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diff --git a/25530-0.txt b/25530-0.txt new file mode 100644 index 0000000..3aaff85 --- /dev/null +++ b/25530-0.txt @@ -0,0 +1,1589 @@ +Project Gutenberg's Die Nymphe des Brunnens, by Johann Karl August Musäus + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Nymphe des Brunnens + +Author: Johann Karl August Musäus + +Editor: Hans Fraungruber + +Illustrator: Ignaz Taschner + +Release Date: May 19, 2008 [EBook #25530] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS *** + + + + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna, Irma Spehar, Markus +Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net (This file was produced from images +generously made available by The Internet Archive/American +Libraries.) + + + + + + + Gerlach’s + Jugendbücherei + + + Die Nymphe des Brunnens. Nach J. K. A. Musäus. + + Bilder von Ignaz Taschner. + + Text bearbeitet von Hans Fraungruber. + + Verlag von Martin Gerlach & Co. + + Wien und Leipzig. + + + Druck von Christoph Reißer’s Söhne Wien V. + Ausstattung gesetzlich geschützt. + + + + +[Illustration] + +Drei Meilen hinter Dinkelsbühl im Schwabenlande lag vorzeiten ein altes +Raubschloß, das einem mannfesten Ritter zugehörte, Wackermann Uhlfinger +genannt, die Blume der faust- und kolbengerechten Ritterschaft, der +Schrecken der schwäbischen Bundesstädte, auch aller Reisenden und +Frachtführer, die keinen Geleitsbrief von ihm gelöst hatten. Wenn +Wackermann seinen Küraß und Helm angelegt, seine Lenden mit dem Schwert +umgürtet hatte und die goldenen Sporen an seinen Fersen klirrten, war er +nach der Sitte seiner Zeitgenossen ein roher, hartherziger Mann, der +Rauben und Plündern für ein Vorrecht des Adels hielt, den Schwächern +befehdete und, weil er selbst mannhaft und rüstig war, kein ander Gesetz +erkannte, als das Recht des Stärkern. Wenn’s hieß, »Uhlfinger ist im +Anzuge, Wackermann kommt«, fiel Schrecken auf ganz Schwabenland; das +Volk flüchtete in die festen Städte und die Wächter auf den Zinnen der +Warten stießen ins Horn und verkündeten die nahe Gefahr. + +Dieser gefürchtete Mann war aber daheim, wenn er seine Rüstung abgelegt +hatte, fromm wie ein Lamm, gastfrei wie ein Araber, ein gutmütiger +Hausvater und ein zärtlicher Gatte. Seine Hausfrau war ein sanftes +liebevolles Weib, sittig und tugendsam und stund ihrem Hauswesen gar +fleißig vor. Zudem war sie Mutter von zwei Töchtern, die sie mit großer +Sorgfalt tugendsam und häuslich auferzog. In dieser klösterlichen +Eingezogenheit störte nichts ihre Zufriedenheit als die Freibeuterei +ihres Gemahls, der sich mit ungerechtem Gut bereicherte. Sie mißbilligte +diese Räubereien in ihrem Herzen und es machte ihr keine Freude, wenn er +ihr gleich die herrlichsten Stoffe, mit Gold und Silber durchwirkt, zu +reichen Kleidern schenkte. »Was soll mir der Plunder,« sprach sie oft zu +sich selbst, »daran Seufzer und Tränen hangen?« Sie warf mit geheimem +Widerwillen diese Geschenke in ihre Truhe und würdigte sie weiter keines +Anblicks, bemitleidete die Unglücklichen, die in Wackermanns Haft +fielen, setzte sie oft durch ihre Fürbitte in Freiheit und begabte sie +mit einem Zehrpfennig. + +Am Fuße des Schloßberges verbarg sich tief im Gebüsch eine ergiebige +Felsenquelle, welche in einer natürlichen Grotte entsprang, die nach +einer alten Volkssage von einer Brunnennymphe bewohnt sein sollte, +welche man die Nixe nannte, und die Rede ging, daß sie sich bei +sonderbaren Ereignissen im Schlosse zuweilen sehen ließ. Zu diesem +Brunnen lustwandelte die edle Frau oftmals ganz einsam, wenn sie während +der Abwesenheit ihres Gemahls außerhalb der düstern Burgmauern frische +Luft schöpfen oder ohne Geräusch Werke der Wohltätigkeit im Verborgenen +ausüben wollte. + +Einstmals war Wackermann mit seinen Reisigen ausgezogen, den Kaufleuten +aufzulauern, die vom Augsburger Markte kamen, und verweilte länger als +sein Verlaß war. Das bekümmerte die zarte Frau, sie wähnte, ihrem Herrn +sei ein Unglück begegnet, er sei erschlagen oder in Feindes Gewalt. Es +war ihr so weh ums Herz, daß sie nicht ruhen noch rasten konnte. Schon +mehrere Tage hatte sie sich zwischen Furcht und Hoffnung abgeängstet, +und oft rief sie dem Zwerge zu, der auf dem Turm Wacht hielt: +»Kleinhänsel, schau aus! Was rauscht durch den Wald? Was trappelt im +Tal? Wo wirbelt der Staub? Trabt Wackermann an?« Aber Kleinhänsel +antwortete gar trübselig: »Nichts regt sich im Wald, nichts reitet im +Tal, es wirbelt kein Staub, kein Federbusch weht.« Das trieb sie so bis +in die Nacht, da der Abendstern heraufzog und der leuchtende Vollmond +über die östlichen Gebirge blickte. Da konnte sie’s nicht aushalten +zwischen den vier Wänden ihres Gemachs; sie warf ihr Regentuch über, +stahl sich durchs Pförtchen in den Buchenhain und wandelte zu ihrem +Lieblingsplätzchen, dem Kristallbrunnen, um desto ungestörter ihren +kummervollen Gedanken nachzuhängen. Ihr Auge floß von Zähren, und ihr +sanfter Mund öffnete sich zu melodischen Wehklagen, die sich mit dem +Geräusch des Baches mischten, der vom Brunnen her durchs Gras lispelte. + +[Illustration] + +Indem sie sich der Grotte nahte, war’s ihr, als ob ein leichter Schatten +um den Eingang schwebe; aber weil’s in ihrem Herzen so arbeitete, +achtete sie wenig darauf und der erste Anblick schob ihr den flüchtigen +Gedanken vor, daß das einfallende Mondenlicht ihr eine Truggestalt +vorlüge. Da sie näher kam, schien sich die weiße Gestalt zu regen und +ihr mit der Hand zu winken. Darüber kam ihr ein Grausen an, doch wich +sie nicht zurück; sie stund, um recht zu sehen, was es wäre. Das Gerücht +von dem Nixenbrunnen, das in der Gegend umlief, war ihr nicht unbewußt. +Sie erkannte die weiße Frau nun für die Nymphe des Brunnens und diese +Erscheinung schien ihr eine wichtige Familienbegebenheit anzudeuten. +Welcher Gedanke konnte ihr jetzt näher liegen als der von ihrem Gemahl? +Sie zerraufte ihr schwarzgelocktes Haar und erhob eine laute Klage: »Ach +des unglücklichen Tages! Wackermann! Wackermann! Du bist gefallen, bist +kalt und tot! Hast mich zur Wittib gemacht und deine Kinder zu Waisen!« + +Da sie so klagte und die Hände rang, vernahm sie eine sanfte Stimme aus +der Grotte: »Mathilde, sei ohne Furcht, ich verkünde dir kein Unglück, +nahe dich getrost, ich bin deine Freundin und mich verlangt, mit dir zu +kosen.« Die edle Frau fand so wenig Abschreckendes in der Gestalt und +Rede der Nixe, daß sie den Mut hatte, die Einladung anzunehmen; sie ging +in die Grotte, die Bewohnerin bot ihr freundlich die Hand und küßte sie +auf die Stirn, saß traulich zu ihr hin und nahm das Wort: »Sei mir +gegrüßt in meiner Wohnung, du liebe Sterbliche, dein Herz ist rein und +lauter wie das Wasser meines Brunnens, darum sind dir die unsichtbaren +Mächte geneigt. Ich will dir das Schicksal deines Lebens eröffnen, die +einzige Gunstbezeigung die ich dir gewähren kann. Dein Gemahl lebt, und +ehe der Hahn den Morgen auskräht, wird er wieder in deinen Armen sein. +Fürchte nicht, ihn zu betrauern, der Quell deines Lebens wird früher +versiegen als der seine; vorher aber wirst du noch eine Tochter küssen, +die auf schwankender Wage des Schicksals Glück und Unglück dahin nimmt. +Die Sterne sind ihr nicht abhold; aber ein feindseliger Gegenschein +raubt der Verwaisten das Glück der mütterlichen Pflege.« + +[Illustration] + +Das betrübte die edle Frau sehr, da sie hörte, daß ihr Töchterlein der +treuen Mutterpflege entbehren sollte, und sie brach in laute Zähren aus. +Die Nymphe wurde dadurch gerührt; »weine nicht,« sprach sie, »ich will +bei deinem Kinde Mutterstelle vertreten, wann du es nicht beraten +kannst; doch unter dem Beding, daß du mich zur Taufpate des zarten +Fräuleins wählest, damit ich teil an ihr habe. Dabei sei eingedenk, daß +das Kind, so du es meiner Sorge anvertrauen willst, mir den Waschpfennig +wiederbringe, den ich einbinden werde.« Frau Mathilde willigte in dies +Begehr, darauf griff die Nixe nach einem glatten Bachkiesel und gab ihr +solchen mit dem Beifügen, denselben durch eine treue Magd zu rechter +Zeit und Stunde zum Zeichen der Einladung zur Gevatterschaft in den +Brunnen werfen zu lassen. Frau Mathilde verhieß dem allen treulich +nachzukommen, verlor keins dieser Worte aus ihrem Herzen und begab sich +nach der Burg zurück; die Nymphe aber ging wieder in den Brunnen und +verschwand. + +[Illustration] + +Nicht lange hernach trompetete der Zwerg freudig vom Turm herab und +Wackermann ritt mit seinen Reisigen wohlgemut in den Hof ein, mit +reicher Beute beladen. Nach Verlauf eines Jahres fügte sich’s, daß +Wackermann einen Fehdebrief bekam von einem Ritter, den er beim Trunk +beleidigt hatte und der mit ihm anbinden wollte auf Tod und Leben. Er +rüstete sich und seine Gewappneten fleißig zu, und als er im Begriff war +aufzusitzen und nach Gewohnheit von seiner Gemahlin sich verabschiedete, +forschte sie sorgsam nach seinem Vorhaben, drang in ihn wider +Gewohnheit, ihr zu sagen, gegen wen er ausziehe, und da er ihr diese +ungewöhnliche Neubegier liebreich verwies, verhüllte sie ihr Gesicht und +weinte bitterlich. Das ging dem edlen Ritter ans Herz, doch tat er +sich’s nicht aus, saß auf und eilte zum Tummelplatz, traf mit seinem +Gegner hart zusammen, erlegte ihn nach einem wackern Rennen und kehrte +triumphierend heim. + +Seine züchtige Hausfrau empfing ihn mit offenen Armen, liebkoste ihn +freundlich und ließ nicht ab, mit glatten Worten und süßer Schmeichelei +ihn auszuholen, was für ein Abenteuer er bestanden habe. Er aber +verschloß flugs sein Herz, verwahrte alle Zugänge mit dem Riegel der +Unempfindsamkeit und offenbarte ihr nichts; vielmehr sprach er +spottweise: »O Mutter Eva, deine Töchter sind noch nicht ausgeartet, +Neugier und Vorwitz ist der Weiber Erbteil bis auf diesen Tag.