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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:17:39 -0700
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+Project Gutenberg's Die Nymphe des Brunnens, by Johann Karl August Musäus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Nymphe des Brunnens
+
+Author: Johann Karl August Musäus
+
+Editor: Hans Fraungruber
+
+Illustrator: Ignaz Taschner
+
+Release Date: May 19, 2008 [EBook #25530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***
+
+
+
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna, Irma Spehar, Markus
+Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net (This file was produced from images
+generously made available by The Internet Archive/American
+Libraries.)
+
+
+
+
+
+
+ Gerlach’s
+ Jugendbücherei
+
+
+ Die Nymphe des Brunnens. Nach J. K. A. Musäus.
+
+ Bilder von Ignaz Taschner.
+
+ Text bearbeitet von Hans Fraungruber.
+
+ Verlag von Martin Gerlach & Co.
+
+ Wien und Leipzig.
+
+
+ Druck von Christoph Reißer’s Söhne Wien V.
+ Ausstattung gesetzlich geschützt.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+Drei Meilen hinter Dinkelsbühl im Schwabenlande lag vorzeiten ein altes
+Raubschloß, das einem mannfesten Ritter zugehörte, Wackermann Uhlfinger
+genannt, die Blume der faust- und kolbengerechten Ritterschaft, der
+Schrecken der schwäbischen Bundesstädte, auch aller Reisenden und
+Frachtführer, die keinen Geleitsbrief von ihm gelöst hatten. Wenn
+Wackermann seinen Küraß und Helm angelegt, seine Lenden mit dem Schwert
+umgürtet hatte und die goldenen Sporen an seinen Fersen klirrten, war er
+nach der Sitte seiner Zeitgenossen ein roher, hartherziger Mann, der
+Rauben und Plündern für ein Vorrecht des Adels hielt, den Schwächern
+befehdete und, weil er selbst mannhaft und rüstig war, kein ander Gesetz
+erkannte, als das Recht des Stärkern. Wenn’s hieß, »Uhlfinger ist im
+Anzuge, Wackermann kommt«, fiel Schrecken auf ganz Schwabenland; das
+Volk flüchtete in die festen Städte und die Wächter auf den Zinnen der
+Warten stießen ins Horn und verkündeten die nahe Gefahr.
+
+Dieser gefürchtete Mann war aber daheim, wenn er seine Rüstung abgelegt
+hatte, fromm wie ein Lamm, gastfrei wie ein Araber, ein gutmütiger
+Hausvater und ein zärtlicher Gatte. Seine Hausfrau war ein sanftes
+liebevolles Weib, sittig und tugendsam und stund ihrem Hauswesen gar
+fleißig vor. Zudem war sie Mutter von zwei Töchtern, die sie mit großer
+Sorgfalt tugendsam und häuslich auferzog. In dieser klösterlichen
+Eingezogenheit störte nichts ihre Zufriedenheit als die Freibeuterei
+ihres Gemahls, der sich mit ungerechtem Gut bereicherte. Sie mißbilligte
+diese Räubereien in ihrem Herzen und es machte ihr keine Freude, wenn er
+ihr gleich die herrlichsten Stoffe, mit Gold und Silber durchwirkt, zu
+reichen Kleidern schenkte. »Was soll mir der Plunder,« sprach sie oft zu
+sich selbst, »daran Seufzer und Tränen hangen?« Sie warf mit geheimem
+Widerwillen diese Geschenke in ihre Truhe und würdigte sie weiter keines
+Anblicks, bemitleidete die Unglücklichen, die in Wackermanns Haft
+fielen, setzte sie oft durch ihre Fürbitte in Freiheit und begabte sie
+mit einem Zehrpfennig.
+
+Am Fuße des Schloßberges verbarg sich tief im Gebüsch eine ergiebige
+Felsenquelle, welche in einer natürlichen Grotte entsprang, die nach
+einer alten Volkssage von einer Brunnennymphe bewohnt sein sollte,
+welche man die Nixe nannte, und die Rede ging, daß sie sich bei
+sonderbaren Ereignissen im Schlosse zuweilen sehen ließ. Zu diesem
+Brunnen lustwandelte die edle Frau oftmals ganz einsam, wenn sie während
+der Abwesenheit ihres Gemahls außerhalb der düstern Burgmauern frische
+Luft schöpfen oder ohne Geräusch Werke der Wohltätigkeit im Verborgenen
+ausüben wollte.
+
+Einstmals war Wackermann mit seinen Reisigen ausgezogen, den Kaufleuten
+aufzulauern, die vom Augsburger Markte kamen, und verweilte länger als
+sein Verlaß war. Das bekümmerte die zarte Frau, sie wähnte, ihrem Herrn
+sei ein Unglück begegnet, er sei erschlagen oder in Feindes Gewalt. Es
+war ihr so weh ums Herz, daß sie nicht ruhen noch rasten konnte. Schon
+mehrere Tage hatte sie sich zwischen Furcht und Hoffnung abgeängstet,
+und oft rief sie dem Zwerge zu, der auf dem Turm Wacht hielt:
+»Kleinhänsel, schau aus! Was rauscht durch den Wald? Was trappelt im
+Tal? Wo wirbelt der Staub? Trabt Wackermann an?« Aber Kleinhänsel
+antwortete gar trübselig: »Nichts regt sich im Wald, nichts reitet im
+Tal, es wirbelt kein Staub, kein Federbusch weht.« Das trieb sie so bis
+in die Nacht, da der Abendstern heraufzog und der leuchtende Vollmond
+über die östlichen Gebirge blickte. Da konnte sie’s nicht aushalten
+zwischen den vier Wänden ihres Gemachs; sie warf ihr Regentuch über,
+stahl sich durchs Pförtchen in den Buchenhain und wandelte zu ihrem
+Lieblingsplätzchen, dem Kristallbrunnen, um desto ungestörter ihren
+kummervollen Gedanken nachzuhängen. Ihr Auge floß von Zähren, und ihr
+sanfter Mund öffnete sich zu melodischen Wehklagen, die sich mit dem
+Geräusch des Baches mischten, der vom Brunnen her durchs Gras lispelte.
+
+[Illustration]
+
+Indem sie sich der Grotte nahte, war’s ihr, als ob ein leichter Schatten
+um den Eingang schwebe; aber weil’s in ihrem Herzen so arbeitete,
+achtete sie wenig darauf und der erste Anblick schob ihr den flüchtigen
+Gedanken vor, daß das einfallende Mondenlicht ihr eine Truggestalt
+vorlüge. Da sie näher kam, schien sich die weiße Gestalt zu regen und
+ihr mit der Hand zu winken. Darüber kam ihr ein Grausen an, doch wich
+sie nicht zurück; sie stund, um recht zu sehen, was es wäre. Das Gerücht
+von dem Nixenbrunnen, das in der Gegend umlief, war ihr nicht unbewußt.
+Sie erkannte die weiße Frau nun für die Nymphe des Brunnens und diese
+Erscheinung schien ihr eine wichtige Familienbegebenheit anzudeuten.
+Welcher Gedanke konnte ihr jetzt näher liegen als der von ihrem Gemahl?
+Sie zerraufte ihr schwarzgelocktes Haar und erhob eine laute Klage: »Ach
+des unglücklichen Tages! Wackermann! Wackermann! Du bist gefallen, bist
+kalt und tot! Hast mich zur Wittib gemacht und deine Kinder zu Waisen!«
+
+Da sie so klagte und die Hände rang, vernahm sie eine sanfte Stimme aus
+der Grotte: »Mathilde, sei ohne Furcht, ich verkünde dir kein Unglück,
+nahe dich getrost, ich bin deine Freundin und mich verlangt, mit dir zu
+kosen.« Die edle Frau fand so wenig Abschreckendes in der Gestalt und
+Rede der Nixe, daß sie den Mut hatte, die Einladung anzunehmen; sie ging
+in die Grotte, die Bewohnerin bot ihr freundlich die Hand und küßte sie
+auf die Stirn, saß traulich zu ihr hin und nahm das Wort: »Sei mir
+gegrüßt in meiner Wohnung, du liebe Sterbliche, dein Herz ist rein und
+lauter wie das Wasser meines Brunnens, darum sind dir die unsichtbaren
+Mächte geneigt. Ich will dir das Schicksal deines Lebens eröffnen, die
+einzige Gunstbezeigung die ich dir gewähren kann. Dein Gemahl lebt, und
+ehe der Hahn den Morgen auskräht, wird er wieder in deinen Armen sein.
+Fürchte nicht, ihn zu betrauern, der Quell deines Lebens wird früher
+versiegen als der seine; vorher aber wirst du noch eine Tochter küssen,
+die auf schwankender Wage des Schicksals Glück und Unglück dahin nimmt.
+Die Sterne sind ihr nicht abhold; aber ein feindseliger Gegenschein
+raubt der Verwaisten das Glück der mütterlichen Pflege.«
+
+[Illustration]
+
+Das betrübte die edle Frau sehr, da sie hörte, daß ihr Töchterlein der
+treuen Mutterpflege entbehren sollte, und sie brach in laute Zähren aus.
+Die Nymphe wurde dadurch gerührt; »weine nicht,« sprach sie, »ich will
+bei deinem Kinde Mutterstelle vertreten, wann du es nicht beraten
+kannst; doch unter dem Beding, daß du mich zur Taufpate des zarten
+Fräuleins wählest, damit ich teil an ihr habe. Dabei sei eingedenk, daß
+das Kind, so du es meiner Sorge anvertrauen willst, mir den Waschpfennig
+wiederbringe, den ich einbinden werde.« Frau Mathilde willigte in dies
+Begehr, darauf griff die Nixe nach einem glatten Bachkiesel und gab ihr
+solchen mit dem Beifügen, denselben durch eine treue Magd zu rechter
+Zeit und Stunde zum Zeichen der Einladung zur Gevatterschaft in den
+Brunnen werfen zu lassen. Frau Mathilde verhieß dem allen treulich
+nachzukommen, verlor keins dieser Worte aus ihrem Herzen und begab sich
+nach der Burg zurück; die Nymphe aber ging wieder in den Brunnen und
+verschwand.
+
+[Illustration]
+
+Nicht lange hernach trompetete der Zwerg freudig vom Turm herab und
+Wackermann ritt mit seinen Reisigen wohlgemut in den Hof ein, mit
+reicher Beute beladen. Nach Verlauf eines Jahres fügte sich’s, daß
+Wackermann einen Fehdebrief bekam von einem Ritter, den er beim Trunk
+beleidigt hatte und der mit ihm anbinden wollte auf Tod und Leben. Er
+rüstete sich und seine Gewappneten fleißig zu, und als er im Begriff war
+aufzusitzen und nach Gewohnheit von seiner Gemahlin sich verabschiedete,
+forschte sie sorgsam nach seinem Vorhaben, drang in ihn wider
+Gewohnheit, ihr zu sagen, gegen wen er ausziehe, und da er ihr diese
+ungewöhnliche Neubegier liebreich verwies, verhüllte sie ihr Gesicht und
+weinte bitterlich. Das ging dem edlen Ritter ans Herz, doch tat er
+sich’s nicht aus, saß auf und eilte zum Tummelplatz, traf mit seinem
+Gegner hart zusammen, erlegte ihn nach einem wackern Rennen und kehrte
+triumphierend heim.
+
+Seine züchtige Hausfrau empfing ihn mit offenen Armen, liebkoste ihn
+freundlich und ließ nicht ab, mit glatten Worten und süßer Schmeichelei
+ihn auszuholen, was für ein Abenteuer er bestanden habe. Er aber
+verschloß flugs sein Herz, verwahrte alle Zugänge mit dem Riegel der
+Unempfindsamkeit und offenbarte ihr nichts; vielmehr sprach er
+spottweise: »O Mutter Eva, deine Töchter sind noch nicht ausgeartet,
+Neugier und Vorwitz ist der Weiber Erbteil bis auf diesen Tag.« –
+»Verzeihet, lieber Gemahl,« antwortete die kluge Frau, »die Männer haben
+auch ihr bescheiden Teil aus Mutter Evens Erbschaft empfangen. Der
+Unterschied ist nur, daß eine gutmütige Frau für ihren Mann kein
+Geheimnis hat noch haben darf. Es stünde die Wette, wenn mein Herz Euch
+was verhehlen könnte, daß Ihr nicht ruhen noch rasten würdet, bis Ihr
+mir meine Heimlichkeit abgelockt hättet.« – »Und ich,« versetzte er,
+»gebe Euch mein Wort, daß mich Eure Heimlichkeit nichts kümmern wird; es
+ist Euch vergönnt, die Probe zu machen.« Da war’s, wo Frau Mathilde
+ihren Ehegemahl hinhaben wollte. »Wohlan,« sprach sie, »lieber Herr, so
+sei mir vergönnt, eine von den Gevattern zu erkiesen, die mein
+neugebornes Kindlein aus der Taufe heben. Ich habe eine Freundin ins
+Herz geschlossen, die Euch unbekannt ist; da ist nun mein Begehr, daß
+Ihr nie in mich dringen wollt, Euch zu sagen, wer sie sei, von wannen
+sie kommt, noch wo sie hauset. Wann Ihr mir das bei Eurer ritterlichen
+Ehre verheißet und Eurer Zusage Genüge tut, will ich die Wette verloren
+haben und frei bekennen, daß der männliche Geist über die weibliche
+Schwachheit triumphiert.« Wackermann leistete seiner Hausfrau das
+Versprechen unweigerlich und sie erfreute sich des guten Erfolgs ihrer
+schlauen List innigst.
+
+[Illustration]
+
+Wackermann ritt ganz wohlgemut zu seinen Nachbarn und Gefreunden, sie
+zur Gevatterschaft zu laden. Sie fanden sich insgesamt an dem bestimmten
+Tage ein, und da die Frau das Geräusch der Wagen, das Wiehern der Pferde
+und das Getümmel des Hofgesindes vernahm, berief sie eine vertraute
+Dirne zu sich und sprach: »Nimm diesen Bachkiesel, wirf ihn
+stillschweigend hinter dich in den Nixenbrunnen und spute dich
+auszurichten, was dir befohlen ist.« Die Dirne tat nach dem Befehl und
+ehe sie wieder zurückkam, trat eine unbekannte Dame in das
+Gesellschaftszimmer, neigte sich züchtig gegen die anwesenden Herren und
+Frauen, und wie das Kindlein vorgetragen wurde und der Täufer zum Becken
+trat, nahm sie ihre Stelle unter den Paten obenan. Jedermann machte ihr
+ehrerbietig Platz als einer Fremden und sie hielt das Kind zuerst auf
+dem Arm über der Taufe. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Sie war so
+schön, so sittsam und dabei so herrlich gekleidet in ein fliegendes
+Gewand von wasserblauer Seide und aufgeschlitzten Ärmeln, mit weißem
+Atlas unterlegt; über das war sie mit Juwelen und Perlenschmuck so
+reichlich behangen, wie die heilige Jungfrau zu Loretto an einem
+kirchlichen Galatage. Ein glänzender Saphir hielt den durchsichtigen
+Schleier, der in dünnen Wolken von dem Wirbel des künstlich
+geschlungenen Haares längs den Schultern bis an die Fersen
+herabschwebte; aber der Zipfel des Schleiers war naß, als sei er durchs
+Wasser gezogen.
+
+Die unerwartete Erscheinung der fremden Dame hatte die sämtliche
+Mitgevatterschaft dergestalt in der Andacht gestört, daß sie vergaßen,
+dem Kinde einen Namen zu geben, darum taufte es der Priester Mathilde,
+nach dem Namen der Mutter. Nach vollbrachter Taufhandlung wurde die
+kleine Mathilde zu derselben zurückgebracht, und alle Paten folgten
+nach, Glück zu wünschen und dem Patchen den Waschpfennig einzubinden.
+Die Mutter schien bei dem Anblick der Unbekannten etwas betroffen,
+vermutlich aus Verwunderung, daß die Nixe so treulich Wort gehalten
+hatte. Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihren Gemahl, der mit einem
+unausdeutbaren Lächeln antwortete und sich übrigens das Ansehen gab, als
+nehme er von der Fremden weiter keine Notiz. Das Patengeschenk gab jetzt
+der Empfängerin andere Beschäftigung, ein goldener Regen strömte aus
+freigebigen Händen auf den Täufling herab. Die Unbekannte nahte sich
+zuletzt mit ihrer Patensteuer und täuschte die Erwartung aller
+Mitgevattern. Sie vermuteten von der glanzreichen Dame ein Kleinod oder
+einen Denkpfennig von großem Wert, besonders da sie ein seidenes
+Taschentuch hervorzog und solches mit großer Bedächtlichkeit
+voneinander schlug; aber Frau Pate hatte nichts drein gewickelt als
+einen Bisamapfel aus Holz gedreht; sie legte diesen feierlich auf des
+Kindes Wiege, küßte die Mutter freundlich auf die Stirn und begab sich
+aus dem Zimmer.
+
+[Illustration]
+
+Über dieses armselige Geschenk entstand ein heimliches Flüstern unter
+den Anwesenden, das bald in ein spöttisches Gelächter ausbrach. Es
+fehlte nicht an mancherlei boshaften Anmerkungen; da aber der Ritter und
+seine Dame ein tiefes Stillschweigen beobachteten, so blieb den
+Forschern und Schwätzerinnen nichts übrig, als sich an leeren
+Mutmaßungen zu weiden. Die Unbekannte kam nicht wieder zum Vorschein,
+und niemand wußte zu sagen, wo sie hingeschwunden sei. Wackermann wurde
+insgeheim allerdings von dem Verlangen gequält zu erforschen, wer die
+Fremde gewesen sein möchte, die man, weil niemand ihren Namen wußte, die
+Dame mit dem nassen Schleier nannte; nur die Scheu, als ein mannlicher
+Ritter einer Schwachheit sich schuldig zu machen und die
+Unverbrüchlichkeit seines gegebenen Wortes banden ihm die Zunge. Er
+gedachte ihr das Geheimnis mit der Zeit dennoch abzulisten. Doch diesmal
+irrte er in der Rechnung; Frau Mathilde wußte ihre Zunge zu
+beschwichtigen und bewahrte das unauflösliche Rätsel so sorgfältig im
+Herzen, wie den Bisamapfel in ihrem Schatzkästlein.
+
+[Illustration]
+
+Ehe das Fräulein dem Gängelbande entwuchs, wurde die Prophezeiung der
+Nymphe an der guten Mutter erfüllt; sie erkrankte plötzlich und starb,
+ohne Zeit zu haben, an den Bisamapfel zu gedenken oder damit nach
+Verfügung der Nixe zu gunsten der kleinen Mathilde zu verfahren. Ihr
+Gemahl war eben abwesend, auf dem Turnier zu Augsburg und zog, mit einem
+Ritterdank von Kaiser Friedrich gekrönt, wieder nach Hause. Wie der
+Zwerg auf dem Turm seinen Herrn in der Ferne sah angeritten kommen,
+stieß er nach Gewohnheit ins Horn, dem Hofgesinde dessen Ankunft
+kundzutun; aber er ließ nicht wie sonst einen freudigen Ton erschallen,
+sondern posaunte gar eine traurige Melodei. Das fuhr dem Ritter durchs
+Herz und bekümmerte seine Seele. »Was für ein Schall,« sprach er, »gellt
+mir ins Ohr? Hört ihr’s, ihr Knappen, ist das nicht Krähenruf und
+Totensang? Kleinhänsel verkündet uns nichts Gutes.« Und die Knappen
+waren alle bestürzt, sahen ihren Herrn traurig an und einer unter ihnen
+nahm das Wort und sprach: »Das ist die Weise des Vogels Kreideweiß, Gott
+wende Unglück ab; ’s ist eine Leiche im Hause!« Da spornte Wackermann
+seinen Hengst und ritt übers Blachfeld daher, daß die Funken stoben. Die
+Zugbrücke fiel, er sah gierig in den Schloßhof und erblickte leider das
+Leichenzeichen vor seiner Haustür ausgestellt, eine Laterne ohne Licht
+mit einem wehenden Flor geschmückt, und alle Fensterläden verschlossen.
+Dabei vernahm er von innen Schluchzen und Wehklagen des Gesindes, denn
+Frau Mathilde war eben aufgebahrt. Zu Häupten des Sarges saßen die
+beiden größern Töchter, in Boy und Flor gehüllt, und beweinten die
+erbleichte Mutter mit zahllosen Tränen. Am Fuße des Sarges saß die
+kleine Lieblingstochter; noch unvermögend, ihren Verlust zu empfinden,
+zerzupfte sie mit kindischer Gleichmütigkeit spielend die Überbleibsel
+der Blumen, womit die Leiche geschmückt war. Dieser wehmütige Anblick
+überwältigte Wackermanns männliche Standhaftigkeit, er weinte und
+jammerte laut, stürzte über den eiskalten Leichnam her, benetzte die
+bleichen Wangen mit seinen Tränen, drückte mit zitterndem Munde die
+erstorbenen Lippen und überließ sich ohne Scheu allen schmerzhaften
+Gefühlen seines Herzens. Hernach hing er seine Waffen in die Rüstkammer
+auf, saß bedeckt mit einem abgekrempten Hut und einem schwarzen
+Trauermantel beim Sarge, trug Leid um seine abgeschiedene Hausfrau und
+erwies ihr die letzte Ehre durch ein feierliches Totengepränge.
+
+[Illustration]
+
+Weil jedoch nach der Bemerkung eines großen Mannes die heftigsten
+Schmerzen immer die kürzesten sind, so vergaß der tiefgebeugte Witwer
+bald seines Herzeleids und ersetzte darauf den erlittenen Verlust durch
+eine zweite Gemahlin, die ganz das Gegenbild der frommen, sittsamen
+Mathilde war. Das Hausregiment nahm folglich eine andere Gestalt an; die
+junge Frau liebte Pracht und Verschwendung, gebärdete sich stolz und
+gebieterisch gegen das Gesinde; des Schlemmens und Bankettierens war
+kein Ende. Die kleine Mathilde kam unter Aufsicht einer Amme und wurde
+in ein abgelegenes Stübchen versetzt, wo sie der eiteln Frau, die mit
+Familiensorgen sich nicht gern befaßte, weit genug aus den Augen war.
+Ihr verschwenderischer Aufwand mehrte sich also, daß der Ertrag des
+Faust- und Kolbenrechts, so unermüdet der Ritter solchem oblag, nicht
+mehr hinreichte, denselben zu bestreiten; sie sah sich oft genötigt, die
+Verlassenschaft ihrer Vorweserin zu plündern, die reichen Stoffe zu
+vermöbeln oder Geld darauf zu leihen. Einstmals durchsuchte sie
+Schubladen und Truhen, um etwas von Wert auszuwittern, da stieß sie auf
+ein geheimes Fach eines Putzschrankes und fand darin zu ihrer großen
+Freude Frau Mathildens Schatzkästlein. Die funkelnden Juwelen der
+Demantringe, Ohrenspangen, Armbänder, Schürzhaken und anderes Geschmeide
+entzückten ihr gieriges Auge. Sie musterte alles genau durch, besah’s
+Stück für Stück und überschlug in ihren Gedanken, welchen Gewinn dieser
+herrliche Fund einbringen würde. Unter diesen Kostbarkeiten fiel ihr
+auch der hölzerne Bisamapfel in die Augen. Sie wußte lange nicht, was
+sie daraus machen sollte, sie versuchte es, ihn aufzuschrauben; aber er
+war verquollen. Sie wog ihn in der Hand und befand ihn so leicht als
+eine taube Nuß; darum meinte sie, es sei irgend ein lediges
+Ringfutteral, und weil sie damit nichts anzufangen wußte, warf sie’s als
+ein Ding ohne allen Wert aus dem Fenster.
+
+[Illustration]
+
+Zufälligerweise saß die kleine Mathilde unten im Zwingergarten und
+spielte mit ihrer Puppe. Wie sie die hölzerne Kugel auf dem Sande
+daherrollen sah, warf sie die Puppe aus der Hand und griff mit
+kindischer Begierde nach dem neuen Spielzeug, hatte auch ebensoviel
+Freude über diesen Fund als Mama an dem ihrigen. Sie ergötzte sich viele
+Tage mit der Spielerei und ließ sie nicht aus der Hand. An einem
+schönen Sommertage lüstete der Amme, mit ihrer Pflegetochter der
+frischen Kühlung am Felsenbrunnen zu genießen. Um Vesperzeit forderte
+das Kind seine Honigsemmel, welche die Amme mitzunehmen vergessen hatte.
+Sie hatte noch nicht Lust zurückzukehren; um nun die Kleine bei Gutem zu
+erhalten, ging sie ins Gebüsch, ihr eine Handvoll Himbeeren zu pflücken.
+Das Kind spielte indes mit dem Bisamapfel, warf ihn hin und her wie
+einen Fangeball, bis ein Wurf mißlang und die kindische Freude in
+eigentlichem Verstande in den Brunnen fiel. Augenblicks stund eine junge
+Dame da, schön wie ein Engel und freundlich wie eine Grazie. Das Kind,
+bestürzt darüber, glaubte ihre Stiefmutter vor sich zu sehen, die sie
+immer schalt und schlug, wenn sie ihr unter die Augen kam. Die Nymphe
+aber liebkoste ihr mit sanften Worten: »Fürchte nichts, liebe Kleine,
+ich bin deine Pate, komm zu mir. Sieh, hier ist dein Spielzeug, das in
+den Brunnen fiel.« Dadurch lockte sie das Kind zu sich, nahm’s auf den
+Schoß, drückte es zärtlich an den Busen, herzte und küßte die kleine
+Mathilde und benetzte ihr Angesicht mit Tränen. »Arme Verwaiste,«
+sprach sie, »ich hab’s versprochen, Mutterstelle bei dir zu vertreten,
+ich will’s auch halten. Besuche mich oft, du wirst mich stets an dieser
+Grotte finden, wenn du einen Stein in den Brunnen fallen lässest.
+Bewahre diesen Bisamapfel sorgfältig und spiele nicht wieder damit, daß
+du ihn nicht verlierst, er wird dir einst drei Wünsche gewähren. Wenn du
+heranwächst, will ich dir mehr sagen, jetzt kannst du’s nicht fassen.«
+Sie gab ihr noch manche gute Vermahnung, die sich für des Kindes Alter
+schickte, und gebot ihr Stillschweigen; die Amme kam zurück und die
+Nymphe verschwand.
+
+[Illustration]
+
+Die kleine Mathilde hatte so viel Besonnenheit, gegen die Amme nichts
+von Frau Paten zu erwähnen, forderte bei ihrer Zuhausekunft Nähnadel und
+Zwirn und vernähte damit sorgfältig den Bisamapfel in das Unterfutter
+des Kleides. Ihr Sinn und Gedanken stunden nur nach dem Nixenbrunnen; so
+oft es die Witterung erlaubte, schlug sie der Aufseherin einen
+Spaziergang dahin vor, und weil diese dem schmeichelhaften Mädchen
+nichts abschlagen konnte und diese Neigung ihr angeboren schien, indem
+die Grotte der Lieblingsaufenthalt der Mutter gewesen war, gewährte sie
+der Kleinen diesen Wunsch desto leichter. Da wußte diese nun immer einen
+Vorwand zu finden, die Amme wegzuschicken, und sobald sie den Rücken
+wendete, fiel der Stein ins Wasser und verschaffte dem klugen Mädchen
+die Gesellschaft ihrer liebreizenden Pate. Nach einigen Jahren blühte
+die kleine Waise zum jungfräulichen Alter heran; sie lebte unter dem
+Gesinde versteckt, saß auf ihrer Kammer, beschäftigte sich mit
+häuslicher Arbeit und fand nach vollendetem Tagewerke zur Abendzeit
+reichen Ersatz für die rauschenden Freuden, die sie entbehrte, in der
+Gesellschaft der Nymphe am Brunnen. Diese war nicht nur ihre
+Gesellschafterin und Freundin, sie war auch ihre Lehrmeisterin,
+unterrichtete das Fräulein in allen weiblichen Kunstfertigkeiten und
+bildete sie ganz nach dem Beispiel ihrer tugendhaften Mutter.
+
+[Illustration]
+
+Eines Tages schien die Nymphe ihre Zärtlichkeit gegen die reizvolle
+Mathilde zu verdoppeln; sie schloß sie in die Arme, ließ das Haupt auf
+ihre Schultern sinken und war so wehmutsvoll und traurig, daß das
+Fräulein mit ihr einstimmte und sich nicht enthalten konnte, einige
+Tränen auf die Hand ihrer Pate fallen zu lassen, die sie eben schweigend
+an die Lippen drückte. Durch diese sanfte Mitempfindung wurde die Nymphe
+noch wehmütiger; »Kind,« sprach sie mit trauriger Stimme, »du weinst und
+weißt nicht warum; aber deine Tränen sind Vorgefühle deines Schicksals.
+Dem Hause auf dem Berge steht eine große Veränderung bevor; ehe der
+Schnitter die Sense dengelt und der Wind über die Stoppeln des
+Weizenfeldes weht, wird’s öde und wüst stehen. Wenn die Schloßdirnen in
+der Abenddämmerung herausgehen, des Wassers aus meinem Brunnen zu
+schöpfen und mit ledigem Eimer zurückkehren, so gedenke, daß Unglück
+kommt. Wahre den Bisamapfel, der dir drei Wünsche gewähren wird, und
+gehe nicht verschwenderisch mit deinen Wünschen um! Gehab dich wohl, an
+dieser Stätte sehen wir uns nicht wieder.« Drauf lehrte sie dem
+Fräulein noch einige magische Eigenschaften des Apfels, um sich
+derselben im Notfall zu bedienen, weinte und schluchzte beim
+Hinscheiden, daß ihr die Worte versagten und ließ sich nicht mehr sehen.
+
+[Illustration]
+
+Um die Zeit der Weizenernte kamen eines Abends die Wasserträgerinnen mit
+ledigen Krügen ins Schloß zurück, bleich und erschrocken, zitterten an
+allen Gliedern, als schüttle sie der Frost des Wechselfiebers,
+verkündeten, die weiße Frau sitze am Brunnen mit trauriger Gebärdung des
+Händeringens und Wehklagens, welches nichts Gutes bedeute. Des hatten
+die Kriegsleute und Waffenträger ihren Spott, meinten, es sei Täuschung
+und Weibergeschwätz. Einige trieb die Neugier hinaus, Grund und Ungrund
+der Sache zu erforschen; sie sahen dieselbe Erscheinung, faßten sich
+dennoch ein Herz und gingen zum Brunnen. Wie sie hinkamen, war das
+Gesicht verschwunden, und da gab’s mancherlei Glossen und Auslegungen
+darüber; keiner riet jedoch auf die wahre Deutung, welche Fräulein
+Mathilde allein wußte, ob sie es gleich nicht laut werden ließ; denn die
+Nymphe hatte ihr Stillschweigen geboten. Sie saß einsam und trübsinnig
+auf ihrer Kammer unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen
+sollten.
+
+Wackermann Uhlfinger konnte seiner verschwenderischen Hausfrau nicht
+satt rauben und plündern, und wenn er nicht auf Wegelagerung ausging,
+bereitete sie ihm tagtäglich ein Wohlleben, berief seine Zechbrüder
+zusammen, unterhielt ihn im Taumel der Lust und ließ ihn nie daraus wach
+werden, um den Verfall seines Hauswesens wahrzunehmen. Wenn’s an
+Barschaft oder Lebensmitteln gebrach, so gaben Jakob Fuggers Lastwagen
+oder der Venediger reiche Speditionen immer neue Ausbeute. Dieser
+Plackereien müde, beschloß der Generalkongreß des Schwäbischen Bundes,
+weil Abmahnungen und Warnungen nichts fruchteten, Uhlfingers Untergang.
+Ehe er dachte, daß es so ernstlich gemeint sei, wehten die städtischen
+Bundesfahnen vor dem Tor seiner Bergfeste, und es blieb ihm nichts
+übrig, als der Entschluß, sein Leben teuer genug zu verkaufen. Die
+Bombarden und Donnerbüchsen erschütterten die Basteien und die
+Armbrustschützen taten auf beiden Seiten ihr Bestes; es hagelte Bolzen
+und Pfeile und einer davon, in einer unglücklichen Stunde abgedrückt, wo
+Wackermanns Schutzgeist von ihm gewichen war, fuhr durchs Visier seines
+Helms ihm tief ins Hirn, daß er alsbald im kalten Todesschlummer
+dahintaumelte. Durch den Fall des Bannerherrn geriet das Kriegsvolk in
+große Bestürzung; einige Feigherzige steckten die weiße Fahne aus, die
+Mutigen rissen sie wieder herab vom Turm. Daraus merkte der Feind, daß
+innerhalb der Burg Unordnung und Verwirrung herrsche; die Belagerer
+liefen Sturm, überstiegen die Mauern, gewannen das Tor, ließen die
+Zugbrücke herab und schlugen alles mit der Schärfe des Schwertes, was
+ihnen vorkam. Selbst die Unglücksstifterin, das verschwenderische Weib,
+wurde mit all ihren Kindern von dem wütigen Kriegsvolke erschlagen, das
+gegen den räuberischen Adel so erbittert war, als nachher die Aufrührer
+im schwäbischen Bauernkriege. Das Schloß wurde rein ausgeplündert, in
+Brand gesteckt und der Erde gleichgemacht.
+
+[Illustration]
+
+Während des kriegerischen Tumults hielt sich Fräulein Mathilde im
+Dachstübchen ganz ruhig und hatte die Tür verschlossen. Als sie aber
+merkte, daß draußen alles bunt über ging und Schloß und Riegel ihr keine
+Sicherheit weiter geben würde, warf sie ihren Schleier über, drehte
+den Bisamapfel dreimal in der Hand und trat kühnlich heraus, nachdem sie
+das Sprüchlein ausgesprochen, welches ihr die Nixe gelehrt hatte:
+
+ Hinter mir Nacht, vor mir Tag,
+ Daß mich niemand sehen mag;
+
+und so wandelte sie unbemerkt mitten durch das feindliche Kriegsvolk aus
+der väterlichen Burg, wiewohl mit hochbetrübtem Herzen und ohne zu
+wissen, wohin sie ihren Weg nehmen sollte. Solange ihre zarten Füße ihr
+nicht den Dienst versagten, eilte sie, von dem Schauplatz des Greuels
+und der Verwüstung sich zu entfernen, bis sie, von Nacht und Müdigkeit
+befallen, unter einem wilden Birnbaum im freien Felde zu herbergen
+beschloß. Sie setzte sich auf den kühlen Rasen und ließ den Tränen
+freien Lauf.
+
+[Illustration]
+
+Noch einmal schaute sie nach der Gegend um und wollte sie segnen, wo sie
+die Jahre der Kindheit verlebt hatte; wie sie die Augen aufhob, sah sie
+ein blutrotes Feuerzeichen am Himmel stehen, woraus sie urteilte, daß
+das Stammhaus ihrer Voreltern ein Raub der Flammen worden sei. Sie
+wendete ihre Augen von diesem grausenvollen Anblick weg und wünschte mit
+Sehnsucht, daß die funkelnden Sterne erbleichen und die Morgenröte aus
+Osten hervorschimmern möchte.
+
+[Illustration]
+
+Ehe es noch tagte und der Morgentau auf dem Grase sich in kleine Tropfen
+sammelte, setzte sie die ungewisse Pilgerreise fort und gelangte bald in
+ein Dorf, wo sie von einer gutherzigen Bäuerin aufgenommen und mit
+einem Bissen Brot und einer Schale Milch erquickt wurde. Von dieser Frau
+tauschte sie bäuerische Kleider und gesellte sich zu einer Karawane
+Frachtführer, die sie gen Augsburg geleiteten. In diesem trübseligen,
+verlassenen Zustande blieb ihr keine Wahl, als sich für ein
+Dienstmädchen zu vermieten; weil’s aber außer der Zeit war, konnte sie
+lange keine Herrschaft finden.
