summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/24899-h
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:14:49 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:14:49 -0700
commit689d8dd9969222ac4054a377a07fe23176ddf20c (patch)
tree04f830901e0538697a720f4d73f0c4705261a729 /24899-h
initial commit of ebook 24899HEADmain
Diffstat (limited to '24899-h')
-rw-r--r--24899-h/24899-h.htm3230
-rw-r--r--24899-h/images/letter_a.pngbin0 -> 37414 bytes
-rw-r--r--24899-h/images/logo.pngbin0 -> 2841 bytes
-rw-r--r--24899-h/images/relief.pngbin0 -> 81491 bytes
4 files changed, 3230 insertions, 0 deletions
diff --git a/24899-h/24899-h.htm b/24899-h/24899-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..b829582
--- /dev/null
+++ b/24899-h/24899-h.htm
@@ -0,0 +1,3230 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
+ <head>
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <title>
+ The Project Gutenberg eBook of Platons Gastmahl, by Platon
+ </title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[ XML blockout */
+<!--
+ p { margin-top: .75em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .75em;
+ }
+ h1 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ clear: both;
+ margin-top: 3em;
+ margin-bottom: 3em;
+ }
+
+ body{margin-left: 18%;
+ margin-right: 18%;
+ }
+
+ .pagenum {
+ font-style: normal;
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: smaller;
+ text-align: right;
+ } /* page numbers */
+
+ .blockquot{margin-left: 15%; margin-right: 15%; text-align: justify;}
+
+ .center {text-align: center;}
+
+ .caption {font-weight: bold;}
+
+ .figcenter {margin: auto; text-align: center;}
+
+ .poem {margin-left:10%; margin-right: 10%; text-align: left;}
+ .poem br {display: none;}
+ .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
+ .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+
+ .tnote {
+ text-align: justify;
+ border: 1px dashed #808080;
+ background-color: #eee;
+ padding: 0.5em;
+ margin: 60px 5% 60px 5%;
+ text-indent: 0em;
+ }
+ em {
+ letter-spacing: 0.25em;
+ margin-right: -0.25em;
+ font-style: normal;
+ }
+
+ .correction {text-decoration: none; border-bottom: 1px dashed blue;}
+
+ img.cap {
+ float: left;
+ margin: 0em 0.5em 0em 0em;
+ position:relative;
+ }
+ div.drop p:first-letter { color:Window; }
+
+ // -->
+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Platons Gastmahl, by Plato
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Platons Gastmahl
+
+Author: Plato
+
+Translator: Rudolf Kassner
+
+Release Date: March 23, 2008 [EBook #24899]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<p class='tnote' style='margin-top: 5em;'>Anmerkungen zur Transkription:<br /><br />
+
+Der Text wurde originalgetreu übertragen. Lediglich einige offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+Sämtliche vorgenommenen Korrekturen sind markiert, der <ins class='correction' title='so wie hier'>Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p>
+
+
+
+
+<div class="blockquot" style='font-size:105%;' lang="la" xml:lang="la">MEDIUM TE MUNDI POSUI, UT CIRCUMSPICERES
+INDE COMMODIUS QUIDQUID EST IN MUNDO ·
+NEC TE C&OElig;LESTEM NECQUE TERRENUM NECQUE
+MORTALEM NECQUE IMMORTALEM FECIMUS, UT
+TUI IPSIUS QUASI ARBITRARIUS HONORARIUSQUE
+PLASTES ET FICTOR IN QUAM MALUERIS TU
+TE FORMAM EFFINGAS · POTERIS IN INFERIORA
+QUAE SUNT BRUTA DEGENERARE, POTERIS IN
+SUPERIORA QUAE SUNT DIVINA EX TUI ANIMI SENTENTIA
+REGENERARI · O SUMMAM DEI PATRIS LIBERALITATEM,
+SUMMAM ET ADMIRANDAM HOMINIS
+F&OElig;LICITATEM · PICO DI MIRANDOLA &bdquo;ORATIO&ldquo;</div>
+
+
+<h1>PLATONS GASTMAHL</h1>
+
+<div class="figcenter" style="width: 118px; margin-top: 8em;">
+<img src="images/logo.png" width="118" height="117" alt="Verlagslogo" title="" />
+</div>
+
+<p class="center"><span style='font-size:115%;'>22.&ndash;26. TAUSEND</span><br />
+<span style='font-size:125%;'>VERDEUTSCHT VON RUDOLF KASSNER</span></p>
+
+<p class="center" style='font-size:125%;'>VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS<br/>
+JENA 1922</p>
+
+
+<p class="center" style='font-size:125%; margin-top: 4em;'>FRAU<br />
+E. BRUCKMANN-CANTACUZENE<br />
+GEWIDMET</p>
+
+
+
+<p class="center" style=" margin-top: 4em;">ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG<br />
+IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN. COPYRIGHT 1922<br />
+BY EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA</p>
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 310px; margin-top: 4em; margin-bottom: 6em;">
+<img src="images/relief.png" width="310" height="600" alt="Relief eines nackten Griechen" title="" />
+</div>
+
+
+
+<div class='drop'><span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span><img src='images/letter_a.png' width='277' height='283' alt='A' class='cap' /><p style="font-style: italic; text-indent: -0.9em;">Apollodoros: <span style="font-style: normal; text-indent: 0em;">&bdquo;O ja, darüber
+bin ich ziemlich
+unterrichtet. Erst neulich,
+da ich von Phaleron
+nach der Stadt
+gehe, sieht mich von
+rückwärts einer meiner
+Bekannten und ruft mir
+nach: &bdquo;Apollodoros,
+Apollodoros von Phaleron&ldquo;
+&ndash; er scherzt
+immer mit meinem Namen &ndash; &bdquo;so warte doch!&ldquo; Ich
+bleibe nun stehen und warte auf ihn, und da sagt er
+mir denn: &bdquo;Ich habe dich schon unlängst gesucht, ich
+möchte nämlich so gerne etwas über das Gastmahl des
+Agathon erfahren, ich meine jenes, an dem Sokrates,
+Alkibiades und noch viele andere teilgenommen und
+bei dem sie über Eros gesprochen haben. Was sprachen
+sie damals alles, weißt du näheres? Mir hat schon
+jemand davon erzählt, der es von Phoinix, dem Sohne
+des Philippos, gehört hatte, und dieser sagte mir,
+auch du wüßtest näheres darüber. In der Tat, er
+konnte mir nicht gerade viel sagen, erzähle du mir
+nun davon! Denn niemand ist so dafür geschaffen
+wie du, die Worte unseres großen Freundes zu
+künden. Zuerst aber sage noch schnell: warst du
+selbst bei dem Gastmahl zugegen? Ja?&ldquo; Darauf
+erwidere ich ihm gleich: &bdquo;Dein Freund muß dich
+wirklich schlecht unterrichtet haben, wenn er meint,
+das Gastmahl, um das du mich fragst, hätte erst</span>
+<span class='pagenum' style='font-style: normal; text-indent: 0em;'><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span><span style="font-style: normal; text-indent: 0em;">
+vor kurzem stattgefunden und ich selbst hätte
+daran teilgenommen!&ldquo; &bdquo;Nicht? Ich dachte!&ldquo; &bdquo;Aber
+mein lieber Glaukon,&ldquo; fuhr ich fort, &bdquo;weißt du denn
+nicht, daß Agathon seit vielen Jahren schon die
+Stadt verlassen hat? Und dann &ndash; seitdem ich um
+Sokrates bin, seitdem ich täglich, ich sage täglich
+ganz genau weiß, was Sokrates spricht und was
+Sokrates tut, sind noch nicht drei Jahre vergangen.
+Früher, ach früher! &ndash; da lief ich so herum, ohne
+zu wissen wohin, und tat geschäftig und war doch
+so jämmerlich wie nur irgend jemand, so jämmerlich
+wie du jetzt, Glaukon, der du noch immer
+glaubst, man dürfe um keinen Preis denken, nur nicht
+denken.&ldquo;</span></p></div>
+
+<p>&bdquo;Bitte, mache dich nicht über mich lustig,&ldquo; sagt
+mein Freund, &bdquo;sage lieber, wann hat das Gastmahl
+also stattgefunden?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir waren noch Kinder, Agathon hatte mit seiner
+ersten Tragödie gesiegt und mit seinen Choreuten
+den Sieg gefeiert, den Tag darauf nun da hat das
+Gastmahl stattgefunden!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist allerdings schon lange her. Aber von wem
+weißt du das alles?&ldquo; fragte Glaukon weiter. &bdquo;Von
+Sokrates selbst?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach Gott, nein, nein! Von ebendemselben, von
+dem Phoinix es gehört hat: von Aristodemos aus
+Kythäron, vom kleinen Aristodemos, der immer wie
+der Meister ohne Sandalen herumlief. Er war dabei;
+ich glaube, seine Beziehungen zu Sokrates waren ganz
+besonders innige. Später habe ich noch Sokrates selbst
+<span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+um einiges gefragt, und Sokrates bestätigte, es sei alles
+so gewesen, wie Aristodemos es mir geschildert hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gut, gut, so erzähle du mir jetzt nun alles!&ldquo; drang
+Glaukon weiter. &bdquo;Wir gehen beide in die Stadt, und
+auf dem Wege kann man so gut reden und zuhören!&ldquo;</p>
+
+<p>Nun, so gingen wir beide zusammen nach der Stadt
+und sprachen darüber; ich bin also, wie gesagt, vorbereitet.
+Und wenn es sein muß, so will ich auch
+euch alles erzählen. Aufrichtig, ich freue mich jedesmal
+unbändig, wenn ich entweder selbst über Philosophie
+sprechen oder davon hören darf. Von der
+Förderung, die ich dadurch erfahre, rede ich erst gar
+nicht. &Uuml;ber das, was man so den Tag über schwatzt,
+was ihr Reichen und Krämer zusammenschwatzt, ärgere
+ich mich doch nur; ja ich bemitleide euch, denn ihr
+glaubt immer, weiß Gott was zu tun und kommt doch
+nicht weiter. Vielleicht werdet ihr euerseits wieder
+mich bemitleiden, vielleicht habt ihr recht, ja, ich bin
+bemitleidenswert, ja! Aber ihr, meine Lieben, seid es
+in einem ganz anderen Sinne, und ihr seid es nicht nur
+vielleicht, ihr seid es bestimmt, das weiß ich.&ldquo;</p>
+
+<p><i>Der Freund:</i> &bdquo;Apollodoros, du bleibst der Alte!
+Immer schmähst du dich selbst und die Welt und
+hältst, mit dir angefangen, alle einfach für bemitleidenswert;
+Sokrates allein ist deine Ausnahme. Ich weiß zwar
+nicht, woher du den Beinamen &bdquo;der Tolle&ldquo; hast, aber,
+so oft du sprichst, bist du wirklich wie toll. Du haderst
+mit dir selbst und den andern, nur Sokrates, Sokrates
+bleibt von deiner Wut verschont!&ldquo;</p>
+
+<p><i>Apollodoros:</i> &bdquo;Mein lieber Freund, es ist wohl nur
+<span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>
+zu natürlich, daß ich toll und rasend erscheine, da
+ich nun einmal so über mich und euch denke!&ldquo;</p>
+
+<p><i>Der Freund:</i> &bdquo;Streiten wir jetzt nicht darüber! Tue
+das, worum wir dich gebeten haben, und erzähle uns
+vom Gastmahl!&ldquo;</p>
+
+<p><i>Apollodoros:</i> &bdquo;Am Gastmahl nahmen teil&nbsp;&hellip; Doch
+nein, ich will lieber gleich von Anfang an es so erzählen,
+wie ich es von Aristodemos gehört habe.
+Aristodemos erzählte also: er wäre eines Abends
+Sokrates begegnet, und Sokrates hätte gerade gebadet
+gehabt und, was selten vorkommt, Sandalen
+getragen. Auf die Frage, wohin er denn so geputzt
+ginge, hätte Sokrates geantwortet: &bdquo;Zu Agathon, zu
+einem Gastmahl! Gestern bin ich noch der Siegesfeier
+entgangen &ndash; ich mag den Lärm nicht &ndash; ich habe aber
+versprochen, heute zu kommen. Und so habe ich mich
+denn schön gemacht, damit auch ich &bdquo;schön vor den
+Schönen&ldquo; trete. Aber du, wie denkst du darüber, ungeladen
+mitzugehen?&ldquo; &bdquo;Ja, wenn du glaubst&nbsp;&hellip;&ldquo; hätte
+er geantwortet. &bdquo;So komm nur mit! Wir können ja das
+Sprichwort drehen und sagen: Zum Mahle des Guten
+kommen ungeladen die Guten! Homer dreht es nicht
+nur um, sondern hält sich überhaupt nicht daran:
+Agamemnon ist sein bester Soldat, und Menelaos ist,
+wie sagt er doch, Menelaos ist ein verwöhnter Speerschütze.
+Doch da Agamemnon das Opfer feiert, kommt
+Menelaos ungeladen zum Opfermahle, du siehst, der
+Schlechtere kommt hier zum Mahle des Besseren.&ldquo; &bdquo;Ich
+fürchte,&ldquo; hätte Aristodemos eingewendet, &bdquo;ich fürchte,
+Sokrates, du schmeichelst mir, wenn du das Sprichwort
+<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+in deinem Sinne drehst; ich bin wohl eher im
+Sinne Homers der arme Schlucker und gehe ungeladen
+zum Mahle des Weisen und Edlen! Sieh nur zu,
+wie du mich dort entschuldigen wirst; ich will durchaus
+nicht ungeladen kommen, ich betrachte mich von
+dir geladen!&ldquo; &bdquo;Während wir zusammen gehen, können
+wir ja überlegen, was wir anführen werden. Gehen
+wir nur!&ldquo; hätte Sokrates geschlossen, und so wären
+sie denn beide weitergegangen. Sokrates wäre aber,
+wie ihm ja das öfters geschieht, ganz plötzlich in
+Gedanken gekommen und auf dem Wege immer
+wieder zurückgeblieben. Da Aristodemos auf ihn
+warten wollte, hätte Sokrates ihn nur weitergehen
+geheißen. Bis zu Agathons Tür wären sie schließlich
+beide zusammen gegangen. Und jetzt wäre Aristodemos
+etwas ganz Komisches widerfahren. Agathons
+Tür hätte offen gestanden, ein Knabe ihn bei der
+Tür empfangen und zu den Sitzen der andern geführt,
+die eben im Begriffe waren, an das Essen zu
+gehen. Da aber Agathon ihn erblickte, hätte er gleich
+gerufen: &bdquo;Aristodemos, du kommst gerade zurecht,
+um noch mit uns zu essen. Laß alles nur, bitte, auf
+morgen, wenn du etwa in einer andern Angelegenheit
+herkommst! Ich habe dich gestern schon überall gesucht,
+um dich für heute einzuladen, und konnte dich
+nicht finden. Aber warum bringst du Sokrates nicht
+mit?&ldquo; &bdquo;Ich drehe mich um&ldquo;, hätte Aristodemos gesagt,
+&bdquo;und sehe keinen Sokrates. &sbquo;Ja, ich bin aber doch mit
+Sokrates gekommen,&lsquo; rief ich, &sbquo;Sokrates hat mich aufgefordert,
+mit zu euch zu kommen!&lsquo;&ldquo; &bdquo;Gut, gut,
+<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+natürlich, aber wo ist er?&ldquo; &bdquo;Ja, Sokrates ging hinter
+mir und kam mit herein, ich bin jetzt selbst ganz verwundert,
+wo er nur geblieben sein mag.&ldquo; &bdquo;Sieh du
+dich nach Sokrates um,&ldquo; hätte Agathon einem Knaben
+befohlen, &bdquo;und bring ihn uns! Doch du, Aristodemos,
+lege dich dorthin neben Eryximachos!&ldquo; Ein Knabe
+hätte Aristodemos nun die Füße gewaschen und Aristodemos
+sich dann neben Eryximachos gelegt. Der
+Knabe aber, den Agathon nach Sokrates geschickt
+hatte, wäre mit dem Berichte zurückgekommen: Sokrates
+stehe ganz allein im Tore des Nachbarhauses
+und wolle nicht kommen. &bdquo;Unsinn, gehe noch einmal
+und laß nicht locker!&ldquo; Agathon hätte noch einmal
+den Knaben schicken wollen, doch Aristodemos entgegnete:
+&bdquo;Nein, nein, laßt Sokrates nur! Er macht das
+oft so und bleibt plötzlich wo stehn. Er wird ja gleich
+kommen. Stört ihn nur nicht!&ldquo; &bdquo;Nun, wenn du glaubst;&ldquo;
+gab Agathon nach, &bdquo;ihr Knaben aber bringt uns das
+Essen. Setzt es uns vor, ganz wie ihr wollt! Niemand
+soll heute die Aufsicht führen. Ich liebe das nicht.
+Bildet euch ein, wir wären von euch zu Tische geladen,
+und bedient uns so, daß wir euer Haus dann
+loben!&ldquo; Und so hätten sich denn alle ans Essen gemacht.
+Sokrates wäre aber noch immer nicht gekommen.
+Agathon hätte ihn zwar immer wieder holen lassen
+wollen, aber Aristodemos wäre weiter dagegen gewesen.
+Endlich wäre er doch gekommen, sogar ohne
+diesmal so lange wie gewöhnlich auf sich warten zu
+lassen, sie wären alle noch mitten im Essen gewesen.
+Und gleich hätte Agathon, der ganz an der Ecke allein
+<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+saß, Sokrates zugerufen: &bdquo;Zu mir, Sokrates, setze dich
+zu mir, damit auch ich etwas von dem Gedanken, der
+dir dort vor der Tür in den Wurf kam, bekomme!