« – +»Verzeihet, lieber Gemahl,« antwortete die kluge Frau, »die Männer haben +auch ihr bescheiden Teil aus Mutter Evens Erbschaft empfangen. Der +Unterschied ist nur, daß eine gutmütige Frau für ihren Mann kein +Geheimnis hat noch haben darf. Es stünde die Wette, wenn mein Herz Euch +was verhehlen könnte, daß Ihr nicht ruhen noch rasten würdet, bis Ihr +mir meine Heimlichkeit abgelockt hättet.« – »Und ich,« versetzte er, +»gebe Euch mein Wort, daß mich Eure Heimlichkeit nichts kümmern wird; es +ist Euch vergönnt, die Probe zu machen.« Da war’s, wo Frau Mathilde +ihren Ehegemahl hinhaben wollte. »Wohlan,« sprach sie, »lieber Herr, so +sei mir vergönnt, eine von den Gevattern zu erkiesen, die mein +neugebornes Kindlein aus der Taufe heben. Ich habe eine Freundin ins +Herz geschlossen, die Euch unbekannt ist; da ist nun mein Begehr, daß +Ihr nie in mich dringen wollt, Euch zu sagen, wer sie sei, von wannen +sie kommt, noch wo sie hauset. Wann Ihr mir das bei Eurer ritterlichen +Ehre verheißet und Eurer Zusage Genüge tut, will ich die Wette verloren +haben und frei bekennen, daß der männliche Geist über die weibliche +Schwachheit triumphiert.« Wackermann leistete seiner Hausfrau das +Versprechen unweigerlich und sie erfreute sich des guten Erfolgs ihrer +schlauen List innigst. + +[Illustration] + +Wackermann ritt ganz wohlgemut zu seinen Nachbarn und Gefreunden, sie +zur Gevatterschaft zu laden. Sie fanden sich insgesamt an dem bestimmten +Tage ein, und da die Frau das Geräusch der Wagen, das Wiehern der Pferde +und das Getümmel des Hofgesindes vernahm, berief sie eine vertraute +Dirne zu sich und sprach: »Nimm diesen Bachkiesel, wirf ihn +stillschweigend hinter dich in den Nixenbrunnen und spute dich +auszurichten, was dir befohlen ist.« Die Dirne tat nach dem Befehl und +ehe sie wieder zurückkam, trat eine unbekannte Dame in das +Gesellschaftszimmer, neigte sich züchtig gegen die anwesenden Herren und +Frauen, und wie das Kindlein vorgetragen wurde und der Täufer zum Becken +trat, nahm sie ihre Stelle unter den Paten obenan. Jedermann machte ihr +ehrerbietig Platz als einer Fremden und sie hielt das Kind zuerst auf +dem Arm über der Taufe. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Sie war so +schön, so sittsam und dabei so herrlich gekleidet in ein fliegendes +Gewand von wasserblauer Seide und aufgeschlitzten Ärmeln, mit weißem +Atlas unterlegt; über das war sie mit Juwelen und Perlenschmuck so +reichlich behangen, wie die heilige Jungfrau zu Loretto an einem +kirchlichen Galatage. Ein glänzender Saphir hielt den durchsichtigen +Schleier, der in dünnen Wolken von dem Wirbel des künstlich +geschlungenen Haares längs den Schultern bis an die Fersen +herabschwebte; aber der Zipfel des Schleiers war naß, als sei er durchs +Wasser gezogen. + +Die unerwartete Erscheinung der fremden Dame hatte die sämtliche +Mitgevatterschaft dergestalt in der Andacht gestört, daß sie vergaßen, +dem Kinde einen Namen zu geben, darum taufte es der Priester Mathilde, +nach dem Namen der Mutter. Nach vollbrachter Taufhandlung wurde die +kleine Mathilde zu derselben zurückgebracht, und alle Paten folgten +nach, Glück zu wünschen und dem Patchen den Waschpfennig einzubinden. +Die Mutter schien bei dem Anblick der Unbekannten etwas betroffen, +vermutlich aus Verwunderung, daß die Nixe so treulich Wort gehalten +hatte. Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihren Gemahl, der mit einem +unausdeutbaren Lächeln antwortete und sich übrigens das Ansehen gab, als +nehme er von der Fremden weiter keine Notiz. Das Patengeschenk gab jetzt +der Empfängerin andere Beschäftigung, ein goldener Regen strömte aus +freigebigen Händen auf den Täufling herab. Die Unbekannte nahte sich +zuletzt mit ihrer Patensteuer und täuschte die Erwartung aller +Mitgevattern. Sie vermuteten von der glanzreichen Dame ein Kleinod oder +einen Denkpfennig von großem Wert, besonders da sie ein seidenes +Taschentuch hervorzog und solches mit großer Bedächtlichkeit +voneinander schlug; aber Frau Pate hatte nichts drein gewickelt als +einen Bisamapfel aus Holz gedreht; sie legte diesen feierlich auf des +Kindes Wiege, küßte die Mutter freundlich auf die Stirn und begab sich +aus dem Zimmer. + +[Illustration] + +Über dieses armselige Geschenk entstand ein heimliches Flüstern unter +den Anwesenden, das bald in ein spöttisches Gelächter ausbrach. Es +fehlte nicht an mancherlei boshaften Anmerkungen; da aber der Ritter und +seine Dame ein tiefes Stillschweigen beobachteten, so blieb den +Forschern und Schwätzerinnen nichts übrig, als sich an leeren +Mutmaßungen zu weiden. Die Unbekannte kam nicht wieder zum Vorschein, +und niemand wußte zu sagen, wo sie hingeschwunden sei. Wackermann wurde +insgeheim allerdings von dem Verlangen gequält zu erforschen, wer die +Fremde gewesen sein möchte, die man, weil niemand ihren Namen wußte, die +Dame mit dem nassen Schleier nannte; nur die Scheu, als ein mannlicher +Ritter einer Schwachheit sich schuldig zu machen und die +Unverbrüchlichkeit seines gegebenen Wortes banden ihm die Zunge. Er +gedachte ihr das Geheimnis mit der Zeit dennoch abzulisten. Doch diesmal +irrte er in der Rechnung; Frau Mathilde wußte ihre Zunge zu +beschwichtigen und bewahrte das unauflösliche Rätsel so sorgfältig im +Herzen, wie den Bisamapfel in ihrem Schatzkästlein. + +[Illustration] + +Ehe das Fräulein dem Gängelbande entwuchs, wurde die Prophezeiung der +Nymphe an der guten Mutter erfüllt; sie erkrankte plötzlich und starb, +ohne Zeit zu haben, an den Bisamapfel zu gedenken oder damit nach +Verfügung der Nixe zu gunsten der kleinen Mathilde zu verfahren. Ihr +Gemahl war eben abwesend, auf dem Turnier zu Augsburg und zog, mit einem +Ritterdank von Kaiser Friedrich gekrönt, wieder nach Hause. Wie der +Zwerg auf dem Turm seinen Herrn in der Ferne sah angeritten kommen, +stieß er nach Gewohnheit ins Horn, dem Hofgesinde dessen Ankunft +kundzutun; aber er ließ nicht wie sonst einen freudigen Ton erschallen, +sondern posaunte gar eine traurige Melodei. Das fuhr dem Ritter durchs +Herz und bekümmerte seine Seele. »Was für ein Schall,« sprach er, »gellt +mir ins Ohr? Hört ihr’s, ihr Knappen, ist das nicht Krähenruf und +Totensang? Kleinhänsel verkündet uns nichts Gutes.« Und die Knappen +waren alle bestürzt, sahen ihren Herrn traurig an und einer unter ihnen +nahm das Wort und sprach: »Das ist die Weise des Vogels Kreideweiß, Gott +wende Unglück ab; ’s ist eine Leiche im Hause!« Da spornte Wackermann +seinen Hengst und ritt übers Blachfeld daher, daß die Funken stoben. Die +Zugbrücke fiel, er sah gierig in den Schloßhof und erblickte leider das +Leichenzeichen vor seiner Haustür ausgestellt, eine Laterne ohne Licht +mit einem wehenden Flor geschmückt, und alle Fensterläden verschlossen. +Dabei vernahm er von innen Schluchzen und Wehklagen des Gesindes, denn +Frau Mathilde war eben aufgebahrt. Zu Häupten des Sarges saßen die +beiden größern Töchter, in Boy und Flor gehüllt, und beweinten die +erbleichte Mutter mit zahllosen Tränen. Am Fuße des Sarges saß die +kleine Lieblingstochter; noch unvermögend, ihren Verlust zu empfinden, +zerzupfte sie mit kindischer Gleichmütigkeit spielend die Überbleibsel +der Blumen, womit die Leiche geschmückt war. Dieser wehmütige Anblick +überwältigte Wackermanns männliche Standhaftigkeit, er weinte und +jammerte laut, stürzte über den eiskalten Leichnam her, benetzte die +bleichen Wangen mit seinen Tränen, drückte mit zitterndem Munde die +erstorbenen Lippen und überließ sich ohne Scheu allen schmerzhaften +Gefühlen seines Herzens. Hernach hing er seine Waffen in die Rüstkammer +auf, saß bedeckt mit einem abgekrempten Hut und einem schwarzen +Trauermantel beim Sarge, trug Leid um seine abgeschiedene Hausfrau und +erwies ihr die letzte Ehre durch ein feierliches Totengepränge. + +[Illustration] + +Weil jedoch nach der Bemerkung eines großen Mannes die heftigsten +Schmerzen immer die kürzesten sind, so vergaß der tiefgebeugte Witwer +bald seines Herzeleids und ersetzte darauf den erlittenen Verlust durch +eine zweite Gemahlin, die ganz das Gegenbild der frommen, sittsamen +Mathilde war. Das Hausregiment nahm folglich eine andere Gestalt an; die +junge Frau liebte Pracht und Verschwendung, gebärdete sich stolz und +gebieterisch gegen das Gesinde; des Schlemmens und Bankettierens war +kein Ende. Die kleine Mathilde kam unter Aufsicht einer Amme und wurde +in ein abgelegenes Stübchen versetzt, wo sie der eiteln Frau, die mit +Familiensorgen sich nicht gern befaßte, weit genug aus den Augen war. +Ihr