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+The Project Gutenberg EBook of Caspar Hauser, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Caspar Hauser
+ oder Die Trägheit des Herzens
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 7, 2008 [EBook #25721]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASPAR HAUSER ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Caspar Hauser
+
+ oder
+
+ Die Trägheit des Herzens,
+
+ Roman
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+ Erste bis vierte Auflage
+
+ Deutsche Verlags-Anstalt
+ Stuttgart und Leipzig
+ 1908
+
+
+
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+
+#Published May 6th, 1908. Privilege of copyright in the United States
+reserved under the act approved March 3, 1905 by Deutsche
+Verlags-Anstalt, Stuttgart#
+
+Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart Papier von der
+Papierfabrik Salach in Salach, Württemberg
+
+
+
+ Es ist noch dieselbe Sonne,
+ die derselben Erde lacht;
+ aus demselben Schleim und Blute
+ sind Gott, Mann und Kind gemacht.
+ Nichts geblieben, nichts geschwunden,
+ alles jung und alles alt,
+ Tod und Leben sind verbunden,
+ zum Symbol wird die Gestalt.
+
+
+
+
+Erster Teil
+
+
+
+
+Der fremde Jüngling
+
+
+In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare
+Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in
+Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn
+beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab.
+
+Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wußte, woher
+er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er
+war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige
+Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer
+wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein
+Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder
+seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die
+ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den
+Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf.
+
+Die Nürnberger sind ein neugieriges Volk. Jeden Tag wanderten Hunderte
+den Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern
+alten Turmes, um den Fremdling zu sehen. In die halbverdunkelte Kammer
+zu treten, wo der Gefangene weilte, war untersagt, und so erblickten
+ihre dichtgedrängten Scharen von der Schwelle aus das wunderliche
+Menschenwesen, das in der entferntesten Ecke des Raumes kauerte und
+meist mit einem kleinen weißen Holzpferdchen spielte, das es zufällig
+bei den Kindern des Wärters gesehen und das man ihm, gerührt von dem
+unbeholfenen Stammeln seines Verlangens, geschenkt hatte. Seine Augen
+schienen das Licht nicht erfassen zu können; er hatte offenbar Furcht
+vor der Bewegung seines eignen Körpers, und wenn er seine Hände zum
+Tasten erhob, war es, als ob ihm die Luft dabei einen rätselhaften
+Widerstand entgegensetzte.
+
+Welch ein armseliges Ding, sagten die Leute; viele waren der Ansicht,
+daß man eine neue Spezies entdeckt habe, eine Art Höhlenmensch etwa, und
+unter den berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die, daß der
+Knabe jede andre Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurückwies.
+
+Nach und nach wurden die einzelnen Umstände, unter denen der Fremdling
+aufgetaucht war, allgemein bekannt. Am Pfingstmontag gegen die fünfte
+Nachmittagsstunde war er plötzlich auf dem Unschlittplatz, unweit vom
+neuen Tor, gestanden, hatte eine Weile verstört um sich geschaut und war
+dann dem zufällig des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die
+Arme getaumelt. Seine bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse
+des Rittmeisters Wessenig vor, und da nun einige andre Personen
+hinzukamen, schleppte man ihn mit ziemlicher Mühe bis zum Haus des
+Rittmeisters. Dort fiel er erschöpft auf die Stufen, und durch die
+zerrissenen Stiefel sickerte Blut.
+
+Der Rittmeister kam erst um die Dämmerungsstunde heim, und seine Frau
+erzählte ihm, daß ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der
+Streu im Stall schlafe; zugleich übergab sie ihm den Brief, den der
+Rittmeister, nachdem er das Siegel erbrochen, mit größter Verwunderung
+einige Male durchlas; es war ein Schriftstück, ebenso humoristisch in
+einigen Punkten wie in andern von grausamer Deutlichkeit. Der
+Rittmeister begab sich in den Stall und ließ den Fremdling aufwecken,
+was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde. Die militärisch
+gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur mit
+sinnlosen Lauten beantwortet, und Herr von Wessenig entschied sich
+kurzerhand, den Zuläufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen.
+
+Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknüpft, denn der
+Fremdling konnte kaum mehr gehen; Blutspuren bezeichneten seinen Weg,
+wie ein störrisches Kalb mußte er durch die Straßen gezogen werden, und
+die von den Feiertagsausflügen heimkehrenden Bürger hatten ihren Spaß an
+der Sache. »Was gibt’s denn?« fragten die, welche den ungewohnten Tumult
+nur aus der Ferne beobachteten. »Ei, sie führen einen betrunkenen
+Bauern,« lautete der Bescheid.
+
+Auf der Wachtstube bemühte sich der Aktuar umsonst, mit dem Häftling ein
+Verhör anzustellen; er lallte immer wieder dieselben halb blödsinnigen
+Worte vor sich hin, und Schimpfen und Drohen nutzte nichts. Als einer
+der Soldaten Licht anzündete, geschah etwas Sonderbares. Der Knabe
+machte mit dem Oberkörper tanzbärenhaft hüpfende Bewegungen und griff
+mit den Händen in die Kerzenflamme; aber als er dann die Brandwunde
+verspürte, fing er so zu weinen an, daß es allen durch Mark und Bein
+ging.
+
+Endlich hatte der Aktuar den Einfall, ihm ein Stück Papier und einen
+Bleistift vorzuhalten, danach griff der wunderliche Mensch und malte mit
+kindisch-großen Buchstaben langsam den Namen Caspar Hauser. Hierauf
+wankte er in eine Ecke, brach förmlich zusammen und fiel in tiefen
+Schlaf.
+
+Weil Caspar Hauser – so wurde der Fremdling von nun ab genannt – bei
+seiner Ankunft in der Stadt bäurisch gekleidet war, nämlich mit einem
+Frack, von dem die Schöße abgeschnitten waren, einem roten Schlips und
+großen Schaftstiefeln, glaubte man zuerst, es mit einem Bauernsohn aus
+der Gegend zu tun zu haben, der auf irgendeine Weise vernachlässigt oder
+in der Entwicklung verkümmert war. Der erste, der dieser Meinung
+entschieden widersprach, war der Gefängniswärter auf dem Turm. »So sieht
+kein Bauer aus,« sagte er und deutete auf das wallende, hellbraune Haar
+seines Häftlings, das etwas nicht ausdrückbar Unberührtes hatte und
+glänzend war wie das Fell von Tieren, die in Finsternis zu leben gewohnt
+sind. »Und diese feinen weißen Händchen und diese sammetweiche Haut und
+die dünnen Schläfen und die deutlichen blauen Adern zu beiden Seiten des
+Halses, wahrhaftig, er gleicht eher einem adligen Fräulein als einem
+Bauern.«
+
+»Nicht übel bemerkt,« meinte der Stadtgerichtsarzt, der in seinem zu
+Protokoll gegebenen Gutachten neben diesen Merkmalen die besondere
+Bildung der Knie und die hornhautlosen Fußsohlen des Gefangenen
+hervorhob. »So viel ist klar,« hieß es am Schluß, »daß man es hier mit
+einem Menschen zu tun hat, der nichts von seinesgleichen ahnt, nicht
+ißt, nicht trinkt, nicht fühlt, nicht spricht wie andre, der nichts von
+gestern, nichts von morgen weiß, die Zeit nicht begreift, sich selber
+nicht spürt.«
+
+Die hohe Polizeibehörde ließ sich durch ein solches Urteil nicht aus
+dem vorgesetzten Gang der Untersuchung lenken; es bestand der Verdacht,
+daß der Stadtgerichtsarzt durch seinen Freund, den Gymnasialprofessor
+Daumer, beeinflußt und zu diesen Überschwenglichkeiten verführt worden
+sei. Der Gefängniswärter Hill wurde beauftragt, den Fremdling insgeheim
+zu belauern. Er spähte oft durch das verborgene Loch in der Türe, wenn
+sich der Knabe allein wähnen mußte; aber es war immer derselbe traurige
+Ernst in den bald schlaffen und beklommenen, bald wie durch den Anblick
+eines unsichtbaren Furchtgebildes verzerrten und zerrissenen Zügen. Es
+war auch vergeblich, nachts, wenn er schlief, an sein Lager zu
+schleichen, hinzuknien, auf den Atem zu horchen und zu warten, ob er
+verräterische Worte aus dem Innern auf die Lippen trug; Leute, die Übles
+im Schild führen, pflegen nämlich aus dem Schlaf zu reden, auch schlafen
+sie eher bei Tag als bei Nacht, wo sie ihren Gedanken und Entwürfen
+nachhängen, aber diesen umfing der Schlummer, sobald die Sonne sank, und
+er erwachte, wenn sich der erste Morgenstrahl durch die verschlossenen
+Läden zwängte. Es konnte Argwohn wecken, daß er jedesmal zusammenzuckte,
+wenn die Tür seines Gefängnisses geöffnet wurde; wahrscheinlich jedoch
+gab sich darin nicht die Angst eines schuldbewußten Gemüts zu erkennen,
+sondern vielmehr eine übermäßige Erregbarkeit der Sinne, denen jeder
+Laut von außen zu qualvoller Nähe kam.
+
+»Unsre Herren auf dem Rathaus werden noch viel Papier beschmieren
+müssen, wenn sie auf dem Weg weiterkommen wollen,« sagte der gute Hill
+eines Morgens – es war der dritte Tag der Haft Caspar Hausers – zu
+Professor Daumer, der den Fremdling besuchen wollte; »ich kenne gewiß
+alle Schliche des Lumpenvolks, aber wenn _der_ Bursche ein Simulante
+ist, will ich mich hängen lassen.«
+
+Hill sperrte auf, und Professor Daumer trat in die Kammer. Wie
+gewöhnlich erschrak der Gefangene, aber als der Ankömmling einmal im
+Raum war, schien ihn Caspar Hauser nicht mehr zu gewahren und schaute,
+bezaubert im dumpfen Nichtwissen, still vor sich nieder.
+
+Da geschah es, als Hill den Fensterladen geöffnet hatte, daß der Knabe,
+vielleicht wie nie zuvor in seinem Leben, den gefesselten Blick erhob,
+ihn von der schweigenden, gleichmäßigen Furcht wegkehrte, die das Innere
+seiner Brust beherbergen mochte, und ihn durchs Fenster hinausschweifen
+ließ in das besonnte Freie, wo Ziegeldach an Ziegeldach sich steil und
+glühendrot auf einem Hintergrund von bläulich dämmernden Wiesen und
+Wäldern malte. Er streckte seine Hand aus; Überraschung und freudloses
+Staunen verzog seine Lippen, zögernd griff er mit dem Arm in das
+funkelnde Gemälde, als ob er das bunte Durcheinander draußen mit den
+Fingern anfassen wolle, und als er sich überzeugt hatte, daß es nichts
+war, etwas Fernes, Trügerisches, Ungreifbares, da verfinsterte sich sein
+Gesicht, und er wandte sich unwillig und enttäuscht ab.
+
+Am selben Nachmittag kam der Bürgermeister Binder in Daumers Wohnung und
+teilte im Verlauf eines Gesprächs über den Findling mit, daß die Herren
+vom Stadtmagistrat eher feindlich und ungläubig als wohlwollend gegen
+diesen gestimmt seien.
+
+»Ungläubig?« entgegnete Daumer verwundert, »in welcher Beziehung
+ungläubig?«
+
+»Nun ja, man nimmt an, daß der Bursche sein Gaukelspiel mit uns treibt,«
+versetzte der Bürgermeister.
+
+Daumer schüttelte den Kopf. »Welcher Mensch von Verstand oder
+Geschicklichkeit wird sich aus purer Heuchelei dazu herbeilassen, von
+Brot und Wasser zu leben, und alles, was dem Gaumen behagt, mit Ekel von
+sich weisen?« fragte er. »Um welches Vorteils willen?«
+
+»Gleichviel,« antwortete Binder unschlüssig; »es scheint eine
+verwickelte Geschichte. Da niemand sagen noch vermuten kann, worauf das
+Spiel hinaus will, ist Vorsicht um so mehr geboten, als man durch
+leichtsinnige Gutgläubigkeit den gerechten Hohn der Urteilsfähigen
+herausfordert.«
+
+»Das klingt ja beinahe, als ob nur die Zweifler und Neinsager
+urteilsfähig heißen könnten,« bemerkte Daumer stirnrunzelnd. »Von der
+Gilde haben wir leider genug.«
+
+Der Bürgermeister zuckte die Achseln und blickte den jungen Lehrer mit
+jener milden Ironie an, welche die Waffe der Erfahrenen gegenüber den
+Enthusiastischen ist. »Wir haben eine neuerliche Untersuchung durch den
+Gerichtsarzt beschlossen,« fuhr er fort. »Der Magistratsrat Behold, der
+Freiherr von Tucher und Sie, lieber Daumer, sollen dieser Untersuchung
+kommissarisch beiwohnen. Der aufzunehmende Akt wird dann, zusammen mit
+den bereits vorhandenen polizeilichen Protokollen, der Kreisregierung
+überschickt.«
+
+»Ich verstehe: Akten, Akten,« sagte Daumer spöttisch lächelnd.
+
+Der Bürgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte
+gutmütig: »Seien Sie nicht so überlegen, Verehrter; unsre Welt schmeckt
+nun einmal nach Tinte, und daran habt ihr Bücherwürmer doch wahrlich
+nicht die wenigste Schuld. Übrigens,« er griff in die Rockbrust und
+brachte ein zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein, »als Mitglied
+der Kommission werden Sie gebeten, Einblick in ein wichtiges Dokument zu
+nehmen. Es ist der Brief, den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig
+abgegeben hat. Lesen Sie.«
+
+Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete: »Ich
+schicke Ihnen hier einen Burschen, Herr Rittmeister, der möchte seinem
+König getreu dienen und will unter die Soldaten. Der Knabe ist mir
+gelegt worden im Jahre 1815, in einer Winternacht, da lag er an meiner
+Tür. Hab’ selber Kinder, bin arm, kann mich selber kaum durchbringen, er
+ist ein Findling, und seine Mutter hab’ ich nicht erfragen können. Hab’
+ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen, kein Mensch weiß von ihm,
+er weiß nicht, wie mein Haus heißt, und den Ort weiß er auch nicht. Sie
+dürfen ihn schon fragen, er kann es aber nicht sagen, denn mit der
+Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt. Wenn er Eltern hätte, wie
+er keine hat, wär’ was Tüchtiges aus ihm geworden, Sie brauchen ihm nur
+etwas zu zeigen, da kann er es gleich. Mitten in der Nacht hab’ ich ihn
+fortgeführt, und er hat kein Geld bei sich, und wenn Sie ihn nicht
+behalten wollen, müssen Sie ihn erschlagen und in den Rauchfang hängen.«
+
+Als Daumer gelesen hatte, gab er dem Bürgermeister das Schriftstück
+zurück und ging mit ernster Miene auf und ab.
+
+»Nun, was halten Sie davon?« forschte Binder; »einige unsrer Herren sind
+der Ansicht, der Unbekannte selbst könne den Brief geschrieben haben.«
+
+Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne, schlug die Hände
+zusammen und rief: »Ach, du himmlische Gnade!«
+
+»Dazu ist natürlich gar kein Grund vorhanden,« beeilte sich der
+Bürgermeister hinzuzufügen. »Daß bei der Abfassung des Schreibens eine
+zweckvolle Tücke gewaltet hat, daß es dazu bestimmt ist, Nachforschungen
+zu erschweren und irrezuführen, ist offenbar. Es ist eine schnöde
+Kaltherzigkeit im Ton, die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat,
+daß der Jüngling das unschuldige Opfer eines Verbrechens ist.«
+
+Eine mutige Meinung, in welcher der Bürgermeister durch einen Vorgang
+sehr bestärkt wurde, der sich ereignete kurz nachdem die Herren von der
+Kommission am folgenden Morgen das Gefängnis Caspar Hausers betreten
+hatten. Während der Wärter damit beschäftigt war, den Knaben zu
+entkleiden, ließ sich drunten in einer Gasse am Burgberg eine
+Bauernmusik hören und zog mit klingendem Spiel an der Mauer vorüber. Da
+lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern über den Körper Hausers, sein
+Gesicht, ja sogar seine Hände bedeckten sich mit Schweiß, seine Augen
+verdrehten sich, alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen, dann
+stieß er einen tierischen Schrei aus, stürzte zu Boden und blieb zuckend
+und schluchzend liegen.
+
+Die Männer erbleichten und sahen einander ratlos an. Nach einer Weile
+näherte sich Daumer dem Unglücklichen, legte die Hand auf sein Haupt und
+sprach ein paar tröstende Worte. Dies wirkte beruhigend auf den
+Jüngling, und er wurde stille; nichtsdestoweniger schien der ungeheure
+Eindruck des gehörten Schalls seinen Leib von innen und von außen
+verwundet zu haben. Tagelang nachher zeigte sein Wesen noch die Spuren
+der empfundenen Erschütterung; er lag fiebernd auf dem Strohsack, und
+seine Haut war zitronengelb. Teilnahmsvollen Fragen gegenüber war er
+allerdings herzlich bewegt, und er suchte nach Worten, um seine
+Erkenntlichkeit zu beweisen, wobei sein sonst so klarer Blick sich in
+dunkler Pein trübte; besonders für den Professor Daumer, der zwei- bis
+dreimal täglich zu ihm kam, legte er eine zärtliche Dankbarkeit,
+schweigend oder stammelnd, dar.
+
+Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein, und das
+zum erstenmal; der Wärter hatte auf seine Bitte das untere Tor
+abgesperrt. Er saß dicht neben dem Gefangenen, er redete, fragte,
+forschte, alles mit einem vergeblichen Aufwand von Innigkeit, Geduld und
+List. Zum Schluß beschränkte er sich darauf, das Tun und Lassen des
+Jünglings voll Spannung zu beobachten. Plötzlich stieß Caspar Hauser
+seine verworrenen Laute aus: er schien etwas zu fordern und spähte
+suchend herum. Daumer erriet bald und reichte ihm den gefüllten
+Wasserkrug, den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte. Caspar nahm den
+Krug, setzte ihn an die Lippen und trank. Er trank in langen Schlücken,
+mit beseligter Gelöstheit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen,
+wie wenn er für den kurzen Zeitraum des Genusses vergessen hätte, daß
+das dämonisch Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrängte.
+
+Daumer geriet in eine seltsame Aufregung. Als er nach Hause kam,
+durchmaß er länger als eine halbe Stunde mit großen Schritten sein
+Studierzimmer. Gegen acht Uhr pochte es an der Tür, seine Schwester trat
+ein und rief ihn zum Abendessen. »Was glaubst du, Anna,« rief er ihr
+lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu, »zweimal zwei ist vier, wie?«
+
+»Es scheint so,« erwiderte das junge Mädchen, verwundert lachend, »alle
+Leute behaupten es. Hast du denn entdeckt, daß es anders ist? Das sähe
+dir ähnlich, du Aufwiegler.«
+
+»Nicht gerade das hab’ ich entdeckt, aber doch etwas der Art,« sagte
+Daumer heiter und legte den Arm um die Schulter der Schwester. »Ich will
+einmal unsre braven Philister tanzen lassen! Ja, tanzen sollen sie mir
+und staunen.«
+
+»Betrifft es etwa gar den Findling? Hast du was mit ihm vor? Sei nur auf
+der Hut, Friedrich, und laß dich nicht in Scherereien ein, man ist dir
+ohnedies nicht grün.«
+
+»Gewiß,« gab er, rasch verstimmt, zur Antwort, »das Einmaleins könnte
+Schaden leiden.«
+
+»Nun, weiß man noch gar nichts über den Sonderling?« fragte bei Tisch
+Daumers Mutter, eine sanfte alte Dame.
+
+Daumer schüttelte den Kopf. »Vorläufig kann man nur ahnen, bald wird man
+wissen,« entgegnete er mit starr nach oben gerichtetem Blick.
+
+Am folgenden Tag brachte die »Morgenpost« einen Artikel, der die
+Überschrift trug: Wer ist Caspar Hauser? Wenngleich auf diesen Appell
+keiner der Leser eine Antwort zu erteilen vermochte, wurde der Zudrang
+der Neugierigen so groß, daß das Bürgermeisteramt sich genötigt sah, die
+Besuchsstunden durch eine strenge Vorschrift zu regeln. Bisweilen
+standen die Leute Kopf an Kopf vor der offenen Tür des Gefängnisses, und
+in allen Gesichtern war die Frage zu lesen: Was ist es mit ihm? Was ist
+es für ein Mensch, der die Worte nicht versteht und dennoch sprechen
+kann, die Dinge nicht erkennt und dennoch sehen kann, der zu lachen
+vermag, kaum daß sein Weinen zu Ende, der arglos scheint und
+geheimnisvoll ist und hinter dessen unschuldig leuchtenden Augen
+vielleicht Übeltat und Schande verborgen sind?
+
+Sicherlich spürte der Gefangene, spürte es schmerzlich, was die lüstern
+auf ihn gerichteten Blicke begehrten, und der Wunsch, ihnen zu
+willfahren, erzeugte möglicherweise die erste erhellende Dämmerung,
+welche ihm selbst die Vergangenheit langsam begreiflich machte, so daß
+er in beunruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes erst
+fühlte und die Gegenwart damit verband, im tiefsten schaudernd an der
+Zeit messen lernte, was sie verändernd mit ihm getan, und was er sah,
+mit dem verglich, was er ehedem gesehen. Er begriff das Fordernde der
+Frage und ward des Mittels inne, die verlangenden Mienen zu befriedigen.
+
+Mit durstigen Sinnen suchte er das Wort. Sein flehentlicher Blick grub
+es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen.
+
+Hier war Daumer in seinem Element. Was keinem andern, dem Arzt nicht,
+dem Wärter nicht, dem Bürgermeister nicht, den Protokollanten erst recht
+nicht gelingen wollte, das vermochte nach und nach seine Behutsamkeit
+und zweckvolle Geduld. Die Person des Findlings beschäftigte ihn aber
+auch dermaßen, daß er seiner Studien und privaten Obliegenheiten, ja
+beinahe seines öffentlichen Amtes darüber vergaß, und er erschien sich
+wie ein Mann, den das Schicksal vor das ihm allein bestimmte Erlebnis
+gestellt hat, wodurch sein ganzes Leben und Denken eine glückliche
+Bestätigung erfährt. Unter seinen Notizen über Caspar Hauser lautete
+eine der ersten wie folgt: »Diese in einer fremden Welt hilflos
+schwankende Gestalt, dieser schlafumfangene Blick, diese angstverhaltene
+Gebärde, diese über einem etwas verkümmerten Untergesicht edel thronende
+Stirn, auf welcher Frieden und Reinheit strahlen: es sind für mich
+Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft. Wenn sich die Vermutungen
+bewahrheiten, mit denen sie mich erfüllen, wenn ich die Wurzeln dieses
+Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blühen bringen kann, dann will
+ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums
+entgegenhalten, und man wird sehen, daß es gültige Beweise gibt für die
+Existenz der Seele, die von allen Götzendienern der Zeit mit elender
+Leidenschaft geleugnet wird.«
+
+Es war ein schwieriger Weg, den der eifervolle Pädagoge ging. Da, wo er
+zu beginnen hatte, war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding, Wort
+um Wort mußte erst seinem Sinn angeheftet, Erinnerung erst erweckt,
+Ursache und Folge in ihrer Verkettung erst entschleiert werden. Zwischen
+einer Frage und der nächsten lagen Welten des Begreifens, ein Ja, ein
+Nein, oft hilflos hingeworfen, galt noch nichts, wo jeder Begriff erst
+aus der Dunkelheit erstand und die Verständigung von Vokabel zu Vokabel
+stockte. Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit
+den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln, als selbst der
+hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war erstaunlich, mit
+welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er
+aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und
+Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte, so daß es Daumer zumute war,
+als hebe er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele
+er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden
+Erinnerungen. Er hielt den Körper, indes der Geist des Knaben
+zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine Kunde brachte,
+dergleichen kein Ohr je vernommen.
+
+
+
+
+Bericht Caspar Hausers, von Daumer aufgezeichnet
+
+
+Soweit Caspar sich entsinnen konnte, war er immer in einem dunkeln Raum
+gewesen, niemals anderswo, immer in demselben Raum. Niemals den Menschen
+gesehen, niemals seinen Schritt gehört, niemals seine Stimme, keinen
+Laut eines Vogels, kein Geschrei eines Tieres, nicht den Strahl der
+Sonne erblickt, nicht den Schimmer des Mondes. Nichts vernommen als sich
+selbst, und doch nichts von sich selber wissend, der Einsamkeit nicht
+inne werdend.
+
+Das Gemach muß von geringer Breite gewesen sein, denn er glaubte, einmal
+mit ausgestreckten Armen zwei gegenüber liegende Wände berührt zu
+haben. Vordem aber schien es unermeßlich groß; angekettet an ein
+Strohlager, ohne die Fessel zu sehen, hatte Caspar niemals den Fleck
+Erde verlassen, auf dem er traumlos schlief, traumlos wachte. Dämmerung
+und Finsternis waren unterschieden, so wußte er also um Tag und Nacht;
+er kannte ihre Namen nicht, allein er sah die Schwärze, wenn er einmal
+in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden waren.
+
+Er hatte kein Maß für die Zeit. Er konnte nicht sagen, wann die
+unergründliche Einsamkeit begonnen hatte, er dachte zu keiner Stunde
+daran, daß sie einmal enden könne. Er spürte keinerlei Verwandlung an
+seinem Leibe, er wünschte nicht, daß etwas anders sein solle, als es
+war, es schreckte ihn kein Ungefähr, nichts Künftiges lockte ihn, nichts
+Vergangenes hatte Worte, stumm lief die regelvolle Uhr des kaum
+empfundenen Lebens, stumm war sein Inneres wie die Luft, die ihn umgab.
+
+Wenn er am Morgen erwachte, fand er frisches Brot neben dem Lager und
+den Wasserkrug gefüllt. Bisweilen schmeckte das Wasser anders als sonst;
+wenn er getrunken hatte, verlor er seine Munterkeit und schlief ein.
+Nach dem Aufwachen mußte er dann das Krüglein sehr oft in die Hand
+nehmen, er hielt es lange an den Mund, doch floß kein Wasser mehr
+heraus; er stellte es immer wieder hin und wartete, ob nicht bald Wasser
+komme, weil er nicht wußte, daß es gebracht wurde; hatte er doch keinen
+Begriff, daß außer ihm noch jemand sein könne. An solchen Tagen fand er
+reines Stroh auf seinem Bette, ein frisches Hemd am Körper, die Nägel
+beschnitten, die Haare kürzer, die Haut gereinigt. All das war im Schlaf
+geschehen, ohne daß er es gemerkt, und kein Nachdenken darüber umflorte
+seinen Geist.
+
+Ganz allein war Caspar Hauser nicht; er besaß einen Kameraden. Er hatte
+ein weißes Pferdchen aus Holz, ein namenloses, regungsloses Ding und
+gleichwohl etwas, in dem sein eignes Dasein sich dunkel spiegelte. Da er
+die lebendige Gestalt in ihm ahnte, hielt er es für seinesgleichen, und
+in den matten Glanz seiner künstlichen Augenperlen war alles Licht der
+äußeren Welt gebannt. Er spielte nicht mit ihm, nicht einmal lautlose
+Zwiesprach hielt er mit ihm, und obwohl es auf einem Brettchen mit
+Rädern stand, dachte er nie daran, es hin und her zu schieben. Aber wenn
+er sein Brot aß, reichte er ihm jeden Bissen hin, bevor er ihn selbst
+zum Mund führte, und bevor er einschlief, streichelte er es mit
+liebkosender Hand.
+
+Das war sein einziges Tun in vielen Tagen, langen Jahren.
+
+Da geschah es einst während der Zeit des Wachens, daß sich die Mauer
+auftat, und von draußen her, aus dem Niegesehenen, erschien eine
+ungeheure Gestalt, ein Niegesehener, der erste Andre, der das Wörtchen
+Du sprach und den Caspar deshalb den Du nannte. Die Decke des Raumes
+ruhte auf seinen Schultern, etwas unverständlich Leichtes und
+Veränderliches war in der Bewegung seiner Glieder, ein Lärm war um ihn,
+der das Ohr füllte, Laut um Laut floß rasch von seinen Lippen, zu
+atemlosem Hören zwang das Leuchten seiner Augen, und an seinen Kleidern
+hing das Draußen als ein betäubender Geruch.
+
+Von den vielen Worten, die aus dem Munde des Du kamen, verstand Caspar
+zunächst keines, aber durch tieferregtes Aufmerken begriff er
+allmählich, daß der Ungeheure ihn fortbringen wolle, daß das Ding, das
+seine Einsamkeit geteilt, den Namen Roß trug, daß er andre Rosse
+erhalten werde und daß er lernen solle.
+
+»Lernen,« sagte der Du immer wieder, »lernen, lernen.« Und wie um
+klarzumachen, was das heiße, stellte er einen Schemel mit vier runden
+Füßen vor ihn hin, legte ein Blatt Papier darauf, schrieb zweimal den
+Namen Caspar Hauser und führte beim Nachschreiben Caspars Hand. Dies
+gefiel Caspar, weil es schwarz und weiß aussah.
+
+Darauf legte der Du ein Buch auf den Schemel und sprach, auf die
+winzigen Zeichen deutend, die Worte vor. Caspar konnte sie alle
+wiederholen, ohne irgend den Sinn erfaßt zu haben. Auch andre Worte und
+gewisse Redensarten plapperte er nach, die ihm der Mann vorsagte, zum
+Beispiel: »Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«
+
+Der Du schien zufrieden; jedenfalls um ihn zu belohnen, zeigte er ihm,
+daß man das Holzpferd auf dem Boden hin und her rollen könne, und damit
+vergnügte sich Caspar, als er am andern Morgen erwachte. Er schob das
+Rößlein vor seinem Lager auf und ab, wobei ein Geräusch entstand, das
+den Ohren wehe tat; deshalb ließ er es wieder und begann dafür mit dem
+Pferd zu reden, indem er die unverständlichen Laute aus dem Munde des Du
+nachahmte. Es war eine wunderliche Lust für ihn, sich selbst zu hören,
+er hob die Arme und füllte den Raum mit seinem freudigen Gelall.
+
+Seinen Kerkermeister mochte dies verdrießen und beunruhigen, er wollte
+ihn zum Schweigen bringen: auf einmal sah Caspar einen Stab über seine
+Schulter sausen und spürte zugleich einen so heftigen Schmerz auf dem
+Arm, daß er vor Schrecken nach vorne fiel. Mitten in der Angst machte er
+die erstaunliche Wahrnehmung, daß er nicht mehr ans Lager angebunden
+war. Eine Zeitlang verhielt er sich ganz stille, dann versuchte er,
+vorwärts zu rutschen, aber ihm graute, als er mit seinen bloßen Füßen
+die kalte Erde berührte. Mit Mühe erreichte er sein Lager und versank
+sofort in Schlaf.
+
+Es wurde dreimal Nacht und Tag, ehe der Du wiederkam und versuchte, ob
+Caspar noch seinen Namen schreiben und die Worte aus dem Buch lesen
+konnte. Er verbarg nicht seine Verwunderung, als der Knabe dies mühelos
+vermochte. Er wies auf Dinge rings im Raum und nannte ihre Namen; er
+redete langsam, Aug’ in Aug’ mit Caspar, und hielt ihn dabei an der
+Schulter fest; durch seine Blicke, seine Gebärden, das Verzerren seiner
+Züge hindurch ahnte Caspar, was er sagte, und ihm schauderte, während
+seine stotternde Zunge dem Mann gehorsam war.
+
+In der folgenden Nacht wurde er aus dem Schlaf gerüttelt. Lange und mit
+Qual spürte er es und konnte doch nicht ganz erwachen. Als er endlich
+die Augen aufschlug, war die Mauer geöffnet, und ein purpurroter Schein
+floß in den Raum. Der Du war über ihn gebeugt und sprach leise,
+vielleicht um Caspars Furcht zu stillen. Er richtete ihn empor und
+bekleidete ihn mit Hosen, mit einem Kittel und mit Stiefeln, dann
+stellte er ihn auf die Füße, lehnte ihn gegen die Wand und kehrte sich
+mit dem Rücken gegen ihn. Er umfaßte seine Beine, hob ihn auf, Caspar
+umschlang mit den Armen seinen Hals, und nun ging es hinauf, einen hohen
+Berg hinauf, so schien es Caspar; in Wirklichkeit war es wahrscheinlich
+die Treppe des unterirdischen Verlieses. Furchtbar dröhnte der Atem des
+Mannes, etwas Kühles und Feuchtes schlug Caspar ins Gesicht, setzte sich
+in seinen Haaren fest, die sich von selbst zu bewegen anfingen, und
+klammerte sich an seine Haut.
+
+Plötzlich wich die Schwärze, sie rauschte auf den Boden nieder; alles
+wurde weit, weich und blieb doch dunkel; in der Tiefe, in der Ferne
+wuchteten fremde große Dinge; von oben brach ein blauer Strahl und
+verlor sich wieder, das Schlüpfrig-Feuchte blähte die Falten der
+Kleider, durchdringende Gerüche wogten umher, Caspar begann zu weinen
+und schlief auf dem Rücken des Mannes ein.
+
+Beim Erwachen lag er auf dem Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt, und
+von unten strömte Kälte in den Leib. Der Du richtete ihn auf. Die Luft
+brannte sonderbar, und ein unerträglich heller Schein flirrte vor den
+Augen. Der Du machte ihm begreiflich, daß er gehen lernen müsse; er
+zeigte ihm, wie er gehen solle, er hielt ihn von hinten unter den Armen
+und stieß seinen Kopf gegen die Brust, ihm so befehlend, daß er auf den
+Boden sehen solle. Caspar gehorchte wankend und zitternd, die Luft und
+der Schein brannten ihm die Augenlider, die Gerüche machten ihn
+schwindeln, die Sinne vergingen.
+
+Er schlief wieder; wie lange, das wußte er nicht. Auch wußte er nicht,
+wie oft er zu gehen probiert hatte, als es wieder dunkel wurde.
+Vielleicht glaubte er, es sei Nacht geworden, während sie sich nur in
+einem Wald befanden. Den Weg gewahrte er nicht, er konnte nicht sagen,
+ob es aufwärts oder abwärts ging. Ob Bäume oder Wiesen oder Häuser da
+waren, wußte er nicht. Bisweilen schien ihm alles ringsum in rote Glut
+getaucht, aber wenn das Weiche, Dunkle kam, dehnten sich Luft und Erde
+bläulich und grün. Ob Menschen vorübergingen, konnte er nicht sagen, er
+gewahrte nicht den Himmel, er sah nicht einmal das Gesicht des Mannes.
+Einmal fiel Wasser von der Höhe; er dachte, der Du schütte ihn mit
+Wasser an, und beklagte sich, doch jener entgegnete, er schütte ihn
+nicht an, er deutete in die Luft und rief: »Regen! Regen!«
+
+Wie lange er so unterwegs gewesen, wußte er nicht. Ihm dünkte, jedesmal
+wenn er sich, erschöpft vom Gehen, zur Ruhe niedergelegt, sei ein Tag
+vergangen. Furcht zog ihn hin und bemeisterte seine Müdigkeit, sie
+spannte seine Gelenke und riß sein Haupt nach oben, indes die Augen
+unaufhörlich zur Tiefe starrten. Der Du gab ihm dasselbe Brot zu essen,
+das er im Kerker genossen, und ließ ihn Wasser aus einer Flasche
+trinken. Caspars Erschöpfung und seine Angst, wenn der Wind durch die
+Büsche sauste, oder wenn ein Tier schrie, oder wenn das Gras um seine
+Füße klirrte, suchte er durch das Versprechen schöner Pferdchen zu
+besiegen, und als Caspar endlich längere Zeit allein gehen konnte, sagte
+er, nun seien sie bald da. Er wies mit dem Arm in die Ferne und sagte:
+»Große Stadt.«
+
+Caspar sah nichts, taumelnd tappte er vorwärts; nach einer Weile hielt
+ihn der Du bei den Armen zum Zeichen, daß er stehenbleiben solle, gab
+ihm einen Brief und sagte, den Mund nahe an Caspars Ohr: »Laß dich
+weisen, wo der Brief hingehört.«
+
+Caspar machte noch ein paar Schritte, und als er sich dann umsah, war
+der Du verschwunden. Er spürte plötzlich Steine unter den Füßen, er
+tastete nach allen Seiten, um sich zu halten, er sah Steinmauern, die im
+Sonnenlicht feurig lohten, aber Entsetzen packte ihn erst, als er
+Menschen gewahrte, erst einen, dann zwei, dann viele. Grauenhaft nah
+kamen sie heran, umstanden ihn, schrien ihm zu, einer ergriff ihn und
+schleppte ihn vorwärts, alles ringsumher war Lärm und Getöse; er
+begehrte zu schlafen, sie verstanden ihn nicht; er sprach von seinem
+Vater, von den Rossen, sie lachten und verstanden ihn nicht; er jammerte
+über seine wunden Füße, sie verstanden es nicht; er schlief im Stall des
+Rittmeisters, dann kamen wieder andre Gestalten, um, kaum daß sie sich
+gezeigt, mit unbegreiflicher Hast wieder zu fliehen, die Luft war schwer
+und kaum zu atmen, die gewaltigen Dinge, als welche ihm die Häuser
+erschienen, drängten sich an ihn an, und auf der Wachtstube erschreckten
+ihn die wilden Mienen und Gebärden der Leute so, daß er zu Tränen seine
+Zuflucht nahm.
+
+Wiederum schlief er lange, und danach wurde er auf den Turm gebracht.
+Der Mann, der ihn die große Stiege hinaufführte, sprach mit starker
+Stimme und öffnete eine Tür, die einen besonderen Hall von sich gab.
+Kaum hatte er sich auf dem Strohsack niedergelassen, so begann die
+Turmuhr zu schlagen, worüber Caspar in unermeßliches Erstaunen geriet.
+Er lauschte angestrengt, aber nach und nach hörte er nichts mehr, seine
+Aufmerksamkeit verlor sich und er fühlte nur das Brennen seiner Füße. In
+den Augen hatte er keine Schmerzen, da es dunkel war. Er setzte sich auf
+und wollte nach dem Krüglein langen, um seinen Durst zu stillen. Er sah
+kein Wasser und kein Brot, anstatt dessen sah er einen Boden, der ganz
+anders beschaffen war als dort, wo er früher gewesen. Nun wollte er nach
+seinem Pferdchen greifen und mit ihm spielen, es war aber keines da, und
+er sagte: »Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«
+
+Das sollte heißen: Wo ist das Wasser hin und das Brot und das Pferdchen?
+
+Er bemerkte den Strohsack, auf dem er lag, betrachtete ihn mit
+Verwunderung und wußte nicht, was es sei; mit dem Finger darauf
+klopfend, vernahm er dasselbe Geräusch wie von dem Stroh, das sonst sein
+Lager gewesen. Dies erfüllte ihn mit Beruhigung, so daß er wieder
+einschlief und erst mitten in der Nacht vom oftmals wiederholten Ton der
+Glocke erwachte. Er lauschte lang, und als der Schall verklungen war,
+sah er den Ofen, der eine grüne Farbe hatte und einen Glanz von sich gab
+(denn Caspar vermochte selbst in tiefer Dunkelheit die Farben zu
+unterscheiden). Er blickte sehr angespannt hinüber und murmelte wieder:
+»Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«
+
+Das sollte heißen: Was ist denn dieses und wo bin ich denn? Auch drückte
+er damit sein Verlangen nach dem glänzenden Ding aus.
+
+In der Frühe öffnete der Wärter die Fensterläden, das helle Tageslicht
+tat Caspars Augen wehe; er fing zu weinen an und sagte: »Hinweisen, wo
+der Brief hingehört,« und damit wollte er sagen: Warum tun mir die Augen
+weh? Tu es weg, was mich brennt, gib mir das Pferdchen zurück und plag
+mich nicht so. Denn er sprach im Geiste mit dem Du, von dem er glaubte,
+daß er Abhilfe schaffen könnte. Er hörte die Uhr wieder schlagen, das
+nahm ihm die Hälfte der Schmerzen, und indes er horchte, kam ein Mann
+und stellte allerhand Fragen, aber Caspar gab keine Antwort, weil seine
+Aufmerksamkeit auf den verhallenden Klang gerichtet war. Der Mann faßte
+ihn am Kinn, hob seinen Kopf in die Höhe und redete mit starker Stimme.
+Jetzt hörte Caspar zu und sagte all seine gelernten Worte her, aber der
+Mann verstand ihn nicht. Er ließ seinen Kopf los, setzte sich neben
+Caspar und fragte immerfort; als nun die Uhr wieder tönte, sagte Caspar:
+»Ich möcht’ ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«
+
+Das sollte bedeuten: Gib mir das Ding, das so schön klingt.
+
+Der Mann verstand ihn nicht und redete weiter, da fing Caspar an zu
+weinen und sagte: »Roß geben,« womit er den Mann bat, er möge ihn nicht
+so quälen.
+
+Er saß dann lange Zeit allein. Aus weiter Ferne klang ein
+Trompetenschall aus der Kaiserstallung, und als ein andrer Mann eintrat,
+sagte Caspar die Redensart mit dem Brief; das sollte heißen: Weißt du
+nicht, was das ist? Der Mann brachte den Wasserkrug und ließ Caspar
+trinken, danach ward es ihm leicht zumute und er sagte: »Möcht’ ein
+solcher Reiter werden wie mein Vater.« Das bedeutete: Jetzt darfst du
+nicht mehr fortgehen, Wasser. Bald erklang wieder die Trompete und
+Caspar lauschte freudig; er dachte, wenn sein Pferdchen käme, würde er
+ihm erzählen, was er gehört.
+
+An diesem Tag aber begann schon die Peinigung, die er von den vielen
+Menschen auszustehen hatte.
+
+
+
+
+Eine hohe amtliche Person wird Zeuge eines Schattenspiels
+
+
+Natürlich hatte es wochenlang gedauert, bis Professor Daumer einen so
+vollständigen Einblick in die Vergangenheit des Jünglings gewonnen
+hatte. Dies alles ans Licht zu bringen, kündbar, greifbar, hatte
+Ähnlichkeit gehabt mit der Arbeit eines Brunnengräbers. Was anfangs ein
+Fiebertraum geschienen, besaß nun die Züge des Lebens.
+
+Daumer verfehlte nicht, der Behörde den Sachverhalt in einer
+gewissenhaften Niederschrift vorzulegen. Die Folge davon war, daß sich
+der Magistrat entschloß, die Bahn förmlicher Verhöre zu verlassen und in
+eine vertrautere Beziehung zu dem Unglücklichen zu treten. Die
+auffälligen Besonderheiten seines Wesens sollten noch einmal überprüft
+werden, hieß es in einer der gerichtlichen Noten, deshalb wurden Ärzte,
+Gelehrte, Polizeibeamte, scharfsinnige Juristen, kurz unzählige
+Personen, die an seinem Schicksal freien Anteil nahmen, zu ihm auf den
+Turm geschickt. Es war ein endloses Schnüffeln und Debattieren, Zweifeln
+und Staunen, doch die verschiedenen Erklärungen liefen alle auf eins
+hinaus, und die bloße Kraft des Augenscheins mußte den Daumerschen
+Bericht bestätigen.
+
+Wenige Tage später, gegen Anfang Juli, veröffentlichte der Bürgermeister
+einen Aufruf, der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte.
+Zunächst wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert, und
+nachdem die eigne Erzählung des Jünglings mit tunlichster
+Ausführlichkeit wiedergegeben war, beschrieb der Verfasser diesen
+selbst. Er sprach von der alle Umgebung bezaubernden Sanftmut und Güte
+des Knaben, in der er anfangs immer nur mit Tränen und nun, im Gefühl
+der Erlösung, mit Innigkeit seines Unterdrückers gedenke; von seiner
+rührenden Ergebenheit an diejenigen, die häufig mit ihm umgingen, von
+seiner unbedingten Willfährigkeit zum Guten, die mit der Ahnung dessen
+verbunden sei, was böse ist, ferner von seiner außerordentlichen
+Lernbegierde.
+
+»Alle diese Umstände,« fuhr der beredsame Erlaß fort, »geben in
+demselben Maß, in dem sie die Erinnerungen des Jünglings bekräftigen,
+die Überzeugung, daß er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des
+Herzens ausgestattet ist, und berechtigen zu dem Verdacht, daß sich an
+seine Kerkergefangenschaft ein schweres Verbrechen knüpft, wodurch er
+seiner Eltern, seiner Freiheit, seines Vermögens, vielleicht sogar der
+Vorzüge hoher Geburt, in jedem Fall aber der schönsten Freuden der
+Kindheit und höchsten Güter des Lebens verlustig geworden ist.«
+
+Eine kühne und folgenschwere Vermutung, die eher dem mitleidigen Gemüt
+und dem romantischen Geist als der behördlichen Vorsicht eines hohen
+Bürgermeisteramtes zur Ehre gereichte!
+
+»Zudem beweisen mancherlei Anzeichen,« hieß es weiter, »daß das
+Verbrechen zu einer Zeit verübt worden, wo der Jüngling der Sprache
+schon einmal mächtig gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung
+gelegt war, die gleich einem Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen
+hervorleuchtet. Es ergeht daher an die Justiz-, Polizei-, Zivil- und
+Militärbehörden und an jedermann, der ein menschliches Herz im Busen
+trägt, die dringende Aufforderung, alle, auch die unbedeutendsten Spuren
+und Verdachtsgründe bekanntzugeben. Und nicht etwa deswegen, um Caspar
+Hauser zu entfernen, denn die Gemeinde, die ihn in ihren Schoß
+aufgenommen, liebt ihn, betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr
+zugeführtes Pfand der Liebe, das sie ohne gültigen Beweis der Ansprüche
+andrer nicht abtreten wird, sondern nur, um die Übeltat zu entdecken und
+den Bösewicht samt seinen Gehilfen der gerechten Sühne auszuliefern.«
+
+Wahrscheinlich wurden von den Urhebern große Hoffnungen an das Manifest
+geknüpft, aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und
+bereitete den Nürnberger Herren mancherlei Verlegenheiten. Zunächst lief
+eine Menge unsinniger und verleumderischer Bezichtigungen ein, durch
+welche eine Reihe von adligen Familien und von intimen Vorgängen in
+aristokratischen Kreisen dem Gerede ausgesetzt wurden: Kindesmord,
+Kindesraub, Kindesunterschiebung waren nach Ansicht des gemeinen Volks
+Verbrechen, welche die vornehmen Leute täglich und zum Vergnügen
+begehen.
+
+Schlimmer war es, daß die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof
+des Rezatkreises auf nichtamtlichem Weg zu Händen kam. Irgendein
+grimmiger Hofrat am selben Gerichtshof erließ allsogleich ein
+gepfeffertes Schreiben an die Kreisregierung in Ansbach, worin erstlich
+die Publikation des Nürnberger Bürgermeisters als vorschriftswidrig,
+zweitens als abenteuerlich bezeichnet wurde, worin drittens der lebhafte
+Tadel darüber ausgedrückt war, daß durch das verfrühte Preisgeben
+wichtiger Umstände eine Kriminaluntersuchung wenn auch nicht vereitelt,
+so doch sehr erschwert worden sei. Der ergrimmte Hofrat ersuchte daher
+die Regierung, den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen und zu
+befehlen, daß die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzüglich anher
+zu senden seien.
+
+Die Regierung ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie sendete ein
+Reskript an den Stadtkommissär von Nürnberg und äußerte sich dahin, daß
+die erzählte Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe
+Unwahrscheinlichkeiten enthalte, daß der Gedanke an eine ärgerliche
+Täuschung nicht abzuweisen sei. Gleichzeitig wurden die noch vorhandenen
+Exemplare des »Intelligenzblattes« und des »Friedens- und
+Kriegskuriers«, in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war,
+beschlagnahmt. Dies wurde dem Appellhof ordnungsgemäß mitgeteilt und die
+Erwägung daran geknüpft, ob die strafrechtliche Verfolgung des Häftlings
+einzuleiten sei oder nicht.
+
+Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder.
+Schleunigst ließen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten
+sie mit Eilpost nach Ansbach hinüber. Vielleicht wähnten sie, daß nun
+alles gut sei, aber der grimme Hofrat dortselbst erhob alsbald wieder
+seine Stimme. »Die Verhöre mit dem Häftling und die Zeugnisse über ihn
+sind aktenmäßig nicht einwandfrei,« zeterte er; »es sind keineswegs alle
+Personen, die zuerst mit ihm in Berührung getreten sind, polizeilich
+vernommen worden; ferner hätte der Professor Daumer, um der öffentlichen
+Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu geben, seine
+Gespräche mit dem Findling zu den Akten legen sollen.«
+
+Die Regierung, um ein übriges zu tun, warnte den Magistrat vor
+einseitigem Verfahren. Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall
+von Trotz und Entrüstung: ja, aber in den Maßregeln, wie ihr sie
+verlangt, liegt Gefahr, die Entdeckung zu hemmen, welche Anklage die
+vorgesetzte Behörde mit zorniger Energie zurückwies. Holt eure
+Versäumnisse nach, diktierte sie, protokolliert Verhöre, schickt Akten,
+Akten, nichts als Akten.
+
+Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgänge verfolgt. Er
+bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behörde als widerwärtige
+Federfuchserei und hatte allen Ernstes die Absicht, seinem Unmut in
+einer geharnischten Epistel an die Regierung Luft zu machen. Mit Mühe
+hielten besonnene Freunde ihn davon zurück. »Aber es muß doch etwas
+geschehen!« warf er ihnen voll Empörung entgegen, »man ist ja auf dem
+besten Weg, einen Justizmord zu begehen, und soll ich dazu die Hände in
+den Schoß legen?«
+
+»Das ratsamste wäre,« antwortete der Freiherr von Tucher, der bei diesem
+Auftritt anwesend war, »sich persönlich an den Staatsrat Feuerbach zu
+wenden.«
+
+»Das hieße also, nach Ansbach reisen?«
+
+»Gewiß.«
+
+»Aber nehmen Sie denn an, daß er, als Präsident des Appellgerichts, von
+den Maßnahmen seiner untergebenen Beamten nicht schon unterrichtet ist
+und sie etwa gar mißbillige?«
+
+»Gleichviel, ich verspreche mir etwas von einer mündlichen
+Auseinandersetzung; ich kenne Herrn von Feuerbach, er ist der letzte,
+der einer gerechten Sache sein Ohr verschließt.«
+
+Die Reise wurde beschlossen. Daumer und Herr von Tucher befanden sich am
+andern Tag schon in Ansbach. Unglücklicherweise war der Präsident
+Feuerbach gerade auf einer Inspektionsreise durch den Bezirk, sollte
+erst am fünften Tag zurückkommen, und die beiden Herren, sofern sie das
+vorgesetzte Ziel erreichen wollten, mußten ihren Aufenthalt in der
+Kreishauptstadt über Gebühr verlängern.
+
+Mittlerweile hatte der Findling eine gar böse Zeit. Sein Turmgefängnis
+wurde das Ziel aller Müßiggänger und Neugierlinge der ganzen Stadt. Man
+lief hin wie zu der Ausstellung einer unterhaltsamen Rarität, denn der
+magistratische Erlaß hatte ihn zu einem öffentlichen Gegenstand gemacht.
+Seine bisherigen Beschützer waren ein wenig zurückhaltender geworden,
+denn man wußte ja nicht, wie die Geschichte enden würde und ob nicht ein
+hochweises Appellgericht ihn zum gewöhnlichen Schwindler stempeln würde.
+Der Turmwärter durfte der allgemeinen Volksbelustigung nicht steuern,
+der Bürgermeister selbst hatte die früheren Befehle aufgehoben, weil es
+zweckmäßig schien, daß möglichst viele Leute den Fremdling sahen. Oft
+erbarmte ihn der wehrlose Knabe, doch schmeichelte es anderseits seiner
+Eitelkeit, Herr über ein solches Wunderding zu sein, auch spazierte
+nebenbei mancher Groschen in den Beutel.
+
+Brach der Morgen an und Caspar Hauser erhob sich vom Schlaf, seltsam
+müde, mit den Augen das Licht meidend; saß er traurig stumm in der Ecke,
+während Hill den Strohsack aufschüttelte und Wasser und Brot brachte,
+dann erschienen schon die ersten Besucher, die berufsmäßigen
+Frühaufsteher: Straßenkehrer, Dienstmägde, Bäckergesellen, Handwerker,
+die zur Arbeit gingen, auch Knaben, die auf dem Weg zur Schule einen
+ergötzlichen Abstecher machten, sogar einige höchst unbürgerliche
+Erscheinungen, zerlumpte Herren, die die Nacht im Stadtgraben oder in
+einer Scheune verbracht hatten.
+
+Mit dem Verlauf des Tages wurde die Gesellschaft vornehmer; es kamen
+ganze Familien, der Herr Rendant mit Weib und Kind, der Herr Major
+a. D., der Schneidermeister Bügelfleiß, Graf Rotstrumpf mit seinen
+Damen, Herr von Übel und Herr von Strübel, die ihre Morgenpromenade zum
+Zweck einer Besichtigung des kuriosen Untiers unterbrachen.
+
+Es war ein heiteres Treiben; man konversierte, wisperte, lachte,
+spottete und tauschte Meinungen aus. Man war freigebig und brachte dem
+Jüngling allerlei Geschenke, die er ansah wie ein Hund, der noch nicht
+apportieren gelernt hat, den fortgeworfenen Spazierstock seines Herrn
+ansieht. Man legte Eßwaren vor ihn hin, um seinen Appetit zu reizen; so
+schleppte zum Beispiel die Kanzleirätin Zahnlos einmal eine ganze
+Schinkenkeule herauf, die allerdings am andern Tag verschwunden war –
+wohin, das wußte niemand; doch zog man bedeutsame Schlüsse daraus.
+
+Vor allem hieß es: zeigt uns das Wunder, das angepriesene Wunder! Aber
+da der schweigsame, sanftherzige Knabe nichts von alledem tat, was sie
+in ihrer lüsternen Erwartung sich eingebildet, so begannen sie entweder
+zu schimpfen – als ob sie Eintrittsgeld bezahlt hätten und darum
+betrogen worden wären – oder stellten die erstaunlichsten Torheiten an.
+Indem sie ihn fortwährend mit Fragen quälten, woher er komme, wie er
+heiße, wie alt er sei und ähnliches, kamen sie sich sowohl witzig wie
+überlegen vor. Sein flehentliches Kopfschütteln, sein ungereimtes Nein
+oder Ja, das wie aus Kindermund froh-bereitwillig und furchtsam zugleich
+klang, sein Gestotter, sein gläubiges Lauschen, alles das erregte ihr
+Behagen. Einige brachten ihr Gesicht ganz nah an seines und waren höchst
+vergnügt, wenn er vor ihren Starrblicken sichtlich bis ins Innerste
+erschrak. Sie befühlten seine Haare, seine Hände, seine Füße, zwangen
+ihn, durchs Zimmer zu spazieren, zeigten ihm Bilder, die er erklären
+sollte, und taten zärtlich mit ihm, während sie einander listig
+zuzwinkerten.
+
+Aber die Harmlosigkeit solcher Versuche ward den unternehmenderen
+Geistern bald überdrüssig. Man wollte sich doch überzeugen, ob es seine
+Richtigkeit damit hatte, daß der Gefangene jede Nahrung außer Brot und
+Wasser verschmähe. Man hielt ihm Fleisch und Wurst, Honig oder Butter,
+Milch oder Wein vor die Nase und amüsierte sich köstlich, wenn der Knabe
+vor Ekel förmlich außer sich geriet. »Ei, der Komödiant,« kreischten sie
+dann, »tut, als ob er unsre Leckerbissen verachte! Hat sich
+wahrscheinlich mal in eines großen Herrn Küche überfressen!«
+
+Einen Hauptspaß gab’s, als einmal zwei junge Meister der
+Goldschlägerinnung Schnaps herbeibrachten und sich verabredeten, dem
+Hauser das Getränk mit Gewalt aufzunötigen. Der eine hielt ihn, der
+andre wollte ihm das volle Glas zwischen die Lippen schütten. Doch
+konnten sie ihren Plan nicht ausführen, weil ihr Opfer durch den bloßen
+Geruch, der aus dem Gefäß strömte, das Bewußtsein verloren hatte. Sie
+waren einigermaßen verdutzt und wußten mit dem Ohnmächtigen nichts
+anzufangen; zum Glück sahen sie ihn atmen und hatten weiter keine
+Furcht. »Glaubt ihm doch seine Kniffe nicht,« meinte ein stutzerhaft
+gekleidetes Bürschlein, das bisher gelangweilt dabeigestanden, »ich will
+ihn schon wieder munter kriegen.« Sprach’s, zog lächelnd die goldene
+Schnupftabaksdose und steckte eine volle Prise unter die Nase des
+vermeintlichen Simulanten, dessen Gesicht sogleich von heftigen
+Zuckungen bewegt wurde, worüber alle drei in Gelächter ausbrachen. Als
+dann der Wärter kam und sie derb zur Rede stellte, zogen sie schimpfend
+ab und räumten den Plan einem gravitätischen älteren Herrn, der den
+langsam zum Leben zurückkehrenden Caspar von vorn und von hinten
+beschnüffelte, den Finger an die Stirn legte, sich räusperte, den Kopf
+schüttelte, erst französisch, dann spanisch, dann englisch auf den
+Jüngling einredete, mit dem Wärter tuschelte, kurz von Wichtigkeit
+förmlich barst.
+
+Caspar jedoch sah ihn immer nur an und sagte in jämmerlichem Ton:
+»Heimweisen.«
+
+»Warum spielst du nicht mit dem Rößlein?« fragte, als die wichtige
+Person gegangen war, der Wärter. Man verständigte sich mit Caspar noch
+immer mehr durch Gesten als durch Worte, und er selbst las, was Worte
+ihm nicht mitteilen konnten, von den Augen und den Händen der Menschen
+ab.
+
+Er blickte auch Hill lange an und sagte: »Heimweisen.«
+
+»Heimweisen?« antwortete der Wärter, halb verdrießlich, halb mitleidig.
+»Wohin denn heim? Wo bist du denn daheim, du Unglückswurm? In dem
+unterirdischen Loch vielleicht? Nennst du das daheim?«
+
+»Der Du soll kommen,« sagte Caspar klar, langsam und hell.
+
+»Der wird sich hüten,« versetzte Hill, bärbeißig lachend.
+
+»Der Du kommt, bald kommt,« beharrte Caspar, und er schaute mit einem
+Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel, als sei er
+überzeugt, daß der Du durch die Lüfte schreiten könne. Dann erhob er
+sich in seiner mühevollen Weise, nahm sein Spielpferdchen und versuchte
+es zu tragen, denn dies allein wollte er von den Gegenständen, die er
+geschenkt erhalten, mitnehmen, wenn der Du käme, sonst nichts.
+
+Hill begriff sein Vorhaben. »Nein, Caspar,« sagte er, »jetzt mußt du
+schon in dieser Welt bleiben. Daß sie dir nicht gefallen mag, versteh’
+ich wohl. Mir gefällt sie auch nicht, aber dableiben mußt du.«
+
+Caspar, wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte, erfaßte doch
+den unabänderlichen Beschluß, den sie enthielten. Er begann an allen
+Gliedern zu beben, laut weinend warf er sich zu Boden, aber auch später,
+als es dem bestürzten Hill gelungen war, ihn zu trösten, schien es, wie
+wenn er vor Kummer sein Herz verhauche. Die Traurigkeit seines Gemüts
+überflutete das kindhafte Gesicht wie ein dunkler Schleier, und am
+Morgen waren seine Lider durch die während des Schlummers vergossenen
+Tränen verklebt.
+
+Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen, sondern
+kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck. Bei jedem Krachen der
+Treppe schüttelte es ihn, und er schauderte, wenn sich wieder und wieder
+ein neues Gesicht über der Schwelle zeigte. Zitternd sah er die Menschen
+an, der Geruch ihres Atems war ihm eine Pein und unerträglich, wenn sie
+ihn berührten. Am meisten Furcht hatte er vor ihren Händen. Zuerst sah
+er immer die Hände an, merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe,
+und ehe er sie an seiner Haut spürte, erschrak er schon, denn sie
+erschienen ihm wie selbständige Geschöpfe, kriechende, klebrige,
+gefährliche Tiere, deren Tun von einem Augenblick zum andern gar nicht
+abzuschätzen war.
+
+Nur Daumers Hand, die einzige, deren Berührung angenehm war, war
+verschwunden. Warum? dachte Caspar, warum war dies alles? Warum das
+seltsame Getöse von früh bis spät? Woher kamen die fremden Gestalten,
+warum so viele, und warum war ihr Mund und ihr Auge böse?
+
+Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr, auch hungerte ihn nicht
+mehr nach dem gewürzten Brot. In seiner Erschöpfung dünkte ihm mitten am
+Tage, es sei Nacht geworden, und das Heißgleißende, -funkelnde, von dem
+man ihm gesagt, daß es der Schein der Sonne sei, wurde vor seinen müden
+Augen zu purpurnem Dunst. Es beängstigte ihn das Geräusch des Windes,
+denn er verwechselte es mit den Stimmen der Menschen. Er sehnte sich in
+die Einsamkeit seines Kerkers zurück; heimweisen war sein einziger
+Gedanke.
+
+Es war ein Sonntag. Spätnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus
+Ansbach wieder angelangt, und in ihrer Begleitung befand sich der
+Staatsrat von Feuerbach, der sich entschlossen hatte, den Findling
+selbst zu besuchen und womöglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher
+von Akten und Erlässen zu bringen. Nachdem er im Gasthof zum Lamm
+Quartier gemietet hatte, ließ sich der Präsident von den beiden Herren
+sogleich zur Burg und auf den Turm führen. Es hatte schon neun Uhr
+geschlagen, als sie dort ankamen. Groß war ihre Überraschung, als sie
+das Zimmer Caspars leer fanden; die Frau des Wärters erklärte verlegen,
+ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen. Der
+Rittmeister von Wessenig habe nämlich einigen seiner von auswärts
+zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewünscht, habe
+heraufgeschickt und befohlen, daß man Caspar bringe.
+
+Daumer war erbleicht und schaute, Schlimmes ahnend, finster zu Boden;
+Herr von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern, und über
+die bartlosen Lippen des Präsidenten huschte ein halb mokantes, halb
+verächtliches Lächeln; seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch
+Pflichtversäumnisse vielfach beleidigten Fürsten, als er sich mit der
+schroffen Aufforderung zu seinen Begleitern wandte: »Führen Sie mich zu
+diesem Wirtshaus!«
+
+Die Dunkelheit war eingebrochen, über dem Dach des Rathauses stand
+fahlleuchtend der Mond. Schweigend schritten die drei Männer den Berg
+hinab, und kaum waren sie, das winklige Gassengewirr verlassend, auf den
+Weinmarkt getreten, als Daumer stehenblieb und mit erregter Stimme
+flüsterte: »Da ist er.«
+
+In der Tat sahen sie Caspar, der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme
+Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte. Der Präsident und Herr
+von Tucher blieben ebenfalls stehen, und sie bemerkten jetzt, daß der
+Jüngling plötzlich innehielt, zurückschauderte und, ein maßloses Staunen
+in den vor Angst weit aufgerissenen Augen, zu Boden starrte. Die drei
+Männer näherten sich eilig, um zu erfahren, was es sei. Sie sahen nichts
+weiter als die Mondschatten des Jünglings und seines Begleiters auf dem
+Pflaster.
+
+Caspar wagte nicht mehr sich zu regen, weil er jede Bewegung seines
+Körpers nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding. Seine Lippen waren
+wie zum Schrei geöffnet, seine Wangen schneeweiß und die Knie
+schlotterten ihm. War es doch, als ob alles Grauenhafte und
+Geheimnisvolle einer Welt, in die ein Ungefähr ihn geschleudert, sich zu
+dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe.
+
+Daumer, Herr von Tucher und der Wärter bemühten sich um ihn, der
+Präsident stand wortlos daneben. Als er emporblickte, bemerkte Daumer,
+der ihn heimlich und gespannt beobachtete, in seinem strengen Gesicht
+eine unverstellte Erschütterung.
+
+Es fehlte nicht viel, so wäre Hill, den der Zorn des Präsidenten am
+ersten traf, noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden; nur die
+mutige Fürsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das
+Gewitter auf schuldigere Personen ab, denn die Vernachlässigung, die der
+Gefangene erlitten, war allzu offenbar. Seiner ungestümen Art gemäß
+suchte der Präsident sogleich den Bürgermeister Binder auf, dem er die
+heftigsten Vorwürfe machte. Herr Binder konnte nicht umhin, dem
+Präsidenten kleinmütig beizupflichten; die Entschiedenheit, mit der er
+den Gegenstand behandelt sah, übte tiefen Eindruck auf ihn, und er mußte
+einen kaum wieder gutzumachenden Fehler vor sich selber eingestehen. Von
+seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen, die Scherereien mit der
+Regierung hatten ihn verdrossen, jetzt auf einmal, da der mächtige Mann
+seine Stimme für den Findling erhob, wurde er sich seiner
+Bereitwilligkeit bewußt, alles Fördernswerte für Caspar Hauser zu tun,
+und er erklärte sich ohne weiteres einverstanden, als Herr von Feuerbach
+verlangte, der Knabe müsse seiner bisherigen Lage entrissen werden. »Er
+soll in eine geordnete Pflege kommen,« sagte der Präsident, »Professor
+Daumer hat sich freiwillig erboten, ihn zu sich ins Haus zu nehmen, und
+ich wünsche nicht, daß dieser Schritt im geringsten verzögert werde.«
+
+Binder verbeugte sich. »Ich werde morgen mit dem frühesten die nötigen
+Anstalten treffen,« antwortete er.
+
+»Nicht, bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen,« versetzte der
+Präsident hastig; »ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte,
+daß man mich eine Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse.«
+
+Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen. Kaum daß er, nach
+tagelanger Abwesenheit, Mutter und Schwester ordentlich begrüßte. »Die
+Herrschaften müssen artig gewütet haben,« grollte er, indem er
+unaufhörlich durch das Zimmer wanderte, »der Knabe ist ja ganz verstört.
+Das heiß’ ich menschlich sein, das heiß’ ich Einsicht haben! Barbaren
+sind sie, Schlächter sind sie! Und unter solchem Volk zu leben bin ich
+gezwungen!«
+
+»Warum sagst du es ihnen nicht selbst?« bemerkte Anna Daumer trocken.
+»Hinter deinen vier Wänden zu schimpfen fruchtet wenig.«
+
+»Sag mal, Friedrich,« wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn, »bist
+du denn wirklich fest davon überzeugt, daß du dein Herz nicht wieder
+einmal an einen Götzen wegwirfst?«
+
+»Aus deiner Frage erkennt man, daß du ihn noch immer nicht gesehen
+hast,« antwortete Daumer fast mitleidig.
+
+»Das wohl; es war mir ein zu groß Gerenne.«
+
+»Also. Wenn man von ihm spricht, kann man nicht übertreiben, weil die
+Sprache zu ärmlich ist, um sein Wesen auszudrücken. Es ist wie eine
+uralte Legende, dies Emportauchen eines märchenhaften Geschöpfs aus dem
+dunkeln Nirgendwo; die reine Stimme der Natur tönt uns plötzlich
+entgegen, ein Mythos wird zum Ereignis. Seine Seele gleicht einem
+kostbaren Edelstein, den noch keine habgierige Hand betastet hat; ich
+aber will danach greifen, mich rechtfertigt ein erhabener Zweck. Oder
+bin ich nicht würdig? Glaubt ihr, daß ich nicht würdig bin dazu?«
+
+»Du schwärmst,« sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast
+unwillig.
+
+Daumer zuckte lächelnd die Achseln. Dann trat er an den Tisch und sagte
+in einem Ton, dessen Sanftheit gleichwohl einen gefürchteten Widerstand
+im voraus zu bekämpfen schien: »Caspar wird morgen in unser Haus ziehen;
+ich habe Exzellenz Feuerbach darum angegangen und er hat meiner Bitte
+willfahrt. Ich hoffe, daß du nichts dawider einzuwenden hast, Mutter,
+und daß du mir glaubst, wenn ich versichere, es ist eine Sache von
+großer Bedeutung für mich. Ich bin höchst wichtigen Entdeckungen auf der
+Spur.«
+
+Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen.
+
+Am nächsten Morgen um zehn fanden sich Daumer, der Bürgermeister, der
+Stadtkommissär, der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof
+vor dem Gefängnisturm ein und warteten dritthalb Stunden auf den
+Präsidenten, der bei dem Findling oben war. Daumer, der Gespräche mit
+andern vermeiden wollte, stand fast ununterbrochen an der
+Umfassungsmauer und blickte auf das malerische Gassen- und Dächergewirr
+der Stadt hinunter.
+
+Als der Präsident endlich unter den Wartenden erschien, drängten sich
+alle mit Eifer heran, um die Meinung des berühmten und gefürchteten
+Mannes zu hören. Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so düsteren
+Ernst, daß niemand ihn mit einer Anrede zu belästigen wagte; sein
+machtvolles Auge blickte brennend nach innen, die Lippen waren gleichsam
+aufeinander geballt, auf der Stirn lag eine von Nachdenken zitternde
+senkrechte Falte. Das Schweigen wurde vom Bürgermeister mit der Frage
+unterbrochen, ob Exzellenz nicht geruhen wolle, das Mittagessen in
+seinem Haus zu nehmen. Feuerbach dankte; dringende Geschäfte nötigten
+ihn zu sofortiger Rückkehr nach Ansbach, entgegnete er. Darauf wandte er
+sich an Daumer, reichte ihm die Hand und sagte: »Sorgen Sie sogleich für
+die Übersiedlung des Hauser; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und
+Pflege. Sie werden bald von mir hören. Gott befohlen, meine Herren!«
+
+Damit entfernte er sich in raschen, kleinen, stampfenden Schritten,
+eilte den Hügel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche.
+Die Zurückbleibenden machten etwas enttäuschte Mienen. Da sie alle
+überzeugt waren, daß der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und
+daß kein andres als sein Auge das Dunkel durchdringen könne, welches
+über Untat und Verbrechen brütete, waren sie verstimmt über eine
+Schweigsamkeit, die ihnen beabsichtigt und planvoll erschien.
+
+Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers.
+
+
+
+
+Der Spiegel spricht
+
+
+Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengärtlein auf der
+Insel Schütt; es war ein altes Gebäude mit vielen Winkeln und
+halbfinstern Kammern, doch erhielt Caspar ein ziemlich geräumiges und
+wohleingerichtetes Zimmer gegen den Fluß hinaus.
+
+Er mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Es zeigten sich jetzt mit
+einem Schlag die Folgen der jüngstdurchlebten Zeit. Er war wieder ohne
+Sprache, ja bisweilen wie ohne Gefühl des Lebens. Auf den ungewohnten
+Kissen warf er sich fiebernd herum. Wie jammervoll, ihn bei jedem
+Knacken der Dielen erschaudern zu sehen; auch das Geräusch des Regens an
+den Fenstern versetzte ihn in aufgewühlte Bangnis. Er hörte die
+Schritte, die auf dem weiten Platz vor dem Haus verhallten, er vernahm
+mit Unruhe die metallenen Schläge aus einer fernen Schmiede, jeder
+Stimmenlärm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen des
+Schmerzes hervor; und von Moment zu Moment vertauschten seine Züge den
+Ausdruck der Erschöpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit.
+
+Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett. Diese Opferkraft und
+Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen. »Er muß mir leben,« sagte
+er. Und Caspar fing an zu leben. Vom dritten Tag ab besserte sich sein
+Zustand stetig und schnell. Als er am Morgen erwachte, lag ein
+besinnendes Lächeln auf seinen Lippen. Daumer triumphierte.
+
+»Du tust ja, als ob du selbst dem Kerker entronnen wärst,« meinte seine
+Schwester, die nicht umhin konnte, an seiner Freude teilzunehmen.
+
+»Ja, und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten,« antwortete er
+lebhaft; »sieh ihn nur an! Es ist ein Menschenfrühling.«
+
+Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen. Daumer führte ihn in den
+Garten. Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade, band er
+ihm einen grünen Papierschirm um die Stirn. Späterhin wurden die
+Dämmerungszeit oder die Stunden bewölkten Himmels für diese Ausgänge
+vorgezogen.
+
+Es waren ja Reisen, und nichts geschah, was nicht zum Ereignis wurde.
+Welche Mühe, ihn sehen, ihn das Gesehene nennen zu lehren. Er mußte erst
+zu den Dingen Vertrauen gewinnen, und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm
+selbstverständlich ward, machte ihn ihre unvermutete Nähe bestürzt. Als
+er endlich die Höhe des Himmels und auf der Erde die Entfernung von Weg
+zu Weg begriff, wurde sein Gang ein wenig leichter und sein Schritt
+mutiger. Alles lag am Mut, alles lag daran, den Mut zu kräftigen.
+
+Das ist die Luft, Caspar; du kannst sie nicht greifen, aber sie ist da;
+wenn sie sich bewegt, wird sie zum Wind, du brauchst den Wind nicht zu
+fürchten. Was hinter der Nacht liegt, ist gestern; was über der nächsten
+Nacht liegt, ist morgen. Von gestern bis morgen vergeht Zeit, vergehen
+Stunden, Stunden sind geteilte Zeit. Dies ist ein Baum, dies ist ein
+Strauch, hier Gras, hier Steine, dort Sand, da sind Blätter, da Blüten,
+da Früchte ...
+
+Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde
+einleuchtend durch das unvergeßliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf
+der Zunge, er spürt es bitter oder süß, es sättigt ihn oder läßt ihn
+unzufrieden. Auch hatten viele Worte Gesichter; oder sie tönten wie
+Glockenschläge aus der Dunkelheit; oder sie standen wie Flammen in einem
+Nebel.
+
+Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man
+mußte nachlaufen, und hatte man es endlich erwischt, so war es
+eigentlich gar nichts und machte einen traurig. Gleichwohl führte
+derselbe Weg auch zu den Menschen; ja, es war, als ob die Menschen
+hinter einem Gitter von Worten stünden, das ihre Züge fremd und
+schrecklich machte; wenn man aber das Gitter zerriß oder dahinter kam,
+waren sie schön.
+
+Hatte es am Morgen neu geklungen, zu sagen: die Blume, am Mittag war es
+schon vertraut, am Abend war es schon alt. »Dies Herz, dies Hirn, zur
+Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten, treibt wie vertrockneter
+und endlich befeuchteter Humus Sprößlinge, Blüten und Früchte in einer
+Nacht,« notierte der fleißige Daumer; »was dem matten Blick der
+Gewohnheit unwahrnehmbar geworden, erscheint diesem Auge frisch wie aus
+Gottes Hand. Und wo die Welt verschlossen ist und ihre Geheimnisse
+beginnen, da steht er noch seltsam drängend und fragt sein
+zuversichtliches Warum. Nach jedem Schall und jedem Schein tappt dies
+zweifelnde, erstaunte, hungrige, ehrfurchtslose Warum.«
+
+Es ist nicht zu leugnen, Daumer war oft erschreckt durch das Gefühl
+eignen Ungenügens. Heißt das noch lehren? grübelte er, heißt das noch
+Gärtner sein, wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet, das
+maßlos wuchernde Getriebe keine Grenze achtet? Wie soll das enden?
+Zweifellos bin ich hier einem ungewöhnlichen Phänomen auf der Spur und
+meine teuern Zeitgenossen werden sich herbeilassen müssen, ein wenig an
+Wunder zu glauben.
+
+Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars, einst heimkehren zu
+dürfen; »erst lernen, dann heim,« sagte er mit dem Ausdruck
+unbesiegbarer Entschiedenheit. »Aber du bist ja zu Hause, hier bei uns
+bist du zu Hause,« wandte Daumer ein. Aber Caspar schüttelte den Kopf.
+
+Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinüber, wo
+Kinder spielten, deren Wesen er mit komischem Befremden studierte. »So
+kleine Menschen,« sagte er zu Daumer, der ihn einmal dabei überraschte,
+»so kleine Menschen.« Seine Stimme klang traurig und höchst verwundert.
+
+Daumer unterdrückte ein Lächeln und während sie zusammen ins Haus
+gingen, suchte er ihm klarzumachen, daß jeder Mensch einmal so klein
+gewesen, auch Caspar selbst. Caspar wollte das durchaus nicht zugeben.
+»O nein, o nein,« rief er aus, »Caspar nicht, Caspar immer so gewesen
+wie jetzt, Caspar nie so kurze Arme und Beine gehabt, o nein!«
+
+Dennoch sei dem so, versicherte Daumer; nicht allein, daß er klein
+gewesen, sondern er wachse ja noch täglich, verändere sich täglich, sei
+heute ein ganz andrer als der Hauser auf dem Turm, und nach vielen
+Jahren werde er alt werden, seine Haare würden weiß sein, die Haut
+voller Runzeln.
+
+Da wurde Caspar blaß vor Furcht; er fing an zu schluchzen und stotterte,
+das sei nicht möglich, er wolle es nicht, Daumer möge machen, daß es
+nicht geschehe.
+
+Daumer flüsterte seiner Schwester etwas zu, diese ging in den Garten und
+brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe, eine aufgeblühte und eine
+verwelkte Rose mit herauf. Caspar streckte die Hand nach der
+vollblühenden aus, wandte sich aber gleich mit Ekel ab, denn so sehr er
+die rote Farbe vor allen andern liebte, der heftige Geruch der Blume war
+ihm unangenehm. Als ihm Daumer den Unterschied der Lebensalter an Knospe
+und Blüte erklären wollte, sagte Caspar: »Das hast du doch selbst
+gemacht, es ist ja tot, es hat keine Augen und keine Beine.«
+
+»Ich hab’ es nicht gemacht,« entgegnete Daumer, »es ist lebendig, es ist
+gewachsen; alles Lebendige ist gewachsen.«
+
+»Alles Lebendige gewachsen,« wiederholte Caspar fast atemlos, indem er
+nach jedem Wort pausierte. Hier drohte Verwirrung. Auch die Bäume im
+Garten seien lebendig, sagte man ihm, und er getraute sich nicht, den
+Bäumen zu nahen, das Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestürzt. Er fuhr
+fort zu zweifeln und fragte, wer die vielen Blätter ausgeschnitten habe
+und warum? warum so viele? Auch sie seien gewachsen, wurde geantwortet.
+
+Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue, die sollte
+tot sein, trotzdem sie aussah wie ein Mensch. Caspar konnte stundenlang
+die Blicke nicht davon wenden, Verwunderung machte ihn stumm. »Warum hat
+es denn ein Gesicht?« fragte er endlich, »warum ist es so weiß und so
+schmutzig? Warum steht es immer und wird nicht müde?«
+
+Als seine Furcht besiegt war, ging er heran und wagte die Figur zu
+betasten, denn ohne zu tasten, glaubte er nicht dem, was er sah. Er
+hatte den heftigen Wunsch, das Ding auseinander nehmen zu dürfen, um zu
+wissen, was innen war. Wie viel war überall innen, wie viel steckte
+überall dahinter!
+
+Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stück des abschüssigen Weges
+entlang. Daumer hob ihn auf, und Caspar fragte, ob der Apfel müde sei,
+weil er so schnell gelaufen. Mit Grauen wandte er sich ab, als Daumer
+ein Messer nahm und die Frucht entzweischnitt. Da ward ein Wurm sichtbar
+und krümmte seinen dünnen Leib gegen das Licht.
+
+»Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker,« sagte Daumer.
+
+Das Wort machte Caspar nachdenklich; es machte ihn nachdenklich und
+mißtrauisch. Wie vieles war da im Kerker, wovon er nicht wußte! Alles
+Innen war ein Kerker. Und in wunderlicher Verworrenheit knüpfte sich an
+diesen Gedanken die Erinnerung an den Schlag, den er damals erhalten,
+nachdem ihn der Du gelehrt, wie man das Pferdchen frei bewegen könne. In
+allen fremden Dingen lauerte der Schlag, in allen unbekannten wohnte
+Gefahr. Eine gewisse strahlende Heiterkeit, die allmählich Caspars Wesen
+entströmte und die das Entzücken seiner Umgebung bildete, war daher
+stets an jene erwartungsvolle, ahnungsvolle Bangigkeit gebunden.
+
+Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend, gewahrte
+Caspar einen Regenbogen am Himmel. Er war starr vor Freude. Wer das
+gemacht habe, stammelte er endlich. Die Sonne. Wie, die Sonne? Die Sonne
+sei doch kein Mensch. Die natürlichen Erklärungen ließen Daumer im
+Stich, er mußte sich auf Gott berufen. »Gott ist der Schöpfer der
+belebten und unbelebten Natur,« sagte er.
+
+Caspar schwieg. Der Name Gottes klang ihm seltsam düster. Das Bild, das
+er dazu suchte, glich dem Du, sah aus wie der Du, als die Decke des
+Gefängnisses auf seinen Schultern ruhte, war unheimlich verborgen wie
+der Du, als er den Schlag geführt, weil Caspar zu laut gesprochen.
+
+Wie geheimnisvoll war alles, was zwischen Morgen und Abend geschah! Das
+Regen und Raunen der Welt, das Fließen des Wassers im Fluß, das Ziehen
+luftig-dunkler Gegenstände hoch in der Luft, die man Wolken nannte, das
+Vorübergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse, und vor allem
+das Flüchten der Menschen, ihre schmerzlichen Gebärden, ihr lautes
+Reden, ihr sonderbares Gelächter. Wie viel war da zu erfahren und zu
+lernen!
+
+Es schnürte Daumer das Herz zusammen, wenn er den Jüngling in tiefem
+Nachdenken sah. Caspar schien dann wie erfroren, er hockte
+zusammengekauert da, seine Hände waren geballt und er hörte und spürte
+nicht mehr, was um ihn vorging.
+
+Ja, es war zu solchen Zeiten eine vollständige Dunkelheit um Caspar, und
+nur, wenn er lange genug versunken war, hüpfte aus der Tiefe etwas wie
+ein Feuerfunken, und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde
+Stimme zu sprechen. Wenn der Funken wieder verlosch, tat sich die äußere
+Welt wieder kund, aber eine schwermütige Unzufriedenheit hatte sich
+Caspars bemächtigt.
+
+»Wir müssen einmal mit ihm hinaus aufs Land,« sagte Anna Daumer eines
+Tages, als der Bruder mit ihr darüber gesprochen. »Er braucht
+Zerstreuung.«
+
+»Er braucht Zerstreuung,« gab Daumer lächelnd zu, »er ist zu gesammelt,
+das ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemüt.«
+
+»Da es sein erster Spaziergang sein wird, wäre es gut, die Sache
+möglichst still zu unternehmen, sonst sind wieder alle Neugierigen bei
+der Hand,« meinte die alte Frau Daumer. »Sie schwatzen ohnehin genug
+über ihn und über uns.«
+
+Daumer nickte. Er wünschte nur, daß Herr von Tucher mit von der Partie
+sei.
+
+Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt. Es war schon
+fünf Uhr nachmittags, als sie vom Haus aufbrachen, und da sie auf
+Caspars langsame Gangart Rücksicht nehmen mußten, gelangten sie erst
+spät ins Freie. Die begegnenden Leute blieben stehen, um der
+Gesellschaft nachzuschauen, und oft hörte man die staunenden oder
+spöttischen Worte: »Das ist ja der Caspar Hauser! Ei, der Findling! Wie
+fein er’s treibt, wie nobel!« Denn Caspar trug ein neues blaues
+Fräcklein, ein modisches Gilet, seine Beine staken in weißseidenen
+Strümpfen und die Schuhe hatten silberne Schnallen.
+
+Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg,
+der nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwärts schwankte.
+Die Männer schritten in gemessener Entfernung hinterdrein. Plötzlich
+erhob Daumer den rechten Arm nach vorn, und gleich darauf blieb Caspar
+stehen und sah sich fragend um.
+
+Erfreut und in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu, weiterzugehen. Nach
+ein paar hundert Schritten hob er wieder den Arm, und abermals blieb
+Caspar stehen und blickte sich um.
+
+»Was ist das? Was bedeutet das?« fragte Herr von Tucher erstaunt.
+
+»Darüber gibt es keine Erklärung,« antwortete Daumer voll stillen
+Triumphes. »Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen noch viel Merkwürdigeres
+zeigen.«
+
+»Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein,« meinte Herr von Tucher ein
+bißchen ironisch.
+
+»Hexerei? Nein. Aber wie sagt Hamlet: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel
+und Erde –«
+
+»Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt?«
+unterbrach Herr von Tucher noch immer mit Ironie. »Ich für meinen Teil
+schlage mich zu den Skeptikern. Wir werden ja sehen.«
+
+»Wir werden sehen,« wiederholte Daumer fröhlich.
+
+Nach oftmaligem kurzem Rasten ward am Rand einer Wiese Halt gemacht, und
+alle ließen sich im Gras nieder. Caspar schlief sogleich ein; Anna
+breitete ein Tuch über sein Gesicht und packte sodann einige
+mitgebrachte Eßwaren aus einem Körbchen. Schweigend begannen alle vier
+zu essen. Ein natürliches Schweigen war es nicht: der lieblich
+vergehende Tag, das sommerliche Blühen forderten eher zu heiteren
+Gesprächen auf, aber um den Schläfer lag ein eigner Bann, jeder spürte
+die Gegenwart des Jünglings jetzt stärker als vorher, und es hatte bei
+einigen gleichgültigen Redensarten sein Bewenden, die leiser klangen als
+selbst die Atemzüge des Schlummernden. Weit und breit war kein Mensch zu
+sehen, da man absichtlich einen selten begangenen Weg gewählt hatte.
+
+Die Sonne war am Sinken, als Caspar erwachte und, sich aufrichtend, die
+Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschämt anblickte. »Sieh nur
+hinüber, Caspar, sieh den roten Feuerball,« sagte Daumer; »hast du die
+Sonne schon einmal so groß gesehen?«
+
+Caspar schaute hin. Es war ein schöner Anblick: die purpurne Scheibe
+rollte herab, als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels; ein Meer
+von Scharlachglut strömte ihr nach, die Lüfte waren entzündet, blutiges
+Geäder bezeichnete einen Wald und rosige Schatten bauschten langsam über
+die Ebene. Nur noch wenige Minuten, und schon zuckte die Dämmerung durch
+den sanften Karmin des Nebels, in den die Ferne getaucht war, einen
+Augenblick lang bebte das Gelände, und grünkristallene Strahlenbündel
+schossen über den Westen, der versunkenen Sonne nach.
+
+Ein geisterhaftes Lächeln glitt über die Züge der beiden Männer und der
+zwei Frauen, als sie Caspar mit einer Gebärde stummer Angst
+hinübergreifen sahen gegen den Horizont. Daumer näherte sich ihm und
+ergriff seine Hand, die eiskalt geworden war. Caspars Gesicht wandte
+sich erzitternd ihm zu, voller Fragen, voller Furcht, und endlich
+bewegten sich die Lippen und er murmelte schüchtern: »Wo geht sie hin,
+die Sonne? Geht sie ganz fort?«
+
+Daumer vermochte nicht gleich zu antworten. So mag Adam vor seiner
+ersten Nacht im Paradies gezittert haben, dachte er, und es geschah
+nicht ohne Schauder, nicht ohne seltsame Ungewißheit, daß er den
+Jüngling tröstete, ihn der Wiederkunft der Sonne versicherte.
+
+»Ist dort Gott?« fragte Caspar hauchend, »ist die Sonne Gott?«
+
+Daumer deutete mit dem Arm weit ringsum und erwiderte: »Alles ist Gott.«
+
+Indessen mochte ein solches Diktum pantheistischer Philosophie für die
+Auffassungsgabe des Jünglings ein wenig zu verwickelt sein. Er
+schüttelte ungläubig den Kopf, dann sagte er mit dem Ausdruck
+dumpf-abgöttischer Verehrung: »Caspar liebt die Sonne.«
+
+Auf dem Heimweg war er ganz stumm; auch die übrigen, selbst die immer
+wohlgelaunte Anna, waren in einer wunderlich gedrückten Stimmung, als
+wären sie nie zuvor durch einen spätsommerlichen Abend gewandert, oder
+als fühlten sie den Auftritt voraus, der ihnen das Beisammensein dieser
+Stunden unvergeßlich machen sollte.
+
+Kurz vor dem Stadttor nämlich blieb Anna stehen und deutete mit einem
+Zuruf an alle in das herrlich gestirnte Firmament. Auch Caspar blickte
+hinauf, er erstaunte maßlos. Kleine, jähe, wirre Laute eines
+leidenschaftlichen Entzückens kamen aus seinem Mund. »Sterne, Sterne,«
+stammelte er, das gehörte Wort von Annas Lippen raubend. Er preßte die
+Hände gegen die Brust, und ein unbeschreiblich seliges Lächeln
+verschönte seine Züge. Er konnte sich nicht sattsehen; immer wieder
+kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurück, und aus seinen seufzerartig
+abgebrochenen Worten war vernehmbar, daß er die Sterngruppen und die
+ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte. Er fragte mit einem Ton des
+Außersichseins, wer die vielen schönen Lichter da hinaufbringe, anzünde
+und wieder verlösche.
+
+Daumer antwortete ihm, daß sie beständig leuchteten, jedoch nicht immer
+gesehen würden; da fragte er, wer sie zuerst hinaufgesetzt, daß sie
+immerfort brennten.
+
+Plötzlich fiel er in tiefe Grübelei. Er blieb eine Weile mit gesenktem
+Kopf stehen und sah und hörte nichts. Als er wieder zu sich kam, hatte
+sich seine Freude in Schwermut verwandelt, er ließ sich auf den Rasen
+nieder und brach in langes, nicht zu stillendes Weinen aus.
+
+Es war weit über neun Uhr, als sie endlich nach Haus gelangten. Während
+Caspar mit den Frauen hinaufging, nahm Herr von Tucher am Gartentor von
+Daumer Abschied. »Was mag in ihm vorgegangen sein?« meinte er. Und da
+Daumer schwieg, fuhr er sinnend fort: »Vielleicht spürt er schon die
+Unwiederbringlichkeit der Jahre; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit
+schon ihre wahre Gestalt.«
+
+»Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz, das beglänzte Gewölbe zu
+schauen,« antwortete Daumer; »nie zuvor hat er den Blick zum nächtlichen
+Himmel erheben können. Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz,
+und von ihrer sogenannten Güte hat er wenig erfahren.«
+
+Eine Zeitlang schwiegen sie, dann sagte Daumer: »Ich habe für morgen
+nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten. Es handelt sich
+um eine Reihe von höchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen,
+die ich an Caspar gemacht habe. Ich würde mich freuen, wenn Sie dabei
+sein wollten.«
+
+Herr von Tucher versprach zu kommen. Zu seiner Verwunderung ward er, als
+er am andern Tag etwas verspätet erschien, in eine vollständig
+verfinsterte Kammer geführt. Die Produktion hatte schon begonnen. Von
+irgendeinem Winkel her vernahm man Caspars eintönige Stimme lesend. »Es
+ist eine Seite aus der Bibel, die der Herr Stadtbibliothekar
+aufgeschlagen hat,« flüsterte Daumer Herrn von Tucher zu. Die Dunkelheit
+war so groß, daß die Zuhörer einander nicht gewahren konnten, trotzdem
+las Caspar unbeirrt, als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes
+seien.
+
+Man war erstaunt. Man wurde es noch mehr, als Caspar in der gleichen
+Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstände unterscheiden konnte,
+die bald der eine, bald der andre von den Anwesenden – um jeden Verdacht
+einer Verabredung oder Vorbereitung auszuschließen – ihm auf eine
+Entfernung von fünf oder sechs Schritten vorhielt.
+
+»Ich will jetzt die Weinprobe machen,« sagte Daumer und öffnete die
+Läden. Caspar preßte die Hände vor die Augen und brauchte lange Zeit,
+bis er das Licht ertragen konnte. Jemand brachte Wein im
+undurchsichtigen Glas, und Caspar roch es nicht nur sogleich, sondern es
+zeigten sich auch die Merkmale einer leichten Trunkenheit: seine Blicke
+flimmerten, sein Mund verzog sich schief. Konnte das mit rechten Dingen
+zugehen? War solche Empfindlichkeit denkbar oder möglich? Man
+wiederholte den Versuch zweimal, dreimal, und siehe, die Wirkung
+verstärkte sich. Beim viertenmal wurde draußen Wasser ins Glas gegossen,
+und nun sagte Caspar, er spüre nichts.
+
+Doch viel wunderbarer war zu beobachten, wie er sich gegen Metalle
+verhielt. Ein Herr versteckte, während Caspar das Zimmer verlassen
+hatte, ein Stück Kupferblech. Caspar ward hereingerufen, und alle
+verfolgten mit Spannung, wie er zu dem Versteck förmlich hingezogen
+wurde; es sah aus, wie wenn ein Hund ein Stück Fleisch erschnuppert. Er
+fand es, man klatschte Beifall, man achtete nicht darauf, daß er blaß
+war und mit kühlem Schweiß bedeckt. Nur Herr von Tucher bemerkte es und
+mißbilligte das Treiben.
+
+Es hatte natürlich nicht bei diesem einen Mal sein Bewenden. Die Sache
+redete sich schnell herum, und das Haus wurde zum Museum. Alles, was
+Namen und Ansehen in der Stadt hatte, lief herzu, und Caspar mußte immer
+bereit sein, immer tun, was man von ihm haben wollte. Wenn er müde war,
+durfte er schlafen, aber wenn er schlief, untersuchten sie die
+Festigkeit seines Schlafes, und Daumer schwamm in Glück, wenn der Herr
+Medizinalrat Rehbein behauptete, eine derartige Versteinerung des
+Schlummers habe er nie für möglich gehalten.
+
+Selbst gewisse krankhafte Zustände seines Körpers gaben Daumer Anlaß
+zur Vorführung oder wenigstens zum Studium. Er suchte durch hypnotische
+Berührungen und mesmeristische Streichungen Einfluß zu nehmen, denn er
+war ein glühender Verfechter jener damals nagelneuen Theorien, die mit
+der Seele des Menschen hantierten wie ein Alchimist mit dem
+wohlbekannten Inhalt einer Retorte. Oder wenn auch dies nichts half,
+wandte er Heilmittel von einer besonderen Kategorie an, erprobte die
+Wirkungen von Arnika und Akonitum und Nux vomica; immer beflissen, immer
+erfüllt von einer Mission, immer mit dem Notizenzettel in der Hand,
+immer in rührender Obsorge.
+
+Was für seriöse Spiele! Welch ein Eifer, zu beweisen, zu deuten, das
+Sonnenklare dunkel zu machen, das Einfache zu verwirren! Das Publikum
+gab sich redliche Mühe im Glauben, nach allen Windrichtungen wurden die
+anscheinenden Zaubereien ausposaunt – nicht zum Vorteil unsers Caspar,
+keineswegs zu seinem Heil, wie sich bald herausstellen sollte –, aber
+leider gibt es überall verwerfliche Kreaturen, die noch zweifeln würden
+und wenn man ihnen die Skepsis überm Essenfeuer ausräuchern würde.
+Vielleicht wollten sie jedesmal etwas Neues vorgesetzt bekommen,
+schraubten ihre Erwartungen zu hoch und fanden, daß der Wundermann nur
+in seinen eingelernten Paradestückchen exzellierte, in denen er
+allerdings, so drückten sie sich aus, etwas von der Fertigkeit eines
+dressierten Äffchens an den Tag legte.
+
+Mit einem Wort, das Programm wurde ein wenig einförmig, höchstens
+Neulinge konnten ihm noch Geschmack abgewinnen. Die andern erblickten in
+Daumer etwas wie einen Zirkusdirektor oder einen Literaten, der seine
+Freunde mit der beständig wiederholten Vorlesung eines mittelmäßigen
+Poems langweilt, während über Caspar sich zu amüsieren sie immerhin noch
+genug Gelegenheit fanden.
+
+Oder war es nicht amüsant, wenn er zum Beispiel einen hohen Offizier
+tadelte, daß sein Rockkragen bestäubt war, wenn er mit dem Finger das
+Haupt eines ehrwürdigen Kammerdirektors berührte und mitleidig-verwundert
+sagte: »Weiße Haare, weiße Haare?« Wenn er während der Anwesenheit einer
+vornehmen Standesperson nur darauf achtete, wie diese den Stock zwischen
+den Fingern baumeln ließ und es auch so machen wollte, wenn er seinen
+Ekel gegen den schwarzen Bart des Magistratsrats Behold äußerte oder
+sich weigerte, einer Dame die Hand zu küssen, indem er sagte, man müsse
+ja nicht hineinbeißen?
+
+Durch solche kleine Zwischenfälle hielten sie sich für belohnt. Wenn man
+lachen konnte, war alles gut. Hingegen Daumer ärgerte sich darüber und
+suchte ihm die Pflichten der Höflichkeit begreiflich zu machen. »Du
+vergißt stets, die Ankömmlinge zu begrüßen,« sagte Daumer. In der Tat
+blickte Caspar, in ein Buch oder Spiel versenkt, erst empor, wenn man
+ihn anrief, bisweilen, wenn er ein bekanntes oder liebgewordenes Gesicht
+sah, mit einem berückend schelmischen Lächeln, und fing dann ohne
+Einleitung an zu fragen und zu plaudern. Mochten noch so wichtige
+Personen zugegen sein, er verließ nie seinen Platz, ohne alle Dinge, mit
+denen er beschäftigt gewesen, sorgfältig in Ordnung zu bringen und mit
+einem kleinen Besen den Tisch von Papierschnitzeln oder Brotkrumen zu
+reinigen. Man mußte warten, bis er fertig war.
+
+Er war ohne Schüchternheit. Alle Menschen schienen ihm gut, fast alle
+hielt er für schön. Er fand es selbstverständlich, wenn sich irgendein
+Herr vor ihn hinstellte und ihm aus einem bereitgehaltenen Zettel endlos
+viele Namen oder endlos viele Zahlen vorlas. Sein Gedächtnis ließ ihn
+nicht im Stich, er konnte in der gleichen Reihenfolge Namen für Namen,
+Zahl für Zahl, und waren es hundert, wiederholen. Am Erstaunen der Leute
+merkte er wohl, daß er Staunenswertes geleistet, aber kein Schimmer von
+Eitelkeit zog über sein Gesicht, nur ein wenig traurig wurde es, wenn
+immer dasselbe kam, wenn sie nie zufrieden schienen.
+
+Er konnte es nicht verstehen, daß ihnen wunderbar war, was ihm so
+natürlich war. Aber was ihm wunderbar war, darum kümmerte sich keiner.
+Er vermochte es nicht zu sagen, es wurzelte im verborgensten Gefühl. Es
+war eine kaum gespürte Frage, am Morgen, beim Erwachen etwa, ein
+hastiges, stummes, verzweifeltes Suchen, wofür es keine Bezeichnung gab.
+Es lag weit zurück; es war mit ihm verknüpft und er besaß es doch nicht.
+Es war etwas mit ihm vorgegangen, irgendwo, irgendwann, und er wußte es
+nicht. Er tastete an sich herum, er fand sich selber kaum. Er sagte
+›Caspar‹ zu sich selbst, aber das dort in der Ferne hörte nicht auf
+diesen Namen. So band sich die Erwartung an ein Äußeres; wenn die Uhr im
+andern Zimmer tönte, welch sonderbare Erwartung von Schlag zu Schlag!
+Als ob eine Mauer sich auflösen, zu Luft vergehen müßte. Die eben
+vergangene Nacht war voll ungreifbarer Vorgänge gewesen. Hatte es am
+Fenster gepocht? Nein. War jemand dagewesen, hatte gesprochen, gerufen,
+gedroht? Nein. Es war etwas geschehen, doch Caspar hatte nichts damit
+zu tun.
+
+Unergründliche Sorge. Man mußte lernen, vielleicht wurde es dann klar.
+Lernen, wie alles bestand, lernen, was in der Nacht verborgen war, wenn
+man nicht lebte und dennoch spürte, das Unbekannte lernen, erhaschen,
+was so fern, wissen, was so dunkel war, die Menschen fragen lernen. Sein
+Eifer bei den Büchern wurde glühend. Er begann Ungeduld zu zeigen, wenn
+er von den fremden Besuchern sich immer wieder empfindlich gestört fand,
+denn jetzt kamen die Leute schon von auswärts, weil allenthalben im Land
+über Caspar Hauser geredet und geschrieben wurde. Auch Daumer konnte
+sich der Ansprüche, die an ihn gestellt wurden, kaum erwehren. Er war
+oft mißgelaunt und matt, und es gab Stunden, wo er bereute, Caspar der
+Welt preisgegeben zu haben.
+
+Es gab Stunden, wo er, allein mit dem Jüngling, sich seiner besseren
+Würde erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen, Seeleneigenen sich
+tiefer anschloß, als der anfängliche Zweck gewollt. Es gab eine Stunde,
+wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten,
+auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre
+Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Füßen, ein Schmetterling
+ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm
+ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick,
+und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten?
+Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden?
+
+Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten großer Lärm. Ein bissiger
+Hund hatte seine Kette zerrissen und raste, Schaum vor dem Maul, in
+wilden Sprüngen umher, überrannte ein Kind, schlug einem Knecht, der ihn
+verfolgte, die Zähne ins Fleisch und stürzte gegen den Zaun des
+Daumerschen Gartens. Eine Latte krachte unter dem Anprall, das Tier
+schlüpfte herüber und richtete die blutunterlaufenen Augen wild auf die
+kleine Gesellschaft, die unter der Linde saß: Daumer selbst, dessen
+Mutter, der Bürgermeister Binder und Caspar. Alle standen ängstlich auf,
+Binder erhob den Stock, das Tier machte einige Sätze, blieb aber auf
+einmal stehen, schnupperte, trabte auf Caspar zu, der bleich und stille
+saß, wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhängende Hand des
+Jünglings. Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an, voll
+Ergebenheit fast, eine Zärtlichkeit erwartend, und es war, als erbitte
+es Verzeihung. Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch
+Caspar im Auge; ihn jammerte der Hund, er wußte nicht warum.
+
+Man erzählte sich, daß Daumer nach diesem Auftritt geweint habe.
+
+Zwei Tage später, an einem regnerischen Oktoberabend, war es, daß sich
+Daumer mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand. Anna war zu
+einer Unterhaltung in die Reunion gegangen, die alte Dame saß strickend
+im Lehnstuhl am offenen Fenster, denn trotz der vorgerückten Jahreszeit
+war die Luft warm und voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen.
+Da wurde an die Türe geklopft, und der Glasermeister brachte einen
+großen Wandspiegel, den die Magd in der vergangenen Woche zerbrochen
+hatte. Frau Daumer hieß ihn den Spiegel gegen die Mauer lehnen, das tat
+der Mann und entfernte sich wieder.
+
+Kaum war er draußen, so fragte Daumer verwundert, warum sie den Spiegel
+nicht gleich an seinen Platz habe hängen lassen, man hätte dann doch die
+Arbeit für morgen erspart. Die alte Dame erwiderte mit verlegenem
+Lächeln, am Abend dürfe man keinen Spiegel aufhängen, das bedeute
+Unheil. Daumer besaß nicht genug Humor für derlei halbernste Grillen; er
+machte der Mutter Vorwürfe wegen ihres Aberglaubens, sie widersprach,
+und da geriet er in Zorn, das heißt er sprach mit seiner sanftesten
+Stimme zwischen die geschlossenen Zähne hindurch.
+
+Caspar, der es nicht sehen konnte, wenn Daumers Gesicht unfreundlich
+wurde, legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher
+Schmeichelei zu begütigen. Daumer schlug die Augen nieder, schwieg eine
+Weile und sagte dann, völlig beschämt: »Geh hin zur Mutter, Caspar, und
+sag ihr, daß ich im Unrecht bin.«
+
+Caspar nickte; ohne recht zu überlegen, trat er vor die Frau hin und
+sagte: »Ich bin im Unrecht.«
+
+Da lachte Daumer. »Nicht du, Caspar! Ich!« rief er und deutete auf seine
+Brust. »Wenn Caspar im Unrecht ist, darf er sagen: ich. Ich sage zu dir:
+du, aber du sagst doch zu dir: ich. Verstanden?«
+
+Caspars Augen wurden groß und nachdenklich. Das Wörtchen Ich durchrann
+ihn plötzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank. Es nahten sich ihm
+viele Hunderte von Gestalten, es nahte sich eine ganze Stadt voll
+Menschen, Männer, Frauen und Kinder, es nahten sich die Tiere auf dem
+Boden, die Vögel in der Luft, die Blumen, die Wolken, die Steine, ja die
+Sonne selbst, und alle miteinander sagten zu ihm: Du. Er aber
+antwortete mit zaghafter Stimme: Ich.
+
+Er faßte sich mit flachen Händen an die Brust und ließ die Hände
+heruntergleiten bis über die Hüften: sein Leib, eine Wand zwischen Innen
+und Außen, eine Mauer zwischen Ich und Du!
+
+In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel, dem gegenüber er stand,
+sein eignes Bild empor. Ei, dachte er ein wenig bestürzt, wer ist das?
+
+Natürlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen, aber sein von den
+vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war
+mitvorbeigegangen, ohne zu weilen, ohne zu denken, und er hatte sich
+daran gewöhnt wie an den Schatten auf der Erde. Ein Ungefähr, das ihn
+nicht hemmte, konnte nicht zum Erlebnis werden.
+
+Jetzt war sein Auge reif für diese Vision. Er sah hin. »Caspar,«
+lispelte er. Das Drinnen antwortete: Ich. Da waren Caspars Mund und
+Wangen und die braunen Haare, die über Stirn und Ohren gekräuselt waren.
+Nähertretend, schaute er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den
+Spiegel gegen die Mauer; dort war nichts. Dann stellte er sich wieder
+davor, und nun schien ihm, als ob hinter seinem Bild im Spiegel sich das
+Licht zerteile und als ob ein langer, langer Pfad nach rückwärts lief,
+und dort, in der weiten Ferne stand noch ein Caspar, noch ein Ich, das
+hatte zugeschlossene Augen und sah aus, als wisse es etwas, was der
+Caspar hier im Zimmer nicht wußte.
+
+Daumer, gewohnt, das Betragen des Jünglings zu beobachten, lauerte
+gespannt herüber. Da – ein seltsames Geräusch; es surrte etwas in der
+Luft und fiel neben dem Tisch zu Boden. Es war ein Stück Papier, das von
+draußen hereingeflogen war. Frau Daumer hob es auf; es war wie ein
+Brief zusammengefaltet. Unschlüssig drehte sie es zwischen den Fingern
+und reichte es dem Sohn.
+
+Der riß es auf und las folgende, mit großer Schrift geschriebene Worte:
+»Es wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der
+Fremde.«
+
+Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit; ein Frösteln lief über ihre
+Schultern. Daumer jedoch, indes er schweigend auf den Zettel starrte,
+hatte das Gefühl, als sei vor seinen Füßen ein Schwert, die Spitze nach
+oben, aus der Erde gewachsen.
+
+Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen. Er verließ
+den Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden
+vorüber zum Fenster. Dort stand er besinnend, beugte sich besinnend vor,
+immer weiter, völlig selbstvergessen, ganz vom Willen des Suchens
+erfüllt, bis die Brust auf dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht
+hinaus tauchte.
+
+
+
+
+Caspar träumt
+
+
+Am andern Morgen übergab Daumer das unheimliche Papier der
+Polizeibehörde. Es wurden Nachforschungen angestellt, die aber natürlich
+fruchtlos blieben. Der Vorfall wurde auch amtlich an das
+Appellationsgericht gemeldet, und nach einiger Zeit schrieb der
+Regierungsrat Hermann, der mit dem Baron Tucher befreundet war, an
+diesen einen Privatbrief, in welchem er unter anderm die Meinung
+vertrat, man solle nicht ablassen, den Hauser scharf zu bewachen und
+auszuforschen, denn es sei wohl möglich, daß er durch eine
+tiefeingepflanzte Furcht gezwungen sei, manches ihm bekannte Verhältnis
+zu verschweigen.
+
+Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor. Daumer
+konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. »Ich bin mir wohl
+bewußt, daß ein Mysterium, von Menschenhand gewoben, hinter allem dem
+liegt, was mit Caspar zusammenhängt,« sagte er mit leisem Widerwillen,
+»ganz abgesehen davon, daß mir auch der Präsident Feuerbach unlängst
+darüber geschrieben hat, und zwar in höchst eigentümlichen Wendungen,
+die auf etwas Besonderes schließen lassen. Aber was heißt das: ihn
+ausforschen, ihn bewachen? Hat man darin nicht schon das Äußerste
+versucht? Ärztliche Vorsicht und menschliches Gefühl befehlen mir jetzt
+ohnehin die äußerste Behutsamkeit gegen ihn. Ich wage es ja kaum, ihn
+von der einfachen Kost zu entwöhnen und ihn so zu ernähren, wie es durch
+die veränderte Lebenslage bedingt ist.«
+
+»Warum wagen Sie das nicht?« fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt.
