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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:14:23 -0700 |
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diff --git a/24782-0.txt b/24782-0.txt new file mode 100644 index 0000000..dd6141d --- /dev/null +++ b/24782-0.txt @@ -0,0 +1,18276 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Dunkelgraf, by Ludwig Bechstein + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Dunkelgraf + +Author: Ludwig Bechstein + +Release Date: March 8, 2008 [EBook #24782] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DUNKELGRAF *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at Austrian Literature +Online.) + + + + + + + Der Dunkelgraf. + + + Roman + + von + + Ludwig Bechstein. + + + + Frankfurt a. M. + + _Verlag von Meidinger Sohn & Comp._ + + 1854. + + + + + Erster Theil. + + Der Jüngling. + + + _Motto:_ + + Sei den Edlen genaht, niemals gesellt zu den Niedern, + Strebst du zum Ziele des Wegs, oder des Handels Geschäft. + Gut ist Edler Thun und gut sind ihre Gespräche, + Aber Geringer Geschwätz führen die Winde dahin. + + (=Falbe= nach =Theogins=.) + + + + +1. Der Sohn des Hauses. + + +Geheimnißvoll murmeln die Wellen und schlagen nur leise an die Ufer des +friedlichen Busens, in welchen das Flüßchen _Jahde_, vorüber rinnend an +den einzelnen Häusern des friesischen Dorfes gleichen Namens und der +Jahdekirche, sich geräuschlos einsenkt, um dann als breite Stromfläche +aus dem zur Fluthzeit fast gerundet erscheinenden Becken mit dem +Weserausstrome sich zu vereinen und in die Nordsee sich zu ergießen. Nur +wenige größere Fahrzeuge liegen an der Rhede von Färhuk vor Anker, mit +Kaufmannsgütern befrachtet, oder auf Einschiffung solcher harrend; es +sind Schmakschiffe, die mit vierzig bis fünfzig Lasten die Erzeugnisse +des Landes Oldenburg dem Verkehr der nachbarlichen Seehäfen zuführen, +und außer ihnen ungleich mehr Barken und Kähne für die Vermittelung des +nächstnahen Handelsbetriebes der ausgedehnten Marschlande. Tief in das +Land eingebettet, mehr einem großen Binnensee ähnlich, als einem +eigentlichen Meerbusen, vor Stürmen geschützt, wie vor heftiger Brandung +selbst bei höchster Fluth, ruht dieses Gewässer, und dabei befahrbar von +den größten Schiffen, von Klippen frei wie von Treibeis, an jeder Stelle +trefflichen Ankergrund darbietend. + +Es ist derselbe Jahdebusen, auf welchen in der Gegenwart sich +hoffnung- und freudevoll die Blicke zahlreicher deutscher +Vaterlandsfreunde richten; auf dem die schwarz-weiße Flagge Preußens von +stolzen Kriegsschiffen, die hier ihren Hafen fanden, wehen, und diesem +Winkel zwischen Land und Meer dereinst vielleicht eine hohe +geschichtliche Bedeutung verleihen wird. Sechs Jahrzehnte zurück! Eine +dunkle Frühlingsnacht und dichter Märznebel schleiern all’ die Wellen +und Wogen, die Geesten und Sielen ein; kaum erreicht die dämmernde Helle +der in den Häusern des Dorfes Jahde brennenden Lichter den Deichdamm, +der das Jahder Watt umgrenzt. Ueber das erstorbene flüsternde Schilf und +Riethgras des vorigen Jahres in den mit zahlreichen Wassergräben +durchzogenen Sumpfstrecken um die Dörfchen Jurgengrave und Moorhusen +tanzen lustige Irrwische. Dort liegt das Städtchen _Varel_ mit seinem +stattlichen Herrenschloß und seiner ummauerten Kirche; dunkel ragen +durch den Nebel die Werke des Forts _Christiansburg_ und zwischen diesem +und dem Ort spreitzen sich wie ein riesiges Nachtgeisterpaar zwei +Windmühlen von bedeutender Größe. Aber die gewaltigen Flügel rasten und +ruhen wie eingeschlafen; Stille schwebt über den Wassern, Stille weht +mit Geisterhauchen über das trostlos flache Gefilde. Nur ein ferner +Ruderschlag plätschert noch, dem Ufer näher kommend, durch das tiefe +Schweigen. + +An diesem Lenzabende des Jahres 1794, an welchem das verjüngte Leben der +Natur noch nicht zum freudigen Erwachen gelangt war, schritt ein noch +junger, gutgekleideter Mann in Jägertracht und mit Jagdgeschoß +wohlversehen, begleitet von einem Diener und einem braunen Hühnerhunde, +durch den Vareler Busch dem Städtchen zu. Der Jüngling mochte das +neunzehnte Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben; der Diener war nur +einige Jahre älter und ein Sohn des Ortes, eine kräftige friesische +Gestalt, mehr stämmig als schlank, von munterem Blick und einem Ausdruck +von biederherziger Treue. Er trug die Jagdbeute, mehrere Schnepfenarten, +Rallen und Bekkasinen. Sein ihm schweigsam voranschreitender Gebieter +war eine zarte, schlanke Gestalt, die noch größeren Wuchs verhieß. Die +Gedanken des Jünglings schweiften zur Ferne, aber nach einer +unbestimmten. Ein Lenzgefühl zog durch die junge Brust voll +Hoffnungsfreudigkeit und Thatendrang; wie sich’s geheimnißvoll regte im +mütterlichen Schooße der Erde, wie das junge Grün mächtig und +unaufhaltsam zum Lichte der verjüngten Sonne drängte – wie jene Vögel, +von deren Jagd der junge Weidmann heimkehrte, schon wieder nordwärts +strichen, dem allmächtigen Wandertriebe folgend, ebenso jene +Kranichzüge, die er am Tage erblickt, und jene Güüsvögel und +Himmelsziegen, deren gräuliche Stimmen den nächtlichen Wanderer +schrecken – und die alle nur dem einen unumstößlichen Naturgesetze +gehorsamten – so zog es auch den Jüngling fort aus diesen einförmigen +Gefilden, aus einem Kreise einförmiger Thätigkeiten; er sehnte sich zu +lernen, zu leben. + +Während der junge Mann mit seinem Begleiter durch die gutgepflegten +Gehölze und dann durch reizende ausgedehnte Parkanlagen dem Schlosse +zuschritt, hatte sich dem Ufer in der Schloßnähe, soweit als möglich, +eine Jacht mit niederländischer Flagge genähert, und mehrere Männer +waren im Gefolge von Dienerschaft, die sich mit Reisegepäck belud, aus +dem Schiffe in einem Boote nach dem Vareler Siel gefahren und hatten das +Land betreten. + +Im Herrenschlosse war eine Reihe von Zimmern lichterhellt, so daß der +Schimmer, der heraus auf den dichten Nebel fiel, fast meteorisch +erschien. Es war dies eine ungewöhnliche Erscheinung, denn meist stand +das Schloß unbewohnt, nur in treuer Hut eines alten, redlichen +Kastellans. Das hohe Geschlecht, welchem Amt und Vogtei oder die edle +Herrschaft Varel eigen war, besaß der Schlösser und Güter viele, und die +Glieder dieser berühmten Familie wohnten zerstreut, zumal ihrem Verbande +jenes einigende schönste Band mangelte, welches Liebe heißt. + +Im Schlosse hastete Dienerschaft geschäftig umher. Der Erbherr war +angekommen, mit Räthen und Schreibern, nicht in bester Stimmung, wie es +schien, und nach einer durch Frühlingsstürme widerwärtigen Wasser-Reise. +Sein fester Sporntritt erschütterte Fußboden und Fenster des Zimmers, in +welchem er unruhevoll auf- und abging. Es war ein noch junger Herr, erst +zweiunddreißig Jahre zählend, aber sein Gesicht zeigte männliche Reife, +sein Bart und seine Tracht ließen in ihm den Krieger hohen Ranges +erkennen. + +An einem Tische, auf welchem zwei silberne Armleuchter brannten, saßen +zwei Männer, bemüht, zahlreiche Papiere und Briefschaften, die einem +Reisekoffer entnommen wurden, sorglich in einer gewissen Reihe und +Ordnung auf den Tisch vor sich hin zu legen; es waren augenscheinlich +Documente, denn von mehreren hingen an schwarzgelben oder rothweißen +Seidenschnüren große Kapseln, und die Farben dieser Schnüre ließen +erkennen, daß es Lehenbriefe römischer Kaiser einestheils, anderntheils +der Könige Dänemarks seien, und daß jene Kapseln die Siegel +umschlossen, welche den Pergamenten, an denen sie befestigt waren, ihre +volle Gültigkeit gaben. + +Ein Diener riß die Thüre auf, und rief herein: Der Herr Haushofmeister +Ihrer Excellenz der Frau Reichsgräfin Wittwe! + +Warten! antwortete kurz und rasch der Graf, und murmelte halblaut durch +die Zähne: Hat es sehr eilig, das #ancien régime!# – Dann sagte er laut: +Nehmen Sie, Herr Hofrath Brünings, ein wenig Akt von dem, was der +Großbotschafter der #chère grand Mère# auszurichten und vorzubringen +hat, und Sie, Herr Secretär Wippermann, thun, als haben Sie eine +Schreiberei vor, und schreiben ein wenig nach, denn in unsern +Angelegenheiten darf kein Wort auf die Erde fallen und verloren gehen. +Es ist die höchste Zeit für uns, wenn wir nicht als Kirchenmäuse aus +unsern Herrschaften davon ziehen wollen, die Neigungen der Frau Großmama +anzunehmen und zu sammeln, wenn auch nicht eben antike Münzen. + +Nach diesen Worten, welche offenbar eine gereizte Stimmung des Gebieters +kund gaben, klingelte der junge Reichsgraf und Erbherr und der Diener +öffnete dem Haushofmeister der alten Gräfin die Zimmerthüre. Der +Angemeldete trat mit tiefem ehrerbietigem Gruße ein; ein Mann von +mittler Größe, würdiger Haltung, bereits ergrautem Haar, von +Gesichtsfarbe blaß und angegriffen aussehend, und äußerst fein +gekleidet. Der Graf erwiederte die ehrfurchtsvolle Begrüßung des Dieners +nur mit einer leichten Fingerbewegung nach dem Haupt, die Herren am +Tische, welche bei seinem Eintritt aufgestanden waren, grüßten ebenfalls +ziemlich flüchtig, und warfen stechende, lauernde Blicke auf den +Haushofmeister. + +Nun – Herr Windt – guten Abend! Was bringen Sie? nahm der Gebieter das +Wort. + +Zuvörderst, Excellenz! unterthänigsten Willkommengruß im edlen +Herrenhause Varel Namens gesammter Dienerschaft des Schlosses und +gesammter Einwohnerschaft des Ortes, versetzte der Haushofmeister in +gebückter Haltung; dann sich aufrichtend, sprach er weiter: Ihre +Excellenz, die verwittwete Frau Reichsgräfin lassen Höchstihnen durch +mich Hochdero Freude ausdrücken und Dank sagen, daß Excellenz auf +Hochderen Ersuchen hierher gekommen sind, und hoffen, es werde nun +Alles, was bisher verwirrt und gespalten war, durch dieses persönliche +Begegnen sich friedlich lösen und einen lassen. + +Hofft die Großmutter das? fragte der Graf. Wie gern hofft’ ich es auch, +müßte ich nur nicht das Gegentheil fürchten! + +Wollen Excellenz die hohe Gnade haben, mir zu erlauben, Denenselben +gleich jetzt das mir Befohlene unterthänigst vorzutragen, oder befehlen +Sie eine andere Stunde? + +Tragen Sie vor, werther Herr Windt, tragen Sie immerhin vor! versetzte +der Graf im vornehm spöttischen Tone. Jedenfalls wird es besser sein, +Sie tragen vor, ehe das Essen aufgetragen wird. Ich hoffe ja mit +Zuversicht, Sie werden mir nicht gleich den Appetit ganz verderben. Auch +dauert es hoffentlich nicht allzulange? + +Wie im Scherz zog der Graf seine Uhr, blickte darauf und fuhr fort: Ich +gönne Ihnen eine volle Viertelstunde, allein setzen wir uns, setzen wir +uns alle, meine Herren; als gesetzte Männer werden wir ohne Zweifel den +Vortrag des Herrn Haushofmeisters, General-Intendanten, Geheimen Rathes +und Factotums unserer geliebtesten Frau Großmutter um so standhafter +anhören. Nehmen auch Sie sich einen Sessel, Herr Windt, und eröffnen wir +somit gleich die erste der uns leider sicherlich hier bevorstehenden +vielen Sitzungen. + +Der Haushofmeister achtete nicht auf den spöttischen stichelnden Ton des +jungen Erbherrn, er schrieb ihn dessen Mangel an Schicklichkeitsgefühl +im Benehmen gegen ältere Personen zu und dem Verdruß, durch ihn im +Auftrag seiner Gebieterin hierher bemüht worden zu sein, gerade zu einer +Zeit, wo einerseits der Graf, der jetzt in Holland wohnte, als +persönlicher Freund des Erbstatthalters der Niederlande und dessen +Sohnes, des Erbprinzen von Oranien, vollauf mit der Bewaffnung der +Niederlande gegen Frankreich beschäftigt war, anderseits die politischen +Ereignisse in Frankreich fast alle andern und selbst persönliche +Angelegenheiten einzelner Familien zurückdrängten und in Schatten treten +ließen. + +Stets im ehrfurchtsvollen Tone, ruhig und gemessen sprach nun Windt, und +richtete sein Wort lediglich an den Grafen, indem er gar nicht zu +bemerken schien, daß er außer diesem noch zwei andere Zuhörer hatte: +Excellenz! Hochgnädigster Herr Graf! Lange Jahre hindurch sind auf der +Frau Gräfin Wittwe ererbtes väterliches Vermögen habsüchtige Anschläge +gemacht, und durch mancherlei Mittelspersonen ausgeführt worden, so daß +es gewiß jedem billig und edel Denkenden einleuchtet, wie beträchtlich +der vielfache Verlust sein muß, welchen Hochdieselbe dadurch erlitten. +Einer fast von Haus und Hof, fast von ihrem ganzen Erbe verdrängten, ein +halbes Jahrhundert mit ihrem Gemahl, mit ihren leiblichen Kindern und +Kindeskindern in Processe verwickelten, nun bereits im neunundsiebenzigsten +Lebensjahre stehenden Dame kann das Harte, welches diese traurige +Nothwendigkeit für ihre mütterliche, gefühlvolle Seele hatte und stets +haben muß, ebenso wenig vergessen gemacht werden, als der wirklich +erlittene beträchtliche Schaden ihr je zu ersetzen ist. + +Erlauben Sie mir, Herr Windt – unterbrach der Graf: nur die eine +Anmerkung, daß in gewisser Beziehung auf die verehrte Frau Großmutter +das Sprichwort paßt: Minder gut, wäre besser! Eben diese mütterliche +gefühlvolle Seele ist es, die das reiche Familienerbtheil zersplitterte, +drückende Verlegenheiten herbeiführte, zu Schritten hindrängte, vor +denen man vor dem Auge der Welt erröthen muß. Die vielen Schenkungen, +oft an unwürdige Spekulanten, die unnützen Aufkäufe, die verderbliche +Sammelsucht, die Eitelkeit, als Gelehrte glänzen zu wollen, und die +maaßlosen Täuschungen aller Art, denen die alte Frau anheimfiel – das +ist’s, das ist die Ursache alles Unheils von je gewesen. Gott sei mein +Zeuge, daß ich und die Familie den Frieden wollen, daß ich und mein +Bruder Johann Carl gern bereit sind, selbst mit Opfern _ihr_, die mit +einem Fuß im Grabe steht, wie uns und unsern Kindern endlich Ruhe zu +gewinnen. + +Der Graf sprach diese Worte mit ernster Männlichkeit, keine Spur mehr in +seiner Rede von der vorhinigen leichtfertigen, höhnenden Redeweise, und +sie verfehlten nicht ihre Wirkung auf das Gemüth des Vortragenden. +Dieser fuhr weich und mit Wärme fort: Wonnereich wird es für meine +angebetete Herrin sein, wenn ich ihr verkünde, daß sie den Gedanken +jetzt billigerer Gesinnungen ihrer, ihr dadurch gewiß aufs Neue theuerer +werdenden Enkel mit Zuversicht hegen darf; wenn sie hoffen darf, es +werde endlich einmal dem ebenso verderblichen als widernatürlichen +Rechtsstreit ein Ende gemacht werden! In dieser frohen Hoffnung ist auch +sie auf jede Weise bereit, alle bisher Jahre lang gehäuften, +unbeschreiblichen und zahllosen Kränkungen großmüthigst zu vergessen, +ihren Herren Enkeln ihre ganze großmütterliche Liebe zu schenken, allen +den beträchtlichen Vortheilen, welche die Rechte ihr gewähren, besonders +in Bezug auf die Anspruchsklage wegen der alleräußersten +Beeinträchtigung zu entsagen, jedoch nur unter dem ausdrücklichen Beding +und nicht ohne denselben, daß die hochgnädigen Herren Enkel auch +ihrerseits billigere und den Verhältnissen angemessene Gesinnungen +gegenwärtig dadurch bethätigen, daß sie ohne alle bisherige – in den +vieljährigen Processen bis zum Ueberfluß angewandten Ränke und +Rechtsverdrehungen – die Forderungen Ihrer Excellenz, anstatt der mit +vollem Recht anzusetzenden, in das Unermeßliche sich belaufenden, ganz +unableugbaren Schäden und Kosten – auf Treue und Glauben als richtig +anerkennen, und wo nicht bei Heller und Pfennig vergüten, dennoch eine +annehmliche, beträchtliche Abfindungssumme dafür bieten. + +So! – warf der Graf gedehnt ein, und ein Strahl bitteren Hohnes blitzte +wieder aus seinen Augen. Die Frau Großmama sind in der That gut berathen +und wahrhaft eine »weise Frau«. Wenn wir also thun, was sie wünscht und +befiehlt, dann werden wir die theueren Herren Enkel sein – wie aber +dann, Herr Windt, wenn wir das _nicht_ thun an unserer theuersten +Großmama? + +Wenn _ich_ mir eine unterthänige Bemerkung und Einrede gestatten darf – +nahm jetzt an seinem Tisch der Hofrath Brünings das Wort, ein Mann mit +einem langen, kalten Diplomatengesicht, voll strengen Ernstes, ohne +Farbe, von stocksteifer Haltung und dabei spindeldürr: so dürften wohl +um Wege des Friedens anzubahnen und der künftigen hocherwünschten +Einigung fruchtbares Land zu gewinnen, die Oelblätter der Friedenstaube, +welche der Herr Haushofmeister dermalen vorzustellen die Ehre haben – +nicht in ätzendes Gift getaucht sein, und ihre grünen Zungen nicht zu +spitzigen Dolchen werden. Euer Excellenz werden Redensarten, wie Ränke +und Rechtsverdrehungen mit gebührendem Protest zurückweisen. + +Ich werde das, lieber Hofrath, gewiß, ich werde! versetzte der Graf; +doch mag nun Ihre Rüge für das unbedachte Wort genügen. Wir kennen +unsere hochgnädige, oft sehr ungnädige Frau Großmutter nur allzu gut; +wir wissen, daß sie zwar sorgfältig ihre alten Münzen, aber nie die +Worte gegen ihre nächsten Anverwandten auf die Goldwage legt. Es ist +nicht Kriegsbrauch, einen Abgeordneten in das feindliche Heerlager für +das zu bestrafen, was sein Feldherr ihm auszurichten anbefahl. Fahren +Sie fort, Herr Windt: Sie haben immer noch eine halbe Viertelstunde. + +Der Haushofmeister wurde unruhig. Herr Graf, – nahm er wieder das Wort: +wenn ich auch voraussehe, daß ich nicht im Stande sein werde, in dieser +kargen Frist zu Herzen Dringendes und völlig Ueberzeugendes +auszusprechen, so darf ich doch wohl, und wie ich ganz gehorsamst zu +bitten mich erkühne, _ohne_ fremde Unterbrechung vorerst Folgendes +anführen. Das Wichtigste, was ich in vorbereitender Weise und als +Grundlage der späteren Verhandlungen mitzutheilen habe, läßt sich in +dreizehn Punkten zusammen fassen. + +Dreizehn? wiederholte der Graf spöttisch betonend: das ist eine sehr +mißbeliebte verhängnißvolle Zahl. Doch lassen Sie hören! + +Es sind fast dieselben dreizehn Punkte wieder, fuhr Windt fort, welche +dem im Jahre siebzehnhundert und vierundfünfzig zu Berlin geschlossenen +Vergleich zur Grundlage dienten, welche dem Reichs-Hofrath +siebzehnhundertsechzig vorlagen, und deren Erledigung, ebenso wie eine, +der gepriesenen edlen Denkart derer Herren Grafen würdige Erklärung nur +durch Diejenigen über alle Gebühr hingezögert wurde, welche darin einen +persönlichen Vortheil gesucht und leider nur zu sehr gefunden haben. + +Das Diplomatengesicht des Hofrath Brünings schien sich bei diesen Worten +in etwas zu verlängern, und seine Nase noch um ein merkliches spitziger +zu werden, als sie ohnehin bereits war. Herr Wippermann begann sich +unter Kopfschütteln zu räuspern und stampfte unwillig seine Feder auf. +Windt aber sprach ruhig weiter: Ohne weitschweifig zu werden, so nimmt +meine hochgnädige Gebieterin wiederum in Anspruch, _erstens_ das halb +ihrer hochfürstlichen Frau Mutter, halb ihr selbst von der Wittwe de +Moore zu Amsterdam vermachte Kapital; _zweitens_ den vollständigen +Ertrag der Güter von Varel und Kniphausen bis zum Augenblick ihrer +Entsetzung von denselben durch ungerechten Richterspruch und durch +Gewalt, nebst vollständiger Rechnungsablage; _drittens_ die +Kammerzahlungen von den Vareler Einkünften seit siebzehnhundert und +siebenundvierzig, welche die Dänen gewaltsam in Besitz genommen haben, +auf _wessen_ Betrieb, wissen Euere Excellenz am besten; _viertens_ die +receßmäßige Zahlungsleistung aller Forderungen, auf welche der Frau +Reichsgräfin Excellenz Ansprüche der Schadloshaltung zustehen, und von +denen sie als rechtmäßige Erbin, Eigenthümerin und Besitzerin durch das +auf Schikane begründete Oldenburger Urtheil hinweggedrängt worden ist; +ein Urtheil, das vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft, des +entschiedensten Rechtes und der selbstredenden Billigkeit in Nichts +zerfallen muß, weil bei demselben die Frau Gräfin gar nicht gehört +worden sind, und der Hauptgrund aller Verbindlichkeit über den Haufen +geworfen wurde. + +Wieder wollte Hofrath Brünings mit Heftigkeit entgegnend auffahren, der +Graf aber winkte ihm gebieterisch, und sagte: Stille! die Frau +Großmutter haben das Wort. + +_Fünftens_ – fuhr Windt mit unerschütterlicher Ruhe fort: erneut Ihre +Excellenz, die hochgräfliche Wittwe, die Ersatzforderung von zehntausend +Thalern nebst aufgelaufenen Zinsen für ihre von dem hochseligen Herrn +Grafen versetzten Juwelen. Gewiß werden Recht und Billigkeit liebender, +edel denkender Enkel in diesen Ersatz zu willigen keinen Anstand nehmen, +und nicht der erlauchten Frau Großmutter ferner ansinnen, aus ihrem +Kammervermögen auch noch fernerhin die für diese Schuldsummen +auflaufenden Zinsen zu bezahlen. _Sechstens_ haben der Frau Gräfin +Wittwe Excellenz für die Summe von sechstausend fünfhundert Thaler von +ihrem Silbergeräth verpfändet, und das dafür aufgenommene Geld zum +wahren Nutzen, nämlich zu dringend nöthigen Deichverbesserungen +verwendet, sonst wäre vielleicht heute Varel nicht mehr vorhanden, +sondern wäre in die Reihe jener versunkenen Ortschaften getreten, welche +im Jahre fünfzehnhundert und neun durch die Antonifluth der Jahdebusen +in seinen Schoos aufnahm. _Siebentens_ begehrt meine hochgnädige Herrin +die endliche Rückerstattung des ihr vorenthaltenen, mit den gräflichen +Gütern in gar keinem Zusammenhang stehenden Kapitals von Friedrich Even; +_achtens_ die der Frau Gräfin im Berliner Vergleich zugesprochenen, aber +stets vorenthaltenen Jahrgelder nebst Zinsen vom Jahre siebzehnhundert +vierundfünfzig an. Die durch diese Vorenthaltung erlittene Einbuße ist +eine schreckliche arithmetische Wahrheit. _Neuntens_ Erstattung aller +bisher aufgewendeten Proceßkosten, sowie vieler, bei dem gewaltsamen +Ueberfall geraubten Habseligkeiten, wobei unersetzbare Verluste ewig zu +beklagen sind. _Zehntens_ haben der Frau Gräfin Excellenz ihrem +hochseligen Herrn Gemahl, sowie Kindern und Enkeln mütterliche +Schenkungen von achtzig bis neunzigtausend Thalern gemacht, sollten +Hochdiese nicht ein Recht beanspruchen dürfen, von so überreichlich +begabten Enkeln die Berücksichtigung billiger Wünsche zu erwarten? +_Eilftens_ haben die Frau Gräfin Wittwe Excellenz nie und nirgends auf +Ersatz der höchst bedeutenden Verbesserungskosten verzichtet, welche auf +die Herrschaften, Schlösser und Kammergüter verwendet worden sind. +Dennoch will Hochdieselbe jetzt großmüthig darauf verzichten, und nur +die unbedeutende Summe für die Anlegung der ungemein nutzbaren Meierei +zu Kniphausen in Anspruch nehmen. Nur berühren will ich unterthänig +_zwölftens_ den Werth der sechs schweren silbernen Armleuchter, die der +hochselige Herr Graf vom Silber-Inventar der Frau Gräfin Wittwe genommen +und zu selbsteigenem Gebrauch von Doorwerth nach dem Haag haben bringen +lassen. Endlich _dreizehntens:_ wird die billige Denkungsart +geliebtester Enkel – gegen alle die beträchtlichen übergroßen Vortheile, +welche diese dermalige Entsagung auf die bisherigen, rechtlichen, so +eben erwähnten Ansprüche gewährt und in der Folge noch mehr gewähren +wird – in der Verpflichtung nur einen geringen Ersatz erblicken, außer +der Befriedigung der erwähnten Forderungen auf alle und jede Einsprüche +auf letztwillige Verfügungen der Frau Gräfin Wittwe Excellenz zu +verzichten, auch alle Vermächtnisse und Schenkungen – wie sie immer +heißen mögen, und wie die Hochgenannte über das, was ihr von dem Ihrigen +verbleibt, verfügen möge – unverbrüchlich zu halten und feierlichst und +verbindlichst allen und jeden Ansprüchen und Einsprüchen entsagen, +ebenso der überlebenden Dienerschaft nebst standesmäßigem Trauergeld +ihre Jahresgehalte fortzahlen. – Herr Graf, ich bin zu Ende. + +#Tandem tandemque!# rief Hofrath Brünings und Secretär Wippermann legte, +tief Odem schöpfend, seine Feder aus der Hand. + +Der Graf lächelte bitter und sprach: Ich danke Ihnen, lieber Windt, daß +Sie nicht gleich ein Scalpiermesser mitgebracht haben, mir von Kopf bis +zu den Füßen auch die Haut vollends abzustreifen, wie weiland Apoll dem +Marsyas! Sie erwarten gewiß jetzt keine Antwort von mir. Darf ich +bitten, mit diesen beiden Herren mein Gast zu sein? Ich habe auch noch +den Kammerrath Melchers herauf bitten lassen. + +Soeben wollte Windt Höfliches erwiedern, als der Jäger des Erbherrn, +Jacob, die Thüre öffnete und herein rief: Der junge Herr bittet, Euer +Excellenz aufwarten zu dürfen. + +Ach – das Großmuttersöhnchen! Mag kommen! – erwiederte der Graf, mehr +mit einem Tone der Abneigung als der Freude, und jener junge Jägersmann, +der vorhin durch das Abenddunkel und den Vareler Busch nach dem Schlosse +im Geleit seines Dieners und Hundes gewandert war, trat mit rascher, +edler Haltung ein, ging jugendlich unbefangen auf den Erbherrn zu, und +sprach ihn offen und zutraulich an: Guten Abend und willkommen zugleich, +Vetter Wilhelm! Die Großmama freut sich, gleich mir, wenn du wohl bist. + +Guten Abend, edler Junkherr Ludwig Carl auf Varel! erwiederte ohne alle +Herzlichkeit der Erbherr, und fuhr fort, da der Jüngling nur ihn im Auge +zu haben schien, und die fast widerstrebend zurückgezogene Hand des +Grafen zum warmen Druck ergriff: Die Herren! die Herren! Wir sind ja +nicht allein, mein ungestümer Vetter! + +Diese Zurechtweisung verfehlte ihre Wirkung nicht. Ludwig Carl neigte +sich grüßend gegen die Anwesenden, welche sich jetzt anschickten, das +Zimmer zu verlassen. + +Auf Wiedersehen beim Abendessen, meine Herren! rief der Graf, worauf +Brünings und Wippermann sich in das anstoßende Zimmer zurückzogen, Windt +aber durch die Hauptthüre abtrat, nicht ohne einen Blick voll Theilnahme +und Besorgniß auf den Jüngling fallen zu lassen. + +Die beiden Söhne des hohen Hauses standen einander allein gegenüber. + +Was fehlt dir, Vetter? du bist nicht wie sonst? fragte Ludwig mit der +biederherzigen Offenheit eines jungen Menschen, der Welt und Leben noch +wenig kennt, seinen um dreizehn Jahre älteren nahen Verwandten, und +erhielt zur Antwort: Möglich, daß du Recht hast; ja, ich bin mißmuthig +und unzufrieden, und glaube mir, ich habe dessen übervolle Ursache. Von +meiner Laufbahn und meiner Thätigkeit werde ich hierher gezerrt, muß +widrige Kämpfe mit Wind und Wellen bestehen und hier – wiederum noch +widrigere Kämpfe mit Wellen und _Windt_. Die Großmutter wälzt ganze +Springfluthen von Zorn und Galle und widersinniger Forderungen mir an +Bord, und ich sehe abermals des Haders, Zwiespaltes und der äußersten +Rechtsverletzungen kein Ende. Wär’ ich doch beim Erbstatthalter +geblieben, denn hier auf meinem Eigenthum spiele ich eine wahrhaft +klägliche Rolle! + +Ich glaube nicht, daß die Großmama dir Unrechtes ansinnt, versetzte der +junge Herr. + +So? du glaubst es nicht! So _lüge_ ich wohl! fuhr der Erbherr wild und +zornig heraus, indem seine Aufregung sich von Minute zu Minute +steigerte, je mehr die Menge gehäufter Forderungen, welche Windt vorhin +vorgetragen, ihm durch die Gedanken wirrte und ihn völlig rathlos zu +machen drohte. + +Wenn ich in Alles willigen wollte, ja, wenn ich könnte, was mir in einem +Odem angesonnen wird, so könnte ich mit meiner Gemahlin und meinen +Kindern, so könnte auch der Graf von Athlone, mein Bruder, mit den +Seinen zum Bettelstabe greifen und außer Landes wandern, und wer bliebe +dann die Herrschaft der Herrschaften? Die Frau Großmutter und ihr +Pathchen, ihr Schoos- und Hätschelkindchen, du! Und das scheint der +überlangen Rede kurzer Sinn, daß _wir_ gehen sollen! + +Dem Jüngling erschrak das Herz in der Brust bei dieser harten und +heftigen Rede. Wilhelm, ich bitte dich, rief er: wie kannst du solches +denken und sagen? + +Denken? warum nicht? zürnte dagegen der Erbherr. Sagen? warum nicht? +Werdet _ihr_ mir Denken und Sagen verbieten oder gar verwehren? Ich +lasse mir nichts verwehren! Ich und mein Bruder, wir sind im Rechte – +du? Wer bist denn du? Was die Frau Großmutter aus dir macht, das bist +du! Ihre Puppe, ihr Spielzeug warst du als Kind, jetzt bist du ihr +Münz-Katalogschreiber, ihr Münzwardein, hahaha! du bist noch mehr, du +leimst und kleisterst ihr die Pappkästchen zusammen, in der sie den +alten Kram einlegt, der oft so schmutzig ist, daß ich ihn nicht mit +Fingern anfassen möchte; kurz, du bist des Herrn Windt würdiger Schüler, +der Großmama würdiger Zögling und Günstling! Für dich und nur für dich +sinnt sie täglich und stündlich darauf, meinen Bruder und mich zu +berauben! + +Wilhelm! rief Ludwig mit flammendem Blick. Daß du mich so beschimpfst +und beleidigst, mich, der ich mit liebevollem und arglosem Herzen zu dir +komme, dich in deiner Heimath zu begrüßen, das ist schlecht von dir, das +ist ehrlos! So benimmt sich kein deutscher Edelmann; höchstens ein +flämischer Bauer! + +Was? Mir das! Mir – dem regierenden Erbherrn, dem Officier?! schrie Graf +Wilhelm außer sich. Du ehrloser Bube! du Schandfleck unsers Hauses, du +_Bastard!_ + +Daß dich Gottes Donner treffe für dieses Wort! schrie, jetzt auch zur +heftigsten Wuth gestachelt, der junge Herr und seine schwarzen Augen +flammten wie glühende Kohlen. Verflucht soll die Stunde sein, in der ich +dich wieder meinen Verwandten nenne! Verflucht der morgende Tag, wenn +ich in diesem Hause seinen Abend erlebe! – Du sollst nicht gehen, ich +gehe schon – aber dir und all’ deinen Häusern bleibe zum ewigen Fluche +ewige Verwirrung und ewiger Hader! So lange du lebst, soll dieses +Schimpfwort auf deiner Seele brennen! Bin ich ein Bastard, wie du sagst, +so bin ich einer von hoher Abkunft, aus hohem Hause, du aber sollst noch +herabsteigen in den Koth zu den Leibeigenen, und sollst selbst Bastarde +zeugen in wüster, wilder Ehe, und sollst verachtet von der +Verwandtschaft deines stolzen Hauses steigende Verarmung gewahren! + +Der Teufel redet aus dir, Bube, und seine – meine Großmutter! – das war +alles, was Graf Wilhelm noch sprach, den Boden stampfend, daß Alles +klirrte und schütterte; in blinder Wuth griff er nach einer geladenen +Pistole, die mit anderen abgelegten Reise-Waffen auf einem Seitentisch +lag; der Hahn knackte und auf dem Fittig der Secunde schwebte der +Verwandtenmord. Aber in demselben Augenblicke, und wie der Graf die +Waffe zum Schuß erhob, ging ein rollendes Geräusch durch das Zimmer, +wich ein lebensgroßes Ahnenbild zur Seite, aus der verborgenen +Thüröffnung strahlte heller Kerzenschein, und mitten in diesem Glanze +stand in längst veralteter Tracht, im aschefarbenen schleppenden +Seidenkleide eine hagere Greisin mit hellblitzenden blauen Augensternen, +aber verwitterten Zügen; sie hob den rechten Arm und den Finger drohend +gegen den Grafen, die linke Hand nach Ludwig Carl ausstreckend, und den +feingeschnittenen Lippen des zahnlosen Mundes entrollte mit einer +tiefen, fast männlichen Stimme das Wort: _Halt!_ Gegen den jungen Herrn +gewendet, rief die unverhoffte Erscheinung, die der aus einer andern +Welt völlig glich: _Zu mir!_ + +Der Erbherr senkte den schon zum tödtlichen Schuß gehobenen Arm, seiner +Hand entsank die Waffe; von Grauen überrieselt, blickte er auf die +Erscheinung hin, hinter welcher zwei Diener in reich betreßter Livree +jeder in der Hand einen kerzenvollen Armleuchter hielten. + + + + +2. Die alte Reichsgräfin. + + +Mit festen Schritten trat die Greisin aus der verborgenen Thüröffnung in +das Gemach ihres Enkels, das Bild rollte wieder langsam an seine Stelle, +trennte die Herrin von ihren Dienern und schloß deren Zeugenschaft bei +der bevorstehenden Unterredung aus. Das Bild stellte den Grafen Anton I, +einen von des Hauses Ahnherren dar, in der kleidsamen, stattlichen +Tracht der Kämpfer des dreißigjährigen Krieges. + +Die Hand der alten Reichsgräfin erfaßte schützend die Rechte ihres +Lieblings, und den durchbohrenden Blick ihrer blitzenden Augen fest auf +den Erbherrn richtend, sprach sie zu diesem mit ihrer tiefen Stimme und +mit Eiseskälte: Wer bist du, Mensch, daß du es wagst, mit Bastarden um +dich zu werfen und mit Pistolen meinem unschuldigen Enkel zu drohen? +Kennst du _diesen_, unsers Hauses edlen Ahnherrn, deinen Urgroßvater? +Auch _er_ war ein Bastard, wenn dir dieses Wort so wohl gefällt, und +sein Blut rinnt in deinen Adern, wie in denen meines Ludwig. Wer bin +ich, und wer bist du? Ich bin die Erbtochter eines Hauses, das seinen +Ursprung weit hinaus in der Zeiten Frühe leitet, das den Ländern +Dänemark, Schweden und Norwegen seine Könige, Schleswig, Holstein und +Oldenburg seine Herzoge gab und dem Czaarenreiche Rußland seine Kaiser! +Meine Großmutter brachte unserm Hause eine Herzogskrone mit, meine +Mutter eine Landgrafenkrone. Ich bin ein Abkömmling von Helden, welche +die Geschichte mit dem Sternenmantel der Unsterblichkeit bekleidet hat; +ich stamme väterlicher Seits von den Herzogen von Aquitanien; Philipp +von Poitou ist mein Ahnherr! Meine Vorfahren erwarben Ansprüche auf den +Thron von Neapel und meine nächsten Verwandten sind Prinzen von Tarent. +Von urgroßmütterlicher Seite sind die heilige Elisabeth und alle die +hohen Ahnen der Sachsenfürsten aus thüringischem Stamme und der +Kurfürsten und Landgrafen zu Hessen auch die meinen. Und ich, _ich_ war +die verblendete Thörin, die all’ diesen Glanz und Hoheit hingab an einen +Mann, der meiner nicht werth war, an einen simpeln Freiherrn, einen – +Jäger aus Kurpfalz, der durch mich erst vom Kaiser Carl dem Sechsten zum +deutschen Reichsgrafen erhoben wurde, sonst würde ich ihm meine Hand +sicher nicht gereicht haben. Dafür habe ich des Teufels Dank in vollem +Maaße geerntet, und ernte ihn bis zu dieser Stunde; Thörin ich, die ich +glauben konnte, indem ich dich zu gütlichem Vergleiche hierher berief, +es schlage in deiner Brust ein versöhnliches und dankbares Herz, das nur +irregeleitet sei durch deine falschen, rabulistischen Rathgeber! Nein, +du hast ein böses, verstocktes Herz, Wilhelm Gustav Friedrich! Erst +reizest du den harmlosen Jüngling, der deiner Habgier ein Dorn im Auge +ist, weil du glaubst, ich werde ihm etwas zuwenden – durch giftige +Stachelreden, und dann willst du ihn, den Wehrlosen, ermorden! Wohlan, +morde ihn, morde auch mich, deine Großmutter, und schaue dann vom +Vareler Rabenstein herunter, wie dein Geschlecht sich in das reiche Erbe +der Grafen von Aldenburg und der Herzoge von la Tremouille theilt! + +Diese Rede der alten Herrin war lang genug, daß während ihrer Dauer die +stürmischen Gemüthswellen im empörten Blute Ludwig’s sich legen konnten, +und sein Schmerzgefühl über die ihm widerfahrene Beleidigung wich dem +Gefühl neuen Dankes, das in der Großmutter jetzt auch die Erretterin +seines Lebens verehren mußte. Auf Wilhelm’s Herz aber fielen die Worte +der alten Frau mit ihrem zermalmenden Gewicht, wie die dröhnenden +Schläge eines Hammers auf das auf einen Ambos gelegte glühende, +funkensprühende Eisen. Unaussprechliche Wuth kochte und glühte in ihm; +seinen Augen entsprühten die Funken, sein Herz hallte das Klopfen der +Hammerschläge nach, und dennoch fand er kein Wort zornvoller +Entgegnung, denn die also heftig und vernichtend auf ihn einredete, war +eine Frau, eine hochbetagte Greisin, und war die Mutter seines +Erzeugers. Als sie schwieg, rang trotz des stürmischen Kampfes in seinem +empfindlichen und höchst reizbaren Gemüthe der Erbherr dennoch nach +Fassung, und sprach: Also das sind die Friedenspräliminarien, Frau +Großmama? Das ist Ihre versöhnliche Gesinnung, die mit Forderungen an +mich herantritt, die mir Schwindel erregen? Und nun dieser Sturm – wo +soll ich Anker werfen in diesem Sturme? + +Ankere wo du willst, mein Kreuz ist mein Anker! versetzte die alte +Reichsgräfin, anspielend aus das silberne Ankerkreuz im blauen +Wappenschild der hohen Familie. Du sollst mich kennen lernen, wenn du +mich noch nicht kennst; du sollst erfahren, daß ich nicht beabsichtige, +diesen hier, meinen Ludwig Carl, mit euerm Erbtheil zu bereichern. Was +habt ihr denn sonderlich, wenn ich, ich und noch einmal ich euch enterbe +und diesen, meinen Enkel, an Sohnesstatt adoptire? + +Gnädige Großmutter! das will ich nicht, das würde ich nicht annehmen! +rief der junge Herr. Lassen Sie ihnen alles – ich schwur zu gehen, und +ich gehe, so wahr ein Gott lebt! Ich will mich nicht hier behandeln +lassen, wie einen Troßbuben, ich will auch nicht zur Last fallen! Nicht +ahnen konnte ich, so verhaßt zu sein, so sehr verachtet, daß man glaubt, +man dürfe mich wie einen Hund mit Füßen treten. Sie sollen, ja Sie +müssen mir das Räthsel meines Daseins lösen, mir Ihren Segen geben und +mich dann ziehen lassen, wohin Gott mich führt! + +Du wirst jetzt schweigen, Ludwig Carl, und mir gehorchen! wandte sich +die Reichsgräfin zu dem Jüngling; und du, Wilhelm, sollst erfahren, was +ich beschließe. Bis dahin vergiß nicht, was du mir schuldest! Vergiß +nicht, wer ich bin, und vor allem: vergiß nicht noch einmal deine eigene +Würde! + +Die alte Reichsgräfin schlug in die Hände, Anton’s I. Bild rollte Raum +gebend zur Seite, und den geliebten Enkel – dessen Hand sie während +dieser ganzen Zeit nur vorhin einen Augenblick losgelassen, und gleich +nach ihrem Zeichen wieder erfaßt hatte – nachziehend, trat sie durch die +Thüröffnung in einen genügend breiten Gang, in welchem ihr mit ihr und +in ihrem Dienst ergrauter uralter Kammerdiener Weisbrod und Philipp, der +Diener des jungen Herrn, noch mit den brennenden Kerzen standen. +Alsbald, wie die Thüre sich hinter den Eintretenden wieder geschlossen +hatte, schritten beide Diener ihnen voran und geleiteten sie durch den +längs mehrerer Zimmer vorüberführenden Gang nach den Gemächern der +Gräfin. + +Dort sprach die letztere zu ihrem Enkel: Gehe sorgenlos zur Ruhe, mein +lieber Ludwig Carl, doch gieb mir in meine Hand dein Wort, nichts zu +unternehmen, weder gegen ihn, noch gegen dich, bevor du mich morgen um +die neunte Stunde hier noch einmal gesprochen. Weisbrod soll dich zu mir +rufen. Gute Nacht, mein armes, schwergekränktes, liebes Kind! + +Damit bot sie dem Jüngling die Hand, er legte stumm die seinige in die +ihre, und zitternd von der Erregung seines Innern küßte Ludwig die ihm +huldreich dargebotene zarte Hand der Matrone, eine Hand, die nur Haut +und Knochen, aber fein und fast durchscheinend war, und ließ sich dann +durch seinen Diener nach seinen Gemächern vorleuchten. – + +Der Erbherr hatte sich in einen Sessel geworfen, die Hände vor das +Gesicht geschlagen und lange in einer verzweifelten und entsetzlichen +Stimmung verharrt. Die so überraschende Erscheinung der Greisin hatte +einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht; er verhehlte sich +nicht, daß dieselbe ihn vor einem Mord bewahrt, der mit tiefer und +schwerer Reue ihn belastet haben würde, denn sein Charakter war von +Natur weich und empfindsam, nicht im entferntesten hart oder entartet, +wohl aber heftig und rasch auflodernd. + +In dem jener Wand, durch welche die Gräfin gekommen und gegangen war, +entgegengesetzten Zimmer, welches vor kurzem der Hofrath Brünings und +der Secretär Wippermann betreten hatten, hofften beide, nachdem sie den +laut genug geführten Streit und die Stimme der Gräfin mit innerm Beben +vernommen hatten, lange und vergebens darauf, wieder zu ihrem Gebieter +beschieden zu werden, oder ihn bei sich eintreten zu sehen. Der Erbherr +vermochte es nicht über sich, nach dem, was ihm gesagt worden war, vor +die Augen seiner Beamten zu treten, und der Hofrath Brünings zog aus der +Tasche seiner brocatnen Weste eine goldene Dose, tippte darauf, bot sie +dem Gefährten, nahm dann selbst eine Prise, und flüsterte leise zu dem +Secretär: Geben Sie acht, lieber Herr Wippermann! Der Name Varel wird +sich nicht an die Namen von Münster, Ryswik und Hubertusburg anreihen. + +Nein, gewiß nicht, Herr Hofrath! Heute und übermorgen kommt hier noch +kein Friedensschluß zu Stande. + +Gleichzeitig benießten beide Herren ihre übereinstimmende Prophezeihung. + +Der Erbherr ließ die Herren durch seinen Jäger Jacob ersuchen, ihn zu +entschuldigen und mit Kammerrath Melchers und Herrn Haushofmeister Windt +heute ohne ihn zu speisen. – + +Philipp, sprach, aus seinem Wohnzimmer angelangt, der junge Herr zu +seinem Diener im platten Deutsch seines Heimathlandes: morgen reite ich +in die Fremde, willst du mit? + +Ob ich _will_, mein gnädiger junger Herr? fragte der Diener. Muß ich +nicht, wenn der gnädige Herr mir befehlen? + +Du mußt nicht, und ich befehle dir nicht – entgegnete Ludwig. Mein Weg +geht weit, vielleicht sehr weit in die Welt hinaus, noch weiß ich selbst +nicht, wohin er führt. Du hast hier Aeltern, Angehörige, die siehst du +nicht so bald, vielleicht niemals wieder – ich kehre nie wieder in +dieses Land zurück. Ueberlege dir es wohl. + +Junger gnädiger Herr! versetzte Philipp: Da Sie eingesegnet wurden, kam +ich auf Befehl der Frau Gräfin Wittwe Excellenz als Ihr Bedienter zu +Ihnen, Sie waren damals dreizehn Jahre alt, ich ein Bürschchen von +fünfzehn; jetzt bin ich schon ins sechste Jahr Ihr Diener und Sie haben +mich immer gut behandelt, ja, Sie haben noch mehr gethan, Sie haben mich +aus dem Wasser gezogen, in das ein Unglück mich geworfen, und mir so +mein Bischen Leben gerettet; das gehört nun Ihnen ganz und gar. Ich will +immer Ihr Diener bleiben. Was hätt’ ich hier? Arbeit oder Soldatenbrod – +nehmen Sie mich mit, ich will Ihnen treu dienen, und Ihnen folgen, und +wenn’s bis an der Welt Ende ging’. + +Gut, Philipp, so bleibe es dabei, und so wollen wir einpacken; laß die +Isabella striegeln und den Braunen, und beide gut füttern, morgen reiten +wir von dannen. Dann #fare well,# Varel! + +Mit fester Haltung, bittere und zugleich tiefschmerzliche Empfindungen +gewaltsam in sich zurückpressend und in jugendlichen Trotz sich +verkehrend, begann Ludwig seine Habseligkeiten, so viel er deren mit +sich nehmen wollte, zusammenzulegen, damit Philipp sie in den Mantelsack +packe; er lud mit eigener Hand zwei Paar Reiterpistolen und wählte unter +zwei krummen Säbeln für Philipp den dauerbarsten und schärfsten; für +sich eine Damascenerklinge, auf deren Griff ein Silberplättchen das +Wappen der Herzoge von Bouillon zeigte. + +Spät suchte Ludwig die Ruhe, noch später fand er sie durch einen kurzen +Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemüth des Jünglings, der bisher im +süßesten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder +ländlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein so schneidender +Mißton herangetreten war, wie an diesem verhängnißvollen Abende, der +vielleicht das Loos über seine ganze Zukunft warf. + +Hochbejahrte Personen haben wenig Schlaf; auch der rege Geist der alten +Reichsgräfin bedurfte, trotz der morschen Körperhülle, nur wenige Ruhe, +eben weil er den Körper beherrschte. Daher mußte die Leibdienerschaft +der gräflichen Matrone früh auf sein, das Zimmer angemessen durchwärmen, +den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte sie gern +die ersten Morgenstunden in ungestörter Einsamkeit, und widmete +dieselben ihren numismatischen Studien, ihrem weitverzweigten +Briefwechsel, dem Ordnen ihrer vielfachen Papiere, die deßhalb dennoch +nie die gewünschte völlige Ordnung fanden; dem Nachsinnen und Ueberlegen +über die Verwendung ihrer Einkünfte, wie über die traurigen +Rechtsstreitigkeiten. Letztere dauerten indessen schon zu viele Jahre, +sie war derselben schon zu sehr gewohnt, als daß sie dadurch sonderliche +Gemüthsbewegungen auch jetzt noch hätte erfahren können. In ihrer Seele +war Alles klar, fest, abgeschlossen, ihre Willenskraft war eisern, wie +ihr Sinn, und diese hohe wichtige Errungenschaft fast völliger +Leidenschaftlosigkeit war es eben, die der alten Frau diese über das +gewöhnliche menschliche Ziel hinausreichende Lebensdauer erhielt und +gleichsam sicherte. + +Der Nebel der Nacht war gesunken, der Morgen lachte aus blauem Himmel +frühlingshell durch die hohen Fenster, die nach dem Parke hinausgingen, +an dessen Rändern schon blaue Anemonengruppen und Schneeglöckchen sich +blühend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten Zweige der Gebüsche +erschienen saftgeschwellt und zum Theil rosenroth angehaucht, Knospen +öffneten sich schon, und melodische Hainsängerstimmen, die Stimmen von +Amseln und Drosseln, durchflöteten mit schallendem Jubel die +weitgedehnte Holzung, welche den Namen des Vareler Busches führt. + +Die Kammerfrau, welche die Schwester des Haushofmeisters war, trug der +Gräfin, die auf bequemem Armstuhl an ihrem großen Schreibtisch saß, an +welchen wieder andere Tische gerückt waren, den Kaffee auf und entfernte +sich in geräuschloser Stille. Diese Stille liebte die Gräfin so sehr, +daß sie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vögel duldete. Nur eine +Cypernkatze, ein Prachtexemplar, genoß der großen Gunst, um die Dame +weilen zu dürfen, sie bisweilen mit ihrem Geschnurr zu unterhalten und +ihre Aufmerksamkeit durch zärtliches Anschmiegen an die hohe Gebieterin +von den ernsten Beschäftigungen ab und auf ihre geschmeidige +Persönlichkeit zu lenken. + +Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bücher, voll Karten, Globen, +Münzschränken, hohe Stöße ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder +überzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Münzen waren da und +dort zu erblicken. Dokumente und Briefschaften lagen in Fülle umher, das +ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeitsalon eines reichen +Gelehrten, angefüllt mit Geräthen, selbst mit Vasen und Kunstarbeiten, +sowie mit Seltenheiten ferner Länder, als dem Zimmer einer Dame, denn da +stand auch nicht ein einziges Körbchen, außer dem Papierkorb, da lag +kein Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein +gepreßtes und gemustertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bücher +stolzen Marokineinband mit Goldschnitt, zeigten in Gold gepreßt auf dem +Einband das reichsgräfliche Wappen neben einem fürstlichen, und das +Briefpapier, das in starkem Vorrath bereit lag, hatte Goldschnitt. + +Indem die alte Reichsgräfin zwischen dem Einnehmen ihres Kaffees und der +Unterhaltung mit der schönen Katze, die bei diesem Anlaß stets ein +schmarotzender Gast war, sich mit der An- und Durchsicht zahlreicher vor +ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beschäftigte, sprach sie nach Art +bejahrter Personen laut mit sich selbst, indem sie bald dieses bald +jenes Papier oder deren mehrere aufnahm, flüchtig ansah, auch nach +Befinden länger bei einigen verweilte und das so in Augenschein +Genommene gleich wieder in guter Ordnung zur Seite legte, um alsbald +nach einem andern zu greifen. + +Fiscalische Sache zu Oldenburg – Akta wegen des jetzigen Processes – +ditto – ditto – ditto – und noch fünfmal ditto – Briefe vom Prinzen von +Talmont – dergleichen vom Marquis de Launoy – armer +Bernard-René-Jourdan, armer Marquis! Freundlicher, milder Schatten, den +die rebellischen Teufel ermordeten, weil sie dir als Gouverneur der +Bastille nicht die Bedingungen halten wollten, unter denen du das feste +Haus übergeben – Entwurf meines Testamentes – Wienerische +Appellations-Sache – Güldenlöwesche Briefe – Briefe von König Friedrich +dem Großen – von meinem Voltaire – von Georgine Cavendish, Herzogin von +Devonshire – von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu +Göttingen – vom Herzog von Holstein-Plön – das Tagebuch der Großmutter. + +Dieses Buch betrachtete die Gräfin mit einer gewissen stillen Wehmuth, +die sich aber in keiner Weise äußerlich kund gab. _Sie_ Großmutter einst +– sprach sie – _ich_ Großmutter jetzt, und beide fast in gleichen +Schuhen. + +Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldstreifen gebundener +und mit abgegriffenem Goldschnitt verzierter Quartband. – Als die +Reichsgräfin flüchtig hineingeblickt, legte sie es zur Seite, und griff +nach einem in Umschlag mit Bindfaden umschlungenen Papierheft. Mein +Tagebuch – sprach sie – so viel mir davon erhalten blieb – nur achtzehn +Monate aus meinem langen – vielbewegten Leben – mögen auch diese Blätter +hinschwinden – das Buch meiner Tage ist ja doch nun wohl geschlossen. + +Auch diese Bogen legte die Reichsgräfin zu dem alten Band, und fuhr fort +mit der Musterung ihrer Papiere: – Ehescheidungsproceß – oh hinweg! – +Briefe von der Gräfin von Jaxthausen – von der Prinzessin von Waldeck – +von der Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe – von königlichen Häuptern – +von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel! + +Das Gefühl, welches die alte Reichsgräfin zu diesem Ausruf bewog, +entsprang einem unüberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte sie diese +Blätter nicht so schnell, wie die andern, flüchtig zur Seite legen; +ihre Blicke vertieften sich vielmehr in die festen Schriftzüge des +größten Alterthumsforschers und Münzkenners seiner Zeit, und dieselben +übten auf die Gräfin gleichsam magnetische Anziehungskraft, sie mußte +wieder und wieder lesen, was ihr Pein verursachte, wie der Wundarzt wohl +bisweilen eine Wunde wiederholt brennen muß, auf daß sie gründlich +heile. + +Wo ist er, wo ist er, der grausame Brief des strengen Freundes, dem +Wahrheit über Alles heilig ist? Ach, jeder seiner Briefe enthält mehr +Tadel als Lob – für was muß er mich halten? Für eine alte Närrin +jedenfalls. Und wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was +kostet sie mich nicht? Dann unermeßlich viel, ja mehr, als ich +verantworten kann. + +Welche Worte auf meine Fragen: »Was ich von den Eroberungen für das +Kabinet Ihrer Excellenz halte? Daß unter den Stücken, die nach Hamburg +gingen und sich dermalen in so schätzbaren Händen befinden, sehr viele +ansehnliche sind, doch müßte ich sie sehen, um über deren Aechtheit zu +entscheiden!« – Eine Pille, doch recht schön vergoldet. + +»Wie ich mit der Anordnung des Ennerischen Katalogs zufrieden sei? – +Sehr schlecht – altväterische Art beibehalten, – strotzt von unendlichen +Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfänger +vergeben würde. Man muß erstaunen, aus Frankreich, das mit seiner +Gelehrsamkeit so groß thut und uns Deutsche so gern heruntersetzt, ein +so ärgerliches Zeug erscheinen zu sehen. Ich rede unparteiisch, weil ich +den Verfasser nicht kenne.« + +So Eckhel – und _ich_ habe diesen Katalog mit Entzücken begrüßt und ihn +nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu +Amsterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewechselt, der große Summen +für Münzen mir nach und nach abgelockt, enthüllt Eckhel hier als einen +schamlosen Betrüger, und dessen Prachtkatalog mit allen seinen Bildern, +den jener so sündentheuer verkauft, sei nichts als Aufwärmung der +Platten eines elenden holländischen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage +erschienen. Und ich kenne dieses alte Werk nicht, und besitze eine +Bibliothek von zwanzigtausend Bänden! – Und endlich, _mein_ Katalog, das +Schmerzenskind meiner Liebe zur edlen klassischen Münzkunde – wie +lautet über diesen der Richterspruch des unbestechlichen Wiener +Rhadamanth? + +»Einen Blick über Ihro Excellenz ganzen Katalog. Ich sehe darin eine +Menge der kostbarsten und seltensten Stücke, aber eben dieser Umstand +macht, daß sich die ganze Sammlung vor den Augen ächter Kenner in keinem +vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner muß in der That über das +unnennbare Glück erstaunen, welches so viele und so schätzbare Münzen +einem einzigen Privatkabinette sollte zugespielt haben. Zur Probe nur +ein Beispiel: auch in den größten Sammlungen, die von großen Fürsten +durch viele Jahre sind zusammengebracht worden, findet man oft nicht +_ein_ Stück von den bosporischen Königen _Ininthimeus_, _Teiranes_, +_Thotorses_ – es ist keines im kaiserlichen Kabinet, keines im +großherzoglichen, keines im gothaischen und mehren andern; ich habe in +meinem Leben keines in Natur gesehen; Herr Baron Herwart, kaiserlicher +Gesandter in Konstantinopel, der für das kaiserliche Kabinet durch mehre +Jahre in der Nachbarschaft bosporanische Münzen sammelte, und dazu +#carta bianca# hatte, war nicht so glücklich, nur eine einzige Münze von +diesen drei Königen zu bekommen, und doch finden sich alle drei in der +Sammlung – Ihrer Excellenz! Sollte ein so undenkbares Glück einen Kenner +nicht mißtrauisch machen?« + +Oder nicht auch ein wenig neidisch? unterbrach die Reichsgräfin ihr +Lautlesen mit einem gewissen triumphirenden Gefühl, dann sprach sie +weiter, den fernern Inhalt des Briefes überfliegend: Pellerins Kabinet +sei das bedeutendste in Bezug auf anekdote und sogenannte _einzige_ +Münzen gewesen – ganz besondere Umstände haben ihn begünstigt, langes +Leben, verbunden als #commis de marine# mit allen Konsuln der Levante – +ein gewisser La Roche habe in einem kleinen Orte zwischen Grenoble und +Lyon mit ganz besonderer Geschicklichkeit die besten pellerinischen +Münzen nachgemacht – das der Aufschluß und zugleich mein Münzschlüssel. +Eine ganze Schachtel voll angstschweißtreibender Pillen – und der +Schluß? + +»Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein +aufrichtiges Geständniß zu gute halten. Schon beim ersten Anblick des +Katalogs wollte ich damit herausrücken, aber ich fürchtete zu +beleidigen. Endlich faßte ich mich, weil es meine Rechtschaffenheit von +mir forderte und es mir zu arg schien, daß sich schlaue Betrüger länger +von der Habe edeldenkender und für die Literatur eingenommener Personen +nähren sollten. – Abbe Eckhel.