+
+Graf Konrad von Schwabeck, ein deutscher Kreuzherr, auch Kastenvogt und
+Schirmherr des Bistums Augsburg, besaß daselbst einen Komterhof, wo er
+sich im Winter aufzuhalten pflegte. In seiner Abwesenheit wohnte eine
+Schließerin darin, Frau Gertrud genannt, die das Hauswesen regierte.
+Diese Frau war in der ganzen Stadt für eine Megäre ausgeschrien; kein
+Gesinde konnt’s bei ihr aushalten, sie lärmte und tobte im Hause umher
+wie ein Poltergeist. Das Rasseln ihrer Schlüsseln fürchteten die Dirnen,
+wie die Kinder den Ruprecht; das kleinste Versehen oder auch nur ihre
+bösen Launen mußten Köpfe und Töpfe entgelten; kurz, wenn man ein böses
+Weib beschreiben wollte, so hieß es, sie sei so arg als Frau Trude im
+Komterhofe. Eines Tages hatte sie das Strafamt so gewaltsam ausgeübt,
+daß alles Gesinde entlief; da kam die sanfte Mathilde und bot ihre
+Dienste an. Um ihren edlen Wuchs zu verhehlen, hatte sie eine Schulter
+gepolstert, als sei sie verwachsen; ihr blondes, seidenes Haar verbarg
+ein breites Kopftuch; Angesicht und Hände hatte sie mit Ruß bestrichen,
+um eine zigeunermäßige Haut dadurch zu erkünsteln. Wie sie sich
+anmeldete und die Schelle an der Tür zog, steckte Frau Gertrud den Kopf
+aus dem Fenster; da sie nun die seltsame Figur gewahr wurde, meinte sie,
+es sei eine Bettlerin und rief herab: »Hier ist kein Almosenamt, geht in
+die Fuggerei, dort spendet man Heller aus!« und schlug das Fenster
+hastig zu. Fräulein Mathilde ließ sich dadurch nicht abschrecken, sie
+schellte so lange, bis die Ausgeberin in der Absicht wieder zum
+Vorschein kam, diese Zudringlichkeit mit einer Lage Scheltworten zu
+erwidern. Ehe sie aber ihren zahnlosen Mund eröffnete, verständigte sie
+das Fräulein, was ihr Begehr sei. »Wer bist du,« fragte Gertrud, »und
+was kannst du?« Die verstellte Dirne antwortete:
+
+ »Ich bin eine Waise,
+ Mathilde ich heiße,
+ Kann plätten,
+ Kann glätten,
+ Kann nähen und spinnen,
+ Auch sticken
+ Und stricken,
+ Kann hacken und pochen,
+ Auch braten und kochen,
+ Bin kunstreicher Hand
+ Und flink und gewandt.«
+
+[Illustration]
+
+Als die Wirtschafterin dieses Sprüchlein hörte und vernahm, daß das
+nußbraune Mädchen so viel gute Talente besaß, tat sie die Tür auf, gab
+ihr den Mietgroschen und nahm sie in die Küche. Sie stand ihren
+Geschäften so treulich vor, daß Frau Gertrud ganz aus der Übung kam,
+Töpfe nach dem Ziel zu werfen. Ob sie gleich immer streng und mürrisch
+blieb, alles tadelte und besser wissen wollte, so hielt ihr doch das
+Dienstmädchen nie Widerpart und wehrte durch Sanftmut und Duldung den
+Ergießungen ihrer schwarzen Galle ab. Sie wurde leidlicher und besser
+als seit vielen Jahren, zum Beweis, daß fromm Gesinde auch gut Regiment,
+gut Wetter, fromme und getreue Oberherren macht.
+
+Um die Zeit des ersten Schnees ließ die Hausmutter das ganze Haus fegen
+und reinigen, die Fenster waschen, Vorhänge aufziehen und alles zum
+Empfang ihres Herrn zubereiten, der, mit dem bunten Gefolge seiner
+Diener umgeben, nebst einem großen Schwall von Pferden und Jagdhunden zu
+Winters Anfang eintraf. Mathilde kümmerte sich wenig um die Ankunft des
+Kreuzherrn; ihre Küchenarbeit hatte sich so gemehrt, daß sie sich nicht
+Zeit nahm, nach ihm auszusehen. Zufälligerweise begegnete er ihr, indem
+sie eines Morgens Wasser schöpfte, auf dem Hofe. Sein glänzendes Auge,
+die heitere Miene, das Gepräge des Wohlbehagens und Überflusses, das
+wellenförmige, leicht gelockte Haar, das sich halb unter die
+beschattenden Straußfedern des männlich ins Gesicht gedrückten Hutes
+versteckte, der feste Gang und edle Anstand des Mannes gefielen ihr gar
+wohl. Zum erstenmal empfand sie jetzt den großen Abstand des Standes, in
+welchen ein unglücklich Verhängnis sie versetzt hatte von dem, in
+welchem sie geboren war, und diese Empfindung drückte sie mehr als der
+schwere Wassereimer. Sie ging tiefsinnig in die Küche zurück und
+versalzte zum erstenmal alle Brühen, welches ihr von der Wirtschafterin
+einen harten Verweis zuzog.
+
+Graf Konrad schien bloß für das Vergnügen zu leben; er verabsäumte keine
+Lustbarkeit und kein Freudengelag’ in der reichen Stadt, die der Verkehr
+mit den Venedigern üppig gemacht hatte. Bald gab es ein Ringelrennen,
+bald ein Stechen auf der Rennbahn, bald ein Ratswechsel oder sonst eine
+glänzende Feierlichkeit; auch fehlte es nicht an öffentlichen
+Reihentänzen auf dem Rathause oder auf dem Markte und durch alle
+Straßen, wo die Edelleute den Bürgerstöchtern goldene Fingerreife und
+seidene Tücher verehrten und gute Schwänke trieben. Als die
+Fastnachtsmummereien begannen, schien der Freudentaumel aufs höchste
+gestiegen zu sein. Fräulein Mathilde hatte an dem allen keinen Teil, saß
+in der rauchenden Küche und weinte schier die schmachtenden Augen wund,
+klagte über den Eigensinn des Glücks, das seine Günstlinge mit den
+Freuden des Lebens stromweise überschüttet und dem Unbegünstigten jeden
+frohen Augenblick abgeizet.
+
+Sie hatte den Bisamapfel der Pate Nixe, der ihr drei Wünsche gewähren
+sollte, noch im Besitz. Nie hatte sie Verlangen getragen, ihn zu öffnen
+und sein inneres Talent zu erproben; jetzt kam ihr ein, den ersten
+Versuch damit zu machen. Die Augsburger hatten bei Prinz Maxens Geburt
+Kaiser Friedrichen zu Ehren ein herrlich Bankett angestellt, das drei
+Tage dauern sollte, zu welchem sie viel Prälaten, Grafen und Herren aus
+der Nachbarschaft eingeladen hatten. Dabei wurde jeden Tag um einen
+ausgesetzten Preis gestochen, und zur Abendzeit wurden die schönsten
+Jungfrauen zu Rathaus aufgeholt, um mit der edlen Ritterschaft zu
+tanzen, und das dauerte bis an den lichten Morgen. Ritter Konrad
+ermangelte nicht, diesem Feste beizuwohnen.
+
+Mathilde hatte den Entschluß gefaßt, bei dieser Gelegenheit ein
+Abenteuer zu bestehen. Nachdem sie die Küche beschickt hatte und alles
+im Hause ruhig war, ging sie auf ihre Kammer, wusch mit feiner Seife die
+rußige Schminke von der Haut und ließ Lilien und Rosen darauf
+hervorblühen. Hernach nahm sie den Bisamapfel zur Hand und wünschte sich
+ein neues Kleid, so herrlich und prächtig es nur sein könnte, mit allem
+Zubehör. Sie öffnete den Deckel, da quoll hervor ein Stück seidenen
+Stoffs, das dehnte und breitete sich und rauschte wie ein Wasserstrom
+herab auf ihren Schoß; und als sie’s recht besah, war’s ein völliger
+Anzug mit allem dazugehörigen kleinen Putz, und das Kleid paßte ihr auf
+den Leib wie angegossen. Darüber empfand sie innige Herzensfreude,
+drehte den magischen Apfel dreimal in der Hand herum und sprach:
+
+ »Die Augen zu,
+ Bleibt alle in Ruh’!«
+
+Alsbald fiel ein tiefer Schlaf auf das gesamte Hausgesinde, von der
+wachsamen Wirtschafterin an bis auf den Türhüter. Husch war Fräulein
+Mathilde zur Tür hinaus, wandelte ungesehen durch die Straßen und trat
+mit dem Anstande einer Grazie in den Tanzsaal ein. Es wunderte sich
+männiglich über die Gestalt der holdseligen Jungfrau, und auf dem hohen
+Söller, der rings um den Saal lief, entstund ein flüsterndes Geräusch,
+wie wenn der Prediger auf der Kanzel Amen sagt. Einige bewunderten an
+der Unbekannten die Schönheit der Gestalt, andere den Geschmack der
+Kleidung, noch andere verlangten zu wissen, wer sie sei und von wannen
+sie käme, wiewohl kein Seitennachbar dem andern über diese Frage
+Auskunft geben konnte.
+
+Unter den edlen Rittern und Herren, die sich herzudrängten, die fremde
+Jungfrau zu beäugeln, war der Kreuzherr nicht der letzte. Er nahte sich
+ihr und zog sie zum Tanze auf; sie bot ihm bescheiden die Hand und
+tanzte zur Bewunderung schön. Ihr leichter Fuß schien kaum die Erde zu
+berühren; die Bewegung des Körpers aber war so edel und ungezwungen, daß
+sie jedes Auge entzückte. Ritter Konrad kam ihr nicht mehr von der Seite
+und sagte ihr viel Schönes vor; es lag ihm sehr daran zu wissen, wer die
+Unbekannte sei und wo sie hause, um sie zu verfolgen. Doch hier war
+alles Forschen vergebens; sie wich allen Fragen aus, und mit vieler Mühe
+erhielt er nur von ihr die Zusage, den folgenden Tag nochmals den Tanz
+zu besuchen. Er gedachte sie zu überlisten, wenn sie allenfalls nicht
+Wort halten sollte, und stellte alle Bedienten auf die Lauer, ihre
+Wohnung auszukundschaften, denn er hielt sie für eine Augsburgerin; die
+Tanzgesellschaft aber meinte, sie gehörte zur Freundschaft des Grafen.
+
+Der Morgen war schon angebrochen, ehe sie Gelegenheit fand, dem Ritter
+zu entwischen und den Tanzplatz zu verlassen. Sobald sie aus dem Saal
+trat, drehte sie den Bisamapfel dreimal in der Hand um und sagte dazu
+ihr Sprüchlein:
+
+ »Hinter mir Nacht, vor mir Tag,
+ Daß mich niemand sehen mag;«
+
+und so gelangte sie in ihre Kammer, ohne daß die Dämmerungsvögel des
+Grafen, die in allen Straßen auf- und abflatterten, sie wahrnahmen. Bei
+ihrer Zuhausekunft schloß sie das seidene Kleid in die Lade, zog wieder
+die schmutzigen Küchenkleider an und gab sich an ihr Geschäft, war
+früher auf als das übrige Gesinde, welches Frau Gertrude mit dem Bund
+Schlüssel aus den Betten klingelte, und erntete von der Wirtschafterin
+ein kleines Lob.
+
+Noch nie war dem Ritter ein Tag so lang worden als der nach dem Ball;
+jede Stunde dünkte ihn ein Jahr. Um Vesperzeit rüstete er sich zum Ball,
+kleidete sich sorgfältiger als tags vorher, und die drei goldenen Ringe,
+das alte Abzeichen des Adels, funkelten diesmal mit Diamanten besetzt am
+Saume seiner Halskrause. Er war der erste auf dem Tummelplatze der
+Freude, musterte alle Kommenden mit dem Scharfblick des Adlerauges und
+harrte mit Ungeduld der Erscheinung seiner Ballkönigin entgegen. Der
+Abendstern war schon hoch am Horizont heraufgerückt, ehe das Fräulein
+Zeit gewann, auf ihre Kammer zu gehen. Sie wünschte sich ein anderes
+Kleid, von Rosaatlas nebst einem Juwelenschmuck, so schön und prächtig,
+als ihn die Königstöchter zu tragen pflegen. Der gutwillige Bisamapfel
+gab her, was in seinem Vermögen war, und der Anzug übertraf ihre eigene
+Erwartung. Sie machte wohlgemut ihre Toilette, und mit Hilfe des
+Talismans gelangte sie, von keinem sterblichen Auge bemerkt, dahin, wo
+sie so sehnlich erwartet wurde. Sie war schöner als tags vorher, und da
+sie der Kreuzherr erblickte, zog er sie wieder zum Tanze auf und alle
+Partien traten ab, das herrliche Paar walzen zu sehen.
+
+[Illustration]
+
+Nach vollendetem Tanze führte Graf Konrad die ermüdete Tänzerin unter
+dem Vorwand, Erfrischung zu suchen, in ein Seitengemach, sagte ihr in
+der Sprache eines feinen Hofmannes wie tags zuvor viel Schmeichelhaftes,
+wie ein Freier zu reden pflegt, der um eine Braut wirbt. Das Fräulein
+hörte mit verschämter Freude den Ritter an, dann redete sie gar
+züchtiglich also: »Was Ihr mir, edler Ritter, heute und gestern
+vorgesagt habt, gefällt meinem Herzen wohl; denn ich glaube nicht, daß
+Ihr mit trüglichen Worten zu mir redet. Aber wie kann ich Eure Gemahlin
+werden, da Ihr ein Kreuzherr seid und das Gelübde getan habt, ehelos zu
+bleiben Euer Leben lang?« Der Ritter antwortete ernsthaft und bieder:
+»Ihr redet als eine tugendliche und kluge Jungfrau, darum will ich auf
+Eure ehrliche Frage Euch jetzt Bescheid geben und Euren Zweifel lösen.
+Zur Zeit, als ich in den Kreuzorden aufgenommen wurde, war mein Bruder
+Wilhelm, der Stammerbe, noch am Leben; seit der aber erbleicht ist, habe
+ich Dispensation erlangt, als der Letzte meines Stammes ehelich zu
+werden und dem Orden zu entsagen, so mir’s gefällt. Ich vertraue fest
+darauf, daß Ihr und keine andere vom Himmel mir zum ehelichen Gemahl
+beschieden seid. So Ihr mir nun Eure Hand nicht weigert, soll unser
+Bündnis nichts scheiden als der bittere Tod.« – »Bedenket Euch wohl,«
+versetzte Mathilde, »daß Euch nicht die Reue ankomme; vorgetan und
+nachbedacht, hat in die Welt viel Unheil bracht. Ich bin Euch fremd, Ihr
+wisset nicht, wes Standes und Würden ich sei, ob ich Euch an Geburt und
+Vermögen gleiche, oder ob ein erborgter Schimmer nur Eure Augen blendet.
+Einem Manne Eures Standes steht an, nichts leichtsinnig zu verheißen,
+aber auch seine Zusage nach Adelsbrauch unverbrüchlich zu erfüllen.«
+Ritter Konrad ergriff hastig ihre Hand, drückte sie fest ans Herz und
+sprach mit warmer Liebe: »Das verspreche ich bei Seel’ und Seligkeit!
+Wenn Ihr,« fuhr er fort, »des geringsten Mannes Kind wäret, so will ich
+Euch ehrlich halten als mein Gemahl und Euch zu hohen Ehren bringen.«
+Drauf zog er einen Demantring von großem Werte vom Finger, gab ihr den
+zum Pfand der Treue an ihre Hand und sprach weiter: »Damit Ihr kein
+Mißtrauen in meine Zusage setzet, so lade ich Euch über drei Tage in
+mein Haus, wo ich meine Freunde des Prälaten- und Herrenstandes, auch
+andere ehrenfeste Männer bescheiden will, unserer Ehestiftung
+beizuwohnen.« Mathilde weigerte sich des aus allen Kräften, weil sie die
+Beharrlichkeit seiner Gesinnungen zuvor erst prüfen wollte. Er ließ sich
+gleichwohl nicht abwendig machen, ihre Einwilligung zu begehren, und sie
+sagte weder ja noch nein dazu. Wie tags zuvor, schied die Gesellschaft
+bei Anbruch der Morgenröte auseinander, Mathilde verschwand, und der
+Ritter, dem kein Schlaf in die Augen kam, berief in aller Frühe die
+wache Wirtschafterin und gab ihr Befehl zur Zurichtung eines prächtigen
+Gastmahls.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Wie Freund Hein, das Furchtgerippe mit der Sense, Paläste und
+Strohhütten durchwandert und alles, was ihm begegnet, unerbittlich mäht
+und würgt, so durchzog am Vorabend des Gastmahls Frau Gertrud, die
+unerbittliche Faust mit dem Schlachtmesser bewaffnet, Hühner- und
+Entenställe und trug als die Parze des Hausgeflügels Leben und Tod in
+ihrer Hand. Von ihrem blanken Würgestahl fielen die unbesorgten Bewohner
+bei Dutzenden, schlugen zum letztenmal ängstlich die Flügel, und Hühner
+und Tauben und dämische Kapaunen bluteten neben dem verbuhlten Puterhahn
+ihr Leben aus. Fräulein Mathilde bekam so viel zu rupfen, zu brühen und
+aufzuzäumen, daß sie die ganze Nacht den goldenen Schlaf entbehren
+mußte; doch achtete sie all der Mühe nicht, weil sie wußte, daß der
+Hochschmaus um ihrentwillen angerichtet wurde. Das Gastmahl begann, der
+fröhliche Wirt flog den Kommenden entgegen, und wenn der Türhüter
+schellte, wähnte er immer, die unbekannte Braut sei an der Tür; wurde
+sie aber geöffnet, so trat ein Prälat, eine feierliche Matrone oder ein
+ehrwürdig Amtsgesicht herein. Die Gäste waren lange beisammen und der
+Truchseß zögerte gleichwohl, die Speisen aufzutragen. Ritter Konrad
+harrte noch immer auf die schöne Braut; als sie aber zu lange weilte,
+winkte er dem Truchseß mit geheimem Verdruß, die Tafel zu beschicken.
+Man setzte sich und befand, daß ein Gedeck zu viel war; niemand aber
+konnte erraten, wer die Einladung des Gastgebotes verschmäht hatte. Von
+Augenblick zu Augenblick verminderte sich die Fröhlichkeit des
+Gastgebers sichtbar, es war nicht mehr in seiner Gewalt, den Trübsinn
+von seiner Stirn zu bannen, so sehr er sich auch angelegen sein ließ,
+durch erzwungene Heiterkeit die Gäste bei Laune zu erhalten. Sauerteig
+säuerte gar bald den Süßteig der geselligen Freude, drum ging es im
+Tafelgemache bald so still und ernsthaft her wie bei einem Leichenessen.
+Die Geigen, die abends zum Tanz aufspielen sollten, wurden
+fortgeschickt, und so endete diesmal das Fest im Komterhof ohne Sang und
+Klang.
+
+Die mißmutigen Gäste verloren sich früher als gewöhnlich und den Ritter
+verlangte nach der Einsamkeit seines Gemachs. Er warf sich auf dem Bette
+unruhig hin und her und konnte mit seinen Sinnen nicht ausdenken, welche
+Deutung er der mißlungenen Hoffnung geben sollte. Der Morgen kam, ehe er
+ein Auge geschlossen hatte, die Diener traten herein, fanden ihren Herrn
+mit wilden Phantasien kämpfen, dem Anschein nach von einem heftigen
+Fieber befallen. Darüber geriet das ganze Haus in Bestürzung, die Ärzte
+rennten treppauf, treppnieder, schrieben ellenlange Rezepte, und in der
+Apotheke waren alle Mörser im Gange, als ob sie zur Frühmetten läuten
+sollten.
+
+Sieben Tage lang hatte sich Graf Konrad so durch geheimen Kummer
+abgezehrt, daß die Rosen seiner Wangen dahinwelkten, das Feuer der Augen
+verlosch und Leben und Odem ihm nur noch zwischen den Lippen schwebte
+wie ein leichter Morgennebel im Tal, der auf den kleinsten Windstoß
+wartet, ihn ganz zu verwehen. Fräulein Mathilde hatte genaue Kundschaft
+von allem, was im Hause vorging. Es war nicht Eigensinn, daß sie die
+Einladung nicht angenommen hatte. Teils wollte sie die Standhaftigkeit
+des Ritters prüfen, teils fand sie Bedenken, dem Bisamapfel den letzten
+Wunsch abzunötigen; denn als Braut meinte sie, zieme ihr ein neuer
+Anzug, und Frau Pate hatte ihr empfohlen, mit ihren Wünschen rätlich
+umzugehen. Indessen war ihr am Tage des Gastmahls gar weh ums Herz, sie
+setzte sich in einen Winkel und weinte bitterlich. Die Krankheit des
+Ritters beunruhigte sie noch mehr, und wie sie die Gefahr vernahm, in
+welcher er sich befand, war sie untröstbar.
+
+[Illustration]
+
+Der siebente Tag sollte nach dem Spruch der Ärzte Leben oder Tod
+entscheiden. Mathilde ging ihrer Gewohnheit nach bei frühem Morgen zur
+Wirtschafterin, mit ihr über den Küchenzettel Rat zu halten; aber Frau
+Gertrud war so außer der Fassung, daß sie sich auf die gemeinsten Dinge
+nicht besinnen, noch die Wahl der Speisen ordnen konnte; große Tränen
+wie die Tropfen einer Dachtraufe rollten über die ledernen Wangen: »Ach
+Mathilde!« schluchzte sie, »wir werden hier bald ausgewirtschaftet
+haben, unser guter Herr wird den Tag nicht überleben.« Das war eine gar
+traurige Botschaft! das Fräulein gedachte umzusinken vor Schrecken; doch
+faßte sie bald wieder Mut und sprach: »Verzaget nicht an dem Leben
+unsers Herrn, er wird nicht sterben, sondern gesund werden; ich habe
+heut’ nacht einen guten Traum gehabt.« Die Alte war ein lebendiges
+Traumbuch, machte Jagd auf jeden Traum des Hausgesindes, und wo sie
+einen habhaft werden konnte, legte sie ihn immer so aus, daß die
+Erfüllung bei ihr stund; denn die anmutigsten Träume zielten bei ihr auf
+Hader, Zank und Scheltworte. »Sag an deinen Traum,« sprach sie, »daß ich
+ihn ausdeute.« »Mir war,« gegenredete Mathilde, »als sei ich noch daheim
+bei meinem Mütterlein; die nahm mich beiseits und lehrte mich das
+Süpplein von neunerlei Kräutern kochen; das hilft für alle Krankheit,
+so jemand nur drei Löffel davon genießt. ›Bereite dies deinem Herrn,‹
+sprach sie, ›und er wird nicht sterben, sondern von Stund’ an gesund
+werden.‹« Frau Gertrud verwunderte sich höchlich über diesen Traum,
+enthielt sich diesmals aller sinnbildlichen Deutung: »Dein Traum ist
+sonderbar,« sprach sie, »und nicht von ungefähr. Richte flugs dein
+Süpplein zu zum Frühstück, ich will sehen, ob ich’s über unsern Herrn
+vermag, daß er davon genießt.« Ritter Konrad lag im stillen Hinbrüten,
+matt und kraftlos, schickte sich zu seiner Heimfahrt und begehrte, das
+Sakrament der letzten Ölung zu empfahen; da trat Frau Gertrud zu ihm
+hin, riß ihn durch ihre geläufige Zunge aus der Betrachtung der vier
+letzten Dinge und quälte ihn mit gutgemeinter Geschwätzigkeit dermaßen,
+daß er, um ihrer los zu werden, verhieß, was sie begehrte. Indessen
+bereitete Mathilde eine herrliche Kraftbrühe, tat darein allerlei
+Küchenkräuter und köstliche Würze, und als sie anrichtete, legte sie den
+Demantring, welchen ihr der Ritter zum Pfande der Treue gegeben hatte,
+in die Schale und hieß den Diener auftragen.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Der Kranke fürchtete die laute Beredsamkeit der Wirtschafterin, die ihm
+noch in den Ohren gellte, so sehr, daß er sich zwang, einen Löffel Suppe
+zu nehmen. Als er zu Boden fuhr, bemerkte er einen Körper, den er
+herausfischte und zu seinem Erstaunen den Demantring fand. Sogleich
+glänzte sein Auge wieder voll Leben und Jugendfeuer und er leerte mit
+sichtbarer Eßlust die ganze Schale aus, zu großer Freude der Frau
+Gertrud und des aufwartenden Gesindes. Alle schrieben der Suppe die
+außerordentliche Heilkraft zu, den Ring hatte der Ritter keinen der
+Umstehenden bemerken lassen. Drauf wendete er sich zu Frau Gertrud und
+sprach: »Wer hat diese Kost zugerichtet, die mir wohltut, meine Kräfte
+belebt und mich wieder ins Leben ruft?« Die sorgsame Alte wünschte, daß
+der auflebende Kranke sich jetzt ruhig halten und nicht zu viel sprechen
+möchte, darum sprach sie: »Laßt Euch nicht kümmern, gestrenger Junker,
+wer das Süpplein zugerichtet hat; wohl Euch und uns, daß es die heilsame
+Wirkung hervorgebracht hat, die wir davon hofften.« Durch diese Antwort
+geschah aber dem Ritter kein Genügen; er bestund mit Ernst auf der
+Beantwortung seiner Frage, auf welche die Ausgeberin diesen Bescheid
+gab: »Es dienet eine junge Dirne in der Küche, genannt die Zigeunerin,
+aller Kräfte der Kräuter und Pflanzen kundig, die hat das Süpplein
+zugerichtet, das Euch so wohl tut.« – »Führt sie alsbald zu mir,« sagte
+der Ritter, »daß ich ihr danke für diese Panazee des Lebens.« –
+»Verzeihet,« erwiderte die Haushälterin, »ihr Anblick würde Euch Unlust
+machen; sie gleicht an Gestalt einer Schleiereule, hat einen Höcker auf
+dem Rücken, ist mit schmutzigen Kleidern angetan und ihr Angesicht und
+Hände sind mit Ruß und Asche bedeckt.« – »Tut nach meinem Befehl,«
+beschloß der Graf, »und zögert keinen Augenblick.« Frau Gertrud
+gehorchte, berief eilig Mathilden aus der Küche zu sich, warf ihr ein
+Regentuch über, das sie zu tragen pflegte, wenn sie zur Messe ging und
+führte sie in diesem Aufputz in das Krankenzimmer ein. Der Ritter
+begehrte, daß sich jedermann entfernen sollte, und als er die Tür hatte
+heißen zutun, sprach er: »Mägdlein, bekenne mir frei, wie bist du zu dem
+Ringe gelangt, den ich gefunden habe in der Schale, darein du mir das
+Frühstück zugerichtet hast?« – »Edler Ritter,« antwortete das Fräulein
+züchtig und sittsam, »den Ring habe ich von Euch; Ihr begabtet mich
+damit am zweiten Abend des Freudenreihens; sehet nun zu, ob meine
+Gestalt und Herkunft verdient, daß Ihr Euch so abgehärmt habt, als
+wolltet Ihr ins Grab sinken. Euer Zustand jammerte mich, darum habe ich
+nicht länger verweilt, Euch aus dem Irrtum zu ziehen.«
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Einer solchen Überraschung hatte sich Graf Konrad nicht versehen; er war
+bestürzt und schwieg einige Augenblicke. Aber die Gestalt der schönen
+Tänzerin schwebte ihm bald wieder vor und er verfiel auf den Gedanken,
+daß man ihn durch einen frommen Betrug von seiner Absicht heilen wollte;
+doch der wahre Ring, den er zurückempfangen hatte, ließ vermuten, daß
+die Unbekannte auf irgend eine Weise mit im Spiel sein müßte; also legte
+er’s darauf an, die Dirne auszuforschen und in der Rede zu fangen. »Seid
+Ihr die holde Jungfrau,« sprach er, »welcher ich meine Hand gelobet
+habe, so zweifelt nicht, daß ich meine Zusage treulich erfüllen werde;
+aber hütet Euch, mich zu betrügen. Könnet Ihr die Gestalt wieder
+annehmen, die Ihr mir vorloget zwei Nächte hintereinander auf dem
+Tanzplatz, könnet Ihr Euern Leib schlank und eben machen wie eine junge
+Tanne, könnet Ihr die schabige Haut abstreifen wie die Schlange und Eure
+Farbe wechseln wie das Chamäleon, so soll das Wort, welches ich
+aussprach, als ich diesen Ring von mir gab, Ja und Amen sein. Könnet Ihr
+aber diesen Bedingungen nicht Genüge leisten, so will ich Euch als eine
+Betrügerin strafen lassen, bis Ihr mir saget, wie Euch dieser Ring ist
+zuhanden kommen.«
+
+Hierauf schellte der Kreuzherr der Wirtschafterin und erteilte ihr den
+Befehl: »Geleitet dieses Mädchen auf ihre Kammer, daß sie sich reinlich
+kleide, harret an der Tür, bis sie heraustritt; ich erwarte euer im
+Sprachgemach.« Frau Gertrud nahm ihre Gefangene in genaue Aufsicht, ohne
+eigentlich zu wissen, wohin der Befehl ihres Herrn gemeint sei. Im
+Hinaufsteigen fragte sie: »Hast du Kleider, dich zu schmücken, warum
+hast du mir’s verschwiegen? Gebricht dir’s aber daran, so folge mir auf
+meine Kammer, ich will dir leihen, soviel du bedarfst.« Hierauf
+beschrieb sie ihre altmodische Garderobe, worin sie vor einem halben
+Jahrhundert Eroberungen gemacht hatte, Stück bei Stück mit froher
+Zurückerinnerung an die vormaligen Zeiten. Mathilde hatte darauf wenig
+acht, begehrte nur ein Stücklein Seife und eine Handvoll Weizenkleien,
+nahm ein Waschbecken voll Wasser, ging auf ihre Kammer und tat die Tür
+hinter sich zu; Frau Gertrud aber bewachte solche von außen mit großer
+Sorgfalt, wie ihr befohlen war. Der Kreuzherr, voller Erwartung, welchen
+Ausgang das Abenteuer seiner Liebe nehmen werde, verließ sein Lager,
+kleidete sich aufs zierlichste und begab sich in sein Prunkgemach, mußte
+sich lange gedulden, ehe er aus der Ungewißheit gezogen wurde, und
+wandelte mit geschwinden Schritten unruhig auf und ab. Doch als der
+welsche Zeiger am Augsburger Rathaus in der Mittagsstunde auf achtzehn
+Uhr wies, flogen urplötzlich die Flügeltüren auf, es rauschte durchs
+Vorgemach der Schweif eines seidenen Gewandes, Mathilde trat herein mit
+Anstand und Würde und geschmückt wie sie auf dem Feste erschienen war.
+»Ihr sehet mich hier,« sprach sie, »in meiner wahren Gestalt. Ich bin
+Wackermann Uhlfingers, des ehrenfesten Ritters, Tochter, dessen
+unglückliches Geschick Euch sonder Zweifel nicht verborgen ist, bin
+kümmerlich dem Einsturz des väterlichen Hauses entronnen und habe in
+Eurer Wohnung, wiewohl in armseliger Gestalt, Schutz und Sicherheit
+gefunden.« Hierauf erzählte sie ihm ihre Geschichte und verschwieg ihm
+auch die Heimlichkeit mit dem Bisamapfel nicht. Graf Konrad war
+hocherfreut und dachte nicht mehr daran, daß er zum Sterben krank
+gewesen war; er lud auf den folgenden Tag alle die Gäste wieder, die
+zuvor sein Trübsinn so früh auseinandergescheucht hatte, hielt
+öffentliche Verlobung mit seiner Braut, und als der Truchseß aufgetragen
+hatte und nun herumzählte, fand er, daß kein Gedeck zu viel war. Drauf
+trat der Ritter aus dem Orden, verließ den Komterhof und vollzog die
+Hochzeit mit großer Pracht. Bei dieser merkwürdigen Hausveränderung
+bewies sich die geschäftige Martha, Frau Gertrud, ganz untätig; als sie
+Fräulein Mathildens Kammertür bewachte und bei Eröffnung derselben eine
+stattlich gekleidete Dame zum Vorschein kam, war ihr Erstaunen so groß,
+daß sie rücklings vom Sessel fiel, einen Schenkel ausrenkte und
+lendenlahm blieb ihr Leben lang.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Die Neuvermählten verlebten das erste Jahr zu Augsburg. Eines Tages, als
+sie in frohen Gesprächen am offenen Fenster saßen, sagte die junge
+Gräfin: »Mein herzgeliebter Herr, mir ist nun kein Wunsch mehr übrig,
+ich erlasse meinem Bisamapfel die Erfüllung des dritten Wunsches mit
+Freuden. Habt Ihr aber irgend ein verborgenes Anliegen in Eurem Herzen,
+so tut mir’s kund, ich will es zu dem meinigen machen und zur Stunde
+soll es Euch gewährt sein.« Graf Konrad schloß sein trautes Weib in die
+Arme und beteuerte ihr hoch, daß außer der Fortdauer seines Glückes für
+ihn nichts wünschenswerter auf Erden sei. Also verlor der Bisamapfel in
+den Augen seiner Besitzerin allen Wert und sie behielt ihn nur zum
+dankbaren Andenken der Pate Nixe.
+
+[Illustration]
+
+Graf Konrad hatte noch eine Mutter am Leben, die auf ihrem Wittum zu
+Schwabeck wohnte. Ihr in Kindesliebe die Hand zu küssen, trug die fromme
+Schwiegertochter groß Verlangen; doch der Graf lehnte immer die
+Wallfahrt zur Mutter unter scheinbarem Vorwand ab und brachte dagegen
+eine Lustreise auf ein ihm unlängst heimgefallenes Lehen in Vorschlag,
+unfern von Wackermanns zerstörter Burg gelegen; Mathilde willigte gern
+darein, um die Gegend wieder zu besuchen, wo sie ihre erste Jugend
+verlebt hatte. Sie besuchte die Trümmer der väterlichen Wohnung,
+beweinte die Asche ihrer Eltern, ging zum Nixenbrunnen und hoffte, daß
+ihre Gegenwart die Nymphe einladen würde, sich ihr zu versichtbaren.
+Mancher Stein fiel in den Brunnen ohne die gehoffte Wirkung, selbst der
+Bisamapfel schwamm als eine leichte Wasserblase obenauf, und sie mußte
+sich die Mühe nehmen, ihn selbst wieder herauszufischen. Die Nymphe kam
+nicht mehr zum Vorschein. Heimgekehrt, bekam Frau Mathilde einen Sohn,
+schön wie ein Götterknabe, und die Freude der Eltern war so groß, daß
+sie ihn schier aus heißer Liebe erdrückten; die Mutter ließ ihn nicht
+aus ihren Armen und spähte jeden Atemzug des kleinen unschuldigen
+Engels, obgleich der Graf eine weise Amme gedungen hatte, die des
+Kindleins pflegen sollte. Aber in der dritten Nacht, da alles im Schloß
+vom Taumel eines Freudenfestes in tiefem Schlaf begraben lag, wandelte
+die Mutter auch ein sanfter Schlummer an, und als sie erwachte, war das
+Kind aus ihren Armen weg! Bestürzt rief die erschrockene Gräfin: »Amme,
+wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?« Die Amme antwortete: »Edle Frau,
+das zarte Herrlein ist in Euren Armen.« Bett und Zimmer wurden ängstlich
+durchsucht, aber nichts gefunden außer einigen Blutströpflein auf dem
+Fußboden des Gemachs. Wie das die Amme inne ward, erhob sie groß
+Geschrei: »Ach, daß es Gott und alle Heiligen erbarme! Der Werwolf ist
+dagewesen und hat das Kindlein davongetragen.« Die Gräfin grämte sich
+über den Verlust des holden Knaben bleich und mager und der Vater war
+untröstbar. Obgleich der Werwolfsglaube in seinem Herzen kein Senfkorn
+aufwog, so ließ er sich doch von dem Geschwätz, da er sich die Sache auf
+keine Weise zu erklären wußte, übertäuben, tröstete seine trostlose
+Gemahlin, die aus Gefälligkeit für ihn, der alle Traurigkeit haßte, sich
+zwang, eine heitere Miene anzunehmen.
