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Eine Liste sämtlicher + vorgenommener Korrekturen befindet sich am Ende des Textes. + + Im Original _kursiv_ gesetzter Text wurde mit "_" markiert. + Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit "=" markiert.] + + + + + MEDIUM TE MUNDI POSUI, UT CIRCUMSPICERES INDE COMMODIUS + QUIDQUID EST IN MUNDO · NEC TE COELESTEM NECQUE TERRENUM + NECQUE MORTALEM NECQUE IMMORTALEM FECIMUS, UT TUI IPSIUS + QUASI ARBITRARIUS HONORARIUSQUE PLASTES ET FICTOR IN QUAM + MALUERIS TU TE FORMAM EFFINGAS · POTERIS IN INFERIORA + QUAE SUNT BRUTA DEGENERARE, POTERIS IN SUPERIORA QUAE + SUNT DIVINA EX TUI ANIMI SENTENTIA REGENERARI · O SUMMAM + DEI PATRIS LIBERALITATEM, SUMMAM ET ADMIRANDAM HOMINIS + FOELICITATEM · PICO DI MIRANDOLA »ORATIO« + + + + + PLATONS GASTMAHL + + + 22.-26. TAUSEND + VERDEUTSCHT VON RUDOLF KASSNER + + VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS + JENA 1922 + + + FRAU + E. BRUCKMANN-CANTACUZENE + GEWIDMET + + + ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG + IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN. COPYRIGHT 1922 + BY EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA + + + [Illustration] + + + + +_Apollodoros_: »O ja, darüber bin ich ziemlich unterrichtet. Erst +neulich, da ich von Phaleron nach der Stadt gehe, sieht mich von +rückwärts einer meiner Bekannten und ruft mir nach: »Apollodoros, +Apollodoros von Phaleron« -- er scherzt immer mit meinem Namen -- »so +warte doch!« Ich bleibe nun stehen und warte auf ihn, und da sagt er mir +denn: »Ich habe dich schon unlängst gesucht, ich möchte nämlich so gerne +etwas über das Gastmahl des Agathon erfahren, ich meine jenes, an dem +Sokrates, Alkibiades und noch viele andere teilgenommen und bei dem sie +über Eros gesprochen haben. Was sprachen sie damals alles, weißt du +näheres? Mir hat schon jemand davon erzählt, der es von Phoinix, dem +Sohne des Philippos, gehört hatte, und dieser sagte mir, auch du wüßtest +näheres darüber. In der Tat, er konnte mir nicht gerade viel sagen, +erzähle du mir nun davon! Denn niemand ist so dafür geschaffen wie du, +die Worte unseres großen Freundes zu künden. Zuerst aber sage noch +schnell: warst du selbst bei dem Gastmahl zugegen? Ja?« Darauf erwidere +ich ihm gleich: »Dein Freund muß dich wirklich schlecht unterrichtet +haben, wenn er meint, das Gastmahl, um das du mich fragst, hätte erst +vor kurzem stattgefunden und ich selbst hätte daran teilgenommen!« +»Nicht? Ich dachte!« »Aber mein lieber Glaukon,« fuhr ich fort, »weißt +du denn nicht, daß Agathon seit vielen Jahren schon die Stadt verlassen +hat? Und dann -- seitdem ich um Sokrates bin, seitdem ich täglich, ich +sage täglich ganz genau weiß, was Sokrates spricht und was Sokrates tut, +sind noch nicht drei Jahre vergangen. Früher, ach früher! -- da lief +ich so herum, ohne zu wissen wohin, und tat geschäftig und war doch so +jämmerlich wie nur irgend jemand, so jämmerlich wie du jetzt, Glaukon, +der du noch immer glaubst, man dürfe um keinen Preis denken, nur nicht +denken.« + +»Bitte, mache dich nicht über mich lustig,« sagt mein Freund, »sage +lieber, wann hat das Gastmahl also stattgefunden?« + +»Wir waren noch Kinder, Agathon hatte mit seiner ersten Tragödie gesiegt +und mit seinen Choreuten den Sieg gefeiert, den Tag darauf nun da hat +das Gastmahl stattgefunden!« + +»Das ist allerdings schon lange her. Aber von wem weißt du das alles?« +fragte Glaukon weiter. »Von Sokrates selbst?« + +»Ach Gott, nein, nein! Von ebendemselben, von dem Phoinix es gehört hat: +von Aristodemos aus Kythäron, vom kleinen Aristodemos, der immer wie +der Meister ohne Sandalen herumlief. Er war dabei; ich glaube, seine +Beziehungen zu Sokrates waren ganz besonders innige. Später habe ich +noch Sokrates selbst um einiges gefragt, und Sokrates bestätigte, es +sei alles so gewesen, wie Aristodemos es mir geschildert hat.« + +»Gut, gut, so erzähle du mir jetzt nun alles!« drang Glaukon weiter. +»Wir gehen beide in die Stadt, und auf dem Wege kann man so gut reden +und zuhören!« + +Nun, so gingen wir beide zusammen nach der Stadt und sprachen darüber; +ich bin also, wie gesagt, vorbereitet. Und wenn es sein muß, so will ich +auch euch alles erzählen. Aufrichtig, ich freue mich jedesmal unbändig, +wenn ich entweder selbst über Philosophie sprechen oder davon hören +darf. Von der Förderung, die ich dadurch erfahre, rede ich erst gar +nicht. Über das, was man so den Tag über schwatzt, was ihr Reichen und +Krämer zusammenschwatzt, ärgere ich mich doch nur; ja ich bemitleide +euch, denn ihr glaubt immer, weiß Gott was zu tun und kommt doch nicht +weiter. Vielleicht werdet ihr euerseits wieder mich bemitleiden, +vielleicht habt ihr recht, ja, ich bin bemitleidenswert, ja! Aber ihr, +meine Lieben, seid es in einem ganz anderen Sinne, und ihr seid es nicht +nur vielleicht, ihr seid es bestimmt, das weiß ich.« + +_Der Freund_: »Apollodoros, du bleibst der Alte! Immer schmähst du dich +selbst und die Welt und hältst, mit dir angefangen, alle einfach für +bemitleidenswert; Sokrates allein ist deine Ausnahme. Ich weiß zwar +nicht, woher du den Beinamen »der Tolle« hast, aber, so oft du sprichst, +bist du wirklich wie toll. Du haderst mit dir selbst und den andern, nur +Sokrates, Sokrates bleibt von deiner Wut verschont!« + +_Apollodoros_: »Mein lieber Freund, es ist wohl nur zu natürlich, daß +ich toll und rasend erscheine, da ich nun einmal so über mich und euch +denke!« + +_Der Freund_: »Streiten wir jetzt nicht darüber! Tue das, worum wir dich +gebeten haben, und erzähle uns vom Gastmahl!« + +_Apollodoros_: »Am Gastmahl nahmen teil ... Doch nein, ich will lieber +gleich von Anfang an es so erzählen, wie ich es von Aristodemos gehört +habe. Aristodemos erzählte also: er wäre eines Abends Sokrates begegnet, +und Sokrates hätte gerade gebadet gehabt und, was selten vorkommt, +Sandalen getragen. Auf die Frage, wohin er denn so geputzt ginge, hätte +Sokrates geantwortet: »Zu Agathon, zu einem Gastmahl! Gestern bin ich +noch der Siegesfeier entgangen -- ich mag den Lärm nicht -- ich habe +aber versprochen, heute zu kommen. Und so habe ich mich denn schön +gemacht, damit auch ich »schön vor den Schönen« trete. Aber du, wie +denkst du darüber, ungeladen mitzugehen?« »Ja, wenn du glaubst ...« +hätte er geantwortet. »So komm nur mit! Wir können ja das Sprichwort +drehen und sagen: Zum Mahle des Guten kommen ungeladen die Guten! +Homer dreht es nicht nur um, sondern hält sich überhaupt nicht daran: +Agamemnon ist sein bester Soldat, und Menelaos ist, wie sagt er doch, +Menelaos ist ein verwöhnter Speerschütze. Doch da Agamemnon das Opfer +feiert, kommt Menelaos ungeladen zum Opfermahle, du siehst, der +Schlechtere kommt hier zum Mahle des Besseren.« »Ich fürchte,« hätte +Aristodemos eingewendet, »ich fürchte, Sokrates, du schmeichelst mir, +wenn du das Sprichwort in deinem Sinne drehst; ich bin wohl eher im +Sinne Homers der arme Schlucker und gehe ungeladen zum Mahle des Weisen +und Edlen! Sieh nur zu, wie du mich dort entschuldigen wirst; ich will +durchaus nicht ungeladen kommen, ich betrachte mich von dir geladen!« +»Während wir zusammen gehen, können wir ja überlegen, was wir anführen +werden. Gehen wir nur!« hätte Sokrates geschlossen, und so wären sie +denn beide weitergegangen. Sokrates wäre aber, wie ihm ja das öfters +geschieht, ganz plötzlich in Gedanken gekommen und auf dem Wege immer +wieder zurückgeblieben. Da Aristodemos auf ihn warten wollte, hätte +Sokrates ihn nur weitergehen geheißen. Bis zu Agathons Tür wären sie +schließlich beide zusammen gegangen. Und jetzt wäre Aristodemos etwas +ganz Komisches widerfahren. Agathons Tür hätte offen gestanden, ein +Knabe ihn bei der Tür empfangen und zu den Sitzen der andern geführt, +die eben im Begriffe waren, an das Essen zu gehen. Da aber Agathon ihn +erblickte, hätte er gleich gerufen: »Aristodemos, du kommst gerade +zurecht, um noch mit uns zu essen. Laß alles nur, bitte, auf morgen, +wenn du etwa in einer andern Angelegenheit herkommst! Ich habe dich +gestern schon überall gesucht, um dich für heute einzuladen, und konnte +dich nicht finden. Aber warum bringst du Sokrates nicht mit?« »Ich drehe +mich um«, hätte Aristodemos gesagt, »und sehe keinen Sokrates. >Ja, ich +bin aber doch mit Sokrates gekommen,< rief ich, >Sokrates hat mich +aufgefordert, mit zu euch zu kommen!<« »Gut, gut, natürlich, aber wo +ist er?« »Ja, Sokrates ging hinter mir und kam mit herein, ich bin jetzt +selbst ganz verwundert, wo er nur geblieben sein mag.« »Sieh du dich +nach Sokrates um,« hätte Agathon einem Knaben befohlen, »und bring ihn +uns! Doch du, Aristodemos, lege dich dorthin neben Eryximachos!« Ein +Knabe hätte Aristodemos nun die Füße gewaschen und Aristodemos sich dann +neben Eryximachos gelegt. Der Knabe aber, den Agathon nach Sokrates +geschickt hatte, wäre mit dem Berichte zurückgekommen: Sokrates stehe +ganz allein im Tore des Nachbarhauses und wolle nicht kommen. »Unsinn, +gehe noch einmal und laß nicht locker!« Agathon hätte noch einmal den +Knaben schicken wollen, doch Aristodemos entgegnete: »Nein, nein, laßt +Sokrates nur! Er macht das oft so und bleibt plötzlich wo stehn. Er wird +ja gleich kommen. Stört ihn nur nicht!« »Nun, wenn du glaubst;« gab +Agathon nach, »ihr Knaben aber bringt uns das Essen. Setzt es uns vor, +ganz wie ihr wollt! Niemand soll heute die Aufsicht führen. Ich liebe +das nicht. Bildet euch ein, wir wären von euch zu Tische geladen, und +bedient uns so, daß wir euer Haus dann loben!« Und so hätten sich denn +alle ans Essen gemacht. Sokrates wäre aber noch immer nicht gekommen. +Agathon hätte ihn zwar immer wieder holen lassen wollen, aber +Aristodemos wäre weiter dagegen gewesen. Endlich wäre er doch gekommen, +sogar ohne diesmal so lange wie gewöhnlich auf sich warten zu lassen, +sie wären alle noch mitten im Essen gewesen. Und gleich hätte Agathon, +der ganz an der Ecke allein saß, Sokrates zugerufen: »Zu mir, Sokrates, +setze dich zu mir, damit auch ich etwas von dem Gedanken, der dir dort +vor der Tür in den Wurf kam, bekomme! Du hast dir ihn wohl gefangen und +hältst ihn jetzt fest! Natürlich, sonst hättest du wohl kaum den Anstand +verlassen!« Sokrates hätte sich auch gleich neben Agathon gesetzt und +ihm erwidert: »Ich mag mit meinem Platze wohl zufrieden sein, wenn also +die Weisheit wirkt, daß sie aus dem Vollen ins Leere abfließt, so wir +beide uns nebeneinander halten, wie ja das Wasser aus dem vollen Becher +in den leeren fließt, wenn man ein Haar zwischen beide legt. Ja, wenn +also die Weisheit wirkt, dann ehre ich den Platz neben dir! Ich glaube, +neben dir recht voll von deiner reichen und schönen Weisheit zu werden. +Denn meine Weisheit ist mager und zweifelhaft, zweifelhaft wie ein +Traum. Deine Weisheit hingegen strahlt und hat eine helle Bahn, du bist +noch so jung, und sie hat gestern vor mehr als dreißigtausend Griechen +geleuchtet!« »O Sokrates, du bist ein böser Spötter; den Streit über +unsere Weisheit aber wollen wir später ausfechten, und Dionysos wird +Richter sein. Jetzt iß nur zuerst!« Nun hätte also auch Sokrates +gegessen, und da er und die andern fertig waren, hätten alle zuerst dem +Gotte vom Weine gespendet und die Lieder gesungen, und so unter allen +den üblichen Gebräuchen wäre es zum eigentlichen Trinkgelage gekommen. +Und Pausanias nahm gleich das Wort: »Wohlan denn, Freunde, da jetzt +getrunken werden muß, so frage ich zuerst, wie machen wir uns dies +heute so leicht wie möglich? Damit ich es nur gleich gestehe, mein Kopf +ist mir noch von gestern schwer, und ich muß mich heute noch davon +erholen. Und da ihr alle gestern zugegen waret, so nehme ich dasselbe +von euch an.« »Da hast du recht, Pausanias,« fiel Aristophanes ein, »da +hast du recht, wir müssen uns heute durch irgend etwas vom fortwährenden +Trinken ablenken. Auch ich stak gestern tief im Weine!« »Das heiße ich +vernünftig gesprochen,« rief Eryximachos, der Sohn des Akumenos, »aber +nur einen von euch möchte ich noch fragen, dich, Agathon: Hast du viel +Lust zum Trinken?« »Nein, nein, sehr wenig!« gab Agathon zur Antwort, +und Eryximachos: »Nun, wenn so unsre besten Zecher versagen, so ist das +für mich und Aristodemos und Phaidros ein großer Trost, denn wir drei +vertragen nie viel. Sokrates nehme ich aus, denn er kann immer beides, +und darum wird ihm beides recht sein. Da also niemand von den Anwesenden +Lust hat, viel zu trinken, so dürfte ich gerade heute niemandem zu nahe +treten, wenn ich euch über die Trunksucht einmal die Wahrheit sage. Ich +bin Arzt und habe in meiner Praxis erfahren, wie schädlich der Rausch +den Menschen sei. Ich selbst möchte also heute weder gerne einfach +darauflostrinken, noch andern dazu raten, am wenigsten dem, welchem noch +von gestern der Kopf brummt!« »Eryximachos, ich folge dir, du weißt es, +immer und besonders dann, wenn du als Arzt sprichst,« unterbrach ihn +Phaidros, der Myrrhinusier, »heute werden auch die andern auf dich +hören, wenn ihnen an ihrem eigenen Wohl gelegen ist.« Und so waren denn +alle darin übereingekommen, heute nicht bis zum Rausch, sondern ganz +ohne Zwang zu trinken. Und Eryximachos fuhr fort: »Da es also abgemacht +ist, daß heute jeder nur so viel trinke, wie er will, und niemand +gezwungen wird, so schlage ich vor, wir lassen die Flötenspielerin, die +eben gekommen ist, wieder gehen; sie mag sich selbst oder, wenn sie es +vorzieht, unsern Weibern zu Hause etwas vorspielen; wir werden uns +allein unterhalten und zwar mit Gesprächen. Und wenn ihr es hören wollt, +so werde ich euch sagen, worüber wir reden sollten!« Alle wollten den +Vorschlag des Eryximachos hören, und Eryximachos sagte ihn: »Ich beginne +wie des Euripides Melanippe: Nicht ich rede, sondern Phaidros spricht +durch mich. Phaidros sagt mir nämlich jedesmal ganz bitter: »Ist es +nicht arg, Eryximachos, daß auf alle Götter Lieder und Gesänge von den +Dichtern geschrieben werden und daß ihrer niemand noch Eros, diesen +alten und starken Gott, im Liede gepriesen hat? Sieh dir die ehrlichsten +Sophisten an: Herakles und die andern Götter verherrlichen sie in ganzen +Abhandlungen, denke nur an den ausgezeichneten Prodikos! Und wenn man +das noch verstehen kann, aber ich hatte unlängst ein Buch in der Hand, +und darin konnte man ganz ernst ein Loblied auf den Nutzen des Salzes +lesen, und in dieser Art könntest du noch vieles finden. Auf solche +Dinge wird viel Fleiß verwendet, aber bis heute hat noch niemand gewagt, +Eros zu feiern; ein so großer Gott bleibt also ohne Ehren!« Phaidros +scheint mir recht zu haben. Ich will also seinen Antrag unterstützen +und ihm gefällig sein; ich glaube auch, gerade jetzt wäre unter uns +Stimmung, den Gott zu preisen. Wenn ihr nun alle meiner Ansicht seid, so +könnten wir uns nicht angenehmer die Zeit vertreiben. Ich denke, wir +fangen dann von rechts an und jeder spricht etwas zum Preise des Gottes, +so gut er es eben kann; Phaidros beginnt, er sitzt ganz oben und hat +uns auch zum Ganzen angeregt.« »Niemand, Eryximachos, wird gegen dich +stimmen,« rief Sokrates, »am wenigsten ich, der ich immer behaupte, mich +überhaupt nur auf die Liebe zu verstehen; Agathon und Pausanias sind +selbstverständlich dafür; Aristophanes hat es ja immer nur mit Aphrodite +und Eros zu tun, alle, alle hier sind auf deiner Seite. Allerdings sind +wir, die ganz unten sitzen, ein wenig im Nachteil, doch wenn die andern +oben gut sprechen, so werden wir es zufrieden sein. Viel Glück denn, +Phaidros, fange an und preise uns den Gott der Liebe!