«[1] + + [Fußnote 1: Urschriftlich; der Brief ist noch vorhanden.] + +Genug – er ist nun einmal der Wahrheit unerschütterlich treu; sollte ich +dem redlichen Freunde zürnen? Wer die Wahrheit nicht hören will und +kann, der ist sehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und +die Wissenschaft zu fördern gesucht mit wahrhaft großartigen Opfern – +und das Gute und Große aufrichtig gewollt zu haben, gibt schon ein +Genügen. + +Nun aber hierin nicht weiter – Anderes bringt die andere Stunde. + +Die Reichsgräfin legte noch einige Schriften und Briefschaften sich zur +Hand, und dann klingelte sie. + +Der greise Kammerdiener Weisbrod trat ein. + +Ich lasse Herrn Windt bitten! + +Was nun werden wird, werden soll, nach dem gestrigen Auftritt? fragte +sich die Matrone. O gewiß, ich muß die ganze Last der Sorge mit in die +Grube nehmen – doch nicht ungestraft sollen sie mir die letzten Tage +meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum +letzten Athemzuge. – + +Windt trat ein, er sah noch bleicher aus, als am gestrigen Abend; seine +Gebieterin nahm dies mit ihrem noch immer scharfen Fernblick sogleich +wahr und fragte, als sie auf seinen ehrfurchtvollen Gruß gnädig gedankt: +Was ist Ihnen, lieber Windt? Sie sehen so sehr angegriffen aus? + +Ich bin es, Excellenz! – erwiederte Windt, und seine Stimme war matt und +bebend; er war kein Jüngling mehr und die letztvergangene Zeit hatte +körperliche wie geistige Anstrengungen in Fülle auf ihn gehäuft. + +Es ist auch kein Wunder – fuhr Windt mit offener Freimüthigkeit fort. +Ich wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht, zu +dem sich etwas Fieber gesellte, da empfing ich dieses kurze Briefchen +von dem Herrn Erbgrafen aus dem Haag: »Ich werde nicht über Doorwerth +nach Varel gehen, mein lieber Windt, aber gerade von Amsterdam über See +und Ostfriesland, weil das viel kürzer ist, und so bitte ich Sie, wenn +Sie mit mir die Reise machen wollen, binnen acht Tagen in Amsterdam zu +sein. Bis dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem« – und so weiter. +Aber ich gestehe Ihrer Excellenz, daß ich weder Muth noch Kraft genug in +mir fühlte, mich bei dem stürmischen Wetter, wie die letzte Zeit des +Aequinoctiums mit sich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn +Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiste zu Lande, eilend, +angestrengt und schlecht. Ich zog mir dadurch eine Lähmung der linken +Seite vom Scheitel bis zur Fußsohle zu, und nur einige Ruhe, Wärme und +meine gute Natur stellten mich wieder her, auch tragen die guten +Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder +vollkommen gesund und meinen Diensteifer frisch lebendig zu machen. Und +ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur +eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren lasse, die ich +zwar nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach gesunder Vernunft und +natürlicher Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur +bitte ich um Dauer des hochgnädigsten Vertrauens. Ich sprach, noch ehe +ich abreiste, in Doorwerth den Jäger des Herrn Grafen, der mit der +Kutsche, zwei Pferden, drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam, +um hierher vorauszureisen, und es wurde mir diese Gelegenheit +angetragen; die Gesellschaft stand mir aber nicht an. Ich nahm +Extrapost. + +Sie kennen den gestrigen Vorgang? – fragte die Gräfin. + +Ich kenne und beklage ihn, war Windt’s Antwort. Er reißt ein, was ich +mühsam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfährig +entgegenkommende Gesinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden – aber +Höchstihre persönliche Einmischung – + +Galt dem Schutz meines Pathen – unterbrach die Herrin, stark betonend. +Ich danke Gott, daß mir vergönnt war, zu rechter Zeit mich einzumischen, +ich wollte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauschen, welche +Gesinnungen gegen mich sich aussprächen, da geschah das Aeußerste, da +mußte ich den Fuß auf die Springfeder setzen, die das Bild wegschiebt, +zwei Secunden vielleicht zu spät, und mein Enkel hätte meinen Enkel +erschossen, und dieses mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit +einer blutigen Unthat befleckt. + +Gegen diese Gründe, Excellenz, kann ich nichts sagen – nahm Windt +wieder das Wort. + +Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Gräfin. + +Ich gedenke das Beste für Euere Excellenz zu thun, was sich nur immer +thun läßt, obschon ich voraussehe, daß es mir ein Stück Lunge kosten +wird; ich hoffe, eine wahre, gründliche und dauerhafte Ruhe zu bewirken, +aber Ihre Excellenz müssen mich in Gnaden gewähren lassen, und die +Erreichung dieser Absicht wäre mir der höchste Ruhm. Ihre Excellenz +dürfen auch nicht das Unmögliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem +muß aller fremde Einfluß abgeschnitten bleiben, denn ich denke, daß, +wenn Hochdieselben mit demjenigen, der nächst Höchstihnen Haupt der +Familie, regierender Herr, Erstgeborener und eigentlicher Stammhalter +ist, einen Vergleich errichten, durchaus kein Dritter, und wäre er der +nächste Agnat, hinein zu reden hat. + +So schließen Sie den Bruder und meinen Ludwig so zu sagen aus? fragte +die Gräfin gespannt. + +Hören Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was +gefordert wird, ist dem Herrn Grafen zu erfüllen geradezu unmöglich; er +kann nicht die Glieder der gesammten, in England und Holland verstreuten +Familie zu einer bindenden Unterschrift bewegen und zusammenbringen; er +kann nicht einhundertundfünfzigtausend holländische Gulden zu sechs +Procent, wie jetzt üblich, aufnehmen, sie jährlich mit neuntausend +Gulden verzinsen; nicht nach zwölf Jahren dieselbe Summe bezahlen und +sie mittlerweile mit sechstausend Gulden verzinsen, dazu das zu +gewährende Witthum von jährlich viertausend Gulden, und was noch +jährlich an das schrecklich vernachlässigte Doorwerth zu wenden ist. +Wenn der Herr Graf zu solchen Dingen sich verpflichten, so können +Dieselben weder rechnen, noch Wort halten. Er ist und bleibt arm, seine +Kinder vielleicht können dereinst fürchterlich reich werden – er – wird +Reichthum nie besitzen. Doorwerth liebt er, dieses wünscht er gern zu +haben, es ist gut und heilsam, wenn die Güter ungetrennt beisammen +bleiben. Ich bin überzeugt, daß der Herr Graf redlich und im guten +Glauben zu Werke gehen und noch edler und großmüthiger handeln würde, +wenn er es hätte, wie er es nicht hat. + +Ei, Sie sind ja plötzlich mein gegnerischer Anwalt geworden? rief mit +schlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgräfin. Wie deut’ ich das? Was +hat Sie denn so umgewandelt? Von der edeln großmüthigen Denkart wurde ja +gestern Abend ein Pröbchen zum Besten gegeben. Wäre ein neuer tragischer +Stoff geworden für Herrn Hofrath Leisewitz in Braunschweig, der ja den +Julius von Tarent geschrieben hat und unserm hohen Hause Dinge und +Thaten aufbürdet, die nie in ihm geschahen; was ganz schändlich ist, +denn nie gab es im Hause der Fürsten von Tarent, das so eng mit meinem +eigenen verzweigt und verwachsen ist, eine solche abominable Geschichte, +und keiner von allen Fürsten dieses Hauses hieß Constantin, Julius, +Guido und wie die von dem laxen Comödienschreiber sonst ersonnenen Namen +noch heißen mögen! + +Die Poeten, gnädigste Excellenz – entgegnete Windt, heimlich lächelnd +über den antidramatischen Zorn seiner Herrin – haben ein Ding, das +nennen sie #licentiam poeticam# – welches ich Hochgräflicher Gnaden, die +besser Latein verstehen als ich, nicht zu übersetzen brauche. + +Habe nichts dagegen, das Stück ist gut, Herr Lessing hat es gelobt – es +ist sogar, wie mir geschrieben wurde, auf fürstlichen Privattheatern – +ich glaube am Sachsen-Meiningenschen Hofe, unter Mitwirkung +durchlauchter Personen selbst, zur Aufführung gebracht worden; ich +verlange nur, die Herren Dichter sollen nicht Namen aus der Luft +greifen, sollen nicht das erste beste hohe Haus mit ersonnenen Unthaten +beflecken, sondern diese da spielen lassen, wo sie sich geschichtlich +zugetragen haben, und sollen ihre Nasen in die Stammbäume stecken und +die Leute, die sie brauchen, beim rechten Namen nennen. Des Herrn von +Goethe allbewunderter Götz ist auch so ein Ding, das im Nebel und +Schwebel spielt, ohne allen geschichtlichen Boden. Er läßt den +fehdesüchtigen Raubritter für die deutsche Freiheit sterben, während der +alte Kauz daran nicht im Entferntesten dachte, und in aller Gemüthsruhe +über achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, seine schlimmen Streiche +selbst für die Nachwelt aufzuschreiben. – Ja, sehen Sie mich nur an, +lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spaß, daß ich alte Frau mich +noch über Comödien ereifere, aber sehen Sie, ich bin einmal eine +Freundin der Wahrheit, wie mein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren +Freund ist, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrsamkeit auf den Tod +verwundete, und dem ich, ich sage ich, die Hand noch küssen möchte, mit +der er die Feder führte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, sondern die +reine, in seiner gründlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde +Wahrheit schrieb. Doch – wie weit schweifen wir ab von unserm Ziele, +mein lieber Windt – fahren Sie fort, Sie schlimmer #advocatus diaboli!# + +Um Gott, Excellenz! Dies Wort ist nicht Ihrer Gnaden Ernst. Ich hätte +noch viel zu sagen – aber wenn Hochdieselbe mir zürnen – + +Halten Sie mich für ein Kind, Windt? Fürwahr, dann wäre ich wohl ein +recht altes. Noch denke ich nicht, obschon ich neunundsiebenzig Jahre +zähle – kindisch zu sein. + + + + +3. Der Abschied. + + +Die Reichsgräfin unterbrach dieses Gespräch, indem sie klingelte. +Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu +bescheiden. Dann nahm sie den Faden der Rede wieder auf und sprach zu +Windt: Die gestrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der +dramatischen Poesie mit seinen unbeschnittenen Laubgängen – bleiben wir +bei der Hauptsache: Warum hat sich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine +Windfahne? + +Nein, Excellenz! vertheidigte sich Windt: eine solche bin ich nicht, +vielmehr hoffe ich bewiesen zu haben, und denke es ferner zu beweisen, +daß mir die Wünsche und Vortheile Ihrer Excellenz über Alles gehen. Aber +– Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit muß Wahrheit bleiben. +Was auch gestern Störendes, Widriges und aufs neue Hemmendes vorgefallen +sein möge, _das_ darf ich doch kühn behaupten, daß das Gemüth des +gnädigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und +Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz gestimmt war; freilich ist er äußerst +empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort ist im Stande, sein +ganzes Wesen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, sind +wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, daß er Alles um sich nieder +wirft und liegen läßt, es gehe wie es gehe, aber sein Charakter ist und +bleibt redlich. Er ist nicht der Mann, welcher Excellenz beraubt, +geplündert und von Land und Leuten verdrängt sehen will, im Gegentheil, +er theilte mir gerade heraus mit: Will meine Frau Großmutter Varel +wieder zu eigen haben, so nehme sie es gerne, wenn es nur ohne weitere +Schulden und dereinst meinen Kindern bleibt. + +In der That – sehr gnädig! – spöttelte die Herrin und machte einen Knix, +aber Windt kehrte sich nicht an ihren Spott. + +Der redliche Diener fuhr im Tone vollster Ueberzeugung fort: Halten +Excellenz es mir zu Gnaden, daß ich so frei heraus meine Meinung sage! +Die Hauptsache muß so behandelt werden, daß beide Theile mit Ehren +nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen können. Ich brauche +wohl nicht erst an den Wahlspruch im reichsgräflichen Wappen zu +erinnern. + +#Craignez honte!# versetzte die Herrin, den Wahlspruch anführend, und +fügte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen für diese Lehre. + +Eher würde ich selbst auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im +Punkt von Hochderselben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles +anzunehmen verspräche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, so würde +_ich_ der Erste sein, der zu ihm sagte: Sie handeln ohne Ueberlegung, +ohne Ehre, ohne Zartgefühl, denn Sie _können_ nicht Wort halten. Ihre +Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er ist Ihnen +entwachsen, er ist noch jung, und bei Gelegenheit wohl spöttisch, +sarkastisch oder überreizt – er ist aber wahrhaftig ein edler Mann, und +der Beste von den Seinen, so viel ich deren in Holland kennen lernte. +Was ich von seinen Handlungen weiß, ist nur ehrenhaft. Um sein gegebenes +Wort zu erfüllen, hat er sich mit seiner Frau Mutter auf eine Art +entzweit, daß sie nie wieder einig wurden. Das kam so: In der +unglücklichen Revolution hing sein Leben im Haag jeden Augenblick an +einem Zwirnsfaden, und gleichwohl zeigte er stets den höchsten Grad von +Entschlossenheit. Um zu seinem Ziele zu gelangen, mußte er sich eine +Partei machen, zu der er auch geringe Bürger und Leute der niederen +Klasse herbeizog. Diese wollten aber unter keiner anderen Bedingung ihm +anhängen, als daß er ihnen gelobe, nach erkämpftem Siege ihr Schout, so +viel wie #Grand Baillif# zu werden, denn das Volk war, wie das stets bei +Revolutionen der Fall ist, mit der Polizei und Gerechtigkeitspflege im +Haag höchst unzufrieden und suchte sie zu beseitigen. Der Herr Graf gab +sein Wort, seine Partei gewann die Oberhand, und das Volk rief ihn aus +Dankbarkeit zu seinem Ober-Amtmann aus. Darüber entsetzte sich seine +Frau Mutter, die geborene Baronesse de Tuyll Serooskerken, auf das +Aeußerste, wie Ihre Excellenz sich denken können. + +Ja wohl, wie ich mir allerdings recht gut denken kann! unterbrach ihn +die alte starre Aristokratin. Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau +Mutter des Herrn Grafen drohte, sich gänzlich von ihm loszusagen, wenn +er dem Verlangen des Volkes nachgebe, der Graf aber sprach: Ich bin +Edelmann und muß im Glücke halten, was ich im Unglücke versprochen habe. +Die Zwietracht mit der Mutter blieb, und der Herr Graf blieb +Ober-Amtmann. + +So spalten die unseligen politischen Parteikämpfe den Frieden und die +Herzen der edelsten Familien! rief fast im heftigen Tone die alte +Reichsgräfin. Meine Frau Schwiegertochter hat vollkommen Recht! Auch mir +schnitt es tief in das Herz, zu sehen, wie ein Angehöriger meiner +Familie mit dem Pöbel, der Hefe, zu liebäugeln sich herabließ und sich +wegwarf. Aber zuletzt sind Sie selbst solch ein elender Demokrat, Windt! + +Der Haushofmeister war einen Augenblick betroffen durch den schneidenden +und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemüth jetzt an der +empfindlichsten Stelle und durch eine der unliebsamsten Erinnerungen +berührt worden war; doch blieb er gefaßt und entgegnete in seiner zwar +unterwürfigen, aber stets würdevollen Redeweise: Ihro Excellenz scheinen +sich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, daß die oranische +Partei, für welche der Herr Graf wirkt, nicht die sogenannte Volkspartei +war, daß erstere vielmehr durch die untern Schichten _gegen_ die +letztere zu wirken suchte, daß aber auch die niederländischen +Republikaner keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf ist als +Oberrichter stets gerecht und unparteiisch erschienen; er hat darauf das +wachsamste Auge, daß Niemand Unrecht erleide, er hilft Allen, denen er +nur irgend helfen kann, seien es sogenannte Patrioten, oder keine, und +viele Unglückliche hat er als geschickter und rechtskundiger Anwalt so +vertheidigt, daß sie schweren Strafen entgingen, denen sie ohne ihn +anheim gefallen wären; daher verdient sein Benehmen, als das eines +Mannes von Wort und von Ehre, weder Tadel noch Mißtrauen. Und was +endlich meine »elende Demokratie« betrifft, wie Excellenz sich +auszudrücken beliebten, so gebe ich dem Wunsche Worte, es möchte das +ganze heilige römische Reich so glücklich sein, lauter Demokraten meines +Schlages zu besitzen, dann würde überall Ruhe, Friede und Ordnung, und +nirgend Empörung gegen Obere sein. Aber jeder Mensch hat minder oder +mehr Gefühl für die _Freiheit_; wer dieses läugnet oder verläugnet, ist +ein feiler Sclave, oder in seiner eigenen Seele selbst ein Stück von +einem Despoten; ich bin keins von beiden. Derjenige jedoch, welcher an +der gegenwärtigen, fanatischen, wahnsinnigen französischen +Freiheitsraserei Theil nimmt und Behagen daran findet, ist ein +Jacobiner, ein Anarchist, ein Verbrecher: das bin ich auch nicht, +sondern stets zu Ihrer Excellenz Diensten. + +Wackerer Windt – vergeben Sie mir, wenn ich Sie kränkte! sprach die +Reichsgräfin mit ernstem Gefühl, und immer höher stieg der Mann in ihrer +Achtung, der mit dem redlichsten Diensteifer die Würde des Hauses wie +seine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen setzte. + +Der Eintritt des jungen Herrn, der schon fast völlig reisefertig +erschien, unterbrach das Gespräch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig +brachte seiner Gönnerin den üblichen Handkuß als Morgengruß dar und ihr +Herz, so fest und stark es war, hart geworden durch die Jahre und die +Fülle bitterer und schmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem +Andenken an die Trennung von dem Liebling, der heute ihr so bleich und +trauervoll nahte. + +Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgräfin entließ Windt, und +gleich nach dessen Entfernung redete sie den Enkel mütterlich liebevoll +an. + +Du bist heute so blaß, mein Ludwig Carl – du fühlst was ich fühle. Du +willst fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh? + +Theuerste Großmutter! antwortete der Enkel: ich wollte, der Erbherr +hätte seine That gegen mich gestern vollbracht; glauben Sie mir, mir +wäre besser. Mir wurde eine Wunde geschlagen, die niemals heilen wird – +Gedanken stürmen in meiner Seele, die ich niemals dachte – ich kannte +nicht den Haß, nicht das brennende Gefühl der Rache, nicht die Schaam +über einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen soll. +Beste Großmutter! Ich beschwöre Sie, entdecken Sie mir Alles – bin ich +ein Edelmann, gehöre ich zu Ihrer Familie, oder bin ich –? + +Wie du kindisch fragst, mein liebes Kind! war die Antwort. Würde _ich_ +dich laut und offen meinen Enkel nennen? Würde ich dich mit Sorgfalt und +Liebe auferzogen haben? Würde ich dir gestattet haben, unser Wappen zu +führen? Glaube das Eine fest, und lasse dich durch das Andere nicht +beugen. Du bist auf dem Wege ein Mann zu werden, sei ein Mann! Vergiß +das Herbe und Peinliche der gestrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war +gereizt, er wußte nicht, was er that. + +An ihm wird es daher sein, mich um Vergebung zu bitten, entgegnete der +Jüngling, dessen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde wieder +röthete. + +Lass’ das jetzt, sprach die Gräfin. Entdecken kann und darf ich dir +nichts, mein geliebtes Kind! Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir +nehmen als deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die +Geheimnisse gewisser Personen zu lösen, die jene mir anvertraut und die +mit sieben Siegeln verschlossen und mit den dichtesten Schleiern +überhüllt sind. Aber etwas Tröstliches kann und will ich dir sagen. Es +ist ein mächtiger Unterschied, den aber die Befangenheit, +Mangelhaftigkeit und Starrheit der Gesetzgebung niemals anerkannt hat, +zwischen den zur Welt gebrachten Früchten böser Lust und wilder +Sinnengier, die ein Rausch des Augenblicks von dem Lebensbaume +abschüttelte, und zwischen jenen Kindern hoher und reiner Liebe, gegen +deren gesetzliche Einigung gebieterische Verhältnisse unübersteigliche +Schranken zogen. Oft verjüngten sich durch solche Sprößlinge uralte +bedeutende Geschlechter, und die Welt hat deß kein Arg. Du hörtest +gestern aus meinem Munde ein Beispiel; ich könnte dir deren viele sagen. +War es gut oder nicht gut, daß der letzte Graf zu Oldenburg und +Delmenhorst, da seine Gemahlin ihm keine Kinder schenkte, den Sohn eines +geliebten ihm nicht ebenbürtigen Weibes in die Rechte des alten Stammes +einsetzte? Ohne diesen Sohn der Elisabeth von Ungnad, Herrin zu Sonneck +– wären wir alle nicht. Möge Gottes Gnade trotz dieser Abstammung von +einer Ungnad mit uns allen sein! _Meine_ Großmutter, die Abkömmlingin +von Königen, wurde Anton’s des Ersten zweite Gemahlin; die erste, eine +Gräfin von Wittgenstein, schenkte ihm nur Töchter; meine Großmutter +wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von dem auch du ein Zweig bist. – +König Alphons der Weise in Aragonien und Sicilien zeugte, da seine +Gemahlin Maria, Tochter König Heinrich des Dritten in Castilien, ihn +nicht mit Kindern beglückte, drei Kinder außer der Ehe. Seinem +erstgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Ersten, dem Papst Eugen +der Vierte selbst die Rechte gesetzlicher Geburt verlieh, hinterließ +sein Vater das Königreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich ward +vertrieben und kam nach Frankreich, wo er starb. Dieser Letztere wurde +der Großvater der Erbtochter des Hauses de la Val, Anna, deren Gemahl +Franz de la Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider ältester Sohn, +Ludwig, wie du geheißen, war der erste Herzog von Thouars, er war mein +Urgroßvater, und unser Haus wurde auf das Engste verwandt und +verschwägert mit allen den hohen, alten, angesehenen Familien derer von +Bouillon, von Orleans, von Montmorency, der de la Tour d’Aubergne, der +Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der +Landgrafen zu Hessen, durch meine Urgroßmutter, und der Herzoge zu +Sachsen, denn meine Urgroßtante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs +Bernhard zu Sachsen-Jena, eine Linie, die leider früh erlosch. Aus +diesen Beispielen magst du entnehmen, daß eine in Dunkel gehüllte +Abstammung, die vielleicht einst noch in Licht und Glanz zu Tage treten +dürfte, je nachdem des Glückes und der Zeiten Gunst oder Ungunst waltet, +noch lange kein Schimpf und kein Makel ist, mindestens nicht in den +Augen der Einsichtvollen und Vernünftigen, denn überhaupt erinnert das +an das alte Sprichwort: »es ist ein wunderkluges Kind, das seinen Vater +kennt.« + +Der Enkel schwieg zu dieser Rede und blickte mit träumerischem Sinnen +auf die Werke seines spielenden Fleißes, die Münztafeln. + +Du willst reisen, und du mußt reisen – fuhr die Reichsgräfin fort. +Längst fühlte ich das, aber die große Liebe zu dir, die trauliche Macht +der Gewohnheit unseres täglichen Beisammenseins, mein Alter, der +Gedanke, daß unsere erste Trennung wohl eine Trennung für immer ist, +bewältigte meine Einsicht und machte mich schwach und allzu nachgiebig +gegen mich selbst. Das Schicksal führte diesen Anstoß herbei, ich muß +dich von mir lassen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, höre mich +weiter an, und vergiß nie in deinem ganzen Leben – möge es ein langes +und glückliches sein – dieser heutigen ernsten und wichtigen Stunde! Wie +ich auch gepeinigt, gedrückt, bedrängt und so zu sagen fast ausgezogen +worden bin, arm haben sie mich, trotz ihres allerbesten Willens und +trotz herzoglich oldenburgischer und königlich dänischer Hülfe doch +nicht machen können; es hätte so gar wenig gefehlt, so wäre der deutsche +Kaiser vermocht worden, gegen die alte eigensinnige Frau, die ihr Geld +nicht alle hergeben wollte, einige Reichstruppen marschiren zu lassen. – +Da fast Alles von mir kommt, ist’s zuletzt kein Wunder, daß man es von +mir haben will, denn von den Schätzen des Hauses habe ich noch nichts +gesehen, und die Lehengüter im Mond tragen höchstens einmal einen +Steinregen ein. Gleichwohl will ich ihnen nichts vergeben, nicht auf’s +Neue den Vorwurf unüberlegter Schenkungen auf mich laden, wie ich +allerdings gethan. Ich selbst bedarf wenig mehr; ich werde keine Bücher, +keine Münzen und Medaillen mehr sammeln – ich werde nur für dich leben, +so lange der Himmel mir noch meine bereits gezählten Tage fristet. + +O gütigste aller Großmütter! rief Ludwig Carl aus, und beugte sich tief +auf die treuen Hände, die seine Jugend gepflegt, und jetzt erhoben +wurden, um sich segnend auf sein schönes Haupt zu legen. + +Nach einer Pause stiller und unaussprechlicher Rührung winkte die +Reichsgräfin dem Enkel, ihr ein nahe stehendes, verschlossenes kupfernes +Schatzkästchen zu bringen, während sie aus einer zusammengebundenen +Anzahl kleiner Schlüssel den rechten suchte. Das Kästchen war leicht, +baares Geld augenscheinlich nicht darin. Die Herrin erschloß es, es +enthielt nur Papiere. Eines nach dem andern dieser Papiere nahm sie +heraus und legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr +Platz genommen hatte, indem sie mit kurzen Worten den Inhalt dieser +wichtigen Schriften andeutete. + +Dies ist, begann die Aufzählung: der Original-Ehecontract zwischen dem +Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzessin +Emilie zu Hessen-Cassel. Der Brautschatz dieser meiner Urgroßmutter +betrug einhundertundfünfzigtausend Livres, und blieb der Vermählten als +Wittwe vertragsmäßig zu freier Verfügung, nebst einer Summe von +vierundzwanzigtausend Livres für Kleider und Juwelen. Vom Jahr +eintausendsechshundertundachtundvierzig. + +Hier der Ehecontract meiner Großmutter, vom Jahr +eintausendsechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, daß die Prinzessin +alle Gerechtsame an väterliche und großväterliche Verlassenschaften, +auch andere künftige Erbfälle anzusprechen habe, nur nicht die ihrer +beiden Brüder und ihrer einzigen Schwester Maria Sylvia. Letzteres hat +sich dennoch durch besonderes Vermächtniß geändert. + +Hier ein Document, das der Großmutter anstatt der genannten Ansprüche +von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die +Summe von sechzigtausend Livres fest zusichert. Aus diesem wichtigen +Vergleichsinstrument vom Jahre sechzehnhundertdreiundachtzig geht +hervor, daß die de la Tremouille’schen Gütereinkünfte in den Provinzen +Poitou, Bretagne, Maine, Xaintoque, Auluis und Laudunois auf das in +Paris, Straße Vaugirard, gelegene Palais der Familie gestellt sind. + +Hier eine Schrift über die unserm Hause zustehende Baronie Vitré, deren +Ertrag als Bürgschaft für ein Kapital von sechzigtausend Livres +verschrieben ist, welche Summe meiner Großmutter von ihrer Mutter, der +geborenen Landgräfin zu Hessen, vererbt und vermacht wurde. Dieses +Kapital ist ebenfalls auf mich übergegangen. + +Hier ein Schuldbrief des Bruders der Großmutter wegen Antheils an +fünfundzwanzigtausend Livres am Erbe der verstorbenen Prinzessin Maria +Sylvia, vom Jahre sechzehnhundertdreiundsechzig. + +Hier wieder ein Vergleich vom zwölften Juli siebzehnhundertundeins, +betreffend den Antheil der Großmutter von vierzigtausend Livres der +Verlassenschaft ihrer königlichen Hoheit, Mademoiselle de Montpensier. +Aus dieser Verlassenschaft kam das Herzogthum Chatellerault und die +Vicomté Brossé an das Haus de la Tremouille, und es erhellt aus diesem +Vergleich des Weiteren die Verwandtschaft unseres Hauses mit den Häusern +Orleans, Bourbon, Nassau-Oranien, Bouillon und andern. + +Genug mit diesen, der Kasten ist noch halb voll, wir wollen uns nicht +ermüden. Kurz und rund: Ich, deine Großmutter, habe an das herzogliche +Haus de la Tremouille und Talmont in Frankreich #Summa Summarum# +zweihundertundfünfundfünfzigtausend Livres zu fordern, welche als +Erbtheil meiner Frau Großmutter mir überkommen, und die bei dem Stadthause +zu Paris, obschon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich angelegt +sind, so daß sie eine Rente von sechstausenddreihundertundfünfundsiebenzig +Livres, die halbjährlich ausgezahlt wird, abwerfen. Seit dem tödtlichen +Hintritt meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton +des Zweiten, sind diese bis zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt +worden, und weder Krieg noch Friede haben daran gekürzt. Diesen +Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen Reisen und deiner ferneren +Ausbildung, mein in Wahrheit geliebtester Enkel. Hier hast du die +nöthigen Ausweise zu deren Erhebung vom nächsten Monat an. Bedarfst du +der Hülfe von Bankiers, so eröffnen dir diese Briefe Credit in Hamburg +beim Hause des Procurators, Wechselsensals und Senators Egbertus +Bernardus Den Tale, einer niederländischen weltberühmten Firma, und +ebenso beim Hause Chapeaurouge dort, in Amsterdam bei dem Hause van der +Valck, im Haag bei den Gebrüdern Le Ferrier, in Paris bei Grossier Vater +und Söhne. + +Wie soll, wie kann ich Ihnen danken für so viele himmlische Güte! rief +Ludwig, ganz überrascht von dem Reichthum, der ihn so plötzlich +überströmte. + +Das sollst du sogleich hören, antwortete die Matrone. Dein Dank +bethätige sich dadurch, daß du genau die Lehren befolgst, die ich dir +jetzt bei unserm Scheiden herzlich und schmerzlich mit auf den Lebensweg +gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen +unlautern Trieben, wie vom Laster; meide stets das Gemeine im Denken, +wie im Thun und Handeln. Halte stets treu am gegebenen Wort und +übernommener Pflicht, wenn es dir auch schwer ankommt und Neigung und +Sinne sich dagegen sträuben; ja, scheue nicht die größten Opfer, wenn es +gilt, Pflichterfüllung und Ueberzeugungstreue zu üben. Suche dich +auszubilden und zu lernen so viel als möglich; nützliche Kenntnisse sind +eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mißmuth und Langeweile. Gehe +mit dem Gelde weise und sparsam um, und lerne dessen selbst erwerben; +verlasse dich nicht auf den dir jetzt groß erscheinenden Besitz, denn +diese Quelle könnte leicht plötzlich versiegen. Achte treue Freundschaft +hoch und hüte dich vor falschen Freunden. Suche dein Glück, wenn du dir +Erfahrungen gesammelt, nicht im glanzreichen Hofleben, nicht im Geräusch +der großen Städte und glaube mir, daß die Einsamkeit wunderköstliche +Stunden gewährt. Führt dein Geschick dich auf eine kriegerische Laufbahn, +so vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und Menschenfreundlichkeit; sei +hülfreich dem Unterdrückten, schütze verfolgte Unschuld – sei das Beste, +was du auf Erden werden kannst – ein reiner, guter, edler Mensch! + +Ein heiliges überwältigendes Gefühl, wie er gleiches noch nie empfunden, +ging durch des Jünglings noch unentweihte Seele. Thränen stürzten aus +seinen Augen, und er sank lautlos auf seine Kniee vor der wunderbaren +alten Frau nieder, die so treu, so mütterlich, so fest und stark auf ihn +einsprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rührung, ihre Seele war voll +Kraft; dennoch fühlte sie, daß in dieser Stunde ein Theil ihres Herzens +sich von ihr losriß; sie fühlte, wie sie ihren Liebling geliebt, fühlte, +was sie ohne ihn entbehren werde, hätte so gerne alles Glück der Welt +auf ihn gehäuft, hätte ihr Leben in dieser Stunde lassen wollen, wäre +damit eine Bürgschaft zu erkaufen gewesen für sein Leben und für seine +Zukunft. + +Noch einmal legte sie segnend ihre Hände auf das Haupt des vor ihr +knieenden Enkels und sprach bewegt: Gott mit dir, sein heiliger Wille +führe dich! Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung +gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die +Menschen. Sei mildthätig und barmherzig, und vergelte Kränkungen nur mit +Wohlthaten, auf daß dereinst in dem Kreise, in den du eingetreten bist, +dein Name im Segen fortdauere von Geschlecht zu Geschlecht! – + +Stehe auf, mein Ludwig Carl – laß uns recht ruhig noch diese +Weihestunde mit einander feiern, es ist ja – o Gott – es ist die letzte! + +O nein – nein, meine theure, meine angebetete Großmutter! rief der +Jüngling mit schwärmerischem Blick. + +Widersprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Großmutter mit dem +alten gemüthvoll-traulichen Tone, den sie meist beim Zusammensein mit +dem Enkel angenommen. Nur in so weit hast du recht, daß ich nicht eher +an das Ueberirdische denken soll, bis ich dir das nächstnaheliegende +Irdische geordnet. Also höre meinen nächsten Lebensplan für dich. In +dieser Brieftasche findest du Wechsel und baares Geld, die deinen +Unterhalt mindestens auf ein halbes Jahr bestreiten lassen, für den +Fall, daß die blutigen Ereignisse in Frankreich jetzt nicht zuließen, +vom Pariser Stadthaus Geld zu erheben, denn dieses Haus ist jetzt ein +Tollhaus und ein Schlächterhaus geworden. Daher rathe ich, überhaupt +jetzt noch nicht nach Paris zu gehen. Jedenfalls wirst du mich durch +Briefe meiner liebevollen Besorgniß um dich, so oft es dir immer möglich +ist, entreißen. + +Und welchen Namen soll ich führen, Großmutter? fragte der Jüngling mit +einem eigenthümlichen Erbangen. + +Dieses mein Haus gibt dir einen Namen, – den die Welt achten muß, Graf +Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgräfin. Vielleicht – wird +dereinst noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reisepaß auf diesen +unsern Namen besorgt Herr Windt in unserer Hofkanzlei. + +O Himmel, wie viel möchte ich dir noch sagen – aber ein Gedanke drängt +den anderen von hinnen, und das Wort _scheiden_ jagt wie ein Cherub mit +dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus seinem stillen +Paradiese. Doch – sieh, wie vergeßlich das Alter ist – fast hätte ich +dir unbehändigt gelassen, was ich eigens als ein Andenken dir +zurückgelegt. Möge dieses Buch und mögen diese Blätter dir werth und +theuer bleiben, ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in +die Ewigkeit hinüber kann ich sie ja doch nicht nehmen, so bewahre du +sie treulich auf. Dieses Buch ist das Tagebuch meiner Großmutter, +Charlotte Aemilie; sie schrieb es mit eigener Hand für ihren Sohn, +meinen Vater, nieder, und meine in Gott ruhende Frau Mutter, die +geborene Landgräfin, bemerkte dies auf dem Titelblatt mit den Zügen +ihres theuren Namens. Das Buch umfaßt sechsundfünfzig Jahre, von der +Vermählung bis zum Tode. + +Und diese Blätter hier sind Alles, was mir von meinen treugeführten +reichhaltigen Tagebüchern übrig blieb, was bei der Beraubung, die ich +erdulden mußte, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies +bisweilen darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Botaniker aus +einem einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der +Anatom aus einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehörte, +so wird auch der Einblick in diese Blätter dir mich auf’s Neue vor die +Seele führen, wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend sein, mein +Verhältniß zum französischen, wie zum preußischen Königshause, meine +Befreundung mit Voltaire; viele berühmte Namen findest du darin erwähnt, +deren Träger mir mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen +Abschnitt meines Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeßliches, +vielleicht darf ich sagen: der Verlust meines Tagebuchs ist, wenn nicht +ein Verlust für die Welt, doch einer für meine Familie! Du hast die +letzten Blätter der alten, nicht mehr in die Zukunft, sondern +rückwärtsschauenden Sibylle nun in Händen und bist besser daran, wie +jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana Amalthea ihre +Orakelbücher so theuer anbot – du hast sie umsonst. Und nun, mein +Liebling, nun noch ein Wort über deine Reisen; du findest in der +Brieftasche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche +hochgestellte und einflußreiche Personen; deine Jugend und Offenheit, im +Bunde mit einem bescheidenen und ehrenhaften Benehmen wird dir überall +Wege bahnen, dir Pforten und Herzen öffnen. Bewahre nur dein eigenes +Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gasse. Siehe +zunächst, wie es dir in Holland gefällt, und was sich dir vielleicht +dort bietet; außerdem gehe nach Deutschland, Dänemark, Rußland, die Welt +ist groß und überall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und +bleibe deutsch gesinnt! Das ist mein letztes Segenswort, dies mein: Mit +Gott! – Nun gehe – sage mir kein weiteres Lebewohl, denn mit meinem +_wohl_ leben ist es längst vorüber! + +Noch einmal wollte der Enkel vor der Großmutter auf die Kniee sinken, +sie fing ihn aber auf, preßte ihn an sich, drückte einen Kuß mit ihren +kalten Lippen auf seine Stirne, wandte sich und schritt rasch in ein +Nebenzimmer, aus dem sie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit, +sie wollte keine Thräne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der +Thränen längst versiegt und vertrocknet, und es schmerzte sie, die in +ihrem bewegten Leben der Thränen so viele geweint, jetzt keine Thränen +mehr zu haben. + +Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem Zimmer, +damit Philipp die Schriften noch recht sorglich verwahre. Auf dem +Fenstergang, der nach dem Hofe hinabsah, begegnete ihm Windt mit +bestürztem Gesicht. + +Schlimm! schlimm! schlimm! rief dieser aus. O daß Sie gestern schon, und +nicht heute erst den gnädigen Erbherrn begrüßten – Alles, Alles – Alles +stände anders. #Oleum et operam perdidi!# Da – junger Herr, schauen Sie +hinab in den Schloßhof! + +Ludwig folgte mit den Augen dieser Aufforderung und gewahrte, daß so +eben der Erbherr in seinen Reisewagen stieg, der Kammerdiener sich +hinten aufschwang, der Jäger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen saß, +und die drei Reitknechte und Stalldiener auf die übrigen Pferde sich +schwangen – wie die Herren Hofrath Brünings, Kammerrath Melchers und +Secretär Wippermann tiefe Bücklinge vor dem Grafen machten, ein Theil +der Hausdienerschaft neugierig gaffend aus Thüren und Fenstern zusah, +und wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebäude herauf zu werfen, +auf und davon fuhr, von seiner ganzen mitgebrachten Dienerschaft +begleitet. – Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten +aus Hofrath Brünings goldener Dose jeder eine Prise. – #Adieu partie!# +rief Windt droben mit komischem Zorn und schlecht verhehltem ernstem +Aerger. Der kommt sobald nicht wieder! Habe mir die Finger fast +abgeschrieben, bin krank und lahm geworden, habe in Doorwerth geschmorcht +und geschmachtet, bin davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen +Namen, nämlich dürr wie ein Windspiel geworden, habe Himmel und Hölle +beschworen, den regierenden Herrn zu bewegen, zur Schließung gütlichen +Vergleiches hierher zu kommen, habe mir endlich die Zunge fast aus dem +Halse geredet, Ihre Excellenz zu annehmbaren Vergleichsbestimmungen zu +bewegen, habe auf große Kosten Ihrer Excellenz und meiner Gesundheit die +schändliche Reise gemacht von Arnhem erst nach Amsterdam, dann wieder +zurück nach Arnhem und über Deventer durch das reizende Over-Yssel, von +dem schon die alte gereimte Schulgeographie singt: + + Over-Yssel, viel Morast, + Macht das ganze Land verhaßt – + +und noch dazu jetzt im März, nach dem geschmolzenen Schnee – und durch +die Grafschaft Lingen – auch eine schöne Gegend – und über alle tausend +Teufelsnester und Sumpfmoore, so groß, daß man in jedes ein paar kleine +deutsche Fürstenthümer versenken könnte – und Alles nun für nichts und +wieder nichts! + +Aber, bester Herr Windt, Sie sind ja ganz außer sich! entgegnete dem +Odemschöpfenden der erstaunte junge Graf. Und an all’ diesem schweren +Unheil soll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht schon vor dem +Auftritt mit mir in Harnisch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn +ich habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu sagen; doch wenn Sie mich +schuldig glauben, lieber Herr Windt, so verzeihen Sie mir, denn ich bin +eben im Begriff, mein Vergehen zu sühnen – ich gehe auch fort. + +Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erstaunt aus. + +Heute noch, jetzt – in dieser Stunde – und auf immer. Mit meinem Willen +sehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, für so manche +mir erzeigte gütevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl, +und bleiben Sie der Großmutter wie bisher der beste, treueste, +redlichste Diener. + +Ludwig drückte dem alten Manne mit Wärme die Hand, und schritt von +dannen, ohne die Gegenrede des von Staunen fast sprachlos Gewordenen +abzuwarten. In seinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp’s +Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Ludwig steckte den Brief zu sich +und befahl zu satteln. Eine halbe Stunde später sprengte er und Philipp +durch das innere Thor aus dem Schlosse, sie ritten den Parkweg. Mit +thränenumflorten Augen blickte Ludwig nach dem Fenster der Großmutter +hinauf, droben winkte wehend ein weißes Tuch den schmerzlichen +Abschiedsgruß. + + + + +4. Eine Lebensrettung. + + +Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die +frühlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fühlte, daß +seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn +zurücktrete, wie ein schöner Traum, daß eine eigenthümliche Welt hinter +ihm sinke, in der er heimisch und glücklich gewesen war, und mit dem +heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht +kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen +und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer +schlechtere Weg durch das Gehölz an den rauhen Boden der Wirklichkeit, +und störte gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglück. +Es galt, dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so +zu lenken, daß sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen +traten. Hie und da lagen noch von Buschwerk geschützte und gehäufte +Schneemassen, die weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen +vermochten, und so waren Herr und Diener herzlich froh, als nach einem +langsamen und beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein +Gehöft erreicht wurde, das aus nur wenigen Häusern bestand und den Namen +Clus führte; es saß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine +Schankwirthschaft. + +Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern +die Füße der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in +seinen Gedanken, die auf’s Neue brütend und trübe wurden, in der Nähe +des Gehöfts, während Philipp dem Knechte behülflich war und mit diesem +und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf +des Jünglings Seele zu wirken vermocht hätte. Selbst der klare blaue +Morgenhimmel hatte getäuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so +viele und starke Nebel entdampft, daß sie emporziehend den Himmel wieder +völlig verdüstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und Fernsicht +nicht ganz, aber welche Aussicht und welche Fernsicht ließen sie frei! +Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit reichte +es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen ausgedehnten +Blick. Der Freund schöner, romantischer Gegenden darf nicht in diese +sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseeküstenländern erhebt nur +eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur Rechten +streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwärts bis +Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort +am Nordrande des beschränkten Rundes der Aussicht grenzten der +Kirchthurm von Bockhorn und die Windmühle dieses Ortes jene ab. +Westwärts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg – dort ein +einsames Gehöft – es heißt Grabhorn – dort wieder eins – es heißt +Grabstätte – und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf +einem niedrigen Hügel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte +Reichsgräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und +zeichnete seine düstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die +graue Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den +Fernblick völlig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet, +Gedanken düsterer Melancholie zu wecken und zu nähren. + +Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben hervor, +und stärker klopfte sein Herz – was konnte der Brief enthalten? +Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben – nach dem was +vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderseitige +unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr: + +»Der gestrige Vorgang trennt uns beide für dieses Leben, keiner von uns +darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen können wir einander die +gegenseitigen, in maßloser Uebereilung ausgestoßenen Beleidigungen, aber +vergessen können wir sie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und +widersinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein +noch unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst – warum sollte ich es zu +vernichten trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehört +nicht mir allein, es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren +Zwecken, denen ich diene und treu dienen werde, es gehört meinem +Vaterlande. Eines nur will ich aussprechen, und das allein ist der +Zweck, weshalb ich überhaupt noch einmal das schriftliche Wort ergreife. +Die alte Frau – in ihrer stets ungerechten und unbeugsamen Härte, in +ihrem unermeßlichen Stolze auf ihre Familie und ihre Abkunft – hat auf +das Empfindlichste die Ehre der Familie angegriffen, der sie sich doch +ohne Zwang verbunden hat. Wenn nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen +beliebte, wie in mir, das Blut jenes Ahnherrn, den sie nannte, fließt, +so wird derselbe nicht wollen und wünschen, daß seine deutsche Abkunft +wegwerfend behandelt und der französischen untergeordnet werde. Auch wir +haben Familienehre, auch wir haben einen Namen von hellem Klang und +guter Geltung, wenn wir auch nicht voll aragonischer Arroganz mit +Königskronen und Sternenmänteln halbmythischer Personen prahlen. Nicht +ererbter Glanz und hohe Namen eines wälschen Geschlechtes, das auch in +den Schoos seiner Verwandtschaft eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern +Thaten, Thaten des Muthes, der Aufopferung und der Treue, haben _unsern_ +Vorfahren die Wege zu Ruhm und Ehre gebahnt. Jener berühmte William +schwang sich durch seine Treue und Einsicht von einem Leibpagen empor +zum Baron von Cirenchester, Viscount von Woodstock, zum Grafen – zum +Herzog von Portland, zum Pair von England. Er war es, der Wilhelm den +Dritten, Prinzen von Oranien, auf den Königsthron Großbritanniens hob, +er war es, der den weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und +zu Stande brachte, und den von langjährigen Kriegen erschöpften Ländern +die Ruhe wieder gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glück, in +weiblicher Linie von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel +abzustammen, dem Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode +gab. Meine Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der +Marine, sie sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Töchter des +Hauses vermählten sich in die angesehensten englischen Familien, eine +mit einem Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron, +u. s. w. Mein Großvater war Präsident des Rathes der Staaten von Holland +und Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften +in Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehören. +Der Zwist, in dessen Folge die Großmutter sich von dem Großvater +trennte, entsprang über die von ihrer Familie allerdings herrührenden +deutschen Güter, und die so oft von der Ersteren im Munde geführte +Beraubung ist nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene +Hülfe Dänemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine +wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwischen der englischen Linie +des Hauses und der niederländischen entstanden, hervorgerufen durch die +verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprüche an die +so zerstreut und fern von einander liegenden Besitzungen, ist genugsam +bekannt, doch auch erwiesen, daß sie in Güte und für ewige Zeiten +feierlich vertragen wurden, und nur die Großmutter ist es, die +unaufhörlich ihre an das Fabelhafte grenzenden Ansprüche immer auf’s +Neue erhebt, und wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt +zeigt, in einem und dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen, +daß nur ihr Tod diesen verwickelten Knoten lösen wird. + +Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid – nie habe +ich gesucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüssel +einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht +oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam als _Sohn_ des +Hauses im Hause und als der Großmutter bevorzugter Liebling auferzogen +wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan ward. +Gefällt es der Großmutter, die so gern verhüllt und verheimlicht, den +Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so +werde ich sie gewiß nicht antasten; finden sich aber keine +rechtsbegründeten Ansprüche, und werden deren dennoch erhoben, so weiß +ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie +schuldig bin. Damit wünsche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den +Weg, und zeichne + + _Wilhelm Gustav Friedrich,_ + des heiligen römischen Reiches Graf und regierender Souverain + von In- und Kniphausen etc. + + Schloß Varel, am 20. März 1794.« + +Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang hatte +ihn versöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder, das heiße Jugendblut +kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen. + +So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige »Souverain«, der Souverain +über ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den +nicht ebenbürtigen, ungesetzlichen Sprößling und Eindringling, herab! O +Großmutter, Großmutter! Ich sag’ es noch einmal: wärst du doch gestern +Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem +geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu +führen oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne +Schatten, beides ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sprach die +Großmutter? »Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen +Schatten!« – Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil – +mein Alles – mein Name ist ein Darlehn – auch nur ein Schatten, meine +Geburt – meine Abstammung, meine Herkunft – Alles Dunkel und Schatten – +so bin ich denn ein _Dunkelgraf_ – Hahaha! Es ist gleich sehr +lächerlich, wie zum Verzweifeln! + +Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den +trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das +Schmerzgefühl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus +gestoßen zu sehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war so schön +und so sorgenlos, so freudenvoll und so glücklich dahin geflossen, wie +ein heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle +hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Gestein und +glänzende Kiesel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet; +ohne auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu sollen, hatte man +ihm doch eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht, +aber Ludwig sprach und schrieb auch gleich geläufig deutsch und +holländisch, englisch und französisch. An den ritterlichen Uebungen des +Reitens, Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künsten des +Weidwerkes im Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht +gespart worden. Der junge, körperlich zart, aber doch kräftig +entwickelte Mann vermochte das wildeste Roß zu bändigen, ein Boot durch +stürmisch empörte Wellen glücklich zu rudern, und hatte stets Gefallen +an solchen Uebungen der Kraft und Gewandtheit gefunden. – + +Wohin denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieser Frage riß Philipp +den Sinnenden aus seinem grübelnden und brütenden Nachdenken, und diese +Frage war eine äußerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer, der +nach Norden zu den Städten und Orten und Inseln der Nordseeküste führte, +und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem +Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete; +doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine +Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt +des Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre +Bemühung lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hände +aufhielten. + +Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus seinen träumerischen und +selbstquälerischen Gedanken auf, indem er die Ansprüche des Bauers und +des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an +diese Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen +Plan, keinen Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das +Friesische übersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so +sah sich der Graf Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem +fahrenden Ritter und Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt. +Er überdachte einige Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog +deren Schwere. »Nach den Niederlanden!