+
+[Illustration]
+
+Die Schmerzenstilgerin, die wohltätige Zeit, heilte endlich die
+mütterliche Herzwunde, als der Verlust durch einen zweiten Sohn ersetzt
+wurde. Grenzenlos war die Freude über den schönen Stammerben im
+gräflichen Palast, der Graf bankettierte frohen Muts mit seinen Nachbarn
+eine Tagereise ringsumher, der Freudenbecher ging ohne Unterlaß aus Hand
+in Hand, von Wirt und Gästen bis zum Türhüter herum, auf die Gesundheit
+des Neugebornen. Die besorgte Mutter ließ das Kindlein nicht von sich,
+erwehrte sich des süßen Schlafes, solange es ihre Kräfte erlaubten; da
+sie aber endlich den Forderungen der Natur nachgeben mußte, nahm sie die
+goldene Kette vom Hals, umschlang damit des Knäbleins Leib und
+befestigte das andere Ende davon an ihrem Arm, segnete sich und das Kind
+mit dem heiligen Kreuz, auf daß der Werwolf keine Macht noch Gewalt
+daran finden möchte, und bald darauf überfiel sie ein unwiderstehlicher
+Schlaf. Als sie der erste Morgenstrahl erweckte, o Jammer! da war der
+süße Knabe aus ihren Armen verschwunden. Im ersten Schrecken rief sie
+wie vormals: »Amme, wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?« und die Amme
+antwortete wiederum: »Edle Frau, das zarte Herrlein ist in Euren Armen.«
+Alsbald sah sie nach dem goldnen Kettlein, das sie um den Arm
+geschlungen hatte, befand, daß ein Gelenk mit einer scharfen stählernen
+Schere mitten entzweigeschnitten war, und sank in Ohnmacht vor Entsetzen
+hin. Die Amme machte Lärm im Hause, das Gesinde eilte voller Bestürzung
+herbei, und da Graf Konrad hörte, was sich zugetragen hatte, entbrannte
+sein Herz von Wut und Eifer, er zückte sein ritterliches Schwert,
+Sinnes, der Amme das Haupt zu spalten.
+
+»Verruchtes Weib!« donnerte er mit furchtbarer Stimme, »gab ich dir
+nicht geheimen Befehl, wach zu bleiben die ganze Nacht und kein Auge von
+dem Knaben zu verwenden, damit, wenn das Ungetüm käme, ihn der
+schlafenden Mutter wegzurauben, du durch dein Geschrei das Haus rege
+machtest, damit wir den Werwolf vertrieben? Schlaf nun, du Schläferin,
+den langen Todesschlaf!« Das Weib fiel auf die Kniee vor ihm nieder.
+»Gestrenger Herr,« sprach sie, »bei Gottes Barmherzigkeit beschwöre ich
+Euch, erwürget mich augenblicks, damit ich die Schandtat mit ins Grab
+nehme, die meine Augen gesehen haben und die mir weder Geheiß noch Lohn
+abdringen soll, wofern sie nicht die Folter herauspreßt.« Der Graf
+staunte; »welche Schandtat,« fragte er, »hast du mit Augen gesehen, die
+so schwarz ist, daß deine Zunge sich weigert, sie auszureden? Lieber
+bekenne mir ohne Folter, was dir kund worden ist, als eine treue Magd.«
+»Herr,« erseufzte die Dirne, »was treibt Euch, Euer Unglück zu erfahren?
+Besser ist’s, daß das schreckliche Geheimnis zugleich mit meinem
+Leichnam verscharret werde in das kühle Grab.« Durch diese Rede wurde
+Graf Konrad nur noch begieriger, das Geheimnis zu erfahren; er nahm das
+Weib beiseits in sein heimliches Zimmer, und durch Drohungen und
+Verheißungen bewogen, eröffnete sie ihm, was er zu wissen gern wäre
+überhoben gewesen. »Eure Gemahlin,« sprach sie, »sollt Ihr wissen, Herr,
+ist eine schändliche Zauberin; aber sie liebt Euch unermeßlich und ihre
+Liebe geht so weit, daß sie auch ihres eignen Kindes nicht verschonet,
+um daraus ein Mittel zu bereiten, ihre Schönheit unwandelbar zu
+erhalten. In der Nacht, als alles in großer Sicherheit schlief, stellte
+sie sich, als sei sie eingeschlummert, ich tat das Nämliche, weiß nicht
+warum. Bald darauf rief sie mich beim Namen; aber ich achtete nicht
+darauf und fing an zu röcheln und zu schnarchen. Da sie nun vermeinte,
+ich sei fest eingeschlafen, saß sie rasch im Bette auf, nahm das
+Kindlein, drückte es an den Busen, küßte es inniglich und lispelte dazu
+diese Worte, die ich deutlich vernahm: ›Sohn der Liebe, werde ein
+Mittel, mir deines Vaters Liebe zu erhalten, gehe jetzt zu deinem
+Brüderlein, du kleine Unschuld, daß ich aus neunerlei Kräutern und
+deinen Knöchlein einen kräftigen Trank bereite, der meine Schönheit mir
+bewahre.‹ Als sie das gesagt hatte, zog sie eine Demantnadel, scharf wie
+ein Dolch, aus den Haaren, stieß solche dem Kindlein flugs durchs Herz,
+ließ es ein wenig ausbluten, und da es nicht mehr zappelte, legte sie’s
+vor sich hin, nahm den Bisamapfel, murmelte dazu einige Worte, und da
+sie den Deckel abhob, loderte daraus empor eine lichte Feuerflamme, wie
+aus einer Pechtonne, welche den Leichnam in wenig Augenblicken
+verzehrte. Die Asche und Knöchlein sammelte sie sorgfältig in eine
+Schachtel und schob sie unter die Bettlade. Drauf rief sie mit
+ängstlicher Stimme, als führe sie plötzlich aus dem Schlafe auf: ›Amme,
+wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?‹ Und ich antwortete mit Furcht und
+Grausen, ihre Zauberei fürchtend: ›Edle Frau, das zarte Herrlein ist in
+Euren Armen.‹ Darüber fing sie an, sich ganz trostlos zu gebärden und
+ich lief aus dem Zimmer unter dem Schein, Hilfe zu rufen. Sehet,
+gestrenger Herr, das ist der Verlauf der schändlichen Tat, die Euch zu
+offenbaren Ihr mich gedrungen habt. Bin erbötig, die Wahrheit meiner
+Aussage durch einen glühenden Stab Eisen zu erhärten, den ich mit bloßen
+Händen tragen will dreimal den Schloßhof auf und nieder.«
+
+Ritter Konrad stund wie versteint, konnte lange Zeit kein Wort
+vorbringen. Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, sprach er: »Was
+bedarf’s der Feuerprobe, Euren Worten ist der Stempel der Wahrheit
+aufgedrückt, ich fühl’s und glaub’s, daß alles so ist, wie Ihr saget.
+Behaltet das gräßliche Geheimnis in Eurem Herzen fest verschlossen und
+vertrauet es keinem Menschen, auch nicht, wenn ihr beichtet; ich will
+Euch einen Ablaßbrief vom Bischof von Augsburg lösen, daß Euch diese
+Sünde nicht soll zugerechnet werden, weder in dieser noch in jener Welt.
+Jetzt will ich mit verstelltem Angesicht zu der Natter hineintreten, da
+habt wohl acht, daß Ihr, wenn ich sie umarme und ihr Trost einspreche,
+die Schachtel mit den Totengebeinen unter der Bettlade hervorziehet und
+unbemerkt mir solche überantwortet.«
+
+[Illustration]
+
+Mit leicht umwölkter Stirn und dem Blick eines gerührten, aber noch
+standhaften Mannes, trat er in das Gemach seiner Gemahlin, die ihren
+Herrn mit schuldlosem Auge, wiewohl mit hochbetrübter Seele, schweigend
+empfing. Ihr Angesicht glich eines Engels Angesichte und dieser Anblick
+löschte Wut und Grimm, davon sein Herz entbrannt war, plötzlich aus. Den
+Geist der Rache milderte Mitleid und Bedauernis, er drückte die
+unglückliche Frau an sich und sie überströmte sein Gewand mit
+wehmutsvollen Tränen. Er tröstete sie, koste freundlich mit ihr und
+sputete sich, den Schauplatz des Grausens und Entsetzens bald wieder zu
+verlassen. Die Amme hatte indes ausgerichtet, was ihr befohlen war, und
+überlieferte dem Grafen insgeheim das schauderhafte Knochenbehältnis. Es
+kostete einen schweren Kampf in seinem Herzen, ehe er einen Entschluß
+faßte, was er mit der vermeinten Zauberin tun sollte. Endlich wurde er
+Rats, ohne Spuk und Aufsehen sich ihrer zu entledigen. Er saß auf und
+ritt gen Augsburg, vorher aber tat er dem Hausmeister Befehl: »Wenn die
+Gräfin nach neun Tagen hervorgehet aus ihrem Gemach, um nach Gewohnheit
+zu baden, so lasset die Badestube wohl heizen und verriegelt auswendig
+die Tür, daß sie im Bade verschmachte vor großer Hitze und nicht bei
+Leben bleibe.« Der Hausmeister vernahm diesen Befehl mit großer
+Betrübnis und Wehmut, denn alles Hausgesinde liebte die Gräfin Mathilde
+als eine sanfte und gutmütige Gebieterin; doch wagte er nicht gegen den
+Ritter den Mund aufzutun, weil er dessen großen Ernst und Eifer
+wahrnahm. Am neunten Tage befahl Mathilde, das Bad zu heizen. Als sie in
+das Gemach hineintrat, zitterte die Luft um sie her vor großer Hitze;
+sie wollte zurücktreten, aber ein starker Arm stieß sie mit Gewalt in
+die Badestube hinab und sogleich wurde auch die Tür von außen verriegelt
+und verschlossen. Sie rief vergebens um Hilfe; niemand hörte, das Feuer
+wurde nur heftiger angeschürt, daß der Ofen hochrot glühte wie ein
+Töpferofen.
+
+[Illustration]
+
+Aus diesen Umständen erriet die Gräfin leicht, was hier vorgehe, sie
+ergab sich darein zu sterben, nur der schändliche Verdacht, den sie
+ahnte, marterte ihre Seele mehr als der schmähliche Tod. Sie nützte die
+letzten Augenblicke der Besinnung, zog eine silberne Nadel aus den
+Haaren und schrieb damit an die weiße Wand des Gemachs diese Worte:
+»Gehab dich wohl, Konrad, ich sterbe auf deinen Befehl willig, aber
+schuldlos.« Drauf warf sie sich auf ein Ruhebettlein nieder, ihren
+Todeskampf zu beginnen. Aber unwillkürlich strebt die Natur, zu der
+Zeit, wenn das böse Stündlein kommt, ihrer Zerstörung vorzubeugen. In
+dem Angstgefühl der erstickenden Hitze warf sich die unglückliche
+Sterbende hin und her, da entfiel ihr der Bisamapfel, den sie stets bei
+sich trug, zur Erde. Augenblicklich ergriff sie ihn und rief: »O Pate
+Nixe, steht es in deiner Macht, so befreie mich von einem schandbaren
+Tode und rette meine Unschuld!« Sie schrob hastig den Deckel auf, da
+stieg aus dem Bisamapfel hervor ein dichter Nebel, der sich über das
+ganze Gemach ausbreitete und der Gräfin angenehme Kühlung gewährte, daß
+sie keine Angst und Hitze mehr empfand. Die Dunstwolke sammelte sich in
+eine Gestalt, und Mathilde, die jetzt nicht mehr zu sterben gedachte,
+erblickte mit unaussprechlicher Wonne die liebevolle Nymphe vor sich, in
+ihrem Arm den zarten Säugling mit einem Westerhemdlein angetan, und an
+der Hand das ältere Herrlein, im weißen Flügelkleide mit rosenfarbenen
+Bandschleifen.
+
+»Willkommen, geliebte Mathilde!« redete die Nymphe sie an. »Wohl dir,
+daß du den dritten Wunsch, den dir der Bisamapfel gewähren sollte, nicht
+so leichtsinnig wie die beiden ersten verschwendet hast! Hier sind die
+zwei lebendigen Zeugen deiner Unschuld, welche dich über die schwarze
+Verleumdung, unter welcher du schier erlagtest, werden triumphieren
+lassen. Der Unstern deines Lebens hat sich zum Untergange geneigt,
+hinfort wird dir der Bisamapfel keinen Wunsch mehr gewähren, denn von
+nun an bleibt dir nichts mehr zu wünschen übrig. Aber das Rätsel deines
+traurigen Geschicks will ich dir lösen. Wisse, daß die Mutter deines
+Gemahls die Stifterin alles Unglücks ist. Dieser stolzen Frau war die
+Vermählung ihres Sohnes ein Dolchstich ins Herz; sie wußte nicht anders,
+als Graf Konrad habe den Adel seines Hauses durch eine niedrige Ehe
+geschändet; sie stieß Fluch und Verwünschung gegen ihn aus und erkannte
+ihn nicht mehr für ihren Sohn. All ihr Sinnen und Dichten war darauf
+gestellt, dich zu verderben, wiewohl die Wachsamkeit deines Gemahls
+diesem boshaften Vornehmen immer gesteuert hat. Dennoch ist es ihr
+gelungen, auch diese durch eine gleisnerische Amme zu hintergehen. Durch
+große Verheißung hat sie dies Weib dahin vermocht, deinen erstgebornen
+Sohn im Schlafe dir aus den Armen zu reißen und ihn wie ein Hündlein ins
+Wasser zu werfen. Glücklicherweise wählte sie den Brunnen meiner
+Felsenquelle zu dieser Schandtat, ich empfing den Knaben mit liebevollen
+Armen und pflegte sein als eine Mutter. Ebenso vertraute sie mir auch
+den zweiten Sohn meiner geliebten Mathilde. Diese trugvolle Amme wurde
+deine Anklägerin, sie überredete den Grafen, du seist eine Zauberin;
+eine Flamme aus dem Bisamapfel, dessen Geheimnis du sorgsamer hättest
+bewahren sollen, habe die Knaben verzehrt, um aus ihrer Asche einen
+Zaubertrank zu bereiten. Sie schob deinem Gemahl ein Gefäß, mit
+Tauben- und Hühnerknochen gefüllt, in die Hand, die er für die
+Überbleibsel seiner Kinder erkannte und Befehl gab, dich in seiner
+Abwesenheit im Bade zu ersticken. Voll Reue und Verlangen, diesen
+grausamen Befehl womöglich noch zurückzunehmen, eilt er jetzt von
+Augsburg her, ob er dich gleich noch für schuldig hält. In wenig Stunden
+wirst du gerechtfertigt sein.« Nachdem die Nymphe ausgeredet hatte, bog
+sie sich über das Angesicht der Gräfin, küßte sie auf die Stirn, und
+ohne eine Antwort zu erwarten, hüllte sie sich in ihren dichten
+Dunstschleier und verschwand.
+
+Die Diener des Grafen waren indessen geschäftig, das erloschene Feuer
+wieder anzufachen. Es dünkte sie immer, als hörten sie inwendig
+Menschenstimmen, woraus sie urteilten, daß die Gräfin noch am Leben sei.
+Aber all ihre Mühe und Gebläse war vergebens, das Holz fing so wenig
+Feuer, als wenn der Ofen mit Schneeballen wäre geheizt worden. Bald
+darauf kam Graf Konrad angeritten und frug ängstlich, wie es um seine
+Gemahlin stehe. Die Diener erstatteten Bericht, wie sie das Bad wohl
+gehitzt hätten, daß aber das Feuer plötzlich erloschen sei und aller
+Vermutung nach die Gräfin noch lebe. Das erfreute sein Herz gar
+höchlich, er trat an die Tür und rief durchs Schlüsselloch: »Lebst du,
+Mathilde?« Und die Gräfin vernahm die Stimme ihres Gemahls und
+antwortete: »Geliebter Herr, ich lebe und meine Kindlein leben!«
+Entzückt von dieser Rede ließ der ungeduldige Graf, da die Schlüssel
+nicht gleich bei Handen waren, die Tür einschlagen, stürzte ins
+Badegemach zu den Füßen seiner frommen Gemahlin und benetzte ihre
+unbefleckten Hände mit tausend reuigen Tränen, brachte sie und die
+holden Kleinen unter Jubel und Frohlocken des ganzen Hauses aus der
+fürchterlichen Sterbekammer in ihr Gemach zurück und vernahm aus ihrem
+Munde den ganzen Verlauf der schändlichen Verleumdung und des
+Kinderraubes. Alsbald gab er Befehl, die bübische Amme zu greifen und in
+die Badestube zu sperren. Da fing das Feuer im Ofen lustig an zu
+brennen, die Flammen wirbelten hoch empor und das teuflische Weib
+schwitzte ohne Verzug ihre schwarze Seele aus.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Nymphe des Brunnens, by
+Johann Karl August Musäus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***
+
+***** This file should be named 25530-0.txt or 25530-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/5/5/3/25530/
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna, Irma Spehar, Markus
+Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net (This file was produced from images
+generously made available by The Internet Archive/American
+Libraries.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,1589 @@
+Project Gutenberg's Die Nymphe des Brunnens, by Johann Karl August Musäus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Nymphe des Brunnens
+
+Author: Johann Karl August Musäus
+
+Editor: Hans Fraungruber
+
+Illustrator: Ignaz Taschner
+
+Release Date: May 19, 2008 [EBook #25530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***
+
+
+
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna, Irma Spehar, Markus
+Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net (This file was produced from images
+generously made available by The Internet Archive/American
+Libraries.)
+
+
+
+
+
+
+ Gerlach's
+ Jugendbücherei
+
+
+ Die Nymphe des Brunnens. Nach J. K. A. Musäus.
+
+ Bilder von Ignaz Taschner.
+
+ Text bearbeitet von Hans Fraungruber.
+
+ Verlag von Martin Gerlach & Co.
+
+ Wien und Leipzig.
+
+
+ Druck von Christoph Reißer's Söhne Wien V.
+ Ausstattung gesetzlich geschützt.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+Drei Meilen hinter Dinkelsbühl im Schwabenlande lag vorzeiten ein altes
+Raubschloß, das einem mannfesten Ritter zugehörte, Wackermann Uhlfinger
+genannt, die Blume der faust- und kolbengerechten Ritterschaft, der
+Schrecken der schwäbischen Bundesstädte, auch aller Reisenden und
+Frachtführer, die keinen Geleitsbrief von ihm gelöst hatten. Wenn
+Wackermann seinen Küraß und Helm angelegt, seine Lenden mit dem Schwert
+umgürtet hatte und die goldenen Sporen an seinen Fersen klirrten, war er
+nach der Sitte seiner Zeitgenossen ein roher, hartherziger Mann, der
+Rauben und Plündern für ein Vorrecht des Adels hielt, den Schwächern
+befehdete und, weil er selbst mannhaft und rüstig war, kein ander Gesetz
+erkannte, als das Recht des Stärkern. Wenn's hieß, »Uhlfinger ist im
+Anzuge, Wackermann kommt«, fiel Schrecken auf ganz Schwabenland; das
+Volk flüchtete in die festen Städte und die Wächter auf den Zinnen der
+Warten stießen ins Horn und verkündeten die nahe Gefahr.
+
+Dieser gefürchtete Mann war aber daheim, wenn er seine Rüstung abgelegt
+hatte, fromm wie ein Lamm, gastfrei wie ein Araber, ein gutmütiger
+Hausvater und ein zärtlicher Gatte. Seine Hausfrau war ein sanftes
+liebevolles Weib, sittig und tugendsam und stund ihrem Hauswesen gar
+fleißig vor. Zudem war sie Mutter von zwei Töchtern, die sie mit großer
+Sorgfalt tugendsam und häuslich auferzog. In dieser klösterlichen
+Eingezogenheit störte nichts ihre Zufriedenheit als die Freibeuterei
+ihres Gemahls, der sich mit ungerechtem Gut bereicherte. Sie mißbilligte
+diese Räubereien in ihrem Herzen und es machte ihr keine Freude, wenn er
+ihr gleich die herrlichsten Stoffe, mit Gold und Silber durchwirkt, zu
+reichen Kleidern schenkte. »Was soll mir der Plunder,« sprach sie oft zu
+sich selbst, »daran Seufzer und Tränen hangen?« Sie warf mit geheimem
+Widerwillen diese Geschenke in ihre Truhe und würdigte sie weiter keines
+Anblicks, bemitleidete die Unglücklichen, die in Wackermanns Haft
+fielen, setzte sie oft durch ihre Fürbitte in Freiheit und begabte sie
+mit einem Zehrpfennig.
+
+Am Fuße des Schloßberges verbarg sich tief im Gebüsch eine ergiebige
+Felsenquelle, welche in einer natürlichen Grotte entsprang, die nach
+einer alten Volkssage von einer Brunnennymphe bewohnt sein sollte,
+welche man die Nixe nannte, und die Rede ging, daß sie sich bei
+sonderbaren Ereignissen im Schlosse zuweilen sehen ließ. Zu diesem
+Brunnen lustwandelte die edle Frau oftmals ganz einsam, wenn sie während
+der Abwesenheit ihres Gemahls außerhalb der düstern Burgmauern frische
+Luft schöpfen oder ohne Geräusch Werke der Wohltätigkeit im Verborgenen
+ausüben wollte.
+
+Einstmals war Wackermann mit seinen Reisigen ausgezogen, den Kaufleuten
+aufzulauern, die vom Augsburger Markte kamen, und verweilte länger als
+sein Verlaß war. Das bekümmerte die zarte Frau, sie wähnte, ihrem Herrn
+sei ein Unglück begegnet, er sei erschlagen oder in Feindes Gewalt. Es
+war ihr so weh ums Herz, daß sie nicht ruhen noch rasten konnte. Schon
+mehrere Tage hatte sie sich zwischen Furcht und Hoffnung abgeängstet,
+und oft rief sie dem Zwerge zu, der auf dem Turm Wacht hielt:
+»Kleinhänsel, schau aus! Was rauscht durch den Wald? Was trappelt im
+Tal? Wo wirbelt der Staub? Trabt Wackermann an?« Aber Kleinhänsel
+antwortete gar trübselig: »Nichts regt sich im Wald, nichts reitet im
+Tal, es wirbelt kein Staub, kein Federbusch weht.« Das trieb sie so bis
+in die Nacht, da der Abendstern heraufzog und der leuchtende Vollmond
+über die östlichen Gebirge blickte. Da konnte sie's nicht aushalten
+zwischen den vier Wänden ihres Gemachs; sie warf ihr Regentuch über,
+stahl sich durchs Pförtchen in den Buchenhain und wandelte zu ihrem
+Lieblingsplätzchen, dem Kristallbrunnen, um desto ungestörter ihren
+kummervollen Gedanken nachzuhängen. Ihr Auge floß von Zähren, und ihr
+sanfter Mund öffnete sich zu melodischen Wehklagen, die sich mit dem
+Geräusch des Baches mischten, der vom Brunnen her durchs Gras lispelte.
+
+[Illustration]
+
+Indem sie sich der Grotte nahte, war's ihr, als ob ein leichter Schatten
+um den Eingang schwebe; aber weil's in ihrem Herzen so arbeitete,
+achtete sie wenig darauf und der erste Anblick schob ihr den flüchtigen
+Gedanken vor, daß das einfallende Mondenlicht ihr eine Truggestalt
+vorlüge. Da sie näher kam, schien sich die weiße Gestalt zu regen und
+ihr mit der Hand zu winken. Darüber kam ihr ein Grausen an, doch wich
+sie nicht zurück; sie stund, um recht zu sehen, was es wäre. Das Gerücht
+von dem Nixenbrunnen, das in der Gegend umlief, war ihr nicht unbewußt.
+Sie erkannte die weiße Frau nun für die Nymphe des Brunnens und diese
+Erscheinung schien ihr eine wichtige Familienbegebenheit anzudeuten.
+Welcher Gedanke konnte ihr jetzt näher liegen als der von ihrem Gemahl?
+Sie zerraufte ihr schwarzgelocktes Haar und erhob eine laute Klage: »Ach
+des unglücklichen Tages! Wackermann! Wackermann! Du bist gefallen, bist
+kalt und tot! Hast mich zur Wittib gemacht und deine Kinder zu Waisen!«
+
+Da sie so klagte und die Hände rang, vernahm sie eine sanfte Stimme aus
+der Grotte: »Mathilde, sei ohne Furcht, ich verkünde dir kein Unglück,
+nahe dich getrost, ich bin deine Freundin und mich verlangt, mit dir zu
+kosen.« Die edle Frau fand so wenig Abschreckendes in der Gestalt und
+Rede der Nixe, daß sie den Mut hatte, die Einladung anzunehmen; sie ging
+in die Grotte, die Bewohnerin bot ihr freundlich die Hand und küßte sie
+auf die Stirn, saß traulich zu ihr hin und nahm das Wort: »Sei mir
+gegrüßt in meiner Wohnung, du liebe Sterbliche, dein Herz ist rein und
+lauter wie das Wasser meines Brunnens, darum sind dir die unsichtbaren
+Mächte geneigt. Ich will dir das Schicksal deines Lebens eröffnen, die
+einzige Gunstbezeigung die ich dir gewähren kann. Dein Gemahl lebt, und
+ehe der Hahn den Morgen auskräht, wird er wieder in deinen Armen sein.
+Fürchte nicht, ihn zu betrauern, der Quell deines Lebens wird früher
+versiegen als der seine; vorher aber wirst du noch eine Tochter küssen,
+die auf schwankender Wage des Schicksals Glück und Unglück dahin nimmt.
+Die Sterne sind ihr nicht abhold; aber ein feindseliger Gegenschein
+raubt der Verwaisten das Glück der mütterlichen Pflege.«
+
+[Illustration]
+
+Das betrübte die edle Frau sehr, da sie hörte, daß ihr Töchterlein der
+treuen Mutterpflege entbehren sollte, und sie brach in laute Zähren aus.
+Die Nymphe wurde dadurch gerührt; »weine nicht,« sprach sie, »ich will
+bei deinem Kinde Mutterstelle vertreten, wann du es nicht beraten
+kannst; doch unter dem Beding, daß du mich zur Taufpate des zarten
+Fräuleins wählest, damit ich teil an ihr habe. Dabei sei eingedenk, daß
+das Kind, so du es meiner Sorge anvertrauen willst, mir den Waschpfennig
+wiederbringe, den ich einbinden werde.« Frau Mathilde willigte in dies
+Begehr, darauf griff die Nixe nach einem glatten Bachkiesel und gab ihr
+solchen mit dem Beifügen, denselben durch eine treue Magd zu rechter
+Zeit und Stunde zum Zeichen der Einladung zur Gevatterschaft in den
+Brunnen werfen zu lassen. Frau Mathilde verhieß dem allen treulich
+nachzukommen, verlor keins dieser Worte aus ihrem Herzen und begab sich
+nach der Burg zurück; die Nymphe aber ging wieder in den Brunnen und
+verschwand.
+
+[Illustration]
+
+Nicht lange hernach trompetete der Zwerg freudig vom Turm herab und
+Wackermann ritt mit seinen Reisigen wohlgemut in den Hof ein, mit
+reicher Beute beladen. Nach Verlauf eines Jahres fügte sich's, daß
+Wackermann einen Fehdebrief bekam von einem Ritter, den er beim Trunk
+beleidigt hatte und der mit ihm anbinden wollte auf Tod und Leben. Er
+rüstete sich und seine Gewappneten fleißig zu, und als er im Begriff war
+aufzusitzen und nach Gewohnheit von seiner Gemahlin sich verabschiedete,
+forschte sie sorgsam nach seinem Vorhaben, drang in ihn wider
+Gewohnheit, ihr zu sagen, gegen wen er ausziehe, und da er ihr diese
+ungewöhnliche Neubegier liebreich verwies, verhüllte sie ihr Gesicht und
+weinte bitterlich. Das ging dem edlen Ritter ans Herz, doch tat er
+sich's nicht aus, saß auf und eilte zum Tummelplatz, traf mit seinem
+Gegner hart zusammen, erlegte ihn nach einem wackern Rennen und kehrte
+triumphierend heim.
+
+Seine züchtige Hausfrau empfing ihn mit offenen Armen, liebkoste ihn
+freundlich und ließ nicht ab, mit glatten Worten und süßer Schmeichelei
+ihn auszuholen, was für ein Abenteuer er bestanden habe. Er aber
+verschloß flugs sein Herz, verwahrte alle Zugänge mit dem Riegel der
+Unempfindsamkeit und offenbarte ihr nichts; vielmehr sprach er
+spottweise: »O Mutter Eva, deine Töchter sind noch nicht ausgeartet,
+Neugier und Vorwitz ist der Weiber Erbteil bis auf diesen Tag.« --
+»Verzeihet, lieber Gemahl,« antwortete die kluge Frau, »die Männer haben
+auch ihr bescheiden Teil aus Mutter Evens Erbschaft empfangen. Der
+Unterschied ist nur, daß eine gutmütige Frau für ihren Mann kein
+Geheimnis hat noch haben darf. Es stünde die Wette, wenn mein Herz Euch
+was verhehlen könnte, daß Ihr nicht ruhen noch rasten würdet, bis Ihr
+mir meine Heimlichkeit abgelockt hättet.« -- »Und ich,« versetzte er,
+»gebe Euch mein Wort, daß mich Eure Heimlichkeit nichts kümmern wird; es
+ist Euch vergönnt, die Probe zu machen.« Da war's, wo Frau Mathilde
+ihren Ehegemahl hinhaben wollte. »Wohlan,« sprach sie, »lieber Herr, so
+sei mir vergönnt, eine von den Gevattern zu erkiesen, die mein
+neugebornes Kindlein aus der Taufe heben. Ich habe eine Freundin ins
+Herz geschlossen, die Euch unbekannt ist; da ist nun mein Begehr, daß
+Ihr nie in mich dringen wollt, Euch zu sagen, wer sie sei, von wannen
+sie kommt, noch wo sie hauset. Wann Ihr mir das bei Eurer ritterlichen
+Ehre verheißet und Eurer Zusage Genüge tut, will ich die Wette verloren
+haben und frei bekennen, daß der männliche Geist über die weibliche
+Schwachheit triumphiert.« Wackermann leistete seiner Hausfrau das
+Versprechen unweigerlich und sie erfreute sich des guten Erfolgs ihrer
+schlauen List innigst.
+
+[Illustration]
+
+Wackermann ritt ganz wohlgemut zu seinen Nachbarn und Gefreunden, sie
+zur Gevatterschaft zu laden. Sie fanden sich insgesamt an dem bestimmten
+Tage ein, und da die Frau das Geräusch der Wagen, das Wiehern der Pferde
+und das Getümmel des Hofgesindes vernahm, berief sie eine vertraute
+Dirne zu sich und sprach: »Nimm diesen Bachkiesel, wirf ihn
+stillschweigend hinter dich in den Nixenbrunnen und spute dich
+auszurichten, was dir befohlen ist.« Die Dirne tat nach dem Befehl und
+ehe sie wieder zurückkam, trat eine unbekannte Dame in das
+Gesellschaftszimmer, neigte sich züchtig gegen die anwesenden Herren und
+Frauen, und wie das Kindlein vorgetragen wurde und der Täufer zum Becken
+trat, nahm sie ihre Stelle unter den Paten obenan. Jedermann machte ihr
+ehrerbietig Platz als einer Fremden und sie hielt das Kind zuerst auf
+dem Arm über der Taufe. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Sie war so
+schön, so sittsam und dabei so herrlich gekleidet in ein fliegendes
+Gewand von wasserblauer Seide und aufgeschlitzten Ärmeln, mit weißem
+Atlas unterlegt; über das war sie mit Juwelen und Perlenschmuck so
+reichlich behangen, wie die heilige Jungfrau zu Loretto an einem
+kirchlichen Galatage. Ein glänzender Saphir hielt den durchsichtigen
+Schleier, der in dünnen Wolken von dem Wirbel des künstlich
+geschlungenen Haares längs den Schultern bis an die Fersen
+herabschwebte; aber der Zipfel des Schleiers war naß, als sei er durchs
+Wasser gezogen.
+
+Die unerwartete Erscheinung der fremden Dame hatte die sämtliche
+Mitgevatterschaft dergestalt in der Andacht gestört, daß sie vergaßen,
+dem Kinde einen Namen zu geben, darum taufte es der Priester Mathilde,
+nach dem Namen der Mutter. Nach vollbrachter Taufhandlung wurde die
+kleine Mathilde zu derselben zurückgebracht, und alle Paten folgten
+nach, Glück zu wünschen und dem Patchen den Waschpfennig einzubinden.
+Die Mutter schien bei dem Anblick der Unbekannten etwas betroffen,
+vermutlich aus Verwunderung, daß die Nixe so treulich Wort gehalten
+hatte. Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihren Gemahl, der mit einem
+unausdeutbaren Lächeln antwortete und sich übrigens das Ansehen gab, als
+nehme er von der Fremden weiter keine Notiz. Das Patengeschenk gab jetzt
+der Empfängerin andere Beschäftigung, ein goldener Regen strömte aus
+freigebigen Händen auf den Täufling herab. Die Unbekannte nahte sich
+zuletzt mit ihrer Patensteuer und täuschte die Erwartung aller
+Mitgevattern. Sie vermuteten von der glanzreichen Dame ein Kleinod oder
+einen Denkpfennig von großem Wert, besonders da sie ein seidenes
+Taschentuch hervorzog und solches mit großer Bedächtlichkeit
+voneinander schlug; aber Frau Pate hatte nichts drein gewickelt als
+einen Bisamapfel aus Holz gedreht; sie legte diesen feierlich auf des
+Kindes Wiege, küßte die Mutter freundlich auf die Stirn und begab sich
+aus dem Zimmer.
+
+[Illustration]
+
+Über dieses armselige Geschenk entstand ein heimliches Flüstern unter
+den Anwesenden, das bald in ein spöttisches Gelächter ausbrach. Es
+fehlte nicht an mancherlei boshaften Anmerkungen; da aber der Ritter und
+seine Dame ein tiefes Stillschweigen beobachteten, so blieb den
+Forschern und Schwätzerinnen nichts übrig, als sich an leeren
+Mutmaßungen zu weiden. Die Unbekannte kam nicht wieder zum Vorschein,
+und niemand wußte zu sagen, wo sie hingeschwunden sei. Wackermann wurde
+insgeheim allerdings von dem Verlangen gequält zu erforschen, wer die
+Fremde gewesen sein möchte, die man, weil niemand ihren Namen wußte, die
+Dame mit dem nassen Schleier nannte; nur die Scheu, als ein mannlicher
+Ritter einer Schwachheit sich schuldig zu machen und die
+Unverbrüchlichkeit seines gegebenen Wortes banden ihm die Zunge. Er
+gedachte ihr das Geheimnis mit der Zeit dennoch abzulisten. Doch diesmal
+irrte er in der Rechnung; Frau Mathilde wußte ihre Zunge zu
+beschwichtigen und bewahrte das unauflösliche Rätsel so sorgfältig im
+Herzen, wie den Bisamapfel in ihrem Schatzkästlein.