+Du hast dir ihn wohl gefangen und hältst ihn jetzt
+fest! Natürlich, sonst hättest du wohl kaum den Anstand
+verlassen!&ldquo; Sokrates hätte sich auch gleich
+neben Agathon gesetzt und ihm erwidert: &bdquo;Ich mag
+mit meinem Platze wohl zufrieden sein, wenn also
+die Weisheit wirkt, daß sie aus dem Vollen ins Leere
+abfließt, so wir beide uns nebeneinander halten,
+wie ja das Wasser aus dem vollen Becher in den
+leeren fließt, wenn man ein Haar zwischen beide
+legt. Ja, wenn also die Weisheit wirkt, dann ehre
+ich den Platz neben dir! Ich glaube, neben dir
+recht voll von deiner reichen und schönen Weisheit
+zu werden. Denn meine Weisheit ist mager und
+zweifelhaft, zweifelhaft wie ein Traum. Deine Weisheit
+hingegen strahlt und hat eine helle Bahn, du bist
+noch so jung, und sie hat gestern vor mehr als dreißigtausend
+Griechen geleuchtet!&ldquo; &bdquo;O Sokrates, du bist
+ein böser Spötter; den Streit über unsere Weisheit
+aber wollen wir später ausfechten, und Dionysos
+wird Richter sein. Jetzt iß nur zuerst!&ldquo; Nun hätte
+also auch Sokrates gegessen, und da er und die
+andern fertig waren, hätten alle zuerst dem Gotte vom
+Weine gespendet und die Lieder gesungen, und so
+unter allen den üblichen Gebräuchen wäre es zum
+eigentlichen Trinkgelage gekommen. Und Pausanias
+nahm gleich das Wort: &bdquo;Wohlan denn, Freunde, da
+jetzt getrunken werden muß, so frage ich zuerst, wie
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+machen wir uns dies heute so leicht wie möglich?
+Damit ich es nur gleich gestehe, mein Kopf ist mir
+noch von gestern schwer, und ich muß mich heute
+noch davon erholen. Und da ihr alle gestern zugegen
+waret, so nehme ich dasselbe von euch an.&ldquo; &bdquo;Da
+hast du recht, Pausanias,&ldquo; fiel Aristophanes ein, &bdquo;da
+hast du recht, wir müssen uns heute durch irgend
+etwas vom fortwährenden Trinken ablenken. Auch
+ich stak gestern tief im Weine!&ldquo; &bdquo;Das heiße
+ich vernünftig gesprochen,&ldquo; rief Eryximachos, der
+Sohn des Akumenos, &bdquo;aber nur einen von euch
+möchte ich noch fragen, dich, Agathon: Hast du
+viel Lust zum Trinken?&ldquo; &bdquo;Nein, nein, sehr wenig!&ldquo;
+gab Agathon zur Antwort, und Eryximachos: &bdquo;Nun,
+wenn so unsre besten Zecher versagen, so ist das für
+mich und Aristodemos und Phaidros ein großer Trost,
+denn wir drei vertragen nie viel. Sokrates nehme
+ich aus, denn er kann immer beides, und darum wird
+ihm beides recht sein. Da also niemand von den
+Anwesenden Lust hat, viel zu trinken, so dürfte ich
+gerade heute niemandem zu nahe treten, wenn ich euch
+über die Trunksucht einmal die Wahrheit sage. Ich
+bin Arzt und habe in meiner Praxis erfahren, wie schädlich
+der Rausch den Menschen sei. Ich selbst möchte
+also heute weder gerne einfach darauflostrinken, noch
+andern dazu raten, am wenigsten dem, welchem noch
+von gestern der Kopf brummt!&ldquo; &bdquo;Eryximachos, ich folge
+dir, du weißt es, immer und besonders dann, wenn du
+als Arzt sprichst,&ldquo; unterbrach ihn Phaidros, der Myrrhinusier,
+&bdquo;heute werden auch die andern auf dich
+<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+hören, wenn ihnen an ihrem eigenen Wohl gelegen
+ist.&ldquo; Und so waren denn alle darin übereingekommen,
+heute nicht bis zum Rausch, sondern ganz ohne Zwang
+zu trinken. Und Eryximachos fuhr fort: &bdquo;Da es also abgemacht
+ist, daß heute jeder nur so viel trinke, wie er
+will, und niemand gezwungen wird, so schlage ich
+vor, wir lassen die Flötenspielerin, die eben gekommen
+ist, wieder gehen; sie mag sich selbst oder,
+wenn sie es vorzieht, unsern Weibern zu Hause etwas
+vorspielen; wir werden uns allein unterhalten und
+zwar mit Gesprächen. Und wenn ihr es hören wollt,
+so werde ich euch sagen, worüber wir reden sollten!&ldquo;
+Alle wollten den Vorschlag des Eryximachos hören,
+und Eryximachos sagte ihn: &bdquo;Ich beginne wie des
+Euripides Melanippe: Nicht ich rede, sondern Phaidros
+spricht durch mich. Phaidros sagt mir nämlich jedesmal
+ganz bitter: &bdquo;Ist es nicht arg, Eryximachos, daß
+auf alle Götter Lieder und Gesänge von den Dichtern
+geschrieben werden und daß ihrer niemand noch
+Eros, diesen alten und starken Gott, im Liede gepriesen
+hat? Sieh dir die ehrlichsten Sophisten an:
+Herakles und die andern Götter verherrlichen sie in
+ganzen Abhandlungen, denke nur an den ausgezeichneten
+Prodikos! Und wenn man das noch verstehen
+kann, aber ich hatte unlängst ein Buch in der Hand,
+und darin konnte man ganz ernst ein Loblied auf den
+Nutzen des Salzes lesen, und in dieser Art könntest
+du noch vieles finden. Auf solche Dinge wird viel
+Fleiß verwendet, aber bis heute hat noch niemand
+gewagt, Eros zu feiern; ein so großer Gott bleibt also
+<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+ohne Ehren!&ldquo; Phaidros scheint mir recht zu haben. Ich
+will also seinen Antrag unterstützen und ihm gefällig
+sein; ich glaube auch, gerade jetzt wäre unter uns
+Stimmung, den Gott zu preisen. Wenn ihr nun alle
+meiner Ansicht seid, so könnten wir uns nicht angenehmer
+die Zeit vertreiben. Ich denke, wir fangen
+dann von rechts an und jeder spricht etwas zum
+Preise des Gottes, so gut er es eben kann; Phaidros
+beginnt, er sitzt ganz oben und hat uns auch zum
+Ganzen angeregt.&ldquo; &bdquo;Niemand, Eryximachos, wird
+gegen dich stimmen,&ldquo; rief Sokrates, &bdquo;am wenigsten ich,
+der ich immer behaupte, mich überhaupt nur auf die
+Liebe zu verstehen; Agathon und Pausanias sind
+selbstverständlich dafür; Aristophanes hat es ja immer
+nur mit Aphrodite und Eros zu tun, alle, alle hier sind
+auf deiner Seite. Allerdings sind wir, die ganz
+unten sitzen, ein wenig im Nachteil, doch wenn die
+andern oben gut sprechen, so werden wir es zufrieden
+sein. Viel Glück denn, Phaidros, fange an und
+preise uns den Gott der Liebe!&ldquo; Alle haben sich
+Sokrates angeschlossen und Phaidros zum Worte gerufen.
+Was nun jeder sprach, dessen konnte weder
+Aristodemos sich immer genau entsinnen, noch weiß
+ich selbst alles so deutlich, wie Aristodemos es mir
+erzählt hat. Doch was mir in ihren Reden wesentlich
+und denkwürdig erschien, das alles sollt ihr jetzt hören.</p>
+
+<p>Phaidros hätte also begonnen: &bdquo;Ein großer Gott ist
+Eros und wunderbar unter Menschen und Göttern,
+groß und wunderbar in vielem Sinne und vor allem
+dann, wenn wir an seine Geburt denken. Denn Eros
+<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+ist der älteste der Götter, und das allein ist ein Vorzug.
+Eros hat keinen Vater und keine Mutter, Dichter
+und Laien wissen nichts von seiner Geburt. Hesiod
+sagt, am Anfang sei das Chaos gewesen und &sbquo;dann
+die breite Erde, der Wesen ewig sicherer Sitz und
+endlich Eros&lsquo;. Und Parmenides erzählt von der Schöpfung,
+sie habe von allen Göttern zuerst den Gott der
+Liebe ersonnen. Wie Hesiod denkt auch Akusilaos,
+und so gilt denn Eros wirklich vielen als der älteste
+Gott. Und darum ist er auch der Spender höchster
+Gaben. Ich wüßte denn auch keine höhere Gabe als
+einem Jüngling den treuen Freund und diesem den
+Geliebten. Was allen Menschen, die edel ihr Leben
+führen wollen, immer notwendig sein soll, das können
+diesen nicht Geburt, nicht Ehre, nicht Reichtum so
+reich geben, wie die Liebe es gibt. Denn die Liebe
+allein gibt die Scham vor dem Laster und den Ehrgeiz
+alles Edlen, und ohne beide vermag eine ganze
+Stadt, vermag der Einzelne nicht das Große zu wirken.
+Ich meine, wenn ein Jüngling irgend etwas ganz
+Schlechtes getan hat oder seine Feigheit den Gegner
+nicht wehren wollte, so wird die offene Scham ihn
+vor seinen Eltern oder Gefährten lange nicht so wie
+vor dem Geliebten schmerzen. Und wenn der Geliebte
+bei etwas Schlechtem ertappt wird, so empfindet
+er vor niemandem so bitter die Schande wie
+vor dem Freunde! Die Freunde und die Geliebten
+&ndash; ja sollte es möglich sein, aus beiden eine ganze
+Stadt oder ein ganzes Heer zu bilden, so könnten
+eine so gemeinsame Abscheu vor dem Laster und ein
+<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+so selbstloser Ehrgeiz das Staatswesen nicht besser
+verwalten, und wenn sie gemeinsam in die Schlacht
+zögen, müßten sie, wenn ihrer auch nur wenige
+wären, alle anderen, ich sage gleich, die ganze Welt
+besiegen. Ein Jüngling, der die Waffen wegwirft und
+die Schlachtreihe verläßt, würde wohl von allen anderen
+besser als von dem Geliebten empfangen werden
+und eher sterben, bevor er dies täte. Oder gar den
+Geliebten verlassen, ihm in der Gefahr nicht beispringen:
+so feige ist niemand &ndash; jeden hat die Liebe
+so mit göttlichem Mute begabt, daß er sich dann mit
+dem Kühnsten messe. Und wenn der Gott, wie Homer
+ungeschickt sagt, einigen Helden den Mut einhaucht,
+so schenkt Eros sich selbst den Liebenden als Mut.</p>
+
+<p>Und nur Liebende wollen füreinander sterben, und
+das tun nicht nur Männer, sondern sogar die Frauen.
+Alkestis, des Pelias Tochter, hat es vor allen Griechen
+bewiesen. Sie, sie allein wollte für Admet in den Tod
+gehen, und doch lebten diesem noch Vater und Mutter.
+Ja, Alkestis stand um ihrer Liebe willen so hoch über
+diesen, daß sie für immer dartat, wie Eltern im Grunde
+und zuletzt dem Sohne doch fremd wären und ihm
+nur den Namen gäben. Und der Alkestis Tat war
+auch vor den Göttern so edel, daß liebend diese der
+Alkestis Seele aus dem Hades ließen, eine Gnade,
+welche nur wenigen und nur denen, die Höchstes
+vollbracht haben, Götter gewähren. So ehren die
+Götter den Eifer und Mut der Liebe. Orpheus dagegen,
+den Sohn des Oiagros, ließen sie erfolglos
+aus dem Hades gehen, die Götter zeigten ihm nur
+<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+den Schatten des Weibes, um das er kam, Eurydike
+selbst gaben sie nicht zurück, denn Orpheus war ein
+Musiker und feige, und statt um der Liebe willen gleich
+Alkestis zu sterben, wollte er es erzwingen, lebend unter
+die Schatten zu treten. Darum sandten die Götter
+ihm die Strafe und ließen ihn von den Mänaden, von
+Weibern, zerfleischen. Achilleus aber, den Sohn der
+Thetis, ehrten sie, und ihn sandten sie hin nach den
+Inseln der Seligen. Aus der Mutter Munde hatte der
+Held erfahren, daß er wählen müsse: &sbquo;Wenn du Hektor
+tötest, so mußt du jung in Troja sterben, doch
+wenn du ihn schonst, so kehrst du nach der Heimat
+zurück und scheidest als Greis vom Leben.&lsquo; Achilleus
+war stark und wählte den frühen Tod und rächte
+Patroklos, der ihn geliebt hatte, er starb nicht für ihn,
+nein, er starb dem toten Freunde nach. Und weil
+Achilleus den Freund so hochhielt, darum haben
+überschwenglich ihn die Götter geliebt und geehrt.
+Äschylos schwatzt, wenn er behauptet, Patroklos sei
+der Geliebte und Achilleus der Freund gewesen, denn
+Achilleus war nicht nur schöner als Patroklos, er war
+schöner als alle anderen Helden und hatte, wie außerdem
+Homer sagt, noch keinen Bart und war der
+jüngere. Es ehren die Götter ja überall den Mut in
+der Liebe, aber sie staunen mehr und spenden reicher
+die Gnade, wenn der Geliebte dem Freunde, als wenn
+der Freund dem Geliebten die Liebe beweist. Denn
+der Freund ist göttlicher als der Geliebte. Der Freund
+trägt den Gott in sich. Und darum haben die Götter
+Achilleus mehr geehrt als Alkestis, und Achilleus und
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+nicht Alkestis haben sie nach den Inseln der Seligen
+geschickt. Ich schließe und sage, Eros ist von allen
+Göttern der älteste und ehrwürdigste und der hohe
+Herr aller, die im Leben und nach dem Tode zur
+Tugend und zum Heile kommen wollen.&ldquo;</p>
+
+<p>So also hatte Phaidros gesprochen. Auf ihn sind noch
+einige andere gefolgt &ndash; Aristodemos erinnerte sich
+ihrer Worte nicht mehr &ndash; bis dann Pausanias an die
+Reihe kam: &bdquo;Indem du, Phaidros, Eros so einfach den
+Preis sprachest, hast du dir die Aufgabe, wie mir
+scheint, nicht richtig gestellt. Ja, wenn es nur <em>einen</em>
+Eros gäbe, würde ich nichts einzuwenden haben. Nun
+gibt es aber nicht nur <em>einen</em> Eros, und darum ist es
+wohl unerläßlich, vorauszuschicken, welchen wir
+preisen sollen. Ich will also versuchen, dich zu berichtigen,
+das heißt: ich werde zuerst sagen, welchen Eros
+wir preisen sollen, und dann erst werde ich den Würdigen
+würdig preisen. Wir alle wissen, daß Aphrodite
+nie ohne Eros ist. Wenn es nun nur <em>eine</em> Aphrodite
+gäbe, so hätten wir nur <em>einen</em> Eros. Nun gibt es
+aber zwei Göttinnen der Liebe, und darum haben wir
+notwendig auch zwei Eroten. Zwei Göttinnen der
+Liebe also: die ältere mutterlose Tochter des Uranos,
+sie heißt die himmlische Aphrodite, und dann die
+jüngere, des Zeus und der Dione Tochter, die irdische
+Aphrodite. Und darum müssen wir den Eros,
+der diese begleitet und dieser hilft, den irdischen
+Eros, und den, der jene begleitet und jener hilft, den
+himmlischen Eros nennen. Weiter, im allgemeinen
+können wir ja gar nicht anders als alle Götter preisen,<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+aber hier müssen wir klar zu machen versuchen, welcher
+Preis jedem der beiden Götter gebühre. Es
+gilt ja überall: Eine Handlung ist niemals an und für
+sich gut oder an und für sich schlecht. Was immer
+wir jetzt hier tun, ob wir nun trinken, singen oder
+Reden halten, alles das könnte niemals an und für
+sich, aus sich heraus gut sein, denn die Art und Weise
+entscheidet. Wenn wir ehrlich und edel handeln,
+so ist die Handlung gut, wenn wir niedrig handeln,
+schlecht. Und so ist auch Eros und jede Betätigung
+der Liebe an und für sich, im allgemeinen weder ein
+Edles noch würdig gepriesen zu werden, sondern
+nur derjenige ist es, der edel zu lieben weiß.</p>
+
+<p>Der Eros der irdischen Aphrodite ist nun wirklich
+irdisch und überall und gemein und zufällig. Und
+alles Gemeine bekennt sich zu ihm. Der Gemeine
+liebt wahllos Weiber und Knaben, und er liebt immer
+nur den Leib, er liebt vor allem die geistig noch unentwickelten
+Knaben, da er eben nur den Zweck will
+und die Art ihn nicht kümmert. So handelt er denn
+auch immer ganz zufällig, heute gut und morgen
+schlecht, und liebt, was ihm begegnet. Seine Göttin
+ist die jüngere, und an der Zeugung und Geburt der
+irdischen Aphrodite hatten der Mann und das Weib,
+beide Geschlechter, teil. Die hohe Liebe stammt von
+der himmlischen Aphrodite, und die himmlische Aphrodite
+war aus dem Manne frei geschaffen und ist die
+Ältere und voll Maß und gebändigt. Und darum
+also streben sehnend alle Jünglinge und Männer,
+welche diese Liebe begeistert, zum männlichen, zum
+<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+eigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur
+und den höheren Sinn. Aber auch hier in der
+Männerliebe müssen wir von anderen scharf diejenigen
+scheiden, die nur von der hohen Liebe und nur von ihr
+geführt werden. Sie lieben die Jünglinge erst, wenn
+diese selbständig zu denken beginnen, es ist das im
+allgemeinen um die Zeit, da diesen der Bart keimt.
+Und wer hier den Jüngling zu lieben beginnt, wird
+dann auch bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten
+gemeinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen
+und auslachen und davon zu einem andern laufen,
+etwas, das immer vorkommt, wenn er den Geliebten,
+da dieser beinahe noch ein Kind war, genommen hat.
+Ich meine, es sollte ein Gesetz geben, das da verbietet,
+Knaben zu lieben, damit nicht so ins Ungewisse hinein
+viel Leidenschaft verschwendet werde. Man kann
+nie wissen, wie ein Knabe sich an Geist und Körper
+entwickeln werde. Der Edle wird sich dieses Gesetz
+selbst geben, die anderen sollten wir dazu zwingen,
+wie wir sie ja auch, soweit es da überhaupt möglich
+ist, zwingen, freie Frauen nicht zu schänden. Denn
+diese Niedrigen sind es, die unsere hohe Liebe so in
+Verruf gebracht haben, daß man jetzt überall hört, der
+Geliebte dürfe dem Freunde nicht zu Willen sein.
