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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:14:49 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:14:49 -0700 |
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diff --git a/24899-h/24899-h.htm b/24899-h/24899-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b829582 --- /dev/null +++ b/24899-h/24899-h.htm @@ -0,0 +1,3230 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Platons Gastmahl, by Platon + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + h1 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 3em; + } + + body{margin-left: 18%; + margin-right: 18%; + } + + .pagenum { + font-style: normal; + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; + } /* page numbers */ + + .blockquot{margin-left: 15%; margin-right: 15%; text-align: justify;} + + .center {text-align: center;} + + .caption {font-weight: bold;} + + .figcenter {margin: auto; text-align: center;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right: 10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + + .tnote { + text-align: justify; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #eee; + padding: 0.5em; + margin: 60px 5% 60px 5%; + text-indent: 0em; + } + em { + letter-spacing: 0.25em; + margin-right: -0.25em; + font-style: normal; + } + + .correction {text-decoration: none; border-bottom: 1px dashed blue;} + + img.cap { + float: left; + margin: 0em 0.5em 0em 0em; + position:relative; + } + div.drop p:first-letter { color:Window; } + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Platons Gastmahl, by Plato + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Platons Gastmahl + +Author: Plato + +Translator: Rudolf Kassner + +Release Date: March 23, 2008 [EBook #24899] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL *** + + + + +Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p class='tnote' style='margin-top: 5em;'>Anmerkungen zur Transkription:<br /><br /> + +Der Text wurde originalgetreu übertragen. Lediglich einige offensichtliche Fehler wurden korrigiert. +Sämtliche vorgenommenen Korrekturen sind markiert, der <ins class='correction' title='so wie hier'>Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p> + + + + +<div class="blockquot" style='font-size:105%;' lang="la" xml:lang="la">MEDIUM TE MUNDI POSUI, UT CIRCUMSPICERES +INDE COMMODIUS QUIDQUID EST IN MUNDO · +NEC TE CŒLESTEM NECQUE TERRENUM NECQUE +MORTALEM NECQUE IMMORTALEM FECIMUS, UT +TUI IPSIUS QUASI ARBITRARIUS HONORARIUSQUE +PLASTES ET FICTOR IN QUAM MALUERIS TU +TE FORMAM EFFINGAS · POTERIS IN INFERIORA +QUAE SUNT BRUTA DEGENERARE, POTERIS IN +SUPERIORA QUAE SUNT DIVINA EX TUI ANIMI SENTENTIA +REGENERARI · O SUMMAM DEI PATRIS LIBERALITATEM, +SUMMAM ET ADMIRANDAM HOMINIS +FŒLICITATEM · PICO DI MIRANDOLA „ORATIO“</div> + + +<h1>PLATONS GASTMAHL</h1> + +<div class="figcenter" style="width: 118px; margin-top: 8em;"> +<img src="images/logo.png" width="118" height="117" alt="Verlagslogo" title="" /> +</div> + +<p class="center"><span style='font-size:115%;'>22.–26. TAUSEND</span><br /> +<span style='font-size:125%;'>VERDEUTSCHT VON RUDOLF KASSNER</span></p> + +<p class="center" style='font-size:125%;'>VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS<br/> +JENA 1922</p> + + +<p class="center" style='font-size:125%; margin-top: 4em;'>FRAU<br /> +E. BRUCKMANN-CANTACUZENE<br /> +GEWIDMET</p> + + + +<p class="center" style=" margin-top: 4em;">ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG<br /> +IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN. COPYRIGHT 1922<br /> +BY EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA</p> + + +<div class="figcenter" style="width: 310px; margin-top: 4em; margin-bottom: 6em;"> +<img src="images/relief.png" width="310" height="600" alt="Relief eines nackten Griechen" title="" /> +</div> + + + +<div class='drop'><span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span><img src='images/letter_a.png' width='277' height='283' alt='A' class='cap' /><p style="font-style: italic; text-indent: -0.9em;">Apollodoros: <span style="font-style: normal; text-indent: 0em;">„O ja, darüber +bin ich ziemlich +unterrichtet. Erst neulich, +da ich von Phaleron +nach der Stadt +gehe, sieht mich von +rückwärts einer meiner +Bekannten und ruft mir +nach: „Apollodoros, +Apollodoros von Phaleron“ +– er scherzt +immer mit meinem Namen – „so warte doch!“ Ich +bleibe nun stehen und warte auf ihn, und da sagt er +mir denn: „Ich habe dich schon unlängst gesucht, ich +möchte nämlich so gerne etwas über das Gastmahl des +Agathon erfahren, ich meine jenes, an dem Sokrates, +Alkibiades und noch viele andere teilgenommen und +bei dem sie über Eros gesprochen haben. Was sprachen +sie damals alles, weißt du näheres? Mir hat schon +jemand davon erzählt, der es von Phoinix, dem Sohne +des Philippos, gehört hatte, und dieser sagte mir, +auch du wüßtest näheres darüber. In der Tat, er +konnte mir nicht gerade viel sagen, erzähle du mir +nun davon! Denn niemand ist so dafür geschaffen +wie du, die Worte unseres großen Freundes zu +künden. Zuerst aber sage noch schnell: warst du +selbst bei dem Gastmahl zugegen? Ja?“ Darauf +erwidere ich ihm gleich: „Dein Freund muß dich +wirklich schlecht unterrichtet haben, wenn er meint, +das Gastmahl, um das du mich fragst, hätte erst</span> +<span class='pagenum' style='font-style: normal; text-indent: 0em;'><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span><span style="font-style: normal; text-indent: 0em;"> +vor kurzem stattgefunden und ich selbst hätte +daran teilgenommen!“ „Nicht? Ich dachte!“ „Aber +mein lieber Glaukon,“ fuhr ich fort, „weißt du denn +nicht, daß Agathon seit vielen Jahren schon die +Stadt verlassen hat? Und dann – seitdem ich um +Sokrates bin, seitdem ich täglich, ich sage täglich +ganz genau weiß, was Sokrates spricht und was +Sokrates tut, sind noch nicht drei Jahre vergangen. +Früher, ach früher! – da lief ich so herum, ohne +zu wissen wohin, und tat geschäftig und war doch +so jämmerlich wie nur irgend jemand, so jämmerlich +wie du jetzt, Glaukon, der du noch immer +glaubst, man dürfe um keinen Preis denken, nur nicht +denken.“</span></p></div> + +<p>„Bitte, mache dich nicht über mich lustig,“ sagt +mein Freund, „sage lieber, wann hat das Gastmahl +also stattgefunden?“</p> + +<p>„Wir waren noch Kinder, Agathon hatte mit seiner +ersten Tragödie gesiegt und mit seinen Choreuten +den Sieg gefeiert, den Tag darauf nun da hat das +Gastmahl stattgefunden!“</p> + +<p>„Das ist allerdings schon lange her. Aber von wem +weißt du das alles?“ fragte Glaukon weiter. „Von +Sokrates selbst?“</p> + +<p>„Ach Gott, nein, nein! Von ebendemselben, von +dem Phoinix es gehört hat: von Aristodemos aus +Kythäron, vom kleinen Aristodemos, der immer wie +der Meister ohne Sandalen herumlief. Er war dabei; +ich glaube, seine Beziehungen zu Sokrates waren ganz +besonders innige. Später habe ich noch Sokrates selbst +<span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> +um einiges gefragt, und Sokrates bestätigte, es sei alles +so gewesen, wie Aristodemos es mir geschildert hat.“</p> + +<p>„Gut, gut, so erzähle du mir jetzt nun alles!“ drang +Glaukon weiter. „Wir gehen beide in die Stadt, und +auf dem Wege kann man so gut reden und zuhören!“</p> + +<p>Nun, so gingen wir beide zusammen nach der Stadt +und sprachen darüber; ich bin also, wie gesagt, vorbereitet. +Und wenn es sein muß, so will ich auch +euch alles erzählen. Aufrichtig, ich freue mich jedesmal +unbändig, wenn ich entweder selbst über Philosophie +sprechen oder davon hören darf. Von der +Förderung, die ich dadurch erfahre, rede ich erst gar +nicht. Über das, was man so den Tag über schwatzt, +was ihr Reichen und Krämer zusammenschwatzt, ärgere +ich mich doch nur; ja ich bemitleide euch, denn ihr +glaubt immer, weiß Gott was zu tun und kommt doch +nicht weiter. Vielleicht werdet ihr euerseits wieder +mich bemitleiden, vielleicht habt ihr recht, ja, ich bin +bemitleidenswert, ja! Aber ihr, meine Lieben, seid es +in einem ganz anderen Sinne, und ihr seid es nicht nur +vielleicht, ihr seid es bestimmt, das weiß ich.“</p> + +<p><i>Der Freund:</i> „Apollodoros, du bleibst der Alte! +Immer schmähst du dich selbst und die Welt und +hältst, mit dir angefangen, alle einfach für bemitleidenswert; +Sokrates allein ist deine Ausnahme. Ich weiß zwar +nicht, woher du den Beinamen „der Tolle“ hast, aber, +so oft du sprichst, bist du wirklich wie toll. Du haderst +mit dir selbst und den andern, nur Sokrates, Sokrates +bleibt von deiner Wut verschont!“</p> + +<p><i>Apollodoros:</i> „Mein lieber Freund, es ist wohl nur +<span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> +zu natürlich, daß ich toll und rasend erscheine, da +ich nun einmal so über mich und euch denke!“</p> + +<p><i>Der Freund:</i> „Streiten wir jetzt nicht darüber! Tue +das, worum wir dich gebeten haben, und erzähle uns +vom Gastmahl!“</p> + +<p><i>Apollodoros:</i> „Am Gastmahl nahmen teil … Doch +nein, ich will lieber gleich von Anfang an es so erzählen, +wie ich es von Aristodemos gehört habe. +Aristodemos erzählte also: er wäre eines Abends +Sokrates begegnet, und Sokrates hätte gerade gebadet +gehabt und, was selten vorkommt, Sandalen +getragen. Auf die Frage, wohin er denn so geputzt +ginge, hätte Sokrates geantwortet: „Zu Agathon, zu +einem Gastmahl! Gestern bin ich noch der Siegesfeier +entgangen – ich mag den Lärm nicht – ich habe aber +versprochen, heute zu kommen. Und so habe ich mich +denn schön gemacht, damit auch ich „schön vor den +Schönen“ trete. Aber du, wie denkst du darüber, ungeladen +mitzugehen?“ „Ja, wenn du glaubst …“ hätte +er geantwortet. „So komm nur mit! Wir können ja das +Sprichwort drehen und sagen: Zum Mahle des Guten +kommen ungeladen die Guten! Homer dreht es nicht +nur um, sondern hält sich überhaupt nicht daran: +Agamemnon ist sein bester Soldat, und Menelaos ist, +wie sagt er doch, Menelaos ist ein verwöhnter Speerschütze. +Doch da Agamemnon das Opfer feiert, kommt +Menelaos ungeladen zum Opfermahle, du siehst, der +Schlechtere kommt hier zum Mahle des Besseren.“ „Ich +fürchte,“ hätte Aristodemos eingewendet, „ich fürchte, +Sokrates, du schmeichelst mir, wenn du das Sprichwort +<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span> +in deinem Sinne drehst; ich bin wohl eher im +Sinne Homers der arme Schlucker und gehe ungeladen +zum Mahle des Weisen und Edlen! Sieh nur zu, +wie du mich dort entschuldigen wirst; ich will durchaus +nicht ungeladen kommen, ich betrachte mich von +dir geladen!“ „Während wir zusammen gehen, können +wir ja überlegen, was wir anführen werden. Gehen +wir nur!“ hätte Sokrates geschlossen, und so wären +sie denn beide weitergegangen. Sokrates wäre aber, +wie ihm ja das öfters geschieht, ganz plötzlich in +Gedanken gekommen und auf dem Wege immer +wieder zurückgeblieben. Da Aristodemos auf ihn +warten wollte, hätte Sokrates ihn nur weitergehen +geheißen. Bis zu Agathons Tür wären sie schließlich +beide zusammen gegangen. Und jetzt wäre Aristodemos +etwas ganz Komisches widerfahren. Agathons +Tür hätte offen gestanden, ein Knabe ihn bei der +Tür empfangen und zu den Sitzen der andern geführt, +die eben im Begriffe waren, an das Essen zu +gehen. Da aber Agathon ihn erblickte, hätte er gleich +gerufen: „Aristodemos, du kommst gerade zurecht, +um noch mit uns zu essen. Laß alles nur, bitte, auf +morgen, wenn du etwa in einer andern Angelegenheit +herkommst! Ich habe dich gestern schon überall gesucht, +um dich für heute einzuladen, und konnte dich +nicht finden. Aber warum bringst du Sokrates nicht +mit?“ „Ich drehe mich um“, hätte Aristodemos gesagt, +„und sehe keinen Sokrates. ‚Ja, ich bin aber doch mit +Sokrates gekommen,‘ rief ich, ‚Sokrates hat mich aufgefordert, +mit zu euch zu kommen!‘“ „Gut, gut, +<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +natürlich, aber wo ist er?“ „Ja, Sokrates ging hinter +mir und kam mit herein, ich bin jetzt selbst ganz verwundert, +wo er nur geblieben sein mag.“ „Sieh du +dich nach Sokrates um,“ hätte Agathon einem Knaben +befohlen, „und bring ihn uns! Doch du, Aristodemos, +lege dich dorthin neben Eryximachos!“ Ein Knabe +hätte Aristodemos nun die Füße gewaschen und Aristodemos +sich dann neben Eryximachos gelegt. Der +Knabe aber, den Agathon nach Sokrates geschickt +hatte, wäre mit dem Berichte zurückgekommen: Sokrates +stehe ganz allein im Tore des Nachbarhauses +und wolle nicht kommen. „Unsinn, gehe noch einmal +und laß nicht locker!“ Agathon hätte noch einmal +den Knaben schicken wollen, doch Aristodemos entgegnete: +„Nein, nein, laßt Sokrates nur! Er macht das +oft so und bleibt plötzlich wo stehn. Er wird ja gleich +kommen. Stört ihn nur nicht!“ „Nun, wenn du glaubst;“ +gab Agathon nach, „ihr Knaben aber bringt uns das +Essen. Setzt es uns vor, ganz wie ihr wollt! Niemand +soll heute die Aufsicht führen. Ich liebe das nicht. +Bildet euch ein, wir wären von euch zu Tische geladen, +und bedient uns so, daß wir euer Haus dann +loben!“ Und so hätten sich denn alle ans Essen gemacht. +Sokrates wäre aber noch immer nicht gekommen. +Agathon hätte ihn zwar immer wieder holen lassen +wollen, aber Aristodemos wäre weiter dagegen gewesen. +Endlich wäre er doch gekommen, sogar ohne +diesmal so lange wie gewöhnlich auf sich warten zu +lassen, sie wären alle noch mitten im Essen gewesen. +Und gleich hätte Agathon, der ganz an der Ecke allein +<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +saß, Sokrates zugerufen: „Zu mir, Sokrates, setze dich +zu mir, damit auch ich etwas von dem Gedanken, der +dir dort vor der Tür in den Wurf kam, bekomme! +Du hast dir ihn wohl gefangen und hältst ihn jetzt +fest! Natürlich, sonst hättest du wohl kaum den Anstand +verlassen!“ Sokrates hätte sich auch gleich +neben Agathon gesetzt und ihm erwidert: „Ich mag +mit meinem Platze wohl zufrieden sein, wenn also +die Weisheit wirkt, daß sie aus dem Vollen ins Leere +abfließt, so wir beide uns nebeneinander halten, +wie ja das Wasser aus dem vollen Becher in den +leeren fließt, wenn man ein Haar zwischen beide +legt. Ja, wenn also die Weisheit wirkt, dann ehre +ich den Platz neben dir! Ich glaube, neben dir +recht voll von deiner reichen und schönen Weisheit +zu werden. Denn meine Weisheit ist mager und +zweifelhaft, zweifelhaft wie ein Traum. Deine Weisheit +hingegen strahlt und hat eine helle Bahn, du bist +noch so jung, und sie hat gestern vor mehr als dreißigtausend +Griechen geleuchtet!“ „O Sokrates, du bist +ein böser Spötter; den Streit über unsere Weisheit +aber wollen wir später ausfechten, und Dionysos +wird Richter sein. Jetzt iß nur zuerst!“ Nun hätte +also auch Sokrates gegessen, und da er und die +andern fertig waren, hätten alle zuerst dem Gotte vom +Weine gespendet und die Lieder gesungen, und so +unter allen den üblichen Gebräuchen wäre es zum +eigentlichen Trinkgelage gekommen. Und Pausanias +nahm gleich das Wort: „Wohlan denn, Freunde, da +jetzt getrunken werden muß, so frage ich zuerst, wie +<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +machen wir uns dies heute so leicht wie möglich? +Damit ich es nur gleich gestehe, mein Kopf ist mir +noch von gestern schwer, und ich muß mich heute +noch davon erholen. Und da ihr alle gestern zugegen +waret, so nehme ich dasselbe von euch an.“ „Da +hast du recht, Pausanias,“ fiel Aristophanes ein, „da +hast du recht, wir müssen uns heute durch irgend +etwas vom fortwährenden Trinken ablenken. Auch +ich stak gestern tief im Weine!“ „Das heiße +ich vernünftig gesprochen,“ rief Eryximachos, der +Sohn des Akumenos, „aber nur einen von euch +möchte ich noch fragen, dich, Agathon: Hast du +viel Lust zum Trinken?“ „Nein, nein, sehr wenig!“ +gab Agathon zur Antwort, und Eryximachos: „Nun, +wenn so unsre besten Zecher versagen, so ist das für +mich und Aristodemos und Phaidros ein großer Trost, +denn wir drei vertragen nie viel. Sokrates nehme +ich aus, denn er kann immer beides, und darum wird +ihm beides recht sein. Da also niemand von den +Anwesenden Lust hat, viel zu trinken, so dürfte ich +gerade heute niemandem zu nahe treten, wenn ich euch +über die Trunksucht einmal die Wahrheit sage. Ich +bin Arzt und habe in meiner Praxis erfahren, wie schädlich +der Rausch den Menschen sei. Ich selbst möchte +also heute weder gerne einfach darauflostrinken, noch +andern dazu raten, am wenigsten dem, welchem noch +von gestern der Kopf brummt!“ „Eryximachos, ich folge +dir, du weißt es, immer und besonders dann, wenn du +als Arzt sprichst,“ unterbrach ihn Phaidros, der Myrrhinusier, +„heute werden auch die andern auf dich +<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +hören, wenn ihnen an ihrem eigenen Wohl gelegen +ist.“ Und so waren denn alle darin übereingekommen, +heute nicht bis zum Rausch, sondern ganz ohne Zwang +zu trinken. Und Eryximachos fuhr fort: „Da es also abgemacht +ist, daß heute jeder nur so viel trinke, wie er +will, und niemand gezwungen wird, so schlage ich +vor, wir lassen die Flötenspielerin, die eben gekommen +ist, wieder gehen; sie mag sich selbst oder, +wenn sie es vorzieht, unsern Weibern zu Hause etwas +vorspielen; wir werden uns allein unterhalten und +zwar mit Gesprächen. Und wenn ihr es hören wollt, +so werde ich euch sagen, worüber wir reden sollten!“ +Alle wollten den Vorschlag des Eryximachos hören, +und Eryximachos sagte ihn: „Ich beginne wie des +Euripides Melanippe: Nicht ich rede, sondern Phaidros +spricht durch mich. Phaidros sagt mir nämlich jedesmal +ganz bitter: „Ist es nicht arg, Eryximachos, daß +auf alle Götter Lieder und Gesänge von den Dichtern +geschrieben werden und daß ihrer niemand noch +Eros, diesen alten und starken Gott, im Liede gepriesen +hat? Sieh dir die ehrlichsten Sophisten an: +Herakles und die andern Götter verherrlichen sie in +ganzen Abhandlungen, denke nur an den ausgezeichneten +Prodikos! Und wenn man das noch verstehen +kann, aber ich hatte unlängst ein Buch in der Hand, +und darin konnte man ganz ernst ein Loblied auf den +Nutzen des Salzes lesen, und in dieser Art könntest +du noch vieles finden. Auf solche Dinge wird viel +Fleiß verwendet, aber bis heute hat noch niemand +gewagt, Eros zu feiern; ein so großer Gott bleibt also +<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +ohne Ehren!