verschwenderischer Aufwand mehrte sich also, daß der Ertrag des +Faust- und Kolbenrechts, so unermüdet der Ritter solchem oblag, nicht +mehr hinreichte, denselben zu bestreiten; sie sah sich oft genötigt, die +Verlassenschaft ihrer Vorweserin zu plündern, die reichen Stoffe zu +vermöbeln oder Geld darauf zu leihen. Einstmals durchsuchte sie +Schubladen und Truhen, um etwas von Wert auszuwittern, da stieß sie auf +ein geheimes Fach eines Putzschrankes und fand darin zu ihrer großen +Freude Frau Mathildens Schatzkästlein. Die funkelnden Juwelen der +Demantringe, Ohrenspangen, Armbänder, Schürzhaken und anderes Geschmeide +entzückten ihr gieriges Auge. Sie musterte alles genau durch, besah’s +Stück für Stück und überschlug in ihren Gedanken, welchen Gewinn dieser +herrliche Fund einbringen würde. Unter diesen Kostbarkeiten fiel ihr +auch der hölzerne Bisamapfel in die Augen. Sie wußte lange nicht, was +sie daraus machen sollte, sie versuchte es, ihn aufzuschrauben; aber er +war verquollen. Sie wog ihn in der Hand und befand ihn so leicht als +eine taube Nuß; darum meinte sie, es sei irgend ein lediges +Ringfutteral, und weil sie damit nichts anzufangen wußte, warf sie’s als +ein Ding ohne allen Wert aus dem Fenster. + +[Illustration] + +Zufälligerweise saß die kleine Mathilde unten im Zwingergarten und +spielte mit ihrer Puppe. Wie sie die hölzerne Kugel auf dem Sande +daherrollen sah, warf sie die Puppe aus der Hand und griff mit +kindischer Begierde nach dem neuen Spielzeug, hatte auch ebensoviel +Freude über diesen Fund als Mama an dem ihrigen. Sie ergötzte sich viele +Tage mit der Spielerei und ließ sie nicht aus der Hand. An einem +schönen Sommertage lüstete der Amme, mit ihrer Pflegetochter der +frischen Kühlung am Felsenbrunnen zu genießen. Um Vesperzeit forderte +das Kind seine Honigsemmel, welche die Amme mitzunehmen vergessen hatte. +Sie hatte noch nicht Lust zurückzukehren; um nun die Kleine bei Gutem zu +erhalten, ging sie ins Gebüsch, ihr eine Handvoll Himbeeren zu pflücken. +Das Kind spielte indes mit dem Bisamapfel, warf ihn hin und her wie +einen Fangeball, bis ein Wurf mißlang und die kindische Freude in +eigentlichem Verstande in den Brunnen fiel. Augenblicks stund eine junge +Dame da, schön wie ein Engel und freundlich wie eine Grazie. Das Kind, +bestürzt darüber, glaubte ihre Stiefmutter vor sich zu sehen, die sie +immer schalt und schlug, wenn sie ihr unter die Augen kam. Die Nymphe +aber liebkoste ihr mit sanften Worten: »Fürchte nichts, liebe Kleine, +ich bin deine Pate, komm zu mir. Sieh, hier ist dein Spielzeug, das in +den Brunnen fiel.« Dadurch lockte sie das Kind zu sich, nahm’s auf den +Schoß, drückte es zärtlich an den Busen, herzte und küßte die kleine +Mathilde und benetzte ihr Angesicht mit Tränen. »Arme Verwaiste,« +sprach sie, »ich hab’s versprochen, Mutterstelle bei dir zu vertreten, +ich will’s auch halten. Besuche mich oft, du wirst mich stets an dieser +Grotte finden, wenn du einen Stein in den Brunnen fallen lässest. +Bewahre diesen Bisamapfel sorgfältig und spiele nicht wieder damit, daß +du ihn nicht verlierst, er wird dir einst drei Wünsche gewähren. Wenn du +heranwächst, will ich dir mehr sagen, jetzt kannst du’s nicht fassen.« +Sie gab ihr noch manche gute Vermahnung, die sich für des Kindes Alter +schickte, und gebot ihr Stillschweigen; die Amme kam zurück und die +Nymphe verschwand. + +[Illustration] + +Die kleine Mathilde hatte so viel Besonnenheit, gegen die Amme nichts +von Frau Paten zu erwähnen, forderte bei ihrer Zuhausekunft Nähnadel und +Zwirn und vernähte damit sorgfältig den Bisamapfel in das Unterfutter +des Kleides. Ihr Sinn und Gedanken stunden nur nach dem Nixenbrunnen; so +oft es die Witterung erlaubte, schlug sie der Aufseherin einen +Spaziergang dahin vor, und weil diese dem schmeichelhaften Mädchen +nichts abschlagen konnte und diese Neigung ihr angeboren schien, indem +die Grotte der Lieblingsaufenthalt der Mutter gewesen war, gewährte sie +der Kleinen diesen Wunsch desto leichter. Da wußte diese nun immer einen +Vorwand zu finden, die Amme wegzuschicken, und sobald sie den Rücken +wendete, fiel der Stein ins Wasser und verschaffte dem klugen Mädchen +die Gesellschaft ihrer liebreizenden Pate. Nach einigen Jahren blühte +die kleine Waise zum jungfräulichen Alter heran; sie lebte unter dem +Gesinde versteckt, saß auf ihrer Kammer, beschäftigte sich mit +häuslicher Arbeit und fand nach vollendetem Tagewerke zur Abendzeit +reichen Ersatz für die rauschenden Freuden, die sie entbehrte, in der +Gesellschaft der Nymphe am Brunnen. Diese war nicht nur ihre +Gesellschafterin und Freundin, sie war auch ihre Lehrmeisterin, +unterrichtete das Fräulein in allen weiblichen Kunstfertigkeiten und +bildete sie ganz nach dem Beispiel ihrer tugendhaften Mutter. + +[Illustration] + +Eines Tages schien die Nymphe ihre Zärtlichkeit gegen die reizvolle +Mathilde zu verdoppeln; sie schloß sie in die Arme, ließ das Haupt auf +ihre Schultern sinken und war so wehmutsvoll und traurig, daß das +Fräulein mit ihr einstimmte und sich nicht enthalten konnte, einige +Tränen auf die Hand ihrer Pate fallen zu lassen, die sie eben schweigend +an die Lippen drückte. Durch diese sanfte Mitempfindung wurde die Nymphe +noch wehmütiger; »Kind,« sprach sie mit trauriger Stimme, »du weinst und +weißt nicht warum; aber deine Tränen sind Vorgefühle deines Schicksals. +Dem Hause auf dem Berge steht eine große Veränderung bevor; ehe der +Schnitter die Sense dengelt und der Wind über die Stoppeln des +Weizenfeldes weht, wird’s öde und wüst stehen. Wenn die Schloßdirnen in +der Abenddämmerung herausgehen, des Wassers aus meinem Brunnen zu +schöpfen und mit ledigem Eimer zurückkehren, so gedenke, daß Unglück +kommt. Wahre den Bisamapfel, der dir drei Wünsche gewähren wird, und +gehe nicht verschwenderisch mit deinen Wünschen um! Gehab dich wohl, an +dieser Stätte sehen wir uns nicht wieder.« Drauf lehrte sie dem +Fräulein noch einige magische Eigenschaften des Apfels, um sich +derselben im Notfall zu bedienen, weinte und schluchzte beim +Hinscheiden, daß ihr die Worte versagten und ließ sich nicht mehr sehen. + +[Illustration] + +Um die Zeit der Weizenernte kamen eines Abends die Wasserträgerinnen mit +ledigen Krügen ins Schloß zurück, bleich und erschrocken, zitterten an +allen Gliedern, als schüttle sie der Frost des Wechselfiebers, +verkündeten, die weiße Frau sitze am Brunnen mit trauriger Gebärdung des +Händeringens und Wehklagens, welches nichts Gutes bedeute. Des hatten +die Kriegsleute und Waffenträger ihren Spott, meinten, es sei Täuschung +und Weibergeschwätz. Einige trieb die Neugier hinaus, Grund und Ungrund +der Sache zu erforschen; sie sahen dieselbe Erscheinung, faßten sich +dennoch ein Herz und gingen zum Brunnen. Wie sie hinkamen, war das +Gesicht verschwunden, und da gab’s mancherlei Glossen und Auslegungen +darüber; keiner riet jedoch auf die wahre Deutung, welche Fräulein +Mathilde allein wußte, ob sie es gleich nicht laut werden ließ; denn die +Nymphe hatte ihr Stillschweigen geboten. Sie saß einsam und trübsinnig +auf ihrer Kammer unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen +sollten. + +Wackermann Uhlfinger konnte seiner verschwenderischen Hausfrau nicht +satt rauben und plündern, und wenn er nicht auf Wegelagerung ausging, +bereitete sie ihm tagtäglich ein Wohlleben, berief seine Zechbrüder +zusammen, unterhielt ihn im Taumel der Lust und ließ ihn nie daraus wach +werden, um den Verfall seines Hauswesens wahrzunehmen. Wenn’s an +Barschaft oder Lebensmitteln gebrach, so gaben Jakob Fuggers Lastwagen +oder der Venediger reiche Speditionen immer neue Ausbeute. Dieser +Plackereien müde, beschloß der Generalkongreß des Schwäbischen Bundes, +weil Abmahnungen und Warnungen nichts fruchteten, Uhlfingers Untergang. +Ehe er dachte, daß es so ernstlich gemeint sei, wehten die städtischen +Bundesfahnen vor dem Tor seiner Bergfeste, und es blieb ihm nichts +übrig, als der Entschluß, sein Leben teuer genug zu verkaufen. Die +Bombarden und Donnerbüchsen erschütterten die Basteien und die +Armbrustschützen taten auf beiden Seiten ihr Bestes; es hagelte Bolzen +und Pfeile und einer davon, in einer unglücklichen Stunde abgedrückt, wo +Wackermanns Schutzgeist von ihm gewichen war, fuhr durchs Visier seines +Helms ihm tief ins Hirn, daß er alsbald im kalten Todesschlummer +dahintaumelte. Durch den Fall des Bannerherrn geriet das Kriegsvolk in +große Bestürzung; einige Feigherzige steckten die weiße Fahne aus, die +Mutigen rissen sie wieder herab vom Turm. Daraus merkte der Feind, daß +innerhalb der Burg Unordnung und Verwirrung herrsche; die Belagerer +liefen Sturm, überstiegen die Mauern, gewannen das Tor, ließen die +Zugbrücke herab und schlugen alles mit der Schärfe des Schwertes, was +ihnen vorkam. Selbst die Unglücksstifterin, das verschwenderische Weib, +wurde mit all ihren Kindern von dem wütigen Kriegsvolke erschlagen, das +gegen den räuberischen Adel so erbittert war, als nachher die Aufrührer +im schwäbischen Bauernkriege. Das Schloß wurde rein ausgeplündert, in +Brand gesteckt und der Erde gleichgemacht. + +[Illustration] + +Während des kriegerischen Tumults