eßwaren aus einem Körbchen. Schweigend begannen alle vier +zu essen. Ein natürliches Schweigen war es nicht: der lieblich +vergehende Tag, das sommerliche Blühen forderten eher zu heiteren +Gesprächen auf, aber um den Schläfer lag ein eigner Bann, jeder spürte +die Gegenwart des Jünglings jetzt stärker als vorher, und es hatte bei +einigen gleichgültigen Redensarten sein Bewenden, die leiser klangen als +selbst die Atemzüge des Schlummernden. Weit und breit war kein Mensch zu +sehen, da man absichtlich einen selten begangenen Weg gewählt hatte. + +Die Sonne war am Sinken, als Caspar erwachte und, sich aufrichtend, die +Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschämt anblickte. »Sieh nur +hinüber, Caspar, sieh den roten Feuerball,« sagte Daumer; »hast du die +Sonne schon einmal so groß gesehen?« + +Caspar schaute hin. Es war ein schöner Anblick: die purpurne Scheibe +rollte herab, als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels; ein Meer +von Scharlachglut strömte ihr nach, die Lüfte waren entzündet, blutiges +Geäder bezeichnete einen Wald und rosige Schatten bauschten langsam über +die Ebene. Nur noch wenige Minuten, und schon zuckte die Dämmerung durch +den sanften Karmin des Nebels, in den die Ferne getaucht war, einen +Augenblick lang bebte das Gelände, und grünkristallene Strahlenbündel +schossen über den Westen, der versunkenen Sonne nach. + +Ein geisterhaftes Lächeln glitt über die Züge der beiden Männer und der +zwei Frauen, als sie Caspar mit einer Gebärde stummer Angst +hinübergreifen sahen gegen den Horizont. Daumer näherte sich ihm und +ergriff seine Hand, die eiskalt geworden war. Caspars Gesicht wandte +sich erzitternd ihm zu, voller Fragen, voller Furcht, und endlich +bewegten sich die Lippen und er murmelte schüchtern: »Wo geht sie hin, +die Sonne? Geht sie ganz fort?« + +Daumer vermochte nicht gleich zu antworten. So mag Adam vor seiner +ersten Nacht im Paradies gezittert haben, dachte er, und es geschah +nicht ohne Schauder, nicht ohne seltsame Ungewißheit, daß er den +Jüngling tröstete, ihn der Wiederkunft der Sonne versicherte. + +»Ist dort Gott?« fragte Caspar hauchend, »ist die Sonne Gott?« + +Daumer deutete mit dem Arm weit ringsum und erwiderte: »Alles ist Gott.« + +Indessen mochte ein solches Diktum pantheistischer Philosophie für die +Auffassungsgabe des Jünglings ein wenig zu verwickelt sein. Er +schüttelte ungläubig den Kopf, dann sagte er mit dem Ausdruck +dumpf-abgöttischer Verehrung: »Caspar liebt die Sonne.« + +Auf dem Heimweg war er ganz stumm; auch die übrigen, selbst die immer +wohlgelaunte Anna, waren in einer wunderlich gedrückten Stimmung, als +wären sie nie zuvor durch einen spätsommerlichen Abend gewandert, oder +als fühlten sie den Auftritt voraus, der ihnen das Beisammensein dieser +Stunden unvergeßlich machen sollte. + +Kurz vor dem Stadttor nämlich blieb Anna stehen und deutete mit einem +Zuruf an alle in das herrlich gestirnte Firmament. Auch Caspar blickte +hinauf, er erstaunte maßlos. Kleine, jähe, wirre Laute eines +leidenschaftlichen Entzückens kamen aus seinem Mund. »Sterne, Sterne,« +stammelte er, das gehörte Wort von Annas Lippen raubend. Er preßte die +Hände gegen die Brust, und ein unbeschreiblich seliges Lächeln +verschönte seine Züge. Er konnte sich nicht sattsehen; immer wieder +kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurück, und aus seinen seufzerartig +abgebrochenen Worten war vernehmbar, daß er die Sterngruppen und die +ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte. Er fragte mit einem Ton des +Außersichseins, wer die vielen schönen Lichter da hinaufbringe, anzünde +und wieder verlösche. + +Daumer antwortete ihm, daß sie beständig leuchteten, jedoch nicht immer +gesehen würden; da fragte er, wer sie zuerst hinaufgesetzt, daß sie +immerfort brennten. + +Plötzlich fiel er in tiefe Grübelei. Er blieb eine Weile mit gesenktem +Kopf stehen und sah und hörte nichts. Als er wieder zu sich kam, hatte +sich seine Freude in Schwermut verwandelt, er ließ sich auf den Rasen +nieder und brach in langes, nicht zu stillendes Weinen aus. + +Es war weit über neun Uhr, als sie endlich nach Haus gelangten. Während +Caspar mit den Frauen hinaufging, nahm Herr von Tucher am Gartentor von +Daumer Abschied. »Was mag in ihm vorgegangen sein?« meinte er. Und da +Daumer schwieg, fuhr er sinnend fort: »Vielleicht spürt er schon die +Unwiederbringlichkeit der Jahre; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit +schon ihre wahre Gestalt.« + +»Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz, das beglänzte Gewölbe zu +schauen,« antwortete Daumer; »nie zuvor hat er den Blick zum nächtlichen +Himmel erheben können. Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz, +und von ihrer sogenannten Güte hat er wenig erfahren.« + +Eine Zeitlang schwiegen sie, dann sagte Daumer: »Ich habe für morgen +nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten. Es handelt sich +um eine Reihe von höchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen, +die ich an Caspar gemacht habe. Ich würde mich freuen, wenn Sie dabei +sein wollten.« + +Herr von Tucher versprach zu kommen. Zu seiner Verwunderung ward er, als +er am andern Tag etwas verspätet erschien, in eine vollständig +verfinsterte Kammer geführt. Die Produktion hatte schon begonnen. Von +irgendeinem Winkel her vernahm man Caspars eintönige Stimme lesend. »Es +ist eine Seite aus der Bibel, die der Herr Stadtbibliothekar +aufgeschlagen hat,« flüsterte Daumer Herrn von Tucher zu. Die Dunkelheit +war so groß, daß die Zuhörer einander nicht gewahren konnten, trotzdem +las Caspar unbeirrt, als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes +seien. + +Man war erstaunt. Man wurde es noch mehr, als Caspar in der gleichen +Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstände unterscheiden konnte, +die bald der eine, bald der andre von den Anwesenden -- um jeden Verdacht +einer Verabredung oder Vorbereitung auszuschließen -- ihm auf eine +Entfernung von fünf oder sechs Schritten vorhielt. + +»Ich will jetzt die Weinprobe machen,« sagte Daumer und öffnete die +Läden. Caspar preßte die Hände vor die Augen und brauchte lange Zeit, +bis er das Licht ertragen konnte. Jemand brachte Wein im +undurchsichtigen Glas, und Caspar roch es nicht nur sogleich, sondern es +zeigten sich auch die Merkmale einer leichten Trunkenheit: seine Blicke +flimmerten, sein Mund verzog sich schief. Konnte das mit rechten Dingen +zugehen? War solche Empfindlichkeit denkbar oder möglich? Man +wiederholte den Versuch zweimal, dreimal, und siehe, die Wirkung +verstärkte sich. Beim viertenmal wurde draußen Wasser ins Glas gegossen, +und nun sagte Caspar, er spüre nichts. + +Doch viel wunderbarer war zu beobachten, wie er sich gegen Metalle +verhielt. Ein Herr versteckte, während Caspar das Zimmer verlassen +hatte, ein Stück Kupferblech. Caspar ward hereingerufen, und alle +verfolgten mit Spannung, wie er zu dem Versteck förmlich hingezogen +wurde; es sah aus, wie wenn ein Hund ein Stück Fleisch erschnuppert. Er +fand es, man klatschte Beifall, man achtete nicht darauf, daß er blaß +war und mit kühlem Schweiß bedeckt. Nur Herr von Tucher bemerkte es und +mißbilligte das Treiben. + +Es hatte natürlich nicht bei diesem einen Mal sein Bewenden. Die Sache +redete sich schnell herum, und das Haus wurde zum Museum. Alles, was +Namen und Ansehen in der Stadt hatte, lief herzu, und Caspar mußte immer +bereit sein, immer tun, was man von ihm haben wollte. Wenn er müde war, +durfte er schlafen, aber wenn er schlief, untersuchten sie die +Festigkeit seines Schlafes, und Daumer schwamm in Glück, wenn der Herr +Medizinalrat Rehbein behauptete, eine derartige Versteinerung des +Schlummers habe er nie für möglich gehalten. + +Selbst gewisse krankhafte Zustände seines Körpers gaben Daumer Anlaß +zur Vorführung oder wenigstens zum Studium. Er suchte durch hypnotische +Berührungen und mesmeristische Streichungen Einfluß zu nehmen, denn er +war ein glühender Verfechter jener damals nagelneuen Theorien, die mit +der Seele des Menschen hantierten wie ein Alchimist mit dem +wohlbekannten Inhalt einer Retorte. Oder wenn auch dies nichts half, +wandte er Heilmittel von einer besonderen Kategorie an, erprobte die +Wirkungen von Arnika und Akonitum und Nux vomica; immer beflissen, immer +erfüllt von einer Mission, immer mit dem Notizenzettel in der Hand, +immer in rührender Obsorge. + +Was für seriöse Spiele! Welch ein Eifer, zu beweisen, zu deuten, das +Sonnenklare dunkel zu machen, das Einfache zu verwirren! Das Publikum +gab sich redliche Mühe im Glauben, nach allen Windrichtungen wurden die +anscheinenden Zaubereien ausposaunt -- nicht zum Vorteil unsers Caspar, +keineswegs zu seinem Heil, wie sich bald herausstellen sollte --, aber +leider gibt es überall verwerfliche Kreaturen, die noch zweifeln würden +und wenn man ihnen die Skepsis überm Essenfeuer ausräuchern würde. +Vielleicht wollten sie jedesmal etwas Neues vorgesetzt bekommen, +schraubten ihre Erwartungen zu hoch und fanden, daß der Wundermann nur +in seinen eingelernten Paradestückchen exzellierte, in denen er +allerdings, so drückten sie sich aus, etwas von der Fertigkeit eines +dressierten Äffchens an den Tag legte. + +Mit einem Wort, das Programm wurde ein wenig einförmig, höchstens +Neulinge konnten ihm noch Geschmack abgewinnen. Die andern erblickten in +Daumer etwas wie einen Zirkusdirektor oder einen Literaten, der seine +Freunde mit der beständig wiederholten Vorlesung eines mittelmäßigen +Poems langweilt, während über Caspar sich zu amüsieren sie immerhin noch +genug Gelegenheit fanden. + +Oder war es nicht amüsant, wenn er zum Beispiel einen hohen Offizier +tadelte, daß sein Rockkragen bestäubt war, wenn er mit dem Finger das +Haupt eines ehrwürdigen Kammerdirektors berührte und mitleidig-verwundert +sagte: »Weiße Haare, weiße Haare?« Wenn er während der Anwesenheit einer +vornehmen Standesperson nur darauf achtete, wie diese den Stock zwischen +den Fingern baumeln ließ und es auch so machen wollte, wenn er seinen +Ekel gegen den schwarzen Bart des Magistratsrats Behold äußerte oder +sich weigerte, einer Dame die Hand zu küssen, indem er sagte, man müsse +ja nicht hineinbeißen? + +Durch solche kleine Zwischenfälle hielten sie sich für belohnt. Wenn man +lachen konnte, war alles gut. Hingegen Daumer ärgerte sich darüber und +suchte ihm die Pflichten der Höflichkeit begreiflich zu machen. »Du +vergißt stets, die Ankömmlinge zu begrüßen,« sagte Daumer. In der Tat +blickte Caspar, in ein Buch oder Spiel versenkt, erst empor, wenn man +ihn anrief, bisweilen, wenn er ein bekanntes oder liebgewordenes Gesicht +sah, mit einem berückend schelmischen Lächeln, und fing dann ohne +Einleitung an zu fragen und zu plaudern. Mochten noch so wichtige +Personen zugegen sein, er verließ nie seinen Platz, ohne alle Dinge, mit +denen er beschäftigt gewesen, sorgfältig in Ordnung zu bringen und mit +einem kleinen Besen den Tisch von Papierschnitzeln oder Brotkrumen zu +reinigen. Man mußte warten, bis er fertig war. + +Er war ohne Schüchternheit. Alle Menschen schienen ihm gut, fast alle +hielt er für schön. Er fand es selbstverständlich, wenn sich irgendein +Herr vor ihn hinstellte und ihm aus einem bereitgehaltenen Zettel endlos +viele Namen oder endlos viele Zahlen vorlas. Sein Gedächtnis ließ ihn +nicht im Stich, er konnte in der gleichen Reihenfolge Namen für Namen, +Zahl für Zahl, und waren es hundert, wiederholen. Am Erstaunen der Leute +merkte er wohl, daß er Staunenswertes geleistet, aber kein Schimmer von +Eitelkeit zog über sein Gesicht, nur ein wenig traurig wurde es, wenn +immer dasselbe kam, wenn sie nie zufrieden schienen. + +Er konnte es nicht verstehen, daß ihnen wunderbar war, was ihm so +natürlich war. Aber was ihm wunderbar war, darum kümmerte sich keiner. +Er vermochte es nicht zu sagen, es wurzelte im verborgensten Gefühl. Es +war eine kaum gespürte Frage, am Morgen, beim Erwachen etwa, ein +hastiges, stummes, verzweifeltes Suchen, wofür es keine Bezeichnung gab. +Es lag weit zurück; es war mit ihm verknüpft und er besaß es doch nicht. +Es war etwas mit ihm vorgegangen, irgendwo, irgendwann, und er wußte es +nicht. Er tastete an sich herum, er fand sich selber kaum. Er sagte +'Caspar' zu sich selbst, aber das dort in der Ferne hörte nicht auf +diesen Namen. So band sich die Erwartung an ein Äußeres; wenn die Uhr im +andern Zimmer tönte, welch sonderbare Erwartung von Schlag zu Schlag! +Als ob eine Mauer sich auflösen, zu Luft vergehen müßte. Die eben +vergangene Nacht war voll ungreifbarer Vorgänge gewesen. Hatte es am +Fenster gepocht? Nein. War jemand dagewesen, hatte gesprochen, gerufen, +gedroht? Nein. Es war etwas geschehen, doch Caspar hatte nichts damit +zu tun. + +Unergründliche Sorge. Man mußte lernen, vielleicht wurde es dann klar. +Lernen, wie alles bestand, lernen, was in der Nacht verborgen war, wenn +man nicht lebte und dennoch spürte, das Unbekannte lernen, erhaschen, +was so fern, wissen, was so dunkel war, die Menschen fragen lernen. Sein +Eifer bei den Büchern wurde glühend. Er begann Ungeduld zu zeigen, wenn +er von den fremden Besuchern sich immer wieder empfindlich gestört fand, +denn jetzt kamen die Leute schon von auswärts, weil allenthalben im Land +über Caspar Hauser geredet und geschrieben wurde. Auch Daumer konnte +sich der Ansprüche, die an ihn gestellt wurden, kaum erwehren. Er war +oft mißgelaunt und matt, und es gab Stunden, wo er bereute, Caspar der +Welt preisgegeben zu haben. + +Es gab Stunden, wo er, allein mit dem Jüngling, sich seiner besseren +Würde erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen, Seeleneigenen sich +tiefer anschloß, als der anfängliche Zweck gewollt. Es gab eine Stunde, +wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten, +auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre +Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Füßen, ein Schmetterling +ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm +ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick, +und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten? +Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden? + +Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten großer Lärm. Ein bissiger +Hund hatte seine Kette zerrissen und raste, Schaum vor dem Maul, in +wilden Sprüngen umher, überrannte ein Kind, schlug einem Knecht, der ihn +verfolgte, die Zähne ins Fleisch und stürzte gegen den Zaun des +Daumerschen Gartens. Eine Latte krachte unter dem Anprall, das Tier +schlüpfte herüber und richtete die blutunterlaufenen Augen wild auf die +kleine Gesellschaft, die unter der Linde saß: Daumer selbst, dessen +Mutter, der Bürgermeister Binder und Caspar. Alle standen ängstlich auf, +Binder erhob den Stock, das Tier machte einige Sätze, blieb aber auf +einmal stehen, schnupperte, trabte auf Caspar zu, der bleich und stille +saß, wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhängende Hand des +Jünglings. Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an, voll +Ergebenheit fast, eine Zärtlichkeit erwartend, und es war, als erbitte +es Verzeihung. Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch +Caspar im Auge; ihn jammerte der Hund, er wußte nicht warum. + +Man erzählte sich, daß Daumer nach diesem Auftritt geweint habe. + +Zwei Tage später, an einem regnerischen Oktoberabend, war es, daß sich +Daumer mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand. Anna war zu +einer Unterhaltung in die Reunion gegangen, die alte Dame saß strickend +im Lehnstuhl am offenen Fenster, denn trotz der vorgerückten Jahreszeit +war die Luft warm und voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen. +Da wurde an die Türe geklopft, und der Glasermeister brachte einen +großen Wandspiegel, den die Magd in der vergangenen Woche zerbrochen +hatte. Frau Daumer hieß ihn den Spiegel gegen die Mauer lehnen, das tat +der Mann und entfernte sich wieder. + +Kaum war er draußen, so fragte Daumer verwundert, warum sie den Spiegel +nicht gleich an seinen Platz habe hängen lassen, man hätte dann doch die +Arbeit für morgen erspart. Die alte Dame erwiderte mit verlegenem +Lächeln, am Abend dürfe man keinen Spiegel aufhängen, das bedeute +Unheil. Daumer besaß nicht genug Humor für derlei halbernste Grillen; er +machte der Mutter Vorwürfe wegen ihres Aberglaubens, sie widersprach, +und da geriet er in Zorn, das heißt er sprach mit seiner sanftesten +Stimme zwischen die geschlossenen Zähne hindurch. + +Caspar, der es nicht sehen konnte, wenn Daumers Gesicht unfreundlich +wurde, legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher +Schmeichelei zu begütigen. Daumer schlug die Augen nieder, schwieg eine +Weile und sagte dann, völlig beschämt: »Geh hin zur Mutter, Caspar, und +sag ihr, daß ich im Unrecht bin.« + +Caspar nickte; ohne recht zu überlegen, trat er vor die Frau hin und +sagte: »Ich bin im Unrecht.« + +Da lachte Daumer. »Nicht du, Caspar! Ich!« rief er und deutete auf seine +Brust. »Wenn Caspar im Unrecht ist, darf er sagen: ich. Ich sage zu dir: +du, aber du sagst doch zu dir: ich. Verstanden?« + +Caspars Augen wurden groß und nachdenklich. Das Wörtchen Ich durchrann +ihn plötzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank. Es nahten sich ihm +viele Hunderte von Gestalten, es nahte sich eine ganze Stadt voll +Menschen, Männer, Frauen und Kinder, es nahten sich die Tiere auf dem +Boden, die Vögel in der Luft, die Blumen, die Wolken, die Steine, ja die +Sonne selbst, und alle miteinander sagten zu ihm: Du. Er aber +antwortete mit zaghafter Stimme: Ich. + +Er faßte sich mit flachen Händen an die Brust und ließ die Hände +heruntergleiten bis über die Hüften: sein Leib, eine Wand zwischen Innen +und Außen, eine Mauer zwischen Ich und Du! + +In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel, dem gegenüber er stand, +sein eignes Bild empor. Ei, dachte er ein wenig bestürzt, wer ist das? + +Natürlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen, aber sein von den +vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war +mitvorbeigegangen, ohne zu weilen, ohne zu denken, und er hatte sich +daran gewöhnt wie an den Schatten auf der Erde. Ein Ungefähr, das ihn +nicht hemmte, konnte nicht zum Erlebnis werden. + +Jetzt war sein Auge reif für diese Vision. Er sah hin. »Caspar,« +lispelte er. Das Drinnen antwortete: Ich. Da waren Caspars Mund und +Wangen und die braunen Haare, die über Stirn und Ohren gekräuselt waren. +Nähertretend, schaute er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den +Spiegel gegen die Mauer; dort war nichts. Dann stellte er sich wieder +davor, und nun schien ihm, als ob hinter seinem Bild im Spiegel sich das +Licht zerteile und als ob ein langer, langer Pfad nach rückwärts lief, +und dort, in der weiten Ferne stand noch ein Caspar, noch ein Ich, das +hatte zugeschlossene Augen und sah aus, als wisse es etwas, was der +Caspar hier im Zimmer nicht wußte. + +Daumer, gewohnt, das Betragen des Jünglings zu beobachten, lauerte +gespannt herüber. Da -- ein seltsames Geräusch; es surrte etwas in der +Luft und fiel neben dem Tisch zu Boden. Es war ein Stück Papier, das von +draußen hereingeflogen war. Frau Daumer hob es auf; es war wie ein +Brief zusammengefaltet. Unschlüssig drehte sie es zwischen den Fingern +und reichte es dem Sohn. + +Der riß es auf und las folgende, mit großer Schrift geschriebene Worte: +»Es wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der +Fremde.« + +Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit; ein Frösteln lief über ihre +Schultern. Daumer jedoch, indes er schweigend auf den Zettel starrte, +hatte das Gefühl, als sei vor seinen Füßen ein Schwert, die Spitze nach +oben, aus der Erde gewachsen. + +Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen. Er verließ +den Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden +vorüber zum Fenster. Dort stand er besinnend, beugte sich besinnend vor, +immer weiter, völlig selbstvergessen, ganz vom Willen des Suchens +erfüllt, bis die Brust auf dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht +hinaus tauchte. + + + + +Caspar träumt + + +Am andern Morgen übergab Daumer das unheimliche Papier der +Polizeibehörde. Es wurden Nachforschungen angestellt, die aber natürlich +fruchtlos blieben. Der Vorfall wurde auch amtlich an das +Appellationsgericht gemeldet, und nach einiger Zeit schrieb der +Regierungsrat Hermann, der mit dem Baron Tucher befreundet war, an +diesen einen Privatbrief, in welchem er unter anderm die Meinung +vertrat, man solle nicht ablassen, den Hauser scharf zu bewachen und +auszuforschen, denn es sei wohl möglich, daß er durch eine +tiefeingepflanzte Furcht gezwungen sei, manches ihm bekannte Verhältnis +zu verschweigen. + +Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor. Daumer +konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. »Ich bin mir wohl +bewußt, daß ein Mysterium, von Menschenhand gewoben, hinter allem dem +liegt, was mit Caspar zusammenhängt,« sagte er mit leisem Widerwillen, +»ganz abgesehen davon, daß mir auch der Präsident Feuerbach unlängst +darüber geschrieben hat, und zwar in höchst eigentümlichen Wendungen, +die auf etwas Besonderes schließen lassen. Aber was heißt das: ihn +ausforschen, ihn bewachen? Hat man darin nicht schon das Äußerste +versucht? Ärztliche Vorsicht und menschliches Gefühl befehlen mir jetzt +ohnehin die äußerste Behutsamkeit gegen ihn. Ich wage es ja kaum, ihn +von der einfachen Kost zu entwöhnen und ihn so zu ernähren, wie es durch +die veränderte Lebenslage bedingt ist.« + +»Warum wagen Sie das nicht?« fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt. +»Wir sind doch übereingekommen, ihn endlich zum Genuß von Fleisch oder +wenigstens von andern gekochten Speisen zu bringen?« + +Daumer zögerte mit der Antwort. »Milchreis und warme Suppe verträgt er +schon ganz gut,« sagte er dann, »aber zur Fleischkost will ich ihn nicht +ermuntern.« + +»Warum nicht?« + +»Ich fürchte Kräfte zu zerstören, die vielleicht gerade an die Reinheit +des Blutes gebunden sind.« + +»Kräfte zerstören? Was für Kräfte vermöchten ihn und uns für die +Gesundheit des Leibes und die Frische seines Gemüts zu entschädigen? +Wäre es nicht vielmehr ratsam, ihn von der Richtung des +Außerordentlichen abzulenken, die ihm früher oder später verhängnisvoll +werden muß? Ist es gut, einen andern Maßstab an ihn zu legen als es +einer natürlichen Erziehung entspricht? Was wollen Sie überhaupt, was +haben Sie mit ihm vor? Caspar ist ein Kind, das dürfen wir nicht +vergessen.« + +»Er ist ein Mirakel,« entgegnete Daumer hastig und ergriffen; dann, in +einem halb belehrenden, halb bitteren Ton, der für einen Weltmann wie +Tucher verletzend klingen mußte, fuhr er fort: »Leider leben wir in +einer Zeit, in der man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den +plumpen Alltagsverstand beleidigt. Sonst müßte jeder an diesem Menschen +sehen und spüren, daß wir rings von geheimnisvollen Mächten der Natur +umgeben sind, in denen unser ganzes Wesen ruht.« + +Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang; sein Gesicht hatte den Ausdruck +abwehrenden Stolzes, als er sagte: »Es ist besser, eine Wirklichkeit +völlig zu ergreifen und ihr völlig genugzutun, als mit fruchtlosem +Enthusiasmus im Nebel des Übersinnlichen zu irren.« + +»Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht, auf die ich mich +berufen kann?« versetzte Daumer, dessen Stimme leiser und schmeichelnder +wurde, je mehr das Gespräch ihn erhitzte. »Muß ich Sie an Einzelheiten +erinnern? Sind nicht Luft, Erde und Wasser für diesen Menschen noch von +Dämonen bevölkert, mit denen er in lebendiger Beziehung steht?« + +Baron Tuchers Gesicht wurde düster. »Ich sehe in allem dem nur die +Folgen einer verderblichen Überreiztheit,« sagte er kurz und scharf. +»Das sind die Quellen nicht, aus denen Leben geboren wird, in solchen +Formen kann sich keine Brauchbarkeit bewähren!« + +Daumer duckte den Kopf, und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung, +doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit: »Wer weiß, Baron. +Die Quellen des Lebens sind unergründlich. Meine Hoffnungen wagen sich +weit hinauf und ich erwarte Dinge von unserm Caspar, die Ihr Urteil +sicherlich verändern werden. Aus diesem Stoff werden Genien gemacht.« + +»Man tut einem Menschen stets unrecht, wenn man Erwartungen an seine +Zukunft knüpft,« sagte Herr von Tucher mit trübem Lächeln. + +»Mag sein, mag sein, ich aber halte mich an die Zukunft. Mich kümmert +nicht, was hinter ihm liegt, und was ich von seiner Vergangenheit weiß, +soll mir nur dienen, ihn davon zu lösen. Das ist ja das hoffnungsvoll +Wunderbare: daß man hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat, die +ungebundene, unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz +Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten, noch +nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge für das Walten +der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender +Jahrhunderte ist. Mag sein, daß ich mich täusche, dann aber würde ich +mich in der Menschheit getäuscht haben und meine Ideale für Lügen +erklären müssen.« + +»Der Himmel bewahre Sie davor,« antwortete Herr von Tucher und nahm +eilig Abschied. + +Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht, +daß Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst. Als Caspar am +andern Morgen ziemlich unerfrischt zum Frühstück kam, fragte ihn Daumer, +ob er schlecht geschlafen habe. + +»Schlecht geschlafen nicht,« erwiderte Caspar, »aber ich bin einmal +aufgewacht und da war mir angst.« + +»Wovor hattest du denn Angst?« forschte Daumer. + +»Vor dem Finstern,« entgegnete Caspar, und bedächtig fügte er hinzu: »In +der Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brüllt.« + +Den nächsten Morgen kam er halbangekleidet aus seinem Schlafgemach in +das Zimmer Daumers und erzählte bestürzt, es sei ein Mann bei ihm +gewesen. Zuerst erschrak Daumer, dann wurde ihm klar, daß Caspar +geträumt habe. Er fragte, was für ein Mann es denn gewesen sei, und +Caspar antwortete, es sei ein großer schöner Mann gewesen mit einem +weißen Mantel. Ob der Mann mit ihm gesprochen? Caspar verneinte; +gesprochen habe er nicht, er habe einen Kranz getragen, den habe er auf +den Tisch gelegt, und als Caspar danach gegriffen, habe der Kranz zu +leuchten angefangen. + +»Du hast geträumt,« sagte Daumer. + +Caspar wollte wissen, was das heiße. »Wenn auch dein Körper ruht,« +erklärte Daumer, »so wacht doch deine Seele, und was du am Tag erlebt +oder empfunden, daraus macht sie im Schlummer ein Bild. Dieses Bild +nennt man Traum.« + +Nun verlangte Caspar zu wissen, was das sei, die Seele. Daumer sagte: +»Die Seele gibt deinem Körper das Leben. Leib und Seele sind einander +vermischt. Jedes von beiden ist, was es ist, aber sie sind so untrennbar +gemischt wie Wasser und Wein, wenn man sie zusammengießt.« + +»Wie Wasser und Wein?« fragte Caspar mißbilligend. »Damit verderbt man +aber das Wasser.« + +Daumer lachte und meinte, das sei nur ein Gleichnis gewesen. In der +Folge nahm er wahr, daß es mit Caspars Träumen eigen beschaffen war. +Sonst sind Träume an ein Zufälliges geknüpft, sagte er sich, spielen +gesetzlos mit Ahnung, Wunsch und Furcht, bei ihm ähneln sie dem +Herumtasten eines Menschen, der sich im finsteren Wald verirrt hat und +den Weg sucht; da ist etwas nicht in Ordnung, ich muß der Sache auf den +Grund gehen. + +Das Auffallende war, daß gewisse Bilder sich allmählich zu einem +einzigen Traum sammelten, der von Nacht zu Nacht vollständiger und +gestalthafter wurde und mit immer größerer Deutlichkeit regelmäßig +wiederkehrte. Im Anfang konnte Caspar nur abgebrochen davon erzählen, so +stückhaft wie die Bilder sich ihm zeigten, dann eines Tages, wie der +Maler den Vorhang von einem vollendeten Gemälde zieht, vermochte er +seinem Pflegeherrn eine ausführliche Beschreibung zu geben. + +Er hatte über seine Gewohnheit lange geschlafen, deshalb ging Daumer in +sein Zimmer, und kaum war er ans Bett getreten, so schlug Caspar die +Augen auf. Sein Gesicht glühte, der Blick ruhte noch im Innern, war aber +voll und kräftig und der Mund war zu sprechen ungeduldig. Mit langsamer, +ergriffener Stimme erzählte er. + +Er ist in einem großen Haus gewesen und hat geschlafen. Eine Frau ist +gekommen und hat ihn aufgeweckt. Er bemerkt, daß das Bett so klein ist, +daß er nicht begreift, wie er darin Platz gehabt. Die Frau kleidet ihn +an und führt ihn in einen Saal, wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande +hängen. Hinter gläsernen Wänden blitzen Silberschüsseln und auf einem +weißen Tisch stehen feine kleine, zierlich bemalte Porzellantäßchen. Er +will bleiben und schauen, die Frau zieht ihn weiter. Da ist ein Saal, wo +viele Bücher sind, und von der Mitte der gebogenen Decke hängt ein +ungeheurer Kronleuchter herab. Caspar will die Bücher betrachten, da +verlöschen langsam die Flammen des Leuchters eine nach der andern und +die Frau zieht ihn weiter. Sie führt ihn durch einen langen Flur und +eine gewaltige Treppe hinab, sie schreiten im Innern des Hauses den +Wandelgang entlang. Er sieht Bilder an den Wänden, Männer im Helm und +Frauen mit goldenem Schmuck. Er schaut durch die Mauerbogen der Halle in +den Hof, dort plätschert ein Springbrunnen; die Säule des Wassers ist +unten silberweiß und oben von der Sonne rot. Sie kommen zu einer zweiten +Treppe, deren Stufen wie goldene Wolken aufwärts steigen. Es steht ein +eiserner Mann daneben, er hat ein Schwert in der Rechten, doch sein +Gesicht ist schwarz, nein, er hat überhaupt kein Gesicht. Caspar +fürchtet sich vor ihm, will nicht vorbeigehen, da beugt sich die Frau +und flüstert ihm etwas ins Ohr. Er geht vorbei, er geht zu einer +ungeheuern Tür und die Frau pocht an. Es wird nicht aufgemacht. Sie ruft +und niemand hört. Sie will öffnen, die Tür ist zugeschlossen. Es +scheint Caspar, daß sich etwas Wichtiges hinter der Tür ereignet, er +selbst beginnt zu rufen, doch in diesem Augenblick erwacht er. + +Seltsam, dachte Daumer, da sind Dinge, die er nie zuvor gesehen haben +kann, wie den gerüsteten Mann ohne Gesicht. Seltsam! Und sein +Wortesuchen, seine hilflosen Umschreibungen bei solcher Klarheit des +Geschauten. Seltsam. + +»Wer war die Frau?« fragte Caspar. + +»Es war eine Traumfrau,« entgegnete Daumer beschwichtigend. + +»Und die Bücher und der Springbrunnen und die Tür?« drängte Caspar. +»Waren's Traumbücher, war's eine Traumtür? Warum ist sie nicht +aufgemacht worden, die Traumtür?« + +Daumer seufzte und vergaß zu antworten. Was bekam da Gewalt über seinen +Caspar, sein Seelenpräparat? Sehr an Welt und Stoff gebunden war dieser +Traum. + +Caspar kleidete sich langsam an. Plötzlich erhob er den Kopf und fragte, +ob alle Menschen eine Mutter hätten? Und als Daumer bejahte, ob alle +Menschen einen Vater hätten. Auch dies mußte bejaht werden. + +»Wo ist _dein_ Vater?« fragte Caspar. + +»Gestorben,« antwortete Daumer. + +»Gestorben?« flüsterte Caspar nach. Ein Hauch des Schreckens lief über +seine Züge. Er grübelte. Dann begann er wieder: »Aber wo ist _mein_ +Vater?« + +Daumer schwieg. + +»Ist es der, bei dem ich gewesen? Der Du?« drängte Caspar. + +»Ich weiß es nicht,« antwortete Daumer und fühlte sich ungeschickt und +ohne Überlegenheit. + +»Warum nicht? Du weißt doch alles? Und hab' ich auch eine Mutter?« + +»Sicherlich.« + +»Wo ist sie denn? Warum kommt sie nicht?« + +»Vielleicht ist sie gleichfalls gestorben.« + +»So? Können denn die Mütter auch sterben?« + +»Ach, Caspar!« rief Daumer schmerzlich. + +»Gestorben ist meine Mutter nicht,« sagte Caspar mit wunderlicher +Entschiedenheit. Plötzlich flammte es über sein Gesicht und er sagte +bewegt: »Vielleicht war meine Mutter hinter der Tür?« + +»Hinter welcher Tür, Caspar?« + +»Dort! im Traum ...« + +»Im Traum? Das ist doch nichts Wirkliches,« belehrte Daumer zaghaft. + +»Aber du hast doch gesagt, die Seele ist wirklich und macht den Traum --? +Ja, sie war hinter der Tür, ich weiß es; das nächste Mal will ich sie +aufmachen.« + +Daumer hoffte, das Traumwesen würde sich verlieren, doch dem war nicht +so. Dieser eine Traum, Caspar nannte ihn den Traum vom großen Haus, +wuchs immer weiter, umschlang und krönte sich mit allerlei Blüten- und +Rankenwerk gleich einer zauberhaften Pflanze. Immer wieder schritt +Caspar einen Weg entlang und immer wieder endete der Weg vor der hohen +Türe, die nicht geöffnet wurde. Einmal zitterte die Erde von Tritten, +die innen waren, die Türe schien sich zu bauschen wie ein Gewand, durch +einen Spalt über der Schwelle brach Flammengeloder, da erwachte er, und +die nicht zu vergessende Traumnot schlich durch die Stunden des Tages +mit. + +Die Gestalten wechselten. Manchmal kam statt der Frau ein Mann und +führte ihn durch die Bogenhalle. Und wie sie die Treppe hinaufgehen +wollten, kam ein andrer Mann und reichte ihm mit strengem Blick etwas +Gleißendes, das lang und schmal war und das, als Caspar es fassen +wollte, in seiner Hand zerfloß wie Sonnenstrahlen. Er trat nahe an die +Gestalt heran, auch sie ward zu Luft, doch sprach sie lautschallend ein +Wort, welches Caspar nicht zu deuten verstand. + +Daran hingen sich wieder besondere kleine Träume, Träume von unbekannten +Worten, die er im Wachen nie gehört und deren er, wenn der Traum vorüber +war, vergebens habhaft zu werden suchte. Sie hatten meist einen sanften +Klang, bezogen sich aber, so fühlte er, nie auf ihn selbst, sondern auf +das, was hinter der verschlossenen Türe vor sich ging. + +Traumboten waren es, Vögeln des Meeres gleich, die in beständiger +Wiederkehr Gegenstände eines halbversunkenen Schiffes an die ferne Küste +tragen. + +In einer Nacht lag Daumer schlaflos und hörte in Caspars Zimmer ein +dauerndes Geräusch. Er erhob sich, schlüpfte in den Schlafrock und ging +hinüber. Caspar saß im Hemde am Tisch, hatte ein Blatt Papier vor sich, +einen Bleistift in der Hand und schien geschrieben zu haben. Ein matter +Mondschein schwamm im Zimmer. Verwundert fragte Daumer, was er treibe. +Caspar richtete den bis zur Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und +antwortete leise: »Ich war im großen Haus; die Frau hat mich bis zum +Springbrunnen im Hof geführt. Sie hat mich zu einem Fenster +hinaufschauen lassen; droben ist der Mann im Mantel gestanden, sehr +schön anzuschauen, und hat etwas gesagt. Danach bin ich aufgewacht und +hab's geschrieben.« + +Daumer machte Licht, nahm das Blatt, las, warf es wieder hin, ergriff +beide Hände Caspars und rief halb bestürzt, halb erzürnt: »Aber Caspar, +das ist ja ganz unverständliches Zeug!« + +Caspar starrte auf das Papier, buchstabierte murmelnd und sagte: »Im +Traum hab' ich's verstanden.« + +Unter den sinnlosen Zeichen, die wie aus einer selbsterdachten Sprache +waren, stand am Ende das Wort: Dukatus. Caspar deutete auf das Wort und +flüsterte: »Davon bin ich aufgewacht, weil es so schön geklungen hat.« + +Daumer fand sich verpflichtet, den Bürgermeister von den Beunruhigungen +Caspars, wie er es nannte, in Kenntnis zu setzen. Was er befürchtet +hatte, geschah. Herr Binder legte der Sache eine große Wichtigkeit bei. +»Zunächst ist es geboten, dem Präsidenten Feuerbach einen möglichst +ausführlichen Bericht zu geben, denn aus diesen Träumen können +sicherlich ganz bestimmte Schlüsse gezogen werden,« sagte er. »Dann +mache ich Ihnen den Vorschlag, mit Caspar einmal in die Burg +hinaufzugehen.« + +»In die Burg? Warum das?« + +»Es ist so eine Idee von mir. Da er immer von einem Schlosse träumt, +wird ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrütteln +und uns bestimmtere Anhaltspunkte geben.« + +»Ja, glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Träume?« + +»Ganz unbedingt. Ich bin davon überzeugt, daß er bis zu seinem dritten +oder vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung gelebt hat und daß +mit dem neuen Erwachen zum Leben und zum Selbstbewußtsein die +Erinnerungen an die frühere Existenz auf dem Weg der Träume Form und +Inhalt gewinnen.« + +»Eine sehr naheliegende, sehr nüchterne Erklärung,« bemerkte Daumer +gallig. »Also der Hintergrund dieses Schicksals wäre nichts weiter als +eine gewöhnliche Räubergeschichte.« + +»Eine Räubergeschichte? Mir recht, wenn Sie es so nennen. Ich verstehe +nicht, weshalb Sie sich dagegen wehren. Soll der Jüngling aus dem Mond +heruntergefallen sein? Wollen Sie irdische Verhältnisse für ihn nicht +gelten lassen?« + +»O gewiß, gewiß!« Daumer seufzte. Dann fuhr er fort: »Ich schmeichelte +mir mit andern Hoffnungen. Das Grübeln und Verlangen nach rückwärts ist +eben das, was ich Caspar ersparen wollte. Gerade das Freie, +Freischwebende, Schicksallose war es ja, was mich so stark an ihm +ergriffen hat. Außerordentliche Umstände haben diesen Menschen mit Gaben +bedacht, wie kein andrer Sterblicher sich ihrer rühmen kann; und das +soll nun alles verkümmern, abgelenkt werden in das Gleis von +Erlebnissen, die ja an sich tragisch genug sein mögen, aber doch nichts +Ungemeines an sich haben.« + +»Ich verstehe, Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstören,« +versetzte der Bürgermeister mit etwas pedantischer Geringschätzung. +»Aber wir haben größere Pflichten gegen den Mitmenschen als gegen das +Unikum Caspar Hauser. Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein, lieber +Professor. Es erscheinen heutzutage keine Engel mehr und wo Unrecht +geschehen ist, muß Sühne sein.« + +Daumer zuckte die Achseln. »Glauben Sie denn, daß Sie damit etwas zum +Heile Caspars tun?« fragte er mit einem Ton von Fanatismus, der dem +Bürgermeister lächerlich erschien. »Nur Erdenschwere und Erdenschmutz +heften Sie ihm an. Schon jetzt erhebt sich ja ein Gezänke um ihn, daß +mir mein Anteil an seiner Sache verbittert wird. Es werden böse +Geschichten zutage kommen.« + +»Das sollen sie; wenn sie nur zutage kommen,« erwiderte Binder lebhaft. +»Im übrigen tue jeder, was seines Amtes.« + +Am nächsten Vormittag stellte sich der Bürgermeister in Daumers Wohnung +ein und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf. Herr Binder läutete an +der Pförtnerwohnung; der Pförtner kam mit einem großen Schlüsselbund und +geleitete sie hinüber. + +Als sie vor dem mächtigen zweiflügeligen Tor standen, war es, als ob +sich Caspars Gesicht plötzlich entschleiere. Er reckte sich auf, sein +Oberleib bog sich nach vorn und er stammelte: »So eine Tür, genau so +eine Tür.« + +»Was meinst du, Caspar, was schwebt dir vor?« fragte der Bürgermeister +liebevoll. + +Caspar antwortete nicht. Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer +Langsamkeit schritt er durch die Halle. Die beiden Männer ließen ihn +vorangehen. Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann. +Seine Erschütterung wuchs zusehends, als er die breite Steintreppe +hinaufstieg. Oben blickte er sich seufzend um; sein Gesicht war bleich, +die Schultern zuckten. Daumer hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn +seiner Hingenommenheit entreißen, doch wie er zu sprechen begann, sah +ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an, lispelte: »Dukatus, +Dukatus« und lauschte dabei, als wolle er dem Wort einen heimlichen Sinn +abhorchen. + +Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wänden, er +schaute durch die Flucht der offenen Säle, er stand in der Galerie und +schloß die Augen, und endlich, auf eine leise Frage des Bürgermeisters, +wandte er sich um und sagte mit erstickter Stimme, es sei ihm so, als +habe er einmal ein solches Haus gehabt, und er wisse nicht, was er davon +denken solle. + +Der Bürgermeister sah Daumer schweigend an. + +Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in +Gemeinschaft mit ihm den Bericht an den Präsidenten Feuerbach. Das +ausführliche Schreiben wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben. + +Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch überhaupt ein +Zeichen, daß der Präsident das Schriftstück erhalten habe. Der Brief +mußte verloren gegangen oder gestohlen worden sein. Baron Tucher ließ +unter der Hand und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen, +und man erfuhr wirklich, daß dieser von nichts wisse. Unruhe und +Bestürzung bemächtigte sich der drei Herren. »Sollte da ein unsichtbarer +Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel, den man mir ins Fenster geworfen +hat?« meinte Daumer ängstlich. Nachforschungen bei der Post hatten kein +Ergebnis, und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefaßt und durch +einen sicheren Boten dem Präsidenten persönlich eingehändigt. + +Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art, daß er die Sache im +Auge behalten wolle und sich aus naheliegenden Gründen einer +schriftlichen Meinungsäußerung enthalte. »Ich entnehme aus dem +Gesundheitsattest des Amtsarztes, worin bei einem sonst befriedigenden +Befund von Caspars bleicher Gesichtsfarbe die Rede ist, daß es dem +jungen Menschen an regelmäßiger Bewegung in freier Luft fehlt,« schrieb +er; »hier ist Abhilfe dringend nötig. Man lasse ihn reiten. Es ist mir +der Stallmeister von Rumpler dortselbst empfohlen worden. Hauser soll +dreimal wöchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen, die Kosten soll der +Stadtkommissär auf Rechnung setzen.« + +Vielleicht waren es die Träume, die Caspar blaß machten. Fast jede Nacht +befand er sich in dem großen Haus. Die gewölbten Hallen waren von +silbernem Licht durchflutet. Er stand vor der geschlossenen Tür und +wartete, wartete ... + +Endlich eines Nachts, die dämmernden Räume des großen Hauses dehnten +sich schweigend und leer, tauchte vom untersten Gang her eine schwebende +Gestalt auf. Caspar dachte zuerst, es sei der Mann im weißen Mantel; +aber als die Gestalt näherkam, gewahrte er, daß es eine Frau war. Weiße +Schleier umhüllten sie und flogen bei den Schultern durch den Hauch +eines unhörbaren Windes empor. Caspar blieb wie festgewurzelt stehen; +sein Herz tat ihm wehe, als hätte eine Faust danach gegriffen und es +gepackt, denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen Ausdruck des +Kummers, wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt. Je näher sie kam, +je furchtbarer schnürte sein Herz sich zusammen; ernst schritt sie +vorbei; ihre Lippen nannten seinen Namen, es war nicht der Name Caspar, +und doch wußte er, daß es sein Name war oder daß ihm allein der Name +galt. Sie hörte nicht auf, denselben Namen zu nennen, und als sie schon +wieder in weiter Ferne war und die Schleier wie weiße Flügel um ihre +Schultern flatterten, hörte er immer noch den Namen; da wußte er, daß +die Frau seine Mutter war. + +Er wachte auf, in Tränen gebadet; und als Daumer kam, stürzte er ihm +entgegen und rief: »Ich hab' sie gesehen, ich habe meine Mutter gesehen, +sie war es, sie hat mit mir gesprochen!« + +Daumer setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sieh +mal, Caspar,« sagte er nach einer Weile, »du darfst dich solchen +Wahngebilden nicht gläubig hingeben. Es bedrückt mich aufrichtig und +schon lange. Es ist, wie wenn jemand in einem Blumengarten lustwandeln +darf und, statt freudigem Genuß sich zu überlassen, die Wurzeln ausgräbt +und die Erde durchhöhlt. Versteh mich wohl, Caspar; ich will nicht, daß +du auf das Recht verzichtest, alles zu erfahren, was auf deine +Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen, das an dir verübt wurde. +Aber bedenke doch, daß Männer von reicher Erfahrung, wie der Herr +Präsident und Herr Binder, dafür am Werke sind. Du, Caspar, solltest +vorwärts schauen, dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit; im Lichte +ruht dein Dasein, dort ist das Glück. Jeder Mensch von Vernunft kann, +was er will; tu mir die Liebe und wende dich ab von den Träumen. Nicht +umsonst heißt es ja: Träume sind Schäume.« + +Caspar war bestürzt. Der Gedanke, daß in seinen Träumen keine Wahrheit +sein solle, wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten, aber zum erstenmal +war die eigne Gewißheit von einer Sache fester als die Meinung seines +Lehrers. Das zu empfinden, bereitete ihm keine Genugtuung, sondern +Bedauern. + + + + +Religion, Homöopathie, Besuch von allen Seiten + + +So war es Dezember geworden und eines Morgens fiel der erste Schnee des +verspäteten Winters. + +Caspar wurde nicht müde, dem lautlosen Herabgleiten der Flocken +zuzuschauen; er hielt sie für kleine beflügelte Tierchen, bis er die +Hand zum Fenster hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen. +Garten und Straße, Dächer und Simse glitzerten, und durch das +Flockengewühl kroch lichter Nebeldampf wie Hauch aus einem atmenden +Mund. + +»Was sagst du dazu, Caspar?« rief Frau Daumer. »Erinnerst du dich, daß +du mir nicht glauben wolltest, als ich dir einmal vom Winter erzählte? +Siehst du, wie alles weiß ist?« + +Caspar nickte, ohne einen Blick von draußen zu wenden. »Weiß ist alt,« +murmelte er, »weiß ist alt und kalt.« + +»Um elf Uhr hast du Reitstunde, Caspar, vergiß es nicht,« mahnte Daumer, +der in seine Schule ging. + +Eine überflüssige Sorge; das vergaß Caspar nicht, allzulieb war ihm +schon das Reiten geworden seit der kurzen Zeit, wo er damit begonnen. + +Er liebte Pferde, war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut. Es kam +vor, daß abendliche Schatten als schwarze Rosse vorüberstürmten, erst +am feurigen Rand des Himmels Halt machten und ihn mit zurückschauendem +Blick aufforderten, sie in die unbekannte Ferne zu geleiten. Auch im +Wind sausten Rosse, auch die Wolken waren Rosse, in den Rhythmen der +Musik hörte er das taktbemessene Traben ihrer Hufe, und wenn er in +glücklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes dachte, sah er +zuerst das Bild eines stolzen Rosses. + +Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandtheit gezeigt, die +das größte Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte. »Wie der Bursche +sitzt, wie er den Zügel hält, wie er das Tier versteht, das muß man sich +anschauen,« sagte Herr von Rumpler; »ich will hundert Jahre in der Hölle +braten, wenn das mit rechten Dingen zugeht.« Und alle, die etwas von der +Sache verstanden, redeten ähnlich. + +Ei, wie selig war Caspar beim Trab und Galopp! Dies Ziehen und Fliehen, +dies leichte Getragensein, hinaus und vorwärts, dies sanfte Auf und Ab, +das Lebendigsein auf Lebendigem! + +Wenn nur nicht die Leute so lästig gewesen wären. Beim ersten Ausritt +mit dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pöbelhaufen verfolgt +und selbst gesetzte Bürger blieben stehen und lachten erbittert vor sich +hin. »Der versteht's,« höhnten sie, »der hat sich ein Bett gemacht, so +muß man's anfangen, damit einem warm wird.« + +Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen. Der Himmel hatte sich +geklärt und die Sonne schien, als sie durch die Engelhardtsgasse ritten. +Eine Rotte von Knaben zog hinter ihnen drein und rechts und links +wurden die Fenster aufgerissen. Der Stallmeister gab seinem Tier die +Sporen und trieb Caspars Pferd mit der Peitsche an. »Man kommt sich ja, +parbleu, wie ein Zirkusreiter vor,« rief er zornig. + +Sie sprengten bis zum Jakobstor. »He! Holla!« rief da eine Stimme, und +aus einer Seitengasse kam, ebenfalls zu Pferde, Herr von Wessenig auf +sie zu. Rumpler begrüßte den Offizier und der Rittmeister gesellte sich +an Caspars Seite. + +»Prächtig, lieber Hauser, prächtig!« rief er mit übertriebener +Verwunderung, »wir reiten ja wie ein Indianerhäuptling. Und das alles +hat man erst bei den braven Nürnbergern gelernt? Nicht zu glauben.« + +Caspar hörte nicht den verfänglichen Unterton der Rede; er blickte den +Rittmeister dankbar und geschmeichelt an. + +»Aber denk dir, Hauser, was ich heute bekommen habe,« fuhr der +Rittmeister fort, den es juckte, mit Caspar einen Spaß zu haben. »Ich +hab' etwas bekommen, was dich höchlichst angeht.« + +Caspar machte ein fragendes Gesicht. Vielleicht war es der edel-ruhige +Ausdruck seiner Züge, der den Rittmeister zögern ließ. »Ja, ich hab' +etwas bekommen,« wiederholte er dann eigensinnig, »ein Brieflein hab' +ich bekommen.« Er hatte den einfältigen Ton, den die Erwachsenen +annehmen, wenn sie mit Kindern scherzen, und der lauernde Blick in +seinen Augen besagte etwa: wollen mal sehen, ob er Angst kriegt. + +»Ein Brieflein?« entgegnete Caspar, »was steht denn drinnen?« + +»Ja,« rief der Rittmeister und lachte knallend, »das möchtest du wohl +wissen? Wichtige Sachen stehen drin, wichtige Sachen!« + +»Von wem ist es denn?« fragte Caspar, dem das Herz erwartungsvoll zu +pochen anfing. + +Herr von Wessenig zeigte seine Zähne und stellte sich vor Vergnügen in +die Steigbügel. »Nun rate mal,« sagte er, »wir wollen mal sehen, ob du +raten kannst. Von wem kann das Brieflein sein?« Er zwinkerte Herrn von +Rumpler verständnisinnig zu, indes Caspar den Kopf senkte. + +Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne und eine Hoffnung +liebkoste ihn, die den kargen Tag verleugnete. Aus ihren Schleiern erhob +sich die kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen +dahin. Jäh blickte er empor und sagte mit zögernden Lippen: »Ist +vielleicht von meiner Mutter der Brief?« + +Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn, als ob es ihm bedenklich +schiene, den Schabernack zu weit zu treiben, doch entäußerte er sich +schnell der ernsten Regung, klopfte Caspar auf die Schulter und rief: +»Erraten, Teufelskerl! Erraten! Mehr sag' ich aber nicht, Freundchen, +sonst könnt' es mir übel bekommen.« Und mit dem letzten Wort setzte er +sich fester in den Sattel und sprengte davon. + +Eine Viertelstunde später kam Caspar atemlos nach Hause. Daumers saßen +schon bei Tisch, sie schauten dem Ankömmling gespannt entgegen und Anna +erhob sich unwillkürlich, als Caspar mit schweißbedeckter Stirne neben +den Sessel ihres Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte: +»Der Herr Rittmeister hat einen Brief bekommen von meiner Mutter!« + +Daumer schüttelte erstaunt den Kopf. Er versuchte Caspar begreiflich zu +machen, daß ein Mißverständnis oder eine Täuschung obwalten müsse; +Mutter und Schwester unterstützten ihn darin nach Kräften. Es war +umsonst. Caspar faltete flehentlich die Hände und bat, Daumer möge mit +ihm zu Herrn von Wessenig gehen. Dessen weigerte sich Daumer +entschieden, doch als Caspars Aufregung wuchs, erklärte er sich bereit, +allein zu Herrn von Wessenig zu gehen. Er aß schnell seinen Teller leer, +nahm Hut und Mantel und ging. + +Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach. Er wollte sich nicht zu Tisch +begeben, ehe Daumer wieder da war. Er zerknüllte das Taschentuch in der +Hand, rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte: Wenn ich dich +liebhaben soll, Sonne, mach, daß es wahr ist. So wurde es ein Uhr und +Daumer kam zurück. Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine +heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt. Herr von Wessenig hatte die +Sache zuerst humoristisch genommen, damit lief er aber bei Daumer übel +ab, dem ohnehin das hämische Gerede, das ihm täglich zugetragen wurde, +Verdruß genug erregte. Erst gestern hatte man ihm erzählt, auf einer +Assemblee bei der Magistratsrätin Behold habe sich ein angesehener +Aristokrat über ihn lustig gemacht als über den Meister somnambuler und +magnetischer Geheimkunst, der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel +unter die Füße breite, aber statt in den Äther zu entschweben, wie +jedermann erwarte, bleibe der gute Caspar gemächlich sitzen und lasse +sich ausfüttern. + +Solches nagte an Daumer und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht +gesagt, daß ihn das scheele Geschwätz der nichtstuenden eleganten Welt +gleichgültig lasse. »Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf +Verteidigung und Abwehr gefaßt gewesen, so weiß ich doch genau, daß das +erstarrte Herz von Ihnen und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag +gefühlvoller schlagen wird,« rief er aus. »Das aber kann ich fordern, +daß man den Jüngling, der unter meinem Schutz und dem des Herrn +Staatsrats steht, wenigstens mit böswilligen Scherzen verschont.« + +Sprach's und ging. Einen Freund ließ er nicht zurück. + +Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drängen wahrnehmend, sagte er mit +mühsamer Milde: »Er hat dich zum Narren gehabt, Caspar. Es ist natürlich +kein Wort wahr. Solchen Leuten mußt du auch nicht glauben.« + +»O!« machte Caspar voll Schmerz. Dann war er still. + +Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte, +entriß sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verändertem +Ton: »Der Herr Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt?« + +»Nein, er hat gelogen,« versetzte Daumer kurz. + +»Das ist schlecht von ihm, sehr schlecht,« sagte Caspar. + +Erstaunlich schien ihm zunächst die Tatsache des Lügens, erstaunlicher +noch, daß sich ein so großer Herr ihm gegenüber der Lüge schuldig +gemacht. Warum hat er das mit dem Brief gesagt, grübelte er, und +stundenlang war er damit beschäftigt, sich des Rittmeisters Worte immer +wieder von neuem vorzusagen und sich das Gesicht zurückzurufen, in +welchem, von ihm nicht gewußt, die Lüge wohnte. + +Es war da etwas nicht in Ordnung. Er sann und sann und kam zu keinem +Ende. Um sich auf andre Gedanken zu bringen, schlug er die Rechenfibel +auf und ging an sein Tagespensum. Als auch dies nichts half, nahm er die +Glasharmonika, die ihm eine Dame aus Bamberg geschenkt, und übte sich +eine halbe Stunde lang in den simpeln Melodien, die er darauf zu spielen +erlernt hatte. + +Plötzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel. Starr blickte er sein +eignes Gesicht an: er wollte sehen, ob Lüge darin sei. Trotz der +Beklommenheit, die er dabei empfand, reizte es ihn, einmal selber zu +lügen, nur um zu prüfen, wie nachher sein Gesicht aussehen würde. +Ängstlich schaute er sich um, blickte dann wieder in den Spiegel und +sagte leis: »Es schneit.« + +Er hielt das für eine Lüge, weil ja die Sonne schien. + +Nichts hatte sich in seinem Gesicht verändert: man konnte also lügen, +ohne daß es jemand bemerkte. Er hatte geglaubt, die Sonne würde sich +verfinstern oder verstecken, aber sie schien ruhig weiter. + +Am Abend kam Daumer mit einem neuen Ärger nach Hause. Von der Mutter +gefragt, was es denn schon wieder gebe, zog er ein kleines +Zeitungsblättchen aus der Tasche und warf es auf den Tisch. Es war der +»Katholische Wochenschatz«; auf der ersten Seite stand eine Epistel über +Caspar Hauser, die mit den fettgedruckten Lettern begann: Warum läßt man +den Nürnberger Findling nicht der Segnungen der Religion teilhaftig +werden? + +»Ja, warum läßt man denn nicht?« spottete Anna. + +»Und das wagt man in einer protestantischen Stadt,« sagte Daumer mit +finsterem Gesicht. »Wenn diese Herren nur wüßten, was für eine unmäßige +Furcht der Jüngling vor ihren Geistlichen hat. Während er noch auf dem +Turm war, sind eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen. +Glaubt ihr vielleicht, sie hätten zu seinem Herzen geredet oder seine +Andacht zu wecken gesucht? Weit gefehlt. Sie schwatzten vom Zorn Gottes +und von der Vergeltung der Sünden, und als er immer furchtsamer +dreinsah, fingen sie an zu wettern und zu drohen, als ob der arme Mensch +am nächsten Tag zum Galgen geführt werden sollte. Zufällig kam ich dazu +und forderte sie höflich auf, ihre Bemühungen einzustellen.« + +Da Caspar ins Zimmer trat, wurde das Gespräch abgebrochen. + +Aber der Appell des »Katholischen Wochenschatzes« verhallte nicht +ungehört. »Mit der Religion ist nicht zu spaßen,« sagten die Herren auf +dem Magistrat, und einer drückte sogar den Zweifel aus, ob der Jüngling +überhaupt getauft sei. Darüber ward eine Weile hin und her debattiert, +doch ließ man die Frage schließlich fallen und die Taufe ward als +selbstverständlich angenommen, da man ja unter Christen in einem +christlichen Lande lebe und der Jüngling auf keinen Fall aus der Tatarei +kommen könne. + +Nicht so leicht war die Entscheidung über die katholische oder +evangelische Konfession. Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht +besaßen, mußte man doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms +entreißen, anderseits war man zu zaghaft für ein rauhes Zugreifen, weil +es möglich war, daß eine einflußreiche Person über kurz oder lang ein +Anrecht andrer Art geltend machen konnte. + +Der Bürgermeister wandte sich an Daumer und verlangte, Caspar solle +einen Religionslehrer erhalten, man überlasse es Daumer, einen +vertrauenswürdigen Mann zu bestimmen. »Wie wäre es mit dem Kandidaten +Regulein?« meinte Binder. + +»Ich habe nichts dagegen,« erwiderte Daumer gleichgültig. Der Kandidat +wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und genoß den Ruf eines +soliden und fleißigen Mannes. + +»Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin,« sagte der +Bürgermeister, »so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen +zuwider, und ich wünschte nicht, daß unser Caspar in ein ehrfurchtsloses +Weltwesen gerät. Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen.« + +Aha, ein Stich, dachte Daumer stillergrimmt, man beleidigt, verdächtigt +mich schon wieder, ich bin niemand bequem, sehr ehrenwert, ihr Herren, +sehr ehrenwert. Laut antwortete er: »Gewiß nicht. Ich habe es auch nicht +fehlen lassen, in meiner Art auf ihn zu wirken. Und meine Art mag sein, +wie sie will, sie ist nicht schlechter als jede andre. Leider haben mir +allerhand Unberufene beständig hineingepfuscht. So war es mir in der +ersten Zeit mit großer Mühe gelungen, den starren Eigensinn seines +Schauens zu brechen und ihm einen Begriff von dem allmächtigen Trieb des +Wachstums in der Natur zu geben. Kommt da ein Frauenzimmer an, während +Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem unschuldigen Staunen +die über Nacht aufgesproßten Schößlinge betrachtet. Nun, Caspar, fragt +sie einfältig, wer hat denn das wachsen lassen? Es ist von selbst +gewachsen, erwidert er stolz. Aber, Caspar, ruft jene, es muß doch +jemand sein, der es hat wachsen lassen? Er würdigte sie keiner Antwort +mehr, aber die wohlwollende Dame ging hin und erzählte überall, Caspar +werde zum Atheisten gemacht. Da hat man eben einen schweren Stand.« + +»Es handelt sich doch am Ende nur darum, ihm das Gefühl einer höheren +Verpflichtung einzuimpfen,« sagte Binder. + +»Die hat er, die hat er, aber sein Verstand anerkennt eben in seinen +Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein,« fuhr +Daumer leidenschaftlich fort. »Gestern abend besuchten ihn zwei +protestantische Geistliche, der eine aus Fürth, der andre aus Farnbach, +der eine dick, der andre mager, alle beide eifrig wie kleine Paulusse. +Sie machten mir erst allerlei Elogen, ich lasse sie zu Caspar hinein, +und ehe man drei zählen kann, fangen sie eine Disputation mit ihm an. +Ach, es war komisch, es war höchst komisch. Es kam die Rede auf die +Erschaffung der Welt, und der Dicke aus Fürth sagte, Gott habe die Welt +aus dem Nichts geschaffen. Und als nun Caspar wissen wollte, wie das +zugegangen, stibitzten sie ihm die Erklärung vor der Nase weg, indem sie +alle zwei händefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden, der +bei seinem Götzen schwört. Endlich beruhigten sie sich, und da sagte +mein guter Caspar zutulich, wenn er etwas machen wolle, müsse er doch +etwas haben, woraus er es mache, sie möchten ihm doch sagen, wie das bei +Gott möglich sei. Da schwiegen sie eine Weile, flüsterten +untereinander, und endlich antwortete der Magere, bei Gott sei alles +möglich, weil er nicht ein Mensch sei, sondern ein Geist. Da lächelte +mich Caspar an, denn er dachte, sie wollten sich über ihn lustig machen, +und er stellte sich, als glaube er ihnen, was die beste Manier war, um +sie loszuwerden.« + +Der Bürgermeister schüttelte mißbilligend den Kopf. Daumers Sarkasmus +gefiel ihm ganz und gar nicht. »Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von +Gott als die, die sich so mühelos verspotten läßt,« wandte er ruhig ein. + +»Eine gedachtere Ansicht? Ohne Zweifel. Vergessen Sie nur nicht, daß die +der gemeinen durch und durch widerspricht. Und wenn ich sie ihm +beizubringen suche, setze ich mich Vorwürfen und Mißkennungen aus. +Nächstes Jahr soll er in die öffentliche Schule gehen, für einen +Menschen von wenigstens achtzehn Jahren ohnedies eine Schwierigkeit, da +würden nun _meine_ Lehren wieder zunichte gemacht und die Folge ist +Konfusion. Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise ihn mit +bequemen Antworten ab. Neulich konnte er eingetretener Augenschwäche +halber nicht arbeiten, und er fragte mich, ob er von Gott etwas erbitten +dürfe und ob er es dann erhalten werde. Ich sagte, zu bitten sei ihm +gestattet, doch müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er die +Bitte gewähren wolle oder nicht. Er entgegnete, er wolle die Genesung +seiner Augen erbitten und dawider könne ja Gott nichts einzuwenden +haben, denn er gebrauche die Augen, um seine Zeit nicht in unnützen +Gesprächen und Spielereien vergeuden zu müssen. Ich sagte darauf, Gott +habe bisweilen unerforschliche Gründe, etwas zu versagen, wovon wir +glaubten, daß es heilsam wäre, er wolle uns oft durch Leiden prüfen, in +Geduld und Ergebung üben. Da ließ er traurig den Kopf hängen. Gewiß +dachte er, ich sei auch nicht besser als die Frommen, deren Gründe er +nur für Ausreden nimmt.« + +»Was ist jedoch zu tun?« fragte der Bürgermeister mit sorgenvoller +Stirn. »Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens muß die Fähigkeit zum +Guten verkümmern.« + +»Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum,« versetzte Daumer unwillig. +»Gott ist kein Bewohner des Himmels, er haust nur in unsrer Brust. Der +reiche Geist birgt ihn im umfassenden Gefühl, der arme wird durch die +Not des Lebens seiner gewahr und nennt es Glauben; er könnte es auch +Angst nennen. In Schönheit und Freude gestaltet sich der wahre Gott, im +Schaffen. Was Sie Zweifel und Leugnen heißen, ist das aufrichtige Zagen +der ihrer selbst noch ungewissen Seele. Man gebe der Pflanze so viel +Sonne, wie sie braucht, und sie besitzt einen Gott.« + +»Das ist Philosophie,« erwiderte Binder, »und zudem Philosophie, die +einem Alltagsmenschen wie mir frivol klingen muß. Jeder Bauer hat für +seine Ernte mit Sturm und Unwetter zu rechnen, und nur ein überheblicher +Mensch kann sich einfallen lassen, von selber etwas zu gelten. Doch +genug davon. Waren Sie eigentlich mit Caspar schon einmal in der +Kirche?« + +»Nein, ich habe das bis jetzt vermieden.« + +»Morgen ist Sonntag. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn ich ihn +zum Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme?« + +»Nicht im geringsten.« + +»Gut, ich werde ihn um neun Uhr abholen.« + +Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch +versprochen hatte, so wurde er darin sehr enttäuscht. Als Caspar die +Kirche betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm, +fragte er, warum der Mann schimpfe. Die Kruzifixe erregten seinen +tiefsten Schauder, weil er die angenagelten Christusbilder für +gemarterte lebendige Menschen hielt. Beständig schaute er, beständig +verwunderte er sich, das Spiel der Orgel und der Gesang des Chors +betäubten sein empfindliches Ohr dermaßen, daß er die Harmonie der +Klänge gar nicht spürte, und zum Schluß brachte ihn die Ausdünstung der +Menschenmenge einer Ohnmacht nahe. + +Der Bürgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein, doch ließ er nicht ab, +auf einen regelmäßigen Besuch der Kirche zu dringen, obwohl sich Caspar +jedesmal hartnäckig dagegen sträubte. Wenn der Kandidat Regulein Herrn +Binder seine Not klagte, erwiderte dieser: »Nur Geduld, die Gewohnheit +wird ihn schon zur Andacht nötigen.« -- »Ich glaube nicht,« versetzte der +Kandidat darauf mutlos, »gebärdet er sich doch, als ob er sein Leben +lassen sollte, wenn ich ihn zum Kirchgang auffordere.« -- »Macht nichts, +es ist Ihr Beruf, seinen Widerstand zu brechen,« lautete der Bescheid. + +Der gute, hilflose Kandidat Regulein! Ein junges Männlein, das nie jung +gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dünner Beschaffenheit +war wie seine Beine. Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden, +die er Caspar erteilen mußte, und sooft ihn eine Frage in Verlegenheit +setzte, was gar nicht selten geschah, verschob er die Auskunft auf das +nächste Mal, wobei er sich vornahm, in gewissen Büchern nachzuschlagen, +um nicht gegen die Theologie zu verfehlen. Caspar wartete treuherzig, +aber in der folgenden Stunde kam nichts oder wenig. Der Kandidat, der im +stillen hoffte, sein Schüler habe vergessen, erschrak und wich aus. Das +half nicht; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus einer Verschanzung in +die andre, bis das verzweifelte Argument aufgestellt werden mußte, es +sei unrecht, über dunkle Gegenstände des Glaubens zu forschen. + +Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter, daß er keine Aufschlüsse +erhalte. Daumer fragte, was er zu wissen begehrt habe. Er hatte zu +wissen verlangt, warum Gott nicht mehr wie in früheren Zeiten zu den +Menschen herabkomme, um sie über so vieles, was verborgen sei, zu +belehren. »Ja sieh mal, Caspar,« sagte Daumer, »es gibt Geheimnisse in +der Welt, die sich eben beim besten Willen nicht verstehen lassen. Da +muß man Vertrauen haben, daß Gott eines Tages unser Herz darüber +erleuchtet. Wir alle wissen ja auch nicht, woher du kommst und wer du +bist, und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und Allwissenheit +Gottes, daß er uns eines Tages darüber Aufschluß gewährt.« + +»Aber Gott hat doch nichts damit zu tun, daß ich im Kerker war,« +erwiderte Caspar sanft, »das haben doch die Menschen getan.« Und ratlos +setzte er hinzu: »So ist's eben. Das eine Mal sagt der Kandidat, Gott +lasse den Menschen ihren freien Willen, das andre Mal sagt er, Gott +strafe sie für ihre bösen Handlungen. Da werd' ich ganz zum Narren.« + +Diese Unterhaltung fand an einem stürmischen Nachmittag Ende März statt +und Daumer geriet durch sie in eine so trübe Stimmung, daß er eine +angefangene schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte. Man raubt +ihn mir, man bricht ihn mir zu Stücken, dachte er. Voll Traurigkeit nahm +er ein dickes Heft zur Hand, das seine Aufzeichnungen über Caspar +enthielt, und blätterte drin herum. Er schrak zusammen, als seine +Schwester ziemlich hastig eintrat, noch mit Pelzkappe und Umhang, wie +sie von der Straße kam. Ihr Gesicht verriet Aufregung, und sie wandte +sich mit der schnell hervorgestoßenen Frage an Daumer: »Weißt du schon, +was man in der Stadt spricht?« + +»Nun?« + +»Man erzählt sich, Caspar Hauser sei von fürstlicher Abkunft, ein +beiseitegeschaffter Prinz.« + +Daumer lachte gezwungen. »Das fehlte noch,« entgegnete er abschätzig. +»Was denn noch alles!« + +»Du glaubst nicht daran? Das hab' ich mir gleich gedacht. Aber woher +mögen solche Gerüchte stammen? Irgend etwas muß doch dahinter sein.« + +»Gar nichts muß dahinter sein. Sie schwatzen eben. Laß sie schwatzen.« + +Eine halbe Stunde später erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors +Wurm aus Ansbach. Es war dies ein kleiner, etwas verwachsener Mann, der +nie lächelte; es hieß von ihm, daß er sehr befreundet mit Herrn von +Feuerbach und die rechte Hand des Regierungspräsidenten Mieg sei. Von +ersterem bestellte er Grüße an Daumer und sagte, der Staatsrat werde in +allernächster Zeit nach Nürnberg kommen, er beschäftige sich +angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers. + +Nach einem kurzen, wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der +Archivdirektor plötzlich in die Rocktasche, brachte ein kleines +broschiertes Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer. Dieser +nahm es und las den Titel: »Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein +Betrüger. Vom Polizeirat Merker in Berlin.« + +Daumer besah das Büchlein mit feindseligen Augen und sagte matt: »Das +ist deutlich. Was will der Mann? Was ficht ihn an?« + +»Es ist ein gehässiges Pamphlet, tritt aber höchst plausibel auf,« +erwiderte der Archivdirektor. »Es sind da mit Fleiß und Geschick alle +Verdachtsgründe, die schon längst in mißtrauischen Gemütern spuken, +gegen den Findling zusammengetragen. Der Verfasser prüft alle Angaben +Caspars auf ihre Verdächtigkeit hin, auch gibt er Beispiele aus der +Vergangenheit, wo ähnliche Lügenkünste, wie er sich ausdrückt, zu +verspäteter Enthüllung gelangt sind. Sie, lieber Professor, und Ihre +hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg.« + +»Natürlich; kann ich mir denken,« murmelte Daumer, und mit der flachen +Hand auf das Buch schlagend, rief er aus: »Nicht unwahrscheinlich ein +Betrüger! Da sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und +wagt es, wagt es --! Himmelschreiend! Man sollte ihm diesen nicht +unwahrscheinlichen Betrüger vorführen, man sollte ihn zwingen, dem +Engelsblick standzuhalten, ach, schändlich! Der einzige Trost dabei ist, +daß doch niemand das Zeug lesen wird.« + +»Sie irren sich,« versetzte der Archivdirektor ruhig, »das Heft findet +reißenden Absatz.« + +»Nun gut, ich werde es lesen,« sagte Daumer, »ich werde damit zum +Redaktor Pfisterle von der 'Morgenpost' gehen, der ist der richtige +Mann, um dem famosen Polizeirat Widerpart zu halten.« + +Der Archivdirektor maß den aufgeregten Daumer mit einem +gleichgültig-schnellen Blick. »Ich möchte eine solche Maßregel nicht +ohne weiters gutheißen,« bemerkte er diplomatisch; »ich glaube auch im +Sinn des Herrn von Feuerbach zu sprechen, wenn ich Ihnen davon abrate. +Wozu das Zeitungsgeschreibe? Was soll es nützen? Man muß handeln, in +aller Vorsicht und Stille handeln, das ist es.« + +»In aller Vorsicht und Stille? Was wollen Sie damit sagen?« fragte +Daumer ängstlich und argwöhnisch. + +Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden. Dann erhob +er sich, sagte, er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen, um Caspar +zu sehen, und reichte Daumer die Hand. Als er schon auf der Treppe war, +eilte ihm Daumer nach und fragte, ob es ihn nicht störe, wenn er morgen +fremde Leute hier im Hause treffe, es hätten sich einige Herrschaften zu +Besuch angesagt. Der Archivdirektor verneinte. + +Es gehörte zu den Charaktereigentümlichkeiten Daumers, daß er sich in +einmal gefaßte Ideen bis zur offensichtlichen Schädlichkeit verrannte. +Trotz der Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich, kaum daß er +das Buch des Berliner Polizeirats gelesen hatte, was weniger denn eine +Stunde Zeit brauchte, voll Erbitterung in die Redaktion der +'Morgenpost'. Der Redaktor Pfisterle war ein hitziges Blut; wie der +Geier aufs Aas stürzte er sich auf diese Gelegenheit, seine immer in +Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen. Er wollte Material haben, +und Daumer bestellte ihn für den Mittag des folgenden Tages zu sich in +die Wohnung. + +Am Abend herrschte eine sonderbar schwüle Luft im Daumerschen Haus. +Während des Nachtessens wurde wenig geredet, und Caspar, der von all +dem, was rings um ihn vorging, nicht im mindesten etwas ahnte, war +verwundert über manchen prüfenden Blick oder über das düstere Schweigen +auf eine herzliche Frage. Er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen +noch ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen; das tat er auch heute, +und es geschah nun, daß sein Blick, als er das Buch aufgemacht, auf eine +bestimmte Stelle fiel, die ihn veranlaßte, entzückt in die Hände zu +schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen. Daumer fragte, was es +gebe; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief: »Sehen Sie +nur, Herr Professor!« Seit einiger Zeit hatte er aufgehört, Daumer zu +duzen, und zwar ganz von selbst und eigentümlicherweise fast an +demselben Tag, an welchem er zum ersten Male Fleisch genossen und danach +krank geworden war. + +Daumer blickte ins Buch. Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten: +»Die Sonne bringt es an den Tag.« + +»Was gibt's dabei zu staunen?« fragte Anna, die über die Schulter des +Bruders gleichfalls in das Buch schaute. + +»Wie schön, wie schön!« rief Caspar aus. »Die Sonne bringt es an den +Tag. Das ist wunderschön.« + +Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefühle in die Augen. + +»Überhaupt ist es schön, wenn man so liest: die Sonne!« fuhr Caspar +fort. »Die Sonne! Das hallt so.« + +Als er gute Nacht gewünscht hatte, sagte Frau Daumer: »Man _muß_ ihn +doch lieb haben. Es wird einem ordentlich wohl, wenn man ihn in seiner +artigen Geschäftigkeit beobachtet. Wie ein Tierchen webt er für sich +hin, niemals langweilt er sich, nie fällt er durch Launen zur Last.« + +Wie verabredet, kam Pfisterle am nächsten Tag kurz nach Tisch, blieb +jedoch über Gebühr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen +Andeutungen Daumers, der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten +Gäste losgeworden wäre. Als diese um drei Uhr erschienen, saß er noch +immer auf seinem Fleck und blieb auch da. Wahrscheinlich hatte es seine +Neugierde gereizt, daß ihm Daumer den Namen einer der drei Personen +mitgeteilt hatte; es war dies ein damals vielgelesener Schriftsteller +aus dem Norden des Reichs. Die andern beiden waren eine holsteinische +Baronin und ein Leipziger Professor, der auf einer Romreise begriffen +war; ein Unternehmen, welches zu jener Zeit, wenigstens in Nürnberg, +einem Mann den Nimbus eines kühnen Forschers verlieh. + +Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswürdig, und nachdem er +Caspar herbeigeholt hatte, zündete er trotz der frühen Stunde die Lampe +an, denn der Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern. Der +Leipziger Professor zog Caspar in eine Unterhaltung, aber er sprach mit +ihm wie von Turmeshöhe herunter. Auch ließ er keinen Blick von ihm, und +die gelblichen Augen hinter den kreisrunden Brillengläsern schimmerten +bisweilen boshaft. Währenddem kamen noch Herr von Tucher und der +Archivdirektor, ließen sich den Fremden vorstellen und nahmen auf dem +Sofa Platz. + +»In deinem Kerker war es also immer dunkel?« fragte der Romfahrer und +strich langsam seinen Bart. + +Caspar antwortete geduldig: »Dunkel, sehr dunkel.« + +Der Schriftsteller lachte, worauf ihm der Professor vielsagend mit dem +Kopf zunickte. + +»Haben Sie den Unsinn gehört, der hier in der Stadt über seine +fürstliche Abkunft geredet wird?« ließ sich jetzt die holsteinische +Baronin hören, deren Stimme wie aus einem Kellerloch kam. + +Der Professor nickte wieder und sagte: »In der Tat, es werden hier +starke Zumutungen an die Leichtgläubigkeit des Publikums gestellt.« + +Eine Zeitlang schwiegen alle, wie von einem Schuß erschreckt. Endlich +entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Höflichkeit eines +schlechten Komödianten: »Was veranlaßt Sie, meine Ehre zu beschimpfen?« + +»Was mich veranlaßt?« prasselte der cholerische Herr auf. »Diese +Gaukelfuhr veranlaßt mich dazu. Der Umstand, daß man ein ganzes Land +skrupellos mit einem albernen Märchen füttert. Muß denn der gute +Deutsche immer wieder das Opfer von Abenteurern #à la# Cagliostro +werden? Es ist eine Schmach.« + +Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so +unverhohlener Geringschätzung ins Gesicht, daß dieser plötzlich schwieg. + +»Wir sind natürlich überzeugt,« mischte sich der Schriftsteller, ein +klapperdürrer Herr mit kahlem Schädel, vermittelnd ein, »daß Sie, Herr +Daumer, im besten Glauben handeln. Sie sind Opfer, wie wir alle.« + +Jetzt konnte sich Pfisterle, den die Wut förmlich aufgeschwellt hatte, +nicht länger halten. Mit geballten Fäusten sprang er vom Stuhl empor und +schrie: »Ja, zum Teufel, warum sollen wir uns denn das gefallen lassen? +Da kommen sie her, niemand hat sie gerufen, kommen her, um dagewesen zu +sein und mitreden zu können, haben von Anfang an alles besser gewußt, +und wenn sie blind wie die Maulwürfe sind, werfen sie sich noch stolz in +die Brust und rufen: Wir sehen nichts, also ist nichts da. Warum soll +denn das ein Unsinn sein, geehrte Dame, was man von seiner Abstammung +erzählt? Warum denn, bitte? Leugnen Sie etwa, daß hinter den Mauern, wo +unsre Großen wohnen, sich Dinge ereignen, die das Tageslicht zu scheuen +haben? Daß dort die Verträge des Bluts für nichts geachtet und +Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wenn der Vorteil eines +Einzelnen es erheischt? Soll ich mit Tatsachen dienen? Sie können es +nicht leugnen. Bei uns wenigstens sind die paar Dutzend Männer noch +nicht vergessen, die ihre mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen +und mit brennenden Fackeln in die Lügendämmerung der Paläste geleuchtet +haben.« + +»Genug, genug!« unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann. +»Mäßigen Sie sich, Herr!« + +»Ein Demagoge!« sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen +auf. Der Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und kühlen Blick +auf Daumer, der den Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen +hatte. Als er emporschaute, blieb sein Auge mit gerührtem Ausdruck auf +Caspar ruhen, der frei und arglos dastand, den lächelnden klaren Blick +von einem zum andern gleiten ließ, nicht als ob von ihm gesprochen würde +und er daran teilhätte, sondern als ob das bewegte Spiel der Mienen und +Gebärden lediglich seine Schaulust erwecke. In der Tat verstand er kaum, +wovon die Rede war. + +Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch +einmal, an Pfisterle vorübersprechend, gegen Daumer. »Was ist denn +bewiesen von den Mutmaßungen törichter Köpfe?« fragte er gellend. +»Nichts ist bewiesen. Fest steht nur, daß aus irgendeinem +gottverlassenen Dorf in den fränkischen Wäldern sich ein Bauerntölpel in +die Stadt verirrt, daß er nicht ordentlich sprechen kann, daß ihm alle +Werke der Kultur unbekannt sind, das Neue neu, das Fremde fremd +erscheint. Und darüber geraten einige kurzsichtige, sonst ganz wackere +Männer außer sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen +Landstreichers für bare Münze. Wunderliche Verschrobenheit!« + +»Ganz wie der Polizeirat Merker,« konnte sich der Archivdirektor nicht +enthalten zu bemerken. Auch Pfisterle wollte dawiderreden, wurde aber +durch eine energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen +gebracht. + +Plötzlich wurde von der Straße draußen das Rollen einer Kutsche hörbar. +Direktor Wurm ging zum Fenster, und nachdem der Wagen vor dem Haus +gehalten hatte, sagte er: »Der Staatsrat kommt.« + +»Wie?« entgegnete Daumer rasch. »Herr von Feuerbach?« + +»Ja, Herr von Feuerbach.« + +In seiner Benommenheit versäumte Daumer die Pflicht des Hausherrn, und +als er sich aufraffte, um den Präsidenten zu empfangen, stand dieser +schon auf der Schwelle. Mit seinem Imperatorenblick überflog er die +Gesichter aller Anwesenden, und als er den Archivdirektor gewahrte, +sagte er lebhaft: »Gut, daß ich Sie treffe, lieber Wurm, ich habe etwas +mit Ihnen zu sprechen.« + +Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes, und außer einem +kleinen Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei +Schmuck an ihm zu sehen. Die außerordentlich stolze Haltung des +gedrungenen, massigen Körpers und das steif Aufrechte, soldatisch +Gebietende seines stets etwas zurückgeworfenen Hauptes erweckten +ehrfurchtsvolle Scheu; sein Gesicht, auf den ersten Anblick dem eines +verdrießlichen alten Fuhrmanns ähnlich, wurde durch die dunkelglühenden +Augen, in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag, und durch die +festgeschlossenen, kühngebogenen Lippen geadelt. + +Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der viel Zeit hat. Trotz der +Würde, die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte, hatte sein +Auftreten etwas Heftiges, und in der Art, wie er die im Zimmer +Versammelten begrüßte, war Förmlichkeit und Strenge enthalten. Es wirkte +darum erschreckend auf alle, als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und +ihm von selbst die Hand hinstreckte, die Feuerbach auch ergriff, ja +sogar eine Zeitlang in der seinen behielt. + +Caspar war es wunderlich wohl geworden, seit der Präsident eingetreten +war. Er hatte oft an ihn gedacht, seit er mit ihm auf dem Gefängnisturm +gesprochen hatte, und seit dem ersten Händedruck liebte er besonders die +Hand des Präsidenten, eine warme, harte, trockene Hand, die sich +wohlverschloß beim Gruß, als ob sie glaubwürdige Versprechungen gäbe, +und die eigne Hand ruhte dabei so sicher in ihr wie der müde Körper +abends im Bett. + +Daumer geleitete den Präsidenten und den Direktor Wurm in sein +Studierzimmer und kehrte dann zurück. Die fremden Gäste schickten sich +an zu gehen, sie hatten durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von +ihrer überlegenen Haltung verloren. Caspar wollte der Dame in den Mantel +helfen, doch sie machte eine abwehrende Geste und folgte eilig ihren +Begleitern. Herr von Tucher und Pfisterle entfernten sich ebenfalls. + +Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe, um +seine lateinische Arbeit anzufertigen, da kamen der Präsident und +Direktor Wurm wieder ins Zimmer. Feuerbach ging auf Caspar zu, legte die +Hand auf sein Haar, bog den Kopf des Jünglings leicht zurück, so daß der +Lampenschein voll in Caspars Gesicht fiel, betrachtete seltsam lange und +mit bohrender Aufmerksamkeit das seinem Blick stillhaltende Antlitz und +murmelte endlich, gegen Wurm gewendet, tief atmend: »Keine Täuschung. Es +sind dieselben Züge.« + +Der Archivdirektor nickte stumm. + +»Das und die Träume ... zwei wichtige Indizien,« sagte der Präsident +mit dem gleichen Ton von Vertieftheit. Er schritt zum Fenster, die Hände +auf dem Rücken, und sah eine Weile hinaus. Darauf wandte er sich zu +Daumer und fragte unvermittelt, wie es mit Caspars Ernährung stehe. + +Daumer erwiderte, er habe in letzter Zeit versucht, ihn an Fleischkost +zu gewöhnen. »Zuerst hat er sich sehr gewehrt, auch hat es den Anschein +nicht, als ob die veränderte Diät ihm sehr zuträglich sei. Es ist sogar +zu befürchten, daß sie seine inneren Kräfte wesentlich vermindert. Er +wird zusehends stumpfer.« + +Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar. Daumer verstand +den Wink und forderte Caspar auf, zu den Frauen hinüberzugehen. Er +wartete nicht ab, bis der Jüngling das Zimmer verlassen hatte, sondern +fuhr mit beklommenem Eifer fort: »An demselben Tag, wo Caspar zum +erstenmal Fleisch genoß, schnappte der Hund unsers Nachbars, der ihm bis +dahin höchst zugetan war, nach ihm und bellte ihn wütend an. Das war mir +eine wunderbare Lehre.« + +Der Präsident entgegnete finster: »Dem mag sein, wie ihm wolle. Aber ich +mißbillige die zahllosen Experimente, die Sie mit dem jungen Menschen +vornehmen. Wozu das alles? Wozu magnetische und andre Kuren? Man +berichtet mir, daß Sie gegen gewisse krankhafte Zustände homöopathische +Heilmittel anwenden. Wozu? Das muß einen so zarten Organismus aufreiben. +Die Jugend ist es, die die Krankheiten heilt.« + +»Ich bin erstaunt, daß Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben,« +versetzte Daumer kalt und demütig. »Der menschliche Körper wird oft von +vorübergehenden Leiden befallen, denen auf homöopathischem Weg am besten +beizukommen ist. Erst vorigen Montag hat, wie ich bestimmt versichern +kann, eine kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt. Kennen Eure Exzellenz +nicht den schönen, alten Spruch: + + Ein kluger Arzt, der nimmt da seine Hilfe her, von wo der Schaden kömmt, + Löst Salzsucht auf durch Salz, löscht Feuer aus durch Flammen. + Ihr Kinder der Natur, ihr zieht die Kunst zusammen, + Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig.« + +Feuerbach mußte unwillkürlich lächeln. »Mag sein, mag sein,« polterte +er, »aber damit ist nichts bewiesen, und wenn auch, so trifft es die +Sache nicht.« + +»Meine Sache steht auch nicht darauf.« + +»Um so besser. Vergessen Sie nicht, daß hier ein Recht durchzusetzen +ist, das Recht eines Lebens. Ist es nötig, deutlicher zu sein? Ich +glaube kaum. Gar bald, ich hoffe es, wird das Dunkel sich lüften, das +über den rätselhaften Menschen gebreitet ist, und der Dank, den ich und +andre Ihnen schon jetzt schulden, lieber Daumer, wird nicht durch ein +Mißvergnügen geschmälert sein, das sich an Ihre vielleicht schädlichen +Irrtümer heften muß.« + +Das klang feierlich. + +Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben, dachte Daumer erbittert, als +der Präsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten; was ist mir +doch in den Kopf gefahren, daß ich die Sache des heimatlosen Findlings +zu meiner eignen machen mußte? Wär' ich nur bei meinem Leisten +geblieben, in meiner Einsamkeit. + +Es geht mich wenig an, was sie da über sein Schicksal fabeln, fuhr er +in seinen verdrossenen Überlegungen fort; allerdings, der Ton des +Präsidenten läßt auf etwas Ungewöhnliches schließen; das seltsame Gerede +über Caspars Herkunft, sollte es wirklich einen Bezug haben? Gleichviel, +was wäre das mir? Ob eines Bauern, ob eines Fürsten Sohn, was würde es +besagen? Freilich, wenn so ein hoher Herr einem in den Weg läuft, gibt +man sich als beflissenen Diener; verbriefter Adel und erlauchte +Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Bürgers. Doch ein andres +ist das Leben und ein andres die Idee; ein andres, den Mächtigen zu +willfahren, weil es zwecklos ist, ihnen zu trotzen, und ein andres, +ihrer zu vergessen, eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung +der Philosophie. Zwischeninne führt die Grenze, die den Menschen aus +Staub von dem Menschen aus Geist trennt. Sollte ich in meinem Optimismus +zu weit gegangen sein, wenn ich in Caspar den Menschen aus Geist sah? +Noch steht es zu bezweifeln. + +Ein Gedankengang, der nicht frei von ahnungsvoller Betrübnis war. + + + + +Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe + + +Der Präsident blieb länger als eine Woche in der Stadt. Während dieser +Zeit kam er entweder ins Daumersche Haus, um Caspar zu sprechen, oder er +ließ den Jüngling zu sich in den Gasthof rufen. Feuerbach liebte nicht +Zeugen seines Zusammenseins mit Caspar. Seit er an einem der ersten +Tage mit ihm durch die Straßen gegangen war (wo der früh gealterte, doch +mächtig anzuschauende Mann neben dem zarten, ein wenig gebückt gehenden +jungen Menschen allenthalben Aufsehen erregt hatte) und an einer Ecke, +an der die beiden vorüber mußten, ein Kerl wie aus der Erde gewachsen +plötzlich neben ihnen hergeschlichen war, verzichtete der Präsident +darauf, sich mit seinem Schützling öffentlich zu zeigen. + +Seine Gespräche mit Caspar, so geschickt sie auch eine +Beziehungslosigkeit bisweilen vortäuschen mochten, verfolgten natürlich +einen ganz bestimmten Zweck. Caspar, der davon wenig merkte, teilte sich +seinem hohen Gönner ohne Befangenheit mit, und durch sein unschuldiges +Geplauder wurde Feuerbachs Herz oft sonderbar bewegt, so daß er, dem +Wort und Sprache in Fülle gegeben waren, sich nicht selten zum Schweigen +verurteilt fand. Ja, er verlor an Sicherheit; »Caspars Blick gleicht dem +Glanz eines morgendlich reinen Himmels, bevor die Sonne aufgeht,« +schrieb er an eine altvertraute Freundin, »und manchmal ist mir unter +diesem Blick zumute, als hielte der rasend dahinstürmende +Schicksalswagen zum ersten Male still; die ganze Vergangenheit steht +auf, erlittene Willkür und der Trug des Rechts, die Kränkungen des +Neides und manche Tat, deren Früchte faul und ekel am Wege liegen. Dazu +kommt, daß ich in betreff seiner unbekannten Herkunft auf einer Spur +bin, die mich, ich fürchte sehr, an den Rand eines verderblichen +Abgrunds führt, wo es gilt, sich den Göttern zu vertrauen, denn Menschen +werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein.« + +Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine +Stunde vor Abend zum Ausgehen an, da der Präsident ihn zu sich bestellt +hatte. Er trat ins Wohnzimmer, um zu sagen, daß er gehe, und fand Anna +Daumer allein. Sie saß am Fenster und las gerade das Büchlein des +Polizeirats Merker. Kaum daß Caspar die Tür geöffnet, versteckte sie das +Heft rasch und erschreckt unter der Schürze. »Was lesen Sie denn da und +warum verbergen Sie es denn?« fragte Caspar lächelnd. + +Anna errötete und stotterte etwas. Darauf schaute sie mit feuchten Augen +empor und sagte: »Ach, Caspar, die Menschen sind doch gar zu schlecht.« + +Er entgegnete nichts, sondern lächelte noch immer. Das erschien Anna +auffallend, aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei. Es war eine +seiner Seltsamkeiten, daß er sich nie entschließen konnte, eine +Frauensperson ganz ernst zu nehmen; Frauenzimmer können nichts als +dasitzen und ein wenig nähen oder stricken, pflegte er zu sagen; sie +essen und trinken unaufhörlich und alles durcheinander und deswegen sind +sie immer krank; auf andre Weiber schmähen sie und wenn sie dann mit +ihnen beisammen sind, tun sie schön und lieb. Als er einmal in solcher +Weise redete, beklagte sich Frau Daumer, doch er antwortete ihr: »Sie +sind kein Frauenzimmer, Sie sind eine Mutter.« Auch ereignete es sich +einst, daß er bei einem Paradezug von Seiltänzern einem zu Pferd +sitzenden Mädchen, dessen bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit +erweckt hatte, ein paar Straßen weit folgte; darüber ärgerte er sich +nachher gewaltig, und er meinte, nun sei ihm doch auch einmal +geschehen, was bei andern, wie er höre, zuweilen der Fall sei, er sei +einem Weibe nachgelaufen. + +Er sagte, daß er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde, aber Anna +erwiderte, das sei wohl zu spät, ihr Bruder habe davon gesprochen, daß +er den Abend mit Caspar bei der Magistratsrätin Behold verbringen +wollte; die Rätin habe schon einige Male darum gebeten, sie sei eine +einflußreiche Person, und wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr +machen wolle, müsse er der Einladung folgen. + +»Der Herr Präsident geht vor,« sagte Caspar verdrossen und ging. + +Es war mildes Wetter, der Schnee war längst verschwunden, weiße Wolken +zogen über die spitzgiebligen Dächer hin. Als Caspar in das Zimmer trat, +das der Präsident bewohnte, saß dieser am Schreibtisch und blickte mit +zurückgelehntem Körper düster sinnend ins Leere. Erst nach einer Weile +wandte er sich zu Caspar und redete ihn, aus seinem dunkeln Nachdenken +heraus, ohne Begrüßung an. »Ich kehre morgen nach Ansbach zurück, +Caspar, wie Sie ja wissen,« begann er und verdeckte die Augen mit der +Hand; »Sie werden mich einige Wochen, ja vielleicht monatelang nicht +sehen. Ich möchte hie und da von Ihnen Nachricht haben, von Ihnen +selbst, will Sie aber nicht auffordern, mir regelmäßig zu schreiben, +damit Ihnen nicht eine ungern erfüllte Pflicht daraus erwachse. Nun +dachte ich mir, Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben, bei der +Sie mehr auf sich selbst als an andre gewiesen sind. Sie sollen nicht +zur Rechenschaft befohlen sein, aber was Sie einem Freund oder sagen +wir Ihrer Mutter vertrauen würden, das sollen Sie hier bewahren.« + +Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes +Schreibheft. Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weißen +herzförmigen Schildchen: Tagebuch -- Stundenbuch für Caspar Hauser. Er +schlug es auf und gewahrte, auf der ersten Seite eingeklebt, das Bild +Feuerbachs und darunter, von der Hand des Präsidenten geschrieben, die +Worte: Wer die Stunde liebt, der liebt Gott; der Lasterhafte entflieht +sich selbst. + +Caspar schaute den Präsidenten mit großen Augen ängstlich an. Er +wiederholte für sich im stillen, mit sichtbarer Bewegung der Lippen, die +geschriebenen Worte und dann, was der Präsident zu ihm gesagt; alles +verfloß im Nebel und, des feierlichen Tones halber, in eine Ahnung von +Gefahr. + +Es pochte an der Tür und auf das Herein des Präsidenten brachte ein +Eilbote einen Brief. Kaum hatte Feuerbach, ohne das Schreiben zu öffnen, +einen Blick auf das Siegel geworfen, als er die Handglocke läutete und +dem eintretenden Diener den Befehl gab, es solle sogleich angespannt +werden. »Ich muß noch diesen Abend reisen,« sagte er zu Caspar. + +In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen. Der Postillon +im Hof knallte mit der Peitsche. Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar, er +spürte plötzlich etwas von der Größe der Welt, und die Wolken am Himmel +schienen Arme herunterzustrecken, um ihn emporzuheben. Als ihm der +Präsident die Hand zum Abschied reichte, bat er schmeichelnd, mit +verlangendem Lächeln: »Möcht' auch mitfahren.« + +»Wie, Caspar!« rief der Präsident in gespielter Überraschung, und +plötzlich wieder das frühere Du der Anrede wählend, »willst du denn fort +von den Nürnbergern? Hast du denn vergessen, was du deinem gütigen +Pflegevater schuldig bist? Was würde Herr Daumer sagen, wenn du ihn so +undankbar verließest? und viele andre wackere Männer, die sich deiner +angenommen haben? Es erstaunt mich, Caspar. Bist du denn nicht gern +hier?« + +Caspar schwieg und senkte die Augen. Hier ist immer dasselbe, dachte er. +Er sehnte sich fort; er dachte, einmal könne man fortgehen, man könnte +in der Nacht das Tor öffnen und könnte gehen, ohne den Weg zu wissen. +Vielleicht käme dann einer, um zu fragen: wohin, Caspar? Und er führte +ihn zu einem Schloß, vor dem viel Volks versammelt ist; drinnen ruft +eine Stimme Caspars Namen, die Leute machen Platz und viele Arme deuten +auf das Tor, dem er zuschreitet. + +»Sprich!« mahnte der Präsident barsch. + +»Sie sind alle gut mit mir,« flüsterte Caspar mit zuckenden Lippen. + +»Nun also!« + +»Es ist nur --« + +»Was? Was ist --? Heraus mit der Sprache!« + +Caspar schlug langsam die Augen auf, machte mit dem Arm eine weite +Geste, als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und +sagte: »Die Mutter.« + +Feuerbach wandte sich weg, ging zum Fenster und blieb schweigend stehen. + +Eine Viertelstunde später schritt Caspar durch die engen Gassen beim +Rathaus und kam alsbald auf den menschenverlassenen Egydienplatz. Es +war schon dunkel geworden, vor der Kirche brannte eine Öllaterne, und +während er nach links abbog, wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage +den Platz gegen die Laufergasse schloß, gewahrte er einen ruhig +stehenden Mann, der gebeugten Kopfes nach ihm hersah. Caspar ging ein +wenig langsamer, plötzlich sah er, daß der Mann den Arm erhob und mit +dem Finger winkte. + +Caspars Herz klopfte laut. Irgend etwas zwang ihn, der stummen +Aufforderung des Unbekannten zu folgen. Der Mann fuhr fort, mit dem +Finger zu winken, und wie hingezogen tat Caspar ein paar Schritte auf +ihn zu. Da ging der Mann tiefer in das Gehölz, hörte aber nicht auf zu +winken. Caspar konnte sein Gesicht nicht sehen, das unter dem weit in +die Stirn gedrückten Hut versteckt war. + +Er folgte dem Menschen, obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten, +mit Grauen fühlte er sich Schritt um Schritt gezogen, seine Augen waren +aufgerissen, Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht, und die +Hände hielt er mit gespreizten Fingern von sich gestreckt. + +Schon war er dem Unbekannten so nahe, daß er dessen gelbe Zähne zwischen +den Lippen schimmern sah, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn sich +nicht in diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebüsches ein Trupp +betrunkener junger Leute hätte hören lassen; der fremde Mann stieß einen +gurrenden Laut aus, bückte sich rasch und war unter dem Schutz des +Laubwerks im Nu verschwunden. + +Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche; er lief geradeswegs +mitten in die Schar der Lärmmacher hinein, die ihn aufzuhalten suchten, +und so vermischte sich ein Schrecken mit dem andern. Nur mit Mühe riß er +sich los, einige folgten ihm schreiend, er verdoppelte seine Eile, der +Hut fiel ihm vom Kopf, er ließ ihn liegen, rannte, so schnell er konnte, +durch die Judengasse und weiter und ging erst wieder langsamer, als er +sich auf der Brücke zur Insel Schütt befand. + +Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor. Betroffen +hörte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an, und nach einiger +Überlegung meinte er, er glaube nicht recht an das Abenteuer; »da hat +dir wohl deine allweil erregte Phantasie einen törichten Streich +gespielt,« sagte er ungewöhnlich streng. »Nein, es ist wirklich wahr,« +beteuerte Caspar. Dann klagte er, daß er den Hut verloren habe, und +schließlich zeigte er, auf einmal ganz heiter geworden, das Heft, das +ihm der Präsident geschenkt und das er während der ganzen Zeit +krampfhaft in der Hand festgehalten hatte. + +Zerstreut besah es Daumer. »Hat dir Anna nicht gesagt, daß wir zur +Magistratsrätin gehen?« fragte er mißgelaunt. »Es ist höchste Zeit; mach +flink und zieh dir den Sonntagsrock an.« + +Caspar schaute ihn mit schrägem Blick von unten an und ging zögernd ins +Haus. Daumer, der schon im Gesellschaftskleid war, wandelte zweimal bis +zum Pegnitzufer und wieder zurück; eine halbe Stunde verfloß und Caspars +langes Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig. Er eilte die Stiege +hinan und betrat Caspars Zimmer, wo eine Kerze brannte. Zu seinem Ärger +nahm er wahr, daß Caspar angekleidet auf dem Bette lag und schlief. Er +rüttelte ihn an der Schulter, ließ aber plötzlich ab, durchmaß ein +paarmal das Zimmer, ohne seines Mißmuts Herr zu werden, dann stieß er +zornig hervor: »Ach was, soll die Neugier der guten Leute um ihren +Schmaus betrogen werden!« + +Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester, die vor dem +Klavier saß und spielte. Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne +weiteres recht, daß er Caspar zu Hause lasse. »Dann muß jemand zur Rätin +und unser Ausbleiben entschuldigen,« sagte Daumer in einem Ton, als ob +das Versäumnis sonst schlecht ausgelegt werden könne und er +Unannehmlichkeiten zu befürchten habe. Anna erwiderte, die Magd sei +nicht da, und nach einigem Besinnen erklärte sie sich bereit, den Gang +selbst zu tun. + +Als sie fort war, setzte sich Daumer zu den Büchern, rückte die Lampe +zurecht und las. Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei +jedem Laut zusammen. Nach einer geraumen Weile hörte er Schritte; Anna +trat hinter seinen Stuhl und sagte hastig, die Magistratsrätin sei +mitgekommen, um Caspar zu holen. Daumer sprang auf; »das heiße ich den +Spaß zu weit getrieben,« murmelte er entrüstet. Anna legte ihm die Hand +auf den Mund, denn schon stand die Rätin in der Türe; reich geschmückt, +im Seidenmantel, ein kostbares Spitzentuch um den Kopf. + +Sie war eine nicht mehr ganz junge, aber sehr stattliche Frau, +ungewöhnlich groß gewachsen, mit ungewöhnlich kleinem Kopf. In ihrem +Betragen vermischte sich das Modisch-Französische und das +Nürnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht immer ganz einwandfreie +Weise, und wo jenes zur Geltung kommen sollte, guckte dieses wie der +Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer brokatenen +Tunika hervor. + +Sie rauschte auf Daumer zu, majestätisch wie eine schaumige Woge, und +der gute Mann, niedergeschmettert von so viel Glanz, vergaß seinen Groll +und führte die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen. »Muß ich +selbst Sie an Ihr Versprechen erinnern?