+»Wir sind doch übereingekommen, ihn endlich zum Genuß von Fleisch oder
+wenigstens von andern gekochten Speisen zu bringen?«
+
+Daumer zögerte mit der Antwort. »Milchreis und warme Suppe verträgt er
+schon ganz gut,« sagte er dann, »aber zur Fleischkost will ich ihn nicht
+ermuntern.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich fürchte Kräfte zu zerstören, die vielleicht gerade an die Reinheit
+des Blutes gebunden sind.«
+
+»Kräfte zerstören? Was für Kräfte vermöchten ihn und uns für die
+Gesundheit des Leibes und die Frische seines Gemüts zu entschädigen?
+Wäre es nicht vielmehr ratsam, ihn von der Richtung des
+Außerordentlichen abzulenken, die ihm früher oder später verhängnisvoll
+werden muß? Ist es gut, einen andern Maßstab an ihn zu legen als es
+einer natürlichen Erziehung entspricht? Was wollen Sie überhaupt, was
+haben Sie mit ihm vor? Caspar ist ein Kind, das dürfen wir nicht
+vergessen.«
+
+»Er ist ein Mirakel,« entgegnete Daumer hastig und ergriffen; dann, in
+einem halb belehrenden, halb bitteren Ton, der für einen Weltmann wie
+Tucher verletzend klingen mußte, fuhr er fort: »Leider leben wir in
+einer Zeit, in der man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den
+plumpen Alltagsverstand beleidigt. Sonst müßte jeder an diesem Menschen
+sehen und spüren, daß wir rings von geheimnisvollen Mächten der Natur
+umgeben sind, in denen unser ganzes Wesen ruht.«
+
+Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang; sein Gesicht hatte den Ausdruck
+abwehrenden Stolzes, als er sagte: »Es ist besser, eine Wirklichkeit
+völlig zu ergreifen und ihr völlig genugzutun, als mit fruchtlosem
+Enthusiasmus im Nebel des Übersinnlichen zu irren.«
+
+»Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht, auf die ich mich
+berufen kann?« versetzte Daumer, dessen Stimme leiser und schmeichelnder
+wurde, je mehr das Gespräch ihn erhitzte. »Muß ich Sie an Einzelheiten
+erinnern? Sind nicht Luft, Erde und Wasser für diesen Menschen noch von
+Dämonen bevölkert, mit denen er in lebendiger Beziehung steht?«
+
+Baron Tuchers Gesicht wurde düster. »Ich sehe in allem dem nur die
+Folgen einer verderblichen Überreiztheit,« sagte er kurz und scharf.
+»Das sind die Quellen nicht, aus denen Leben geboren wird, in solchen
+Formen kann sich keine Brauchbarkeit bewähren!«
+
+Daumer duckte den Kopf, und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung,
+doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit: »Wer weiß, Baron.
+Die Quellen des Lebens sind unergründlich. Meine Hoffnungen wagen sich
+weit hinauf und ich erwarte Dinge von unserm Caspar, die Ihr Urteil
+sicherlich verändern werden. Aus diesem Stoff werden Genien gemacht.«
+
+»Man tut einem Menschen stets unrecht, wenn man Erwartungen an seine
+Zukunft knüpft,« sagte Herr von Tucher mit trübem Lächeln.
+
+»Mag sein, mag sein, ich aber halte mich an die Zukunft. Mich kümmert
+nicht, was hinter ihm liegt, und was ich von seiner Vergangenheit weiß,
+soll mir nur dienen, ihn davon zu lösen. Das ist ja das hoffnungsvoll
+Wunderbare: daß man hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat, die
+ungebundene, unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz
+Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten, noch
+nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge für das Walten
+der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender
+Jahrhunderte ist. Mag sein, daß ich mich täusche, dann aber würde ich
+mich in der Menschheit getäuscht haben und meine Ideale für Lügen
+erklären müssen.«
+
+»Der Himmel bewahre Sie davor,« antwortete Herr von Tucher und nahm
+eilig Abschied.
+
+Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht,
+daß Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst. Als Caspar am
+andern Morgen ziemlich unerfrischt zum Frühstück kam, fragte ihn Daumer,
+ob er schlecht geschlafen habe.
+
+»Schlecht geschlafen nicht,« erwiderte Caspar, »aber ich bin einmal
+aufgewacht und da war mir angst.«
+
+»Wovor hattest du denn Angst?« forschte Daumer.
+
+»Vor dem Finstern,« entgegnete Caspar, und bedächtig fügte er hinzu: »In
+der Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brüllt.«
+
+Den nächsten Morgen kam er halbangekleidet aus seinem Schlafgemach in
+das Zimmer Daumers und erzählte bestürzt, es sei ein Mann bei ihm
+gewesen. Zuerst erschrak Daumer, dann wurde ihm klar, daß Caspar
+geträumt habe. Er fragte, was für ein Mann es denn gewesen sei, und
+Caspar antwortete, es sei ein großer schöner Mann gewesen mit einem
+weißen Mantel. Ob der Mann mit ihm gesprochen? Caspar verneinte;
+gesprochen habe er nicht, er habe einen Kranz getragen, den habe er auf
+den Tisch gelegt, und als Caspar danach gegriffen, habe der Kranz zu
+leuchten angefangen.
+
+»Du hast geträumt,« sagte Daumer.
+
+Caspar wollte wissen, was das heiße. »Wenn auch dein Körper ruht,«
+erklärte Daumer, »so wacht doch deine Seele, und was du am Tag erlebt
+oder empfunden, daraus macht sie im Schlummer ein Bild. Dieses Bild
+nennt man Traum.«
+
+Nun verlangte Caspar zu wissen, was das sei, die Seele. Daumer sagte:
+»Die Seele gibt deinem Körper das Leben. Leib und Seele sind einander
+vermischt. Jedes von beiden ist, was es ist, aber sie sind so untrennbar
+gemischt wie Wasser und Wein, wenn man sie zusammengießt.«
+
+»Wie Wasser und Wein?« fragte Caspar mißbilligend. »Damit verderbt man
+aber das Wasser.«
+
+Daumer lachte und meinte, das sei nur ein Gleichnis gewesen. In der
+Folge nahm er wahr, daß es mit Caspars Träumen eigen beschaffen war.
+Sonst sind Träume an ein Zufälliges geknüpft, sagte er sich, spielen
+gesetzlos mit Ahnung, Wunsch und Furcht, bei ihm ähneln sie dem
+Herumtasten eines Menschen, der sich im finsteren Wald verirrt hat und
+den Weg sucht; da ist etwas nicht in Ordnung, ich muß der Sache auf den
+Grund gehen.
+
+Das Auffallende war, daß gewisse Bilder sich allmählich zu einem
+einzigen Traum sammelten, der von Nacht zu Nacht vollständiger und
+gestalthafter wurde und mit immer größerer Deutlichkeit regelmäßig
+wiederkehrte. Im Anfang konnte Caspar nur abgebrochen davon erzählen, so
+stückhaft wie die Bilder sich ihm zeigten, dann eines Tages, wie der
+Maler den Vorhang von einem vollendeten Gemälde zieht, vermochte er
+seinem Pflegeherrn eine ausführliche Beschreibung zu geben.
+
+Er hatte über seine Gewohnheit lange geschlafen, deshalb ging Daumer in
+sein Zimmer, und kaum war er ans Bett getreten, so schlug Caspar die
+Augen auf. Sein Gesicht glühte, der Blick ruhte noch im Innern, war aber
+voll und kräftig und der Mund war zu sprechen ungeduldig. Mit langsamer,
+ergriffener Stimme erzählte er.
+
+Er ist in einem großen Haus gewesen und hat geschlafen. Eine Frau ist
+gekommen und hat ihn aufgeweckt. Er bemerkt, daß das Bett so klein ist,
+daß er nicht begreift, wie er darin Platz gehabt. Die Frau kleidet ihn
+an und führt ihn in einen Saal, wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande
+hängen. Hinter gläsernen Wänden blitzen Silberschüsseln und auf einem
+weißen Tisch stehen feine kleine, zierlich bemalte Porzellantäßchen. Er
+will bleiben und schauen, die Frau zieht ihn weiter. Da ist ein Saal, wo
+viele Bücher sind, und von der Mitte der gebogenen Decke hängt ein
+ungeheurer Kronleuchter herab. Caspar will die Bücher betrachten, da
+verlöschen langsam die Flammen des Leuchters eine nach der andern und
+die Frau zieht ihn weiter. Sie führt ihn durch einen langen Flur und
+eine gewaltige Treppe hinab, sie schreiten im Innern des Hauses den
+Wandelgang entlang. Er sieht Bilder an den Wänden, Männer im Helm und
+Frauen mit goldenem Schmuck. Er schaut durch die Mauerbogen der Halle in
+den Hof, dort plätschert ein Springbrunnen; die Säule des Wassers ist
+unten silberweiß und oben von der Sonne rot. Sie kommen zu einer zweiten
+Treppe, deren Stufen wie goldene Wolken aufwärts steigen. Es steht ein
+eiserner Mann daneben, er hat ein Schwert in der Rechten, doch sein
+Gesicht ist schwarz, nein, er hat überhaupt kein Gesicht. Caspar
+fürchtet sich vor ihm, will nicht vorbeigehen, da beugt sich die Frau
+und flüstert ihm etwas ins Ohr. Er geht vorbei, er geht zu einer
+ungeheuern Tür und die Frau pocht an. Es wird nicht aufgemacht. Sie ruft
+und niemand hört. Sie will öffnen, die Tür ist zugeschlossen. Es
+scheint Caspar, daß sich etwas Wichtiges hinter der Tür ereignet, er
+selbst beginnt zu rufen, doch in diesem Augenblick erwacht er.
+
+Seltsam, dachte Daumer, da sind Dinge, die er nie zuvor gesehen haben
+kann, wie den gerüsteten Mann ohne Gesicht. Seltsam! Und sein
+Wortesuchen, seine hilflosen Umschreibungen bei solcher Klarheit des
+Geschauten. Seltsam.
+
+»Wer war die Frau?« fragte Caspar.
+
+»Es war eine Traumfrau,« entgegnete Daumer beschwichtigend.
+
+»Und die Bücher und der Springbrunnen und die Tür?« drängte Caspar.
+»Waren’s Traumbücher, war’s eine Traumtür? Warum ist sie nicht
+aufgemacht worden, die Traumtür?«
+
+Daumer seufzte und vergaß zu antworten. Was bekam da Gewalt über seinen
+Caspar, sein Seelenpräparat? Sehr an Welt und Stoff gebunden war dieser
+Traum.
+
+Caspar kleidete sich langsam an. Plötzlich erhob er den Kopf und fragte,
+ob alle Menschen eine Mutter hätten? Und als Daumer bejahte, ob alle
+Menschen einen Vater hätten. Auch dies mußte bejaht werden.
+
+»Wo ist _dein_ Vater?« fragte Caspar.
+
+»Gestorben,« antwortete Daumer.
+
+»Gestorben?« flüsterte Caspar nach. Ein Hauch des Schreckens lief über
+seine Züge. Er grübelte. Dann begann er wieder: »Aber wo ist _mein_
+Vater?«
+
+Daumer schwieg.
+
+»Ist es der, bei dem ich gewesen? Der Du?« drängte Caspar.
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete Daumer und fühlte sich ungeschickt und
+ohne Überlegenheit.
+
+»Warum nicht? Du weißt doch alles? Und hab’ ich auch eine Mutter?«
+
+»Sicherlich.«
+
+»Wo ist sie denn? Warum kommt sie nicht?«
+
+»Vielleicht ist sie gleichfalls gestorben.«
+
+»So? Können denn die Mütter auch sterben?«
+
+»Ach, Caspar!« rief Daumer schmerzlich.
+
+»Gestorben ist meine Mutter nicht,« sagte Caspar mit wunderlicher
+Entschiedenheit. Plötzlich flammte es über sein Gesicht und er sagte
+bewegt: »Vielleicht war meine Mutter hinter der Tür?«
+
+»Hinter welcher Tür, Caspar?«
+
+»Dort! im Traum ...«
+
+»Im Traum? Das ist doch nichts Wirkliches,« belehrte Daumer zaghaft.
+
+»Aber du hast doch gesagt, die Seele ist wirklich und macht den Traum –?
+Ja, sie war hinter der Tür, ich weiß es; das nächste Mal will ich sie
+aufmachen.«
+
+Daumer hoffte, das Traumwesen würde sich verlieren, doch dem war nicht
+so. Dieser eine Traum, Caspar nannte ihn den Traum vom großen Haus,
+wuchs immer weiter, umschlang und krönte sich mit allerlei Blüten- und
+Rankenwerk gleich einer zauberhaften Pflanze. Immer wieder schritt
+Caspar einen Weg entlang und immer wieder endete der Weg vor der hohen
+Türe, die nicht geöffnet wurde. Einmal zitterte die Erde von Tritten,
+die innen waren, die Türe schien sich zu bauschen wie ein Gewand, durch
+einen Spalt über der Schwelle brach Flammengeloder, da erwachte er, und
+die nicht zu vergessende Traumnot schlich durch die Stunden des Tages
+mit.
+
+Die Gestalten wechselten. Manchmal kam statt der Frau ein Mann und
+führte ihn durch die Bogenhalle. Und wie sie die Treppe hinaufgehen
+wollten, kam ein andrer Mann und reichte ihm mit strengem Blick etwas
+Gleißendes, das lang und schmal war und das, als Caspar es fassen
+wollte, in seiner Hand zerfloß wie Sonnenstrahlen. Er trat nahe an die
+Gestalt heran, auch sie ward zu Luft, doch sprach sie lautschallend ein
+Wort, welches Caspar nicht zu deuten verstand.
+
+Daran hingen sich wieder besondere kleine Träume, Träume von unbekannten
+Worten, die er im Wachen nie gehört und deren er, wenn der Traum vorüber
+war, vergebens habhaft zu werden suchte. Sie hatten meist einen sanften
+Klang, bezogen sich aber, so fühlte er, nie auf ihn selbst, sondern auf
+das, was hinter der verschlossenen Türe vor sich ging.
+
+Traumboten waren es, Vögeln des Meeres gleich, die in beständiger
+Wiederkehr Gegenstände eines halbversunkenen Schiffes an die ferne Küste
+tragen.
+
+In einer Nacht lag Daumer schlaflos und hörte in Caspars Zimmer ein
+dauerndes Geräusch. Er erhob sich, schlüpfte in den Schlafrock und ging
+hinüber. Caspar saß im Hemde am Tisch, hatte ein Blatt Papier vor sich,
+einen Bleistift in der Hand und schien geschrieben zu haben. Ein matter
+Mondschein schwamm im Zimmer. Verwundert fragte Daumer, was er treibe.
+Caspar richtete den bis zur Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und
+antwortete leise: »Ich war im großen Haus; die Frau hat mich bis zum
+Springbrunnen im Hof geführt. Sie hat mich zu einem Fenster
+hinaufschauen lassen; droben ist der Mann im Mantel gestanden, sehr
+schön anzuschauen, und hat etwas gesagt. Danach bin ich aufgewacht und
+hab’s geschrieben.«
+
+Daumer machte Licht, nahm das Blatt, las, warf es wieder hin, ergriff
+beide Hände Caspars und rief halb bestürzt, halb erzürnt: »Aber Caspar,
+das ist ja ganz unverständliches Zeug!«
+
+Caspar starrte auf das Papier, buchstabierte murmelnd und sagte: »Im
+Traum hab’ ich’s verstanden.«
+
+Unter den sinnlosen Zeichen, die wie aus einer selbsterdachten Sprache
+waren, stand am Ende das Wort: Dukatus. Caspar deutete auf das Wort und
+flüsterte: »Davon bin ich aufgewacht, weil es so schön geklungen hat.«
+
+Daumer fand sich verpflichtet, den Bürgermeister von den Beunruhigungen
+Caspars, wie er es nannte, in Kenntnis zu setzen. Was er befürchtet
+hatte, geschah. Herr Binder legte der Sache eine große Wichtigkeit bei.
+»Zunächst ist es geboten, dem Präsidenten Feuerbach einen möglichst
+ausführlichen Bericht zu geben, denn aus diesen Träumen können
+sicherlich ganz bestimmte Schlüsse gezogen werden,« sagte er. »Dann
+mache ich Ihnen den Vorschlag, mit Caspar einmal in die Burg
+hinaufzugehen.«
+
+»In die Burg? Warum das?«
+
+»Es ist so eine Idee von mir. Da er immer von einem Schlosse träumt,
+wird ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrütteln
+und uns bestimmtere Anhaltspunkte geben.«
+
+»Ja, glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Träume?«
+
+»Ganz unbedingt. Ich bin davon überzeugt, daß er bis zu seinem dritten
+oder vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung gelebt hat und daß
+mit dem neuen Erwachen zum Leben und zum Selbstbewußtsein die
+Erinnerungen an die frühere Existenz auf dem Weg der Träume Form und
+Inhalt gewinnen.«
+
+»Eine sehr naheliegende, sehr nüchterne Erklärung,« bemerkte Daumer
+gallig. »Also der Hintergrund dieses Schicksals wäre nichts weiter als
+eine gewöhnliche Räubergeschichte.«
+
+»Eine Räubergeschichte? Mir recht, wenn Sie es so nennen. Ich verstehe
+nicht, weshalb Sie sich dagegen wehren. Soll der Jüngling aus dem Mond
+heruntergefallen sein? Wollen Sie irdische Verhältnisse für ihn nicht
+gelten lassen?«
+
+»O gewiß, gewiß!« Daumer seufzte. Dann fuhr er fort: »Ich schmeichelte
+mir mit andern Hoffnungen. Das Grübeln und Verlangen nach rückwärts ist
+eben das, was ich Caspar ersparen wollte. Gerade das Freie,
+Freischwebende, Schicksallose war es ja, was mich so stark an ihm
+ergriffen hat. Außerordentliche Umstände haben diesen Menschen mit Gaben
+bedacht, wie kein andrer Sterblicher sich ihrer rühmen kann; und das
+soll nun alles verkümmern, abgelenkt werden in das Gleis von
+Erlebnissen, die ja an sich tragisch genug sein mögen, aber doch nichts
+Ungemeines an sich haben.«
+
+»Ich verstehe, Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstören,«
+versetzte der Bürgermeister mit etwas pedantischer Geringschätzung.
+»Aber wir haben größere Pflichten gegen den Mitmenschen als gegen das
+Unikum Caspar Hauser. Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein, lieber
+Professor. Es erscheinen heutzutage keine Engel mehr und wo Unrecht
+geschehen ist, muß Sühne sein.«
+
+Daumer zuckte die Achseln. »Glauben Sie denn, daß Sie damit etwas zum
+Heile Caspars tun?« fragte er mit einem Ton von Fanatismus, der dem
+Bürgermeister lächerlich erschien. »Nur Erdenschwere und Erdenschmutz
+heften Sie ihm an. Schon jetzt erhebt sich ja ein Gezänke um ihn, daß
+mir mein Anteil an seiner Sache verbittert wird. Es werden böse
+Geschichten zutage kommen.«
+
+»Das sollen sie; wenn sie nur zutage kommen,« erwiderte Binder lebhaft.
+»Im übrigen tue jeder, was seines Amtes.«
+
+Am nächsten Vormittag stellte sich der Bürgermeister in Daumers Wohnung
+ein und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf. Herr Binder läutete an
+der Pförtnerwohnung; der Pförtner kam mit einem großen Schlüsselbund und
+geleitete sie hinüber.
+
+Als sie vor dem mächtigen zweiflügeligen Tor standen, war es, als ob
+sich Caspars Gesicht plötzlich entschleiere. Er reckte sich auf, sein
+Oberleib bog sich nach vorn und er stammelte: »So eine Tür, genau so
+eine Tür.«
+
+»Was meinst du, Caspar, was schwebt dir vor?« fragte der Bürgermeister
+liebevoll.
+
+Caspar antwortete nicht. Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer
+Langsamkeit schritt er durch die Halle. Die beiden Männer ließen ihn
+vorangehen. Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann.
+Seine Erschütterung wuchs zusehends, als er die breite Steintreppe
+hinaufstieg. Oben blickte er sich seufzend um; sein Gesicht war bleich,
+die Schultern zuckten. Daumer hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn
+seiner Hingenommenheit entreißen, doch wie er zu sprechen begann, sah
+ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an, lispelte: »Dukatus,
+Dukatus« und lauschte dabei, als wolle er dem Wort einen heimlichen Sinn
+abhorchen.
+
+Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wänden, er
+schaute durch die Flucht der offenen Säle, er stand in der Galerie und
+schloß die Augen, und endlich, auf eine leise Frage des Bürgermeisters,
+wandte er sich um und sagte mit erstickter Stimme, es sei ihm so, als
+habe er einmal ein solches Haus gehabt, und er wisse nicht, was er davon
+denken solle.
+
+Der Bürgermeister sah Daumer schweigend an.
+
+Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in
+Gemeinschaft mit ihm den Bericht an den Präsidenten Feuerbach. Das
+ausführliche Schreiben wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben.
+
+Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch überhaupt ein
+Zeichen, daß der Präsident das Schriftstück erhalten habe. Der Brief
+mußte verloren gegangen oder gestohlen worden sein. Baron Tucher ließ
+unter der Hand und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen,
+und man erfuhr wirklich, daß dieser von nichts wisse. Unruhe und
+Bestürzung bemächtigte sich der drei Herren. »Sollte da ein unsichtbarer
+Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel, den man mir ins Fenster geworfen
+hat?« meinte Daumer ängstlich. Nachforschungen bei der Post hatten kein
+Ergebnis, und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefaßt und durch
+einen sicheren Boten dem Präsidenten persönlich eingehändigt.
+
+Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art, daß er die Sache im
+Auge behalten wolle und sich aus naheliegenden Gründen einer
+schriftlichen Meinungsäußerung enthalte. »Ich entnehme aus dem
+Gesundheitsattest des Amtsarztes, worin bei einem sonst befriedigenden
+Befund von Caspars bleicher Gesichtsfarbe die Rede ist, daß es dem
+jungen Menschen an regelmäßiger Bewegung in freier Luft fehlt,« schrieb
+er; »hier ist Abhilfe dringend nötig. Man lasse ihn reiten. Es ist mir
+der Stallmeister von Rumpler dortselbst empfohlen worden. Hauser soll
+dreimal wöchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen, die Kosten soll der
+Stadtkommissär auf Rechnung setzen.«
+
+Vielleicht waren es die Träume, die Caspar blaß machten. Fast jede Nacht
+befand er sich in dem großen Haus. Die gewölbten Hallen waren von
+silbernem Licht durchflutet. Er stand vor der geschlossenen Tür und
+wartete, wartete ...
+
+Endlich eines Nachts, die dämmernden Räume des großen Hauses dehnten
+sich schweigend und leer, tauchte vom untersten Gang her eine schwebende
+Gestalt auf. Caspar dachte zuerst, es sei der Mann im weißen Mantel;
+aber als die Gestalt näherkam, gewahrte er, daß es eine Frau war. Weiße
+Schleier umhüllten sie und flogen bei den Schultern durch den Hauch
+eines unhörbaren Windes empor. Caspar blieb wie festgewurzelt stehen;
+sein Herz tat ihm wehe, als hätte eine Faust danach gegriffen und es
+gepackt, denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen Ausdruck des
+Kummers, wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt. Je näher sie kam,
+je furchtbarer schnürte sein Herz sich zusammen; ernst schritt sie
+vorbei; ihre Lippen nannten seinen Namen, es war nicht der Name Caspar,
+und doch wußte er, daß es sein Name war oder daß ihm allein der Name
+galt. Sie hörte nicht auf, denselben Namen zu nennen, und als sie schon
+wieder in weiter Ferne war und die Schleier wie weiße Flügel um ihre
+Schultern flatterten, hörte er immer noch den Namen; da wußte er, daß
+die Frau seine Mutter war.
+
+Er wachte auf, in Tränen gebadet; und als Daumer kam, stürzte er ihm
+entgegen und rief: »Ich hab’ sie gesehen, ich habe meine Mutter gesehen,
+sie war es, sie hat mit mir gesprochen!«
+
+Daumer setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sieh
+mal, Caspar,« sagte er nach einer Weile, »du darfst dich solchen
+Wahngebilden nicht gläubig hingeben. Es bedrückt mich aufrichtig und
+schon lange. Es ist, wie wenn jemand in einem Blumengarten lustwandeln
+darf und, statt freudigem Genuß sich zu überlassen, die Wurzeln ausgräbt
+und die Erde durchhöhlt. Versteh mich wohl, Caspar; ich will nicht, daß
+du auf das Recht verzichtest, alles zu erfahren, was auf deine
+Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen, das an dir verübt wurde.
+Aber bedenke doch, daß Männer von reicher Erfahrung, wie der Herr
+Präsident und Herr Binder, dafür am Werke sind. Du, Caspar, solltest
+vorwärts schauen, dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit; im Lichte
+ruht dein Dasein, dort ist das Glück. Jeder Mensch von Vernunft kann,
+was er will; tu mir die Liebe und wende dich ab von den Träumen. Nicht
+umsonst heißt es ja: Träume sind Schäume.«
+
+Caspar war bestürzt. Der Gedanke, daß in seinen Träumen keine Wahrheit
+sein solle, wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten, aber zum erstenmal
+war die eigne Gewißheit von einer Sache fester als die Meinung seines
+Lehrers. Das zu empfinden, bereitete ihm keine Genugtuung, sondern
+Bedauern.
+
+
+
+
+Religion, Homöopathie, Besuch von allen Seiten
+
+
+So war es Dezember geworden und eines Morgens fiel der erste Schnee des
+verspäteten Winters.
+
+Caspar wurde nicht müde, dem lautlosen Herabgleiten der Flocken
+zuzuschauen; er hielt sie für kleine beflügelte Tierchen, bis er die
+Hand zum Fenster hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen.
+Garten und Straße, Dächer und Simse glitzerten, und durch das
+Flockengewühl kroch lichter Nebeldampf wie Hauch aus einem atmenden
+Mund.
+
+»Was sagst du dazu, Caspar?« rief Frau Daumer. »Erinnerst du dich, daß
+du mir nicht glauben wolltest, als ich dir einmal vom Winter erzählte?
+Siehst du, wie alles weiß ist?«
+
+Caspar nickte, ohne einen Blick von draußen zu wenden. »Weiß ist alt,«
+murmelte er, »weiß ist alt und kalt.«
+
+»Um elf Uhr hast du Reitstunde, Caspar, vergiß es nicht,« mahnte Daumer,
+der in seine Schule ging.
+
+Eine überflüssige Sorge; das vergaß Caspar nicht, allzulieb war ihm
+schon das Reiten geworden seit der kurzen Zeit, wo er damit begonnen.
+
+Er liebte Pferde, war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut. Es kam
+vor, daß abendliche Schatten als schwarze Rosse vorüberstürmten, erst
+am feurigen Rand des Himmels Halt machten und ihn mit zurückschauendem
+Blick aufforderten, sie in die unbekannte Ferne zu geleiten. Auch im
+Wind sausten Rosse, auch die Wolken waren Rosse, in den Rhythmen der
+Musik hörte er das taktbemessene Traben ihrer Hufe, und wenn er in
+glücklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes dachte, sah er
+zuerst das Bild eines stolzen Rosses.
+
+Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandtheit gezeigt, die
+das größte Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte. »Wie der Bursche
+sitzt, wie er den Zügel hält, wie er das Tier versteht, das muß man sich
+anschauen,« sagte Herr von Rumpler; »ich will hundert Jahre in der Hölle
+braten, wenn das mit rechten Dingen zugeht.« Und alle, die etwas von der
+Sache verstanden, redeten ähnlich.
+
+Ei, wie selig war Caspar beim Trab und Galopp! Dies Ziehen und Fliehen,
+dies leichte Getragensein, hinaus und vorwärts, dies sanfte Auf und Ab,
+das Lebendigsein auf Lebendigem!
+
+Wenn nur nicht die Leute so lästig gewesen wären. Beim ersten Ausritt
+mit dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pöbelhaufen verfolgt
+und selbst gesetzte Bürger blieben stehen und lachten erbittert vor sich
+hin. »Der versteht’s,« höhnten sie, »der hat sich ein Bett gemacht, so
+muß man’s anfangen, damit einem warm wird.«
+
+Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen. Der Himmel hatte sich
+geklärt und die Sonne schien, als sie durch die Engelhardtsgasse ritten.
+Eine Rotte von Knaben zog hinter ihnen drein und rechts und links
+wurden die Fenster aufgerissen. Der Stallmeister gab seinem Tier die
+Sporen und trieb Caspars Pferd mit der Peitsche an. »Man kommt sich ja,
+parbleu, wie ein Zirkusreiter vor,« rief er zornig.
+
+Sie sprengten bis zum Jakobstor. »He! Holla!« rief da eine Stimme, und
+aus einer Seitengasse kam, ebenfalls zu Pferde, Herr von Wessenig auf
+sie zu. Rumpler begrüßte den Offizier und der Rittmeister gesellte sich
+an Caspars Seite.
+
+»Prächtig, lieber Hauser, prächtig!« rief er mit übertriebener
+Verwunderung, »wir reiten ja wie ein Indianerhäuptling. Und das alles
+hat man erst bei den braven Nürnbergern gelernt? Nicht zu glauben.«
+
+Caspar hörte nicht den verfänglichen Unterton der Rede; er blickte den
+Rittmeister dankbar und geschmeichelt an.
+
+»Aber denk dir, Hauser, was ich heute bekommen habe,« fuhr der
+Rittmeister fort, den es juckte, mit Caspar einen Spaß zu haben. »Ich
+hab’ etwas bekommen, was dich höchlichst angeht.«
+
+Caspar machte ein fragendes Gesicht. Vielleicht war es der edel-ruhige
+Ausdruck seiner Züge, der den Rittmeister zögern ließ. »Ja, ich hab’
+etwas bekommen,« wiederholte er dann eigensinnig, »ein Brieflein hab’
+ich bekommen.« Er hatte den einfältigen Ton, den die Erwachsenen
+annehmen, wenn sie mit Kindern scherzen, und der lauernde Blick in
+seinen Augen besagte etwa: wollen mal sehen, ob er Angst kriegt.
+
+»Ein Brieflein?« entgegnete Caspar, »was steht denn drinnen?«
+
+»Ja,« rief der Rittmeister und lachte knallend, »das möchtest du wohl
+wissen? Wichtige Sachen stehen drin, wichtige Sachen!«
+
+»Von wem ist es denn?« fragte Caspar, dem das Herz erwartungsvoll zu
+pochen anfing.
+
+Herr von Wessenig zeigte seine Zähne und stellte sich vor Vergnügen in
+die Steigbügel. »Nun rate mal,« sagte er, »wir wollen mal sehen, ob du
+raten kannst. Von wem kann das Brieflein sein?« Er zwinkerte Herrn von
+Rumpler verständnisinnig zu, indes Caspar den Kopf senkte.
+
+Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne und eine Hoffnung
+liebkoste ihn, die den kargen Tag verleugnete. Aus ihren Schleiern erhob
+sich die kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen
+dahin. Jäh blickte er empor und sagte mit zögernden Lippen: »Ist
+vielleicht von meiner Mutter der Brief?«
+
+Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn, als ob es ihm bedenklich
+schiene, den Schabernack zu weit zu treiben, doch entäußerte er sich
+schnell der ernsten Regung, klopfte Caspar auf die Schulter und rief:
+»Erraten, Teufelskerl! Erraten! Mehr sag’ ich aber nicht, Freundchen,
+sonst könnt’ es mir übel bekommen.« Und mit dem letzten Wort setzte er
+sich fester in den Sattel und sprengte davon.
+
+Eine Viertelstunde später kam Caspar atemlos nach Hause. Daumers saßen
+schon bei Tisch, sie schauten dem Ankömmling gespannt entgegen und Anna
+erhob sich unwillkürlich, als Caspar mit schweißbedeckter Stirne neben
+den Sessel ihres Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte:
+»Der Herr Rittmeister hat einen Brief bekommen von meiner Mutter!«
+
+Daumer schüttelte erstaunt den Kopf. Er versuchte Caspar begreiflich zu
+machen, daß ein Mißverständnis oder eine Täuschung obwalten müsse;
+Mutter und Schwester unterstützten ihn darin nach Kräften. Es war
+umsonst. Caspar faltete flehentlich die Hände und bat, Daumer möge mit
+ihm zu Herrn von Wessenig gehen. Dessen weigerte sich Daumer
+entschieden, doch als Caspars Aufregung wuchs, erklärte er sich bereit,
+allein zu Herrn von Wessenig zu gehen. Er aß schnell seinen Teller leer,
+nahm Hut und Mantel und ging.
+
+Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach. Er wollte sich nicht zu Tisch
+begeben, ehe Daumer wieder da war. Er zerknüllte das Taschentuch in der
+Hand, rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte: Wenn ich dich
+liebhaben soll, Sonne, mach, daß es wahr ist. So wurde es ein Uhr und
+Daumer kam zurück. Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine
+heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt. Herr von Wessenig hatte die
+Sache zuerst humoristisch genommen, damit lief er aber bei Daumer übel
+ab, dem ohnehin das hämische Gerede, das ihm täglich zugetragen wurde,
+Verdruß genug erregte. Erst gestern hatte man ihm erzählt, auf einer
+Assemblee bei der Magistratsrätin Behold habe sich ein angesehener
+Aristokrat über ihn lustig gemacht als über den Meister somnambuler und
+magnetischer Geheimkunst, der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel
+unter die Füße breite, aber statt in den Äther zu entschweben, wie
+jedermann erwarte, bleibe der gute Caspar gemächlich sitzen und lasse
+sich ausfüttern.
+
+Solches nagte an Daumer und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht
+gesagt, daß ihn das scheele Geschwätz der nichtstuenden eleganten Welt
+gleichgültig lasse. »Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf
+Verteidigung und Abwehr gefaßt gewesen, so weiß ich doch genau, daß das
+erstarrte Herz von Ihnen und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag
+gefühlvoller schlagen wird,« rief er aus. »Das aber kann ich fordern,
+daß man den Jüngling, der unter meinem Schutz und dem des Herrn
+Staatsrats steht, wenigstens mit böswilligen Scherzen verschont.«
+
+Sprach’s und ging. Einen Freund ließ er nicht zurück.
+
+Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drängen wahrnehmend, sagte er mit
+mühsamer Milde: »Er hat dich zum Narren gehabt, Caspar. Es ist natürlich
+kein Wort wahr. Solchen Leuten mußt du auch nicht glauben.«
+
+»O!« machte Caspar voll Schmerz. Dann war er still.
+
+Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte,
+entriß sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verändertem
+Ton: »Der Herr Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt?«
+
+»Nein, er hat gelogen,« versetzte Daumer kurz.
+
+»Das ist schlecht von ihm, sehr schlecht,« sagte Caspar.
+
+Erstaunlich schien ihm zunächst die Tatsache des Lügens, erstaunlicher
+noch, daß sich ein so großer Herr ihm gegenüber der Lüge schuldig
+gemacht. Warum hat er das mit dem Brief gesagt, grübelte er, und
+stundenlang war er damit beschäftigt, sich des Rittmeisters Worte immer
+wieder von neuem vorzusagen und sich das Gesicht zurückzurufen, in
+welchem, von ihm nicht gewußt, die Lüge wohnte.
+
+Es war da etwas nicht in Ordnung. Er sann und sann und kam zu keinem
+Ende. Um sich auf andre Gedanken zu bringen, schlug er die Rechenfibel
+auf und ging an sein Tagespensum. Als auch dies nichts half, nahm er die
+Glasharmonika, die ihm eine Dame aus Bamberg geschenkt, und übte sich
+eine halbe Stunde lang in den simpeln Melodien, die er darauf zu spielen
+erlernt hatte.
+
+Plötzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel. Starr blickte er sein
+eignes Gesicht an: er wollte sehen, ob Lüge darin sei. Trotz der
+Beklommenheit, die er dabei empfand, reizte es ihn, einmal selber zu
+lügen, nur um zu prüfen, wie nachher sein Gesicht aussehen würde.
+Ängstlich schaute er sich um, blickte dann wieder in den Spiegel und
+sagte leis: »Es schneit.«
+
+Er hielt das für eine Lüge, weil ja die Sonne schien.
+
+Nichts hatte sich in seinem Gesicht verändert: man konnte also lügen,
+ohne daß es jemand bemerkte. Er hatte geglaubt, die Sonne würde sich
+verfinstern oder verstecken, aber sie schien ruhig weiter.
+
+Am Abend kam Daumer mit einem neuen Ärger nach Hause. Von der Mutter
+gefragt, was es denn schon wieder gebe, zog er ein kleines
+Zeitungsblättchen aus der Tasche und warf es auf den Tisch. Es war der
+»Katholische Wochenschatz«; auf der ersten Seite stand eine Epistel über
+Caspar Hauser, die mit den fettgedruckten Lettern begann: Warum läßt man
+den Nürnberger Findling nicht der Segnungen der Religion teilhaftig
+werden?
+
+»Ja, warum läßt man denn nicht?« spottete Anna.
+
+»Und das wagt man in einer protestantischen Stadt,« sagte Daumer mit
+finsterem Gesicht. »Wenn diese Herren nur wüßten, was für eine unmäßige
+Furcht der Jüngling vor ihren Geistlichen hat. Während er noch auf dem
+Turm war, sind eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen.
+Glaubt ihr vielleicht, sie hätten zu seinem Herzen geredet oder seine
+Andacht zu wecken gesucht? Weit gefehlt. Sie schwatzten vom Zorn Gottes
+und von der Vergeltung der Sünden, und als er immer furchtsamer
+dreinsah, fingen sie an zu wettern und zu drohen, als ob der arme Mensch
+am nächsten Tag zum Galgen geführt werden sollte. Zufällig kam ich dazu
+und forderte sie höflich auf, ihre Bemühungen einzustellen.«
+
+Da Caspar ins Zimmer trat, wurde das Gespräch abgebrochen.
+
+Aber der Appell des »Katholischen Wochenschatzes« verhallte nicht
+ungehört. »Mit der Religion ist nicht zu spaßen,« sagten die Herren auf
+dem Magistrat, und einer drückte sogar den Zweifel aus, ob der Jüngling
+überhaupt getauft sei. Darüber ward eine Weile hin und her debattiert,
+doch ließ man die Frage schließlich fallen und die Taufe ward als
+selbstverständlich angenommen, da man ja unter Christen in einem
+christlichen Lande lebe und der Jüngling auf keinen Fall aus der Tatarei
+kommen könne.
+
+Nicht so leicht war die Entscheidung über die katholische oder
+evangelische Konfession. Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht
+besaßen, mußte man doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms
+entreißen, anderseits war man zu zaghaft für ein rauhes Zugreifen, weil
+es möglich war, daß eine einflußreiche Person über kurz oder lang ein
+Anrecht andrer Art geltend machen konnte.
+
+Der Bürgermeister wandte sich an Daumer und verlangte, Caspar solle
+einen Religionslehrer erhalten, man überlasse es Daumer, einen
+vertrauenswürdigen Mann zu bestimmen. »Wie wäre es mit dem Kandidaten
+Regulein?« meinte Binder.
+
+»Ich habe nichts dagegen,« erwiderte Daumer gleichgültig. Der Kandidat
+wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und genoß den Ruf eines
+soliden und fleißigen Mannes.
+
+»Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin,« sagte der
+Bürgermeister, »so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen
+zuwider, und ich wünschte nicht, daß unser Caspar in ein ehrfurchtsloses
+Weltwesen gerät. Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen.«
+
+Aha, ein Stich, dachte Daumer stillergrimmt, man beleidigt, verdächtigt
+mich schon wieder, ich bin niemand bequem, sehr ehrenwert, ihr Herren,
+sehr ehrenwert. Laut antwortete er: »Gewiß nicht. Ich habe es auch nicht
+fehlen lassen, in meiner Art auf ihn zu wirken. Und meine Art mag sein,
+wie sie will, sie ist nicht schlechter als jede andre. Leider haben mir
+allerhand Unberufene beständig hineingepfuscht. So war es mir in der
+ersten Zeit mit großer Mühe gelungen, den starren Eigensinn seines
+Schauens zu brechen und ihm einen Begriff von dem allmächtigen Trieb des
+Wachstums in der Natur zu geben. Kommt da ein Frauenzimmer an, während
+Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem unschuldigen Staunen
+die über Nacht aufgesproßten Schößlinge betrachtet. Nun, Caspar, fragt
+sie einfältig, wer hat denn das wachsen lassen? Es ist von selbst
+gewachsen, erwidert er stolz. Aber, Caspar, ruft jene, es muß doch
+jemand sein, der es hat wachsen lassen? Er würdigte sie keiner Antwort
+mehr, aber die wohlwollende Dame ging hin und erzählte überall, Caspar
+werde zum Atheisten gemacht. Da hat man eben einen schweren Stand.«
+
+»Es handelt sich doch am Ende nur darum, ihm das Gefühl einer höheren
+Verpflichtung einzuimpfen,« sagte Binder.
+
+»Die hat er, die hat er, aber sein Verstand anerkennt eben in seinen
+Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein,« fuhr
+Daumer leidenschaftlich fort. »Gestern abend besuchten ihn zwei
+protestantische Geistliche, der eine aus Fürth, der andre aus Farnbach,
+der eine dick, der andre mager, alle beide eifrig wie kleine Paulusse.
+Sie machten mir erst allerlei Elogen, ich lasse sie zu Caspar hinein,
+und ehe man drei zählen kann, fangen sie eine Disputation mit ihm an.
+Ach, es war komisch, es war höchst komisch. Es kam die Rede auf die
+Erschaffung der Welt, und der Dicke aus Fürth sagte, Gott habe die Welt
+aus dem Nichts geschaffen. Und als nun Caspar wissen wollte, wie das
+zugegangen, stibitzten sie ihm die Erklärung vor der Nase weg, indem sie
+alle zwei händefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden, der
+bei seinem Götzen schwört. Endlich beruhigten sie sich, und da sagte
+mein guter Caspar zutulich, wenn er etwas machen wolle, müsse er doch
+etwas haben, woraus er es mache, sie möchten ihm doch sagen, wie das bei
+Gott möglich sei. Da schwiegen sie eine Weile, flüsterten
+untereinander, und endlich antwortete der Magere, bei Gott sei alles
+möglich, weil er nicht ein Mensch sei, sondern ein Geist. Da lächelte
+mich Caspar an, denn er dachte, sie wollten sich über ihn lustig machen,
+und er stellte sich, als glaube er ihnen, was die beste Manier war, um
+sie loszuwerden.«
+
+Der Bürgermeister schüttelte mißbilligend den Kopf. Daumers Sarkasmus
+gefiel ihm ganz und gar nicht. »Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von
+Gott als die, die sich so mühelos verspotten läßt,« wandte er ruhig ein.
+
+»Eine gedachtere Ansicht? Ohne Zweifel. Vergessen Sie nur nicht, daß die
+der gemeinen durch und durch widerspricht. Und wenn ich sie ihm
+beizubringen suche, setze ich mich Vorwürfen und Mißkennungen aus.
+Nächstes Jahr soll er in die öffentliche Schule gehen, für einen
+Menschen von wenigstens achtzehn Jahren ohnedies eine Schwierigkeit, da
+würden nun _meine_ Lehren wieder zunichte gemacht und die Folge ist
+Konfusion. Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise ihn mit
+bequemen Antworten ab. Neulich konnte er eingetretener Augenschwäche
+halber nicht arbeiten, und er fragte mich, ob er von Gott etwas erbitten
+dürfe und ob er es dann erhalten werde. Ich sagte, zu bitten sei ihm
+gestattet, doch müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er die
+Bitte gewähren wolle oder nicht. Er entgegnete, er wolle die Genesung
+seiner Augen erbitten und dawider könne ja Gott nichts einzuwenden
+haben, denn er gebrauche die Augen, um seine Zeit nicht in unnützen
+Gesprächen und Spielereien vergeuden zu müssen. Ich sagte darauf, Gott
+habe bisweilen unerforschliche Gründe, etwas zu versagen, wovon wir
+glaubten, daß es heilsam wäre, er wolle uns oft durch Leiden prüfen, in
+Geduld und Ergebung üben. Da ließ er traurig den Kopf hängen. Gewiß
+dachte er, ich sei auch nicht besser als die Frommen, deren Gründe er
+nur für Ausreden nimmt.«
+
+»Was ist jedoch zu tun?« fragte der Bürgermeister mit sorgenvoller
+Stirn. »Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens muß die Fähigkeit zum
+Guten verkümmern.«
+
+»Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum,« versetzte Daumer unwillig.
+»Gott ist kein Bewohner des Himmels, er haust nur in unsrer Brust. Der
+reiche Geist birgt ihn im umfassenden Gefühl, der arme wird durch die
+Not des Lebens seiner gewahr und nennt es Glauben; er könnte es auch
+Angst nennen. In Schönheit und Freude gestaltet sich der wahre Gott, im
+Schaffen. Was Sie Zweifel und Leugnen heißen, ist das aufrichtige Zagen
+der ihrer selbst noch ungewissen Seele. Man gebe der Pflanze so viel
+Sonne, wie sie braucht, und sie besitzt einen Gott.«
+
+»Das ist Philosophie,« erwiderte Binder, »und zudem Philosophie, die
+einem Alltagsmenschen wie mir frivol klingen muß. Jeder Bauer hat für
+seine Ernte mit Sturm und Unwetter zu rechnen, und nur ein überheblicher
+Mensch kann sich einfallen lassen, von selber etwas zu gelten. Doch
+genug davon. Waren Sie eigentlich mit Caspar schon einmal in der
+Kirche?«
+
+»Nein, ich habe das bis jetzt vermieden.«
+
+»Morgen ist Sonntag. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn ich ihn
+zum Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme?«
+
+»Nicht im geringsten.«
+
+»Gut, ich werde ihn um neun Uhr abholen.«
+
+Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch
+versprochen hatte, so wurde er darin sehr enttäuscht. Als Caspar die
+Kirche betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm,
+fragte er, warum der Mann schimpfe. Die Kruzifixe erregten seinen
+tiefsten Schauder, weil er die angenagelten Christusbilder für
+gemarterte lebendige Menschen hielt. Beständig schaute er, beständig
+verwunderte er sich, das Spiel der Orgel und der Gesang des Chors
+betäubten sein empfindliches Ohr dermaßen, daß er die Harmonie der
+Klänge gar nicht spürte, und zum Schluß brachte ihn die Ausdünstung der
+Menschenmenge einer Ohnmacht nahe.
+
+Der Bürgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein, doch ließ er nicht ab,
+auf einen regelmäßigen Besuch der Kirche zu dringen, obwohl sich Caspar
+jedesmal hartnäckig dagegen sträubte. Wenn der Kandidat Regulein Herrn
+Binder seine Not klagte, erwiderte dieser: »Nur Geduld, die Gewohnheit
+wird ihn schon zur Andacht nötigen.« – »Ich glaube nicht,« versetzte der
+Kandidat darauf mutlos, »gebärdet er sich doch, als ob er sein Leben
+lassen sollte, wenn ich ihn zum Kirchgang auffordere.« – »Macht nichts,
+es ist Ihr Beruf, seinen Widerstand zu brechen,« lautete der Bescheid.
+
+Der gute, hilflose Kandidat Regulein! Ein junges Männlein, das nie jung
+gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dünner Beschaffenheit
+war wie seine Beine. Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden,
+die er Caspar erteilen mußte, und sooft ihn eine Frage in Verlegenheit
+setzte, was gar nicht selten geschah, verschob er die Auskunft auf das
+nächste Mal, wobei er sich vornahm, in gewissen Büchern nachzuschlagen,
+um nicht gegen die Theologie zu verfehlen. Caspar wartete treuherzig,
+aber in der folgenden Stunde kam nichts oder wenig. Der Kandidat, der im
+stillen hoffte, sein Schüler habe vergessen, erschrak und wich aus. Das
+half nicht; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus einer Verschanzung in
+die andre, bis das verzweifelte Argument aufgestellt werden mußte, es
+sei unrecht, über dunkle Gegenstände des Glaubens zu forschen.
+
+Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter, daß er keine Aufschlüsse
+erhalte. Daumer fragte, was er zu wissen begehrt habe. Er hatte zu
+wissen verlangt, warum Gott nicht mehr wie in früheren Zeiten zu den
+Menschen herabkomme, um sie über so vieles, was verborgen sei, zu
+belehren. »Ja sieh mal, Caspar,« sagte Daumer, »es gibt Geheimnisse in
+der Welt, die sich eben beim besten Willen nicht verstehen lassen. Da
+muß man Vertrauen haben, daß Gott eines Tages unser Herz darüber
+erleuchtet. Wir alle wissen ja auch nicht, woher du kommst und wer du
+bist, und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und Allwissenheit
+Gottes, daß er uns eines Tages darüber Aufschluß gewährt.«
+
+»Aber Gott hat doch nichts damit zu tun, daß ich im Kerker war,«
+erwiderte Caspar sanft, »das haben doch die Menschen getan.« Und ratlos
+setzte er hinzu: »So ist’s eben. Das eine Mal sagt der Kandidat, Gott
+lasse den Menschen ihren freien Willen, das andre Mal sagt er, Gott
+strafe sie für ihre bösen Handlungen. Da werd’ ich ganz zum Narren.«
+
+Diese Unterhaltung fand an einem stürmischen Nachmittag Ende März statt
+und Daumer geriet durch sie in eine so trübe Stimmung, daß er eine
+angefangene schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte. Man raubt
+ihn mir, man bricht ihn mir zu Stücken, dachte er. Voll Traurigkeit nahm
+er ein dickes Heft zur Hand, das seine Aufzeichnungen über Caspar
+enthielt, und blätterte drin herum. Er schrak zusammen, als seine
+Schwester ziemlich hastig eintrat, noch mit Pelzkappe und Umhang, wie
+sie von der Straße kam. Ihr Gesicht verriet Aufregung, und sie wandte
+sich mit der schnell hervorgestoßenen Frage an Daumer: »Weißt du schon,
+was man in der Stadt spricht?«
+
+»Nun?«
+
+»Man erzählt sich, Caspar Hauser sei von fürstlicher Abkunft, ein
+beiseitegeschaffter Prinz.«
+
+Daumer lachte gezwungen. »Das fehlte noch,« entgegnete er abschätzig.
+»Was denn noch alles!«
+
+»Du glaubst nicht daran? Das hab’ ich mir gleich gedacht. Aber woher
+mögen solche Gerüchte stammen? Irgend etwas muß doch dahinter sein.«
+
+»Gar nichts muß dahinter sein. Sie schwatzen eben. Laß sie schwatzen.«
+
+Eine halbe Stunde später erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors
+Wurm aus Ansbach. Es war dies ein kleiner, etwas verwachsener Mann, der
+nie lächelte; es hieß von ihm, daß er sehr befreundet mit Herrn von
+Feuerbach und die rechte Hand des Regierungspräsidenten Mieg sei. Von
+ersterem bestellte er Grüße an Daumer und sagte, der Staatsrat werde in
+allernächster Zeit nach Nürnberg kommen, er beschäftige sich
+angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers.
+
+Nach einem kurzen, wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der
+Archivdirektor plötzlich in die Rocktasche, brachte ein kleines
+broschiertes Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer. Dieser
+nahm es und las den Titel: »Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein
+Betrüger. Vom Polizeirat Merker in Berlin.«
+
+Daumer besah das Büchlein mit feindseligen Augen und sagte matt: »Das
+ist deutlich. Was will der Mann? Was ficht ihn an?«
+
+»Es ist ein gehässiges Pamphlet, tritt aber höchst plausibel auf,«
+erwiderte der Archivdirektor. »Es sind da mit Fleiß und Geschick alle
+Verdachtsgründe, die schon längst in mißtrauischen Gemütern spuken,
+gegen den Findling zusammengetragen. Der Verfasser prüft alle Angaben
+Caspars auf ihre Verdächtigkeit hin, auch gibt er Beispiele aus der
+Vergangenheit, wo ähnliche Lügenkünste, wie er sich ausdrückt, zu
+verspäteter Enthüllung gelangt sind. Sie, lieber Professor, und Ihre
+hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg.«
+
+»Natürlich; kann ich mir denken,« murmelte Daumer, und mit der flachen
+Hand auf das Buch schlagend, rief er aus: »Nicht unwahrscheinlich ein
+Betrüger! Da sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und
+wagt es, wagt es –! Himmelschreiend! Man sollte ihm diesen nicht
+unwahrscheinlichen Betrüger vorführen, man sollte ihn zwingen, dem
+Engelsblick standzuhalten, ach, schändlich! Der einzige Trost dabei ist,
+daß doch niemand das Zeug lesen wird.«
+
+»Sie irren sich,« versetzte der Archivdirektor ruhig, »das Heft findet
+reißenden Absatz.«
+
+»Nun gut, ich werde es lesen,« sagte Daumer, »ich werde damit zum
+Redaktor Pfisterle von der ›Morgenpost‹ gehen, der ist der richtige
+Mann, um dem famosen Polizeirat Widerpart zu halten.«
+
+Der Archivdirektor maß den aufgeregten Daumer mit einem
+gleichgültig-schnellen Blick. »Ich möchte eine solche Maßregel nicht
+ohne weiters gutheißen,« bemerkte er diplomatisch; »ich glaube auch im
+Sinn des Herrn von Feuerbach zu sprechen, wenn ich Ihnen davon abrate.
+Wozu das Zeitungsgeschreibe? Was soll es nützen? Man muß handeln, in
+aller Vorsicht und Stille handeln, das ist es.«
+
+»In aller Vorsicht und Stille? Was wollen Sie damit sagen?« fragte
+Daumer ängstlich und argwöhnisch.
+
+Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden. Dann erhob
+er sich, sagte, er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen, um Caspar
+zu sehen, und reichte Daumer die Hand. Als er schon auf der Treppe war,
+eilte ihm Daumer nach und fragte, ob es ihn nicht störe, wenn er morgen
+fremde Leute hier im Hause treffe, es hätten sich einige Herrschaften zu
+Besuch angesagt. Der Archivdirektor verneinte.
+
+Es gehörte zu den Charaktereigentümlichkeiten Daumers, daß er sich in
+einmal gefaßte Ideen bis zur offensichtlichen Schädlichkeit verrannte.
+Trotz der Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich, kaum daß er
+das Buch des Berliner Polizeirats gelesen hatte, was weniger denn eine
+Stunde Zeit brauchte, voll Erbitterung in die Redaktion der
+›Morgenpost‹. Der Redaktor Pfisterle war ein hitziges Blut; wie der
+Geier aufs Aas stürzte er sich auf diese Gelegenheit, seine immer in
+Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen. Er wollte Material haben,
+und Daumer bestellte ihn für den Mittag des folgenden Tages zu sich in
+die Wohnung.
+
+Am Abend herrschte eine sonderbar schwüle Luft im Daumerschen Haus.
+Während des Nachtessens wurde wenig geredet, und Caspar, der von all
+dem, was rings um ihn vorging, nicht im mindesten etwas ahnte, war
+verwundert über manchen prüfenden Blick oder über das düstere Schweigen
+auf eine herzliche Frage. Er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen
+noch ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen; das tat er auch heute,
+und es geschah nun, daß sein Blick, als er das Buch aufgemacht, auf eine
+bestimmte Stelle fiel, die ihn veranlaßte, entzückt in die Hände zu
+schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen. Daumer fragte, was es
+gebe; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief: »Sehen Sie
+nur, Herr Professor!« Seit einiger Zeit hatte er aufgehört, Daumer zu
+duzen, und zwar ganz von selbst und eigentümlicherweise fast an
+demselben Tag, an welchem er zum ersten Male Fleisch genossen und danach
+krank geworden war.
+
+Daumer blickte ins Buch. Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten:
+»Die Sonne bringt es an den Tag.«
+
+»Was gibt’s dabei zu staunen?« fragte Anna, die über die Schulter des
+Bruders gleichfalls in das Buch schaute.
+
+»Wie schön, wie schön!« rief Caspar aus. »Die Sonne bringt es an den
+Tag. Das ist wunderschön.«
+
+Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefühle in die Augen.
+
+»Überhaupt ist es schön, wenn man so liest: die Sonne!« fuhr Caspar
+fort. »Die Sonne! Das hallt so.«
+
+Als er gute Nacht gewünscht hatte, sagte Frau Daumer: »Man _muß_ ihn
+doch lieb haben. Es wird einem ordentlich wohl, wenn man ihn in seiner
+artigen Geschäftigkeit beobachtet. Wie ein Tierchen webt er für sich
+hin, niemals langweilt er sich, nie fällt er durch Launen zur Last.«
+
+Wie verabredet, kam Pfisterle am nächsten Tag kurz nach Tisch, blieb
+jedoch über Gebühr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen
+Andeutungen Daumers, der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten
+Gäste losgeworden wäre. Als diese um drei Uhr erschienen, saß er noch
+immer auf seinem Fleck und blieb auch da. Wahrscheinlich hatte es seine
+Neugierde gereizt, daß ihm Daumer den Namen einer der drei Personen
+mitgeteilt hatte; es war dies ein damals vielgelesener Schriftsteller
+aus dem Norden des Reichs. Die andern beiden waren eine holsteinische
+Baronin und ein Leipziger Professor, der auf einer Romreise begriffen
+war; ein Unternehmen, welches zu jener Zeit, wenigstens in Nürnberg,
+einem Mann den Nimbus eines kühnen Forschers verlieh.
+
+Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswürdig, und nachdem er
+Caspar herbeigeholt hatte, zündete er trotz der frühen Stunde die Lampe
+an, denn der Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern. Der
+Leipziger Professor zog Caspar in eine Unterhaltung, aber er sprach mit
+ihm wie von Turmeshöhe herunter. Auch ließ er keinen Blick von ihm, und
+die gelblichen Augen hinter den kreisrunden Brillengläsern schimmerten
+bisweilen boshaft. Währenddem kamen noch Herr von Tucher und der
+Archivdirektor, ließen sich den Fremden vorstellen und nahmen auf dem
+Sofa Platz.
+
+»In deinem Kerker war es also immer dunkel?« fragte der Romfahrer und
+strich langsam seinen Bart.
+
+Caspar antwortete geduldig: »Dunkel, sehr dunkel.«
+
+Der Schriftsteller lachte, worauf ihm der Professor vielsagend mit dem
+Kopf zunickte.
+
+»Haben Sie den Unsinn gehört, der hier in der Stadt über seine
+fürstliche Abkunft geredet wird?« ließ sich jetzt die holsteinische
+Baronin hören, deren Stimme wie aus einem Kellerloch kam.
+
+Der Professor nickte wieder und sagte: »In der Tat, es werden hier
+starke Zumutungen an die Leichtgläubigkeit des Publikums gestellt.«
+
+Eine Zeitlang schwiegen alle, wie von einem Schuß erschreckt. Endlich
+entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Höflichkeit eines
+schlechten Komödianten: »Was veranlaßt Sie, meine Ehre zu beschimpfen?«
+
+»Was mich veranlaßt?« prasselte der cholerische Herr auf. »Diese
+Gaukelfuhr veranlaßt mich dazu. Der Umstand, daß man ein ganzes Land
+skrupellos mit einem albernen Märchen füttert. Muß denn der gute
+Deutsche immer wieder das Opfer von Abenteurern #à la# Cagliostro
+werden? Es ist eine Schmach.«
+
+Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so
+unverhohlener Geringschätzung ins Gesicht, daß dieser plötzlich schwieg.
+
+»Wir sind natürlich überzeugt,« mischte sich der Schriftsteller, ein
+klapperdürrer Herr mit kahlem Schädel, vermittelnd ein, »daß Sie, Herr
+Daumer, im besten Glauben handeln. Sie sind Opfer, wie wir alle.«
+
+Jetzt konnte sich Pfisterle, den die Wut förmlich aufgeschwellt hatte,
+nicht länger halten. Mit geballten Fäusten sprang er vom Stuhl empor und
+schrie: »Ja, zum Teufel, warum sollen wir uns denn das gefallen lassen?
+Da kommen sie her, niemand hat sie gerufen, kommen her, um dagewesen zu
+sein und mitreden zu können, haben von Anfang an alles besser gewußt,
+und wenn sie blind wie die Maulwürfe sind, werfen sie sich noch stolz in
+die Brust und rufen: Wir sehen nichts, also ist nichts da. Warum soll
+denn das ein Unsinn sein, geehrte Dame, was man von seiner Abstammung
+erzählt? Warum denn, bitte? Leugnen Sie etwa, daß hinter den Mauern, wo
+unsre Großen wohnen, sich Dinge ereignen, die das Tageslicht zu scheuen
+haben? Daß dort die Verträge des Bluts für nichts geachtet und
+Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wenn der Vorteil eines
+Einzelnen es erheischt? Soll ich mit Tatsachen dienen? Sie können es
+nicht leugnen. Bei uns wenigstens sind die paar Dutzend Männer noch
+nicht vergessen, die ihre mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen
+und mit brennenden Fackeln in die Lügendämmerung der Paläste geleuchtet
+haben.«
+
+»Genug, genug!« unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann.
+»Mäßigen Sie sich, Herr!«
+
+»Ein Demagoge!« sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen
+auf. Der Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und kühlen Blick
+auf Daumer, der den Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen
+hatte. Als er emporschaute, blieb sein Auge mit gerührtem Ausdruck auf
+Caspar ruhen, der frei und arglos dastand, den lächelnden klaren Blick
+von einem zum andern gleiten ließ, nicht als ob von ihm gesprochen würde
+und er daran teilhätte, sondern als ob das bewegte Spiel der Mienen und
+Gebärden lediglich seine Schaulust erwecke. In der Tat verstand er kaum,
+wovon die Rede war.
+
+Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch
+einmal, an Pfisterle vorübersprechend, gegen Daumer. »Was ist denn
+bewiesen von den Mutmaßungen törichter Köpfe?« fragte er gellend.
+»Nichts ist bewiesen. Fest steht nur, daß aus irgendeinem
+gottverlassenen Dorf in den fränkischen Wäldern sich ein Bauerntölpel in
+die Stadt verirrt, daß er nicht ordentlich sprechen kann, daß ihm alle
+Werke der Kultur unbekannt sind, das Neue neu, das Fremde fremd
+erscheint. Und darüber geraten einige kurzsichtige, sonst ganz wackere
+Männer außer sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen
+Landstreichers für bare Münze. Wunderliche Verschrobenheit!«
+
+»Ganz wie der Polizeirat Merker,« konnte sich der Archivdirektor nicht
+enthalten zu bemerken. Auch Pfisterle wollte dawiderreden, wurde aber
+durch eine energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen
+gebracht.
+
+Plötzlich wurde von der Straße draußen das Rollen einer Kutsche hörbar.
+Direktor Wurm ging zum Fenster, und nachdem der Wagen vor dem Haus
+gehalten hatte, sagte er: »Der Staatsrat kommt.«
+
+»Wie?« entgegnete Daumer rasch. »Herr von Feuerbach?«
+
+»Ja, Herr von Feuerbach.«
+
+In seiner Benommenheit versäumte Daumer die Pflicht des Hausherrn, und
+als er sich aufraffte, um den Präsidenten zu empfangen, stand dieser
+schon auf der Schwelle. Mit seinem Imperatorenblick überflog er die
+Gesichter aller Anwesenden, und als er den Archivdirektor gewahrte,
+sagte er lebhaft: »Gut, daß ich Sie treffe, lieber Wurm, ich habe etwas
+mit Ihnen zu sprechen.«
+
+Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes, und außer einem
+kleinen Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei
+Schmuck an ihm zu sehen. Die außerordentlich stolze Haltung des
+gedrungenen, massigen Körpers und das steif Aufrechte, soldatisch
+Gebietende seines stets etwas zurückgeworfenen Hauptes erweckten
+ehrfurchtsvolle Scheu; sein Gesicht, auf den ersten Anblick dem eines
+verdrießlichen alten Fuhrmanns ähnlich, wurde durch die dunkelglühenden
+Augen, in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag, und durch die
+festgeschlossenen, kühngebogenen Lippen geadelt.
+
+Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der viel Zeit hat. Trotz der
+Würde, die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte, hatte sein
+Auftreten etwas Heftiges, und in der Art, wie er die im Zimmer
+Versammelten begrüßte, war Förmlichkeit und Strenge enthalten. Es wirkte
+darum erschreckend auf alle, als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und
+ihm von selbst die Hand hinstreckte, die Feuerbach auch ergriff, ja
+sogar eine Zeitlang in der seinen behielt.
+
+Caspar war es wunderlich wohl geworden, seit der Präsident eingetreten
+war. Er hatte oft an ihn gedacht, seit er mit ihm auf dem Gefängnisturm
+gesprochen hatte, und seit dem ersten Händedruck liebte er besonders die
+Hand des Präsidenten, eine warme, harte, trockene Hand, die sich
+wohlverschloß beim Gruß, als ob sie glaubwürdige Versprechungen gäbe,
+und die eigne Hand ruhte dabei so sicher in ihr wie der müde Körper
+abends im Bett.
+
+Daumer geleitete den Präsidenten und den Direktor Wurm in sein
+Studierzimmer und kehrte dann zurück. Die fremden Gäste schickten sich
+an zu gehen, sie hatten durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von
+ihrer überlegenen Haltung verloren. Caspar wollte der Dame in den Mantel
+helfen, doch sie machte eine abwehrende Geste und folgte eilig ihren
+Begleitern. Herr von Tucher und Pfisterle entfernten sich ebenfalls.
+
+Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe, um
+seine lateinische Arbeit anzufertigen, da kamen der Präsident und
+Direktor Wurm wieder ins Zimmer. Feuerbach ging auf Caspar zu, legte die
+Hand auf sein Haar, bog den Kopf des Jünglings leicht zurück, so daß der
+Lampenschein voll in Caspars Gesicht fiel, betrachtete seltsam lange und
+mit bohrender Aufmerksamkeit das seinem Blick stillhaltende Antlitz und
+murmelte endlich, gegen Wurm gewendet, tief atmend: »Keine Täuschung. Es
+sind dieselben Züge.«
+
+Der Archivdirektor nickte stumm.
+
+»Das und die Träume ... zwei wichtige Indizien,« sagte der Präsident
+mit dem gleichen Ton von Vertieftheit. Er schritt zum Fenster, die Hände
+auf dem Rücken, und sah eine Weile hinaus. Darauf wandte er sich zu
+Daumer und fragte unvermittelt, wie es mit Caspars Ernährung stehe.
+
+Daumer erwiderte, er habe in letzter Zeit versucht, ihn an Fleischkost
+zu gewöhnen. »Zuerst hat er sich sehr gewehrt, auch hat es den Anschein
+nicht, als ob die veränderte Diät ihm sehr zuträglich sei. Es ist sogar
+zu befürchten, daß sie seine inneren Kräfte wesentlich vermindert. Er
+wird zusehends stumpfer.«
+
+Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar. Daumer verstand
+den Wink und forderte Caspar auf, zu den Frauen hinüberzugehen. Er
+wartete nicht ab, bis der Jüngling das Zimmer verlassen hatte, sondern
+fuhr mit beklommenem Eifer fort: »An demselben Tag, wo Caspar zum
+erstenmal Fleisch genoß, schnappte der Hund unsers Nachbars, der ihm bis
+dahin höchst zugetan war, nach ihm und bellte ihn wütend an. Das war mir
+eine wunderbare Lehre.«
+
+Der Präsident entgegnete finster: »Dem mag sein, wie ihm wolle. Aber ich
+mißbillige die zahllosen Experimente, die Sie mit dem jungen Menschen
+vornehmen. Wozu das alles? Wozu magnetische und andre Kuren? Man
+berichtet mir, daß Sie gegen gewisse krankhafte Zustände homöopathische
+Heilmittel anwenden. Wozu? Das muß einen so zarten Organismus aufreiben.
+Die Jugend ist es, die die Krankheiten heilt.«
+
+»Ich bin erstaunt, daß Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben,«
+versetzte Daumer kalt und demütig. »Der menschliche Körper wird oft von
+vorübergehenden Leiden befallen, denen auf homöopathischem Weg am besten
+beizukommen ist. Erst vorigen Montag hat, wie ich bestimmt versichern
+kann, eine kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt. Kennen Eure Exzellenz
+nicht den schönen, alten Spruch:
+
+ Ein kluger Arzt, der nimmt da seine Hilfe her, von wo der Schaden kömmt,
+ Löst Salzsucht auf durch Salz, löscht Feuer aus durch Flammen.
+ Ihr Kinder der Natur, ihr zieht die Kunst zusammen,
+ Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig.«
+
+Feuerbach mußte unwillkürlich lächeln. »Mag sein, mag sein,« polterte
+er, »aber damit ist nichts bewiesen, und wenn auch, so trifft es die
+Sache nicht.«
+
+»Meine Sache steht auch nicht darauf.«
+
+»Um so besser. Vergessen Sie nicht, daß hier ein Recht durchzusetzen
+ist, das Recht eines Lebens. Ist es nötig, deutlicher zu sein? Ich
+glaube kaum. Gar bald, ich hoffe es, wird das Dunkel sich lüften, das
+über den rätselhaften Menschen gebreitet ist, und der Dank, den ich und
+andre Ihnen schon jetzt schulden, lieber Daumer, wird nicht durch ein
+Mißvergnügen geschmälert sein, das sich an Ihre vielleicht schädlichen
+Irrtümer heften muß.«
+
+Das klang feierlich.
+
+Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben, dachte Daumer erbittert, als
+der Präsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten; was ist mir
+doch in den Kopf gefahren, daß ich die Sache des heimatlosen Findlings
+zu meiner eignen machen mußte? Wär’ ich nur bei meinem Leisten
+geblieben, in meiner Einsamkeit.
+
+Es geht mich wenig an, was sie da über sein Schicksal fabeln, fuhr er
+in seinen verdrossenen Überlegungen fort; allerdings, der Ton des
+Präsidenten läßt auf etwas Ungewöhnliches schließen; das seltsame Gerede
+über Caspars Herkunft, sollte es wirklich einen Bezug haben? Gleichviel,
+was wäre das mir? Ob eines Bauern, ob eines Fürsten Sohn, was würde es
+besagen? Freilich, wenn so ein hoher Herr einem in den Weg läuft, gibt
+man sich als beflissenen Diener; verbriefter Adel und erlauchte
+Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Bürgers. Doch ein andres
+ist das Leben und ein andres die Idee; ein andres, den Mächtigen zu
+willfahren, weil es zwecklos ist, ihnen zu trotzen, und ein andres,
+ihrer zu vergessen, eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung
+der Philosophie. Zwischeninne führt die Grenze, die den Menschen aus
+Staub von dem Menschen aus Geist trennt. Sollte ich in meinem Optimismus
+zu weit gegangen sein, wenn ich in Caspar den Menschen aus Geist sah?
+Noch steht es zu bezweifeln.
+
+Ein Gedankengang, der nicht frei von ahnungsvoller Betrübnis war.
+
+
+
+
+Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe
+
+
+Der Präsident blieb länger als eine Woche in der Stadt. Während dieser
+Zeit kam er entweder ins Daumersche Haus, um Caspar zu sprechen, oder er
+ließ den Jüngling zu sich in den Gasthof rufen. Feuerbach liebte nicht
+Zeugen seines Zusammenseins mit Caspar. Seit er an einem der ersten
+Tage mit ihm durch die Straßen gegangen war (wo der früh gealterte, doch
+mächtig anzuschauende Mann neben dem zarten, ein wenig gebückt gehenden
+jungen Menschen allenthalben Aufsehen erregt hatte) und an einer Ecke,
+an der die beiden vorüber mußten, ein Kerl wie aus der Erde gewachsen
+plötzlich neben ihnen hergeschlichen war, verzichtete der Präsident
+darauf, sich mit seinem Schützling öffentlich zu zeigen.
+
+Seine Gespräche mit Caspar, so geschickt sie auch eine
+Beziehungslosigkeit bisweilen vortäuschen mochten, verfolgten natürlich
+einen ganz bestimmten Zweck. Caspar, der davon wenig merkte, teilte sich
+seinem hohen Gönner ohne Befangenheit mit, und durch sein unschuldiges
+Geplauder wurde Feuerbachs Herz oft sonderbar bewegt, so daß er, dem
+Wort und Sprache in Fülle gegeben waren, sich nicht selten zum Schweigen
+verurteilt fand. Ja, er verlor an Sicherheit; »Caspars Blick gleicht dem
+Glanz eines morgendlich reinen Himmels, bevor die Sonne aufgeht,«
+schrieb er an eine altvertraute Freundin, »und manchmal ist mir unter
+diesem Blick zumute, als hielte der rasend dahinstürmende
+Schicksalswagen zum ersten Male still; die ganze Vergangenheit steht
+auf, erlittene Willkür und der Trug des Rechts, die Kränkungen des
+Neides und manche Tat, deren Früchte faul und ekel am Wege liegen. Dazu
+kommt, daß ich in betreff seiner unbekannten Herkunft auf einer Spur
+bin, die mich, ich fürchte sehr, an den Rand eines verderblichen
+Abgrunds führt, wo es gilt, sich den Göttern zu vertrauen, denn Menschen
+werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein.«
+
+Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine
+Stunde vor Abend zum Ausgehen an, da der Präsident ihn zu sich bestellt
+hatte. Er trat ins Wohnzimmer, um zu sagen, daß er gehe, und fand Anna
+Daumer allein. Sie saß am Fenster und las gerade das Büchlein des
+Polizeirats Merker. Kaum daß Caspar die Tür geöffnet, versteckte sie das
+Heft rasch und erschreckt unter der Schürze. »Was lesen Sie denn da und
+warum verbergen Sie es denn?« fragte Caspar lächelnd.
+
+Anna errötete und stotterte etwas. Darauf schaute sie mit feuchten Augen
+empor und sagte: »Ach, Caspar, die Menschen sind doch gar zu schlecht.«
+
+Er entgegnete nichts, sondern lächelte noch immer. Das erschien Anna
+auffallend, aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei. Es war eine
+seiner Seltsamkeiten, daß er sich nie entschließen konnte, eine
+Frauensperson ganz ernst zu nehmen; Frauenzimmer können nichts als
+dasitzen und ein wenig nähen oder stricken, pflegte er zu sagen; sie
+essen und trinken unaufhörlich und alles durcheinander und deswegen sind
+sie immer krank; auf andre Weiber schmähen sie und wenn sie dann mit
+ihnen beisammen sind, tun sie schön und lieb. Als er einmal in solcher
+Weise redete, beklagte sich Frau Daumer, doch er antwortete ihr: »Sie
+sind kein Frauenzimmer, Sie sind eine Mutter.« Auch ereignete es sich
+einst, daß er bei einem Paradezug von Seiltänzern einem zu Pferd
+sitzenden Mädchen, dessen bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit
+erweckt hatte, ein paar Straßen weit folgte; darüber ärgerte er sich
+nachher gewaltig, und er meinte, nun sei ihm doch auch einmal
+geschehen, was bei andern, wie er höre, zuweilen der Fall sei, er sei
+einem Weibe nachgelaufen.
+
+Er sagte, daß er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde, aber Anna
+erwiderte, das sei wohl zu spät, ihr Bruder habe davon gesprochen, daß
+er den Abend mit Caspar bei der Magistratsrätin Behold verbringen
+wollte; die Rätin habe schon einige Male darum gebeten, sie sei eine
+einflußreiche Person, und wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr
+machen wolle, müsse er der Einladung folgen.
+
+»Der Herr Präsident geht vor,« sagte Caspar verdrossen und ging.
+
+Es war mildes Wetter, der Schnee war längst verschwunden, weiße Wolken
+zogen über die spitzgiebligen Dächer hin. Als Caspar in das Zimmer trat,
+das der Präsident bewohnte, saß dieser am Schreibtisch und blickte mit
+zurückgelehntem Körper düster sinnend ins Leere. Erst nach einer Weile
+wandte er sich zu Caspar und redete ihn, aus seinem dunkeln Nachdenken
+heraus, ohne Begrüßung an. »Ich kehre morgen nach Ansbach zurück,
+Caspar, wie Sie ja wissen,« begann er und verdeckte die Augen mit der
+Hand; »Sie werden mich einige Wochen, ja vielleicht monatelang nicht
+sehen. Ich möchte hie und da von Ihnen Nachricht haben, von Ihnen
+selbst, will Sie aber nicht auffordern, mir regelmäßig zu schreiben,
+damit Ihnen nicht eine ungern erfüllte Pflicht daraus erwachse. Nun
+dachte ich mir, Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben, bei der
+Sie mehr auf sich selbst als an andre gewiesen sind. Sie sollen nicht
+zur Rechenschaft befohlen sein, aber was Sie einem Freund oder sagen
+wir Ihrer Mutter vertrauen würden, das sollen Sie hier bewahren.«
+
+Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes
+Schreibheft. Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weißen
+herzförmigen Schildchen: Tagebuch – Stundenbuch für Caspar Hauser. Er
+schlug es auf und gewahrte, auf der ersten Seite eingeklebt, das Bild
+Feuerbachs und darunter, von der Hand des Präsidenten geschrieben, die
+Worte: Wer die Stunde liebt, der liebt Gott; der Lasterhafte entflieht
+sich selbst.
+
+Caspar schaute den Präsidenten mit großen Augen ängstlich an. Er
+wiederholte für sich im stillen, mit sichtbarer Bewegung der Lippen, die
+geschriebenen Worte und dann, was der Präsident zu ihm gesagt; alles
+verfloß im Nebel und, des feierlichen Tones halber, in eine Ahnung von
+Gefahr.
+
+Es pochte an der Tür und auf das Herein des Präsidenten brachte ein
+Eilbote einen Brief. Kaum hatte Feuerbach, ohne das Schreiben zu öffnen,
+einen Blick auf das Siegel geworfen, als er die Handglocke läutete und
+dem eintretenden Diener den Befehl gab, es solle sogleich angespannt
+werden. »Ich muß noch diesen Abend reisen,« sagte er zu Caspar.
+
+In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen. Der Postillon
+im Hof knallte mit der Peitsche. Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar, er
+spürte plötzlich etwas von der Größe der Welt, und die Wolken am Himmel
+schienen Arme herunterzustrecken, um ihn emporzuheben. Als ihm der
+Präsident die Hand zum Abschied reichte, bat er schmeichelnd, mit
+verlangendem Lächeln: »Möcht’ auch mitfahren.«
+
+»Wie, Caspar!« rief der Präsident in gespielter Überraschung, und
+plötzlich wieder das frühere Du der Anrede wählend, »willst du denn fort
+von den Nürnbergern? Hast du denn vergessen, was du deinem gütigen
+Pflegevater schuldig bist? Was würde Herr Daumer sagen, wenn du ihn so
+undankbar verließest? und viele andre wackere Männer, die sich deiner
+angenommen haben? Es erstaunt mich, Caspar. Bist du denn nicht gern
+hier?«
+
+Caspar schwieg und senkte die Augen. Hier ist immer dasselbe, dachte er.
+Er sehnte sich fort; er dachte, einmal könne man fortgehen, man könnte
+in der Nacht das Tor öffnen und könnte gehen, ohne den Weg zu wissen.
+Vielleicht käme dann einer, um zu fragen: wohin, Caspar? Und er führte
+ihn zu einem Schloß, vor dem viel Volks versammelt ist; drinnen ruft
+eine Stimme Caspars Namen, die Leute machen Platz und viele Arme deuten
+auf das Tor, dem er zuschreitet.
+
+»Sprich!« mahnte der Präsident barsch.
+
+»Sie sind alle gut mit mir,« flüsterte Caspar mit zuckenden Lippen.
+
+»Nun also!«
+
+»Es ist nur –«
+
+»Was? Was ist –? Heraus mit der Sprache!«
+
+Caspar schlug langsam die Augen auf, machte mit dem Arm eine weite
+Geste, als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und
+sagte: »Die Mutter.«
+
+Feuerbach wandte sich weg, ging zum Fenster und blieb schweigend stehen.
+
+Eine Viertelstunde später schritt Caspar durch die engen Gassen beim
+Rathaus und kam alsbald auf den menschenverlassenen Egydienplatz. Es
+war schon dunkel geworden, vor der Kirche brannte eine Öllaterne, und
+während er nach links abbog, wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage
+den Platz gegen die Laufergasse schloß, gewahrte er einen ruhig
+stehenden Mann, der gebeugten Kopfes nach ihm hersah. Caspar ging ein
+wenig langsamer, plötzlich sah er, daß der Mann den Arm erhob und mit
+dem Finger winkte.
+
+Caspars Herz klopfte laut. Irgend etwas zwang ihn, der stummen
+Aufforderung des Unbekannten zu folgen. Der Mann fuhr fort, mit dem
+Finger zu winken, und wie hingezogen tat Caspar ein paar Schritte auf
+ihn zu. Da ging der Mann tiefer in das Gehölz, hörte aber nicht auf zu
+winken. Caspar konnte sein Gesicht nicht sehen, das unter dem weit in
+die Stirn gedrückten Hut versteckt war.
+
+Er folgte dem Menschen, obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten,
+mit Grauen fühlte er sich Schritt um Schritt gezogen, seine Augen waren
+aufgerissen, Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht, und die
+Hände hielt er mit gespreizten Fingern von sich gestreckt.
+
+Schon war er dem Unbekannten so nahe, daß er dessen gelbe Zähne zwischen
+den Lippen schimmern sah, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn sich
+nicht in diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebüsches ein Trupp
+betrunkener junger Leute hätte hören lassen; der fremde Mann stieß einen
+gurrenden Laut aus, bückte sich rasch und war unter dem Schutz des
+Laubwerks im Nu verschwunden.
+
+Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche; er lief geradeswegs
+mitten in die Schar der Lärmmacher hinein, die ihn aufzuhalten suchten,
+und so vermischte sich ein Schrecken mit dem andern. Nur mit Mühe riß er
+sich los, einige folgten ihm schreiend, er verdoppelte seine Eile, der
+Hut fiel ihm vom Kopf, er ließ ihn liegen, rannte, so schnell er konnte,
+durch die Judengasse und weiter und ging erst wieder langsamer, als er
+sich auf der Brücke zur Insel Schütt befand.
+
+Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor. Betroffen
+hörte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an, und nach einiger
+Überlegung meinte er, er glaube nicht recht an das Abenteuer; »da hat
+dir wohl deine allweil erregte Phantasie einen törichten Streich
+gespielt,« sagte er ungewöhnlich streng. »Nein, es ist wirklich wahr,«
+beteuerte Caspar. Dann klagte er, daß er den Hut verloren habe, und
+schließlich zeigte er, auf einmal ganz heiter geworden, das Heft, das
+ihm der Präsident geschenkt und das er während der ganzen Zeit
+krampfhaft in der Hand festgehalten hatte.
+
+Zerstreut besah es Daumer. »Hat dir Anna nicht gesagt, daß wir zur
+Magistratsrätin gehen?« fragte er mißgelaunt. »Es ist höchste Zeit; mach
+flink und zieh dir den Sonntagsrock an.«
+
+Caspar schaute ihn mit schrägem Blick von unten an und ging zögernd ins
+Haus. Daumer, der schon im Gesellschaftskleid war, wandelte zweimal bis
+zum Pegnitzufer und wieder zurück; eine halbe Stunde verfloß und Caspars
+langes Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig. Er eilte die Stiege
+hinan und betrat Caspars Zimmer, wo eine Kerze brannte. Zu seinem Ärger
+nahm er wahr, daß Caspar angekleidet auf dem Bette lag und schlief. Er
+rüttelte ihn an der Schulter, ließ aber plötzlich ab, durchmaß ein
+paarmal das Zimmer, ohne seines Mißmuts Herr zu werden, dann stieß er
+zornig hervor: »Ach was, soll die Neugier der guten Leute um ihren
+Schmaus betrogen werden!«
+
+Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester, die vor dem
+Klavier saß und spielte. Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne
+weiteres recht, daß er Caspar zu Hause lasse. »Dann muß jemand zur Rätin
+und unser Ausbleiben entschuldigen,« sagte Daumer in einem Ton, als ob
+das Versäumnis sonst schlecht ausgelegt werden könne und er
+Unannehmlichkeiten zu befürchten habe. Anna erwiderte, die Magd sei
+nicht da, und nach einigem Besinnen erklärte sie sich bereit, den Gang
+selbst zu tun.
+
+Als sie fort war, setzte sich Daumer zu den Büchern, rückte die Lampe
+zurecht und las. Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei
+jedem Laut zusammen. Nach einer geraumen Weile hörte er Schritte; Anna
+trat hinter seinen Stuhl und sagte hastig, die Magistratsrätin sei
+mitgekommen, um Caspar zu holen. Daumer sprang auf; »das heiße ich den
+Spaß zu weit getrieben,« murmelte er entrüstet. Anna legte ihm die Hand
+auf den Mund, denn schon stand die Rätin in der Türe; reich geschmückt,
+im Seidenmantel, ein kostbares Spitzentuch um den Kopf.
+
+Sie war eine nicht mehr ganz junge, aber sehr stattliche Frau,
+ungewöhnlich groß gewachsen, mit ungewöhnlich kleinem Kopf. In ihrem
+Betragen vermischte sich das Modisch-Französische und das
+Nürnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht immer ganz einwandfreie
+Weise, und wo jenes zur Geltung kommen sollte, guckte dieses wie der
+Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer brokatenen
+Tunika hervor.
+
+Sie rauschte auf Daumer zu, majestätisch wie eine schaumige Woge, und
+der gute Mann, niedergeschmettert von so viel Glanz, vergaß seinen Groll
+und führte die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen. »Muß ich
+selbst Sie an Ihr Versprechen erinnern?« rief sie mit einer sonoren,
+kräftigen Stimme. »Was soll’s bedeuten, Professor? Was ist vorgefallen?
+Weshalb die Absage? Sie sehen, ich verlasse meine Gäste, um ein Wort
+einzulösen, das Ihnen zu brechen so leicht wird. Keine Ausflucht, lieber
+Daumer, Caspar muß mit, wo ist er?«
+
+»Er schläft,« erwiderte Daumer zaghaft.
+
+»#Nom de Dieu!# Er schläft! Daß dich das Mäusle beißt! So wird man ihn
+halt wecken. Marsch, marsch, voran!«
+
+Daumer hatte nicht den Mut, zu widersprechen, dies zupackende Gebaren
+beraubte ihn der gegenständlichen Gründe. Er nahm die Lampe und schritt
+voraus. Anna, die zurückblieb, räusperte sich empört, dies beirrte aber
+Frau Behold keineswegs, als Antwort zuckte sie nur verächtlich die
+Achseln.
+
+Daumer stand so versonnen an Caspars Lager, daß er die Lampe
+wegzustellen vergaß. In der Tat mochte es schwerlich etwas Schöneres zu
+sehen geben als den Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit, die auf
+dem Gesicht des Schläfers leuchteten. Frau Behold schlug unwillkürlich
+die Hände zusammen, und darin lag Wahrheit und Gefühl.
+
+»Bestehen Sie noch darauf, ihn zu wecken?« fragte Daumer richterlich.
+»Der Schlaf ist heilig. Die seligen Geister werden fliehen, sobald
+unsre Hand ihn berührt.«
+
+Frau Behold klappte die Lider auf und zu, als wolle sie das bißchen
+Rührung davonjagen, wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt. »Schön
+gesagt,« spottete sie, und ihre Stimme surrte wie das Rädchen einer
+Spindel. »Aber ich bestehe auf meinem Schein. Ich will dem Buben was
+dafür schenken, und was die seligen Geister betrifft, die kommen wieder,
+zum Schlafen gibt’s Nächte genug.«
+
+Während Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch
+zärtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien,
+zeigte sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche
+Erregung. Sie blinzelte mit den Augen, ihre Unterlippe wurde schlaff und
+entblößte eine schmale, feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier. »#Pauvre
+diable#,« murmelte sie, »armes Herzle,« und erfaßte Caspars Hand.
+
+Davon erwachte Caspar völlig, befreite die Hand mit einem Ruck und
+schüttelte sich. Sein trunken-müder Blick fragte, was man mit ihm
+vorhabe, Daumer erklärte es, schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm
+zu trinken, nahm den Sonntagsrock, der schon bereitlag, und hielt ihn
+zum Anziehen hin.
+
+Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig:
+»Ich will nicht zu der Frau.«
+
+»Wie, Caspar?« rief Daumer erstaunt und verletzt. Zum erstenmal vernahm
+er dies »ich will nicht«, zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn
+auf. Caspar war selber erschrocken, sein Blick war schon wieder gefügig,
+als Daumer mit ernsthaftem Ton fortfuhr: »Ich aber will es. Ich will
+auch, daß du die Dame um Verzeihung bittest. Es geht nicht an, daß du
+eine Laune über dich Herr werden läßt. Wenn wir uns der Rücksichten
+gegen die Menschen entbinden würden, stünden wir alle so hilflos da wie
+du am ersten Tag.«
+
+Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar, was ihm befohlen worden. Frau
+Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer. Sie tätschelte Caspars
+Wange und fand den Professor Daumer ziemlich komisch.
+
+Eine halbe Stunde später waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern
+der Rätin. Caspar, von Menschen umdrängt, mußte die gewöhnliche Flut der
+Fragen über sich ergehen lassen. Frau Behold wich nicht von seiner
+Seite, sie lachte beinahe zu allem, was er sagte, und er wurde
+allmählich verwirrt und unruhig, empfand Angst vor den Worten; es schien
+ihm gefährlich, zu sprechen, es war, als ob alle Worte zweifach
+vorhanden wären, einmal offenbar, das andre Mal verhüllt, und so wie die
+Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches, und unwillkürlich
+suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite, die lauernd
+hinterherging und verführerisch mit dem Finger winkte.
+
+Es war ihm unverständlich, was sie von ihm wollten, ihre Kleidung, ihre
+Gebärden, ihr Nicken, ihr Lächeln, ihr Beisammensein, alles war ihm
+unverständlich, und auch er selbst, er selbst fing an, sich
+unverständlich zu werden.
+
+Indessen verlebte Daumer eine böse Stunde. Frau Behold, die stolz darauf
+war, ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen, hatte heute
+einen Herrn zu Gast, der, wie man sich erzählte, unter falschem Namen
+reiste, da er in wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im
+Osten des Landes unterwegs sei. Man raunte sich auch zu, daß der hohe
+Fremde großes Interesse an dem Findling Hauser nehme und daß er vielen
+einflußreichen Personen gegenüber sich abfällig und tadelnd über die
+unsinnigen Gerüchte geäußert habe, die Caspars Herkunft zum Gegenstand
+hatten. Und man muß gestehen, daß die einflußreichen Personen sich dem
+Gewicht einer solchen Meinung nicht verschlossen, aber das Treiben des
+vornehmen Herrn gab auch Anlaß zu mancherlei Verdacht, und der Redakteur
+Pfisterle, Querulant wie immer, behauptete sogar, der diplomatische Herr
+sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter Spion.
+
+Wie dem auch war, von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner
+Weltverlorenheit nichts erfahren. Der Fremde gesellte sich nach kurzer
+Weile zu ihm, und sie kamen ins Gespräch, wobei es jener leicht
+anzustellen wußte, daß sie sich von den übrigen Gästen absonderten.
+Daumer, eingeschüchtert durch die Manieren, die delikate Zwanglosigkeit
+des hohen Herrn, dessen Rockbrust voller Orden hing, wußte zuerst kaum
+etwas zu sagen, antwortete bloß wie ein Schüler mit nein und ja.
+Allmählich gab er sich freier und erzählte seinem Zuhörer vieles von
+Caspar, kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte wie
+zur Erläuterung das Benehmen des Jünglings, als er heute abend, vor
+einem eingebildeten, ohne Zweifel eingebildeten, Verfolger flüchtend
+nach Hause gekommen war.
+
+Der Fremde hörte aufmerksam zu. »Vielleicht hat er sich aber gar nicht
+getäuscht,« entgegnete er vorsichtigen Tons, »es mag sich da mancherlei
+in der Verborgenheit abspielen. Meines Wissens haben ja auch Sie, lieber
+Professor, vor längerer Zeit eine Art von Warnung erhalten. Sie dürfen
+sich daher nicht wundern, wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird.«
+
+Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswürdiger Offenheit,
+scheinbar harmlos plaudernd, fort: »Sie sollten sich an den Gedanken
+gewöhnen, daß da Mächte im Spiel sind, die vor nichts zurückschrecken,
+um ihre Maßregeln mit Nachdruck durchzuführen. Das unruhige Gemunkel
+wird vielleicht als störend empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem
+Kerbholz und möchte die Öffentlichkeit vermeiden. Vorläufig mag es der
+Gewalt, die da im Hintergrund ist, darum zu tun sein, die Dinge
+möglichst in Verborgenheit abzumachen, aber sie könnte wohl auch offenes
+Spiel treiben, sie könnte der Polizei und den Gerichten mit Gemütsruhe
+die Hände binden. Einstweilen begnügt man sich aber, die Fäden hinter
+den Kulissen zu ziehen.«
+
+Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenüber schienen einen
+genauen Bezug zu haben; doch der Fremde ließ ihm keine Zeit zu
+überlegen, er fuhr mit heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort:
+»Ich glaube vor allem, daß man die Verbreitung all des hirnlosen
+Geschwätzes durch das bequeme und naheliegende Mittel der Druckschrift
+fürchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben ungern, noch
+weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht auf
+den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten
+zu sehen; das ist begreiflich. Der Staatsbürger hat Freiheiten genug;
+in seinem Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden
+finden.«
+
+Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er
+beschloß, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon
+seine eigne Freiwilligkeit zuvorgekommen.
+
+»Ich möchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor,« begann der
+Fremde wieder; »sind Sie wirklich überzeugt, daß der hergelaufene Knabe,
+an dem ich auf meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses
+äußeres Interesse nehme, die ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter
+Männer verdient und rechtfertigt? Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit
+seiner zweifelhaften Sache zu beschäftigen? Was bleibt für die großen
+Angelegenheiten der Nation, der Wissenschaft, der Kunst, der Religion,
+des Lebens überhaupt, wenn ein Mann wie Sie die besten Geisteskräfte an
+ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man rühmt die
+außergewöhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemühe mich umsonst, solche
+Gaben zu entdecken; ich bin kühn genug, zu behaupten, daß ich damit nur
+an Ihre eigne Ungewißheit rühre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen
+und wir werden über diesen Punkt eine betrübende Sicherheit gewinnen.
+Innerhalb der menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von
+Wesen, die, mit ebensogroßen oder noch größeren Eigenschaften geboren,
+gleichwohl einem ungleich elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte
+Tugend müßte sich auch für sie entflammen, denn in der Idee darf dem
+Erbarmen mit der menschlichen Not keine Grenze gesetzt sein. Aber wo
+endete der Mann, der sein Herz nach allen Seiten hin zerrisse und in
+Fetzen austeilte? Er stünde leer da an dem Tage, wo ein würdiger
+Gegenstand ein würdiges Opfer von ihm forderte. Denken Sie sich von
+Caspars Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg und das vermeintliche
+Wunder ist enthüllt bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben
+als die beschämende Selbstverständlichkeit einer natürlichen Tatsache.
+Bestenfalls bleibt ein Kuriosum, mit welchem man ein Tischgespräch
+würzen kann. Ein Kuriosum und das bißchen Geheimnis, das allen unreifen
+Köpfen so aufregend dünkt.«
+
+Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zügen; sein
+umherschweifender Blick suchte nach Caspar, aber alles, was er zu sagen
+wußte, war: »Nicht durch Worte kann die Seele für sich zeugen.«
+
+Der Fremde lächelte bitter. »Die Seele! die Seele!« erwiderte er
+spöttisch. »Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort
+wie jedes andre. Das Auge schaut, der Finger spürt, jedes Härchen lebt
+auf eigne Weise, das Blut durchspritzt die Adern, jeder Sinn macht den
+Raum lebendig, den Tod fühlbar, was ziert ihr euch da und wollt ein
+Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei die Seele wie ein
+Schmuckstück, das eine eitle Frau im Kästchen verschließt und
+gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glänzen! Jeder
+ist im allgemeinen ausgeteilt und sein Zuschuß von Kräften ist kein
+Privileg, sondern nur eine Hoffnung. Oder dürfte der Adler die Seele für
+sich in Beschlag nehmen, weil er besser zu fliegen vermag als die Gans?
+Die Seele! Ihr Herren beleidigt den Schöpfer damit, ob ihr sie leugnet
+oder ob ihr Bücher schreibt, um sie zu beweisen.«
+
+Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und
+als er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit höflicher
+Eindringlichkeit zuvor. »Ich weiß, Sie lieben Caspar,« sagte er mit
+veränderter Stimme, ernst und herzlich, »Sie lieben ihn brüderlich, und
+nicht Mitleid nährt diesen Trieb, sondern die schöne Begierde, die stets
+den Gott in der Brust des andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst
+erkennen will. Aber Sie möchten eine Ausrede haben für Ihre Liebe, das
+ist es. Muß ich Ihnen sagen, daß es keine tieferen Wunden gibt als die
+Enttäuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate Ihnen, fliehen Sie den
+Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts mehr zu bieten hat
+als Enttäuschung.«
+
+»Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben wie
+wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten!« rief Daumer verzweifelt.
+
+Der Fremde verzog sein faltig-altes Gesicht zu einer Grimasse des
+Bedauerns. Eine leichte Gebärde verriet, daß das Gespräch für ihn
+erschöpft sei, und sie mischten sich wieder unter die übrigen Gäste.
+Daumer, völlig aus der Fassung gebracht, wünschte nichts weiter, als den
+lärmenden Kreis zu verlassen. Er suchte Caspar und bemerkte ihn, blaß
+und schweigsam, mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen
+Fräcken; Frau Behold saß auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen
+Füßen, und ihr Gesicht sah hart und düster aus.
+
+Der Abschied war umständlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen
+schweigend ein Stück Wegs zurückgelegt hatten, schlang Daumer den Arm
+um Caspars Schulter und sagte: »Ach, Caspar, Caspar!« Es klang wie eine
+Beschwörung.
+
+Caspar, den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfließen
+voll von Fragen war, seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in
+wiedererwachtem Vertrauen zu. Sei es nun, daß Blick und Lächeln Daumer
+an einer Stelle seines Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig
+fühlte, sei es, daß die Nacht, die Einsamkeit, die quälenden Zweifel,
+das wunderliche Gespräch, das er eben geführt, seinen Geist zu
+übertriebener Inbrunst entzündeten, er blieb stehen, umarmte Caspar noch
+fester und rief mit emporgewandten Augen: »Mensch, o Mensch!«
+
+Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als eröffne sich ihm
+auf einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschöpf, tief
+unten verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd
+sich selbst, fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der
+ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch.
+
+Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas
+Weihevolles für ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein
+Tagebuch zur Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren
+die drei Worte: Mensch, o Mensch – für jeden andern natürlich eine
+sinnlose Hieroglyphe, für ihn aber ein deutungsvoller Hinweis, ein
+entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl- und Zauberspruch zur
+Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen Wesen, daß er von
+derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete,
+welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war, und in
+einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn
+häufig befielen, faßte er den sonderbaren und folgenschweren Entschluß,
+daß kein andrer Mensch außer seiner Mutter jemals Einblick in dieses
+Heft erlangen, jemals lesen sollte, was er darin aufschreiben würde.
+Solche Vorsätze starrsinnig zu halten, dazu war er durchaus imstande.
+
+Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus
+kamen, die mit Feuerbach befreundet waren und große Teilnahme für Caspar
+hegten, kam zufälligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Präsident
+seinem Schützling gemacht, und da Daumer erzählte, es befände sich in
+dem Büchlein ein sehr gutes Stahlstichporträt des Präsidenten, wünschten
+die Damen das Heft gern zu sehen. Zu aller Erstaunen weigerte sich
+Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm erschrocken seine Unhöflichkeit
+vor, aber er blieb hartnäckig. Die Damen bestanden nicht weiter darauf,
+ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung,
+aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jüngling ins Gebet und
+fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. »Und würdest
+du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorenthalten?« fragte
+Daumer. Caspar sah ihn groß an und antwortete treuherzig: »Sie werden es
+gewiß nicht verlangen, bitte schön!«
+
+Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still.
+
+Gegen Abend kam Herr von Tucher, bat Daumer um eine Unterredung unter
+vier Augen, und als sie allein waren, sagte er ohne weitere Einleitung:
+»Ich muß Sie leider davon in Kenntnis setzen, daß ich unsern Caspar
+zweimal beim Lügen ertappt habe.«
+
+Daumer schlug stumm die Hände zusammen. Das fehlte nur noch, dachte er.
+
+Beim Lügen! Zweimal beim Lügen ertappt! Ei du gütiger Himmel, wie war
+das zugegangen!
+
+Die Sache verhielt sich so: Am Sonntag sei er mit dem Bürgermeister in
+Caspars Zimmer getreten, erzählte Herr von Tucher, und habe den Jüngling
+ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da habe Caspar, der bei den
+Büchern gesessen, erwidert, er dürfe nicht, Daumer habe ihm verboten,
+das Haus zu verlassen. Dem Bürgermeister sei das gleich bedenklich
+erschienen, besonders da ihn Caspar kaum anzusehen gewagt, er habe sich
+unauffällig bei Daumer erkundigt, wie dieser sich wohl erinnern werde,
+und seinen Verdacht bestätigt gefunden. Am andern Tag seien beide, Herr
+Binder und Herr von Tucher, während Daumer vom Hause fortgewesen, zu
+Caspar gekommen und hätten ihm seine Unwahrheit vorgehalten. Unter
+Erglühen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden, habe aber, wie
+ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten Ausweg
+ergreifend, albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame, die
+bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen, weshalb er auf sie
+gewartet habe.
+
+»Auf unser mehr bestürztes als strenges Zureden bekannte er sich auch
+dieser Unwahrheit schuldig,« fuhr Herr von Tucher mit unerschütterlichem
+Ernst fort. »Er gab zu, daß er nur in Ruhe habe studieren wollen und daß
+ihm kein andres Mittel eingefallen sei, um die lästigen Störungen
+abzuwenden. Inständig flehte er uns an, Ihnen nichts von seinem
+Fehltritt zu erzählen, er wolle es nie wieder tun. Ich hab’ mir’s aber
+überlegt und bin zu dem Schluß gelangt, daß es besser ist, wenn Sie
+alles wissen. Es ist vielleicht noch Zeit, um das böse Laster mit Erfolg
+zu bekämpfen. Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen, doch ich glaube
+noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemüts, wenngleich ich
+überzeugt bin, daß uns nur die äußerste Wachsamkeit und unerbittliche
+Maßnahmen vor gröberen Enttäuschungen bewahren können.«
+
+Daumer sah vollkommen vernichtet aus. »Und das von einem Menschen, auf
+dessen heiliges Wahrheitsgefühl ich Eide geschworen hätte,« murmelte er.
+»Wenn Sie es nicht wären, der mir das erzählt, ich würde lachen. Noch
+vor einer Stunde hätte ich jeden für einen Schurken erachtet, der mir
+gesagt hätte, Caspar sei einer Lüge fähig.«
+
+»Auch mir ist es nahgegangen,« versetzte Herr von Tucher. »Aber wir
+müssen Geduld haben. Sehen Sie zu, halten Sie die Augen offen, warten
+Sie auf den nächsten gegründeten Anlaß, dann greifen Sie ein, und zwar
+mit wuchtiger Hand.«
+
+Eine Lüge; nein, zwei Lügen auf einmal! Der arme Daumer, er wußte sich
+keinen Rat. Er ging hin und überlegte. Herr von Tucher nimmt den ganzen
+Vorgang zu schwer, sagte er sich; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte
+Natur, aber ohne Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen, die ihn dazu
+verführen, eine Lüge mit allen verfehmenden Zeichen der Übeltat
+auszustatten; Herr von Tucher kennt das tägliche Leben nicht, das
+unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem, was schlecht ist und was
+der Andrang gebieterischer Umstände auch dem Redlichsten entpreßt. Aber
+was geht mich Herr von Tucher an, hier handelt es sich um Caspar. Ich
+glaubte einst, von ihm fordern zu dürfen, was keiner sonst von keinem
+fordern darf. War es eine Verblendung, eine Anmaßung von mir? Wir wollen
+sehen; ich muß jetzt herausbekommen, ob er schon zu den Gewöhnlichen
+gehört oder ob sein Wille noch einer unhörbar rufenden Stimme zu
+gehorchen fähig ist. Hat sich sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall
+schon verschlossen, dann ist seine Lüge eine Lüge wie jede andre, kann
+ich aber noch übersinnliche Kräfte des Verstehens in ihm wecken, dann
+will ich die Philister verachten, die immer gleich mit dem Bakel
+erscheinen.
+
+Es bedurfte einer schlaflosen Nacht, um dem sonderbaren Plan Daumers,
+der eine Art Gottesurteil in sich schließen sollte, auf die Beine zu
+helfen. Die Weigerung Caspars, sein Tagebuch zu zeigen, gab den Anstoß.
+Ich will ihn bewegen, mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen,
+kalkulierte Daumer; ich will etwas wie eine metaphysische Kommunikation
+zwischen mir und ihm herstellen; ich werde ihn, ohne ein Wort zu
+sprechen, mit meinem geistigen Verlangen zu erfüllen trachten und werde
+eine Stunde festsetzen, innerhalb deren das nur Gewünschte zu geschehen
+hat. Kann er folgen, so ist alles gut; wenn nicht, dann ade,
+Wunderglaube, dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt, mir
+die Seele wegzudisputieren.
+
+Am Morgen, so gegen neun Uhr, kam Anna zu ihrem Bruder und sagte, Caspar
+gefalle ihr heute ganz und gar nicht; er sei schon um fünf aufgestanden
+und es sei eine Unruhe in ihm, die sie noch nie wahrgenommen; beim
+Frühstück habe er fortwährend ängstlich um sich herumgeschaut und keinen
+Bissen gegessen.
+
+Daumer lächelte. Sollte er jetzt schon spüren, was ich mit ihm vorhabe?
+dachte er, und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich.
+
+Ein schicklicher Vorwand, die Frauen aus dem Haus zu schaffen, fand sich
+ungezwungen; Frau Daumer mußte ohnehin auf den Markt, Anna wurde
+überredet, einige Besuche zu machen. Um elf Uhr machte sich Caspar an
+seine Schularbeiten, Daumer ging ins Nebenzimmer, ließ aber die Tür
+offen. Er setzte sich, das Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet, ein
+wenig hinter der Schwelle auf ein Stühlchen, und es gelang ihm alsbald,
+mit erstaunlicher Energie all seine Gedanken auf das eine Ziel zu
+richten, auf dem einen Punkt zu sammeln. Im Haus war es sehr still, kein
+Laut störte das wunderliche Beginnen.
+
+Bleich und gespannt saß er also und beobachtete, daß Caspar häufig
+aufstand und zum Fenster trat. Einmal öffnete er das Fenster, das andre
+Mal schloß er es wieder. Dann begab er sich zur Tür und schien zu
+überlegen, ob er hinausgehen solle. Sein Auge war ohne Stetigkeit und
+sein Mund eigentümlich gramvoll verzogen. Aha, es rumort in ihm,
+frohlockte Daumer, und immer, wenn Caspar sich dem Schränkchen näherte,
+in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag, bekam der unglückliche Magier
+vor Erwartung Herzklopfen.
+
+Wie weit war Caspar davon entfernt, auch nur zu ahnen, was in Daumer
+vorging! zu ahnen, daß in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein
+Tribunal gestellt wurde!
+
+Es war ihm ungeheuer bang heute. Es war ihm so bang, daß er ein paarmal
+die ganz bestimmte Vorstellung hatte, es würde ihm etwas Schlimmes
+zustoßen. Ja, er hatte das unabweisbare Gefühl, daß einer unterwegs sei,
+der ihm etwas zuleide tun werde. Erstickend lag die Luft im Raum, die
+Wolken am Himmel blieben lauernd stehen; wenn durch die Baumkronen vor
+dem Fenster eine Schwalbe strich, sah es aus, als ob eine schwarze Hand
+pfeilschnell auf- und niedertauche; das Deckengebälk bog sich niedriger,
+hinter dem Getäfel der Wand knackte es unheimlich.
+
+Caspar ertrug es nicht mehr. Sein Blick stach, eine kühlschaurige Angst
+floß ihm durch die Haare, die Brust wurde eng, es trieb ihn hinaus,
+hinaus ... Plötzlich verließ er mit fliehenden Gebärden das Zimmer.
+
+Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus
+dem Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich
+sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn
+er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die
+spielerische Willkür dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden.
+
+Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu
+gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft,
+verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. Er faßte den
+unerschütterlichen Vorsatz, sein Leben wie ehedem dem Beruf, der
+Einsamkeit und den Studien zu widmen und die Kräfte des Geistes nur
+dort zu opfern, wo im Frieden der Erkenntnis und des Forschens jede Gabe
+sichtbar bezahlt wird.
+
+
+
+
+Eine vermummte Person tritt auf
+
+
+Caspar war in den Garten gegangen. Er lief über den feuchten Boden bis
+zum Zaun und schaute gegen den Fluß hinüber. Ein bleifarbener Dunst
+umkleidete die Türmchen und ineinander geschobenen Dächer der Stadt, nur
+das bunte Dach der Lorenzerkirche glänzte hell, doch glich alles
+zusammen mehr einem Spiegelbild im Wasser als einer greifbaren
+Wirklichkeit.