+Man denkt da natürlich nur an sie und sieht ihre
+Taktlosigkeit und ihr Unrecht, und alles Regellose
+und Ungesetzliche verdient ja mit Recht Tadel.</p>
+
+<p>In den anderen Städten sind die Anschauungen von
+der Liebe leicht zu verstehen: alles ist da einfach und
+bestimmt; nur hier bei uns und in Lakedaimon scheinen
+<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+sie schwierig und verwickelt. In Elis und Böotien,
+überall also, wo die Leute nicht sonderlich
+redegewandt sind, heißt es kurz: dem Freunde zu
+Willen sein ist gut, und kein Mann und kein Jüngling
+wird anders denken. Denn durch diese Bestimmtheit
+meiden sie ein für allemal die Gefahr, die Geliebten
+erst überreden zu müssen, denn reden &ndash; das können
+sie nun einmal nicht. In Jonien dagegen und überall
+bei den Barbaren gilt unsere Liebe einfach für
+eine Schande. Unter Barbaren verdammt sie die
+Tyrannis, wie diese ja schließlich auch die Philosophie
+und Körperbildung verurteilt. Denn dem
+Tyrannen kann es nicht sehr förderlich sein, wenn
+seinen Kreaturen der Verstand wächst und unter
+diesen starke Freundschaftsbünde entstehen, denn gerade
+solche bildet gerne die Liebe. Unsere Tyrannen
+haben es am eigenen Leibe erfahren: die Liebe des
+Harmodios und Aristogeiton ist stark geworden und
+hat deren Herrschaft gebrochen. Noch einmal also,
+immer dort, wo es für eine Schande gilt, dem Freunde
+zu Willen zu sein, spricht nur die Niedrigkeit der Anschauungen,
+das heißt: die Herrschsucht des Tyrannen
+und die Feigheit des Sklaven; wo es aber ohne Umstände
+für selbstverständlich gilt wie in Elis und
+Böotien, dort ist die Sitte eben noch roh.</p>
+
+<p>Bei uns nun ist die Sitte edler und, wie ich schon
+gesagt habe, nicht leicht verständlich. Man denke
+nur, es gilt für edler, offen zu lieben als verstohlen,
+für edler, die Vornehmsten und Tüchtigsten, auch
+wenn sie weniger schön wären als andere, zu lieben,
+<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+man denke weiter, in wunderbarer Weise gibt alles
+dem Liebenden recht und ermutigt ihn wie einen, der
+durchaus nicht schlecht handelt; ja, wer den Geliebten
+gewinnt, hat recht getan, und wer es nicht vermag,
+trägt den Schimpf davon. Und damit der Freund
+sein Ziel erreiche und den Geliebten gewinne, gibt
+unsere Sitte ihm Freiheiten, das Wunderlichste unter
+dem Beifall aller zu tun, Dinge zu tun, die ihm
+Schande brächten, wenn sie einem anderen Zweck
+dienten. Denn wollte jemand, um sich Geld zu machen
+oder einen guten Posten zu erhalten oder im Staate
+zu Einfluß zu kommen, alles das tun, was der Freund
+für den Geliebten tut, wollte er da ebensoviel bitten
+und flehen, Eide schwören und vor den Türen liegen,
+kurz sich niedriger als der letzte Sklave gebärden,
+Freund und Feind würden sich dagegen erheben: seine
+Feinde würden ihn der Kriecherei und Feigheit zeihen,
+seine Freunde sich seiner schämen und ihm helfen.
+Den Liebenden aber begleitet überallhin die Gunst
+aller, und alles ist ihm nach unserer Sitte erlaubt,
+ja er handelt nach ihr sogar besonders kühn. Und was
+ganz ungeheuer klingt, die Götter, heißt es, verzeihen
+Liebenden und nur ihnen den gebrochenen Eid. Die
+Liebe schwört keine Eide, hört man die Leute sagen.
+So geben Götter und Menschen den Liebenden alle
+Mittel frei, und das und nichts anderes sagt unsere
+Sitte.</p>
+
+<p>Nach ihr also müßten wir alle überzeugt sein, es
+gelte in unser Stadt allgemein für ein ganz außerordentlich
+Edles, zu lieben und geliebt zu werden.
+<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+Und doch verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem,
+der ihrer Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch
+einzulassen und halten ihnen darum Hauslehrer, ja
+wenn dies vorkommt, so rügen es auch die Altersgenossen
+und Gespielen, und Ältere erheben dagegen
+keinen Einspruch und geben den Gespielen recht,
+wenn diese sie rügen: nun, wer das wiederum sieht,
+der muß dann im Gegenteil glauben, unsere Liebe
+sei auch hier eine große Schande. Dieser Widerspruch
+löst sich meiner Ansicht nach also: wie ich
+schon gesagt habe: es gibt eben nicht einfach etwas,
+was an und für sich gut, und ein anderes, was an und
+für sich schlecht wäre, alles hängt von der Art und
+Weise unseres Handelns ab. Es ist niedrig, dem
+Niedrigen, und edel, dem Edlen zu Willen zu sein.
+Niedrig ist jener Adept der gemeinen Liebe, welcher
+den Leib mehr als die Seele liebt, denn er ist ohne
+Treue, da er ein so treuloses, wechselndes Ding wie
+den Leib liebt. Wenn der Leib, den er begehrt hat,
+verblüht, dann läuft er davon und schämt sich seiner
+vielen Worte und Versprechen. Nur wer die edle
+Gesinnung liebt, hat sich dem Dauernden verbunden
+und bleibt treu. Und diesen, den Treuen will unsere
+Sitte prüfen. Darum fordert sie die Geliebten auf, zu
+fliehen, und die Freunde, diesen nachzustellen; in
+diesem Kampf will sie den Geliebten, will sie den
+Freund erproben. Da gilt es ihr dann für niedrig, sich
+schnell und leicht fangen zu lassen. Es soll zuerst
+eine gewisse Zeit verstreichen; die Zeit stellt ja alles
+auf die Probe. Da gilt es ihr weiter für niedrig, durch
+<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+Geld oder politischen Einfluß sich gewinnen zu lassen,
+ob nun der Geliebte unter dieser Roheit leidet, ohne
+doch sich frei machen zu können, oder ob er sich
+bestechen läßt und keine Verachtung dafür hat. Denn
+abgesehen davon, daß unter diesen Voraussetzungen
+nie eine wahre Freundschaft sich bilden kann, so
+vermag alles das überhaupt nicht zu halten und zu
+dauern. Und so bleibt nach unserer Anschauung nur
+<em>ein</em> Weg dem Geliebten übrig, seinem Freunde in
+edlem Sinne zu Willen zu sein, nur <em>ein</em> Weg: denn
+genau so wie dem Freunde kein Dienst, den er für den
+Geliebten tut, als schmeichlerisch und schandbar ausgelegt
+wird, wird dann dem Geliebten nur <em>ein</em> Dienst
+frei und ohne Schimpf bleiben: der Geliebte wird
+um der Tugend willen dienen. Und bei uns ist denn
+auch die Sitte wirklich durchgedrungen: wenn dem
+Freunde der Geliebte in der Absicht, weiser und
+besser zu werden, dient, so ist diese Dienstbeflissenheit
+nichts Schlechtes, nicht Kriecherei, wie man oft
+hört. Und wenn es wahrhaft edel werden soll, daß
+der Geliebte dem Freunde sich hingibt, so müssen
+unsere Anschauung von der Liebe und jene von der
+Philosophie und jeder anderen inneren Tüchtigkeit
+sich decken. Wenn also unsere Freunde und unsere
+Geliebten sich dort begegnen werden, wo der Freund
+dem Geliebten durchaus uneigennützig zur Seite steht
+und der Geliebte dem Freunde, der ihn weise und
+edel gemacht hat, sich willig unterordnet, wo weiter
+der Freund als der Stärkere wirklich die Gesinnung
+und jede Tätigkeit des Geliebten fördert, und der Geliebte
+<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+als der Schwächere die Bildung und Einsicht
+vom Freunde annimmt, wenn also Freund und Geliebter,
+jeder dem eigenen Gesetze gehorchend, so
+das Gemeinsame finden, so wird es hier nicht anders
+heißen können, als es ist edel, daß der Geliebte dem
+Freunde zu Willen sei. Hier ist es auch keine Schmach,
+sich zu täuschen und betrogen zu werden. In allen
+anderen Fällen trägt der Geliebte die Schande davon,
+ob er nun betrogen wird oder nicht. Denn wenn der
+Geliebte dem Freunde um dessen Reichtum willen
+sich hingibt und dann betrogen wird, so ist das
+schamlos und bleibt es, wenn der Freund sich später
+als arm erweisen sollte; denn er hat bewiesen, daß er
+sich für Geld auch jedem andern unterordnen würde,
+und das ist immer gemein. Umgekehrt aber und nach
+derselben Anschauung: wenn der Geliebte, um besser
+zu werden, dem Freunde zu Willen ist und dann betrogen
+wird, da der Freund sich als niedrig erweist,
+so ist dennoch diese Täuschung ein durchaus Edles.
+Der Geliebte hat, soweit es von ihm abhing, bewiesen,
+daß er der Tugend zuliebe und um besser zu werden
+zu allem bereit sei, und ich kenne nicht, was edler
+wäre. So ist es also, noch einmal, durchaus edel,
+um der Tugend willen sich hinzugeben.</p>
+
+<p>Das also ist der Eros der himmlischen Göttin, auch
+er kommt vom Himmel und ist von großem Werte für
+die Stadt und den einzelnen, denn er gibt dem Freund
+und dem Geliebten beiden jene große Sorge um die
+eigene innere Tüchtigkeit. Wer von dieser Sorge nichts
+weiß, der bekennt sich zum irdischen Eros. Und
+<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+das ist es, Phaidros, was ich, so gut es aus dem Stegreif
+ging, zum Preise des Gottes beitragen konnte.</p>
+
+<p>Nach Pausanias, erzählte Aristodemos, hätte Aristophanes
+sprechen sollen. Ob es nun die Folge davon
+war, daß er gestern zu viel getrunken hatte oder eine
+andere Ursache hatte, Aristophanes hatte Schlucken
+und konnte nicht gut sprechen. So sagte er denn
+zu Eryximachos &ndash; er saß gerade vor dem Arzt Eryximachos&nbsp;&ndash;:
+&bdquo;Eryximachos, du mußt mir entweder den
+Schlucken nehmen oder für mich sprechen, bis ich
+ihn verloren habe. Du kannst ja beides.&ldquo; Eryximachos
+antwortete: &bdquo;Ich will dir beides tun. Ich werde jetzt
+für dich eintreten, und du kannst dann für mich reden.
+Und wenn du, während ich rede, den Atem anhältst,
+wird der Schlucken vergehen. Sonst nimm etwas
+Wasser und gurgle! Sollte er aber sehr heftig sein,
+so reize mit etwas die Nase und bringe dich zum
+Niesen! Wenn du das ein- oder zweimal tust, so
+muß er aufhören, und wenn er noch so heftig wäre.&ldquo;
+&bdquo;Danke, ich werde alles tun; sprich du nur gleich!&ldquo;
+sagte Aristophanes.</p>
+
+<p>Eryximachos begann also: &bdquo;Pausanias hat zwar gut
+begonnen, aber nicht richtig geschlossen, und darum
+muß ich seine Rede wohl noch vollenden. Daß er
+zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig.
+Daß aber Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele
+nach schönen Jünglingen, sondern in jeder Begierde,
+in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der Pflanze,
+in der ganzen Natur lebt, das glaube ich gerade in
+der Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben.
+<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+Groß und wie ein Wunder reicht dort in alles Göttliche
+und Menschliche dieser Gott. Und um meine
+Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst.
+Die Natur birgt hier die beiden Arten des
+Eros in sich, und ich meine das so: das gesunde und
+das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen,
+zwei verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge.
+Das eine begehrt nach dem, nach welchem das andere
+nicht begehrt. Anders wirkt die Liebe im gesunden
+und anders die Liebe im kranken Element.
+Pausanias hat oben ausgeführt, daß es edel sei, den
+Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein:
+nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente
+der Natur, und schlecht, die kranken zu fördern,
+und das heißt Heilkunst, und das muß der Arzt verstehen.
+Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst
+lehrt uns die beiden Neigungen der Natur kennen:
+die Neigung, Elemente aufzunehmen und die Neigung,
+Elemente abzustoßen, und wer hier die gesunde Neigung
+von der kranken zu unterscheiden weiß, der ist der
+beste Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch
+die andere zu ersetzen, hier die gesunde Neigung zu
+erregen, dort die kranke zu vernichten weiß, der ist
+der Meister. Denn die feindlichen Elemente in der
+Natur müssen wir miteinander versöhnen, wir müssen
+in ihnen Neigung zueinander erwecken. Die feindlichen
+Elemente &ndash; das sind die großen Gegensätze in
+der Natur: das Kalte ist dem Warmen, das Bittere
+dem Süßen, das Trockene dem Feuchten entgegengesetzt.
+Und unter diesen Gegensätzen Neigung, den
+<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+Eros erwecken &ndash; das verstand Asklepios, unser Ahnherr,
+und aus dieser Erkenntnis bildete er, wie die
+Dichter sagen und wie ich es durchaus glaube, unsere
+Kunst. Die ganze Heilkunst wird ja von diesem Gott
+beherrscht, die Heilkunst und, damit ich es hier nicht
+vergesse, die Lehre von der Körperbildung und der
+Ackerbau. Und wer nur ein wenig nachdenkt, für den
+gilt dasselbe von der Musik. Herakleitos hat es schon
+sagen wollen und sich nur schlecht ausgedrückt, wenn
+er behauptet, daß alles Zwiespältige sich wieder eine,
+wie in der Form Bogen und Leier sich einen. Es ist zunächst
+zwar unsinnig, von einer zwiespältigen Einheit
+zu sprechen und zu sagen, daß eine Einheit aus Zwiespältigem
+bestehe. Aber vielleicht wollte Herakleitos nur
+sagen, daß Hoch und Tief zuerst, in der Natur also,
+zwiespältig seien und in der Musik sich dann einen.
+Denn ganz unmittelbar gibt es keine Einheit von Hoch
+und Tief. Alle Einheit ist Zusammenklang und der
+Zusammenklang &Uuml;bereinstimmung. Solange aber noch
+zwei Dinge zwiespältig sind, so können sie nicht
+übereinstimmen, und das Widersprechende wieder
+kann unmittelbar keine Einheit bilden. Auch der
+Rhythmus entsteht erst dadurch, daß die zwei Maße,
+Schnell und Langsam, zuerst einander widersprechen
+müssen und dann übereinstimmen. Und diese &Uuml;bereinstimmung
+bringt hier die Musik in die Dinge, genau
+so wie dort die Heilkunde sie in die Dinge gebracht
+hat: die Musik erregt die Neigung, den Eros unter allem
+Zwiespältigen. Ich verstehe also unter Musik die
+Wissenschaft von der Neigung der Gegensätze, der
+<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+Gegensätze von Hoch und Tief, Schnell und Langsam.
+In diesem abstrakten Verhältnis von Einheit und Rhythmus
+ist der Gott nicht schwer zu erkennen, hier
+herrscht noch nicht der doppelte Eros.</p>
+
+<p>Wenn wir aber auf den Menschen diese Begriffe
+von Einheit und Rhythmus anwenden und sie auf
+Dichtung und Gesang, auf das also, was unsere Erziehung
+bildet, beziehen sollen, so wird die Sache
+schwierig und bedarf eines tüchtigen Meisters. Und
+hier gilt dann der Satz des Pausanias: wir müssen
+der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur
+Einheit noch kommen wollen, zu Willen sein, sie
+müssen wir hüten und züchten, denn es ist das der
+reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania.
+Die irdische Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia,
+dürfen wir nur mit Vorsicht anwenden, damit die Lust,
+die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles Maß
+nehme; es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür
+zu sorgen, daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst
+ohne Schaden genieße. Und so müssen wir
+denn in der Musik, in der Heilkunst, in allem Göttlichen
+und Menschlichen überall die beiden Arten des
+Eros beobachten: denn sie stecken in den Dingen
+selbst, beide Eroten stecken in den Dingen.</p>
+
+<p>Und weiter &ndash; auch im Verhältnis der Jahreszeiten
+leben sie, der echte Eros und der falsche. Wenn
+der echte Eros sich zwischen warm und kalt, zwischen
+trocken und feucht zeigt und hier alles Zwiespältige
+sich eint und weise mischt, so bringt das Jahr Segen
+und Gesundheit für Mensch und Tier und Gewächs.
+<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den Jahreszeiten
+waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden;
+dann entstehen große Seuchen unter den Tieren, und
+viele böse Krankheiten bilden sich an den Pflanzen,
+und der Reif und Hagel und Brand kommen, wenn
+alles sich zu gierig und maßlos liebt. Ich verstehe
+unter der Wissenschaft, welche die ganze Liebe in der
+Natur auf den Lauf der Sterne und den Wechsel der
+Jahreszeiten bezieht, die Astronomie.</p>
+
+<p>Endlich aber haben wir noch die Opfer und die Kunst
+der Seher &ndash; alles also, wodurch die Götter mit den
+Menschen verkehren &ndash; damit diese über der Liebe
+wachen und sie heilen. Alle Gottlosigkeit kommt
+daher, daß der Mensch in seinem Verhältnis zu seinen
+Eltern, den verstorbenen oder lebenden, und zu seinen
+Göttern dem echten Eros sich nicht hingibt und den
+falschen ehrt, dem falschen dient. Es ist die Pflicht
+der Seher, auf Eros acht zu haben und den falschen
+zu heilen; denn die Kunst der Seher ist da, damit sie
+Freundschaft zwischen den Göttern und den Menschen
+schaffe und erkenne, ob alles Lieben der Menschen
+nach den Satzungen und zur Frömmigkeit strebe.</p>
+
+<p>So hat denn viel und große, ja alle Macht der ganze
+Eros, und indem er alle guten Dinge klug und gerecht
+vollendet, hat er die größte Macht und bringt uns
+das ganze Heil und macht uns fähig, untereinander und
+denen, die mehr sind als wir, den Göttern Freunde zu
+sein. Vielleicht habe ich, da ich den Gott pries, vieles
+übersehen, aber dann ist es gegen meinen Willen geschehen.
+Deine Aufgabe, Aristophanes, mag es sein,
+<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+die Lücken zu füllen. Und wenn du überhaupt im
+Sinne hast, den Gott zu preisen, so tue es gleich, da
+ja dein Schlucken vergangen ist!&ldquo;</p>
+
+<p>Aristophanes griff das gleich auf und erwiderte:
+&bdquo;Ja, ja, der Schlucken hat jetzt wirklich aufgehört. Ich
+konnte ihm allerdings erst mit dem Niesen beikommen
+und wundere mich eigentlich, daß die Zucht unseres
+Leibes, von der du sprachst, soviel Umstände wie
+das Niesen braucht. Jedenfalls hat er aber ganz aufgehört,
+da ich dieses Mittel anwandte!&ldquo; &bdquo;Aber mein
+Bester, gib nur acht auf dich&ldquo;, sprach Eryximachos,
+&bdquo;statt zu reden machst du Witze und zwingst mich,
+deine Rede zu kontrollieren. Denn am Ende wirst
+du wieder nur etwas Komisches aufbringen, obwohl
+du doch ganz ernst bleiben kannst.&ldquo; &bdquo;Du hast recht,&ldquo;
+lachte Aristophanes, &bdquo;vergiß, was ich gesagt habe!