« Dies setzte sich in ihm als +Hauptgedanke fest, aber welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen +einförmigen über Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der +frischen Nordsee, durch Friesland, wo täglich, ja stündlich sich +Gelegenheit bot, zu Schiffe zu gehen und die Welt zu durchfahren? +Nordwärts lichtete sich der Himmel und die Ferne, und die Bockhorner +Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein Spiel des Windes, rasch umdrehen; +südwärts schleierte die stehende Nebelwand alles ein, und so kam es, daß +Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit die abschreckende Schilderung einfiel, +welche ihm vor wenigen Stunden noch der Haushofmeister seiner +Großmutter, Herr Windt, von seinem Wege gemacht, raschen Entschlusses +auf seine Isabelle sich schwang und dem Diener, der ein Gleiches auf +seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf der sandigen Haidestraße +voransprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere wieder im gemachsamen +Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und führte in schnurgerader +Linie nach und durch Bockhorn, von da am Blauhand Grod und an +cultivirtem und nicht cultivirtem Geestland vorüber, bis fast nahe zu +den Deichdämmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit (soviel als +Herrschaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die Herrlichkeit +Kniphausen. + +Schon erhob sich vor den Blicken des Reiters das stattliche +alterthümliche und feste Herrenschloß. Ludwig dachte nicht daran, auf +dasselbe, das Besitzthum des Mannes zuzureiten, der sein einziger, aber +auch zugleich sein bitterster Feind war, sondern wollte dasselbe rechts +liegen lassen, mit seinem Diener noch bis Jever reiten, und dort +Nachtrast halten. Ludwig kannte jenes Schloß; die Großmutter hatte mit +ihm auch dort bisweilen gewohnt, da der Vetter meist sich in den +Niederlanden aufhielt, es war groß und reich ausgestattet. Die Gedanken +des jungen Grafen konnten sich, so lange er in dem Bereiche der +Besitzungen der Familie sich befand, in der er sich selbst von den +ersten Jugenderinnerungen an gefunden und heimisch gefühlt, von dieser +nicht losreißen. Er dachte beim Anblick des Schlosses auch an den +jüngern Vetter, den Grafen Johann Carl, der sein Vaterland verlassen +hatte, um in England Kriegsdienste zu nehmen. Dieser hatte sich mit dem +älteren Bruder nie recht vertragen. Ebenso war der Oheim, der zweite +Sohn der Großmutter, in englischen Seedienst gegangen, hatte sich dort +vermählt und eine jüngere Linie begründet. Diesen hatte Ludwig nicht +gekannt; er war vor des Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775 +verstorben. – + +Als am Morgen dieses Tages der Erbherr mißmuthig und schweigsam aus dem +Schlosse Varel fuhr, war es seine Absicht, nur bis zum Strande zu +fahren, und sich auf seiner Jacht einzuschiffen, seine Dienerschaft +aber, bis auf die nöthigste, wieder zurückzusenden. Mit aufgeregtem und +grollendem Gemüth, und weit mehr von Haß und Aerger gegen die +Großmutter, als gegen den ihm im Wege stehenden Verwandten erfüllt, +sehnte er sich wieder auf das Meer, dessen stürmisch bewegte Wellen zu +dem unruhevollen Wogen seines Gemüthes paßten. Er wollte dann in rascher +Fahrt aus dem Jahdebusen steuern und längs der Inselkette der +Nordseeküste, von Wangerooge bis Norderney und Ameland segeln, dann +durch die Watten in die Zuyder-See einlaufen und Amsterdam gewinnen, wo +jetzt der Schauplatz seiner politischen Thätigkeit war. Vor der +Einschiffung aber wollte der Graf einen Weg, den seine Vorfahren um die +Mitte des Jahrhunderts angelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch +ihn erneut worden war, besichtigen und mit eigenen Augen schauen, da er +sich einmal im Lande befand, in welcher Weise seine Aufträge vollzogen +worden seien. Dieser neue Weg führte über das Gehöft Buppel zu einem +zweiten, welches vorzugsweise den Namen: »beim neuen Wege« führte, +übersprang dort das kleine Flüßchen Wapel und führte über Heupult nach +Jahde, dessen 1523 erbaute Kirche stattlich in Mitten der Häuser des +bedeutenden Dorfes stand, welche sich wie ein großer Zug wilder Gänse, +oder in Form des Gestirns der Hyaden unabsehbar erstreckten. Mitten +hindurch rann das Flüßchen Jahde und ringsum wurde außer den Häusern und +wenigen vereinzelten Bäumen nichts erblickt, als Dämme und Deiche, die +Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menschen mit dem +gewaltigen Element des Wassers, das fort und fort wühlend, steigend und +fallend, fluthend und ebbend, mit jedem Wellenschlage der Fluth +wiederholend und drohend anpocht, und verheißt, seine Drohungen wahr zu +machen, die es schon oft und zum starren Entsetzen ganzer, großer, +weiter und blühender Landstrecken wahr gemacht hat. + +Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und besser +als die Wege außerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas +erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und hohen +Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackausdehnung den Jahdebusen und +seine Geesten umfängt. Als das Deichthor geöffnet war, rollte der +Reisewagen rasch über die harte Kiesfläche des unfruchtbaren +grobkörnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorüber und dem +Vareler Siel zu, wo die »schöne Susanna«, so hieß die Jacht des Grafen, +vor Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern +in der Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick +verfinsterte sich, als er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff +nicht segelfertig sei, und er entsann sich jetzt mit Verdruß, daß er +vergessen hatte, dazu Befehl zu geben, vielmehr wußten der Steuermann +und die wenigen Matrosen, die der Dienst des kleinen Schiffes +erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde mehrere Tage am Lande +bleiben, daher auch sie sich an demselben nach ihrer Art von der +widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber stieg der +Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann seines Schiffes +mit einigen am Lande geholten Arbeitern antraf, der eben nach der Jacht +sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff habe eine +Beschädigung erlitten, zu deren völliger Ausbesserung mehr als die Zeit +eines Tages erforderlich sei, eher könne die schöne Susanne ohne große +Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zürnen noch +Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelsten Stimmung, es +nicht fehlen ließ; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, und da er +mit seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen +konnte, so blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren, +oder nach einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn +angemesseneren Orte zu fahren. + +Zur Rückkehr konnte sich der Graf unmöglich entschließen, denn sein +schneller Weggang sollte für die Großmutter eine Strafe sein – er faßte +daher rasch seinen Entschluß, befahl, daß die Jacht sogleich nach ihrer +Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke +von Heppens vorbei, in die Jahde-Strömung einfahren und am Rustringer +Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf längs +des sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs +(Dammes) bis hinunter zur Dan-Geest, ließ das Salze-Brak rechts, fuhr am +Ellenser Grod hin, und verließ erst drunten beim Marien-Siel den +Deichwall, um aus dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter +nordwärts zu eilen. Es verging eine gute Anzahl Stunden, durch +mancherlei Aufenthalt und der Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das +Oertchen _Accum_ erreichte. – + +Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp ließen ihre Rosse gemachsamen +Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier +Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und plötzlich rief +Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? – und Ludwig gewahrte +jetzt auch, daß die Pferde in den rasendsten Sätzen galoppirten, daß der +Wagen gar nicht mehr auf der Fahrstraße war, daß er schwankend und +wankend wie eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das +Marschland gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick +umzustürzen drohte, daß der Kutscher wie ein Wüthender an den Strängen +zog und zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menschen +und Thiere die augenscheinlichste Todesgefahr vorhanden war. Das ist +ein Unglück! die Pferde gehen durch! – Dies rufend und sein Pferd in +Galopp setzend, dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig’s das +Werk eines Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele +seines Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser +Weise fuhr, so stürzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar +schmale, aber tiefe Flüßchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg +kreuzte. Mit einem furchtbaren Satze flog die kräftige Isabella über das +Bette des Flüßchens, und Philipp’s Brauner wollte sich nicht an Bravheit +von jener übertreffen lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den +durchgehenden Pferden entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll +Schreck, welcher Gefahr derselbe sich selbst tollkühn aussetzte, stach +seinem Rosse die Sporen noch einmal in die Seite und überholte die +Isabella, um mit kühner Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu +empfangen. + +Wenige Secunden später, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knäuel +verwickelt wälzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein +Pferd gerade auf die entgegenstürmenden über und über mit Schaum +bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte +Noth, nicht auch zu stürzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern +standen zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch +versuchend, sich zu bäumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut +furchtbar blutig und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden +hervor, wie durch ein Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von +unerhörter Anstrengung schweißtriefend und an allen Gliedern zitternd, +vom Bock, und suchte seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker +fester Bau, sonst wäre er auf diesem Wege zertrümmert, stand – von fern +her liefen einige Menschen herbei, der Jäger und der Jokei, welche bei +den heftigen Stößen von ihrem Sitz im hintern Halbtheil des Wagens +herabgeschleudert worden waren. Der Graf ritt rasch zum Schlage, – da +lag ein marmorbleiches schönes Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in +regungsloser tiefer Ohnmacht, und ein zartes Kind, ein Mädchen zwischen +drei und vier Jahren, umklammerte mit seinen Händchen die Kniee der +Mutter und barg sein blondes Lockenköpfchen in deren Schoos, ebenfalls +ohne sich zu regen; der Mutter Arme und Hände waren um das Kind +angstvoll geschlungen. Rasch schwang sich der Graf vom Roß, riß den +Schlag auf und hob das Kind heraus. + +Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen – +wir todt! + +O Himmel, die Gräfin! seufzte Ludwig erschüttert und sprach zu dem +Kinde, einen flüchtigen Kuß auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht +sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein! + +Doch – Mutter – sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte. +Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin ist nur ohnmächtig! Mit Hülfe +der herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles +Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand sich +im Wagen ein Fläschchen mit kölnischem Wasser. Decken wurden auf den neu +hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Gräfin wurde sanft und +vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr +Haupt gestützt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig +kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen +gesättigten geistigen Flüssigkeit, die so falsch kölnisches Wasser +heißt, und kölnischer Weingeist heißen sollte, die Schläfe. + +Die Gemahlin des Erbherrn von In- und Kniphausen, Ottoline Friederike +Louise, geborne Gräfin von Lynden-Reede, Tochter des holländischen +Gesandten am königlichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und +hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie! + +Da bin, Mama! rief das Kind. + +O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor. +Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um sie +bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zärtlich an sie +anschmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und bestürzte Dienerschaft +– doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurück. Dort +stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde +stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war +eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch +wunderbaren Zufall auf diesen Weg führte! + +Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und versuchte +sich zu erheben, wobei sie aber seiner Unterstützung bedurfte, und mit +einem schmachtenden Blick aus ihren schönen blauen Augen ihn lohnend, +blieb sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Stütze war, und +suchte ihre dahin geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln. + +Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den +beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben +Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die +Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne +daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich +fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der +Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das +hintere Theil verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze +die Pferde fort und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen, +und auf die andern Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von +dannen rannten. Wenn der junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen +Augenblick der Rettung dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt, +denn die Pferde hätten sich sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt, +auf die sie unaufhaltsam zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei +Gott beschwören! – Todt! todt! rief schaudernd die junge, schöne, im +vollen Leben reizend blühende Gräfin aus. Todt – ich und meine kleine +Marie! – Stehe auf, Klas – mir schaudert. Ich will dir glauben! – Nicht +todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit seinen Händchen +nach der Hand der Mutter. + +Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren +Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach +einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand. + +Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline. Sie +hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht? + +Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf +dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte – zur Seeküste. Ein +glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und +ich danke diesem – aber – + +Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren +Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein +anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daß der Abend naht, und wie +ich angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen? +Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden – +und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft +Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres +Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener +folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie +einen bessern Rath? + +Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu +besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen, +antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die +Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was +da wolle. + +Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem Schlosse, +das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und dessen hohe +zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache Gegend +zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden +hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind +sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne +Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten +Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu +schlichten, und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben, +daß er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier +eintreffen zu können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer +Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei +Tage hier verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam +antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin – was wissen +Sie von meinem lieben Mann? + +Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade +liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten, +läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und +Blässe sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin – allerdings komme ich von +Varel, aber um nie wieder dorthin zurückzukehren – und der mich von dort +wegtreibt, ist – Ihr Gemahl! + +Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick. + +Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer – das +kam wie ein Blitz – ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre! +nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit – auch in mir +flammte nun Zorn auf – es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich – +gehe – denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr +Gemahl, gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel – +wahrscheinlich um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die +zwischen uns trat, nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint +er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich +auf seine Jacht begeben, doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg +über Bockhorn einschlug. Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau +Gräfin, daß ich ganz unmöglich Ihr Schloß betreten kann und darf, das +Haus eines Mannes, der mich haßt und mich, was mir noch schwerer fällt +zu tragen, verachtet. + +Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden, +mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen +nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie +beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu +verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür +kennen auch Sie ihn sicherlich – und haben Sie ihn und wär’ es tödtlich, +beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben +Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich +an ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt. + + + + +5. Der Falk von Kniphausen. + + +Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, käme, und _mich_ in seinem +Schlosse fände, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen – was +hätte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung, +sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthänig, an +des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das +Glück meines künftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem Himmel +dafür danken, daß mir vergönnt wurde – was wir gewiß für eine Fügung +Gottes halten dürfen – Ihnen den heutigen Dienst mit Hülfe eines treuen +Dieners zu leisten – aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal +nicht! + +Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines +Feindes Haupt gesammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber +Cousin, Sie sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und +Verweserin der Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie +sind jetzt mein mir auf Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo +wollten Sie denn nun auch noch hin – da der Abend schon anbricht? Und +Sie wissen ja, daß in unserm Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt! +Wie befindet sich denn unsere noch lebende Ungnade, die Alte? + +Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte +Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spöttische Weise +verletzt, welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so +kann ich berichten, daß hochdieselbe nach den Umständen, die deren hohes +Alter mit manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden. + +Ich höre das immer gern, lenkte die Gräfin ein. Wie schroff und +wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch +haben, sie zu lieben, achtungswürdig ist sie mir stets erschienen. Auch +ist sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. – Wir alle werden nicht +besser mit den wachsenden Jahren, und ändern kann sich nun einmal eine +Frau von neunundsiebenzig Jahren nicht mehr. + +Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über diese würdige Greisin +gefällt werde, hold oder abhold, günstig oder ungünstig – versetzte +Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und +liebende Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden – +und das eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich +nicht glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so +furchtbar gegen mich in Harnisch brachte, daß er seiner selbst vergaß. + +Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein +lieber Cousin! erwiederte die Gräfin ernst und voll der mildesten +Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken +lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich +heiße Sie von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen. + +Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen +zu gehorchen – die Herrin ließ ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie +ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog, +gebot sie der Dienerschaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die +größte Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und +verwundert, die Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer +Weile erst die Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und +abgehetzten Pferden, von denen das eine sich im Stalle sogleich auf +seine Streu legte und nach einigen Stunden todt war. + +Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem +prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wünschte sich weit hinweg, so sehr +ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam – um keinen +Preis hätte er doch hier ihm gegenüberstehen mögen, und deshalb war er +von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenstände, die das +Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, daß sie doch +nichts in seiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände +waren von flandrischen Tapisserien überkleidet, deren Gegenstände im +großartigen Style Raphaelischer Kunstschöpfungen gehalten und +meisterhaft gewirkt waren. Das Getäfel der Fensterwände war von +Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertäfelungen der Zimmerwände. +Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der +Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden Zimmer +verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick ungehemmt über +die Marschlandfläche auf den breiten Silberspiegel des Jahdestroms und +jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine Bezeichnung sandiger +Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen. Dahinter begrenzte das +weit nordostwärts sich hinstreckende Geestland und die Hügelwellen der +Dünen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser Aussicht, welche Graf +Ludwig längst kannte, ließ die innere Unruhe, in der er sich befand, +keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte sich wieder ab, ohne zu +sehen, daß ein Reisewagen, von mehreren Männern zu Roß gefolgt, dem +Schlosse sich rasch näherte. + +Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen +Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von +kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen +Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht +aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner +neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth +dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand +mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem +Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich +geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus +Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die +Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht +zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden, +heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten +Stellen des Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der +weißen Federn vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen +überkleidet, und die schwarzen Klauen waren aus Labradorstein +geschnitten und äußerst natürlich eingefügt[2]. + + [Fußnote 2: Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt + gewesene bewunderungswürdige, Deutschland leider entzogene + Kunstwerk ist in der Londoner illustrirten Zeitung #Vol. 19. + Juli to Dec. 1851# S. 133 mit der Unterschrift: _#Jewelled Hawk, + exhibed by the Duke of Devonshire#_ abgebildet und ausführlich + beschrieben.] + +Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und +gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes +Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt +Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen +die holdeste Lieblichkeit offenbarte. + +Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch +unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an +dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen +Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und +wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes +Erbstück der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung +in derselben nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von +Kniphausen«. + +Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels +zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen +Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem +edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als +die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich +emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend an +sich drückte. + +Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten +Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von +Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich +bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That, +die ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie +vergessen soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem +Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten +Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster +Dankbarkeit und lebenslänglicher Freundschaft. + +Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der +Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den +Becher ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre +himmelvollen Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im +Vorsaal ein starker männlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen +der Thür, und der Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen +nicht trauend, wie von Eis übergossen. + +Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an +seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr +diese Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! – indem er +zurücktreten zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade +betroffen setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf +den Boden gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm +gehalten sein, und sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen! + +Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen +Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich +darstellte, auf ihn machen mußte – sie faßte rasch alle ihre geistige +Kraft zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um +Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du +es dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter +haben, daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank +dargebracht nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst, +muß ich deinem Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es +deiner würdig ist. – Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich, +und trat einige Schritte näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der +Herr Vetter hört hier ein Echo der letzten guten Lehre, welche mir die +Frau Großmutter gab; hätte ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von +Varel bis zu Schloß Kniphausen reiche. Bin ich in der That so hoch +verpflichteter Schuldner geworden, so will ich jetzt nicht mit Worten +danken, sondern später durch Thaten. Niemand soll sagen, Schloß +Kniphausen sei ein ungastliches Haus geworden, also bis auf Weiteres +einstweilen zwischen uns – Waffenstillstand. + +Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte Ottoline +zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf’s Neue, +hob ihn gegen den Gemahl und sprach: _Ich_ habe den Pokal dem Retter +meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit +uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist +erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche +und wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus +Künstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein +konnte, als diese, die wir so eben feiern – denn jene Versöhnung +streitender Glieder einer getrennten Familie, die wieder zu einer +einzigen werden wollten, galt doch nur dem Mein und Dein des irdischen +Besitzthums, während wir ungleich inniger danken sollten für ein höheres +neugeschenktes Besitzthum. Darum nicht Waffenstillstand, sondern – +Versöhnung! + +Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beschämt mich +zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, daß Sie mir mehr +als verdient, ja überschwänglich gedankt! + +Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre +stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October +1791 mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und +wie tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre +Aufforderung verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und +die Großthat des jungen Verwandten würden schwer genug wiegen, um allen +Groll aus ihres Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er +ihr eine Bitte versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm +schwer genug, durch die politischen Verhältnisse und die +Verpflichtungen, die er übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr +und seinen zarten Kindern getrennt zu sein. Mühsam rang der Graf nach +Fassung, bewältigte sein inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr +– kennt meine Gesinnung. Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so +stehe ich zu Diensten. Ich gehorche meiner romantischen Gemahlin und +trinke aus diesem Falken von Kniphausen. Möge sein Wein nicht die +Eigenschaft jenes Getränkes haben, das die Zauberjungfrau im berühmten +Oldenburger Horn unserm Ahnherrn, dem Grafen Otto darbot. – Der Erbherr +trank und reichte den Pokal an Ludwig. + +Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen +Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das köstliche Trinkgefäß und +sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen +und edeln Hauses! + +#»Drink al ut!«# sprach mit dem sanften Lächeln der schuldlosesten +Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schönen Spruch, den das +Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und +begeistert von so liebevollem Wort leerte der junge Graf den Goldpokal +bis zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das +Ottolinens, völlig die doppelsinnige Schärfe der Anspielung des +Erbgrafen zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier +Lieblichkeit und Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Güte +eines jungen weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die +Versöhnung für vollkommen. + +Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer Blick +sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er wahrzunehmen +glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu umgarnen: der +Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits Entdeckungen zu +machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der heimathlichen +Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des Abends beim +Thee ruhig und kalt-höflich, und sah es nicht ungern, daß Ottoline, +indem sie vom Schrecken der überstandenen Gefahr sich doch angegriffen +fühlte, sich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünschend, sprach +sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frühstück, hoffe ich, wollen wir uns +alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der Falk von +Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe +Ottoline sehen. Träumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht! + +Der Erbherr fand nicht für angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen +– er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und +schied mit höflichem Wunsche. + +Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühstück fand nicht Statt. Das +von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb. + +Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in +seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth +umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm +mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er sogleich schlafen können nach +Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er +doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten +werde, aber wie ungern schied er nun! + +Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz über ihn. Rasch jagten +sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und +Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden – er hielt wieder den Falk +von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene +Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline +schmiegte sich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie +küßte ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute +der Traum die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm +gegenüber mit der tödtlichen Waffe, und da stand auch wieder die +Großmutter, als ob sie lebe, in der Glorie ihres starren Stolzes +zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber nicht Jenem galt ihr zürnendes, +strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres alten ahnenreichen Stammes +sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete sie ernste Worte mit +tiefer männlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig schon einmal +vernommen hatte. »Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein von allen +unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und Neigung und +Sinne sich dagegen sträuben. Auch du wirst durch die schmerzlichen +Flammen der Läuterung gehen – o gehe rein aus ihnen hervor!« – Diese +Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an deren Stelle; +lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der +Heerlager, berghohe Meereswogen – Stürme und ruhige See – hohe Burgen +und Schlösser – stille Thäler – eine Siedlerklause – eine +dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und in dieses Grab +hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles +Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein Glück. + +Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe +gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forschend an, ob sie den +Blick vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage; +aber sie sah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer +Blick sie erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du +nicht froh? + +Ottoline, sprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Busen um, zu +erleben, was ich heute und gestern erlebt, daß ich kommen muß und sehen, +wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem Menschen +kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Mannesehre auf das +Ehrloseste beleidigt und dessen Hand und Mund jenes Geräth für immer +entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphausen niemals wiedersehen, +ich trank, von dir gezwungen gleichsam, zum letztenmal daraus. Dein +überspanntes Gefühl der Dankbarkeit riß dich hin; daß er die +scheugewordenen Pferde aufhielt, war seine Schuldigkeit – die +Dienerschaft erzählte mir bei meinem Eintritt ins Schloß schon Alles – +die Pferde wären auch wohl von selbst vor der Made stehen geblieben. Ein +Mann von Ehrgefühl wäre nicht mit in mein Schloß gegangen. + +O Gott! so hätte ich gefehlt, daß ich wiederholt in ihn drang, da er +sich doch entschieden weigerte! rief Ottoline. + +So? er weigerte sich also entschieden – und doch nicht entschieden genug +– sein weiches Knaben-Herz vermochte nicht, der süßen Bitte des holden +Mundes meiner Gemahlin zu widerstehen? + +Der Ton, mit welchem der Erbherr dies sprach, füllte Ottolinens Herz mit +Weh, ihre Augen mit Thränen; sie begann leise zu zittern. + +Du machtest mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte +das Gastrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient, +aus dem Hause werfen – konnte aber auch die Größe seiner That nicht so +hoch würdigen, wie du. Er ist ein Mensch ohne Geburt, ohne Ehre – wir +können nicht ferner mit ihm verkehren – und da sein Dünkel und sein +Bewußtsein, Schoosliebling der Großmutter zu sein, ihm jedenfalls Anlaß +sein wird, die Belohnung, die ich ihm bieten könnte, zurückzuweisen, so +mag er sich mit der, die du etwas vorschnell, nur von deinem Gefühl und +nicht von Ueberlegung geleitet, ihm zu Theil werden ließest, genügen +lassen. + +Du machst mir Vorwürfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebrochener Stimme +Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte – ich konnte ja nicht ahnen, +daß – + +Hätte er dir verhehlt, daß Spannung zwischen uns getreten? fragte +forschend der Graf. + +Nein, nicht ganz – er deutete mir an, indem er sich weigerte, mich zu +begleiten und hier zu weilen, daß du ihm feindlich gesinnt seist, daß +eine unbedachte Aeußerung seinerseits gegen dich, die auf Ehre nicht +habe verletzen sollen, dich so sehr gegen ihn aufgebracht habe, daß du +ihn haßtest, ja verachtest. + +Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm. +Es freut mich, daß er dir ehrlich die Wahrheit sagte, wie er es gewesen, +der zuerst mich reizte. Wenn er dies fühlte, war es an ihm, zu +widerrufen, aber was that er, als ich ihm heftig entgegnete? In +wahnsinniger Wuth fluchte er mir, und mit mir dir, unsern Kindern, +unserm ganzen Geschlecht. Ewigen Hader, ewige Verwirrung wünschte er auf +uns herab! In seinen blindwüthenden Fluch wob er, da er doch wissen +mußte, wie sehr ich dich liebe, Trennung ein zwischen dir und mir – zu +einer Leibeigenen soll ich herabsteigen, Bastarde, wie er einer ist, +soll ich mit ihr zeugen, die ganze Verwandtschaft soll mich hassen und +verabscheuen, und in steigender Verarmung soll ich untergehen. + +Das war zu viel für ein zartes, noch von keinem unreinen Gedanken +beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, stieß +einen leisen Schrei aus, fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen, in +dem sie einen Schmerz fühlte, als wenn Dolche darin wühlten. Ihr +vorhiniges Zittern ging in Zuckungen über, sie fiel in heftige Krämpfe – +entsetzt sprang der Graf vom Stuhl auf und bog sich über sein schönes +leidendes Weib. Mit stieren Zügen, die sich verzerrten, stieß Ottoline +den Gemahl von sich, und er eilte außer sich vor Schmerz und neuerregter +Wuth zur Klingel, welche die Kammerfrau herbeirief. – Es war sein Werk, +Alles was vorging und folgte. – + +Am andern Morgen, als Graf Ludwig sich erhoben, trat Jacob, des Erbherrn +Jäger, bei ihm ein und meldete, daß sein Gebieter bedauere, das +Frühstück nicht mit dem Gast theilen zu können, die Frau Erbherrin sei +in der Nacht wahrscheinlich in Folge der gestrigen Aufregung und des +Unfalles, tödtlich erkrankt. + +Ludwig’s Herzblut stockte bei dieser Nachricht – er vermochte den +nichtssagenden Wunsch baldiger Besserung kaum zu stammeln und den +Auftrag, daß er sich der regierenden Herrschaft empfehlen lasse. Philipp +wurde sofort mit dem Befehle entsendet, zu satteln. + +In Gedanken der schmerzlichsten, schwermuthvollsten Art setzte Ludwig +seine Reise fort; der Morgen war heute himmlischschön, nebelfrei – ein +seltener Tag in dieser Küstengegend – aber Ludwig’s Gemüth erfreute sich +heute nicht am schönen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schlosse +Kniphausen zurück, dessen hoher Thurm erst dann den Blicken sich entzog, +als Ostringfelde fast erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz lastete auf +des Jünglings Herzen. Das Dörfchen und Gut Ostringfelde liegt am Wege +von Jever nach Varel, und der Weg von Kniphausen über Accum stößt dort +auf den ersteren. Aus den malerischen Baumgruppen des gutsherrlichen +Gartens erhob sich weit sichtbar und die Umgegend weit überschauend eine +alte Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein seltener +Anblick, denn der burgähnlichen größern Schlösser sind nur wenige im +Lande, dessen Charakter so gänzlich abweicht von den an alten Burgen von +malerischer Schönheit reichern Gegenden des mittleren Deutschlands. + +Ha! der Marienthurm! – unterbrach in der Nähe dieser Warte Ludwig sein +bisheriges Schweigen, indem er stillhielt und sich vom Pferde schwang. +Halte die Isabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zügel seines +Rosses dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das +Heimathland überschauen, das ich verlasse. Dieser Ort ist mir lieb und +wohlbekannt, hier in der Nähe ließ die Großmutter nach Münzen der alten +Römer suchen, ich war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden. + +Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu +besteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch +nicht, wie in späterer Zeit, von neuerwachter Pietät mit einem +Schieferdach gesichert, gestattete dem, welcher Lust hatte, von ihr +einen Blick auf die Gefilde Ostfrieslands zu werfen, diesen Genuß in +vollem Maaße. + +Auch eine versunkene Herrlichkeit! sprach Ludwig zu sich selbst, indem +er zunächst hinabblickte in des Thurmes nächste Umgebung: übergrüntes, +von Schutt und Erde bedecktes Gemäuer in weiter Ausdehnung und +verwilderte Gärten. Hier stand das bewunderte Schloß der Erbtochter +Maria, der schönen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Großmutter mir +erzählte. Und dieser Thurm ist der einzige sichtbare Rest jenes stolzen +Baues, an dessen Stelle und aus dessen Steinen unten das niedrige +Herrenhaus, einstockig und einförmig wie alle die Häuser der hiesigen +Landgüterbesitzer, erbaut wurde, niederländisch reinlich, wohnlich und +bequem eingerichtet, aber nie darauf berechnet, herrisch in die Ferne zu +wirken, wie zum Beispiel Schloß Kniphausen. + +Dort lag es, dort lag es, stolz und stattlich und von dieser Thurmhöhe +gut erkennbar, das Schloß, nach welchem Ludwig so ernst, so sinnend, so +sehnsüchtig und beängstigt zurück blickte, mit aller verzeihlichen +Schwärmerei eines neunzehnjährigen Jünglings, den zum ersten Male in +seinem Leben der Wunderstrahl des »ewig Weiblichen« berührt hatte, und +ihn liebend »hinanzog« in die hohen und reinen Sphären einer idealen +Welt. Verloren gingen dem jungen Schwärmer die Reize der zwar flachen, +aber doch an Schönheiten keinesweges armen Gegend, des gesegnetsten +Landstrichs im heutigen Großherzogthume Oldenburg; die zahlreichen +Dörfer und Gutsgebäude mit ihren nach niedersächsischer Art einzeln +stehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehöfts gelegenen, +strohbedeckten Häusern; das fette, mit grünen Saaten prangende +Marschland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die sich nur zu +belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landschaft +mannigfaltigen hochmalerischen Schmuck zu verleihen. Dort das Städtchen +Jever, die Flecken Accum und Neustadt, dort das kleine Flüßchen, +welches sich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwärts als Made, +auf längerem Wege beim Rustringer oder Knipenser Siel, theils auf +kürzerem ohne weitere Benennung beim Marien-Siel in den Jahdebusen zu +rinnen. Ludwig konnte genau die verhängnißvolle Stelle an der Made +erkennen, einige alte Weiden machten sie ihm kennbar, wo ihm am +gestrigen Nachmittag so unerwartetes und unverhofftes Glück begegnet +war. Ein Glück, welches nur ein Traum war – ach ein kurzer, schöner und +schmerzlicher Traum. + +Lebhaft traten an diesem Orte, auf dieser Thurmzinne, Bilder der +Vergangenheit vor die Seele des Jünglings: der Großmutter ehrwürdige +Gestalt hatte in stillen Stunden in ihrem Arbeitszimmer, wenn er bei ihr +saß und für sie thätig war, ihm diese Vergangenheit entrollt in +überreicher Fülle, und doch barg sich noch so manches Geheimniß unter +den Farbentönen; manche dieser Bilder waren blos oberflächlich übermalt +mit dem trockenen Tone der alltäglichen Geschichte, wie die Lehrbücher +sie enthalten; das reiche farbenglühende Gemälde darunter konnte ja dem +Knaben noch nicht aufgedeckt werden. So war es der Fall mit diesem +einstigen Schlosse, mit diesem Thurme. Der letzte Abkömmling in +weiblicher Linie von Theodorich dem Glücklichen, Grafen zu Oldenburg, +jene Maria, hatte als Erbtheil die reiche Herrschaft Jever besessen. Sie +erreichte ein hohes Alter, ohne sich zu vermählen, und erbaute an dieser +Stelle das herrliche Schloß, nachdem sie im Jahre 1532 von Kaiser Carl +V. als Herzog von Brabant und Burgund die Herrschaft in Lehn genommen. +Eigen und wunderbar war ihr Walten; sie war eine Mutter des Landes und +allgeliebt, und noch heute lebt ihr Wirken und ihr Name im Lande dankbar +gesegnet fort und der Marienthurm selbst wird noch in hohen Ehren +gehalten; der von ihr angelegte Siel führt noch ihren Namen. + +Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr +Erbe, aber starr, wie die alte Reichsgräfin, gab es Maria dem, dem sie +die Fülle ihrer gnadenreichen Gunst zugelenkt, Johann dem Sechzehnten, +Grafen zu Oldenburg, indem sie ihm ausschließlich die Herrschaft +vererbte. + +Vergleiche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen dem über die +Vergangenheit sinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte Ahnherrin +und noch mit dem Wunsche das Auge geschlossen, es möge ihr +Residenzschloß erhalten bleiben – die örtliche Sage kündete, daß in +dessen Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die +Herrschaft Jever und die Herrlichkeiten Varel und Kniphausen zusammen +werth seien – und der Erbherr die Herrschaft angetreten, so war auch +Zwist und Hader erwacht, und das Schloß sammt der Herrschaft wurde zum +Erisapfel. Siegreich gewann Graf Johann den von seinen um die +Miterbschaft ringenden Verwandten vor dem brabanter Lehnhof anhängig +gemachten Rechtsstreit; aber sein Sohn Anton Günther trat unkluger Weise +das schöne, vom Vater ihm überkommene Erbtheil an den Fürsten von +Anhalt-Zerbst, den Sohn seiner Schwester Magdalene, ab, und von diesem +1793 aussterbenden Hause fiel die Herrschaft Jever als Kunkellehen an +Auguste Friederike, die einzige überlebende Prinzessin des Hauses +Anhalt-Zerbst, welche als Kaiserin Katharina II. auf Rußlands Throne +saß. Dadurch setzte Rußland seinen Fuß zuerst als reichsfürstlicher +Gebieter auf deutschen Boden. So wunderbar fügen und verschlingen sich +die Geschicke mancher Orte und Länder. Der Sprößling des Hauses +Oldenburg und Delmenhorst, Graf Ludwig, stand jetzt im ehemaligen Lande +seiner Väter und Ahnen auf einer russischen Warte. Die weitentfernten +Besitzer hatten das Schloß nicht erhalten können, nicht erhalten wollen, +so war es verfallen, und fast nur die Sage erzählte noch seine +Geschichte, und flüsterte geheimnißvolle Mären von der schönen +Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht minder schönen +Maria, Erbtochter von Burgund, gewesen war, von verschwiegener Liebe und +von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von Dingen und Thaten, mit denen +sich viele Bücher füllen ließen. + +Noch einen innigsehnsuchtvollen Scheideblick hinüber zum Schlosse +Kniphausen mit liebevollem, zärtlichem Bangen, und dann ein Losreißen +von dieser einsamen, erinnerungsreichen Stelle – ein zweiter, stummer +tief empfundener Abschied. + + + + +6. Ein Geheimniß. + + +In Frankreich stand die Revolution mit allen ihren Schrecknissen und +blutigen Gräueln in voller schauderhafter Blüthe. Der Erbadel war +abgeschafft, seine Angehörigen waren gouillotinirt oder entwichen, der +König und seine Familie war hingerichtet, allen Fürsten Europa’s war der +Krieg erklärt, und für alle Länder die Beglückung durch Aufruhr, Mord +und Brand ausgerufen und angesagt. Die Girondisten waren der +fanatisirten Volksmasse, die aus lauter Henkern bestand, zum Opfer +gefallen, und Frankreich wüthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind, +auch der allergrausamste nicht, gegen dasselbe zu wüthen vermocht hätte. +Die Unvernunft versuchte, Gott und den Glauben abzuschaffen, und hob die +Vernunft in Gestalt einer nackten Metze auf die entweihten Altäre, bis +es der Willkür des Blutmenschen Robespierre gelang, durch den Convent +anbefehlen zu lassen, daß es eine Gottheit gebe und eine Unsterblichkeit +der Menschenseele. Auch dieses Ungeheuer traf später die rächende Hand +aus der Höhe, aber die Unthaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte +neue, wie aus dem heißen Schlamm immer neues ekles Gewürm kriecht, und +verderbliche Miasmen ausdampfen. + +In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geschlossene Friede von +Versailles zwischen England und Frankreich die letzte Epoche gewesen, +welche eine kurze Zeit den Janustempel geschlossen hielt. Frankreichs +Tollheit wirkte ansteckend nach allen Seiten hin und zudem hatte unterm +1. Februar 1793 der französische Nationalconvent auch an den +Erbstatthalter von Holland, wie an England, den Krieg erklärt, und die +Wogen der Nordarmee wälzten sich über die Gefilde von Geldern und +Flandern, während in der Vendée ein seinem Königshause noch immer treues +Volk sich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf stürzte, und Schaaren +der gegen die Vendée geführten Carmagnolen vernichtete. In solchen +Zeiten ist nicht gut reisen, und schwerlich würde Graf Ludwig mit seinem +treuen Diener Philipp Scarre, so war dessen Vatername, ohne manchen +lästigen Aufenthalt oder persönliche Gefahr das nächste Ziel seiner +Reise, Amsterdam erreicht haben, wenn er nicht so einsichtsvoll gewesen +wäre, den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsrast +in Jever verfolgte der junge Reisende seine Richtung gerade nordwärts +auch ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der +Nordseeküste, das Wangerland. + +Da lag es, das unermeßliche Meer, mit seiner langgestreckten Inselkette, +und hell, wie ein Silberstreif im Sonnenscheine, zeigte sich in der +Ferne die Insel Wangerooge dem Blick. Im Friedrichs-Siel wurde indeß +kein Schiff angetroffen, welches groß genug gewesen wäre, die Pferde +aufzunehmen, und von seiner treuen Isabella, deren Trefflichkeit ja erst +am gestrigen Tage sich ihm so herrlich bewiesen hatte, hätte sich der +junge Graf jetzt um keinen Preis trennen mögen – ungern genug hatte er +schon auf die Begleitung des Hundes verzichtet, da er sich selbst sagen +mußte, daß er auf einer so wechselnden Reise denselben bald genug +einbüßen werde. Es war daher der Hund einstweilen oder für immer dem +Kammerdiener Weisbrod zu guter Obhut übergeben worden. Die Reiter +setzten ihren Ritt längs der Küste Ostfrieslands noch eine kleine +Strecke westwärts fort, und hatten bald die Freude, in der +Karolinen-Rhede mehrere segelfertige Schiffe zu erblicken, und nach +kurzer Unterhandlung mit dem Kapitän eines derselben, das nach der +Zuydersee steuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitän war in Stand gesetzt, +schon nach Verlauf weniger Stunden die Anker heben zu können; der +frische Ost, der den ganzen Tag wehte, verhieß gute Fahrt nach Westen, +und da das Schiff seinen Curs nicht durch die unsichern Watten zwischen +der ostfriesischen Küste und den Inseln des Wangerlandes nahm, sondern +zwischen Wangerooge und Spikerooge in die Harle fuhr, so gewann es mit +der günstig eingetretenen zurückrollenden Fluth bald das offene Meer, +und fuhr auf sicherer, von Sandbänken unbedrohter Bahn Angesichts der +Inselkette, an Oster- und Wester-Langeroog und Baltrum vorüber, nach +Norderney und Juist zu, während die Nacht sich allmälig und spät +dämmernd niedersenkte und der Mond seine zauberische Strahlenfülle auf +die unermeßliche Nordsee niedergoß. + +Die erste Erscheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerksamkeit des +jungen Reisenden, wie seines Dieners in hohem Grade auf sich lenkte, war +ein anderer Reisender, welcher mit dem Kapitän sehr gut bekannt, sogar +vertraut schien, äußerst gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen +eine auffallende Aehnlichkeit hatte, nur daß der Erstere etwas älter +aussah und auch wirklich war, sonst hätte man beide für Zwillingsbrüder +halten können, und wie diese Aehnlichkeit Ludwig und seinem Diener +auffiel, so schien sie auch dem andern Theil aufzufallen. Der Kapitän +hatte um so mehr für schicklich gehalten, die Reisenden einander +vorzustellen; er konnte dies, denn er hatte den Namen des Jüngeren +derselben in dessen Paß gelesen; da aber zufällig der Kanzlist, welcher +diesen Namen mit großem Fleiße geschnörkelt, das /r/ im Namen /Varel/ +nicht /r/, sondern /ı/ geschrieben hatte, so war es nicht zu verwundern, +daß der Kapitän statt Graf Varel – Graf /Vavel/ las, und unter diesem +veränderten Namen ihn seinem Reisenden vorstellte. Ludwig vernahm den +Irrthum, fand sich aber nicht veranlaßt, denselben zu berichtigen, um so +mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit ließ, sondern alsbald den Namen +des Reisenden nannte: Herr Leonardus Cornelius van der Valck, Sohn von +Herrn Adrianus van der Valck, berühmten Kauf- und Handelsherrn zu +Amsterdam. + +Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das Wort: +Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, und wie ich hoffe, einen +Reisegefährten in Ihre Vaterstadt zu finden, und dies doppelt, da ich +den Namen Ihres Hauses bereits rühmlich nennen hörte, ja ich glaube +nicht zu irren, daß ich unter andern an dasselbe sogar empfohlen und +gewiesen bin, und dessen guten Rath in einigen geschäftlichen +Angelegenheiten mir zu erbitten haben werde. + +Der Fremde entgegnete mit einer entsprechenden Offenheit: Mein Herr +Graf, ich, wie mein väterliches Haus sind ganz zu Ihren Diensten, und +mich besonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rückkehr Sie selbst +bei uns einführen darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in +Amsterdam waren, so wird es Ihnen immer von Nutzen sein, in dieser +großen und jetzt noch dazu sehr aufgeregten Stadt einen kundigen Führer +zu haben. + +Gewiß, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar für jeden +Dienst sein, den Sie mir erweisen zu wollen so gütig sind. + +Der Kapitän endete die anfangs unvermeidliche steife Förmlichkeit der +ersten Unterredung durch den Vorschlag, den zwar etwas kühlen, aber +prächtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punsch zu verplaudern, +welcher die Zustimmung aller Theile erhielt, und ein gegenseitiges +näheres Bekanntwerden in freundliche Aussicht stellte. Ein gut +angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Mast +aufgehangene Laternen streuten freundliche Helle auf die Gruppe der +neuen Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Gespräch in Gang. Auch +die Diener wurden nicht vergessen, jedem ward sein reichlicher Theil von +dem heißen, anregenden Tranke, doch hielten sie sich in angemessener +Entfernung und plauderten unter sich nicht minder vergnügt wie die +Gebieter, und sorgten dafür, daß die kurzen weißen niederländischen +Thonpfeifen nicht ausgingen. + +Der Kapitän war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren, und hieß +Richard Fluit; er war aus dem Haag gebürtig; das Schiff, welches er +führte, hieß »de vergulde Rose« und war Eigenthum des Handelshauses van +der Valck. Das Gespräch lenkte sich bald genug den Tagesfragen zu, und +Fluit und Leonhard waren sehr gespannt auf Nachrichten vom dermaligen +Stande der Dinge in Amsterdam, da sie in Hamburg, welches vor einigen +Tagen verlassen worden war, nichts Bestimmtes hatten erfahren können. +Man hatte nur davon gesprochen, daß Pichegru sich mit seinem Heere gegen +die Schelde zu bewegen Anstalten treffe, und Jourdan nach der Sambre +aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der sogenannten Patrioten +gegen die Partei des Erbstatthalters dauere im Haag wie in Amsterdam +fort, ohne daß man von wichtigen oder entscheidenden Vorfällen vernommen +habe. Bei alledem, nahm der Kapitän das Wort: macht das kriegerische +Wesen uns Kauffahrern, die wir es allesammt zum Henker wünschen, +tausendfache Plackerei, nächstdem, daß es die Handelschaft hemmt und den +Verkehr untergräbt. Sonst stand unser einem frei, an Bord zu nehmen, wen +man wollte, und Güter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein +schwerer körperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen, +und muß jeder Kapitän noch ein besonderes Certificat bei sich führen, +daß er diesen Eid geleistet. Darum muß ich jetzt Namen, Rang und Stand, +wie Bestimmungsort meiner Schiffsreisenden besonders aufzeichnen und +dieselben vorlegen, sobald sie verlangt werden. Ich muß sogar den Sohn +meines ehrenwerthen Prinzipals ebenso, wie Sie, Herr Graf, ersuchen, +nächstdem, daß ich Ihren Paß bereits gelesen, Ihren werthen Namen +eigenhändig in dieses mein Passagierbuch einzutragen, Sie haben aber +dafür den Vortheil, dann zu Amsterdam von aller sonst ebenso häufigen +als lästigen Paßportplackerei befreit zu bleiben. + +Meine Unterschrift steht zu Befehl, Herr Kapitän, antwortete Graf +Ludwig: doch wünschte ich Näheres über diese Verpflichtung zu erfahren. + +Der Kapitän öffnete seine Schreibtafel, zog einen untersiegelten +Stempelbogen hervor und las: »Ich Richard Fluit, gelobe und schwöre zu +Gott, dem Allmächtigen, daß ich auf das unter meinem Befehl segelnde +Kauffahrteischiff, »de vergulde Rose« genannt, Eigenthümer Mynheer +Adrianus van der Valck, Kauf- und Handelsherr zu Amsterdam, welches von +Amsterdam nach Hamburg bestimmt ist, weder für meine eigene Rechnung, +noch für oder von Jemanden, er sei auch wer er wolle, einige mir +unbekannte Handelsgüter, viel weniger das Mindeste von Contrebanden, +noch Militär-Personen im Kriege befangener Puissancen[3], es sei in oder +außer dem Hafen, noch unterwegs, oder sonst irgendwo auf meiner +angedeuteten Reise einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen, daß +ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifest +benannt ist, und ebenso darauf sehen will, daß dergleichen von meinem +Schiffsvolke nicht geschehe. Ich will auch auf meiner Reise kein nicht +gehörig unterschriebenes Cognossement, oder das nicht gehörig an Ordre +gestellt, oder worin die Waaren nicht richtig ausgedrückt sind, am +wenigsten aber Passagiere und Güter ohne richtigen Ausweis an Bord +nehmen, überhaupt aber meine Papiere und Documente in gebührender +Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.