+
+[Illustration]
+
+Ehe das Fräulein dem Gängelbande entwuchs, wurde die Prophezeiung der
+Nymphe an der guten Mutter erfüllt; sie erkrankte plötzlich und starb,
+ohne Zeit zu haben, an den Bisamapfel zu gedenken oder damit nach
+Verfügung der Nixe zu gunsten der kleinen Mathilde zu verfahren. Ihr
+Gemahl war eben abwesend, auf dem Turnier zu Augsburg und zog, mit einem
+Ritterdank von Kaiser Friedrich gekrönt, wieder nach Hause. Wie der
+Zwerg auf dem Turm seinen Herrn in der Ferne sah angeritten kommen,
+stieß er nach Gewohnheit ins Horn, dem Hofgesinde dessen Ankunft
+kundzutun; aber er ließ nicht wie sonst einen freudigen Ton erschallen,
+sondern posaunte gar eine traurige Melodei. Das fuhr dem Ritter durchs
+Herz und bekümmerte seine Seele. »Was für ein Schall,« sprach er, »gellt
+mir ins Ohr? Hört ihr's, ihr Knappen, ist das nicht Krähenruf und
+Totensang? Kleinhänsel verkündet uns nichts Gutes.« Und die Knappen
+waren alle bestürzt, sahen ihren Herrn traurig an und einer unter ihnen
+nahm das Wort und sprach: »Das ist die Weise des Vogels Kreideweiß, Gott
+wende Unglück ab; 's ist eine Leiche im Hause!« Da spornte Wackermann
+seinen Hengst und ritt übers Blachfeld daher, daß die Funken stoben. Die
+Zugbrücke fiel, er sah gierig in den Schloßhof und erblickte leider das
+Leichenzeichen vor seiner Haustür ausgestellt, eine Laterne ohne Licht
+mit einem wehenden Flor geschmückt, und alle Fensterläden verschlossen.
+Dabei vernahm er von innen Schluchzen und Wehklagen des Gesindes, denn
+Frau Mathilde war eben aufgebahrt. Zu Häupten des Sarges saßen die
+beiden größern Töchter, in Boy und Flor gehüllt, und beweinten die
+erbleichte Mutter mit zahllosen Tränen. Am Fuße des Sarges saß die
+kleine Lieblingstochter; noch unvermögend, ihren Verlust zu empfinden,
+zerzupfte sie mit kindischer Gleichmütigkeit spielend die Überbleibsel
+der Blumen, womit die Leiche geschmückt war. Dieser wehmütige Anblick
+überwältigte Wackermanns männliche Standhaftigkeit, er weinte und
+jammerte laut, stürzte über den eiskalten Leichnam her, benetzte die
+bleichen Wangen mit seinen Tränen, drückte mit zitterndem Munde die
+erstorbenen Lippen und überließ sich ohne Scheu allen schmerzhaften
+Gefühlen seines Herzens. Hernach hing er seine Waffen in die Rüstkammer
+auf, saß bedeckt mit einem abgekrempten Hut und einem schwarzen
+Trauermantel beim Sarge, trug Leid um seine abgeschiedene Hausfrau und
+erwies ihr die letzte Ehre durch ein feierliches Totengepränge.
+
+[Illustration]
+
+Weil jedoch nach der Bemerkung eines großen Mannes die heftigsten
+Schmerzen immer die kürzesten sind, so vergaß der tiefgebeugte Witwer
+bald seines Herzeleids und ersetzte darauf den erlittenen Verlust durch
+eine zweite Gemahlin, die ganz das Gegenbild der frommen, sittsamen
+Mathilde war. Das Hausregiment nahm folglich eine andere Gestalt an; die
+junge Frau liebte Pracht und Verschwendung, gebärdete sich stolz und
+gebieterisch gegen das Gesinde; des Schlemmens und Bankettierens war
+kein Ende. Die kleine Mathilde kam unter Aufsicht einer Amme und wurde
+in ein abgelegenes Stübchen versetzt, wo sie der eiteln Frau, die mit
+Familiensorgen sich nicht gern befaßte, weit genug aus den Augen war.
+Ihr verschwenderischer Aufwand mehrte sich also, daß der Ertrag des
+Faust- und Kolbenrechts, so unermüdet der Ritter solchem oblag, nicht
+mehr hinreichte, denselben zu bestreiten; sie sah sich oft genötigt, die
+Verlassenschaft ihrer Vorweserin zu plündern, die reichen Stoffe zu
+vermöbeln oder Geld darauf zu leihen. Einstmals durchsuchte sie
+Schubladen und Truhen, um etwas von Wert auszuwittern, da stieß sie auf
+ein geheimes Fach eines Putzschrankes und fand darin zu ihrer großen
+Freude Frau Mathildens Schatzkästlein. Die funkelnden Juwelen der
+Demantringe, Ohrenspangen, Armbänder, Schürzhaken und anderes Geschmeide
+entzückten ihr gieriges Auge. Sie musterte alles genau durch, besah's
+Stück für Stück und überschlug in ihren Gedanken, welchen Gewinn dieser
+herrliche Fund einbringen würde. Unter diesen Kostbarkeiten fiel ihr
+auch der hölzerne Bisamapfel in die Augen. Sie wußte lange nicht, was
+sie daraus machen sollte, sie versuchte es, ihn aufzuschrauben; aber er
+war verquollen. Sie wog ihn in der Hand und befand ihn so leicht als
+eine taube Nuß; darum meinte sie, es sei irgend ein lediges
+Ringfutteral, und weil sie damit nichts anzufangen wußte, warf sie's als
+ein Ding ohne allen Wert aus dem Fenster.
+
+[Illustration]
+
+Zufälligerweise saß die kleine Mathilde unten im Zwingergarten und
+spielte mit ihrer Puppe. Wie sie die hölzerne Kugel auf dem Sande
+daherrollen sah, warf sie die Puppe aus der Hand und griff mit
+kindischer Begierde nach dem neuen Spielzeug, hatte auch ebensoviel
+Freude über diesen Fund als Mama an dem ihrigen. Sie ergötzte sich viele
+Tage mit der Spielerei und ließ sie nicht aus der Hand. An einem
+schönen Sommertage lüstete der Amme, mit ihrer Pflegetochter der
+frischen Kühlung am Felsenbrunnen zu genießen. Um Vesperzeit forderte
+das Kind seine Honigsemmel, welche die Amme mitzunehmen vergessen hatte.
+Sie hatte noch nicht Lust zurückzukehren; um nun die Kleine bei Gutem zu
+erhalten, ging sie ins Gebüsch, ihr eine Handvoll Himbeeren zu pflücken.
+Das Kind spielte indes mit dem Bisamapfel, warf ihn hin und her wie
+einen Fangeball, bis ein Wurf mißlang und die kindische Freude in
+eigentlichem Verstande in den Brunnen fiel. Augenblicks stund eine junge
+Dame da, schön wie ein Engel und freundlich wie eine Grazie. Das Kind,
+bestürzt darüber, glaubte ihre Stiefmutter vor sich zu sehen, die sie
+immer schalt und schlug, wenn sie ihr unter die Augen kam. Die Nymphe
+aber liebkoste ihr mit sanften Worten: »Fürchte nichts, liebe Kleine,
+ich bin deine Pate, komm zu mir. Sieh, hier ist dein Spielzeug, das in
+den Brunnen fiel.« Dadurch lockte sie das Kind zu sich, nahm's auf den
+Schoß, drückte es zärtlich an den Busen, herzte und küßte die kleine
+Mathilde und benetzte ihr Angesicht mit Tränen. »Arme Verwaiste,«
+sprach sie, »ich hab's versprochen, Mutterstelle bei dir zu vertreten,
+ich will's auch halten. Besuche mich oft, du wirst mich stets an dieser
+Grotte finden, wenn du einen Stein in den Brunnen fallen lässest.
+Bewahre diesen Bisamapfel sorgfältig und spiele nicht wieder damit, daß
+du ihn nicht verlierst, er wird dir einst drei Wünsche gewähren. Wenn du
+heranwächst, will ich dir mehr sagen, jetzt kannst du's nicht fassen.«
+Sie gab ihr noch manche gute Vermahnung, die sich für des Kindes Alter
+schickte, und gebot ihr Stillschweigen; die Amme kam zurück und die
+Nymphe verschwand.
+
+[Illustration]
+
+Die kleine Mathilde hatte so viel Besonnenheit, gegen die Amme nichts
+von Frau Paten zu erwähnen, forderte bei ihrer Zuhausekunft Nähnadel und
+Zwirn und vernähte damit sorgfältig den Bisamapfel in das Unterfutter
+des Kleides. Ihr Sinn und Gedanken stunden nur nach dem Nixenbrunnen; so
+oft es die Witterung erlaubte, schlug sie der Aufseherin einen
+Spaziergang dahin vor, und weil diese dem schmeichelhaften Mädchen
+nichts abschlagen konnte und diese Neigung ihr angeboren schien, indem
+die Grotte der Lieblingsaufenthalt der Mutter gewesen war, gewährte sie
+der Kleinen diesen Wunsch desto leichter. Da wußte diese nun immer einen
+Vorwand zu finden, die Amme wegzuschicken, und sobald sie den Rücken
+wendete, fiel der Stein ins Wasser und verschaffte dem klugen Mädchen
+die Gesellschaft ihrer liebreizenden Pate. Nach einigen Jahren blühte
+die kleine Waise zum jungfräulichen Alter heran; sie lebte unter dem
+Gesinde versteckt, saß auf ihrer Kammer, beschäftigte sich mit
+häuslicher Arbeit und fand nach vollendetem Tagewerke zur Abendzeit
+reichen Ersatz für die rauschenden Freuden, die sie entbehrte, in der
+Gesellschaft der Nymphe am Brunnen. Diese war nicht nur ihre
+Gesellschafterin und Freundin, sie war auch ihre Lehrmeisterin,
+unterrichtete das Fräulein in allen weiblichen Kunstfertigkeiten und
+bildete sie ganz nach dem Beispiel ihrer tugendhaften Mutter.
+
+[Illustration]
+
+Eines Tages schien die Nymphe ihre Zärtlichkeit gegen die reizvolle
+Mathilde zu verdoppeln; sie schloß sie in die Arme, ließ das Haupt auf
+ihre Schultern sinken und war so wehmutsvoll und traurig, daß das
+Fräulein mit ihr einstimmte und sich nicht enthalten konnte, einige
+Tränen auf die Hand ihrer Pate fallen zu lassen, die sie eben schweigend
+an die Lippen drückte. Durch diese sanfte Mitempfindung wurde die Nymphe
+noch wehmütiger; »Kind,« sprach sie mit trauriger Stimme, »du weinst und
+weißt nicht warum; aber deine Tränen sind Vorgefühle deines Schicksals.
+Dem Hause auf dem Berge steht eine große Veränderung bevor; ehe der
+Schnitter die Sense dengelt und der Wind über die Stoppeln des
+Weizenfeldes weht, wird's öde und wüst stehen. Wenn die Schloßdirnen in
+der Abenddämmerung herausgehen, des Wassers aus meinem Brunnen zu
+schöpfen und mit ledigem Eimer zurückkehren, so gedenke, daß Unglück
+kommt. Wahre den Bisamapfel, der dir drei Wünsche gewähren wird, und
+gehe nicht verschwenderisch mit deinen Wünschen um! Gehab dich wohl, an
+dieser Stätte sehen wir uns nicht wieder.« Drauf lehrte sie dem
+Fräulein noch einige magische Eigenschaften des Apfels, um sich
+derselben im Notfall zu bedienen, weinte und schluchzte beim
+Hinscheiden, daß ihr die Worte versagten und ließ sich nicht mehr sehen.
+
+[Illustration]
+
+Um die Zeit der Weizenernte kamen eines Abends die Wasserträgerinnen mit
+ledigen Krügen ins Schloß zurück, bleich und erschrocken, zitterten an
+allen Gliedern, als schüttle sie der Frost des Wechselfiebers,
+verkündeten, die weiße Frau sitze am Brunnen mit trauriger Gebärdung des
+Händeringens und Wehklagens, welches nichts Gutes bedeute. Des hatten
+die Kriegsleute und Waffenträger ihren Spott, meinten, es sei Täuschung
+und Weibergeschwätz. Einige trieb die Neugier hinaus, Grund und Ungrund
+der Sache zu erforschen; sie sahen dieselbe Erscheinung, faßten sich
+dennoch ein Herz und gingen zum Brunnen. Wie sie hinkamen, war das
+Gesicht verschwunden, und da gab's mancherlei Glossen und Auslegungen
+darüber; keiner riet jedoch auf die wahre Deutung, welche Fräulein
+Mathilde allein wußte, ob sie es gleich nicht laut werden ließ; denn die
+Nymphe hatte ihr Stillschweigen geboten. Sie saß einsam und trübsinnig
+auf ihrer Kammer unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen
+sollten.
+
+Wackermann Uhlfinger konnte seiner verschwenderischen Hausfrau nicht
+satt rauben und plündern, und wenn er nicht auf Wegelagerung ausging,
+bereitete sie ihm tagtäglich ein Wohlleben, berief seine Zechbrüder
+zusammen, unterhielt ihn im Taumel der Lust und ließ ihn nie daraus wach
+werden, um den Verfall seines Hauswesens wahrzunehmen. Wenn's an
+Barschaft oder Lebensmitteln gebrach, so gaben Jakob Fuggers Lastwagen
+oder der Venediger reiche Speditionen immer neue Ausbeute. Dieser
+Plackereien müde, beschloß der Generalkongreß des Schwäbischen Bundes,
+weil Abmahnungen und Warnungen nichts fruchteten, Uhlfingers Untergang.
+Ehe er dachte, daß es so ernstlich gemeint sei, wehten die städtischen
+Bundesfahnen vor dem Tor seiner Bergfeste, und es blieb ihm nichts
+übrig, als der Entschluß, sein Leben teuer genug zu verkaufen. Die
+Bombarden und Donnerbüchsen erschütterten die Basteien und die
+Armbrustschützen taten auf beiden Seiten ihr Bestes; es hagelte Bolzen
+und Pfeile und einer davon, in einer unglücklichen Stunde abgedrückt, wo
+Wackermanns Schutzgeist von ihm gewichen war, fuhr durchs Visier seines
+Helms ihm tief ins Hirn, daß er alsbald im kalten Todesschlummer
+dahintaumelte. Durch den Fall des Bannerherrn geriet das Kriegsvolk in
+große Bestürzung; einige Feigherzige steckten die weiße Fahne aus, die
+Mutigen rissen sie wieder herab vom Turm. Daraus merkte der Feind, daß
+innerhalb der Burg Unordnung und Verwirrung herrsche; die Belagerer
+liefen Sturm, überstiegen die Mauern, gewannen das Tor, ließen die
+Zugbrücke herab und schlugen alles mit der Schärfe des Schwertes, was
+ihnen vorkam. Selbst die Unglücksstifterin, das verschwenderische Weib,
+wurde mit all ihren Kindern von dem wütigen Kriegsvolke erschlagen, das
+gegen den räuberischen Adel so erbittert war, als nachher die Aufrührer
+im schwäbischen Bauernkriege. Das Schloß wurde rein ausgeplündert, in
+Brand gesteckt und der Erde gleichgemacht.
+
+[Illustration]
+
+Während des kriegerischen Tumults hielt sich Fräulein Mathilde im
+Dachstübchen ganz ruhig und hatte die Tür verschlossen. Als sie aber
+merkte, daß draußen alles bunt über ging und Schloß und Riegel ihr keine
+Sicherheit weiter geben würde, warf sie ihren Schleier über, drehte
+den Bisamapfel dreimal in der Hand und trat kühnlich heraus, nachdem sie
+das Sprüchlein ausgesprochen, welches ihr die Nixe gelehrt hatte:
+
+ Hinter mir Nacht, vor mir Tag,
+ Daß mich niemand sehen mag;
+
+und so wandelte sie unbemerkt mitten durch das feindliche Kriegsvolk aus
+der väterlichen Burg, wiewohl mit hochbetrübtem Herzen und ohne zu
+wissen, wohin sie ihren Weg nehmen sollte. Solange ihre zarten Füße ihr
+nicht den Dienst versagten, eilte sie, von dem Schauplatz des Greuels
+und der Verwüstung sich zu entfernen, bis sie, von Nacht und Müdigkeit
+befallen, unter einem wilden Birnbaum im freien Felde zu herbergen
+beschloß. Sie setzte sich auf den kühlen Rasen und ließ den Tränen
+freien Lauf.
+
+[Illustration]
+
+Noch einmal schaute sie nach der Gegend um und wollte sie segnen, wo sie
+die Jahre der Kindheit verlebt hatte; wie sie die Augen aufhob, sah sie
+ein blutrotes Feuerzeichen am Himmel stehen, woraus sie urteilte, daß
+das Stammhaus ihrer Voreltern ein Raub der Flammen worden sei. Sie
+wendete ihre Augen von diesem grausenvollen Anblick weg und wünschte mit
+Sehnsucht, daß die funkelnden Sterne erbleichen und die Morgenröte aus
+Osten hervorschimmern möchte.
+
+[Illustration]
+
+Ehe es noch tagte und der Morgentau auf dem Grase sich in kleine Tropfen
+sammelte, setzte sie die ungewisse Pilgerreise fort und gelangte bald in
+ein Dorf, wo sie von einer gutherzigen Bäuerin aufgenommen und mit
+einem Bissen Brot und einer Schale Milch erquickt wurde. Von dieser Frau
+tauschte sie bäuerische Kleider und gesellte sich zu einer Karawane
+Frachtführer, die sie gen Augsburg geleiteten. In diesem trübseligen,
+verlassenen Zustande blieb ihr keine Wahl, als sich für ein
+Dienstmädchen zu vermieten; weil's aber außer der Zeit war, konnte sie
+lange keine Herrschaft finden.
+
+Graf Konrad von Schwabeck, ein deutscher Kreuzherr, auch Kastenvogt und
+Schirmherr des Bistums Augsburg, besaß daselbst einen Komterhof, wo er
+sich im Winter aufzuhalten pflegte. In seiner Abwesenheit wohnte eine
+Schließerin darin, Frau Gertrud genannt, die das Hauswesen regierte.
+Diese Frau war in der ganzen Stadt für eine Megäre ausgeschrien; kein
+Gesinde konnt's bei ihr aushalten, sie lärmte und tobte im Hause umher
+wie ein Poltergeist. Das Rasseln ihrer Schlüsseln fürchteten die Dirnen,
+wie die Kinder den Ruprecht; das kleinste Versehen oder auch nur ihre
+bösen Launen mußten Köpfe und Töpfe entgelten; kurz, wenn man ein böses
+Weib beschreiben wollte, so hieß es, sie sei so arg als Frau Trude im
+Komterhofe. Eines Tages hatte sie das Strafamt so gewaltsam ausgeübt,
+daß alles Gesinde entlief; da kam die sanfte Mathilde und bot ihre
+Dienste an. Um ihren edlen Wuchs zu verhehlen, hatte sie eine Schulter
+gepolstert, als sei sie verwachsen; ihr blondes, seidenes Haar verbarg
+ein breites Kopftuch; Angesicht und Hände hatte sie mit Ruß bestrichen,
+um eine zigeunermäßige Haut dadurch zu erkünsteln. Wie sie sich
+anmeldete und die Schelle an der Tür zog, steckte Frau Gertrud den Kopf
+aus dem Fenster; da sie nun die seltsame Figur gewahr wurde, meinte sie,
+es sei eine Bettlerin und rief herab: »Hier ist kein Almosenamt, geht in
+die Fuggerei, dort spendet man Heller aus!« und schlug das Fenster
+hastig zu. Fräulein Mathilde ließ sich dadurch nicht abschrecken, sie
+schellte so lange, bis die Ausgeberin in der Absicht wieder zum
+Vorschein kam, diese Zudringlichkeit mit einer Lage Scheltworten zu
+erwidern. Ehe sie aber ihren zahnlosen Mund eröffnete, verständigte sie
+das Fräulein, was ihr Begehr sei. »Wer bist du,« fragte Gertrud, »und
+was kannst du?« Die verstellte Dirne antwortete:
+
+ »Ich bin eine Waise,
+ Mathilde ich heiße,
+ Kann plätten,
+ Kann glätten,
+ Kann nähen und spinnen,
+ Auch sticken
+ Und stricken,
+ Kann hacken und pochen,
+ Auch braten und kochen,
+ Bin kunstreicher Hand
+ Und flink und gewandt.«
+
+[Illustration]
+
+Als die Wirtschafterin dieses Sprüchlein hörte und vernahm, daß das
+nußbraune Mädchen so viel gute Talente besaß, tat sie die Tür auf, gab
+ihr den Mietgroschen und nahm sie in die Küche. Sie stand ihren
+Geschäften so treulich vor, daß Frau Gertrud ganz aus der Übung kam,
+Töpfe nach dem Ziel zu werfen. Ob sie gleich immer streng und mürrisch
+blieb, alles tadelte und besser wissen wollte, so hielt ihr doch das
+Dienstmädchen nie Widerpart und wehrte durch Sanftmut und Duldung den
+Ergießungen ihrer schwarzen Galle ab. Sie wurde leidlicher und besser
+als seit vielen Jahren, zum Beweis, daß fromm Gesinde auch gut Regiment,
+gut Wetter, fromme und getreue Oberherren macht.
+
+Um die Zeit des ersten Schnees ließ die Hausmutter das ganze Haus fegen
+und reinigen, die Fenster waschen, Vorhänge aufziehen und alles zum
+Empfang ihres Herrn zubereiten, der, mit dem bunten Gefolge seiner
+Diener umgeben, nebst einem großen Schwall von Pferden und Jagdhunden zu
+Winters Anfang eintraf. Mathilde kümmerte sich wenig um die Ankunft des
+Kreuzherrn; ihre Küchenarbeit hatte sich so gemehrt, daß sie sich nicht
+Zeit nahm, nach ihm auszusehen. Zufälligerweise begegnete er ihr, indem
+sie eines Morgens Wasser schöpfte, auf dem Hofe. Sein glänzendes Auge,
+die heitere Miene, das Gepräge des Wohlbehagens und Überflusses, das
+wellenförmige, leicht gelockte Haar, das sich halb unter die
+beschattenden Straußfedern des männlich ins Gesicht gedrückten Hutes
+versteckte, der feste Gang und edle Anstand des Mannes gefielen ihr gar
+wohl. Zum erstenmal empfand sie jetzt den großen Abstand des Standes, in
+welchen ein unglücklich Verhängnis sie versetzt hatte von dem, in
+welchem sie geboren war, und diese Empfindung drückte sie mehr als der
+schwere Wassereimer. Sie ging tiefsinnig in die Küche zurück und
+versalzte zum erstenmal alle Brühen, welches ihr von der Wirtschafterin
+einen harten Verweis zuzog.
+
+Graf Konrad schien bloß für das Vergnügen zu leben; er verabsäumte keine
+Lustbarkeit und kein Freudengelag' in der reichen Stadt, die der Verkehr
+mit den Venedigern üppig gemacht hatte. Bald gab es ein Ringelrennen,
+bald ein Stechen auf der Rennbahn, bald ein Ratswechsel oder sonst eine
+glänzende Feierlichkeit; auch fehlte es nicht an öffentlichen
+Reihentänzen auf dem Rathause oder auf dem Markte und durch alle
+Straßen, wo die Edelleute den Bürgerstöchtern goldene Fingerreife und
+seidene Tücher verehrten und gute Schwänke trieben. Als die
+Fastnachtsmummereien begannen, schien der Freudentaumel aufs höchste
+gestiegen zu sein. Fräulein Mathilde hatte an dem allen keinen Teil, saß
+in der rauchenden Küche und weinte schier die schmachtenden Augen wund,
+klagte über den Eigensinn des Glücks, das seine Günstlinge mit den
+Freuden des Lebens stromweise überschüttet und dem Unbegünstigten jeden
+frohen Augenblick abgeizet.
+
+Sie hatte den Bisamapfel der Pate Nixe, der ihr drei Wünsche gewähren
+sollte, noch im Besitz. Nie hatte sie Verlangen getragen, ihn zu öffnen
+und sein inneres Talent zu erproben; jetzt kam ihr ein, den ersten
+Versuch damit zu machen. Die Augsburger hatten bei Prinz Maxens Geburt
+Kaiser Friedrichen zu Ehren ein herrlich Bankett angestellt, das drei
+Tage dauern sollte, zu welchem sie viel Prälaten, Grafen und Herren aus
+der Nachbarschaft eingeladen hatten. Dabei wurde jeden Tag um einen
+ausgesetzten Preis gestochen, und zur Abendzeit wurden die schönsten
+Jungfrauen zu Rathaus aufgeholt, um mit der edlen Ritterschaft zu
+tanzen, und das dauerte bis an den lichten Morgen. Ritter Konrad
+ermangelte nicht, diesem Feste beizuwohnen.
+
+Mathilde hatte den Entschluß gefaßt, bei dieser Gelegenheit ein
+Abenteuer zu bestehen. Nachdem sie die Küche beschickt hatte und alles
+im Hause ruhig war, ging sie auf ihre Kammer, wusch mit feiner Seife die
+rußige Schminke von der Haut und ließ Lilien und Rosen darauf
+hervorblühen. Hernach nahm sie den Bisamapfel zur Hand und wünschte sich
+ein neues Kleid, so herrlich und prächtig es nur sein könnte, mit allem
+Zubehör. Sie öffnete den Deckel, da quoll hervor ein Stück seidenen
+Stoffs, das dehnte und breitete sich und rauschte wie ein Wasserstrom
+herab auf ihren Schoß; und als sie's recht besah, war's ein völliger
+Anzug mit allem dazugehörigen kleinen Putz, und das Kleid paßte ihr auf
+den Leib wie angegossen. Darüber empfand sie innige Herzensfreude,
+drehte den magischen Apfel dreimal in der Hand herum und sprach:
+
+ »Die Augen zu,
+ Bleibt alle in Ruh'!«
+
+Alsbald fiel ein tiefer Schlaf auf das gesamte Hausgesinde, von der
+wachsamen Wirtschafterin an bis auf den Türhüter. Husch war Fräulein
+Mathilde zur Tür hinaus, wandelte ungesehen durch die Straßen und trat
+mit dem Anstande einer Grazie in den Tanzsaal ein. Es wunderte sich
+männiglich über die Gestalt der holdseligen Jungfrau, und auf dem hohen
+Söller, der rings um den Saal lief, entstund ein flüsterndes Geräusch,
+wie wenn der Prediger auf der Kanzel Amen sagt. Einige bewunderten an
+der Unbekannten die Schönheit der Gestalt, andere den Geschmack der
+Kleidung, noch andere verlangten zu wissen, wer sie sei und von wannen
+sie käme, wiewohl kein Seitennachbar dem andern über diese Frage
+Auskunft geben konnte.
+
+Unter den edlen Rittern und Herren, die sich herzudrängten, die fremde
+Jungfrau zu beäugeln, war der Kreuzherr nicht der letzte. Er nahte sich
+ihr und zog sie zum Tanze auf; sie bot ihm bescheiden die Hand und
+tanzte zur Bewunderung schön. Ihr leichter Fuß schien kaum die Erde zu
+berühren; die Bewegung des Körpers aber war so edel und ungezwungen, daß
+sie jedes Auge entzückte. Ritter Konrad kam ihr nicht mehr von der Seite
+und sagte ihr viel Schönes vor; es lag ihm sehr daran zu wissen, wer die
+Unbekannte sei und wo sie hause, um sie zu verfolgen. Doch hier war
+alles Forschen vergebens; sie wich allen Fragen aus, und mit vieler Mühe
+erhielt er nur von ihr die Zusage, den folgenden Tag nochmals den Tanz
+zu besuchen. Er gedachte sie zu überlisten, wenn sie allenfalls nicht
+Wort halten sollte, und stellte alle Bedienten auf die Lauer, ihre
+Wohnung auszukundschaften, denn er hielt sie für eine Augsburgerin; die
+Tanzgesellschaft aber meinte, sie gehörte zur Freundschaft des Grafen.
+
+Der Morgen war schon angebrochen, ehe sie Gelegenheit fand, dem Ritter
+zu entwischen und den Tanzplatz zu verlassen. Sobald sie aus dem Saal
+trat, drehte sie den Bisamapfel dreimal in der Hand um und sagte dazu
+ihr Sprüchlein:
+
+ »Hinter mir Nacht, vor mir Tag,
+ Daß mich niemand sehen mag;«
+
+und so gelangte sie in ihre Kammer, ohne daß die Dämmerungsvögel des
+Grafen, die in allen Straßen auf- und abflatterten, sie wahrnahmen. Bei
+ihrer Zuhausekunft schloß sie das seidene Kleid in die Lade, zog wieder
+die schmutzigen Küchenkleider an und gab sich an ihr Geschäft, war
+früher auf als das übrige Gesinde, welches Frau Gertrude mit dem Bund
+Schlüssel aus den Betten klingelte, und erntete von der Wirtschafterin
+ein kleines Lob.
+
+Noch nie war dem Ritter ein Tag so lang worden als der nach dem Ball;
+jede Stunde dünkte ihn ein Jahr. Um Vesperzeit rüstete er sich zum Ball,
+kleidete sich sorgfältiger als tags vorher, und die drei goldenen Ringe,
+das alte Abzeichen des Adels, funkelten diesmal mit Diamanten besetzt am
+Saume seiner Halskrause. Er war der erste auf dem Tummelplatze der
+Freude, musterte alle Kommenden mit dem Scharfblick des Adlerauges und
+harrte mit Ungeduld der Erscheinung seiner Ballkönigin entgegen. Der
+Abendstern war schon hoch am Horizont heraufgerückt, ehe das Fräulein
+Zeit gewann, auf ihre Kammer zu gehen. Sie wünschte sich ein anderes
+Kleid, von Rosaatlas nebst einem Juwelenschmuck, so schön und prächtig,
+als ihn die Königstöchter zu tragen pflegen. Der gutwillige Bisamapfel
+gab her, was in seinem Vermögen war, und der Anzug übertraf ihre eigene
+Erwartung. Sie machte wohlgemut ihre Toilette, und mit Hilfe des
+Talismans gelangte sie, von keinem sterblichen Auge bemerkt, dahin, wo
+sie so sehnlich erwartet wurde. Sie war schöner als tags vorher, und da
+sie der Kreuzherr erblickte, zog er sie wieder zum Tanze auf und alle
+Partien traten ab, das herrliche Paar walzen zu sehen.
+
+[Illustration]
+
+Nach vollendetem Tanze führte Graf Konrad die ermüdete Tänzerin unter
+dem Vorwand, Erfrischung zu suchen, in ein Seitengemach, sagte ihr in
+der Sprache eines feinen Hofmannes wie tags zuvor viel Schmeichelhaftes,
+wie ein Freier zu reden pflegt, der um eine Braut wirbt. Das Fräulein
+hörte mit verschämter Freude den Ritter an, dann redete sie gar
+züchtiglich also: »Was Ihr mir, edler Ritter, heute und gestern
+vorgesagt habt, gefällt meinem Herzen wohl; denn ich glaube nicht, daß
+Ihr mit trüglichen Worten zu mir redet. Aber wie kann ich Eure Gemahlin
+werden, da Ihr ein Kreuzherr seid und das Gelübde getan habt, ehelos zu
+bleiben Euer Leben lang?« Der Ritter antwortete ernsthaft und bieder:
+»Ihr redet als eine tugendliche und kluge Jungfrau, darum will ich auf
+Eure ehrliche Frage Euch jetzt Bescheid geben und Euren Zweifel lösen.
+Zur Zeit, als ich in den Kreuzorden aufgenommen wurde, war mein Bruder
+Wilhelm, der Stammerbe, noch am Leben; seit der aber erbleicht ist, habe
+ich Dispensation erlangt, als der Letzte meines Stammes ehelich zu
+werden und dem Orden zu entsagen, so mir's gefällt. Ich vertraue fest
+darauf, daß Ihr und keine andere vom Himmel mir zum ehelichen Gemahl
+beschieden seid. So Ihr mir nun Eure Hand nicht weigert, soll unser
+Bündnis nichts scheiden als der bittere Tod.« -- »Bedenket Euch wohl,«
+versetzte Mathilde, »daß Euch nicht die Reue ankomme; vorgetan und
+nachbedacht, hat in die Welt viel Unheil bracht. Ich bin Euch fremd, Ihr
+wisset nicht, wes Standes und Würden ich sei, ob ich Euch an Geburt und
+Vermögen gleiche, oder ob ein erborgter Schimmer nur Eure Augen blendet.
+Einem Manne Eures Standes steht an, nichts leichtsinnig zu verheißen,
+aber auch seine Zusage nach Adelsbrauch unverbrüchlich zu erfüllen.«
+Ritter Konrad ergriff hastig ihre Hand, drückte sie fest ans Herz und
+sprach mit warmer Liebe: »Das verspreche ich bei Seel' und Seligkeit!
+Wenn Ihr,« fuhr er fort, »des geringsten Mannes Kind wäret, so will ich
+Euch ehrlich halten als mein Gemahl und Euch zu hohen Ehren bringen.«
+Drauf zog er einen Demantring von großem Werte vom Finger, gab ihr den
+zum Pfand der Treue an ihre Hand und sprach weiter: »Damit Ihr kein
+Mißtrauen in meine Zusage setzet, so lade ich Euch über drei Tage in
+mein Haus, wo ich meine Freunde des Prälaten- und Herrenstandes, auch
+andere ehrenfeste Männer bescheiden will, unserer Ehestiftung
+beizuwohnen.« Mathilde weigerte sich des aus allen Kräften, weil sie die
+Beharrlichkeit seiner Gesinnungen zuvor erst prüfen wollte. Er ließ sich
+gleichwohl nicht abwendig machen, ihre Einwilligung zu begehren, und sie
+sagte weder ja noch nein dazu. Wie tags zuvor, schied die Gesellschaft
+bei Anbruch der Morgenröte auseinander, Mathilde verschwand, und der
+Ritter, dem kein Schlaf in die Augen kam, berief in aller Frühe die
+wache Wirtschafterin und gab ihr Befehl zur Zurichtung eines prächtigen
+Gastmahls.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Wie Freund Hein, das Furchtgerippe mit der Sense, Paläste und
+Strohhütten durchwandert und alles, was ihm begegnet, unerbittlich mäht
+und würgt, so durchzog am Vorabend des Gastmahls Frau Gertrud, die
+unerbittliche Faust mit dem Schlachtmesser bewaffnet, Hühner- und
+Entenställe und trug als die Parze des Hausgeflügels Leben und Tod in
+ihrer Hand. Von ihrem blanken Würgestahl fielen die unbesorgten Bewohner
+bei Dutzenden, schlugen zum letztenmal ängstlich die Flügel, und Hühner
+und Tauben und dämische Kapaunen bluteten neben dem verbuhlten Puterhahn
+ihr Leben aus. Fräulein Mathilde bekam so viel zu rupfen, zu brühen und
+aufzuzäumen, daß sie die ganze Nacht den goldenen Schlaf entbehren
+mußte; doch achtete sie all der Mühe nicht, weil sie wußte, daß der
+Hochschmaus um ihrentwillen angerichtet wurde. Das Gastmahl begann, der
+fröhliche Wirt flog den Kommenden entgegen, und wenn der Türhüter
+schellte, wähnte er immer, die unbekannte Braut sei an der Tür; wurde
+sie aber geöffnet, so trat ein Prälat, eine feierliche Matrone oder ein
+ehrwürdig Amtsgesicht herein. Die Gäste waren lange beisammen und der
+Truchseß zögerte gleichwohl, die Speisen aufzutragen. Ritter Konrad
+harrte noch immer auf die schöne Braut; als sie aber zu lange weilte,
+winkte er dem Truchseß mit geheimem Verdruß, die Tafel zu beschicken.
+Man setzte sich und befand, daß ein Gedeck zu viel war; niemand aber
+konnte erraten, wer die Einladung des Gastgebotes verschmäht hatte. Von
+Augenblick zu Augenblick verminderte sich die Fröhlichkeit des
+Gastgebers sichtbar, es war nicht mehr in seiner Gewalt, den Trübsinn
+von seiner Stirn zu bannen, so sehr er sich auch angelegen sein ließ,
+durch erzwungene Heiterkeit die Gäste bei Laune zu erhalten. Sauerteig
+säuerte gar bald den Süßteig der geselligen Freude, drum ging es im
+Tafelgemache bald so still und ernsthaft her wie bei einem Leichenessen.
+Die Geigen, die abends zum Tanz aufspielen sollten, wurden
+fortgeschickt, und so endete diesmal das Fest im Komterhof ohne Sang und
+Klang.