hielt sich Fräulein Mathilde im +Dachstübchen ganz ruhig und hatte die Tür verschlossen. Als sie aber +merkte, daß draußen alles bunt über ging und Schloß und Riegel ihr keine +Sicherheit weiter geben würde, warf sie ihren Schleier über, drehte +den Bisamapfel dreimal in der Hand und trat kühnlich heraus, nachdem sie +das Sprüchlein ausgesprochen, welches ihr die Nixe gelehrt hatte: + + Hinter mir Nacht, vor mir Tag, + Daß mich niemand sehen mag; + +und so wandelte sie unbemerkt mitten durch das feindliche Kriegsvolk aus +der väterlichen Burg, wiewohl mit hochbetrübtem Herzen und ohne zu +wissen, wohin sie ihren Weg nehmen sollte. Solange ihre zarten Füße ihr +nicht den Dienst versagten, eilte sie, von dem Schauplatz des Greuels +und der Verwüstung sich zu entfernen, bis sie, von Nacht und Müdigkeit +befallen, unter einem wilden Birnbaum im freien Felde zu herbergen +beschloß. Sie setzte sich auf den kühlen Rasen und ließ den Tränen +freien Lauf. + +[Illustration] + +Noch einmal schaute sie nach der Gegend um und wollte sie segnen, wo sie +die Jahre der Kindheit verlebt hatte; wie sie die Augen aufhob, sah sie +ein blutrotes Feuerzeichen am Himmel stehen, woraus sie urteilte, daß +das Stammhaus ihrer Voreltern ein Raub der Flammen worden sei. Sie +wendete ihre Augen von diesem grausenvollen Anblick weg und wünschte mit +Sehnsucht, daß die funkelnden Sterne erbleichen und die Morgenröte aus +Osten hervorschimmern möchte. + +[Illustration] + +Ehe es noch tagte und der Morgentau auf dem Grase sich in kleine Tropfen +sammelte, setzte sie die ungewisse Pilgerreise fort und gelangte bald in +ein Dorf, wo sie von einer gutherzigen Bäuerin aufgenommen und mit +einem Bissen Brot und einer Schale Milch erquickt wurde. Von dieser Frau +tauschte sie bäuerische Kleider und gesellte sich zu einer Karawane +Frachtführer, die sie gen Augsburg geleiteten. In diesem trübseligen, +verlassenen Zustande blieb ihr keine Wahl, als sich für ein +Dienstmädchen zu vermieten; weil’s aber außer der Zeit war, konnte sie +lange keine Herrschaft finden. + +Graf Konrad von Schwabeck, ein deutscher Kreuzherr, auch Kastenvogt und +Schirmherr des Bistums Augsburg, besaß daselbst einen Komterhof, wo er +sich im Winter aufzuhalten pflegte. In seiner Abwesenheit wohnte eine +Schließerin darin, Frau Gertrud genannt, die das Hauswesen regierte. +Diese Frau war in der ganzen Stadt für eine Megäre ausgeschrien; kein +Gesinde konnt’s bei ihr aushalten, sie lärmte und tobte im Hause umher +wie ein Poltergeist. Das Rasseln ihrer Schlüsseln fürchteten die Dirnen, +wie die Kinder den Ruprecht; das kleinste Versehen oder auch nur ihre +bösen Launen mußten Köpfe und Töpfe entgelten; kurz, wenn man ein böses +Weib beschreiben wollte, so hieß es, sie sei so arg als Frau Trude im +Komterhofe. Eines Tages hatte sie das Strafamt so gewaltsam ausgeübt, +daß alles Gesinde entlief; da kam die sanfte Mathilde und bot ihre +Dienste an. Um ihren edlen Wuchs zu verhehlen, hatte sie eine Schulter +gepolstert, als sei sie verwachsen; ihr blondes, seidenes Haar verbarg +ein breites Kopftuch; Angesicht und Hände hatte sie mit Ruß bestrichen, +um eine zigeunermäßige Haut dadurch zu erkünsteln. Wie sie sich +anmeldete und die Schelle an der Tür zog, steckte Frau Gertrud den Kopf +aus dem Fenster; da sie nun die seltsame Figur gewahr wurde, meinte sie, +es sei eine Bettlerin und rief herab: »Hier ist kein Almosenamt, geht in +die Fuggerei, dort spendet man Heller aus!« und schlug das Fenster +hastig zu. Fräulein Mathilde ließ sich dadurch nicht abschrecken, sie +schellte so lange, bis die Ausgeberin in der Absicht wieder zum +Vorschein kam, diese Zudringlichkeit mit einer Lage Scheltworten zu +erwidern. Ehe sie aber ihren zahnlosen Mund eröffnete, verständigte sie +das Fräulein, was ihr Begehr sei. »Wer bist du,« fragte Gertrud, »und +was kannst du?« Die verstellte Dirne antwortete: + + »Ich bin eine Waise, + Mathilde ich heiße, + Kann plätten, + Kann glätten, + Kann nähen und spinnen, + Auch sticken + Und stricken, + Kann hacken und pochen, + Auch braten und kochen, + Bin kunstreicher Hand + Und flink und gewandt.« + +[Illustration] + +Als die Wirtschafterin dieses Sprüchlein hörte und vernahm, daß das +nußbraune Mädchen so viel gute Talente besaß, tat sie die Tür auf, gab +ihr den Mietgroschen und nahm sie in die Küche. Sie stand ihren +Geschäften so treulich vor, daß Frau Gertrud ganz aus der Übung kam, +Töpfe nach dem Ziel zu werfen. Ob sie gleich immer streng und mürrisch +blieb, alles tadelte und besser wissen wollte, so hielt ihr doch das +Dienstmädchen nie Widerpart und wehrte durch Sanftmut und Duldung den +Ergießungen ihrer schwarzen Galle ab. Sie wurde leidlicher und besser +als seit vielen Jahren, zum Beweis, daß fromm Gesinde auch gut Regiment, +gut Wetter, fromme und getreue Oberherren macht. + +Um die Zeit des ersten Schnees ließ die Hausmutter das ganze Haus fegen +und reinigen, die Fenster waschen, Vorhänge aufziehen und alles zum +Empfang ihres Herrn zubereiten, der, mit dem bunten Gefolge seiner +Diener umgeben, nebst einem großen Schwall von Pferden und Jagdhunden zu +Winters Anfang eintraf. Mathilde kümmerte sich wenig um die Ankunft des +Kreuzherrn; ihre Küchenarbeit hatte sich so gemehrt, daß sie sich nicht +Zeit nahm, nach ihm auszusehen. Zufälligerweise begegnete er ihr, indem +sie eines Morgens Wasser schöpfte, auf dem Hofe. Sein glänzendes Auge, +die heitere Miene, das Gepräge des Wohlbehagens und Überflusses, das +wellenförmige, leicht gelockte Haar, das sich halb unter die +beschattenden Straußfedern des männlich ins Gesicht gedrückten Hutes +versteckte, der feste Gang und edle Anstand des Mannes gefielen ihr gar +wohl. Zum erstenmal empfand sie jetzt den großen Abstand des Standes, in +welchen ein unglücklich Verhängnis sie versetzt hatte von dem, in +welchem sie geboren war, und diese Empfindung drückte sie mehr als der +schwere Wassereimer. Sie ging tiefsinnig in die Küche zurück und +versalzte zum erstenmal alle Brühen, welches ihr von der Wirtschafterin +einen harten Verweis zuzog. + +Graf Konrad schien bloß für das Vergnügen zu leben; er verabsäumte keine +Lustbarkeit und kein Freudengelag’ in der reichen Stadt, die der Verkehr +mit den Venedigern üppig gemacht hatte. Bald gab es ein Ringelrennen, +bald ein Stechen auf der Rennbahn, bald ein Ratswechsel oder sonst eine +glänzende Feierlichkeit; auch fehlte es nicht an öffentlichen +Reihentänzen auf dem Rathause oder auf dem Markte und durch alle +Straßen, wo die Edelleute den Bürgerstöchtern goldene Fingerreife und +seidene Tücher verehrten und gute Schwänke trieben. Als die +Fastnachtsmummereien begannen, schien der Freudentaumel aufs höchste +gestiegen zu sein. Fräulein Mathilde hatte an dem allen keinen Teil, saß +in der rauchenden Küche und weinte schier die schmachtenden Augen wund, +klagte über den Eigensinn des Glücks, das seine Günstlinge mit den +Freuden des Lebens stromweise überschüttet und dem Unbegünstigten jeden +frohen Augenblick abgeizet. + +Sie hatte den Bisamapfel der Pate Nixe, der ihr drei Wünsche gewähren +sollte, noch im Besitz. Nie hatte sie Verlangen getragen, ihn zu öffnen +und sein inneres Talent zu erproben; jetzt kam ihr ein, den ersten +Versuch damit zu machen. Die Augsburger hatten bei Prinz Maxens Geburt +Kaiser Friedrichen zu Ehren ein herrlich Bankett angestellt, das drei +Tage dauern sollte, zu welchem sie viel Prälaten, Grafen und Herren aus +der Nachbarschaft eingeladen hatten. Dabei wurde jeden Tag um einen +ausgesetzten Preis gestochen, und zur Abendzeit wurden die schönsten +Jungfrauen zu Rathaus aufgeholt, um mit der edlen Ritterschaft zu +tanzen, und das dauerte bis an den lichten Morgen. Ritter Konrad +ermangelte nicht, diesem Feste beizuwohnen. + +Mathilde hatte den Entschluß gefaßt, bei dieser Gelegenheit ein +Abenteuer zu bestehen. Nachdem sie die Küche beschickt hatte und alles +im Hause ruhig war, ging sie auf ihre Kammer, wusch mit feiner Seife die +rußige Schminke von der Haut und ließ Lilien und Rosen darauf +hervorblühen. Hernach nahm sie den Bisamapfel zur Hand und wünschte sich +ein neues Kleid, so herrlich und prächtig es nur sein könnte, mit allem +Zubehör. Sie öffnete den Deckel, da quoll hervor ein Stück seidenen +Stoffs, das dehnte und breitete sich und rauschte wie ein Wasserstrom +herab auf ihren Schoß; und als sie’s recht besah, war’s ein völliger +Anzug mit allem dazugehörigen kleinen Putz, und das Kleid paßte ihr auf +den Leib wie angegossen. Darüber empfand sie innige Herzensfreude, +drehte den magischen Apfel dreimal in der Hand herum und sprach: + + »Die Augen zu, + Bleibt alle in Ruh’!