“ Phaidros scheint mir recht zu haben. Ich +will also seinen Antrag unterstützen und ihm gefällig +sein; ich glaube auch, gerade jetzt wäre unter uns +Stimmung, den Gott zu preisen. Wenn ihr nun alle +meiner Ansicht seid, so könnten wir uns nicht angenehmer +die Zeit vertreiben. Ich denke, wir fangen +dann von rechts an und jeder spricht etwas zum +Preise des Gottes, so gut er es eben kann; Phaidros +beginnt, er sitzt ganz oben und hat uns auch zum +Ganzen angeregt.“ „Niemand, Eryximachos, wird +gegen dich stimmen,“ rief Sokrates, „am wenigsten ich, +der ich immer behaupte, mich überhaupt nur auf die +Liebe zu verstehen; Agathon und Pausanias sind +selbstverständlich dafür; Aristophanes hat es ja immer +nur mit Aphrodite und Eros zu tun, alle, alle hier sind +auf deiner Seite. Allerdings sind wir, die ganz +unten sitzen, ein wenig im Nachteil, doch wenn die +andern oben gut sprechen, so werden wir es zufrieden +sein. Viel Glück denn, Phaidros, fange an und +preise uns den Gott der Liebe!“ Alle haben sich +Sokrates angeschlossen und Phaidros zum Worte gerufen. +Was nun jeder sprach, dessen konnte weder +Aristodemos sich immer genau entsinnen, noch weiß +ich selbst alles so deutlich, wie Aristodemos es mir +erzählt hat. Doch was mir in ihren Reden wesentlich +und denkwürdig erschien, das alles sollt ihr jetzt hören.</p> + +<p>Phaidros hätte also begonnen: „Ein großer Gott ist +Eros und wunderbar unter Menschen und Göttern, +groß und wunderbar in vielem Sinne und vor allem +dann, wenn wir an seine Geburt denken. Denn Eros +<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +ist der älteste der Götter, und das allein ist ein Vorzug. +Eros hat keinen Vater und keine Mutter, Dichter +und Laien wissen nichts von seiner Geburt. Hesiod +sagt, am Anfang sei das Chaos gewesen und ‚dann +die breite Erde, der Wesen ewig sicherer Sitz und +endlich Eros‘. Und Parmenides erzählt von der Schöpfung, +sie habe von allen Göttern zuerst den Gott der +Liebe ersonnen. Wie Hesiod denkt auch Akusilaos, +und so gilt denn Eros wirklich vielen als der älteste +Gott. Und darum ist er auch der Spender höchster +Gaben. Ich wüßte denn auch keine höhere Gabe als +einem Jüngling den treuen Freund und diesem den +Geliebten. Was allen Menschen, die edel ihr Leben +führen wollen, immer notwendig sein soll, das können +diesen nicht Geburt, nicht Ehre, nicht Reichtum so +reich geben, wie die Liebe es gibt. Denn die Liebe +allein gibt die Scham vor dem Laster und den Ehrgeiz +alles Edlen, und ohne beide vermag eine ganze +Stadt, vermag der Einzelne nicht das Große zu wirken. +Ich meine, wenn ein Jüngling irgend etwas ganz +Schlechtes getan hat oder seine Feigheit den Gegner +nicht wehren wollte, so wird die offene Scham ihn +vor seinen Eltern oder Gefährten lange nicht so wie +vor dem Geliebten schmerzen. Und wenn der Geliebte +bei etwas Schlechtem ertappt wird, so empfindet +er vor niemandem so bitter die Schande wie +vor dem Freunde! Die Freunde und die Geliebten +– ja sollte es möglich sein, aus beiden eine ganze +Stadt oder ein ganzes Heer zu bilden, so könnten +eine so gemeinsame Abscheu vor dem Laster und ein +<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +so selbstloser Ehrgeiz das Staatswesen nicht besser +verwalten, und wenn sie gemeinsam in die Schlacht +zögen, müßten sie, wenn ihrer auch nur wenige +wären, alle anderen, ich sage gleich, die ganze Welt +besiegen. Ein Jüngling, der die Waffen wegwirft und +die Schlachtreihe verläßt, würde wohl von allen anderen +besser als von dem Geliebten empfangen werden +und eher sterben, bevor er dies täte. Oder gar den +Geliebten verlassen, ihm in der Gefahr nicht beispringen: +so feige ist niemand – jeden hat die Liebe +so mit göttlichem Mute begabt, daß er sich dann mit +dem Kühnsten messe. Und wenn der Gott, wie Homer +ungeschickt sagt, einigen Helden den Mut einhaucht, +so schenkt Eros sich selbst den Liebenden als Mut.</p> + +<p>Und nur Liebende wollen füreinander sterben, und +das tun nicht nur Männer, sondern sogar die Frauen. +Alkestis, des Pelias Tochter, hat es vor allen Griechen +bewiesen. Sie, sie allein wollte für Admet in den Tod +gehen, und doch lebten diesem noch Vater und Mutter. +Ja, Alkestis stand um ihrer Liebe willen so hoch über +diesen, daß sie für immer dartat, wie Eltern im Grunde +und zuletzt dem Sohne doch fremd wären und ihm +nur den Namen gäben. Und der Alkestis Tat war +auch vor den Göttern so edel, daß liebend diese der +Alkestis Seele aus dem Hades ließen, eine Gnade, +welche nur wenigen und nur denen, die Höchstes +vollbracht haben, Götter gewähren. So ehren die +Götter den Eifer und Mut der Liebe. Orpheus dagegen, +den Sohn des Oiagros, ließen sie erfolglos +aus dem Hades gehen, die Götter zeigten ihm nur +<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +den Schatten des Weibes, um das er kam, Eurydike +selbst gaben sie nicht zurück, denn Orpheus war ein +Musiker und feige, und statt um der Liebe willen gleich +Alkestis zu sterben, wollte er es erzwingen, lebend unter +die Schatten zu treten. Darum sandten die Götter +ihm die Strafe und ließen ihn von den Mänaden, von +Weibern, zerfleischen. Achilleus aber, den Sohn der +Thetis, ehrten sie, und ihn sandten sie hin nach den +Inseln der Seligen. Aus der Mutter Munde hatte der +Held erfahren, daß er wählen müsse: ‚Wenn du Hektor +tötest, so mußt du jung in Troja sterben, doch +wenn du ihn schonst, so kehrst du nach der Heimat +zurück und scheidest als Greis vom Leben.‘ Achilleus +war stark und wählte den frühen Tod und rächte +Patroklos, der ihn geliebt hatte, er starb nicht für ihn, +nein, er starb dem toten Freunde nach. Und weil +Achilleus den Freund so hochhielt, darum haben +überschwenglich ihn die Götter geliebt und geehrt. +Äschylos schwatzt, wenn er behauptet, Patroklos sei +der Geliebte und Achilleus der Freund gewesen, denn +Achilleus war nicht nur schöner als Patroklos, er war +schöner als alle anderen Helden und hatte, wie außerdem +Homer sagt, noch keinen Bart und war der +jüngere. Es ehren die Götter ja überall den Mut in +der Liebe, aber sie staunen mehr und spenden reicher +die Gnade, wenn der Geliebte dem Freunde, als wenn +der Freund dem Geliebten die Liebe beweist. Denn +der Freund ist göttlicher als der Geliebte. Der Freund +trägt den Gott in sich. Und darum haben die Götter +Achilleus mehr geehrt als Alkestis, und Achilleus und +<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +nicht Alkestis haben sie nach den Inseln der Seligen +geschickt. Ich schließe und sage, Eros ist von allen +Göttern der älteste und ehrwürdigste und der hohe +Herr aller, die im Leben und nach dem Tode zur +Tugend und zum Heile kommen wollen.“</p> + +<p>So also hatte Phaidros gesprochen. Auf ihn sind noch +einige andere gefolgt – Aristodemos erinnerte sich +ihrer Worte nicht mehr – bis dann Pausanias an die +Reihe kam: „Indem du, Phaidros, Eros so einfach den +Preis sprachest, hast du dir die Aufgabe, wie mir +scheint, nicht richtig gestellt. Ja, wenn es nur <em>einen</em> +Eros gäbe, würde ich nichts einzuwenden haben. Nun +gibt es aber nicht nur <em>einen</em> Eros, und darum ist es +wohl unerläßlich, vorauszuschicken, welchen wir +preisen sollen. Ich will also versuchen, dich zu berichtigen, +das heißt: ich werde zuerst sagen, welchen Eros +wir preisen sollen, und dann erst werde ich den Würdigen +würdig preisen. Wir alle wissen, daß Aphrodite +nie ohne Eros ist. Wenn es nun nur <em>eine</em> Aphrodite +gäbe, so hätten wir nur <em>einen</em> Eros. Nun gibt es +aber zwei Göttinnen der Liebe, und darum haben wir +notwendig auch zwei Eroten. Zwei Göttinnen der +Liebe also: die ältere mutterlose Tochter des Uranos, +sie heißt die himmlische Aphrodite, und dann die +jüngere, des Zeus und der Dione Tochter, die irdische +Aphrodite. Und darum müssen wir den Eros, +der diese begleitet und dieser hilft, den irdischen +Eros, und den, der jene begleitet und jener hilft, den +himmlischen Eros nennen. Weiter, im allgemeinen +können wir ja gar nicht anders als alle Götter preisen,<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +aber hier müssen wir klar zu machen versuchen, welcher +Preis jedem der beiden Götter gebühre. Es +gilt ja überall: Eine Handlung ist niemals an und für +sich gut oder an und für sich schlecht. Was immer +wir jetzt hier tun, ob wir nun trinken, singen oder +Reden halten, alles das könnte niemals an und für +sich, aus sich heraus gut sein, denn die Art und Weise +entscheidet. Wenn wir ehrlich und edel handeln, +so ist die Handlung gut, wenn wir niedrig handeln, +schlecht. Und so ist auch Eros und jede Betätigung +der Liebe an und für sich, im allgemeinen weder ein +Edles noch würdig gepriesen zu werden, sondern +nur derjenige ist es, der edel zu lieben weiß.</p> + +<p>Der Eros der irdischen Aphrodite ist nun wirklich +irdisch und überall und gemein und zufällig. Und +alles Gemeine bekennt sich zu ihm. Der Gemeine +liebt wahllos Weiber und Knaben, und er liebt immer +nur den Leib, er liebt vor allem die geistig noch unentwickelten +Knaben, da er eben nur den Zweck will +und die Art ihn nicht kümmert. So handelt er denn +auch immer ganz zufällig, heute gut und morgen +schlecht, und liebt, was ihm begegnet. Seine Göttin +ist die jüngere, und an der Zeugung und Geburt der +irdischen Aphrodite hatten der Mann und das Weib, +beide Geschlechter, teil. Die hohe Liebe stammt von +der himmlischen Aphrodite, und die himmlische Aphrodite +war aus dem Manne frei geschaffen und ist die +Ältere und voll Maß und gebändigt. Und darum +also streben sehnend alle Jünglinge und Männer, +welche diese Liebe begeistert, zum männlichen, zum +<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +eigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur +und den höheren Sinn. Aber auch hier in der +Männerliebe müssen wir von anderen scharf diejenigen +scheiden, die nur von der hohen Liebe und nur von ihr +geführt werden. Sie lieben die Jünglinge erst, wenn +diese selbständig zu denken beginnen, es ist das im +allgemeinen um die Zeit, da diesen der Bart keimt. +Und wer hier den Jüngling zu lieben beginnt, wird +dann auch bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten +gemeinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen +und auslachen und davon zu einem andern laufen, +etwas, das immer vorkommt, wenn er den Geliebten, +da dieser beinahe noch ein Kind war, genommen hat. +Ich meine, es sollte ein Gesetz geben, das da verbietet, +Knaben zu lieben, damit nicht so ins Ungewisse hinein +viel Leidenschaft verschwendet werde. Man kann +nie wissen, wie ein Knabe sich an Geist und Körper +entwickeln werde. Der Edle wird sich dieses Gesetz +selbst geben, die anderen sollten wir dazu zwingen, +wie wir sie ja auch, soweit es da überhaupt möglich +ist, zwingen, freie Frauen nicht zu schänden. Denn +diese Niedrigen sind es, die unsere hohe Liebe so in +Verruf gebracht haben, daß man jetzt überall hört, der +Geliebte dürfe dem Freunde nicht zu Willen sein. +Man denkt da natürlich nur an sie und sieht ihre +Taktlosigkeit und ihr Unrecht, und alles Regellose +und Ungesetzliche verdient ja mit Recht Tadel.</p> + +<p>In den anderen Städten sind die Anschauungen von +der Liebe leicht zu verstehen: alles ist da einfach und +bestimmt; nur hier bei uns und in Lakedaimon scheinen +<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +sie schwierig und verwickelt. In Elis und Böotien, +überall also, wo die Leute nicht sonderlich +redegewandt sind, heißt es kurz: dem Freunde zu +Willen sein ist gut, und kein Mann und kein Jüngling +wird anders denken. Denn durch diese Bestimmtheit +meiden sie ein für allemal die Gefahr, die Geliebten +erst überreden zu müssen, denn reden – das können +sie nun einmal nicht. In Jonien dagegen und überall +bei den Barbaren gilt unsere Liebe einfach für +eine Schande. Unter Barbaren verdammt sie die +Tyrannis, wie diese ja schließlich auch die Philosophie +und Körperbildung verurteilt. Denn dem +Tyrannen kann es nicht sehr förderlich sein, wenn +seinen Kreaturen der Verstand wächst und unter +diesen starke Freundschaftsbünde entstehen, denn gerade +solche bildet gerne die Liebe. Unsere Tyrannen +haben es am eigenen Leibe erfahren: die Liebe des +Harmodios und Aristogeiton ist stark geworden und +hat deren Herrschaft gebrochen. Noch einmal also, +immer dort, wo es für eine Schande gilt, dem Freunde +zu Willen zu sein, spricht nur die Niedrigkeit der Anschauungen, +das heißt: die Herrschsucht des Tyrannen +und die Feigheit des Sklaven; wo es aber ohne Umstände +für selbstverständlich gilt wie in Elis und +Böotien, dort ist die Sitte eben noch roh.</p> + +<p>Bei uns nun ist die Sitte edler und, wie ich schon +gesagt habe, nicht leicht verständlich. Man denke +nur, es gilt für edler, offen zu lieben als verstohlen, +für edler, die Vornehmsten und Tüchtigsten, auch +wenn sie weniger schön wären als andere, zu lieben, +<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +man denke weiter, in wunderbarer Weise gibt alles +dem Liebenden recht und ermutigt ihn wie einen, der +durchaus nicht schlecht handelt; ja, wer den Geliebten +gewinnt, hat recht getan, und wer es nicht vermag, +trägt den Schimpf davon. Und damit der Freund +sein Ziel erreiche und den Geliebten gewinne, gibt +unsere Sitte ihm Freiheiten, das Wunderlichste unter +dem Beifall aller zu tun, Dinge zu tun, die ihm +Schande brächten, wenn sie einem anderen Zweck +dienten. Denn wollte jemand, um sich Geld zu machen +oder einen guten Posten zu erhalten oder im Staate +zu Einfluß zu kommen, alles das tun, was der Freund +für den Geliebten tut, wollte er da ebensoviel bitten +und flehen, Eide schwören und vor den Türen liegen, +kurz sich niedriger als der letzte Sklave gebärden, +Freund und Feind würden sich dagegen erheben: seine +Feinde würden ihn der Kriecherei und Feigheit zeihen, +seine Freunde sich seiner schämen und ihm helfen. +Den Liebenden aber begleitet überallhin die Gunst +aller, und alles ist ihm nach unserer Sitte erlaubt, +ja er handelt nach ihr sogar besonders kühn. Und was +ganz ungeheuer klingt, die Götter, heißt es, verzeihen +Liebenden und nur ihnen den gebrochenen Eid. Die +Liebe schwört keine Eide, hört man die Leute sagen. +So geben Götter und Menschen den Liebenden alle +Mittel frei, und das und nichts anderes sagt unsere +Sitte.</p> + +<p>Nach ihr also müßten wir alle überzeugt sein, es +gelte in unser Stadt allgemein für ein ganz außerordentlich +Edles, zu lieben und geliebt zu werden. +<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +Und doch verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem, +der ihrer Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch +einzulassen und halten ihnen darum Hauslehrer, ja +wenn dies vorkommt, so rügen es auch die Altersgenossen +und Gespielen, und Ältere erheben dagegen +keinen Einspruch und geben den Gespielen recht, +wenn diese sie rügen: nun, wer das wiederum sieht, +der muß dann im Gegenteil glauben, unsere Liebe +sei auch hier eine große Schande. Dieser Widerspruch +löst sich meiner Ansicht nach also: wie ich +schon gesagt habe: es gibt eben nicht einfach etwas, +was an und für sich gut, und ein anderes, was an und +für sich schlecht wäre, alles hängt von der Art und +Weise unseres Handelns ab. Es ist niedrig, dem +Niedrigen, und edel, dem Edlen zu Willen zu sein. +Niedrig ist jener Adept der gemeinen Liebe, welcher +den Leib mehr als die Seele liebt, denn er ist ohne +Treue, da er ein so treuloses, wechselndes Ding wie +den Leib liebt. Wenn der Leib, den er begehrt hat, +verblüht, dann läuft er davon und schämt sich seiner +vielen Worte und Versprechen. Nur wer die edle +Gesinnung liebt, hat sich dem Dauernden verbunden +und bleibt treu. Und diesen, den Treuen will unsere +Sitte prüfen. Darum fordert sie die Geliebten auf, zu +fliehen, und die Freunde, diesen nachzustellen; in +diesem Kampf will sie den Geliebten, will sie den +Freund erproben. Da gilt es ihr dann für niedrig, sich +schnell und leicht fangen zu lassen. Es soll zuerst +eine gewisse Zeit verstreichen; die Zeit stellt ja alles +auf die Probe. Da gilt es ihr weiter für niedrig, durch +<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +Geld oder politischen Einfluß sich gewinnen zu lassen, +ob nun der Geliebte unter dieser Roheit leidet, ohne +doch sich frei machen zu können, oder ob er sich +bestechen läßt und keine Verachtung dafür hat. Denn +abgesehen davon, daß unter diesen Voraussetzungen +nie eine wahre Freundschaft sich bilden kann, so +vermag alles das überhaupt nicht zu halten und zu +dauern. Und so bleibt nach unserer Anschauung nur +<em>ein</em> Weg dem Geliebten übrig, seinem Freunde in +edlem Sinne zu Willen zu sein, nur <em>ein</em> Weg: denn +genau so wie dem Freunde kein Dienst, den er für den +Geliebten tut, als schmeichlerisch und schandbar ausgelegt +wird, wird dann dem Geliebten nur <em>ein</em> Dienst +frei und ohne Schimpf bleiben: der Geliebte wird +um der Tugend willen dienen. Und bei uns ist denn +auch die Sitte wirklich durchgedrungen: wenn dem +Freunde der Geliebte in der Absicht, weiser und +besser zu werden, dient, so ist diese Dienstbeflissenheit +nichts Schlechtes, nicht Kriecherei, wie man oft +hört. Und wenn es wahrhaft edel werden soll, daß +der Geliebte dem Freunde sich hingibt, so müssen +unsere Anschauung von der Liebe und jene von der +Philosophie und jeder anderen inneren Tüchtigkeit +sich decken. Wenn also unsere Freunde und unsere +Geliebten sich dort begegnen werden, wo der Freund +dem Geliebten durchaus uneigennützig zur Seite steht +und der Geliebte dem Freunde, der ihn weise und +edel gemacht hat, sich willig unterordnet, wo weiter +der Freund als der Stärkere wirklich die Gesinnung +und jede Tätigkeit des Geliebten fördert, und der Geliebte +<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +als der Schwächere die Bildung und Einsicht +vom Freunde annimmt, wenn also Freund und Geliebter, +jeder dem eigenen Gesetze gehorchend, so +das Gemeinsame finden, so wird es hier nicht anders +heißen können, als es ist edel, daß der Geliebte dem +Freunde zu Willen sei. Hier ist es auch keine Schmach, +sich zu täuschen und betrogen zu werden. In allen +anderen Fällen trägt der Geliebte die Schande davon, +ob er nun betrogen wird oder nicht. Denn wenn der +Geliebte dem Freunde um dessen Reichtum willen +sich hingibt und dann betrogen wird, so ist das +schamlos und bleibt es, wenn der Freund sich später +als arm erweisen sollte; denn er hat bewiesen, daß er +sich für Geld auch jedem andern unterordnen würde, +und das ist immer gemein. Umgekehrt aber und nach +derselben Anschauung: wenn der Geliebte, um besser +zu werden, dem Freunde zu Willen ist und dann betrogen +wird, da der Freund sich als niedrig erweist, +so ist dennoch diese Täuschung ein durchaus Edles. +Der Geliebte hat, soweit es von ihm abhing, bewiesen, +daß er der Tugend zuliebe und um besser zu werden +zu allem bereit sei, und ich kenne nicht, was edler +wäre. So ist es also, noch einmal, durchaus edel, +um der Tugend willen sich hinzugeben.