« + + [Fußnote 3: Mächte.] + +Da müssen wir uns freilich kundgeben, daß wir nicht Contrebande oder gar +militärische Ausreißer und Spione sind, lachte Leonardus, tunkte die +Feder ein und bot sie höflich dem jüngeren vornehmeren Reisegefährten +dar. + +Als beide Herren die vorgeschriebene Form erfüllt hatten, betrachtete +der Kapitän sinnend und vergleichend die Handschrift beider, und brach +dann in den Ausruf aus: Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nicht nur daß sich +die Herren einander so ähnlich sind, als ob sie Brüder wären, auch Ihre +Handschriften gleichen sich in einer auffallenden Weise. Da sehen Sie +beide selbst. + +Es war in der That so, wie Fluit gesagt; der junge Graf schrieb eine +leichte fließende und dabei doch sichere Hand, und der junge Kaufmann +keine kaufmännische, sondern eine, deren Ductus bis auf den flüchtigen +charakteristischen Schnörkel am Schlußbuchstaben des Namens der des +Grafen völlig gleich kam, so daß beide Namenaussteller selbst darüber +verwundert waren. – Wer weiß, was das bedeutet! nahm Leonardus das Wort: +vielleicht sollen wir näher mit einander bekannt werden, vielleicht +zuletzt gar mit einander verwechselt! – Ha, da könnte Ihnen leicht etwas +Schlimmes begegnen! warf der Kapitän im Tone leicht spottenden Scherzes +hin, gegen den Sprechenden gewendet. Leonardus lächelte und erröthete: +Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gäbe dann freilich keine +Freundschaft! + +Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem die +entdeckte Aehnlichkeit eigene, fast beunruhigende Gedanken erregte: oder +ist es unbescheiden, diese Frage zu thun, bei der sich doch mein Gesicht +betheiligt sieht? + +Warum nicht, Sie dürfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus: +und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Fast scheint es mir nicht +anders möglich, als daß wir Freunde werden müssen, und ich glaube nicht +die mindeste Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimniß enthülle, +Sie werden dadurch gleichsam mein Verbündeter (es ist nichts +Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und können als solcher mir vielleicht +nützlich werden. + +Also ein Geheimniß? fragte der junge Graf gespannt und voll Antheils. – +Dessen Schlüssel auch mir schon längst versprochen wurde! fügte Fluit +hinzu. + +In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, so gebe ich Ihnen +einen Beweis des unumschränkten Vertrauens, das Ihr ganzes offenes Wesen +mir einflößt, sprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch ich +bin offen, entgegen dem Nationalcharakter meiner Landsleute, aber ich +habe viele Reisen gemacht, und habe erfahren, daß Offenheit und +Unbefangenheit weiter bringen als Verschlossenheit und heimliches Wesen. +Vertrauen erweckt Vertrauen, und meist ist es der Jugend schönes +Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift sich wohl, +mißtrauisch und sorgsam machen, und gerne stützt es und vertheidigt es +seine Ansichten mit seinen Erfahrungen; diese Erfahrungen muß aber eben, +meine ich, jedes Leben erst machen, damit es im Alter sich auf sie +stützen und von ihnen reden könne. + +Es ist so, wie Sie sagen, Herr Leonardus! bestätigte der Schiffskapitän. +Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht sagen, daß er gelebt +habe; und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann +Manches lernen, was er thun und was er meiden soll. Wir wollen erst +unsere Kumme und unsere Gläser frisch füllen, und dann mag die Erzählung +beginnen. – Das Schiff segelte mit frischem Winde durch das nur wenig +und dazu gleichmäßig bewegte Meer und durch die kühle, wunderbare, +sternenklare Nacht. Zur Rechten verlor sich der Blick in die +Unermeßlichkeit, und man sah nicht, wo Himmel und Meer einander küßten, +denn der Himmel warf die Abbilder seiner Sterne wie glühende Küsse in +die Wogentiefe, und die goldenen Funken schienen sich freudehüpfend auf +den silberkräuselnden Wellen zu schaukeln, die zugleich des Mondes Bild +millionenfach gebrochen zurückblitzten. Zur Linken entragten die +Inselflächen noch in Sicht des Schiffes, silberweiß stach ihr vom Mond +scharf beleuchteter Dünensand von der dunkeln Nordseefluth ab, doch die +Orte und Gehöfte darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inseln schienen +wie silberne, riesige Nelumbiumblätter auf die Oberfläche gehoben, um im +Mondstrahl träumend auf das Erscheinen der königlichen Blüthe zu harren. +Nur wenig leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten desselben +findet nur unter wärmeren Himmelsstrichen Statt, und der Ostwind ist +demselben nicht günstig; dennoch schoß das Kielwasser von Zeit zu Zeit +einen schnell verschwindenden Blitz von phosphorischem Schimmer, aber +die hoch empor gespritzten Wasserstrahlen starker Tummler, die das +Schiff auf weite Strecken und in großer Anzahl begleiteten, glichen im +verklärenden Mondenglanze den tausend Springbrunnen eines +morgenländischen Märchens. + +Mein Leben, begann jetzt bei frischgefülltem dampfenden Punschnapf +Leonardus seine Erzählung: hat mich von früher Jugend an vielfach zu +Wasser und zu Lande umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen +leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmannschaft mit angeborener +Vorliebe, um so mehr, da sie mir jede Annehmlichkeit des Lebens, und +durch meines Vaters günstige Verhältnisse eine glückliche und +sorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfischfahrern in +Island gewesen, und habe die eisumstarrten Küsten Grönlands und +Spitzbergens gesehen; ich war in Stockholm und in Sanct Petersburg, und +ebenso in London, Paris, Madrid und Lissabon; bald hatte ich in +Geschäftsaufträgen unsers Hauses dieses, bald jenes unserer Schiffe zu +begleiten, denn mein Vater wollte, ich solle recht viel erfahren, alle +Handelsgeschäfte wie alle Waaren der verschiedenen handeltreibenden +Nationen an ihren Stapelplätzen kennen lernen, und ich habe diesen +Wunsch erfüllt, so weit es mir möglich war; ich bin auch in +Konstantinopel und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis gewesen. Mein +Vater gibt mir selbst das Zeugniß, daß ich ein tüchtiger Kaufmann +geworden sei. Ganz anders aber und ungleich mißlicher steht es um die +Erfüllung eines zweiten Wunsches oder sogar Befehles meines verehrten +Herrn Vaters. Derselbe sagte zu mir: Versprich mir, mein Sohn, über dein +Herz zu wachen, keine Verbindung anzuknüpfen, die meine Pläne mit dir +kreuzt, sonst betrübst du mich und gräbst dir die Grube deines Unglücks. +Denn wisse, mein guter Sohn, daß ich für dich bereits gewählt habe, und +zwar ein sehr liebes Kind, jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber +zur lieblichen Jungfrau heranblühen wird. Es ist die Tochter meines +besten Freundes, du kennst ihn, kennst sie, sie ist die einzige Erbin, +und deine Verbindung mit ihr wird der glücklichste der Tage sein, welche +ich noch zu erleben hoffe. + +So sprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre stehend, +kannte ja nicht die Zaubermacht der Liebe, und leistete unbedacht und +unbedenklich das schwere Versprechen. Meine Braut zählte damals erst +zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zählt +sie zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf +den die Welt durchschwimmenden Verlobten, und dieser – – + +Herr Gott! fuhr der Kapitän auf, Herr Leonardus! Und das Alles sagen +Sie mir jetzt erst! Ach, das bringt mich um Ehre und Credit, schleudert +mich vom sichern Steuerbord in die wogenden Wellen! + +Bleiben Sie ruhig, Kapitän! bat Leonardus. Sie mußten es endlich doch +erfahren, daß Sie trotz Ihres beschworenen Eides und bester Ordnung +Ihrer Papiere und Documente, dennoch eine sehr werthvolle Contrebande am +Bord haben. Es ist eben die höchste Zeit, mich Ihnen, mein redlicher +Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Katastrophe, und bedarf +treuer, schützender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der +Heimath, dort harrt meiner die schöne, reiche Braut; unter allerlei +Vorwänden entzog ich mich bisher der Heimkehr, ich kann es nicht länger +thun, und Gott weiß, was nun werden soll! – Der Ton des Sprechenden, der +erst so heiter erschienen war, wurde gegen das Ende seiner Rede +kummervoll und beklommen, er senkte den Blick, starrte in sein Glas ohne +zu trinken, und ein schwerer Seufzer entrang sich seinem Busen. + +Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitän. Ich +bin gerade so klug gewesen, wie einer dieser Tummler, die da mit uns +schwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden gewesen, und werde +bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke einfällt, statt auf der +Nordsee zu segeln, im schwarzen Meere der Tinte des Hauses van der Valck +sitzen und in der Ungnade von Mynheer Adrianus. + +Ihre gegenseitigen Worte machen mich sehr gespannt darauf, Weiteres zu +vernehmen, gab Ludwig in das Gespräch. Trinken wir einmal, Herr +Reisegefährte! Sollte es mir vergönnt sein, Ihnen einen Dienst zu +leisten, so rechnen Sie ganz auf mich; ich bin völlig unabhängig, Herr +meiner Zeit, und wenn die Wechsel gut sind, auf die ich angewiesen bin, +auch in diesem Punkt so gestellt, daß ich fremder Stützen nicht bedarf. + +Ich danke Ihnen tausendmal, mein junger edler Freund, für Ihren guten +Willen! rief Leonardus mit Wärme, und drückte Ludwigs Hand. Vielleicht +führte Sie zu meinem Glück der gütige Himmel uns zu. Hören Sie nun +beiderseits weiter, was ich erlebte. – Eine Landreise führte mich im +vorigen Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in dessen +Hauptstadt le Mans; es war kein Vergnügen in Frankreich zu reisen, und +ist es auch heute noch nicht, aber es galt, unserem Hause sicher +angelegte Kapitalien zu retten, und dieselben nicht in Form der +nichtsnutzen und völlig werthlosen Assignaten ausgezahlt zu erhalten. +Ich vollbrachte mein Geschäft mit leidlich glücklichem Erfolg, weil die +Vendée den Unsinn der Revolutionsgewalthaber nicht anerkannte, hatte +aber Mühe genug, nicht für einen verkappten Franzosen gehalten und +gezwungen zu werden, in Gemeinschaft mit den tapferen Vendéern, die sich +wie ein Mann gegen die Republik und ihre Menschenschlächter erhoben +hatten, die Waffen zu ergreifen. Es war im Monat September, und nach den +glorreichsten Siegen warf ein grausames Geschick dennoch das Todesloos +über das unglückliche Land und seine ihrem König und ihrem Glauben +treuanhängliche Bevölkerung. Zwar erkämpften Elbée und Prinz Talmont +noch einige dieser Siege, aber von Mainz rückte bald darauf die +Garnison, welcher die Capitulation dieser Stadt eine anderweite +Wirksamkeit versagte, sechzehntausend Mann stark aus und marschirte +gegen die Vendée, und bald standen mehrere Heere vereinigt, die eine +Armee von sechzigtausend Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch +durch die Nationalgarde aller Provinzen, durch die das Heer zog, +vermehrt werden sollte. Es erfolgten, wie bekannt ist, die +allerblutigsten Gräuel; die Vendée sollte ausgefegt werden, kein Alter, +kein Geschlecht verschont bleiben, und also geschah es. Doch ich will ja +nicht die Gräuel dieser scheuslichen Kämpfe schildern, sondern ein +unverhofftes Glück, das mir der Himmel auf eine wunderbare Weise in den +Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht nach der anderen nach le +Mans, der tapfere Prinz Talmont und sein Kampfgenosse d’Autichamps waren +bei einem Angriff auf Doué, an der Spitze von fünfundzwanzigtausend +Mann, geschlagen worden; ebenso vor Thuars General Lescure mit +zehntausend, und das Schrecklichste stand bevor. Mit dem Gedanken an die +Beschleunigung meiner Abreise beschäftigt und überlegend, wie ich diese +am geeignetsten einrichten wollte und auf welchen Wegen ich am +schnellsten und gefahrlosesten die nördliche Küste gewinnen könne, gehe +ich eines Abends gegen die Zeit der Dämmerung auf dem reizenden +Spaziergang, der den Namen le Greffier führt, auf und ab, als ich einige +laute Worte, hervorgestoßen von einer rauhen Mannesstimme, vernehme, und +dazwischen Schluchzen und Stöhnen eines leidenden Weibes. + +Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim +Nähertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich siehst du nie +wieder! Gehe hin zu deinem süßen girrenden Correspondenten, mit dem du +nun schon einige Jahre zärtliche Briefe wechselst, wir beide sind +getrennt auf ewig, ich scheide mich von dir – ich fluche dir! + +Trafen schon diese Worte erschreckend mein Ohr, so erbebte noch mehr +mein Herz, als ich die gemißhandelte Frau ausrufen hörte: Um Gottes, um +des Kindes Willen, Berthelmy, hab’ Erbarmen! + +Wessen Kindes, treulose Schlange? schrie der Mann. Fort, fort, ehe ich +mich vergesse, ehe ich dich tödte! + +Raschen Schrittes enteilte er, und das arme Weib sank wimmernd in die +Kniee. + +Mich bannte starrer Schreck an diesen Ort – dieser Name Berthelmy – +diese Stimme – außer mir stürzte ich auf die Unglückliche zu und rief: +Bist du es, Angés, geliebte Angés! O komme zu dir, fasse dich, der Gott +der Liebe sendet dir einen Retter! + +Wie, Sie kannten diese Frau? riefen Ludwig und Fluit staunend wie aus +einem Munde. + +Ja, verehrte Herren, ich kannte sie, ich liebte sie, ich hatte sie +verloren, und fand sie hier wieder, wo ich sie nimmer gesucht hätte. Ich +muß, um Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein früheres Ereigniß +einschalten. Es war im Jahre siebzehnhundertachtundachtzig – ich zählte +damals dreiundzwanzig Jahre, als eine Reise mich nach Deutschland +führte, wo ich am Niederrhein, in Bonn, Köln, Düsseldorf und deren +Nachbarstädten kaufmännische Verbindungen anknüpfte; von da reiste ich +in die Pfalz. In Zweibrücken führte mich der Zufall zu einer reichen +Kaufmannsfamilie, Namens Daniels, in der ich neben einigen Brüdern ein +junges Mädchen kennen lernte, zu welcher sich beim ersten Erblicken mein +ganzes Herz hinwandte. Sie stand in der ersten Jugendblüthe, und wurde +nicht mit einem deutschen, sondern mit einem französischen Namen +gerufen, getreu der in Deutschland so häufig in vornehmen Häusern +heimischen Unsitte, die Muttersprache zu verachten und der +fremdländischen zu huldigen. Ich liebte das Mädchen heiß und innig, sie +wurde das Ideal meiner Jünglingsschwärmerei, ich brach meinem Vater das +gegebene Wort, doch nicht in solchem Grade, daß ich ein bindendes +Versprechen gegeben hätte. Dazu kam es nicht, aber es entspann sich ein +außerordentlich zartes, schönes Verhältniß, der Juwel im Kranze meiner +Erinnerungen. Angé’s Eltern und ihre Brüder würden es gar zu gern +gesehen haben, wenn ich ohne weiteres mich Angés gleich verlobt hätte, +denn einmal gefiel ich ihnen, wie ich mir schmeicheln durfte, +persönlich, und dann mochte ihr kaufmännischer Sinn wohl berechnen, daß +der Sohn des Hauses van der Valck in Amsterdam keine ungeeignete +Verbindung mit ihrem Hause in Aussicht stelle. Um nicht mißdeutet zu +werden und das junge Glück unserer seligen Liebe nicht selbst zu +zerstören, vertraute ich dem älteren Bruder des geliebten Mädchens an, +daß ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht über meine Hand verfügen +könne, wenn auch mein Herz noch so sehr dazu drängte; daß aber Geduld +und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begründen würden. Ich genoß mein +Glück und blieb so lange wie möglich in dem schönen Zweibrücken, und als +ich endlich scheiden mußte, wurde fleißiger Briefwechsel zwischen Angés +und mir verabredet, und die Aufschriften und Bestimmungsorte der Briefe +festgestellt. + +Froh und zugleich schmerzhaft bewegt schied ich von der Geliebten, und +wir schrieben einander zuweilen, freilich nur in großen Zwischenräumen – +weite Reisen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der +Heimath entführten, oft in weit entlegene Länder, beeinträchtigten sehr +den Briefwechsel mit dem sehnsüchtig auf meine Wiederkehr harrenden +geliebten Mädchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn +in meinem Verhältniß daheim änderte sich nichts. Wohl aber änderte sich +viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb für treulos – ein +Franzose, Kaufmann wie ich, kam in ihr älterliches Haus, sah Angés und +verliebte sich in sie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben +gemacht hatte, als eine junge von ihrem Geliebten verlassene Mutter mit +der Pflege eines zarten Kindes, eines Mädchens, beschäftigt fand. + +Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jungfräuliches +Erröthen auf die Wangen des Jünglings. + +Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernstem +Blick, der jeden unlautern Verdacht zurückwies: eines Kindes, das ihr +viele Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer +macht. + +Etienne Berthelmy, so hieß jener Franzose, ließ sich durch das Kind +nicht abhalten, Angés um ihre Hand zu bedrängen, wies gesicherte +Verhältnisse nach, bestürmte Eltern und Brüder um deren Zustimmung, und +Angés, die mich aufgeben zu müssen glaubte, gab endlich halb +widerstrebend und unter der Bedingung nach, daß sie durch keine andere +Macht, als durch den Tod, von dem Kinde getrennt werden dürfe, weil es +das ihr anvertraute Pfand einer hohen geheimen Liebe sei. + +Von einer Reise zurückkehrend, fand ich einen Brief von Angés vor, der +aus Paris geschrieben war; es war ein schmerzlicher Abschiedsbrief, +durch den eine leise Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb +erzwungenen Schrittes und eine unvergängliche Liebe hindurchblickte. Ein +Mann, der weniger innig und treu geliebt hätte, wie ich, hätte diese +Wendung vielleicht nicht ungern gesehen – mich machte sie äußerst +bestürzt und ich weinte meinem verlorenen Glücke bittere Thränen nach. +Je mehr ich Angé’s Brief wiederholt las, desto mehr las ich zwischen den +Zeilen den Wunsch des geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben, +ihr nicht zu zürnen, und ich schwur Ersteres ihr und mir in Gedanken zu. +Ich schrieb unter der angegebenen Aufschrift wieder an sie, und erhielt +auch bald darauf wieder Antwort, und zwar aus Mons. Sie schilderte mir +ihr Leben, erwähnte auch des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern +ihres Mannes, ihres Wohlstandes und ihres im Ganzen glücklichen +Verhältnisses; der Brief überhaupt aber athmete so viele Wärme und so +zärtliche Gefühle für den ersten Jugendfreund, wie sie mich nannte, daß +mein Herz immer aufs neue befangen ward, und daß ich eine starke +Sehnsucht empfand, Angés wiederzusehen. War dieses Verlangen vielleicht +sträflich, nun so fand es auch seine volle Strafe. Ich antwortete +sogleich, sprach mich im angedeuteten Sinne aus, erwiederte die +Offenbarung der alten nie rostenden und ersterbenden Neigung, und fragte +an, ob es möglich sein werde, sie wieder zu sehen, ohne ihr +Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine Antwort auf diesen Brief, +bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem ersichtlich war, daß +Angés meine Antwort nicht erhalten hatte, denn sie klagte, daß ich sie +ganz vergessen zu wollen scheine, und führte an, daß es sie tief +schmerze, sich von mir verachtet zu sehen. + +Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, daß mein Brief +verloren gegangen sein solle, denn die politischen Bewegungen in +Frankreich hatten schon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches +Wirrniß zu erregen, und so sagte ich mir: was sollst du lange schreiben, +wie nahe ist nicht Mons? Ich nahm ein Geschäft zum Vorwand und reiste +nach dieser Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem +Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrücken, auf der Mairie, auf +den Paßbureaus, auf der Post, nirgend eine Spur. Nie sei jemand dieses +Namens hier gewesen, wohl aber, so hörte ich auf der Post, ein Brief, +der noch unter dem Gitter als unbestellbar ausgelegt sei, an eine Person +dieses Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht +erholen, wußte nicht, was ich denken sollte, reiste höchst unzufrieden +zurück, und schrieb nun Alles, was ich Angés hatte sagen wollen, in +einem Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur +Weiterbeförderung nach Zweibrücken sandte. Gleich darauf entfernte mich +abermals eine lange Reise vom Hause, und auch bei der Rückkehr fand ich +keine Antwort vor; wahrscheinlich, so redete ich mir ein, hatte die +Einsicht der Eltern für besser gehalten, meinen Brief, als zu nichts +Gutem führend, unbestellt zu lassen. Ich betrauerte sie als verloren, +konnte sie aber nimmer vergessen. + +Da führte mich das Geschick zu einer Reise nach Paris, und von da in die +Vendée nach le Mans; da sah ich durch des Zufalls unerforschliches +Walten die Geliebte in einem der schmerzlichsten Augenblicke ihres +Lebens so unverhofft und plötzlich wieder, und die nächste Minute klärte +Alles auf. Sie hatte als Deutsche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes +das le vergessen, hatte das a undeutlich geschrieben, ich hatte Mons +statt Mans gelesen, und an drei Buchstaben lag es, daß unsere Herzen so +lange ohne Kunde von einander blieben. + + + + +7. Angés. + + +Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine scheidenden +Strahlen noch magisch versilberten; kühler wehte die Nachtluft und +unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der »vergulden Rose.« +Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich über das Schiff. + +Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach +Leonardus seine Erzählung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine +beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger dem +Weitergange der Erzählung mit lauschenden Ohren gefolgt wären, so +wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie +ferner zu unterhalten, und verließen, obschon nur halb befriedigt und +auf den Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu +begeben. + +Lebhaft beschäftigte das Gehörte Ludwig’s Phantasie; sein ganzer Antheil +an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht, und da +er sich wohl denken konnte, daß dessen Verhältniß bei der Heimkehr sich +sehr eigenthümlich gestalten könne, sann er darüber nach, wie wohl +Leonardus handeln müsse und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes mit +jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoßenen und im Zorn +verlassenen jungen und gewiß auch schönen Frau zu vereinen. + +Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jüngling sanfter Schlummer, und +das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in +tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht. + +Als der Morgen klar und schön wie der gestrige Tag anbrach, war vom Bord +der »vergulden Rose« aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff war +schon auf der Höhe des Juister Riffs und mußte in einem großen Bogen das +nordwestwärts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln, um +dann zu wenden und südwestwärts zu steuern. In der Ferne, wo die Küste +gedacht werden mußte, stiegen leichte Nebel empor, und als die Sonne +aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß sich heraufhob, traten +nach und nach die größeren Inseln Schirmonikoog und Ameland in Sicht. + +Nach einigen abgethanen Geschäften und nachdem auch der junge Graf nicht +versäumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp’s +Braunen zu überzeugen, die im Packraum der »vergulden Rose« zwar enge +aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefährten in der +Kajüte des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus +ließ sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht +abgebrochenen Erzählung bitten. + +Angés, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blüthe, wie ich sie als +Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas so +Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs +Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir +nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angés versprach +mir, nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und +bald hing die zarte, bebende Gestalt tief verhüllt an meinem Arme und +erzählte mir Alles. + +Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beseelt, die kaufmännische Feder mit +den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Bürger-Soldat und hatte, +vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswürdiger junger Mann, +sein Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften +eines tüchtigen Soldaten setzte. Mit dem Wachsen seines Bartes wuchs +auch sein verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen +seine Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht +war. Dabei vernachlässigte er sein Geschäft und kam schnell zurück. Daß +das Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés sei, ließen +weder Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine +sah sich unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé’s reines +Gemüth zu verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine +maßlose Eifersucht, und Angés wurde von ihm und seinen Eltern mit +Argusaugen bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie +sich einen Spaziergang mit dem Kinde vergönnen. Tausendmal bereute Angés +ihren ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen +Schritt, und wünschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte +Menschen, an eine freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die +noch, wie die ganze Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck, +ihr, der Deutschen, der Protestantin zumal, durchaus keine gemüthliche +Ansprache bot. + +Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der +einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Geliebte, und sie, +zurückgestoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung. +Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die +eifersüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit +der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungslosen Menschen griff +er in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand +und las Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine, +nach ihrer Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie +ein unsinniger Wüthrich, gebot Angés, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu +verlassen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte sie dies +selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen +stand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der +Unmöglichkeit war, daß ein zartes, schönes und junges Weib mit einem +kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vendée +zuwälzenden Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um +jeden Preis. + +Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr trostloser Zustand und +die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemüthes, als Angés dies alles +mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; daß geholfen +werden müsse und daß niemand helfen könne und werde als ich, stand klar +vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und +verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir rasche Entfernung +möglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber +das Kind – von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie sie so heilig +betheuerte, nicht lassen. + +Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schönen belebten +Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebespaar halten +mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angés. +Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geschehen +sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die +Straßen durch Patrouillen gesäubert, und niemand durfte ohne wichtige +Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlassen. + +Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte +Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung +aus wachsender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich +war ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein so holdes +gequältes Geschöpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen +unbegrenzten Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angés nach ihrem +Wohnhause zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft +besitzest mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und +harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glück. + +Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy’s, betagte Leute, hatten sich +bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angés nahm, +was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das +schon schläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm +an, anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde +mit ihm zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefühlen +ihrer auf der Straße harrte. Die Kleine war still, die süße Stimme ihrer +vermeinten Mutter hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte +Last auf meine Arme, und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das +nicht fern vom le Greffier gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die +Nacht war mondhell, ich ließ den Kutscher anspannen, und sagte dem +Wirth, daß eine nahe Verwandte von mir mich begleiten werde. Einige +Goldstücke über den Betrag meiner Rechnung bewogen meinen gefälligen +Wirth, sich zur Mairie zu begeben, um für seine Verwandte, welche mit +ihrem Bruder, der aus Amsterdam gekommen sei, sie abzuholen, und mit +ihrem Kinde nach Holland zu reisen gedenke, einen Paß zu erbitten, und +unser Abenteuer lief ganz glücklich ab; wir waren, als die +Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit aus dem Weichbild +der uralten Bischofstadt und Angés pries den Himmel und mich unter +Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner Bedingung eine +solche That, als die meine war, die förmliche Entführung einer +verheiratheten Frau, unter andern Verhältnissen begehen mögen, aber +hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und +hatte gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in +der bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schöner +Herbstwitterung begünstigt, dem geschlängelten Lauf der von Norden +herabkommenden Sarthe entgegen, rasteten in Alençon, reisten über Sens +und Argentan, Falais und Caën, und gewannen glücklich das Küstenland. +Ein kleines Schiff führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters +»vergulde Rose«, Kapitän Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar +zarte Lilien an Bord zu nehmen, nebst mich und meinen Diener. + +Ja – ja – brummte der Kapitän – ein verteufeltes Wagestück – wollen +sehen, wie es enden wird! + +Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag, +und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin +am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, sorglos und um die nächste +Zukunft unbekümmert – wissen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals +vielen Champagner und Dry Madeira – es war mein Geburtstag, der 22. +September. + +Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag +ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß der +meinige auf denselben Tag fällt. + +Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän. +Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden +Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten +Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den +Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, für +ein Frühstück nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter +der Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch +zum Frühstück munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreideweiß, +werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländisch +tractiren. + +Der Kapitän entfernte sich mit schallendem Gelächter, nachdem seine +Reisenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünscht hatten, um alles +Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig’s Hand, drückte +sie mit Wärme und sprach: Junger Herr! es ist in der That wunderbar, wie +viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil werden läßt. +Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schließen für das ganze +uns noch vergönnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von unbegrenztem +Vertrauen zu Euch! + +Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die +Großmutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hüte dich vor +falschen Freunden. – Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein, +nicht werden; sein offenes blühendes Gesicht drückte Biederkeit aus, +seine Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue. +Ludwig bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung +gerne beide Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen +hohen Begriff; mein Lehrer in der griechischen Sprache ließ mich die +Sprüche des großen Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich: +»Gerechte Freundschaft ist der sicherste Besitz! – Kein schöneres Gut +auf Erden, als ein Freund! – Den Göttern gleich verehre willig Freunde! +– Für Brüder achten sollst wahrhafte Freunde du!« + +Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich küssend +in Ludwig’s Arme. + +Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und erwiderte +den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglingsherzens, das sich +bisher in holder Unbefangenheit und in schönen Idealen hatte nähren und +aufrichten dürfen. + +Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte +Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines +Solon mit einem Ausspruch des größten Dichters unserer britischen +Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt: + + Den treuen Freunden will ich weit die Arme öffnen, + Und wie sein Kind der Lebensopf’rer Pelican + Mit meinem Blut sie tränken. + +Das Erscheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem würdigen +Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen und zu +beleben im Stande ist, unterbrach die Ergüsse jugendlicher Erinnerungen +an tiefeingeprägte unsterbliche Dichtergedanken, und es begann die +heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und wohlgesinnten +Kapitäns. + +Schon näherte sich das Schiff der Küste der Insel Ameland, an deren +nördlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der +Watten links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstraße einhalten +mußte. Die »vergulde Rose« behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten +die Inseln Ter Schelling und Vliland näher oder entfernter, die +friesländische Küste aber in stets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken +in Sicht, bis es dieser bei dem sagenreichen Stavoren vorüber am +nächsten kam. + +Als Kapitän Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in +die Gläser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden +ausgebracht war, verließ Leonardus schnell die Kajüte. + +Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaßen bestürzt und +verwundert über diesen raschen Aufbruch. + +Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr +Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und siehe, bald +darauf wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem +freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein über alle +Beschreibung schönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem +unendlich reizenden keuschen Erröthen Angés Berthelmy. + +Ludwig und der Kapitän erhoben sich zum freundlichen Gruße der +Eintretenden, und indem sie einen schüchternen Blick auf Ludwig warf, +erglühte sie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr +Bruder! + +Ja, mein Bruder, gute Angés, nimm ihn immer dafür! Nicht wahr, sie darf? +fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger +Verwirrung, ja fast mädchenhaft: Wohl, sie darf, welch’ eine +liebenswürdige Schwester gewinne ich dabei! + +Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden sich niederzulassen; +sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich selbst traulich +anschmiegend an Leonardus Seite. + +Ludwig konnte, nachdem er an Angé’s Schönheit seine Augen vollgeweidet, +diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie war von +blühendster Frische und von der zartesten Färbung der Haut, sie hatte +ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in Ringellocken um +das Engelsköpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln Augen, die man nur +irgend sehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier Jahre zählen, +erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu einem +schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Französisch. – Nur leise nippte +Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien edel, zart, +zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe des +Gemüths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab. Sie +saß vielmehr befangen bei den Männern, und machte sich, oft erröthend, +viel mit dem Kinde zu thun. Das Gespräch lenkte sich der allernächsten +Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin, denn es wurde +allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken. + +Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er. +Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unsere Bitte! Nimm +dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in +Amsterdam zu weilen gezwungen bin. Angés kennt mein ganzes Verhältniß, +ich brauche nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann sie nicht +bleiben, ohne unserm guten Kapitän Ungelegenheiten zuzuziehen; daher +vertraue ich sie dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß sie +unter deiner Obhut wohnen, sage, daß sie deine Verwandte sei, deine +Schwester, nimm sie in deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was +du für sie und dieses holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste +Kind aufwendest, will ich ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe +fest, daß ich mich bald wieder werde befreien können, und dann dich +freigeben. Du botest mir deine Dienste freiwillig an, guter Ludwig, +zürne mir nun nicht, wenn ich die dargebotene Hand ergreife als den +Rettungsanker meines sonst unfehlbar sinkenden Lebensschiffes. O +geliebte Angés, theurer Fluit, helft mir ihn bitten! + +O, wenn Sie wollten gütig gegen uns sein! sprach Angés mit Flötenlauten, +und ihre Augen standen voll Thränen. + +Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus +mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur +der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wünscht, und +ich vollbringe es mit Freudigkeit. + +O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und Angés, +und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem einige +Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem Riethgras, und +füllte von Neuem die Gläser, indem er anklingend rief: Auf gutes Glück! +– Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen! riefen die +andern drei, und tranken die schäumenden Becher leer. Lächelnd und +verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Händchen nach dem +Becher und Angés beugte sich liebevoll zu ihm nieder und ließ es nippen, +froh des willkommenen Anlasses, die Thränen der Rührung und Freude zu +verbergen, die ihr aus den schönen Augen stürzten. + +Das Schiff segelte, während die Mittagsstunde nahte, ohngefähr in der +Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach +Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, welches der +»vergulden Rose« nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen +zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich +befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe +einen in der Möglichkeit liegenden Zusammenstoß zu vermeiden. Der +Kapitän dankte daher seinen Gästen für die Güte, seinen Geburtstag mit +ihm gefeiert zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet, +zum Steuerbord hinauf, während Angés mit dem Kinde sich freundlich +grüßend in ihre abgesonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem +Lauf der »vergulden Rose« in gerader Richtung folgte, war ein kleiner +Schnellsegler, und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht! + +Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus. + +Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souveräns, der auf dieser +Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den +Grund segeln würde? fragte Ludwig. + +Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die +reichsgräfliche Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der +liebste und thätigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien +boven! Oranien boven! + +Dieser volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der +Partei des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete, +war zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer +oranischen Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte diese auch +dort auf der Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann +Befehl, so viel als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht +das Fahrwasser freizugeben. + +Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines +Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der »vergulden Rose« blickte. +Ludwig drehte sich, da er nicht wünschte, von Jenem gesehen und erkannt +zu werden, rasch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem sehr +frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte mit +tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost +sagen, daß ihr Zustand sich merklich gebessert haben müsse, sonst werde +Graf Wilhelm sie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände +zurückgelassen haben. Der überaus günstige Nordostwind, der den ganzen +Morgen über geweht, hatte die gut segelnde schöne Susanne überaus rasch +vorwärts gebracht und südwestwärts getrieben; sie hatte erst am frühen +Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch +ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Wasserweg +zwischen der Küste und dem Wangerland einschlagen können. Als die schöne +Susanne der »vergulden Rose« ziemlich nahe vorbei rauschte, erfolgten +die üblichen Grüße, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch zwei +Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam zu +hielt, der vergulden Rose außer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine +einmastige Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nähe der sechs Seemeilen +langen und fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevölkertes, +blühendes Land gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der +Schiffer, wie über diesen weit gedehnten Meeresstrich die Wellen eine +andere Gestalt annehmen, sich eigenthümlicher kräuseln, als auf offener +See, oder im günstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches +Rollen und Rauschen, stärker als an andern Strichen der See vernehmbar, +und es ist gar kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das +eines Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der +versunkenen Dörfer mit grellem und schauerlichem Klange läuten hört. +Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schöne unermeßlich lang +gedehnte, wogenüberströmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren +hinauf sich erstreckte, und der Kapitän murmelte, gleichsam als +trauriger kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: #al daar +verdronken – verdronken en’t jaaren van een duizend twee honderd en +zeventwintig, en een duizend twee honderd en zeventachtig.# – Dort +breitete sich vor Stavoren die lange weiße Düne, der Frauensand, auf +dem ein junges Saatengrün oder einst in das Meer geworfener Waizen als +unfruchtbarer Dünenhafer aufzuschießen begann, und sperrte den Hafen, +hemmte dem früher so blühenden Verkehrsort das Anlegen größerer Schiffe. +Jetzt lief die »vergulde Rose« ein in das riesige Wasserbecken der +Zuider-See. Der Abend sank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht +war, und als abermals ein schöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte, +steuerte das Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer +Fahrt schier phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch +den Nebel der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenspiele von den +Thürmen der gewaltigen Großstadt machte einen eigenthümlichen Eindruck. +Das Getön war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es +überlärmt vom vollen sich früh entwickelnden Leben der Straßen, von +tausend und abertausend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fässer, dem +Geschrei der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe +einer steten Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden +Abschied von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein +Wiedersehen, und Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen +einen ortskundigen, berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie +überall in großen Städten lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die +unersättliche Habgier und das Diebesgelüst, das in jedem Ankömmling ein +Ziel für die Beraubung sieht, in tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was +sich in solcher Absicht an die Ausgeschifften herandrängte, stob von +dannen, als Leonardus in derben wohlverständlichen Lauten der +Muttersprache das lungernde und lauernde Gesindel zurückdonnerte, und +nun manch grollendes: #Zy zyn geene patrioten, zy zyn van den verdoemten +voornaamsten – zy zyn Oranje äppels – Gekken!# und dazu ein dem +Verdrusse Luft machendes Hohngelächter. Mit großer Gewandtheit und +Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein zurückgeschlagener Wagen ward +genommen für ihn, Ludwig, Angés und Sophie, das wenige Gepäck ward +untergebracht, Philipp bestieg den Braunen und führte die schöne +Isabella dem Wagen nach, die freudig wieherte, als sie nach dem langen +ermüdenden Stehen im Schiffsraum wieder sichern Boden unter ihren Hufen +fühlte. Und nun ging es bald rascher, bald langsamer durch wimmelvolle +Straßen und über geräuschvolle Märkte, bis endlich das Gasthaus +erreicht wurde, in welchem Leonardus dem Freund und der Geliebten eine +ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte. Alles zu Ordnende ordnete sich +leicht und rasch. Die Fremden mietheten und bezahlten die ihnen nöthige +Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus, und fanden die trefflichste +Einrichtung und die berühmte holländische Reinlichkeit in sich selbst +übertreffender Weise; Alles auf das Wünschenswertheste, als sei es +längst vorausbestellt. Kein Stäubchen auf Gesimsen und Möbeln, jede +Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn, Papier, Oblaten und +Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der Kalender, nicht auf +dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten mit den +allerschönsten und buntesten Figuren, Männchen und Götzenbildern von +Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte und dem +Sonnenlande Nippon. Prächtige starkbauchige Porzellanvasen hauchten in +ihrer Eigenschaft als Räuchertöpfe köstlichen Wohlgeruch aus, und in +zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche +Erstlinge. + +Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das älterliche +Haus begrüßen, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst +einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmittags- und Abendzeit +benutzen, ihn und seine Angés den Genüssen zuzuführen, welche Amsterdam +in so reicher Fülle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle Herr +Adrianus von der Valck Angés sehen; sie solle suchen dessen Herz zu +gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lösen, +das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen, +der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angés hörte diese Pläne +mit einem Gefühle von Wehmuth an, welches sie niederzudrücken strebte, +aber als Leonardus geschieden war, vermochte sie ihre Thränen nicht mehr +zurückzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem +Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und +hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache +Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem geliebten +Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu +entschuldigen, wenn ich sein plötzliches Erscheinen in einem +Augenblicke, welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink +Gottes hielt. Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu +überlegen bei der Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte +sich mir ein anderer Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr +Leonardus mich liebt, wie sehr mein Wunsch wäre, ihm anzugehören, so +darf es ja nicht sein, da ich noch nicht von meinem Manne geschieden +bin, und wieder darf es nicht sein, daß ich mich als Last an des edlen +Freundes Fersen hänge, daß ich zwischen ihn und seines Vaters +Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glück seiner Zukunft an der Hand +einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde, mich dränge. Ich könnte +nur störenden Unfrieden hervorrufen, und dafür möge der allmächtige Gott +mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede ist und was er wiegt im Leben +der Familien; er ist wie ein fressendes Krebsgeschwür, dem nicht Messer, +nicht Salbe des Wundarztes völlig Einhalt zu thun vermag. + +Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schönen, noch so +jungen und schon so unglücklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen +Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er +sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte +Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthümliches; es wird Alles darauf +ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Stärke ist, daß er +alle derselben sich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne +selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglück ein Opfer zu bringen. Es ist +nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein solches Opfer nicht erwarten +und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich sein können, falls es +dennoch dargebracht würde. + +Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot +Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thränen verklärtem Lächeln +schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz Vertrauen. +Darum preise ich mein Geschick, daß der Himmel Sie uns zuführte, und ich +will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es Leonardus, die zu +fürchtenden Schwierigkeiten zu überwinden, so wird er auch Rath finden, +jene Schritte zu thun, welche nöthig sind, die Scheidung von meinem +Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so muß ich von ihm scheiden, +denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute Sitte +den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war +sie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der +innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kämpfen, +ich fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann +habe ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein +Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine +Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten. + + + + +8. Das Haus van der Valck. + + +Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit seinen +Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mußte erstaunen über +dieses von außen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche +Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer, +Mahagonigetäfel der Wände, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben +der Fenster. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten +Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle Vorhänge, +herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten +ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Fülle +prachtvoller Vasen, von ächt chinesischem und japanischem Porcellan, und +innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Silbergeräthen zur Schau +gestellt. An den Wänden, wo nicht französische oder flandrische Gobelins +diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemälde der +niederländischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten +Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder +Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und +Thüren riesige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare +rother, weißer und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Kästen +mit Riesenschmetterlingen aus Surinam und Amboina, Erzstufen aus Peru, +von den Küsten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen von +blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei +lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdländisches +Gethier, Cacadu’s, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende +Fülle von Gegenständen, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks +solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethörend +wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser +eben vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz +ungesucht zur Schau gestellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem +Freunde das Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast +enges Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem +einige Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer +abgeschieden war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube +an einfachen schwarzlakirten, mit allem Nöthigen versehenen Tischen und +Tafeln saßen. Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geschäftes bequem +angebracht, vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten +Briefschaften, Wechsel, Quittungen und was sonst der tägliche Gang der +Geschäfte erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus +einem etwas größeren, ebenso wie das Kabinet höchst einfach +ausgestatteten Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der +großen Schreibstube war eine eigenthümliche Vermählung der Gerüche von +Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schärfe. + +Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig +aussehender Mann mit schneeweißem Haar, darüber eine kleine +Zopfperrücke, welche er mit schwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach +kurzem grüßenden Lüpfen dieses Käppchens auch bedeckt hielt. Er bediente +sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase +klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine +altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strümpfe mit +Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelsteinschnallen. +Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte sich +Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um +möglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmännischen Schreibstuben +üblich sind, und als dieser Aufforderung von ihm genügt war, überreichte +er einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf +prüfend an, und fand alles in bester Ordnung. – Sie sind uns gut +empfohlen, Herr Graf, nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in +Amsterdam willkommen. Welche Absicht führt Sie zu uns und in welcher +Weise kann unser Haus Ihnen dienen? + +Die erste dieser Fragen gleich überspringend, da deren Beantwortung von +keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen, +ohne einen Geschäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus +vielleicht nicht zugesagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die +zweite: Meine Frau Großmutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung +einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus +angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem +Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gütigen Rath zu +ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb +selbst nach Paris reisen zu müssen, wohin ich zwar allerdings auch zu +gehen gedenke, nur dürfte vielleicht eine günstigere Zeit dazu +abzuwarten sein. + +Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und machte +indessen mit seinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach Außen, indem +er die gefalteten Hände phlegmatisch auf seinem sammtmanchesternen +Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor sich hin: Pariser Stadthaus, +#l’hôtel de ville,# und weiter nichts, aber er begleitete diese Rede mit +einem bedenklichen Kopfschütteln. Darauf drehte er sich auf seinem +Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen +Büchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbände mit +chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung +auf dem Rücken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines +dieser Bücher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und +schlug es auf, indem er suchend murmelte: #De la Tremouille, de la +Tremouille.# Halb laut und unverständlich las Adrianus erst Einiges für +sich, und sprach dann laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Güte haben, +mir Ihre Papiere zu zeigen? – Ludwig reichte das Betreffende aus der von +der Großmutter empfangenen Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte +nun lesend seine Brille fester und schrieb von Zeit zu Zeit mit der +wieder zur Hand genommenen Feder auf die lederne Schreibunterlage +rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß er für dieselben noch Raum fand, +so unendlich viele Zahlen waren schon in ähnlicher Weise auf dieses +alterbraune Leder geschrieben worden. + +Nach einer Weile, während der Kauf- und Handelsherr noch mancherlei für +sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir +jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau +Reichsgräfin Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthause zu Paris +belegten zweihundertfünfundfünfzigtausend Livres gehören zu den +immerwährenden Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und +einundzwanzig begründet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden +Frankreichs dahin privilegirt wurden, daß die Verzinsung bei denselben +Kassen nach wie vor bleibe und daran keine Kürzung geschehen könne. Nur +bei Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug +gebracht. + +Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu Paris +angelegt ist, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die Kapitalsumme +der später geschaffenen Leibrenten, #rentes viagères,# aber nur vier +Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünfundzwanzig Millionen +bald verschlungen sein würden, wenn der unglückliche Hof und die +zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im Stande +gewesen wären, ihre angelegten Kapitale flüssig zu machen und außer +Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos tolle +Wirthschaft in Frankreich die Besitzthümer der französischen +Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in +Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille, +Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose +Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie sie es hält mit den +Geldansprüchen auswärtiger Souveräne, ist mir noch nicht bekannt. – +Meine Großmutter ist auch königlich dänische Gräfin, warf Ludwig ein, +dessen Aussichten sich merklich verdüsterten; aber der alte van der +Valck entgegnete: Frankreich hat allen europäischen Souveränen den Krieg +erklärt, folglich auch der Krone Dänemark, und diese kann kein +Schutzrecht üben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat +keinen Gesandten in Paris. Es steht überhaupt ziemlich mißlich mit +diesen Geldern, fuhr er fort; nur geordnete Zustände taugen für den Gang +der Geschäfte. Eine Revolution, die sinn- und zügellos alle Banden +sprengt, die, indem sie das Staatsleben läutern will, den Staat in das +tiefste Unglück stürzt, ist nicht fähig, auch nur die mindeste Bürgschaft +für etwas Anderes zu geben, als für ihren vaterlandsfeindlichen und +verderblichen Wahnsinn. Vor einigen Jahren wäre die günstige Zeit +gewesen, daß die Interessenten der immerwährenden Renten ihre Contracte +hätten verkaufen, und sich mit dem gehobenen Gelde bei den Leibrenten +betheiligen können. Aber auch dies würde ohne namhafte Verluste nicht +abgegangen sein. Im Jahr siebenzehnhundertsechsunddreißig war der Cours +jener immerwährenden Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch +hatte er sich kurz vor der Revolution wieder bis zu fünfzig Procent +gehoben, was wäre das indeß gewesen? Im günstigen Fall hätte ein +Betheiligter statt zweihundert Livres nur einhundert erhalten, und wäre +der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig gegangen. Gesetzt, das +Stadthaus vermöchte seinen Credit aufrecht und seinen Gläubigern Wort zu +halten, in was würde es jetzt Zahlung leisten? In Lumpenpapieren, in +Assignaten, für die ich, so wahr ich Adrianus van der Valck heiße, nicht +einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe! + +Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich über dessen +etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen; indeß +fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die +Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angeführten +Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stände Alles so +gut wie es schlecht steht, bei den immerwährenden Renten ein Interessent +über fünf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also +schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent +lüstern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchstens für ihn +und eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Cölibat lebte und +bis an ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht +außerdem noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des +Nutznießers Tode erlöschen, er möchte verheirathet sein und Leibeserben +haben oder nicht. + +Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lästig fallen, darf an +dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau +Reichsgräfin Excellenz werden sich gnädigst zu erinnern geruhen, was +Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfünfzig verlangt und +wessen sie sich damals erklärt haben, als es sich um den ihrerseits +auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille’schen +Renten für ihre Herren Söhne handelte, den sie sich ausdrücklich +vorbehielt, und bestimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die +Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaßen +belegt bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der +offenbarste Schaden in die Augen springt und jetzt gar Nichts zu hoffen +und zu erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf +von Varel? + +Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brausenden Wasserstürzen +auf dessen Schaufelrädern umginge, verstört fuhr er auf, und antwortete: +Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen Menschen, der +Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen Sie mich +nach antiken Münzen, so kann ich Ihnen die griechischen, römischen und +barbarischen nach Städte-, Provinz-, Königs- und Herrschernamen an den +Fingern herzählen, ebenso die römischen Consulares, Familiares und +Kaisermünzen, aber vom neuen Geld verstehe ich nichts. Ich weiß wohl den +Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht den Cours der Papiere, darum +erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich beginnen soll, mindestens zu +versuchen, die angewiesenen Summen ganz oder theilweise zu erheben? + +Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name +und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau +Reichsgräfin Excellenz hege, würde erstens einem ihrer Angehörigen +selbst ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauses öffnen, +gebieten Sie demnach über uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das +Haus Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein +und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an, +verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gültige +Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und +sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? – +Nein mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren +Vettern mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft – + +Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf ein +Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre +geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwünschte +betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre, +Herr Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja +ja, recht gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht, +machen nur zu oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu +da, ihre Calcule zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig ist, einen +Strich durch die falschen Rechnungen zu machen. + +Bei dieser Rede richtete der alte Herr seine stechenden Blicke mehr auf +seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhörer +abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen saß, und endlich heilfroh +war, daß sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das +Lüpfen seines Käppchens diese Sitzung aufhob. + +Leonardus führte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer, umarmte +ihn mit stürmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz +herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés sehen, sie +liebgewinnen, ein Einsehen haben, sich erbitten lassen! + +Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu +müssen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein beängstigendes +Vorgefühl mir sagt, die Sache könne sehr mißlichen Ausgang gewinnen. Es +war etwas Mißtrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er +mich entließ; ich weiß nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf +dich? + +In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet, +es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt +er nicht, wenigstens nimmt er keine Rücksichten auf den Vorrang höherer +Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die +Ferne. – Ich nahm dergleichen wahr, bestätigte Ludwig; wozu war der +ganze Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar +keine Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weisung, den +alljährigen Zinsabfall derselben zu beziehen. + +Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in +deinem späteren Leben wohl noch oft begegnen, daß sonst ganz +einsichtsvolle und verständige Menschen dich mißverstehen. Gar selten +hört Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, so macht +sie der Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei +der Hälfte ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der +Welt, aber das Geschäft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog +über die Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille’schen +Renten hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals, +dessen niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit +in Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben +wird, die Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun +verfolgte er seine Lieblingsidee und vergaß, denn er ist alt und wird +schwächlich, das eigentliche einfache Hauptanliegen. + +Und ich soll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit. +Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur so +heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in +ein Netz von Täuschungen ein, das mir selbst sehr gefährlich werden +kann! + +Was könnte denn _dir_ geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus +empfindlich. Du bist frei, bist unabhängig; wird mein und Angé’s +unbegrenztes Vertrauen dir lästig, so kannst du leicht das Band +zerreißen, das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden. + +Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine +Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die große +Welt, kenne von ihren Verhältnissen noch so wenig; da ist es kein +Wunder, daß Manches mich befangen macht, daß ich in mir selbst nicht +sicher bin über mein Handeln. + +Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, tröstete ihn der Freund. + +Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater +bereits Argwohn geschöpft hätte, durch Kundschafter schon unterrichtet +wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe +einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm +Bericht erstattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging? + +Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgniß beschwörst du mir da +herauf! rief Leonardus, und seine Züge wurden bleich, die angstvolle +Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn. + +Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angés? setzte +Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es +Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hause Nachricht zu geben, +und in dieses Haus sie zurückzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie +ist gut und edel, sie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück +deiner Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr +trenntet euch, da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger +Freundschaft. Sie konnte sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie +es selbst im glücklichsten Fall als Fremdling, als Andersglaubende hier +in Amsterdam seyn? Sie ist Protestantin, ihr katholisch. + +Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die wahre +Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele Tausende +solcher gemischter Ehen werden nicht alljährlich geschlossen, und gewiß +die meisten glücklich! Du wirst bald gewahren, daß bigottes Wesen uns +fremd ist; unser Geschäft schärft den Blick für das richtige Verhältniß +in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und noch mehr, +Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöser Ueberzeugung +vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen Gottes. + +Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Daß Angés +mitkomme, sei deine Sorge. + +Die Freunde machten in Begleitung Angé’s und der kleinen Sophie einen +Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch +so manches Merkwürdige und Schöne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt +Ludwig’s Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig saß an Angé’s Seite. Noch +einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom ruhigen +Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem +sinnbethörenden Lärm, mit all seinen gemischten Gerüchen von Tabaken, +Häringen, Käsen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwägen voll +Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die +in großen Kübeln plätschernd den Fußgängern Wasser in die Augen und auf +die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matrosen, +Lastträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich, +Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die +Pracht der riesigen, majestätischen Schiffe, dort die Pracht der +Gebäude, die Admiralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von +Windmühlen, die alle arbeiten, als dürften sie nimmer ruhen und rasten, +um dieser unzählbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu +verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast +alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der +Neuzeit, und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit +anzugehören. + +Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straßen des nordischen +Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die schiffebelebten +Kanäle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer noch voll +unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schöner Ordnung. Die +schönste Brücke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit 35 Bogen über +die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das Palais des +Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tausend Säulen, +der schönsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelfülle, wurde +flüchtiger Besuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes +wartete, ergötzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets +verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte häufig +freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre +Blicke auf sich zog, und saß zuletzt in einer kleinen Welt von im +Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen und +bunten Bändern engelfroh und engelschön, ein Bild zum Malen, wie zum +Küssen. + +Späteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen der +reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Märkte, der +Theater, der bedeutendsten Gemälde- und sonstiger Sammlungen. + +An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebäuden, Magazinen, Hallen +und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg vorüber +lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem Ludwig und +Angés Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum Abendbesuche im +Hause des Herrn Adrianus van der Valck. + +Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus führte seine Freunde mit Absicht +etwas früher ein, er wollte und wünschte, daß seine Eltern erst allein, +ohne fremde Zeugen, die Auserwählte seines Herzens sehen möchten. + +Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles +athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner +Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte +Dienerschaft, die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der +Eltern, die ungemein feierlich den Abendgästen entgegentraten, das +Alles kündete Außergewöhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier +seiner Rückkehr in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljährlich +zwei-, höchstens dreimal wurde große Abendgesellschaft gegeben, bei +welcher in dieser Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck +sich kundgeben durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich einfach, +gab höchstens einmal unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem +der alte Herr gemüthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang +anzuthun, und zu welchem nur die nächsten Anverwandten gezogen wurden. +Angés war tief verlegen; sie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus, +daß ihr Anzug, obschon sie völlig passend und keineswegs ärmlich +gekleidet erschien, in diese Räume und was dieselben erwarten ließen, +nicht passe, und noch verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem +die Hausfrau sie ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Gräfin Excellenz +anredete, sich unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genießen, +sie in seinem geringen Hause begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle +von Lob über die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht +der Täuschung, daß Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte? +Hielt der alte Mann sie wirklich für Ludwig’s Verwandte, die Frau eines +seiner Vettern? Konnte, durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen? +Und mußte nicht das beschämende Gefühl sie zu Boden drücken, hier vor +diesen würdigen, hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige +Lügnerin und Betrügerin zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott, +und lauerte auf sie die schmerzlichste Demüthigung? – Während in Angés +diese Gefühle kämpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria +Johanna, geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwürdigen +Matrone, vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen, +als sie Ludwig’s Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als +Ludwig sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an: +Aber Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr? + +Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, #min Vlugteling!# +antwortete sie lächelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht +deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus +van der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag’ ich dir, Leonardus, das +wird ein wahrer Priester und ein Rüstzeug des Herrn und unserer +geheiligten Kirche! Und deine schönen Nichten? Hast du denn gar kein +Herz mehr für die holdseligen Jungfrauen, deine nächsten Verwandtinnen? + +Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten sind mir ja noch +alle lieb und werth, aber hätte es deswegen so großen Prunkes bedurft? + +St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen, +weißt, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines +seligen Herrn Vaters Hause gerade so – #eene goede opvooding hebben, ist +ryke huwelyks-gift# – gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert’s dich, +mein lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit +undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in +Geschäftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen +Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der +Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn +Erbstatthalters, wie von dessen Söhnen? Man muß es mit Niemand +verderben, #by niemand in ongunst raaken.# + +Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich schönen +Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen +Blüthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre +Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln, +sorgte auch alsbald für des kleinen Mädchens Zerstreuung, indem sie das +Kind einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und +allerlei Naschwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus +entfernte sich, um seinen Anzug zu verschönern, und Ludwig wandte sich +wieder zu dem alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nöthigte, und +da noch Niemand von den erwarteten Gästen kam, mit ihm ausschließliche +Unterhaltung begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn +kundgab. Ludwig konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die +Pracht des Hauses, die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen +Räumen ihn umgab, zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr +Adrianus nur mit einem tiefen Seufzer. + +Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser: +Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf, +vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre bürgt mir +dafür, daß Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich +aus gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen +Sohnes sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will +nicht eingehen in meine Pläne, die nur sein Glück begründen wollen; er +ist mein einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann seine Zukunft +golden machen, denn mit mir geht meines Hauses Glück und Glanz zu Ende. + +Unglaublich! flüsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare verschwenderische +Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen bedeutende Häuser? + +Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen +Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu +meinem Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all +mein Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem +entsetzlichen Fall. + +Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes +Erschütterung. + +Dieses Haus, Herr Graf – flüsterte der Alte, nur leise hauchend: – ist +die holländisch-ostindische Compagnie! + +Wie wäre das möglich? fragte Ludwig. + +Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschöpft: +Sie können noch nicht rechnen, haben’s ja selbst gesagt – ein großer +Fehler – ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist +leicht, ist faßlich – aus den vier Species, reine Subtraction! + +Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheißen, hinterließ mir und +meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schönes Vermögen. Die +Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt +das Geschäft. Schon unsere Vorfahren hatten die holländisch-ostindische +Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr +Vermögen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere +Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten +dieselben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit +den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der +Engländer; große Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt +Gesetze vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und +Ternate; sie bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und +in das Küstenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und +verbrannten Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet +und erbaut, Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und +zuletzt das Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug +jedes Hundert holländischer Gulden fünfundsiebenzig Gulden Zins, bald +aber standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig +Procent. + +Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert +Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das sagen +will, ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten für +die Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straßen, +Kanäle, Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorüber. Die +Compagnie ist ein Bild des irdischen Glückswechsels; als ich geboren +ward, im Jahre siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien +fast auf neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig +auf eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf, +eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher +eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also +eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jährlich +einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la +Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so ständen; ich wollt’ es Ihnen +gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer rascher abwärts, schon +von siebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt +stehen? – Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der +Vogel Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die +Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt – sie sind ft! +in die Luft – kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da, +Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu +bezahlen! #Adieu bon esperançe!# Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui! +Ich will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische +that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig +hatten wir zwölf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf +einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott +danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre +Schulden – aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen +anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und können uns mit vollerem +Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba +Geusen, das heißt _Bettler_ nennen. Unser Alba, der uns in den Staub +tritt, ist die Verarmung. + +Erschütternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Riß +eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge +Mann in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein. + +Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glück mit +liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll +er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein +Käsekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likörbrenner? O, Herr Graf, Sie +haben Macht über sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten, +auf daß ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit +zur Grube fahre! + + + + +9. Eine Abend-Gesellschaft. + + +In den vordern Zimmern wurden schlürfende Tritte vernommen, weibliche +Stimmen, es rauschten Gewänder von reichen und schweren Stoffen. Herr +Adrianus drückte Ludwig die Hand, erhob sich und sagte: Die Damen +kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenseitige Vorstellung. + +Der erwartete Besuch trat ziemlich rasch hinter einander ein, ward +begrüßt, begrüßte verwandtschaftlich-freundlich den heimgekehrten +Leonardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauses van der Valck, und es +erfolgte die förmliche Vorstellung, die für Ludwig und Angés wegen der +Täuschung, die sie sich an diesem Orte erlaubte, viel Peinliches hatte, +was aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu umgehen war. Der alte Herr +Adrianus führte die Damen zunächst dem jungen Grafen vor, welche, +während er ihre Namen nannte, steife Knixe machten; eben so steif war +ihre Haltung und Tracht, letztere sehr einfach, aber reich, und Alles an +Stoffen der Gewande wie am Schmuck von höchster Gediegenheit. + +Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines ältesten Bruders +Petrus van der Valck, der schon im Jahre siebenzehnhundertachtundachtzig +starb, trauernde Wittwe. Sie ist die Tochter des Herrn Martinus von +Heynsbroeck und der Frau Anna Maria van der Stoot. + +Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieser +kalten, bleichen und langen Gesichter das ganze Geschlechtsregister +anzuhören bekomme. – Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit +jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran. + +Meine liebe Schwester, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider +ebenfalls schon Wittwe und zwar des weiland Kauf- und Handelsherrn +Theophilus Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieser Zeitlichkeit +schied, leider ohne männliche Nachkommenschaft; hier aber sind seine +Jungfrauen Töchter, Cornelia Petronella, Helena Maria und Christina +Theodora. + +Auch die Gesichter dieser Jungfrauen, von denen eine sogar Helena hieß, +hatten keine helenischen Physiognomien, und keine sah aus, als werde um +ihretwillen ein trojanischer Krieg entstehen. Jetzt trat ein kleiner +junger wohlgenährter Herr heran, mit einem blühenden, vollrunden +Gesicht, ein schmuntzelndes Lächeln umspielte fast stehend seine +frischen Wangen und sein glattes gekelchtes Kinn; man sah ihm an, wie +schwer es ihm wurde, ernst oder gar heilig auszusehen. + +Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner +Schwester Clarina, Wittwe. Wie Sie sehen, Herr Graf, ein geistlicher +Herr, Caplan von Sanct Ottilien, welcher sich dem Dienste unserer +heiligen Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer. + +Ja wohl! ganz außerordentlich! fügte, Spott in seinen Mienen, Vincentius +Martinus hinzu. Lassen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie sehen +ja, wie schamroth ich werde. Es ist mir eine große Ehre, Herr Graf, Ihre +Bekanntschaft zu machen; Sie sind ein Freund meines Vetters, und wer +dessen Freund ist, ist auch der meine, vorausgesetzt, daß ich solche +Ehre mir anmaßen zu dürfen nicht unwürdig befunden werde. + +Wenn mir vergönnt sein wird, Herr Caplan, öfter die Ehre zu haben, in +Ihrer Gesellschaft zu sein – hoffe ich – + +Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig’s +zu hören, Vincentius, Blitz – da kommt die Braut, das Meerwunder! + +Ludwig erschrak bei diesem Wort. Er hatte geahnet, daß es so kommen +werde, und begann für Leonardus zu zittern, wie für Angés. + +Eine hohe stattliche und schöne Jungfrau rauschte herein, gefolgt von +noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; sie verbeugte sich +nach den strengsten Regeln der Complimentirkunst, hielt auch ihren +Bastille-Fächer, das Neueste, was die Mode von Paris nach Amsterdam +gesendet, kunstgerecht, hatte ein höchst regelmäßiges aber kaltes +Gesicht, und war nicht die Jungfrau, der ein liebebedürftiges Herz sich +wohl hätte nahen mögen. Auch sie wurde vorgestellt: Mejuffrow Sibylla +Nikodema van Swammerdam. + +Leonardus war zum Tod erschrocken, ihn graute; er sah was kommen werde, +und suchte sich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin +gewirkt zu haben, daß Angés im Hause seiner Eltern war. Klar lag der +Letzteren Absicht vor seiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und +nach mehr und mehr sich sammelnden Gäste, Verwandte von Vater und Mutter +und von Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam; nichts Geringeres war +im Werke, als mit dem Fest seiner Heimkehr das Fest seiner Verlobung zu +feiern. Begrüßen, Vorstellen, zum Sitzen genöthigt werden, um stets +wieder aufzustehen, wenn die Förmlichkeit erneuter Vorstellung und +Begrüßung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, indeß unter +den silbernen Theekannen die blauen Flammen loderten, Flötenuhren mit +zarten und gutgestimmten Glockenspielen beliebte Liederweisen spielten, +und köstlicher Wohlgeruch durch alle Zimmer seine balsamischen Düfte +strömte. Ludwig näherte sich wieder Angés und ihrem Kinde, das sich’s +behaglich schmecken ließ und eine Cyperkatze streichelte, die sich +zutraulich an die Kleine schmiegte. + +Freund! flüsterte Angés zu Ludwig, ich wollte, ich wäre nicht hierher +gekommen, mich drückt all’ diese Pracht, ich fühle mich hier so +unendlich arm und so sehr verlassen. + +Fast geht es mir eben so, gute Angés. Man hält Sie allen Ernstes für +meine Verwandte; ich wünschte, Sie wären es in der That, dann brauchte +Ihr Herz nicht beklemmt zu schlagen. Vielleicht können wir das Kind zum +Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen. + +Sehen Sie, wie außerordentlich feierlich Alles ist, sehen Sie, mit +welchen Blicken der junge Geistliche mich mustert? + +Sie werden ihm gefallen! scherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu +verscheuchen. + +O Gott, nicht solchen Scherz! seufzte Angés und legte die Hand aufs +Herz, das bange, sehr bange schlug. + +Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hülfe ihrer +Schwägerinnen ihre Abendgesellschaft zum Sitzen gebracht, und der Thee +ward herumgegeben mit aller auserlesenen Zubehör; doch saß die +Gesellschaft steif, nach holländischer Weise ziemlich wortkarg, +verlegen, die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen +japanischen Tassen, leicht wie Luft und zart wie holländisches Papier, +in Berührung mit den Theelöffeln ließen sich mit feinem Klang vernehmen. +Da schlug plötzlich die kleine Sophie an ihrem Tisch ein schallendes +Gelächter auf, und rief laut in die Gesellschaft: #Ah – ah – ah – ahi – +ahi! Voila! qu’elques drôles caricatures – qu’elques bouffons!# + +Aller Blicke wandten sich voll Staunen nach dem Kinde hin. – Angés +erschrak, dies vorlaute Wesen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was +hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Himmel, wenn sie des +Hauses Gäste meinte! + +Doch diesen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des Hauses, +welche die Hände zusammenschlug und lächelnd ausrief: #Voorwaar, +voorwaar – kinderen en gekken spreeken de waarheid!# + +Beim Himmel! rief der alte Herr: du hast recht, liebe Frau, nie fand ein +Sprüchwort bessere Gewährschaft, als dein: Kinder und Narren reden die +Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es so, +daß die Mehrzahl der Gesellschaft die aufgeschlagenen Blätter gewahrte. + +Sie sehen hier, Damen und Herren, das neueste Costümebuch der #Grande +Opera# zu Paris, fuhr Adrianus schneidend fort: den abgeschmacktesten +und unsinnigsten Mischmasch römischer, mittelalterlich-französischer und +spanischer Maskenanzüge und Comödiantentrachten! Möchte man nicht +manchen dieser Muscadins und Incroyables fragen: Federbusch, wo willst +du mit dem Kerl hin, der dich trägt? Fluch allen diesen blutigen +Possenspielern in ihren rothen, schwarzen und purpurverbrämten Mänteln, +ihren weißwollenen römischen Togen und Tuniken, ihren Federhüten und +Harlekinskappen. Es ist doch nichts als eine heillose Bande von +Gurgelabschneidern, Mordbrennern, Räubern, Bluthunden und Brüllaffen! + +Es waren in der That die Trachten dargestellt, in welche die große +Nation jene Beamten kleidete, durch deren Machtsprüche sie ihre besten +Köpfe gouillotiniren ließ. Schlaue Theaterschneider waren es, welche +diese Trachten ausgesonnen hatten; keiner hatte sich selbst vergessen; +nur Frankreich vergaß sich selbst ganz und gar. – + +Während die Abendgesellschaft sich mit dem Beschauen dieser Bilder +beschäftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet über die +Gracht geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus stand, waren eine +gute Strecke von demselben abgestiegen und hatten den Dienern die Zügel +ihrer Rosse zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere langsam auf- und +abzuführen. Diese Herren waren alle drei von stattlichem Wuchs, trugen +Soldatenmäntel und waren in Galla-Uniform, im vollen Schmuck blitzender +Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform +eines Vice-Admirals der englischen Marine, und schien dreißig Jahre zu +zählen; der zweite erschien einige Jahre jünger, hatte aber gleich jenem +eine athletische Gestalt und ernste kriegerische Haltung; der jüngste +war ein schlankgewachsener schöner Jüngling, der kaum zweiundzwanzig +Jahre zählen mochte. Sein Auge war äußerst lebendig, sein Wuchs wie +seine Haltung stattlich, und ein freundlich offenes Wesen mußte für ihn +einnehmen. + +Noch einmal, lieber Graf! flüsterte der Jüngste dieser Herren dem +Mittleren zu, indem sie dem Hause van der Valck zuschritten, Mäßigung +und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer weiß, was der +alte Herr gesehen oder gehört hat, und wie er Wunder denkt, welche +Freude er Ihnen bereitet, welche Ueberraschung! + +Ueberraschung auf jeden Fall, mein – + +Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor +der Zeit offenbaren! + +Ueberraschung ganz gewiß, wiederholte der Andere mit schlecht verhehltem +Ingrimm. Es ist so, wie soll ich’s denn anders denken? »Wenn dem Hause +van der Valck die hohe Ehre des unterthänig erbetenen Besuches zu Theil +wird – schreibt mir wörtlich der alte Herr – so wird es Hochdenenselben +gewiß zum höchsten Vergnügen gereichen, in meinem Abendzirkel einen +liebenswürdigen jungen Verwandten mit einer doppelt liebenswürdigen +Verwandtin, Gemahlin eines der verehrten Herren Vettern, und einem +Kinde, welches man ein Wunder von Schönheit nennt, zu finden, welche +beide gestern mit meiner Pinke, die »vergulde Rose«, Curs Hamburg, +Carolinen Siel #à# Amsterdam, hier eingelaufen sind. + +In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort. Wenn +es nicht deine Frau ist, so bin ich äußerst neugierig auf die schöne +Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schöne junge Frau und ein so +schönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl +nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber +Vetter, du grollst vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger +Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der +Leimruthe einer hübschen Larve gefangen nahm, und so gnädig ist, in +diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck’s die junge Gräfin zu +spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird +er schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das +Feuer scheut. Jeder muß selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu +tragen. + +Jedenfalls aber muß dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische +Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu +führen, so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren! + +Nur erst prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erst noch einmal den alten +Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jüngste +Begleiter. + +Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken +hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Lust, mich mit dir zu +schlagen, daß deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so +beleidigen! Als du wegfuhrst, verließest du sie doch leidend; so +ätherisch sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt für einen Engel, einen +Seraph erkläre, eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist +sehr gut für dich, sie hat keine Flügel, folglich kann sie dir unmöglich +unter den Händen weg voraus geflogen sein. + +Was half all’ dieses Reden! Der eifersüchtige Mensch ist stets sinnlos +und handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste, +beste Mensch wäre; die Leidenschaften sind Dämonen und werden es ewig +bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Götter. Und +fürwahr, es erscheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich +Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre +der Reife erreichte, ein Pandämonium ist und bleibt bis zum Grabeshügel. + +Ich hoffe, daß ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz +verblendete Mann, aber möglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt +gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hübschen Laffen, dem Lebensretter, +übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen +vier oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser +Vorsprung war ein Leichtes. + +Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu +entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und +deiner Rückreise wohlbekanntes Ziel. + +Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das +durch die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kündete seine innere +Bewegung an. Jetzt war das Haus erreicht. + +Noch ein Wort! sprach der Jüngste der drei Herren. Kein Feldherr +unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine +Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet +aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die +Vorpostengefechte beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf +übermorgen sage ich das Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein +günstiger Friedensschluß den Feind zur Unterwerfung nöthigt. + +Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den +Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen. + +Herr Adrianus hatte, während die Gesellschaft sich der Betrachtung der +erwähnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung +anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines +Dieners unbemerkt das Zimmer verlassen und empfing mit ehrfurchtvollem +Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren. + +Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der +Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen, +Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine +Marie? + +Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da, +aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hörte ich dasselbe +Sophie rufen. + +Da haben wir’s! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal +wieder ein starker #error calculi# meines hochgnädigen Herrn Vetters! + +Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der Eifersüchtige. + +Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklärung hinwegfällt, scherzte +der jüngste der drei Offiziere, so dächte ich, wir bildeten heute blos +ein Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als +Bataillonschef selbst jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden +befinden. + +Die Gesellschaft im hohen geräumigen Besuchzimmer nahm wahr, daß am Ende +der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Dienern nicht ohne +Geräusch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kronleuchtern, auf deren +jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in demselben +Augenblick erklang von einem großen, in dem Durchgangszimmer +aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flöten-, Trompeten und +Fagottstimmen, mit türkischen Becken und halbem Mondgeklingel, mit +Posaunen- und Paukentönen füllreich und harmonisch bewillkommend die +Melodie der niederländischen Nationalhymne. + +Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüsterte er, +während die ganze Gesellschaft sich überrascht und feierlich erhob, +diesen Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater? +Se. Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei +Generale! + +Und einer derselben mein gestrenger Vetter, der souveräne Erbherr von +Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und +wahrhaftig, der Andere ist William, der englische Vice-Admiral, +ebenfalls mein Vetter. O Leonardus! + +Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen +begrüßende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern +Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den +Vice-Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die +Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und +was sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde +des Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuser van der +Valck und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war. + +Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher +Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die +hohen Gäste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden: Diese +Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus. + +Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er sah in +ihr ein schönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Gesicht, das machte ihn +innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken +gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich +dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und +Gereiztheit, trieb ihn zu einem raschen Entschluß. Während noch der +Erbprinz zu Leonardus gütig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral +mit wenig verschämter Neugier Angés betrachtete und in sich selbst +hineinmurmelte: Schön, außerordentlich schön, kein übler Fisch, und +darauf ein Gespräch mit Angés anzuknüpfen begann, winkte Graf Wilhelm +Gustav Friedrich seinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und +sprach zu ihm: Ludwig Carl, kannst du vergessen? + +Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig +offen zur Antwort. + +Ich will es! entgegnete der Erbherr. + +Ein gegenseitiger fester, männlicher Händedruck, und die Versöhnung war +besiegelt. + +Aber sprich, wer ist diese Dame? + +Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und +incognito! flüsterte er. + +Zu Angés gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine +Niederländerin, meine Gnädige? Französin ohne Zweifel? + +Eine Deutsche! gab Angés zur Antwort. + +Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath? + +Die Pfalz. + +Ah so, die Pfalz, ein schönes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz, +schöne Pfalz-Gräfin –? + +Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebührt vielleicht Personen +Ihres hohen Geschlechtes, ich aber muß ihn bescheiden ablehnen. + +Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war überrascht von dieser +einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angés kenne +genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus +ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren, +wie Angés eine Pfalz-Gräfin war. Indem er sich so für abgefertigt hielt, +gewann Angés in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder +blosstellen, sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im +scherzhaften Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen +denn das Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unsere +Verwandte sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! – Diese +Worte machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestürzt. – Nicht? nicht? +nicht? stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der +junge Herr Graf selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner +Herren Vettern, wie konnt’ ich zweifeln? – Gewiß, lachte fast laut der +zu Scherz und Spott stark geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie +zweifeln? Die Verwandtschaft des jungen Herrn ist erstaunlich groß, er +hat ganz sicher sehr viele Vettern und auch Mühmlein. Er ist ein Luft-, +ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie +auf Ihre goldenen Theelöffel Acht haben, Herr Adrianus, ich glaube, die +Dame ist eine feine Spitzbübin, und daß sie des Goldes bedürftig, sehen +Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht. + +Es fiel dem Vice-Admiral nicht im Entferntesten ein, diese seine +Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts +lieber war als baare Münze, nahm auch diese Worte für solche, und sein +Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld, +wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der +– Landläuferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu +wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur +Steigerung seines Aergers, so eben mit Angés im vertraulich flüsternden +Gespräch erblickte, während der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt +und der Erbprinz sich in ein Gespräch mit der würdigen Familie von +Swammerdam eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmüthige Frau in den +Weg und fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene +beginnen? Mache daß die Täubchen endlich zusammenkommen, denn das +Sprichwort sagt: #waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld +is, daar wil het geld wezen.# + +Ja ja, Mutter, ja ja – wenn nur nicht – nun gleich – werde die Sache +einstweilen ordnen – doch sorge, daß die Herren zuvor gut bedient +werden. + +Du siehst ja, daß es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden +die Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben höchstihren +Zuckerkuchen in den Thee. + +In Adrianus Innerem kämpften widerstrebende Gefühle und ein Zweifel +jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter +dieser Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter +angedeutet, und brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte +dahinter; aber Adrianus hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und +jene Dame, die er eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den +übrigen Gästen blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis +paßte, wie war seine eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den +Erbprinzen dazu eingeladen zu haben? + +Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute +Amsterdams bildeten eine höchst achtungswerthe Aristokratie, kein Fürst +brauchte sich ihrer zu schämen, das hatten schon die deutschen Kaiser +Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht +unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu +Amsterdam seine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiser Sigismund’s hinab +erstreckte. – Herr Adrianus war unglücklich in seinem Gemüth und mit +sich selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgänge des heutigen Abends +so schön ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nächsten +Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut +öffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen +salbungsvollen Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander +diese Verlobung in der St. Ottilien-Kirche öffentlich verkündigen. Die +ehrbare Braut, fügsam und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau +ziemt, war Alles zufrieden, was die Häuser van der Valck und Swammerdam +über sie beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit +Sehnsucht oder zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt +herbeizusehnen, dessen doch in aller Gemüthsruhe gewärtig. + +Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an, +sein stets schalkhaft lächelndes Gesicht in ein ernsthaftes +umzugestalten, was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu +jugendlich munter, um schon seinen Zügen die stehende Type gottverhaßter +Heuchelei fest einzuprägen, wozu entweder sehr frühe Uebung oder reifere +Jahre gehören. Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange +hagere Gestalt der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den +Mittelpunkt vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsäule +gleich, mit niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von +Leben gab, als daß sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und +noch feiner durchbrochenen Elfenbeinblätter ihres Bastille-Fächers +aufschlug und wieder zusammen klappen ließ. + +Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei +es eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen +Gäste in den Halbkreis, und nur Angés wandte sich zu dem Kinde, das +jetzt einige Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte sich zu ihm nieder und +flüsterte der Kleinen zu, daß sie sich bald nach Hause begeben wollten. +Sophie zeigte mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder, +die sich vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies +nur leise flüsternd that, und Angés sich ebenso mit ihm unterhielt, so +störte das nicht im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der +Valck jetzt vor dem Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und +deren Inhalt sich um die unsterblichen Sätze drehte: daß Gott im Anfang +ein Männlein und ein Weiblein erschaffen und in eigener allerhöchster +Person geäußert habe, es sei nicht gut, daß der Mensch allein sei, daß +folglich jeder Mensch, nämlich Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn +sei; daß ferner alles irdische Glück, wonach auch alles Streben +hauptsächlich ziele, in Erfüllung göttlicher Weltordnung und der +Gründung eines häuslichen Herdes gesucht und gefunden werde. Auch sei +durchaus unzweifelhaft, daß Gott und seine heilige Kirche nur mit +Wohlgefallen auf christliche Eheverlöbnisse blicke, die nach den +Wünschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und Verwandten, +und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung über das +irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden. + +Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van der +Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van Swammerdam eine +derartige Verabredung schon in früheren Jahren getroffen worden, so soll +dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so verloben wir, ich, +Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner ehrsamen Hausfrau +Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen eheleiblichen Sohn +Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr, Herr Nepomuck +Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame Gemahlin, Frau Susanna +Euphemia van Swammerdam, geborene van Neriske, als Tochtereltern, ihre +eheleibliche einzige Tochter, die »adelyke« Jufferouw Sibylla Nikodema +zu einem rechten christlichen Brautpaar vor diesen allseits achtbaren, +hohen und höchsten Zeugen! + +Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine vorher +leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen, die er +bereits in den Händen hielt, leise klingelte, fuhr Angés horchend auf +und eiskaltes Entsetzen überrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr +lauschte sie hin, beide Hände fest gepreßt auf die ungestüm wogende +Brust, auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach +Fassung. – Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen – zuckte es durch ihr +Gehirn – nicht den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés – denn er +ist nicht dein, wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht; +du darfst nicht Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch +auf dich laden! – Und so stand die schöne, zitternde Gestalt im +gewaltigen Kampfe zwischen Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer +vom Pfeil des Todesgottes getroffenen Tochter Niobe’s, bleich wie ein +antikes Bildwerk aus cararischem Marmor. + +Und Leonardus? – In seinem Busen wogten und gährten Höllenangst, Zorn, +Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer sich wollte er schon einen +unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach Brauch +und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch schon Vincentius +Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in +diesem Augenblicke aber fühlte er seine Hand fest erfaßt und gedrückt, +und hinter ihm stand Ludwig und flüsterte: Sei Mann! Verstellung, keine +Scene, stelle deine Eltern nicht blos – wir helfen dir heraus! + +Diese Worte hörte Angés nicht, denn sie hörte überhaupt nicht mehr, ihr +ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen +Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter geführt, ganz ehrbar zu +seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla’s Hand in seine +Hand legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz +trotz der dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern, +Kandelabern und Gueridons brannten, daß sie gar nichts mehr sah; lautlos +sank sie in sich zusammen. + +Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl +erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des +Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten Leonardus, +er sank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief außer sich, +Alles um sich und sich selbst vergessend: + +Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache! – Der Erbprinz +bemühte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkosend das +schöne Kind; zufällig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des +Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karminroth von der feinen Haut +die Buchstaben entgegen: #S. C. B.# Er hob mit einem lauten jauchzenden +Ausruf die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude! + +Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angés schlug die Augen auf, und sah +das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer +Ohnmacht schneller geweckt, als die stärkenden Essenzen. Eure Hoheit – +wurden fragende Stimmen laut: Was ist’s mit dem Kinde? Und Jener rief +mit schöner Wallung des Gefühles: Dieses Kind – ist mein – + + + + +10. Ein Tag in Paris. + + +Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare, +unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter einem +hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an +allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe und +Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten +gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge folgte dem +anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein, denn +das Unerhörte fand statt, es feierte selbst – die Guillotine. + +Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott +glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der +Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize +und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch +übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der +von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von +der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen +der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere +Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das? + +Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit dem +vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte, +Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst +aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des +heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften +christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön, +obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25. +Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli +(Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl +die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von Oekonomiewerkzeugen +und Küchenkräutern, hinter denen man nur Dreschflegelführer und +Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als sie sich zu +Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer haben? Diese +Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten sein, wie eine +Nation, die sich die Große nannte, solchen Gallimathias gutheißen und +anerkennen konnte? + +Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem +Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche +mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben +Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige +Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten, +kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel +und Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken +rothe Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau, +roth, weiß. Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige +Pistolengriffe schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des +Kleeblatts heraus. Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen +und Pulver in dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas +furchtbar Wildes, und zeigte sie so recht vollständig #à la mode#, denn +solcher Gestalten und Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren +sogenannte Carmagnolen. + +Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die +Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz +kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf +an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu +dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke +Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können. +Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl durch, +und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen Plätzen +und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück, #Programmes de +spectacle# feil. + +Aufzüge waren es, welche die wühlenden Massen in Stocken brachten und +für welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten wurde. +Da zogen Jungfrauen auf das Schönste, wenn auch nicht auf das +Anständigste geschmückt, nämlich in flordünnen griechischen Costümen, +durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen, +Kränze von Aehren und Kornblumen im Haar und Körbchen voll Blumen +tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen +beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte, +wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals +schön, kleidsam und anständig genannt ward. Es kamen Greise, anzusehen +wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die +Wachsfigurenkabinette die Jünger Christi umhängen, die das Abendmahl +feiern, mit schneeweißen Perrücken und abscheulichen Flachsbärten. Diese +tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der +großartigen Farçe ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um sie den +Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, sobald ihr Stichwort fallen +würde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit +Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thorfahrten geschmückt. +Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüstet +worden, um Paris für einen einzigen Tag einen schnell vergänglichen +Schmuck zu leihen. + +Die drei jungen Männer in der schmutzigen Carmagnolentracht wühlten sich +langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer +allmählig gelang, an der Wasserseite gegenüber dem Pavillon der Flora +und der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen, +von dem aus sich einigermaßen die Festlichkeit übersehen ließ, welche +sich vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens +erbaute Amphitheater, das sich bis hinan zum großen Balkon des +ehemaligen Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe +Rednerbühne emporragte. Vom Amphitheater führten Stufen bis herab zum +großen runden Wasserbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und +in dessen Mitte statt der zertrümmerten Steinbildsäulen, die dasselbe +früher geschmückt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war, +zusammen gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem +Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende +Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht, +der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkündete, +daß dies »die einzige Hoffnung des Auslandes« darstelle und bedeute. + +Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spöttelte einer der +drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefährten, aber in einer Sprache, +die ganz fremdländisch klang und die schwerlich ein Akademiker +verstanden haben würde. + +Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der jungen +Männer. + +Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll _blinder_ +Kinder. + +Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von +einer Schaar entmenschter Henker den Fuß auf den Nacken setzen zu +lassen? + +Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthschaften und allerlei Gerümpel, +welches die Attribute des Gewerbes und der Künste darstellen sollte. + +Ah, der neue Kalender! flüsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel, +Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Sense, lauter +Monatstage; die neuen Heiligen! + +Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten +Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernsthaft, +Junge, ernsthaft, sonst ist’s um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln +stempelt dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil. + +Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen +sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mütter, der Kinder, der +Jünglinge, der Männer u. s. w. nach der Vorschrift des Programms +vertheilt waren. Gegenüber den drei Zuschauern erblickte man in einigen +Fenstern des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von +Zuschauern und noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine +Gesellschaft, welche dem angenehmen Geschäft des Frühstückens oblag. Der +eine von den drei aufmerksamen Zuschauern flüsterte seinem dicht an ihn +gedrängten Nebenmanne mehrere Namen zu. – Jenes Weib mit dem +abscheulichen Aufputz, dem fliegenden Mähnenhaar und den weit herauf +entblößten Armen, ist die Bürgerin Dumas, die Frau des Präsidenten des +Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in großem Costüme. Dort +stehen neben einander Barrère und Collot d’Herbois, und lassen sich den +Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim +Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine +verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Bürger Villate, der +sich jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein +hungerleidender Seminarist, wofür er sich jetzt entschädigt. Er hat +stets Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen. +Vor Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine +sandte: Die Angeklagten sind doppelt überführt, sie haben nicht nur eine +Gefängnißverschwörung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen Magen. +Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum Frühstück +gelangen können. Lasset sie dafür in den Sack niesen! + +Ha! – Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des +Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrängt +harrende Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, daß sie auf +ihn harrt. Sieh – er trinkt – rothen Wein! + +Ob ihn nicht schaudert? flüsterte leise fragend der Eine. + +O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit längst +überwunden. + +Er trägt eine grüne Brille, flüsterte jener wieder. + +Farbe der Hoffnung auf die Dictatur. – + +Das Frühstück bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten +harrte im Brande der Frühlingssonne des heißen Junitages die Menge, +theils geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der +Einheit (früher d’Horloge) schlug zwölf – sie schlug halb eins – man sah +jenen Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an +seine Stelle getreten, die Männer des Revolutionstribunals, hohe +schwarze Hüte mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze +Talare, darüber breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder +um die Brust mit metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer +Ordensbündnisse – alle Brüder eines Todesbundes, der Menschenleben +hinmordete, wie des Mähers Sense die Wiesenblumen in Schwaden +dahinstreckt. Es schlug ein Uhr – immer noch harrte die Menge, die +Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer fehlte, der vorhin doch da +gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele des Festes – er war nicht +mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus dem Zimmer gewankt +war, vergessen, sein Blumenstrauß; man suchte ihn, man fand ihn auch – +es war der Repräsentant des französischen Volkes, den man gesucht, den +man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der Anstand zu sagen; +es war _Robespierre,_ und Robespierre – war betrunken. + +Das war der Mann, der jetzt herbeischritt, bleich, mit gerötheten Augen, +etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen +Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin, +der Mörder der Girondisten, der Mörder von des Königs Schwester, der +Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mörder von Tausenden; eine +Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper +so klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das +war die körperlich und moralisch schreckliche Mißgeburt und die +Gottesgeisel, die sich das große Frankreich gleichsam zum Herrscher +gesetzt, der es seinen freien Nacken beugte. Das war der Gotteslästerer, +der es gewagt hatte, am heutigen Tage ein Fest des höchsten Wesens +anzuordnen. + +Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrüßte das berauschte +Scheusal, und es hallte endlos und endlos #Vive Robespierre!# daß es ihn +ernüchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die +Tribüne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht +zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flämisch und +Französisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu – von +glücklichem Tag, französischem Volk und höchstem Wesen, von Tyrannei und +Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des +Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und +diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem höchsten Wesen, in +dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken +und Wünsche zu weihen. + +Dieses höchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem +Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren +der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächste sollte 23 dem Beile +verfallen sehen. + +Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe der +Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser mit +einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikanischen Wüste +glich, geendet hatte, brausete stürmischer Beifall, obschon nicht ein +Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen. + +Feierlich stieg Robespierre von der Tribüne herab und die Stufen nieder, +um symbolisch die »einzige Hoffnung des Auslandes« zu vernichten. Man +reichte ihm einen brennenden Kienspahn, und mit dieser stinkenden +Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit +Brennstoff umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war so getroffen, +daß an die Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Träger das Bild +der Weisheit in reiner, schöner und edler Gestaltung treten sollte – +aber wohl wälzte sich unter Trommelwirbeln und Musikklängen dicker Dampf +empor, wie weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande – wohl krachten +die Bretter und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der +Atheismus mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rührten sich +kaum, sie wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten +Mechanismus jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeräuchert +wie ein westphälischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme +stand als Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trümmer, nämlich der +allegorischen Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und +heitern Stirn; bei ihrem Anblick drängen sich Thränen der Freude und der +Dankbarkeit aus aller Augen. + +Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die »Hoffnung des +Auslandes« unerschüttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie +zusammenrissen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöschliches +Gelächter ergoß sich durch des Nationalgartens menschenvolle Räume. Das +kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die +Tribüne und perorirte seine schwülstigen Phrasen von dieser herunter der +Menge zu, Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekämpft +die Könige, ihr seid also würdig, die Gottheit zu verehren! – Unser Blut +fließe für die Sache der Menschheit – das ist unser Gebet, darin besteht +das Opfer, welches wir dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen, +du höchstes Wesen! + +Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und Comödianterie, +und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die Menge wälzte sich +aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die Eintrachtbrücke im +dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber. + +Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen. + +Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen +uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte mehrere +auf uns gerichtete verdächtige Blicke, besonders drängte sich ein Kerl +in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengesicht – dort steht er noch und +läßt uns nicht aus den Augen – an uns heran, entweder hat er Lust zu +stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich. + +Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte sich der erste +Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die +jetzt, der noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai entlang +schritten und den Zwischenraum zurücklegten, welcher das Tuilerienschloß +vom Louvre trennt. + +Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern, mit +dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdländischen Sprache, in +der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese +Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst +den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragödie? + +Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so +viel Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind, +zutrauen, daß ich meine Augen nicht verschließe, zumal wo Alles so wie +hier in die Augen springt, selbst wenn man diese verschließen wollte. + +Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und mehr, mit +einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der ganze Garten, +denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem Marsfelde. Die +Freunde schritten langsam und gemächlich auf der hohen Terrasse am Bord +der Seine hin und schauten über die niedrige Steinmauer und über den +Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die Spur der zum +Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von welcher Seite eine +vom Schall nur dumpf getragene Musik herüberklang. + +Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion schien, tänzelte hinter +den Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht, +sondern schritt gleichsam spielend, wie ein großer Junge, auf der +Balustrade der Terrasse hin und pfiff sein #Ç’a ira#-Stückchen, indem +er den Sprechenden näher kam und sich bemühte, ihre Rede zu belauschen. + +Der mißtrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar +kommt en holl Tidd jüm uhn – liat ley wör. + +Die Freunde schauten sich um, und der Eine sprach: Nä es et en slecht +Tidd! Hura! där dü Barlang hen![4] + + [Fußnote 4: Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt sie + liegen vorn. – Es ist eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch + sie.] + +Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht zuschauen? +fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und lauerte +der Antwort entgegen. + +Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward +ihm zur Antwort. + +Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger? +fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend. + +Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie +nicht verstehst, Bürger! + +Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch +ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch. + +Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser![5] schrie mit starker +Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im +Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in +den Wellen. + + [Fußnote 5: Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!] + +Nä uhn Gotts Namen förward![6] rief der Aeltere der drei Gefährten und +bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit +seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen +verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem +Tuilerienschloß verunzierten. + + [Fußnote 6: Nun in Gottes Namen vorwärts!] + +Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen Bade +und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein möge, in +welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche erkannt, +gesprochen hatten. – + +In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer +ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern, +doch etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer geistiger und +körperlicher Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben +und las sich eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor. + +»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande +bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt +mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere, +und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der +Löwengrube; ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern, +daß von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben +glauben wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus +schrieb ich Ihrer Excellenz #aux armes de la ville# – der Herr Graf +hatten kaum Zeit, an die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn +zu thun; den ganzen lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er +schrecklich beschäftigt mit dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit +den Admiralitäts- und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten +unzugänglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute +Erfolge, die sich, wenn ich nach Geldernland zurück bin und klaren +hellen Tag in der Sache sehe, von Doorwerth aus vollends ordnen lassen. +Auch gegen den jungen Herrn Grafen sind der Erbherr nicht mehr +aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der Vice-Admiral, ein trefflicher +heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgestimmt. Uebrigens hat sich +damals der junge Herr im Hause unseres alten Herrn Adrianus ein kleines +Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß nicht durch was, in große +Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande gesetzt, was ihm jedenfalls +nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er hat ein genaues +Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck +geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas +überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein +sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander +zu setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff +unsers jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich +mit seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darüber bis zur +Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren +mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon +vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht +eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich +gemacht habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die +Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen +Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider +ist dazu die Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun +und ob etwas zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in +die Löwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die +Thorheit begangen, sich an mich anzuschließen und mich gleichsam zum +Beschützer jener Dame und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit +Händen und Füßen dagegen sträubte – aber meine gar zu große +Gutmüthigkeit und der Trieb, wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu +helfen, gibt meinem Verstande einen Rippenstoß über den andern. Wir +halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen sich in Begleitung +Philipp’s unter allerlei Maskeraden in die Stadt, ich hoffe aber alle +Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach Doorwerth aufzubrechen +so schnell als möglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo +sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war auch in Utrecht bei +Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Carl; Hochdessen Frau +Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und dero Kinder, Gräfin +Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der kleine erst +zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und legen sich +Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur +englischen Armee sich begeben. + +Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo +dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum +abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier +doch von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen. +Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post +wird jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen +übersteigt alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier +einpassirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende +Geschäfte gemacht werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist +vielleicht der einzige, der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir +haben auch zum Schein einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird +Ihre Excellenz mit einem Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn +ich diesem Briefe eine Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen +Haare der unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen +die hellen Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe. + +Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Grossier +Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da +dasselbe beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille’schen +Rentenzinsen für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen +namhaften Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu +erheben gewesen sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles +Vermögen verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht +nach Paris zu kommen. + +Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz Hochdero +getreuester + + Paris, den 8. Juni 1794. + + Windt. + +Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar +treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig +ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den +Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald +nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder +zu Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem +stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken +sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das +war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch +so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn +Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir +uns wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln. + +Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt hinzu; +dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten Ausflug +gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner ganzen +Schönheit. + +In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl +sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre +wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger +Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck, +unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben, +dahin zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten +dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben +so hier zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das +ich reise, glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt, +die Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr +sie hier aufzuthun. + +Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich +alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr +einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den +holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem +Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch +schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von +guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und +manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von +hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir +guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés +von ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu +dem so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich +drängen, mit anzusehen. + +Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den +vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der +Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel, +eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem +tödtlichen Ausgang für sie alle führen. + +Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten +schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis +dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig, +fanatisirt, #ça ira# brüllend, theilweise auch die Farçe mit +sarkastischer Lauge kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der +Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin +vernahmen die Reisenden manches scharfe Wort. Hat sich anschreien +lassen: #Vive Robespierre!# Tod all’ diesen Schreiern! – War betrunken +wie eine Kanone! – Will das höchste Wesen selber sein! – Herunter mit +ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige +Comödiant! + +Angés, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz geschlagen +hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt worden +waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern +in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu schreiben, +machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das theuere Kind +und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben gelobt hatte, +so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie freilich +nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor +einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen +Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr +Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft +zum Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so +völlig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf +schönen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße +hält. + +Angé’s Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und +ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre +Seele bebte. + +Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel +schützend und schirmend die Reisenden umschwebten. + + + + +11. Die Reisenden. + + +Im Geldernlande, westwärts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und +Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner +Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trüb und träge, +als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkräftige +stolze Strom, sein schönes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt, +um sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die +Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen +Herrenschlosse, Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerschaften, +Oeconomiegebäuden, mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen +Feldflur, die ziemlich frei ist von Sümpfen und Morästen, und trotz der +flachen Landschaft, die nur nach Norden hin einige sanfte bebuschte +Anhöhen, was man eben in diesen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen, +doch nicht ohne landschaftliche Schönheit ist. Rings grüne Matten, +Tabaks- und Saatfelder, noch mehr unübersehbare, mit Heerden bedeckte +Wiesen, durchzogen von zahllosen kleinen Kanälen und Wasserrinnen, längs +deren in malerischen Gruppirungen die schönsten alten Weiden, Erlen, +Ulmen und die hochstengeligen Schößlinge buntblühender Stauden wachsen. +Wer je die Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem’s sah und diese +Auen, der muß sich sagen, daß in allen Bildern jenes großen Meisters die +treueste Wahrheit der Natur herrscht. + +Im Frühling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige +Landstrich noch einer glücklichen Insel zu vergleichen, um die rings +empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts +weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners. + +Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene Kastell, +dessen Bauart ganz die alter niederländischer Schlösser war, der wir so +häufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe Bäume, +Eschen und Rüstern, uralt und von mächtigem Umfang der Stämme, und +deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die ausgedehnten +Gärten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem Töpferthon, in denen +Blumen hätten prangen sollen, allein einigen fehlte die Erde, andere +waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende Hand des +Kunstgärtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern der +Antike geformt waren, blühte, als was sich an Ritterspornen, Lack, +Astern, Levkoien und Trichterwinden alljährlich von selbst aussäete, +oder was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und +Brennnesseln in manchem dieser Gefäße wuchernd aufgegangen waren. Vom +Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten es +wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bäume, obschon es nur eine +Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von diesem Ufer +kaum noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster +Fußweg. Früher war eine Fähre da gewesen, auf der man leicht an Stricken +sich an das linke Rheinufer hinüber leiern konnte, um auf den Landstrich +zwischen dem Rhein und dem schmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen; es +stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fährhaus, aber jetzt standen +außer dem Hause kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlösser +einst befestigt waren, mit denen man die Fähre verwahrte. Einige hundert +Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth durchschnitt +die sich durch die Wiesen schlängelnde Straße, die von Arnhem nach +Wageningen führte, die Wiesenfläche und jenen selten betretenen Fußweg; +der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwärts, bildete eine schöne +Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach Norden fort +gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese führte, der linke Arm zum +Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, längste, am Dörfchen +Oosterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von Doorwerth +aus ein Wanderer in zwei #»Uren Gaans«#[7] erreichte. + + [Fußnote 7: Gehe-Stunden.] + +Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein +Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Gesinde die andere. +Außerhalb der Herrschaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke, +zwischen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwohnung stand leer, und +in dem weitläufigen und sehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten +Kastell waltete Aufsicht führend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei +Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der Stadt +zu verrichten hatte, eine Frau von gutmüthigem Aussehen, aber dabei +raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und +Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schönen +Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige +Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und +sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr +ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel +freute sie fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tüchtiger Büschel +reifer Lauch dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender +Crocus. + +Es war ein schöner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als diese +wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster +niederländischer Haustracht sich im köstlichen Schatten der nördlichen +Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band +am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchsten Einfachheit, aber +von der möglichsten Größe, wie die holländischen Matrosenfrauen sie +trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und +das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war +etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinste Blümchen. Dieser Fächer, +dessen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht +bedurfte, war indeß bei all seiner Einfachheit ungleich nützlicher und +praktischer, als der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene +Bastillefächer von Paris, und das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur +Kühlung hervorgebracht werden konnte, war ohngefähr das vom Sausen eines +Windmühlenflügels oder dem Hauch eines Blasebalgs. + +Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe +der schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so +lauter, als Niemand vorhanden war, der sie hörte: Ob er wohl nicht bald +kommt? Zeit wär’s! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht +durch; die ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfällt, +Schloß, Wälle, Reithaus. Woher kommt’s? Von der übergroßen Oeconomie, +von der Sparsucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal +umgewendet, und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was +jetzt mit zehn Gulden zu erhalten wäre, muß später mit hundert Gulden +wieder hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein +Geld haben, und wo käme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die +Hamster, und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter, +#dy een hair in vieren kloofen.# + +In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau +blickte scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr +Gott von Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas, +dem Reiter entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends +abgestrickt, Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in +die Tiefe des geräumigen Strickbeutels versenkt hatte. + +Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in +kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, stieg rasch ab und eilte in +ihre Umarmung, die sehr zärtlich, aber zugleich sehr kurz war. + +Willkommen, Windt! Gott sei Dank, daß du da bist, Windt! + +Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und +unermüdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und +Haar und zuletzt den Kopf muß man daran setzen. Wie geht es hier? + +Nicht besser als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach +Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das +ganze Schloß voll Einquartierung. + +Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefaßt gemacht hast; +es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß. + +Was? Mann? Spaß oder Ernst? Das wäre mir! + +Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt +all’ gleich! Der jüngste der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du +doch das Schloßthor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein +Liebling, hast ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen +Freund mit und dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun +was ist es weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken +wird es ja wohl auch noch in Doorwerth geben, und du bist doch niemals +glücklicher, Jule, als wenn du alle Hände voll zu schaffen und für recht +viele Mäuler zu sorgen hast. + +Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in +höchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann +kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er denn? + +Ei so klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeister. Ich werde +den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschütten, habe vorerst nur Geduld +und laß mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute +Wein-Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht. + +Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: so weiß ich, daß ich +einen Mühlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du. + +Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte +Windt das Scherzgespräch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand +des anderen sein Pferd am Zügel nach dem Schlosse führend. + +Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines für die junge Dame und das +Kind, und eines für den fremden Herrn. + +Und für unseren jungen gnädigen Herrn? + +Nun, für den so viele, als er für sich befiehlt. Das versteht sich doch +von selbst. + +Ei sage, wer sind denn die Gäste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau +Windt. + +Und wenn ich’s nun nicht wüßte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand +verrathen? gab Windt zur Antwort. + +Du weißt es doch, ganz gewiß! + +Liebe Frau, wer weiß, ob ich’s so ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie +mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote, +liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner +wußte sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch +ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete +der? + +Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt. + +Siehst du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeister auch; er +antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen! + +Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim, wenn +du draußen herum gereist bist. + +Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte Schnurre +wieder. – + +Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende +Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte +der Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der +Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und verschmolzen, +je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und hülfreich zu sein, +und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erschloß; ja auf +Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und Angés das +geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten. Gern und +freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann, +sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit und +Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der +Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man +war endlich doch, ohne allzugroße Beschwerde und Langeweile zu fühlen, +welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte +hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets +liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen +hielt und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem +sie sich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen +klugen und treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer +Heimath erzählt, an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen +Sehnsuchtsgefühl dachte, besonders wenn der Anblick der endlosen +Flächen, welche durchfahren wurden, sie drückte. + +O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses +Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll +lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern +der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und +Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche, +Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts, es piept oder es +kreischt nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen! + +Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach +Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig +in Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns +finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der +Menschen Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend +auf an einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen +alle Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch +nicht allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in +bergeumgürteter, schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen, +reizlosen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist. + +Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit +grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize, +besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder +hinein zu tragen versteht. + +Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser +gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war +sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische +und diplomatische Gemüth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein +Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich +dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch +sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden +wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen +zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von +Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und +den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der +Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das vom +Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur +Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen. +Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach +jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit der +Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés denselben +plötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut gerufen: +Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre +Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie +sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und +unter Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß +dieses Kind mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines +Freundes Kind, in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch +sei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so +erkläre ich hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre +Obhut genommen, sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge +einer heiligen Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten +sei und gesagt habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze +dieser Dame und dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht, +und werde niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre! + +Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand +ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie +sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es +erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu +bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und +dieses Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der +gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen +Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer +getrost und geradezu an mich. + +Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von +Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß +zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer +gebracht worden, wo erstere sich bald erholte. + +Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren +Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel +gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst +einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen +können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter +William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist +mit meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn +Letzterer ist erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber +siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem +eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat +oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken. +Ich verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte, +denn ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des +Kriegers, und erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich +vermuthe, wieder für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur +das Zeichen meiner grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem +jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar bestürzten +Leonardus zu handeln, und mich unserer armen leidenden Angés und des +Kindes in solcher Weise schützend anzunehmen, wie es Freundespflicht +war, und wie ich auch gethan haben würde ohne die Aufmunterungen, die +mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden. + +Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus ein, +und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das drohend +über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging auseinander. Mein +Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem +geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst; außerdem will +ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in den der +heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann verließ +und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre +Enthaltsamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter! – Meine so +eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, sagte +zu mir: #Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die kost is te magtig +voor my.#[8] + + [Fußnote 8: Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese + Kost ist mir zu ungenießbar!] + +Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit starrem +Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und rief einmal +über das anderemal: #Gód wil dat den besten keeren!