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+The Project Gutenberg EBook of Platons Gastmahl, by Plato
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Platons Gastmahl
+
+Author: Plato
+
+Translator: Rudolf Kassner
+
+Release Date: March 23, 2008 [EBook #24899]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL ***
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+
+Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text wurde originalgetreu übertragen. Lediglich einige
+ offensichtliche Fehler wurden korrigiert. Eine Liste sämtlicher
+ vorgenommener Korrekturen befindet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original _kursiv_ gesetzter Text wurde mit "_" markiert.
+ Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit "=" markiert.]
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+
+ MEDIUM TE MUNDI POSUI, UT CIRCUMSPICERES INDE COMMODIUS
+ QUIDQUID EST IN MUNDO · NEC TE COELESTEM NECQUE TERRENUM
+ NECQUE MORTALEM NECQUE IMMORTALEM FECIMUS, UT TUI IPSIUS
+ QUASI ARBITRARIUS HONORARIUSQUE PLASTES ET FICTOR IN QUAM
+ MALUERIS TU TE FORMAM EFFINGAS · POTERIS IN INFERIORA
+ QUAE SUNT BRUTA DEGENERARE, POTERIS IN SUPERIORA QUAE
+ SUNT DIVINA EX TUI ANIMI SENTENTIA REGENERARI · O SUMMAM
+ DEI PATRIS LIBERALITATEM, SUMMAM ET ADMIRANDAM HOMINIS
+ FOELICITATEM · PICO DI MIRANDOLA »ORATIO«
+
+
+
+
+ PLATONS GASTMAHL
+
+
+ 22.-26. TAUSEND
+ VERDEUTSCHT VON RUDOLF KASSNER
+
+ VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS
+ JENA 1922
+
+
+ FRAU
+ E. BRUCKMANN-CANTACUZENE
+ GEWIDMET
+
+
+ ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG
+ IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN. COPYRIGHT 1922
+ BY EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA
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+ [Illustration]
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+_Apollodoros_: »O ja, darüber bin ich ziemlich unterrichtet. Erst
+neulich, da ich von Phaleron nach der Stadt gehe, sieht mich von
+rückwärts einer meiner Bekannten und ruft mir nach: »Apollodoros,
+Apollodoros von Phaleron« -- er scherzt immer mit meinem Namen -- »so
+warte doch!« Ich bleibe nun stehen und warte auf ihn, und da sagt er mir
+denn: »Ich habe dich schon unlängst gesucht, ich möchte nämlich so gerne
+etwas über das Gastmahl des Agathon erfahren, ich meine jenes, an dem
+Sokrates, Alkibiades und noch viele andere teilgenommen und bei dem sie
+über Eros gesprochen haben. Was sprachen sie damals alles, weißt du
+näheres? Mir hat schon jemand davon erzählt, der es von Phoinix, dem
+Sohne des Philippos, gehört hatte, und dieser sagte mir, auch du wüßtest
+näheres darüber. In der Tat, er konnte mir nicht gerade viel sagen,
+erzähle du mir nun davon! Denn niemand ist so dafür geschaffen wie du,
+die Worte unseres großen Freundes zu künden. Zuerst aber sage noch
+schnell: warst du selbst bei dem Gastmahl zugegen? Ja?« Darauf erwidere
+ich ihm gleich: »Dein Freund muß dich wirklich schlecht unterrichtet
+haben, wenn er meint, das Gastmahl, um das du mich fragst, hätte erst
+vor kurzem stattgefunden und ich selbst hätte daran teilgenommen!«
+»Nicht? Ich dachte!« »Aber mein lieber Glaukon,« fuhr ich fort, »weißt
+du denn nicht, daß Agathon seit vielen Jahren schon die Stadt verlassen
+hat? Und dann -- seitdem ich um Sokrates bin, seitdem ich täglich, ich
+sage täglich ganz genau weiß, was Sokrates spricht und was Sokrates tut,
+sind noch nicht drei Jahre vergangen. Früher, ach früher! -- da lief
+ich so herum, ohne zu wissen wohin, und tat geschäftig und war doch so
+jämmerlich wie nur irgend jemand, so jämmerlich wie du jetzt, Glaukon,
+der du noch immer glaubst, man dürfe um keinen Preis denken, nur nicht
+denken.«
+
+»Bitte, mache dich nicht über mich lustig,« sagt mein Freund, »sage
+lieber, wann hat das Gastmahl also stattgefunden?«
+
+»Wir waren noch Kinder, Agathon hatte mit seiner ersten Tragödie gesiegt
+und mit seinen Choreuten den Sieg gefeiert, den Tag darauf nun da hat
+das Gastmahl stattgefunden!«
+
+»Das ist allerdings schon lange her. Aber von wem weißt du das alles?«
+fragte Glaukon weiter. »Von Sokrates selbst?«
+
+»Ach Gott, nein, nein! Von ebendemselben, von dem Phoinix es gehört hat:
+von Aristodemos aus Kythäron, vom kleinen Aristodemos, der immer wie
+der Meister ohne Sandalen herumlief. Er war dabei; ich glaube, seine
+Beziehungen zu Sokrates waren ganz besonders innige. Später habe ich
+noch Sokrates selbst um einiges gefragt, und Sokrates bestätigte, es
+sei alles so gewesen, wie Aristodemos es mir geschildert hat.«
+
+»Gut, gut, so erzähle du mir jetzt nun alles!« drang Glaukon weiter.
+»Wir gehen beide in die Stadt, und auf dem Wege kann man so gut reden
+und zuhören!«
+
+Nun, so gingen wir beide zusammen nach der Stadt und sprachen darüber;
+ich bin also, wie gesagt, vorbereitet. Und wenn es sein muß, so will ich
+auch euch alles erzählen. Aufrichtig, ich freue mich jedesmal unbändig,
+wenn ich entweder selbst über Philosophie sprechen oder davon hören
+darf. Von der Förderung, die ich dadurch erfahre, rede ich erst gar
+nicht. Über das, was man so den Tag über schwatzt, was ihr Reichen und
+Krämer zusammenschwatzt, ärgere ich mich doch nur; ja ich bemitleide
+euch, denn ihr glaubt immer, weiß Gott was zu tun und kommt doch nicht
+weiter. Vielleicht werdet ihr euerseits wieder mich bemitleiden,
+vielleicht habt ihr recht, ja, ich bin bemitleidenswert, ja! Aber ihr,
+meine Lieben, seid es in einem ganz anderen Sinne, und ihr seid es nicht
+nur vielleicht, ihr seid es bestimmt, das weiß ich.«
+
+_Der Freund_: »Apollodoros, du bleibst der Alte! Immer schmähst du dich
+selbst und die Welt und hältst, mit dir angefangen, alle einfach für
+bemitleidenswert; Sokrates allein ist deine Ausnahme. Ich weiß zwar
+nicht, woher du den Beinamen »der Tolle« hast, aber, so oft du sprichst,
+bist du wirklich wie toll. Du haderst mit dir selbst und den andern, nur
+Sokrates, Sokrates bleibt von deiner Wut verschont!«
+
+_Apollodoros_: »Mein lieber Freund, es ist wohl nur zu natürlich, daß
+ich toll und rasend erscheine, da ich nun einmal so über mich und euch
+denke!«
+
+_Der Freund_: »Streiten wir jetzt nicht darüber! Tue das, worum wir dich
+gebeten haben, und erzähle uns vom Gastmahl!«
+
+_Apollodoros_: »Am Gastmahl nahmen teil ... Doch nein, ich will lieber
+gleich von Anfang an es so erzählen, wie ich es von Aristodemos gehört
+habe. Aristodemos erzählte also: er wäre eines Abends Sokrates begegnet,
+und Sokrates hätte gerade gebadet gehabt und, was selten vorkommt,
+Sandalen getragen. Auf die Frage, wohin er denn so geputzt ginge, hätte
+Sokrates geantwortet: »Zu Agathon, zu einem Gastmahl! Gestern bin ich
+noch der Siegesfeier entgangen -- ich mag den Lärm nicht -- ich habe
+aber versprochen, heute zu kommen. Und so habe ich mich denn schön
+gemacht, damit auch ich »schön vor den Schönen« trete. Aber du, wie
+denkst du darüber, ungeladen mitzugehen?« »Ja, wenn du glaubst ...«
+hätte er geantwortet. »So komm nur mit! Wir können ja das Sprichwort
+drehen und sagen: Zum Mahle des Guten kommen ungeladen die Guten!
+Homer dreht es nicht nur um, sondern hält sich überhaupt nicht daran:
+Agamemnon ist sein bester Soldat, und Menelaos ist, wie sagt er doch,
+Menelaos ist ein verwöhnter Speerschütze. Doch da Agamemnon das Opfer
+feiert, kommt Menelaos ungeladen zum Opfermahle, du siehst, der
+Schlechtere kommt hier zum Mahle des Besseren.« »Ich fürchte,« hätte
+Aristodemos eingewendet, »ich fürchte, Sokrates, du schmeichelst mir,
+wenn du das Sprichwort in deinem Sinne drehst; ich bin wohl eher im
+Sinne Homers der arme Schlucker und gehe ungeladen zum Mahle des Weisen
+und Edlen! Sieh nur zu, wie du mich dort entschuldigen wirst; ich will
+durchaus nicht ungeladen kommen, ich betrachte mich von dir geladen!«
+»Während wir zusammen gehen, können wir ja überlegen, was wir anführen
+werden. Gehen wir nur!« hätte Sokrates geschlossen, und so wären sie
+denn beide weitergegangen. Sokrates wäre aber, wie ihm ja das öfters
+geschieht, ganz plötzlich in Gedanken gekommen und auf dem Wege immer
+wieder zurückgeblieben. Da Aristodemos auf ihn warten wollte, hätte
+Sokrates ihn nur weitergehen geheißen. Bis zu Agathons Tür wären sie
+schließlich beide zusammen gegangen. Und jetzt wäre Aristodemos etwas
+ganz Komisches widerfahren. Agathons Tür hätte offen gestanden, ein
+Knabe ihn bei der Tür empfangen und zu den Sitzen der andern geführt,
+die eben im Begriffe waren, an das Essen zu gehen. Da aber Agathon ihn
+erblickte, hätte er gleich gerufen: »Aristodemos, du kommst gerade
+zurecht, um noch mit uns zu essen. Laß alles nur, bitte, auf morgen,
+wenn du etwa in einer andern Angelegenheit herkommst! Ich habe dich
+gestern schon überall gesucht, um dich für heute einzuladen, und konnte
+dich nicht finden. Aber warum bringst du Sokrates nicht mit?« »Ich drehe
+mich um«, hätte Aristodemos gesagt, »und sehe keinen Sokrates. >Ja, ich
+bin aber doch mit Sokrates gekommen,< rief ich, >Sokrates hat mich
+aufgefordert, mit zu euch zu kommen!<« »Gut, gut, natürlich, aber wo
+ist er?« »Ja, Sokrates ging hinter mir und kam mit herein, ich bin jetzt
+selbst ganz verwundert, wo er nur geblieben sein mag.« »Sieh du dich
+nach Sokrates um,« hätte Agathon einem Knaben befohlen, »und bring ihn
+uns! Doch du, Aristodemos, lege dich dorthin neben Eryximachos!« Ein
+Knabe hätte Aristodemos nun die Füße gewaschen und Aristodemos sich dann
+neben Eryximachos gelegt. Der Knabe aber, den Agathon nach Sokrates
+geschickt hatte, wäre mit dem Berichte zurückgekommen: Sokrates stehe
+ganz allein im Tore des Nachbarhauses und wolle nicht kommen. »Unsinn,
+gehe noch einmal und laß nicht locker!« Agathon hätte noch einmal den
+Knaben schicken wollen, doch Aristodemos entgegnete: »Nein, nein, laßt
+Sokrates nur! Er macht das oft so und bleibt plötzlich wo stehn. Er wird
+ja gleich kommen. Stört ihn nur nicht!« »Nun, wenn du glaubst;« gab
+Agathon nach, »ihr Knaben aber bringt uns das Essen. Setzt es uns vor,
+ganz wie ihr wollt! Niemand soll heute die Aufsicht führen. Ich liebe
+das nicht. Bildet euch ein, wir wären von euch zu Tische geladen, und
+bedient uns so, daß wir euer Haus dann loben!« Und so hätten sich denn
+alle ans Essen gemacht. Sokrates wäre aber noch immer nicht gekommen.
+Agathon hätte ihn zwar immer wieder holen lassen wollen, aber
+Aristodemos wäre weiter dagegen gewesen. Endlich wäre er doch gekommen,
+sogar ohne diesmal so lange wie gewöhnlich auf sich warten zu lassen,
+sie wären alle noch mitten im Essen gewesen. Und gleich hätte Agathon,
+der ganz an der Ecke allein saß, Sokrates zugerufen: »Zu mir, Sokrates,
+setze dich zu mir, damit auch ich etwas von dem Gedanken, der dir dort
+vor der Tür in den Wurf kam, bekomme! Du hast dir ihn wohl gefangen und
+hältst ihn jetzt fest! Natürlich, sonst hättest du wohl kaum den Anstand
+verlassen!« Sokrates hätte sich auch gleich neben Agathon gesetzt und
+ihm erwidert: »Ich mag mit meinem Platze wohl zufrieden sein, wenn also
+die Weisheit wirkt, daß sie aus dem Vollen ins Leere abfließt, so wir
+beide uns nebeneinander halten, wie ja das Wasser aus dem vollen Becher
+in den leeren fließt, wenn man ein Haar zwischen beide legt. Ja, wenn
+also die Weisheit wirkt, dann ehre ich den Platz neben dir! Ich glaube,
+neben dir recht voll von deiner reichen und schönen Weisheit zu werden.
+Denn meine Weisheit ist mager und zweifelhaft, zweifelhaft wie ein
+Traum. Deine Weisheit hingegen strahlt und hat eine helle Bahn, du bist
+noch so jung, und sie hat gestern vor mehr als dreißigtausend Griechen
+geleuchtet!« »O Sokrates, du bist ein böser Spötter; den Streit über
+unsere Weisheit aber wollen wir später ausfechten, und Dionysos wird
+Richter sein. Jetzt iß nur zuerst!« Nun hätte also auch Sokrates
+gegessen, und da er und die andern fertig waren, hätten alle zuerst dem
+Gotte vom Weine gespendet und die Lieder gesungen, und so unter allen
+den üblichen Gebräuchen wäre es zum eigentlichen Trinkgelage gekommen.