« + +Alsbald fiel ein tiefer Schlaf auf das gesamte Hausgesinde, von der +wachsamen Wirtschafterin an bis auf den Türhüter. Husch war Fräulein +Mathilde zur Tür hinaus, wandelte ungesehen durch die Straßen und trat +mit dem Anstande einer Grazie in den Tanzsaal ein. Es wunderte sich +männiglich über die Gestalt der holdseligen Jungfrau, und auf dem hohen +Söller, der rings um den Saal lief, entstund ein flüsterndes Geräusch, +wie wenn der Prediger auf der Kanzel Amen sagt. Einige bewunderten an +der Unbekannten die Schönheit der Gestalt, andere den Geschmack der +Kleidung, noch andere verlangten zu wissen, wer sie sei und von wannen +sie käme, wiewohl kein Seitennachbar dem andern über diese Frage +Auskunft geben konnte. + +Unter den edlen Rittern und Herren, die sich herzudrängten, die fremde +Jungfrau zu beäugeln, war der Kreuzherr nicht der letzte. Er nahte sich +ihr und zog sie zum Tanze auf; sie bot ihm bescheiden die Hand und +tanzte zur Bewunderung schön. Ihr leichter Fuß schien kaum die Erde zu +berühren; die Bewegung des Körpers aber war so edel und ungezwungen, daß +sie jedes Auge entzückte. Ritter Konrad kam ihr nicht mehr von der Seite +und sagte ihr viel Schönes vor; es lag ihm sehr daran zu wissen, wer die +Unbekannte sei und wo sie hause, um sie zu verfolgen. Doch hier war +alles Forschen vergebens; sie wich allen Fragen aus, und mit vieler Mühe +erhielt er nur von ihr die Zusage, den folgenden Tag nochmals den Tanz +zu besuchen. Er gedachte sie zu überlisten, wenn sie allenfalls nicht +Wort halten sollte, und stellte alle Bedienten auf die Lauer, ihre +Wohnung auszukundschaften, denn er hielt sie für eine Augsburgerin; die +Tanzgesellschaft aber meinte, sie gehörte zur Freundschaft des Grafen. + +Der Morgen war schon angebrochen, ehe sie Gelegenheit fand, dem Ritter +zu entwischen und den Tanzplatz zu verlassen. Sobald sie aus dem Saal +trat, drehte sie den Bisamapfel dreimal in der Hand um und sagte dazu +ihr Sprüchlein: + + »Hinter mir Nacht, vor mir Tag, + Daß mich niemand sehen mag;« + +und so gelangte sie in ihre Kammer, ohne daß die Dämmerungsvögel des +Grafen, die in allen Straßen auf- und abflatterten, sie wahrnahmen. Bei +ihrer Zuhausekunft schloß sie das seidene Kleid in die Lade, zog wieder +die schmutzigen Küchenkleider an und gab sich an ihr Geschäft, war +früher auf als das übrige Gesinde, welches Frau Gertrude mit dem Bund +Schlüssel aus den Betten klingelte, und erntete von der Wirtschafterin +ein kleines Lob. + +Noch nie war dem Ritter ein Tag so lang worden als der nach dem Ball; +jede Stunde dünkte ihn ein Jahr. Um Vesperzeit rüstete er sich zum Ball, +kleidete sich sorgfältiger als tags vorher, und die drei goldenen Ringe, +das alte Abzeichen des Adels, funkelten diesmal mit Diamanten besetzt am +Saume seiner Halskrause. Er war der erste auf dem Tummelplatze der +Freude, musterte alle Kommenden mit dem Scharfblick des Adlerauges und +harrte mit Ungeduld der Erscheinung seiner Ballkönigin entgegen. Der +Abendstern war schon hoch am Horizont heraufgerückt, ehe das Fräulein +Zeit gewann, auf ihre Kammer zu gehen. Sie wünschte sich ein anderes +Kleid, von Rosaatlas nebst einem Juwelenschmuck, so schön und prächtig, +als ihn die Königstöchter zu tragen pflegen. Der gutwillige Bisamapfel +gab her, was in seinem Vermögen war, und der Anzug übertraf ihre eigene +Erwartung. Sie machte wohlgemut ihre Toilette, und mit Hilfe des +Talismans gelangte sie, von keinem sterblichen Auge bemerkt, dahin, wo +sie so sehnlich erwartet wurde. Sie war schöner als tags vorher, und da +sie der Kreuzherr erblickte, zog er sie wieder zum Tanze auf und alle +Partien traten ab, das herrliche Paar walzen zu sehen. + +[Illustration] + +Nach vollendetem Tanze führte Graf Konrad die ermüdete Tänzerin unter +dem Vorwand, Erfrischung zu suchen, in ein Seitengemach, sagte ihr in +der Sprache eines feinen Hofmannes wie tags zuvor viel Schmeichelhaftes, +wie ein Freier zu reden pflegt, der um eine Braut wirbt. Das Fräulein +hörte mit verschämter Freude den Ritter an, dann redete sie gar +züchtiglich also: »Was Ihr mir, edler Ritter, heute und gestern +vorgesagt habt, gefällt meinem Herzen wohl; denn ich glaube nicht, daß +Ihr mit trüglichen Worten zu mir redet. Aber wie kann ich Eure Gemahlin +werden, da Ihr ein Kreuzherr seid und das Gelübde getan habt, ehelos zu +bleiben Euer Leben lang?« Der Ritter antwortete ernsthaft und bieder: +»Ihr redet als eine tugendliche und kluge Jungfrau, darum will ich auf +Eure ehrliche Frage Euch jetzt Bescheid geben und Euren Zweifel lösen. +Zur Zeit, als ich in den Kreuzorden aufgenommen wurde, war mein Bruder +Wilhelm, der Stammerbe, noch am Leben; seit der aber erbleicht ist, habe +ich Dispensation erlangt, als der Letzte meines Stammes ehelich zu +werden und dem Orden zu entsagen, so mir’s gefällt. Ich vertraue fest +darauf, daß Ihr und keine andere vom Himmel mir zum ehelichen Gemahl +beschieden seid. So Ihr mir nun Eure Hand nicht weigert, soll unser +Bündnis nichts scheiden als der bittere Tod.« – »Bedenket Euch wohl,« +versetzte Mathilde, »daß Euch nicht die Reue ankomme; vorgetan und +nachbedacht, hat in die Welt viel Unheil bracht. Ich bin Euch fremd, Ihr +wisset nicht, wes Standes und Würden ich sei, ob ich Euch an Geburt und +Vermögen gleiche, oder ob ein erborgter Schimmer nur Eure Augen blendet. +Einem Manne Eures Standes steht an, nichts leichtsinnig zu verheißen, +aber auch seine Zusage nach Adelsbrauch unverbrüchlich zu erfüllen.« +Ritter Konrad ergriff hastig ihre Hand, drückte sie fest ans Herz und +sprach mit warmer Liebe: »Das verspreche ich bei Seel’ und Seligkeit! +Wenn Ihr,« fuhr er fort, »des geringsten Mannes Kind wäret, so will ich +Euch ehrlich halten als mein Gemahl und Euch zu hohen Ehren bringen.« +Drauf zog er einen Demantring von großem Werte vom Finger, gab ihr den +zum Pfand der Treue an ihre Hand und sprach weiter: »Damit Ihr kein +Mißtrauen in meine Zusage setzet, so lade ich Euch über drei Tage in +mein Haus, wo ich meine Freunde des Prälaten- und Herrenstandes, auch +andere ehrenfeste Männer bescheiden will, unserer Ehestiftung +beizuwohnen.« Mathilde weigerte sich des aus allen Kräften, weil sie die +Beharrlichkeit seiner Gesinnungen zuvor erst prüfen wollte. Er ließ sich +gleichwohl nicht abwendig machen, ihre Einwilligung zu begehren, und sie +sagte weder ja noch nein dazu. Wie tags zuvor, schied die Gesellschaft +bei Anbruch der Morgenröte auseinander, Mathilde verschwand, und der +Ritter, dem kein Schlaf in die Augen kam, berief in aller Frühe die +wache Wirtschafterin und gab ihr Befehl zur Zurichtung eines prächtigen +Gastmahls. + +[Illustration] + +[Illustration] + +[Illustration] + +Wie Freund Hein, das Furchtgerippe mit der Sense, Paläste und +Strohhütten durchwandert und alles, was ihm begegnet, unerbittlich mäht +und würgt, so durchzog am Vorabend des Gastmahls Frau Gertrud, die +unerbittliche Faust mit dem Schlachtmesser bewaffnet, Hühner- und +Entenställe und trug als die Parze des Hausgeflügels Leben und Tod in +ihrer Hand. Von ihrem blanken Würgestahl fielen die unbesorgten Bewohner +bei Dutzenden, schlugen zum letztenmal ängstlich die Flügel, und Hühner +und Tauben und dämische Kapaunen bluteten neben dem verbuhlten Puterhahn +ihr Leben aus. Fräulein Mathilde bekam so viel zu rupfen, zu brühen und +aufzuzäumen, daß sie die ganze Nacht den goldenen Schlaf entbehren +mußte; doch achtete sie all der Mühe nicht, weil sie wußte, daß der +Hochschmaus um ihrentwillen angerichtet wurde. Das Gastmahl begann, der +fröhliche Wirt flog den Kommenden entgegen, und wenn der Türhüter +schellte, wähnte er immer, die unbekannte Braut sei an der Tür; wurde +sie aber geöffnet, so trat ein Prälat, eine feierliche Matrone oder ein +ehrwürdig Amtsgesicht herein. Die Gäste waren lange beisammen und der +Truchseß zögerte gleichwohl, die Speisen aufzutragen. Ritter Konrad +harrte noch immer auf die schöne Braut; als sie aber zu lange weilte, +winkte er dem Truchseß mit geheimem Verdruß, die Tafel zu beschicken. +Man setzte sich und befand, daß ein Gedeck zu viel war; niemand aber +konnte erraten, wer die Einladung des Gastgebotes verschmäht hatte. Von +Augenblick zu Augenblick verminderte sich die Fröhlichkeit des +Gastgebers sichtbar, es war nicht mehr in seiner Gewalt, den Trübsinn +von seiner Stirn zu bannen, so sehr er sich auch angelegen sein ließ, +durch erzwungene Heiterkeit die Gäste bei Laune zu erhalten. Sauerteig +säuerte gar bald den Süßteig der geselligen Freude, drum ging es im +Tafelgemache bald so still und ernsthaft her wie bei einem Leichenessen. +Die Geigen, die abends zum Tanz aufspielen sollten, wurden +fortgeschickt, und so endete diesmal das Fest im Komterhof ohne Sang und +Klang. + +Die mißmutigen Gäste verloren sich früher als gewöhnlich und den Ritter +verlangte nach der Einsamkeit seines Gemachs. Er warf sich auf dem Bette +unruhig hin und her und konnte mit seinen Sinnen nicht ausdenken, welche +Deutung er der mißlungenen Hoffnung geben sollte. Der Morgen kam, ehe er +ein Auge geschlossen hatte, die Diener traten herein, fanden ihren Herrn +mit wilden Phantasien kämpfen, dem Anschein nach von einem heftigen +Fieber befallen. Darüber geriet das ganze Haus in Bestürzung, die Ärzte +rennten treppauf, treppnieder, schrieben ellenlange Rezepte, und in der +Apotheke waren alle Mörser im Gange, als ob sie zur Frühmetten läuten +sollten. + +Sieben Tage lang hatte sich Graf Konrad so durch geheimen Kummer +abgezehrt, daß die Rosen seiner Wangen dahinwelkten, das Feuer der Augen +verlosch und Leben und Odem ihm nur noch zwischen den Lippen schwebte +wie ein leichter Morgennebel im Tal, der auf den kleinsten Windstoß +wartet, ihn ganz zu verwehen. Fräulein Mathilde hatte genaue Kundschaft +von allem, was im Hause vorging. Es war nicht Eigensinn, daß sie die +Einladung nicht angenommen hatte. Teils wollte sie die Standhaftigkeit +des Ritters prüfen, teils fand sie Bedenken, dem Bisamapfel den letzten +Wunsch abzunötigen; denn als Braut meinte sie, zieme ihr ein neuer +Anzug, und Frau Pate hatte ihr empfohlen, mit ihren Wünschen rätlich +umzugehen. Indessen war ihr am Tage des Gastmahls gar weh ums Herz, sie +setzte sich in einen Winkel und weinte bitterlich. Die Krankheit des +Ritters beunruhigte sie noch mehr, und wie sie die Gefahr vernahm, in +welcher er sich befand, war sie untröstbar. + +[Illustration] + +Der siebente Tag sollte nach dem Spruch der Ärzte Leben oder Tod +entscheiden. Mathilde ging ihrer Gewohnheit nach bei frühem Morgen zur +Wirtschafterin, mit ihr über den Küchenzettel Rat zu halten; aber Frau +Gertrud war so außer der Fassung, daß sie sich auf die gemeinsten Dinge +nicht besinnen, noch die Wahl der Speisen ordnen konnte; große Tränen +wie die Tropfen einer Dachtraufe rollten über die ledernen Wangen: »Ach +Mathilde!