+
+Die mißmutigen Gäste verloren sich früher als gewöhnlich und den Ritter
+verlangte nach der Einsamkeit seines Gemachs. Er warf sich auf dem Bette
+unruhig hin und her und konnte mit seinen Sinnen nicht ausdenken, welche
+Deutung er der mißlungenen Hoffnung geben sollte. Der Morgen kam, ehe er
+ein Auge geschlossen hatte, die Diener traten herein, fanden ihren Herrn
+mit wilden Phantasien kämpfen, dem Anschein nach von einem heftigen
+Fieber befallen. Darüber geriet das ganze Haus in Bestürzung, die Ärzte
+rennten treppauf, treppnieder, schrieben ellenlange Rezepte, und in der
+Apotheke waren alle Mörser im Gange, als ob sie zur Frühmetten läuten
+sollten.
+
+Sieben Tage lang hatte sich Graf Konrad so durch geheimen Kummer
+abgezehrt, daß die Rosen seiner Wangen dahinwelkten, das Feuer der Augen
+verlosch und Leben und Odem ihm nur noch zwischen den Lippen schwebte
+wie ein leichter Morgennebel im Tal, der auf den kleinsten Windstoß
+wartet, ihn ganz zu verwehen. Fräulein Mathilde hatte genaue Kundschaft
+von allem, was im Hause vorging. Es war nicht Eigensinn, daß sie die
+Einladung nicht angenommen hatte. Teils wollte sie die Standhaftigkeit
+des Ritters prüfen, teils fand sie Bedenken, dem Bisamapfel den letzten
+Wunsch abzunötigen; denn als Braut meinte sie, zieme ihr ein neuer
+Anzug, und Frau Pate hatte ihr empfohlen, mit ihren Wünschen rätlich
+umzugehen. Indessen war ihr am Tage des Gastmahls gar weh ums Herz, sie
+setzte sich in einen Winkel und weinte bitterlich. Die Krankheit des
+Ritters beunruhigte sie noch mehr, und wie sie die Gefahr vernahm, in
+welcher er sich befand, war sie untröstbar.
+
+[Illustration]
+
+Der siebente Tag sollte nach dem Spruch der Ärzte Leben oder Tod
+entscheiden. Mathilde ging ihrer Gewohnheit nach bei frühem Morgen zur
+Wirtschafterin, mit ihr über den Küchenzettel Rat zu halten; aber Frau
+Gertrud war so außer der Fassung, daß sie sich auf die gemeinsten Dinge
+nicht besinnen, noch die Wahl der Speisen ordnen konnte; große Tränen
+wie die Tropfen einer Dachtraufe rollten über die ledernen Wangen: »Ach
+Mathilde!« schluchzte sie, »wir werden hier bald ausgewirtschaftet
+haben, unser guter Herr wird den Tag nicht überleben.« Das war eine gar
+traurige Botschaft! das Fräulein gedachte umzusinken vor Schrecken; doch
+faßte sie bald wieder Mut und sprach: »Verzaget nicht an dem Leben
+unsers Herrn, er wird nicht sterben, sondern gesund werden; ich habe
+heut' nacht einen guten Traum gehabt.« Die Alte war ein lebendiges
+Traumbuch, machte Jagd auf jeden Traum des Hausgesindes, und wo sie
+einen habhaft werden konnte, legte sie ihn immer so aus, daß die
+Erfüllung bei ihr stund; denn die anmutigsten Träume zielten bei ihr auf
+Hader, Zank und Scheltworte. »Sag an deinen Traum,« sprach sie, »daß ich
+ihn ausdeute.« »Mir war,« gegenredete Mathilde, »als sei ich noch daheim
+bei meinem Mütterlein; die nahm mich beiseits und lehrte mich das
+Süpplein von neunerlei Kräutern kochen; das hilft für alle Krankheit,
+so jemand nur drei Löffel davon genießt. 'Bereite dies deinem Herrn,'
+sprach sie, 'und er wird nicht sterben, sondern von Stund' an gesund
+werden.'« Frau Gertrud verwunderte sich höchlich über diesen Traum,
+enthielt sich diesmals aller sinnbildlichen Deutung: »Dein Traum ist
+sonderbar,« sprach sie, »und nicht von ungefähr. Richte flugs dein
+Süpplein zu zum Frühstück, ich will sehen, ob ich's über unsern Herrn
+vermag, daß er davon genießt.« Ritter Konrad lag im stillen Hinbrüten,
+matt und kraftlos, schickte sich zu seiner Heimfahrt und begehrte, das
+Sakrament der letzten Ölung zu empfahen; da trat Frau Gertrud zu ihm
+hin, riß ihn durch ihre geläufige Zunge aus der Betrachtung der vier
+letzten Dinge und quälte ihn mit gutgemeinter Geschwätzigkeit dermaßen,
+daß er, um ihrer los zu werden, verhieß, was sie begehrte. Indessen
+bereitete Mathilde eine herrliche Kraftbrühe, tat darein allerlei
+Küchenkräuter und köstliche Würze, und als sie anrichtete, legte sie den
+Demantring, welchen ihr der Ritter zum Pfande der Treue gegeben hatte,
+in die Schale und hieß den Diener auftragen.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Der Kranke fürchtete die laute Beredsamkeit der Wirtschafterin, die ihm
+noch in den Ohren gellte, so sehr, daß er sich zwang, einen Löffel Suppe
+zu nehmen. Als er zu Boden fuhr, bemerkte er einen Körper, den er
+herausfischte und zu seinem Erstaunen den Demantring fand. Sogleich
+glänzte sein Auge wieder voll Leben und Jugendfeuer und er leerte mit
+sichtbarer Eßlust die ganze Schale aus, zu großer Freude der Frau
+Gertrud und des aufwartenden Gesindes. Alle schrieben der Suppe die
+außerordentliche Heilkraft zu, den Ring hatte der Ritter keinen der
+Umstehenden bemerken lassen. Drauf wendete er sich zu Frau Gertrud und
+sprach: »Wer hat diese Kost zugerichtet, die mir wohltut, meine Kräfte
+belebt und mich wieder ins Leben ruft?« Die sorgsame Alte wünschte, daß
+der auflebende Kranke sich jetzt ruhig halten und nicht zu viel sprechen
+möchte, darum sprach sie: »Laßt Euch nicht kümmern, gestrenger Junker,
+wer das Süpplein zugerichtet hat; wohl Euch und uns, daß es die heilsame
+Wirkung hervorgebracht hat, die wir davon hofften.« Durch diese Antwort
+geschah aber dem Ritter kein Genügen; er bestund mit Ernst auf der
+Beantwortung seiner Frage, auf welche die Ausgeberin diesen Bescheid
+gab: »Es dienet eine junge Dirne in der Küche, genannt die Zigeunerin,
+aller Kräfte der Kräuter und Pflanzen kundig, die hat das Süpplein
+zugerichtet, das Euch so wohl tut.« -- »Führt sie alsbald zu mir,« sagte
+der Ritter, »daß ich ihr danke für diese Panazee des Lebens.« --
+»Verzeihet,« erwiderte die Haushälterin, »ihr Anblick würde Euch Unlust
+machen; sie gleicht an Gestalt einer Schleiereule, hat einen Höcker auf
+dem Rücken, ist mit schmutzigen Kleidern angetan und ihr Angesicht und
+Hände sind mit Ruß und Asche bedeckt.« -- »Tut nach meinem Befehl,«
+beschloß der Graf, »und zögert keinen Augenblick.« Frau Gertrud
+gehorchte, berief eilig Mathilden aus der Küche zu sich, warf ihr ein
+Regentuch über, das sie zu tragen pflegte, wenn sie zur Messe ging und
+führte sie in diesem Aufputz in das Krankenzimmer ein. Der Ritter
+begehrte, daß sich jedermann entfernen sollte, und als er die Tür hatte
+heißen zutun, sprach er: »Mägdlein, bekenne mir frei, wie bist du zu dem
+Ringe gelangt, den ich gefunden habe in der Schale, darein du mir das
+Frühstück zugerichtet hast?« -- »Edler Ritter,« antwortete das Fräulein
+züchtig und sittsam, »den Ring habe ich von Euch; Ihr begabtet mich
+damit am zweiten Abend des Freudenreihens; sehet nun zu, ob meine
+Gestalt und Herkunft verdient, daß Ihr Euch so abgehärmt habt, als
+wolltet Ihr ins Grab sinken. Euer Zustand jammerte mich, darum habe ich
+nicht länger verweilt, Euch aus dem Irrtum zu ziehen.«
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Einer solchen Überraschung hatte sich Graf Konrad nicht versehen; er war
+bestürzt und schwieg einige Augenblicke. Aber die Gestalt der schönen
+Tänzerin schwebte ihm bald wieder vor und er verfiel auf den Gedanken,
+daß man ihn durch einen frommen Betrug von seiner Absicht heilen wollte;
+doch der wahre Ring, den er zurückempfangen hatte, ließ vermuten, daß
+die Unbekannte auf irgend eine Weise mit im Spiel sein müßte; also legte
+er's darauf an, die Dirne auszuforschen und in der Rede zu fangen. »Seid
+Ihr die holde Jungfrau,« sprach er, »welcher ich meine Hand gelobet
+habe, so zweifelt nicht, daß ich meine Zusage treulich erfüllen werde;
+aber hütet Euch, mich zu betrügen. Könnet Ihr die Gestalt wieder
+annehmen, die Ihr mir vorloget zwei Nächte hintereinander auf dem
+Tanzplatz, könnet Ihr Euern Leib schlank und eben machen wie eine junge
+Tanne, könnet Ihr die schabige Haut abstreifen wie die Schlange und Eure
+Farbe wechseln wie das Chamäleon, so soll das Wort, welches ich
+aussprach, als ich diesen Ring von mir gab, Ja und Amen sein. Könnet Ihr
+aber diesen Bedingungen nicht Genüge leisten, so will ich Euch als eine
+Betrügerin strafen lassen, bis Ihr mir saget, wie Euch dieser Ring ist
+zuhanden kommen.«
+
+Hierauf schellte der Kreuzherr der Wirtschafterin und erteilte ihr den
+Befehl: »Geleitet dieses Mädchen auf ihre Kammer, daß sie sich reinlich
+kleide, harret an der Tür, bis sie heraustritt; ich erwarte euer im
+Sprachgemach.« Frau Gertrud nahm ihre Gefangene in genaue Aufsicht, ohne
+eigentlich zu wissen, wohin der Befehl ihres Herrn gemeint sei. Im
+Hinaufsteigen fragte sie: »Hast du Kleider, dich zu schmücken, warum
+hast du mir's verschwiegen? Gebricht dir's aber daran, so folge mir auf
+meine Kammer, ich will dir leihen, soviel du bedarfst.« Hierauf
+beschrieb sie ihre altmodische Garderobe, worin sie vor einem halben
+Jahrhundert Eroberungen gemacht hatte, Stück bei Stück mit froher
+Zurückerinnerung an die vormaligen Zeiten. Mathilde hatte darauf wenig
+acht, begehrte nur ein Stücklein Seife und eine Handvoll Weizenkleien,
+nahm ein Waschbecken voll Wasser, ging auf ihre Kammer und tat die Tür
+hinter sich zu; Frau Gertrud aber bewachte solche von außen mit großer
+Sorgfalt, wie ihr befohlen war. Der Kreuzherr, voller Erwartung, welchen
+Ausgang das Abenteuer seiner Liebe nehmen werde, verließ sein Lager,
+kleidete sich aufs zierlichste und begab sich in sein Prunkgemach, mußte
+sich lange gedulden, ehe er aus der Ungewißheit gezogen wurde, und
+wandelte mit geschwinden Schritten unruhig auf und ab. Doch als der
+welsche Zeiger am Augsburger Rathaus in der Mittagsstunde auf achtzehn
+Uhr wies, flogen urplötzlich die Flügeltüren auf, es rauschte durchs
+Vorgemach der Schweif eines seidenen Gewandes, Mathilde trat herein mit
+Anstand und Würde und geschmückt wie sie auf dem Feste erschienen war.
+»Ihr sehet mich hier,« sprach sie, »in meiner wahren Gestalt. Ich bin
+Wackermann Uhlfingers, des ehrenfesten Ritters, Tochter, dessen
+unglückliches Geschick Euch sonder Zweifel nicht verborgen ist, bin
+kümmerlich dem Einsturz des väterlichen Hauses entronnen und habe in
+Eurer Wohnung, wiewohl in armseliger Gestalt, Schutz und Sicherheit
+gefunden.« Hierauf erzählte sie ihm ihre Geschichte und verschwieg ihm
+auch die Heimlichkeit mit dem Bisamapfel nicht. Graf Konrad war
+hocherfreut und dachte nicht mehr daran, daß er zum Sterben krank
+gewesen war; er lud auf den folgenden Tag alle die Gäste wieder, die
+zuvor sein Trübsinn so früh auseinandergescheucht hatte, hielt
+öffentliche Verlobung mit seiner Braut, und als der Truchseß aufgetragen
+hatte und nun herumzählte, fand er, daß kein Gedeck zu viel war. Drauf
+trat der Ritter aus dem Orden, verließ den Komterhof und vollzog die
+Hochzeit mit großer Pracht. Bei dieser merkwürdigen Hausveränderung
+bewies sich die geschäftige Martha, Frau Gertrud, ganz untätig; als sie
+Fräulein Mathildens Kammertür bewachte und bei Eröffnung derselben eine
+stattlich gekleidete Dame zum Vorschein kam, war ihr Erstaunen so groß,
+daß sie rücklings vom Sessel fiel, einen Schenkel ausrenkte und
+lendenlahm blieb ihr Leben lang.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Die Neuvermählten verlebten das erste Jahr zu Augsburg. Eines Tages, als
+sie in frohen Gesprächen am offenen Fenster saßen, sagte die junge
+Gräfin: »Mein herzgeliebter Herr, mir ist nun kein Wunsch mehr übrig,
+ich erlasse meinem Bisamapfel die Erfüllung des dritten Wunsches mit
+Freuden. Habt Ihr aber irgend ein verborgenes Anliegen in Eurem Herzen,
+so tut mir's kund, ich will es zu dem meinigen machen und zur Stunde
+soll es Euch gewährt sein.« Graf Konrad schloß sein trautes Weib in die
+Arme und beteuerte ihr hoch, daß außer der Fortdauer seines Glückes für
+ihn nichts wünschenswerter auf Erden sei. Also verlor der Bisamapfel in
+den Augen seiner Besitzerin allen Wert und sie behielt ihn nur zum
+dankbaren Andenken der Pate Nixe.
+
+[Illustration]
+
+Graf Konrad hatte noch eine Mutter am Leben, die auf ihrem Wittum zu
+Schwabeck wohnte. Ihr in Kindesliebe die Hand zu küssen, trug die fromme
+Schwiegertochter groß Verlangen; doch der Graf lehnte immer die
+Wallfahrt zur Mutter unter scheinbarem Vorwand ab und brachte dagegen
+eine Lustreise auf ein ihm unlängst heimgefallenes Lehen in Vorschlag,
+unfern von Wackermanns zerstörter Burg gelegen; Mathilde willigte gern
+darein, um die Gegend wieder zu besuchen, wo sie ihre erste Jugend
+verlebt hatte. Sie besuchte die Trümmer der väterlichen Wohnung,
+beweinte die Asche ihrer Eltern, ging zum Nixenbrunnen und hoffte, daß
+ihre Gegenwart die Nymphe einladen würde, sich ihr zu versichtbaren.
+Mancher Stein fiel in den Brunnen ohne die gehoffte Wirkung, selbst der
+Bisamapfel schwamm als eine leichte Wasserblase obenauf, und sie mußte
+sich die Mühe nehmen, ihn selbst wieder herauszufischen. Die Nymphe kam
+nicht mehr zum Vorschein. Heimgekehrt, bekam Frau Mathilde einen Sohn,
+schön wie ein Götterknabe, und die Freude der Eltern war so groß, daß
+sie ihn schier aus heißer Liebe erdrückten; die Mutter ließ ihn nicht
+aus ihren Armen und spähte jeden Atemzug des kleinen unschuldigen
+Engels, obgleich der Graf eine weise Amme gedungen hatte, die des
+Kindleins pflegen sollte. Aber in der dritten Nacht, da alles im Schloß
+vom Taumel eines Freudenfestes in tiefem Schlaf begraben lag, wandelte
+die Mutter auch ein sanfter Schlummer an, und als sie erwachte, war das
+Kind aus ihren Armen weg! Bestürzt rief die erschrockene Gräfin: »Amme,
+wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?« Die Amme antwortete: »Edle Frau,
+das zarte Herrlein ist in Euren Armen.« Bett und Zimmer wurden ängstlich
+durchsucht, aber nichts gefunden außer einigen Blutströpflein auf dem
+Fußboden des Gemachs. Wie das die Amme inne ward, erhob sie groß
+Geschrei: »Ach, daß es Gott und alle Heiligen erbarme! Der Werwolf ist
+dagewesen und hat das Kindlein davongetragen.« Die Gräfin grämte sich
+über den Verlust des holden Knaben bleich und mager und der Vater war
+untröstbar. Obgleich der Werwolfsglaube in seinem Herzen kein Senfkorn
+aufwog, so ließ er sich doch von dem Geschwätz, da er sich die Sache auf
+keine Weise zu erklären wußte, übertäuben, tröstete seine trostlose
+Gemahlin, die aus Gefälligkeit für ihn, der alle Traurigkeit haßte, sich
+zwang, eine heitere Miene anzunehmen.
+
+[Illustration]
+
+Die Schmerzenstilgerin, die wohltätige Zeit, heilte endlich die
+mütterliche Herzwunde, als der Verlust durch einen zweiten Sohn ersetzt
+wurde. Grenzenlos war die Freude über den schönen Stammerben im
+gräflichen Palast, der Graf bankettierte frohen Muts mit seinen Nachbarn
+eine Tagereise ringsumher, der Freudenbecher ging ohne Unterlaß aus Hand
+in Hand, von Wirt und Gästen bis zum Türhüter herum, auf die Gesundheit
+des Neugebornen. Die besorgte Mutter ließ das Kindlein nicht von sich,
+erwehrte sich des süßen Schlafes, solange es ihre Kräfte erlaubten; da
+sie aber endlich den Forderungen der Natur nachgeben mußte, nahm sie die
+goldene Kette vom Hals, umschlang damit des Knäbleins Leib und
+befestigte das andere Ende davon an ihrem Arm, segnete sich und das Kind
+mit dem heiligen Kreuz, auf daß der Werwolf keine Macht noch Gewalt
+daran finden möchte, und bald darauf überfiel sie ein unwiderstehlicher
+Schlaf. Als sie der erste Morgenstrahl erweckte, o Jammer! da war der
+süße Knabe aus ihren Armen verschwunden. Im ersten Schrecken rief sie
+wie vormals: »Amme, wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?« und die Amme
+antwortete wiederum: »Edle Frau, das zarte Herrlein ist in Euren Armen.«
+Alsbald sah sie nach dem goldnen Kettlein, das sie um den Arm
+geschlungen hatte, befand, daß ein Gelenk mit einer scharfen stählernen
+Schere mitten entzweigeschnitten war, und sank in Ohnmacht vor Entsetzen
+hin. Die Amme machte Lärm im Hause, das Gesinde eilte voller Bestürzung
+herbei, und da Graf Konrad hörte, was sich zugetragen hatte, entbrannte
+sein Herz von Wut und Eifer, er zückte sein ritterliches Schwert,
+Sinnes, der Amme das Haupt zu spalten.
+
+»Verruchtes Weib!« donnerte er mit furchtbarer Stimme, »gab ich dir
+nicht geheimen Befehl, wach zu bleiben die ganze Nacht und kein Auge von
+dem Knaben zu verwenden, damit, wenn das Ungetüm käme, ihn der
+schlafenden Mutter wegzurauben, du durch dein Geschrei das Haus rege
+machtest, damit wir den Werwolf vertrieben? Schlaf nun, du Schläferin,
+den langen Todesschlaf!« Das Weib fiel auf die Kniee vor ihm nieder.
+»Gestrenger Herr,« sprach sie, »bei Gottes Barmherzigkeit beschwöre ich
+Euch, erwürget mich augenblicks, damit ich die Schandtat mit ins Grab
+nehme, die meine Augen gesehen haben und die mir weder Geheiß noch Lohn
+abdringen soll, wofern sie nicht die Folter herauspreßt.« Der Graf
+staunte; »welche Schandtat,« fragte er, »hast du mit Augen gesehen, die
+so schwarz ist, daß deine Zunge sich weigert, sie auszureden? Lieber
+bekenne mir ohne Folter, was dir kund worden ist, als eine treue Magd.«
+»Herr,« erseufzte die Dirne, »was treibt Euch, Euer Unglück zu erfahren?
+Besser ist's, daß das schreckliche Geheimnis zugleich mit meinem
+Leichnam verscharret werde in das kühle Grab.« Durch diese Rede wurde
+Graf Konrad nur noch begieriger, das Geheimnis zu erfahren; er nahm das
+Weib beiseits in sein heimliches Zimmer, und durch Drohungen und
+Verheißungen bewogen, eröffnete sie ihm, was er zu wissen gern wäre
+überhoben gewesen. »Eure Gemahlin,« sprach sie, »sollt Ihr wissen, Herr,
+ist eine schändliche Zauberin; aber sie liebt Euch unermeßlich und ihre
+Liebe geht so weit, daß sie auch ihres eignen Kindes nicht verschonet,
+um daraus ein Mittel zu bereiten, ihre Schönheit unwandelbar zu
+erhalten. In der Nacht, als alles in großer Sicherheit schlief, stellte
+sie sich, als sei sie eingeschlummert, ich tat das Nämliche, weiß nicht
+warum. Bald darauf rief sie mich beim Namen; aber ich achtete nicht
+darauf und fing an zu röcheln und zu schnarchen. Da sie nun vermeinte,
+ich sei fest eingeschlafen, saß sie rasch im Bette auf, nahm das
+Kindlein, drückte es an den Busen, küßte es inniglich und lispelte dazu
+diese Worte, die ich deutlich vernahm: 'Sohn der Liebe, werde ein
+Mittel, mir deines Vaters Liebe zu erhalten, gehe jetzt zu deinem
+Brüderlein, du kleine Unschuld, daß ich aus neunerlei Kräutern und
+deinen Knöchlein einen kräftigen Trank bereite, der meine Schönheit mir
+bewahre.' Als sie das gesagt hatte, zog sie eine Demantnadel, scharf wie
+ein Dolch, aus den Haaren, stieß solche dem Kindlein flugs durchs Herz,
+ließ es ein wenig ausbluten, und da es nicht mehr zappelte, legte sie's
+vor sich hin, nahm den Bisamapfel, murmelte dazu einige Worte, und da
+sie den Deckel abhob, loderte daraus empor eine lichte Feuerflamme, wie
+aus einer Pechtonne, welche den Leichnam in wenig Augenblicken
+verzehrte. Die Asche und Knöchlein sammelte sie sorgfältig in eine
+Schachtel und schob sie unter die Bettlade. Drauf rief sie mit
+ängstlicher Stimme, als führe sie plötzlich aus dem Schlafe auf: 'Amme,
+wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?' Und ich antwortete mit Furcht und
+Grausen, ihre Zauberei fürchtend: 'Edle Frau, das zarte Herrlein ist in
+Euren Armen.' Darüber fing sie an, sich ganz trostlos zu gebärden und
+ich lief aus dem Zimmer unter dem Schein, Hilfe zu rufen. Sehet,
+gestrenger Herr, das ist der Verlauf der schändlichen Tat, die Euch zu
+offenbaren Ihr mich gedrungen habt. Bin erbötig, die Wahrheit meiner
+Aussage durch einen glühenden Stab Eisen zu erhärten, den ich mit bloßen
+Händen tragen will dreimal den Schloßhof auf und nieder.«
+
+Ritter Konrad stund wie versteint, konnte lange Zeit kein Wort
+vorbringen. Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, sprach er: »Was
+bedarf's der Feuerprobe, Euren Worten ist der Stempel der Wahrheit
+aufgedrückt, ich fühl's und glaub's, daß alles so ist, wie Ihr saget.
+Behaltet das gräßliche Geheimnis in Eurem Herzen fest verschlossen und
+vertrauet es keinem Menschen, auch nicht, wenn ihr beichtet; ich will
+Euch einen Ablaßbrief vom Bischof von Augsburg lösen, daß Euch diese
+Sünde nicht soll zugerechnet werden, weder in dieser noch in jener Welt.
+Jetzt will ich mit verstelltem Angesicht zu der Natter hineintreten, da
+habt wohl acht, daß Ihr, wenn ich sie umarme und ihr Trost einspreche,
+die Schachtel mit den Totengebeinen unter der Bettlade hervorziehet und
+unbemerkt mir solche überantwortet.«
+
+[Illustration]
+
+Mit leicht umwölkter Stirn und dem Blick eines gerührten, aber noch
+standhaften Mannes, trat er in das Gemach seiner Gemahlin, die ihren
+Herrn mit schuldlosem Auge, wiewohl mit hochbetrübter Seele, schweigend
+empfing. Ihr Angesicht glich eines Engels Angesichte und dieser Anblick
+löschte Wut und Grimm, davon sein Herz entbrannt war, plötzlich aus. Den
+Geist der Rache milderte Mitleid und Bedauernis, er drückte die
+unglückliche Frau an sich und sie überströmte sein Gewand mit
+wehmutsvollen Tränen. Er tröstete sie, koste freundlich mit ihr und
+sputete sich, den Schauplatz des Grausens und Entsetzens bald wieder zu
+verlassen. Die Amme hatte indes ausgerichtet, was ihr befohlen war, und
+überlieferte dem Grafen insgeheim das schauderhafte Knochenbehältnis. Es
+kostete einen schweren Kampf in seinem Herzen, ehe er einen Entschluß
+faßte, was er mit der vermeinten Zauberin tun sollte. Endlich wurde er
+Rats, ohne Spuk und Aufsehen sich ihrer zu entledigen. Er saß auf und
+ritt gen Augsburg, vorher aber tat er dem Hausmeister Befehl: »Wenn die
+Gräfin nach neun Tagen hervorgehet aus ihrem Gemach, um nach Gewohnheit
+zu baden, so lasset die Badestube wohl heizen und verriegelt auswendig
+die Tür, daß sie im Bade verschmachte vor großer Hitze und nicht bei
+Leben bleibe.« Der Hausmeister vernahm diesen Befehl mit großer
+Betrübnis und Wehmut, denn alles Hausgesinde liebte die Gräfin Mathilde
+als eine sanfte und gutmütige Gebieterin; doch wagte er nicht gegen den
+Ritter den Mund aufzutun, weil er dessen großen Ernst und Eifer
+wahrnahm. Am neunten Tage befahl Mathilde, das Bad zu heizen. Als sie in
+das Gemach hineintrat, zitterte die Luft um sie her vor großer Hitze;
+sie wollte zurücktreten, aber ein starker Arm stieß sie mit Gewalt in
+die Badestube hinab und sogleich wurde auch die Tür von außen verriegelt
+und verschlossen. Sie rief vergebens um Hilfe; niemand hörte, das Feuer
+wurde nur heftiger angeschürt, daß der Ofen hochrot glühte wie ein
+Töpferofen.
+
+[Illustration]
+
+Aus diesen Umständen erriet die Gräfin leicht, was hier vorgehe, sie
+ergab sich darein zu sterben, nur der schändliche Verdacht, den sie
+ahnte, marterte ihre Seele mehr als der schmähliche Tod. Sie nützte die
+letzten Augenblicke der Besinnung, zog eine silberne Nadel aus den
+Haaren und schrieb damit an die weiße Wand des Gemachs diese Worte:
+»Gehab dich wohl, Konrad, ich sterbe auf deinen Befehl willig, aber
+schuldlos.« Drauf warf sie sich auf ein Ruhebettlein nieder, ihren
+Todeskampf zu beginnen. Aber unwillkürlich strebt die Natur, zu der
+Zeit, wenn das böse Stündlein kommt, ihrer Zerstörung vorzubeugen. In
+dem Angstgefühl der erstickenden Hitze warf sich die unglückliche
+Sterbende hin und her, da entfiel ihr der Bisamapfel, den sie stets bei
+sich trug, zur Erde. Augenblicklich ergriff sie ihn und rief: »O Pate
+Nixe, steht es in deiner Macht, so befreie mich von einem schandbaren
+Tode und rette meine Unschuld!« Sie schrob hastig den Deckel auf, da
+stieg aus dem Bisamapfel hervor ein dichter Nebel, der sich über das
+ganze Gemach ausbreitete und der Gräfin angenehme Kühlung gewährte, daß
+sie keine Angst und Hitze mehr empfand. Die Dunstwolke sammelte sich in
+eine Gestalt, und Mathilde, die jetzt nicht mehr zu sterben gedachte,
+erblickte mit unaussprechlicher Wonne die liebevolle Nymphe vor sich, in
+ihrem Arm den zarten Säugling mit einem Westerhemdlein angetan, und an
+der Hand das ältere Herrlein, im weißen Flügelkleide mit rosenfarbenen
+Bandschleifen.
+
+»Willkommen, geliebte Mathilde!« redete die Nymphe sie an. »Wohl dir,
+daß du den dritten Wunsch, den dir der Bisamapfel gewähren sollte, nicht
+so leichtsinnig wie die beiden ersten verschwendet hast! Hier sind die
+zwei lebendigen Zeugen deiner Unschuld, welche dich über die schwarze
+Verleumdung, unter welcher du schier erlagtest, werden triumphieren
+lassen. Der Unstern deines Lebens hat sich zum Untergange geneigt,
+hinfort wird dir der Bisamapfel keinen Wunsch mehr gewähren, denn von
+nun an bleibt dir nichts mehr zu wünschen übrig. Aber das Rätsel deines
+traurigen Geschicks will ich dir lösen. Wisse, daß die Mutter deines
+Gemahls die Stifterin alles Unglücks ist. Dieser stolzen Frau war die
+Vermählung ihres Sohnes ein Dolchstich ins Herz; sie wußte nicht anders,
+als Graf Konrad habe den Adel seines Hauses durch eine niedrige Ehe
+geschändet; sie stieß Fluch und Verwünschung gegen ihn aus und erkannte
+ihn nicht mehr für ihren Sohn. All ihr Sinnen und Dichten war darauf
+gestellt, dich zu verderben, wiewohl die Wachsamkeit deines Gemahls
+diesem boshaften Vornehmen immer gesteuert hat. Dennoch ist es ihr
+gelungen, auch diese durch eine gleisnerische Amme zu hintergehen. Durch
+große Verheißung hat sie dies Weib dahin vermocht, deinen erstgebornen
+Sohn im Schlafe dir aus den Armen zu reißen und ihn wie ein Hündlein ins
+Wasser zu werfen. Glücklicherweise wählte sie den Brunnen meiner
+Felsenquelle zu dieser Schandtat, ich empfing den Knaben mit liebevollen
+Armen und pflegte sein als eine Mutter. Ebenso vertraute sie mir auch
+den zweiten Sohn meiner geliebten Mathilde. Diese trugvolle Amme wurde
+deine Anklägerin, sie überredete den Grafen, du seist eine Zauberin;
+eine Flamme aus dem Bisamapfel, dessen Geheimnis du sorgsamer hättest
+bewahren sollen, habe die Knaben verzehrt, um aus ihrer Asche einen
+Zaubertrank zu bereiten. Sie schob deinem Gemahl ein Gefäß, mit
+Tauben- und Hühnerknochen gefüllt, in die Hand, die er für die
+Überbleibsel seiner Kinder erkannte und Befehl gab, dich in seiner
+Abwesenheit im Bade zu ersticken. Voll Reue und Verlangen, diesen
+grausamen Befehl womöglich noch zurückzunehmen, eilt er jetzt von
+Augsburg her, ob er dich gleich noch für schuldig hält. In wenig Stunden
+wirst du gerechtfertigt sein.« Nachdem die Nymphe ausgeredet hatte, bog
+sie sich über das Angesicht der Gräfin, küßte sie auf die Stirn, und
+ohne eine Antwort zu erwarten, hüllte sie sich in ihren dichten
+Dunstschleier und verschwand.
+
+Die Diener des Grafen waren indessen geschäftig, das erloschene Feuer
+wieder anzufachen. Es dünkte sie immer, als hörten sie inwendig
+Menschenstimmen, woraus sie urteilten, daß die Gräfin noch am Leben sei.
+Aber all ihre Mühe und Gebläse war vergebens, das Holz fing so wenig
+Feuer, als wenn der Ofen mit Schneeballen wäre geheizt worden. Bald
+darauf kam Graf Konrad angeritten und frug ängstlich, wie es um seine
+Gemahlin stehe. Die Diener erstatteten Bericht, wie sie das Bad wohl
+gehitzt hätten, daß aber das Feuer plötzlich erloschen sei und aller
+Vermutung nach die Gräfin noch lebe. Das erfreute sein Herz gar
+höchlich, er trat an die Tür und rief durchs Schlüsselloch: »Lebst du,
+Mathilde?« Und die Gräfin vernahm die Stimme ihres Gemahls und
+antwortete: »Geliebter Herr, ich lebe und meine Kindlein leben!«
+Entzückt von dieser Rede ließ der ungeduldige Graf, da die Schlüssel
+nicht gleich bei Handen waren, die Tür einschlagen, stürzte ins
+Badegemach zu den Füßen seiner frommen Gemahlin und benetzte ihre
+unbefleckten Hände mit tausend reuigen Tränen, brachte sie und die
+holden Kleinen unter Jubel und Frohlocken des ganzen Hauses aus der
+fürchterlichen Sterbekammer in ihr Gemach zurück und vernahm aus ihrem
+Munde den ganzen Verlauf der schändlichen Verleumdung und des
+Kinderraubes. Alsbald gab er Befehl, die bübische Amme zu greifen und in
+die Badestube zu sperren. Da fing das Feuer im Ofen lustig an zu
+brennen, die Flammen wirbelten hoch empor und das teuflische Weib
+schwitzte ohne Verzug ihre schwarze Seele aus.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Nymphe des Brunnens, by
+Johann Karl August Musäus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+Literary Archive Foundation
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+Project Gutenberg's Die Nymphe des Brunnens, by Johann Karl August Musäus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Nymphe des Brunnens
+
+Author: Johann Karl August Musäus
+
+Editor: Hans Fraungruber
+
+Illustrator: Ignaz Taschner
+
+Release Date: May 19, 2008 [EBook #25530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***
+
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+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna, Irma Spehar, Markus
+Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net (This file was produced from images
+generously made available by The Internet Archive/American
+Libraries.)
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+<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p>
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+<div class="figcenter" style="width: 317px;">
+<a href="images/illu_01a.jpg">
+<img src="images/illu_01a_th.jpg" width="317" height="88" alt="Gerlach&#8217;s Jugendb&uuml;cherei" title="Gerlach&#8217;s Jugendb&uuml;cherei" /></a>
+</div>
+
+
+<p class="titlepage">Die Nymphe des Brunnens. Nach J.&nbsp;K.&nbsp;A. Mus&auml;us.<br />
+
+Bilder von Ignaz Taschner.<br />
+
+Text bearbeitet von Hans Fraungruber.<br />
+
+Verlag von Martin Gerlach &amp; Co.<br />
+
+Wien und Leipzig.</p>
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 98px;">
+<a href="images/illu_01b.jpg">
+<img src="images/illu_01b_th.jpg" width="98" height="95" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+
+<p class="copyright"><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>
+Druck von Christoph Rei&szlig;er&#8217;s S&ouml;hne Wien V. <span style="padding-left: 5em">Ausstattung gesetzlich gesch&uuml;tzt.</span></p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span></p>
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 439px;">
+<a href="images/illu_03.jpg">
+<img src="images/illu_03_th.jpg" width="439" height="155" style="padding-left: 23px" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p><span class="dropcap">D</span>rei Meilen hinter Dinkelsb&uuml;hl im Schwabenlande lag vorzeiten ein altes
+Raubschlo&szlig;, das einem mannfesten Ritter zugeh&ouml;rte, Wackermann Uhlfinger
+genannt, die Blume der faust- und kolbengerechten Ritterschaft, der Schrecken
+der schw&auml;bischen Bundesst&auml;dte, auch aller Reisenden und Frachtf&uuml;hrer, die
+keinen Geleitsbrief von ihm gel&ouml;st hatten. Wenn Wackermann seinen K&uuml;ra&szlig;
+und Helm angelegt, seine Lenden mit dem Schwert umg&uuml;rtet hatte und die
+goldenen Sporen an seinen Fersen klirrten, war er nach der Sitte seiner Zeitgenossen
+ein roher, hartherziger Mann, der Rauben und Pl&uuml;ndern f&uuml;r ein
+Vorrecht des Adels hielt, den Schw&auml;chern befehdete und, weil er selbst mannhaft
+und r&uuml;stig war, kein ander Gesetz erkannte, als das Recht des St&auml;rkern.