+Und Pausanias nahm gleich das Wort: »Wohlan denn, Freunde, da jetzt
+getrunken werden muß, so frage ich zuerst, wie machen wir uns dies
+heute so leicht wie möglich? Damit ich es nur gleich gestehe, mein Kopf
+ist mir noch von gestern schwer, und ich muß mich heute noch davon
+erholen. Und da ihr alle gestern zugegen waret, so nehme ich dasselbe
+von euch an.« »Da hast du recht, Pausanias,« fiel Aristophanes ein, »da
+hast du recht, wir müssen uns heute durch irgend etwas vom fortwährenden
+Trinken ablenken. Auch ich stak gestern tief im Weine!« »Das heiße ich
+vernünftig gesprochen,« rief Eryximachos, der Sohn des Akumenos, »aber
+nur einen von euch möchte ich noch fragen, dich, Agathon: Hast du viel
+Lust zum Trinken?« »Nein, nein, sehr wenig!« gab Agathon zur Antwort,
+und Eryximachos: »Nun, wenn so unsre besten Zecher versagen, so ist das
+für mich und Aristodemos und Phaidros ein großer Trost, denn wir drei
+vertragen nie viel. Sokrates nehme ich aus, denn er kann immer beides,
+und darum wird ihm beides recht sein. Da also niemand von den Anwesenden
+Lust hat, viel zu trinken, so dürfte ich gerade heute niemandem zu nahe
+treten, wenn ich euch über die Trunksucht einmal die Wahrheit sage. Ich
+bin Arzt und habe in meiner Praxis erfahren, wie schädlich der Rausch
+den Menschen sei. Ich selbst möchte also heute weder gerne einfach
+darauflostrinken, noch andern dazu raten, am wenigsten dem, welchem noch
+von gestern der Kopf brummt!« »Eryximachos, ich folge dir, du weißt es,
+immer und besonders dann, wenn du als Arzt sprichst,« unterbrach ihn
+Phaidros, der Myrrhinusier, »heute werden auch die andern auf dich
+hören, wenn ihnen an ihrem eigenen Wohl gelegen ist.« Und so waren denn
+alle darin übereingekommen, heute nicht bis zum Rausch, sondern ganz
+ohne Zwang zu trinken. Und Eryximachos fuhr fort: »Da es also abgemacht
+ist, daß heute jeder nur so viel trinke, wie er will, und niemand
+gezwungen wird, so schlage ich vor, wir lassen die Flötenspielerin, die
+eben gekommen ist, wieder gehen; sie mag sich selbst oder, wenn sie es
+vorzieht, unsern Weibern zu Hause etwas vorspielen; wir werden uns
+allein unterhalten und zwar mit Gesprächen. Und wenn ihr es hören wollt,
+so werde ich euch sagen, worüber wir reden sollten!« Alle wollten den
+Vorschlag des Eryximachos hören, und Eryximachos sagte ihn: »Ich beginne
+wie des Euripides Melanippe: Nicht ich rede, sondern Phaidros spricht
+durch mich. Phaidros sagt mir nämlich jedesmal ganz bitter: »Ist es
+nicht arg, Eryximachos, daß auf alle Götter Lieder und Gesänge von den
+Dichtern geschrieben werden und daß ihrer niemand noch Eros, diesen
+alten und starken Gott, im Liede gepriesen hat? Sieh dir die ehrlichsten
+Sophisten an: Herakles und die andern Götter verherrlichen sie in ganzen
+Abhandlungen, denke nur an den ausgezeichneten Prodikos! Und wenn man
+das noch verstehen kann, aber ich hatte unlängst ein Buch in der Hand,
+und darin konnte man ganz ernst ein Loblied auf den Nutzen des Salzes
+lesen, und in dieser Art könntest du noch vieles finden. Auf solche
+Dinge wird viel Fleiß verwendet, aber bis heute hat noch niemand gewagt,
+Eros zu feiern; ein so großer Gott bleibt also ohne Ehren!« Phaidros
+scheint mir recht zu haben. Ich will also seinen Antrag unterstützen
+und ihm gefällig sein; ich glaube auch, gerade jetzt wäre unter uns
+Stimmung, den Gott zu preisen. Wenn ihr nun alle meiner Ansicht seid, so
+könnten wir uns nicht angenehmer die Zeit vertreiben. Ich denke, wir
+fangen dann von rechts an und jeder spricht etwas zum Preise des Gottes,
+so gut er es eben kann; Phaidros beginnt, er sitzt ganz oben und hat
+uns auch zum Ganzen angeregt.« »Niemand, Eryximachos, wird gegen dich
+stimmen,« rief Sokrates, »am wenigsten ich, der ich immer behaupte, mich
+überhaupt nur auf die Liebe zu verstehen; Agathon und Pausanias sind
+selbstverständlich dafür; Aristophanes hat es ja immer nur mit Aphrodite
+und Eros zu tun, alle, alle hier sind auf deiner Seite. Allerdings sind
+wir, die ganz unten sitzen, ein wenig im Nachteil, doch wenn die andern
+oben gut sprechen, so werden wir es zufrieden sein. Viel Glück denn,
+Phaidros, fange an und preise uns den Gott der Liebe!« Alle haben sich
+Sokrates angeschlossen und Phaidros zum Worte gerufen. Was nun jeder
+sprach, dessen konnte weder Aristodemos sich immer genau entsinnen, noch
+weiß ich selbst alles so deutlich, wie Aristodemos es mir erzählt hat.
+Doch was mir in ihren Reden wesentlich und denkwürdig erschien, das
+alles sollt ihr jetzt hören.
+
+Phaidros hätte also begonnen: »Ein großer Gott ist Eros und wunderbar
+unter Menschen und Göttern, groß und wunderbar in vielem Sinne und vor
+allem dann, wenn wir an seine Geburt denken. Denn Eros ist der älteste
+der Götter, und das allein ist ein Vorzug. Eros hat keinen Vater und
+keine Mutter, Dichter und Laien wissen nichts von seiner Geburt. Hesiod
+sagt, am Anfang sei das Chaos gewesen und >dann die breite Erde, der
+Wesen ewig sicherer Sitz und endlich Eros<. Und Parmenides erzählt von
+der Schöpfung, sie habe von allen Göttern zuerst den Gott der Liebe
+ersonnen. Wie Hesiod denkt auch Akusilaos, und so gilt denn Eros
+wirklich vielen als der älteste Gott. Und darum ist er auch der Spender
+höchster Gaben. Ich wüßte denn auch keine höhere Gabe als einem Jüngling
+den treuen Freund und diesem den Geliebten. Was allen Menschen, die edel
+ihr Leben führen wollen, immer notwendig sein soll, das können diesen
+nicht Geburt, nicht Ehre, nicht Reichtum so reich geben, wie die Liebe
+es gibt. Denn die Liebe allein gibt die Scham vor dem Laster und den
+Ehrgeiz alles Edlen, und ohne beide vermag eine ganze Stadt, vermag der
+Einzelne nicht das Große zu wirken. Ich meine, wenn ein Jüngling irgend
+etwas ganz Schlechtes getan hat oder seine Feigheit den Gegner nicht
+wehren wollte, so wird die offene Scham ihn vor seinen Eltern oder
+Gefährten lange nicht so wie vor dem Geliebten schmerzen. Und wenn
+der Geliebte bei etwas Schlechtem ertappt wird, so empfindet er vor
+niemandem so bitter die Schande wie vor dem Freunde! Die Freunde und die
+Geliebten -- ja sollte es möglich sein, aus beiden eine ganze Stadt oder
+ein ganzes Heer zu bilden, so könnten eine so gemeinsame Abscheu vor dem
+Laster und ein so selbstloser Ehrgeiz das Staatswesen nicht besser
+verwalten, und wenn sie gemeinsam in die Schlacht zögen, müßten sie,
+wenn ihrer auch nur wenige wären, alle anderen, ich sage gleich, die
+ganze Welt besiegen. Ein Jüngling, der die Waffen wegwirft und die
+Schlachtreihe verläßt, würde wohl von allen anderen besser als von dem
+Geliebten empfangen werden und eher sterben, bevor er dies täte. Oder
+gar den Geliebten verlassen, ihm in der Gefahr nicht beispringen: so
+feige ist niemand -- jeden hat die Liebe so mit göttlichem Mute begabt,
+daß er sich dann mit dem Kühnsten messe. Und wenn der Gott, wie Homer
+ungeschickt sagt, einigen Helden den Mut einhaucht, so schenkt Eros sich
+selbst den Liebenden als Mut.
+
+Und nur Liebende wollen füreinander sterben, und das tun nicht nur
+Männer, sondern sogar die Frauen. Alkestis, des Pelias Tochter, hat es
+vor allen Griechen bewiesen. Sie, sie allein wollte für Admet in den
+Tod gehen, und doch lebten diesem noch Vater und Mutter. Ja, Alkestis
+stand um ihrer Liebe willen so hoch über diesen, daß sie für immer
+dartat, wie Eltern im Grunde und zuletzt dem Sohne doch fremd wären und
+ihm nur den Namen gäben. Und der Alkestis Tat war auch vor den Göttern
+so edel, daß liebend diese der Alkestis Seele aus dem Hades ließen, eine
+Gnade, welche nur wenigen und nur denen, die Höchstes vollbracht haben,
+Götter gewähren. So ehren die Götter den Eifer und Mut der Liebe.
+Orpheus dagegen, den Sohn des Oiagros, ließen sie erfolglos aus dem
+Hades gehen, die Götter zeigten ihm nur den Schatten des Weibes, um das
+er kam, Eurydike selbst gaben sie nicht zurück, denn Orpheus war ein
+Musiker und feige, und statt um der Liebe willen gleich Alkestis zu
+sterben, wollte er es erzwingen, lebend unter die Schatten zu treten.
+Darum sandten die Götter ihm die Strafe und ließen ihn von den Mänaden,
+von Weibern, zerfleischen. Achilleus aber, den Sohn der Thetis, ehrten
+sie, und ihn sandten sie hin nach den Inseln der Seligen. Aus der Mutter
+Munde hatte der Held erfahren, daß er wählen müsse: >Wenn du Hektor
+tötest, so mußt du jung in Troja sterben, doch wenn du ihn schonst, so
+kehrst du nach der Heimat zurück und scheidest als Greis vom Leben.<
+Achilleus war stark und wählte den frühen Tod und rächte Patroklos, der
+ihn geliebt hatte, er starb nicht für ihn, nein, er starb dem toten
+Freunde nach. Und weil Achilleus den Freund so hochhielt, darum haben
+überschwenglich ihn die Götter geliebt und geehrt. Äschylos schwatzt,
+wenn er behauptet, Patroklos sei der Geliebte und Achilleus der Freund
+gewesen, denn Achilleus war nicht nur schöner als Patroklos, er war
+schöner als alle anderen Helden und hatte, wie außerdem Homer sagt, noch
+keinen Bart und war der jüngere. Es ehren die Götter ja überall den Mut
+in der Liebe, aber sie staunen mehr und spenden reicher die Gnade, wenn
+der Geliebte dem Freunde, als wenn der Freund dem Geliebten die Liebe
+beweist. Denn der Freund ist göttlicher als der Geliebte. Der Freund
+trägt den Gott in sich. Und darum haben die Götter Achilleus mehr geehrt
+als Alkestis, und Achilleus und nicht Alkestis haben sie nach den
+Inseln der Seligen geschickt. Ich schließe und sage, Eros ist von allen
+Göttern der älteste und ehrwürdigste und der hohe Herr aller, die im
+Leben und nach dem Tode zur Tugend und zum Heile kommen wollen.«
+
+So also hatte Phaidros gesprochen. Auf ihn sind noch einige andere
+gefolgt -- Aristodemos erinnerte sich ihrer Worte nicht mehr -- bis
+dann Pausanias an die Reihe kam: »Indem du, Phaidros, Eros so einfach
+den Preis sprachest, hast du dir die Aufgabe, wie mir scheint, nicht
+richtig gestellt. Ja, wenn es nur =einen= Eros gäbe, würde ich nichts
+einzuwenden haben. Nun gibt es aber nicht nur =einen= Eros, und darum
+ist es wohl unerläßlich, vorauszuschicken, welchen wir preisen sollen.
+Ich will also versuchen, dich zu berichtigen, das heißt: ich werde
+zuerst sagen, welchen Eros wir preisen sollen, und dann erst werde ich
+den Würdigen würdig preisen. Wir alle wissen, daß Aphrodite nie ohne
+Eros ist. Wenn es nun nur =eine= Aphrodite gäbe, so hätten wir nur
+=einen= Eros. Nun gibt es aber zwei Göttinnen der Liebe, und darum
+haben wir notwendig auch zwei Eroten. Zwei Göttinnen der Liebe also:
+die ältere mutterlose Tochter des Uranos, sie heißt die himmlische
+Aphrodite, und dann die jüngere, des Zeus und der Dione Tochter, die
+irdische Aphrodite. Und darum müssen wir den Eros, der diese begleitet
+und dieser hilft, den irdischen Eros, und den, der jene begleitet und
+jener hilft, den himmlischen Eros nennen. Weiter, im allgemeinen können
+wir ja gar nicht anders als alle Götter preisen, aber hier müssen
+wir klar zu machen versuchen, welcher Preis jedem der beiden Götter
+gebühre. Es gilt ja überall: Eine Handlung ist niemals an und für sich
+gut oder an und für sich schlecht. Was immer wir jetzt hier tun, ob wir
+nun trinken, singen oder Reden halten, alles das könnte niemals an und
+für sich, aus sich heraus gut sein, denn die Art und Weise entscheidet.
+Wenn wir ehrlich und edel handeln, so ist die Handlung gut, wenn wir
+niedrig handeln, schlecht. Und so ist auch Eros und jede Betätigung
+der Liebe an und für sich, im allgemeinen weder ein Edles noch würdig
+gepriesen zu werden, sondern nur derjenige ist es, der edel zu lieben
+weiß.
+
+Der Eros der irdischen Aphrodite ist nun wirklich irdisch und überall
+und gemein und zufällig. Und alles Gemeine bekennt sich zu ihm. Der
+Gemeine liebt wahllos Weiber und Knaben, und er liebt immer nur den
+Leib, er liebt vor allem die geistig noch unentwickelten Knaben, da er
+eben nur den Zweck will und die Art ihn nicht kümmert. So handelt er
+denn auch immer ganz zufällig, heute gut und morgen schlecht, und liebt,
+was ihm begegnet. Seine Göttin ist die jüngere, und an der Zeugung und
+Geburt der irdischen Aphrodite hatten der Mann und das Weib, beide
+Geschlechter, teil. Die hohe Liebe stammt von der himmlischen Aphrodite,
+und die himmlische Aphrodite war aus dem Manne frei geschaffen und ist
+die Ältere und voll Maß und gebändigt. Und darum also streben sehnend
+alle Jünglinge und Männer, welche diese Liebe begeistert, zum
+männlichen, zum eigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur
+und den höheren Sinn. Aber auch hier in der Männerliebe müssen wir von
+anderen scharf diejenigen scheiden, die nur von der hohen Liebe und nur
+von ihr geführt werden. Sie lieben die Jünglinge erst, wenn diese
+selbständig zu denken beginnen, es ist das im allgemeinen um die Zeit,
+da diesen der Bart keimt. Und wer hier den Jüngling zu lieben beginnt,
+wird dann auch bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten
+gemeinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen und auslachen und
+davon zu einem andern laufen, etwas, das immer vorkommt, wenn er den
+Geliebten, da dieser beinahe noch ein Kind war, genommen hat. Ich meine,
+es sollte ein Gesetz geben, das da verbietet, Knaben zu lieben, damit
+nicht so ins Ungewisse hinein viel Leidenschaft verschwendet werde. Man
+kann nie wissen, wie ein Knabe sich an Geist und Körper entwickeln
+werde. Der Edle wird sich dieses Gesetz selbst geben, die anderen
+sollten wir dazu zwingen, wie wir sie ja auch, soweit es da überhaupt
+möglich ist, zwingen, freie Frauen nicht zu schänden. Denn diese
+Niedrigen sind es, die unsere hohe Liebe so in Verruf gebracht haben,
+daß man jetzt überall hört, der Geliebte dürfe dem Freunde nicht zu
+Willen sein. Man denkt da natürlich nur an sie und sieht ihre
+Taktlosigkeit und ihr Unrecht, und alles Regellose und Ungesetzliche
+verdient ja mit Recht Tadel.
+
+In den anderen Städten sind die Anschauungen von der Liebe leicht zu
+verstehen: alles ist da einfach und bestimmt; nur hier bei uns und in
+Lakedaimon scheinen sie schwierig und verwickelt. In Elis und Böotien,
+überall also, wo die Leute nicht sonderlich redegewandt sind, heißt
+es kurz: dem Freunde zu Willen sein ist gut, und kein Mann und kein
+Jüngling wird anders denken. Denn durch diese Bestimmtheit meiden sie
+ein für allemal die Gefahr, die Geliebten erst überreden zu müssen, denn
+reden -- das können sie nun einmal nicht. In Jonien dagegen und überall
+bei den Barbaren gilt unsere Liebe einfach für eine Schande. Unter
+Barbaren verdammt sie die Tyrannis, wie diese ja schließlich auch die
+Philosophie und Körperbildung verurteilt. Denn dem Tyrannen kann es
+nicht sehr förderlich sein, wenn seinen Kreaturen der Verstand wächst
+und unter diesen starke Freundschaftsbünde entstehen, denn gerade solche
+bildet gerne die Liebe. Unsere Tyrannen haben es am eigenen Leibe
+erfahren: die Liebe des Harmodios und Aristogeiton ist stark geworden
+und hat deren Herrschaft gebrochen. Noch einmal also, immer dort, wo es
+für eine Schande gilt, dem Freunde zu Willen zu sein, spricht nur die
+Niedrigkeit der Anschauungen, das heißt: die Herrschsucht des Tyrannen
+und die Feigheit des Sklaven; wo es aber ohne Umstände für
+selbstverständlich gilt wie in Elis und Böotien, dort ist die Sitte eben
+noch roh.