+Aber bitte, nimm es nicht zu genau, denn ich fürchte,
+was ich sagen werde, wird nicht komisch &ndash; das
+wäre ja schließlich noch ein Gewinn und käme auf
+die Rechnung meiner Kunst&nbsp;&ndash;, ich fürchte, es wird nur
+lächerlich!&ldquo; &bdquo;O du willst mich treffen und mir so
+entgehen!&ldquo; erwiderte Eryximachos. &bdquo;Doch nimm dich
+in acht und rede so, daß du Rechenschaft von deiner
+Rede geben kannst! Vielleicht spreche ich dich
+dann frei.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und doch,&ldquo; begann Aristophanes, &bdquo;und doch,
+Eryximachos, habe ich im Sinne, von Eros ganz anders
+als du und Pausanias zu reden. Mich dünkt, die
+Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch
+gar nicht recht wahrgenommen; denn sie würden
+<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+ihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben und die
+größten Opfer darbieten. Bis heute haben sie nichts
+von allem, was hätte geschehen sollen, getan. Wie
+kein anderer Gott liebt doch Eros die Menschen,
+Eros ist der Menschen Helfer, der Menschen Arzt
+und das hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind.
+Und von seiner Macht will ich zu euch reden, und ihr
+mögt es die anderen dann lehren. Erfahret denn zuerst
+von der menschlichen Natur und deren Leiden!</p>
+
+<p>Die menschliche Natur war ja einst ganz anders.
+Ursprünglich gab es drei Geschlechter, drei und
+nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und
+weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an
+den beiden ersten gleichen Teil hatte; sein Name ist
+uns geblieben, das Geschlecht selbst ist ausgestorben.
+Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte
+einst die Gestalt und den Namen des männlichen und
+weiblichen Geschlechtes zu einem einzigen vereinigt,
+und heute ist uns von ihm nur der Name erhalten,
+und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze
+Gestalt jedes Menschen war damals rund, und der
+Rücken und die Seiten bildeten eine Kugel. Der
+Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei
+Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden
+Gesichtern stak ein Kopf, aber der Kopf hatte vier
+Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile doppelt,
+und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch
+alles andere war demgemäß doppelt! Der Mensch ging
+zwar aufrecht wie heute, aber nach vorwärts und nach
+rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er
+<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+laufen wollte, dann machte er's wie die Gaukler, die
+kopfüber Räder schlagen: er lief dann mit allen acht
+Gliedern, und so im Rade auf Händen und Füßen
+kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute.
+Noch einmal, es gab einst drei Geschlechter, und das
+männliche hatte seinen Ursprung in der Sonne, das
+weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden
+ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch
+der Mond teilt sich zwischen Sonne und Erde. Und
+gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren sind,
+waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt,
+lief im Kreise. Groß und übermenschlich war ihre
+Stärke, ihr Sinnen war verwegen, ja sie versuchten
+sich sogar an den Göttern. Was Homer von Ephialtos
+und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen:
+sie wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten
+sich an den Göttern vergreifen.</p>
+
+<p>Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen
+tun sollten, und waren recht in Verlegenheit,
+denn sie konnten weder alle Menschen töten und
+wie einst die Giganten mit dem Blitze das ganze Geschlecht
+niederschlagen &ndash; da wäre es auch mit allem
+Götterdienst und allen Altären vorbei &ndash; noch deren
+&Uuml;bermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein,
+und er rief: Ich habe das Mittel! Ich habe das Mittel
+gefunden, die Menschen leben zu lassen und doch
+ihrem &Uuml;bermut für immer ein Ende zu machen: ich
+werde jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie
+werden uns dadurch nicht nur zahmer, sondern auch
+von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird gerade
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+noch einmal so groß. Die Menschen werden
+von nun an auf zwei Beinen und nur aufrecht gehen.
+Sollte ihnen aber noch &Uuml;bermut übrig geblieben sein,
+und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so
+schneide ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen
+dann auf einem Beine gehen und hüpfen. Und wie
+Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen
+her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man
+Birnen, um sie einzukochen, entzwei schneidet. Und
+so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch Apollon
+das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche
+zu umdrehen, damit der Mensch von nun an,
+indem sein Blick auf sie gerichtet ist, züchtiger sei.
+Auch alles andere, was durch den Schnitt wund ward,
+ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die
+Haut nach dem sogenannten Magen hin zusammen
+und band sie in der Mitte des Magens wie einen Schnürbeutel
+ab und ließ eine öffnung, und diese öffnung ist
+unser Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die
+dadurch entstanden waren, und bildete die Brust, indem
+er sich dazu eines Werkzeuges bediente, wie es die
+Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um
+den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten
+übrig; auch darüber sollte der Mensch seines alten
+Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese Weise
+die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen
+die große Sehnsucht nach seiner eigenen anderen
+Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander
+und verflochten ihre Leiber und wollten
+wieder zusammenwachsen und starben vor Hunger
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+und wild und wirr, denn keine wollte ohne die andere
+etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb und die
+andere am Leben blieb, da suchte diese nach der
+toten und umarmte den Leichnam, ob sie nun auf die
+Hälfte eines ganzen Weibes &ndash; ich meine, was wir heute
+Weib nennen &ndash; oder auf die Hälfte eines ganzen
+Mannes stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch
+da hatte Zeus Erbarmen mit dem Menschengeschlechte
+und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile
+nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts
+besessen und wie die Cikaden in die Erde gezeugt
+und aus der Erde geboren. Und indem Zeus
+die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen
+ineinander zeugen und aus sich selbst gebären, damit
+von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe beischläft,
+das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann
+den Mann umarmt, ihre Begierde gestillt werde und
+ihr Sinnen sich beruhige und sie an die Arbeit gehen
+und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser
+Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren
+und da, damit er die Menschen zu ihrer alten Natur
+zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde und
+so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund
+von uns scheidet, so teilen wir mit ihm einen
+Würfel, und jeder behält die Hälfte, und später erkennen
+wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch,
+möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und
+sucht im Leben die andere Hälfte des Würfels. Wie
+die Butten sind wir entzwei geschnitten, aus einer
+Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst,
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+welche aus jenem Ganzen geschnitten sind, das früher
+das Mannweib hieß, lieben heute das Weib &ndash; die
+Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit
+ihr es wißt &ndash; und aus demselben Ganzen sind natürlich
+auch die Weiber geschnitten, die da den Mann
+lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die Weiber
+dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen
+Weibes geschnitten sind, haben wenig Sinn für den
+Mann und fühlen sich mehr zum eigenen Geschlechte
+hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus
+diesem Geschlecht. Und endlich die Männer, die
+aus dem alten männlichen Geschlechte geschnitten
+sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben lieben
+sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen
+und mit Männern liegen. Gerade die mutigsten
+finden wir unter ihnen, da sie ja doch schon von Natur
+aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie schamlos
+nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln
+sie so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre
+Männlichkeit liebt eben ihresgleichen. Und das beweist
+es: nur sie dienen, reif und zu Männern geworden,
+dem Staate. Als Männer lieben sie wieder
+Knaben und Jünglinge und kümmern sich wenig
+darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu
+zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur
+miteinander zu leben. So also sind die Freunde und
+Geliebten entstanden, auch sie lieben eben nur ihr
+eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen
+oder jenen anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal
+begegnet, da werden er und der andere wundersam
+<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>
+von Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt,
+und beide wollen nicht mehr voneinander lassen.
+Aber sie, die von nun an ihr ganzes Leben beieinander
+weilen, sie wissen dennoch niemals und niemand
+zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe.
+Die sinnliche Begierde könnte doch kaum den einen
+an den andern mit so großer Leidenschaft binden.
+Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann es
+nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und
+wenn zu zweien, die beieinander liegen, Hephaistos
+träte mit seinen Werkzeugen und sie fragte: Was
+wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden?
+Sie würden nur verlegen und keine Antwort haben,
+und wenn der Gott fortführe: Wollt ihr <em>ein</em> Wesen
+sein und Tag und Nacht voneinander nicht lassen
+können? Wenn das euer Wunsch ist, so will ich
+euch zusammenschweißen, und ihr werdet ineinanderwachsen,
+aus zwei Dingen eines werden und euer
+ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach
+dem Tode in den Hades treten wie zwei, die zusammen
+gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht ist und
+dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen
+und etwas anderes wollen; gleich Kindern
+würden alle zu hören glauben, was seit je ihr
+Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen und <em>ein</em>
+Wesen mit ihm bilden. Denn so war einst unsere
+alte Natur: wir waren einst ganz, und jene Begierde
+nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einst <em>ein</em>
+Wesen, und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom
+Gotte gespalten worden, wie die Arkadier heute von den
+<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+Lakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort, daß
+wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht
+fromm gegen die Götter sind, und daß wir dann herumgehen
+wie die Reliefs auf den Grabsteinen mit
+zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal
+entgehen und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder
+Mensch den anderen heißen, die Götter ehren, und
+Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand
+zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet,
+der handelt ihm zuwider. Nur als des Gottes Freunde
+und ihm versöhnt, werden wir, was heute nur wenigen
+gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos
+soll sich hier über mich nicht lustig machen
+und meinen, ich denke jetzt an Pausanias und Agathon.
+Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus
+dem alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle
+Männer und Weiber und behaupte, das Menschengeschlecht
+könne nur heil sein, wenn wir uns in
+der Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen
+Geliebten findet und so zur alten Natur zurückkehrt.
+Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir nun
+einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt:
+unter allen <em>den</em> Geliebten finden, der uns versteht.
+Und wenn wir den Gott, dem wir das verdanken,
+preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie
+kein anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt
+uns die sicherste Hoffnung, wenn wir den Göttern
+unseren frommen Sinn bewahren, uns zu unser alten
+Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu
+machen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf
+Eros; sie war anders als deine. Ich bitte dich noch
+einmal darum, mach dich nicht über sie lustig, denn
+wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich
+nur die Reden der beiden anderen, denn Agathon
+und Sokrates nur sind noch übrig!&ldquo; &bdquo;Diesen Wunsch
+will ich dir erfüllen,&ldquo; sagte Eryximachos, &bdquo;du hast mir
+gar sehr zu Gefallen gesprochen. Ja, wenn ich nicht
+wüßte, wie gut Sokrates und Agathon sich auf alles,
+was mit der Liebe zusammenhängt, verständen, würde
+ich fürchten, sie wären jetzt beide in großer Verlegenheit,
+so viel und so verschieden ist hier über Eros
+gesprochen worden; doch so kann ich noch Vertrauen
+auf sie haben.&ldquo; Sokrates rief da: &bdquo;Und du selbst hast
+noch dazu so tapfer gefochten, Eryximachos! Wenn
+du jetzt an meiner Stelle wärest, besser gesagt, wenn
+du dort wärest, wo ich nach Agathons Rede sein
+werde, würdest du wohl auch Angst haben und meine
+Sorge kennen.&ldquo; &bdquo;O du willst mich jetzt besprechen,
+Sokrates,&ldquo; fiel Agathon ein, &bdquo;du willst mich bezaubern,
+damit ich scheu werde und glaube, das Publikum setze
+große Hoffnungen auf meine Worte!&ldquo; &bdquo;Da müßte ich
+aber doch vergessen haben, Agathon, daß ich gestern
+erst deinen Mut und hohen Sinn sah, als du mit den
+Schauspielern vor die Rampe tratst und einem so
+großen Publikum, das, um deine Worte zu hören, gekommen
+war, ins Auge sahst und gar nicht verlegen
+warst, ja das müßte ich wirklich vergessen haben,
+wenn ich jetzt glauben sollte, wir paar Menschen hier
+würden dich aufregen.&ldquo; &bdquo;Ja, Sokrates, hältst du mich
+<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+denn für so benommen vom Theater,&ldquo; wehrte Agathon
+ab, &bdquo;daß ich nicht wüßte, um wieviel gefährlicher als
+ein ganzes Publikum von Unwissenden die wenigen
+Klugen wären?&ldquo; &bdquo;Wenn ich dich für so roh hielte,
+würde ich dir unrecht tun, Agathon; ich weiß sehr gut,
+daß dir mehr an den wenigen, die du für klug hältst,
+als an der großen Menge gelegen ist. Wer weiß aber,
+ob wir hier zu diesen wenigen gehören? Denn gestern
+im Theater gehörten auch wir zur großen Menge.
+Wenn du aber sonstwo mit anderen Klugen zusammenkämest,
+würdest du dich dann vor ihnen schämen,
+irgend etwas Törichtes zu machen, ja?&ldquo; &bdquo;Natürlich!&ldquo;
+&bdquo;Vor der Menge also schämst du dich nicht&nbsp;&hellip;&ldquo;
+Jetzt fiel aber Phaidros ein: &bdquo;Ja, Agathon, wenn du
+Sokrates noch lange immer antwortest, wird er sich
+wenig um unser Thema kümmern, dann hat er jemand,
+dem er Fragen stellen kann, und noch dazu einen so
+schönen Jüngling. Ich höre ja gerne zu, wenn Sokrates
+sich unterhält, aber hier muß ich darauf sehen, daß
+die Preisreden auf Eros gesprochen werden und
+jeder von euch dem anderen das Wort abnehme.
+Denn jeder soll hier zum Preise des Gottes reden.&ldquo;
+&bdquo;Du hast recht, Phaidros,&ldquo; sagte Agathon, &bdquo;mich hält
+auch nichts mehr davon ab; Sokrates wird später
+noch viel zu sagen haben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will zuerst sagen, wie ich zu sprechen habe,
+und dann erst reden. Ihr alle vor mir habt eigentlich
+gar nicht den Gott, sondern nur das Heil der Menschen,
+die also der Gott begnadet, gepriesen. Vom
+Gotte selbst, der alle diese Gaben bringt, hat niemand
+<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+gesprochen. Und doch ist es überall die rechte Art,
+zuerst zu sagen, wie denn das Ding selbst aussehe, das
+wir überall als den Grund eines anderen finden. Und
+darum hättet ihr alle billig zuerst Eros selbst und
+dann seine Gaben preisen müssen. Ich sage euch
+nun, wenn je es mit Fug und ohne Schuld von einem
+Wesen gesagt werden darf: unter jenen heilen Göttern
+ist Eros der heilvollste, denn er ist der schönste und
+edelste! Eros ist der schönste Gott, weil er der jüngste,
+o Phaidros, ist, und dafür brauche ich keinen anderen
+Zeugen als ihn selbst, denn Eros flieht, flieht das
+Alter, und das Alter ist schnell und kommt schneller
+als nötig zu uns. Und Eros haßt es und lebt darum,
+Eros weicht dem Alter auf dem Wege aus und bleibt mit
+den Jünglingen und ist selbst ein Jüngling. Das alte
+Wort hat recht: Zum Gleichen gesellt sich das Gleiche.
+Ich stimme ja mit Phaidros in vielem überein, doch
+muß ich ihm widersprechen, wenn er sagt, Eros sei
+älter als Kronos und Japetos; nein, Phaidros! Eros ist
+der jüngste der Götter und von ewiger Jugend, denn
+jene alte Not der Götter, von der Hesiodos und Parmenides
+erzählen, hat das Schicksal geschaffen und
+nicht die Liebe &ndash; wenn Hesiodos und Parmenides
+überhaupt die Wahrheit wissen. Die alten Götter
+würden einander nicht verschnitten und gebunden
+haben und das Grausame damals würde nicht geschehen
+sein, wenn Eros unter den Göttern gewesen
+wäre; Eros hätte Freundschaft und Frieden unter sie
+gebracht, wie er sie heute bringt, da er der Götter
+König ist. Jung ist also der Gott, und seine Gestalt
+<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>
+von zarter Bildung; nur ein Dichter wie Homer könnte
+sie schildern. Homer sagt von Ate, sie sei eine Göttin
+und zart gewesen; ihre Füße, erzählt er, seien zart
+gewesen&hellip;</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zart sind ihre Füße und nie am Boden<br /></span>
+<span class="i0">Wandelt sie, sondern hoch über den Häuptern der Menschheit!<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und, wie ich glaube, an einem schönen Zeichen
+läßt uns der Dichter die Zartheit erkennen: die Göttin
+schreitet nie auf harten Gründen, sie schwebt oben
+sanft dahin. Und ebendort müssen wir auch Eros'
+Zartheit suchen: Auch Eros schreitet nicht auf der
+Erde und nicht über die Köpfe, &ndash; die wären ihm wohl
+zu hart; nur dort, wo alles ganz sanft ist, wandelt
+und weilt der Gott. In der Gesinnung und in den
+Seelen der Götter und Menschen baut er sein Zelt, aber
+auch hier nicht in allen Seelen: wo er auf harten Sinn
+stößt, dort flieht Eros, und nur in der sanften Seele
+will er wohnen. Und da er also immer und ganz
+nur am zartesten haftet, muß er selbst wohl das
+zarteste Wesen sein. Ich wiederhole, Eros ist der jüngste
+und zarteste Gott; und Eros ist auch geschmeidig:
+denn sonst vermöchte er kaum sich durch alles zu
+schlingen und winden und heimlich in die Seelen
+zu treten und heimlich von den Seelen scheiden.</p>
+
+<p>Eros ist ebenmäßig, seine schöne Haltung zeigt
+es, und diese zeichnet, wie wir wissen, den Gott vor
+allem aus. Mißbildung und die Liebe vertragen einander
+nicht. Eros ist von schöner Farbe, denn nur
+vom Blühenden lebt er. Wo die Körper und die
+<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+Seelen nicht blühen oder die Blüten verlieren, dort
+kommt er nicht hin, und nur, wo es blüht und duftet,
+dort läßt sich Eros nieder, dort bleibt der Gott.</p>
+
+<p>Das mag nun von der Schönheit des Gottes genügen,
+es bliebe ja noch viel zu sagen übrig; jetzt
+aber muß ich von seiner Tugend reden. Und da ist
+es gleich seine größte Tugend, daß er weder Gott
+noch den Menschen unrecht tut und daß ihm von niemand
+Unrecht widerfährt. Eros leidet keine Gewalt,
+die Gewalt haftet nicht an der Liebe, und Eros tut
+niemand Gewalt an. Freiwillig dient ihm alles, und
+wo immer der eine dem anderen willig dient, da
+nennen das &bdquo;die Gesetze, die Könige des Staats&ldquo; gerecht.