« rief sie mit einer sonoren, +kräftigen Stimme. »Was soll's bedeuten, Professor? Was ist vorgefallen? +Weshalb die Absage? Sie sehen, ich verlasse meine Gäste, um ein Wort +einzulösen, das Ihnen zu brechen so leicht wird. Keine Ausflucht, lieber +Daumer, Caspar muß mit, wo ist er?« + +»Er schläft,« erwiderte Daumer zaghaft. + +»#Nom de Dieu!# Er schläft! Daß dich das Mäusle beißt! So wird man ihn +halt wecken. Marsch, marsch, voran!« + +Daumer hatte nicht den Mut, zu widersprechen, dies zupackende Gebaren +beraubte ihn der gegenständlichen Gründe. Er nahm die Lampe und schritt +voraus. Anna, die zurückblieb, räusperte sich empört, dies beirrte aber +Frau Behold keineswegs, als Antwort zuckte sie nur verächtlich die +Achseln. + +Daumer stand so versonnen an Caspars Lager, daß er die Lampe +wegzustellen vergaß. In der Tat mochte es schwerlich etwas Schöneres zu +sehen geben als den Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit, die auf +dem Gesicht des Schläfers leuchteten. Frau Behold schlug unwillkürlich +die Hände zusammen, und darin lag Wahrheit und Gefühl. + +»Bestehen Sie noch darauf, ihn zu wecken?« fragte Daumer richterlich. +»Der Schlaf ist heilig. Die seligen Geister werden fliehen, sobald +unsre Hand ihn berührt.« + +Frau Behold klappte die Lider auf und zu, als wolle sie das bißchen +Rührung davonjagen, wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt. »Schön +gesagt,« spottete sie, und ihre Stimme surrte wie das Rädchen einer +Spindel. »Aber ich bestehe auf meinem Schein. Ich will dem Buben was +dafür schenken, und was die seligen Geister betrifft, die kommen wieder, +zum Schlafen gibt's Nächte genug.« + +Während Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch +zärtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien, +zeigte sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche +Erregung. Sie blinzelte mit den Augen, ihre Unterlippe wurde schlaff und +entblößte eine schmale, feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier. »#Pauvre +diable#,« murmelte sie, »armes Herzle,« und erfaßte Caspars Hand. + +Davon erwachte Caspar völlig, befreite die Hand mit einem Ruck und +schüttelte sich. Sein trunken-müder Blick fragte, was man mit ihm +vorhabe, Daumer erklärte es, schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm +zu trinken, nahm den Sonntagsrock, der schon bereitlag, und hielt ihn +zum Anziehen hin. + +Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig: +»Ich will nicht zu der Frau.« + +»Wie, Caspar?« rief Daumer erstaunt und verletzt. Zum erstenmal vernahm +er dies »ich will nicht«, zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn +auf. Caspar war selber erschrocken, sein Blick war schon wieder gefügig, +als Daumer mit ernsthaftem Ton fortfuhr: »Ich aber will es. Ich will +auch, daß du die Dame um Verzeihung bittest. Es geht nicht an, daß du +eine Laune über dich Herr werden läßt. Wenn wir uns der Rücksichten +gegen die Menschen entbinden würden, stünden wir alle so hilflos da wie +du am ersten Tag.« + +Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar, was ihm befohlen worden. Frau +Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer. Sie tätschelte Caspars +Wange und fand den Professor Daumer ziemlich komisch. + +Eine halbe Stunde später waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern +der Rätin. Caspar, von Menschen umdrängt, mußte die gewöhnliche Flut der +Fragen über sich ergehen lassen. Frau Behold wich nicht von seiner +Seite, sie lachte beinahe zu allem, was er sagte, und er wurde +allmählich verwirrt und unruhig, empfand Angst vor den Worten; es schien +ihm gefährlich, zu sprechen, es war, als ob alle Worte zweifach +vorhanden wären, einmal offenbar, das andre Mal verhüllt, und so wie die +Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches, und unwillkürlich +suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite, die lauernd +hinterherging und verführerisch mit dem Finger winkte. + +Es war ihm unverständlich, was sie von ihm wollten, ihre Kleidung, ihre +Gebärden, ihr Nicken, ihr Lächeln, ihr Beisammensein, alles war ihm +unverständlich, und auch er selbst, er selbst fing an, sich +unverständlich zu werden. + +Indessen verlebte Daumer eine böse Stunde. Frau Behold, die stolz darauf +war, ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen, hatte heute +einen Herrn zu Gast, der, wie man sich erzählte, unter falschem Namen +reiste, da er in wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im +Osten des Landes unterwegs sei. Man raunte sich auch zu, daß der hohe +Fremde großes Interesse an dem Findling Hauser nehme und daß er vielen +einflußreichen Personen gegenüber sich abfällig und tadelnd über die +unsinnigen Gerüchte geäußert habe, die Caspars Herkunft zum Gegenstand +hatten. Und man muß gestehen, daß die einflußreichen Personen sich dem +Gewicht einer solchen Meinung nicht verschlossen, aber das Treiben des +vornehmen Herrn gab auch Anlaß zu mancherlei Verdacht, und der Redakteur +Pfisterle, Querulant wie immer, behauptete sogar, der diplomatische Herr +sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter Spion. + +Wie dem auch war, von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner +Weltverlorenheit nichts erfahren. Der Fremde gesellte sich nach kurzer +Weile zu ihm, und sie kamen ins Gespräch, wobei es jener leicht +anzustellen wußte, daß sie sich von den übrigen Gästen absonderten. +Daumer, eingeschüchtert durch die Manieren, die delikate Zwanglosigkeit +des hohen Herrn, dessen Rockbrust voller Orden hing, wußte zuerst kaum +etwas zu sagen, antwortete bloß wie ein Schüler mit nein und ja. +Allmählich gab er sich freier und erzählte seinem Zuhörer vieles von +Caspar, kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte wie +zur Erläuterung das Benehmen des Jünglings, als er heute abend, vor +einem eingebildeten, ohne Zweifel eingebildeten, Verfolger flüchtend +nach Hause gekommen war. + +Der Fremde hörte aufmerksam zu. »Vielleicht hat er sich aber gar nicht +getäuscht,« entgegnete er vorsichtigen Tons, »es mag sich da mancherlei +in der Verborgenheit abspielen. Meines Wissens haben ja auch Sie, lieber +Professor, vor längerer Zeit eine Art von Warnung erhalten. Sie dürfen +sich daher nicht wundern, wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird.« + +Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswürdiger Offenheit, +scheinbar harmlos plaudernd, fort: »Sie sollten sich an den Gedanken +gewöhnen, daß da Mächte im Spiel sind, die vor nichts zurückschrecken, +um ihre Maßregeln mit Nachdruck durchzuführen. Das unruhige Gemunkel +wird vielleicht als störend empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem +Kerbholz und möchte die Öffentlichkeit vermeiden. Vorläufig mag es der +Gewalt, die da im Hintergrund ist, darum zu tun sein, die Dinge +möglichst in Verborgenheit abzumachen, aber sie könnte wohl auch offenes +Spiel treiben, sie könnte der Polizei und den Gerichten mit Gemütsruhe +die Hände binden. Einstweilen begnügt man sich aber, die Fäden hinter +den Kulissen zu ziehen.« + +Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenüber schienen einen +genauen Bezug zu haben; doch der Fremde ließ ihm keine Zeit zu +überlegen, er fuhr mit heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort: +»Ich glaube vor allem, daß man die Verbreitung all des hirnlosen +Geschwätzes durch das bequeme und naheliegende Mittel der Druckschrift +fürchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben ungern, noch +weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht auf +den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten +zu sehen; das ist begreiflich. Der Staatsbürger hat Freiheiten genug; +in seinem Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden +finden.« + +Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er +beschloß, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon +seine eigne Freiwilligkeit zuvorgekommen. + +»Ich möchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor,« begann der +Fremde wieder; »sind Sie wirklich überzeugt, daß der hergelaufene Knabe, +an dem ich auf meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses +äußeres Interesse nehme, die ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter +Männer verdient und rechtfertigt? Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit +seiner zweifelhaften Sache zu beschäftigen? Was bleibt für die großen +Angelegenheiten der Nation, der Wissenschaft, der Kunst, der Religion, +des Lebens überhaupt, wenn ein Mann wie Sie die besten Geisteskräfte an +ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man rühmt die +außergewöhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemühe mich umsonst, solche +Gaben zu entdecken; ich bin kühn genug, zu behaupten, daß ich damit nur +an Ihre eigne Ungewißheit rühre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen +und wir werden über diesen Punkt eine betrübende Sicherheit gewinnen. +Innerhalb der menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von +Wesen, die, mit ebensogroßen oder noch größeren Eigenschaften geboren, +gleichwohl einem ungleich elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte +Tugend müßte sich auch für sie entflammen, denn in der Idee darf dem +Erbarmen mit der menschlichen Not keine Grenze gesetzt sein. Aber wo +endete der Mann, der sein Herz nach allen Seiten hin zerrisse und in +Fetzen austeilte? Er stünde leer da an dem Tage, wo ein würdiger +Gegenstand ein würdiges Opfer von ihm forderte. Denken Sie sich von +Caspars Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg und das vermeintliche +Wunder ist enthüllt bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben +als die beschämende Selbstverständlichkeit einer natürlichen Tatsache. +Bestenfalls bleibt ein Kuriosum, mit welchem man ein Tischgespräch +würzen kann. Ein Kuriosum und das bißchen Geheimnis, das allen unreifen +Köpfen so aufregend dünkt.« + +Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zügen; sein +umherschweifender Blick suchte nach Caspar, aber alles, was er zu sagen +wußte, war: »Nicht durch Worte kann die Seele für sich zeugen.« + +Der Fremde lächelte bitter. »Die Seele! die Seele!« erwiderte er +spöttisch. »Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort +wie jedes andre. Das Auge schaut, der Finger spürt, jedes Härchen lebt +auf eigne Weise, das Blut durchspritzt die Adern, jeder Sinn macht den +Raum lebendig, den Tod fühlbar, was ziert ihr euch da und wollt ein +Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei die Seele wie ein +Schmuckstück, das eine eitle Frau im Kästchen verschließt und +gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glänzen! Jeder +ist im allgemeinen ausgeteilt und sein Zuschuß von Kräften ist kein +Privileg, sondern nur eine Hoffnung. Oder dürfte der Adler die Seele für +sich in Beschlag nehmen, weil er besser zu fliegen vermag als die Gans? +Die Seele! Ihr Herren beleidigt den Schöpfer damit, ob ihr sie leugnet +oder ob ihr Bücher schreibt, um sie zu beweisen.« + +Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und +als er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit höflicher +Eindringlichkeit zuvor. »Ich weiß, Sie lieben Caspar,« sagte er mit +veränderter Stimme, ernst und herzlich, »Sie lieben ihn brüderlich, und +nicht Mitleid nährt diesen Trieb, sondern die schöne Begierde, die stets +den Gott in der Brust des andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst +erkennen will. Aber Sie möchten eine Ausrede haben für Ihre Liebe, das +ist es. Muß ich Ihnen sagen, daß es keine tieferen Wunden gibt als die +Enttäuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate Ihnen, fliehen Sie den +Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts mehr zu bieten hat +als Enttäuschung.« + +»Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben wie +wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten!« rief Daumer verzweifelt. + +Der Fremde verzog sein faltig-altes Gesicht zu einer Grimasse des +Bedauerns. Eine leichte Gebärde verriet, daß das Gespräch für ihn +erschöpft sei, und sie mischten sich wieder unter die übrigen Gäste. +Daumer, völlig aus der Fassung gebracht, wünschte nichts weiter, als den +lärmenden Kreis zu verlassen. Er suchte Caspar und bemerkte ihn, blaß +und schweigsam, mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen +Fräcken; Frau Behold saß auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen +Füßen, und ihr Gesicht sah hart und düster aus. + +Der Abschied war umständlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen +schweigend ein Stück Wegs zurückgelegt hatten, schlang Daumer den Arm +um Caspars Schulter und sagte: »Ach, Caspar, Caspar!« Es klang wie eine +Beschwörung. + +Caspar, den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfließen +voll von Fragen war, seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in +wiedererwachtem Vertrauen zu. Sei es nun, daß Blick und Lächeln Daumer +an einer Stelle seines Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig +fühlte, sei es, daß die Nacht, die Einsamkeit, die quälenden Zweifel, +das wunderliche Gespräch, das er eben geführt, seinen Geist zu +übertriebener Inbrunst entzündeten, er blieb stehen, umarmte Caspar noch +fester und rief mit emporgewandten Augen: »Mensch, o Mensch!« + +Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als eröffne sich ihm +auf einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschöpf, tief +unten verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd +sich selbst, fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der +ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch. + +Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas +Weihevolles für ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein +Tagebuch zur Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren +die drei Worte: Mensch, o Mensch -- für jeden andern natürlich eine +sinnlose Hieroglyphe, für ihn aber ein deutungsvoller Hinweis, ein +entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl- und Zauberspruch zur +Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen Wesen, daß er von +derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete, +welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war, und in +einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn +häufig befielen, faßte er den sonderbaren und folgenschweren Entschluß, +daß kein andrer Mensch außer seiner Mutter jemals Einblick in dieses +Heft erlangen, jemals lesen sollte, was er darin aufschreiben würde. +Solche Vorsätze starrsinnig zu halten, dazu war er durchaus imstande. + +Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus +kamen, die mit Feuerbach befreundet waren und große Teilnahme für Caspar +hegten, kam zufälligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Präsident +seinem Schützling gemacht, und da Daumer erzählte, es befände sich in +dem Büchlein ein sehr gutes Stahlstichporträt des Präsidenten, wünschten +die Damen das Heft gern zu sehen. Zu aller Erstaunen weigerte sich +Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm erschrocken seine Unhöflichkeit +vor, aber er blieb hartnäckig. Die Damen bestanden nicht weiter darauf, +ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung, +aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jüngling ins Gebet und +fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. »Und würdest +du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorenthalten?« fragte +Daumer. Caspar sah ihn groß an und antwortete treuherzig: »Sie werden es +gewiß nicht verlangen, bitte schön!« + +Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still. + +Gegen Abend kam Herr von Tucher, bat Daumer um eine Unterredung unter +vier Augen, und als sie allein waren, sagte er ohne weitere Einleitung: +»Ich muß Sie leider davon in Kenntnis setzen, daß ich unsern Caspar +zweimal beim Lügen ertappt habe.« + +Daumer schlug stumm die Hände zusammen. Das fehlte nur noch, dachte er. + +Beim Lügen! Zweimal beim Lügen ertappt! Ei du gütiger Himmel, wie war +das zugegangen! + +Die Sache verhielt sich so: Am Sonntag sei er mit dem Bürgermeister in +Caspars Zimmer getreten, erzählte Herr von Tucher, und habe den Jüngling +ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da habe Caspar, der bei den +Büchern gesessen, erwidert, er dürfe nicht, Daumer habe ihm verboten, +das Haus zu verlassen. Dem Bürgermeister sei das gleich bedenklich +erschienen, besonders da ihn Caspar kaum anzusehen gewagt, er habe sich +unauffällig bei Daumer erkundigt, wie dieser sich wohl erinnern werde, +und seinen Verdacht bestätigt gefunden. Am andern Tag seien beide, Herr +Binder und Herr von Tucher, während Daumer vom Hause fortgewesen, zu +Caspar gekommen und hätten ihm seine Unwahrheit vorgehalten. Unter +Erglühen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden, habe aber, wie +ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten Ausweg +ergreifend, albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame, die +bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen, weshalb er auf sie +gewartet habe. + +»Auf unser mehr bestürztes als strenges Zureden bekannte er sich auch +dieser Unwahrheit schuldig,« fuhr Herr von Tucher mit unerschütterlichem +Ernst fort. »Er gab zu, daß er nur in Ruhe habe studieren wollen und daß +ihm kein andres Mittel eingefallen sei, um die lästigen Störungen +abzuwenden. Inständig flehte er uns an, Ihnen nichts von seinem +Fehltritt zu erzählen, er wolle es nie wieder tun. Ich hab' mir's aber +überlegt und bin zu dem Schluß gelangt, daß es besser ist, wenn Sie +alles wissen. Es ist vielleicht noch Zeit, um das böse Laster mit Erfolg +zu bekämpfen. Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen, doch ich glaube +noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemüts, wenngleich ich +überzeugt bin, daß uns nur die äußerste Wachsamkeit und unerbittliche +Maßnahmen vor gröberen Enttäuschungen bewahren können.« + +Daumer sah vollkommen vernichtet aus. »Und das von einem Menschen, auf +dessen heiliges Wahrheitsgefühl ich Eide geschworen hätte,« murmelte er. +»Wenn Sie es nicht wären, der mir das erzählt, ich würde lachen. Noch +vor einer Stunde hätte ich jeden für einen Schurken erachtet, der mir +gesagt hätte, Caspar sei einer Lüge fähig.« + +»Auch mir ist es nahgegangen,« versetzte Herr von Tucher. »Aber wir +müssen Geduld haben. Sehen Sie zu, halten Sie die Augen offen, warten +Sie auf den nächsten gegründeten Anlaß, dann greifen Sie ein, und zwar +mit wuchtiger Hand.« + +Eine Lüge; nein, zwei Lügen auf einmal! Der arme Daumer, er wußte sich +keinen Rat. Er ging hin und überlegte. Herr von Tucher nimmt den ganzen +Vorgang zu schwer, sagte er sich; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte +Natur, aber ohne Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen, die ihn dazu +verführen, eine Lüge mit allen verfehmenden Zeichen der Übeltat +auszustatten; Herr von Tucher kennt das tägliche Leben nicht, das +unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem, was schlecht ist und was +der Andrang gebieterischer Umstände auch dem Redlichsten entpreßt. Aber +was geht mich Herr von Tucher an, hier handelt es sich um Caspar. Ich +glaubte einst, von ihm fordern zu dürfen, was keiner sonst von keinem +fordern darf. War es eine Verblendung, eine Anmaßung von mir? Wir wollen +sehen; ich muß jetzt herausbekommen, ob er schon zu den Gewöhnlichen +gehört oder ob sein Wille noch einer unhörbar rufenden Stimme zu +gehorchen fähig ist. Hat sich sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall +schon verschlossen, dann ist seine Lüge eine Lüge wie jede andre, kann +ich aber noch übersinnliche Kräfte des Verstehens in ihm wecken, dann +will ich die Philister verachten, die immer gleich mit dem Bakel +erscheinen. + +Es bedurfte einer schlaflosen Nacht, um dem sonderbaren Plan Daumers, +der eine Art Gottesurteil in sich schließen sollte, auf die Beine zu +helfen. Die Weigerung Caspars, sein Tagebuch zu zeigen, gab den Anstoß. +Ich will ihn bewegen, mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen, +kalkulierte Daumer; ich will etwas wie eine metaphysische Kommunikation +zwischen mir und ihm herstellen; ich werde ihn, ohne ein Wort zu +sprechen, mit meinem geistigen Verlangen zu erfüllen trachten und werde +eine Stunde festsetzen, innerhalb deren das nur Gewünschte zu geschehen +hat. Kann er folgen, so ist alles gut; wenn nicht, dann ade, +Wunderglaube, dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt, mir +die Seele wegzudisputieren. + +Am Morgen, so gegen neun Uhr, kam Anna zu ihrem Bruder und sagte, Caspar +gefalle ihr heute ganz und gar nicht; er sei schon um fünf aufgestanden +und es sei eine Unruhe in ihm, die sie noch nie wahrgenommen; beim +Frühstück habe er fortwährend ängstlich um sich herumgeschaut und keinen +Bissen gegessen. + +Daumer lächelte. Sollte er jetzt schon spüren, was ich mit ihm vorhabe? +dachte er, und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich. + +Ein schicklicher Vorwand, die Frauen aus dem Haus zu schaffen, fand sich +ungezwungen; Frau Daumer mußte ohnehin auf den Markt, Anna wurde +überredet, einige Besuche zu machen. Um elf Uhr machte sich Caspar an +seine Schularbeiten, Daumer ging ins Nebenzimmer, ließ aber die Tür +offen. Er setzte sich, das Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet, ein +wenig hinter der Schwelle auf ein Stühlchen, und es gelang ihm alsbald, +mit erstaunlicher Energie all seine Gedanken auf das eine Ziel zu +richten, auf dem einen Punkt zu sammeln. Im Haus war es sehr still, kein +Laut störte das wunderliche Beginnen. + +Bleich und gespannt saß er also und beobachtete, daß Caspar häufig +aufstand und zum Fenster trat. Einmal öffnete er das Fenster, das andre +Mal schloß er es wieder. Dann begab er sich zur Tür und schien zu +überlegen, ob er hinausgehen solle. Sein Auge war ohne Stetigkeit und +sein Mund eigentümlich gramvoll verzogen. Aha, es rumort in ihm, +frohlockte Daumer, und immer, wenn Caspar sich dem Schränkchen näherte, +in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag, bekam der unglückliche Magier +vor Erwartung Herzklopfen. + +Wie weit war Caspar davon entfernt, auch nur zu ahnen, was in Daumer +vorging! zu ahnen, daß in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein +Tribunal gestellt wurde! + +Es war ihm ungeheuer bang heute. Es war ihm so bang, daß er ein paarmal +die ganz bestimmte Vorstellung hatte, es würde ihm etwas Schlimmes +zustoßen. Ja, er hatte das unabweisbare Gefühl, daß einer unterwegs sei, +der ihm etwas zuleide tun werde. Erstickend lag die Luft im Raum, die +Wolken am Himmel blieben lauernd stehen; wenn durch die Baumkronen vor +dem Fenster eine Schwalbe strich, sah es aus, als ob eine schwarze Hand +pfeilschnell auf- und niedertauche; das Deckengebälk bog sich niedriger, +hinter dem Getäfel der Wand knackte es unheimlich. + +Caspar ertrug es nicht mehr. Sein Blick stach, eine kühlschaurige Angst +floß ihm durch die Haare, die Brust wurde eng, es trieb ihn hinaus, +hinaus ... Plötzlich verließ er mit fliehenden Gebärden das Zimmer. + +Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus +dem Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich +sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn +er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die +spielerische Willkür dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden. + +Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu +gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft, +verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. Er faßte den +unerschütterlichen Vorsatz, sein Leben wie ehedem dem Beruf, der +Einsamkeit und den Studien zu widmen und die Kräfte des Geistes nur +dort zu opfern, wo im Frieden der Erkenntnis und des Forschens jede Gabe +sichtbar bezahlt wird. + + + + +Eine vermummte Person tritt auf + + +Caspar war in den Garten gegangen. Er lief über den feuchten Boden bis +zum Zaun und schaute gegen den Fluß hinüber. Ein bleifarbener Dunst +umkleidete die Türmchen und ineinander geschobenen Dächer der Stadt, nur +das bunte Dach der Lorenzerkirche glänzte hell, doch glich alles +zusammen mehr einem Spiegelbild im Wasser als einer greifbaren +Wirklichkeit. + +Caspar fröstelte, und es war doch warm. Er wandte sich wieder gegen das +Haus. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, machte ihn der leer +daliegende Flur betroffen. Ein breiter Streifen Sonne, der über die +Steinfliesen kam und zitternd die weißen Stufen der Wendeltreppe +hinauflief, verstärkte den Eindruck der Verlassenheit. Hinter einer Tür +des Flurs, aus der Wohnung des Kandidaten Regulein, tönten Geigenklänge; +der Kandidat übte. Den einen Fuß schon auf der Treppe, blieb Caspar +stehen und lauschte. + +Da! Da war es! Da kam er! Ein Schatten erst, dann eine Gestalt, dann +eine Stimme. Was sagte die Stimme, die tiefe Stimme? + +Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte: »Caspar, du mußt +sterben.« + +Sterben? dachte Caspar erstaunt, und seine Arme wurden steif wie Hölzer. + +Er sah einen Mann vor sich stehen, der ein seidig-schwarzes, +langhängendes, vom Zugwind ein wenig geblähtes Tuch vor dem Gesicht +hatte. Er hatte braune Schuhe, braune Strümpfe und einen braunen Anzug. +Über seinen Händen trug er Handschuhe, und in seiner Rechten funkelte +etwas Metallenes, funkelte schnell und erlosch. Er schlug Caspar damit. +Während Caspar den gelähmten Blick nach oben zwang, spürte er einen +donnernden Schmerz im Hirn. + +Auf einmal hörte der Kandidat Regulein auf, die Geige zu spielen. Es +erschallten Schritte, die wieder verklangen, doch mochte der Vermummte +stutzig geworden sein und die Furcht ihn verhindern, zum zweitenmal +auszuholen. Als Caspar die Augen auftat, über die von der Mitte der +Stirn herunter eine brennende Nässe floß, war der Mann verschwunden. + +Ei, hätte er nur nicht Handschuhe gehabt, unter tausend Händen wollte +ich seine Hand erkennen, dachte Caspar, indem er zur Seite torkelte. An +der Schmalseite des Flurs fand er keinen Halt; er probierte die Stiege +hinaufzuklimmen, aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder +Strom Feuers. Er glitt nieder, umklammerte die Steinsäule und blieb eine +halbe Minute lautlos sitzen, bis ihn die Angst packte, der Vermummte +könne wieder zurückkommen. Mit aller Kraft hielt er das fliehende +Bewußtsein noch fest, richtete sich auf, taumelte vorwärts und tastete +sich an der Wand entlang, als suche er ein Loch, um sich zu verkriechen. + +Als er bei der Kellertreppe war, gab die nur angelehnte Tür dem Druck +seiner Hand nach, so daß er fast hinuntergestürzt wäre. Kaum sehend und +ohne zu überlegen tappte er so schnell wie möglich die finsteren Stufen +hinunter, denn schon glaubte er den Vermummten hinter sich. Als er im +Keller war, spritzte Wasser von seinen Schritten auf; es war +Regenwasser, das bei schlechtem Wetter hier unten Pfützen bildete. +Endlich fand er einen trockenen Winkel; während er sich niederließ und +sich, voller Furcht und Grauen, förmlich zusammenrollte, hörte er noch +von den Turmuhren zwölf schlagen, danach sah und fühlte er nichts mehr. + +Um viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurück. Anna, die im Flur +voranging, gewahrte die große Blutlache vor der Stiege und schrie auf. +Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte: +»Na, was ist denn das für eine Bescherung!« Die alte Frau, die an nichts +Schlimmes dachte, äußerte sich, wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten +gehabt. Anna jedoch, mehr und mehr voll Ahnung, wies auf die blutigen +Fingerabdrücke hin, die an der Mauer bis zur Kellertür sichtbar waren. +Sie sprang hinauf, ihr erster Gedanke war Caspar, sie suchte ihn in +allen Zimmern und sagte zum Bruder: »Du, da unten ist alles voll Blut.« +Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf vom Schreibtisch und +eilte hinaus. + +Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt. Mit +heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fügte gellend hinzu: +»Da unten ist er, da liegt der Hauser! Hilfe, Hilfe, schnell!« + +Alle drei Daumers stürzten in den Keller, Anna kam keuchend wieder +zurück, um die Kerze zu holen, die andern versuchten, den verkauerten +Körper Caspars aufzurichten, und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf. +»Zum Arzt, zum Arzt!« kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden Anna +zu, die das Licht ausblies, zu Boden warf und davonsprang. + +Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag, wuschen sie das gestockte Blut +von seinem Gesicht, und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten +der Stirn zum Vorschein. Daumer lief mit gerungenen Händen im Zimmer auf +und ab und stöhnte fortwährend: »Das muß mir passieren! Das muß in +meinem Haus passieren! Ich hab's ja gleich gesagt, ich hab's immer +gewußt!« + +Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen, als Anna mit dem Arzt +zurückkam. Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute. Ein +wenig später erschien auch der Gerichtsarzt; beide Doktoren +versicherten, daß die Wunde ungefährlich sei, ob aber das Gemüt des +Jünglings nicht eine bedenkliche Erschütterung erlitten habe, ließen sie +dahingestellt. + +Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden, Caspar war +immer nur kurze Zeit bei Besinnung; er stammelte dann ein paar Worte, +die allerdings das, was mit ihm geschehen war, wie unter Blitzesleuchten +erkennbar machten, sprach von dem Vermummten, von seinen glänzenden +Stiefeln und gelben Handschuhen, fiel aber danach in heftige Wahn- und +Fieberdelirien. Bei der Besichtigung der Lokalität wurde der Weg +entdeckt, auf dem der Unbekannte ins Haus gedrungen war: unter der +Stiege befand sich nämlich gegen den Baumannschen Garten ein kleines +Türchen, dessen Vorlegeschloß zersprengt war. + +Die Vernehmung Daumers war fruchtlos, er stand kaum Rede. Gegen Abend +kam Herr von Tucher und teilte mit, daß man einen Eilboten an den +Präsidenten Feuerbach abgefertigt habe. + +Das Bürgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen +veranstaltet. An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache +zu erhöhter Aufmerksamkeit verpflichtet; die Wirtshäuser und Herbergen, +wo Leute gemeinen Schlags sich aufzuhalten pflegten, wurden sorgfältig +durchsucht, auch wurden die Gendarmerie und die benachbarten +Landgemeinden zu tätiger Vigilanz aufgefordert. An die Amtstafel des +Rathauses wurde eine öffentliche Bekanntmachung angeschlagen, und zwei +Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der Verfolgung des +Frevlers betraut. + +Die Untat geschah an einem Montag; eine zu leitende Gerichtsverhandlung +hinderte unglücklicherweise den Präsidenten, sofort nach Nürnberg zu +kommen, erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und +begab sich unverzüglich aufs Rathaus. Er ließ sich vom Magistratsvorstand +über die polizeilichen Maßregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten, +zeigte sich aber mit allem so unzufrieden und geriet über eine Reihe von +Mißgriffen in solchen Zorn, daß die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor. +Über die vom Aktuar ihm vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte +er sarkastische Bemerkungen; da war eine Hallwächtersfrau, welche am +Schießgraben beim Hauptspital einen wohlgekleideten Herrn gesehen hatte, +der sich in einer Feuerkufe die Hände wusch; da war ein Öbstnerweib, die +in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war, welcher sich bei ihr +erkundigt hatte, wer am Tiergärtner Tor Examinator sei und ob man, ohne +angehalten zu werden, in die Stadt gelangen könne; da waren verdächtige +Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden; da +hatte man zwei Kerle beobachtet, den einen im hellen Schalk, den andern +im dunkeln Frack, die auf der Fleischbrücke zusammengekommen waren und +einander Zeichen gegeben hatten. + +»Zu spät, zu spät,« knirschte der Präsident. »Warum hat man nicht die +Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gasthöfen +kontrolliert?« fuhr er den zitternden Aktuar an. + +»Die Spuren laufen nach vielen Richtungen,« bemerkte schüchtern der +Unglückliche. + +»Gewiß, die Unfähigkeit hat viele Wege,« antwortete der Präsident +beißend, und mit Bedeutung fügte er hinzu: »Hören Sie, Mann Gottes! Der +Übeltäter, auf den wir da fahnden, wäscht seine Hände nicht auf offener +Straße, er läßt sich mit keinem Öbstnerweib in Gespräche ein und braucht +keinen Examinator zu fürchten. Zu niedrig habt ihr gegriffen, viel zu +niedrig.« + +Er nahm einen Schreiber mit, um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus +nochmals selbst vorzunehmen. Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und +ward ihm durch mannigfaches Reden lästig; unter anderm äußerte Behold, +er habe gehört, Professor Daumer wolle Caspar nicht länger behalten, und +machte sich erbötig, dem Jüngling in seinem Haus Obdach zu gewähren. +Feuerbach hielt dies für leeres Geschwätz und entledigte sich des +Mannes, indem er ihn mit einem Auftrag zu Herrn von Tucher schickte. + +Aber als er dann mit Daumer sprach, erregte dessen Zerfahrenheit sein +Befremden. Um ihn nicht noch mehr zu verwirren, legte Feuerbach das +Verhör mit ihm so an, daß es mehr einer freundschaftlichen Unterhaltung +glich. Daumer erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung, die Caspar +vor der Egydienkirche gehabt hatte, und rückte damit heraus. + +»Und davon erfährt man jetzt erst?« brauste der Präsident auf. »Und +hatte die Sache keine unmittelbaren Folgen? Haben Sie nachher nichts +Verdächtiges beobachtet?« + +»Nein,« stotterte Daumer, in Furcht gesetzt durch den stählern +durchdringenden Blick des Präsidenten. »Das heißt, eines fällt mir noch +ein: ich traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn, der sich mir +gegenüber in ganz seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel, wie man +es auffassen soll, weiß ich nicht.« + +»Was war der Mann? Wie hieß er?« + +»Man sagte, es sei ein zugereister Diplomat, des Namens entsinne ich +mich nicht. Oder doch, jawohl: Herr von Schlotheim-Lavancourt; er soll +sich aber unter falschem Namen hier aufgehalten haben.« + +»Wie sah er aus?« + +»Dick, groß, ein wenig pockennarbig, ein hoher Fünfziger.« + +»Schildern Sie mir das Gespräch mit ihm.« + +Daumer gab, so gut er es vermochte, den Inhalt der Unterredung. +Feuerbach versank in langes Nachdenken, dann schrieb er einige Notizen +in sein Taschenbuch. »Lassen Sie uns zu Caspar gehen,« sagte er, sich +erhebend. + +Caspars Stirn war noch verbunden; das Gesicht war beinahe so weiß wie +das Tuch; auch das Lächeln, womit er den Präsidenten empfing, war +gleichsam weiß. Er hatte bereits drei oder vier Verhöre überstanden; +schon beim ersten hatte er alles Erzählenswerte erzählt; das hielt den +guten Amtsschimmel nicht ab, immer wieder von neuem anzutraben, man +fragte die Kreuz und Quer, um das Opfer auf einem Widerspruch zu +erwischen; mit Widersprüchen kann man arbeiten, wenn einer jedesmal +dasselbe sagt, wird die Geschichte aussichtslos. Der Präsident unterließ +das Fragen; er fand einen veränderten Menschen in Caspar; es war etwas +Beklommenes an ihm, sein Blick war weniger frei, nicht mehr so +tiefstrahlend und seltsam ahnungslos, näher an die Dinge gekettet. + +Während die Frauen sich über Caspars Befinden befriedigt äußerten, kam +auch der Arzt und bestätigte gern, daß von irgendwelcher Gefahr keine +Rede mehr sein könne. In einem Ton, der mehr Befehl als Wunsch enthielt, +sagte der Präsident, er hoffe, daß in diesen Tagen fremde Besucher ohne +Ausnahme abgewiesen würden. Daumer erwiderte, das verstehe sich von +selbst, erst diesen Morgen habe er einem betreßten Lakaien abschlägigen +Bescheid geben lassen. + +»Es war der Diener eines vornehmen Engländers, der im Gasthof zum Adler +wohnt,« fügte Frau Daumer hinzu; »er war übrigens nach einer Stunde noch +einmal da, um sich ausführlich zu erkundigen, wie es Caspar ginge.« + +Es klopfte an die Tür, Herr von Tucher trat ein, begrüßte den +Präsidenten und machte nach kurzer Weile eine überraschende Mitteilung: +derselbe Engländer, ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord, habe +dem Bürgermeister einen Besuch abgestattet und ihm hundert Dukaten +überreicht als Belohnung für denjenigen, dem es gelingen würde, den +Urheber des an Caspar verübten Überfalls zu entdecken. + +Ein erstauntes Schweigen entstand, welches der Präsident mit der Frage +unterbrach, ob man wisse, weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte. +Herr von Tucher verneinte. »Man weiß nur, daß er vorgestern abends +angekommen ist,« antwortete er; »ein Rad seines Wagens soll in der Nähe +von Burgfarrnbach gebrochen sein, und er wartet hier, bis der Schaden +ausgebessert ist.« Der Präsident zog die Brauen zusammen, Argwohn +umdüsterte seinen Blick; so wird der Jagdhund stutzig, wenn sich abseits +von verwirrenden Fährten eine neue Spur zeigt. »Wie nennt sich der +Mann?« fragte er scheinbar gleichgültig. + +»Der Name ist mir entfallen,« entgegnete Baron Tucher, »doch soll es in +der Tat ein hoher Herr sein, Bürgermeister Binder preist seine +Leutseligkeit in allen Tönen.« + +»Hohe Herren gelten schon für leutselig, wenn sie einem auf den Fuß +treten und sich nachher freundlich entschuldigen,« ließ sich Anna, die +an Caspars Bett saß, naseweis vernehmen. Daumer warf ihr einen +strafenden Blick zu, doch der Präsident brach in eine schmetternde Lache +aus, die auf alle ansteckend wirkte; noch minutenlang kicherte er vor +sich hin und zwinkerte vergnügt mit den Augen. + +Bloß Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil, sein Blick +war nachdenklich ins Freie gerichtet, er wünschte jenen Mann zu sehen, +der aus weiter Ferne kam und so viel Geld hergab, damit der gefunden +werde, der ihn geschlagen. Aus weiter Ferne! Das war es; nur aus weiter +Ferne konnte kommen, wonach Caspar Verlangen trug, vom Meere her, von +unbekannten Ländern her. Auch der Präsident kam aus der Ferne, aber doch +nicht von so weit, daß seine Stirn gefärbt war von fremdem Schein, daß +ein süßer Wind an seinen Kleidern hing oder daß seine Augen wie die +Sterne waren, ohne Vorwurf, ohne das ewige Fragen. Der aus der Ferne +kam, im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen, der brauchte +nicht zu fragen, er wußte alles von selbst, die andern aber, alle die +Nahen, die immer da waren, immer hereingingen und immer wieder fort, sie +sahen niemals aus, als ob sie von schäumenden Rossen gestiegen wären, +ihr Atem war dumpf wie Kellerluft, ihre Hand müde wie keines Reiters +Hand; ihr Antlitz war vermummt, nicht schwarz vermummt wie das Gesicht +dessen, der ihn geschlagen und der ihm so nah gewesen wie keiner sonst, +sondern undeutlich vermummt; darum redeten sie mit unreiner Stimme und +in verstellten Tönen, und darum war es auch, daß Caspar sich jetzt +verstellen mußte und nicht mehr imstande war, ihnen fest ins Auge zu +sehen und alles zu sagen, was er hätte sagen können. Er fand es +heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden, besonders wenn sie +darauf warteten, daß er reden solle; ja, er liebte es, ein wenig traurig +zu sein, viele Träume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben +zu bringen, daß sie ihm doch nicht nahkommen könnten. + +Daumer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu bedrückt von der +bevorstehenden Ausführung eines unabänderlichen Entschlusses, um darauf +zu achten, ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise +entgegenkomme wie sonst. Erst Herr von Tucher war es, der auf gewisse +Sonderbarkeiten in Caspars Betragen hinwies, und er ließ auch gegen den +Präsidenten einige Andeutungen darüber fallen, als sie zusammen aus dem +Daumerschen Haus gingen. Der Präsident zuckte die Achseln und schwieg. +Er bat den Baron, ihn nach dem Gasthof zum Adler zu begleiten; dort +erkundigten sie sich, ob der englische Herr zu Hause sei, erfuhren +jedoch, daß Seine Herrlichkeit Lord Stanhope, so drückte sich der +Kellner aus, vor einer knappen Stunde abgereist war. Der Präsident war +unangenehm überrascht und fragte, ob man wisse, welche Richtung der +Wagen genommen habe; das wisse man nicht genau, ward geantwortet, doch +da er das Jakobstor passiert, sei zu vermuten, daß er die Richtung nach +Süden, etwa nach München, eingeschlagen habe. + +»Zu spät, überall zu spät,« murmelte der Präsident. »Ich hätte gern +gewußt,« wandte er sich an Herrn von Tucher, »was Seine Herrlichkeit +bewogen hat, so viel Dukaten aufs Rathaus zu tragen.« Das Gesicht +Feuerbachs war dermaßen zerarbeitet von Gedanken und Sorgen, von der +Anstrengung einer beständigen Wachsamkeit wie von der Glut eines +zehrenden Temperaments, daß es dem eines Kranken oder eines Besessenen +glich. + +Und so war es seit Monaten. Die ihm unterstellten Beamten fürchteten +seine Gegenwart; die geringste Pflichtverletzung, ja, der geringste +Widerspruch brachte ihn zur Raserei, und waren die Ausbrüche seines +Zornes schon von jeher furchtbar gewesen, so zitterten sie jetzt um so +mehr davor, als der unbedeutendste Anlaß einen solchen Sturm +heraufbeschwören konnte. Dann gellte seine Stimme durch die Hallen und +Korridore des Appellgerichts, die Bauern auf dem Markt unten blieben +stehen und sagten bedauernd: »Die Exzellenz hat das Grimmen,« und vom +Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann saß alles blaß und artig +auf den Stühlen. + +Vielleicht hätten sie williger dies Joch getragen, wenn sie gewußt +hätten, welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward, wie sehr +er, besiegt durch sein eignes Wüten, Scham und Reue litt, so daß er +bisweilen, wie um durch irgendeine Handlung sich loszukaufen, dem +erstbesten Bettler auf der Gasse eine Silbermünze hinwarf. Sie ahnten +freilich nicht, daß die trüben Nebel dieser Laune ein bewegtes +Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und daß hier ein Genius am Werk +war, um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein Wunderwerk +der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hölle von +Verworfenheit und Missetat zu durchdringen. + +Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen, aus den dunkeln Fäden, die das +Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden, ein +Gewebe zu knüpfen, auf welchem jählings wie in Brandlettern flammte, was +durch die Fügung der Umstände und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt +war. + +Voll Schrecken stand er vor seiner Schöpfung, denn der Boden seiner +Existenz wankte unter ihm. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr. Aber +durfte er es wagen, mit der fürchterlichen Wahrheit auf den Plan zu +treten und die Rücksicht hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das +Vertrauen seines Königs auferlegt war? Schien es nicht besser, das +Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu betreiben, um den +ränkevollen Gewalten, tückisch wie sie selbst, erst bei gelegener Stunde +in den Rücken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht einmal Dank, +aber alles war zu verlieren. + +O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nächten, sonderbare Qual, dem +rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen +zu müssen, groß und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen, die +Feder auf den Buchstaben zu spießen, indes das Leben seine Bahn läuft +und Form auf Form gebiert, zerstört, niemals Herr der Taten zu sein, +immer Spürhund der Täter und nie zu wissen, was zu verhüten sei, was zu +befördern! + +Er wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen +Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte, der seiner +Selbstachtung Genüge tat. Er richtete ein ausführliches Memorial an den +König, worin er mit bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall +darlegte, frei und kühn vom Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder +Satz. + +Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung, daß Caspar Hauser +kein uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein müsse. + +Wäre er ein uneheliches Kind, hieß es, so wären leichtere, weniger +grausame und weniger gefährliche Mittel angewendet worden, um seine +Abstammung zu verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang +fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer +eines der Eltern war, desto müheloser konnte das Kind entfernt werden, +und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verräterischen Anstalten +hätten Leute geringen Standes und geringen Vermögens gehabt; das Brot +und Wasser, welches Caspar im verborgenen verzehren mußte, hätte man ihm +auch vor aller Welt reichen dürfen. Denkt man sich Caspar als +uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer Eltern, in +keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck. Und wer übernimmt +grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei die +angstvolle Plage hat, es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und +wieder verüben zu müssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der +unerbittliche Ankläger fort, daß sehr mächtige und sehr reiche Personen +an dem Verbrechen beteiligt sind, welche über gemeine Hindernisse +unschwer hinwegschreiten, welche durch Furcht, außerordentliche Vorteile +und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen, Zungen +fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund legen können. +Ließe es sich sonst erklären, daß die Aussetzung Caspars in einer Stadt +wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden +konnte; daß durch alle seit vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer +betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand +entdeckt werden konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen +bestimmten Menschen führte, daß selbst hohe Belohnungen keine einzige +befriedigende Anzeige veranlaßten? + +Deshalb muß Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod +weittragende Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache +und nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er +wurde beseitigt, um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm +allein gebührten. Er mußte verschwinden, damit andre ihn beerben, damit +andre sich in der Erbschaft behaupten konnten. Er muß von hoher Geburt +sein, dafür sprechen merkwürdige Träume, die er gehabt und die sonst +nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus früher Jugend, dafür +sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich +ergebenden Schlüsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und spärlich +ernährt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in böswilliger, +sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu +verderben, sondern um sie gegen diejenigen zu schützen, die ihnen nach +dem Leben getrachtet. Vielleicht auch, daß durch sein bloßes Dasein ein +Druck ausgeübt werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an +der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu +erheben. Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar geübt; warum? Warum hat +ihn der Geheimnisvolle nicht getötet? Warum nicht einen Tropfen Opium +mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen betäuben sollte? Das Verließ +für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für den Toten. + +Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen +Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre, ohne daß man über +dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung +brachte, so müßte doch längst öffentlich bekannt sein, in welcher +Familie dies Unglück vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet +Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das +mindeste davon verlautet hat, so ist Caspar unter den Gestorbenen zu +suchen. Das will heißen: ein Kind wurde für tot ausgegeben und wird noch +jetzt dafür gehalten, welches in Wirklichkeit am Leben ist, und zwar in +der Person Caspars; das will heißen, ein Kind, in dessen Person der +nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte, +wurde beiseitegeschafft, um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem +Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder +sterbendes Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben +und so Caspar in die Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte +er Befehl, das Kind zu morden, fand er jedoch in seinem Herzen oder in +seiner Klugheit Gründe, den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind +zu retten, so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden. +Hier handelte jeder auf höhere Weisung, aber wo war der gebietende Mund? +Wo der mächtige Geist, der ein solches Gewicht von Verantwortung für +ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das Unerhörte +geschah? + +An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten, -- +tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit +dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens +sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem +Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten, +hieß das nicht, die Majestät auch des eignen Königs beleidigen, +geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum +Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt +des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt. + +Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, daß das alte Geschlecht +jählings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im +Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen +Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in +einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben +ereignet, und nur die Söhne starben, die Töchter aber lebten weiter. So +wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe, doch traf Apollos tötendes +Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter, hier aber ging der Würgengel +an den Töchtern vorüber und erschlug die Söhne. Und nicht bloß +auffallend, sondern einem Wunder ähnlich, daß der Würgengel schon an der +Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe +blühender Schwestern. Wie wäre es erklärbar, fragte Feuerbach, daß eine +Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter +Sterblinge? Darin ist kein Zufall, behauptete er furchtlos, sondern +System, oder man muß glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den +gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan, um +einen politischen Streich auszuführen. Nicht lange nach dem Erscheinen +Caspars hat sich in Nürnberg das Gerücht verbreitet, Caspar sei ein für +tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts, und immer wieder redeten die +dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde, +wie öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung gewagt, daß die +gegenwärtigen Regenten den Thron durch Usurpation besäßen und daß noch +ein echter Prinz am Leben sei. Gerüchte sind freilich nur Gerüchte; aber +sie fließen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen +gibt, häufig ihre Entstehung darin, daß ein Mitschuldiger geplaudert, +oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine +Unvorsichtigkeit begangen, oder sein Gewissen erleichtern wollte, oder +seine getäuschten Hoffnungen zu rächen sich vorgesetzt, oder im stillen +die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen gesucht, ohne die Rolle des +Verräters spielen zu müssen. + +Der Präsident nannte nicht bloß die Dynastie mit Namen und das Land, das +ihr erbeigen war, er nannte auch den Fürsten, dessen plötzlicher Tod vor +mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Fürstin, +die, von hocherlauchter Abkunft, in selbsterwählter Einsamkeit ein +unfaßbares Geschick betrauerte; er nannte diejenigen, die so über +Leichen hinweg zum Thron geschritten, und neben dem Bild eines +schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf, +voll von dämonischem Wesen, der regierende Wille über dem grausen +Geschehen. + +Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen +Hinweisen des Präsidenten. Denn er kannte die höfische Welt, in der +Tücke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo +die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt; er hatte +ihre Luft geatmet, er hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift +genossen, den besten Teil seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem +Dienst vergeudet und war für die reinste Hingebung mit Schmach und +Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer, +er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet als eine +Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen +fluchwürdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und +Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe, +Menschenrechte ein Pfänderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen +Größe, das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen +aberwitziger Toren. Die unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen +Worten hervor, erlittene Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist. Er +wollte seiner selbst nicht gedenken, doch die Worte entschleierten +seinen Gram, wenn auch nicht für das Auge des Königs, der nur zu lesen +brauchte, was geschrieben stand. + +Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit +sie in keine andern Hände als in die des Regenten gerate, und der +Präsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf +einen Bescheid, auf irgendein Zeichen. Da kam die Kunde von dem +Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach Nürnberg; seine eignen +Maßnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am zehnten Tag +seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen +Privatkanzlei, worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz +genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns +in der Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war, das aber in +allen wesentlichen Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte; man werde +prüfen; man werde überlegen; man müsse abwarten; gewichtige Rücksichten +seien zu beachten; leicht erklärliche Beziehungen legten unbequeme +Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur +Verwunderung, zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen; doch +verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen, +unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige +Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach +außen dringen: man erwarte über den Punkt Verständigung und +Unterwerfung. + +Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich +schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich, +worin der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt +längst geahnt und gefürchtet war. Feuerbach schäumte. Er zertrat das +Sendschreiben mit den Füßen; er rannte mit keuchender Brust, die Fäuste +gegen die Schläfen gedrückt, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann +stürzte er aufs Bett, das Sausen seiner Pulse beängstigte ihn und er +erlöste sich schließlich in einem lauten, langen Gelächter voll Wut und +Zorn. + +Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das +einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen. + +An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im Gasthof +gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht. Der Kellner war +stets mit dem Bescheid zurückgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der +Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden. +Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den +Präsidenten in ein Aktenheft vertieft, und seine Entschuldigung wurde +mit der verletzend kurzen Bitte erwidert, er möge zur Sache kommen. + +Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz, +er wisse nicht, wodurch er sich das Mißfallen Seiner Exzellenz zugezogen +haben könne, doch wie dem auch sei, er müsse eine derartige Behandlung +zurückweisen. Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: »Ums Himmels +willen, Mann, lassen Sie das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat +einigen Grund, wenn er die Regeln der Höflichkeit vergißt!« + +Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklärte er den +Zweck seines Besuchs. Daß Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem +Haus zu entfernen, sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun +der Jüngling soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen, +damit nicht hinzuwarten, sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen +zu bringen, die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten. Alles dies sei +genügend besprochen und man wünsche nur, den Präsidenten zu +unterrichten, und bitte um seine Gutheißung. + +»Ja, ich weiß, daß Daumer die Geschichte satt hat,« antwortete Feuerbach +verdrießlich. »Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust, +sein Haus zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen, obwohl +dagegen Maßregeln ergriffen werden können, werden müssen. Von heute ab +soll Caspar unter genauer polizeilicher Überwachung stehen; die Stadt +haftet mir für ihn. Doch warum hat Daumer solche Eile? Und warum gibt +man Caspar in die Familie Behold, warum nicht zu Herrn von Tucher oder +zu Ihnen?« + +»Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen, +seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen, und ich --« der Bürgermeister +zögerte, und sein Gesicht wurde vorübergehend bleich, -- »was mich +betrifft, mein Haus ist kein Ort des Friedens.« + +Rasch schaute der Präsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder +stumm die Rechte. »Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es für +Leute?« fragte er ablenkend. + +»O, es sind gute Leute,« versetzte der Bürgermeister etwas unsicher. +»Der Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau ... darüber +sind die Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen, +verschwendet viel Geld. Böses kann man ihr nicht nachsagen. Da es für +Caspar, wie wir ja verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die +öffentliche Schule besucht, genügt schließlich die bloße Beaufsichtigung +in einem Kreis anständiger Menschen.« + +»Haben die Leute Kinder?« + +»Ein dreizehnjähriges Mädchen.« Der Bürgermeister, dem es wie aller Welt +wohlbekannt war, daß Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte, +wollte noch etwas hinzufügen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da +wurden Daumer und der Magistratsrat Behold gemeldet. Der Präsident ließ +bitten. Alsbald zeigte sich das freundlich-grinsende Gesicht des Rats; +der feierliche schwarze Kinnbart stand in einem komischen Gegensatz zu +dem schon ergrauten Kopfhaar, das in feuchten Strähnen pomadeduftend +über die Stirn hing. + +Unter beständigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur +eines flüchtigen Grußes würdigte und sich sogleich an Daumer wandte. +Dieser wagte kaum dem forschenden Auge des Präsidenten zu begegnen, und +die Frage, ob man Caspar die innere und äußere Anstrengung eines so +durchgreifenden Wechsels schon zumuten dürfe, beantwortete er durch +verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold ins Gespräch mischte und +versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein leiblicher Sohn +betrachtet werden, unterbrach ihn der Bürgermeister mit den fast +widerwillig hervorgepreßten Worten, darauf halte er nichts, wie man an +Caspar selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder +verkümmern ließen. Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine +ausgemergelten Finger an der Stuhlkante und stotterte, er könne nichts +weiter sagen, was an ihm läge, wolle er tun. + +Der Präsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah +die beiden Männer abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin, +legte die Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: »Muß es denn sein?« + +Daumer seufzte und entgegnete bewegt: »Exzellenz, wie hart mein +Entschluß mich ankommt, das weiß nur Gott.« + +»Gott mag es wissen,« versetzte der Präsident grollend, und seine +untersetzte feiste Gestalt schien plötzlich drohend zu wachsen, »aber +wird er es darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl +zusammenschlägt, gibt es Funken; wehe aber, wenn bloß Schmutz und Krümel +vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer und keine Tüchtigkeit der Natur.« + +Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Röte des +Unwillens stieg ihm ins Gesicht. »Ich habe getan, was in meinen Kräften +stand,« sagte er hastig und mit Trotz. »Ich verschließe Caspar nicht +mein Haus. Und mein Herz schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich +keine Gewähr für seine Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand +kann es. Wie ist es möglich, Säemann zu sein auf einem Acker, unter dem +ein verderbliches Feuer gloset und jeden Samen verbrennt? Und dann, was +mehr ist, ich bin enttäuscht, ich gestehe es, ich bin enttäuscht. Nie +will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer könnte ihn auch +vergessen! Aber das Wunder ist vorüber, die Zeit hat es aufgefressen.« + +»Vorüber, ja vorüber,« murmelte Feuerbach düster, »das Wort mußte +fallen. Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Söhne werden +verstoßen, wenn sie unsrer Liebe ein Übermaß abnötigen. Aber der Bettler +kriegt seine Bettelsuppe. Meine geschätzten Herren,« fuhr er laut und +förmlich fort, »tun Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien +Sie eingedenk, bleiben Sie mir für das Wohl Caspars verantwortlich.« + +Als Daumer auf der Straße war, ärgerte er sich noch immer über den Ton +und die Worte des Präsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine +Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verödeten Straßen +nahe der Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh, +eine Ansprache zu haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne. +Von Anfang an lenkte der Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und +Daumer bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß die Gesprächigkeit +des Rittmeisters einen hohnvollen Beigeschmack hatte. + +»Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten,« meinte Herr von +Wessenig, plötzlich deutlicher werdend. »Sollte es Leute geben, die +daran ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit +Handschuhen, bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hängt sich einen +Schleier übers Gesicht und zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er +das Beil vorher offen über die Straße getragen haben? Mit Handschuhen, +wie? Beim heiligen Tommasius, das ist eine gewaltige Räuberhistorie!« + +Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: »Nehmen +wir einmal an, der famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den +Burschen zu töten. Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur +ein bißchen kräftiger zuzuschlagen und alles war aus, der Mund, der ihn +verraten mußte, war stumm. Man muß rein glauben, der behandschuhte +Mörder hat sein Opfer einstweilen nur ein bißchen kitzeln wollen. +Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine Bekannten, #parole +d'honneur#, lieber Professor, sind empört über die Leichtgläubigkeit, +die sich von so albernem Spuk zum besten halten läßt.« + +Daumer hielt es für unter seiner Würde, Zorn oder Entrüstung zu zeigen. +Er stellte sich, als hätte er nicht übel Lust, dem Rittmeister +beizustimmen, und fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang +zu denken habe. Herr von Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er +mochte heftiges Aufbrausen und scharfe Zurechtweisung erwartet haben, +und weil dies nicht eintraf, legte er sein verhalten-feindseliges Wesen +ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in allgemeinen Vermutungen zu +äußern. »Vielleicht ist der gute Hauser betrunken gewesen und auf der +Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt, um sich +interessant zu machen. Das wäre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem +schwärzer; man traut dem Halunken schon zu, daß er seine Wohltäter durch +einen feingefädelten Streich hinters Licht geführt hat.« + +Jetzt vermochte Daumer nicht mehr an sich zu halten. Er blieb stehen, +wehrte mit beiden Händen ab, als drängen die Reden seines Begleiters wie +giftige Fliegen auf ihn ein, und stürzte ohne Wort noch Gruß davon. + +Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestürzt; das +zu denken, ist möglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und +dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer +Caspar! Wenn du auch nicht der Himmelszeuge bist, den ich wähnte, über +ihnen schwebst du doch wie der Adler über Koboldsgezücht. Freilich, sie +werden dir die Flügel brechen; vergebens wird die Schuldlosigkeit aus +deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen; vergebens wirst du +vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und +vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein, +angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen und Verrat führt dich auf +den verderblichsten von allen ... + +Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt; man kennt die Menschen, +man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht, und daß der Hase, +wenn er angeschossen wird, ins Gras fällt und stirbt; man kennt die +Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa +ein Grund, den Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben +hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein +Grund. Oder ist es nur Grund, ein kleines Entschlüßchen rückgängig zu +machen? Nein, es ist kein Grund. Darin haben die Idealisten und +Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern. + +Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich +schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als +am gestrigen, reichlich verstimmten Abend. + + + + +Das Amselherz + + +Vierundzwanzig Stunden später hält eine Kutsche vor dem Daumerschen +Haus, und Frau Behold selber kommt, um Caspar zu holen. Wirklich, Frau +Behold hat sich's etwas kosten lassen, eine schwarzlackierte Kutsche mit +zwei Pferden und einen Mann mit goldenen Knöpfen auf dem Bock. + +Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet, auch der +Kandidat Regulein verläßt seine Junggesellenklause. Anna kann sich der +Tränen nicht erwehren, Daumer blickt finster vor sich hin, Frau Behold +gibt dem Kutscher ein Zeichen, die Rosse schnauben, die Räder rollen und +die Zurückbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit, die das Gefährt +verschlingt. + +Das war der Abschied, und Caspar war's, als gehe es weit fort. Aber es +ging nur von einem Haus auf der Schütt zu einem Haus am Markt. Es war +dies ein schmales, hohes Haus, welches so eingepreßt stand zwischen zwei +andern, daß es aussah, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Es hatte einen +gezinnten Giebel, steilabhängend wie die Schultern eines verhungerten +Kanzlisten, die Fenster hatten nichts Freischauendes, sondern etwas +Blinzelndes, das Tor war seltsam versteckt und innen wand sich eine +dunkle Treppe in vielen Biegungen, gleichsam in vielen Ausreden durch +die Stockwerke; die alten Treppen knarrten und stöhnten bei jedem +Schritt, und wenn die Türen geöffnet wurden, floß nur ein dämmeriges +Licht aus den Stuben. + +Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof; vor den +Fenstern lief eine Holzgalerie mit verschnörkeltem Geländer, auf jeder +Seite waren grünverhangene Glastüren, und unten stand ein eiserner +Brunnen, aus dem kein Wasser floß. + +Das Wunderliche lag darin, daß draußen der Markt war, wo viele Menschen +laut redeten, wo die Händler ihre kleinen Läden und Verkaufszelte +hatten, wo von morgens bis abends Frauen feilschten, Kinder kreischten, +Rosse wieherten, das Geflügel gackerte, und daß man bloß das Tor hinter +sich zu schließen brauchte und es wurde so still, als ob man in die Erde +hineingestiegen sei. + +Dies machte Caspar im Anfang Spaß. Es glich einem Versteckenspiel, er +fand es lustig, sich zu verstecken, und gelegentlich sah er es darauf +ab, ein andres Gesicht zu zeigen, als ihm zu Sinn war, oder andre Dinge +zu sagen, als man von ihm erwartete. An einem der ersten Tage verlor +Frau Behold ein silbernes Kettchen; Caspar behauptete, es im Vorplatz +gesehen zu haben, obwohl er es keineswegs gesehen hatte. + +Es wurde ihm verboten, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Er fragte, +wer es verboten habe, da wurde ihm geantwortet, Frau Behold habe es +verboten, und als er sich an Frau Behold wandte, sagte sie, der +Magistratsrat habe es verboten, und als er sich an den Magistratsrat +wandte, sagte der, der Präsident habe es verboten. Dermaßen war alles +verzwickt und versteckt in diesem Haus. + +Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen; sie fand es versperrt, +er hatte von innen zugeriegelt. »Was sperrst du dich denn ein am +hellichten Tag?« fragte sie und schnüffelte auf dem Tisch herum, wo +seine Bücher und Schularbeiten lagen. »Fürchtest du dich vielleicht?« +fuhr sie zungengeläufig fort. »Bei mir brauchst du dich nicht zu +fürchten, bei mir gibt es keine vermummten Spitzbuben.« Er gab zu, daß +er sich fürchte, und das schmeichelte Frau Behold, sie nahm eine +grimmige Beschützermiene an und lächelte herausfordernd. + +Jeden Vormittag, wenn er von der Schule kam -- er besuchte jetzt zwei +Stunden täglich die dritte Klasse des Gymnasiums --, erkundigte sich Frau +Behold, wie es ihm gegangen sei. »Schlecht ist's gegangen,« entgegnete +er dann trübselig, und in der Tat, er hatte wenig Freude davon. Die +Lehrer klagten, daß seine Gegenwart die andern Schüler der +Aufmerksamkeit beraube; der Umstand, daß auf der Gasse stets ein +Polizeidiener hinter ihm herging und daß die Polizei Tag und Nacht das +Haus bewachte, in dem er wohnte, dünkte die Knaben aufregend sonderbar, +und sie belästigten ihn mit den albernsten Fragen. Seine Schweigsamkeit +wurde natürlich ganz falsch gedeutet, und wenn er von selbst unbefangen +das Wort an sie richtete, wichen sie entweder scheu zurück oder höhnten +ihn, denn er war in ihren Augen nichts weiter als ein großer dummer +Teufel, der, fast doppelt so alt als sie, noch in den Anfangsgründen der +Wissenschaft steckte. Es kam häufig vor, daß er während des Unterrichts +aufstand und eine seiner kindischen Fragen stellte; da brach dann die +ganze Klasse in Gelächter aus, und der Lehrer lachte mit. Einmal, +während eines gewaltigen Sturmwinds, der draußen heulte, verließ er +seinen Platz und flüchtete in die Ofenecke; da kannte das Vergnügen der +andern keine Grenze, und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den +Bänken schob, begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik. + +Am eigentümlichsten war es aber anzusehen, wenn er auf dem Nachhauseweg +mitten unter der Knabenschar ging, still, verschlossen und sorgenvoll +unter den Lärmenden und Unbekümmerten, männlich unter den +Halbwüchslingen -- und ihm zur Seite beständig der Wächter des Gesetzes. + +Sehr häufig sprach Daumer vor, um bei den Kollegen Auskunft über Caspar +einzuholen. »Ach,« hieß es da, »er hat freilich den besten Willen, aber +leider nur einen mittelmäßigen Kopf. Er erweist sich anstellig, aber es +bleibt nicht viel haften. Wir können ihn nicht tadeln, aber zu loben ist +auch nichts.« + +Daumer war gekränkt. Ihr könnt nicht tadeln, ihr Herren, ei, und tadelt +doch, dachte er; Tadel ist leicht, besonders wenn er den Tadler lobt, +wie es sein Merkmal ist. Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte +ihm eine Lobpreisung auf Caspar förmlich abzulisten, aber Herr Behold +war kein Freund von offenen Meinungen. Er war ein einschichtig lebender +Mensch, der seine Tage in einem düstern Kontor am Zwinger verbrachte, +und wer von ihm etwas haben wollte, erhielt gewöhnlich die Antwort: »Da +müssen Sie sich an meine Frau wenden.« + +Daumer glich fast einem unglücklichen Liebhaber darin, wie er jetzt +achtsam und bekümmert den Wegen seines früheren Pfleglings folgte, wobei +er aber gern vermied, Caspar zu sehen und zu sprechen. Mit großem +Mißtrauen verfolgte er insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold, +und er zerbrach sich den Kopf darüber, weshalb diese so gierig +getrachtet hatte, den Jüngling in ihre Nähe zu bekommen. »Was willst +du,« meinte Anna, die ebensoviel gesunden Menschenverstand besaß wie ihr +Bruder phantastischen Pessimismus, »es ist ja ganz klar, sie braucht +eine Spielpuppe, eine Unterhaltung für ihren Salon.« + +»Eine Spielpuppe? Sie hat doch ein Kind, und sie vernachlässigt sogar +dieses Kind, wie man hört.« + +»Freilich; aber daran ist nichts Merkwürdiges, ein Kind zu haben wie +alle andern Leute; es muß etwas sein, wovon man redet, was Interessantes +muß es sein; man kann dabei die große Dame spielen und liest hie und da +den eignen Namen in der Zeitung. Auch gilt man nebenher für eine +Wohltäterin, der Herr Gemahl kann einen hohen Orden bekommen, und was +die Hauptsache ist, man vertreibt sich die Langeweile. Die Person kenn' +ich, als ob ich's selber wäre. Der Caspar tut mir leid.« + +Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause, wenn sie +Gäste hatte. Sie mußte immer Menschen sehen, sie liebte wohlgekleidete, +gutgelaunte Menschen, Männer mit Titeln und Frauen von Rang, liebte +Feste, Schmuck und prächtige Gewänder. Man hätte sie eine joviale Natur +nennen dürfen, wenn der Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht hätte; sie +wäre bisweilen behäbig, ja gemütlich erschienen ohne eine gewisse +ziellose Neugierde, von der sie bis ins Innerste, bis in den Schlaf der +Nächte behaftet war. Sie hatte eine Unmasse französischer Romane +verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig geworden, +und das gute Teil Phlegma, das ihrem Temperament beigemischt war, +machte diese Eigenschaften nur um so hintergründiger. Wer sie so nahm, +wie sie sich gab, war im voraus betrogen. + +Was Caspar betrifft, so sah sie ihn zunächst bloß humoristisch und am +meisten dann, wenn er ernst und nachdenklich war. »Nein, was er heute +wieder Komisches gesagt hat,« war ihre beständige Phrase. Es hatte oft +den Anschein, als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen. +»Also, mein liebes Mondkälbchen, sprich,« forderte sie ihn vor den +Gästen auf. Wenn sie ihn gar eifrig beflissen sah, lateinische Vokabeln +auswendig zu lernen, lachte sie aus vollem Hals. »Wie gelehrt, wie +gelehrt!« rief sie und fuhr ihm mit der Hand wüst durch das Lockenhaar. +»Laß es sein, laß es sein,« tröstete sie ihn, wenn er über die +Schwierigkeit einer Rechnung klagte, »bringst's ja doch zu nichts, ist +genau so, wie wenn ich seiltanzen wollte.« + +Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr. +Eines Morgens kam sie dazu, als er in der Küche stand und Zeuge war, wie +der Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm +und auf die Anrichte legte. Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars +Zügen, er wich zurück, zitterte und war keines Lautes fähig, dann floh +er mit bedrängten Schritten. Frau Behold war betroffen und wollte ihrer +Rührung nicht nachgeben. Was ist das? dachte sie; er verstellt sich +wohl; was ist ihm das Blut der Tiere? + +Um ihm gefällig zu sein, tat sie mehr, als ihre Bequemlichkeit ihr sonst +verstattet hätte. Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fühlen. +»Sapperment, was ist dir übers Leberlein gekrochen?« fuhr sie ihn an, +wenn sie ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte. »Wenn du nicht lustig +bist, führ' ich dich in die Schlachtbank und du mußt zuschauen, wie man +den Kälbern den Hals abschneidet,« drohte sie ihm einmal und wollte sich +ausschütten vor Lachen über die Miene des Entsetzens, die er darüber +zeigte. + +Nein, Caspar fühlte sich keineswegs wohl. Frau Behold war ihm ganz und +gar unverständlich, ihr Blick, ihre Rede, ihr Gehaben, alles das stieß +ihn aufs äußerste ab. Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken, +um seinen Widerwillen nicht merken zu lassen, gleichwohl war er krank +und elend, wenn er nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte. Es +fehlte ihm dann jegliche Arbeitslust, und die Schule zu besuchen, die +ihm ohnehin verhaßt war, unterließ er ganz. Die Lehrer beschwerten sich +beim Magistrat; Herr von Tucher, der jetzt wieder in der Stadt weilte +und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden war, stellte ihn +zur Rede. Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus, ein Betragen, das +Herr von Tucher als Verstocktheit auffaßte und das ihm zu schlimmen +Befürchtungen Anlaß bot. + +Und da war noch eines, was Caspar zu denken gab. Manchmal begegnete ihm +auf der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds +Tochter, ein Mädchen, halb erwachsen und bleich von Gesicht. Ihre Augen +waren feindselig auf ihn gerichtet. Wenn er sie anreden wollte, lief sie +davon. Einmal schaute er von der Galerie in den Hof und sah sie am +Brunnen stehen, hinter dessen eisernem Rohr ein Brett weggeschoben war, +so daß der Blick in die Tiefe offen lag. Das Mädchen stand unbeweglich +und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das schwarze Loch. +Caspar verließ leise die Galerie und schlich hinunter; er betrat jedoch +kaum den Hof, so flüchtete das Mädchen mit bösem Gesicht an ihm vorüber. +Als Caspar ihr zaudernd folgte, begegnete ihm der Herr Rat, und Caspar +erzählte voll Eifer, was er mitangeschaut. Herr Behold zog die Stirn +kraus und sagte beschwichtigend: »Ja, ja, gewiß; das Kind ist nicht +gesund. Kümmer' Er sich nicht darum, Caspar, kümmer' Er sich nicht +darum.« + +Caspar kümmerte sich aber doch darum. Er fragte die Mägde, was mit dem +Kind sei, und eine von ihnen erwiderte bissig: »Sie kriegt nichts zu +essen, der Findling frißt ihr alles weg!« Darauf eilte er spornstreichs +zu Frau Behold, wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte, ob das +wahr sei. Frau Behold bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der +Stelle davon. Als jedoch Caspar sie auch dann noch in seiner +ungeschickten und altklugen Weise ermahnte, daß sie mehr auf ihre +Tochter achten möge als auf ihn und daß er sonst fortgehen werde, +schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz. »Wie willst du +denn fortgehen?« fuhr sie auf. »Wohin denn? Wo bist du denn daheim, wenn +man fragen darf?« + +Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung, daß Caspar in ihre Tochter +verliebt sei. Sie legte es darauf an, ihn über den Punkt auszuholen. Auf +ihre Fragen antwortete er jedoch so blöde, daß sie sich beinahe ihres +Verdachts geschämt hätte. »#Grand Dieu#,« sagte sie laut vor sich hin, +»mir scheint, der Einfaltspinsel weiß nicht einmal, was Liebe ist!« Ja, +noch mehr, sie spürte, daß er sich nicht einmal im entferntesten einen +Gedanken darüber machte. Das war der guten Dame doch überaus seltsam, +ihr, deren Begierden und Gelüste immer im trüben Gewässer halb +romanhafter, halb schlüpfriger Leidenschaften plätscherten, so +tugendhaft sie auch vor ihren Mitbürgern sich halten mußte. + +Er ist doch aus Fleisch und Blut, kalkulierte sie, und wenn schon der +närrische Daumer in allen Tönen von seiner Engelsunschuld schwärmt, als +erwachsener Mensch weiß man, was der Hahn mit den Hühnern treibt. Er +heuchelt, er hält mich zum besten; warte, Kerl, ich will dir den Gaumen +trocken machen. + +Auf dem Markt, zur Rechten vor dem Beholdschen Haus, stand der +sogenannte schöne Brunnen, ein Meisterwerk mittelalterlich-nürnberger +Kunst. Seit grauen Zeiten erzählte man den Kindern, daß der Storch die +Neugeborenen aus der Tiefe des Brunnens hole. Frau Behold fragte Caspar, +ob er davon vernommen habe, und als er verneinte, sah sie ihn mit +schlauem Augenzwinkern an und wollte wissen, ob er daran glaube. »Ich +seh' nur nicht, wo der Storch da hinunterfliegen kann,« antwortete er +harmlos, »es ist ja alles mit Gittern vermacht.« + +Frau Behold staunte. »Ei du Tropf!« rief sie aus, »schau mich einmal +aufrichtig an!« + +Er schaute sie an. Da mußte sie die Augen senken. Und plötzlich erhob +sie sich, eilte zur Kredenz, riß eine Lade auf, schenkte sich ein Glas +Wein voll und trank es auf einen Zug leer. Sodann ging sie ans Fenster, +faltete die Hände und murmelte mit einem Ausdruck von Stumpfsinn: +»Jesus Christus, bewahre mich vor Sünde und führe mich nicht in +Versuchung.« + +Es bedarf kaum der Erwähnung, daß sie sonst eine höchst aufgeklärte Dame +war, die sich das ganze Jahr nicht in der Kirche sehen ließ. + +Es war schon Mitte August und große Hitze herrschte. An einem Sonntag +veranstaltete der Bürgermeister ein Waldfest im Schmausenbuk; Caspar war +am Morgen mit dem Stallmeister Rumpler und einigen jungen Leuten bis +Buch geritten und war so müde, daß er nach Tisch in seinem Zimmer +einschlief. Frau Behold weckte ihn selbst und hieß ihn sich ankleiden, +da der Wagen warte, der sie zum Festplatz bringen sollte. Auf Caspars +Frage, ob noch wer mitgehe, erwiderte sie, zwei Knaben führen mit +hinaus, die Söhne des Generals Hartung. Da sagte Caspar enttäuscht, er +wünschte, daß Frau Behold ihre Tochter mitgehen lasse, denn die werde +sich grämen, wenn sie zu Hause bleiben müsse. Frau Behold stutzte und +wollte zornig werden, nahm sich aber zusammen. Sie beugte sich vor, +ergriff mit der Hand einen Bündel Locken auf Caspars Kopf und sagte +boshaft: »Ich schneide dir die Haare ab, wenn du wieder davon anfängst.« + +Caspar entwand sich ihr. »Nicht so nahe,« flehte er mit aufgerissenen +Augen, »und nicht schneiden, bitte!« + +»Hab' ich dich!« drohte Frau Behold, gezwungen scherzend. »Hab' ich +dich, furchtsames Menschlein? Noch ein Widerpart, und ich komme mit der +Schere!« + +Während der Fahrt blieb Caspar schweigsam. Die beiden Knaben, die +vierzehn und fünfzehn Jahre alt waren, neckten ihn und suchten etwas +aus ihm herauszulocken, da sie stets wie über eine Art Wundertier über +ihn sprechen gehört hatten. Nach Schuljungengewohnheit fingen sie an, +prahlerische Reden zu führen, als ob es keine gelehrteren und +scharfsinnigeren Menschen gäbe. Weit auf der Landstraße draußen rief der +eine, er höre schon die Musik aus dem Wald, da entgegnete Caspar, +ärgerlich über das Wesen, das die beiden von sich machten, das wundre +ihn, er höre nichts, dagegen sehe er auf einer hohen Stange fern über +den Bäumen eine kleine Fahne. »O die Fahne,« meinten jene +geringschätzig, »die sehen wir schon lang!« Auch hierüber wunderte sich +Caspar, denn er hatte sie erst im Augenblick wahrgenommen, ein schmales +Streifchen, das nur im Wehen des Windes sichtbar war. + +»Gut,« sagte er, »wenn sie wieder weht, will ich euch fragen, ob ihr es +bemerkt.« Er wartete eine Weile und stellte dann, während die Fahne +ruhig war, die irreführende Frage: »Also, weht sie jetzt oder nicht?« + +»Sie weht!« antworteten die Knaben wie aus einem Mund, doch Caspar +versetzte ruhig: »Ich sehe daraus, daß ihr nichts seht.« + +»Oho!« riefen jene, »dann lügst du!« + +»So sagt mir doch,« fuhr Caspar unbekümmert fort, »was für eine Farbe +sie hat.« + +Die Knaben schwiegen und guckten, dann riet der eine ziemlich kleinlaut: +»rot,« der andre, etwas kühner: »blau.« Caspar schüttelte den Kopf und +wiederholte: »Ich sehe, daß ihr nichts seht; weiß und grün ist sie.« + +Daran war schwer zu mäkeln, eine Viertelstunde später konnten sich alle +von der Wahrheit überzeugen. Aber die Knaben blickten Caspar voll Haß +ins Gesicht; sie hätten gern vor Frau Behold geglänzt, die die ganze +Unterhaltung wortlos mitangehört hatte. + +Caspars Gegenwart beim Fest zog, wie immer, eine Anzahl Gaffer herbei, +darunter waren einige Bekannte, junge Leute, die sich seiner annehmen zu +sollen glaubten und ihn Frau Behold unerachtet ihres Widerspruchs +entrissen. Es war anfangs nur eine kleine Gesellschaft, die sich aber +allgemach vergrößerte und, indem einer den andern anfeuerte, lauter +Tollheiten beging. Sie warfen Tische und Bänke um, schreckten die +Mädchen, kauften die Krämerbuden leer, verübten ein wüstes Geschrei und +stellten sich dabei an, als ob Caspar ihr Gebieter sei und sie +kommandiere. Das Treiben wurde immer ausgelassener; als es Abend +geworden war, rissen sie die Lampions von den Bäumen und zwangen ein +paar Musikanten, ihnen vorauszuziehen, um den Tumult mit ihren Trompeten +zu begleiten. Zwei junge Kaufleute hoben Caspar auf ihre Schultern, und +er, dem schon Hören und Sehen verging, wünschte sich weit weg und +kauerte mit dem unglücklichsten Gesicht von der Welt auf seinem +lebendigen Sitz. + +Unter Gesang und Gelächter kam die entfesselte Schar vor die Estrade, wo +der Tanz begonnen hatte; hier konnte sie nicht weiter, die angesammelte +Menge versperrte den Weg nach rückwärts und seitwärts. Plötzlich sah +Caspar ganz nahe die beiden Knaben, die in Frau Beholds Kutsche +mitgefahren waren; sie standen auf der Treppe zum Tanzpodium und trugen +einen langen Baumzweig mit einem weißen Pappendeckel an der Spitze, +worauf in großen Lettern die Worte gemalt waren: »Hier ist zu sehen +Seine Majestät Casperle, König von Schwindelheim.« Sie hielten die Tafel +so, daß die Aufschrift Caspar zugekehrt war, auch alle Umstehenden +gewahrten sie alsbald, und es erhob sich ein schallendes Gelächter. Die +Trompeter gaben einen Tusch, und der Zug setzte sich wieder, am +Wirtshaus vorbei, gegen den illuminierten Wald in Bewegung. + +Caspar rief, man solle ihn herunterlassen, aber niemand achtete darauf. +Nun zog er mit der einen Hand am Ohr des einen, mit der andern an den +Haaren des zweiten seiner Träger. »Au, was zwickst du mich!« schrie +dieser und der andre: »Au, mich zebelt er!« Wütend traten sie beiseite, +wodurch Caspar herunterglitt. Die beiden Schildträger standen vor ihm +und grinsten höhnisch. »Wir haben auch ein Fähnlein für dich,« sagte der +ältere, »sieh mal zu, ob es weht.« Im selben Augenblick schraken sie +zusammen, denn eine gebieterische Stimme schrie dröhnend ihren Namen. Es +war der Vater der beiden, der General, der mit einigen andern Herren und +mit Frau Behold in geringer Entfernung an einem abseits stehenden Tisch +saß. Diese alle erhoben sich, denn am Himmel waren schwere Wolken +aufgezogen, und man hörte schon den Donner grollen. + +Frau Behold empfing Caspar mit den Worten: »Du machst ja schöne +Streiche, schämst dich nicht? Allons! Wir fahren heim.« Mit überlautem +Wesen verabschiedete sie sich von den Herren und eilte zum Ausgang des +Festplatzes, wo sie mit kreischender Stimme ihren Kutscher rief. »Setz +dich!« herrschte sie Caspar an, als sie den Wagen erreicht hatten. Sie +selbst stieg zum Kutscher auf den Bock, ergriff die Zügel, und nun +begann ein tolles Fahren, erst durch den Wald, dann die staubschäumende +Chaussee entlang. Sie trieb die Tiere an, daß sie nur so hüpften und von +jedem Kieselstein, den ihr Huf traf, Funken spritzten. Kein Stern war zu +sehen, die Landschaft breitete sich düster hin, häufig zuckten Blitze +auf und der Donner rollte näher. + +In wenig mehr denn einer halben Stunde waren sie in der Stadt, und als +die Pferde am Marktplatz hielten, dampfte der Schweiß von ihren Flanken. +Frau Behold sperrte das Haustor auf und ließ Caspar vorangehen. Er +tastete sich in der Dunkelheit bis zu seiner Zimmertür, doch die Frau +ergriff ihn am Arm, zog ihn weiter und trat mit ihm in den sogenannten +grünen Salon, einen großen Raum, wo die Fenster geschlossen waren und +eine muffige Luft herrschte. Frau Behold zündete eine Kerze an, warf Hut +und Mantille auf das Sofa und setzte sich in einen Ledersessel. Sie +summte leise vor sich hin, plötzlich unterbrach sie sich und sagte in +derselben singenden Weise: »Komm einmal her zu mir, du unschuldiger +Sünder.« + +Caspar gehorchte. + +»Knie nieder!« gebot die Frau. + +Zögernd kniete er auf den Boden und sah Frau Behold ängstlich an. + +Wie am Nachmittag näherte sie wieder ihr Gesicht dem seinen. Ihr +schmales, langes Kinn zitterte ein wenig, und ihre Augen lachten +sonderbar. »Was sträubst du dich denn so?« gurrte sie, da er den Kopf +zurückbäumte. »#Ma foi#, er sträubt sich, der Jüngling! Hast wohl noch +kein lebendiges Fleisch gerochen? He, du Strick, wer's glaubt! Was +Teufel, fürchtest dich am Ende? Hab' ich dir nicht die besten Bissen +auftragen lassen? Hab' ich dir nicht gestern erst eine schöne Amsel +geschenkt? Ich hab' ein gutes Herz, Caspar, da horch, wie's schlägt, +wie's tickt ...« + +Mit großer Kraft zog sie seinen Kopf gegen ihre Brust. Er dachte, sie +wolle ihm ein Leids tun, und schrie, da drückte sie die Lippen auf +seinen Mund. Ihm wurde eiskalt vor Grauen, sein Körper sank zusammen, +wie wenn die Knochen aus den Gelenken gelöst wären, und als Frau Behold +dieser jähen Erschlaffung inne ward, erschrak sie und sprang auf. Ihr +Haar hatte sich gelockert, und ein dicker Zopf lag wie eine Schlange auf +der Schulter. Caspar hockte auf dem Boden, krampfhaft umklammerte seine +Linke die Rücklehne. Frau Behold beugte sich noch einmal zu ihm und +schnupperte seltsam, denn sie liebte den Geruch seines Leibes, der sie +an Honig erinnerte. Aber kaum spürte Caspar ihre abermalige Nähe, als er +emportaumelte und ans andre Ende des Zimmers floh. Die Seite gegen die +Tür geschmiegt, den Kopf vorgeduckt, die Arme halb ausgestreckt, so +blieb er stehen. + +Die ferne Ahnung von etwas Ungeheuerm dämmerte in ihm auf. Kein jemals +gehörtes Wort gab einen Hinweis, doch er ahnte es, wie man auf eine +Feuersbrunst, die hinter den Bergen wütet, aus der Röte des Himmels +schließt. Schändlich war ihm zumut, insgeheim fühlte er sich an, ob er +denn auch seine Kleider am Körper trüge, und dann schaute er auf seine +Hände nieder, ob sie nicht voll Schmutz seien. Er schämte sich, er +schämte sich, vor den Wänden, vor dem Sessel, vor der brennenden Kerze +schämte er sich; er wünschte, die Tür möchte von selber sich öffnen, +damit er unhörbar verschwinden könne. + +Es war wie das entsetzliche Aufleuchten von Augen, als ein rosiger +Blitzstrahl ins Zimmer fuhr; der Donner folgte wie ein enormer Schrei. +Caspar drückte die Schultern zusammen und fing an zu zittern. + +Mittlerweile ging Frau Behold mit wahren Mannesschritten auf und ab, +lachte ein paarmal kurz vor sich hin, plötzlich ergriff sie die Kerze +und trat auf Caspar zu. »Du Aas, du verdorbenes, was hast du denn +geglaubt,« sagte sie erbittert, »glaubst du vielleicht, mir liegt etwas +an dir? Ja, einen alten Stiefel! Mach, daß du weiterkommst, und +untersteh dich nicht, darüber zu sprechen, sonst massakrier' ich dich!« + +Sie lachte dabei, als solle es im Grunde doch nur Scherz sein, aber +Caspar erschien sie übergroß, ihr schwarzer Schatten erfüllte den ganzen +Raum, außer sich vor Furcht, rannte er hinaus, die Frau hinter ihm her, +er, die Treppe hinab zum Tor, rüttelte an der Klinke; es war zugesperrt. +Er hörte draußen den Regen aufs Pflaster prasseln, zugleich vernahm er +hastig trippelnde Schritte, ein Schlüssel drehte sich im Schloß und der +Magistratsrat erschien auf der Schwelle. Die unaufhörlichen Blitze +beleuchteten Caspars schlotternde Gestalt und das Donnergeschmetter +verschlang die Fragen des bestürzten Mannes. + +Oben an der Stiege stand Frau Behold, der nahe Kerzenschein durchfurchte +ihr Gesicht mit verwildernden Lichtern, und ihre Stimme übertönte den +Donner, als sie ihrem Manne zuschrie: »Er hat sich betrunken, der Kerl! +Auf dem Schmausenbuk haben sie ihn betrunken gemacht! Laß Er sich heute +nur nicht mehr blicken! Marsch, ins Bett mit ihm!« + +Der Magistratsrat schloß das Tor und klappte den triefenden Parapluie +zu. »Nun, nun ... aber, aber,« machte er, »so schlimm wird's doch nicht +gleich sein.« + +Frau Behold antwortete nicht. Sie schlug eine Tür zu, dann war es still +und finster. + +»Komm Er nur mit, Caspar,« sagte der Rat, »wir wollen mal Licht anzünden +und nachsehen, was es denn da gibt. Reich Er mir den Arm, so.« Er +geleitete Caspar in dessen Zimmer, machte Licht und murmelte fortwährend +kleine, beschwichtigende Sätzchen vor sich hin. Dann beroch er Caspars +Atem, um zu sehen, ob er wirklich getrunken habe, schüttelte den Kopf +und meinte verwundert: »Nichts dergleichen. Die Rätin ist da sicherlich +im Irrtum. Aber mach Er sich nichts draus, Caspar, empfehl Er Seine +Sache dem Herrn, und es wird wohl enden. Gute Nacht!« + +Als Caspar allein war, irrte sein scheues Auge von Blitz zu Blitz. Bei +jedem Aufflammen hatte er unter den Lidern Schmerzen wie von +Nadelstichen, bei jedem Donnerschlag war ihm, als ob alles in seinem +Leibe locker sei. Hände und Füße waren ihm eiskalt. Er wagte sich nicht +ins Bett zu begeben, sondern blieb wie angewurzelt stehen, wo er stand. +Er erinnerte sich mit Grauen des ersten Gewitters, das er im Turm auf +der Burg erlebt hatte. Er war in einen Mauerwinkel gekrochen, und die +Frau des Wärters war gekommen, ihn zu trösten. Sie sagte: »Man darf +nicht hinausgehen, es ist ein großer Mann draußen, der zankt.« Immer +wenn es donnerte, bückte er sich ganz zur Erde, und die Frau sagte: +»Hab keine Angst, Caspar, ich bleib' bei dir.« + +Auch jetzt war es ihm, als sei ein großer Mann draußen, der zankte. Aber +es war niemand da, um ihn zu trösten. Die Amsel, die in einem Käfig beim +Fenster geduckt auf dem Holzstäbchen hockte, ließ bisweilen piepsende +kleine Laute hören. Er hätte sie schon längst freigelassen, weil ihn das +Tier erbarmte, doch fürchtete er Frau Beholds Zorn. + +Als das Gewitter im Wegziehen war, entledigte er sich schnell der +Kleider, kroch ins Bett und deckte sich bis zur Stirn hinauf zu, um das +Blitzen nicht sehen zu müssen. In der Eile vergaß er sogar, die Türe +abzuriegeln, und dieser Umstand hatte ein gar sonderbares Geschehnis zur +Folge. + +Am Morgen beim Aufwachen spürte er einen durchdringenden Geruch. Ja, es +roch nach Blut im Zimmer. Schaudernd blickte er sich um, und das erste, +was er sah, war, daß der Vogelbauer am Fenster leer war. Caspar suchte +nach dem Tierchen und gewahrte, daß die Amsel auf dem Tisch lag, tot, +mit ausgebreiteten Flügeln, in einem Blutgerinnsel. Und daneben, auf +einem weißen Teller, lag das blutige kleine Herz. + +Was mochte dies bedeuten? Caspar verzog das Gesicht, und sein Mund +zuckte wie bei einem Kind, bevor es weint. Er kleidete sich an, um in +die Küche zu gehen und die Leute zu fragen, doch als er das Zimmer +verließ, erschrak er, denn Frau Behold stand im Flur neben der Tür. Sie +hatte einen Kehrbesen in der Hand und sah unordentlich aus. Caspar +schaute in ihr fahles Gesicht, er sah sie lange an, fast so matt und +bewegt, wie er den toten Vogel angesehen. + + + + +Botschaft aus der Ferne + + +Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold. +Wahrscheinlich bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare +Gemütszustand vor, der späterhin ihr Schicksal verhängnisvoll beschloß. +Jedermann scheute sich, mit ihr zu tun zu haben. Kaum hatte sie sich +irgendwo hingesetzt, so sprang sie auch schon wieder auf, um fünf Uhr +früh war sie schon munter, lärmte in den Zimmern und auf den Stiegen und +klopfte Caspar aus dem Schlaf, wobei sie ein solches Gepolter an seiner +Tür machte, daß er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen Tag zu keiner +Arbeit fähig war. Bei Tisch sollte er nicht reden, und wenn er einmal +Widerspruch hielt, drohte sie, ihn beim Gesinde in der Küche essen zu +lassen. Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen, so erging sie sich in +bissigen Wendungen. »Ich bin neugierig, ob Sie aus dem Stockfisch etwas +herausbringen,« sagte sie etwa; »man hat Ihnen sicherlich weisgemacht, +daß Sie ein Unikum von Klugheit an ihm finden werden. Überzeugen Sie +sich doch; sehen Sie zu, ob die arme Seele ein vernünftiges Wort +hergibt.« Solches machte den Gast, wer er auch war, verlegen, und Caspar +stand da und wußte nicht, wohin er schauen sollte. + +Wie früher mußten Menschen her, um die Räume des Hauses zu füllen, +Gelächter sollte über die morschen Stiegen hallen und knisternde +Schleppen den Staub der Jahrzehnte abfegen. Aber die Tage waren von den +Nächten so verschieden wie der Ballsaal, wenn die Lichter brennen und +dann, wenn die Leute gegangen sind, der Pförtner die Kerzen auslöscht +und Mäuse über die befleckten Teppiche huschen. In einem solchen Dasein +wächst Schuld wie das Unkraut auf nichtgepflügtem Acker. Große Schuld +kann reinigen in Buße oder Leiden; die kleinen Versäumnisse und +unnennbaren Missetaten, die an vielen Stunden vieler Tage hängen, +zermürben die Seele und fressen das Mark des Lebens auf. + +Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur, weil sie dem +Menschen nicht verzeihen konnte, der ihre Tugend ins Wanken gebracht +hatte, wenngleich nur für eine schwüle Gewitterstunde. Aber lag es bloß +daran? War ihr nicht vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch +das unerwartete Bild der Unschuld, das ihr der Jüngling dargeboten +hatte? Eine solche umgedrehte Welt war ihr nicht erträglich, um darin zu +leben. Es war ein Raub an ihr geschehen und sie verlangte nach Rache. + +Den Freunden Caspars blieb der veränderte Zustand im Hause Behold nicht +verborgen. Bürgermeister Binder war der erste, der mit Nachdruck +erklärte, Caspar dürfe nicht länger dort verbleiben. Daumer unterstützte +diese Meinung lebhaft, und der Redakteur Pfisterle, hitzig und unbequem +wie immer, beschimpfte in seiner Zeitung den Magistratsrat und äußerte +den Verdacht, man wünsche den Findling unschädlich zu machen und die +Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, welche die Anrechte seiner +geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten. »Da lebt er, der rätselhafte +Knabe, dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn glänzt, wie ein +einsames Tier, das sich nur mit ein paar schüchternen Sprüngen ans Licht +getraut und, während es über den Acker hüpft, possierlich mit Schwanz +und Ohren wackelt, um seine Feinde zu ergötzen, dabei aber ängstlich +nach allen Seiten spitzt, um bald wieder ins erste beste Loch zu +kriechen.« + +So der aufgeregte Schreibersmann. Danach entschlossen sich die +Stadtväter nach mancherlei Beratungen, wie vordem einen Erziehungs- und +Kostbeitrag aus der Gemeindekasse auszusetzen, und weil niemand so wie +Herr von Tucher geeignet schien, dem Elternlosen ein Obdach zu bieten, +legte man ihm die Sache beweglicherweise ans Herz, appellierte an seine +Großmut und an die ausgezeichnete Stellung seiner Familie, deren Name +allein genügen würde, den Jüngling vor gemeinen Verfolgungen zu +schützen. + +Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken. Das plötzliche Gezeter gegen die +Beholdschen verdroß ihn. »Erst seid ihr froh gewesen, für den jungen +Menschen einen Unterschlupf zu finden, und auf einmal wird hohes +Kammergericht gespielt,« sagte er; »soll ich annehmen, daß es mir besser +ergeht? Ich will nicht Gefahr laufen, daß mein Privatleben von oben bis +unten beschnüffelt wird, ich will nicht jedem müßigen Hahn erlauben, +sein Kikeriki in meinen Frieden zu krähen.