+
+Caspar fröstelte, und es war doch warm. Er wandte sich wieder gegen das
+Haus. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, machte ihn der leer
+daliegende Flur betroffen. Ein breiter Streifen Sonne, der über die
+Steinfliesen kam und zitternd die weißen Stufen der Wendeltreppe
+hinauflief, verstärkte den Eindruck der Verlassenheit. Hinter einer Tür
+des Flurs, aus der Wohnung des Kandidaten Regulein, tönten Geigenklänge;
+der Kandidat übte. Den einen Fuß schon auf der Treppe, blieb Caspar
+stehen und lauschte.
+
+Da! Da war es! Da kam er! Ein Schatten erst, dann eine Gestalt, dann
+eine Stimme. Was sagte die Stimme, die tiefe Stimme?
+
+Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte: »Caspar, du mußt
+sterben.«
+
+Sterben? dachte Caspar erstaunt, und seine Arme wurden steif wie Hölzer.
+
+Er sah einen Mann vor sich stehen, der ein seidig-schwarzes,
+langhängendes, vom Zugwind ein wenig geblähtes Tuch vor dem Gesicht
+hatte. Er hatte braune Schuhe, braune Strümpfe und einen braunen Anzug.
+Über seinen Händen trug er Handschuhe, und in seiner Rechten funkelte
+etwas Metallenes, funkelte schnell und erlosch. Er schlug Caspar damit.
+Während Caspar den gelähmten Blick nach oben zwang, spürte er einen
+donnernden Schmerz im Hirn.
+
+Auf einmal hörte der Kandidat Regulein auf, die Geige zu spielen. Es
+erschallten Schritte, die wieder verklangen, doch mochte der Vermummte
+stutzig geworden sein und die Furcht ihn verhindern, zum zweitenmal
+auszuholen. Als Caspar die Augen auftat, über die von der Mitte der
+Stirn herunter eine brennende Nässe floß, war der Mann verschwunden.
+
+Ei, hätte er nur nicht Handschuhe gehabt, unter tausend Händen wollte
+ich seine Hand erkennen, dachte Caspar, indem er zur Seite torkelte. An
+der Schmalseite des Flurs fand er keinen Halt; er probierte die Stiege
+hinaufzuklimmen, aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder
+Strom Feuers. Er glitt nieder, umklammerte die Steinsäule und blieb eine
+halbe Minute lautlos sitzen, bis ihn die Angst packte, der Vermummte
+könne wieder zurückkommen. Mit aller Kraft hielt er das fliehende
+Bewußtsein noch fest, richtete sich auf, taumelte vorwärts und tastete
+sich an der Wand entlang, als suche er ein Loch, um sich zu verkriechen.
+
+Als er bei der Kellertreppe war, gab die nur angelehnte Tür dem Druck
+seiner Hand nach, so daß er fast hinuntergestürzt wäre. Kaum sehend und
+ohne zu überlegen tappte er so schnell wie möglich die finsteren Stufen
+hinunter, denn schon glaubte er den Vermummten hinter sich. Als er im
+Keller war, spritzte Wasser von seinen Schritten auf; es war
+Regenwasser, das bei schlechtem Wetter hier unten Pfützen bildete.
+Endlich fand er einen trockenen Winkel; während er sich niederließ und
+sich, voller Furcht und Grauen, förmlich zusammenrollte, hörte er noch
+von den Turmuhren zwölf schlagen, danach sah und fühlte er nichts mehr.
+
+Um viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurück. Anna, die im Flur
+voranging, gewahrte die große Blutlache vor der Stiege und schrie auf.
+Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte:
+»Na, was ist denn das für eine Bescherung!« Die alte Frau, die an nichts
+Schlimmes dachte, äußerte sich, wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten
+gehabt. Anna jedoch, mehr und mehr voll Ahnung, wies auf die blutigen
+Fingerabdrücke hin, die an der Mauer bis zur Kellertür sichtbar waren.
+Sie sprang hinauf, ihr erster Gedanke war Caspar, sie suchte ihn in
+allen Zimmern und sagte zum Bruder: »Du, da unten ist alles voll Blut.«
+Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf vom Schreibtisch und
+eilte hinaus.
+
+Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt. Mit
+heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fügte gellend hinzu:
+»Da unten ist er, da liegt der Hauser! Hilfe, Hilfe, schnell!«
+
+Alle drei Daumers stürzten in den Keller, Anna kam keuchend wieder
+zurück, um die Kerze zu holen, die andern versuchten, den verkauerten
+Körper Caspars aufzurichten, und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf.
+»Zum Arzt, zum Arzt!« kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden Anna
+zu, die das Licht ausblies, zu Boden warf und davonsprang.
+
+Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag, wuschen sie das gestockte Blut
+von seinem Gesicht, und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten
+der Stirn zum Vorschein. Daumer lief mit gerungenen Händen im Zimmer auf
+und ab und stöhnte fortwährend: »Das muß mir passieren! Das muß in
+meinem Haus passieren! Ich hab’s ja gleich gesagt, ich hab’s immer
+gewußt!«
+
+Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen, als Anna mit dem Arzt
+zurückkam. Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute. Ein
+wenig später erschien auch der Gerichtsarzt; beide Doktoren
+versicherten, daß die Wunde ungefährlich sei, ob aber das Gemüt des
+Jünglings nicht eine bedenkliche Erschütterung erlitten habe, ließen sie
+dahingestellt.
+
+Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden, Caspar war
+immer nur kurze Zeit bei Besinnung; er stammelte dann ein paar Worte,
+die allerdings das, was mit ihm geschehen war, wie unter Blitzesleuchten
+erkennbar machten, sprach von dem Vermummten, von seinen glänzenden
+Stiefeln und gelben Handschuhen, fiel aber danach in heftige Wahn- und
+Fieberdelirien. Bei der Besichtigung der Lokalität wurde der Weg
+entdeckt, auf dem der Unbekannte ins Haus gedrungen war: unter der
+Stiege befand sich nämlich gegen den Baumannschen Garten ein kleines
+Türchen, dessen Vorlegeschloß zersprengt war.
+
+Die Vernehmung Daumers war fruchtlos, er stand kaum Rede. Gegen Abend
+kam Herr von Tucher und teilte mit, daß man einen Eilboten an den
+Präsidenten Feuerbach abgefertigt habe.
+
+Das Bürgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen
+veranstaltet. An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache
+zu erhöhter Aufmerksamkeit verpflichtet; die Wirtshäuser und Herbergen,
+wo Leute gemeinen Schlags sich aufzuhalten pflegten, wurden sorgfältig
+durchsucht, auch wurden die Gendarmerie und die benachbarten
+Landgemeinden zu tätiger Vigilanz aufgefordert. An die Amtstafel des
+Rathauses wurde eine öffentliche Bekanntmachung angeschlagen, und zwei
+Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der Verfolgung des
+Frevlers betraut.
+
+Die Untat geschah an einem Montag; eine zu leitende Gerichtsverhandlung
+hinderte unglücklicherweise den Präsidenten, sofort nach Nürnberg zu
+kommen, erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und
+begab sich unverzüglich aufs Rathaus. Er ließ sich vom Magistratsvorstand
+über die polizeilichen Maßregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten,
+zeigte sich aber mit allem so unzufrieden und geriet über eine Reihe von
+Mißgriffen in solchen Zorn, daß die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor.
+Über die vom Aktuar ihm vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte
+er sarkastische Bemerkungen; da war eine Hallwächtersfrau, welche am
+Schießgraben beim Hauptspital einen wohlgekleideten Herrn gesehen hatte,
+der sich in einer Feuerkufe die Hände wusch; da war ein Öbstnerweib, die
+in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war, welcher sich bei ihr
+erkundigt hatte, wer am Tiergärtner Tor Examinator sei und ob man, ohne
+angehalten zu werden, in die Stadt gelangen könne; da waren verdächtige
+Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden; da
+hatte man zwei Kerle beobachtet, den einen im hellen Schalk, den andern
+im dunkeln Frack, die auf der Fleischbrücke zusammengekommen waren und
+einander Zeichen gegeben hatten.
+
+»Zu spät, zu spät,« knirschte der Präsident. »Warum hat man nicht die
+Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gasthöfen
+kontrolliert?« fuhr er den zitternden Aktuar an.
+
+»Die Spuren laufen nach vielen Richtungen,« bemerkte schüchtern der
+Unglückliche.
+
+»Gewiß, die Unfähigkeit hat viele Wege,« antwortete der Präsident
+beißend, und mit Bedeutung fügte er hinzu: »Hören Sie, Mann Gottes! Der
+Übeltäter, auf den wir da fahnden, wäscht seine Hände nicht auf offener
+Straße, er läßt sich mit keinem Öbstnerweib in Gespräche ein und braucht
+keinen Examinator zu fürchten. Zu niedrig habt ihr gegriffen, viel zu
+niedrig.«
+
+Er nahm einen Schreiber mit, um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus
+nochmals selbst vorzunehmen. Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und
+ward ihm durch mannigfaches Reden lästig; unter anderm äußerte Behold,
+er habe gehört, Professor Daumer wolle Caspar nicht länger behalten, und
+machte sich erbötig, dem Jüngling in seinem Haus Obdach zu gewähren.
+Feuerbach hielt dies für leeres Geschwätz und entledigte sich des
+Mannes, indem er ihn mit einem Auftrag zu Herrn von Tucher schickte.
+
+Aber als er dann mit Daumer sprach, erregte dessen Zerfahrenheit sein
+Befremden. Um ihn nicht noch mehr zu verwirren, legte Feuerbach das
+Verhör mit ihm so an, daß es mehr einer freundschaftlichen Unterhaltung
+glich. Daumer erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung, die Caspar
+vor der Egydienkirche gehabt hatte, und rückte damit heraus.
+
+»Und davon erfährt man jetzt erst?« brauste der Präsident auf. »Und
+hatte die Sache keine unmittelbaren Folgen? Haben Sie nachher nichts
+Verdächtiges beobachtet?«
+
+»Nein,« stotterte Daumer, in Furcht gesetzt durch den stählern
+durchdringenden Blick des Präsidenten. »Das heißt, eines fällt mir noch
+ein: ich traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn, der sich mir
+gegenüber in ganz seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel, wie man
+es auffassen soll, weiß ich nicht.«
+
+»Was war der Mann? Wie hieß er?«
+
+»Man sagte, es sei ein zugereister Diplomat, des Namens entsinne ich
+mich nicht. Oder doch, jawohl: Herr von Schlotheim-Lavancourt; er soll
+sich aber unter falschem Namen hier aufgehalten haben.«
+
+»Wie sah er aus?«
+
+»Dick, groß, ein wenig pockennarbig, ein hoher Fünfziger.«
+
+»Schildern Sie mir das Gespräch mit ihm.«
+
+Daumer gab, so gut er es vermochte, den Inhalt der Unterredung.
+Feuerbach versank in langes Nachdenken, dann schrieb er einige Notizen
+in sein Taschenbuch. »Lassen Sie uns zu Caspar gehen,« sagte er, sich
+erhebend.
+
+Caspars Stirn war noch verbunden; das Gesicht war beinahe so weiß wie
+das Tuch; auch das Lächeln, womit er den Präsidenten empfing, war
+gleichsam weiß. Er hatte bereits drei oder vier Verhöre überstanden;
+schon beim ersten hatte er alles Erzählenswerte erzählt; das hielt den
+guten Amtsschimmel nicht ab, immer wieder von neuem anzutraben, man
+fragte die Kreuz und Quer, um das Opfer auf einem Widerspruch zu
+erwischen; mit Widersprüchen kann man arbeiten, wenn einer jedesmal
+dasselbe sagt, wird die Geschichte aussichtslos. Der Präsident unterließ
+das Fragen; er fand einen veränderten Menschen in Caspar; es war etwas
+Beklommenes an ihm, sein Blick war weniger frei, nicht mehr so
+tiefstrahlend und seltsam ahnungslos, näher an die Dinge gekettet.
+
+Während die Frauen sich über Caspars Befinden befriedigt äußerten, kam
+auch der Arzt und bestätigte gern, daß von irgendwelcher Gefahr keine
+Rede mehr sein könne. In einem Ton, der mehr Befehl als Wunsch enthielt,
+sagte der Präsident, er hoffe, daß in diesen Tagen fremde Besucher ohne
+Ausnahme abgewiesen würden. Daumer erwiderte, das verstehe sich von
+selbst, erst diesen Morgen habe er einem betreßten Lakaien abschlägigen
+Bescheid geben lassen.
+
+»Es war der Diener eines vornehmen Engländers, der im Gasthof zum Adler
+wohnt,« fügte Frau Daumer hinzu; »er war übrigens nach einer Stunde noch
+einmal da, um sich ausführlich zu erkundigen, wie es Caspar ginge.«
+
+Es klopfte an die Tür, Herr von Tucher trat ein, begrüßte den
+Präsidenten und machte nach kurzer Weile eine überraschende Mitteilung:
+derselbe Engländer, ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord, habe
+dem Bürgermeister einen Besuch abgestattet und ihm hundert Dukaten
+überreicht als Belohnung für denjenigen, dem es gelingen würde, den
+Urheber des an Caspar verübten Überfalls zu entdecken.
+
+Ein erstauntes Schweigen entstand, welches der Präsident mit der Frage
+unterbrach, ob man wisse, weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte.
+Herr von Tucher verneinte. »Man weiß nur, daß er vorgestern abends
+angekommen ist,« antwortete er; »ein Rad seines Wagens soll in der Nähe
+von Burgfarrnbach gebrochen sein, und er wartet hier, bis der Schaden
+ausgebessert ist.« Der Präsident zog die Brauen zusammen, Argwohn
+umdüsterte seinen Blick; so wird der Jagdhund stutzig, wenn sich abseits
+von verwirrenden Fährten eine neue Spur zeigt. »Wie nennt sich der
+Mann?« fragte er scheinbar gleichgültig.
+
+»Der Name ist mir entfallen,« entgegnete Baron Tucher, »doch soll es in
+der Tat ein hoher Herr sein, Bürgermeister Binder preist seine
+Leutseligkeit in allen Tönen.«
+
+»Hohe Herren gelten schon für leutselig, wenn sie einem auf den Fuß
+treten und sich nachher freundlich entschuldigen,« ließ sich Anna, die
+an Caspars Bett saß, naseweis vernehmen. Daumer warf ihr einen
+strafenden Blick zu, doch der Präsident brach in eine schmetternde Lache
+aus, die auf alle ansteckend wirkte; noch minutenlang kicherte er vor
+sich hin und zwinkerte vergnügt mit den Augen.
+
+Bloß Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil, sein Blick
+war nachdenklich ins Freie gerichtet, er wünschte jenen Mann zu sehen,
+der aus weiter Ferne kam und so viel Geld hergab, damit der gefunden
+werde, der ihn geschlagen. Aus weiter Ferne! Das war es; nur aus weiter
+Ferne konnte kommen, wonach Caspar Verlangen trug, vom Meere her, von
+unbekannten Ländern her. Auch der Präsident kam aus der Ferne, aber doch
+nicht von so weit, daß seine Stirn gefärbt war von fremdem Schein, daß
+ein süßer Wind an seinen Kleidern hing oder daß seine Augen wie die
+Sterne waren, ohne Vorwurf, ohne das ewige Fragen. Der aus der Ferne
+kam, im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen, der brauchte
+nicht zu fragen, er wußte alles von selbst, die andern aber, alle die
+Nahen, die immer da waren, immer hereingingen und immer wieder fort, sie
+sahen niemals aus, als ob sie von schäumenden Rossen gestiegen wären,
+ihr Atem war dumpf wie Kellerluft, ihre Hand müde wie keines Reiters
+Hand; ihr Antlitz war vermummt, nicht schwarz vermummt wie das Gesicht
+dessen, der ihn geschlagen und der ihm so nah gewesen wie keiner sonst,
+sondern undeutlich vermummt; darum redeten sie mit unreiner Stimme und
+in verstellten Tönen, und darum war es auch, daß Caspar sich jetzt
+verstellen mußte und nicht mehr imstande war, ihnen fest ins Auge zu
+sehen und alles zu sagen, was er hätte sagen können. Er fand es
+heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden, besonders wenn sie
+darauf warteten, daß er reden solle; ja, er liebte es, ein wenig traurig
+zu sein, viele Träume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben
+zu bringen, daß sie ihm doch nicht nahkommen könnten.
+
+Daumer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu bedrückt von der
+bevorstehenden Ausführung eines unabänderlichen Entschlusses, um darauf
+zu achten, ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise
+entgegenkomme wie sonst. Erst Herr von Tucher war es, der auf gewisse
+Sonderbarkeiten in Caspars Betragen hinwies, und er ließ auch gegen den
+Präsidenten einige Andeutungen darüber fallen, als sie zusammen aus dem
+Daumerschen Haus gingen. Der Präsident zuckte die Achseln und schwieg.
+Er bat den Baron, ihn nach dem Gasthof zum Adler zu begleiten; dort
+erkundigten sie sich, ob der englische Herr zu Hause sei, erfuhren
+jedoch, daß Seine Herrlichkeit Lord Stanhope, so drückte sich der
+Kellner aus, vor einer knappen Stunde abgereist war. Der Präsident war
+unangenehm überrascht und fragte, ob man wisse, welche Richtung der
+Wagen genommen habe; das wisse man nicht genau, ward geantwortet, doch
+da er das Jakobstor passiert, sei zu vermuten, daß er die Richtung nach
+Süden, etwa nach München, eingeschlagen habe.
+
+»Zu spät, überall zu spät,« murmelte der Präsident. »Ich hätte gern
+gewußt,« wandte er sich an Herrn von Tucher, »was Seine Herrlichkeit
+bewogen hat, so viel Dukaten aufs Rathaus zu tragen.« Das Gesicht
+Feuerbachs war dermaßen zerarbeitet von Gedanken und Sorgen, von der
+Anstrengung einer beständigen Wachsamkeit wie von der Glut eines
+zehrenden Temperaments, daß es dem eines Kranken oder eines Besessenen
+glich.
+
+Und so war es seit Monaten. Die ihm unterstellten Beamten fürchteten
+seine Gegenwart; die geringste Pflichtverletzung, ja, der geringste
+Widerspruch brachte ihn zur Raserei, und waren die Ausbrüche seines
+Zornes schon von jeher furchtbar gewesen, so zitterten sie jetzt um so
+mehr davor, als der unbedeutendste Anlaß einen solchen Sturm
+heraufbeschwören konnte. Dann gellte seine Stimme durch die Hallen und
+Korridore des Appellgerichts, die Bauern auf dem Markt unten blieben
+stehen und sagten bedauernd: »Die Exzellenz hat das Grimmen,« und vom
+Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann saß alles blaß und artig
+auf den Stühlen.
+
+Vielleicht hätten sie williger dies Joch getragen, wenn sie gewußt
+hätten, welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward, wie sehr
+er, besiegt durch sein eignes Wüten, Scham und Reue litt, so daß er
+bisweilen, wie um durch irgendeine Handlung sich loszukaufen, dem
+erstbesten Bettler auf der Gasse eine Silbermünze hinwarf. Sie ahnten
+freilich nicht, daß die trüben Nebel dieser Laune ein bewegtes
+Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und daß hier ein Genius am Werk
+war, um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein Wunderwerk
+der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hölle von
+Verworfenheit und Missetat zu durchdringen.
+
+Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen, aus den dunkeln Fäden, die das
+Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden, ein
+Gewebe zu knüpfen, auf welchem jählings wie in Brandlettern flammte, was
+durch die Fügung der Umstände und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt
+war.
+
+Voll Schrecken stand er vor seiner Schöpfung, denn der Boden seiner
+Existenz wankte unter ihm. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr. Aber
+durfte er es wagen, mit der fürchterlichen Wahrheit auf den Plan zu
+treten und die Rücksicht hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das
+Vertrauen seines Königs auferlegt war? Schien es nicht besser, das
+Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu betreiben, um den
+ränkevollen Gewalten, tückisch wie sie selbst, erst bei gelegener Stunde
+in den Rücken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht einmal Dank,
+aber alles war zu verlieren.
+
+O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nächten, sonderbare Qual, dem
+rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen
+zu müssen, groß und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen, die
+Feder auf den Buchstaben zu spießen, indes das Leben seine Bahn läuft
+und Form auf Form gebiert, zerstört, niemals Herr der Taten zu sein,
+immer Spürhund der Täter und nie zu wissen, was zu verhüten sei, was zu
+befördern!
+
+Er wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen
+Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte, der seiner
+Selbstachtung Genüge tat. Er richtete ein ausführliches Memorial an den
+König, worin er mit bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall
+darlegte, frei und kühn vom Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder
+Satz.
+
+Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung, daß Caspar Hauser
+kein uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein müsse.
+
+Wäre er ein uneheliches Kind, hieß es, so wären leichtere, weniger
+grausame und weniger gefährliche Mittel angewendet worden, um seine
+Abstammung zu verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang
+fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer
+eines der Eltern war, desto müheloser konnte das Kind entfernt werden,
+und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verräterischen Anstalten
+hätten Leute geringen Standes und geringen Vermögens gehabt; das Brot
+und Wasser, welches Caspar im verborgenen verzehren mußte, hätte man ihm
+auch vor aller Welt reichen dürfen. Denkt man sich Caspar als
+uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer Eltern, in
+keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck. Und wer übernimmt
+grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei die
+angstvolle Plage hat, es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und
+wieder verüben zu müssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der
+unerbittliche Ankläger fort, daß sehr mächtige und sehr reiche Personen
+an dem Verbrechen beteiligt sind, welche über gemeine Hindernisse
+unschwer hinwegschreiten, welche durch Furcht, außerordentliche Vorteile
+und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen, Zungen
+fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund legen können.
+Ließe es sich sonst erklären, daß die Aussetzung Caspars in einer Stadt
+wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden
+konnte; daß durch alle seit vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer
+betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand
+entdeckt werden konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen
+bestimmten Menschen führte, daß selbst hohe Belohnungen keine einzige
+befriedigende Anzeige veranlaßten?
+
+Deshalb muß Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod
+weittragende Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache
+und nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er
+wurde beseitigt, um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm
+allein gebührten. Er mußte verschwinden, damit andre ihn beerben, damit
+andre sich in der Erbschaft behaupten konnten. Er muß von hoher Geburt
+sein, dafür sprechen merkwürdige Träume, die er gehabt und die sonst
+nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus früher Jugend, dafür
+sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich
+ergebenden Schlüsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und spärlich
+ernährt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in böswilliger,
+sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu
+verderben, sondern um sie gegen diejenigen zu schützen, die ihnen nach
+dem Leben getrachtet. Vielleicht auch, daß durch sein bloßes Dasein ein
+Druck ausgeübt werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an
+der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu
+erheben. Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar geübt; warum? Warum hat
+ihn der Geheimnisvolle nicht getötet? Warum nicht einen Tropfen Opium
+mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen betäuben sollte? Das Verließ
+für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für den Toten.
+
+Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen
+Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre, ohne daß man über
+dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung
+brachte, so müßte doch längst öffentlich bekannt sein, in welcher
+Familie dies Unglück vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet
+Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das
+mindeste davon verlautet hat, so ist Caspar unter den Gestorbenen zu
+suchen. Das will heißen: ein Kind wurde für tot ausgegeben und wird noch
+jetzt dafür gehalten, welches in Wirklichkeit am Leben ist, und zwar in
+der Person Caspars; das will heißen, ein Kind, in dessen Person der
+nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte,
+wurde beiseitegeschafft, um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem
+Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder
+sterbendes Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben
+und so Caspar in die Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte
+er Befehl, das Kind zu morden, fand er jedoch in seinem Herzen oder in
+seiner Klugheit Gründe, den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind
+zu retten, so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden.
+Hier handelte jeder auf höhere Weisung, aber wo war der gebietende Mund?
+Wo der mächtige Geist, der ein solches Gewicht von Verantwortung für
+ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das Unerhörte
+geschah?
+
+An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten, –
+tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit
+dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens
+sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem
+Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten,
+hieß das nicht, die Majestät auch des eignen Königs beleidigen,
+geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum
+Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt
+des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt.
+
+Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, daß das alte Geschlecht
+jählings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im
+Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen
+Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in
+einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben
+ereignet, und nur die Söhne starben, die Töchter aber lebten weiter. So
+wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe, doch traf Apollos tötendes
+Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter, hier aber ging der Würgengel
+an den Töchtern vorüber und erschlug die Söhne. Und nicht bloß
+auffallend, sondern einem Wunder ähnlich, daß der Würgengel schon an der
+Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe
+blühender Schwestern. Wie wäre es erklärbar, fragte Feuerbach, daß eine
+Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter
+Sterblinge? Darin ist kein Zufall, behauptete er furchtlos, sondern
+System, oder man muß glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den
+gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan, um
+einen politischen Streich auszuführen. Nicht lange nach dem Erscheinen
+Caspars hat sich in Nürnberg das Gerücht verbreitet, Caspar sei ein für
+tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts, und immer wieder redeten die
+dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde,
+wie öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung gewagt, daß die
+gegenwärtigen Regenten den Thron durch Usurpation besäßen und daß noch
+ein echter Prinz am Leben sei. Gerüchte sind freilich nur Gerüchte; aber
+sie fließen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen
+gibt, häufig ihre Entstehung darin, daß ein Mitschuldiger geplaudert,
+oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine
+Unvorsichtigkeit begangen, oder sein Gewissen erleichtern wollte, oder
+seine getäuschten Hoffnungen zu rächen sich vorgesetzt, oder im stillen
+die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen gesucht, ohne die Rolle des
+Verräters spielen zu müssen.
+
+Der Präsident nannte nicht bloß die Dynastie mit Namen und das Land, das
+ihr erbeigen war, er nannte auch den Fürsten, dessen plötzlicher Tod vor
+mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Fürstin,
+die, von hocherlauchter Abkunft, in selbsterwählter Einsamkeit ein
+unfaßbares Geschick betrauerte; er nannte diejenigen, die so über
+Leichen hinweg zum Thron geschritten, und neben dem Bild eines
+schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf,
+voll von dämonischem Wesen, der regierende Wille über dem grausen
+Geschehen.
+
+Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen
+Hinweisen des Präsidenten. Denn er kannte die höfische Welt, in der
+Tücke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo
+die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt; er hatte
+ihre Luft geatmet, er hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift
+genossen, den besten Teil seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem
+Dienst vergeudet und war für die reinste Hingebung mit Schmach und
+Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer,
+er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet als eine
+Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen
+fluchwürdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und
+Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe,
+Menschenrechte ein Pfänderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen
+Größe, das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen
+aberwitziger Toren. Die unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen
+Worten hervor, erlittene Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist. Er
+wollte seiner selbst nicht gedenken, doch die Worte entschleierten
+seinen Gram, wenn auch nicht für das Auge des Königs, der nur zu lesen
+brauchte, was geschrieben stand.
+
+Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit
+sie in keine andern Hände als in die des Regenten gerate, und der
+Präsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf
+einen Bescheid, auf irgendein Zeichen. Da kam die Kunde von dem
+Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach Nürnberg; seine eignen
+Maßnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am zehnten Tag
+seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen
+Privatkanzlei, worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz
+genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns
+in der Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war, das aber in
+allen wesentlichen Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte; man werde
+prüfen; man werde überlegen; man müsse abwarten; gewichtige Rücksichten
+seien zu beachten; leicht erklärliche Beziehungen legten unbequeme
+Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur
+Verwunderung, zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen; doch
+verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen,
+unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige
+Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach
+außen dringen: man erwarte über den Punkt Verständigung und
+Unterwerfung.
+
+Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich
+schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich,
+worin der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt
+längst geahnt und gefürchtet war. Feuerbach schäumte. Er zertrat das
+Sendschreiben mit den Füßen; er rannte mit keuchender Brust, die Fäuste
+gegen die Schläfen gedrückt, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann
+stürzte er aufs Bett, das Sausen seiner Pulse beängstigte ihn und er
+erlöste sich schließlich in einem lauten, langen Gelächter voll Wut und
+Zorn.
+
+Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das
+einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen.
+
+An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im Gasthof
+gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht. Der Kellner war
+stets mit dem Bescheid zurückgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der
+Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden.
+Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den
+Präsidenten in ein Aktenheft vertieft, und seine Entschuldigung wurde
+mit der verletzend kurzen Bitte erwidert, er möge zur Sache kommen.
+
+Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz,
+er wisse nicht, wodurch er sich das Mißfallen Seiner Exzellenz zugezogen
+haben könne, doch wie dem auch sei, er müsse eine derartige Behandlung
+zurückweisen. Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: »Ums Himmels
+willen, Mann, lassen Sie das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat
+einigen Grund, wenn er die Regeln der Höflichkeit vergißt!«
+
+Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklärte er den
+Zweck seines Besuchs. Daß Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem
+Haus zu entfernen, sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun
+der Jüngling soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen,
+damit nicht hinzuwarten, sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen
+zu bringen, die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten. Alles dies sei
+genügend besprochen und man wünsche nur, den Präsidenten zu
+unterrichten, und bitte um seine Gutheißung.
+
+»Ja, ich weiß, daß Daumer die Geschichte satt hat,« antwortete Feuerbach
+verdrießlich. »Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust,
+sein Haus zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen, obwohl
+dagegen Maßregeln ergriffen werden können, werden müssen. Von heute ab
+soll Caspar unter genauer polizeilicher Überwachung stehen; die Stadt
+haftet mir für ihn. Doch warum hat Daumer solche Eile? Und warum gibt
+man Caspar in die Familie Behold, warum nicht zu Herrn von Tucher oder
+zu Ihnen?«
+
+»Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen,
+seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen, und ich –« der Bürgermeister
+zögerte, und sein Gesicht wurde vorübergehend bleich, – »was mich
+betrifft, mein Haus ist kein Ort des Friedens.«
+
+Rasch schaute der Präsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder
+stumm die Rechte. »Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es für
+Leute?« fragte er ablenkend.
+
+»O, es sind gute Leute,« versetzte der Bürgermeister etwas unsicher.
+»Der Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau ... darüber
+sind die Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen,
+verschwendet viel Geld. Böses kann man ihr nicht nachsagen. Da es für
+Caspar, wie wir ja verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die
+öffentliche Schule besucht, genügt schließlich die bloße Beaufsichtigung
+in einem Kreis anständiger Menschen.«
+
+»Haben die Leute Kinder?«
+
+»Ein dreizehnjähriges Mädchen.« Der Bürgermeister, dem es wie aller Welt
+wohlbekannt war, daß Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte,
+wollte noch etwas hinzufügen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da
+wurden Daumer und der Magistratsrat Behold gemeldet. Der Präsident ließ
+bitten. Alsbald zeigte sich das freundlich-grinsende Gesicht des Rats;
+der feierliche schwarze Kinnbart stand in einem komischen Gegensatz zu
+dem schon ergrauten Kopfhaar, das in feuchten Strähnen pomadeduftend
+über die Stirn hing.
+
+Unter beständigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur
+eines flüchtigen Grußes würdigte und sich sogleich an Daumer wandte.
+Dieser wagte kaum dem forschenden Auge des Präsidenten zu begegnen, und
+die Frage, ob man Caspar die innere und äußere Anstrengung eines so
+durchgreifenden Wechsels schon zumuten dürfe, beantwortete er durch
+verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold ins Gespräch mischte und
+versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein leiblicher Sohn
+betrachtet werden, unterbrach ihn der Bürgermeister mit den fast
+widerwillig hervorgepreßten Worten, darauf halte er nichts, wie man an
+Caspar selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder
+verkümmern ließen. Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine
+ausgemergelten Finger an der Stuhlkante und stotterte, er könne nichts
+weiter sagen, was an ihm läge, wolle er tun.
+
+Der Präsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah
+die beiden Männer abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin,
+legte die Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: »Muß es denn sein?«
+
+Daumer seufzte und entgegnete bewegt: »Exzellenz, wie hart mein
+Entschluß mich ankommt, das weiß nur Gott.«
+
+»Gott mag es wissen,« versetzte der Präsident grollend, und seine
+untersetzte feiste Gestalt schien plötzlich drohend zu wachsen, »aber
+wird er es darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl
+zusammenschlägt, gibt es Funken; wehe aber, wenn bloß Schmutz und Krümel
+vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer und keine Tüchtigkeit der Natur.«
+
+Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Röte des
+Unwillens stieg ihm ins Gesicht. »Ich habe getan, was in meinen Kräften
+stand,« sagte er hastig und mit Trotz. »Ich verschließe Caspar nicht
+mein Haus. Und mein Herz schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich
+keine Gewähr für seine Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand
+kann es. Wie ist es möglich, Säemann zu sein auf einem Acker, unter dem
+ein verderbliches Feuer gloset und jeden Samen verbrennt? Und dann, was
+mehr ist, ich bin enttäuscht, ich gestehe es, ich bin enttäuscht. Nie
+will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer könnte ihn auch
+vergessen! Aber das Wunder ist vorüber, die Zeit hat es aufgefressen.«
+
+»Vorüber, ja vorüber,« murmelte Feuerbach düster, »das Wort mußte
+fallen. Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Söhne werden
+verstoßen, wenn sie unsrer Liebe ein Übermaß abnötigen. Aber der Bettler
+kriegt seine Bettelsuppe. Meine geschätzten Herren,« fuhr er laut und
+förmlich fort, »tun Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien
+Sie eingedenk, bleiben Sie mir für das Wohl Caspars verantwortlich.«
+
+Als Daumer auf der Straße war, ärgerte er sich noch immer über den Ton
+und die Worte des Präsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine
+Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verödeten Straßen
+nahe der Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh,
+eine Ansprache zu haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne.
+Von Anfang an lenkte der Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und
+Daumer bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß die Gesprächigkeit
+des Rittmeisters einen hohnvollen Beigeschmack hatte.
+
+»Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten,« meinte Herr von
+Wessenig, plötzlich deutlicher werdend. »Sollte es Leute geben, die
+daran ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit
+Handschuhen, bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hängt sich einen
+Schleier übers Gesicht und zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er
+das Beil vorher offen über die Straße getragen haben? Mit Handschuhen,
+wie? Beim heiligen Tommasius, das ist eine gewaltige Räuberhistorie!«
+
+Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: »Nehmen
+wir einmal an, der famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den
+Burschen zu töten. Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur
+ein bißchen kräftiger zuzuschlagen und alles war aus, der Mund, der ihn
+verraten mußte, war stumm. Man muß rein glauben, der behandschuhte
+Mörder hat sein Opfer einstweilen nur ein bißchen kitzeln wollen.
+Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine Bekannten, #parole
+d’honneur#, lieber Professor, sind empört über die Leichtgläubigkeit,
+die sich von so albernem Spuk zum besten halten läßt.«
+
+Daumer hielt es für unter seiner Würde, Zorn oder Entrüstung zu zeigen.
+Er stellte sich, als hätte er nicht übel Lust, dem Rittmeister
+beizustimmen, und fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang
+zu denken habe. Herr von Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er
+mochte heftiges Aufbrausen und scharfe Zurechtweisung erwartet haben,
+und weil dies nicht eintraf, legte er sein verhalten-feindseliges Wesen
+ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in allgemeinen Vermutungen zu
+äußern. »Vielleicht ist der gute Hauser betrunken gewesen und auf der
+Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt, um sich
+interessant zu machen. Das wäre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem
+schwärzer; man traut dem Halunken schon zu, daß er seine Wohltäter durch
+einen feingefädelten Streich hinters Licht geführt hat.«
+
+Jetzt vermochte Daumer nicht mehr an sich zu halten. Er blieb stehen,
+wehrte mit beiden Händen ab, als drängen die Reden seines Begleiters wie
+giftige Fliegen auf ihn ein, und stürzte ohne Wort noch Gruß davon.
+
+Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestürzt; das
+zu denken, ist möglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und
+dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer
+Caspar! Wenn du auch nicht der Himmelszeuge bist, den ich wähnte, über
+ihnen schwebst du doch wie der Adler über Koboldsgezücht. Freilich, sie
+werden dir die Flügel brechen; vergebens wird die Schuldlosigkeit aus
+deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen; vergebens wirst du
+vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und
+vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein,
+angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen und Verrat führt dich auf
+den verderblichsten von allen ...
+
+Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt; man kennt die Menschen,
+man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht, und daß der Hase,
+wenn er angeschossen wird, ins Gras fällt und stirbt; man kennt die
+Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa
+ein Grund, den Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben
+hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein
+Grund. Oder ist es nur Grund, ein kleines Entschlüßchen rückgängig zu
+machen? Nein, es ist kein Grund. Darin haben die Idealisten und
+Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern.
+
+Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich
+schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als
+am gestrigen, reichlich verstimmten Abend.
+
+
+
+
+Das Amselherz
+
+
+Vierundzwanzig Stunden später hält eine Kutsche vor dem Daumerschen
+Haus, und Frau Behold selber kommt, um Caspar zu holen. Wirklich, Frau
+Behold hat sich’s etwas kosten lassen, eine schwarzlackierte Kutsche mit
+zwei Pferden und einen Mann mit goldenen Knöpfen auf dem Bock.
+
+Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet, auch der
+Kandidat Regulein verläßt seine Junggesellenklause. Anna kann sich der
+Tränen nicht erwehren, Daumer blickt finster vor sich hin, Frau Behold
+gibt dem Kutscher ein Zeichen, die Rosse schnauben, die Räder rollen und
+die Zurückbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit, die das Gefährt
+verschlingt.
+
+Das war der Abschied, und Caspar war’s, als gehe es weit fort. Aber es
+ging nur von einem Haus auf der Schütt zu einem Haus am Markt. Es war
+dies ein schmales, hohes Haus, welches so eingepreßt stand zwischen zwei
+andern, daß es aussah, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Es hatte einen
+gezinnten Giebel, steilabhängend wie die Schultern eines verhungerten
+Kanzlisten, die Fenster hatten nichts Freischauendes, sondern etwas
+Blinzelndes, das Tor war seltsam versteckt und innen wand sich eine
+dunkle Treppe in vielen Biegungen, gleichsam in vielen Ausreden durch
+die Stockwerke; die alten Treppen knarrten und stöhnten bei jedem
+Schritt, und wenn die Türen geöffnet wurden, floß nur ein dämmeriges
+Licht aus den Stuben.
+
+Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof; vor den
+Fenstern lief eine Holzgalerie mit verschnörkeltem Geländer, auf jeder
+Seite waren grünverhangene Glastüren, und unten stand ein eiserner
+Brunnen, aus dem kein Wasser floß.
+
+Das Wunderliche lag darin, daß draußen der Markt war, wo viele Menschen
+laut redeten, wo die Händler ihre kleinen Läden und Verkaufszelte
+hatten, wo von morgens bis abends Frauen feilschten, Kinder kreischten,
+Rosse wieherten, das Geflügel gackerte, und daß man bloß das Tor hinter
+sich zu schließen brauchte und es wurde so still, als ob man in die Erde
+hineingestiegen sei.
+
+Dies machte Caspar im Anfang Spaß. Es glich einem Versteckenspiel, er
+fand es lustig, sich zu verstecken, und gelegentlich sah er es darauf
+ab, ein andres Gesicht zu zeigen, als ihm zu Sinn war, oder andre Dinge
+zu sagen, als man von ihm erwartete. An einem der ersten Tage verlor
+Frau Behold ein silbernes Kettchen; Caspar behauptete, es im Vorplatz
+gesehen zu haben, obwohl er es keineswegs gesehen hatte.
+
+Es wurde ihm verboten, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Er fragte,
+wer es verboten habe, da wurde ihm geantwortet, Frau Behold habe es
+verboten, und als er sich an Frau Behold wandte, sagte sie, der
+Magistratsrat habe es verboten, und als er sich an den Magistratsrat
+wandte, sagte der, der Präsident habe es verboten. Dermaßen war alles
+verzwickt und versteckt in diesem Haus.
+
+Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen; sie fand es versperrt,
+er hatte von innen zugeriegelt. »Was sperrst du dich denn ein am
+hellichten Tag?« fragte sie und schnüffelte auf dem Tisch herum, wo
+seine Bücher und Schularbeiten lagen. »Fürchtest du dich vielleicht?«
+fuhr sie zungengeläufig fort. »Bei mir brauchst du dich nicht zu
+fürchten, bei mir gibt es keine vermummten Spitzbuben.« Er gab zu, daß
+er sich fürchte, und das schmeichelte Frau Behold, sie nahm eine
+grimmige Beschützermiene an und lächelte herausfordernd.
+
+Jeden Vormittag, wenn er von der Schule kam – er besuchte jetzt zwei
+Stunden täglich die dritte Klasse des Gymnasiums –, erkundigte sich Frau
+Behold, wie es ihm gegangen sei. »Schlecht ist’s gegangen,« entgegnete
+er dann trübselig, und in der Tat, er hatte wenig Freude davon. Die
+Lehrer klagten, daß seine Gegenwart die andern Schüler der
+Aufmerksamkeit beraube; der Umstand, daß auf der Gasse stets ein
+Polizeidiener hinter ihm herging und daß die Polizei Tag und Nacht das
+Haus bewachte, in dem er wohnte, dünkte die Knaben aufregend sonderbar,
+und sie belästigten ihn mit den albernsten Fragen. Seine Schweigsamkeit
+wurde natürlich ganz falsch gedeutet, und wenn er von selbst unbefangen
+das Wort an sie richtete, wichen sie entweder scheu zurück oder höhnten
+ihn, denn er war in ihren Augen nichts weiter als ein großer dummer
+Teufel, der, fast doppelt so alt als sie, noch in den Anfangsgründen der
+Wissenschaft steckte. Es kam häufig vor, daß er während des Unterrichts
+aufstand und eine seiner kindischen Fragen stellte; da brach dann die
+ganze Klasse in Gelächter aus, und der Lehrer lachte mit. Einmal,
+während eines gewaltigen Sturmwinds, der draußen heulte, verließ er
+seinen Platz und flüchtete in die Ofenecke; da kannte das Vergnügen der
+andern keine Grenze, und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den
+Bänken schob, begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik.
+
+Am eigentümlichsten war es aber anzusehen, wenn er auf dem Nachhauseweg
+mitten unter der Knabenschar ging, still, verschlossen und sorgenvoll
+unter den Lärmenden und Unbekümmerten, männlich unter den
+Halbwüchslingen – und ihm zur Seite beständig der Wächter des Gesetzes.
+
+Sehr häufig sprach Daumer vor, um bei den Kollegen Auskunft über Caspar
+einzuholen. »Ach,« hieß es da, »er hat freilich den besten Willen, aber
+leider nur einen mittelmäßigen Kopf. Er erweist sich anstellig, aber es
+bleibt nicht viel haften. Wir können ihn nicht tadeln, aber zu loben ist
+auch nichts.«
+
+Daumer war gekränkt. Ihr könnt nicht tadeln, ihr Herren, ei, und tadelt
+doch, dachte er; Tadel ist leicht, besonders wenn er den Tadler lobt,
+wie es sein Merkmal ist. Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte
+ihm eine Lobpreisung auf Caspar förmlich abzulisten, aber Herr Behold
+war kein Freund von offenen Meinungen. Er war ein einschichtig lebender
+Mensch, der seine Tage in einem düstern Kontor am Zwinger verbrachte,
+und wer von ihm etwas haben wollte, erhielt gewöhnlich die Antwort: »Da
+müssen Sie sich an meine Frau wenden.«
+
+Daumer glich fast einem unglücklichen Liebhaber darin, wie er jetzt
+achtsam und bekümmert den Wegen seines früheren Pfleglings folgte, wobei
+er aber gern vermied, Caspar zu sehen und zu sprechen. Mit großem
+Mißtrauen verfolgte er insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold,
+und er zerbrach sich den Kopf darüber, weshalb diese so gierig
+getrachtet hatte, den Jüngling in ihre Nähe zu bekommen. »Was willst
+du,« meinte Anna, die ebensoviel gesunden Menschenverstand besaß wie ihr
+Bruder phantastischen Pessimismus, »es ist ja ganz klar, sie braucht
+eine Spielpuppe, eine Unterhaltung für ihren Salon.«
+
+»Eine Spielpuppe? Sie hat doch ein Kind, und sie vernachlässigt sogar
+dieses Kind, wie man hört.«
+
+»Freilich; aber daran ist nichts Merkwürdiges, ein Kind zu haben wie
+alle andern Leute; es muß etwas sein, wovon man redet, was Interessantes
+muß es sein; man kann dabei die große Dame spielen und liest hie und da
+den eignen Namen in der Zeitung. Auch gilt man nebenher für eine
+Wohltäterin, der Herr Gemahl kann einen hohen Orden bekommen, und was
+die Hauptsache ist, man vertreibt sich die Langeweile. Die Person kenn’
+ich, als ob ich’s selber wäre. Der Caspar tut mir leid.«
+
+Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause, wenn sie
+Gäste hatte. Sie mußte immer Menschen sehen, sie liebte wohlgekleidete,
+gutgelaunte Menschen, Männer mit Titeln und Frauen von Rang, liebte
+Feste, Schmuck und prächtige Gewänder. Man hätte sie eine joviale Natur
+nennen dürfen, wenn der Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht hätte; sie
+wäre bisweilen behäbig, ja gemütlich erschienen ohne eine gewisse
+ziellose Neugierde, von der sie bis ins Innerste, bis in den Schlaf der
+Nächte behaftet war. Sie hatte eine Unmasse französischer Romane
+verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig geworden,
+und das gute Teil Phlegma, das ihrem Temperament beigemischt war,
+machte diese Eigenschaften nur um so hintergründiger. Wer sie so nahm,
+wie sie sich gab, war im voraus betrogen.
+
+Was Caspar betrifft, so sah sie ihn zunächst bloß humoristisch und am
+meisten dann, wenn er ernst und nachdenklich war. »Nein, was er heute
+wieder Komisches gesagt hat,« war ihre beständige Phrase. Es hatte oft
+den Anschein, als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen.
+»Also, mein liebes Mondkälbchen, sprich,« forderte sie ihn vor den
+Gästen auf. Wenn sie ihn gar eifrig beflissen sah, lateinische Vokabeln
+auswendig zu lernen, lachte sie aus vollem Hals. »Wie gelehrt, wie
+gelehrt!« rief sie und fuhr ihm mit der Hand wüst durch das Lockenhaar.
+»Laß es sein, laß es sein,« tröstete sie ihn, wenn er über die
+Schwierigkeit einer Rechnung klagte, »bringst’s ja doch zu nichts, ist
+genau so, wie wenn ich seiltanzen wollte.«
+
+Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr.
+Eines Morgens kam sie dazu, als er in der Küche stand und Zeuge war, wie
+der Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm
+und auf die Anrichte legte. Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars
+Zügen, er wich zurück, zitterte und war keines Lautes fähig, dann floh
+er mit bedrängten Schritten. Frau Behold war betroffen und wollte ihrer
+Rührung nicht nachgeben. Was ist das? dachte sie; er verstellt sich
+wohl; was ist ihm das Blut der Tiere?
+
+Um ihm gefällig zu sein, tat sie mehr, als ihre Bequemlichkeit ihr sonst
+verstattet hätte. Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fühlen.
+»Sapperment, was ist dir übers Leberlein gekrochen?« fuhr sie ihn an,
+wenn sie ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte. »Wenn du nicht lustig
+bist, führ’ ich dich in die Schlachtbank und du mußt zuschauen, wie man
+den Kälbern den Hals abschneidet,« drohte sie ihm einmal und wollte sich
+ausschütten vor Lachen über die Miene des Entsetzens, die er darüber
+zeigte.
+
+Nein, Caspar fühlte sich keineswegs wohl. Frau Behold war ihm ganz und
+gar unverständlich, ihr Blick, ihre Rede, ihr Gehaben, alles das stieß
+ihn aufs äußerste ab. Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken,
+um seinen Widerwillen nicht merken zu lassen, gleichwohl war er krank
+und elend, wenn er nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte. Es
+fehlte ihm dann jegliche Arbeitslust, und die Schule zu besuchen, die
+ihm ohnehin verhaßt war, unterließ er ganz. Die Lehrer beschwerten sich
+beim Magistrat; Herr von Tucher, der jetzt wieder in der Stadt weilte
+und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden war, stellte ihn
+zur Rede. Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus, ein Betragen, das
+Herr von Tucher als Verstocktheit auffaßte und das ihm zu schlimmen
+Befürchtungen Anlaß bot.
+
+Und da war noch eines, was Caspar zu denken gab. Manchmal begegnete ihm
+auf der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds
+Tochter, ein Mädchen, halb erwachsen und bleich von Gesicht. Ihre Augen
+waren feindselig auf ihn gerichtet. Wenn er sie anreden wollte, lief sie
+davon. Einmal schaute er von der Galerie in den Hof und sah sie am
+Brunnen stehen, hinter dessen eisernem Rohr ein Brett weggeschoben war,
+so daß der Blick in die Tiefe offen lag. Das Mädchen stand unbeweglich
+und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das schwarze Loch.
+Caspar verließ leise die Galerie und schlich hinunter; er betrat jedoch
+kaum den Hof, so flüchtete das Mädchen mit bösem Gesicht an ihm vorüber.
+Als Caspar ihr zaudernd folgte, begegnete ihm der Herr Rat, und Caspar
+erzählte voll Eifer, was er mitangeschaut. Herr Behold zog die Stirn
+kraus und sagte beschwichtigend: »Ja, ja, gewiß; das Kind ist nicht
+gesund. Kümmer’ Er sich nicht darum, Caspar, kümmer’ Er sich nicht
+darum.«
+
+Caspar kümmerte sich aber doch darum. Er fragte die Mägde, was mit dem
+Kind sei, und eine von ihnen erwiderte bissig: »Sie kriegt nichts zu
+essen, der Findling frißt ihr alles weg!« Darauf eilte er spornstreichs
+zu Frau Behold, wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte, ob das
+wahr sei. Frau Behold bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der
+Stelle davon. Als jedoch Caspar sie auch dann noch in seiner
+ungeschickten und altklugen Weise ermahnte, daß sie mehr auf ihre
+Tochter achten möge als auf ihn und daß er sonst fortgehen werde,
+schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz. »Wie willst du
+denn fortgehen?« fuhr sie auf. »Wohin denn? Wo bist du denn daheim, wenn
+man fragen darf?«
+
+Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung, daß Caspar in ihre Tochter
+verliebt sei. Sie legte es darauf an, ihn über den Punkt auszuholen. Auf
+ihre Fragen antwortete er jedoch so blöde, daß sie sich beinahe ihres
+Verdachts geschämt hätte. »#Grand Dieu#,« sagte sie laut vor sich hin,
+»mir scheint, der Einfaltspinsel weiß nicht einmal, was Liebe ist!« Ja,
+noch mehr, sie spürte, daß er sich nicht einmal im entferntesten einen
+Gedanken darüber machte. Das war der guten Dame doch überaus seltsam,
+ihr, deren Begierden und Gelüste immer im trüben Gewässer halb
+romanhafter, halb schlüpfriger Leidenschaften plätscherten, so
+tugendhaft sie auch vor ihren Mitbürgern sich halten mußte.
+
+Er ist doch aus Fleisch und Blut, kalkulierte sie, und wenn schon der
+närrische Daumer in allen Tönen von seiner Engelsunschuld schwärmt, als
+erwachsener Mensch weiß man, was der Hahn mit den Hühnern treibt. Er
+heuchelt, er hält mich zum besten; warte, Kerl, ich will dir den Gaumen
+trocken machen.
+
+Auf dem Markt, zur Rechten vor dem Beholdschen Haus, stand der
+sogenannte schöne Brunnen, ein Meisterwerk mittelalterlich-nürnberger
+Kunst. Seit grauen Zeiten erzählte man den Kindern, daß der Storch die
+Neugeborenen aus der Tiefe des Brunnens hole. Frau Behold fragte Caspar,
+ob er davon vernommen habe, und als er verneinte, sah sie ihn mit
+schlauem Augenzwinkern an und wollte wissen, ob er daran glaube. »Ich
+seh’ nur nicht, wo der Storch da hinunterfliegen kann,« antwortete er
+harmlos, »es ist ja alles mit Gittern vermacht.«
+
+Frau Behold staunte. »Ei du Tropf!« rief sie aus, »schau mich einmal
+aufrichtig an!«
+
+Er schaute sie an. Da mußte sie die Augen senken. Und plötzlich erhob
+sie sich, eilte zur Kredenz, riß eine Lade auf, schenkte sich ein Glas
+Wein voll und trank es auf einen Zug leer. Sodann ging sie ans Fenster,
+faltete die Hände und murmelte mit einem Ausdruck von Stumpfsinn:
+»Jesus Christus, bewahre mich vor Sünde und führe mich nicht in
+Versuchung.«
+
+Es bedarf kaum der Erwähnung, daß sie sonst eine höchst aufgeklärte Dame
+war, die sich das ganze Jahr nicht in der Kirche sehen ließ.
+
+Es war schon Mitte August und große Hitze herrschte. An einem Sonntag
+veranstaltete der Bürgermeister ein Waldfest im Schmausenbuk; Caspar war
+am Morgen mit dem Stallmeister Rumpler und einigen jungen Leuten bis
+Buch geritten und war so müde, daß er nach Tisch in seinem Zimmer
+einschlief. Frau Behold weckte ihn selbst und hieß ihn sich ankleiden,
+da der Wagen warte, der sie zum Festplatz bringen sollte. Auf Caspars
+Frage, ob noch wer mitgehe, erwiderte sie, zwei Knaben führen mit
+hinaus, die Söhne des Generals Hartung. Da sagte Caspar enttäuscht, er
+wünschte, daß Frau Behold ihre Tochter mitgehen lasse, denn die werde
+sich grämen, wenn sie zu Hause bleiben müsse. Frau Behold stutzte und
+wollte zornig werden, nahm sich aber zusammen. Sie beugte sich vor,
+ergriff mit der Hand einen Bündel Locken auf Caspars Kopf und sagte
+boshaft: »Ich schneide dir die Haare ab, wenn du wieder davon anfängst.«
+
+Caspar entwand sich ihr. »Nicht so nahe,« flehte er mit aufgerissenen
+Augen, »und nicht schneiden, bitte!«
+
+»Hab’ ich dich!« drohte Frau Behold, gezwungen scherzend. »Hab’ ich
+dich, furchtsames Menschlein? Noch ein Widerpart, und ich komme mit der
+Schere!«
+
+Während der Fahrt blieb Caspar schweigsam. Die beiden Knaben, die
+vierzehn und fünfzehn Jahre alt waren, neckten ihn und suchten etwas
+aus ihm herauszulocken, da sie stets wie über eine Art Wundertier über
+ihn sprechen gehört hatten. Nach Schuljungengewohnheit fingen sie an,
+prahlerische Reden zu führen, als ob es keine gelehrteren und
+scharfsinnigeren Menschen gäbe. Weit auf der Landstraße draußen rief der
+eine, er höre schon die Musik aus dem Wald, da entgegnete Caspar,
+ärgerlich über das Wesen, das die beiden von sich machten, das wundre
+ihn, er höre nichts, dagegen sehe er auf einer hohen Stange fern über
+den Bäumen eine kleine Fahne. »O die Fahne,« meinten jene
+geringschätzig, »die sehen wir schon lang!« Auch hierüber wunderte sich
+Caspar, denn er hatte sie erst im Augenblick wahrgenommen, ein schmales
+Streifchen, das nur im Wehen des Windes sichtbar war.
+
+»Gut,« sagte er, »wenn sie wieder weht, will ich euch fragen, ob ihr es
+bemerkt.« Er wartete eine Weile und stellte dann, während die Fahne
+ruhig war, die irreführende Frage: »Also, weht sie jetzt oder nicht?«
+
+»Sie weht!« antworteten die Knaben wie aus einem Mund, doch Caspar
+versetzte ruhig: »Ich sehe daraus, daß ihr nichts seht.«
+
+»Oho!« riefen jene, »dann lügst du!«
+
+»So sagt mir doch,« fuhr Caspar unbekümmert fort, »was für eine Farbe
+sie hat.«
+
+Die Knaben schwiegen und guckten, dann riet der eine ziemlich kleinlaut:
+»rot,« der andre, etwas kühner: »blau.« Caspar schüttelte den Kopf und
+wiederholte: »Ich sehe, daß ihr nichts seht; weiß und grün ist sie.«
+
+Daran war schwer zu mäkeln, eine Viertelstunde später konnten sich alle
+von der Wahrheit überzeugen. Aber die Knaben blickten Caspar voll Haß
+ins Gesicht; sie hätten gern vor Frau Behold geglänzt, die die ganze
+Unterhaltung wortlos mitangehört hatte.
+
+Caspars Gegenwart beim Fest zog, wie immer, eine Anzahl Gaffer herbei,
+darunter waren einige Bekannte, junge Leute, die sich seiner annehmen zu
+sollen glaubten und ihn Frau Behold unerachtet ihres Widerspruchs
+entrissen. Es war anfangs nur eine kleine Gesellschaft, die sich aber
+allgemach vergrößerte und, indem einer den andern anfeuerte, lauter
+Tollheiten beging. Sie warfen Tische und Bänke um, schreckten die
+Mädchen, kauften die Krämerbuden leer, verübten ein wüstes Geschrei und
+stellten sich dabei an, als ob Caspar ihr Gebieter sei und sie
+kommandiere. Das Treiben wurde immer ausgelassener; als es Abend
+geworden war, rissen sie die Lampions von den Bäumen und zwangen ein
+paar Musikanten, ihnen vorauszuziehen, um den Tumult mit ihren Trompeten
+zu begleiten. Zwei junge Kaufleute hoben Caspar auf ihre Schultern, und
+er, dem schon Hören und Sehen verging, wünschte sich weit weg und
+kauerte mit dem unglücklichsten Gesicht von der Welt auf seinem
+lebendigen Sitz.
+
+Unter Gesang und Gelächter kam die entfesselte Schar vor die Estrade, wo
+der Tanz begonnen hatte; hier konnte sie nicht weiter, die angesammelte
+Menge versperrte den Weg nach rückwärts und seitwärts. Plötzlich sah
+Caspar ganz nahe die beiden Knaben, die in Frau Beholds Kutsche
+mitgefahren waren; sie standen auf der Treppe zum Tanzpodium und trugen
+einen langen Baumzweig mit einem weißen Pappendeckel an der Spitze,
+worauf in großen Lettern die Worte gemalt waren: »Hier ist zu sehen
+Seine Majestät Casperle, König von Schwindelheim.« Sie hielten die Tafel
+so, daß die Aufschrift Caspar zugekehrt war, auch alle Umstehenden
+gewahrten sie alsbald, und es erhob sich ein schallendes Gelächter. Die
+Trompeter gaben einen Tusch, und der Zug setzte sich wieder, am
+Wirtshaus vorbei, gegen den illuminierten Wald in Bewegung.
+
+Caspar rief, man solle ihn herunterlassen, aber niemand achtete darauf.
+Nun zog er mit der einen Hand am Ohr des einen, mit der andern an den
+Haaren des zweiten seiner Träger. »Au, was zwickst du mich!« schrie
+dieser und der andre: »Au, mich zebelt er!« Wütend traten sie beiseite,
+wodurch Caspar herunterglitt. Die beiden Schildträger standen vor ihm
+und grinsten höhnisch. »Wir haben auch ein Fähnlein für dich,« sagte der
+ältere, »sieh mal zu, ob es weht.« Im selben Augenblick schraken sie
+zusammen, denn eine gebieterische Stimme schrie dröhnend ihren Namen. Es
+war der Vater der beiden, der General, der mit einigen andern Herren und
+mit Frau Behold in geringer Entfernung an einem abseits stehenden Tisch
+saß. Diese alle erhoben sich, denn am Himmel waren schwere Wolken
+aufgezogen, und man hörte schon den Donner grollen.
+
+Frau Behold empfing Caspar mit den Worten: »Du machst ja schöne
+Streiche, schämst dich nicht? Allons! Wir fahren heim.« Mit überlautem
+Wesen verabschiedete sie sich von den Herren und eilte zum Ausgang des
+Festplatzes, wo sie mit kreischender Stimme ihren Kutscher rief. »Setz
+dich!« herrschte sie Caspar an, als sie den Wagen erreicht hatten. Sie
+selbst stieg zum Kutscher auf den Bock, ergriff die Zügel, und nun
+begann ein tolles Fahren, erst durch den Wald, dann die staubschäumende
+Chaussee entlang. Sie trieb die Tiere an, daß sie nur so hüpften und von
+jedem Kieselstein, den ihr Huf traf, Funken spritzten. Kein Stern war zu
+sehen, die Landschaft breitete sich düster hin, häufig zuckten Blitze
+auf und der Donner rollte näher.
+
+In wenig mehr denn einer halben Stunde waren sie in der Stadt, und als
+die Pferde am Marktplatz hielten, dampfte der Schweiß von ihren Flanken.
+Frau Behold sperrte das Haustor auf und ließ Caspar vorangehen. Er
+tastete sich in der Dunkelheit bis zu seiner Zimmertür, doch die Frau
+ergriff ihn am Arm, zog ihn weiter und trat mit ihm in den sogenannten
+grünen Salon, einen großen Raum, wo die Fenster geschlossen waren und
+eine muffige Luft herrschte. Frau Behold zündete eine Kerze an, warf Hut
+und Mantille auf das Sofa und setzte sich in einen Ledersessel. Sie
+summte leise vor sich hin, plötzlich unterbrach sie sich und sagte in
+derselben singenden Weise: »Komm einmal her zu mir, du unschuldiger
+Sünder.«
+
+Caspar gehorchte.
+
+»Knie nieder!« gebot die Frau.
+
+Zögernd kniete er auf den Boden und sah Frau Behold ängstlich an.
+
+Wie am Nachmittag näherte sie wieder ihr Gesicht dem seinen. Ihr
+schmales, langes Kinn zitterte ein wenig, und ihre Augen lachten
+sonderbar. »Was sträubst du dich denn so?« gurrte sie, da er den Kopf
+zurückbäumte. »#Ma foi#, er sträubt sich, der Jüngling! Hast wohl noch
+kein lebendiges Fleisch gerochen? He, du Strick, wer’s glaubt! Was
+Teufel, fürchtest dich am Ende? Hab’ ich dir nicht die besten Bissen
+auftragen lassen? Hab’ ich dir nicht gestern erst eine schöne Amsel
+geschenkt? Ich hab’ ein gutes Herz, Caspar, da horch, wie’s schlägt,
+wie’s tickt ...«
+
+Mit großer Kraft zog sie seinen Kopf gegen ihre Brust. Er dachte, sie
+wolle ihm ein Leids tun, und schrie, da drückte sie die Lippen auf
+seinen Mund. Ihm wurde eiskalt vor Grauen, sein Körper sank zusammen,
+wie wenn die Knochen aus den Gelenken gelöst wären, und als Frau Behold
+dieser jähen Erschlaffung inne ward, erschrak sie und sprang auf. Ihr
+Haar hatte sich gelockert, und ein dicker Zopf lag wie eine Schlange auf
+der Schulter. Caspar hockte auf dem Boden, krampfhaft umklammerte seine
+Linke die Rücklehne. Frau Behold beugte sich noch einmal zu ihm und
+schnupperte seltsam, denn sie liebte den Geruch seines Leibes, der sie
+an Honig erinnerte. Aber kaum spürte Caspar ihre abermalige Nähe, als er
+emportaumelte und ans andre Ende des Zimmers floh. Die Seite gegen die
+Tür geschmiegt, den Kopf vorgeduckt, die Arme halb ausgestreckt, so
+blieb er stehen.
+
+Die ferne Ahnung von etwas Ungeheuerm dämmerte in ihm auf. Kein jemals
+gehörtes Wort gab einen Hinweis, doch er ahnte es, wie man auf eine
+Feuersbrunst, die hinter den Bergen wütet, aus der Röte des Himmels
+schließt. Schändlich war ihm zumut, insgeheim fühlte er sich an, ob er
+denn auch seine Kleider am Körper trüge, und dann schaute er auf seine
+Hände nieder, ob sie nicht voll Schmutz seien. Er schämte sich, er
+schämte sich, vor den Wänden, vor dem Sessel, vor der brennenden Kerze
+schämte er sich; er wünschte, die Tür möchte von selber sich öffnen,
+damit er unhörbar verschwinden könne.
+
+Es war wie das entsetzliche Aufleuchten von Augen, als ein rosiger
+Blitzstrahl ins Zimmer fuhr; der Donner folgte wie ein enormer Schrei.
+Caspar drückte die Schultern zusammen und fing an zu zittern.
+
+Mittlerweile ging Frau Behold mit wahren Mannesschritten auf und ab,
+lachte ein paarmal kurz vor sich hin, plötzlich ergriff sie die Kerze
+und trat auf Caspar zu. »Du Aas, du verdorbenes, was hast du denn
+geglaubt,« sagte sie erbittert, »glaubst du vielleicht, mir liegt etwas
+an dir? Ja, einen alten Stiefel! Mach, daß du weiterkommst, und
+untersteh dich nicht, darüber zu sprechen, sonst massakrier’ ich dich!«
+
+Sie lachte dabei, als solle es im Grunde doch nur Scherz sein, aber
+Caspar erschien sie übergroß, ihr schwarzer Schatten erfüllte den ganzen
+Raum, außer sich vor Furcht, rannte er hinaus, die Frau hinter ihm her,
+er, die Treppe hinab zum Tor, rüttelte an der Klinke; es war zugesperrt.
+Er hörte draußen den Regen aufs Pflaster prasseln, zugleich vernahm er
+hastig trippelnde Schritte, ein Schlüssel drehte sich im Schloß und der
+Magistratsrat erschien auf der Schwelle. Die unaufhörlichen Blitze
+beleuchteten Caspars schlotternde Gestalt und das Donnergeschmetter
+verschlang die Fragen des bestürzten Mannes.
+
+Oben an der Stiege stand Frau Behold, der nahe Kerzenschein durchfurchte
+ihr Gesicht mit verwildernden Lichtern, und ihre Stimme übertönte den
+Donner, als sie ihrem Manne zuschrie: »Er hat sich betrunken, der Kerl!
+Auf dem Schmausenbuk haben sie ihn betrunken gemacht! Laß Er sich heute
+nur nicht mehr blicken! Marsch, ins Bett mit ihm!«
+
+Der Magistratsrat schloß das Tor und klappte den triefenden Parapluie
+zu. »Nun, nun ... aber, aber,« machte er, »so schlimm wird’s doch nicht
+gleich sein.«
+
+Frau Behold antwortete nicht. Sie schlug eine Tür zu, dann war es still
+und finster.
+
+»Komm Er nur mit, Caspar,« sagte der Rat, »wir wollen mal Licht anzünden
+und nachsehen, was es denn da gibt. Reich Er mir den Arm, so.« Er
+geleitete Caspar in dessen Zimmer, machte Licht und murmelte fortwährend
+kleine, beschwichtigende Sätzchen vor sich hin. Dann beroch er Caspars
+Atem, um zu sehen, ob er wirklich getrunken habe, schüttelte den Kopf
+und meinte verwundert: »Nichts dergleichen. Die Rätin ist da sicherlich
+im Irrtum. Aber mach Er sich nichts draus, Caspar, empfehl Er Seine
+Sache dem Herrn, und es wird wohl enden. Gute Nacht!«
+
+Als Caspar allein war, irrte sein scheues Auge von Blitz zu Blitz. Bei
+jedem Aufflammen hatte er unter den Lidern Schmerzen wie von
+Nadelstichen, bei jedem Donnerschlag war ihm, als ob alles in seinem
+Leibe locker sei. Hände und Füße waren ihm eiskalt. Er wagte sich nicht
+ins Bett zu begeben, sondern blieb wie angewurzelt stehen, wo er stand.
+Er erinnerte sich mit Grauen des ersten Gewitters, das er im Turm auf
+der Burg erlebt hatte. Er war in einen Mauerwinkel gekrochen, und die
+Frau des Wärters war gekommen, ihn zu trösten. Sie sagte: »Man darf
+nicht hinausgehen, es ist ein großer Mann draußen, der zankt.« Immer
+wenn es donnerte, bückte er sich ganz zur Erde, und die Frau sagte:
+»Hab keine Angst, Caspar, ich bleib’ bei dir.«
+
+Auch jetzt war es ihm, als sei ein großer Mann draußen, der zankte. Aber
+es war niemand da, um ihn zu trösten. Die Amsel, die in einem Käfig beim
+Fenster geduckt auf dem Holzstäbchen hockte, ließ bisweilen piepsende
+kleine Laute hören. Er hätte sie schon längst freigelassen, weil ihn das
+Tier erbarmte, doch fürchtete er Frau Beholds Zorn.
+
+Als das Gewitter im Wegziehen war, entledigte er sich schnell der
+Kleider, kroch ins Bett und deckte sich bis zur Stirn hinauf zu, um das
+Blitzen nicht sehen zu müssen. In der Eile vergaß er sogar, die Türe
+abzuriegeln, und dieser Umstand hatte ein gar sonderbares Geschehnis zur
+Folge.
+
+Am Morgen beim Aufwachen spürte er einen durchdringenden Geruch. Ja, es
+roch nach Blut im Zimmer. Schaudernd blickte er sich um, und das erste,
+was er sah, war, daß der Vogelbauer am Fenster leer war. Caspar suchte
+nach dem Tierchen und gewahrte, daß die Amsel auf dem Tisch lag, tot,
+mit ausgebreiteten Flügeln, in einem Blutgerinnsel. Und daneben, auf
+einem weißen Teller, lag das blutige kleine Herz.
+
+Was mochte dies bedeuten? Caspar verzog das Gesicht, und sein Mund
+zuckte wie bei einem Kind, bevor es weint. Er kleidete sich an, um in
+die Küche zu gehen und die Leute zu fragen, doch als er das Zimmer
+verließ, erschrak er, denn Frau Behold stand im Flur neben der Tür. Sie
+hatte einen Kehrbesen in der Hand und sah unordentlich aus. Caspar
+schaute in ihr fahles Gesicht, er sah sie lange an, fast so matt und
+bewegt, wie er den toten Vogel angesehen.
+
+
+
+
+Botschaft aus der Ferne
+
+
+Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold.
+Wahrscheinlich bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare
+Gemütszustand vor, der späterhin ihr Schicksal verhängnisvoll beschloß.
+Jedermann scheute sich, mit ihr zu tun zu haben. Kaum hatte sie sich
+irgendwo hingesetzt, so sprang sie auch schon wieder auf, um fünf Uhr
+früh war sie schon munter, lärmte in den Zimmern und auf den Stiegen und
+klopfte Caspar aus dem Schlaf, wobei sie ein solches Gepolter an seiner
+Tür machte, daß er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen Tag zu keiner
+Arbeit fähig war. Bei Tisch sollte er nicht reden, und wenn er einmal
+Widerspruch hielt, drohte sie, ihn beim Gesinde in der Küche essen zu
+lassen. Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen, so erging sie sich in
+bissigen Wendungen. »Ich bin neugierig, ob Sie aus dem Stockfisch etwas
+herausbringen,« sagte sie etwa; »man hat Ihnen sicherlich weisgemacht,
+daß Sie ein Unikum von Klugheit an ihm finden werden. Überzeugen Sie
+sich doch; sehen Sie zu, ob die arme Seele ein vernünftiges Wort
+hergibt.« Solches machte den Gast, wer er auch war, verlegen, und Caspar
+stand da und wußte nicht, wohin er schauen sollte.
+
+Wie früher mußten Menschen her, um die Räume des Hauses zu füllen,
+Gelächter sollte über die morschen Stiegen hallen und knisternde
+Schleppen den Staub der Jahrzehnte abfegen. Aber die Tage waren von den
+Nächten so verschieden wie der Ballsaal, wenn die Lichter brennen und
+dann, wenn die Leute gegangen sind, der Pförtner die Kerzen auslöscht
+und Mäuse über die befleckten Teppiche huschen. In einem solchen Dasein
+wächst Schuld wie das Unkraut auf nichtgepflügtem Acker. Große Schuld
+kann reinigen in Buße oder Leiden; die kleinen Versäumnisse und
+unnennbaren Missetaten, die an vielen Stunden vieler Tage hängen,
+zermürben die Seele und fressen das Mark des Lebens auf.
+
+Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur, weil sie dem
+Menschen nicht verzeihen konnte, der ihre Tugend ins Wanken gebracht
+hatte, wenngleich nur für eine schwüle Gewitterstunde. Aber lag es bloß
+daran? War ihr nicht vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch
+das unerwartete Bild der Unschuld, das ihr der Jüngling dargeboten
+hatte? Eine solche umgedrehte Welt war ihr nicht erträglich, um darin zu
+leben. Es war ein Raub an ihr geschehen und sie verlangte nach Rache.
+
+Den Freunden Caspars blieb der veränderte Zustand im Hause Behold nicht
+verborgen. Bürgermeister Binder war der erste, der mit Nachdruck
+erklärte, Caspar dürfe nicht länger dort verbleiben. Daumer unterstützte
+diese Meinung lebhaft, und der Redakteur Pfisterle, hitzig und unbequem
+wie immer, beschimpfte in seiner Zeitung den Magistratsrat und äußerte
+den Verdacht, man wünsche den Findling unschädlich zu machen und die
+Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, welche die Anrechte seiner
+geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten. »Da lebt er, der rätselhafte
+Knabe, dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn glänzt, wie ein
+einsames Tier, das sich nur mit ein paar schüchternen Sprüngen ans Licht
+getraut und, während es über den Acker hüpft, possierlich mit Schwanz
+und Ohren wackelt, um seine Feinde zu ergötzen, dabei aber ängstlich
+nach allen Seiten spitzt, um bald wieder ins erste beste Loch zu
+kriechen.«
+
+So der aufgeregte Schreibersmann. Danach entschlossen sich die
+Stadtväter nach mancherlei Beratungen, wie vordem einen Erziehungs- und
+Kostbeitrag aus der Gemeindekasse auszusetzen, und weil niemand so wie
+Herr von Tucher geeignet schien, dem Elternlosen ein Obdach zu bieten,
+legte man ihm die Sache beweglicherweise ans Herz, appellierte an seine
+Großmut und an die ausgezeichnete Stellung seiner Familie, deren Name
+allein genügen würde, den Jüngling vor gemeinen Verfolgungen zu
+schützen.
+
+Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken. Das plötzliche Gezeter gegen die
+Beholdschen verdroß ihn. »Erst seid ihr froh gewesen, für den jungen
+Menschen einen Unterschlupf zu finden, und auf einmal wird hohes
+Kammergericht gespielt,« sagte er; »soll ich annehmen, daß es mir besser
+ergeht? Ich will nicht Gefahr laufen, daß mein Privatleben von oben bis
+unten beschnüffelt wird, ich will nicht jedem müßigen Hahn erlauben,
+sein Kikeriki in meinen Frieden zu krähen.«
+
+Auch die Familie, besonders seine Mutter, erhob Einspruch und warnte
+ihn, sich in Abenteuer zu begeben. Es hieß sogar, die alte Freifrau habe
+dem Sohn einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt, wenn er
+den Hauser zu sich nehmen wolle, möge er nur dessen Unterhalt aus
+Gemeindekosten bestreiten, sie gebe keinen Groschen dafür her.
+
+Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch. Er fand, daß es seine
+Pflicht sei, Caspar aufzunehmen. Da er in ihm schon einen halb
+Verlorenen sah, stellte er sich vor, daß er damit einen unglücklich
+Irrenden wieder auf die gebahnten Wege des Lebens führen könne. Der gute
+Caspar ermangelt vielleicht nur einer männlich-kräftigen Hand, sagte er
+sich; die Faseleien von Übernatur und Ausnahmswesen, das beständige
+Bestarrt- und Bewundertwerden, alles das war ihm verderblich;
+Einfachheit, Ordnung, überlegte Strenge, kurz, die Prinzipien einer
+gesunden Zucht werden ihm heilsam sein. Probieren wir’s!
+
+Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt, und das war
+das wichtigste. Er erklärte: »Ich bin bereit, den Findling zu betreuen,
+knüpfe jedoch die Bedingung daran, daß man mich in allen Dingen gewähren
+und daß niemand, wer es auch sei, sich einfallen läßt, mich in meinen
+Plänen zu beeinträchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich
+und Caspar zu treten.«
+
+Natürlich wurde das zugesagt und versprochen.
+
+Kaum hatte Frau Behold gehört, was sich hinter ihrem Rücken abspielte,
+so beschloß sie, den Ereignissen zuvorzukommen. Sie wartete eine
+Nachmittagsstunde ab, während welcher Caspar nicht zu Hause war, ließ
+alles, was sein Eigentum war, Kleider, Wäsche, Bücher und sonstige
+Gegenstände, in eine Kiste werfen und diese ohne Deckel auf die Straße
+stellen. Dann sperrte sie selber das Tor zu und lehnte sich befriedigt
+lächelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus, um auf Caspars
+Rückkehr zu harren und die Verblüffung des angesammelten Volkes zu
+genießen.
+
+Caspar kam bald; er wurde von seinem Leibpolizisten über das
+Vorgefallene belehrt, und indes der Mann von Amts wegen aufs Rathaus
+trollte, um Meldung zu erstatten, lehnte sich Caspar gegen seine Kiste
+und schaute hin und wieder verwundert zu Frau Behold hinauf. Es dauerte
+gute zwei Stunden, bis man sich auf dem Rathaus entschieden hatte, was
+zu tun sei, und Herr von Tucher benachrichtigt worden war. Währenddem
+fing es an zu regnen, und hätte nicht ein gutmütiges Marktweib einen
+Hopfensack herbeigebracht, mit dem sie die Kiste bedeckte, so wäre
+Caspars ganzes Hab und Gut durchnäßt worden. Endlich zeigte sich der
+Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten; sie brachten
+ein Handwägelchen mit und schleppten die Kiste hinauf. Nun ging’s fort,
+und ein einfältig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die
+Hirschelgasse ans Tucherhaus.
+
+Es begann nun wieder ein ganz neues Leben für Caspar. Vor allem hörte
+der Besuch der Schule auf und anstatt dessen kam zweimal täglich ein
+junger Lehrer ins Haus, ein Studiosus namens Schmidt. Sodann wurde jedem
+unberufenen Fremden die Tür verriegelt. Ferner wurde das Reiten nicht
+mehr gestattet. »Derlei Übungen sind für Aristokraten und reiche Leute,
+nicht aber für einen Menschen, der zu bürgerlichem Brotverdienst erzogen
+werden muß und sicherlich einst darauf angewiesen sein wird, sich mit
+seiner Hände Arbeit durchzuschlagen,« sagte Herr von Tucher.
+
+Daraus war ersichtlich, daß er den Redereien von vornehmer Abstammung,
+die im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren, nicht die mindeste
+Bedeutung zumaß. »Die gegebenen Verhältnisse sind schwierig genug,«
+erwiderte Herr von Tucher, wenn man ihn nur auf eine Möglichkeit dieser
+Art hinwies; »ich bin durchaus nicht gesonnen, einem solchen Phantom,
+und mehr ist es nicht, meine Grundsätze zu opfern.«
+
+Herr von Tucher war ein Mann, der unerschütterlich an seine Grundsätze
+glaubte. Grundsätze zu haben, war für ihn das erste Element des Lebens,
+nach ihnen zu handeln, ein selbstverständliches Gebot. Es gehörte zu
+diesen Grundsätzen, daß er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich
+und Caspar schuf, die den Respekt sicherte. Vertrauliche Beziehungen
+waren ohnehin seine Sache nicht; Gefühle zu zeigen, war ihm verhaßt; die
+aufrechte Haltung, der gemessene Gang, der kühle Blick, die
+Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren kennzeichneten auch ganz und gar
+sein Inneres.
+
+Strenge erschien ihm wichtig; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht. Die
+oberste Maxime war: sich nicht rühren lassen. Daneben war es billig, für
+erfüllte Pflicht Anerkennung zu gewähren. Die Stunden vom Morgen bis zum
+Abend waren aufs genaueste eingeteilt. Am Vormittag der Unterricht, dann
+ein Spaziergang unter Aufsicht des Dieners oder Polizisten, am
+Nachmittag beschäftigte sich Caspar allein. Neben seiner Stube war eine
+kleine Kammer als Werkstätte eingerichtet, und wenn er die Aufgaben
+beendigt hatte, verfertigte er allerlei Tischler- und Papparbeiten, wozu
+er viel Geschick bewies. Auch an Uhren und deren Zerlegung und
+Zusammensetzung fand er Freude. Sein Betragen befriedigte Herrn von
+Tucher vollkommen. Er konnte nicht umhin, den eisernen Fleiß des
+Jünglings und seinen hartnäckigen Lern- und Bildungseifer zu bewundern.
+Es gab nicht Widerspruch noch Auflehnung, niemals tat Caspar weniger,
+als von ihm gefordert wurde. Ganz klar, man hat mich falsch berichtet,
+dachte Herr von Tucher, die Leute, die bisher um ihn waren, haben ihn
+nicht zu behandeln gewußt, zum erstenmal erfährt er den Segen einer
+folgerechten Leitung.
+
+Die Grundsätze triumphierten.
+
+Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im
+Verlauf der Zeit wurde ihm doch fühlbar, daß dem ein Zwang obwaltete,
+und er hörte auf, die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und
+Unterhaltung versprachen. Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm
+entstand, riß er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll über den
+Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten nur zwei alte Weiber
+schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem Posten und
+lauschte. Er wußte genau, um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen vom
+Webersplatz herkamen, und ergötzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der
+Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit und
+seine Augen glänzten. So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern
+des weitläufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tür,
+öffnete den Spalt und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen
+hatte, die unbekannt klang. Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam;
+sie sagten, er sei ein Türenhorcher und lege es darauf an, sie dem Baron
+zu verklatschen.
+
+Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er
+schritt fast auf Zehen über die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart
+eines vornehmen Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit
+thronte der Bau abseits vom Getriebe, und wer Einlaß heischte, mußte
+sich von einem langbärtigen Pförtner besichtigen und befragen lassen.
+Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt, Fassade, Dach und
+Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen, als hätten altverbriefte
+Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen
+verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge
+gern am Abend, wenn die feinverschnörkelten Formen, durchglüht von
+bläulichem Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen.
+
+Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen
+Scheitel über einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die
+sich sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, daß sie von schwacher
+Gesundheit sei und ängstlich das Zimmer hüte. Dies Fremdsein Wand an
+Wand erregte sein Nachdenken. Allmählich wurde es ihm klar, daß er unter
+lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschüssel speiste.
+Einer nahm ihn und nährte ihn; da kam ein Wagen, und er wurde geholt.
+Ein andres Haus; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse: wieder
+woandershin.
+
+Wie ging das zu? Andre lebten ständig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett
+von Kindheit an, keiner durfte sie losreißen, sie hatten Rechte. Das war
+es, sie hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um
+Geld dienten, die zu den Füßen derer lagen, welche man als reich
+bezeichnete, selbst die standen irgendwo fest auf der Erde, hielten
+irgend etwas fest in den Händen, sie verrichteten eine Arbeit, man
+bezahlte sie für die Arbeit und sie konnten hingehen und sich ihr Brot
+kaufen. Der eine machte Röcke, der zweite Schuhe, der dritte baute
+Häuser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz und
+Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie
+nicht wegreißen von der Stelle, wo sie hausten?
+
+Darum war es, ja, darum war’s: weil sie eines Vaters und einer Mutter
+Sohn waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur
+Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er
+gekommen sei und was er sein wollte.
+
+Das war es, Caspar wußte nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem
+unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er
+mußte es herausbringen, warum. Er mußte zu erfahren suchen, wer und wo
+sein Vater und seine Mutter waren, und vor allem mußte er hingehen und
+sich seinen Platz erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte.
+
+An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn
+tief in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von
+Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen, um sich ein
+wenig mit ihm zu unterhalten. Es lag dies im Schema des
+Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher, daß
+er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre; das Prinzip zwang ihn, auf die
+Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten. Und wenn es ihm auch
+manchmal schwer wurde, solche Überwindung zu üben, sei es durch ein
+eignes Bedürfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender
+Blick Caspars an sein Herz faßte, es gab kein Schwanken, das Prinzip,
+grimmig wie ein Vitzliputzli, verstattete nicht, daß man die Grenze der
+Zurückhaltung mehr als nützlich überschreite.
+
+Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff
+ihn der Anblick doch und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen
+Klang an, als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens
+befragte.
+
+Caspar überlegte, ob er sich aufschließen dürfe. Wie bei jeder
+Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch
+durchzuckt. Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen
+Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit
+einem Ton aus innerster Brust: »Was soll ich denn eigentlich werden?«
+
+Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene,
+als wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darüber habe er auch schon
+nachgedacht, erwiderte er; Caspar möge ihm doch sagen, wozu er am
+meisten Lust habe.
+
+Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin.
+
+»Wie wäre es mit der Gärtnerei?« fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort.
+»Oder wie wäre es, wenn du Tischler würdest oder Buchbinder? Deine
+Papparbeiten sind ganz vortrefflich, und du könntest das
+Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen.«
+
+»Dürft’ ich dann alle Bücher lesen, die ich einbinden soll?« fragte
+Caspar versonnen, der so geduckt saß, daß sein Kinn die Tischplatte
+berührte.
+
+Herr von Tucher runzelte die Stirn. »Das hieße eben den Beruf
+vernachlässigen,« antwortete er.
+
+»Ich könnte ja auch Uhrmacher werden,« sagte Caspar; er hatte in diesem
+Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er
+sah einen Mann, der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu
+läuten befiehlt, der goldene Rädchen ineinander fügt und durch einen
+Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse
+bannt. Überhaupt mit solchen Namen war es schwer; nicht sein Wollen lag
+dahinter, sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens.
+Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle in dem Gehaben Caspars doch
+kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er werde sich die Sache
+überlegen.
+
+Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. »Ich
+bin nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluß
+gelangt,« sagte der Baron; »du bleibst das Frühjahr und den Sommer über
+noch in meinem Haus. Wenn du fleißig bist, kann deine Ausbildung in den
+Elementarfächern bis zum September beendet sein, dessen versichert mich
+auch Herr Schmidt. Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für
+dich wird, sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen, sondern alle
+Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich werde bald mit einem
+anständigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann, woran wir sind.
+Bist du’s zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wünsche? Nur frisch
+heraus mit der Sprache, du kannst noch immer wählen.«
+
+Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken. Er schüttelte sich
+ein wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn
+nicht weiter bedrängen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er
+hin und her, dann nahm er vor dem Flügel Platz und spielte einen
+langsamen Sonatensatz. Es geschah dies nicht aus zufälliger Laune; am
+Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von
+Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr soeben sechs
+gekrächzt hatte, wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen.
+
+Es war eine ziemlich schwermütige Melodie. Für Caspar war dergleichen
+eine Qual; so gern er Märsche, Walzer und lustige Lieder hörte – die
+Anna Daumer, die kann spielen, sagte er immer –, so unbehaglich war ihm
+bei solchen Tönen. Als Herr von Tucher den Schlußakkord des Stückes
+angeschlagen hatte, sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend
+anschaute, dachte er, er solle sich äußern, wie es ihm gefalle, und er
+sagte: »Das ist nichts. Traurig kann ich von alleine sein, dazu brauch’
+ich keine Musik.«
+
+Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe. »Was maßest du dir
+an?« entgegnete er ruhig. »Ich habe kein musikalisches Urteil von dir
+verlangt, und ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser
+Hinsicht zu veredeln. Im übrigen geh auf dein Zimmer.«
+
+Caspar war es ganz lieb, daß er nicht mehr mit dem Baron zu essen
+brauchte. Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig
+und lästig. Vieles entzückte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe
+und sein sachtes Sprechen, das überaus Reinliche seines Körpers, die
+porzellanweißen Zähne und vor allem die rosigen gewölbten Nägel der
+langen Hände. Er kannte viele Leute mit blassen Nägeln und mißtraute
+ihnen; blasse Nägel erweckten ihm die Vorstellung des Neides und der
+Grausamkeit.
+
+Doch immer hatte Caspar das Gefühl, als ob Herr von Tucher auf
+irgendwelche Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon
+betören lasse; es war ihm manchmal, als müsse er ihm zurufen: es ist ja
+alles nicht wahr! Aber was? Was sollte nicht wahr sein? Das wußte Caspar
+nicht zu sagen.
+
+In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner
+überdrüssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war
+voller Ahnungen, voller Unruhe. In Nächten, wo der Mond am Himmel stand,
+verlöschte er die Lampe früher als sonst, setzte sich ans Fenster und
+verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er
+häufig unwohl, es fror ihn am ganzen Leibe, erst der Anblick des Mondes
+selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er wußte, von welchem Dach oder
+zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen müsse, hob sie
+wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus, und wenn Wolken da
+waren, zitterte er davor, daß sie den Mond berühren könnten, weil er
+glaubte, das strahlende Licht müsse befleckt werden.
+
+Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu
+lauschen. Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich,
+ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der
+Studiosus, ließ ihn gewähren, als es aber zu lange dauerte, rief er ihn
+zurück. Caspar richtete sich auf und schloß das Fenster, sein Gesicht
+war so bleich, daß der Studiosus besorgt fragte, was ihm sei.
+
+»Mir war, wie wenn jemand käme,« versetzte Caspar.
+
+»Wie wenn jemand käme? Wer denn?«
+
+»Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen hätte.«
+
+Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und hätte
+gern eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von
+einer seltsamen Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn
+gedeutet wurde und die in allen Journalen, auch draußen im Reich, des
+langen und breiten durchgehechelt wurde. Aber weil Herr von Tucher dem
+Studiosus aufs strengste verboten hatte, mit Caspar jemals über solche
+Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und schwieg.
+
+Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsblätter, die
+ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen
+wußte – denn Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her
+Beeinflussungen mit gutem Grund –, aufs genaueste durchzulesen. Hin und
+wieder geschah es, daß er irgendeine Nachricht, eine Mitteilung über
+sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie etwas Wesentliches
+gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur seinen
+Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem
+Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der
+»Morgenpost« in die Hände, und beim Lesen fand er folgende eigentümliche
+Erzählung:
+
+Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine
+schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche
+enthielt einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: »In einem
+unterirdischen Kerker bin ich begraben. Nicht weiß der von meinem
+Kerker, der auf meinem Thron sitzt. Grausam bin ich bewacht. Keiner
+kennt mich, keiner vermißt mich, keiner rettet mich, keiner nennt mich.«
+Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle
+deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren.
+
+Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war
+aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in
+Vergessenheit geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa irgendein
+ungenannter Schnüffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der
+›Magdeburger Zeitung‹ neuerdings ans Licht gebracht. Andre Journale
+bemächtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach viel Staub
+aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, daß seinerzeit ein
+Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die
+Flasche in den Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus,
+daß derselbe Mönch plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im
+Elsaß, in einem Wald der Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den
+Täter hatte man nie entdeckt.
+
+»Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das über dem Findling schwebt,
+nicht endlich gelüftet wird,« rief der Querulant in der ›Morgenpost‹,
+nachdem er die Geschichte also ausführlich berichtet hatte, »dann gebe
+ich keinen Pfifferling für unsre ganze Justizpflege!«
+
+Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche
+Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne
+Wort zu überlegen. Dabei überraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte
+sich, daß es eben dieselbe Affäre sei, von der er neulich nicht sprechen
+gewollt, und sagte hastig: »Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen
+Sie übrigens dazu? Die meisten Leute halten es für Quark, trotzdem es
+ein unwiderlegliches Faktum ist, daß die Sache damals in der
+›Magdeburger Zeitung‹ gestanden hat. Was sagen Sie dazu, Hauser?«
+
+Caspar hörte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das
+Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise:
+»Ich hab’ es nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.«
+
+»Vom Kerker und vom Throne,« fügte der Studiosus mit sonderbarem und
+begierigem Lächeln hinzu. »Daß Sie es nicht geschrieben haben, glaub’
+ich schon, Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.«
+
+»Aber wer kann es geschrieben haben?«
+
+»Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein
+verborgener Freund vielleicht.«
+
+»Vom Kerker und vom Throne,« lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er
+begab sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und
+versank in tiefe Grübelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten
+ihn zu wecken, und der Studiosus, der sich schuldig fühlte, blieb, um
+kein Aufsehen zu machen, die Stunde über sitzen und entfernte sich dann
+still.
+
+Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus, alle Freunde
+der Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das
+Wagengerassel vor dem Haus. Als die ersten Tanzweisen vom Saal
+heraufschallten, begab sich Caspar in den Korridor und horchte. Er hatte
+nicht mehr Zutritt zu solchen Festen.
+
+Während er noch stand, ans Geländer gepreßt, den Kopf vorgebeugt, und er
+sich so recht verstoßen vorkam, berührte eine Hand seine Schulter. Es
+war der Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Süßigkeiten brachte.
+Caspar schüttelte den Kopf und sagte: »Süßes mag ich nicht,« worauf der
+Diener ihn mürrisch mit den Blicken maß und sich zu gehen anschickte.
+
+Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und
+unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener
+Haarschärpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die
+des Jünglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: »Süßes mag er
+nicht? Warum mag er denn Süßes nicht?«
+
+Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren
+Gewändern. Es war ihre Art, sich früh zurückzuziehen. Bevor sie zur Ruhe
+ging, pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern, um
+nachzusehen, ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe.
+
+Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf. Es ist
+anzunehmen, daß seine Phantasie ungewöhnlich erregt war. Plötzlich
+spürte er eine lähmende Furcht. Schwärze stieg um seine Augen, es war
+ihm, als habe er die Stimme des Vermummten gehört, und den Arm
+ausstreckend, schrie er bittend: »Nicht schlagen, nicht schlagen!«
+
+Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte
+verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die
+Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt, die im unteren Flur auf und ab
+spazierten. Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die
+Treppe empor, gefolgt von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal
+verbreitete sich das Gerücht, es sei etwas passiert, und da Caspars
+Aufenthalt im Hause natürlich bekannt war, dachten alle an ein Ereignis
+wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein Schweigen, die
+Tanzmusik verstummte, viele drängten hinaus, besonders die jungen Damen
+waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb
+schauend stehen.
+
+Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn
+jedes unnütze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede
+zu stellen, wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings
+abgeschreckt, auch machte ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter
+stutzig.
+
+Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt
+geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle riß es ihn
+zurück, und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau,
+fürstlich geschmückt und majestätisch anzusehen; wie, glich sie nicht
+einem Weib, das einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war,
+und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht
+jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen? Da war der
+Diener, der eine silberne Platte in Händen hielt; war das nicht alt?
+Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke brachte oder Süßes oder
+Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Männer, die auf einen Befehl zu
+harren schienen, darauf warteten, daß einer käme, noch festlicher
+angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen mußten? Und diese
+schlanken weißen Mädchen in weißen Schleiern, deren Blicke tief und bang
+waren? Und hier oben die Dämmerung, die sich über zahllose Marmorstufen
+hinab ins Licht verlor? Caspar hätte jauchzen mögen, denn er erschien
+sich fremd und zugleich von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie
+erkannten den Herrn in ihm; ja, er ahnte, was er war und von wo er kam,
+er spürte, was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte;
+ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen.
+
+Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst
+stilles Ende. Er führte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett
+zu begeben, wartete, bis er lag, verlöschte dann selbst das Licht und
+sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen
+wegen seiner ungehörigen Aufführung zur Rechenschaft ziehen.
+
+Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der
+gedrohten Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, daß den Grundsätzen
+eigentlich nichts zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen
+Ton der Prophezeiung, Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal
+aufs Dach steigen und herunterstürzen. Herr von Tucher konnte den Mond
+nicht abschaffen; da der Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen
+schien, durfte man ihn für gewisse Fehltritte nicht verantwortlich
+machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle, war noch immer
+unentschieden. Es mußte hierzu die Meinung des Präsidenten Feuerbach
+eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April nach Ansbach
+zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen.
+
+Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen
+mußte, auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu
+ihm suchte, und so fest war der Glaube an diesen Kommenden, daß er jeden
+Morgen dachte: heute, und jeden Abend: morgen. Er lebte in einem
+beständigen innerlichen Spähen, und seine ahnungsvolle Freude glich
+einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlägt, wenn er
+seine häßlichen Füße gewahrt, so machte seine eigne Stimme, sein eigner
+Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wie viel mehr erst der Anblick von
+Menschen, die täglich seine Erwartung enttäuschen mußten.
+
+Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war außergewöhnlich, und die
+aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von
+Wahnwitz. Freilich, zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot
+sie ein andres Gesicht und hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen
+Stoff für seine Ideen geliefert.
+
+Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es
+überlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel.
+Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er
+oftmals erwachte und die Finsternis ihn quälte, bat er, daß man neben
+seinem Bett ein Öllämpchen brennen lasse. Dies geschah.
+
+Einstmals in einer Nacht spürte er, noch schlummernd, ein
+eigentümliches Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein kühler
+Atem streife. Jählings richtete er sich auf, blickte über Bett und Wand
+und gewahrte eine große Spinne, die an einem Faden in der Nähe seines
+Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem Bett, und unfähig, sich zu
+regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen niederließ und über
+das weiße Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich
+herschleppend.
+
+Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut
+bedeckt. Er preßte die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und
+seltsam schmeichelnd: »Spinne! Was spinnst du, Spinne?«
+
+Die Spinne duckte den gelblichen Leib.
+
+»Was spinnst du, Spinne?« wiederholte er flehend.
+
+Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. »Was schickst
+du dich denn so, Spinne?« hauchte Caspar. »Warum so eilig? Suchst du
+was? Ich tu’ dir nichts ...«
+
+Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den
+Stuhl, wo die Kleider hingen. »Spinne, Spinne!« sagte er tonlos vor sich
+hin. Es schlug vier Uhr draußen und er hatte sich noch immer nicht ins
+Bett zurückgetraut. Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und
+Wand eifrig mit dem Taschentuch ab.
+
+Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon, die
+ihn mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war
+er schon müde. Obwohl ihm schließlich nichts mehr fehlte, hatte er keine
+Lust, das Zimmer zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand für
+ein hypochondrisches Zwischenspiel; als er sich jedoch überzeugte, daß
+sowohl seine vorsätzliche Gleichgültigkeit wie sein gütiger Zuspruch
+fruchtlos blieben und daß da eine unverstellte seelenvolle Betrübnis
+waltete, ward er besorgt.
+
+Nun geschah es an einem dieser Tage, daß ein auswärtiger Bote im Haus
+vorstellig wurde, der zu Caspar geführt zu werden verlangte, um ihm
+einen Brief auszuhändigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis
+dazu. Nach einigem Bedenken überließ ihm der Mann das Schreiben und
+entfernte sich wieder. Herr von Tucher hielt sich für berechtigt, den
+Brief zu öffnen. Er war von rätselhafter Fassung; noch rätselhafter
+dadurch, daß ihm ein kostbarer Diamantring beilag, den Caspar damit als
+Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlüssig, was er tun solle. Brief
+und Ring dem Gericht oder dem Präsidenten Feuerbach auszuliefern,
+erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem
+Rechtsgefühl. Eine flüchtige Stimmung von Weichheit gegenüber Caspar
+ließ ihn den Vorsatz völlig vergessen; er hoffte, den Jüngling aus
+seiner Niedergeschlagenheit aufzurütteln, und diesen Zweck erreichte er
+vollkommen. Er brachte Brief und Ring herbei.
+
+Caspar las: »Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen,
+vertrau dem Freund, der in der Ferne für dich wirkt. Bald wird er vor
+dir stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen
+seiner Treue und bete für sein Wohlergehen, wie er für das deine zu Gott
+fleht.«
+
+Als Caspar dies gelesen hatte, drückte er das Gesicht gegen den Arm und
+weinte still für sich hin. Herr von Tucher saß am Tisch und ließ den
+schönen Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen.
+
+
+
+
+Der englische Graf
+
+
+In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein
+vornehmer Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann, und
+alsbald verließ ein hochgewachsener Herr den Schlag und begrüßte
+leutselig den herbeistürzenden Wirt, der eines solchen Gastes nicht
+gewärtig war, da in seinem Hause fast nur Kaufleute und
+Handlungsreisende verkehrten. Der Fremde forderte die besten Zimmer, und
+ohne sich nach dem Preis zu erkundigen, schritt er durch das Spalier von
+Gaffern in das weitbogige Tor. Diener und Kutscher trugen die Koffer,
+den Nachtsack und sonstige Reisegegenstände in die Halle. Der Ankömmling
+verlangte von selbst das Fremdenbuch, und bald konnte jeder
+ehrfürchtig-schaudernd die mit Riesenschrift geschriebenen Worte lesen:
+»Henry Lord Stanhope, Earl of Chesterfield, Pair von England.«
+
+Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend, daß noch spät abends
+Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten,
+hinter denen der erlauchte Herr logierte. Am nächsten Morgen gab der
+Lord in der Wohnung des Bürgermeisters sowie bei einigen Notabilitäten
+der Stadt seine Karte ab, und schon wenige Stunden darauf erhielt er in
+seinem Quartier die Gegenbesuche, vor allem denjenigen Binders, der sich
+der früheren Anwesenheit des Lords natürlich wohl erinnerte.
+
+In der ziemlich langen Unterredung mit dem Bürgermeister gestand Graf
+Stanhope ohne Umschweife, daß wie jenes erste Mal so auch heute die
+Person des Caspar Hauser den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt
+bilde. Er hege für den Findling die größte Teilnahme, sagte er und ließ
+durchblicken, daß er etwas Entscheidendes für ihn zu unternehmen
+gesonnen sei.
+
+Der Bürgermeister erwiderte, er verstatte Seiner Herrlichkeit, soweit es
+die Vorschriften erlaubten, freien Spielraum.
+
+»Was für Vorschriften?« fragte der Lord rasch.
+
+Binder versetzte, Herr von Tucher sei Kurator des Findlings, habe
+weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht
+freundlich gegenüberstehen; außerdem könne man ohne Wissen des
+Staatsrats Feuerbach keine Veränderung befürworten, die das Leben Caspar
+Hausers betreffe.
+
+Der Lord machte ein bekümmertes Gesicht. »Da werde ich einen schweren
+Stand haben,« bemerkte er. Hierauf erkundigte er sich, ob man wegen des
+Überfalls im Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob
+die seinerzeit von ihm ausgesetzte Prämie keinen Empfänger habe finden
+können. Dies mußte Binder verneinen; er entgegnete, die so großmütig zur
+Verfügung gestellte Summe liege unangetastet auf dem Rathaus und Seine
+Lordschaft könne sie zu beliebiger Stunde zurückerhalten, da doch jede
+Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei.
+
+Die nächsten Tage verbrachte der Lord ausschließlich mit der Erfüllung
+gesellschaftlicher Pflichten. Zu Mittag, zum Tee und zu Abend war er
+eingeladen oder gab kleine, aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel,
+wozu er eigens einen französischen Koch in Dienst nahm. Wenn es seine
+geheime Absicht war, sich auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu
+verschaffen, so blieb ihm darin nichts zu wünschen übrig. Wenn er den
+Zweck verfolgte, all die guten Leute und ihre Gesinnungen kennen zu
+lernen, so fiel ihm das nicht sonderlich schwer; man gab sich
+rückhaltlos, man fühlte sich geehrt durch seine Gegenwart, man bestaunte
+seine geringsten Handlungen.
+
+Jeder Anlaß war ihm recht, um das Gespräch auf Caspar Hauser zu lenken;
+er wollte wissen, immer Neues wissen, schwelgte in den rührenden
+Einzelheiten, die man zu berichten wußte, fand es aber dabei doch nicht
+notwendig – eine Unterlassung, die allerdings auffallend gefunden
+wurde –, den Professor Daumer zu besuchen, sondern begnügte sich damit,
+den Gefängniswärter Hill zu sich kommen zu lassen und ihn auszufragen.
+
+Hill, von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht,
+schilderte so beweglich, daß es von einem unter Verbrechern ergrauten
+Mann wunderbar zu hören war, jenes hold verlorene Weben und ergreifende
+Darniedersinken Caspars während seines Aufenthalts im Turm; zum Schluß
+rief er, glühend vor Eifer, er, was an ihm liege, er werde die Unschuld
+des Jünglings bezeugen, und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte.
+Graf Stanhope war sichtbar erschüttert; er lächelte, sagte, hier sei ja
+nicht von Schuld die Rede, und entließ den Mann fürstlich belohnt.
+
+Nun endlich entschloß er sich, Herrn von Tucher und damit auch Caspar
+selbst gegenüberzutreten. Wenn man ihn verwundert gefragt hatte, weshalb
+er dies so lang verzögere, hatte er erwidert, er bedürfe dazu seiner
+ganzen Sammlung und Seelenkraft, denn vor dem Augenblick, wo er Caspar
+zum erstenmal sehen werde, sei ihm bange, freudig bang wie einem Kind
+vor dem Weihnachtsabend.
+
+Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer, als man ihm die
+Karte des Engländers brachte. Es versteht sich von selbst, daß er von
+der Anwesenheit Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen
+Umtrieben unterrichtet war. Da er in jedem Fall einen Friedensstörer in
+ihm sah, war er nicht zugunsten des Mannes voreingenommen.
+
+Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswürdige
+und gewinnende Erscheinung zu finden erwartet; gleichwohl war er
+überrascht, als er den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah, und im
+Nu schwand seine durch das Hörensagen und trübe Vorgefühle entstandene
+Abneigung.
+
+Es war allerdings etwas Gefährliches um den Mann, das spürte Herr von
+Tucher auf den ersten Blick, doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz
+von Weltlichkeit und geistreicher Anmut über seiner Person. Da seine
+Haltung stolz war, erschien die Zartheit der schlanken Gestalt nicht
+weibisch; die Züge, durchaus englisch markant, waren edel geschnitten
+und ließen die fahle Färbung der Haut vergessen; das wechselnde Feuer
+der durchsichtigen Augen erinnerte bald an die sanfte Gazelle, bald an
+die Ruhe des Tigers, kurz, Herr von Tucher wurde in einen Zustand
+angenehmer Spannung und Erregung versetzt, der durch das schnell in Fluß
+gebrachte Gespräch nicht im mindesten betrogen wurde.
+
+Die bloßen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger
+Verfassung bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und
+Kenntnis des Lebens, und was er sagte, eroberte die Zustimmung des
+Hörers mühelos.
+
+Auf die Beweggründe des Hierseins kam er von selbst zu sprechen. Was er
+vorbrachte, klang unbestimmt genug; er war augenscheinlich ein Meister
+in der Kunst, seine wahren Absichten zu verschleiern, aber kein Argwohn
+konnte Herrn von Tucher beifallen. Der Name Stanhope gab ausreichende
+Bürgschaft. Was konnte einen Lord Stanhope verhindern, deutlich zu sein?
+War es nicht Feingefühl und angestammter Takt, so war es eine
+Verschwiegenheit, die zugleich das Gelöbnis enthielt, zur gebotenen
+Stunde alles schicklich offenbar zu machen. Herr von Tucher fand sich
+dadurch eher verpflichtet als enttäuscht; ohne die ausgesprochene Bitte
+des Lords abzuwarten, fragte er höflich, ob es ihm genehm sei, Caspar zu
+sehen. Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes lächelnd
+abwehrte, läutete er und gab Auftrag, daß man den Jüngling hole.
+
+Es entstand nun eine Stille; Herr von Tucher verblieb in unwillkürlichem
+Lauschen an der Tür, und der Lord saß mit übergeschlagenen Beinen, den
+Kopf in die behandschuhte Linke gestützt, das Gesicht dem offenen
+Fenster zugekehrt. Es war ein sonniger Sonntagnachmittag; der Himmel lag
+blaustrahlend über dem fächrigen Geschiebe der roten Dächer,
+zwitschernde Schwalben schossen längs der grauen Häuserfronten hin. Als
+Caspar in das Zimmer trat, veränderte Stanhope langsam die Richtung
+seines Blickes, und ohne jenen eigentlich anzusehen, schien er doch das
+ganze Bild des Menschen in sich festzuketten. Noch während Caspar, durch
+ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher über die Person des illustern
+Mannes belehrt, auf den Grafen zuging, erhob sich dieser und sagte mit
+überraschender Erregung und sichtlich tiefberührt: »Caspar! Also
+endlich! Gesegnete Stunde!« Dann streckte er die Arme nach ihm aus, und
+wie zu einem Tor, das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden,
+begab sich Caspar in diese geöffneten Arme, ein heller, scharfer, kühler
+Strahl der Freude durchfuhr ihn von oben bis unten, und er vermochte
+weder zu sprechen noch sich zu regen.
+
+Das war er, der aus weiter Ferne kam. Von ihm der Ring, von ihm die
+Botschaft. Schon oben, als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten
+gehört, war eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen, und als der
+Diener ihn rief, war es, als ob ein Morgenschein das Haus durchglühe.
+Als er die Schwelle des Zimmers erreicht hatte, sah Caspar nur ihn, den
+Fremden, Fremdvertrauten, und wie wenn ihm bisher die Hälfte seines
+Herzens gefehlt hätte, fühlte er sich auf einmal ganz geworden, rund und
+neu: mit gebadetem Auge sah er sich selbst, zweckvoll erschaffen. Mild
+an ihre Glocke schlug die Uhr und das Licht des Nachmittags war wie
+Honig und süß zu schmecken.