+An der Gerechtigkeit nun hat die Enthaltsamkeit
+den größten Teil, und Enthaltsamkeit heißt überall
+die Begierden und sich in der Freude beherrschen:
+nun ist aber keine Freude stärker als die Freude der
+Liebe. Wenn also die anderen Freuden schwächer
+sind, so wären sie ja von Eros beherrscht, und Eros
+ist ihr Herr, und indem er die Freuden und Begierden
+wirklich beherrscht, zeigt er seine Enthaltsamkeit.
+Seiner Mannhaftigkeit weiter &bdquo;kann selbst
+Ares nicht widerstehen&ldquo;. Denn nicht Ares bindet
+Eros, sondern Eros, die Liebe der Aphrodite, hält
+Ares, wie die Sage geht. Und wer zu binden weiß,
+ist wohl stärker als der Gebundene, und wer den
+Mutigsten bändigt, muß wohl auch im Mute des Mutigsten
+Meister sein. Ich habe also von der Gerechtigkeit,
+der Enthaltsamkeit und Mannhaftigkeit des Gottes
+gesprochen, jetzt bleibt mir noch seine Weisheit, und
+<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+da will ich versuchen, nichts zu übersehen. Damit
+ich zunächst auch meine Kunst ehre, wie Eryximachos
+seine geehrt hat &ndash; Eros ist ein so weiser Dichter, daß
+er auch uns zu Dichtern macht. Denn jeder wird
+zum Dichter, wenn der Gott ihn berührt, &bdquo;wie fremd
+er auch früher den Musen war&ldquo;. Und das mag uns
+dafür zeugen, daß Eros vor allem der große
+Schöpfer der ganzen Musik ist. Denn was jemand
+selbst nicht besitzt und weiß, wie vermöchte er
+dies dem anderen zu geben, den anderen zu lehren!
+Und weiter, wer wird leugnen, daß die Schöpfung
+alles Lebendigen die eigenste Weisheit des Gottes
+sei, die große Weisheit, durch die alles Leben wird
+und wächst? Und endlich, wissen wir nicht, daß
+auch in der Beherrschung der Künste nur der glänzt
+und bewundert wird, den Eros unterwiesen hat,
+und daß jeder im Schatten und ohne Ruhm bleibt,
+den der Gott nicht berührt hat? Apollo hat die Kunst
+des Bogenschießens, die Kunst des Sehers und des
+Arztes erfunden, aber die Freude, die Liebe hat ihn
+dahin geführt, so daß auch er ein Schüler des Eros
+ist; und die Musen haben die Musik, und Athene hat
+das Weben, Hephaistos das Schmieden, und Zeus &bdquo;die
+Macht über Götter und Menschen&ldquo; von Eros gelernt.
+Wo alles Wirken der Götter durch Eros geordnet
+wurde, da ward auch alles schön; denn ins Häßliche
+kommt Eros nicht. Früher, wie ich schon sagte, geschah
+viel Furchtbares unter den Göttern, denn das
+Schicksal war König. Als aber unser Gott geboren
+wurde, so kam, weil sie die Schönheit liebten, die Güte
+<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+unter Götter und Menschen. So scheint mir, Phaidros,
+Eros selbst das Beste und Schönste aller Wesen und
+allen Wesen die Ursache alles Guten und Schönen
+zu sein. Mir fallen da noch zwei Verse ein. Eros ist
+es, der da bringt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Frieden den Menschen, die Stille dem Meer und den Stürmen,<br /></span>
+<span class="i0">Allen, die bekümmert, das Lager und den Schlaf.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>So nimmt uns denn Eros alles Fremde und gibt
+uns alles Eigene wieder; wo wir uns alle finden,
+dorthin führt Eros die Wege, er ist der Herold und
+führt die Festzüge und Chöre und uns, so wir zu
+den Opfern schreiten. Eros reißt alles Wilde aus und
+macht uns sanft; er schenkt uns den guten Willen
+und raubt dem Herzen allen Streit; Eros ist gnädig,
+ihn schauen die Weisen und lieben die Götter; er ist
+der Neid der Unglücklichen und der Schatz aller, die
+sich ins Glück geteilt. Eros ist der Schöpfer aller
+Zärtlichkeit, &Uuml;ppigkeit, Anmut und Sehnsucht im
+Menschen, er kennt alles Gute und sieht vom Bösen
+weg. In allen Mühen, in jeder Furcht und jedem
+Begehren, im Worte &ndash; da weiß er sicher zu lenken, da
+ist Eros die Hilfe und der Retter. Eros ist die Ordnung
+unter den Göttern und Menschen, der herrlichste
+und tapferste Held, und ihm müssen die Menschen
+folgen, und alle müssen in den Gesang stimmen, den
+er, Götter- und Menschensinn bezaubernd, singt.</p>
+
+<p>Das nun, Phaidros, ist die Rede, die ich dem Gotte
+darbringe; ich war hier leicht und dort auch ernst,
+so weit ich es eben konnte.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall
+laut, so ganz seiner selbst und des Gottes würdig,
+schien der Jüngling allen gesprochen zu haben. Und
+Sokrates sah Eryximachos an: &bdquo;O Sohn des Akumenos,
+war meine Angst also töricht und hat meine Angst
+nicht vorausgesehen, daß Agathon herrlich reden und
+mich in große Verlegenheit bringen würde?&ldquo; &bdquo;O ja, daß
+Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl
+richtig vorausgesehen,&ldquo; erwiderte Eryximachos, &bdquo;aber
+darum glaube ich noch immer nicht, daß er dich in
+Verlegenheit bringen könne.&ldquo; &bdquo;Ja, aber du Glücklicher,&ldquo;
+sprach Sokrates, &bdquo;wie soll ich, wie soll ein anderer
+gegen dessen schöne, reiche Worte aufkommen; es
+war ja natürlich nicht alles gleich wunderbar, aber
+wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am
+Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke
+vernahm? Als mir da plötzlich der Gedanke kam, ich
+würde gar nicht imstande sein, auch nur annähernd
+so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe
+durchgebrannt, wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen.
+Agathons Rede erinnerte mich ja an Gorgias,
+und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer
+und ich fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen
+Worte wie das Gorgonenhaupt meinen Worten
+entgegenhalten und mich zum stummen Steine machen.
+Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates,
+lächerlich, als du nicht nur versprachst, mit ihnen
+Eros zu preisen, sondern sogar behauptetest, dich
+gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch
+von dem einen so wenig wie von dem anderen etwas
+<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+weißt. In meiner Einfalt habe ich nämlich geglaubt,
+wer ein Ding preisen wolle, der brauche nur die
+Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse zugrunde
+liegen, und dann erst dürfe man unter den
+schönen Worten wählen und sie so richtig wie möglich
+setzen. Und darum nur, weil ich eben die Wahrheit
+wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut
+reden zu können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt
+man das gar nicht von einer guten Lobrede; im Gegenteil:
+es scheint, man müsse von irgend einem Dinge
+nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob
+es nun wirklich in ihm sei oder nicht sei. Wenn es
+gelogen ist, so macht es ja nichts. Ich glaube sogar,
+ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns
+solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur
+einbilden! Denn nur deshalb, zu diesem Zwecke
+scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es Eros
+einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros
+ist so und so, und Eros ist die Ursache davon und jener
+Dinge, damit am Schlusse dann der Gott so schön
+und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch
+selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts
+verstehen &ndash; nicht den Wissenden &ndash; das Lob dann
+gar schön und feierlich klinge. Von dieser Art nun
+ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt,
+und nur darum konnte ich anfangs euch versprechen,
+meinen Teil beizutragen. Aber meine Zunge
+versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt
+davon nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge
+nicht, nein! Ich wäre es ja gar nicht imstande. Ich will
+<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+ja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit, meine Wahrheit,
+wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit
+euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht
+werden. Phaidros, kannst du also auch eine Rede
+brauchen, die über Eros nur die Wahrheit sagt und
+alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade
+kommen?&ldquo; Phaidros und die anderen hießen Sokrates,
+nur so zu reden, wie er es tun zu müssen glaube.
+&bdquo;Aber noch etwas, Phaidros,&ldquo; sagte Sokrates, &bdquo;erlaubst
+du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen
+richte, ich muß gerade mit ihm mich erst über manches
+einigen, bevor ich beginne?&ldquo; &bdquo;Natürlich, frage Agathon
+nur aus!&ldquo; Und so begann denn Sokrates seine Fragen:
+&bdquo;Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert
+zu haben: man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros
+denn eigentlich sei, und dann dürfe man erst von
+dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen.
+Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen
+des Gottes sprachst, so antworte mir nur darauf: Eros,
+die Liebe &ndash; ist dieser Gott, so wie er nun einmal da
+ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht?
+Ich will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater,
+nach seiner Mutter fragen; es wäre ja lächerlich, meine
+Frage so zu stellen, wenn ich wissen wollte, ob Eros
+von einem Vater, einer Mutter stamme &ndash; nein, ich
+meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater
+fragte und fragte: ist dieser Vater der Vater zu etwas
+oder nicht? Du würdest mir natürlich antworten: der
+Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe
+ich nicht recht?&ldquo; &bdquo;Ja, natürlich,&ldquo; antwortete Agathon.
+<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+&bdquo;Und dasselbe gilt von der Mutter, von dem Begriff
+der Mutter, nicht wahr? Damit du mich aber noch
+besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn
+ich nach dem Bruder fragte: der Bruder ist doch
+immer der Bruder eines anderen: eines Bruders, einer
+Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und
+jetzt versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten:
+Ist Eros also die Liebe zu etwas anderem
+oder nicht?&ldquo; &bdquo;Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas
+anderem!&ldquo; &bdquo;Gut, das merke dir vorläufig und
+antworte mir weiter: Begehrt Eros nach dem, was er
+liebt, oder begehrt er nicht danach?&ldquo; &bdquo;Eros begehrt
+danach!&ldquo; &bdquo;Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das,
+wonach er begehrt, oder besitzt er es nicht?&ldquo; &bdquo;Er
+besitzt es wahrscheinlich nicht!&ldquo; &bdquo;Vielleicht ist es
+nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus notwendig,
+daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt,
+und umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich,
+dir nicht auch, Agathon?&ldquo; &bdquo;Ja!&ldquo; &bdquo;Also! Ein
+Großer will doch nicht noch groß, ein Starker nicht
+noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch
+fehlen, was er schon ist. Denn wenn ein Starker
+noch stark, ein Schneller schnell, ein Gesunder gesund
+sein wollte, so <ins class='correction' title='müssten'>müßten</ins> wir dann glauben, daß
+sie und ihresgleichen immer noch das begehren, was
+sie schon besitzen oder was sie schon sind. Damit
+wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum &ndash;
+sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in
+der Gegenwart besitzen, ob sie wollen oder nicht,
+und wer würde da noch das begehren, was er schon
+<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+besitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin
+gesund und will gesund sein, oder ich bin reich und
+will reich sein, ich begehre das kurz, was ich schon
+besitze, so müßten wir ihm doch erwidern: &sbquo;Mensch,
+da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund
+und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß
+dir das alles, was du in der Gegenwart besitzest,
+auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach, ob
+du es so meintest?&lsquo; Da wirst du mir doch recht
+geben, Agathon?&ldquo; &bdquo;Ja!&ldquo; &bdquo;Wir begehren also nach dem,
+was uns nicht zu eigen ist und was wir nicht besitzen,
+wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben
+wollen?&ldquo; &bdquo;Entschieden!&ldquo; &bdquo;Jeder begehrt also nur nach
+dem, was ihm nicht zu eigen, nicht gegenwärtig ist;
+und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind, kurz
+das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde
+und die Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal:
+Eros ist also die Liebe, zunächst zu irgend
+etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt,
+die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?&ldquo;
+&bdquo;Ja!&ldquo; &bdquo;Erinnerst du dich noch daran, wozu du Eros in
+deiner Rede in Beziehung setztest? Ich will es dir,
+wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich
+nicht irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der
+Götter ist durch die Liebe zu allem Schönen bestimmt;
+es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest
+du nicht so?&ldquo; &bdquo;Ja, das waren meine Worte.&ldquo; &bdquo;Und
+da hattest du sehr richtig gesprochen. Und darum
+wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!&ldquo; &bdquo;Natürlich!&ldquo;
+&bdquo;Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen,
+<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+daß wir nur, was uns noch fehlt und was wir noch
+nicht besitzen, lieben?&ldquo; &bdquo;Ja!&ldquo; &bdquo;Es fehlt also Eros die
+Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die Schönheit!&ldquo;
+&bdquo;Ja!&ldquo; &bdquo;Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß
+der, dem die Schönheit fehlt, schön sei?&ldquo; &bdquo;Nein!&ldquo;
+&bdquo;Du gibst mir also recht, wenn ich sage, Eros sei
+nicht schön?&ldquo; &bdquo;Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts
+von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!&ldquo;
+&bdquo;Aber du hast dennoch sehr schön vorhin gesprochen,
+Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint dir nicht
+auch das Gute schön zu sein?&ldquo; &bdquo;Ja!&ldquo; &bdquo;Wenn also
+Eros alles Schöne fehlt und das Schöne auch
+gut ist, so muß Eros auch alles Gute fehlen.
+Nicht?&ldquo; &bdquo;Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen,
+es ist alles so, wie du es sagst.&ldquo; &bdquo;Nein,
+geliebter Agathon, du kannst eben nur der Wahrheit
+nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar
+nicht an.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon!
+Meine Rede über Eros habe ich von Diotima, einer
+Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin und in
+vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima,
+die damals den Athenern, als diese zur Abwehr
+der Pest Opfer feierten, von den Göttern einen Aufschub
+der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch
+ich heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich
+gelehrt, und ihre Worte will ich euch im Anschlusse
+an das, worin Agathon und ich uns oben geeinigt
+haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst
+also, Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher
+<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+Art Eros sei, und dann werde ich erst von seinen
+Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch alles am
+besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen
+mich es lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst
+genau so, wie du, Agathon, zu mir gesprochen hast:
+ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er sei
+schön, und da widerlegte sie mich mit denselben
+Worten, mit denen ich Agathon widerlegen mußte,
+und sagte, der Gott sei weder, wie ich es meine,
+schön noch gut. Ich rief da gleich: &sbquo;Wie redest du
+nur, Diotima, Eros wäre also häßlich und böse?&lsquo; Doch
+sie antwortete: &sbquo;Du lästerst, Sokrates, lästere nicht!
+Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum gleich
+häßlich sein?&lsquo; &sbquo;Nein!&lsquo; &sbquo;Oder, was nicht weise sei,
+müsse darum gleich töricht sein? Hast du denn nie
+erfahren, daß etwas zwischen der Weisheit und der
+Unwissenheit da sei?&lsquo; &sbquo;Was ist dieses?&lsquo; &sbquo;Wenn einer
+zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür
+weiß, nennst du das schon Verständnis? Wie könnten
+wir das verstehen, wozu wir keinen Grund wissen!
+Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das
+Richtige trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir
+müssen es eine richtige Meinung, Wahrnehmung
+nennen, und diese liegt immer zwischen dem Verständnis
+und der Unwissenheit!&lsquo; &sbquo;Da hast du wohl
+recht, Diotima!&lsquo; &sbquo;Zwinge mir also ja nicht mehr das,
+was nicht schön ist, häßlich und, was noch nicht gut
+ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros
+häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst,
+weder schön noch gut ist; auch Eros ist etwas
+<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+in der Mitte von beiden und zwischen schön und
+häßlich und zwischen gut und böse!&lsquo;</p>
+
+<p>&sbquo;Aber alle&lsquo;, entgegnete ich da, &sbquo;sind doch darin
+einig und nennen Eros einen mächtigen Gott!&lsquo; &sbquo;Wer
+nennt ihn so, Sokrates, sind es die Wissenden oder
+die Unwissenden?&lsquo; &sbquo;Alle, Diotima, ich sage, alle!&lsquo;
+Und jetzt lachte sie: &sbquo;Gilt also Eros auch jenen als ein
+mächtiger Gott, die da behaupten, Eros sei überhaupt
+kein Gott?&lsquo; &sbquo;Wer behauptet es denn?&lsquo; &sbquo;Der
+eine bist du, Sokrates, und der andere ich!&lsquo; &sbquo;Ich verstehe
+dich nicht!&lsquo; &sbquo;Und es ist doch so einfach! Sage,
+Sokrates: heißest du nicht alle, alle Götter heil,
+würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser
+oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?&lsquo; &sbquo;Nein, bei
+Zeus, niemals!&lsquo; &sbquo;Und nennst du weiter nicht jene
+Wesen heil, die alles Gute, alles Schöne besitzen?&lsquo; &sbquo;Ja,
+natürlich!&lsquo; &sbquo;Du hast ja aber doch eingesehen, daß
+Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides
+nicht besitzt.&lsquo; &sbquo;Ja!&lsquo; &sbquo;Wie könnte also der ein Gott
+sein, dem kein Teil am Schönen und am Guten ward?
+Wie wäre das möglich?&lsquo; &sbquo;Es ist nicht möglich, Diotima!&lsquo;
+&sbquo;Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!&lsquo;</p>
+
+<p>&sbquo;Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist?
+Gehört Eros zu den Sterblichen?&lsquo; &sbquo;O nein!&lsquo; &sbquo;Ja, was
+ist er, sprich?&lsquo; &sbquo;Wir sahen es doch eben, Eros sei
+in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem Unsterblichen
+und dem Sterblichen!&lsquo; &sbquo;Und?&lsquo; &sbquo;Ein Dämon,
+Sokrates, ist Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und
+alles Dämonische, alles Heilende lebt zwischen Gott und
+Mensch!&lsquo; &sbquo;Und wo ist dann seine Macht?&lsquo; &sbquo;Der Dämon
+<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und
+die Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen,
+was die Götter sie heißen, und er kündet die Gnade
+der Götter, der Heiland ist in der Mitte und er füllt
+die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen,
+und das All ist durch den Heiland gebunden.
+Durch ihn kommt alles Schauen den Sehern, und
+durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es
+mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch
+den Dämon verkehren Götter mit Menschen und durch
+den Heiland reden Götter zu Menschen: zu den Wachen
+und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt.