</p> + +<p>Das also ist der Eros der himmlischen Göttin, auch +er kommt vom Himmel und ist von großem Werte für +die Stadt und den einzelnen, denn er gibt dem Freund +und dem Geliebten beiden jene große Sorge um die +eigene innere Tüchtigkeit. Wer von dieser Sorge nichts +weiß, der bekennt sich zum irdischen Eros. Und +<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +das ist es, Phaidros, was ich, so gut es aus dem Stegreif +ging, zum Preise des Gottes beitragen konnte.</p> + +<p>Nach Pausanias, erzählte Aristodemos, hätte Aristophanes +sprechen sollen. Ob es nun die Folge davon +war, daß er gestern zu viel getrunken hatte oder eine +andere Ursache hatte, Aristophanes hatte Schlucken +und konnte nicht gut sprechen. So sagte er denn +zu Eryximachos – er saß gerade vor dem Arzt Eryximachos –: +„Eryximachos, du mußt mir entweder den +Schlucken nehmen oder für mich sprechen, bis ich +ihn verloren habe. Du kannst ja beides.“ Eryximachos +antwortete: „Ich will dir beides tun. Ich werde jetzt +für dich eintreten, und du kannst dann für mich reden. +Und wenn du, während ich rede, den Atem anhältst, +wird der Schlucken vergehen. Sonst nimm etwas +Wasser und gurgle! Sollte er aber sehr heftig sein, +so reize mit etwas die Nase und bringe dich zum +Niesen! Wenn du das ein- oder zweimal tust, so +muß er aufhören, und wenn er noch so heftig wäre.“ +„Danke, ich werde alles tun; sprich du nur gleich!“ +sagte Aristophanes.</p> + +<p>Eryximachos begann also: „Pausanias hat zwar gut +begonnen, aber nicht richtig geschlossen, und darum +muß ich seine Rede wohl noch vollenden. Daß er +zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig. +Daß aber Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele +nach schönen Jünglingen, sondern in jeder Begierde, +in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der Pflanze, +in der ganzen Natur lebt, das glaube ich gerade in +der Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben. +<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +Groß und wie ein Wunder reicht dort in alles Göttliche +und Menschliche dieser Gott. Und um meine +Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst. +Die Natur birgt hier die beiden Arten des +Eros in sich, und ich meine das so: das gesunde und +das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen, +zwei verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge. +Das eine begehrt nach dem, nach welchem das andere +nicht begehrt. Anders wirkt die Liebe im gesunden +und anders die Liebe im kranken Element. +Pausanias hat oben ausgeführt, daß es edel sei, den +Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein: +nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente +der Natur, und schlecht, die kranken zu fördern, +und das heißt Heilkunst, und das muß der Arzt verstehen. +Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst +lehrt uns die beiden Neigungen der Natur kennen: +die Neigung, Elemente aufzunehmen und die Neigung, +Elemente abzustoßen, und wer hier die gesunde Neigung +von der kranken zu unterscheiden weiß, der ist der +beste Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch +die andere zu ersetzen, hier die gesunde Neigung zu +erregen, dort die kranke zu vernichten weiß, der ist +der Meister. Denn die feindlichen Elemente in der +Natur müssen wir miteinander versöhnen, wir müssen +in ihnen Neigung zueinander erwecken. Die feindlichen +Elemente – das sind die großen Gegensätze in +der Natur: das Kalte ist dem Warmen, das Bittere +dem Süßen, das Trockene dem Feuchten entgegengesetzt. +Und unter diesen Gegensätzen Neigung, den +<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +Eros erwecken – das verstand Asklepios, unser Ahnherr, +und aus dieser Erkenntnis bildete er, wie die +Dichter sagen und wie ich es durchaus glaube, unsere +Kunst. Die ganze Heilkunst wird ja von diesem Gott +beherrscht, die Heilkunst und, damit ich es hier nicht +vergesse, die Lehre von der Körperbildung und der +Ackerbau. Und wer nur ein wenig nachdenkt, für den +gilt dasselbe von der Musik. Herakleitos hat es schon +sagen wollen und sich nur schlecht ausgedrückt, wenn +er behauptet, daß alles Zwiespältige sich wieder eine, +wie in der Form Bogen und Leier sich einen. Es ist zunächst +zwar unsinnig, von einer zwiespältigen Einheit +zu sprechen und zu sagen, daß eine Einheit aus Zwiespältigem +bestehe. Aber vielleicht wollte Herakleitos nur +sagen, daß Hoch und Tief zuerst, in der Natur also, +zwiespältig seien und in der Musik sich dann einen. +Denn ganz unmittelbar gibt es keine Einheit von Hoch +und Tief. Alle Einheit ist Zusammenklang und der +Zusammenklang Übereinstimmung. Solange aber noch +zwei Dinge zwiespältig sind, so können sie nicht +übereinstimmen, und das Widersprechende wieder +kann unmittelbar keine Einheit bilden. Auch der +Rhythmus entsteht erst dadurch, daß die zwei Maße, +Schnell und Langsam, zuerst einander widersprechen +müssen und dann übereinstimmen. Und diese Übereinstimmung +bringt hier die Musik in die Dinge, genau +so wie dort die Heilkunde sie in die Dinge gebracht +hat: die Musik erregt die Neigung, den Eros unter allem +Zwiespältigen. Ich verstehe also unter Musik die +Wissenschaft von der Neigung der Gegensätze, der +<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +Gegensätze von Hoch und Tief, Schnell und Langsam. +In diesem abstrakten Verhältnis von Einheit und Rhythmus +ist der Gott nicht schwer zu erkennen, hier +herrscht noch nicht der doppelte Eros.</p> + +<p>Wenn wir aber auf den Menschen diese Begriffe +von Einheit und Rhythmus anwenden und sie auf +Dichtung und Gesang, auf das also, was unsere Erziehung +bildet, beziehen sollen, so wird die Sache +schwierig und bedarf eines tüchtigen Meisters. Und +hier gilt dann der Satz des Pausanias: wir müssen +der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur +Einheit noch kommen wollen, zu Willen sein, sie +müssen wir hüten und züchten, denn es ist das der +reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania. +Die irdische Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia, +dürfen wir nur mit Vorsicht anwenden, damit die Lust, +die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles Maß +nehme; es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür +zu sorgen, daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst +ohne Schaden genieße. Und so müssen wir +denn in der Musik, in der Heilkunst, in allem Göttlichen +und Menschlichen überall die beiden Arten des +Eros beobachten: denn sie stecken in den Dingen +selbst, beide Eroten stecken in den Dingen.</p> + +<p>Und weiter – auch im Verhältnis der Jahreszeiten +leben sie, der echte Eros und der falsche. Wenn +der echte Eros sich zwischen warm und kalt, zwischen +trocken und feucht zeigt und hier alles Zwiespältige +sich eint und weise mischt, so bringt das Jahr Segen +und Gesundheit für Mensch und Tier und Gewächs. +<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den Jahreszeiten +waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden; +dann entstehen große Seuchen unter den Tieren, und +viele böse Krankheiten bilden sich an den Pflanzen, +und der Reif und Hagel und Brand kommen, wenn +alles sich zu gierig und maßlos liebt. Ich verstehe +unter der Wissenschaft, welche die ganze Liebe in der +Natur auf den Lauf der Sterne und den Wechsel der +Jahreszeiten bezieht, die Astronomie.</p> + +<p>Endlich aber haben wir noch die Opfer und die Kunst +der Seher – alles also, wodurch die Götter mit den +Menschen verkehren – damit diese über der Liebe +wachen und sie heilen. Alle Gottlosigkeit kommt +daher, daß der Mensch in seinem Verhältnis zu seinen +Eltern, den verstorbenen oder lebenden, und zu seinen +Göttern dem echten Eros sich nicht hingibt und den +falschen ehrt, dem falschen dient. Es ist die Pflicht +der Seher, auf Eros acht zu haben und den falschen +zu heilen; denn die Kunst der Seher ist da, damit sie +Freundschaft zwischen den Göttern und den Menschen +schaffe und erkenne, ob alles Lieben der Menschen +nach den Satzungen und zur Frömmigkeit strebe.</p> + +<p>So hat denn viel und große, ja alle Macht der ganze +Eros, und indem er alle guten Dinge klug und gerecht +vollendet, hat er die größte Macht und bringt uns +das ganze Heil und macht uns fähig, untereinander und +denen, die mehr sind als wir, den Göttern Freunde zu +sein. Vielleicht habe ich, da ich den Gott pries, vieles +übersehen, aber dann ist es gegen meinen Willen geschehen. +Deine Aufgabe, Aristophanes, mag es sein, +<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +die Lücken zu füllen. Und wenn du überhaupt im +Sinne hast, den Gott zu preisen, so tue es gleich, da +ja dein Schlucken vergangen ist!“</p> + +<p>Aristophanes griff das gleich auf und erwiderte: +„Ja, ja, der Schlucken hat jetzt wirklich aufgehört. Ich +konnte ihm allerdings erst mit dem Niesen beikommen +und wundere mich eigentlich, daß die Zucht unseres +Leibes, von der du sprachst, soviel Umstände wie +das Niesen braucht. Jedenfalls hat er aber ganz aufgehört, +da ich dieses Mittel anwandte!“ „Aber mein +Bester, gib nur acht auf dich“, sprach Eryximachos, +„statt zu reden machst du Witze und zwingst mich, +deine Rede zu kontrollieren. Denn am Ende wirst +du wieder nur etwas Komisches aufbringen, obwohl +du doch ganz ernst bleiben kannst.“ „Du hast recht,“ +lachte Aristophanes, „vergiß, was ich gesagt habe! +Aber bitte, nimm es nicht zu genau, denn ich fürchte, +was ich sagen werde, wird nicht komisch – das +wäre ja schließlich noch ein Gewinn und käme auf +die Rechnung meiner Kunst –, ich fürchte, es wird nur +lächerlich!“ „O du willst mich treffen und mir so +entgehen!“ erwiderte Eryximachos. „Doch nimm dich +in acht und rede so, daß du Rechenschaft von deiner +Rede geben kannst! Vielleicht spreche ich dich +dann frei.“</p> + +<p>„Und doch,“ begann Aristophanes, „und doch, +Eryximachos, habe ich im Sinne, von Eros ganz anders +als du und Pausanias zu reden. Mich dünkt, die +Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch +gar nicht recht wahrgenommen; denn sie würden +<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> +ihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben und die +größten Opfer darbieten. Bis heute haben sie nichts +von allem, was hätte geschehen sollen, getan. Wie +kein anderer Gott liebt doch Eros die Menschen, +Eros ist der Menschen Helfer, der Menschen Arzt +und das hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind. +Und von seiner Macht will ich zu euch reden, und ihr +mögt es die anderen dann lehren. Erfahret denn zuerst +von der menschlichen Natur und deren Leiden!</p> + +<p>Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. +Ursprünglich gab es drei Geschlechter, drei und +nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und +weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an +den beiden ersten gleichen Teil hatte; sein Name ist +uns geblieben, das Geschlecht selbst ist ausgestorben. +Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte +einst die Gestalt und den Namen des männlichen und +weiblichen Geschlechtes zu einem einzigen vereinigt, +und heute ist uns von ihm nur der Name erhalten, +und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze +Gestalt jedes Menschen war damals rund, und der +Rücken und die Seiten bildeten eine Kugel. Der +Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei +Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden +Gesichtern stak ein Kopf, aber der Kopf hatte vier +Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile doppelt, +und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch +alles andere war demgemäß doppelt! Der Mensch ging +zwar aufrecht wie heute, aber nach vorwärts und nach +rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er +<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +laufen wollte, dann machte er's wie die Gaukler, die +kopfüber Räder schlagen: er lief dann mit allen acht +Gliedern, und so im Rade auf Händen und Füßen +kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute. +Noch einmal, es gab einst drei Geschlechter, und das +männliche hatte seinen Ursprung in der Sonne, das +weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden +ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch +der Mond teilt sich zwischen Sonne und Erde. Und +gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren sind, +waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt, +lief im Kreise. Groß und übermenschlich war ihre +Stärke, ihr Sinnen war verwegen, ja sie versuchten +sich sogar an den Göttern. Was Homer von Ephialtos +und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen: +sie wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten +sich an den Göttern vergreifen.</p> + +<p>Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen +tun sollten, und waren recht in Verlegenheit, +denn sie konnten weder alle Menschen töten und +wie einst die Giganten mit dem Blitze das ganze Geschlecht +niederschlagen – da wäre es auch mit allem +Götterdienst und allen Altären vorbei – noch deren +Übermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein, +und er rief: Ich habe das Mittel! Ich habe das Mittel +gefunden, die Menschen leben zu lassen und doch +ihrem Übermut für immer ein Ende zu machen: ich +werde jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie +werden uns dadurch nicht nur zahmer, sondern auch +von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird gerade +<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +noch einmal so groß. Die Menschen werden +von nun an auf zwei Beinen und nur aufrecht gehen. +Sollte ihnen aber noch Übermut übrig geblieben sein, +und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so +schneide ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen +dann auf einem Beine gehen und hüpfen. Und wie +Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen +her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man +Birnen, um sie einzukochen, entzwei schneidet. Und +so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch Apollon +das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche +zu umdrehen, damit der Mensch von nun an, +indem sein Blick auf sie gerichtet ist, züchtiger sei. +Auch alles andere, was durch den Schnitt wund ward, +ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die +Haut nach dem sogenannten Magen hin zusammen +und band sie in der Mitte des Magens wie einen Schnürbeutel +ab und ließ eine öffnung, und diese öffnung ist +unser Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die +dadurch entstanden waren, und bildete die Brust, indem +er sich dazu eines Werkzeuges bediente, wie es die +Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um +den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten +übrig; auch darüber sollte der Mensch seines alten +Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese Weise +die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen +die große Sehnsucht nach seiner eigenen anderen +Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander +und verflochten ihre Leiber und wollten +wieder zusammenwachsen und starben vor Hunger +<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +und wild und wirr, denn keine wollte ohne die andere +etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb und die +andere am Leben blieb, da suchte diese nach der +toten und umarmte den Leichnam, ob sie nun auf die +Hälfte eines ganzen Weibes – ich meine, was wir heute +Weib nennen – oder auf die Hälfte eines ganzen +Mannes stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch +da hatte Zeus Erbarmen mit dem Menschengeschlechte +und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile +nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts +besessen und wie die Cikaden in die Erde gezeugt +und aus der Erde geboren. Und indem Zeus +die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen +ineinander zeugen und aus sich selbst gebären, damit +von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe beischläft, +das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann +den Mann umarmt, ihre Begierde gestillt werde und +ihr Sinnen sich beruhige und sie an die Arbeit gehen +und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser +Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren +und da, damit er die Menschen zu ihrer alten Natur +zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde und +so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund +von uns scheidet, so teilen wir mit ihm einen +Würfel, und jeder behält die Hälfte, und später erkennen +wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch, +möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und +sucht im Leben die