#[9] + + [Fußnote 9: Möge Gott dies zum Besten lenken!] + +Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus +den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd +und bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann +ich den Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf +mich machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese +unselige Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was +sollte, was konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach +so ruhig und demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht +allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und +werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine +Hand als Gatte legen – nein – nie und nimmermehr. + +Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als +Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich +gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu +gut für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir +bleibt, wenn ich die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die +Hälfte des Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die +Hälfte deines Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und +allgerechten Gott geschworen! + +Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach +zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei +dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich +Trost, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder. + +Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angstvollen, +verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich +dir und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann +mich, ja mich euere vereinte Verwünschung getroffen. + +Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem Munde, +und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der Weiterrede des +Jünglings. + +Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer +bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je +durchlebt. Sie entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel, +bester Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche +belegte, und die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine +dunkele dämonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns +umlauert, uns belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre +mitternachtdunkeln Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo +sie aufbewahrt bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz +außer mir, rief ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in +der That so ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung +mich vor mir selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht +soll die Stunde sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!« +Und siehe – in derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir +kündeten, mit versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht +bereuend, mich zu sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel +Jüngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden, +zuerst und zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend, +wie sehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten +Zornreden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders +handeln können, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters +einzuschlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber +der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfüllte sich und fiel auf +euer schuldloses Haupt. + +Alle waren erschüttert von dieser Mittheilung. Leonardus drückte stumm +die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die +in Thränen schwammen. + +Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie so +reden hörte, ohne zu wissen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, so würde +ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt der +Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der +Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla +Nikodema van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen +entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris so viele und auch +_dazu_ Zeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt +haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon +dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: #Jacques le +fataliste et son maitre?# + +Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf +Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bücher nicht? Soll nie die +neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete +Lebenskreise dringen? Heißt nicht unser Jahrhundert mit schönem Vorrecht +das philosophische? + +Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich für keinen +Finsterling und Pietisten! Für keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn +zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, daß +diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die +Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube, +die Verhöhnung und Verläugnung alles dessen, was dem Menschen noch +heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde +von der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich +rede, gibt mir mein Gefühl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein! + +Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr Windt? +fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz entfernten +Berufskreise schon völlig klar geworden über das Wesen, den Zweck und +die Aufgabe der Philosophie für den denkenden Menschengeist? + +Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts +Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe, +Weisheitslehre. Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen +umhangen umhertollt, liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet, +lehrt sie nicht. Oder sollte ich mich irren? Neu ist freilich die Sache +nicht, das weiß ich; zu allen Zeiten hat es abgeschmackte und +aberwitzige Schrägköpfe gegeben, die unter der Vorspiegelung, erhabene +Lehren der Weisheit zu verbreiten, der Welt die Schnurrpfeifereien ihres +verbrannten Gehirns zum Besten gaben, gerade so und um kein Haar anders, +wie unsere jungen neumodischen Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn +dahin, keiner wandelte eine hohe und erhabene Bahn, keiner nahm +allbewunderten Geistesflug, auf elenden Treckschuiten segelten sie zum +Orkus und in das Meer der Vergessenheit, ins Schlepptau genommen von den +lahmen und zu Tode geschundenen Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die +Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die unaustilgbare Brut solchen Gewürms +erzeugen, aber sein Loos wird immerdar dasselbe sein, das Loos der +Eintagsfliegen, die aus den ekeln Larven im Morast entstehen, heute uns +umschwärmen und morgen dahin sind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernst +glauben, Herr Graf, daß diese nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich, +diese blutige Harlekinade, dieser Freiheitsbäumeschwindel, Bäume, die +sammt und sonders in der neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe? +Ich glaube es nicht, und ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin, +noch zu erleben, daß diese gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken +nimmt, und daß Gott diesem Frankreich einen Tyrannen mit einer +Eisenfaust sendet, der ihm die Brust zusammenschnürt mit allen Stricken +und Ketten der Gewalt, damit es wieder Buße thue im Sack und in der +Asche, und die Kirchen wieder aufthue, und nicht das höchste Wesen, +welches ein ebenso haltloser und einfältiger Begriff ist, als die +französische Gottheit der Vernunft, sondern Gott und seinen eingeborenen +Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in der Wahrheit. + +Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm +und schlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube fast, +wenn Sie Macht dazu hätten, Sie strangulirten und guillotinirten alle +neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein +wenig zuzuneigen, zu allererst? + +Nun, wenn es auch so schlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner +Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese +ist die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sippschaft, welche in +Gestalt moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts +und der Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfüllung, +der Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der +Zügellosigkeit, des Atheismus und daraus entspringender blutiger Gräuel +des Aufruhrs und der Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den +Staatsrath, nicht in die Kirche, nicht auf die Lehrkanzel gehören, +sondern – an den hellen lichten Galgen! Punktum! + +Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hören Sie +auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder. + +Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie +wieder diese Sache berühren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht +haben, ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder +zugestehen, noch ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat +das Recht in der Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der +Gaukeltasche, die er gibt, wem er will, sondern das Recht ist von +Ewigkeit her zu Recht beständig, und das Unrecht bleibt Unrecht, und +wenn alle Nationen es für Recht ausschreien. Lassen Sie mich nur noch, +da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste Frage einfach antworten, +es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die neue Erforschung der +Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle? Warum nicht; jede +wirklich neue Wissenschaft, die nützt oder erfreut, soll dies thun, eine +neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die Wahrheit ist keine +Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an ihr nicht neue +Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und Geographie, dort ein +Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe im stillen Ocean. Die +Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da, beide sind nichts +Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und Erkennen ein. +Kein Philosoph der Welt kann einen neuen _Gott_ verkündigen; was bei +neuen Götzen herauskommt, hat Frankreich dargethan, als es seine +Vernunftgöttin durch eine schamlose Comödiantin vorstellen und vertreten +ließ. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die Gottheit und ihr +Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs eine neue +Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es irgend +einer Nation einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter mit +Sperber- und Hundeköpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris +Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwiesen! + +Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien +bilden sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise +spalten sich, der Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und +die Geschwister, »es lösen – wie Schiller sagt – sich alle Bande frommer +Scheu«, und die besten und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen +zu maßlosen Reden, wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und +Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe +des Gemüthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn +nicht für immer, vielen Tausenden verloren. + +Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von solcher +Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen war – +wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und völlig ohne irgend +eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten Gemüther +immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn sie +stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man +zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft +dieser langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast +gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher +seiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen +Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne +ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf, +welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze +Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen +Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude +erfüllt, jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte +gleich hinter Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen +dicht am Wege sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten, +der seiner Form und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es +war ein in dieser Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich +kurzen rohen Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem +Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher +König aber hier in der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage +entfallen, ebenso der Grund, weshalb der ganze Hügel der Heimenberg +genannt wurde und jener eine Strecke weiter davon einzeln stehende +hochragende erratische Block der Heimensteen. + +Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf +den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen +Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze +unsers neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben, +daß nach so mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun +soll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als +unser übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser +allseitiges Hoffen in Erfüllung gehe! + +Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen +rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß +Doorwerth zu. + + + + +12. Briefwechsel. + + +Das stille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Doorwerth, +welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieselben ein +Schooß der Ruhe. Näher drängten die politischen Ereignisse; mit +unruhiger fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen, +Nachrichten und Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren +sie selten erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja, +sie waren ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als +Besorgnisse zu zerstreuen, die immer drückender wurden. + +Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von +früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern +dessen außerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergönnte; es +wurden zu solchen Uebungen spätere Stunden des Nachmittags gewählt und +die ganze jüngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den +Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die +Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen +wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe +als Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde +still und zurückgezogen, stand Windt’s Frau in häuslichen Geschäften +bei, schloß sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme +dadurch, daß sie ihr sehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach +Arnhem zur Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der +Pariser Reise bereits auf kürzestem Weg von Amsterdam nach Doorwerth +gesendet worden. + +Windt war von Geschäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine so +ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die seine dazu, nicht zu +unterliegen, und obschon er beständig über körperliche Leiden zu klagen +hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges +aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrängnisse häufig +mittheilte. Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte +er die Mithülfe der jungen Freunde für dies und das, und nie erschien +der Augenblick, in welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner +des Kastells Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht hätte. So +war der 22. September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen +Freunde feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt +und dessen Frau; Angés und die kleine Sophie saßen mit Ludwig und +Leonardus beim heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern +Schiffskapitäns Richard Fluit gedacht und ihm und der »vergulden Rose« +einige Becher geweiht. War es doch eine schöne Erinnerung an Fluit’s +Geburtstag, der das innige Band der Freundschaft um die Herzen von +Ludwig, Leonardus und Angés geknüpft hatte, und wohl werth, am günstigen +und geeignetsten Tage sie zu erneuen. Die Verbundenen waren still +glücklich; ihre Freude war keine lebhafte und laute, nur Frau Juliane +Windt, des Schaumweins ungewohnt, trank sich ein heiteres Räuschchen; +Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll Gedanken und Geschäfte, Verdruß +und Aerger, als daß er hätte die Empfindungen theilen können, welche +seine jungen Freunde beseelten. Er nahm daher, nachdem er der +Freundespflicht ein Genüge geleistet, und auf Aller Wohl, sein eignes, +das er, wie er bemerkte, sehr brauchen könne, nicht ausgenommen, wacker +mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere Unterhaltung mit dem +zu würzen, was ihn beschäftigte und zum Theil bedrängte. + +Dem Rentmeister Görlitz muß der Donner auf den Kopf fahren! Er will fort +und er soll fort. Er ist ein ungetreuer Hund! Die gnädige Frau +Reichsgräfin Excellenz sollen Alles wissen! Die macht mir aber den Kopf +auch warm genug. Ich soll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen, +der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Möcht’ es ja von Herzen gern thun, +kann ich denn? Wo ist der Erbherr? Wissen Sie es? Ich weiß es nicht. +Ohnlängst war er in Amsterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich sicher +wüßte, wo ich ihn träfe, ich reiste lieber heute als morgen zu ihm. Sein +Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, schreibt mir, daß er auf drei +Briefe ohne Antwort gelassen sei, auch die gnädige Frau in Kniphausen +weiß nicht, wo der Herr ist, und bestürmt Melchers mit Fragen. Sie soll +immer leidend sein. + +Was sagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit schmerzlichem +Gefühle. + +Ich sage leidend. Herr Melchers schreibt es, da können wir nun leider +Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wäre, wäre uns +vielleicht geholfen. Von Einigen hörte ich, er sei bei der Armee, von +Andern, er wolle seine Schwester nach Hamburg zur gnädigen alten +Excellenz bringen, wieder von Andern, er wolle seine Gemahlin und deren +Kinder, nebst der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr ist, mit der +Staaten-Jacht auch nach Hamburg bringen und schwärme seiner Gewohnheit +nach zu Wasser herum, und ich sitze hier und lauere, und möchte rasend +werden, und er gab mir doch sein gräfliches Wort, binnen vierzehn Tagen +hierher zu kommen. Es muß ihm etwas ganz Außerordentliches begegnet +sein. Hab’ ihm tüchtig und derb geschrieben, was hilft es aber, wenn +mein Brief herumwandert wie der ewige Jude, und ihn nirgend findet? Und +Gott allein weiß, wie ich hier, gesetzt der Erbherr käme endlich, mit +ihm unterhandeln werde! + +Die Reihe dieser Erörterungen würde noch ungleich länger gedauert haben, +wenn nicht Philipp mit der verschlossenen Brieftasche eingetreten wäre. + +Du bliebst heute sehr lange aus, sprach Ludwig zu seinem Diener. + +Halten der gnädige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mußte +lange auf der Post warten. Die Posten sind ungewöhnlich spät +eingetroffen; es muß überhaupt was los sein drüben in Arnhem, die Leute +rennen mit den Köpfen aneinander und durcheinander, wie ein +Ameisenhaufen, habe es nicht klein bekommen können, was es gibt, außer, +daß man will in der Ferne kanoniren gehört haben, denn wenn ich mein +Maul aufthue und frage, so versteht mich Niemand, und wenn Jemand mir +antwortet, so verstehe ich auch Niemand, es ist ein dummes Volk hier zu +Lande, ich dächte doch, ich spräche so gutes Deutsch, daß man mich +verstehen könnte! + +Alle lachten. – Ja ja, mein guter Philipp, du sollst nächstens bei den +Niederländern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutsch klingt ganz so +rein und schön, wie unser Helgoländisch, das wir in Paris sprachen, als +du den »Ueppasser« in die Seine warfst, scherzte Ludwig. Komm Bursche +und trinke! Es ist heute unser Geburtstag. – Wenn der Kerl nur +verdronken wäre! fügte Philipp mit vollem Ernst hinzu. Auf des gnädigen +Herren gutes Wohlsein! + +Windt erschloß die Brieftasche; sie enthielt der Briefe viele. Mit +Freude im Blick rief er aus: Ah! Gott sei Dank, ein Brief vom gnädigen +Erbherrn! Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an +Sie, Dame Angés aus Zweibrücken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van +der Valck; halt, noch einer, auch an Sie! Nun, möge es allseits eine +gute Festbescheerung geben! – Mit sehr verschiedenen Gefühlen im Herzen +der Empfänger wurden diese verschiedenen Briefe entgegengenommen. Welch +eigenthümliches Hereintreten der Außenwelt in den Menschenkreis, der +dieses einsame Schloß belebte! – Windt erbrach hastig den Brief des +Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beigeschlossen. – Ich war schon +gefaßt darauf, leer auszugehen, wie so oft, sprach dieser. Was kann der +Vetter mir zu schreiben haben? + +Windt las den Brief des Erbherrn laut vor. »Im Haag, den und den. Ich +habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebster Windt, aber da ich +zur Zeit ihres Einganges weder in Amsterdam noch im Haag war, sondern in +dringenden Geschäften anderswo, so habe ich Ihnen nicht früher antworten +können, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nächster Woche von hier +nach Doorwerth reisen zu können; ich kann unmöglich früher; ich habe +auch, hoffe ich, das nöthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, daß dies +Geschäft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es ist in diesen +Zeiten so drangvoll, daß ich fast nicht weiß, wo anfangen und wie alles +Begonnene vollenden. Adieu mein Bester! Leben Sie wohl. + + Wilhelm Gustav Friedrich.« + +Mit Hast erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgräfin. Ach, rief er +aus, halb lachend, halb ärgerlich: der hochgnädig ertheilte Urlaub für +mich zur Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor sechs Wochen gebeten! Was +hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns näher rückt? Gott +weiß, wie sehr ich dieser Cur bedürfte, aber kann ich jetzt fort, darf +ich fort? Von Amsterdam die schlechtesten Nachrichten, wo es so steht, +daß man dort weniger die Franzosen fürchtet, als die Patrioten; schöne +Patrioten das, die den Pöbel auf ihre Seite gelockt haben – so machen es +die Hunde von Aufwieglern überall und dann nennen sie sich Patrioten! +Und wir hier? Vom Rheine her die anrückenden Armeen der Coalition, von +Frankreich her die Carmagnolen, vom Norden her die holländische Armee +unter Anführung des Erbprinzen von Oranien, und außerdem noch die +Engländer unter dem Herzog von York, und da sollte ich von hier +fortgehen? Ein schlechter Soldat, der seine Fahne verläßt, Doorwerth ist +meine Fahne! Ich bin Kommandant des Kastells; es ist meiner Obhut +anvertraut, ich werde es hüten und halten! + +Sie sind stets der ehrenfeste treue Mann, auf den man sich verlassen +kann in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Ludwig und +fragte: Doch was schreibt Ihnen die Frau Großmutter weiter? + +Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus +mittheilte, mit Glossen. Klagt über Kranksein, andere Leute sind auch +krank! Sehnt sich in ein Bad – soll doch hingehen, sie hält kein Feind +ab, und kein Kriegstrouble wie mich; die Veränderung wird der bejahrten +Dame wohler thun und besser bekommen, als alle Recepte und Mittel des +Doctor Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Excellenz in Hamburg ist. +Räth mir das Archiv einpacken zu lassen – ist bereits geschehen – gibt +einen fürchterlichen Ballast Papier – will nicht glauben, wie es hier +aussieht – sollte nur selbst kommen! + +Dem Vetter schrieb der Erbherr in einigen flüchtigen Zeilen, daß er ihn +noch in Doorwerth zu treffen wünsche, daß er sich aber vorbereiten möge, +dann mit ihm zur Armee zu gehen, es sei ihm eine Offizierstelle beim +Regiment Orange-Geldern ausgemacht; der Erbprinz wünsche, daß Graf +Ludwig in so bewegter Zeit nicht müßig seine Jugend verträume, sondern +vielmehr eine Laufbahn einschlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im +Leben führen könne, und er, der Erbherr, könne diesem Wunsche und dieser +Ansicht nur beipflichten. + +Leonardus und Angés lasen still die Briefe, welche sie empfangen hatten; +Wehmuthsschatten überflogen Angés’ schöne Züge und voll Theilnahme +blickten endlich alle zunächst auf sie, Leonardus mit einem verhaltenen +Freude-Gefühl, Ludwig mit seelenvollster Zuneigung, Windt mit reinem und +gütigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen, dem aber +ein Zusatz von weiblicher Neugier beigemischt war, daher sie auch zuerst +wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen Sie gute +Nachrichten, verehrte Madame? + +Angés war nicht geneigt, ausführliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu +machen, sie beschränkte sich daher auf eine höflich ausweichende, +allgemeine Antwort, während Windt mit dem Finger gegen seine Frau +hindrohend nichts sagte, als: Jule! Hat schon wieder die Mühle kein Korn +mehr zu mahlen? Muß schon wieder aufgeschüttet werden? Ich dächte doch, +es wäre genug aufgeschüttet worden? – Aber als die durch den Bund einer +lauteren und seeleninnigen Freundschaft eng Verbundenen unter sich +beisammen waren, da wurde gegenseitig Alles mitgetheilt, was von weiter +Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit +allseitiger Theilnahme nicht nur, sondern auch mit mannigfaltiger +Empfindung vernommen. + +Meine Mutter schreibt mir, sprach Angés, daß sie Gott auf den Knieen +gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus +seien nur Schilderungen voll Härte und Roheit und Verdammungsurtheile +eingegangen. + +Berthelmy war außer sich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie, +nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich überall gesucht +und suchen lassen; an Leonardus hat er nicht gedacht er konnte an dich, +mein Freund, nicht denken, da er deine Anwesenheit in le Mans nicht +ahnen konnte. Zuletzt mußte er sich doch sagen, daß sein rohes Benehmen +mich fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu +mir in ihm lebte, trotz aller Mißhandlung, die er mir hatte angedeihen +lassen, so mag es wohl sein, daß er sich Vorwürfe machte und sich +doppelt elend fühlte. Er ist noch im Herbst des vorigen Jahres zur Armee +der Vendéer gegangen. + +Meiner Rückkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, schreibt mir +die Mutter, stehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der Familie +ein Freudenfest sein. Noch schreibt meine Mutter: Auch für die kleine +Sophie, deren du dich so mütterlich angenommen, liebe Angés, lichtet +sich die Zukunft. Der Prinz tritt offener hervor mit seiner Liebe, die +Prinzessin, vor Gott längst seine Gemahlin, wird es gewiß auch noch vor +der Welt, und jene liebliche süße Frucht dieser Liebe, aus einer Zeit, +wo noch das allertiefste Geheimniß sie umschleiern mußte, darf hoffen, +einst an der Hand erhabener Eltern auf sanftgebahnten Wegen durch das +Erdenleben zu wallen. Jene heißschlagenden, jugendlichen, feurigen +Herzen, die nur ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr +zu erröthen, fehlt es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen +Familie. Dir ist bekannt, liebe Angés, daß des Prinzen Vater schon eine +Prinzessin, seine nachherige Gemahlin, welche älter war als er, feurig +liebte, und in früher Jugend Vaterfreuden sich erblühen sah. Der gleiche +Fall trat bei dem Sohne ein, dem Kinde dieser flammenden und daher auch +früh verrauchten und verzehrten Leidenschaft und wenn wir Louise Maria +Therese Bathilde nicht verdammen, so dürfen wir auch Charlotten nicht +richten, welche, hingerissen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu +ihr und von ihrer heißen Erwiderung dieser Liebe, willenlos der Macht +beiderseitiger Leidenschaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes +wurde, zu dessen Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit +heiligem Eide. Daß du es mit dir hinwegnahmst, nachdem es nur kurze Zeit +bei uns verborgen gehalten worden, war sehr gut; Niemand ahnete etwas +und konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrst, gilt die kleine +Sophie Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von +ihrem Gatten treulos verlassenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei +Allem, was dir heilig und theuer ist, beschwöre ich dich, alle mögliche +Sorgfalt anzuwenden, daß das Kind an Leib und Seele wohl erhalten +bleibe, und gib mir sobald als möglich Nachricht von deiner Ankunft, auf +welche mit aller Macht sehnsuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.« + +Hätte es noch irgend eines äußeren Umstandes bedurft, um Leonardus und +Ludwig zu überzeugen, daß Sophie nicht das Kind von Angés sei, so würde +dieser Brief jedes desfallsige Zeugniß zur Genüge vertreten haben. +Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwürdig! Also Sophie Charlotte +heißt diese Kleine? Gerade wie meine Großmutter! + +Jetzt entfaltete auch Leonardus seine Briefe, um Angés und dem Freund +aus denselben Mittheilungen zu machen, indem er sprach: Ich habe frohe +und schlimme Botschaft zugleich erhalten; zunächst schreibt mir mein +Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, daß mein Vater +Wort gehalten und mich vor Notar und Zeugen so zu sagen enterbte, indem +er mich auf die bloße Hälfte des Pflichttheiles gesetzt hat. + +Leonardus! rief Angés, und schlug bebend ihre Hände zusammen. Und das +um meinetwillen? Das ertrage ich nicht! + +Sei ruhig, liebe Angés, erwiederte Leonardus: es muß und es wird sich +wohl auch ertragen lassen. Ich kann mir selbst Geld erwerben, auf den +Summen der holländisch-ostindischen Compagnie ruhen ohnedies die Flüche +der geknechteten Menschheit und entsetzlichen Unrechts millionenfach. +Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menschen ist veränderlich. +Vor der Hand meldet noch mein Vetter, daß mein Vater nicht zu seinen und +unserer jungen Muhmen Gunsten testiren wolle, sondern es solle ein Theil +des Vermögens an die Seitenverwandten fallen, welche zu Bochum in +Westphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck, der aus +Holland nach Deutschland übersiedelte, so viel ich weiß, eine Tochter +des Namens Aloysia hat, und dessen Vorfahren mit den unsern der Sage +nach, die ganze Grafschaft Valkenburg zwischen dem Hochstift Lüttich und +den Herzogthümern Jülich und Limburg besessen haben sollen. – Doch das +werde, wie es wolle, mir soll darüber kein graues Haar wachsen; aber +nun, liebste, theuerste Angés, höre was das Handelshaus in le Mans, an +das ich mit Aufträgen mich gewendet, mir schreibt, höre es, und freue +dich! Es ist das mein schönstes Angebinde zum heutigen Tage: Du bist +frei! »Auf Ihr Geehrtes«, so schreiben meine Handelsfreunde: +»ermangelten wir nicht, sorgfältige Erkundigung nach dem hier +wohlbekannten Kaufmann Etienne Berthelmy einzuziehen. Derselbe führte +als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der West-Vendée +unter Charette stieß, und soll sicherem Vernehmen nach bereits am 11. +October des vorigen Jahres bei der Erstürmung und Eroberung der Insel +Noirmoutier geblieben sein, zum Mindesten soll sein Name auf der +Todtenliste gestanden haben. Sein bejahrter Vater ist mittlerweile auch +gestorben, und seine betagte Mutter lebt noch unter betrübten Umständen +und nährt sich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibsel +ihres einst blühenden Geschäftes.« + +Angés saß stumm und ernst da, und hörte diesen Bericht mit einer Fülle +von Gedanken an, die sie erschütterte, endlich reichte sie jedem der +beiden Freunde eine ihrer zarten Hände, und sprach: So fällt denn ein +dunkler Vorhang nieder und schließt einen, ach und wohl den traurigsten +der Acte meines Lebensdrama’s mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum +ist es mir, mich frei zu denken, mich frei zu fühlen, und so wichtig ist +diese Nachricht, daß ich mich nicht mit derselben begnügen kann: ich +kann auf sie nicht bauen und keinen Schritt der Entscheidung thun, bevor +ich nicht die verbürgteste Bestätigung dieser Nachricht in Händen habe; +aber, meine lieben, theuern Freunde, erfüllt mir eine Bitte: laßt mich +scheiden! Meine Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieses +holde und liebe, mir anvertraute Kind, unser Sophiechen, schon in zuviel +Gefahren brachte ich’s, ich will es der Heimath wieder zuführen, der es +entstammt, ihm will ich dort leben, und deine That, Leonardus, deine +Liebe will ich ewig dankbar segnen, deiner Freundschaft, Ludwig, will +ich innig eingedenkt bleiben! Wir müssen uns trennen. Du, Leonardus, +mußt zu deinem Vater zurückkehren als ein reumüthiger Sohn und seine +Verzeihung erflehen. Er wird dir verzeihen, und du wirst noch glücklich +sein. Du, Ludwig, wirst auf dem Felde der Ehre wandeln und eine +selbstständige hohe Stellung dir erringen, die dich völlig unabhängig +macht von deinen Verwandten. + +Liebe Angés, nahm Leonardus das Wort: deine Entschlüsse sind ehrenhaft, +und was du sagst, ist gut, aber es ist nicht ausführbar, du kannst jetzt +nicht reisen. Alle Lande am Nieder-, Mittel- und Oberrhein wimmeln von +Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen könnte, aber folge in Einem +deiner Mutter, achte auf das anvertraute Kind; setze nicht dieses zarte +Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich überlegten Entschlüssen +durchzudringen. – Auch ich muß Leonardus beistimmen, setzte Ludwig +hinzu. Hier bist du sicher und wohlgeborgen mit deinem Kinde, Angés, und +reichte das Schloß nicht aus, so gibt es in dem nahen Busch voll +Moorbrüche einzelne Hütten und Häuser genug, zu denen kein Krieger zu +dringen vermag und die Pfade findet; laß erst die herrannahende Wolke +des Kriegsgewitters vorüberziehen, ja, wenn es sein muß, vorüberbrausen, +weiche nicht aus diesem Asyle, es wird sich dir nirgend ein sichereres +bieten und öffnen. + +Das Gespräch wurde unterbrochen; Windt klopfte stark an, und trat +erhitzt ein. Hören Sie es, meine Herrschaften? war seine Frage, und da +man nicht zu verstehen schien, was er wolle, so ließ er die Zimmerthüre +offen stehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauschen +aufforderte. Und kaum war dieser Aufforderung genügt, so hörten Alle in +bestimmten Zwischenräumen einen dumpfen Schall. + +Was ist es, lieber Herr Windt? + +Freudenschüsse sind es wahrscheinlich, zu beiderseitiger hoher +Geburtstagfeier! Eine Kanonade ist es, meine Verehrtesten, und jetzt +entsteht die Frage: Was thun? Feiglinge würden rufen: Rette sich wer +kann! Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Für mich ist das keine +Frage. Halten Sie sich bereit, meine Herren, mich zu unterstützen! Der +Augenblick wird kritisch, sehr kritisch, doch nur keine Furcht. Das +hiesige Archiv fährt, in einige fünfzig Kisten verpackt, nach Arnhem; +alle Papiere des gräflichen Hauses, der Lehn- und Rentenkammer, ich +stelle sie unter den Schutz des dortigen Magistrates. So wie eine +Abtheilung der holländischen oder der englischen Armee sich nähert, +werden Sie, Herr Graf, zu deren Befehlshaber zu reiten so gütig sein, +und um Schutzwachen für Doorwerth, Helsum, Rosendael und Wolfsheese +bitten. Es geht bereits ganz lustig und kunterbund zu, die Wege sind mit +Flüchtlingen aus Brabant bedeckt, Adelige, Geistliche und sonst vornehme +Leute, in Arnhem sind schon Flüchtlinge aus Mastricht angelangt. Dort +packt Alles ein und hat sich schrecklich #beezig#[10] und consternirt. +Die Stadt wird stark befestigt. Etwas Neues ist auch noch, daß der Graf +Johann Carl schon einige Male durch Helsum gekommen ist, ohne hier +vorzusprechen. In Rheenen, wo wir ja ohnlängst durchkamen, soll das +englische Lazareth hingelegt werden. Im Haag sogar, vernahm ich heute, +wird eingepackt, leider ist die prinzliche Partei die einpackende. Doch +zu den schlimmen Nachrichten nun auch eine gute, erfreuliche. +Robespierre ist todt, das blutige Scheusal; mit ihm fielen eine ganze +Anzahl seiner schändlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende +Schuster Simon, der Quäler des Dauphins, dem Racheschwert der +unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wäre Zeit, sich der Freude zu +überlassen, so wollt’ ich’s im vollen Maaße thun. Sie räumen hübsch auf, +die Herren Franzosen, einundzwanzig Henkersknechte sind zugleich mit +ihrem Meister zur Hölle gefahren, und am Tage darauf einundsiebenzig. +Die Zeit ist endlich da, wo die Drachenzähnesaat aufgeht und sich selbst +erwürgt. – + + [Fußnote 10: Rührig.] + +Es kamen schlimme Tage für den treuen Windt, die seine Geduld, seinen +Muth und seine Ausdauer im Beschützen des Besitzthums seiner Gebieterin +auf harte Proben stellten. Ein Theil der englischen Armee überfluthete +bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein- und +Ysselufer, und wie es immer zu geschehen pflegt, wenn die Furien des +Krieges entfesselt sind, die Engländer benahmen sich nicht, wie Hollands +Verbündete, sie nahmen blos, und zwar Alles was sie fanden und stahlen +wie die Raben. In allen Ortschaften wurde verkündigt und öffentlich +angeschlagen, Niemand solle über die politischen Ereignisse reden oder +schreiben; alle Boote, Kähne und dergleichen Fahrzeuge mußten nach +Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend- oder Nachtzeit +über den Rhein. Man trug sich mit Listen der Gutsbesitzer und Schlösser, +welche geplündert, oder Herrlichkeiten, welche zerstört werden sollten. +Doorwerth hatte die Ehre, oben anzustehen, Helsum, Mariendael und +Rosendael, drei gräfliche Besitzungen, folgten zunächst. Die +Herrlichkeit Rosendael (sprich Rosendahl), mit prächtigem Schloß und +prangenden Ziergärten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes +Besitzthum zu bergen hatte, der suchte es zu bergen und floh in +nördlicher Richtung aus dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem, +Doesburg, Zuitphen wurden leer von Wohlhabenden, das Gesindel blieb und +plünderte auf eigene Hand und auf Rechnung der Soldaten. + +Und mitten in diese Bedrängniß hinein kamen zu Windt drängende Briefe +von der alten Reichsgräfin wie Bomben geflogen, oft ungehaltenen und +ungnädigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich sollte endlich +abgeschlossen, der Erbherr zu einer Entscheidung gedrängt werden, er +sollte Doorwerth käuflich übernehmen und einen Theil der Kaufsumme +gleich baar erlegen. Windt, oft ernstlich krank, mußte fast täglich +Briefe nach allen Richtungen schreiben; mittlerweile flüchteten sich +zahlreiche Bekannte mit ihrer Habe aus der nächstbedrohten Nachbarschaft +zu ihm und hofften in dem Kastell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei +begannen schon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der +Lebensmittel stieg auf eine bedenkliche Höhe. Jeden Tag, ja stündlich +hatte Windt seinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus +bildeten gleichsam mit ihm den Kriegsrath im Kastell; alle drei trugen +aus guten Gründen militärische Uniformen und ebenso steckte die +Dienerschaft in Jäger-Monturen. Nebenausgänge aus dem Kastell waren +verrammelt, das Hauptthor bewacht, die Zugbrücke aufgezogen. Dieser +Widerstand sollte nicht gegen kriegerischen Angriff gelten, sondern blos +Schutz gewähren gegen Raubrotten, und den leistete das so bewehrte und +bewachte Kastell Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich besserer +strategischer Punkt, als die kleine, unbedeutende und halb verfallene +Dunenschanze, die in des Schlosses nächster Nähe nach dem Strome zu lag. +– Wieder war ein Tag voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treulosen +Rentmeister entlassen und seiner Pflicht entbunden, und hatte einen +Brief vom Hofrath Brünings aus Varel erhalten, wo auch kein schönes +Wetter war. Brünings äußerte sich halb ironisch, voll Hoffnung, daß das +»große Werk« nun wohl bald zu Stande kommen werde und schrieb: »Man hört +hier von Holland, in Ansehung der inneren Unruhe, viele düstere +Gerüchte. Gott gebe, daß sie ohne Grund sind. Hier nimmt der Geist des +Jakobinismus noch gar nicht ab. Die reichen Bauern wollen keine Steuern +mehr zahlen, die armen können nicht, unsere herrschaftlichen Kassen sind +leer.« + +Und was in unseren hiesigen liegt, ist auch kein Gold und kein Silber, +seufzte Windt. Und jetzt nun soll Doorwerth verkauft werden! Es ist +unsinnig. Aber hab’ ich’s nicht schon vor vier, vor drei und zwei Jahren +voraus gesagt, daß man warten und zögern werde, bis die politischen +Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel setzen würden? Siehe, da +ist’s handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen und +Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er ist krank vor Sorge und +Anstrengung. Er hat sein Leben daran gesetzt, ein neues Corps zu +errichten. Er nimmt sich mit dem edelmüthigsten und tapfersten Sinne der +Landesangelegenheiten auf das Aeußerste an und soll ganz elend aussehen. +Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden können, hat er seinen +patriotischen Zwecken geopfert, und wo sollte er nun Geld für Doorwerth +hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit ist aus +ihren Fugen gekommen, sagt Hamlet. Die so schleunige Wendung der Dinge +macht es dem Erbherrn unmöglich, Geld zu schaffen, selbst wenn er Zeit +hätte, sich danach umzuthun, er hat alle Hände voll mit seinem neuen +Landrattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; sein Cabinet und Zimmer +liegen voll Monturen, Hüte, Schuhe, Gewehre, und Alles läuft Tag und +Nacht bei ihm um, wie sein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde, +weiß Gott! Jetzt sind die Zinsen von der Herrlichkeit Rosendael fällig, +die verpachtet ist – kein Deut zu haben, und ich soll tausend Gulden +Schatzung von den gräflichen Häusern nach Arnhem liefern. Alles Unheil +schlägt zusammen, wie der Donner in die Töpfe! + +Mitten in die endlosen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein +Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer +Reiterabtheilung, und sah sich freudig begrüßt; doch konnte sich Windt +nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, auszurufen: Gott wie +sieht unser Herr aus? Wie ein Busch verhagelter Petersilie! + +Der Erbherr, allerdings sehr angegriffen und mitgenommen aussehend, saß +bald im vertrauten Gespräch mit Windt; es handelte sich um die +verwickelte Angelegenheit, der beste Wille war da, aber Geld fehlte und +neue Schwierigkeiten thürmten sich entgegen. Windt erhob das große +wichtige Bedenken, ob es besser sei, daß Doorwerth bei einem doch immer +möglichen Ueberzug dieser Gegend durch die französische Armee Eigenthum +eines feindlichen Offiziers sei, Mitgliedes der holländischen +Ritterschaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in +der freien Stadt Hamburg lebenden Gräfin, die dem neutralen dänischen +Reiche angehöre? + +Da thäte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dänische +Grafendiplom aus dem Kniphäuser Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen erst +hierher kommen zu lassen – ehe das kommt, steht hier kein Stein mehr auf +dem andern! + +Mit nichten, gnädigster Erbherr, entgegnete Windt. Hier ist es schon in +bester Form und beglaubigter Abschrift auf einem Stempelbogen, der »Een +Rigsdaler« gekostet hat. #Nos Christianus quintus his literis +patentibus# und so weiter, beglaubigt, unterschrieben und untersiegelt +mit dem #Kongelige Danske Cancellier Seigl#. + +Was Sie für ein Diplomat sind, Herr Windt! Fürwahr, ich bewundere Sie +immer mehr! rief der Erbherr. Ich will Sie der geliebten Großmama nicht +abwendig machen, aber sollte sie die Augen zuthun, so daß ich es erlebe, +so ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umsicht verdient noch +mehr! + +Windt verneigte sich und erwiederte: Wollte Gott, es wäre Zeit zu +scherzen, mein gnädigster Herr Graf! Der Frau Reichsgräfin Excellenz +helfen jetzt weder deutsche noch dänische Grafendiplome, und wenn Karl +der Große sie ausgestellt hätte, statt Karl der Fünfte von Dänemark. +Holländische Ducaten sind die Losung, das ist die #vis unita# nicht nur, +es ist auch die #vis unica#, nicht die einige blos, sondern die +alleinige mächtige Hülfe. Alle Einkünfte stocken; hier ist nichts, +Rosendael liefert nichts, Varel liefert auch nichts – und die gnädige +Frau Großmutter Excellenz – + +Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergänzte der Erbherr. Ich hatte +Hoffnung, aber sie schwand wieder, denn keiner meiner Vettern und auch +mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich so eben komme, kann oder +will Etwas beisteuern, ja mein Bruder Johann Carl sagte mir geradezu in +das Gesicht: »Wenn, wie zu fürchten steht, der Feind in das Land kommt, +so gebe ich für dein eigenes Leben keinen Heller, geschweige für deine +Güter; denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein +schnelles Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in Utrecht bei Anleihen +den drei- bis vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In +alten holländischen Obligationen.« Wer aber solche besitzt, braucht +nicht zu borgen. Mein bester Freund, Baron Grovesteins, der mir früher +zehntausend Gulden angeboten hatte, sagte mir, daß er mir jetzt nicht +einhundert Gulden leihen würde, und wenn er das Geld in Haufen liegen +habe und mit #Schepeln# messen könne. Es sind einhundert Gulden baar +nicht zu bekommen, und wenn man eintausend dafür verschreiben wollte! + +Während dieses Gespräches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange und +ernste Unterredung, in welcher der Erstere dem Freunde die ganze Fülle +seines offenen und redlichen Charakters erschloß und zugleich den Blick +auf ihre beiderseitige Zukunft lenkte. + +Folge du, mein Ludwig, sprach Leonardus, jetzt dem an dich ergangenen +Winke, nimm den Kriegsdienst an, der dir ehrenvolle Lebensstellung +sichert, und folge meinem wohlüberlegten und brüderlichen Plane. +Unterdeß wirke ich, und wir werden von einander hören. Angés muß mein +werden, wenn Gott mir das Leben fristet; wäre Letzteres nicht, so bleibe +sie in deinen edeln Schutz gestellt, und dann erfülle die Verpflichtung, +die mein Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugesichert. Sieh, +dann bringst du mir ein ungleich höheres und dankenswürdigeres Opfer, +als ich dir, indem ich beizutragen suche, deine Stellung im Leben +einigermaßen zu sichern. Und nun kein Wort weiter! Der Bruderbund ist +aufs Neue geschlossen, und dieser Kuß besiegle ihn. + +Wenn nun Euer Gnaden, sprach Windt weiter zum Erbherrn, sich an den +Herzog von Portland wendeten? Könnte und würde dieser nicht –? + +Hab’ es gethan, lieber Windt, hab’ es gethan! antwortete der Erbherr +bekümmert: mein Vetter, der Vice-Admiral, schrieb selbst den Brief, da +ich mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam schnell genug zurück, +denn pünktlich sind diese Engländer und rechnen, ah, sie rechnen, auch +wenn sie in der Pairskammer sitzen. Der Herzog schrieb an seinen +Verwandten und Namensvetter William: Es sei ein recht artiger Einfall +von mir, daß ich fünftausend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er +müsse nur bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem +Maaße erwiedern zu können. + +Da stand nun Windt rathlos und sah abermals all’ sein treues Bemühen zu +nichte gemacht, und der Erbherr schaute finster drein und schwieg. + +Diese peinliche Pause unterbrach der Eintritt Ludwig’s. + +Störe ich? fragte er, und machte Mienen, sich zurückzuziehen. + +Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unser Geschäft ist zu Ende. + +Darf ich dir Glück wünschen zu Doorwerth? fragte der junge Graf. + +Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achselzucken. + +Woran fehlt es, daß der Kauf nicht zu Stande kommt? + +Hm – am Besten, am Geld! erwiederte Windt verdrießlich. + +Doorwerth ist dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene +starrten ihn an. + +Es ist dein, ich kaufe es für dich, ich leihe dir das Geld! Hier sind +einstweilen fünfzigtausend Gulden in englischen Banknoten! + +Vetter! Vetter! rief der Erbherr außer sich, und die so plötzlich nahe +tretende Erfüllung eines seit Jahren gehegten Lieblingswunsches erfüllte +seine Seele mit hohem Entzücken. + + + + + Zweiter Theil. + + Die Flüchtlinge. + + + _Motto:_ + + Wo ich sei, und wo mich hingewendet, + Als mein flücht’ger Schatten Dir entschwebt? + + =Schiller.= + + + + +1. Sophia Botta. + + +Anders sah es aus in der Herrlichkeit Doorwerth, aber nicht besser. Die +Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde. Die Engländer, welche Windt nie +anders als »saubere Alliirte« nannte, drohten ein Lazareth in das +Kastell zu legen. Fort und fort hörte man in der Ferne kanoniren, sah +den feurigen Flug der Bomben und die Flammen in Brand geschossener +Magazine. Der Herzog von York that mit seiner Armee sein Möglichstes, um +Holland zu decken, aber von den Zinnen und Warten des Kastells erblickte +man täglich ganze Säulen flüchtender Soldaten, welche die Wege nordwärts +einschlugen. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatze jagten einander bald +verbürgt, bald unverbürgt. Grevecoeur, der Schlüssel zu dem Bosch +(Herzogenbusch) ist über, hieß es; dann sollte der Bosch auch über sein; +dann wurde die Nachricht wiederrufen, unter dem fernher vernehmlichen +Donner des gröbsten Geschützes. »Die Carmagnolen haben fünf Brücken über +die Maas geschlagen – die Menge und Tapferkeit der Franken macht jeden +Widerstand unmöglich, was flüchten kann aus Städten und Orten, das +flüchtet – die Franken sind nahe vor Nymwegen – in die Werke von +Nymwegen haben sich sechstausend Engländer geworfen – die +zurückgedrängte englische Armee will sich wieder bei Gorkum setzen – die +in großer Zahl ausgewichenen Bataver haben ein Comité gebildet, und +durch dasselbe mit der französischen Republik über Vertragsbedingungen +unterhandelt – die Franken sollen die Städte der neuen batavischen +Republik mit Truppen besetzen – die Regierungsform soll provisionell +bleiben, wie sie ist – die entlassenen Beamten sollen wieder in ihre +Stellen einrücken – die Geflüchteten sollen zurückkehren – Holland soll +die französische Republik anerkennen, soll sein Bündniß mit England +brechen, sich mit Frankreich verbinden und an England, Preußen und +Oesterreich den Krieg erklären – des Statthalters und seiner Partei soll +in keiner Weise mehr gedacht werden.« – So drängten sich und wirrten die +Nachrichten durcheinander, als schon der October herbeigekommen war. + +Ludwig und Leonardus waren als Führer in das berittene Corps +eingetreten, das der Erbherr errichtet hatte; Angés mit dem Kinde blieb +in Windt’s Schutz gestellt in Doorwerth, und für Frau Windt war es ein +großer Trost, eine weibliche Seele als Freundin zur Seite zu haben, die +ihr manchen Beistand leistete. + +Windt bot Alles auf, mehr und mehr Lebensmittel in das Kastell zu +schaffen, denn es kam ihm im Geiste vor, als wenn der bedrohliche +Zustand sobald nicht enden werde. Man sah ihn häufig, von einem oder +zwei Reitknechten begleitet, in seiner kleidsamen Offiziersuniform durch +die Fluren und die nächstgelegenen Ortschaften reiten; Graf Ludwig hatte +dem redlichen Freund seine Isabella geschenkt, halb aus Liebe zu Windt, +halb aus Liebe zur Isabella, deren Leben er dadurch besser zu sichern +hoffte, als wenn er das treue Pferd der Gefahr beim Heere aussetzte – +und überall war Windt willkommen; seine Anordnungen wurden genau +befolgt, die Bauern liebten ihn, weil er sie von dem Rentmeister +befreit, der sie gedrückt und geschunden hatte, um sich zu bereichern, +und weil Windt sie menschenfreundlich behandelte. Jeden Morgen fast saß +Windt am Schreibpulte und schrieb Briefe an seine Herrin, oft in +fliegender Hast und Hetze, Alles bunt durcheinander, aber sie wollte und +mußte Alles wissen. Doorwerth und dessen guter Verkauf bildete jetzt +einen Theil ihrer noch übrigen Lebenshoffnungen. + +»Ich bin im Handgemenge mit den Engländern!« schrieb Windt unter Andern +in seiner eigenthümlichen, raschen und keinerlei Umstände machenden +Weise, die sein ganzes Wesen an Tag legte: »Gestern war ein hoher +Offizier hier, um das Kastell mit Allem, was dazu gehört, für verwundete +Offiziere in Besitz zu nehmen, so wie sie die Kirchen in Helsum, Renkum +und Velp[11] für Kranke in Besitz genommen, letztere liegt bereits voll +davon, ebenso wie ganz Rosendael, wo ein Lager aufgeschlagen ist und +alles Holzwerk, jung und alt, zerstört wird. Der Offizier war genau +unterrichtet, wem die Herrlichkeit gehört, wie viele Einwohner sie +zählt; der Bürgermeister von Wageningen, wo auch Alles voll liegt, hat +ihn mir auf den Hals zu laden gesucht. Der Donner soll diesem +Bürgermeister, den ich kenne, dafür auf den Kopf fahren! Sobald ich +hinüber komme, will ich ihm sagen, was er wissen soll. Ich war gestern +in der Stadt und sprach mehrere Engländer und balgte mich bis zum +Säbelziehen mit ihnen herum. Wer meine Dispute mit den Engländern +angehört hat, kann sich eine Vorstellung vom babylonischen Thurmbau +machen, sie haben mich indessen besser verstanden, als ich mich selbst +verstehe. In Arnhem hat man mich zum Bürgergardehauptmann gewählt. +Gehorsamer Diener! Erst kommt Doorwerth und dann kommt es noch einmal, +und dann kommt Arnhem noch lange nicht.« + + [Fußnote 11: Renkum, niederländisch Renekom, Dorf zwischen + Helsum und Wageningen; Velp, Dorf ohnweit Arnhem und Rosendael.] + +»Ihre Excellenz sind sehr besorgt um das hier befindliche Silber. Dies +kann ich nicht eher bergen, als bis ich mich selbst bergen muß, denn es +ist höchst gefährlich, Werthsachen wegzusenden und selbst zu bleiben; +nichts wegzusenden und Vertrauen zu zeigen, ist das einzige Mittel, um +sich bei den Carmagnolen in Achtung zu setzen; selbst von dem Meinigen +sendete ich weder Kleider, noch Waffen fort. Geld habe ich ohnehin nicht +fortzuschaffen, Geld gibt es nicht. Der schurkische Rentmeister hat die +Renten bis Petri des nächsten Jahres voraus eingetrieben und mir nichts +zurückgelassen, als für mehr als 1000 Gulden unbezahlter Rechnungen. Ich +bin froh, dieses Ungeziefer los zu sein, die Bauern sind auch froh. Ohne +Zweifel wird er sich Ihrer Excellenz in Hamburg vorzustellen frech genug +sein, aber die geringste Höflichkeit, die ihm in Hochdero Hotel zu Theil +wird, nehme ich für mich als die höchste Beleidigung. Wenn er kommt, +lassen Ihre Excellenz ihn durch den Büttel aus den Thoren der Stadt +bringen!