+
+Bei uns nun ist die Sitte edler und, wie ich schon gesagt habe, nicht
+leicht verständlich. Man denke nur, es gilt für edler, offen zu lieben
+als verstohlen, für edler, die Vornehmsten und Tüchtigsten, auch wenn
+sie weniger schön wären als andere, zu lieben, man denke weiter, in
+wunderbarer Weise gibt alles dem Liebenden recht und ermutigt ihn wie
+einen, der durchaus nicht schlecht handelt; ja, wer den Geliebten
+gewinnt, hat recht getan, und wer es nicht vermag, trägt den Schimpf
+davon. Und damit der Freund sein Ziel erreiche und den Geliebten
+gewinne, gibt unsere Sitte ihm Freiheiten, das Wunderlichste unter dem
+Beifall aller zu tun, Dinge zu tun, die ihm Schande brächten, wenn sie
+einem anderen Zweck dienten. Denn wollte jemand, um sich Geld zu machen
+oder einen guten Posten zu erhalten oder im Staate zu Einfluß zu kommen,
+alles das tun, was der Freund für den Geliebten tut, wollte er da
+ebensoviel bitten und flehen, Eide schwören und vor den Türen liegen,
+kurz sich niedriger als der letzte Sklave gebärden, Freund und Feind
+würden sich dagegen erheben: seine Feinde würden ihn der Kriecherei und
+Feigheit zeihen, seine Freunde sich seiner schämen und ihm helfen. Den
+Liebenden aber begleitet überallhin die Gunst aller, und alles ist ihm
+nach unserer Sitte erlaubt, ja er handelt nach ihr sogar besonders kühn.
+Und was ganz ungeheuer klingt, die Götter, heißt es, verzeihen Liebenden
+und nur ihnen den gebrochenen Eid. Die Liebe schwört keine Eide, hört
+man die Leute sagen. So geben Götter und Menschen den Liebenden alle
+Mittel frei, und das und nichts anderes sagt unsere Sitte.
+
+Nach ihr also müßten wir alle überzeugt sein, es gelte in unser Stadt
+allgemein für ein ganz außerordentlich Edles, zu lieben und geliebt zu
+werden. Und doch verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem, der ihrer
+Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch einzulassen und halten ihnen
+darum Hauslehrer, ja wenn dies vorkommt, so rügen es auch die
+Altersgenossen und Gespielen, und Ältere erheben dagegen keinen
+Einspruch und geben den Gespielen recht, wenn diese sie rügen: nun,
+wer das wiederum sieht, der muß dann im Gegenteil glauben, unsere
+Liebe sei auch hier eine große Schande. Dieser Widerspruch löst sich
+meiner Ansicht nach also: wie ich schon gesagt habe: es gibt eben
+nicht einfach etwas, was an und für sich gut, und ein anderes, was an
+und für sich schlecht wäre, alles hängt von der Art und Weise unseres
+Handelns ab. Es ist niedrig, dem Niedrigen, und edel, dem Edlen zu
+Willen zu sein. Niedrig ist jener Adept der gemeinen Liebe, welcher
+den Leib mehr als die Seele liebt, denn er ist ohne Treue, da er ein
+so treuloses, wechselndes Ding wie den Leib liebt. Wenn der Leib, den
+er begehrt hat, verblüht, dann läuft er davon und schämt sich seiner
+vielen Worte und Versprechen. Nur wer die edle Gesinnung liebt, hat
+sich dem Dauernden verbunden und bleibt treu. Und diesen, den Treuen
+will unsere Sitte prüfen. Darum fordert sie die Geliebten auf, zu
+fliehen, und die Freunde, diesen nachzustellen; in diesem Kampf will
+sie den Geliebten, will sie den Freund erproben. Da gilt es ihr dann
+für niedrig, sich schnell und leicht fangen zu lassen. Es soll zuerst
+eine gewisse Zeit verstreichen; die Zeit stellt ja alles auf die
+Probe. Da gilt es ihr weiter für niedrig, durch Geld oder politischen
+Einfluß sich gewinnen zu lassen, ob nun der Geliebte unter dieser
+Roheit leidet, ohne doch sich frei machen zu können, oder ob er sich
+bestechen läßt und keine Verachtung dafür hat. Denn abgesehen davon,
+daß unter diesen Voraussetzungen nie eine wahre Freundschaft sich
+bilden kann, so vermag alles das überhaupt nicht zu halten und zu
+dauern. Und so bleibt nach unserer Anschauung nur =ein= Weg dem
+Geliebten übrig, seinem Freunde in edlem Sinne zu Willen zu sein, nur
+=ein= Weg: denn genau so wie dem Freunde kein Dienst, den er für den
+Geliebten tut, als schmeichlerisch und schandbar ausgelegt wird, wird
+dann dem Geliebten nur =ein= Dienst frei und ohne Schimpf bleiben: der
+Geliebte wird um der Tugend willen dienen. Und bei uns ist denn auch
+die Sitte wirklich durchgedrungen: wenn dem Freunde der Geliebte in
+der Absicht, weiser und besser zu werden, dient, so ist diese
+Dienstbeflissenheit nichts Schlechtes, nicht Kriecherei, wie man oft
+hört. Und wenn es wahrhaft edel werden soll, daß der Geliebte dem
+Freunde sich hingibt, so müssen unsere Anschauung von der Liebe und
+jene von der Philosophie und jeder anderen inneren Tüchtigkeit sich
+decken. Wenn also unsere Freunde und unsere Geliebten sich dort
+begegnen werden, wo der Freund dem Geliebten durchaus uneigennützig
+zur Seite steht und der Geliebte dem Freunde, der ihn weise und edel
+gemacht hat, sich willig unterordnet, wo weiter der Freund als der
+Stärkere wirklich die Gesinnung und jede Tätigkeit des Geliebten
+fördert, und der Geliebte als der Schwächere die Bildung und Einsicht
+vom Freunde annimmt, wenn also Freund und Geliebter, jeder dem eigenen
+Gesetze gehorchend, so das Gemeinsame finden, so wird es hier nicht
+anders heißen können, als es ist edel, daß der Geliebte dem Freunde zu
+Willen sei. Hier ist es auch keine Schmach, sich zu täuschen und
+betrogen zu werden. In allen anderen Fällen trägt der Geliebte die
+Schande davon, ob er nun betrogen wird oder nicht. Denn wenn der
+Geliebte dem Freunde um dessen Reichtum willen sich hingibt und dann
+betrogen wird, so ist das schamlos und bleibt es, wenn der Freund sich
+später als arm erweisen sollte; denn er hat bewiesen, daß er sich für
+Geld auch jedem andern unterordnen würde, und das ist immer gemein.
+Umgekehrt aber und nach derselben Anschauung: wenn der Geliebte, um
+besser zu werden, dem Freunde zu Willen ist und dann betrogen wird, da
+der Freund sich als niedrig erweist, so ist dennoch diese Täuschung
+ein durchaus Edles. Der Geliebte hat, soweit es von ihm abhing,
+bewiesen, daß er der Tugend zuliebe und um besser zu werden zu allem
+bereit sei, und ich kenne nicht, was edler wäre. So ist es also, noch
+einmal, durchaus edel, um der Tugend willen sich hinzugeben.
+
+Das also ist der Eros der himmlischen Göttin, auch er kommt vom Himmel
+und ist von großem Werte für die Stadt und den einzelnen, denn er gibt
+dem Freund und dem Geliebten beiden jene große Sorge um die eigene
+innere Tüchtigkeit. Wer von dieser Sorge nichts weiß, der bekennt sich
+zum irdischen Eros. Und das ist es, Phaidros, was ich, so gut es aus
+dem Stegreif ging, zum Preise des Gottes beitragen konnte.
+
+Nach Pausanias, erzählte Aristodemos, hätte Aristophanes sprechen
+sollen. Ob es nun die Folge davon war, daß er gestern zu viel getrunken
+hatte oder eine andere Ursache hatte, Aristophanes hatte Schlucken und
+konnte nicht gut sprechen. So sagte er denn zu Eryximachos -- er saß
+gerade vor dem Arzt Eryximachos --: »Eryximachos, du mußt mir entweder
+den Schlucken nehmen oder für mich sprechen, bis ich ihn verloren habe.
+Du kannst ja beides.« Eryximachos antwortete: »Ich will dir beides tun.
+Ich werde jetzt für dich eintreten, und du kannst dann für mich reden.
+Und wenn du, während ich rede, den Atem anhältst, wird der Schlucken
+vergehen. Sonst nimm etwas Wasser und gurgle! Sollte er aber sehr heftig
+sein, so reize mit etwas die Nase und bringe dich zum Niesen! Wenn du
+das ein- oder zweimal tust, so muß er aufhören, und wenn er noch so
+heftig wäre.« »Danke, ich werde alles tun; sprich du nur gleich!« sagte
+Aristophanes.
+
+Eryximachos begann also: »Pausanias hat zwar gut begonnen, aber nicht
+richtig geschlossen, und darum muß ich seine Rede wohl noch vollenden.
+Daß er zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig. Daß aber
+Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele nach schönen Jünglingen,
+sondern in jeder Begierde, in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der
+Pflanze, in der ganzen Natur lebt, das glaube ich gerade in der
+Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben. Groß und wie ein Wunder
+reicht dort in alles Göttliche und Menschliche dieser Gott. Und um meine
+Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst. Die Natur
+birgt hier die beiden Arten des Eros in sich, und ich meine das so: das
+gesunde und das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen, zwei
+verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge. Das eine begehrt nach dem,
+nach welchem das andere nicht begehrt. Anders wirkt die Liebe im gesunden
+und anders die Liebe im kranken Element. Pausanias hat oben ausgeführt,
+daß es edel sei, den Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein:
+nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente der Natur, und
+schlecht, die kranken zu fördern, und das heißt Heilkunst, und das muß
+der Arzt verstehen. Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst lehrt
+uns die beiden Neigungen der Natur kennen: die Neigung, Elemente
+aufzunehmen und die Neigung, Elemente abzustoßen, und wer hier die
+gesunde Neigung von der kranken zu unterscheiden weiß, der ist der beste
+Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch die andere zu ersetzen,
+hier die gesunde Neigung zu erregen, dort die kranke zu vernichten weiß,
+der ist der Meister. Denn die feindlichen Elemente in der Natur müssen
+wir miteinander versöhnen, wir müssen in ihnen Neigung zueinander
+erwecken. Die feindlichen Elemente -- das sind die großen Gegensätze in
+der Natur: das Kalte ist dem Warmen, das Bittere dem Süßen, das Trockene
+dem Feuchten entgegengesetzt. Und unter diesen Gegensätzen Neigung, den
+Eros erwecken -- das verstand Asklepios, unser Ahnherr, und aus dieser
+Erkenntnis bildete er, wie die Dichter sagen und wie ich es durchaus
+glaube, unsere Kunst. Die ganze Heilkunst wird ja von diesem Gott
+beherrscht, die Heilkunst und, damit ich es hier nicht vergesse, die
+Lehre von der Körperbildung und der Ackerbau. Und wer nur ein wenig
+nachdenkt, für den gilt dasselbe von der Musik. Herakleitos hat es schon
+sagen wollen und sich nur schlecht ausgedrückt, wenn er behauptet, daß
+alles Zwiespältige sich wieder eine, wie in der Form Bogen und Leier sich
+einen. Es ist zunächst zwar unsinnig, von einer zwiespältigen Einheit zu
+sprechen und zu sagen, daß eine Einheit aus Zwiespältigem bestehe. Aber
+vielleicht wollte Herakleitos nur sagen, daß Hoch und Tief zuerst, in der
+Natur also, zwiespältig seien und in der Musik sich dann einen. Denn ganz
+unmittelbar gibt es keine Einheit von Hoch und Tief. Alle Einheit ist
+Zusammenklang und der Zusammenklang Übereinstimmung. Solange aber noch
+zwei Dinge zwiespältig sind, so können sie nicht übereinstimmen, und das
+Widersprechende wieder kann unmittelbar keine Einheit bilden. Auch der
+Rhythmus entsteht erst dadurch, daß die zwei Maße, Schnell und Langsam,
+zuerst einander widersprechen müssen und dann übereinstimmen. Und diese
+Übereinstimmung bringt hier die Musik in die Dinge, genau so wie dort die
+Heilkunde sie in die Dinge gebracht hat: die Musik erregt die Neigung,
+den Eros unter allem Zwiespältigen. Ich verstehe also unter Musik die
+Wissenschaft von der Neigung der Gegensätze, der Gegensätze von Hoch und
+Tief, Schnell und Langsam. In diesem abstrakten Verhältnis von Einheit
+und Rhythmus ist der Gott nicht schwer zu erkennen, hier herrscht noch
+nicht der doppelte Eros.
+
+Wenn wir aber auf den Menschen diese Begriffe von Einheit und Rhythmus
+anwenden und sie auf Dichtung und Gesang, auf das also, was unsere
+Erziehung bildet, beziehen sollen, so wird die Sache schwierig und bedarf
+eines tüchtigen Meisters. Und hier gilt dann der Satz des Pausanias: wir
+müssen der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur Einheit noch
+kommen wollen, zu Willen sein, sie müssen wir hüten und züchten, denn es
+ist das der reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania. Die irdische
+Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia, dürfen wir nur mit Vorsicht
+anwenden, damit die Lust, die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles
+Maß nehme; es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür zu sorgen,
+daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst ohne Schaden genieße. Und so
+müssen wir denn in der Musik, in der Heilkunst, in allem Göttlichen und
+Menschlichen überall die beiden Arten des Eros beobachten: denn sie
+stecken in den Dingen selbst, beide Eroten stecken in den Dingen.
+
+Und weiter -- auch im Verhältnis der Jahreszeiten leben sie, der echte
+Eros und der falsche. Wenn der echte Eros sich zwischen warm und kalt,
+zwischen trocken und feucht zeigt und hier alles Zwiespältige sich eint
+und weise mischt, so bringt das Jahr Segen und Gesundheit für Mensch
+und Tier und Gewächs. Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den
+Jahreszeiten waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden; dann
+entstehen große Seuchen unter den Tieren, und viele böse Krankheiten
+bilden sich an den Pflanzen, und der Reif und Hagel und Brand kommen,
+wenn alles sich zu gierig und maßlos liebt. Ich verstehe unter der
+Wissenschaft, welche die ganze Liebe in der Natur auf den Lauf der
+Sterne und den Wechsel der Jahreszeiten bezieht, die Astronomie.
+
+Endlich aber haben wir noch die Opfer und die Kunst der Seher -- alles
+also, wodurch die Götter mit den Menschen verkehren -- damit diese über
+der Liebe wachen und sie heilen. Alle Gottlosigkeit kommt daher, daß der
+Mensch in seinem Verhältnis zu seinen Eltern, den verstorbenen oder
+lebenden, und zu seinen Göttern dem echten Eros sich nicht hingibt und
+den falschen ehrt, dem falschen dient. Es ist die Pflicht der Seher, auf
+Eros acht zu haben und den falschen zu heilen; denn die Kunst der Seher
+ist da, damit sie Freundschaft zwischen den Göttern und den Menschen
+schaffe und erkenne, ob alles Lieben der Menschen nach den Satzungen und
+zur Frömmigkeit strebe.
+
+So hat denn viel und große, ja alle Macht der ganze Eros, und indem er
+alle guten Dinge klug und gerecht vollendet, hat er die größte Macht und
+bringt uns das ganze Heil und macht uns fähig, untereinander und denen,
+die mehr sind als wir, den Göttern Freunde zu sein. Vielleicht habe ich,
+da ich den Gott pries, vieles übersehen, aber dann ist es gegen meinen
+Willen geschehen. Deine Aufgabe, Aristophanes, mag es sein, die Lücken
+zu füllen. Und wenn du überhaupt im Sinne hast, den Gott zu preisen, so
+tue es gleich, da ja dein Schlucken vergangen ist!«
+
+Aristophanes griff das gleich auf und erwiderte: »Ja, ja, der Schlucken
+hat jetzt wirklich aufgehört. Ich konnte ihm allerdings erst mit dem
+Niesen beikommen und wundere mich eigentlich, daß die Zucht unseres
+Leibes, von der du sprachst, soviel Umstände wie das Niesen braucht.
+Jedenfalls hat er aber ganz aufgehört, da ich dieses Mittel anwandte!«
+»Aber mein Bester, gib nur acht auf dich«, sprach Eryximachos, »statt zu
+reden machst du Witze und zwingst mich, deine Rede zu kontrollieren.