andere Hälfte des Würfels. Wie +die Butten sind wir entzwei geschnitten, aus einer +Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst, +<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +welche aus jenem Ganzen geschnitten sind, das früher +das Mannweib hieß, lieben heute das Weib – die +Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit +ihr es wißt – und aus demselben Ganzen sind natürlich +auch die Weiber geschnitten, die da den Mann +lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die Weiber +dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen +Weibes geschnitten sind, haben wenig Sinn für den +Mann und fühlen sich mehr zum eigenen Geschlechte +hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus +diesem Geschlecht. Und endlich die Männer, die +aus dem alten männlichen Geschlechte geschnitten +sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben lieben +sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen +und mit Männern liegen. Gerade die mutigsten +finden wir unter ihnen, da sie ja doch schon von Natur +aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie schamlos +nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln +sie so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre +Männlichkeit liebt eben ihresgleichen. Und das beweist +es: nur sie dienen, reif und zu Männern geworden, +dem Staate. Als Männer lieben sie wieder +Knaben und Jünglinge und kümmern sich wenig +darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu +zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur +miteinander zu leben. So also sind die Freunde und +Geliebten entstanden, auch sie lieben eben nur ihr +eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen +oder jenen anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal +begegnet, da werden er und der andere wundersam +<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +von Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt, +und beide wollen nicht mehr voneinander lassen. +Aber sie, die von nun an ihr ganzes Leben beieinander +weilen, sie wissen dennoch niemals und niemand +zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe. +Die sinnliche Begierde könnte doch kaum den einen +an den andern mit so großer Leidenschaft binden. +Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann es +nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und +wenn zu zweien, die beieinander liegen, Hephaistos +träte mit seinen Werkzeugen und sie fragte: Was +wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden? +Sie würden nur verlegen und keine Antwort haben, +und wenn der Gott fortführe: Wollt ihr <em>ein</em> Wesen +sein und Tag und Nacht voneinander nicht lassen +können? Wenn das euer Wunsch ist, so will ich +euch zusammenschweißen, und ihr werdet ineinanderwachsen, +aus zwei Dingen eines werden und euer +ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach +dem Tode in den Hades treten wie zwei, die zusammen +gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht ist und +dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen +und etwas anderes wollen; gleich Kindern +würden alle zu hören glauben, was seit je ihr +Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen und <em>ein</em> +Wesen mit ihm bilden. Denn so war einst unsere +alte Natur: wir waren einst ganz, und jene Begierde +nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einst <em>ein</em> +Wesen, und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom +Gotte gespalten worden, wie die Arkadier heute von den +<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +Lakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort, daß +wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht +fromm gegen die Götter sind, und daß wir dann herumgehen +wie die Reliefs auf den Grabsteinen mit +zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal +entgehen und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder +Mensch den anderen heißen, die Götter ehren, und +Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand +zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet, +der handelt ihm zuwider. Nur als des Gottes Freunde +und ihm versöhnt, werden wir, was heute nur wenigen +gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos +soll sich hier über mich nicht lustig machen +und meinen, ich denke jetzt an Pausanias und Agathon. +Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus +dem alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle +Männer und Weiber und behaupte, das Menschengeschlecht +könne nur heil sein, wenn wir uns in +der Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen +Geliebten findet und so zur alten Natur zurückkehrt. +Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir nun +einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt: +unter allen <em>den</em> Geliebten finden, der uns versteht. +Und wenn wir den Gott, dem wir das verdanken, +preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie +kein anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt +uns die sicherste Hoffnung, wenn wir den Göttern +unseren frommen Sinn bewahren, uns zu unser alten +Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu +machen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf +Eros; sie war anders als deine. Ich bitte dich noch +einmal darum, mach dich nicht über sie lustig, denn +wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich +nur die Reden der beiden anderen, denn Agathon +und Sokrates nur sind noch übrig!“ „Diesen Wunsch +will ich dir erfüllen,“ sagte Eryximachos, „du hast mir +gar sehr zu Gefallen gesprochen. Ja, wenn ich nicht +wüßte, wie gut Sokrates und Agathon sich auf alles, +was mit der Liebe zusammenhängt, verständen, würde +ich fürchten, sie wären jetzt beide in großer Verlegenheit, +so viel und so verschieden ist hier über Eros +gesprochen worden; doch so kann ich noch Vertrauen +auf sie haben.“ Sokrates rief da: „Und du selbst hast +noch dazu so tapfer gefochten, Eryximachos! Wenn +du jetzt an meiner Stelle wärest, besser gesagt, wenn +du dort wärest, wo ich nach Agathons Rede sein +werde, würdest du wohl auch Angst haben und meine +Sorge kennen.“ „O du willst mich jetzt besprechen, +Sokrates,“ fiel Agathon ein, „du willst mich bezaubern, +damit ich scheu werde und glaube, das Publikum setze +große Hoffnungen auf meine Worte!“ „Da müßte ich +aber doch vergessen haben, Agathon, daß ich gestern +erst deinen Mut und hohen Sinn sah, als du mit den +Schauspielern vor die Rampe tratst und einem so +großen Publikum, das, um deine Worte zu hören, gekommen +war, ins Auge sahst und gar nicht verlegen +warst, ja das müßte ich wirklich vergessen haben, +wenn ich jetzt glauben sollte, wir paar Menschen hier +würden dich aufregen.“ „Ja, Sokrates, hältst du mich +<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +denn für so benommen vom Theater,“ wehrte Agathon +ab, „daß ich nicht wüßte, um wieviel gefährlicher als +ein ganzes Publikum von Unwissenden die wenigen +Klugen wären?“ „Wenn ich dich für so roh hielte, +würde ich dir unrecht tun, Agathon; ich weiß sehr gut, +daß dir mehr an den wenigen, die du für klug hältst, +als an der großen Menge gelegen ist. Wer weiß aber, +ob wir hier zu diesen wenigen gehören? Denn gestern +im Theater gehörten auch wir zur großen Menge. +Wenn du aber sonstwo mit anderen Klugen zusammenkämest, +würdest du dich dann vor ihnen schämen, +irgend etwas Törichtes zu machen, ja?“ „Natürlich!“ +„Vor der Menge also schämst du dich nicht …“ +Jetzt fiel aber Phaidros ein: „Ja, Agathon, wenn du +Sokrates noch lange immer antwortest, wird er sich +wenig um unser Thema kümmern, dann hat er jemand, +dem er Fragen stellen kann, und noch dazu einen so +schönen Jüngling. Ich höre ja gerne zu, wenn Sokrates +sich unterhält, aber hier muß ich darauf sehen, daß +die Preisreden auf Eros gesprochen werden und +jeder von euch dem anderen das Wort abnehme. +Denn jeder soll hier zum Preise des Gottes reden.“ +„Du hast recht, Phaidros,“ sagte Agathon, „mich hält +auch nichts mehr davon ab; Sokrates wird später +noch viel zu sagen haben.“</p> + +<p>„Ich will zuerst sagen, wie ich zu sprechen habe, +und dann erst reden. Ihr alle vor mir habt eigentlich +gar nicht den Gott, sondern nur das Heil der Menschen, +die also der Gott begnadet, gepriesen. Vom +Gotte selbst, der alle diese Gaben bringt, hat niemand +<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +gesprochen. Und doch ist es überall die rechte Art, +zuerst zu sagen, wie denn das Ding selbst aussehe, das +wir überall als den Grund eines anderen finden. Und +darum hättet ihr alle billig zuerst Eros selbst und +dann seine Gaben preisen müssen. Ich sage euch +nun, wenn je es mit Fug und ohne Schuld von einem +Wesen gesagt werden darf: unter jenen heilen Göttern +ist Eros der heilvollste, denn er ist der schönste und +edelste! Eros ist der schönste Gott, weil er der jüngste, +o Phaidros, ist, und dafür brauche ich keinen anderen +Zeugen als ihn selbst, denn Eros flieht, flieht das +Alter, und das Alter ist schnell und kommt schneller +als nötig zu uns. Und Eros haßt es und lebt darum, +Eros weicht dem Alter auf dem Wege aus und bleibt mit +den Jünglingen und ist selbst ein Jüngling. Das alte +Wort hat recht: Zum Gleichen gesellt sich das Gleiche. +Ich stimme ja mit Phaidros in vielem überein, doch +muß ich ihm widersprechen, wenn er sagt, Eros sei +älter als Kronos und Japetos; nein, Phaidros! Eros ist +der jüngste der Götter und von ewiger Jugend, denn +jene alte Not der Götter, von der Hesiodos und Parmenides +erzählen, hat das Schicksal geschaffen und +nicht die Liebe – wenn Hesiodos und Parmenides +überhaupt die Wahrheit wissen. Die alten Götter +würden einander nicht verschnitten und gebunden +haben und das Grausame damals würde nicht geschehen +sein, wenn Eros unter den Göttern gewesen +wäre; Eros hätte Freundschaft und Frieden unter sie +gebracht, wie er sie heute bringt, da er der Götter +König ist. Jung ist also der Gott, und seine Gestalt +<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +von zarter Bildung; nur ein Dichter wie Homer könnte +sie schildern. Homer sagt von Ate, sie sei eine Göttin +und zart gewesen; ihre Füße, erzählt er, seien zart +gewesen…</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Zart sind ihre Füße und nie am Boden<br /></span> +<span class="i0">Wandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit!<br /></span> +</div></div> + +<p>Und, wie ich glaube, an einem schönen Zeichen +läßt uns der Dichter die Zartheit erkennen: die Göttin +schreitet nie auf harten Gründen, sie schwebt oben +sanft dahin. Und ebendort müssen wir auch Eros' +Zartheit suchen: Auch Eros schreitet nicht auf der +Erde und nicht über die Köpfe, – die wären ihm wohl +zu hart; nur dort, wo alles ganz sanft ist, wandelt +und weilt der Gott. In der Gesinnung und in den +Seelen der Götter und Menschen baut er sein Zelt, aber +auch hier nicht in allen Seelen: wo er auf harten Sinn +stößt, dort flieht Eros, und nur in der sanften Seele +will er wohnen. Und da er also immer und ganz +nur am zartesten haftet, muß er selbst wohl das +zarteste Wesen sein. Ich wiederhole, Eros ist der jüngste +und zarteste Gott; und Eros ist auch geschmeidig: +denn sonst vermöchte er kaum sich durch alles zu +schlingen und winden und heimlich in die Seelen +zu treten und heimlich von den Seelen scheiden.</p> + +<p>Eros ist ebenmäßig, seine schöne Haltung zeigt +es, und diese zeichnet, wie wir wissen, den Gott vor +allem aus. Mißbildung und die Liebe vertragen einander +nicht. Eros ist von schöner Farbe, denn nur +vom Blühenden lebt er. Wo die Körper und die +<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +Seelen nicht blühen oder die Blüten verlieren, dort +kommt er nicht hin, und nur, wo es blüht und duftet, +dort läßt sich Eros nieder, dort bleibt der Gott.</p> + +<p>Das mag nun von der Schönheit des Gottes genügen, +es bliebe ja noch viel zu sagen übrig; jetzt +aber muß ich von seiner Tugend reden. Und da ist +es gleich seine größte Tugend, daß er weder Gott +noch den Menschen unrecht tut und daß ihm von niemand +Unrecht widerfährt. Eros leidet keine Gewalt, +die Gewalt haftet nicht an der Liebe, und Eros tut +niemand Gewalt an. Freiwillig dient ihm alles, und +wo immer der eine dem anderen willig dient, da +nennen das „die Gesetze, die Könige des Staats“ gerecht. +An der Gerechtigkeit nun hat die Enthaltsamkeit +den größten Teil, und Enthaltsamkeit heißt überall +die Begierden und sich in der Freude beherrschen: +nun ist aber keine Freude stärker als die Freude der +Liebe. Wenn also die anderen Freuden schwächer +sind, so wären sie ja von Eros beherrscht, und Eros +ist ihr Herr, und indem er die Freuden und Begierden +wirklich beherrscht, zeigt er seine Enthaltsamkeit. +Seiner Mannhaftigkeit weiter „kann selbst +Ares nicht widerstehen“. Denn nicht Ares bindet +Eros, sondern Eros, die Liebe der Aphrodite, hält +Ares, wie die Sage geht. Und wer zu binden weiß, +ist wohl stärker als der Gebundene, und wer den +Mutigsten bändigt, muß wohl auch im Mute des Mutigsten +Meister sein. Ich habe also von der Gerechtigkeit, +der Enthaltsamkeit und Mannhaftigkeit des Gottes +gesprochen, jetzt bleibt mir noch seine Weisheit, und +<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +da will ich versuchen, nichts zu übersehen. Damit +ich zunächst auch meine Kunst ehre, wie Eryximachos +seine geehrt hat – Eros ist ein so weiser Dichter, daß +er auch uns zu Dichtern macht. Denn jeder wird +zum Dichter, wenn der Gott ihn berührt, „wie fremd +er auch früher den Musen war“. Und das mag uns +dafür zeugen, daß Eros vor allem der große +Schöpfer der ganzen Musik ist. Denn was jemand +selbst nicht besitzt und weiß, wie vermöchte er +dies dem anderen zu geben, den anderen zu lehren! +Und weiter, wer wird leugnen, daß die Schöpfung +alles Lebendigen die eigenste Weisheit des Gottes +sei, die große Weisheit, durch die alles Leben wird +und wächst? Und endlich, wissen wir nicht, daß +auch in der Beherrschung der Künste nur der glänzt +und bewundert wird, den Eros unterwiesen hat, +und daß jeder im Schatten und ohne Ruhm bleibt, +den der Gott nicht berührt hat? Apollo hat die Kunst +des Bogenschießens, die Kunst des Sehers und des +Arztes erfunden, aber die Freude, die Liebe hat ihn +dahin geführt, so daß auch er ein Schüler des Eros +ist; und die Musen haben die Musik, und Athene hat +das Weben, Hephaistos das Schmieden, und Zeus „die +Macht über Götter und Menschen“ von Eros gelernt. +Wo alles Wirken der Götter durch Eros geordnet +wurde, da ward auch alles schön; denn ins Häßliche +kommt Eros nicht. Früher, wie ich schon sagte, geschah +viel Furchtbares unter den Göttern, denn das +Schicksal war König. Als aber unser Gott geboren +wurde, so kam, weil sie die Schönheit liebten, die Güte +<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +unter Götter und Menschen. So scheint mir, Phaidros, +Eros selbst das Beste und Schönste aller Wesen und +allen Wesen die Ursache alles Guten und Schönen +zu sein. Mir fallen da noch zwei Verse ein. Eros ist +es, der da bringt:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen,<br /></span> +<span class="i0">Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf.<br /></span> +</div></div> + +<p>So nimmt uns denn Eros alles Fremde und gibt +uns alles Eigene wieder; wo wir uns alle finden, +dorthin führt Eros die Wege, er ist der Herold und +führt die Festzüge und Chöre und uns, so wir zu +den Opfern schreiten. Eros reißt alles Wilde aus und +macht uns sanft; er schenkt uns den guten Willen +und raubt dem Herzen allen Streit; Eros ist gnädig, +ihn schauen die Weisen und lieben die Götter; er ist +der Neid der Unglücklichen und der Schatz aller, die +sich ins Glück geteilt. Eros ist der Schöpfer aller +Zärtlichkeit, Üppigkeit, Anmut und Sehnsucht im +Menschen, er kennt alles Gute und sieht vom Bösen +weg. In allen Mühen, in jeder Furcht und jedem +Begehren, im Worte – da weiß er sicher zu lenken, da +ist Eros die Hilfe und der Retter. Eros ist die Ordnung +unter den Göttern und Menschen, der herrlichste +und tapferste Held, und ihm müssen die Menschen +folgen, und alle müssen in den Gesang stimmen, den +er, Götter- und Menschensinn bezaubernd, singt.</p> + +<p>Das nun, Phaidros, ist die Rede, die ich dem Gotte +darbringe; ich war hier leicht und dort auch ernst, +so weit ich es eben konnte.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall +laut, so ganz seiner selbst und des Gottes würdig, +schien der Jüngling allen gesprochen zu haben. Und +Sokrates sah Eryximachos an: „O Sohn des Akumenos, +war meine Angst also töricht und hat meine Angst +nicht vorausgesehen, daß Agathon herrlich reden und +mich in große Verlegenheit bringen würde?“ „O ja, daß +Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl +richtig vorausgesehen,“ erwiderte Eryximachos, „aber +darum glaube ich noch immer nicht, daß er dich in +Verlegenheit bringen könne.