« schluchzte sie, »wir werden hier bald ausgewirtschaftet +haben, unser guter Herr wird den Tag nicht überleben.« Das war eine gar +traurige Botschaft! das Fräulein gedachte umzusinken vor Schrecken; doch +faßte sie bald wieder Mut und sprach: »Verzaget nicht an dem Leben +unsers Herrn, er wird nicht sterben, sondern gesund werden; ich habe +heut’ nacht einen guten Traum gehabt.« Die Alte war ein lebendiges +Traumbuch, machte Jagd auf jeden Traum des Hausgesindes, und wo sie +einen habhaft werden konnte, legte sie ihn immer so aus, daß die +Erfüllung bei ihr stund; denn die anmutigsten Träume zielten bei ihr auf +Hader, Zank und Scheltworte. »Sag an deinen Traum,« sprach sie, »daß ich +ihn ausdeute.« »Mir war,« gegenredete Mathilde, »als sei ich noch daheim +bei meinem Mütterlein; die nahm mich beiseits und lehrte mich das +Süpplein von neunerlei Kräutern kochen; das hilft für alle Krankheit, +so jemand nur drei Löffel davon genießt. ›Bereite dies deinem Herrn,‹ +sprach sie, ›und er wird nicht sterben, sondern von Stund’ an gesund +werden.‹« Frau Gertrud verwunderte sich höchlich über diesen Traum, +enthielt sich diesmals aller sinnbildlichen Deutung: »Dein Traum ist +sonderbar,« sprach sie, »und nicht von ungefähr. Richte flugs dein +Süpplein zu zum Frühstück, ich will sehen, ob ich’s über unsern Herrn +vermag, daß er davon genießt.« Ritter Konrad lag im stillen Hinbrüten, +matt und kraftlos, schickte sich zu seiner Heimfahrt und begehrte, das +Sakrament der letzten Ölung zu empfahen; da trat Frau Gertrud zu ihm +hin, riß ihn durch ihre geläufige Zunge aus der Betrachtung der vier +letzten Dinge und quälte ihn mit gutgemeinter Geschwätzigkeit dermaßen, +daß er, um ihrer los zu werden, verhieß, was sie begehrte. Indessen +bereitete Mathilde eine herrliche Kraftbrühe, tat darein allerlei +Küchenkräuter und köstliche Würze, und als sie anrichtete, legte sie den +Demantring, welchen ihr der Ritter zum Pfande der Treue gegeben hatte, +in die Schale und hieß den Diener auftragen. + +[Illustration] + +[Illustration] + +Der Kranke fürchtete die laute Beredsamkeit der Wirtschafterin, die ihm +noch in den Ohren gellte, so sehr, daß er sich zwang, einen Löffel Suppe +zu nehmen. Als er zu Boden fuhr, bemerkte er einen Körper, den er +herausfischte und zu seinem Erstaunen den Demantring fand. Sogleich +glänzte sein Auge wieder voll Leben und Jugendfeuer und er leerte mit +sichtbarer Eßlust die ganze Schale aus, zu großer Freude der Frau +Gertrud und des aufwartenden Gesindes. Alle schrieben der Suppe die +außerordentliche Heilkraft zu, den Ring hatte der Ritter keinen der +Umstehenden bemerken lassen. Drauf wendete er sich zu Frau Gertrud und +sprach: »Wer hat diese Kost zugerichtet, die mir wohltut, meine Kräfte +belebt und mich wieder ins Leben ruft?« Die sorgsame Alte wünschte, daß +der auflebende Kranke sich jetzt ruhig halten und nicht zu viel sprechen +möchte, darum sprach sie: »Laßt Euch nicht kümmern, gestrenger Junker, +wer das Süpplein zugerichtet hat; wohl Euch und uns, daß es die heilsame +Wirkung hervorgebracht hat, die wir davon hofften.« Durch diese Antwort +geschah aber dem Ritter kein Genügen; er bestund mit Ernst auf der +Beantwortung seiner Frage, auf welche die Ausgeberin diesen Bescheid +gab: »Es dienet eine junge Dirne in der Küche, genannt die Zigeunerin, +aller Kräfte der Kräuter und Pflanzen kundig, die hat das Süpplein +zugerichtet, das Euch so wohl tut.« – »Führt sie alsbald zu mir,« sagte +der Ritter, »daß ich ihr danke für diese Panazee des Lebens.« – +»Verzeihet,« erwiderte die Haushälterin, »ihr Anblick würde Euch Unlust +machen; sie gleicht an Gestalt einer Schleiereule, hat einen Höcker auf +dem Rücken, ist mit schmutzigen Kleidern angetan und ihr Angesicht und +Hände sind mit Ruß und Asche bedeckt.« – »Tut nach meinem Befehl,« +beschloß der Graf, »und zögert keinen Augenblick.« Frau Gertrud +gehorchte, berief eilig Mathilden aus der Küche zu sich, warf ihr ein +Regentuch über, das sie zu tragen pflegte, wenn sie zur Messe ging und +führte sie in diesem Aufputz in das Krankenzimmer ein. Der Ritter +begehrte, daß sich jedermann entfernen sollte, und als er die Tür hatte +heißen zutun, sprach er: »Mägdlein, bekenne mir frei, wie bist du zu dem +Ringe gelangt, den ich gefunden habe in der Schale, darein du mir das +Frühstück zugerichtet hast?« – »Edler Ritter,« antwortete das Fräulein +züchtig und sittsam, »den Ring habe ich von Euch; Ihr begabtet mich +damit am zweiten Abend des Freudenreihens; sehet nun zu, ob meine +Gestalt und Herkunft verdient, daß Ihr Euch so abgehärmt habt, als +wolltet Ihr ins Grab sinken. Euer Zustand jammerte mich, darum habe ich +nicht länger verweilt, Euch aus dem Irrtum zu ziehen.« + +[Illustration] + +[Illustration] + +Einer solchen Überraschung hatte sich Graf Konrad nicht versehen; er war +bestürzt und schwieg einige Augenblicke. Aber die Gestalt der schönen +Tänzerin schwebte ihm bald wieder vor und er verfiel auf den Gedanken, +daß man ihn durch einen frommen Betrug von seiner Absicht heilen wollte; +doch der wahre Ring, den er zurückempfangen hatte, ließ vermuten, daß +die Unbekannte auf irgend eine Weise mit im Spiel sein müßte; also legte +er’s darauf an, die Dirne auszuforschen und in der Rede zu fangen. »Seid +Ihr die holde Jungfrau,« sprach er, »welcher ich meine Hand gelobet +habe, so zweifelt nicht, daß ich meine Zusage treulich erfüllen werde; +aber hütet Euch, mich zu betrügen. Könnet Ihr die Gestalt wieder +annehmen, die Ihr mir vorloget zwei Nächte hintereinander auf dem +Tanzplatz, könnet Ihr Euern Leib schlank und eben machen wie eine junge +Tanne, könnet Ihr die schabige Haut abstreifen wie die Schlange und Eure +Farbe wechseln wie das Chamäleon, so soll das Wort, welches ich +aussprach, als ich diesen Ring von mir gab, Ja und Amen sein. Könnet Ihr +aber diesen Bedingungen nicht Genüge leisten, so will ich Euch als eine +Betrügerin strafen lassen, bis Ihr mir saget, wie Euch dieser Ring ist +zuhanden kommen.« + +Hierauf schellte der Kreuzherr der Wirtschafterin und erteilte ihr den +Befehl: »Geleitet dieses Mädchen auf ihre Kammer, daß sie sich reinlich +kleide, harret an der Tür, bis sie heraustritt; ich erwarte euer im +Sprachgemach.« Frau Gertrud nahm ihre Gefangene in genaue Aufsicht, ohne +eigentlich zu wissen, wohin der Befehl ihres Herrn gemeint sei. Im +Hinaufsteigen fragte sie: »Hast du Kleider, dich zu schmücken, warum +hast du mir’s verschwiegen? Gebricht dir’s aber daran, so folge mir auf +meine Kammer, ich will dir leihen, soviel du bedarfst.« Hierauf +beschrieb sie ihre altmodische Garderobe, worin sie vor einem halben +Jahrhundert Eroberungen gemacht hatte, Stück bei Stück mit froher +Zurückerinnerung an die vormaligen Zeiten. Mathilde hatte darauf wenig +acht, begehrte nur ein Stücklein Seife und eine Handvoll Weizenkleien, +nahm ein Waschbecken voll Wasser, ging auf ihre Kammer und tat die Tür +hinter sich zu; Frau Gertrud aber bewachte solche von außen mit großer +Sorgfalt, wie ihr befohlen war. Der Kreuzherr, voller Erwartung, welchen +Ausgang das Abenteuer seiner Liebe nehmen werde, verließ sein Lager, +kleidete sich aufs zierlichste und begab sich in sein Prunkgemach, mußte +sich lange gedulden, ehe er aus der Ungewißheit gezogen wurde, und +wandelte mit geschwinden Schritten unruhig auf und ab. Doch als der +welsche Zeiger am Augsburger Rathaus in der Mittagsstunde auf achtzehn +Uhr wies, flogen urplötzlich die Flügeltüren auf, es rauschte durchs +Vorgemach der Schweif eines seidenen Gewandes, Mathilde trat herein mit +Anstand und Würde und geschmückt wie sie auf dem Feste erschienen war. +»Ihr sehet mich hier,« sprach sie, »in meiner wahren Gestalt. Ich bin +Wackermann Uhlfingers, des ehrenfesten Ritters, Tochter, dessen +unglückliches Geschick Euch sonder Zweifel nicht verborgen ist, bin +kümmerlich dem Einsturz des väterlichen Hauses entronnen und habe in +Eurer Wohnung, wiewohl in armseliger Gestalt, Schutz und Sicherheit +gefunden.