+Denn am Ende wirst du wieder nur etwas Komisches aufbringen, obwohl du
+doch ganz ernst bleiben kannst.« »Du hast recht,« lachte Aristophanes,
+»vergiß, was ich gesagt habe! Aber bitte, nimm es nicht zu genau, denn
+ich fürchte, was ich sagen werde, wird nicht komisch -- das wäre ja
+schließlich noch ein Gewinn und käme auf die Rechnung meiner Kunst --,
+ich fürchte, es wird nur lächerlich!« »O du willst mich treffen und mir
+so entgehen!« erwiderte Eryximachos. »Doch nimm dich in acht und rede
+so, daß du Rechenschaft von deiner Rede geben kannst! Vielleicht spreche
+ich dich dann frei.«
+
+»Und doch,« begann Aristophanes, »und doch, Eryximachos, habe ich im
+Sinne, von Eros ganz anders als du und Pausanias zu reden. Mich dünkt,
+die Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch gar nicht recht
+wahrgenommen; denn sie würden ihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben
+und die größten Opfer darbieten. Bis heute haben sie nichts von allem,
+was hätte geschehen sollen, getan. Wie kein anderer Gott liebt doch Eros
+die Menschen, Eros ist der Menschen Helfer, der Menschen Arzt und das
+hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind. Und von seiner Macht will ich
+zu euch reden, und ihr mögt es die anderen dann lehren. Erfahret denn
+zuerst von der menschlichen Natur und deren Leiden!
+
+Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei
+Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und
+weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten
+gleichen Teil hatte; sein Name ist uns geblieben, das Geschlecht selbst
+ist ausgestorben. Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte einst
+die Gestalt und den Namen des männlichen und weiblichen Geschlechtes
+zu einem einzigen vereinigt, und heute ist uns von ihm nur der Name
+erhalten, und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze Gestalt
+jedes Menschen war damals rund, und der Rücken und die Seiten bildeten
+eine Kugel. Der Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei
+Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden Gesichtern stak ein
+Kopf, aber der Kopf hatte vier Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile
+doppelt, und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch alles andere
+war demgemäß doppelt! Der Mensch ging zwar aufrecht wie heute, aber nach
+vorwärts und nach rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er laufen
+wollte, dann machte er's wie die Gaukler, die kopfüber Räder schlagen:
+er lief dann mit allen acht Gliedern, und so im Rade auf Händen und
+Füßen kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute. Noch einmal,
+es gab einst drei Geschlechter, und das männliche hatte seinen Ursprung
+in der Sonne, das weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden
+ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch der Mond teilt sich
+zwischen Sonne und Erde. Und gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren
+sind, waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt, lief im
+Kreise. Groß und übermenschlich war ihre Stärke, ihr Sinnen war
+verwegen, ja sie versuchten sich sogar an den Göttern. Was Homer von
+Ephialtos und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen: sie
+wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten sich an den Göttern
+vergreifen.
+
+Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen tun sollten, und waren
+recht in Verlegenheit, denn sie konnten weder alle Menschen töten und wie
+einst die Giganten mit dem Blitze das ganze Geschlecht niederschlagen --
+da wäre es auch mit allem Götterdienst und allen Altären vorbei -- noch
+deren Übermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein, und er rief: Ich
+habe das Mittel! Ich habe das Mittel gefunden, die Menschen leben zu
+lassen und doch ihrem Übermut für immer ein Ende zu machen: ich werde
+jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie werden uns dadurch nicht
+nur zahmer, sondern auch von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird
+gerade noch einmal so groß. Die Menschen werden von nun an auf zwei
+Beinen und nur aufrecht gehen. Sollte ihnen aber noch Übermut übrig
+geblieben sein, und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so schneide
+ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen dann auf einem Beine gehen und
+hüpfen. Und wie Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen
+her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man Birnen, um sie einzukochen,
+entzwei schneidet. Und so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch
+Apollon das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche zu
+umdrehen, damit der Mensch von nun an, indem sein Blick auf sie gerichtet
+ist, züchtiger sei. Auch alles andere, was durch den Schnitt wund ward,
+ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die Haut nach dem
+sogenannten Magen hin zusammen und band sie in der Mitte des Magens wie
+einen Schnürbeutel ab und ließ eine Öffnung, und diese Öffnung ist unser
+Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die dadurch entstanden
+waren, und bildete die Brust, indem er sich dazu eines Werkzeuges
+bediente, wie es die Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um
+den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten übrig; auch darüber
+sollte der Mensch seines alten Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese
+Weise die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen die große
+Sehnsucht nach seiner eigenen anderen Hälfte, und die beiden Hälften
+schlugen die Arme umeinander und verflochten ihre Leiber und wollten
+wieder zusammenwachsen und starben vor Hunger und wild und wirr, denn
+keine wollte ohne die andere etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb
+und die andere am Leben blieb, da suchte diese nach der toten und umarmte
+den Leichnam, ob sie nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes -- ich meine,
+was wir heute Weib nennen -- oder auf die Hälfte eines ganzen Mannes
+stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch da hatte Zeus Erbarmen mit dem
+Menschengeschlechte und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile
+nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts besessen und wie
+die Cikaden in die Erde gezeugt und aus der Erde geboren. Und indem Zeus
+die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen ineinander zeugen und
+aus sich selbst gebären, damit von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe
+beischläft, das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann den Mann
+umarmt, ihre Begierde gestillt werde und ihr Sinnen sich beruhige und sie
+an die Arbeit gehen und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser
+Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren und da, damit er die
+Menschen zu ihrer alten Natur zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde
+und so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund von uns
+scheidet, so teilen wir mit ihm einen Würfel, und jeder behält die
+Hälfte, und später erkennen wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch,
+möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und sucht im Leben die
+andere Hälfte des Würfels. Wie die Butten sind wir entzwei geschnitten,
+aus einer Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst, welche aus
+jenem Ganzen geschnitten sind, das früher das Mannweib hieß, lieben heute
+das Weib -- die Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit ihr
+es wißt -- und aus demselben Ganzen sind natürlich auch die Weiber
+geschnitten, die da den Mann lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die
+Weiber dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen Weibes geschnitten
+sind, haben wenig Sinn für den Mann und fühlen sich mehr zum eigenen
+Geschlechte hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus diesem
+Geschlecht. Und endlich die Männer, die aus dem alten männlichen
+Geschlechte geschnitten sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben
+lieben sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen und mit
+Männern liegen. Gerade die mutigsten finden wir unter ihnen, da sie
+ja doch schon von Natur aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie
+schamlos nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln sie
+so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre Männlichkeit liebt eben
+ihresgleichen. Und das beweist es: nur sie dienen, reif und zu Männern
+geworden, dem Staate. Als Männer lieben sie wieder Knaben und Jünglinge
+und kümmern sich wenig darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu
+zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur miteinander zu leben.
+So also sind die Freunde und Geliebten entstanden, auch sie lieben eben
+nur ihr eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen oder jenen
+anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal begegnet, da werden er und
+der andere wundersam von Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt,
+und beide wollen nicht mehr voneinander lassen. Aber sie, die von nun
+an ihr ganzes Leben beieinander weilen, sie wissen dennoch niemals und
+niemand zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe. Die sinnliche
+Begierde könnte doch kaum den einen an den andern mit so großer
+Leidenschaft binden. Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann
+es nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und wenn zu zweien, die
+beieinander liegen, Hephaistos träte mit seinen Werkzeugen und sie
+fragte: Was wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden? Sie
+würden nur verlegen und keine Antwort haben, und wenn der Gott fortführe:
+Wollt ihr =ein= Wesen sein und Tag und Nacht voneinander nicht lassen
+können? Wenn das euer Wunsch ist, so will ich euch zusammenschweißen, und
+ihr werdet ineinanderwachsen, aus zwei Dingen eines werden und euer
+ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach dem Tode in den Hades
+treten wie zwei, die zusammen gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht
+ist und dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen und
+etwas anderes wollen; gleich Kindern würden alle zu hören glauben, was
+seit je ihr Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen und =ein= Wesen mit
+ihm bilden. Denn so war einst unsere alte Natur: wir waren einst ganz,
+und jene Begierde nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einst =ein= Wesen,
+und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom Gotte gespalten worden, wie
+die Arkadier heute von den Lakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort,
+daß wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht fromm gegen die
+Götter sind, und daß wir dann herumgehen wie die Reliefs auf den
+Grabsteinen mit zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal entgehen
+und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder Mensch den anderen heißen, die
+Götter ehren, und Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand
+zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet, der handelt ihm zuwider.
+Nur als des Gottes Freunde und ihm versöhnt, werden wir, was heute nur
+wenigen gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos soll sich
+hier über mich nicht lustig machen und meinen, ich denke jetzt an
+Pausanias und Agathon. Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus
+dem alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle Männer und Weiber
+und behaupte, das Menschengeschlecht könne nur heil sein, wenn wir uns in
+der Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen Geliebten findet und so
+zur alten Natur zurückkehrt. Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir
+nun einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt: unter allen =den=
+Geliebten finden, der uns versteht. Und wenn wir den Gott, dem wir das
+verdanken, preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie kein
+anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt uns die sicherste
+Hoffnung, wenn wir den Göttern unseren frommen Sinn bewahren, uns zu
+unser alten Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu machen.
+
+Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf Eros; sie war anders als
+deine. Ich bitte dich noch einmal darum, mach dich nicht über sie lustig,
+denn wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich nur die Reden
+der beiden anderen, denn Agathon und Sokrates nur sind noch übrig!«
+»Diesen Wunsch will ich dir erfüllen,« sagte Eryximachos, »du hast mir
+gar sehr zu Gefallen gesprochen. Ja, wenn ich nicht wüßte, wie gut
+Sokrates und Agathon sich auf alles, was mit der Liebe zusammenhängt,
+verständen, würde ich fürchten, sie wären jetzt beide in großer
+Verlegenheit, so viel und so verschieden ist hier über Eros gesprochen
+worden; doch so kann ich noch Vertrauen auf sie haben.« Sokrates rief da:
+»Und du selbst hast noch dazu so tapfer gefochten, Eryximachos! Wenn du
+jetzt an meiner Stelle wärest, besser gesagt, wenn du dort wärest, wo ich
+nach Agathons Rede sein werde, würdest du wohl auch Angst haben und meine
+Sorge kennen.« »O du willst mich jetzt besprechen, Sokrates,« fiel
+Agathon ein, »du willst mich bezaubern, damit ich scheu werde und glaube,
+das Publikum setze große Hoffnungen auf meine Worte!« »Da müßte ich aber
+doch vergessen haben, Agathon, daß ich gestern erst deinen Mut und hohen
+Sinn sah, als du mit den Schauspielern vor die Rampe tratst und einem so
+großen Publikum, das, um deine Worte zu hören, gekommen war, ins Auge
+sahst und gar nicht verlegen warst, ja das müßte ich wirklich vergessen
+haben, wenn ich jetzt glauben sollte, wir paar Menschen hier würden
+dich aufregen.« »Ja, Sokrates, hältst du mich denn für so benommen
+vom Theater,« wehrte Agathon ab, »daß ich nicht wüßte, um wieviel
+gefährlicher als ein ganzes Publikum von Unwissenden die wenigen Klugen
+wären?« »Wenn ich dich für so roh hielte, würde ich dir unrecht tun,
+Agathon; ich weiß sehr gut, daß dir mehr an den wenigen, die du für klug
+hältst, als an der großen Menge gelegen ist. Wer weiß aber, ob wir hier
+zu diesen wenigen gehören? Denn gestern im Theater gehörten auch wir zur
+großen Menge. Wenn du aber sonstwo mit anderen Klugen zusammenkämest,
+würdest du dich dann vor ihnen schämen, irgend etwas Törichtes zu machen,
+ja?« »Natürlich!« »Vor der Menge also schämst du dich nicht ...« Jetzt
+fiel aber Phaidros ein: »Ja, Agathon, wenn du Sokrates noch lange immer
+antwortest, wird er sich wenig um unser Thema kümmern, dann hat er
+jemand, dem er Fragen stellen kann, und noch dazu einen so schönen
+Jüngling. Ich höre ja gerne zu, wenn Sokrates sich unterhält, aber hier
+muß ich darauf sehen, daß die Preisreden auf Eros gesprochen werden und
+jeder von euch dem anderen das Wort abnehme. Denn jeder soll hier zum
+Preise des Gottes reden.« »Du hast recht, Phaidros,« sagte Agathon, »mich
+hält auch nichts mehr davon ab; Sokrates wird später noch viel zu sagen
+haben.«
+
+»Ich will zuerst sagen, wie ich zu sprechen habe, und dann erst reden.
+Ihr alle vor mir habt eigentlich gar nicht den Gott, sondern nur das
+Heil der Menschen, die also der Gott begnadet, gepriesen. Vom Gotte
+selbst, der alle diese Gaben bringt, hat niemand gesprochen. Und doch
+ist es überall die rechte Art, zuerst zu sagen, wie denn das Ding selbst
+aussehe, das wir überall als den Grund eines anderen finden. Und darum
+hättet ihr alle billig zuerst Eros selbst und dann seine Gaben preisen
+müssen. Ich sage euch nun, wenn je es mit Fug und ohne Schuld von einem
+Wesen gesagt werden darf: unter jenen heilen Göttern ist Eros der
+heilvollste, denn er ist der schönste und edelste! Eros ist der schönste
+Gott, weil er der jüngste, o Phaidros, ist, und dafür brauche ich keinen
+anderen Zeugen als ihn selbst, denn Eros flieht, flieht das Alter, und
+das Alter ist schnell und kommt schneller als nötig zu uns. Und Eros
+haßt es und lebt darum, Eros weicht dem Alter auf dem Wege aus und
+bleibt mit den Jünglingen und ist selbst ein Jüngling. Das alte Wort hat
+recht: Zum Gleichen gesellt sich das Gleiche. Ich stimme ja mit Phaidros
+in vielem überein, doch muß ich ihm widersprechen, wenn er sagt, Eros
+sei älter als Kronos und Japetos; nein, Phaidros! Eros ist der jüngste
+der Götter und von ewiger Jugend, denn jene alte Not der Götter, von der
+Hesiodos und Parmenides erzählen, hat das Schicksal geschaffen und nicht
+die Liebe -- wenn Hesiodos und Parmenides überhaupt die Wahrheit wissen.
+Die alten Götter würden einander nicht verschnitten und gebunden haben
+und das Grausame damals würde nicht geschehen sein, wenn Eros unter den
+Göttern gewesen wäre; Eros hätte Freundschaft und Frieden unter sie
+gebracht, wie er sie heute bringt, da er der Götter König ist. Jung ist
+also der Gott, und seine Gestalt von zarter Bildung; nur ein Dichter
+wie Homer könnte sie schildern. Homer sagt von Ate, sie sei eine Göttin
+und zart gewesen; ihre Füße, erzählt er, seien zart gewesen...
+
+ Zart sind ihre Füße und nie am Boden
+ Wandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit!
+
+Und, wie ich glaube, an einem schönen Zeichen läßt uns der Dichter die
+Zartheit erkennen: die Göttin schreitet nie auf harten Gründen, sie
+schwebt oben sanft dahin. Und ebendort müssen wir auch Eros' Zartheit
+suchen: Auch Eros schreitet nicht auf der Erde und nicht über die Köpfe,
+-- die wären ihm wohl zu hart; nur dort, wo alles ganz sanft ist,
+wandelt und weilt der Gott. In der Gesinnung und in den Seelen der
+Götter und Menschen baut er sein Zelt, aber auch hier nicht in allen
+Seelen: wo er auf harten Sinn stößt, dort flieht Eros, und nur in der
+sanften Seele will er wohnen. Und da er also immer und ganz nur am
+zartesten haftet, muß er selbst wohl das zarteste Wesen sein. Ich
+wiederhole, Eros ist der jüngste und zarteste Gott; und Eros ist auch
+geschmeidig: denn sonst vermöchte er kaum sich durch alles zu schlingen
+und winden und heimlich in die Seelen zu treten und heimlich von den
+Seelen scheiden.
+
+Eros ist ebenmäßig, seine schöne Haltung zeigt es, und diese zeichnet,
+wie wir wissen, den Gott vor allem aus. Mißbildung und die Liebe
+vertragen einander nicht. Eros ist von schöner Farbe, denn nur vom
+Blühenden lebt er. Wo die Körper und die Seelen nicht blühen oder die
+Blüten verlieren, dort kommt er nicht hin, und nur, wo es blüht und
+duftet, dort läßt sich Eros nieder, dort bleibt der Gott.