+Wer das schon begreift, in dem ist der Heiland; die
+anderen alle, die da Künste können und Fertigkeiten
+haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der
+Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer
+von ihnen ist Eros!&lsquo; &sbquo;Und hat Eros einen Vater, Diotima,
+eine Mutter?&lsquo; &sbquo;Das ist lang, aber ich will es
+dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten
+die Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl,
+und mit den Göttern saß auch der Reichtum, der Sohn
+der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen hatten, kam
+die Armut und wollte etwas von dem &Uuml;berflusse haben
+und blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern.
+Nun geschah es, daß der Reichtum zu viel vom Nektar
+getrunken hatte &ndash; es gab ja damals noch keinen
+Wein &ndash; und daß er schwer und berauscht in des
+Zeus Garten ging und dort einschlief. Und das gab
+jetzt der Armut ihre eigene List ein: sie dachte sich,
+weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind
+<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und
+die Armut empfing vom Reichtum den Eros. Und
+weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite gezeugt
+wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da
+Aphrodite schön ist, so ist Eros von Natur aus in
+alles Schöne verliebt. Dann aber, weil Eros der
+Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er
+beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter
+Sohn und darum ganz arm und gar nicht weich und
+schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart und dürr
+und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn
+schützte; auf der nackten Erde ohne Lager muß er
+schlafen; vor allen Türen triffst du ihn, auf den
+Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der
+Mutter Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann
+aber ist Eros auch seines Vaters Sohn und ist, wie
+dieser, voll List nach allem, was schön ist und edel;
+er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger
+und er kann die Netze knüpfen und die Eisen stellen;
+Eros will immer Gründe und weiß zu raten; sein
+ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen
+und zaubern und ist ein großer Sophist. Da
+er nun nicht Gott und nicht Mensch geboren ist, so
+blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er müde
+und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage;
+aber immer wieder lebt er auf, denn der Vater steckt
+in ihm. Was er heute erwirbt, das verliert er morgen,
+und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und er
+ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit
+in der Mitte, ich meine das so: Von den Göttern ist
+<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+niemand das, was wir Philosoph nennen, und kein
+Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die
+Götter sind ja weise, und jeder, der schon weise ist,
+ist kein Philosoph. Aber auch die Unwissenden dürfen
+nicht Philosophen heißen, auch sie haben nicht
+den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist
+das Bittere an der Torheit: der Tor ist weder schön,
+noch gut, noch verständig, und dennoch hält er sich
+dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was
+ihm fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.&lsquo;
+&sbquo;Und wer sind nun, Diotima, die Philosophen, wenn
+es weder die Weisen noch die Toren sein können?&lsquo;
+&sbquo;Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen
+sind eben auch zwischen beiden, und zwischen
+diesen ist dann auch Eros. Die Weisheit
+strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die
+Liebe zu allem Schönen: es liebt Eros also auch die
+Weisheit, und darum ist Eros ein Philosoph, Sokrates,
+ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist nicht
+weise und nicht unwissend und ist zwischen den
+Weisen und den Toren in der Mitte. Und auch das
+ist nur das Blut in Eros: denn sein Vater war weise
+und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm
+und töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur
+des Heilands; was du für Eros gehalten hast, das
+war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt du
+gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der,
+welcher liebt. Und darum erschien dir Eros von so
+vollkommener Schönheit zu sein. Denn, was wir
+lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und
+<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+vollendet und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer
+Art, und ich habe dir sein Bild gegeben.&lsquo; &sbquo;Und du
+hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,&lsquo; sprach ich.</p>
+
+<p>&sbquo;Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann
+die Menschen von diesem Heiland?&lsquo; &sbquo;Auch darüber,
+Sokrates, will ich dich aufzuklären versuchen. Wie
+ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren,
+und sein Begehren ist &ndash; so sagtest du doch
+&ndash; das Schöne. Wenn man uns nun jetzt fragte: Sokrates
+und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros
+das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und
+fragen: Was will der Liebende von dem Schönen, das
+er begehrt?&lsquo; &sbquo;Er will es besitzen,&lsquo; antwortete ich.
+&sbquo;Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt
+du mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden,
+der das Schöne besitzt?&lsquo; &sbquo;Auf diese Frage kann ich
+dir nicht gleich antworten!&lsquo; &sbquo;Nun, wenn ich statt des
+Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates,
+es liebt einer das Gute, was, glaubst du, will er mit
+dem Guten?&lsquo; &sbquo;Er will, daß ihm das Gute zu eigen werde!&lsquo;
+&sbquo;Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu eigen
+wurde?&lsquo; &sbquo;Darauf kann ich dir schon leichter antworten:
+Er ist heil!&lsquo; &sbquo;Ja, er ist heil, heil, und wer durch
+den Besitz des Guten heil geworden ist, der ist
+es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht
+noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn
+hier ist die Frage zu Ende.&lsquo; &sbquo;Ja!&lsquo; &sbquo;Und glaubst du,
+daß dieser Wille, diese Liebe allen Menschen gemeinsam
+sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?&lsquo;
+&sbquo;Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!&lsquo;
+<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+&sbquo;Müßten wir also darum nicht sagen, daß alle Menschen
+lieben, wenn alle dasselbe und immer lieben,
+oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort
+lieben nicht?&lsquo; &sbquo;Mir war das nie ganz klar!&lsquo; &sbquo;Es wird
+dir klar werden: denn von dem großen Begriffe Liebe
+nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem
+Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe;
+das übrige findet dann andere Namen!&lsquo; &sbquo;Wie ist das?&lsquo;
+&sbquo;So &ndash; du weißt doch, daß der Begriff Schöpfung
+sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts
+zum Dasein bringt, der hat das Ding geschaffen, und
+so ist die Arbeit in allen Künsten ein Schaffen, und
+alle Meister sind Schöpfer!&lsquo; &sbquo;Ja, da sprichst du <ins class='correction' title='wahr!&sbquo;'>wahr!&lsquo;</ins>
+&sbquo;Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere
+Namen, und nur einem Teil, dem Werke der Musiker
+und Dichter, wird der Name des Ganzen, Schöpfung,
+zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung,
+und nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt
+nun von dem Begriff der Liebe. Im allgemeinen ist
+zwar alles Streben nach dem Guten, alles Streben
+nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen
+das Gute und das Heil eben auf vielen eigenen
+Wegen finden: der eine will es, indem er viel Geld
+verdient, der andere indem er seinen Körper bildet,
+der dritte als Philosoph; und von diesen allen
+sagt eigentlich niemand, daß sie lieben, und niemand
+nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt
+man es, und nur jene heißen so und haben
+den Begriff des Ganzen, die eben mit allem Ehrgeiz
+nach jenem einzigen Ziele streben.&lsquo; &sbquo;Ich glaube, du
+<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+hast recht!&lsquo; &sbquo;Es heißt so oft unter uns: nur wer seine
+eigene Hälfte sucht, liebt. Ich aber sage dir, die Liebe
+will nicht die eigene Hälfte und die Liebe will nicht
+das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein
+Gutes ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen
+Hände und die eigenen Füße weg, wenn die eigenen
+Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein, Sokrates,
+die Menschen mögen das Eigene nicht mehr
+als das Fremde, es sei denn, daß jemand das Gute
+ein Eigenes und das Böse ein Fremdes heiße. Denn
+nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben
+die Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?&lsquo;
+&sbquo;Bei Zeus, ja, das ist auch mein Glauben!&lsquo;
+&sbquo;Aber auch hier dürfen wir nicht einfach behaupten: die
+Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir
+hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute,
+die Tugend besitzen, nicht wahr?&lsquo; &sbquo;Ja!&lsquo; &sbquo;Und sie
+will es nicht nur heute und morgen haben, die Liebe
+will es ewig besitzen!&lsquo; &sbquo;Ja!&lsquo; &sbquo;Ich fasse also zusammen
+und sage: die Liebe der Menschen ist das
+Streben nach dem Besitz des Guten, nach der Tugend.&lsquo;
+&sbquo;Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!&lsquo;</p>
+
+<p>&sbquo;Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie
+folgen aber die Menschen der Liebe, oder wie
+wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe
+sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du
+mir das jetzt sagen?&lsquo; &sbquo;Wenn ich das wüßte, würde
+ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima, staunen
+und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.&lsquo;
+<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+&sbquo;So will ich dir auch das sagen. Die Liebe ist das
+Zeugen in dem Schönen, das Zeugen, Sokrates, in
+schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du
+mich?&lsquo; &sbquo;Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher
+nur vermöchte dich zu deuten, Diotima; ich verstehe
+dich nicht!&lsquo; &sbquo;So will ich deutlicher sein. Allen Menschen
+reift im Leibe und in der Seele der Samen,
+und es kommt die Zeit, da die Natur in uns zeugen
+will. In das Häßliche aber kann die Natur nicht den
+Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen.
+Das Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein
+Göttliches in uns, und unsterblich sind alle sterblichen
+Geschöpfe, so sie zeugen und gebären. In
+dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche
+nicht zu zeugen, und das Häßliche lebt wider
+alles Göttliche, und nur das Schöne darf und will
+sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch
+Geburtsgöttin, und die Schönheit entbindet. Wenn
+also einer, dessen Samen voll ist, einem Schönen
+begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde
+frei in ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem
+Häßlichen aber wird sein Blick trübe und der Mensch
+ist matt und zieht sich in sich zurück und rollt sich ein
+wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht
+gebären und verhält den Samen und verhält die
+Frucht und leidet. Denn in dem, dessen Samen voll
+und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach
+dem Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst
+löscht und seine Wehen stillt. Die Liebe will also
+nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst,
+<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+Sokrates?&lsquo; &sbquo;Sondern?&lsquo; &sbquo;Die Liebe will im Schönen
+zeugen und das Schöne gebären!&lsquo; &sbquo;Jetzt verstehe ich
+dich!&lsquo; &sbquo;Ja, so ist es auch. Und warum, frage ich
+weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das
+Schöne gebären? Weil ewig und unsterblich alles
+Sterbliche ist, so es gebiert und zeugt. Und weiter:
+wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so muß
+sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren.
+Und es verlangt auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit,
+die Liebe verlangt danach: das folgt aus
+allem, was wir gesagt haben.&lsquo;</p>
+
+<p>So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der
+Liebe sprach, und einmal stellte sie mir folgende
+Frage: &sbquo;Sokrates, was hältst du nun für die Ursache
+dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur?
+Hast du nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt
+und wild die Tiere sind, wenn sie zeugen und gebären
+wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt, dann wie
+von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust
+beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie
+die Weibchen, wenn sie geboren haben, alle Liebe
+für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen die
+Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben
+können, wie diese Hunger leidet, damit nur die Jungen
+Nahrung haben, das alles und anderes wirst du doch
+schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja
+dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den
+Tieren diese Liebe gegeben, kannst du mir das sagen?&lsquo;
+Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht zu sagen, rief sie:
+&sbquo;Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen,
+<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+und weißt das nicht!&lsquo; &sbquo;Aber darum bin ich ja zu dir
+gekommen, Diotima; ich weiß ja, daß ich noch Lehrer
+brauche. Nenne du mir also die Ursache!&lsquo; &sbquo;Wenn
+du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe
+vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch
+das folgende verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche
+Natur suche, so weit es ihr möglich ist, zu
+dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die
+Natur nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte
+einem Neuen zuliebe verläßt. Wo es immer heißt:
+hier lebt das Lebendige und hier bleibt es sich gleich,
+dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt
+ja auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter
+denselben Namen. Er trägt denselben Namen, trotzdem
+er sich stets verändert, erneut, die Haare, am
+Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert.
+Und was hier am Leibe, geschieht dort an der Seele:
+die Sitten, Gesinnungen, Meinungen, Begierden,
+Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt
+der Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues.
+Und was noch viel sonderbarer, ja ungelegener erscheint:
+nicht nur von den Kenntnissen sind die
+einen heute für uns lebendig und die anderen morgen
+tot, und wir selbst verändern uns in und an unseren
+Kenntnissen, sondern auch jede einzelne Kenntnis
+erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur darum,
+weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich
+immer wieder verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung
+und Arbeit bringen das Verlorene wieder
+und &ndash; wie soll ich sagen &ndash; retten das Wissen, so
+<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+daß es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und
+so, Sokrates, wird es immer wieder gerettet &ndash; alles
+Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht gleich dem
+Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber
+was da scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein
+Neues, das ihm gleicht, zurück. Und nur in dieser
+Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der Unsterblichkeit
+teil. In anderer Weise wäre es ihm ja
+nicht möglich. Wundere dich nicht mehr, daß die
+ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und ehrt: sie tut
+es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!&lsquo;</p>
+
+<p>Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder
+sehr erstaunt und rief: &sbquo;Weisestes Weib, ist das alles
+wirklich so, wie du es sagst?&lsquo; und da fuhr sie denn
+wie ein vollendeter Sophist fort: &sbquo;Wie sollte es denn
+sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen
+denkst, du müßtest ja da über dessen Sinnlosigkeit
+staunen, wenn du nicht an meine Worte denkst
+und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen
+das Verlangen ergreift, berühmt zu werden und den
+Ruhm bis in die Ewigkeit zu besitzen, und wie darum
+die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre Kinder,
+Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen
+zu dulden, ja zu sterben bereit sind. Oder meinst
+du, Alkestis würde für Admetos gestorben, Achilleus
+dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros
+für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen
+haben, wenn sie nicht an das ewige Gedächtnis ihrer
+großen Liebe, das wir ihnen heute noch halten, geglaubt
+hätten? O nein; für &raquo;die Tugend der Unsterblichkeit&laquo;,
+<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+für den &raquo;strahlenden Ruhm&laquo; haben
+sie und alle alles getan; und je edler sie waren, um
+so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan;
+denn es lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit.
+Wer im Leibe zeugen will, den zieht es zum
+Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm &raquo;Unsterblichkeit
+und Erinnerung und Glück&laquo;, wie er dann
+sagt, &raquo;in die Zukunft tragen&laquo;. Neben diesem aber
+leben jene anderen, welche lieber in den Seelen das,
+was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht
+und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem
+Sinne sind alle Dichter Zeuger, und jene, die im
+Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger, und die
+höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und
+die Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den
+Staat zu ordnen und die Familie zu erhalten wissen.
+Wenn nun einem dieser Gottgleichen in der Seele der
+Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er,
+da die Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er
+aus und blickt umher und sucht das Schöne, in
+welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen,
+im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt
+schon die schönen Leiber mehr als die häßlichen,
+wer da zeugen will &ndash; und wo dieser der schönen,
+edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine
+Liebe zum Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß,
+und für einen solchen Menschen hat er dann viele
+Worte von der Tugend und von allem, was der Edle
+tun und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht
+den Geliebten zu erziehen. Er hängt dann an ihm,
+<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+dem Schönen, und weckt ihn und folgt ihm und gießt
+in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären.
+Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht
+mehr vergessen, und mit ihm wacht er über der neuen
+Geburt; und stärker, als ein leibliches Geschlecht
+Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde,
+denn sie teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht
+ihrer Seelen. Und wer möchte auch nicht
+leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen, wenn
+er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen
+Dichtern nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen
+haben, das ihnen ewigen Ruhm und dauernde
+Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf
+die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser
+hinterließ, und die Lakedaimon, ja ganz Griechenland
+gerettet haben. Und ehrwürdig ist auch Solon, weil
+er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig
+in Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen
+Männer, die durch edle Taten überall die Tugend
+gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder
+willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und
+Namens zu Danke die vielen Altäre gebaut worden.</p>
+
+<p>&sbquo;In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte,
+konntest du leicht eingeweiht werden: ich weiß aber
+nicht, o Sokrates, ob du darum schon der letzten und
+höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die
+alles andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft
+ihrer teilhaft werden kann. Doch ich will dir von
+ihnen reden und werde den Mut nicht verlieren, du
+aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wenn
+<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+also einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß
+er früh schon nach schönen Körpern ausspähen und
+schönen Körpern nachgehen und, so er gut geführt
+sein will, nur <em>einen</em> Körper lieben, nur <em>einen</em>, und
+in diesem <em>einen</em> die edlen Worte zeugen. Dann erst
+darf er erfahren, daß diese Schönheit des einen Körpers
+jener eines anderen gleicht, wie Schwestern einander
+gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne
+Art und das schöne Bild, wenn er die Liebe will, so
+wäre es nur seine Torheit, dieselbe Schönheit nicht
+in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und
+darum und jetzt wird er es verachten und für niedrig
+halten, alle Leidenschaft für <em>einen</em> Körper zu haben,
+und er wird die Schönheit <em>aller</em> Körper lieben. Aber
+auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird
+die Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der
+Seele wird ihm würdiger erscheinen als die Schönheit
+des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß
+eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen
+Menschen, wenn sein Leib auch unschön wäre, lieben
+und um ihn besorgt sein und edle Worte in ihm
+zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die
+Jünglinge besser zu machen vermögen, auf daß auch
+er gezwungen werde, die Schönheit in den Sitten
+und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die
+gleiche Schönheit zu sehen. Und von den Sitten
+wird er ihn zu den Wissenschaften führen, damit er
+auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und
+so im Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr
+wie ein Sklave nach der Schönheit dieses <em>einen</em>
+<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+Knaben verlange und dieses <em>einen</em> Menschen, dieser
+<em>einen</em> Sitte Schönheit wolle und gemein sei und
+kleinlich und an Worten hänge, sondern, an die Ufer
+des großen Meeres der Schönheit gebracht, hier viele
+edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen
+Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und
+reif jenes einzige Wissen, das da das Wissen des
+Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates, so viel
+du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen
+wurde und das Schöne in seiner Ordnung erkennt,
+der wird ganz am Ende als letzte Weihe seiner Liebe
+ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit
+der Schöpfung erschauen; er wird das erschauen,
+Sokrates, um dessentwillen alle Wege und Mühen
+waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da
+ist und niemals wird und niemals vergeht und nicht
+reicher wird und nicht verliert, das Schöne, das nicht
+hierin schön und heute schön und da schön und für
+diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich
+und dort häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne,
+das wir uns nicht das eine Mal im Gesichte, ein anderes
+Mal an den Händen oder sonstwo am Körper
+einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften,
+im Tiere, auf der Erde oder am Himmel finden; er
+wird das Schöne schauen, das da sich selbst und in
+sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und,
+was sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein
+Teil sein und werden und vergehen, und nur das
+ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen
+und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dort
+<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+unten, weil er den Geliebten richtig zu lieben wußte,
+empor zu steigen und jenes ewig Schöne zu schauen
+beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht.