« Alle haben sich +Sokrates angeschlossen und Phaidros zum Worte gerufen. Was nun jeder +sprach, dessen konnte weder Aristodemos sich immer genau entsinnen, noch +weiß ich selbst alles so deutlich, wie Aristodemos es mir erzählt hat. +Doch was mir in ihren Reden wesentlich und denkwürdig erschien, das +alles sollt ihr jetzt hören. + +Phaidros hätte also begonnen: »Ein großer Gott ist Eros und wunderbar +unter Menschen und Göttern, groß und wunderbar in vielem Sinne und vor +allem dann, wenn wir an seine Geburt denken. Denn Eros ist der älteste +der Götter, und das allein ist ein Vorzug. Eros hat keinen Vater und +keine Mutter, Dichter und Laien wissen nichts von seiner Geburt. Hesiod +sagt, am Anfang sei das Chaos gewesen und >dann die breite Erde, der +Wesen ewig sicherer Sitz und endlich Eros<. Und Parmenides erzählt von +der Schöpfung, sie habe von allen Göttern zuerst den Gott der Liebe +ersonnen. Wie Hesiod denkt auch Akusilaos, und so gilt denn Eros +wirklich vielen als der älteste Gott. Und darum ist er auch der Spender +höchster Gaben. Ich wüßte denn auch keine höhere Gabe als einem Jüngling +den treuen Freund und diesem den Geliebten. Was allen Menschen, die edel +ihr Leben führen wollen, immer notwendig sein soll, das können diesen +nicht Geburt, nicht Ehre, nicht Reichtum so reich geben, wie die Liebe +es gibt. Denn die Liebe allein gibt die Scham vor dem Laster und den +Ehrgeiz alles Edlen, und ohne beide vermag eine ganze Stadt, vermag der +Einzelne nicht das Große zu wirken. Ich meine, wenn ein Jüngling irgend +etwas ganz Schlechtes getan hat oder seine Feigheit den Gegner nicht +wehren wollte, so wird die offene Scham ihn vor seinen Eltern oder +Gefährten lange nicht so wie vor dem Geliebten schmerzen. Und wenn +der Geliebte bei etwas Schlechtem ertappt wird, so empfindet er vor +niemandem so bitter die Schande wie vor dem Freunde! Die Freunde und die +Geliebten -- ja sollte es möglich sein, aus beiden eine ganze Stadt oder +ein ganzes Heer zu bilden, so könnten eine so gemeinsame Abscheu vor dem +Laster und ein so selbstloser Ehrgeiz das Staatswesen nicht besser +verwalten, und wenn sie gemeinsam in die Schlacht zögen, müßten sie, +wenn ihrer auch nur wenige wären, alle anderen, ich sage gleich, die +ganze Welt besiegen. Ein Jüngling, der die Waffen wegwirft und die +Schlachtreihe verläßt, würde wohl von allen anderen besser als von dem +Geliebten empfangen werden und eher sterben, bevor er dies täte. Oder +gar den Geliebten verlassen, ihm in der Gefahr nicht beispringen: so +feige ist niemand -- jeden hat die Liebe so mit göttlichem Mute begabt, +daß er sich dann mit dem Kühnsten messe. Und wenn der Gott, wie Homer +ungeschickt sagt, einigen Helden den Mut einhaucht, so schenkt Eros sich +selbst den Liebenden als Mut. + +Und nur Liebende wollen füreinander sterben, und das tun nicht nur +Männer, sondern sogar die Frauen. Alkestis, des Pelias Tochter, hat es +vor allen Griechen bewiesen. Sie, sie allein wollte für Admet in den +Tod gehen, und doch lebten diesem noch Vater und Mutter. Ja, Alkestis +stand um ihrer Liebe willen so hoch über diesen, daß sie für immer +dartat, wie Eltern im Grunde und zuletzt dem Sohne doch fremd wären und +ihm nur den Namen gäben. Und der Alkestis Tat war auch vor den Göttern +so edel, daß liebend diese der Alkestis Seele aus dem Hades ließen, eine +Gnade, welche nur wenigen und nur denen, die Höchstes vollbracht haben, +Götter gewähren. So ehren die Götter den Eifer und Mut der Liebe. +Orpheus dagegen, den Sohn des Oiagros, ließen sie erfolglos aus dem +Hades gehen, die Götter zeigten ihm nur den Schatten des Weibes, um das +er kam, Eurydike selbst gaben sie nicht zurück, denn Orpheus war ein +Musiker und feige, und statt um der Liebe willen gleich Alkestis zu +sterben, wollte er es erzwingen, lebend unter die Schatten zu treten. +Darum sandten die Götter ihm die Strafe und ließen ihn von den Mänaden, +von Weibern, zerfleischen. Achilleus aber, den Sohn der Thetis, ehrten +sie, und ihn sandten sie hin nach den Inseln der Seligen. Aus der Mutter +Munde hatte der Held erfahren, daß er wählen müsse: >Wenn du Hektor +tötest, so mußt du jung in Troja sterben, doch wenn du ihn schonst, so +kehrst du nach der Heimat zurück und scheidest als Greis vom Leben.< +Achilleus war stark und wählte den frühen Tod und rächte Patroklos, der +ihn geliebt hatte, er starb nicht für ihn, nein, er starb dem toten +Freunde nach. Und weil Achilleus den Freund so hochhielt, darum haben +überschwenglich ihn die Götter geliebt und geehrt. Äschylos schwatzt, +wenn er behauptet, Patroklos sei der Geliebte und Achilleus der Freund +gewesen, denn Achilleus war nicht nur schöner als Patroklos, er war +schöner als alle anderen Helden und hatte, wie außerdem Homer sagt, noch +keinen Bart und war der jüngere. Es ehren die Götter ja überall den Mut +in der Liebe, aber sie staunen mehr und spenden reicher die Gnade, wenn +der Geliebte dem Freunde, als wenn der Freund dem Geliebten die Liebe +beweist. Denn der Freund ist göttlicher als der Geliebte. Der Freund +trägt den Gott in sich. Und darum haben die Götter Achilleus mehr geehrt +als Alkestis, und Achilleus und nicht Alkestis haben sie nach den +Inseln der Seligen geschickt. Ich schließe und sage, Eros ist von allen +Göttern der älteste und ehrwürdigste und der hohe Herr aller, die im +Leben und nach dem Tode zur Tugend und zum Heile kommen wollen.« + +So also hatte Phaidros gesprochen. Auf ihn sind noch einige andere +gefolgt -- Aristodemos erinnerte sich ihrer Worte nicht mehr -- bis +dann Pausanias an die Reihe kam: »Indem du, Phaidros, Eros so einfach +den Preis sprachest, hast du dir die Aufgabe, wie mir scheint, nicht +richtig gestellt. Ja, wenn es nur =einen= Eros gäbe, würde ich nichts +einzuwenden haben. Nun gibt es aber nicht nur =einen= Eros, und darum +ist es wohl unerläßlich, vorauszuschicken, welchen wir preisen sollen. +Ich will also versuchen, dich zu berichtigen, das heißt: ich werde +zuerst sagen, welchen Eros wir preisen sollen, und dann erst werde ich +den Würdigen würdig preisen. Wir alle wissen, daß Aphrodite nie ohne +Eros ist. Wenn es nun nur =eine= Aphrodite gäbe, so hätten wir nur +=einen= Eros. Nun gibt es aber zwei Göttinnen der Liebe, und darum +haben wir notwendig auch zwei Eroten. Zwei Göttinnen der Liebe also: +die ältere mutterlose Tochter des Uranos, sie heißt die himmlische +Aphrodite, und dann die jüngere, des Zeus und der Dione Tochter, die +irdische Aphrodite. Und darum müssen wir den Eros, der diese begleitet +und dieser hilft, den irdischen Eros, und den, der jene begleitet und +jener hilft, den himmlischen Eros nennen. Weiter, im allgemeinen können +wir ja gar nicht anders als alle Götter preisen, aber hier müssen +wir klar zu machen versuchen, welcher Preis jedem der beiden Götter +gebühre. Es gilt ja überall: Eine Handlung ist niemals an und für sich +gut oder an und für sich schlecht. Was immer wir jetzt hier tun, ob wir +nun trinken, singen oder Reden halten, alles das könnte niemals an und +für sich, aus sich heraus gut sein, denn die Art und Weise entscheidet. +Wenn wir ehrlich und edel handeln, so ist die Handlung gut, wenn wir +niedrig handeln, schlecht. Und so ist auch Eros und jede Betätigung +der Liebe an und für sich, im allgemeinen weder ein Edles noch würdig +gepriesen zu werden, sondern nur derjenige ist es, der edel zu lieben +weiß. + +Der Eros der irdischen Aphrodite ist nun wirklich irdisch und überall +und gemein und zufällig. Und alles Gemeine bekennt sich zu ihm. Der +Gemeine liebt wahllos Weiber und Knaben, und er liebt immer nur den +Leib, er liebt vor allem die geistig noch unentwickelten Knaben, da er +eben nur den Zweck will und die Art ihn nicht kümmert. So handelt er +denn auch immer ganz zufällig, heute gut und morgen schlecht, und liebt, +was ihm begegnet. Seine Göttin ist die jüngere, und an der Zeugung und +Geburt der irdischen Aphrodite hatten der Mann und das Weib, beide +Geschlechter, teil. Die hohe Liebe stammt von der himmlischen Aphrodite, +und die himmlische Aphrodite war aus dem Manne frei geschaffen und ist +die Ältere und voll Maß und gebändigt. Und darum also streben sehnend +alle Jünglinge und Männer, welche diese Liebe begeistert, zum +männlichen, zum eigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur +und den höheren Sinn. Aber auch hier in der Männerliebe müssen wir von +anderen scharf diejenigen scheiden, die nur von der hohen Liebe und nur +von ihr geführt werden. Sie lieben die Jünglinge erst, wenn diese +selbständig zu denken beginnen, es ist das im allgemeinen um die Zeit, +da diesen der Bart keimt. Und wer hier den Jüngling zu lieben beginnt, +wird dann auch bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten +gemeinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen und auslachen und +davon zu einem andern laufen, etwas, das immer vorkommt, wenn er den +Geliebten, da dieser beinahe noch ein Kind war, genommen hat. Ich meine, +es sollte ein Gesetz geben, das da verbietet, Knaben zu lieben, damit +nicht so ins Ungewisse hinein viel Leidenschaft verschwendet werde. Man +kann nie wissen, wie ein Knabe sich an Geist und Körper entwickeln +werde. Der Edle wird sich dieses Gesetz selbst geben, die anderen +sollten wir dazu zwingen, wie wir sie ja auch, soweit es da überhaupt +möglich ist, zwingen, freie Frauen nicht zu schänden. Denn diese +Niedrigen sind es, die unsere hohe Liebe so in Verruf gebracht haben, +daß man jetzt überall hört, der Geliebte dürfe dem Freunde nicht zu +Willen sein. Man denkt da natürlich nur an sie und sieht ihre +Taktlosigkeit und ihr Unrecht, und alles Regellose und Ungesetzliche +verdient ja mit Recht Tadel. + +In den anderen Städten sind die Anschauungen von der Liebe leicht zu +verstehen: alles ist da einfach und bestimmt; nur hier bei uns und in +Lakedaimon scheinen sie schwierig und verwickelt. In Elis und Böotien, +überall also, wo die Leute nicht sonderlich redegewandt sind, heißt +es kurz: dem Freunde zu Willen sein ist gut, und kein Mann und kein +Jüngling wird anders denken. Denn durch diese Bestimmtheit meiden sie +ein für allemal die Gefahr, die Geliebten erst überreden zu müssen, denn +reden -- das können sie nun einmal nicht. In Jonien dagegen und überall +bei den Barbaren gilt unsere Liebe einfach für eine Schande. Unter +Barbaren verdammt sie die Tyrannis, wie diese ja schließlich auch die +Philosophie und Körperbildung verurteilt. Denn dem Tyrannen kann es +nicht sehr förderlich sein, wenn seinen Kreaturen der Verstand wächst +und unter diesen starke Freundschaftsbünde entstehen, denn gerade solche +bildet gerne die Liebe. Unsere Tyrannen haben es am eigenen Leibe +erfahren: die Liebe des Harmodios und Aristogeiton ist stark geworden +und hat deren Herrschaft gebrochen. Noch einmal also, immer dort, wo es +für eine Schande gilt, dem Freunde zu Willen zu sein, spricht nur die +Niedrigkeit der Anschauungen, das heißt: die Herrschsucht des Tyrannen +und die Feigheit des Sklaven; wo es aber ohne Umstände für +selbstverständlich gilt wie in Elis und Böotien, dort ist die Sitte eben +noch roh. + +Bei uns nun ist die Sitte edler und, wie ich schon gesagt habe, nicht +leicht verständlich. Man denke nur, es gilt für edler, offen zu lieben +als verstohlen, für edler, die Vornehmsten und Tüchtigsten, auch wenn +sie weniger schön wären als andere, zu lieben, man denke weiter, in +wunderbarer Weise gibt alles dem Liebenden recht und ermutigt ihn wie +einen, der durchaus nicht schlecht handelt; ja, wer den Geliebten +gewinnt, hat recht getan, und wer es nicht vermag, trägt den Schimpf +davon. Und damit der Freund sein Ziel erreiche und den Geliebten +gewinne, gibt unsere Sitte ihm Freiheiten, das Wunderlichste unter dem +Beifall aller zu tun, Dinge zu tun, die ihm Schande brächten, wenn sie +einem anderen Zweck dienten. Denn wollte jemand, um sich Geld zu machen +oder einen guten Posten zu erhalten oder im Staate zu Einfluß zu kommen, +alles das tun, was der Freund für den Geliebten tut, wollte er da +ebensoviel bitten und flehen, Eide schwören und vor den Türen liegen, +kurz sich niedriger als der letzte Sklave gebärden, Freund und Feind +würden sich dagegen erheben: seine Feinde würden ihn der Kriecherei und +Feigheit zeihen, seine Freunde sich seiner schämen und ihm helfen. Den +Liebenden aber begleitet überallhin die Gunst aller, und alles ist ihm +nach unserer Sitte erlaubt, ja er handelt nach ihr sogar besonders kühn. +Und was ganz ungeheuer klingt, die Götter, heißt es, verzeihen Liebenden +und nur ihnen den gebrochenen Eid. Die Liebe schwört keine Eide, hört +man die Leute sagen. So geben Götter und Menschen den Liebenden alle +Mittel frei, und das und nichts anderes sagt unsere Sitte. + +Nach ihr also müßten wir alle überzeugt sein, es gelte in unser Stadt +allgemein für ein ganz außerordentlich Edles, zu lieben und geliebt zu +werden. Und doch verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem, der ihrer +Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch einzulassen und halten ihnen +darum Hauslehrer, ja wenn dies vorkommt, so rügen es auch die +Altersgenossen und Gespielen, und Ältere erheben dagegen keinen +Einspruch und geben den Gespielen recht, wenn diese sie rügen: nun, +wer das wiederum sieht, der muß dann im Gegenteil glauben, unsere +Liebe sei auch hier eine große Schande. Dieser Widerspruch löst sich +meiner Ansicht nach also: wie ich schon gesagt habe: es gibt eben +nicht einfach etwas, was an und für sich gut, und ein anderes, was an +und für sich schlecht wäre, alles hängt von der Art und Weise unseres +Handelns ab. Es ist niedrig, dem Niedrigen, und edel, dem Edlen zu +Willen zu sein. Niedrig ist jener Adept der gemeinen Liebe, welcher +den Leib mehr als die Seele liebt, denn er ist ohne Treue, da er ein +so treuloses, wechselndes Ding wie den Leib liebt. Wenn der Leib, den +er begehrt hat, verblüht, dann läuft er davon und schämt sich seiner +vielen Worte und Versprechen. Nur wer die edle Gesinnung liebt, hat +sich dem Dauernden verbunden und bleibt treu. Und diesen, den Treuen +will unsere Sitte prüfen. Darum fordert sie die Geliebten auf, zu +fliehen, und die Freunde, diesen nachzustellen; in diesem Kampf will +sie den Geliebten, will sie den Freund erproben. Da gilt es ihr dann +für niedrig, sich schnell und leicht fangen zu lassen. Es soll zuerst +eine gewisse Zeit verstreichen; die Zeit stellt ja alles auf die +Probe. Da gilt es ihr weiter für niedrig, durch Geld oder politischen +Einfluß sich gewinnen zu lassen, ob nun der Geliebte unter dieser +Roheit leidet, ohne doch sich frei machen zu können, oder ob er sich +bestechen läßt und keine Verachtung dafür hat. Denn abgesehen davon, +daß unter diesen Voraussetzungen nie eine wahre Freundschaft sich +bilden kann, so vermag alles das überhaupt nicht zu halten und zu +dauern. Und so bleibt nach unserer Anschauung nur =ein= Weg dem +Geliebten übrig, seinem Freunde in edlem Sinne zu Willen zu sein, nur +=ein= Weg: denn genau so wie dem Freunde kein Dienst, den er für den +Geliebten tut, als schmeichlerisch und schandbar ausgelegt wird, wird +dann dem Geliebten nur =ein= Dienst frei und ohne Schimpf bleiben: der +Geliebte wird um der Tugend willen dienen. Und bei uns ist denn auch +die Sitte wirklich durchgedrungen: wenn dem Freunde der Geliebte in +der Absicht, weiser und besser zu werden, dient, so ist diese +Dienstbeflissenheit nichts Schlechtes, nicht Kriecherei, wie man oft +hört. Und wenn es wahrhaft edel werden soll, daß der Geliebte dem +Freunde sich hingibt, so müssen unsere Anschauung von der Liebe und +jene von der Philosophie und jeder anderen inneren Tüchtigkeit sich +decken. Wenn also unsere Freunde und unsere Geliebten sich dort +begegnen werden, wo der Freund dem Geliebten durchaus uneigennützig +zur Seite steht und der Geliebte dem Freunde, der ihn weise und edel +gemacht hat, sich willig unterordnet, wo weiter der Freund als der +Stärkere wirklich die Gesinnung und jede Tätigkeit des Geliebten +fördert, und der Geliebte als der Schwächere die Bildung und Einsicht +vom Freunde annimmt, wenn also Freund und Geliebter, jeder dem eigenen +Gesetze gehorchend, so das Gemeinsame finden, so wird es hier nicht +anders heißen können, als es ist edel, daß der Geliebte dem Freunde zu +Willen sei. Hier ist es auch keine Schmach, sich zu täuschen und +betrogen zu werden. In allen anderen Fällen trägt der Geliebte die +Schande davon, ob er nun betrogen wird oder nicht. Denn wenn der +Geliebte dem Freunde um dessen Reichtum willen sich hingibt und dann +betrogen wird, so ist das schamlos und bleibt es, wenn der Freund sich +später als arm erweisen sollte; denn er hat bewiesen, daß er sich für +Geld auch jedem andern unterordnen würde, und das ist immer gemein. +Umgekehrt aber und nach derselben Anschauung: wenn der Geliebte, um +besser zu werden, dem Freunde zu Willen ist und dann betrogen wird, da +der Freund sich als niedrig erweist, so ist dennoch diese Täuschung +ein durchaus Edles. Der Geliebte hat, soweit es von ihm abhing, +bewiesen, daß er der Tugend zuliebe und um besser zu werden zu allem +bereit sei, und ich kenne nicht, was edler wäre. So ist es also, noch +einmal, durchaus edel, um der Tugend willen sich hinzugeben. + +Das also ist der Eros der himmlischen Göttin, auch er kommt vom Himmel +und ist von großem Werte für die Stadt und den einzelnen, denn er gibt +dem Freund und dem Geliebten beiden jene große Sorge um die eigene +innere Tüchtigkeit. Wer von dieser Sorge nichts weiß, der bekennt sich +zum irdischen Eros. Und das ist es, Phaidros, was ich, so gut es aus +dem Stegreif ging, zum Preise des Gottes beitragen konnte. + +Nach Pausanias, erzählte Aristodemos, hätte Aristophanes sprechen +sollen. Ob es nun die Folge davon war, daß er gestern zu viel getrunken +hatte oder eine andere Ursache hatte, Aristophanes hatte Schlucken und +konnte nicht gut sprechen. So sagte er denn zu Eryximachos -- er saß +gerade vor dem Arzt Eryximachos --: »Eryximachos, du mußt mir entweder +den Schlucken nehmen oder für mich sprechen, bis ich ihn verloren habe. +Du kannst ja beides.