+
+Das mag nun von der Schönheit des Gottes genügen, es bliebe ja noch viel
+zu sagen übrig; jetzt aber muß ich von seiner Tugend reden. Und da ist
+es gleich seine größte Tugend, daß er weder Gott noch den Menschen
+unrecht tut und daß ihm von niemand Unrecht widerfährt. Eros leidet
+keine Gewalt, die Gewalt haftet nicht an der Liebe, und Eros tut niemand
+Gewalt an. Freiwillig dient ihm alles, und wo immer der eine dem anderen
+willig dient, da nennen das »die Gesetze, die Könige des Staats«
+gerecht. An der Gerechtigkeit nun hat die Enthaltsamkeit den größten
+Teil, und Enthaltsamkeit heißt überall die Begierden und sich in der
+Freude beherrschen: nun ist aber keine Freude stärker als die Freude der
+Liebe. Wenn also die anderen Freuden schwächer sind, so wären sie ja von
+Eros beherrscht, und Eros ist ihr Herr, und indem er die Freuden und
+Begierden wirklich beherrscht, zeigt er seine Enthaltsamkeit. Seiner
+Mannhaftigkeit weiter »kann selbst Ares nicht widerstehen«. Denn nicht
+Ares bindet Eros, sondern Eros, die Liebe der Aphrodite, hält Ares,
+wie die Sage geht. Und wer zu binden weiß, ist wohl stärker als der
+Gebundene, und wer den Mutigsten bändigt, muß wohl auch im Mute des
+Mutigsten Meister sein. Ich habe also von der Gerechtigkeit, der
+Enthaltsamkeit und Mannhaftigkeit des Gottes gesprochen, jetzt bleibt
+mir noch seine Weisheit, und da will ich versuchen, nichts zu
+übersehen. Damit ich zunächst auch meine Kunst ehre, wie Eryximachos
+seine geehrt hat -- Eros ist ein so weiser Dichter, daß er auch uns zu
+Dichtern macht. Denn jeder wird zum Dichter, wenn der Gott ihn berührt,
+»wie fremd er auch früher den Musen war«. Und das mag uns dafür zeugen,
+daß Eros vor allem der große Schöpfer der ganzen Musik ist. Denn was
+jemand selbst nicht besitzt und weiß, wie vermöchte er dies dem anderen
+zu geben, den anderen zu lehren! Und weiter, wer wird leugnen, daß die
+Schöpfung alles Lebendigen die eigenste Weisheit des Gottes sei, die
+große Weisheit, durch die alles Leben wird und wächst? Und endlich,
+wissen wir nicht, daß auch in der Beherrschung der Künste nur der glänzt
+und bewundert wird, den Eros unterwiesen hat, und daß jeder im Schatten
+und ohne Ruhm bleibt, den der Gott nicht berührt hat? Apollo hat die
+Kunst des Bogenschießens, die Kunst des Sehers und des Arztes erfunden,
+aber die Freude, die Liebe hat ihn dahin geführt, so daß auch er ein
+Schüler des Eros ist; und die Musen haben die Musik, und Athene hat das
+Weben, Hephaistos das Schmieden, und Zeus »die Macht über Götter und
+Menschen« von Eros gelernt. Wo alles Wirken der Götter durch Eros
+geordnet wurde, da ward auch alles schön; denn ins Häßliche kommt Eros
+nicht. Früher, wie ich schon sagte, geschah viel Furchtbares unter den
+Göttern, denn das Schicksal war König. Als aber unser Gott geboren
+wurde, so kam, weil sie die Schönheit liebten, die Güte unter Götter
+und Menschen. So scheint mir, Phaidros, Eros selbst das Beste und
+Schönste aller Wesen und allen Wesen die Ursache alles Guten und Schönen
+zu sein. Mir fallen da noch zwei Verse ein. Eros ist es, der da bringt:
+
+ Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen,
+ Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf.
+
+So nimmt uns denn Eros alles Fremde und gibt uns alles Eigene wieder; wo
+wir uns alle finden, dorthin führt Eros die Wege, er ist der Herold und
+führt die Festzüge und Chöre und uns, so wir zu den Opfern schreiten.
+Eros reißt alles Wilde aus und macht uns sanft; er schenkt uns den guten
+Willen und raubt dem Herzen allen Streit; Eros ist gnädig, ihn schauen
+die Weisen und lieben die Götter; er ist der Neid der Unglücklichen und
+der Schatz aller, die sich ins Glück geteilt. Eros ist der Schöpfer
+aller Zärtlichkeit, Üppigkeit, Anmut und Sehnsucht im Menschen, er kennt
+alles Gute und sieht vom Bösen weg. In allen Mühen, in jeder Furcht und
+jedem Begehren, im Worte -- da weiß er sicher zu lenken, da ist Eros die
+Hilfe und der Retter. Eros ist die Ordnung unter den Göttern und
+Menschen, der herrlichste und tapferste Held, und ihm müssen die
+Menschen folgen, und alle müssen in den Gesang stimmen, den er,
+Götter- und Menschensinn bezaubernd, singt.
+
+Das nun, Phaidros, ist die Rede, die ich dem Gotte darbringe; ich war
+hier leicht und dort auch ernst, so weit ich es eben konnte.«
+
+Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall laut, so ganz seiner
+selbst und des Gottes würdig, schien der Jüngling allen gesprochen zu
+haben. Und Sokrates sah Eryximachos an: »O Sohn des Akumenos, war meine
+Angst also töricht und hat meine Angst nicht vorausgesehen, daß Agathon
+herrlich reden und mich in große Verlegenheit bringen würde?« »O ja, daß
+Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl richtig vorausgesehen,«
+erwiderte Eryximachos, »aber darum glaube ich noch immer nicht, daß er
+dich in Verlegenheit bringen könne.« »Ja, aber du Glücklicher,« sprach
+Sokrates, »wie soll ich, wie soll ein anderer gegen dessen schöne,
+reiche Worte aufkommen; es war ja natürlich nicht alles gleich
+wunderbar, aber wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am
+Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke vernahm? Als mir da
+plötzlich der Gedanke kam, ich würde gar nicht imstande sein, auch nur
+annähernd so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe durchgebrannt,
+wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen. Agathons Rede erinnerte mich
+ja an Gorgias, und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer und ich
+fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen Worte wie das
+Gorgonenhaupt meinen Worten entgegenhalten und mich zum stummen Steine
+machen. Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates, lächerlich,
+als du nicht nur versprachst, mit ihnen Eros zu preisen, sondern sogar
+behauptetest, dich gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch
+von dem einen so wenig wie von dem anderen etwas weißt. In meiner
+Einfalt habe ich nämlich geglaubt, wer ein Ding preisen wolle, der
+brauche nur die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse
+zugrunde liegen, und dann erst dürfe man unter den schönen Worten wählen
+und sie so richtig wie möglich setzen. Und darum nur, weil ich eben die
+Wahrheit wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut reden zu
+können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt man das gar nicht von einer
+guten Lobrede; im Gegenteil: es scheint, man müsse von irgend einem
+Dinge nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob es nun wirklich
+in ihm sei oder nicht sei. Wenn es gelogen ist, so macht es ja nichts.
+Ich glaube sogar, ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns
+solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur einbilden! Denn nur
+deshalb, zu diesem Zwecke scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es
+Eros einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros ist so und
+so, und Eros ist die Ursache davon und jener Dinge, damit am Schlusse
+dann der Gott so schön und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch
+selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts verstehen -- nicht
+den Wissenden -- das Lob dann gar schön und feierlich klinge. Von dieser
+Art nun ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt, und nur
+darum konnte ich anfangs euch versprechen, meinen Teil beizutragen. Aber
+meine Zunge versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt davon
+nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge nicht, nein! Ich wäre es ja
+gar nicht imstande. Ich will ja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit,
+meine Wahrheit, wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit
+euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht werden. Phaidros,
+kannst du also auch eine Rede brauchen, die über Eros nur die Wahrheit
+sagt und alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade kommen?«
+Phaidros und die anderen hießen Sokrates, nur so zu reden, wie er es tun
+zu müssen glaube. »Aber noch etwas, Phaidros,« sagte Sokrates, »erlaubst
+du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen richte, ich muß
+gerade mit ihm mich erst über manches einigen, bevor ich beginne?«
+»Natürlich, frage Agathon nur aus!« Und so begann denn Sokrates seine
+Fragen: »Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert zu haben:
+man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros denn eigentlich sei, und dann
+dürfe man erst von dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen.
+Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen des Gottes sprachst, so
+antworte mir nur darauf: Eros, die Liebe -- ist dieser Gott, so wie er
+nun einmal da ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht? Ich
+will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater, nach seiner Mutter
+fragen; es wäre ja lächerlich, meine Frage so zu stellen, wenn ich
+wissen wollte, ob Eros von einem Vater, einer Mutter stamme -- nein, ich
+meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater fragte und fragte: ist
+dieser Vater der Vater zu etwas oder nicht? Du würdest mir natürlich
+antworten: der Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe ich
+nicht recht?« »Ja, natürlich,« antwortete Agathon. »Und dasselbe gilt
+von der Mutter, von dem Begriff der Mutter, nicht wahr? Damit du mich
+aber noch besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn ich nach dem
+Bruder fragte: der Bruder ist doch immer der Bruder eines anderen: eines
+Bruders, einer Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und jetzt
+versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten: Ist Eros also die Liebe
+zu etwas anderem oder nicht?« »Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas
+anderem!« »Gut, das merke dir vorläufig und antworte mir weiter: Begehrt
+Eros nach dem, was er liebt, oder begehrt er nicht danach?« »Eros
+begehrt danach!« »Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das, wonach er
+begehrt, oder besitzt er es nicht?« »Er besitzt es wahrscheinlich
+nicht!« »Vielleicht ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus
+notwendig, daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt, und
+umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich, dir nicht auch,
+Agathon?« »Ja!« »Also! Ein Großer will doch nicht noch groß, ein Starker
+nicht noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch fehlen, was er
+schon ist. Denn wenn ein Starker noch stark, ein Schneller schnell, ein
+Gesunder gesund sein wollte, so müßten wir dann glauben, daß sie und
+ihresgleichen immer noch das begehren, was sie schon besitzen oder was
+sie schon sind. Damit wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum
+-- sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in der Gegenwart
+besitzen, ob sie wollen oder nicht, und wer würde da noch das begehren,
+was er schon besitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin gesund
+und will gesund sein, oder ich bin reich und will reich sein, ich
+begehre das kurz, was ich schon besitze, so müßten wir ihm doch
+erwidern: >Mensch, da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund
+und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß dir das alles, was du in
+der Gegenwart besitzest, auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach,
+ob du es so meintest?< Da wirst du mir doch recht geben, Agathon?« »Ja!«
+»Wir begehren also nach dem, was uns nicht zu eigen ist und was wir
+nicht besitzen, wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben wollen?«
+»Entschieden!« »Jeder begehrt also nur nach dem, was ihm nicht zu eigen,
+nicht gegenwärtig ist; und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind,
+kurz das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde und die
+Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal: Eros ist also die Liebe,
+zunächst zu irgend etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt,
+die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?« »Ja!« »Erinnerst du
+dich noch daran, wozu du Eros in deiner Rede in Beziehung setztest? Ich
+will es dir, wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich nicht
+irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der Götter ist durch die Liebe
+zu allem Schönen bestimmt; es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest du
+nicht so?« »Ja, das waren meine Worte.« »Und da hattest du sehr richtig
+gesprochen. Und darum wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!«
+»Natürlich!« »Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen, daß wir
+nur, was uns noch fehlt und was wir noch nicht besitzen, lieben?« »Ja!«
+»Es fehlt also Eros die Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die
+Schönheit!« »Ja!« »Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß der, dem
+die Schönheit fehlt, schön sei?« »Nein!« »Du gibst mir also recht, wenn
+ich sage, Eros sei nicht schön?« »Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts
+von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!« »Aber du hast dennoch
+sehr schön vorhin gesprochen, Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint
+dir nicht auch das Gute schön zu sein?« »Ja!« »Wenn also Eros alles
+Schöne fehlt und das Schöne auch gut ist, so muß Eros auch alles Gute
+fehlen. Nicht?« »Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen, es ist
+alles so, wie du es sagst.« »Nein, geliebter Agathon, du kannst eben nur
+der Wahrheit nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar nicht
+an.«
+
+»Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon! Meine Rede über Eros
+habe ich von Diotima, einer Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin
+und in vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, die damals
+den Athenern, als diese zur Abwehr der Pest Opfer feierten, von den
+Göttern einen Aufschub der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch ich
+heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich gelehrt, und ihre Worte
+will ich euch im Anschlusse an das, worin Agathon und ich uns oben
+geeinigt haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst also,
+Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher Art Eros sei, und dann
+werde ich erst von seinen Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch
+alles am besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen mich es
+lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst genau so, wie du, Agathon,
+zu mir gesprochen hast: ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er
+sei schön, und da widerlegte sie mich mit denselben Worten, mit denen
+ich Agathon widerlegen mußte, und sagte, der Gott sei weder, wie ich es
+meine, schön noch gut. Ich rief da gleich: >Wie redest du nur, Diotima,
+Eros wäre also häßlich und böse?< Doch sie antwortete: >Du lästerst,
+Sokrates, lästere nicht! Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum
+gleich häßlich sein?< >Nein!< >Oder, was nicht weise sei, müsse darum
+gleich töricht sein? Hast du denn nie erfahren, daß etwas zwischen der
+Weisheit und der Unwissenheit da sei?< >Was ist dieses?< >Wenn einer
+zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür weiß, nennst du das
+schon Verständnis? Wie könnten wir das verstehen, wozu wir keinen Grund
+wissen! Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das Richtige
+trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir müssen es eine richtige
+Meinung, Wahrnehmung nennen, und diese liegt immer zwischen dem
+Verständnis und der Unwissenheit!< >Da hast du wohl recht, Diotima!<
+>Zwinge mir also ja nicht mehr das, was nicht schön ist, häßlich und,
+was noch nicht gut ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros
+häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, weder schön
+noch gut ist; auch Eros ist etwas in der Mitte von beiden und zwischen
+schön und häßlich und zwischen gut und böse!<
+
+>Aber alle<, entgegnete ich da, >sind doch darin einig und nennen Eros
+einen mächtigen Gott!< >Wer nennt ihn so, Sokrates, sind es die
+Wissenden oder die Unwissenden?< >Alle, Diotima, ich sage, alle!< Und
+jetzt lachte sie: >Gilt also Eros auch jenen als ein mächtiger Gott, die
+da behaupten, Eros sei überhaupt kein Gott?< >Wer behauptet es denn?<
+>Der eine bist du, Sokrates, und der andere ich!< >Ich verstehe dich
+nicht!< >Und es ist doch so einfach! Sage, Sokrates: heißest du nicht
+alle, alle Götter heil, würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser
+oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?< >Nein, bei Zeus,
+niemals!< >Und nennst du weiter nicht jene Wesen heil, die alles Gute,
+alles Schöne besitzen?< >Ja, natürlich!< >Du hast ja aber doch
+eingesehen, daß Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides nicht
+besitzt.< >Ja!< >Wie könnte also der ein Gott sein, dem kein Teil am
+Schönen und am Guten ward? Wie wäre das möglich?< >Es ist nicht möglich,
+Diotima!< >Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!<
+
+>Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? Gehört Eros zu den
+Sterblichen?< >O nein!< >Ja, was ist er, sprich?< >Wir sahen es doch
+eben, Eros sei in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem
+Unsterblichen und dem Sterblichen!< >Und?< >Ein Dämon, Sokrates, ist
+Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und alles Dämonische, alles
+Heilende lebt zwischen Gott und Mensch!< >Und wo ist dann seine Macht?<
+>Der Dämon ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und die
+Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, was die Götter sie
+heißen, und er kündet die Gnade der Götter, der Heiland ist in der Mitte
+und er füllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen,
+und das All ist durch den Heiland gebunden. Durch ihn kommt alles
+Schauen den Sehern, und durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es
+mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch den Dämon verkehren
+Götter mit Menschen und durch den Heiland reden Götter zu Menschen: zu
+den Wachen und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. Wer das schon
+begreift, in dem ist der Heiland; die anderen alle, die da Künste
+können und Fertigkeiten haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der
+Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer von ihnen ist
+Eros!< >Und hat Eros einen Vater, Diotima, eine Mutter?< >Das ist lang,
+aber ich will es dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten die
+Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, und mit den Göttern saß
+auch der Reichtum, der Sohn der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen
+hatten, kam die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben und
+blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. Nun geschah es, daß der
+Reichtum zu viel vom Nektar getrunken hatte -- es gab ja damals noch
+keinen Wein -- und daß er schwer und berauscht in des Zeus Garten ging
+und dort einschlief. Und das gab jetzt der Armut ihre eigene List ein:
+sie dachte sich, weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind
+haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und die Armut empfing vom
+Reichtum den Eros. Und weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite
+gezeugt wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da Aphrodite
+schön ist, so ist Eros von Natur aus in alles Schöne verliebt. Dann
+aber, weil Eros der Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er
+beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter Sohn und darum ganz arm
+und gar nicht weich und schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart
+und dürr und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn schützte; auf
+der nackten Erde ohne Lager muß er schlafen; vor allen Türen triffst du
+ihn, auf den Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der Mutter
+Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann aber ist Eros auch seines
+Vaters Sohn und ist, wie dieser, voll List nach allem, was schön ist und
+edel; er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger und er kann
+die Netze knüpfen und die Eisen stellen; Eros will immer Gründe und weiß
+zu raten; sein ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen und
+zaubern und ist ein großer Sophist. Da er nun nicht Gott und nicht
+Mensch geboren ist, so blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er
+müde und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; aber immer
+wieder lebt er auf, denn der Vater steckt in ihm. Was er heute erwirbt,
+das verliert er morgen, und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und
+er ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit in der Mitte, ich
+meine das so: Von den Göttern ist niemand das, was wir Philosoph
+nennen, und kein Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die Götter
+sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, ist kein Philosoph. Aber
+auch die Unwissenden dürfen nicht Philosophen heißen, auch sie haben
+nicht den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist das Bittere an
+der Torheit: der Tor ist weder schön, noch gut, noch verständig, und
+dennoch hält er sich dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was ihm
+fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.< >Und wer sind nun,
+Diotima, die Philosophen, wenn es weder die Weisen noch die Toren sein
+können?< >Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen sind
+eben auch zwischen beiden, und zwischen diesen ist dann auch Eros. Die
+Weisheit strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die Liebe zu
+allem Schönen: es liebt Eros also auch die Weisheit, und darum ist Eros
+ein Philosoph, Sokrates, ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist
+nicht weise und nicht unwissend und ist zwischen den Weisen und den
+Toren in der Mitte. Und auch das ist nur das Blut in Eros: denn sein
+Vater war weise und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm und
+töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur des Heilands; was du für
+Eros gehalten hast, das war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt
+du gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, welcher liebt.