+
+Auf den Lord übte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend
+große Wirkung. Für die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig
+bewegt und die Augen trübten sich wie in peinvollem Erstaunen. Er war
+ohne Zweifel verwirrt, die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm,
+und bei der ersten zärtlichen Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme
+rauh. Mit der Hand streichelte er Caspars Haare, preßte die Wange des
+Jünglings gegen seinen Busen, und ein verlorener Blick traf den stumm
+abseits stehenden Herrn von Tucher, der mit Verwunderung die
+ungewöhnliche Szene beobachtete. Stanhope bat ihn dann, weil das
+Verhüllte des Vorgangs zu irgendeiner Klärung drängte, ob er Caspar für
+einige Stunden mit sich nehmen dürfe, ein Ansuchen, dem Herr von Tucher
+nicht widerstehen konnte.
+
+Bald darauf saß Caspar an der Seite des Lords im Wagen; der Polizist
+mußte natürlich mit und saß hintenauf. Während das Gefährt zum Tor
+hinaus gegen die Maxfeldgärten rollte, entspann sich langsam ein
+Gespräch.
+
+Caspar klagte, zum erstenmal durfte er klagen. Doch war er schon
+versöhnt mit dem Augenblick, wo geschehenes Unrecht als solches erkannt
+und verstanden wurde. Die Welt schien schlecht bis auf diesen Tag, jetzt
+tat sich ihr Himmel auf und es zeigte sich ein waltender Arm.
+
+Doch nicht so sehr um das Nahgeschehene handelte sich’s: hier war einer,
+der _wissen_ mußte! Caspar fragte. Kühn und leidenschaftlich fragte er:
+wer bin ich? wer war ich? was soll ich? wo ist mein Vater? wo meine
+Mutter? Und die Antwort des Grafen? Verlegenheit. Eine Umarmung.
+»Geduld, Caspar; bis morgen nur Geduld: das läßt sich nicht in einem
+Atemzug abtun, allzuviel ist zu sagen. Erzähl mir lieber: wie hast du
+gelebt? Erzähl von deinen Träumen. Man sagt mir, du habest wunderbare
+Träume. Erzähl!«
+
+Caspar ließ nicht lange bitten. Die wesensvollen Gebilde machten den
+Lauscher stutzig, er umschloß Caspar fester und verbarg so sein Gesicht
+vor ihm; bei der geschilderten Erscheinung der Mutter fuhr er wie vor
+Schreck zusammen, und abermals suchte er abzulenken, wollte Einzelheiten
+über das Leben Caspars im Daumerschen, im Beholdschen Hause wissen; der
+Gegenstand war gefahrlos. Stanhope fand sich ergötzt durch Caspars
+ursprüngliche und bezeichnende Ausdrucksweise, die komische Anwendung
+von Sprichwörtern und Nürnberger Redensarten. Auf dem Rückweg fragte er,
+wo Caspar den Ring habe, den er ihm geschickt. »Hab’ mich nicht getraut,
+ihn an den Finger zu tun,« antwortete Caspar.
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Weiß nicht warum.«
+
+»War er dir nicht schön genug?«
+
+»O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schön war er mir. Hab’
+immer Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.«
+
+»Aber jetzt wirst du ihn tragen?«
+
+»Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt weiß ich, er gehört wirklich mir.«
+
+Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zärtlichen Abschied von
+Caspar und bestellte ihn für den nächsten Vormittag in den Gasthof. »Auf
+Wiedersehen, Liebling!« rief er ihm noch zu.
+
+Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder träge. Jeder
+Schritt ins Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des
+herrlichen Mannes; was jetzt die Hand, der Blick berührte, war alt, war
+tot.
+
+Schon um zehn Uhr morgens war er im »Wilden Mann«. Der Unterrichtsstunde
+war er einfach entlaufen; hätte ihn jemand abzuhalten versucht, er wäre
+an einem Strick vom Fenster heruntergeklettert.
+
+Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, küßte ihn vor vielen
+Zuschauern auf die Stirn und führte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem
+Tischlein Geschenke für Caspar lagen: eine goldene Uhr, goldene
+Hemdknöpfe, silberne Schuhschnallen und feine weiße Wäsche. Caspar
+traute seinen Augen nicht, der Überschwang des Dankes versperrte ihm die
+Kehle, er wußte nichts andres, als immer nur die freigebige Hand des
+Spenders in der seinen festzuhalten.
+
+Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerührtem Schweigen auf. Aber
+nachdem sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt
+waren und Caspar noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen
+seiner Erkenntlichkeit rang, ermahnte ihn Stanhope sanft, er möge doch
+jeden Dank unterlassen. »Diese Dinge sind ja nur geringfügige Merkmale
+meiner Liebe zu dir,« sagte er; »das Wirkliche, das Große, was ich für
+dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen bleibe du so,
+wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht
+geräuschvoll in Worten, aber zuverlässig in deinem Herzen. Zuverlässig
+und treu sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.«
+
+Caspar seufzte. Das war zu viel des Glücks. Nie hätte er geglaubt, daß
+ein Menschenmund so sprechen könne. Zur Beteuerung war er ohnmächtig,
+nur sein Auge gab Kunde in einem schwärmerischen Blick.
+
+Stanhope öffnete eine Tür und geleitete den Jüngling zu einer kleinen
+Frühstückstafel, die im Nebenzimmer bloß für sie beide gedeckt war. Sie
+nahmen Platz, der Lord füllte Wein in die Gläser und lächelte sonderbar,
+als Caspar erklärte, er trinke niemals Wein. »Wie wird es dann werden,
+Caspar, wenn wir zusammen in die Länder des Südens reisen? Auf allen
+Hügeln glüht dort der Wein und die Luft ist voll davon. Was schaust du
+mich so an? Glaubst du mir nicht?«
+
+»Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen?« fragte Caspar jubelnd.
+
+»Gewiß werden wir das. Denkst du denn, daß ich mich von dir trennen
+will? Oder denkst du, daß ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel
+Übles widerfahren ist?«
+
+»Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne!« rief Caspar, preßte
+wie außer sich beide Hände vor den Mund und zog in freudigem Krampf die
+Schultern bis an die Ohren. »Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen?
+Und der Herr Bürgermeister? Und der Herr Präsident?« fügte er hinzu, vor
+lauter Hast plappernd, während sich in seinem Gesicht die ganze
+Betrübnis malte, die er bei der Vorstellung empfand, jene Männer könnten
+die Pläne des Grafen mißbilligen oder zunichte machen.
+
+»Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr über dich
+haben, dein Weg führt dich über sie empor,« antwortete Stanhope ernst
+und sah Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an.
+
+Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefühl überwältigt. Während in
+seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Kräfte der
+Seele an sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das
+Bild der Frau aus dem Traumschloß. Mit einer ergreifenden Gebärde des
+Flehens wandte er sich zu Stanhope und fragte: »Herr Graf, werden Sie
+mich zu meiner Mutter bringen?«
+
+Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und stützte den Kopf in die
+Hand. »Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar,« flüsterte er dumpf.
+»Ich werde reden und ich muß reden, aber du mußt schweigen, keinem
+andern Menschen darfst du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein
+Gelöbnis! Herzensmensch! Unglücklich-Glücklicher, ja, ich will dich zu
+deiner Mutter bringen, die Vorsehung hat mich erwählt, dir zu helfen!«
+
+Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die
+Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen löste die
+ungeheure Spannung seiner Brust. »Wie soll ich denn zu dir reden?«
+fragte er mit der Kühnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen
+man sonst zu Menschen spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner
+dankbaren Liebe nicht genug.
+
+Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zärtlich: »Recht so, das traute
+Du soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob
+ich dein Bruder wäre.«
+
+In so inniger Nähe erblickte sie der eintretende Bediente, der den
+Bürgermeister und den Regierungskommissär anmeldete. Durch die
+geöffnete Tür forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus,
+als wünsche er, daß die beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar
+würden. Er tat, als könne er sich nicht von ihm trennen; da die Besucher
+nach ehrfürchtigem Gruß Platz genommen, schritt er, noch leise plaudernd
+und ihn bei der Schulter umschlungen haltend, mit Caspar auf und ab,
+sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurück, ging ans Fenster,
+beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem Taschentuch.
+Die Verwunderung seiner Gäste wohl bemerkend, mäßigte er sich trotzdem
+nicht, im Gegenteil, er gebärdete sich wie ein Verliebter, der seine
+Empfindungen ohne Scheu preisgibt.
+
+Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche
+Haus gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen
+Gaben war groß. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen und
+aufbewahren,« äußerte er zu Caspar nach einigem Nachdenken; »es steht
+einem zukünftigen Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus
+zu treiben.«
+
+Da hätte man Caspar sehen sollen! »O nein,« rief er aus, »das gehört
+mir! Das ist mein, und ich will’s haben, das darf mir keiner nehmen!«
+Seine Haltung war geradezu drohend, und sein Blick funkelte.
+
+Aus Herrn von Tuchers Zügen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu
+erwidern, verließ er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter,
+ein Undankbarer! Einer, der eigensüchtig die Gelegenheit nutzt und den
+einen Wohltäter verleugnet, wenn der andre besser zahlt!
+
+Die Grundsätze hörten auf zu triumphieren. Sie machten ein
+zerknirschtes Gesicht und hüllten sich in Sack und Asche.
+
+Nachgiebigkeit wäre in diesem Fall eine unwürdige Schwäche, deren ich
+mich schämen müßte, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich
+Gewalt anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope
+und trug ihm die Sache vor. Der Graf hörte ihn freundlich an, er gab
+sich Mühe, die Vergehung Caspars als eine kindische Maßlosigkeit zu
+verteidigen, und versprach, ihn dahin zu bringen, daß er dem Vormund die
+Geschenke freiwillig überreiche.
+
+Herr von Tucher war von der Liebenswürdigkeit des Lords bezaubert und
+verließ ihn in bester Zuversicht. Auf den verheißenen Gehorsam Caspars
+wartete er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mühe des Lords war ohne
+Erfolg geblieben; kein Zweifel, Caspar verstand es, den gütigen Mann zu
+beschwatzen. Kein Zweifel, dieser Bursche war mit allen Salben
+geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit und List. Viel zu stolz, um
+einen Dritten zum Mitwisser seiner niederschmetternden Erfahrungen zu
+machen, begnügte sich Herr von Tucher vorläufig, den Ereignissen ruhig
+zuzusehen, wenn auch mit dem Verdruß eines Mannes, der sich hintergangen
+fühlt. Daß Caspar sich nicht ein einziges Mal bewogen fand, über die Art
+seiner Beziehung zu dem Lord, über den Gegenstand ihrer Gespräche sich
+zu äußern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an zutraulicher
+Mitteilsamkeit hätte er zum allerwenigsten erwartet.
+
+In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschränkt, Caspar im
+Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn höchstens nach förmlich erbetener
+Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmählich
+änderte sich das, und er bestellte den Jüngling an fremde Orte, wo
+Caspars unvermeidliche Leibwache sich fünfzig Schritte entfernt halten
+mußte. Herr von Tucher führte beim Bürgermeister Beschwerde; er
+behauptete, der Lord handle damit seiner ausdrücklich gegebenen Zusage
+entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte er den vornehmen Herrn
+zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schüchterne Andeutung. Der Lord
+beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht für wortbrüchig zu gelten, war
+es leicht, den Verstoß auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben.
+
+So sah man die beiden auffallenden Gestalten häufig am Abend durch die
+Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gespräch achteten sie der Blicke
+nicht, die sie verfolgten. Meist gingen sie über den Stadtgraben und
+dann auf die Burg; hier durfte sich Caspar wehmütiger Erinnerung
+überlassen; der düstere Turm barg die größten Schrecknisse seines
+Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute, wo zwinkernde Lichter
+aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr belebten,
+vernahm er mit ganz andern Gefühlen die Stundentöne der Glocke; jetzt
+band und einte die Zeit ihre Schläge und zerriß sie nicht mehr zu Pausen
+des Grauens.
+
+Der Lord wurde nicht müde zu erzählen. Er erzählte von seinen Reisen. Er
+verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen.
+Caspar erfuhr von den Alpen und daß dort Berge mit ewigem Schnee seien
+und glückliche Täler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien – das
+Wort war schon ein Rausch –, geschmückte Kirchen, enorme Paläste,
+Gärten mit wunderbaren Statuen, voller Rosen, Lorbeer und Orangen, einen
+märchenhaft blauen Himmel und die schönsten Frauen. Er sah das Meer und
+Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine Sehnsucht wurde so groß,
+daß er manchmal plötzlich lachen mußte. Einmal wirklich dort sein dürfen
+in den Ländern der Sonne und der unbekannten Früchte, dort sein dürfen,
+und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine
+Freude, die weh tat.
+
+An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord öffnete
+eine Truhe und zeigte einiges von den Schätzen, die er auf seinen Reisen
+gesammelt. Da waren seltene Münzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten,
+Gemmen, Kameen, Perlen und altertümliches Geschmeide; ein geweihter
+Rosenkranz aus dem Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll
+gravierten Figuren; eine Bibel mit den herrlichsten Initialen und
+Malereien, ein Damaszenerdolch mit goldenem Griff, der Siegelring eines
+Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt mit Sternen; ein
+pompejanisches Lämpchen und altfranzösische Porzellanväschen und vieles
+andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von weiter
+Welt und großem Schicksal.
+
+»Das habe ich vom Kurfürsten von Mainz bekommen,« sagte der Lord etwa,
+»und dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schöne
+Miniature habe ich bei einem Händler in Barcelona gekauft, und dies
+Tonfigürchen stammt aus Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik
+Abderrahman verehrt, und diese orientalischen Stoffe hat mir meine Base
+aus Syrien geschickt; sie ist eine wunderliche Person, zieht mit
+Arabern und Beduinen durch die Wüste, schläft in Zelten und treibt
+Alchimie und Astrologie.«
+
+Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schürte der Graf das
+Feuer des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen
+Verheißungen ernst. Vielleicht bereitete es ihm bloß eine Wonne, Wunsch
+und Lüste aufzupeitschen. Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede.
+Vielleicht aber das furchtbare Vergnügen, dem Vogel im Bauer, im nie zu
+öffnenden, so lange vom Flug durch den goldnen Äther zu erzählen, bis
+endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine Kehle bricht.
+
+Wie er sprach, wie er die Worte besaß! Zwischen den Lippen und den
+weißen Zähnen spielte das Lächeln wie ein listiges Tierchen. Er war
+nicht gleichmäßig heiter. Was war das? Oft zog Finsternis über sein
+Gesicht. Bisweilen pflegte er aufzustehen und wie ein Lauscher an die
+Tür zu treten. Seine Liebkosungen waren nicht selten voll Schwermut,
+dann saß er wieder schweigend da, und sein suchender Blick glitt düster
+an dem Jüngling vorüber. Da faßte Caspar einmal Mut und fragte: »Bist du
+denn eigentlich glücklich, Heinrich?«
+
+»Glücklich, Caspar? O nein. Glücklich, was sprichst du da? Hast du schon
+von Ahasver gehört, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als
+der unglücklichste aller Menschen. Ach, ich möchte mein Leben vor dir
+aufblättern, denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich
+darf nicht, ich kann nicht. Später vielleicht, wenn dein eignes Geschick
+sich entschieden hat, wenn du mit mir in meine Heimat gehst ...«
+
+»Ist denn das möglich, wird denn das sein?«
+
+Es schüttelte den Lord plötzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab
+oder wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte
+Lebendigkeit ergriff ihn, er begann von Caspars künftiger Größe zu
+sprechen, doch wie stets nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der
+feierlichen Ermahnung zur Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars
+Reich, von seinen Untertanen, und das zum erstenmal, wie einem Zwang
+gehorchend, selber schaudernd, selbst zitternd, immer von neuem das
+Gelöbnis des Schweigens betonend, hingerissen von einem Phantom
+gleichsam und alle Gefahr vergessend. »Ich will dich führen; ich will
+deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne
+von ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Süden, um sie irrezuführen, dann
+fliehen wir zu mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die
+Verfolger zu treffen sind, wo man Kräfte sammeln kann für den
+entscheidenden Schlag.«
+
+Wieder zur Tür; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt
+sei. Dann, ängstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den
+Frieden eines englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhängigkeit auf
+erbgesessenem Gebiet; die tiefen Wälder und klaren Flüsse, die
+balsamische Luft, das behagliche Weilen überall, Frühling, Herbst und
+Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger Genüsse.
+
+In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem
+Schmerz eines auf immer Verstoßenen. Zum andern Teil aber enthielten sie
+viel von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhärtetste Gemüt
+unter Umständen davon schwärmen ließ, seine selbstgeschaffene Unrast am
+Busen der Natur zu besänftigen. Und dann sprach er doch von seinem
+Leben. Er wußte sich als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit
+Ehren und Ämtern und greifbaren Glücksgütern beladen, gleichwohl das
+Opfer feindlicher Mächte ist. Das Schicksal trat in romantischer
+Verkleidung auf und jagte den Sohn eines verfluchten Geschlechts unstet
+von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige Freunde gegen den
+edeln Sproß des Hauses verschworen und er, ein Mann von fünfzig Jahren,
+ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver!
+
+Derlei Enthüllungen öffneten wie nichts sonst Caspars Herz der
+Freundschaft. Denn da war endlich einer, der sich gab, sich öffnete, die
+Vermummung abwarf. Es war bittersüße Lust, die angebetete Gestalt den
+Sockel verlassen zu sehen, auf dem sie für alle übrigen thronte.
+
+Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden
+Menschen; außen und innen ruhend, gelöst von hemmender Fessel, Blick und
+Gebärde gelöst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert,
+die Lippen geschwellt von einem beständigen Lächeln.
+
+Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er
+ein Baum und seine Hände wie Zweige voller Blüten. Ihm schien, als
+ströme sein Blut einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das
+Land schrie nach ihm, alles war voll von ihm, alles nannte seinen Namen.
+
+Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei
+überrascht wurde, lachte er. Die Leute, die mit ihm in Berührung kamen,
+waren bezaubert; sie fanden kein Ende, die über alles liebliche
+Erscheinung zu preisen, in der Kind und Jüngling zu rührendem Verein
+gediehen waren. Es gab junge Frauen, die ihm zärtliche Briefchen
+schrieben, und Herr von Tucher wurde vielfach mit Bitten belästigt, ihn
+von einem Maler konterfeien zu lassen.
+
+Das üble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je
+etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten
+sich, die ganze Stadt warf sich plötzlich zu seinem Beschützer auf. Es
+hieß mit immer kühnerer Deutlichkeit, man müsse ihn gegen die
+Machenschaften des englischen Grafen in Schutz nehmen.
+
+Eines Tages mußte Stanhope zu seiner größten Bestürzung wahrnehmen, daß
+er von allen Seiten peinlich überwacht und behorcht war. Er mußte sich
+entschließen zu handeln.
+
+
+
+
+Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht
+
+
+Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar
+Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni
+den förmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen,
+er wünsche für seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat ließ durch den
+Bürgermeister erwidern: zum ersten, daß ein solches Ersuchen #in pleno#
+vorgetragen werden müsse; zum zweiten, daß der Lord vor allem den
+Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse, damit die Stadt
+eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe.
+
+Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister,
+zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar
+vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller
+Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluß
+des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können.
+
+Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast
+geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantisch-überhebliche
+Bürgerpack zu äußern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte,
+in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen
+und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen
+Ärgers hinzustellen, machte die Sache doch böses Blut. Der Argwohn war
+einmal geweckt. Man wollte wissen, daß er in seinem Hotel häufig
+Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er
+hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es
+überhaupt, fragte man sich, daß der angeblich so reiche und vornehme
+Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er
+am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie
+sie im »Adler« oder im »Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel,
+wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer
+eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als
+Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei.
+
+Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in
+seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen
+Geschäften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den
+geforderten Vermögensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er
+fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschließlich für
+die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei.
+Der Bürgermeister wandte ein, daß eigentlich Herr von Tucher die
+Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den
+Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefaßte
+Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte
+Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden.
+»Seien wir doch eingedenk, daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar
+abzutragen hat und daß es engherzig ist, immerfort hemmen und
+beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen
+ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.«
+
+Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten
+großen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern
+darüber aus, daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht
+werden konnten, und versicherte, daß die Stadt es sich stets zur Ehre
+rechnen würde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.
+
+Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte
+ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch
+Caspar sei ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu
+warten geruhen. Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab.
+Er nahm die Brieftasche heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift
+Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine
+weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker. Er
+stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich aufgerissen, der Blick
+glitzerte. »Gottverdammte Bestien,« murmelte er, und auf den schmalen
+Lippen lag eine wilde Verachtung.
+
+Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. O, Herr
+Graf, muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine
+Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der
+gutgelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit
+verändere? Schade, daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war,
+vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit
+ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen, und das
+Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des
+Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst
+gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor
+und macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren
+noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes
+Höhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit
+getroffen wurden.
+
+Es scheint, daß der Lord ein schlechter Rechner war, denn die
+aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so
+daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne
+Posten auf ihre Richtigkeit prüfte. »Für Popularitätszwecke entschieden
+zu wenig,« sagte er mürrisch, eine Äußerung, deren Unbedachtsamkeit
+dadurch gemildert war, daß sie in englischer Sprache getan wurde. Dann
+noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht wie aus einem
+geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn der
+Graue sich wieder blicken läßt, will ich ihn in den Schwanz kneifen;
+seine Beute ist wahrhaftig groß genug. Kronen sind keine Marktware, er
+mag ehrlicher im Teilen sein.«
+
+Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine
+schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht
+einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich
+zusammen, und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter.
+Zudem war Graf Stanhope abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter
+den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fuß ein
+Zimmer betrat, wurde ihm übel und ängstlich. Dies war hier geschehen; er
+nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr als er vom Flur herauf
+Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in seine Rolle, die
+Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte einen Band
+Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich in
+den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.
+
+Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem
+Dämmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords
+und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde
+verwirrt, er lenkte den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das
+fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es
+lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen,
+aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen
+Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute
+stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des
+Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam aufgebaute Pläne
+zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefaßt, so daß er das Werk wieder
+von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er
+glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei
+Nacht wieder in seine Fäden trennte.
+
+Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht
+beschwichtigt durch den Hinweis, daß sein eignes Wohl diese Trennung
+erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, daß er
+sobald als möglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats,
+zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter
+Stimme, die Welt sei gar zu groß; er umklammerte den Freund und bat
+flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen,
+er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er
+wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er
+unter Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?«
+
+Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings.
+Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und
+verlieh seinen Worten größeres Gewicht. »Daß du so kleinmütig bist,
+Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir,« sagte er, »wie kannst du
+nur glauben, daß Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder
+voneinander reißen wird? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen.
+Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum
+Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest,
+so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder
+wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewißheit der
+Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird
+nicht ungeduldig. Auch mußt du dich beherrschen lernen, Caspar;
+Fürstensöhne weinen nicht.«
+
+Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen
+Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die
+Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns
+erkennen.«
+
+Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, daß Caspar nachdenklich wurde und,
+feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen
+Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte
+Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere
+Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander
+stickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in
+dieser Stunde zum Begreifen und der Damm, der den Strom der Sehnsucht
+hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den
+Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht; ein starkes Wort; der
+leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach.
+
+Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, daß er Eile habe, er wolle
+der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er
+Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken
+gefüllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten
+und keiner Einrede Gehör zu leihen.
+
+Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete
+ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von
+Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, daß
+Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von
+Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf, und er würde
+Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschüchtert durch
+Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen
+Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer
+Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher außer sich. »Ich werde
+dich aus dem Haus stoßen,« rief er, nicht mehr fähig, sich zu
+beherrschen, »ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich
+endlich kennen lernen, du Schlack!«
+
+Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu
+sollen. »Ach, wenn das der Graf wüßte, der würde Augen machen!« sagte er
+erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des
+Grafen läge, jedes Unrecht zu sühnen.
+
+»Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig,«
+versetzte Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich
+zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen
+Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben. Du aber mißachtest sein
+Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig.«
+
+Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts,
+eher vom Gegenteil; er bestritt daher, daß der Lord dergleichen gesagt
+habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner,
+woraus ersichtlich ist, daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem
+sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um
+Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls
+hintanzuhalten.
+
+Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher
+war des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht
+länger zu behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur
+Rückkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein
+der Enttäuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines
+Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der
+Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da
+es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte
+er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen; er empfahl ihm
+fleißiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse, ließ
+ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem
+Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des
+Hauses überlassend.
+
+Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter
+Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der
+die Sonne brütete, ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden.
+Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen,
+zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord
+Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht
+zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust.
+
+Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm
+dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die
+trennende Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was
+Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das
+Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art,
+sie zu fassen, erhellte klar, daß er sich im mindesten nicht dabei
+zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen. Er verstand nicht den Bau der
+Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen
+Gesellschaft. Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum: da
+wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch,
+dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte;
+erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen,
+wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden.
+
+Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen,
+die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war groß,
+doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als könne es zwischen ihm
+und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein
+Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte
+sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete endlich erschien,
+war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so und griff um sich,
+wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord veränderte
+Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes
+Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren
+Regung, in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch
+vielleicht, dem er Macht über sein Inneres zugestehen mußte und dessen
+Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das
+erbeutete Wild.
+
+Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen
+gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen
+Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter
+mißgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?«
+erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen
+Hundes: »Viel, immer.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich
+geschrieben, Heinrich.«
+
+»An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wußtest doch
+meinen Aufenthalt nicht!«
+
+Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab’ ich’s
+geschrieben,« sagte er.
+
+Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches
+Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich’s nicht lesen?«
+
+Caspar schüttelte den Kopf.
+
+»Also Heimlichkeiten, Caspar?«
+
+»Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dir’s nicht.«
+
+Stanhope brach das Gespräch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den
+Grund zu gehen.
+
+Er war wieder im »Wilden Mann« abgestiegen, doch lebte er anders als
+vorher. Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und
+trieb den größten Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu
+zeigen. Er brachte seine eigne Equipage mit, deren Räder vergoldet
+waren, während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten. Als
+Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge, und diese drei
+Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger.
+
+Er säumte nicht, sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu
+erneuern. Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er, scheinbar
+nur nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rückkunft
+beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine
+Gebärde von Prahlerei, als seien so geringfügige Summen kaum der Rede
+wert; in der Tat aber waren die Akkreditive, von deutschen
+Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt, von riesiger
+Höhe.
+
+Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche
+des Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage
+aufgeworfen: ja warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las
+Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der
+Zuschrift des Grafen vor, worin es hieß: »Der Unterzeichnete fühlt um so
+mehr den Beruf, sich des unglücklichen Findlings anzunehmen, als er bei
+langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung
+gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender
+Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.«
+
+»Fragen wir also den Hauser selber,« hieß es, »man muß wissen, ob er
+Lust hat, dem Grafen zu folgen.«
+
+Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklärte er, er sei
+überzeugt, daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal
+nehme, erklärte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch
+führen werde.
+
+Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats
+durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände, die aber
+nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich
+schließlich in einer einzelnen Stimme Gehör verschafften, welcher
+niemand zu widerstehen wagte.
+
+Der übermäßige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern,
+rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein
+pomphaftes Auftreten mißfiel dem Bürger, der einer bescheidenen
+Lebensführung, auch bei Großen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer
+Verschwendungssucht, die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte.
+Es erbitterte, wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit
+Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links
+Kupfermünzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Würde bar, vor dem
+in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte.
+
+Man sprach davon, daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die
+Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er
+gesichert schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gerücht, der
+Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer
+vorgeschriebenen Grenze.
+
+Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt. Die Entwicklung
+der Dinge war ihm bekannt; er wollte für seinen Teil ein klares Ende
+herbeiführen. Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief,
+in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte: entweder den
+Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn, den Baron, damit seiner
+Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder einen jährlichen Beitrag
+auszusetzen, welcher es ermögliche, Caspar einem verständigen und
+gebildeten Mann vollständig zu übergeben; in letzterem Falle müsse Seine
+Herrlichkeit allerdings die Güte haben, jedem Verkehr mit Caspar
+schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er
+seinerseits würde sich dafür gern verbinden, dem Lord regelmäßigen
+Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten.
+
+In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene
+Devotion vor. »Mit dem wärmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr,
+die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich
+seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben,« hieß es
+unter anderm; »aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte
+Verehrung an den Tag zu legen, zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr
+seltener Edelmut zwingen. Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die
+Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft aufgefordert haben, und
+so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen Sinnes auf mit
+der Zuversicht, daß Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken
+werden. Caspar ist nicht der, für den Sie ihn zu halten scheinen. Wie
+konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennen lernen, da ihn ja
+im Umgang mit Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles
+erwartet, was sein Sinn begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht
+zu leuchten. Herr Graf! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man
+sie nur einem Gleichgestellten schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit,
+mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet
+hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde, haben
+Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen
+gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird jemals
+wieder daraus entfernen können. Ich bin von nichts weiter entfernt, als
+Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie inständig, auch nicht
+einen solchen finden zu wollen. Sie sind außer Schuld. Aber feststellen
+muß ich, daß während der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte,
+kein Anlaß war, mit ihm unzufrieden zu sein, während er seit Ihrem
+Aufenthalt dahier, ich sage es mit blutendem Herzen und mit der
+Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie, vortrefflicher
+Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.«
+
+Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln.
+Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein, durch den Brief
+des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch
+überall in Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in
+Ansbach, die sich als notwendig erwiesen und worin er seine
+Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur während seines Lebens für Caspar
+Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines
+Todes zu sichern, erwähnte er, daß zwischen ihm und Herrn von Tucher
+Verhältnisse eingetreten seien, die ihm für jetzt und künftig jeden
+Verkehr unmöglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, daß Caspar
+tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde.
+
+Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der
+verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war außer
+sich. Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief
+wörtlich mit, schilderte noch einmal und in düsteren Farben den
+unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um
+schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm, wie er sich
+ausdrückte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und
+Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt
+ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht, schrieb er zurück, er
+habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten
+Eigenschaften kennen gelernt. Das Gerücht bezeichne ihn als sehr
+vermöglich, er selbst behaupte, eine jährliche Rente von zwanzigtausend
+Pfund Sterling, also dreimalhunderttausend Gulden, zu genießen, welches
+Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien
+noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze.
+»Vorausgesetzt, daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit
+erlangt,« schloß er sein mächtig langes Schreiben, »auch solche, die
+über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt, habe
+ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope,
+sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.«
+
+Ein umständliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope
+zappelte schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des
+geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle
+Hindernisse beseitigt, und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer
+Zähigkeit verfolgten Ziele nahe, als plötzlich alles wieder vernichtet
+wurde. Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die
+Entfernung Caspars aus Nürnberg. Er schickte einen Privatboten an den
+Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen, daß er soeben von seiner
+Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene
+Neuigkeit vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm
+verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die
+auszuführenden Schritte gutgeheißen habe.
+
+Der Bürgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen
+Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das
+Briefchen Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte. Er
+stieß den Bader beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem
+Seifenschaum auf seiner Wange, heftig erregt durch das Zimmer. Es
+dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder
+erinnerte; er zerriß den Zettel, den ihm Binder geschickt, in hundert
+kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so
+voll Haß und Galle, daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern
+begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.
+
+Zu spät bedachte der Graf, daß er sich vergessen habe; aber wie
+empfindlich mußte der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die
+eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert
+werden konnte!
+
+Mit fliehender Hand schrieb er einige Zeilen, schloß und siegelte den
+Brief, ließ den Jäger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug
+ihm auf, die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und
+Stelle zu bringen, kost’ es, was es wolle.
+
+Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wußte,
+daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte, Liebeshändeln und
+kleinen Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese
+Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten
+Wettläufers, diese krampfhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte
+dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mußte
+eine verschwiegene Zunge haben, um die unbehaglichen Zutaten solcher
+Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können, denn es
+hatte nicht selten den Anschein, als ob man der Mittler lichtscheuer
+Geschäfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets zurecht, doch
+jenes »Kost’ es, was es wolle« war ein bißchen aufschneiderisch, man
+erhielt nicht immer seinen Lohn, man mußte oft wochenlang warten und
+heimlich nach den Brocken haschen, die von der gräflichen Tafel
+abgetragen wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man
+erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um
+Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend,
+daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet
+wurde, der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von
+Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken.
+
+Woran hing das alles? Wohin liefen die Fäden, die dieses über den Pöbel
+erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften? Der edle Abkömmling
+eines edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke
+fristend, einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhängig von
+der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens
+Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten, das strenge
+Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben, wofür? Woran hing das
+alles?
+
+Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die
+Trümmerstätte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in
+den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Träger
+selbst nur noch wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das
+Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war, als er reich
+gewesen und den Reichtum benutzt hatte, um seine maßlose Jugend damit zu
+sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer
+Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und Gastmähler waren
+berühmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von
+Köchen, Sekretären, Kammerdienern, Handwerkern und Spaßmachern. Er hatte
+bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an
+die Frauen verteilen lassen. Er hatte während des Wiener Kongresses die
+Könige und Fürsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein
+Vermögen verschlangen, und Oratorien und Opern für eigne Rechnung
+aufführen lassen. Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in
+Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine
+Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der Timon des Kontinents
+gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte, die
+alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei
+ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war
+sprichwörtlich geworden, seine Art, mit immer gefüllten Händen Gold um
+sich her zu streuen, achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche
+fiel, glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche
+Habgier.
+
+Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten
+den unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais
+Bourbon, man hatte hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so
+bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut
+seines Geistes. Der Gesandte, Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte
+ihm eine hastige Mitteilung. Man sah ihn erblassen, ein Lächeln von
+eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen, andern Tags reiste er. Er
+glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines Landedelmannes
+führen zu können, dies mißlang. Die Güter waren überschuldet, von allen
+Seiten drängten Gläubiger, außerdem graute ihm vor der Einsamkeit, haßte
+er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten mußte
+Fetzen borgen für ein Dasein, das allmählich von innen ausgehöhlt wurde
+durch die Angst um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine
+Wanderzüge waren eine Jagd nach den früheren Freunden und Genossen, aber
+auf einmal gab es keinen mehr, der nicht alles vorher gewußt hätte und
+aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte. In einem römischen
+Hotel nahm er, verzweifelt, erschöpft, aller Hoffnung bar, Strychnin.
+Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn. Das Gift, das seinen
+Körper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen. Er
+rang mit dem Dämon, der ihn niedergestoßen; er wurde wild und kalt;
+seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die
+Schwächen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher
+Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer
+Hintertreppen. Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent
+Metternichs. Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der
+Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt, die an den Grenzbezirken
+der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen. Die
+außerordentlichen Talente, die er besaß, machten ihm keine Aufgabe
+schwer; der unablässige Zwang zu handeln, die Vielfältigkeit der
+Beziehungen erstickten die Stimmen des Gewissens und die Empfindung
+dunkler Schmach. Oben geächtet und bei aller Nützlichkeit gemieden, war
+er in den Niederungen noch immer der erlauchte Mann; er wurde ein
+geübter Menschenjäger und Seelenfänger; was dem Druck des Unglücks
+entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte Lächeln:
+Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende
+Konversation, die treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der
+Wimpern, jede Verbeugung war Geschäft; alles hatte Folgen, alles
+Ursache, ein nachlässiges Wort konnte das Mißlingen einer Aufgabe
+bedeuten – und doch, wie entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie
+jämmerlich der Lohn! Und wie ging es bei alldem langsam bergab, ins
+Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog, von selber und ohne daß
+sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in den Abgrund zu
+zerren.
+
+Eines Tages hieß die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war
+deutlich, seine Quelle klar, die Umstände finster wie nichts zuvor. Man
+sagte: Du bist der rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber
+einträglich, es scheint von geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht
+auf dem Spiel. Die Verhandlungen wurden nicht von Gesicht zu Gesicht
+geführt, alles war hinter Vorhängen versteckt, jeder Mittler trug das
+Wort eines namenlosen Gebieters. Das Gespenstertreiben reizte die
+Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das Ausspinnen des Plans
+hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel mußte meisterlich beschlichen
+werden.
+
+Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fuß. Du hast den
+Findling aus dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfängt für uns
+gefährlich zu werden, lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit
+in ein Land, wo niemand von ihm weiß; laß ihn verschwinden, stürze ihn
+ins Meer oder wirf ihn in eine Schlucht oder miete das Messer eines
+Bravo oder laß ihn unheilbar krank werden, wenn du dich auf
+Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk gründlich, sonst ist
+uns nicht gedient. Unsers Dankes bist du versichert; wir notieren
+unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X.
+
+Was war zu überlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zögern machte
+schon mitschuldig; den untätigen Wisser zu beseitigen war für jene ein
+Zwang. Es gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurück;
+schon damals, wo man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte
+Stanhope Befehl, einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber
+unbeteiligt war, nicht gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der
+angewandten Mittel schreckten ihn, beleidigten seinen guten Geschmack,
+rüttelten sein besseres Wesen auf. Er floh, er verbarg sich. Das Elend
+und drohender Hunger lockten ihn wieder ins Garn, und so machte er sich
+auf »aus weiter Ferne«, um sein Opfer zu betören.
+
+Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch
+eine Stimme! Welch ein Auge! Was erschütterte den Verderber und riß ihn
+hin? Er wurde betört, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das
+hatte der Netzeknüpfer nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt.
+Nicht wie Frauen lieben, das hatte er erfahren, das kann gewürdigt und
+auch vergessen werden, es liegt im Fluß der Dinge begründet, Zufall und
+Trieb haben gleichen Anteil daran; auch nicht wie Männer lieben oder
+Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt; Gesetz und Aneignung,
+Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen; doch im tiefsten
+Grund ruht Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders,
+ungeahnt und wundersam rührte die Schönheit einer Seele an das ummauerte
+Herz.
+
+Es gibt eine Sage, die von einem Land erzählt, wo nicht Tau noch Regen
+fiel, daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger
+Brunnen war, der Wasser erst in großer Tiefe enthielt; wie nun die Leute
+zu verschmachten anfingen, da kam ein Jüngling zu dem Brunnen, der die
+Zither spielte und seinem Instrument so süße Melodien entlockte, daß das
+Wasser bis zur Mündung des Brunnens heraufstieg und im Überfluß
+dahinströmte.
+
+So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jüngling Caspar bei ihm
+weilte und die süßen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg
+aus der Tiefe, ein jammernder Blick flog rückwärts, Scham entzündete das
+bebende Gemüt, leicht schien es das Übel ungeschehen zu machen, er fand
+sich selbst wieder, es strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der
+eignen noch unbefleckten Jugend entgegen, und so, wie er hätte sein
+können, wenn das Schicksal nicht sein Edelstes zermalmt hätte, so sah er
+sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und so wahr, so reich, so
+grundlos schenkend, daß der verruchteste Geizhals und Bösewicht seine
+Truhe nach Kostbarkeiten durchwühlt hätte, nur um sich der Qual der
+Verschuldung zu entledigen.
+
+Aber er gab – nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine
+Person war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt,
+denen er diente, bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue,
+sein Unfrieden, sein schlechtes Gewissen. Er führte eine Tat im Schilde,
+die jede Falte seines Gesichts mit Lüge bemalte, aber bisweilen dachte
+er in Wirklichkeit daran, mit Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es
+eine Ruhestatt für den Geächteten eines Erdteils? Ach, wenn er die
+stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses Antlitz ihm zugeneigt
+war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fühlte er, daß auch
+er noch ein Mensch war, und er konnte in unermeßlicher Wehmut vor sich
+hintrauern. Dann vergaß er Zweck und Sendung und rächte sich an jenen,
+deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren
+Geheimnissen wußte, und doppelten Verrat beging. Er erfüllte Caspar mit
+Erwartungen auf Macht und Größe, das war seine Gegengabe, das Geschenk
+des Geizhalses. Ein Glück, daß der Zauber an Kraft verlor, wenn er von
+dem Jüngling entfernt war und er nicht mehr jenen fragenden Blick auf
+sich lasten fühlte, bei dem ihm zumute war, als sei ein Gesandter Gottes
+neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern Überlegung und im Verfolg
+der furchtbaren Pläne schrieb er gleichwohl kurze leidenschaftliche
+Briefchen an den Umgarnten, wie dies: »In der ersten Woche, da ich dich
+kennen lernte, hieß ich mich deinen Vasall; solltest du je für eine Frau
+dasselbe fühlen, was du für mich empfindest, so bin ich verloren.« Oder:
+»Wenn du einmal Kälte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer
+Herzlosigkeit zu, sondern nimm es für den Ausdruck jenes Schmerzes, den
+ich bis ans Grab in mich verschließen muß; meine Vergangenheit ist ein
+Kirchhof, als ich dich fand, hatte ich Gott schon halb verloren, du
+warst der Glöckner, der mir die Ewigkeit einläutete.« Es waren Wendungen
+im Geschmack der Zeit, beeinflußt durch Modepoeten, aber sie bekundeten
+doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste verworrenen Gemüts.
+
+So hin- und hergerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung.
+Er ließ geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse,
+denn sie waren mächtiger als seine Entschlüsse. Er wußte, daß er sein
+schändliches Werk enden würde und enden müsse, aber er zauderte, und
+dies Zaudern gab ihm Zeit, sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich
+eine Ausrede vor dem Himmel zu schaffen, indem er betete, und vor dem
+Richter in sich selbst, indem er aus seinem Dasein ein Fatum machte. Den
+an Genuß und Wohlleben hängenden Geist beschwichtigte er durch den
+Sophismus, daß die Notwendigkeit stärker sei als Liebe und Erbarmen, und
+das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit einem billigen: es
+wird ja so schlimm nicht werden!
+
+Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jägers die
+Unsicherheit seiner Lage immer größer, die Kosten des Aufenthalts
+wuchsen beständig, die Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen
+nur ein Aushängeschild, die Bedrängnis zwang ihn zu Taten, und er faßte
+den Entschluß, nach Ansbach zu reisen und mit dem Präsidenten Feuerbach
+persönlich zu unterhandeln.
+
+An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen
+instand zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, daß
+Caspar sogleich zu ihm kommen möge. Er aber begab sich, nachdem er
+Auftrag erteilt, Caspar bis zu seiner Wiederkehr zurückzuhalten, auf
+einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu begegnen fürchten mußte, selbst
+dorthin, ließ sich in Caspars Zimmer führen, gab vor, auf ihn warten zu
+wollen, und als er allein war, durchstöberte er in gehetzter Eile alle
+Schubläden, Bücher und Hefte des Jünglings, um einen vor Wochen von ihm
+selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm höchst
+unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezügliche Bemerkungen entschlüpft
+waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon
+hatte man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang
+gedroht.
+
+Sein Suchen war vergeblich.
+
+Da öffnete sich auf einmal die Tür, und Herr von Tucher stand auf der
+Schwelle. In seinem ängstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden
+Schritte überhört. Herr von Tucher sah mächtig groß aus, da sein
+Scheitel den oberen Pfosten der Türe berührte; in seiner Haltung lag ein
+schmerzliches Erstaunen, und nach einem langen Schweigen sagte er mit
+heiserer Stimme: »Herr Graf! Das sind doch nicht etwa die Geschäfte
+eines Spions?«
+
+Stanhope zuckte zusammen. »Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir
+wohl mit Schweigen zu übergehen,« entgegnete er mit gelassenem Hochmut.
+
+»Aber was soll das,« fuhr Herr von Tucher fort, »wie soll ich den
+Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrät es
+mir, daß hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.«
+
+Der Lord geriet in Verwirrung; er preßte die eine Hand an die Stirn, und
+mit flehendem Ton sagte er: »Ich bedarf mehr des Mitleids und der
+Nachsicht, als Sie denken, Baron.« Er zog das Taschentuch aus der
+Brusttasche, drückte es vor die Augen und begann plötzlich zu weinen,
+wirkliche, unverstellte Tränen. Herr von Tucher war sprachlos. Seine
+erste Regung war ein düsterer Argwohn und der Verdacht, daß alle trüben
+und versteckten Redereien über Caspars Schicksal eines ernstlichen
+Grundes doch nicht entbehren mochten.
+
+Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, faßte sich
+schnell und sagte: »Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich
+tappe im Dunkeln. Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an
+Caspar! Ich vermag ihn nicht loszusprechen von gewissen
+Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Künsten ...«
+
+»Auch Sie also!« konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen.
+
+»Und ich fahnde nach Beweisen.«
+
+»Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken, Herr Graf?«
+
+»Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorenthielt.«
+
+»Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.«
+
+»Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.«
+
+»Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Präsidenten
+erhalten hat?«
+
+Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation
+halbwegs rettete, mit Vergnügen auf. »Ja, gerade dieses, ohne Frage
+dasselbe,« beteuerte er rasch, indem er sich zugleich gewisser
+verräterischer Andeutungen Caspars darüber entsann.
+
+»Ich weiß nicht, wo er es aufbewahrt,« sagte Herr von Tucher; »ich würde
+auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im
+übrigen weiß ich zufällig, daß er vor einiger Zeit aus demselben
+Tagebuch das Bildnis des Präsidenten, das sich auf der ersten Seite
+befand, herausgeschnitten und das Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle
+gesetzt hat.« Damit langte Herr von Tucher nach einer Mappe, die auf
+dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte
+es Stanhope. Es war Feuerbachs Porträt.
+
+Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser
+jupiterhaften Züge beschlich ihn eine niegekannte Furcht. »Das ist also
+der berühmte Mann,« murmelte er; »ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen,
+ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht.« Doch alles, was
+er plante, der Weg dorthin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser
+Augen standhalten zu sollen, versetzte ihn in eine Befangenheit, deren
+er nicht Herr werden konnte.
+
+»Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein, Ihre Bekanntschaft
+zu machen,« sagte Baron Tucher höflich, und da Stanhope sich anschickte
+zu gehen, bat er ihn, dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüße zu
+übermitteln.
+
+Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstraße
+dahin. Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krümmte sich der
+Staub empor, der Lord kauerte, in Tücher eingehüllt, in der Ecke des
+Gefährts und wandte keinen Blick von der herbstlich-trübseligen
+Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch
+Wälder, sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu
+durchspähen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings. Als kurz
+vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde,
+drückte er die Hände gegen die Ohren, wandte sich ab und stöhnte seine
+zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens.
+Danach saß er wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlächeln
+um die dünnen Lippen.
+
+
+
+
+Zweiter Teil
+
+
+
+
+Gespräch zwischen einem, der maskiert bleibt, und einem, der sich
+enthüllt
+
+
+Es regnete in Strömen, als die Kalesche des Lords am späten Abend über
+den Ansbacher Schloßplatz donnerte. Dazu scheuten die Pferde plötzlich
+vor einem über den Weg trottenden Hund, und der elsässische Kutscher
+fluchte in seinem greulichen Dialekt so laut, daß sich hinter den
+dunkeln Fensterquadraten ein paar weiße Zipfelmützen zeigten. Die Zimmer
+im Gasthof zum Stern waren vorausgemietet, der Wirt tänzelte mit einem
+Parapluie vors Tor und begrüßte den Fremdling mit unzähligen tiefen
+Komplimenten und Kratzfüßen.
+
+Stanhope schritt an ihm vorüber zur Treppe, da trat ihm ein Herr in der
+Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen, sehr eilfertig, mit
+regentriefendem Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel
+vor, der die Ehre gehabt habe, Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim
+Rittmeister Wessenig in Nürnberg flüchtig, »leider allzu flüchtig«,
+begegnet zu sein. Er nehme sich die Freiheit, dem Herrn Grafen seine
+Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten, und bitte um Vergebung für
+die einem Überfall ähnliche Störung, aber es sei zu vermuten, daß Seine
+Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschäfte habe, darum wolle er nicht
+versäumen, in erster Stunde nachzufragen.
+
+Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an. Er
+sah ein frisches, volles Gesicht mit eigentümlich kecken und dabei
+zärtlich ergebenen Augen. Unwillkürlich zurücktretend, hatte Stanhope
+das Gefühl, daß hier einer seine ganze Person als Werkzeug antrug,
+gleichviel zu welchen Zwecken; nichts Neues war ihm der begehrlich
+streberische Glanz solcher Blicke, schon glaubte er seinen Mann in- und
+auswendig zu kennen. Aber woher wußte der Dienstbeflissene davon? Wer
+hatte ihn auf die Fährte gebracht? Eine feine Nase war ihm jedenfalls
+zuzutrauen. Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich für eine bestimmte
+Stunde seinen Besuch, worauf der Polizeileutnant militärisch grüßte und
+ebenso eilig, wie er gekommen war, wieder in den Regen hinausrannte.
+
+Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und ließ sogleich in allen
+Zimmern Kerzen aufstellen, da ihm unbeleuchtete Räume verhaßt waren;
+während der Kammerdiener den Tee bereitete, nahm er ein in Saffian
+gebundenes Andachtsbüchlein aus der Reisetasche und begann darin zu
+lesen. Oder wenigstens hatte es den Anschein, als lese er, in
+Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute Gedanken, die Ruhe des kleinen
+Landstädtchens war ihm unheimlicher als Kirchhofsstille. Nach dem Imbiß
+ließ er den Wirt rufen, befragte ihn über dies und jenes, über die
+Verhältnisse im Ort, über den ansässigen Adel und die Beamtenschaft. Der
+Wirt zeigte sich den neuen Läuften gründlich überlegen. Er hatte noch
+die selige Markgrafenzeit erlebt, und mit dem Tag, wo Höfling und
+Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalästchen die Flucht vor dem
+heransausenden Kriegssturm ergriffen hatten, war es aus mit dem Glanz
+der Welt; ein stinkendes Rattennest war sie geworden, ein
+Aktentrödelmarkt mit dem hochtrabenden Namen Appellationssenat, eine
+Tintenhöhle, ein Paragraphenloch.
+
+Damals, ach, damals! Wie verstand man zu schäkern, wie heiter war das
+Treiben, man spielte, man parlierte, man tanzte – und der dicke Mann
+fing vor den Augen des Lords an, einige gravitätische Menuettposen und
+Pas de deux zu illustrieren, wozu er eine verschollene Melodie trällerte
+und mit zwei Fingern jeder Hand schelmisch die Rockschöße hob.
+
+Der Lord blieb vollkommen ernsthaft. Er fragte auch beiläufig, ob Herr
+von Feuerbach in der Stadt sei, doch bei diesen Worten zog der Dicke ein
+säuerliches Gesicht. »Die Exzellenz?« grollte er. »Ja, die ist da.
+Wohler wäre uns, sie wär’ nicht da. Wie ein brummiger Kater lauert sie
+uns auf und faucht uns an, wenn wir ein bißchen pfeifen. Er kümmert sich
+um alles, ob die Straßen gekehrt sind, ob die Milch verwässert ist;
+überall ist er hinterher, aber Galanterie hat er keine im Leib. Nur
+eines versteht er gründlich, er ist ein scharfer Esser, und halten zu
+Gnaden, Herr Graf, wenn Sie mit ihm zu tun haben, müssen Sie alles
+loben, was auf seinen Tisch kommt.«
+
+Stanhope entließ den Schwätzer huldvoll, dann bezeichnete er dem Diener
+die Kleider, die für morgen instand zu setzen seien, und begab sich zur
+Ruhe. Am andern Morgen erhob er sich spät, schickte den Lakaien in die
+Wohnung Feuerbachs und ließ um eine Unterredung bitten. Der Mann kam mit
+der Botschaft zurück, der Herr Staatsrat könne heute und wohl auch in
+den nächsten Tagen nicht empfangen, er ersuche Seine Lordschaft, ihm das
+Anliegen schriftlich mitzuteilen. Stanhope war wütend. Er begriff, daß
+er sich überstürzt habe, und fuhr sogleich zum Hofrat Hofmann, der ihm
+empfohlen war.
+
+Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet, und
+nach weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine
+Person geflochten. Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefüllte Säcke seien
+auf dem Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen, hieß es, und er
+wolle das Markgrafenschloß samt dem Hofgarten kaufen, er führe ein Bett
+mit Schwanendaunen mit sich und gestickte Wäsche, er sei ein Vetter des
+Königs von England und Caspar Hauser sein leiblicher Sohn. Stanhope,
+kühl bis in die Nieren, sah sich als Mittelpunkt kleinstädtischen
+Schwatzes und war es zufrieden.
+
+Der Hofrat hatte ihm keine Erklärung über das Verhalten des Präsidenten
+zu geben vermocht. Um die dienstlichen Schritte zu beraten, suchten sie
+den Archivdirektor Wurm auf, der bei Feuerbach großes Vertrauen genoß.
+Stanhope spürte, daß man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging; die
+amtssässigen Herren konnten sich keines freien Verhältnisses zu einem
+Manne rühmen, dessen Hand wie Eisenlast auf ihnen ruhte.
+
+Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis. Als er
+hier die Rede auf den Präsidenten brachte, wurde eine Reihe von
+Anekdoten erzählt, die teils lächerlich, teils bizarr klangen, oder man
+berichtete, wie um den Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch
+Umstände zu verdecken, welche das Mitleid herausforderten, von dem
+Unglück, welches Feuerbach an zweien seiner Söhne erlebe, von einer
+zerrütteten Ehe, von der menschenhassenden Einsamkeit, in welcher der
+Alte hauste, und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle
+Verschuldung sehen wollte. »Er ist ein Fanatiker,« ließ sich ein
+kahlköpfiger Kanzleivorstand vernehmen, »er würde, wie Horatius, seine
+eignen Kinder dem Henkersknecht ausliefern.«
+
+»Er vergibt niemals einem Feind,« sagte ein andrer klagend, »und dies
+beweist keine christliche Gesinnung.«
+
+»Das alles wäre nicht so schlimm, wenn er nicht in jedem Menschen eine
+Art von Übeltäter sehen würde,« meinte die Dame des Hauses, »und bei
+jeder Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren ließe.
+Neulich ging ich um die Dämmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer
+Straße spazieren, und wir waren unbedachtsam genug, ein paar Äpfel von
+den Bäumen zu pflücken; auf einmal steht die Exzellenz vor uns, schwingt
+den Stock in der Luft und schreit mit einer fürchterlich krähenden
+Stimme: Oho, meine Gnädige, das ist Diebstahl am Gemeindegut! Nun bitt’
+ich einen Menschen, Diebstahl! Was soll denn das heißen?«
+
+»Du mußt aber auch sagen, Mama,« fügte die Tochter hinzu, »daß er dabei
+ganz pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeißen konnte,
+als wir, vor Schrecken zitternd, die Äpfel in den Graben warfen.«
+
+Der bloße Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom, vor dem das
+Wasser staut und aufprallt. Stanhope machte kein Hehl aus seiner
+Bewunderung für den Präsidenten. Er zitierte Stellen aus seinen
+Schriften, schien selbst die trockensten juristischen Abhandlungen zu
+kennen und pries die von Feuerbach durchgeführte Abschaffung der Folter
+als eine Tat, die über die Jahrhunderte leuchten würde. Es war ein
+Mittel zu blenden, wie irgendein andres.
+
+Auf allen Gassen, in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen
+Gesprächsstoff, und das war Lord Stanhope. Lord Stanhope, der Held und
+die Zuflucht der unschuldig Verfolgten; Lord Stanhope, der Gipfel der
+Eleganz, Lord Stanhope, der Freigeist, Lord Stanhope, der Liebling des
+Glücks und der Mode, Lord Stanhope, der Melancholische, und Lord
+Stanhope, der Strengreligiöse. So viel Tage, so viel Gesichter; heute
+ist Lord Stanhope kalt, morgen ist er leidenschaftlich; zeigt er sich
+hier heiter und ungebunden, dort wird er tiefsinnig und würdevoll sein;
+Gelehrsamkeit und leichte Tändelei, die Stimme des Gemüts und sittliche
+Forderung: es kommt nur auf das Register an, das der geschickte
+Orgelspieler braucht. Wie interessant sein Aberglauben, wenn er in einem
+Zirkel bei Frau von Imhoff seine Furcht vor Gespenstern bekennt und
+schildert, daß er dabei gewesen, wie ein Landsmann in den Krater des
+Vesuv zur Hölle gefahren sei; wie entzückend die Ironie, mit der er bei
+andrer Gelegenheit gottlose Gedichte von Byron zu rezitieren versteht.
+
+Die Elemente mischen sich, man weiß nicht wie. Es ist eine Lust, die
+Welle zu Schaum zu schlagen und den kleinen provinzlichen Sumpf im
+vergoldeten Kahn zu durchfahren.
+
+Am fünften Tag kam der Jäger zurück. Er brachte erweiterte Vollmachten;
+Befehle, denen Stanhope durch seine Reise nach Ansbach zum Teil
+zuvorgekommen war, aus denen als bemerkenswert etwas wie Furcht vor den
+Maßnahmen Feuerbachs auffiel. Es wurde ihm geboten, sich dem Präsidenten
+in jedem Fall zu fügen, da Widerstand Verdacht erweckt hätte; das
+Äußerste zu versuchen, aber sich zu fügen und neue Minen zu graben, wenn
+die alten wirkungslos geworden. Von einem gefährlichen Dokument war die
+Rede, das einstweilen beiseitegebracht oder unschädlich gemacht werden
+müsse, von dessen Inhalt aber jedenfalls Abschrift zu nehmen sei.
+
+Das überreichte Schreiben sollte im Beisein des Jägers zerrissen und
+verbrannt werden. Dies geschah. Vor allem brachte der Bursche Geld,
+herrliches bares Geld. Stanhope atmete auf.
+
+Am nächsten Abend lud er einige der vornehmsten Familien der Stadt zu
+einem geselligen Beisammensein in die Räume des Kasinos. Man raunte sich
+zu, daß er die Speisen nach besonderen Rezepten habe bereiten lassen und
+die Musikpiecen mit dem Kapellmeister selbst durchprobiert habe. Vor
+Beginn des Tanzes erhielt jede Dame ein ebenso sinniges wie kostbares
+Angebinde: ein kleines Schildchen von Gold, auf welchem in emaillierter
+Schrift die Devise stand: »#Dieu et le cœur.#« Danach nahm der Lord sein
+Glas und forderte die Anwesenden auf, mit ihm das Wohl eines Menschen
+auszubringen, der ihm so teuer sei, daß er den Namen vor so vielen Ohren
+gar nicht auszusprechen wage, wüßten doch alle, wen er meine: jenes
+wunderbare Geschöpf, vom Schicksal wie auf eine Warte der Zeit
+hingestellt: #Dieu et le cœur#, dies gelte ihm, dem Mutterlosen, dessen
+die Mütter gedenken möchten, welche Kinder geboren, und die Jungfrauen,
+die sich der Liebe weihten.
+
+Man war gerührt; man war außerordentlich gerührt. Ein paar weiße
+Taschentücher flatterten in sanften Händen, und eine ergriffene
+Baßstimme murrte: »Seltener Mann.« Der seltene Mann, als ob er seine
+eigne Bewegung nicht anders meistern könne, begab sich auf den
+anstoßenden Balkon und schaute sinnend auf das Volk, das teils in
+ehrfürchtig flüsternden Gruppen stand, teils in der Dunkelheit auf und
+ab promenierte. Viele auch hatten sich, der Musik lauschend, an die
+gegenüberliegende Mauer gedrängt, und eine ganze Reihe von Gesichtern
+glänzte fahl in dem aus den Fenstern flutenden Lichtschein.
+
+Da gewahrte Stanhope den Uniformierten, der sich ihm bei seiner Ankunft
+in der Stadt präsentiert. Er hatte ihn seitdem völlig aus dem Gedächtnis
+verloren, der Mann war zur festgesetzten Stunde im Hotel gewesen, doch
+hatte Stanhope die Verabredung nicht gehalten, und jener hatte nur die
+Karte zurückgelassen. Jetzt stand er wenige Schritte entfernt unter
+einem Laternenpfahl, und sein Gesicht schien auffallend böse.
+
+Ein Unbehagen überlief den Lord. Er verbeugte sich höflich nach der
+Richtung, wo der Regungslose stand. Darauf hatte der nur gewartet; er
+trat näher, und dicht am Balkon stehend, war sein Gesicht etwa in
+Brusthöhe des Grafen.
+
+»Polizeileutnant Hickel, wenn ich nicht irre,« sagte Stanhope und
+reichte ihm die Hand; »ich hatte das Unglück, Ihren Besuch zu versäumen,
+ich bitte mich zu entschuldigen.«
+
+Der Polizeileutnant strahlte vor Ergebenheit und heftete den Blick
+andächtig auf den redenden Mund des Grafen. »Schade,« versetzte er, »ich
+hätte sonst gewiß den Vorzug, den heutigen Abend in Mylords
+Gesellschaft zu verbringen. Man rechnet meine Wenigkeit hier gleichfalls
+zu den oberen Zehntausend, haha!«
+
+Stanhope rückte kaum merklich den Kopf. Was für ein unangenehmer
+Geselle, dachte er.
+
+»Waren Eure Herrlichkeit schon beim Staatsrat Feuerbach?« fuhr der
+Polizeileutnant fort. »Ich meine heute. Die Exzellenz war nämlich bis
+jetzt starrköpfig, wollte mit Eurer Herrlichkeit nur schriftlich
+unterhandeln. Es ist mir endlich gelungen, den eigensinnigen Mann andern
+Sinnes zu machen.«
+
+All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte
+ein befremdetes Gesicht. »Wie das?« fragte er stockend.
+
+»Nun ja, ich kann bei dem guten Präsidenten manches durchsetzen, woran
+andre sich umsonst die Zähne ausbeißen,« erwiderte Hickel, ebenfalls mit
+dem heitersten und gefälligsten Ausdruck. »Solche Hitzköpfe sind um den
+Finger zu wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist
+lustig: um den Finger gewickelte Hitzköpfe, haha!«
+
+Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen.
+Der Polizeileutnant ließ sich nicht beirren. »Mylord sollten keinesfalls
+lange überlegen,« sagte er. »Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht
+gerade sonderlich drängt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem
+Zustand von Unentschlossenheit, dünkt mich, der auszunutzen ist. Und was
+das bedrohliche Dokument anbelangt ...« Er hielt inne und machte eine
+Pause.
+
+Stanhope fühlte, daß er bis in den Hals erbleichte. »Das Dokument? Von
+welchem Dokument sprechen Sie?« murmelte er hastig.
+
+»Sie werden mich vollständig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine
+halbe Stunde Gehör schenken wollen,« antwortete Hickel mit einer
+Unterwürfigkeit, die sich beinahe wie Spott ausnahm. »Was wir uns zu
+sagen haben, ist nicht unwichtig, muß aber keineswegs noch heute gesagt
+werden. Ich stehe zu jeder beliebigen Zeit zur Verfügung.«
+
+Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgültigkeit zeigen zu
+sollen. Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht überhören
+durfte, verschanzte er sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. »Ich
+werde mich sicherlich an Sie wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr
+Polizeileutnant,« sagte er kurz und wandte sich stirnrunzelnd ab.
+
+Hickel biß sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblüffung dem
+Grafen nach, der durch die offene Saaltür verschwunden war, und ging
+dann leise pfeifend über die Straße. Plötzlich drehte er sich um,
+verbeugte sich höhnisch und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie
+wenn Stanhope noch vor ihm stünde: »Der Herr Graf sind im Irrtum; auch
+bei dero Gnaden wird mit Wasser gekocht.«
+
+Als Stanhope wieder unter seine Gäste getreten war, zog er den
+Generalkommissär von Stichaner ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung
+äußerte er, er habe sich entschlossen, dem Präsidenten morgen seinen
+Besuch zu machen; wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen
+Starrsinn verbleibe, werde er es als vorsätzlichen Affront auffassen und
+abreisen.
+
+Er sagte das mit so lauter Stimme, daß einige danebenstehende Herren und
+Damen es hören mußten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff,
+die mit Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord
+offenbar wenden wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie
+blickte herüber und sagte etwas verwundert: »Wenn ich mich nicht
+täusche, Mylord, so hat Exzellenz ja Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich
+traf ihn spät nachmittags in seinem Garten, als er eben im Begriff war,
+zum ›Stern‹ zu gehen. Sie waren wohl nicht zu Hause?«
+
+»Ich verließ mein Hotel um acht Uhr,« antwortete Stanhope.
+
+Eine Stunde später schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot
+sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach
+Hause zu bringen. Da sie der Weg vorüberführte, ließ Stanhope beim
+»Stern« halten und erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand
+vorgesprochen habe. In der Tat hatte Feuerbach seine Karte abgegeben.
+
+Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die gräfliche Karosse in der
+Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit
+aristokratisch gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt
+unnachahmlich gestreckt, näherte sich Stanhope dem landhausähnlichen
+Gebäude, indem er genau die Mitte der kahlen Baumallee einhielt. Sein
+Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem Knopfloch des braunen
+Gehrocks glühte ein rotes Ordensbändchen, die Krawatte war durch eine
+Diamantschließe gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein
+müdes Lächeln die glattrasierten Lippen. Als er ungefähr zwei Drittel
+des Wegs zurückgelegt hatte, hörte er eine brüllende Stimme aus dem
+Haus, zugleich rannte eine Katze vor ihm über den Kies. Ein böses Omen,
+dachte er, verfärbte sich, blieb stehen und schaute unwillkürlich
+zurück. Es war so neblig, daß er seinen Wagen nicht mehr sah.
+
+Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne daß geöffnet
+wurde. Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Männerstimme
+in Tönen wilder Wut. Stanhope drückte endlich auf die Klinke, fand den
+Eingang unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug
+Bedenken, weiterzugehen. Plötzlich wurde eine Tür aufgerissen, ein
+Frauenzimmer stürzte heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine
+gedrungene Gestalt mit mächtigem Schädel, in welcher Stanhope sofort den
+Präsidenten erkannte. Doch erschrak er dermaßen vor dem zornverzerrten
+Gesicht, den gesträubten Haaren und der durchdringenden Stimme, daß er
+wie angewurzelt stehen blieb.
+
+Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zu Tag
+gekommen? Nichts von alledem. Bloß ein stinkender Qualm zog durch den
+Korridor, weil ein Topf mit Milch in der Küche übergelaufen war. Die
+Frauensperson hatte sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es
+denn ein gar würdeloser Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er
+mit den Armen fuchtelte und bei jeder jammernden Widerrede der
+Gescholtenen von neuem raste, die Zähne fletschte, mit den Füßen
+stampfte und sich vor Bosheit überschrie.
+
+Ein komisches Männlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem
+kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! Sich
+vornehm räuspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von
+dem lächerlichen Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach
+blitzschnell um. Der Lord verneigte sich tief, nannte seinen Namen und
+bat nachsichtig lächelnd um Entschuldigung, wenn er störe.
+
+Schnelle Röte überflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner
+jähen, fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und
+Mund, und auf einmal brach er in ein Gelächter aus, in welchem
+Beschämung, Selbstironie und irgendeine gemütliche Versicherung lag,
+kurz, es hatte einen befreienden, wohltuenden und überlegenen Klang.
+
+Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen
+in ein großes wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von
+außerordentlicher Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich über
+sein bisheriges Verhalten gegen den Lord zu sprechen, und ohne Gründe
+anzuführen, sagte er, die Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei stärker
+als die gesellschaftliche Pflicht. Doch habe er eingesehen, daß er einen
+Mann von solchem Rang und Ansehen nicht verletzen könne, zumal ihm
+schätzenswerte Freunde so viel Anziehendes berichtet hätten, deshalb
+habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht.
+
+Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, daß er Seiner Exzellenz
+nicht habe aufwarten können, und fügte bescheiden hinzu, er müsse diese
+Stunde zu den höchsten seines Lebens rechnen, vergönne sie ihm doch die
+Bekanntschaft eines Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und über die
+Grenzen der Sprache wie der Nation hinausgedrungen sei.
+
+Von neuem der jähe, scharfe Blick des Präsidenten, ein schamhaft
+satirisches Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast
+rührend, ein Strahl naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits
+stellte vollendet einen Mann der großen Welt dar, der vielleicht zum
+erstenmal befangen ist.
+
+Sie nahmen Platz, der Präsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem
+Rücken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte,
+eine der Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern
+eingetroffener Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege,
+Caspar zu sich ins Haus zu nehmen. Diese plötzliche Sinnesänderung sei
+ihm um so merkwürdiger erschienen, als er ja wisse, daß Herr von Tucher
+den Absichten des Grafen geneigt gewesen; er habe den Faden verloren,
+die ganze Geschichte sei ihm verschwommen geworden, er habe nun sehen
+und hören wollen.
+
+Im Tone größten Befremdens erwiderte Stanhope, er könne sich das
+Vorgehen Herrn von Tuchers durchaus nicht erklären. »Man braucht den
+Menschen nur den Rücken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht,« sagte
+er geringschätzig.
+
+»Das ist nun so,« versetzte der Präsident trocken. »Ich will übrigens
+Ihre Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem
+Bürgermeister Binder mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, daß
+Ihnen Caspar überlassen werde. Ein solches Ansinnen muß ich gänzlich und
+ohne Bedenken abweisen.«
+
+Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zügen. Er
+blickte unablässig auf die Füße des Präsidenten, und als ob ihn das
+Sprechen Überwindung koste, sagte er endlich: »Lassen Sie mich Ihnen,
+Exzellenz, vor Augen führen, daß Caspars Lage in Nürnberg unhaltbar ist.
+Aufs sonderbarste angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine
+Schützer nennen, verstanden; mit dem Druck einer Dankesschuld beladen,
+die das Schicksal selbst für ihn aufgenommen hat und die er niemals wird
+bezahlen können, da ihm ja sonst jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer
+wucherischen Zinsenabgabe würde und er, ein Junger, ein Wachsender, der
+er ist, sein Dasein für sich verzehren muß, ist er waffenlos ausgesetzt.
+Zudem will die Stadt, wie mir ausdrücklich versichert wurde, nur noch
+bis zum nächsten Sommer für ihn sorgen und ihn dann einem
+Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dünkt mich schade.«
+(Hier erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den
+niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) »Es
+dünkt mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt
+zerstampften Rasen setzen zu lassen.«
+
+Der Präsident hatte aufmerksam zugehört. »Gewiß, das alles ist mir
+bekannt,« antwortete er. »Eine seltene Blume, gewiß. War doch sein
+erstes Auftreten derart, daß man einen durch ein Wunder auf die Erde
+verlorenen Bürger eines andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen
+Menschen des Plato, der, im Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter
+der Reife auf die Oberwelt und zum Licht des Himmels gestiegen ist.«
+
+Stanhope nickte. »Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil
+übertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hörensagen über
+seine Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts
+etwas wie eine atavistische Rechtfertigung,« fuhr er in kühlem
+Plauderton fort. »Einer meiner Ahnen wurde unter Cromwell geächtet und
+floh in ein Grabgewölbe. Die eigne Tochter hielt ihn verborgen und
+nährte ihn, bis die Flucht gelang, kümmerlich mit erstohlenen Brocken.
+Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die Nachgeborenen. Ich
+bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch ein Traum
+oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.«
+
+Feuerbach warf den Kopf zurück. Die Linie seines Mundes zuckte in die
+Länge wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Plötzlich lag Größe in
+seiner Gebärde. »Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu
+willfahren, Herr Graf,« sagte er. »Hier steht so Ungeheures auf dem
+Spiel, daß jeder Gnadenbeweis und jedes Liebesopfer daneben gar nicht
+mehr in Frage kommt. Hier ist den in Abgründen kauernden Dämonen des
+Verbrechens ein Recht zu entreißen und dem bangen Auge der Mitwelt, wenn
+nicht als Trophäe, so doch als Beweis dafür entgegenzuhalten, daß es
+auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem Purpurmantel bedeckt
+werden.«
+
+Der Lord nickte wieder – doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte
+er. Es wurde ihm schwül vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust
+dieses Mannes zu ihm redete, und die selbst das Pathos verzehrte, das
+ihm anfangs unbehaglich war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fühlte,
+daß gegen diesen Willen zu kämpfen, der sich wie Unwetter verkündigte,
+ein aussichtsloses Mühen sein würde, und wenn es ein Beschluß über ihm
+war, durch den er in das Labyrinth lichtscheuer Verrichtungen mehr
+geglitten als geschritten war, so fand er sich jetzt ratlos und
+ohnmächtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen Anschein
+von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte
+sich vor und fragte sanft: »Und ist das Recht, das Sie jenen entreißen
+wollen, die Leiden dessen wert, dem es zukommt?«
+
+»Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten müßte!«
+
+»Und wenn er verblutet, ohne daß Sie Ihr Ziel erreichen?«
+
+»Dann wird aus seinem Grab die Sühne wachsen.«
+
+»Ich ermahne Sie zur Vorsicht, Exzellenz, um Ihretwillen,« flüsterte
+Stanhope, indem sein Blick langsam von den Fenstern zur Tür wanderte.
+
+Feuerbach sah überrascht aus. Es war etwas Verräterisches in dieser
+Wendung, in irgendeinem Sinn verräterisch. Aber die blauen Augen des
+Lords strahlten durchsichtig wie Saphire, und eine frauenhafte Trauer
+lag in der Neigung des schmalen Hauptes. Der Präsident fühlte sich
+hingezogen zu dem Manne, und unwillkürlich nahmen seine Worte einen
+milden, ja fast liebreichen Klang an, als er sagte: »Auch Sie? Auch Sie
+sprechen von Vorsicht? Meine Sprache scheint Ihnen kühn; sie ist es. Ich
+bin es satt, auf einem Schiff zu dienen, das durch die Verblendung
+seiner Offiziere in den schmählichen Untergang rennt. Aber ich könnte
+mir denken, daß es einem Bürger des freien England unbegreiflich ist,
+wenn ein Mensch wie ich seine Ruhe und die Sicherheit der Existenz
+aufgeben muß, um das Gewissen des Staats für die primitivsten
+Forderungen der Gesellschaft wachzurütteln. Es ist überflüssig, mich zur
+Vorsicht zu mahnen, Mylord. Ich würde alles das auch demjenigen ins Ohr
+schreien, der sich mir als Denunziant bekennte. Ich fürchte nichts, weil
+ich nichts zu hoffen habe.«
+
+Stanhope ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er versonnen
+antwortete: »Mein Unkenruf wird Sie weniger verwundern, wenn ich Ihnen
+gestehe, daß ich nicht uneingeweiht in die Verhältnisse bin, auf die Sie
+hindeuten. Ich bin nicht das Werkzeug des Zufalls. Ich bin nicht ohne
+äußeren Antrieb zu dem Findling gekommen. Es ist eine Frau, es ist die
+unglücklichste aller Frauen, als deren Sendboten ich mich betrachte.«
+
+Der Präsident sprang empor, als ob ein Blitz im Zimmer gezündet hätte.
+»Herr Graf!« rief er außer sich. »Sie wissen also –«
+
+»Ich weiß,« versetzte Stanhope ruhig. Nachdem er mit düsterer Miene
+beobachtet hatte, wie der Präsident krampfhaft die Stuhllehne gepackt
+hielt, so daß die Arme sichtbar zitterten, und wie das große Gesicht
+sich verfaltete und bewegte, fuhr er mit monotoner Stimme und einem
+matten, seltsam süßlichen Lächeln fort: »Sie werden mich fragen: Wozu
+die Umwege? Was wollen Sie mit dem Knaben? Ich antworte Ihnen: Ich will
+ihn in Sicherheit bringen, ich will ihn in ein andres Land bringen, ich
+will ihn verbergen, ich will ihn der Waffe entziehen, die fortwährend
+gegen ihn gezückt ist. Kann man klarer sein? Wollen Sie noch mehr?
+Exzellenz, ich habe Kenntnis von Dingen, die mein Blut gefrieren lassen,
+selbst wenn ich nachts erwache und in der Pause zwischen Schlaf und
+Schlaf daran denke, wie man an ein Fieberbild denkt. Ersparen Sie mir
+die Ausführlichkeit. Rücksichten, bindender als Schwüre, machen meine
+Zunge lahm. Auch Sie scheinen ja, es ist mir rätselhaft, auf welche
+Weise, Einblick gewonnen zu haben in diesen grauenhaften Schlund von
+Schande, Mord und Jammer; so darf ich Ihnen wohl sagen, daß ich, der den
+Königen und Herren der Erde sehr genau und sehr nah ins Gesicht geschaut
+hat, niemals ein Antlitz sah, dem Geburt und Geist einen gleich hohen
+Adel und der Schmerz eine ergreifendere Macht verliehen haben als dem
+jener Frau. Ich ward ihr Sklave mit dem Augenblick, wo das Bild ihrer
+tragischen Erscheinung zum erstenmal mein Gemüt belud. Es wurde meine
+Lebensidee, die ihr vom Schicksal zugefügten Wunden in ihrem Dienst zu
+mildern. Ich will schweigen darüber, wie ich Gewißheit über den Zustand
+der gemarterten und am Rand des Todes hinsiechenden Seele gewann und wie
+sich mir von denen, die ein Jahrzehnte hindurch fortgesponnenes Gewebe
+von Leiden um das unbeschützte Dasein der Unglücklichen flochten,
+langsam Stirn um Stirn entschleierte. Das Haupt der Meduse kann nicht
+gräßlicher sein. Genug damit, daß ich meine wahre Natur unterdrücken und
+mich harmlos geben mußte; ich mußte lügen, schmeicheln, schleichen und
+Ränke durch Ränke schlagen, ich habe mich verkleidet und täuschungsvolle
+Aufgaben übernommen. Dabei fraß mir der Zorn am Mark und ich fragte
+mich, wie es möglich sei, weiterzuleben mit solcher Wissenschaft in der
+Brust. Aber das ist es ja eben: man lebt weiter. Man ißt, man trinkt,
+man schläft, man geht zu seinem Schneider, man promeniert, man läßt
+sich die Haare scheren, und Tag reiht sich an Tag, als ob nichts
+geschehen wäre. Und genau so ist es mit jenen, von welchen man glaubt,
+daß das böse Gewissen ihre Sinne verwüsten und ihre Adern verdorren
+müsse, sie essen, trinken, schlafen, lachen, amüsieren sich, und ihre
+Taten rinnen von ihnen ab wie Wasser von einem Dach.«
+
+»Sehr wahr! Das ist es, so ist es!« rief Feuerbach leidenschaftlich
+bewegt. Er eilte ein paarmal durch das Zimmer, dann blieb er vor
+Stanhope stehen und fragte streng: »Und weiß die Frau von allem –? Weiß
+sie von ihm? Was ist ihr bekannt? Was erwartet, was hofft sie?«
+
+»Aus persönlicher Erfahrung kann ich darüber nichts melden,« entgegnete
+der Lord mit derselben traurigen und matten Stimme wie bisher. »Vor
+kurzem wurde bei der Gräfin Bodmer erzählt, sie habe laut aufgeweint,
+als man den Namen Caspar Hauser vor ihr genannt. Mag sein, ganz
+glaubwürdig ist es nicht. Hingegen ist mir ein andrer Vorfall bekannt,
+der auf eine fast übersinnliche Beziehung schließen läßt. Eines Mittags
+vor zwei Jahren befand sich die Fürstin allein in der Schloßkapelle und
+verrichtete ihr Gebet. Nachdem sie geendet und sich erheben wollte, sah
+sie plötzlich über dem Altar das Bild eines schönen Jünglings, dessen
+Gesicht einen unendlichen Kummer ausdrückte. Sie rief den Namen ihres
+Sohnes, Stephan hieß er, der Erstgeborene, dann fiel sie in Ohnmacht.
+Später erzählte sie die Vision einer vertrauten Dame, und diese, die
+Caspar selbst in Nürnberg gesehen hatte, war von der Ähnlichkeit tief
+berührt. Und das Wunderbare ist, daß die Erscheinung sich am selben Tag
+und zur selben Stunde gezeigt hatte, wo der Mordanfall im Hause Daumers
+stattfand. So viel ist klar, daß sich auf beiden Seiten ein
+geheimnisvolles Zusammenstreben offenbart. Ferner ist es klar,
+Exzellenz, daß jedes Zaudern Gefahr bedeutet und ein leichtfertiges
+Vergeuden günstiger Gelegenheit. Ich rufe Ihnen das in ernster Not
+entgegen. Es könnte kommen, daß unsre Versäumnisse vor einen
+Richterstuhl gefordert werden, wo keine Reue das Geschehene ausgleicht.«
+
+Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren
+gerötet, sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er?
+Seine Auftraggeber? Den Jüngling, den er an sich gekettet? Den
+Präsidenten? Sich selbst? Er wußte es nicht. Er war erschüttert von
+seinen eignen Worten, denn sie erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles
+das erschien ihm wahr, als ob er der Retter wirklich sei. Er liebte sich
+in diesen Minuten und hätschelte sein Herz. Eine Finsternis des
+Vergessens kam über ihn, und sofern er Müdigkeit und Ekel zu erkennen
+gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle
+gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er löschte
+zwanzig Jahre Vergangenheit von der Tafel seines Gedächtnisses hinweg
+und stand da – reingewaschen durch eine Halluzination von Güte und
+Mitleid.
+
+Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in
+die Hand gestützt, schaute er sinnend in die Luft. »Wir sind die Diener
+unsrer Taten, Mylord,« begann er nach langem Schweigen, und die sonst
+polternde oder schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen
+Klang. »Vor dem schlimmen Ende zittern, hieße jede Schlacht aufgeben,
+bevor sie geschlagen. Offenheit gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken
+Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen Posten des Landes. Mein Leben
+war für eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte ich es wenigstens, als
+in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu werden. Ich habe
+meinem König Dienste geleistet, die gewürdigt worden sind und die
+vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des
+Gerechten zu verleihen. Noch größere wollte ich leisten, sein Volk
+erhöhen, die Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies
+scheiterte. Ich ward zurückgestoßen. Freilich, man hat mich belohnt,
+aber nicht anders als wie Domestiken belohnt werden.«
+
+Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrücken und knirschte mit den
+Zähnen. Dann fuhr er fort: »Von früher Jugend an habe ich mich dem
+Gesetz geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu
+veredeln. Der Mensch war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben
+war darauf gerichtet, die Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung
+scheidet. Ich habe das Laster studiert wie ein Botaniker die Pflanze.
+Der Verbrecher war mir ein Gegenstand der Obsorge; in seinem erkrankten
+Gemüt wog ich ab, was von seinen Sünden auf die Verirrungen des Staates
+und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den Meistern des Rechts und
+bei den großen Aposteln der Humanität in die Lehre gegangen, ich wollte
+das Zeitalter der überlebten Barbarei entreißen und Pfade zur Zukunft
+bauen. Überflüssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bücher, meine
+Erlässe, meine ganze Vergangenheit, das heißt eine Kette ruheloser Tage
+und arbeitsvoller Nächte, sind Zeugen. Ich lebte nie für mich, ich lebte
+kaum für meine Familie; ich habe die Vergnügungen der Geselligkeit, der
+Freundschaft, der Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter
+Gunst; kein Erfolg schenkte mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war
+arm, ich blieb arm, geduldet von oben, begeifert von unten, mißbraucht
+von den Starken, überlistet von den Schwachen. Meine Gegner waren
+mächtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel gewissenlos; sie
+waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein räudiger Hund;
+Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit Schmutz. Es
+war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Straßen der Residenz gehen,
+ohne die gröblichsten Insulten des Pöbels fürchten zu müssen. Als ich,
+durch widerwärtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein
+Professorenamt in Landshut aufgeben mußte, als man den studentischen
+Janhagel gegen mich in Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat
+floh, Weib und Kind im Stich lassend, da trachteten mir bezahlte
+Schergen nach dem Leben. Es war der große Krieg, alle Ordnung war
+zerrüttet; von der österreichischen Partei wurde ausgesprengt, daß ich
+mit der französischen Partei im Bündnis stehe, die dem Kaiser Napoleon
+zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg bahnen und
+die souveränen Fürsten stürzen wolle, die Franzosen verdächtigten
+umgekehrt meine Beziehungen zu Österreich. Es gab einen Mann, einen
+Amts- und Berufsgenossen, einen Gelehrten, berühmt und angesehen – o,
+ein feiger Poltron, die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfähle
+des Jahrhunderts heften! –, der sich nicht entblödete, mich öffentlich
+als Spion zu bezeichnen, und mein Protestantentum zum Vorwand nahm, den
+König gegen mich mißtrauisch zu machen. Ich erlag nicht. Die
+Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Fürst nahm mich wieder in Gnaden auf,
+freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Thron, ich blieb in
+Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer in
+Gnaden. Auch meine Feinde sind besänftigt oder sie stellen sich so, auch
+sie sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Große und Allgemeine
+gerichtete Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des
+Geistes, der sie trug und nährte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden
+nicht jene, das weiß nur ich.«
+
+Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur
+Schnupftabaksdose, nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das
+Gesicht zu, und unter den barschen Brauen blitzte ein rührend-ängstlicher
+und dankbarer Blick hervor, während er sagte: »Herr Graf, ich bin mir
+nicht ganz klar darüber, was mich bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es
+erstaunt mich selbst. Sie sind der erste, der zu hören bekommt, was so
+verzweifelt den Klagen eines Zurückgesetzten ähnelt und doch nur die
+Erklärung für eine unabänderliche Notwendigkeit bieten soll. Es ist mir
+in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles
+gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschluß
+stärkt. An mich tritt der härteste Zwang heran, der einen Mann von
+grauen Haaren treffen kann, und nötigt mich zu der Frage an das
+Schicksal: ob denn alles Geopferte und Gewirkte umsonst gewesen, ob es
+mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht gezeitigt hat als
+Ohnmacht hier und Gleichgültigkeit dort. Ich muß die Probe machen, ich
+muß es durchführen, komme, was da wolle; ich muß wissen, ob ich in Wind
+geredet und auf Sand geschrieben habe; ich muß wissen, ob die
+Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils versüßt hat,
+nur wohlfeile Lockspeise waren; ich muß und will wissen, ob man es ernst
+meint mit mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen
+furchtbare Indizien vor; ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil
+und kann das Wetter machen, alles ist von mir fixiert und in einem
+besonderen Dokument dargestellt; man weiß es, man wird es nicht zum
+Äußersten treiben, denn zum Äußersten bin ich entschlossen, um das
+kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den Menschen als Hüter
+bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, große Dinge brauchen viel
+Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die lebendige
+Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets
+erreichbarer Nähe. Verlöre ich ihn, so wäre das Fundament meines letzten
+Werks dahin, ich spür’ es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch
+auf Gehör würde wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlören Sie? Wollen
+Sie eine Tat der Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der
+Gerechtigkeit nicht gedenken? Das hieße Gold wegwerfen, um Häckerling zu
+erhalten.«
+
+Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl geworden, als flösse kein
+Blut mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie
+wenn er sich verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen
+Augen gebrochen wie wilde Tiere, die ihren Käfig zertrümmert haben, dann
+rief er sie wieder zurück, saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an,
+nestelte mit den Fingern am Kettchen des Lorgnons, und als der Präsident
+am Ende war, richtete er sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung auf.
+Er hatte Mühe, sich zu finden, er hatte Mühe, Worte zu finden, in
+heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er lachen oder einen
+körperlichen Schmerz verbeißen wollte, und als er die Hand des
+Präsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgänger stand an seiner
+Seite, dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versäumten, und
+zischelte ihm das Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren
+feucht, als er sagte: »Ich verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag,
+ist: nehmen Sie mich als Freund, Exzellenz, betrachten Sie mich als
+Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein Wink von oben. Doch welche
+Bürgschaft haben Sie? Welche Gewähr, daß Sie Ihr Herz nicht einem
+Unwürdigen eröffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als alle
+andern? Ich hätte Caspar entführen können, ich könnte es noch –«
+
+»Wenn dies Antlitz lügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann
+will ich es meinetwegen für ein Hirngespinst erklären, Wahrheit auf
+Erden zu suchen,« unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. »Entführen, Caspar
+entführen?« fuhr er gutmütig lachend fort. »Sie scherzen; ich möchte das
+jedem Manne widerraten, der noch Wert darauf legt, im Sonnenschein
+spazierenzugehen.«
+
+Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grübeln, dann fragte er
+hastig: »Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin
+mit Caspar?«
+
+»Er soll hierher nach Ansbach,« versetzte Feuerbach kategorisch.
+
+»Hierher? Zu Ihnen?«
+
+»Zu mir, nein. Das ist leider unmöglich, aus vielen Gründen unmöglich.
+Ich muß viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf
+Reisen, meine Gesundheit ist erschüttert, mein Charakter eignet sich
+schlecht zu der Rolle, die ich dabei übernehmen müßte, und außerdem
+verbietet es die Sache, ein allzu persönliches Band zu knüpfen.«
+
+Stanhope atmete auf. »Wohin also mit ihm?« beharrte er.
+
+»Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und
+geistige wie sittliche Unterstützung findet,« sagte der Präsident. »Noch
+heute will ich mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie
+kennt die hiesigen Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, daß ich
+über den Jüngling wachen werde wie über mein eignes Kind. Die Nürnberger
+Schwabenstreiche sind zu Ende. Daß ich Ihrem Verkehr mit Caspar
+keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der Erwähnung. Herr Graf, mein
+Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der Hülle des Beamten und
+Richters schlägt ein für Freundschaft empfängliches Herz. Man wird in
+diesem Land der Kleingeisterei nicht verwöhnt durch den Umgang mit
+Männern.«
+
+Nachdem sie noch flüchtig über die an Herrn von Tucher und den
+Nürnberger Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten,
+verabschiedete sich Stanhope.
+
+Der Präsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und
+ab. Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein
+sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Mißtrauen stieg in seiner
+Brust empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen
+hatte, je mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu
+gewiegter Menschenkenner, um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die
+ihn bedenklich stimmten. Plötzlich schlug er sich mit der Hand vor die
+Stirn, begab sich an den Schreibtisch und schrieb in großer Hast drei
+Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten englischen Freund,
+einen an den bayrischen Geschäftsträger nach London und einen dritten an
+den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in München. In
+jenen beiden zog er genaue Erkundigungen über die Person des Grafen
+Stanhope ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der
+Residenz und ersuchte um Reiseurlaub.
+
+Alle drei Briefe ließ er zur Stunde mit expresser Post aufgeben.
+
+
+
+
+Nacht wird sein
+
+
+Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fuß
+durch die menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer
+Kirche widerhallte. Er war verstört, zerschlagen und außerstande, eine
+vernünftige Überlegung anzustellen. Im Gasthof angelangt, schloß er
+sich ein und machte eine halbe Stunde lang Fechtübungen mit dem Florett.
+
+Er unterbrach sich erst, als er von draußen eine Stimme vernahm, die mit
+dem Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen.
+Stanhope lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgültig, und mit
+dem Degen noch in der Hand öffnete er. Es war Hickel, der auch sofort
+eintrat und den ihn schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen
+begrüßte.
+
+Nach seinem Begehr gefragt, räusperte er sich und stotterte ein paar
+unzusammenhängende Floskeln, aus denen hervorging, daß er um den Besuch
+Stanhopes bei Feuerbach wußte. Sein Benehmen verriet trotz einer
+unangenehm wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche
+Vertraulichkeit.
+
+Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der
+kleidsamen Uniform. »Was hatte es eigentlich zu bedeuten, daß Sie mir zu
+einer Zusammenkunft mit dem Herrn Präsidenten Ihre Hilfe anboten?«
+fragte er frostig.
+
+»Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen,«
+erwiderte Hickel. »Wer weiß, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen
+wäre, er versteht es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das
+nicht anzuerkennen. Je nun,« fügte er achselzuckend hinzu, »große Herren
+haben ihre Launen.«
+
+»Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, sich zum Zwischenträger
+anzubieten?«
+
+»Zwischenträger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit
+ein zu großes Gewicht bei.«
+
+»Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie
+gefielen sich in einigen Wendungen, um deren Aufklärung ich höflichst
+gebeten haben möchte.« Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Würde
+die Unsicherheit, die er diesem Menschen gegenüber empfand.
+
+»Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten,« versetzte Hickel. »Darf
+ich meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu eröffnen
+gedenken werden?«
+
+»Zu eröffnen? Wem zu eröffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu eröffnen.«
+
+»Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit
+vor sich.«
+
+»Was soll das heißen?« fuhr Stanhope auf. »Wollen Sie mir Scharaden zu
+lösen geben?«
+
+»Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer
+vertrauenswürdigen Persönlichkeit umgesehen,« sagte Hickel plötzlich mit
+eisiger Ruhe. »Meine langjährigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach
+empfahlen mich mehr als einige bescheidene Fähigkeiten.«
+
+Stanhope entfärbte sich und sah zu Boden. »Sie haben also direkte
+Aufträge?« murmelte er.
+
+Der Polizeileutnant verbeugte sich. »Aufträge? Nein,« entgegnete er
+zögernd. »Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde
+angewiesen, mich Eurer Lordschaft zur Verfügung zu stellen.«
+
+Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben
+wäre, und zwar einen bußfertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben
+aufgestanden und ein für allemal seiner Bestimmung übergeben sei.
+
+Er wollte um fünf Uhr bei Frau von Imhoff zum Tee erscheinen und fragte
+den Polizeileutnant, ob er ein Stück Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage
+der Wunsch einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war,
+mit dem Lord öffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an.
+
+Die Straßen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten
+und Pensionisten machten um diese Stunde ihren täglichen Spaziergang
+über die Promenade. Viele blieben stehen und grüßten gegen das Innere
+der hocherlauchten Kutsche.
+
+Nun passierte es, daß an einer Straßenecke der Mann auf dem Bock wieder
+einmal sein welsches Geschrei ertönen ließ; es stand nämlich mitten auf
+dem Fahrdamm ein träumerisch wolkenwärts guckender Herr, der von dem
+Herannahen der gräflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Höchst
+erschrocken sprang er beiseite, als der Elsässer zu fluchen begann, doch
+nicht schnell genug, daß nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt
+wurden, der von den Hufen der Pferde und den Rädern aufspritzte.
+
+Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte
+stand mit einem verdutzten und unglücklichen Gesicht, hielt die Arme vom
+Leib und sah sich die Bescherung an.
+
+»Wer ist der ungeschickte Mann?« erkundigte sich Stanhope, den die
+Schadenfreude des Polizeileutnants verdroß.
+
+»Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.«
+
+Eigner Zufall; eine halbe Stunde später wurde bei Frau von Imhoff
+derselbe Name genannt. Der Präsident und seine Freundin waren nach
+langen Beratungen übereingekommen, Caspar in die Obhut des Lehrers
+Quandt zu geben.
+
+»Er ist ein aufgeklärter und gebildeter Kopf und genießt als Bürger wie
+als Mensch allgemeine Achtung,« sagte Frau von Imhoff.
+
+»Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu
+übernehmen?« fragte der Lord zerstreut. Doch darüber konnte Frau von
+Imhoff keine Auskunft geben.
+
+Als Stanhope sich am andern Morgen beim Präsidenten melden ließ, traf er
+Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn
+Feuerbach zeigte sich sehr aufgeräumt, und als sich der Lord wegen des
+gestrigen Zwischenfalls mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte
+der Präsident seinen Spaß an der Verlegenheit des Lehrers, die er durch
+harmlose Witzchen über zerstreute Denker und dergleichen noch steigerte.
+Sein Gelächter trieb einen wahren Angstschweiß auf Quandts Stirn, er
+verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem Kalifen, und es
+hatte den Anschein, als müsse er sich geschmeichelt fühlen, daß der Kot
+der gräflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden.
+
+»Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig,« mahnte der Präsident
+belustigt, »ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tüchtig den Marsch
+geblasen und sich gemüht, das Röcklein wieder sauber zu kriegen.«
+
+»Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz,« erwiderte Quandt lächelnd
+und von so viel Leutseligkeit beglückt.
+
+Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des
+Präsidenten, und drei hohe Fenster gewährten Aussicht gegen den Garten.
+Der Raum war wohnlich geschmückt, auch hier alles von der größten
+Nettigkeit. In einer Art von vertiefter Nische hing ein gutes Ölbild
+Napoleon Bonapartes im Krönungsornat; Stanhope betrachtete es mit
+vorgeblichem Interesse; in Wirklichkeit prüfte er aufmerksam das Wesen
+und Gehaben des Lehrers.
+
+Quandt war mittelgroß und hager; über der hohen Stirn waren tabaksgelbe
+Haare mit Hilfe von Pomade ganz lächerlich glatt zurückgekämmt. Die
+Augen blickten schüchtern, fast betrübt, und blinzelten bisweilen, die
+Hakennase stach ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt
+unter demütigen und zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen
+säuerlichen Zug, der die Berufsgewohnheit vielen Nörgelns verriet.
+
+Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er
+fragte den Präsidenten, ob die Verhandlungen zum gewünschten Ziel
+geführt hätten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt,
+reichte ihm stumm dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am
+Nachmittag seinen Besuch abstatten. Sehr benommen von solcher Huld,
+verbeugte sich der Lehrer abermals tief, machte sein Kompliment gegen
+den Präsidenten und ging.
+
+Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung
+mußte. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben
+eines Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jäger damit ab. Um
+halb zwei stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie
+aßen zusammen und gingen hernach zu Quandt.
+
+Das Häuschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag,
+war auf den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefällige
+junge Frau, mit dem rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit
+angetan, stand knicksend am Eingang, in der guten Stube war der Tisch
+mit Konditorkuchen beladen, und das feine Porzellanservice blinkte
+einladend auf dem schneeweißen Tuch.
+
+Der Lord war gegen die Lehrerin von väterlicher Freundlichkeit; da sie
+guter Hoffnung war, wünschte er Glück, ein Händedruck bekräftigte seine
+zarte Teilnahme; er fragte, ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde
+purpurrot, schüttelte den Kopf und sagte, sie habe schon einen
+dreijährigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war, gab ihr Quandt
+einen Wink, sie ging still hinaus und die drei Männer blieben allein.
+
+Stanhope sagte, noch könne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung
+von Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und
+geordneten Häuslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling
+hier untergebracht zu wissen. So dürfe man denn endlich hoffen, daß der
+Unglückliche, an dem schon so viele Pfuscherhände herumprobiert und der
+dabei an Leib und Seele Schaden erlitten, einen rettenden Port erreicht
+habe.
+
+Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust.
+
+»Ja,« mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen
+hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrücken
+abwischte, »das wohl; und es muß nun einmal Licht werden um dieses Kind
+der Dunkelheit.«
+
+Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel
+nicht entging; er lächelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende
+Miene an.
+
+»Leider ist ja Anlaß zum Argwohn vorhanden,« fuhr Stanhope fort, und
+seine Stimme war tonlos und kalt; »wohin man sich auch wendet und wie
+man es auch betrachtet, überall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein
+Wunder, wenn die ursprüngliche Neigung von Bitterkeit durchtränkt ist.
+Will ich mich gleich dem liebenden Gefühl hingeben, so melden sich doch
+immer wieder Stimmen, deren Urteil oder Gewicht zu verdächtigen sinnlos
+wäre, und der schlummernde Funke des Mißtrauens löscht nicht aus.«
+
+»Nun also,« ließ sich Hickel wieder vernehmen, »so hab’ ich doch recht!
+Man muß reinen Tisch machen. Man muß den hinterlistigen Burschen endlich
+Mores lehren. Man muß ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.«
+
+Stanhope erblaßte; über Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend:
+»Herr Polizeileutnant, ich muß mich gegen einen solchen Ton verwahren.
+Was immer auch gegen den Jüngling zeugen mag, so ist er doch nur als die
+mißleitete Kreatur eines unbekannten Frevlers zu betrachten.«
+
+Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lächeln über sein
+Gesicht. »Verzeihen Eure Lordschaft,« entgegnete er hastig und ziemlich
+erschrocken, »aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des
+aufgeklärten und vernünftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie
+der Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich über den Findling und
+die Dummheit der Nürnberger geäußert haben. Das hätten der Herr Graf
+nur hören sollen. Wir wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen
+bekannt geworden, was der Herr von Tucher über den Undank und die
+moralische Verderbtheit des Findlings an Eure Lordschaft geschrieben
+hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons und er wird sich
+überzeugen, daß ich nur gesagt habe, was jeder anständige und
+vorurteilslose Mann darüber denkt.« Und Hickel heftete auf den Grafen
+einen befremdet-forschenden Blick.
+
+»Dem ist nicht ganz so,« versetzte Stanhope abweisend und nippte
+mechanisch von der Kaffeetasse. »Herr von Tucher spricht in seinem Brief
+nur von einigen übeln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein
+liebendes Herz ist niemals blind; versteht es nicht abzuwägen, so ist
+ihm doch die Gabe der Ahnung eigen. Im übrigen wollen wir unserm
+würdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es sein, zu richten.
+Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir die
+häßlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt, will ich’s ihm fürstlich
+danken.«
+
+Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter
+Aufmerksamkeit das Gespräch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er;
+als ob es nicht die leichteste Sache von der Welt wäre, zu erkennen, ob
+einer ein Spitzbube ist. Man muß die Augen offen halten, das ist alles;
+der Gute ist gut, der Böse ist bös, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein
+Übel auszurotten, wenn es sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur
+eine Frage der Tatkraft und Umsicht. Aber mir scheint, mir scheint,
+meditierte der Lehrer in seinem stillen Sinne weiter, da sind noch ganz
+andre Dinge verborgen, die Herren reden nicht von der Leber weg.
+
+Und damit traf er wohl das Richtige, wie sich bald erweisen sollte. Er
+entwickelte dem höflich zuhörenden Lord seine Anschauungen über Moral,
+über den Verkehr mit Menschen, den Umgang mit Schülern, die
+Notwendigkeit der Aufmunterung, den Wert der Zensur; alles ein wenig
+umständlich und verklausuliert, aber einfach, staunenswert einfach; nur
+die sorgenvolle Miene gab einen Anschein von Schwierigkeit und
+Philosophie. Der Lord nickte ein paarmal mit dem Kopf, während Hickel
+entschiedene Zeichen von Ungeduld von sich gab. Dann beim Fortgehen,
+während Stanhope sich von der Frau verabschiedete, zog Hickel den Lehrer
+beiseite und flüsterte ihm zu: »Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn
+jagen durch die Reden des Grafen, lieber Quandt. Der gute Graf betrügt
+sich selber und möchte das Sonnenklare nicht wahr haben. Die
+Teufelsgeschichte nimmt ihn absonderlich her. Sie leisten ihm einen
+gewaltigen Dienst, wenn Sie den Schwindler entlarven.«
+
+Das war das Merkwort und der Anschlag. Es barg den Kern des Komplotts.
+Nun, Caspar, sollst du in ein kleines Städtchen gehen und in ein kleines
+Haus, sollst in Verborgenheit leben, und die Wände der Welt sollen sich
+verengen, bis sie wieder zum Kerker werden. Gewalt hat sich der List
+verbrüdert; der Richter wird richten, was er sieht, und nicht wissen,
+was er fühlt. Niedrig sollst du werden, damit die Freunde sich in Feinde
+verwandeln und deine Einsamkeit leichtere Beute des Verfolgers sei. Das
+Blut soll gegen sich selber zeugen, Licht soll verweslich werden,
+Frucht soll nicht mehr wachsen, die Stimme des Himmels soll verstummen,
+und auf die Nacht – denn Nacht wird sein – soll keine Frühe folgen.
+
+
+
+
+Ein Kapitel in Briefen
+
+
+Freiherr von Tucher an Lord Stanhope:
+
+Seit geraumer Zeit bin ich ohne Nachricht von Eurer Herrlichkeit. Die
+unsichere Lage, in der ich mich Caspar gegenüber befinde, veranlaßt
+mich, zudringlicher zu sein, als es Ihnen, verehrter Herr, genehm sein
+mag, und Sie um eine rasche Erledigung der schwebenden Angelegenheit zu
+bitten, um so mehr, da meine Teilnahme an dem Findling nicht mehr die
+gleiche wie ehedem ist, und er selbst wiederum durch den gezwungenen
+Aufenthalt in meinem Hause sich mehr als ein Gefangener, denn als Gast
+und zugehöriges Glied erscheinen muß. Ein endgültiger Zustand wäre dem
+Jüngling ehestens zu wünschen; seine aufgeregten Hoffnungen enthalten
+seinem Geist jede Ruhe vor, und Tag für Tag glüht er in einer so
+fieberhaften Erwartung, daß an ein vorgesetztes Studium nicht mehr zu
+denken ist und auch dem blödesten Auge die Unruhe seines Gemüts nicht
+entgeht. Die Abende bringt er mit unnützen Schreibereien hin, und sein
+Hauptvergnügen ist, mit der Spitze eines Bleistifts auf einer großen
+Landkarte die Straßen zu verfolgen, die er bald mit Eurer Lordschaft zu
+fahren hofft, jedenfalls eine praktische, wenn auch einseitige Art,
+Geographie zu treiben. Er spricht, denkt und träumt von nichts anderm
+als von der bevorstehenden Reise, und wenn Ihnen, Mylord, noch ein
+Geringes an dem Wohl des unglücklichen Jünglings gelegen ist, so vermag
+ich keinen stärkeren Appell an Ihre Güte zu erheben als den, ein so
+drängendes und fruchtloses Hinweben in möglichster Bälde zu beenden. Sie
+sind der einzige Mensch auf Erden, dessen Wort und Name noch Gewicht in
+seinen Ohren hat, und sein grenzenloses Vertrauen gegen Sie muß auch das
+Herz desjenigen bewegen, der sonst durch die Launen, die
+Unverläßlichkeit und Zwitterhaftigkeit des rätselvollen Wesens eines
+ehemals intensiven Attachements für ihn beraubt wurde.
+
+
+Daumer an den Präsidenten Feuerbach:
+
+Eure Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, mich um Auskunft über Caspar
+Hausers nunmehrige Verfassung zu ersuchen. Ich muß gestehen, daß mich
+dies einigermaßen in Verlegenheit gesetzt hat. Ich habe mich in den
+letzten anderthalb Jahren wohl gehütet, dem so sorgfältig
+Abgeschlossenen nahezutreten, weil ja hierzulande jeder ängstlich
+bedacht ist, sein kleinstes Privileg vor fremdem Einspruch zu wahren,
+und so wird ein Interesse, das die Menschheit angeht und jeden freien
+Geist in Mitleidenschaft ziehen muß, unversehens zur Angelegenheit einer
+Partei. Eure Exzellenz möge diese Insinuation entschuldigen, sie möge
+lediglich für meine unerloschene Teilnahme an dem Los des Findlings
+zeugen, das seinen Freunden heute weniger als je Anlaß zu übertriebenen
+Hoffnungen gibt. Die vertrauensvolle Zuschrift Eurer Exzellenz hat meine
+Bedenklichkeit besiegt, ich habe Caspar letzter Tage im Tucherschen
+Haus aufgesucht, er ist auch, zum erstenmal seit langer Zeit, bei mir
+gewesen, und ich gebe Ihnen hier einige Mitteilungen über ihn, die,
+wiewohl allgemeiner Natur, doch das Besondere seiner gegenwärtigen Lage
+erhellen.
+
+Caspar ist ein hochaufgeschossener junger Mann geworden, der jetzt gut
+und gern den Eindruck eines etwa Zweiundzwanzigjährigen macht. Träte er,
+der nun den gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden muß,
+unerkannt in eine Gesellschaft, so würde er doch als eine befremdliche
+Erscheinung auffallen; sein Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden
+und Vorsichtigen einer Katze; seine Züge sind weder männlich noch
+kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und jung zugleich, besonders
+auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen seltsam ein
+vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sproßt heller Bartflaum, dies
+scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften
+Mädchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter
+hängenden braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist
+herzgewinnend, sein Ernst bedächtig, über beiden schwebt stets ein Hauch
+von Melancholie. Sein Benehmen ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz
+ungezwungene Gravität. Tölpelhaft und schwerfällig sind bloß noch manche
+seiner Gebärden, auch seine Sprache ist hart und die Worte sind ihm
+nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und in anmaßendem
+Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern läppisch klängen, aus seinem
+Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lächeln erzwingen; so ist
+es höchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplänen spricht, von
+der Art, wie er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und
+wie er es mit seiner Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als
+notwendigen Hausrat, als etwas wie eine Obermagd, die man behält,
+solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie die Suppe versalzt oder die
+Hemden nicht ordentlich flickt.
+
+Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemüt ähnelt einem
+spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unfähig zu
+beleidigen, er kann keinem Tier weh tun, er ist barmherzig gegen den
+Wurm, den er zu zertreten fürchtet. Er liebt den Menschen; jedes
+Menschengesicht wird ihm zum Götterantlitz, und er sucht den ganzen
+Himmel darin. Nichts Außerordentliches ist mehr an ihm als das
+Außerordentliche seines Schicksals. Ein reifer Jüngling, der keine
+Kindheit besessen, die erste Jugend verloren, er weiß nicht wie, ohne
+Vaterland, ohne Heimat, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne
+Altersgenossen, ohne Freunde, gleichsam das einzige Geschöpf seiner
+Gattung, erinnert ihn jeder Augenblick an seine Einsamkeit mitten im
+Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an seine Ohnmacht, an seine
+Abhängigkeit von der Gunst und Ungunst der Menschen. Und so ist
+eigentlich all sein Tun nur Notwehr; Notwehr seine Gabe zu beobachten,
+Notwehr der umsichtige Scharfblick, womit er jede Besonderheit und
+Schwäche des andern erfaßt, Notwehr die Klugheit, womit er seine Wünsche
+anbringt und den guten Willen seiner Gönner sich dienstbar zu machen
+weiß.
+
+Ja, Eure Exzellenz, er ist ohne Freunde. Denn wir, die ihm wohlwollen,
+ihn vor der gröbsten Bedrängnis des Lebens bewahren, wir sind doch nur
+Zuschauer vor dem Ungeheuern seiner Existenz. Und jener vielberedete
+Mann, Graf Stanhope, darf er in Wahrheit Caspars Freund genannt werden?