« Eryximachos antwortete: »Ich will dir beides tun. +Ich werde jetzt für dich eintreten, und du kannst dann für mich reden. +Und wenn du, während ich rede, den Atem anhältst, wird der Schlucken +vergehen. Sonst nimm etwas Wasser und gurgle! Sollte er aber sehr heftig +sein, so reize mit etwas die Nase und bringe dich zum Niesen! Wenn du +das ein- oder zweimal tust, so muß er aufhören, und wenn er noch so +heftig wäre.« »Danke, ich werde alles tun; sprich du nur gleich!« sagte +Aristophanes. + +Eryximachos begann also: »Pausanias hat zwar gut begonnen, aber nicht +richtig geschlossen, und darum muß ich seine Rede wohl noch vollenden. +Daß er zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig. Daß aber +Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele nach schönen Jünglingen, +sondern in jeder Begierde, in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der +Pflanze, in der ganzen Natur lebt, das glaube ich gerade in der +Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben. Groß und wie ein Wunder +reicht dort in alles Göttliche und Menschliche dieser Gott. Und um meine +Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst. Die Natur +birgt hier die beiden Arten des Eros in sich, und ich meine das so: das +gesunde und das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen, zwei +verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge. Das eine begehrt nach dem, +nach welchem das andere nicht begehrt. Anders wirkt die Liebe im gesunden +und anders die Liebe im kranken Element. Pausanias hat oben ausgeführt, +daß es edel sei, den Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein: +nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente der Natur, und +schlecht, die kranken zu fördern, und das heißt Heilkunst, und das muß +der Arzt verstehen. Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst lehrt +uns die beiden Neigungen der Natur kennen: die Neigung, Elemente +aufzunehmen und die Neigung, Elemente abzustoßen, und wer hier die +gesunde Neigung von der kranken zu unterscheiden weiß, der ist der beste +Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch die andere zu ersetzen, +hier die gesunde Neigung zu erregen, dort die kranke zu vernichten weiß, +der ist der Meister. Denn die feindlichen Elemente in der Natur müssen +wir miteinander versöhnen, wir müssen in ihnen Neigung zueinander +erwecken. Die feindlichen Elemente -- das sind die großen Gegensätze in +der Natur: das Kalte ist dem Warmen, das Bittere dem Süßen, das Trockene +dem Feuchten entgegengesetzt. Und unter diesen Gegensätzen Neigung, den +Eros erwecken -- das verstand Asklepios, unser Ahnherr, und aus dieser +Erkenntnis bildete er, wie die Dichter sagen und wie ich es durchaus +glaube, unsere Kunst. Die ganze Heilkunst wird ja von diesem Gott +beherrscht, die Heilkunst und, damit ich es hier nicht vergesse, die +Lehre von der Körperbildung und der Ackerbau. Und wer nur ein wenig +nachdenkt, für den gilt dasselbe von der Musik. Herakleitos hat es schon +sagen wollen und sich nur schlecht ausgedrückt, wenn er behauptet, daß +alles Zwiespältige sich wieder eine, wie in der Form Bogen und Leier sich +einen. Es ist zunächst zwar unsinnig, von einer zwiespältigen Einheit zu +sprechen und zu sagen, daß eine Einheit aus Zwiespältigem bestehe. Aber +vielleicht wollte Herakleitos nur sagen, daß Hoch und Tief zuerst, in der +Natur also, zwiespältig seien und in der Musik sich dann einen. Denn ganz +unmittelbar gibt es keine Einheit von Hoch und Tief. Alle Einheit ist +Zusammenklang und der Zusammenklang Übereinstimmung. Solange aber noch +zwei Dinge zwiespältig sind, so können sie nicht übereinstimmen, und das +Widersprechende wieder kann unmittelbar keine Einheit bilden. Auch der +Rhythmus entsteht erst dadurch, daß die zwei Maße, Schnell und Langsam, +zuerst einander widersprechen müssen und dann übereinstimmen. Und diese +Übereinstimmung bringt hier die Musik in die Dinge, genau so wie dort die +Heilkunde sie in die Dinge gebracht hat: die Musik erregt die Neigung, +den Eros unter allem Zwiespältigen. Ich verstehe also unter Musik die +Wissenschaft von der Neigung der Gegensätze, der Gegensätze von Hoch und +Tief, Schnell und Langsam. In diesem abstrakten Verhältnis von Einheit +und Rhythmus ist der Gott nicht schwer zu erkennen, hier herrscht noch +nicht der doppelte Eros. + +Wenn wir aber auf den Menschen diese Begriffe von Einheit und Rhythmus +anwenden und sie auf Dichtung und Gesang, auf das also, was unsere +Erziehung bildet, beziehen sollen, so wird die Sache schwierig und bedarf +eines tüchtigen Meisters. Und hier gilt dann der Satz des Pausanias: wir +müssen der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur Einheit noch +kommen wollen, zu Willen sein, sie müssen wir hüten und züchten, denn es +ist das der reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania. Die irdische +Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia, dürfen wir nur mit Vorsicht +anwenden, damit die Lust, die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles +Maß nehme; es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür zu sorgen, +daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst ohne Schaden genieße. Und so +müssen wir denn in der Musik, in der Heilkunst, in allem Göttlichen und +Menschlichen überall die beiden Arten des Eros beobachten: denn sie +stecken in den Dingen selbst, beide Eroten stecken in den Dingen. + +Und weiter -- auch im Verhältnis der Jahreszeiten leben sie, der echte +Eros und der falsche. Wenn der echte Eros sich zwischen warm und kalt, +zwischen trocken und feucht zeigt und hier alles Zwiespältige sich eint +und weise mischt, so bringt das Jahr Segen und Gesundheit für Mensch +und Tier und Gewächs. Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den +Jahreszeiten waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden; dann +entstehen große Seuchen unter den Tieren, und viele böse Krankheiten +bilden sich an den Pflanzen, und der Reif und Hagel und Brand kommen, +wenn alles sich zu gierig und maßlos liebt. Ich verstehe unter der +Wissenschaft, welche die ganze Liebe in der Natur auf den Lauf der +Sterne und den Wechsel der Jahreszeiten bezieht, die Astronomie. + +Endlich aber haben wir noch die Opfer und die Kunst der Seher -- alles +also, wodurch die Götter mit den Menschen verkehren -- damit diese über +der Liebe wachen und sie heilen. Alle Gottlosigkeit kommt daher, daß der +Mensch in seinem Verhältnis zu seinen Eltern, den verstorbenen oder +lebenden, und zu seinen Göttern dem echten Eros sich nicht hingibt und +den falschen ehrt, dem falschen dient. Es ist die Pflicht der Seher, auf +Eros acht zu haben und den falschen zu heilen; denn die Kunst der Seher +ist da, damit sie Freundschaft zwischen den Göttern und den Menschen +schaffe und erkenne, ob alles Lieben der Menschen nach den Satzungen und +zur Frömmigkeit strebe. + +So hat denn viel und große, ja alle Macht der ganze Eros, und indem er +alle guten Dinge klug und gerecht vollendet, hat er die größte Macht und +bringt uns das ganze Heil und macht uns fähig, untereinander und denen, +die mehr sind als wir, den Göttern Freunde zu sein. Vielleicht habe ich, +da ich den Gott pries, vieles übersehen, aber dann ist es gegen meinen +Willen geschehen. Deine Aufgabe, Aristophanes, mag es sein, die Lücken +zu füllen. Und wenn du überhaupt im Sinne hast, den Gott zu preisen, so +tue es gleich, da ja dein Schlucken vergangen ist!« + +Aristophanes griff das gleich auf und erwiderte: »Ja, ja, der Schlucken +hat jetzt wirklich aufgehört. Ich konnte ihm allerdings erst mit dem +Niesen beikommen und wundere mich eigentlich, daß die Zucht unseres +Leibes, von der du sprachst, soviel Umstände wie das Niesen braucht. +Jedenfalls hat er aber ganz aufgehört, da ich dieses Mittel anwandte!« +»Aber mein Bester, gib nur acht auf dich«, sprach Eryximachos, »statt zu +reden machst du Witze und zwingst mich, deine Rede zu kontrollieren. +Denn am Ende wirst du wieder nur etwas Komisches aufbringen, obwohl du +doch ganz ernst bleiben kannst.« »Du hast recht,« lachte Aristophanes, +»vergiß, was ich gesagt habe! Aber bitte, nimm es nicht zu genau, denn +ich fürchte, was ich sagen werde, wird nicht komisch -- das wäre ja +schließlich noch ein Gewinn und käme auf die Rechnung meiner Kunst --, +ich fürchte, es wird nur lächerlich!« »O du willst mich treffen und mir +so entgehen!« erwiderte Eryximachos. »Doch nimm dich in acht und rede +so, daß du Rechenschaft von deiner Rede geben kannst! Vielleicht spreche +ich dich dann frei.« + +»Und doch,« begann Aristophanes, »und doch, Eryximachos, habe ich im +Sinne, von Eros ganz anders als du und Pausanias zu reden. Mich dünkt, +die Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch gar nicht recht +wahrgenommen; denn sie würden ihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben +und die größten Opfer darbieten. Bis heute haben sie nichts von allem, +was hätte geschehen sollen, getan. Wie kein anderer Gott liebt doch Eros +die Menschen, Eros ist der Menschen Helfer, der Menschen Arzt und das +hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind. Und von seiner Macht will ich +zu euch reden, und ihr mögt es die anderen dann lehren. Erfahret denn +zuerst von der menschlichen Natur und deren Leiden! + +Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei +Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und +weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten +gleichen Teil hatte; sein Name ist uns geblieben, das Geschlecht selbst +ist ausgestorben. Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte einst +die Gestalt und den Namen des männlichen und weiblichen Geschlechtes +zu einem einzigen vereinigt, und heute ist uns von ihm nur der Name +erhalten, und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze Gestalt +jedes Menschen war damals rund, und der Rücken und die Seiten bildeten +eine Kugel. Der Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei +Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden Gesichtern stak ein +Kopf, aber der Kopf hatte vier Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile +doppelt, und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch alles andere +war demgemäß doppelt! Der Mensch ging zwar aufrecht wie heute, aber nach +vorwärts und nach rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er laufen +wollte, dann machte er's wie die Gaukler, die kopfüber Räder schlagen: +er lief dann mit allen acht Gliedern, und so im Rade auf Händen und +Füßen kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute. Noch einmal, +es gab einst drei Geschlechter, und das männliche hatte seinen Ursprung +in der Sonne, das weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden +ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch der Mond teilt sich +zwischen Sonne und Erde. Und gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren +sind, waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt, lief im +Kreise. Groß und übermenschlich war ihre Stärke, ihr Sinnen war +verwegen, ja sie versuchten sich sogar an den Göttern. Was Homer von +Ephialtos und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen: sie +wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten sich an den Göttern +vergreifen. + +Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen tun sollten, und waren +recht in Verlegenheit, denn sie konnten weder alle Menschen töten und wie +einst die Giganten mit dem Blitze das ganze Geschlecht niederschlagen -- +da wäre es auch mit allem Götterdienst und allen Altären vorbei -- noch +deren Übermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein, und er rief: Ich +habe das Mittel! Ich habe das Mittel gefunden, die Menschen leben zu +lassen und doch ihrem Übermut für immer ein Ende zu machen: ich werde +jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie werden uns dadurch nicht +nur zahmer, sondern auch von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird +gerade noch einmal so groß. Die Menschen werden von nun an auf zwei +Beinen und nur aufrecht gehen. Sollte ihnen aber noch Übermut übrig +geblieben sein, und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so schneide +ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen dann auf einem Beine gehen und +hüpfen. Und wie Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen +her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man Birnen, um sie einzukochen, +entzwei schneidet. Und so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch +Apollon das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche zu +umdrehen, damit der Mensch von nun an, indem sein Blick auf sie gerichtet +ist, züchtiger sei. Auch alles andere, was durch den Schnitt wund ward, +ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die Haut nach dem +sogenannten Magen hin zusammen und band sie in der Mitte des Magens wie +einen Schnürbeutel ab und ließ eine Öffnung, und diese Öffnung ist unser +Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die dadurch entstanden +waren, und bildete die Brust, indem er sich dazu eines Werkzeuges +bediente, wie es die Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um +den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten übrig; auch darüber +sollte der Mensch seines alten Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese +Weise die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen die große +Sehnsucht nach seiner eigenen anderen Hälfte, und die beiden Hälften +schlugen die Arme umeinander und verflochten ihre Leiber und wollten +wieder zusammenwachsen und starben vor Hunger und wild und wirr, denn +keine wollte ohne die andere etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb +und die andere am Leben blieb, da suchte diese nach der toten und umarmte +den Leichnam, ob sie nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes -- ich meine, +was wir heute Weib nennen -- oder auf die Hälfte eines ganzen Mannes +stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch da hatte Zeus Erbarmen mit dem +Menschengeschlechte und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile +nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts besessen und wie +die Cikaden in die Erde gezeugt und aus der Erde geboren. Und indem Zeus +die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen ineinander zeugen und +aus sich selbst gebären, damit von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe +beischläft, das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann den Mann +umarmt, ihre Begierde gestillt werde und ihr Sinnen sich beruhige und sie +an die Arbeit gehen und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser +Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren und da, damit er die +Menschen zu ihrer alten Natur zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde +und so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund von uns +scheidet, so teilen wir mit ihm einen Würfel, und jeder behält die +Hälfte, und später erkennen wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch, +möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und sucht im Leben die +andere Hälfte des Würfels. Wie die Butten sind wir entzwei geschnitten, +aus einer Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst, welche aus +jenem Ganzen geschnitten sind, das früher das Mannweib hieß, lieben heute +das Weib -- die Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit ihr +es wißt -- und aus demselben Ganzen sind natürlich auch die Weiber +geschnitten, die da den Mann lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die +Weiber dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen Weibes geschnitten +sind, haben wenig Sinn für den Mann und fühlen sich mehr zum eigenen +Geschlechte hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus diesem +Geschlecht. Und endlich die Männer, die aus dem alten männlichen +Geschlechte geschnitten sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben +lieben sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen und mit +Männern liegen. Gerade die mutigsten finden wir unter ihnen, da sie +ja doch schon von Natur aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie +schamlos nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln sie +so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre Männlichkeit liebt eben +ihresgleichen. Und das beweist es: nur sie dienen, reif und zu Männern +geworden, dem Staate. Als Männer lieben sie wieder Knaben und Jünglinge +und kümmern sich wenig darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu +zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur miteinander zu leben. +So also sind die Freunde und Geliebten entstanden, auch sie lieben eben +nur ihr eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen oder jenen +anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal begegnet, da werden er und +der andere wundersam von Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt, +und beide wollen nicht mehr voneinander lassen. Aber sie, die von nun +an ihr ganzes Leben beieinander weilen, sie wissen dennoch niemals und +niemand zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe. Die sinnliche +Begierde könnte doch kaum den einen an den andern mit so großer +Leidenschaft binden. Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann +es nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und wenn zu zweien, die +beieinander liegen, Hephaistos träte mit seinen Werkzeugen und sie +fragte: Was wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden? Sie +würden nur verlegen und keine Antwort haben, und wenn der Gott fortführe: +Wollt ihr =ein= Wesen sein und Tag und Nacht voneinander nicht lassen +können? Wenn das euer Wunsch ist, so will ich euch zusammenschweißen, und +ihr werdet ineinanderwachsen, aus zwei Dingen eines werden und euer +ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach dem Tode in den Hades +treten wie zwei, die zusammen gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht +ist und dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen und +etwas anderes wollen; gleich Kindern würden alle zu hören glauben, was +seit je ihr Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen und =ein= Wesen mit +ihm bilden. Denn so war einst unsere alte Natur: wir waren einst ganz, +und jene Begierde nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einst =ein= Wesen, +und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom Gotte gespalten worden, wie +die Arkadier heute von den Lakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort, +daß wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht fromm gegen die +Götter sind, und daß wir dann herumgehen wie die Reliefs auf den +Grabsteinen mit zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal entgehen +und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder Mensch den anderen heißen, die +Götter ehren, und Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand +zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet, der handelt ihm zuwider. +Nur als des Gottes Freunde und ihm versöhnt, werden wir, was heute nur +wenigen gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos soll sich +hier über mich nicht lustig machen und meinen, ich denke jetzt an +Pausanias und Agathon. Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus +dem alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle Männer und Weiber +und behaupte, das Menschengeschlecht könne nur heil sein, wenn wir uns in +der Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen Geliebten findet und so +zur alten Natur zurückkehrt. Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir +nun einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt: unter allen =den= +Geliebten finden, der uns versteht. Und wenn wir den Gott, dem wir das +verdanken, preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie kein +anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt uns die sicherste +Hoffnung, wenn wir den Göttern unseren frommen Sinn bewahren, uns zu +unser alten Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu machen. + +Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf Eros; sie war anders als +deine. Ich bitte dich noch einmal darum, mach dich nicht über sie lustig, +denn wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich nur die Reden +der beiden anderen, denn Agathon und Sokrates nur sind noch übrig!« +»Diesen Wunsch will ich dir erfüllen,« sagte Eryximachos, »du hast mir +gar sehr zu Gefallen gesprochen. Ja, wenn ich nicht wüßte, wie gut +Sokrates und Agathon sich auf alles, was mit der Liebe zusammenhängt, +verständen, würde ich fürchten, sie wären jetzt beide in großer +Verlegenheit, so viel und so verschieden ist hier über Eros gesprochen +worden; doch so kann ich noch Vertrauen auf sie haben.« Sokrates rief da: +»Und du selbst hast noch dazu so tapfer gefochten, Eryximachos! Wenn du +jetzt an meiner Stelle wärest, besser gesagt, wenn du dort wärest, wo ich +nach Agathons Rede sein werde, würdest du wohl auch Angst haben und meine +Sorge kennen.« »O du willst mich jetzt besprechen, Sokrates,« fiel +Agathon ein, »du willst mich bezaubern, damit ich scheu werde und glaube, +das Publikum setze große Hoffnungen auf meine Worte!« »Da müßte ich aber +doch vergessen haben, Agathon, daß ich gestern erst deinen Mut und hohen +Sinn sah, als du mit den Schauspielern vor die Rampe tratst und einem so +großen Publikum, das, um deine Worte zu hören, gekommen war, ins Auge +sahst und gar nicht verlegen warst, ja das müßte ich wirklich vergessen +haben, wenn ich jetzt glauben sollte, wir paar Menschen hier würden +dich aufregen.« »Ja, Sokrates, hältst du mich denn für so benommen +vom Theater,« wehrte Agathon ab, »daß ich nicht wüßte, um wieviel +gefährlicher als ein ganzes Publikum von Unwissenden die wenigen Klugen +wären?« »Wenn ich dich für so roh hielte, würde ich dir unrecht tun, +Agathon; ich weiß sehr gut, daß dir mehr an den wenigen, die du für klug +hältst, als an der großen Menge gelegen ist. Wer weiß aber, ob wir hier +zu diesen wenigen gehören? Denn gestern im Theater gehörten auch wir zur +großen Menge. Wenn du aber sonstwo mit anderen Klugen zusammenkämest, +würdest du dich dann vor ihnen schämen, irgend etwas Törichtes zu machen, +ja?« »Natürlich!« »Vor der Menge also schämst du dich nicht ...« Jetzt +fiel aber Phaidros ein: »Ja, Agathon, wenn du Sokrates noch lange immer +antwortest, wird er sich wenig um unser Thema kümmern, dann hat er +jemand, dem er Fragen stellen kann, und noch dazu einen so schönen +Jüngling. Ich höre ja gerne zu, wenn Sokrates sich unterhält, aber hier +muß ich darauf sehen, daß die Preisreden auf Eros gesprochen werden und +jeder von euch dem anderen das Wort abnehme. Denn jeder soll hier zum +Preise des Gottes reden.« »Du hast recht, Phaidros,« sagte Agathon, »mich +hält auch nichts mehr davon ab; Sokrates wird später noch viel zu sagen +haben.« + +»Ich will zuerst sagen, wie ich zu sprechen habe, und dann erst reden. +Ihr alle vor mir habt eigentlich gar nicht den Gott, sondern nur das +Heil der Menschen, die also der Gott begnadet, gepriesen. Vom Gotte +selbst, der alle diese Gaben bringt, hat niemand gesprochen. Und doch +ist es überall die rechte Art, zuerst zu sagen, wie denn das Ding selbst +aussehe, das wir überall als den Grund eines anderen finden. Und darum +hättet ihr alle billig zuerst Eros selbst und dann seine Gaben preisen +müssen. Ich sage euch nun, wenn je es mit Fug und ohne Schuld von einem +Wesen gesagt werden darf: unter jenen heilen Göttern ist Eros der +heilvollste, denn er ist der schönste und edelste! Eros ist der schönste +Gott, weil er der jüngste, o Phaidros, ist, und dafür brauche ich keinen +anderen Zeugen als ihn selbst, denn Eros flieht, flieht das Alter, und +das Alter ist schnell und kommt schneller als nötig zu uns. Und Eros +haßt es und lebt darum, Eros weicht dem Alter auf dem Wege aus und +bleibt mit den Jünglingen und ist selbst ein Jüngling. Das alte Wort hat +recht: Zum Gleichen gesellt sich das Gleiche. Ich stimme ja mit Phaidros +in vielem überein, doch muß ich ihm widersprechen, wenn er sagt, Eros +sei älter als Kronos und Japetos; nein, Phaidros! Eros ist der jüngste +der Götter und von ewiger Jugend, denn jene alte Not der Götter, von der +Hesiodos und Parmenides erzählen, hat das Schicksal geschaffen und nicht +die Liebe -- wenn Hesiodos und Parmenides überhaupt die Wahrheit wissen. +Die alten Götter würden einander nicht verschnitten und gebunden haben +und das Grausame damals würde nicht geschehen sein, wenn Eros unter den +Göttern gewesen wäre; Eros hätte Freundschaft und Frieden unter sie +gebracht, wie er sie heute bringt, da er der Götter König ist. Jung ist +also der Gott, und seine Gestalt von zarter Bildung; nur ein Dichter +wie Homer könnte sie schildern. Homer sagt von Ate, sie sei eine Göttin +und zart gewesen; ihre Füße, erzählt er, seien zart gewesen... + + Zart sind ihre Füße und nie am Boden + Wandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit! + +Und, wie ich glaube, an einem schönen Zeichen läßt uns der Dichter die +Zartheit erkennen: die Göttin schreitet nie auf harten Gründen, sie +schwebt oben sanft dahin. Und ebendort müssen wir auch Eros' Zartheit +suchen: Auch Eros schreitet nicht auf der Erde und nicht über die Köpfe, +-- die wären ihm wohl zu hart; nur dort, wo alles ganz sanft ist, +wandelt und weilt der Gott. In der Gesinnung und in den Seelen der +Götter und Menschen baut er sein Zelt, aber auch hier nicht in allen +Seelen: wo er auf harten Sinn stößt, dort flieht Eros, und nur in der +sanften Seele will er wohnen. Und da er also immer und ganz nur am +zartesten haftet, muß er selbst wohl das zarteste Wesen sein. Ich +wiederhole, Eros ist der jüngste und zarteste Gott; und Eros ist auch +geschmeidig: denn sonst vermöchte er kaum sich durch alles zu schlingen +und winden und heimlich in die Seelen zu treten und heimlich von den +Seelen scheiden. + +Eros ist ebenmäßig, seine schöne Haltung zeigt es, und diese zeichnet, +wie wir wissen, den Gott vor allem aus. Mißbildung und die Liebe +vertragen einander nicht. Eros ist von schöner Farbe, denn nur vom +Blühenden lebt er. Wo die Körper und die Seelen nicht blühen oder die +Blüten verlieren, dort kommt er nicht hin, und nur, wo es blüht und +duftet, dort läßt sich Eros nieder, dort bleibt der Gott. + +Das mag nun von der Schönheit des Gottes genügen, es bliebe ja noch viel +zu sagen übrig; jetzt aber muß ich von seiner Tugend reden. Und da ist +es gleich seine größte Tugend, daß er weder Gott noch den Menschen +unrecht tut und daß ihm von niemand Unrecht widerfährt. Eros leidet +keine Gewalt, die Gewalt haftet nicht an der Liebe, und Eros tut niemand +Gewalt an. Freiwillig dient ihm alles, und wo immer der eine dem anderen +willig dient, da nennen das »die Gesetze, die Könige des Staats« +gerecht. An der Gerechtigkeit nun hat die Enthaltsamkeit den größten +Teil, und Enthaltsamkeit heißt überall die Begierden und sich in der +Freude beherrschen: nun ist aber keine Freude stärker als die Freude der +Liebe. Wenn also die anderen Freuden schwächer sind, so wären sie ja von +Eros beherrscht, und Eros ist ihr Herr, und indem er die Freuden und +Begierden wirklich beherrscht, zeigt er seine Enthaltsamkeit. Seiner +Mannhaftigkeit weiter »kann selbst Ares nicht widerstehen«. Denn nicht +Ares bindet Eros, sondern Eros, die Liebe der Aphrodite, hält Ares, +wie die Sage geht. Und wer zu binden weiß, ist wohl stärker als der +Gebundene, und wer den Mutigsten bändigt, muß wohl auch im Mute des +Mutigsten Meister sein. Ich habe also von der Gerechtigkeit, der +Enthaltsamkeit und Mannhaftigkeit des Gottes gesprochen, jetzt bleibt +mir noch seine Weisheit, und da will ich versuchen, nichts zu +übersehen. Damit ich zunächst auch meine Kunst ehre, wie Eryximachos +seine geehrt hat -- Eros ist ein so weiser Dichter, daß er auch uns zu +Dichtern macht. Denn jeder wird zum Dichter, wenn der Gott ihn berührt, +»wie fremd er auch früher den Musen war«. Und das mag uns dafür zeugen, +daß Eros vor allem der große Schöpfer der ganzen Musik ist. Denn was +jemand selbst nicht besitzt und weiß, wie vermöchte er dies dem anderen +zu geben, den anderen zu lehren! Und weiter, wer wird leugnen, daß die +Schöpfung alles Lebendigen die eigenste Weisheit des Gottes sei, die +große Weisheit, durch die alles Leben wird und wächst? Und endlich, +wissen wir nicht, daß auch in der Beherrschung der Künste nur der glänzt +und bewundert wird, den Eros unterwiesen hat, und daß jeder im Schatten +und ohne Ruhm bleibt, den der Gott nicht berührt hat? Apollo hat die +Kunst des Bogenschießens, die Kunst des Sehers und des Arztes erfunden, +aber die Freude, die Liebe hat ihn dahin geführt, so daß auch er ein +Schüler des Eros ist; und die Musen haben die Musik, und Athene hat das +Weben, Hephaistos das Schmieden, und Zeus »die Macht über Götter und +Menschen« von Eros gelernt. Wo alles Wirken der Götter durch Eros +geordnet wurde, da ward auch alles schön; denn ins Häßliche kommt Eros +nicht. Früher, wie ich schon sagte, geschah viel Furchtbares unter den +Göttern, denn das Schicksal war König. Als aber unser Gott geboren +wurde, so kam, weil sie die Schönheit liebten, die Güte unter Götter +und Menschen. So scheint mir, Phaidros, Eros selbst das Beste und +Schönste aller Wesen und allen Wesen die Ursache alles Guten und Schönen +zu sein. Mir fallen da noch zwei Verse ein. Eros ist es, der da bringt: + + Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen, + Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf. + +So nimmt uns denn Eros alles Fremde und gibt uns alles Eigene wieder; wo +wir uns alle finden, dorthin führt Eros die Wege, er ist der Herold und +führt die Festzüge und Chöre und uns, so wir zu den Opfern schreiten. +Eros reißt alles Wilde aus und macht uns sanft; er schenkt uns den guten +Willen und raubt dem Herzen allen Streit; Eros ist gnädig, ihn schauen +die Weisen und lieben die Götter; er ist der Neid der Unglücklichen und +der Schatz aller, die sich ins Glück geteilt. Eros ist der Schöpfer +aller Zärtlichkeit, Üppigkeit, Anmut und Sehnsucht im Menschen, er kennt +alles Gute und sieht vom Bösen weg. In allen Mühen, in jeder Furcht und +jedem Begehren, im Worte -- da weiß er sicher zu lenken, da ist Eros die +Hilfe und der Retter. Eros ist die Ordnung unter den Göttern und +Menschen, der herrlichste und tapferste Held, und ihm müssen die +Menschen folgen, und alle müssen in den Gesang stimmen, den er, +Götter- und Menschensinn bezaubernd, singt. + +Das nun, Phaidros, ist die Rede, die ich dem Gotte darbringe; ich war +hier leicht und dort auch ernst, so weit ich es eben konnte.« + +Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall laut, so ganz seiner +selbst und des Gottes würdig, schien der Jüngling allen gesprochen zu +haben. Und Sokrates sah Eryximachos an: »O Sohn des Akumenos, war meine +Angst also töricht und hat meine Angst nicht vorausgesehen, daß Agathon +herrlich reden und mich in große Verlegenheit bringen würde?« »O ja, daß +Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl richtig vorausgesehen,« +erwiderte Eryximachos, »aber darum glaube ich noch immer nicht, daß er +dich in Verlegenheit bringen könne.« »Ja, aber du Glücklicher,« sprach +Sokrates, »wie soll ich, wie soll ein anderer gegen dessen schöne, +reiche Worte aufkommen; es war ja natürlich nicht alles gleich +wunderbar, aber wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am +Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke vernahm? Als mir da +plötzlich der Gedanke kam, ich würde gar nicht imstande sein, auch nur +annähernd so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe durchgebrannt, +wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen. Agathons Rede erinnerte mich +ja an Gorgias, und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer und ich +fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen Worte wie das +Gorgonenhaupt meinen Worten entgegenhalten und mich zum stummen Steine +machen. Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates, lächerlich, +als du nicht nur versprachst, mit ihnen Eros zu preisen, sondern sogar +behauptetest, dich gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch +von dem einen so wenig wie von dem anderen etwas weißt. In meiner +Einfalt habe ich nämlich geglaubt, wer ein Ding preisen wolle, der +brauche nur die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse +zugrunde liegen, und dann erst dürfe man unter den schönen Worten wählen +und sie so richtig wie möglich setzen. Und darum nur, weil ich eben die +Wahrheit wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut reden zu +können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt man das gar nicht von einer +guten Lobrede; im Gegenteil: es scheint, man müsse von irgend einem +Dinge nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob es nun wirklich +in ihm sei oder nicht sei. Wenn es gelogen ist, so macht es ja nichts. +Ich glaube sogar, ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns +solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur einbilden! Denn nur +deshalb, zu diesem Zwecke scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es +Eros einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros ist so und +so, und Eros ist die Ursache davon und jener Dinge, damit am Schlusse +dann der Gott so schön und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch +selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts verstehen -- nicht +den Wissenden -- das Lob dann gar schön und feierlich klinge. Von dieser +Art nun ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt, und nur +darum konnte ich anfangs euch versprechen, meinen Teil beizutragen. Aber +meine Zunge versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt davon +nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge nicht, nein! Ich wäre es ja +gar nicht imstande. Ich will ja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit, +meine Wahrheit, wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit +euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht werden. Phaidros, +kannst du also auch eine Rede brauchen, die über Eros nur die Wahrheit +sagt und alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade kommen?