“ „Ja, aber du Glücklicher,“ +sprach Sokrates, „wie soll ich, wie soll ein anderer +gegen dessen schöne, reiche Worte aufkommen; es +war ja natürlich nicht alles gleich wunderbar, aber +wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am +Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke +vernahm? Als mir da plötzlich der Gedanke kam, ich +würde gar nicht imstande sein, auch nur annähernd +so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe +durchgebrannt, wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen. +Agathons Rede erinnerte mich ja an Gorgias, +und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer +und ich fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen +Worte wie das Gorgonenhaupt meinen Worten +entgegenhalten und mich zum stummen Steine machen. +Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates, +lächerlich, als du nicht nur versprachst, mit ihnen +Eros zu preisen, sondern sogar behauptetest, dich +gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch +von dem einen so wenig wie von dem anderen etwas +<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +weißt. In meiner Einfalt habe ich nämlich geglaubt, +wer ein Ding preisen wolle, der brauche nur die +Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse zugrunde +liegen, und dann erst dürfe man unter den +schönen Worten wählen und sie so richtig wie möglich +setzen. Und darum nur, weil ich eben die Wahrheit +wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut +reden zu können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt +man das gar nicht von einer guten Lobrede; im Gegenteil: +es scheint, man müsse von irgend einem Dinge +nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob +es nun wirklich in ihm sei oder nicht sei. Wenn es +gelogen ist, so macht es ja nichts. Ich glaube sogar, +ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns +solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur +einbilden! Denn nur deshalb, zu diesem Zwecke +scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es Eros +einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros +ist so und so, und Eros ist die Ursache davon und jener +Dinge, damit am Schlusse dann der Gott so schön +und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch +selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts +verstehen – nicht den Wissenden – das Lob dann +gar schön und feierlich klinge. Von dieser Art nun +ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt, +und nur darum konnte ich anfangs euch versprechen, +meinen Teil beizutragen. Aber meine Zunge +versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt +davon nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge +nicht, nein! Ich wäre es ja gar nicht imstande. Ich will +<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +ja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit, meine Wahrheit, +wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit +euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht +werden. Phaidros, kannst du also auch eine Rede +brauchen, die über Eros nur die Wahrheit sagt und +alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade +kommen?“ Phaidros und die anderen hießen Sokrates, +nur so zu reden, wie er es tun zu müssen glaube. +„Aber noch etwas, Phaidros,“ sagte Sokrates, „erlaubst +du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen +richte, ich muß gerade mit ihm mich erst über manches +einigen, bevor ich beginne?“ „Natürlich, frage Agathon +nur aus!“ Und so begann denn Sokrates seine Fragen: +„Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert +zu haben: man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros +denn eigentlich sei, und dann dürfe man erst von +dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen. +Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen +des Gottes sprachst, so antworte mir nur darauf: Eros, +die Liebe – ist dieser Gott, so wie er nun einmal da +ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht? +Ich will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater, +nach seiner Mutter fragen; es wäre ja lächerlich, meine +Frage so zu stellen, wenn ich wissen wollte, ob Eros +von einem Vater, einer Mutter stamme – nein, ich +meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater +fragte und fragte: ist dieser Vater der Vater zu etwas +oder nicht? Du würdest mir natürlich antworten: der +Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe +ich nicht recht?“ „Ja, natürlich,“ antwortete Agathon. +<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +„Und dasselbe gilt von der Mutter, von dem Begriff +der Mutter, nicht wahr? Damit du mich aber noch +besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn +ich nach dem Bruder fragte: der Bruder ist doch +immer der Bruder eines anderen: eines Bruders, einer +Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und +jetzt versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten: +Ist Eros also die Liebe zu etwas anderem +oder nicht?“ „Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas +anderem!“ „Gut, das merke dir vorläufig und +antworte mir weiter: Begehrt Eros nach dem, was er +liebt, oder begehrt er nicht danach?“ „Eros begehrt +danach!“ „Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das, +wonach er begehrt, oder besitzt er es nicht?“ „Er +besitzt es wahrscheinlich nicht!“ „Vielleicht ist es +nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus notwendig, +daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt, +und umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich, +dir nicht auch, Agathon?“ „Ja!“ „Also! Ein +Großer will doch nicht noch groß, ein Starker nicht +noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch +fehlen, was er schon ist. Denn wenn ein Starker +noch stark, ein Schneller schnell, ein Gesunder gesund +sein wollte, so <ins class='correction' title='müssten'>müßten</ins> wir dann glauben, daß +sie und ihresgleichen immer noch das begehren, was +sie schon besitzen oder was sie schon sind. Damit +wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum – +sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in +der Gegenwart besitzen, ob sie wollen oder nicht, +und wer würde da noch das begehren, was er schon +<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +besitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin +gesund und will gesund sein, oder ich bin reich und +will reich sein, ich begehre das kurz, was ich schon +besitze, so müßten wir ihm doch erwidern: ‚Mensch, +da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund +und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß +dir das alles, was du in der Gegenwart besitzest, +auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach, ob +du es so meintest?‘ Da wirst du mir doch recht +geben, Agathon?“ „Ja!“ „Wir begehren also nach dem, +was uns nicht zu eigen ist und was wir nicht besitzen, +wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben +wollen?“ „Entschieden!“ „Jeder begehrt also nur nach +dem, was ihm nicht zu eigen, nicht gegenwärtig ist; +und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind, kurz +das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde +und die Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal: +Eros ist also die Liebe, zunächst zu irgend +etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt, +die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?“ +„Ja!“ „Erinnerst du dich noch daran, wozu du Eros in +deiner Rede in Beziehung setztest? Ich will es dir, +wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich +nicht irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der +Götter ist durch die Liebe zu allem Schönen bestimmt; +es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest +du nicht so?“ „Ja, das waren meine Worte.“ „Und +da hattest du sehr richtig gesprochen. Und darum +wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!“ „Natürlich!“ +„Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen, +<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +daß wir nur, was uns noch fehlt und was wir noch +nicht besitzen, lieben?“ „Ja!“ „Es fehlt also Eros die +Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die Schönheit!“ +„Ja!“ „Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß +der, dem die Schönheit fehlt, schön sei?“ „Nein!“ +„Du gibst mir also recht, wenn ich sage, Eros sei +nicht schön?“ „Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts +von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!“ +„Aber du hast dennoch sehr schön vorhin gesprochen, +Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint dir nicht +auch das Gute schön zu sein?“ „Ja!“ „Wenn also +Eros alles Schöne fehlt und das Schöne auch +gut ist, so muß Eros auch alles Gute fehlen. +Nicht?“ „Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen, +es ist alles so, wie du es sagst.“ „Nein, +geliebter Agathon, du kannst eben nur der Wahrheit +nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar +nicht an.“</p> + +<p>„Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon! +Meine Rede über Eros habe ich von Diotima, einer +Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin und in +vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, +die damals den Athenern, als diese zur Abwehr +der Pest Opfer feierten, von den Göttern einen Aufschub +der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch +ich heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich +gelehrt, und ihre Worte will ich euch im Anschlusse +an das, worin Agathon und ich uns oben geeinigt +haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst +also, Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher +<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +Art Eros sei, und dann werde ich erst von seinen +Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch alles am +besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen +mich es lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst +genau so, wie du, Agathon, zu mir gesprochen hast: +ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er sei +schön, und da widerlegte sie mich mit denselben +Worten, mit denen ich Agathon widerlegen mußte, +und sagte, der Gott sei weder, wie ich es meine, +schön noch gut. Ich rief da gleich: ‚Wie redest du +nur, Diotima, Eros wäre also häßlich und böse?‘ Doch +sie antwortete: ‚Du lästerst, Sokrates, lästere nicht! +Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum gleich +häßlich sein?‘ ‚Nein!‘ ‚Oder, was nicht weise sei, +müsse darum gleich töricht sein? Hast du denn nie +erfahren, daß etwas zwischen der Weisheit und der +Unwissenheit da sei?‘ ‚Was ist dieses?‘ ‚Wenn einer +zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür +weiß, nennst du das schon Verständnis? Wie könnten +wir das verstehen, wozu wir keinen Grund wissen! +Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das +Richtige trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir +müssen es eine richtige Meinung, Wahrnehmung +nennen, und diese liegt immer zwischen dem Verständnis +und der Unwissenheit!‘ ‚Da hast du wohl +recht, Diotima!‘ ‚Zwinge mir also ja nicht mehr das, +was nicht schön ist, häßlich und, was noch nicht gut +ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros +häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, +weder schön noch gut ist; auch Eros ist etwas +<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +in der Mitte von beiden und zwischen schön und +häßlich und zwischen gut und böse!‘</p> + +<p>‚Aber alle‘, entgegnete ich da, ‚sind doch darin +einig und nennen Eros einen mächtigen Gott!‘ ‚Wer +nennt ihn so, Sokrates, sind es die Wissenden oder +die Unwissenden?‘ ‚Alle, Diotima, ich sage, alle!‘ +Und jetzt lachte sie: ‚Gilt also Eros auch jenen als ein +mächtiger Gott, die da behaupten, Eros sei überhaupt +kein Gott?‘ ‚Wer behauptet es denn?‘ ‚Der +eine bist du, Sokrates, und der andere ich!‘ ‚Ich verstehe +dich nicht!‘ ‚Und es ist doch so einfach! Sage, +Sokrates: heißest du nicht alle, alle Götter heil, +würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser +oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?‘ ‚Nein, bei +Zeus, niemals!‘ ‚Und nennst du weiter nicht jene +Wesen heil, die alles Gute, alles Schöne besitzen?‘ ‚Ja, +natürlich!‘ ‚Du hast ja aber doch eingesehen, daß +Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides +nicht besitzt.‘ ‚Ja!‘ ‚Wie könnte also der ein Gott +sein, dem kein Teil am Schönen und am Guten ward? +Wie wäre das möglich?‘ ‚Es ist nicht möglich, Diotima!‘ +‚Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!‘</p> + +<p>‚Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? +Gehört Eros zu den Sterblichen?‘ ‚O nein!‘ ‚Ja, was +ist er, sprich?‘ ‚Wir sahen es doch eben, Eros sei +in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem Unsterblichen +und dem Sterblichen!‘ ‚Und?‘ ‚Ein Dämon, +Sokrates, ist Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und +alles Dämonische, alles Heilende lebt zwischen Gott und +Mensch!‘ ‚Und wo ist dann seine Macht?‘ ‚Der Dämon +<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und +die Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, +was die Götter sie heißen, und er kündet die Gnade +der Götter, der Heiland ist in der Mitte und er füllt +die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen, +und das All ist durch den Heiland gebunden. +Durch ihn kommt alles Schauen den Sehern, und +durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es +mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch +den Dämon verkehren Götter mit Menschen und durch +den Heiland reden Götter zu Menschen: zu den Wachen +und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. +Wer das schon begreift, in dem ist der Heiland; die +anderen alle, die da Künste können und Fertigkeiten +haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der +Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer +von ihnen ist Eros!‘ ‚Und hat Eros einen Vater, Diotima, +eine Mutter?‘ ‚Das ist lang, aber ich will es +dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten +die Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, +und mit den Göttern saß auch der Reichtum, der Sohn +der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen hatten, kam +die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben +und blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. +Nun geschah es, daß der Reichtum zu viel vom Nektar +getrunken hatte – es gab ja damals noch keinen +Wein – und daß er schwer und berauscht in des +Zeus Garten ging und dort einschlief. Und das gab +jetzt der Armut ihre eigene List ein: sie dachte sich, +weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind +<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und +die Armut empfing vom Reichtum den Eros. Und +weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite gezeugt +wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da +Aphrodite schön ist, so ist Eros von Natur aus in +alles Schöne verliebt. Dann aber, weil Eros der +Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er +beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter +Sohn und darum ganz arm und gar nicht weich und +schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart und dürr +und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn +schützte; auf der nackten Erde ohne Lager muß er +schlafen; vor allen Türen triffst du ihn, auf den +Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der +Mutter Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann +aber ist Eros auch seines Vaters Sohn und ist, wie +dieser, voll List nach allem, was schön ist und edel; +er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger +und er kann die Netze knüpfen und die Eisen stellen; +Eros will immer Gründe und weiß zu raten; sein +ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen +und zaubern und ist ein großer Sophist. Da +er nun nicht Gott und nicht Mensch geboren ist, so +blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er müde +und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; +aber immer wieder lebt er auf, denn der Vater steckt +in ihm. Was er heute erwirbt, das verliert er morgen, +und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und er +ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit +in der Mitte, ich meine das so: Von den Göttern ist +<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +niemand das, was wir Philosoph nennen, und kein +Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die +Götter sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, +ist kein Philosoph. Aber auch die Unwissenden dürfen +nicht Philosophen heißen, auch sie haben nicht +den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist +das Bittere an der Torheit: der Tor ist weder schön, +noch gut, noch verständig, und dennoch hält er sich +dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was +ihm fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.‘ +‚Und wer sind nun, Diotima, die Philosophen, wenn +es weder die Weisen noch die Toren sein können?‘ +‚Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen +sind eben auch zwischen beiden, und zwischen +diesen ist dann auch Eros. Die Weisheit +strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die +Liebe zu allem Schönen: es liebt Eros also auch die +Weisheit, und darum ist Eros ein Philosoph, Sokrates, +ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist nicht +weise und nicht unwissend und ist zwischen den +Weisen und den Toren in der Mitte. Und auch das +ist nur das Blut in Eros: denn sein Vater war weise +und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm +und töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur +des Heilands; was du für Eros gehalten hast, das +war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt du +gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, +welcher liebt. Und darum erschien dir Eros von so +vollkommener Schönheit zu sein. Denn, was wir +lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und +<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +vollendet und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer +Art, und ich habe dir sein Bild gegeben.‘ ‚Und du +hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,‘ sprach ich.</p> + +<p>‚Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann +die Menschen von diesem Heiland?‘ ‚Auch darüber, +Sokrates, will ich dich aufzuklären versuchen. Wie +ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren, +und sein Begehren ist – so sagtest du doch +– das Schöne. Wenn man uns nun jetzt fragte: Sokrates +und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros +das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und +fragen: Was will der Liebende von dem Schönen, das +er begehrt?‘ ‚Er will es besitzen,‘ antwortete ich. +‚Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt +du mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, +der das Schöne besitzt?