+Was dürfen wir glauben? Wo findet der begründete Zweifel Stillung? Mir
+ahnt Schreckliches, wenn ich der Erwartungen des Jünglings in bezug auf
+den Grafen denke, der ein Heiliger, ein Ohnegleichen sein müßte, wenn
+sich alle Versprechungen erfüllen würden, die mit seinem Auftreten für
+Caspar verbunden waren. Und erfüllen sie sich nicht, erfüllt sich nur
+ein Hundertstel von ihnen nicht, so prophezeie ich ein böses Ende. Denn
+ein solches Herz, aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt, aus
+äußerstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen, will
+alles, fordert das ganze Maß des Glücks oder muß, nur um ein weniges
+betrogen, einer ungemessenen Devastation anheimfallen.
+
+Ich gestehe, daß mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer
+unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Kühnheit zu solchen
+Erwägungen gibt; wie dürfte sich auch mein Mißtrauen an einem so
+hochgestellten Mann vermessen. Aber man spricht seit heute davon, daß
+Caspar nach Ansbach in Pflege kommen solle. Frau Behold, die alte
+Feindin Caspars, trägt das Gerücht in der Stadt herum und verkündet
+überall mit Schadenfreude, daß aus der englischen Reise und aus den
+Luftschlössern des Grafen nichts geworden sei. Wie mir meine Schwester
+erzählt, habe die Magistratsrätin indirekte Nachricht von der Lehrerin
+Quandt erhalten; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben
+Haus mitsammen aufgewachsen. Gott verhüte, daß Caspar von diesem
+Geschwätz etwas erfährt. Ich wäre Eurer Exzellenz sehr zu Dank
+verpflichtet, wenn Sie mir darüber genaue Auskunft berichten ließen,
+damit ich dem ungereimten Geklatsche so entgegentreten kann, wie es für
+das Wohl unsers Schützlings wünschbar ist.
+
+
+Feuerbach an Herrn von Tucher:
+
+Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit
+Rechnung tragend, teile ich Ihnen hierdurch mit, daß Sie Ihres Amtes als
+Vormund Caspar Hausers von heute ab enthoben sind. Eine gleichzeitige
+Urkunde des Kreis- und Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form
+bekanntgeben, wie auch weiterhin die Verfügung, daß Caspar dem Grafen
+Stanhope zu überlassen sei; freilich einstweilen nur der Form nach, denn
+bis die schwierigen und verwickelten Verhältnisse eine Änderung erlauben
+werden, soll Caspar in der Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden;
+Lord Stanhope hat während dieser Zeit für seine zweckmäßige Erziehung
+und Verpflegung zu sorgen, ich selbst werde in Abwesenheit des
+Pflegevaters über das Wohl des Jünglings wachen. Am siebenten des Monats
+wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen, ein
+energischer Beamter, der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator für
+die Übersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist. Seine Lordschaft,
+Graf Stanhope, hat sich in letzter Stunde entschlossen, einer Handlung,
+die in den Augen des Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen
+soll, fernzubleiben, und dieser Vorsatz hat meine volle Billigung. Ich
+sehe keine Schwierigkeit darin, Caspar von der veränderten Lage der
+Dinge zu unterrichten, und halte die Besorgnisse wegen dieses Punktes
+für übertrieben. Ich selbst werde dieser Tage eine längst vorbereitete
+Reise nach der Hauptstadt antreten, ich hoffe bei dieser Gelegenheit
+eine günstige Wendung in den Lebensumständen Caspars endgültig
+herbeizuführen.
+
+
+Baron Tucher an den Präsidenten Feuerbach:
+
+Eurer Exzellenz die untertänige Nachricht, daß der plötzliche Tod meines
+Oheims mich zwingt, die Stadt zu verlassen und nach Augsburg zu reisen.
+Ich habe die Obsorge für den noch in meinem Hause weilenden Caspar Herrn
+Bürgermeister Binder und Herrn Professor Daumer übergeben und es ihnen
+anheimgestellt, Caspar hier zu belassen oder für die restliche Frist
+seines Aufenthaltes in der Stadt zu sich zu nehmen. Eine Mitteilung über
+das Bevorstehende oder auch nur eine Andeutung ist von meiner Seite aus
+gegen den Jüngling noch nicht erfolgt, und ich muß ohne Hehl bekennen,
+daß mich eine gewisse unbesiegbare Furcht davon abhält. Caspar glaubt
+noch steif und fest daran, daß er mit seinem erlauchten Beschützer nach
+England oder Italien reisen soll, ihm erscheint eine, wenn auch nur
+zeitweise Entfernung von dem Grafen als eine Sache der Unmöglichkeit,
+und derjenige, der ihm eine solche Kunde überbringt, müßte eine
+göttliche Überredungskunst besitzen, um ihn mit den neuen Umständen zu
+versöhnen. Meinem unmaßgeblichen Erachten nach ist es ein Fehler, den
+Knaben wiederum in enge Verhältnisse zu bringen, die ihn niemals werden
+befriedigen, seinen Durst nach Leben und Betätigung nicht werden
+stillen können. Der Hang seiner Ideen hat eine verhängnisvolle Anmaßung
+gewonnen, er ist dem Kreis friedlicher Bürgerlichkeit entwachsen, sein
+Lerneifer in den vergangenen Monaten war gleich Null, alle seine
+Gedanken, sein ganzes Streben ist auf den Lord gerichtet, und wenn nun
+Graf Stanhope von ihm gehen wird, dann bin ich sicher, daß er einen
+unglücklichen Gesellen, ein unnützes und bedauernswertes, aus jedem
+sozialen Zusammenhang gelöstes Glied der menschlichen Gesellschaft
+zurücklassen wird. Wenn es der eigentliche Wesenszug der Fürstenkinder
+wäre, daß sie dem privaten Leben untauglich und hilflos gegenüberstehen,
+dann allerdings wäre Caspar ein Auserwählter unter den Prinzen.
+Vielleicht aber schmiedet ihn das Schicksal noch, und es wird ein Mann
+aus ihm, der eine Krone zu erwerben vermag, wenn es auch eben keine
+Fürstenkrone ist. Für mich ist die Episode Caspar Hauser nunmehr
+abgeschlossen, und was auch immer ich an Enttäuschung und Bitterkeit
+daraus gewonnen habe, sie hat mir einen Einblick in Menschenwahn und
+Menschengeschäfte gegeben, den ich für mein ferneres Leben nicht missen
+möchte. So muß eben jeder auf seine Weise bezahlen.
+
+
+Daumer an den Präsidenten Feuerbach:
+
+Ich fühle mich verpflichtet, Eurer Exzellenz von den Ereignissen der
+letzten Tage eine wahrheitsgetreue Darstellung zu machen, insoweit eben
+Wahrheit auf zwei Augen ruht. Vielleicht klingt vieles von dem, was ich
+zu berichten habe, so ungewöhnlich, daß ich mich fragen muß, ob ein
+Mann, der den übeln Ruf eines nicht ganz nüchternen Kopfes genießt, die
+geeignete Person ist, solche Vorfälle zu beschreiben. Aber die strenge
+Einsicht Eurer Exzellenz habe ich noch am wenigsten zu fürchten; wenn
+ich sachlich bin, wird die Sache für sich selber sprechen, und meiner
+Hand bleibt nur die Aufgabe, die Reihenfolge der Begebnisse
+festzuhalten, was freilich nicht immer ganz leicht sein mag.
+
+Vor vier Tagen besuchte mich Herr von Tucher und teilte mir mit, daß er
+wegen eines Todesfalles verreisen müsse. Schon vorher hatte er mich wie
+auch Herrn Binder gebeten, die Aufsicht über Caspar zu führen so lange,
+als der Jüngling noch in Nürnberg bleiben müsse. Da mir dies befremdlich
+erschienen war, ließ Herr von Tucher durchblicken, die an höherer Stelle
+beliebte Umgehung seiner Person mache ihm ein solches Handeln zum Gebot.
+Er meinte das Schreiben Eurer Exzellenz, durch welches ich, halb wider
+Willen, bewogen wurde, Caspar aufzusuchen und mich neuerdings mit ihm zu
+beschäftigen. Dies hatte Herr von Tucher sehr übel aufgenommen. Ich gab
+mir keine Mühe, den stolzen Mann andern Sinnes zu machen, auch vermute
+ich zu seiner Ehre, daß dies Betragen noch eine ernstere, menschliche
+Regung habe, denn als ich ihn fragte, ob er Casparn schon eine Andeutung
+über die zu erwartende Ankunft des Polizeileutnants Hickel gemacht, wich
+er aus und entgegnete hastig, er wolle dies mir überlassen, der ich doch
+eines gewinnenderen Zuredens fähig sei und bei Caspar mehr Vertrauen
+genieße.
+
+Am Nachmittag beschloß ich, zu Caspar zu gehen. Als ich in sein Zimmer
+trat, las er die christliche Andacht des Tages. Er schaute heiter von
+dem Buch empor, blickte in mein Gesicht und, Seltsameres ist nicht zu
+denken, im Nu überzogen sich seine Wangen mit leichenfahler Blässe. Es
+war mir schwül um die Brust, ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg
+ängstlich. Ganz und gar vergaß ich die übernommene Rolle, ich fühlte
+bloß mit ihm, ich sah, daß er alles, was ich ihm zu sagen hatte und
+weswegen ich gekommen war, von meinen Augen abgelesen hatte, die
+unbewußte Furcht mußte wohl in seinem Innern geschlummert haben, anders
+kann ich es auf natürlichem Weg nicht erklären, ich fühlte, wie
+plötzlich die Wurzeln seines Herzens aufgerissen wurden. Er erhob sich,
+er schwankte, ich wollte ihn halten, er gewahrte mich kaum, er schien
+völlig betäubt. Ich folgte ihm bis zum Bett, er warf sich darauf hin,
+krümmte den Körper und fing in einer solchen Weise zu weinen an, daß mir
+das Mark in den Knochen gefror.
+
+Noch war nichts geschehen, es konnte noch alles gut werden; so bildete
+ich mir ein und ließ es an tröstlichen Worten nicht fehlen. Das Weinen
+dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Dann erhob er sich, schlich in den
+Winkel, kauerte hin und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Ich redete
+unablässig in ihn hinein, ich weiß nicht mehr, was ich alles vorbrachte.
+Gegen sechs Uhr abends verließ ich ihn, und obgleich er bis dahin noch
+nicht einmal den Mund aufgetan, dachte ich mir, er werde mit der
+Geschichte schon fertig werden. Ich empfahl dem Diener, sich bisweilen
+nach Caspar umzusehen, und im stillen nahm ich mir vor, nach ein paar
+Stunden wiederzukommen, aber es war unausführbar, meine Berufsarbeit
+nahm mich bis in die Nacht in Anspruch. Als ich von Caspar fortgegangen
+war, saß er auf einem Schemel zwischen Ofen und Wandschrank, am andern
+Morgen um halb neun Uhr trat ich wieder in sein Zimmer, und wer
+beschreibt das schmerzliche Erstaunen, das ich empfand, als ich ihn an
+genau derselben Stelle, in unveränderter Haltung, noch immer die Hände
+vors Gesicht geschlagen, so sah, wie ich ihn vierzehn Stunden früher
+verlassen. Das Bett war noch in demselben Zustand, etwas zerdrückt von
+seinem ersten Draufhinsinken, kein Gegenstand war berührt, auf dem Tisch
+stand der mit einer dicken Haut überzogene Milchbrei, sein Nachtessen,
+daneben die Schale mit erkaltetem Kaffee vom Morgen, und es herrschte
+eine stickige, ungelüftete Atmosphäre. Der Diener kam, begegnete meiner
+stummen Frage mit einem Achselzucken, ich wandte mich an Caspar selbst,
+ich rüttle ihn an der Schulter, ich packe seine eiskalte Hand – nichts,
+keine Antwort, kein Laut, er schwelt vor sich hin, kaum daß sich seine
+Augen rühren. So verging wieder eine Viertelstunde, da wurde mir’s
+unheimlich, ich beschloß nach dem Arzt zu schicken, vielleicht habe ich
+auch dergleichen vor mich hingemurmelt, jedenfalls hatte Caspar
+verstanden, was ich wollte, denn jetzt regte er sich, hob den Kopf wie
+aus einer Grube heraus und schaute mich an. Ach, diesen Blick! Und wenn
+ich Abrahams Alter erreichte, nie könnte ich diesen Blick vergessen. Das
+war ein andrer Mensch. Leider liegt es nicht in meiner Natur, eine
+Situation momentan in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen; anstatt zu
+schweigen, begann ich wieder mit Scheintröstungen, aber ich spürte
+gleich, daß es besser sei, das letzte Abendrot der Hoffnung nicht noch
+einmal über die verdunkelte Seele heraufzubeschwören; was mich
+entschuldigt, ist, daß ich selber ja kaum mit Klarheit wußte, was im
+Werk war, und daß mich die zermalmende Wirkung von etwas vollständig
+Unausgesprochenem, deren Zeuge ich war, mehr lähmte und erschütterte als
+das Wissen darum. Doch will ich Eure Exzellenz nicht durch Betrachtungen
+verwirren und hübsch in der Ordnung bleiben.
+
+Ich hatte schon zuviel Zeit verloren, ich mußte fort. Nach vieler Mühe
+war es mir gelungen, Caspar zu überreden, daß er sich ein bißchen
+niederlege, auch hatte er mir versprochen, mittags bei uns zu essen; das
+war mehr als ich erwarten durfte, ich ging also beruhigter meinen
+Geschäften nach, war um halb eins wie gewöhnlich zu Hause, wir warteten
+einige Zeit, aber wer nicht kommt, ist Caspar. Ich vermutete, er sei
+eingeschlafen, denn daß er die Nacht über nicht ein Auge geschlossen,
+hatte ich ihm angesehen, und ohne böse Gedanken ging ich um zwei Uhr
+wieder ins Gymnasium mit dem Vorsatz, beim Nachhauseweg in der
+Hirschelgasse nachzuschauen. Das tat ich auch, es war halb fünf und
+dämmerte schon stark, als ich am Tucherhaus war, aber wie wurde mir, als
+mir der Pförtner mitteilte, Caspar habe schon um zwölf Uhr das Haus
+verlassen und angegeben, er gehe zu mir. Ich war wie vor den Kopf
+geschlagen; neben aller Verantwortlichkeit durfte ich auch die
+begründetste Sorge für den armen Menschen hegen; ich lief in meine
+Wohnung, da hatte sich kein Caspar blicken lassen, ich schickte die
+Schwester zum Bürgermeister, die alte Mutter sogar machte sich auf die
+Beine, um bei einigen Bekannten nachzufragen; währenddessen beriet ich
+mich mit dem Kandidaten Regulein, und als meine Schwester Anna binnen
+kurzem zurückkam und wir gleich an ihrem Gesicht merkten, daß sie nichts
+erfahren hatte, schien es geboten, ohne Verzug die Polizei zu
+unterrichten, die ja im Fall eines Unglücks mitschuldig war, da man die
+Bewachung in letzter Zeit auffallend vernachlässigt hatte. Ich gab
+hastig noch ein paar Anweisungen und war eben im Fortgehen begriffen,
+als sich die Tür auftat und Caspar auf die Schwelle trat.
+
+Aber war er es wirklich? Wir glaubten sein Gespenst zu sehen. Ich mache
+mich keiner Übertreibung schuldig, wenn ich versichere, daß wir alle den
+Tränen nahe waren. Ohne sich umzusehen und ohne zu grüßen, schritt er
+mit sonderbarer Langsamkeit durch die Stube bis zum Tisch, nahm auf dem
+Holzsessel Platz, stützte das Kinn in die Hand und schaute mit
+unverwandtem Blick regungslos ins Licht der Lampe. Wir waren alle drei
+wie verzaubert, und meine Schwester sowie der Kandidat gestanden mir
+später, daß ihnen ganz fröstlich zumute gewesen sei. Mittlerweile war
+auch meine Mutter zurückgekehrt, sie war die erste, die an den Tisch
+trat und Caspar fragte, wo er gesteckt habe. Er gab keine Antwort. Meine
+Schwester Anna glaubte ihn besser zum Reden bringen zu können, sie nahm
+ihm den Hut vom Kopf, strich mit der Hand über seine Haare und suchte
+ihn mit leiser Stimme seinem Brüten zu entreißen. Ganz vergeblich; er
+schaute immer nur ins Licht, immer ins Licht, die geöffnete Hand an der
+Wange, das Kinn über dem Daumen. Ich sah mir ihn jetzt genauer an, indem
+ich mich unauffällig näherte, jedoch sein Antlitz verriet nichts als
+einen unbeweglichen, gar nicht einmal schmerzlichen, sondern starren,
+fast stupiden Ernst. Meine Mutter fuhr fort, in ihn zu dringen, er solle
+doch sagen, wo er herkomme und wo er gewesen sei. Da sah er uns alle der
+Reihe nach an, schüttelte den Kopf und faltete bittend die Hände.
+
+Wir beredeten uns nun, daß Caspar in unserm Hause bleiben und da
+übernachten solle; wir hatten, um das Aufsehen wegen Caspars
+Verschwinden gleich wieder zu ersticken, die Magd zum Bürgermeister
+geschickt, auch zu den andern Leuten, die wir schon inkommodiert hatten,
+und meine Mutter ging in die Küche, um fürs Abendessen zu sorgen, da
+erschien der Tuchersche Diener, erkundigte sich, ob Caspar bei uns sei,
+und als wir dies bejahten, sagte er, er solle gleich nach Hause, der
+Polizeileutnant Hickel aus Ansbach wäre da und Caspar müsse noch am
+Abend mit ihm abfahren. Eine solche Botschaft kam mir nicht weiter
+unerwartet, nur daß die Sache gar so eilig sein solle, versetzte mich
+einigermaßen in Wallung, und ich war unüberlegt genug, dem Menschen eine
+scharfe Antwort zu geben; wenn ich mich recht erinnere, so sagte ich,
+der Herr Polizeileutnant möge sich doch gedulden, es sei ja nicht ein
+Sack Kartoffeln zu expedieren, den man holterdiepolter auflade. Meine
+Erregung muß jedem verständlich erscheinen, der das Vorhergegangene in
+gerechte Erwägung zieht, es kamen mir aber doch Bedenken an, ich ärgerte
+mich nachher über meine Unbesonnenheit und veranlaßte den Kandidaten
+Regulein, daß er ins Tuchersche Haus gehe, um mit dem Herrn aus Ansbach
+zu sprechen und ihn tunlichst aufzuklären. Das wäre soweit ganz gut
+gewesen, nur passierte dabei die Fatalität, daß der Kandidat, der etwas
+redseliger Natur ist und der froh war, den Fremden mit irgend etwas
+unterhalten zu können, dem Herrn Polizeileutnant die Geschichte von dem
+Verschwinden Caspars brühwarm hinterbrachte, woraus sich denn später der
+peinlichste Auftritt ergab.
+
+Es war schon sieben, als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde, der
+Kandidat war noch nicht zurück, wir nahmen alle Platz und waren nun
+wieder einmal, wie in früheren Zeiten, mit Caspar ganz unter uns. Aber
+wie anders waren die Zeiten, wie anders Caspar! Ich mußte mir den
+Menschen beständig ansehen, wie er mit niedergeschlagenen Augen dasaß
+und lustlos in der Grütze löffelte. Seine Blicke waren jetzt unruhig und
+bisweilen überlief ein Schauder seine Haut. Lange konnte ich mich
+solchen Betrachtungen nicht überlassen, denn gegen viertel acht wurde
+mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen, Anna lief
+hinunter, um zu öffnen, und alsbald erschien ein Offizier in
+Gendarmenuniform, und bevor er noch seinen Namen nannte, wußte ich
+natürlich, wer es war. Caspar war bei dem grellen Glockenlärm stark
+zusammengefahren. Hinzufügen muß ich noch, daß die vorher erwähnte
+Auseinandersetzung mit dem Diener sowie das Gespräch mit dem Kandidaten
+im Flur vor der Treppe stattgefunden und Caspar nichts davon gehört
+hatte; er erhob sich jetzt und schaute mit einem langen Blick gegen die
+Türe, und als er des Herrn Polizeileutnants ansichtig geworden, wurden
+seine Wangen wieder genau so tödlich fahl wie tags zuvor, da ich in
+sein Zimmer gekommen war. Ich kann mir, wenn ich die Tatsachen im
+Zusammenhang gegeneinander halte, keine andre Erklärung denken, als daß
+Caspar alles das, was sich nun seit vierundzwanzig Stunden abspielte,
+von innen aus erriet, sozusagen durch ein inneres Gesicht, und daß er
+der äußeren Bestätigung durch die Ereignisse gar nicht mehr bedurfte,
+denn es gab sich eine Versunkenheit an ihm kund, die ich nur mit der
+schrecklichen Ruhe eines Schlafwandlers vergleichen kann. Ich selbst war
+nachgerade so benommen, daß ich, wie ich fürchte, Herrn Hickel mit einer
+unfreundlich wirkenden Kälte empfing. Glücklicherweise schien dieser
+keine Notiz davon zu nehmen, und nachdem er sich gegen meine Damen
+verbeugt, wandte er sich an Caspar und sagte mit einem Ton der
+Überraschung, der freilich nicht ganz aufrichtig klang: »Das ist also
+der Hauser! Ist ja ein ganz ausgewachsener Mensch, mit dem wird sich ja
+reden lassen!« Caspar schaute den Mann groß an, und zwar mit einem
+finster prüfenden Blick, in dem durchaus nichts Wehleidiges oder
+Jämmerliches war. Es entstand nun ein allseitiges Schweigen; ich
+überlegte mir, wie ich es anstellen könnte, damit Caspar die Nacht über
+noch in meinem Hause bleiben könne, denn in seinem Zustand ihn einem
+Fremden zu überlassen erschien mir unratsam. Ich erklärte mich Herrn
+Hickel mit offenen Worten, er hörte mich ruhig an, sagte aber dann, er
+habe gemessenen Auftrag, Caspar gleich mitzunehmen, es sei keine Zeit zu
+verlieren, die Sachen müßten noch gepackt werden und der Wagen stehe
+schon bereit. Meine Schwester Anna, unbändig wie sie ist, rief mir zu,
+ich solle mich darum nicht kümmern, zugleich trat sie, wie um ihn zu
+schützen, an Caspars Seite. Herr Hickel lächelte und sagte, wenn uns so
+viel an einem Aufschub gelegen sei und wir noch etwas mit Caspar zu
+besprechen hätten – sein Ton war dabei so beziehentlich, daß ich stutzig
+wurde –, wolle er nicht den Spielverderber machen, ich müsse mich aber
+verpflichten, Caspar punkt neun Uhr zum Tucherschen Haus zu bringen.
+Jetzt verlor auch ich die Fassung und fragte, ob denn die Sache um
+Gottes willen so dringend sei, daß er in die Nacht hineinreisen wolle.
+Herr Hickel zuckte die Achseln, schaute auf die Uhr und antwortete kalt,
+ich möge mich entschließen. Jetzt begann Caspar zu sprechen, und mit
+einer Stimme, deren Klarheit und Festigkeit mir bei ihm etwas ganz Neues
+war, sagte er, er wolle sogleich mitgehen. Wir sahen aber alle, daß er
+vor Erschöpfung zitterte und daß er sich kaum auf den Beinen zu halten
+vermochte. Meine Mutter und Schwester beschworen ihn zu bleiben, Herr
+Hickel, der bei Caspars Worten abermals gelächelt hatte – o, ich kenne
+dieses Lächeln! wie oft hat es mir die Schamröte ins Gesicht
+getrieben! –, kehrte sich gegen mich und sagte: »Also um neun Uhr, Herr
+Professor,« und zu Caspar gewandt, erhob er den Finger und sagte
+schalkhaft drohend: »Daß Sie mir ja pünktlich sind, Hauser! Auch muß ich
+wissen, wo Sie sich den Nachmittag über herumgetrieben haben. Lassen Sie
+sich beileibe nicht einfallen, mich anzulügen, sonst gibt’s was. Da
+kenn’ ich keinen Scherz.«
+
+Grüßend ging Hickel und ließ uns in einem Zustand von Empörung, Zweifel
+und Unruhe zurück. Das alles nahm sich ja schlimmer aus, als es die
+ärgste Befürchtung malen konnte. Besonders die letzten Worte des
+Leutnants hatten mich wie auch meine Angehörigen mit Schrecken erfüllt.
+Was sollten wir von der Zukunft Caspars denken, was von seinem Glück
+erhoffen, wenn Drohungen von so brutaler Art unverhüllt auftreten
+durften? Das Herz war mir schwer geworden. Doch war zu grübeln nicht die
+Zeit. Ich beschloß, zum Bürgermeister zu gehen und mich mit ihm zu
+beraten. Anna hatte schnell auf dem Sofa ein Lager bereitet, sie führte
+Caspar hin, er sank nieder, und kaum ruhte sein Kopf auf dem Kissen, so
+schlief er auch schon. Indes ich mich zum Fortgehen anschickte, läutete
+es, und Herr Binder kam selbst. Ich verständigte ihn in Eile von dem
+Vorgefallenen, er war höchlichst befremdet von dem Auftreten des
+Ansbacher Herrn, und da er es für tunlich hielt, mit diesem selbst zu
+sprechen, forderte er mich auf, ihn zu begleiten. Wir überließen Caspar
+der Obhut der Frauen und gingen in die Hirschelgasse. Es hatten sich
+trotz der Abendstunde eine Menge Menschen hauptsächlich aus der niederen
+Volksklasse vor dem Tucherschen Haus eingefunden, die, ich weiß nicht
+durch welche Umstände, von der bevorstehenden Abreise Caspars
+unterrichtet waren und teils laut, teils murrend ihre Mißbilligung
+ausdrückten.
+
+Als wir die Tür von Caspars Zimmer geöffnet hatten, bot sich uns ein
+sonderbarer Anblick. Die Kommodeschubladen und Schränke waren
+vollständig ausgeräumt; Wäsche, Kleider, Bücher, Papier, Spielwaren,
+alles lag wüst auf dem Boden und auf Stühlen, und Herr Hickel
+kommandierte den Diener, der damit begonnen hatte, die Sachen
+ordnungslos in einem Reisekoffer und einer kleinen Kiste unterzubringen.
+Als er uns gewahrte und den Unwillen aus unsern Blicken las, sagte er
+lächelnd, als ob es sich um eine Schmeichelei handle, jetzt fange ein
+neues Regiment für den Findling an, jetzt werde alles an den Tag kommen.
+Mit finsterem Gesicht entgegnete Herr Binder, was er damit meine, was
+denn eigentlich an den Tag kommen solle; zugleich gab er sich unter
+Nennung seines Namens zu erkennen. Herr Hickel geriet in Verlegenheit;
+mit einigen nichtssagenden Wendungen entschlug er sich der Antwort; er
+behauptete, Caspar zu lieben; es sei ihm nur darum zu tun, den jungen
+Menschen vor falschen Illusionen zu bewahren. Da stieg mir das Blut zu
+Kopfe, und ich antwortete, wer denn anders solche Illusionen erzeugt und
+genährt hätte als gewisse Herrschaften, die sich nun aus dem Staub zu
+machen schienen; erst schmücke man den Arglosen mit einem festlichen
+Kleid, und wenn er dann darin herumzuspazieren wage, sehe man einen
+gefährlichen Überhebling in ihm. Das begreife wer wolle, ein solches
+Spiel sei verdammungswürdig. Das war heftig, war unvorsichtig, es sei
+gestanden, doch muß ich hinzufügen, daß mich die ironische Ruhe des
+Polizeileutnants aufreizte. Um so verblüffter war ich, als er mir nun in
+jedem Punkt beipflichtete, sich aber auf keine weitere Erörterung
+einließ und sich wieder zu dem Diener kehrte, indem er Eile vorschützte,
+da er nicht in so später Nacht abreisen wolle. Herr Binder bemerkte ihm
+darauf, daß die Abfahrt sehr gut bis morgen verschoben werden könne,
+Caspar bedürfe der Ruhe, die Verantwortung sei er bereit auf sich zu
+nehmen. Herr Hickel versetzte, das sei unmöglich, er habe strikten
+Befehl und müsse auf seiner Anordnung bestehen. Wir waren ratlos.
+
+Der Polizeileutnant hatte sich auf den Tischrand gesetzt und blickte uns
+Schweigende spöttisch-erwartungsvoll an. Da vernahmen wir Schritte, und
+als wir uns umwandten, die Türe stand offen, sahen wir Caspar und hinter
+ihm meine Schwester. Anna flüsterte mir zu, Caspar sei kurz nach unserm
+Fortgehen erwacht, er habe erklärt, mit dem fremden Mann gehen zu
+wollen, und sich durch keinen Einwand zurückhalten lassen; so habe sie
+ihn denn begleitet.
+
+Caspar schaute sich forschend um, dann sagte er, zu Herrn Hickel
+gewandt: »Nehmen Sie mich nur mit, Herr Offizier. Ich weiß schon, wohin
+Sie mich bringen wollen, ich fürcht’ mich nicht.« Es war in diesen
+Worten, so wenig Besonderes sie enthielten, ein wunderbarer Antrieb und
+das, was man Haltung nennt, und ich kann nicht verhehlen, daß ich durch
+sie aufs tiefste bewegt wurde. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich
+Caspar jetzt eine Stunde lang für mich allein hätte haben können. Der
+Herr Polizeileutnant verbarg seine Freude über die unvermutete Wandlung
+nicht und antwortete lachend: »Na, fürchten, Hauser! Warum nicht gar! Es
+geht ja nicht nach Sibirien!« Er näherte sich nun dem Jüngling, legte
+beide Hände auf dessen Schulter und fragte: »Jetzt seien Sie einmal ganz
+offen, Hauser, und sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie den Nachmittag
+über gesteckt haben?« Caspar schwieg und besann sich, dann entgegnete er
+dumpf: »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« – »Ja wie denn, was denn, was
+soll das heißen, heraus mit der Sprache!« rief der Leutnant, und Caspar
+darauf: »Ich hab’ was gesucht.« – »Ja, was denn gesucht?« – »Einen Weg.«
+– »Zum Donnerwetter,« begehrte Herr Hickel auf, »spielen Sie mir kein
+Theater vor und machen Sie keine Flausen, sonst werde ich Ihnen zeigen,
+was die Glocke geschlagen hat. Wir in Ansbach werden Ihnen nicht auf das
+aberwitzige Wesen hereinfallen, das lassen Sie sich nur gesagt sein.«
+
+Herr Binder und ich waren durch solche herausfordernde Redeweise wie
+begreiflich sehr empört. Aber Herr Hickel zeigte keine Lust, sich zu
+rechtfertigen, er befahl Caspar in knappen Worten, sich fertigzumachen,
+in einer halben Stunde werde er fahren. Währenddem kamen der Baron
+Scheuerl, der Assessor Enderlin und andre Bekannte Caspars, die von der
+Abreise gehört hatten und ihm Lebewohl sagen wollten; ich hatte keine
+Zeit mehr, nur drei Worte mit ihm zu wechseln, binnen kurzem waren wir
+alle im Hausflur versammelt. Die Menge auf der Straße hatte sich
+vermehrt, in der Dunkelheit sah es aus, als ob ganz Nürnberg auf den
+Beinen sei. Die Zunächststehenden stießen drohende Reden aus, Herr
+Hickel forderte vom Bürgermeister, daß er die Wache aufziehen lassen
+solle, doch eine solche Maßregel erklärte dieser für überflüssig, und in
+der Tat genügte sein bloßes Erscheinen, um die Ruhe wiederherzustellen.
+
+Als Caspar zum Wagenschlag trat, rannte alles zuhauf, jeder wollte ihn
+noch einmal sehen. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren
+erleuchtet und Frauen winkten mit Tüchern herab. Die Kisten und Vachen
+waren aufgebunden, der Kutscher schnalzte, die Pferde zogen an – und
+fort war er.
+
+Überzeugt, daß Eure Exzellenz zu den wenigen aufrichtigen Gönnern des
+Jünglings gehören, fühlte ich mich im Innersten gedrängt, Ihnen über
+diese Vorfälle genauen Bericht zu erstatten. Nur einige Stunden sind
+seit den erzählten Begebenheiten verflossen, es ist weit über
+Mitternacht, die Feder will meiner Hand entsinken, aber ich durfte keine
+Frist verstreichen lassen, um nicht selber zum Fälscher meiner
+Erinnerung zu werden. Wo die Verleumdung so unermüdlich am Werk ist,
+soll auch der Gutgesinnte eine Nachtwache nicht scheuen, wenn er zu
+fürchten hat, daß ihn der bloße Schlaf nur um eine Linie von der
+Deutlichkeit seines Erlebens betrügen könnte. Vielleicht finden Eure
+Exzellenz, daß ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit
+überschätze. Mag sein, ich habe jedoch meine Pflicht erfüllt und bin mir
+keiner Versäumnis bewußt. Ich trage schwere Sorge um Caspar, ohne daß
+ich ganz zu sagen vermöchte weshalb, aber ich bin nun einmal als
+Geister- und Gespensterseher auf die Welt gekommen, und mein Auge sieht
+den Schatten früher als das Licht.
+
+Nicht vergessen will ich zum Schluß die Erwähnung, daß mir Herr von
+Tucher bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden übergab, die
+Caspar vom Herrn Grafen Stanhope geschenkt erhalten. Ich werde die Summe
+mit nächster fahrender Post an Eure Exzellenz überschicken.
+
+
+Frau Behold an Frau Quandt:
+
+Werte Frau, #excusez#, daß ich mich schriftlich an Sie wende, was Sie
+extraordinaire finden werden, da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin,
+obwohl Sie in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten. Mit großem
+Etonnement vernehme ich, daß der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim
+weilen wird, und ich fühle mich gedrungen, Ihnen zum Belehr etwelches
+über den Sonderling zu eröffnen. Sie wissen doch, daß der Hauser das
+Wunderkind von Nürnberg war. Lob und Verhätschelei hätten bei einem Haar
+den Knaben zum Narren gemacht, es ist eben ein tolles Volk dahier. In
+solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem christlichem Mitleid
+und, ich schwöre, ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen. Bei aller
+Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil
+Angst gehabt, wir aber fürchteten nichts, und der Hauser wurde bei uns
+wie ein Kind geliebt und estimieret. Übel ist uns das gelohnt worden;
+keine Erkenntlichkeit vom Hauser, und noch dazu die böse Nachrede seines
+Anhangs. Wieviel ärgerliche Stunden, wieviel Verdruß er uns durch seine
+entsetzliche Lügenhaftigkeit bereitet hat, davon sind alle Mäuler stumm.
+Nachher freilich hat er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer
+Liebe an unser Herz geschlossen, aber fruchten tat es nichts, der
+Lügengeist war nicht zu bannen, immer tiefer versank er in dieses
+abscheuliche Laster. Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn
+und seiner Innocence in allem Dahergehörigen. Auch hierüber kann ich ein
+Wörtlein melden, denn ich hab’s mit meinen eignen Augen gesehen, wie er
+sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter, heute ist sie in der
+Schweiz in Pension, unziemlich und unmißverstehlich näherte. Nachher zur
+Rede gestellt, wollt’ er’s nicht wahr haben, und aus Rache hat er mir
+die arme Amsel umgebrungen, die ich ihm donationieret. Gebe Gott, daß
+Sie nicht ähnliche Erfahrungen an ihm machen; er steckt voller
+Eitelkeit, meine Liebe, voller Eitelkeit, und wenn er den Gutmütigen
+agieret, ist der Schalk dahinter verborgen, und so man ihm den Willen
+bricht, ist es mit seiner Katzenfreundlichkeit am Ende. Wieviel wir auch
+durch sein detestables Betragen zu dulden hatten, Undank und Calomnie,
+aus unsern Lippen ist keine Klage gefahren, denn warum, man hätt’ ihm
+auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben können, und ein Betrüger ist
+er nicht, nur ein armer Teufel, ein sehr armer Teufel. Ihnen und dem
+Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich
+die Decke lüpfe, unter der er seinen Unfug treibet; der gegen ihn so
+gütig gesinnte Graf Stanhope wird gewiß bald zu der schmerzlichen
+Entdeckung gelangen, daß er eine Schlange an seinem Busen nähret. Wäre
+der Herr Graf nur zu mir gekommen, dieses aber hat der Pfiffikus Hauser
+hintertrieben, und aus guten Gründen. Seien Sie nur recht wachsam, gute
+Frau; er hatte alleweil Heimlichkeiten, bald da, bald dort versteckt er
+was in einem Winkel, das läßt auf nichts Gutes schließen. Und nun bitte
+ich Sie oder den Herrn Gemahl, mir in einiger Zeit Nachricht zu geben,
+wie sich Ihr Zögling produzieret und was Sie von ihm halten, denn
+ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Plätzchen in meinem Herzen
+ein, und ich wünsche nur, daß er tätig an seiner Selbstbesserung
+arbeite, ehe er in die große Welt entrieret, wo er viel mehr Kraft und
+Beständigkeit vonnöten haben wird als in unsrer kleinen.
+
+Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen, ich bin krank; der eine
+Doktor meint, es ist ein Geschwür auf der Milz, der andre nennt’s eine
+#Maladie du cœur#. Die große Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht
+angetan, einem die Laune zu verbessern, Gott sei Lob gehen die
+Mannsgeschäfte im allgemeinen gut.
+
+
+Bericht Hickels über den vollführten Auftrag der Übersiedlung Caspar
+Hausers:
+
+Ich traf am 7. ds. vorschriftsgemäß in Nürnberg ein, verfügte mich
+sogleich in die Wohnung des Freiherrn von Tucher, fand aber den Kuranden
+nicht zu Hause und erfuhr zu meiner Verwunderung, daß er sich den ganzen
+Nachmittag über aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe, was
+doch gegen die Vorschrift ist, und daß er sich zurzeit beim Professor
+Daumer aufhalte, wahrscheinlich in der Absicht, die Reise zu verzögern
+und dabei die Unterstützung seiner Freunde zu finden. Denn als ich bei
+Herrn Daumer vorsprach, wurden zu besagtem Zweck alle möglichen Ausreden
+versucht, auch gefiel sich der Hauser selbst in einigen leicht
+durchschaubaren Schnurrpfeifereien, was mich aber nicht hinderte, auf
+der mir erteilten Weisung zu beharren. Eine strenge Inquisition nach
+seinem Verbleib während des Nachmittags blieb fruchtlos, der Bursche gab
+die albernsten Antworten von der Welt. Mein entschiedenes Auftreten
+hatte die Wirkung, daß von einer Verzögerung nicht weiter gesprochen
+wurde, um neun Uhr war der Wagen zur Stelle, es war großer Zulauf in den
+Gassen, die Leute, vermutlich insgeheim aufgehetzt, gebärdeten sich
+einigermaßen revoltant, wurden aber durch meine Drohung, daß ich die
+Wache aufziehen lassen würde, schnell eingeschüchtert. Dem Kutscher
+gebot ich Eile, und nach einer Viertelstunde hatten wir das Weichbild
+der Stadt verlassen. Während der ganzen drei Stunden bis zum Dorfe
+Großhaslach ließ mein Kurand nicht eine Silbe verlauten, sondern starrte
+ununterbrochen in die Dunkelheit hinaus; gewiß mag es ihm gar trübselig
+zumute gewesen sein, da er nun doch erkennen mußte, daß es mit seinen
+großen Hirngespinsten Matthäi am letzten war. Ich hatte den Sergeanten
+nach Großhaslach bestellt, und derweil die Pferde gefüttert und getränkt
+wurden, verfügten wir uns in die Poststube. Hauser legte sich daselbst
+alsogleich auf die Ofenbank und entschlief. Ich konnte aber des
+Verdachts nicht ledig werden, daß er sich nur schlafend stellte, um mich
+und den Sergeanten sicher zu machen und unser Gespräch zu belauschen. In
+diesem Argwohn bekräftigte mich auch das jedesmalige Blinzeln seiner
+Lider, wenn ich in nicht gerade schmeichelhaften Ausdrücken seiner
+Person erwähnte. Um der Sache auf den Grund zu gehen und zugleich
+herauszubringen, was es mit dem allerwärts verbreiteten Märchen von
+seinem steinernen Schlummer für eine Bewandtnis habe, nahm ich meine
+Zuflucht zu einer kleinen List. Nach einer Weile gab ich nämlich dem
+Sergeanten einen Wink, und wir erhoben uns leise, als ob wir gehen
+wollten, und siehe da, kaum hatte ich die Türklinke gefaßt, so schnellte
+mein Hauser wie von der Tarantel gestochen empor, tat ein wenig wirr und
+verstört und folgte uns, die wir uns kaum das Lachen verbeißen konnten.
+Im Wagen fragte mich Hauser plötzlich, ob der Herr Graf noch in Ansbach
+weile; ich bejahte, fügte aber hinzu, daß Seine Lordschaft dieser Tage
+gen Frankreich fahren werde, worauf Hauser einen tiefen Seufzer
+ausstieß; er lehnte sich in die Ecke zurück, schloß die Augen und
+schlief nun wirklich ein, wie ich aus seinen tiefen Atemzügen entnehmen
+konnte. Die Weiterfahrt verlief ohne bemerkenswerte Vorfälle, es war ein
+Viertel nach drei, als wir bei Schneetreiben vor dem Sterngasthof
+anlangten; ich hatte diesmal harte Mühe, den Hauser aus dem Schlaf zu
+bringen, und erst als ich ihn energisch anschrie, entschloß er sich, aus
+der Kutsche zu steigen. Da nur der Torwart zugegen war und ich den Herrn
+Grafen nicht wecken lassen wollte, brachten wir den jungen Menschen in
+eine Kammer unterm Dach; ich befahl ihm, sich zu Bette zu begeben,
+sperrte der größeren Sicherheit halber die Tür von außen zu und hieß
+meinen Sergeanten, bis zum Anbruch des Tages auf Wache zu bleiben. Soll
+ich nun zum Schlusse über die Person und das Betragen des Kuranden ein
+Urteil abgeben, so muß ich bekennen, daß mir der junge Mann wenig
+Sympathie oder Mitgefühl abnötigte. Sein verschlossenes, trotziges und
+hinterhältiges Wesen läßt auf einen, wenn auch nicht verdorbenen, so
+doch angefaulten und widrigen Charakter schließen. Von wunderbaren
+Eigenschaften hab’ ich an ihm nichts beobachtet, als eine in der Tat
+wunderbare Begabung zur Schauspielerei, was noch milde ausgedrückt ist.
+Ich fürchte, man wird hiesigenorts manche Enttäuschung an ihm erleben.
+
+
+Binder an Feuerbach:
+
+Um des ferneren allem überflüssigen Gerede und Vermuten vorzubeugen, das
+in derselben Sache schon an Eure Exzellenz gelangt sein mag, diene die
+Nachricht, daß ich bereits genügenden Aufschluß habe über den
+rätselhaften, vier bis fünf Stunden andauernden Verbleib Caspar Hausers
+am letzten Nachmittag seines Aufenthalts in hiesiger Stadt. Freilich,
+dieser Aufschluß ist im Grunde keiner, denn so wenig der Jüngling sich
+selbst hatte erklären wollen, so wenig erklären die mir bekannt
+gewordenen Einzelheiten seine ganze Handlungsweise.
+
+Ich will mich kurz fassen. Am Morgen nach Caspars Abreise kam der
+Gefängniswärter Hill zu mir und berichtete, der Hauser sei gestern
+mittag nach eins bei ihm auf dem Turm erschienen und habe gebeten, ihm
+die Kammer zu zeigen, worin er einst gefangen gewesen. Zufällig war an
+jenem Tag kein Häftling auf dem Luginsland, und er, Hill, habe nach
+einigem verwunderten Fragen und Forschen Caspar eintreten lassen.
+Nachdem er eine Weile grübelnd dagestanden, begab er sich in dieselbe
+Ecke, wo ehedem sein Strohlager gewesen, hockte auf den Boden und
+brütete stumm vor sich hin. Dem Hill war das befremdlich, und da alle
+Versuche, den Jüngling seiner Lethargie zu entreißen, nichts fruchteten,
+kehrte er in seine Wohnung zurück und machte seiner Ehefrau von dem
+Vorfall Mitteilung. Sie überlegten gerade, was zu tun sei, da kam Caspar
+von selbst die Stufen herunter und trat in das Zimmerchen, das ihm
+ebenfalls von früher wohlbekannt war, das er jedoch mit bohrend
+nachdenklichen Blicken durchmusterte, genau wie er oben in der Zelle
+getan. Hill und sein Weib dachten nicht anders als der arme Mensch habe
+den Verstand eingebüßt. Die Frau näherte sich ihm, stellte einige
+Fragen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel sein schweifendes Auge auf
+die beiden Kinder des Wärters, die auf einem Tritt beim Fenster
+mitsammen spielten, und plötzlich lächelte er gar wunderlich, schlich
+sich heran und setzte sich am Rand des über den Boden erhöhten Tritts
+nieder.
+
+Hill tat das Vernünftigste, was er tun konnte, er ließ ihn gewähren und
+wartete ab, was daraus werden würde. Nachdem sich Caspar also
+niedergelassen, begann er die zwei Kinder auf eine Weise anzustarren,
+als ob er nie im Leben Kinder gesehen hätte; er beugte sich vorwärts, er
+studierte förmlich ihre Finger, ihre Lippen, seine heißhungrigen Blicke
+verschlangen gleichsam jede ihrer Gebärden; der Frau wurde dabei angst
+und bang, mit Mühe hielt Hill sie ab, dazwischenzufahren, denn er
+fürchtete nichts. »Kenn’ ich doch Hausers sanfte Seele,« so drückte er
+sich mir gegenüber aus. Auf einmal sprang Caspar auf, streckte die Arme
+in die Luft, stöhnte, starrte vor sich hin, als sehe er einen Geist,
+dann kehrte er sich um und rannte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zur
+Tür und die Treppe hinunter auf den Platz. Hill folgte ihm unverzüglich,
+denn er schloß mit Recht, daß Caspar in einer bedenklichen Verfassung
+sei und daß man ihn so nicht sich selber überlassen dürfe. Als er den
+Burgberg herunter gegen die Füll lief, gewahrte er ihn noch rechtzeitig
+und konnte ihn im Auge behalten.
+
+Caspar eilte nun durch mehrere Gassen, und zwar ganz unsinnig die kreuz
+und quer, danach über die Glacis und nach St. Johannis hinüber. Hill
+folgte in einer Entfernung von fünfzig oder sechzig Ellen und hatte auf
+jede Bewegung Caspars genau acht. Trotzdem es den Anschein ziellosen
+Gehens hatte, war doch der Schritt des Jünglings so beschleunigt, ja
+ungeduldig, als wolle er ein vor ihm fliehendes Etwas erhaschen. Es ging
+nun durch die Mühlgasse, am Ende dieser Gasse breitet sich das flache
+Feld aus und die Straße verwandelt sich in einen Wiesenweg, der längs
+der Mauer des Johanniskirchhofs zur Pegnitz und zum Wald hinunterführt.
+An der Kirchhofsmauer, die so niedrig ist, daß auch ein mittelgroßer
+Mensch leicht über sie hinwegblicken kann, blieb Caspar jählings stehen,
+riß den Hut vom Kopf und preßte die Hand gegen die Stirn. Es wird Eurer
+Exzellenz bekannt sein, eine wie ungeheure Wirkung schon früher einmal
+bei der Annäherung an den Gräberort an ihm wahrgenommen worden ist. Er
+schien zu zittern, er atmete mit offenem Mund, seine Züge drückten
+Grauen aus, die Hautfarbe wurde bleifahl, er sah aus, als könne er sich
+nicht losreißen, plötzlich aber stürzte er so schnell weiter, daß sein
+Beobachter Mühe hatte, ihm nah zu bleiben, auch dachte Hill, Caspar
+müsse ins Wasser stürzen, da er am Flußufer in ein wildes Torkeln
+geriet. Glücklicherweise wandte er sich gegen den nahen Forst und
+verschwand alsbald zwischen den Stämmen. Hill hatte Angst, daß er ihm
+entkommen könnte; er bemerkte einige Arbeiter, die an einer Erdgrube
+Sand schaufelten, und forderte sie auf, ihm zu helfen; drei oder vier
+gesellten sich zu ihm, und sie drangen verteilt ins Gehölz; doch Hill
+selbst war es, der Caspar nach langem Suchen und als er schon
+höchlichst besorgt wurde, zuerst wieder erblickte. Er sah ihn kniend am
+Fuß einer mächtigen Tanne, er sah, wie er die Hände aufhob, und hörte
+ihn mit einer leidenschaftlich flehenden Stimme rufen: »O Baum! O du
+Baum!« Nichts weiter als diese Worte, und mit solchem Gefühl, wie man
+ein Gebet spricht, wenn der Geist in höchster Bedrängnis ist. Hill sagte
+aus, er habe es nicht über sich gebracht, ihn anzurufen, überhaupt hat
+der einfache Mann bei all diesen Vorgängen ein Zartgefühl und eine
+Menschlichkeit bewiesen, um deretwillen ich ihm meine Anerkennung nicht
+versagen kann. Die Arbeiter, die er mitgenommen, riefen ihm, er gab ein
+Zeichen, sie kamen herbei; Caspar hatte sich indes erschrocken
+aufgerichtet, blickte die Leute der Reihe nach an, und es schien, als
+erkenne er Hill nicht. Dieser dankte den Männern und bedeutete ihnen,
+daß er sie nicht mehr brauche. Von ihm untergefaßt, ließ sich Caspar
+ohne Widerstand aus dem Forst herausführen; im Gegensatz zu seinem
+bisherigen Wesen zeigte er nun eine vollkommene Gelassenheit. Hill
+fragte ihn, wohin er denn gehen wolle, und nach einigem Zögern
+antwortete Caspar, er müsse zum Mittagessen zu Herrn Daumer. Da lachte
+Hill und erinnerte ihn, daß Mittag längst vorbei sei; als sie vor der
+Stadtmauer ankamen, begann es schon zu dämmern. Caspar ging jetzt
+außerordentlich langsam, und trotzdem Hill um vier Uhr auf der
+Polizeiwache hätte sein sollen, begleitete er ihn noch zu Professor
+Daumers Haus und wich erst von der Stelle, als sich das Tor hinter
+seinem Schützling geschlossen hatte.
+
+Dies, Exzellenz, die getreue Wiedergabe dessen, was der Mann berichtet
+hat. Ich habe seine Erzählung, deren Glaubwürdigkeit zu bezweifeln kein
+Anlaß vorliegt, protokollieren lassen. Aus den Begebnissen selbst weiß
+ich, wie gesagt, nichts zu machen, auch ist es nicht an mir, den
+Schlüssen Eurer Exzellenz vorzugreifen. Gestern habe ich mich von Hill
+zu der Stelle führen lassen, wo Caspar kniend gefunden wurde, denn ich
+dachte mir, daß da vielleicht etwas Besonderes sei. Es ist, ungewöhnlich
+bei solcher Stadtnähe, ein friedensvoller Ort; der Wald ist dicht
+bestanden, lautlose Einsamkeit fordert zu beschaulicher Stimmung auf.
+Hill erkannte den Platz mit Sicherheit wieder und zeigte zum Beweis auf
+Fußabdrücke und zerwühltes Moos. Sonst habe ich nichts Bemerkenswertes
+wahrgenommen.
+
+Der Polizeisoldat, der durch seine Nachlässigkeit in Caspars Bewachung
+all dieses verschuldet hat, wurde der verdienten Strafe zugeführt.
+
+
+Lord Stanhope an den Grauen:
+
+Ich weile noch immer in dem weltentlegenen Nest, obwohl ich zu
+Weihnachten in Paris sein wollte. Ich sehne mich nach freier
+Konversation, nach Maskenbällen, nach der italienischen Oper, nach einem
+Spaziergang auf den Boulevards. Hier sind aller Augen auf mich
+gerichtet, jeder will teilhaben an mir; von einer gewissen
+Hofratsfamilie, die nicht in den besten Verhältnissen lebt, wird
+erzählt, sie habe eine goldene Stehuhr, ein vortreffliches Erbstück,
+versetzt, um eine Soiree zu Ehren des Lords geben zu können. Man
+verdächtigt eine Dame, Frau von Imhoff – uralter Patrizieradel! –, der
+näheren Beziehung zu mir, vielleicht nur deswegen, weil die Arme in
+einer unglücklichen Ehe lebt, an der sich der Klatsch seit Jahren
+mästet. Scherzhafter Unsinn. Die Dame ist, leider, ein makelloser
+Mensch. Das übrige Volk ist kaum der Rede wert. Die guten Deutschen sind
+servil bis zum Erbrechen. Der behäbige Kanzleidirektor, der mit einer
+sklavisch tiefen Reverenz den Hut vor mir zieht, würde mir mit Vergnügen
+die Stiefel putzen, wenn ich’s ihm befähle. Nichts hindert mich, hier
+eine Art Caligula zu spielen.
+
+Zur Sache. Ein äußerer Grund meines Verweilens hier ist nicht mehr
+vorhanden. Der bislang vorgeschriebene Teil meiner Aufgabe ist erfüllt.
+Was verlangt man noch von mir? Wessen hält man mich noch weiterhin für
+fähig? Hat Euer Hochgeboren oder dero Gebietende noch intime Wünsche, so
+wäre es geraten, sie in Bälde vernehmen zu lassen, denn der ergebenst
+Unterzeichnete ist satt. Die Mahlzeit füllt ihn bis zum Hals, er muß
+jetzt ans Verdauen denken. Ich gehe mit der Absicht um, in Rom Prälat zu
+werden oder mich hinter Klostermauern einzusperren, vorher muß ich noch
+das nötige Schwergeld für den Ablaß beisammen haben; wenn der Papst kein
+Einsehen hat, kehr’ ich in den Schoß der puritanischen Kirche zurück, so
+bin ich wenigstens der Sorge und des Ekels enthoben, mir den Bart
+wachsen lassen zu müssen. Auch in meinem Land gibt es Masken und
+jedenfalls ein würdigeres Kostüm. Ist der Minister H. in S., der
+Pensionist, von allen Vorgängen verständigt und hat man ihn gegen
+Überfälle gesichert? An welcher Bankstelle kann ich meinen nächsten
+Zinsgroschen beheben? Dreißig Silberlinge; mit welcher Zahl darf ich die
+Summe multiplizieren? Denn auf Multiplikation ist nun einmal mein Leben
+gestellt. Herr von F. ist vor einigen Tagen nach München abgereist; dies
+zur Notiz. Das bewußte Dokument ist, wie ein ranziges Stück Fleisch, von
+einem gewissenhaften Raben in Aussicht genommen, vorläufig aber noch
+unzugänglich. Wie hoch normiert man den Preis und, sollten im
+Kriegsfalle kühnere Maßregeln geboten sein, was billigt man demjenigen
+zu, der die Hölle um einen neuen Untertanen reicher machen will? Ich muß
+dies wissen, gegenwärtig stellen auch die geringsten Diener des Satans
+ihre Ansprüche. Wenn Herr von F. so weit kommt, mit der Königin zu
+verhandeln, wie er beabsichtigt, muß ein geeigneter Repräsentant
+gefunden werden, um das angefachte Feuer zu löschen; freilich wird dann
+das ranzige Stück Fleisch anfangen zu stinken. Dabei fällt mir ein
+penetranter Passus in dem letzten Schreiben von Eurer Hochgeboren ein;
+wie lautet er doch gleich: »Sie beginnen, mein lieber Graf, zu viel Wert
+auf das Verruchte und Verfluchte zu legen, sobald es nur einen Anschein
+von Zweckmäßigkeit und Behendigkeit hat.« Ich nehme diesen Worten die
+Schminke und lese: es ist unglaublich, was Sie für ein Spitzbube sind.
+Kennen Sie die hübsche Replik des alten Fürsten M., als ihn der
+amerikanische Gesandte ins Gesicht hinein einen Betrüger nannte? »Mein
+Lieber, Teurer,« erwiderte der Fürst mit seinem sanftesten Lächeln, »daß
+Sie doch in Ihren Ausdrücken niemals maßhalten können!« Ja, halten wir
+Maß, wenn auch nicht im Tun, so doch im Reden. Wozu Sottisen? Ein
+Schurke wird geboren so gut wie ein Edelmann. Wer sich anmaßt, in den
+Lauf eines fremden Schicksals zu pfuschen, ist ein Philister oder ein
+Dummkopf, wenn nicht beides. Wer kennt mich? Wer will mich richten oder
+formen? Verrät mich nicht jeder Atemzug? Verwandte Sterne haben über
+Ihrer und meiner Wiege geleuchtet. Sie sind ein getreuer Diener. Das ist
+eine wunderschöne Ausrede. Werfen Sie ab, was Sie bindet, fliehen Sie in
+eine Einöde, auf das Meer, in die Wüste, zum Pol, auf einen andern
+Planeten, zu sich selbst und erproben Sie, ob Sie sich noch am Glanz des
+Himmels und am Schein der Sonne zu freuen vermögen, und wenn das der
+Fall ist, wollen wir über das Thema weiter verhandeln. Schlagen wir uns
+in die Nacht wie Wölfe und sammeln wir Mut, denn das Opfer könnte
+wehrhaft werden.
+
+Unser Schutzbefohlener bereitet mir neuestens mancherlei Sorge, und ich
+muß gestehen, daß er es ist, der mich in dieser gottverlassenen Gegend
+noch immer festhält. Allerdings ohne daß er davon weiß, aber er ist mir
+in jeder Hinsicht verdächtig geworden, und ich komme mir bisweilen wie
+ein tauber Musikant vor, der auf einer verstopften Flöte spielen muß.
+Aber nicht nur dies hält mich, sondern auch noch ein andres, womit ich
+jedoch Ihr allen Empfindsamkeiten abholdes Ohr nicht belästigen will.
+Auf jeden Fall, und dies nun im Ernst, entlassen Sie mich aus der Arena.
+Ich bin betäubt, ich bin müde, meine Nerven gehorchen nicht mehr, ich
+werde alt, ich fange an, den Geschmack an Treibjagden zu verlieren; es
+erregt meinen Widerwillen, wenn der geängstigte Hase dem bissigsten der
+Hunde von selbst in die Zähne rennt, ich bin zu sehr Schöngeist, um dies
+noch ergötzlich zu finden, und ich könnte kaum dafür einstehen, daß ich
+nicht im letzten Moment eine Bresche in die Treiberkette schlage, die
+der verfolgten Kreatur zur Flucht verhilft. Dann aber könnte sich eine
+merkwürdige Metamorphose begeben, der Hase könnte zum Löwen werden und
+zurückkehren und die blutgierige Meute müßte zitternd in ihre
+Hinterhalte schleichen. Doch fürchten Sie nichts: dies sind Zuckungen
+und Phantasien eines senilen Gewissens. Auch ich bin ein treuer Diener –
+meiner selbst. Das Werk befiehlt. Unsre Lüste sind die Schergen der
+Seele. Nur der Dieb, der keine Philosophie im Leibe hat, verdient
+gehängt zu werden. In meiner Jugend hatte ich Tränen übrig, wenn ich mir
+den gitarrespielenden Knaben auf Carpaccios Bild in Venedig betrachtete,
+jetzt bliebe ich ungerührt, wenn man das Kind von der Mutterbrust risse
+und seinen Schädel am Rinnstein zerschmetterte. Das macht die
+Philosophie. Wenn sie sich besser bezahlte, wäre ich vielleicht
+fröhlicher. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen einen amüsanten Traum
+erzählen, den ich neulich hatte, eine wahre Gorgo von Traum. Wir beide,
+ich und Sie, feilschten um eine gewisse Ware; plötzlich unterbrachen Sie
+mich mit den Worten: »Nehmen Sie, was ich Ihnen biete, denn wenn Sie
+jetzt erwachen, bekommen Sie gar nichts.« Ich fand dies Argument
+göttlich und so wenig zu widerlegen, daß ich in der Tat, mit
+Angstschweiß bedeckt, erwachte.
+
+Genug, übergenug. Mein Jäger überbringt Ihnen diesen Brief, der durch
+seinen Mangel an Inhalt Ihren Verdruß erregen wird. Das beiliegende
+Akzept, um dessen Signierung ich bitte, dürfte Sie noch weniger
+versöhnen. Dem Lehrer habe ich ein Halbjahr im voraus bezahlt. Er ist
+ein brauchbarer Mann, unbestechlich wie Brutus und lenkbar wie ein
+frommes Pferd. Wie alle Deutschen hat er Prinzipien, die sein
+Selbstvertrauen hervorbringen. Gott befohlen, die Nacht will ihren
+Schlaf.
+
+
+
+
+Anbetung der Sonne
+
+
+Am Morgen nach Caspars Ankunft blieb der Lord länger als gewöhnlich in
+seinen Zimmern. Auch dann vermied er es noch, Caspar rufen zu lassen,
+und machte erst die tägliche Promenade. Als er zurückkam, ging Caspar
+vor dem Salon auf und ab; die Bewegung Stanhopes, als wolle er ihn
+umarmen, schien Caspar zu übersehen; er blickte steif zu Boden. Sie
+traten ins Zimmer, der Lord entledigte sich seines schneebedeckten
+Pelzmantels und stellte möglichst unbefangen Fragen: wie es Caspar
+ergangen, wie der Abschied, wie die Reise gewesen und mehr dergleichen.
+Caspar antwortete bereitwillig, wenn auch ohne Ausführlichkeit, war
+freundlich und keineswegs bedrückt oder vorwurfsvoll. Dies gab Stanhope
+zu denken, und es bedurfte einer gewissen Anstrengung von seiner Seite,
+um die sonderbar kühle Unterhaltung fortzusetzen. Er konnte sogar einen
+leisen Schrecken nicht unterdrücken, wenn er Caspar ansah, der ihn mit
+seinen weinfarbigen Augen fortwährend fremd betrachtete.
+
+Es war eine Erlösung, als der Polizeileutnant gemeldet wurde. Stanhope
+empfing ihn im Nebenzimmer; sie sprachen dort über eine halbe Stunde
+leise miteinander. Nachdem der Graf hinausgegangen war, trat Caspar zum
+Schreibtisch, streifte den Diamantring von seinem Finger und legte ihn
+mit bedächtiger Gebärde auf einen angefangenen, in englischer Sprache
+geschriebenen Brief; dann schritt er zum Fenster und blickte in das
+Schneetreiben.
+
+Stanhope kam allein zurück. Er fragte, ob Caspar wisse, wo er
+untergebracht werden solle. Caspar bejahte.
+
+»Es ist am besten, wir gehen mal gleich zu den Lehrersleuten hin, um
+dein künftiges Quartier in Augenschein zu nehmen,« sagte der Lord.
+
+Caspar nickte und wiederholte: »Ja, es ist am besten.«
+
+»Der Weg ist nicht weit,« meinte Stanhope, »wir können zu Fuß gehen;
+wenn du es aber wünschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust,
+die zu erwarten ist, kann ich den Wagen bestellen.«
+
+»Nein,« erwiderte Caspar freundlich, »ich gehe lieber; die Leute werden
+sich schon trösten, wenn sie sehen, daß ich auch auf zwei Beinen
+spaziere.«
+
+Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring. Erstaunt nahm er ihn in die Hand,
+sah Caspar an, sah den Ring an, überlegte mit zusammengezogenen Brauen,
+lächelte flüchtig und wild, dann legte er den Ring schweigend in eine
+Lade, die er verschloß. Als ob nichts geschehen wäre, zog er den Mantel
+an und sagte: »Ich bin bereit.«
+
+Das Aufsehen in den Gassen war erträglich; es spielte sich alles in Ruhe
+ab, das Volk hier war gutmütig und scheu.
+
+Über dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrün
+aufgehängt, in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes
+»Willkommen« prangte. Quandt trat den Ankömmlingen im braunen Bratenrock
+entgegen, sonntäglich aussehend, seine Frau hatte einen schottischen
+Schal umgehängt, damit ihr körperlicher Zustand weniger auffällig
+hervortrete.
+
+Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt, das im obern Flur lag. Der
+Raum hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand, bot aber sonst
+ein nettes Ansehen. Über dem altväterisch-bunten Kanapee hing ein
+schwarzgerahmter Stich; das Bild stellte ein unsagbar schönes Mädchen
+vor, das die Arme schmerzlich nach einem Jemand ausstreckte, von dem man
+gerade noch zwischen Gebüschen die Beine und einen fliegenden Mantel
+sah. An der andern Wand hingen zwei längliche Deckchen, worauf
+Sinnsprüche eingestickt waren; auf dem einen: »Früh auf, spät nieder
+bringt verlorene Güter wieder«; auf dem andern: »Hoffnung ist des Lebens
+Stab von der Wiege bis zum Grab«. Auf dem Sims standen Töpfe mit
+Winterblumen, und über niedriges Dächerwerk hinweg konnte sich der Blick
+an einer lieblich geschlossenen Landschaft ergötzen; schneeweiße Hügel
+begrenzten in nicht zu großer Weite das ansteigende Tal.
+
+Caspar war es beim Hinschauen recht jämmerlich zumute; er dachte
+gewisser Vorstellungen von ehedem, die jetzt keinen Bezug mehr hatten:
+eine Fahrt mit weitgestecktem Ziel; die Straße läuft fröhlich dem Wagen
+voran; Wolken teilen sich beim Näherkommen; Berge treten gefällig zur
+Seite; die Luft schwirrt vom Gesang der Fremde; Wälder und Wiesen,
+Dörfer und Städtchen hüpfen im besonnten Nebel vorüber, und unter dem
+schließenden Ring des Himmels strömt Welt auf Welt hervor.
+
+Es war nicht mehr an dem.
+
+Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von
+Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines
+Programms auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein
+Blick war dann durchdringend wie bei einem Schützen, der das Ziel
+fixiert, ehe er die Flinte anlegt.
+
+Stanhope sagte, er schätze sich glücklich, daß Caspar endlich Aussicht
+auf eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkür und
+Ungefähr gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden
+hätte, daß Caspar in Ansbach bleibe – dies sollte offenbar eine
+Erklärung gegen den still zuhörenden Jüngling sein –, wären sie ohne
+Zweifel heute schon in England oder doch auf dem Weg dahin. »Da ich ihn
+aber in so guten Händen weiß,« fügte er hinzu, »bin ich
+nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, daß auch ein unerwünschter
+Zwang oft die ersprießlichsten Folgen hat.«
+
+Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock.
+Das Kompliment, das sie enthielten, war schal, oft gebraucht wie
+Spülwasser. Aber für Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte
+sich zusehends und meinte eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar
+noch heute einziehe. Stanhope schaute Caspar fragend an; dieser senkte
+den Kopf, worauf sich der Lord zu einem nachsichtigen Lächeln zwang.
+»Wir wollen nichts überstürzen,« sagte er. »Ich lasse morgen früh das
+Gepäck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.«
+
+Es war dunkel geworden, als beide das Haus verließen. Quandt begleitete
+sie bis auf die Straße. Zurückkehrend schloß er ganz leise und langsam
+die Tür, wie er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte
+des Zimmers, legte beide Hände flach gegen die Brust und schüttelte
+mindestens eine Viertelminute lang in lautlosem Erstaunen den Kopf.
+
+»Warum schüttelst du denn so den Kopf?« fragte Frau Quandt.
+
+»Ich begreife nicht, ich begreife nicht,« antwortete der Lehrer
+bekümmert und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden.
+
+»Was begreifst du denn wieder nicht?« fragte die Frau verdrießlich.
+
+Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und
+schaute sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: »Hast
+_du_ vielleicht etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich
+nur aus, liebe Jette, hast du etwas, irgend etwas Außergewöhnliches
+bemerkt, irgend etwas, das ihn von einem andern Menschen unterscheidet?«
+
+Frau Quandt lachte. »Ich habe nur bemerkt, daß er nicht besonders
+höflich war und daß er seidene Strümpfe trägt wie ein Marquis,«
+entgegnete sie leichthin.
+
+»Ja, nicht wahr? nicht besonders höflich, wie? und seidene Strümpfe,
+ganz recht,« sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer
+Entdeckung auf der Spur. »Na, die seidenen Strümpfe werden wir ihm schon
+abgewöhnen und das Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht für
+unser einfaches Haus. Aber ich frage dich: verstehst du die Menschen?
+verstehst du die Welt? Davon hört man nun seit Jahren als von einem
+noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafür erhitzen sich geistreiche
+Männer, Männer von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es zu
+fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott
+eingesetzten Augen sehen kann? Ist es zu fassen?«
+
+Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gasthof zurückgekehrt.
+Stanhope war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines
+Begleiters erboste ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine
+Pistole gegen ihn gerichtet.
+
+Er war unruhig, fühlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt,
+wo die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgründen
+begegnen und wo es zum Austrag kommen muß. Da stellen sich Worte
+ungerufen ein; die Dämonen erheben sich aus dem Schlummer.
+
+Stanhope schellte dem Diener, ließ die Lichter anzünden und Holz ins
+Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der
+Lord sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr
+vorzulassen. Er machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte
+dabei Caspar: »Wie haben dir die Lehrersleute gefallen?«
+
+Caspar wußte nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In
+Wahrheit wußte er überhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen
+Frau oder das Haus aussahen. Er erinnerte sich bloß, daß Frau Quandt
+ihren Kaffee aus der Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen
+hatte, was ihm sehr albern erschienen war.
+
+Plötzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines
+Menschen, der die Geduld verliert: »Also, was ist es mit dem Ring? Was
+wolltest du damit sagen?«
+
+Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere.
+Stanhope näherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die
+Schulter und sagte scharf: »Sprich; sonst wehe dir!«
+
+»Mir ist schon weh genug,« entgegnete Caspar eintönig, und sein Blick
+glitt von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlüpfrigem hinweg auf
+die dunkelrote Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte.
+
+Was hätte er sagen sollen? War doch sein Gefühl fast ungemindert gegen
+den, der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm
+geredet. Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus
+erzählen, wo er gesessen, die Fäuste in der Brust, das Herz zerrieben,
+einsam und der Welt beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, zu
+suchen, wie er die Zeit aufgegraben, gleichwie man im Garten Erde
+aufgräbt, wie es Tag geworden und er enteilt war, wie er Kinder gesehen,
+den Fluß gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie zuvor, alles
+anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit
+erlöst ... Unmöglich, solches mitzuteilen; dafür gab es keine Worte.
+
+Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hände auf dem
+Rücken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stoßweise zu reden
+begann. »Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen?
+Goddam, ich habe für dich gekämpft wie für mein eigen Fleisch und Blut,
+Vermögen und Ehre zum Pfand gesetzt, keine Demütigung gescheut, mich
+unter Pöbelvolk und Pedanten herumgeschlagen, was denn noch? Wer das
+Unmögliche von mir verlangt, ist mir nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht
+aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht abgewickelt, ich stelle noch
+immer meinen Mann, aber ich muß mir verbitten, daß du mich wie den
+Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine schöne
+Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir
+forderst, anstatt das Gewährte dankbar zu erkennen, dann sind wir
+geschiedene Leute.«
+
+Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte.
+
+Der nächste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime
+Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah
+wohl, und mit Angst nahm er es wahr, daß er nicht mehr das willenlose
+Geschöpf von ehedem vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage
+machte Caspar ein so verwundertes Gesicht, daß er den Argwohn sogleich
+fallen ließ. Caspar legte die Hände flach zusammen und sagte nun in
+seiner um Deutlichkeit bemühten Weise, er habe Stanhope nicht kränken
+wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas geschehen, was die
+Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzählt,
+Geschichten von ihm selbst, er habe zugehört und doch nicht ordentlich
+verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in
+seinem Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges
+gewesen sei. »Aber jetzt,« fügte er stockend hinzu, »jetzt ist das
+Holzpferdchen lebendig geworden.«
+
+Stanhope warf den Kopf zurück. »Wie? was denn?« rief er schnell und
+furchtsam, »sprich deutlich.« Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar
+stirnrunzelnd durch die Gläser an, eine Gebärde, die Hochmut ausdrücken
+sollte, aber im Grunde nur Verlegenheit war.
+
+»Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden,« wiederholte Caspar
+bedeutungsvoll.
+
+Ohne Zweifel glaubte er mit diesem kindlichen Sinnbild alles dargelegt
+zu haben, was ihm das entschleierte Antlitz der Vergangenheit verraten
+hatte. Er mochte die Gewalten ahnen, die sein Schicksal geformt hatten,
+und jedenfalls begriff er das Wirkliche, das schwer von Gründen
+Wirkliche seiner langen Gefangenschaft, die ihn, außerhalb der Gesetze,
+bis über das Jünglingsalter hinaus zum Zustand eines Halbtiers
+verurteilt hatte. Es mochte ihm klar geworden sein, daß es sich dabei um
+eine Sache handelte, der in den Augen der Menschen ein hoher, ja der
+höchste Wert zukam; daß sein Anrecht auf diese Sache ungeschmälert
+fortbestand und daß, wenn er nur hinginge, um zu zeigen, daß er lebe, um
+zu sagen, daß er wisse, aller Widerstand und Willkür zu Ende sei und er
+besitzen durfte, wessen er freventlich beraubt.
+
+Das war es etwa, aber es war noch mehr. Und es fügte sich, daß der Lord
+selbst, in Angst für sich, für seine Auftraggeber, für die Zukunft, für
+das ganze Gebäude, an dem er mitgezimmert und von dem er, wenn es
+zusammenbrach, vielleicht mit zerschmetterten Gliedern in eine bodenlose
+Tiefe stürzen mußte, daß er selbst das Wort fand und aussprach, welches
+dies andre, Größere, Unsagbare für Caspar zauberhaft und schrecklich
+erleuchtete.
+
+Beinahe fühlte sich Stanhope besiegt, und er hatte nur noch wenig Lust,
+gegen eine Macht zu kämpfen, die gleichsam aus dem Nichts entstanden war
+und wie der Ifrid aus Salomons Wunderflasche den ganzen Himmel
+verfinsterte. Ich war zu großmütig, dachte er; ich war zu lau; Wankelmut
+trägt die eigne Haut zu Markt; läßt man die Träumer aufwachen, so
+greifen sie nach den Zügeln und machen die Rosse scheu; das süße Zeug
+schmeckt nicht länger, nun gilt es Salz in den Brei zu tun.
+
+Er setzte sich an den Tisch, Caspar gegenüber, und indem er beim
+Sprechen kaum die Zähne voneinander entfernte und fortwährend düster und
+blicklos lächelte, sagte er: »Ich glaube dich zu verstehen. Man kann es
+dir nicht verübeln, daß du Schlüsse aus meinen, wie ich bekennen muß,
+ein wenig unvorsichtigen Erzählungen gezogen hast. Ich werde in diesem
+Augenblicke sogar noch weiter gehen und dir an Deutlichkeit nichts zu
+wünschen übriglassen. Ich will dein lebendig gewordenes Holzpferdchen
+aufzäumen, und wenn du dann Lust hast, kannst du es meinetwegen reiten.
+Ich habe dich nicht getäuscht: du bist durch deine Abkunft den
+mächtigsten unter den Fürsten ebenbürtig, du bist das Opfer der
+scheußlichsten Kabale, die Satans Bosheit je ersonnen hat; hättest du
+keine andre Instanz zu fürchten als die der Tugend und des moralischen
+Rechts, dann säßest du nicht hier, und ich wäre nicht gezwungen, dich so
+zu warnen, wie ich es jetzt tue. Denn merk auf. So gegründet deine
+Ansprüche, deine Hoffnungen sind, so verderblich müssen sie dir werden,
+sobald sie dich nur den ersten Schritt zum vorgefaßten Ziele lenken. Die
+erste Handlung, das erste Wort besiegelt unabänderlich deinen Tod. Du
+wirst vernichtet sein, eh du noch den Finger ausgestreckt hast, um zu
+nehmen, was dir gebührt. Vielleicht kommt eine Stunde, morgen oder in
+einem Monat oder in einem Jahr, wo du an der Aufrichtigkeit dessen, was
+ich dir sage, zweifeln könntest; nun, so beschwöre ich dich: glaube mir!
+Laß deine Lippen siebenfach vernietet sein. Fürchte die Luft und den
+Schlaf, daß sie dich nicht verraten. Möglich, daß einst der Tag kommt,
+an dem du sein darfst, was du bist, aber bis dahin halte still, wenn dir
+dein Leben lieb ist, und laß dein Holzpferdchen hübsch im Stall.«
+
+Langsam hatte sich Caspar erhoben. Ein übergewaltiger Schrecken
+donnerte, vielgestaltig wie die Blöcke eines Felssturzes, um ihn her. Um
+seine Gedanken anderswo hinzulenken, betrachtete er mit einer an
+Wahnsinn grenzenden Aufmerksamkeit die leblosen Gegenstände: Tisch,
+Schrank und Stühle, den Leuchter, die Gipsfiguren am Kamin, den
+krummgebogenen Schürhaken. War ihm dies alles neu oder nur unerwartet?
+Keineswegs. Es hatte, wie giftige Luft, schon lange um ihn her gebrütet.
+Aber ein andres das bloße Ahnen und Spüren und ein andres das
+zermalmende Wissen.
+
+Auch Stanhope war aufgestanden; er trat nahe vor Caspar hin und fuhr mit
+eigentümlich näselnder Stimme fort: »Es hilft nichts; in diesem Zeichen
+bist du eben geboren; in diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren.
+Das ist das Blut. Es richtet dich und rechtfertigt dich; es ist dein
+Führer und dein Verführer.«
+
+Und nach einer Weile: »Laß uns nun schlafen gehen, es ist spät. Morgen
+früh wollen wir in die Kirche und beten. Vielleicht schickt uns Gott
+eine Erleuchtung.«
+
+Caspar schien nicht zu hören. Blut! das war das Wort. Das war die Kraft,
+die alle Poren seines Wesens durchdrang. Schrie nicht sein Blut aus ihm,
+und von fernher wurde der Schrei erwidert? Blut trug aller Erscheinungen
+Grund, verborgen, wie es war, in Adern, im Gestein, in Blättern und im
+Licht. Liebte er sich nicht in seinem Blut, spürte er nicht die eigne
+Seele wie einen Spiegel aus Blut, in dem er sich ruhend beschauen
+konnte? Wieviel Menschen in der Welt, so nahe beieinander, so reich
+bewegt, so fremd und stumm, und alle durch einen Strom von Blut
+wandelnd, und sein Blut doch besonders rauschend, ein besonderes Ding,
+in einsamem Bette fließend, voll von Geheimnissen, unbekannter
+Schicksale voll!
+
+Auch als er den Blick wieder gegen den Grafen kehrte, war es, als wandle
+der durch Blut, eine Vorstellung, die freilich durch die
+scharlachfarbene Tapete begünstigt, wenn nicht erzeugt wurde. Wenn man
+die Kerzen verlöscht, dachte Caspar, wird alles tot sein, das Blut und
+die Worte, er und ich; ich will nicht schlafen diese Nacht, nicht
+sterben. Ja, Caspar hätte, was sein Mund geredet, gern wieder in sich
+hineingeschluckt, in jenen Kerker des Leibes gesperrt, der Schweigen
+hieß. Gehorsam sein, unwissend sein, unglücklich sein, Schande und
+Schimpf ertragen, die Stimme des Blutes ersticken, nur nicht sterben
+müssen, nur leben, leben, leben. Ei, man wird sich fürchten, man wird
+feig sein wie eine Maus, man wird Türen und Fenster verriegeln, man wird
+die Träume vergessen, den Freund vergessen, man wird sich klein machen,
+man wird das Holzpferdchen vergraben, aber man wird leben, leben,
+leben ...
+
+Der Lord wünschte, daß Caspar nicht in seiner Mansarde, sondern hier
+unten nächtige. Er befahl dem Aufwärter, ein Bett auf dem Sofa zu
+richten. Indes Caspar sich entkleidete, ging er hinaus, kam jedoch nach
+einiger Zeit wieder, überzeugte sich, daß der Jüngling ruhig lag, und
+verlöschte die Lichter. Die Verbindungstür zu seinem Zimmer ließ er
+offen stehen.
+
+Ungeachtet seines Vorsatzes schlief Caspar bald ein und nahm sein
+aufgewühltes Gemüt in den Schlummer hinüber. Er mochte vier bis fünf
+Stunden geschlafen haben, als sich sein bleiernes Daliegen in ein
+ruheloses Herumwälzen verwandelte. Plötzlich erwachte er mit einem
+tiefen Seufzer und starrte brennenden Auges in die Finsternis. An den
+Fensterscheiben war ein Kribbeln und Tasten, das von den anprallenden
+Schneeflocken herrührte und dem leisen Pochen einer Hand ähnlich war.
+Aus dem Nebenraum hörte er die gleichmäßigen Atemzüge des schlafenden
+Stanhope; höchst befremdlich klang dies Atmen des andern Menschen in der
+Nacht, wie ein drohendes Geflüster: hüte dich, hüte dich.
+
+Er ertrug es nicht mehr im Bett. Es war, als sei ihm der Körper mit
+tausend Fäden umschnürt, und als er aufstand, geschah es nur, weil er
+sich vergewissern wollte, ob er sich noch frei bewegen könne. Er schlug
+die Wolldecke um die Schultern und trat barfüßig ans Fenster.
+
+Das ganze große All war angefüllt mit den gesprochenen Worten, die wie
+rote Beeren in der Dunkelheit hingen. Überall Gefahr; bloß zu denken,
+war schon Gefahr; jeder Anhauch aus fremdem Munde Gefahr.
+
+Er fing an zu zittern. Die Knie saßen loser in den Gelenken, es war ihm
+so leicht und schwer zugleich; sein Nachdenken hatte eine andre, nähere
+Folge, auch alle Gegenstände waren näher, und das Ganze der Erde und des
+Himmels, Wolken, Wind und Nacht hatten etwas eingebüßt, etwas
+unbegreiflich Flüchtiges und Wandelbares. Alles ist nun so wunderlich
+wahr. Caspar hält die Scherben eines kostbaren Gefäßes in der Hand, und
+seine Phantasie will nicht einmal die schöne Form, wie sie gewesen,
+zurückgestalten.
+
+Unten auf der Gasse geht lautlos der Nachtwächter. Der zuckende Schein
+seiner Laterne vergoldet den Schnee. Caspar folgt ihm mit den Blicken,
+denn es ist, als ob der Mann in irgendeinem unerklärlichen Zusammenhang
+mit seinem Schicksal stehe. Sie wandeln miteinander über ein
+verschneites Feld, jener fragt Caspar, ob ihn friere, und wirft ihm
+einen Teil seines Mantels um die Schultern, so daß sie beide unter
+derselben Hülle gehen. Auf einmal gewahrt Caspar, daß es kein
+Männergesicht ist, das sich so mild erbarmend zu ihm kehrt, sondern das
+schöne, traurige Gesicht einer Frau. Es enthalten diese Trauer und diese
+Schönheit etwas Redendes, und daß sie zusammen unter demselben Mantel
+wandern, hat den allertiefsten Sinn, etwas, das mit Qual und Freuden
+eines ist und vom Anfang der Dinge stammt.
+
+Da tönte das ungeheure Wort des Grafen neuschallend in die Nacht: »In
+diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren.«
+
+Dich geboren! Welcher Laut! Was war darin beschlossen! Caspar legte
+beide Hände vors Gesicht; ihm schwindelte.
+
+Da hörte er ein Geräusch von Schritten. Jäh drehte er sich um, es war
+ein Emportauchen aus finsterer Flut; der Graf stand im Schlafrock vor
+ihm. Wahrscheinlich hatte Caspars nächtliches Wachsein ihn aufgeweckt,
+er hatte einen leisen Schlummer.
+
+»Was treibst du?« fragte Stanhope mürrisch.
+
+Caspar machte einen Schritt auf ihn zu und sagte dringlich, atemlos,
+drohend und flehend: »Führ mich zu ihr, Heinrich! Einmal laß mich die
+Mutter sehen, nur einmal, nur sehen; nicht jetzt, später vielleicht.
+Einmal, nur einmal! Nur sehen! Nur einmal!«
+
+Stanhope wich zurück. Dieser Aufschrei hatte etwas Überirdisches.
+»Geduld,« murmelte er, »Geduld.«
+
+»Geduld? Wie lange noch? Hab’ schon lange Geduld.«
+
+»Ich verspreche dir –«
+
+»Du versprichst es, aber wie soll ich glauben?«
+
+»Setzen wir die Frist eines Jahres fest.«
+
+»Ein Jahr ist lang.«
+
+»Lang und kurz. Ein kleines, kurzes Jahr und dann –«
+
+»Dann –?«
+
+»Dann will ich wiederkommen –«
+
+»Und mich holen?«
+
+»Dich holen.«
+
+»Gelobst du das?« Caspar heftete einen suchenden und wie ein mattes
+Flämmchen erlöschenden Blick auf den Grafen. Da der Widerschein des
+Schnees die Nacht erhellte, konnte jeder des andern Züge deutlich
+unterscheiden.
+
+»Ich gelob’ es.«
+
+»Du gelobst es, aber wie kann ich’s wissen?«
+
+Stanhope geriet in eine sonderbare Bedrängnis; dies Gegenüberstehen zu
+solcher Stunde, die immer herrischer, stürmischer werdenden Fragen des
+Jünglings wirkten wie Gespensterschauer auf seine Einbildungskraft.
+»Reiß mich aus deinem Herzen aus, wenn es nicht geschieht,« murmelte er
+dumpf; er mußte in diesem Augenblick lebhaft des Mannes gedenken, der
+vom Teufel lebendigen Leibes in den feuerspeienden Vesuv geschleudert
+wurde.
+
+Und Caspar darauf: »Was kann mir das nützen? Sag mir den Namen, sag mir
+ihren Namen, sag mir meinen Namen.«
+
+»Nein! niemals! niemals! Aber glaube mir nur. Es wacht ein Gott über
+dir, Caspar. Es kann dir nichts versagt sein, denn du hast die Kaufsumme
+für das Glück zum voraus entrichtet, die wir andern täglich in kleiner
+Münze bezahlen müssen. Und bezahlt muß werden, alles muß bezahlt werden,
+das ist der Sinn des Lebens.«
+
+»Du versprichst also, in einem Jahr wieder dazusein?«
+
+»In einem Jahr.«
+
+Caspar bohrte die Finger in Stanhopes Hand und richtete einen tiefen,
+seltsam seelenhaften, seltsam stolzen Blick auf den Lord, der
+seinerseits die Augen senkte, während sein Gesicht steinalt aussah. Als
+er in sein Zimmer zurückging, begann er plötzlich leise plappernd das
+Vaterunser zu beten.
+
+Erst gegen Morgen entschlief er wieder. Als er sich mittags erhob, war
+Caspar längst auf; er saß am Fenster und schien die Eisblumen zu
+studieren.
+
+Um ein Uhr verließ er mit ihm das Hotel. Arm in Arm, ein Schaugepränge
+für die Einwohnerschaft, spazierten sie über den hochliegenden Schnee
+durch das Herrieder Tor zum Markt. Dort war eine große Versammlung von
+Bauern und Händlern. Vor dem Portal der Gumbertuskirche blieb Stanhope
+stehen und forderte Caspar auf, mit hineinzugehen. Caspar zögerte,
+folgte jedoch dem Grafen in den hohen, schmucklosen, von schwarzem
+Gebälk überdachten Raum.
+
+Mit raschen Schritten eilte Stanhope zum Altar, warf sich mit den Knien
+auf die steinernen Stufen, beugte die Stirn herab und verblieb so in
+vollkommener Unbeweglichkeit.
+
+Caspar, peinlich berührt, schaute sich unwillkürlich um, ob niemand
+Zeuge dieser demütigen Handlung sei. Aber die Kirche war leer. Warum
+krüppelt er sich so zusammen, dachte er verstimmt, Gott kann doch nicht
+im Boden drinnen sein. Allmählich ward ihm bange; das Schweigen des
+riesigen Raumes strömte bis in seine Brust. Und wie er nun in die Höhe
+blickte, sah er oben, durch ein geöffnetes Bogenfenster, wie die Sonne
+mit Macht die winterlichen Nebel zu gewältigen suchte. Da rötete sich
+sein bläßliches Gesicht zu schüchterner Freude und das Schweigen in
+seiner Brust wandelte sich zu einer hinaufziehenden Verehrung.
+
+»O Sonne,« sagte er halblaut und mit einfältiger Inbrunst, »mach doch,
+daß alles nicht so ist, wie es ist. Mach es doch anders, Sonne. Du weißt
+ja, wie es ist; du weißt ja, wer ich bin. Scheine nur, Sonne, daß meine
+Augen dich immer sehen können, immer wollen dich meine Augen sehen.«
+
+Indem er so sprach, flutete eine goldene Lichtwelle bis auf die
+kreidig-weißen Fliesen, und Caspar, sehr zufrieden, meinte, die Sonne
+hätte ihm damit auf ihre Weise eine Antwort erteilt.
+
+
+
+
+Man erfährt einiges über Herrn Quandt sowie über eine vorläufig noch
+ungenannte Dame
+
+
+Die Übersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenfälle statt.
+
+»Nun wohlan denn,« sagte Quandt während der ersten gemeinsamen Mahlzeit,
+als die Suppenschüssel aufgetragen wurde, »jetzt beginnt für Sie ein
+neues Leben, Hauser. Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und
+des Fleißes. Wenn wir uns lobenswert betätigen und in unsern Gedanken
+nicht den Schöpfer aller Dinge vergessen, wird unser irdisches Bemühen
+stets von Erfolg gekrönt sein.«
+
+Nach Tisch mußte Quandt zur Schule, und als er um vier Uhr zurückkam,
+erkundigte er sich beflissen, was Caspar die Zeit über getrieben habe.
+Seine Frau konnte ihm nur ungenügenden Bescheid geben, und er tadelte
+sie deshalb. »Wir müssen aufpassen, liebe Jette,« sagte er, »wir müssen
+die Augen offen halten.«
+
+In der Tat, Quandt paßte auf. Wie ein emsiger Buchhalter legte er in
+seinem Innern ein Konto an, um alle Worte und Handlungen seines
+Pflegebefohlenen zu verzeichnen. Bei dieser umsichtigen Geschäftsführung
+stellte es sich bald heraus, daß Soll und Haben einander nicht die Wage
+hielten, daß die Schuldseite nach und nach bedenklich überlastet wurde.
+Das betrübte den Lehrer aufrichtig; jedoch gab es ein geheimes
+Winkelchen in seiner Brust, worin er sich dessen freute.
+
+Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, daß er in einer
+merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche
+Person, der Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienhaupt,
+der Patriot; der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war
+ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden; dieser lag
+versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die
+öffentliche Person, der Bürger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an
+den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergnügt
+die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein
+unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung
+eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa oder
+ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim
+reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit
+ihrem Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das
+Familienhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich
+hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der
+Weltregierung auf die Finger zu schauen, und stets besorgt, daß keinem
+mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und
+Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte. Der
+öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand
+sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den
+Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt.
+
+Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern
+unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen
+die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist
+ein boshaftes Tier; er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen
+den zwei Seelen, und wie oft der stärkste Damm nicht genügt, um eine
+verheerende Überschwemmung zu verhindern, so brach eben dieser Neid
+bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde
+des Gottes- und Menschenfreundes Quandt.
+
+Und was gab es doch nicht alles in der Welt, worüber das tückische
+Untier sich gefräßig hermachen konnte! Da hatte einer einen Orden
+bekommen, der das ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen
+feilhielt; dort hatte ein andrer zehntausend Taler geerbt, der schon
+ohnehin die Woche zweimal Pasteten aß und Moselwein trank; da wurde ein
+Name lobend in der Zeitung erwähnt, ohne daß man erforschen konnte, ob
+ihm eine solche Auszeichnung von Rechtswegen zukam, dort hatte ein
+Ichweißnichtwer eine Entdeckung gemacht, auf die man, hätte man sich
+zufällig mit dem Gegenstand beschäftigt, leichterdings auch hätte
+verfallen können. Warum denn der? Warum nicht ich? murrte dann der
+heimlich aufrührerische Quandt. Es war ein beständiger und unsichtbarer
+Zweikampf mit dem Schicksal unter der Parole: Warum der andre, warum
+nicht ich?
+
+Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung; sein Vater war
+Pastor gewesen, mütterlicherseits kam er von Bauern her. Er besaß viel
+vom Bauern und vom Pastor: sein sehr irdisches Streben war rundherum mit
+Theologie behangen. Dabei war der Bauer dem Pastor beständig im Wege,
+denn wo hätte man je gehört, daß ein auf Religion und Friedfertigkeit
+gestimmtes Gemüt rachsüchtig, mißgünstig und ehrgeizig gewesen wäre? Die
+Wahrheit liebte Quandt über alles; er sagte es, er beteuerte es und es
+war auch so. Nichts war ihm offenbar genug; nirgends stimmte die
+Rechnung; überall hatten die Menschen eine falsche Addition gemacht oder
+den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, daß er niemals in seinem
+Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es
+fest und war nachzuweisen, daß er mit dem einzigen Busenfreund, den er
+je besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb
+für immer gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lüge gekommen war.
+
+Wie ratlos mußte nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen
+Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der
+bessere Teil des Lehrers bot, gegenüberstehen. Wir, der Leser und ich,
+haben darin leichtes Spiel, uns kann man nicht betrügen, uns sind die
+Kleiderfalten offen und die Haut über dem Herzen ist uns durchsichtig;
+wir weilen auf einer höheren Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir
+verfolgen Herrn Quandt, wenn er in einen Krämerladen tritt, mit
+höflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Käse verlangt und dabei mit
+unruhig-eifrigen Augen die Einkäufe seiner Nebenmenschen, gleichviel ob
+es Köchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir hören
+ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit
+Schmerz über die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir
+sehen ihn jeden Sonntagmorgen gebürstet, frisiert, gewaschen zum
+Gottesdienst eilen und mit Bescheidenheit sein Gebetbüchlein
+aufschlagen; wir wissen, daß er respektvoll gegen Höhere und
+unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewußtsein nach
+beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, daß er
+jeden Abend vor dem Schlafengehen im Nachthemd auf der Kante seines
+Bettes sitzt und sich mit düsterer Miene erinnert, daß ihn der
+Regierungsrat Hermann heute ziemlich nachlässig gegrüßt hat; mit
+Bedauern nehmen wir von der Tatsache Kenntnis, daß er seine Schüler,
+selbstverständlich nur die faulen und störrischen, mit einem sorgsam
+getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu züchtigen pflegt, und
+leider dürfen wir nicht verhehlen, daß er seine gutmütige Frau nicht
+immer so zart und rücksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden
+geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind,
+daß diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens
+zwischen Gatten zu betrachten sei.
+
+So war für Caspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart
+natürlich nicht genießt, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber
+durchaus imponierende Gestalt. Ein bißchen Alpdruck spürte er jedesmal,
+wenn Quandt in wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu
+ihm sprach. Er fühlte sich anfangs bedrückt in dieser gar engen
+Häuslichkeit, in der man fast nicht einmal mit seinen Gedanken allein
+sein konnte, und der einzige Trost war, daß der Graf, der schon anfangs
+Dezember hatte reisen wollen, noch immer in der Stadt war. Stanhope
+behauptete zwar, auf wichtige Briefe warten zu müssen, in Wirklichkeit
+harrte er jedoch der Rückkehr des Präsidenten Feuerbach, da ihn das
+Beginnen des Mannes, der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den
+Wanderer ein drohendes Gewitter.
+
+Auch Caspar hielt ihn, und das in eigner Weise. Er pflegte den Jüngling
+jeden Nachmittag für eine oder anderthalb Stunden zum Spazierengehen
+abzuholen; sie gingen dann gewöhnlich den Weg zum Schloßberg hinauf und
+gegen das Bernadotter Tal, das in schöner Abgeschiedenheit wie eine
+Vorhalle zu den finster umschließenden und weitgedehnten Wäldern lag.
+Caspar empfand einen sehr wohltuenden Einfluß von der Bewegung in der
+kalten, meist frostklaren Luft.
+
+Ihre Gespräche strebten stets von einem unverbindend persönlichen Punkt
+aus ins Allgemeine, wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das
+Lehrhafte wie das Erzählende nicht den Reiz einer anmutenden
+Vertraulichkeit entbehrte. Es schien dem ein Übereinkommen zugrunde zu
+liegen, ein Friedensschluß vor einer dumpf gefühlten Wandlung, welche
+die vergangene Schönheit ihres Verhältnisses vollends zerstören mußte.
+So gingen sie dahin, anzusehen wie Freunde, in einer ihrem
+Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben, den
+Unterschied der Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges
+Schenken von der einen und ein nicht minder williges Empfangen von der
+andern Seite.
+
+Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen,
+ja im wahrsten Sinn ergriffen. Durfte er sich doch auch einmal wieder
+unbefangen fühlen, ohne Joch, von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel
+gezwungen; in sich selber ruhend, betrachtsam und nicht ohne Wehmut
+überschauend, wie das Leben in seiner Brust gehaust und was es dem
+zwecklos spielenden Geist übrig gelassen, der ja das eigentliche Element
+ist, in welchem der Mensch den Menschen erkennt. Er ging über die Tiefen
+seines Daseins hin wie über eine gebrechliche Brücke, die der leichteste
+Windhauch in den Abgrund stürzen kann.
+
+Am liebsten redete er über Menschenlos und Menschendinge: erzählte, wie
+der begonnen, wie jener geendet, was diesen ins Unheil gestürzt und
+jenem zu Ansehen verholfen; wie er einen im Glück gewahrt, an der Tafel
+des Königs schwelgend, und wie selbiger zwei Jahre später in einer
+Dachkammer elend krepiert war. Ungleich ging es zu auf Erden; in schwer
+erklimmbarer Höhe blühten die Blumen; nichts sicher, nichts von Bestand,
+nirgends Verlaß. Gewisse Regeln durften nicht unbeachtet bleiben, nach
+welchen das Wirken des einzelnen sich zu fügen hatte. Stanhope erwähnte
+das Buch des Lord Chesterfield, eines Vorfahrs und weitläufigen
+Verwandten, der in berühmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche
+Maximen gegeben hatte; ganze Seiten daraus wußte er aus dem Gedächtnis
+herzusagen. Derselbe Chesterfield habe, um den Ahnenstolz des Adels zu
+verspotten, in seinem Schloß zwei Bilder aufhängen lassen, einen nackten
+Mann und ein nacktes Weib, und darunter geschrieben: Adam Stanhope, Eva
+Stanhope.
+
+Der Graf gab seiner Überraschung darüber oft drastischen Ausdruck,
+einen wie klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit
+entdeckte: immer zutreffend im Widerpart, durchaus weltlich gestimmt, in
+Frage und Antwort aus erster Hand, das Gegensätzliche mühelos erfassend
+und phantasievoll verknüpfend.
+
+Die Wandlung kam bald. Ein unbedeutender Anlaß führte sie herbei.
+
+Eines Tages, während der Rückkehr nach der Stadt, sprach sich Stanhope
+darüber aus, wie fruchtbar es für die innere Haltung eines Menschen sei,
+wenn er seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorüberfließen lasse,
+sondern sie moralisch zu nützen suche, indem er durch schriftliche oder
+mündliche Mitteilung den Stoff seines Nachdenkens bereichere. Caspar
+fragte, wie er das meine; statt der Antwort stellte der Graf, den dieser
+Umstand längst beunruhigte, die lauernde Gegenfrage, ob Caspar noch ein
+Tagebuch führe.
+
+Caspar bejahte.
+
+»Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen?«
+
+Caspar erschrak, überlegte und antwortete zögernd, ja, er wolle es tun.
+
+»So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran,« sagte
+Stanhope. »Ich wünsche nur einen ungefähren Einblick zu erhalten und bin
+neugierig, wie du so etwas anpackst.«
+
+Zu Hause angelangt, begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und
+nahm, der Erfüllung des Versprechens gewärtig, auf dem Kanapee Platz. Im
+Ofen prasselte Feuer; draußen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind;
+es dämmerte schon, die Hügel waren violett umschleiert.
+
+Caspar machte sich unter seinen Büchern zu schaffen, doch Minute auf
+Minute verging, ohne daß er sich im geringsten anschickte zu tun, was
+Stanhope erwartete.
+
+»Nun, Caspar,« meldete sich endlich ungeduldig der Graf, »ich bin
+bereit.«
+
+Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte, er könne nicht.
+
+Stanhope sah ihn groß an; Caspar schlug die Augen nieder. Das Tagebuch
+sei unter vielen andern Sachen versteckt, und es sei unbequem, es zu
+erreichen, murmelte er stockend.
+
+»So so,« versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase. »Wie
+flink du in Ausflüchten bist, Caspar; ich hätte nicht geglaubt, daß du
+so flink in ... Ausflüchten bist. Ei, sieh doch!«
+
+In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tür, der Lord rief und
+die Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer. Er tat erstaunt, den
+Herrn Grafen hier zu finden, und fragte, ob Seiner Lordschaft eine
+kleine Erfrischung gefällig sei. Der Lord dankte stumm und heftete den
+Blick fortgesetzt auf Caspar.
+
+Quandt merkte gleich, daß da was auf der Pfanne brodelte. Er erkundigte
+sich, ob Seine Herrlichkeit Anlaß habe, mit dem Hauser unzufrieden zu
+sein. Stanhope entgegnete, er habe allerdings einigen Grund, sich zu
+ärgern, und in kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit, worum es sich
+handle. Hierauf, zu Caspar gewandt, sagte er laut und markiert: »Wenn es
+von vornherein nicht in deiner Absicht lag, mir von deinen Intimitäten
+Kenntnis zu geben, so hättest du es nicht versprechen dürfen. Und wenn
+du dein Versprechen bereut hast, so durftest du es schicklich wieder
+zurücknehmen. Aber statt dessen zu einer solchen« – eine beredte kleine
+Pause – »Ausflucht zu greifen, das scheint mir deiner und meiner nicht
+würdig.«
+
+Er erhob sich und verließ das Zimmer. Quandt folgte ihm. Unten im Flur
+blieb Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden, ob er sich
+in der verflossenen Zeit schon ein Urteil über die Fähigkeiten und den
+guten Willen Caspars gebildet habe.
+
+»Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung
+dieses Punktes eine Viertelstunde Gehör zu schenken,« erwiderte Quandt.
+Er nahm das Öllämpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein
+Studio. Indes sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein
+kreuzte und gelangweilt in die Luft starrte, ramschte Quandt seine
+Notizblätter zusammen und sagte, er habe den Hauser gleich vom ersten
+Tag an tüchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen und rechnen lassen,
+die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus dem Gröbsten
+und nur des Überblicks halber.
+
+»Und das Ergebnis?« fragte Stanhope, wobei die Langweile seine
+Nasenflügel auseinander dehnte.
+
+»Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!«
+
+Es mußte ein Schmerz für Herrn Quandt sein, denn in diesem »leider« lag
+ein tiefgefühlter Ton. Es mußte ein Schmerz für ihn sein, daß Caspars
+Handschrift so viel zu wünschen übrigließ. »Er hat nichts Freies und
+Zügiges in seiner Hand, und mit der Orthographie steht er auf
+gespanntem Fuß,« sagte er. Es mußte ein Schmerz für Quandt sein, wenn
+ein Mensch den Dativ nicht in allen Fällen vom Akkusativ unterscheiden
+konnte. »Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs hat er nicht
+die geringste Vorstellung,« sagte Quandt und fuhr fort: »Im sprachlichen
+Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar über seine
+sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Sätze und ihre
+Verbindungen so weit, daß er den Punkt, das Kolon, das Anführungs-,
+Frage- und Ausrufungszeichen genau und das sogar von Sprachforschern so
+verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon manchmal richtig zu setzen
+weiß.«
+
+Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Arithmetik, o weh! Er beherrscht
+die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit
+Sicherheit. »Eine Null wird für ihn bald da, bald dort zum
+unüberwindlichen Hindernis,« sagte Quandt. Die Lehre von den Brüchen,
+vom Kettensatz, von den einfachen und zusammengesetzten Proportionen:
+ein hoffnungsloses Dunkel. »Erstaunlicherweise arbeitet er jedoch in
+diesen Dingen am willigsten,« sagte Quandt.
+
+»Wie erklären Sie sich das?« erkundigte sich der Lord mit der Neugierde
+eines Verschlafenen, den man an den Füßen kitzelt.
+
+»Ich erkläre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein für sich
+bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust
+und Verlangen, und es macht ihm Spaß, wenn er es vollendet sieht. Was
+ihn aber lange beschäftigt, erregt sein Mißbehagen und kann ihn sogar zu
+allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich
+auch verdrießlich bis zum Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch
+gerechnet hat und den Fehler der Oberflächlichkeit nicht finden kann.«
+
+Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen ... Was die
+Geschichte betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen
+eine ähnliche Gleichgültigkeit gefunden, sowohl gegen vaterländische
+Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta, gegen Monarchen,
+Staatsmänner, Schlachten, Umwälzungen, Helden und Entdecker. »Nur die
+Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit kann man ihn ködern.«
+Traurig! Und die Geographie? »Auf der Erdkugel fühlt er sich keineswegs
+zu Hause,« sagte Quandt. »Auch ist er oft zerstreut; er merkt nicht auf.
+Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist mir
+ein Rätsel, ein unsagbares Rätsel, Mylord.«
+
+Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr
+wissen; er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf
+ein, daß ihm die Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert
+erscheine, daß er aber kein großes Gewicht darauf lege.
+
+»Wünschenswert, jawohl,« versetzte Quandt, »und das Wünschenswerte
+sollte doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein
+Zuchtgarten, in welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander
+gedeihen dürfen. Ich glaube, der mächtigste Ansporn für den Hauser ist
+seine Eitelkeit. Wenn man es versteht, seine Eitelkeit zu befriedigen,
+kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage, Mylord, haben Sie
+besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe schon mit
+Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal
+wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit
+ihm durchzunehmen begonnen.«
+
+Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem
+Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau
+liege ihm über die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur,
+bewilligte kurzerhand einen Zuschuß; es wurde vereinbart, daß Caspar
+einen Mittagstisch für zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer
+erhalten solle.
+
+Um den übeln Eindruck dieser Erörterung zu verwischen, die ihn beschämte
+und demütigte, äußerte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren
+Abreise periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden.
+Stanhope, schon völlig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. »Es
+wäre ratsam,« schlug Quandt vor, »Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit
+zugleich als Stilübungen zu betrachten. Ich könnte, ohne natürlich am
+Gedanken etwas zu verändern, die Hauptfehler korrigieren und mit roter
+Tinte eine Zensur darunter schreiben. So hätten Sie immer ein Bild
+seiner derzeitigen Fähigkeiten.«
+
+Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den
+Flur, Quandt trug wieder das Öllämpchen voran. Auf einmal prallte er
+zurück und hielt das Lämpchen hoch. Am Stiegengeländer stand eine dunkle
+Gestalt. Es war Caspar.
+
+Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um
+und sah den Lord beziehungsvoll an.
+
+Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch
+einmal auf sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe
+wenig Zeit, Caspar möge sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schüttelte
+den Kopf; der Lord dachte, Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er
+stellte sich, als ob es ihn Überwindung koste, dem Wunsch zu willfahren,
+dann ging er mit kleinen, wie gezählten Schritten die Stiege hinan.
+Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person
+neben der Tür stehen.
+
+Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser
+möge ihm versprechen, nichts darin zu lesen.
+
+Der Lord verschränkte die Arme über der Brust. Dies wurde ihm denn doch
+zu bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten
+Selbstbeherrschung: »Du kannst mir wohl glauben, daß ich ohne deine
+Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde.«
+
+Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel
+eines Seidentüchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf
+näherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald
+auf Caspar. »Was für eine kindische Zeremonie!« stieß er finster heraus.
+»Ich hatte nicht die geringste Begierde geäußert, deinen papierenen
+Schatz zu sehen. Soviel ich weiß, wolltest du mir daraus vorlesen; mit
+Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.«
+
+Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken maß er
+das mysteriöse Heft. Caspar schaute währenddem, auch indes der Lord das
+Zimmer schweigend verließ, mit einem chinesisch-schiefen,
+schief-besinnenden Blick vor sich hin, einem Blick der Versunkenheit
+und Jenseitigkeit, wie ihn manche Köpfe auf sehr alten Bildern haben.
+
+»Wenn ich meine unmaßgebliche Meinung äußern darf,« sagte Quandt, der
+den Grafen zum Tor begleitete, »so muß ich gestehen, ich glaube nicht an
+dieses Tagebuch. Ich glaube nicht, daß ein Charakter wie der des Hauser
+von sich selbst aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu führen. Ich kann
+mir nicht helfen, Mylord, aber ich glaube nicht daran.«
+
+»Ja, denken Sie denn, daß er uns da bloß leeres Papier gezeigt hat?«
+versetzte Stanhope schroff.
+
+»Das nicht, aber ...«
+
+»Was also?«
+
+»Je nun, man muß der Sache nachgehen, man muß sich damit beschäftigen,
+man muß sehen, was dahinter steckt.«
+
+Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den
+Aufzeichnungen des Jünglings mancherlei über sich selbst zu hören; dies
+lockte; er wußte, daß er dort auf einem hohen Postament stand und daß er
+vergöttert worden war; es ist schön, vergöttert zu werden, wie wenig
+Ähnlichkeit man auch mit einem Gott haben mag, und wenngleich das
+Götterbild vom Sockel gestürzt war, um seine Trümmer mußte noch eine
+reizende Romantik blühen. Dies lockte. An das Verräterische des
+Büchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit mochten sich
+die Schergen abfinden.