« +Phaidros und die anderen hießen Sokrates, nur so zu reden, wie er es tun +zu müssen glaube. »Aber noch etwas, Phaidros,« sagte Sokrates, »erlaubst +du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen richte, ich muß +gerade mit ihm mich erst über manches einigen, bevor ich beginne?« +»Natürlich, frage Agathon nur aus!« Und so begann denn Sokrates seine +Fragen: »Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert zu haben: +man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros denn eigentlich sei, und dann +dürfe man erst von dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen. +Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen des Gottes sprachst, so +antworte mir nur darauf: Eros, die Liebe -- ist dieser Gott, so wie er +nun einmal da ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht? Ich +will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater, nach seiner Mutter +fragen; es wäre ja lächerlich, meine Frage so zu stellen, wenn ich +wissen wollte, ob Eros von einem Vater, einer Mutter stamme -- nein, ich +meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater fragte und fragte: ist +dieser Vater der Vater zu etwas oder nicht? Du würdest mir natürlich +antworten: der Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe ich +nicht recht?« »Ja, natürlich,« antwortete Agathon. »Und dasselbe gilt +von der Mutter, von dem Begriff der Mutter, nicht wahr? Damit du mich +aber noch besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn ich nach dem +Bruder fragte: der Bruder ist doch immer der Bruder eines anderen: eines +Bruders, einer Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und jetzt +versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten: Ist Eros also die Liebe +zu etwas anderem oder nicht?« »Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas +anderem!« »Gut, das merke dir vorläufig und antworte mir weiter: Begehrt +Eros nach dem, was er liebt, oder begehrt er nicht danach?« »Eros +begehrt danach!« »Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das, wonach er +begehrt, oder besitzt er es nicht?« »Er besitzt es wahrscheinlich +nicht!« »Vielleicht ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus +notwendig, daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt, und +umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich, dir nicht auch, +Agathon?« »Ja!« »Also! Ein Großer will doch nicht noch groß, ein Starker +nicht noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch fehlen, was er +schon ist. Denn wenn ein Starker noch stark, ein Schneller schnell, ein +Gesunder gesund sein wollte, so müßten wir dann glauben, daß sie und +ihresgleichen immer noch das begehren, was sie schon besitzen oder was +sie schon sind. Damit wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum +-- sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in der Gegenwart +besitzen, ob sie wollen oder nicht, und wer würde da noch das begehren, +was er schon besitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin gesund +und will gesund sein, oder ich bin reich und will reich sein, ich +begehre das kurz, was ich schon besitze, so müßten wir ihm doch +erwidern: >Mensch, da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund +und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß dir das alles, was du in +der Gegenwart besitzest, auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach, +ob du es so meintest?< Da wirst du mir doch recht geben, Agathon?« »Ja!« +»Wir begehren also nach dem, was uns nicht zu eigen ist und was wir +nicht besitzen, wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben wollen?« +»Entschieden!« »Jeder begehrt also nur nach dem, was ihm nicht zu eigen, +nicht gegenwärtig ist; und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind, +kurz das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde und die +Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal: Eros ist also die Liebe, +zunächst zu irgend etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt, +die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?« »Ja!« »Erinnerst du +dich noch daran, wozu du Eros in deiner Rede in Beziehung setztest? Ich +will es dir, wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich nicht +irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der Götter ist durch die Liebe +zu allem Schönen bestimmt; es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest du +nicht so?« »Ja, das waren meine Worte.« »Und da hattest du sehr richtig +gesprochen. Und darum wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!« +»Natürlich!« »Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen, daß wir +nur, was uns noch fehlt und was wir noch nicht besitzen, lieben?« »Ja!« +»Es fehlt also Eros die Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die +Schönheit!« »Ja!« »Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß der, dem +die Schönheit fehlt, schön sei?« »Nein!« »Du gibst mir also recht, wenn +ich sage, Eros sei nicht schön?« »Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts +von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!« »Aber du hast dennoch +sehr schön vorhin gesprochen, Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint +dir nicht auch das Gute schön zu sein?« »Ja!« »Wenn also Eros alles +Schöne fehlt und das Schöne auch gut ist, so muß Eros auch alles Gute +fehlen. Nicht?« »Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen, es ist +alles so, wie du es sagst.« »Nein, geliebter Agathon, du kannst eben nur +der Wahrheit nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar nicht +an.« + +»Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon! Meine Rede über Eros +habe ich von Diotima, einer Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin +und in vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, die damals +den Athenern, als diese zur Abwehr der Pest Opfer feierten, von den +Göttern einen Aufschub der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch ich +heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich gelehrt, und ihre Worte +will ich euch im Anschlusse an das, worin Agathon und ich uns oben +geeinigt haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst also, +Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher Art Eros sei, und dann +werde ich erst von seinen Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch +alles am besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen mich es +lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst genau so, wie du, Agathon, +zu mir gesprochen hast: ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er +sei schön, und da widerlegte sie mich mit denselben Worten, mit denen +ich Agathon widerlegen mußte, und sagte, der Gott sei weder, wie ich es +meine, schön noch gut. Ich rief da gleich: >Wie redest du nur, Diotima, +Eros wäre also häßlich und böse?< Doch sie antwortete: >Du lästerst, +Sokrates, lästere nicht! Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum +gleich häßlich sein?< >Nein!< >Oder, was nicht weise sei, müsse darum +gleich töricht sein? Hast du denn nie erfahren, daß etwas zwischen der +Weisheit und der Unwissenheit da sei?< >Was ist dieses?< >Wenn einer +zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür weiß, nennst du das +schon Verständnis? Wie könnten wir das verstehen, wozu wir keinen Grund +wissen! Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das Richtige +trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir müssen es eine richtige +Meinung, Wahrnehmung nennen, und diese liegt immer zwischen dem +Verständnis und der Unwissenheit!< >Da hast du wohl recht, Diotima!< +>Zwinge mir also ja nicht mehr das, was nicht schön ist, häßlich und, +was noch nicht gut ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros +häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, weder schön +noch gut ist; auch Eros ist etwas in der Mitte von beiden und zwischen +schön und häßlich und zwischen gut und böse!< + +>Aber alle<, entgegnete ich da, >sind doch darin einig und nennen Eros +einen mächtigen Gott!< >Wer nennt ihn so, Sokrates, sind es die +Wissenden oder die Unwissenden?< >Alle, Diotima, ich sage, alle!< Und +jetzt lachte sie: >Gilt also Eros auch jenen als ein mächtiger Gott, die +da behaupten, Eros sei überhaupt kein Gott?< >Wer behauptet es denn?< +>Der eine bist du, Sokrates, und der andere ich!< >Ich verstehe dich +nicht!< >Und es ist doch so einfach! Sage, Sokrates: heißest du nicht +alle, alle Götter heil, würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser +oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?< >Nein, bei Zeus, +niemals!< >Und nennst du weiter nicht jene Wesen heil, die alles Gute, +alles Schöne besitzen?< >Ja, natürlich!< >Du hast ja aber doch +eingesehen, daß Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides nicht +besitzt.< >Ja!< >Wie könnte also der ein Gott sein, dem kein Teil am +Schönen und am Guten ward? Wie wäre das möglich?< >Es ist nicht möglich, +Diotima!< >Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!< + +>Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? Gehört Eros zu den +Sterblichen?< >O nein!< >Ja, was ist er, sprich?< >Wir sahen es doch +eben, Eros sei in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem +Unsterblichen und dem Sterblichen!< >Und?< >Ein Dämon, Sokrates, ist +Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und alles Dämonische, alles +Heilende lebt zwischen Gott und Mensch!< >Und wo ist dann seine Macht?< +>Der Dämon ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und die +Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, was die Götter sie +heißen, und er kündet die Gnade der Götter, der Heiland ist in der Mitte +und er füllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen, +und das All ist durch den Heiland gebunden. Durch ihn kommt alles +Schauen den Sehern, und durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es +mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch den Dämon verkehren +Götter mit Menschen und durch den Heiland reden Götter zu Menschen: zu +den Wachen und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. Wer das schon +begreift, in dem ist der Heiland; die anderen alle, die da Künste +können und Fertigkeiten haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der +Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer von ihnen ist +Eros!< >Und hat Eros einen Vater, Diotima, eine Mutter?< >Das ist lang, +aber ich will es dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten die +Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, und mit den Göttern saß +auch der Reichtum, der Sohn der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen +hatten, kam die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben und +blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. Nun geschah es, daß der +Reichtum zu viel vom Nektar getrunken hatte -- es gab ja damals noch +keinen Wein -- und daß er schwer und berauscht in des Zeus Garten ging +und dort einschlief. Und das gab jetzt der Armut ihre eigene List ein: +sie dachte sich, weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind +haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und die Armut empfing vom +Reichtum den Eros. Und weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite +gezeugt wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da Aphrodite +schön ist, so ist Eros von Natur aus in alles Schöne verliebt. Dann +aber, weil Eros der Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er +beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter Sohn und darum ganz arm +und gar nicht weich und schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart +und dürr und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn schützte; auf +der nackten Erde ohne Lager muß er schlafen; vor allen Türen triffst du +ihn, auf den Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der Mutter +Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann aber ist Eros auch seines +Vaters Sohn und ist, wie dieser, voll List nach allem, was schön ist und +edel; er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger und er kann +die Netze knüpfen und die Eisen stellen; Eros will immer Gründe und weiß +zu raten; sein ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen und +zaubern und ist ein großer Sophist. Da er nun nicht Gott und nicht +Mensch geboren ist, so blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er +müde und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; aber immer +wieder lebt er auf, denn der Vater steckt in ihm. Was er heute erwirbt, +das verliert er morgen, und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und +er ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit in der Mitte, ich +meine das so: Von den Göttern ist niemand das, was wir Philosoph +nennen, und kein Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die Götter +sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, ist kein Philosoph. Aber +auch die Unwissenden dürfen nicht Philosophen heißen, auch sie haben +nicht den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist das Bittere an +der Torheit: der Tor ist weder schön, noch gut, noch verständig, und +dennoch hält er sich dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was ihm +fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.< >Und wer sind nun, +Diotima, die Philosophen, wenn es weder die Weisen noch die Toren sein +können?< >Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen sind +eben auch zwischen beiden, und zwischen diesen ist dann auch Eros. Die +Weisheit strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die Liebe zu +allem Schönen: es liebt Eros also auch die Weisheit, und darum ist Eros +ein Philosoph, Sokrates, ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist +nicht weise und nicht unwissend und ist zwischen den Weisen und den +Toren in der Mitte. Und auch das ist nur das Blut in Eros: denn sein +Vater war weise und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm und +töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur des Heilands; was du für +Eros gehalten hast, das war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt +du gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, welcher liebt. +Und darum erschien dir Eros von so vollkommener Schönheit zu sein. Denn, +was wir lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und vollendet +und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer Art, und ich habe dir +sein Bild gegeben.< >Und du hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,< +sprach ich. + +>Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann die Menschen von +diesem Heiland?< >Auch darüber, Sokrates, will ich dich aufzuklären +versuchen. Wie ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren, +und sein Begehren ist -- so sagtest du doch -- das Schöne. Wenn man uns +nun jetzt fragte: Sokrates und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros +das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und fragen: Was will der +Liebende von dem Schönen, das er begehrt?< >Er will es besitzen,< +antwortete ich. >Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt du +mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, der das Schöne besitzt?< +>Auf diese Frage kann ich dir nicht gleich antworten!< >Nun, wenn ich +statt des Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, es liebt +einer das Gute, was, glaubst du, will er mit dem Guten?< >Er will, daß +ihm das Gute zu eigen werde!< >Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu +eigen wurde?< >Darauf kann ich dir schon leichter antworten: Er ist +heil!