« + +Auch die Familie, besonders seine Mutter, erhob Einspruch und warnte +ihn, sich in Abenteuer zu begeben. Es hieß sogar, die alte Freifrau habe +dem Sohn einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt, wenn er +den Hauser zu sich nehmen wolle, möge er nur dessen Unterhalt aus +Gemeindekosten bestreiten, sie gebe keinen Groschen dafür her. + +Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch. Er fand, daß es seine +Pflicht sei, Caspar aufzunehmen. Da er in ihm schon einen halb +Verlorenen sah, stellte er sich vor, daß er damit einen unglücklich +Irrenden wieder auf die gebahnten Wege des Lebens führen könne. Der gute +Caspar ermangelt vielleicht nur einer männlich-kräftigen Hand, sagte er +sich; die Faseleien von Übernatur und Ausnahmswesen, das beständige +Bestarrt- und Bewundertwerden, alles das war ihm verderblich; +Einfachheit, Ordnung, überlegte Strenge, kurz, die Prinzipien einer +gesunden Zucht werden ihm heilsam sein. Probieren wir's! + +Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt, und das war +das wichtigste. Er erklärte: »Ich bin bereit, den Findling zu betreuen, +knüpfe jedoch die Bedingung daran, daß man mich in allen Dingen gewähren +und daß niemand, wer es auch sei, sich einfallen läßt, mich in meinen +Plänen zu beeinträchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich +und Caspar zu treten.« + +Natürlich wurde das zugesagt und versprochen. + +Kaum hatte Frau Behold gehört, was sich hinter ihrem Rücken abspielte, +so beschloß sie, den Ereignissen zuvorzukommen. Sie wartete eine +Nachmittagsstunde ab, während welcher Caspar nicht zu Hause war, ließ +alles, was sein Eigentum war, Kleider, Wäsche, Bücher und sonstige +Gegenstände, in eine Kiste werfen und diese ohne Deckel auf die Straße +stellen. Dann sperrte sie selber das Tor zu und lehnte sich befriedigt +lächelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus, um auf Caspars +Rückkehr zu harren und die Verblüffung des angesammelten Volkes zu +genießen. + +Caspar kam bald; er wurde von seinem Leibpolizisten über das +Vorgefallene belehrt, und indes der Mann von Amts wegen aufs Rathaus +trollte, um Meldung zu erstatten, lehnte sich Caspar gegen seine Kiste +und schaute hin und wieder verwundert zu Frau Behold hinauf. Es dauerte +gute zwei Stunden, bis man sich auf dem Rathaus entschieden hatte, was +zu tun sei, und Herr von Tucher benachrichtigt worden war. Währenddem +fing es an zu regnen, und hätte nicht ein gutmütiges Marktweib einen +Hopfensack herbeigebracht, mit dem sie die Kiste bedeckte, so wäre +Caspars ganzes Hab und Gut durchnäßt worden. Endlich zeigte sich der +Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten; sie brachten +ein Handwägelchen mit und schleppten die Kiste hinauf. Nun ging's fort, +und ein einfältig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die +Hirschelgasse ans Tucherhaus. + +Es begann nun wieder ein ganz neues Leben für Caspar. Vor allem hörte +der Besuch der Schule auf und anstatt dessen kam zweimal täglich ein +junger Lehrer ins Haus, ein Studiosus namens Schmidt. Sodann wurde jedem +unberufenen Fremden die Tür verriegelt. Ferner wurde das Reiten nicht +mehr gestattet. »Derlei Übungen sind für Aristokraten und reiche Leute, +nicht aber für einen Menschen, der zu bürgerlichem Brotverdienst erzogen +werden muß und sicherlich einst darauf angewiesen sein wird, sich mit +seiner Hände Arbeit durchzuschlagen,« sagte Herr von Tucher. + +Daraus war ersichtlich, daß er den Redereien von vornehmer Abstammung, +die im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren, nicht die mindeste +Bedeutung zumaß. »Die gegebenen Verhältnisse sind schwierig genug,« +erwiderte Herr von Tucher, wenn man ihn nur auf eine Möglichkeit dieser +Art hinwies; »ich bin durchaus nicht gesonnen, einem solchen Phantom, +und mehr ist es nicht, meine Grundsätze zu opfern.« + +Herr von Tucher war ein Mann, der unerschütterlich an seine Grundsätze +glaubte. Grundsätze zu haben, war für ihn das erste Element des Lebens, +nach ihnen zu handeln, ein selbstverständliches Gebot. Es gehörte zu +diesen Grundsätzen, daß er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich +und Caspar schuf, die den Respekt sicherte. Vertrauliche Beziehungen +waren ohnehin seine Sache nicht; Gefühle zu zeigen, war ihm verhaßt; die +aufrechte Haltung, der gemessene Gang, der kühle Blick, die +Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren kennzeichneten auch ganz und gar +sein Inneres. + +Strenge erschien ihm wichtig; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht. Die +oberste Maxime war: sich nicht rühren lassen. Daneben war es billig, für +erfüllte Pflicht Anerkennung zu gewähren. Die Stunden vom Morgen bis zum +Abend waren aufs genaueste eingeteilt. Am Vormittag der Unterricht, dann +ein Spaziergang unter Aufsicht des Dieners oder Polizisten, am +Nachmittag beschäftigte sich Caspar allein. Neben seiner Stube war eine +kleine Kammer als Werkstätte eingerichtet, und wenn er die Aufgaben +beendigt hatte, verfertigte er allerlei Tischler- und Papparbeiten, wozu +er viel Geschick bewies. Auch an Uhren und deren Zerlegung und +Zusammensetzung fand er Freude. Sein Betragen befriedigte Herrn von +Tucher vollkommen. Er konnte nicht umhin, den eisernen Fleiß des +Jünglings und seinen hartnäckigen Lern- und Bildungseifer zu bewundern. +Es gab nicht Widerspruch noch Auflehnung, niemals tat Caspar weniger, +als von ihm gefordert wurde. Ganz klar, man hat mich falsch berichtet, +dachte Herr von Tucher, die Leute, die bisher um ihn waren, haben ihn +nicht zu behandeln gewußt, zum erstenmal erfährt er den Segen einer +folgerechten Leitung. + +Die Grundsätze triumphierten. + +Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im +Verlauf der Zeit wurde ihm doch fühlbar, daß dem ein Zwang obwaltete, +und er hörte auf, die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und +Unterhaltung versprachen. Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm +entstand, riß er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll über den +Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten nur zwei alte Weiber +schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem Posten und +lauschte. Er wußte genau, um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen vom +Webersplatz herkamen, und ergötzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der +Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit und +seine Augen glänzten. So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern +des weitläufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tür, +öffnete den Spalt und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen +hatte, die unbekannt klang. Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam; +sie sagten, er sei ein Türenhorcher und lege es darauf an, sie dem Baron +zu verklatschen. + +Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er +schritt fast auf Zehen über die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart +eines vornehmen Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit +thronte der Bau abseits vom Getriebe, und wer Einlaß heischte, mußte +sich von einem langbärtigen Pförtner besichtigen und befragen lassen. +Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt, Fassade, Dach und +Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen, als hätten altverbriefte +Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen +verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge +gern am Abend, wenn die feinverschnörkelten Formen, durchglüht von +bläulichem Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen. + +Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen +Scheitel über einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die +sich sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, daß sie von schwacher +Gesundheit sei und ängstlich das Zimmer hüte. Dies Fremdsein Wand an +Wand erregte sein Nachdenken. Allmählich wurde es ihm klar, daß er unter +lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschüssel speiste. +Einer nahm ihn und nährte ihn; da kam ein Wagen, und er wurde geholt. +Ein andres Haus; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse: wieder +woandershin. + +Wie ging das zu? Andre lebten ständig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett +von Kindheit an, keiner durfte sie losreißen, sie hatten Rechte. Das war +es, sie hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um +Geld dienten, die zu den Füßen derer lagen, welche man als reich +bezeichnete, selbst die standen irgendwo fest auf der Erde, hielten +irgend etwas fest in den Händen, sie verrichteten eine Arbeit, man +bezahlte sie für die Arbeit und sie konnten hingehen und sich ihr Brot +kaufen. Der eine machte Röcke, der zweite Schuhe, der dritte baute +Häuser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz und +Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie +nicht wegreißen von der Stelle, wo sie hausten? + +Darum war es, ja, darum war's: weil sie eines Vaters und einer Mutter +Sohn waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur +Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er +gekommen sei und was er sein wollte. + +Das war es, Caspar wußte nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem +unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er +mußte es herausbringen, warum. Er mußte zu erfahren suchen, wer und wo +sein Vater und seine Mutter waren, und vor allem mußte er hingehen und +sich seinen Platz erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte. + +An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn +tief in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von +Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen, um sich ein +wenig mit ihm zu unterhalten. Es lag dies im Schema des +Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher, daß +er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre; das Prinzip zwang ihn, auf die +Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten. Und wenn es ihm auch +manchmal schwer wurde, solche Überwindung zu üben, sei es durch ein +eignes Bedürfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender +Blick Caspars an sein Herz faßte, es gab kein Schwanken, das Prinzip, +grimmig wie ein Vitzliputzli, verstattete nicht, daß man die Grenze der +Zurückhaltung mehr als nützlich überschreite. + +Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff +ihn der Anblick doch und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen +Klang an, als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens +befragte. + +Caspar überlegte, ob er sich aufschließen dürfe. Wie bei jeder +Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch +durchzuckt. Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen +Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit +einem Ton aus innerster Brust: »Was soll ich denn eigentlich werden?« + +Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene, +als wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darüber habe er auch schon +nachgedacht, erwiderte er; Caspar möge ihm doch sagen, wozu er am +meisten Lust habe. + +Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin. + +»Wie wäre es mit der Gärtnerei?« fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort. +»Oder wie wäre es, wenn du Tischler würdest oder Buchbinder? Deine +Papparbeiten sind ganz vortrefflich, und du könntest das +Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen.« + +»Dürft' ich dann alle Bücher lesen, die ich einbinden soll?« fragte +Caspar versonnen, der so geduckt saß, daß sein Kinn die Tischplatte +berührte. + +Herr von Tucher runzelte die Stirn. »Das hieße eben den Beruf +vernachlässigen,« antwortete er. + +»Ich könnte ja auch Uhrmacher werden,« sagte Caspar; er hatte in diesem +Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er +sah einen Mann, der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu +läuten befiehlt, der goldene Rädchen ineinander fügt und durch einen +Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse +bannt. Überhaupt mit solchen Namen war es schwer; nicht sein Wollen lag +dahinter, sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens. +Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle in dem Gehaben Caspars doch +kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er werde sich die Sache +überlegen. + +Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. »Ich +bin nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluß +gelangt,« sagte der Baron; »du bleibst das Frühjahr und den Sommer über +noch in meinem Haus. Wenn du fleißig bist, kann deine Ausbildung in den +Elementarfächern bis zum September beendet sein, dessen versichert mich +auch Herr Schmidt. Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für +dich wird, sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen, sondern alle +Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich werde bald mit einem +anständigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann, woran wir sind. +Bist du's zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wünsche? Nur frisch +heraus mit der Sprache, du kannst noch immer wählen.« + +Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken. Er schüttelte sich +ein wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn +nicht weiter bedrängen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er +hin und her, dann nahm er vor dem Flügel Platz und spielte einen +langsamen Sonatensatz. Es geschah dies nicht aus zufälliger Laune; am +Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von +Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr soeben sechs +gekrächzt hatte, wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen. + +Es war eine ziemlich schwermütige Melodie. Für Caspar war dergleichen +eine Qual; so gern er Märsche, Walzer und lustige Lieder hörte -- die +Anna Daumer, die kann spielen, sagte er immer --, so unbehaglich war ihm +bei solchen Tönen. Als Herr von Tucher den Schlußakkord des Stückes +angeschlagen hatte, sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend +anschaute, dachte er, er solle sich äußern, wie es ihm gefalle, und er +sagte: »Das ist nichts. Traurig kann ich von alleine sein, dazu brauch' +ich keine Musik.« + +Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe. »Was maßest du dir +an?« entgegnete er ruhig. »Ich habe kein musikalisches Urteil von dir +verlangt, und ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser +Hinsicht zu veredeln. Im übrigen geh auf dein Zimmer.« + +Caspar war es ganz lieb, daß er nicht mehr mit dem Baron zu essen +brauchte. Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig +und lästig. Vieles entzückte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe +und sein sachtes Sprechen, das überaus Reinliche seines Körpers, die +porzellanweißen Zähne und vor allem die rosigen gewölbten Nägel der +langen Hände. Er kannte viele Leute mit blassen Nägeln und mißtraute +ihnen; blasse Nägel erweckten ihm die Vorstellung des Neides und der +Grausamkeit. + +Doch immer hatte Caspar das Gefühl, als ob Herr von Tucher auf +irgendwelche Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon +betören lasse; es war ihm manchmal, als müsse er ihm zurufen: es ist ja +alles nicht wahr! Aber was? Was sollte nicht wahr sein? Das wußte Caspar +nicht zu sagen. + +In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner +überdrüssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war +voller Ahnungen, voller Unruhe. In Nächten, wo der Mond am Himmel stand, +verlöschte er die Lampe früher als sonst, setzte sich ans Fenster und +verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er +häufig unwohl, es fror ihn am ganzen Leibe, erst der Anblick des Mondes +selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er wußte, von welchem Dach oder +zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen müsse, hob sie +wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus, und wenn Wolken da +waren, zitterte er davor, daß sie den Mond berühren könnten, weil er +glaubte, das strahlende Licht müsse befleckt werden. + +Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu +lauschen. Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich, +ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der +Studiosus, ließ ihn gewähren, als es aber zu lange dauerte, rief er ihn +zurück. Caspar richtete sich auf und schloß das Fenster, sein Gesicht +war so bleich, daß der Studiosus besorgt fragte, was ihm sei. + +»Mir war, wie wenn jemand käme,« versetzte Caspar. + +»Wie wenn jemand käme? Wer denn?« + +»Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen hätte.« + +Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und hätte +gern eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von +einer seltsamen Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn +gedeutet wurde und die in allen Journalen, auch draußen im Reich, des +langen und breiten durchgehechelt wurde. Aber weil Herr von Tucher dem +Studiosus aufs strengste verboten hatte, mit Caspar jemals über solche +Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und schwieg. + +Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsblätter, die +ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen +wußte -- denn Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her +Beeinflussungen mit gutem Grund --, aufs genaueste durchzulesen. Hin und +wieder geschah es, daß er irgendeine Nachricht, eine Mitteilung über +sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie etwas Wesentliches +gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur seinen +Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem +Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der +»Morgenpost« in die Hände, und beim Lesen fand er folgende eigentümliche +Erzählung: + +Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine +schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche +enthielt einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: »In einem +unterirdischen Kerker bin ich begraben. Nicht weiß der von meinem +Kerker, der auf meinem Thron sitzt. Grausam bin ich bewacht. Keiner +kennt mich, keiner vermißt mich, keiner rettet mich, keiner nennt mich.« +Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle +deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren. + +Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war +aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in +Vergessenheit geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa irgendein +ungenannter Schnüffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der +'Magdeburger Zeitung' neuerdings ans Licht gebracht. Andre Journale +bemächtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach viel Staub +aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, daß seinerzeit ein +Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die +Flasche in den Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus, +daß derselbe Mönch plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im +Elsaß, in einem Wald der Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den +Täter hatte man nie entdeckt. + +»Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das über dem Findling schwebt, +nicht endlich gelüftet wird,« rief der Querulant in der 'Morgenpost', +nachdem er die Geschichte also ausführlich berichtet hatte, »dann gebe +ich keinen Pfifferling für unsre ganze Justizpflege!« + +Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche +Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne +Wort zu überlegen. Dabei überraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte +sich, daß es eben dieselbe Affäre sei, von der er neulich nicht sprechen +gewollt, und sagte hastig: »Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen +Sie übrigens dazu? Die meisten Leute halten es für Quark, trotzdem es +ein unwiderlegliches Faktum ist, daß die Sache damals in der +'Magdeburger Zeitung' gestanden hat. Was sagen Sie dazu, Hauser?« + +Caspar hörte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das +Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise: +»Ich hab' es nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.« + +»Vom Kerker und vom Throne,« fügte der Studiosus mit sonderbarem und +begierigem Lächeln hinzu. »Daß Sie es nicht geschrieben haben, glaub' +ich schon, Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.« + +»Aber wer kann es geschrieben haben?« + +»Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein +verborgener Freund vielleicht.« + +»Vom Kerker und vom Throne,« lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er +begab sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und +versank in tiefe Grübelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten +ihn zu wecken, und der Studiosus, der sich schuldig fühlte, blieb, um +kein Aufsehen zu machen, die Stunde über sitzen und entfernte sich dann +still. + +Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus, alle Freunde +der Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das +Wagengerassel vor dem Haus. Als die ersten Tanzweisen vom Saal +heraufschallten, begab sich Caspar in den Korridor und horchte. Er hatte +nicht mehr Zutritt zu solchen Festen. + +Während er noch stand, ans Geländer gepreßt, den Kopf vorgebeugt, und er +sich so recht verstoßen vorkam, berührte eine Hand seine Schulter. Es +war der Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Süßigkeiten brachte. +Caspar schüttelte den Kopf und sagte: »Süßes mag ich nicht,« worauf der +Diener ihn mürrisch mit den Blicken maß und sich zu gehen anschickte. + +Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und +unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener +Haarschärpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die +des Jünglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: »Süßes mag er +nicht? Warum mag er denn Süßes nicht?« + +Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren +Gewändern. Es war ihre Art, sich früh zurückzuziehen. Bevor sie zur Ruhe +ging, pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern, um +nachzusehen, ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe. + +Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf. Es ist +anzunehmen, daß seine Phantasie ungewöhnlich erregt war. Plötzlich +spürte er eine lähmende Furcht. Schwärze stieg um seine Augen, es war +ihm, als habe er die Stimme des Vermummten gehört, und den Arm +ausstreckend, schrie er bittend: »Nicht schlagen, nicht schlagen!« + +Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte +verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die +Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt, die im unteren Flur auf und ab +spazierten. Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die +Treppe empor, gefolgt von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal +verbreitete sich das Gerücht, es sei etwas passiert, und da Caspars +Aufenthalt im Hause natürlich bekannt war, dachten alle an ein Ereignis +wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein Schweigen, die +Tanzmusik verstummte, viele drängten hinaus, besonders die jungen Damen +waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb +schauend stehen. + +Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn +jedes unnütze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede +zu stellen, wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings +abgeschreckt, auch machte ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter +stutzig. + +Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt +geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle riß es ihn +zurück, und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau, +fürstlich geschmückt und majestätisch anzusehen; wie, glich sie nicht +einem Weib, das einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war, +und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht +jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen? Da war der +Diener, der eine silberne Platte in Händen hielt; war das nicht alt? +Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke brachte oder Süßes oder +Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Männer, die auf einen Befehl zu +harren schienen, darauf warteten, daß einer käme, noch festlicher +angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen mußten? Und diese +schlanken weißen Mädchen in weißen Schleiern, deren Blicke tief und bang +waren? Und hier oben die Dämmerung, die sich über zahllose Marmorstufen +hinab ins Licht verlor? Caspar hätte jauchzen mögen, denn er erschien +sich fremd und zugleich von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie +erkannten den Herrn in ihm; ja, er ahnte, was er war und von wo er kam, +er spürte, was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte; +ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen. + +Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst +stilles Ende. Er führte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett +zu begeben, wartete, bis er lag, verlöschte dann selbst das Licht und +sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen +wegen seiner ungehörigen Aufführung zur Rechenschaft ziehen. + +Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der +gedrohten Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, daß den Grundsätzen +eigentlich nichts zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen +Ton der Prophezeiung, Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal +aufs Dach steigen und herunterstürzen. Herr von Tucher konnte den Mond +nicht abschaffen; da der Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen +schien, durfte man ihn für gewisse Fehltritte nicht verantwortlich +machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle, war noch immer +unentschieden. Es mußte hierzu die Meinung des Präsidenten Feuerbach +eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April nach Ansbach +zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen. + +Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen +mußte, auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu +ihm suchte, und so fest war der Glaube an diesen Kommenden, daß er jeden +Morgen dachte: heute, und jeden Abend: morgen. Er lebte in einem +beständigen innerlichen Spähen, und seine ahnungsvolle Freude glich +einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlägt, wenn er +seine häßlichen Füße gewahrt, so machte seine eigne Stimme, sein eigner +Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wie viel mehr erst der Anblick von +Menschen, die täglich seine Erwartung enttäuschen mußten. + +Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war außergewöhnlich, und die +aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von +Wahnwitz. Freilich, zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot +sie ein andres Gesicht und hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen +Stoff für seine Ideen geliefert. + +Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es +überlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel. +Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er +oftmals erwachte und die Finsternis ihn quälte, bat er, daß man neben +seinem Bett ein Öllämpchen brennen lasse. Dies geschah. + +Einstmals in einer Nacht spürte er, noch schlummernd, ein +eigentümliches Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein kühler +Atem streife. Jählings richtete er sich auf, blickte über Bett und Wand +und gewahrte eine große Spinne, die an einem Faden in der Nähe seines +Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem Bett, und unfähig, sich zu +regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen niederließ und über +das weiße Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich +herschleppend. + +Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut +bedeckt. Er preßte die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und +seltsam schmeichelnd: »Spinne! Was spinnst du, Spinne?« + +Die Spinne duckte den gelblichen Leib. + +»Was spinnst du, Spinne?« wiederholte er flehend. + +Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. »Was schickst +du dich denn so, Spinne?« hauchte Caspar. »Warum so eilig? Suchst du +was? Ich tu' dir nichts ...« + +Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den +Stuhl, wo die Kleider hingen. »Spinne, Spinne!« sagte er tonlos vor sich +hin. Es schlug vier Uhr draußen und er hatte sich noch immer nicht ins +Bett zurückgetraut. Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und +Wand eifrig mit dem Taschentuch ab. + +Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon, die +ihn mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war +er schon müde. Obwohl ihm schließlich nichts mehr fehlte, hatte er keine +Lust, das Zimmer zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand für +ein hypochondrisches Zwischenspiel; als er sich jedoch überzeugte, daß +sowohl seine vorsätzliche Gleichgültigkeit wie sein gütiger Zuspruch +fruchtlos blieben und daß da eine unverstellte seelenvolle Betrübnis +waltete, ward er besorgt. + +Nun geschah es an einem dieser Tage, daß ein auswärtiger Bote im Haus +vorstellig wurde, der zu Caspar geführt zu werden verlangte, um ihm +einen Brief auszuhändigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis +dazu. Nach einigem Bedenken überließ ihm der Mann das Schreiben und +entfernte sich wieder. Herr von Tucher hielt sich für berechtigt, den +Brief zu öffnen. Er war von rätselhafter Fassung; noch rätselhafter +dadurch, daß ihm ein kostbarer Diamantring beilag, den Caspar damit als +Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlüssig, was er tun solle. Brief +und Ring dem Gericht oder dem Präsidenten Feuerbach auszuliefern, +erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem +Rechtsgefühl. Eine flüchtige Stimmung von Weichheit gegenüber Caspar +ließ ihn den Vorsatz völlig vergessen; er hoffte, den Jüngling aus +seiner Niedergeschlagenheit aufzurütteln, und diesen Zweck erreichte er +vollkommen. Er brachte Brief und Ring herbei. + +Caspar las: »Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen, +vertrau dem Freund, der in der Ferne für dich wirkt. Bald wird er vor +dir stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen +seiner Treue und bete für sein Wohlergehen, wie er für das deine zu Gott +fleht.« + +Als Caspar dies gelesen hatte, drückte er das Gesicht gegen den Arm und +weinte still für sich hin. Herr von Tucher saß am Tisch und ließ den +schönen Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen. + + + + +Der englische Graf + + +In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein +vornehmer Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann, und +alsbald verließ ein hochgewachsener Herr den Schlag und begrüßte +leutselig den herbeistürzenden Wirt, der eines solchen Gastes nicht +gewärtig war, da in seinem Hause fast nur Kaufleute und +Handlungsreisende verkehrten. Der Fremde forderte die besten Zimmer, und +ohne sich nach dem Preis zu erkundigen, schritt er durch das Spalier von +Gaffern in das weitbogige Tor. Diener und Kutscher trugen die Koffer, +den Nachtsack und sonstige Reisegegenstände in die Halle. Der Ankömmling +verlangte von selbst das Fremdenbuch, und bald konnte jeder +ehrfürchtig-schaudernd die mit Riesenschrift geschriebenen Worte lesen: +»Henry Lord Stanhope, Earl of Chesterfield, Pair von England.« + +Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend, daß noch spät abends +Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten, +hinter denen der erlauchte Herr logierte. Am nächsten Morgen gab der +Lord in der Wohnung des Bürgermeisters sowie bei einigen Notabilitäten +der Stadt seine Karte ab, und schon wenige Stunden darauf erhielt er in +seinem Quartier die Gegenbesuche, vor allem denjenigen Binders, der sich +der früheren Anwesenheit des Lords natürlich wohl erinnerte. + +In der ziemlich langen Unterredung mit dem Bürgermeister gestand Graf +Stanhope ohne Umschweife, daß wie jenes erste Mal so auch heute die +Person des Caspar Hauser den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt +bilde. Er hege für den Findling die größte Teilnahme, sagte er und ließ +durchblicken, daß er etwas Entscheidendes für ihn zu unternehmen +gesonnen sei. + +Der Bürgermeister erwiderte, er verstatte Seiner Herrlichkeit, soweit es +die Vorschriften erlaubten, freien Spielraum. + +»Was für Vorschriften?« fragte der Lord rasch. + +Binder versetzte, Herr von Tucher sei Kurator des Findlings, habe +weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht +freundlich gegenüberstehen; außerdem könne man ohne Wissen des +Staatsrats Feuerbach keine Veränderung befürworten, die das Leben Caspar +Hausers betreffe. + +Der Lord machte ein bekümmertes Gesicht. »Da werde ich einen schweren +Stand haben,« bemerkte er. Hierauf erkundigte er sich, ob man wegen des +Überfalls im Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob +die seinerzeit von ihm ausgesetzte Prämie keinen Empfänger habe finden +können. Dies mußte Binder verneinen; er entgegnete, die so großmütig zur +Verfügung gestellte Summe liege unangetastet auf dem Rathaus und Seine +Lordschaft könne sie zu beliebiger Stunde zurückerhalten, da doch jede +Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei. + +Die nächsten Tage verbrachte der Lord ausschließlich mit der Erfüllung +gesellschaftlicher Pflichten. Zu Mittag, zum Tee und zu Abend war er +eingeladen oder gab kleine, aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel, +wozu er eigens einen französischen Koch in Dienst nahm. Wenn es seine +geheime Absicht war, sich auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu +verschaffen, so blieb ihm darin nichts zu wünschen übrig. Wenn er den +Zweck verfolgte, all die guten Leute und ihre Gesinnungen kennen zu +lernen, so fiel ihm das nicht sonderlich schwer; man gab sich +rückhaltlos, man fühlte sich geehrt durch seine Gegenwart, man bestaunte +seine geringsten Handlungen. + +Jeder Anlaß war ihm recht, um das Gespräch auf Caspar Hauser zu lenken; +er wollte wissen, immer Neues wissen, schwelgte in den rührenden +Einzelheiten, die man zu berichten wußte, fand es aber dabei doch nicht +notwendig -- eine Unterlassung, die allerdings auffallend gefunden +wurde --, den Professor Daumer zu besuchen, sondern begnügte sich damit, +den Gefängniswärter Hill zu sich kommen zu lassen und ihn auszufragen. + +Hill, von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, +schilderte so beweglich, daß es von einem unter Verbrechern ergrauten +Mann wunderbar zu hören war, jenes hold verlorene Weben und ergreifende +Darniedersinken Caspars während seines Aufenthalts im Turm; zum Schluß +rief er, glühend vor Eifer, er, was an ihm liege, er werde die Unschuld +des Jünglings bezeugen, und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte. +Graf Stanhope war sichtbar erschüttert; er lächelte, sagte, hier sei ja +nicht von Schuld die Rede, und entließ den Mann fürstlich belohnt. + +Nun endlich entschloß er sich, Herrn von Tucher und damit auch Caspar +selbst gegenüberzutreten. Wenn man ihn verwundert gefragt hatte, weshalb +er dies so lang verzögere, hatte er erwidert, er bedürfe dazu seiner +ganzen Sammlung und Seelenkraft, denn vor dem Augenblick, wo er Caspar +zum erstenmal sehen werde, sei ihm bange, freudig bang wie einem Kind +vor dem Weihnachtsabend. + +Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer, als man ihm die +Karte des Engländers brachte. Es versteht sich von selbst, daß er von +der Anwesenheit Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen +Umtrieben unterrichtet war. Da er in jedem Fall einen Friedensstörer in +ihm sah, war er nicht zugunsten des Mannes voreingenommen. + +Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswürdige +und gewinnende Erscheinung zu finden erwartet; gleichwohl war er +überrascht, als er den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah, und im +Nu schwand seine durch das Hörensagen und trübe Vorgefühle entstandene +Abneigung. + +Es war allerdings etwas Gefährliches um den Mann, das spürte Herr von +Tucher auf den ersten Blick, doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz +von Weltlichkeit und geistreicher Anmut über seiner Person. Da seine +Haltung stolz war, erschien die Zartheit der schlanken Gestalt nicht +weibisch; die Züge, durchaus englisch markant, waren edel geschnitten +und ließen die fahle Färbung der Haut vergessen; das wechselnde Feuer +der durchsichtigen Augen erinnerte bald an die sanfte Gazelle, bald an +die Ruhe des Tigers, kurz, Herr von Tucher wurde in einen Zustand +angenehmer Spannung und Erregung versetzt, der durch das schnell in Fluß +gebrachte Gespräch nicht im mindesten betrogen wurde. + +Die bloßen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger +Verfassung bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und +Kenntnis des Lebens, und was er sagte, eroberte die Zustimmung des +Hörers mühelos. + +Auf die Beweggründe des Hierseins kam er von selbst zu sprechen. Was er +vorbrachte, klang unbestimmt genug; er war augenscheinlich ein Meister +in der Kunst, seine wahren Absichten zu verschleiern, aber kein Argwohn +konnte Herrn von Tucher beifallen. Der Name Stanhope gab ausreichende +Bürgschaft. Was konnte einen Lord Stanhope verhindern, deutlich zu sein? +War es nicht Feingefühl und angestammter Takt, so war es eine +Verschwiegenheit, die zugleich das Gelöbnis enthielt, zur gebotenen +Stunde alles schicklich offenbar zu machen. Herr von Tucher fand sich +dadurch eher verpflichtet als enttäuscht; ohne die ausgesprochene Bitte +des Lords abzuwarten, fragte er höflich, ob es ihm genehm sei, Caspar zu +sehen. Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes lächelnd +abwehrte, läutete er und gab Auftrag, daß man den Jüngling hole. + +Es entstand nun eine Stille; Herr von Tucher verblieb in unwillkürlichem +Lauschen an der Tür, und der Lord saß mit übergeschlagenen Beinen, den +Kopf in die behandschuhte Linke gestützt, das Gesicht dem offenen +Fenster zugekehrt. Es war ein sonniger Sonntagnachmittag; der Himmel lag +blaustrahlend über dem fächrigen Geschiebe der roten Dächer, +zwitschernde Schwalben schossen längs der grauen Häuserfronten hin. Als +Caspar in das Zimmer trat, veränderte Stanhope langsam die Richtung +seines Blickes, und ohne jenen eigentlich anzusehen, schien er doch das +ganze Bild des Menschen in sich festzuketten. Noch während Caspar, durch +ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher über die Person des illustern +Mannes belehrt, auf den Grafen zuging, erhob sich dieser und sagte mit +überraschender Erregung und sichtlich tiefberührt: »Caspar! Also +endlich! Gesegnete Stunde!« Dann streckte er die Arme nach ihm aus, und +wie zu einem Tor, das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden, +begab sich Caspar in diese geöffneten Arme, ein heller, scharfer, kühler +Strahl der Freude durchfuhr ihn von oben bis unten, und er vermochte +weder zu sprechen noch sich zu regen. + +Das war er, der aus weiter Ferne kam. Von ihm der Ring, von ihm die +Botschaft. Schon oben, als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten +gehört, war eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen, und als der +Diener ihn rief, war es, als ob ein Morgenschein das Haus durchglühe. +Als er die Schwelle des Zimmers erreicht hatte, sah Caspar nur ihn, den +Fremden, Fremdvertrauten, und wie wenn ihm bisher die Hälfte seines +Herzens gefehlt hätte, fühlte er sich auf einmal ganz geworden, rund und +neu: mit gebadetem Auge sah er sich selbst, zweckvoll erschaffen. Mild +an ihre Glocke schlug die Uhr und das Licht des Nachmittags war wie +Honig und süß zu schmecken. + +Auf den Lord übte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend +große Wirkung. Für die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig +bewegt und die Augen trübten sich wie in peinvollem Erstaunen. Er war +ohne Zweifel verwirrt, die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm, +und bei der ersten zärtlichen Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme +rauh. Mit der Hand streichelte er Caspars Haare, preßte die Wange des +Jünglings gegen seinen Busen, und ein verlorener Blick traf den stumm +abseits stehenden Herrn von Tucher, der mit Verwunderung die +ungewöhnliche Szene beobachtete. Stanhope bat ihn dann, weil das +Verhüllte des Vorgangs zu irgendeiner Klärung drängte, ob er Caspar für +einige Stunden mit sich nehmen dürfe, ein Ansuchen, dem Herr von Tucher +nicht widerstehen konnte. + +Bald darauf saß Caspar an der Seite des Lords im Wagen; der Polizist +mußte natürlich mit und saß hintenauf. Während das Gefährt zum Tor +hinaus gegen die Maxfeldgärten rollte, entspann sich langsam ein +Gespräch. + +Caspar klagte, zum erstenmal durfte er klagen. Doch war er schon +versöhnt mit dem Augenblick, wo geschehenes Unrecht als solches erkannt +und verstanden wurde. Die Welt schien schlecht bis auf diesen Tag, jetzt +tat sich ihr Himmel auf und es zeigte sich ein waltender Arm. + +Doch nicht so sehr um das Nahgeschehene handelte sich's: hier war einer, +der _wissen_ mußte! Caspar fragte. Kühn und leidenschaftlich fragte er: +wer bin ich? wer war ich? was soll ich? wo ist mein Vater? wo meine +Mutter? Und die Antwort des Grafen? Verlegenheit. Eine Umarmung. +»Geduld, Caspar; bis morgen nur Geduld: das läßt sich nicht in einem +Atemzug abtun, allzuviel ist zu sagen. Erzähl mir lieber: wie hast du +gelebt? Erzähl von deinen Träumen. Man sagt mir, du habest wunderbare +Träume. Erzähl!« + +Caspar ließ nicht lange bitten. Die wesensvollen Gebilde machten den +Lauscher stutzig, er umschloß Caspar fester und verbarg so sein Gesicht +vor ihm; bei der geschilderten Erscheinung der Mutter fuhr er wie vor +Schreck zusammen, und abermals suchte er abzulenken, wollte Einzelheiten +über das Leben Caspars im Daumerschen, im Beholdschen Hause wissen; der +Gegenstand war gefahrlos. Stanhope fand sich ergötzt durch Caspars +ursprüngliche und bezeichnende Ausdrucksweise, die komische Anwendung +von Sprichwörtern und Nürnberger Redensarten. Auf dem Rückweg fragte er, +wo Caspar den Ring habe, den er ihm geschickt. »Hab' mich nicht getraut, +ihn an den Finger zu tun,« antwortete Caspar. + +»Warum denn nicht?« + +»Weiß nicht warum.« + +»War er dir nicht schön genug?« + +»O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schön war er mir. Hab' +immer Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.« + +»Aber jetzt wirst du ihn tragen?« + +»Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt weiß ich, er gehört wirklich mir.« + +Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zärtlichen Abschied von +Caspar und bestellte ihn für den nächsten Vormittag in den Gasthof. »Auf +Wiedersehen, Liebling!« rief er ihm noch zu. + +Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder träge. Jeder +Schritt ins Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des +herrlichen Mannes; was jetzt die Hand, der Blick berührte, war alt, war +tot. + +Schon um zehn Uhr morgens war er im »Wilden Mann«. Der Unterrichtsstunde +war er einfach entlaufen; hätte ihn jemand abzuhalten versucht, er wäre +an einem Strick vom Fenster heruntergeklettert. + +Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, küßte ihn vor vielen +Zuschauern auf die Stirn und führte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem +Tischlein Geschenke für Caspar lagen: eine goldene Uhr, goldene +Hemdknöpfe, silberne Schuhschnallen und feine weiße Wäsche. Caspar +traute seinen Augen nicht, der Überschwang des Dankes versperrte ihm die +Kehle, er wußte nichts andres, als immer nur die freigebige Hand des +Spenders in der seinen festzuhalten. + +Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerührtem Schweigen auf. Aber +nachdem sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt +waren und Caspar noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen +seiner Erkenntlichkeit rang, ermahnte ihn Stanhope sanft, er möge doch +jeden Dank unterlassen. »Diese Dinge sind ja nur geringfügige Merkmale +meiner Liebe zu dir,« sagte er; »das Wirkliche, das Große, was ich für +dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen bleibe du so, +wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht +geräuschvoll in Worten, aber zuverlässig in deinem Herzen. Zuverlässig +und treu sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.« + +Caspar seufzte. Das war zu viel des Glücks. Nie hätte er geglaubt, daß +ein Menschenmund so sprechen könne. Zur Beteuerung war er ohnmächtig, +nur sein Auge gab Kunde in einem schwärmerischen Blick. + +Stanhope öffnete eine Tür und geleitete den Jüngling zu einer kleinen +Frühstückstafel, die im Nebenzimmer bloß für sie beide gedeckt war. Sie +nahmen Platz, der Lord füllte Wein in die Gläser und lächelte sonderbar, +als Caspar erklärte, er trinke niemals Wein. »Wie wird es dann werden, +Caspar, wenn wir zusammen in die Länder des Südens reisen? Auf allen +Hügeln glüht dort der Wein und die Luft ist voll davon. Was schaust du +mich so an? Glaubst du mir nicht?« + +»Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen?« fragte Caspar jubelnd. + +»Gewiß werden wir das. Denkst du denn, daß ich mich von dir trennen +will? Oder denkst du, daß ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel +Übles widerfahren ist?« + +»Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne!« rief Caspar, preßte +wie außer sich beide Hände vor den Mund und zog in freudigem Krampf die +Schultern bis an die Ohren. »Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen? +Und der Herr Bürgermeister? Und der Herr Präsident?« fügte er hinzu, vor +lauter Hast plappernd, während sich in seinem Gesicht die ganze +Betrübnis malte, die er bei der Vorstellung empfand, jene Männer könnten +die Pläne des Grafen mißbilligen oder zunichte machen. + +»Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr über dich +haben, dein Weg führt dich über sie empor,« antwortete Stanhope ernst +und sah Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an. + +Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefühl überwältigt. Während in +seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Kräfte der +Seele an sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das +Bild der Frau aus dem Traumschloß. Mit einer ergreifenden Gebärde des +Flehens wandte er sich zu Stanhope und fragte: »Herr Graf, werden Sie +mich zu meiner Mutter bringen?« + +Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und stützte den Kopf in die +Hand. »Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar,« flüsterte er dumpf. +»Ich werde reden und ich muß reden, aber du mußt schweigen, keinem +andern Menschen darfst du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein +Gelöbnis! Herzensmensch! Unglücklich-Glücklicher, ja, ich will dich zu +deiner Mutter bringen, die Vorsehung hat mich erwählt, dir zu helfen!« + +Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die +Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen löste die +ungeheure Spannung seiner Brust. »Wie soll ich denn zu dir reden?« +fragte er mit der Kühnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen +man sonst zu Menschen spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner +dankbaren Liebe nicht genug. + +Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zärtlich: »Recht so, das traute +Du soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob +ich dein Bruder wäre.« + +In so inniger Nähe erblickte sie der eintretende Bediente, der den +Bürgermeister und den Regierungskommissär anmeldete. Durch die +geöffnete Tür forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus, +als wünsche er, daß die beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar +würden. Er tat, als könne er sich nicht von ihm trennen; da die Besucher +nach ehrfürchtigem Gruß Platz genommen, schritt er, noch leise plaudernd +und ihn bei der Schulter umschlungen haltend, mit Caspar auf und ab, +sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurück, ging ans Fenster, +beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem Taschentuch. +Die Verwunderung seiner Gäste wohl bemerkend, mäßigte er sich trotzdem +nicht, im Gegenteil, er gebärdete sich wie ein Verliebter, der seine +Empfindungen ohne Scheu preisgibt. + +Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche +Haus gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen +Gaben war groß. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen und +aufbewahren,« äußerte er zu Caspar nach einigem Nachdenken; »es steht +einem zukünftigen Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus +zu treiben.« + +Da hätte man Caspar sehen sollen! »O nein,« rief er aus, »das gehört +mir! Das ist mein, und ich will's haben, das darf mir keiner nehmen!« +Seine Haltung war geradezu drohend, und sein Blick funkelte. + +Aus Herrn von Tuchers Zügen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu +erwidern, verließ er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter, +ein Undankbarer! Einer, der eigensüchtig die Gelegenheit nutzt und den +einen Wohltäter verleugnet, wenn der andre besser zahlt! + +Die Grundsätze hörten auf zu triumphieren. Sie machten ein +zerknirschtes Gesicht und hüllten sich in Sack und Asche. + +Nachgiebigkeit wäre in diesem Fall eine unwürdige Schwäche, deren ich +mich schämen müßte, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich +Gewalt anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope +und trug ihm die Sache vor. Der Graf hörte ihn freundlich an, er gab +sich Mühe, die Vergehung Caspars als eine kindische Maßlosigkeit zu +verteidigen, und versprach, ihn dahin zu bringen, daß er dem Vormund die +Geschenke freiwillig überreiche. + +Herr von Tucher war von der Liebenswürdigkeit des Lords bezaubert und +verließ ihn in bester Zuversicht. Auf den verheißenen Gehorsam Caspars +wartete er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mühe des Lords war ohne +Erfolg geblieben; kein Zweifel, Caspar verstand es, den gütigen Mann zu +beschwatzen. Kein Zweifel, dieser Bursche war mit allen Salben +geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit und List. Viel zu stolz, um +einen Dritten zum Mitwisser seiner niederschmetternden Erfahrungen zu +machen, begnügte sich Herr von Tucher vorläufig, den Ereignissen ruhig +zuzusehen, wenn auch mit dem Verdruß eines Mannes, der sich hintergangen +fühlt. Daß Caspar sich nicht ein einziges Mal bewogen fand, über die Art +seiner Beziehung zu dem Lord, über den Gegenstand ihrer Gespräche sich +zu äußern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an zutraulicher +Mitteilsamkeit hätte er zum allerwenigsten erwartet. + +In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschränkt, Caspar im +Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn höchstens nach förmlich erbetener +Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmählich +änderte sich das, und er bestellte den Jüngling an fremde Orte, wo +Caspars unvermeidliche Leibwache sich fünfzig Schritte entfernt halten +mußte. Herr von Tucher führte beim Bürgermeister Beschwerde; er +behauptete, der Lord handle damit seiner ausdrücklich gegebenen Zusage +entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte er den vornehmen Herrn +zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schüchterne Andeutung. Der Lord +beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht für wortbrüchig zu gelten, war +es leicht, den Verstoß auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben. + +So sah man die beiden auffallenden Gestalten häufig am Abend durch die +Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gespräch achteten sie der Blicke +nicht, die sie verfolgten. Meist gingen sie über den Stadtgraben und +dann auf die Burg; hier durfte sich Caspar wehmütiger Erinnerung +überlassen; der düstere Turm barg die größten Schrecknisse seines +Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute, wo zwinkernde Lichter +aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr belebten, +vernahm er mit ganz andern Gefühlen die Stundentöne der Glocke; jetzt +band und einte die Zeit ihre Schläge und zerriß sie nicht mehr zu Pausen +des Grauens. + +Der Lord wurde nicht müde zu erzählen. Er erzählte von seinen Reisen. Er +verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen. +Caspar erfuhr von den Alpen und daß dort Berge mit ewigem Schnee seien +und glückliche Täler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien -- das +Wort war schon ein Rausch --, geschmückte Kirchen, enorme Paläste, +Gärten mit wunderbaren Statuen, voller Rosen, Lorbeer und Orangen, einen +märchenhaft blauen Himmel und die schönsten Frauen. Er sah das Meer und +Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine Sehnsucht wurde so groß, +daß er manchmal plötzlich lachen mußte. Einmal wirklich dort sein dürfen +in den Ländern der Sonne und der unbekannten Früchte, dort sein dürfen, +und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine +Freude, die weh tat. + +An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord öffnete +eine Truhe und zeigte einiges von den Schätzen, die er auf seinen Reisen +gesammelt. Da waren seltene Münzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten, +Gemmen, Kameen, Perlen und altertümliches Geschmeide; ein geweihter +Rosenkranz aus dem Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll +gravierten Figuren; eine Bibel mit den herrlichsten Initialen und +Malereien, ein Damaszenerdolch mit goldenem Griff, der Siegelring eines +Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt mit Sternen; ein +pompejanisches Lämpchen und altfranzösische Porzellanväschen und vieles +andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von weiter +Welt und großem Schicksal. + +»Das habe ich vom Kurfürsten von Mainz bekommen,« sagte der Lord etwa, +»und dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schöne +Miniature habe ich bei einem Händler in Barcelona gekauft, und dies +Tonfigürchen stammt aus Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik +Abderrahman verehrt, und diese orientalischen Stoffe hat mir meine Base +aus Syrien geschickt; sie ist eine wunderliche Person, zieht mit +Arabern und Beduinen durch die Wüste, schläft in Zelten und treibt +Alchimie und Astrologie.« + +Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schürte der Graf das +Feuer des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen +Verheißungen ernst. Vielleicht bereitete es ihm bloß eine Wonne, Wunsch +und Lüste aufzupeitschen. Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede. +Vielleicht aber das furchtbare Vergnügen, dem Vogel im Bauer, im nie zu +öffnenden, so lange vom Flug durch den goldnen Äther zu erzählen, bis +endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine Kehle bricht. + +Wie er sprach, wie er die Worte besaß! Zwischen den Lippen und den +weißen Zähnen spielte das Lächeln wie ein listiges Tierchen. Er war +nicht gleichmäßig heiter. Was war das? Oft zog Finsternis über sein +Gesicht. Bisweilen pflegte er aufzustehen und wie ein Lauscher an die +Tür zu treten. Seine Liebkosungen waren nicht selten voll Schwermut, +dann saß er wieder schweigend da, und sein suchender Blick glitt düster +an dem Jüngling vorüber. Da faßte Caspar einmal Mut und fragte: »Bist du +denn eigentlich glücklich, Heinrich?« + +»Glücklich, Caspar? O nein. Glücklich, was sprichst du da? Hast du schon +von Ahasver gehört, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als +der unglücklichste aller Menschen. Ach, ich möchte mein Leben vor dir +aufblättern, denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich +darf nicht, ich kann nicht. Später vielleicht, wenn dein eignes Geschick +sich entschieden hat, wenn du mit mir in meine Heimat gehst ...« + +»Ist denn das möglich, wird denn das sein?« + +Es schüttelte den Lord plötzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab +oder wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte +Lebendigkeit ergriff ihn, er begann von Caspars künftiger Größe zu +sprechen, doch wie stets nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der +feierlichen Ermahnung zur Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars +Reich, von seinen Untertanen, und das zum erstenmal, wie einem Zwang +gehorchend, selber schaudernd, selbst zitternd, immer von neuem das +Gelöbnis des Schweigens betonend, hingerissen von einem Phantom +gleichsam und alle Gefahr vergessend. »Ich will dich führen; ich will +deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne +von ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Süden, um sie irrezuführen, dann +fliehen wir zu mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die +Verfolger zu treffen sind, wo man Kräfte sammeln kann für den +entscheidenden Schlag.« + +Wieder zur Tür; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt +sei. Dann, ängstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den +Frieden eines englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhängigkeit auf +erbgesessenem Gebiet; die tiefen Wälder und klaren Flüsse, die +balsamische Luft, das behagliche Weilen überall, Frühling, Herbst und +Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger Genüsse. + +In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem +Schmerz eines auf immer Verstoßenen. Zum andern Teil aber enthielten sie +viel von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhärtetste Gemüt +unter Umständen davon schwärmen ließ, seine selbstgeschaffene Unrast am +Busen der Natur zu besänftigen. Und dann sprach er doch von seinem +Leben. Er wußte sich als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit +Ehren und Ämtern und greifbaren Glücksgütern beladen, gleichwohl das +Opfer feindlicher Mächte ist. Das Schicksal trat in romantischer +Verkleidung auf und jagte den Sohn eines verfluchten Geschlechts unstet +von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige Freunde gegen den +edeln Sproß des Hauses verschworen und er, ein Mann von fünfzig Jahren, +ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver! + +Derlei Enthüllungen öffneten wie nichts sonst Caspars Herz der +Freundschaft. Denn da war endlich einer, der sich gab, sich öffnete, die +Vermummung abwarf. Es war bittersüße Lust, die angebetete Gestalt den +Sockel verlassen zu sehen, auf dem sie für alle übrigen thronte. + +Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden +Menschen; außen und innen ruhend, gelöst von hemmender Fessel, Blick und +Gebärde gelöst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert, +die Lippen geschwellt von einem beständigen Lächeln. + +Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er +ein Baum und seine Hände wie Zweige voller Blüten. Ihm schien, als +ströme sein Blut einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das +Land schrie nach ihm, alles war voll von ihm, alles nannte seinen Namen. + +Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei +überrascht wurde, lachte er. Die Leute, die mit ihm in Berührung kamen, +waren bezaubert; sie fanden kein Ende, die über alles liebliche +Erscheinung zu preisen, in der Kind und Jüngling zu rührendem Verein +gediehen waren. Es gab junge Frauen, die ihm zärtliche Briefchen +schrieben, und Herr von Tucher wurde vielfach mit Bitten belästigt, ihn +von einem Maler konterfeien zu lassen. + +Das üble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je +etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten +sich, die ganze Stadt warf sich plötzlich zu seinem Beschützer auf. Es +hieß mit immer kühnerer Deutlichkeit, man müsse ihn gegen die +Machenschaften des englischen Grafen in Schutz nehmen. + +Eines Tages mußte Stanhope zu seiner größten Bestürzung wahrnehmen, daß +er von allen Seiten peinlich überwacht und behorcht war. Er mußte sich +entschließen zu handeln. + + + + +Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht + + +Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar +Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni +den förmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen, +er wünsche für seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat ließ durch den +Bürgermeister erwidern: zum ersten, daß ein solches Ersuchen #in pleno# +vorgetragen werden müsse; zum zweiten, daß der Lord vor allem den +Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse, damit die Stadt +eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe. + +Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister, +zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar +vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller +Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluß +des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können. + +Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast +geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantisch-überhebliche +Bürgerpack zu äußern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte, +in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen +und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen +Ärgers hinzustellen, machte die Sache doch böses Blut. Der Argwohn war +einmal geweckt. Man wollte wissen, daß er in seinem Hotel häufig +Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er +hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es +überhaupt, fragte man sich, daß der angeblich so reiche und vornehme +Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er +am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie +sie im »Adler« oder im »Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel, +wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer +eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als +Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei. + +Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in +seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen +Geschäften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den +geforderten Vermögensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er +fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschließlich für +die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei. +Der Bürgermeister wandte ein, daß eigentlich Herr von Tucher die +Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den +Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefaßte +Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte +Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden. +»Seien wir doch eingedenk, daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar +abzutragen hat und daß es engherzig ist, immerfort hemmen und +beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen +ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.« + +Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten +großen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern +darüber aus, daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht +werden konnten, und versicherte, daß die Stadt es sich stets zur Ehre +rechnen würde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen. + +Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte +ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch +Caspar sei ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu +warten geruhen. Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab. +Er nahm die Brieftasche heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift +Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine +weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker. Er +stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich aufgerissen, der Blick +glitzerte. »Gottverdammte Bestien,« murmelte er, und auf den schmalen +Lippen lag eine wilde Verachtung. + +Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. O, Herr +Graf, muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine +Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der +gutgelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit +verändere? Schade, daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war, +vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit +ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen, und das +Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des +Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst +gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor +und macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren +noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes +Höhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit +getroffen wurden. + +Es scheint, daß der Lord ein schlechter Rechner war, denn die +aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so +daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne +Posten auf ihre Richtigkeit prüfte. »Für Popularitätszwecke entschieden +zu wenig,« sagte er mürrisch, eine Äußerung, deren Unbedachtsamkeit +dadurch gemildert war, daß sie in englischer Sprache getan wurde. Dann +noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht wie aus einem +geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn der +Graue sich wieder blicken läßt, will ich ihn in den Schwanz kneifen; +seine Beute ist wahrhaftig groß genug. Kronen sind keine Marktware, er +mag ehrlicher im Teilen sein.« + +Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine +schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht +einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich +zusammen, und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter. +Zudem war Graf Stanhope abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter +den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fuß ein +Zimmer betrat, wurde ihm übel und ängstlich. Dies war hier geschehen; er +nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr als er vom Flur herauf +Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in seine Rolle, die +Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte einen Band +Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich in +den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen. + +Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem +Dämmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords +und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde +verwirrt, er lenkte den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das +fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es +lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen, +aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen +Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute +stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des +Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam aufgebaute Pläne +zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefaßt, so daß er das Werk wieder +von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er +glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei +Nacht wieder in seine Fäden trennte. + +Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht +beschwichtigt durch den Hinweis, daß sein eignes Wohl diese Trennung +erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, daß er +sobald als möglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats, +zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter +Stimme, die Welt sei gar zu groß; er umklammerte den Freund und bat +flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen, +er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er +wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er +unter Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?« + +Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings. +Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und +verlieh seinen Worten größeres Gewicht. »Daß du so kleinmütig bist, +Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir,« sagte er, »wie kannst du +nur glauben, daß Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder +voneinander reißen wird? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen. +Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum +Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest, +so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder +wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewißheit der +Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird +nicht ungeduldig. Auch mußt du dich beherrschen lernen, Caspar; +Fürstensöhne weinen nicht.« + +Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen +Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die +Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns +erkennen.« + +Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, daß Caspar nachdenklich wurde und, +feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen +Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte +Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere +Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander +stickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in +dieser Stunde zum Begreifen und der Damm, der den Strom der Sehnsucht +hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den +Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht; ein starkes Wort; der +leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach. + +Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, daß er Eile habe, er wolle +der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er +Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken +gefüllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten +und keiner Einrede Gehör zu leihen. + +Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete +ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von +Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, daß +Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von +Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf, und er würde +Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschüchtert durch +Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen +Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer +Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher außer sich. »Ich werde +dich aus dem Haus stoßen,« rief er, nicht mehr fähig, sich zu +beherrschen, »ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich +endlich kennen lernen, du Schlack!« + +Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu +sollen. »Ach, wenn das der Graf wüßte, der würde Augen machen!« sagte er +erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des +Grafen läge, jedes Unrecht zu sühnen. + +»Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig,« +versetzte Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich +zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen +Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben. Du aber mißachtest sein +Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig.« + +Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts, +eher vom Gegenteil; er bestritt daher, daß der Lord dergleichen gesagt +habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner, +woraus ersichtlich ist, daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem +sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um +Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls +hintanzuhalten. + +Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher +war des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht +länger zu behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur +Rückkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein +der Enttäuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines +Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der +Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da +es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte +er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen; er empfahl ihm +fleißiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse, ließ +ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem +Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des +Hauses überlassend. + +Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter +Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der +die Sonne brütete, ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden. +Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen, +zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord +Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht +zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust. + +Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm +dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die +trennende Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was +Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das +Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art, +sie zu fassen, erhellte klar, daß er sich im mindesten nicht dabei +zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen. Er verstand nicht den Bau der +Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen +Gesellschaft. Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum: da +wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch, +dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte; +erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen, +wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden. + +Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen, +die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war groß, +doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als könne es zwischen ihm +und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein +Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte +sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete endlich erschien, +war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so und griff um sich, +wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord veränderte +Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes +Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren +Regung, in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch +vielleicht, dem er Macht über sein Inneres zugestehen mußte und dessen +Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das +erbeutete Wild. + +Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen +gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen +Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter +mißgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?« +erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen +Hundes: »Viel, immer.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich +geschrieben, Heinrich.« + +»An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wußtest doch +meinen Aufenthalt nicht!« + +Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab' ich's +geschrieben,« sagte er. + +Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches +Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich's nicht lesen?« + +Caspar schüttelte den Kopf. + +»Also Heimlichkeiten, Caspar?« + +»Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dir's nicht.« + +Stanhope brach das Gespräch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den +Grund zu gehen. + +Er war wieder im »Wilden Mann« abgestiegen, doch lebte er anders als +vorher. Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und +trieb den größten Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu +zeigen. Er brachte seine eigne Equipage mit, deren Räder vergoldet +waren, während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten. Als +Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge, und diese drei +Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger. + +Er säumte nicht, sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu +erneuern. Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er, scheinbar +nur nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rückkunft +beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine +Gebärde von Prahlerei, als seien so geringfügige Summen kaum der Rede +wert; in der Tat aber waren die Akkreditive, von deutschen +Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt, von riesiger +Höhe. + +Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche +des Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage +aufgeworfen: ja warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las +Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der +Zuschrift des Grafen vor, worin es hieß: »Der Unterzeichnete fühlt um so +mehr den Beruf, sich des unglücklichen Findlings anzunehmen, als er bei +langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung +gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender +Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.« + +»Fragen wir also den Hauser selber,« hieß es, »man muß wissen, ob er +Lust hat, dem Grafen zu folgen.« + +Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklärte er, er sei +überzeugt, daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal +nehme, erklärte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch +führen werde. + +Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats +durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände, die aber +nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich +schließlich in einer einzelnen Stimme Gehör verschafften, welcher +niemand zu widerstehen wagte. + +Der übermäßige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern, +rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein +pomphaftes Auftreten mißfiel dem Bürger, der einer bescheidenen +Lebensführung, auch bei Großen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer +Verschwendungssucht, die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte. +Es erbitterte, wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit +Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links +Kupfermünzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Würde bar, vor dem +in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte. + +Man sprach davon, daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die +Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er +gesichert schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gerücht, der +Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer +vorgeschriebenen Grenze. + +Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt. Die Entwicklung +der Dinge war ihm bekannt; er wollte für seinen Teil ein klares Ende +herbeiführen. Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief, +in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte: entweder den +Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn, den Baron, damit seiner +Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder einen jährlichen Beitrag +auszusetzen, welcher es ermögliche, Caspar einem verständigen und +gebildeten Mann vollständig zu übergeben; in letzterem Falle müsse Seine +Herrlichkeit allerdings die Güte haben, jedem Verkehr mit Caspar +schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er +seinerseits würde sich dafür gern verbinden, dem Lord regelmäßigen +Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten. + +In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene +Devotion vor. »Mit dem wärmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr, +die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich +seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben,« hieß es +unter anderm; »aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte +Verehrung an den Tag zu legen, zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr +seltener Edelmut zwingen. Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die +Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft aufgefordert haben, und +so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen Sinnes auf mit +der Zuversicht, daß Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken +werden. Caspar ist nicht der, für den Sie ihn zu halten scheinen. Wie +konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennen lernen, da ihn ja +im Umgang mit Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles +erwartet, was sein Sinn begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht +zu leuchten. Herr Graf! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man +sie nur einem Gleichgestellten schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit, +mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet +hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde, haben +Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen +gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird jemals +wieder daraus entfernen können. Ich bin von nichts weiter entfernt, als +Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie inständig, auch nicht +einen solchen finden zu wollen. Sie sind außer Schuld. Aber feststellen +muß ich, daß während der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte, +kein Anlaß war, mit ihm unzufrieden zu sein, während er seit Ihrem +Aufenthalt dahier, ich sage es mit blutendem Herzen und mit der +Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie, vortrefflicher +Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.« + +Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln. +Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein, durch den Brief +des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch +überall in Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in +Ansbach, die sich als notwendig erwiesen und worin er seine +Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur während seines Lebens für Caspar +Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines +Todes zu sichern, erwähnte er, daß zwischen ihm und Herrn von Tucher +Verhältnisse eingetreten seien, die ihm für jetzt und künftig jeden +Verkehr unmöglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, daß Caspar +tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde. + +Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der +verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war außer +sich. Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief +wörtlich mit, schilderte noch einmal und in düsteren Farben den +unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um +schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm, wie er sich +ausdrückte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und +Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt +ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht, schrieb er zurück, er +habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten +Eigenschaften kennen gelernt. Das Gerücht bezeichne ihn als sehr +vermöglich, er selbst behaupte, eine jährliche Rente von zwanzigtausend +Pfund Sterling, also dreimalhunderttausend Gulden, zu genießen, welches +Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien +noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze. +»Vorausgesetzt, daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit +erlangt,« schloß er sein mächtig langes Schreiben, »auch solche, die +über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt, habe +ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope, +sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.« + +Ein umständliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope +zappelte schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des +geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle +Hindernisse beseitigt, und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer +Zähigkeit verfolgten Ziele nahe, als plötzlich alles wieder vernichtet +wurde. Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die +Entfernung Caspars aus Nürnberg. Er schickte einen Privatboten an den +Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen, daß er soeben von seiner +Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene +Neuigkeit vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm +verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die +auszuführenden Schritte gutgeheißen habe. + +Der Bürgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen +Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das +Briefchen Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte. Er +stieß den Bader beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem +Seifenschaum auf seiner Wange, heftig erregt durch das Zimmer. Es +dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder +erinnerte; er zerriß den Zettel, den ihm Binder geschickt, in hundert +kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so +voll Haß und Galle, daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern +begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte. + +Zu spät bedachte der Graf, daß er sich vergessen habe; aber wie +empfindlich mußte der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die +eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert +werden konnte! + +Mit fliehender Hand schrieb er einige Zeilen, schloß und siegelte den +Brief, ließ den Jäger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug +ihm auf, die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und +Stelle zu bringen, kost' es, was es wolle. + +Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wußte, +daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte, Liebeshändeln und +kleinen Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese +Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten +Wettläufers, diese krampfhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte +dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mußte +eine verschwiegene Zunge haben, um die unbehaglichen Zutaten solcher +Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können, denn es +hatte nicht selten den Anschein, als ob man der Mittler lichtscheuer +Geschäfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets zurecht, doch +jenes »Kost' es, was es wolle« war ein bißchen aufschneiderisch, man +erhielt nicht immer seinen Lohn, man mußte oft wochenlang warten und +heimlich nach den Brocken haschen, die von der gräflichen Tafel +abgetragen wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man +erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um +Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend, +daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet +wurde, der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von +Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken. + +Woran hing das alles? Wohin liefen die Fäden, die dieses über den Pöbel +erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften? Der edle Abkömmling +eines edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke +fristend, einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhängig von +der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens +Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten, das strenge +Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben, wofür? Woran hing das +alles? + +Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die +Trümmerstätte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in +den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Träger +selbst nur noch wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das +Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war, als er reich +gewesen und den Reichtum benutzt hatte, um seine maßlose Jugend damit zu +sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer +Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und Gastmähler waren +berühmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von +Köchen, Sekretären, Kammerdienern, Handwerkern und Spaßmachern. Er hatte +bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an +die Frauen verteilen lassen. Er hatte während des Wiener Kongresses die +Könige und Fürsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein +Vermögen verschlangen, und Oratorien und Opern für eigne Rechnung +aufführen lassen. Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in +Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine +Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der Timon des Kontinents +gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte, die +alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei +ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war +sprichwörtlich geworden, seine Art, mit immer gefüllten Händen Gold um +sich her zu streuen, achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche +fiel, glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche +Habgier. + +Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten +den unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais +Bourbon, man hatte hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so +bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut +seines Geistes. Der Gesandte, Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte +ihm eine hastige Mitteilung. Man sah ihn erblassen, ein Lächeln von +eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen, andern Tags reiste er. Er +glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines Landedelmannes +führen zu können, dies mißlang. Die Güter waren überschuldet, von allen +Seiten drängten Gläubiger, außerdem graute ihm vor der Einsamkeit, haßte +er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten mußte +Fetzen borgen für ein Dasein, das allmählich von innen ausgehöhlt wurde +durch die Angst um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine +Wanderzüge waren eine Jagd nach den früheren Freunden und Genossen, aber +auf einmal gab es keinen mehr, der nicht alles vorher gewußt hätte und +aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte. In einem römischen +Hotel nahm er, verzweifelt, erschöpft, aller Hoffnung bar, Strychnin. +Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn. Das Gift, das seinen +Körper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen. Er +rang mit dem Dämon, der ihn niedergestoßen; er wurde wild und kalt; +seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die +Schwächen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher +Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer +Hintertreppen. Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent +Metternichs. Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der +Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt, die an den Grenzbezirken +der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen. Die +außerordentlichen Talente, die er besaß, machten ihm keine Aufgabe +schwer; der unablässige Zwang zu handeln, die Vielfältigkeit der +Beziehungen erstickten die Stimmen des Gewissens und die Empfindung +dunkler Schmach. Oben geächtet und bei aller Nützlichkeit gemieden, war +er in den Niederungen noch immer der erlauchte Mann; er wurde ein +geübter Menschenjäger und Seelenfänger; was dem Druck des Unglücks +entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte Lächeln: +Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende +Konversation, die treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der +Wimpern, jede Verbeugung war Geschäft; alles hatte Folgen, alles +Ursache, ein nachlässiges Wort konnte das Mißlingen einer Aufgabe +bedeuten -- und doch, wie entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie +jämmerlich der Lohn! Und wie ging es bei alldem langsam bergab, ins +Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog, von selber und ohne daß +sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in den Abgrund zu +zerren. + +Eines Tages hieß die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war +deutlich, seine Quelle klar, die Umstände finster wie nichts zuvor. Man +sagte: Du bist der rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber +einträglich, es scheint von geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht +auf dem Spiel. Die Verhandlungen wurden nicht von Gesicht zu Gesicht +geführt, alles war hinter Vorhängen versteckt, jeder Mittler trug das +Wort eines namenlosen Gebieters. Das Gespenstertreiben reizte die +Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das Ausspinnen des Plans +hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel mußte meisterlich beschlichen +werden. + +Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fuß. Du hast den +Findling aus dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfängt für uns +gefährlich zu werden, lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit +in ein Land, wo niemand von ihm weiß; laß ihn verschwinden, stürze ihn +ins Meer oder wirf ihn in eine Schlucht oder miete das Messer eines +Bravo oder laß ihn unheilbar krank werden, wenn du dich auf +Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk gründlich, sonst ist +uns nicht gedient. Unsers Dankes bist du versichert; wir notieren +unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X. + +Was war zu überlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zögern machte +schon mitschuldig; den untätigen Wisser zu beseitigen war für jene ein +Zwang. Es gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurück; +schon damals, wo man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte +Stanhope Befehl, einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber +unbeteiligt war, nicht gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der +angewandten Mittel schreckten ihn, beleidigten seinen guten Geschmack, +rüttelten sein besseres Wesen auf. Er floh, er verbarg sich. Das Elend +und drohender Hunger lockten ihn wieder ins Garn, und so machte er sich +auf »aus weiter Ferne«, um sein Opfer zu betören. + +Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch +eine Stimme! Welch ein Auge! Was erschütterte den Verderber und riß ihn +hin? Er wurde betört, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das +hatte der Netzeknüpfer nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt. +Nicht wie Frauen lieben, das hatte er erfahren, das kann gewürdigt und +auch vergessen werden, es liegt im Fluß der Dinge begründet, Zufall und +Trieb haben gleichen Anteil daran; auch nicht wie Männer lieben oder +Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt; Gesetz und Aneignung, +Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen; doch im tiefsten +Grund ruht Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders, +ungeahnt und wundersam rührte die Schönheit einer Seele an das ummauerte +Herz. + +Es gibt eine Sage, die von einem Land erzählt, wo nicht Tau noch Regen +fiel, daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger +Brunnen war, der Wasser erst in großer Tiefe enthielt; wie nun die Leute +zu verschmachten anfingen, da kam ein Jüngling zu dem Brunnen, der die +Zither spielte und seinem Instrument so süße Melodien entlockte, daß das +Wasser bis zur Mündung des Brunnens heraufstieg und im Überfluß +dahinströmte. + +So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jüngling Caspar bei ihm +weilte und die süßen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg +aus der Tiefe, ein jammernder Blick flog rückwärts, Scham entzündete das +bebende Gemüt, leicht schien es das Übel ungeschehen zu machen, er fand +sich selbst wieder, es strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der +eignen noch unbefleckten Jugend entgegen, und so, wie er hätte sein +können, wenn das Schicksal nicht sein Edelstes zermalmt hätte, so sah er +sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und so wahr, so reich, so +grundlos schenkend, daß der verruchteste Geizhals und Bösewicht seine +Truhe nach Kostbarkeiten durchwühlt hätte, nur um sich der Qual der +Verschuldung zu entledigen. + +Aber er gab -- nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine +Person war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt, +denen er diente, bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue, +sein Unfrieden, sein schlechtes Gewissen. Er führte eine Tat im Schilde, +die jede Falte seines Gesichts mit Lüge bemalte, aber bisweilen dachte +er in Wirklichkeit daran, mit Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es +eine Ruhestatt für den Geächteten eines Erdteils? Ach, wenn er die +stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses Antlitz ihm zugeneigt +war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fühlte er, daß auch +er noch ein Mensch war, und er konnte in unermeßlicher Wehmut vor sich +hintrauern. Dann vergaß er Zweck und Sendung und rächte sich an jenen, +deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren +Geheimnissen wußte, und doppelten Verrat beging. Er erfüllte Caspar mit +Erwartungen auf Macht und Größe, das war seine Gegengabe, das Geschenk +des Geizhalses. Ein Glück, daß der Zauber an Kraft verlor, wenn er von +dem Jüngling entfernt war und er nicht mehr jenen fragenden Blick auf +sich lasten fühlte, bei dem ihm zumute war, als sei ein Gesandter Gottes +neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern Überlegung und im Verfolg +der furchtbaren Pläne schrieb er gleichwohl kurze leidenschaftliche +Briefchen an den Umgarnten, wie dies: »In der ersten Woche, da ich dich +kennen lernte, hieß ich mich deinen Vasall; solltest du je für eine Frau +dasselbe fühlen, was du für mich empfindest, so bin ich verloren.« Oder: +»Wenn du einmal Kälte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer +Herzlosigkeit zu, sondern nimm es für den Ausdruck jenes Schmerzes, den +ich bis ans Grab in mich verschließen muß; meine Vergangenheit ist ein +Kirchhof, als ich dich fand, hatte ich Gott schon halb verloren, du +warst der Glöckner, der mir die Ewigkeit einläutete.