+
+Trotzdem begab er sich am nächsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in
+Caspars Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jüngling die
+Ablieferung der Briefe, die er ihm während ihrer Trennung nach Nürnberg
+geschrieben. Caspar gehorchte ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur
+drei, darunter der gefährliche, geschwätzige, den der Graf zu fürchten
+hatte, lagen in einer besonderen Mappe in einer Hülle von Goldpapier.
+Stanhope zählte sie nach, steckte sie in die Brusttasche und sagte dann
+etwas milderen Tons: »Du holst mich heute abend um acht Uhr vom Hotel
+ab. Wir sind aufs Schlößchen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh dich gut
+an.«
+
+Caspar nickte.
+
+Stanhope schritt zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch
+einmal um: »Morgen reise ich.« In der Krümmung seines Mundes lag
+Überdruß und Grauen. Ihm graute plötzlich vor dieser Stadt und vor ihren
+Menschen, ihm graute vor etwas, das er wie eine höllische Unholdfratze
+über sich in der Luft hängen sah und dem er durch die Geschwindigkeit
+seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den Präsidenten zu erwarten hatte er
+aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem Stellvertreter geschrieben, er
+käme erst nach Neujahr.
+
+»Morgen schon?« flüsterte Caspar betrübt; und nach einer Pause fügte er
+scheu hinzu: »Was abgemacht ist, das gilt aber?«
+
+»Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.«
+
+Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier für den
+Grafen. Es waren gebeten: der Regierungspräsident Mieg, der Hofrat
+Hofmann, der Direktor Wurm, Generalkommissär von Stichaner mit Frau und
+Töchtern und einige andre Herrschaften; alle kamen in großer Gala. Man
+war sehr gespannt auf Caspars erstes Erscheinen in der hiesigen
+Gesellschaft.
+
+Sein Auftreten enttäuschte nicht. Wie fetierte man ihn, bemühte man
+sich um ihn; man sagte ihm Komplimente, die lächerlichsten Komplimente,
+lobte seine kleinen Ohren und schmalen Hände, fand, daß ihm die Narbe
+auf der Stirn, die vom Schlage des Vermummten herrührte, interessant zu
+Gesicht stehe, bestaunte sein Reden und sein Schweigen und wähnte damit
+den Lord zu entzücken, der sich jedoch über eine gemessene Höflichkeit
+hinaus nicht verpflichtete und dem überschwenglichen Wesen der Damen
+seinen verbindlichsten Sarkasmus entgegensetzte.
+
+Nachdem die Tafel aufgehoben war, erschien der Kämmerling des Lords und
+brachte ein Paket, welches in ungefähr einem Dutzend Exemplaren das in
+Kupfer gestochene Porträt Stanhopes enthielt, worauf er in Pairstracht
+mit der Grafenkrone dargestellt war. Er verteilte die Bilder an »die
+lieben Ansbacher Freunde«, wie er mit bezauberndem Lächeln sagte.
+
+Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung, sowohl in bezug auf die
+Ähnlichkeit wie auf die Ausführung; als jeder seinen Dank gezollt, kam
+das Gespräch auf Bilder überhaupt, und es entstand eine
+Meinungsverschiedenheit darüber, ob man aus den Zügen eines Porträts auf
+die Charaktereigenschaften der betreffenden Person schließen könne. Der
+Hofrat Hofmann, als der negative Geist, der er überhaupt war, bestritt
+es mit großer Lebhaftigkeit und mit Aufwand von vielen Gründen; er
+sagte, jedes Bildnis gebe schließlich doch nur eine Essenz der besten
+oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden
+Eigenschaften, es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an, einen
+besonderen, seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten
+Wirkung zu übertreiben, so daß von der wahren Art des betreffenden
+Menschen kaum noch etwas übrigbleibe. Dem wurde heftig widersprochen;
+das hänge ja vor allem von dem Genie des Künstlers ab, wurde erwidert,
+und Lord Stanhope, der die Äußerungen des Hofrats bei diesem Anlaß als
+einen Mangel an Delikatesse empfinden mußte, ereiferte sich sehr gegen
+seine sonstige Gepflogenheit und behauptete, er seinerseits getraue sich
+aus jedem Bildnis, wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer
+es gefertigt sei, die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person
+zu erraten.
+
+Bei diesen Worten lächelte die Hausfrau bedeutungsvoll. Sie verschwand
+in einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen
+Ölbild zurück, das sie, noch immer lächelnd, in kurzer Entfernung von
+dem Grafen aufrecht auf den Tischrand stellte. Die Gäste drängten sich
+herzu, und fast von allen Lippen erscholl ein Ausruf der Bewunderung.
+
+Es war ein äußerst lebendig und natürlich gemaltes Bild, welches eine
+junge Frau von verblüffender Schönheit darstellte: ein Gesicht weiß wie
+Alabaster und überhaucht von zartem Rosenrot; klare und ebenmäßige Züge,
+einen Blick, dem offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und
+Schüchternes gab, und im ganzen der Physiognomie ein himmlisches
+Leuchten von Gefühl.
+
+»Nun, Mylord?« fragte Frau von Imhoff schelmisch.
+
+Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und ließ sich vernehmen:
+»Wahrlich, in diesem Geschöpf verbindet sich orientalische Weichheit
+mit andalusischer Grazie.«
+
+Frau von Imhoff nickte, als ob sie das Gesagte vortrefflich fände.
+»Schön, Mylord,« meinte sie, »wir wollen etwas über den Charakter der
+Dame wissen.«
+
+»O, man will mich attrappieren!« versetzte Stanhope heiter. »Nun gut.
+Ich denke, es ist das eine Frau, welche jede Art von Leiden oder
+Ungemach mit außerordentlicher Langmut zu ertragen versteht. Sie ist
+sanft, sie ist gottesfürchtig, sie liebt den idyllischen Frieden des
+Landlebens, ihre Neigungen gehören den schönen Künsten –«
+
+Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in
+belustigtes Lachen aus. »Ich bin sicher, Graf, daß Sie nur, um mich zu
+necken, eine so falsche Deutung unternommen haben,« sagte sie.
+
+Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errötete. »Wenn ich
+mich blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gnädige Frau,«
+antwortete er galant.
+
+»Um das zu können, müßte ich Ihre Geduld länger als wünschbar in
+Anspruch nehmen,« sagte Frau von Imhoff plötzlich ernst. »Ich müßte
+Ihnen von dem ungewöhnlichen Schicksal dieser Frau erzählen, die meine
+beste Freundin ist, und ich würde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu
+zerstören, in der Sie sich alle befinden.«
+
+Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff
+mußte schließlich dem allgemeinen Drängen willfahren.
+
+»Meine Freundin kam als Mädchen von achtzehn Jahren an den Hof einer
+mitteldeutschen Residenz,« begann sie mit einer reizenden Befangenheit.
+»Sie war vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren
+Bruder angewiesen. Dieser Bruder, ich will ihn der Kürze wegen den
+Freiherrn nennen, galt trotz seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre
+älter denn seine schöne Schwester, für einen Mann von hervorragenden
+Talenten; der Fürst, obwohl schwächlich und ausschweifend, wußte seine
+Fähigkeiten vollauf zu würdigen, gab eine der höchsten Stellen des
+Landes unter seine Verwaltung und überhäufte ihn mit Ehren und
+Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergnügungen des Hofes nur
+insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des
+Adels einführte, und er hatte auch die Genugtuung, daß sie nicht nur
+durch ihre Schönheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten
+befeuertes Naturell der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich
+sehen ließ.
+
+»Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf
+eine furchtbare Weise zerstört. Fast zufällig machte der Freiherr die
+Entdeckung, daß in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche
+Unterschleife stattgefunden hatten, es handelte sich um viele
+Hunderttausende von Talern, und daß der Fürst selbst, in Bedrängnis
+geraten durch eine arge Mätressen- und Protektionswirtschaft, bei diesen
+zum Nachteil des Volkes ausgeführten Manipulationen beteiligt war. Der
+Freiherr wußte sich keinen Rat. Er vertraute sich der Schwester an.
+Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum Fürsten und mach
+ihn ohne Rückhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens aufmerksam.
+Es geschah. Der Fürst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tür und
+deutete ihm an, daß er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr
+seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens
+Mitteilung machte, drängte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten
+Landstände zu bringen. Auch dazu erklärte sich der Freiherr bereit,
+eröffnete sich aber vorher noch einem seiner Freunde, der den Entschluß
+zu billigen schien. Derselbe Freund schrieb ihm am nächsten Abend ein
+Briefchen, worin er ihn dringlichst aufforderte, einer wichtigen
+Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt gelegenes Lusthaus zu
+kommen. Ohne Zögern folgte der Freiherr dem Ruf, ließ, trotzdem es schon
+spät und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt davon.
+
+»Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen. Einige Leute wollten
+gegen Mitternacht in der Nähe jenes Lusthauses Schüsse gehört haben,
+aber wie dem auch sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was
+mit ihm geschehen war, blieb ein unerklärtes Rätsel. Den Schmerz der
+Schwester kann man sich denken. Doch vom ersten Tag an verschmähte sie
+es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete eine erstaunliche
+Tätigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben mußte,
+setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu
+machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lusthauses
+wochenlang die Erde aufgraben mußten, mit Güte, mit List, mit Drohungen
+beschwor sie den angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas
+wisse; es war umsonst, er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte
+etwas wissen. Sie warf sich dem Fürsten zu Füßen, der sie huldvoll
+anhörte und, anscheinend selbst ergriffen, alles zu tun versprach, um
+der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst. Einige Tage darauf
+erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch wiederholte sich.
+Plötzlich aber starb der Fürst an einem Schlagfluß. Ihres Bleibens an
+jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und
+suchte an allen kleinen und großen Höfen Deutschlands, später sogar in
+London und Paris Minister, Monarchen und Männer der Öffentlichkeit zu
+gewinnen, um Sühne oder wenigstens Aufklärung zu erlangen. Stellen Sie
+sich das Leben vor,« fuhr Frau Imhoff fort, »das meine Freundin auf
+solche Weise länger als drei Jahre führte, immer unterwegs, immer in
+Hast, mit beständigen Widerwärtigkeiten kämpfend. Ein großer Teil ihres
+Vermögens ging nach und nach durch ihre fruchtlosen Anstrengungen
+verloren. Als sie nun endlich einsehen mußte, daß sie nichts erreichen
+würde, daß die Verbrüderung der Schlechten und Gleichgültigen zu mächtig
+ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an den
+Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine
+Universitätsstadt und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das
+Studium der Politik, der Jurisprudenz und der Nationalökonomie. Nicht
+als ob sie sich damit gegen die Welt verschloß, ganz im Gegenteil. Sie
+hatte ihre private Sache mit einer öffentlichen vertauscht. Ihre
+glühende Seele, für den Gedanken der Völkerfreiheit und der
+Menschenrechte entflammt, suchte Betätigung. Vor zwei Jahren heiratete
+sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es geschah
+deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus
+Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geöffnet hatte; er wurde gerettet
+und sie nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in
+friedlichem Einverständnis gelöst, der Mann ist nach Amerika gegangen
+und Farmer geworden. Meine Freundin fing abermals ihr merkwürdiges
+Wanderleben an; ich habe Briefe von ihr bald aus Rußland, bald aus Wien,
+bald aus Athen; seit einigen Monaten weilt sie in Ungarn. Überall
+untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des arbeitenden Volkes,
+nicht etwa nur oberflächlich und empfindsam, sondern mit sachlicher
+Gründlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze,
+Verfassungen und öffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten
+Herrn Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fünfundzwanzig Jahre alt
+und sieht fast immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs
+Jahren gemalt wurde. Nach alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord,
+daß bei ihr von orientalischer Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht
+wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie, ja sie ist sanft, aber ganz
+anders, wie man sich das gewöhnlich vorstellt. Ihre Sanftmut hat etwas
+Freudiges und Tätiges, denn es ist in ihr ein kühner Geist und ein
+erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die
+Gegenwart das Höchste.«
+
+Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzählerin die tiefe Wirkung, die
+sie hervorgerufen. Und ist es denn nicht prächtig, ist es nicht
+prächtig-spannend und angenehm-gruselig, sich dergleichen im
+wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer vorerzählen zu lassen? Der
+Mann am Kamin reibt sich gemütlich die Hände, wenn es draußen stürmt und
+wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein süßprickelndes Behagen,
+wenn er sich vorstellt, daß draußen einige Leute ohne Überzieher und
+Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande,
+mit solchen Unglücklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren.
+
+Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas außerhalb
+des Zuhörerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war
+näher gekommen, bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert
+auf ihren redenden Mund geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er
+plötzlich. Die Züge kamen in Bewegung und erhielten etwas unendlich
+Anziehendes. Frau von Imhoff gestand später, daß ihr ein solcher
+Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen sei; ja, es glich
+dem Lachen eines kleinen Kindes, nur daß sich eine höhere und reinere
+Kraft des Bewußtseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines
+Innern mit den stärksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig,
+was er sagen würde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die
+zaghafte Frage: »Wie heißt denn die Frau?«
+
+Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gütig
+lächelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, später vielleicht
+werde er es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil.
+
+Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geräuschvoller
+wurde und das jüngste Fräulein von Stichaner am Klavier Lieder sang,
+behielt er seinen schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefühl
+durch das so beweglich geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach
+außen getrieben, und wie durch den Wink eines unsichtbaren Geistes
+öffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden eines andern Ichs, einer
+fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen beschaffen sein,
+wie ich’s mir immer eingebildet habe, dachte er.
+
+Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der
+Bau der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine
+wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfaßbar wie Schatten, fern
+wie der Mond, verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter.
+
+Auf der Brücke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es
+heute schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde hätte ein Ereignis
+der folgenden Nacht, bei dem er nur der flüchtige und kaum bemerkte
+Zeuge war, nicht so gewaltig in sein Inneres gewuchtet, daß er tagelang
+danach sich in der schmerzlichsten Verwirrung befand.
+
+
+
+
+Joseph und seine Brüder
+
+
+Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe, eine
+Schachtel mit Brüsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem
+Anzug. Nachdem er schon den ganzen Vormittag mit ihm verbracht, kam
+Stanhope nach Tisch ins Quandtsche Haus, um Caspar Lebewohl zu sagen.
+Um halb vier fuhr der Wagen vor. Caspar geleitete den Grafen auf die
+Gasse. Er war bleich bis in die Augen; dreimal umarmte er den
+Scheidenden und biß die Zähne zusammen, um nicht aufschreien zu müssen,
+war es doch ein Stück seines innigsten Seins, das sich grausam von ihm
+trennte – für immer, das fühlte er wohl, ob er den so teuer gewordenen
+Mann wiedersah oder nicht. Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld
+seligsten Vertrauens und von der Süßigkeit schöner Wünsche und
+Täuschungen.
+
+Auch der Lord war zu Tränen gerührt. Es entsprach seiner reizbaren
+Natur, sich bei solchen Anlässen einer wohltätigen Gemütserschütterung
+zu überlassen. Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor
+Selbstvorwürfen; als wolle er geschwind noch ins Schicksalsrad greifen
+und die Speichen zurückdrehen; die Kutsche war schon im Fahren, da rief
+er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel, die beide am Tor standen, mit
+feierlich hochgezogenen Brauen zu: »Bewahrt mir meinen Sohn!«
+
+Quandt drückte die Hände beteuernd gegen seine Brust. Das Gefährt rollte
+gegen die Krailsheimer Straße.
+
+Fünf Minuten später erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann;
+sie mußten zu ihrem Leidwesen erfahren, daß sie die Zeit verpaßt hatten.
+Um Caspar seiner Traurigkeit zu entreißen, forderten sie ihn zu einem
+Spaziergang in den Hofgarten auf, ein Vorschlag, dem der Lehrer eifrig
+zustimmte. Hickel bat, sich anschließen zu dürfen.
+
+Kaum waren die vier Personen um die nächste Ecke gebogen, als Quandt
+rasch ins Haus zurückeilte und seiner Frau einen Wink gab, die ihm,
+ohne zu fragen, weil das Unternehmen verabredet war, in den oberen Flur
+folgte, wo sie sich bei der Treppe als Schildwache aufstellte. Quandt
+seinerseits machte sich nun daran, das Tagebuch zu suchen. Er hatte sich
+zu dem Ende ein zweites Paar Schlüssel anfertigen lassen und konnte
+damit die Kommode und den Schrank öffnen. In der Kommodeschublade fand
+er nichts, das blaue Heft war nicht mehr darin. Aber auch den Schrank
+durchstöberte er vergeblich, die Kleider, die Tischlade, die Bücher, das
+Kanapee; vergeblich kroch er in jeden Winkel, es war nichts zu finden.
+
+Erschöpft trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und rief seiner
+Frau durch die offene Tür zu: »Siehst du, Jette, was ich immer sage: der
+Kerl hat’s faustdick hinter den Ohren.«
+
+»Ja ja, er ist falsch wie Bohnenstroh,« erwiderte die Frau, »und lauter
+Scherereien macht er einem.« Sie schimpfte bloß ihrem Mann zu Gefallen,
+denn im Grund hatte sie den Jüngling gern, weil noch nie ein Mensch sich
+so höflich und nett gegen sie betragen hatte.
+
+Quandt blieb für den Rest des Tages verstimmt wie einer, der um ein
+edles Werk betrogen wurde. Und war es nicht so? War es nicht seine
+Mission auf dieser Erde, die Lüge von der Wahrheit zu scheiden und als
+rechter Herzensalchimist den Mitmenschen die unvermischten Elemente
+aufzuzeigen? Er durfte nicht ruhig zusehen und nicht Nachsicht üben, wo
+der Atem der Lüge wehte.
+
+Von solchen Empfindungen bewegt, hielt er am selben Abend seiner Gattin
+eine längere Rede, worin er sich folgendermaßen aussprach: »Sieh mal,
+Jette, ist dir nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon
+aufgefallen? Kann man annehmen, daß so ein Mensch jahrzehntelang in
+einem unterirdischen Loch vegetiert hat? Kann man dies glauben, wenn man
+seine fünf Sinne ordentlich beieinander hat? Von seiner gerühmten
+Kindlichkeit und Unschuld kann ich, offen gestanden, nichts entdecken.
+Er ist gutmütig, ja; gutmütig mag er sein, aber was beweist das? Und wie
+er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und liebedienert
+als der ausgemachte Duckmäuser, der er ist! Da hat deine Freundin, die
+Frau Behold, den Nagel auf den Kopf getroffen. Sieh mal, oft, wenn ich
+unversehens in sein Zimmer trete, es liegt mir natürlich daran, ihn zu
+überraschen, aber da hockt er dir manchmal in der Ecke – es ist
+sonderlich anzuschauen. Ich weiß nicht, ist er so geistesabwesend oder
+stellt er sich nur so, aber wenn er mich dann bemerkt, verändert sich
+sein Gesicht blitzschnell zu der heuchlerischen Grimasse von
+Freundlichkeit, die einen leider entwaffnet. Einmal hab’ ich ihn sogar
+am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus gefunden. Was kann das
+bedeuten? Es steckt eben was dahinter.«
+
+»Was soll denn dahinter stecken?« fragte die Lehrerin.
+
+Quandt zuckte die Achseln und seufzte. »Das mag Gott wissen,« sagte er.
+»Bei alledem mag ich ihn leiden,« schloß er mit versorgtem Stirnrunzeln;
+»ich mag ihn gut leiden, er ist ein aufgeweckter und trätabler Bursche.
+Man muß aber sehen, was dahinter steckt. Es ist etwas Unheimliches um
+den Menschen.«
+
+Die Lehrerin, die sich für die Nacht frisierte, war des Schwatzens
+müde. Ihr hübsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen, schläfrigen
+Vogels, und ihre auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten
+matt ins Kerzenlicht. Plötzlich ließ sie den Kamm ruhen und sagte:
+»Horch mal, Quandt.«
+
+Quandt blieb stehen und lauschte. Caspars Zimmer lag über dem ehelichen
+Schlafgemach, und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die
+unaufhörlich auf und ab gehenden Schritte ihres rätselhaften
+Hausgenossen.
+
+»Was mag er treiben?« meinte die Frau verwundert.
+
+»Ja, was mag er treiben,« wiederholte Quandt und starrte finster zur
+Decke. »Ich weiß nicht, mir wurde immer gesagt, daß er mit den Hühnern
+schlafen geht; ich merke nichts davon. Nun siehst du’s, da soll man sich
+auskennen. Jedenfalls wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht
+abgewöhnen.« Quandt öffnete leise die Tür und schlich auf Pantoffeln
+vorsichtig hinaus. Vorsichtig schlich er die Treppe empor, und als er
+vor Caspars Tür angelangt war, versuchte er durchs Schlüsselloch zu
+spähen, aber da er nichts sehen konnte, legte er in derselben gebückten
+Stellung das Ohr ans Schloß. Ja, da wandelte er herum, der
+Unerforschliche, wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Pläne.
+
+Quandt drückte die Klinke, die Tür war versperrt. Da erhob er seine
+Stimme und forderte energisch Ruhe. Sogleich ward es drinnen
+mäuschenstill.
+
+Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam, fand sich, daß mit
+unerwarteter Plötzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war. Schon
+lag sie stöhnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme. Quandt
+wollte die Magd schicken; die Frau sagte: »Nein, das geht nicht, geh du
+selber, die Person ist blöde und wird den Weg verfehlen.« Wohl oder übel
+mußte sich Quandt dazu entschließen, so unbequem auch die Sendung war,
+denn erstlich hatte er sich aufs Bett gefreut, zweitens fürchtete er
+sich ein wenig vor dem Gang durch die finstern Gassen, war doch erst zu
+Pfingsten hinter der Karlskirche ein Rechnungsakzessist überfallen und
+halb erschlagen worden.
+
+Verdrossen hastete er in die Kleider; hierauf holte er die Magd aus den
+Federn und befahl ihr, eine befreundete Nachbarin zu rufen, die sich im
+Notfall zur Hilfeleistung erboten hatte, dann schlurfte er wieder
+herein, durchkramte die Truhe nach seinen Pistolen, wobei er das
+Nähtischlein umwarf, was ihn wieder derart in Verzweiflung setzte, daß
+er mit den Händen seinen Kopf packte und sein unseliges Los verwünschte.
+Die Frau, der das Elend schon den Sinn verrückte, entnahm ihrem Zustand
+den Mut, ihm allerlei sonst feig zurückgehaltene Aufrichtigkeiten
+zuzuschleudern, welche ihn im besondern und das Mannsvolk im allgemeinen
+trafen. Das hatte die beste Wirkung, und nachdem er sein kleines
+Söhnchen, das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war, in die
+Magdkammer getragen hatte, trollte er sich endlich.
+
+Caspar, im Begriff sich niederzulegen, vernahm auf einmal mit Schaudern
+die schmerzensvolle Stimme der Frau unten. Immer furchtbarer wurden die
+Laute, immer greller drangen sie herauf. Dann war es wieder eine
+Zeitlang stille, dann knarrte die Haustüre, Schritte gingen, Schritte
+kamen, und nun begann das Schreien viel ärger. Caspar dachte, ein großes
+Unglück sei passiert; sein erster Trieb war, sich zu retten. Er lief zur
+Tür, sperrte auf und eilte die Stiege hinab. Die Wohnzimmertüre war
+offen, überheizte Luft quoll ihm entgegen. Die Magd und die Nachbarin
+standen geschäftig am Bett der Frau Quandt; diese schrie nach ihrem
+Mann, schrie zu Gott und bäumte sich auf.
+
+Ach, was sah Caspar da! Wie ward ihm doch zumute! Ein Köpflein sah er,
+einen weißen kleinen Rumpf, ein ganzes winziges Menschlein, emporgehoben
+mit Händen, die nicht kleiner waren als es selbst! Alle Glieder
+zitterten an Caspar, er wandte sich um, und ohne daß ihn jemand
+erblickt, floh er die Stiege hinauf, sank auf dem obersten Treppenabsatz
+atemlos hin und blieb sitzen.
+
+Wieder ging die Haustür, Quandt erschien mit der Wehfrau, doch schon
+stürzte ihm die Nachbarin jubelnd entgegen: »Ein Töchterlein, Herr
+Lehrer!«
+
+»Ei, sieh da!« rief Quandt mit einer Stimme, so stolz, als hätte er
+dabei etwas Nennenswertes geleistet.
+
+Piepsendes Geplärr bestätigte die Anwesenheit der neuen Weltbürgerin.
+Nach einer Weile kam trällernd die Magd, und Caspar sah, daß sie eine
+Schüssel voll Blut trug.
+
+Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein, als
+Caspar sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte. Wie betrunken
+entkleidete er sich, wühlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht.
+
+Er konnte nichts dawider tun: aus der Nacht erhob sich gleich einer
+purpurnen Scheibe die Schüssel voll Blut.
+
+Er konnte nichts andres sehen als dies: aus einem blutigen Schlund
+krochen junge Wesen und wurden Menschen genannt. Nackend und winzig,
+einsam und hilflos und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll
+aus einem Kerker ohnegleichen, wurden geboren, ja, geboren, sowie die
+Mutter ihn geboren.
+
+Das ist es also, dachte Caspar. Er spürte das Band, begriff den
+Zusammenhang, fühlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde, alles
+starre Leben regte sich, das Geheimnis war entschleiert, die Bedeutung
+offenbar.
+
+Doch Mitleid und Grauen, Sehnsucht und Furcht waren nun eines, Leben und
+Sterben zu einem Namen verschmiedet. Er wollte nicht einschlafen und
+schlief ein, aber je näher der Schlummer kam, eine je qualvollere
+Todesangst umfing ihn, so daß er sich nur widerstrebend ergab: ein
+banger kleiner Tod im Leben.
+
+Da er am Morgen über die gewohnte Stunde ausblieb, verwunderte sich
+Quandt, ging hinauf und pochte an der Tür. Obgleich er das Zimmer vom
+Abend her versperrt wußte, drückte er auf die Klinke, fand jedoch zu
+seinem Erstaunen die Tür unverschlossen. An Caspars Bett tretend,
+rüttelte er ihn und sagte ärgerlich: »Nun, Hauser, Sie fangen ja an, ein
+Siebenschläfer zu werden. Was ist’s denn?«
+
+Caspar setzte sich auf, und der Lehrer sah, daß das Kopfkissen ganz naß
+war; er deutete hin und fragte, was das sei. Caspar besann sich ein
+wenig und antwortete, es sei vom Weinen, er habe im Schlaf geweint.
+
+Was, geweint? dachte Quandt argwöhnisch; warum geweint? wieso weiß er
+es denn so schnell, wenn er im Schlaf geweint hat? und warum hat er so
+lange gewartet, bis ich mich entschlossen, ihn zu holen?
+
+Dahinter steckt eine Finte, entschied Quandt, er will mich milde
+stimmen. Forschend schaute er sich um, und sein Blick fiel auf das
+Wasserglas, das auf dem Nachttischlein stand. Er nahm das Glas und hob
+es prüfend empor, es war halb leer. »Haben Sie Wasser getrunken,
+Hauser?« fragte er düster.
+
+Caspar sah ihn verständnislos an. Der Blick des Lehrers, von dem Glas
+auf das Kissen gleitend, bekam einen vorwurfsvollen Ausdruck. »Sollten
+Sie nicht aus Versehen das Wasser verschüttet haben?« fragte er weiter;
+»ich sage: aus Versehen und meine durchaus nichts andres, Sie können
+freimütig mit mir reden, Hauser.«
+
+Caspar schüttelte langsam den Kopf; er verstand nicht, was der Mann
+wollte.
+
+Verstockt, verstockt, dachte Quandt und gab das Verhör auf. Als Caspar
+zum Unterricht ins Wohnzimmer kam, teilte ihm Quandt in geziemender
+Würde mit, daß ihm eine Tochter geschenkt worden sei.
+
+»Wieso geschenkt?« fragte Caspar naiv.
+
+Quandt runzelte die Stirn. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der
+Jüngling ein solches Ereignis aufnahm, verdroß ihn sehr. Seine Haltung
+war kalt und förmlich, als er sagte: »Wir beginnen wie gewöhnlich mit
+der Bibelstunde. Lesen Sie Ihr Pensum vor.«
+
+Es war die Geschichte Josephs.
+
+Da ist ein alter Mann, der viele Söhne hat, aber den jüngsten unter
+ihnen am meisten liebt und ihm einen bunten Rock gibt, um ihn
+auszuzeichnen. Deswegen hassen ihn nun die Brüder und wollen nicht mehr
+freundlich mit ihm reden. Und Joseph erzählt ihnen einen Traum von den
+Garben. »Siehe, wir banden Garben auf dem Felde«, erzählt er, »da stand
+meine Garbe auf und blieb stehen und siehe, eure Garben waren ringsum
+und beugten sich vor meiner Garbe.« Da antworten die Brüder: »Willst du
+denn König werden über uns? willst du herrschen über uns?« Und sie
+hassen ihn noch mehr wegen seiner Träume. Aber Joseph ist sehr arglos,
+er scheint den Grund ihrer Abneigung nicht zu ahnen, er erzählt ihnen
+alsbald einen zweiten Traum, nämlich wie die Sonne, der Mond und elf
+Sterne sich vor ihm beugten. Ein Traum von leichter Deutbarkeit, denn
+elf ist die Zahl der Brüder. Sogar der Vater schilt ihn wegen dieses
+Traumes. »Was denkst du, Joseph,« spricht er vorwurfsvoll, »soll ich und
+deine Mutter und deine Brüder, sollen wir kommen, uns vor dir zu
+beugen?« Und bald darauf gehen die Brüder, die alle Hirten sind, aufs
+Feld, um die Schafe zu weiden, und Joseph wird von seinem Vater zu ihnen
+gesandt. Und wie die Brüder ihn von ferne sehen, sprechen sie
+zueinander: »Seht, da kommt der Träumer.« Und sie beschließen ihn zu
+erwürgen, sie wollen ihn in eine Grube werfen und vorgeben, ein wildes
+Tier habe ihn verzehrt; »dann werden wir ja sehen, was aus seinen
+Träumen wird,« sagen sie hohnvoll. Da ist aber einer unter den Brüdern,
+der Erbarmen hat, und er warnt die andern. Er rät ihnen, den Jüngling in
+die Grube zu werfen, ihn jedoch nicht zu töten. Und so geschieht es
+auch; sie ziehen ihm den Rock aus, den bunten Rock, den er trägt, und
+werfen den Knaben in die Grube, und als dies vollbracht ist, erscheint
+ein Zug von Kaufleuten aus fernem Land, und die Brüder einigen sich
+jetzt, den Joseph zu verkaufen, und sie verkaufen ihn um Geld. Dann
+nehmen sie Josephs Kleid, tauchen es in das Blut eines geschlachteten
+Tieres und sprechen zum Vater: »Das blutige Kleid haben wir gefunden,
+sieh doch, ob es nicht deines jüngsten Sohnes Kleid ist.« Der Alte
+zerreißt sein Gewand und ruft aus: »Trauernd will ich hinunterfahren zu
+meinem Sohn in die Unterwelt.«
+
+Als Caspar so weit gekommen war, versagte ihm die Stimme. Er stand auf,
+legte das Buch beiseite, und seine Brust ward von Seufzern nur so
+geschüttelt. Die Hand vor den Mund gepreßt, erstickte er mit großer
+Anstrengung das heraufquellende Schluchzen.
+
+Quandt stutzte. Er beobachtete den Jüngling scharf. Er hatte dabei den
+schrägen Blick einer an den Pfahl gebundenen Ziege. »Hören Sie mal,
+Hauser,« sagte er endlich. »Sie werden mir doch nicht weismachen wollen,
+daß Sie von dieser simpeln Geschichte so ergriffen sind, die Ihnen noch
+dazu wohlbekannt sein muß; meines Wissens haben Sie ja diesen Teil des
+Alten Testaments schon beim Professor Daumer durchgenommen. Da muß Ihnen
+doch auch gegenwärtig sein, daß es dem Joseph noch recht glücklich
+ergangen ist, denn er war ein reiner und guter Mensch. Ich bitte, sparen
+Sie sich also die Mühe. Wenn Sie pflichtgetreu, aufrichtig und folgsam
+sind, werden Sie bei mir zehnmal besser fahren als durch die unzeitige
+Schaustellung von so weit hergeholten Affekten. Ich glaube Ihnen Ihre
+Tränen einfach nicht; ich denke Ihnen das heute schon einmal deutlich
+genug bewiesen zu haben. Damit erzielen Sie bei mir nur das Gegenteil
+von dem, was Sie beabsichtigen mögen, ich bin nämlich kein Freund von
+Gefühlsausbrüchen, im allgemeinen nicht, und bei so ungegründetem Anlaß
+schon gar nicht. Es ist nachgerade Zeit für Sie, sich an den Ernst des
+Lebens zu gewöhnen. Und weil wir nun schon so offen miteinander reden,
+möchte ich Sie dringend warnen, alle Leute, mit denen Sie zu tun haben,
+für dumm zu halten; das ist eine Verblendung von Ihnen, welche die
+nachteiligsten Folgen haben wird. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, Hauser, ich
+meine es wahrhaft gut mit Ihnen, vielleicht haben Sie keinen bessern
+Freund als mich, was Sie freilich erst einsehen werden, wenn es zu spät
+sein wird. Aber hüten Sie sich, mich hinters Licht zu führen! Und nun
+fahren wir fort. Ich will diesen Zwischenfall als nicht geschehen
+betrachten.«
+
+Im Verlauf dieser eindrucksvollen Predigt war die Stimme des Lehrers
+weich und gütig geworden, und es hatte beinahe den Anschein, als wolle
+er nun Caspar nehmen und an sein Herz drücken. Aber Caspar stand mit
+albernem Gesicht, in welchem ein Lächeln hilflos zuckte, vor ihm da. Was
+ist denn das? dachte er, was will der Mann?
+
+Es war ihm, auch bei späterem Nachdenken, ganz und gar nicht
+verständlich, worauf die Worte des Lehrers hinzielten, und er kam zu der
+Ansicht, daß Quandt der rätselhafteste Mensch sei, dem er je begegnet.
+
+
+
+
+Schloß Falkenhaus
+
+
+Der Präsident traf erst am Dreikönigstag, nach fast vierwöchiger
+Abwesenheit, wieder in der Stadt ein. Die ihm nahestehenden Personen
+wollten eine bedeutende Veränderung seines Wesens an ihm bemerken; er
+erschien wortkarg und finster, und sein Anteil an den Amtsgeschäften
+hatte bisweilen etwas von Lauheit.
+
+Es fiel auf, daß er mehrere Tage verstreichen ließ, ehe er sich nach
+Caspar erkundigte. Als ihn der Hofrat Hofmann während des gemeinsamen
+Nachhausewegs unbefangen fragte, ob er den Jüngling schon gesehen habe,
+gab Feuerbach keine Antwort. Tags darauf erschien der Polizeileutnant
+bei ihm. Hickel stellte sich um die Sicherheit des Hauser besorgt und
+meinte, man solle für eine Überwachung sorgen; der Präsident ging auf
+die Sache nicht weiter ein und sagte bloß, er werde sich’s überlegen. Am
+selben Nachmittag ließ er den Lehrer rufen und stellte ihn über Befinden
+und Betragen seines Zöglings zur Rede. Quandt sagte dies und sagte das;
+es war nicht schwarz noch weiß; zum Schluß zog er einen Brief aus der
+Tasche, es war das Schreiben der Magistratsrätin Behold, welches dem
+Präsidenten zu überreichen er sich entschlossen hatte.
+
+Feuerbach überlas das Schriftstück, und eine Wolke von Mißmut lagerte
+sich auf seine Stirn. »Sie müssen auf derlei Zeug kein Gewicht legen,
+lieber Quandt,« sagte er barsch, »wo kämen wir denn hin, wenn wir auf
+das Gewäsch jeder solchen Närrin hören wollten? Sie haben sich nicht mit
+der Vergangenheit des Hauser zu beschäftigen, das ist nicht Ihres Amts;
+ich habe Sie dazu bestellt, einen tüchtigen Menschen aus ihm zu machen,
+wenn Sie in der Hinsicht zu klagen haben, bin ich ganz Ohr, mit andern
+Dingen verschonen Sie mich.«
+
+Es läßt sich denken, daß eine so grobe Abfertigung die Empfindlichkeit
+des Lehrers tief verletzte. Er ging erbittert heim, und obwohl ihm der
+Präsident den Auftrag gegeben hatte, Caspar am Sonntag früh zu ihm zu
+schicken, teilte er dies dem Jüngling erst zwei Tage später, am Samstag
+abend, mit.
+
+Als Caspar zur bestimmten Stunde ins Feuerbachsche Haus kam, mußte er im
+Flur ziemlich lange warten, dann erschien erst Henriette, die Tochter
+des Präsidenten, und führte ihn ins Wohnzimmer. »Ich weiß nicht, ob der
+Vater Sie heute empfangen wird,« sagte sie und erzählte dann, in der
+vergangenen Nacht sei ein Einbruch in das Arbeitszimmer des Präsidenten
+verübt worden; die unbekannten Täter hätten alle Papiere auf dem
+Schreibtisch durchwühlt und mit Nachschlüsseln die Laden geöffnet; es
+sei anzunehmen, daß die Verbrecher irgend bestimmte Briefe oder
+Handschriften hätten an sich bringen wollen, denn es sei nichts geraubt
+worden, auch die gewünschte Beute hätten sie nicht machen können, da der
+Vater seine wichtigen Papiere gut verwahrt habe; nur die erbrochenen
+Fenster und eine gewaltige Unordnung habe von ihrem Treiben Zeugnis
+gegeben.
+
+Das Fräulein schritt während dieses Berichts in männlicher Weise auf und
+ab, die Arme über der Brust verschränkt, Groll und Zorn in Stimme und
+Miene. Sie sagte, der Vater sei natürlich außer sich über den Vorfall;
+währenddessen öffnete sich die Tür und der Präsident trat in Begleitung
+eines schlanken, etwa dreißigjährigen jungen Mannes auf die Schwelle.
+»Aha, da ist Caspar Hauser, Anselm,« sagte der Präsident. Der Angeredete
+stutzte und blickte Caspar gedankenvoll und zerstreut ins Gesicht.
+Caspar war betroffen von der außergewöhnlichen Schönheit dieses
+Menschen; wie er später erfuhr, war es der zweitälteste Sohn Feuerbachs,
+der, verfolgt von einem widrigen Geschick, für einige Tage ins
+Elternhaus geflüchtet war, um Rat und Hilfe seines Vaters in Anspruch zu
+nehmen. Caspar liebte schöne Gesichter, zumal wenn sie so voll Geist und
+Schwermut waren, bei Männern ganz besonders; aber es war dies nur eine
+kurze Erscheinung, er sah ihn nicht wieder.
+
+Der Präsident ließ Caspar ins Staatsgemach treten und kam erst nach
+einer Weile. Sofort fiel Caspars Blick auf das Napoleonbildnis an der
+Wand. Wie wunderlich es war: solche Ähnlichkeit im Ausdruck der
+stolz-abweisenden Majestät und der finsteren Trauer um die anmutig
+geschwungenen Lippen mit jenem Mann, den er soeben gesehen! Dazu noch
+der prunkvolle Ornat, Krone, Halsschmuck und Purpurmantel. Caspar war
+bewegt; eine höhere Welt tat sich ihm auf; am liebsten wäre er
+hingegangen, um, was an dem Bild gestalthaft schien, mit Händen zu
+packen und, was ihn so hoheitsvoll daraus anredete, in laute Zwiesprach
+zu verwandeln. Unwillkürlich reckte er sich auf, als zwinge ihn die
+königliche Figur zur Nachahmung; er machte ein paar Schritte hin und her
+und war freudig erschrocken bei der Wahrnehmung, daß die Augen des
+Bildes ihn mit dunkler Glut verfolgten.
+
+Also beschäftigt fand ihn der Präsident und blieb überrascht neben der
+Tür stehen. Mochte es Zufall genannt werden oder war es eine der
+unergründlichen Verkettungen, in denen dies nicht gewöhnliche Schicksal
+sich offenbarte, Feuerbach sah in dem zauberartigen Gegenüberstehen von
+Bild und Jüngling etwas wie ein Ordal, eine Beglaubigung von oben. War
+doch Caspars Mutter (seine Mutter, ja, sofern der ganze Bau der
+furchtbaren Annahmen und halben Gewißheiten im Licht der Wirklichkeit
+nur irgend bestehen konnte) durch verwandtschaftliche Bande an jenen
+Heros geknüpft.
+
+»Wissen Sie denn auch, wer das ist, Caspar?« fragte Feuerbach mit lauter
+Stimme.
+
+Caspar schüttelte den Kopf.
+
+»So will ich’s Ihnen sagen. Das ist ein Mann, der die Menschheit davon
+überzeugt hat, daß ein großer Wille alles vermag. Haben Sie denn noch
+nie was vom Kaiser Napoleon gehört? Ich kannte ihn, Caspar, ich habe ihn
+gesehen, ich habe mit ihm gesprochen, ich war Mittelsmann zwischen ihm
+und unserm König Max. Es war eine große Zeit und nicht mehr viel ist von
+ihr übrig.«
+
+Mit wehmütig-sinnendem Blick wandte sich Feuerbach ab. Er spürte die
+Last der Jahre; lange genug hatte er sich gegen ihre Pranken gewehrt;
+fast mit Angst streifte sein Auge den immer noch schweigend dastehenden
+Jüngling, als erwarte er von ihm das Richterwort, das seine nicht mehr
+zu verbergende Ohnmacht der Welt preisgeben mußte. Das zuletzt
+Erfahrene, dort bei den Mächtigen Erlittene überflutete sein Herz mit
+Scham; eine Flamme des Ingrimms und des Hasses gegen alles, was
+Menschen hieß, loderte plötzlich in ihm auf, zähneknirschend rannte er
+ein halbdutzendmal zwischen den Fenstern und der Tür hin und her, und
+erst der Anblick des vor Furcht erbleichten Caspar gab ihm die Besinnung
+einigermaßen zurück, und er stellte die mürrische Frage, ob Caspar bei
+Quandt genug zu essen bekomme.
+
+»Darüber ist nicht zu klagen,« antwortete Caspar.
+
+Den zweideutigen Ton, in welchem er dies vorbrachte, schien Feuerbach zu
+überhören. »Und was ist es mit dem Lord?« fragte er weiter mit einem
+starr-drohenden Blick, »haben Sie schon Nachricht von ihm? Haben Sie
+selbst ihm schon geschrieben?«
+
+»Einmal jede Woche schreib’ ich ihm,« sagte Caspar.
+
+»Wo befindet er sich?«
+
+»Er will jetzt nach Spanien.«
+
+»Nach Spanien; soso; nach Spanien. Das ist sehr weit, mein Bester.«
+
+»Ja, das soll weit sein.«
+
+Diese einsilbige Unterhaltung wurde durch einen Polizeibeamten
+unterbrochen, der eine schriftliche Meldung wegen des nächtlichen
+Einbruchs brachte. Caspar verabschiedete sich.
+
+»Wo bleiben Sie denn so lang?« empfing ihn Quandt ärgerlich.
+
+»Ich war beim Präsidenten, das wissen Sie doch,« versetzte Caspar.
+
+»Schön; aber es verrät wenig Lebensart, daß Sie einen Besuch nicht zu
+kürzen verstehen, wenn man zu Haus mit dem Abendessen auf Sie wartet.«
+
+Das Essen war nämlich eine wichtige Angelegenheit bei Quandts. Der
+Lehrer setzte sich immer mit einer gewissen Rührung zu Tisch, und sein
+prüfender Blick schien alle Teilnehmer der Mahlzeit auf den Grad ihrer
+Andacht zu examinieren. Wenn Frau Quandt verkündigte, was man des Guten
+zu erwarten habe, begleitete der Lehrer ihre Aufzählungen entweder mit
+einem Kopfnicken oder bedenklichem Runzeln der Stirne. Schmeckte ihm ein
+Gericht, so wuchs seine gute Laune, fand es nicht seinen Beifall, so aß
+er jeden Bissen mit einem Ausdruck weltüberlegener Ironie. Für manches
+hatte er eine besondere Vorliebe, wie zum Beispiel für saure Gurken oder
+angewärmten Kartoffelsalat, und er unterließ es dann selten, während er
+sich delektierte, die Einfachheit seiner Bedürfnisse hervorzuheben. Die
+Lehrerin verstand trefflich zu kochen, und wenn ihr eine Leibspeise des
+Mannes gelungen war, blieb sie für sein Lob nicht unempfänglich, obschon
+es bisweilen in eine zu gelehrte Form gekleidet war; so pflegte Quandt
+im Scherz zu sagen, wenn er sie nicht genommen hätte, wäre sicherlich
+der selige Trimalchio wieder auferstanden, um sie zu heiraten. Nach dem
+Abendessen kam die gemütliche Stunde mit Pantoffeln, Schlafrock,
+Lehnstuhl und Zeitungslesen. Ins Wirtshaus ging Quandt fast nie, einmal
+wegen der Kosten und dann, weil er keine Ansprache fand. Er zog die
+bequeme Ofenecke vor.
+
+Aber seit Caspar im Haus weilte, war diese idyllische Abendstimmung ohne
+rechten Reiz. Quandt war gequält und wußte manchmal kaum die Ursache.
+Stellen wir uns einen Hund vor, einen klugen, nervigen, wachsamen Hund.
+Stellen wir uns vor, daß dieser Hund bei seinem Schnuppern in dem
+anvertrauten Revier irgendwo einen Brocken Gift erwischt hat und daß er
+nun, das verderbliche Feuer in seinem Leib, unbewußt das Dunkel sucht,
+alle feuchten Winkel lechzend durchrast, den Schatten verfolgt, die
+Fliege beknurrt, alles um sich und über sich nur auf das eine tolle
+Drängen bezieht und die ganze Welt für vergiftet hält, während es bloß
+seine armen Gedärme sind, so hätten wir ein anschauliches Bild von dem
+Zustand des bedauernswerten Mannes. Sein Dämon schmiedete ihn fest an
+den Jüngling; es wurde ihm vor allen Dingen wichtig, »dahinterzukommen«;
+er hätte ein paar Jahre seines Lebens hergegeben, wenn er dadurch
+geschwind zu der Kenntnis gelangt wäre, was »dahintersteckte«.
+
+Um acht Uhr kam der Polizeileutnant zu Besuch; er war schlecht gelaunt,
+denn er hatte letzte Nacht im Kasino fünfundsechzig Gulden beim Pharao
+verloren und war das Geld noch schuldig. Gegen Caspar zeigte er sich
+auffallend freundlich; er fragte ihn aus, was er mit dem Präsidenten
+gesprochen, nahm aber den getreuen Bericht des Jünglings, als zu
+belanglos, mit Mißtrauen auf.
+
+»Ja, unser guter Freund ist recht zurückhaltend,« beklagte sich Quandt;
+»ich wußte gar nichts von dem Einbruch beim Präsidenten, und mit Müh und
+Not, daß er überhaupt davon erzählt hat. Wissen Sie Näheres, Herr
+Polizeileutnant? Hat man schon Spuren?«
+
+Hickel erwiderte gleichmütig, man habe bei Altenmuhr einen verdächtigen
+Landstreicher aufgegriffen.
+
+»Was doch alles vorgeht!« rief Quandt; »welche Frechheit gehört dazu,
+das Oberhaupt der Behörde zum Opfer eines solchen Anschlags zu machen!«
+Insgeheim aber räsonierte er: recht so; das wird den Unantastbarkeitswahn
+der Exzellenz ein bißchen erschüttern; recht so; auch von den Spitzbuben
+können die großen Herren mitunter eine nützliche Lehre empfangen.
+
+»Es sollte mich sehr wundern,« sagte Hickel mit vornehm geschlossenen
+Lippen – eine Finesse, die er dem Lord Stanhope abgeguckt –, »wenn diese
+Geschichte nicht wieder irgendwie mit unserm Hauser zusammenhinge.«
+
+Quandt machte große Augen, dann schaute er schräg auf Caspar, dessen
+erschrockener Blick dem seinen entglitt.
+
+»Ich habe Gründe zu einer solchen Vermutung,« fuhr Hickel fort und
+starrte die blankgescheuerten Nägel seiner roten Bauernhände an; diese
+Hände flößten Caspar stets einen namenlosen Widerwillen ein; »ich habe
+Gründe und werde vielleicht seinerzeit damit herausrücken. Der Staatsrat
+selber ist gescheit genug, um zu wissen, was die Glocke geschlagen hat.
+Aber er will’s nicht Wort haben, es ist ihm nicht geheuer dabei zumut.«
+
+»Nicht geheuer zumut? Was Sie sagen!« versetzte Quandt, und ein
+angenehmes Gruseln lief ihm über den Rücken. Auch die Lehrerin hörte mit
+dem Strümpfestopfen auf und sah neugierig von einem zum andern.
+
+»Ja ja,« fuhr Hickel fort und lächelte den Lehrer mit seinen
+gelbblinkenden Zähnen an, »sie haben ihm dort unten in München gehörig
+eingeheizt, und er trägt den Kopf bei weitem nicht mehr so
+zuversichtlich. Meinen Sie nicht auch, Hauser?« fragte er und sah bald
+Quandt, bald dessen Frau strahlend an.
+
+»Ich meine, es ist nicht in der Ordnung, daß Sie so vom Herrn Staatsrat
+sprechen,« antwortete Caspar kühn.
+
+Hickel verfärbte sich und biß sich auf die Lippen. »Sieh mal an, sieh
+mal an,« sagte er düster. »Haben Sie das gehört, Herr Lehrer? Schon unkt
+die Kröte, es wird Frühjahr.«
+
+»Eine höchst unpassende Bemerkung, Hauser,« ließ sich Quandt zürnend
+vernehmen. »Sie sind dem Herrn Polizeileutnant Ehrfurcht und
+Bescheidenheit schuldig so wie mir. Gegen den Baron Imhoff oder den
+Generalkommissär würden Sie sich so etwas nicht unterstehen, des bin ich
+sicher. Und ein doppelt Gesicht, ein falsch Gesicht, heißt es. Ich werde
+das dem Grafen schreiben.«
+
+»Echauffieren Sie sich nicht, Herr Lehrer,« unterbrach ihn Hickel, »es
+lohnt sich nicht, man muß es seinem Unverstand zugut halten. Im übrigen
+hab’ ich gestern einen Brief vom Grafen bekommen;« er griff in die
+Rockbrust und zog ein zusammengefaltetes Papier heraus. »Sie möchten
+wohl gerne wissen, was er schreibt, Hauser? Na, gar so schmeichelhaft
+ist es eben nicht für Sie. Der gute Graf macht sich Sorgen wie immer und
+empfiehlt uns rücksichtslose Strenge, falls Sie nicht parieren.«
+
+Caspar machte ein ungläubiges Gesicht. »Das hat er geschrieben?« fragte
+er stockend.
+
+Hickel nickte.
+
+»Er hat sich auch damals zu sehr geärgert über die Heimlichtuerei mit
+dem Tagebuch,« sagte Quandt.
+
+»Das werd’ ich ihm alles erklären, wenn er wiederkommt,« versetzte
+Caspar.
+
+Hickel rieb den Rücken an der Ofenecke und lachte. »Wenn er wiederkommt!
+Wenn! Wer weiß aber, ob er wiederkommt? Mir deucht, er hat nicht allzu
+große Lust dazu. Glauben Sie denn, Sie Kindskopf, so ein Mann hat nichts
+Besseres zu tun, als seine Zeit dahier zu versitzen?«
+
+»Er kommt wieder, Herr Polizeileutnant,« sagte Caspar mit
+triumphierendem Lächeln.
+
+»Oho, oho!« rief Hickel, »das klingt ja allerdings verläßlich. Woher
+weiß man denn das so genau?«
+
+»Weil er es versprochen hat,« entgegnete Caspar mit treuherziger
+Offenheit. »Er hat heilig versprochen, in einem Jahr wieder da zu sein.
+Am achten Dezember hat er’s versprochen, sind also noch zehn Monate und
+sechzehn Tage bis dahin.«
+
+Hickel sah Quandt an, Ouandt sah seine Frau an, und alle drei brachen in
+Gelächter aus. »Im Rechnen scheint er sich ja geübt zu haben,« meinte
+Hickel trocken. Dann legte er Caspar die Hand auf den Kopf und fragte:
+»Wer hat Ihm denn die herrlichen Locken abgeschnitten?«
+
+Quandt erwiderte, Caspar habe es selbst gewünscht, nachdem er ihm
+vorgestellt, daß es für einen erwachsenen Menschen nicht schicklich sei,
+mit so einem Haarwald herumzulaufen. »Sie können jetzt schlafen gehen,
+Hauser,« sagte er hierauf.
+
+Caspar reichte jedem die Hand und ging. Als er draußen war, öffnete
+Quandt leise die Tür und lauschte. »Sehen Sie, Herr Polizeileutnant,«
+flüsterte er Hickel bekümmert zu, »wenn er weiß oder annimmt, daß man
+ihn hört, steigt er ganz langsam und bedächtig die Stiege hinan, wenn er
+sich aber unbeachtet glaubt, da kann er wie ein Hase springen, gleich
+über drei Stufen auf einmal. Ist’s nicht so, Frau?«
+
+Die Lehrerin bestätigte es; und wieviel Umstände er einem mache, fügte
+sie verdrossen hinzu; jetzt sei er sechs Wochen im Haus und habe
+vierzehn Hemden in der Wäsche; immer müsse er herausgeputzt sein wie
+eine Docke, und schon in aller Herrgottsfrüh fange er an, seine Kleider
+zu bürsten.
+
+Sie setzte dem Polizeileutnant ein Gläschen Schnaps vor und ging ins
+Nebenzimmer, um den Säugling zu stillen, der sich schreiend meldete.
+
+»Ja, es ist des Teufels mit ihm,« setzte Quandt das Lamento seiner
+Gattin fort; »da hab’ ich neulich einmal aus der ›Bayrischen
+Deputiertenkammer‹ vorgelesen. Der Hauser stellt sich hinter mich, und
+wie ich fertig bin, liest er den Titel der Zeitung halblaut für sich
+hin, wie wenn ihn das Wort verwundere. Nun wird aber doch die ›Bayrische
+Deputiertenkammer‹ in jedem anständigen Hause gelesen, nicht wahr?
+Außerdem hat er Tag für Tag Gelegenheit gehabt, das Blatt auf unserm
+Tisch zu sehen, und der Name konnte ihm unmöglich neu sein. Ich frage
+also, ob er denn nicht wisse, was das sei, eine Deputiertenkammer.
+Darauf sagt er mir mit seinem unschuldigsten Gesicht: das sei wohl ein
+Zimmer, wo man Leute einsperre. Nun bitt’ ich Sie um alles in der Welt,
+das geht doch über den grünen Klee. Es muß schon ein Engel vom Himmel
+herunterkommen, damit ich solche Ungereimtheiten auf Treu und Glauben
+hinnehmen soll, und selbst dann getrau’ ich mich noch zu bezweifeln, ob
+es auch ein richtiger Engel ist und kein nachgemachter.«
+
+»Was wollen Sie,« antwortete der Polizeileutnant, »es ist alles
+Schwindel, alles ist Schwindel.« Und indem er sich auf den gespreizten
+Beinen hin und her wiegte, loderte in seinen Augen ein unbestimmter,
+träger Haß.
+
+Alles Schwindel; ein Urteil, das sich nicht etwa bloß auf die
+vorgetragene Anekdote bezog, sondern auf das ganze, ihm bis zum Ekel
+gleichgültige Treiben der Menschen, sofern es nicht mit seinem
+Wohlbehagen verknüpft war. Mochten sie sich einander die Köpfe abhacken,
+mochten sie über Himmel und Hölle, um König und Land streiten, mochten
+sie ihre Häuser bauen, ihre Kinder zeugen, mochten sie morden, stehlen,
+einbrechen, schänden und betrügen oder sich ehrlich rackern und edle
+Taten vollbringen, ihm war letzten Endes alles Schwindel, ausgenommen
+der Freibrief für ein sorgenloses Dasein, den ihm die Gesellschaft nach
+seiner Ansicht schuldig war.
+
+Der Ritter von Lang, der an Hickel wegen seines einschmeichelnden Wesens
+Gefallen hatte, pflegte gern zu erzählen, wie Hickel einst mit seinem,
+des Ritters, Sohn, einem jungen Doktor der Philosophie, über die
+Landstraße gegangen und wie der junge Mann, gegen das ausgestirnte
+Firmament deutend, angefangen habe, von den zahllosen Welten dort oben
+zu reden; da habe Hickel mit seinem mokantesten Gesicht erwidert: »Ja,
+glauben Sie denn im Ernst, Doktor, daß diese hübschen Lichterchen etwas
+andres sind als eben – Lichterchen?«
+
+Das war nicht etwa bloß Unbildung, sondern nur der Ausdruck jener
+Überlegenheit, die in dem Worte gipfelte: alles Schwindel.
+
+Man wußte in der ganzen Stadt, daß Hickel über seine Verhältnisse lebte.
+Es war sein Ideal, für einen Kavalier zu gelten, seine Leidenschaft,
+elegant zu sein, auch besaß er die feinste Nase für die Echtheit und
+Legitimität aller damit zusammenhängenden Dinge. Als vor einiger Zeit
+seine Aufnahme in den vornehmen Beamtenklub strittig gewesen war, hatte
+man lange gezögert, denn er war keineswegs beliebt und außerdem war er
+von niedriger Abkunft, seine Eltern waren arme Kätnersleute in Dombühl;
+schließlich hatte er seinen Wunsch mit Hilfe einiger erschlichener
+Familiengeheimnisse durchgesetzt, mit denen er den betreffenden
+Persönlichkeiten bange zu machen verstand. Der Hofrat Hofmann, sein
+früherer Vorgesetzter, gab dem vorherrschenden Gefühl gegen ihn
+bezeichnenden Ausdruck, indem er versicherte: »Er decouvriert sich
+nicht; dieser Hickel decouvriert sich nicht.« In der Tat hatte es stets
+den Anschein, als ob der Polizeileutnant mit etwas Gefährlichem im
+Hinterhalt bleibe.
+
+Ausgezeichnet verstand er es, sich mit dem Präsidenten zu stellen. Er
+durfte sich sogar erlauben, dem sonst so Unnahbaren gewisse Wahrheiten
+zu sagen, die liebenswürdig oder sorgenvoll klangen, im Grunde aber
+nichts waren als verzuckerte Bosheiten. Er besaß eine nicht zu leugnende
+Geschicklichkeit im Erzählen amüsanter Histörchen und mancherlei
+einlaufenden Stadtklatsches. Dies ergötzte Feuerbach und stimmte ihn für
+vieles andre nachsichtig. »Rätselhaft,« sagten die Leute, »was der
+Staatsrat an dem Hickel für einen Narren gefressen hat.« Jedenfalls fand
+der Polizeileutnant stets williges Gehör bei Feuerbach, und mit
+Schlauheit ließ er sich dafür gern gefallen, daß der Präsident in seiner
+bärbeißigen Manier an ihm herum erzog, seinen leichtsinnigen Wandel
+tadelte und seine schlechten Instinkte mit erstaunlichem Scharfblick
+sozusagen in den Wurzeln entblößte. Ist es nicht wahrscheinlich, daß
+gerade dies den Präsidenten verführte und verstrickte? Indem er so klar
+die Leerheit und Düsterkeit dieser Seele durchschaute, hatte er sich
+vielleicht schon zu vertraut gemacht mit ihr, um sie von sich stoßen zu
+können.
+
+Hickel wußte den Präsidenten nach und nach zu überreden, daß man Caspar
+nicht so frei wie bisher herumgehen lassen dürfe, und es wurde als
+Wächter ein alter Veteran bestellt, der einen Stelzfuß hatte und
+einarmig war. Dieser Wackere faßte seine neue Obliegenheit sehr
+gewissenhaft auf und folgte Caspar auf Schritt und Tritt zum Gelächter
+der Gassenjugend. Der Polizeileutnant hatte richtig spekuliert, wenn die
+so fürsorglich aussehende Maßregel dazu dienen sollte, die
+Bewegungsfreiheit des Jünglings möglichst zu hemmen. Es gab Beschwerden
+über Beschwerden, bald von Quandt, bald von Caspar, bald von dem
+Invaliden, den Caspar nicht selten überlistete, indem er sich heimlich
+davonstahl.
+
+Er klagte dem Pfarrer Fuhrmann, bei dem er Religionsunterricht empfing,
+seine Not; dieser ihm wohlgesinnte Greis ermahnte ihn zur Geduld. »Was
+soll es nutzen, geduldig zu sein!« rief Caspar trotzig, »wird ja doch
+immer schlechter!«
+
+»Was es nutzen soll?« versetzte der Pfarrer mild. »Was nutzt es Gott,
+daß er unserm unsinnigen Treiben zuschaut! Durch Geduld führt er uns zum
+Guten. Geduld bringt Rosen.«
+
+Dennoch wandte sich Pfarrer Fuhrmann an den Präsidenten, und dieser
+versprach Abhilfe, ohne jedoch vorläufig etwas zu unternehmen. Die
+jährliche Inspektionsreise durch den Bezirk entfernte ihn für drei
+Wochen aus der Stadt; als er zurückgekehrt war, ließ er eines Tages den
+Polizeileutnant auf sein Arbeitszimmer rufen. »Hören Sie mal, Hickel,«
+redete er ihn an, »Sie sind doch in der hiesigen Gegend ziemlich gut
+bekannt? Schön. Haben Sie mal etwas über das Falkenhaus gehört?«
+
+»Gewiß, Exzellenz,« antwortete Hickel. »Das sogenannte Falkenhaus ist
+ein uraltes markgräfliches Jagdschlößchen im Triesdorfer Wald.«
+
+»Stimmt. Das Objekt interessiert mich schon seit einiger Zeit. Ich habe
+Nachforschungen eingezogen und habe folgendes erfahren. Das Falkenhaus
+hat bis vor ungefähr vier Jahren als Försterwohnung gedient, und zwar
+hat der letzte Förster jahrzehntelang mutterseelenallein dort gelebt.
+Der Mann hat nie mit irgendeinem Menschen verkehrt, ist nie in einem
+Wirtshaus gesehen worden und hat seine Einkäufe in den umliegenden
+Dörfern selbst besorgt. Eines Tages ist er plötzlich verschwunden
+gewesen, und ein verabschiedeter Gendarm soll ihn im Schwäbischen als
+Besitzer oder Verwalter eines Gutshofs wiedergesehen haben. Ich bin auch
+dieser Spur nachgegangen, und es hat sich herausgestellt, nicht nur, daß
+es damit seine Richtigkeit hat, sondern auch, daß der Mann im Oktober
+1830 des Nachts in seinem Bett ermordet worden ist.«
+
+»Davon ist mir nichts bekannt. Ich weiß nur, daß das Falkenhaus verödet
+und unbewohnt ist und daß im Volk allerlei gespensterhaftes Zeug über
+die unheimliche Einsiedelei erzählt wird.«
+
+»Richten Sie jedenfalls Ihr Augenmerk darauf,« sagte der Präsident; »am
+besten, Sie senden einen ortskundigen Mann hin, der sorgfältige
+Erhebungen einziehen soll.«
+
+»Zu Befehl, Exzellenz. Darf ich fragen, um welchen Fall es sich dabei
+handelt?«
+
+»Es handelt sich um Caspar Hauser und seine Gefangenschaft.«
+
+»Ah!« Hickel räusperte sich und machte eine Verbeugung, Gott weiß warum.
+
+»Ich glaube mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen, daß das Falkenhaus die
+Stätte seiner grausamen Kerkerhaft ist. Es war mir schon seit den ersten
+Erzählungen Caspars über die Art seiner Wanderung mit dem Unbekannten
+zweifellos, daß der Ort in Franken selbst, nicht allzu weit von Nürnberg
+oder Ansbach zu suchen sei. Nun haben mich die Spuren zum Falkenhaus
+geführt.«
+
+»Wahrscheinlich brauchen Eure Exzellenz dieses Indizium zu der Schrift
+über den Hauser,« bemerkte Hickel schmeichelnd.
+
+»So ist es.«
+
+»Und soll die Veröffentlichung des Werks noch in diesem Jahr vor sich
+gehen? Exzellenz verzeihen meine Neugier, aber ich bin ja herzlich
+interessiert bei der Sache.«
+
+»Sie fragen mich zu viel, Hickel. Lassen Sie das. Da ist ein Briefchen
+für den Hofrat Hofmann, geben Sie es draußen zur Beförderung. Ich will
+mit dem Hofrat und Caspar morgen nach Falkenhaus fahren. Benachrichtigen
+Sie den Hauser, daß er sich bereithält, erwähnen Sie aber beileibe
+nichts von dem Zweck der Fahrt.«
+
+Zur festgesetzten Stunde fand sich Caspar ein und sah sich alsbald zu
+seiner Verwunderung in der bequemen Kalesche gegenüber dem Präsidenten
+und dem Hofrat sitzen. In selten unterbrochenem Schweigen ging es durch
+die sonnige Frühlingslandschaft.
+
+Sie langten an. Ein Gang durch das verlassene Waldhaus und die
+eingehende Prüfung seiner Lokalitäten brachte nicht den geringsten
+Aufschluß. War ein unterirdischer Raum zu jenem fürchterlichen Gebrauch
+vorhanden gewesen, so hatte der einstige Bewohner ihn sicherlich
+verschüttet, und die Zeit hatte alle Merkmale unsichtbar werden lassen.
+
+Da entdeckte das scharf umhersuchende Auge des Präsidenten im Freien
+neben dem rechten Trakt des Gebäudes eine sonderbar gestaltete Erdgrube.
+Die Anzeichen ließen darauf schließen, daß sich vordem ein Holzschuppen
+oder dergleichen darüber erhoben hatte, denn ringsum lagen noch
+vermorschte Bretter und Balken und rissige Schindeln. Es führten sieben
+in den Sand geschlagene und schon verfallene Stufen hinab, und unten war
+die seltsam geglättete Erde von gelblichem Moos bedeckt.
+
+Feuerbach verfärbte sich, als er dieses sah. Nach langem Versunkensein
+stieg er hinunter, betastete einige Stellen der Wände, bückte sich in
+einer Ecke auf den Boden, alles dies finster und wortlos. Als er wieder
+heraufkam, sah er Caspar durchdringend an. Der aber stand ruhig da und
+ließ den unwissenden Blick in die Tiefen des Forstes schweifen. Ahnt er
+nichts? dachte Feuerbach; ahnt er nicht, worauf sein Fuß tritt? Weckt
+ihn kein Hauch der Vergangenheit? Sprechen die Bäume nicht zu ihm?
+Verrät ihm die Luft nichts? Und da es nicht so scheint, darf ich mich
+unterfangen, mit einem Ja oder Nein die schauerliche Ungewißheit zu
+entscheiden?
+
+Der Wagen hielt an der Heerstraße draußen. Beim Rückweg durch den Wald
+blieb Caspar, den plötzlich eine unbesiegbare Schwermut überfallen
+hatte, die ihn zu langsamem Gehen zwang, ein großes Stück hinter den
+beiden Männern.
+
+Der Hofrat Hofmann benutzte die Gelegenheit, um dem Präsidenten seine
+vernunftgemäßen Zweifel mitzuteilen. »Ich möchte nur eines wissen,«
+sagte er mit verkniffenem Gesicht, »ich möchte wissen, warum man den
+Menschen, wenn er wirklich so lange in Gefangenschaft geschmachtet
+hatte, auf einmal freiließ, und nicht nur das, sondern mitten in eine
+große Stadt gebracht hat, wo er das ungeheuerste Aufsehen erregen, also
+notwendigerweise seine Peiniger verraten mußte. Eine solche Logik will
+mir nicht einleuchten.«
+
+»Mein Gott, dafür lassen sich mancherlei Erklärungen denken,« erwiderte
+der Präsident ruhig; »entweder man war seiner überdrüssig geworden; ihn
+länger zu beherbergen war mit Schwierigkeit, ja mit Gefahr verknüpft;
+sein Kerkermeister konnte den Auftrag erhalten haben, ihn zu töten,
+faßte jedoch in einer begreiflichen Regung des Erbarmens oder der
+Anhänglichkeit oder der Furcht den Entschluß, ihn auf andre Art
+verschwinden zu lassen, und wo konnte das mit mehr Aussicht auf Erfolg
+geschehen als gerade in einer großen Stadt? Man dachte sich die Sache
+so: der Rittmeister Wessenig, dem mitgegebenen Schreiben folgend, steckt
+ihn unter die Soldaten; dort gibt es der Analphabeten und Halbidioten
+die Menge, dort wird er nicht weiter auffallen, vermeinte der Verbrecher
+in einem Optimismus, der freilich nur von seiner eignen Unbildung
+zeugt. Als aber die Dinge einen ganz andern Weg nahmen, bekam er’s mit
+der Angst, teilte sich, mußte sich denen mitteilen, welche die Fäden von
+Anfang an in der Hand hielten, und diese mußten zusehen, wie sie den
+furchtbarsten Zeugen ihrer Schuld wieder unschädlich machen konnten, der
+nun, geschützt von einer Welt, ihnen als Auferstandener gegenübertrat.«
+
+»Sehr fein, sehr fein,« murmelte der Hofrat beifällig, ohne merken zu
+lassen, daß er keineswegs überzeugt war.
+
+Spät nachmittags kamen sie in die Stadt zurück. Caspar trennte sich von
+den Herren und ging heimwärts. Auf dem Promenadeweg begegnete er Frau
+von Imhoff. Sie begrüßte ihn und fragte, warum er sich so lange nicht
+bei ihr sehen lasse.
+
+»Hab’ keine Zeit, hab’ viel zu arbeiten,« antwortete Caspar, doch mit so
+verlegenem Gesicht, daß die kluge Dame merkte, dies könne nicht der
+wahre Grund sein. Sie unterließ es aber, ihn auszuforschen, und fragte
+ablenkend, ob er sich auch des Frühlings recht erfreue.
+
+Caspar schaute in die Luft und in die Kronen der Ulmen, als habe er den
+Frühling bis jetzt übersehen, und schüttelte den Kopf. Gern hätte er
+vieles gesagt, das Herz war ihm voll, übervoll, doch auf der Zunge lag
+es wie ein Stein, und er hatte nicht das Gefühl, daß diese Frau, so
+freundlich sie sich auch gab, wirklich für ihn aufgelegt sei. Was kann
+es nutzen? dachte er.
+
+»Ich habe Ihnen einen Gruß zu bestellen,« sagte sie dann beim Abschied
+und nachdem sie ihn für den Sonntag zu Tisch gebeten hatte; »erinnern
+Sie sich noch der Geschichte meiner Freundin, die ich am Abend, als Lord
+Stanhope bei uns war, erzählt habe? Die läßt Sie grüßen. Und ein Gruß
+bedeutet bei ihr viel.«
+
+»Wie heißt die Frau?« fragte Caspar, genau wie damals, nur nicht
+lächelnd und froh, sondern zerstreut.
+
+Frau von Imhoff lachte; diese Wißbegier nach einem Namen erschien ihr
+komisch. »Kannawurf heißt sie, Clara von Kannawurf,« antwortete sie
+gutmütig.
+
+Ganz hübsch, daß sie mich grüßen läßt, dachte Caspar, während er seinen
+Weg fortsetzte, aber was kann es nutzen? Was soll’s mir nutzen?
+
+
+
+
+Quandt begibt sich auf ein heikles Gebiet
+
+
+Kaum war Caspar zu Haus in die Wohnstube getreten, so merkte er, daß
+etwas Besonderes los sein mußte. Quandt saß am Tisch und korrigierte mit
+finsterer Miene die Schülerhefte, die Lehrerin wiegte den Säugling auf
+den Knien und erwiderte, dem Beispiel ihres Mannes folgend, seinen
+Abendgruß nicht. Die Lampe war noch nicht angezündet, ein scharlachner
+Abendhimmel flammte durch die Fenster, und als Caspar seinen Hut
+aufgehängt, ging er wieder hinaus in den Hof. Dort spielte das
+vierjährige Söhnchen des Lehrers mit Schussern, Caspar setzte sich
+daneben auf die Steinbank; nach einer Weile erschien Quandt, und kaum
+hatte er die beiden beieinander gesehen, als er hineilte, das Kind bei
+der Hand ergriff und es rasch wie von einem mit ansteckender Krankheit
+Behafteten wegführte.
+
+Caspar folgte alsbald dem Lehrer ins Haus. Doch Quandt war nicht im
+Zimmer, und er traf die Frau allein. »Was gibt es denn bei uns, Frau
+Lehrerin?« fragte er.
+
+»Na, wissen Sie denn nicht?« versetzte die Frau befangen. »Haben Sie
+denn nichts davon gehört, daß sich die Magistratsrätin Behold zum
+Fenster heruntergestürzt hat? Es steht in der Nürnberger Zeitung heut.«
+
+»Heruntergestürzt?« flüsterte Caspar aufgeregt.
+
+»Ja; vom Dachboden ihres Hauses hat sie sich in den Hof gestürzt und den
+Kopf zerschmettert. Die ganze letzte Zeit her soll sie sich wie eine
+Verrückte aufgeführt haben.«
+
+Caspar wußte nichts zu sagen; seine Augen erweiterten sich, und er
+seufzte.
+
+»Es scheint Ihnen ja nicht besonders nahezugehen, Hauser,« ließ sich
+plötzlich die Stimme Quandts vernehmen, der leise hereingetreten war,
+als er die beiden sprechen gehört hatte.
+
+Caspar wandte sich um und sagte traurig: »Sie war ein schlechtes Weib,
+Herr Lehrer.«
+
+Quandt stellte sich dicht vor ihn hin und rief schneidend: »Unseliger,
+der du dich nicht entblödest, das Andenken einer Toten zu besudeln! Das
+soll Ihnen unvergessen bleiben! Nun haben Sie Ihre schwarze Seele
+enthüllt! Pfui, pfui, sage ich, und abermals pfui! Gehen Sie mir aus den
+Augen! Fällt es Ihnen denn nicht aufs Herz, daß die Hingegangene am Ende
+vielleicht durch Sie, durch den Kummer über den erlittenen Undank zu
+einer solchen Tat getrieben wurde? Ahnen Sie das nicht? Freilich, ein
+Selbstsüchtling wie Sie schert sich wenig um die Leiden andrer Menschen,
+ihm ist nur das eigne Wohlergehen wichtig.«
+
+»Mann, Mann, beruhige dich doch,« mischte sich die Lehrerin ein mit
+einem scheuen Blick auf Caspar, der aschfahl geworden war und mit völlig
+geschlossenen Augen dastand, während er die Fingerspitzen seiner Hände
+gegeneinander gelegt hatte.
+
+»Du hast recht, Frau,« erwiderte Quandt, »ich vergeude meine Entrüstung
+an taube Ohren. Was kann an einem Menschen noch zu bessern sein, der
+selbst dem Tod gegenüber nicht ein bißchen Andacht und Demut aufbringt?
+Da ist Hopfen und Malz verloren.«
+
+Als Caspar in sein Zimmer kam, glänzte noch die letzte Glut des
+Sonnenuntergangs über den Hügeln. Er setzte sich ans Fenster, nahm einen
+der Blumentöpfe zur Hand und schaute darauf nieder. Die Stengel in den
+Hyazinthenkelchen schüttelten sich, und ihm war, als vernehme er fernes
+Geläute. Er wünschte sich das Angesicht einer Blume, um keinen Blick
+eines Menschenauges erwidern zu müssen. Oder er wünschte wenigstens sich
+im Schoß einer Blume bergen zu können, solange bis das Jahr vorüber war,
+von dessen Wende er so vieles hoffte. Dort könnte man stille sein und
+warten.
+
+In den nächsten Tagen wurde der Magistratsrätin keine Erwähnung getan,
+Quandt vermied es sorgfältig, den Namen der Frau Behold zu nennen. Um so
+mehr war er überrascht, als Caspar selbst davon anfing; am Samstag beim
+Mittagessen sagte er plötzlich, es gereue ihn, was er über die Tote
+gesagt, er sehe ein, daß es unrecht sei, eine Verstorbene anzuklagen.
+
+Quandt horchte hoch auf. Aha, dachte er, sein Gewissen regt sich! Aber
+er entgegnete nichts, sondern verzog nur das Gesicht, als wolle er
+sagen: Lassen wir das, ich weiß mein Teil. Doch stach ihn die Galle, und
+während sie alle drei schweigend die Suppe löffelten, konnte er sich
+nicht enthalten zu sagen: »Sie müßten sich doch eigentlich bis in den
+Fußboden hinein schämen, Hauser, wenn Sie an Ihr Benehmen gegen die
+unschuldige Tochter der Magistratsrätin denken.«
+
+»Wieso?« versetzte Caspar verwundert. »Was hab’ ich denn getan?«
+
+»Ei, wollen Sie auch jetzt noch das Lämmchen spielen?« antwortete der
+Lehrer abschätzig. »Gottlob hab’ ich alles schriftlich und eigenhändig
+von der Seligen, da hilft kein Leugnen.«
+
+Caspar staunte unruhig vor sich hin. Er fragte wieder, da ging Quandt
+zum Sekretär, holte aus einer Schublade den Brief der Frau Behold hervor
+und las, neben Caspar stehend, mit dumpfer Stimme vor: »Ist viel Gerede
+gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem
+Dahergehörigen. Auch hierüber kann ich ein Wörtlein melden, denn ich
+hab’s mit meinen eignen Augen gesehen, wie er sich meiner damals
+dreizehnjährigen Tochter ... unziemlich und unmißverstehlich näherte.«
+
+Caspar begriff allmählich. Langsam legte er Löffel und Brot beiseite,
+und der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Seine Augen wurden ganz
+dunkel, er erhob sich, rief mit jammernder Stimme: »Ach, diese Menschen,
+diese Menschen!« und stürzte hinaus.
+
+Das Ehepaar sah einander an. Die Lehrerin legte die Hand breit auf das
+Tischtuch und sagte nachdrücklich: »Nein, Quandt, ich kann’s nicht
+glauben. Da muß sich die selige Rätin geirrt haben. Er weiß doch nicht
+mal, was eine Frau ist.«
+
+Auch Quandt war gerührt. »Das eben steht dahin, das wäre zu beweisen,«
+meinte er kopfschüttelnd. »Du bist leichtgläubig, meine Gute. Ich
+erinnere dich nur daran, daß er bei der Geburt unsers Mädchens zu meiner
+Befremdung wie ein gereifter Mann über die Sache sprach. Es war mir das
+gleich enorm verdächtig. Immerhin gebe ich zu, daß Frau Behold in dem
+Brief zu weit gegangen sein mag und daß ich mich infolgedessen zu einer
+Übereilung habe hinreißen lassen. Aber ich muß dahinterkommen, wie weit
+seine Wissenschaft in dem Punkte geht, denn an sein Kindergemüt, das
+weißt du, glaub’ ich nun einmal nicht.«
+
+»Du mußt ihn wieder versöhnen, Quandt, es war zu arg, das da,« sagte die
+Lehrerin.
+
+Quandt machte eine bedenkliche Miene. »Versöhnen? Ja, gut; ich will’s
+gern tun. Aber er ist dann immer so lieb und anschmiegsam, daß man ihm
+schwer widerstehen kann, und dadurch wird das objektive Urteil getrübt.
+Ich werde morgen einmal mit dem Pfarrer Fuhrmann über das Thema
+sprechen.«
+
+Gesagt, getan. Doch leider zeigte Quandt bei diesem Anlaß die
+Umständlichkeit einer alten Jungfer und umschrieb das, was er sagen
+wollte, mit blühenden Redefiguren, als ob zwischen Mann und Weib nur
+Beziehungen ätherischer Art wären, die zuweilen unglücklicherweise in
+den Staub gezogen und befleckt würden durch beleidigende, aber nicht
+auszurottende Zwischenfälle.
+
+Der geistliche Herr mußte lächeln. Nach einigem verwunderten Nachdenken
+antwortete er, er habe an Hausers Charakter nach dieser Richtung etwas
+Anstößiges nicht im geringsten beobachtet, Caspar scheine ihm in allem,
+was das Verhältnis der Geschlechter betreffe, noch ein vollständiges
+Kind. Zum Beweis dessen erzählte er dem Lehrer, daß Caspar vor ungefähr
+einem Monat beim Lesen einer Bibelstelle, die ihm aufgefallen war und
+die er ihm so gut es ging erklärt, mit schönem Zaudern von einer
+gewissen wiederkehrenden Beunruhigung gesprochen habe, einem Zustande,
+der ihn sicherlich schon oft bedrängt und für dessen Deutung er nirgends
+eine vertrauende Ansprache gefunden. Der alte Mann versicherte, daß ihm
+die Art und Weise, wie Caspar dies vorgebracht, unvergeßlich sein werde,
+es habe wie ein ahnungsloser Vorwurf gegen die Natur geklungen, die
+etwas mit ihm anstellte, wogegen er sich nicht wehren könne.
+
+Quandt ließ sich kein Wort entgehen. Er sah das mit ganz andern Augen
+an. Er erblickte darin die Merkmale einer verderbten Phantasie. Doch
+äußerte er von seiner Ansicht gegen den Pfarrherrn nichts, sondern begab
+sich in stillem Vorbedacht nach Hause, legte sich emsig auf die Lauer
+und paßte die Gelegenheit ab.
+
+Am Tag darauf sollte Caspar bei Imhoffs essen, er kam aber wieder
+zurück, denn die Baronin war krank und lag zu Bett. Beim Abendtisch kam
+das Gespräch darauf, und da Quandt sein Bedauern ausdrückte, sagte
+Caspar: »Ach, die wird vielleicht nie mehr ganz gesund.«
+
+»Was reden Sie da, Hauser,« fiel die Lehrerin ein, »so eine junge Frau,
+so reich und so schön.«
+
+»Ach,« entgegnete Caspar wehmütig, »Reichtum und Schönheit tun’s nicht.
+Die hat sich schon zu sehr hinuntergegrämt.«
+
+»Ja, hat sie denn ihren Kummer am Ende Ihnen anvertraut?« forschte
+Quandt ungläubig.
+
+Caspar beantwortete die Frage nicht und fuhr wie zu sich selbst redend
+fort: »Nichts fehlt ihr auf der Welt, nur der Mann ist nicht wie er sein
+sollte, hat andre lieber. Warum? Er ist doch sonst so gescheit! Aber
+wenn sich die Frau auch zu Tod betrübt, deshalb wird es nicht besser.
+Und die Leute hinterbringen ihr alles; ich hab’ ihr gesagt, das sind
+keine Freunde, die Ihnen solches Zeug erzählen, wahre Freunde sind das
+nicht.«
+
+»Hm,« machte Quandt und schaute eigentümlich lächelnd auf seinen Teller.
+Er besiegte sein Schamgefühl und fragte mit gezwungener Leichtigkeit, ob
+denn Herr von Imhoff in neuerer Zeit seiner Frau wieder Anlaß zur Sorge
+gegeben habe, seines Wissens habe doch erst im März eine Versöhnung
+stattgefunden.
+
+»Ja, freilich hat er Anlaß gegeben,« versetzte Caspar unbefangen, »es
+ist ja wieder ein Kind von ihm da.«
+
+Quandt erschrak. Da haben wir’s, dachte er. Und so hart es ihn auch
+ankam, er beschloß, Caspar gleich auf den Zahn zu fühlen. Er wechselte
+mit seiner Frau einen Blick des Einverständnisses und bat sie, sie solle
+nach den Kindern schauen. Als nun die Frau das Zimmer verlassen hatte,
+wandte sich der Lehrer, blaß und aufgeregt durch die Schwierigkeit
+seines Vorhabens, an Caspar und fragte ihn unvermittelt, ob er schon
+einmal mit einem Frauenzimmer etwas gehabt habe, es lägen verschiedene
+Mutmaßungen vor, und Caspar möge offen wie mit einem Vater zu ihm reden.
+
+Diese Worte stimmten Caspar dankbar; er sah in ihnen ein Zeichen von
+Teilnahme, obgleich er ihren Sinn und Zweck nicht verstand, sondern bloß
+das trübe Element, aus dem sie stiegen, furchtsam ahnte.
+
+Er überlegte. »Mit einem Frauenzimmer? Ja wie?« murmelte er.
+
+»Meine Frage ist doch deutlich, Hauser; stellen Sie sich nicht so
+kindisch.«
+
+»Ja, ich versteh’ schon,« sagte Caspar eilig, um die gute Laune des
+Lehrers nicht zu verscherzen; »und da ist auch was gewesen.«
+
+»Na, nur heraus damit! Nur Mut!«
+
+Und harmlos begann Caspar zu erzählen: »So vor ungefähr sechs Wochen
+hab’ ich meinen Sonntagsanzug zur Putzerin in die Uzensgasse getragen.
+Sie wissen doch, Herr Lehrer, es ist das kleine Haus neben dem Bäcker.
+Wie ich hingekommen bin, war der Laden versperrt, da bin ich hinauf in
+die Wohnung gegangen und hab’ an die Tür geklopft. Da hat mir ein junges
+Mädle aufgemacht und war im Nachtkleid, weiter hat sie nichts am Leib
+gehabt, die ganze Brust hat man sehen können, es war scheußlich. Sie hat
+mir die Sachen abgenommen und hat gesagt, sie wollt’ es der Putzerin
+ausrichten. Ich war immer noch vor der Tür. Komm nur herein, sagt sie.
+Da bin ich hinein und frage, was sie will. Da hat sie angefangen vor mir
+herumzutänzeln, hat gelacht und sonderliches Zeug geredet, hat mich
+gefragt, ob ich ihr Bräutigam sein will, und zuletzt –« er zögerte
+lächelnd.
+
+»Zuletzt? Was zuletzt?« fragte Quandt, indem er den Kopf weit vorbeugte.
+
+»Zuletzt hat sie verlangt, ich soll ihr einen Kuß geben.«
+
+»Nun, und?«
+
+»Da hab’ ich ihr gesagt, dazu soll sie sich einen andern wünschen, ich
+versteh’ mich nicht aufs Schmatzen.«
+
+»Und weiter?«
+
+»Weiter? Weiter war nichts. Ich bin dann fortgegangen und sie hat mir
+vom Fenster aus nachgeschaut.«
+
+»Wie konnten Sie denn das bemerken?«
+
+»Weil ich mich umgedreht hab’.«
+
+»Soso. Umgedreht. Wie heißt die Person?«
+
+»Das weiß ich nicht.«
+
+»Das wissen Sie nicht? Hm. Und ... ein zweites Mal waren Sie nicht
+dort?«
+
+Caspar verneinte.
+
+»Schöne Geschichten,« murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum
+Himmel.
+
+Er spürte vorsichtig nach. Er erfuhr, daß bei jener Putzmacherin
+wirklich ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne. Der
+Erzählung Caspars noch näher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die
+Rücksicht auf seinen Ruf, hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen,
+daß der Jüngling an der ganzen Begebenheit so unschuldig nicht sein
+konnte, als er sich anstellte; denn, so argumentierte er, zu einem
+derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen Geschöpfs kann nur
+ein Mensch Anlaß geben, dem eine gewisse moralische Unzulänglichkeit auf
+der Stirn geschrieben steht.
+
+Ja, wenn er nicht lügen würde, dann wäre alles anders, dachte Quandt;
+aber er lügt, er lügt, und das ist das Fürchterliche. Hat er mir nicht
+erzählt, die Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter
+Taschentücher geschenkt? Kein Wort wahr. Hat er nicht behauptet, er
+kenne den Ministerialrat von Spieß und habe im Schloßtheater mit ihm
+gesprochen? Lüge. Hat er nicht dem Musikus Schüler weisgemacht, er habe
+die Idyllen von Geßner gelesen, und als ich ihn danach fragte, wußte er
+kein Wort darüber zu sagen, wußte nicht einmal, was eine Idylle ist?
+Gibt er nicht immer vor, dringende Besorgungen zu haben, einmal für den
+Präsidenten, das andre Mal für den Hofrat, und später zeigt es sich, daß
+er bloß herumgebummelt ist, um einen neuen Schlips spazierenzutragen?
+Steht das nicht alles fest, oder bin ich selbst so dumm und so
+ungerecht, daß ich diesen Dingen eine Bedeutung zumesse, die niemand
+sonst darin finden kann?
+
+Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt für Punkt
+die verdammenswerten Vergehungen vor.
+
+»Sehen Sie denn nicht, lieber Quandt,« sagte darauf der Pfarrer, »daß
+das lauter armselige, kleine Lüglein sind, kaum daß sie den Namen
+verdienen? Es ist das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre
+Ohnmacht bemitleidenswerte Anstrengung, Fesseln abzustreifen, oder gar
+nur das harmlose Vergnügen an einem Wort, an einer Redensart. Vielleicht
+spielt er nur mit seiner Zunge, wie er andre Menschen damit spielen
+sieht, nur eben viel ungeschickter.«
+
+»So?« ereiferte sich Quandt, »dann will ich Ihnen, Hochwürden, eine
+Geschichte erzählen, die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt.
+Hören Sie zu. Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter
+mit abgebrochener Handhabe; sie zeigt es meiner Frau, meine Frau macht
+mich darauf aufmerksam, und ich konstatiere, daß der Henkel nicht
+abgebrochen, sondern abgeschmolzen ist; das Rohr war bis ganz hinunter
+von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von außen rötlichblau
+überflammt, in der Schale konnte man deutlich sehen, wie hoch das
+zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt
+war; von der ganzen Kerze, die Hauser den Abend zuvor erhalten, war
+keine Spur mehr da. Nun müssen Sie wissen, daß ich ihm streng verboten
+hatte, bei Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten; trotzdem wollte ich
+ihn schonen und ließ ihn nur durch meine Frau verwarnen. Aber da leugnet
+er plötzlich alles ab, versichert, daß er die Kerze weder wissentlich
+habe verbrennen lassen, noch dabei eingeschlafen sei und erkühnt sich am
+Ende zu der Behauptung, es sei gar nicht sein Leuchter, sondern der der
+Magd, denn beide sähen gleich aus. Was sagen Sie dazu?«
+
+Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Wir dürfen doch nicht vergessen, daß er
+trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist,« erwiderte er
+nachdenklich. »Ich habe mich selbst davon überzeugt. Ich besitze eine
+kleine Elektrisiermaschine, mit der ich manchmal ein bißchen
+experimentiere. Neulich nahm ich das Ding vor, während Caspar dabei war,
+ließ die Funken springen und lud die Leidener Flasche. Da wird mir der
+arme Mensch bleich und zusehends bleicher, fängt zu zittern an, spreizt
+die Finger starr von sich und sein Körper zuckt wie ein Hecht, den man
+auf den Sand wirft. Ich war sehr erschrocken und räumte das Zeug
+beiseite, worauf er wieder in seinen gewöhnlichen Zustand zurückkehrte.
+Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher, wie er mir gestand;
+wenn er im Bette lag, hatte er kalten Schweiß, und die Dinge, die er
+anfühlte, stachen ihn wie mit winzigen Nadeln. Bezeichnenderweise sagte
+er, beim Gewitter sei ihm jedesmal ähnlich, da kitzle ihn und brenne ihn
+das Blut, daß er immerfort schreien möchte.«
+
+»Und daran glauben Sie?« rief Quandt, die Hände zusammenschlagend.
+
+»Ja, warum denn nicht?«
+
+»Nun, wenn Sie daran glauben, befinde ich mich allerdings in einem
+großen Nachteil gegen den Menschen, das muß ich zugeben,« sagte Quandt.
+»Das muß ich zugeben,« wiederholte er bekümmert.
+
+So ist es immer, dachte der Lehrer auf dem Nachhauseweg; erst wird
+entschuldigt und beschönigt, und wenn man seine triftigen Gründe
+vorbringt, werden die Achseln gezuckt, und man tischt einem Histörchen
+auf, die nicht gestogen und geflogen sind, und von denen sich kein Jota
+beweisen läßt. Was für ein Satan steckt doch in dem Burschen, daß er
+überall Neigung und Teilnahme zu erwecken versteht, wo er sich auch
+zeigen mag! Daß kein Mensch seine Laster sehen will und ganz fremde
+Leute, darauf versessen, ihn kennen zu lernen, das windigste Entzücken
+äußern und ihn verhätscheln, als ob sie verzaubert wären, als ob er
+ihnen ein Liebestränkchen eingegeben hätte!
+
+Das erbitterte Quandt. Er sagte sich: nehmen wir an, ich träte unter
+unbekannte Menschen und gäbe vor, der Heilige Geist oder sein Apostel zu
+sein oder spielte mich als Wundertäter auf, und es fiele dem oder jenem
+bei, ein wirkliches Wunder zu verlangen, und ich müßte zugeben, es sei
+die blanke Spiegelfechterei, was würde da passieren? Man würde mich ins
+Narrenhaus stecken oder mit Prügeln traktieren; ja, das würde man, wenn
+ich auch noch so ein Engelsgesicht aufsetzte, das würde man, und mit
+Recht; nicht aber würde man mich mit Geschenken überhäufen und mich
+anhimmeln und meine schönen Augen und weißen Hände bewundern und mir
+Haare zum Andenken abschneiden, wie ich das, Gott sei’s geklagt, von
+einer verblendeten Menschheit hier erleben muß.
+
+Aus einem Selbstgespräch solcher Art geht klar hervor, wieviel
+Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkämpfe dem Lehrer aus dem Umgang
+mit seinem Zögling erwuchsen.
+
+Und was war früher mit ihm? grübelte Quandt. Wo kommt er eigentlich her?
+Dahinter müßte doch zu kommen sein. Wie hat er sich das alles
+zurechtgelegt, womit er die Dunkelmänner betört? Ja, das ist eben das
+Geheimnis, sagen die Dunkelmänner. Geheimnis? Es gibt kein Geheimnis;
+ich verwerfe das Geheimnis. Die Welt von oben bis unten ist ein klares
+Gebilde, und wo die Sonne scheint, verstecken sich die Eulen. Gäbe mir
+nur der Herrgott einen Wink, wie ich dieser diabolischen
+Verstellungskunst zu Leibe gehen könnte! Man müßte einmal ernstlich
+zusehen, wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt.
+Das Tagebuch scheint zu existieren, es scheint damit seine Richtigkeit
+zu haben, abgesehen von allem Geflunker; vielleicht ist es eine Art
+Beichtgelegenheit für ihn; man muß dahinterkommen.
+
+Die Begebenheiten halfen Quandt, rascher dahinterzukommen, als er
+gehofft.
+
+
+
+
+Eine Stimme ruft
+
+
+Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen
+an ihn, den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde für Caspar
+bestimmten Brief des Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jüngling
+klipp und klar befahl, das Tagebuch an Hickel auszuliefern.
+
+Caspar überlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er
+weigerte sich zu gehorchen.
+
+»Ja, mein Bester,« sagte Hickel, »wenn es nicht gutwillig geht, muß ich
+leider Gewalt anwenden.«
+
+Caspar besann sich, dann sagte er mit trüber Stimme, der einzige, dem er
+das Tagebuch geben könne, sei der Präsident, und dem wolle er es morgen
+bringen, wenn man darauf bestehe.
+
+»Gut,« entgegnete der Polizeileutnant, »ich werde Sie morgen früh
+abholen, und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten.«
+
+Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natürlich keine Lust, das Tagebuch
+in die Hände Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern,
+hatte er Auftrag, und er überlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft,
+so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des
+Präsidenten, um sich zu beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar
+vertraute seine Sorge der Tochter an, und diese versprach dem Vater
+Bericht zu geben.
+
+Nachmittags läutete es bei Quandts, und der Präsident trat ins Zimmer.
+Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den
+gehüteten Schatz nicht ausliefern zu müssen, sich eine Ausrede erdacht,
+und als der Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob
+es wahr sei, daß er es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es
+verbrannt.
+
+Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen
+Ausrufs nicht enthalten.
+
+»Wann haben Sie es verbrannt?« fragte Feuerbach ruhig.
+
+»Heute.«
+
+»Und warum?«
+
+»Damit ich’s nicht hergeben muß.«
+
+»Warum wollen Sie es nicht hergeben?«
+
+Caspar schwieg und starrte zu Boden.
+
+»Das ist eine Lüge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz,« zeterte
+Quandt, bebend vor Ärger. »Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt
+hat, so muß es schon länger beiseitegebracht sein. Von Weihnachten an
+hab’ ich es überall gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab’ ich
+Umschau gehalten, und nie, niemals war eine Spur davon zu finden.«
+
+Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an;
+es war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. »Wo war denn
+das Tagebuch aufbewahrt, Caspar?« fuhr er dann zu fragen fort.
+
+Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt;
+bald unter den Büchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter
+der Schreibkommode. Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und
+lächelte böse. »Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?«
+inquirierte er.
+
+»Ja.«
+
+»Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?«
+
+»Gehen Sie jetzt, Caspar,« schnitt der Präsident das Zwiegespräch
+gebieterisch ab. »Ich begreife nicht,« wandte er sich, als Caspar
+draußen war, an den Lehrer, »weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes
+Gewicht auf das Tagebuch legt; wahrscheinlich überschätzt er die ohne
+Zweifel harmlosen Schreibereien. Mit Güte und Überredung wäre man
+übrigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl.«
+
+»Güte, Überredung?« versetzte Quandt händeringend. »Da haben Euer
+Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Güte
+entfesselt man nur seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu
+überreden, vergrößert seine Bockbeinigkeit. Ja, er dünkt sich schon
+etwas, stellt sich auf die Hinterfüße, hält Widerpart und ist fähig, mir
+eine Antwort zu geben, daß ich dastehe wie vor den Mund geschlagen. Euer
+Exzellenz mögen verzeihen, aber ich bin der Meinung, daß sogar Sie durch
+Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können.«
+
+»Na, na,« machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah düster in die
+regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.
+
+»Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu
+versichern, daß er das Tagebuch nicht verbrannt hat,« schloß Quandt mit
+beschwörender Stimme.
+
+Der Präsident antwortete nichts. Wie widerwärtig war es ihm, all den
+kleinen Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn
+dürstete nach Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mußte es werden,
+dann – Friede.
+
+Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rückte
+die Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke.
+In der Tat war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd
+herauf. »Hat der Hauser in letzter Zeit den Hammer gehabt und haben Sie
+ihn klopfen gehört?« fragte er. Die Magd bejahte; er habe vorige Woche
+Hammer und Nägel aus der Küche geholt, und sie habe ihn klopfen gehört.
+
+Plötzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte
+er, und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, muß die Asche noch im
+Ofen zu finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, öffnete das
+Türchen und scheuerte mit gierigen Händen alles, was von verbrannten und
+verkohlten Resten in dem Loch war, heraus auf den Boden.
+
+Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, daß die größeren
+Stücke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann.
+Sorgsam schob er die Trümmer auseinander. Er fürchtete das eine oder das
+andre mit dem Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes
+zur Seite; wenn es beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen,
+fand aber keinen Zusammenhang.
+
+Da näherten sich Schritte und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt über
+die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hände und Gesicht von Ruß
+geschwärzt waren, indes ihm der Schweiß von den Haaren troff.
+
+Quandt ließ sich nicht stören. »So viel Asche kann doch unmöglich von
+dem einen Tagebuch herrühren,« sagte er.
+
+»Ich hab’ auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt,« erwiderte
+Caspar.
+
+Die kühlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornröte ins Gesicht; er
+stand hastig auf, murmelte etwas durch die Zähne und verließ das Zimmer,
+die Tür hinter sich zudonnernd. »Sie kommen mir heut abend nicht mit auf
+die ›Ressource‹,« schrie er auf der Stiege.
+
+In der »Ressource« war ein Gartenfest, das der Schützenverein
+veranstaltete. Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen,
+dergleichen kostete immer Geld. Aber die Frau wollte auch einmal ein
+Amüsement haben, war des verdrießlichen Zuhausehockens satt. Sie hatte
+sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid für diesen Zweck gemacht, und
+so mußte denn der Lehrer sich fügen und, wie er sich ausdrückte, der
+Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend schön
+geworden war.
+
+Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und
+genoß der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lächeln umspielte seine
+Lippen, als er zur Wand ging, den Stahlstich über dem Kanapee
+herunternahm, die hinter dem Bild befestigte Holztafel loslöste und nun
+das so verborgene Tagebuch hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch,
+blätterte nachdenklich in dem Heft herum und überlas einige Stellen.
+
+Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepreßt in den
+Verlauf von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher
+Geschwindigkeit Epoche an Epoche drängend. Was es an mangelhaft
+Ausgesprochenem, Geschildertem enthielt, die unschuldigen Ergüsse erster
+Freuden und Schmerzen, das erste bange Welterkennen, knabenhafte
+Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als feindlich
+empfundenen Mächten irdischer und überirdischer Natur, alles das hätte
+die auf diese Beute versessenen Jäger bitter enttäuscht. Aber es war
+nicht für jene, es war für die Mutter, ihr war es zugelobt ein für
+allemal, und mit der ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke
+ganz unfaßlich, daß ein andres Auge je auf diesen Blättern ruhen sollte.
+Es mag auch sein, daß ihm das Heft nach und nach in der Einbildung zu
+seinem einzigen wirklichen Besitz geworden war; das einzige Ding, das
+ihm völlig zugehörte und sein ganzes Vertrauen besaß.
+
+Auf einer der ersten Seiten stand: »Neulich hab’ ich aus Gartenkresse
+meinen Namen gesäet, ist recht schön gewachsen und hat mir große Freude
+gemacht. Ist einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen,
+der hat mir meinen Namen zertreten, da hab’ ich geweint. Herr Daumer hat
+gesagt, ich soll ihn wieder machen, hab’ ich ihn wieder gemacht, am
+andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.«
+
+Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine
+Kerkerhaft zu beschreiben, etwa so: »Die Geschichte von Caspar Hauser;
+ich will es selbst erzählen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich
+eingesperrt war in dem Gefängnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil
+ich von der Welt nichts gewußt und keinen Menschen niemals gesehen
+habe.«
+
+In diesem Ton ging es weiter; späterhin kamen einige zum
+Schönrednerischen strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz:
+»Welcher Erwachsene gedächte nicht mit trauriger Rührung an meine
+unverdiente Einsperrung, in der ich meine blühendste Lebenszeit
+zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen Vergnügungen lebte,
+da war meine Natur noch gar nicht erwecket.«
+
+Träume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte über kleine Ausflüge,
+über Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort,
+in einem Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gespräche
+geklaubt; allmählich Sätze, an denen etwas wie persönlicher Schliff
+hervortrat und eine merkwürdige verhüllte Düsterkeit des Stils.
+Unmittelbar war nie ein Kummer, ein Urteil, eine Meinung ausgedrückt; er
+hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft formulierte, hinter den
+Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das Datum vermerkt
+und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen
+Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd;
+so hieß es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: »Der Erntemonat
+wäre bald mein Sterbemonat worden.«
+
+Kleine Vorfälle des täglichen Lebens: »Gestern hat mich eine Biene
+gestochen, das Fräulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie
+sagte, wen die Biene sticht, der hat Glück.« Oder: »Gestern war eine
+Feuersbrunst, über Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe
+Nacht am Fenster gesessen und hab’ gedacht, die Welt geht unter.«
+
+Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: »Herr Quandt
+riecht nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier,
+der Präsident nach Tabak, der Polizeileutnant nach Öl, der Herr Pfarrer
+nach Kleiderschrank. Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf
+hat wie ein Leib gerochen, an dem nichts ist als guter Odem.«
+
+Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und
+nicht selten drängend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne
+wurden zu Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nürnberg
+hatte das aufgehört, der Name des Lords wurde nicht mehr erwähnt, nur
+das Gelöbnis vom achten Dezember war aufgeschrieben.
+
+Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche über die Hälfte
+einer Seite füllte: die Umrisse eines männlichen Kopfes, mit auffallend
+geschickter Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem
+irdischen ähnlich, eher dem einer Statue, doch wie aus einer
+schauerlichen Vision gerissen, von schmerzlicher Unbewegtheit. Darunter
+war geschrieben:
+
+ O großer Mensch, was tuest du mir an?
+ Du folgest mir, und meine Spur ist blind,
+ Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt.
+ Dem Kerker ist entflohn das arme Kind,
+ Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert,
+ Und ohne Reiter läuft das weiße Pferd.
+
+Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum
+auffahrend, hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem
+Bett gesprungen und hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte
+er am Morgen beim Erwachen fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn
+hatte er nicht weiter nachgegrübelt, erst jetzt wurde er stutzig und
+flüsterte die Worte mehrere Male vor sich hin.
+
+Mittlerweile war es spät geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch
+aufstehen, da hörte er das Haustor knarren, rasche Schritte näherten
+sich, es klopfte an die Tür, und Quandts Stimme befahl zu öffnen.
+Erschrocken blies Caspar das Licht aus. Im Finstern tastete er sich zum
+Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein Versteck, und während Quandt
+immer stärker pochte, gelang es ihm, das Bild an den Nagel zu hängen.
+
+Quandt hatte nämlich, vom Spitalweg kommend, schon aus der Ferne in
+Caspars Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief:
+»Sieh mal, Frau, sieh mal!«
+
+»Was gibt’s denn schon wieder?« murrte die Frau, die voll Ärger darüber
+war, daß Quandt ihr mit seiner übeln Laune den ganzen Abend verdorben
+hatte.
+
+»Jetzt hast du doch den Beweis, daß er bei der Kerze sitzt,« sagte
+Quandt.
+
+Das Haus hatte durch ein Gartenpförtchen auch einen Zugang von der
+Rückseite. Quandt wählte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel
+ihm ein, ob er nicht zuerst den Jüngling auf irgendwelche Art belauschen
+und sehen könne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie
+geschaffen dazu. Quandt war geschickt und kräftig, ohne Mühe erklomm er
+die Mauer und dann einen breiten Ast, von wo er Caspars Zimmer
+überschauen konnte. Was er sah, genügte. Nach kurzer Weile kam er
+aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: »Ich hab’ ihn erwischt, Jette,«
+und stürzte ins Haus und die Stiege empor.
+
+Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rührte, geriet er in Wut. Er
+fing an, mit den Fäusten, sodann mit den Absätzen an die Tür zu
+trommeln, und als auch dies nichts half, beschloß der beklagenswerte
+Mann in seiner Raserei, ein Beil zu holen und die Türe einzuschlagen.
+Vorher lief er noch geschwind in den Hof zurück und sah, daß es in
+Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein Umstand, der seinen
+Zorn nur noch steigerte.
+
+Von dem Lärm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat
+Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Küche rannte.
+Er stieß sie weg, schäumte: »Ich will’s ihm schon zeigen,« und stürzte
+wieder hinauf.
+
+Nach dem ersten Schlag mit dem Beil öffnete sich die Tür, und Caspar
+trat im Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte
+etwas so Unerwartetes und Ernüchterndes für den Lehrer, daß er förmlich
+znsammenklappte, nichts zu sagen und zu tun wußte und nur sonderbar mit
+den Zähnen knirschte. »Machen Sie Licht,« murmelte er nach einem langen
+Stillschweigen. Doch schon kam die Frau mit einem Licht, leise heulend,
+die Stiege herauf. Caspar erblickte das Beil im gesenkten Arm des
+Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem Zeichen von Furcht
+verlor Quandt vollends die Haltung. Er schämte sich, und tief
+aufseufzend sagte er: »Hauser, Sie bereiten mir großen Kummer.« Damit
+drehte er sich um und ging langsam hinunter.
+
+Caspar schlief erst ein, als der Tag dämmerte. Beim Frühstück, vor der
+gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, daß Quandt schon ausgegangen
+sei. Es wurde Mittag, und während des Essens war der Lehrer vollkommen
+stumm; mit dem letzten Bissen erhob er sich und sagte. »Um fünf Uhr
+seien Sie auf Ihrem Zimmer, Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen
+sprechen.«
+
+Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heißer Augusttag,
+Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben
+ängstlich zwitschernd vorüber, die schwül erhitzte Luft surrte und sang
+im engen Gemach. Noch müde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald,
+und erst ein heftiges Rütteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und
+der Lehrer standen neben ihm, er setzte sich auf, rieb die Augen und sah
+die beiden Männer schweigend an. Hickel knöpfte mit einer amtlichen
+Gebärde seinen Uniformrock zu und sagte: »Ich fordere Sie hiermit auf,
+Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.«
+
+Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem
+Zwang als Mut eingegebenen Festigkeit: »Herr Polizeileutnant, ich werde
+Ihnen mein Tagebuch nicht geben.«
+
+Quandt schlug die Hände zusammen und rief klagend: »Hauser! Hauser! Sie
+treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.«
+
+Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: »Ja,
+bin ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier?
+Was wollen Sie denn noch? Ich hab’ ja schon gesagt, daß ich das Buch
+verbrannt habe!«
+
+»Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, daß Sie heute nacht bei der Kerze
+geschrieben haben?« fragte Quandt dringlich. »Briefe haben Sie doch
+nicht zu schreiben gehabt und mit den Exerzitien waren Sie fertig.«
+
+Caspar schwieg. Er wußte nicht ein noch aus.
+
+»Ein guter Mensch hat überhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu
+scheuen,« fuhr Quandt fort, »im Gegenteil, sie muß ihm erwünscht sein,
+da doch seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am
+allerwenigsten, lieber Hauser, haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu
+führen.«
+
+»Wie lange werden Sie uns noch warten lassen?« fragte Hickel mit
+höflicher Kälte.