< >Ja, er ist heil, heil, und wer durch den Besitz des Guten heil +geworden ist, der ist es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht +noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn hier ist die Frage +zu Ende.< >Ja!< >Und glaubst du, daß dieser Wille, diese Liebe allen +Menschen gemeinsam sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?< +>Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!< >Müßten wir also darum +nicht sagen, daß alle Menschen lieben, wenn alle dasselbe und immer +lieben, oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort lieben +nicht?< >Mir war das nie ganz klar!< >Es wird dir klar werden: denn von +dem großen Begriffe Liebe nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem +Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; das übrige findet dann +andere Namen!< >Wie ist das?< >So -- du weißt doch, daß der Begriff +Schöpfung sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts zum Dasein +bringt, der hat das Ding geschaffen, und so ist die Arbeit in allen +Künsten ein Schaffen, und alle Meister sind Schöpfer!< >Ja, da sprichst +du wahr!< >Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere Namen, und +nur einem Teil, dem Werke der Musiker und Dichter, wird der Name des +Ganzen, Schöpfung, zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, und +nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt nun von dem Begriff der +Liebe. Im allgemeinen ist zwar alles Streben nach dem Guten, alles +Streben nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen das Gute und das +Heil eben auf vielen eigenen Wegen finden: der eine will es, indem er +viel Geld verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, der dritte +als Philosoph; und von diesen allen sagt eigentlich niemand, daß sie +lieben, und niemand nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt man es, +und nur jene heißen so und haben den Begriff des Ganzen, die eben mit +allem Ehrgeiz nach jenem einzigen Ziele streben.< >Ich glaube, du hast +recht!< >Es heißt so oft unter uns: nur wer seine eigene Hälfte sucht, +liebt. Ich aber sage dir, die Liebe will nicht die eigene Hälfte und die +Liebe will nicht das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein Gutes +ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen Hände und die eigenen +Füße weg, wenn die eigenen Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein, +Sokrates, die Menschen mögen das Eigene nicht mehr als das Fremde, es +sei denn, daß jemand das Gute ein Eigenes und das Böse ein Fremdes +heiße. Denn nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben die +Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?< >Bei Zeus, ja, +das ist auch mein Glauben!< >Aber auch hier dürfen wir nicht einfach +behaupten: die Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir +hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, die Tugend besitzen, +nicht wahr?< >Ja!< >Und sie will es nicht nur heute und morgen haben, +die Liebe will es ewig besitzen!< >Ja!< >Ich fasse also zusammen und +sage: die Liebe der Menschen ist das Streben nach dem Besitz des Guten, +nach der Tugend.< >Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!< + +>Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie folgen aber die Menschen +der Liebe, oder wie wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe +sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du mir das jetzt sagen?< +>Wenn ich das wüßte, würde ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima, +staunen und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.< >So will ich +dir auch das sagen. Die Liebe ist das Zeugen in dem Schönen, das Zeugen, +Sokrates, in schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du mich?< +>Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher nur vermöchte dich zu deuten, +Diotima; ich verstehe dich nicht!< >So will ich deutlicher sein. Allen +Menschen reift im Leibe und in der Seele der Samen, und es kommt die +Zeit, da die Natur in uns zeugen will. In das Häßliche aber kann die +Natur nicht den Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. Das +Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein Göttliches in uns, und +unsterblich sind alle sterblichen Geschöpfe, so sie zeugen und gebären. +In dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche nicht zu zeugen, +und das Häßliche lebt wider alles Göttliche, und nur das Schöne darf und +will sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch Geburtsgöttin, und +die Schönheit entbindet. Wenn also einer, dessen Samen voll ist, einem +Schönen begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde frei in +ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem Häßlichen aber wird sein +Blick trübe und der Mensch ist matt und zieht sich in sich zurück und +rollt sich ein wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht gebären +und verhält den Samen und verhält die Frucht und leidet. Denn in dem, +dessen Samen voll und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach dem +Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst löscht und seine Wehen stillt. +Die Liebe will also nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst, +Sokrates?< >Sondern?< >Die Liebe will im Schönen zeugen und das Schöne +gebären!< >Jetzt verstehe ich dich!< >Ja, so ist es auch. Und warum, +frage ich weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das Schöne +gebären? Weil ewig und unsterblich alles Sterbliche ist, so es gebiert +und zeugt. Und weiter: wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so +muß sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. Und es verlangt +auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, die Liebe verlangt +danach: das folgt aus allem, was wir gesagt haben.< + +So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der Liebe sprach, und +einmal stellte sie mir folgende Frage: >Sokrates, was hältst du nun für +die Ursache dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? Hast du +nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt und wild die Tiere sind, wenn +sie zeugen und gebären wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt, +dann wie von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust +beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie die Weibchen, wenn sie +geboren haben, alle Liebe für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen +die Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben können, wie +diese Hunger leidet, damit nur die Jungen Nahrung haben, das alles und +anderes wirst du doch schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja +dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den Tieren diese Liebe +gegeben, kannst du mir das sagen?< Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht +zu sagen, rief sie: >Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen, +und weißt das nicht!< >Aber darum bin ich ja zu dir gekommen, Diotima; +ich weiß ja, daß ich noch Lehrer brauche. Nenne du mir also die +Ursache!< >Wenn du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe +vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch das folgende +verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche Natur suche, so weit es ihr +möglich ist, zu dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die Natur +nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte einem Neuen zuliebe +verläßt. Wo es immer heißt: hier lebt das Lebendige und hier bleibt es +sich gleich, dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt ja +auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter denselben Namen. Er trägt +denselben Namen, trotzdem er sich stets verändert, erneut, die Haare, am +Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. Und was hier am +Leibe, geschieht dort an der Seele: die Sitten, Gesinnungen, Meinungen, +Begierden, Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt der +Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. Und was noch viel +sonderbarer, ja ungelegener erscheint: nicht nur von den Kenntnissen +sind die einen heute für uns lebendig und die anderen morgen tot, und +wir selbst verändern uns in und an unseren Kenntnissen, sondern auch +jede einzelne Kenntnis erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur +darum, weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich immer wieder +verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung und Arbeit bringen das +Verlorene wieder und -- wie soll ich sagen -- retten das Wissen, so daß +es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und so, Sokrates, wird es +immer wieder gerettet -- alles Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht +gleich dem Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber was da +scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein Neues, das ihm gleicht, +zurück. Und nur in dieser Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der +Unsterblichkeit teil. In anderer Weise wäre es ihm ja nicht möglich. +Wundere dich nicht mehr, daß die ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und +ehrt: sie tut es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!< + +Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder sehr erstaunt und rief: +>Weisestes Weib, ist das alles wirklich so, wie du es sagst?< und da +fuhr sie denn wie ein vollendeter Sophist fort: >Wie sollte es denn +sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen denkst, du müßtest +ja da über dessen Sinnlosigkeit staunen, wenn du nicht an meine Worte +denkst und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen das Verlangen +ergreift, berühmt zu werden und den Ruhm bis in die Ewigkeit zu +besitzen, und wie darum die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre +Kinder, Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen zu dulden, ja +zu sterben bereit sind. Oder meinst du, Alkestis würde für Admetos +gestorben, Achilleus dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros +für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen haben, wenn sie nicht +an das ewige Gedächtnis ihrer großen Liebe, das wir ihnen heute noch +halten, geglaubt hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«, +für den »strahlenden Ruhm« haben sie und alle alles getan; und je edler +sie waren, um so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; denn es +lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. Wer im Leibe zeugen +will, den zieht es zum Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm +»Unsterblichkeit und Erinnerung und Glück«, wie er dann sagt, »in die +Zukunft tragen«. Neben diesem aber leben jene anderen, welche lieber in +den Seelen das, was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht +und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem Sinne sind alle Dichter +Zeuger, und jene, die im Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger, +und die höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und die +Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den Staat zu ordnen und +die Familie zu erhalten wissen. Wenn nun einem dieser Gottgleichen in +der Seele der Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, da die +Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er aus und blickt umher und +sucht das Schöne, in welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen, +im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt schon die schönen +Leiber mehr als die häßlichen, wer da zeugen will -- und wo dieser der +schönen, edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine Liebe zum +Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, und für einen solchen Menschen +hat er dann viele Worte von der Tugend und von allem, was der Edle tun +und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht den Geliebten zu +erziehen. Er hängt dann an ihm, dem Schönen, und weckt ihn und folgt +ihm und gießt in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären. +Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht mehr vergessen, und mit +ihm wacht er über der neuen Geburt; und stärker, als ein leibliches +Geschlecht Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, denn sie +teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht ihrer Seelen. Und +wer möchte auch nicht leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen, +wenn er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen Dichtern +nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen haben, das ihnen ewigen +Ruhm und dauernde Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf +die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser hinterließ, und +die Lakedaimon, ja ganz Griechenland gerettet haben. Und ehrwürdig ist +auch Solon, weil er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig in +Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen Männer, die durch edle +Taten überall die Tugend gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder +willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und Namens zu Danke die +vielen Altäre gebaut worden. + +>In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte, konntest du leicht +eingeweiht werden: ich weiß aber nicht, o Sokrates, ob du darum schon der +letzten und höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die alles +andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft ihrer teilhaft werden +kann. Doch ich will dir von ihnen reden und werde den Mut nicht +verlieren, du aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wenn also +einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß er früh schon nach +schönen Körpern ausspähen und schönen Körpern nachgehen und, so er gut +geführt sein will, nur =einen= Körper lieben, nur =einen=, und in diesem +=einen= die edlen Worte zeugen. Dann erst darf er erfahren, daß diese +Schönheit des einen Körpers jener eines anderen gleicht, wie Schwestern +einander gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne Art und das schöne +Bild, wenn er die Liebe will, so wäre es nur seine Torheit, dieselbe +Schönheit nicht in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und darum +und jetzt wird er es verachten und für niedrig halten, alle Leidenschaft +für =einen= Körper zu haben, und er wird die Schönheit =aller= Körper +lieben. Aber auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird die +Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der Seele wird ihm würdiger +erscheinen als die Schönheit des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß +eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen Menschen, wenn sein +Leib auch unschön wäre, lieben und um ihn besorgt sein und edle Worte in +ihm zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die Jünglinge besser zu +machen vermögen, auf daß auch er gezwungen werde, die Schönheit in den +Sitten und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die gleiche Schönheit +zu sehen. Und von den Sitten wird er ihn zu den Wissenschaften führen, +damit er auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und so im +Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr wie ein Sklave nach der +Schönheit dieses =einen= Knaben verlange und dieses =einen= Menschen, +dieser =einen= Sitte Schönheit wolle und gemein sei und kleinlich und +an Worten hänge, sondern, an die Ufer des großen Meeres der Schönheit +gebracht, hier viele edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen +Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und reif jenes einzige +Wissen, das da das Wissen des Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates, +so viel du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen wurde und das +Schöne in seiner Ordnung erkennt, der wird ganz am Ende als letzte Weihe +seiner Liebe ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit der +Schöpfung erschauen; er wird das erschauen, Sokrates, um dessentwillen +alle Wege und Mühen waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da ist +und niemals wird und niemals vergeht und nicht reicher wird und nicht +verliert, das Schöne, das nicht hierin schön und heute schön und da schön +und für diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich und dort +häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne, das wir uns nicht das eine +Mal im Gesichte, ein anderes Mal an den Händen oder sonstwo am Körper +einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften, im Tiere, auf der +Erde oder am Himmel finden; er wird das Schöne schauen, das da sich +selbst und in sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und, was +sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein Teil sein und werden und +vergehen, und nur das ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen +und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dort unten, weil er den +Geliebten richtig zu lieben wußte, empor zu steigen und jenes ewig Schöne +zu schauen beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht. Noch +einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe gehen und geführt werden: er +wird zuerst von allen Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen +Schönheit wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen, Stufen: auf +der ersten sieht er die Schönheit =eines= Körpers, auf der zweiten die +Schönheit zweier, und dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von +den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen Sitten, von den +schönen Sitten zu den schönen Lehren, und von den schönen Lehren trägt +ihn noch die letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da die +ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,< rief das prophetische +Weib, >hier, wenn irgendwo, ist das Leben lebenswert, hier, wo du die +ewige Schönheit schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir nicht +scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern oder gleich jenen schönen +Knaben und Jünglingen zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen +erschrecken, und bei denen ihr dann immer weilen wollt, weilen ohne zu +essen und zu trinken, nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie +würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre, jene ewige Schönheit +selbst klar und rein und ungemischt, nicht am menschlichen Fleisch, in +den Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich, sich selbst +eigen da ist, zu schauen? Glaubst du, dein Leben oder das Leben eines +anderen wäre dann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und bei +jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du nicht, daß die Vollendung dem +Menschen nur dort zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und +nicht mehr die Bilder der Tugend -- denn an Bildern kann sein Blick +dort nicht mehr haften -- sondern die Wahrheit selbst, da er sie dort +erblickt, zeugt, und glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die +wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt und, wenn je ein +Mensch, unsterblich sein wird?