+Noch einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe
+gehen und geführt werden: er wird zuerst von allen
+Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen Schönheit
+wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen,
+Stufen: auf der ersten sieht er die Schönheit <em>eines</em>
+Körpers, auf der zweiten die Schönheit zweier, und
+dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von
+den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen
+Sitten, von den schönen Sitten zu den schönen Lehren,
+und von den schönen Lehren trägt ihn noch die
+letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da
+die ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,&lsquo;
+rief das prophetische Weib, &sbquo;hier, wenn irgendwo, ist
+das Leben lebenswert, hier, wo du die ewige Schönheit
+schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir
+nicht scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern
+oder gleich jenen schönen Knaben und Jünglingen
+zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen
+erschrecken, und bei denen ihr dann immer
+weilen wollt, weilen ohne zu essen und zu trinken,
+nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie
+würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre,
+jene ewige Schönheit selbst klar und rein und ungemischt,
+nicht am menschlichen Fleisch, in den
+Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich,
+sich selbst eigen da ist, zu schauen? Glaubst du,
+dein Leben oder das Leben eines anderen wäre
+<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+dann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und
+bei jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du
+nicht, daß die Vollendung dem Menschen nur dort
+zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und
+nicht mehr die Bilder der Tugend &ndash; denn an Bildern
+kann sein Blick dort nicht mehr haften &ndash; sondern
+die Wahrheit selbst, da er sie dort erblickt, zeugt, und
+glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die
+wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt
+und, wenn je ein Mensch, unsterblich sein wird?&lsquo;</p>
+
+<p>Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat
+Diotima mich gelehrt, und sie hat mich überzeugt.
+Und seitdem suche ich auch die andern zu überzeugen
+&ndash; zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut
+zu erreichen, niemand einen besseren Führer als Eros
+wählen könne. Und darum rufe ich jedem zu, er
+solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und
+lerne und prüfe alles, was diesen Heiland angeht,
+und heiße dasselbe auch die andern, und heute und
+immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist,
+Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu
+euch gesprochen habe, als meine Lobrede; wenn du
+nicht willst, so nenne meine Rede anders und wie du
+es willst.&ldquo;</p>
+
+<p>Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn
+alle, nur Aristophanes wollte etwas erwidern, weil
+Sokrates auf seine Worte irgendwie angespielt hatte.
+Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht,
+wie nur Betrunkene pochen, und man hörte
+die Töne einer Flötenspielerin. Agathon rief den
+<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+Knaben zu: &bdquo;Seht doch nach! Wenn es ein Freund
+ist, so ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken
+nicht mehr und wollen schlafen!&ldquo; Gleich darauf aber
+konnte man die Stimme des Alkibiades unterscheiden:
+er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und
+fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt
+sein. Doch schon kam er, auf die Flötenspielerin gestützt,
+mit einigen Begleitern herein und blieb in der
+Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen
+und hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden.
+&bdquo;Seid mir gegrüßt, Männer!&ldquo; rief er. &bdquo;Wollt ihr einen
+Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß ich
+wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe,
+denn darum bin ich gekommen? Ich konnte nämlich
+gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin ich da und
+habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem
+Haupt auf das Haupt des weisesten und schönsten
+Jünglings lege. Ich sehe, ihr lacht mich aus, weil ich
+betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß trotzdem,
+daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf
+ich unter diesen Bedingungen herein oder nicht?
+Wollt ihr mit mir noch trinken?&ldquo; Da jauchzten ihm
+alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen
+legen, und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn
+Alkibiades, von seinen Leuten geführt, herein, und
+während er die Bänder abnahm, um Agathon zu
+schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß
+er Sokrates nicht sehen konnte, und legte sich neben
+Agathon zwischen diesen und Sokrates. Sokrates
+rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiades
+<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+sehr schön mit Agathon und wand ihm die Bänder
+ins Haar. Agathon rief den Knaben zu: &bdquo;So nehmt
+auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter
+hier mit uns sitze.&ldquo; &bdquo;Ja, ja, tut das,&ldquo; forderte Alkibiades
+die Knaben auf, &bdquo;wer ist aber der dritte hier?&ldquo; Und da
+er sich umdrehte und Sokrates erblickte, sprang er
+auf und schrie: &bdquo;Bei Herakles, wer ist das? Sokrates,
+du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer?
+Immer zeigst du dich ganz plötzlich, wo ich dich am
+wenigsten erwarte. Warum bist du nur hergekommen?
+Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist
+bei Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu
+machen versteht, kein Platz gewesen? Mußtest du
+dich gerade zu dem Schönsten setzen?&ldquo; Sokrates
+wandte sich da zu Agathon: &bdquo;Jetzt mußt du mich in
+Schutz nehmen! Die Liebe dieses Menschen ist mir,
+wie du siehst, ziemlich unbequem geworden. Seit
+ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen
+schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst
+macht er mir in seiner Eifersucht und Mißgunst die
+größten Torheiten und schmäht mich und kann oft
+kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß
+er vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber
+handgreiflich werden, so halte ihn zurück; ich habe
+beinahe Angst vor seiner Liebeswut.&ldquo; &bdquo;O, zwischen
+uns beiden&ldquo;, erwiderte Alkibiades, &bdquo;gibt es keine Versöhnung!
+Hier und jetzt gleich will ich mich an dir
+rächen. Agathon, gib mir einige von deinen Bändern
+zurück, damit ich sie auf dieses wunderherrliche Haupt
+hier lege! Sokrates soll mir nicht vorwerfen, ich
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+hätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen
+Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du
+gestern, sondern immer siegt.&ldquo; Und so nahm Alkibiades
+von den Bändern des Agathon und wand sie
+um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich
+wieder. &bdquo;Wohlan denn, Männer,&ldquo; rief er, &bdquo;ihr scheint
+mir alle noch recht nüchtern zu sein. Das darf ich
+nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken. Wir haben
+das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken
+drin seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden
+der Zeche. Agathon, laß einen großen Krug bringen,
+wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht nötig;
+bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe,
+er enthält mehr als acht kleine Becher!&ldquo; Der Kühler
+wurde also gefüllt, und Alkibiades trank ihn aus, dann
+ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief: &bdquo;Gegen
+Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man
+ihn heißt, und wird nie betrunken.&ldquo; Der Knabe hatte
+eingeschenkt, und auch Sokrates trank schon. Da
+fiel aber Eryximachos ein: &bdquo;Wie machen wir es aber
+weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden
+oder singen und einfach nur trinken wie Leute, die eben
+Durst haben?&ldquo; &bdquo;O Eryximachos&ldquo;, rief Alkibiades, &bdquo;du
+bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei
+mir gegrüßt!&ldquo; &bdquo;Und du mir!&ldquo; entgegnete Eryximachos,
+&bdquo;aber wie machen wir es nun?&ldquo; &bdquo;Wie du befiehlst; ich
+gehorche deinem Worte! &sbquo;Denn es hat der Arzt die
+Würde von vielen.&lsquo; Sage, wie du es haben willst!&ldquo;
+&bdquo;So höre! Bevor du kamst, hatten wir beschlossen,
+daß jeder von uns, der Reihe nach von rechts, eine
+<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+Rede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte,
+und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine
+Rede gehalten. Da nur du bisher weder getrunken
+noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du jetzt
+uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst,
+und Sokrates muß es wieder an seinen Nachbar zu
+rechts weitergeben usw. Das Thema kannst du selber
+wählen.&ldquo; &bdquo;Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt;
+es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene
+den Nüchternen das Thema gebe. Und dann, Glücklicher,
+glaubst du etwas von allem, was Sokrates vorhin
+gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist
+wahr! Denn er, er kann mit den Händen kaum an
+sich halten, wenn ich in seiner Gegenwart irgend
+jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.&ldquo;
+&bdquo;Lästerst du hier nicht?&ldquo; fragte Sokrates. &bdquo;Bei Poseidon!
+Du kannst mir nicht widersprechen, wenn ich
+behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart niemand
+anderen loben!&ldquo; &bdquo;Ja, dann mache es doch so:&ldquo; sagte
+<ins class='correction' title='Eryxmimachos'>Eryximachos</ins>, &bdquo;preise Sokrates!&ldquo; &bdquo;Wie meinst du das?
+Sollte ich es tun, Eryximachos? Sollte ich ihm auf diese
+Weise beikommen und mich vor euch an ihm rächen?&ldquo;
+&bdquo;Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem
+Lobe lächerlich machen? Oder was willst du?&ldquo; sagte
+Sokrates. &bdquo;Ich will die Wahrheit sagen: hast du jetzt
+etwas dagegen?&ldquo; &bdquo;O nein, gegen die Wahrheit habe
+ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!&ldquo; &bdquo;Und
+ich werde auch gleich beginnen, du halte es aber so:
+Wenn ich nicht die Wahrheit sage, so unterbrich
+mich, wenn du willst, nur gleich mitten im Reden
+<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+und sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht
+lügen. Wenn ich aber in meiner Erinnerung da und
+dort Sprünge mache, nimm es nicht übel! Es ist in
+meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen
+in einer gewissen Ordnung zu schildern.</p>
+
+<p>So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich
+will versuchen, ihn in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht
+glauben, daß ich ihn durch die Bilder lächerlich
+machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit
+sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates
+gleicht jenen Silenen, die ihr in den Werkstätten der
+Bildhauer findet. Die Künstler bilden sie gewöhnlich
+mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und
+geben ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet,
+erblickt im Inneren kleine Bildsäulen der Götter. Ich
+sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas, dem
+Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst
+du selber nicht bestreiten wollen, Sokrates! Worin
+du dem Satyr aber sonst noch gleichst, das höre nun!
+Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates! Wenn du
+nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist
+wie er ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte
+zu spielen und schöner als Marsyas. Denn Marsyas
+lockte die Menschen mit seinem Instrument durch die
+Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen,
+die seine Weisen spielen. Was Olympos spielte, das
+hatte er von Marsyas gelernt. Ob sie ein guter Flötenspieler
+oder eine von den gewöhnlichen Flötenspielerinnen
+spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren
+den, der der Götter und der Weihen bedürftig
+<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+ist; denn des Marsyas Weisen sind göttlich. Du aber,
+Sokrates, unterscheidest dich nur darin von Marsyas,
+daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten
+spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er
+auch der beste Redner, hören, so geht uns das gewöhnlich
+sozusagen gar nichts an. Wer dich, dich
+selbst hört oder deine Worte von einem andern, und
+wäre dieser der gemeinste unter den Menschen,
+wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe zuhört,
+wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum
+zu halten. O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz
+betrunken erscheinen sollte, so würde ich euch es sagen
+und jeden Satz beschwören, was ich durch seine
+Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn
+ich Sokrates höre, da schlägt mein Herz stärker als
+das Herz des Korybanten, und ich vergieße Tränen,
+und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles
+und die anderen großen Redner gehört; mir schien
+da immer nur, sie sprächen gut, ja, aber ich erfuhr
+durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie
+erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein
+Sklave sich gegen den Herrn aufbäumt. Aber dieser
+Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht, daß mir das
+Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates,
+du kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und
+ich weiß ganz genau, daß, wenn ich jetzt, so wie ich
+hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht an mich halten
+könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht
+zu geben, wenn er behauptet, selber noch voll von
+Fehlern, vernachlässigte ich mich und beschäftigte mich
+<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+mit den Angelegenheiten Athens. Wie vor den Sirenen
+fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit
+ich nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so
+habe ich durch ihn erfahren, was niemand in mir wohl
+gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham erfahren. Ja,
+vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich.
+Ich bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und
+zu sagen: Ich muß nicht das tun, was du von mir
+willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn ich
+ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz
+wieder packt. Und so laufe ich vor ihm weg
+und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich ihn sehe,
+alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich
+eingeräumt habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn
+nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. Und doch,
+wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel
+unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin
+ich gegen ihn.</p>
+
+<p>Und so haben wir denn alle durch die Flötenweisen
+dieses Satyrs viel gelitten, und ihr habt von mir gehört,
+worin er den Wesen ähnlich ist, mit denen
+ich ihn vergleiche, und welche Macht ihm über uns
+ward. Aber wißt, ihr alle kennt ihn schließlich gar
+nicht, und da ich einmal begonnen, so will ich
+ihn euch ganz offenbaren. Seht, Sokrates tut in
+alle schönen Jünglinge verliebt und schleicht um sie
+herum und ist immer erregt in seinen Gebärden! Ist
+das nicht Silenenart? Und wie einer jener gemeißelten
+Silenen ist auch seine ganze Haltung. Wer aber
+den Silen öffnet, Freunde und Zechgenossen, wie
+<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+sieht er diesen da nicht ganz voll von Weisheit und
+Maß! Ja, ich sage euch, diesen Silen kümmert es dann
+gar nicht, ob ein Jüngling schön sei oder nicht, ja er
+verachtet dessen Schönheit so gründlich, wie niemand
+es erwarten würde, und es ist ihm ganz gleichgültig,
+ob einer von denen, welche da immer von der Menge
+glücklich gepriesen werden, reich sei oder eine hohe
+Stellung habe. Sokrates hält diese Güter für wertlos
+und uns selbst für eitel &ndash; merkt euch das&nbsp;&ndash;,
+wenn er, mit euch Spott und Spaß treibend, sein Leben
+führt. Aber ich weiß nicht, ob je einer von euch in
+ihn hineingeblickt und in ihm die Götterbildnisse gesehen
+hat, wenn Sokrates ernst und wie offen ist.
+Ich habe hineingeblickt und glaube Göttliches gesehen
+zu haben und lauter Gold und überaus Schönes
+und Wunder, und darum muß ich von nun an immer
+tun, was Sokrates mich heißt. Als ich glaubte, Sokrates
+habe ein Auge auf meine Schönheit geworfen,
+hielt ich es für meinen Stern und mein großes Glück,
+denn ich brauchte mich dann ihm nur ganz hinzugeben,
+um sein ganzes Wissen zu erfahren. Und ich hielt
+viel von meiner Schönheit. Bisher war ich nie allein
+mit Sokrates gewesen, aber jetzt und in meiner großen
+Hoffnung entließ ich meinen Begleiter und war das
+erste Mal allein mit ihm. Ich muß euch die ganze
+Wahrheit sagen, seid aufmerksam, und wenn ich lüge,
+dann, Sokrates, überführe mich. Ich war also allein
+mit ihm, o Männer, und erwartete, er werde mir gleich
+alles das sagen, was der Freund, wenn niemand zuhört,
+zum Geliebten spricht, und war selig. Aber nichts
+<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+dergleichen geschah; Sokrates sprach zu mir wie
+immer, blieb den Tag über da und ging dann fort.
+Das nächste Mal forderte ich ihn auf, mit mir zu
+turnen; vielleicht könnte ich auf diese Weise etwas
+von ihm erreichen, dachte ich. Und Sokrates turnte
+auch und rang oft mit mir, während niemand zusah.
+Ach, wie soll ich es nur sagen! Auch das half nichts.
+Und da ich zu keinem Ziele kommen konnte, beschloß
+ich, Gewalt anzuwenden und, wenn ich ihn nur
+einmal fest habe, von dem Manne nicht mehr zu lassen;
+ich mußte endlich wissen, wie ich mit ihm stünde.
+Ich bat ihn also, mit mir zu essen; wie ihr seht, lief
+ich ihm also ganz einfach nach, wie der Freund
+dem Geliebten. Er folgte zwar nicht gleich meiner
+Bitte, aber nach einiger Zeit kam er wirklich. Beim
+ersten Mal wollte er gleich nach dem Essen fort, und
+ich schämte mich damals so sehr, daß ich ihn auch
+gehen ließ. Beim zweiten Mal aber gebrauchte ich
+eine List: nachdem wir gegessen hatten, sprach ich
+ohne Unterbrechung bis in die Nacht in ihn hinein,
+und als er endlich doch gehen wollte, meinte ich, es
+sei schon zu spät, und zwang ihn zu bleiben. Und
+wirklich, diesmal legte er sich denn auf meinem Lager
+nieder, auf demselben, auf welchem wir gegessen
+hatten, und niemand anders außer uns beiden schlief
+in dieser Nacht im Hause. Was ich bis hierher erzählt
+habe, hätte ich jedermann erzählen können. Was
+ich nun sagen werde, würdet ihr niemals aus meinem
+Munde vernommen haben, wenn erstens nicht, wie
+es heißt, der Wein und die Kinder oder der Wein
+<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+allein &ndash; ohne die Kinder &ndash; die Wahrheit sprächen,
+und wenn zweitens es mir nicht unrecht schiene,
+eine so außerordentliche Tat des Sokrates zu verschweigen.
+Und dann, es ist mir heute noch wie
+einem, den die Natter gebissen hat; und die Leute
+sagen, wen jemals eine Natter gebissen hat, der könne,
+wie das wäre, nur <ins class='correction' title='jener'>jenen</ins> wieder schildern, welchen
+ein gleiches widerfahren sei, da diese allein verstünden
+und mitempfänden, wenn einer im Schmerze
+dann alles zu tun und zu sagen wagt. Ich hatte
+aber einen böseren Biß bekommen und dorthin, wo
+es am meisten schmerzt: mich hat es ins Herz gebissen,
+oder wie man das nennen soll, wohin uns die
+Worte eines Weisen treffen und die Bisse einer wilderen
+Natter beißen, wenn sie in die Seele eines nicht
+unedlen Jünglings greifen und ihn zu allem fähig
+machen. Ich sehe euch hier um mich, wie immer ihr
+heißen mögt, dich, Phaidros, dich, Agathon, Eryximachos,
+Pausanias, Aristodemos und Aristophanes,
+wozu soll ich noch Sokrates selbst nennen oder die
+vielen anderen? Ihr alle seid gebissen worden und
+voll gewesen der Wut und des Taumels der Philosophie!
+Und darum sollt ihr mich jetzt hören, ihr
+allein werdet verzeihen, was ich damals alles tat und
+jetzt ausspreche. Ihr Diener aber, und wer sonst noch
+hier ungeweiht und roh geblieben ist, legt euch große
+Tore vor die Ohren!</p>
+
+<p>Da also die Knaben fortgegangen waren und ich das
+Licht ausgelöscht hatte, war ich entschlossen, nichts
+mehr zu beschönigen, sondern frei zu sagen, was ich
+<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+sagen mußte. Ich stieß also Sokrates ein wenig und
+sprach: &sbquo;Sokrates, schläfst du?&lsquo; &sbquo;Nein, noch nicht!&lsquo;
+gab er zur Antwort. &sbquo;Weißt du, was ich glaube?&lsquo;
+&sbquo;Was denn?&lsquo; &sbquo;Ich glaube, du liebst mich und bist
+allein mir der Freund, den ich brauche, nur zögerst
+du noch, mir es zu gestehen. Ich denke aber so:
+Ich würde mir töricht vorkommen, wenn ich mich dir
+nicht so ganz hingäbe, wie ich dir oder einem meiner
+Kameraden von meinem Vermögen geben wollte, wenn
+ihr davon verlangtet. Ich weiß nichts Heiligeres, als so
+gut wie möglich zu werden, und wenn du mir dazu
+helfen willst, werde ich niemand demütiger gehorchen.