« Es waren Wendungen +im Geschmack der Zeit, beeinflußt durch Modepoeten, aber sie bekundeten +doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste verworrenen Gemüts. + +So hin- und hergerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung. +Er ließ geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse, +denn sie waren mächtiger als seine Entschlüsse. Er wußte, daß er sein +schändliches Werk enden würde und enden müsse, aber er zauderte, und +dies Zaudern gab ihm Zeit, sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich +eine Ausrede vor dem Himmel zu schaffen, indem er betete, und vor dem +Richter in sich selbst, indem er aus seinem Dasein ein Fatum machte. Den +an Genuß und Wohlleben hängenden Geist beschwichtigte er durch den +Sophismus, daß die Notwendigkeit stärker sei als Liebe und Erbarmen, und +das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit einem billigen: es +wird ja so schlimm nicht werden! + +Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jägers die +Unsicherheit seiner Lage immer größer, die Kosten des Aufenthalts +wuchsen beständig, die Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen +nur ein Aushängeschild, die Bedrängnis zwang ihn zu Taten, und er faßte +den Entschluß, nach Ansbach zu reisen und mit dem Präsidenten Feuerbach +persönlich zu unterhandeln. + +An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen +instand zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, daß +Caspar sogleich zu ihm kommen möge. Er aber begab sich, nachdem er +Auftrag erteilt, Caspar bis zu seiner Wiederkehr zurückzuhalten, auf +einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu begegnen fürchten mußte, selbst +dorthin, ließ sich in Caspars Zimmer führen, gab vor, auf ihn warten zu +wollen, und als er allein war, durchstöberte er in gehetzter Eile alle +Schubläden, Bücher und Hefte des Jünglings, um einen vor Wochen von ihm +selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm höchst +unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezügliche Bemerkungen entschlüpft +waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon +hatte man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang +gedroht. + +Sein Suchen war vergeblich. + +Da öffnete sich auf einmal die Tür, und Herr von Tucher stand auf der +Schwelle. In seinem ängstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden +Schritte überhört. Herr von Tucher sah mächtig groß aus, da sein +Scheitel den oberen Pfosten der Türe berührte; in seiner Haltung lag ein +schmerzliches Erstaunen, und nach einem langen Schweigen sagte er mit +heiserer Stimme: »Herr Graf! Das sind doch nicht etwa die Geschäfte +eines Spions?« + +Stanhope zuckte zusammen. »Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir +wohl mit Schweigen zu übergehen,« entgegnete er mit gelassenem Hochmut. + +»Aber was soll das,« fuhr Herr von Tucher fort, »wie soll ich den +Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrät es +mir, daß hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.« + +Der Lord geriet in Verwirrung; er preßte die eine Hand an die Stirn, und +mit flehendem Ton sagte er: »Ich bedarf mehr des Mitleids und der +Nachsicht, als Sie denken, Baron.« Er zog das Taschentuch aus der +Brusttasche, drückte es vor die Augen und begann plötzlich zu weinen, +wirkliche, unverstellte Tränen. Herr von Tucher war sprachlos. Seine +erste Regung war ein düsterer Argwohn und der Verdacht, daß alle trüben +und versteckten Redereien über Caspars Schicksal eines ernstlichen +Grundes doch nicht entbehren mochten. + +Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, faßte sich +schnell und sagte: »Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich +tappe im Dunkeln. Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an +Caspar! Ich vermag ihn nicht loszusprechen von gewissen +Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Künsten ...« + +»Auch Sie also!« konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen. + +»Und ich fahnde nach Beweisen.« + +»Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken, Herr Graf?« + +»Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorenthielt.« + +»Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.« + +»Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.« + +»Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Präsidenten +erhalten hat?« + +Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation +halbwegs rettete, mit Vergnügen auf. »Ja, gerade dieses, ohne Frage +dasselbe,« beteuerte er rasch, indem er sich zugleich gewisser +verräterischer Andeutungen Caspars darüber entsann. + +»Ich weiß nicht, wo er es aufbewahrt,« sagte Herr von Tucher; »ich würde +auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im +übrigen weiß ich zufällig, daß er vor einiger Zeit aus demselben +Tagebuch das Bildnis des Präsidenten, das sich auf der ersten Seite +befand, herausgeschnitten und das Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle +gesetzt hat.« Damit langte Herr von Tucher nach einer Mappe, die auf +dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte +es Stanhope. Es war Feuerbachs Porträt. + +Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser +jupiterhaften Züge beschlich ihn eine niegekannte Furcht. »Das ist also +der berühmte Mann,« murmelte er; »ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen, +ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht.« Doch alles, was +er plante, der Weg dorthin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser +Augen standhalten zu sollen, versetzte ihn in eine Befangenheit, deren +er nicht Herr werden konnte. + +»Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein, Ihre Bekanntschaft +zu machen,« sagte Baron Tucher höflich, und da Stanhope sich anschickte +zu gehen, bat er ihn, dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüße zu +übermitteln. + +Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstraße +dahin. Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krümmte sich der +Staub empor, der Lord kauerte, in Tücher eingehüllt, in der Ecke des +Gefährts und wandte keinen Blick von der herbstlich-trübseligen +Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch +Wälder, sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu +durchspähen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings. Als kurz +vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde, +drückte er die Hände gegen die Ohren, wandte sich ab und stöhnte seine +zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens. +Danach saß er wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlächeln +um die dünnen Lippen. + + + + +Zweiter Teil + + + + +Gespräch zwischen einem, der maskiert bleibt, und einem, der sich +enthüllt + + +Es regnete in Strömen, als die Kalesche des Lords am späten Abend über +den Ansbacher Schloßplatz donnerte. Dazu scheuten die Pferde plötzlich +vor einem über den Weg trottenden Hund, und der elsässische Kutscher +fluchte in seinem greulichen Dialekt so laut, daß sich hinter den +dunkeln Fensterquadraten ein paar weiße Zipfelmützen zeigten. Die Zimmer +im Gasthof zum Stern waren vorausgemietet, der Wirt tänzelte mit einem +Parapluie vors Tor und begrüßte den Fremdling mit unzähligen tiefen +Komplimenten und Kratzfüßen. + +Stanhope schritt an ihm vorüber zur Treppe, da trat ihm ein Herr in der +Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen, sehr eilfertig, mit +regentriefendem Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel +vor, der die Ehre gehabt habe, Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim +Rittmeister Wessenig in Nürnberg flüchtig, »leider allzu flüchtig«, +begegnet zu sein. Er nehme sich die Freiheit, dem Herrn Grafen seine +Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten, und bitte um Vergebung für +die einem Überfall ähnliche Störung, aber es sei zu vermuten, daß Seine +Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschäfte habe, darum wolle er nicht +versäumen, in erster Stunde nachzufragen. + +Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an. Er +sah ein frisches, volles Gesicht mit eigentümlich kecken und dabei +zärtlich ergebenen Augen. Unwillkürlich zurücktretend, hatte Stanhope +das Gefühl, daß hier einer seine ganze Person als Werkzeug antrug, +gleichviel zu welchen Zwecken; nichts Neues war ihm der begehrlich +streberische Glanz solcher Blicke, schon glaubte er seinen Mann in- und +auswendig zu kennen. Aber woher wußte der Dienstbeflissene davon? Wer +hatte ihn auf die Fährte gebracht? Eine feine Nase war ihm jedenfalls +zuzutrauen. Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich für eine bestimmte +Stunde seinen Besuch, worauf der Polizeileutnant militärisch grüßte und +ebenso eilig, wie er gekommen war, wieder in den Regen hinausrannte. + +Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und ließ sogleich in allen +Zimmern Kerzen aufstellen, da ihm unbeleuchtete Räume verhaßt waren; +während der Kammerdiener den Tee bereitete, nahm er ein in Saffian +gebundenes Andachtsbüchlein aus der Reisetasche und begann darin zu +lesen. Oder wenigstens hatte es den Anschein, als lese er, in +Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute Gedanken, die Ruhe des kleinen +Landstädtchens war ihm unheimlicher als Kirchhofsstille. Nach dem Imbiß +ließ er den Wirt rufen, befragte ihn über dies und jenes, über die +Verhältnisse im Ort, über den ansässigen Adel und die Beamtenschaft. Der +Wirt zeigte sich den neuen Läuften gründlich überlegen. Er hatte noch +die selige Markgrafenzeit erlebt, und mit dem Tag, wo Höfling und +Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalästchen die Flucht vor dem +heransausenden Kriegssturm ergriffen hatten, war es aus mit dem Glanz +der Welt; ein stinkendes Rattennest war sie geworden, ein +Aktentrödelmarkt mit dem hochtrabenden Namen Appellationssenat, eine +Tintenhöhle, ein Paragraphenloch. + +Damals, ach, damals! Wie verstand man zu schäkern, wie heiter war das +Treiben, man spielte, man parlierte, man tanzte -- und der dicke Mann +fing vor den Augen des Lords an, einige gravitätische Menuettposen und +Pas de deux zu illustrieren, wozu er eine verschollene Melodie trällerte +und mit zwei Fingern jeder Hand schelmisch die Rockschöße hob. + +Der Lord blieb vollkommen ernsthaft. Er fragte auch beiläufig, ob Herr +von Feuerbach in der Stadt sei, doch bei diesen Worten zog der Dicke ein +säuerliches Gesicht. »Die Exzellenz?« grollte er. »Ja, die ist da. +Wohler wäre uns, sie wär' nicht da. Wie ein brummiger Kater lauert sie +uns auf und faucht uns an, wenn wir ein bißchen pfeifen. Er kümmert sich +um alles, ob die Straßen gekehrt sind, ob die Milch verwässert ist; +überall ist er hinterher, aber Galanterie hat er keine im Leib. Nur +eines versteht er gründlich, er ist ein scharfer Esser, und halten zu +Gnaden, Herr Graf, wenn Sie mit ihm zu tun haben, müssen Sie alles +loben, was auf seinen Tisch kommt.« + +Stanhope entließ den Schwätzer huldvoll, dann bezeichnete er dem Diener +die Kleider, die für morgen instand zu setzen seien, und begab sich zur +Ruhe. Am andern Morgen erhob er sich spät, schickte den Lakaien in die +Wohnung Feuerbachs und ließ um eine Unterredung bitten. Der Mann kam mit +der Botschaft zurück, der Herr Staatsrat könne heute und wohl auch in +den nächsten Tagen nicht empfangen, er ersuche Seine Lordschaft, ihm das +Anliegen schriftlich mitzuteilen. Stanhope war wütend. Er begriff, daß +er sich überstürzt habe, und fuhr sogleich zum Hofrat Hofmann, der ihm +empfohlen war. + +Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet, und +nach weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine +Person geflochten. Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefüllte Säcke seien +auf dem Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen, hieß es, und er +wolle das Markgrafenschloß samt dem Hofgarten kaufen, er führe ein Bett +mit Schwanendaunen mit sich und gestickte Wäsche, er sei ein Vetter des +Königs von England und Caspar Hauser sein leiblicher Sohn. Stanhope, +kühl bis in die Nieren, sah sich als Mittelpunkt kleinstädtischen +Schwatzes und war es zufrieden. + +Der Hofrat hatte ihm keine Erklärung über das Verhalten des Präsidenten +zu geben vermocht. Um die dienstlichen Schritte zu beraten, suchten sie +den Archivdirektor Wurm auf, der bei Feuerbach großes Vertrauen genoß. +Stanhope spürte, daß man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging; die +amtssässigen Herren konnten sich keines freien Verhältnisses zu einem +Manne rühmen, dessen Hand wie Eisenlast auf ihnen ruhte. + +Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis. Als er +hier die Rede auf den Präsidenten brachte, wurde eine Reihe von +Anekdoten erzählt, die teils lächerlich, teils bizarr klangen, oder man +berichtete, wie um den Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch +Umstände zu verdecken, welche das Mitleid herausforderten, von dem +Unglück, welches Feuerbach an zweien seiner Söhne erlebe, von einer +zerrütteten Ehe, von der menschenhassenden Einsamkeit, in welcher der +Alte hauste, und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle +Verschuldung sehen wollte. »Er ist ein Fanatiker,« ließ sich ein +kahlköpfiger Kanzleivorstand vernehmen, »er würde, wie Horatius, seine +eignen Kinder dem Henkersknecht ausliefern.« + +»Er vergibt niemals einem Feind,« sagte ein andrer klagend, »und dies +beweist keine christliche Gesinnung.« + +»Das alles wäre nicht so schlimm, wenn er nicht in jedem Menschen eine +Art von Übeltäter sehen würde,« meinte die Dame des Hauses, »und bei +jeder Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren ließe. +Neulich ging ich um die Dämmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer +Straße spazieren, und wir waren unbedachtsam genug, ein paar Äpfel von +den Bäumen zu pflücken; auf einmal steht die Exzellenz vor uns, schwingt +den Stock in der Luft und schreit mit einer fürchterlich krähenden +Stimme: Oho, meine Gnädige, das ist Diebstahl am Gemeindegut! Nun bitt' +ich einen Menschen, Diebstahl! Was soll denn das heißen?« + +»Du mußt aber auch sagen, Mama,« fügte die Tochter hinzu, »daß er dabei +ganz pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeißen konnte, +als wir, vor Schrecken zitternd, die Äpfel in den Graben warfen.« + +Der bloße Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom, vor dem das +Wasser staut und aufprallt. Stanhope machte kein Hehl aus seiner +Bewunderung für den Präsidenten. Er zitierte Stellen aus seinen +Schriften, schien selbst die trockensten juristischen Abhandlungen zu +kennen und pries die von Feuerbach durchgeführte Abschaffung der Folter +als eine Tat, die über die Jahrhunderte leuchten würde. Es war ein +Mittel zu blenden, wie irgendein andres. + +Auf allen Gassen, in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen +Gesprächsstoff, und das war Lord Stanhope. Lord Stanhope, der Held und +die Zuflucht der unschuldig Verfolgten; Lord Stanhope, der Gipfel der +Eleganz, Lord Stanhope, der Freigeist, Lord Stanhope, der Liebling des +Glücks und der Mode, Lord Stanhope, der Melancholische, und Lord +Stanhope, der Strengreligiöse. So viel Tage, so viel Gesichter; heute +ist Lord Stanhope kalt, morgen ist er leidenschaftlich; zeigt er sich +hier heiter und ungebunden, dort wird er tiefsinnig und würdevoll sein; +Gelehrsamkeit und leichte Tändelei, die Stimme des Gemüts und sittliche +Forderung: es kommt nur auf das Register an, das der geschickte +Orgelspieler braucht. Wie interessant sein Aberglauben, wenn er in einem +Zirkel bei Frau von Imhoff seine Furcht vor Gespenstern bekennt und +schildert, daß er dabei gewesen, wie ein Landsmann in den Krater des +Vesuv zur Hölle gefahren sei; wie entzückend die Ironie, mit der er bei +andrer Gelegenheit gottlose Gedichte von Byron zu rezitieren versteht. + +Die Elemente mischen sich, man weiß nicht wie. Es ist eine Lust, die +Welle zu Schaum zu schlagen und den kleinen provinzlichen Sumpf im +vergoldeten Kahn zu durchfahren. + +Am fünften Tag kam der Jäger zurück. Er brachte erweiterte Vollmachten; +Befehle, denen Stanhope durch seine Reise nach Ansbach zum Teil +zuvorgekommen war, aus denen als bemerkenswert etwas wie Furcht vor den +Maßnahmen Feuerbachs auffiel. Es wurde ihm geboten, sich dem Präsidenten +in jedem Fall zu fügen, da Widerstand Verdacht erweckt hätte; das +Äußerste zu versuchen, aber sich zu fügen und neue Minen zu graben, wenn +die alten wirkungslos geworden. Von einem gefährlichen Dokument war die +Rede, das einstweilen beiseitegebracht oder unschädlich gemacht werden +müsse, von dessen Inhalt aber jedenfalls Abschrift zu nehmen sei. + +Das überreichte Schreiben sollte im Beisein des Jägers zerrissen und +verbrannt werden. Dies geschah. Vor allem brachte der Bursche Geld, +herrliches bares Geld. Stanhope atmete auf. + +Am nächsten Abend lud er einige der vornehmsten Familien der Stadt zu +einem geselligen Beisammensein in die Räume des Kasinos. Man raunte sich +zu, daß er die Speisen nach besonderen Rezepten habe bereiten lassen und +die Musikpiecen mit dem Kapellmeister selbst durchprobiert habe. Vor +Beginn des Tanzes erhielt jede Dame ein ebenso sinniges wie kostbares +Angebinde: ein kleines Schildchen von Gold, auf welchem in emaillierter +Schrift die Devise stand: »#Dieu et le coeur.#« Danach nahm der Lord sein +Glas und forderte die Anwesenden auf, mit ihm das Wohl eines Menschen +auszubringen, der ihm so teuer sei, daß er den Namen vor so vielen Ohren +gar nicht auszusprechen wage, wüßten doch alle, wen er meine: jenes +wunderbare Geschöpf, vom Schicksal wie auf eine Warte der Zeit +hingestellt: #Dieu et le coeur#, dies gelte ihm, dem Mutterlosen, dessen +die Mütter gedenken möchten, welche Kinder geboren, und die Jungfrauen, +die sich der Liebe weihten. + +Man war gerührt; man war außerordentlich gerührt. Ein paar weiße +Taschentücher flatterten in sanften Händen, und eine ergriffene +Baßstimme murrte: »Seltener Mann.« Der seltene Mann, als ob er seine +eigne Bewegung nicht anders meistern könne, begab sich auf den +anstoßenden Balkon und schaute sinnend auf das Volk, das teils in +ehrfürchtig flüsternden Gruppen stand, teils in der Dunkelheit auf und +ab promenierte. Viele auch hatten sich, der Musik lauschend, an die +gegenüberliegende Mauer gedrängt, und eine ganze Reihe von Gesichtern +glänzte fahl in dem aus den Fenstern flutenden Lichtschein. + +Da gewahrte Stanhope den Uniformierten, der sich ihm bei seiner Ankunft +in der Stadt präsentiert. Er hatte ihn seitdem völlig aus dem Gedächtnis +verloren, der Mann war zur festgesetzten Stunde im Hotel gewesen, doch +hatte Stanhope die Verabredung nicht gehalten, und jener hatte nur die +Karte zurückgelassen. Jetzt stand er wenige Schritte entfernt unter +einem Laternenpfahl, und sein Gesicht schien auffallend böse. + +Ein Unbehagen überlief den Lord. Er verbeugte sich höflich nach der +Richtung, wo der Regungslose stand. Darauf hatte der nur gewartet; er +trat näher, und dicht am Balkon stehend, war sein Gesicht etwa in +Brusthöhe des Grafen. + +»Polizeileutnant Hickel, wenn ich nicht irre,« sagte Stanhope und +reichte ihm die Hand; »ich hatte das Unglück, Ihren Besuch zu versäumen, +ich bitte mich zu entschuldigen.« + +Der Polizeileutnant strahlte vor Ergebenheit und heftete den Blick +andächtig auf den redenden Mund des Grafen. »Schade,« versetzte er, »ich +hätte sonst gewiß den Vorzug, den heutigen Abend in Mylords +Gesellschaft zu verbringen. Man rechnet meine Wenigkeit hier gleichfalls +zu den oberen Zehntausend, haha!« + +Stanhope rückte kaum merklich den Kopf. Was für ein unangenehmer +Geselle, dachte er. + +»Waren Eure Herrlichkeit schon beim Staatsrat Feuerbach?« fuhr der +Polizeileutnant fort. »Ich meine heute. Die Exzellenz war nämlich bis +jetzt starrköpfig, wollte mit Eurer Herrlichkeit nur schriftlich +unterhandeln. Es ist mir endlich gelungen, den eigensinnigen Mann andern +Sinnes zu machen.« + +All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte +ein befremdetes Gesicht. »Wie das?« fragte er stockend. + +»Nun ja, ich kann bei dem guten Präsidenten manches durchsetzen, woran +andre sich umsonst die Zähne ausbeißen,« erwiderte Hickel, ebenfalls mit +dem heitersten und gefälligsten Ausdruck. »Solche Hitzköpfe sind um den +Finger zu wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist +lustig: um den Finger gewickelte Hitzköpfe, haha!« + +Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen. +Der Polizeileutnant ließ sich nicht beirren. »Mylord sollten keinesfalls +lange überlegen,« sagte er. »Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht +gerade sonderlich drängt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem +Zustand von Unentschlossenheit, dünkt mich, der auszunutzen ist. Und was +das bedrohliche Dokument anbelangt ...« Er hielt inne und machte eine +Pause. + +Stanhope fühlte, daß er bis in den Hals erbleichte. »Das Dokument? Von +welchem Dokument sprechen Sie?« murmelte er hastig. + +»Sie werden mich vollständig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine +halbe Stunde Gehör schenken wollen,« antwortete Hickel mit einer +Unterwürfigkeit, die sich beinahe wie Spott ausnahm. »Was wir uns zu +sagen haben, ist nicht unwichtig, muß aber keineswegs noch heute gesagt +werden. Ich stehe zu jeder beliebigen Zeit zur Verfügung.« + +Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgültigkeit zeigen zu +sollen. Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht überhören +durfte, verschanzte er sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. »Ich +werde mich sicherlich an Sie wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr +Polizeileutnant,« sagte er kurz und wandte sich stirnrunzelnd ab. + +Hickel biß sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblüffung dem +Grafen nach, der durch die offene Saaltür verschwunden war, und ging +dann leise pfeifend über die Straße. Plötzlich drehte er sich um, +verbeugte sich höhnisch und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie +wenn Stanhope noch vor ihm stünde: »Der Herr Graf sind im Irrtum; auch +bei dero Gnaden wird mit Wasser gekocht.« + +Als Stanhope wieder unter seine Gäste getreten war, zog er den +Generalkommissär von Stichaner ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung +äußerte er, er habe sich entschlossen, dem Präsidenten morgen seinen +Besuch zu machen; wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen +Starrsinn verbleibe, werde er es als vorsätzlichen Affront auffassen und +abreisen. + +Er sagte das mit so lauter Stimme, daß einige danebenstehende Herren und +Damen es hören mußten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff, +die mit Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord +offenbar wenden wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie +blickte herüber und sagte etwas verwundert: »Wenn ich mich nicht +täusche, Mylord, so hat Exzellenz ja Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich +traf ihn spät nachmittags in seinem Garten, als er eben im Begriff war, +zum 'Stern' zu gehen. Sie waren wohl nicht zu Hause?« + +»Ich verließ mein Hotel um acht Uhr,« antwortete Stanhope. + +Eine Stunde später schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot +sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach +Hause zu bringen. Da sie der Weg vorüberführte, ließ Stanhope beim +»Stern« halten und erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand +vorgesprochen habe. In der Tat hatte Feuerbach seine Karte abgegeben. + +Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die gräfliche Karosse in der +Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit +aristokratisch gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt +unnachahmlich gestreckt, näherte sich Stanhope dem landhausähnlichen +Gebäude, indem er genau die Mitte der kahlen Baumallee einhielt. Sein +Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem Knopfloch des braunen +Gehrocks glühte ein rotes Ordensbändchen, die Krawatte war durch eine +Diamantschließe gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein +müdes Lächeln die glattrasierten Lippen. Als er ungefähr zwei Drittel +des Wegs zurückgelegt hatte, hörte er eine brüllende Stimme aus dem +Haus, zugleich rannte eine Katze vor ihm über den Kies. Ein böses Omen, +dachte er, verfärbte sich, blieb stehen und schaute unwillkürlich +zurück. Es war so neblig, daß er seinen Wagen nicht mehr sah. + +Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne daß geöffnet +wurde. Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Männerstimme +in Tönen wilder Wut. Stanhope drückte endlich auf die Klinke, fand den +Eingang unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug +Bedenken, weiterzugehen. Plötzlich wurde eine Tür aufgerissen, ein +Frauenzimmer stürzte heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine +gedrungene Gestalt mit mächtigem Schädel, in welcher Stanhope sofort den +Präsidenten erkannte. Doch erschrak er dermaßen vor dem zornverzerrten +Gesicht, den gesträubten Haaren und der durchdringenden Stimme, daß er +wie angewurzelt stehen blieb. + +Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zu Tag +gekommen? Nichts von alledem. Bloß ein stinkender Qualm zog durch den +Korridor, weil ein Topf mit Milch in der Küche übergelaufen war. Die +Frauensperson hatte sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es +denn ein gar würdeloser Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er +mit den Armen fuchtelte und bei jeder jammernden Widerrede der +Gescholtenen von neuem raste, die Zähne fletschte, mit den Füßen +stampfte und sich vor Bosheit überschrie. + +Ein komisches Männlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem +kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! Sich +vornehm räuspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von +dem lächerlichen Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach +blitzschnell um. Der Lord verneigte sich tief, nannte seinen Namen und +bat nachsichtig lächelnd um Entschuldigung, wenn er störe. + +Schnelle Röte überflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner +jähen, fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und +Mund, und auf einmal brach er in ein Gelächter aus, in welchem +Beschämung, Selbstironie und irgendeine gemütliche Versicherung lag, +kurz, es hatte einen befreienden, wohltuenden und überlegenen Klang. + +Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen +in ein großes wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von +außerordentlicher Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich über +sein bisheriges Verhalten gegen den Lord zu sprechen, und ohne Gründe +anzuführen, sagte er, die Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei stärker +als die gesellschaftliche Pflicht. Doch habe er eingesehen, daß er einen +Mann von solchem Rang und Ansehen nicht verletzen könne, zumal ihm +schätzenswerte Freunde so viel Anziehendes berichtet hätten, deshalb +habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht. + +Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, daß er Seiner Exzellenz +nicht habe aufwarten können, und fügte bescheiden hinzu, er müsse diese +Stunde zu den höchsten seines Lebens rechnen, vergönne sie ihm doch die +Bekanntschaft eines Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und über die +Grenzen der Sprache wie der Nation hinausgedrungen sei. + +Von neuem der jähe, scharfe Blick des Präsidenten, ein schamhaft +satirisches Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast +rührend, ein Strahl naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits +stellte vollendet einen Mann der großen Welt dar, der vielleicht zum +erstenmal befangen ist. + +Sie nahmen Platz, der Präsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem +Rücken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte, +eine der Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern +eingetroffener Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege, +Caspar zu sich ins Haus zu nehmen. Diese plötzliche Sinnesänderung sei +ihm um so merkwürdiger erschienen, als er ja wisse, daß Herr von Tucher +den Absichten des Grafen geneigt gewesen; er habe den Faden verloren, +die ganze Geschichte sei ihm verschwommen geworden, er habe nun sehen +und hören wollen. + +Im Tone größten Befremdens erwiderte Stanhope, er könne sich das +Vorgehen Herrn von Tuchers durchaus nicht erklären. »Man braucht den +Menschen nur den Rücken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht,« sagte +er geringschätzig. + +»Das ist nun so,« versetzte der Präsident trocken. »Ich will übrigens +Ihre Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem +Bürgermeister Binder mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, daß +Ihnen Caspar überlassen werde. Ein solches Ansinnen muß ich gänzlich und +ohne Bedenken abweisen.« + +Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zügen. Er +blickte unablässig auf die Füße des Präsidenten, und als ob ihn das +Sprechen Überwindung koste, sagte er endlich: »Lassen Sie mich Ihnen, +Exzellenz, vor Augen führen, daß Caspars Lage in Nürnberg unhaltbar ist. +Aufs sonderbarste angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine +Schützer nennen, verstanden; mit dem Druck einer Dankesschuld beladen, +die das Schicksal selbst für ihn aufgenommen hat und die er niemals wird +bezahlen können, da ihm ja sonst jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer +wucherischen Zinsenabgabe würde und er, ein Junger, ein Wachsender, der +er ist, sein Dasein für sich verzehren muß, ist er waffenlos ausgesetzt. +Zudem will die Stadt, wie mir ausdrücklich versichert wurde, nur noch +bis zum nächsten Sommer für ihn sorgen und ihn dann einem +Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dünkt mich schade.« +(Hier erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den +niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) »Es +dünkt mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt +zerstampften Rasen setzen zu lassen.« + +Der Präsident hatte aufmerksam zugehört. »Gewiß, das alles ist mir +bekannt,« antwortete er. »Eine seltene Blume, gewiß. War doch sein +erstes Auftreten derart, daß man einen durch ein Wunder auf die Erde +verlorenen Bürger eines andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen +Menschen des Plato, der, im Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter +der Reife auf die Oberwelt und zum Licht des Himmels gestiegen ist.« + +Stanhope nickte. »Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil +übertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hörensagen über +seine Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts +etwas wie eine atavistische Rechtfertigung,« fuhr er in kühlem +Plauderton fort. »Einer meiner Ahnen wurde unter Cromwell geächtet und +floh in ein Grabgewölbe. Die eigne Tochter hielt ihn verborgen und +nährte ihn, bis die Flucht gelang, kümmerlich mit erstohlenen Brocken. +Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die Nachgeborenen. Ich +bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch ein Traum +oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.« + +Feuerbach warf den Kopf zurück. Die Linie seines Mundes zuckte in die +Länge wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Plötzlich lag Größe in +seiner Gebärde. »Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu +willfahren, Herr Graf,« sagte er. »Hier steht so Ungeheures auf dem +Spiel, daß jeder Gnadenbeweis und jedes Liebesopfer daneben gar nicht +mehr in Frage kommt. Hier ist den in Abgründen kauernden Dämonen des +Verbrechens ein Recht zu entreißen und dem bangen Auge der Mitwelt, wenn +nicht als Trophäe, so doch als Beweis dafür entgegenzuhalten, daß es +auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem Purpurmantel bedeckt +werden.« + +Der Lord nickte wieder -- doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte +er. Es wurde ihm schwül vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust +dieses Mannes zu ihm redete, und die selbst das Pathos verzehrte, das +ihm anfangs unbehaglich war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fühlte, +daß gegen diesen Willen zu kämpfen, der sich wie Unwetter verkündigte, +ein aussichtsloses Mühen sein würde, und wenn es ein Beschluß über ihm +war, durch den er in das Labyrinth lichtscheuer Verrichtungen mehr +geglitten als geschritten war, so fand er sich jetzt ratlos und +ohnmächtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen Anschein +von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte +sich vor und fragte sanft: »Und ist das Recht, das Sie jenen entreißen +wollen, die Leiden dessen wert, dem es zukommt?« + +»Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten müßte!« + +»Und wenn er verblutet, ohne daß Sie Ihr Ziel erreichen?« + +»Dann wird aus seinem Grab die Sühne wachsen.« + +»Ich ermahne Sie zur Vorsicht, Exzellenz, um Ihretwillen,« flüsterte +Stanhope, indem sein Blick langsam von den Fenstern zur Tür wanderte. + +Feuerbach sah überrascht aus. Es war etwas Verräterisches in dieser +Wendung, in irgendeinem Sinn verräterisch. Aber die blauen Augen des +Lords strahlten durchsichtig wie Saphire, und eine frauenhafte Trauer +lag in der Neigung des schmalen Hauptes. Der Präsident fühlte sich +hingezogen zu dem Manne, und unwillkürlich nahmen seine Worte einen +milden, ja fast liebreichen Klang an, als er sagte: »Auch Sie? Auch Sie +sprechen von Vorsicht? Meine Sprache scheint Ihnen kühn; sie ist es. Ich +bin es satt, auf einem Schiff zu dienen, das durch die Verblendung +seiner Offiziere in den schmählichen Untergang rennt. Aber ich könnte +mir denken, daß es einem Bürger des freien England unbegreiflich ist, +wenn ein Mensch wie ich seine Ruhe und die Sicherheit der Existenz +aufgeben muß, um das Gewissen des Staats für die primitivsten +Forderungen der Gesellschaft wachzurütteln. Es ist überflüssig, mich zur +Vorsicht zu mahnen, Mylord. Ich würde alles das auch demjenigen ins Ohr +schreien, der sich mir als Denunziant bekennte. Ich fürchte nichts, weil +ich nichts zu hoffen habe.« + +Stanhope ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er versonnen +antwortete: »Mein Unkenruf wird Sie weniger verwundern, wenn ich Ihnen +gestehe, daß ich nicht uneingeweiht in die Verhältnisse bin, auf die Sie +hindeuten. Ich bin nicht das Werkzeug des Zufalls. Ich bin nicht ohne +äußeren Antrieb zu dem Findling gekommen. Es ist eine Frau, es ist die +unglücklichste aller Frauen, als deren Sendboten ich mich betrachte.« + +Der Präsident sprang empor, als ob ein Blitz im Zimmer gezündet hätte. +»Herr Graf!« rief er außer sich. »Sie wissen also --« + +»Ich weiß,« versetzte Stanhope ruhig. Nachdem er mit düsterer Miene +beobachtet hatte, wie der Präsident krampfhaft die Stuhllehne gepackt +hielt, so daß die Arme sichtbar zitterten, und wie das große Gesicht +sich verfaltete und bewegte, fuhr er mit monotoner Stimme und einem +matten, seltsam süßlichen Lächeln fort: »Sie werden mich fragen: Wozu +die Umwege? Was wollen Sie mit dem Knaben? Ich antworte Ihnen: Ich will +ihn in Sicherheit bringen, ich will ihn in ein andres Land bringen, ich +will ihn verbergen, ich will ihn der Waffe entziehen, die fortwährend +gegen ihn gezückt ist. Kann man klarer sein? Wollen Sie noch mehr? +Exzellenz, ich habe Kenntnis von Dingen, die mein Blut gefrieren lassen, +selbst wenn ich nachts erwache und in der Pause zwischen Schlaf und +Schlaf daran denke, wie man an ein Fieberbild denkt. Ersparen Sie mir +die Ausführlichkeit. Rücksichten, bindender als Schwüre, machen meine +Zunge lahm. Auch Sie scheinen ja, es ist mir rätselhaft, auf welche +Weise, Einblick gewonnen zu haben in diesen grauenhaften Schlund von +Schande, Mord und Jammer; so darf ich Ihnen wohl sagen, daß ich, der den +Königen und Herren der Erde sehr genau und sehr nah ins Gesicht geschaut +hat, niemals ein Antlitz sah, dem Geburt und Geist einen gleich hohen +Adel und der Schmerz eine ergreifendere Macht verliehen haben als dem +jener Frau. Ich ward ihr Sklave mit dem Augenblick, wo das Bild ihrer +tragischen Erscheinung zum erstenmal mein Gemüt belud. Es wurde meine +Lebensidee, die ihr vom Schicksal zugefügten Wunden in ihrem Dienst zu +mildern. Ich will schweigen darüber, wie ich Gewißheit über den Zustand +der gemarterten und am Rand des Todes hinsiechenden Seele gewann und wie +sich mir von denen, die ein Jahrzehnte hindurch fortgesponnenes Gewebe +von Leiden um das unbeschützte Dasein der Unglücklichen flochten, +langsam Stirn um Stirn entschleierte. Das Haupt der Meduse kann nicht +gräßlicher sein. Genug damit, daß ich meine wahre Natur unterdrücken und +mich harmlos geben mußte; ich mußte lügen, schmeicheln, schleichen und +Ränke durch Ränke schlagen, ich habe mich verkleidet und täuschungsvolle +Aufgaben übernommen. Dabei fraß mir der Zorn am Mark und ich fragte +mich, wie es möglich sei, weiterzuleben mit solcher Wissenschaft in der +Brust. Aber das ist es ja eben: man lebt weiter. Man ißt, man trinkt, +man schläft, man geht zu seinem Schneider, man promeniert, man läßt +sich die Haare scheren, und Tag reiht sich an Tag, als ob nichts +geschehen wäre. Und genau so ist es mit jenen, von welchen man glaubt, +daß das böse Gewissen ihre Sinne verwüsten und ihre Adern verdorren +müsse, sie essen, trinken, schlafen, lachen, amüsieren sich, und ihre +Taten rinnen von ihnen ab wie Wasser von einem Dach.« + +»Sehr wahr! Das ist es, so ist es!« rief Feuerbach leidenschaftlich +bewegt. Er eilte ein paarmal durch das Zimmer, dann blieb er vor +Stanhope stehen und fragte streng: »Und weiß die Frau von allem --? Weiß +sie von ihm? Was ist ihr bekannt? Was erwartet, was hofft sie?« + +»Aus persönlicher Erfahrung kann ich darüber nichts melden,« entgegnete +der Lord mit derselben traurigen und matten Stimme wie bisher. »Vor +kurzem wurde bei der Gräfin Bodmer erzählt, sie habe laut aufgeweint, +als man den Namen Caspar Hauser vor ihr genannt. Mag sein, ganz +glaubwürdig ist es nicht. Hingegen ist mir ein andrer Vorfall bekannt, +der auf eine fast übersinnliche Beziehung schließen läßt. Eines Mittags +vor zwei Jahren befand sich die Fürstin allein in der Schloßkapelle und +verrichtete ihr Gebet. Nachdem sie geendet und sich erheben wollte, sah +sie plötzlich über dem Altar das Bild eines schönen Jünglings, dessen +Gesicht einen unendlichen Kummer ausdrückte. Sie rief den Namen ihres +Sohnes, Stephan hieß er, der Erstgeborene, dann fiel sie in Ohnmacht. +Später erzählte sie die Vision einer vertrauten Dame, und diese, die +Caspar selbst in Nürnberg gesehen hatte, war von der Ähnlichkeit tief +berührt. Und das Wunderbare ist, daß die Erscheinung sich am selben Tag +und zur selben Stunde gezeigt hatte, wo der Mordanfall im Hause Daumers +stattfand. So viel ist klar, daß sich auf beiden Seiten ein +geheimnisvolles Zusammenstreben offenbart. Ferner ist es klar, +Exzellenz, daß jedes Zaudern Gefahr bedeutet und ein leichtfertiges +Vergeuden günstiger Gelegenheit. Ich rufe Ihnen das in ernster Not +entgegen. Es könnte kommen, daß unsre Versäumnisse vor einen +Richterstuhl gefordert werden, wo keine Reue das Geschehene ausgleicht.« + +Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren +gerötet, sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er? +Seine Auftraggeber? Den Jüngling, den er an sich gekettet? Den +Präsidenten? Sich selbst? Er wußte es nicht. Er war erschüttert von +seinen eignen Worten, denn sie erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles +das erschien ihm wahr, als ob er der Retter wirklich sei. Er liebte sich +in diesen Minuten und hätschelte sein Herz. Eine Finsternis des +Vergessens kam über ihn, und sofern er Müdigkeit und Ekel zu erkennen +gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle +gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er löschte +zwanzig Jahre Vergangenheit von der Tafel seines Gedächtnisses hinweg +und stand da -- reingewaschen durch eine Halluzination von Güte und +Mitleid. + +Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in +die Hand gestützt, schaute er sinnend in die Luft. »Wir sind die Diener +unsrer Taten, Mylord,« begann er nach langem Schweigen, und die sonst +polternde oder schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen +Klang. »Vor dem schlimmen Ende zittern, hieße jede Schlacht aufgeben, +bevor sie geschlagen. Offenheit gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken +Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen Posten des Landes. Mein Leben +war für eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte ich es wenigstens, als +in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu werden. Ich habe +meinem König Dienste geleistet, die gewürdigt worden sind und die +vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des +Gerechten zu verleihen. Noch größere wollte ich leisten, sein Volk +erhöhen, die Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies +scheiterte. Ich ward zurückgestoßen. Freilich, man hat mich belohnt, +aber nicht anders als wie Domestiken belohnt werden.« + +Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrücken und knirschte mit den +Zähnen. Dann fuhr er fort: »Von früher Jugend an habe ich mich dem +Gesetz geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu +veredeln. Der Mensch war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben +war darauf gerichtet, die Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung +scheidet. Ich habe das Laster studiert wie ein Botaniker die Pflanze. +Der Verbrecher war mir ein Gegenstand der Obsorge; in seinem erkrankten +Gemüt wog ich ab, was von seinen Sünden auf die Verirrungen des Staates +und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den Meistern des Rechts und +bei den großen Aposteln der Humanität in die Lehre gegangen, ich wollte +das Zeitalter der überlebten Barbarei entreißen und Pfade zur Zukunft +bauen. Überflüssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bücher, meine +Erlässe, meine ganze Vergangenheit, das heißt eine Kette ruheloser Tage +und arbeitsvoller Nächte, sind Zeugen. Ich lebte nie für mich, ich lebte +kaum für meine Familie; ich habe die Vergnügungen der Geselligkeit, der +Freundschaft, der Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter +Gunst; kein Erfolg schenkte mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war +arm, ich blieb arm, geduldet von oben, begeifert von unten, mißbraucht +von den Starken, überlistet von den Schwachen. Meine Gegner waren +mächtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel gewissenlos; sie +waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein räudiger Hund; +Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit Schmutz. Es +war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Straßen der Residenz gehen, +ohne die gröblichsten Insulten des Pöbels fürchten zu müssen. Als ich, +durch widerwärtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein +Professorenamt in Landshut aufgeben mußte, als man den studentischen +Janhagel gegen mich in Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat +floh, Weib und Kind im Stich lassend, da trachteten mir bezahlte +Schergen nach dem Leben. Es war der große Krieg, alle Ordnung war +zerrüttet; von der österreichischen Partei wurde ausgesprengt, daß ich +mit der französischen Partei im Bündnis stehe, die dem Kaiser Napoleon +zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg bahnen und +die souveränen Fürsten stürzen wolle, die Franzosen verdächtigten +umgekehrt meine Beziehungen zu Österreich. Es gab einen Mann, einen +Amts- und Berufsgenossen, einen Gelehrten, berühmt und angesehen -- o, +ein feiger Poltron, die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfähle +des Jahrhunderts heften! --, der sich nicht entblödete, mich öffentlich +als Spion zu bezeichnen, und mein Protestantentum zum Vorwand nahm, den +König gegen mich mißtrauisch zu machen. Ich erlag nicht. Die +Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Fürst nahm mich wieder in Gnaden auf, +freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Thron, ich blieb in +Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer in +Gnaden. Auch meine Feinde sind besänftigt oder sie stellen sich so, auch +sie sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Große und Allgemeine +gerichtete Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des +Geistes, der sie trug und nährte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden +nicht jene, das weiß nur ich.« + +Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur +Schnupftabaksdose, nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das +Gesicht zu, und unter den barschen Brauen blitzte ein rührend-ängstlicher +und dankbarer Blick hervor, während er sagte: »Herr Graf, ich bin mir +nicht ganz klar darüber, was mich bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es +erstaunt mich selbst. Sie sind der erste, der zu hören bekommt, was so +verzweifelt den Klagen eines Zurückgesetzten ähnelt und doch nur die +Erklärung für eine unabänderliche Notwendigkeit bieten soll. Es ist mir +in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles +gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschluß +stärkt. An mich tritt der härteste Zwang heran, der einen Mann von +grauen Haaren treffen kann, und nötigt mich zu der Frage an das +Schicksal: ob denn alles Geopferte und Gewirkte umsonst gewesen, ob es +mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht gezeitigt hat als +Ohnmacht hier und Gleichgültigkeit dort. Ich muß die Probe machen, ich +muß es durchführen, komme, was da wolle; ich muß wissen, ob ich in Wind +geredet und auf Sand geschrieben habe; ich muß wissen, ob die +Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils versüßt hat, +nur wohlfeile Lockspeise waren; ich muß und will wissen, ob man es ernst +meint mit mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen +furchtbare Indizien vor; ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil +und kann das Wetter machen, alles ist von mir fixiert und in einem +besonderen Dokument dargestellt; man weiß es, man wird es nicht zum +Äußersten treiben, denn zum Äußersten bin ich entschlossen, um das +kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den Menschen als Hüter +bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, große Dinge brauchen viel +Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die lebendige +Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets +erreichbarer Nähe. Verlöre ich ihn, so wäre das Fundament meines letzten +Werks dahin, ich spür' es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch +auf Gehör würde wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlören Sie? Wollen +Sie eine Tat der Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der +Gerechtigkeit nicht gedenken? Das hieße Gold wegwerfen, um Häckerling zu +erhalten.« + +Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl geworden, als flösse kein +Blut mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie +wenn er sich verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen +Augen gebrochen wie wilde Tiere, die ihren Käfig zertrümmert haben, dann +rief er sie wieder zurück, saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an, +nestelte mit den Fingern am Kettchen des Lorgnons, und als der Präsident +am Ende war, richtete er sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung auf. +Er hatte Mühe, sich zu finden, er hatte Mühe, Worte zu finden, in +heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er lachen oder einen +körperlichen Schmerz verbeißen wollte, und als er die Hand des +Präsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgänger stand an seiner +Seite, dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versäumten, und +zischelte ihm das Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren +feucht, als er sagte: »Ich verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag, +ist: nehmen Sie mich als Freund, Exzellenz, betrachten Sie mich als +Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein Wink von oben. Doch welche +Bürgschaft haben Sie? Welche Gewähr, daß Sie Ihr Herz nicht einem +Unwürdigen eröffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als alle +andern? Ich hätte Caspar entführen können, ich könnte es noch --« + +»Wenn dies Antlitz lügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann +will ich es meinetwegen für ein Hirngespinst erklären, Wahrheit auf +Erden zu suchen,« unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. »Entführen, Caspar +entführen?« fuhr er gutmütig lachend fort. »Sie scherzen; ich möchte das +jedem Manne widerraten, der noch Wert darauf legt, im Sonnenschein +spazierenzugehen.« + +Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grübeln, dann fragte er +hastig: »Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin +mit Caspar?« + +»Er soll hierher nach Ansbach,« versetzte Feuerbach kategorisch. + +»Hierher? Zu Ihnen?« + +»Zu mir, nein. Das ist leider unmöglich, aus vielen Gründen unmöglich. +Ich muß viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf +Reisen, meine Gesundheit ist erschüttert, mein Charakter eignet sich +schlecht zu der Rolle, die ich dabei übernehmen müßte, und außerdem +verbietet es die Sache, ein allzu persönliches Band zu knüpfen.« + +Stanhope atmete auf. »Wohin also mit ihm?« beharrte er. + +»Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und +geistige wie sittliche Unterstützung findet,« sagte der Präsident. »Noch +heute will ich mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie +kennt die hiesigen Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, daß ich +über den Jüngling wachen werde wie über mein eignes Kind. Die Nürnberger +Schwabenstreiche sind zu Ende. Daß ich Ihrem Verkehr mit Caspar +keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der Erwähnung. Herr Graf, mein +Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der Hülle des Beamten und +Richters schlägt ein für Freundschaft empfängliches Herz. Man wird in +diesem Land der Kleingeisterei nicht verwöhnt durch den Umgang mit +Männern.« + +Nachdem sie noch flüchtig über die an Herrn von Tucher und den +Nürnberger Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten, +verabschiedete sich Stanhope. + +Der Präsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und +ab. Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein +sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Mißtrauen stieg in seiner +Brust empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen +hatte, je mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu +gewiegter Menschenkenner, um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die +ihn bedenklich stimmten. Plötzlich schlug er sich mit der Hand vor die +Stirn, begab sich an den Schreibtisch und schrieb in großer Hast drei +Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten englischen Freund, +einen an den bayrischen Geschäftsträger nach London und einen dritten an +den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in München. In +jenen beiden zog er genaue Erkundigungen über die Person des Grafen +Stanhope ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der +Residenz und ersuchte um Reiseurlaub. + +Alle drei Briefe ließ er zur Stunde mit expresser Post aufgeben. + + + + +Nacht wird sein + + +Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fuß +durch die menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer +Kirche widerhallte. Er war verstört, zerschlagen und außerstande, eine +vernünftige Überlegung anzustellen. Im Gasthof angelangt, schloß er +sich ein und machte eine halbe Stunde lang Fechtübungen mit dem Florett. + +Er unterbrach sich erst, als er von draußen eine Stimme vernahm, die mit +dem Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen. +Stanhope lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgültig, und mit +dem Degen noch in der Hand öffnete er. Es war Hickel, der auch sofort +eintrat und den ihn schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen +begrüßte. + +Nach seinem Begehr gefragt, räusperte er sich und stotterte ein paar +unzusammenhängende Floskeln, aus denen hervorging, daß er um den Besuch +Stanhopes bei Feuerbach wußte. Sein Benehmen verriet trotz einer +unangenehm wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche +Vertraulichkeit. + +Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der +kleidsamen Uniform. »Was hatte es eigentlich zu bedeuten, daß Sie mir zu +einer Zusammenkunft mit dem Herrn Präsidenten Ihre Hilfe anboten?« +fragte er frostig. + +»Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen,« +erwiderte Hickel. »Wer weiß, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen +wäre, er versteht es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das +nicht anzuerkennen. Je nun,« fügte er achselzuckend hinzu, »große Herren +haben ihre Launen.« + +»Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, sich zum Zwischenträger +anzubieten?« + +»Zwischenträger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit +ein zu großes Gewicht bei.« + +»Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie +gefielen sich in einigen Wendungen, um deren Aufklärung ich höflichst +gebeten haben möchte.« Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Würde +die Unsicherheit, die er diesem Menschen gegenüber empfand. + +»Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten,« versetzte Hickel. »Darf +ich meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu eröffnen +gedenken werden?« + +»Zu eröffnen? Wem zu eröffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu eröffnen.« + +»Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit +vor sich.« + +»Was soll das heißen?« fuhr Stanhope auf. »Wollen Sie mir Scharaden zu +lösen geben?« + +»Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer +vertrauenswürdigen Persönlichkeit umgesehen,« sagte Hickel plötzlich mit +eisiger Ruhe. »Meine langjährigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach +empfahlen mich mehr als einige bescheidene Fähigkeiten.« + +Stanhope entfärbte sich und sah zu Boden. »Sie haben also direkte +Aufträge?« murmelte er. + +Der Polizeileutnant verbeugte sich. »Aufträge? Nein,« entgegnete er +zögernd. »Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde +angewiesen, mich Eurer Lordschaft zur Verfügung zu stellen.« + +Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben +wäre, und zwar einen bußfertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben +aufgestanden und ein für allemal seiner Bestimmung übergeben sei. + +Er wollte um fünf Uhr bei Frau von Imhoff zum Tee erscheinen und fragte +den Polizeileutnant, ob er ein Stück Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage +der Wunsch einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war, +mit dem Lord öffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an. + +Die Straßen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten +und Pensionisten machten um diese Stunde ihren täglichen Spaziergang +über die Promenade. Viele blieben stehen und grüßten gegen das Innere +der hocherlauchten Kutsche. + +Nun passierte es, daß an einer Straßenecke der Mann auf dem Bock wieder +einmal sein welsches Geschrei ertönen ließ; es stand nämlich mitten auf +dem Fahrdamm ein träumerisch wolkenwärts guckender Herr, der von dem +Herannahen der gräflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Höchst +erschrocken sprang er beiseite, als der Elsässer zu fluchen begann, doch +nicht schnell genug, daß nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt +wurden, der von den Hufen der Pferde und den Rädern aufspritzte. + +Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte +stand mit einem verdutzten und unglücklichen Gesicht, hielt die Arme vom +Leib und sah sich die Bescherung an. + +»Wer ist der ungeschickte Mann?« erkundigte sich Stanhope, den die +Schadenfreude des Polizeileutnants verdroß. + +»Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.« + +Eigner Zufall; eine halbe Stunde später wurde bei Frau von Imhoff +derselbe Name genannt. Der Präsident und seine Freundin waren nach +langen Beratungen übereingekommen, Caspar in die Obhut des Lehrers +Quandt zu geben. + +»Er ist ein aufgeklärter und gebildeter Kopf und genießt als Bürger wie +als Mensch allgemeine Achtung,« sagte Frau von Imhoff. + +»Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu +übernehmen?« fragte der Lord zerstreut. Doch darüber konnte Frau von +Imhoff keine Auskunft geben. + +Als Stanhope sich am andern Morgen beim Präsidenten melden ließ, traf er +Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn +Feuerbach zeigte sich sehr aufgeräumt, und als sich der Lord wegen des +gestrigen Zwischenfalls mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte +der Präsident seinen Spaß an der Verlegenheit des Lehrers, die er durch +harmlose Witzchen über zerstreute Denker und dergleichen noch steigerte. +Sein Gelächter trieb einen wahren Angstschweiß auf Quandts Stirn, er +verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem Kalifen, und es +hatte den Anschein, als müsse er sich geschmeichelt fühlen, daß der Kot +der gräflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden. + +»Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig,« mahnte der Präsident +belustigt, »ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tüchtig den Marsch +geblasen und sich gemüht, das Röcklein wieder sauber zu kriegen.« + +»Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz,« erwiderte Quandt lächelnd +und von so viel Leutseligkeit beglückt. + +Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des +Präsidenten, und drei hohe Fenster gewährten Aussicht gegen den Garten. +Der Raum war wohnlich geschmückt, auch hier alles von der größten +Nettigkeit. In einer Art von vertiefter Nische hing ein gutes Ölbild +Napoleon Bonapartes im Krönungsornat; Stanhope betrachtete es mit +vorgeblichem Interesse; in Wirklichkeit prüfte er aufmerksam das Wesen +und Gehaben des Lehrers. + +Quandt war mittelgroß und hager; über der hohen Stirn waren tabaksgelbe +Haare mit Hilfe von Pomade ganz lächerlich glatt zurückgekämmt. Die +Augen blickten schüchtern, fast betrübt, und blinzelten bisweilen, die +Hakennase stach ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt +unter demütigen und zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen +säuerlichen Zug, der die Berufsgewohnheit vielen Nörgelns verriet. + +Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er +fragte den Präsidenten, ob die Verhandlungen zum gewünschten Ziel +geführt hätten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt, +reichte ihm stumm dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am +Nachmittag seinen Besuch abstatten. Sehr benommen von solcher Huld, +verbeugte sich der Lehrer abermals tief, machte sein Kompliment gegen +den Präsidenten und ging. + +Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung +mußte. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben +eines Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jäger damit ab. Um +halb zwei stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie +aßen zusammen und gingen hernach zu Quandt. + +Das Häuschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag, +war auf den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefällige +junge Frau, mit dem rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit +angetan, stand knicksend am Eingang, in der guten Stube war der Tisch +mit Konditorkuchen beladen, und das feine Porzellanservice blinkte +einladend auf dem schneeweißen Tuch. + +Der Lord war gegen die Lehrerin von väterlicher Freundlichkeit; da sie +guter Hoffnung war, wünschte er Glück, ein Händedruck bekräftigte seine +zarte Teilnahme; er fragte, ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde +purpurrot, schüttelte den Kopf und sagte, sie habe schon einen +dreijährigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war, gab ihr Quandt +einen Wink, sie ging still hinaus und die drei Männer blieben allein. + +Stanhope sagte, noch könne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung +von Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und +geordneten Häuslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling +hier untergebracht zu wissen. So dürfe man denn endlich hoffen, daß der +Unglückliche, an dem schon so viele Pfuscherhände herumprobiert und der +dabei an Leib und Seele Schaden erlitten, einen rettenden Port erreicht +habe. + +Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust. + +»Ja,« mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen +hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrücken +abwischte, »das wohl; und es muß nun einmal Licht werden um dieses Kind +der Dunkelheit.« + +Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel +nicht entging; er lächelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende +Miene an. + +»Leider ist ja Anlaß zum Argwohn vorhanden,« fuhr Stanhope fort, und +seine Stimme war tonlos und kalt; »wohin man sich auch wendet und wie +man es auch betrachtet, überall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein +Wunder, wenn die ursprüngliche Neigung von Bitterkeit durchtränkt ist. +Will ich mich gleich dem liebenden Gefühl hingeben, so melden sich doch +immer wieder Stimmen, deren Urteil oder Gewicht zu verdächtigen sinnlos +wäre, und der schlummernde Funke des Mißtrauens löscht nicht aus.« + +»Nun also,« ließ sich Hickel wieder vernehmen, »so hab' ich doch recht! +Man muß reinen Tisch machen. Man muß den hinterlistigen Burschen endlich +Mores lehren. Man muß ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.« + +Stanhope erblaßte; über Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend: +»Herr Polizeileutnant, ich muß mich gegen einen solchen Ton verwahren. +Was immer auch gegen den Jüngling zeugen mag, so ist er doch nur als die +mißleitete Kreatur eines unbekannten Frevlers zu betrachten.« + +Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lächeln über sein +Gesicht. »Verzeihen Eure Lordschaft,« entgegnete er hastig und ziemlich +erschrocken, »aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des +aufgeklärten und vernünftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie +der Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich über den Findling und +die Dummheit der Nürnberger geäußert haben. Das hätten der Herr Graf +nur hören sollen. Wir wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen +bekannt geworden, was der Herr von Tucher über den Undank und die +moralische Verderbtheit des Findlings an Eure Lordschaft geschrieben +hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons und er wird sich +überzeugen, daß ich nur gesagt habe, was jeder anständige und +vorurteilslose Mann darüber denkt.« Und Hickel heftete auf den Grafen +einen befremdet-forschenden Blick. + +»Dem ist nicht ganz so,« versetzte Stanhope abweisend und nippte +mechanisch von der Kaffeetasse. »Herr von Tucher spricht in seinem Brief +nur von einigen übeln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein +liebendes Herz ist niemals blind; versteht es nicht abzuwägen, so ist +ihm doch die Gabe der Ahnung eigen. Im übrigen wollen wir unserm +würdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es sein, zu richten. +Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir die +häßlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt, will ich's ihm fürstlich +danken.« + +Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter +Aufmerksamkeit das Gespräch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er; +als ob es nicht die leichteste Sache von der Welt wäre, zu erkennen, ob +einer ein Spitzbube ist. Man muß die Augen offen halten, das ist alles; +der Gute ist gut, der Böse ist bös, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein +Übel auszurotten, wenn es sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur +eine Frage der Tatkraft und Umsicht. Aber mir scheint, mir scheint, +meditierte der Lehrer in seinem stillen Sinne weiter, da sind noch ganz +andre Dinge verborgen, die Herren reden nicht von der Leber weg. + +Und damit traf er wohl das Richtige, wie sich bald erweisen sollte. Er +entwickelte dem höflich zuhörenden Lord seine Anschauungen über Moral, +über den Verkehr mit Menschen, den Umgang mit Schülern, die +Notwendigkeit der Aufmunterung, den Wert der Zensur; alles ein wenig +umständlich und verklausuliert, aber einfach, staunenswert einfach; nur +die sorgenvolle Miene gab einen Anschein von Schwierigkeit und +Philosophie. Der Lord nickte ein paarmal mit dem Kopf, während Hickel +entschiedene Zeichen von Ungeduld von sich gab. Dann beim Fortgehen, +während Stanhope sich von der Frau verabschiedete, zog Hickel den Lehrer +beiseite und flüsterte ihm zu: »Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn +jagen durch die Reden des Grafen, lieber Quandt. Der gute Graf betrügt +sich selber und möchte das Sonnenklare nicht wahr haben. Die +Teufelsgeschichte nimmt ihn absonderlich her. Sie leisten ihm einen +gewaltigen Dienst, wenn Sie den Schwindler entlarven.« + +Das war das Merkwort und der Anschlag. Es barg den Kern des Komplotts. +Nun, Caspar, sollst du in ein kleines Städtchen gehen und in ein kleines +Haus, sollst in Verborgenheit leben, und die Wände der Welt sollen sich +verengen, bis sie wieder zum Kerker werden. Gewalt hat sich der List +verbrüdert; der Richter wird richten, was er sieht, und nicht wissen, +was er fühlt. Niedrig sollst du werden, damit die Freunde sich in Feinde +verwandeln und deine Einsamkeit leichtere Beute des Verfolgers sei. Das +Blut soll gegen sich selber zeugen, Licht soll verweslich werden, +Frucht soll nicht mehr wachsen, die Stimme des Himmels soll verstummen, +und auf die Nacht -- denn Nacht wird sein -- soll keine Frühe folgen. + + + + +Ein Kapitel in Briefen + + +Freiherr von Tucher an Lord Stanhope: + +Seit geraumer Zeit bin ich ohne Nachricht von Eurer Herrlichkeit. Die +unsichere Lage, in der ich mich Caspar gegenüber befinde, veranlaßt +mich, zudringlicher zu sein, als es Ihnen, verehrter Herr, genehm sein +mag, und Sie um eine rasche Erledigung der schwebenden Angelegenheit zu +bitten, um so mehr, da meine Teilnahme an dem Findling nicht mehr die +gleiche wie ehedem ist, und er selbst wiederum durch den gezwungenen +Aufenthalt in meinem Hause sich mehr als ein Gefangener, denn als Gast +und zugehöriges Glied erscheinen muß. Ein endgültiger Zustand wäre dem +Jüngling ehestens zu wünschen; seine aufgeregten Hoffnungen enthalten +seinem Geist jede Ruhe vor, und Tag für Tag glüht er in einer so +fieberhaften Erwartung, daß an ein vorgesetztes Studium nicht mehr zu +denken ist und auch dem blödesten Auge die Unruhe seines Gemüts nicht +entgeht. Die Abende bringt er mit unnützen Schreibereien hin, und sein +Hauptvergnügen ist, mit der Spitze eines Bleistifts auf einer großen +Landkarte die Straßen zu verfolgen, die er bald mit Eurer Lordschaft zu +fahren hofft, jedenfalls eine praktische, wenn auch einseitige Art, +Geographie zu treiben. Er spricht, denkt und träumt von nichts anderm +als von der bevorstehenden Reise, und wenn Ihnen, Mylord, noch ein +Geringes an dem Wohl des unglücklichen Jünglings gelegen ist, so vermag +ich keinen stärkeren Appell an Ihre Güte zu erheben als den, ein so +drängendes und fruchtloses Hinweben in möglichster Bälde zu beenden. Sie +sind der einzige Mensch auf Erden, dessen Wort und Name noch Gewicht in +seinen Ohren hat, und sein grenzenloses Vertrauen gegen Sie muß auch das +Herz desjenigen bewegen, der sonst durch die Launen, die +Unverläßlichkeit und Zwitterhaftigkeit des rätselvollen Wesens eines +ehemals intensiven Attachements für ihn beraubt wurde. + + +Daumer an den Präsidenten Feuerbach: + +Eure Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, mich um Auskunft über Caspar +Hausers nunmehrige Verfassung zu ersuchen. Ich muß gestehen, daß mich +dies einigermaßen in Verlegenheit gesetzt hat. Ich habe mich in den +letzten anderthalb Jahren wohl gehütet, dem so sorgfältig +Abgeschlossenen nahezutreten, weil ja hierzulande jeder ängstlich +bedacht ist, sein kleinstes Privileg vor fremdem Einspruch zu wahren, +und so wird ein Interesse, das die Menschheit angeht und jeden freien +Geist in Mitleidenschaft ziehen muß, unversehens zur Angelegenheit einer +Partei. Eure Exzellenz möge diese Insinuation entschuldigen, sie möge +lediglich für meine unerloschene Teilnahme an dem Los des Findlings +zeugen, das seinen Freunden heute weniger als je Anlaß zu übertriebenen +Hoffnungen gibt. Die vertrauensvolle Zuschrift Eurer Exzellenz hat meine +Bedenklichkeit besiegt, ich habe Caspar letzter Tage im Tucherschen +Haus aufgesucht, er ist auch, zum erstenmal seit langer Zeit, bei mir +gewesen, und ich gebe Ihnen hier einige Mitteilungen über ihn, die, +wiewohl allgemeiner Natur, doch das Besondere seiner gegenwärtigen Lage +erhellen. + +Caspar ist ein hochaufgeschossener junger Mann geworden, der jetzt gut +und gern den Eindruck eines etwa Zweiundzwanzigjährigen macht. Träte er, +der nun den gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden muß, +unerkannt in eine Gesellschaft, so würde er doch als eine befremdliche +Erscheinung auffallen; sein Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden +und Vorsichtigen einer Katze; seine Züge sind weder männlich noch +kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und jung zugleich, besonders +auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen seltsam ein +vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sproßt heller Bartflaum, dies +scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften +Mädchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter +hängenden braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist +herzgewinnend, sein Ernst bedächtig, über beiden schwebt stets ein Hauch +von Melancholie. Sein Benehmen ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz +ungezwungene Gravität. Tölpelhaft und schwerfällig sind bloß noch manche +seiner Gebärden, auch seine Sprache ist hart und die Worte sind ihm +nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und in anmaßendem +Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern läppisch klängen, aus seinem +Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lächeln erzwingen; so ist +es höchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplänen spricht, von +der Art, wie er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und +wie er es mit seiner Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als +notwendigen Hausrat, als etwas wie eine Obermagd, die man behält, +solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie die Suppe versalzt oder die +Hemden nicht ordentlich flickt. + +Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemüt ähnelt einem +spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unfähig zu +beleidigen, er kann keinem Tier weh tun, er ist barmherzig gegen den +Wurm, den er zu zertreten fürchtet. Er liebt den Menschen; jedes +Menschengesicht wird ihm zum Götterantlitz, und er sucht den ganzen +Himmel darin. Nichts Außerordentliches ist mehr an ihm als das +Außerordentliche seines Schicksals. Ein reifer Jüngling, der keine +Kindheit besessen, die erste Jugend verloren, er weiß nicht wie, ohne +Vaterland, ohne Heimat, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne +Altersgenossen, ohne Freunde, gleichsam das einzige Geschöpf seiner +Gattung, erinnert ihn jeder Augenblick an seine Einsamkeit mitten im +Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an seine Ohnmacht, an seine +Abhängigkeit von der Gunst und Ungunst der Menschen. Und so ist +eigentlich all sein Tun nur Notwehr; Notwehr seine Gabe zu beobachten, +Notwehr der umsichtige Scharfblick, womit er jede Besonderheit und +Schwäche des andern erfaßt, Notwehr die Klugheit, womit er seine Wünsche +anbringt und den guten Willen seiner Gönner sich dienstbar zu machen +weiß. + +Ja, Eure Exzellenz, er ist ohne Freunde. Denn wir, die ihm wohlwollen, +ihn vor der gröbsten Bedrängnis des Lebens bewahren, wir sind doch nur +Zuschauer vor dem Ungeheuern seiner Existenz. Und jener vielberedete +Mann, Graf Stanhope, darf er in Wahrheit Caspars Freund genannt werden? +Was dürfen wir glauben? Wo findet der begründete Zweifel Stillung? Mir +ahnt Schreckliches, wenn ich der Erwartungen des Jünglings in bezug auf +den Grafen denke, der ein Heiliger, ein Ohnegleichen sein müßte, wenn +sich alle Versprechungen erfüllen würden, die mit seinem Auftreten für +Caspar verbunden waren. Und erfüllen sie sich nicht, erfüllt sich nur +ein Hundertstel von ihnen nicht, so prophezeie ich ein böses Ende. Denn +ein solches Herz, aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt, aus +äußerstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen, will +alles, fordert das ganze Maß des Glücks oder muß, nur um ein weniges +betrogen, einer ungemessenen Devastation anheimfallen. + +Ich gestehe, daß mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer +unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Kühnheit zu solchen +Erwägungen gibt; wie dürfte sich auch mein Mißtrauen an einem so +hochgestellten Mann vermessen. Aber man spricht seit heute davon, daß +Caspar nach Ansbach in Pflege kommen solle. Frau Behold, die alte +Feindin Caspars, trägt das Gerücht in der Stadt herum und verkündet +überall mit Schadenfreude, daß aus der englischen Reise und aus den +Luftschlössern des Grafen nichts geworden sei. Wie mir meine Schwester +erzählt, habe die Magistratsrätin indirekte Nachricht von der Lehrerin +Quandt erhalten; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben +Haus mitsammen aufgewachsen. Gott verhüte, daß Caspar von diesem +Geschwätz etwas erfährt. Ich wäre Eurer Exzellenz sehr zu Dank +verpflichtet, wenn Sie mir darüber genaue Auskunft berichten ließen, +damit ich dem ungereimten Geklatsche so entgegentreten kann, wie es für +das Wohl unsers Schützlings wünschbar ist. + + +Feuerbach an Herrn von Tucher: + +Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit +Rechnung tragend, teile ich Ihnen hierdurch mit, daß Sie Ihres Amtes als +Vormund Caspar Hausers von heute ab enthoben sind. Eine gleichzeitige +Urkunde des Kreis- und Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form +bekanntgeben, wie auch weiterhin die Verfügung, daß Caspar dem Grafen +Stanhope zu überlassen sei; freilich einstweilen nur der Form nach, denn +bis die schwierigen und verwickelten Verhältnisse eine Änderung erlauben +werden, soll Caspar in der Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden; +Lord Stanhope hat während dieser Zeit für seine zweckmäßige Erziehung +und Verpflegung zu sorgen, ich selbst werde in Abwesenheit des +Pflegevaters über das Wohl des Jünglings wachen. Am siebenten des Monats +wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen, ein +energischer Beamter, der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator für +die Übersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist. Seine Lordschaft, +Graf Stanhope, hat sich in letzter Stunde entschlossen, einer Handlung, +die in den Augen des Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen +soll, fernzubleiben, und dieser Vorsatz hat meine volle Billigung. Ich +sehe keine Schwierigkeit darin, Caspar von der veränderten Lage der +Dinge zu unterrichten, und halte die Besorgnisse wegen dieses Punktes +für übertrieben. Ich selbst werde dieser Tage eine längst vorbereitete +Reise nach der Hauptstadt antreten, ich hoffe bei dieser Gelegenheit +eine günstige Wendung in den Lebensumständen Caspars endgültig +herbeizuführen. + + +Baron Tucher an den Präsidenten Feuerbach: + +Eurer Exzellenz die untertänige Nachricht, daß der plötzliche Tod meines +Oheims mich zwingt, die Stadt zu verlassen und nach Augsburg zu reisen. +Ich habe die Obsorge für den noch in meinem Hause weilenden Caspar Herrn +Bürgermeister Binder und Herrn Professor Daumer übergeben und es ihnen +anheimgestellt, Caspar hier zu belassen oder für die restliche Frist +seines Aufenthaltes in der Stadt zu sich zu nehmen. Eine Mitteilung über +das Bevorstehende oder auch nur eine Andeutung ist von meiner Seite aus +gegen den Jüngling noch nicht erfolgt, und ich muß ohne Hehl bekennen, +daß mich eine gewisse unbesiegbare Furcht davon abhält. Caspar glaubt +noch steif und fest daran, daß er mit seinem erlauchten Beschützer nach +England oder Italien reisen soll, ihm erscheint eine, wenn auch nur +zeitweise Entfernung von dem Grafen als eine Sache der Unmöglichkeit, +und derjenige, der ihm eine solche Kunde überbringt, müßte eine +göttliche Überredungskunst besitzen, um ihn mit den neuen Umständen zu +versöhnen. Meinem unmaßgeblichen Erachten nach ist es ein Fehler, den +Knaben wiederum in enge Verhältnisse zu bringen, die ihn niemals werden +befriedigen, seinen Durst nach Leben und Betätigung nicht werden +stillen können. Der Hang seiner Ideen hat eine verhängnisvolle Anmaßung +gewonnen, er ist dem Kreis friedlicher Bürgerlichkeit entwachsen, sein +Lerneifer in den vergangenen Monaten war gleich Null, alle seine +Gedanken, sein ganzes Streben ist auf den Lord gerichtet, und wenn nun +Graf Stanhope von ihm gehen wird, dann bin ich sicher, daß er einen +unglücklichen Gesellen, ein unnützes und bedauernswertes, aus jedem +sozialen Zusammenhang gelöstes Glied der menschlichen Gesellschaft +zurücklassen wird. Wenn es der eigentliche Wesenszug der Fürstenkinder +wäre, daß sie dem privaten Leben untauglich und hilflos gegenüberstehen, +dann allerdings wäre Caspar ein Auserwählter unter den Prinzen. +Vielleicht aber schmiedet ihn das Schicksal noch, und es wird ein Mann +aus ihm, der eine Krone zu erwerben vermag, wenn es auch eben keine +Fürstenkrone ist. Für mich ist die Episode Caspar Hauser nunmehr +abgeschlossen, und was auch immer ich an Enttäuschung und Bitterkeit +daraus gewonnen habe, sie hat mir einen Einblick in Menschenwahn und +Menschengeschäfte gegeben, den ich für mein ferneres Leben nicht missen +möchte. So muß eben jeder auf seine Weise bezahlen. + + +Daumer an den Präsidenten Feuerbach: + +Ich fühle mich verpflichtet, Eurer Exzellenz von den Ereignissen der +letzten Tage eine wahrheitsgetreue Darstellung zu machen, insoweit eben +Wahrheit auf zwei Augen ruht. Vielleicht klingt vieles von dem, was ich +zu berichten habe, so ungewöhnlich, daß ich mich fragen muß, ob ein +Mann, der den übeln Ruf eines nicht ganz nüchternen Kopfes genießt, die +geeignete Person ist, solche Vorfälle zu beschreiben. Aber die strenge +Einsicht Eurer Exzellenz habe ich noch am wenigsten zu fürchten; wenn +ich sachlich bin, wird die Sache für sich selber sprechen, und meiner +Hand bleibt nur die Aufgabe, die Reihenfolge der Begebnisse +festzuhalten, was freilich nicht immer ganz leicht sein mag. + +Vor vier Tagen besuchte mich Herr von Tucher und teilte mir mit, daß er +wegen eines Todesfalles verreisen müsse. Schon vorher hatte er mich wie +auch Herrn Binder gebeten, die Aufsicht über Caspar zu führen so lange, +als der Jüngling noch in Nürnberg bleiben müsse. Da mir dies befremdlich +erschienen war, ließ Herr von Tucher durchblicken, die an höherer Stelle +beliebte Umgehung seiner Person mache ihm ein solches Handeln zum Gebot. +Er meinte das Schreiben Eurer Exzellenz, durch welches ich, halb wider +Willen, bewogen wurde, Caspar aufzusuchen und mich neuerdings mit ihm zu +beschäftigen. Dies hatte Herr von Tucher sehr übel aufgenommen. Ich gab +mir keine Mühe, den stolzen Mann andern Sinnes zu machen, auch vermute +ich zu seiner Ehre, daß dies Betragen noch eine ernstere, menschliche +Regung habe, denn als ich ihn fragte, ob er Casparn schon eine Andeutung +über die zu erwartende Ankunft des Polizeileutnants Hickel gemacht, wich +er aus und entgegnete hastig, er wolle dies mir überlassen, der ich doch +eines gewinnenderen Zuredens fähig sei und bei Caspar mehr Vertrauen +genieße. + +Am Nachmittag beschloß ich, zu Caspar zu gehen. Als ich in sein Zimmer +trat, las er die christliche Andacht des Tages. Er schaute heiter von +dem Buch empor, blickte in mein Gesicht und, Seltsameres ist nicht zu +denken, im Nu überzogen sich seine Wangen mit leichenfahler Blässe. Es +war mir schwül um die Brust, ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg +ängstlich. Ganz und gar vergaß ich die übernommene Rolle, ich fühlte +bloß mit ihm, ich sah, daß er alles, was ich ihm zu sagen hatte und +weswegen ich gekommen war, von meinen Augen abgelesen hatte, die +unbewußte Furcht mußte wohl in seinem Innern geschlummert haben, anders +kann ich es auf natürlichem Weg nicht erklären, ich fühlte, wie +plötzlich die Wurzeln seines Herzens aufgerissen wurden. Er erhob sich, +er schwankte, ich wollte ihn halten, er gewahrte mich kaum, er schien +völlig betäubt. Ich folgte ihm bis zum Bett, er warf sich darauf hin, +krümmte den Körper und fing in einer solchen Weise zu weinen an, daß mir +das Mark in den Knochen gefror. + +Noch war nichts geschehen, es konnte noch alles gut werden; so bildete +ich mir ein und ließ es an tröstlichen Worten nicht fehlen. Das Weinen +dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Dann erhob er sich, schlich in den +Winkel, kauerte hin und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Ich redete +unablässig in ihn hinein, ich weiß nicht mehr, was ich alles vorbrachte. +Gegen sechs Uhr abends verließ ich ihn, und obgleich er bis dahin noch +nicht einmal den Mund aufgetan, dachte ich mir, er werde mit der +Geschichte schon fertig werden. Ich empfahl dem Diener, sich bisweilen +nach Caspar umzusehen, und im stillen nahm ich mir vor, nach ein paar +Stunden wiederzukommen, aber es war unausführbar, meine Berufsarbeit +nahm mich bis in die Nacht in Anspruch. Als ich von Caspar fortgegangen +war, saß er auf einem Schemel zwischen Ofen und Wandschrank, am andern +Morgen um halb neun Uhr trat ich wieder in sein Zimmer, und wer +beschreibt das schmerzliche Erstaunen, das ich empfand, als ich ihn an +genau derselben Stelle, in unveränderter Haltung, noch immer die Hände +vors Gesicht geschlagen, so sah, wie ich ihn vierzehn Stunden früher +verlassen. Das Bett war noch in demselben Zustand, etwas zerdrückt von +seinem ersten Draufhinsinken, kein Gegenstand war berührt, auf dem Tisch +stand der mit einer dicken Haut überzogene Milchbrei, sein Nachtessen, +daneben die Schale mit erkaltetem Kaffee vom Morgen, und es herrschte +eine stickige, ungelüftete Atmosphäre. Der Diener kam, begegnete meiner +stummen Frage mit einem Achselzucken, ich wandte mich an Caspar selbst, +ich rüttle ihn an der Schulter, ich packe seine eiskalte Hand -- nichts, +keine Antwort, kein Laut, er schwelt vor sich hin, kaum daß sich seine +Augen rühren. So verging wieder eine Viertelstunde, da wurde mir's +unheimlich, ich beschloß nach dem Arzt zu schicken, vielleicht habe ich +auch dergleichen vor mich hingemurmelt, jedenfalls hatte Caspar +verstanden, was ich wollte, denn jetzt regte er sich, hob den Kopf wie +aus einer Grube heraus und schaute mich an. Ach, diesen Blick! Und wenn +ich Abrahams Alter erreichte, nie könnte ich diesen Blick vergessen. Das +war ein andrer Mensch. Leider liegt es nicht in meiner Natur, eine +Situation momentan in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen; anstatt zu +schweigen, begann ich wieder mit Scheintröstungen, aber ich spürte +gleich, daß es besser sei, das letzte Abendrot der Hoffnung nicht noch +einmal über die verdunkelte Seele heraufzubeschwören; was mich +entschuldigt, ist, daß ich selber ja kaum mit Klarheit wußte, was im +Werk war, und daß mich die zermalmende Wirkung von etwas vollständig +Unausgesprochenem, deren Zeuge ich war, mehr lähmte und erschütterte als +das Wissen darum. Doch will ich Eure Exzellenz nicht durch Betrachtungen +verwirren und hübsch in der Ordnung bleiben. + +Ich hatte schon zuviel Zeit verloren, ich mußte fort. Nach vieler Mühe +war es mir gelungen, Caspar zu überreden, daß er sich ein bißchen +niederlege, auch hatte er mir versprochen, mittags bei uns zu essen; das +war mehr als ich erwarten durfte, ich ging also beruhigter meinen +Geschäften nach, war um halb eins wie gewöhnlich zu Hause, wir warteten +einige Zeit, aber wer nicht kommt, ist Caspar. Ich vermutete, er sei +eingeschlafen, denn daß er die Nacht über nicht ein Auge geschlossen, +hatte ich ihm angesehen, und ohne böse Gedanken ging ich um zwei Uhr +wieder ins Gymnasium mit dem Vorsatz, beim Nachhauseweg in der +Hirschelgasse nachzuschauen. Das tat ich auch, es war halb fünf und +dämmerte schon stark, als ich am Tucherhaus war, aber wie wurde mir, als +mir der Pförtner mitteilte, Caspar habe schon um zwölf Uhr das Haus +verlassen und angegeben, er gehe zu mir. Ich war wie vor den Kopf +geschlagen; neben aller Verantwortlichkeit durfte ich auch die +begründetste Sorge für den armen Menschen hegen; ich lief in meine +Wohnung, da hatte sich kein Caspar blicken lassen, ich schickte die +Schwester zum Bürgermeister, die alte Mutter sogar machte sich auf die +Beine, um bei einigen Bekannten nachzufragen; währenddessen beriet ich +mich mit dem Kandidaten Regulein, und als meine Schwester Anna binnen +kurzem zurückkam und wir gleich an ihrem Gesicht merkten, daß sie nichts +erfahren hatte, schien es geboten, ohne Verzug die Polizei zu +unterrichten, die ja im Fall eines Unglücks mitschuldig war, da man die +Bewachung in letzter Zeit auffallend vernachlässigt hatte. Ich gab +hastig noch ein paar Anweisungen und war eben im Fortgehen begriffen, +als sich die Tür auftat und Caspar auf die Schwelle trat. + +Aber war er es wirklich? Wir glaubten sein Gespenst zu sehen. Ich mache +mich keiner Übertreibung schuldig, wenn ich versichere, daß wir alle den +Tränen nahe waren. Ohne sich umzusehen und ohne zu grüßen, schritt er +mit sonderbarer Langsamkeit durch die Stube bis zum Tisch, nahm auf dem +Holzsessel Platz, stützte das Kinn in die Hand und schaute mit +unverwandtem Blick regungslos ins Licht der Lampe. Wir waren alle drei +wie verzaubert, und meine Schwester sowie der Kandidat gestanden mir +später, daß ihnen ganz fröstlich zumute gewesen sei. Mittlerweile war +auch meine Mutter zurückgekehrt, sie war die erste, die an den Tisch +trat und Caspar fragte, wo er gesteckt habe. Er gab keine Antwort. Meine +Schwester Anna glaubte ihn besser zum Reden bringen zu können, sie nahm +ihm den Hut vom Kopf, strich mit der Hand über seine Haare und suchte +ihn mit leiser Stimme seinem Brüten zu entreißen. Ganz vergeblich; er +schaute immer nur ins Licht, immer ins Licht, die geöffnete Hand an der +Wange, das Kinn über dem Daumen. Ich sah mir ihn jetzt genauer an, indem +ich mich unauffällig näherte, jedoch sein Antlitz verriet nichts als +einen unbeweglichen, gar nicht einmal schmerzlichen, sondern starren, +fast stupiden Ernst. Meine Mutter fuhr fort, in ihn zu dringen, er solle +doch sagen, wo er herkomme und wo er gewesen sei. Da sah er uns alle der +Reihe nach an, schüttelte den Kopf und faltete bittend die Hände. + +Wir beredeten uns nun, daß Caspar in unserm Hause bleiben und da +übernachten solle; wir hatten, um das Aufsehen wegen Caspars +Verschwinden gleich wieder zu ersticken, die Magd zum Bürgermeister +geschickt, auch zu den andern Leuten, die wir schon inkommodiert hatten, +und meine Mutter ging in die Küche, um fürs Abendessen zu sorgen, da +erschien der Tuchersche Diener, erkundigte sich, ob Caspar bei uns sei, +und als wir dies bejahten, sagte er, er solle gleich nach Hause, der +Polizeileutnant Hickel aus Ansbach wäre da und Caspar müsse noch am +Abend mit ihm abfahren. Eine solche Botschaft kam mir nicht weiter +unerwartet, nur daß die Sache gar so eilig sein solle, versetzte mich +einigermaßen in Wallung, und ich war unüberlegt genug, dem Menschen eine +scharfe Antwort zu geben; wenn ich mich recht erinnere, so sagte ich, +der Herr Polizeileutnant möge sich doch gedulden, es sei ja nicht ein +Sack Kartoffeln zu expedieren, den man holterdiepolter auflade. Meine +Erregung muß jedem verständlich erscheinen, der das Vorhergegangene in +gerechte Erwägung zieht, es kamen mir aber doch Bedenken an, ich ärgerte +mich nachher über meine Unbesonnenheit und veranlaßte den Kandidaten +Regulein, daß er ins Tuchersche Haus gehe, um mit dem Herrn aus Ansbach +zu sprechen und ihn tunlichst aufzuklären. Das wäre soweit ganz gut +gewesen, nur passierte dabei die Fatalität, daß der Kandidat, der etwas +redseliger Natur ist und der froh war, den Fremden mit irgend etwas +unterhalten zu können, dem Herrn Polizeileutnant die Geschichte von dem +Verschwinden Caspars brühwarm hinterbrachte, woraus sich denn später der +peinlichste Auftritt ergab. + +Es war schon sieben, als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde, der +Kandidat war noch nicht zurück, wir nahmen alle Platz und waren nun +wieder einmal, wie in früheren Zeiten, mit Caspar ganz unter uns. Aber +wie anders waren die Zeiten, wie anders Caspar! Ich mußte mir den +Menschen beständig ansehen, wie er mit niedergeschlagenen Augen dasaß +und lustlos in der Grütze löffelte. Seine Blicke waren jetzt unruhig und +bisweilen überlief ein Schauder seine Haut. Lange konnte ich mich +solchen Betrachtungen nicht überlassen, denn gegen viertel acht wurde +mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen, Anna lief +hinunter, um zu öffnen, und alsbald erschien ein Offizier in +Gendarmenuniform, und bevor er noch seinen Namen nannte, wußte ich +natürlich, wer es war. Caspar war bei dem grellen Glockenlärm stark +zusammengefahren. Hinzufügen muß ich noch, daß die vorher erwähnte +Auseinandersetzung mit dem Diener sowie das Gespräch mit dem Kandidaten +im Flur vor der Treppe stattgefunden und Caspar nichts davon gehört +hatte; er erhob sich jetzt und schaute mit einem langen Blick gegen die +Türe, und als er des Herrn Polizeileutnants ansichtig geworden, wurden +seine Wangen wieder genau so tödlich fahl wie tags zuvor, da ich in +sein Zimmer gekommen war. Ich kann mir, wenn ich die Tatsachen im +Zusammenhang gegeneinander halte, keine andre Erklärung denken, als daß +Caspar alles das, was sich nun seit vierundzwanzig Stunden abspielte, +von innen aus erriet, sozusagen durch ein inneres Gesicht, und daß er +der äußeren Bestätigung durch die Ereignisse gar nicht mehr bedurfte, +denn es gab sich eine Versunkenheit an ihm kund, die ich nur mit der +schrecklichen Ruhe eines Schlafwandlers vergleichen kann. Ich selbst war +nachgerade so benommen, daß ich, wie ich fürchte, Herrn Hickel mit einer +unfreundlich wirkenden Kälte empfing. Glücklicherweise schien dieser +keine Notiz davon zu nehmen, und nachdem er sich gegen meine Damen +verbeugt, wandte er sich an Caspar und sagte mit einem Ton der +Überraschung, der freilich nicht ganz aufrichtig klang: »Das ist also +der Hauser! Ist ja ein ganz ausgewachsener Mensch, mit dem wird sich ja +reden lassen!« Caspar schaute den Mann groß an, und zwar mit einem +finster prüfenden Blick, in dem durchaus nichts Wehleidiges oder +Jämmerliches war. Es entstand nun ein allseitiges Schweigen; ich +überlegte mir, wie ich es anstellen könnte, damit Caspar die Nacht über +noch in meinem Hause bleiben könne, denn in seinem Zustand ihn einem +Fremden zu überlassen erschien mir unratsam. Ich erklärte mich Herrn +Hickel mit offenen Worten, er hörte mich ruhig an, sagte aber dann, er +habe gemessenen Auftrag, Caspar gleich mitzunehmen, es sei keine Zeit zu +verlieren, die Sachen müßten noch gepackt werden und der Wagen stehe +schon bereit. Meine Schwester Anna, unbändig wie sie ist, rief mir zu, +ich solle mich darum nicht kümmern, zugleich trat sie, wie um ihn zu +schützen, an Caspars Seite. Herr Hickel lächelte und sagte, wenn uns so +viel an einem Aufschub gelegen sei und wir noch etwas mit Caspar zu +besprechen hätten -- sein Ton war dabei so beziehentlich, daß ich stutzig +wurde --, wolle er nicht den Spielverderber machen, ich müsse mich aber +verpflichten, Caspar punkt neun Uhr zum Tucherschen Haus zu bringen. +Jetzt verlor auch ich die Fassung und fragte, ob denn die Sache um +Gottes willen so dringend sei, daß er in die Nacht hineinreisen wolle. +Herr Hickel zuckte die Achseln, schaute auf die Uhr und antwortete kalt, +ich möge mich entschließen. Jetzt begann Caspar zu sprechen, und mit +einer Stimme, deren Klarheit und Festigkeit mir bei ihm etwas ganz Neues +war, sagte er, er wolle sogleich mitgehen. Wir sahen aber alle, daß er +vor Erschöpfung zitterte und daß er sich kaum auf den Beinen zu halten +vermochte. Meine Mutter und Schwester beschworen ihn zu bleiben, Herr +Hickel, der bei Caspars Worten abermals gelächelt hatte -- o, ich kenne +dieses Lächeln! wie oft hat es mir die Schamröte ins Gesicht +getrieben! --, kehrte sich gegen mich und sagte: »Also um neun Uhr, Herr +Professor,« und zu Caspar gewandt, erhob er den Finger und sagte +schalkhaft drohend: »Daß Sie mir ja pünktlich sind, Hauser! Auch muß ich +wissen, wo Sie sich den Nachmittag über herumgetrieben haben. Lassen Sie +sich beileibe nicht einfallen, mich anzulügen, sonst gibt's was. Da +kenn' ich keinen Scherz.« + +Grüßend ging Hickel und ließ uns in einem Zustand von Empörung, Zweifel +und Unruhe zurück. Das alles nahm sich ja schlimmer aus, als es die +ärgste Befürchtung malen konnte. Besonders die letzten Worte des +Leutnants hatten mich wie auch meine Angehörigen mit Schrecken erfüllt. +Was sollten wir von der Zukunft Caspars denken, was von seinem Glück +erhoffen, wenn Drohungen von so brutaler Art unverhüllt auftreten +durften? Das Herz war mir schwer geworden. Doch war zu grübeln nicht die +Zeit. Ich beschloß, zum Bürgermeister zu gehen und mich mit ihm zu +beraten. Anna hatte schnell auf dem Sofa ein Lager bereitet, sie führte +Caspar hin, er sank nieder, und kaum ruhte sein Kopf auf dem Kissen, so +schlief er auch schon. Indes ich mich zum Fortgehen anschickte, läutete +es, und Herr Binder kam selbst. Ich verständigte ihn in Eile von dem +Vorgefallenen, er war höchlichst befremdet von dem Auftreten des +Ansbacher Herrn, und da er es für tunlich hielt, mit diesem selbst zu +sprechen, forderte er mich auf, ihn zu begleiten. Wir überließen Caspar +der Obhut der Frauen und gingen in die Hirschelgasse. Es hatten sich +trotz der Abendstunde eine Menge Menschen hauptsächlich aus der niederen +Volksklasse vor dem Tucherschen Haus eingefunden, die, ich weiß nicht +durch welche Umstände, von der bevorstehenden Abreise Caspars +unterrichtet waren und teils laut, teils murrend ihre Mißbilligung +ausdrückten. + +Als wir die Tür von Caspars Zimmer geöffnet hatten, bot sich uns ein +sonderbarer Anblick. Die Kommodeschubladen und Schränke waren +vollständig ausgeräumt; Wäsche, Kleider, Bücher, Papier, Spielwaren, +alles lag wüst auf dem Boden und auf Stühlen, und Herr Hickel +kommandierte den Diener, der damit begonnen hatte, die Sachen +ordnungslos in einem Reisekoffer und einer kleinen Kiste unterzubringen. +Als er uns gewahrte und den Unwillen aus unsern Blicken las, sagte er +lächelnd, als ob es sich um eine Schmeichelei handle, jetzt fange ein +neues Regiment für den Findling an, jetzt werde alles an den Tag kommen. +Mit finsterem Gesicht entgegnete Herr Binder, was er damit meine, was +denn eigentlich an den Tag kommen solle; zugleich gab er sich unter +Nennung seines Namens zu erkennen. Herr Hickel geriet in Verlegenheit; +mit einigen nichtssagenden Wendungen entschlug er sich der Antwort; er +behauptete, Caspar zu lieben; es sei ihm nur darum zu tun, den jungen +Menschen vor falschen Illusionen zu bewahren. Da stieg mir das Blut zu +Kopfe, und ich antwortete, wer denn anders solche Illusionen erzeugt und +genährt hätte als gewisse Herrschaften, die sich nun aus dem Staub zu +machen schienen; erst schmücke man den Arglosen mit einem festlichen +Kleid, und wenn er dann darin herumzuspazieren wage, sehe man einen +gefährlichen Überhebling in ihm. Das begreife wer wolle, ein solches +Spiel sei verdammungswürdig. Das war heftig, war unvorsichtig, es sei +gestanden, doch muß ich hinzufügen, daß mich die ironische Ruhe des +Polizeileutnants aufreizte. Um so verblüffter war ich, als er mir nun in +jedem Punkt beipflichtete, sich aber auf keine weitere Erörterung +einließ und sich wieder zu dem Diener kehrte, indem er Eile vorschützte, +da er nicht in so später Nacht abreisen wolle. Herr Binder bemerkte ihm +darauf, daß die Abfahrt sehr gut bis morgen verschoben werden könne, +Caspar bedürfe der Ruhe, die Verantwortung sei er bereit auf sich zu +nehmen. Herr Hickel versetzte, das sei unmöglich, er habe strikten +Befehl und müsse auf seiner Anordnung bestehen. Wir waren ratlos. + +Der Polizeileutnant hatte sich auf den Tischrand gesetzt und blickte uns +Schweigende spöttisch-erwartungsvoll an. Da vernahmen wir Schritte, und +als wir uns umwandten, die Türe stand offen, sahen wir Caspar und hinter +ihm meine Schwester. Anna flüsterte mir zu, Caspar sei kurz nach unserm +Fortgehen erwacht, er habe erklärt, mit dem fremden Mann gehen zu +wollen, und sich durch keinen Einwand zurückhalten lassen; so habe sie +ihn denn begleitet. + +Caspar schaute sich forschend um, dann sagte er, zu Herrn Hickel +gewandt: »Nehmen Sie mich nur mit, Herr Offizier. Ich weiß schon, wohin +Sie mich bringen wollen, ich fürcht' mich nicht.« Es war in diesen +Worten, so wenig Besonderes sie enthielten, ein wunderbarer Antrieb und +das, was man Haltung nennt, und ich kann nicht verhehlen, daß ich durch +sie aufs tiefste bewegt wurde. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich +Caspar jetzt eine Stunde lang für mich allein hätte haben können. Der +Herr Polizeileutnant verbarg seine Freude über die unvermutete Wandlung +nicht und antwortete lachend: »Na, fürchten, Hauser! Warum nicht gar! Es +geht ja nicht nach Sibirien!« Er näherte sich nun dem Jüngling, legte +beide Hände auf dessen Schulter und fragte: »Jetzt seien Sie einmal ganz +offen, Hauser, und sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie den Nachmittag +über gesteckt haben?« Caspar schwieg und besann sich, dann entgegnete er +dumpf: »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« -- »Ja wie denn, was denn, was +soll das heißen, heraus mit der Sprache!« rief der Leutnant, und Caspar +darauf: »Ich hab' was gesucht.« -- »Ja, was denn gesucht?« -- »Einen Weg.« +-- »Zum Donnerwetter,« begehrte Herr Hickel auf, »spielen Sie mir kein +Theater vor und machen Sie keine Flausen, sonst werde ich Ihnen zeigen, +was die Glocke geschlagen hat. Wir in Ansbach werden Ihnen nicht auf das +aberwitzige Wesen hereinfallen, das lassen Sie sich nur gesagt sein.« + +Herr Binder und ich waren durch solche herausfordernde Redeweise wie +begreiflich sehr empört. Aber Herr Hickel zeigte keine Lust, sich zu +rechtfertigen, er befahl Caspar in knappen Worten, sich fertigzumachen, +in einer halben Stunde werde er fahren. Währenddem kamen der Baron +Scheuerl, der Assessor Enderlin und andre Bekannte Caspars, die von der +Abreise gehört hatten und ihm Lebewohl sagen wollten; ich hatte keine +Zeit mehr, nur drei Worte mit ihm zu wechseln, binnen kurzem waren wir +alle im Hausflur versammelt. Die Menge auf der Straße hatte sich +vermehrt, in der Dunkelheit sah es aus, als ob ganz Nürnberg auf den +Beinen sei. Die Zunächststehenden stießen drohende Reden aus, Herr +Hickel forderte vom Bürgermeister, daß er die Wache aufziehen lassen +solle, doch eine solche Maßregel erklärte dieser für überflüssig, und in +der Tat genügte sein bloßes Erscheinen, um die Ruhe wiederherzustellen. + +Als Caspar zum Wagenschlag trat, rannte alles zuhauf, jeder wollte ihn +noch einmal sehen. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren +erleuchtet und Frauen winkten mit Tüchern herab. Die Kisten und Vachen +waren aufgebunden, der Kutscher schnalzte, die Pferde zogen an -- und +fort war er. + +Überzeugt, daß Eure Exzellenz zu den wenigen aufrichtigen Gönnern des +Jünglings gehören, fühlte ich mich im Innersten gedrängt, Ihnen über +diese Vorfälle genauen Bericht zu erstatten. Nur einige Stunden sind +seit den erzählten Begebenheiten verflossen, es ist weit über +Mitternacht, die Feder will meiner Hand entsinken, aber ich durfte keine +Frist verstreichen lassen, um nicht selber zum Fälscher meiner +Erinnerung zu werden. Wo die Verleumdung so unermüdlich am Werk ist, +soll auch der Gutgesinnte eine Nachtwache nicht scheuen, wenn er zu +fürchten hat, daß ihn der bloße Schlaf nur um eine Linie von der +Deutlichkeit seines Erlebens betrügen könnte. Vielleicht finden Eure +Exzellenz, daß ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit +überschätze. Mag sein, ich habe jedoch meine Pflicht erfüllt und bin mir +keiner Versäumnis bewußt. Ich trage schwere Sorge um Caspar, ohne daß +ich ganz zu sagen vermöchte weshalb, aber ich bin nun einmal als +Geister- und Gespensterseher auf die Welt gekommen, und mein Auge sieht +den Schatten früher als das Licht. + +Nicht vergessen will ich zum Schluß die Erwähnung, daß mir Herr von +Tucher bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden übergab, die +Caspar vom Herrn Grafen Stanhope geschenkt erhalten. Ich werde die Summe +mit nächster fahrender Post an Eure Exzellenz überschicken. + + +Frau Behold an Frau Quandt: + +Werte Frau, #excusez#, daß ich mich schriftlich an Sie wende, was Sie +extraordinaire finden werden, da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin, +obwohl Sie in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten. Mit großem +Etonnement vernehme ich, daß der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim +weilen wird, und ich fühle mich gedrungen, Ihnen zum Belehr etwelches +über den Sonderling zu eröffnen. Sie wissen doch, daß der Hauser das +Wunderkind von Nürnberg war. Lob und Verhätschelei hätten bei einem Haar +den Knaben zum Narren gemacht, es ist eben ein tolles Volk dahier. In +solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem christlichem Mitleid +und, ich schwöre, ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen. Bei aller +Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil +Angst gehabt, wir aber fürchteten nichts, und der Hauser wurde bei uns +wie ein Kind geliebt und estimieret. Übel ist uns das gelohnt worden; +keine Erkenntlichkeit vom Hauser, und noch dazu die böse Nachrede seines +Anhangs. Wieviel ärgerliche Stunden, wieviel Verdruß er uns durch seine +entsetzliche Lügenhaftigkeit bereitet hat, davon sind alle Mäuler stumm. +Nachher freilich hat er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer +Liebe an unser Herz geschlossen, aber fruchten tat es nichts, der +Lügengeist war nicht zu bannen, immer tiefer versank er in dieses +abscheuliche Laster. Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn +und seiner Innocence in allem Dahergehörigen. Auch hierüber kann ich ein +Wörtlein melden, denn ich hab's mit meinen eignen Augen gesehen, wie er +sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter, heute ist sie in der +Schweiz in Pension, unziemlich und unmißverstehlich näherte. Nachher zur +Rede gestellt, wollt' er's nicht wahr haben, und aus Rache hat er mir +die arme Amsel umgebrungen, die ich ihm donationieret. Gebe Gott, daß +Sie nicht ähnliche Erfahrungen an ihm machen; er steckt voller +Eitelkeit, meine Liebe, voller Eitelkeit, und wenn er den Gutmütigen +agieret, ist der Schalk dahinter verborgen, und so man ihm den Willen +bricht, ist es mit seiner Katzenfreundlichkeit am Ende. Wieviel wir auch +durch sein detestables Betragen zu dulden hatten, Undank und Calomnie, +aus unsern Lippen ist keine Klage gefahren, denn warum, man hätt' ihm +auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben können, und ein Betrüger ist +er nicht, nur ein armer Teufel, ein sehr armer Teufel. Ihnen und dem +Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich +die Decke lüpfe, unter der er seinen Unfug treibet; der gegen ihn so +gütig gesinnte Graf Stanhope wird gewiß bald zu der schmerzlichen +Entdeckung gelangen, daß er eine Schlange an seinem Busen nähret. Wäre +der Herr Graf nur zu mir gekommen, dieses aber hat der Pfiffikus Hauser +hintertrieben, und aus guten Gründen. Seien Sie nur recht wachsam, gute +Frau; er hatte alleweil Heimlichkeiten, bald da, bald dort versteckt er +was in einem Winkel, das läßt auf nichts Gutes schließen. Und nun bitte +ich Sie oder den Herrn Gemahl, mir in einiger Zeit Nachricht zu geben, +wie sich Ihr Zögling produzieret und was Sie von ihm halten, denn +ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Plätzchen in meinem Herzen +ein, und ich wünsche nur, daß er tätig an seiner Selbstbesserung +arbeite, ehe er in die große Welt entrieret, wo er viel mehr Kraft und +Beständigkeit vonnöten haben wird als in unsrer kleinen. + +Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen, ich bin krank; der eine +Doktor meint, es ist ein Geschwür auf der Milz, der andre nennt's eine +#Maladie du coeur#. Die große Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht +angetan, einem die Laune zu verbessern, Gott sei Lob gehen die +Mannsgeschäfte im allgemeinen gut. + + +Bericht Hickels über den vollführten Auftrag der Übersiedlung Caspar +Hausers: + +Ich traf am 7. ds. vorschriftsgemäß in Nürnberg ein, verfügte mich +sogleich in die Wohnung des Freiherrn von Tucher, fand aber den Kuranden +nicht zu Hause und erfuhr zu meiner Verwunderung, daß er sich den ganzen +Nachmittag über aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe, was +doch gegen die Vorschrift ist, und daß er sich zurzeit beim Professor +Daumer aufhalte, wahrscheinlich in der Absicht, die Reise zu verzögern +und dabei die Unterstützung seiner Freunde zu finden. Denn als ich bei +Herrn Daumer vorsprach, wurden zu besagtem Zweck alle möglichen Ausreden +versucht, auch gefiel sich der Hauser selbst in einigen leicht +durchschaubaren Schnurrpfeifereien, was mich aber nicht hinderte, auf +der mir erteilten Weisung zu beharren. Eine strenge Inquisition nach +seinem Verbleib während des Nachmittags blieb fruchtlos, der Bursche gab +die albernsten Antworten von der Welt. Mein entschiedenes Auftreten +hatte die Wirkung, daß von einer Verzögerung nicht weiter gesprochen +wurde, um neun Uhr war der Wagen zur Stelle, es war großer Zulauf in den +Gassen, die Leute, vermutlich insgeheim aufgehetzt, gebärdeten sich +einigermaßen revoltant, wurden aber durch meine Drohung, daß ich die +Wache aufziehen lassen würde, schnell eingeschüchtert. Dem Kutscher +gebot ich Eile, und nach einer Viertelstunde hatten wir das Weichbild +der Stadt verlassen. Während der ganzen drei Stunden bis zum Dorfe +Großhaslach ließ mein Kurand nicht eine Silbe verlauten, sondern starrte +ununterbrochen in die Dunkelheit hinaus; gewiß mag es ihm gar trübselig +zumute gewesen sein, da er nun doch erkennen mußte, daß es mit seinen +großen Hirngespinsten Matthäi am letzten war. Ich hatte den Sergeanten +nach Großhaslach bestellt, und derweil die Pferde gefüttert und getränkt +wurden, verfügten wir uns in die Poststube. Hauser legte sich daselbst +alsogleich auf die Ofenbank und entschlief. Ich konnte aber des +Verdachts nicht ledig werden, daß er sich nur schlafend stellte, um mich +und den Sergeanten sicher zu machen und unser Gespräch zu belauschen. In +diesem Argwohn bekräftigte mich auch das jedesmalige Blinzeln seiner +Lider, wenn ich in nicht gerade schmeichelhaften Ausdrücken seiner +Person erwähnte. Um der Sache auf den Grund zu gehen und zugleich +herauszubringen, was es mit dem allerwärts verbreiteten Märchen von +seinem steinernen Schlummer für eine Bewandtnis habe, nahm ich meine +Zuflucht zu einer kleinen List. Nach einer Weile gab ich nämlich dem +Sergeanten einen Wink, und wir erhoben uns leise, als ob wir gehen +wollten, und siehe da, kaum hatte ich die Türklinke gefaßt, so schnellte +mein Hauser wie von der Tarantel gestochen empor, tat ein wenig wirr und +verstört und folgte uns, die wir uns kaum das Lachen verbeißen konnten. +Im Wagen fragte mich Hauser plötzlich, ob der Herr Graf noch in Ansbach +weile; ich bejahte, fügte aber hinzu, daß Seine Lordschaft dieser Tage +gen Frankreich fahren werde, worauf Hauser einen tiefen Seufzer +ausstieß; er lehnte sich in die Ecke zurück, schloß die Augen und +schlief nun wirklich ein, wie ich aus seinen tiefen Atemzügen entnehmen +konnte. Die Weiterfahrt verlief ohne bemerkenswerte Vorfälle, es war ein +Viertel nach drei, als wir bei Schneetreiben vor dem Sterngasthof +anlangten; ich hatte diesmal harte Mühe, den Hauser aus dem Schlaf zu +bringen, und erst als ich ihn energisch anschrie, entschloß er sich, aus +der Kutsche zu steigen. Da nur der Torwart zugegen war und ich den Herrn +Grafen nicht wecken lassen wollte, brachten wir den jungen Menschen in +eine Kammer unterm Dach; ich befahl ihm, sich zu Bette zu begeben, +sperrte der größeren Sicherheit halber die Tür von außen zu und hieß +meinen Sergeanten, bis zum Anbruch des Tages auf Wache zu bleiben. Soll +ich nun zum Schlusse über die Person und das Betragen des Kuranden ein +Urteil abgeben, so muß ich bekennen, daß mir der junge Mann wenig +Sympathie oder Mitgefühl abnötigte. Sein verschlossenes, trotziges und +hinterhältiges Wesen läßt auf einen, wenn auch nicht verdorbenen, so +doch angefaulten und widrigen Charakter schließen. Von wunderbaren +Eigenschaften hab' ich an ihm nichts beobachtet, als eine in der Tat +wunderbare Begabung zur Schauspielerei, was noch milde ausgedrückt ist. +Ich fürchte, man wird hiesigenorts manche Enttäuschung an ihm erleben. + + +Binder an Feuerbach: + +Um des ferneren allem überflüssigen Gerede und Vermuten vorzubeugen, das +in derselben Sache schon an Eure Exzellenz gelangt sein mag, diene die +Nachricht, daß ich bereits genügenden Aufschluß habe über den +rätselhaften, vier bis fünf Stunden andauernden Verbleib Caspar Hausers +am letzten Nachmittag seines Aufenthalts in hiesiger Stadt. Freilich, +dieser Aufschluß ist im Grunde keiner, denn so wenig der Jüngling sich +selbst hatte erklären wollen, so wenig erklären die mir bekannt +gewordenen Einzelheiten seine ganze Handlungsweise. + +Ich will mich kurz fassen. Am Morgen nach Caspars Abreise kam der +Gefängniswärter Hill zu mir und berichtete, der Hauser sei gestern +mittag nach eins bei ihm auf dem Turm erschienen und habe gebeten, ihm +die Kammer zu zeigen, worin er einst gefangen gewesen. Zufällig war an +jenem Tag kein Häftling auf dem Luginsland, und er, Hill, habe nach +einigem verwunderten Fragen und Forschen Caspar eintreten lassen. +Nachdem er eine Weile grübelnd dagestanden, begab er sich in dieselbe +Ecke, wo ehedem sein Strohlager gewesen, hockte auf den Boden und +brütete stumm vor sich hin. Dem Hill war das befremdlich, und da alle +Versuche, den Jüngling seiner Lethargie zu entreißen, nichts fruchteten, +kehrte er in seine Wohnung zurück und machte seiner Ehefrau von dem +Vorfall Mitteilung. Sie überlegten gerade, was zu tun sei, da kam Caspar +von selbst die Stufen herunter und trat in das Zimmerchen, das ihm +ebenfalls von früher wohlbekannt war, das er jedoch mit bohrend +nachdenklichen Blicken durchmusterte, genau wie er oben in der Zelle +getan. Hill und sein Weib dachten nicht anders als der arme Mensch habe +den Verstand eingebüßt. Die Frau näherte sich ihm, stellte einige +Fragen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel sein schweifendes Auge auf +die beiden Kinder des Wärters, die auf einem Tritt beim Fenster +mitsammen spielten, und plötzlich lächelte er gar wunderlich, schlich +sich heran und setzte sich am Rand des über den Boden erhöhten Tritts +nieder. + +Hill tat das Vernünftigste, was er tun konnte, er ließ ihn gewähren und +wartete ab, was daraus werden würde. Nachdem sich Caspar also +niedergelassen, begann er die zwei Kinder auf eine Weise anzustarren, +als ob er nie im Leben Kinder gesehen hätte; er beugte sich vorwärts, er +studierte förmlich ihre Finger, ihre Lippen, seine heißhungrigen Blicke +verschlangen gleichsam jede ihrer Gebärden; der Frau wurde dabei angst +und bang, mit Mühe hielt Hill sie ab, dazwischenzufahren, denn er +fürchtete nichts. »Kenn' ich doch Hausers sanfte Seele,« so drückte er +sich mir gegenüber aus. Auf einmal sprang Caspar auf, streckte die Arme +in die Luft, stöhnte, starrte vor sich hin, als sehe er einen Geist, +dann kehrte er sich um und rannte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zur +Tür und die Treppe hinunter auf den Platz. Hill folgte ihm unverzüglich, +denn er schloß mit Recht, daß Caspar in einer bedenklichen Verfassung +sei und daß man ihn so nicht sich selber überlassen dürfe. Als er den +Burgberg herunter gegen die Füll lief, gewahrte er ihn noch rechtzeitig +und konnte ihn im Auge behalten. + +Caspar eilte nun durch mehrere Gassen, und zwar ganz unsinnig die kreuz +und quer, danach über die Glacis und nach St. Johannis hinüber. Hill +folgte in einer Entfernung von fünfzig oder sechzig Ellen und hatte auf +jede Bewegung Caspars genau acht. Trotzdem es den Anschein ziellosen +Gehens hatte, war doch der Schritt des Jünglings so beschleunigt, ja +ungeduldig, als wolle er ein vor ihm fliehendes Etwas erhaschen. Es ging +nun durch die Mühlgasse, am Ende dieser Gasse breitet sich das flache +Feld aus und die Straße verwandelt sich in einen Wiesenweg, der längs +der Mauer des Johanniskirchhofs zur Pegnitz und zum Wald hinunterführt. +An der Kirchhofsmauer, die so niedrig ist, daß auch ein mittelgroßer +Mensch leicht über sie hinwegblicken kann, blieb Caspar jählings stehen, +riß den Hut vom Kopf und preßte die Hand gegen die Stirn. Es wird Eurer +Exzellenz bekannt sein, eine wie ungeheure Wirkung schon früher einmal +bei der Annäherung an den Gräberort an ihm wahrgenommen worden ist. Er +schien zu zittern, er atmete mit offenem Mund, seine Züge drückten +Grauen aus, die Hautfarbe wurde bleifahl, er sah aus, als könne er sich +nicht losreißen, plötzlich aber stürzte er so schnell weiter, daß sein +Beobachter Mühe hatte, ihm nah zu bleiben, auch dachte Hill, Caspar +müsse ins Wasser stürzen, da er am Flußufer in ein wildes Torkeln +geriet. Glücklicherweise wandte er sich gegen den nahen Forst und +verschwand alsbald zwischen den Stämmen. Hill hatte Angst, daß er ihm +entkommen könnte; er bemerkte einige Arbeiter, die an einer Erdgrube +Sand schaufelten, und forderte sie auf, ihm zu helfen; drei oder vier +gesellten sich zu ihm, und sie drangen verteilt ins Gehölz; doch Hill +selbst war es, der Caspar nach langem Suchen und als er schon +höchlichst besorgt wurde, zuerst wieder erblickte. Er sah ihn kniend am +Fuß einer mächtigen Tanne, er sah, wie er die Hände aufhob, und hörte +ihn mit einer leidenschaftlich flehenden Stimme rufen: »O Baum! O du +Baum!« Nichts weiter als diese Worte, und mit solchem Gefühl, wie man +ein Gebet spricht, wenn der Geist in höchster Bedrängnis ist. Hill sagte +aus, er habe es nicht über sich gebracht, ihn anzurufen, überhaupt hat +der einfache Mann bei all diesen Vorgängen ein Zartgefühl und eine +Menschlichkeit bewiesen, um deretwillen ich ihm meine Anerkennung nicht +versagen kann. Die Arbeiter, die er mitgenommen, riefen ihm, er gab ein +Zeichen, sie kamen herbei; Caspar hatte sich indes erschrocken +aufgerichtet, blickte die Leute der Reihe nach an, und es schien, als +erkenne er Hill nicht. Dieser dankte den Männern und bedeutete ihnen, +daß er sie nicht mehr brauche. Von ihm untergefaßt, ließ sich Caspar +ohne Widerstand aus dem Forst herausführen; im Gegensatz zu seinem +bisherigen Wesen zeigte er nun eine vollkommene Gelassenheit. Hill +fragte ihn, wohin er denn gehen wolle, und nach einigem Zögern +antwortete Caspar, er müsse zum Mittagessen zu Herrn Daumer. Da lachte +Hill und erinnerte ihn, daß Mittag längst vorbei sei; als sie vor der +Stadtmauer ankamen, begann es schon zu dämmern. Caspar ging jetzt +außerordentlich langsam, und trotzdem Hill um vier Uhr auf der +Polizeiwache hätte sein sollen, begleitete er ihn noch zu Professor +Daumers Haus und wich erst von der Stelle, als sich das Tor hinter +seinem Schützling geschlossen hatte. + +Dies, Exzellenz, die getreue Wiedergabe dessen, was der Mann berichtet +hat. Ich habe seine Erzählung, deren Glaubwürdigkeit zu bezweifeln kein +Anlaß vorliegt, protokollieren lassen. Aus den Begebnissen selbst weiß +ich, wie gesagt, nichts zu machen, auch ist es nicht an mir, den +Schlüssen Eurer Exzellenz vorzugreifen. Gestern habe ich mich von Hill +zu der Stelle führen lassen, wo Caspar kniend gefunden wurde, denn ich +dachte mir, daß da vielleicht etwas Besonderes sei. Es ist, ungewöhnlich +bei solcher Stadtnähe, ein friedensvoller Ort; der Wald ist dicht +bestanden, lautlose Einsamkeit fordert zu beschaulicher Stimmung auf. +Hill erkannte den Platz mit Sicherheit wieder und zeigte zum Beweis auf +Fußabdrücke und zerwühltes Moos. Sonst habe ich nichts Bemerkenswertes +wahrgenommen. + +Der Polizeisoldat, der durch seine Nachlässigkeit in Caspars Bewachung +all dieses verschuldet hat, wurde der verdienten Strafe zugeführt. + + +Lord Stanhope an den Grauen: + +Ich weile noch immer in dem weltentlegenen Nest, obwohl ich zu +Weihnachten in Paris sein wollte. Ich sehne mich nach freier +Konversation, nach Maskenbällen, nach der italienischen Oper, nach einem +Spaziergang auf den Boulevards. Hier sind aller Augen auf mich +gerichtet, jeder will teilhaben an mir; von einer gewissen +Hofratsfamilie, die nicht in den besten Verhältnissen lebt, wird +erzählt, sie habe eine goldene Stehuhr, ein vortreffliches Erbstück, +versetzt, um eine Soiree zu Ehren des Lords geben zu können. Man +verdächtigt eine Dame, Frau von Imhoff -- uralter Patrizieradel! --, der +näheren Beziehung zu mir, vielleicht nur deswegen, weil die Arme in +einer unglücklichen Ehe lebt, an der sich der Klatsch seit Jahren +mästet. Scherzhafter Unsinn. Die Dame ist, leider, ein makelloser +Mensch. Das übrige Volk ist kaum der Rede wert. Die guten Deutschen sind +servil bis zum Erbrechen. Der behäbige Kanzleidirektor, der mit einer +sklavisch tiefen Reverenz den Hut vor mir zieht, würde mir mit Vergnügen +die Stiefel putzen, wenn ich's ihm befähle. Nichts hindert mich, hier +eine Art Caligula zu spielen. + +Zur Sache. Ein äußerer Grund meines Verweilens hier ist nicht mehr +vorhanden. Der bislang vorgeschriebene Teil meiner Aufgabe ist erfüllt. +Was verlangt man noch von mir? Wessen hält man mich noch weiterhin für +fähig? Hat Euer Hochgeboren oder dero Gebietende noch intime Wünsche, so +wäre es geraten, sie in Bälde vernehmen zu lassen, denn der ergebenst +Unterzeichnete ist satt. Die Mahlzeit füllt ihn bis zum Hals, er muß +jetzt ans Verdauen denken. Ich gehe mit der Absicht um, in Rom Prälat zu +werden oder mich hinter Klostermauern einzusperren, vorher muß ich noch +das nötige Schwergeld für den Ablaß beisammen haben; wenn der Papst kein +Einsehen hat, kehr' ich in den Schoß der puritanischen Kirche zurück, so +bin ich wenigstens der Sorge und des Ekels enthoben, mir den Bart +wachsen lassen zu müssen. Auch in meinem Land gibt es Masken und +jedenfalls ein würdigeres Kostüm. Ist der Minister H. in S., der +Pensionist, von allen Vorgängen verständigt und hat man ihn gegen +Überfälle gesichert? An welcher Bankstelle kann ich meinen nächsten +Zinsgroschen beheben? Dreißig Silberlinge; mit welcher Zahl darf ich die +Summe multiplizieren? Denn auf Multiplikation ist nun einmal mein Leben +gestellt. Herr von F. ist vor einigen Tagen nach München abgereist; dies +zur Notiz. Das bewußte Dokument ist, wie ein ranziges Stück Fleisch, von +einem gewissenhaften Raben in Aussicht genommen, vorläufig aber noch +unzugänglich. Wie hoch normiert man den Preis und, sollten im +Kriegsfalle kühnere Maßregeln geboten sein, was billigt man demjenigen +zu, der die Hölle um einen neuen Untertanen reicher machen will? Ich muß +dies wissen, gegenwärtig stellen auch die geringsten Diener des Satans +ihre Ansprüche. Wenn Herr von F. so weit kommt, mit der Königin zu +verhandeln, wie er beabsichtigt, muß ein geeigneter Repräsentant +gefunden werden, um das angefachte Feuer zu löschen; freilich wird dann +das ranzige Stück Fleisch anfangen zu stinken. Dabei fällt mir ein +penetranter Passus in dem letzten Schreiben von Eurer Hochgeboren ein; +wie lautet er doch gleich: »Sie beginnen, mein lieber Graf, zu viel Wert +auf das Verruchte und Verfluchte zu legen, sobald es nur einen Anschein +von Zweckmäßigkeit und Behendigkeit hat.« Ich nehme diesen Worten die +Schminke und lese: es ist unglaublich, was Sie für ein Spitzbube sind. +Kennen Sie die hübsche Replik des alten Fürsten M., als ihn der +amerikanische Gesandte ins Gesicht hinein einen Betrüger nannte? »Mein +Lieber, Teurer,« erwiderte der Fürst mit seinem sanftesten Lächeln, »daß +Sie doch in Ihren Ausdrücken niemals maßhalten können!« Ja, halten wir +Maß, wenn auch nicht im Tun, so doch im Reden. Wozu Sottisen? Ein +Schurke wird geboren so gut wie ein Edelmann. Wer sich anmaßt, in den +Lauf eines fremden Schicksals zu pfuschen, ist ein Philister oder ein +Dummkopf, wenn nicht beides. Wer kennt mich? Wer will mich richten oder +formen? Verrät mich nicht jeder Atemzug? Verwandte Sterne haben über +Ihrer und meiner Wiege geleuchtet. Sie sind ein getreuer Diener. Das ist +eine wunderschöne Ausrede. Werfen Sie ab, was Sie bindet, fliehen Sie in +eine Einöde, auf das Meer, in die Wüste, zum Pol, auf einen andern +Planeten, zu sich selbst und erproben Sie, ob Sie sich noch am Glanz des +Himmels und am Schein der Sonne zu freuen vermögen, und wenn das der +Fall ist, wollen wir über das Thema weiter verhandeln. Schlagen wir uns +in die Nacht wie Wölfe und sammeln wir Mut, denn das Opfer könnte +wehrhaft werden. + +Unser Schutzbefohlener bereitet mir neuestens mancherlei Sorge, und ich +muß gestehen, daß er es ist, der mich in dieser gottverlassenen Gegend +noch immer festhält. Allerdings ohne daß er davon weiß, aber er ist mir +in jeder Hinsicht verdächtig geworden, und ich komme mir bisweilen wie +ein tauber Musikant vor, der auf einer verstopften Flöte spielen muß. +Aber nicht nur dies hält mich, sondern auch noch ein andres, womit ich +jedoch Ihr allen Empfindsamkeiten abholdes Ohr nicht belästigen will. +Auf jeden Fall, und dies nun im Ernst, entlassen Sie mich aus der Arena. +Ich bin betäubt, ich bin müde, meine Nerven gehorchen nicht mehr, ich +werde alt, ich fange an, den Geschmack an Treibjagden zu verlieren; es +erregt meinen Widerwillen, wenn der geängstigte Hase dem bissigsten der +Hunde von selbst in die Zähne rennt, ich bin zu sehr Schöngeist, um dies +noch ergötzlich zu finden, und ich könnte kaum dafür einstehen, daß ich +nicht im letzten Moment eine Bresche in die Treiberkette schlage, die +der verfolgten Kreatur zur Flucht verhilft. Dann aber könnte sich eine +merkwürdige Metamorphose begeben, der Hase könnte zum Löwen werden und +zurückkehren und die blutgierige Meute müßte zitternd in ihre +Hinterhalte schleichen. Doch fürchten Sie nichts: dies sind Zuckungen +und Phantasien eines senilen Gewissens. Auch ich bin ein treuer Diener -- +meiner selbst. Das Werk befiehlt. Unsre Lüste sind die Schergen der +Seele. Nur der Dieb, der keine Philosophie im Leibe hat, verdient +gehängt zu werden. In meiner Jugend hatte ich Tränen übrig, wenn ich mir +den gitarrespielenden Knaben auf Carpaccios Bild in Venedig betrachtete, +jetzt bliebe ich ungerührt, wenn man das Kind von der Mutterbrust risse +und seinen Schädel am Rinnstein zerschmetterte. Das macht die +Philosophie. Wenn sie sich besser bezahlte, wäre ich vielleicht +fröhlicher. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen einen amüsanten Traum +erzählen, den ich neulich hatte, eine wahre Gorgo von Traum. Wir beide, +ich und Sie, feilschten um eine gewisse Ware; plötzlich unterbrachen Sie +mich mit den Worten: »Nehmen Sie, was ich Ihnen biete, denn wenn Sie +jetzt erwachen, bekommen Sie gar nichts.« Ich fand dies Argument +göttlich und so wenig zu widerlegen, daß ich in der Tat, mit +Angstschweiß bedeckt, erwachte. + +Genug, übergenug. Mein Jäger überbringt Ihnen diesen Brief, der durch +seinen Mangel an Inhalt Ihren Verdruß erregen wird. Das beiliegende +Akzept, um dessen Signierung ich bitte, dürfte Sie noch weniger +versöhnen. Dem Lehrer habe ich ein Halbjahr im voraus bezahlt. Er ist +ein brauchbarer Mann, unbestechlich wie Brutus und lenkbar wie ein +frommes Pferd. Wie alle Deutschen hat er Prinzipien, die sein +Selbstvertrauen hervorbringen. Gott befohlen, die Nacht will ihren +Schlaf. + + + + +Anbetung der Sonne + + +Am Morgen nach Caspars Ankunft blieb der Lord länger als gewöhnlich in +seinen Zimmern. Auch dann vermied er es noch, Caspar rufen zu lassen, +und machte erst die tägliche Promenade. Als er zurückkam, ging Caspar +vor dem Salon auf und ab; die Bewegung Stanhopes, als wolle er ihn +umarmen, schien Caspar zu übersehen; er blickte steif zu Boden. Sie +traten ins Zimmer, der Lord entledigte sich seines schneebedeckten +Pelzmantels und stellte möglichst unbefangen Fragen: wie es Caspar +ergangen, wie der Abschied, wie die Reise gewesen und mehr dergleichen. +Caspar antwortete bereitwillig, wenn auch ohne Ausführlichkeit, war +freundlich und keineswegs bedrückt oder vorwurfsvoll. Dies gab Stanhope +zu denken, und es bedurfte einer gewissen Anstrengung von seiner Seite, +um die sonderbar kühle Unterhaltung fortzusetzen. Er konnte sogar einen +leisen Schrecken nicht unterdrücken, wenn er Caspar ansah, der ihn mit +seinen weinfarbigen Augen fortwährend fremd betrachtete. + +Es war eine Erlösung, als der Polizeileutnant gemeldet wurde. Stanhope +empfing ihn im Nebenzimmer; sie sprachen dort über eine halbe Stunde +leise miteinander. Nachdem der Graf hinausgegangen war, trat Caspar zum +Schreibtisch, streifte den Diamantring von seinem Finger und legte ihn +mit bedächtiger Gebärde auf einen angefangenen, in englischer Sprache +geschriebenen Brief; dann schritt er zum Fenster und blickte in das +Schneetreiben. + +Stanhope kam allein zurück. Er fragte, ob Caspar wisse, wo er +untergebracht werden solle. Caspar bejahte. + +»Es ist am besten, wir gehen mal gleich zu den Lehrersleuten hin, um +dein künftiges Quartier in Augenschein zu nehmen,« sagte der Lord. + +Caspar nickte und wiederholte: »Ja, es ist am besten.« + +»Der Weg ist nicht weit,« meinte Stanhope, »wir können zu Fuß gehen; +wenn du es aber wünschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust, +die zu erwarten ist, kann ich den Wagen bestellen.« + +»Nein,« erwiderte Caspar freundlich, »ich gehe lieber; die Leute werden +sich schon trösten, wenn sie sehen, daß ich auch auf zwei Beinen +spaziere.« + +Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring. Erstaunt nahm er ihn in die Hand, +sah Caspar an, sah den Ring an, überlegte mit zusammengezogenen Brauen, +lächelte flüchtig und wild, dann legte er den Ring schweigend in eine +Lade, die er verschloß. Als ob nichts geschehen wäre, zog er den Mantel +an und sagte: »Ich bin bereit.« + +Das Aufsehen in den Gassen war erträglich; es spielte sich alles in Ruhe +ab, das Volk hier war gutmütig und scheu. + +Über dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrün +aufgehängt, in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes +»Willkommen« prangte. Quandt trat den Ankömmlingen im braunen Bratenrock +entgegen, sonntäglich aussehend, seine Frau hatte einen schottischen +Schal umgehängt, damit ihr körperlicher Zustand weniger auffällig +hervortrete. + +Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt, das im obern Flur lag. Der +Raum hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand, bot aber sonst +ein nettes Ansehen. Über dem altväterisch-bunten Kanapee hing ein +schwarzgerahmter Stich; das Bild stellte ein unsagbar schönes Mädchen +vor, das die Arme schmerzlich nach einem Jemand ausstreckte, von dem man +gerade noch zwischen Gebüschen die Beine und einen fliegenden Mantel +sah. An der andern Wand hingen zwei längliche Deckchen, worauf +Sinnsprüche eingestickt waren; auf dem einen: »Früh auf, spät nieder +bringt verlorene Güter wieder«; auf dem andern: »Hoffnung ist des Lebens +Stab von der Wiege bis zum Grab«. Auf dem Sims standen Töpfe mit +Winterblumen, und über niedriges Dächerwerk hinweg konnte sich der Blick +an einer lieblich geschlossenen Landschaft ergötzen; schneeweiße Hügel +begrenzten in nicht zu großer Weite das ansteigende Tal. + +Caspar war es beim Hinschauen recht jämmerlich zumute; er dachte +gewisser Vorstellungen von ehedem, die jetzt keinen Bezug mehr hatten: +eine Fahrt mit weitgestecktem Ziel; die Straße läuft fröhlich dem Wagen +voran; Wolken teilen sich beim Näherkommen; Berge treten gefällig zur +Seite; die Luft schwirrt vom Gesang der Fremde; Wälder und Wiesen, +Dörfer und Städtchen hüpfen im besonnten Nebel vorüber, und unter dem +schließenden Ring des Himmels strömt Welt auf Welt hervor. + +Es war nicht mehr an dem. + +Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von +Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines +Programms auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein +Blick war dann durchdringend wie bei einem Schützen, der das Ziel +fixiert, ehe er die Flinte anlegt. + +Stanhope sagte, er schätze sich glücklich, daß Caspar endlich Aussicht +auf eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkür und +Ungefähr gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden +hätte, daß Caspar in Ansbach bleibe -- dies sollte offenbar eine +Erklärung gegen den still zuhörenden Jüngling sein --, wären sie ohne +Zweifel heute schon in England oder doch auf dem Weg dahin. »Da ich ihn +aber in so guten Händen weiß,« fügte er hinzu, »bin ich +nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, daß auch ein unerwünschter +Zwang oft die ersprießlichsten Folgen hat.« + +Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock. +Das Kompliment, das sie enthielten, war schal, oft gebraucht wie +Spülwasser. Aber für Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte +sich zusehends und meinte eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar +noch heute einziehe. Stanhope schaute Caspar fragend an; dieser senkte +den Kopf, worauf sich der Lord zu einem nachsichtigen Lächeln zwang. +»Wir wollen nichts überstürzen,« sagte er. »Ich lasse morgen früh das +Gepäck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.« + +Es war dunkel geworden, als beide das Haus verließen. Quandt begleitete +sie bis auf die Straße. Zurückkehrend schloß er ganz leise und langsam +die Tür, wie er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte +des Zimmers, legte beide Hände flach gegen die Brust und schüttelte +mindestens eine Viertelminute lang in lautlosem Erstaunen den Kopf. + +»Warum schüttelst du denn so den Kopf?« fragte Frau Quandt. + +»Ich begreife nicht, ich begreife nicht,« antwortete der Lehrer +bekümmert und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden. + +»Was begreifst du denn wieder nicht?« fragte die Frau verdrießlich. + +Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und +schaute sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: »Hast +_du_ vielleicht etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich +nur aus, liebe Jette, hast du etwas, irgend etwas Außergewöhnliches +bemerkt, irgend etwas, das ihn von einem andern Menschen unterscheidet?« + +Frau Quandt lachte. »Ich habe nur bemerkt, daß er nicht besonders +höflich war und daß er seidene Strümpfe trägt wie ein Marquis,« +entgegnete sie leichthin. + +»Ja, nicht wahr? nicht besonders höflich, wie? und seidene Strümpfe, +ganz recht,« sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer +Entdeckung auf der Spur. »Na, die seidenen Strümpfe werden wir ihm schon +abgewöhnen und das Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht für +unser einfaches Haus. Aber ich frage dich: verstehst du die Menschen? +verstehst du die Welt? Davon hört man nun seit Jahren als von einem +noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafür erhitzen sich geistreiche +Männer, Männer von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es zu +fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott +eingesetzten Augen sehen kann? Ist es zu fassen?« + +Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gasthof zurückgekehrt. +Stanhope war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines +Begleiters erboste ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine +Pistole gegen ihn gerichtet. + +Er war unruhig, fühlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt, +wo die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgründen +begegnen und wo es zum Austrag kommen muß. Da stellen sich Worte +ungerufen ein; die Dämonen erheben sich aus dem Schlummer. + +Stanhope schellte dem Diener, ließ die Lichter anzünden und Holz ins +Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der +Lord sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr +vorzulassen. Er machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte +dabei Caspar: »Wie haben dir die Lehrersleute gefallen?« + +Caspar wußte nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In +Wahrheit wußte er überhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen +Frau oder das Haus aussahen. Er erinnerte sich bloß, daß Frau Quandt +ihren Kaffee aus der Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen +hatte, was ihm sehr albern erschienen war. + +Plötzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines +Menschen, der die Geduld verliert: »Also, was ist es mit dem Ring? Was +wolltest du damit sagen?« + +Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere. +Stanhope näherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die +Schulter und sagte scharf: »Sprich; sonst wehe dir!« + +»Mir ist schon weh genug,« entgegnete Caspar eintönig, und sein Blick +glitt von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlüpfrigem hinweg auf +die dunkelrote Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte. + +Was hätte er sagen sollen? War doch sein Gefühl fast ungemindert gegen +den, der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm +geredet. Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus +erzählen, wo er gesessen, die Fäuste in der Brust, das Herz zerrieben, +einsam und der Welt beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, zu +suchen, wie er die Zeit aufgegraben, gleichwie man im Garten Erde +aufgräbt, wie es Tag geworden und er enteilt war, wie er Kinder gesehen, +den Fluß gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie zuvor, alles +anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit +erlöst ... Unmöglich, solches mitzuteilen; dafür gab es keine Worte. + +Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hände auf dem +Rücken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stoßweise zu reden +begann. »Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen? +Goddam, ich habe für dich gekämpft wie für mein eigen Fleisch und Blut, +Vermögen und Ehre zum Pfand gesetzt, keine Demütigung gescheut, mich +unter Pöbelvolk und Pedanten herumgeschlagen, was denn noch? Wer das +Unmögliche von mir verlangt, ist mir nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht +aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht abgewickelt, ich stelle noch +immer meinen Mann, aber ich muß mir verbitten, daß du mich wie den +Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine schöne +Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir +forderst, anstatt das Gewährte dankbar zu erkennen, dann sind wir +geschiedene Leute.« + +Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte. + +Der nächste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime +Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah +wohl, und mit Angst nahm er es wahr, daß er nicht mehr das willenlose +Geschöpf von ehedem vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage +machte Caspar ein so verwundertes Gesicht, daß er den Argwohn sogleich +fallen ließ. Caspar legte die Hände flach zusammen und sagte nun in +seiner um Deutlichkeit bemühten Weise, er habe Stanhope nicht kränken +wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas geschehen, was die +Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzählt, +Geschichten von ihm selbst, er habe zugehört und doch nicht ordentlich +verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in +seinem Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges +gewesen sei. »Aber jetzt,« fügte er stockend hinzu, »jetzt ist das +Holzpferdchen lebendig geworden.« + +Stanhope warf den Kopf zurück. »Wie? was denn?« rief er schnell und +furchtsam, »sprich deutlich.« Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar +stirnrunzelnd durch die Gläser an, eine Gebärde, die Hochmut ausdrücken +sollte, aber im Grunde nur Verlegenheit war. + +»Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden,« wiederholte Caspar +bedeutungsvoll. + +Ohne Zweifel glaubte er mit diesem kindlichen Sinnbild alles dargelegt +zu haben, was ihm das entschleierte Antlitz der Vergangenheit verraten +hatte. Er mochte die Gewalten ahnen, die sein Schicksal geformt hatten, +und jedenfalls begriff er das Wirkliche, das schwer von Gründen +Wirkliche seiner langen Gefangenschaft, die ihn, außerhalb der Gesetze, +bis über das Jünglingsalter hinaus zum Zustand eines Halbtiers +verurteilt hatte. Es mochte ihm klar geworden sein, daß es sich dabei um +eine Sache handelte, der in den Augen der Menschen ein hoher, ja der +höchste Wert zukam; daß sein Anrecht auf diese Sache ungeschmälert +fortbestand und daß, wenn er nur hinginge, um zu zeigen, daß er lebe, um +zu sagen, daß er wisse, aller Widerstand und Willkür zu Ende sei und er +besitzen durfte, wessen er freventlich beraubt. + +Das war es etwa, aber es war noch mehr. Und es fügte sich, daß der Lord +selbst, in Angst für sich, für seine Auftraggeber, für die Zukunft, für +das ganze Gebäude, an dem er mitgezimmert und von dem er, wenn es +zusammenbrach, vielleicht mit zerschmetterten Gliedern in eine bodenlose +Tiefe stürzen mußte, daß er selbst das Wort fand und aussprach, welches +dies andre, Größere, Unsagbare für Caspar zauberhaft und schrecklich +erleuchtete. + +Beinahe fühlte sich Stanhope besiegt, und er hatte nur noch wenig Lust, +gegen eine Macht zu kämpfen, die gleichsam aus dem Nichts entstanden war +und wie der Ifrid aus Salomons Wunderflasche den ganzen Himmel +verfinsterte. Ich war zu großmütig, dachte er; ich war zu lau; Wankelmut +trägt die eigne Haut zu Markt; läßt man die Träumer aufwachen, so +greifen sie nach den Zügeln und machen die Rosse scheu; das süße Zeug +schmeckt nicht länger, nun gilt es Salz in den Brei zu tun. + +Er setzte sich an den Tisch, Caspar gegenüber, und indem er beim +Sprechen kaum die Zähne voneinander entfernte und fortwährend düster und +blicklos lächelte, sagte er: »Ich glaube dich zu verstehen. Man kann es +dir nicht verübeln, daß du Schlüsse aus meinen, wie ich bekennen muß, +ein wenig unvorsichtigen Erzählungen gezogen hast. Ich werde in diesem +Augenblicke sogar noch weiter gehen und dir an Deutlichkeit nichts zu +wünschen übriglassen. Ich will dein lebendig gewordenes Holzpferdchen +aufzäumen, und wenn du dann Lust hast, kannst du es meinetwegen reiten. +Ich habe dich nicht getäuscht: du bist durch deine Abkunft den +mächtigsten unter den Fürsten ebenbürtig, du bist das Opfer der +scheußlichsten Kabale, die Satans Bosheit je ersonnen hat; hättest du +keine andre Instanz zu fürchten als die der Tugend und des moralischen +Rechts, dann säßest du nicht hier, und ich wäre nicht gezwungen, dich so +zu warnen, wie ich es jetzt tue. Denn merk auf. So gegründet deine +Ansprüche, deine Hoffnungen sind, so verderblich müssen sie dir werden, +sobald sie dich nur den ersten Schritt zum vorgefaßten Ziele lenken. Die +erste Handlung, das erste Wort besiegelt unabänderlich deinen Tod. Du +wirst vernichtet sein, eh du noch den Finger ausgestreckt hast, um zu +nehmen, was dir gebührt. Vielleicht kommt eine Stunde, morgen oder in +einem Monat oder in einem Jahr, wo du an der Aufrichtigkeit dessen, was +ich dir sage, zweifeln könntest; nun, so beschwöre ich dich: glaube mir! +Laß deine Lippen siebenfach vernietet sein. Fürchte die Luft und den +Schlaf, daß sie dich nicht verraten. Möglich, daß einst der Tag kommt, +an dem du sein darfst, was du bist, aber bis dahin halte still, wenn dir +dein Leben lieb ist, und laß dein Holzpferdchen hübsch im Stall.« + +Langsam hatte sich Caspar erhoben. Ein übergewaltiger Schrecken +donnerte, vielgestaltig wie die Blöcke eines Felssturzes, um ihn her. Um +seine Gedanken anderswo hinzulenken, betrachtete er mit einer an +Wahnsinn grenzenden Aufmerksamkeit die leblosen Gegenstände: Tisch, +Schrank und Stühle, den Leuchter, die Gipsfiguren am Kamin, den +krummgebogenen Schürhaken. War ihm dies alles neu oder nur unerwartet? +Keineswegs. Es hatte, wie giftige Luft, schon lange um ihn her gebrütet. +Aber ein andres das bloße Ahnen und Spüren und ein andres das +zermalmende Wissen. + +Auch Stanhope war aufgestanden; er trat nahe vor Caspar hin und fuhr mit +eigentümlich näselnder Stimme fort: »Es hilft nichts; in diesem Zeichen +bist du eben geboren; in diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren. +Das ist das Blut. Es richtet dich und rechtfertigt dich; es ist dein +Führer und dein Verführer.« + +Und nach einer Weile: »Laß uns nun schlafen gehen, es ist spät. Morgen +früh wollen wir in die Kirche und beten. Vielleicht schickt uns Gott +eine Erleuchtung.« + +Caspar schien nicht zu hören. Blut! das war das Wort. Das war die Kraft, +die alle Poren seines Wesens durchdrang. Schrie nicht sein Blut aus ihm, +und von fernher wurde der Schrei erwidert? Blut trug aller Erscheinungen +Grund, verborgen, wie es war, in Adern, im Gestein, in Blättern und im +Licht. Liebte er sich nicht in seinem Blut, spürte er nicht die eigne +Seele wie einen Spiegel aus Blut, in dem er sich ruhend beschauen +konnte? Wieviel Menschen in der Welt, so nahe beieinander, so reich +bewegt, so fremd und stumm, und alle durch einen Strom von Blut +wandelnd, und sein Blut doch besonders rauschend, ein besonderes Ding, +in einsamem Bette fließend, voll von Geheimnissen, unbekannter +Schicksale voll! + +Auch als er den Blick wieder gegen den Grafen kehrte, war es, als wandle +der durch Blut, eine Vorstellung, die freilich durch die +scharlachfarbene Tapete begünstigt, wenn nicht erzeugt wurde. Wenn man +die Kerzen verlöscht, dachte Caspar, wird alles tot sein, das Blut und +die Worte, er und ich; ich will nicht schlafen diese Nacht, nicht +sterben. Ja, Caspar hätte, was sein Mund geredet, gern wieder in sich +hineingeschluckt, in jenen Kerker des Leibes gesperrt, der Schweigen +hieß. Gehorsam sein, unwissend sein, unglücklich sein, Schande und +Schimpf ertragen, die Stimme des Blutes ersticken, nur nicht sterben +müssen, nur leben, leben, leben. Ei, man wird sich fürchten, man wird +feig sein wie eine Maus, man wird Türen und Fenster verriegeln, man wird +die Träume vergessen, den Freund vergessen, man wird sich klein machen, +man wird das Holzpferdchen vergraben, aber man wird leben, leben, +leben ... + +Der Lord wünschte, daß Caspar nicht in seiner Mansarde, sondern hier +unten nächtige. Er befahl dem Aufwärter, ein Bett auf dem Sofa zu +richten. Indes Caspar sich entkleidete, ging er hinaus, kam jedoch nach +einiger Zeit wieder, überzeugte sich, daß der Jüngling ruhig lag, und +verlöschte die Lichter. Die Verbindungstür zu seinem Zimmer ließ er +offen stehen. + +Ungeachtet seines Vorsatzes schlief Caspar bald ein und nahm sein +aufgewühltes Gemüt in den Schlummer hinüber. Er mochte vier bis fünf +Stunden geschlafen haben, als sich sein bleiernes Daliegen in ein +ruheloses Herumwälzen verwandelte. Plötzlich erwachte er mit einem +tiefen Seufzer und starrte brennenden Auges in die Finsternis. An den +Fensterscheiben war ein Kribbeln und Tasten, das von den anprallenden +Schneeflocken herrührte und dem leisen Pochen einer Hand ähnlich war. +Aus dem Nebenraum hörte er die gleichmäßigen Atemzüge des schlafenden +Stanhope; höchst befremdlich klang dies Atmen des andern Menschen in der +Nacht, wie ein drohendes Geflüster: hüte dich, hüte dich. + +Er ertrug es nicht mehr im Bett. Es war, als sei ihm der Körper mit +tausend Fäden umschnürt, und als er aufstand, geschah es nur, weil er +sich vergewissern wollte, ob er sich noch frei bewegen könne. Er schlug +die Wolldecke um die Schultern und trat barfüßig ans Fenster. + +Das ganze große All war angefüllt mit den gesprochenen Worten, die wie +rote Beeren in der Dunkelheit hingen. Überall Gefahr; bloß zu denken, +war schon Gefahr; jeder Anhauch aus fremdem Munde Gefahr. + +Er fing an zu zittern. Die Knie saßen loser in den Gelenken, es war ihm +so leicht und schwer zugleich; sein Nachdenken hatte eine andre, nähere +Folge, auch alle Gegenstände waren näher, und das Ganze der Erde und des +Himmels, Wolken, Wind und Nacht hatten etwas eingebüßt, etwas +unbegreiflich Flüchtiges und Wandelbares. Alles ist nun so wunderlich +wahr. Caspar hält die Scherben eines kostbaren Gefäßes in der Hand, und +seine Phantasie will nicht einmal die schöne Form, wie sie gewesen, +zurückgestalten. + +Unten auf der Gasse geht lautlos der Nachtwächter. Der zuckende Schein +seiner Laterne vergoldet den Schnee. Caspar folgt ihm mit den Blicken, +denn es ist, als ob der Mann in irgendeinem unerklärlichen Zusammenhang +mit seinem Schicksal stehe. Sie wandeln miteinander über ein +verschneites Feld, jener fragt Caspar, ob ihn friere, und wirft ihm +einen Teil seines Mantels um die Schultern, so daß sie beide unter +derselben Hülle gehen. Auf einmal gewahrt Caspar, daß es kein +Männergesicht ist, das sich so mild erbarmend zu ihm kehrt, sondern das +schöne, traurige Gesicht einer Frau. Es enthalten diese Trauer und diese +Schönheit etwas Redendes, und daß sie zusammen unter demselben Mantel +wandern, hat den allertiefsten Sinn, etwas, das mit Qual und Freuden +eines ist und vom Anfang der Dinge stammt. + +Da tönte das ungeheure Wort des Grafen neuschallend in die Nacht: »In +diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren.« + +Dich geboren! Welcher Laut! Was war darin beschlossen! Caspar legte +beide Hände vors Gesicht; ihm schwindelte. + +Da hörte er ein Geräusch von Schritten. Jäh drehte er sich um, es war +ein Emportauchen aus finsterer Flut; der Graf stand im Schlafrock vor +ihm. Wahrscheinlich hatte Caspars nächtliches Wachsein ihn aufgeweckt, +er hatte einen leisen Schlummer. + +»Was treibst du?« fragte Stanhope mürrisch. + +Caspar machte einen Schritt auf ihn zu und sagte dringlich, atemlos, +drohend und flehend: »Führ mich zu ihr, Heinrich! Einmal laß mich die +Mutter sehen, nur einmal, nur sehen; nicht jetzt, später vielleicht. +Einmal, nur einmal! Nur sehen! Nur einmal!« + +Stanhope wich zurück. Dieser Aufschrei hatte etwas Überirdisches. +»Geduld,« murmelte er, »Geduld.« + +»Geduld? Wie lange noch? Hab' schon lange Geduld.« + +»Ich verspreche dir --« + +»Du versprichst es, aber wie soll ich glauben?« + +»Setzen wir die Frist eines Jahres fest.« + +»Ein Jahr ist lang.« + +»Lang und kurz. Ein kleines, kurzes Jahr und dann --« + +»Dann --?« + +»Dann will ich wiederkommen --« + +»Und mich holen?« + +»Dich holen.« + +»Gelobst du das?« Caspar heftete einen suchenden und wie ein mattes +Flämmchen erlöschenden Blick auf den Grafen. Da der Widerschein des +Schnees die Nacht erhellte, konnte jeder des andern Züge deutlich +unterscheiden. + +»Ich gelob' es.« + +»Du gelobst es, aber wie kann ich's wissen?« + +Stanhope geriet in eine sonderbare Bedrängnis; dies Gegenüberstehen zu +solcher Stunde, die immer herrischer, stürmischer werdenden Fragen des +Jünglings wirkten wie Gespensterschauer auf seine Einbildungskraft. +»Reiß mich aus deinem Herzen aus, wenn es nicht geschieht,« murmelte er +dumpf; er mußte in diesem Augenblick lebhaft des Mannes gedenken, der +vom Teufel lebendigen Leibes in den feuerspeienden Vesuv geschleudert +wurde. + +Und Caspar darauf: »Was kann mir das nützen? Sag mir den Namen, sag mir +ihren Namen, sag mir meinen Namen.« + +»Nein! niemals! niemals! Aber glaube mir nur. Es wacht ein Gott über +dir, Caspar. Es kann dir nichts versagt sein, denn du hast die Kaufsumme +für das Glück zum voraus entrichtet, die wir andern täglich in kleiner +Münze bezahlen müssen. Und bezahlt muß werden, alles muß bezahlt werden, +das ist der Sinn des Lebens.« + +»Du versprichst also, in einem Jahr wieder dazusein?« + +»In einem Jahr.« + +Caspar bohrte die Finger in Stanhopes Hand und richtete einen tiefen, +seltsam seelenhaften, seltsam stolzen Blick auf den Lord, der +seinerseits die Augen senkte, während sein Gesicht steinalt aussah. Als +er in sein Zimmer zurückging, begann er plötzlich leise plappernd das +Vaterunser zu beten. + +Erst gegen Morgen entschlief er wieder. Als er sich mittags erhob, war +Caspar längst auf; er saß am Fenster und schien die Eisblumen zu +studieren. + +Um ein Uhr verließ er mit ihm das Hotel. Arm in Arm, ein Schaugepränge +für die Einwohnerschaft, spazierten sie über den hochliegenden Schnee +durch das Herrieder Tor zum Markt. Dort war eine große Versammlung von +Bauern und Händlern. Vor dem Portal der Gumbertuskirche blieb Stanhope +stehen und forderte Caspar auf, mit hineinzugehen. Caspar zögerte, +folgte jedoch dem Grafen in den hohen, schmucklosen, von schwarzem +Gebälk überdachten Raum. + +Mit raschen Schritten eilte Stanhope zum Altar, warf sich mit den Knien +auf die steinernen Stufen, beugte die Stirn herab und verblieb so in +vollkommener Unbeweglichkeit. + +Caspar, peinlich berührt, schaute sich unwillkürlich um, ob niemand +Zeuge dieser demütigen Handlung sei. Aber die Kirche war leer. Warum +krüppelt er sich so zusammen, dachte er verstimmt, Gott kann doch nicht +im Boden drinnen sein. Allmählich ward ihm bange; das Schweigen des +riesigen Raumes strömte bis in seine Brust. Und wie er nun in die Höhe +blickte, sah er oben, durch ein geöffnetes Bogenfenster, wie die Sonne +mit Macht die winterlichen Nebel zu gewältigen suchte. Da rötete sich +sein bläßliches Gesicht zu schüchterner Freude und das Schweigen in +seiner Brust wandelte sich zu einer hinaufziehenden Verehrung. + +»O Sonne,« sagte er halblaut und mit einfältiger Inbrunst, »mach doch, +daß alles nicht so ist, wie es ist. Mach es doch anders, Sonne. Du weißt +ja, wie es ist; du weißt ja, wer ich bin. Scheine nur, Sonne, daß meine +Augen dich immer sehen können, immer wollen dich meine Augen sehen.« + +Indem er so sprach, flutete eine goldene Lichtwelle bis auf die +kreidig-weißen Fliesen, und Caspar, sehr zufrieden, meinte, die Sonne +hätte ihm damit auf ihre Weise eine Antwort erteilt. + + + + +Man erfährt einiges über Herrn Quandt sowie über eine vorläufig noch +ungenannte Dame + + +Die Übersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenfälle statt. + +»Nun wohlan denn,« sagte Quandt während der ersten gemeinsamen Mahlzeit, +als die Suppenschüssel aufgetragen wurde, »jetzt beginnt für Sie ein +neues Leben, Hauser. Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und +des Fleißes. Wenn wir uns lobenswert betätigen und in unsern Gedanken +nicht den Schöpfer aller Dinge vergessen, wird unser irdisches Bemühen +stets von Erfolg gekrönt sein.« + +Nach Tisch mußte Quandt zur Schule, und als er um vier Uhr zurückkam, +erkundigte er sich beflissen, was Caspar die Zeit über getrieben habe. +Seine Frau konnte ihm nur ungenügenden Bescheid geben, und er tadelte +sie deshalb. »Wir müssen aufpassen, liebe Jette,« sagte er, »wir müssen +die Augen offen halten.« + +In der Tat, Quandt paßte auf. Wie ein emsiger Buchhalter legte er in +seinem Innern ein Konto an, um alle Worte und Handlungen seines +Pflegebefohlenen zu verzeichnen. Bei dieser umsichtigen Geschäftsführung +stellte es sich bald heraus, daß Soll und Haben einander nicht die Wage +hielten, daß die Schuldseite nach und nach bedenklich überlastet wurde. +Das betrübte den Lehrer aufrichtig; jedoch gab es ein geheimes +Winkelchen in seiner Brust, worin er sich dessen freute. + +Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, daß er in einer +merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche +Person, der Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienhaupt, +der Patriot; der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war +ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden; dieser lag +versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die +öffentliche Person, der Bürger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an +den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergnügt +die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein +unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung +eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa oder +ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim +reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit +ihrem Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das +Familienhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich +hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der +Weltregierung auf die Finger zu schauen, und stets besorgt, daß keinem +mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und +Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte. Der +öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand +sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den +Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt. + +Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern +unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen +die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist +ein boshaftes Tier; er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen +den zwei Seelen, und wie oft der stärkste Damm nicht genügt, um eine +verheerende Überschwemmung zu verhindern, so brach eben dieser Neid +bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde +des Gottes- und Menschenfreundes Quandt. + +Und was gab es doch nicht alles in der Welt, worüber das tückische +Untier sich gefräßig hermachen konnte! Da hatte einer einen Orden +bekommen, der das ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen +feilhielt; dort hatte ein andrer zehntausend Taler geerbt, der schon +ohnehin die Woche zweimal Pasteten aß und Moselwein trank; da wurde ein +Name lobend in der Zeitung erwähnt, ohne daß man erforschen konnte, ob +ihm eine solche Auszeichnung von Rechtswegen zukam, dort hatte ein +Ichweißnichtwer eine Entdeckung gemacht, auf die man, hätte man sich +zufällig mit dem Gegenstand beschäftigt, leichterdings auch hätte +verfallen können. Warum denn der? Warum nicht ich? murrte dann der +heimlich aufrührerische Quandt. Es war ein beständiger und unsichtbarer +Zweikampf mit dem Schicksal unter der Parole: Warum der andre, warum +nicht ich? + +Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung; sein Vater war +Pastor gewesen, mütterlicherseits kam er von Bauern her. Er besaß viel +vom Bauern und vom Pastor: sein sehr irdisches Streben war rundherum mit +Theologie behangen. Dabei war der Bauer dem Pastor beständig im Wege, +denn wo hätte man je gehört, daß ein auf Religion und Friedfertigkeit +gestimmtes Gemüt rachsüchtig, mißgünstig und ehrgeizig gewesen wäre? Die +Wahrheit liebte Quandt über alles; er sagte es, er beteuerte es und es +war auch so. Nichts war ihm offenbar genug; nirgends stimmte die +Rechnung; überall hatten die Menschen eine falsche Addition gemacht oder +den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, daß er niemals in seinem +Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es +fest und war nachzuweisen, daß er mit dem einzigen Busenfreund, den er +je besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb +für immer gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lüge gekommen war. + +Wie ratlos mußte nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen +Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der +bessere Teil des Lehrers bot, gegenüberstehen. Wir, der Leser und ich, +haben darin leichtes Spiel, uns kann man nicht betrügen, uns sind die +Kleiderfalten offen und die Haut über dem Herzen ist uns durchsichtig; +wir weilen auf einer höheren Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir +verfolgen Herrn Quandt, wenn er in einen Krämerladen tritt, mit +höflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Käse verlangt und dabei mit +unruhig-eifrigen Augen die Einkäufe seiner Nebenmenschen, gleichviel ob +es Köchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir hören +ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit +Schmerz über die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir +sehen ihn jeden Sonntagmorgen gebürstet, frisiert, gewaschen zum +Gottesdienst eilen und mit Bescheidenheit sein Gebetbüchlein +aufschlagen; wir wissen, daß er respektvoll gegen Höhere und +unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewußtsein nach +beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, daß er +jeden Abend vor dem Schlafengehen im Nachthemd auf der Kante seines +Bettes sitzt und sich mit düsterer Miene erinnert, daß ihn der +Regierungsrat Hermann heute ziemlich nachlässig gegrüßt hat; mit +Bedauern nehmen wir von der Tatsache Kenntnis, daß er seine Schüler, +selbstverständlich nur die faulen und störrischen, mit einem sorgsam +getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu züchtigen pflegt, und +leider dürfen wir nicht verhehlen, daß er seine gutmütige Frau nicht +immer so zart und rücksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden +geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind, +daß diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens +zwischen Gatten zu betrachten sei. + +So war für Caspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart +natürlich nicht genießt, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber +durchaus imponierende Gestalt. Ein bißchen Alpdruck spürte er jedesmal, +wenn Quandt in wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu +ihm sprach. Er fühlte sich anfangs bedrückt in dieser gar engen +Häuslichkeit, in der man fast nicht einmal mit seinen Gedanken allein +sein konnte, und der einzige Trost war, daß der Graf, der schon anfangs +Dezember hatte reisen wollen, noch immer in der Stadt war. Stanhope +behauptete zwar, auf wichtige Briefe warten zu müssen, in Wirklichkeit +harrte er jedoch der Rückkehr des Präsidenten Feuerbach, da ihn das +Beginnen des Mannes, der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den +Wanderer ein drohendes Gewitter. + +Auch Caspar hielt ihn, und das in eigner Weise. Er pflegte den Jüngling +jeden Nachmittag für eine oder anderthalb Stunden zum Spazierengehen +abzuholen; sie gingen dann gewöhnlich den Weg zum Schloßberg hinauf und +gegen das Bernadotter Tal, das in schöner Abgeschiedenheit wie eine +Vorhalle zu den finster umschließenden und weitgedehnten Wäldern lag. +Caspar empfand einen sehr wohltuenden Einfluß von der Bewegung in der +kalten, meist frostklaren Luft. + +Ihre Gespräche strebten stets von einem unverbindend persönlichen Punkt +aus ins Allgemeine, wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das +Lehrhafte wie das Erzählende nicht den Reiz einer anmutenden +Vertraulichkeit entbehrte. Es schien dem ein Übereinkommen zugrunde zu +liegen, ein Friedensschluß vor einer dumpf gefühlten Wandlung, welche +die vergangene Schönheit ihres Verhältnisses vollends zerstören mußte. +So gingen sie dahin, anzusehen wie Freunde, in einer ihrem +Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben, den +Unterschied der Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges +Schenken von der einen und ein nicht minder williges Empfangen von der +andern Seite. + +Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen, +ja im wahrsten Sinn ergriffen. Durfte er sich doch auch einmal wieder +unbefangen fühlen, ohne Joch, von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel +gezwungen; in sich selber ruhend, betrachtsam und nicht ohne Wehmut +überschauend, wie das Leben in seiner Brust gehaust und was es dem +zwecklos spielenden Geist übrig gelassen, der ja das eigentliche Element +ist, in welchem der Mensch den Menschen erkennt. Er ging über die Tiefen +seines Daseins hin wie über eine gebrechliche Brücke, die der leichteste +Windhauch in den Abgrund stürzen kann. + +Am liebsten redete er über Menschenlos und Menschendinge: erzählte, wie +der begonnen, wie jener geendet, was diesen ins Unheil gestürzt und +jenem zu Ansehen verholfen; wie er einen im Glück gewahrt, an der Tafel +des Königs schwelgend, und wie selbiger zwei Jahre später in einer +Dachkammer elend krepiert war. Ungleich ging es zu auf Erden; in schwer +erklimmbarer Höhe blühten die Blumen; nichts sicher, nichts von Bestand, +nirgends Verlaß. Gewisse Regeln durften nicht unbeachtet bleiben, nach +welchen das Wirken des einzelnen sich zu fügen hatte. Stanhope erwähnte +das Buch des Lord Chesterfield, eines Vorfahrs und weitläufigen +Verwandten, der in berühmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche +Maximen gegeben hatte; ganze Seiten daraus wußte er aus dem Gedächtnis +herzusagen. Derselbe Chesterfield habe, um den Ahnenstolz des Adels zu +verspotten, in seinem Schloß zwei Bilder aufhängen lassen, einen nackten +Mann und ein nacktes Weib, und darunter geschrieben: Adam Stanhope, Eva +Stanhope. + +Der Graf gab seiner Überraschung darüber oft drastischen Ausdruck, +einen wie klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit +entdeckte: immer zutreffend im Widerpart, durchaus weltlich gestimmt, in +Frage und Antwort aus erster Hand, das Gegensätzliche mühelos erfassend +und phantasievoll verknüpfend. + +Die Wandlung kam bald. Ein unbedeutender Anlaß führte sie herbei. + +Eines Tages, während der Rückkehr nach der Stadt, sprach sich Stanhope +darüber aus, wie fruchtbar es für die innere Haltung eines Menschen sei, +wenn er seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorüberfließen lasse, +sondern sie moralisch zu nützen suche, indem er durch schriftliche oder +mündliche Mitteilung den Stoff seines Nachdenkens bereichere. Caspar +fragte, wie er das meine; statt der Antwort stellte der Graf, den dieser +Umstand längst beunruhigte, die lauernde Gegenfrage, ob Caspar noch ein +Tagebuch führe. + +Caspar bejahte. + +»Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen?« + +Caspar erschrak, überlegte und antwortete zögernd, ja, er wolle es tun. + +»So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran,« sagte +Stanhope. »Ich wünsche nur einen ungefähren Einblick zu erhalten und bin +neugierig, wie du so etwas anpackst.« + +Zu Hause angelangt, begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und +nahm, der Erfüllung des Versprechens gewärtig, auf dem Kanapee Platz. Im +Ofen prasselte Feuer; draußen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind; +es dämmerte schon, die Hügel waren violett umschleiert. + +Caspar machte sich unter seinen Büchern zu schaffen, doch Minute auf +Minute verging, ohne daß er sich im geringsten anschickte zu tun, was +Stanhope erwartete. + +»Nun, Caspar,« meldete sich endlich ungeduldig der Graf, »ich bin +bereit.« + +Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte, er könne nicht. + +Stanhope sah ihn groß an; Caspar schlug die Augen nieder. Das Tagebuch +sei unter vielen andern Sachen versteckt, und es sei unbequem, es zu +erreichen, murmelte er stockend. + +»So so,« versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase. »Wie +flink du in Ausflüchten bist, Caspar; ich hätte nicht geglaubt, daß du +so flink in ... Ausflüchten bist. Ei, sieh doch!« + +In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tür, der Lord rief und +die Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer. Er tat erstaunt, den +Herrn Grafen hier zu finden, und fragte, ob Seiner Lordschaft eine +kleine Erfrischung gefällig sei. Der Lord dankte stumm und heftete den +Blick fortgesetzt auf Caspar. + +Quandt merkte gleich, daß da was auf der Pfanne brodelte. Er erkundigte +sich, ob Seine Herrlichkeit Anlaß habe, mit dem Hauser unzufrieden zu +sein. Stanhope entgegnete, er habe allerdings einigen Grund, sich zu +ärgern, und in kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit, worum es sich +handle. Hierauf, zu Caspar gewandt, sagte er laut und markiert: »Wenn es +von vornherein nicht in deiner Absicht lag, mir von deinen Intimitäten +Kenntnis zu geben, so hättest du es nicht versprechen dürfen. Und wenn +du dein Versprechen bereut hast, so durftest du es schicklich wieder +zurücknehmen. Aber statt dessen zu einer solchen« -- eine beredte kleine +Pause -- »Ausflucht zu greifen, das scheint mir deiner und meiner nicht +würdig.« + +Er erhob sich und verließ das Zimmer. Quandt folgte ihm. Unten im Flur +blieb Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden, ob er sich +in der verflossenen Zeit schon ein Urteil über die Fähigkeiten und den +guten Willen Caspars gebildet habe. + +»Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung +dieses Punktes eine Viertelstunde Gehör zu schenken,« erwiderte Quandt. +Er nahm das Öllämpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein +Studio. Indes sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein +kreuzte und gelangweilt in die Luft starrte, ramschte Quandt seine +Notizblätter zusammen und sagte, er habe den Hauser gleich vom ersten +Tag an tüchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen und rechnen lassen, +die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus dem Gröbsten +und nur des Überblicks halber. + +»Und das Ergebnis?« fragte Stanhope, wobei die Langweile seine +Nasenflügel auseinander dehnte. + +»Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!« + +Es mußte ein Schmerz für Herrn Quandt sein, denn in diesem »leider« lag +ein tiefgefühlter Ton. Es mußte ein Schmerz für ihn sein, daß Caspars +Handschrift so viel zu wünschen übrigließ. »Er hat nichts Freies und +Zügiges in seiner Hand, und mit der Orthographie steht er auf +gespanntem Fuß,« sagte er. Es mußte ein Schmerz für Quandt sein, wenn +ein Mensch den Dativ nicht in allen Fällen vom Akkusativ unterscheiden +konnte. »Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs hat er nicht +die geringste Vorstellung,« sagte Quandt und fuhr fort: »Im sprachlichen +Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar über seine +sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Sätze und ihre +Verbindungen so weit, daß er den Punkt, das Kolon, das Anführungs-, +Frage- und Ausrufungszeichen genau und das sogar von Sprachforschern so +verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon manchmal richtig zu setzen +weiß.« + +Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Arithmetik, o weh! Er beherrscht +die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit +Sicherheit. »Eine Null wird für ihn bald da, bald dort zum +unüberwindlichen Hindernis,« sagte Quandt. Die Lehre von den Brüchen, +vom Kettensatz, von den einfachen und zusammengesetzten Proportionen: +ein hoffnungsloses Dunkel. »Erstaunlicherweise arbeitet er jedoch in +diesen Dingen am willigsten,« sagte Quandt. + +»Wie erklären Sie sich das?« erkundigte sich der Lord mit der Neugierde +eines Verschlafenen, den man an den Füßen kitzelt. + +»Ich erkläre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein für sich +bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust +und Verlangen, und es macht ihm Spaß, wenn er es vollendet sieht. Was +ihn aber lange beschäftigt, erregt sein Mißbehagen und kann ihn sogar zu +allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich +auch verdrießlich bis zum Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch +gerechnet hat und den Fehler der Oberflächlichkeit nicht finden kann.« + +Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen ... Was die +Geschichte betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen +eine ähnliche Gleichgültigkeit gefunden, sowohl gegen vaterländische +Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta, gegen Monarchen, +Staatsmänner, Schlachten, Umwälzungen, Helden und Entdecker. »Nur die +Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit kann man ihn ködern.« +Traurig! Und die Geographie? »Auf der Erdkugel fühlt er sich keineswegs +zu Hause,« sagte Quandt. »Auch ist er oft zerstreut; er merkt nicht auf. +Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist mir +ein Rätsel, ein unsagbares Rätsel, Mylord.« + +Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr +wissen; er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf +ein, daß ihm die Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert +erscheine, daß er aber kein großes Gewicht darauf lege. + +»Wünschenswert, jawohl,« versetzte Quandt, »und das Wünschenswerte +sollte doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein +Zuchtgarten, in welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander +gedeihen dürfen. Ich glaube, der mächtigste Ansporn für den Hauser ist +seine Eitelkeit. Wenn man es versteht, seine Eitelkeit zu befriedigen, +kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage, Mylord, haben Sie +besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe schon mit +Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal +wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit +ihm durchzunehmen begonnen.« + +Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem +Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau +liege ihm über die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur, +bewilligte kurzerhand einen Zuschuß; es wurde vereinbart, daß Caspar +einen Mittagstisch für zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer +erhalten solle. + +Um den übeln Eindruck dieser Erörterung zu verwischen, die ihn beschämte +und demütigte, äußerte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren +Abreise periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden. +Stanhope, schon völlig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. »Es +wäre ratsam,« schlug Quandt vor, »Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit +zugleich als Stilübungen zu betrachten. Ich könnte, ohne natürlich am +Gedanken etwas zu verändern, die Hauptfehler korrigieren und mit roter +Tinte eine Zensur darunter schreiben. So hätten Sie immer ein Bild +seiner derzeitigen Fähigkeiten.« + +Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den +Flur, Quandt trug wieder das Öllämpchen voran. Auf einmal prallte er +zurück und hielt das Lämpchen hoch. Am Stiegengeländer stand eine dunkle +Gestalt. Es war Caspar. + +Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um +und sah den Lord beziehungsvoll an. + +Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch +einmal auf sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe +wenig Zeit, Caspar möge sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schüttelte +den Kopf; der Lord dachte, Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er +stellte sich, als ob es ihn Überwindung koste, dem Wunsch zu willfahren, +dann ging er mit kleinen, wie gezählten Schritten die Stiege hinan. +Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person +neben der Tür stehen. + +Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser +möge ihm versprechen, nichts darin zu lesen. + +Der Lord verschränkte die Arme über der Brust. Dies wurde ihm denn doch +zu bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten +Selbstbeherrschung: »Du kannst mir wohl glauben, daß ich ohne deine +Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde.« + +Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel +eines Seidentüchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf +näherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald +auf Caspar. »Was für eine kindische Zeremonie!« stieß er finster heraus. +»Ich hatte nicht die geringste Begierde geäußert, deinen papierenen +Schatz zu sehen. Soviel ich weiß, wolltest du mir daraus vorlesen; mit +Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.« + +Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken maß er +das mysteriöse Heft. Caspar schaute währenddem, auch indes der Lord das +Zimmer schweigend verließ, mit einem chinesisch-schiefen, +schief-besinnenden Blick vor sich hin, einem Blick der Versunkenheit +und Jenseitigkeit, wie ihn manche Köpfe auf sehr alten Bildern haben. + +»Wenn ich meine unmaßgebliche Meinung äußern darf,« sagte Quandt, der +den Grafen zum Tor begleitete, »so muß ich gestehen, ich glaube nicht an +dieses Tagebuch. Ich glaube nicht, daß ein Charakter wie der des Hauser +von sich selbst aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu führen. Ich kann +mir nicht helfen, Mylord, aber ich glaube nicht daran.« + +»Ja, denken Sie denn, daß er uns da bloß leeres Papier gezeigt hat?« +versetzte Stanhope schroff. + +»Das nicht, aber ...« + +»Was also?« + +»Je nun, man muß der Sache nachgehen, man muß sich damit beschäftigen, +man muß sehen, was dahinter steckt.« + +Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den +Aufzeichnungen des Jünglings mancherlei über sich selbst zu hören; dies +lockte; er wußte, daß er dort auf einem hohen Postament stand und daß er +vergöttert worden war; es ist schön, vergöttert zu werden, wie wenig +Ähnlichkeit man auch mit einem Gott haben mag, und wenngleich das +Götterbild vom Sockel gestürzt war, um seine Trümmer mußte noch eine +reizende Romantik blühen. Dies lockte. An das Verräterische des +Büchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit mochten sich +die Schergen abfinden. + +Trotzdem begab er sich am nächsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in +Caspars Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jüngling die +Ablieferung der Briefe, die er ihm während ihrer Trennung nach Nürnberg +geschrieben. Caspar gehorchte ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur +drei, darunter der gefährliche, geschwätzige, den der Graf zu fürchten +hatte, lagen in einer besonderen Mappe in einer Hülle von Goldpapier. +Stanhope zählte sie nach, steckte sie in die Brusttasche und sagte dann +etwas milderen Tons: »Du holst mich heute abend um acht Uhr vom Hotel +ab. Wir sind aufs Schlößchen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh dich gut +an.« + +Caspar nickte. + +Stanhope schritt zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch +einmal um: »Morgen reise ich.« In der Krümmung seines Mundes lag +Überdruß und Grauen. Ihm graute plötzlich vor dieser Stadt und vor ihren +Menschen, ihm graute vor etwas, das er wie eine höllische Unholdfratze +über sich in der Luft hängen sah und dem er durch die Geschwindigkeit +seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den Präsidenten zu erwarten hatte er +aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem Stellvertreter geschrieben, er +käme erst nach Neujahr. + +»Morgen schon?« flüsterte Caspar betrübt; und nach einer Pause fügte er +scheu hinzu: »Was abgemacht ist, das gilt aber?« + +»Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.« + +Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier für den +Grafen. Es waren gebeten: der Regierungspräsident Mieg, der Hofrat +Hofmann, der Direktor Wurm, Generalkommissär von Stichaner mit Frau und +Töchtern und einige andre Herrschaften; alle kamen in großer Gala. Man +war sehr gespannt auf Caspars erstes Erscheinen in der hiesigen +Gesellschaft. + +Sein Auftreten enttäuschte nicht. Wie fetierte man ihn, bemühte man +sich um ihn; man sagte ihm Komplimente, die lächerlichsten Komplimente, +lobte seine kleinen Ohren und schmalen Hände, fand, daß ihm die Narbe +auf der Stirn, die vom Schlage des Vermummten herrührte, interessant zu +Gesicht stehe, bestaunte sein Reden und sein Schweigen und wähnte damit +den Lord zu entzücken, der sich jedoch über eine gemessene Höflichkeit +hinaus nicht verpflichtete und dem überschwenglichen Wesen der Damen +seinen verbindlichsten Sarkasmus entgegensetzte. + +Nachdem die Tafel aufgehoben war, erschien der Kämmerling des Lords und +brachte ein Paket, welches in ungefähr einem Dutzend Exemplaren das in +Kupfer gestochene Porträt Stanhopes enthielt, worauf er in Pairstracht +mit der Grafenkrone dargestellt war. Er verteilte die Bilder an »die +lieben Ansbacher Freunde«, wie er mit bezauberndem Lächeln sagte. + +Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung, sowohl in bezug auf die +Ähnlichkeit wie auf die Ausführung; als jeder seinen Dank gezollt, kam +das Gespräch auf Bilder überhaupt, und es entstand eine +Meinungsverschiedenheit darüber, ob man aus den Zügen eines Porträts auf +die Charaktereigenschaften der betreffenden Person schließen könne. Der +Hofrat Hofmann, als der negative Geist, der er überhaupt war, bestritt +es mit großer Lebhaftigkeit und mit Aufwand von vielen Gründen; er +sagte, jedes Bildnis gebe schließlich doch nur eine Essenz der besten +oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden +Eigenschaften, es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an, einen +besonderen, seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten +Wirkung zu übertreiben, so daß von der wahren Art des betreffenden +Menschen kaum noch etwas übrigbleibe. Dem wurde heftig widersprochen; +das hänge ja vor allem von dem Genie des Künstlers ab, wurde erwidert, +und Lord Stanhope, der die Äußerungen des Hofrats bei diesem Anlaß als +einen Mangel an Delikatesse empfinden mußte, ereiferte sich sehr gegen +seine sonstige Gepflogenheit und behauptete, er seinerseits getraue sich +aus jedem Bildnis, wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer +es gefertigt sei, die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person +zu erraten. + +Bei diesen Worten lächelte die Hausfrau bedeutungsvoll. Sie verschwand +in einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen +Ölbild zurück, das sie, noch immer lächelnd, in kurzer Entfernung von +dem Grafen aufrecht auf den Tischrand stellte. Die Gäste drängten sich +herzu, und fast von allen Lippen erscholl ein Ausruf der Bewunderung. + +Es war ein äußerst lebendig und natürlich gemaltes Bild, welches eine +junge Frau von verblüffender Schönheit darstellte: ein Gesicht weiß wie +Alabaster und überhaucht von zartem Rosenrot; klare und ebenmäßige Züge, +einen Blick, dem offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und +Schüchternes gab, und im ganzen der Physiognomie ein himmlisches +Leuchten von Gefühl. + +»Nun, Mylord?« fragte Frau von Imhoff schelmisch. + +Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und ließ sich vernehmen: +»Wahrlich, in diesem Geschöpf verbindet sich orientalische Weichheit +mit andalusischer Grazie.« + +Frau von Imhoff nickte, als ob sie das Gesagte vortrefflich fände. +»Schön, Mylord,« meinte sie, »wir wollen etwas über den Charakter der +Dame wissen.« + +»O, man will mich attrappieren!« versetzte Stanhope heiter. »Nun gut. +Ich denke, es ist das eine Frau, welche jede Art von Leiden oder +Ungemach mit außerordentlicher Langmut zu ertragen versteht. Sie ist +sanft, sie ist gottesfürchtig, sie liebt den idyllischen Frieden des +Landlebens, ihre Neigungen gehören den schönen Künsten --« + +Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in +belustigtes Lachen aus. »Ich bin sicher, Graf, daß Sie nur, um mich zu +necken, eine so falsche Deutung unternommen haben,« sagte sie. + +Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errötete. »Wenn ich +mich blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gnädige Frau,« +antwortete er galant. + +»Um das zu können, müßte ich Ihre Geduld länger als wünschbar in +Anspruch nehmen,« sagte Frau von Imhoff plötzlich ernst. »Ich müßte +Ihnen von dem ungewöhnlichen Schicksal dieser Frau erzählen, die meine +beste Freundin ist, und ich würde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu +zerstören, in der Sie sich alle befinden.« + +Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff +mußte schließlich dem allgemeinen Drängen willfahren. + +»Meine Freundin kam als Mädchen von achtzehn Jahren an den Hof einer +mitteldeutschen Residenz,« begann sie mit einer reizenden Befangenheit. +»Sie war vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren +Bruder angewiesen. Dieser Bruder, ich will ihn der Kürze wegen den +Freiherrn nennen, galt trotz seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre +älter denn seine schöne Schwester, für einen Mann von hervorragenden +Talenten; der Fürst, obwohl schwächlich und ausschweifend, wußte seine +Fähigkeiten vollauf zu würdigen, gab eine der höchsten Stellen des +Landes unter seine Verwaltung und überhäufte ihn mit Ehren und +Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergnügungen des Hofes nur +insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des +Adels einführte, und er hatte auch die Genugtuung, daß sie nicht nur +durch ihre Schönheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten +befeuertes Naturell der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich +sehen ließ. + +»Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf +eine furchtbare Weise zerstört. Fast zufällig machte der Freiherr die +Entdeckung, daß in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche +Unterschleife stattgefunden hatten, es handelte sich um viele +Hunderttausende von Talern, und daß der Fürst selbst, in Bedrängnis +geraten durch eine arge Mätressen- und Protektionswirtschaft, bei diesen +zum Nachteil des Volkes ausgeführten Manipulationen beteiligt war. Der +Freiherr wußte sich keinen Rat. Er vertraute sich der Schwester an. +Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum Fürsten und mach +ihn ohne Rückhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens aufmerksam. +Es geschah. Der Fürst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tür und +deutete ihm an, daß er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr +seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens +Mitteilung machte, drängte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten +Landstände zu bringen. Auch dazu erklärte sich der Freiherr bereit, +eröffnete sich aber vorher noch einem seiner Freunde, der den Entschluß +zu billigen schien. Derselbe Freund schrieb ihm am nächsten Abend ein +Briefchen, worin er ihn dringlichst aufforderte, einer wichtigen +Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt gelegenes Lusthaus zu +kommen. Ohne Zögern folgte der Freiherr dem Ruf, ließ, trotzdem es schon +spät und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt davon. + +»Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen. Einige Leute wollten +gegen Mitternacht in der Nähe jenes Lusthauses Schüsse gehört haben, +aber wie dem auch sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was +mit ihm geschehen war, blieb ein unerklärtes Rätsel. Den Schmerz der +Schwester kann man sich denken. Doch vom ersten Tag an verschmähte sie +es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete eine erstaunliche +Tätigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben mußte, +setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu +machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lusthauses +wochenlang die Erde aufgraben mußten, mit Güte, mit List, mit Drohungen +beschwor sie den angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas +wisse; es war umsonst, er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte +etwas wissen. Sie warf sich dem Fürsten zu Füßen, der sie huldvoll +anhörte und, anscheinend selbst ergriffen, alles zu tun versprach, um +der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst. Einige Tage darauf +erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch wiederholte sich. +Plötzlich aber starb der Fürst an einem Schlagfluß. Ihres Bleibens an +jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und +suchte an allen kleinen und großen Höfen Deutschlands, später sogar in +London und Paris Minister, Monarchen und Männer der Öffentlichkeit zu +gewinnen, um Sühne oder wenigstens Aufklärung zu erlangen. Stellen Sie +sich das Leben vor,« fuhr Frau Imhoff fort, »das meine Freundin auf +solche Weise länger als drei Jahre führte, immer unterwegs, immer in +Hast, mit beständigen Widerwärtigkeiten kämpfend. Ein großer Teil ihres +Vermögens ging nach und nach durch ihre fruchtlosen Anstrengungen +verloren. Als sie nun endlich einsehen mußte, daß sie nichts erreichen +würde, daß die Verbrüderung der Schlechten und Gleichgültigen zu mächtig +ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an den +Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine +Universitätsstadt und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das +Studium der Politik, der Jurisprudenz und der Nationalökonomie. Nicht +als ob sie sich damit gegen die Welt verschloß, ganz im Gegenteil. Sie +hatte ihre private Sache mit einer öffentlichen vertauscht. Ihre +glühende Seele, für den Gedanken der Völkerfreiheit und der +Menschenrechte entflammt, suchte Betätigung. Vor zwei Jahren heiratete +sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es geschah +deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus +Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geöffnet hatte; er wurde gerettet +und sie nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in +friedlichem Einverständnis gelöst, der Mann ist nach Amerika gegangen +und Farmer geworden. Meine Freundin fing abermals ihr merkwürdiges +Wanderleben an; ich habe Briefe von ihr bald aus Rußland, bald aus Wien, +bald aus Athen; seit einigen Monaten weilt sie in Ungarn. Überall +untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des arbeitenden Volkes, +nicht etwa nur oberflächlich und empfindsam, sondern mit sachlicher +Gründlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze, +Verfassungen und öffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten +Herrn Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fünfundzwanzig Jahre alt +und sieht fast immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs +Jahren gemalt wurde. Nach alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord, +daß bei ihr von orientalischer Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht +wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie, ja sie ist sanft, aber ganz +anders, wie man sich das gewöhnlich vorstellt. Ihre Sanftmut hat etwas +Freudiges und Tätiges, denn es ist in ihr ein kühner Geist und ein +erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die +Gegenwart das Höchste.« + +Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzählerin die tiefe Wirkung, die +sie hervorgerufen. Und ist es denn nicht prächtig, ist es nicht +prächtig-spannend und angenehm-gruselig, sich dergleichen im +wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer vorerzählen zu lassen? Der +Mann am Kamin reibt sich gemütlich die Hände, wenn es draußen stürmt und +wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein süßprickelndes Behagen, +wenn er sich vorstellt, daß draußen einige Leute ohne Überzieher und +Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande, +mit solchen Unglücklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren. + +Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas außerhalb +des Zuhörerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war +näher gekommen, bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert +auf ihren redenden Mund geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er +plötzlich. Die Züge kamen in Bewegung und erhielten etwas unendlich +Anziehendes. Frau von Imhoff gestand später, daß ihr ein solcher +Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen sei; ja, es glich +dem Lachen eines kleinen Kindes, nur daß sich eine höhere und reinere +Kraft des Bewußtseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines +Innern mit den stärksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig, +was er sagen würde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die +zaghafte Frage: »Wie heißt denn die Frau?« + +Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gütig +lächelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, später vielleicht +werde er es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil. + +Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geräuschvoller +wurde und das jüngste Fräulein von Stichaner am Klavier Lieder sang, +behielt er seinen schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefühl +durch das so beweglich geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach +außen getrieben, und wie durch den Wink eines unsichtbaren Geistes +öffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden eines andern Ichs, einer +fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen beschaffen sein, +wie ich's mir immer eingebildet habe, dachte er. + +Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der +Bau der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine +wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfaßbar wie Schatten, fern +wie der Mond, verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter. + +Auf der Brücke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es +heute schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde hätte ein Ereignis +der folgenden Nacht, bei dem er nur der flüchtige und kaum bemerkte +Zeuge war, nicht so gewaltig in sein Inneres gewuchtet, daß er tagelang +danach sich in der schmerzlichsten Verwirrung befand. + + + + +Joseph und seine Brüder + + +Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe, eine +Schachtel mit Brüsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem +Anzug. Nachdem er schon den ganzen Vormittag mit ihm verbracht, kam +Stanhope nach Tisch ins Quandtsche Haus, um Caspar Lebewohl zu sagen. +Um halb vier fuhr der Wagen vor. Caspar geleitete den Grafen auf die +Gasse. Er war bleich bis in die Augen; dreimal umarmte er den +Scheidenden und biß die Zähne zusammen, um nicht aufschreien zu müssen, +war es doch ein Stück seines innigsten Seins, das sich grausam von ihm +trennte -- für immer, das fühlte er wohl, ob er den so teuer gewordenen +Mann wiedersah oder nicht. Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld +seligsten Vertrauens und von der Süßigkeit schöner Wünsche und +Täuschungen. + +Auch der Lord war zu Tränen gerührt. Es entsprach seiner reizbaren +Natur, sich bei solchen Anlässen einer wohltätigen Gemütserschütterung +zu überlassen. Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor +Selbstvorwürfen; als wolle er geschwind noch ins Schicksalsrad greifen +und die Speichen zurückdrehen; die Kutsche war schon im Fahren, da rief +er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel, die beide am Tor standen, mit +feierlich hochgezogenen Brauen zu: »Bewahrt mir meinen Sohn!« + +Quandt drückte die Hände beteuernd gegen seine Brust. Das Gefährt rollte +gegen die Krailsheimer Straße. + +Fünf Minuten später erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann; +sie mußten zu ihrem Leidwesen erfahren, daß sie die Zeit verpaßt hatten. +Um Caspar seiner Traurigkeit zu entreißen, forderten sie ihn zu einem +Spaziergang in den Hofgarten auf, ein Vorschlag, dem der Lehrer eifrig +zustimmte. Hickel bat, sich anschließen zu dürfen. + +Kaum waren die vier Personen um die nächste Ecke gebogen, als Quandt +rasch ins Haus zurückeilte und seiner Frau einen Wink gab, die ihm, +ohne zu fragen, weil das Unternehmen verabredet war, in den oberen Flur +folgte, wo sie sich bei der Treppe als Schildwache aufstellte. Quandt +seinerseits machte sich nun daran, das Tagebuch zu suchen. Er hatte sich +zu dem Ende ein zweites Paar Schlüssel anfertigen lassen und konnte +damit die Kommode und den Schrank öffnen. In der Kommodeschublade fand +er nichts, das blaue Heft war nicht mehr darin. Aber auch den Schrank +durchstöberte er vergeblich, die Kleider, die Tischlade, die Bücher, das +Kanapee; vergeblich kroch er in jeden Winkel, es war nichts zu finden. + +Erschöpft trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und rief seiner +Frau durch die offene Tür zu: »Siehst du, Jette, was ich immer sage: der +Kerl hat's faustdick hinter den Ohren.« + +»Ja ja, er ist falsch wie Bohnenstroh,« erwiderte die Frau, »und lauter +Scherereien macht er einem.« Sie schimpfte bloß ihrem Mann zu Gefallen, +denn im Grund hatte sie den Jüngling gern, weil noch nie ein Mensch sich +so höflich und nett gegen sie betragen hatte. + +Quandt blieb für den Rest des Tages verstimmt wie einer, der um ein +edles Werk betrogen wurde. Und war es nicht so? War es nicht seine +Mission auf dieser Erde, die Lüge von der Wahrheit zu scheiden und als +rechter Herzensalchimist den Mitmenschen die unvermischten Elemente +aufzuzeigen? Er durfte nicht ruhig zusehen und nicht Nachsicht üben, wo +der Atem der Lüge wehte. + +Von solchen Empfindungen bewegt, hielt er am selben Abend seiner Gattin +eine längere Rede, worin er sich folgendermaßen aussprach: »Sieh mal, +Jette, ist dir nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon +aufgefallen? Kann man annehmen, daß so ein Mensch jahrzehntelang in +einem unterirdischen Loch vegetiert hat? Kann man dies glauben, wenn man +seine fünf Sinne ordentlich beieinander hat? Von seiner gerühmten +Kindlichkeit und Unschuld kann ich, offen gestanden, nichts entdecken. +Er ist gutmütig, ja; gutmütig mag er sein, aber was beweist das? Und wie +er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und liebedienert +als der ausgemachte Duckmäuser, der er ist! Da hat deine Freundin, die +Frau Behold, den Nagel auf den Kopf getroffen. Sieh mal, oft, wenn ich +unversehens in sein Zimmer trete, es liegt mir natürlich daran, ihn zu +überraschen, aber da hockt er dir manchmal in der Ecke -- es ist +sonderlich anzuschauen. Ich weiß nicht, ist er so geistesabwesend oder +stellt er sich nur so, aber wenn er mich dann bemerkt, verändert sich +sein Gesicht blitzschnell zu der heuchlerischen Grimasse von +Freundlichkeit, die einen leider entwaffnet. Einmal hab' ich ihn sogar +am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus gefunden. Was kann das +bedeuten? Es steckt eben was dahinter.« + +»Was soll denn dahinter stecken?« fragte die Lehrerin. + +Quandt zuckte die Achseln und seufzte. »Das mag Gott wissen,« sagte er. +»Bei alledem mag ich ihn leiden,« schloß er mit versorgtem Stirnrunzeln; +»ich mag ihn gut leiden, er ist ein aufgeweckter und trätabler Bursche. +Man muß aber sehen, was dahinter steckt. Es ist etwas Unheimliches um +den Menschen.« + +Die Lehrerin, die sich für die Nacht frisierte, war des Schwatzens +müde. Ihr hübsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen, schläfrigen +Vogels, und ihre auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten +matt ins Kerzenlicht. Plötzlich ließ sie den Kamm ruhen und sagte: +»Horch mal, Quandt.« + +Quandt blieb stehen und lauschte. Caspars Zimmer lag über dem ehelichen +Schlafgemach, und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die +unaufhörlich auf und ab gehenden Schritte ihres rätselhaften +Hausgenossen. + +»Was mag er treiben?« meinte die Frau verwundert. + +»Ja, was mag er treiben,« wiederholte Quandt und starrte finster zur +Decke. »Ich weiß nicht, mir wurde immer gesagt, daß er mit den Hühnern +schlafen geht; ich merke nichts davon. Nun siehst du's, da soll man sich +auskennen. Jedenfalls wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht +abgewöhnen.« Quandt öffnete leise die Tür und schlich auf Pantoffeln +vorsichtig hinaus. Vorsichtig schlich er die Treppe empor, und als er +vor Caspars Tür angelangt war, versuchte er durchs Schlüsselloch zu +spähen, aber da er nichts sehen konnte, legte er in derselben gebückten +Stellung das Ohr ans Schloß. Ja, da wandelte er herum, der +Unerforschliche, wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Pläne. + +Quandt drückte die Klinke, die Tür war versperrt. Da erhob er seine +Stimme und forderte energisch Ruhe. Sogleich ward es drinnen +mäuschenstill. + +Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam, fand sich, daß mit +unerwarteter Plötzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war. Schon +lag sie stöhnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme. Quandt +wollte die Magd schicken; die Frau sagte: »Nein, das geht nicht, geh du +selber, die Person ist blöde und wird den Weg verfehlen.« Wohl oder übel +mußte sich Quandt dazu entschließen, so unbequem auch die Sendung war, +denn erstlich hatte er sich aufs Bett gefreut, zweitens fürchtete er +sich ein wenig vor dem Gang durch die finstern Gassen, war doch erst zu +Pfingsten hinter der Karlskirche ein Rechnungsakzessist überfallen und +halb erschlagen worden. + +Verdrossen hastete er in die Kleider; hierauf holte er die Magd aus den +Federn und befahl ihr, eine befreundete Nachbarin zu rufen, die sich im +Notfall zur Hilfeleistung erboten hatte, dann schlurfte er wieder +herein, durchkramte die Truhe nach seinen Pistolen, wobei er das +Nähtischlein umwarf, was ihn wieder derart in Verzweiflung setzte, daß +er mit den Händen seinen Kopf packte und sein unseliges Los verwünschte. +Die Frau, der das Elend schon den Sinn verrückte, entnahm ihrem Zustand +den Mut, ihm allerlei sonst feig zurückgehaltene Aufrichtigkeiten +zuzuschleudern, welche ihn im besondern und das Mannsvolk im allgemeinen +trafen. Das hatte die beste Wirkung, und nachdem er sein kleines +Söhnchen, das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war, in die +Magdkammer getragen hatte, trollte er sich endlich. + +Caspar, im Begriff sich niederzulegen, vernahm auf einmal mit Schaudern +die schmerzensvolle Stimme der Frau unten. Immer furchtbarer wurden die +Laute, immer greller drangen sie herauf. Dann war es wieder eine +Zeitlang stille, dann knarrte die Haustüre, Schritte gingen, Schritte +kamen, und nun begann das Schreien viel ärger. Caspar dachte, ein großes +Unglück sei passiert; sein erster Trieb war, sich zu retten. Er lief zur +Tür, sperrte auf und eilte die Stiege hinab. Die Wohnzimmertüre war +offen, überheizte Luft quoll ihm entgegen. Die Magd und die Nachbarin +standen geschäftig am Bett der Frau Quandt; diese schrie nach ihrem +Mann, schrie zu Gott und bäumte sich auf. + +Ach, was sah Caspar da! Wie ward ihm doch zumute! Ein Köpflein sah er, +einen weißen kleinen Rumpf, ein ganzes winziges Menschlein, emporgehoben +mit Händen, die nicht kleiner waren als es selbst! Alle Glieder +zitterten an Caspar, er wandte sich um, und ohne daß ihn jemand +erblickt, floh er die Stiege hinauf, sank auf dem obersten Treppenabsatz +atemlos hin und blieb sitzen. + +Wieder ging die Haustür, Quandt erschien mit der Wehfrau, doch schon +stürzte ihm die Nachbarin jubelnd entgegen: »Ein Töchterlein, Herr +Lehrer!