< + +Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat Diotima mich gelehrt, +und sie hat mich überzeugt. Und seitdem suche ich auch die andern zu +überzeugen -- zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut zu erreichen, +niemand einen besseren Führer als Eros wählen könne. Und darum rufe ich +jedem zu, er solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und lerne +und prüfe alles, was diesen Heiland angeht, und heiße dasselbe auch die +andern, und heute und immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist, +Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu euch gesprochen habe, +als meine Lobrede; wenn du nicht willst, so nenne meine Rede anders und +wie du es willst.« + +Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn alle, nur Aristophanes +wollte etwas erwidern, weil Sokrates auf seine Worte irgendwie +angespielt hatte. Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht, +wie nur Betrunkene pochen, und man hörte die Töne einer Flötenspielerin. +Agathon rief den Knaben zu: »Seht doch nach! Wenn es ein Freund ist, so +ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken nicht mehr und wollen +schlafen!« Gleich darauf aber konnte man die Stimme des Alkibiades +unterscheiden: er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und +fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt sein. Doch schon kam +er, auf die Flötenspielerin gestützt, mit einigen Begleitern herein und +blieb in der Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen und +hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden. »Seid mir gegrüßt, Männer!« +rief er. »Wollt ihr einen Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß +ich wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe, denn darum bin ich +gekommen? Ich konnte nämlich gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin +ich da und habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem Haupt auf +das Haupt des weisesten und schönsten Jünglings lege. Ich sehe, ihr +lacht mich aus, weil ich betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß +trotzdem, daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf ich unter diesen +Bedingungen herein oder nicht? Wollt ihr mit mir noch trinken?« Da +jauchzten ihm alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen legen, +und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn Alkibiades, von seinen Leuten +geführt, herein, und während er die Bänder abnahm, um Agathon zu +schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß er Sokrates nicht sehen +konnte, und legte sich neben Agathon zwischen diesen und Sokrates. +Sokrates rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiades sehr schön +mit Agathon und wand ihm die Bänder ins Haar. Agathon rief den Knaben +zu: »So nehmt auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter hier +mit uns sitze.« »Ja, ja, tut das,« forderte Alkibiades die Knaben auf, +»wer ist aber der dritte hier?« Und da er sich umdrehte und Sokrates +erblickte, sprang er auf und schrie: »Bei Herakles, wer ist das? +Sokrates, du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer? Immer zeigst du +dich ganz plötzlich, wo ich dich am wenigsten erwarte. Warum bist du nur +hergekommen? Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist bei +Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu machen versteht, kein +Platz gewesen? Mußtest du dich gerade zu dem Schönsten setzen?« Sokrates +wandte sich da zu Agathon: »Jetzt mußt du mich in Schutz nehmen! Die +Liebe dieses Menschen ist mir, wie du siehst, ziemlich unbequem +geworden. Seit ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen +schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst macht er mir in +seiner Eifersucht und Mißgunst die größten Torheiten und schmäht mich +und kann oft kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß er +vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber handgreiflich +werden, so halte ihn zurück; ich habe beinahe Angst vor seiner +Liebeswut.« »O, zwischen uns beiden«, erwiderte Alkibiades, »gibt es +keine Versöhnung! Hier und jetzt gleich will ich mich an dir rächen. +Agathon, gib mir einige von deinen Bändern zurück, damit ich sie auf +dieses wunderherrliche Haupt hier lege! Sokrates soll mir nicht +vorwerfen, ich hätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen +Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du gestern, sondern +immer siegt.« Und so nahm Alkibiades von den Bändern des Agathon und +wand sie um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich wieder. +»Wohlan denn, Männer,« rief er, »ihr scheint mir alle noch recht +nüchtern zu sein. Das darf ich nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken. +Wir haben das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken drin +seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden der Zeche. Agathon, laß +einen großen Krug bringen, wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht +nötig; bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe, er enthält mehr +als acht kleine Becher!« Der Kühler wurde also gefüllt, und Alkibiades +trank ihn aus, dann ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief: +»Gegen Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man ihn heißt, und +wird nie betrunken.« Der Knabe hatte eingeschenkt, und auch Sokrates +trank schon. Da fiel aber Eryximachos ein: »Wie machen wir es aber +weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden oder singen und +einfach nur trinken wie Leute, die eben Durst haben?« »O Eryximachos«, +rief Alkibiades, »du bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei +mir gegrüßt!« »Und du mir!« entgegnete Eryximachos, »aber wie machen wir +es nun?« »Wie du befiehlst; ich gehorche deinem Worte! >Denn es hat der +Arzt die Würde von vielen.< Sage, wie du es haben willst!« »So höre! +Bevor du kamst, hatten wir beschlossen, daß jeder von uns, der Reihe +nach von rechts, eine Rede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte, +und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine Rede gehalten. Da nur du +bisher weder getrunken noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du +jetzt uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst, und Sokrates +muß es wieder an seinen Nachbar zu rechts weitergeben usw. Das Thema +kannst du selber wählen.« »Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt; +es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene den Nüchternen das +Thema gebe. Und dann, Glücklicher, glaubst du etwas von allem, was +Sokrates vorhin gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist wahr! +Denn er, er kann mit den Händen kaum an sich halten, wenn ich in seiner +Gegenwart irgend jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.« +»Lästerst du hier nicht?« fragte Sokrates. »Bei Poseidon! Du kannst mir +nicht widersprechen, wenn ich behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart +niemand anderen loben!« »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryximachos, +»preise Sokrates!« »Wie meinst du das? Sollte ich es tun, Eryximachos? +Sollte ich ihm auf diese Weise beikommen und mich vor euch an ihm +rächen?« »Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem Lobe +lächerlich machen? Oder was willst du?« sagte Sokrates. »Ich will die +Wahrheit sagen: hast du jetzt etwas dagegen?« »O nein, gegen die +Wahrheit habe ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!« »Und ich +werde auch gleich beginnen, du halte es aber so: Wenn ich nicht die +Wahrheit sage, so unterbrich mich, wenn du willst, nur gleich mitten im +Reden und sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht lügen. Wenn +ich aber in meiner Erinnerung da und dort Sprünge mache, nimm es nicht +übel! Es ist in meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen in +einer gewissen Ordnung zu schildern. + +So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich will versuchen, ihn +in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht glauben, daß ich ihn durch die +Bilder lächerlich machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit +sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates gleicht jenen Silenen, +die ihr in den Werkstätten der Bildhauer findet. Die Künstler bilden +sie gewöhnlich mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und geben +ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet, erblickt im Inneren kleine +Bildsäulen der Götter. Ich sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas, +dem Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst du selber nicht +bestreiten wollen, Sokrates! Worin du dem Satyr aber sonst noch +gleichst, das höre nun! Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates! +Wenn du nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist wie er +ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte zu spielen und schöner +als Marsyas. Denn Marsyas lockte die Menschen mit seinem Instrument +durch die Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen, die seine +Weisen spielen. Was Olympos spielte, das hatte er von Marsyas gelernt. +Ob sie ein guter Flötenspieler oder eine von den gewöhnlichen +Flötenspielerinnen spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren +den, der der Götter und der Weihen bedürftig ist; denn des Marsyas +Weisen sind göttlich. Du aber, Sokrates, unterscheidest dich nur darin +von Marsyas, daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten +spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er auch der beste Redner, +hören, so geht uns das gewöhnlich sozusagen gar nichts an. Wer dich, +dich selbst hört oder deine Worte von einem andern, und wäre dieser der +gemeinste unter den Menschen, wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe +zuhört, wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum zu halten. +O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz betrunken erscheinen sollte, so +würde ich euch es sagen und jeden Satz beschwören, was ich durch seine +Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn ich Sokrates höre, da +schlägt mein Herz stärker als das Herz des Korybanten, und ich vergieße +Tränen, und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles und die +anderen großen Redner gehört; mir schien da immer nur, sie sprächen gut, +ja, aber ich erfuhr durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie +erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein Sklave sich gegen den +Herrn aufbäumt. Aber dieser Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht, +daß mir das Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates, du +kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und ich weiß ganz genau, +daß, wenn ich jetzt, so wie ich hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht +an mich halten könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht zu +geben, wenn er behauptet, selber noch voll von Fehlern, vernachlässigte +ich mich und beschäftigte mich mit den Angelegenheiten Athens. Wie vor +den Sirenen fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit ich +nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so habe ich durch ihn erfahren, +was niemand in mir wohl gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham +erfahren. Ja, vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich. Ich +bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und zu sagen: Ich muß nicht +das tun, was du von mir willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn +ich ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz wieder packt. +Und so laufe ich vor ihm weg und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich +ihn sehe, alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich eingeräumt +habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden +zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel +unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn. + +Und so haben wir denn alle durch die Flötenweisen dieses Satyrs viel +gelitten, und ihr habt von mir gehört, worin er den Wesen ähnlich ist, +mit denen ich ihn vergleiche, und welche Macht ihm über uns ward. Aber +wißt, ihr alle kennt ihn schließlich gar nicht, und da ich einmal +begonnen, so will ich ihn euch ganz offenbaren. Seht, Sokrates tut in +alle schönen Jünglinge verliebt und schleicht um sie herum und ist immer +erregt in seinen Gebärden! Ist das nicht Silenenart? Und wie einer jener +gemeißelten Silenen ist auch seine ganze Haltung. Wer aber den Silen +öffnet, Freunde und Zechgenossen, wie sieht er diesen da nicht ganz +voll von Weisheit und Maß! Ja, ich sage euch, diesen Silen kümmert es +dann gar nicht, ob ein Jüngling schön sei oder nicht, ja er verachtet +dessen Schönheit so gründlich, wie niemand es erwarten würde, und es ist +ihm ganz gleichgültig, ob einer von denen, welche da immer von der Menge +glücklich gepriesen werden, reich sei oder eine hohe Stellung habe. +Sokrates hält diese Güter für wertlos und uns selbst für eitel -- merkt +euch das --, wenn er, mit euch Spott und Spaß treibend, sein Leben +führt. Aber ich weiß nicht, ob je einer von euch in ihn hineingeblickt +und in ihm die Götterbildnisse gesehen hat, wenn Sokrates ernst und wie +offen ist. Ich habe hineingeblickt und glaube Göttliches gesehen zu +haben und lauter Gold und überaus Schönes und Wunder, und darum muß ich +von nun an immer tun, was Sokrates mich heißt. Als ich glaubte, Sokrates +habe ein Auge auf meine Schönheit geworfen, hielt ich es für meinen +Stern und mein großes Glück, denn ich brauchte mich dann ihm nur ganz +hinzugeben, um sein ganzes Wissen zu erfahren. Und ich hielt viel von +meiner Schönheit. Bisher war ich nie allein mit Sokrates gewesen, aber +jetzt und in meiner großen Hoffnung entließ ich meinen Begleiter und war +das erste Mal allein mit ihm. Ich muß euch die ganze Wahrheit sagen, +seid aufmerksam, und wenn ich lüge, dann, Sokrates, überführe mich. Ich +war also allein mit ihm, o Männer, und erwartete, er werde mir gleich +alles das sagen, was der Freund, wenn niemand zuhört, zum Geliebten +spricht, und war selig. Aber nichts dergleichen geschah; Sokrates +sprach zu mir wie immer, blieb den Tag über da und ging dann fort. Das +nächste Mal forderte ich ihn auf, mit mir zu turnen; vielleicht könnte +ich auf diese Weise etwas von ihm erreichen, dachte ich. Und Sokrates +turnte auch und rang oft mit mir, während niemand zusah. Ach, wie soll +ich es nur