+Wenn ich mich einem solchen Menschen wie dir
+nicht hingäbe, so würde ich mich vor den Wissenden
+viel mehr schämen, als ich mich vor der Menge und
+den Toren schämen müßte, wenn ich mich dir hingäbe.&lsquo;
+Da Sokrates mich also gehört hatte, erwiderte
+er ganz in seiner bekannten Art spöttisch: &sbquo;Mein geliebter
+Alkibiades, du bist wirklich nicht dumm, wenn
+das, was du von mir behauptest, wahr ist und in
+mir eine Kraft wohnt, die dich besser zu machen
+vermag. Du mußt doch wohl eine große Schönheit
+in mir sehen, eine Schönheit, die sich bedeutend von
+deiner schönen Gestalt unterscheidet. Wenn du sie
+mit mir teilen und so Schönheit gegen Schönheit
+tauschen willst, so mußt du im Sinne haben, mich
+ein wenig zu übervorteilen: du willst da für deine
+schöne Meinung meine Wahrheit erwerben und recht
+eigentlich für Erz Gold haben. Aber, Glücklicher,
+sieh genau hin: ich bin vielleicht ganz ohne Wert! Der
+<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+Blick der Vernunft wird schärfer sehen, wenn deine
+beiden Augen an Schärfe verlieren, noch bist du
+weit davon entfernt.&lsquo; Ich hörte ihm zu und sagte
+nur: &sbquo;Was ich zu sagen hatte und wie ich denke,
+habe ich gesagt; denke <em>du</em> jetzt darüber nach,
+was dich für uns beide am besten dünkt!&lsquo; &sbquo;Ja, da
+hast du recht,&lsquo; erwiderte Sokrates, &sbquo;von nun an
+werden wir beide darüber nachdenken und nur das
+tun, was uns hier und in anderen Dingen am besten
+dünkt!&lsquo; Das hatte ich nun von Sokrates gehört, und
+so hatte ich zu ihm gesprochen; ich meinte, der Pfeil
+sei abgeschossen und Sokrates verwundet. Ich stand
+also auf, und ohne ein Wort mehr zu verlieren, legte
+ich meinen Mantel um Sokrates &ndash; es war Winter
+&ndash; und kroch selbst unter den Mantel, schloß meine
+Arme um den Leib dieses wahrhaft herrlichen Dämons
+und lag so neben ihm die ganze Nacht. Sokrates, du
+wirst nicht sagen, daß auch nur ein Wort davon nicht
+wahr sei. Nach allem aber, was ich da für ihn getan
+hatte, wurde er ganz anders zu mir und verachtete
+und verlachte meine Schönheit und nahm sich alles
+gegen mich heraus! Ihr Richter &ndash; und ihr, die ihr hier
+sitzt, seid die Richter seiner &Uuml;berhebung &ndash; bei den
+Göttern, bei den Göttinnen schwöre ich euch: ich erwachte
+nicht anders neben ihm, als wenn ich mit
+meinem Vater oder einem Bruder geschlafen hätte.</p>
+
+<p>Was alles, glaubt ihr, muß ich damals nicht empfunden
+haben? Er verachtete mich &ndash; ich nahm es doch
+so &ndash; und ich, ich liebte seine Art, seine Weisheit, seine
+Männlichkeit; ich hatte in ihm einen Menschen von
+<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+so hoher Vernunft und Mäßigung gefunden, wie ich
+ihm nie im Leben zu begegnen glaubte! Ich konnte
+also weder ihm zürnen und ihn meiden, noch hatte
+ich Mittel, ihn an mich zu fesseln. Ich wußte jetzt,
+daß Gold ihn noch weniger zu verwunden vermöchte,
+als Eisen den Aias; dort also, wo allein ich ihn
+fassen zu können hoffte, ging er mir durch. Ich
+war hilflos und irrte umher in den Fesseln, in die
+dieser Mensch mich geschlossen hatte.</p>
+
+<p>Das alles habe ich mit ihm erlebt, bevor wir gemeinsam
+den Feldzug gegen Potidaia mitmachten und
+dort im Lager am selben Tisch aßen. Vor allem war
+Sokrates hier im Ertragen der Strapazen nicht nur
+mir, sondern überhaupt allen Soldaten überlegen.
+So oft wir, wie das im Kriege vorkommt, irgendwo
+abgeschnitten waren und nichts zu essen hatten,
+konnte er wie kein anderer Hunger leiden. Wenn es
+dagegen &Uuml;berfluß gab, konnte er wieder mehr essen
+als andere, und freiwillig zwar nicht, aber gezwungen,
+trank er uns alle unter den Tisch; und was das erstaunlichste
+ist, noch niemand hat je Sokrates betrunken
+gesehen. Er wird euch gleich hier den Beweis
+geben. Wie er die Kälte ertrug &ndash; die Winter sind
+dort streng &ndash; auch das klingt wie ein Wunder. Es
+hatte einmal stark gefroren, die Soldaten verließen entweder
+überhaupt nicht die Zelte oder, wenn einer ausging,
+wickelte er sich wunder wie ein und hatte die
+Füße in Filz oder Pelz gefatscht; Sokrates aber kam
+im Rock, den er immer trug, heraus und spazierte
+barfuß leichter durch den Frost als alle, die ihre
+<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+Schuhe hatten. Die Soldaten blickten ihn mißtrauisch
+an und mußten denken, er wolle sich über sie nur
+lustig machen. Doch davon genug.</p>
+
+<p>Aber &bdquo;wie er jenes Große vollbracht, der gewaltige
+Mann, und bestanden&ldquo;, damals im Kriege, das
+müßt ihr noch hören. Eines Morgens kam er in
+Gedanken und blieb stehen und sann, und da er es
+scheinbar nicht heraus bekam, gab er nicht nach und
+blieb weiter stehen und suchte. Es war schon Mittag
+geworden; die Leute wunderten sich über ihn und einer
+sagte es dem anderen: Sokrates steht seit frühem
+Morgen auf einem Fleck, rührt sich nicht und denkt
+nach! Da es Abend geworden war und alle gegessen
+hatten, trugen einige jüngere Soldaten ihre Betten aus
+den Zelten &ndash; wir waren im Sommer &ndash; und wollten
+im Kühlen schlafen und zugleich sehen, ob denn Sokrates
+auch in der Nacht auf demselben Fleck stehen
+bleiben werde. Und wirklich, Sokrates blieb die ganze
+Nacht stehen, bis der Morgen kam und die Sonne
+aufging, dann sprach er der Sonne sein Gebet
+und ging fort. Und hört jetzt, wie er in der Schlacht
+selbst war &ndash; auch hier darf ich ihm nichts schuldig
+bleiben! In jener Schlacht, nach welcher mir die
+Feldherrn den Preis zuerkannten, hat er mir das
+Leben gerettet; als ich verwundet am Boden lag, ist
+er bei mir geblieben und hat mich und meine Waffen
+in Sicherheit gebracht. Und schon damals forderte
+ich die Feldherrn auf, dir, Sokrates, den Preis zuzuerkennen
+&ndash; auch hierin wirst du mir nicht unrecht
+geben und sagen, ich lüge. Die Feldherrn aber sahen
+<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+auf meinen Adel und beschlossen darum, ihn mir zu
+geben, und du wünschtest es noch eifriger als sie,
+daß ich ihn habe. Und dann, Männer, hättet ihr Sokrates
+sehen sollen, als das ganze Heer von Delion auf
+der Flucht war. Ich war damals zu Pferde und er in
+voller Rüstung zu Fuß. Das ganze Heer war in wilder
+Unordnung, er ging mit Laches. Da treffe ich sie und
+rufe ihnen Mut zu und meinte, ich wolle sie nicht
+verlassen. Und hier sah ich Sokrates noch herrlicher
+als in Potidaia. Da ich zu Pferde war, hatte ich weniger
+Furcht. Aber, wie damals Sokrates den Laches an Haltung
+übertraf! Ich sah ihn dort leibhaftig wie du, Aristophanes,
+ihn schilderst: trotzigen Blicks, mit rollenden
+Augen; ruhig sah er rechts und links die Freunde
+und Feinde, und man wußte schon von weitem, daß,
+wenn ihn jetzt hier einer angreifen wollte, er sich
+dessen erwehren würde. Und er und sein Begleiter
+kamen darum auch ganz sicher durch. Denn Soldaten
+von seiner Haltung werden im Kriege selten angegriffen,
+und der Feind hat es viel mehr auf die abgesehen,
+die kopfüber fliehen. Vieles Andere noch
+und Herrliches könnte ich an Sokrates rühmen; aber
+was er sonst noch alles tat, das könnte oft auch
+ein anderer getan haben: das Wunder an ihm ist, daß
+er keinem Menschen weder unter den Alten noch
+unter den Lebenden gleicht. Mit Achilleus könnte
+man schließlich Brasidas, mit Perikles Nestor und
+Antenor vergleichen, es finden sich da immer noch
+andere. Immer kann man da den einen mit dem anderen
+vergleichen. Dieser Mensch aber, er selbst und
+<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+seine Worte, ist so sonderbar gewachsen, daß niemand
+weder unter den Alten, noch unter den Lebenden
+seinesgleichen finden würde, es sei denn, daß
+er ihn, wie ich es tat, mit Menschen überhaupt nicht,
+sondern mit den Silenen und Satyrn ihn und seine
+Worte vergliche.</p>
+
+<p>Denn ich vergaß es vorhin zu sagen, daß auch
+seine Worte jenen geöffneten Silenen gleichen. Wenn
+jemand zuerst seine Redensarten hört, erscheinen sie
+ihm lächerlich. Sokrates hüllt sich da in Namen und
+Ausdrücke, wie ein wilder Satyr in sein Fell. Er
+spricht von Lasteseln oder Schmieden oder Schustern
+oder Gerbern; es sieht aus, als ob er immer mit denselben
+Worten dasselbe sagte, so daß der Unerfahrene
+und Ungebildete über diese Reden lacht. Wer sie
+aber erschließt und in sie hinein kann, der wird
+gleich finden, wie gerade seine Worte ein Sinn verbinde
+und daß sie göttlich seien und Bilder höchster
+Tugend, und daß sie überallhin reichen und vor allem
+dorthin, wohin der Mensch, der nach Veredlung und
+Besserung strebt, seinen Blick richtet.</p>
+
+<p>Das alles, Männer, ist es, was ich an Sokrates
+preise. Ich habe auch den Tadel in das Lob gemischt
+und euch gesagt, wie er mich verletzt hat. Aber nicht
+nur mir hat er das angetan, sondern Charmides, der
+Sohn des Glaukon, und Euthydemos, des Diokles
+Sohn, und viele andere haben ein gleiches erfahren:
+er hat sie alle getäuscht und ist ihnen statt eines
+Freundes der Geliebte geworden. Auch dir, Agathon,
+sage ich: laß dich nicht von ihm betrügen; lerne von
+<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+unseren Leiden und sei auf der Hut und mache es
+nicht wie die Toren, die, wie das Sprichwort sagt,
+erst durch Schaden klug werden!&ldquo;</p>
+
+<p>Da Alkibiades also gesprochen hatte, mußten alle
+über seine Offenherzigkeit lachen, denn er schien
+ihnen noch immer, nach wie vor, Sokrates zu lieben.
+Sokrates rief: &bdquo;Alkibiades, ich glaube wirklich, du
+bist nüchtern. Denn sonst würdest du kaum so sinnreich
+zu verstecken versucht haben, warum du überhaupt
+alles das gesagt hast. Wie etwas Nebensächliches
+hast du es an das Ende gesetzt, als ob nicht
+alle deine Worte den einzigen Zweck gehabt hätten,
+mich und Agathon zu entzweien, denn du glaubst, ich
+dürfe nur dich und sonst niemand lieben und Agathon
+wieder dürfe nur von dir allein geliebt werden. Du
+hast das nicht verbergen können, dein Satyr- und Silenendrama
+hat uns alles verraten. Aber, mein geliebter
+Agathon, das soll ihm nicht helfen; sorge nur, daß er
+uns beide nicht entzweie.&ldquo; Agathon entgegnete: &bdquo;Sokrates,
+du hast recht. Sieh nur, wie er sich zwischen
+mich und dich gelegt hat, um uns beide auseinander
+zu bringen! Es ist aber umsonst, denn ich werde
+gleich an deine Seite kommen und mich zu dir legen.&ldquo;
+&bdquo;Ja, ja,&ldquo; meinte Sokrates, &bdquo;komme nur her und lege
+dich zu mir hin!&ldquo; &bdquo;Beim Zeus,&ldquo; rief da Alkibiades,
+&bdquo;was muß ich von diesem Menschen nicht alles ertragen!
+Er glaubt mich überall ausstechen zu müssen.
+Aber, Herrlicher, wenn es schon nicht anders geht,
+so laß wenigstens Agathon zwischen uns.&ldquo; &bdquo;Das ist
+unmöglich;&ldquo; rief Sokrates, &bdquo;du hast mich gelobt, und
+<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+jetzt ist an mir die Reihe, nach rechts jemanden zu
+loben. Wenn Agathon zwischen uns kommt, so müßte
+er auf mich wieder eine Lobrede halten, er soll aber
+umgekehrt jetzt von mir gelobt werden. Laß uns also,
+mein Bester, und beneide nicht einen Jüngling um
+das Lob, das ich ihm reden will; ich selbst habe auch
+das Bedürfnis, Agathon zu preisen!&ldquo; Und Agathon
+rief: &bdquo;Armer Alkibiades, ich darf hier nicht bleiben
+und muß den Platz wechseln, damit Sokrates mich
+lobe!&ldquo; Und Alkibiades: &bdquo;Da sehen wir es also: wenn
+Sokrates da ist, kann man nichts mehr von den
+schönen Jünglingen haben. Und wie klug er sich es
+ausgedacht hat, warum Agathon neben ihm sitzen
+müsse! O Sokrates, Sokrates!&ldquo;</p>
+
+<p>Nun ist Agathon aufgestanden und hat sich neben
+Sokrates gelegt. Da kam plötzlich eine Menge von
+Zechern an die Tür, und da diese offen stand &ndash; es
+war eben jemand herausgegangen &ndash; so konnten diese
+weiter und sich zu den anderen legen. Es herrschte
+dann viel Lärm, und ohne Ordnung ward jeder gezwungen,
+so viel wie möglich zu trinken. Eryximachos,
+Phaidros und andere, erzählte Aristodemos,
+wären weggegangen, ihn selbst hätte der Schlaf gepackt
+und er hätte fest geschlafen &ndash; es wäre ja sehr
+spät gewesen &ndash; und wäre erst gegen Morgen aufgewacht,
+da die Lerchen schon sangen. Da hätte er
+denn die einen schlafen gesehen, andere wären fortgegangen,
+und nur Agathon und Aristophanes und
+Sokrates wären noch wach gewesen und hätten aus
+einem großen Krug getrunken und ihn immer wieder
+<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+nach rechts sich gereicht. Sokrates hätte zu ihnen
+gesprochen. Aristodemos konnte sich aber nicht an
+alles erinnern, er hätte den Anfang nicht hören können
+und jetzt noch etwas geduselt. In der Hauptsache
+aber, meinte er, hätte Sokrates beide dazu gebracht,
+ihm zuzugeben, daß ein und derselbe Dichter die Komödie
+und die Tragödie beherrschen müßte, und daß
+der Tragödiendichter auch ein Komödiendichter wäre.
+Agathon und Aristophanes hätten ihm aber nicht mehr
+ganz zu folgen vermocht und wären ab und zu in den
+Schlaf genickt. Zuerst wäre Aristophanes eingeschlafen,
+dann gegen Morgen Agathon. Sokrates aber sei,
+nachdem er sie also zur Ruhe gebracht, aufgestanden
+und weggegangen, <ins class='correction' title='Aristodemus'>Aristodemos</ins> ihm nach seiner Gewohnheit
+gefolgt. Sokrates wäre ins Lykeion gekommen,
+hätte dort gebadet und den ganzen Tag zugebracht
+und dann erst gegen Abend zu Hause sich
+zur Ruhe gelegt.</p>
+
+<p class="center">ENDE<br /><br />
+
+DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG</p>
+
+
+<div class='tnote' style='margin-bottom: 5em;'>Liste aller vorgenommenen Änderungen:<br /><br />
+<ul>
+
+<li><a href='#Page_45'>Seite 45</a>:<br />
+so <ins class='correction' title='müssten'>müßten</ins> wir dann glauben<br /><br />
+</li>
+
+<li><a href='#Page_54'>Seite 54</a>:<br />
+&sbquo;Ja, da sprichst du <ins class='correction' title='wahr!&sbquo;'>wahr!&lsquo;</ins><br /><br />
+</li>
+
+<li><a href='#Page_69'>Seite 69</a>:<br />
+&bdquo;Ja, dann mache es doch so:&ldquo; sagte <ins class='correction' title='Eryxmimachos'>Eryximachos</ins><br /><br />
+</li>
+
+<li><a href='#Page_75'>Seite 75</a>:<br />
+der könne, wie das wäre, nur <ins class='correction' title='jener'>jenen</ins> wieder schildern<br /><br />
+</li>
+
+<li><a href='#Page_84'>Seite 84</a>:<br />
+aufgestanden und weggegangen, <ins class='correction' title='Aristodemus'>Aristodemos</ins> ihm nach seiner Gewohnheit gefolgt
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Platons Gastmahl, by Plato
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL ***
+
+***** This file should be named 24899-h.htm or 24899-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/8/9/24899/
+
+Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/24899-h/images/letter_a.png b/24899-h/images/letter_a.png
new file mode 100644
index 0000000..6956b69
--- /dev/null
+++ b/24899-h/images/letter_a.png
Binary files differ
diff --git a/24899-h/images/logo.png b/24899-h/images/logo.png
new file mode 100644
index 0000000..6d6c2f2
--- /dev/null
+++ b/24899-h/images/logo.png
Binary files differ
diff --git a/24899-h/images/relief.png b/24899-h/images/relief.png
new file mode 100644
index 0000000..e329d25
--- /dev/null
+++ b/24899-h/images/relief.png
Binary files differ