‘ ‚Auf diese Frage kann ich +dir nicht gleich antworten!‘ ‚Nun, wenn ich statt des +Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, +es liebt einer das Gute, was, glaubst du, will er mit +dem Guten?‘ ‚Er will, daß ihm das Gute zu eigen werde!‘ +‚Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu eigen +wurde?‘ ‚Darauf kann ich dir schon leichter antworten: +Er ist heil!‘ ‚Ja, er ist heil, heil, und wer durch +den Besitz des Guten heil geworden ist, der ist +es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht +noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn +hier ist die Frage zu Ende.‘ ‚Ja!‘ ‚Und glaubst du, +daß dieser Wille, diese Liebe allen Menschen gemeinsam +sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?‘ +‚Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!‘ +<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +‚Müßten wir also darum nicht sagen, daß alle Menschen +lieben, wenn alle dasselbe und immer lieben, +oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort +lieben nicht?‘ ‚Mir war das nie ganz klar!‘ ‚Es wird +dir klar werden: denn von dem großen Begriffe Liebe +nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem +Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; +das übrige findet dann andere Namen!‘ ‚Wie ist das?‘ +‚So – du weißt doch, daß der Begriff Schöpfung +sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts +zum Dasein bringt, der hat das Ding geschaffen, und +so ist die Arbeit in allen Künsten ein Schaffen, und +alle Meister sind Schöpfer!‘ ‚Ja, da sprichst du <ins class='correction' title='wahr!‚'>wahr!‘</ins> +‚Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere +Namen, und nur einem Teil, dem Werke der Musiker +und Dichter, wird der Name des Ganzen, Schöpfung, +zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, +und nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt +nun von dem Begriff der Liebe. Im allgemeinen ist +zwar alles Streben nach dem Guten, alles Streben +nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen +das Gute und das Heil eben auf vielen eigenen +Wegen finden: der eine will es, indem er viel Geld +verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, +der dritte als Philosoph; und von diesen allen +sagt eigentlich niemand, daß sie lieben, und niemand +nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt +man es, und nur jene heißen so und haben +den Begriff des Ganzen, die eben mit allem Ehrgeiz +nach jenem einzigen Ziele streben.‘ ‚Ich glaube, du +<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +hast recht!‘ ‚Es heißt so oft unter uns: nur wer seine +eigene Hälfte sucht, liebt. Ich aber sage dir, die Liebe +will nicht die eigene Hälfte und die Liebe will nicht +das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein +Gutes ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen +Hände und die eigenen Füße weg, wenn die eigenen +Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein, Sokrates, +die Menschen mögen das Eigene nicht mehr +als das Fremde, es sei denn, daß jemand das Gute +ein Eigenes und das Böse ein Fremdes heiße. Denn +nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben +die Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?‘ +‚Bei Zeus, ja, das ist auch mein Glauben!‘ +‚Aber auch hier dürfen wir nicht einfach behaupten: die +Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir +hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, +die Tugend besitzen, nicht wahr?‘ ‚Ja!‘ ‚Und sie +will es nicht nur heute und morgen haben, die Liebe +will es ewig besitzen!‘ ‚Ja!‘ ‚Ich fasse also zusammen +und sage: die Liebe der Menschen ist das +Streben nach dem Besitz des Guten, nach der Tugend.‘ +‚Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!‘</p> + +<p>‚Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie +folgen aber die Menschen der Liebe, oder wie +wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe +sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du +mir das jetzt sagen?‘ ‚Wenn ich das wüßte, würde +ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima, staunen +und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.‘ +<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +‚So will ich dir auch das sagen. Die Liebe ist das +Zeugen in dem Schönen, das Zeugen, Sokrates, in +schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du +mich?‘ ‚Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher +nur vermöchte dich zu deuten, Diotima; ich verstehe +dich nicht!‘ ‚So will ich deutlicher sein. Allen Menschen +reift im Leibe und in der Seele der Samen, +und es kommt die Zeit, da die Natur in uns zeugen +will. In das Häßliche aber kann die Natur nicht den +Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. +Das Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein +Göttliches in uns, und unsterblich sind alle sterblichen +Geschöpfe, so sie zeugen und gebären. In +dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche +nicht zu zeugen, und das Häßliche lebt wider +alles Göttliche, und nur das Schöne darf und will +sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch +Geburtsgöttin, und die Schönheit entbindet. Wenn +also einer, dessen Samen voll ist, einem Schönen +begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde +frei in ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem +Häßlichen aber wird sein Blick trübe und der Mensch +ist matt und zieht sich in sich zurück und rollt sich ein +wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht +gebären und verhält den Samen und verhält die +Frucht und leidet. Denn in dem, dessen Samen voll +und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach +dem Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst +löscht und seine Wehen stillt. Die Liebe will also +nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst, +<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +Sokrates?‘ ‚Sondern?‘ ‚Die Liebe will im Schönen +zeugen und das Schöne gebären!‘ ‚Jetzt verstehe ich +dich!‘ ‚Ja, so ist es auch. Und warum, frage ich +weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das +Schöne gebären? Weil ewig und unsterblich alles +Sterbliche ist, so es gebiert und zeugt. Und weiter: +wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so muß +sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. +Und es verlangt auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, +die Liebe verlangt danach: das folgt aus +allem, was wir gesagt haben.‘</p> + +<p>So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der +Liebe sprach, und einmal stellte sie mir folgende +Frage: ‚Sokrates, was hältst du nun für die Ursache +dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? +Hast du nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt +und wild die Tiere sind, wenn sie zeugen und gebären +wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt, dann wie +von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust +beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie +die Weibchen, wenn sie geboren haben, alle Liebe +für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen die +Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben +können, wie diese Hunger leidet, damit nur die Jungen +Nahrung haben, das alles und anderes wirst du doch +schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja +dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den +Tieren diese Liebe gegeben, kannst du mir das sagen?‘ +Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht zu sagen, rief sie: +‚Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen, +<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +und weißt das nicht!‘ ‚Aber darum bin ich ja zu dir +gekommen, Diotima; ich weiß ja, daß ich noch Lehrer +brauche. Nenne du mir also die Ursache!‘ ‚Wenn +du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe +vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch +das folgende verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche +Natur suche, so weit es ihr möglich ist, zu +dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die +Natur nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte +einem Neuen zuliebe verläßt. Wo es immer heißt: +hier lebt das Lebendige und hier bleibt es sich gleich, +dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt +ja auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter +denselben Namen. Er trägt denselben Namen, trotzdem +er sich stets verändert, erneut, die Haare, am +Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. +Und was hier am Leibe, geschieht dort an der Seele: +die Sitten, Gesinnungen, Meinungen, Begierden, +Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt +der Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. +Und was noch viel sonderbarer, ja ungelegener erscheint: +nicht nur von den Kenntnissen sind die +einen heute für uns lebendig und die anderen morgen +tot, und wir selbst verändern uns in und an unseren +Kenntnissen, sondern auch jede einzelne Kenntnis +erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur darum, +weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich +immer wieder verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung +und Arbeit bringen das Verlorene wieder +und – wie soll ich sagen – retten das Wissen, so +<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +daß es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und +so, Sokrates, wird es immer wieder gerettet – alles +Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht gleich dem +Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber +was da scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein +Neues, das ihm gleicht, zurück. Und nur in dieser +Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der Unsterblichkeit +teil. In anderer Weise wäre es ihm ja +nicht möglich. Wundere dich nicht mehr, daß die +ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und ehrt: sie tut +es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!‘</p> + +<p>Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder +sehr erstaunt und rief: ‚Weisestes Weib, ist das alles +wirklich so, wie du es sagst?‘ und da fuhr sie denn +wie ein vollendeter Sophist fort: ‚Wie sollte es denn +sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen +denkst, du müßtest ja da über dessen Sinnlosigkeit +staunen, wenn du nicht an meine Worte denkst +und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen +das Verlangen ergreift, berühmt zu werden und den +Ruhm bis in die Ewigkeit zu besitzen, und wie darum +die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre Kinder, +Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen +zu dulden, ja zu sterben bereit sind. Oder meinst +du, Alkestis würde für Admetos gestorben, Achilleus +dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros +für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen +haben, wenn sie nicht an das ewige Gedächtnis ihrer +großen Liebe, das wir ihnen heute noch halten, geglaubt +hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«, +<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +für den »strahlenden Ruhm« haben +sie und alle alles getan; und je edler sie waren, um +so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; +denn es lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. +Wer im Leibe zeugen will, den zieht es zum +Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm »Unsterblichkeit +und Erinnerung und Glück«, wie er dann +sagt, »in die Zukunft tragen«. Neben diesem aber +leben jene anderen, welche lieber in den Seelen das, +was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht +und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem +Sinne sind alle Dichter Zeuger, und jene, die im +Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger, und die +höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und +die Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den +Staat zu ordnen und die Familie zu erhalten wissen. +Wenn nun einem dieser Gottgleichen in der Seele der +Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, +da die Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er +aus und blickt umher und sucht das Schöne, in +welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen, +im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt +schon die schönen Leiber mehr als die häßlichen, +wer da zeugen will – und wo dieser der schönen, +edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine +Liebe zum Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, +und für einen solchen Menschen hat er dann viele +Worte von der Tugend und von allem, was der Edle +tun und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht +den Geliebten zu erziehen. Er hängt dann an ihm, +<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +dem Schönen, und weckt ihn und folgt ihm und gießt +in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären. +Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht +mehr vergessen, und mit ihm wacht er über der neuen +Geburt; und stärker, als ein leibliches Geschlecht +Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, +denn sie teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht +ihrer Seelen. Und wer möchte auch nicht +leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen, wenn +er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen +Dichtern nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen +haben, das ihnen ewigen Ruhm und dauernde +Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf +die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser +hinterließ, und die Lakedaimon, ja ganz Griechenland +gerettet haben. Und ehrwürdig ist auch Solon, weil +er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig +in Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen +Männer, die durch edle Taten überall die Tugend +gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder +willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und +Namens zu Danke die vielen Altäre gebaut worden.</p> + +<p>‚In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte, +konntest du leicht eingeweiht werden: ich weiß aber +nicht, o Sokrates, ob du darum schon der letzten und +höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die +alles andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft +ihrer teilhaft werden kann. Doch ich will dir von +ihnen reden und werde den Mut nicht verlieren, du +aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wenn +<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +also einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß +er früh schon nach schönen Körpern ausspähen und +schönen Körpern nachgehen und, so er gut geführt +sein will, nur <em>einen</em> Körper lieben, nur <em>einen</em>, und +in diesem <em>einen</em> die edlen Worte zeugen. Dann erst +darf er erfahren, daß diese Schönheit des einen Körpers +jener eines anderen gleicht, wie Schwestern einander +gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne +Art und das schöne Bild, wenn er die Liebe will, so +wäre es nur seine Torheit, dieselbe Schönheit nicht +in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und +darum und jetzt wird er es verachten und für niedrig +halten, alle Leidenschaft für <em>einen</em> Körper zu haben, +und er wird die Schönheit <em>aller</em> Körper lieben. Aber +auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird +die Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der +Seele wird ihm würdiger erscheinen als die Schönheit +des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß +eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen +Menschen, wenn sein Leib auch unschön wäre, lieben +und um ihn besorgt sein und edle Worte in ihm +zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die +Jünglinge besser zu machen vermögen, auf daß auch +er gezwungen werde, die Schönheit in den Sitten +und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die +gleiche Schönheit zu sehen. Und von den Sitten +wird er ihn zu den Wissenschaften führen, damit er +auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und +so im Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr +wie ein Sklave nach der Schönheit dieses <em>einen</em> +<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +Knaben verlange und dieses <em>einen</em> Menschen, dieser +<em>einen</em> Sitte Schönheit wolle und gemein sei und +kleinlich und an Worten hänge, sondern, an die Ufer +des großen Meeres der Schönheit gebracht, hier viele +edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen +Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und +reif jenes einzige Wissen, das da das Wissen des +Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates, so viel +du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen +wurde und das Schöne in seiner Ordnung erkennt, +der wird ganz am Ende als letzte Weihe seiner Liebe +ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit +der Schöpfung erschauen; er wird das erschauen, +Sokrates, um dessentwillen alle Wege und Mühen +waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da +ist und niemals wird und niemals vergeht und nicht +reicher wird und nicht verliert, das Schöne, das nicht +hierin schön und heute schön und da schön und für +diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich +und dort häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne, +das wir uns nicht das eine Mal im Gesichte, ein anderes +Mal an den Händen oder sonstwo am Körper +einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften, +im Tiere, auf der Erde oder am Himmel finden; er +wird das Schöne schauen, das da sich selbst und in +sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und, +was sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein +Teil sein und werden und vergehen, und nur das +ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen +und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dort +<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> +unten, weil er den Geliebten richtig zu lieben wußte, +empor zu steigen und jenes ewig Schöne zu schauen +beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht. +Noch einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe +gehen und geführt werden: er wird zuerst von allen +Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen Schönheit +wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen, +Stufen: auf der ersten sieht er die Schönheit <em>eines</em> +Körpers, auf der zweiten die Schönheit zweier, und +dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von +den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen +Sitten, von den schönen Sitten zu den schönen Lehren, +und von den schönen Lehren trägt ihn noch die +letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da +die ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,‘ +rief das prophetische Weib, ‚hier, wenn irgendwo, ist +das Leben lebenswert, hier, wo du die ewige Schönheit +schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir +nicht scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern +oder gleich jenen schönen Knaben und Jünglingen +zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen +erschrecken, und bei denen ihr dann immer +weilen wollt, weilen ohne zu essen und zu trinken, +nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie +würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre, +jene ewige Schönheit selbst klar und rein und ungemischt, +nicht am menschlichen Fleisch, in den +Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich, +sich selbst eigen da ist, zu schauen? Glaubst du, +dein Leben oder das Leben eines anderen wäre +<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +dann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und +bei jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du +nicht, daß die Vollendung dem Menschen nur dort +zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und +nicht mehr die Bilder der Tugend – denn an Bildern +kann sein Blick dort nicht mehr haften – sondern +die Wahrheit selbst, da er sie dort erblickt, zeugt, und +glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die +wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt +und, wenn je ein Mensch, unsterblich sein wird?