+
+»Da will ich doch lieber sterben, als daß ich das alles aushalten soll!«
+rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen.
+
+»Nun, nun,« sagte Quandt beunruhigt, »wir meinen es ja gut mit Ihnen,
+auch der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.«
+
+»Freilich,« bestätigte Hickel trocken; »übrigens kann ich Ihnen sagen,
+daß das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre. Da
+könnte man unter Umständen auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der
+Betrüger Caspar Hauser.«
+
+»Ganz abgesehen davon, daß sich in einem solchen Satz eine höchst
+verwerfliche Gesinnung ausdrückt,« fügte Quandt tadelnd hinzu, »eine
+feige und unsittliche Gesinnung.«
+
+»Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen
+Geschichten plagt und mir nicht glaubt,« entgegnete Caspar bedrückt;
+»ich hab’ ja früher auch nicht gelebt und hab’ lange nicht gewußt, daß
+ich lebe.«
+
+Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Knöcheln wie
+spielend an einige Stellen der Mauer; plötzlich schien sich seine
+Aufmerksamkeit gegen das Bild über dem Sofa zu richten. Er nahm es
+lächelnd herab, betrachtete es nach allen Seiten und klappte
+schließlich die Scharniere auf, um die Holztafel zu entfernen.
+
+Caspar wurde schlohweiß und bebte wie Espenlaub.
+
+Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt,
+ging eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er
+plötzlich und werde um Kopfeslänge größer. Mit zwei Schritten stand er
+dicht vor dem Polizeileutnant. Sein Gesicht war förmlich aufgerissen. In
+seiner Miene war etwas Erhabenes. Sein Blick glühte von einer
+leidenschaftlichen und gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen
+Gefühl, als werde er zermalmt oder zertreten, wich langsam und
+fasziniert gegen die Tür zurück. Der kalte Schweiß brach aus seiner
+Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt für Schritt, den Arm ausstreckte,
+das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es mitten
+durchriß, die beiden Hälften noch einmal und noch einmal zerriß, bis
+alles in Fetzen auf dem Boden lag.
+
+Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn die Dazwischenkunft einer
+vierten Person in diesem Augenblick nicht die Situation verändert hätte.
+Es war der Pfarrer Fuhrmann, der im Vorübergehen Caspar hatte besuchen
+wollen, um ihn zu fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben
+war. Als er eintrat, mußte sich ihm eine Ahnung des Geschehenen
+aufdrängen; er blickte stumm von einem zum andern. Quandt, der dem
+ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann nur mühsam seine
+Fassung und sagte in verlegenem Ton: »Was haben Sie denn da für ein
+Geschnitzel gemacht, Hauser?«
+
+Hickel wanderte mit ein paar großen Schritten durchs Zimmer, dann
+grüßte er den Pfarrer militärisch und ging mit kaltem und finsterem
+Gesicht. Unter der Tür drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen
+und machte eine befehlende Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er
+bückte sich, um die Schnitzel zusammenzuscharren. Aber Caspar
+durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit den Füßen darauf und
+sagte: »Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.«
+
+Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Händen auf, trug es zum
+Ofen, öffnete mit dem Fuß das Türchen und warf alles hinein. Darauf
+schlug er Feuer, und eine Minute später brannte es lichterloh.
+
+Der Pfarrer Fuhrmann war bloß schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel
+war gegangen, und der Lehrer, beständig hüstelnd, schritt mit der
+Gleichmäßigkeit eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar
+kauernd zuschaute, bis das letzte Fünkchen verglommen war; dann nahm er
+den Schürhaken und zerschlug die Aschenreste zu Staub.
+
+Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem
+herabgestimmten Gemütszustande des jungen Menschen und einer schier
+krankhaften Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Eröffnungen führte,
+die den geistlichen Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den
+Präsidenten Feuerbach zu wenden.
+
+»Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt,« sagte er im Verlauf seiner
+Mitteilungen zu Feuerbach; »ein sonst so vortrefflicher Mann, und in
+allem, was den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht
+ihn kribblig, seine Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig,
+seine Melancholie spöttisch, seine Heiterkeit traurig, und seine
+Ungeschicklichkeit gibt ihm die durchtriebensten Listen ein. Aus allem,
+was der Hauser tut und sagt, schließt er im stillen das Gegenteil, sogar
+das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine Lüge. Ich glaube, er
+möchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen, was drinnen
+ist. Das ist, weiß Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich
+kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdächtig gemacht
+wird. Verdächtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und
+verdächtig, wenn er es schon kennt; verdächtig, wenn er lange schläft,
+und verdächtig, wenn er früh aufsteht; daß er das Theater liebt und die
+Musik nicht liebt, verdächtig; daß er es hinunterschluckt, wenn man ihn
+zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen andern, zum Beispiel
+zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will: verdächtig.
+Alles ist verdächtig. Wie soll das enden!«
+
+Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum
+Schluß kam nichts heraus.
+
+Der Präsident, merkwürdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur
+Rede zu stellen. Er ließ Hickel rufen und schrie ihn gleich beim
+Eintritt an, daß dem Verdutzten Hören und Sehen verging. Leider diente
+die Schimpferei der Sache schlecht; als der Zorn verdampft war, trug
+Hickels überlegene Ruhe und berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es
+kam nichts heraus. Es blieb alles beim alten. Nur daß der
+Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekränkt, doppelt still und
+kalt seiner Wege ging.
+
+»Die Bemühung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, muß
+man wohl als gescheitert betrachten,« sagte Feuerbach eines Tages zu
+seiner Tochter. »Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die
+Art, wie man ihn behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.«
+
+»Mag sein; aber kann man es ändern?« versetzte Henriette achselzuckend.
+
+»Mich beruhigt nur die Zuversicht, daß ja eine Entscheidung ohnehin
+fallen muß, wenn die Schrift einmal erschienen ist,« sagte der Präsident
+vor sich hin.
+
+»Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über
+seinem Kopf zusammenschlagen?« fuhr Henriette fort. »Vielleicht lernt er
+schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu
+machen.«
+
+»Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine
+Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar
+gedenken. Ein Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat,
+von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe gestiegen ist – ei, das gäbe
+Hoffnungen! Fehlte es den Großen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so
+wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir
+also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen
+gekommen?«
+
+Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.
+
+Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der
+Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue,
+wenn er sich Caspar gegenüberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um
+den Appell einer höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind,
+herumzulügen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen
+Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern geläutert; er
+mußte sich bekennen, daß das, was ihn quälte, ganz einfach das schlechte
+Gewissen war.
+
+Welch ein Dilemma für einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis
+zur Selbstverleugnung getriebene Erfüllung der Idee, auf der andern das
+vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht
+ergeben konnte und durfte – aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefühl,
+aus Furcht vor der Trübung des Urteils, aus Furcht, daß der Engel der
+Gerechtigkeit seiner vorgesetzten Bahn entfliehen würde, wenn Neigung,
+Rücksicht und herzliche Annäherung ins Spiel kämen.
+
+So wie an die nächsten Freunde schickte der Präsident in diesen Tagen
+die Aushängebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der
+sich zurzeit in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem
+Wort.
+
+Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das
+große Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann
+gesprochen? »Wenn dieses Antlitz trügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir
+stehen, dann ...«
+
+Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaßung! Würde die Welt untergehen, weil
+ein Feuerbach sich getäuscht? Wie vielfältig ist der Mensch, wie viele
+Gesichter sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines
+erbärmlichen Vorteils willen! Für den Bissen Brot ist jeder Bettler
+schon ein Fürst der Worte, und was Staatskarossen, was Pairschaft, was
+anmutige Manieren und überredendes Gefühl, wenn dem allen nur das Wort
+die Schminke ist, das eine aussätzige Haut verschönt? Dazu also Herzen
+zergliedert, im Dunkel der Seelen gewühlt, mit Richterkunst und -pathos
+Tat und Untat auf ihr menschlich Maß geprüft, damit ein aufgeschmückter
+Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu treiben und
+alles lächelnd ins Absurde zu führen.
+
+Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den
+Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf
+eingelassen, wurde allmählich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben
+nicht die geringste Beeinträchtigung erfuhr und er nicht für die Dauer
+eines Augenblicks ins Schwanken geriet, nahm doch eine verdüsternde
+Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem nächtlichen Einbruch, dessen Anstifter
+aller aufgewandten Mühe zum Trotz unentdeckt geblieben waren, entbehrte
+er des dauernden Schlafs. Er erhob sich bisweilen aus dem Bett, wanderte
+mit dem Licht durch die Zimmer, über Treppen und Flur, rüttelte an den
+Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlösser und erschrak nicht
+selten vor seinem eignen Schatten. Es war für seine Kinder ein
+erschütterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des
+eingefleischten Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu
+sehen. Einstmals am frühen Morgen fand man an der äußeren Seite des
+Haustors folgende mit Kreide angeschriebenen Verse:
+
+ Anselm, Ritter von Feuerbach!
+ Lösch ’s Feuer unter deinem Dach!
+ Laß den falschen Freund nimmer ein!
+ Zieh den Degen und hau drein,
+ Sonst wird’s um dich geschehen sein.
+
+An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Präsidenten
+zu sprechen. Feuerbach ließ ihn eintreten und beobachtete sofort in
+seinem Benehmen etwas Verlegenes und Bestürztes, doch zeigte der Lehrer
+nicht die gewöhnliche Umständlichkeit, sondern rückte schnell mit seinem
+Anliegen heraus. Er berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des
+Grafen erhalten und seitdem habe er sich ganz verändert; ob Seine
+Exzellenz nicht eine Stunde erübrigen könne, um mit dem Menschen zu
+reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.
+
+Der Präsident fragte, worin die Veränderung bestehe.
+
+»Es ist, als wäre er taubstumm geworden,« versetzte Quandt. »Bei Tisch
+läßt er die Speisen unberührt, beim Unterricht ist er äußerst
+unaufmerksam, ja geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf
+Fragen antwortet er nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt
+in die Luft. Gestern nachts hab’ ich und meine Frau ihn belauscht und
+wir haben zugehört, wie er erst eine ganze Weile vor sich hingewimmert,
+dann auf einmal hat er einen gräßlichen Schrei ausgestoßen.«
+
+»Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?«
+forschte der Präsident.
+
+»O ja, das weiß ich wohl,« entgegnete der Lehrer harmlos; »es ist meine
+Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhält, vorher zu öffnen.«
+
+Feuerbach blickte jäh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an.
+»Nun, und?« fragte er.
+
+»Ich könnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen
+Wirkung zusammenreimen,« erwiderte Quandt bedächtig.
+
+Der Präsident stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Gut, gut,« rief er
+barsch, »aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?«
+
+Quandt erschrak. »Es stand drin, der Graf könne in diesem Jahr nicht
+mehr nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenfälle nötigten ihn, diesen
+Plan ins Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, daß
+Hauser mit der Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar
+immer von einem festen Termin und hielt es für einen Frevel, wenn man
+ihm das ausreden wollte; er schien es geradezu für eine Pflicht des
+Grafen zu erachten, denn in seinem kindischen Kopf glaubt er noch fix
+daran, daß ihn der Graf mit nach England auf seine Schlösser nehmen
+werde, und er ahnt gar nicht, daß der Herr Graf schon längst sein Herz
+von ihm abgewandt hat –«
+
+»Woher wissen Sie das, Mann?« brauste der Präsident auf und erhob sich
+mit solchem Ungestüm, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte.
+
+»Eure Exzellenz verzeihen,« stotterte Quandt furchtsam, »aber das ist
+doch sonnenklar.« Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer höflichen
+Grimasse wieder auf, und während der Präsident mit seinen steifen,
+kurzen Schritten auf und ab wanderte, sagte er schüchtern: »Trotz allem
+ist mir die Wirkung dieser in den urbansten Formen gehaltenen Absage
+unerklärlich und besorgniserregend; es muß da etwas dahinter stecken,
+und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es herauszubringen.«
+
+»Ich werde der Sache nachgehen,« schnitt Feuerbach das Gespräch kurz ab.
+Quandt machte seinen Bückling und entfernte sich. Er ging nicht
+heimwärts, sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er
+seine Frau vom Haus ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger
+Sturm, Blätter und Zweige wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang
+flatterte hochauf, und mit beiden Händen mußte er die Ränder seines
+Schlapphuts festhalten.
+
+Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen,
+eigentlich ohne Ziel. Als er auf der Straße war, fiel ihm ein, ob er
+nicht zu Frau von Imhoff gehen könne, und ungeachtet der Dunkelheit und
+des bösen Wetters, und obgleich das Imhoffschlößchen eine Viertelstunde
+vor der Stadt gelegen war, entschloß er sich dazu. Aber als er angelangt
+war, als er am Gittertor stand und zu den erleuchteten Fenstern
+hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er fürchtete sich vor den
+hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hörte er doch schon die
+Worte, die ihm nichts waren und nichts galten, er kannte sie alle, er
+hätte sie auswendig an der Schwelle hersagen können. Ja, er kannte nun
+die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in
+das unermeßliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trübe Tropfen, deren
+Aufschall die Tiefe verschlang.
+
+Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten
+sie in ihren Wohnungen, still und emsig, zündeten ihre Lichter an und
+wußten nicht, wer draußen stand am Tor.
+
+Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Töne wie von einem
+Saiteninstrument, das unter den Wolken aufgehängt war. Es befand sich
+nämlich auf dem Dach des Schlößchens eine Aeolsharfe, Caspar wußte dies
+nicht und hielt es für eine geisterhafte Musik. Als er den Rückweg
+antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit die orgelnden Akkorde an sein
+Ohr.
+
+Er wünschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn
+vor das Schlößchen der Imhoffs getrieben hatte, führte ihn noch zum
+Hause des Generalkommissärs, dann zum Haus des Regierungspräsidenten,
+dann zum Feuerbachschen Haus und schließlich vor ein Gebäude, das
+unbewohnt war und das mit seinen verschlossenen Läden, seinen bemosten
+Simsen und seinem hochbogigen Tor, über welchem ein Auge in den Stein
+und darüber die Worte gemeißelt waren: »Zum Auge Gottes«, schon lang
+vorher seine Wißbegier aufgeweckt hatte. Zur Markgrafenzeit sollte ein
+Goldmacher darin gewohnt haben.
+
+Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Häusern zu Gast gewesen
+sei, wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren
+Räumen herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwürdige Kenntnis
+von dem vergangenen und gegenwärtigen Leben ihrer Menschen gewonnen
+hätte.
+
+Ziemlich müde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt
+und seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd
+war nicht zu sehen, es herrschte eine große Stille, nur der Wind
+umheulte die Mauern, und das Flurlämpchen flackerte wie vor Furcht. Da,
+während Caspar zur Treppe schritt, vernahm er eine langgezogene feine
+Stimme, ähnlich dem Zirpen der Sommergrille, und die Stimme rief:
+
+»Stephan!«
+
+Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte
+er sich getäuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme draußen auf der
+Straße gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte
+die Stimme neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus
+dichterer Nähe:
+
+»Stephan!«
+
+Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn
+einer, der zu ertrinken fürchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war
+es eine männliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen
+erstickt ausrief:
+
+»Stephan!«
+
+Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus
+und fragte: »Wo? Wo bist du? Wo bist du?«
+
+Da sah er oben über der Tür, körperlos schwebend, ein fahlleuchtendes
+Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und
+aufgerissenem Mund, wie in äußerstem Schrecken verzerrt, häßlich, schier
+unkenntlich häßlich.
+
+Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine
+Augen waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das
+Antlitz verschwunden, auch die Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.
+Flur und Stiege erleuchtet, alle Türen zu, kein Mensch zu sehen, kein
+Laut zu hören.
+
+
+
+
+Es wird eine Reise beschlossen
+
+
+Eines Nachmittags im Dezember sahen erstaunte Nachbarn den Lehrer Quandt
+wie besessen aus seinem Haus und gegen die Neustadt stürmen, wo die
+Wohnung des Polizeileutnants lag. Er trat ins Zimmer des Leutnants, und
+ohne sich Zeit zu gönnen, seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die
+Rocktasche und hielt Hickel wortlos ein dünnes Druckheft entgegen.
+
+Es war die vor kurzem erschienene Caspar-Hauser-Broschüre Feuerbachs.
+Quandt hatte das Büchlein erst heute in die Hände bekommen und es in
+einem Zug durchgelesen.
+
+Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: »Na, und? Was
+soll’s? Meinen Sie, daß das eine Neuigkeit für mich ist? Sie
+echauffieren sich doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein
+Geschäft ist. Eher können Sie einer Henne das Eierlegen abgewöhnen als
+einem geborenen Federfuchser das Schreiben.«
+
+Quandt atmete tief auf. »Schreiben, schön; ich lasse ja vieles gelten,«
+antwortete er, »aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie –« er
+packte das Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: »Caspar Hauser
+oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt
+ja nach etwas,« sagte er bitter; »es streut den Leuten von vornherein
+Sand in die Augen. Aber das Ganze ist ein Roman, und nicht einmal einer
+von der besten Sorte.«
+
+Er blätterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er
+gleichfalls höhnisch betont vorlas: »Caspar Hauser, das rare Exemplar
+der Gattung Mensch –! Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner
+Weisheit zu Ende. Das kommt mir so vor, als ob man den notorisch
+schlechtesten meiner Schüler vor versammeltem Volk als einen großen
+Gelehrten erklärte. Rares Exemplar! In dem Punkt weiß ich besser
+Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da könnte ich einem verehrlichen
+Publiko ganz anders die Augen öffnen. Rares Exemplar, gewiß! Aber man
+muß nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist
+also der große Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm
+aus, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet! Und nun erst das ganze
+dynastische Hintertreppenmärchen! Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht
+so traurig wäre. Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!«
+
+Der Polizeileutnant hörte mit kaum merklichem Lächeln den Ausbruch des
+Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmütig: »Was wollen
+Sie? Als getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen
+Streiche unsrer Herrschaft mitanzusehen. Übrigens kann ich Sie in einer
+Hinsicht beruhigen. Der Präsident hat selber keine rechte Freude an dem
+Büchlein. Er klagt über Gedächtnisfehler, die ihm dabei passiert sind,
+und daß es ihn mehr Mühe gekostet hat, die Geschichte zu Papier zu
+bringen, denn ein ganzes Corpus juris. Und jetzt muß er’s erleben, daß
+man ihm draußen im Reich hart zusetzt. Es geht die Rede, daß die
+Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird.«
+
+»Recht so,« rief Quandt. »Auch die Fürsten sollten etwas dagegen
+unternehmen.«
+
+»Das lassen Sie nur die Sache der Fürsten sein,« versetzte Hickel,
+dessen Gesicht plötzlich böse und sorgenvoll wurde. »Potz Kreuz, lieber
+Quandt, Sie ereifern sich ja da, als ob’s Ihnen an den Kragen ginge. Ich
+möchte nur gar zu gern wissen, ob Sie auch so viel Mut zeigen würden,
+wenn die Exzellenz dahier im Zimmer wäre.«
+
+Quandt schaute sich mißtrauisch um. Dann zuckte er die Achseln und
+erwiderte: »Sie belieben zu scherzen, Herr Polizeileutnant. Schlimm
+genug, daß man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten muß. Wir
+haben alle vergessen, wie ein Mann den Kopf tragen soll. Kuschen, das
+haben wir gelernt, das verstehen wir von Grund aus. Aber ich will nicht
+mehr kuschen.«
+
+»Pst!« unterbrach ihn Hickel unwirsch; »lassen wir das; es schmeckt nach
+Demagogentum. Sagen Sie mir lieber: Hat der Hauser Kenntnis von der
+Broschüre?«
+
+»Nicht daß ich wüßte,« entgegnete Quandt. »Aber es wird nicht zu
+vermeiden sein, daß er davon erfährt, gibt es doch Unverständige genug,
+die sich ein Vergnügen daraus machen werden. Haben Sie, Herr
+Polizeileutnant, nicht auch von der Schrift eines gewissen Garnier
+gehört?«
+
+Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer
+finster an. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er sich zu einer Antwort
+entschloß. »Garnier? Ja, das ist ein landesflüchtiges Subjekt. In seinem
+Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat, bloß
+noch verbrämt mit dem windigsten Hofklatsch. Das Machwerk ist nicht der
+Rede wert.«
+
+»Wie soll ich mich aber verhalten, wenn der Hauser irgendwie in den
+Besitz eines dieser Produkte kommt?« fragte Quandt.
+
+Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den
+Zähnen nervös an der Unterlippe. »Treffen Sie Vorsorge,« erwiderte er
+kalt. »Lassen Sie ihn nicht aus den Augen. Mich kümmert das übrigens gar
+nicht; ist mir völlig egal. Man wird den jungen Mann schon karwanzen.«
+
+Quandt seufzte. »Herr Polizeileutnant,« sagte er bedrückt, »ich kann
+Ihnen nicht schildern, wie mir ist. Meine halbe Seligkeit gäb’ ich drum,
+wenn es mir vergönnt wäre, den Menschen zu einem offenen Geständnis zu
+bringen.«
+
+»Man wird’s Ihnen billiger machen,« versetzte Hickel düster.
+
+»Wissen Sie denn das Neueste?« fuhr Quandt fort. »Der Präsident will den
+Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschäftigen. Morgen soll er
+schon anfangen.«
+
+»Und was wird der Graf dazu sagen?«
+
+»Man hat es ihm schreiben wollen; weiß aber nicht, wo er sich aufhält.
+Es ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen, und den
+hat der Hauser nicht einmal angesehen. Meines Erachtens muß er sich über
+die Maßregel freuen. Für ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch
+nicht zu brauchen, er hat leider den Verkehr mit den gebildeten und
+höheren Ständen zu lange genossen, als daß es ihn nicht rebellisch
+machen müßte, wenn er ihn plötzlich mit der Umgebung in einer Werkstätte
+vertauschen müßte. Anderseits ist er auch zu einem Beruf ungeeignet, der
+eine tiefere Ausbildung erfordert, denn zu einem ernsthaften Studium
+fehlt ihm Sinn und Ausdauer. Der Staatsrat hat demnach die beste Lösung
+getroffen, die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit
+entlastet. Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem
+Beamten des niederen Dienstes, sondern bei einigem Fleiß sogar für eine
+Stelle beim Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden.«
+
+Hickel hörte der weitläufigen Auseinandersetzung kaum zu. Sie gingen nun
+zusammen fort; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel, um sich,
+wie er sagte, ein Pülverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu
+lassen.
+
+Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich
+gegrüßt, eine Tatsache, die hinreichend war, seine mürrische Stimmung
+ungemein aufzuheitern. Beim Mittagessen, es gab Kalbsbrust und
+Ochsenmaulsalat, wurde er sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit
+seiner Gattin. Aber wie es bei seriösen Naturen der Fall zu sein pflegt,
+geriet seine Aufgeräumtheit ziemlich ins Plumpe. Unter anderm nahm er
+das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend damit vor der Nase herum.
+Da erblaßte Caspar, stand auf und sagte: »Um Gottes willen, Herr Lehrer,
+legen Sie doch das Messer weg, ich kann’s nicht sehen.«
+
+Quandt, gleich wieder verdrießlich, brummte: »Na, hören Sie mal, Hauser,
+ein solches Betragen schmeckt stark nach Affektation.«
+
+»Sie sind ein schöner Tappel,« sagte die Lehrerin, »ein Mann muß mutig
+sein. Was wollen Sie denn tun, wenn’s mal Krieg gibt? Da heißt es mit
+Anstand sterben.«
+
+»Sterben? Nein, da sag’ ich Dank, sterben mag ich nicht,« erwiderte
+Caspar hastig.
+
+»Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer höchst
+widerwärtigen Weise über denselben Punkt geäußert,« ließ sich Quandt
+vernehmen.
+
+»Nein, so feig,« fuhr die Lehrerin fort, »mit dem Kadetten Hugenpoet
+von den Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig
+benommen.«
+
+»Was ist denn das für eine Geschichte?« erkundigte sich Quandt, »davon
+weiß ich gar nichts.«
+
+»Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen; der hat dem Hauser immerzu
+vorgeschwärmt, er soll Soldat werden, in ein paar Jahren brächt’ er es
+leicht zum Offizier. Wär’ ja nicht so übel, die Kadetten haben es gut
+und kommen schnell vorwärts. Unser Hauser war auch begeistert von der
+Idee, aber auf einmal war die Freundschaft aus.«
+
+»Ei, und aus welchem Grund?«
+
+»Das war so. An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am
+Rezatufer spazieren gegangen, und sie sind zu einer Stelle gekommen, wo
+viele Knaben und Burschen sich gebadet haben, denn es war furchtbar warm
+an dem Tag. Der Kadett sagt, das wollen wir auch machen, zieht sich aus
+und will den Hauser überreden, gleichfalls zu baden. Der war aber zu Tod
+erschrocken von dem Vorschlag und sagt, ins Wasser geht er nicht. Das
+hören die andern, steigen heraus, stellen sich um ihn herum, verspotten
+ihn und wollen ihn mit Gewalt ins Wasser bringen. Da reißt er sich los,
+eh’ man sich’s versieht, ist er in seiner Höllenangst über die Felder
+davongelaufen, und die nackigten Kerle höhnen hinter ihm her. Dem
+Kadetten war’s zu bunt, und er sieht ihn nicht mehr an seitdem. Ist’s
+wahr, Hauser, oder nicht?«
+
+Caspar nickte. Der Lehrer schüttelte sich vor Lachen.
+
+Ein paar Tage später kamen Frau von Imhoff und das Fräulein von
+Stichaner, um Caspar zu besuchen. Die Lehrerin, stolz auf die vornehmen
+Gäste, wich nicht vom Fleck. Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr
+nichts Gescheiteres einfiel, erzählte sie im Beisein Caspars abermals
+die Geschichte mit dem Kadetten und dem verweigerten Bad, doch hatte sie
+nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl. Die beiden Damen hörten
+schweigend zu.
+
+»Solche Feigheit ist eigentlich nicht schön,« bemerkte das Fräulein von
+Stichaner dann auf der Straße gegen Frau von Imhoff.
+
+»Man kann es nicht gut Feigheit nennen,« antwortete diese; »er liebt das
+Leben zu sehr, das ist es. Er liebt das Leben wie ein Toller, wie ein
+Tier liebt er es, wie ein Geizhals sein Gold. Er hat mir selbst
+gestanden, daß er jedesmal vor dem Einschlafen Angst hat, sein Schlaf
+könne sich ihm unbewußt in Tod verwandeln, und er betet, Gott möge ihn
+doch ganz gewiß am andern Morgen wieder aufwachen lassen. Nein, es ist
+nicht Feigheit; es ist vielleicht die Ahnung einer großen Gefahr, auch
+der Trieb, viel Versäumtes nachzuholen. Man muß ihn nur manchmal sehen,
+wie er sich freuen kann, und über das Allergeringste, woran jeder andre
+stumpf vorübergeht. Seine Freude hat etwas Großartiges, etwas
+Erdentrücktes, so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas
+Schauerliches haben.«
+
+Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin, der
+Frau von Kannawurf, überrascht, doppelt angenehm überrascht, da Frau von
+Kannawurf, sie weilte gegenwärtig in Wien, schrieb, sie wolle im März
+nach Ansbach kommen. In dem Brief war überdies viel von Caspar die
+Rede. »Ich habe in den letzten Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen,«
+hieß es unter anderm, »und muß dir gestehen, daß mich noch niemals ein
+Buch dermaßen im Innersten aufgewühlt hat. Ich kann seitdem nichts
+andres denken, und es flieht mich der Schlaf. Weiß Caspar Hauser selbst
+von dieser Schrift? Und wie stellt er sich dazu? Was äußert er darüber?«
+
+Frau von Imhoff versäumte es, über den Punkt Bescheid zu geben; es fiel
+ja auch schwer, Caspar zu befragen. Hat er das Buch nicht gelesen, so
+ist es peinlich und sonderbar, ihn darüber in Unwissenheit zu sehen,
+dachte sie; noch peinlicher und sonderbarer, wenn er es gelesen hat;
+peinlich und sonderbar sein Aufenthalt hier, sein Kopistenamt auf dem
+Gericht, sein ganzes Treiben; und wie ist es möglich, eine Aussprache
+herbeizuführen? Jedes offene Wort kann unheilvoll werden.
+
+Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff, Caspar vorsichtig auszuholen, ob
+er überhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehört. Und er wußte
+davon. Nicht im entferntesten aber hegte er den Wunsch, sich Klarheit zu
+verschaffen. Erstens aus Furcht; die Furcht ließ ihn vor jedem Schritt
+zurückbeben, der auf eine Veränderung seiner Lage zielte, seine Gedanken
+von der krampfhaft umklammerten Gegenwart ablenken konnte; und dann,
+weil er wahrscheinlich annahm, es handle sich bei der Schrift des
+Präsidenten auch nur um das bodenlose Gerede, das er in- und auswendig
+wußte und von dem ihm, wie er zu sagen pflegte, bloß Kopf- und Herzweh
+und ein dummes Nachschauen blieb. Er hatte dergleichen oft genug
+erfahren, und aus lauter Überdruß daran war er am Ende so unneugierig
+geworden, daß eine einzige Andeutung, während eines Gesprächs etwa,
+hinreichte, um seinem Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben.
+
+Wie er schließlich doch dazu gelangte, das für ihn und um seinetwillen
+geschaffene Werk kennen zu lernen, das hatte eine eigentümliche
+Bewandtnis.
+
+Es war an einem unfreundlichen Vormittag im März, da verbreitete sich
+plötzlich im Appellgerichtsgebäude und bald darauf in der ganzen Stadt
+die Nachricht, der Präsident sei im großen Gerichtssaal während einer
+Verhandlung, die er leitete, ohnmächtig vom Stuhl gestürzt. Alle Beamten
+liefen sofort aus ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und
+Korridoren. Auch Caspar hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte
+sich zu den übrigen. Er schlich aber absichtlich wieder davon, um nicht
+Zeuge sein zu müssen, wie man den Präsidenten von oben heruntertrug.
+
+Als er sich in das Zimmer zurückbegab, in welchem er an allen
+Vormittagen von acht bis zwölf Uhr schrieb, und zwar nur in Gesellschaft
+eines alten Kanzlisten, eines gewissen Dillmann, war dieser sein
+Amtsgefährte noch nicht wieder da. Caspar, sehr traurig und erschrocken,
+stellte sich zum Fenster und malte, schmerzlich versonnen, wie er war,
+mit dem Finger den Namen Feuerbach in die beschweißte Scheibe.
+
+Indes trat Dillmann ein und ging händeringend auf seinen Platz zu.
+
+Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist, und Caspar befand sich nun
+über neun Wochen auf dem Amt, noch nicht ein Dutzend überflüssiger
+Worte mit dem neuen Kollegen gewechselt; er hatte sich im mindesten
+nicht um ihn gekümmert und eine grämliche Gleichgültigkeit gegen ihn zur
+Schau getragen. Im Verlauf der dreißig Jahre, während welcher er Akten,
+Erlässe, Verordnungen und Urteile kopierte, hatte er es zu einer
+besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht, und es war komisch zu
+sehen, wenn er, den Federkiel aufs Papier gespießt, leise schnarchend
+seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte, wenn
+sich draußen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen ließ, da er die
+Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf
+hatte.
+
+Um so verwunderter war Caspar, als Dillmann auf ihn zuschritt und mit
+zitternder Stimme sagte: »Der unvergleichliche Mann! Wenn ihm nur nichts
+zustößt! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert!«
+
+Caspar drehte sich um, entgegnete aber nichts.
+
+»Na, Hauser, und für Sie wäre es gar ein unersetzlicher Verlust,« fuhr
+der Alte seltsam keifend und zänkisch fort; »wo gibt’s denn in dieser
+lummerigen Welt einen Menschen, der sich so für einen andern Menschen
+einsetzt? Sollte mich nicht erstaunen, wenn das ein schlimmes Ende
+nähme. Ja, es wird ein schlimmes Ende nehmen, ein schlimmes Ende.«
+
+Caspar hörte schweigend zu; seine Augen blinzelten.
+
+»So ein Mann!« rief Dillmann aus. »Ich hab’, seit ich hier sitze, schon
+sieben Präsidenten und zweiundzwanzig Regierungsräte zum Grab geleitet,
+Hauser, aber so einer war nicht dabei. Ein Titan, Hauser, ein Titan!
+Die Sterne könnt’ er vom Himmel reißen um der Gerechtigkeit willen. Man
+muß ihn nur betrachten; haben Sie ihn mal genau betrachtet? Der Buckel
+über der Nase! Das deutet, wie man sagt, auf eine genialische
+Konzeption; diese Jupiterstirn! Und das Buch, Hauser, das er für Sie
+geschrieben hat! Das ist ein Buch! Ein wahrer Scheiterhaufen ist’s! Die
+Zähne muß man zusammenbeißen und die Fäuste ballen, wenn man’s liest.«
+
+Caspar machte ein mürrisches Gesicht. »Ich hab’s nicht gelesen,« sagte
+er kurz.
+
+Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er riß den Mund auf und
+schnappte. »Nicht gelesen?« stotterte er. »Sie – nicht gelesen? Ja wie
+ist denn das möglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen!« Eilig
+trippelte er zu seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und
+brachte das Büchlein zum Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stieß es
+ihm förmlich in die Hand und knurrte: »Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!«
+
+Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenüber. Er
+drehte das Buch um und um und zeigte eine unschlüssige Miene. Dann erst
+schlug er es auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin
+genügte auch dies noch nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu
+lassen. Er steckte das Buch in die Tasche und sagte trocken: »Zu Hause
+will ich’s lesen.«
+
+Schlag zwölf Uhr verließ er, wie gewöhnlich, das Amt, setzte sich zu
+Hause, als ob nichts geschehen wäre, zu Tisch und hörte still den
+Gesprächen zu, die sich ausschließlich um das dem Präsidenten
+widerfahrene Unglück drehten. »Am letzten Sonntag vor dem Kirchgang,«
+plauderte die Lehrerin, »da hab’ ich den Staatsrat gesehen, gerade wie
+ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat ist ganz erschrocken
+gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut. Ich hab’ mir
+gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.«
+
+»Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaßen wolltet, dem
+Herrgott in die Karten zu gaffen,« versetzte Quandt unwirsch. »Da
+predigt man und predigt das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den
+Höhen der Aufklärung zu wandeln und schließlich spuckt einem die eigne
+Sippschaft am kräftigsten in die Suppe.«
+
+Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen
+Blick eintrug.
+
+Er begab sich dann in sein Zimmer.
+
+Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an
+brauchte er im Amt zu sein. Als zehn Minuten über die Zeit vergangen
+waren, trat Quandt in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort.
+Er ging hinauf und überzeugte sich, daß Caspar nicht da war. Sein
+Unwillen verwandelte sich in Schrecken, als er bei seiner spionierenden
+Umschau die Feuerbachsche Schrift auf Caspars Tisch liegen sah.
+
+»Also doch,« murmelte er bitter.
+
+Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser
+Stimme: »Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der
+Hauser hat die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die
+gewissenlosen Menschen! Wer doch das wieder eingefädelt hat!«
+
+Die Lehrerin zeigte wenig Verständnis für den Vorfall. »Laß ihn gehen,«
+oder »sag’s ihm doch,« oder »gib’s ihm nur ordentlich,« war meist alles,
+was sie zu entgegnen wußte, wenn Quandt ungehalten über Caspar war.
+
+»Wann ist denn der Hauser fort?« erkundigte sich Quandt bei der Magd.
+Diese wußte von nichts. Da trat Caspar selber ins Zimmer und
+entschuldigte sich höflich.
+
+»Wo waren Sie denn?« forschte der Lehrer.
+
+»Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen, wie es dem Staatsrat
+geht.«
+
+Quandt schluckte seinen Verdruß hinunter und begnügte sich, Caspars
+Fortgehen als Eigenmächtigkeit zu tadeln. Als er mit dem Jüngling allein
+war, wandelte er eine Weile ratlos auf und ab. Endlich begann er: »Ich
+war vorhin auf Ihrer Kammer, Hauser. Ich habe bei dieser Gelegenheit
+einen Fund gemacht, der mich, gelinde ausgedrückt, sehr mit Bedenken
+erfüllt. Ich will mich nun über die Schrift des Herrn Staatsrats nicht
+weiter auslassen, obwohl alle vernünftigen Menschen darüber einer
+Meinung sind; ich halte mich nicht für befugt, Ihnen gegenüber einen so
+verdienstvollen Mann herunterzusetzen. Auch will ich nicht weiter
+untersuchen, wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat, da ich mich
+dabei doch nur der Gefahr aussetzen würde, von Ihnen angelogen zu
+werden. Aber mein Bedenken hat es erregt, daß Sie sogar bei einem
+solchen Anlaß heimlich verfahren zu müssen glauben. Warum kommen Sie
+nicht, wie sich’s gehört, zu mir und sprechen sich aus? Denken Sie denn,
+daß ich Sie des Vergnügens beraubt hätte, eine hübsche Fabel zu lesen,
+die ein ehemals großer und berühmter, doch nun kranker und geistesmüder
+Mann verfaßt hat? Weiß ich denn nicht auch, wie Ihnen in Ihrem Innern
+zumute sein muß, wenn man ein solches Märchen in Ihre Vergangenheit
+hineinspinnt? Eine Vergangenheit, die Ihnen wahrlich besser bekannt ist
+als dem armen Staatsrat? Aber warum denn um Gottes willen die ewige
+Versteckenspielerei? Hab’ ich das um Sie verdient? Bin ich nicht wie ein
+Vater zu Ihnen gewesen? Sie leben in meinem Haus, Sie essen an meinem
+Tisch, Sie genießen mein Vertrauen, Sie nehmen teil an unserm Wohl und
+Wehe, kann Sie denn nichts in der Welt bewegen, Sie heimlicher Mensch,
+einmal offen und rückhaltlos zu sein?«
+
+O wundersam! Dem Lehrer standen die Augen voller Tränen. Er zog die
+Schrift des Präsidenten aus der Tasche, ging zum Tisch und legte das
+Büchlein mit Affekt vor Caspar hin.
+
+Caspar blickte den Lehrer an, als ob dieser in einer weiten Entfernung
+stehe. Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene
+Abwesenheit der Gedanken. Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewölk,
+die Lippen waren geöffnet und zuckten.
+
+Wie böse er aussieht, dachte Quandt und fing an, sich zu ängstigen.
+»Sprechen Sie doch!« schrie er heiser.
+
+Caspar schüttelte langsam den Kopf. »Man muß Geduld haben,« sagte er wie
+im Traum. »Es wird sich was ereignen, Herr Lehrer, passen Sie nur auf.
+Es wird sich bald was ereignen, glauben Sie mir.« Unwillkürlich streckte
+er die Hand nach dem Lehrer aus.
+
+Quandt kehrte sich angewidert ab. »Verschonen Sie mich mit Ihren
+Redensarten,« sagte er kalt. »Sie sind ein abscheulicher Komödiant.«
+
+Damit war das Gespräch beendet und Quandt verließ das Zimmer.
+
+Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt, daß Caspar allerdings zu
+Mittag im Feuerbachschen Haus gewesen war, daß er aber nicht bloß nach
+dem Befinden des Präsidenten gefragt, sondern auch mit auffallender
+Dringlichkeit den Staatsrat zu sprechen verlangt habe. Natürlich habe
+man ihm durchaus nicht willfahren können. Er war noch eine halbe Stunde
+lang unbeweglich am Tor stehengeblieben, und bevor er sich entfernt, war
+er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu den Fenstern
+hinaufgeschaut, wobei sein Gesicht anders als je, wild und verstört,
+ausgesehen.
+
+Nun kam er aber den nächsten Tag wieder, und ebenso am dritten und
+vierten Tag, jedesmal mit demselben dringenden Begehren, und jedesmal
+wurde er abgewiesen. Der Präsident bedürfe der Ruhe, wurde ihm gesagt;
+sein Zustand, der anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben, bessere sich
+jedoch stetig.
+
+Direktor Wurm erzählte endlich dem Präsidenten davon. Feuerbach befahl,
+daß man Caspar zu ihm führen solle, wenn er das nächste Mal käme, und
+bestand trotz dem Abreden Henriettes auf seinem Willen. Es verging aber
+die ganze Woche, ehe sich Caspar wieder sehen ließ.
+
+Eines Nachmittags, schon ziemlich spät, erschien er und wurde von
+Henriette, nicht eben freundlich empfangen, in das Zimmer ihres Vaters
+geleitet. Der Präsident saß im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg
+von Akten vor sich aufgeschichtet. Er sah sehr gealtert aus, weiße
+Bartstoppeln umstanden Kinn und Wangen, sein Auge blickte ruhig, hatte
+aber einen ängstlichen Schimmer, wie bei einem, dem der äußerst
+gefürchtete Tod näher gewesen ist als er denken will.
+
+»Nun, was wünschen Sie von mir, Hauser?« wandte er sich an Caspar, der
+neben der Tür stehengeblieben war.
+
+Caspar trat heran, stolperte vor dem Schemel, fiel plötzlich auf die
+Knie und beugte in pagenhafter Demut das Haupt. Auch seine Arme sanken
+schlaff herunter, und er verharrte mit ergebener und düsterer Miene in
+derselben Stellung.
+
+Feuerbach verfärbte sich. Er packte Caspar bei den Haaren und bog den
+Kopf zurück, aber die Augen Caspars blieben geschlossen. »Was gibt’s,
+junger Mann?« rief der Präsident hart.
+
+Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick. »Ich hab’ es gelesen,« sagte
+er.
+
+Der Präsident ballte die Lippen aufeinander, und seine Augen
+verschwanden unter den Brauen. Ein langes Schweigen trat ein.
+
+»Stehen Sie auf,« herrschte endlich der Präsident Caspar an. Dieser
+gehorchte.
+
+Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend, halb
+beschwörend: »Nicht mucksen, Hauser, nicht mucksen! Stille halten!
+Stille sein! Abwarten! Ist vorläufig nichts weiter zu tun.«
+
+Caspars Gesicht, stumm erregt wie das eines Fiebernden, wurde starrer.
+
+»Es graut Ihnen, jawohl,« fuhr der Präsident fort, »auch mir graut, und
+dabei muß es sein Bewenden haben. Unserm Arm sind nicht alle Fernen und
+Höhen erreichbar. Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons
+Horn. Die hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen
+so hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein
+Lichtstrahl zwängen kann. Geduld, Hauser, und nicht mucksen, nicht
+mucksen. Zu versprechen ist nichts; eine Hoffnung bleibt noch, aber dazu
+brauch’ ich Gesundheit. Genug für jetzt!«
+
+Er machte eine verabschiedende Geste.
+
+Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an. Der feste
+Blick wunderte den Präsidenten. Ei der Tausend, dachte er, der Bursche
+hat Blut in sich und kein Zuckerwasser. Schon im Fortgehen begriffen,
+drehte sich Caspar noch einmal um und sagte: »Exzellenz, ich hätte eine
+große Bitte.«
+
+»Eine Bitte? Heraus damit!«
+
+»Es ist mir so lästig, daß ich bei jedem Ausgehen immer auf den
+Invaliden warten soll. Er kommt oft so spät, daß es sich gar nicht mehr
+ums Weggehen lohnt. Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu
+meinen Bekannten auch.«
+
+»Hm,« machte Feuerbach, »will’s überlegen, werd’ es richten.«
+
+Als Caspar das Zimmer verließ, huschte eine weibliche Gestalt längs des
+Korridors davon, einer ertappten Lauscherin gleich. Es war Henriette,
+die, in beständiger Angst um den Vater nichts so sehr fürchtete wie die
+Gefahr, die aus dessen leidenschaftlichem Anteil an dem Schicksal
+Caspars drohte. Es mag dafür ein Brief Zeugnis geben, den sie an ihren
+in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm schrieb und der die unheilschwere
+Luft, die in der Umgebung des Präsidenten lastete, mit jeder Zeile
+spüren ließ.
+
+»Der Zustand unsers Vaters,« so begann das Schreiben, »hat sich, Gott
+sei Dank, zum Bessern gewandt. Er vermag schon, auf einen Stock
+gestützt, durchs Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem
+guten Braten, wenngleich sein Appetit nicht mehr der frühere ist und er
+hin und wieder über Magenschmerzen klagt. Was aber seine Stimmung im
+allgemeinen anbelangt, so ist sie schlechter denn je, und zwar hängt
+dies vornehmlich mit der unglückseligen Caspar-Hauser-Schrift zusammen.
+Du weißt, welch riesiges Aufsehen die Broschüre im ganzen Land
+hervorgerufen hat. Tausende von Stimmen haben sich dafür und dawider
+erhoben, aber es scheint, daß das Dawider allmählich die Oberhand
+behalten hat. Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel, die einander
+auffallend ähnlich waren und worin das Werk als Produkt eines
+überspannten Kopfes höhnisch abgetan wurde. Nachdem zwei Auflagen in
+rascher Folge verkauft waren, weigerte der Verleger plötzlich unter
+allerlei Ausflüchten den Druck, und als man sich an zwei andre wandte,
+kamen ebenfalls Absagen. Daß dahinter die tückischesten Umtriebe
+stecken, samt und sonders aus ein und derselben Quelle, kann man sich
+nicht verhehlen, und ich möchte mir die Lippen wund beißen, wenn ich
+daran denke, in was für Zuständen wir zu leben gezwungen sind, daß
+selbst ein Mann wie unser Vater für eine Sache, die so, wie sie ist,
+zum Himmel schreit, kein williges Ohr findet, von tätiger Hilfe ganz zu
+schweigen. Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere,
+sonst wäre mehr Empörung in der Welt. Nun magst du dir aber erst unsern
+Vater vorstellen: seine bittere Verstimmung, seinen Schmerz, seine
+Verachtung, und alles zurückgehalten, in seiner Brust zugeschlossen. Was
+mußte er fühlen, da sogar aus dem nächsten Freundeskreis kein Zeichen
+des Beifalls, des Dankes, der Liebe mehr zu ihm flog! Gewisse
+hochgestellte Personen hielten mit ihrem Ärger nicht zurück, und hier,
+in dem abscheulichen Krähwinkel, hatte man ohnehin wenig Aufhebens von
+der ganzen Geschichte gemacht, begreiflicherweise, denn Christus mag Rom
+erobern, zu Jerusalem ist er nur ein schäbiger Rabbi. Ich bin in großer
+Sorge für unsern Vater. Ich kenne ihn genug, um zu wissen, daß seine
+jetzige äußerliche Ruhe nur den inneren Sturm verbirgt. Manchmal sitzt
+er stundenlang und starrt auf eine einzige Stelle an der Wand, und wenn
+man ihn dann stört, schaut er einen mit großen Augen an und lacht
+lautlos und weh. Neulich sagte er ganz plötzlich und mit finsterer Miene
+zu mir: das Rechte sei, wenn aus solcher Ursache heraus wie in früheren
+Zeiten der ganze Mann sich stelle, mit Haut und Haar müsse man sich
+opfern und dürfe sich nicht hinter einem Wall bedruckten Papiers
+verschanzen. Er wälzt Pläne in seinem Hirn, die Nachricht, daß im
+Badischen eine Revolution ausgebrochen ist, hat ihn mächtig angegriffen,
+und in der Tat scheint diese Katastrophe mit der Caspar-Hauser-Sache in
+innigem Zusammenhange zu stehen. Er glaubt in einem verabschiedeten und
+irgendwo am Main lebenden Minister einen der Hauptanstifter der an dem
+Findling begangenen Greuel vermuten zu dürfen, und – kaum will mir der
+Satz in die Feder! – er hat die Absicht, den Mann aufzusuchen, ihn zu
+einem Geständnis zu zwingen. Der Polizeileutnant Hickel, der unheimliche
+Geselle, dem ich nicht über den Weg traue, kommt nun fast täglich ins
+Haus und hat lange Konferenzen mit Vater, und soviel ich bis jetzt den
+Andeutungen des Vaters entnommen habe, soll ihn Hickel in einigen Wochen
+auf die Reise begleiten. Könnt’ ich doch das, nur das verhindern! Er
+wird um dieser unseligen Geschichte willen den letzten Frieden seines
+Alters hingeben und er wird nichts ausrichten, nichts, nichts und wäre
+er ein Jesajas an Beredsamkeit, ein Simson an Kraft und ein Makkabäus an
+Mut. Ach, wir Feuerbachs sind ein gezeichnetes Geschlecht! Das Kainsmal
+der Ruhelosigkeit bedeckt unsre Stirnen. Sinnlos wirtschaften wir mit
+unsern Kräften und unsern Vermögen, und wenn die Überbleibsel noch
+gerade bis zur Kirchhofsmauer reichen, ist es schon ein Glück. Es ist
+uns nicht gegeben, einen harmlosen Spaziergang zu machen, wir müssen
+immer gleich ein Ziel haben, wir können nicht atmen, ohne eines
+wichtigen Zweckes zu gedenken, und in der Erwartung des nächsten Tages
+entgleitet uns jede holde Gegenwart. So ist er, so bist du, so bin ich,
+so sind wir alle. Ich habe noch nie an einer Rose gerochen, ohne darüber
+zu trauern, daß sie morgen verwelkt sein wird, noch nie ein schönes
+Bettelkind erblickt, ohne über die Ungleichheit der Lose zu
+spintisieren. Leb wohl, Bruder, der Himmel mache meine schlimmen
+Ahnungen unwirklich.«
+
+So der Brief. Das darin zum Ausdruck gebrachte Mißtrauen gegen den
+Polizeileutnant wuchs schließlich dermaßen, daß Henriette alle möglichen
+Anstrengungen machte, um den Vater mit Hickel zu entzweien. Es fruchtete
+nichts, aber Hickel roch Lunte und zeigte in seinem Benehmen gegen die
+Tochter des Präsidenten alsbald eine undurchdringliche, süßliche
+Liebenswürdigkeit. Als ihn Quandt aufsuchte und sich lebhaft darüber
+beklagte, daß der Präsident sich von Hauser habe beschwatzen lassen und
+dessen unbewachtes und unbehindertes Herumlaufen in der Stadt bewilligt
+habe, sagte Hickel, das passe ihm nicht, er werde dem Staatsrat schon
+den Kopf zurechtsetzen.
+
+Er ließ sich bei Feuerbach melden und trug ihm seine Bedenken gegen die
+unerwünschte Maßregel vor. »Eure Exzellenz dürften nicht überlegt haben,
+welche Verantwortung Sie mir damit aufbürden,« sagte er. »Wenn ich keine
+Kontrolle habe, wo der Mensch seine Zeit hinbringt, wie soll ich dann
+für seine Sicherheit Garantie bieten?«
+
+»Larifari,« knurrte Feuerbach; »ich kann einen erwachsenen Menschen
+nicht einsperren, damit Sie Ihre Nachmittagsstunden mit Gemütsruhe im
+Kasino versitzen können.«
+
+Hickel heftete einen bösen Blick auf seine Hände, antwortete aber mit
+einer nicht übel gespielten Treuherzigkeit: »Ich bin mir ja eines
+Lasters bewußt, das Eure Exzellenz so streng verurteilen. Immerhin, ein
+Plätzchen muß der Mensch doch haben, wo er sich wärmen kann, sonderlich
+wenn er ein Hagestolz ist. Wenn Sie in meiner Haut steckten, Exzellenz,
+und ich in der Ihren, würde ich milder über einen geplagten Beamten
+denken.«
+
+Feuerbach lachte. »Was ist Ihnen denn über die Leber gekrochen?« fragte
+er gutmütig. »Haben Sie Liebeskummer?« Er hielt den Polizeileutnant für
+einen großen Suitier.
+
+»In diesem Punkt, Exzellenz, bin ich leider zu hartgesotten,« entgegnete
+Hickel, »obgleich ein Anlaß dafür vorhanden wäre; seit einigen Tagen hat
+unsre Stadt die Ehre, eine ganz ausgezeichnete Schönheit zu
+beherbergen.«
+
+»So?« fragte der Präsident neugierig. »Erzählen Sie mal.« Er hatte,
+nicht zu leugnen, eine kleine naive Schwäche für die Frauen.
+
+»Die Dame ist bei Frau von Imhoff zu Besuch –«
+
+»Jawohl, richtig, die Baronin sprach davon,« unterbrach Feuerbach.
+
+»Sie wohnte zuerst im ›Stern‹,« fuhr Hickel fort, »ich ging ein paarmal
+vorüber und sah sie gedankenvoll am Fenster weilen, den Blick zum Himmel
+aufgeschlagen wie eine Heilige; ich blieb dann immer stehen und schaute
+hinauf, aber kaum daß sie mich bemerkte, trat sie erschrocken zurück.«
+
+»Na, das lass’ ich mir gefallen, das heißt gut beobachten,« neckte der
+Präsident, »es ist also schon eine Art Einverständnis geschaffen.«
+
+»Leider nein, Exzellenz; offen gestanden, für galante Abenteuer ist die
+Zeit zu ernst.«
+
+»Das sollt’ ich meinen,« bestätigte Feuerbach, und das Lächeln erlosch
+auf seinen Zügen. Er erhob sich und sagte energisch: »Aber sie ist auch
+reif, die Zeit. Ich gedenke am 28. April aufzubrechen. Sie nehmen vorher
+Dispens vom Amt und stellen sich mir zur Verfügung.«
+
+Hickel verbeugte sich. Er schaute den Präsidenten erwartungsvoll an,
+und dieser verstand den Blick. »Ach so,« sagte er. »Ich muß Ihnen
+allerdings zugeben, daß es sein Untunliches hat, den Hauser sich selbst
+zu überlassen. Anderseits ist es nicht billig, ihm die Welt vor der Nase
+zuzuriegeln. Davon mag er genug haben. Durch Einbuße an freiwilliger
+Betätigung wird ein zum Leben gewandter Wille ebenso empfindlich
+getroffen wie durch Ketten und Handfessel.« Er konnte nicht einig mit
+sich werden; wie immer dem Polizeileutnant gegenüber fand er sich in
+seinen Entschlüssen beengt; es war ein Anprall von Kraft, Jugend, Kälte
+und Gewissenlosigkeit, dem er dabei unterlag.
+
+»Aber Eure Exzellenz kennen doch die Gefahren –« wandte Hickel ein.
+
+»Solange ich in dieser Stadt die Augen offen habe, wird niemand wagen,
+ihm ein Haar zu krümmen, dessen seien Sie ganz gewiß.«
+
+Hickel hob die Brauen hoch und betrachtete wieder die gestreckten Finger
+seiner Hand. »Und wenn er uns eines Tages über alle Berge rennt?« fragte
+er finster. »Dem ist manches zuzutrauen. Ich schlage vor, daß man ihn
+wenigstens des Abends und auf Spaziergängen überwachen läßt. Bei
+Besorgungen in der Stadt mag er im Notfall allein bleiben. Dem alten
+Invaliden können wir den Laufpaß geben, und ich will statt dessen meinen
+Burschen abrichten. Er soll sich täglich um fünf Uhr nachmittags im
+Lehrerhaus melden.«
+
+»Das wäre eine Lösung,« sagte Feuerbach. »Ist der Mann verläßlich?«
+
+»Treu wie Gold.«
+
+»Wie heißt er?«
+
+»Schildknecht; ist ein Bäckerssohn aus dem Badischen.«
+
+»Erledigt; sei es so.«
+
+Als Hickel schon unter der Tür war, rief ihn der Präsident noch einmal
+zurück und schärfte ihm wegen der bevorstehenden gemeinsamen Reise
+unbedingtes Stillschweigen ein. Hickel versetzte, einer solchen Mahnung
+bedürfe es nicht.
+
+»Ich könnte die Reise keinesfalls allein unternehmen,« sagte der
+Präsident, »ich brauche die Hilfe eines umsichtigen Mannes. Die
+Gelegenheit muß sorgfältig ausgekundschaftet werden. Vorsicht ist
+geboten. Vergessen Sie niemals, daß ich Ihnen in dieser Sache einen
+großen Beweis von Vertrauen gebe.«
+
+Er schaute den Polizeileutnant durchbohrend an. Hickel nickte
+mechanisch. Über Feuerbachs Stirn senkte sich plötzlich eine Wolke
+ahnungsvoller Sorge. »Gehen Sie,« befahl er kurz.
+
+
+
+
+Die Reise wird angetreten
+
+
+Am selben Abend suchte Hickel den Lehrer auf und teilte ihm mit, daß der
+Soldat Schildknecht von nun an den Hauser überwachen werde. Caspar war
+nicht daheim, und auf die Frage nach ihm antwortete Quandt, er sei ins
+Theater.
+
+»Schon wieder ins Theater!« rief Hickel. »Das dritte Mal seit vierzehn
+Tagen, wenn ich recht zähle.«
+
+»Er hat eine große Vorliebe dafür gefaßt,« erwiderte Quandt; »beinahe
+sein ganzes Taschengeld verwendet er dazu, um Billette zu kaufen.«
+
+»Mit dem Taschengeld wird es, nebenbei bemerkt, nächstens hapern,« sagte
+der Polizeileutnant, »der Graf hat mir diesmal nur die Hälfte des
+vereinbarten Monatswechsels geschickt. Offenbar wird ihm die Sache zu
+kostspielig.«
+
+Stanhope hatte von Anfang an die für Caspar zu verwendenden Gelder an
+Hickel gesandt.
+
+»Kostspielig? Dem Lord? Einem Pair der Krone Großbritannien? Diese
+Lappalie kostspielig!« Quandt riß vor Erstaunen die Augen auf.
+
+»Das erzählen Sie nur keinem andern, sonst denkt man, Sie machen sich
+lustig über den Grafen,« sagte die Lehrerin. Neugierig prüfend schaute
+sie den Polizeileutnant an. Dieser aalglatte und geschniegelte Mann war
+ihr stets merkwürdig und reizvoll erschienen. Er brachte das bißchen
+Phantasie, das sie hatte, in Bewegung.
+
+»Kann nicht helfen,« schloß Hickel unwirsch das Gespräch, »es ist so.
+Der Postzettel liegt bei mir zur Einsicht vor. Der Graf wird schon
+wissen, was er tut.«
+
+Als Caspar nach Hause kam, fragte ihn Quandt, wie er sich unterhalten
+habe. »Gar nicht, es war soviel von Liebe in dem Stück,« antwortete er
+ärgerlich. »Ich kann das Zeug nun einmal nicht ausstehen. Da schwätzen
+sie und jammern, daß einem ganz dumm wird, und was ist das Ende? Es wird
+geheiratet. Da will ich lieber mein Geld einem Bettler schenken.«
+
+»Vorhin war der Herr Polizeileutnant hier und hat uns eröffnet, daß der
+Graf Ihre Bezüge erheblich gemindert hat,« sagte Quandt. »Sie werden
+also alle Ausgaben überhaupt beschränken und den Theaterbesuch, fürchte
+ich, ganz aufgeben müssen.«
+
+Caspar setzte sich zum Tisch, aß sein Abendbrot und sagte lange nichts.
+»Schade,« ließ er sich endlich vernehmen, »übernächste Woche ist der
+›Don Carlos‹ von Schiller. Das soll ein herrliches Stück sein, das
+möcht’ ich noch sehen.«
+
+»Wer hat Ihnen denn mitgeteilt, daß es ein herrliches Stück ist?« fragte
+Quandt mit der nachsichtig überlegenen Miene des Fachmannes.
+
+»Ich hab’ Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf im Theater getroffen,«
+erklärte Caspar, »beide haben es gesagt.«
+
+Die Lehrerin hob den Kopf: »Frau von Kannawurf? Wer ist denn das nun
+wieder?«
+
+»Eine Freundin von der Imhoff,« erwiderte Caspar.
+
+Quandt besprach sich mit seiner Frau noch bis Mitternacht darüber, wie
+man sich in die vom Grafen getroffene Veränderung zu schicken habe. Es
+wurde vereinbart, daß Caspar von jetzt ab den Mittagstisch für zehn und
+den Abendtisch für acht Kreuzer haben solle. »Wenn das so ist, wie der
+Polizeileutnant sagt, muß ich in jedem Fall draufzahlen,« meinte die
+Lehrerin.
+
+»Wir dürfen nicht vergessen, daß der Hauser im Essen und Trinken
+wirklich beispiellos mäßig ist,« versetzte Quandt, dessen Redlichkeit
+sich gegen eine unrechtmäßige Beschränkung sträubte.
+
+»Macht nichts,« beharrte die Frau, »ich muß doch immer um so viel mehr
+in der Küche haben, daß ein Hungriger satt wird. Das krieg’ ich nicht
+geschenkt.«
+
+Am andern Nachmittag brachte Hickel das Monatsgeld. Er und Quandt traten
+gerade in den Flur, als Caspar, zum Ausgehen fertig, aus seinem Zimmer
+herunterkam. Vom Lehrer gefragt, wohin er gehe, antwortete er verlegen,
+er wolle zum Uhrmacher, seine Uhr sei nicht in Ordnung, und er müsse sie
+richten lassen. Quandt verlangte die Uhr zu sehen, Caspar reichte sie
+ihm, der Lehrer hielt sie ans Ohr, beklopfte das Gehäuse, probierte, ob
+sie aufzuziehen sei, und sagte schließlich: »Der Uhr fehlt ja nicht das
+mindeste.«
+
+Caspar errötete und sagte nun, er habe sich bloß seinen Namen auf den
+Deckel gravieren lassen wollen; doch er hätte ein viel geschickterer
+Heuchler sein müssen, um seinen Worten den Stempel der Ausflucht zu
+nehmen. Quandt und Hickel sahen einander an. »Wenn Sie einen Funken
+Ehrgefühl im Leib haben, so gestehen Sie jetzt offen, wohin Sie gehen
+wollten,« sagte Quandt ernst.
+
+Caspar besann sich und erwiderte zögernd, er habe die Absicht gehabt, in
+die Orangerie zu gehen.
+
+»In die Orangerie? Warum? Zu welchem Zweck?«
+
+»Der Blumen wegen. Es sind dort im Frühjahr immer so schöne Blumen.«
+
+Hickel räusperte sich bedeutsam. Er blickte Caspar scharf an und sagte
+ironisch: »Ein Poet. Unter Blumen – laß mich seufzen ...« Dann nahm er
+seine militärische Miene an und erklärte bündig, er habe den Präsidenten
+bestimmt, die unbedacht gewährte Erlaubnis zu freiem Ausgehen wieder zu
+kassieren. Täglich um fünf Uhr werde sein Bursche antreten, und in
+dessen Gesellschaft möge Caspar tun, was ihm beliebe.
+
+Caspar blickte still auf die Gasse hinaus, wo die Frühlingssonne lag.
+»Es scheint –« murmelte er, stockte aber und sah ergeben vor sich hin.
+
+»_Was_ scheint?« fragte der Lehrer. »Nur heraus damit. Halbgesagtes
+verbrennt die Zunge.«
+
+Caspar richtete die Augen forschend auf ihn. »Es scheint,« beendete er
+den Satz, »daß beim Präsidenten doch recht behält, wer zuletzt kommt.«
+Als er der Wirkung dieser bitteren Worte inne ward, hätte er sie gern
+wieder ungesprochen gemacht. Der Lehrer schüttelte entsetzt den Kopf,
+Hickel pfiff leise durch die gespitzten Lippen. Dann nahm er sein
+Notizbuch, das zwischen zwei Knöpfen seines Rockes stak, und schrieb
+etwas auf. Caspar beobachtete ihn mit scheuen Blicken, es flackerte wie
+ein Blitz über seine Stirn.
+
+»Natürlich werde ich den Staatsrat von dieser unziemlichen Bemerkung
+unterrichten,« sagte Hickel in amtlichem Ton.
+
+Als der Polizeileutnant gegangen war, bat Caspar den Lehrer, er möge ihn
+doch ausnahmsweise heute fortlassen, weil so schönes Wetter sei. »Es tut
+mir leid,« entgegnete Quandt, »ich muß nach meiner Instruktion handeln.«
+
+Der Bursche Hickels erschien erst gegen halb sechs. Caspar begab sich
+mit ihm auf den Weg nach dem Hofgarten, aber als sie hinkamen, war die
+Orangerie schon geschlossen. Schildknecht schlug vor, am Onolzbach
+entlang spazierenzugehen; Caspar schüttelte den Kopf. Er stellte sich an
+eines der offenen Fenster des Gewächshauses und blickte hinein.
+
+»Suchen Sie wen?« fragte Schildknecht.
+
+»Ja, eine Frau wollte mich hier treffen,« erwiderte Caspar. »Macht
+nichts, gehen wir wieder heim.«
+
+Sie kehrten um; als sie auf den Schloßplatz gelangten, sah Caspar Frau
+von Kannawurf, die in der Mitte des Platzes stand und einer großen
+Menge von Spatzen Brosamen hinstreute. Caspar blieb außerhalb der
+Sperlingsversammlung stehen; er schaute zu und vergaß ganz zu grüßen.
+Die Fütterung war bald beendet, Frau von Kannawurf setzte den Hut wieder
+auf, den sie am Band über den Arm gehängt hatte, und sagte, sie sei
+anderthalb Stunden lang im Gewächshaus gewesen.
+
+»Ich bin kein freier Mensch, kann nicht halten, was ich verspreche,«
+antwortete Caspar.
+
+Sie gingen die Promenade hinunter, dann links gegen die Vorstadtgärten.
+Schildknecht marschierte hinterdrein; der rotbackige kleine Mensch in
+der grünen Uniform sah drollig aus. Der größte von den dreien war
+überhaupt Caspar, denn auch Frau von Kannawurf hatte eine kindliche
+Gestalt.
+
+Nachdem sie lange Zeit schweigend nebeneinander her gewandert waren,
+sagte die junge Frau: »Ich bin eigentlich Ihretwegen in diese Stadt
+gekommen, Hauser.« Die ein wenig singende Stimme hatte einen fremden
+Akzent, und während sie sprach, pflegte sie hie und da mit den Lidern zu
+blinzeln, wie Leute tun, die ermüdete Augen haben.
+
+»Ja, und was wollen Sie von mir?« versetzte Caspar mehr unbeholfen als
+schroff. »Das haben Sie mir schon gestern im Theater gesagt, daß Sie
+meinetwegen gekommen sind.«
+
+»Das ist Ihnen nichts Neues, denken Sie. Aber ich will nichts von Ihnen
+haben, im Gegenteil. Es ist sehr schwer, im Gehen darüber zu reden.
+Setzen wir uns dort oben ins Gras.«
+
+Sie stiegen den Abhang des Nußbaumberges hinan und ließen sich vor einer
+Hecke auf den Rasen nieder. Ihnen gegenüber sank die Sonne gegen die
+Waldkuppen der schwäbischen Berge. Caspar schaute andächtig hin, Frau
+von Kannawurf stützte den Ellbogen aufs Gras und sah in die violette
+Luft. Schildknecht, als verstehe er, daß seine Gegenwart nicht erwünscht
+sei, hatte sich weit unterhalb auf einen umgestürzten Baum gesetzt.
+
+»Ich besitze ein kleines Gut in der Schweiz,« begann Frau von Kannawurf,
+»ich habe es vor zwei Jahren gekauft, um mir in einem freien Land einen
+Zufluchts- und Ruheplatz zu schaffen. Ich mache Ihnen den Vorschlag, mit
+mir dorthin zu reisen. Sie können dort ganz nach Ihrem Wunsch leben,
+ohne Belästigung und ohne Gefahr. Nicht einmal ich selbst werde Sie
+stören, denn ich kann nirgends bleiben, es treibt mich immer woanders
+hin. Das Haus liegt vollständig einsam zwischen hohen Bergen im Tal und
+an einem See. Nichts Großartigeres läßt sich denken als der Anblick des
+ewigen Schnees, wenn man dort im Garten unter den Apfelbäumen sitzt. Da
+es viel Schwierigkeiten und viel Zeit kosten würde, wenn ich es
+durchsetzen wollte, Sie vor aller Welt hinzubringen, bin ich dafür, daß
+Sie mit mir fliehen. Sie brauchen nur ja zu sagen und alles ist bereit.«
+
+Sie hatte Caspar jetzt das Gesicht voll zugewandt, und dieser kehrte den
+etwas geblendeten Blick von dem roten Sonnenball weg und schaute sie an.
+Er hätte von Holz sein müssen, um diesem wunderschönen Antlitz gegenüber
+unempfindlich zu bleiben, und ganz von selbst, und als ob er ihr gar
+nicht zugehört hätte, fielen die verwunderten Worte von seinen Lippen:
+»Sie sind aber sehr schön.«
+
+Frau von Kannawurf errötete. Es gelang ihr nicht, hinter ihrem
+spöttischen Lächeln ein schmerzliches Gefühl zu verbergen. Ihr Mund, der
+etwas Kindlich-Süßes hatte, zuckte beständig, wenn sie schwieg. Caspar
+geriet in Verwirrung unter ihrem erstaunten Blick und sah wieder in die
+Sonne.
+
+»Sie antworten mir nicht?« fragte Frau von Kannawurf leise und
+enttäuscht.
+
+Caspar schüttelte den Kopf. »Es ist unmöglich zu tun, was Sie von mir
+wollen,« sagte er.
+
+»Unmöglich? warum?« Frau von Kannawurf richtete sich jäh auf.
+
+»Weil ich dort nicht hingehöre,« sagte Caspar fest.
+
+Das junge Weib sah ihn an. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck eines
+aufmerksamen Kindes und wurde nach und nach so blaß wie der Himmel über
+ihnen. »Wollen Sie sich denn opfern?« fragte sie starr.
+
+»Weil ich dorthin muß, wo ich hingehöre,« fuhr Caspar unbeirrt fort und
+blickte immer noch gegen die Stelle, wo die Sonne jetzt verschwunden
+war.
+
+Ihn zu meinem Plan zu bekehren, ist vergeblich, dachte Frau von
+Kannawurf sogleich; großer Gott, wie wahr, wie einfach alles vor ihm
+liegt: ja – nein, schön – häßlich; er betrachtet die Dinge nur von oben.
+Und wie sein Gesicht grenzenlose Güte mit einer naiven und zärtlichen
+Traurigkeit vereint; man ist benommen und erstaunt, wenn man ihn
+anschaut.
+
+»Was aber wollen Sie tun?« fragte sie zaudernd.
+
+»Ich weiß es noch nicht,« entgegnete er wie im Traum und verfolgte mit
+den Augen eine Wolke, welche die Gestalt eines laufenden Hundes hatte.
+
+Also was man mir berichtet hat, ist falsch; er fürchtet sich ja gar
+nicht, dachte das junge Weib. Sie erhob sich und ging ungestüm voraus,
+den Hügel hinunter an Schildknecht vorbei, der zu schlafen schien. Man
+muß ihn schützen, dachte sie weiter, er ist imstande und rennt in sein
+Verderben; was er tun wird, weiß er nicht, natürlich, er ist
+wahrscheinlich nicht fähig, einen Plan zu machen, aber er wird handeln,
+er trägt eine Tat mit sich herum und wird vor nichts mehr
+zurückschrecken; es ist nicht schwer, ihn zu erraten, obwohl er aussieht
+wie das Schweigen selbst.
+
+Sie blieb stehen und wartete auf Caspar. »Ei, Sie können ordentlich
+laufen,« sagte er bewundernd, als er wieder an ihrer Seite war.
+
+»Die frische Luft macht mich ein bißchen wild,« antwortete sie und holte
+tief Atem.
+
+Als Frau von Kannawurf und Caspar durch den Torbogen des Herrieder
+Turmes gingen, sahen sie plötzlich neben einem leeren Schilderhäuschen
+den Polizeileutnant. Und beide blieben unwillkürlich stehen, denn der
+Anblick hatte etwas Erschreckendes. Hickel lehnte nämlich mit der
+Schulter gegen das Häuschen und sah aus wie zur Bildsäule erstarrt.
+Trotz der Dunkelheit konnte man wahrnehmen, daß sein Gesicht aschfahl
+war, und es lag über seinen Zügen eine bleierne Düsterkeit. Hinter ihm
+stand sein Hund, eine große graue Dogge; das Tier war genau so
+regungslos wie sein Herr und blickte unverwandt an ihm empor.
+
+Caspar zog grüßend den Hut; Hickel bemerkte es nicht. Frau von Kannawurf
+sah noch einmal zurück und flüsterte fröstelnd: »Wie furchtbar! Was für
+ein Mann! Was mag ihn peinigen!«
+
+War es denkbar, daß der Polizeileutnant, etwa durch neue Spielverluste
+in Verzweiflung gebracht, sich so weit vergessen konnte, daß er,
+wennschon durch die Dunkelheit und einen Mauerwinkel geschützt, auf
+offener Gasse das Schauspiel eines vom Krampf Befallenen darbot? Das ist
+den Spielern sonst nicht eigen; sie überschlafen ihren Unglücksrausch
+und geben sich kaltblütig dem tückischen Zufall von neuem in die Hände.
+Aber Spieler pflegen skrupellos zu sein; setzen sie nicht Geld auf
+Karten, so setzen sie auf Seelen, und dabei kann es sich wohl ereignen,
+daß ihnen der Teufel eine gräßliche Schuldverschreibung vorhält, die sie
+mit ihrem Blut unterzeichnen müssen.
+
+Als Hickel am Nachmittag nach Hause gekommen war, trat ihm vor der Tür
+seiner Wohnung ein unbekannter Mann entgegen, übergab ihm ein
+versiegeltes Schreiben und verschwand wieder, ohne gesprochen zu haben.
+Der erfahrene Blick des Polizeileutnants konnte nicht im unklaren
+darüber bleiben, daß der Mensch falsches Haar und falschen Bart getragen
+hatte. Der Brief, den Hickel sogleich öffnete, war chiffriert; seine
+Entzifferung kostete, trotzdem der Schlüssel bekannt war, den Rest des
+Nachmittags. Der Inhalt des Schreibens bezog sich auf die mit dem
+Präsidenten gemeinschaftlich anzutretende Reise. Hickel las, las und las
+wieder. Er hatte schon beim ersten Male verstanden, aber er las, um
+nicht denken zu müssen.
+
+Punkt sieben Uhr erhob er sich vom Schreibtisch und ging zehn Minuten
+lang pfeifend im Zimmer auf und ab. Sodann öffnete er ein
+Glasschränkchen, nahm eine Flasche mit Whisky heraus, die er vom Grafen
+Stanhope geschenkt erhalten hatte, füllte ein nettes silbernes
+Becherchen damit und trank es in einem Zuge leer. Hierauf griff er zur
+Bürste, reinigte den Rock, danach hing er den Säbel um und um halb acht
+verließ er mit dem Hund seine Wohnung. Er schien gutgelaunt, denn er
+pfiff und summte noch immer vor sich hin und knipste hier und da mit den
+Fingern. Doch unter dem Bogen des Herrieder Turmes blieb er auf einmal
+stehen und sah angelegentlich zur Erde nieder. Ein durchfahrender
+Handwagen stieß ihn an der Hüfte an, deshalb ging er ein paar Schritte
+weiter bis zum Schilderhause um die Ecke. Dort gewahrte ihn das
+heimkehrende Paar.
+
+Es würde einen ungenügenden Einblick in den Charakter des
+Polizeileutnants beweisen, wenn man annehmen wollte, daß diese
+Sinnesverdunklung länger gedauert habe, als gemeinhin eine
+vorübergehende Blutleere im Kopf dauert. Um acht Uhr saß er schon mit
+einigen Kollegen beim Fischessen in der »Goldenen Gabel« und um neun Uhr
+war er im Kasino; sollte diese genaue Stundenangabe etwas Verdrießliches
+haben, so sei hinzugefügt, daß er in der Zeit von neun bis vier Uhr
+überhaupt keinen Glockenschlag mehr, sondern nur noch das eintönige
+Knistern der Spielkarten vernahm. Er gewann. Auf dem Heimweg durch die
+grauende Frühe passierte dann das Auffällige, daß er vor dem
+Sterngasthof in der Mitte der Straße Halt machte, den Säbel an das Bein
+preßte und einen langen, saugenden Blick gegen dasselbe Fenster
+hinaufschickte, hinter dem er einst die schöne Fremde gesehen hatte.
+
+Am Morgen schlief er lange, und als der Bursche mit dem Rapport kam,
+hörte er kaum zu. Schildknecht war verpflichtet, jeden Morgen Bericht
+zu erstatten, wo er den Nachmittag oder Abend vorher mit Caspar gewesen.
+Fast jedesmal hieß es von nun ab: wir haben die Frau von Kannawurf
+abgeholt, oder: die Frau von Kannawurf ist uns begegnet und wir sind
+spazierengegangen, oder bei Regenwetter: wir sind im Imhoffschen Garten
+in der Laube gesessen. Dieses »Wir« hatte aber in Schildknechts Mund
+einen sehr bescheidenen Klang; er sprach von Caspar stets mit
+achtungsvoller Zurückhaltung. Da er die Wahrnehmung machte, daß sein
+Herr die Berichte über das regelmäßige Beisammensein der beiden mit
+Unruhe aufnahm, wußte er in seinen Ton etwas wie eine Versicherung von
+Harmlosigkeit zu legen, fügte zum Beispiel hinzu: »sie haben viel über
+das Wetter gesprochen,« oder: »sie haben sich über gebildete Sachen
+unterhalten.« Solche Einzelheiten erfand er, denn in Wirklichkeit hielt
+er sich jedesmal in einer taktvollen Entfernung hinter den beiden.
+
+Hickel begann dem jungen Menschen zu mißtrauen.
+
+Eines Abends erwischte er ihn, wie er in einem Winkel der Küche hockte,
+eine Kerze vor sich, und mit dem Zeigefinger buchstabierend über die
+Zeilen eines Buches glitt. Als er sich gestört fand, war er wie
+entgeistert, seine roten Backen hatten die Farbe verloren. Hickel nahm
+das Buch, und sein Gesicht wurde finster wie die Nacht, als er sah, daß
+es die Feuerbachsche Schrift war. »Woher hat Er das?« schrie er
+Schildknecht an. Der Bursche erwiderte, er habe es auf dem Bücherschrank
+des Herrn Leutnant gefunden. »Das ist eine widerrechtliche Aneignung,
+ich werde Ihn davonjagen und disziplinieren lassen, wenn so etwas
+nochmal vorkommt, merk’ Er sich das!« donnerte Hickel.
+
+Wahrscheinlich hätte die erstbeste Seeräubergeschichte die Neugier des
+Tölpels ebenso gereizt, sagte sich Hickel später und erklärte sein
+Aufbrausen für eine Unbesonnenheit. Gleichwohl witterte er Gefahr, der
+Bursche war nicht nach seinem Sinn, und er beschloß, sich seiner zu
+entledigen. Ein Anlaß ergab sich bald.
+
+Als Schildknecht tags darauf Caspar abholte, merkte er, daß dieser
+verstimmt war. Er suchte ihn aufzuheitern, indem er ein paar lustige
+Schnurren aus dem Kasernenleben vorbrachte. Caspar ging auf die
+Unterhaltung ein, er fragte den zutraulichen Menschen nach seiner
+Heimat, nach seinen Eltern, und Schildknecht bemühte sich, auch davon
+möglichst gutgelaunt zu erzählen, obschon es ein trauriges Kapitel für
+ihn war. Er hatte eine Stiefmutter gehabt, der Vater hatte ihn in früher
+Jugend unter fremde Leute gegeben, kaum war er von Hause fort, so hatte
+ein Liebhaber der Frau den Vater im Raufhandel erschlagen. Jetzt saß der
+Liebhaber samt der Frau im Zuchthaus, und die Brüder hatten das Vermögen
+durchgebracht.
+
+Schildknecht wagte zu fragen, weshalb Caspar heute seine Freundin nicht
+treffe.
+
+»Sie geht ins Theater,« antwortete Caspar.
+
+Warum denn er nicht gehe, fragte Schildknecht weiter.
+
+Er habe kein Geld.
+
+»Kein Geld? Wieviel braucht man denn dazu?«
+
+»Sechs Groschen.«
+
+»Soviel hab’ ich grad’ bei mir,« meinte Schildknecht, »ich leih’s
+Ihnen.«
+
+Caspar nahm das Anerbieten mit Vergnügen an. Es wurde nämlich der »Don
+Carlos« gegeben, auf den er sich schon lange gefreut hatte.
+
+Das Stück erregte mit Ausnahme des verrückten Frauenzimmers, das den
+Prinzen verführen will, sein Entzücken. Und wie ward ihm, als der
+Marquis zum König sprach:
+
+ Sie haben umsonst
+ Den harten Kampf mit der Natur gerungen,
+ Umsonst ein großes königliches Leben
+ Zerstörenden Entwürfen hingeopfert.
+ Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten.
+ Des langen Schlummers Bande wird er brechen
+ Und wiederfordern sein geheiligt Recht.
+
+Er erhob sich von seinem Platz, starrte gierig, mit funkelnden Augen auf
+die Bühne und enthielt sich nur mit Mühe eines lauten Ausrufs. Zum Glück
+wurde die Störung in der herrschenden Dunkelheit nicht weiter beachtet;
+sein Nachbar, ein böser alter Kanzleirat, zerrte ihn grob auf den Sitz
+zurück.
+
+Das Ausbleiben über den Abend hatte zunächst ein Verhör durch den Lehrer
+zur Folge. Er gestand, im Schloßtheater gewesen zu sein. »Woher haben
+Sie Geld?« fragte Quandt. Caspar erwiderte, er habe das Billett
+geschenkt bekommen. »Von wem?« Gedankenlos, noch ganz gefangen von der
+Dichtung, nannte Caspar irgendeinen Namen. Quandt erkundigte sich am
+andern Tag, erfuhr selbstverständlich, daß ihn Caspar belogen hatte, und
+stellte ihn zur Rede. In die Enge getrieben, bekannte Caspar die
+Wahrheit, und Quandt machte dem Polizeileutnant Mitteilung.
+
+Um fünf Uhr nachmittags ertönte im Hof vor Caspars Fenster der
+wohlbekannte Pfiff, zwei melodische Triolen, mit denen sich
+Schildknecht zu melden pflegte. Caspar ging hinunter.
+
+»Es ist aus mit uns beiden,« sagte Schildknecht zu ihm, »der
+Polizeileutnant hat mich entlassen, weil ich Ihnen das Geld geliehen
+hab’. Ich muß jetzt wieder Kasernendienst tun.«
+
+Caspar nickte trübselig. »So geht mir’s eben,« murmelte er, »sie
+wollen’s nicht leiden, wenn einer zu mir hält.« Er reichte Schildknecht
+die Hand zum Abschied.
+
+»Hören Sie mal zu, Hauser,« sagte Schildknecht eifrig, »ich will jede
+Woche zwei- oder dreimal, überhaupt wenn ich frei bin, dahier in den Hof
+kommen und meinen Pfiff pfeifen. Vielleicht brauchen Sie mich mal. Warum
+nicht, kann ja möglich sein.«
+
+Es lag in den Worten eine über alle Maßen tiefe Herzlichkeit. Caspar
+richtete den aufmerksamen Blick in Schildknechts freundlich lächelndes
+Gesicht und erwiderte langsam und bedächtig: »Es kann möglich sein, das
+ist wahr.«
+
+»Topp! Abgemacht!« rief Schildknecht.
+
+Sie gingen durch den Flur nach der Straße. Vor dem Tor stand ein
+Amtsdiener, und da er Caspars ansichtig wurde, sagte er, er habe ihn
+gesucht, der Herr Staatsrat schicke ihn her, Caspar solle gleich
+hinkommen. Caspar fragte, was es gäbe. »Der Herr Staatsrat reist um
+sechs Uhr mit dem Herrn Polizeileutnant ab und will noch mit Ihnen
+sprechen,« antwortete der Mann.
+
+Caspar machte sich auf den Weg. Ein paar hundert Schritte vom Lehrerhaus
+entfernt konnte er nicht weiter. Ein Ziegelwagen war vor dem Einfahren
+in ein Tor mit gebrochener Radachse umgestürzt und versperrte die Gasse.
+Caspar wartete eine Weile, kehrte dann um und mußte nun durch die
+Würzburger Straße und über die Felder. Infolgedessen kam er zu spät. Als
+er vor dem Feuerbachschen Garten anlangte, war der Präsident schon
+weggefahren. Henriette und der Hofrat Hofmann standen am Gartentor und
+nahmen Caspars triftige Entschuldigung schweigend auf. Henriette hatte
+verweinte Augen. Sie blickte lange die Gasse hinunter, wo der Wagen
+verschwunden war, dann drehte sie sich wortlos um und schritt gegen das
+Haus.
+
+
+
+
+Schildknecht
+
+
+Der Mai brachte viel Regen. Wenn das Wetter es irgend erlaubte,
+wanderten Caspar und Frau von Kannawurf ganze Nachmittage lang durch die
+Umgegend. Caspar vernachlässigte plötzlich sein Amt. Auf Vorhaltungen
+entgegnete er: »Ich bin der dummen Schreiberei überdrüssig.« Was ihm von
+den maßgebenden Personen höchlichst verübelt wurde.
+
+Der von Hickel neuaufgenommene und für die Dauer seiner Abwesenheit
+streng unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lästig, daß sich
+Frau von Kannawurf beim Hofrat Hofmann darüber beschwerte. Weniger aus
+Einsicht als um der schönen Frau gefällig zu sein, gestattete der
+Hofrat, daß Caspar seine Spaziergänge mit ihr allein unternehme.
+»Hoffentlich entführen Sie mir den Hauser nicht,« sagte er mit seinem
+fiskalisch-schlauen Lächeln zu der Sprachlosen.
+
+Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten. »Ich bestehe auf meiner
+Instruktion,« war sein eisernes Sprüchlein. Eines Morgens erschien daher
+Frau von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn kühn
+zur Rede. Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen; er war vollkommen
+verdattert und wurde abwechselnd rot und blaß. »Ich bin ganz zu Ihren
+Diensten, Madame,« sagte er mit dem Ausdruck eines Menschen, der sich
+auf der Folter zu allem entschließt, was man von ihm haben will.
+
+Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um.
+»Wie verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar?« fragte sie auf
+einmal. »Lieben Sie ihn?«
+
+Quandt seufzte. »Ich wollte, ich könnte ihn so lieben, wie seine
+achtungswerten Freunde glauben, daß er es verdient,« antwortete er
+meisterhaft verschnörkelt.
+
+Frau von Kannawurf erhob sich. »Wie soll ich das verstehen?« brach sie
+leidenschaftlich aus, »wie kann man ihn nicht lieben, ihn nicht auf
+Händen tragen?« Ihr Gesicht glühte, sie trat dicht vor den erschrockenen
+Lehrer hin und sah ihn drohend und traurig an.
+
+Doch sie besänftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen, um
+den ihr erstaunlichen Mann besser kennen zu lernen. Ihr war jeder Mensch
+ein Wunder und fast alles, was Menschen taten, etwas Wunderbares.
+Deshalb erreichte sie selten ein vorgesetztes Ziel. Sie vergaß sich und
+überschritt die Grenze, die ein oberflächlicher Verkehr bedingt.
+
+Quandt ärgerte sich nachher gründlich über seine nachgiebige Haltung.
+Was mag denn da wieder dahinter stecken? grübelte er. So oft die
+kleinen Briefchen von Frau von Kannawurf an Caspar kamen, öffnete er
+und las sie, ehe er sie dem Jüngling gab. Er brachte nichts heraus; der
+Inhalt war zu unverfänglich. Wahrscheinlich verständigen sie sich in
+irgendeiner Geheimsprache, dachte Quandt und stellte gewisse
+wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung, damit den Schlüssel zu
+finden. Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe, worauf Quandt ihm mit
+ungewöhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz
+ihrer Pfleglinge bewies.
+
+Schließlich bat Caspar seine Freundin, ihm nicht mehr zu schreiben. So
+unverfänglich wie die Briefe hätte der Lehrer auch, wenn er unsichtbar
+die beiden hätte belauschen können, ihre Gespräche gefunden. Es kam vor,
+daß sie stundenlang ohne zu reden nebeneinander her gingen. »Ist es
+nicht schön im Wald?« fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang
+ihrer süßen Stimme und einem kleinen, vogelhaft zwitschernden Lachen.
+Oder sie pflückte eine Blume vom Wiesenrain und fragte: »Ist das nicht
+schön?«
+
+»Es ist schön,« antwortete Caspar.
+
+»So trocken, so ernsthaft?«
+
+»Daß es schön ist, weiß ich noch nicht gar lange,« bemerkte Caspar tief,
+»das Schöne kommt zuletzt.«
+
+Ihn machte der Frühling diesmal glücklich. Mit jedem Atemzug fühlte er
+sich eigentümlich bevorzugt. Wahrhaftig, daß es schön war, hatte er bis
+jetzt noch nie bedacht. Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um
+ihn. Solang die Sonne am blauen Himmel stand, leuchteten seine Augen in
+verwundertem Glück. Er ist wie ein Kind, das man nach langer Krankheit
+zum erstenmal in den Garten führt, sagte sich Frau von Kannawurf. Ihr
+gütiges Herz klopfte höher bei dem Gedanken, daß sie vielleicht nicht
+ohne Einfluß auf diese Stimmung war. Bisweilen wand sie junges Waldlaub
+um seinen Hut, und dann sah er stolz aus. Aber er war doch immer in sich
+gekehrt und immer so verhalten, als ringe er mit einem großen Entschluß.
+
+Eines Tages kamen sie überein, daß er sie einfach Clara und sie ihn
+Caspar nennen solle. Sie amüsierte sich über die geschäftsmäßige
+Gesetztheit, mit der er seinerseits diesen Vertrag einhielt. Er
+belustigte sie überhaupt oft, besonders wenn er ihr kleine
+Moralpredigten hielt oder etwas, was er frauenzimmerlich nannte,
+geärgert tadelte. Er ermahnte sie auch, nicht gar so viel herumzulaufen
+und ihre Gesundheit zu schonen. Nun sah es ja manchmal wirklich aus, als
+habe sie die Absicht, sich zu ermüden und zu erschöpfen. Eine ihrer
+Leidenschaften bestand darin, auf Türme zu steigen; auf dem Turm der
+Johanniskirche wohnte ein alter Glöckner, ein weiser Mann in seiner Art,
+durch lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden; sie scheute nicht
+die Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal täglich
+zu dem Alten hinauf, plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte
+über die eiserne Brüstung der schmalen Galerie und schaute über das Land
+in die Fernen. Der Glöckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen, daß
+er zu gewissen Abendstunden nach der Richtung des Imhoffschlößchens
+verabredete Zeichen mit seiner Laterne gab.
+
+Jeden Tag machte sie neue Reisepläne, denn sie gefiel sich nicht in der
+kleinen Stadt. Caspar fragte, warum sie denn so fortdränge, aber darüber
+wußte sie im Grund keinen Aufschluß zu geben. »Ich darf nicht wurzeln,«
+sagte sie, »ich werde unglücklich, wenn ich zufrieden bin, ich muß immer
+auf Entdeckungsfahrten gehen, ich muß Menschen suchen.« Sie blickte
+Caspar zärtlich an, indes ihr kleiner Mund unaufhörlich zuckte.
+
+Einmal, und das war das einzige Mal überhaupt, daß davon gesprochen
+wurde, erwähnte sie der Feuerbachschen Schrift. Caspar griff nach ihrer
+Hand, die er mit sonderbarer Kraft so stark preßte, als wolle er damit
+das Wort zerquetschen, das er vernommen. Frau von Kannawurf stieß einen
+leisen Schrei aus.
+
+Es war schon Abend; sie gingen noch bis zu der Straßenkreuzung, an der
+sie sich gewöhnlich voneinander trennten. Da sagte Frau von Kannawurf
+rasch und eindringlich, indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine
+Stirn starrte: »Also wollen Sie es auf sich nehmen?«
+
+»Was?« entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen.
+
+»Alles –?«
+
+»Ja, alles,« sagte er dumpf, »aber ich weiß nicht, ich bin ja ganz
+allein.«
+
+»Natürlich allein, aber etwas andres wünschen Sie doch gar nicht. Allein
+wie im Kerker, das ist es eben, nur nicht mehr drunten, sondern
+droben –« Sie konnte nicht weiterreden, er legte die eine Hand auf ihren
+Mund und die andre auf den seinen. Dabei glänzten seine Augen beinahe
+voll Haß. Plötzlich dachte er mit einer Art freudiger Bestürzung: ob
+meine Mutter so ähnlich ist wie diese da? Er hatte ein durstiges und
+brennendes Gefühl auf den Lippen, und es war zugleich etwas in ihm,
+wovor ihn widerte. »Ich geh’ jetzt heim,« stieß er mit wunderlichem
+Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile.
+
+Frau von Kannawurf sah ihm nach, und als die Dunkelheit schon längst
+seine Gestalt verschlungen hatte, heftete sie noch die großen
+Kinderaugen in die Richtung seines Weges. Es war ihr furchtbar bang ums
+Herz. Er ist sicher der mutigste aller Menschen, dachte sie, er ahnt
+nicht einmal, wieviel Mut er besitzt; was bewegt mich doch so sehr, wenn
+ich mit ihm rede oder schweige? Warum ängstigt’s mich so, wenn ich ihn
+sich selbst überlassen weiß?
+
+Sie ging heimwärts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend
+Schritten über eine halbe Stunde. Im Westen leuchteten Blitze wie
+feurige Adern.
+
+Caspar hatte sich frühzeitig zu Bett begeben. Es mochte ungefähr vier
+Uhr morgens sein, da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt. Es war
+auf der Straße außerhalb des Hofs, und die Stimme rief: »Quandt!
+Quandt!«
+
+Caspar, noch im Halbschlaf, glaubte die Stimme Hickels zu erkennen. Es
+wurde irgendwo ein Fenster geöffnet, der von der Straße sagte etwas, was
+Caspar nicht verstehen konnte, bald hernach ging eine Tür im Haus. Es
+blieb dann eine Weile ruhig. Caspar legte sich auf die Seite, um
+weiterzuschlafen, da pochte es an seine Zimmertür. »Was gibt’s?« fragte
+Caspar.
+
+»Machen Sie auf, Hauser!« antwortete Quandts Stimme.
+
+Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurück. Quandt,
+vollständig angekleidet, trat auf die Schwelle. Sein Gesicht sah im
+Morgengrauen grünlich fahl aus.
+
+»Der Präsident ist tot,« sagte er.
+
+In einem schwindelnden Gefühl setzte sich Caspar auf den Bettrand.
+
+»Ich bin im Begriff hinzugehen, wenn Sie sich anschließen wollen, machen
+Sie rasch,« fuhr Quandt murmelnd fort.
+
+Caspar schlüpfte in die Kleider; er war wie betrunken.
+
+Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur
+Heiligenkreuzgasse. Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute,
+die halb verschlafen, halb bestürzt aussahen. Ein Bäckerjunge saß auf
+der Treppe und heulte in seine weiße Schürze hinein. »Glauben Sie, daß
+man nach oben darf?« fragte Quandt den Schreiber Dillmann, der mit
+ingrimmigem Gesicht und tief in die Stirn gedrücktem Hut auf und ab
+ging.
+
+»Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt,« sagte ein alter
+Artilleriehauptmann, an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen.
+
+»Das weiß ich,« entgegnete Quandt, und er folgte etwas beklommen Caspar,
+der ins Haus eingetreten war. Im unteren Stock standen alle Türen offen.
+In der Küche saßen zwei Mägde vor einem Haufen Holz, das zu Scheiten
+geschlagen war. Sie schienen angstvoll zu horchen. Caspar und Quandt
+vernahmen eine durchdringende Stimme, die sich näherte. Sie sahen
+alsbald eine weibliche Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der
+Zimmer laufen. Sie schrie vor sich hin wie rasend.
+
+»Die Unglückliche,« sagte Quandt verstört.
+
+Es war Henriette. Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort, bis einige
+Damen erschienen, darunter Frau von Stichaner. Quandt begab sich mit
+Caspar an die Schwelle des Staatsgemachs. Die Frauen bemühten sich um
+Henriette, sie aber stieß jede mit den Fäusten von sich. »Ich hab’s
+gewußt,« schrie sie, »ich hab’s gewußt, sie haben ihn mir vergiftet,
+haben ihn vergiftet!« Ihre Augen waren blutunterlaufen, und ihr Blick
+war rot. Sie stürmte in ein andres Zimmer, das lose Nachtgewand
+flatterte hinter ihr, und immer gellender schallte ihr Geschrei: »Sie
+haben ihn vergiftet! vergiftet! vergiftet!«
+
+Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt für sein Auge als das Napoleonbild,
+dem er gegenüberstand. Es kam ihm vor, als müsse der gemalte Kaiser
+schon müde sein von der unablässigen majestätischen Drehung, die sein
+Hals machte.
+
+»Lassen Sie uns gehen, Hauser,« sagte Quandt, »es ist zuviel des
+Jammers.«
+
+Im Flur stand der Regierungspräsident Mieg im Gespräch mit Hickel. Der
+Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe. In
+Ochsenfurt am Main habe Seine Exzellenz über Unwohlsein geklagt und sei
+zu Bett gegangen; in der Nacht habe er gefiebert, der gerufene Arzt habe
+ihm zur Ader gelassen und habe behauptet, die Krankheit sei
+bedeutungslos. Am Morgen darauf sei plötzlich das Ende eingetreten.
+
+»Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu?« erkundigte sich
+Herr von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig, da Frau von Imhoff und
+Frau von Kannawurf an seine Seite traten. Frau von Imhoff weinte.
+
+Hickel zuckte die Achseln. »Er glaubte an Herzschwäche,« erwiderte er.
+
+Ungeachtet des frühen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen.
+Über dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen.
+
+Caspar blieb den Tag über in seinem Zimmer. Niemand störte ihn. Er lag
+auf dem Sofa, die Hände unterm Kopf, und starrte in die Luft. Spät
+nachmittags bekam er Hunger und ging in die Wohnstube. Quandt war nicht
+da. Die Lehrerin sagte: »Um vier Uhr ist die Leiche angekommen; Sie
+sollten eigentlich hingehen, Hauser, und ihn nochmal sehen, bevor er
+begraben wird.«
+
+Caspar würgte an einem Stück Brot und nickte.
+
+»Sehen Sie, wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern,« fuhr die
+Lehrerin geschwätzig fort, »aber die Männer denken immer, alles geht so,
+wie sie’s ausrechnen.«
+
+Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefüllt von Menschen. Caspar
+drückte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet. Er
+zitterte an allen Gliedern. Der eigentümliche Geruch, der im Hause
+herrschte, benahm ihm die Sinne. Da spürte er sich bei der Hand gepackt.
+Aufschauend, erkannte er Frau von Imhoff. Sie gab ihm ein Zeichen, ihr
+zu folgen. Sie führte ihn in ein großes Zimmer, in dessen Mitte der Tote
+aufgebahrt war. Drei Söhne Feuerbachs saßen zu Häupten des Vaters,
+Henriette lag regungslos über die Leiche hingeworfen. Am Fenster standen
+der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm. Sonst war niemand im
+Zimmer.
+
+Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone. Um die Winkel des
+scharfen, verbissenen Mundes hatten sich große Muskelknoten gebildet.
+Das schiefergraue Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell. Es war
+nichts mehr von Größe in diesen Zügen, nur zähneknirschender Schmerz und
+eine unmenschliche, eisige Angst.
+
+Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen. Sein Gesicht bekam einen
+qualvoll-wißbegierigen Ausdruck, die Augäpfel drehten sich in die
+Winkel, und mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund. Sein
+ganzes Herz löste sich in Tränen auf.
+
+Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre, und als sie den
+Jüngling sah, verzerrten sich ihre Züge gräßlich. »Deinetwegen hat er
+sterben müssen!« schrie sie mit einer Stimme, vor der alle erbebten.
+
+Caspar öffnete die Lippen. Weit nach vorn gebeugt, starrte er das
+halbwahnsinnige Weib an. Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die
+Brust – er schien zu lachen –, plötzlich gab er einen dumpfen Laut von
+sich und stürzte ohnmächtig zu Boden.
+
+Alle waren erstarrt. Die Söhne des Präsidenten waren aufgestanden und
+schauten bekümmert auf den am Boden liegenden Jüngling. Direktor Wurm
+eilte, als er sich gefaßt hatte, zur Tür, wahrscheinlich um einen Arzt
+zu rufen. Der besonnene Hofrat hielt ihn zurück und meinte, man solle
+kein unnötiges Aufsehen machen. Frau von Imhoff kniete neben Caspar und
+befeuchtete seine Schläfe mit ihrem Riechwasser. Er kam langsam zu sich,
+doch dauerte es eine Viertelstunde, bis er sich erheben und gehen
+konnte. Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus. Damit sie sich nicht
+durch die Menge der Besucher im Korridor zu drängen brauchten, führte
+sie ihn über eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich, ihn nach
+Haus zu bringen. »Nein,« sagte er unnatürlich leise, »ich will allein
+gehen.« Er steckte seine Nase in die Luft und schnüffelte unbewußt. Sein
+Puls ging so schnell, daß die Adern am Hals förmlich flogen.
+
+Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit
+trägen Schritten gegen die Hauptallee des Gartens. Vor dem Portal stieß
+er auf den Polizeileutnant. »Nun, Hauser!« redete ihn Hickel an.
+
+Caspar blieb stehen.
+
+»Zur Trauer haben Sie gegründeten Anlaß,« sagte Hickel mit unheilvoller
+Betonung, »denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Fürwort ersetzen?«
+
+Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant
+hindurch, als ob er aus Glas wäre.
+
+»Guten Abend,« ertönte da eine glockenhelle Stimme, die Caspar wundersam
+berührte. Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Hickels Gesicht wurde
+um eine Schattierung bleicher. »Gnädigste Frau,« sagte er mit einer
+Galanterie, die sich krampfhaft ausnahm, »darf ich die Gelegenheit
+benutzen, Ihnen meine ungemessene Verehrung zu Füßen zu legen?«
+
+Frau von Kannawurf trat unwillkürlich einen Schritt zurück und sah
+erschrocken aus.
+
+Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen, der sich in ein
+tiefes Wasser stürzt. Er beugte sich nieder, und ehe Frau von Kannawurf
+es hindern konnte, packte er ihre Hand und drückte einen Kuß darauf,
+und zwar mit den nackten Zähnen; als er sich aufrichtete, waren seine
+Lippen noch getrennt. Ohne eine Silbe weiter zu sprechen, eilte er
+davon.
+
+Mit weiten Augen blickte ihm Frau von Kannawurf nach. »Grauenhaft ist
+mir der Mensch,« flüsterte sie. Caspar blieb völlig teilnahmlos. Frau
+von Kannawurf begleitete ihn schweigend nach Hause.
+
+Als er in seinem Zimmer war, bekamen seine Augen einen geisterhaften
+Glanz und flammten in der Dämmerung wie zwei Glühwürmer. Er stellte sich
+in die Mitte des Raumes, und vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, sagte
+er in beschwörendem Ton folgendes:
+
+»Kenn’ ich dich, so nenn’ ich dich. Bist du die Mutter, so höre mich.
+Ich geh’ zu dir. Ich muß zu dir. Einen Boten schick’ ich dir. Bist du
+die Mutter, so frag’ ich dich: warum das lange Warten? Keine Furcht hab’
+ich mehr, und die Not ist groß. Caspar Hauser heißen sie mich, aber du
+nennst mich anders. Zu dir muß ich gehn ins Schloß. Der Bote ist treu,
+Gott wird ihn führen und die Sonne ihm leuchten. Sprich zu ihm, gib mir
+Kunde durch ihn.«
+
+Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe. Er setzte sich an den Tisch,
+nahm einen Bogen Papier und schrieb, ohne daß ihn die Dunkelheit
+hinderte, dieselben Worte nieder. Darauf faltete er den Bogen zusammen,
+und da er kein Wachs besaß, zündete er die Kerze an, ließ das Unschlitt
+aufs Papier träufeln und drückte das Siegel darauf, das ein Pferd
+vorstellte mit der Legende: Stolz, doch sanft.
+
+Es verging eine halbe Stunde; er saß regungslos da und lächelte mit
+geschlossenen Augen. Bisweilen schien es, als bete er, denn seine Lippen
+bewegten sich suchend. Er dachte an Schildknecht. Er wünschte ihn herbei
+mit aller Kraft seiner Seele.
+
+Und als ob diesem Wünschen die Macht innegewohnt hätte, Wirklichkeit zu
+erzeugen, schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende
+Triolenpfiff. Caspar ging zum Fenster und öffnete; es war Schildknecht.
+»Ich komm’ hinunter,« rief ihm Caspar zu.
+
+Unten angelangt, packte er Schildknecht beim Rockärmel und zog ihn durch
+das Pförtchen auf die einsame Gasse. Dort forderte er ihn stumm auf, ihm
+weiter zu folgen. Bisweilen hielt er zögernd inne und spähte umher. Sie
+kamen beim Häuschen des Zolleinnehmers vorüber und auf einen Wiesenplan.
+Auf dem Rain stand ein Bauernwagen. Caspar setzte sich auf die Deichsel
+und zog Schildknecht neben sich. Er näherte seinen Mund dem Ohr des
+Soldaten und sagte: »Jetzt brauch’ ich Sie.«
+
+Schildknecht nickte.
+
+»Es geht um alles,« fuhr Caspar fort.
+
+Schildknecht nickte.
+
+»Da ist ein Brief,« sagte Caspar, »den soll meine Mutter bekommen.«
+
+Schildknecht nickte wieder, diesmal voll Andacht. »Weiß schon,«
+antwortete er, »die Fürstin Stephanie –«
+
+»Woher wissen Sie’s?« hauchte Caspar betroffen.
+
+»Hab’s gelesen. Hab’s in dem Buch vom Staatsrat gelesen.«
+
+»Und weißt auch, wo du hingehen mußt, Schildknecht?«
+
+»Weiß es. Ist ja unser Land.«
+
+»Und willst ihr den Brief geben?«
+
+»Will es.«
+
+»Und schwörst bei deiner Seligkeit, daß du ihr selber den Brief gibst?
+Aufs Schloß gehst? In die Kirche, wenn sie dort ist? Ihren Wagen
+aufhältst, wenn sie auf der Straße fährt?«
+
+»Ist kein Schwören nötig. Ich tu’s, und wenn’s Knollen regnet.«
+
+»Wenn ich’s tun wollte, Schildknecht, ich käm’ nicht bis ins nächste
+Dorf. Sie würden mich abfangen und einsperren.«
+
+»Weiß es.«
+
+»Wie willst du’s anstellen?«
+
+»Bauernkleider anziehen, bei Tag im Wald schlafen, bei Nacht laufen.«
+
+»Und wo den Brief verstecken?«
+
+»Unter der Sohle, im Strumpf.«
+
+»Und wann kannst du fort?«
+
+»Wann’s beliebt. Morgen, heute, gleich, wenn’s beliebt. Ist zwar
+Fahnenflucht, macht aber nichts.«
+
+»Wenn’s gelingt, macht es nichts. Hast du Geld?«
+
+»Nicht einen Taler. Macht aber nichts.«
+
+»Nein. Geld ist nötig. Brauchst viel Geld. Geh mit mir, ich hole Geld.«
+
+Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlößchens
+voran. Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten. Er ging hinein und
+sagte zum Pförtner, er müsse Frau von Kannawurf sprechen. Es war etwas
+in seinem Aussehen, was dem alten Hausmeister Beine machte. Frau von
+Kannawurf kam ihm alsbald entgegen. Sie führte ihn über eine Stiege in
+einen kleinen Saal, der nicht erleuchtet war. Ein wandhoher Spiegel
+glitzerte im Mondschein. Der Pförtner machte Licht und entfernte sich
+zögernd.
+
+»Fragen Sie mich nichts,« sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der
+Freundin, die keines Wortes mächtig war, »ich brauche zehn Dukaten.
+Geben Sie mir zehn Dukaten.«
+
+Sie blickte ihn ängstlich an. »Warten Sie,« antwortete sie leise und
+ging hinaus.
+
+Es dünkte Caspar eine Ewigkeit, bis sie wiederkam. Er stand am Fenster
+und strich beständig mit der einen Hand über seine Wange. Still, wie sie
+gegangen, kehrte Frau von Kannawurf zurück und reichte ihm eine kleine
+Rolle. Er nahm ihre Hand und stammelte etwas. Ihr Gesicht zuckte über
+und über, ihre Augen schwammen wie im Nebel. Verstand sie ihn? Sie mußte
+wohl ahnen; doch sie fragte nicht. Ein trübes Lächeln irrte um ihre
+Lippen, als sie Caspar hinausbegleitete. Sie war ergreifend schön in
+diesem Augenblick.
+
+Schildknecht lehnte am Mauerpfeiler des Tors und guckte ernsthaft in den
+Mond. Sie gingen zusammen stadtwärts; nach ein paar hundert Schritten
+blieb Caspar stehen und gab Schildknecht den Brief und die Geldrolle.
+Schildknecht sagte keine Silbe. Er blies ein wenig die Backen auf und
+sah harmlos aus.
+
+Vor dem Kronacher Buck meinte Schildknecht, es sei besser, wenn man sie
+nicht mehr beieinander sähe. Ein Händedruck, und sie schieden. Dann
+drehte sich Schildknecht noch einmal um und rief anscheinend fröhlich:
+»Auf Wiedersehen!«
+
+Caspar blieb noch lange wie verhext an demselben Fleck stehen. Er hatte
+Lust, sich ins Gras zu werfen und die Arme in die Erde zu wühlen, für
+die er plötzlich Dankbarkeit empfand.