+Wenn&#8217;s hie&szlig;, &raquo;Uhlfinger ist im Anzuge, Wackermann kommt&laquo;, fiel Schrecken
+auf ganz Schwabenland; das Volk fl&uuml;chtete in die festen St&auml;dte und die
+W&auml;chter auf den Zinnen der Warten stie&szlig;en ins Horn und verk&uuml;ndeten die
+nahe Gefahr.</p>
+
+<p>Dieser gef&uuml;rchtete Mann war aber daheim, wenn er seine R&uuml;stung abgelegt
+hatte, fromm wie ein Lamm, gastfrei wie ein Araber, ein gutm&uuml;tiger
+Hausvater und ein z&auml;rtlicher Gatte. Seine Hausfrau war ein sanftes liebevolles
+Weib, sittig und tugendsam und stund ihrem Hauswesen gar flei&szlig;ig
+<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>vor. Zudem war sie Mutter von zwei T&ouml;chtern, die sie mit gro&szlig;er Sorgfalt
+tugendsam und h&auml;uslich auferzog. In dieser kl&ouml;sterlichen Eingezogenheit
+st&ouml;rte nichts ihre Zufriedenheit als die Freibeuterei ihres Gemahls, der sich
+mit ungerechtem Gut bereicherte. Sie mi&szlig;billigte diese R&auml;ubereien in ihrem
+Herzen und es machte ihr keine Freude, wenn er ihr gleich die herrlichsten
+Stoffe, mit Gold und Silber durchwirkt, zu reichen Kleidern schenkte. &raquo;Was
+soll mir der Plunder,&laquo; sprach sie oft zu sich selbst, &raquo;daran Seufzer und Tr&auml;nen
+hangen?&laquo; Sie warf mit geheimem Widerwillen diese Geschenke in ihre Truhe
+und w&uuml;rdigte sie weiter keines Anblicks, bemitleidete die Ungl&uuml;cklichen, die
+in Wackermanns Haft fielen, setzte sie oft durch ihre F&uuml;rbitte in Freiheit
+und begabte sie mit einem Zehrpfennig.</p>
+
+<p>Am Fu&szlig;e des Schlo&szlig;berges verbarg sich tief im Geb&uuml;sch eine ergiebige
+Felsenquelle, welche in einer nat&uuml;rlichen Grotte entsprang, die nach einer
+alten Volkssage von einer Brunnennymphe bewohnt sein sollte, welche man
+die Nixe nannte, und die Rede ging, da&szlig; sie sich bei sonderbaren Ereignissen
+im Schlosse zuweilen sehen lie&szlig;. Zu diesem Brunnen lustwandelte die edle
+Frau oftmals ganz einsam, wenn sie w&auml;hrend der Abwesenheit ihres Gemahls
+au&szlig;erhalb der d&uuml;stern Burgmauern frische Luft sch&ouml;pfen oder ohne
+Ger&auml;usch Werke der Wohlt&auml;tigkeit im Verborgenen aus&uuml;ben wollte.</p>
+
+<p>Einstmals war Wackermann mit seinen Reisigen ausgezogen, den Kaufleuten
+aufzulauern, die vom Augsburger Markte kamen, und verweilte
+l&auml;nger als sein Verla&szlig; war. Das bek&uuml;mmerte die zarte Frau, sie w&auml;hnte,
+ihrem Herrn sei ein Ungl&uuml;ck begegnet, er sei erschlagen oder in Feindes
+Gewalt. Es war ihr so weh ums Herz, da&szlig; sie nicht ruhen noch rasten konnte.
+Schon mehrere Tage hatte sie sich zwischen Furcht und Hoffnung abge&auml;ngstet,
+und oft rief sie dem Zwerge zu, der auf dem Turm Wacht hielt: &raquo;Kleinh&auml;nsel,
+schau aus! Was rauscht durch den Wald? Was trappelt im Tal? Wo wirbelt
+der Staub? Trabt Wackermann an?&laquo; Aber Kleinh&auml;nsel antwortete gar tr&uuml;bselig:
+&raquo;Nichts regt sich im Wald, nichts reitet im Tal, es wirbelt kein Staub,
+kein Federbusch weht.&laquo; Das trieb sie so bis in die Nacht, da der Abendstern
+heraufzog und der leuchtende Vollmond &uuml;ber die &ouml;stlichen Gebirge blickte.
+<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>Da konnte sie&#8217;s nicht aushalten zwischen den vier W&auml;nden ihres Gemachs;
+sie warf ihr Regentuch &uuml;ber, stahl sich durchs Pf&ouml;rtchen in den Buchenhain
+und wandelte zu ihrem Lieblingspl&auml;tzchen, dem Kristallbrunnen, um desto
+ungest&ouml;rter ihren kummervollen Gedanken nachzuh&auml;ngen. Ihr Auge flo&szlig;
+von Z&auml;hren, und ihr sanfter Mund &ouml;ffnete sich zu melodischen Wehklagen,
+die sich mit dem Ger&auml;usch des Baches mischten, der vom Brunnen her durchs
+Gras lispelte.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 329px;">
+<span class="pagenum" style="visibility: hidden"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+<a href="images/illu_05.jpg">
+<img src="images/illu_05_th.jpg" width="329" height="348" style="padding-left: 6px" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Indem sie sich der Grotte nahte, war&#8217;s ihr, als ob ein leichter Schatten
+um den Eingang schwebe; aber weil&#8217;s in ihrem Herzen so arbeitete, achtete
+sie wenig darauf und der erste Anblick schob ihr den fl&uuml;chtigen Gedanken
+vor, da&szlig; das einfallende Mondenlicht ihr eine Truggestalt vorl&uuml;ge. Da sie
+n&auml;her kam, schien sich die wei&szlig;e Gestalt zu regen und ihr mit der Hand zu
+winken. Dar&uuml;ber kam ihr ein Grausen an, doch wich sie nicht zur&uuml;ck; sie
+stund, um recht zu sehen, was es w&auml;re. Das Ger&uuml;cht von dem Nixenbrunnen,
+das in der Gegend umlief, war ihr nicht unbewu&szlig;t. Sie erkannte die wei&szlig;e
+Frau nun f&uuml;r die Nymphe des Brunnens und diese Erscheinung schien ihr
+eine wichtige Familienbegebenheit anzudeuten. Welcher Gedanke konnte ihr
+jetzt n&auml;her liegen als der von ihrem Gemahl? Sie zerraufte ihr schwarzgelocktes
+Haar und erhob eine laute Klage: &raquo;Ach des ungl&uuml;cklichen Tages!
+Wackermann! Wackermann! Du bist gefallen, bist kalt und tot! Hast mich
+zur Wittib gemacht und deine Kinder zu Waisen!&laquo;</p>
+
+<p>Da sie so klagte und die H&auml;nde rang, vernahm sie eine sanfte Stimme
+aus der Grotte: &raquo;Mathilde, sei ohne Furcht, ich verk&uuml;nde dir kein Ungl&uuml;ck,
+nahe dich getrost, ich bin deine Freundin und mich verlangt, mit dir zu kosen.&laquo;
+Die edle Frau fand so wenig Abschreckendes in der Gestalt und Rede der
+Nixe, da&szlig; sie den Mut hatte, die Einladung anzunehmen; sie ging in die
+Grotte, die Bewohnerin bot ihr freundlich die Hand und k&uuml;&szlig;te sie auf die
+Stirn, sa&szlig; traulich zu ihr hin und nahm das Wort: &raquo;Sei mir gegr&uuml;&szlig;t in
+meiner Wohnung, du liebe Sterbliche, dein Herz ist rein und lauter wie das
+Wasser meines Brunnens, darum sind dir die unsichtbaren M&auml;chte geneigt.
+Ich will dir das Schicksal deines Lebens er&ouml;ffnen, die einzige Gunstbezeigung
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>die ich dir gew&auml;hren kann. Dein Gemahl
+lebt, und ehe der Hahn den Morgen auskr&auml;ht,
+wird er wieder in deinen Armen
+sein. F&uuml;rchte nicht, ihn zu betrauern, der
+Quell deines Lebens wird fr&uuml;her versiegen
+als der seine; vorher aber wirst
+du noch eine Tochter k&uuml;ssen, die auf
+schwankender Wage des Schicksals Gl&uuml;ck
+und Ungl&uuml;ck dahin nimmt. Die Sterne
+sind ihr nicht abhold; aber ein feindseliger
+Gegenschein raubt der Verwaisten
+das Gl&uuml;ck der m&uuml;tterlichen Pflege.&laquo;</p>
+
+<div class="figright" style="width: 183px;">
+<a href="images/illu_07.jpg">
+<img src="images/illu_07_th.jpg" width="183" height="371" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Das betr&uuml;bte die edle Frau sehr, da
+sie h&ouml;rte, da&szlig; ihr T&ouml;chterlein der treuen
+Mutterpflege entbehren sollte, und sie
+brach in laute Z&auml;hren aus. Die Nymphe
+wurde dadurch ger&uuml;hrt; &raquo;weine nicht,&laquo;
+sprach sie, &raquo;ich will bei deinem Kinde
+Mutterstelle vertreten, wann du es nicht
+beraten kannst; doch unter dem Beding,
+da&szlig; du mich zur Taufpate des zarten
+Fr&auml;uleins w&auml;hlest, damit ich teil an ihr
+habe. Dabei sei eingedenk, da&szlig; das Kind,
+so du es meiner Sorge anvertrauen
+willst, mir den Waschpfennig wiederbringe,
+den ich einbinden werde.&laquo; Frau
+Mathilde willigte in dies Begehr,
+darauf griff die Nixe nach einem glatten
+Bachkiesel und gab ihr solchen mit dem Beif&uuml;gen, denselben durch eine treue
+Magd zu rechter Zeit und Stunde zum Zeichen der Einladung zur Gevatterschaft
+in den Brunnen werfen zu lassen. Frau Mathilde verhie&szlig; dem allen
+<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>treulich nachzukommen, verlor keins dieser Worte aus
+ihrem Herzen und begab sich nach der Burg zur&uuml;ck;
+die Nymphe aber ging wieder in den Brunnen und
+verschwand.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 119px;">
+<a href="images/illu_08.jpg">
+<img src="images/illu_08_th.jpg" width="119" height="133" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Nicht lange hernach trompetete der Zwerg freudig
+vom Turm herab und Wackermann ritt mit seinen
+Reisigen wohlgemut in den Hof ein, mit reicher
+Beute beladen. Nach Verlauf eines Jahres f&uuml;gte
+sich&#8217;s, da&szlig; Wackermann einen Fehdebrief bekam
+von einem Ritter, den er beim Trunk beleidigt hatte
+und der mit ihm anbinden wollte auf Tod und Leben.
+Er r&uuml;stete sich und seine Gewappneten flei&szlig;ig zu, und als er im Begriff war
+aufzusitzen und nach Gewohnheit von seiner Gemahlin sich verabschiedete,
+forschte sie sorgsam nach seinem Vorhaben, drang in ihn wider Gewohnheit,
+ihr zu sagen, gegen wen er ausziehe, und da er ihr diese ungew&ouml;hnliche Neubegier
+liebreich verwies, verh&uuml;llte sie ihr Gesicht und weinte bitterlich. Das
+ging dem edlen Ritter ans Herz, doch tat er sich&#8217;s nicht aus, sa&szlig; auf und
+eilte zum Tummelplatz, traf mit seinem Gegner hart zusammen, erlegte ihn
+nach einem wackern Rennen und kehrte triumphierend heim.</p>
+
+<p>Seine z&uuml;chtige Hausfrau empfing ihn mit offenen Armen, liebkoste ihn
+freundlich und lie&szlig; nicht ab, mit glatten Worten und s&uuml;&szlig;er Schmeichelei ihn
+auszuholen, was f&uuml;r ein Abenteuer er bestanden habe. Er aber verschlo&szlig;
+flugs sein Herz, verwahrte alle Zug&auml;nge mit dem Riegel der Unempfindsamkeit
+und offenbarte ihr nichts; vielmehr sprach er spottweise: &raquo;O
+Mutter Eva, deine T&ouml;chter sind noch nicht ausgeartet, Neugier und Vorwitz
+ist der Weiber Erbteil bis auf diesen Tag.&laquo; &#8211; &raquo;Verzeihet, lieber Gemahl,&laquo;
+antwortete die kluge Frau, &raquo;die M&auml;nner haben auch ihr bescheiden Teil aus
+Mutter Evens Erbschaft empfangen. Der Unterschied ist nur, da&szlig; eine
+gutm&uuml;tige Frau f&uuml;r ihren Mann kein Geheimnis hat noch haben darf. Es
+st&uuml;nde die Wette, wenn mein Herz Euch was verhehlen k&ouml;nnte, da&szlig; Ihr
+nicht ruhen noch rasten w&uuml;rdet, bis Ihr mir meine Heimlichkeit abgelockt
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>h&auml;ttet.&laquo; &#8211; &raquo;Und ich,&laquo; versetzte er, &raquo;gebe Euch mein
+Wort, da&szlig; mich Eure Heimlichkeit nichts k&uuml;mmern
+wird; es ist Euch verg&ouml;nnt, die Probe zu machen.&laquo;
+Da war&#8217;s, wo Frau Mathilde ihren Ehegemahl hinhaben
+wollte. &raquo;Wohlan,&laquo; sprach sie, &raquo;lieber Herr, so
+sei mir verg&ouml;nnt, eine von den Gevattern zu erkiesen,
+die mein neugebornes Kindlein aus der Taufe heben.
+Ich habe eine Freundin ins Herz geschlossen, die Euch
+unbekannt ist; da ist nun mein Begehr, da&szlig; Ihr nie
+in mich dringen wollt, Euch zu sagen, wer sie sei, von
+wannen sie kommt, noch wo sie hauset. Wann Ihr mir
+das bei Eurer ritterlichen Ehre verhei&szlig;et und Eurer Zusage Gen&uuml;ge tut,
+will ich die Wette verloren haben und frei bekennen, da&szlig; der m&auml;nnliche
+Geist &uuml;ber die weibliche Schwachheit triumphiert.&laquo; Wackermann leistete
+seiner Hausfrau das Versprechen unweigerlich und sie erfreute sich des guten
+Erfolgs ihrer schlauen List innigst.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 84px;">
+<a href="images/illu_09.jpg">
+<img src="images/illu_09_th.jpg" width="84" height="138" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Wackermann ritt ganz wohlgemut zu seinen Nachbarn und Gefreunden,
+sie zur Gevatterschaft zu laden. Sie fanden sich insgesamt an dem bestimmten
+Tage ein, und da die Frau das Ger&auml;usch der Wagen, das Wiehern
+der Pferde und das Get&uuml;mmel des Hofgesindes vernahm, berief sie eine vertraute
+Dirne zu sich und sprach: &raquo;Nimm diesen Bachkiesel, wirf ihn stillschweigend
+hinter dich in den Nixenbrunnen und spute dich auszurichten,
+was dir befohlen ist.&laquo; Die Dirne tat nach dem Befehl und ehe sie wieder
+zur&uuml;ckkam, trat eine unbekannte Dame in das Gesellschaftszimmer, neigte
+sich z&uuml;chtig gegen die anwesenden Herren und Frauen, und wie das Kindlein
+vorgetragen wurde und der T&auml;ufer zum Becken trat, nahm sie ihre
+Stelle unter den Paten obenan. Jedermann machte ihr ehrerbietig Platz
+als einer Fremden und sie hielt das Kind zuerst auf dem Arm &uuml;ber der
+Taufe. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Sie war so sch&ouml;n, so sittsam und
+dabei so herrlich gekleidet in ein fliegendes Gewand von wasserblauer Seide
+und aufgeschlitzten &Auml;rmeln, mit wei&szlig;em Atlas unterlegt; &uuml;ber das war sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>mit Juwelen und Perlenschmuck so reichlich behangen, wie die heilige Jungfrau
+zu Loretto an einem kirchlichen Galatage. Ein gl&auml;nzender Saphir hielt
+den durchsichtigen Schleier, der in d&uuml;nnen Wolken von dem Wirbel des
+k&uuml;nstlich geschlungenen Haares l&auml;ngs den Schultern bis an die Fersen herabschwebte;
+aber der Zipfel des Schleiers war na&szlig;, als sei er durchs Wasser
+gezogen.</p>
+
+<p>Die unerwartete Erscheinung der fremden Dame hatte die s&auml;mtliche Mitgevatterschaft
+dergestalt in der Andacht gest&ouml;rt, da&szlig; sie verga&szlig;en, dem Kinde
+einen Namen zu geben, darum taufte es der Priester Mathilde, nach dem
+Namen der Mutter. Nach vollbrachter Taufhandlung wurde die kleine
+Mathilde zu derselben zur&uuml;ckgebracht, und alle Paten folgten nach, Gl&uuml;ck zu
+w&uuml;nschen und dem Patchen den Waschpfennig einzubinden. Die Mutter
+schien bei dem Anblick der Unbekannten etwas betroffen, vermutlich aus
+Verwunderung, da&szlig; die Nixe so treulich Wort gehalten hatte. Sie warf
+einen verstohlenen Blick auf ihren Gemahl, der mit einem unausdeutbaren
+L&auml;cheln antwortete und sich &uuml;brigens das Ansehen gab, als nehme er von
+der Fremden weiter keine Notiz. Das Patengeschenk gab jetzt der Empf&auml;ngerin
+andere Besch&auml;ftigung, ein goldener Regen str&ouml;mte aus freigebigen
+H&auml;nden auf den T&auml;ufling herab. Die Unbekannte nahte sich zuletzt mit
+ihrer Patensteuer und t&auml;uschte die Erwartung aller Mitgevattern. Sie vermuteten
+von der glanzreichen Dame ein Kleinod oder einen Denkpfennig
+von gro&szlig;em Wert, besonders da sie ein seidenes Taschentuch hervorzog und
+<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>solches mit gro&szlig;er Bed&auml;chtlichkeit voneinander schlug; aber Frau Pate hatte
+nichts drein gewickelt als einen Bisamapfel aus Holz gedreht; sie legte diesen
+feierlich auf des Kindes Wiege, k&uuml;&szlig;te die Mutter freundlich auf die Stirn
+und begab sich aus dem Zimmer.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 388px;">
+<a href="images/illu_10.jpg">
+<img src="images/illu_10_th.jpg" width="388" height="110" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>&Uuml;ber dieses armselige Geschenk entstand ein heimliches Fl&uuml;stern unter
+den Anwesenden, das bald in ein sp&ouml;ttisches Gel&auml;chter ausbrach. Es fehlte
+nicht an mancherlei boshaften Anmerkungen; da aber der Ritter und seine
+Dame ein tiefes Stillschweigen beobachteten, so blieb den Forschern und
+Schw&auml;tzerinnen nichts &uuml;brig, als sich an leeren Mutma&szlig;ungen zu weiden.
+Die Unbekannte kam nicht wieder zum Vorschein, und niemand wu&szlig;te zu
+sagen, wo sie hingeschwunden sei. Wackermann wurde insgeheim allerdings
+von dem Verlangen gequ&auml;lt zu erforschen, wer die Fremde gewesen sein
+m&ouml;chte, die man, weil niemand ihren Namen wu&szlig;te, die Dame mit dem
+nassen Schleier nannte; nur die Scheu, als ein mannlicher Ritter einer
+Schwachheit sich schuldig zu machen und die Unverbr&uuml;chlichkeit seines
+gegebenen Wortes banden ihm die Zunge. Er gedachte ihr das Geheimnis
+mit der Zeit dennoch abzulisten. Doch diesmal irrte er in der Rechnung;
+Frau Mathilde wu&szlig;te ihre Zunge zu beschwichtigen und bewahrte das
+unaufl&ouml;sliche R&auml;tsel so sorgf&auml;ltig im Herzen, wie den Bisamapfel in ihrem
+Schatzk&auml;stlein.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 206px;">
+<a href="images/illu_12.jpg">
+<img src="images/illu_12_th.jpg" width="206" height="337" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Ehe das Fr&auml;ulein dem G&auml;ngelbande entwuchs, wurde die Prophezeiung
+der Nymphe an der guten Mutter erf&uuml;llt; sie erkrankte pl&ouml;tzlich und starb,
+ohne Zeit zu haben, an den Bisamapfel zu gedenken oder damit nach Verf&uuml;gung
+der Nixe zu gunsten der kleinen Mathilde zu verfahren. Ihr Gemahl
+war eben abwesend, auf dem Turnier zu Augsburg und zog, mit einem
+Ritterdank von Kaiser Friedrich gekr&ouml;nt, wieder nach Hause. Wie der Zwerg
+auf dem Turm seinen Herrn in der Ferne sah angeritten kommen, stie&szlig; er
+nach Gewohnheit ins Horn, dem Hofgesinde dessen Ankunft kundzutun; aber
+er lie&szlig; nicht wie sonst einen freudigen Ton erschallen, sondern posaunte
+gar eine traurige Melodei. Das fuhr dem Ritter durchs Herz und bek&uuml;mmerte
+seine Seele. &raquo;Was f&uuml;r ein Schall,&laquo; sprach er, &raquo;gellt mir ins Ohr? H&ouml;rt ihr&#8217;s,
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>ihr Knappen, ist das nicht Kr&auml;henruf
+und Totensang? Kleinh&auml;nsel
+verk&uuml;ndet uns nichts Gutes.&laquo;
+Und die Knappen waren alle best&uuml;rzt,
+sahen ihren Herrn traurig
+an und einer unter ihnen nahm
+das Wort und sprach: &raquo;Das ist
+die Weise des Vogels Kreidewei&szlig;,
+Gott wende Ungl&uuml;ck ab; &#8217;s ist
+eine Leiche im Hause!&laquo; Da spornte
+Wackermann seinen Hengst und
+ritt &uuml;bers Blachfeld daher, da&szlig;
+die Funken stoben. Die Zugbr&uuml;cke
+fiel, er sah gierig in den
+Schlo&szlig;hof und erblickte leider
+das Leichenzeichen vor seiner
+Haust&uuml;r ausgestellt, eine Laterne
+ohne Licht mit einem wehenden
+Flor geschm&uuml;ckt, und alle Fensterl&auml;den
+verschlossen. Dabei vernahm
+er von innen Schluchzen
+und Wehklagen des Gesindes,
+denn Frau Mathilde war eben
+aufgebahrt. Zu H&auml;upten des
+Sarges sa&szlig;en die beiden gr&ouml;&szlig;ern T&ouml;chter, in Boy und Flor geh&uuml;llt, und beweinten
+die erbleichte Mutter mit zahllosen Tr&auml;nen. Am Fu&szlig;e des Sarges
+sa&szlig; die kleine Lieblingstochter; noch unverm&ouml;gend, ihren Verlust zu empfinden,
+zerzupfte sie mit kindischer Gleichm&uuml;tigkeit spielend die &Uuml;berbleibsel
+der Blumen, womit die Leiche geschm&uuml;ckt war. Dieser wehm&uuml;tige Anblick
+&uuml;berw&auml;ltigte Wackermanns m&auml;nnliche Standhaftigkeit, er weinte und
+jammerte laut, st&uuml;rzte &uuml;ber den eiskalten Leichnam her, benetzte die bleichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>Wangen mit seinen Tr&auml;nen, dr&uuml;ckte mit zitterndem Munde die erstorbenen
+Lippen und &uuml;berlie&szlig; sich ohne Scheu allen schmerzhaften Gef&uuml;hlen seines
+Herzens. Hernach hing er seine Waffen in die R&uuml;stkammer auf, sa&szlig; bedeckt
+mit einem abgekrempten Hut und einem schwarzen Trauermantel beim
+Sarge, trug Leid um seine abgeschiedene Hausfrau und erwies ihr die letzte
+Ehre durch ein feierliches Totengepr&auml;nge.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 328px;">
+<a href="images/illu_13.jpg">
+<img src="images/illu_13_th.jpg" width="328" height="271" style="padding-left: 7px" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Weil jedoch nach der Bemerkung eines gro&szlig;en Mannes die heftigsten
+Schmerzen immer die k&uuml;rzesten sind, so verga&szlig; der tiefgebeugte Witwer bald
+seines Herzeleids und ersetzte darauf den erlittenen Verlust durch eine zweite
+Gemahlin, die ganz das Gegenbild der frommen, sittsamen Mathilde war.
+Das Hausregiment nahm folglich eine andere Gestalt an; die junge Frau
+liebte Pracht und Verschwendung, geb&auml;rdete sich stolz und gebieterisch gegen
+das Gesinde; des Schlemmens und Bankettierens war kein Ende. Die kleine
+Mathilde kam unter Aufsicht einer Amme und wurde in ein abgelegenes
+St&uuml;bchen versetzt, wo sie der eiteln Frau, die mit Familiensorgen sich nicht gern
+befa&szlig;te, weit genug aus den Augen war. Ihr verschwenderischer Aufwand
+mehrte sich also, da&szlig; der Ertrag des Faust- und Kolbenrechts, so unerm&uuml;det
+der Ritter solchem oblag, nicht mehr hinreichte, denselben zu bestreiten; sie
+sah sich oft gen&ouml;tigt, die Verlassenschaft ihrer Vorweserin zu pl&uuml;ndern, die
+reichen Stoffe zu verm&ouml;beln oder Geld darauf zu leihen. Einstmals durchsuchte
+sie Schubladen und Truhen, um etwas von Wert auszuwittern, da stie&szlig;
+sie auf ein geheimes Fach eines Putzschrankes und fand darin zu ihrer gro&szlig;en
+Freude Frau Mathildens Schatzk&auml;stlein. Die funkelnden Juwelen der Demantringe,
+Ohrenspangen, Armb&auml;nder, Sch&uuml;rzhaken und anderes Geschmeide
+entz&uuml;ckten ihr gieriges Auge. Sie musterte alles genau durch, besah&#8217;s St&uuml;ck
+f&uuml;r St&uuml;ck und &uuml;berschlug in ihren Gedanken, welchen Gewinn dieser herrliche
+Fund einbringen w&uuml;rde. Unter diesen Kostbarkeiten fiel ihr auch der
+h&ouml;lzerne Bisamapfel in die Augen. Sie wu&szlig;te lange nicht, was sie daraus
+machen sollte, sie versuchte es, ihn aufzuschrauben; aber er war verquollen.
+Sie wog ihn in der Hand und befand ihn so leicht als eine taube Nu&szlig;; darum
+meinte sie, es sei irgend ein lediges Ringfutteral, und weil sie damit nichts
+anzufangen wu&szlig;te, warf sie&#8217;s als ein Ding ohne allen Wert aus dem Fenster.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 205px;">
+<a href="images/illu_15.jpg">
+<img src="images/illu_15_th.jpg" width="205" height="369" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Zuf&auml;lligerweise sa&szlig; die kleine Mathilde unten im Zwingergarten und
+spielte mit ihrer Puppe. Wie sie die h&ouml;lzerne Kugel auf dem Sande daherrollen
+sah, warf sie die Puppe aus der Hand und griff mit kindischer Begierde
+nach dem neuen Spielzeug, hatte auch ebensoviel Freude &uuml;ber diesen Fund
+als Mama an dem ihrigen. Sie erg&ouml;tzte sich viele Tage mit der Spielerei
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>und lie&szlig; sie nicht aus der Hand. An einem sch&ouml;nen Sommertage l&uuml;stete der
+Amme, mit ihrer Pflegetochter der frischen K&uuml;hlung am Felsenbrunnen zu
+genie&szlig;en. Um Vesperzeit forderte das Kind seine Honigsemmel, welche die
+Amme mitzunehmen vergessen hatte.
+Sie hatte noch nicht Lust zur&uuml;ckzukehren;
+um nun die Kleine bei
+Gutem zu erhalten, ging sie ins
+Geb&uuml;sch, ihr eine Handvoll Himbeeren
+zu pfl&uuml;cken. Das Kind spielte
+indes mit dem Bisamapfel, warf
+ihn hin und her wie einen Fangeball,
+bis ein Wurf mi&szlig;lang und
+die kindische Freude in eigentlichem
+Verstande in den Brunnen fiel.
+Augenblicks stund eine junge Dame
+da, sch&ouml;n wie ein Engel und freundlich
+wie eine Grazie. Das Kind, best&uuml;rzt
+dar&uuml;ber, glaubte ihre Stiefmutter
+vor sich zu sehen, die sie
+immer schalt und schlug, wenn sie
+ihr unter die Augen kam. Die
+Nymphe aber liebkoste ihr mit
+sanften Worten: &raquo;F&uuml;rchte nichts,
+liebe Kleine, ich bin deine Pate,
+komm zu mir. Sieh, hier ist dein
+Spielzeug, das in den Brunnen fiel.&laquo;
+Dadurch lockte sie das Kind zu sich,
+nahm&#8217;s auf den Scho&szlig;, dr&uuml;ckte es
+z&auml;rtlich an den Busen, herzte und
+k&uuml;&szlig;te die kleine Mathilde und benetzte
+ihr Angesicht mit Tr&auml;nen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>&raquo;Arme Verwaiste,&laquo; sprach sie, &raquo;ich
+hab&#8217;s versprochen, Mutterstelle bei
+dir zu vertreten, ich will&#8217;s auch
+halten. Besuche mich oft, du wirst
+mich stets an dieser Grotte finden,
+wenn du einen Stein in den Brunnen
+fallen l&auml;ssest. Bewahre diesen
+Bisamapfel sorgf&auml;ltig und spiele
+nicht wieder damit, da&szlig; du ihn
+nicht verlierst, er wird dir einst
+drei W&uuml;nsche gew&auml;hren. Wenn du
+heranw&auml;chst, will ich dir mehr sagen,
+jetzt kannst du&#8217;s nicht fassen.&laquo;
+Sie gab ihr noch manche gute
+Vermahnung, die sich f&uuml;r des Kindes
+Alter schickte, und gebot ihr Stillschweigen; die Amme kam zur&uuml;ck und
+die Nymphe verschwand.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 194px;">
+<a href="images/illu_16.jpg">
+<img src="images/illu_16_th.jpg" width="194" height="202" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Die kleine Mathilde hatte so viel Besonnenheit, gegen die Amme nichts
+von Frau Paten zu erw&auml;hnen, forderte bei ihrer Zuhausekunft N&auml;hnadel
+und Zwirn und vern&auml;hte damit sorgf&auml;ltig den Bisamapfel in das Unterfutter
+des Kleides. Ihr Sinn und Gedanken stunden nur nach dem Nixenbrunnen;
+so oft es die Witterung erlaubte, schlug sie der Aufseherin einen
+Spaziergang dahin vor, und weil diese dem schmeichelhaften M&auml;dchen nichts
+abschlagen konnte und diese Neigung ihr angeboren schien, indem die Grotte
+der Lieblingsaufenthalt der Mutter gewesen war, gew&auml;hrte sie der Kleinen
+diesen Wunsch desto leichter. Da wu&szlig;te diese nun immer einen Vorwand zu
+finden, die Amme wegzuschicken, und sobald sie den R&uuml;cken wendete, fiel der
+Stein ins Wasser und verschaffte dem klugen M&auml;dchen die Gesellschaft ihrer
+liebreizenden Pate. Nach einigen Jahren bl&uuml;hte die kleine Waise zum jungfr&auml;ulichen
+Alter heran; sie lebte unter dem Gesinde versteckt, sa&szlig; auf ihrer
+Kammer, besch&auml;ftigte sich mit h&auml;uslicher Arbeit und fand nach vollendetem
+<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>Tagewerke zur Abendzeit
+reichen Ersatz f&uuml;r die rauschenden
+Freuden, die sie entbehrte,
+in der Gesellschaft
+der Nymphe am Brunnen.
+Diese war nicht nur ihre
+Gesellschafterin und Freundin,
+sie war auch ihre
+Lehrmeisterin, unterrichtete
+das Fr&auml;ulein in allen weiblichen
+Kunstfertigkeiten und
+bildete sie ganz nach dem
+Beispiel ihrer tugendhaften
+Mutter.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 223px;">
+<a href="images/illu_17.jpg">
+<img src="images/illu_17_th.jpg" width="223" height="225" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Eines Tages schien die
+Nymphe ihre Z&auml;rtlichkeit gegen
+die reizvolle Mathilde zu verdoppeln; sie schlo&szlig; sie in die Arme,
+lie&szlig; das Haupt auf ihre Schultern sinken und war so wehmutsvoll und
+traurig, da&szlig; das Fr&auml;ulein mit ihr einstimmte und sich nicht enthalten
+konnte, einige Tr&auml;nen auf die Hand ihrer Pate fallen zu lassen, die
+sie eben schweigend an die Lippen dr&uuml;ckte. Durch diese sanfte Mitempfindung
+wurde die Nymphe noch wehm&uuml;tiger; &raquo;Kind,&laquo; sprach sie
+mit trauriger Stimme, &raquo;du weinst und wei&szlig;t nicht warum; aber deine
+Tr&auml;nen sind Vorgef&uuml;hle deines Schicksals. Dem Hause auf dem Berge
+steht eine gro&szlig;e Ver&auml;nderung bevor; ehe der Schnitter die Sense dengelt
+und der Wind &uuml;ber die Stoppeln des Weizenfeldes weht, wird&#8217;s &ouml;de
+und w&uuml;st stehen. Wenn die Schlo&szlig;dirnen in der Abendd&auml;mmerung herausgehen,
+des Wassers aus meinem Brunnen zu sch&ouml;pfen und mit ledigem
+Eimer zur&uuml;ckkehren, so gedenke, da&szlig; Ungl&uuml;ck kommt. Wahre den Bisamapfel,
+der dir drei W&uuml;nsche gew&auml;hren wird, und gehe nicht verschwenderisch
+mit deinen W&uuml;nschen um! Gehab dich wohl, an dieser St&auml;tte sehen wir uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>nicht wieder.&laquo; Drauf lehrte sie dem Fr&auml;ulein noch einige magische Eigenschaften
+des Apfels, um sich derselben im Notfall zu bedienen, weinte und
+schluchzte beim Hinscheiden, da&szlig; ihr die Worte versagten und lie&szlig; sich nicht
+mehr sehen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 382px;">
+<a href="images/illu_18.jpg">
+<img src="images/illu_18_th.jpg" width="382" height="159" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Um die Zeit der Weizenernte kamen eines Abends die Wassertr&auml;gerinnen
+mit ledigen Kr&uuml;gen ins Schlo&szlig; zur&uuml;ck, bleich und erschrocken, zitterten
+an allen Gliedern, als sch&uuml;ttle sie der Frost des Wechselfiebers, verk&uuml;ndeten,
+die wei&szlig;e Frau sitze am Brunnen mit trauriger Geb&auml;rdung des H&auml;nderingens
+und Wehklagens, welches nichts Gutes bedeute. Des hatten
+die Kriegsleute und Waffentr&auml;ger ihren Spott, meinten, es sei T&auml;uschung
+und Weibergeschw&auml;tz. Einige trieb die Neugier hinaus, Grund und
+Ungrund der Sache zu erforschen; sie sahen dieselbe Erscheinung, fa&szlig;ten
+sich dennoch ein Herz und gingen zum Brunnen. Wie sie hinkamen, war
+das Gesicht verschwunden, und da gab&#8217;s mancherlei Glossen und Auslegungen
+dar&uuml;ber; keiner riet jedoch auf die wahre Deutung, welche
+Fr&auml;ulein Mathilde allein wu&szlig;te, ob sie es gleich nicht laut werden lie&szlig;;
+denn die Nymphe hatte ihr Stillschweigen geboten. Sie sa&szlig; einsam und
+tr&uuml;bsinnig auf ihrer Kammer unter Furcht und Erwartung der Dinge, die
+da kommen sollten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>Wackermann Uhlfinger konnte seiner verschwenderischen Hausfrau nicht
+satt rauben und pl&uuml;ndern, und wenn er nicht auf Wegelagerung ausging,
+bereitete sie ihm tagt&auml;glich ein Wohlleben, berief seine Zechbr&uuml;der zusammen,
+unterhielt ihn im Taumel der Lust und lie&szlig; ihn nie daraus wach
+werden, um den Verfall seines Hauswesens wahrzunehmen. Wenn&#8217;s an
+Barschaft oder Lebensmitteln gebrach, so gaben Jakob Fuggers Lastwagen
+oder der Venediger reiche Speditionen immer neue Ausbeute. Dieser
+Plackereien m&uuml;de, beschlo&szlig; der Generalkongre&szlig; des Schw&auml;bischen Bundes,
+weil Abmahnungen und Warnungen nichts fruchteten, Uhlfingers Untergang.