« Hierauf erzählte sie ihm ihre Geschichte und verschwieg ihm +auch die Heimlichkeit mit dem Bisamapfel nicht. Graf Konrad war +hocherfreut und dachte nicht mehr daran, daß er zum Sterben krank +gewesen war; er lud auf den folgenden Tag alle die Gäste wieder, die +zuvor sein Trübsinn so früh auseinandergescheucht hatte, hielt +öffentliche Verlobung mit seiner Braut, und als der Truchseß aufgetragen +hatte und nun herumzählte, fand er, daß kein Gedeck zu viel war. Drauf +trat der Ritter aus dem Orden, verließ den Komterhof und vollzog die +Hochzeit mit großer Pracht. Bei dieser merkwürdigen Hausveränderung +bewies sich die geschäftige Martha, Frau Gertrud, ganz untätig; als sie +Fräulein Mathildens Kammertür bewachte und bei Eröffnung derselben eine +stattlich gekleidete Dame zum Vorschein kam, war ihr Erstaunen so groß, +daß sie rücklings vom Sessel fiel, einen Schenkel ausrenkte und +lendenlahm blieb ihr Leben lang. + +[Illustration] + +[Illustration] + +Die Neuvermählten verlebten das erste Jahr zu Augsburg. Eines Tages, als +sie in frohen Gesprächen am offenen Fenster saßen, sagte die junge +Gräfin: »Mein herzgeliebter Herr, mir ist nun kein Wunsch mehr übrig, +ich erlasse meinem Bisamapfel die Erfüllung des dritten Wunsches mit +Freuden. Habt Ihr aber irgend ein verborgenes Anliegen in Eurem Herzen, +so tut mir’s kund, ich will es zu dem meinigen machen und zur Stunde +soll es Euch gewährt sein.« Graf Konrad schloß sein trautes Weib in die +Arme und beteuerte ihr hoch, daß außer der Fortdauer seines Glückes für +ihn nichts wünschenswerter auf Erden sei. Also verlor der Bisamapfel in +den Augen seiner Besitzerin allen Wert und sie behielt ihn nur zum +dankbaren Andenken der Pate Nixe. + +[Illustration] + +Graf Konrad hatte noch eine Mutter am Leben, die auf ihrem Wittum zu +Schwabeck wohnte. Ihr in Kindesliebe die Hand zu küssen, trug die fromme +Schwiegertochter groß Verlangen; doch der Graf lehnte immer die +Wallfahrt zur Mutter unter scheinbarem Vorwand ab und brachte dagegen +eine Lustreise auf ein ihm unlängst heimgefallenes Lehen in Vorschlag, +unfern von Wackermanns zerstörter Burg gelegen; Mathilde willigte gern +darein, um die Gegend wieder zu besuchen, wo sie ihre erste Jugend +verlebt hatte. Sie besuchte die Trümmer der väterlichen Wohnung, +beweinte die Asche ihrer Eltern, ging zum Nixenbrunnen und hoffte, daß +ihre Gegenwart die Nymphe einladen würde, sich ihr zu versichtbaren. +Mancher Stein fiel in den Brunnen ohne die gehoffte Wirkung, selbst der +Bisamapfel schwamm als eine leichte Wasserblase obenauf, und sie mußte +sich die Mühe nehmen, ihn selbst wieder herauszufischen. Die Nymphe kam +nicht mehr zum Vorschein. Heimgekehrt, bekam Frau Mathilde einen Sohn, +schön wie ein Götterknabe, und die Freude der Eltern war so groß, daß +sie ihn schier aus heißer Liebe erdrückten; die Mutter ließ ihn nicht +aus ihren Armen und spähte jeden Atemzug des kleinen unschuldigen +Engels, obgleich der Graf eine weise Amme gedungen hatte, die des +Kindleins pflegen sollte. Aber in der dritten Nacht, da alles im Schloß +vom Taumel eines Freudenfestes in tiefem Schlaf begraben lag, wandelte +die Mutter auch ein sanfter Schlummer an, und als sie erwachte, war das +Kind aus ihren Armen weg! Bestürzt rief die erschrockene Gräfin: »Amme, +wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?« Die Amme antwortete: »Edle Frau, +das zarte Herrlein ist in Euren Armen.« Bett und Zimmer wurden ängstlich +durchsucht, aber nichts gefunden außer einigen Blutströpflein auf dem +Fußboden des Gemachs. Wie das die Amme inne ward, erhob sie groß +Geschrei: »Ach, daß es Gott und alle Heiligen erbarme! Der Werwolf ist +dagewesen und hat das Kindlein davongetragen.« Die Gräfin grämte sich +über den Verlust des holden Knaben bleich und mager und der Vater war +untröstbar. Obgleich der Werwolfsglaube in seinem Herzen kein Senfkorn +aufwog, so ließ er sich doch von dem Geschwätz, da er sich die Sache auf +keine Weise zu erklären wußte, übertäuben, tröstete seine trostlose +Gemahlin, die aus Gefälligkeit für ihn, der alle Traurigkeit haßte, sich +zwang, eine heitere Miene anzunehmen. + +[Illustration] + +Die Schmerzenstilgerin, die wohltätige Zeit, heilte endlich die +mütterliche Herzwunde, als der Verlust durch einen zweiten Sohn ersetzt +wurde. Grenzenlos war die Freude über den schönen Stammerben im +gräflichen Palast, der Graf bankettierte frohen Muts mit seinen Nachbarn +eine Tagereise ringsumher, der Freudenbecher ging ohne Unterlaß aus Hand +in Hand, von Wirt und Gästen bis zum Türhüter herum, auf die Gesundheit +des Neugebornen. Die besorgte Mutter ließ das Kindlein nicht von sich, +erwehrte sich des süßen Schlafes, solange es ihre Kräfte erlaubten; da +sie aber endlich den Forderungen der Natur nachgeben mußte, nahm sie die +goldene Kette vom Hals, umschlang damit des Knäbleins Leib und +befestigte das andere Ende davon an ihrem Arm, segnete sich und das Kind +mit dem heiligen Kreuz, auf daß der Werwolf keine Macht noch Gewalt +daran finden möchte, und bald darauf überfiel sie ein unwiderstehlicher +Schlaf. Als sie der erste Morgenstrahl erweckte, o Jammer! da war der +süße Knabe aus ihren Armen verschwunden. Im ersten Schrecken rief sie +wie vormals: »Amme, wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?« und die Amme +antwortete wiederum: »Edle Frau, das zarte Herrlein ist in Euren Armen.« +Alsbald sah sie nach dem goldnen Kettlein, das sie um den Arm +geschlungen hatte, befand, daß ein Gelenk mit einer scharfen stählernen +Schere mitten entzweigeschnitten war, und sank in Ohnmacht vor Entsetzen +hin. Die Amme machte Lärm im Hause, das Gesinde eilte voller Bestürzung +herbei, und da Graf Konrad hörte, was sich zugetragen hatte, entbrannte +sein Herz von Wut und Eifer, er zückte sein ritterliches Schwert, +Sinnes, der Amme das Haupt zu spalten. + +»Verruchtes Weib!« donnerte er mit furchtbarer Stimme, »gab ich dir +nicht geheimen Befehl, wach zu bleiben die ganze Nacht und kein Auge von +dem Knaben zu verwenden, damit, wenn das Ungetüm käme, ihn der +schlafenden Mutter wegzurauben, du durch dein Geschrei das Haus rege +machtest, damit wir den Werwolf vertrieben? Schlaf nun, du Schläferin, +den langen Todesschlaf!« Das Weib fiel auf die Kniee vor ihm nieder. +»Gestrenger Herr,« sprach sie, »bei Gottes Barmherzigkeit beschwöre ich +Euch, erwürget mich augenblicks, damit ich die Schandtat mit ins Grab +nehme, die meine Augen gesehen haben und die mir weder Geheiß noch Lohn +abdringen soll, wofern sie nicht die Folter herauspreßt.« Der Graf +staunte; »welche Schandtat,« fragte er, »hast du mit Augen gesehen, die +so schwarz ist, daß deine Zunge sich weigert, sie auszureden? Lieber +bekenne mir ohne Folter, was dir kund worden ist, als eine treue Magd.« +»Herr,« erseufzte die Dirne, »was treibt Euch, Euer Unglück zu erfahren? +Besser ist’s, daß das schreckliche Geheimnis zugleich mit meinem +Leichnam verscharret werde in das kühle Grab.« Durch diese Rede wurde +Graf Konrad nur noch begieriger, das Geheimnis zu erfahren; er nahm das +Weib beiseits in sein heimliches Zimmer, und durch Drohungen und +Verheißungen bewogen, eröffnete sie ihm, was er zu wissen gern wäre +überhoben gewesen. »Eure Gemahlin,« sprach sie, »sollt Ihr wissen, Herr, +ist eine schändliche Zauberin; aber sie liebt Euch unermeßlich und ihre +Liebe geht so weit, daß sie auch ihres eignen Kindes nicht verschonet, +um daraus ein Mittel zu bereiten, ihre Schönheit unwandelbar zu +erhalten. In der Nacht, als alles in großer Sicherheit schlief, stellte +sie sich, als sei sie eingeschlummert, ich tat das Nämliche, weiß nicht +warum. Bald darauf rief sie mich beim Namen; aber ich achtete nicht +darauf und fing an zu röcheln und zu schnarchen. Da sie nun vermeinte, +ich sei fest eingeschlafen, saß sie rasch im Bette auf, nahm das +Kindlein, drückte es an den Busen, küßte es inniglich und lispelte dazu +diese Worte, die ich deutlich vernahm: ›Sohn der Liebe, werde ein +Mittel, mir deines Vaters Liebe zu erhalten, gehe jetzt zu deinem +Brüderlein, du kleine Unschuld, daß ich aus neunerlei Kräutern und +deinen Knöchlein einen kräftigen Trank bereite, der meine Schönheit mir +bewahre.‹ Als sie das gesagt hatte, zog sie eine Demantnadel, scharf wie +ein Dolch, aus den Haaren, stieß solche dem Kindlein flugs durchs Herz, +ließ es ein wenig ausbluten, und da es nicht mehr zappelte, legte sie’s +vor sich hin, nahm den Bisamapfel, murmelte dazu einige Worte, und da +sie den Deckel abhob, loderte daraus empor eine lichte Feuerflamme, wie +aus einer Pechtonne, welche den Leichnam in wenig Augenblicken +verzehrte. Die Asche und Knöchlein sammelte sie sorgfältig in eine +Schachtel und schob sie unter die Bettlade. Drauf rief sie mit +ängstlicher Stimme, als führe sie plötzlich aus dem Schlafe auf: ›Amme, +wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?‹ Und ich antwortete mit Furcht und +Grausen, ihre Zauberei fürchtend: ›Edle Frau, das zarte Herrlein ist in +Euren Armen.‹ Darüber fing sie an, sich ganz trostlos zu gebärden und +ich lief aus dem Zimmer unter dem Schein, Hilfe zu rufen. Sehet, +gestrenger Herr, das ist der Verlauf der schändlichen Tat, die Euch zu +offenbaren Ihr mich gedrungen habt. Bin erbötig, die Wahrheit meiner +Aussage durch einen glühenden Stab Eisen zu erhärten, den ich mit bloßen +Händen tragen will dreimal den Schloßhof auf und nieder.