+Und darum erschien dir Eros von so vollkommener Schönheit zu sein. Denn,
+was wir lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und vollendet
+und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer Art, und ich habe dir
+sein Bild gegeben.< >Und du hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,<
+sprach ich.
+
+>Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann die Menschen von
+diesem Heiland?< >Auch darüber, Sokrates, will ich dich aufzuklären
+versuchen. Wie ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren,
+und sein Begehren ist -- so sagtest du doch -- das Schöne. Wenn man uns
+nun jetzt fragte: Sokrates und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros
+das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und fragen: Was will der
+Liebende von dem Schönen, das er begehrt?< >Er will es besitzen,<
+antwortete ich. >Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt du
+mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, der das Schöne besitzt?<
+>Auf diese Frage kann ich dir nicht gleich antworten!< >Nun, wenn ich
+statt des Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, es liebt
+einer das Gute, was, glaubst du, will er mit dem Guten?< >Er will, daß
+ihm das Gute zu eigen werde!< >Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu
+eigen wurde?< >Darauf kann ich dir schon leichter antworten: Er ist
+heil!< >Ja, er ist heil, heil, und wer durch den Besitz des Guten heil
+geworden ist, der ist es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht
+noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn hier ist die Frage
+zu Ende.< >Ja!< >Und glaubst du, daß dieser Wille, diese Liebe allen
+Menschen gemeinsam sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?<
+>Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!< >Müßten wir also darum
+nicht sagen, daß alle Menschen lieben, wenn alle dasselbe und immer
+lieben, oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort lieben
+nicht?< >Mir war das nie ganz klar!< >Es wird dir klar werden: denn von
+dem großen Begriffe Liebe nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem
+Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; das übrige findet dann
+andere Namen!< >Wie ist das?< >So -- du weißt doch, daß der Begriff
+Schöpfung sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts zum Dasein
+bringt, der hat das Ding geschaffen, und so ist die Arbeit in allen
+Künsten ein Schaffen, und alle Meister sind Schöpfer!< >Ja, da sprichst
+du wahr!< >Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere Namen, und
+nur einem Teil, dem Werke der Musiker und Dichter, wird der Name des
+Ganzen, Schöpfung, zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, und
+nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt nun von dem Begriff der
+Liebe. Im allgemeinen ist zwar alles Streben nach dem Guten, alles
+Streben nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen das Gute und das
+Heil eben auf vielen eigenen Wegen finden: der eine will es, indem er
+viel Geld verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, der dritte
+als Philosoph; und von diesen allen sagt eigentlich niemand, daß sie
+lieben, und niemand nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt man es,
+und nur jene heißen so und haben den Begriff des Ganzen, die eben mit
+allem Ehrgeiz nach jenem einzigen Ziele streben.< >Ich glaube, du hast
+recht!< >Es heißt so oft unter uns: nur wer seine eigene Hälfte sucht,
+liebt. Ich aber sage dir, die Liebe will nicht die eigene Hälfte und die
+Liebe will nicht das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein Gutes
+ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen Hände und die eigenen
+Füße weg, wenn die eigenen Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein,
+Sokrates, die Menschen mögen das Eigene nicht mehr als das Fremde, es
+sei denn, daß jemand das Gute ein Eigenes und das Böse ein Fremdes
+heiße. Denn nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben die
+Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?< >Bei Zeus, ja,
+das ist auch mein Glauben!< >Aber auch hier dürfen wir nicht einfach
+behaupten: die Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir
+hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, die Tugend besitzen,
+nicht wahr?< >Ja!< >Und sie will es nicht nur heute und morgen haben,
+die Liebe will es ewig besitzen!< >Ja!< >Ich fasse also zusammen und
+sage: die Liebe der Menschen ist das Streben nach dem Besitz des Guten,
+nach der Tugend.< >Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!<
+
+>Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie folgen aber die Menschen
+der Liebe, oder wie wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe
+sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du mir das jetzt sagen?<
+>Wenn ich das wüßte, würde ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima,
+staunen und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.< >So will ich
+dir auch das sagen. Die Liebe ist das Zeugen in dem Schönen, das Zeugen,
+Sokrates, in schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du mich?<
+>Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher nur vermöchte dich zu deuten,
+Diotima; ich verstehe dich nicht!< >So will ich deutlicher sein. Allen
+Menschen reift im Leibe und in der Seele der Samen, und es kommt die
+Zeit, da die Natur in uns zeugen will. In das Häßliche aber kann die
+Natur nicht den Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. Das
+Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein Göttliches in uns, und
+unsterblich sind alle sterblichen Geschöpfe, so sie zeugen und gebären.
+In dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche nicht zu zeugen,
+und das Häßliche lebt wider alles Göttliche, und nur das Schöne darf und
+will sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch Geburtsgöttin, und
+die Schönheit entbindet. Wenn also einer, dessen Samen voll ist, einem
+Schönen begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde frei in
+ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem Häßlichen aber wird sein
+Blick trübe und der Mensch ist matt und zieht sich in sich zurück und
+rollt sich ein wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht gebären
+und verhält den Samen und verhält die Frucht und leidet. Denn in dem,
+dessen Samen voll und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach dem
+Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst löscht und seine Wehen stillt.
+Die Liebe will also nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst,
+Sokrates?< >Sondern?< >Die Liebe will im Schönen zeugen und das Schöne
+gebären!< >Jetzt verstehe ich dich!< >Ja, so ist es auch. Und warum,
+frage ich weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das Schöne
+gebären? Weil ewig und unsterblich alles Sterbliche ist, so es gebiert
+und zeugt. Und weiter: wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so
+muß sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. Und es verlangt
+auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, die Liebe verlangt
+danach: das folgt aus allem, was wir gesagt haben.<
+
+So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der Liebe sprach, und
+einmal stellte sie mir folgende Frage: >Sokrates, was hältst du nun für
+die Ursache dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? Hast du
+nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt und wild die Tiere sind, wenn
+sie zeugen und gebären wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt,
+dann wie von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust
+beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie die Weibchen, wenn sie
+geboren haben, alle Liebe für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen
+die Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben können, wie
+diese Hunger leidet, damit nur die Jungen Nahrung haben, das alles und
+anderes wirst du doch schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja
+dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den Tieren diese Liebe
+gegeben, kannst du mir das sagen?< Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht
+zu sagen, rief sie: >Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen,
+und weißt das nicht!< >Aber darum bin ich ja zu dir gekommen, Diotima;
+ich weiß ja, daß ich noch Lehrer brauche. Nenne du mir also die
+Ursache!< >Wenn du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe
+vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch das folgende
+verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche Natur suche, so weit es ihr
+möglich ist, zu dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die Natur
+nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte einem Neuen zuliebe
+verläßt. Wo es immer heißt: hier lebt das Lebendige und hier bleibt es
+sich gleich, dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt ja
+auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter denselben Namen. Er trägt
+denselben Namen, trotzdem er sich stets verändert, erneut, die Haare, am
+Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. Und was hier am
+Leibe, geschieht dort an der Seele: die Sitten, Gesinnungen, Meinungen,
+Begierden, Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt der
+Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. Und was noch viel
+sonderbarer, ja ungelegener erscheint: nicht nur von den Kenntnissen
+sind die einen heute für uns lebendig und die anderen morgen tot, und
+wir selbst verändern uns in und an unseren Kenntnissen, sondern auch
+jede einzelne Kenntnis erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur
+darum, weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich immer wieder
+verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung und Arbeit bringen das
+Verlorene wieder und -- wie soll ich sagen -- retten das Wissen, so daß
+es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und so, Sokrates, wird es
+immer wieder gerettet -- alles Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht
+gleich dem Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber was da
+scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein Neues, das ihm gleicht,
+zurück. Und nur in dieser Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der
+Unsterblichkeit teil. In anderer Weise wäre es ihm ja nicht möglich.
+Wundere dich nicht mehr, daß die ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und
+ehrt: sie tut es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!<
+
+Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder sehr erstaunt und rief:
+>Weisestes Weib, ist das alles wirklich so, wie du es sagst?< und da
+fuhr sie denn wie ein vollendeter Sophist fort: >Wie sollte es denn
+sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen denkst, du müßtest
+ja da über dessen Sinnlosigkeit staunen, wenn du nicht an meine Worte
+denkst und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen das Verlangen
+ergreift, berühmt zu werden und den Ruhm bis in die Ewigkeit zu
+besitzen, und wie darum die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre
+Kinder, Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen zu dulden, ja
+zu sterben bereit sind. Oder meinst du, Alkestis würde für Admetos
+gestorben, Achilleus dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros
+für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen haben, wenn sie nicht
+an das ewige Gedächtnis ihrer großen Liebe, das wir ihnen heute noch
+halten, geglaubt hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«,
+für den »strahlenden Ruhm« haben sie und alle alles getan; und je edler
+sie waren, um so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; denn es
+lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. Wer im Leibe zeugen
+will, den zieht es zum Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm
+»Unsterblichkeit und Erinnerung und Glück«, wie er dann sagt, »in die
+Zukunft tragen«. Neben diesem aber leben jene anderen, welche lieber in
+den Seelen das, was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht
+und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem Sinne sind alle Dichter
+Zeuger, und jene, die im Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger,
+und die höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und die
+Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den Staat zu ordnen und
+die Familie zu erhalten wissen. Wenn nun einem dieser Gottgleichen in
+der Seele der Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, da die
+Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er aus und blickt umher und
+sucht das Schöne, in welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen,
+im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt schon die schönen
+Leiber mehr als die häßlichen, wer da zeugen will -- und wo dieser der
+schönen, edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine Liebe zum
+Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, und für einen solchen Menschen
+hat er dann viele Worte von der Tugend und von allem, was der Edle tun
+und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht den Geliebten zu
+erziehen. Er hängt dann an ihm, dem Schönen, und weckt ihn und folgt
+ihm und gießt in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären.
+Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht mehr vergessen, und mit
+ihm wacht er über der neuen Geburt; und stärker, als ein leibliches
+Geschlecht Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, denn sie
+teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht ihrer Seelen. Und
+wer möchte auch nicht leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen,
+wenn er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen Dichtern
+nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen haben, das ihnen ewigen
+Ruhm und dauernde Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf
+die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser hinterließ, und
+die Lakedaimon, ja ganz Griechenland gerettet haben. Und ehrwürdig ist
+auch Solon, weil er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig in
+Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen Männer, die durch edle
+Taten überall die Tugend gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder
+willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und Namens zu Danke die
+vielen Altäre gebaut worden.
+
+>In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte, konntest du leicht
+eingeweiht werden: ich weiß aber nicht, o Sokrates, ob du darum schon der
+letzten und höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die alles
+andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft ihrer teilhaft werden
+kann. Doch ich will dir von ihnen reden und werde den Mut nicht
+verlieren, du aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wenn also
+einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß er früh schon nach
+schönen Körpern ausspähen und schönen Körpern nachgehen und, so er gut
+geführt sein will, nur =einen= Körper lieben, nur =einen=, und in diesem
+=einen= die edlen Worte zeugen. Dann erst darf er erfahren, daß diese
+Schönheit des einen Körpers jener eines anderen gleicht, wie Schwestern
+einander gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne Art und das schöne
+Bild, wenn er die Liebe will, so wäre es nur seine Torheit, dieselbe
+Schönheit nicht in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und darum
+und jetzt wird er es verachten und für niedrig halten, alle Leidenschaft
+für =einen= Körper zu haben, und er wird die Schönheit =aller= Körper
+lieben. Aber auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird die
+Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der Seele wird ihm würdiger
+erscheinen als die Schönheit des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß
+eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen Menschen, wenn sein
+Leib auch unschön wäre, lieben und um ihn besorgt sein und edle Worte in
+ihm zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die Jünglinge besser zu
+machen vermögen, auf daß auch er gezwungen werde, die Schönheit in den
+Sitten und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die gleiche Schönheit
+zu sehen. Und von den Sitten wird er ihn zu den Wissenschaften führen,
+damit er auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und so im
+Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr wie ein Sklave nach der
+Schönheit dieses =einen= Knaben verlange und dieses =einen= Menschen,
+dieser =einen= Sitte Schönheit wolle und gemein sei und kleinlich und
+an Worten hänge, sondern, an die Ufer des großen Meeres der Schönheit
+gebracht, hier viele edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen
+Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und reif jenes einzige
+Wissen, das da das Wissen des Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates,
+so viel du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen wurde und das
+Schöne in seiner Ordnung erkennt, der wird ganz am Ende als letzte Weihe
+seiner Liebe ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit der
+Schöpfung erschauen; er wird das erschauen, Sokrates, um dessentwillen
+alle Wege und Mühen waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da ist
+und niemals wird und niemals vergeht und nicht reicher wird und nicht
+verliert, das Schöne, das nicht hierin schön und heute schön und da schön
+und für diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich und dort
+häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne, das wir uns nicht das eine
+Mal im Gesichte, ein anderes Mal an den Händen oder sonstwo am Körper
+einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften, im Tiere, auf der
+Erde oder am Himmel finden; er wird das Schöne schauen, das da sich
+selbst und in sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und, was
+sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein Teil sein und werden und
+vergehen, und nur das ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen
+und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dort unten, weil er den
+Geliebten richtig zu lieben wußte, empor zu steigen und jenes ewig Schöne
+zu schauen beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht. Noch
+einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe gehen und geführt werden: er
+wird zuerst von allen Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen
+Schönheit wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen, Stufen: auf
+der ersten sieht er die Schönheit =eines= Körpers, auf der zweiten die
+Schönheit zweier, und dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von
+den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen Sitten, von den
+schönen Sitten zu den schönen Lehren, und von den schönen Lehren trägt
+ihn noch die letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da die
+ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,< rief das prophetische
+Weib, >hier, wenn irgendwo, ist das Leben lebenswert, hier, wo du die
+ewige Schönheit schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir nicht
+scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern oder gleich jenen schönen
+Knaben und Jünglingen zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen
+erschrecken, und bei denen ihr dann immer weilen wollt, weilen ohne zu
+essen und zu trinken, nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie
+würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre, jene ewige Schönheit
+selbst klar und rein und ungemischt, nicht am menschlichen Fleisch, in
+den Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich, sich selbst
+eigen da ist, zu schauen? Glaubst du, dein Leben oder das Leben eines
+anderen wäre dann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und bei
+jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du nicht, daß die Vollendung dem
+Menschen nur dort zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und
+nicht mehr die Bilder der Tugend -- denn an Bildern kann sein Blick
+dort nicht mehr haften -- sondern die Wahrheit selbst, da er sie dort
+erblickt, zeugt, und glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die
+wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt und, wenn je ein
+Mensch, unsterblich sein wird?<
+
+Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat Diotima mich gelehrt,
+und sie hat mich überzeugt. Und seitdem suche ich auch die andern zu
+überzeugen -- zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut zu erreichen,
+niemand einen besseren Führer als Eros wählen könne. Und darum rufe ich
+jedem zu, er solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und lerne
+und prüfe alles, was diesen Heiland angeht, und heiße dasselbe auch die
+andern, und heute und immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist,
+Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu euch gesprochen habe,
+als meine Lobrede; wenn du nicht willst, so nenne meine Rede anders und
+wie du es willst.«
+
+Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn alle, nur Aristophanes
+wollte etwas erwidern, weil Sokrates auf seine Worte irgendwie
+angespielt hatte. Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht,
+wie nur Betrunkene pochen, und man hörte die Töne einer Flötenspielerin.