‘</p> + +<p>Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat +Diotima mich gelehrt, und sie hat mich überzeugt. +Und seitdem suche ich auch die andern zu überzeugen +– zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut +zu erreichen, niemand einen besseren Führer als Eros +wählen könne. Und darum rufe ich jedem zu, er +solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und +lerne und prüfe alles, was diesen Heiland angeht, +und heiße dasselbe auch die andern, und heute und +immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist, +Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu +euch gesprochen habe, als meine Lobrede; wenn du +nicht willst, so nenne meine Rede anders und wie du +es willst.“</p> + +<p>Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn +alle, nur Aristophanes wollte etwas erwidern, weil +Sokrates auf seine Worte irgendwie angespielt hatte. +Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht, +wie nur Betrunkene pochen, und man hörte +die Töne einer Flötenspielerin. Agathon rief den +<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +Knaben zu: „Seht doch nach! Wenn es ein Freund +ist, so ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken +nicht mehr und wollen schlafen!“ Gleich darauf aber +konnte man die Stimme des Alkibiades unterscheiden: +er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und +fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt +sein. Doch schon kam er, auf die Flötenspielerin gestützt, +mit einigen Begleitern herein und blieb in der +Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen +und hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden. +„Seid mir gegrüßt, Männer!“ rief er. „Wollt ihr einen +Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß ich +wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe, +denn darum bin ich gekommen? Ich konnte nämlich +gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin ich da und +habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem +Haupt auf das Haupt des weisesten und schönsten +Jünglings lege. Ich sehe, ihr lacht mich aus, weil ich +betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß trotzdem, +daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf +ich unter diesen Bedingungen herein oder nicht? +Wollt ihr mit mir noch trinken?“ Da jauchzten ihm +alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen +legen, und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn +Alkibiades, von seinen Leuten geführt, herein, und +während er die Bänder abnahm, um Agathon zu +schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß +er Sokrates nicht sehen konnte, und legte sich neben +Agathon zwischen diesen und Sokrates. Sokrates +rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiades +<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +sehr schön mit Agathon und wand ihm die Bänder +ins Haar. Agathon rief den Knaben zu: „So nehmt +auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter +hier mit uns sitze.“ „Ja, ja, tut das,“ forderte Alkibiades +die Knaben auf, „wer ist aber der dritte hier?“ Und da +er sich umdrehte und Sokrates erblickte, sprang er +auf und schrie: „Bei Herakles, wer ist das? Sokrates, +du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer? +Immer zeigst du dich ganz plötzlich, wo ich dich am +wenigsten erwarte. Warum bist du nur hergekommen? +Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist +bei Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu +machen versteht, kein Platz gewesen? Mußtest du +dich gerade zu dem Schönsten setzen?“ Sokrates +wandte sich da zu Agathon: „Jetzt mußt du mich in +Schutz nehmen! Die Liebe dieses Menschen ist mir, +wie du siehst, ziemlich unbequem geworden. Seit +ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen +schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst +macht er mir in seiner Eifersucht und Mißgunst die +größten Torheiten und schmäht mich und kann oft +kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß +er vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber +handgreiflich werden, so halte ihn zurück; ich habe +beinahe Angst vor seiner Liebeswut.“ „O, zwischen +uns beiden“, erwiderte Alkibiades, „gibt es keine Versöhnung! +Hier und jetzt gleich will ich mich an dir +rächen. Agathon, gib mir einige von deinen Bändern +zurück, damit ich sie auf dieses wunderherrliche Haupt +hier lege! Sokrates soll mir nicht vorwerfen, ich +<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +hätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen +Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du +gestern, sondern immer siegt.“ Und so nahm Alkibiades +von den Bändern des Agathon und wand sie +um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich +wieder. „Wohlan denn, Männer,“ rief er, „ihr scheint +mir alle noch recht nüchtern zu sein. Das darf ich +nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken. Wir haben +das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken +drin seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden +der Zeche. Agathon, laß einen großen Krug bringen, +wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht nötig; +bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe, +er enthält mehr als acht kleine Becher!“ Der Kühler +wurde also gefüllt, und Alkibiades trank ihn aus, dann +ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief: „Gegen +Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man +ihn heißt, und wird nie betrunken.“ Der Knabe hatte +eingeschenkt, und auch Sokrates trank schon. Da +fiel aber Eryximachos ein: „Wie machen wir es aber +weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden +oder singen und einfach nur trinken wie Leute, die eben +Durst haben?“ „O Eryximachos“, rief Alkibiades, „du +bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei +mir gegrüßt!“ „Und du mir!“ entgegnete Eryximachos, +„aber wie machen wir es nun?“ „Wie du befiehlst; ich +gehorche deinem Worte! ‚Denn es hat der Arzt die +Würde von vielen.‘ Sage, wie du es haben willst!“ +„So höre! Bevor du kamst, hatten wir beschlossen, +daß jeder von uns, der Reihe nach von rechts, eine +<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +Rede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte, +und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine +Rede gehalten. Da nur du bisher weder getrunken +noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du jetzt +uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst, +und Sokrates muß es wieder an seinen Nachbar zu +rechts weitergeben usw. Das Thema kannst du selber +wählen.“ „Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt; +es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene +den Nüchternen das Thema gebe. Und dann, Glücklicher, +glaubst du etwas von allem, was Sokrates vorhin +gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist +wahr! Denn er, er kann mit den Händen kaum an +sich halten, wenn ich in seiner Gegenwart irgend +jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.“ +„Lästerst du hier nicht?“ fragte Sokrates. „Bei Poseidon! +Du kannst mir nicht widersprechen, wenn ich +behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart niemand +anderen loben!“ „Ja, dann mache es doch so:“ sagte +<ins class='correction' title='Eryxmimachos'>Eryximachos</ins>, „preise Sokrates!“ „Wie meinst du das? +Sollte ich es tun, Eryximachos? Sollte ich ihm auf diese +Weise beikommen und mich vor euch an ihm rächen?“ +„Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem +Lobe lächerlich machen? Oder was willst du?“ sagte +Sokrates. „Ich will die Wahrheit sagen: hast du jetzt +etwas dagegen?“ „O nein, gegen die Wahrheit habe +ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!“ „Und +ich werde auch gleich beginnen, du halte es aber so: +Wenn ich nicht die Wahrheit sage, so unterbrich +mich, wenn du willst, nur gleich mitten im Reden +<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +und sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht +lügen. Wenn ich aber in meiner Erinnerung da und +dort Sprünge mache, nimm es nicht übel! Es ist in +meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen +in einer gewissen Ordnung zu schildern.</p> + +<p>So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich +will versuchen, ihn in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht +glauben, daß ich ihn durch die Bilder lächerlich +machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit +sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates +gleicht jenen Silenen, die ihr in den Werkstätten der +Bildhauer findet. Die Künstler bilden sie gewöhnlich +mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und +geben ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet, +erblickt im Inneren kleine Bildsäulen der Götter. Ich +sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas, dem +Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst +du selber nicht bestreiten wollen, Sokrates! Worin +du dem Satyr aber sonst noch gleichst, das höre nun! +Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates! Wenn du +nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist +wie er ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte +zu spielen und schöner als Marsyas. Denn Marsyas +lockte die Menschen mit seinem Instrument durch die +Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen, +die seine Weisen spielen. Was Olympos spielte, das +hatte er von Marsyas gelernt. Ob sie ein guter Flötenspieler +oder eine von den gewöhnlichen Flötenspielerinnen +spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren +den, der der Götter und der Weihen bedürftig +<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +ist; denn des Marsyas Weisen sind göttlich. Du aber, +Sokrates, unterscheidest dich nur darin von Marsyas, +daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten +spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er +auch der beste Redner, hören, so geht uns das gewöhnlich +sozusagen gar nichts an. Wer dich, dich +selbst hört oder deine Worte von einem andern, und +wäre dieser der gemeinste unter den Menschen, +wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe zuhört, +wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum +zu halten. O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz +betrunken erscheinen sollte, so würde ich euch es sagen +und jeden Satz beschwören, was ich durch seine +Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn +ich Sokrates höre, da schlägt mein Herz stärker als +das Herz des Korybanten, und ich vergieße Tränen, +und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles +und die anderen großen Redner gehört; mir schien +da immer nur, sie sprächen gut, ja, aber ich erfuhr +durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie +erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein +Sklave sich gegen den Herrn aufbäumt. Aber dieser +Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht, daß mir das +Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates, +du kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und +ich weiß ganz genau, daß, wenn ich jetzt, so wie ich +hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht an mich halten +könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht +zu geben, wenn er behauptet, selber noch voll von +Fehlern, vernachlässigte ich mich und beschäftigte mich +<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +mit den Angelegenheiten Athens. Wie vor den Sirenen +fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit +ich nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so +habe ich durch ihn erfahren, was niemand in mir wohl +gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham erfahren. Ja, +vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich. +Ich bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und +zu sagen: Ich muß nicht das tun, was du von mir +willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn ich +ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz +wieder packt. Und so laufe ich vor ihm weg +und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich ihn sehe, +alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich +eingeräumt habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn +nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. Und doch, +wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel +unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin +ich gegen ihn.</p> + +<p>Und so haben wir denn alle durch die Flötenweisen +dieses Satyrs viel gelitten, und ihr habt von mir gehört, +worin er den Wesen ähnlich ist, mit denen +ich ihn vergleiche, und welche Macht ihm über uns +ward. Aber wißt, ihr alle kennt ihn schließlich gar +nicht, und da ich einmal begonnen, so will ich +ihn euch ganz offenbaren. Seht, Sokrates tut in +alle schönen Jünglinge verliebt und schleicht um sie +herum und ist immer erregt in seinen Gebärden! Ist +das nicht Silenenart? Und wie einer jener gemeißelten +Silenen ist auch seine ganze Haltung. Wer aber +den Silen öffnet, Freunde und Zechgenossen, wie +<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +sieht er diesen da nicht ganz voll von Weisheit und +Maß! Ja, ich sage euch, diesen Silen kümmert es dann +gar nicht, ob ein Jüngling schön sei oder nicht, ja er +verachtet dessen Schönheit so gründlich, wie niemand +es erwarten würde, und es ist ihm ganz gleichgültig, +ob einer von denen, welche da immer von der Menge +glücklich gepriesen werden, reich sei oder eine hohe +Stellung habe. Sokrates hält diese Güter für wertlos +und uns selbst für eitel – merkt euch das –, +wenn er, mit euch Spott und Spaß treibend, sein Leben +führt. Aber ich weiß nicht, ob je einer von euch in +ihn hineingeblickt und in ihm die Götterbildnisse gesehen +hat, wenn Sokrates ernst und wie offen ist. +Ich habe hineingeblickt und glaube Göttliches gesehen +zu haben und lauter Gold und überaus Schönes +und Wunder, und darum muß ich von nun an immer +tun, was Sokrates mich heißt. Als ich glaubte, Sokrates +habe ein Auge auf meine Schönheit geworfen, +hielt ich es für meinen Stern und mein großes Glück, +denn ich brauchte mich dann ihm nur ganz hinzugeben, +um sein ganzes Wissen zu erfahren. Und ich hielt +viel von meiner Schönheit. Bisher war ich nie allein +mit Sokrates gewesen, aber jetzt und in meiner großen +Hoffnung entließ ich meinen Begleiter und war das +erste Mal allein mit ihm. Ich muß euch die ganze +Wahrheit sagen, seid aufmerksam, und wenn ich lüge, +dann, Sokrates, überführe mich. Ich war also allein +mit ihm, o Männer, und erwartete, er werde mir gleich +alles das sagen, was der Freund, wenn niemand zuhört, +zum Geliebten spricht, und war selig. Aber nichts +<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +dergleichen geschah; Sokrates sprach zu mir wie +immer, blieb den Tag über da und ging dann fort. +Das nächste Mal forderte ich ihn auf, mit mir zu +turnen; vielleicht könnte ich auf diese Weise etwas +von ihm erreichen, dachte ich. Und Sokrates turnte +auch und rang oft mit mir, während niemand zusah. +Ach, wie soll ich es nur sagen! Auch das half nichts. +Und da ich zu keinem Ziele kommen konnte, beschloß +ich, Gewalt anzuwenden und, wenn ich ihn nur +einmal fest habe, von dem Manne nicht mehr zu lassen; +ich mußte endlich wissen, wie ich mit ihm stünde. +Ich bat ihn also, mit mir zu essen; wie ihr seht, lief +ich ihm also ganz einfach nach, wie der Freund +dem Geliebten. Er folgte zwar nicht gleich meiner +Bitte, aber nach einiger Zeit kam er wirklich. Beim +ersten Mal wollte er gleich nach dem Essen fort, und +ich schämte mich damals so sehr, daß ich ihn auch +gehen ließ. Beim zweiten Mal aber gebrauchte ich +eine List: nachdem wir gegessen hatten, sprach ich +ohne Unterbrechung bis in die Nacht in ihn hinein, +und als er endlich doch gehen wollte, meinte ich, es +sei schon zu spät, und zwang ihn zu bleiben. Und +wirklich, diesmal legte er sich denn auf meinem Lager +nieder, auf demselben, auf welchem wir gegessen +hatten, und niemand anders außer uns beiden schlief +in dieser Nacht im Hause. Was ich bis hierher erzählt +habe, hätte ich jedermann erzählen können. Was +ich nun sagen werde, würdet ihr niemals aus meinem +Munde vernommen haben, wenn erstens nicht, wie +es heißt, der Wein und die Kinder oder der Wein +<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +allein – ohne die Kinder – die Wahrheit sprächen, +und wenn zweitens es mir nicht unrecht schiene, +eine so außerordentliche Tat des Sokrates zu verschweigen. +Und dann, es ist mir heute noch wie +einem, den die Natter gebissen hat; und die Leute +sagen, wen jemals eine Natter gebissen hat, der könne, +wie das wäre, nur <ins class='correction' title='jener'>jenen</ins> wieder schildern, welchen +ein gleiches widerfahren sei, da diese allein verstünden +und mitempfänden, wenn einer im Schmerze +dann alles zu tun und zu sagen wagt. Ich hatte +aber einen böseren Biß bekommen und dorthin, wo +es am meisten schmerzt: mich hat es ins Herz gebissen, +oder wie man das nennen soll, wohin uns die +Worte eines Weisen treffen und die Bisse einer wilderen +Natter beißen, wenn sie in die Seele eines nicht +unedlen Jünglings greifen und ihn zu allem fähig +machen. Ich sehe euch hier um mich, wie immer ihr +heißen mögt, dich, Phaidros, dich, Agathon, Eryximachos, +Pausanias, Aristodemos und Aristophanes, +wozu soll ich noch Sokrates selbst nennen oder die +vielen anderen? Ihr alle seid gebissen worden und +voll gewesen der Wut und des Taumels der Philosophie! +Und darum sollt ihr mich jetzt hören, ihr +allein werdet verzeihen, was ich damals alles tat und +jetzt ausspreche. Ihr Diener aber, und wer sonst noch +hier ungeweiht und roh geblieben ist, legt euch große +Tore vor die Ohren!