« + +Ritter Konrad stund wie versteint, konnte lange Zeit kein Wort +vorbringen. Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, sprach er: »Was +bedarf’s der Feuerprobe, Euren Worten ist der Stempel der Wahrheit +aufgedrückt, ich fühl’s und glaub’s, daß alles so ist, wie Ihr saget. +Behaltet das gräßliche Geheimnis in Eurem Herzen fest verschlossen und +vertrauet es keinem Menschen, auch nicht, wenn ihr beichtet; ich will +Euch einen Ablaßbrief vom Bischof von Augsburg lösen, daß Euch diese +Sünde nicht soll zugerechnet werden, weder in dieser noch in jener Welt. +Jetzt will ich mit verstelltem Angesicht zu der Natter hineintreten, da +habt wohl acht, daß Ihr, wenn ich sie umarme und ihr Trost einspreche, +die Schachtel mit den Totengebeinen unter der Bettlade hervorziehet und +unbemerkt mir solche überantwortet.« + +[Illustration] + +Mit leicht umwölkter Stirn und dem Blick eines gerührten, aber noch +standhaften Mannes, trat er in das Gemach seiner Gemahlin, die ihren +Herrn mit schuldlosem Auge, wiewohl mit hochbetrübter Seele, schweigend +empfing. Ihr Angesicht glich eines Engels Angesichte und dieser Anblick +löschte Wut und Grimm, davon sein Herz entbrannt war, plötzlich aus. Den +Geist der Rache milderte Mitleid und Bedauernis, er drückte die +unglückliche Frau an sich und sie überströmte sein Gewand mit +wehmutsvollen Tränen. Er tröstete sie, koste freundlich mit ihr und +sputete sich, den Schauplatz des Grausens und Entsetzens bald wieder zu +verlassen. Die Amme hatte indes ausgerichtet, was ihr befohlen war, und +überlieferte dem Grafen insgeheim das schauderhafte Knochenbehältnis. Es +kostete einen schweren Kampf in seinem Herzen, ehe er einen Entschluß +faßte, was er mit der vermeinten Zauberin tun sollte. Endlich wurde er +Rats, ohne Spuk und Aufsehen sich ihrer zu entledigen. Er saß auf und +ritt gen Augsburg, vorher aber tat er dem Hausmeister Befehl: »Wenn die +Gräfin nach neun Tagen hervorgehet aus ihrem Gemach, um nach Gewohnheit +zu baden, so lasset die Badestube wohl heizen und verriegelt auswendig +die Tür, daß sie im Bade verschmachte vor großer Hitze und nicht bei +Leben bleibe.« Der Hausmeister vernahm diesen Befehl mit großer +Betrübnis und Wehmut, denn alles Hausgesinde liebte die Gräfin Mathilde +als eine sanfte und gutmütige Gebieterin; doch wagte er nicht gegen den +Ritter den Mund aufzutun, weil er dessen großen Ernst und Eifer +wahrnahm. Am neunten Tage befahl Mathilde, das Bad zu heizen. Als sie in +das Gemach hineintrat, zitterte die Luft um sie her vor großer Hitze; +sie wollte zurücktreten, aber ein starker Arm stieß sie mit Gewalt in +die Badestube hinab und sogleich wurde auch die Tür von außen verriegelt +und verschlossen. Sie rief vergebens um Hilfe; niemand hörte, das Feuer +wurde nur heftiger angeschürt, daß der Ofen hochrot glühte wie ein +Töpferofen. + +[Illustration] + +Aus diesen Umständen erriet die Gräfin leicht, was hier vorgehe, sie +ergab sich darein zu sterben, nur der schändliche Verdacht, den sie +ahnte, marterte ihre Seele mehr als der schmähliche Tod. Sie nützte die +letzten Augenblicke der Besinnung, zog eine silberne Nadel aus den +Haaren und schrieb damit an die weiße Wand des Gemachs diese Worte: +»Gehab dich wohl, Konrad, ich sterbe auf deinen Befehl willig, aber +schuldlos.« Drauf warf sie sich auf ein Ruhebettlein nieder, ihren +Todeskampf zu beginnen. Aber unwillkürlich strebt die Natur, zu der +Zeit, wenn das böse Stündlein kommt, ihrer Zerstörung vorzubeugen. In +dem Angstgefühl der erstickenden Hitze warf sich die unglückliche +Sterbende hin und her, da entfiel ihr der Bisamapfel, den sie stets bei +sich trug, zur Erde. Augenblicklich ergriff sie ihn und rief: »O Pate +Nixe, steht es in deiner Macht, so befreie mich von einem schandbaren +Tode und rette meine Unschuld!« Sie schrob hastig den Deckel auf, da +stieg aus dem Bisamapfel hervor ein dichter Nebel, der sich über das +ganze Gemach ausbreitete und der Gräfin angenehme Kühlung gewährte, daß +sie keine Angst und Hitze mehr empfand. Die Dunstwolke sammelte sich in +eine Gestalt, und Mathilde, die jetzt nicht mehr zu sterben gedachte, +erblickte mit unaussprechlicher Wonne die liebevolle Nymphe vor sich, in +ihrem Arm den zarten Säugling mit einem Westerhemdlein angetan, und an +der Hand das ältere Herrlein, im weißen Flügelkleide mit rosenfarbenen +Bandschleifen. + +»Willkommen, geliebte Mathilde!« redete die Nymphe sie an. »Wohl dir, +daß du den dritten Wunsch, den dir der Bisamapfel gewähren sollte, nicht +so leichtsinnig wie die beiden ersten verschwendet hast! Hier sind die +zwei lebendigen Zeugen deiner Unschuld, welche dich über die schwarze +Verleumdung, unter welcher du schier erlagtest, werden triumphieren +lassen. Der Unstern deines Lebens hat sich zum Untergange geneigt, +hinfort wird dir der Bisamapfel keinen Wunsch mehr gewähren, denn von +nun an bleibt dir nichts mehr zu wünschen übrig. Aber das Rätsel deines +traurigen Geschicks will ich dir lösen. Wisse, daß die Mutter deines +Gemahls die Stifterin alles Unglücks ist. Dieser stolzen Frau war die +Vermählung ihres Sohnes ein Dolchstich ins Herz; sie wußte nicht anders, +als Graf Konrad habe den Adel seines Hauses durch eine niedrige Ehe +geschändet; sie stieß Fluch und Verwünschung gegen ihn aus und erkannte +ihn nicht mehr für ihren Sohn. All ihr Sinnen und Dichten war darauf +gestellt, dich zu verderben, wiewohl die Wachsamkeit deines Gemahls +diesem boshaften Vornehmen immer gesteuert hat. Dennoch ist es ihr +gelungen, auch diese durch eine gleisnerische Amme zu hintergehen. Durch +große Verheißung hat sie dies Weib dahin vermocht, deinen erstgebornen +Sohn im Schlafe dir aus den Armen zu reißen und ihn wie ein Hündlein ins +Wasser zu werfen. Glücklicherweise wählte sie den Brunnen meiner +Felsenquelle zu dieser Schandtat, ich empfing den Knaben mit liebevollen +Armen und pflegte sein als eine Mutter. Ebenso vertraute sie mir auch +den zweiten Sohn meiner geliebten Mathilde. Diese trugvolle Amme wurde +deine Anklägerin, sie überredete den Grafen, du seist eine Zauberin; +eine Flamme aus dem Bisamapfel, dessen Geheimnis du sorgsamer hättest +bewahren sollen, habe die Knaben verzehrt, um aus ihrer Asche einen +Zaubertrank zu bereiten. Sie schob deinem Gemahl ein Gefäß, mit +Tauben- und Hühnerknochen gefüllt, in die Hand, die er für die +Überbleibsel seiner Kinder erkannte und Befehl gab, dich in seiner +Abwesenheit im Bade zu ersticken. Voll Reue und Verlangen, diesen +grausamen Befehl womöglich noch zurückzunehmen, eilt er jetzt von +Augsburg her, ob er dich gleich noch für schuldig hält. In wenig Stunden +wirst du gerechtfertigt sein.« Nachdem die Nymphe ausgeredet hatte, bog +sie sich über das Angesicht der Gräfin, küßte sie auf die Stirn, und +ohne eine Antwort zu erwarten, hüllte sie sich in ihren dichten +Dunstschleier und verschwand. + +Die Diener des Grafen waren indessen geschäftig, das erloschene Feuer +wieder anzufachen. Es dünkte sie immer, als hörten sie inwendig +Menschenstimmen, woraus sie urteilten, daß die Gräfin noch am Leben sei. +Aber all ihre Mühe und Gebläse war vergebens, das Holz fing so wenig +Feuer, als wenn der Ofen mit Schneeballen wäre geheizt worden. Bald +darauf kam Graf Konrad angeritten und frug ängstlich, wie es um seine +Gemahlin stehe. Die Diener erstatteten Bericht, wie sie das Bad wohl +gehitzt hätten, daß aber das Feuer plötzlich erloschen sei und aller +Vermutung nach die Gräfin noch lebe. Das erfreute sein Herz gar +höchlich, er trat an die Tür und rief durchs Schlüsselloch: »Lebst du, +Mathilde?« Und die Gräfin vernahm die Stimme ihres Gemahls und +antwortete: »Geliebter Herr, ich lebe und meine Kindlein leben!« +Entzückt von dieser Rede ließ der ungeduldige Graf, da die Schlüssel +nicht gleich bei Handen waren, die Tür einschlagen, stürzte ins +Badegemach zu den Füßen seiner frommen Gemahlin und benetzte ihre +unbefleckten Hände mit tausend reuigen Tränen, brachte sie und die +holden Kleinen unter Jubel und Frohlocken des ganzen Hauses aus der +fürchterlichen Sterbekammer in ihr Gemach zurück und vernahm aus ihrem +Munde den ganzen Verlauf der schändlichen Verleumdung und des +Kinderraubes. Alsbald gab er Befehl, die bübische Amme zu greifen und in +die Badestube zu sperren. Da fing das Feuer im Ofen lustig an zu +brennen, die Flammen wirbelten hoch empor und das teuflische Weib +schwitzte ohne Verzug ihre schwarze Seele aus. + +[Illustration] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Nymphe des Brunnens, by +Johann Karl August Musäus + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS *** + +***** This file should be named 25530-0.txt or 25530-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/5/5/3/25530/ + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna, Irma Spehar, Markus +Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net (This file was produced from images +generously made available by The Internet Archive/American +Libraries.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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