+Agathon rief den Knaben zu: »Seht doch nach! Wenn es ein Freund ist, so
+ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken nicht mehr und wollen
+schlafen!« Gleich darauf aber konnte man die Stimme des Alkibiades
+unterscheiden: er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und
+fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt sein. Doch schon kam
+er, auf die Flötenspielerin gestützt, mit einigen Begleitern herein und
+blieb in der Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen und
+hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden. »Seid mir gegrüßt, Männer!«
+rief er. »Wollt ihr einen Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß
+ich wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe, denn darum bin ich
+gekommen? Ich konnte nämlich gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin
+ich da und habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem Haupt auf
+das Haupt des weisesten und schönsten Jünglings lege. Ich sehe, ihr
+lacht mich aus, weil ich betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß
+trotzdem, daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf ich unter diesen
+Bedingungen herein oder nicht? Wollt ihr mit mir noch trinken?« Da
+jauchzten ihm alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen legen,
+und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn Alkibiades, von seinen Leuten
+geführt, herein, und während er die Bänder abnahm, um Agathon zu
+schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß er Sokrates nicht sehen
+konnte, und legte sich neben Agathon zwischen diesen und Sokrates.
+Sokrates rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiades sehr schön
+mit Agathon und wand ihm die Bänder ins Haar. Agathon rief den Knaben
+zu: »So nehmt auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter hier
+mit uns sitze.« »Ja, ja, tut das,« forderte Alkibiades die Knaben auf,
+»wer ist aber der dritte hier?« Und da er sich umdrehte und Sokrates
+erblickte, sprang er auf und schrie: »Bei Herakles, wer ist das?
+Sokrates, du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer? Immer zeigst du
+dich ganz plötzlich, wo ich dich am wenigsten erwarte. Warum bist du nur
+hergekommen? Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist bei
+Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu machen versteht, kein
+Platz gewesen? Mußtest du dich gerade zu dem Schönsten setzen?« Sokrates
+wandte sich da zu Agathon: »Jetzt mußt du mich in Schutz nehmen! Die
+Liebe dieses Menschen ist mir, wie du siehst, ziemlich unbequem
+geworden. Seit ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen
+schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst macht er mir in
+seiner Eifersucht und Mißgunst die größten Torheiten und schmäht mich
+und kann oft kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß er
+vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber handgreiflich
+werden, so halte ihn zurück; ich habe beinahe Angst vor seiner
+Liebeswut.« »O, zwischen uns beiden«, erwiderte Alkibiades, »gibt es
+keine Versöhnung! Hier und jetzt gleich will ich mich an dir rächen.
+Agathon, gib mir einige von deinen Bändern zurück, damit ich sie auf
+dieses wunderherrliche Haupt hier lege! Sokrates soll mir nicht
+vorwerfen, ich hätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen
+Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du gestern, sondern
+immer siegt.« Und so nahm Alkibiades von den Bändern des Agathon und
+wand sie um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich wieder.
+»Wohlan denn, Männer,« rief er, »ihr scheint mir alle noch recht
+nüchtern zu sein. Das darf ich nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken.
+Wir haben das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken drin
+seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden der Zeche. Agathon, laß
+einen großen Krug bringen, wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht
+nötig; bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe, er enthält mehr
+als acht kleine Becher!« Der Kühler wurde also gefüllt, und Alkibiades
+trank ihn aus, dann ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief:
+»Gegen Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man ihn heißt, und
+wird nie betrunken.« Der Knabe hatte eingeschenkt, und auch Sokrates
+trank schon. Da fiel aber Eryximachos ein: »Wie machen wir es aber
+weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden oder singen und
+einfach nur trinken wie Leute, die eben Durst haben?« »O Eryximachos«,
+rief Alkibiades, »du bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei
+mir gegrüßt!« »Und du mir!« entgegnete Eryximachos, »aber wie machen wir
+es nun?« »Wie du befiehlst; ich gehorche deinem Worte! >Denn es hat der
+Arzt die Würde von vielen.< Sage, wie du es haben willst!« »So höre!
+Bevor du kamst, hatten wir beschlossen, daß jeder von uns, der Reihe
+nach von rechts, eine Rede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte,
+und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine Rede gehalten. Da nur du
+bisher weder getrunken noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du
+jetzt uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst, und Sokrates
+muß es wieder an seinen Nachbar zu rechts weitergeben usw. Das Thema
+kannst du selber wählen.« »Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt;
+es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene den Nüchternen das
+Thema gebe. Und dann, Glücklicher, glaubst du etwas von allem, was
+Sokrates vorhin gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist wahr!
+Denn er, er kann mit den Händen kaum an sich halten, wenn ich in seiner
+Gegenwart irgend jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.«
+»Lästerst du hier nicht?« fragte Sokrates. »Bei Poseidon! Du kannst mir
+nicht widersprechen, wenn ich behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart
+niemand anderen loben!« »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryximachos,
+»preise Sokrates!« »Wie meinst du das? Sollte ich es tun, Eryximachos?
+Sollte ich ihm auf diese Weise beikommen und mich vor euch an ihm
+rächen?« »Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem Lobe
+lächerlich machen? Oder was willst du?« sagte Sokrates. »Ich will die
+Wahrheit sagen: hast du jetzt etwas dagegen?« »O nein, gegen die
+Wahrheit habe ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!« »Und ich
+werde auch gleich beginnen, du halte es aber so: Wenn ich nicht die
+Wahrheit sage, so unterbrich mich, wenn du willst, nur gleich mitten im
+Reden und sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht lügen. Wenn
+ich aber in meiner Erinnerung da und dort Sprünge mache, nimm es nicht
+übel! Es ist in meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen in
+einer gewissen Ordnung zu schildern.
+
+So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich will versuchen, ihn
+in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht glauben, daß ich ihn durch die
+Bilder lächerlich machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit
+sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates gleicht jenen Silenen,
+die ihr in den Werkstätten der Bildhauer findet. Die Künstler bilden
+sie gewöhnlich mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und geben
+ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet, erblickt im Inneren kleine
+Bildsäulen der Götter. Ich sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas,
+dem Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst du selber nicht
+bestreiten wollen, Sokrates! Worin du dem Satyr aber sonst noch
+gleichst, das höre nun! Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates!
+Wenn du nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist wie er
+ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte zu spielen und schöner
+als Marsyas. Denn Marsyas lockte die Menschen mit seinem Instrument
+durch die Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen, die seine
+Weisen spielen. Was Olympos spielte, das hatte er von Marsyas gelernt.
+Ob sie ein guter Flötenspieler oder eine von den gewöhnlichen
+Flötenspielerinnen spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren
+den, der der Götter und der Weihen bedürftig ist; denn des Marsyas
+Weisen sind göttlich. Du aber, Sokrates, unterscheidest dich nur darin
+von Marsyas, daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten
+spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er auch der beste Redner,
+hören, so geht uns das gewöhnlich sozusagen gar nichts an. Wer dich,
+dich selbst hört oder deine Worte von einem andern, und wäre dieser der
+gemeinste unter den Menschen, wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe
+zuhört, wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum zu halten.
+O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz betrunken erscheinen sollte, so
+würde ich euch es sagen und jeden Satz beschwören, was ich durch seine
+Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn ich Sokrates höre, da
+schlägt mein Herz stärker als das Herz des Korybanten, und ich vergieße
+Tränen, und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles und die
+anderen großen Redner gehört; mir schien da immer nur, sie sprächen gut,
+ja, aber ich erfuhr durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie
+erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein Sklave sich gegen den
+Herrn aufbäumt. Aber dieser Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht,
+daß mir das Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates, du
+kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und ich weiß ganz genau,
+daß, wenn ich jetzt, so wie ich hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht
+an mich halten könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht zu
+geben, wenn er behauptet, selber noch voll von Fehlern, vernachlässigte
+ich mich und beschäftigte mich mit den Angelegenheiten Athens. Wie vor
+den Sirenen fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit ich
+nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so habe ich durch ihn erfahren,
+was niemand in mir wohl gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham
+erfahren. Ja, vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich. Ich
+bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und zu sagen: Ich muß nicht
+das tun, was du von mir willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn
+ich ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz wieder packt.
+Und so laufe ich vor ihm weg und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich
+ihn sehe, alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich eingeräumt
+habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden
+zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel
+unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn.
+
+Und so haben wir denn alle durch die Flötenweisen dieses Satyrs viel
+gelitten, und ihr habt von mir gehört, worin er den Wesen ähnlich ist,
+mit denen ich ihn vergleiche, und welche Macht ihm über uns ward. Aber
+wißt, ihr alle kennt ihn schließlich gar nicht, und da ich einmal
+begonnen, so will ich ihn euch ganz offenbaren. Seht, Sokrates tut in
+alle schönen Jünglinge verliebt und schleicht um sie herum und ist immer
+erregt in seinen Gebärden! Ist das nicht Silenenart? Und wie einer jener
+gemeißelten Silenen ist auch seine ganze Haltung. Wer aber den Silen
+öffnet, Freunde und Zechgenossen, wie sieht er diesen da nicht ganz
+voll von Weisheit und Maß! Ja, ich sage euch, diesen Silen kümmert es
+dann gar nicht, ob ein Jüngling schön sei oder nicht, ja er verachtet
+dessen Schönheit so gründlich, wie niemand es erwarten würde, und es ist
+ihm ganz gleichgültig, ob einer von denen, welche da immer von der Menge
+glücklich gepriesen werden, reich sei oder eine hohe Stellung habe.
+Sokrates hält diese Güter für wertlos und uns selbst für eitel -- merkt
+euch das --, wenn er, mit euch Spott und Spaß treibend, sein Leben
+führt. Aber ich weiß nicht, ob je einer von euch in ihn hineingeblickt
+und in ihm die Götterbildnisse gesehen hat, wenn Sokrates ernst und wie
+offen ist. Ich habe hineingeblickt und glaube Göttliches gesehen zu
+haben und lauter Gold und überaus Schönes und Wunder, und darum muß ich
+von nun an immer tun, was Sokrates mich heißt. Als ich glaubte, Sokrates
+habe ein Auge auf meine Schönheit geworfen, hielt ich es für meinen
+Stern und mein großes Glück, denn ich brauchte mich dann ihm nur ganz
+hinzugeben, um sein ganzes Wissen zu erfahren. Und ich hielt viel von
+meiner Schönheit. Bisher war ich nie allein mit Sokrates gewesen, aber
+jetzt und in meiner großen Hoffnung entließ ich meinen Begleiter und war
+das erste Mal allein mit ihm. Ich muß euch die ganze Wahrheit sagen,
+seid aufmerksam, und wenn ich lüge, dann, Sokrates, überführe mich. Ich
+war also allein mit ihm, o Männer, und erwartete, er werde mir gleich
+alles das sagen, was der Freund, wenn niemand zuhört, zum Geliebten
+spricht, und war selig. Aber nichts dergleichen geschah; Sokrates
+sprach zu mir wie immer, blieb den Tag über da und ging dann fort. Das
+nächste Mal forderte ich ihn auf, mit mir zu turnen; vielleicht könnte
+ich auf diese Weise etwas von ihm erreichen, dachte ich. Und Sokrates
+turnte auch und rang oft mit mir, während niemand zusah. Ach, wie soll
+ich es nur sagen! Auch das half nichts. Und da ich zu keinem Ziele
+kommen konnte, beschloß ich, Gewalt anzuwenden und, wenn ich ihn nur
+einmal fest habe, von dem Manne nicht mehr zu lassen; ich mußte endlich
+wissen, wie ich mit ihm stünde. Ich bat ihn also, mit mir zu essen; wie
+ihr seht, lief ich ihm also ganz einfach nach, wie der Freund dem
+Geliebten. Er folgte zwar nicht gleich meiner Bitte, aber nach einiger
+Zeit kam er wirklich. Beim ersten Mal wollte er gleich nach dem Essen
+fort, und ich schämte mich damals so sehr, daß ich ihn auch gehen ließ.
+Beim zweiten Mal aber gebrauchte ich eine List: nachdem wir gegessen
+hatten, sprach ich ohne Unterbrechung bis in die Nacht in ihn hinein,
+und als er endlich doch gehen wollte, meinte ich, es sei schon zu spät,
+und zwang ihn zu bleiben. Und wirklich, diesmal legte er sich denn auf
+meinem Lager nieder, auf demselben, auf welchem wir gegessen hatten, und
+niemand anders außer uns beiden schlief in dieser Nacht im Hause. Was
+ich bis hierher erzählt habe, hätte ich jedermann erzählen können. Was
+ich nun sagen werde, würdet ihr niemals aus meinem Munde vernommen
+haben, wenn erstens nicht, wie es heißt, der Wein und die Kinder oder
+der Wein allein -- ohne die Kinder -- die Wahrheit sprächen, und wenn
+zweitens es mir nicht unrecht schiene, eine so außerordentliche Tat des
+Sokrates zu verschweigen. Und dann, es ist mir heute noch wie einem, den
+die Natter gebissen hat; und die Leute sagen, wen jemals eine Natter
+gebissen hat, der könne, wie das wäre, nur jenen wieder schildern,
+welchen ein gleiches widerfahren sei, da diese allein verstünden und
+mitempfänden, wenn einer im Schmerze dann alles zu tun und zu sagen
+wagt. Ich hatte aber einen böseren Biß bekommen und dorthin, wo es am
+meisten schmerzt: mich hat es ins Herz gebissen, oder wie man das nennen
+soll, wohin uns die Worte eines Weisen treffen und die Bisse einer
+wilderen Natter beißen, wenn sie in die Seele eines nicht unedlen
+Jünglings greifen und ihn zu allem fähig machen. Ich sehe euch hier um
+mich, wie immer ihr heißen mögt, dich, Phaidros, dich, Agathon,
+Eryximachos, Pausanias, Aristodemos und Aristophanes, wozu soll ich noch
+Sokrates selbst nennen oder die vielen anderen? Ihr alle seid gebissen
+worden und voll gewesen der Wut und des Taumels der Philosophie! Und
+darum sollt ihr mich jetzt hören, ihr allein werdet verzeihen, was ich
+damals alles tat und jetzt ausspreche. Ihr Diener aber, und wer sonst
+noch hier ungeweiht und roh geblieben ist, legt euch große Tore vor die
+Ohren!
+
+Da also die Knaben fortgegangen waren und ich das Licht ausgelöscht
+hatte, war ich entschlossen, nichts mehr zu beschönigen, sondern frei zu
+sagen, was ich sagen mußte. Ich stieß also Sokrates ein wenig und
+sprach: >Sokrates, schläfst du?< >Nein, noch nicht!< gab er zur Antwort.