+
+Spät kam er heim, blieb aber glücklicherweise ungefragt, denn Quandt war
+einer wichtigen Besprechung halber zum Hofrat Hofmann befohlen. Er
+brachte eine Neuigkeit mit. »Höre nur, Jette,« sagte er, »der Staatsrat
+hat sich während der letzten Tage, die er mit dem Polizeileutnant
+beisammen war, von der Sache des Hauser gänzlich losgesagt. Er soll
+sogar mit dem Plan umgegangen sein, die Denkschrift für den Hauser
+öffentlich als einen Irrtum zu erklären.«
+
+»Wer hat’s gesagt?« fragte die Lehrerin.
+
+»Der Polizeileutnant; es heißt auch allgemein so. Der Hofrat ist
+derselben Ansicht.«
+
+»Es heißt aber auch, daß der Staatsrat vergiftet worden ist.«
+
+»Ach was, dummes Geschwätz,« fuhr Quandt auf. »Hüte dich nur, daß du
+dergleichen verlauten läßt. Der Polizeileutnant hat gedroht, daß er die
+Verbreiter von so gefährlichen Redensarten verhaften lassen und
+unerbittlich zur Rechenschaft ziehen werde. Was macht der Hauser?«
+
+»Ich glaube, er ist schon schlafen gegangen. Nachmittags war er bei mir
+in der Küche und beklagte sich über die vielen Fliegen in seinem
+Zimmer.«
+
+»Weiter hat er jetzt keine Sorgen? Das sieht ihm ähnlich.«
+
+»Ja. Ich sagte ihm, er soll sie doch hinausjagen. Das tu’ ich ja,
+antwortete er, aber dann kommen immer gleich zwanzig wieder herein.«
+
+»Zwanzig?« sagte Quandt mißbilligend. »Wieso zwanzig? Das ist doch nur
+eine willkürliche Zahl?«
+
+Man begab sich zur Ruhe.
+
+Am Tage von Feuerbachs Begräbnis trafen Daumer und Herr von Tucher aus
+Nürnberg ein und stiegen im »Stern« ab. Daumer suchte alsbald Caspar
+auf. Caspar war gegen seinen ersten Beschützer frei und offen, und doch
+hatte Daumer den quälenden Eindruck, als sehe und höre ihn Caspar gar
+nicht. Er fand ihn blaß, größer geworden, schweigsam wie stets und von
+einer wunderlichen Heiterkeit; ja, ganz zugeschlossen, ganz eingesponnen
+in diese Heiterkeit, die, seltsam wirkend, dunkle Schatten um ihn warf.
+
+In einem Brief an seine Schwester schrieb Daumer unter anderm: »Ich
+müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, es mache mir Freude, den
+Jüngling zu sehen. Nein, es ist mir schmerzlich, ihn zu sehen, und
+fragst du mich nach dem Grund, so muß ich wie ein dummer Schüler
+antworten: Ich weiß nicht. Übrigens lebt er hier ganz in Frieden und
+wird wohl, trübselig zu melden, all seine Tage hindurch als ein obskurer
+Gerichtsschreiber oder dergleichen figurieren.«
+
+Während Herr von Tucher am selben Nachmittag wieder abreiste, und zwar
+ohne sich um Caspar zu kümmern, blieb Daumer noch drei Tage in der
+Stadt, da er Geschäfte bei der Regierung hatte. Beim Begräbnis des
+Präsidenten sah er Caspar nicht; er erfuhr später, daß Frau von Imhoff
+seine Anwesenheit zu verhindern gewußt hatte. Er machte bald die
+kränkende Entdeckung, daß Caspar ihm geflissentlich auswich. Eine Stunde
+vor seiner Abreise sprach er mit dem Lehrer Quandt darüber.
+
+»Kann ein Mann von Ihrer Einsicht um eine Erklärung dieses Betragens
+verlegen sein?« sagte Quandt erstaunt. »Es ist doch ganz klar, daß er
+jetzt, wo er eine immer größer werdende Gleichgültigkeit um sich
+entstehen sieht und die Folgen davon täglich empfinden muß, daß er jetzt
+durch den Anblick seiner Nürnberger Freunde in Verlegenheit gerät und
+sie nach Kräften zu meiden sucht. Denn dort stand er ja #in floribus#
+und glaubte wunder was für Rosinen in seinem Kuchen steckten. Wir aber,
+verehrter Herr Professor, sind ihm dicht auf der Spur; es wird nicht
+mehr lange dauern und Sie werden merkwürdige Nachrichten hören.«
+
+Quandt sah bekümmert aus, und seine Worte klangen fanatisch. Ob danach
+Daumer gerade mit hoffnungsvoller Brust die Fahrt zum heimatlichen
+Bezirk angetreten habe, steht zu bezweifeln. Fast hätte er wie in jener
+stillen Nacht, als er Caspar im Geist und leibhaftig an sich gedrückt,
+klagend über die sommerlichen Felder gerufen: Mensch, o Mensch! Aber
+dabei hatte es sein Bewenden nicht. Ein zwangvolles Grübeln bemächtigte
+sich des verwirrten Mannes; in seinem Hirn gährte es wie schlechtes
+Gewissen, und langsam, den Entschluß zur Tat und Sühne weckend, zur viel
+zu späten Tat und Sühne, entstand eine erste Ahnung der Wahrheit.
+
+
+
+
+Ein unterbrochenes Spiel
+
+
+Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Bürgerstuben
+der Stadt allerlei sonderliche Dinge zu munkeln. Ohne daß das Gerede
+bestimmte Formen annahm, wollte man doch in dem plötzlichen Tod des
+Präsidenten Feuerbach auch weiterhin nichts sehen als die Frucht einer
+mysteriösen Verschwörung. Eine greifbare Äußerung fiel natürlich nicht;
+die Flüsterer nahmen sich in acht. Sehr insgeheim raunten sie sich zu,
+auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwörung beteiligt, und nach und
+nach tauchte das bestimmte Gerücht auf, der Lord gehe damit um, einen
+Kriminalprozeß gegen Caspar Hauser anzustrengen, und habe sich zu dem
+Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert. Auf
+einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem früheren Enthusiasmus für
+den Grafen, das großartige Andenken, das er hinterlassen, war verwischt,
+und in einigen maßgebenden Familien, wo er der Abgott gewesen, sprach
+man bereits mit ängstlicher Vorsicht seinen Namen aus.
+
+Caspars Freunde wurden besorgt. Frau von Imhoff suchte eines Tages den
+Polizeileutnant auf und erkundigte sich, was von dem Gemunkel zu halten
+sei. Mit kühlem Bedauern erwiderte Hickel, daß die öffentliche Meinung
+in diesem Punkt nicht fehlgehe. »Das Blatt hat sich eben gewendet,«
+sagte er; »Seine Lordschaft sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen
+gewöhnlichen Schwindler.«
+
+Darauf verließ Frau von Imhoff den Polizeileutnant, ohne ein Wort zu
+entgegnen und ohne Gruß.
+
+Ei, die sanften Seelen, höhnte Hickel für sich, das Grausen faßt sie an.
+
+Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie
+ein großer Herr. Woher mag er die Mittel haben? fragten die Leute. Er
+hat Glück am Kartentisch, sagten einige; andre behaupteten im Gegenteil,
+daß er fortwährend große Summen verliere.
+
+Auch damit war der Gesprächsstoff nicht erschöpft. Eine andre
+Seltsamkeit: Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf
+unaufgeklärte Weise verschwunden. Zu andrer Zeit wäre ein solches
+Ereignis vielleicht unbeachtet geblieben. Jetzt hefteten sich auch daran
+allerlei Fabeleien. Es wurde gesagt, jener Soldat, der den Hauser
+beaufsichtigt, habe von gewissen Geheimnissen Kenntnis erhalten und sei
+beiseitegeschafft worden. Man wurde furchtsam; man verschloß bei Nacht
+sorgfältig die Haustüren. Es war nicht mehr geheuer in der guten,
+stillen Stadt. Wer fremden Namens war, wurde beargwöhnt.
+
+Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn, wenngleich um sie
+etwas Unantastbares war, das den verleumderischen Worten die Kraft
+raubte. Dennoch fiel es auf, daß sie sich des Umgangs mit ihresgleichen
+entzog und sich anstatt dessen häufig unter Menschen der niedersten
+Volksklasse herumtrieb. Sie verbrachte viele Stunden in geistlosem
+Gespräch mit Bauernweibern und Arbeiterfrauen, stieg zu ihrem Türmer
+hinauf oder gesellte sich zu den Kindern, die von der Schule
+heimkehrten. Da geschah es denn oft, daß sie zum maßlosen Staunen der
+begegnenden Bürger einen lärmenden Schwarm von Knaben und Mädchen um
+sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lächelnd durch die Gassen zog.
+
+Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin, hieß es. Gesinnungstüchtige
+Eltern verboten ihren Sprößlingen, sich an den skandalösen Aufzügen zu
+beteiligen. Kein Zweifel, auch die Behörde fand das Treiben anstößig,
+denn einmal am Abend hatte man beobachtet, daß der Polizeileutnant vor
+dem Imhoffschlößchen Posten faßte; zwei Stunden lang war er in der
+Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum gestanden.
+
+Es ist wahr, Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm
+sich auffallend. Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von
+Leichtigkeit, ja Lässigkeit. Sie hatte eine Art von Lächeln, in welchem
+sich selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes, Gefühltes mit
+der Verzweiflung über die eigne Unzulänglichkeit aufs rührendste
+mischten. Sie lebte an allem und in allem, starb mit jedem Seufzer
+gleichsam dahin, flog mit jeder Freude in eine entrückte Region.
+
+Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin, warf sich wie
+atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fähig.
+
+»Was hast du nur wieder getrieben, Clara?« sagte Frau von Imhoff
+vorwurfsvoll; »das heißt nicht leben, das heißt sich verbrennen.«
+
+»Es hilft nichts,« murmelte das junge Weib erschlafft, »ich muß reisen.«
+
+Frau von Imhoff schüttelte liebenswürdig tadelnd den Kopf. Diese Worte
+hatte sie seit drei Monaten des öfteren vernommen. »Bis zu unserm
+Familienfest wirst du doch noch bleiben, Clara,« erwiderte sie herzlich.
+
+Wieviel Willenskraft gehört doch manchmal dazu, einen Entschluß nicht
+auszuführen, sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst; und nach einer
+Pause des Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und
+fragte: »Warum, Bettine, kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen?
+Er soll und darf nicht länger beim Lehrer Quandt bleiben. Dieses Haus zu
+betreten ist mir unmöglich. Seine Lage ist schauderhaft, Bettine. Wozu
+sage ich dir das! Du weißt es, ihr wißt es ja alle; ihr bedauert es
+alle, aber keiner rührt nur den Finger. Keiner, keiner hat den Mut zu
+tun, was er getan zu haben wünscht, wenn das geschehen ist, was er im
+stillen fürchtet.«
+
+Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit. »Ich bin nicht
+glücklich und nicht unglücklich genug, um mit Aufopferung des eignen
+einem fremden Schicksal mich hinzugeben,« versetzte sie endlich.
+
+Clara stützte den Kopf in die Hand. »Ihr lest ein schönes Buch, ihr seht
+ein ergreifendes Theaterstück und seid erschüttert von diesen nur
+eingebildeten Leiden,« fuhr sie bewegt und eindringlich fort. »Ein
+trauriges Lied kann dir Tränen entlocken, Bettine; erinnere dich nur,
+wie du weintest, als Fräulein von Stichaner neulich den ›Wanderer‹ von
+Schubert sang. Bei den Worten: Dort, wo du nicht bist, ist das Glück,
+hast du geweint. Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen, als man uns
+erzählte, drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind
+verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das
+Ferne, woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort,
+dem Klang, dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen
+Not handgreiflich ist? Ich versteh’ es nicht, versteh’ es nicht, das
+quält mich, daran, ja daran verbrenn’ ich.«
+
+Das leise, melodische Stimmchen verging in einem Hauchen. Frau von
+Imhoff stützte den Kopf in die Hand und schwieg lange. Dann erhob sie
+sich, setzte sich neben Clara, streichelte die Stirn der Freundin und
+sagte: »Sprich mal mit ihm. Er soll zu uns kommen. Ich will es
+durchsetzen.«
+
+Clara umschlang sie mit beiden Armen und küßte sie dankbar. Aber nicht
+mit freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschluß gefaßt, und sie
+atmete seltsam erleichtert auf, als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf
+die Eröffnung machte, Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnäckig
+gegen den Vorschlag gesträubt, das Haus des Lehrers zu verlassen. Zuerst
+habe er keinen Grund für seine Weigerung nennen wollen, als er aber
+Claras Betrübnis wahrgenommen, habe er gesagt: »Dort hat man mich
+hingebracht, und dort will ich bleiben. Ich will nicht, daß es heißt,
+beim Lehrer Quandt hat er’s nicht gut genug gehabt, da haben ihn aus
+Mitleid die Imhoffs genommen. Ich hab’ ja mein Brot und mein Bett, mehr
+brauch’ ich nicht, und das Bett ist das Allerbeste, was ich auf der Welt
+kennen gelernt habe, alles andre ist schlecht.«
+
+Da fruchtete keine Einrede mehr. »Schließlich könnt ihr ja mit mir
+anstellen, was ihr wollt,« fügte er hinzu, »aber daß ich freiwillig
+hingehen soll, das wird nicht geschehen. Wozu auch? Lang kann’s nimmer
+dauern.«
+
+So war ihm denn das Wort entschlüpft. War deshalb der tiefe Glanz in
+seinen Augen? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straßen
+entlang, wenn er morgens zum Appellgericht ging? War’s deswegen, daß er
+stundenlang am Fenster lehnte und hinüberspähte gegen die Chaussee? Daß
+er gierig aufhorchte, wenn er irgendwo zwei Menschen leise miteinander
+reden sah? Daß er täglich dabei sein mußte, wenn der Postwagen ankam,
+und daß er den Briefboten ausfragte, ob er nichts für ihn habe?
+
+Dem rätselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch. Es lag Frau von
+Kannawurf daran, ihn einer Gebundenheit zu entreißen, die ihn einem
+innigen Verhältnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe
+Betätigung zwangvoll machen mußte. Sie sann immer auf Ablenkung, und
+jenes Familienfest, von dem ihre Freundin Bettine gesprochen, gab
+Gelegenheit, damit Caspar wieder einmal aus sich heraus und einer
+anteilvollen Welt gegenübertrete.
+
+Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit
+seiner Eltern veranstaltet und sollte am zwölften September stattfinden.
+Der junge Doktor Lang, ein Freund des Hauses, hatte zu der Gelegenheit
+ein sinnreiches Bühnenspiel in Versen verfaßt, welches von einigen Damen
+und Herren der Gesellschaft ausgeführt werden sollte. Bei den Proben,
+die im oberen Saal des Schlosses abgehalten wurden, zeigte es sich, daß
+einer der jungen Leute, der die Rolle eines stummen Schäfers darstellte,
+seines plumpen Benehmens halber unfähig war, den Part zu gewünschter
+Wirkung zu bringen. Da hatte Frau von Kannawurf, die selbst mitspielte,
+den Einfall, diese Rolle Caspar zu übertragen. Die Anregung fand
+Beifall.
+
+Caspar willigte ein. Da er eine Person vorzustellen hatte, die nichts
+zu sprechen brauchte, glaubte er sich der Aufgabe leichterdings
+gewachsen, die seiner alten Neigung für das Theater entgegenkam. Er ging
+fleißig zu den Proben, und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stücks
+nicht eben sein Gefallen erweckte, so erfreute er sich doch an der
+wechselvollen Bewegung innerhalb eines abgemessenen Vorgangs.
+
+Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und für das Publikum unschwer
+durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurückliegendes Ereignis in der
+Familie der Imhoffs. Einer der Brüder des Barons hatte sich zu Anfang
+der zwanziger Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war,
+von dem feierlichen Bannfluch des Vaters und nebenbei von den
+politischen Behörden verfolgt, nach Amerika entflohen. Nach erlassener
+Amnestie war er zurückgekehrt, hatte vor dem Familienhaupt alle
+freiheitlichen Ideen abgeschworen, und von da ab hatte ihm die
+väterliche Gnade wieder geleuchtet.
+
+Diese etwas philiströse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner
+Dichtung begeistert. Ein König gibt einem ihn besuchenden Freund und
+Waffengenossen ein Gastmahl. Ein zweiter Polykrates, brüstet er sich bei
+diesem Anlaß mit seiner Macht, dem Frieden seiner Länder, den Tugenden
+seiner Untertanen. Die Höflinge an der Tafel bestärken ihn voll
+schmeichlerischen Eifers in seinem Glückswahn, nur der Gastfreund wagt
+das kühne Wort, daß er auf dem Purpur des Herrschers doch einen Makel
+bemerke. Der König fühlt sich getroffen und läßt jenen hart an, auch
+weiß er zu verhindern, daß der Freund weiterspreche, da seine Gemahlin
+Zeichen eines großen Seelenschmerzes von sich gibt. Unterdessen ziehen
+im Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren
+Zwiegesprächen auf, und Musik begleitet die Erntefeier. Plötzlich
+entsteht ein Stillschweigen; die Geigen, die Rufe, das Gelächter
+verstummen, und auf die Frage des Königs wird mitgeteilt, der schwarze
+Schäfer, der sich schon seit Menschengedenken nicht im Land habe sehen
+lassen, sei unter das Volk getreten. Der Gastfreund begehrt zu wissen,
+was für eine Bewandtnis es mit diesem Schäfer habe, und man antwortet
+ihm, der Wunderbare besitze die Gabe, durch seinen bloßen Anblick bei
+jedem Menschen die Erinnerung an dessen stärkste Schuld wachzurufen,
+Schuldlose aber den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen.
+Zur Bestätigung dessen hört man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und
+allerlei klagende Töne. Der König befiehlt, daß sich der Fremdling
+entferne, doch die Königin, unterstützt von den Bitten des Gastfreunds
+und der Höflinge, fleht den Gemahl an, ihn heraufkommen zu lassen. Der
+König fügt sich, und alsbald betritt der stumme Schäfer die Szene. Er
+schaut den König an; der verhüllt sein Gesicht; er schaut die Königin
+an, und diese, dunkel ergriffen, ergeht sich in einem längeren
+Selbstgespräch, aus welchem deutlich wird, daß ihr erstgeborener Sohn
+wegen einer unbesonnen angestifteten Verschwörung vom Vater verstoßen
+wurde und seitdem verschollen ist. Mit ausgebreiteten Armen,
+unwiderstehlich gezogen, geht sie auf den Schäfer zu, und siehe, es ist
+der reuig zurückgekehrte Prinz. Man erkennt, man umarmt ihn, das Eis des
+königlichen Herzens schmilzt, und alles löst sich in Wonne auf.
+
+Caspar benahm sich nicht ungeschickt. Im Lauf der Vorbereitungen fand
+er von sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fühlte
+sich so hinein, als ob sein alltägliches Leben von ihm abgelöst wäre.
+Ähnlich verhielt es sich mit Frau von Kannawurf, die die Königin machte;
+auch sie gab sich ihrer Aufgabe mit einem Ernst hin, der das Spielhafte
+des Vorgangs undienlich vertiefte und daher die Rollen ihrer Partner
+schattenhaft werden ließ. So webten die beiden gleichsam in einer eignen
+Welt für sich.
+
+Es war ein sehr warmer Septembertag, als gegen sechs Uhr abends die
+geladenen Gäste erschienen, im ganzen etwa fünfzig Personen, die Frauen
+in großer Pracht, unmäßig aufgedonnert, die Männer in Fräcken und
+gestickten Uniformen. Das Podium für die Komödie nahm die Schmalwand des
+Saales völlig ein, Kulissen und Requisiten, auch eine Anzahl Statisten
+waren vom Direktor des Schloßtheaters zur Verfügung gestellt worden. Die
+Tafel befand sich in einem Nebensaal; dort hatte sich auch die
+Musikkapelle eingefunden, denn nach dem Essen sollte getanzt werden.
+
+Um sieben Uhr ertönte ein Glockenzeichen, alles begab sich auf die
+Plätze. Der Vorhang rollte auf, und der König begann seine überhebliche
+Tirade. Der Gastfreund, vom Verfasser selbst gemimt, hielt respektvollen
+Widerpart, dann kam das heitere Zwischenspiel auf dem Hof, und das
+Folgende nahm seinen ruhigen Fortgang. Nun trat Caspar auf. Das schwarze
+Gewand kleidete ihn trefflich und hob die Blässe seines Gesichts. Sein
+Erscheinen auf der Bühne hatte eine unmittelbare Wirkung. Das Husten und
+Räuspern hörte auf; Totenstille entstand. Wie er den König und die
+Königin anblickte, wie er auf sie zuschritt und traumhaft lächelte, das
+war ergreifend. Einige sahen ihn sogar zittern und beobachteten, daß
+sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen. Nun der Monolog
+der Königin; auch dies klang anders, als Schauspieler sonst sich geben,
+sie tritt an den Jüngling heran, sie legt die Arme um seinen Hals ...
+
+In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis
+vor die Rampe und rief ein gellendes: »Halt!« Die Spieler auf der Szene
+fuhren erschrocken zusammen, die Zuschauer erhoben sich, und eine
+allgemeine Unruhe entstand. »Wer ist das? Wer wagt das? Was gibt’s?«
+wurde durcheinander gerufen; man drängte nach vorn, die Frauen schrien
+ängstlich, Stühle wurden umgeworfen, und nur mit Mühe gelang es dem
+Hausherrn, eine gefährliche Panik zu verhüten.
+
+Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem
+Podium. Es war Hickel. Bleich und feindselig stierte er auf die Szene
+und schien nichts zu gewahren außer Caspar und Frau von Kannawurf, die,
+aneinander gedrängt, furchtsam in den verdunkelten Saal schauten. Der
+erste, der sich an Hickel wandte, war der junge Doktor Lang. In seinem
+Phantasiekostüm des »Gastfreundes« trat er an den Rand der Estrade und
+fragte wütend nach dem Grund einer so unverantwortlichen Handlungsweise.
+
+Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer gläsernen
+Stimme: »Ich muß die hochgeehrte Versammlung tausendmal um
+Entschuldigung bitten, und da ich selbst zu den hier Geladenen gehöre,
+wird meine Versicherung vielleicht Glauben finden, daß mir ein solcher
+Schritt nicht leicht geworden ist. Aber ich kann nicht dulden, daß der
+Hauser ein frivoles Amüsement zu einer Stunde fortsetzt, wo ich die
+Nachricht von einem schrecklichen Unglück erfahren habe, das ihn wie
+keinen andern trifft und für sein ferneres Leben von folgenschwerer
+Bedeutung sein wird.«
+
+Finstere, neugierige und unwillige Augen blickten auf den
+Polizeileutnant. Der Doktor Lang entgegnete zornig: »Unsinn! Eine
+Teufelei ist es, weiter nichts. Was auch immer vorgefallen ist, so kann
+weder ich noch irgend jemand von den Anwesenden Ihnen das Recht zu einer
+so groben Eigenmächtigkeit zugestehen. Ist es schlimm, was Sie zu melden
+haben, so war um so mehr Grund zu warten, unser Spiel war ja am Ende. Es
+ist ein Wahnsinn, ein Mißbrauch der Gastfreundschaft.«
+
+»Jawohl, der Doktor hat recht,« riefen einige Stimmen.
+
+Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn.
+
+»Darf ich wissen, worum es sich handelt?« trat nun Herr von Imhoff
+dazwischen.
+
+Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf: »Graf Stanhope hat seinem
+Leben freiwillig ein Ende gemacht.«
+
+Es entstand eine lange Stille. Fast alle blickten auf Caspar, der gegen
+eine Soffitte lehnte und langsam die Augen schloß.
+
+»Er hat sich erschossen?« fragte Herr von Imhoff.
+
+»Nein,« antwortete Hickel, »er hat sich erhängt.«
+
+Raschelnde Laute des Schreckens ließen sich vernehmen. Herr von Imhoff
+biß sich auf die Lippen. »Weiß man Näheres?« fuhr er fort zu fragen.
+
+»Nein. Das heißt, ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von
+seinem Jäger. Er war bei einem Freund, dem Grafen von Belgarde, an der
+normannischen Küste zu Besuch. Am Morgen des vierten September fand man
+ihn im Turmzimmer des Schlosses an einer Seidenschnur hängend als
+Leiche.«
+
+Herr von Imhoff sah zu Boden. Als er wieder aufblickte, fixierte er den
+Polizeileutnant fremd und sagte: »Es tut uns allen von Herzen leid. Ich
+glaube, daß niemand in diesem Saal ist, der dem unglücklichen Mann nicht
+ein lebendiges Andenken bewahren wird. Nichtsdestoweniger, Herr
+Leutnant, bleiben Sie mir Ihres sonderbaren Vorgehens halber
+Rechenschaft schuldig.«
+
+Hickel verbeugte sich stumm.
+
+Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemüht, die Gäste zu
+beruhigen, aber während die Diener die Kerzen des großen Kronleuchters
+anzündeten, meldete man Frau von Imhoff, daß ihre Schwiegermutter, die
+Jubilarin, infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und
+sich auf ihr Zimmer begeben habe. Sie folgte sogleich nach. Dies war ein
+Signal zu allgemeinem Aufbruch. Der Regierungspräsident und der
+Generalkommissär mit ihren Frauen verließen zuerst den Saal, und
+schließlich blieben nur ein paar intime Freunde des Barons um diesen
+versammelt und nahmen in gedrückter Stimmung an der weitläufigen Tafel
+Platz.
+
+»Ich hab’ es immer geahnt, daß uns der gute Lord noch einmal eine
+grimmige Überraschung bereiten würde,« sagte Herr von Imhoff.
+
+»Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen?« meinte einer aus der
+Gesellschaft.
+
+Man sprach allerlei Vermutungen darüber aus; die Unterhaltung kam in
+Fluß, und wie oft ein unglückliches Ereignis dazu dient, die Phantasie
+der entfernt Beteiligten wohltätig anzuregen, so auch hier. Man gab sich
+bis über Mitternacht lebhaften Gesprächen hin.
+
+Caspar hatte sich während des raschen Aufbruchs der Gäste in dem kleinen
+Ankleidezimmer für die Schauspieler versteckt. Die jungen Leute
+entledigten sich eilfertig ihres Kostüms und verschwanden. Nach einer
+Weile kam ein Diener, um die Lichter auszulöschen, und dieser entdeckte
+Caspar. Als Caspar gegen die Treppe zu ging, hörte er Schritte hinter
+sich, und Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Sie fragte ihn, ob er
+nach Hause wolle, und er bejahte. »Es regnet,« sagte sie unten beim Tor
+und streckte die Hand hinaus. Sie wartete ein wenig, um den Regen
+vorübergehen zu lassen, aber es wurde ein heftiger Guß daraus, und das
+Wasser knatterte lärmend auf die Bäume und den ausgedörrten Boden. Ein
+kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen, und Frau von Kannawurf
+forderte Caspar auf, mit ihr ins Zimmer zu gehen, es könne allzulang
+dauern. Er folgte still.
+
+Oben machte sie Licht, dann stand sie und sah versonnen in die Flamme.
+Ihre Schultern bebten fröstlich. Caspar hatte sich auf das Sofa
+gesetzt. Allgemach spürte er eine so große Müdigkeit, daß es ihn
+förmlich hintüberzog, und er mußte sich auf den Rücken legen. Da trat
+Clara zu ihm und ergriff seine Hand, die er ihr jedoch hastig wieder
+entriß. Er machte die Augen zu, und einen Moment lang war sein Gesicht
+vollkommen leblos. Frau von Kannawurf stieß einen matten Angstruf aus
+und fiel neben ihm auf die Knie. Dann rief sie ihre Kammerzofe und bat
+um Wasser; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken. Er
+trank ein paar Schlücke. »Was ist dir, Caspar?« flüsterte sie, und zum
+erstenmal duzte sie ihn. Er lächelte dankbar. »Du bist wie eine
+Schwester,« sagte er scheu und berührte mit den Fingern das Haar ihres
+über ihn gebeugten Kopfes. Dieses Wort Schwester hatte in seinem Mund
+einen eignen Klang; es tönte wie ein nie zuvor gesprochenes Wort.
+
+Clara schmiegte sich an seine Seite; ihr war, als müßte sie ihn wärmen,
+er aber rückte ängstlich fort, da wollte sie sich wieder erheben, doch
+betastete er mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden
+Ausdruck von Schmerz und Liebe. »Clara,« sagte er, und sie glaubte
+vergehen zu sollen oder zu einem andern Leben erwachen zu müssen, denn
+die schüchtern-flehentliche Art, wie er diesen Namen aussprach, hatte
+etwas Überirdisches.
+
+Es kam nun so, daß Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander
+lagen, stumm, stumm, regungslos und über und über zitternd beide. Sie
+streckte die Hand nach ihm aus, und der Atem seines Mundes floß in die
+Luft gleich dem ihren.
+
+Als es von der Schloßuhr zwölf schlug, schauerte Clara zusammen. Sie
+erhob sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin: »Nie, nie, nie,
+nie.« Dann schritt sie zum Fenster und öffnete es. Der Regen hatte
+längst aufgehört, das Firmament war klar, der ganze Sternenhimmel lag
+funkelnd vor ihr da. Ihre volle Brust drängte den unbekannten Welten
+entgegen, denn von dieser, auf der sie lebte, war sie satt.
+
+Sie sagte zu Caspar, er könne die Nacht im Schloß verbleiben, aber er
+entgegnete, das wolle er nicht. Sie ging dann hinaus, um zu sehen, ob
+Frau von Imhoff noch wach sei. Sie schritt am Speisesaal vorbei, wo die
+Herren noch beim Wein saßen und laut redeten. Die Baronin hatte sich
+gleichfalls noch nicht zur Ruhe begeben. Clara teilte ihr mit, daß
+Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei. Frau von Imhoff nickte, sah aber
+die Freundin etwas verlegen und verwundert an. »Ich werde morgen früh
+meinen Koffer packen und reisen,« sagte Clara leise und mit einem
+Ausdruck unwiderruflicher Bestimmtheit, der ihr bisweilen eigen war und
+ihre kindlichen Züge seltsam hart und leidend machte. Frau von Imhoff
+erhob sich überrascht und trat nahe an die Freundin heran. Plötzlich
+fielen sie einander in die Arme, und Clara schluchzte.
+
+Sie verstanden sich; es war nicht nötig zu sprechen.
+
+Als sich Clara losriß, sagte sie, sie werde Caspar noch in die Stadt
+begleiten. »Das kannst du unmöglich tun,« wandte Frau von Imhoff ein,
+»oder ich werde dir wenigstens den Diener mitgeben.«
+
+»Bitte, nicht,« antwortete Clara lächelnd, »du weißt doch, daß ich
+keine Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinethalben ängstlich
+ist. Die Nacht tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen
+Rückweg.«
+
+Eine Viertelstunde später wanderte sie mit Caspar über die noch feuchte
+Straße gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem
+Lehrerhaus reichten sie einander die Hände. »Jetzt gehst du
+wahrscheinlich fort von mir, Clara,« sagte da plötzlich Caspar und
+schaute sie mit einem verschleierten Blick an.
+
+Sie war ebenso erstaunt wie bewegt über diese Worte, die ein tiefes
+Vorgefühl verrieten. Wie schön sind seine Augen, dachte sie, sie sind
+hellbraun wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das
+traurig-verwundert im dunkeln Wald steht.
+
+»Ja, ich gehe,« erwiderte sie endlich.
+
+»Und warum denn? Bei dir war mir wohl.«
+
+»Ich komme wieder,« versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit,
+hinter der ein Aufschrei erstarb. »Ich komme wieder. Wir werden uns
+schreiben. Zu Weihnachten komm’ ich wieder.«
+
+»Ich komme wieder; das hab’ ich schon einmal gehört,« sagte Caspar
+bitter. »Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu’ ich nicht. Was hat
+man vom Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.«
+
+»Es kann nicht anders sein,« flüsterte Clara, und ihr Blick suchte die
+Sterne. »Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht
+vergessen wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen,
+vergessen, darin liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehören die Sterne,
+Caspar, und wenn du hinaufschaust, bin ich bei dir.«
+
+Caspar schüttelte den Kopf. »Leb wohl,« sagte er matt.
+
+Im Erdgeschoß wurde ein Fenster geöffnet, und das mit einer Bettmütze
+gekrönte Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu
+verschwinden. Es war eine schweigende Mahnung.
+
+Ich will Bettine bitten, daß sie ihn täglich besucht, überlegte Clara,
+während sie allein durch die öden Gassen ging; ich bring’ ihm Unheil,
+wenn ich bleibe, ein Abgrund gähnt mir entgegen, wie er fürchterlicher
+nicht zu denken ist. Schwester! Wie war mir doch, als er mich Schwester
+nannte! Die himmlische Seligkeit pochte mir an die Brust. So hätt’ ich
+einen verlorenen Bruder gefunden, und mehr noch; aber, gerechter Gott,
+mehr darf es nicht sein. Ihn anzutasten! Seinen Schlummer stören! O
+verbrecherische Lippen, denen ein Kuß nichts bedeutet! Hätt’ ich’s
+getan, ich müßte seine Mörderin heißen, was kann ich Besseres tun als
+fliehen? Ein guter Genius wird ihn schützen; vermessen, wollt’ ich durch
+meine armselige Gegenwart ihn behütet glauben; ein so edles Ding kann
+nicht zugrunde gehen, weil sich zwei Augen von ihm wenden.
+
+Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos
+verstricktes Gemüt, das in seiner Schwärmerei den Entschluß eines Opfers
+faßt, verzagt, geblendet durch den Anblick von so viel Schicksal und in
+seiner Betrübnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe.
+
+Den Blick beständig zum Himmel gerichtet, und zwar auf das schöne
+Sternbild des Wagens, das wie ein erstarrter Zackenblitz im
+Dunkelblauen schwamm, bemerkte Clara nicht, daß am Portal des Schlosses
+eine Gestalt lehnte. Sie prallte erst zurück, als ihr die nächtige
+Person den Weg verstellte. O Gott, der Grauenvolle, dachte sie.
+
+Hickel, denn dieser war es, verneigte sich gegen die bestürzte Frau.
+»Vergebung, Madame, Vergebung,« murmelte er. »Und nicht nur für diesen
+Überfall, auch für das andre. Sie sind zu schön, Madame. Wenn Sie die
+Gnade hätten, zu erwägen, daß Ihre sublime Schönheit mit meinem Kopf
+umspringt wie ein mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel, wenn Sie in
+Betracht ziehen wollten, daß es selbst beim Komödiespiel einen Punkt
+gibt, wo die verrückt gewordene Phantasie den Gegenstand ihrer Wünsche
+besudelt und das Bildliche eifersüchtig für ein Wirkliches hält, so
+würden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener durch ein tröstliches
+Wort beglücken.«
+
+Alles dies klang einfältig, formlos, geziert, höhnisch und verzweifelt.
+Er schien die Worte zwischen den Zähnen zu zerquetschen, und man konnte
+ihm ansehen, daß er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt.
+
+Clara trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme, drückte sie fest
+gegen die Brust und sagte befehlend: »Lassen Sie mich vorbei!«
+
+»Madame, von Ihrem Mund hängt zur Stunde manches ab,« fuhr Hickel fort
+und hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur. »Ich bin nie
+ein Bettler gewesen. Hier steh’ ich und bettle. Verleugnen Sie nicht Ihr
+Gesicht, das einen Engel glauben läßt!«
+
+Er trat zur Seite, wortlos ging Clara an ihm vorüber. Sie läutete, und
+der Pförtner, der auf sie gewartet, öffnete sogleich. Als sie drinnen
+war, spürte sie eine entsetzliche Übelkeit. In ihrem Hirn war etwas wie
+zerrissen. Auf der Treppe stockte sie; ihr war, als müsse sie umkehren
+und den furchtbaren Mann noch einmal anreden.
+
+Als Caspar am nächsten Nachmittag zu Imhoffs kam, wurde ihm mitgeteilt,
+daß Frau von Kannawurf schon abgereist sei. Er bat Frau von Imhoff, sie
+möchte ihm Claras Bild zeigen, das er seit dem ersten Gesellschaftsabend,
+dem er im Schlosse beigewohnt, nicht mehr gesehen. Die Baronin führte
+ihn in ein Erkergemach, wo das Porträt zwischen zwei Ahnenbildnissen an
+der Wand hing.
+
+Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer
+Aufmerksamkeit. Als er ging, versprach Frau von Imhoff, ihm eine
+Zeichnung von dem Bild anfertigen zu lassen. Er war so zerstreut, daß er
+nicht einmal dankte.
+
+
+
+
+Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis
+
+
+Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war,
+verlautete darüber nichts Näheres, und die Sache schien allmählich in
+Vergessenheit zu geraten. Ohne Zweifel waren da allerlei verborgene
+Einflüsse im Spiel, die den Polizeileutnant sicherstellten. »Dem Mann
+ist nicht beizukommen,« sagten die Eingeweihten; »er ist zu gefährlich
+und weiß zuviel.« Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von seinen
+Untergebenen äußerst gefürchtet. Dabei wurde sein Lebenswandel immer
+undurchdringlicher; außer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem
+Menschen. Auf der Polizeiwache saß er halbe Nächte, aber nur deswegen,
+um seine Leute zu drangsalieren.
+
+Sogar Quandt hatte ihn fürchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober,
+der Lehrer saß mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat plötzlich
+säbelrasselnd Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gruß auf Caspar zu und
+fragte herrisch: »Sagen Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas
+über den Verbleib des Soldaten Schildknecht?«
+
+Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden
+Augen und donnerte, ungeduldig über das lange Schweigen: »Wissen Sie
+etwas oder wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott
+helfe, ich lasse Sie auf der Stelle ins Gefängnis bringen!«
+
+Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die
+Fransen des Tischtuchs, und während er zurückwich, fiel die Kaffeekanne
+um und das schwarze Gebräu ergoß sich über das Linnen.
+
+Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein ärgerliches
+Gesicht, denn das großspurige Auftreten des Polizeileutnants verdroß
+ihn, auch war es ihm um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar
+gegenüber sich seit Monaten einer steifen und finsteren Zurückhaltung
+beflissen hatte. »Was soll er denn mit dem Deserteur zu schaffen haben?«
+sagte er unwillig.
+
+»Das lassen Sie nur meine Sorge sein!« brauste Hickel auf.
+
+»Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein
+höflicheres Benehmen aus,« versetzte Quandt.
+
+»Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem
+Mist wächst, das ästimieren Sie nicht. Überhaupt, was ist’s denn? Zwei
+Jahre sind’s her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so
+klug wie zuvor. Wenn das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur
+heimgeigen.«
+
+Der Hieb saß. Quandt verbiß seinen Groll und schwieg.
+
+»Aber es hat ein Ende jetzt,« fuhr Hickel fort; »ich werde mit dem
+Hofrat reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.«
+
+»Damit werden Sie mir bloß einen Gefallen erweisen,« erwiderte Quandt
+und verließ hochaufgerichtet das Zimmer.
+
+Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig
+auf und ab und trocknete mit dem Ärmel seine Stirn. »Wie mir nur ist,
+wie mir nur ist,« murmelte er fast verstört. Dann wandte er sich wieder
+schimpfend an Caspar. »Unglückseliger, verdammt Unglückseliger! Was für
+ein Teufel hat Sie geritten! Übrigens,« fügte er leise hinzu und stellte
+sich neben Caspar, »der Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert.
+Kommt auf die Plassenburg, der Kerl.«
+
+»Das ist nicht wahr,« sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas
+singend. Er lächelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht
+stark erbleichte.
+
+Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah düster ins Leere.
+Plötzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bösen, eiligen Blick
+auf Caspar entfernte er sich.
+
+Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant
+angetan, auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat
+Hofmann, doch dieser schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der
+Lehrer nahm die Gelegenheit wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu
+bringen.
+
+Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht über Caspars
+Pflege. Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu
+rechnen, man hatte den Bürgermeister Enders und die Gemeinde um
+Unterstützung angegangen, aber ein Beschluß war noch in der Schwebe.
+Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine kleine Lohnerhöhung für
+seine Schreiberei; das Geld lieferte er pünktlich dem Lehrer ab. Die
+beschränkten Verhältnisse erlaubten ihm nicht die geringste Freiheit in
+seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit
+Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt
+dafür ausgesetzt war. Ungehalten über die Verschleppung, wandte er sich
+an den Pfarrer Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen,
+aufs Gemeindeamt zu gehen, um die Auszahlung zu betreiben.
+
+»So etwas tu’ ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller,
+mein Stolz erlaubt das nicht,« sagte Quandt.
+
+Der Hofrat zuckte die Achseln. »Geben Sie ihm doch die paar Taler
+einstweilen aus Ihrer Tasche,« sagte er, »man wird’s Ihnen gewiß bald
+ersetzen.«
+
+»In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewißheiten,« versetzte
+Quandt; »ich habe ohnehin Auslagen genug und weiß nicht, ob ich noch
+lange so zusehen kann.«
+
+Der Hofrat überlegte. »Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde,«
+sagte er dann, »die können doch helfen.«
+
+»Ach du lieber Gott,« seufzte der Lehrer, »denen ist er viel zu
+interessant, als daß sie an seine kleine Notdurft denken.«
+
+»Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er
+denn eigentlich so dringend Geld braucht,« schloß der Hofrat das
+Gespräch.
+
+Des Abends kam Caspar noch spät in Quandts Zimmer und flehte ihn mit
+aufgehobenen Händen an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle
+ja alles tun, was man von ihm verlange; »nur nicht zum Polizeileutnant,
+alles, nur das nicht,« sagte er.
+
+Der Lehrer beruhigte ihn nach Kräften und sagte, davon könne vorläufig
+keine Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn bloß schrecken wollen.
+»Nein,« antwortete Caspar, »auch der Offiziant Maier hat heute auf dem
+Gericht davon gesprochen.«
+
+»Nun, Hauser, jetzt gebärden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und
+sind doch schließlich ein erwachsener Mann,« sagte Quandt tadelnd. »Ich
+kann das nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu übertreiben und sich
+kindisch zu stellen. Der Polizeileutnant würde Ihnen auch nicht den Kopf
+abbeißen, wennschon ich zugebe, daß er bisweilen etwas derbe Manieren
+hat. Aber Sie sind ja jetzt auch ein Christ in des Wortes voller
+Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den Spruch schon gehört: Tue
+deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt
+sammelst.«
+
+Caspar nickte. »Es steht ein Gesätzlein darüber in Dittmars
+›Weizenkörnern‹,« erwiderte er.
+
+»Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen,« fuhr Quandt
+lebhaft fort. »Wissen Sie was! Damit Sie das schöne Merkwort genau im
+Gedächtnis behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eignen Gedanken
+darüber niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum für
+sich betrachten und Sie können den ganzen morgigen Nachmittag dazu
+verwenden.«
+
+Caspar schien einverstanden.
+
+Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nächsten, sondern erst am
+zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit
+zornigen Gebärden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats, was Caspar
+verbrochen habe, sagte Quandt: »Ich muß mich doch gar zu viel mit ihm
+herumärgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Thema für den deutschen
+Aufsatz, er versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen
+gestrigen Nachmittag dazu Zeit. Soeben verlang’ ich nun sein Heft, und
+hier, überzeugen Sie sich selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat
+er geschrieben. Eine solche Trägheit ist himmelschreiend.«
+
+Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite
+stand der Titel des Aufsatzes: Tue deinen Feinden Gutes, damit du
+feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst; danach kam aber nichts und die
+Seite war leer. »Warum haben Sie’s denn nicht gemacht?« fragte der
+Hofrat kühl.
+
+Caspar antwortete: »Ich kann nicht.«
+
+»Das müssen Sie können!« rief Quandt. »Vorgestern haben Sie mir ja
+erzählt, daß der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine
+Gedankenfolge zu finden, hätte Ihnen also nicht schwerfallen können,
+wenn Sie dort angeknüpft hätten.«
+
+»Probieren Sie’s doch einmal, Hauser,« fiel der Hofrat besänftigend ein.
+»Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Sätze nieder. Ich werde mich mit
+dem Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurückkommen,
+sollen Sie uns irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, daß Sie
+wenigstens den guten Willen haben.«
+
+Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer
+waren, übergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die
+seien von Frau von Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe;
+die gütige Dame habe sich noch hoch entschuldigt, daß es nur so wenig
+sei, aber sie habe über das Geld keine freie Verfügung. »Übrigens war
+der Hauser gestern bei mir,« fuhr der Hofrat fort, »und zwar kam er, um
+mich zu bitten, ich möchte es doch verhindern, daß er dem
+Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.«
+
+»Es ist doch des Teufels; er belästigt alle Leute mit seinen kindischen
+Miseren,« klagte Quandt, »auch mich hat er schon darum angegangen.«
+
+»Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.«
+
+»Ja, der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm.«
+
+»Ich sagte ihm, daß von meiner Seite eine solche Absicht nicht
+vorliege, und er möge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zu
+nahe treten.«
+
+»Sehr wahr.«
+
+»Wir redeten noch über seine Geldkalamität, und da wollte er nicht mit
+der Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fünf Taler zu
+schenken, und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er
+traurig, das wisse er nicht, und ich muß gestehen, es war da etwas in
+seinem Wesen, was mich rührte. Aber sonst schien er mir doch gar zu
+schmeichlerisch, und sein freundlich Geblinzel und Getue mißfiel mir.«
+
+»Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr
+Hofrat; besonders wo er seine Pläne durchsetzen will.«
+
+Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurück. Er
+saß am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. »Na, was haben Sie
+fertiggebracht?« rief der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da
+er nur einen einzigen Satz geschrieben fand, und las vor: »Wenn sie dir
+Übles an deinem Körper zugefügt haben, tue ihnen Gutes dafür.« – »Das
+ist alles, Hauser?«
+
+»Sonderbar,« murmelte Quandt.
+
+Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die
+Schulter und begann unvermittelt: »Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie
+denn eigentlich von allen Menschen, die Sie bisher kennen gelernt haben,
+am meisten liebgewonnen?« Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von
+seinem Amt als Gerichtsfunktionär die Manier behalten, auch das Harmlose
+mit einem Ausdruck von säuerlichem Spott zu äußern.
+
+»Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht,«
+flüsterte der Lehrer Caspar zu.
+
+Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle
+hinter der Frage. Er dachte plötzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer
+darum so böse, daß ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt,
+ich halte ihn für meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinüber und sagte
+versonnen: »Den Herrn Lehrer hab’ ich am liebsten.«
+
+Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverständnisses und
+räusperte sich bedeutsam.
+
+Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht
+im mindesten von der Antwort erbaut zu sein.
+
+Caspars Leben wurde nun immer einförmiger und zurückgezogener. Er hatte
+niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung führen konnte. Frau
+von Kannawurf ließ auch nichts von sich hören, und das wurmte ihn denn
+doch, trotzdem er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo
+war sie überhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle
+Wege waren ihm verhaßt, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das
+Wetter immer schlecht, der November brachte gewaltige Stürme, und so saß
+er in der freien Zeit auf seinem Zimmer, glitt mit den Blicken über die
+Hügelränder oder streifte bang den Himmel und sinnierte unablässig. Er
+wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die Kaserne und erkundigte
+sich vorsichtig, ob man dort etwas über Schildknecht wisse. Man konnte
+ihm keine Auskunft geben. Das nährte die verflackernde Hoffnungsflamme,
+aber in den darauffolgenden Tagen fühlte er sich krank und wollte sich
+des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschließen. Es kamen noch
+manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich störrisch und einsilbig.
+Wenn er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter:
+»Was soll mir das Schwätzen?« Als er eines Abends über den Schloßplatz
+ging und an der mächtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen
+Fenstern emporsah, glaubte er in den leergedachten Sälen übergroße
+Gestalten wahrzunehmen, die ihn feindselig beobachteten. Sie schienen
+alle in Purpur gekleidet, mit goldenen Ketten um den Hals. Ein
+grenzenlos ermattender Schmerz drückte ihn nieder, und er war nahe
+daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem Hund.
+
+Er fühlte sich so kalt, so trüb. In einer Nacht träumte er, er sähe auf
+einem grünen Steinblock eine goldene Schale und darauf lagen fünf
+seltsam qualmende Herzen, doch nicht in natürlicher Form, sondern so wie
+Lebküchner die Herzen backen; er stand davor und sagte laut: »Das ist
+meines Vaters Herz, das ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders
+Herz, das ist meiner Schwester Herz, das ist mein eignes Herz.« Sein
+eignes lag oben und hatte zwei lebendige, traurige Augen.
+
+Nicht selten hatte er das bestimmte Gefühl von der fernen Wirkung einer
+überaus teuern Person. Die Person handelte, sprach und litt für ihn,
+aber eine Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte
+die Weite zwischen ihm und ihr nicht verringern. Er spürte unheimliche
+Vorgänge so deutlich, daß er oft dastand und lauschte wie auf ein
+Gespräch hinter einer dünnen Wand. Und er faltete die Hände unterm Kinn
+und lächelte ängstlich.
+
+Blind hätte der Lehrer sein müssen, wenn er von alledem nichts bemerkt
+hätte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und
+dieser Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. »Ich habe
+kein Wohlwollen mehr für den Menschen,« erklärte Quandt, »ich habe kein
+Wohlwollen mehr für ihn, seit ich gesehen habe, wie gleichgültig ihn die
+Katastrophe mit dem Lord gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als
+hätte ich einen Bruder verloren, und er wollte sich nicht einmal zu
+einer den Schein wahrenden Trauer verstellen. Er hat ein Herz von Stein
+und eine ganz pöbelhafte Undankbarkeit.«
+
+Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern,
+wir sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten über Caspar aus früheren
+Jahren zusammenträgt, Fakten und Umstände, die er mit dem Spürsinn eines
+Untersuchungsrichters aufstöbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck
+bereithält. Wir sehen ihn in Haß entbrennen gegen den ewig Verstockten,
+immer Verschlossenen, und wir können nicht umhin, ihn einem Menschen
+ähnlich zu finden, den ein Irrlicht so lange geneckt und gelockt hat,
+bis er endlich in eine Art von rasender Trunkenheit gerät.
+
+Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch,
+fragte Quandt Caspar, ob er seine Übersetzung für morgen schon fertig
+habe. Caspar erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger
+Freundlichkeit, wie es Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt
+nahm das Buch, zeigte ihm, wie groß die Aufgabe sei, und fragte noch
+einmal, ob er denn wirklich so weit übersetzt habe.
+
+Caspar bejahte. »Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen,«
+sagte er.
+
+Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe
+enthielt ein paar Fälle, mit denen Caspar nicht allein hätte fertig
+werden können und bei denen er seine Hilfe unbedingt hätte in Anspruch
+nehmen müssen. Indes fand er es für gut, im Beisein seiner Frau nichts
+weiter zu bemerken, sondern ihn ungestört auf sein Zimmer gehen zu
+lassen.
+
+Ungefähr fünf Minuten später ergriff Quandt das lateinische
+Elementarbuch und folgte Caspar. Caspar hatte die Tür schon zugeriegelt,
+und bevor er öffnete, fragte er, ob der Lehrer noch etwas wünsche.
+»Machen Sie auf!« befahl Quandt kurz. Als er drinnen war, las er ihm
+einige willkürlich herausgerissene Sätze vor und ersuchte ihn zu sagen,
+wie er es übersetzt habe. Caspar schwieg eine Weile, dann entgegnete er,
+er habe bloß präpariert, er wolle erst jetzt übersetzen. Quandt blickte
+ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: »So,« wünschte gute Nacht und
+entfernte sich.
+
+Drunten erzählte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen überein,
+daß dahinter ein bübischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen
+berichtete er auch dem Hofrat darüber, dieser schrieb ein kurzes
+Briefchen an Caspar und gab es dem Lehrer mit. Caspar las das Schreiben
+in Quandts Gegenwart, und als er zu Ende war, reichte er es dem Lehrer,
+sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte ihn der Hofrat schonend vor
+Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich überließen, die jedoch, so
+war der Wortlaut, »unserm Hauser leider nicht fremd zu sein scheinen«.
+
+Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der
+Übungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: »Aus diesem Heft ist ein
+Blatt herausgeschnitten, Hauser. Sie wissen doch, daß ich Ihnen das
+schon zahllose Male verboten habe.«
+
+»Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht
+in der Schrift haben,« versetzte Caspar.
+
+Statt aller Antwort forderte Quandt den Jüngling auf, mit ihm in sein
+Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie möge die Kerze
+anzünden, ergriff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer
+angelangt, schloß er sorgfältig beide Türen, hieß Caspar Platz nehmen
+und begann: »Sie werden mir doch wohl nicht zumuten, daß ich Ihre
+Ausrede für bare Münze nehme?«
+
+»Was für eine Ausrede?« fragte Caspar matt.
+
+»Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.«
+
+»Warum wollen Sie es denn nicht glauben?«
+
+»Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
+und wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lügen öfter
+als einmal.«
+
+»Ich lüge nicht,« erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos.
+
+»Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?«
+
+»Ich weiß nicht, daß ich lüge.«
+
+»O, schelmischer Rabulist!« rief Quandt bitter. »Wenn ich Ihre häufigen
+Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und
+nach gewonnene Einsicht, daß ich Sie von dem Übel doch nicht heilen
+kann. Wozu also soll ich mich vergeblich grämen? Sie sind gewohnt, so
+lange nein zu sagen, bis man Sie dermaßen überführt hat, daß Sie nicht
+mehr nein sagen können, und dann sprechen Sie dennoch kein Ja.«
+
+»Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, daß ich gelogen
+habe.« Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als
+tückisch zu bezeichnen pflegte.
+
+»Ach, Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenüber so zu sehen,«
+versetzte Quandt. »Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele,
+daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an
+die Geschichte mit dem Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei
+abgebrochen, und es ist doch unwiderleglich nachgewiesen, daß sie
+abgeschmolzen war?«
+
+»Es war so, wie ich gesagt habe.«
+
+»Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie können übrigens versichert
+sein, daß ich mir den Vorfall mit allem Fleiß notiert habe, nämlich
+schriftlich, um nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu
+können.«
+
+Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg.
+
+»Und weiter, betrachten wir einen Fall jüngsten Datums,« fuhr Quandt
+fort; »es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der Übersetzung
+fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie
+tagsüber beschäftigt waren, so konnten und durften Sie die Arbeit
+abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien fertig, während Sie nicht das
+geringste daran getan hatten?«
+
+»Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich präpariert hätte.«
+
+»Lächerlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach
+zu verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre Übersetzung
+gemacht? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge.«
+
+»Wenn Sie es gesagt haben, habe ich’s eben anders verstanden.«
+
+»Die gewohnten Ausflüchte. Sie hatten ja nicht einmal präpariert. Das
+können Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich
+wünschte, ich hätte Sie nie kennen gelernt; am Ende kommt man durch Sie
+noch um den Ruf eines redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut,
+nicht nur von mir, sondern auch von andern. Es gibt nur noch wenig
+Familien, bei denen Sie für liebenswürdig und aufrichtig gelten; die
+meisten sehen ein, daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen
+niedrigen Hochmut besitzen, daß Sie gleichgültig und anmaßend gegen
+weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und
+was Ihre Verlogenheit betrifft, so bin ich erbötig, Ihnen in jedem
+einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben
+sind, was in und außer Ihrem Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit
+fesseln kann und was nicht. Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus
+der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat
+Fließen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann unangenehm, daß
+er nicht bei den Seinen in Worms sein könne. Ich bemerkte hierauf, daß
+der Regierungsrat eine große Verwandtschaft im Rheinkreis und so und so
+viele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim
+Generalkommissär davon gesprochen. Ich antwortete, daß ich von neunzehn
+Enkeln gehört, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wußte dem nun
+allerdings nichts entgegenzusetzen, aber das wußte ich bestimmt, daß Sie
+die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu
+imponieren, um den Namen des Generalkommissärs in den Mund nehmen zu
+können und uns zu zeigen, daß Sie mit den Verhältnissen der Personen
+vertraut seien, die jenes Haus besuchten. Hand aufs Herz: ist’s nicht
+so?«
+
+»Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiß.«
+
+»Das glaube ich nicht.«
+
+»Doch.«
+
+»Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der
+Lüge zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um
+nicht zu sagen Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig
+gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken.
+Sie zeigt, daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, daß Sie
+nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen
+lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst
+fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen
+gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise
+beschämen, daß Sie an mich denken sollen.«
+
+Caspar senkte ergeben den Kopf.
+
+»Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch,
+lieber Freund,« begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den
+Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist
+jetzt endlich an der Zeit, daß Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem
+Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie
+scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von
+der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig
+gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum, lieber
+Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem
+rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle
+vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, daß sie das Opfer –
+lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden
+waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, daß Sie den Anschlag
+ursprünglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die
+Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst
+erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein
+Kind, das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das
+ganze Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten, den Futterplatz zu
+verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie
+mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten,
+wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich
+doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.«
+
+Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.
+
+»Schön; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen,« fuhr Quandt mit
+düsterer Befriedigung fort. »Es ist nun wieder still um Sie geworden,
+Hauser. Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr
+recht um Sie kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor
+der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet
+hat. Kein Mensch unter all den vielen Tausenden, welche die Stadt
+Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen Zeit oder später eine Person
+beobachtet, die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer
+solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde glaubten trotzdem
+an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen Kerkermeister
+glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll.
+Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür
+gesetzt. Er wird wohl gewußt haben, warum. Und heute steht Ihre Sache
+so, daß Sie sich entschließen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der
+Staatsrat, der Lord Stanhope, die Frau Behold, haben das Zeitliche
+verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels? Es hat ja
+nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion aufrechtzuerhalten. Sie sind
+doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches Glied der
+menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser, eröffnen
+Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!«
+
+»Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Caspar dumpf und langsam, indes
+seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht
+lauter greisenhafte Falten entstanden.
+
+Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. »Die
+Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist
+ja ein Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen
+gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf!
+die gequälte Brust, Hauser! Lassen Sie endlich einmal die Sonne
+hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die Wahrheit! Die Wahrheit!« Er
+packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm mit seinen Händen
+das Geheimnis entreißen.
+
+Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll
+umher.
+
+»Ich will Ihnen entgegenkommen,« sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein
+Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie
+trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es
+waren alte Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die
+verlorenen Jahre einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat
+Ihnen die Bücher gegeben?«
+
+»Wer? Der, bei dem ich gewesen.«
+
+»Das ist ja klar,« versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie
+sollen mir sagen, wie der hieß, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich
+doch nicht für so närrisch halten, daß ich glaube, Sie wüßten das nicht.
+Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder
+ein Spielgenosse, gleichviel. Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befänden
+sich vor Gottes Angesicht. Und Gott würde fragen: Woher kommst du? Wo
+ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist? Wer hat dir einen
+falschen Namen angedichtet und wie heißt du mit dem Namen, den du in der
+Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die
+Menschen zu täuschen? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was
+antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte,
+zur Sühnung des verübten Trugs?«
+
+Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze
+Welt verkehrte sich ihm.
+
+»Was würden Sie antworten?« wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen
+Angst und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die
+verschlossene Pforte zu sprengen.
+
+Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund: »Ich würde
+antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.«
+
+Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen. »Lästerer!« schrie
+er mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und
+rief: »Hebe dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lügengeist! Hinaus mit
+dir, Infamer! Besudle meine Luft nicht länger!«
+
+Caspar kehrte sich um, und während er nach der Türklinke tastete,
+krächzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel.
+
+Seufzend, schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen.
+Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages
+suchte er sich Caspar wieder zu nähern. Aber Caspar blieb kalt und in
+sich gekehrt. Abends brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat
+Fließen; er sagte, daß er sich erkundigt habe, und rief Caspar scherzend
+zu: »Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn sind es! Na, sehen Sie, daß ich
+recht gehabt habe?«
+
+Caspar schwieg.
+
+»Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr,« sagte die Lehrerin besorgt.
+
+»Ich habe keinen Appetit,« erwiderte Caspar; »kaum daß ich angefangen
+habe zu essen, bin ich auch schon satt.«
+
+Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt verspätet und sehr erregt
+zu Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen
+Auftritt mit einem Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse
+sein Pferd zuschanden geschlagen hatte, weil es den schwerbeladenen
+Wagen nicht zum Hafenmarkt hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen
+Kumpan Vorstellungen gemacht und einige hinzukommende Bürger zu Zeugen
+der unmenschlichen Quälerei angerufen. Dafür war der Fuhrknecht mit
+erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und hatte ihn angebrüllt,
+er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen kümmern, die
+ihn nichts angingen. »Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls bekannt,
+und ich werde dem Polizeileutnant darüber Meldung erstatten,« schloß
+Quandt. Er wurde nicht müde zu beschreiben, wie der armselige Klepper
+vor dem Gefährt immer wieder vergeblich an den Strängen gezerrt habe und
+wie das schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. »Der
+Spitzbube,« grollte er, »ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu
+rackern.«
+
+Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm
+denn nicht aufgefallen sei, daß Caspar gar kein Wort über die Geschichte
+fallen gelassen habe.
+
+»Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen,« bestätigte Quandt.
+
+Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die
+schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfaßt hatte, in der
+Wohnung Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht
+zurück, der Polizeileutnant habe einen mehrtägigen Urlaub genommen und
+sei verreist.
+
+
+
+
+#Aenigma sui temporis#
+
+
+Es geschah am übernächsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach
+zwölf das Gerichtsgebäude verlassen wollte, daß er im Korridor vor der
+unteren Treppe von einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem
+anscheinend sehr vornehmen Mann, der groß und schlank war, einen
+schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn aufforderte, ihm wenige
+Minuten Gehör zu schenken.
+
+Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches
+und etwas sehr Achtungsvolles.
+
+Sie gingen ein paar Schritte seitwärts von der Treppe, wo niemand
+vorüberkommen konnte. Der Fremde lächelte ermutigend, als er Caspars
+scheues Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und
+achtungsvollen Weise: »Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es
+gewesen. Morgen werden Sie diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der
+erste Blick in Ihr Gesicht belehrt und erschüttert hat! Prinz, mein
+Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen.«
+
+Er bückte sich rasch und küßte ehrfurchtsvoll Caspars Hand.
+
+Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem plötzlich das Herz
+stillsteht.
+
+»Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme,
+Sie zu holen,« fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger
+respekterfüllt. »Ich vermute, daß Sie seit langem darauf vorbereitet
+sind. Doch müssen wir auf der Hut sein. Wir haben große Hindernisse zu
+scheuen. Sie müssen mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist
+nur, ob Sie willens sind, sich ohne Rückhalt mir anzuvertrauen, und ob
+ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen darf?«
+
+Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das
+Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung außergewöhnlich, ja
+märchenhaft erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick
+auf den zahllosen kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen
+des Fremden sichtbar waren.
+
+»Ihr Schweigen ist für mich beredt,« sagte der Fremde mit einer
+schnellen Verbeugung. »Der Plan ist der: Sie finden sich morgen
+nachmittag um vier Uhr im Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee,
+wenn man vom Freibergschen Haus kommt. Man wird Sie von dort zu einem
+bereitstehenden Wagen führen. Die einbrechende Dunkelheit wird unsre
+Flucht begünstigen. Kommen Sie ohne Mantel, so wie Sie sind; Sie werden
+standesgemäße Kleider finden. Bei der ersten Raststation an der Grenze,
+die wir in drei Stunden erreichen können, werden Sie sich umkleiden. Ich
+bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht auf Treu und
+Glauben übergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen ein
+Zeichen behändigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, daß ich zu
+meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmächtigt bin.«
+
+Caspar rührte sich nicht. Nur sein ganzer Körper schwankte ein wenig,
+als wäre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen.
+
+»Darf ich dies alles als abgemacht ansehen?« fragte der Fremde.
+
+Er mußte die Frage wiederholen. Da nickte Caspar – ernsthaft, schwer,
+und auf einmal war ihm die Kehle wie verbrannt.
+
+»Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden,
+mein Prinz?«
+
+Mein Prinz! Caspar wurde leichenblaß. Er schaute wieder die
+Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er
+abermals, mit einer Bewegung, die den Schein von Kälte oder von
+Verschlafenheit hatte.
+
+Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut; hierauf ging er
+und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.
+
+Während des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert
+hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.
+
+War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, daß einen
+dabei fror bis ins Mark? Daß beständig Schauder über den Rücken liefen
+wie kaltes Wasser?
+
+Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil
+er glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Füßen. Menschen, geht mir
+aus dem Weg, dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so
+wild. Er betrachtete seine Hand und berührte mit der Spitze seines
+Fingers starr nachdenklich die Stelle, auf die der Fremde ihn geküßt.
+
+Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit,
+grübelte er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhörlich
+rannen die Schauder über den Nacken herab.
+
+Es war schön, zu wissen, daß mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit
+jedem Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz
+allein: daß die Zeit verging.
+
+Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und
+sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und
+während ihm die Tränen über die Backen liefen, sagte er: »Dukatus ist
+gekommen.«
+
+Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel. Bis
+heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre;
+und was bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und
+morgen werd’ ich vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen
+Borten verziert; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen, lang und
+schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm. Aber ist denn alles wahr, kann
+es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch sein muß.
+
+Erst als es völlig finster war, zündete Caspar das Licht an. Die
+Lehrerin schickte herauf und ließ fragen, ob er nichts zu sich nehmen
+wolle. Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht.
+Sodann fing er an, seine Laden auszuräumen; einen ganzen Stoß von
+Papieren und Briefen warf er ins Feuer, die Schreibhefte und Bücher
+ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er öffnete eine Truhe und zog unter
+mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von der
+Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß. Er betrachtete es lange;
+es war weiß lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif,
+der bis auf das Brettchen fiel. O Rößlein, dachte er, hast mich manches
+Jahr begleitet, was wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich
+holen, und einen silbernen Stall werd’ ich dir bauen. Damit stellte er
+das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster.
+
+Es mag füglich wundernehmen, daß ein Gemüt wie das seine, so mit Ahnung
+begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt, vom ersten Augenblick
+der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaßen blinde
+Gläubigkeit verfiel, daß auch nicht ein Funke des Mißtrauens, der Furcht
+oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit
+außerhalb des gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner
+Plötzlichkeit, so zierdelos und simpel, daß ein Schüler, ein Kind, ein
+Verrückter daran Anstoß genommen hätte, und er, dem so viele
+Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt
+gegenübergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was der
+Schwalbe, die vom Süden kommt, das durch Bubenhände zerstörte Nest, er
+ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich
+aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme
+Hand.
+
+Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war überhaupt von
+Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverständlich Endliche, das
+jenseitig Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen
+Sprache, ja nicht einmal ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr
+nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang
+der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr müdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an
+den Gliedern, ihr trägen Minuten, ihr schweigenden Stunden! Noch
+prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern ein Hund, noch bläst
+der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht auf der Kerze,
+und alles dies ist voll Bosheit, weil es so beständig scheint, so
+langsam vergeht.
+
+Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, später in der Nacht
+hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen. Bisweilen richtete
+er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum,
+in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinander flossen. Ihm träumte
+nämlich, er stehe vor dem Spiegel, und er dachte: Wie sonderbar, ich
+habe ein so bestimmtes Gefühl von der Glätte des Spiegelglases, und doch
+träume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu erwachen, verließ das Bett
+oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu schaffen, legte sich
+wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grübelte: Sollte ich das
+mit dem Spiegel nur geträumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel hin,
+gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor ihm
+graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und
+goldene Borten hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer
+Weile wirklich erwachte, da erkannte er, daß alles nur ein Traum
+gewesen war, denn der Spiegel war keineswegs verhängt.
+
+Es war eine lange Nacht.
+
+Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine
+Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das
+Tintenfaß zu, räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte
+sich still.
+
+Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort.
+Caspar saß mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach beständig vom
+Wetter. »Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen,« erzählte
+sie, »und der Schneider Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden
+Ziegel beinahe erschlagen worden.«
+
+Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenüberliegende
+Gebäude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die
+verdunkelte Gasse.
+
+Caspar aß nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in
+sein Zimmer.
+
+Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock
+bekleidet und ohne Mantel.
+
+»Wo wollen Sie denn hin, Hauser?« rief ihn die Lehrerin von der Küche
+aus an.
+
+»Ich muß beim Generalkommissär etwas holen,« entgegnete er ruhig.
+
+»Ohne Mantel? Bei der Kälte?« fragte die Frau erstaunt und trat auf die
+Schwelle.
+
+Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: »Adieu, Frau Lehrerin,«
+und ging.
+
+Bevor er die Haustür schloß, warf er noch einen Abschiedsblick in den
+Flur, auf das geschweifte Geländer der Treppe, auf den alten braunen
+Schrank mit den Messingschnallen, der zwischen Küchen- und Wohnzimmertür
+stand, auf das Kehrichtfaß in der Ecke, das mit Kartoffelschalen,
+Käserinden, Knochen, Holzspänen und Glassplittern angefüllt war, und auf
+die Katze, die stets heimlich und genäschig hier herumschlich. Trotz des
+blitzhaft schnellen Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er
+sie nie deutlicher und nie so absonderlich gesehen hätte.
+
+Als die Klinke eingeschnappt war, ließ der schier unerträgliche Druck,
+der seine Brust verschnürte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen
+sich zu einem schalen Lächeln.
+
+Dem Lehrer werd’ ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es,
+selber zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd’ ich kommen und mit
+dem Wagen vors Haus fahren; ich werd’ es einrichten, daß es Nachmittag
+sein wird, da ist er daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd’ ich ihm nicht
+die Hand reichen, ich will mich stellen, als ob ich ein andrer wäre, in
+meinen schönen Kleidern wird er mich ja nicht erkennen. Er wird einen
+tiefen Bückling machen: »Wollen Euer Gnaden gnädigst eintreten?« wird er
+sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell’ ich mich vor ihn hin und
+frage: »Erkennen Sie mich nun?« Er wird auf die Knie fallen, aber ich
+reiche ihm die Hand und sage: »Sehen Sie jetzt ein, daß Sie mir unrecht
+getan haben?« Er wird es einsehen. »Ei,« sag’ ich, »zeigen Sie mir doch
+mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant.« Den Kindern
+werd’ ich Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu
+dem werd’ ich nicht reden, den werd’ ich nur anschauen, nur
+anschauen ...
+
+Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu früh.
+Auf dem unteren Markt ging Caspar rings an den Häusern herum. Vor dem
+Pfarrhaus blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren
+Hitze spürte er die Kälte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom
+Wind gepeitscht, schnell vorüberhuschten.
+
+Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schloßdurchlaß wandte,
+schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von
+gestern stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und
+darüber noch einen Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar
+höfliche Worte. Caspar verstand ihn nicht, denn der Wind war gerade so
+heftig, daß man hätte schreien müssen, um einander zu hören. Daher
+machte der Fremde bloß eine Gebärde, durch die er Caspar bat, mit ihm
+gehen zu dürfen. Offenbar war er selbst eben im Begriff gewesen, den Ort
+des Stelldicheins aufzusuchen.
+
+Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde öffnete
+das Türchen und ließ Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es
+so sein müsse. Eine Mischung von einfältiger Ergebenheit und ruhigem
+Stolz zeigte sich in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem
+Ausdruck des Grauens Platz zu machen, denn der Augenblick war zu stark,
+er konnte seine Wucht nicht ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte,
+um von dem Pförtchen über den dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den
+Bäumen der ersten Allee zu gehen, durchlebte er in seinem Innern eine
+Reihe gänzlich unzusammenhängender Szenen aus ferner Vergangenheit, eine
+Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe Wurzel zurückgeführt
+werden kann wie etwa die, daß ein von einem Turm Fallender während der
+Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorübergleiten sieht. Er
+erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem
+Tisch lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus
+dem er in seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schöne goldene
+Kette, die ihm der Lord aus seinen Schätzen gezeigt, womit die angenehme
+Empfindung verbunden war, die ihm Stanhopes weiße, feine Hand erregte;
+ferner sah er sich im Saal der Nürnberger Burg, wohin Daumer ihn
+geführt, und sein Auge weilte auf der sanften Linie einer gotischen
+Fensterwölbung mit einem Entzücken, das er damals sicherlich nicht
+verspürt hatte.
+
+Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem
+Arm irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebüsch noch zwei
+andre Personen, deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen
+völlig verhüllt waren.
+
+»Wer sind diese?« fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der
+verabredete Platz.
+
+Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestöber erlaubte jedoch
+nicht weiter als zehn Ellen zu sehen.
+
+»Wo ist der Wagen?« fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht
+antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebüsch. Diese
+näherten sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem
+Blatternarbigen etwas zu, erst der eine, dann der andre. Darauf
+entfernten sie sich wieder und standen dann auf der andern Seite des
+Wegs.
+
+Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte
+ein lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme:
+»Öffnen Sie es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter
+übergab.«
+
+Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Während er sich bemühte, die Schnur
+zu entknüpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen,
+blitzenden Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen
+Caspars Brust.
+
+Was ist das? dachte Caspar bestürzt. Er fühlte etwas Eiskaltes tief in
+sein Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte
+dabei. Den Beutel ließ er fallen.
+
+O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der
+Baumstämmchen und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal
+brach er in die Knie. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den
+Fremden bitten, daß er ihm helfe, doch die Füße des Mannes, die er noch
+eine Sekunde zuvor gesehen, waren verschwunden. Die Schwärze vor den
+Augen wich wieder; er sah sich um; niemand war mehr da; auch die beiden
+hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da.
+
+Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte
+den Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu
+schützen, den ihm der Wind entgegenspritzte. Er machte ein paar
+Bewegungen mit dem Körper, als suche er in der Erde eine Höhlung zum
+Hineinschlüpfen, konnte dann nicht weiter und blieb sitzen. Ihm schien,
+als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror ihn jetzt erbärmlich.
+
+Möcht’ sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, während seine Zähne
+klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle
+zu blicken, wo der Fremde gestanden.
+
+Wenn ich nur ein Wort wüßte, durch das mir leichter würde, dachte er,
+wie einer, der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt. Und er sagte
+zweimal: »Dukatus«.
+
+Welches Wunder, plötzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach
+Hause gehen zu können. Er erhob sich. Er sah, daß er gehen konnte.
+Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm
+war, als ob sein Körper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er
+lief, lief, lief. Bis zum Tor des Gartens; über den Schloßplatz; über
+den Markt an der Kirche vorbei; bis zum Kronacher Buck, bis in den Flur
+des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief.
+
+In Schweiß gebadet, stürzte er in den Flur. Weiter ging’s nicht mehr;
+keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. Über
+sein Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam
+Quandt aus der Stube; seine Frau folgte ihm.
+
+Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete bloß
+auf seine Brust.
+
+»Was ist geschehen?« fragte Quandt rauh und kurz.
+
+»Hofgarten – gestochen,« stammelte Caspar.
+
+Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn
+schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie
+Gottes Engel, auf uns zutreten und uns beschwören, die Tatsachen nicht
+zu verzerren, so ist nichts andres zu erwidern, als daß Quandt
+schmunzelte, seltsam schmunzelte. »Wo sind Sie denn gestochen, mein
+Lieber?« fragte er gedehnt.
+
+Wieder deutete Caspar auf seine Brust.
+
+Quandt knöpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen.
+Richtig, da war ein Stich, nicht größer als eine Haselnuß. Aber nicht
+die geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das
+gibt es nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis.
+
+»Also gestochen,« sagte Quandt. »So lassen Sie uns sofort umkehren und
+zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll,« fügte
+er energisch hinzu. »Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem
+Wetter im Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache muß
+unverzüglich aufgeklärt werden.«
+
+Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder
+auf die Gasse. Quandt faßte ihn unter, wie ein Krüppel schlich Caspar
+dahin.
+
+Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: »Diesmal haben
+Sie Ihren dümmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so
+guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen
+schriftlich geben.«
+
+Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte:
+»Gott – wissen.«
+
+»Machen Sie nur keine Faxen,« zeterte Quandt, »ich weiß, was ich weiß.
+Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei
+mir kein Glück, denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich
+kann Ihnen nur raten, spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici
+und gestehen Sie lieber gleich. Ein wenig bange machen wollen Sie uns,
+die Leute wollen Sie durcheinander hetzen. Gestochen? Wer soll Sie denn
+gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre jämmerlichen paar Moneten aus
+der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie nicht so langsam, Hauser,
+meine Zeit ist knapp.«
+
+»Den Beutel – will ich holen,« stammelte Caspar leise.
+
+»Was denn für einen Beutel?«
+
+»Der Mann – mir gegeben.«
+
+»Was für ein Mann?«
+
+»Der mich gestochen.«
+
+»Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn
+ein, daß ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an
+den schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, daß ich über den wahren
+Täter einen Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sie’s doch! Gestehen
+Sie, daß Sie sich selber ein bißchen gestochen haben. Ich will über die
+Sache noch einmal schweigen, ich will Gnade für Recht ergehen lassen.«
+
+Caspar weinte.
+
+Dicht vor dem Hofgarten brach er plötzlich zusammen. Quandt war
+verwirrt. Es kamen einige Männer des Weges, diese bat er, daß sie den
+Jüngling nach Hause führen möchten, er selbst wolle zur Polizei. Die
+Männer mußten erst geraume Weile warten, bis sich Caspar ein wenig
+erholt hatte; auch dann hielt es schwer, ihn zum Gehen zu bewegen.
+
+Es wurde später von den Ärzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet,
+daß Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen
+war, den Weg vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum
+Schloßplatz und endlich vom Schloßplatz wieder nach Hause zurückzulegen,
+das erstemal laufend, das zweitemal am Arme Quandts, das drittemal von
+den Männern halb gezogen, im ganzen über sechzehnhundert Schritte.
+
+Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug, war es finster geworden.
+Der diensttuende Offiziant erklärte, daß ohne speziellen Auftrag des
+Bürgermeisters, der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden
+dürfe. Der Lehrer schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich
+unwillig und verdrossen in die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene
+Kleinschrottsche Badewirtschaft, wo der Bürgermeister im Kreis seiner
+Vertrauten beim Bier saß. Quandt trug den Fall vor. Man staunte,
+zweifelte, plädierte, bestieg den Amtsschimmel und gestattete hierauf
+die förmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das interessante
+Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur
+weiteren Untersuchung übergeben.
+
+Quandt kehrte nach Hause zurück. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand
+er viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem
+Unwetter zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das
+den Lehrer stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der
+zu Bett gebracht worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte
+die Wunde schon untersucht.
+
+»Wie steht’s?« fragte Quandt.
+
+Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden.
+
+»Das dacht’ ich mir,« versetzte Quandt.
+
+Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den
+lilafarbenen Beutel übergeben, der an der Unglücksstätte gefunden worden
+war.
+
+»Kennen Sie diesen Beutel?« fragte der Hofrat.
+
+Mit fieberglänzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat
+öffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunächst, mit
+Hieroglyphen bedeckt war.
+
+Die Lehrerin, die dabeistand, schüttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann
+beiseite und sagte zu ihm: »Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser
+immer seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet
+war.«
+
+Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst
+prüfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.
+
+»Es ist wohl Spiegelschrift,« sagte Quandt lächelnd.
+
+»Ja,« erwiderte der Hofrat; »eine sonderbare Kinderei.«
+
+Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor: »Caspar
+Hauser wird Euch genau erzählen können, wie ich aussehe und wer ich bin.
+Dem Hauser die Mühe zu sparen, denn er könnte schweigen müssen, will ich
+aber selber sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze
+am Fluß. Ich will Euch sogar meinen Namen verraten: M. L. O.«
+
+»Das klingt ja geradezu höhnisch,« sagte der Hofrat nach einem
+verwunderten Schweigen.
+
+Quandt nickte erbittert vor sich hin.
+
+Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer
+in das Kissen und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen
+Zügen. Es schloß sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun
+an nie mehr reden. Und _daß_ er hätte reden können, womit dieser
+M. L. O. offenbar nicht gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber
+hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes.
+
+Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Händen,
+wanderte aufgeregt hin und her. »Das sind schöne Streiche,« rief er aus,
+»schöne Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten,
+Hauser. Sie verdienen eine Tracht Prügel, das verdienen Sie.«
+
+Der Hofrat runzelte die Stirn. »Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das
+doch!« sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton. Bevor er sich
+verabschiedete, versprach er, am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu
+schicken, woraus ersichtlich war, daß auch er an keine unmittelbare
+Gefahr dachte.
+
+Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am
+selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte
+Caspar mit großer Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein
+bedenkliches Gesicht. Quandt, seltsam gereizt dadurch, sagte fast
+herausfordernd: »Es fließt ja gar kein Blut aus der Wunde.«
+
+»Das Blut sickert nach innen,« entgegnete der Medizinalrat mit einem den
+Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf
+das Herz und empfahl die möglichste Ruhe.
+
+Quandt griff sich an die Stirn. »Wie,« sagte er zu seiner Frau, »sollte
+sich der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefügt
+haben?«
+
+Die Lehrerin schwieg.
+
+»Ich bezweifle es, ich muß es bezweifeln,« fuhr Quandt fort. »Sieh doch
+selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe über
+Schmerzen.«
+
+»Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt,« fügte die Frau hinzu.
+
+Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an
+das Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte,
+schrie er ihn an: »Machen Sie nicht solche widerlichen Umstände, Hauser!
+Gehen Sie schleunig in Ihr Bett zurück.«
+
+Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hörte dies. »Aber
+Quandt! Quandt!« sagte er entsetzt. »Ein wenig Milde, Quandt, im Namen
+unsrer Religion.«
+
+»O,« versetzte Quandt kopfschüttelnd, »Milde ist hier schlecht
+angebracht. In Nürnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komödie
+aufgeführt hat, gebärdete er sich genau so, und ich habe mir sagen
+lassen müssen, daß er dabei von zwei Männern ist gehalten worden. Was
+mich betrifft, ich lasse mir so ein Schauspiel nicht bieten.«
+
+Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die über
+Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden.
+
+Schon früh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei
+klarem Bewußtsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzählte er,
+ein fremder Herr habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten
+bestellt.
+
+»Zu welchem Zweck bestellt?«
+
+»Das weiß ich nicht.«
+
+»Er hat darüber gar nichts gesagt?«
+
+»Doch; er hat gesagt, man könnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.«
+
+»Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?«
+
+Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie
+ihn der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spät für die
+Verfolgung des Täters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld
+Quandts, unverantwortlich verzögert worden. Als man die am Ort des
+Verbrechens befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich,
+daß inzwischen schon zuviele Menschen dagewesen waren und den Schnee
+zertreten hatten. Aus einem so wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mußte
+also von vornherein verzichtet werden.
+
+Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete,
+gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor
+gesehen, und habe gefragt, wann eine Retour nach Nördlingen gehe. Der
+Mann war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt gewesen, von mittlerer Größe,
+bräunlicher Hautfarbe und mit Blatternarben im Gesicht.
+
+Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut,
+grüne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der
+Hand hielt er eine Reitgerte. Er habe nur fünf Minuten geweilt und ganz
+wenig gesprochen; auffallend sei es gewesen, daß er nicht sagen gewollt,
+wo er logierte.
+
+So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im
+Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von
+zwei andern Männern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte.
+
+Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von
+seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststraße auf die Promenade
+und von da über den Schloßplatz. Er sah vom Schloß her zwei Männer über
+die Gasse schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten
+gehen. Er erkannte in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden
+zum Laternenpfahl am Eck der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser
+um und blickte den Schloßplatz hinauf, so daß ihn der Beobachter noch
+einmal und genau hatte sehen können. Bei den Schranken blieb der Fremde
+stehen, um Hauser mit höflicher Gebärde den Vortritt zu lassen. Der
+Arbeiter dachte für sich: wie doch die Herren bei solchem Sturm und
+Schnee spazierengehen mögen.
+
+»Drei Viertelstunden später,« erzählte der Mann, »als ich von einer
+Besorgung beim Büttner Pfaffenberger zurückkam, standen auf dem
+Schloßplatz viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im
+Hofgarten erstochen worden.«
+
+Und weiter. Ein Gärtnergehilfe, der in der Orangerie beschäftigt ist,
+hört gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht
+einen Mann im Mantel vorüberlaufen. Der Mann läuft einen guten Trab. Die
+Stimmen sind etwa einen Büchsenschuß weit vom Orangeriehaus entfernt
+gewesen, nicht so weit, wie das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei
+Stimmen, eine Baß- und eine helle Stimme.
+
+Neben der Weidenmühle wohnt eine Näherin. Ihr Fenster geht auf den
+Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hölzernen Tempel zu
+führenden Alleen. Bei beginnender Dämmerung gewahrt sie den Mann im
+Mantel; er tritt aus dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der
+Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er vor dem hochgeschwollenen Wasser
+steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die Stäffelchen an der Mühle,
+geht über den Steg auf der Eiberstraße und verschwindet. Die Frau hat
+von seinem Gesicht nur einen schräglaufenden schwarzen Bart wahrnehmen
+können.
+
+Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die
+unverbrüchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden
+Nachmittag, wie das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im
+Hofgarten zu promenieren. Er hat Caspar und den Fremden gesehen. Er
+versichert aber, nicht vorangegangen sei Caspar dem Fremden, sondern
+hintennach sei er gegangen. »Er ist ihm gefolgt, wie das Lamm dem
+Metzger zur Schlachtbank folgt,« sagt er.
+
+Zu spät. Zu spät der Eifer. Zu spät die erlassenen Steckbriefe und
+Streifzüge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, daß man sogar
+den Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument
+zu entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen
+haben mochte. Was lag an diesem Dolch?
+
+Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhören? Was lag an den Indizien,
+womit eine saumselige Justiz ihre Unfähigkeit prahlerisch verbrämte? Es
+wurde gesagt, daß die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben
+wurden. Es wurde gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren
+Machenschaften darin gipfelten, die wahren Spuren allmählich und mit
+Absicht zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Behörde irrezuleiten.
+_Wer_ es sagte, konnte natürlich nicht erkundet werden, denn die
+öffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie ungreifbar, orakelt nur
+aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald stille hier, wo
+Verleumdung, Bosheit, Lüge, Dummheit und Heuchelei ein schönes
+Menschenbild wie zwischen Mühlrädern zermalmten, bis daß nichts mehr
+übrigblieb als ein ärmliches Märchen, wovon sich das Volk dieser
+Gegenden an rauhen Winterabenden vor dem Ofen unterhält.
+
+ * * * * *
+
+Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen,
+auf der Straße.
+
+»Wie geht’s dem Hauser?« fragte der den Lehrer.
+
+»Ei, er ist ganz außer Gefahr; dank’ der Nachfrage, Herr Doktor,«
+antwortete Quandt geschwätzig; »die Gelbsucht ist eingetreten, aber das
+soll ja die gewöhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin
+überzeugt, daß er in ein paar Tagen das Bett wird verlassen können.«
+
+Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptsächlich von der
+neuerdings zwischen Nürnberg und Fürth geplanten Dampfschienenbahn, ein
+Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren
+ließ, dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der
+Dankbarkeit eines beklatschten Redners und eilte, beständig vor sich
+hinlächelnd, nach Hause. Er war in einer höchst zuversichtlichen
+Stimmung, einer Stimmung, in der man bereit ist, seinen ärgsten Feinden
+Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum, das mochten die Götter wissen.
+War der schöne Tag daran schuld? Man darf nicht vergessen, daß in Quandt
+auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nähe des
+Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine
+Erneuerung seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, daß
+gegenwärtig so viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein
+bescheidenes Heim aufsuchten und daß er inmitten dieses bescheidenen
+Heims eine Stellung von ungeahnter Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem
+auch sein mochte, er war mit sich zufrieden, folglich stammte sein
+Lächeln aus der lautersten Quelle.
+
+Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. »Ah, vom Urlaub
+zurück?« begrüßte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf
+sagte er sich: mit dem habe ich ja noch ein Hühnchen zu rupfen.
+
+Hickel drückte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte.
+
+Sie gingen miteinander hinauf.
+
+Caspar saß mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetürmte Kissen
+gelehnt, starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein,
+die Haut des Körpers strahlend weiß wie eine Magnesiumflamme. Der
+Medizinalrat hatte soeben den Verband abgenommen und wusch die Wunde.
+Außerdem war noch ein Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch
+Platz genommen; ein Protokollformular lag bei ihm, auf dem die
+lakonischen Worte standen: »Der Damnifikat verbleibt bei seinen
+bisherigen Depositionen.« Über einen eingefangenen Straßenräuber hätte
+man sich nicht besser und niedlicher ausdrücken können.
+
+Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen
+gebrochenen Blumenkelch seitwärts gesenkten Kopf aufrichtete und mit
+weitgeöffneten Augen, in denen ein ganz unsäglicher Schrecken lag, dem
+Ankömmling ins Gesicht starrte.
+
+Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebärde
+schien den Schrecken Caspars aufs äußerste zu treiben; er faltete die
+Hände und murmelte ächzend: »Nicht nahekommen! Ich hab’s ja doch nicht
+selber getan.«
+
+»Aber Hauser! Was fällt Ihnen denn ein!« rief Hickel mit einer
+Lustigkeit, die man etwa im Wirtshaus zur Schau trägt, und seine gelben
+Zähne blinkten zwischen den vollen Lippen; »ich hab’ Ihnen ja nur
+gedroht, weil Sie ohne Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen
+Sie das vielleicht auch leugnen?«
+
+»Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf,« mahnte der
+Medizinalrat unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer
+beiseite und sagte leise und ernst: »Ich kann Ihnen nicht verhehlen,
+daß Hauser wahrscheinlich die Nacht nicht überleben wird.«
+
+Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie
+Butter. »Wie? Was?« hauchte er, »ist’s möglich?« Er schaute alle
+Anwesenden der Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines
+Menschen glich, der sich soeben behaglich zum Essen setzen wollte und
+dem plötzlich Schüssel, Teller, Messer und Gabel, ja der ganze Tisch
+weggezaubert wird.
+
+»Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer,« sagte mit heiserer Stimme Hickel, der
+am Ofen stand und mit sinnloser Geschäftigkeit seine Hände an den
+Kacheln rieb.
+
+Quandt nickte und schritt mechanisch voraus.
+
+»Ist’s möglich!« murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. »Ist’s
+möglich!« Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. »Ach,« fuhr er
+elegisch fort, »wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer
+Fürsorge haben wir’s wahrlich nicht fehlen lassen.«
+
+»Lassen Sie doch die Flausen, Quandt,« antwortete der Polizeileutnant
+grob. »Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in
+seinem Wahn?«
+
+»Unsinn, lauter Unsinn,« versetzte Quandt bekümmert.
+
+»Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter,« rief Hickel, indem er
+sich über das Geländer beugte.
+
+»Was denn?« gab Quandt erschrocken zurück, »ich sehe nichts.«
+
+»Sie sehen nichts? Potz Kübel, ich auch nicht. Es scheint, wir sehen
+beide nichts.« Er lachte wunderlich, richtete sich wieder kerzengerade
+auf und hüstelte trocken. Dann ging er, indes Quandt ihm nicht wenig
+betroffen nachguckte.
+
+Wohin soll es auch kommen mit der Welt, wenn Leute wie Hickel unter die
+Gespensterseher geraten? Auf ihren robusten Schultern ruhen die
+Fundamente der Ordnung, des Gehorsams und aller staatlich anerkannten
+Tugenden. Mag es auch in diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen
+sein, daß die Ausgeburt rühmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch
+einer Regung bösen Gewissens anheimfiel, nun, dann muß erklärt werden,
+daß dieses böse Gewissen mit einem martialischen Aussehen gesegnet war,
+daß es zu allen Mahlzeiten einen beneidenswerten Appetit entwickelte und
+daß es das sanfteste Ruhekissen für einen unvergleichlich gesunden
+Schlaf war, der durch keine Feuerglocke und kein Tedeum hätte gestört
+werden können.
+
+Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhör
+begonnen. Caspar sollte sagen, ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei,
+während er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen.
+
+Caspar antwortete matt, er habe niemand bemerkt, nur vor dem Tor seien
+Leute gewesen. »Arme Leute passen mir immer dort auf,« sagte er, »zum
+Beispiel eine gewisse Feigelein, der hab’ ich manchmal einen Kreuzer
+gegeben, auch die Tuchmacherswitwe Weigel.«
+
+Der Aktuar wollte weiterfragen, doch Caspar lispelte: »Müde – recht
+müde.«
+
+»Wie ist Ihnen, Hauser?« erkundigte sich die Wärterin.
+
+»Müde,« wiederholte er; »werd’ jetzt bald weggehen von dieser
+Lasterwelt.«
+
+Eine Weile schrie und redete er für sich hin, hernach wurde er wieder
+ganz stille.
+
+Er sah ein Licht, das langsam erlosch. Er vernahm Töne, die aus dem
+Innern seines Ohrs zu dringen schienen; es klang, wie wenn man mit einem
+Hammer auf eine Metallglocke haut. Er erblickt eine weite, einsame,
+dämmernde Ebene. Eine menschliche Gestalt rennt schnell darüber hin. O
+Gott, es ist Schildknecht. Was läufst du so, Schildknecht? ruft er ihm
+zu. Hab’ Eile, große Eile, antwortet jener. Auf einmal schrumpft
+Schildknecht zusammen, bis er eine Spinne ist, die an einem glühenden
+Faden zum Ast eines riesengroßen Baumes emporklimmt. Tränen des Grauens
+fallen wie Regen aus Caspars Augen.
+
+Er sah ein seltsames Gebäude; es glich einer kolossalen Kuppel; es hatte
+kein Tor, keine Tür, kein Fenster. Aber Caspar konnte fliegen, flog
+hinauf und schaute durch eine kreisrunde Öffnung in das Innere, das von
+himmelblauer Luft erfüllt war. Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine
+Frau. Vor diese trat ein Mensch, kaum deutlicher zu sehen als ein
+Schatten, und er teilte ihr mit, daß Caspar gestorben sei. Die Frau hob
+die Arme und schrie vor Schmerz, daß die Wölbung erzitterte. Da klaffte
+der Boden auseinander und es kam ein langer Zug von Menschen, die alle
+weinten. Und Caspar sah, daß ihre Herzen zitterten und zuckten wie
+lebendige Fische in der Hand des Fischers. Und einer trat heraus, der
+gerüstet war und ein Schwert trug, der sprach ungeheure Worte, aus denen
+sich das ganze Geheimnis enthüllte. Und alle, die zuhörten, preßten die
+Hände gegen die Ohren, schlossen die Augen und stürzten vor Kummer zu
+Boden.
+
+Dann war alles verwandelt. Caspar spürte sich voll von wunderbaren
+Kräften. Er spürte die Metalle in der Erde, von tief unten zogen sie ihn
+an, und die Steine spürte er, die Adern von Erz hatten. Dazwischen ruhte
+vielfältiger Samen, und er brach auf, und die Würzlein schossen und
+bebend hoben sich die Gräser. Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor
+wie Fontänen und auf ihren Spitzen leuchtete die willkommene Sonne. Und
+inmitten des Weltalls stand ein Baum mit weitem Gipfel und unzähligen
+Verästelungen; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen, und auf der Krone
+oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens. Innen im Stamm floß
+Blut, und wo die Rinde zerrissen war, sickerten schwärzlichrote Tropfen
+hindurch.
+
+Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter
+Entzückungen war es Caspar, als ob ihn jemand in einen Raum trüge, wo
+keine Luft zum Atmen mehr war. Da half kein Sträuben und Sichbäumen, es
+trug ihn hin und ein kühler Wind wehte über sein Haar, seine Finger
+krümmten sich, als suche er sich irgendwo zu halten. Es war eine
+namenlose Erschöpfung, von welcher der vergebliche Kampf begleitet war.
+
+Auf der Straße fuhr der Nürnberger Postwagen vorbei, und der Postillon
+blies ins Horn.
+
+Es kamen bis zum Abend viele Leute, um nach seinem Befinden zu fragen.
+Frau von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen.
+
+Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann, der mit größter
+Schnelligkeit eintraf. Er legte Caspar die Hand auf die Stirn. Mit
+angstvoll großen Augen schaute sich Caspar um; seine Schultern
+zitterten. Er machte mit dem Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen,
+als wolle er schreiben. Das dauerte jedoch nicht lange.
+
+»Sie haben mir einmal gesagt, lieber Hauser, daß Sie auf Gott vertrauen
+und mit seiner Hilfe jeden Kampf kämpfen wollen,« sagte der Pfarrer.
+
+»Weiß es nicht,« flüsterte Caspar.
+
+»Haben Sie denn heute schon zu Gott gebetet und ihn um seinen Beistand
+angerufen?«
+
+Caspar nickte.
+
+»Und wie ist Ihnen darauf gewesen? Haben Sie sich nicht gestärkt
+gefühlt?«
+
+Caspar schwieg.
+
+»Wollen Sie nicht wieder beten?«
+
+»Bin zu schwach; vergehen mir gleich die Gedanken.« Und nach einer Weile
+sagte er wie für sich, seltsam leiernd: »Das ermüdete Haupt bittet um
+Ruhe.«
+
+»So will ich ein Gebet sprechen,« fuhr der Pfarrer fort, »beten Sie im
+stillen mit. Vater, nicht mein –«
+
+»Sondern dein Wille geschehe,« vollendete Caspar hauchend.
+
+»Wer hat so gebetet?«
+
+»Der Heiland.«
+
+»Und wann?«
+
+»Vor – seinem – Sterben.« Bei diesem Wort sträubte sich sein Körper
+empor und über sein Gesicht ging ein höchst qualvolles Zucken. Er
+knirschte mit den Zähnen und schrie dreimal gellend: »Wo bin ich denn?«
+
+»Aber, Hauser, in Ihrem Bett sind Sie,« beruhigte ihn Quandt. »Es kommt
+ja bei Kranken öfter vor, daß sie sich an einem andern Ort zu befinden
+wähnen,« wandte er sich erklärend an den Pfarrer Fuhrmann.
+
+»Geben Sie ihm zu trinken,« sagte dieser.
+
+Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser.
+
+Als Caspar getrunken hatte, wischte ihm Quandt den kalten Schweiß von
+der Stirn. Er selber bebte an allen Gliedern. Er beugte sich über den
+Jüngling und fragte dringend, feierlich beschwörend: »Hauser! Hauser!
+Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Sehen Sie mich einmal so recht
+aufrichtig an, Hauser! Haben Sie mir nichts mehr zu beichten?«
+
+Da packte Caspar in höchster Herzensnot die Hand des Lehrers. »Ach Gott,
+ach Gott, so abkratzen müssen mit Schimpf und Schande!« stieß er
+jammernd hervor.
+
+Das waren seine letzten Worte. Er kehrte sich ein wenig auf die rechte
+Seite und drehte das Gesicht zur Wand. Jedes Glied seines Körpers starb
+einzeln ab.
+
+Zwei Tage später wurde er begraben. Es war nachmittags und der Himmel
+von wolkenloser Bläue. Die ganze Stadt war in Bewegung. Ein berühmter
+Zeitgenosse, der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt, erzählt, es
+sei zu der Stunde Mond und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden,
+jener im Osten, diese im Westen, und beide Gestirne hätten im selben
+fahlen Glanz geleuchtet.
+
+ * * * * *
+
+Etwa anderthalb Wochen später, drei Tage nach Weihnachten, es war Abend
+und Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben, erschallten
+starke Schläge gegen das Haustor. Sehr erschrocken, zögerte Quandt eine
+Weile; erst als sich die Schläge wiederholten, nahm er das Licht und
+ging, um zu öffnen.
+
+Draußen stand Frau von Kannawurf. »Führen Sie mich in Caspars Zimmer,«
+sagte sie zum Lehrer.
+
+»Jetzt noch? In der Nacht?« wagte dieser einzuwenden.
+
+»Jetzt, in der Nacht,« beharrte die Frau.
+
+Ihr Wesen schüchterte Quandt dergestalt ein, daß er stumm zur Seite
+trat, sie vorangehen ließ und mit dem Licht folgte.
+
+In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen. Es war alles
+umgestellt und verräumt. Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem
+Ecktisch neben dem Fenster.
+
+»Lassen Sie mich allein,« gebot Frau von Kannawurf. Quandt stellte den
+Leuchter hin, entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit
+seiner Frau unten an der Stiege. »Es ist sehr gutmütig von mir, daß ich
+mir so etwas in meinem Hause gefallen lasse,« murrte er.
+
+Mit verschränkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und
+ab. Ihr Blick fiel auf den Tisch, wo eine Abschrift des
+Sektionsprotokolles lag; es ging daraus hervor, daß man nach dem Tode
+Caspars die Seitenwand seines Herzens ganz durchstochen gefunden hatte.
+Clara nahm das Papier mit beiden Händen und zerknitterte es in ihren
+Fäusten.
+
+Was fruchtet aller Schmerz und Reue? Man kann nicht die Gewesenen aus
+Luft zurückgestalten; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern.
+Tränen beruhigen; aber diese Trauernde hatte keine Tränen mehr; für sie
+waren keine Sterne mehr, kein Glanz des Himmels; für sie wuchs kein
+Gras mehr, duftete keine Blume mehr, ihr schmeckte der Tag nicht mehr
+und die Nacht nicht mehr, für sie hatte sich alles Menschentreiben, ja
+selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige düstere Wolke von nie
+wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt.
+
+Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als Clara wieder herabkam.
+Sie blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen, und während sie ihn mit
+weitaufgeschlagenen Augen ansah, sagte sie bebend und kalt: »Mörder.«
+
+Dies war für Quandt etwa so, wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter
+die Nase gehalten hätte. Es läßt sich denken, der wackere Mann war
+vollkommen ahnungslos; im Schlafrock, gesticktem Hauskäppchen und mit
+Schlappschuhen an den Füßen wartet er, daß der ungebetene Gast sein Haus
+wieder verlasse, und da fällt ein Wort, wie es nicht einmal ein böser
+Traum erzeugen kann.
+
+»Das Weib ist wahnsinnig! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen,« tobte
+er noch im Bette.
+
+Clara wohnte bei Imhoffs. Sie fand die Freundin noch auf. Frau von
+Imhoff sagte ihr, daß man morgen auf den Kirchhof gehen wolle, weil das
+Kreuz auf Caspar Hausers Grab errichtet werde. Frau von Imhoff empfand
+Claras Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzählte, erzählte. Vieles
+von Caspar, vieles von denen, die um ihn waren. Quandt wolle ein Buch
+schreiben, worin er haarklein nachzuweisen gedenke, daß Caspar ein
+Betrüger gewesen; daß Hickel den Dienst quittiert habe und aus Ansbach
+wegziehe, wohin, wisse niemand, daß alle Bemühungen, dem furchtbaren
+Verbrechen auf den Grund zu kommen, vergeblich gewesen seien.
+
+Clara blieb wie aus Stein. Als sie sich für die Nacht trennten, sagte
+sie leise und mit unheimlicher Sanftmut: »Auch du bist seine Mörderin.«
+
+Frau von Imhoff prallte zurück. Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft
+fort: »Weißt du es denn nicht? willst du’s nicht wissen? Versteckst du
+dich vor der Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf? Weißt du denn nicht, wer
+er war? Glaubst du denn, daß die Welt immer und ewig darüber schweigen
+wird, so wie sie jetzt schweigt? Er wird auferstehen, Bettine, er wird
+uns zur Rechenschaft fordern und unsre Namen mit Schmach bedecken; er
+wird das Gewissen der Nachgebornen vergiften, er wird so mächtig im Tode
+sein, als er ohnmächtig im Leben war. Die Sonne bringt es an den Tag.«
+
+Darauf verließ Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten.
+
+Am andern Morgen ging sie früh vom Hause fort. Sie besuchte ihren Türmer
+auf der Johanniskirche, saß lange oben auf der Steinbank in der schmalen
+Galerie und blickte weit über die winterliche Ebene. Sie sah aber nicht
+Schnee, sie sah nur vergossenes Blut. Sie sah nicht das Land, sie sah
+nur ein durchstochenes Herz.
+
+Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein. Der Totengräber führte
+sie zum Grab. Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hölzernes Kreuz
+gegen den Stamm einer Trauerweide.
+
+Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann. Er erkannte Clara
+und grüßte sie ernst und höflich. Sie, ohne zu danken, schaute an ihm
+vorüber, ihr Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten
+Grabhügel und die Arbeiter, die jetzt das Kreuz zu Häupten des Grabes
+einrammten. Auf einem großen, herzförmigen Schild, das inmitten des
+Grabkreuzes befestigt war, standen in weißen Lettern die Worte:
+
+ #_HIC JACET
+ CASPARUS HAUSER
+ AENIGMA
+ SUI TEMPORIS
+ IGNOTA NATIVITAS
+ OCCULTA MORS._#
+
+Sie las es, schlug die Hände vors Gesicht und brach in ein gellend wehes
+Gelächter aus. Jählings wurde sie aber wieder ganz still. Sie drehte
+sich gegen den Pfarrer um und rief ihm zu: »Mörder!«
+
+In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute, die der
+Zeremonie der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen: Herr und Frau
+von Imhoff, Herr von Stichaner, Medizinalrat Albert, der Hofrat Hofmann,
+Quandt und seine Frau. Sie sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt, und
+der Eindruck eines jeden war, daß etwas Schlimmes vor sich gehe. Frau
+von Imhoff, voller Ahnung, eilte auf ihre Freundin zu und umschlang sie
+mit den Armen. Aber mit verwilderten Gebärden machte sich Clara los,
+stürzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit durchdringender
+Stimme: »Mörder seid ihr! Mörder! Mörder! Mörder!«
+
+Nun rannte sie an ihnen vorbei, auf die Straße hinaus, wo sich alsbald
+viele Menschen um sie versammelten, und schrie, schrie! Endlich wurde
+sie von einigen Männern umringt und am Weiterlaufen verhindert.
+
+Quandt hatte wieder einmal recht behalten. Sie war wahnsinnig geworden.
+Noch am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht. Mit der Zeit
+verging die Raserei, aber ihr Geist blieb umnachtet.
+
+Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen.
+Er wollte sich nicht zufrieden geben, wenn man ihm vorhielt, daß es doch
+eine Irre gewesen, die so gehandelt. Noch vor seinem kurz darauf
+erfolgten Ableben sagte er zu Frau von Imhoff, die ihn besuchte: »Mich
+freut die Welt nicht mehr. Warum klagte sie mich an? Mich, gerade mich?
+Ich hab’ ihn ja liebgehabt, den Hauser.«
+
+»Die Unglückliche,« erwiderte Frau von Imhoff leise, »an Liebe allein
+hatte sie nicht genug.«
+
+»Ich trage keine Schuld,« fuhr der alte Mann fort. »Oder doch nicht
+mehr, als dem sterblichen Leib überhaupt zukommt. Schuldig sind alle,
+die wir da wandeln. Aus Schuld keimt Leben, sonst hätte unser Stammvater
+im Paradies nicht sündigen dürfen. Auch unsern hingeschiedenen Freund
+kann ich nicht freisprechen. Was hat es ihm gefrommt, das Träumen über
+seine Herkunft? Wo Verrat von allen Lippen quillt, flieht der Tüchtige
+in den Kreis fruchtbarer Neigungen. Aber Schwärmer hören nur sich
+selbst. Unschuldig, meine Beste, unschuldig ist nur Gott. Er gnade
+meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser.«
+
+
+_Ende._
+
+
+
+
+Von demselben Verfasser sind bei _S. Fischer Verlag_ in _Berlin_
+folgende Werke erschienen:
+
+
+Die Juden von Zirndorf. Roman. Umgearb. Ausgabe
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellist. Studien
+
+Der Moloch. Roman. Umgearbeitete Ausgabe
+
+Alexander in Babylon. Roman
+
+Die Schwestern. Drei Novellen
+
+
+bei _Marquardt & Co._ in _Berlin_:
+
+Die Kunst der Erzählung. Ein Dialog.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1908 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die Umlaute Ae, Oe
+und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.
+
+S. 120: »Pauvre diable,« -> Pauvre
+S. 316: was der Mann berichtet bat -> berichtet hat
+S. 354: in Kupfer gestochene Portät -> Porträt
+S. 379: wie zum Bespiel -> Beispiel
+S. 436: über den Punkt Bescheid zugeben -> zu geben
+S. 439: als obnichts geschehen wäre -> ob nichts
+S. 517: [Punkt ergänzt] bei den Seinen in Worms sein könne.
+S. 521: [Überzähliges Anführungszeichen] »Als Sie nach Nürnberg kamen
+S. 533: und seine Auge weilte auf der sanften Linie -> sein
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1908. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced
+by Ä, Ö, Ü. The table below lists all corrections applied to the
+original text.
+
+p. 120: »Pauvre diable,« -> Pauvre
+p. 316: was der Mann berichtet bat -> berichtet hat
+p. 354: in Kupfer gestochene Portät -> Porträt
+p. 379: wie zum Bespiel -> Beispiel
+p. 436: über den Punkt Bescheid zugeben -> zu geben
+p. 439: als obnichts geschehen wäre -> ob nichts
+p. 517: [missing fullstop] bei den Seinen in Worms sein könne.
+p. 521: [removed extra quote] »Als Sie nach Nürnberg kamen
+p. 533: und seine Auge weilte auf der sanften Linie -> sein
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Caspar Hauser, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASPAR HAUSER ***
+
+***** This file should be named 25721-0.txt or 25721-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/5/7/2/25721/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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