+Ehe er dachte, da&szlig; es so ernstlich gemeint sei, wehten die st&auml;dtischen
+Bundesfahnen vor dem Tor seiner Bergfeste, und es blieb ihm nichts &uuml;brig,
+als der Entschlu&szlig;, sein Leben teuer genug zu verkaufen. Die Bombarden
+und Donnerb&uuml;chsen ersch&uuml;tterten die Basteien und die Armbrustsch&uuml;tzen
+taten auf beiden Seiten ihr Bestes; es hagelte Bolzen und Pfeile und einer
+davon, in einer ungl&uuml;cklichen Stunde abgedr&uuml;ckt, wo Wackermanns Schutzgeist
+von ihm gewichen war, fuhr durchs Visier seines Helms ihm tief ins
+Hirn, da&szlig; er alsbald im kalten Todesschlummer dahintaumelte. Durch den
+Fall des Bannerherrn geriet das Kriegsvolk in gro&szlig;e Best&uuml;rzung; einige
+Feigherzige steckten die wei&szlig;e Fahne aus, die Mutigen rissen sie wieder herab
+vom Turm. Daraus merkte der Feind, da&szlig; innerhalb der Burg Unordnung
+und Verwirrung herrsche; die Belagerer liefen Sturm, &uuml;berstiegen die
+Mauern, gewannen das Tor, lie&szlig;en die Zugbr&uuml;cke herab und schlugen alles
+mit der Sch&auml;rfe des Schwertes, was ihnen vorkam. Selbst die Ungl&uuml;cksstifterin,
+das verschwenderische Weib, wurde mit all ihren Kindern von
+dem w&uuml;tigen Kriegsvolke erschlagen, das gegen den r&auml;uberischen Adel so
+erbittert war, als nachher die Aufr&uuml;hrer im schw&auml;bischen Bauernkriege.
+Das Schlo&szlig; wurde rein ausgepl&uuml;ndert, in Brand gesteckt und der Erde gleichgemacht.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 146px;">
+<a href="images/illu_21a.jpg">
+<img src="images/illu_21a_th.jpg" width="146" height="119" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>W&auml;hrend des kriegerischen Tumults hielt sich Fr&auml;ulein Mathilde im
+Dachst&uuml;bchen ganz ruhig und hatte die T&uuml;r verschlossen. Als sie aber
+merkte, da&szlig; drau&szlig;en alles bunt &uuml;ber ging und Schlo&szlig; und Riegel ihr keine
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>Sicherheit weiter geben w&uuml;rde, warf sie
+ihren Schleier &uuml;ber, drehte den Bisamapfel
+dreimal in der Hand und trat k&uuml;hnlich
+heraus, nachdem sie das Spr&uuml;chlein ausgesprochen,
+welches ihr die Nixe gelehrt
+hatte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hinter mir Nacht, vor mir Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; mich niemand sehen mag;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und so wandelte sie unbemerkt mitten
+durch das feindliche Kriegsvolk aus der v&auml;terlichen Burg, wiewohl mit
+hochbetr&uuml;btem Herzen und ohne zu wissen, wohin sie ihren Weg nehmen
+sollte. Solange ihre zarten F&uuml;&szlig;e ihr nicht den Dienst versagten, eilte sie,
+von dem Schauplatz des Greuels und der Verw&uuml;stung sich zu entfernen,
+bis sie, von Nacht und M&uuml;digkeit befallen, unter einem wilden Birnbaum
+im freien Felde zu herbergen beschlo&szlig;. Sie setzte sich auf den k&uuml;hlen Rasen
+und lie&szlig; den Tr&auml;nen freien Lauf.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 326px;">
+<span class="pagenum" style="visibility: hidden"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+<a href="images/illu_20.jpg">
+<img src="images/illu_20_th.jpg" width="326" height="344" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Noch einmal schaute sie nach der Gegend um und wollte sie segnen,
+wo sie die Jahre der Kindheit verlebt hatte; wie sie die Augen aufhob,
+sah sie ein blutrotes Feuerzeichen am Himmel stehen, woraus sie
+urteilte, da&szlig; das Stammhaus ihrer Voreltern ein Raub der Flammen
+worden sei. Sie wendete ihre Augen
+von diesem grausenvollen Anblick weg
+und w&uuml;nschte mit Sehnsucht, da&szlig; die
+funkelnden Sterne erbleichen und die
+Morgenr&ouml;te aus Osten hervorschimmern
+m&ouml;chte.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 146px;">
+<a href="images/illu_21b.jpg">
+<img src="images/illu_21b_th.jpg" width="146" height="118" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Ehe es noch tagte und der Morgentau
+auf dem Grase sich in kleine Tropfen
+sammelte, setzte sie die ungewisse Pilgerreise
+fort und gelangte bald in ein Dorf,
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>wo sie von einer gutherzigen B&auml;uerin aufgenommen und mit einem
+Bissen Brot und einer Schale Milch erquickt wurde. Von dieser Frau
+tauschte sie b&auml;uerische Kleider und gesellte sich zu einer Karawane
+Frachtf&uuml;hrer, die sie gen Augsburg geleiteten. In diesem tr&uuml;bseligen, verlassenen
+Zustande blieb ihr keine Wahl, als sich f&uuml;r ein Dienstm&auml;dchen
+zu vermieten; weil&#8217;s aber au&szlig;er der Zeit war, konnte sie lange keine
+Herrschaft finden.</p>
+
+<p>Graf Konrad von Schwabeck, ein deutscher Kreuzherr, auch Kastenvogt
+und Schirmherr des Bistums Augsburg, besa&szlig; daselbst einen Komterhof,
+wo er sich im Winter aufzuhalten pflegte. In seiner Abwesenheit
+wohnte eine Schlie&szlig;erin darin, Frau Gertrud genannt, die das Hauswesen
+regierte. Diese Frau war in der ganzen Stadt f&uuml;r eine Meg&auml;re ausgeschrien;
+kein Gesinde konnt&#8217;s bei ihr aushalten, sie l&auml;rmte und tobte im
+Hause umher wie ein Poltergeist. Das Rasseln ihrer Schl&uuml;sseln f&uuml;rchteten
+die Dirnen, wie die Kinder den Ruprecht; das kleinste Versehen oder auch
+nur ihre b&ouml;sen Launen mu&szlig;ten K&ouml;pfe und T&ouml;pfe entgelten; kurz, wenn
+man ein b&ouml;ses Weib beschreiben wollte, so hie&szlig; es, sie sei so arg als Frau
+Trude im Komterhofe. Eines Tages hatte sie das Strafamt so gewaltsam
+ausge&uuml;bt, da&szlig; alles Gesinde entlief; da kam die sanfte Mathilde und
+bot ihre Dienste an. Um ihren edlen Wuchs zu verhehlen, hatte sie eine
+Schulter gepolstert, als sei sie verwachsen; ihr blondes, seidenes Haar verbarg
+ein breites Kopftuch; Angesicht und H&auml;nde hatte sie mit Ru&szlig; bestrichen,
+um eine zigeunerm&auml;&szlig;ige Haut dadurch zu erk&uuml;nsteln. Wie sie sich
+anmeldete und die Schelle an der T&uuml;r zog, steckte Frau Gertrud den Kopf
+aus dem Fenster; da sie nun die seltsame Figur gewahr wurde, meinte
+sie, es sei eine Bettlerin und rief herab: &raquo;Hier ist kein Almosenamt, geht in
+die Fuggerei, dort spendet man Heller aus!&laquo; und schlug das Fenster hastig
+zu. Fr&auml;ulein Mathilde lie&szlig; sich dadurch nicht abschrecken, sie schellte so
+lange, bis die Ausgeberin in der Absicht wieder zum Vorschein kam, diese
+Zudringlichkeit mit einer Lage Scheltworten zu erwidern. Ehe sie aber ihren
+zahnlosen Mund er&ouml;ffnete, verst&auml;ndigte sie das Fr&auml;ulein, was ihr Begehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>sei. &raquo;Wer bist du,&laquo; fragte Gertrud,
+&raquo;und was kannst du?&laquo; Die verstellte
+Dirne antwortete:</p>
+
+<div class="figright" style="width: 206px;">
+<a href="images/illu_23.jpg">
+<img src="images/illu_23_th.jpg" width="206" height="424" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ich bin eine Waise,<br /></span>
+<span class="i0">Mathilde ich hei&szlig;e,<br /></span>
+<span class="i0">Kann pl&auml;tten,<br /></span>
+<span class="i0">Kann gl&auml;tten,<br /></span>
+<span class="i0">Kann n&auml;hen und spinnen,<br /></span>
+<span class="i0">Auch sticken<br /></span>
+<span class="i0">Und stricken,<br /></span>
+<span class="i0">Kann hacken und pochen,<br /></span>
+<span class="i0">Auch braten und kochen,<br /></span>
+<span class="i0">Bin kunstreicher Hand<br /></span>
+<span class="i0">Und flink und gewandt.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Als die Wirtschafterin dieses
+Spr&uuml;chlein h&ouml;rte und vernahm,
+da&szlig; das nu&szlig;braune M&auml;dchen so
+viel gute Talente besa&szlig;, tat sie
+die T&uuml;r auf, gab ihr den Mietgroschen
+und nahm sie in die
+K&uuml;che. Sie stand ihren Gesch&auml;ften
+so treulich vor, da&szlig; Frau Gertrud
+ganz aus der &Uuml;bung kam, T&ouml;pfe
+nach dem Ziel zu werfen. Ob sie
+gleich immer streng und m&uuml;rrisch
+blieb, alles tadelte und besser
+wissen wollte, so hielt ihr doch
+das Dienstm&auml;dchen nie Widerpart
+und wehrte durch Sanftmut und
+Duldung den Ergie&szlig;ungen ihrer
+schwarzen Galle ab. Sie wurde
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>leidlicher und besser als seit vielen Jahren, zum Beweis, da&szlig; fromm
+Gesinde auch gut Regiment, gut Wetter, fromme und getreue Oberherren
+macht.</p>
+
+<p>Um die Zeit des ersten Schnees lie&szlig; die Hausmutter das ganze Haus
+fegen und reinigen, die Fenster waschen, Vorh&auml;nge aufziehen und alles zum
+Empfang ihres Herrn zubereiten, der, mit dem bunten Gefolge seiner Diener
+umgeben, nebst einem gro&szlig;en Schwall von Pferden und Jagdhunden zu
+Winters Anfang eintraf. Mathilde k&uuml;mmerte sich wenig um die Ankunft
+des Kreuzherrn; ihre K&uuml;chenarbeit hatte sich so gemehrt, da&szlig; sie sich nicht
+Zeit nahm, nach ihm auszusehen. Zuf&auml;lligerweise begegnete er ihr, indem sie
+eines Morgens Wasser sch&ouml;pfte, auf dem Hofe. Sein gl&auml;nzendes Auge,
+die heitere Miene, das Gepr&auml;ge des Wohlbehagens und &Uuml;berflusses, das
+wellenf&ouml;rmige, leicht gelockte Haar, das sich halb unter die beschattenden
+Strau&szlig;federn des m&auml;nnlich ins Gesicht gedr&uuml;ckten Hutes versteckte, der feste
+Gang und edle Anstand des Mannes gefielen ihr gar wohl. Zum erstenmal
+empfand sie jetzt den gro&szlig;en Abstand des Standes, in welchen ein ungl&uuml;cklich
+Verh&auml;ngnis sie versetzt hatte von dem, in welchem sie geboren war, und
+diese Empfindung dr&uuml;ckte sie mehr als der schwere Wassereimer. Sie ging
+tiefsinnig in die K&uuml;che zur&uuml;ck und versalzte zum erstenmal alle Br&uuml;hen,
+welches ihr von der Wirtschafterin einen harten Verweis zuzog.</p>
+
+<p>Graf Konrad schien blo&szlig; f&uuml;r das Vergn&uuml;gen zu leben; er verabs&auml;umte
+keine Lustbarkeit und kein Freudengelag&#8217; in der reichen Stadt, die der Verkehr
+mit den Venedigern &uuml;ppig gemacht hatte. Bald gab es ein Ringelrennen,
+bald ein Stechen auf der Rennbahn, bald ein Ratswechsel oder sonst eine
+gl&auml;nzende Feierlichkeit; auch fehlte es nicht an &ouml;ffentlichen Reihent&auml;nzen
+auf dem Rathause oder auf dem Markte und durch alle Stra&szlig;en, wo die
+Edelleute den B&uuml;rgerst&ouml;chtern goldene Fingerreife und seidene T&uuml;cher verehrten
+und gute Schw&auml;nke trieben. Als die Fastnachtsmummereien begannen,
+schien der Freudentaumel aufs h&ouml;chste gestiegen zu sein. Fr&auml;ulein
+Mathilde hatte an dem allen keinen Teil, sa&szlig; in der rauchenden K&uuml;che und
+weinte schier die schmachtenden Augen wund, klagte &uuml;ber den Eigensinn
+<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>des Gl&uuml;cks, das seine G&uuml;nstlinge mit den Freuden des Lebens stromweise
+&uuml;bersch&uuml;ttet und dem Unbeg&uuml;nstigten jeden frohen Augenblick abgeizet.</p>
+
+<p>Sie hatte den Bisamapfel der Pate Nixe, der ihr drei W&uuml;nsche gew&auml;hren
+sollte, noch im Besitz. Nie hatte sie Verlangen getragen, ihn zu &ouml;ffnen und
+sein inneres Talent zu erproben; jetzt kam ihr ein, den ersten Versuch damit
+zu machen. Die Augsburger hatten bei Prinz Maxens Geburt Kaiser
+Friedrichen zu Ehren ein herrlich Bankett angestellt, das drei Tage dauern
+sollte, zu welchem sie viel Pr&auml;laten, Grafen und Herren aus der Nachbarschaft
+eingeladen hatten. Dabei wurde jeden Tag um einen ausgesetzten Preis
+gestochen, und zur Abendzeit wurden die sch&ouml;nsten Jungfrauen zu Rathaus
+aufgeholt, um mit der edlen Ritterschaft zu tanzen, und das dauerte bis an
+den lichten Morgen. Ritter Konrad ermangelte nicht, diesem Feste beizuwohnen.</p>
+
+<p>Mathilde hatte den Entschlu&szlig; gefa&szlig;t, bei dieser Gelegenheit ein Abenteuer
+zu bestehen. Nachdem sie die K&uuml;che beschickt hatte und alles im Hause ruhig
+war, ging sie auf ihre Kammer, wusch mit feiner Seife die ru&szlig;ige Schminke
+von der Haut und lie&szlig; Lilien und Rosen darauf hervorbl&uuml;hen. Hernach nahm
+sie den Bisamapfel zur Hand und w&uuml;nschte sich ein neues Kleid, so herrlich
+und pr&auml;chtig es nur sein k&ouml;nnte, mit allem Zubeh&ouml;r. Sie &ouml;ffnete den Deckel,
+da quoll hervor ein St&uuml;ck seidenen Stoffs, das dehnte und breitete sich und
+rauschte wie ein Wasserstrom herab auf ihren Scho&szlig;; und als sie&#8217;s recht besah,
+war&#8217;s ein v&ouml;lliger Anzug mit allem dazugeh&ouml;rigen kleinen Putz, und das
+Kleid pa&szlig;te ihr auf den Leib wie angegossen. Dar&uuml;ber empfand sie innige
+Herzensfreude, drehte den magischen Apfel dreimal in der Hand herum und
+sprach:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die Augen zu,<br /></span>
+<span class="i0">Bleibt alle in Ruh&#8217;!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Alsbald fiel ein tiefer Schlaf auf das gesamte Hausgesinde, von der
+wachsamen Wirtschafterin an bis auf den T&uuml;rh&uuml;ter. Husch war Fr&auml;ulein
+Mathilde zur T&uuml;r hinaus, wandelte ungesehen durch die Stra&szlig;en und trat
+<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>mit dem Anstande einer Grazie in den Tanzsaal ein. Es wunderte sich
+m&auml;nniglich &uuml;ber die Gestalt der holdseligen Jungfrau, und auf dem hohen
+S&ouml;ller, der rings um den Saal lief, entstund ein fl&uuml;sterndes Ger&auml;usch, wie
+wenn der Prediger auf der Kanzel Amen sagt. Einige bewunderten an der
+Unbekannten die Sch&ouml;nheit der Gestalt, andere den Geschmack der Kleidung,
+noch andere verlangten zu wissen, wer sie sei und von wannen sie k&auml;me,
+wiewohl kein Seitennachbar dem andern &uuml;ber diese Frage Auskunft geben
+konnte.</p>
+
+<p>Unter den edlen Rittern und Herren, die sich herzudr&auml;ngten, die fremde
+Jungfrau zu be&auml;ugeln, war der Kreuzherr nicht der letzte. Er nahte sich
+ihr und zog sie zum Tanze auf; sie bot ihm bescheiden die Hand und tanzte zur
+Bewunderung sch&ouml;n. Ihr leichter Fu&szlig; schien kaum die Erde zu ber&uuml;hren;
+die Bewegung des K&ouml;rpers aber war so edel und ungezwungen, da&szlig; sie
+jedes Auge entz&uuml;ckte. Ritter Konrad kam ihr nicht mehr von der Seite und
+sagte ihr viel Sch&ouml;nes vor; es lag ihm sehr daran zu wissen, wer die Unbekannte
+sei und wo sie hause, um sie zu verfolgen. Doch hier war alles
+Forschen vergebens; sie wich allen Fragen aus, und mit vieler M&uuml;he erhielt
+er nur von ihr die Zusage, den folgenden Tag nochmals den Tanz zu besuchen.
+Er gedachte sie zu &uuml;berlisten, wenn sie allenfalls nicht Wort halten
+sollte, und stellte alle Bedienten auf die Lauer, ihre Wohnung auszukundschaften,
+denn er hielt sie f&uuml;r eine Augsburgerin; die Tanzgesellschaft aber
+meinte, sie geh&ouml;rte zur Freundschaft des Grafen.</p>
+
+<p>Der Morgen war schon angebrochen, ehe sie Gelegenheit fand, dem Ritter
+zu entwischen und den Tanzplatz zu verlassen. Sobald sie aus dem Saal trat,
+drehte sie den Bisamapfel dreimal in der Hand um und sagte dazu ihr
+Spr&uuml;chlein:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Hinter mir Nacht, vor mir Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; mich niemand sehen mag;&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und so gelangte sie in ihre Kammer, ohne da&szlig; die D&auml;mmerungsv&ouml;gel des
+Grafen, die in allen Stra&szlig;en auf- und abflatterten, sie wahrnahmen. Bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>ihrer Zuhausekunft schlo&szlig; sie das seidene Kleid in die Lade, zog wieder die
+schmutzigen K&uuml;chenkleider an und gab sich an ihr Gesch&auml;ft, war fr&uuml;her auf
+als das &uuml;brige Gesinde, welches Frau Gertrude mit dem Bund Schl&uuml;ssel aus
+den Betten klingelte, und erntete von der Wirtschafterin ein kleines Lob.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 379px;">
+<a href="images/illu_28.jpg">
+<img src="images/illu_28_th.jpg" width="379" height="233" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Noch nie war dem Ritter ein Tag so lang worden als der nach dem
+Ball; jede Stunde d&uuml;nkte ihn ein Jahr. Um Vesperzeit r&uuml;stete er sich zum
+Ball, kleidete sich sorgf&auml;ltiger als tags vorher, und die drei goldenen Ringe,
+das alte Abzeichen des Adels, funkelten diesmal mit Diamanten besetzt am
+Saume seiner Halskrause. Er war der erste auf dem Tummelplatze der
+Freude, musterte alle Kommenden mit dem Scharfblick des Adlerauges und
+harrte mit Ungeduld der Erscheinung seiner Ballk&ouml;nigin entgegen. Der
+Abendstern war schon hoch am Horizont heraufger&uuml;ckt, ehe das Fr&auml;ulein
+Zeit gewann, auf ihre Kammer zu gehen. Sie w&uuml;nschte sich ein anderes Kleid,
+von Rosaatlas nebst einem Juwelenschmuck, so sch&ouml;n und pr&auml;chtig, als ihn die
+K&ouml;nigst&ouml;chter zu tragen pflegen. Der gutwillige Bisamapfel gab her, was
+in seinem Verm&ouml;gen war, und der Anzug &uuml;bertraf ihre eigene Erwartung.
+Sie machte wohlgemut ihre Toilette, und mit Hilfe des Talismans gelangte
+sie, von keinem sterblichen Auge bemerkt, dahin, wo sie so sehnlich erwartet
+wurde. Sie war sch&ouml;ner als tags vorher, und da sie der Kreuzherr erblickte,
+zog er sie wieder zum Tanze auf und alle Partien traten ab, das herrliche
+Paar walzen zu sehen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 328px;">
+<span class="pagenum" style="visibility: hidden"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+<a href="images/illu_29.jpg">
+<img src="images/illu_29_th.jpg" width="328" height="344" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Nach vollendetem Tanze f&uuml;hrte Graf Konrad die erm&uuml;dete T&auml;nzerin
+unter dem Vorwand, Erfrischung zu suchen, in ein Seitengemach, sagte ihr
+in der Sprache eines feinen Hofmannes wie tags zuvor viel Schmeichelhaftes,
+wie ein Freier zu reden pflegt, der um eine Braut wirbt. Das Fr&auml;ulein
+h&ouml;rte mit versch&auml;mter Freude den Ritter an, dann redete sie gar z&uuml;chtiglich
+also: &raquo;Was Ihr mir, edler Ritter, heute und gestern vorgesagt habt, gef&auml;llt
+meinem Herzen wohl; denn ich glaube nicht, da&szlig; Ihr mit tr&uuml;glichen Worten
+zu mir redet. Aber wie kann ich Eure Gemahlin werden, da Ihr ein Kreuzherr
+seid und das Gel&uuml;bde getan habt, ehelos zu bleiben Euer Leben lang?&laquo;
+Der Ritter antwortete ernsthaft und bieder: &raquo;Ihr redet als eine tugendliche
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>und kluge Jungfrau, darum will ich auf Eure ehrliche Frage Euch jetzt Bescheid
+geben und Euren Zweifel l&ouml;sen. Zur Zeit, als ich in den Kreuzorden
+aufgenommen wurde, war mein Bruder Wilhelm, der Stammerbe, noch am
+Leben; seit der aber erbleicht ist, habe ich Dispensation erlangt, als der Letzte
+meines Stammes ehelich zu werden und dem Orden zu entsagen, so mir&#8217;s
+gef&auml;llt. Ich vertraue fest darauf, da&szlig; Ihr und keine andere vom Himmel
+mir zum ehelichen Gemahl beschieden seid. So Ihr mir nun Eure Hand nicht
+weigert, soll unser B&uuml;ndnis nichts scheiden als der bittere Tod.&laquo; &#8211; &raquo;Bedenket
+Euch wohl,&laquo; versetzte Mathilde, &raquo;da&szlig; Euch nicht die Reue ankomme;
+vorgetan und nachbedacht, hat in die Welt viel Unheil bracht. Ich bin Euch
+fremd, Ihr wisset nicht, wes Standes und W&uuml;rden ich sei, ob ich Euch an
+Geburt und Verm&ouml;gen gleiche, oder ob ein erborgter Schimmer nur Eure
+Augen blendet. Einem Manne Eures Standes steht an, nichts leichtsinnig zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>verhei&szlig;en, aber auch seine Zusage nach Adelsbrauch unverbr&uuml;chlich zu erf&uuml;llen.&laquo;
+Ritter Konrad ergriff hastig ihre Hand, dr&uuml;ckte sie fest ans Herz und
+sprach mit warmer Liebe: &raquo;Das verspreche ich bei Seel&#8217; und Seligkeit! Wenn
+Ihr,&laquo; fuhr er fort, &raquo;des geringsten Mannes Kind w&auml;ret, so will ich Euch
+ehrlich halten als mein Gemahl und Euch zu hohen Ehren bringen.&laquo; Drauf zog
+er einen Demantring von gro&szlig;em Werte vom Finger, gab ihr den zum Pfand
+der Treue an ihre Hand und sprach weiter: &raquo;Damit Ihr kein Mi&szlig;trauen in
+meine Zusage setzet, so lade ich Euch &uuml;ber drei Tage in mein Haus, wo ich
+meine Freunde des Pr&auml;laten- und Herrenstandes, auch andere ehrenfeste
+M&auml;nner bescheiden will, unserer Ehestiftung beizuwohnen.&laquo; Mathilde
+weigerte sich des aus allen Kr&auml;ften, weil sie die Beharrlichkeit seiner Gesinnungen
+zuvor erst pr&uuml;fen wollte. Er lie&szlig; sich gleichwohl nicht abwendig
+machen, ihre Einwilligung zu begehren, und sie sagte weder ja noch nein dazu.
+Wie tags zuvor, schied die Gesellschaft bei Anbruch der Morgenr&ouml;te auseinander,
+Mathilde verschwand, und der Ritter, dem kein Schlaf in die Augen
+<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>kam, berief in aller Fr&uuml;he die wache Wirtschafterin
+und gab ihr Befehl zur Zurichtung
+eines pr&auml;chtigen Gastmahls.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 411px;">
+<a href="images/illu_30.jpg">
+<img src="images/illu_30_th.jpg" width="411" height="206" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<div class="figright" style="width: 144px;">
+<a href="images/illu_31.jpg">
+<img src="images/illu_31_th.jpg" width="144" height="442" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Wie Freund Hein, das Furchtgerippe mit
+der Sense, Pal&auml;ste und Strohh&uuml;tten durchwandert
+und alles, was ihm begegnet, unerbittlich
+m&auml;ht und w&uuml;rgt, so durchzog am
+Vorabend des Gastmahls Frau Gertrud, die
+unerbittliche Faust mit dem Schlachtmesser
+bewaffnet, H&uuml;hner- und Entenst&auml;lle und trug
+als die Parze des Hausgefl&uuml;gels Leben und
+Tod in ihrer Hand. Von ihrem blanken W&uuml;rgestahl
+fielen die unbesorgten Bewohner bei
+Dutzenden, schlugen zum letztenmal &auml;ngstlich
+die Fl&uuml;gel, und H&uuml;hner und Tauben und
+d&auml;mische Kapaunen bluteten neben dem verbuhlten
+Puterhahn ihr Leben aus. Fr&auml;ulein
+Mathilde bekam so viel zu rupfen, zu br&uuml;hen
+und aufzuz&auml;umen, da&szlig; sie die ganze Nacht den
+goldenen Schlaf entbehren mu&szlig;te; doch achtete
+sie all der M&uuml;he nicht, weil sie wu&szlig;te, da&szlig;
+der Hochschmaus um ihrentwillen angerichtet
+wurde. Das Gastmahl begann, der fr&ouml;hliche
+Wirt flog den Kommenden entgegen, und
+wenn der T&uuml;rh&uuml;ter schellte, w&auml;hnte er immer,
+die unbekannte Braut sei an der T&uuml;r; wurde
+sie aber ge&ouml;ffnet, so trat ein Pr&auml;lat, eine
+feierliche Matrone oder ein ehrw&uuml;rdig Amtsgesicht
+herein. Die G&auml;ste waren lange beisammen
+und der Truchse&szlig; z&ouml;gerte gleichwohl,
+die Speisen aufzutragen. Ritter Konrad
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>harrte noch immer auf die sch&ouml;ne Braut; als sie aber zu lange weilte,
+winkte er dem Truchse&szlig; mit geheimem Verdru&szlig;, die Tafel zu beschicken.
+Man setzte sich und befand, da&szlig; ein Gedeck zu viel war; niemand aber
+konnte erraten, wer die Einladung des Gastgebotes verschm&auml;ht hatte. Von
+Augenblick zu Augenblick verminderte sich die Fr&ouml;hlichkeit des Gastgebers
+sichtbar, es war nicht mehr in seiner Gewalt, den Tr&uuml;bsinn von seiner
+Stirn zu bannen, so sehr er sich auch angelegen sein lie&szlig;, durch erzwungene
+Heiterkeit die G&auml;ste bei Laune zu erhalten. Sauerteig s&auml;uerte gar bald den
+S&uuml;&szlig;teig der geselligen Freude, drum ging es im Tafelgemache bald so still
+und ernsthaft her wie bei einem Leichenessen. Die Geigen, die abends zum
+Tanz aufspielen sollten, wurden fortgeschickt, und so endete diesmal das Fest
+im Komterhof ohne Sang und Klang.</p>
+
+<p>Die mi&szlig;mutigen G&auml;ste verloren sich fr&uuml;her als gew&ouml;hnlich und den
+Ritter verlangte nach der Einsamkeit seines Gemachs. Er warf sich auf dem
+Bette unruhig hin und her und konnte mit seinen Sinnen nicht ausdenken,
+welche Deutung er der mi&szlig;lungenen Hoffnung geben sollte. Der Morgen
+kam, ehe er ein Auge geschlossen hatte, die Diener traten herein, fanden
+ihren Herrn mit wilden Phantasien k&auml;mpfen, dem Anschein nach von einem
+heftigen Fieber befallen. Dar&uuml;ber geriet das ganze Haus in Best&uuml;rzung,
+die &Auml;rzte rennten treppauf, treppnieder, schrieben ellenlange Rezepte, und
+in der Apotheke waren alle M&ouml;rser im Gange, als ob sie zur Fr&uuml;hmetten
+l&auml;uten sollten.</p>
+
+<p>Sieben Tage lang hatte sich Graf Konrad so durch geheimen Kummer
+abgezehrt, da&szlig; die Rosen seiner Wangen dahinwelkten, das Feuer der Augen
+verlosch und Leben und Odem ihm nur noch zwischen den Lippen schwebte
+wie ein leichter Morgennebel im Tal, der auf den kleinsten Windsto&szlig; wartet,
+ihn ganz zu verwehen. Fr&auml;ulein Mathilde hatte genaue Kundschaft von
+allem, was im Hause vorging. Es war nicht Eigensinn, da&szlig; sie die Einladung
+nicht angenommen hatte. Teils wollte sie die Standhaftigkeit des Ritters
+pr&uuml;fen, teils fand sie Bedenken, dem Bisamapfel den letzten Wunsch abzun&ouml;tigen;
+denn als Braut meinte sie, zieme ihr ein neuer Anzug, und Frau
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Pate hatte ihr empfohlen, mit ihren W&uuml;nschen r&auml;tlich umzugehen. Indessen
+war ihr am Tage des Gastmahls gar weh ums Herz, sie setzte sich in einen
+Winkel und weinte bitterlich. Die Krankheit des Ritters beunruhigte sie noch
+mehr, und wie sie die Gefahr vernahm, in welcher er sich befand, war sie
+untr&ouml;stbar.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 263px;">
+<a href="images/illu_33.jpg">
+<img src="images/illu_33_th.jpg" width="263" height="158" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Der siebente Tag sollte nach dem Spruch der &Auml;rzte Leben oder Tod entscheiden.
+Mathilde ging ihrer Gewohnheit nach bei fr&uuml;hem Morgen zur
+Wirtschafterin, mit ihr &uuml;ber den K&uuml;chenzettel Rat zu halten; aber Frau
+Gertrud war so au&szlig;er der Fassung, da&szlig; sie sich auf die gemeinsten Dinge
+nicht besinnen, noch die Wahl der Speisen ordnen konnte; gro&szlig;e Tr&auml;nen
+wie die Tropfen einer Dachtraufe rollten &uuml;ber die ledernen Wangen: &raquo;Ach
+Mathilde!&laquo; schluchzte sie, &raquo;wir werden hier bald ausgewirtschaftet haben,
+unser guter Herr wird den Tag nicht &uuml;berleben.&laquo; Das war eine gar traurige
+Botschaft! das Fr&auml;ulein gedachte umzusinken vor Schrecken; doch fa&szlig;te
+sie bald wieder Mut und sprach: &raquo;Verzaget nicht an dem Leben unsers Herrn,
+er wird nicht sterben, sondern gesund werden; ich habe heut&#8217; nacht einen
+guten Traum gehabt.&laquo; Die Alte war ein lebendiges Traumbuch, machte
+Jagd auf jeden Traum des Hausgesindes, und wo sie einen habhaft werden
+konnte, legte sie ihn immer so aus, da&szlig; die Erf&uuml;llung bei ihr stund; denn die
+anmutigsten Tr&auml;ume
+zielten bei ihr auf Hader,
+Zank und Scheltworte.
+&raquo;Sag an deinen
+Traum,&laquo; sprach sie,
+&raquo;da&szlig; ich ihn ausdeute.&laquo;
+&raquo;Mir war,&laquo; gegenredete
+Mathilde, &raquo;als sei ich
+noch daheim bei meinem
+M&uuml;tterlein; die nahm
+mich beiseits und lehrte
+mich das S&uuml;pplein von
+<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>neunerlei Kr&auml;utern kochen; das hilft f&uuml;r alle Krankheit, so jemand nur
+drei L&ouml;ffel davon genie&szlig;t. &#8250;Bereite dies deinem Herrn,&#8249; sprach sie, &#8250;und er
+wird nicht sterben, sondern von Stund&#8217; an gesund werden.&#8249;&laquo; Frau Gertrud
+verwunderte sich h&ouml;chlich &uuml;ber diesen Traum, enthielt sich diesmals aller
+sinnbildlichen Deutung: &raquo;Dein Traum ist sonderbar,&laquo; sprach sie, &raquo;und nicht
+von ungef&auml;hr. Richte flugs dein S&uuml;pplein zu zum Fr&uuml;hst&uuml;ck, ich will sehen,
+ob ich&#8217;s &uuml;ber unsern Herrn vermag, da&szlig; er davon genie&szlig;t.&laquo; Ritter Konrad
+lag im stillen Hinbr&uuml;ten, matt und kraftlos, schickte sich zu seiner Heimfahrt
+und begehrte, das Sakrament der letzten &Ouml;lung zu empfahen; da trat Frau
+Gertrud zu ihm hin, ri&szlig; ihn durch ihre gel&auml;ufige Zunge aus der Betrachtung
+der vier letzten Dinge und qu&auml;lte ihn mit gutgemeinter Geschw&auml;tzigkeit
+derma&szlig;en, da&szlig; er, um ihrer los zu werden, verhie&szlig;, was sie begehrte.
+Indessen bereitete Mathilde eine herrliche Kraftbr&uuml;he, tat darein allerlei
+K&uuml;chenkr&auml;uter und k&ouml;stliche W&uuml;rze, und als sie anrichtete, legte sie den
+Demantring, welchen ihr der Ritter zum Pfande der Treue gegeben hatte, in
+die Schale und hie&szlig; den Diener auftragen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 318px;">
+<span class="pagenum" style="visibility: hidden"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+<a href="images/illu_34.jpg">
+<img src="images/illu_34_th.jpg" width="318" height="338" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<div class="figright" style="width: 101px;">
+<a href="images/illu_35.jpg">
+<img src="images/illu_35_th.jpg" width="101" height="153" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Der Kranke f&uuml;rchtete die laute Beredsamkeit der Wirtschafterin, die ihm
+noch in den Ohren gellte, so sehr, da&szlig; er sich zwang, einen L&ouml;ffel Suppe
+zu nehmen. Als er zu Boden fuhr, bemerkte er einen K&ouml;rper, den er herausfischte
+und zu seinem Erstaunen den Demantring fand.