« + +»Ei, sieh da!« rief Quandt mit einer Stimme, so stolz, als hätte er +dabei etwas Nennenswertes geleistet. + +Piepsendes Geplärr bestätigte die Anwesenheit der neuen Weltbürgerin. +Nach einer Weile kam trällernd die Magd, und Caspar sah, daß sie eine +Schüssel voll Blut trug. + +Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein, als +Caspar sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte. Wie betrunken +entkleidete er sich, wühlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht. + +Er konnte nichts dawider tun: aus der Nacht erhob sich gleich einer +purpurnen Scheibe die Schüssel voll Blut. + +Er konnte nichts andres sehen als dies: aus einem blutigen Schlund +krochen junge Wesen und wurden Menschen genannt. Nackend und winzig, +einsam und hilflos und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll +aus einem Kerker ohnegleichen, wurden geboren, ja, geboren, sowie die +Mutter ihn geboren. + +Das ist es also, dachte Caspar. Er spürte das Band, begriff den +Zusammenhang, fühlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde, alles +starre Leben regte sich, das Geheimnis war entschleiert, die Bedeutung +offenbar. + +Doch Mitleid und Grauen, Sehnsucht und Furcht waren nun eines, Leben und +Sterben zu einem Namen verschmiedet. Er wollte nicht einschlafen und +schlief ein, aber je näher der Schlummer kam, eine je qualvollere +Todesangst umfing ihn, so daß er sich nur widerstrebend ergab: ein +banger kleiner Tod im Leben. + +Da er am Morgen über die gewohnte Stunde ausblieb, verwunderte sich +Quandt, ging hinauf und pochte an der Tür. Obgleich er das Zimmer vom +Abend her versperrt wußte, drückte er auf die Klinke, fand jedoch zu +seinem Erstaunen die Tür unverschlossen. An Caspars Bett tretend, +rüttelte er ihn und sagte ärgerlich: »Nun, Hauser, Sie fangen ja an, ein +Siebenschläfer zu werden. Was ist's denn?« + +Caspar setzte sich auf, und der Lehrer sah, daß das Kopfkissen ganz naß +war; er deutete hin und fragte, was das sei. Caspar besann sich ein +wenig und antwortete, es sei vom Weinen, er habe im Schlaf geweint. + +Was, geweint? dachte Quandt argwöhnisch; warum geweint? wieso weiß er +es denn so schnell, wenn er im Schlaf geweint hat? und warum hat er so +lange gewartet, bis ich mich entschlossen, ihn zu holen? + +Dahinter steckt eine Finte, entschied Quandt, er will mich milde +stimmen. Forschend schaute er sich um, und sein Blick fiel auf das +Wasserglas, das auf dem Nachttischlein stand. Er nahm das Glas und hob +es prüfend empor, es war halb leer. »Haben Sie Wasser getrunken, +Hauser?« fragte er düster. + +Caspar sah ihn verständnislos an. Der Blick des Lehrers, von dem Glas +auf das Kissen gleitend, bekam einen vorwurfsvollen Ausdruck. »Sollten +Sie nicht aus Versehen das Wasser verschüttet haben?« fragte er weiter; +»ich sage: aus Versehen und meine durchaus nichts andres, Sie können +freimütig mit mir reden, Hauser.« + +Caspar schüttelte langsam den Kopf; er verstand nicht, was der Mann +wollte. + +Verstockt, verstockt, dachte Quandt und gab das Verhör auf. Als Caspar +zum Unterricht ins Wohnzimmer kam, teilte ihm Quandt in geziemender +Würde mit, daß ihm eine Tochter geschenkt worden sei. + +»Wieso geschenkt?« fragte Caspar naiv. + +Quandt runzelte die Stirn. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der +Jüngling ein solches Ereignis aufnahm, verdroß ihn sehr. Seine Haltung +war kalt und förmlich, als er sagte: »Wir beginnen wie gewöhnlich mit +der Bibelstunde. Lesen Sie Ihr Pensum vor.« + +Es war die Geschichte Josephs. + +Da ist ein alter Mann, der viele Söhne hat, aber den jüngsten unter +ihnen am meisten liebt und ihm einen bunten Rock gibt, um ihn +auszuzeichnen. Deswegen hassen ihn nun die Brüder und wollen nicht mehr +freundlich mit ihm reden. Und Joseph erzählt ihnen einen Traum von den +Garben. »Siehe, wir banden Garben auf dem Felde«, erzählt er, »da stand +meine Garbe auf und blieb stehen und siehe, eure Garben waren ringsum +und beugten sich vor meiner Garbe.« Da antworten die Brüder: »Willst du +denn König werden über uns? willst du herrschen über uns?« Und sie +hassen ihn noch mehr wegen seiner Träume. Aber Joseph ist sehr arglos, +er scheint den Grund ihrer Abneigung nicht zu ahnen, er erzählt ihnen +alsbald einen zweiten Traum, nämlich wie die Sonne, der Mond und elf +Sterne sich vor ihm beugten. Ein Traum von leichter Deutbarkeit, denn +elf ist die Zahl der Brüder. Sogar der Vater schilt ihn wegen dieses +Traumes. »Was denkst du, Joseph,« spricht er vorwurfsvoll, »soll ich und +deine Mutter und deine Brüder, sollen wir kommen, uns vor dir zu +beugen?« Und bald darauf gehen die Brüder, die alle Hirten sind, aufs +Feld, um die Schafe zu weiden, und Joseph wird von seinem Vater zu ihnen +gesandt. Und wie die Brüder ihn von ferne sehen, sprechen sie +zueinander: »Seht, da kommt der Träumer.« Und sie beschließen ihn zu +erwürgen, sie wollen ihn in eine Grube werfen und vorgeben, ein wildes +Tier habe ihn verzehrt; »dann werden wir ja sehen, was aus seinen +Träumen wird,« sagen sie hohnvoll. Da ist aber einer unter den Brüdern, +der Erbarmen hat, und er warnt die andern. Er rät ihnen, den Jüngling in +die Grube zu werfen, ihn jedoch nicht zu töten. Und so geschieht es +auch; sie ziehen ihm den Rock aus, den bunten Rock, den er trägt, und +werfen den Knaben in die Grube, und als dies vollbracht ist, erscheint +ein Zug von Kaufleuten aus fernem Land, und die Brüder einigen sich +jetzt, den Joseph zu verkaufen, und sie verkaufen ihn um Geld. Dann +nehmen sie Josephs Kleid, tauchen es in das Blut eines geschlachteten +Tieres und sprechen zum Vater: »Das blutige Kleid haben wir gefunden, +sieh doch, ob es nicht deines jüngsten Sohnes Kleid ist.« Der Alte +zerreißt sein Gewand und ruft aus: »Trauernd will ich hinunterfahren zu +meinem Sohn in die Unterwelt.« + +Als Caspar so weit gekommen war, versagte ihm die Stimme. Er stand auf, +legte das Buch beiseite, und seine Brust ward von Seufzern nur so +geschüttelt. Die Hand vor den Mund gepreßt, erstickte er mit großer +Anstrengung das heraufquellende Schluchzen. + +Quandt stutzte. Er beobachtete den Jüngling scharf. Er hatte dabei den +schrägen Blick einer an den Pfahl gebundenen Ziege. »Hören Sie mal, +Hauser,« sagte er endlich. »Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, +daß Sie von dieser simpeln Geschichte so ergriffen sind, die Ihnen noch +dazu wohlbekannt sein muß; meines Wissens haben Sie ja diesen Teil des +Alten Testaments schon beim Professor Daumer durchgenommen. Da muß Ihnen +doch auch gegenwärtig sein, daß es dem Joseph noch recht glücklich +ergangen ist, denn er war ein reiner und guter Mensch. Ich bitte, sparen +Sie sich also die Mühe. Wenn Sie pflichtgetreu, aufrichtig und folgsam +sind, werden Sie bei mir zehnmal besser fahren als durch die unzeitige +Schaustellung von so weit hergeholten Affekten. Ich glaube Ihnen Ihre +Tränen einfach nicht; ich denke Ihnen das heute schon einmal deutlich +genug bewiesen zu haben. Damit erzielen Sie bei mir nur das Gegenteil +von dem, was Sie beabsichtigen mögen, ich bin nämlich kein Freund von +Gefühlsausbrüchen, im allgemeinen nicht, und bei so ungegründetem Anlaß +schon gar nicht. Es ist nachgerade Zeit für Sie, sich an den Ernst des +Lebens zu gewöhnen. Und weil wir nun schon so offen miteinander reden, +möchte ich Sie dringend warnen, alle Leute, mit denen Sie zu tun haben, +für dumm zu halten; das ist eine Verblendung von Ihnen, welche die +nachteiligsten Folgen haben wird. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, Hauser, ich +meine es wahrhaft gut mit Ihnen, vielleicht haben Sie keinen bessern +Freund als mich, was Sie freilich erst einsehen werden, wenn es zu spät +sein wird. Aber hüten Sie sich, mich hinters Licht zu führen! Und nun +fahren wir fort. Ich will diesen Zwischenfall als nicht geschehen +betrachten.« + +Im Verlauf dieser eindrucksvollen Predigt war die Stimme des Lehrers +weich und gütig geworden, und es hatte beinahe den Anschein, als wolle +er nun Caspar nehmen und an sein Herz drücken. Aber Caspar stand mit +albernem Gesicht, in welchem ein Lächeln hilflos zuckte, vor ihm da. Was +ist denn das? dachte er, was will der Mann? + +Es war ihm, auch bei späterem Nachdenken, ganz und gar nicht +verständlich, worauf die Worte des Lehrers hinzielten, und er kam zu der +Ansicht, daß Quandt der rätselhafteste Mensch sei, dem er je begegnet. + + + + +Schloß Falkenhaus + + +Der Präsident traf erst am Dreikönigstag, nach fast vierwöchiger +Abwesenheit, wieder in der Stadt ein. Die ihm nahestehenden Personen +wollten eine bedeutende Veränderung seines Wesens an ihm bemerken; er +erschien wortkarg und finster, und sein Anteil an den Amtsgeschäften +hatte bisweilen etwas von Lauheit. + +Es fiel auf, daß er mehrere Tage verstreichen ließ, ehe er sich nach +Caspar erkundigte. Als ihn der Hofrat Hofmann während des gemeinsamen +Nachhausewegs unbefangen fragte, ob er den Jüngling schon gesehen habe, +gab Feuerbach keine Antwort. Tags darauf erschien der Polizeileutnant +bei ihm. Hickel stellte sich um die Sicherheit des Hauser besorgt und +meinte, man solle für eine Überwachung sorgen; der Präsident ging auf +die Sache nicht weiter ein und sagte bloß, er werde sich's überlegen. Am +selben Nachmittag ließ er den Lehrer rufen und stellte ihn über Befinden +und Betragen seines Zöglings zur Rede. Quandt sagte dies und sagte das; +es war nicht schwarz noch weiß; zum Schluß zog er einen Brief aus der +Tasche, es war das Schreiben der Magistratsrätin Behold, welches dem +Präsidenten zu überreichen er sich entschlossen hatte. + +Feuerbach überlas das Schriftstück, und eine Wolke von Mißmut lagerte +sich auf seine Stirn. »Sie müssen auf derlei Zeug kein Gewicht legen, +lieber Quandt,« sagte er barsch, »wo kämen wir denn hin, wenn wir auf +das Gewäsch jeder solchen Närrin hören wollten? Sie haben sich nicht mit +der Vergangenheit des Hauser zu beschäftigen, das ist nicht Ihres Amts; +ich habe Sie dazu bestellt, einen tüchtigen Menschen aus ihm zu machen, +wenn Sie in der Hinsicht zu klagen haben, bin ich ganz Ohr, mit andern +Dingen verschonen Sie mich.« + +Es läßt sich denken, daß eine so grobe Abfertigung die Empfindlichkeit +des Lehrers tief verletzte. Er ging erbittert heim, und obwohl ihm der +Präsident den Auftrag gegeben hatte, Caspar am Sonntag früh zu ihm zu +schicken, teilte er dies dem Jüngling erst zwei Tage später, am Samstag +abend, mit. + +Als Caspar zur bestimmten Stunde ins Feuerbachsche Haus kam, mußte er im +Flur ziemlich lange warten, dann erschien erst Henriette, die Tochter +des Präsidenten, und führte ihn ins Wohnzimmer. »Ich weiß nicht, ob der +Vater Sie heute empfangen wird,« sagte sie und erzählte dann, in der +vergangenen Nacht sei ein Einbruch in das Arbeitszimmer des Präsidenten +verübt worden; die unbekannten Täter hätten alle Papiere auf dem +Schreibtisch durchwühlt und mit Nachschlüsseln die Laden geöffnet; es +sei anzunehmen, daß die Verbrecher irgend bestimmte Briefe oder +Handschriften hätten an sich bringen wollen, denn es sei nichts geraubt +worden, auch die gewünschte Beute hätten sie nicht machen können, da der +Vater seine wichtigen Papiere gut verwahrt habe; nur die erbrochenen +Fenster und eine gewaltige Unordnung habe von ihrem Treiben Zeugnis +gegeben. + +Das Fräulein schritt während dieses Berichts in männlicher Weise auf und +ab, die Arme über der Brust verschränkt, Groll und Zorn in Stimme und +Miene. Sie sagte, der Vater sei natürlich außer sich über den Vorfall; +währenddessen öffnete sich die Tür und der Präsident trat in Begleitung +eines schlanken, etwa dreißigjährigen jungen Mannes auf die Schwelle. +»Aha, da ist Caspar Hauser, Anselm,« sagte der Präsident. Der Angeredete +stutzte und blickte Caspar gedankenvoll und zerstreut ins Gesicht. +Caspar war betroffen von der außergewöhnlichen Schönheit dieses +Menschen; wie er später erfuhr, war es der zweitälteste Sohn Feuerbachs, +der, verfolgt von einem widrigen Geschick, für einige Tage ins +Elternhaus geflüchtet war, um Rat und Hilfe seines Vaters in Anspruch zu +nehmen. Caspar liebte schöne Gesichter, zumal wenn sie so voll Geist und +Schwermut waren, bei Männern ganz besonders; aber es war dies nur eine +kurze Erscheinung, er sah ihn nicht wieder. + +Der Präsident ließ Caspar ins Staatsgemach treten und kam erst nach +einer Weile. Sofort fiel Caspars Blick auf das Napoleonbildnis an der +Wand. Wie wunderlich es war: solche Ähnlichkeit im Ausdruck der +stolz-abweisenden Majestät und der finsteren Trauer um die anmutig +geschwungenen Lippen mit jenem Mann, den er soeben gesehen! Dazu noch +der prunkvolle Ornat, Krone, Halsschmuck und Purpurmantel. Caspar war +bewegt; eine höhere Welt tat sich ihm auf; am liebsten wäre er +hingegangen, um, was an dem Bild gestalthaft schien, mit Händen zu +packen und, was ihn so hoheitsvoll daraus anredete, in laute Zwiesprach +zu verwandeln. Unwillkürlich reckte er sich auf, als zwinge ihn die +königliche Figur zur Nachahmung; er machte ein paar Schritte hin und her +und war freudig erschrocken bei der Wahrnehmung, daß die Augen des +Bildes ihn mit dunkler Glut verfolgten. + +Also beschäftigt fand ihn der Präsident und blieb überrascht neben der +Tür stehen. Mochte es Zufall genannt werden oder war es eine der +unergründlichen Verkettungen, in denen dies nicht gewöhnliche Schicksal +sich offenbarte, Feuerbach sah in dem zauberartigen Gegenüberstehen von +Bild und Jüngling etwas wie ein Ordal, eine Beglaubigung von oben. War +doch Caspars Mutter (seine Mutter, ja, sofern der ganze Bau der +furchtbaren Annahmen und halben Gewißheiten im Licht der Wirklichkeit +nur irgend bestehen konnte) durch verwandtschaftliche Bande an jenen +Heros geknüpft. + +»Wissen Sie denn auch, wer das ist, Caspar?« fragte Feuerbach mit lauter +Stimme. + +Caspar schüttelte den Kopf. + +»So will ich's Ihnen sagen. Das ist ein Mann, der die Menschheit davon +überzeugt hat, daß ein großer Wille alles vermag. Haben Sie denn noch +nie was vom Kaiser Napoleon gehört? Ich kannte ihn, Caspar, ich habe ihn +gesehen, ich habe mit ihm gesprochen, ich war Mittelsmann zwischen ihm +und unserm König Max. Es war eine große Zeit und nicht mehr viel ist von +ihr übrig.« + +Mit wehmütig-sinnendem Blick wandte sich Feuerbach ab. Er spürte die +Last der Jahre; lange genug hatte er sich gegen ihre Pranken gewehrt; +fast mit Angst streifte sein Auge den immer noch schweigend dastehenden +Jüngling, als erwarte er von ihm das Richterwort, das seine nicht mehr +zu verbergende Ohnmacht der Welt preisgeben mußte. Das zuletzt +Erfahrene, dort bei den Mächtigen Erlittene überflutete sein Herz mit +Scham; eine Flamme des Ingrimms und des Hasses gegen alles, was +Menschen hieß, loderte plötzlich in ihm auf, zähneknirschend rannte er +ein halbdutzendmal zwischen den Fenstern und der Tür hin und her, und +erst der Anblick des vor Furcht erbleichten Caspar gab ihm die Besinnung +einigermaßen zurück, und er stellte die mürrische Frage, ob Caspar bei +Quandt genug zu essen bekomme. + +»Darüber ist nicht zu klagen,« antwortete Caspar. + +Den zweideutigen Ton, in welchem er dies vorbrachte, schien Feuerbach zu +überhören. »Und was ist es mit dem Lord?« fragte er weiter mit einem +starr-drohenden Blick, »haben Sie schon Nachricht von ihm? Haben Sie +selbst ihm schon geschrieben?« + +»Einmal jede Woche schreib' ich ihm,« sagte Caspar. + +»Wo befindet er sich?« + +»Er will jetzt nach Spanien.« + +»Nach Spanien; soso; nach Spanien. Das ist sehr weit, mein Bester.« + +»Ja, das soll weit sein.« + +Diese einsilbige Unterhaltung wurde durch einen Polizeibeamten +unterbrochen, der eine schriftliche Meldung wegen des nächtlichen +Einbruchs brachte. Caspar verabschiedete sich. + +»Wo bleiben Sie denn so lang?« empfing ihn Quandt ärgerlich. + +»Ich war beim Präsidenten, das wissen Sie doch,« versetzte Caspar. + +»Schön; aber es verrät wenig Lebensart, daß Sie einen Besuch nicht zu +kürzen verstehen, wenn man zu Haus mit dem Abendessen auf Sie wartet.« + +Das Essen war nämlich eine wichtige Angelegenheit bei Quandts. Der +Lehrer setzte sich immer mit einer gewissen Rührung zu Tisch, und sein +prüfender Blick schien alle Teilnehmer der Mahlzeit auf den Grad ihrer +Andacht zu examinieren. Wenn Frau Quandt verkündigte, was man des Guten +zu erwarten habe, begleitete der Lehrer ihre Aufzählungen entweder mit +einem Kopfnicken oder bedenklichem Runzeln der Stirne. Schmeckte ihm ein +Gericht, so wuchs seine gute Laune, fand es nicht seinen Beifall, so aß +er jeden Bissen mit einem Ausdruck weltüberlegener Ironie. Für manches +hatte er eine besondere Vorliebe, wie zum Beispiel für saure Gurken oder +angewärmten Kartoffelsalat, und er unterließ es dann selten, während er +sich delektierte, die Einfachheit seiner Bedürfnisse hervorzuheben. Die +Lehrerin verstand trefflich zu kochen, und wenn ihr eine Leibspeise des +Mannes gelungen war, blieb sie für sein Lob nicht unempfänglich, obschon +es bisweilen in eine zu gelehrte Form gekleidet war; so pflegte Quandt +im Scherz zu sagen, wenn er sie nicht genommen hätte, wäre sicherlich +der selige Trimalchio wieder auferstanden, um sie zu heiraten. Nach dem +Abendessen kam die gemütliche Stunde mit Pantoffeln, Schlafrock, +Lehnstuhl und Zeitungslesen. Ins Wirtshaus ging Quandt fast nie, einmal +wegen der Kosten und dann, weil er keine Ansprache fand. Er zog die +bequeme Ofenecke vor. + +Aber seit Caspar im Haus weilte, war diese idyllische Abendstimmung ohne +rechten Reiz. Quandt war gequält und wußte manchmal kaum die Ursache. +Stellen wir uns einen Hund vor, einen klugen, nervigen, wachsamen Hund. +Stellen wir uns vor, daß dieser Hund bei seinem Schnuppern in dem +anvertrauten Revier irgendwo einen Brocken Gift erwischt hat und daß er +nun, das verderbliche Feuer in seinem Leib, unbewußt das Dunkel sucht, +alle feuchten Winkel lechzend durchrast, den Schatten verfolgt, die +Fliege beknurrt, alles um sich und über sich nur auf das eine tolle +Drängen bezieht und die ganze Welt für vergiftet hält, während es bloß +seine armen Gedärme sind, so hätten wir ein anschauliches Bild von dem +Zustand des bedauernswerten Mannes. Sein Dämon schmiedete ihn fest an +den Jüngling; es wurde ihm vor allen Dingen wichtig, »dahinterzukommen«; +er hätte ein paar Jahre seines Lebens hergegeben, wenn er dadurch +geschwind zu der Kenntnis gelangt wäre, was »dahintersteckte«. + +Um acht Uhr kam der Polizeileutnant zu Besuch; er war schlecht gelaunt, +denn er hatte letzte Nacht im Kasino fünfundsechzig Gulden beim Pharao +verloren und war das Geld noch schuldig. Gegen Caspar zeigte er sich +auffallend freundlich; er fragte ihn aus, was er mit dem Präsidenten +gesprochen, nahm aber den getreuen Bericht des Jünglings, als zu +belanglos, mit Mißtrauen auf. + +»Ja, unser guter Freund ist recht zurückhaltend,« beklagte sich Quandt; +»ich wußte gar nichts von dem Einbruch beim Präsidenten, und mit Müh und +Not, daß er überhaupt davon erzählt hat. Wissen Sie Näheres, Herr +Polizeileutnant? Hat man schon Spuren?« + +Hickel erwiderte gleichmütig, man habe bei Altenmuhr einen verdächtigen +Landstreicher aufgegriffen. + +»Was doch alles vorgeht!« rief Quandt; »welche Frechheit gehört dazu, +das Oberhaupt der Behörde zum Opfer eines solchen Anschlags zu machen!« +Insgeheim aber räsonierte er: recht so; das wird den Unantastbarkeitswahn +der Exzellenz ein bißchen erschüttern; recht so; auch von den Spitzbuben +können die großen Herren mitunter eine nützliche Lehre empfangen. + +»Es sollte mich sehr wundern,« sagte Hickel mit vornehm geschlossenen +Lippen -- eine Finesse, die er dem Lord Stanhope abgeguckt --, »wenn diese +Geschichte nicht wieder irgendwie mit unserm Hauser zusammenhinge.« + +Quandt machte große Augen, dann schaute er schräg auf Caspar, dessen +erschrockener Blick dem seinen entglitt. + +»Ich habe Gründe zu einer solchen Vermutung,« fuhr Hickel fort und +starrte die blankgescheuerten Nägel seiner roten Bauernhände an; diese +Hände flößten Caspar stets einen namenlosen Widerwillen ein; »ich habe +Gründe und werde vielleicht seinerzeit damit herausrücken. Der Staatsrat +selber ist gescheit genug, um zu wissen, was die Glocke geschlagen hat. +Aber er will's nicht Wort haben, es ist ihm nicht geheuer dabei zumut.« + +»Nicht geheuer zumut? Was Sie sagen!« versetzte Quandt, und ein +angenehmes Gruseln lief ihm über den Rücken. Auch die Lehrerin hörte mit +dem Strümpfestopfen auf und sah neugierig von einem zum andern. + +»Ja ja,« fuhr Hickel fort und lächelte den Lehrer mit seinen +gelbblinkenden Zähnen an, »sie haben ihm dort unten in München gehörig +eingeheizt, und er trägt den Kopf bei weitem nicht mehr so +zuversichtlich. Meinen Sie nicht auch, Hauser?« fragte er und sah bald +Quandt, bald dessen Frau strahlend an. + +»Ich meine, es ist nicht in der Ordnung, daß Sie so vom Herrn Staatsrat +sprechen,« antwortete Caspar kühn. + +Hickel verfärbte sich und biß sich auf die Lippen. »Sieh mal an, sieh +mal an,« sagte er düster. »Haben Sie das gehört, Herr Lehrer? Schon unkt +die Kröte, es wird Frühjahr.« + +»Eine höchst unpassende Bemerkung, Hauser,« ließ sich Quandt zürnend +vernehmen. »Sie sind dem Herrn Polizeileutnant Ehrfurcht und +Bescheidenheit schuldig so wie mir. Gegen den Baron Imhoff oder den +Generalkommissär würden Sie sich so etwas nicht unterstehen, des bin ich +sicher. Und ein doppelt Gesicht, ein falsch Gesicht, heißt es. Ich werde +das dem Grafen schreiben.« + +»Echauffieren Sie sich nicht, Herr Lehrer,« unterbrach ihn Hickel, »es +lohnt sich nicht, man muß es seinem Unverstand zugut halten. Im übrigen +hab' ich gestern einen Brief vom Grafen bekommen;« er griff in die +Rockbrust und zog ein zusammengefaltetes Papier heraus. »Sie möchten +wohl gerne wissen, was er schreibt, Hauser? Na, gar so schmeichelhaft +ist es eben nicht für Sie. Der gute Graf macht sich Sorgen wie immer und +empfiehlt uns rücksichtslose Strenge, falls Sie nicht parieren.« + +Caspar machte ein ungläubiges Gesicht. »Das hat er geschrieben?« fragte +er stockend. + +Hickel nickte. + +»Er hat sich auch damals zu sehr geärgert über die Heimlichtuerei mit +dem Tagebuch,« sagte Quandt. + +»Das werd' ich ihm alles erklären, wenn er wiederkommt,« versetzte +Caspar. + +Hickel rieb den Rücken an der Ofenecke und lachte. »Wenn er wiederkommt! +Wenn! Wer weiß aber, ob er wiederkommt? Mir deucht, er hat nicht allzu +große Lust dazu. Glauben Sie denn, Sie Kindskopf, so ein Mann hat nichts +Besseres zu tun, als seine Zeit dahier zu versitzen?« + +»Er kommt wieder, Herr Polizeileutnant,« sagte Caspar mit +triumphierendem Lächeln. + +»Oho, oho!« rief Hickel, »das klingt ja allerdings verläßlich. Woher +weiß man denn das so genau?« + +»Weil er es versprochen hat,« entgegnete Caspar mit treuherziger +Offenheit. »Er hat heilig versprochen, in einem Jahr wieder da zu sein. +Am achten Dezember hat er's versprochen, sind also noch zehn Monate und +sechzehn Tage bis dahin.« + +Hickel sah Quandt an, Ouandt sah seine Frau an, und alle drei brachen in +Gelächter aus. »Im Rechnen scheint er sich ja geübt zu haben,« meinte +Hickel trocken. Dann legte er Caspar die Hand auf den Kopf und fragte: +»Wer hat Ihm denn die herrlichen Locken abgeschnitten?« + +Quandt erwiderte, Caspar habe es selbst gewünscht, nachdem er ihm +vorgestellt, daß es für einen erwachsenen Menschen nicht schicklich sei, +mit so einem Haarwald herumzulaufen. »Sie können jetzt schlafen gehen, +Hauser,« sagte er hierauf. + +Caspar reichte jedem die Hand und ging. Als er draußen war, öffnete +Quandt leise die Tür und lauschte. »Sehen Sie, Herr Polizeileutnant,« +flüsterte er Hickel bekümmert zu, »wenn er weiß oder annimmt, daß man +ihn hört, steigt er ganz langsam und bedächtig die Stiege hinan, wenn er +sich aber unbeachtet glaubt, da kann er wie ein Hase springen, gleich +über drei Stufen auf einmal. Ist's nicht so, Frau?« + +Die Lehrerin bestätigte es; und wieviel Umstände er einem mache, fügte +sie verdrossen hinzu; jetzt sei er sechs Wochen im Haus und habe +vierzehn Hemden in der Wäsche; immer müsse er herausgeputzt sein wie +eine Docke, und schon in aller Herrgottsfrüh fange er an, seine Kleider +zu bürsten. + +Sie setzte dem Polizeileutnant ein Gläschen Schnaps vor und ging ins +Nebenzimmer, um den Säugling zu stillen, der sich schreiend meldete. + +»Ja, es ist des Teufels mit ihm,« setzte Quandt das Lamento seiner +Gattin fort; »da hab' ich neulich einmal aus der 'Bayrischen +Deputiertenkammer' vorgelesen. Der Hauser stellt sich hinter mich, und +wie ich fertig bin, liest er den Titel der Zeitung halblaut für sich +hin, wie wenn ihn das Wort verwundere. Nun wird aber doch die 'Bayrische +Deputiertenkammer' in jedem anständigen Hause gelesen, nicht wahr? +Außerdem hat er Tag für Tag Gelegenheit gehabt, das Blatt auf unserm +Tisch zu sehen, und der Name konnte ihm unmöglich neu sein. Ich frage +also, ob er denn nicht wisse, was das sei, eine Deputiertenkammer. +Darauf sagt er mir mit seinem unschuldigsten Gesicht: das sei wohl ein +Zimmer, wo man Leute einsperre. Nun bitt' ich Sie um alles in der Welt, +das geht doch über den grünen Klee. Es muß schon ein Engel vom Himmel +herunterkommen, damit ich solche Ungereimtheiten auf Treu und Glauben +hinnehmen soll, und selbst dann getrau' ich mich noch zu bezweifeln, ob +es auch ein richtiger Engel ist und kein nachgemachter.« + +»Was wollen Sie,« antwortete der Polizeileutnant, »es ist alles +Schwindel, alles ist Schwindel.« Und indem er sich auf den gespreizten +Beinen hin und her wiegte, loderte in seinen Augen ein unbestimmter, +träger Haß. + +Alles Schwindel; ein Urteil, das sich nicht etwa bloß auf die +vorgetragene Anekdote bezog, sondern auf das ganze, ihm bis zum Ekel +gleichgültige Treiben der Menschen, sofern es nicht mit seinem +Wohlbehagen verknüpft war. Mochten sie sich einander die Köpfe abhacken, +mochten sie über Himmel und Hölle, um König und Land streiten, mochten +sie ihre Häuser bauen, ihre Kinder zeugen, mochten sie morden, stehlen, +einbrechen, schänden und betrügen oder sich ehrlich rackern und edle +Taten vollbringen, ihm war letzten Endes alles Schwindel, ausgenommen +der Freibrief für ein sorgenloses Dasein, den ihm die Gesellschaft nach +seiner Ansicht schuldig war. + +Der Ritter von Lang, der an Hickel wegen seines einschmeichelnden Wesens +Gefallen hatte, pflegte gern zu erzählen, wie Hickel einst mit seinem, +des Ritters, Sohn, einem jungen Doktor der Philosophie, über die +Landstraße gegangen und wie der junge Mann, gegen das ausgestirnte +Firmament deutend, angefangen habe, von den zahllosen Welten dort oben +zu reden; da habe Hickel mit seinem mokantesten Gesicht erwidert: »Ja, +glauben Sie denn im Ernst, Doktor, daß diese hübschen Lichterchen etwas +andres sind als eben -- Lichterchen?« + +Das war nicht etwa bloß Unbildung, sondern nur der Ausdruck jener +Überlegenheit, die in dem Worte gipfelte: alles Schwindel. + +Man wußte in der ganzen Stadt, daß Hickel über seine Verhältnisse lebte. +Es war sein Ideal, für einen Kavalier zu gelten, seine Leidenschaft, +elegant zu sein, auch besaß er die feinste Nase für die Echtheit und +Legitimität aller damit zusammenhängenden Dinge. Als vor einiger Zeit +seine Aufnahme in den vornehmen Beamtenklub strittig gewesen war, hatte +man lange gezögert, denn er war keineswegs beliebt und außerdem war er +von niedriger Abkunft, seine Eltern waren arme Kätnersleute in Dombühl; +schließlich hatte er seinen Wunsch mit Hilfe einiger erschlichener +Familiengeheimnisse durchgesetzt, mit denen er den betreffenden +Persönlichkeiten bange zu machen verstand. Der Hofrat Hofmann, sein +früherer Vorgesetzter, gab dem vorherrschenden Gefühl gegen ihn +bezeichnenden Ausdruck, indem er versicherte: »Er decouvriert sich +nicht; dieser Hickel decouvriert sich nicht.« In der Tat hatte es stets +den Anschein, als ob der Polizeileutnant mit etwas Gefährlichem im +Hinterhalt bleibe. + +Ausgezeichnet verstand er es, sich mit dem Präsidenten zu stellen. Er +durfte sich sogar erlauben, dem sonst so Unnahbaren gewisse Wahrheiten +zu sagen, die liebenswürdig oder sorgenvoll klangen, im Grunde aber +nichts waren als verzuckerte Bosheiten. Er besaß eine nicht zu leugnende +Geschicklichkeit im Erzählen amüsanter Histörchen und mancherlei +einlaufenden Stadtklatsches. Dies ergötzte Feuerbach und stimmte ihn für +vieles andre nachsichtig. »Rätselhaft,« sagten die Leute, »was der +Staatsrat an dem Hickel für einen Narren gefressen hat.« Jedenfalls fand +der Polizeileutnant stets williges Gehör bei Feuerbach, und mit +Schlauheit ließ er sich dafür gern gefallen, daß der Präsident in seiner +bärbeißigen Manier an ihm herum erzog, seinen leichtsinnigen Wandel +tadelte und seine schlechten Instinkte mit erstaunlichem Scharfblick +sozusagen in den Wurzeln entblößte. Ist es nicht wahrscheinlich, daß +gerade dies den Präsidenten verführte und verstrickte? Indem er so klar +die Leerheit und Düsterkeit dieser Seele durchschaute, hatte er sich +vielleicht schon zu vertraut gemacht mit ihr, um sie von sich stoßen zu +können. + +Hickel wußte den Präsidenten nach und nach zu überreden, daß man Caspar +nicht so frei wie bisher herumgehen lassen dürfe, und es wurde als +Wächter ein alter Veteran bestellt, der einen Stelzfuß hatte und +einarmig war. Dieser Wackere faßte seine neue Obliegenheit sehr +gewissenhaft auf und folgte Caspar auf Schritt und Tritt zum Gelächter +der Gassenjugend. Der Polizeileutnant hatte richtig spekuliert, wenn die +so fürsorglich aussehende Maßregel dazu dienen sollte, die +Bewegungsfreiheit des Jünglings möglichst zu hemmen. Es gab Beschwerden +über Beschwerden, bald von Quandt, bald von Caspar, bald von dem +Invaliden, den Caspar nicht selten überlistete, indem er sich heimlich +davonstahl. + +Er klagte dem Pfarrer Fuhrmann, bei dem er Religionsunterricht empfing, +seine Not; dieser ihm wohlgesinnte Greis ermahnte ihn zur Geduld. »Was +soll es nutzen, geduldig zu sein!« rief Caspar trotzig, »wird ja doch +immer schlechter!« + +»Was es nutzen soll?« versetzte der Pfarrer mild. »Was nutzt es Gott, +daß er unserm unsinnigen Treiben zuschaut! Durch Geduld führt er uns zum +Guten. Geduld bringt Rosen.« + +Dennoch wandte sich Pfarrer Fuhrmann an den Präsidenten, und dieser +versprach Abhilfe, ohne jedoch vorläufig etwas zu unternehmen. Die +jährliche Inspektionsreise durch den Bezirk entfernte ihn für drei +Wochen aus der Stadt; als er zurückgekehrt war, ließ er eines Tages den +Polizeileutnant auf sein Arbeitszimmer rufen. »Hören Sie mal, Hickel,« +redete er ihn an, »Sie sind doch in der hiesigen Gegend ziemlich gut +bekannt? Schön. Haben Sie mal etwas über das Falkenhaus gehört?« + +»Gewiß, Exzellenz,« antwortete Hickel. »Das sogenannte Falkenhaus ist +ein uraltes markgräfliches Jagdschlößchen im Triesdorfer Wald.« + +»Stimmt. Das Objekt interessiert mich schon seit einiger Zeit. Ich habe +Nachforschungen eingezogen und habe folgendes erfahren. Das Falkenhaus +hat bis vor ungefähr vier Jahren als Försterwohnung gedient, und zwar +hat der letzte Förster jahrzehntelang mutterseelenallein dort gelebt. +Der Mann hat nie mit irgendeinem Menschen verkehrt, ist nie in einem +Wirtshaus gesehen worden und hat seine Einkäufe in den umliegenden +Dörfern selbst besorgt. Eines Tages ist er plötzlich verschwunden +gewesen, und ein verabschiedeter Gendarm soll ihn im Schwäbischen als +Besitzer oder Verwalter eines Gutshofs wiedergesehen haben. Ich bin auch +dieser Spur nachgegangen, und es hat sich herausgestellt, nicht nur, daß +es damit seine Richtigkeit hat, sondern auch, daß der Mann im Oktober +1830 des Nachts in seinem Bett ermordet worden ist.« + +»Davon ist mir nichts bekannt. Ich weiß nur, daß das Falkenhaus verödet +und unbewohnt ist und daß im Volk allerlei gespensterhaftes Zeug über +die unheimliche Einsiedelei erzählt wird.« + +»Richten Sie jedenfalls Ihr Augenmerk darauf,« sagte der Präsident; »am +besten, Sie senden einen ortskundigen Mann hin, der sorgfältige +Erhebungen einziehen soll.« + +»Zu Befehl, Exzellenz. Darf ich fragen, um welchen Fall es sich dabei +handelt?« + +»Es handelt sich um Caspar Hauser und seine Gefangenschaft.« + +»Ah!« Hickel räusperte sich und machte eine Verbeugung, Gott weiß warum. + +»Ich glaube mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen, daß das Falkenhaus die +Stätte seiner grausamen Kerkerhaft ist. Es war mir schon seit den ersten +Erzählungen Caspars über die Art seiner Wanderung mit dem Unbekannten +zweifellos, daß der Ort in Franken selbst, nicht allzu weit von Nürnberg +oder Ansbach zu suchen sei. Nun haben mich die Spuren zum Falkenhaus +geführt.« + +»Wahrscheinlich brauchen Eure Exzellenz dieses Indizium zu der Schrift +über den Hauser,« bemerkte Hickel schmeichelnd. + +»So ist es.« + +»Und soll die Veröffentlichung des Werks noch in diesem Jahr vor sich +gehen? Exzellenz verzeihen meine Neugier, aber ich bin ja herzlich +interessiert bei der Sache.« + +»Sie fragen mich zu viel, Hickel. Lassen Sie das. Da ist ein Briefchen +für den Hofrat Hofmann, geben Sie es draußen zur Beförderung. Ich will +mit dem Hofrat und Caspar morgen nach Falkenhaus fahren. Benachrichtigen +Sie den Hauser, daß er sich bereithält, erwähnen Sie aber beileibe +nichts von dem Zweck der Fahrt.« + +Zur festgesetzten Stunde fand sich Caspar ein und sah sich alsbald zu +seiner Verwunderung in der bequemen Kalesche gegenüber dem Präsidenten +und dem Hofrat sitzen. In selten unterbrochenem Schweigen ging es durch +die sonnige Frühlingslandschaft. + +Sie langten an. Ein Gang durch das verlassene Waldhaus und die +eingehende Prüfung seiner Lokalitäten brachte nicht den geringsten +Aufschluß. War ein unterirdischer Raum zu jenem fürchterlichen Gebrauch +vorhanden gewesen, so hatte der einstige Bewohner ihn sicherlich +verschüttet, und die Zeit hatte alle Merkmale unsichtbar werden lassen. + +Da entdeckte das scharf umhersuchende Auge des Präsidenten im Freien +neben dem rechten Trakt des Gebäudes eine sonderbar gestaltete Erdgrube. +Die Anzeichen ließen darauf schließen, daß sich vordem ein Holzschuppen +oder dergleichen darüber erhoben hatte, denn ringsum lagen noch +vermorschte Bretter und Balken und rissige Schindeln. Es führten sieben +in den Sand geschlagene und schon verfallene Stufen hinab, und unten war +die seltsam geglättete Erde von gelblichem Moos bedeckt. + +Feuerbach verfärbte sich, als er dieses sah. Nach langem Versunkensein +stieg er hinunter, betastete einige Stellen der Wände, bückte sich in +einer Ecke auf den Boden, alles dies finster und wortlos. Als er wieder +heraufkam, sah er Caspar durchdringend an. Der aber stand ruhig da und +ließ den unwissenden Blick in die Tiefen des Forstes schweifen. Ahnt er +nichts? dachte Feuerbach; ahnt er nicht, worauf sein Fuß tritt? Weckt +ihn kein Hauch der Vergangenheit? Sprechen die Bäume nicht zu ihm? +Verrät ihm die Luft nichts? Und da es nicht so scheint, darf ich mich +unterfangen, mit einem Ja oder Nein die schauerliche Ungewißheit zu +entscheiden? + +Der Wagen hielt an der Heerstraße draußen. Beim Rückweg durch den Wald +blieb Caspar, den plötzlich eine unbesiegbare Schwermut überfallen +hatte, die ihn zu langsamem Gehen zwang, ein großes Stück hinter den +beiden Männern. + +Der Hofrat Hofmann benutzte die Gelegenheit, um dem Präsidenten seine +vernunftgemäßen Zweifel mitzuteilen. »Ich möchte nur eines wissen,« +sagte er mit verkniffenem Gesicht, »ich möchte wissen, warum man den +Menschen, wenn er wirklich so lange in Gefangenschaft geschmachtet +hatte, auf einmal freiließ, und nicht nur das, sondern mitten in eine +große Stadt gebracht hat, wo er das ungeheuerste Aufsehen erregen, also +notwendigerweise seine Peiniger verraten mußte. Eine solche Logik will +mir nicht einleuchten.« + +»Mein Gott, dafür lassen sich mancherlei Erklärungen denken,« erwiderte +der Präsident ruhig; »entweder man war seiner überdrüssig geworden; ihn +länger zu beherbergen war mit Schwierigkeit, ja mit Gefahr verknüpft; +sein Kerkermeister konnte den Auftrag erhalten haben, ihn zu töten, +faßte jedoch in einer begreiflichen Regung des Erbarmens oder der +Anhänglichkeit oder der Furcht den Entschluß, ihn auf andre Art +verschwinden zu lassen, und wo konnte das mit mehr Aussicht auf Erfolg +geschehen als gerade in einer großen Stadt? Man dachte sich die Sache +so: der Rittmeister Wessenig, dem mitgegebenen Schreiben folgend, steckt +ihn unter die Soldaten; dort gibt es der Analphabeten und Halbidioten +die Menge, dort wird er nicht weiter auffallen, vermeinte der Verbrecher +in einem Optimismus, der freilich nur von seiner eignen Unbildung +zeugt. Als aber die Dinge einen ganz andern Weg nahmen, bekam er's mit +der Angst, teilte sich, mußte sich denen mitteilen, welche die Fäden von +Anfang an in der Hand hielten, und diese mußten zusehen, wie sie den +furchtbarsten Zeugen ihrer Schuld wieder unschädlich machen konnten, der +nun, geschützt von einer Welt, ihnen als Auferstandener gegenübertrat.« + +»Sehr fein, sehr fein,« murmelte der Hofrat beifällig, ohne merken zu +lassen, daß er keineswegs überzeugt war. + +Spät nachmittags kamen sie in die Stadt zurück. Caspar trennte sich von +den Herren und ging heimwärts. Auf dem Promenadeweg begegnete er Frau +von Imhoff. Sie begrüßte ihn und fragte, warum er sich so lange nicht +bei ihr sehen lasse. + +»Hab' keine Zeit, hab' viel zu arbeiten,« antwortete Caspar, doch mit so +verlegenem Gesicht, daß die kluge Dame merkte, dies könne nicht der +wahre Grund sein. Sie unterließ es aber, ihn auszuforschen, und fragte +ablenkend, ob er sich auch des Frühlings recht erfreue. + +Caspar schaute in die Luft und in die Kronen der Ulmen, als habe er den +Frühling bis jetzt übersehen, und schüttelte den Kopf. Gern hätte er +vieles gesagt, das Herz war ihm voll, übervoll, doch auf der Zunge lag +es wie ein Stein, und er hatte nicht das Gefühl, daß diese Frau, so +freundlich sie sich auch gab, wirklich für ihn aufgelegt sei. Was kann +es nutzen? dachte er. + +»Ich habe Ihnen einen Gruß zu bestellen,« sagte sie dann beim Abschied +und nachdem sie ihn für den Sonntag zu Tisch gebeten hatte; »erinnern +Sie sich noch der Geschichte meiner Freundin, die ich am Abend, als Lord +Stanhope bei uns war, erzählt habe? Die läßt Sie grüßen. Und ein Gruß +bedeutet bei ihr viel.« + +»Wie heißt die Frau?« fragte Caspar, genau wie damals, nur nicht +lächelnd und froh, sondern zerstreut. + +Frau von Imhoff lachte; diese Wißbegier nach einem Namen erschien ihr +komisch. »Kannawurf heißt sie, Clara von Kannawurf,« antwortete sie +gutmütig. + +Ganz hübsch, daß sie mich grüßen läßt, dachte Caspar, während er seinen +Weg fortsetzte, aber was kann es nutzen? Was soll's mir nutzen? + + + + +Quandt begibt sich auf ein heikles Gebiet + + +Kaum war Caspar zu Haus in die Wohnstube getreten, so merkte er, daß +etwas Besonderes los sein mußte. Quandt saß am Tisch und korrigierte mit +finsterer Miene die Schülerhefte, die Lehrerin wiegte den Säugling auf +den Knien und erwiderte, dem Beispiel ihres Mannes folgend, seinen +Abendgruß nicht. Die Lampe war noch nicht angezündet, ein scharlachner +Abendhimmel flammte durch die Fenster, und als Caspar seinen Hut +aufgehängt, ging er wieder hinaus in den Hof. Dort spielte das +vierjährige Söhnchen des Lehrers mit Schussern, Caspar setzte sich +daneben auf die Steinbank; nach einer Weile erschien Quandt, und kaum +hatte er die beiden beieinander gesehen, als er hineilte, das Kind bei +der Hand ergriff und es rasch wie von einem mit ansteckender Krankheit +Behafteten wegführte. + +Caspar folgte alsbald dem Lehrer ins Haus. Doch Quandt war nicht im +Zimmer, und er traf die Frau allein. »Was gibt es denn bei uns, Frau +Lehrerin?« fragte er. + +»Na, wissen Sie denn nicht?« versetzte die Frau befangen. »Haben Sie +denn nichts davon gehört, daß sich die Magistratsrätin Behold zum +Fenster heruntergestürzt hat? Es steht in der Nürnberger Zeitung heut.« + +»Heruntergestürzt?« flüsterte Caspar aufgeregt. + +»Ja; vom Dachboden ihres Hauses hat sie sich in den Hof gestürzt und den +Kopf zerschmettert. Die ganze letzte Zeit her soll sie sich wie eine +Verrückte aufgeführt haben.« + +Caspar wußte nichts zu sagen; seine Augen erweiterten sich, und er +seufzte. + +»Es scheint Ihnen ja nicht besonders nahezugehen, Hauser,« ließ sich +plötzlich die Stimme Quandts vernehmen, der leise hereingetreten war, +als er die beiden sprechen gehört hatte. + +Caspar wandte sich um und sagte traurig: »Sie war ein schlechtes Weib, +Herr Lehrer.« + +Quandt stellte sich dicht vor ihn hin und rief schneidend: »Unseliger, +der du dich nicht entblödest, das Andenken einer Toten zu besudeln! Das +soll Ihnen unvergessen bleiben! Nun haben Sie Ihre schwarze Seele +enthüllt! Pfui, pfui, sage ich, und abermals pfui! Gehen Sie mir aus den +Augen! Fällt es Ihnen denn nicht aufs Herz, daß die Hingegangene am Ende +vielleicht durch Sie, durch den Kummer über den erlittenen Undank zu +einer solchen Tat getrieben wurde? Ahnen Sie das nicht? Freilich, ein +Selbstsüchtling wie Sie schert sich wenig um die Leiden andrer Menschen, +ihm ist nur das eigne Wohlergehen wichtig.« + +»Mann, Mann, beruhige dich doch,« mischte sich die Lehrerin ein mit +einem scheuen Blick auf Caspar, der aschfahl geworden war und mit völlig +geschlossenen Augen dastand, während er die Fingerspitzen seiner Hände +gegeneinander gelegt hatte. + +»Du hast recht, Frau,« erwiderte Quandt, »ich vergeude meine Entrüstung +an taube Ohren. Was kann an einem Menschen noch zu bessern sein, der +selbst dem Tod gegenüber nicht ein bißchen Andacht und Demut aufbringt? +Da ist Hopfen und Malz verloren.« + +Als Caspar in sein Zimmer kam, glänzte noch die letzte Glut des +Sonnenuntergangs über den Hügeln. Er setzte sich ans Fenster, nahm einen +der Blumentöpfe zur Hand und schaute darauf nieder. Die Stengel in den +Hyazinthenkelchen schüttelten sich, und ihm war, als vernehme er fernes +Geläute. Er wünschte sich das Angesicht einer Blume, um keinen Blick +eines Menschenauges erwidern zu müssen. Oder er wünschte wenigstens sich +im Schoß einer Blume bergen zu können, solange bis das Jahr vorüber war, +von dessen Wende er so vieles hoffte. Dort könnte man stille sein und +warten. + +In den nächsten Tagen wurde der Magistratsrätin keine Erwähnung getan, +Quandt vermied es sorgfältig, den Namen der Frau Behold zu nennen. Um so +mehr war er überrascht, als Caspar selbst davon anfing; am Samstag beim +Mittagessen sagte er plötzlich, es gereue ihn, was er über die Tote +gesagt, er sehe ein, daß es unrecht sei, eine Verstorbene anzuklagen. + +Quandt horchte hoch auf. Aha, dachte er, sein Gewissen regt sich! Aber +er entgegnete nichts, sondern verzog nur das Gesicht, als wolle er +sagen: Lassen wir das, ich weiß mein Teil. Doch stach ihn die Galle, und +während sie alle drei schweigend die Suppe löffelten, konnte er sich +nicht enthalten zu sagen: »Sie müßten sich doch eigentlich bis in den +Fußboden hinein schämen, Hauser, wenn Sie an Ihr Benehmen gegen die +unschuldige Tochter der Magistratsrätin denken.« + +»Wieso?« versetzte Caspar verwundert. »Was hab' ich denn getan?« + +»Ei, wollen Sie auch jetzt noch das Lämmchen spielen?« antwortete der +Lehrer abschätzig. »Gottlob hab' ich alles schriftlich und eigenhändig +von der Seligen, da hilft kein Leugnen.« + +Caspar staunte unruhig vor sich hin. Er fragte wieder, da ging Quandt +zum Sekretär, holte aus einer Schublade den Brief der Frau Behold hervor +und las, neben Caspar stehend, mit dumpfer Stimme vor: »Ist viel Gerede +gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem +Dahergehörigen. Auch hierüber kann ich ein Wörtlein melden, denn ich +hab's mit meinen eignen Augen gesehen, wie er sich meiner damals +dreizehnjährigen Tochter ... unziemlich und unmißverstehlich näherte.« + +Caspar begriff allmählich. Langsam legte er Löffel und Brot beiseite, +und der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Seine Augen wurden ganz +dunkel, er erhob sich, rief mit jammernder Stimme: »Ach, diese Menschen, +diese Menschen!« und stürzte hinaus. + +Das Ehepaar sah einander an. Die Lehrerin legte die Hand breit auf das +Tischtuch und sagte nachdrücklich: »Nein, Quandt, ich kann's nicht +glauben. Da muß sich die selige Rätin geirrt haben. Er weiß doch nicht +mal, was eine Frau ist.« + +Auch Quandt war gerührt. »Das eben steht dahin, das wäre zu beweisen,« +meinte er kopfschüttelnd. »Du bist leichtgläubig, meine Gute. Ich +erinnere dich nur daran, daß er bei der Geburt unsers Mädchens zu meiner +Befremdung wie ein gereifter Mann über die Sache sprach. Es war mir das +gleich enorm verdächtig. Immerhin gebe ich zu, daß Frau Behold in dem +Brief zu weit gegangen sein mag und daß ich mich infolgedessen zu einer +Übereilung habe hinreißen lassen. Aber ich muß dahinterkommen, wie weit +seine Wissenschaft in dem Punkte geht, denn an sein Kindergemüt, das +weißt du, glaub' ich nun einmal nicht.« + +»Du mußt ihn wieder versöhnen, Quandt, es war zu arg, das da,« sagte die +Lehrerin. + +Quandt machte eine bedenkliche Miene. »Versöhnen? Ja, gut; ich will's +gern tun. Aber er ist dann immer so lieb und anschmiegsam, daß man ihm +schwer widerstehen kann, und dadurch wird das objektive Urteil getrübt. +Ich werde morgen einmal mit dem Pfarrer Fuhrmann über das Thema +sprechen.« + +Gesagt, getan. Doch leider zeigte Quandt bei diesem Anlaß die +Umständlichkeit einer alten Jungfer und umschrieb das, was er sagen +wollte, mit blühenden Redefiguren, als ob zwischen Mann und Weib nur +Beziehungen ätherischer Art wären, die zuweilen unglücklicherweise in +den Staub gezogen und befleckt würden durch beleidigende, aber nicht +auszurottende Zwischenfälle. + +Der geistliche Herr mußte lächeln. Nach einigem verwunderten Nachdenken +antwortete er, er habe an Hausers Charakter nach dieser Richtung etwas +Anstößiges nicht im geringsten beobachtet, Caspar scheine ihm in allem, +was das Verhältnis der Geschlechter betreffe, noch ein vollständiges +Kind. Zum Beweis dessen erzählte er dem Lehrer, daß Caspar vor ungefähr +einem Monat beim Lesen einer Bibelstelle, die ihm aufgefallen war und +die er ihm so gut es ging erklärt, mit schönem Zaudern von einer +gewissen wiederkehrenden Beunruhigung gesprochen habe, einem Zustande, +der ihn sicherlich schon oft bedrängt und für dessen Deutung er nirgends +eine vertrauende Ansprache gefunden. Der alte Mann versicherte, daß ihm +die Art und Weise, wie Caspar dies vorgebracht, unvergeßlich sein werde, +es habe wie ein ahnungsloser Vorwurf gegen die Natur geklungen, die +etwas mit ihm anstellte, wogegen er sich nicht wehren könne. + +Quandt ließ sich kein Wort entgehen. Er sah das mit ganz andern Augen +an. Er erblickte darin die Merkmale einer verderbten Phantasie. Doch +äußerte er von seiner Ansicht gegen den Pfarrherrn nichts, sondern begab +sich in stillem Vorbedacht nach Hause, legte sich emsig auf die Lauer +und paßte die Gelegenheit ab. + +Am Tag darauf sollte Caspar bei Imhoffs essen, er kam aber wieder +zurück, denn die Baronin war krank und lag zu Bett. Beim Abendtisch kam +das Gespräch darauf, und da Quandt sein Bedauern ausdrückte, sagte +Caspar: »Ach, die wird vielleicht nie mehr ganz gesund.« + +»Was reden Sie da, Hauser,« fiel die Lehrerin ein, »so eine junge Frau, +so reich und so schön.« + +»Ach,« entgegnete Caspar wehmütig, »Reichtum und Schönheit tun's nicht. +Die hat sich schon zu sehr hinuntergegrämt.« + +»Ja, hat sie denn ihren Kummer am Ende Ihnen anvertraut?« forschte +Quandt ungläubig. + +Caspar beantwortete die Frage nicht und fuhr wie zu sich selbst redend +fort: »Nichts fehlt ihr auf der Welt, nur der Mann ist nicht wie er sein +sollte, hat andre lieber. Warum? Er ist doch sonst so gescheit! Aber +wenn sich die Frau auch zu Tod betrübt, deshalb wird es nicht besser. +Und die Leute hinterbringen ihr alles; ich hab' ihr gesagt, das sind +keine Freunde, die Ihnen solches Zeug erzählen, wahre Freunde sind das +nicht.« + +»Hm,« machte Quandt und schaute eigentümlich lächelnd auf seinen Teller. +Er besiegte sein Schamgefühl und fragte mit gezwungener Leichtigkeit, ob +denn Herr von Imhoff in neuerer Zeit seiner Frau wieder Anlaß zur Sorge +gegeben habe, seines Wissens habe doch erst im März eine Versöhnung +stattgefunden. + +»Ja, freilich hat er Anlaß gegeben,« versetzte Caspar unbefangen, »es +ist ja wieder ein Kind von ihm da.« + +Quandt erschrak. Da haben wir's, dachte er. Und so hart es ihn auch +ankam, er beschloß, Caspar gleich auf den Zahn zu fühlen. Er wechselte +mit seiner Frau einen Blick des Einverständnisses und bat sie, sie solle +nach den Kindern schauen. Als nun die Frau das Zimmer verlassen hatte, +wandte sich der Lehrer, blaß und aufgeregt durch die Schwierigkeit +seines Vorhabens, an Caspar und fragte ihn unvermittelt, ob er schon +einmal mit einem Frauenzimmer etwas gehabt habe, es lägen verschiedene +Mutmaßungen vor, und Caspar möge offen wie mit einem Vater zu ihm reden. + +Diese Worte stimmten Caspar dankbar; er sah in ihnen ein Zeichen von +Teilnahme, obgleich er ihren Sinn und Zweck nicht verstand, sondern bloß +das trübe Element, aus dem sie stiegen, furchtsam ahnte. + +Er überlegte. »Mit einem Frauenzimmer? Ja wie?« murmelte er. + +»Meine Frage ist doch deutlich, Hauser; stellen Sie sich nicht so +kindisch.« + +»Ja, ich versteh' schon,« sagte Caspar eilig, um die gute Laune des +Lehrers nicht zu verscherzen; »und da ist auch was gewesen.« + +»Na, nur heraus damit! Nur Mut!« + +Und harmlos begann Caspar zu erzählen: »So vor ungefähr sechs Wochen +hab' ich meinen Sonntagsanzug zur Putzerin in die Uzensgasse getragen. +Sie wissen doch, Herr Lehrer, es ist das kleine Haus neben dem Bäcker. +Wie ich hingekommen bin, war der Laden versperrt, da bin ich hinauf in +die Wohnung gegangen und hab' an die Tür geklopft. Da hat mir ein junges +Mädle aufgemacht und war im Nachtkleid, weiter hat sie nichts am Leib +gehabt, die ganze Brust hat man sehen können, es war scheußlich. Sie hat +mir die Sachen abgenommen und hat gesagt, sie wollt' es der Putzerin +ausrichten. Ich war immer noch vor der Tür. Komm nur herein, sagt sie. +Da bin ich hinein und frage, was sie will. Da hat sie angefangen vor mir +herumzutänzeln, hat gelacht und sonderliches Zeug geredet, hat mich +gefragt, ob ich ihr Bräutigam sein will, und zuletzt --« er zögerte +lächelnd. + +»Zuletzt? Was zuletzt?« fragte Quandt, indem er den Kopf weit vorbeugte. + +»Zuletzt hat sie verlangt, ich soll ihr einen Kuß geben.« + +»Nun, und?« + +»Da hab' ich ihr gesagt, dazu soll sie sich einen andern wünschen, ich +versteh' mich nicht aufs Schmatzen.« + +»Und weiter?« + +»Weiter? Weiter war nichts. Ich bin dann fortgegangen und sie hat mir +vom Fenster aus nachgeschaut.« + +»Wie konnten Sie denn das bemerken?« + +»Weil ich mich umgedreht hab'.« + +»Soso. Umgedreht. Wie heißt die Person?« + +»Das weiß ich nicht.« + +»Das wissen Sie nicht? Hm. Und ... ein zweites Mal waren Sie nicht +dort?« + +Caspar verneinte. + +»Schöne Geschichten,« murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum +Himmel. + +Er spürte vorsichtig nach. Er erfuhr, daß bei jener Putzmacherin +wirklich ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne. Der +Erzählung Caspars noch näher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die +Rücksicht auf seinen Ruf, hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen, +daß der Jüngling an der ganzen Begebenheit so unschuldig nicht sein +konnte, als er sich anstellte; denn, so argumentierte er, zu einem +derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen Geschöpfs kann nur +ein Mensch Anlaß geben, dem eine gewisse moralische Unzulänglichkeit auf +der Stirn geschrieben steht. + +Ja, wenn er nicht lügen würde, dann wäre alles anders, dachte Quandt; +aber er lügt, er lügt, und das ist das Fürchterliche. Hat er mir nicht +erzählt, die Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter +Taschentücher geschenkt? Kein Wort wahr. Hat er nicht behauptet, er +kenne den Ministerialrat von Spieß und habe im Schloßtheater mit ihm +gesprochen? Lüge. Hat er nicht dem Musikus Schüler weisgemacht, er habe +die Idyllen von Geßner gelesen, und als ich ihn danach fragte, wußte er +kein Wort darüber zu sagen, wußte nicht einmal, was eine Idylle ist? +Gibt er nicht immer vor, dringende Besorgungen zu haben, einmal für den +Präsidenten, das andre Mal für den Hofrat, und später zeigt es sich, daß +er bloß herumgebummelt ist, um einen neuen Schlips spazierenzutragen? +Steht das nicht alles fest, oder bin ich selbst so dumm und so +ungerecht, daß ich diesen Dingen eine Bedeutung zumesse, die niemand +sonst darin finden kann? + +Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt für Punkt +die verdammenswerten Vergehungen vor. + +»Sehen Sie denn nicht, lieber Quandt,« sagte darauf der Pfarrer, »daß +das lauter armselige, kleine Lüglein sind, kaum daß sie den Namen +verdienen? Es ist das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre +Ohnmacht bemitleidenswerte Anstrengung, Fesseln abzustreifen, oder gar +nur das harmlose Vergnügen an einem Wort, an einer Redensart. Vielleicht +spielt er nur mit seiner Zunge, wie er andre Menschen damit spielen +sieht, nur eben viel ungeschickter.« + +»So?« ereiferte sich Quandt, »dann will ich Ihnen, Hochwürden, eine +Geschichte erzählen, die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt. +Hören Sie zu. Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter +mit abgebrochener Handhabe; sie zeigt es meiner Frau, meine Frau macht +mich darauf aufmerksam, und ich konstatiere, daß der Henkel nicht +abgebrochen, sondern abgeschmolzen ist; das Rohr war bis ganz hinunter +von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von außen rötlichblau +überflammt, in der Schale konnte man deutlich sehen, wie hoch das +zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt +war; von der ganzen Kerze, die Hauser den Abend zuvor erhalten, war +keine Spur mehr da. Nun müssen Sie wissen, daß ich ihm streng verboten +hatte, bei Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten; trotzdem wollte ich +ihn schonen und ließ ihn nur durch meine Frau verwarnen. Aber da leugnet +er plötzlich alles ab, versichert, daß er die Kerze weder wissentlich +habe verbrennen lassen, noch dabei eingeschlafen sei und erkühnt sich am +Ende zu der Behauptung, es sei gar nicht sein Leuchter, sondern der der +Magd, denn beide sähen gleich aus. Was sagen Sie dazu?« + +Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Wir dürfen doch nicht vergessen, daß er +trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist,« erwiderte er +nachdenklich. »Ich habe mich selbst davon überzeugt. Ich besitze eine +kleine Elektrisiermaschine, mit der ich manchmal ein bißchen +experimentiere. Neulich nahm ich das Ding vor, während Caspar dabei war, +ließ die Funken springen und lud die Leidener Flasche. Da wird mir der +arme Mensch bleich und zusehends bleicher, fängt zu zittern an, spreizt +die Finger starr von sich und sein Körper zuckt wie ein Hecht, den man +auf den Sand wirft. Ich war sehr erschrocken und räumte das Zeug +beiseite, worauf er wieder in seinen gewöhnlichen Zustand zurückkehrte. +Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher, wie er mir gestand; +wenn er im Bette lag, hatte er kalten Schweiß, und die Dinge, die er +anfühlte, stachen ihn wie mit winzigen Nadeln. Bezeichnenderweise sagte +er, beim Gewitter sei ihm jedesmal ähnlich, da kitzle ihn und brenne ihn +das Blut, daß er immerfort schreien möchte.« + +»Und daran glauben Sie?« rief Quandt, die Hände zusammenschlagend. + +»Ja, warum denn nicht?« + +»Nun, wenn Sie daran glauben, befinde ich mich allerdings in einem +großen Nachteil gegen den Menschen, das muß ich zugeben,« sagte Quandt. +»Das muß ich zugeben,« wiederholte er bekümmert. + +So ist es immer, dachte der Lehrer auf dem Nachhauseweg; erst wird +entschuldigt und beschönigt, und wenn man seine triftigen Gründe +vorbringt, werden die Achseln gezuckt, und man tischt einem Histörchen +auf, die nicht gestogen und geflogen sind, und von denen sich kein Jota +beweisen läßt. Was für ein Satan steckt doch in dem Burschen, daß er +überall Neigung und Teilnahme zu erwecken versteht, wo er sich auch +zeigen mag! Daß kein Mensch seine Laster sehen will und ganz fremde +Leute, darauf versessen, ihn kennen zu lernen, das windigste Entzücken +äußern und ihn verhätscheln, als ob sie verzaubert wären, als ob er +ihnen ein Liebestränkchen eingegeben hätte! + +Das erbitterte Quandt. Er sagte sich: nehmen wir an, ich träte unter +unbekannte Menschen und gäbe vor, der Heilige Geist oder sein Apostel zu +sein oder spielte mich als Wundertäter auf, und es fiele dem oder jenem +bei, ein wirkliches Wunder zu verlangen, und ich müßte zugeben, es sei +die blanke Spiegelfechterei, was würde da passieren? Man würde mich ins +Narrenhaus stecken oder mit Prügeln traktieren; ja, das würde man, wenn +ich auch noch so ein Engelsgesicht aufsetzte, das würde man, und mit +Recht; nicht aber würde man mich mit Geschenken überhäufen und mich +anhimmeln und meine schönen Augen und weißen Hände bewundern und mir +Haare zum Andenken abschneiden, wie ich das, Gott sei's geklagt, von +einer verblendeten Menschheit hier erleben muß. + +Aus einem Selbstgespräch solcher Art geht klar hervor, wieviel +Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkämpfe dem Lehrer aus dem Umgang +mit seinem Zögling erwuchsen. + +Und was war früher mit ihm? grübelte Quandt. Wo kommt er eigentlich her? +Dahinter müßte doch zu kommen sein. Wie hat er sich das alles +zurechtgelegt, womit er die Dunkelmänner betört? Ja, das ist eben das +Geheimnis, sagen die Dunkelmänner. Geheimnis? Es gibt kein Geheimnis; +ich verwerfe das Geheimnis. Die Welt von oben bis unten ist ein klares +Gebilde, und wo die Sonne scheint, verstecken sich die Eulen. Gäbe mir +nur der Herrgott einen Wink, wie ich dieser diabolischen +Verstellungskunst zu Leibe gehen könnte! Man müßte einmal ernstlich +zusehen, wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt. +Das Tagebuch scheint zu existieren, es scheint damit seine Richtigkeit +zu haben, abgesehen von allem Geflunker; vielleicht ist es eine Art +Beichtgelegenheit für ihn; man muß dahinterkommen. + +Die Begebenheiten halfen Quandt, rascher dahinterzukommen, als er +gehofft. + + + + +Eine Stimme ruft + + +Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen +an ihn, den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde für Caspar +bestimmten Brief des Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jüngling +klipp und klar befahl, das Tagebuch an Hickel auszuliefern. + +Caspar überlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er +weigerte sich zu gehorchen. + +»Ja, mein Bester,« sagte Hickel, »wenn es nicht gutwillig geht, muß ich +leider Gewalt anwenden.« + +Caspar besann sich, dann sagte er mit trüber Stimme, der einzige, dem er +das Tagebuch geben könne, sei der Präsident, und dem wolle er es morgen +bringen, wenn man darauf bestehe. + +»Gut,« entgegnete der Polizeileutnant, »ich werde Sie morgen früh +abholen, und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten.« + +Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natürlich keine Lust, das Tagebuch +in die Hände Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern, +hatte er Auftrag, und er überlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft, +so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des +Präsidenten, um sich zu beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar +vertraute seine Sorge der Tochter an, und diese versprach dem Vater +Bericht zu geben. + +Nachmittags läutete es bei Quandts, und der Präsident trat ins Zimmer. +Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den +gehüteten Schatz nicht ausliefern zu müssen, sich eine Ausrede erdacht, +und als der Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob +es wahr sei, daß er es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es +verbrannt. + +Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen +Ausrufs nicht enthalten. + +»Wann haben Sie es verbrannt?« fragte Feuerbach ruhig. + +»Heute.« + +»Und warum?« + +»Damit ich's nicht hergeben muß.« + +»Warum wollen Sie es nicht hergeben?« + +Caspar schwieg und starrte zu Boden. + +»Das ist eine Lüge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz,« zeterte +Quandt, bebend vor Ärger. »Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt +hat, so muß es schon länger beiseitegebracht sein. Von Weihnachten an +hab' ich es überall gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab' ich +Umschau gehalten, und nie, niemals war eine Spur davon zu finden.« + +Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an; +es war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. »Wo war denn +das Tagebuch aufbewahrt, Caspar?« fuhr er dann zu fragen fort. + +Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt; +bald unter den Büchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter +der Schreibkommode. Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und +lächelte böse. »Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?« +inquirierte er. + +»Ja.« + +»Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?« + +»Gehen Sie jetzt, Caspar,« schnitt der Präsident das Zwiegespräch +gebieterisch ab. »Ich begreife nicht,« wandte er sich, als Caspar +draußen war, an den Lehrer, »weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes +Gewicht auf das Tagebuch legt; wahrscheinlich überschätzt er die ohne +Zweifel harmlosen Schreibereien. Mit Güte und Überredung wäre man +übrigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl.« + +»Güte, Überredung?« versetzte Quandt händeringend. »Da haben Euer +Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Güte +entfesselt man nur seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu +überreden, vergrößert seine Bockbeinigkeit. Ja, er dünkt sich schon +etwas, stellt sich auf die Hinterfüße, hält Widerpart und ist fähig, mir +eine Antwort zu geben, daß ich dastehe wie vor den Mund geschlagen. Euer +Exzellenz mögen verzeihen, aber ich bin der Meinung, daß sogar Sie durch +Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können.« + +»Na, na,« machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah düster in die +regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs. + +»Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu +versichern, daß er das Tagebuch nicht verbrannt hat,« schloß Quandt mit +beschwörender Stimme. + +Der Präsident antwortete nichts. Wie widerwärtig war es ihm, all den +kleinen Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn +dürstete nach Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mußte es werden, +dann -- Friede. + +Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rückte +die Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke. +In der Tat war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd +herauf. »Hat der Hauser in letzter Zeit den Hammer gehabt und haben Sie +ihn klopfen gehört?« fragte er. Die Magd bejahte; er habe vorige Woche +Hammer und Nägel aus der Küche geholt, und sie habe ihn klopfen gehört. + +Plötzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte +er, und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, muß die Asche noch im +Ofen zu finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, öffnete das +Türchen und scheuerte mit gierigen Händen alles, was von verbrannten und +verkohlten Resten in dem Loch war, heraus auf den Boden. + +Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, daß die größeren +Stücke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann. +Sorgsam schob er die Trümmer auseinander. Er fürchtete das eine oder das +andre mit dem Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes +zur Seite; wenn es beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen, +fand aber keinen Zusammenhang. + +Da näherten sich Schritte und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt über +die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hände und Gesicht von Ruß +geschwärzt waren, indes ihm der Schweiß von den Haaren troff. + +Quandt ließ sich nicht stören. »So viel Asche kann doch unmöglich von +dem einen Tagebuch herrühren,« sagte er. + +»Ich hab' auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt,« erwiderte +Caspar. + +Die kühlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornröte ins Gesicht; er +stand hastig auf, murmelte etwas durch die Zähne und verließ das Zimmer, +die Tür hinter sich zudonnernd. »Sie kommen mir heut abend nicht mit auf +die 'Ressource',« schrie er auf der Stiege. + +In der »Ressource« war ein Gartenfest, das der Schützenverein +veranstaltete. Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen, +dergleichen kostete immer Geld. Aber die Frau wollte auch einmal ein +Amüsement haben, war des verdrießlichen Zuhausehockens satt. Sie hatte +sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid für diesen Zweck gemacht, und +so mußte denn der Lehrer sich fügen und, wie er sich ausdrückte, der +Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend schön +geworden war. + +Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und +genoß der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lächeln umspielte seine +Lippen, als er zur Wand ging, den Stahlstich über dem Kanapee +herunternahm, die hinter dem Bild befestigte Holztafel loslöste und nun +das so verborgene Tagebuch hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch, +blätterte nachdenklich in dem Heft herum und überlas einige Stellen. + +Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepreßt in den +Verlauf von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher +Geschwindigkeit Epoche an Epoche drängend. Was es an mangelhaft +Ausgesprochenem, Geschildertem enthielt, die unschuldigen Ergüsse erster +Freuden und Schmerzen, das erste bange Welterkennen, knabenhafte +Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als feindlich +empfundenen Mächten irdischer und überirdischer Natur, alles das hätte +die auf diese Beute versessenen Jäger bitter enttäuscht. Aber es war +nicht für jene, es war für die Mutter, ihr war es zugelobt ein für +allemal, und mit der ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke +ganz unfaßlich, daß ein andres Auge je auf diesen Blättern ruhen sollte. +Es mag auch sein, daß ihm das Heft nach und nach in der Einbildung zu +seinem einzigen wirklichen Besitz geworden war; das einzige Ding, das +ihm völlig zugehörte und sein ganzes Vertrauen besaß. + +Auf einer der ersten Seiten stand: »Neulich hab' ich aus Gartenkresse +meinen Namen gesäet, ist recht schön gewachsen und hat mir große Freude +gemacht. Ist einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen, +der hat mir meinen Namen zertreten, da hab' ich geweint. Herr Daumer hat +gesagt, ich soll ihn wieder machen, hab' ich ihn wieder gemacht, am +andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.« + +Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine +Kerkerhaft zu beschreiben, etwa so: »Die Geschichte von Caspar Hauser; +ich will es selbst erzählen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich +eingesperrt war in dem Gefängnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil +ich von der Welt nichts gewußt und keinen Menschen niemals gesehen +habe.« + +In diesem Ton ging es weiter; späterhin kamen einige zum +Schönrednerischen strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz: +»Welcher Erwachsene gedächte nicht mit trauriger Rührung an meine +unverdiente Einsperrung, in der ich meine blühendste Lebenszeit +zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen Vergnügungen lebte, +da war meine Natur noch gar nicht erwecket.« + +Träume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte über kleine Ausflüge, +über Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort, +in einem Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gespräche +geklaubt; allmählich Sätze, an denen etwas wie persönlicher Schliff +hervortrat und eine merkwürdige verhüllte Düsterkeit des Stils. +Unmittelbar war nie ein Kummer, ein Urteil, eine Meinung ausgedrückt; er +hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft formulierte, hinter den +Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das Datum vermerkt +und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen +Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd; +so hieß es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: »Der Erntemonat +wäre bald mein Sterbemonat worden.« + +Kleine Vorfälle des täglichen Lebens: »Gestern hat mich eine Biene +gestochen, das Fräulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie +sagte, wen die Biene sticht, der hat Glück.« Oder: »Gestern war eine +Feuersbrunst, über Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe +Nacht am Fenster gesessen und hab' gedacht, die Welt geht unter.« + +Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: »Herr Quandt +riecht nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier, +der Präsident nach Tabak, der Polizeileutnant nach Öl, der Herr Pfarrer +nach Kleiderschrank. Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf +hat wie ein Leib gerochen, an dem nichts ist als guter Odem.« + +Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und +nicht selten drängend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne +wurden zu Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nürnberg +hatte das aufgehört, der Name des Lords wurde nicht mehr erwähnt, nur +das Gelöbnis vom achten Dezember war aufgeschrieben. + +Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche über die Hälfte +einer Seite füllte: die Umrisse eines männlichen Kopfes, mit auffallend +geschickter Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem +irdischen ähnlich, eher dem einer Statue, doch wie aus einer +schauerlichen Vision gerissen, von schmerzlicher Unbewegtheit. Darunter +war geschrieben: + + O großer Mensch, was tuest du mir an? + Du folgest mir, und meine Spur ist blind, + Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt. + Dem Kerker ist entflohn das arme Kind, + Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert, + Und ohne Reiter läuft das weiße Pferd. + +Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum +auffahrend, hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem +Bett gesprungen und hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte +er am Morgen beim Erwachen fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn +hatte er nicht weiter nachgegrübelt, erst jetzt wurde er stutzig und +flüsterte die Worte mehrere Male vor sich hin. + +Mittlerweile war es spät geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch +aufstehen, da hörte er das Haustor knarren, rasche Schritte näherten +sich, es klopfte an die Tür, und Quandts Stimme befahl zu öffnen. +Erschrocken blies Caspar das Licht aus. Im Finstern tastete er sich zum +Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein Versteck, und während Quandt +immer stärker pochte, gelang es ihm, das Bild an den Nagel zu hängen. + +Quandt hatte nämlich, vom Spitalweg kommend, schon aus der Ferne in +Caspars Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief: +»Sieh mal, Frau, sieh mal!« + +»Was gibt's denn schon wieder?« murrte die Frau, die voll Ärger darüber +war, daß Quandt ihr mit seiner übeln Laune den ganzen Abend verdorben +hatte. + +»Jetzt hast du doch den Beweis, daß er bei der Kerze sitzt,« sagte +Quandt. + +Das Haus hatte durch ein Gartenpförtchen auch einen Zugang von der +Rückseite. Quandt wählte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel +ihm ein, ob er nicht zuerst den Jüngling auf irgendwelche Art belauschen +und sehen könne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie +geschaffen dazu. Quandt war geschickt und kräftig, ohne Mühe erklomm er +die Mauer und dann einen breiten Ast, von wo er Caspars Zimmer +überschauen konnte. Was er sah, genügte. Nach kurzer Weile kam er +aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: »Ich hab' ihn erwischt, Jette,« +und stürzte ins Haus und die Stiege empor. + +Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rührte, geriet er in Wut. Er +fing an, mit den Fäusten, sodann mit den Absätzen an die Tür zu +trommeln, und als auch dies nichts half, beschloß der beklagenswerte +Mann in seiner Raserei, ein Beil zu holen und die Türe einzuschlagen. +Vorher lief er noch geschwind in den Hof zurück und sah, daß es in +Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein Umstand, der seinen +Zorn nur noch steigerte. + +Von dem Lärm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat +Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Küche rannte. +Er stieß sie weg, schäumte: »Ich will's ihm schon zeigen,« und stürzte +wieder hinauf. + +Nach dem ersten Schlag mit dem Beil öffnete sich die Tür, und Caspar +trat im Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte +etwas so Unerwartetes und Ernüchterndes für den Lehrer, daß er förmlich +znsammenklappte, nichts zu sagen und zu tun wußte und nur sonderbar mit +den Zähnen knirschte. »Machen Sie Licht,« murmelte er nach einem langen +Stillschweigen. Doch schon kam die Frau mit einem Licht, leise heulend, +die Stiege herauf. Caspar erblickte das Beil im gesenkten Arm des +Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem Zeichen von Furcht +verlor Quandt vollends die Haltung. Er schämte sich, und tief +aufseufzend sagte er: »Hauser, Sie bereiten mir großen Kummer.« Damit +drehte er sich um und ging langsam hinunter. + +Caspar schlief erst ein, als der Tag dämmerte. Beim Frühstück, vor der +gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, daß Quandt schon ausgegangen +sei. Es wurde Mittag, und während des Essens war der Lehrer vollkommen +stumm; mit dem letzten Bissen erhob er sich und sagte. »Um fünf Uhr +seien Sie auf Ihrem Zimmer, Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen +sprechen.« + +Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heißer Augusttag, +Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben +ängstlich zwitschernd vorüber, die schwül erhitzte Luft surrte und sang +im engen Gemach. Noch müde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald, +und erst ein heftiges Rütteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und +der Lehrer standen neben ihm, er setzte sich auf, rieb die Augen und sah +die beiden Männer schweigend an. Hickel knöpfte mit einer amtlichen +Gebärde seinen Uniformrock zu und sagte: »Ich fordere Sie hiermit auf, +Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.« + +Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem +Zwang als Mut eingegebenen Festigkeit: »Herr Polizeileutnant, ich werde +Ihnen mein Tagebuch nicht geben.« + +Quandt schlug die Hände zusammen und rief klagend: »Hauser! Hauser! Sie +treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.« + +Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: »Ja, +bin ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier? +Was wollen Sie denn noch? Ich hab' ja schon gesagt, daß ich das Buch +verbrannt habe!« + +»Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, daß Sie heute nacht bei der Kerze +geschrieben haben?« fragte Quandt dringlich. »Briefe haben Sie doch +nicht zu schreiben gehabt und mit den Exerzitien waren Sie fertig.« + +Caspar schwieg. Er wußte nicht ein noch aus. + +»Ein guter Mensch hat überhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu +scheuen,« fuhr Quandt fort, »im Gegenteil, sie muß ihm erwünscht sein, +da doch seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am +allerwenigsten, lieber Hauser, haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu +führen.« + +»Wie lange werden Sie uns noch warten lassen?« fragte Hickel mit +höflicher Kälte. + +»Da will ich doch lieber sterben, als daß ich das alles aushalten soll!« +rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen. + +»Nun, nun,« sagte Quandt beunruhigt, »wir meinen es ja gut mit Ihnen, +auch der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.« + +»Freilich,« bestätigte Hickel trocken; »übrigens kann ich Ihnen sagen, +daß das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre. Da +könnte man unter Umständen auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der +Betrüger Caspar Hauser.« + +»Ganz abgesehen davon, daß sich in einem solchen Satz eine höchst +verwerfliche Gesinnung ausdrückt,« fügte Quandt tadelnd hinzu, »eine +feige und unsittliche Gesinnung.« + +»Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen +Geschichten plagt und mir nicht glaubt,« entgegnete Caspar bedrückt; +»ich hab' ja früher auch nicht gelebt und hab' lange nicht gewußt, daß +ich lebe.« + +Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Knöcheln wie +spielend an einige Stellen der Mauer; plötzlich schien sich seine +Aufmerksamkeit gegen das Bild über dem Sofa zu richten. Er nahm es +lächelnd herab, betrachtete es nach allen Seiten und klappte +schließlich die Scharniere auf, um die Holztafel zu entfernen. + +Caspar wurde schlohweiß und bebte wie Espenlaub. + +Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt, +ging eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er +plötzlich und werde um Kopfeslänge größer. Mit zwei Schritten stand er +dicht vor dem Polizeileutnant. Sein Gesicht war förmlich aufgerissen. In +seiner Miene war etwas Erhabenes. Sein Blick glühte von einer +leidenschaftlichen und gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen +Gefühl, als werde er zermalmt oder zertreten, wich langsam und +fasziniert gegen die Tür zurück. Der kalte Schweiß brach aus seiner +Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt für Schritt, den Arm ausstreckte, +das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es mitten +durchriß, die beiden Hälften noch einmal und noch einmal zerriß, bis +alles in Fetzen auf dem Boden lag. + +Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn die Dazwischenkunft einer +vierten Person in diesem Augenblick nicht die Situation verändert hätte. +Es war der Pfarrer Fuhrmann, der im Vorübergehen Caspar hatte besuchen +wollen, um ihn zu fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben +war. Als er eintrat, mußte sich ihm eine Ahnung des Geschehenen +aufdrängen; er blickte stumm von einem zum andern. Quandt, der dem +ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann nur mühsam seine +Fassung und sagte in verlegenem Ton: »Was haben Sie denn da für ein +Geschnitzel gemacht, Hauser?« + +Hickel wanderte mit ein paar großen Schritten durchs Zimmer, dann +grüßte er den Pfarrer militärisch und ging mit kaltem und finsterem +Gesicht. Unter der Tür drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen +und machte eine befehlende Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er +bückte sich, um die Schnitzel zusammenzuscharren. Aber Caspar +durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit den Füßen darauf und +sagte: »Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.« + +Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Händen auf, trug es zum +Ofen, öffnete mit dem Fuß das Türchen und warf alles hinein. Darauf +schlug er Feuer, und eine Minute später brannte es lichterloh. + +Der Pfarrer Fuhrmann war bloß schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel +war gegangen, und der Lehrer, beständig hüstelnd, schritt mit der +Gleichmäßigkeit eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar +kauernd zuschaute, bis das letzte Fünkchen verglommen war; dann nahm er +den Schürhaken und zerschlug die Aschenreste zu Staub. + +Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem +herabgestimmten Gemütszustande des jungen Menschen und einer schier +krankhaften Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Eröffnungen führte, +die den geistlichen Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den +Präsidenten Feuerbach zu wenden. + +»Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt,« sagte er im Verlauf seiner +Mitteilungen zu Feuerbach; »ein sonst so vortrefflicher Mann, und in +allem, was den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht +ihn kribblig, seine Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig, +seine Melancholie spöttisch, seine Heiterkeit traurig, und seine +Ungeschicklichkeit gibt ihm die durchtriebensten Listen ein. Aus allem, +was der Hauser tut und sagt, schließt er im stillen das Gegenteil, sogar +das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine Lüge. Ich glaube, er +möchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen, was drinnen +ist. Das ist, weiß Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich +kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdächtig gemacht +wird. Verdächtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und +verdächtig, wenn er es schon kennt; verdächtig, wenn er lange schläft, +und verdächtig, wenn er früh aufsteht; daß er das Theater liebt und die +Musik nicht liebt, verdächtig; daß er es hinunterschluckt, wenn man ihn +zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen andern, zum Beispiel +zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will: verdächtig. +Alles ist verdächtig. Wie soll das enden!« + +Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum +Schluß kam nichts heraus. + +Der Präsident, merkwürdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur +Rede zu stellen. Er ließ Hickel rufen und schrie ihn gleich beim +Eintritt an, daß dem Verdutzten Hören und Sehen verging. Leider diente +die Schimpferei der Sache schlecht; als der Zorn verdampft war, trug +Hickels überlegene Ruhe und berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es +kam nichts heraus. Es blieb alles beim alten. Nur daß der +Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekränkt, doppelt still und +kalt seiner Wege ging. + +»Die Bemühung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, muß +man wohl als gescheitert betrachten,« sagte Feuerbach eines Tages zu +seiner Tochter. »Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die +Art, wie man ihn behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.« + +»Mag sein; aber kann man es ändern?« versetzte Henriette achselzuckend. + +»Mich beruhigt nur die Zuversicht, daß ja eine Entscheidung ohnehin +fallen muß, wenn die Schrift einmal erschienen ist,« sagte der Präsident +vor sich hin. + +»Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über +seinem Kopf zusammenschlagen?« fuhr Henriette fort. »Vielleicht lernt er +schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu +machen.« + +»Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine +Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar +gedenken. Ein Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat, +von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe gestiegen ist -- ei, das gäbe +Hoffnungen! Fehlte es den Großen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so +wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir +also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen +gekommen?« + +Henriette verneinte und ging seufzend hinaus. + +Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der +Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue, +wenn er sich Caspar gegenüberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um +den Appell einer höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind, +herumzulügen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen +Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern geläutert; er +mußte sich bekennen, daß das, was ihn quälte, ganz einfach das schlechte +Gewissen war. + +Welch ein Dilemma für einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis +zur Selbstverleugnung getriebene Erfüllung der Idee, auf der andern das +vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht +ergeben konnte und durfte -- aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefühl, +aus Furcht vor der Trübung des Urteils, aus Furcht, daß der Engel der +Gerechtigkeit seiner vorgesetzten Bahn entfliehen würde, wenn Neigung, +Rücksicht und herzliche Annäherung ins Spiel kämen. + +So wie an die nächsten Freunde schickte der Präsident in diesen Tagen +die Aushängebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der +sich zurzeit in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem +Wort. + +Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das +große Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann +gesprochen? »Wenn dieses Antlitz trügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir +stehen, dann ...« + +Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaßung! Würde die Welt untergehen, weil +ein Feuerbach sich getäuscht? Wie vielfältig ist der Mensch, wie viele +Gesichter sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines +erbärmlichen Vorteils willen! Für den Bissen Brot ist jeder Bettler +schon ein Fürst der Worte, und was Staatskarossen, was Pairschaft, was +anmutige Manieren und überredendes Gefühl, wenn dem allen nur das Wort +die Schminke ist, das eine aussätzige Haut verschönt? Dazu also Herzen +zergliedert, im Dunkel der Seelen gewühlt, mit Richterkunst und -pathos +Tat und Untat auf ihr menschlich Maß geprüft, damit ein aufgeschmückter +Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu treiben und +alles lächelnd ins Absurde zu führen. + +Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den +Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf +eingelassen, wurde allmählich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben +nicht die geringste Beeinträchtigung erfuhr und er nicht für die Dauer +eines Augenblicks ins Schwanken geriet, nahm doch eine verdüsternde +Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem nächtlichen Einbruch, dessen Anstifter +aller aufgewandten Mühe zum Trotz unentdeckt geblieben waren, entbehrte +er des dauernden Schlafs. Er erhob sich bisweilen aus dem Bett, wanderte +mit dem Licht durch die Zimmer, über Treppen und Flur, rüttelte an den +Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlösser und erschrak nicht +selten vor seinem eignen Schatten. Es war für seine Kinder ein +erschütterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des +eingefleischten Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu +sehen. Einstmals am frühen Morgen fand man an der äußeren Seite des +Haustors folgende mit Kreide angeschriebenen Verse: + + Anselm, Ritter von Feuerbach! + Lösch 's Feuer unter deinem Dach! + Laß den falschen Freund nimmer ein! + Zieh den Degen und hau drein, + Sonst wird's um dich geschehen sein. + +An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Präsidenten +zu sprechen. Feuerbach ließ ihn eintreten und beobachtete sofort in +seinem Benehmen etwas Verlegenes und Bestürztes, doch zeigte der Lehrer +nicht die gewöhnliche Umständlichkeit, sondern rückte schnell mit seinem +Anliegen heraus. Er berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des +Grafen erhalten und seitdem habe er sich ganz verändert; ob Seine +Exzellenz nicht eine Stunde erübrigen könne, um mit dem Menschen zu +reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus. + +Der Präsident fragte, worin die Veränderung bestehe. + +»Es ist, als wäre er taubstumm geworden,« versetzte Quandt. »Bei Tisch +läßt er die Speisen unberührt, beim Unterricht ist er äußerst +unaufmerksam, ja geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf +Fragen antwortet er nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt +in die Luft. Gestern nachts hab' ich und meine Frau ihn belauscht und +wir haben zugehört, wie er erst eine ganze Weile vor sich hingewimmert, +dann auf einmal hat er einen gräßlichen Schrei ausgestoßen.« + +»Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?« +forschte der Präsident. + +»O ja, das weiß ich wohl,« entgegnete der Lehrer harmlos; »es ist meine +Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhält, vorher zu öffnen.« + +Feuerbach blickte jäh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an. +»Nun, und?« fragte er. + +»Ich könnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen +Wirkung zusammenreimen,« erwiderte Quandt bedächtig. + +Der Präsident stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Gut, gut,« rief er +barsch, »aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?« + +Quandt erschrak. »Es stand drin, der Graf könne in diesem Jahr nicht +mehr nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenfälle nötigten ihn, diesen +Plan ins Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, daß +Hauser mit der Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar +immer von einem festen Termin und hielt es für einen Frevel, wenn man +ihm das ausreden wollte; er schien es geradezu für eine Pflicht des +Grafen zu erachten, denn in seinem kindischen Kopf glaubt er noch fix +daran, daß ihn der Graf mit nach England auf seine Schlösser nehmen +werde, und er ahnt gar nicht, daß der Herr Graf schon längst sein Herz +von ihm abgewandt hat --« + +»Woher wissen Sie das, Mann?« brauste der Präsident auf und erhob sich +mit solchem Ungestüm, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte. + +»Eure Exzellenz verzeihen,« stotterte Quandt furchtsam, »aber das ist +doch sonnenklar.« Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer höflichen +Grimasse wieder auf, und während der Präsident mit seinen steifen, +kurzen Schritten auf und ab wanderte, sagte er schüchtern: »Trotz allem +ist mir die Wirkung dieser in den urbansten Formen gehaltenen Absage +unerklärlich und besorgniserregend; es muß da etwas dahinter stecken, +und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es herauszubringen.« + +»Ich werde der Sache nachgehen,« schnitt Feuerbach das Gespräch kurz ab. +Quandt machte seinen Bückling und entfernte sich. Er ging nicht +heimwärts, sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er +seine Frau vom Haus ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger +Sturm, Blätter und Zweige wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang +flatterte hochauf, und mit beiden Händen mußte er die Ränder seines +Schlapphuts festhalten. + +Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen, +eigentlich ohne Ziel. Als er auf der Straße war, fiel ihm ein, ob er +nicht zu Frau von Imhoff gehen könne, und ungeachtet der Dunkelheit und +des bösen Wetters, und obgleich das Imhoffschlößchen eine Viertelstunde +vor der Stadt gelegen war, entschloß er sich dazu. Aber als er angelangt +war, als er am Gittertor stand und zu den erleuchteten Fenstern +hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er fürchtete sich vor den +hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hörte er doch schon die +Worte, die ihm nichts waren und nichts galten, er kannte sie alle, er +hätte sie auswendig an der Schwelle hersagen können. Ja, er kannte nun +die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in +das unermeßliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trübe Tropfen, deren +Aufschall die Tiefe verschlang. + +Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten +sie in ihren Wohnungen, still und emsig, zündeten ihre Lichter an und +wußten nicht, wer draußen stand am Tor. + +Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Töne wie von einem +Saiteninstrument, das unter den Wolken aufgehängt war. Es befand sich +nämlich auf dem Dach des Schlößchens eine Aeolsharfe, Caspar wußte dies +nicht und hielt es für eine geisterhafte Musik. Als er den Rückweg +antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit die orgelnden Akkorde an sein +Ohr. + +Er wünschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn +vor das Schlößchen der Imhoffs getrieben hatte, führte ihn noch zum +Hause des Generalkommissärs, dann zum Haus des Regierungspräsidenten, +dann zum Feuerbachschen Haus und schließlich vor ein Gebäude, das +unbewohnt war und das mit seinen verschlossenen Läden, seinen bemosten +Simsen und seinem hochbogigen Tor, über welchem ein Auge in den Stein +und darüber die Worte gemeißelt waren: »Zum Auge Gottes«, schon lang +vorher seine Wißbegier aufgeweckt hatte. Zur Markgrafenzeit sollte ein +Goldmacher darin gewohnt haben. + +Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Häusern zu Gast gewesen +sei, wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren +Räumen herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwürdige Kenntnis +von dem vergangenen und gegenwärtigen Leben ihrer Menschen gewonnen +hätte. + +Ziemlich müde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt +und seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd +war nicht zu sehen, es herrschte eine große Stille, nur der Wind +umheulte die Mauern, und das Flurlämpchen flackerte wie vor Furcht. Da, +während Caspar zur Treppe schritt, vernahm er eine langgezogene feine +Stimme, ähnlich dem Zirpen der Sommergrille, und die Stimme rief: + +»Stephan!« + +Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte +er sich getäuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme draußen auf der +Straße gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte +die Stimme neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus +dichterer Nähe: + +»Stephan!« + +Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn +einer, der zu ertrinken fürchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war +es eine männliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen +erstickt ausrief: + +»Stephan!« + +Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus +und fragte: »Wo? Wo bist du? Wo bist du?« + +Da sah er oben über der Tür, körperlos schwebend, ein fahlleuchtendes +Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und +aufgerissenem Mund, wie in äußerstem Schrecken verzerrt, häßlich, schier +unkenntlich häßlich. + +Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine +Augen waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das +Antlitz verschwunden, auch die Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen. +Flur und Stiege erleuchtet, alle Türen zu, kein Mensch zu sehen, kein +Laut zu hören. + + + + +Es wird eine Reise beschlossen + + +Eines Nachmittags im Dezember sahen erstaunte Nachbarn den Lehrer Quandt +wie besessen aus seinem Haus und gegen die Neustadt stürmen, wo die +Wohnung des Polizeileutnants lag. Er trat ins Zimmer des Leutnants, und +ohne sich Zeit zu gönnen, seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die +Rocktasche und hielt Hickel wortlos ein dünnes Druckheft entgegen. + +Es war die vor kurzem erschienene Caspar-Hauser-Broschüre Feuerbachs. +Quandt hatte das Büchlein erst heute in die Hände bekommen und es in +einem Zug durchgelesen. + +Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: »Na, und? Was +soll's? Meinen Sie, daß das eine Neuigkeit für mich ist? Sie +echauffieren sich doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein +Geschäft ist. Eher können Sie einer Henne das Eierlegen abgewöhnen als +einem geborenen Federfuchser das Schreiben.« + +Quandt atmete tief auf. »Schreiben, schön; ich lasse ja vieles gelten,« +antwortete er, »aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie --« er +packte das Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: »Caspar Hauser +oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt +ja nach etwas,« sagte er bitter; »es streut den Leuten von vornherein +Sand in die Augen. Aber das Ganze ist ein Roman, und nicht einmal einer +von der besten Sorte.« + +Er blätterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er +gleichfalls höhnisch betont vorlas: »Caspar Hauser, das rare Exemplar +der Gattung Mensch --! Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner +Weisheit zu Ende. Das kommt mir so vor, als ob man den notorisch +schlechtesten meiner Schüler vor versammeltem Volk als einen großen +Gelehrten erklärte. Rares Exemplar! In dem Punkt weiß ich besser +Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da könnte ich einem verehrlichen +Publiko ganz anders die Augen öffnen. Rares Exemplar, gewiß! Aber man +muß nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist +also der große Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm +aus, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet! Und nun erst das ganze +dynastische Hintertreppenmärchen! Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht +so traurig wäre. Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!« + +Der Polizeileutnant hörte mit kaum merklichem Lächeln den Ausbruch des +Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmütig: »Was wollen +Sie? Als getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen +Streiche unsrer Herrschaft mitanzusehen. Übrigens kann ich Sie in einer +Hinsicht beruhigen. Der Präsident hat selber keine rechte Freude an dem +Büchlein. Er klagt über Gedächtnisfehler, die ihm dabei passiert sind, +und daß es ihn mehr Mühe gekostet hat, die Geschichte zu Papier zu +bringen, denn ein ganzes Corpus juris. Und jetzt muß er's erleben, daß +man ihm draußen im Reich hart zusetzt. Es geht die Rede, daß die +Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird.« + +»Recht so,« rief Quandt. »Auch die Fürsten sollten etwas dagegen +unternehmen.« + +»Das lassen Sie nur die Sache der Fürsten sein,« versetzte Hickel, +dessen Gesicht plötzlich böse und sorgenvoll wurde. »Potz Kreuz, lieber +Quandt, Sie ereifern sich ja da, als ob's Ihnen an den Kragen ginge. Ich +möchte nur gar zu gern wissen, ob Sie auch so viel Mut zeigen würden, +wenn die Exzellenz dahier im Zimmer wäre.« + +Quandt schaute sich mißtrauisch um. Dann zuckte er die Achseln und +erwiderte: »Sie belieben zu scherzen, Herr Polizeileutnant. Schlimm +genug, daß man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten muß. Wir +haben alle vergessen, wie ein Mann den Kopf tragen soll. Kuschen, das +haben wir gelernt, das verstehen wir von Grund aus. Aber ich will nicht +mehr kuschen.« + +»Pst!« unterbrach ihn Hickel unwirsch; »lassen wir das; es schmeckt nach +Demagogentum. Sagen Sie mir lieber: Hat der Hauser Kenntnis von der +Broschüre?« + +»Nicht daß ich wüßte,« entgegnete Quandt. »Aber es wird nicht zu +vermeiden sein, daß er davon erfährt, gibt es doch Unverständige genug, +die sich ein Vergnügen daraus machen werden. Haben Sie, Herr +Polizeileutnant, nicht auch von der Schrift eines gewissen Garnier +gehört?« + +Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer +finster an. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er sich zu einer Antwort +entschloß. »Garnier? Ja, das ist ein landesflüchtiges Subjekt. In seinem +Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat, bloß +noch verbrämt mit dem windigsten Hofklatsch. Das Machwerk ist nicht der +Rede wert.« + +»Wie soll ich mich aber verhalten, wenn der Hauser irgendwie in den +Besitz eines dieser Produkte kommt?« fragte Quandt. + +Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den +Zähnen nervös an der Unterlippe. »Treffen Sie Vorsorge,« erwiderte er +kalt. »Lassen Sie ihn nicht aus den Augen. Mich kümmert das übrigens gar +nicht; ist mir völlig egal. Man wird den jungen Mann schon karwanzen.« + +Quandt seufzte. »Herr Polizeileutnant,« sagte er bedrückt, »ich kann +Ihnen nicht schildern, wie mir ist. Meine halbe Seligkeit gäb' ich drum, +wenn es mir vergönnt wäre, den Menschen zu einem offenen Geständnis zu +bringen.« + +»Man wird's Ihnen billiger machen,« versetzte Hickel düster. + +»Wissen Sie denn das Neueste?« fuhr Quandt fort. »Der Präsident will den +Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschäftigen. Morgen soll er +schon anfangen.« + +»Und was wird der Graf dazu sagen?« + +»Man hat es ihm schreiben wollen; weiß aber nicht, wo er sich aufhält. +Es ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen, und den +hat der Hauser nicht einmal angesehen. Meines Erachtens muß er sich über +die Maßregel freuen. Für ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch +nicht zu brauchen, er hat leider den Verkehr mit den gebildeten und +höheren Ständen zu lange genossen, als daß es ihn nicht rebellisch +machen müßte, wenn er ihn plötzlich mit der Umgebung in einer Werkstätte +vertauschen müßte. Anderseits ist er auch zu einem Beruf ungeeignet, der +eine tiefere Ausbildung erfordert, denn zu einem ernsthaften Studium +fehlt ihm Sinn und Ausdauer. Der Staatsrat hat demnach die beste Lösung +getroffen, die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit +entlastet. Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem +Beamten des niederen Dienstes, sondern bei einigem Fleiß sogar für eine +Stelle beim Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden.« + +Hickel hörte der weitläufigen Auseinandersetzung kaum zu. Sie gingen nun +zusammen fort; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel, um sich, +wie er sagte, ein Pülverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu +lassen. + +Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich +gegrüßt, eine Tatsache, die hinreichend war, seine mürrische Stimmung +ungemein aufzuheitern. Beim Mittagessen, es gab Kalbsbrust und +Ochsenmaulsalat, wurde er sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit +seiner Gattin. Aber wie es bei seriösen Naturen der Fall zu sein pflegt, +geriet seine Aufgeräumtheit ziemlich ins Plumpe. Unter anderm nahm er +das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend damit vor der Nase herum. +Da erblaßte Caspar, stand auf und sagte: »Um Gottes willen, Herr Lehrer, +legen Sie doch das Messer weg, ich kann's nicht sehen.« + +Quandt, gleich wieder verdrießlich, brummte: »Na, hören Sie mal, Hauser, +ein solches Betragen schmeckt stark nach Affektation.« + +»Sie sind ein schöner Tappel,« sagte die Lehrerin, »ein Mann muß mutig +sein. Was wollen Sie denn tun, wenn's mal Krieg gibt? Da heißt es mit +Anstand sterben.« + +»Sterben? Nein, da sag' ich Dank, sterben mag ich nicht,« erwiderte +Caspar hastig. + +»Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer höchst +widerwärtigen Weise über denselben Punkt geäußert,« ließ sich Quandt +vernehmen. + +»Nein, so feig,« fuhr die Lehrerin fort, »mit dem Kadetten Hugenpoet +von den Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig +benommen.« + +»Was ist denn das für eine Geschichte?« erkundigte sich Quandt, »davon +weiß ich gar nichts.« + +»Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen; der hat dem Hauser immerzu +vorgeschwärmt, er soll Soldat werden, in ein paar Jahren brächt' er es +leicht zum Offizier. Wär' ja nicht so übel, die Kadetten haben es gut +und kommen schnell vorwärts. Unser Hauser war auch begeistert von der +Idee, aber auf einmal war die Freundschaft aus.« + +»Ei, und aus welchem Grund?« + +»Das war so. An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am +Rezatufer spazieren gegangen, und sie sind zu einer Stelle gekommen, wo +viele Knaben und Burschen sich gebadet haben, denn es war furchtbar warm +an dem Tag. Der Kadett sagt, das wollen wir auch machen, zieht sich aus +und will den Hauser überreden, gleichfalls zu baden. Der war aber zu Tod +erschrocken von dem Vorschlag und sagt, ins Wasser geht er nicht. Das +hören die andern, steigen heraus, stellen sich um ihn herum, verspotten +ihn und wollen ihn mit Gewalt ins Wasser bringen. Da reißt er sich los, +eh' man sich's versieht, ist er in seiner Höllenangst über die Felder +davongelaufen, und die nackigten Kerle höhnen hinter ihm her. Dem +Kadetten war's zu bunt, und er sieht ihn nicht mehr an seitdem. Ist's +wahr, Hauser, oder nicht?« + +Caspar nickte. Der Lehrer schüttelte sich vor Lachen. + +Ein paar Tage später kamen Frau von Imhoff und das Fräulein von +Stichaner, um Caspar zu besuchen. Die Lehrerin, stolz auf die vornehmen +Gäste, wich nicht vom Fleck. Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr +nichts Gescheiteres einfiel, erzählte sie im Beisein Caspars abermals +die Geschichte mit dem Kadetten und dem verweigerten Bad, doch hatte sie +nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl. Die beiden Damen hörten +schweigend zu. + +»Solche Feigheit ist eigentlich nicht schön,« bemerkte das Fräulein von +Stichaner dann auf der Straße gegen Frau von Imhoff. + +»Man kann es nicht gut Feigheit nennen,« antwortete diese; »er liebt das +Leben zu sehr, das ist es. Er liebt das Leben wie ein Toller, wie ein +Tier liebt er es, wie ein Geizhals sein Gold. Er hat mir selbst +gestanden, daß er jedesmal vor dem Einschlafen Angst hat, sein Schlaf +könne sich ihm unbewußt in Tod verwandeln, und er betet, Gott möge ihn +doch ganz gewiß am andern Morgen wieder aufwachen lassen. Nein, es ist +nicht Feigheit; es ist vielleicht die Ahnung einer großen Gefahr, auch +der Trieb, viel Versäumtes nachzuholen. Man muß ihn nur manchmal sehen, +wie er sich freuen kann, und über das Allergeringste, woran jeder andre +stumpf vorübergeht. Seine Freude hat etwas Großartiges, etwas +Erdentrücktes, so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas +Schauerliches haben.« + +Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin, der +Frau von Kannawurf, überrascht, doppelt angenehm überrascht, da Frau von +Kannawurf, sie weilte gegenwärtig in Wien, schrieb, sie wolle im März +nach Ansbach kommen. In dem Brief war überdies viel von Caspar die +Rede. »Ich habe in den letzten Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen,« +hieß es unter anderm, »und muß dir gestehen, daß mich noch niemals ein +Buch dermaßen im Innersten aufgewühlt hat. Ich kann seitdem nichts +andres denken, und es flieht mich der Schlaf. Weiß Caspar Hauser selbst +von dieser Schrift? Und wie stellt er sich dazu? Was äußert er darüber?« + +Frau von Imhoff versäumte es, über den Punkt Bescheid zu geben; es fiel +ja auch schwer, Caspar zu befragen. Hat er das Buch nicht gelesen, so +ist es peinlich und sonderbar, ihn darüber in Unwissenheit zu sehen, +dachte sie; noch peinlicher und sonderbarer, wenn er es gelesen hat; +peinlich und sonderbar sein Aufenthalt hier, sein Kopistenamt auf dem +Gericht, sein ganzes Treiben; und wie ist es möglich, eine Aussprache +herbeizuführen? Jedes offene Wort kann unheilvoll werden. + +Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff, Caspar vorsichtig auszuholen, ob +er überhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehört. Und er wußte +davon. Nicht im entferntesten aber hegte er den Wunsch, sich Klarheit zu +verschaffen. Erstens aus Furcht; die Furcht ließ ihn vor jedem Schritt +zurückbeben, der auf eine Veränderung seiner Lage zielte, seine Gedanken +von der krampfhaft umklammerten Gegenwart ablenken konnte; und dann, +weil er wahrscheinlich annahm, es handle sich bei der Schrift des +Präsidenten auch nur um das bodenlose Gerede, das er in- und auswendig +wußte und von dem ihm, wie er zu sagen pflegte, bloß Kopf- und Herzweh +und ein dummes Nachschauen blieb. Er hatte dergleichen oft genug +erfahren, und aus lauter Überdruß daran war er am Ende so unneugierig +geworden, daß eine einzige Andeutung, während eines Gesprächs etwa, +hinreichte, um seinem Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben. + +Wie er schließlich doch dazu gelangte, das für ihn und um seinetwillen +geschaffene Werk kennen zu lernen, das hatte eine eigentümliche +Bewandtnis. + +Es war an einem unfreundlichen Vormittag im März, da verbreitete sich +plötzlich im Appellgerichtsgebäude und bald darauf in der ganzen Stadt +die Nachricht, der Präsident sei im großen Gerichtssaal während einer +Verhandlung, die er leitete, ohnmächtig vom Stuhl gestürzt. Alle Beamten +liefen sofort aus ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und +Korridoren. Auch Caspar hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte +sich zu den übrigen. Er schlich aber absichtlich wieder davon, um nicht +Zeuge sein zu müssen, wie man den Präsidenten von oben heruntertrug. + +Als er sich in das Zimmer zurückbegab, in welchem er an allen +Vormittagen von acht bis zwölf Uhr schrieb, und zwar nur in Gesellschaft +eines alten Kanzlisten, eines gewissen Dillmann, war dieser sein +Amtsgefährte noch nicht wieder da. Caspar, sehr traurig und erschrocken, +stellte sich zum Fenster und malte, schmerzlich versonnen, wie er war, +mit dem Finger den Namen Feuerbach in die beschweißte Scheibe. + +Indes trat Dillmann ein und ging händeringend auf seinen Platz zu. + +Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist, und Caspar befand sich nun +über neun Wochen auf dem Amt, noch nicht ein Dutzend überflüssiger +Worte mit dem neuen Kollegen gewechselt; er hatte sich im mindesten +nicht um ihn gekümmert und eine grämliche Gleichgültigkeit gegen ihn zur +Schau getragen. Im Verlauf der dreißig Jahre, während welcher er Akten, +Erlässe, Verordnungen und Urteile kopierte, hatte er es zu einer +besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht, und es war komisch zu +sehen, wenn er, den Federkiel aufs Papier gespießt, leise schnarchend +seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte, wenn +sich draußen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen ließ, da er die +Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf +hatte. + +Um so verwunderter war Caspar, als Dillmann auf ihn zuschritt und mit +zitternder Stimme sagte: »Der unvergleichliche Mann! Wenn ihm nur nichts +zustößt! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert!« + +Caspar drehte sich um, entgegnete aber nichts. + +»Na, Hauser, und für Sie wäre es gar ein unersetzlicher Verlust,« fuhr +der Alte seltsam keifend und zänkisch fort; »wo gibt's denn in dieser +lummerigen Welt einen Menschen, der sich so für einen andern Menschen +einsetzt? Sollte mich nicht erstaunen, wenn das ein schlimmes Ende +nähme. Ja, es wird ein schlimmes Ende nehmen, ein schlimmes Ende.« + +Caspar hörte schweigend zu; seine Augen blinzelten. + +»So ein Mann!« rief Dillmann aus. »Ich hab', seit ich hier sitze, schon +sieben Präsidenten und zweiundzwanzig Regierungsräte zum Grab geleitet, +Hauser, aber so einer war nicht dabei. Ein Titan, Hauser, ein Titan! +Die Sterne könnt' er vom Himmel reißen um der Gerechtigkeit willen. Man +muß ihn nur betrachten; haben Sie ihn mal genau betrachtet? Der Buckel +über der Nase! Das deutet, wie man sagt, auf eine genialische +Konzeption; diese Jupiterstirn! Und das Buch, Hauser, das er für Sie +geschrieben hat! Das ist ein Buch! Ein wahrer Scheiterhaufen ist's! Die +Zähne muß man zusammenbeißen und die Fäuste ballen, wenn man's liest.« + +Caspar machte ein mürrisches Gesicht. »Ich hab's nicht gelesen,« sagte +er kurz. + +Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er riß den Mund auf und +schnappte. »Nicht gelesen?« stotterte er. »Sie -- nicht gelesen? Ja wie +ist denn das möglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen!« Eilig +trippelte er zu seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und +brachte das Büchlein zum Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stieß es +ihm förmlich in die Hand und knurrte: »Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!« + +Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenüber. Er +drehte das Buch um und um und zeigte eine unschlüssige Miene. Dann erst +schlug er es auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin +genügte auch dies noch nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu +lassen. Er steckte das Buch in die Tasche und sagte trocken: »Zu Hause +will ich's lesen.« + +Schlag zwölf Uhr verließ er, wie gewöhnlich, das Amt, setzte sich zu +Hause, als ob nichts geschehen wäre, zu Tisch und hörte still den +Gesprächen zu, die sich ausschließlich um das dem Präsidenten +widerfahrene Unglück drehten. »Am letzten Sonntag vor dem Kirchgang,« +plauderte die Lehrerin, »da hab' ich den Staatsrat gesehen, gerade wie +ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat ist ganz erschrocken +gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut. Ich hab' mir +gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.« + +»Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaßen wolltet, dem +Herrgott in die Karten zu gaffen,« versetzte Quandt unwirsch. »Da +predigt man und predigt das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den +Höhen der Aufklärung zu wandeln und schließlich spuckt einem die eigne +Sippschaft am kräftigsten in die Suppe.« + +Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen +Blick eintrug. + +Er begab sich dann in sein Zimmer. + +Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an +brauchte er im Amt zu sein. Als zehn Minuten über die Zeit vergangen +waren, trat Quandt in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort. +Er ging hinauf und überzeugte sich, daß Caspar nicht da war. Sein +Unwillen verwandelte sich in Schrecken, als er bei seiner spionierenden +Umschau die Feuerbachsche Schrift auf Caspars Tisch liegen sah. + +»Also doch,« murmelte er bitter. + +Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser +Stimme: »Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der +Hauser hat die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die +gewissenlosen Menschen! Wer doch das wieder eingefädelt hat!« + +Die Lehrerin zeigte wenig Verständnis für den Vorfall. »Laß ihn gehen,« +oder »sag's ihm doch,« oder »gib's ihm nur ordentlich,« war meist alles, +was sie zu entgegnen wußte, wenn Quandt ungehalten über Caspar war. + +»Wann ist denn der Hauser fort?« erkundigte sich Quandt bei der Magd. +Diese wußte von nichts. Da trat Caspar selber ins Zimmer und +entschuldigte sich höflich. + +»Wo waren Sie denn?« forschte der Lehrer. + +»Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen, wie es dem Staatsrat +geht.« + +Quandt schluckte seinen Verdruß hinunter und begnügte sich, Caspars +Fortgehen als Eigenmächtigkeit zu tadeln. Als er mit dem Jüngling allein +war, wandelte er eine Weile ratlos auf und ab. Endlich begann er: »Ich +war vorhin auf Ihrer Kammer, Hauser. Ich habe bei dieser Gelegenheit +einen Fund gemacht, der mich, gelinde ausgedrückt, sehr mit Bedenken +erfüllt. Ich will mich nun über die Schrift des Herrn Staatsrats nicht +weiter auslassen, obwohl alle vernünftigen Menschen darüber einer +Meinung sind; ich halte mich nicht für befugt, Ihnen gegenüber einen so +verdienstvollen Mann herunterzusetzen. Auch will ich nicht weiter +untersuchen, wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat, da ich mich +dabei doch nur der Gefahr aussetzen würde, von Ihnen angelogen zu +werden. Aber mein Bedenken hat es erregt, daß Sie sogar bei einem +solchen Anlaß heimlich verfahren zu müssen glauben. Warum kommen Sie +nicht, wie sich's gehört, zu mir und sprechen sich aus? Denken Sie denn, +daß ich Sie des Vergnügens beraubt hätte, eine hübsche Fabel zu lesen, +die ein ehemals großer und berühmter, doch nun kranker und geistesmüder +Mann verfaßt hat? Weiß ich denn nicht auch, wie Ihnen in Ihrem Innern +zumute sein muß, wenn man ein solches Märchen in Ihre Vergangenheit +hineinspinnt? Eine Vergangenheit, die Ihnen wahrlich besser bekannt ist +als dem armen Staatsrat? Aber warum denn um Gottes willen die ewige +Versteckenspielerei? Hab' ich das um Sie verdient? Bin ich nicht wie ein +Vater zu Ihnen gewesen? Sie leben in meinem Haus, Sie essen an meinem +Tisch, Sie genießen mein Vertrauen, Sie nehmen teil an unserm Wohl und +Wehe, kann Sie denn nichts in der Welt bewegen, Sie heimlicher Mensch, +einmal offen und rückhaltlos zu sein?« + +O wundersam! Dem Lehrer standen die Augen voller Tränen. Er zog die +Schrift des Präsidenten aus der Tasche, ging zum Tisch und legte das +Büchlein mit Affekt vor Caspar hin. + +Caspar blickte den Lehrer an, als ob dieser in einer weiten Entfernung +stehe. Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene +Abwesenheit der Gedanken. Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewölk, +die Lippen waren geöffnet und zuckten. + +Wie böse er aussieht, dachte Quandt und fing an, sich zu ängstigen. +»Sprechen Sie doch!« schrie er heiser. + +Caspar schüttelte langsam den Kopf. »Man muß Geduld haben,« sagte er wie +im Traum. »Es wird sich was ereignen, Herr Lehrer, passen Sie nur auf. +Es wird sich bald was ereignen, glauben Sie mir.« Unwillkürlich streckte +er die Hand nach dem Lehrer aus. + +Quandt kehrte sich angewidert ab. »Verschonen Sie mich mit Ihren +Redensarten,« sagte er kalt. »Sie sind ein abscheulicher Komödiant.« + +Damit war das Gespräch beendet und Quandt verließ das Zimmer. + +Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt, daß Caspar allerdings zu +Mittag im Feuerbachschen Haus gewesen war, daß er aber nicht bloß nach +dem Befinden des Präsidenten gefragt, sondern auch mit auffallender +Dringlichkeit den Staatsrat zu sprechen verlangt habe. Natürlich habe +man ihm durchaus nicht willfahren können. Er war noch eine halbe Stunde +lang unbeweglich am Tor stehengeblieben, und bevor er sich entfernt, war +er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu den Fenstern +hinaufgeschaut, wobei sein Gesicht anders als je, wild und verstört, +ausgesehen. + +Nun kam er aber den nächsten Tag wieder, und ebenso am dritten und +vierten Tag, jedesmal mit demselben dringenden Begehren, und jedesmal +wurde er abgewiesen. Der Präsident bedürfe der Ruhe, wurde ihm gesagt; +sein Zustand, der anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben, bessere sich +jedoch stetig. + +Direktor Wurm erzählte endlich dem Präsidenten davon. Feuerbach befahl, +daß man Caspar zu ihm führen solle, wenn er das nächste Mal käme, und +bestand trotz dem Abreden Henriettes auf seinem Willen. Es verging aber +die ganze Woche, ehe sich Caspar wieder sehen ließ. + +Eines Nachmittags, schon ziemlich spät, erschien er und wurde von +Henriette, nicht eben freundlich empfangen, in das Zimmer ihres Vaters +geleitet. Der Präsident saß im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg +von Akten vor sich aufgeschichtet. Er sah sehr gealtert aus, weiße +Bartstoppeln umstanden Kinn und Wangen, sein Auge blickte ruhig, hatte +aber einen ängstlichen Schimmer, wie bei einem, dem der äußerst +gefürchtete Tod näher gewesen ist als er denken will. + +»Nun, was wünschen Sie von mir, Hauser?« wandte er sich an Caspar, der +neben der Tür stehengeblieben war. + +Caspar trat heran, stolperte vor dem Schemel, fiel plötzlich auf die +Knie und beugte in pagenhafter Demut das Haupt. Auch seine Arme sanken +schlaff herunter, und er verharrte mit ergebener und düsterer Miene in +derselben Stellung. + +Feuerbach verfärbte sich. Er packte Caspar bei den Haaren und bog den +Kopf zurück, aber die Augen Caspars blieben geschlossen. »Was gibt's, +junger Mann?« rief der Präsident hart. + +Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick. »Ich hab' es gelesen,« sagte +er. + +Der Präsident ballte die Lippen aufeinander, und seine Augen +verschwanden unter den Brauen. Ein langes Schweigen trat ein. + +»Stehen Sie auf,« herrschte endlich der Präsident Caspar an. Dieser +gehorchte. + +Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend, halb +beschwörend: »Nicht mucksen, Hauser, nicht mucksen! Stille halten! +Stille sein! Abwarten! Ist vorläufig nichts weiter zu tun.« + +Caspars Gesicht, stumm erregt wie das eines Fiebernden, wurde starrer. + +»Es graut Ihnen, jawohl,« fuhr der Präsident fort, »auch mir graut, und +dabei muß es sein Bewenden haben. Unserm Arm sind nicht alle Fernen und +Höhen erreichbar. Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons +Horn. Die hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen +so hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein +Lichtstrahl zwängen kann. Geduld, Hauser, und nicht mucksen, nicht +mucksen. Zu versprechen ist nichts; eine Hoffnung bleibt noch, aber dazu +brauch' ich Gesundheit. Genug für jetzt!« + +Er machte eine verabschiedende Geste. + +Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an. Der feste +Blick wunderte den Präsidenten. Ei der Tausend, dachte er, der Bursche +hat Blut in sich und kein Zuckerwasser. Schon im Fortgehen begriffen, +drehte sich Caspar noch einmal um und sagte: »Exzellenz, ich hätte eine +große Bitte.« + +»Eine Bitte? Heraus damit!« + +»Es ist mir so lästig, daß ich bei jedem Ausgehen immer auf den +Invaliden warten soll. Er kommt oft so spät, daß es sich gar nicht mehr +ums Weggehen lohnt. Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu +meinen Bekannten auch.« + +»Hm,« machte Feuerbach, »will's überlegen, werd' es richten.« + +Als Caspar das Zimmer verließ, huschte eine weibliche Gestalt längs des +Korridors davon, einer ertappten Lauscherin gleich. Es war Henriette, +die, in beständiger Angst um den Vater nichts so sehr fürchtete wie die +Gefahr, die aus dessen leidenschaftlichem Anteil an dem Schicksal +Caspars drohte. Es mag dafür ein Brief Zeugnis geben, den sie an ihren +in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm schrieb und der die unheilschwere +Luft, die in der Umgebung des Präsidenten lastete, mit jeder Zeile +spüren ließ. + +»Der Zustand unsers Vaters,« so begann das Schreiben, »hat sich, Gott +sei Dank, zum Bessern gewandt. Er vermag schon, auf einen Stock +gestützt, durchs Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem +guten Braten, wenngleich sein Appetit nicht mehr der frühere ist und er +hin und wieder über Magenschmerzen klagt. Was aber seine Stimmung im +allgemeinen anbelangt, so ist sie schlechter denn je, und zwar hängt +dies vornehmlich mit der unglückseligen Caspar-Hauser-Schrift zusammen. +Du weißt, welch riesiges Aufsehen die Broschüre im ganzen Land +hervorgerufen hat. Tausende von Stimmen haben sich dafür und dawider +erhoben, aber es scheint, daß das Dawider allmählich die Oberhand +behalten hat. Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel, die einander +auffallend ähnlich waren und worin das Werk als Produkt eines +überspannten Kopfes höhnisch abgetan wurde. Nachdem zwei Auflagen in +rascher Folge verkauft waren, weigerte der Verleger plötzlich unter +allerlei Ausflüchten den Druck, und als man sich an zwei andre wandte, +kamen ebenfalls Absagen. Daß dahinter die tückischesten Umtriebe +stecken, samt und sonders aus ein und derselben Quelle, kann man sich +nicht verhehlen, und ich möchte mir die Lippen wund beißen, wenn ich +daran denke, in was für Zuständen wir zu leben gezwungen sind, daß +selbst ein Mann wie unser Vater für eine Sache, die so, wie sie ist, +zum Himmel schreit, kein williges Ohr findet, von tätiger Hilfe ganz zu +schweigen. Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere, +sonst wäre mehr Empörung in der Welt. Nun magst du dir aber erst unsern +Vater vorstellen: seine bittere Verstimmung, seinen Schmerz, seine +Verachtung, und alles zurückgehalten, in seiner Brust zugeschlossen. Was +mußte er fühlen, da sogar aus dem nächsten Freundeskreis kein Zeichen +des Beifalls, des Dankes, der Liebe mehr zu ihm flog! Gewisse +hochgestellte Personen hielten mit ihrem Ärger nicht zurück, und hier, +in dem abscheulichen Krähwinkel, hatte man ohnehin wenig Aufhebens von +der ganzen Geschichte gemacht, begreiflicherweise, denn Christus mag Rom +erobern, zu Jerusalem ist er nur ein schäbiger Rabbi. Ich bin in großer +Sorge für unsern Vater. Ich kenne ihn genug, um zu wissen, daß seine +jetzige äußerliche Ruhe nur den inneren Sturm verbirgt. Manchmal sitzt +er stundenlang und starrt auf eine einzige Stelle an der Wand, und wenn +man ihn dann stört, schaut er einen mit großen Augen an und lacht +lautlos und weh. Neulich sagte er ganz plötzlich und mit finsterer Miene +zu mir: das Rechte sei, wenn aus solcher Ursache heraus wie in früheren +Zeiten der ganze Mann sich stelle, mit Haut und Haar müsse man sich +opfern und dürfe sich nicht hinter einem Wall bedruckten Papiers +verschanzen. Er wälzt Pläne in seinem Hirn, die Nachricht, daß im +Badischen eine Revolution ausgebrochen ist, hat ihn mächtig angegriffen, +und in der Tat scheint diese Katastrophe mit der Caspar-Hauser-Sache in +innigem Zusammenhange zu stehen. Er glaubt in einem verabschiedeten und +irgendwo am Main lebenden Minister einen der Hauptanstifter der an dem +Findling begangenen Greuel vermuten zu dürfen, und -- kaum will mir der +Satz in die Feder! -- er hat die Absicht, den Mann aufzusuchen, ihn zu +einem Geständnis zu zwingen. Der Polizeileutnant Hickel, der unheimliche +Geselle, dem ich nicht über den Weg traue, kommt nun fast täglich ins +Haus und hat lange Konferenzen mit Vater, und soviel ich bis jetzt den +Andeutungen des Vaters entnommen habe, soll ihn Hickel in einigen Wochen +auf die Reise begleiten. Könnt' ich doch das, nur das verhindern! Er +wird um dieser unseligen Geschichte willen den letzten Frieden seines +Alters hingeben und er wird nichts ausrichten, nichts, nichts und wäre +er ein Jesajas an Beredsamkeit, ein Simson an Kraft und ein Makkabäus an +Mut. Ach, wir Feuerbachs sind ein gezeichnetes Geschlecht! Das Kainsmal +der Ruhelosigkeit bedeckt unsre Stirnen. Sinnlos wirtschaften wir mit +unsern Kräften und unsern Vermögen, und wenn die Überbleibsel noch +gerade bis zur Kirchhofsmauer reichen, ist es schon ein Glück. Es ist +uns nicht gegeben, einen harmlosen Spaziergang zu machen, wir müssen +immer gleich ein Ziel haben, wir können nicht atmen, ohne eines +wichtigen Zweckes zu gedenken, und in der Erwartung des nächsten Tages +entgleitet uns jede holde Gegenwart. So ist er, so bist du, so bin ich, +so sind wir alle. Ich habe noch nie an einer Rose gerochen, ohne darüber +zu trauern, daß sie morgen verwelkt sein wird, noch nie ein schönes +Bettelkind erblickt, ohne über die Ungleichheit der Lose zu +spintisieren. Leb wohl, Bruder, der Himmel mache meine schlimmen +Ahnungen unwirklich.« + +So der Brief. Das darin zum Ausdruck gebrachte Mißtrauen gegen den +Polizeileutnant wuchs schließlich dermaßen, daß Henriette alle möglichen +Anstrengungen machte, um den Vater mit Hickel zu entzweien. Es fruchtete +nichts, aber Hickel roch Lunte und zeigte in seinem Benehmen gegen die +Tochter des Präsidenten alsbald eine undurchdringliche, süßliche +Liebenswürdigkeit. Als ihn Quandt aufsuchte und sich lebhaft darüber +beklagte, daß der Präsident sich von Hauser habe beschwatzen lassen und +dessen unbewachtes und unbehindertes Herumlaufen in der Stadt bewilligt +habe, sagte Hickel, das passe ihm nicht, er werde dem Staatsrat schon +den Kopf zurechtsetzen. + +Er ließ sich bei Feuerbach melden und trug ihm seine Bedenken gegen die +unerwünschte Maßregel vor. »Eure Exzellenz dürften nicht überlegt haben, +welche Verantwortung Sie mir damit aufbürden,« sagte er. »Wenn ich keine +Kontrolle habe, wo der Mensch seine Zeit hinbringt, wie soll ich dann +für seine Sicherheit Garantie bieten?« + +»Larifari,« knurrte Feuerbach; »ich kann einen erwachsenen Menschen +nicht einsperren, damit Sie Ihre Nachmittagsstunden mit Gemütsruhe im +Kasino versitzen können.« + +Hickel heftete einen bösen Blick auf seine Hände, antwortete aber mit +einer nicht übel gespielten Treuherzigkeit: »Ich bin mir ja eines +Lasters bewußt, das Eure Exzellenz so streng verurteilen. Immerhin, ein +Plätzchen muß der Mensch doch haben, wo er sich wärmen kann, sonderlich +wenn er ein Hagestolz ist. Wenn Sie in meiner Haut steckten, Exzellenz, +und ich in der Ihren, würde ich milder über einen geplagten Beamten +denken.« + +Feuerbach lachte. »Was ist Ihnen denn über die Leber gekrochen?« fragte +er gutmütig. »Haben Sie Liebeskummer?« Er hielt den Polizeileutnant für +einen großen Suitier. + +»In diesem Punkt, Exzellenz, bin ich leider zu hartgesotten,« entgegnete +Hickel, »obgleich ein Anlaß dafür vorhanden wäre; seit einigen Tagen hat +unsre Stadt die Ehre, eine ganz ausgezeichnete Schönheit zu +beherbergen.« + +»So?« fragte der Präsident neugierig. »Erzählen Sie mal.« Er hatte, +nicht zu leugnen, eine kleine naive Schwäche für die Frauen. + +»Die Dame ist bei Frau von Imhoff zu Besuch --« + +»Jawohl, richtig, die Baronin sprach davon,« unterbrach Feuerbach. + +»Sie wohnte zuerst im 'Stern',« fuhr Hickel fort, »ich ging ein paarmal +vorüber und sah sie gedankenvoll am Fenster weilen, den Blick zum Himmel +aufgeschlagen wie eine Heilige; ich blieb dann immer stehen und schaute +hinauf, aber kaum daß sie mich bemerkte, trat sie erschrocken zurück.« + +»Na, das lass' ich mir gefallen, das heißt gut beobachten,« neckte der +Präsident, »es ist also schon eine Art Einverständnis geschaffen.« + +»Leider nein, Exzellenz; offen gestanden, für galante Abenteuer ist die +Zeit zu ernst.« + +»Das sollt' ich meinen,« bestätigte Feuerbach, und das Lächeln erlosch +auf seinen Zügen. Er erhob sich und sagte energisch: »Aber sie ist auch +reif, die Zeit. Ich gedenke am 28. April aufzubrechen. Sie nehmen vorher +Dispens vom Amt und stellen sich mir zur Verfügung.« + +Hickel verbeugte sich. Er schaute den Präsidenten erwartungsvoll an, +und dieser verstand den Blick. »Ach so,« sagte er. »Ich muß Ihnen +allerdings zugeben, daß es sein Untunliches hat, den Hauser sich selbst +zu überlassen. Anderseits ist es nicht billig, ihm die Welt vor der Nase +zuzuriegeln. Davon mag er genug haben. Durch Einbuße an freiwilliger +Betätigung wird ein zum Leben gewandter Wille ebenso empfindlich +getroffen wie durch Ketten und Handfessel.« Er konnte nicht einig mit +sich werden; wie immer dem Polizeileutnant gegenüber fand er sich in +seinen Entschlüssen beengt; es war ein Anprall von Kraft, Jugend, Kälte +und Gewissenlosigkeit, dem er dabei unterlag. + +»Aber Eure Exzellenz kennen doch die Gefahren --« wandte Hickel ein. + +»Solange ich in dieser Stadt die Augen offen habe, wird niemand wagen, +ihm ein Haar zu krümmen, dessen seien Sie ganz gewiß.« + +Hickel hob die Brauen hoch und betrachtete wieder die gestreckten Finger +seiner Hand. »Und wenn er uns eines Tages über alle Berge rennt?« fragte +er finster. »Dem ist manches zuzutrauen. Ich schlage vor, daß man ihn +wenigstens des Abends und auf Spaziergängen überwachen läßt. Bei +Besorgungen in der Stadt mag er im Notfall allein bleiben. Dem alten +Invaliden können wir den Laufpaß geben, und ich will statt dessen meinen +Burschen abrichten. Er soll sich täglich um fünf Uhr nachmittags im +Lehrerhaus melden.« + +»Das wäre eine Lösung,« sagte Feuerbach. »Ist der Mann verläßlich?« + +»Treu wie Gold.« + +»Wie heißt er?« + +»Schildknecht; ist ein Bäckerssohn aus dem Badischen.« + +»Erledigt; sei es so.« + +Als Hickel schon unter der Tür war, rief ihn der Präsident noch einmal +zurück und schärfte ihm wegen der bevorstehenden gemeinsamen Reise +unbedingtes Stillschweigen ein. Hickel versetzte, einer solchen Mahnung +bedürfe es nicht. + +»Ich könnte die Reise keinesfalls allein unternehmen,« sagte der +Präsident, »ich brauche die Hilfe eines umsichtigen Mannes. Die +Gelegenheit muß sorgfältig ausgekundschaftet werden. Vorsicht ist +geboten. Vergessen Sie niemals, daß ich Ihnen in dieser Sache einen +großen Beweis von Vertrauen gebe.« + +Er schaute den Polizeileutnant durchbohrend an. Hickel nickte +mechanisch. Über Feuerbachs Stirn senkte sich plötzlich eine Wolke +ahnungsvoller Sorge. »Gehen Sie,« befahl er kurz. + + + + +Die Reise wird angetreten + + +Am selben Abend suchte Hickel den Lehrer auf und teilte ihm mit, daß der +Soldat Schildknecht von nun an den Hauser überwachen werde. Caspar war +nicht daheim, und auf die Frage nach ihm antwortete Quandt, er sei ins +Theater. + +»Schon wieder ins Theater!« rief Hickel. »Das dritte Mal seit vierzehn +Tagen, wenn ich recht zähle.« + +»Er hat eine große Vorliebe dafür gefaßt,« erwiderte Quandt; »beinahe +sein ganzes Taschengeld verwendet er dazu, um Billette zu kaufen.« + +»Mit dem Taschengeld wird es, nebenbei bemerkt, nächstens hapern,« sagte +der Polizeileutnant, »der Graf hat mir diesmal nur die Hälfte des +vereinbarten Monatswechsels geschickt. Offenbar wird ihm die Sache zu +kostspielig.« + +Stanhope hatte von Anfang an die für Caspar zu verwendenden Gelder an +Hickel gesandt. + +»Kostspielig? Dem Lord? Einem Pair der Krone Großbritannien? Diese +Lappalie kostspielig!« Quandt riß vor Erstaunen die Augen auf. + +»Das erzählen Sie nur keinem andern, sonst denkt man, Sie machen sich +lustig über den Grafen,« sagte die Lehrerin. Neugierig prüfend schaute +sie den Polizeileutnant an. Dieser aalglatte und geschniegelte Mann war +ihr stets merkwürdig und reizvoll erschienen. Er brachte das bißchen +Phantasie, das sie hatte, in Bewegung. + +»Kann nicht helfen,« schloß Hickel unwirsch das Gespräch, »es ist so. +Der Postzettel liegt bei mir zur Einsicht vor. Der Graf wird schon +wissen, was er tut.« + +Als Caspar nach Hause kam, fragte ihn Quandt, wie er sich unterhalten +habe. »Gar nicht, es war soviel von Liebe in dem Stück,« antwortete er +ärgerlich. »Ich kann das Zeug nun einmal nicht ausstehen. Da schwätzen +sie und jammern, daß einem ganz dumm wird, und was ist das Ende? Es wird +geheiratet. Da will ich lieber mein Geld einem Bettler schenken.« + +»Vorhin war der Herr Polizeileutnant hier und hat uns eröffnet, daß der +Graf Ihre Bezüge erheblich gemindert hat,« sagte Quandt. »Sie werden +also alle Ausgaben überhaupt beschränken und den Theaterbesuch, fürchte +ich, ganz aufgeben müssen.« + +Caspar setzte sich zum Tisch, aß sein Abendbrot und sagte lange nichts. +»Schade,« ließ er sich endlich vernehmen, »übernächste Woche ist der +'Don Carlos' von Schiller. Das soll ein herrliches Stück sein, das +möcht' ich noch sehen.« + +»Wer hat Ihnen denn mitgeteilt, daß es ein herrliches Stück ist?« fragte +Quandt mit der nachsichtig überlegenen Miene des Fachmannes. + +»Ich hab' Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf im Theater getroffen,« +erklärte Caspar, »beide haben es gesagt.« + +Die Lehrerin hob den Kopf: »Frau von Kannawurf? Wer ist denn das nun +wieder?« + +»Eine Freundin von der Imhoff,« erwiderte Caspar. + +Quandt besprach sich mit seiner Frau noch bis Mitternacht darüber, wie +man sich in die vom Grafen getroffene Veränderung zu schicken habe. Es +wurde vereinbart, daß Caspar von jetzt ab den Mittagstisch für zehn und +den Abendtisch für acht Kreuzer haben solle. »Wenn das so ist, wie der +Polizeileutnant sagt, muß ich in jedem Fall draufzahlen,« meinte die +Lehrerin. + +»Wir dürfen nicht vergessen, daß der Hauser im Essen und Trinken +wirklich beispiellos mäßig ist,« versetzte Quandt, dessen Redlichkeit +sich gegen eine unrechtmäßige Beschränkung sträubte. + +»Macht nichts,« beharrte die Frau, »ich muß doch immer um so viel mehr +in der Küche haben, daß ein Hungriger satt wird. Das krieg' ich nicht +geschenkt.« + +Am andern Nachmittag brachte Hickel das Monatsgeld. Er und Quandt traten +gerade in den Flur, als Caspar, zum Ausgehen fertig, aus seinem Zimmer +herunterkam. Vom Lehrer gefragt, wohin er gehe, antwortete er verlegen, +er wolle zum Uhrmacher, seine Uhr sei nicht in Ordnung, und er müsse sie +richten lassen. Quandt verlangte die Uhr zu sehen, Caspar reichte sie +ihm, der Lehrer hielt sie ans Ohr, beklopfte das Gehäuse, probierte, ob +sie aufzuziehen sei, und sagte schließlich: »Der Uhr fehlt ja nicht das +mindeste.« + +Caspar errötete und sagte nun, er habe sich bloß seinen Namen auf den +Deckel gravieren lassen wollen; doch er hätte ein viel geschickterer +Heuchler sein müssen, um seinen Worten den Stempel der Ausflucht zu +nehmen. Quandt und Hickel sahen einander an. »Wenn Sie einen Funken +Ehrgefühl im Leib haben, so gestehen Sie jetzt offen, wohin Sie gehen +wollten,« sagte Quandt ernst. + +Caspar besann sich und erwiderte zögernd, er habe die Absicht gehabt, in +die Orangerie zu gehen. + +»In die Orangerie? Warum? Zu welchem Zweck?« + +»Der Blumen wegen. Es sind dort im Frühjahr immer so schöne Blumen.« + +Hickel räusperte sich bedeutsam. Er blickte Caspar scharf an und sagte +ironisch: »Ein Poet. Unter Blumen -- laß mich seufzen ...« Dann nahm er +seine militärische Miene an und erklärte bündig, er habe den Präsidenten +bestimmt, die unbedacht gewährte Erlaubnis zu freiem Ausgehen wieder zu +kassieren. Täglich um fünf Uhr werde sein Bursche antreten, und in +dessen Gesellschaft möge Caspar tun, was ihm beliebe. + +Caspar blickte still auf die Gasse hinaus, wo die Frühlingssonne lag. +»Es scheint --« murmelte er, stockte aber und sah ergeben vor sich hin. + +»_Was_ scheint?« fragte der Lehrer. »Nur heraus damit. Halbgesagtes +verbrennt die Zunge.« + +Caspar richtete die Augen forschend auf ihn. »Es scheint,« beendete er +den Satz, »daß beim Präsidenten doch recht behält, wer zuletzt kommt.« +Als er der Wirkung dieser bitteren Worte inne ward, hätte er sie gern +wieder ungesprochen gemacht. Der Lehrer schüttelte entsetzt den Kopf, +Hickel pfiff leise durch die gespitzten Lippen. Dann nahm er sein +Notizbuch, das zwischen zwei Knöpfen seines Rockes stak, und schrieb +etwas auf. Caspar beobachtete ihn mit scheuen Blicken, es flackerte wie +ein Blitz über seine Stirn. + +»Natürlich werde ich den Staatsrat von dieser unziemlichen Bemerkung +unterrichten,« sagte Hickel in amtlichem Ton. + +Als der Polizeileutnant gegangen war, bat Caspar den Lehrer, er möge ihn +doch ausnahmsweise heute fortlassen, weil so schönes Wetter sei. »Es tut +mir leid,« entgegnete Quandt, »ich muß nach meiner Instruktion handeln.« + +Der Bursche Hickels erschien erst gegen halb sechs. Caspar begab sich +mit ihm auf den Weg nach dem Hofgarten, aber als sie hinkamen, war die +Orangerie schon geschlossen. Schildknecht schlug vor, am Onolzbach +entlang spazierenzugehen; Caspar schüttelte den Kopf. Er stellte sich an +eines der offenen Fenster des Gewächshauses und blickte hinein. + +»Suchen Sie wen?« fragte Schildknecht. + +»Ja, eine Frau wollte mich hier treffen,« erwiderte Caspar. »Macht +nichts, gehen wir wieder heim.« + +Sie kehrten um; als sie auf den Schloßplatz gelangten, sah Caspar Frau +von Kannawurf, die in der Mitte des Platzes stand und einer großen +Menge von Spatzen Brosamen hinstreute. Caspar blieb außerhalb der +Sperlingsversammlung stehen; er schaute zu und vergaß ganz zu grüßen. +Die Fütterung war bald beendet, Frau von Kannawurf setzte den Hut wieder +auf, den sie am Band über den Arm gehängt hatte, und sagte, sie sei +anderthalb Stunden lang im Gewächshaus gewesen. + +»Ich bin kein freier Mensch, kann nicht halten, was ich verspreche,« +antwortete Caspar. + +Sie gingen die Promenade hinunter, dann links gegen die Vorstadtgärten. +Schildknecht marschierte hinterdrein; der rotbackige kleine Mensch in +der grünen Uniform sah drollig aus. Der größte von den dreien war +überhaupt Caspar, denn auch Frau von Kannawurf hatte eine kindliche +Gestalt. + +Nachdem sie lange Zeit schweigend nebeneinander her gewandert waren, +sagte die junge Frau: »Ich bin eigentlich Ihretwegen in diese Stadt +gekommen, Hauser.« Die ein wenig singende Stimme hatte einen fremden +Akzent, und während sie sprach, pflegte sie hie und da mit den Lidern zu +blinzeln, wie Leute tun, die ermüdete Augen haben. + +»Ja, und was wollen Sie von mir?« versetzte Caspar mehr unbeholfen als +schroff. »Das haben Sie mir schon gestern im Theater gesagt, daß Sie +meinetwegen gekommen sind.« + +»Das ist Ihnen nichts Neues, denken Sie. Aber ich will nichts von Ihnen +haben, im Gegenteil. Es ist sehr schwer, im Gehen darüber zu reden. +Setzen wir uns dort oben ins Gras.« + +Sie stiegen den Abhang des Nußbaumberges hinan und ließen sich vor einer +Hecke auf den Rasen nieder. Ihnen gegenüber sank die Sonne gegen die +Waldkuppen der schwäbischen Berge. Caspar schaute andächtig hin, Frau +von Kannawurf stützte den Ellbogen aufs Gras und sah in die violette +Luft. Schildknecht, als verstehe er, daß seine Gegenwart nicht erwünscht +sei, hatte sich weit unterhalb auf einen umgestürzten Baum gesetzt. + +»Ich besitze ein kleines Gut in der Schweiz,« begann Frau von Kannawurf, +»ich habe es vor zwei Jahren gekauft, um mir in einem freien Land einen +Zufluchts- und Ruheplatz zu schaffen. Ich mache Ihnen den Vorschlag, mit +mir dorthin zu reisen. Sie können dort ganz nach Ihrem Wunsch leben, +ohne Belästigung und ohne Gefahr. Nicht einmal ich selbst werde Sie +stören, denn ich kann nirgends bleiben, es treibt mich immer woanders +hin. Das Haus liegt vollständig einsam zwischen hohen Bergen im Tal und +an einem See. Nichts Großartigeres läßt sich denken als der Anblick des +ewigen Schnees, wenn man dort im Garten unter den Apfelbäumen sitzt. Da +es viel Schwierigkeiten und viel Zeit kosten würde, wenn ich es +durchsetzen wollte, Sie vor aller Welt hinzubringen, bin ich dafür, daß +Sie mit mir fliehen. Sie brauchen nur ja zu sagen und alles ist bereit.« + +Sie hatte Caspar jetzt das Gesicht voll zugewandt, und dieser kehrte den +etwas geblendeten Blick von dem roten Sonnenball weg und schaute sie an. +Er hätte von Holz sein müssen, um diesem wunderschönen Antlitz gegenüber +unempfindlich zu bleiben, und ganz von selbst, und als ob er ihr gar +nicht zugehört hätte, fielen die verwunderten Worte von seinen Lippen: +»Sie sind aber sehr schön.« + +Frau von Kannawurf errötete. Es gelang ihr nicht, hinter ihrem +spöttischen Lächeln ein schmerzliches Gefühl zu verbergen. Ihr Mund, der +etwas Kindlich-Süßes hatte, zuckte beständig, wenn sie schwieg. Caspar +geriet in Verwirrung unter ihrem erstaunten Blick und sah wieder in die +Sonne. + +»Sie antworten mir nicht?« fragte Frau von Kannawurf leise und +enttäuscht. + +Caspar schüttelte den Kopf. »Es ist unmöglich zu tun, was Sie von mir +wollen,« sagte er. + +»Unmöglich? warum?« Frau von Kannawurf richtete sich jäh auf. + +»Weil ich dort nicht hingehöre,« sagte Caspar fest. + +Das junge Weib sah ihn an. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck eines +aufmerksamen Kindes und wurde nach und nach so blaß wie der Himmel über +ihnen. »Wollen Sie sich denn opfern?« fragte sie starr. + +»Weil ich dorthin muß, wo ich hingehöre,« fuhr Caspar unbeirrt fort und +blickte immer noch gegen die Stelle, wo die Sonne jetzt verschwunden +war. + +Ihn zu meinem Plan zu bekehren, ist vergeblich, dachte Frau von +Kannawurf sogleich; großer Gott, wie wahr, wie einfach alles vor ihm +liegt: ja -- nein, schön -- häßlich; er betrachtet die Dinge nur von oben. +Und wie sein Gesicht grenzenlose Güte mit einer naiven und zärtlichen +Traurigkeit vereint; man ist benommen und erstaunt, wenn man ihn +anschaut. + +»Was aber wollen Sie tun?« fragte sie zaudernd. + +»Ich weiß es noch nicht,« entgegnete er wie im Traum und verfolgte mit +den Augen eine Wolke, welche die Gestalt eines laufenden Hundes hatte. + +Also was man mir berichtet hat, ist falsch; er fürchtet sich ja gar +nicht, dachte das junge Weib. Sie erhob sich und ging ungestüm voraus, +den Hügel hinunter an Schildknecht vorbei, der zu schlafen schien. Man +muß ihn schützen, dachte sie weiter, er ist imstande und rennt in sein +Verderben; was er tun wird, weiß er nicht, natürlich, er ist +wahrscheinlich nicht fähig, einen Plan zu machen, aber er wird handeln, +er trägt eine Tat mit sich herum und wird vor nichts mehr +zurückschrecken; es ist nicht schwer, ihn zu erraten, obwohl er aussieht +wie das Schweigen selbst. + +Sie blieb stehen und wartete auf Caspar. »Ei, Sie können ordentlich +laufen,« sagte er bewundernd, als er wieder an ihrer Seite war. + +»Die frische Luft macht mich ein bißchen wild,« antwortete sie und holte +tief Atem. + +Als Frau von Kannawurf und Caspar durch den Torbogen des Herrieder +Turmes gingen, sahen sie plötzlich neben einem leeren Schilderhäuschen +den Polizeileutnant. Und beide blieben unwillkürlich stehen, denn der +Anblick hatte etwas Erschreckendes. Hickel lehnte nämlich mit der +Schulter gegen das Häuschen und sah aus wie zur Bildsäule erstarrt. +Trotz der Dunkelheit konnte man wahrnehmen, daß sein Gesicht aschfahl +war, und es lag über seinen Zügen eine bleierne Düsterkeit. Hinter ihm +stand sein Hund, eine große graue Dogge; das Tier war genau so +regungslos wie sein Herr und blickte unverwandt an ihm empor. + +Caspar zog grüßend den Hut; Hickel bemerkte es nicht. Frau von Kannawurf +sah noch einmal zurück und flüsterte fröstelnd: »Wie furchtbar! Was für +ein Mann! Was mag ihn peinigen!« + +War es denkbar, daß der Polizeileutnant, etwa durch neue Spielverluste +in Verzweiflung gebracht, sich so weit vergessen konnte, daß er, +wennschon durch die Dunkelheit und einen Mauerwinkel geschützt, auf +offener Gasse das Schauspiel eines vom Krampf Befallenen darbot? Das ist +den Spielern sonst nicht eigen; sie überschlafen ihren Unglücksrausch +und geben sich kaltblütig dem tückischen Zufall von neuem in die Hände. +Aber Spieler pflegen skrupellos zu sein; setzen sie nicht Geld auf +Karten, so setzen sie auf Seelen, und dabei kann es sich wohl ereignen, +daß ihnen der Teufel eine gräßliche Schuldverschreibung vorhält, die sie +mit ihrem Blut unterzeichnen müssen. + +Als Hickel am Nachmittag nach Hause gekommen war, trat ihm vor der Tür +seiner Wohnung ein unbekannter Mann entgegen, übergab ihm ein +versiegeltes Schreiben und verschwand wieder, ohne gesprochen zu haben. +Der erfahrene Blick des Polizeileutnants konnte nicht im unklaren +darüber bleiben, daß der Mensch falsches Haar und falschen Bart getragen +hatte. Der Brief, den Hickel sogleich öffnete, war chiffriert; seine +Entzifferung kostete, trotzdem der Schlüssel bekannt war, den Rest des +Nachmittags. Der Inhalt des Schreibens bezog sich auf die mit dem +Präsidenten gemeinschaftlich anzutretende Reise. Hickel las, las und las +wieder. Er hatte schon beim ersten Male verstanden, aber er las, um +nicht denken zu müssen. + +Punkt sieben Uhr erhob er sich vom Schreibtisch und ging zehn Minuten +lang pfeifend im Zimmer auf und ab. Sodann öffnete er ein +Glasschränkchen, nahm eine Flasche mit Whisky heraus, die er vom Grafen +Stanhope geschenkt erhalten hatte, füllte ein nettes silbernes +Becherchen damit und trank es in einem Zuge leer. Hierauf griff er zur +Bürste, reinigte den Rock, danach hing er den Säbel um und um halb acht +verließ er mit dem Hund seine Wohnung. Er schien gutgelaunt, denn er +pfiff und summte noch immer vor sich hin und knipste hier und da mit den +Fingern. Doch unter dem Bogen des Herrieder Turmes blieb er auf einmal +stehen und sah angelegentlich zur Erde nieder. Ein durchfahrender +Handwagen stieß ihn an der Hüfte an, deshalb ging er ein paar Schritte +weiter bis zum Schilderhause um die Ecke. Dort gewahrte ihn das +heimkehrende Paar. + +Es würde einen ungenügenden Einblick in den Charakter des +Polizeileutnants beweisen, wenn man annehmen wollte, daß diese +Sinnesverdunklung länger gedauert habe, als gemeinhin eine +vorübergehende Blutleere im Kopf dauert. Um acht Uhr saß er schon mit +einigen Kollegen beim Fischessen in der »Goldenen Gabel« und um neun Uhr +war er im Kasino; sollte diese genaue Stundenangabe etwas Verdrießliches +haben, so sei hinzugefügt, daß er in der Zeit von neun bis vier Uhr +überhaupt keinen Glockenschlag mehr, sondern nur noch das eintönige +Knistern der Spielkarten vernahm. Er gewann. Auf dem Heimweg durch die +grauende Frühe passierte dann das Auffällige, daß er vor dem +Sterngasthof in der Mitte der Straße Halt machte, den Säbel an das Bein +preßte und einen langen, saugenden Blick gegen dasselbe Fenster +hinaufschickte, hinter dem er einst die schöne Fremde gesehen hatte. + +Am Morgen schlief er lange, und als der Bursche mit dem Rapport kam, +hörte er kaum zu. Schildknecht war verpflichtet, jeden Morgen Bericht +zu erstatten, wo er den Nachmittag oder Abend vorher mit Caspar gewesen. +Fast jedesmal hieß es von nun ab: wir haben die Frau von Kannawurf +abgeholt, oder: die Frau von Kannawurf ist uns begegnet und wir sind +spazierengegangen, oder bei Regenwetter: wir sind im Imhoffschen Garten +in der Laube gesessen. Dieses »Wir« hatte aber in Schildknechts Mund +einen sehr bescheidenen Klang; er sprach von Caspar stets mit +achtungsvoller Zurückhaltung. Da er die Wahrnehmung machte, daß sein +Herr die Berichte über das regelmäßige Beisammensein der beiden mit +Unruhe aufnahm, wußte er in seinen Ton etwas wie eine Versicherung von +Harmlosigkeit zu legen, fügte zum Beispiel hinzu: »sie haben viel über +das Wetter gesprochen,« oder: »sie haben sich über gebildete Sachen +unterhalten.« Solche Einzelheiten erfand er, denn in Wirklichkeit hielt +er sich jedesmal in einer taktvollen Entfernung hinter den beiden. + +Hickel begann dem jungen Menschen zu mißtrauen. + +Eines Abends erwischte er ihn, wie er in einem Winkel der Küche hockte, +eine Kerze vor sich, und mit dem Zeigefinger buchstabierend über die +Zeilen eines Buches glitt. Als er sich gestört fand, war er wie +entgeistert, seine roten Backen hatten die Farbe verloren. Hickel nahm +das Buch, und sein Gesicht wurde finster wie die Nacht, als er sah, daß +es die Feuerbachsche Schrift war. »Woher hat Er das?« schrie er +Schildknecht an. Der Bursche erwiderte, er habe es auf dem Bücherschrank +des Herrn Leutnant gefunden. »Das ist eine widerrechtliche Aneignung, +ich werde Ihn davonjagen und disziplinieren lassen, wenn so etwas +nochmal vorkommt, merk' Er sich das!« donnerte Hickel. + +Wahrscheinlich hätte die erstbeste Seeräubergeschichte die Neugier des +Tölpels ebenso gereizt, sagte sich Hickel später und erklärte sein +Aufbrausen für eine Unbesonnenheit. Gleichwohl witterte er Gefahr, der +Bursche war nicht nach seinem Sinn, und er beschloß, sich seiner zu +entledigen. Ein Anlaß ergab sich bald. + +Als Schildknecht tags darauf Caspar abholte, merkte er, daß dieser +verstimmt war. Er suchte ihn aufzuheitern, indem er ein paar lustige +Schnurren aus dem Kasernenleben vorbrachte. Caspar ging auf die +Unterhaltung ein, er fragte den zutraulichen Menschen nach seiner +Heimat, nach seinen Eltern, und Schildknecht bemühte sich, auch davon +möglichst gutgelaunt zu erzählen, obschon es ein trauriges Kapitel für +ihn war. Er hatte eine Stiefmutter gehabt, der Vater hatte ihn in früher +Jugend unter fremde Leute gegeben, kaum war er von Hause fort, so hatte +ein Liebhaber der Frau den Vater im Raufhandel erschlagen. Jetzt saß der +Liebhaber samt der Frau im Zuchthaus, und die Brüder hatten das Vermögen +durchgebracht. + +Schildknecht wagte zu fragen, weshalb Caspar heute seine Freundin nicht +treffe. + +»Sie geht ins Theater,« antwortete Caspar. + +Warum denn er nicht gehe, fragte Schildknecht weiter. + +Er habe kein Geld. + +»Kein Geld? Wieviel braucht man denn dazu?« + +»Sechs Groschen.« + +»Soviel hab' ich grad' bei mir,« meinte Schildknecht, »ich leih's +Ihnen.« + +Caspar nahm das Anerbieten mit Vergnügen an. Es wurde nämlich der »Don +Carlos« gegeben, auf den er sich schon lange gefreut hatte. + +Das Stück erregte mit Ausnahme des verrückten Frauenzimmers, das den +Prinzen verführen will, sein Entzücken. Und wie ward ihm, als der +Marquis zum König sprach: + + Sie haben umsonst + Den harten Kampf mit der Natur gerungen, + Umsonst ein großes königliches Leben + Zerstörenden Entwürfen hingeopfert. + Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten. + Des langen Schlummers Bande wird er brechen + Und wiederfordern sein geheiligt Recht. + +Er erhob sich von seinem Platz, starrte gierig, mit funkelnden Augen auf +die Bühne und enthielt sich nur mit Mühe eines lauten Ausrufs. Zum Glück +wurde die Störung in der herrschenden Dunkelheit nicht weiter beachtet; +sein Nachbar, ein böser alter Kanzleirat, zerrte ihn grob auf den Sitz +zurück. + +Das Ausbleiben über den Abend hatte zunächst ein Verhör durch den Lehrer +zur Folge. Er gestand, im Schloßtheater gewesen zu sein. »Woher haben +Sie Geld?« fragte Quandt. Caspar erwiderte, er habe das Billett +geschenkt bekommen. »Von wem?« Gedankenlos, noch ganz gefangen von der +Dichtung, nannte Caspar irgendeinen Namen. Quandt erkundigte sich am +andern Tag, erfuhr selbstverständlich, daß ihn Caspar belogen hatte, und +stellte ihn zur Rede. In die Enge getrieben, bekannte Caspar die +Wahrheit, und Quandt machte dem Polizeileutnant Mitteilung. + +Um fünf Uhr nachmittags ertönte im Hof vor Caspars Fenster der +wohlbekannte Pfiff, zwei melodische Triolen, mit denen sich +Schildknecht zu melden pflegte. Caspar ging hinunter. + +»Es ist aus mit uns beiden,« sagte Schildknecht zu ihm, »der +Polizeileutnant hat mich entlassen, weil ich Ihnen das Geld geliehen +hab'. Ich muß jetzt wieder Kasernendienst tun.« + +Caspar nickte trübselig. »So geht mir's eben,« murmelte er, »sie +wollen's nicht leiden, wenn einer zu mir hält.« Er reichte Schildknecht +die Hand zum Abschied. + +»Hören Sie mal zu, Hauser,« sagte Schildknecht eifrig, »ich will jede +Woche zwei- oder dreimal, überhaupt wenn ich frei bin, dahier in den Hof +kommen und meinen Pfiff pfeifen. Vielleicht brauchen Sie mich mal. Warum +nicht, kann ja möglich sein.« + +Es lag in den Worten eine über alle Maßen tiefe Herzlichkeit. Caspar +richtete den aufmerksamen Blick in Schildknechts freundlich lächelndes +Gesicht und erwiderte langsam und bedächtig: »Es kann möglich sein, das +ist wahr.« + +»Topp! Abgemacht!« rief Schildknecht. + +Sie gingen durch den Flur nach der Straße. Vor dem Tor stand ein +Amtsdiener, und da er Caspars ansichtig wurde, sagte er, er habe ihn +gesucht, der Herr Staatsrat schicke ihn her, Caspar solle gleich +hinkommen. Caspar fragte, was es gäbe. »Der Herr Staatsrat reist um +sechs Uhr mit dem Herrn Polizeileutnant ab und will noch mit Ihnen +sprechen,« antwortete der Mann. + +Caspar machte sich auf den Weg. Ein paar hundert Schritte vom Lehrerhaus +entfernt konnte er nicht weiter. Ein Ziegelwagen war vor dem Einfahren +in ein Tor mit gebrochener Radachse umgestürzt und versperrte die Gasse. +Caspar wartete eine Weile, kehrte dann um und mußte nun durch die +Würzburger Straße und über die Felder. Infolgedessen kam er zu spät. Als +er vor dem Feuerbachschen Garten anlangte, war der Präsident schon +weggefahren. Henriette und der Hofrat Hofmann standen am Gartentor und +nahmen Caspars triftige Entschuldigung schweigend auf. Henriette hatte +verweinte Augen. Sie blickte lange die Gasse hinunter, wo der Wagen +verschwunden war, dann drehte sie sich wortlos um und schritt gegen das +Haus. + + + + +Schildknecht + + +Der Mai brachte viel Regen. Wenn das Wetter es irgend erlaubte, +wanderten Caspar und Frau von Kannawurf ganze Nachmittage lang durch die +Umgegend. Caspar vernachlässigte plötzlich sein Amt. Auf Vorhaltungen +entgegnete er: »Ich bin der dummen Schreiberei überdrüssig.« Was ihm von +den maßgebenden Personen höchlichst verübelt wurde. + +Der von Hickel neuaufgenommene und für die Dauer seiner Abwesenheit +streng unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lästig, daß sich +Frau von Kannawurf beim Hofrat Hofmann darüber beschwerte. Weniger aus +Einsicht als um der schönen Frau gefällig zu sein, gestattete der +Hofrat, daß Caspar seine Spaziergänge mit ihr allein unternehme. +»Hoffentlich entführen Sie mir den Hauser nicht,« sagte er mit seinem +fiskalisch-schlauen Lächeln zu der Sprachlosen. + +Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten. »Ich bestehe auf meiner +Instruktion,« war sein eisernes Sprüchlein. Eines Morgens erschien daher +Frau von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn kühn +zur Rede. Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen; er war vollkommen +verdattert und wurde abwechselnd rot und blaß. »Ich bin ganz zu Ihren +Diensten, Madame,« sagte er mit dem Ausdruck eines Menschen, der sich +auf der Folter zu allem entschließt, was man von ihm haben will. + +Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um. +»Wie verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar?« fragte sie auf +einmal. »Lieben Sie ihn?« + +Quandt seufzte. »Ich wollte, ich könnte ihn so lieben, wie seine +achtungswerten Freunde glauben, daß er es verdient,« antwortete er +meisterhaft verschnörkelt. + +Frau von Kannawurf erhob sich. »Wie soll ich das verstehen?« brach sie +leidenschaftlich aus, »wie kann man ihn nicht lieben, ihn nicht auf +Händen tragen?« Ihr Gesicht glühte, sie trat dicht vor den erschrockenen +Lehrer hin und sah ihn drohend und traurig an. + +Doch sie besänftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen, um +den ihr erstaunlichen Mann besser kennen zu lernen. Ihr war jeder Mensch +ein Wunder und fast alles, was Menschen taten, etwas Wunderbares. +Deshalb erreichte sie selten ein vorgesetztes Ziel. Sie vergaß sich und +überschritt die Grenze, die ein oberflächlicher Verkehr bedingt. + +Quandt ärgerte sich nachher gründlich über seine nachgiebige Haltung. +Was mag denn da wieder dahinter stecken? grübelte er. So oft die +kleinen Briefchen von Frau von Kannawurf an Caspar kamen, öffnete er +und las sie, ehe er sie dem Jüngling gab. Er brachte nichts heraus; der +Inhalt war zu unverfänglich. Wahrscheinlich verständigen sie sich in +irgendeiner Geheimsprache, dachte Quandt und stellte gewisse +wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung, damit den Schlüssel zu +finden. Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe, worauf Quandt ihm mit +ungewöhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz +ihrer Pfleglinge bewies. + +Schließlich bat Caspar seine Freundin, ihm nicht mehr zu schreiben. So +unverfänglich wie die Briefe hätte der Lehrer auch, wenn er unsichtbar +die beiden hätte belauschen können, ihre Gespräche gefunden. Es kam vor, +daß sie stundenlang ohne zu reden nebeneinander her gingen. »Ist es +nicht schön im Wald?« fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang +ihrer süßen Stimme und einem kleinen, vogelhaft zwitschernden Lachen. +Oder sie pflückte eine Blume vom Wiesenrain und fragte: »Ist das nicht +schön?« + +»Es ist schön,« antwortete Caspar. + +»So trocken, so ernsthaft?« + +»Daß es schön ist, weiß ich noch nicht gar lange,« bemerkte Caspar tief, +»das Schöne kommt zuletzt.« + +Ihn machte der Frühling diesmal glücklich. Mit jedem Atemzug fühlte er +sich eigentümlich bevorzugt. Wahrhaftig, daß es schön war, hatte er bis +jetzt noch nie bedacht. Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um +ihn. Solang die Sonne am blauen Himmel stand, leuchteten seine Augen in +verwundertem Glück. Er ist wie ein Kind, das man nach langer Krankheit +zum erstenmal in den Garten führt, sagte sich Frau von Kannawurf. Ihr +gütiges Herz klopfte höher bei dem Gedanken, daß sie vielleicht nicht +ohne Einfluß auf diese Stimmung war. Bisweilen wand sie junges Waldlaub +um seinen Hut, und dann sah er stolz aus. Aber er war doch immer in sich +gekehrt und immer so verhalten, als ringe er mit einem großen Entschluß. + +Eines Tages kamen sie überein, daß er sie einfach Clara und sie ihn +Caspar nennen solle. Sie amüsierte sich über die geschäftsmäßige +Gesetztheit, mit der er seinerseits diesen Vertrag einhielt. Er +belustigte sie überhaupt oft, besonders wenn er ihr kleine +Moralpredigten hielt oder etwas, was er frauenzimmerlich nannte, +geärgert tadelte. Er ermahnte sie auch, nicht gar so viel herumzulaufen +und ihre Gesundheit zu schonen. Nun sah es ja manchmal wirklich aus, als +habe sie die Absicht, sich zu ermüden und zu erschöpfen. Eine ihrer +Leidenschaften bestand darin, auf Türme zu steigen; auf dem Turm der +Johanniskirche wohnte ein alter Glöckner, ein weiser Mann in seiner Art, +durch lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden; sie scheute nicht +die Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal täglich +zu dem Alten hinauf, plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte +über die eiserne Brüstung der schmalen Galerie und schaute über das Land +in die Fernen. Der Glöckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen, daß +er zu gewissen Abendstunden nach der Richtung des Imhoffschlößchens +verabredete Zeichen mit seiner Laterne gab. + +Jeden Tag machte sie neue Reisepläne, denn sie gefiel sich nicht in der +kleinen Stadt. Caspar fragte, warum sie denn so fortdränge, aber darüber +wußte sie im Grund keinen Aufschluß zu geben. »Ich darf nicht wurzeln,« +sagte sie, »ich werde unglücklich, wenn ich zufrieden bin, ich muß immer +auf Entdeckungsfahrten gehen, ich muß Menschen suchen.« Sie blickte +Caspar zärtlich an, indes ihr kleiner Mund unaufhörlich zuckte. + +Einmal, und das war das einzige Mal überhaupt, daß davon gesprochen +wurde, erwähnte sie der Feuerbachschen Schrift. Caspar griff nach ihrer +Hand, die er mit sonderbarer Kraft so stark preßte, als wolle er damit +das Wort zerquetschen, das er vernommen. Frau von Kannawurf stieß einen +leisen Schrei aus. + +Es war schon Abend; sie gingen noch bis zu der Straßenkreuzung, an der +sie sich gewöhnlich voneinander trennten. Da sagte Frau von Kannawurf +rasch und eindringlich, indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine +Stirn starrte: »Also wollen Sie es auf sich nehmen?« + +»Was?« entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen. + +»Alles --?« + +»Ja, alles,« sagte er dumpf, »aber ich weiß nicht, ich bin ja ganz +allein.« + +»Natürlich allein, aber etwas andres wünschen Sie doch gar nicht. Allein +wie im Kerker, das ist es eben, nur nicht mehr drunten, sondern +droben --« Sie konnte nicht weiterreden, er legte die eine Hand auf ihren +Mund und die andre auf den seinen. Dabei glänzten seine Augen beinahe +voll Haß. Plötzlich dachte er mit einer Art freudiger Bestürzung: ob +meine Mutter so ähnlich ist wie diese da? Er hatte ein durstiges und +brennendes Gefühl auf den Lippen, und es war zugleich etwas in ihm, +wovor ihn widerte. »Ich geh' jetzt heim,« stieß er mit wunderlichem +Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile. + +Frau von Kannawurf sah ihm nach, und als die Dunkelheit schon längst +seine Gestalt verschlungen hatte, heftete sie noch die großen +Kinderaugen in die Richtung seines Weges. Es war ihr furchtbar bang ums +Herz. Er ist sicher der mutigste aller Menschen, dachte sie, er ahnt +nicht einmal, wieviel Mut er besitzt; was bewegt mich doch so sehr, wenn +ich mit ihm rede oder schweige? Warum ängstigt's mich so, wenn ich ihn +sich selbst überlassen weiß? + +Sie ging heimwärts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend +Schritten über eine halbe Stunde. Im Westen leuchteten Blitze wie +feurige Adern. + +Caspar hatte sich frühzeitig zu Bett begeben. Es mochte ungefähr vier +Uhr morgens sein, da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt. Es war +auf der Straße außerhalb des Hofs, und die Stimme rief: »Quandt! +Quandt!« + +Caspar, noch im Halbschlaf, glaubte die Stimme Hickels zu erkennen. Es +wurde irgendwo ein Fenster geöffnet, der von der Straße sagte etwas, was +Caspar nicht verstehen konnte, bald hernach ging eine Tür im Haus. Es +blieb dann eine Weile ruhig. Caspar legte sich auf die Seite, um +weiterzuschlafen, da pochte es an seine Zimmertür. »Was gibt's?« fragte +Caspar. + +»Machen Sie auf, Hauser!« antwortete Quandts Stimme. + +Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurück. Quandt, +vollständig angekleidet, trat auf die Schwelle. Sein Gesicht sah im +Morgengrauen grünlich fahl aus. + +»Der Präsident ist tot,« sagte er. + +In einem schwindelnden Gefühl setzte sich Caspar auf den Bettrand. + +»Ich bin im Begriff hinzugehen, wenn Sie sich anschließen wollen, machen +Sie rasch,« fuhr Quandt murmelnd fort. + +Caspar schlüpfte in die Kleider; er war wie betrunken. + +Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur +Heiligenkreuzgasse. Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute, +die halb verschlafen, halb bestürzt aussahen. Ein Bäckerjunge saß auf +der Treppe und heulte in seine weiße Schürze hinein. »Glauben Sie, daß +man nach oben darf?« fragte Quandt den Schreiber Dillmann, der mit +ingrimmigem Gesicht und tief in die Stirn gedrücktem Hut auf und ab +ging. + +»Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt,« sagte ein alter +Artilleriehauptmann, an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen. + +»Das weiß ich,« entgegnete Quandt, und er folgte etwas beklommen Caspar, +der ins Haus eingetreten war. Im unteren Stock standen alle Türen offen. +In der Küche saßen zwei Mägde vor einem Haufen Holz, das zu Scheiten +geschlagen war. Sie schienen angstvoll zu horchen. Caspar und Quandt +vernahmen eine durchdringende Stimme, die sich näherte. Sie sahen +alsbald eine weibliche Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der +Zimmer laufen. Sie schrie vor sich hin wie rasend. + +»Die Unglückliche,« sagte Quandt verstört. + +Es war Henriette. Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort, bis einige +Damen erschienen, darunter Frau von Stichaner. Quandt begab sich mit +Caspar an die Schwelle des Staatsgemachs. Die Frauen bemühten sich um +Henriette, sie aber stieß jede mit den Fäusten von sich. »Ich hab's +gewußt,« schrie sie, »ich hab's gewußt, sie haben ihn mir vergiftet, +haben ihn vergiftet!« Ihre Augen waren blutunterlaufen, und ihr Blick +war rot. Sie stürmte in ein andres Zimmer, das lose Nachtgewand +flatterte hinter ihr, und immer gellender schallte ihr Geschrei: »Sie +haben ihn vergiftet! vergiftet! vergiftet!« + +Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt für sein Auge als das Napoleonbild, +dem er gegenüberstand. Es kam ihm vor, als müsse der gemalte Kaiser +schon müde sein von der unablässigen majestätischen Drehung, die sein +Hals machte. + +»Lassen Sie uns gehen, Hauser,« sagte Quandt, »es ist zuviel des +Jammers.« + +Im Flur stand der Regierungspräsident Mieg im Gespräch mit Hickel. Der +Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe. In +Ochsenfurt am Main habe Seine Exzellenz über Unwohlsein geklagt und sei +zu Bett gegangen; in der Nacht habe er gefiebert, der gerufene Arzt habe +ihm zur Ader gelassen und habe behauptet, die Krankheit sei +bedeutungslos. Am Morgen darauf sei plötzlich das Ende eingetreten. + +»Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu?« erkundigte sich +Herr von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig, da Frau von Imhoff und +Frau von Kannawurf an seine Seite traten. Frau von Imhoff weinte. + +Hickel zuckte die Achseln. »Er glaubte an Herzschwäche,« erwiderte er. + +Ungeachtet des frühen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen. +Über dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen. + +Caspar blieb den Tag über in seinem Zimmer. Niemand störte ihn. Er lag +auf dem Sofa, die Hände unterm Kopf, und starrte in die Luft. Spät +nachmittags bekam er Hunger und ging in die Wohnstube. Quandt war nicht +da. Die Lehrerin sagte: »Um vier Uhr ist die Leiche angekommen; Sie +sollten eigentlich hingehen, Hauser, und ihn nochmal sehen, bevor er +begraben wird.« + +Caspar würgte an einem Stück Brot und nickte. + +»Sehen Sie, wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern,« fuhr die +Lehrerin geschwätzig fort, »aber die Männer denken immer, alles geht so, +wie sie's ausrechnen.« + +Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefüllt von Menschen. Caspar +drückte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet. Er +zitterte an allen Gliedern. Der eigentümliche Geruch, der im Hause +herrschte, benahm ihm die Sinne. Da spürte er sich bei der Hand gepackt. +Aufschauend, erkannte er Frau von Imhoff. Sie gab ihm ein Zeichen, ihr +zu folgen. Sie führte ihn in ein großes Zimmer, in dessen Mitte der Tote +aufgebahrt war. Drei Söhne Feuerbachs saßen zu Häupten des Vaters, +Henriette lag regungslos über die Leiche hingeworfen. Am Fenster standen +der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm. Sonst war niemand im +Zimmer. + +Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone. Um die Winkel des +scharfen, verbissenen Mundes hatten sich große Muskelknoten gebildet. +Das schiefergraue Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell. Es war +nichts mehr von Größe in diesen Zügen, nur zähneknirschender Schmerz und +eine unmenschliche, eisige Angst. + +Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen. Sein Gesicht bekam einen +qualvoll-wißbegierigen Ausdruck, die Augäpfel drehten sich in die +Winkel, und mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund. Sein +ganzes Herz löste sich in Tränen auf. + +Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre, und als sie den +Jüngling sah, verzerrten sich ihre Züge gräßlich. »Deinetwegen hat er +sterben müssen!« schrie sie mit einer Stimme, vor der alle erbebten. + +Caspar öffnete die Lippen. Weit nach vorn gebeugt, starrte er das +halbwahnsinnige Weib an. Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die +Brust -- er schien zu lachen --, plötzlich gab er einen dumpfen Laut von +sich und stürzte ohnmächtig zu Boden. + +Alle waren erstarrt. Die Söhne des Präsidenten waren aufgestanden und +schauten bekümmert auf den am Boden liegenden Jüngling. Direktor Wurm +eilte, als er sich gefaßt hatte, zur Tür, wahrscheinlich um einen Arzt +zu rufen. Der besonnene Hofrat hielt ihn zurück und meinte, man solle +kein unnötiges Aufsehen machen. Frau von Imhoff kniete neben Caspar und +befeuchtete seine Schläfe mit ihrem Riechwasser. Er kam langsam zu sich, +doch dauerte es eine Viertelstunde, bis er sich erheben und gehen +konnte. Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus. Damit sie sich nicht +durch die Menge der Besucher im Korridor zu drängen brauchten, führte +sie ihn über eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich, ihn nach +Haus zu bringen. »Nein,« sagte er unnatürlich leise, »ich will allein +gehen.« Er steckte seine Nase in die Luft und schnüffelte unbewußt. Sein +Puls ging so schnell, daß die Adern am Hals förmlich flogen. + +Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit +trägen Schritten gegen die Hauptallee des Gartens. Vor dem Portal stieß +er auf den Polizeileutnant. »Nun, Hauser!« redete ihn Hickel an. + +Caspar blieb stehen. + +»Zur Trauer haben Sie gegründeten Anlaß,« sagte Hickel mit unheilvoller +Betonung, »denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Fürwort ersetzen?« + +Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant +hindurch, als ob er aus Glas wäre. + +»Guten Abend,« ertönte da eine glockenhelle Stimme, die Caspar wundersam +berührte. Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Hickels Gesicht wurde +um eine Schattierung bleicher. »Gnädigste Frau,« sagte er mit einer +Galanterie, die sich krampfhaft ausnahm, »darf ich die Gelegenheit +benutzen, Ihnen meine ungemessene Verehrung zu Füßen zu legen?« + +Frau von Kannawurf trat unwillkürlich einen Schritt zurück und sah +erschrocken aus. + +Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen, der sich in ein +tiefes Wasser stürzt. Er beugte sich nieder, und ehe Frau von Kannawurf +es hindern konnte, packte er ihre Hand und drückte einen Kuß darauf, +und zwar mit den nackten Zähnen; als er sich aufrichtete, waren seine +Lippen noch getrennt. Ohne eine Silbe weiter zu sprechen, eilte er +davon. + +Mit weiten Augen blickte ihm Frau von Kannawurf nach. »Grauenhaft ist +mir der Mensch,« flüsterte sie. Caspar blieb völlig teilnahmlos. Frau +von Kannawurf begleitete ihn schweigend nach Hause. + +Als er in seinem Zimmer war, bekamen seine Augen einen geisterhaften +Glanz und flammten in der Dämmerung wie zwei Glühwürmer. Er stellte sich +in die Mitte des Raumes, und vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, sagte +er in beschwörendem Ton folgendes: + +»Kenn' ich dich, so nenn' ich dich. Bist du die Mutter, so höre mich. +Ich geh' zu dir. Ich muß zu dir. Einen Boten schick' ich dir. Bist du +die Mutter, so frag' ich dich: warum das lange Warten? Keine Furcht hab' +ich mehr, und die Not ist groß. Caspar Hauser heißen sie mich, aber du +nennst mich anders. Zu dir muß ich gehn ins Schloß. Der Bote ist treu, +Gott wird ihn führen und die Sonne ihm leuchten. Sprich zu ihm, gib mir +Kunde durch ihn.« + +Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe. Er setzte sich an den Tisch, +nahm einen Bogen Papier und schrieb, ohne daß ihn die Dunkelheit +hinderte, dieselben Worte nieder. Darauf faltete er den Bogen zusammen, +und da er kein Wachs besaß, zündete er die Kerze an, ließ das Unschlitt +aufs Papier träufeln und drückte das Siegel darauf, das ein Pferd +vorstellte mit der Legende: Stolz, doch sanft. + +Es verging eine halbe Stunde; er saß regungslos da und lächelte mit +geschlossenen Augen. Bisweilen schien es, als bete er, denn seine Lippen +bewegten sich suchend. Er dachte an Schildknecht. Er wünschte ihn herbei +mit aller Kraft seiner Seele. + +Und als ob diesem Wünschen die Macht innegewohnt hätte, Wirklichkeit zu +erzeugen, schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende +Triolenpfiff. Caspar ging zum Fenster und öffnete; es war Schildknecht. +»Ich komm' hinunter,« rief ihm Caspar zu. + +Unten angelangt, packte er Schildknecht beim Rockärmel und zog ihn durch +das Pförtchen auf die einsame Gasse. Dort forderte er ihn stumm auf, ihm +weiter zu folgen. Bisweilen hielt er zögernd inne und spähte umher. Sie +kamen beim Häuschen des Zolleinnehmers vorüber und auf einen Wiesenplan. +Auf dem Rain stand ein Bauernwagen. Caspar setzte sich auf die Deichsel +und zog Schildknecht neben sich. Er näherte seinen Mund dem Ohr des +Soldaten und sagte: »Jetzt brauch' ich Sie.« + +Schildknecht nickte. + +»Es geht um alles,« fuhr Caspar fort. + +Schildknecht nickte. + +»Da ist ein Brief,« sagte Caspar, »den soll meine Mutter bekommen.« + +Schildknecht nickte wieder, diesmal voll Andacht. »Weiß schon,« +antwortete er, »die Fürstin Stephanie --« + +»Woher wissen Sie's?« hauchte Caspar betroffen. + +»Hab's gelesen. Hab's in dem Buch vom Staatsrat gelesen.« + +»Und weißt auch, wo du hingehen mußt, Schildknecht?« + +»Weiß es. Ist ja unser Land.« + +»Und willst ihr den Brief geben?« + +»Will es.« + +»Und schwörst bei deiner Seligkeit, daß du ihr selber den Brief gibst? +Aufs Schloß gehst? In die Kirche, wenn sie dort ist? Ihren Wagen +aufhältst, wenn sie auf der Straße fährt?« + +»Ist kein Schwören nötig. Ich tu's, und wenn's Knollen regnet.« + +»Wenn ich's tun wollte, Schildknecht, ich käm' nicht bis ins nächste +Dorf. Sie würden mich abfangen und einsperren.« + +»Weiß es.« + +»Wie willst du's anstellen?« + +»Bauernkleider anziehen, bei Tag im Wald schlafen, bei Nacht laufen.« + +»Und wo den Brief verstecken?« + +»Unter der Sohle, im Strumpf.« + +»Und wann kannst du fort?« + +»Wann's beliebt. Morgen, heute, gleich, wenn's beliebt. Ist zwar +Fahnenflucht, macht aber nichts.« + +»Wenn's gelingt, macht es nichts. Hast du Geld?« + +»Nicht einen Taler. Macht aber nichts.« + +»Nein. Geld ist nötig. Brauchst viel Geld. Geh mit mir, ich hole Geld.« + +Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlößchens +voran. Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten. Er ging hinein und +sagte zum Pförtner, er müsse Frau von Kannawurf sprechen. Es war etwas +in seinem Aussehen, was dem alten Hausmeister Beine machte. Frau von +Kannawurf kam ihm alsbald entgegen. Sie führte ihn über eine Stiege in +einen kleinen Saal, der nicht erleuchtet war. Ein wandhoher Spiegel +glitzerte im Mondschein. Der Pförtner machte Licht und entfernte sich +zögernd. + +»Fragen Sie mich nichts,« sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der +Freundin, die keines Wortes mächtig war, »ich brauche zehn Dukaten. +Geben Sie mir zehn Dukaten.« + +Sie blickte ihn ängstlich an. »Warten Sie,« antwortete sie leise und +ging hinaus. + +Es dünkte Caspar eine Ewigkeit, bis sie wiederkam. Er stand am Fenster +und strich beständig mit der einen Hand über seine Wange. Still, wie sie +gegangen, kehrte Frau von Kannawurf zurück und reichte ihm eine kleine +Rolle. Er nahm ihre Hand und stammelte etwas. Ihr Gesicht zuckte über +und über, ihre Augen schwammen wie im Nebel. Verstand sie ihn? Sie mußte +wohl ahnen; doch sie fragte nicht. Ein trübes Lächeln irrte um ihre +Lippen, als sie Caspar hinausbegleitete. Sie war ergreifend schön in +diesem Augenblick. + +Schildknecht lehnte am Mauerpfeiler des Tors und guckte ernsthaft in den +Mond. Sie gingen zusammen stadtwärts; nach ein paar hundert Schritten +blieb Caspar stehen und gab Schildknecht den Brief und die Geldrolle. +Schildknecht sagte keine Silbe. Er blies ein wenig die Backen auf und +sah harmlos aus. + +Vor dem Kronacher Buck meinte Schildknecht, es sei besser, wenn man sie +nicht mehr beieinander sähe. Ein Händedruck, und sie schieden. Dann +drehte sich Schildknecht noch einmal um und rief anscheinend fröhlich: +»Auf Wiedersehen!« + +Caspar blieb noch lange wie verhext an demselben Fleck stehen. Er hatte +Lust, sich ins Gras zu werfen und die Arme in die Erde zu wühlen, für +die er plötzlich Dankbarkeit empfand. + +Spät kam er heim, blieb aber glücklicherweise ungefragt, denn Quandt war +einer wichtigen Besprechung halber zum Hofrat Hofmann befohlen. Er +brachte eine Neuigkeit mit. »Höre nur, Jette,« sagte er, »der Staatsrat +hat sich während der letzten Tage, die er mit dem Polizeileutnant +beisammen war, von der Sache des Hauser gänzlich losgesagt. Er soll +sogar mit dem Plan umgegangen sein, die Denkschrift für den Hauser +öffentlich als einen Irrtum zu erklären.« + +»Wer hat's gesagt?« fragte die Lehrerin. + +»Der Polizeileutnant; es heißt auch allgemein so. Der Hofrat ist +derselben Ansicht.« + +»Es heißt aber auch, daß der Staatsrat vergiftet worden ist.« + +»Ach was, dummes Geschwätz,« fuhr Quandt auf. »Hüte dich nur, daß du +dergleichen verlauten läßt. Der Polizeileutnant hat gedroht, daß er die +Verbreiter von so gefährlichen Redensarten verhaften lassen und +unerbittlich zur Rechenschaft ziehen werde. Was macht der Hauser?« + +»Ich glaube, er ist schon schlafen gegangen. Nachmittags war er bei mir +in der Küche und beklagte sich über die vielen Fliegen in seinem +Zimmer.« + +»Weiter hat er jetzt keine Sorgen? Das sieht ihm ähnlich.« + +»Ja. Ich sagte ihm, er soll sie doch hinausjagen. Das tu' ich ja, +antwortete er, aber dann kommen immer gleich zwanzig wieder herein.« + +»Zwanzig?« sagte Quandt mißbilligend. »Wieso zwanzig? Das ist doch nur +eine willkürliche Zahl?« + +Man begab sich zur Ruhe. + +Am Tage von Feuerbachs Begräbnis trafen Daumer und Herr von Tucher aus +Nürnberg ein und stiegen im »Stern« ab. Daumer suchte alsbald Caspar +auf. Caspar war gegen seinen ersten Beschützer frei und offen, und doch +hatte Daumer den quälenden Eindruck, als sehe und höre ihn Caspar gar +nicht. Er fand ihn blaß, größer geworden, schweigsam wie stets und von +einer wunderlichen Heiterkeit; ja, ganz zugeschlossen, ganz eingesponnen +in diese Heiterkeit, die, seltsam wirkend, dunkle Schatten um ihn warf. + +In einem Brief an seine Schwester schrieb Daumer unter anderm: »Ich +müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, es mache mir Freude, den +Jüngling zu sehen. Nein, es ist mir schmerzlich, ihn zu sehen, und +fragst du mich nach dem Grund, so muß ich wie ein dummer Schüler +antworten: Ich weiß nicht. Übrigens lebt er hier ganz in Frieden und +wird wohl, trübselig zu melden, all seine Tage hindurch als ein obskurer +Gerichtsschreiber oder dergleichen figurieren.« + +Während Herr von Tucher am selben Nachmittag wieder abreiste, und zwar +ohne sich um Caspar zu kümmern, blieb Daumer noch drei Tage in der +Stadt, da er Geschäfte bei der Regierung hatte. Beim Begräbnis des +Präsidenten sah er Caspar nicht; er erfuhr später, daß Frau von Imhoff +seine Anwesenheit zu verhindern gewußt hatte. Er machte bald die +kränkende Entdeckung, daß Caspar ihm geflissentlich auswich. Eine Stunde +vor seiner Abreise sprach er mit dem Lehrer Quandt darüber. + +»Kann ein Mann von Ihrer Einsicht um eine Erklärung dieses Betragens +verlegen sein?« sagte Quandt erstaunt. »Es ist doch ganz klar, daß er +jetzt, wo er eine immer größer werdende Gleichgültigkeit um sich +entstehen sieht und die Folgen davon täglich empfinden muß, daß er jetzt +durch den Anblick seiner Nürnberger Freunde in Verlegenheit gerät und +sie nach Kräften zu meiden sucht. Denn dort stand er ja #in floribus# +und glaubte wunder was für Rosinen in seinem Kuchen steckten. Wir aber, +verehrter Herr Professor, sind ihm dicht auf der Spur; es wird nicht +mehr lange dauern und Sie werden merkwürdige Nachrichten hören.« + +Quandt sah bekümmert aus, und seine Worte klangen fanatisch. Ob danach +Daumer gerade mit hoffnungsvoller Brust die Fahrt zum heimatlichen +Bezirk angetreten habe, steht zu bezweifeln. Fast hätte er wie in jener +stillen Nacht, als er Caspar im Geist und leibhaftig an sich gedrückt, +klagend über die sommerlichen Felder gerufen: Mensch, o Mensch! Aber +dabei hatte es sein Bewenden nicht. Ein zwangvolles Grübeln bemächtigte +sich des verwirrten Mannes; in seinem Hirn gährte es wie schlechtes +Gewissen, und langsam, den Entschluß zur Tat und Sühne weckend, zur viel +zu späten Tat und Sühne, entstand eine erste Ahnung der Wahrheit. + + + + +Ein unterbrochenes Spiel + + +Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Bürgerstuben +der Stadt allerlei sonderliche Dinge zu munkeln. Ohne daß das Gerede +bestimmte Formen annahm, wollte man doch in dem plötzlichen Tod des +Präsidenten Feuerbach auch weiterhin nichts sehen als die Frucht einer +mysteriösen Verschwörung. Eine greifbare Äußerung fiel natürlich nicht; +die Flüsterer nahmen sich in acht. Sehr insgeheim raunten sie sich zu, +auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwörung beteiligt, und nach und +nach tauchte das bestimmte Gerücht auf, der Lord gehe damit um, einen +Kriminalprozeß gegen Caspar Hauser anzustrengen, und habe sich zu dem +Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert. Auf +einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem früheren Enthusiasmus für +den Grafen, das großartige Andenken, das er hinterlassen, war verwischt, +und in einigen maßgebenden Familien, wo er der Abgott gewesen, sprach +man bereits mit ängstlicher Vorsicht seinen Namen aus. + +Caspars Freunde wurden besorgt. Frau von Imhoff suchte eines Tages den +Polizeileutnant auf und erkundigte sich, was von dem Gemunkel zu halten +sei. Mit kühlem Bedauern erwiderte Hickel, daß die öffentliche Meinung +in diesem Punkt nicht fehlgehe. »Das Blatt hat sich eben gewendet,« +sagte er; »Seine Lordschaft sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen +gewöhnlichen Schwindler.« + +Darauf verließ Frau von Imhoff den Polizeileutnant, ohne ein Wort zu +entgegnen und ohne Gruß. + +Ei, die sanften Seelen, höhnte Hickel für sich, das Grausen faßt sie an. + +Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie +ein großer Herr. Woher mag er die Mittel haben? fragten die Leute. Er +hat Glück am Kartentisch, sagten einige; andre behaupteten im Gegenteil, +daß er fortwährend große Summen verliere. + +Auch damit war der Gesprächsstoff nicht erschöpft. Eine andre +Seltsamkeit: Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf +unaufgeklärte Weise verschwunden. Zu andrer Zeit wäre ein solches +Ereignis vielleicht unbeachtet geblieben. Jetzt hefteten sich auch daran +allerlei Fabeleien. Es wurde gesagt, jener Soldat, der den Hauser +beaufsichtigt, habe von gewissen Geheimnissen Kenntnis erhalten und sei +beiseitegeschafft worden. Man wurde furchtsam; man verschloß bei Nacht +sorgfältig die Haustüren. Es war nicht mehr geheuer in der guten, +stillen Stadt. Wer fremden Namens war, wurde beargwöhnt. + +Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn, wenngleich um sie +etwas Unantastbares war, das den verleumderischen Worten die Kraft +raubte. Dennoch fiel es auf, daß sie sich des Umgangs mit ihresgleichen +entzog und sich anstatt dessen häufig unter Menschen der niedersten +Volksklasse herumtrieb. Sie verbrachte viele Stunden in geistlosem +Gespräch mit Bauernweibern und Arbeiterfrauen, stieg zu ihrem Türmer +hinauf oder gesellte sich zu den Kindern, die von der Schule +heimkehrten. Da geschah es denn oft, daß sie zum maßlosen Staunen der +begegnenden Bürger einen lärmenden Schwarm von Knaben und Mädchen um +sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lächelnd durch die Gassen zog. + +Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin, hieß es. Gesinnungstüchtige +Eltern verboten ihren Sprößlingen, sich an den skandalösen Aufzügen zu +beteiligen. Kein Zweifel, auch die Behörde fand das Treiben anstößig, +denn einmal am Abend hatte man beobachtet, daß der Polizeileutnant vor +dem Imhoffschlößchen Posten faßte; zwei Stunden lang war er in der +Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum gestanden. + +Es ist wahr, Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm +sich auffallend. Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von +Leichtigkeit, ja Lässigkeit. Sie hatte eine Art von Lächeln, in welchem +sich selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes, Gefühltes mit +der Verzweiflung über die eigne Unzulänglichkeit aufs rührendste +mischten. Sie lebte an allem und in allem, starb mit jedem Seufzer +gleichsam dahin, flog mit jeder Freude in eine entrückte Region. + +Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin, warf sich wie +atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fähig. + +»Was hast du nur wieder getrieben, Clara?« sagte Frau von Imhoff +vorwurfsvoll; »das heißt nicht leben, das heißt sich verbrennen.« + +»Es hilft nichts,« murmelte das junge Weib erschlafft, »ich muß reisen.« + +Frau von Imhoff schüttelte liebenswürdig tadelnd den Kopf. Diese Worte +hatte sie seit drei Monaten des öfteren vernommen. »Bis zu unserm +Familienfest wirst du doch noch bleiben, Clara,« erwiderte sie herzlich. + +Wieviel Willenskraft gehört doch manchmal dazu, einen Entschluß nicht +auszuführen, sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst; und nach einer +Pause des Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und +fragte: »Warum, Bettine, kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen? +Er soll und darf nicht länger beim Lehrer Quandt bleiben. Dieses Haus zu +betreten ist mir unmöglich. Seine Lage ist schauderhaft, Bettine. Wozu +sage ich dir das! Du weißt es, ihr wißt es ja alle; ihr bedauert es +alle, aber keiner rührt nur den Finger. Keiner, keiner hat den Mut zu +tun, was er getan zu haben wünscht, wenn das geschehen ist, was er im +stillen fürchtet.« + +Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit. »Ich bin nicht +glücklich und nicht unglücklich genug, um mit Aufopferung des eignen +einem fremden Schicksal mich hinzugeben,« versetzte sie endlich. + +Clara stützte den Kopf in die Hand. »Ihr lest ein schönes Buch, ihr seht +ein ergreifendes Theaterstück und seid erschüttert von diesen nur +eingebildeten Leiden,« fuhr sie bewegt und eindringlich fort. »Ein +trauriges Lied kann dir Tränen entlocken, Bettine; erinnere dich nur, +wie du weintest, als Fräulein von Stichaner neulich den 'Wanderer' von +Schubert sang. Bei den Worten: Dort, wo du nicht bist, ist das Glück, +hast du geweint. Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen, als man uns +erzählte, drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind +verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das +Ferne, woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort, +dem Klang, dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen +Not handgreiflich ist? Ich versteh' es nicht, versteh' es nicht, das +quält mich, daran, ja daran verbrenn' ich.« + +Das leise, melodische Stimmchen verging in einem Hauchen. Frau von +Imhoff stützte den Kopf in die Hand und schwieg lange. Dann erhob sie +sich, setzte sich neben Clara, streichelte die Stirn der Freundin und +sagte: »Sprich mal mit ihm. Er soll zu uns kommen. Ich will es +durchsetzen.« + +Clara umschlang sie mit beiden Armen und küßte sie dankbar. Aber nicht +mit freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschluß gefaßt, und sie +atmete seltsam erleichtert auf, als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf +die Eröffnung machte, Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnäckig +gegen den Vorschlag gesträubt, das Haus des Lehrers zu verlassen. Zuerst +habe er keinen Grund für seine Weigerung nennen wollen, als er aber +Claras Betrübnis wahrgenommen, habe er gesagt: »Dort hat man mich +hingebracht, und dort will ich bleiben. Ich will nicht, daß es heißt, +beim Lehrer Quandt hat er's nicht gut genug gehabt, da haben ihn aus +Mitleid die Imhoffs genommen. Ich hab' ja mein Brot und mein Bett, mehr +brauch' ich nicht, und das Bett ist das Allerbeste, was ich auf der Welt +kennen gelernt habe, alles andre ist schlecht.« + +Da fruchtete keine Einrede mehr. »Schließlich könnt ihr ja mit mir +anstellen, was ihr wollt,« fügte er hinzu, »aber daß ich freiwillig +hingehen soll, das wird nicht geschehen. Wozu auch? Lang kann's nimmer +dauern.« + +So war ihm denn das Wort entschlüpft. War deshalb der tiefe Glanz in +seinen Augen? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straßen +entlang, wenn er morgens zum Appellgericht ging? War's deswegen, daß er +stundenlang am Fenster lehnte und hinüberspähte gegen die Chaussee? Daß +er gierig aufhorchte, wenn er irgendwo zwei Menschen leise miteinander +reden sah? Daß er täglich dabei sein mußte, wenn der Postwagen ankam, +und daß er den Briefboten ausfragte, ob er nichts für ihn habe? + +Dem rätselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch. Es lag Frau von +Kannawurf daran, ihn einer Gebundenheit zu entreißen, die ihn einem +innigen Verhältnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe +Betätigung zwangvoll machen mußte. Sie sann immer auf Ablenkung, und +jenes Familienfest, von dem ihre Freundin Bettine gesprochen, gab +Gelegenheit, damit Caspar wieder einmal aus sich heraus und einer +anteilvollen Welt gegenübertrete. + +Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit +seiner Eltern veranstaltet und sollte am zwölften September stattfinden. +Der junge Doktor Lang, ein Freund des Hauses, hatte zu der Gelegenheit +ein sinnreiches Bühnenspiel in Versen verfaßt, welches von einigen Damen +und Herren der Gesellschaft ausgeführt werden sollte. Bei den Proben, +die im oberen Saal des Schlosses abgehalten wurden, zeigte es sich, daß +einer der jungen Leute, der die Rolle eines stummen Schäfers darstellte, +seines plumpen Benehmens halber unfähig war, den Part zu gewünschter +Wirkung zu bringen. Da hatte Frau von Kannawurf, die selbst mitspielte, +den Einfall, diese Rolle Caspar zu übertragen. Die Anregung fand +Beifall. + +Caspar willigte ein. Da er eine Person vorzustellen hatte, die nichts +zu sprechen brauchte, glaubte er sich der Aufgabe leichterdings +gewachsen, die seiner alten Neigung für das Theater entgegenkam. Er ging +fleißig zu den Proben, und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stücks +nicht eben sein Gefallen erweckte, so erfreute er sich doch an der +wechselvollen Bewegung innerhalb eines abgemessenen Vorgangs. + +Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und für das Publikum unschwer +durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurückliegendes Ereignis in der +Familie der Imhoffs. Einer der Brüder des Barons hatte sich zu Anfang +der zwanziger Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war, +von dem feierlichen Bannfluch des Vaters und nebenbei von den +politischen Behörden verfolgt, nach Amerika entflohen. Nach erlassener +Amnestie war er zurückgekehrt, hatte vor dem Familienhaupt alle +freiheitlichen Ideen abgeschworen, und von da ab hatte ihm die +väterliche Gnade wieder geleuchtet. + +Diese etwas philiströse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner +Dichtung begeistert. Ein König gibt einem ihn besuchenden Freund und +Waffengenossen ein Gastmahl. Ein zweiter Polykrates, brüstet er sich bei +diesem Anlaß mit seiner Macht, dem Frieden seiner Länder, den Tugenden +seiner Untertanen. Die Höflinge an der Tafel bestärken ihn voll +schmeichlerischen Eifers in seinem Glückswahn, nur der Gastfreund wagt +das kühne Wort, daß er auf dem Purpur des Herrschers doch einen Makel +bemerke. Der König fühlt sich getroffen und läßt jenen hart an, auch +weiß er zu verhindern, daß der Freund weiterspreche, da seine Gemahlin +Zeichen eines großen Seelenschmerzes von sich gibt. Unterdessen ziehen +im Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren +Zwiegesprächen auf, und Musik begleitet die Erntefeier. Plötzlich +entsteht ein Stillschweigen; die Geigen, die Rufe, das Gelächter +verstummen, und auf die Frage des Königs wird mitgeteilt, der schwarze +Schäfer, der sich schon seit Menschengedenken nicht im Land habe sehen +lassen, sei unter das Volk getreten. Der Gastfreund begehrt zu wissen, +was für eine Bewandtnis es mit diesem Schäfer habe, und man antwortet +ihm, der Wunderbare besitze die Gabe, durch seinen bloßen Anblick bei +jedem Menschen die Erinnerung an dessen stärkste Schuld wachzurufen, +Schuldlose aber den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen. +Zur Bestätigung dessen hört man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und +allerlei klagende Töne. Der König befiehlt, daß sich der Fremdling +entferne, doch die Königin, unterstützt von den Bitten des Gastfreunds +und der Höflinge, fleht den Gemahl an, ihn heraufkommen zu lassen. Der +König fügt sich, und alsbald betritt der stumme Schäfer die Szene. Er +schaut den König an; der verhüllt sein Gesicht; er schaut die Königin +an, und diese, dunkel ergriffen, ergeht sich in einem längeren +Selbstgespräch, aus welchem deutlich wird, daß ihr erstgeborener Sohn +wegen einer unbesonnen angestifteten Verschwörung vom Vater verstoßen +wurde und seitdem verschollen ist. Mit ausgebreiteten Armen, +unwiderstehlich gezogen, geht sie auf den Schäfer zu, und siehe, es ist +der reuig zurückgekehrte Prinz. Man erkennt, man umarmt ihn, das Eis des +königlichen Herzens schmilzt, und alles löst sich in Wonne auf. + +Caspar benahm sich nicht ungeschickt. Im Lauf der Vorbereitungen fand +er von sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fühlte +sich so hinein, als ob sein alltägliches Leben von ihm abgelöst wäre. +Ähnlich verhielt es sich mit Frau von Kannawurf, die die Königin machte; +auch sie gab sich ihrer Aufgabe mit einem Ernst hin, der das Spielhafte +des Vorgangs undienlich vertiefte und daher die Rollen ihrer Partner +schattenhaft werden ließ. So webten die beiden gleichsam in einer eignen +Welt für sich. + +Es war ein sehr warmer Septembertag, als gegen sechs Uhr abends die +geladenen Gäste erschienen, im ganzen etwa fünfzig Personen, die Frauen +in großer Pracht, unmäßig aufgedonnert, die Männer in Fräcken und +gestickten Uniformen. Das Podium für die Komödie nahm die Schmalwand des +Saales völlig ein, Kulissen und Requisiten, auch eine Anzahl Statisten +waren vom Direktor des Schloßtheaters zur Verfügung gestellt worden. Die +Tafel befand sich in einem Nebensaal; dort hatte sich auch die +Musikkapelle eingefunden, denn nach dem Essen sollte getanzt werden. + +Um sieben Uhr ertönte ein Glockenzeichen, alles begab sich auf die +Plätze. Der Vorhang rollte auf, und der König begann seine überhebliche +Tirade. Der Gastfreund, vom Verfasser selbst gemimt, hielt respektvollen +Widerpart, dann kam das heitere Zwischenspiel auf dem Hof, und das +Folgende nahm seinen ruhigen Fortgang. Nun trat Caspar auf. Das schwarze +Gewand kleidete ihn trefflich und hob die Blässe seines Gesichts. Sein +Erscheinen auf der Bühne hatte eine unmittelbare Wirkung. Das Husten und +Räuspern hörte auf; Totenstille entstand. Wie er den König und die +Königin anblickte, wie er auf sie zuschritt und traumhaft lächelte, das +war ergreifend. Einige sahen ihn sogar zittern und beobachteten, daß +sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen. Nun der Monolog +der Königin; auch dies klang anders, als Schauspieler sonst sich geben, +sie tritt an den Jüngling heran, sie legt die Arme um seinen Hals ... + +In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis +vor die Rampe und rief ein gellendes: »Halt!« Die Spieler auf der Szene +fuhren erschrocken zusammen, die Zuschauer erhoben sich, und eine +allgemeine Unruhe entstand. »Wer ist das? Wer wagt das? Was gibt's?« +wurde durcheinander gerufen; man drängte nach vorn, die Frauen schrien +ängstlich, Stühle wurden umgeworfen, und nur mit Mühe gelang es dem +Hausherrn, eine gefährliche Panik zu verhüten. + +Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem +Podium. Es war Hickel. Bleich und feindselig stierte er auf die Szene +und schien nichts zu gewahren außer Caspar und Frau von Kannawurf, die, +aneinander gedrängt, furchtsam in den verdunkelten Saal schauten. Der +erste, der sich an Hickel wandte, war der junge Doktor Lang. In seinem +Phantasiekostüm des »Gastfreundes« trat er an den Rand der Estrade und +fragte wütend nach dem Grund einer so unverantwortlichen Handlungsweise. + +Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer gläsernen +Stimme: »Ich muß die hochgeehrte Versammlung tausendmal um +Entschuldigung bitten, und da ich selbst zu den hier Geladenen gehöre, +wird meine Versicherung vielleicht Glauben finden, daß mir ein solcher +Schritt nicht leicht geworden ist. Aber ich kann nicht dulden, daß der +Hauser ein frivoles Amüsement zu einer Stunde fortsetzt, wo ich die +Nachricht von einem schrecklichen Unglück erfahren habe, das ihn wie +keinen andern trifft und für sein ferneres Leben von folgenschwerer +Bedeutung sein wird.« + +Finstere, neugierige und unwillige Augen blickten auf den +Polizeileutnant. Der Doktor Lang entgegnete zornig: »Unsinn! Eine +Teufelei ist es, weiter nichts. Was auch immer vorgefallen ist, so kann +weder ich noch irgend jemand von den Anwesenden Ihnen das Recht zu einer +so groben Eigenmächtigkeit zugestehen. Ist es schlimm, was Sie zu melden +haben, so war um so mehr Grund zu warten, unser Spiel war ja am Ende. Es +ist ein Wahnsinn, ein Mißbrauch der Gastfreundschaft.