+>Weißt du, was ich glaube?< >Was denn?< >Ich glaube, du liebst mich und
+bist allein mir der Freund, den ich brauche, nur zögerst du noch, mir es
+zu gestehen. Ich denke aber so: Ich würde mir töricht vorkommen, wenn
+ich mich dir nicht so ganz hingäbe, wie ich dir oder einem meiner
+Kameraden von meinem Vermögen geben wollte, wenn ihr davon verlangtet.
+Ich weiß nichts Heiligeres, als so gut wie möglich zu werden, und wenn
+du mir dazu helfen willst, werde ich niemand demütiger gehorchen. Wenn
+ich mich einem solchen Menschen wie dir nicht hingäbe, so würde ich mich
+vor den Wissenden viel mehr schämen, als ich mich vor der Menge und den
+Toren schämen müßte, wenn ich mich dir hingäbe.< Da Sokrates mich also
+gehört hatte, erwiderte er ganz in seiner bekannten Art spöttisch: >Mein
+geliebter Alkibiades, du bist wirklich nicht dumm, wenn das, was du von
+mir behauptest, wahr ist und in mir eine Kraft wohnt, die dich besser zu
+machen vermag. Du mußt doch wohl eine große Schönheit in mir sehen, eine
+Schönheit, die sich bedeutend von deiner schönen Gestalt unterscheidet.
+Wenn du sie mit mir teilen und so Schönheit gegen Schönheit tauschen
+willst, so mußt du im Sinne haben, mich ein wenig zu übervorteilen: du
+willst da für deine schöne Meinung meine Wahrheit erwerben und recht
+eigentlich für Erz Gold haben. Aber, Glücklicher, sieh genau hin: ich
+bin vielleicht ganz ohne Wert! Der Blick der Vernunft wird schärfer
+sehen, wenn deine beiden Augen an Schärfe verlieren, noch bist du weit
+davon entfernt.< Ich hörte ihm zu und sagte nur: >Was ich zu sagen hatte
+und wie ich denke, habe ich gesagt; denke =du= jetzt darüber nach, was
+dich für uns beide am besten dünkt!< >Ja, da hast du recht,< erwiderte
+Sokrates, >von nun an werden wir beide darüber nachdenken und nur das
+tun, was uns hier und in anderen Dingen am besten dünkt!< Das hatte ich
+nun von Sokrates gehört, und so hatte ich zu ihm gesprochen; ich meinte,
+der Pfeil sei abgeschossen und Sokrates verwundet. Ich stand also auf,
+und ohne ein Wort mehr zu verlieren, legte ich meinen Mantel um Sokrates
+-- es war Winter -- und kroch selbst unter den Mantel, schloß meine Arme
+um den Leib dieses wahrhaft herrlichen Dämons und lag so neben ihm die
+ganze Nacht. Sokrates, du wirst nicht sagen, daß auch nur ein Wort davon
+nicht wahr sei. Nach allem aber, was ich da für ihn getan hatte, wurde
+er ganz anders zu mir und verachtete und verlachte meine Schönheit und
+nahm sich alles gegen mich heraus! Ihr Richter -- und ihr, die ihr hier
+sitzt, seid die Richter seiner Überhebung -- bei den Göttern, bei den
+Göttinnen schwöre ich euch: ich erwachte nicht anders neben ihm, als
+wenn ich mit meinem Vater oder einem Bruder geschlafen hätte.
+
+Was alles, glaubt ihr, muß ich damals nicht empfunden haben? Er
+verachtete mich -- ich nahm es doch so -- und ich, ich liebte seine Art,
+seine Weisheit, seine Männlichkeit; ich hatte in ihm einen Menschen von
+so hoher Vernunft und Mäßigung gefunden, wie ich ihm nie im Leben zu
+begegnen glaubte! Ich konnte also weder ihm zürnen und ihn meiden, noch
+hatte ich Mittel, ihn an mich zu fesseln. Ich wußte jetzt, daß Gold ihn
+noch weniger zu verwunden vermöchte, als Eisen den Aias; dort also, wo
+allein ich ihn fassen zu können hoffte, ging er mir durch. Ich war
+hilflos und irrte umher in den Fesseln, in die dieser Mensch mich
+geschlossen hatte.
+
+Das alles habe ich mit ihm erlebt, bevor wir gemeinsam den Feldzug gegen
+Potidaia mitmachten und dort im Lager am selben Tisch aßen. Vor allem
+war Sokrates hier im Ertragen der Strapazen nicht nur mir, sondern
+überhaupt allen Soldaten überlegen. So oft wir, wie das im Kriege
+vorkommt, irgendwo abgeschnitten waren und nichts zu essen hatten,
+konnte er wie kein anderer Hunger leiden. Wenn es dagegen Überfluß gab,
+konnte er wieder mehr essen als andere, und freiwillig zwar nicht, aber
+gezwungen, trank er uns alle unter den Tisch; und was das erstaunlichste
+ist, noch niemand hat je Sokrates betrunken gesehen. Er wird euch gleich
+hier den Beweis geben. Wie er die Kälte ertrug -- die Winter sind dort
+streng -- auch das klingt wie ein Wunder. Es hatte einmal stark
+gefroren, die Soldaten verließen entweder überhaupt nicht die Zelte
+oder, wenn einer ausging, wickelte er sich wunder wie ein und hatte die
+Füße in Filz oder Pelz gefatscht; Sokrates aber kam im Rock, den er
+immer trug, heraus und spazierte barfuß leichter durch den Frost als
+alle, die ihre Schuhe hatten. Die Soldaten blickten ihn mißtrauisch an
+und mußten denken, er wolle sich über sie nur lustig machen. Doch davon
+genug.
+
+Aber »wie er jenes Große vollbracht, der gewaltige Mann, und bestanden«,
+damals im Kriege, das müßt ihr noch hören. Eines Morgens kam er in
+Gedanken und blieb stehen und sann, und da er es scheinbar nicht heraus
+bekam, gab er nicht nach und blieb weiter stehen und suchte. Es war
+schon Mittag geworden; die Leute wunderten sich über ihn und einer sagte
+es dem anderen: Sokrates steht seit frühem Morgen auf einem Fleck, rührt
+sich nicht und denkt nach! Da es Abend geworden war und alle gegessen
+hatten, trugen einige jüngere Soldaten ihre Betten aus den Zelten -- wir
+waren im Sommer -- und wollten im Kühlen schlafen und zugleich sehen,
+ob denn Sokrates auch in der Nacht auf demselben Fleck stehen bleiben
+werde. Und wirklich, Sokrates blieb die ganze Nacht stehen, bis der
+Morgen kam und die Sonne aufging, dann sprach er der Sonne sein Gebet
+und ging fort. Und hört jetzt, wie er in der Schlacht selbst war -- auch
+hier darf ich ihm nichts schuldig bleiben! In jener Schlacht, nach
+welcher mir die Feldherrn den Preis zuerkannten, hat er mir das Leben
+gerettet; als ich verwundet am Boden lag, ist er bei mir geblieben und
+hat mich und meine Waffen in Sicherheit gebracht. Und schon damals
+forderte ich die Feldherrn auf, dir, Sokrates, den Preis zuzuerkennen
+-- auch hierin wirst du mir nicht unrecht geben und sagen, ich lüge. Die
+Feldherrn aber sahen auf meinen Adel und beschlossen darum, ihn mir zu
+geben, und du wünschtest es noch eifriger als sie, daß ich ihn habe. Und
+dann, Männer, hättet ihr Sokrates sehen sollen, als das ganze Heer von
+Delion auf der Flucht war. Ich war damals zu Pferde und er in voller
+Rüstung zu Fuß. Das ganze Heer war in wilder Unordnung, er ging mit
+Laches. Da treffe ich sie und rufe ihnen Mut zu und meinte, ich wolle
+sie nicht verlassen. Und hier sah ich Sokrates noch herrlicher als in
+Potidaia. Da ich zu Pferde war, hatte ich weniger Furcht. Aber, wie
+damals Sokrates den Laches an Haltung übertraf! Ich sah ihn dort
+leibhaftig wie du, Aristophanes, ihn schilderst: trotzigen Blicks, mit
+rollenden Augen; ruhig sah er rechts und links die Freunde und Feinde,
+und man wußte schon von weitem, daß, wenn ihn jetzt hier einer angreifen
+wollte, er sich dessen erwehren würde. Und er und sein Begleiter kamen
+darum auch ganz sicher durch. Denn Soldaten von seiner Haltung werden im
+Kriege selten angegriffen, und der Feind hat es viel mehr auf die
+abgesehen, die kopfüber fliehen. Vieles Andere noch und Herrliches
+könnte ich an Sokrates rühmen; aber was er sonst noch alles tat, das
+könnte oft auch ein anderer getan haben: das Wunder an ihm ist, daß er
+keinem Menschen weder unter den Alten noch unter den Lebenden gleicht.
+Mit Achilleus könnte man schließlich Brasidas, mit Perikles Nestor und
+Antenor vergleichen, es finden sich da immer noch andere. Immer kann man
+da den einen mit dem anderen vergleichen. Dieser Mensch aber, er selbst
+und seine Worte, ist so sonderbar gewachsen, daß niemand weder unter
+den Alten, noch unter den Lebenden seinesgleichen finden würde, es sei
+denn, daß er ihn, wie ich es tat, mit Menschen überhaupt nicht, sondern
+mit den Silenen und Satyrn ihn und seine Worte vergliche.
+
+Denn ich vergaß es vorhin zu sagen, daß auch seine Worte jenen
+geöffneten Silenen gleichen. Wenn jemand zuerst seine Redensarten hört,
+erscheinen sie ihm lächerlich. Sokrates hüllt sich da in Namen und
+Ausdrücke, wie ein wilder Satyr in sein Fell. Er spricht von Lasteseln
+oder Schmieden oder Schustern oder Gerbern; es sieht aus, als ob er
+immer mit denselben Worten dasselbe sagte, so daß der Unerfahrene und
+Ungebildete über diese Reden lacht. Wer sie aber erschließt und in sie
+hinein kann, der wird gleich finden, wie gerade seine Worte ein Sinn
+verbinde und daß sie göttlich seien und Bilder höchster Tugend, und daß
+sie überallhin reichen und vor allem dorthin, wohin der Mensch, der nach
+Veredlung und Besserung strebt, seinen Blick richtet.
+
+Das alles, Männer, ist es, was ich an Sokrates preise. Ich habe auch den
+Tadel in das Lob gemischt und euch gesagt, wie er mich verletzt hat.
+Aber nicht nur mir hat er das angetan, sondern Charmides, der Sohn des
+Glaukon, und Euthydemos, des Diokles Sohn, und viele andere haben ein
+gleiches erfahren: er hat sie alle getäuscht und ist ihnen statt eines
+Freundes der Geliebte geworden. Auch dir, Agathon, sage ich: laß dich
+nicht von ihm betrügen; lerne von unseren Leiden und sei auf der Hut
+und mache es nicht wie die Toren, die, wie das Sprichwort sagt, erst
+durch Schaden klug werden!«
+
+Da Alkibiades also gesprochen hatte, mußten alle über seine
+Offenherzigkeit lachen, denn er schien ihnen noch immer, nach wie vor,
+Sokrates zu lieben. Sokrates rief: »Alkibiades, ich glaube wirklich, du
+bist nüchtern. Denn sonst würdest du kaum so sinnreich zu verstecken
+versucht haben, warum du überhaupt alles das gesagt hast. Wie etwas
+Nebensächliches hast du es an das Ende gesetzt, als ob nicht alle deine
+Worte den einzigen Zweck gehabt hätten, mich und Agathon zu entzweien,
+denn du glaubst, ich dürfe nur dich und sonst niemand lieben und Agathon
+wieder dürfe nur von dir allein geliebt werden. Du hast das nicht
+verbergen können, dein Satyr- und Silenendrama hat uns alles verraten.
+Aber, mein geliebter Agathon, das soll ihm nicht helfen; sorge nur, daß
+er uns beide nicht entzweie.« Agathon entgegnete: »Sokrates, du hast
+recht. Sieh nur, wie er sich zwischen mich und dich gelegt hat, um uns
+beide auseinander zu bringen! Es ist aber umsonst, denn ich werde gleich
+an deine Seite kommen und mich zu dir legen.« »Ja, ja,« meinte Sokrates,
+»komme nur her und lege dich zu mir hin!« »Beim Zeus,« rief da
+Alkibiades, »was muß ich von diesem Menschen nicht alles ertragen! Er
+glaubt mich überall ausstechen zu müssen. Aber, Herrlicher, wenn es
+schon nicht anders geht, so laß wenigstens Agathon zwischen uns.« »Das
+ist unmöglich;« rief Sokrates, »du hast mich gelobt, und jetzt ist an
+mir die Reihe, nach rechts jemanden zu loben. Wenn Agathon zwischen uns
+kommt, so müßte er auf mich wieder eine Lobrede halten, er soll aber
+umgekehrt jetzt von mir gelobt werden. Laß uns also, mein Bester, und
+beneide nicht einen Jüngling um das Lob, das ich ihm reden will; ich
+selbst habe auch das Bedürfnis, Agathon zu preisen!« Und Agathon rief:
+»Armer Alkibiades, ich darf hier nicht bleiben und muß den Platz
+wechseln, damit Sokrates mich lobe!« Und Alkibiades: »Da sehen wir es
+also: wenn Sokrates da ist, kann man nichts mehr von den schönen
+Jünglingen haben. Und wie klug er sich es ausgedacht hat, warum Agathon
+neben ihm sitzen müsse! O Sokrates, Sokrates!«
+
+Nun ist Agathon aufgestanden und hat sich neben Sokrates gelegt. Da kam
+plötzlich eine Menge von Zechern an die Tür, und da diese offen stand
+-- es war eben jemand herausgegangen -- so konnten diese weiter und sich
+zu den anderen legen. Es herrschte dann viel Lärm, und ohne Ordnung ward
+jeder gezwungen, so viel wie möglich zu trinken. Eryximachos, Phaidros
+und andere, erzählte Aristodemos, wären weggegangen, ihn selbst hätte
+der Schlaf gepackt und er hätte fest geschlafen -- es wäre ja sehr spät
+gewesen -- und wäre erst gegen Morgen aufgewacht, da die Lerchen schon
+sangen. Da hätte er denn die einen schlafen gesehen, andere wären
+fortgegangen, und nur Agathon und Aristophanes und Sokrates wären noch
+wach gewesen und hätten aus einem großen Krug getrunken und ihn immer
+wieder nach rechts sich gereicht. Sokrates hätte zu ihnen gesprochen.
+Aristodemos konnte sich aber nicht an alles erinnern, er hätte den
+Anfang nicht hören können und jetzt noch etwas geduselt. In der
+Hauptsache aber, meinte er, hätte Sokrates beide dazu gebracht, ihm
+zuzugeben, daß ein und derselbe Dichter die Komödie und die Tragödie
+beherrschen müßte, und daß der Tragödiendichter auch ein Komödiendichter
+wäre. Agathon und Aristophanes hätten ihm aber nicht mehr ganz zu folgen
+vermocht und wären ab und zu in den Schlaf genickt. Zuerst wäre
+Aristophanes eingeschlafen, dann gegen Morgen Agathon. Sokrates aber
+sei, nachdem er sie also zur Ruhe gebracht, aufgestanden und
+weggegangen, Aristodemos ihm nach seiner Gewohnheit gefolgt. Sokrates
+wäre ins Lykeion gekommen, hätte dort gebadet und den ganzen Tag
+zugebracht und dann erst gegen Abend zu Hause sich zur Ruhe gelegt.
+
+ ENDE
+
+ DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG
+
+
+
+
+ [Liste der vorgenommenen Änderungen:
+
+ so müssten wir dann glauben
+ so müßten wir dann glauben
+
+ >Ja, da sprichst du wahr!>
+ >Ja, da sprichst du wahr!<
+
+ »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryxmimachos
+ »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryximachos
+
+ der könne, wie das wäre, nur jener wieder schildern
+ der könne, wie das wäre, nur jenen wieder schildern
+
+ aufgestanden und weggegangen, Aristodemus ihm nach
+ seiner Gewohnheit gefolgt
+ aufgestanden und weggegangen, Aristodemos ihm nach
+ seiner Gewohnheit gefolgt
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Platons Gastmahl, by Plato
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.