</p> + +<p>Da also die Knaben fortgegangen waren und ich das +Licht ausgelöscht hatte, war ich entschlossen, nichts +mehr zu beschönigen, sondern frei zu sagen, was ich +<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +sagen mußte. Ich stieß also Sokrates ein wenig und +sprach: ‚Sokrates, schläfst du?‘ ‚Nein, noch nicht!‘ +gab er zur Antwort. ‚Weißt du, was ich glaube?‘ +‚Was denn?‘ ‚Ich glaube, du liebst mich und bist +allein mir der Freund, den ich brauche, nur zögerst +du noch, mir es zu gestehen. Ich denke aber so: +Ich würde mir töricht vorkommen, wenn ich mich dir +nicht so ganz hingäbe, wie ich dir oder einem meiner +Kameraden von meinem Vermögen geben wollte, wenn +ihr davon verlangtet. Ich weiß nichts Heiligeres, als so +gut wie möglich zu werden, und wenn du mir dazu +helfen willst, werde ich niemand demütiger gehorchen. +Wenn ich mich einem solchen Menschen wie dir +nicht hingäbe, so würde ich mich vor den Wissenden +viel mehr schämen, als ich mich vor der Menge und +den Toren schämen müßte, wenn ich mich dir hingäbe.‘ +Da Sokrates mich also gehört hatte, erwiderte +er ganz in seiner bekannten Art spöttisch: ‚Mein geliebter +Alkibiades, du bist wirklich nicht dumm, wenn +das, was du von mir behauptest, wahr ist und in +mir eine Kraft wohnt, die dich besser zu machen +vermag. Du mußt doch wohl eine große Schönheit +in mir sehen, eine Schönheit, die sich bedeutend von +deiner schönen Gestalt unterscheidet. Wenn du sie +mit mir teilen und so Schönheit gegen Schönheit +tauschen willst, so mußt du im Sinne haben, mich +ein wenig zu übervorteilen: du willst da für deine +schöne Meinung meine Wahrheit erwerben und recht +eigentlich für Erz Gold haben. Aber, Glücklicher, +sieh genau hin: ich bin vielleicht ganz ohne Wert! Der +<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +Blick der Vernunft wird schärfer sehen, wenn deine +beiden Augen an Schärfe verlieren, noch bist du +weit davon entfernt.‘ Ich hörte ihm zu und sagte +nur: ‚Was ich zu sagen hatte und wie ich denke, +habe ich gesagt; denke <em>du</em> jetzt darüber nach, +was dich für uns beide am besten dünkt!‘ ‚Ja, da +hast du recht,‘ erwiderte Sokrates, ‚von nun an +werden wir beide darüber nachdenken und nur das +tun, was uns hier und in anderen Dingen am besten +dünkt!‘ Das hatte ich nun von Sokrates gehört, und +so hatte ich zu ihm gesprochen; ich meinte, der Pfeil +sei abgeschossen und Sokrates verwundet. Ich stand +also auf, und ohne ein Wort mehr zu verlieren, legte +ich meinen Mantel um Sokrates – es war Winter +– und kroch selbst unter den Mantel, schloß meine +Arme um den Leib dieses wahrhaft herrlichen Dämons +und lag so neben ihm die ganze Nacht. Sokrates, du +wirst nicht sagen, daß auch nur ein Wort davon nicht +wahr sei. Nach allem aber, was ich da für ihn getan +hatte, wurde er ganz anders zu mir und verachtete +und verlachte meine Schönheit und nahm sich alles +gegen mich heraus! Ihr Richter – und ihr, die ihr hier +sitzt, seid die Richter seiner Überhebung – bei den +Göttern, bei den Göttinnen schwöre ich euch: ich erwachte +nicht anders neben ihm, als wenn ich mit +meinem Vater oder einem Bruder geschlafen hätte.</p> + +<p>Was alles, glaubt ihr, muß ich damals nicht empfunden +haben? Er verachtete mich – ich nahm es doch +so – und ich, ich liebte seine Art, seine Weisheit, seine +Männlichkeit; ich hatte in ihm einen Menschen von +<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +so hoher Vernunft und Mäßigung gefunden, wie ich +ihm nie im Leben zu begegnen glaubte! Ich konnte +also weder ihm zürnen und ihn meiden, noch hatte +ich Mittel, ihn an mich zu fesseln. Ich wußte jetzt, +daß Gold ihn noch weniger zu verwunden vermöchte, +als Eisen den Aias; dort also, wo allein ich ihn +fassen zu können hoffte, ging er mir durch. Ich +war hilflos und irrte umher in den Fesseln, in die +dieser Mensch mich geschlossen hatte.</p> + +<p>Das alles habe ich mit ihm erlebt, bevor wir gemeinsam +den Feldzug gegen Potidaia mitmachten und +dort im Lager am selben Tisch aßen. Vor allem war +Sokrates hier im Ertragen der Strapazen nicht nur +mir, sondern überhaupt allen Soldaten überlegen. +So oft wir, wie das im Kriege vorkommt, irgendwo +abgeschnitten waren und nichts zu essen hatten, +konnte er wie kein anderer Hunger leiden. Wenn es +dagegen Überfluß gab, konnte er wieder mehr essen +als andere, und freiwillig zwar nicht, aber gezwungen, +trank er uns alle unter den Tisch; und was das erstaunlichste +ist, noch niemand hat je Sokrates betrunken +gesehen. Er wird euch gleich hier den Beweis +geben. Wie er die Kälte ertrug – die Winter sind +dort streng – auch das klingt wie ein Wunder. Es +hatte einmal stark gefroren, die Soldaten verließen entweder +überhaupt nicht die Zelte oder, wenn einer ausging, +wickelte er sich wunder wie ein und hatte die +Füße in Filz oder Pelz gefatscht; Sokrates aber kam +im Rock, den er immer trug, heraus und spazierte +barfuß leichter durch den Frost als alle, die ihre +<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +Schuhe hatten. Die Soldaten blickten ihn mißtrauisch +an und mußten denken, er wolle sich über sie nur +lustig machen. Doch davon genug.</p> + +<p>Aber „wie er jenes Große vollbracht, der gewaltige +Mann, und bestanden“, damals im Kriege, das +müßt ihr noch hören. Eines Morgens kam er in +Gedanken und blieb stehen und sann, und da er es +scheinbar nicht heraus bekam, gab er nicht nach und +blieb weiter stehen und suchte. Es war schon Mittag +geworden; die Leute wunderten sich über ihn und einer +sagte es dem anderen: Sokrates steht seit frühem +Morgen auf einem Fleck, rührt sich nicht und denkt +nach! Da es Abend geworden war und alle gegessen +hatten, trugen einige jüngere Soldaten ihre Betten aus +den Zelten – wir waren im Sommer – und wollten +im Kühlen schlafen und zugleich sehen, ob denn Sokrates +auch in der Nacht auf demselben Fleck stehen +bleiben werde. Und wirklich, Sokrates blieb die ganze +Nacht stehen, bis der Morgen kam und die Sonne +aufging, dann sprach er der Sonne sein Gebet +und ging fort. Und hört jetzt, wie er in der Schlacht +selbst war – auch hier darf ich ihm nichts schuldig +bleiben! In jener Schlacht, nach welcher mir die +Feldherrn den Preis zuerkannten, hat er mir das +Leben gerettet; als ich verwundet am Boden lag, ist +er bei mir geblieben und hat mich und meine Waffen +in Sicherheit gebracht. Und schon damals forderte +ich die Feldherrn auf, dir, Sokrates, den Preis zuzuerkennen +– auch hierin wirst du mir nicht unrecht +geben und sagen, ich lüge. Die Feldherrn aber sahen +<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +auf meinen Adel und beschlossen darum, ihn mir zu +geben, und du wünschtest es noch eifriger als sie, +daß ich ihn habe. Und dann, Männer, hättet ihr Sokrates +sehen sollen, als das ganze Heer von Delion auf +der Flucht war. Ich war damals zu Pferde und er in +voller Rüstung zu Fuß. Das ganze Heer war in wilder +Unordnung, er ging mit Laches. Da treffe ich sie und +rufe ihnen Mut zu und meinte, ich wolle sie nicht +verlassen. Und hier sah ich Sokrates noch herrlicher +als in Potidaia. Da ich zu Pferde war, hatte ich weniger +Furcht. Aber, wie damals Sokrates den Laches an Haltung +übertraf! Ich sah ihn dort leibhaftig wie du, Aristophanes, +ihn schilderst: trotzigen Blicks, mit rollenden +Augen; ruhig sah er rechts und links die Freunde +und Feinde, und man wußte schon von weitem, daß, +wenn ihn jetzt hier einer angreifen wollte, er sich +dessen erwehren würde. Und er und sein Begleiter +kamen darum auch ganz sicher durch. Denn Soldaten +von seiner Haltung werden im Kriege selten angegriffen, +und der Feind hat es viel mehr auf die abgesehen, +die kopfüber fliehen. Vieles Andere noch +und Herrliches könnte ich an Sokrates rühmen; aber +was er sonst noch alles tat, das könnte oft auch +ein anderer getan haben: das Wunder an ihm ist, daß +er keinem Menschen weder unter den Alten noch +unter den Lebenden gleicht. Mit Achilleus könnte +man schließlich Brasidas, mit Perikles Nestor und +Antenor vergleichen, es finden sich da immer noch +andere. Immer kann man da den einen mit dem anderen +vergleichen. Dieser Mensch aber, er selbst und +<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +seine Worte, ist so sonderbar gewachsen, daß niemand +weder unter den Alten, noch unter den Lebenden +seinesgleichen finden würde, es sei denn, daß +er ihn, wie ich es tat, mit Menschen überhaupt nicht, +sondern mit den Silenen und Satyrn ihn und seine +Worte vergliche.</p> + +<p>Denn ich vergaß es vorhin zu sagen, daß auch +seine Worte jenen geöffneten Silenen gleichen. Wenn +jemand zuerst seine Redensarten hört, erscheinen sie +ihm lächerlich. Sokrates hüllt sich da in Namen und +Ausdrücke, wie ein wilder Satyr in sein Fell. Er +spricht von Lasteseln oder Schmieden oder Schustern +oder Gerbern; es sieht aus, als ob er immer mit denselben +Worten dasselbe sagte, so daß der Unerfahrene +und Ungebildete über diese Reden lacht. Wer sie +aber erschließt und in sie hinein kann, der wird +gleich finden, wie gerade seine Worte ein Sinn verbinde +und daß sie göttlich seien und Bilder höchster +Tugend, und daß sie überallhin reichen und vor allem +dorthin, wohin der Mensch, der nach Veredlung und +Besserung strebt, seinen Blick richtet.</p> + +<p>Das alles, Männer, ist es, was ich an Sokrates +preise. Ich habe auch den Tadel in das Lob gemischt +und euch gesagt, wie er mich verletzt hat. Aber nicht +nur mir hat er das angetan, sondern Charmides, der +Sohn des Glaukon, und Euthydemos, des Diokles +Sohn, und viele andere haben ein gleiches erfahren: +er hat sie alle getäuscht und ist ihnen statt eines +Freundes der Geliebte geworden. Auch dir, Agathon, +sage ich: laß dich nicht von ihm betrügen; lerne von +<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span> +unseren Leiden und sei auf der Hut und mache es +nicht wie die Toren, die, wie das Sprichwort sagt, +erst durch Schaden klug werden!“</p> + +<p>Da Alkibiades also gesprochen hatte, mußten alle +über seine Offenherzigkeit lachen, denn er schien +ihnen noch immer, nach wie vor, Sokrates zu lieben. +Sokrates rief: „Alkibiades, ich glaube wirklich, du +bist nüchtern. Denn sonst würdest du kaum so sinnreich +zu verstecken versucht haben, warum du überhaupt +alles das gesagt hast. Wie etwas Nebensächliches +hast du es an das Ende gesetzt, als ob nicht +alle deine Worte den einzigen Zweck gehabt hätten, +mich und Agathon zu entzweien, denn du glaubst, ich +dürfe nur dich und sonst niemand lieben und Agathon +wieder dürfe nur von dir allein geliebt werden. Du +hast das nicht verbergen können, dein Satyr- und Silenendrama +hat uns alles verraten. Aber, mein geliebter +Agathon, das soll ihm nicht helfen; sorge nur, daß er +uns beide nicht entzweie.“ Agathon entgegnete: „Sokrates, +du hast recht. Sieh nur, wie er sich zwischen +mich und dich gelegt hat, um uns beide auseinander +zu bringen! Es ist aber umsonst, denn ich werde +gleich an deine Seite kommen und mich zu dir legen.“ +„Ja, ja,“ meinte Sokrates, „komme nur her und lege +dich zu mir hin!“ „Beim Zeus,“ rief da Alkibiades, +„was muß ich von diesem Menschen nicht alles ertragen! +Er glaubt mich überall ausstechen zu müssen. +Aber, Herrlicher, wenn es schon nicht anders geht, +so laß wenigstens Agathon zwischen uns.“ „Das ist +unmöglich;“ rief Sokrates, „du hast mich gelobt, und +<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +jetzt ist an mir die Reihe, nach rechts jemanden zu +loben. Wenn Agathon zwischen uns kommt, so müßte +er auf mich wieder eine Lobrede halten, er soll aber +umgekehrt jetzt von mir gelobt werden. Laß uns also, +mein Bester, und beneide nicht einen Jüngling um +das Lob, das ich ihm reden will; ich selbst habe auch +das Bedürfnis, Agathon zu preisen!“ Und Agathon +rief: „Armer Alkibiades, ich darf hier nicht bleiben +und muß den Platz wechseln, damit Sokrates mich +lobe!“ Und Alkibiades: „Da sehen wir es also: wenn +Sokrates da ist, kann man nichts mehr von den +schönen Jünglingen haben. Und wie klug er sich es +ausgedacht hat, warum Agathon neben ihm sitzen +müsse! O Sokrates, Sokrates!“</p> + +<p>Nun ist Agathon aufgestanden und hat sich neben +Sokrates gelegt. Da kam plötzlich eine Menge von +Zechern an die Tür, und da diese offen stand – es +war eben jemand herausgegangen – so konnten diese +weiter und sich zu den anderen legen. Es herrschte +dann viel Lärm, und ohne Ordnung ward jeder gezwungen, +so viel wie möglich zu trinken. Eryximachos, +Phaidros und andere, erzählte Aristodemos, +wären weggegangen, ihn selbst hätte der Schlaf gepackt +und er hätte fest geschlafen – es wäre ja sehr +spät gewesen – und wäre erst gegen Morgen aufgewacht, +da die Lerchen schon sangen. Da hätte er +denn die einen schlafen gesehen, andere wären fortgegangen, +und nur Agathon und Aristophanes und +Sokrates wären noch wach gewesen und hätten aus +einem großen Krug getrunken und ihn immer wieder +<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +nach rechts sich gereicht. Sokrates hätte zu ihnen +gesprochen. Aristodemos konnte sich aber nicht an +alles erinnern, er hätte den Anfang nicht hören können +und jetzt noch etwas geduselt. In der Hauptsache +aber, meinte er, hätte Sokrates beide dazu gebracht, +ihm zuzugeben, daß ein und derselbe Dichter die Komödie +und die Tragödie beherrschen müßte, und daß +der Tragödiendichter auch ein Komödiendichter wäre. +Agathon und Aristophanes hätten ihm aber nicht mehr +ganz zu folgen vermocht und wären ab und zu in den +Schlaf genickt. Zuerst wäre Aristophanes eingeschlafen, +dann gegen Morgen Agathon. Sokrates aber sei, +nachdem er sie also zur Ruhe gebracht, aufgestanden +und weggegangen, <ins class='correction' title='Aristodemus'>Aristodemos</ins> ihm nach seiner Gewohnheit +gefolgt. Sokrates wäre ins Lykeion gekommen, +hätte dort gebadet und den ganzen Tag zugebracht +und dann erst gegen Abend zu Hause sich +zur Ruhe gelegt.</p> + +<p class="center">ENDE<br /><br /> + +DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG</p> + + +<div class='tnote' style='margin-bottom: 5em;'>Liste aller vorgenommenen Änderungen:<br /><br /> +<ul> + +<li><a href='#Page_45'>Seite 45</a>:<br /> +so <ins class='correction' title='müssten'>müßten</ins> wir dann glauben<br /><br /> +</li> + +<li><a href='#Page_54'>Seite 54</a>:<br /> +‚Ja, da sprichst du <ins class='correction' title='wahr!‚'>wahr!‘</ins><br /><br /> +</li> + +<li><a href='#Page_69'>Seite 69</a>:<br /> +„Ja, dann mache es doch so:“ sagte <ins class='correction' title='Eryxmimachos'>Eryximachos</ins><br /><br /> +</li> + +<li><a href='#Page_75'>Seite 75</a>:<br /> +der könne, wie das wäre, nur <ins class='correction' title='jener'>jenen</ins> wieder schildern<br /><br /> +</li> + +<li><a href='#Page_84'>Seite 84</a>:<br /> +aufgestanden und weggegangen, <ins class='correction' title='Aristodemus'>Aristodemos</ins> ihm nach seiner Gewohnheit gefolgt +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Platons Gastmahl, by Plato + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL *** + +***** This file should be named 24899-h.htm or 24899-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/8/9/24899/ + +Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/24899-h/images/letter_a.png b/24899-h/images/letter_a.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6956b69 --- /dev/null +++ b/24899-h/images/letter_a.png diff --git a/24899-h/images/logo.png b/24899-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6d6c2f2 --- /dev/null +++ b/24899-h/images/logo.png diff --git a/24899-h/images/relief.png b/24899-h/images/relief.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e329d25 --- /dev/null +++ b/24899-h/images/relief.png |