+Sogleich gl&auml;nzte sein Auge wieder voll Leben und
+Jugendfeuer und er leerte mit sichtbarer E&szlig;lust die
+ganze Schale aus, zu gro&szlig;er Freude der Frau Gertrud
+und des aufwartenden Gesindes. Alle schrieben der
+Suppe die au&szlig;erordentliche Heilkraft zu, den Ring
+hatte der Ritter keinen der Umstehenden bemerken
+lassen. Drauf wendete er sich zu Frau Gertrud und
+sprach: &raquo;Wer hat diese Kost zugerichtet, die mir wohltut,
+meine Kr&auml;fte belebt und mich wieder ins Leben
+ruft?&laquo; Die sorgsame Alte w&uuml;nschte, da&szlig; der auflebende
+Kranke sich jetzt ruhig halten und nicht zu viel sprechen
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>m&ouml;chte, darum sprach
+sie: &raquo;La&szlig;t Euch nicht
+k&uuml;mmern, gestrenger
+Junker, wer das
+S&uuml;pplein zugerichtet
+hat; wohl Euch und
+uns, da&szlig; es die heilsame
+Wirkung hervorgebracht
+hat, die
+wir davon hofften.&laquo;
+Durch diese Antwort
+geschah aber dem
+Ritter kein Gen&uuml;gen;
+er bestund mit Ernst
+auf der Beantwortung
+seiner Frage, auf welche
+die Ausgeberin
+diesen Bescheid gab:
+&raquo;Es dienet eine junge
+Dirne in der K&uuml;che,
+genannt die Zigeunerin, aller Kr&auml;fte der Kr&auml;uter und Pflanzen kundig, die
+hat das S&uuml;pplein zugerichtet, das Euch so wohl tut.&laquo; &#8211; &raquo;F&uuml;hrt sie alsbald
+zu mir,&laquo; sagte der Ritter, &raquo;da&szlig; ich ihr danke f&uuml;r diese Panazee des Lebens.&laquo; &#8211;
+&raquo;Verzeihet,&laquo; erwiderte die Haush&auml;lterin, &raquo;ihr Anblick w&uuml;rde Euch Unlust
+machen; sie gleicht an Gestalt einer Schleiereule, hat einen H&ouml;cker auf dem
+R&uuml;cken, ist mit schmutzigen Kleidern angetan und ihr Angesicht und H&auml;nde
+sind mit Ru&szlig; und Asche bedeckt.&laquo; &#8211; &raquo;Tut nach meinem Befehl,&laquo; beschlo&szlig; der
+Graf, &raquo;und z&ouml;gert keinen Augenblick.&laquo; Frau Gertrud gehorchte, berief eilig
+Mathilden aus der K&uuml;che zu sich, warf ihr ein Regentuch &uuml;ber, das sie zu
+tragen pflegte, wenn sie zur Messe ging und f&uuml;hrte sie in diesem Aufputz in
+das Krankenzimmer ein. Der Ritter begehrte, da&szlig; sich jedermann entfernen
+<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>sollte, und als er die
+T&uuml;r hatte hei&szlig;en zutun,
+sprach er: &raquo;M&auml;gdlein,
+bekenne mir frei,
+wie bist du zu dem
+Ringe gelangt, den
+ich gefunden habe in
+der Schale, darein du
+mir das Fr&uuml;hst&uuml;ck zugerichtet
+hast?&laquo; &#8211;
+&raquo;Edler Ritter,&laquo; antwortete
+das Fr&auml;ulein
+z&uuml;chtig und sittsam,
+&raquo;den Ring habe ich
+von Euch; Ihr begabtet
+mich damit
+am zweiten Abend
+des Freudenreihens;
+sehet nun zu, ob meine
+Gestalt und Herkunft
+verdient, da&szlig; Ihr Euch so abgeh&auml;rmt habt, als wolltet Ihr ins Grab sinken.
+Euer Zustand jammerte mich, darum habe ich nicht l&auml;nger verweilt, Euch
+aus dem Irrtum zu ziehen.&laquo;</p>
+
+<div class="figright" style="width: 267px;">
+<a href="images/illu_36.jpg">
+<img src="images/illu_36_th.jpg" width="267" height="272" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Einer solchen &Uuml;berraschung hatte sich Graf Konrad nicht versehen; er
+war best&uuml;rzt und schwieg einige Augenblicke. Aber die Gestalt der sch&ouml;nen
+T&auml;nzerin schwebte ihm bald wieder vor und er verfiel auf den Gedanken,
+da&szlig; man ihn durch einen frommen Betrug von seiner Absicht heilen wollte;
+doch der wahre Ring, den er zur&uuml;ckempfangen hatte, lie&szlig; vermuten, da&szlig; die
+Unbekannte auf irgend eine Weise mit im Spiel sein m&uuml;&szlig;te; also legte er&#8217;s
+darauf an, die Dirne auszuforschen und in der Rede zu fangen. &raquo;Seid Ihr
+die holde Jungfrau,&laquo; sprach er, &raquo;welcher ich meine Hand gelobet habe, so
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>zweifelt nicht, da&szlig; ich meine Zusage treulich erf&uuml;llen werde; aber h&uuml;tet Euch,
+mich zu betr&uuml;gen. K&ouml;nnet Ihr die Gestalt wieder annehmen, die Ihr mir
+vorloget zwei N&auml;chte hintereinander auf dem Tanzplatz, k&ouml;nnet Ihr Euern
+Leib schlank und eben machen wie eine junge Tanne, k&ouml;nnet Ihr die schabige
+Haut abstreifen wie die Schlange und Eure Farbe wechseln wie das Cham&auml;leon,
+so soll das Wort, welches ich aussprach, als ich diesen Ring von
+mir gab, Ja und Amen sein. K&ouml;nnet Ihr aber diesen Bedingungen nicht
+Gen&uuml;ge leisten, so will ich Euch als eine Betr&uuml;gerin strafen lassen, bis
+Ihr mir saget, wie Euch dieser Ring ist zuhanden kommen.&laquo;</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 267px;">
+<a href="images/illu_37.jpg">
+<img src="images/illu_37_th.jpg" width="267" height="270" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Hierauf schellte der Kreuzherr der Wirtschafterin und erteilte ihr den
+Befehl: &raquo;Geleitet dieses M&auml;dchen auf ihre Kammer, da&szlig; sie sich reinlich
+kleide, harret an der T&uuml;r, bis sie heraustritt; ich erwarte euer im Sprachgemach.&laquo;
+Frau Gertrud nahm ihre Gefangene in genaue Aufsicht, ohne
+eigentlich zu wissen, wohin der Befehl ihres Herrn gemeint sei. Im Hinaufsteigen
+fragte sie: &raquo;Hast du Kleider, dich zu schm&uuml;cken, warum hast du mir&#8217;s
+verschwiegen? Gebricht dir&#8217;s aber daran, so folge mir auf meine Kammer,
+ich will dir leihen, soviel du bedarfst.&laquo; Hierauf beschrieb sie ihre altmodische
+Garderobe, worin sie vor einem halben Jahrhundert Eroberungen
+gemacht hatte, St&uuml;ck bei St&uuml;ck mit froher Zur&uuml;ckerinnerung an die vormaligen
+Zeiten. Mathilde hatte darauf wenig acht, begehrte nur ein
+St&uuml;cklein Seife und eine Handvoll Weizenkleien, nahm ein Waschbecken
+voll Wasser, ging auf ihre Kammer und tat die T&uuml;r hinter sich zu; Frau
+Gertrud aber bewachte solche von au&szlig;en mit gro&szlig;er Sorgfalt, wie ihr
+befohlen war. Der Kreuzherr, voller Erwartung, welchen Ausgang das
+Abenteuer seiner Liebe nehmen werde, verlie&szlig; sein Lager, kleidete sich aufs
+zierlichste und begab sich in sein Prunkgemach, mu&szlig;te sich lange gedulden,
+ehe er aus der Ungewi&szlig;heit gezogen wurde, und wandelte mit geschwinden
+Schritten unruhig auf und ab. Doch als der welsche Zeiger am Augsburger
+Rathaus in der Mittagsstunde auf achtzehn Uhr wies, flogen urpl&ouml;tzlich
+die Fl&uuml;gelt&uuml;ren auf, es rauschte durchs Vorgemach der Schweif eines
+seidenen Gewandes, Mathilde trat herein mit Anstand und W&uuml;rde und
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>geschm&uuml;ckt wie sie auf dem Feste erschienen war. &raquo;Ihr sehet mich hier,&laquo;
+sprach sie, &raquo;in meiner wahren Gestalt. Ich bin Wackermann Uhlfingers,
+des ehrenfesten Ritters, Tochter, dessen ungl&uuml;ckliches Geschick Euch sonder
+Zweifel nicht verborgen ist, bin k&uuml;mmerlich dem Einsturz des v&auml;terlichen
+Hauses entronnen und habe in Eurer Wohnung, wiewohl in armseliger
+Gestalt, Schutz und Sicherheit gefunden.&laquo; Hierauf erz&auml;hlte sie ihm ihre
+Geschichte und verschwieg ihm auch die Heimlichkeit mit dem Bisamapfel
+nicht. Graf Konrad war hocherfreut und dachte nicht mehr daran, da&szlig; er
+zum Sterben krank gewesen war; er lud auf den folgenden Tag alle die G&auml;ste
+wieder, die zuvor sein Tr&uuml;bsinn so fr&uuml;h auseinandergescheucht hatte, hielt
+&ouml;ffentliche Verlobung mit seiner Braut, und als der Truchse&szlig; aufgetragen
+hatte und nun herumz&auml;hlte, fand er, da&szlig; kein Gedeck zu viel war. Drauf
+trat der Ritter aus dem Orden, verlie&szlig; den Komterhof und vollzog die
+Hochzeit mit gro&szlig;er Pracht. Bei dieser merkw&uuml;rdigen Hausver&auml;nderung
+bewies sich die gesch&auml;ftige Martha, Frau Gertrud, ganz unt&auml;tig; als sie
+Fr&auml;ulein Mathildens Kammert&uuml;r bewachte und bei Er&ouml;ffnung derselben
+eine stattlich gekleidete Dame zum Vorschein kam, war ihr Erstaunen so
+<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>gro&szlig;, da&szlig; sie r&uuml;cklings vom Sessel fiel, einen Schenkel ausrenkte und lendenlahm
+blieb ihr Leben lang.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 376px;">
+<a href="images/illu_39.jpg">
+<img src="images/illu_39_th.jpg" width="376" height="203" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<div class="figleft" style="width: 196px;">
+<a href="images/illu_40.jpg">
+<img src="images/illu_40_th.jpg" width="196" height="333" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Die Neuverm&auml;hlten verlebten das erste Jahr zu Augsburg. Eines Tages,
+als sie in frohen Gespr&auml;chen am offenen Fenster sa&szlig;en, sagte die junge
+Gr&auml;fin: &raquo;Mein herzgeliebter Herr, mir ist nun kein Wunsch mehr &uuml;brig, ich
+erlasse meinem Bisamapfel die Erf&uuml;llung des dritten Wunsches mit Freuden.
+Habt Ihr aber irgend ein verborgenes
+Anliegen in Eurem Herzen, so
+tut mir&#8217;s kund, ich will es zu dem
+meinigen machen und zur Stunde soll
+es Euch gew&auml;hrt sein.&laquo; Graf Konrad
+schlo&szlig; sein trautes Weib in die Arme
+und beteuerte ihr hoch, da&szlig; au&szlig;er
+der Fortdauer seines Gl&uuml;ckes f&uuml;r ihn
+nichts w&uuml;nschenswerter auf Erden
+sei. Also verlor der Bisamapfel in
+den Augen seiner Besitzerin allen
+Wert und sie behielt ihn nur zum
+dankbaren Andenken der Pate Nixe.</p>
+
+<p>Graf Konrad hatte noch eine Mutter
+am Leben, die auf ihrem Wittum
+zu Schwabeck wohnte. Ihr in Kindesliebe
+die Hand zu k&uuml;ssen, trug die
+fromme Schwiegertochter gro&szlig; Verlangen;
+doch der Graf lehnte immer
+die Wallfahrt zur Mutter unter
+scheinbarem Vorwand ab und brachte
+dagegen eine Lustreise auf ein ihm
+unl&auml;ngst heimgefallenes Lehen in
+Vorschlag, unfern von Wackermanns
+zerst&ouml;rter Burg gelegen; Mathilde
+<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>willigte gern darein, um die Gegend wieder zu besuchen,
+wo sie ihre erste Jugend verlebt hatte. Sie
+besuchte die Tr&uuml;mmer der v&auml;terlichen Wohnung, beweinte
+die Asche ihrer Eltern, ging zum Nixenbrunnen und
+hoffte, da&szlig; ihre Gegenwart die Nymphe einladen w&uuml;rde,
+sich ihr zu versichtbaren. Mancher Stein fiel in den Brunnen
+ohne die gehoffte Wirkung, selbst der Bisamapfel schwamm
+als eine leichte Wasserblase obenauf, und sie mu&szlig;te sich die
+M&uuml;he nehmen, ihn selbst wieder herauszufischen. Die
+Nymphe kam nicht mehr zum Vorschein. Heimgekehrt, bekam Frau Mathilde
+einen Sohn, sch&ouml;n wie ein G&ouml;tterknabe, und die Freude der Eltern war so
+gro&szlig;, da&szlig; sie ihn schier aus hei&szlig;er Liebe erdr&uuml;ckten; die Mutter lie&szlig; ihn
+nicht aus ihren Armen und sp&auml;hte jeden Atemzug des kleinen unschuldigen
+Engels, obgleich der Graf eine weise Amme gedungen hatte, die des Kindleins
+pflegen sollte. Aber in der dritten Nacht, da alles im Schlo&szlig; vom Taumel
+eines Freudenfestes in tiefem Schlaf begraben lag, wandelte die Mutter auch
+ein sanfter Schlummer an, und als sie erwachte, war das Kind aus ihren
+Armen weg! Best&uuml;rzt rief die erschrockene Gr&auml;fin: &raquo;Amme, wo habt Ihr mein
+Kindlein hingelegt?&laquo; Die Amme antwortete: &raquo;Edle Frau, das zarte Herrlein
+ist in Euren Armen.&laquo; Bett und Zimmer wurden &auml;ngstlich durchsucht, aber
+nichts gefunden au&szlig;er einigen Blutstr&ouml;pflein auf dem Fu&szlig;boden des Gemachs.
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>Wie das die Amme inne ward, erhob sie gro&szlig; Geschrei: &raquo;Ach, da&szlig; es Gott
+und alle Heiligen erbarme! Der Werwolf ist dagewesen und hat das Kindlein
+davongetragen.&laquo; Die Gr&auml;fin gr&auml;mte sich &uuml;ber den Verlust des holden
+Knaben bleich und mager und der Vater war untr&ouml;stbar. Obgleich der
+Werwolfsglaube in seinem Herzen kein Senfkorn aufwog, so lie&szlig; er sich doch
+von dem Geschw&auml;tz, da er sich die Sache auf keine Weise zu erkl&auml;ren wu&szlig;te,
+&uuml;bert&auml;uben, tr&ouml;stete seine trostlose Gemahlin, die aus Gef&auml;lligkeit f&uuml;r ihn,
+der alle Traurigkeit ha&szlig;te, sich zwang, eine heitere Miene anzunehmen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 383px;">
+<a href="images/illu_41.jpg">
+<img src="images/illu_41_th.jpg" width="383" height="268" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<div class="figright" style="width: 70px;">
+<a href="images/illu_42.jpg">
+<img src="images/illu_42_th.jpg" width="70" height="227" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Die Schmerzenstilgerin, die wohlt&auml;tige Zeit, heilte endlich die m&uuml;tterliche
+Herzwunde, als der Verlust durch einen zweiten Sohn ersetzt wurde. Grenzenlos
+war die Freude &uuml;ber den sch&ouml;nen Stammerben im gr&auml;flichen Palast, der
+Graf bankettierte frohen Muts mit seinen Nachbarn eine Tagereise ringsumher,
+der Freudenbecher ging ohne Unterla&szlig; aus Hand in Hand, von Wirt
+und G&auml;sten bis zum T&uuml;rh&uuml;ter herum, auf die Gesundheit des Neugebornen.
+Die besorgte Mutter lie&szlig; das Kindlein nicht von sich, erwehrte
+sich des s&uuml;&szlig;en Schlafes, solange es ihre Kr&auml;fte erlaubten; da
+sie aber endlich den Forderungen der Natur nachgeben mu&szlig;te,
+nahm sie die goldene Kette vom Hals, umschlang damit des
+Kn&auml;bleins Leib und befestigte das andere Ende davon an
+ihrem Arm, segnete sich und das Kind mit dem heiligen
+Kreuz, auf da&szlig; der Werwolf keine Macht noch Gewalt daran
+finden m&ouml;chte, und bald darauf &uuml;berfiel sie ein unwiderstehlicher
+Schlaf. Als sie der erste Morgenstrahl erweckte,
+o Jammer! da war der s&uuml;&szlig;e Knabe aus ihren Armen verschwunden.
+Im ersten Schrecken rief sie wie vormals: &raquo;Amme,
+wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?&laquo; und die Amme antwortete
+wiederum: &raquo;Edle Frau, das zarte Herrlein ist in
+Euren Armen.&laquo; Alsbald sah sie nach dem goldnen Kettlein,
+das sie um den Arm geschlungen hatte, befand, da&szlig; ein Gelenk
+mit einer scharfen st&auml;hlernen Schere mitten entzweigeschnitten
+war, und sank in Ohnmacht vor Entsetzen hin.
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>Die Amme machte L&auml;rm im Hause, das Gesinde eilte voller Best&uuml;rzung
+herbei, und da Graf Konrad h&ouml;rte, was sich zugetragen hatte, entbrannte
+sein Herz von Wut und Eifer, er z&uuml;ckte sein ritterliches Schwert, Sinnes,
+der Amme das Haupt zu spalten.</p>
+
+<p>&raquo;Verruchtes Weib!&laquo; donnerte er mit furchtbarer Stimme, &raquo;gab ich dir
+nicht geheimen Befehl, wach zu bleiben die ganze Nacht und kein Auge von
+dem Knaben zu verwenden, damit, wenn das Unget&uuml;m k&auml;me, ihn der
+schlafenden Mutter wegzurauben, du durch dein Geschrei das Haus rege
+machtest, damit wir den Werwolf vertrieben? Schlaf nun, du Schl&auml;ferin,
+den langen Todesschlaf!&laquo; Das Weib fiel auf die Kniee vor ihm nieder. &raquo;Gestrenger
+Herr,&laquo; sprach sie, &raquo;bei Gottes Barmherzigkeit beschw&ouml;re ich Euch,
+erw&uuml;rget mich augenblicks, damit ich die Schandtat mit ins Grab nehme,
+die meine Augen gesehen haben und die mir weder Gehei&szlig; noch Lohn abdringen
+soll, wofern sie nicht die Folter herauspre&szlig;t.&laquo; Der Graf staunte;
+&raquo;welche Schandtat,&laquo; fragte er, &raquo;hast du mit Augen gesehen, die so schwarz
+ist, da&szlig; deine Zunge sich weigert, sie auszureden? Lieber bekenne mir ohne
+Folter, was dir kund worden ist, als eine treue Magd.&laquo; &raquo;Herr,&laquo; erseufzte
+die Dirne, &raquo;was treibt Euch, Euer Ungl&uuml;ck zu erfahren? Besser ist&#8217;s, da&szlig;
+das schreckliche Geheimnis zugleich mit meinem Leichnam verscharret werde
+in das k&uuml;hle Grab.&laquo; Durch diese Rede wurde Graf Konrad nur noch begieriger,
+das Geheimnis zu erfahren; er nahm das Weib beiseits in sein heimliches
+Zimmer, und durch Drohungen und Verhei&szlig;ungen bewogen, er&ouml;ffnete sie ihm,
+was er zu wissen gern w&auml;re &uuml;berhoben gewesen. &raquo;Eure Gemahlin,&laquo; sprach
+sie, &raquo;sollt Ihr wissen, Herr, ist eine sch&auml;ndliche Zauberin; aber sie liebt Euch
+unerme&szlig;lich und ihre Liebe geht so weit, da&szlig; sie auch ihres eignen Kindes
+nicht verschonet, um daraus ein Mittel zu bereiten, ihre Sch&ouml;nheit unwandelbar
+zu erhalten. In der Nacht, als alles in gro&szlig;er Sicherheit schlief,
+stellte sie sich, als sei sie eingeschlummert, ich tat das N&auml;mliche, wei&szlig; nicht
+warum. Bald darauf rief sie mich beim Namen; aber ich achtete nicht darauf
+und fing an zu r&ouml;cheln und zu schnarchen. Da sie nun vermeinte, ich sei fest
+eingeschlafen, sa&szlig; sie rasch im Bette auf, nahm das Kindlein, dr&uuml;ckte es an
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>den Busen, k&uuml;&szlig;te es inniglich und lispelte dazu diese Worte, die ich deutlich
+vernahm: &#8250;Sohn der Liebe, werde ein Mittel, mir deines Vaters Liebe zu
+erhalten, gehe jetzt zu deinem Br&uuml;derlein, du kleine Unschuld, da&szlig; ich aus
+neunerlei Kr&auml;utern und deinen Kn&ouml;chlein einen kr&auml;ftigen Trank bereite, der
+meine Sch&ouml;nheit mir bewahre.&#8249; Als sie das gesagt hatte, zog sie eine Demantnadel,
+scharf wie ein Dolch, aus den Haaren, stie&szlig; solche dem Kindlein flugs
+durchs Herz, lie&szlig; es ein wenig ausbluten, und da es nicht mehr zappelte,
+legte sie&#8217;s vor sich hin, nahm den Bisamapfel, murmelte dazu einige Worte,
+und da sie den Deckel abhob, loderte daraus empor eine lichte Feuerflamme,
+wie aus einer Pechtonne, welche den Leichnam in wenig Augenblicken verzehrte.
+Die Asche und Kn&ouml;chlein sammelte sie sorgf&auml;ltig in eine Schachtel und
+schob sie unter die Bettlade. Drauf rief sie mit &auml;ngstlicher Stimme, als f&uuml;hre sie
+pl&ouml;tzlich aus dem Schlafe auf: &#8250;Amme, wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?&#8249;
+Und ich antwortete mit Furcht und Grausen, ihre Zauberei f&uuml;rchtend: &#8250;Edle
+Frau, das zarte Herrlein ist in Euren Armen.&#8249; Dar&uuml;ber fing sie an, sich ganz
+trostlos zu geb&auml;rden und ich lief aus dem Zimmer unter dem Schein, Hilfe
+zu rufen. Sehet, gestrenger Herr, das ist der Verlauf der sch&auml;ndlichen Tat,
+die Euch zu offenbaren Ihr mich gedrungen habt. Bin erb&ouml;tig, die Wahrheit
+meiner Aussage durch einen gl&uuml;henden Stab Eisen zu erh&auml;rten, den ich mit
+blo&szlig;en H&auml;nden tragen will dreimal den Schlo&szlig;hof auf und nieder.&laquo;</p>
+
+<p>Ritter Konrad stund wie versteint, konnte lange Zeit kein Wort vorbringen.
+Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, sprach er: &raquo;Was bedarf&#8217;s der Feuerprobe,
+Euren Worten ist der Stempel der Wahrheit aufgedr&uuml;ckt, ich f&uuml;hl&#8217;s
+und glaub&#8217;s, da&szlig; alles so ist, wie Ihr saget. Behaltet das gr&auml;&szlig;liche Geheimnis
+in Eurem Herzen fest verschlossen und vertrauet es keinem Menschen,
+auch nicht, wenn ihr beichtet; ich will Euch einen Abla&szlig;brief vom Bischof von
+Augsburg l&ouml;sen, da&szlig; Euch diese S&uuml;nde nicht soll zugerechnet werden, weder
+in dieser noch in jener Welt. Jetzt will ich mit verstelltem Angesicht zu der
+Natter hineintreten, da habt wohl acht, da&szlig; Ihr, wenn ich sie umarme und
+ihr Trost einspreche, die Schachtel mit den Totengebeinen unter der Bettlade
+hervorziehet und unbemerkt mir solche &uuml;berantwortet.&laquo;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 330px;">
+<span class="pagenum" style="visibility: hidden"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+<a href="images/illu_45.jpg">
+<img src="images/illu_45_th.jpg" width="330" height="340" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>Mit leicht umw&ouml;lkter Stirn und dem Blick eines ger&uuml;hrten, aber noch
+standhaften Mannes, trat er in das Gemach seiner Gemahlin, die ihren
+Herrn mit schuldlosem Auge, wiewohl mit hochbetr&uuml;bter Seele, schweigend
+empfing. Ihr Angesicht glich eines Engels Angesichte und dieser Anblick
+l&ouml;schte Wut und Grimm, davon sein Herz entbrannt war, pl&ouml;tzlich aus. Den
+Geist der Rache milderte Mitleid und Bedauernis, er dr&uuml;ckte die ungl&uuml;ckliche
+Frau an sich und sie &uuml;berstr&ouml;mte sein Gewand mit wehmutsvollen Tr&auml;nen.
+Er tr&ouml;stete sie, koste freundlich mit ihr und sputete sich, den Schauplatz des
+Grausens und Entsetzens bald wieder zu verlassen. Die Amme hatte indes
+ausgerichtet, was ihr befohlen war, und &uuml;berlieferte dem Grafen insgeheim
+das schauderhafte Knochenbeh&auml;ltnis. Es kostete einen schweren Kampf in
+seinem Herzen, ehe er einen Entschlu&szlig; fa&szlig;te, was er mit der vermeinten
+Zauberin tun sollte. Endlich wurde er Rats, ohne Spuk und Aufsehen sich
+ihrer zu entledigen. Er sa&szlig; auf und ritt gen Augsburg, vorher aber tat er
+dem Hausmeister Befehl: &raquo;Wenn die Gr&auml;fin nach neun Tagen hervorgehet
+aus ihrem Gemach, um nach Gewohnheit zu baden, so lasset die Badestube
+wohl heizen und verriegelt auswendig die T&uuml;r, da&szlig; sie im Bade verschmachte
+vor gro&szlig;er Hitze und nicht bei Leben bleibe.&laquo; Der Hausmeister vernahm
+diesen Befehl mit gro&szlig;er Betr&uuml;bnis und Wehmut, denn alles Hausgesinde
+liebte die Gr&auml;fin Mathilde als eine sanfte und gutm&uuml;tige Gebieterin; doch
+wagte er nicht gegen den Ritter den Mund aufzutun, weil er dessen gro&szlig;en
+Ernst und Eifer wahrnahm. Am neunten Tage befahl Mathilde, das Bad
+zu heizen. Als sie in das Gemach hineintrat, zitterte die Luft um sie her
+vor gro&szlig;er Hitze; sie wollte zur&uuml;cktreten, aber ein starker Arm stie&szlig; sie mit
+Gewalt in die Badestube hinab und sogleich wurde auch die T&uuml;r von au&szlig;en
+verriegelt und verschlossen. Sie rief vergebens um Hilfe; niemand h&ouml;rte,
+das Feuer wurde nur heftiger angesch&uuml;rt, da&szlig; der Ofen hochrot gl&uuml;hte
+wie ein T&ouml;pferofen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 329px;">
+<span class="pagenum" style="visibility: hidden"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+<a href="images/illu_47.jpg">
+<img src="images/illu_47_th.jpg" width="329" height="347" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+<p>Aus diesen Umst&auml;nden erriet die Gr&auml;fin leicht, was hier vorgehe, sie
+ergab sich darein zu sterben, nur der sch&auml;ndliche Verdacht, den sie ahnte,
+marterte ihre Seele mehr als der schm&auml;hliche Tod. Sie n&uuml;tzte die letzten
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>Augenblicke der Besinnung, zog eine silberne Nadel aus den Haaren und
+schrieb damit an die wei&szlig;e Wand des Gemachs diese Worte: &raquo;Gehab dich
+wohl, Konrad, ich sterbe auf deinen Befehl willig, aber schuldlos.&laquo; Drauf
+warf sie sich auf ein Ruhebettlein nieder, ihren Todeskampf zu beginnen.
+Aber unwillk&uuml;rlich strebt die Natur, zu der Zeit, wenn das b&ouml;se St&uuml;ndlein
+kommt, ihrer Zerst&ouml;rung vorzubeugen. In dem Angstgef&uuml;hl der erstickenden
+Hitze warf sich die ungl&uuml;ckliche Sterbende hin und her, da entfiel ihr der
+Bisamapfel, den sie stets bei sich trug, zur Erde. Augenblicklich ergriff sie
+ihn und rief: &raquo;O Pate Nixe, steht es in deiner Macht, so befreie mich von
+einem schandbaren Tode und rette meine Unschuld!&laquo; Sie schrob hastig den
+Deckel auf, da stieg aus dem Bisamapfel hervor ein dichter Nebel, der sich
+&uuml;ber das ganze Gemach ausbreitete und der Gr&auml;fin angenehme K&uuml;hlung
+gew&auml;hrte, da&szlig; sie keine Angst und Hitze mehr empfand. Die Dunstwolke
+sammelte sich in eine Gestalt, und Mathilde, die jetzt nicht mehr zu sterben
+gedachte, erblickte mit unaussprechlicher Wonne die liebevolle Nymphe vor
+sich, in ihrem Arm den zarten S&auml;ugling mit einem Westerhemdlein angetan,
+und an der Hand das &auml;ltere Herrlein, im wei&szlig;en Fl&uuml;gelkleide mit rosenfarbenen
+Bandschleifen.</p>
+
+<p>&raquo;Willkommen, geliebte Mathilde!&laquo; redete die Nymphe sie an. &raquo;Wohl dir,
+da&szlig; du den dritten Wunsch, den dir der Bisamapfel gew&auml;hren sollte, nicht
+so leichtsinnig wie die beiden ersten verschwendet hast! Hier sind die zwei
+lebendigen Zeugen deiner Unschuld, welche dich &uuml;ber die schwarze Verleumdung,
+unter welcher du schier erlagtest, werden triumphieren lassen.
+Der Unstern deines Lebens hat sich zum Untergange geneigt, hinfort wird
+dir der Bisamapfel keinen Wunsch mehr gew&auml;hren, denn von nun an bleibt
+dir nichts mehr zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Aber das R&auml;tsel deines traurigen Geschicks
+will ich dir l&ouml;sen. Wisse, da&szlig; die Mutter deines Gemahls die Stifterin
+alles Ungl&uuml;cks ist. Dieser stolzen Frau war die Verm&auml;hlung ihres Sohnes
+ein Dolchstich ins Herz; sie wu&szlig;te nicht anders, als Graf Konrad habe den
+Adel seines Hauses durch eine niedrige Ehe gesch&auml;ndet; sie stie&szlig; Fluch und
+Verw&uuml;nschung gegen ihn aus und erkannte ihn nicht mehr f&uuml;r ihren Sohn.
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>All ihr Sinnen und Dichten war darauf gestellt, dich zu verderben, wiewohl
+die Wachsamkeit deines Gemahls diesem boshaften Vornehmen immer gesteuert
+hat. Dennoch ist es ihr gelungen, auch diese durch eine gleisnerische
+Amme zu hintergehen. Durch gro&szlig;e Verhei&szlig;ung hat sie dies Weib dahin
+vermocht, deinen erstgebornen Sohn im Schlafe dir aus den Armen zu rei&szlig;en
+und ihn wie ein H&uuml;ndlein ins Wasser zu werfen. Gl&uuml;cklicherweise w&auml;hlte sie
+den Brunnen meiner Felsenquelle zu dieser Schandtat, ich empfing den
+Knaben mit liebevollen Armen und pflegte sein als eine Mutter. Ebenso
+vertraute sie mir auch den zweiten Sohn meiner geliebten Mathilde. Diese
+trugvolle Amme wurde deine Ankl&auml;gerin, sie &uuml;berredete den Grafen, du seist
+eine Zauberin; eine Flamme aus dem Bisamapfel, dessen Geheimnis du sorgsamer
+h&auml;ttest bewahren sollen, habe die Knaben verzehrt, um aus ihrer
+Asche einen Zaubertrank zu bereiten. Sie schob deinem Gemahl ein Gef&auml;&szlig;,
+mit Tauben- und H&uuml;hnerknochen gef&uuml;llt, in die Hand, die er f&uuml;r die &Uuml;berbleibsel
+seiner Kinder erkannte und Befehl gab, dich in seiner Abwesenheit
+im Bade zu ersticken. Voll Reue und Verlangen, diesen grausamen Befehl
+wom&ouml;glich noch zur&uuml;ckzunehmen, eilt er jetzt von Augsburg her, ob er dich
+gleich noch f&uuml;r schuldig h&auml;lt. In wenig Stunden wirst du gerechtfertigt sein.&laquo;
+Nachdem die Nymphe ausgeredet hatte, bog sie sich &uuml;ber das Angesicht der
+Gr&auml;fin, k&uuml;&szlig;te sie auf die Stirn, und ohne eine Antwort zu erwarten, h&uuml;llte
+sie sich in ihren dichten Dunstschleier und verschwand.</p>
+
+<p>Die Diener des Grafen waren indessen gesch&auml;ftig, das erloschene Feuer
+wieder anzufachen. Es d&uuml;nkte sie immer, als h&ouml;rten sie inwendig Menschenstimmen,
+woraus sie urteilten, da&szlig; die Gr&auml;fin noch am Leben sei. Aber all
+ihre M&uuml;he und Gebl&auml;se war vergebens, das Holz fing so wenig Feuer, als
+wenn der Ofen mit Schneeballen w&auml;re geheizt worden. Bald darauf kam
+Graf Konrad angeritten und frug &auml;ngstlich, wie es um seine Gemahlin stehe.
+Die Diener erstatteten Bericht, wie sie das Bad wohl gehitzt h&auml;tten, da&szlig;
+aber das Feuer pl&ouml;tzlich erloschen sei und aller Vermutung nach die Gr&auml;fin
+noch lebe. Das erfreute sein Herz gar h&ouml;chlich, er trat an die T&uuml;r und rief
+durchs Schl&uuml;sselloch: &raquo;Lebst du, Mathilde?&laquo; Und die Gr&auml;fin vernahm die
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>Stimme ihres Gemahls und antwortete: &raquo;Geliebter Herr, ich lebe und meine
+Kindlein leben!&laquo; Entz&uuml;ckt von dieser Rede lie&szlig; der ungeduldige Graf, da
+die Schl&uuml;ssel nicht gleich bei Handen waren, die T&uuml;r einschlagen, st&uuml;rzte
+ins Badegemach zu den F&uuml;&szlig;en seiner frommen Gemahlin und benetzte ihre
+unbefleckten H&auml;nde mit tausend reuigen Tr&auml;nen, brachte sie und die holden
+Kleinen unter Jubel und Frohlocken des ganzen Hauses aus der f&uuml;rchterlichen
+Sterbekammer in ihr Gemach zur&uuml;ck und vernahm aus ihrem Munde den
+ganzen Verlauf der sch&auml;ndlichen Verleumdung und des Kinderraubes. Alsbald
+gab er Befehl, die b&uuml;bische Amme zu greifen und in die Badestube
+zu sperren. Da fing das Feuer im Ofen lustig an zu brennen, die Flammen
+wirbelten hoch empor und das teuflische Weib schwitzte ohne Verzug ihre
+schwarze Seele aus.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 305px;">
+<a href="images/illu_50.jpg">
+<img src="images/illu_50_th.jpg" width="305" height="140" alt="" title="" /></a>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Nymphe des Brunnens, by
+Johann Karl August Musäus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
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+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+++ b/25530-h/images/illu_23_th.jpg
Binary files differ
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--- /dev/null
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Binary files differ
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+++ b/25530-h/images/illu_28_th.jpg
Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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