sagen! Auch das half nichts. Und da ich zu keinem Ziele +kommen konnte, beschloß ich, Gewalt anzuwenden und, wenn ich ihn nur +einmal fest habe, von dem Manne nicht mehr zu lassen; ich mußte endlich +wissen, wie ich mit ihm stünde. Ich bat ihn also, mit mir zu essen; wie +ihr seht, lief ich ihm also ganz einfach nach, wie der Freund dem +Geliebten. Er folgte zwar nicht gleich meiner Bitte, aber nach einiger +Zeit kam er wirklich. Beim ersten Mal wollte er gleich nach dem Essen +fort, und ich schämte mich damals so sehr, daß ich ihn auch gehen ließ. +Beim zweiten Mal aber gebrauchte ich eine List: nachdem wir gegessen +hatten, sprach ich ohne Unterbrechung bis in die Nacht in ihn hinein, +und als er endlich doch gehen wollte, meinte ich, es sei schon zu spät, +und zwang ihn zu bleiben. Und wirklich, diesmal legte er sich denn auf +meinem Lager nieder, auf demselben, auf welchem wir gegessen hatten, und +niemand anders außer uns beiden schlief in dieser Nacht im Hause. Was +ich bis hierher erzählt habe, hätte ich jedermann erzählen können. Was +ich nun sagen werde, würdet ihr niemals aus meinem Munde vernommen +haben, wenn erstens nicht, wie es heißt, der Wein und die Kinder oder +der Wein allein -- ohne die Kinder -- die Wahrheit sprächen, und wenn +zweitens es mir nicht unrecht schiene, eine so außerordentliche Tat des +Sokrates zu verschweigen. Und dann, es ist mir heute noch wie einem, den +die Natter gebissen hat; und die Leute sagen, wen jemals eine Natter +gebissen hat, der könne, wie das wäre, nur jenen wieder schildern, +welchen ein gleiches widerfahren sei, da diese allein verstünden und +mitempfänden, wenn einer im Schmerze dann alles zu tun und zu sagen +wagt. Ich hatte aber einen böseren Biß bekommen und dorthin, wo es am +meisten schmerzt: mich hat es ins Herz gebissen, oder wie man das nennen +soll, wohin uns die Worte eines Weisen treffen und die Bisse einer +wilderen Natter beißen, wenn sie in die Seele eines nicht unedlen +Jünglings greifen und ihn zu allem fähig machen. Ich sehe euch hier um +mich, wie immer ihr heißen mögt, dich, Phaidros, dich, Agathon, +Eryximachos, Pausanias, Aristodemos und Aristophanes, wozu soll ich noch +Sokrates selbst nennen oder die vielen anderen? Ihr alle seid gebissen +worden und voll gewesen der Wut und des Taumels der Philosophie! Und +darum sollt ihr mich jetzt hören, ihr allein werdet verzeihen, was ich +damals alles tat und jetzt ausspreche. Ihr Diener aber, und wer sonst +noch hier ungeweiht und roh geblieben ist, legt euch große Tore vor die +Ohren! + +Da also die Knaben fortgegangen waren und ich das Licht ausgelöscht +hatte, war ich entschlossen, nichts mehr zu beschönigen, sondern frei zu +sagen, was ich sagen mußte. Ich stieß also Sokrates ein wenig und +sprach: >Sokrates, schläfst du?< >Nein, noch nicht!< gab er zur Antwort. +>Weißt du, was ich glaube?< >Was denn?< >Ich glaube, du liebst mich und +bist allein mir der Freund, den ich brauche, nur zögerst du noch, mir es +zu gestehen. Ich denke aber so: Ich würde mir töricht vorkommen, wenn +ich mich dir nicht so ganz hingäbe, wie ich dir oder einem meiner +Kameraden von meinem Vermögen geben wollte, wenn ihr davon verlangtet. +Ich weiß nichts Heiligeres, als so gut wie möglich zu werden, und wenn +du mir dazu helfen willst, werde ich niemand demütiger gehorchen. Wenn +ich mich einem solchen Menschen wie dir nicht hingäbe, so würde ich mich +vor den Wissenden viel mehr schämen, als ich mich vor der Menge und den +Toren schämen müßte, wenn ich mich dir hingäbe.< Da Sokrates mich also +gehört hatte, erwiderte er ganz in seiner bekannten Art spöttisch: >Mein +geliebter Alkibiades, du bist wirklich nicht dumm, wenn das, was du von +mir behauptest, wahr ist und in mir eine Kraft wohnt, die dich besser zu +machen vermag. Du mußt doch wohl eine große Schönheit in mir sehen, eine +Schönheit, die sich bedeutend von deiner schönen Gestalt unterscheidet. +Wenn du sie mit mir teilen und so Schönheit gegen Schönheit tauschen +willst, so mußt du im Sinne haben, mich ein wenig zu übervorteilen: du +willst da für deine schöne Meinung meine Wahrheit erwerben und recht +eigentlich für Erz Gold haben. Aber, Glücklicher, sieh genau hin: ich +bin vielleicht ganz ohne Wert! Der Blick der Vernunft wird schärfer +sehen, wenn deine beiden Augen an Schärfe verlieren, noch bist du weit +davon entfernt.< Ich hörte ihm zu und sagte nur: >Was ich zu sagen hatte +und wie ich denke, habe ich gesagt; denke =du= jetzt darüber nach, was +dich für uns beide am besten dünkt!< >Ja, da hast du recht,< erwiderte +Sokrates, >von nun an werden wir beide darüber nachdenken und nur das +tun, was uns hier und in anderen Dingen am besten dünkt!< Das hatte ich +nun von Sokrates gehört, und so hatte ich zu ihm gesprochen; ich meinte, +der Pfeil sei abgeschossen und Sokrates verwundet. Ich stand also auf, +und ohne ein Wort mehr zu verlieren, legte ich meinen Mantel um Sokrates +-- es war Winter -- und kroch selbst unter den Mantel, schloß meine Arme +um den Leib dieses wahrhaft herrlichen Dämons und lag so neben ihm die +ganze Nacht. Sokrates, du wirst nicht sagen, daß auch nur ein Wort davon +nicht wahr sei. Nach allem aber, was ich da für ihn getan hatte, wurde +er ganz anders zu mir und verachtete und verlachte meine Schönheit und +nahm sich alles gegen mich heraus! Ihr Richter -- und ihr, die ihr hier +sitzt, seid die Richter seiner Überhebung -- bei den Göttern, bei den +Göttinnen schwöre ich euch: ich erwachte nicht anders neben ihm, als +wenn ich mit meinem Vater oder einem Bruder geschlafen hätte. + +Was alles, glaubt ihr, muß ich damals nicht empfunden haben? Er +verachtete mich -- ich nahm es doch so -- und ich, ich liebte seine Art, +seine Weisheit, seine Männlichkeit; ich hatte in ihm einen Menschen von +so hoher Vernunft und Mäßigung gefunden, wie ich ihm nie im Leben zu +begegnen glaubte! Ich konnte also weder ihm zürnen und ihn meiden, noch +hatte ich Mittel, ihn an mich zu fesseln. Ich wußte jetzt, daß Gold ihn +noch weniger zu verwunden vermöchte, als Eisen den Aias; dort also, wo +allein ich ihn fassen zu können hoffte, ging er mir durch. Ich war +hilflos und irrte umher in den Fesseln, in die dieser Mensch mich +geschlossen hatte. + +Das alles habe ich mit ihm erlebt, bevor wir gemeinsam den Feldzug gegen +Potidaia mitmachten und dort im Lager am selben Tisch aßen. Vor allem +war Sokrates hier im Ertragen der Strapazen nicht nur mir, sondern +überhaupt allen Soldaten überlegen. So oft wir, wie das im Kriege +vorkommt, irgendwo abgeschnitten waren und nichts zu essen hatten, +konnte er wie kein anderer Hunger leiden. Wenn es dagegen Überfluß gab, +konnte er wieder mehr essen als andere, und freiwillig zwar nicht, aber +gezwungen, trank er uns alle unter den Tisch; und was das erstaunlichste +ist, noch niemand hat je Sokrates betrunken gesehen. Er wird euch gleich +hier den Beweis geben. Wie er die Kälte ertrug -- die Winter sind dort +streng -- auch das klingt wie ein Wunder. Es hatte einmal stark +gefroren, die Soldaten verließen entweder überhaupt nicht die Zelte +oder, wenn einer ausging, wickelte er sich wunder wie ein und hatte die +Füße in Filz oder Pelz gefatscht; Sokrates aber kam im Rock, den er +immer trug, heraus und spazierte barfuß leichter durch den Frost als +alle, die ihre Schuhe hatten. Die Soldaten blickten ihn mißtrauisch an +und mußten denken, er wolle sich über sie nur lustig machen. Doch davon +genug. + +Aber »wie er jenes Große vollbracht, der gewaltige Mann, und bestanden«, +damals im Kriege, das müßt ihr noch hören. Eines Morgens kam er in +Gedanken und blieb stehen und sann, und da er es scheinbar nicht heraus +bekam, gab er nicht nach und blieb weiter stehen und suchte. Es war +schon Mittag geworden; die Leute wunderten sich über ihn und einer sagte +es dem anderen: Sokrates steht seit frühem Morgen auf einem Fleck, rührt +sich nicht und denkt nach! Da es Abend geworden war und alle gegessen +hatten, trugen einige jüngere Soldaten ihre Betten aus den Zelten -- wir +waren im Sommer -- und wollten im Kühlen schlafen und zugleich sehen, +ob denn Sokrates auch in der Nacht auf demselben Fleck stehen bleiben +werde. Und wirklich, Sokrates blieb die ganze Nacht stehen, bis der +Morgen kam und die Sonne aufging, dann sprach er der Sonne sein Gebet +und ging fort. Und hört jetzt, wie er in der Schlacht selbst war -- auch +hier darf ich ihm nichts schuldig bleiben! In jener Schlacht, nach +welcher mir die Feldherrn den Preis zuerkannten, hat er mir das Leben +gerettet; als ich verwundet am Boden lag, ist er bei mir geblieben und +hat mich und meine Waffen in Sicherheit gebracht. Und schon damals +forderte ich die Feldherrn auf, dir, Sokrates, den Preis zuzuerkennen +-- auch hierin wirst du mir nicht unrecht geben und sagen, ich lüge. Die +Feldherrn aber sahen auf meinen Adel und beschlossen darum, ihn mir zu +geben, und du wünschtest es noch eifriger als sie, daß ich ihn habe. Und +dann, Männer, hättet ihr Sokrates sehen sollen, als das ganze Heer von +Delion auf der Flucht war. Ich war damals zu Pferde und er in voller +Rüstung zu Fuß. Das ganze Heer war in wilder Unordnung, er ging mit +Laches. Da treffe ich sie und rufe ihnen Mut zu und meinte, ich wolle +sie nicht verlassen. Und hier sah ich Sokrates noch herrlicher als in +Potidaia. Da ich zu Pferde war, hatte ich weniger Furcht. Aber, wie +damals Sokrates den Laches an Haltung übertraf! Ich sah ihn dort +leibhaftig wie du, Aristophanes, ihn schilderst: trotzigen Blicks, mit +rollenden Augen; ruhig sah er rechts und links die Freunde und Feinde, +und man wußte schon von weitem, daß, wenn ihn jetzt hier einer angreifen +wollte, er sich dessen erwehren würde. Und er und sein Begleiter kamen +darum auch ganz sicher durch. Denn Soldaten von seiner Haltung werden im +Kriege selten angegriffen, und der Feind hat es viel mehr auf die +abgesehen, die kopfüber fliehen. Vieles Andere noch und Herrliches +könnte ich an Sokrates rühmen; aber was er sonst noch alles tat, das +könnte oft auch ein anderer getan haben: das Wunder an ihm ist, daß er +keinem Menschen weder unter den Alten noch unter den Lebenden gleicht. +Mit Achilleus könnte man schließlich Brasidas, mit Perikles Nestor und +Antenor vergleichen, es finden sich da immer noch andere. Immer kann man +da den einen mit dem anderen vergleichen. Dieser Mensch aber, er selbst +und seine Worte, ist so sonderbar gewachsen, daß niemand weder unter +den Alten, noch unter den Lebenden seinesgleichen finden würde, es sei +denn, daß er ihn, wie ich es tat, mit Menschen überhaupt nicht, sondern +mit den Silenen und Satyrn ihn und seine Worte vergliche. + +Denn ich vergaß es vorhin zu sagen, daß auch seine Worte jenen +geöffneten Silenen gleichen. Wenn jemand zuerst seine Redensarten hört, +erscheinen sie ihm lächerlich. Sokrates hüllt sich da in Namen und +Ausdrücke, wie ein wilder Satyr in sein Fell. Er spricht von Lasteseln +oder Schmieden oder Schustern oder Gerbern; es sieht aus, als ob er +immer mit denselben Worten dasselbe sagte, so daß der Unerfahrene und +Ungebildete über diese Reden lacht. Wer sie aber erschließt und in sie +hinein kann, der wird gleich finden, wie gerade seine Worte ein Sinn +verbinde und daß sie göttlich seien und Bilder höchster Tugend, und daß +sie überallhin reichen und vor allem dorthin, wohin der Mensch, der nach +Veredlung und Besserung strebt, seinen Blick richtet. + +Das alles, Männer, ist es, was ich an Sokrates preise. Ich habe auch den +Tadel in das Lob gemischt und euch gesagt, wie er mich verletzt hat. +Aber nicht nur mir hat er das angetan, sondern Charmides, der Sohn des +Glaukon, und Euthydemos, des Diokles Sohn, und viele andere haben ein +gleiches erfahren: er hat sie alle getäuscht und ist ihnen statt eines +Freundes der Geliebte geworden. Auch dir, Agathon, sage ich: laß dich +nicht von ihm betrügen; lerne von unseren Leiden und sei auf der Hut +und mache es nicht wie die Toren, die, wie das Sprichwort sagt, erst +durch Schaden klug werden!« + +Da Alkibiades also gesprochen hatte, mußten alle über seine +Offenherzigkeit lachen, denn er schien ihnen noch immer, nach wie vor, +Sokrates zu lieben. Sokrates rief: »Alkibiades, ich glaube wirklich, du +bist nüchtern. Denn sonst würdest du kaum so sinnreich zu verstecken +versucht haben, warum du überhaupt alles das gesagt hast. Wie etwas +Nebensächliches hast du es an das Ende gesetzt, als ob nicht alle deine +Worte den einzigen Zweck gehabt hätten, mich und Agathon zu entzweien, +denn du glaubst, ich dürfe nur dich und sonst niemand lieben und Agathon +wieder dürfe nur von dir allein geliebt werden. Du hast das nicht +verbergen können, dein Satyr- und Silenendrama hat uns alles verraten. +Aber, mein geliebter Agathon, das soll ihm nicht helfen; sorge nur, daß +er uns beide nicht entzweie.« Agathon entgegnete: »Sokrates, du hast +recht. Sieh nur, wie er sich zwischen mich und dich gelegt hat, um uns +beide auseinander zu bringen! Es ist aber umsonst, denn ich werde gleich +an deine Seite kommen und mich zu dir legen.« »Ja, ja,« meinte Sokrates, +»komme nur her und lege dich zu mir hin!« »Beim Zeus,« rief da +Alkibiades, »was muß ich von diesem Menschen nicht alles ertragen! Er +glaubt mich überall ausstechen zu müssen. Aber, Herrlicher, wenn es +schon nicht anders geht, so laß wenigstens Agathon zwischen uns.« »Das +ist unmöglich;« rief Sokrates, »du hast mich gelobt, und jetzt ist an +mir die Reihe, nach rechts jemanden zu loben. Wenn Agathon zwischen uns +kommt, so müßte er auf mich wieder eine Lobrede halten, er soll aber +umgekehrt jetzt von mir gelobt werden. Laß uns also, mein Bester, und +beneide nicht einen Jüngling um das Lob, das ich ihm reden will; ich +selbst habe auch das Bedürfnis, Agathon zu preisen!« Und Agathon rief: +»Armer Alkibiades, ich darf hier nicht bleiben und muß den Platz +wechseln, damit Sokrates mich lobe!« Und Alkibiades: »Da sehen wir es +also: wenn Sokrates da ist, kann man nichts mehr von den schönen +Jünglingen haben. Und wie klug er sich es ausgedacht hat, warum Agathon +neben ihm sitzen müsse! O Sokrates, Sokrates!« + +Nun ist Agathon aufgestanden und hat sich neben Sokrates gelegt. Da kam +plötzlich eine Menge von Zechern an die Tür, und da diese offen stand +-- es war eben jemand herausgegangen -- so konnten diese weiter und sich +zu den anderen legen. Es herrschte dann viel Lärm, und ohne Ordnung ward +jeder gezwungen, so viel wie möglich zu trinken. Eryximachos, Phaidros +und andere, erzählte Aristodemos, wären weggegangen, ihn selbst hätte +der Schlaf gepackt und er hätte fest geschlafen -- es wäre ja sehr spät +gewesen -- und wäre erst gegen Morgen aufgewacht, da die Lerchen schon +sangen. Da hätte er denn die einen schlafen gesehen, andere wären +fortgegangen, und nur Agathon und Aristophanes und Sokrates wären noch +wach gewesen und hätten aus einem großen Krug getrunken und ihn immer +wieder nach rechts sich gereicht. Sokrates hätte zu ihnen gesprochen. +Aristodemos konnte sich aber nicht an alles erinnern, er hätte den +Anfang nicht hören können und jetzt noch etwas geduselt. In der +Hauptsache aber, meinte er, hätte Sokrates beide dazu gebracht, ihm +zuzugeben, daß ein und derselbe Dichter die Komödie und die Tragödie +beherrschen müßte, und daß der Tragödiendichter auch ein Komödiendichter +wäre. Agathon und Aristophanes hätten ihm aber nicht mehr ganz zu folgen +vermocht und wären ab und zu in den Schlaf genickt. Zuerst wäre +Aristophanes eingeschlafen, dann gegen Morgen Agathon. Sokrates aber +sei, nachdem er sie also zur Ruhe gebracht, aufgestanden und +weggegangen, Aristodemos ihm nach seiner Gewohnheit gefolgt. Sokrates +wäre ins Lykeion gekommen, hätte dort gebadet und den ganzen Tag +zugebracht und dann erst gegen Abend zu Hause sich zur Ruhe gelegt. + + ENDE + + DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG + + + + + [Liste der vorgenommenen Änderungen: + + so müssten wir dann glauben + so müßten wir dann glauben + + >Ja, da sprichst du wahr!> + >Ja, da sprichst du wahr!< + + »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryxmimachos + »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryximachos + + der könne, wie das wäre, nur jener wieder schildern + der könne, wie das wäre, nur jenen wieder schildern + + aufgestanden und weggegangen, Aristodemus ihm nach + seiner Gewohnheit gefolgt + aufgestanden und weggegangen, Aristodemos ihm nach + seiner Gewohnheit gefolgt + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Platons Gastmahl, by Plato + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL *** + +***** This file should be named 24899-8.txt or 24899-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/8/9/24899/ + +Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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