« + +»Jawohl, der Doktor hat recht,« riefen einige Stimmen. + +Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn. + +»Darf ich wissen, worum es sich handelt?« trat nun Herr von Imhoff +dazwischen. + +Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf: »Graf Stanhope hat seinem +Leben freiwillig ein Ende gemacht.« + +Es entstand eine lange Stille. Fast alle blickten auf Caspar, der gegen +eine Soffitte lehnte und langsam die Augen schloß. + +»Er hat sich erschossen?« fragte Herr von Imhoff. + +»Nein,« antwortete Hickel, »er hat sich erhängt.« + +Raschelnde Laute des Schreckens ließen sich vernehmen. Herr von Imhoff +biß sich auf die Lippen. »Weiß man Näheres?« fuhr er fort zu fragen. + +»Nein. Das heißt, ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von +seinem Jäger. Er war bei einem Freund, dem Grafen von Belgarde, an der +normannischen Küste zu Besuch. Am Morgen des vierten September fand man +ihn im Turmzimmer des Schlosses an einer Seidenschnur hängend als +Leiche.« + +Herr von Imhoff sah zu Boden. Als er wieder aufblickte, fixierte er den +Polizeileutnant fremd und sagte: »Es tut uns allen von Herzen leid. Ich +glaube, daß niemand in diesem Saal ist, der dem unglücklichen Mann nicht +ein lebendiges Andenken bewahren wird. Nichtsdestoweniger, Herr +Leutnant, bleiben Sie mir Ihres sonderbaren Vorgehens halber +Rechenschaft schuldig.« + +Hickel verbeugte sich stumm. + +Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemüht, die Gäste zu +beruhigen, aber während die Diener die Kerzen des großen Kronleuchters +anzündeten, meldete man Frau von Imhoff, daß ihre Schwiegermutter, die +Jubilarin, infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und +sich auf ihr Zimmer begeben habe. Sie folgte sogleich nach. Dies war ein +Signal zu allgemeinem Aufbruch. Der Regierungspräsident und der +Generalkommissär mit ihren Frauen verließen zuerst den Saal, und +schließlich blieben nur ein paar intime Freunde des Barons um diesen +versammelt und nahmen in gedrückter Stimmung an der weitläufigen Tafel +Platz. + +»Ich hab' es immer geahnt, daß uns der gute Lord noch einmal eine +grimmige Überraschung bereiten würde,« sagte Herr von Imhoff. + +»Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen?« meinte einer aus der +Gesellschaft. + +Man sprach allerlei Vermutungen darüber aus; die Unterhaltung kam in +Fluß, und wie oft ein unglückliches Ereignis dazu dient, die Phantasie +der entfernt Beteiligten wohltätig anzuregen, so auch hier. Man gab sich +bis über Mitternacht lebhaften Gesprächen hin. + +Caspar hatte sich während des raschen Aufbruchs der Gäste in dem kleinen +Ankleidezimmer für die Schauspieler versteckt. Die jungen Leute +entledigten sich eilfertig ihres Kostüms und verschwanden. Nach einer +Weile kam ein Diener, um die Lichter auszulöschen, und dieser entdeckte +Caspar. Als Caspar gegen die Treppe zu ging, hörte er Schritte hinter +sich, und Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Sie fragte ihn, ob er +nach Hause wolle, und er bejahte. »Es regnet,« sagte sie unten beim Tor +und streckte die Hand hinaus. Sie wartete ein wenig, um den Regen +vorübergehen zu lassen, aber es wurde ein heftiger Guß daraus, und das +Wasser knatterte lärmend auf die Bäume und den ausgedörrten Boden. Ein +kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen, und Frau von Kannawurf +forderte Caspar auf, mit ihr ins Zimmer zu gehen, es könne allzulang +dauern. Er folgte still. + +Oben machte sie Licht, dann stand sie und sah versonnen in die Flamme. +Ihre Schultern bebten fröstlich. Caspar hatte sich auf das Sofa +gesetzt. Allgemach spürte er eine so große Müdigkeit, daß es ihn +förmlich hintüberzog, und er mußte sich auf den Rücken legen. Da trat +Clara zu ihm und ergriff seine Hand, die er ihr jedoch hastig wieder +entriß. Er machte die Augen zu, und einen Moment lang war sein Gesicht +vollkommen leblos. Frau von Kannawurf stieß einen matten Angstruf aus +und fiel neben ihm auf die Knie. Dann rief sie ihre Kammerzofe und bat +um Wasser; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken. Er +trank ein paar Schlücke. »Was ist dir, Caspar?« flüsterte sie, und zum +erstenmal duzte sie ihn. Er lächelte dankbar. »Du bist wie eine +Schwester,« sagte er scheu und berührte mit den Fingern das Haar ihres +über ihn gebeugten Kopfes. Dieses Wort Schwester hatte in seinem Mund +einen eignen Klang; es tönte wie ein nie zuvor gesprochenes Wort. + +Clara schmiegte sich an seine Seite; ihr war, als müßte sie ihn wärmen, +er aber rückte ängstlich fort, da wollte sie sich wieder erheben, doch +betastete er mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden +Ausdruck von Schmerz und Liebe. »Clara,« sagte er, und sie glaubte +vergehen zu sollen oder zu einem andern Leben erwachen zu müssen, denn +die schüchtern-flehentliche Art, wie er diesen Namen aussprach, hatte +etwas Überirdisches. + +Es kam nun so, daß Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander +lagen, stumm, stumm, regungslos und über und über zitternd beide. Sie +streckte die Hand nach ihm aus, und der Atem seines Mundes floß in die +Luft gleich dem ihren. + +Als es von der Schloßuhr zwölf schlug, schauerte Clara zusammen. Sie +erhob sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin: »Nie, nie, nie, +nie.« Dann schritt sie zum Fenster und öffnete es. Der Regen hatte +längst aufgehört, das Firmament war klar, der ganze Sternenhimmel lag +funkelnd vor ihr da. Ihre volle Brust drängte den unbekannten Welten +entgegen, denn von dieser, auf der sie lebte, war sie satt. + +Sie sagte zu Caspar, er könne die Nacht im Schloß verbleiben, aber er +entgegnete, das wolle er nicht. Sie ging dann hinaus, um zu sehen, ob +Frau von Imhoff noch wach sei. Sie schritt am Speisesaal vorbei, wo die +Herren noch beim Wein saßen und laut redeten. Die Baronin hatte sich +gleichfalls noch nicht zur Ruhe begeben. Clara teilte ihr mit, daß +Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei. Frau von Imhoff nickte, sah aber +die Freundin etwas verlegen und verwundert an. »Ich werde morgen früh +meinen Koffer packen und reisen,« sagte Clara leise und mit einem +Ausdruck unwiderruflicher Bestimmtheit, der ihr bisweilen eigen war und +ihre kindlichen Züge seltsam hart und leidend machte. Frau von Imhoff +erhob sich überrascht und trat nahe an die Freundin heran. Plötzlich +fielen sie einander in die Arme, und Clara schluchzte. + +Sie verstanden sich; es war nicht nötig zu sprechen. + +Als sich Clara losriß, sagte sie, sie werde Caspar noch in die Stadt +begleiten. »Das kannst du unmöglich tun,« wandte Frau von Imhoff ein, +»oder ich werde dir wenigstens den Diener mitgeben.« + +»Bitte, nicht,« antwortete Clara lächelnd, »du weißt doch, daß ich +keine Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinethalben ängstlich +ist. Die Nacht tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen +Rückweg.« + +Eine Viertelstunde später wanderte sie mit Caspar über die noch feuchte +Straße gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem +Lehrerhaus reichten sie einander die Hände. »Jetzt gehst du +wahrscheinlich fort von mir, Clara,« sagte da plötzlich Caspar und +schaute sie mit einem verschleierten Blick an. + +Sie war ebenso erstaunt wie bewegt über diese Worte, die ein tiefes +Vorgefühl verrieten. Wie schön sind seine Augen, dachte sie, sie sind +hellbraun wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das +traurig-verwundert im dunkeln Wald steht. + +»Ja, ich gehe,« erwiderte sie endlich. + +»Und warum denn? Bei dir war mir wohl.« + +»Ich komme wieder,« versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit, +hinter der ein Aufschrei erstarb. »Ich komme wieder. Wir werden uns +schreiben. Zu Weihnachten komm' ich wieder.« + +»Ich komme wieder; das hab' ich schon einmal gehört,« sagte Caspar +bitter. »Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu' ich nicht. Was hat +man vom Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.« + +»Es kann nicht anders sein,« flüsterte Clara, und ihr Blick suchte die +Sterne. »Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht +vergessen wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen, +vergessen, darin liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehören die Sterne, +Caspar, und wenn du hinaufschaust, bin ich bei dir.« + +Caspar schüttelte den Kopf. »Leb wohl,« sagte er matt. + +Im Erdgeschoß wurde ein Fenster geöffnet, und das mit einer Bettmütze +gekrönte Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu +verschwinden. Es war eine schweigende Mahnung. + +Ich will Bettine bitten, daß sie ihn täglich besucht, überlegte Clara, +während sie allein durch die öden Gassen ging; ich bring' ihm Unheil, +wenn ich bleibe, ein Abgrund gähnt mir entgegen, wie er fürchterlicher +nicht zu denken ist. Schwester! Wie war mir doch, als er mich Schwester +nannte! Die himmlische Seligkeit pochte mir an die Brust. So hätt' ich +einen verlorenen Bruder gefunden, und mehr noch; aber, gerechter Gott, +mehr darf es nicht sein. Ihn anzutasten! Seinen Schlummer stören! O +verbrecherische Lippen, denen ein Kuß nichts bedeutet! Hätt' ich's +getan, ich müßte seine Mörderin heißen, was kann ich Besseres tun als +fliehen? Ein guter Genius wird ihn schützen; vermessen, wollt' ich durch +meine armselige Gegenwart ihn behütet glauben; ein so edles Ding kann +nicht zugrunde gehen, weil sich zwei Augen von ihm wenden. + +Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos +verstricktes Gemüt, das in seiner Schwärmerei den Entschluß eines Opfers +faßt, verzagt, geblendet durch den Anblick von so viel Schicksal und in +seiner Betrübnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe. + +Den Blick beständig zum Himmel gerichtet, und zwar auf das schöne +Sternbild des Wagens, das wie ein erstarrter Zackenblitz im +Dunkelblauen schwamm, bemerkte Clara nicht, daß am Portal des Schlosses +eine Gestalt lehnte. Sie prallte erst zurück, als ihr die nächtige +Person den Weg verstellte. O Gott, der Grauenvolle, dachte sie. + +Hickel, denn dieser war es, verneigte sich gegen die bestürzte Frau. +»Vergebung, Madame, Vergebung,« murmelte er. »Und nicht nur für diesen +Überfall, auch für das andre. Sie sind zu schön, Madame. Wenn Sie die +Gnade hätten, zu erwägen, daß Ihre sublime Schönheit mit meinem Kopf +umspringt wie ein mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel, wenn Sie in +Betracht ziehen wollten, daß es selbst beim Komödiespiel einen Punkt +gibt, wo die verrückt gewordene Phantasie den Gegenstand ihrer Wünsche +besudelt und das Bildliche eifersüchtig für ein Wirkliches hält, so +würden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener durch ein tröstliches +Wort beglücken.« + +Alles dies klang einfältig, formlos, geziert, höhnisch und verzweifelt. +Er schien die Worte zwischen den Zähnen zu zerquetschen, und man konnte +ihm ansehen, daß er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt. + +Clara trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme, drückte sie fest +gegen die Brust und sagte befehlend: »Lassen Sie mich vorbei!« + +»Madame, von Ihrem Mund hängt zur Stunde manches ab,« fuhr Hickel fort +und hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur. »Ich bin nie +ein Bettler gewesen. Hier steh' ich und bettle. Verleugnen Sie nicht Ihr +Gesicht, das einen Engel glauben läßt!« + +Er trat zur Seite, wortlos ging Clara an ihm vorüber. Sie läutete, und +der Pförtner, der auf sie gewartet, öffnete sogleich. Als sie drinnen +war, spürte sie eine entsetzliche Übelkeit. In ihrem Hirn war etwas wie +zerrissen. Auf der Treppe stockte sie; ihr war, als müsse sie umkehren +und den furchtbaren Mann noch einmal anreden. + +Als Caspar am nächsten Nachmittag zu Imhoffs kam, wurde ihm mitgeteilt, +daß Frau von Kannawurf schon abgereist sei. Er bat Frau von Imhoff, sie +möchte ihm Claras Bild zeigen, das er seit dem ersten Gesellschaftsabend, +dem er im Schlosse beigewohnt, nicht mehr gesehen. Die Baronin führte +ihn in ein Erkergemach, wo das Porträt zwischen zwei Ahnenbildnissen an +der Wand hing. + +Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer +Aufmerksamkeit. Als er ging, versprach Frau von Imhoff, ihm eine +Zeichnung von dem Bild anfertigen zu lassen. Er war so zerstreut, daß er +nicht einmal dankte. + + + + +Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis + + +Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war, +verlautete darüber nichts Näheres, und die Sache schien allmählich in +Vergessenheit zu geraten. Ohne Zweifel waren da allerlei verborgene +Einflüsse im Spiel, die den Polizeileutnant sicherstellten. »Dem Mann +ist nicht beizukommen,« sagten die Eingeweihten; »er ist zu gefährlich +und weiß zuviel.« Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von seinen +Untergebenen äußerst gefürchtet. Dabei wurde sein Lebenswandel immer +undurchdringlicher; außer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem +Menschen. Auf der Polizeiwache saß er halbe Nächte, aber nur deswegen, +um seine Leute zu drangsalieren. + +Sogar Quandt hatte ihn fürchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober, +der Lehrer saß mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat plötzlich +säbelrasselnd Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gruß auf Caspar zu und +fragte herrisch: »Sagen Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas +über den Verbleib des Soldaten Schildknecht?« + +Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden +Augen und donnerte, ungeduldig über das lange Schweigen: »Wissen Sie +etwas oder wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott +helfe, ich lasse Sie auf der Stelle ins Gefängnis bringen!« + +Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die +Fransen des Tischtuchs, und während er zurückwich, fiel die Kaffeekanne +um und das schwarze Gebräu ergoß sich über das Linnen. + +Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein ärgerliches +Gesicht, denn das großspurige Auftreten des Polizeileutnants verdroß +ihn, auch war es ihm um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar +gegenüber sich seit Monaten einer steifen und finsteren Zurückhaltung +beflissen hatte. »Was soll er denn mit dem Deserteur zu schaffen haben?« +sagte er unwillig. + +»Das lassen Sie nur meine Sorge sein!« brauste Hickel auf. + +»Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein +höflicheres Benehmen aus,« versetzte Quandt. + +»Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem +Mist wächst, das ästimieren Sie nicht. Überhaupt, was ist's denn? Zwei +Jahre sind's her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so +klug wie zuvor. Wenn das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur +heimgeigen.« + +Der Hieb saß. Quandt verbiß seinen Groll und schwieg. + +»Aber es hat ein Ende jetzt,« fuhr Hickel fort; »ich werde mit dem +Hofrat reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.« + +»Damit werden Sie mir bloß einen Gefallen erweisen,« erwiderte Quandt +und verließ hochaufgerichtet das Zimmer. + +Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig +auf und ab und trocknete mit dem Ärmel seine Stirn. »Wie mir nur ist, +wie mir nur ist,« murmelte er fast verstört. Dann wandte er sich wieder +schimpfend an Caspar. »Unglückseliger, verdammt Unglückseliger! Was für +ein Teufel hat Sie geritten! Übrigens,« fügte er leise hinzu und stellte +sich neben Caspar, »der Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert. +Kommt auf die Plassenburg, der Kerl.« + +»Das ist nicht wahr,« sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas +singend. Er lächelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht +stark erbleichte. + +Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah düster ins Leere. +Plötzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bösen, eiligen Blick +auf Caspar entfernte er sich. + +Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant +angetan, auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat +Hofmann, doch dieser schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der +Lehrer nahm die Gelegenheit wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu +bringen. + +Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht über Caspars +Pflege. Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu +rechnen, man hatte den Bürgermeister Enders und die Gemeinde um +Unterstützung angegangen, aber ein Beschluß war noch in der Schwebe. +Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine kleine Lohnerhöhung für +seine Schreiberei; das Geld lieferte er pünktlich dem Lehrer ab. Die +beschränkten Verhältnisse erlaubten ihm nicht die geringste Freiheit in +seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit +Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt +dafür ausgesetzt war. Ungehalten über die Verschleppung, wandte er sich +an den Pfarrer Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen, +aufs Gemeindeamt zu gehen, um die Auszahlung zu betreiben. + +»So etwas tu' ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller, +mein Stolz erlaubt das nicht,« sagte Quandt. + +Der Hofrat zuckte die Achseln. »Geben Sie ihm doch die paar Taler +einstweilen aus Ihrer Tasche,« sagte er, »man wird's Ihnen gewiß bald +ersetzen.« + +»In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewißheiten,« versetzte +Quandt; »ich habe ohnehin Auslagen genug und weiß nicht, ob ich noch +lange so zusehen kann.« + +Der Hofrat überlegte. »Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde,« +sagte er dann, »die können doch helfen.« + +»Ach du lieber Gott,« seufzte der Lehrer, »denen ist er viel zu +interessant, als daß sie an seine kleine Notdurft denken.« + +»Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er +denn eigentlich so dringend Geld braucht,« schloß der Hofrat das +Gespräch. + +Des Abends kam Caspar noch spät in Quandts Zimmer und flehte ihn mit +aufgehobenen Händen an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle +ja alles tun, was man von ihm verlange; »nur nicht zum Polizeileutnant, +alles, nur das nicht,« sagte er. + +Der Lehrer beruhigte ihn nach Kräften und sagte, davon könne vorläufig +keine Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn bloß schrecken wollen. +»Nein,« antwortete Caspar, »auch der Offiziant Maier hat heute auf dem +Gericht davon gesprochen.« + +»Nun, Hauser, jetzt gebärden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und +sind doch schließlich ein erwachsener Mann,« sagte Quandt tadelnd. »Ich +kann das nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu übertreiben und sich +kindisch zu stellen. Der Polizeileutnant würde Ihnen auch nicht den Kopf +abbeißen, wennschon ich zugebe, daß er bisweilen etwas derbe Manieren +hat. Aber Sie sind ja jetzt auch ein Christ in des Wortes voller +Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den Spruch schon gehört: Tue +deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt +sammelst.« + +Caspar nickte. »Es steht ein Gesätzlein darüber in Dittmars +'Weizenkörnern',« erwiderte er. + +»Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen,« fuhr Quandt +lebhaft fort. »Wissen Sie was! Damit Sie das schöne Merkwort genau im +Gedächtnis behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eignen Gedanken +darüber niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum für +sich betrachten und Sie können den ganzen morgigen Nachmittag dazu +verwenden.« + +Caspar schien einverstanden. + +Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nächsten, sondern erst am +zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit +zornigen Gebärden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats, was Caspar +verbrochen habe, sagte Quandt: »Ich muß mich doch gar zu viel mit ihm +herumärgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Thema für den deutschen +Aufsatz, er versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen +gestrigen Nachmittag dazu Zeit. Soeben verlang' ich nun sein Heft, und +hier, überzeugen Sie sich selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat +er geschrieben. Eine solche Trägheit ist himmelschreiend.« + +Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite +stand der Titel des Aufsatzes: Tue deinen Feinden Gutes, damit du +feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst; danach kam aber nichts und die +Seite war leer. »Warum haben Sie's denn nicht gemacht?« fragte der +Hofrat kühl. + +Caspar antwortete: »Ich kann nicht.« + +»Das müssen Sie können!« rief Quandt. »Vorgestern haben Sie mir ja +erzählt, daß der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine +Gedankenfolge zu finden, hätte Ihnen also nicht schwerfallen können, +wenn Sie dort angeknüpft hätten.« + +»Probieren Sie's doch einmal, Hauser,« fiel der Hofrat besänftigend ein. +»Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Sätze nieder. Ich werde mich mit +dem Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurückkommen, +sollen Sie uns irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, daß Sie +wenigstens den guten Willen haben.« + +Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer +waren, übergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die +seien von Frau von Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe; +die gütige Dame habe sich noch hoch entschuldigt, daß es nur so wenig +sei, aber sie habe über das Geld keine freie Verfügung. »Übrigens war +der Hauser gestern bei mir,« fuhr der Hofrat fort, »und zwar kam er, um +mich zu bitten, ich möchte es doch verhindern, daß er dem +Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.« + +»Es ist doch des Teufels; er belästigt alle Leute mit seinen kindischen +Miseren,« klagte Quandt, »auch mich hat er schon darum angegangen.« + +»Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.« + +»Ja, der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm.« + +»Ich sagte ihm, daß von meiner Seite eine solche Absicht nicht +vorliege, und er möge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zu +nahe treten.« + +»Sehr wahr.« + +»Wir redeten noch über seine Geldkalamität, und da wollte er nicht mit +der Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fünf Taler zu +schenken, und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er +traurig, das wisse er nicht, und ich muß gestehen, es war da etwas in +seinem Wesen, was mich rührte. Aber sonst schien er mir doch gar zu +schmeichlerisch, und sein freundlich Geblinzel und Getue mißfiel mir.« + +»Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr +Hofrat; besonders wo er seine Pläne durchsetzen will.« + +Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurück. Er +saß am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. »Na, was haben Sie +fertiggebracht?« rief der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da +er nur einen einzigen Satz geschrieben fand, und las vor: »Wenn sie dir +Übles an deinem Körper zugefügt haben, tue ihnen Gutes dafür.« -- »Das +ist alles, Hauser?« + +»Sonderbar,« murmelte Quandt. + +Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die +Schulter und begann unvermittelt: »Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie +denn eigentlich von allen Menschen, die Sie bisher kennen gelernt haben, +am meisten liebgewonnen?« Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von +seinem Amt als Gerichtsfunktionär die Manier behalten, auch das Harmlose +mit einem Ausdruck von säuerlichem Spott zu äußern. + +»Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht,« +flüsterte der Lehrer Caspar zu. + +Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle +hinter der Frage. Er dachte plötzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer +darum so böse, daß ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt, +ich halte ihn für meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinüber und sagte +versonnen: »Den Herrn Lehrer hab' ich am liebsten.« + +Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverständnisses und +räusperte sich bedeutsam. + +Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht +im mindesten von der Antwort erbaut zu sein. + +Caspars Leben wurde nun immer einförmiger und zurückgezogener. Er hatte +niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung führen konnte. Frau +von Kannawurf ließ auch nichts von sich hören, und das wurmte ihn denn +doch, trotzdem er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo +war sie überhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle +Wege waren ihm verhaßt, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das +Wetter immer schlecht, der November brachte gewaltige Stürme, und so saß +er in der freien Zeit auf seinem Zimmer, glitt mit den Blicken über die +Hügelränder oder streifte bang den Himmel und sinnierte unablässig. Er +wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die Kaserne und erkundigte +sich vorsichtig, ob man dort etwas über Schildknecht wisse. Man konnte +ihm keine Auskunft geben. Das nährte die verflackernde Hoffnungsflamme, +aber in den darauffolgenden Tagen fühlte er sich krank und wollte sich +des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschließen. Es kamen noch +manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich störrisch und einsilbig. +Wenn er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter: +»Was soll mir das Schwätzen?« Als er eines Abends über den Schloßplatz +ging und an der mächtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen +Fenstern emporsah, glaubte er in den leergedachten Sälen übergroße +Gestalten wahrzunehmen, die ihn feindselig beobachteten. Sie schienen +alle in Purpur gekleidet, mit goldenen Ketten um den Hals. Ein +grenzenlos ermattender Schmerz drückte ihn nieder, und er war nahe +daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem Hund. + +Er fühlte sich so kalt, so trüb. In einer Nacht träumte er, er sähe auf +einem grünen Steinblock eine goldene Schale und darauf lagen fünf +seltsam qualmende Herzen, doch nicht in natürlicher Form, sondern so wie +Lebküchner die Herzen backen; er stand davor und sagte laut: »Das ist +meines Vaters Herz, das ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders +Herz, das ist meiner Schwester Herz, das ist mein eignes Herz.« Sein +eignes lag oben und hatte zwei lebendige, traurige Augen. + +Nicht selten hatte er das bestimmte Gefühl von der fernen Wirkung einer +überaus teuern Person. Die Person handelte, sprach und litt für ihn, +aber eine Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte +die Weite zwischen ihm und ihr nicht verringern. Er spürte unheimliche +Vorgänge so deutlich, daß er oft dastand und lauschte wie auf ein +Gespräch hinter einer dünnen Wand. Und er faltete die Hände unterm Kinn +und lächelte ängstlich. + +Blind hätte der Lehrer sein müssen, wenn er von alledem nichts bemerkt +hätte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und +dieser Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. »Ich habe +kein Wohlwollen mehr für den Menschen,« erklärte Quandt, »ich habe kein +Wohlwollen mehr für ihn, seit ich gesehen habe, wie gleichgültig ihn die +Katastrophe mit dem Lord gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als +hätte ich einen Bruder verloren, und er wollte sich nicht einmal zu +einer den Schein wahrenden Trauer verstellen. Er hat ein Herz von Stein +und eine ganz pöbelhafte Undankbarkeit.« + +Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern, +wir sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten über Caspar aus früheren +Jahren zusammenträgt, Fakten und Umstände, die er mit dem Spürsinn eines +Untersuchungsrichters aufstöbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck +bereithält. Wir sehen ihn in Haß entbrennen gegen den ewig Verstockten, +immer Verschlossenen, und wir können nicht umhin, ihn einem Menschen +ähnlich zu finden, den ein Irrlicht so lange geneckt und gelockt hat, +bis er endlich in eine Art von rasender Trunkenheit gerät. + +Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch, +fragte Quandt Caspar, ob er seine Übersetzung für morgen schon fertig +habe. Caspar erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger +Freundlichkeit, wie es Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt +nahm das Buch, zeigte ihm, wie groß die Aufgabe sei, und fragte noch +einmal, ob er denn wirklich so weit übersetzt habe. + +Caspar bejahte. »Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen,« +sagte er. + +Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe +enthielt ein paar Fälle, mit denen Caspar nicht allein hätte fertig +werden können und bei denen er seine Hilfe unbedingt hätte in Anspruch +nehmen müssen. Indes fand er es für gut, im Beisein seiner Frau nichts +weiter zu bemerken, sondern ihn ungestört auf sein Zimmer gehen zu +lassen. + +Ungefähr fünf Minuten später ergriff Quandt das lateinische +Elementarbuch und folgte Caspar. Caspar hatte die Tür schon zugeriegelt, +und bevor er öffnete, fragte er, ob der Lehrer noch etwas wünsche. +»Machen Sie auf!« befahl Quandt kurz. Als er drinnen war, las er ihm +einige willkürlich herausgerissene Sätze vor und ersuchte ihn zu sagen, +wie er es übersetzt habe. Caspar schwieg eine Weile, dann entgegnete er, +er habe bloß präpariert, er wolle erst jetzt übersetzen. Quandt blickte +ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: »So,« wünschte gute Nacht und +entfernte sich. + +Drunten erzählte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen überein, +daß dahinter ein bübischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen +berichtete er auch dem Hofrat darüber, dieser schrieb ein kurzes +Briefchen an Caspar und gab es dem Lehrer mit. Caspar las das Schreiben +in Quandts Gegenwart, und als er zu Ende war, reichte er es dem Lehrer, +sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte ihn der Hofrat schonend vor +Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich überließen, die jedoch, so +war der Wortlaut, »unserm Hauser leider nicht fremd zu sein scheinen«. + +Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der +Übungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: »Aus diesem Heft ist ein +Blatt herausgeschnitten, Hauser. Sie wissen doch, daß ich Ihnen das +schon zahllose Male verboten habe.« + +»Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht +in der Schrift haben,« versetzte Caspar. + +Statt aller Antwort forderte Quandt den Jüngling auf, mit ihm in sein +Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie möge die Kerze +anzünden, ergriff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer +angelangt, schloß er sorgfältig beide Türen, hieß Caspar Platz nehmen +und begann: »Sie werden mir doch wohl nicht zumuten, daß ich Ihre +Ausrede für bare Münze nehme?« + +»Was für eine Ausrede?« fragte Caspar matt. + +»Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.« + +»Warum wollen Sie es denn nicht glauben?« + +»Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, +und wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lügen öfter +als einmal.« + +»Ich lüge nicht,« erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos. + +»Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?« + +»Ich weiß nicht, daß ich lüge.« + +»O, schelmischer Rabulist!« rief Quandt bitter. »Wenn ich Ihre häufigen +Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und +nach gewonnene Einsicht, daß ich Sie von dem Übel doch nicht heilen +kann. Wozu also soll ich mich vergeblich grämen? Sie sind gewohnt, so +lange nein zu sagen, bis man Sie dermaßen überführt hat, daß Sie nicht +mehr nein sagen können, und dann sprechen Sie dennoch kein Ja.« + +»Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, daß ich gelogen +habe.« Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als +tückisch zu bezeichnen pflegte. + +»Ach, Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenüber so zu sehen,« +versetzte Quandt. »Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele, +daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an +die Geschichte mit dem Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei +abgebrochen, und es ist doch unwiderleglich nachgewiesen, daß sie +abgeschmolzen war?« + +»Es war so, wie ich gesagt habe.« + +»Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie können übrigens versichert +sein, daß ich mir den Vorfall mit allem Fleiß notiert habe, nämlich +schriftlich, um nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu +können.« + +Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg. + +»Und weiter, betrachten wir einen Fall jüngsten Datums,« fuhr Quandt +fort; »es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der Übersetzung +fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie +tagsüber beschäftigt waren, so konnten und durften Sie die Arbeit +abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien fertig, während Sie nicht das +geringste daran getan hatten?« + +»Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich präpariert hätte.« + +»Lächerlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach +zu verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre Übersetzung +gemacht? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge.« + +»Wenn Sie es gesagt haben, habe ich's eben anders verstanden.« + +»Die gewohnten Ausflüchte. Sie hatten ja nicht einmal präpariert. Das +können Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich +wünschte, ich hätte Sie nie kennen gelernt; am Ende kommt man durch Sie +noch um den Ruf eines redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut, +nicht nur von mir, sondern auch von andern. Es gibt nur noch wenig +Familien, bei denen Sie für liebenswürdig und aufrichtig gelten; die +meisten sehen ein, daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen +niedrigen Hochmut besitzen, daß Sie gleichgültig und anmaßend gegen +weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und +was Ihre Verlogenheit betrifft, so bin ich erbötig, Ihnen in jedem +einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben +sind, was in und außer Ihrem Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit +fesseln kann und was nicht. Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus +der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat +Fließen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann unangenehm, daß +er nicht bei den Seinen in Worms sein könne. Ich bemerkte hierauf, daß +der Regierungsrat eine große Verwandtschaft im Rheinkreis und so und so +viele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim +Generalkommissär davon gesprochen. Ich antwortete, daß ich von neunzehn +Enkeln gehört, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wußte dem nun +allerdings nichts entgegenzusetzen, aber das wußte ich bestimmt, daß Sie +die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu +imponieren, um den Namen des Generalkommissärs in den Mund nehmen zu +können und uns zu zeigen, daß Sie mit den Verhältnissen der Personen +vertraut seien, die jenes Haus besuchten. Hand aufs Herz: ist's nicht +so?« + +»Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiß.« + +»Das glaube ich nicht.« + +»Doch.« + +»Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der +Lüge zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um +nicht zu sagen Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig +gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken. +Sie zeigt, daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, daß Sie +nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen +lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst +fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen +gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise +beschämen, daß Sie an mich denken sollen.« + +Caspar senkte ergeben den Kopf. + +»Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch, +lieber Freund,« begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den +Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist +jetzt endlich an der Zeit, daß Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem +Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie +scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von +der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig +gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum, lieber +Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem +rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle +vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, daß sie das Opfer -- +lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden +waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, daß Sie den Anschlag +ursprünglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die +Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst +erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein +Kind, das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das +ganze Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten, den Futterplatz zu +verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie +mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten, +wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich +doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.« + +Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge. + +»Schön; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen,« fuhr Quandt mit +düsterer Befriedigung fort. »Es ist nun wieder still um Sie geworden, +Hauser. Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr +recht um Sie kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor +der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet +hat. Kein Mensch unter all den vielen Tausenden, welche die Stadt +Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen Zeit oder später eine Person +beobachtet, die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer +solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde glaubten trotzdem +an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen Kerkermeister +glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll. +Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür +gesetzt. Er wird wohl gewußt haben, warum. Und heute steht Ihre Sache +so, daß Sie sich entschließen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der +Staatsrat, der Lord Stanhope, die Frau Behold, haben das Zeitliche +verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels? Es hat ja +nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion aufrechtzuerhalten. Sie sind +doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches Glied der +menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser, eröffnen +Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!« + +»Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Caspar dumpf und langsam, indes +seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht +lauter greisenhafte Falten entstanden. + +Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. »Die +Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist +ja ein Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen +gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf! +die gequälte Brust, Hauser! Lassen Sie endlich einmal die Sonne +hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die Wahrheit! Die Wahrheit!« Er +packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm mit seinen Händen +das Geheimnis entreißen. + +Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll +umher. + +»Ich will Ihnen entgegenkommen,« sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein +Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie +trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es +waren alte Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die +verlorenen Jahre einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat +Ihnen die Bücher gegeben?« + +»Wer? Der, bei dem ich gewesen.« + +»Das ist ja klar,« versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie +sollen mir sagen, wie der hieß, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich +doch nicht für so närrisch halten, daß ich glaube, Sie wüßten das nicht. +Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder +ein Spielgenosse, gleichviel. Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befänden +sich vor Gottes Angesicht. Und Gott würde fragen: Woher kommst du? Wo +ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist? Wer hat dir einen +falschen Namen angedichtet und wie heißt du mit dem Namen, den du in der +Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die +Menschen zu täuschen? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was +antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte, +zur Sühnung des verübten Trugs?« + +Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze +Welt verkehrte sich ihm. + +»Was würden Sie antworten?« wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen +Angst und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die +verschlossene Pforte zu sprengen. + +Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund: »Ich würde +antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.« + +Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen. »Lästerer!« schrie +er mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und +rief: »Hebe dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lügengeist! Hinaus mit +dir, Infamer! Besudle meine Luft nicht länger!« + +Caspar kehrte sich um, und während er nach der Türklinke tastete, +krächzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel. + +Seufzend, schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen. +Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages +suchte er sich Caspar wieder zu nähern. Aber Caspar blieb kalt und in +sich gekehrt. Abends brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat +Fließen; er sagte, daß er sich erkundigt habe, und rief Caspar scherzend +zu: »Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn sind es! Na, sehen Sie, daß ich +recht gehabt habe?« + +Caspar schwieg. + +»Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr,« sagte die Lehrerin besorgt. + +»Ich habe keinen Appetit,« erwiderte Caspar; »kaum daß ich angefangen +habe zu essen, bin ich auch schon satt.« + +Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt verspätet und sehr erregt +zu Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen +Auftritt mit einem Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse +sein Pferd zuschanden geschlagen hatte, weil es den schwerbeladenen +Wagen nicht zum Hafenmarkt hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen +Kumpan Vorstellungen gemacht und einige hinzukommende Bürger zu Zeugen +der unmenschlichen Quälerei angerufen. Dafür war der Fuhrknecht mit +erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und hatte ihn angebrüllt, +er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen kümmern, die +ihn nichts angingen. »Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls bekannt, +und ich werde dem Polizeileutnant darüber Meldung erstatten,« schloß +Quandt. Er wurde nicht müde zu beschreiben, wie der armselige Klepper +vor dem Gefährt immer wieder vergeblich an den Strängen gezerrt habe und +wie das schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. »Der +Spitzbube,« grollte er, »ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu +rackern.« + +Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm +denn nicht aufgefallen sei, daß Caspar gar kein Wort über die Geschichte +fallen gelassen habe. + +»Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen,« bestätigte Quandt. + +Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die +schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfaßt hatte, in der +Wohnung Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht +zurück, der Polizeileutnant habe einen mehrtägigen Urlaub genommen und +sei verreist. + + + + +#Aenigma sui temporis# + + +Es geschah am übernächsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach +zwölf das Gerichtsgebäude verlassen wollte, daß er im Korridor vor der +unteren Treppe von einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem +anscheinend sehr vornehmen Mann, der groß und schlank war, einen +schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn aufforderte, ihm wenige +Minuten Gehör zu schenken. + +Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches +und etwas sehr Achtungsvolles. + +Sie gingen ein paar Schritte seitwärts von der Treppe, wo niemand +vorüberkommen konnte. Der Fremde lächelte ermutigend, als er Caspars +scheues Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und +achtungsvollen Weise: »Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es +gewesen. Morgen werden Sie diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der +erste Blick in Ihr Gesicht belehrt und erschüttert hat! Prinz, mein +Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen.« + +Er bückte sich rasch und küßte ehrfurchtsvoll Caspars Hand. + +Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem plötzlich das Herz +stillsteht. + +»Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme, +Sie zu holen,« fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger +respekterfüllt. »Ich vermute, daß Sie seit langem darauf vorbereitet +sind. Doch müssen wir auf der Hut sein. Wir haben große Hindernisse zu +scheuen. Sie müssen mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist +nur, ob Sie willens sind, sich ohne Rückhalt mir anzuvertrauen, und ob +ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen darf?« + +Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das +Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung außergewöhnlich, ja +märchenhaft erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick +auf den zahllosen kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen +des Fremden sichtbar waren. + +»Ihr Schweigen ist für mich beredt,« sagte der Fremde mit einer +schnellen Verbeugung. »Der Plan ist der: Sie finden sich morgen +nachmittag um vier Uhr im Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee, +wenn man vom Freibergschen Haus kommt. Man wird Sie von dort zu einem +bereitstehenden Wagen führen. Die einbrechende Dunkelheit wird unsre +Flucht begünstigen. Kommen Sie ohne Mantel, so wie Sie sind; Sie werden +standesgemäße Kleider finden. Bei der ersten Raststation an der Grenze, +die wir in drei Stunden erreichen können, werden Sie sich umkleiden. Ich +bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht auf Treu und +Glauben übergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen ein +Zeichen behändigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, daß ich zu +meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmächtigt bin.« + +Caspar rührte sich nicht. Nur sein ganzer Körper schwankte ein wenig, +als wäre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen. + +»Darf ich dies alles als abgemacht ansehen?« fragte der Fremde. + +Er mußte die Frage wiederholen. Da nickte Caspar -- ernsthaft, schwer, +und auf einmal war ihm die Kehle wie verbrannt. + +»Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden, +mein Prinz?« + +Mein Prinz! Caspar wurde leichenblaß. Er schaute wieder die +Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er +abermals, mit einer Bewegung, die den Schein von Kälte oder von +Verschlafenheit hatte. + +Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut; hierauf ging er +und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse. + +Während des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert +hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen. + +War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, daß einen +dabei fror bis ins Mark? Daß beständig Schauder über den Rücken liefen +wie kaltes Wasser? + +Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil +er glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Füßen. Menschen, geht mir +aus dem Weg, dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so +wild. Er betrachtete seine Hand und berührte mit der Spitze seines +Fingers starr nachdenklich die Stelle, auf die der Fremde ihn geküßt. + +Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit, +grübelte er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhörlich +rannen die Schauder über den Nacken herab. + +Es war schön, zu wissen, daß mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit +jedem Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz +allein: daß die Zeit verging. + +Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und +sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und +während ihm die Tränen über die Backen liefen, sagte er: »Dukatus ist +gekommen.« + +Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel. Bis +heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre; +und was bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und +morgen werd' ich vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen +Borten verziert; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen, lang und +schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm. Aber ist denn alles wahr, kann +es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch sein muß. + +Erst als es völlig finster war, zündete Caspar das Licht an. Die +Lehrerin schickte herauf und ließ fragen, ob er nichts zu sich nehmen +wolle. Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht. +Sodann fing er an, seine Laden auszuräumen; einen ganzen Stoß von +Papieren und Briefen warf er ins Feuer, die Schreibhefte und Bücher +ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er öffnete eine Truhe und zog unter +mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von der +Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß. Er betrachtete es lange; +es war weiß lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif, +der bis auf das Brettchen fiel. O Rößlein, dachte er, hast mich manches +Jahr begleitet, was wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich +holen, und einen silbernen Stall werd' ich dir bauen. Damit stellte er +das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster. + +Es mag füglich wundernehmen, daß ein Gemüt wie das seine, so mit Ahnung +begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt, vom ersten Augenblick +der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaßen blinde +Gläubigkeit verfiel, daß auch nicht ein Funke des Mißtrauens, der Furcht +oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit +außerhalb des gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner +Plötzlichkeit, so zierdelos und simpel, daß ein Schüler, ein Kind, ein +Verrückter daran Anstoß genommen hätte, und er, dem so viele +Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt +gegenübergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was der +Schwalbe, die vom Süden kommt, das durch Bubenhände zerstörte Nest, er +ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich +aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme +Hand. + +Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war überhaupt von +Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverständlich Endliche, das +jenseitig Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen +Sprache, ja nicht einmal ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr +nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang +der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr müdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an +den Gliedern, ihr trägen Minuten, ihr schweigenden Stunden! Noch +prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern ein Hund, noch bläst +der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht auf der Kerze, +und alles dies ist voll Bosheit, weil es so beständig scheint, so +langsam vergeht. + +Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, später in der Nacht +hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen. Bisweilen richtete +er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum, +in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinander flossen. Ihm träumte +nämlich, er stehe vor dem Spiegel, und er dachte: Wie sonderbar, ich +habe ein so bestimmtes Gefühl von der Glätte des Spiegelglases, und doch +träume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu erwachen, verließ das Bett +oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu schaffen, legte sich +wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grübelte: Sollte ich das +mit dem Spiegel nur geträumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel hin, +gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor ihm +graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und +goldene Borten hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer +Weile wirklich erwachte, da erkannte er, daß alles nur ein Traum +gewesen war, denn der Spiegel war keineswegs verhängt. + +Es war eine lange Nacht. + +Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine +Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das +Tintenfaß zu, räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte +sich still. + +Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort. +Caspar saß mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach beständig vom +Wetter. »Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen,« erzählte +sie, »und der Schneider Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden +Ziegel beinahe erschlagen worden.« + +Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenüberliegende +Gebäude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die +verdunkelte Gasse. + +Caspar aß nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in +sein Zimmer. + +Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock +bekleidet und ohne Mantel. + +»Wo wollen Sie denn hin, Hauser?« rief ihn die Lehrerin von der Küche +aus an. + +»Ich muß beim Generalkommissär etwas holen,« entgegnete er ruhig. + +»Ohne Mantel? Bei der Kälte?« fragte die Frau erstaunt und trat auf die +Schwelle. + +Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: »Adieu, Frau Lehrerin,« +und ging. + +Bevor er die Haustür schloß, warf er noch einen Abschiedsblick in den +Flur, auf das geschweifte Geländer der Treppe, auf den alten braunen +Schrank mit den Messingschnallen, der zwischen Küchen- und Wohnzimmertür +stand, auf das Kehrichtfaß in der Ecke, das mit Kartoffelschalen, +Käserinden, Knochen, Holzspänen und Glassplittern angefüllt war, und auf +die Katze, die stets heimlich und genäschig hier herumschlich. Trotz des +blitzhaft schnellen Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er +sie nie deutlicher und nie so absonderlich gesehen hätte. + +Als die Klinke eingeschnappt war, ließ der schier unerträgliche Druck, +der seine Brust verschnürte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen +sich zu einem schalen Lächeln. + +Dem Lehrer werd' ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es, +selber zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd' ich kommen und mit +dem Wagen vors Haus fahren; ich werd' es einrichten, daß es Nachmittag +sein wird, da ist er daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd' ich ihm nicht +die Hand reichen, ich will mich stellen, als ob ich ein andrer wäre, in +meinen schönen Kleidern wird er mich ja nicht erkennen. Er wird einen +tiefen Bückling machen: »Wollen Euer Gnaden gnädigst eintreten?« wird er +sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell' ich mich vor ihn hin und +frage: »Erkennen Sie mich nun?« Er wird auf die Knie fallen, aber ich +reiche ihm die Hand und sage: »Sehen Sie jetzt ein, daß Sie mir unrecht +getan haben?« Er wird es einsehen. »Ei,« sag' ich, »zeigen Sie mir doch +mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant.« Den Kindern +werd' ich Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu +dem werd' ich nicht reden, den werd' ich nur anschauen, nur +anschauen ... + +Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu früh. +Auf dem unteren Markt ging Caspar rings an den Häusern herum. Vor dem +Pfarrhaus blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren +Hitze spürte er die Kälte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom +Wind gepeitscht, schnell vorüberhuschten. + +Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schloßdurchlaß wandte, +schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von +gestern stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und +darüber noch einen Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar +höfliche Worte. Caspar verstand ihn nicht, denn der Wind war gerade so +heftig, daß man hätte schreien müssen, um einander zu hören. Daher +machte der Fremde bloß eine Gebärde, durch die er Caspar bat, mit ihm +gehen zu dürfen. Offenbar war er selbst eben im Begriff gewesen, den Ort +des Stelldicheins aufzusuchen. + +Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde öffnete +das Türchen und ließ Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es +so sein müsse. Eine Mischung von einfältiger Ergebenheit und ruhigem +Stolz zeigte sich in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem +Ausdruck des Grauens Platz zu machen, denn der Augenblick war zu stark, +er konnte seine Wucht nicht ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte, +um von dem Pförtchen über den dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den +Bäumen der ersten Allee zu gehen, durchlebte er in seinem Innern eine +Reihe gänzlich unzusammenhängender Szenen aus ferner Vergangenheit, eine +Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe Wurzel zurückgeführt +werden kann wie etwa die, daß ein von einem Turm Fallender während der +Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorübergleiten sieht. Er +erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem +Tisch lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus +dem er in seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schöne goldene +Kette, die ihm der Lord aus seinen Schätzen gezeigt, womit die angenehme +Empfindung verbunden war, die ihm Stanhopes weiße, feine Hand erregte; +ferner sah er sich im Saal der Nürnberger Burg, wohin Daumer ihn +geführt, und sein Auge weilte auf der sanften Linie einer gotischen +Fensterwölbung mit einem Entzücken, das er damals sicherlich nicht +verspürt hatte. + +Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem +Arm irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebüsch noch zwei +andre Personen, deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen +völlig verhüllt waren. + +»Wer sind diese?« fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der +verabredete Platz. + +Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestöber erlaubte jedoch +nicht weiter als zehn Ellen zu sehen. + +»Wo ist der Wagen?« fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht +antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebüsch. Diese +näherten sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem +Blatternarbigen etwas zu, erst der eine, dann der andre. Darauf +entfernten sie sich wieder und standen dann auf der andern Seite des +Wegs. + +Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte +ein lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme: +»Öffnen Sie es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter +übergab.« + +Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Während er sich bemühte, die Schnur +zu entknüpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen, +blitzenden Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen +Caspars Brust. + +Was ist das? dachte Caspar bestürzt. Er fühlte etwas Eiskaltes tief in +sein Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte +dabei. Den Beutel ließ er fallen. + +O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der +Baumstämmchen und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal +brach er in die Knie. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den +Fremden bitten, daß er ihm helfe, doch die Füße des Mannes, die er noch +eine Sekunde zuvor gesehen, waren verschwunden. Die Schwärze vor den +Augen wich wieder; er sah sich um; niemand war mehr da; auch die beiden +hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da. + +Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte +den Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu +schützen, den ihm der Wind entgegenspritzte. Er machte ein paar +Bewegungen mit dem Körper, als suche er in der Erde eine Höhlung zum +Hineinschlüpfen, konnte dann nicht weiter und blieb sitzen. Ihm schien, +als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror ihn jetzt erbärmlich. + +Möcht' sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, während seine Zähne +klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle +zu blicken, wo der Fremde gestanden. + +Wenn ich nur ein Wort wüßte, durch das mir leichter würde, dachte er, +wie einer, der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt. Und er sagte +zweimal: »Dukatus«. + +Welches Wunder, plötzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach +Hause gehen zu können. Er erhob sich. Er sah, daß er gehen konnte. +Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm +war, als ob sein Körper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er +lief, lief, lief. Bis zum Tor des Gartens; über den Schloßplatz; über +den Markt an der Kirche vorbei; bis zum Kronacher Buck, bis in den Flur +des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief. + +In Schweiß gebadet, stürzte er in den Flur. Weiter ging's nicht mehr; +keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. Über +sein Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam +Quandt aus der Stube; seine Frau folgte ihm. + +Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete bloß +auf seine Brust. + +»Was ist geschehen?« fragte Quandt rauh und kurz. + +»Hofgarten -- gestochen,« stammelte Caspar. + +Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn +schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie +Gottes Engel, auf uns zutreten und uns beschwören, die Tatsachen nicht +zu verzerren, so ist nichts andres zu erwidern, als daß Quandt +schmunzelte, seltsam schmunzelte. »Wo sind Sie denn gestochen, mein +Lieber?« fragte er gedehnt. + +Wieder deutete Caspar auf seine Brust. + +Quandt knöpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen. +Richtig, da war ein Stich, nicht größer als eine Haselnuß. Aber nicht +die geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das +gibt es nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis. + +»Also gestochen,« sagte Quandt. »So lassen Sie uns sofort umkehren und +zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll,« fügte +er energisch hinzu. »Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem +Wetter im Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache muß +unverzüglich aufgeklärt werden.« + +Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder +auf die Gasse. Quandt faßte ihn unter, wie ein Krüppel schlich Caspar +dahin. + +Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: »Diesmal haben +Sie Ihren dümmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so +guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen +schriftlich geben.« + +Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte: +»Gott -- wissen.« + +»Machen Sie nur keine Faxen,« zeterte Quandt, »ich weiß, was ich weiß. +Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei +mir kein Glück, denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich +kann Ihnen nur raten, spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici +und gestehen Sie lieber gleich. Ein wenig bange machen wollen Sie uns, +die Leute wollen Sie durcheinander hetzen. Gestochen? Wer soll Sie denn +gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre jämmerlichen paar Moneten aus +der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie nicht so langsam, Hauser, +meine Zeit ist knapp.« + +»Den Beutel -- will ich holen,« stammelte Caspar leise. + +»Was denn für einen Beutel?« + +»Der Mann -- mir gegeben.« + +»Was für ein Mann?« + +»Der mich gestochen.« + +»Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn +ein, daß ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an +den schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, daß ich über den wahren +Täter einen Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sie's doch! Gestehen +Sie, daß Sie sich selber ein bißchen gestochen haben. Ich will über die +Sache noch einmal schweigen, ich will Gnade für Recht ergehen lassen.« + +Caspar weinte. + +Dicht vor dem Hofgarten brach er plötzlich zusammen. Quandt war +verwirrt. Es kamen einige Männer des Weges, diese bat er, daß sie den +Jüngling nach Hause führen möchten, er selbst wolle zur Polizei. Die +Männer mußten erst geraume Weile warten, bis sich Caspar ein wenig +erholt hatte; auch dann hielt es schwer, ihn zum Gehen zu bewegen. + +Es wurde später von den Ärzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet, +daß Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen +war, den Weg vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum +Schloßplatz und endlich vom Schloßplatz wieder nach Hause zurückzulegen, +das erstemal laufend, das zweitemal am Arme Quandts, das drittemal von +den Männern halb gezogen, im ganzen über sechzehnhundert Schritte. + +Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug, war es finster geworden. +Der diensttuende Offiziant erklärte, daß ohne speziellen Auftrag des +Bürgermeisters, der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden +dürfe. Der Lehrer schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich +unwillig und verdrossen in die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene +Kleinschrottsche Badewirtschaft, wo der Bürgermeister im Kreis seiner +Vertrauten beim Bier saß. Quandt trug den Fall vor. Man staunte, +zweifelte, plädierte, bestieg den Amtsschimmel und gestattete hierauf +die förmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das interessante +Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur +weiteren Untersuchung übergeben. + +Quandt kehrte nach Hause zurück. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand +er viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem +Unwetter zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das +den Lehrer stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der +zu Bett gebracht worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte +die Wunde schon untersucht. + +»Wie steht's?« fragte Quandt. + +Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden. + +»Das dacht' ich mir,« versetzte Quandt. + +Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den +lilafarbenen Beutel übergeben, der an der Unglücksstätte gefunden worden +war. + +»Kennen Sie diesen Beutel?« fragte der Hofrat. + +Mit fieberglänzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat +öffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunächst, mit +Hieroglyphen bedeckt war. + +Die Lehrerin, die dabeistand, schüttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann +beiseite und sagte zu ihm: »Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser +immer seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet +war.« + +Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst +prüfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte. + +»Es ist wohl Spiegelschrift,« sagte Quandt lächelnd. + +»Ja,« erwiderte der Hofrat; »eine sonderbare Kinderei.« + +Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor: »Caspar +Hauser wird Euch genau erzählen können, wie ich aussehe und wer ich bin. +Dem Hauser die Mühe zu sparen, denn er könnte schweigen müssen, will ich +aber selber sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze +am Fluß. Ich will Euch sogar meinen Namen verraten: M. L. O.« + +»Das klingt ja geradezu höhnisch,« sagte der Hofrat nach einem +verwunderten Schweigen. + +Quandt nickte erbittert vor sich hin. + +Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer +in das Kissen und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen +Zügen. Es schloß sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun +an nie mehr reden. Und _daß_ er hätte reden können, womit dieser +M. L. O. offenbar nicht gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber +hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes. + +Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Händen, +wanderte aufgeregt hin und her. »Das sind schöne Streiche,« rief er aus, +»schöne Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten, +Hauser. Sie verdienen eine Tracht Prügel, das verdienen Sie.« + +Der Hofrat runzelte die Stirn. »Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das +doch!« sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton. Bevor er sich +verabschiedete, versprach er, am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu +schicken, woraus ersichtlich war, daß auch er an keine unmittelbare +Gefahr dachte. + +Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am +selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte +Caspar mit großer Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein +bedenkliches Gesicht. Quandt, seltsam gereizt dadurch, sagte fast +herausfordernd: »Es fließt ja gar kein Blut aus der Wunde.« + +»Das Blut sickert nach innen,« entgegnete der Medizinalrat mit einem den +Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf +das Herz und empfahl die möglichste Ruhe. + +Quandt griff sich an die Stirn. »Wie,« sagte er zu seiner Frau, »sollte +sich der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefügt +haben?« + +Die Lehrerin schwieg. + +»Ich bezweifle es, ich muß es bezweifeln,« fuhr Quandt fort. »Sieh doch +selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe über +Schmerzen.« + +»Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt,« fügte die Frau hinzu. + +Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an +das Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte, +schrie er ihn an: »Machen Sie nicht solche widerlichen Umstände, Hauser! +Gehen Sie schleunig in Ihr Bett zurück.« + +Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hörte dies. »Aber +Quandt! Quandt!« sagte er entsetzt. »Ein wenig Milde, Quandt, im Namen +unsrer Religion.« + +»O,« versetzte Quandt kopfschüttelnd, »Milde ist hier schlecht +angebracht. In Nürnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komödie +aufgeführt hat, gebärdete er sich genau so, und ich habe mir sagen +lassen müssen, daß er dabei von zwei Männern ist gehalten worden. Was +mich betrifft, ich lasse mir so ein Schauspiel nicht bieten.« + +Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die über +Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden. + +Schon früh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei +klarem Bewußtsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzählte er, +ein fremder Herr habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten +bestellt. + +»Zu welchem Zweck bestellt?« + +»Das weiß ich nicht.« + +»Er hat darüber gar nichts gesagt?« + +»Doch; er hat gesagt, man könnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.« + +»Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?« + +Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie +ihn der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen. + + * * * * * + +Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spät für die +Verfolgung des Täters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld +Quandts, unverantwortlich verzögert worden. Als man die am Ort des +Verbrechens befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich, +daß inzwischen schon zuviele Menschen dagewesen waren und den Schnee +zertreten hatten. Aus einem so wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mußte +also von vornherein verzichtet werden. + +Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete, +gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor +gesehen, und habe gefragt, wann eine Retour nach Nördlingen gehe. Der +Mann war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt gewesen, von mittlerer Größe, +bräunlicher Hautfarbe und mit Blatternarben im Gesicht. + +Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut, +grüne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der +Hand hielt er eine Reitgerte. Er habe nur fünf Minuten geweilt und ganz +wenig gesprochen; auffallend sei es gewesen, daß er nicht sagen gewollt, +wo er logierte. + +So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im +Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von +zwei andern Männern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte. + +Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von +seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststraße auf die Promenade +und von da über den Schloßplatz. Er sah vom Schloß her zwei Männer über +die Gasse schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten +gehen. Er erkannte in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden +zum Laternenpfahl am Eck der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser +um und blickte den Schloßplatz hinauf, so daß ihn der Beobachter noch +einmal und genau hatte sehen können. Bei den Schranken blieb der Fremde +stehen, um Hauser mit höflicher Gebärde den Vortritt zu lassen. Der +Arbeiter dachte für sich: wie doch die Herren bei solchem Sturm und +Schnee spazierengehen mögen. + +»Drei Viertelstunden später,« erzählte der Mann, »als ich von einer +Besorgung beim Büttner Pfaffenberger zurückkam, standen auf dem +Schloßplatz viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im +Hofgarten erstochen worden.« + +Und weiter. Ein Gärtnergehilfe, der in der Orangerie beschäftigt ist, +hört gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht +einen Mann im Mantel vorüberlaufen. Der Mann läuft einen guten Trab. Die +Stimmen sind etwa einen Büchsenschuß weit vom Orangeriehaus entfernt +gewesen, nicht so weit, wie das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei +Stimmen, eine Baß- und eine helle Stimme. + +Neben der Weidenmühle wohnt eine Näherin. Ihr Fenster geht auf den +Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hölzernen Tempel zu +führenden Alleen. Bei beginnender Dämmerung gewahrt sie den Mann im +Mantel; er tritt aus dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der +Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er vor dem hochgeschwollenen Wasser +steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die Stäffelchen an der Mühle, +geht über den Steg auf der Eiberstraße und verschwindet. Die Frau hat +von seinem Gesicht nur einen schräglaufenden schwarzen Bart wahrnehmen +können. + +Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die +unverbrüchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden +Nachmittag, wie das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im +Hofgarten zu promenieren. Er hat Caspar und den Fremden gesehen. Er +versichert aber, nicht vorangegangen sei Caspar dem Fremden, sondern +hintennach sei er gegangen. »Er ist ihm gefolgt, wie das Lamm dem +Metzger zur Schlachtbank folgt,« sagt er. + +Zu spät. Zu spät der Eifer. Zu spät die erlassenen Steckbriefe und +Streifzüge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, daß man sogar +den Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument +zu entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen +haben mochte. Was lag an diesem Dolch? + +Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhören? Was lag an den Indizien, +womit eine saumselige Justiz ihre Unfähigkeit prahlerisch verbrämte? Es +wurde gesagt, daß die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben +wurden. Es wurde gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren +Machenschaften darin gipfelten, die wahren Spuren allmählich und mit +Absicht zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Behörde irrezuleiten. +_Wer_ es sagte, konnte natürlich nicht erkundet werden, denn die +öffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie ungreifbar, orakelt nur +aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald stille hier, wo +Verleumdung, Bosheit, Lüge, Dummheit und Heuchelei ein schönes +Menschenbild wie zwischen Mühlrädern zermalmten, bis daß nichts mehr +übrigblieb als ein ärmliches Märchen, wovon sich das Volk dieser +Gegenden an rauhen Winterabenden vor dem Ofen unterhält. + + * * * * * + +Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen, +auf der Straße. + +»Wie geht's dem Hauser?« fragte der den Lehrer. + +»Ei, er ist ganz außer Gefahr; dank' der Nachfrage, Herr Doktor,« +antwortete Quandt geschwätzig; »die Gelbsucht ist eingetreten, aber das +soll ja die gewöhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin +überzeugt, daß er in ein paar Tagen das Bett wird verlassen können.« + +Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptsächlich von der +neuerdings zwischen Nürnberg und Fürth geplanten Dampfschienenbahn, ein +Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren +ließ, dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der +Dankbarkeit eines beklatschten Redners und eilte, beständig vor sich +hinlächelnd, nach Hause. Er war in einer höchst zuversichtlichen +Stimmung, einer Stimmung, in der man bereit ist, seinen ärgsten Feinden +Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum, das mochten die Götter wissen. +War der schöne Tag daran schuld? Man darf nicht vergessen, daß in Quandt +auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nähe des +Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine +Erneuerung seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, daß +gegenwärtig so viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein +bescheidenes Heim aufsuchten und daß er inmitten dieses bescheidenen +Heims eine Stellung von ungeahnter Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem +auch sein mochte, er war mit sich zufrieden, folglich stammte sein +Lächeln aus der lautersten Quelle. + +Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. »Ah, vom Urlaub +zurück?« begrüßte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf +sagte er sich: mit dem habe ich ja noch ein Hühnchen zu rupfen. + +Hickel drückte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte. + +Sie gingen miteinander hinauf. + +Caspar saß mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetürmte Kissen +gelehnt, starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein, +die Haut des Körpers strahlend weiß wie eine Magnesiumflamme. Der +Medizinalrat hatte soeben den Verband abgenommen und wusch die Wunde. +Außerdem war noch ein Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch +Platz genommen; ein Protokollformular lag bei ihm, auf dem die +lakonischen Worte standen: »Der Damnifikat verbleibt bei seinen +bisherigen Depositionen.« Über einen eingefangenen Straßenräuber hätte +man sich nicht besser und niedlicher ausdrücken können. + +Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen +gebrochenen Blumenkelch seitwärts gesenkten Kopf aufrichtete und mit +weitgeöffneten Augen, in denen ein ganz unsäglicher Schrecken lag, dem +Ankömmling ins Gesicht starrte. + +Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebärde +schien den Schrecken Caspars aufs äußerste zu treiben; er faltete die +Hände und murmelte ächzend: »Nicht nahekommen! Ich hab's ja doch nicht +selber getan.« + +»Aber Hauser! Was fällt Ihnen denn ein!« rief Hickel mit einer +Lustigkeit, die man etwa im Wirtshaus zur Schau trägt, und seine gelben +Zähne blinkten zwischen den vollen Lippen; »ich hab' Ihnen ja nur +gedroht, weil Sie ohne Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen +Sie das vielleicht auch leugnen?« + +»Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf,« mahnte der +Medizinalrat unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer +beiseite und sagte leise und ernst: »Ich kann Ihnen nicht verhehlen, +daß Hauser wahrscheinlich die Nacht nicht überleben wird.« + +Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie +Butter. »Wie? Was?« hauchte er, »ist's möglich?« Er schaute alle +Anwesenden der Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines +Menschen glich, der sich soeben behaglich zum Essen setzen wollte und +dem plötzlich Schüssel, Teller, Messer und Gabel, ja der ganze Tisch +weggezaubert wird. + +»Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer,« sagte mit heiserer Stimme Hickel, der +am Ofen stand und mit sinnloser Geschäftigkeit seine Hände an den +Kacheln rieb. + +Quandt nickte und schritt mechanisch voraus. + +»Ist's möglich!« murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. »Ist's +möglich!« Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. »Ach,« fuhr er +elegisch fort, »wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer +Fürsorge haben wir's wahrlich nicht fehlen lassen.« + +»Lassen Sie doch die Flausen, Quandt,« antwortete der Polizeileutnant +grob. »Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in +seinem Wahn?« + +»Unsinn, lauter Unsinn,« versetzte Quandt bekümmert. + +»Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter,« rief Hickel, indem er +sich über das Geländer beugte. + +»Was denn?« gab Quandt erschrocken zurück, »ich sehe nichts.« + +»Sie sehen nichts? Potz Kübel, ich auch nicht. Es scheint, wir sehen +beide nichts.« Er lachte wunderlich, richtete sich wieder kerzengerade +auf und hüstelte trocken. Dann ging er, indes Quandt ihm nicht wenig +betroffen nachguckte. + +Wohin soll es auch kommen mit der Welt, wenn Leute wie Hickel unter die +Gespensterseher geraten? Auf ihren robusten Schultern ruhen die +Fundamente der Ordnung, des Gehorsams und aller staatlich anerkannten +Tugenden. Mag es auch in diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen +sein, daß die Ausgeburt rühmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch +einer Regung bösen Gewissens anheimfiel, nun, dann muß erklärt werden, +daß dieses böse Gewissen mit einem martialischen Aussehen gesegnet war, +daß es zu allen Mahlzeiten einen beneidenswerten Appetit entwickelte und +daß es das sanfteste Ruhekissen für einen unvergleichlich gesunden +Schlaf war, der durch keine Feuerglocke und kein Tedeum hätte gestört +werden können. + +Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhör +begonnen. Caspar sollte sagen, ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei, +während er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen. + +Caspar antwortete matt, er habe niemand bemerkt, nur vor dem Tor seien +Leute gewesen. »Arme Leute passen mir immer dort auf,« sagte er, »zum +Beispiel eine gewisse Feigelein, der hab' ich manchmal einen Kreuzer +gegeben, auch die Tuchmacherswitwe Weigel.« + +Der Aktuar wollte weiterfragen, doch Caspar lispelte: »Müde -- recht +müde.« + +»Wie ist Ihnen, Hauser?« erkundigte sich die Wärterin. + +»Müde,« wiederholte er; »werd' jetzt bald weggehen von dieser +Lasterwelt.« + +Eine Weile schrie und redete er für sich hin, hernach wurde er wieder +ganz stille. + +Er sah ein Licht, das langsam erlosch. Er vernahm Töne, die aus dem +Innern seines Ohrs zu dringen schienen; es klang, wie wenn man mit einem +Hammer auf eine Metallglocke haut. Er erblickt eine weite, einsame, +dämmernde Ebene. Eine menschliche Gestalt rennt schnell darüber hin. O +Gott, es ist Schildknecht. Was läufst du so, Schildknecht? ruft er ihm +zu. Hab' Eile, große Eile, antwortet jener. Auf einmal schrumpft +Schildknecht zusammen, bis er eine Spinne ist, die an einem glühenden +Faden zum Ast eines riesengroßen Baumes emporklimmt. Tränen des Grauens +fallen wie Regen aus Caspars Augen. + +Er sah ein seltsames Gebäude; es glich einer kolossalen Kuppel; es hatte +kein Tor, keine Tür, kein Fenster. Aber Caspar konnte fliegen, flog +hinauf und schaute durch eine kreisrunde Öffnung in das Innere, das von +himmelblauer Luft erfüllt war. Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine +Frau. Vor diese trat ein Mensch, kaum deutlicher zu sehen als ein +Schatten, und er teilte ihr mit, daß Caspar gestorben sei. Die Frau hob +die Arme und schrie vor Schmerz, daß die Wölbung erzitterte. Da klaffte +der Boden auseinander und es kam ein langer Zug von Menschen, die alle +weinten. Und Caspar sah, daß ihre Herzen zitterten und zuckten wie +lebendige Fische in der Hand des Fischers. Und einer trat heraus, der +gerüstet war und ein Schwert trug, der sprach ungeheure Worte, aus denen +sich das ganze Geheimnis enthüllte. Und alle, die zuhörten, preßten die +Hände gegen die Ohren, schlossen die Augen und stürzten vor Kummer zu +Boden. + +Dann war alles verwandelt. Caspar spürte sich voll von wunderbaren +Kräften. Er spürte die Metalle in der Erde, von tief unten zogen sie ihn +an, und die Steine spürte er, die Adern von Erz hatten. Dazwischen ruhte +vielfältiger Samen, und er brach auf, und die Würzlein schossen und +bebend hoben sich die Gräser. Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor +wie Fontänen und auf ihren Spitzen leuchtete die willkommene Sonne. Und +inmitten des Weltalls stand ein Baum mit weitem Gipfel und unzähligen +Verästelungen; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen, und auf der Krone +oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens. Innen im Stamm floß +Blut, und wo die Rinde zerrissen war, sickerten schwärzlichrote Tropfen +hindurch. + +Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter +Entzückungen war es Caspar, als ob ihn jemand in einen Raum trüge, wo +keine Luft zum Atmen mehr war. Da half kein Sträuben und Sichbäumen, es +trug ihn hin und ein kühler Wind wehte über sein Haar, seine Finger +krümmten sich, als suche er sich irgendwo zu halten. Es war eine +namenlose Erschöpfung, von welcher der vergebliche Kampf begleitet war. + +Auf der Straße fuhr der Nürnberger Postwagen vorbei, und der Postillon +blies ins Horn. + +Es kamen bis zum Abend viele Leute, um nach seinem Befinden zu fragen. +Frau von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen. + +Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann, der mit größter +Schnelligkeit eintraf. Er legte Caspar die Hand auf die Stirn. Mit +angstvoll großen Augen schaute sich Caspar um; seine Schultern +zitterten. Er machte mit dem Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen, +als wolle er schreiben. Das dauerte jedoch nicht lange. + +»Sie haben mir einmal gesagt, lieber Hauser, daß Sie auf Gott vertrauen +und mit seiner Hilfe jeden Kampf kämpfen wollen,« sagte der Pfarrer. + +»Weiß es nicht,« flüsterte Caspar. + +»Haben Sie denn heute schon zu Gott gebetet und ihn um seinen Beistand +angerufen?« + +Caspar nickte. + +»Und wie ist Ihnen darauf gewesen? Haben Sie sich nicht gestärkt +gefühlt?« + +Caspar schwieg. + +»Wollen Sie nicht wieder beten?« + +»Bin zu schwach; vergehen mir gleich die Gedanken.« Und nach einer Weile +sagte er wie für sich, seltsam leiernd: »Das ermüdete Haupt bittet um +Ruhe.« + +»So will ich ein Gebet sprechen,« fuhr der Pfarrer fort, »beten Sie im +stillen mit. Vater, nicht mein --« + +»Sondern dein Wille geschehe,« vollendete Caspar hauchend. + +»Wer hat so gebetet?« + +»Der Heiland.« + +»Und wann?« + +»Vor -- seinem -- Sterben.« Bei diesem Wort sträubte sich sein Körper +empor und über sein Gesicht ging ein höchst qualvolles Zucken. Er +knirschte mit den Zähnen und schrie dreimal gellend: »Wo bin ich denn?« + +»Aber, Hauser, in Ihrem Bett sind Sie,« beruhigte ihn Quandt. »Es kommt +ja bei Kranken öfter vor, daß sie sich an einem andern Ort zu befinden +wähnen,« wandte er sich erklärend an den Pfarrer Fuhrmann. + +»Geben Sie ihm zu trinken,« sagte dieser. + +Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser. + +Als Caspar getrunken hatte, wischte ihm Quandt den kalten Schweiß von +der Stirn. Er selber bebte an allen Gliedern. Er beugte sich über den +Jüngling und fragte dringend, feierlich beschwörend: »Hauser! Hauser! +Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Sehen Sie mich einmal so recht +aufrichtig an, Hauser! Haben Sie mir nichts mehr zu beichten?« + +Da packte Caspar in höchster Herzensnot die Hand des Lehrers. »Ach Gott, +ach Gott, so abkratzen müssen mit Schimpf und Schande!« stieß er +jammernd hervor. + +Das waren seine letzten Worte. Er kehrte sich ein wenig auf die rechte +Seite und drehte das Gesicht zur Wand. Jedes Glied seines Körpers starb +einzeln ab. + +Zwei Tage später wurde er begraben. Es war nachmittags und der Himmel +von wolkenloser Bläue. Die ganze Stadt war in Bewegung. Ein berühmter +Zeitgenosse, der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt, erzählt, es +sei zu der Stunde Mond und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden, +jener im Osten, diese im Westen, und beide Gestirne hätten im selben +fahlen Glanz geleuchtet. + + * * * * * + +Etwa anderthalb Wochen später, drei Tage nach Weihnachten, es war Abend +und Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben, erschallten +starke Schläge gegen das Haustor. Sehr erschrocken, zögerte Quandt eine +Weile; erst als sich die Schläge wiederholten, nahm er das Licht und +ging, um zu öffnen. + +Draußen stand Frau von Kannawurf. »Führen Sie mich in Caspars Zimmer,« +sagte sie zum Lehrer. + +»Jetzt noch? In der Nacht?« wagte dieser einzuwenden. + +»Jetzt, in der Nacht,« beharrte die Frau. + +Ihr Wesen schüchterte Quandt dergestalt ein, daß er stumm zur Seite +trat, sie vorangehen ließ und mit dem Licht folgte. + +In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen. Es war alles +umgestellt und verräumt. Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem +Ecktisch neben dem Fenster. + +»Lassen Sie mich allein,« gebot Frau von Kannawurf. Quandt stellte den +Leuchter hin, entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit +seiner Frau unten an der Stiege. »Es ist sehr gutmütig von mir, daß ich +mir so etwas in meinem Hause gefallen lasse,« murrte er. + +Mit verschränkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und +ab. Ihr Blick fiel auf den Tisch, wo eine Abschrift des +Sektionsprotokolles lag; es ging daraus hervor, daß man nach dem Tode +Caspars die Seitenwand seines Herzens ganz durchstochen gefunden hatte. +Clara nahm das Papier mit beiden Händen und zerknitterte es in ihren +Fäusten. + +Was fruchtet aller Schmerz und Reue? Man kann nicht die Gewesenen aus +Luft zurückgestalten; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern. +Tränen beruhigen; aber diese Trauernde hatte keine Tränen mehr; für sie +waren keine Sterne mehr, kein Glanz des Himmels; für sie wuchs kein +Gras mehr, duftete keine Blume mehr, ihr schmeckte der Tag nicht mehr +und die Nacht nicht mehr, für sie hatte sich alles Menschentreiben, ja +selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige düstere Wolke von nie +wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt. + +Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als Clara wieder herabkam. +Sie blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen, und während sie ihn mit +weitaufgeschlagenen Augen ansah, sagte sie bebend und kalt: »Mörder.« + +Dies war für Quandt etwa so, wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter +die Nase gehalten hätte. Es läßt sich denken, der wackere Mann war +vollkommen ahnungslos; im Schlafrock, gesticktem Hauskäppchen und mit +Schlappschuhen an den Füßen wartet er, daß der ungebetene Gast sein Haus +wieder verlasse, und da fällt ein Wort, wie es nicht einmal ein böser +Traum erzeugen kann. + +»Das Weib ist wahnsinnig! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen,« tobte +er noch im Bette. + +Clara wohnte bei Imhoffs. Sie fand die Freundin noch auf. Frau von +Imhoff sagte ihr, daß man morgen auf den Kirchhof gehen wolle, weil das +Kreuz auf Caspar Hausers Grab errichtet werde. Frau von Imhoff empfand +Claras Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzählte, erzählte. Vieles +von Caspar, vieles von denen, die um ihn waren. Quandt wolle ein Buch +schreiben, worin er haarklein nachzuweisen gedenke, daß Caspar ein +Betrüger gewesen; daß Hickel den Dienst quittiert habe und aus Ansbach +wegziehe, wohin, wisse niemand, daß alle Bemühungen, dem furchtbaren +Verbrechen auf den Grund zu kommen, vergeblich gewesen seien. + +Clara blieb wie aus Stein. Als sie sich für die Nacht trennten, sagte +sie leise und mit unheimlicher Sanftmut: »Auch du bist seine Mörderin.« + +Frau von Imhoff prallte zurück. Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft +fort: »Weißt du es denn nicht? willst du's nicht wissen? Versteckst du +dich vor der Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf? Weißt du denn nicht, wer +er war? Glaubst du denn, daß die Welt immer und ewig darüber schweigen +wird, so wie sie jetzt schweigt? Er wird auferstehen, Bettine, er wird +uns zur Rechenschaft fordern und unsre Namen mit Schmach bedecken; er +wird das Gewissen der Nachgebornen vergiften, er wird so mächtig im Tode +sein, als er ohnmächtig im Leben war. Die Sonne bringt es an den Tag.« + +Darauf verließ Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten. + +Am andern Morgen ging sie früh vom Hause fort. Sie besuchte ihren Türmer +auf der Johanniskirche, saß lange oben auf der Steinbank in der schmalen +Galerie und blickte weit über die winterliche Ebene. Sie sah aber nicht +Schnee, sie sah nur vergossenes Blut. Sie sah nicht das Land, sie sah +nur ein durchstochenes Herz. + +Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein. Der Totengräber führte +sie zum Grab. Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hölzernes Kreuz +gegen den Stamm einer Trauerweide. + +Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann. Er erkannte Clara +und grüßte sie ernst und höflich. Sie, ohne zu danken, schaute an ihm +vorüber, ihr Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten +Grabhügel und die Arbeiter, die jetzt das Kreuz zu Häupten des Grabes +einrammten. Auf einem großen, herzförmigen Schild, das inmitten des +Grabkreuzes befestigt war, standen in weißen Lettern die Worte: + + #_HIC JACET + CASPARUS HAUSER + AENIGMA + SUI TEMPORIS + IGNOTA NATIVITAS + OCCULTA MORS._# + +Sie las es, schlug die Hände vors Gesicht und brach in ein gellend wehes +Gelächter aus. Jählings wurde sie aber wieder ganz still. Sie drehte +sich gegen den Pfarrer um und rief ihm zu: »Mörder!« + +In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute, die der +Zeremonie der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen: Herr und Frau +von Imhoff, Herr von Stichaner, Medizinalrat Albert, der Hofrat Hofmann, +Quandt und seine Frau. Sie sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt, und +der Eindruck eines jeden war, daß etwas Schlimmes vor sich gehe. Frau +von Imhoff, voller Ahnung, eilte auf ihre Freundin zu und umschlang sie +mit den Armen. Aber mit verwilderten Gebärden machte sich Clara los, +stürzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit durchdringender +Stimme: »Mörder seid ihr! Mörder! Mörder! Mörder!« + +Nun rannte sie an ihnen vorbei, auf die Straße hinaus, wo sich alsbald +viele Menschen um sie versammelten, und schrie, schrie! Endlich wurde +sie von einigen Männern umringt und am Weiterlaufen verhindert. + +Quandt hatte wieder einmal recht behalten. Sie war wahnsinnig geworden. +Noch am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht. Mit der Zeit +verging die Raserei, aber ihr Geist blieb umnachtet. + +Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen. +Er wollte sich nicht zufrieden geben, wenn man ihm vorhielt, daß es doch +eine Irre gewesen, die so gehandelt. Noch vor seinem kurz darauf +erfolgten Ableben sagte er zu Frau von Imhoff, die ihn besuchte: »Mich +freut die Welt nicht mehr. Warum klagte sie mich an? Mich, gerade mich? +Ich hab' ihn ja liebgehabt, den Hauser.« + +»Die Unglückliche,« erwiderte Frau von Imhoff leise, »an Liebe allein +hatte sie nicht genug.« + +»Ich trage keine Schuld,« fuhr der alte Mann fort. »Oder doch nicht +mehr, als dem sterblichen Leib überhaupt zukommt. Schuldig sind alle, +die wir da wandeln. Aus Schuld keimt Leben, sonst hätte unser Stammvater +im Paradies nicht sündigen dürfen. Auch unsern hingeschiedenen Freund +kann ich nicht freisprechen. Was hat es ihm gefrommt, das Träumen über +seine Herkunft? Wo Verrat von allen Lippen quillt, flieht der Tüchtige +in den Kreis fruchtbarer Neigungen. Aber Schwärmer hören nur sich +selbst. Unschuldig, meine Beste, unschuldig ist nur Gott. Er gnade +meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser.« + + +_Ende._ + + + + +Von demselben Verfasser sind bei _S. Fischer Verlag_ in _Berlin_ +folgende Werke erschienen: + + +Die Juden von Zirndorf. Roman. Umgearb. Ausgabe + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellist. Studien + +Der Moloch. Roman. Umgearbeitete Ausgabe + +Alexander in Babylon. Roman + +Die Schwestern. Drei Novellen + + +bei _Marquardt & Co._ in _Berlin_: + +Die Kunst der Erzählung. Ein Dialog. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1908 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die Umlaute Ae, Oe +und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. + +S. 120: »Pauvre diable,« -> Pauvre +S. 316: was der Mann berichtet bat -> berichtet hat +S. 354: in Kupfer gestochene Portät -> Porträt +S. 379: wie zum Bespiel -> Beispiel +S. 436: über den Punkt Bescheid zugeben -> zu geben +S. 439: als obnichts geschehen wäre -> ob nichts +S. 517: [Punkt ergänzt] bei den Seinen in Worms sein könne. +S. 521: [Überzähliges Anführungszeichen] »Als Sie nach Nürnberg kamen +S. 533: und seine Auge weilte auf der sanften Linie -> sein + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1908. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced +by Ä, Ö, Ü. The table below lists all corrections applied to the +original text. + +p. 120: »Pauvre diable,« -> Pauvre +p. 316: was der Mann berichtet bat -> berichtet hat +p. 354: in Kupfer gestochene Portät -> Porträt +p. 379: wie zum Bespiel -> Beispiel +p. 436: über den Punkt Bescheid zugeben -> zu geben +p. 439: als obnichts geschehen wäre -> ob nichts +p. 517: [missing fullstop] bei den Seinen in Worms sein könne. +p. 521: [removed extra quote] »Als Sie nach Nürnberg kamen +p. 533: und seine Auge weilte auf der sanften Linie -> sein + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Caspar Hauser, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASPAR HAUSER *** + +***** This file should be named 25721-8.txt or 25721-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/5/7/2/25721/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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