« + +»Was aus Doorwerth, was aus der ganzen Republik Holland werden will, +weiß Gott allein! Ich bin ein gehetztes Wild, voll Angst und Trübsal, +Mühe und Arbeit, Last und Hast, und Ihre Excellenz sind jetzt für ein +wenig Silber besorgt, aber nicht für mich. Ich bitte meine arme +Schwester, die ängstlich besorgt um mich ist, zu trösten. Es ist immer +noch möglich, so gefährlich es auch aussieht, daß wir diesseit des +Rheines noch einige Zeit von den Franken befreit bleiben, obgleich +General Pichegru darauf gewettet haben soll, den Winter in Nimwegen +zuzubringen und seine Armee diesseits des Rheines Winterquartiere +aufschlagen zu lassen.« + +»Heute habe ich den holländischen General-Quartiermeister von hier aus +bis auf den halben Weg nach Nimwegen gebracht, es sieht übel aus auf den +Straßen, es ist eine bitterböse Zeit; wo man hin hört und sieht, +vernimmt man nichts und hört man nichts, als von Raub und Plünderung, +Mord und Brand, Krankheit und Theurung. Das Pfund Butter kostet in +diesem so butterreichen Lande 1 Gulden.« + +»Gestern ist die Frau Landgräfin zu Hessen-Philippsthal, Ulrike +Eleonore, welche die Belagerung von Hertogenbosch treulich mit ihrem +tapferen Gemahle ausgehalten, durch Arnhem gekommen. Sie wird mit dem +Landgrafen nach Bückeburg gehen, zur gnädigen Frau Schwägerin, der +trefflichen Fürstin Juliane.« + +Diesen Brief konnte Windt erst Abends vollenden. Er schrieb: »Rundum uns +her ist ein fürchterliches Getümmel; so eben komme ich, 7 Uhr Abends, +aus einer Bataille mit Irländern zu Pferde nach Hause, die in Wolfsheese +und längst der Doorwerth marodirten und ein Zetergeschrei unter dem +armen Volke erregten. Ich jagte ihnen aber, unterstützt von meinen +Leuten, ihre Beute wieder ab; allein es wird zu arg mit dem Rauben der +sauberen Alliirten; Bauern, die ihre Habe vertheidigen, werden +aufgehenkt und ihre Häuser werden in Brand gesteckt. Die Irländer +namentlich haben stets Hunger wie die Pierrots in der Pantomime. Und +wenn diese Feinde der Ordnung aus dem Lande sind, dann wird dasselbe +Spiel von den Carmagnolen begonnen werden, wobei, wie eben auch in der +Pantomime, höchst wahrscheinlich die Pierrots von den Harlekinen Prügel +bekommen.« + +»Ueberall ist der Teufel los; Gott lasse mich nur jetzt nicht krank +werden, sonst ist hier Alles verloren! Fort und fort Kanonendonner auch +jetzt, indem ich dies schreibe, in der Richtung nach Nimwegen hin. +Vorgestern kam der Herzog von York nach Arnhem; Prinz Friedrich zu +Hessen lag mit seinem Regiment in Rosendael und wohnte wahrscheinlich +dem gestrigen Treffen bei. Ich ritt stracks nach Arnhem, um beim Herzoge +Schutz zu suchen; er war aber nicht zu sprechen; gestern ritt ich wieder +hinüber und war so glücklich, Sauvegarden für die Ortschaften von ihm +zu erhalten, es wäre auch sonst kein Einhalt mehr zu thun gewesen, und +ich bin des Reitens und ewigen Brutalisirens bei Tag und Nacht müde; ich +spüre in allen meinen Knochen einen Höllenschmerz.« + +»Was den Kauf von Doorwerth betrifft, über den ich Ihrer Excellenz schon +unterthänig berichtete, so waren der gnädige Erbherr und ich nicht +weniger erstaunt, als Ihre Excellenz selbst es sind über das großmüthige +und räthselhafte Anerbieten des jungen Herrn. Ich hielt es für Pflicht, +diesen zu warnen, eine solche hohe Summe auf das Spiel zu setzen; selbst +der Erbherr sträubte sich lebhaft gegen diesen Edelmuth, allein Graf +Ludwig entgegnete: Dieses Geld wurde mir anvertraut zu beliebiger +Verfügung; wie könnte ich es besser anlegen, als in einem werthvollen +Grundstück, welches ich, da es doch einmal verwerthet werden soll, +dadurch der Familie erhalte? Ich baue unbedingt auf meines Vetters Ehre +und da wird ohne Zweifel dieses Geld in den besten Händen sein. – +Wahrlich Excellenz, ich schäme mich nicht, es zu sagen, daß dieser +Beweis eines wahrhaft edeln Herzens und Charakters Hochihres jüngsten +Enkels mich auf das Innigste rührte und was im Gemüthe des Erbherrn +vorging, konnte ich in dessen Mienen lesen. Wir beriethen nun die Sache +ernstlich; der junge Herr sollte auf Doorwerth einstweilen nur 25,000 +Gulden anzahlen, und dafür eine Obligation auf Varel erhalten, die +anderen 25,000 Gulden wollte der Erbherr auch annehmen und auf Rhoon +versichern. Ihre Excellenz sollten die Gnade haben, mir förmliche +Vollmacht zu ertheilen, alle nöthigen Schriftdocumente zu entwerfen, die +Summe in Empfang zu nehmen und in Hochdero Namen bündig zu quittiren, +welche Quittung zugleich als Interims-Verschreibung auf gedachte +Herrlichkeit Doorwerth mit Zubehör gelten solle, bis zu Ertheilung der +förmlichen Obligation und Ausfertigung des zur Sicherheit weiter +Erforderlichen. Diese Verhandlung erfolgte ebenfalls unter beständigem +fernen Kanonendonner; da kam auf einmal der auf Kundschaft ausgesandte +Diener des jungen Herrn, Philipp Scarre, im vollen Jagen angesprengt und +brachte die Nachricht, die Engländer seien geschlagen, ein ganzes +Regiment derselben an der Wahl gefangen genommen, ein anderes völlig +vernichtet, die ganze hannoversche Infanterie unter Graf Walmoden habe +sich nach Nimwegen geworfen. Das nöthigte den Erbherrn zum schleunigen +Aufbruch und es blieb nur noch so viele Zeit, zu verabreden, daß, wenn +der Feind nicht über den Rhein käme, demnächst wo möglich eine neue +Zusammenkunft und Verhandlung stattfinden solle. Einstweilen gebe ich +Ihrer Excellenz anheim, mit den nöthigen Papieren und Hochdero +Zustimmung mich zu versehen, und bin zu Füßen Hochdero unterthäniger +Windt.« – + +Feindselig war die Zeit aller Liebe und jeder Liebeshoffnung in den von +der Geißel wilder Kriege furchtbar heimgesuchten Ländern. Wittwen und +Waisen machte der Krieg in Menge, Thränen und Jammer brachte er in +zahllose Hütten, Häuser und Paläste, Glück nirgend hin, in kein einziges +Haus. So war es damals, war es früher, und so ist es immer noch; fort +und fort erneuen sich die Häupter dieser lernäischen Schlange. Der +Mächtigen Laune, oder Ländergier, oder Herrschsucht, ebenso wie der +Völker Wahnsinn beschwören den Dämon des Krieges aus dem finstern Orkus +herauf, sie entfesseln ihn zur Peinigung, zur Knechtung, zur Vernichtung +der Menschheit, und vermögen ihn dann sobald nicht wieder zu bannen. +Kaum ein Jahrhundert vermag die Wunden zu heilen, die ein blutiger Krieg +den Ländern, den Völkern schlägt, aber vergebens und immer vergebens +rathen Religion und Vernunft, Gerechtigkeit und Sitte, Bildung und +Fortschritt vom Beginn solcher Greuel ab; vergebens kämpfen weise Männer +unter dem Wehen der Oelzweige und der Friedenspalmen gegen den Krieg; +dort sind es die Gewalthaber, hier sind es ganze Völker, die beide in +unsinnigster Verblendung seine Furien wachrufen, und sich, gleich den +Fanatikern Indiens, mit Freude vom Donnerwagen Krischna’s bei der Pagode +von Jagernaut zermalmen lassen. + +Angés saß bei Frau Windt im stillen Zimmer, die Herbstsonne kämpfte mit +den schweren Nebeln der weitgedehnten Flächen und der nahen moorigen +Brüche. Auch die kleine Sophie saß bei den Frauen, und übte mit Eifer +eine Arbeit, welche sie jene ebenfalls üben sah, eine Arbeit, die der +Krieg aufdrängt dem zarten Geschlecht, die an Schmerz und Pein, an Blut +und Wunden fort und fort erinnert: sie zupften Charpie. + +Wer mag wissen, wem diese Leinwand dienen wird, warf Angés trübsinnig +die Frage auf, und ihre angstvollen Gedanken flogen nach Leonardus hin, +der es verschmäht hatte, in Doorwerth müßig zu weilen, während sein +Freund sich vielleicht die Lorbeeren der Schlachten pflückte. Sie sah im +Geist den Freund ihres Herzens verwundet und sich als seine liebevolle +Pflegerin. Frau Windt aber antwortete: Das möchte ich nicht einmal +wissen; am Besten, sie würde gar nicht gebraucht, da brennte ich das +Zeug zu Zunder und steckte mein Licht an ihm an; wär’ auch ein guter +Gebrauch, besser als der, für den diese Leinwand bestimmt ist, nämlich +Solchen zu dienen, deren Lebenslicht mit dem Erlöschen bedroht ist. + +Das Kind begann in dieser Zeit etwas Holländisch und etwas Deutsch +sprechen zu lernen, und die beiden Frauen ertheilten ihm den Unterricht +so eifrig und vortrefflich, daß bald sein Deutsch äußerst holländisch +und sein Holländisch äußerst deutsch klang, was manchen Anlaß zum Lachen +gab. + +Mit leiser, längst auf dem Herzen getragener Frage wandte sich in dieser +traulichen Stunde, und indem sie mit wahrhaft mütterlichem Wohlgefallen +auf die Kleine blickte, Frau Windt an Angés: Sie wollten mir immer von +dem schönen Kinde erzählen, meine Beste! Heute hätten wir Zeit; es ist +außen einmal etwas ruhig; mein Mann ist nach Arnhem geritten, halb in +Geschäften und halb aus Neugierde, um den Grafen von Artois zu sehen, +den Mann, der sich für den künftigen König von Frankreich hält, aber +nichts thut, sein Königreich wieder zu gewinnen. Er wohnt als Gast auf +der Sip, einem Gute des Herrn von Brantsen, nur ein halbes Stündchen von +Arnhem, und ist umgeben von einem kleinen Kreise Emigranten, welche alle +denken wie der Herr Graf von Artois, und ihr Königthum in Gedanken mit +sich herumtragen, wie die Juden ihre Bundeslade auf der Reise durch die +Wüste. Der Herzog von York hat gestern beim Grafen von Artois gespeist; +auf dem Park wohnt der Prinz Louis von Rohan; gestern ist auch der +Kurfürst von Köln in Arnhem angekommen, und der tapfere und berühmte +Kriegsheld Graf von Clairfait. Man spricht davon, daß das Hauptquartier +der verbündeten niederländischen und holländischen Armee nach Arnhem +gelegt werden soll. + +Ein flüchtiges Roth flog auf Angés zarte Wangen bei einem der Namen, +welche Frau Windt ihr nannte, diese bemerkte dasselbe aber kaum, oder +schob es auf Rechnung ihrer Aufforderung an die junge Freundin, ihr +Etwas mitzutheilen, was Angés bisher immer mit Aengstlichkeit zu +verhüllen gesucht hatte. Wenn aber Angés erwog, welche große Ansprüche +auf Dank sich Windt und dessen gutmüthige und liebevolle Frau um sie +verdienten, welch ein trauliches und gewiß auch sicheres Asyl sich ihr, +der Heimathlosen und Flüchtigen, in Doorwerth erschlossen, und endlich, +wie wenig eine Mittheilung an diese Freundin, welche wohl kaum deren +Schicksal weit über die Grenzen Gelderns und höchstens wieder einmal in +die ostfriesischen und oldenburgischen Gefilde führen werde, irgend ihr +oder dem Kinde dereinst Schaden bringen könnte, zumal wenn sie jeden +Namen sorglich verschweige, so hielt sie sich nicht nur für berechtigt, +sondern sogar durch Dankbarkeit verpflichtet, in etwas dem Wunsche der +älteren Freundin nachzugeben. Sie begann daher, wenn auch nicht ganz +ohne Zagen: + +Was Sie zu erfahren wünschen, beste Frau Windt, und was ich selbst weiß +und sagen darf, sollen Sie erfahren. Ein junger, schöner und höchst +liebenswürdiger Prinz aus einem sehr vornehmen Hause faßte eine glühende +Neigung zu einer Prinzessin, die nur wenige Jahre älter ist als er +selbst, und einer Familie entstammt ist, in welcher die Leidenschaft der +Liebe stets ein vorwaltender Charakterzug der Träger ihres Namens war. +Vorbedeutungsvoll ist auch jener Prinz gleich nach seiner Geburt durch +Feuer und Flammen gegangen. Ihn wie seine heimlich angebetete Geliebte +trieb die Revolution aus ihrem beiderseitigen Vaterlande, dem schönen +Frankreich, hinweg, und die Einsamkeit eines verborgenen Zufluchtsortes +nährte die wachsende Flammengluth der jungen stürmischen Herzen und riß +sie völlig hin. + +Nichts hätte unter andern Verhältnissen den gegenseitig Ebenbürtigen im +Wege gestanden, sich mit einander zu vermählen, aber die Zeit des Jahres +siebenzehnhundertundneunzig war nicht günstig für Freuden und Hochzeiten +der armen Flüchtlinge; war es doch erst kaum ein Jahr, daß der Graf von +Artois, dessen Sie, beste Frau Windt, vorhin erwähnten, wie auch die +Prinzen Condé, Broglio, Bretueil und auch die Polignac’s ihr Vaterland +gemieden hatten; man vernichtete, das heißt man hob in Frankreich alle +Vorrechte der Geburt und des Standes auf, und es war kaum zu wagen, an +eine Rückkehr in das geliebte Vaterland, oder an eine Rückkehr der alten +Ordnung zu denken. Der junge Prinz, welcher bisher mehrere Reisen +gemacht hatte, von denen er immer wieder an den Ort seiner verborgenen +Liebe zurückkehrte sah sich veranlaßt, zu dem Heere zu gehen, das die +Bestimmung hatte, die verlorene Heimath mit Gewalt der Waffen wieder zu +erobern. + +Die Bestimmung – ja – aber nicht Macht, nicht Muth genug! warf Frau +Windt ein. + +Niemand ahnete die Folgen der glühenden Liebe des Prinzen und der +Prinzessin, fuhr Angés fort. Der geheime und gutgewählte Zufluchtsort +auf deutschem Boden, auf dem Boden meines Vaterlandes, half die +Verborgenheit sichern, doch bedurfte die Prinzessin mindestens _einer_ +ganz vertrauten Person, um ihr Geheimniß tragen zu helfen; zu dieser +Vertrauten wurde meine Mutter erkoren. Es ist mir noch, als ob es vor +wenigen Tagen geschehen sei, so lebhaft erinnere ich mich daran, wie +eines Abends in der Dämmerung – ich war noch ein ganz junges Mädchen und +saß mit Leonardus in der Rebenlaube vor unserm Hause im zärtlichen +kosenden Gespräche – eine verschleierte Dame bei uns eintrat, von +jugendlicher Haltung und schönem Wuchs, und mit einer zarten, +außerordentlich wohlklingenden Stimme und im reinsten Französisch nach +meiner Mutter fragte. Ich verließ Leonardus und geleitete die Fremde zur +Mutter, es fiel mir dieser Besuch gar nicht auf, weil meine Mutter vor +ihrer Verheirathung mit meinem Vater in Paris gelebt und in einem +hochangesehenen Hause in einem gewissen dienstlichen Verhältniß +gestanden hatte. Die Fremde schlug ihren Schleier nicht zurück und +fragte meine Mutter, ob sie dieselbe nicht ohne Zeugen sprechen könne, +worauf ich mich sogleich zurückzog, und nur noch auf dem Vorsaal meine +Mutter in jenem Zimmer laut ausrufen hörte: #O ciel! O ma très chère +gracieuse Princesse!# – Ich eilte, weit entfernt horchen zu wollen, +schnell zu meinem in der Laube harrenden Geliebten zurück, und dachte +kaum noch an die Fremde, so sehr beschäftigt ein junges Mädchen seine +Liebe und das Glück, den geliebten Gegenstand sich nahe zu wissen, bis +erstere wieder aus dem Hause trat und von meiner Mutter unter +ehrerbietigen Verbeugungen schied, ohne daß beide dabei ein Wort +wechselten. Meine Mutter weihte meinen Vater in das Geheimniß ein, und +endlich mit großer Vorsicht auch mich, das heißt, sie sagte mir nur, was +sie für mich nöthig hielt, von der Sache zu wissen, weil auf meine Hülfe +Rechnung gemacht werden mußte, um nicht an noch andere Personen das +Geheimniß hinzugeben. Ich hatte so ziemlich die Größe der fremden Dame, +von welcher ich vorerst nur erfuhr, daß sie die Tochter einer Freundin +meiner Mutter sei, daß sie Paris in Folge der Revolution gleich Andern +verlassen habe, und daß sie wohl nach einiger Zeit wieder kommen, und +eine Zeit lang bei uns wohnen würde, doch solle davon nicht gesprochen +werden. Es wurde ein von der Straße ganz entlegenes stilles Zimmer +unseres Hauses eingerichtet, um einen weiblichen Besuch aufzunehmen; ich +erhielt einige neue Kleider und die Weisung, bisweilen und nach und nach +bei Ausgängen verschleiert zu gehen, so daß die Einwohnerschaft gewohnt +werde, mich so zu sehen. Ein neues Dienstmädchen vom Lande wurde +angenommen, welches an der französischen Grenze bereits gedient hatte +und ganz hübsch Französisch sprach. Der Name dieser Dienerin war Sophie +Botta; ihr Geburtsort hieß Westbacherhof, vier Stunden von +Kaiserslautern. Am Tage des Abgangs ihrer Vorgängerin und Sophiens +Antritt fuhr meine Mutter mit mir nach dem unserer Stadt ganz nahen +Dörfchen Ixheim, einem Vergnügungsort der Zweibrückner vornehmen Welt, +und hatte mir vorher genau meinen Anzug bestimmt. Dort fanden wir jene +fremde Dame, die Prinzessin, ohne alle Begleitung, und zwar genau so +gekleidet wie ich. Diese junge Dame sehen und sie liebgewinnen, war bei +mir die Wirkung jenes Augenblicks, als ich sie ohne Schleier sah; welche +Huld, welche Güte, welche süße Verwirrung und Scham strahlte aus diesen +himmlischen dunkeln Augen, voll eines Feuers, das nur durch unendliche +Sanftmuth gemildert war, die über ihr ganzes Wesen sich ergoß! – Diese +Dame, sagte meine Mutter zu mir nach den ersten Begrüßungen und dem +Anknüpfen der Bekanntschaft, wird statt deiner mit mir zurückfahren, +liebe Angés, und du wirst dann die kleine Wegstrecke als angenehmen +Spaziergang zurücklegen. Dabei bezeichnete sie mir die Straßen, durch +welche ich gehen solle, und meinen Weg in das elterliche Haus durch +unsern an dessen Hintergebäude angrenzenden Garten, zu dessen Thüre sie +mir den Schlüssel behändigte. Es wurde mir nun klar, daß die Fremde mit +mir nur _eine_ Person darstellen sollte, sie kehrte mit der Mutter +verschleiert als deren Tochter Angés nach Hause zurück, ich kam in der +Abenddämmerung durch das Hinterpförtchen in das Haus, und konnte durch +eine Treppe im Hofe alsbald in das obere Stockwerk gelangen. Dieser +Plan war außerordentlich leicht auszuführen, und wurde auch eben so +leicht ausgeführt. Das neue Dienstmädchen fand bei seinem Antritt die +Dame, ohne zu wissen, ob sie zum Hause gehörte, oder nicht? Es bediente +daher dieselbe mit gleicher Treue, wie meine Mutter und mich. + +Frau Windt hörte Angés Erzählung mit wachsendem Erstaunen an, und +unterbrach dieselbe nur, um für einige Herzstärkungen zu sorgen, die +ihr, der eingebornen und nicht mehr jungen Niederländerin, ungleich mehr +Bedürfnis waren, als Angés. Dann aber drängte die gute Holländerin um +die Fortsetzung der ihren ganzen Antheil lebhaft erregenden Erzählung. + +Nach einiger Zeit, fuhr Angés erglühend und fast flüsternd fort: gebar +die fremde bei uns wohnende Dame dieses schöne Kind. Die #Sage-femme# +wurde durch Geld schweigsam gemacht, unsere Sophie mußte zum Schein +krank werden, das heißt, sie mußte die hohe Wöchnerin auf das Sorgsamste +warten und pflegen und ein anderes Mädchen versah indeß ihre Stelle. Die +guten Zweibrückner hörten zwar und glossirten nach deutscher +Kleinstädter Weise das Ereigniß, daß unsere junge Dienerin ziemlich bald +ein Gastgeschenk in unser Haus gebracht, vor dem sich in der Regel +Jedermann zu bedanken pflegt, indeß war man so gütig, meine rechtlichen +Aeltern und auch mich dabei zu bedauern, die man frisch und munter und +jetzt wohlweislich ohne Schleier täglich auf der Straße gehen sah, und +war ferner so gütig, die Schuld einem meiner Brüder in die Schuhe zu +schieben. Auch dieses Reden wäre zu vermeiden gewesen, wenn man das Kind +zeitig aus dem Hause gebracht hätte, aber dagegen widersetzte sich die +junge Mutter, und da das Kind getauft werden mußte, so ließ sich diese +Handlung nicht außer dem Hause vornehmen. Ein schönes Stück Geld bewog +leicht die junge Dienerin, ihren Namen herzuleihen, und so wurde das +Kind nach seiner angeblichen Mutter, der kleinen französisch plaudernden +Westbacherhoferin Sophie Charlotte Botta getauft, und die große Sophie +verließ dann reichlich belohnt und mit zugesichertem Wiedereintritt nach +einiger Zeit, der guten Sitten halber, mein elterliches Haus. + +Nun wissen Sie, beste Frau Windt, wie sehr es in unserer weiblichen +Natur liegt, daß wir uns zu kleinen Kindern hingezogen fühlen, besonders +wenn sie hübsch und wenn sie hülflos sind. Mein liebesehnsüchtiges +Herz, das seinen Gegenstand entbehrte, wandte die ganze Fülle seiner +Gefühle diesem Kinde zu und dessen junge Mutter gewahrte dies mit hohem +Entzücken. + +O Angés! sprach sie einstens zu mir: wie engelgut Sie sind, wie Sie mein +Kind lieben! Dies kann ich nie vergelten, wie auch nie Ihrer Frau Mutter +deren unendliche Güte. Ach, schon zerreißt der Gedanke an Trennung von +dem Kinde mir das Herz, und doch muß, muß, muß ich von ihm scheiden! +Einst, ich flehe das von Gott, wird es seine Mutter wieder sehen, wird +sie kennen lernen und von aller Welt anerkannt, sich nie wieder von ihr +trennen, wie auch nie von seinem herrlichen Vater! O Henri, o mein +Henri! + +Ich ward ganz hingerissen von der Liebe und dem Schmerz der schönen +Prinzessin, bedeckte in ihrer Gegenwart ihr Kind mit Küssen und rief mit +einem flammenden Entschlusse: Darf und soll dieses holde, süße, +unschuldige kleine Wesen bei uns bleiben, so weihe ich mich ihm zur +treuesten Pflegerin, die es auf Erden finden kann! So schwöre ich Ihnen. + +Schwören Sie nicht, edles Mädchen, unterbrach mich die Prinzessin. Sie +fühlen jetzt so schön und groß! Wird dies Gefühl Dauer haben können? Sie +sind jung, auch Sie lieben, Sie werden sich vermählen, eigene Kinder +werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen +drängen. Rasch sind Gelübde gethan, schwer, oft unendlich schwer sind +sie zu erfüllen und dauernd zu halten. + +Ich weiß, welche Pflicht ich übernehme! entgegnete ich der Prinzessin. +Nie will ich von diesem Kinde mich trennen, wie meinen Augapfel will ich +es hüten und bewachen, und zwar so lange, bis Höchstsie selbst oder von +Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden. + +Die Prinzessin umarmte mich unter Thränen; nie vergesse ich den +rührenden Anblick dieser unglücklichen und durch ihr Kind doch so +glücklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief sie schluchzend aus: +welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der würdig wäre der Größe meines +Dankgefühls? + +Einen Lohn, Prinzessin? rief ich bestürzt aus. Welchen Lohnes wäre ich +bedürftig? Keines anderen als Ihrer Liebe! + +Es wurde nun Alles ernst und ruhig unter Zuziehung des Beirathes meiner +Mutter besprochen. Das Kind sollte von mir aufgezogen werden, vorerst +vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unser an das Haus +anstoßender Garten war geräumig genug, ihm die Wohlthat frischer Luft +täglich zu gönnen, auch war das Kind völlig gesund. Unter geheimen +Aufschriften wurden die Orte bestimmt, wohin allwöchentlich Nachricht +von seinem Befinden gegeben werden sollte, auch ward verabredet, der +Kleinen ein Zeichen einzuätzen, daran die Mutter oder der Vater sie +erkennen könnten, und als das einfachste Zeichen solcher Art schlug ich +vor, die Anfangsbuchstaben ihres Namens S. C. B. zu wählen. Die +Prinzessin schüttelte erst mit dem Kopf, als wolle sie meinen Vorschlag +verwerfen – augenscheinlich mißfiel ihr der bäurische Name – mit +einemmale aber überstrahlte Freude ihr Gesicht, als sie ein wenig +nachgesonnen hatte, und sie rief: Ja, theure Angés, nicht anders, nicht +anders, als S. C. B.! Das muß ja nicht Botta heißen? Nicht wahr? O, es +kann ganz anders heißen! C–B– ja, so ist es recht, so sei es! Wohl kann +es anders heißen, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichstehen +auf Erden an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn sie auch die Zeit, +gewiß nicht für immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene +große Sonne getreten ist. + +Voll Verwunderung hörte Frau Windt diese Mittheilung an; mit einer +gewissen scheuen Ehrfurcht blickte sie auf das Kind, das da neben ihr im +kleinen Stübchen unbefangen und in holder Unschuld saß und Charpie +zupfte, vielleicht für die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieses +Kindes und seiner Mutter die Rückkehr in das heißgeliebte Vaterland +erkämpfen helfen wollte. Thränen der Rührung traten in die Augen der +freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angés fiel, denn Frau +Windt erging es wie Faust’s Famulus bei Goethe: sie wußte nun viel, doch +mochte sie gern vollends Alles wissen. Angés fuhr fort: + +Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein +einziges Glück, meine liebste Zerstreuung; sein Lächeln war Balsam auf +mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlassen +glaubte, da kam die neue Bekanntschaft, mit ihr mein Unglück. Von allen +Seiten wurde ich bestürmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der +Bedingung, daß ich nicht von dem Kinde mich trennen müsse. Meine Mutter +fragte brieflich an, schilderte alles treulich, doch theilte sie der +Prinzessin nur mit, daß ich mich verheirathen würde und fest +entschlossen sei, das Kind als mein eigenes mit mir zu nehmen – und so +willigte diese denn ein, sandte reiche Geschenke und eine nicht +unbedeutende Geldsumme zur Verpflegung des Kindes und Bestreitung aller +seiner Bedürfnisse. Oh, sie hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die +kleine liebe Sophie, sie hat zweimal an Kinderkrankheiten +darniedergelegen, doch mein brünstiges Gebet für ihre Erhaltung wurde +erhört, auch aus der größten Noth half Gottes allmächtige Hand, der ich +nun hier in stiller Demuth vertraue, und hoffe, daß er das Kind und mich +wieder glücklich nach der Heimath führen und geleiten werde. Dann werden +Sie, beste Frau Windt, schloß Angés mit lieblichem Lächeln: die lange +getragene Doppellast los. + +Sie waren und sind mir in Wahrheit keine Last, gute Angés! versetzte +Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath ist +wunderbarlich und führet es herrlich hinaus. + + + + +2. #Rep en roer.# + + +Der unerschrockene und muthvolle Schirmvogt des Kastells und der +Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurückkehrend, eben durch die +Allee und in das Schloß ein, als von der entgegengesetzten Seite aus +einem Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe +Soldatenvolkes sich nach dem Kastell zu bewegte; es mochte dieser Haufe +über hundert Mann stark sein, und es war nicht zu unterscheiden, unter +welchen Fahnen dieses Volk stand und wem es diente; es waren rothe, +blaue, grüne und andere Uniformen und Monturen, und deren Träger +offenbar englische, französische, niederländische und wohl auch deutsche +Soldaten, die sich, wie es schien, zusammengethan hatten, um gänzlich +unbekümmert um den Krieg, den die Nationen, welchen sie angehörten, mit +einander führten, auf eigene Faust einen kleinen Plünderungskrieg gegen +die Habe der Landleute in diesen Gegenden zu führen, und stark genug, +selbst wohlbewaffnet genug, sogar ein herrschaftliches Schloß +anzugreifen, an welchen Schlössern dieser geldern’sche und utrecht’sche +Landstrich außerordentlich reich ist. + +Als dieser Haufe in wilder Unordnung, unter Geschrei und lautem Streit, +nebst eitel unnützem Lärm, zu dem sich wohl auch das Losfeuern eines +Gewehres gesellte, sich dem Kastell näherte, gab sogleich der Wächter +auf dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem +Augenblick ertönte, als Windt sich eben aus dem Sattel schwang. Rasch +flog sein Blick zum Thurm hinauf und der Wächter schrie vom Thurme +herunter durch sein Sprachrohr: #Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van +den Rhin!# + +Zum Donner mit den Teufeln! schrie Windt, die kleine Pforte auf und +gleich hinter mir wieder fest zugeschlossen! Vorwärts! – Und seinen zwei +Dienern, auf die er sich verlassen konnte, winkend, schritt Windt, ohne +sich um Anderes zu bekümmern, durch das schnell geöffnete heimliche +Rheinpförtchen, dessen schwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Männer +voll entschlossenen Muthes wollten sich einem wüsten Haufen von einem +vollen Hundert entgegenstellen. Aber die gemessenen Pulse der +Sturmglocke hallten über die stille flache Gegend hin, und ihr +hülferufender Schall drang bis Helsum und Renkom, ja bis Wolfheese und +Oosterbeck. Windt stand ruhig in ernster, strenger, stolzer Haltung, die +Hand am krummen Säbel, geladene Doppelpistolen im Gurt; seine Begleiter +waren auf ähnliche Weise bewaffnet; Entschlossenheit blitzte aus jedem +Blick der Männer. Der Haufe kam näher, immer näher, nichts als +Galgengesichter, Auswurf der Armeen, Ausreißer, Sträflinge, denen +gelungen war, den Latten und Ketten zu entlaufen, den Spießruthen sich +zu entziehen. + +Achtung! Halt! Was soll’s? donnerte Windt die Rotte an. + +Essen! Trinken! Quartier! war die Antwort. + +Hier ist kein Quartier! Kann einer von euch lesen, ihr Helden? Hier ist +die Sauvegarde des Herzogs von York! + +Gelächter und Gespött war die Antwort. Eine papierene Sauvegarde! +Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Laßt uns ohne Widerstand in das +Kastell, Herr General oder Maire, oder Platzcommandant, was Ihr immer +sein mögt. + +Achtung! commandirte Windt. Linksum! Abschwenken, grad aus! Der Nase +nach! Dort ist die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von +Gärten und Buschwerk umgeben war. Einem übermäßig hohen dicken +Strohdach, das an einigen Stellen das Sparrenwerk in etwas +zusammengedrückt und folglich hie und da eine schiefe Stellung +eingenommen hatte, dessen First mit dichten Moospolstern übergrünt war, +aus denen sich zahlreiche rothe Blüthenstengel der Hauswurz erhoben, +entragte ein schadhafter steinerner riesiger Schornstein. Das Gebäude +selbst war steinern und alt, die dicken Mauern waren mit sich selbst in +mancherlei Zwiespalt gerathen; hie und da schien es, als seien vor +undenklichen Zeiten Breschen in das Gemäuer geschossen worden, zu denen +sich nie eine ausbessernde Hand gefunden hatte. Eine Thüre reichte fast +bis unter das Dach, eine andere war im Bogen gewölbt, klein und niedrig. +Ein einziges, aber sehr großes Fenster mit trüben Scheiben erleuchtete +die geräumige und einzige Stube des Krugs; zwischen dem Strohdach +starrten einige schwarze Lucken, wie schlaftrunkene, halbgeschlossene +Augen. Wohnlich sah es nicht aus, reinlich sah es nicht aus, und schön +sah es gar nicht aus, dieses Haus mit seiner Umgebung, welche völlig +derjenigen glich, die auf Rembrandt’s Rattenfänger dargestellt ist. Es +war der Typus der meisten Landhäuser in diesem Gebiete. Dorthin lenkte +Windt den Schritt der Gäste und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und +Branntwein und was sonst vorräthig sei, verabfolgen zu lassen, indem er +ihm einen bedeutsamen Wink gab. Der hungrige Haufe fiel über die +aufgetragenen Nahrungsmittel her, und in ganz kurzer Zeit verschwanden +zahllose Häringe, Käse, Aepfel, Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rüben, Brode +und was irgend Eßbares sich vorfand; inzwischen aber marschirte aus +Helsum und aus Renkom und aus Wolfsheese je ein Trupp gut bewaffneter +Schützen im Eilschritt nach Doorwerth zu. Windt hatte sich zu den +Schnapphähnen gesetzt, aß und trank auch, fragte Dieses und Jenes, ließ +sich erzählen, und hörte mit großer Geduld die Aufschneidereien der +Marodeurs an, unter denen sich besonders ein fadenscheinig gekleideter, +hagerer Franzose hervorthat, der mit seinem Mundwerk stets voran war. +Dieser war auch der, welcher mit seiner Sättigung zuerst fertig wurde, +aufsprang und bramarbasirend ausrief: #Vive Monsieur le Maire! Vive le +Général!# Nun gut Quartier in die Schloß für die brav Einquartier! + +Windt hatte einigemal durch das Fenster geblickt und gesehen, was er +sehen wollte. Die ganze Mannschaft des Kastells hatte sich mit der des +Dorfes vereinigt war bewaffnet über die Zugbrücke gegangen und machte in +ziemlicher Nähe Front gegen die Schenke. + +Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel sollt ihr Quartier +finden, aber nicht hier! schrie Windt, warf Geld zur Bezahlung seiner +Zeche auf den Tisch, nahm in jede Hand eine seiner lütticher +Doppelläufer, ließ die Hähne knacken und herrschte dem Gesindel zu: +#Allons enfants pertues de la patrie!# Bezahlt, oder beim Satan! Ihr +sollt, wie die Holländer, die Suppe nach der Mahlzeit auslöffeln, die +Prügelsuppe nämlich! + +Hu, was machten die ungeladenen Gäste da für Augen! Flüche, Zorn- und +Drohworte schrecklicher Art, Waffengerassel, Toben, Geschrei – dennoch +wagte keiner von allen diesen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben, +denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle +zugleich, die Mündungen der Pistolen – und gar nicht lange dauerte der +Lärm, als er plötzlich von starkem Trommelschall unterbrochen ward – +draußen Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaberstimmen laut wurden +und Bajonette blitzten. + +Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige +suchten sich im Hause zu verkriechen, Andere traten in das Freie und +suchten das Hasenpanier zu ergreifen, aber überall war der Weg +verstellt, und aus jedem Munde der Führer scholl der Zuruf: Streckt die +Waffen! Ergebt euch! + +Einige riefen auch in der That angstvoll: Pardon! Pardon! und warfen die +Waffen von sich, die Wildesten und Tapfersten aber nicht; der oben +bezeichnete Franzose verzerrte sein Gesicht zu verzweiflungsvoller +Wildheit und schrie seinen Gefährten zu: Seht ihr nicht, daß es nur eine +Handvoll Bauernlümmel sind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch +in’s Bockshorn jagen lassen? Achtung! Stellt euch! Schließt ein Quarrée! + +Der Muth erwachte, wie er in Herzen zügelloser Banden erwachen kann, die +Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieser Haufe, +gereizt wie er war, durch hitziges Getränk angefeuert, und aus +angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebene Männern werdend, +sich ernstlich zur Wehre setzte, so stand, wenn auch keine Niederlage, +doch ernstliche Gefahr für Windt’s Person, wie für das Häuflein seiner +Getreuen in Aussicht; allein es sollte schnell und überraschend anders +kommen. + +Galoppschlag von Rosseshufen, Säbelgerassel, wehende Fähnlein, +Trompetengeschmetter – sechzig Uhlanen und berittene Jäger (Chasseurs) +vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus, sprengten +auf den kleinen Schauplatz überraschend heran; die Säbel flogen aus den +Scheiden – da fiel kein Schuß, im Nu war der Marodeurhaufe umritten, im +Nu streckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein Vortrab; es +folgte eine starke Schaar niederländische Gardereiterei unter einem +Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O weh, wie +wurde da dem marodirenden Gesindel! Hinter den Gardereitern vom +Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und höchsten +Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der Waffen, +die Brust manches Einzelnen von Sternen und Orden strahlend. Windt +selbst war ganz voll Erstaunen; er ließ sein kleines Commando schnell +alle wohl eingeübten und üblichen soldatischen Ehrenbezeugungen machen; +da sprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, bester Windt! +Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung – allein Noth lehrt +beten! Thun Sie, was Ihnen möglich ist! Besorgen Sie uns einen +Stegreifimbis, wie Sie’s eben haben! Im Kriege nimmt man’s nicht genau; +man hat nicht Zeit für Etikette, oft kaum für Toilette! Seine Hoheit der +Erbstatthalter und seine beiden Söhne, der Erbprinz und Prinz Friedrich +folgen uns auf dem Fuße, mit ihnen ein Prinz von Condé, Prinz Ernst +August von Großbritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens +und Andere. + +Ich sinke in die Erde, gnädigster Herr Graf! rief Windt erschrocken. + +Oh, versetzte lachend der Erbherr: das wäre in diesem hiesigen Boden gar +keine Kunst, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bisher, auf festem +Boden! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr; wir bleiben nicht Alle – aber +eine gute Besatzung lassen wir Ihnen im Kastell; den Obrist der +Gardereiter mit seinen Adjutanten, Bedienten und Wagen, nebst +fünfundzwanzig Pferden, auch Ludwig und Leonardus mögen hier bleiben! +Das Hauptquartier kommt nach Arnhem, wir müssen von unsern Leuten etwas +in die Herrlichkeit legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Besitzer +dieser Güter nicht in die Sümpfe betten! Das Kastell muß jetzt, es geht +nicht anders, denn ich gab mein Wort, wenigstens verwundete Offiziere +aufnehmen. + +Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grüßten alle in Reih und Glied +stehenden und zu Roß haltenden Truppen militärisch, bließen die +Trompeter, füllte ein donnerndes »Oranien boven!« um das andere die +Luft, und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die +vorhin von dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die +Generale Harcourt, Fox und Walmoden folgten. + +Das bunte Gewimmel, das sich auf den Wiesenteppichen und in den Alleen +mehr und mehr um Schloß Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes Bild, +und Frau Windt, Angés und die kleine Sophie, die der Schall der +Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, schauten mit Lust, in die sich ein +gewisses Bangen mischte, von einer gedeckten Bastei herab. Hinter den +Prinzen und der hohen Generalität folgte die Legion Rohan, welche unter +dem Befehle des Herzogs von Condé stand, und an diese schloß sich der +Rest des fliegenden Corps leichter Reiter, Jäger von Rhoon an, welches +der Erbherr gebildet hatte und als Chef führte, dessen Namen es trug und +bei welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute standen. + +Großes und Wichtiges drängte sich in gleichem Maße wie die Fülle hier +versammelter bedeutender Persönlichkeiten in die Macht des Augenblickes +zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden Worten +flüchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den Gefangenen +werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht auch noch +füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus sie mit einigen Reitern +nach dem Strome mit Zurücklassung aller ihrer Waffen geleiten sollten, +wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf fühlbare Art die +Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der Abtheilung, welche +die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schloß auch Philipp sich +an, der sich im Felddienste zu einer ungemein kräftigen Natur entwickelt +hatte und guten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen bereiten +Herzhaftigkeit an Tag legte. + +Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger, +verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres +Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen +Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Häuptling der +nichtsnutzen Bande gespielt. Einmal drückte er sein Pferd so nahe an +diesen Gesellen heran, daß derselbe unwillig in seiner Muttersprache +laut wurde. Ha Kiebitz, dich kenn’ ich! dachte Philipp und ließ den +Marodeur nicht mehr aus den Augen. + +Am Rheinufer, wo das Schiff in nächstmöglicher Nähe von Doorwerth +anhielt, gab es nun eine nicht eben ästhetische Scene, vielmehr gab es +viele und sehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der +Reiter auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während dessen +Philipp von seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus +zu halten gab und sich dicht an den Franzosen drängte, auch denselben +bis hart an den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgespühlten +Uferbord folgte und ihn schützte, als einer der Kameraden auch auf +diesen losfuchteln wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe +war, seinen Fuß nach dem Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit +starker Hand am Kragen, riß ihn zurück, schüttelte ihn derb und tüchtig +und rief ihm spöttisch zu: Bürger, wenn ich nicht irre, so dürstet Euch +wieder? He? Und seht so schmutzig aus, Bürger! Habet lange kein Bad +genommen! Nehmet man jarst diar jahn üp! – und mit einem gewaltigen +Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm Philipp den Franzosen, hob ihn +auf beiden Armen hoch in der Schwebe und gab ihm einen Schwung, daß er +einen Burzelbaum in der Luft schlug und Kopfüber hinab in den Rhein +schoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es sahen. + +Philipp! Philipp! bist du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu spät diese +That gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in +gutem Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der +verdammte »Ueppasser« von Paris – hat lange nicht kalt gebadet, der +Kerl! – Dort nach dem jenseitigen Ufer hinüber sah man den Franzosen +schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser +gesunkenen Stamm einer alten Weide, an den er sich hielt, seine Rettung +abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem +Wasserstand, zu tief, als daß es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen +wäre, und mit wüthender Grimasse drohte er herüber. + +Windt entließ mit freundlichem Danke seine Hülfsmannschaften, nicht ohne +Anweisung, sich auf seine Kosten für ihren raschen Zuzug gütlich zu +thun; der größere Theil der Fürsten und der hohen Generalität setzte +sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange +bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen +Jenen zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und +erlauchten Gäste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum +vorläufig ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Kräfte +auf, das Mögliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine +Bewirthung, zu welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gönner und +Freunde eingeladen, doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch +keineswegs an Eß- und Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine +eines kleinen Saales waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen +berühmter Weine rasch aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das +freundliche Licht des Tages gefördert, und es boten sich westphälische +Schinken, hannoversche Würste, holländische Käse, marinirte Fische, +hamburger Rauchfleisch und dergleichen gediegene Waaren in genügender +Fülle zur Auswahl der Gäste dar, die mit soldatischem Muth mörderlich +einzuhauen und das edle Blut der Reben zu vergießen begannen. + +Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau +zu, als er ihr und Angés den Besuch mit kurzen Worten meldete und die +Mithülfe beider Frauen im Beschicken des nöthigen Tischzeuges erbat – ja +Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländischen Sprache eigen +ist und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie +Kraut und Rüben. + +Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so +war Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche +unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren +gehörten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen, +eine jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher +Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeit +verkündete. Diese beiden jungen Herren hatten sich ein wenig +abgesondert, ohne daß es auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem +belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen – es galt +nur einem kleinen Kinde. + +Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann, die +Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon – sprach der fremde Prinz. + +Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete +der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir +ungleich Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines +theueren Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können. + +Hier? Und mir? Wie so, Oranien? + +Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz: +jener schönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unserer +Herzen schlossen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch +nicht ganz ausgeträumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner +angebeteten Louise, der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten +zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann – zur unaussprechlichen +Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter +liebt. Du gestandest mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältnisse +dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir +Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein +Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und +der Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch +die süßeste Frucht tragen. + +Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der +Prinz, hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen. + +Höre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flüsterte Jener weiter. +In Amsterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen +Kaufmannes eine junge sehr hübsche Frau und bei dieser ein engelschönes +Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen über gewisse Familienverhältnisse +und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher jene hübsche Frau +von einer Ohnmacht befallen wurde. Während man sich mit ihr beschäftigte, +suchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben, das erschrockene +Kind zu beschäftigen, die kleine Sophie Charlotte. + +Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf. + +Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm +eingeätzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du +gegen mich Erwähnung gethan hast. + +Nicht möglich, nicht glaubhaft! Mein Kind – und in Amsterdam! Es ist ja +ganz undenkbar! + +Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein +Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare +Weise. + +Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns +Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen! + +Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich +Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schützen und vertheidigen, +verbannt es uns und will nichts von uns wissen. + +Das laß immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare +Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja +wohl noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte +Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber sprich, Guillaume, sprich von +meinem lieben Kinde! + +Angés – du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin – +hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich, +wie ich später von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der +Valck erfuhr, nach le Mans in der Vendée verheirathet; dort entwich sie +den Mißhandlungen ihres eifersüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und +kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit seinem +Vater; ein inniges Freundschaftsbündniß fesselte Leonardus an den jungen +Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hängt mit voller +Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses +Kastells und der Letztere erschloß den Flüchtlingen Leonardus und Angé’s +Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angés’ Heimath, welche +Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umständen nicht +zu denken ist. + +Dem französischen Prinzen war, als ob er träume. Wundersameres konnte +nicht geschehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere +Pfand seiner schönen, zärtlichen Liebe wiederfinden sollte. + +Ludwig und Leonardus saßen bei Angés und Sophie, Vieles gab es zu +fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem +Wiedersehen vielleicht nur vergönnt war, mußte genutzt werden zu rascher +gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte +Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten +Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der +französische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angés sich von ihren +Stühlen. + +Verzeihung, daß wir Sie stören! sprach der Erbprinz, und gegen seinen +Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der +Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame +hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchsten Gnaden. Sie +aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke bei +der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß +in keiner Weise hier etwas zu befürchten ist. + +Leonardus war höchlich überrascht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den +fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner Züge +eine Ahnung in ihr aufstieg, wußte sie doch kaum, ob sie dieser eine +Bedeutung beilegen sollte. + +Leonardus grüßte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich der +Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verließ. + +Sie sind Angés Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung. + +Angés antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die Kleine +mit dem holdseligsten Lächeln und ganz unbefangen ihre dunkeln Augen +aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck des +Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem Ausdruck +der Gefühle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als daß ein +irdischer Laut ihn hätte entweihen dürfen. + +Angés beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des Kleidchens +empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, küßte die Buchstaben und +küßte Sophie, ja er überströmte sie mit Küssen und Freudenthränen und +endlich rief er erschüttert und voll innigster Sehnsucht der Liebe aus: +O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir wärst, mit mir +diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie! Meine +himmlische Sophie! + +Sie sind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang seiner +Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater sind. + +Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind? + +Weil der Vater sein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein +Vater küssen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie sagte oft: einst +wird Ihr Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küssend in seine Arme +schließen, und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde +jetzt diese Freude, und sie sagt mir, daß Sie mein Vater sind. + +Der Prinz war entzückt über den Geist, mit dem sein Kind sich +ausdrückte, wie darüber, dasselbe auch körperlich so schön ausgebildet +zu finden, so daß Sophie in der That für ein Jahr älter angesehen werden +konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zärtlichen +Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der +Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte. +Angés ließ Beide lange im ungestörten Genuß dieses überaus reinen und +beseligenden Glückes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken +mußte, wagte sie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel +Nachricht von Ihrer Hoheit, der Prinzessin? + +Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mächtige +Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen +Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des +Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge für +Alles; nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu +Ihrer Verfügung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie +sicher durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren +unbedrohten Lande und in der Nähe der herrlichen Mutter dieses Kindes, +nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schönes Asyl +finden und allen Dank der Liebe ernten, den Ihre aufopfernde Treue +verdient. Und ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend +möglich ist. – Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an +Sophie und an Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler +geharnischter Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amsterdam +hervorgegangen, als angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das +Erbieten des Prinzen zurückzuweisen, dasselbe kam ihren Wünschen ganz +entgegen, denn nach der Heimath, der schönen, gemüthvollen, geliebten +deutschen Heimath sehnte sich ihr ganzes Herz. + +Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt +aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen +beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorläufig völlig +unbrauchbar gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt +bis zur Nagelprobe ausgeleert war, so daß es ganz unmöglich war, aus +ihnen in dem Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch +einmal Feuer zu geben. Windt hatte sich glänzend bewährt, auch in diesen +Stücken, und allerseits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum +Siege des heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen +habe. Er empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller +Chefs, die hier versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie +auch an keinem sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an +Ordres, lauten und geheimen, und er konnte seelenvergnügt und aufathmend +seine drei Kreuze schlagen, als der letzte der fürstlichen und +prinzlichen Gäste aus dem Thor des Kastells geritten und über die +Zugbrücke hinüber war. + +Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell +Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Gründen der +Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die +Befehle von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach +dem, was vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja +vielleicht auf immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten empfing, +auf die sie hoffte, oder ihre Liebe zu Leonardus so mächtig war, daß sie +jedes Hinderniß ohne Rücksicht brach. + +Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war, +sein Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des +Krieges zu entfernen, führte für die drei in Liebe und Freundschaft +verbundene Herzen die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei, +und Alles, was den Freunden vergönnt blieb, war, die scheidende Angés +auf ihrer Reise mit dem Kinde über den Rhein hinüber zu begleiten, +welche Reise sich von Arnhem über Emmerich und Wesel nach Düsseldorf +lenkte, und zwar so weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu +drohen schien. Dann reiste Angés mit Sophie, auch für den Weiterweg in +den Schutz erprobt tapferer Krieger aus der Legion Rohan gestellt, +völlig ungefährdet weiter, bis endlich nach langer Fahrt ein stilles +Gebirgsdörfchen des Schwarzwaldes sie in seinen Friedensschoos aufnahm, +in dem jetzt keines Kriegers Waffe, sondern nur zur Sommerzeit der Mäher +Sense über den duftausströmenden Waldeswiesen blinkte, und kein anderer +Schuß fiel, als zu Zeiten der eines heiteren Weidgesellen, der auf +nichts weniger ausging, als auf Menschenmord. Angés hatte mit festem +Sinn die Gluth ihrer Liebe zu Leonardus in sich verschlossen; mit +starkem Frauensinn hatte sie sich gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie +mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme des geliebten Mannes zog, zu +bewältigen, und sie ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor, obschon +nicht ohne eine tiefschmerzende Seelenwunde. Der Abschied zerriß ihr +Herz, und trübe Ahnungen durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel +wurde, als sich von selbst verstehend, verabredet; Leonardus Briefe +sollten alle auf der Post zu Lahr liegen bleiben und von dort durch +zuverlässige Boten abgeholt werden. + +Frau Windt empfing neben manchem schönen Andenken die Zusicherung nie +erlöschender Dankbarkeit. Sie vermißte schmerzlich die gute hülfreiche +Angés, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort +und fort in »Rep und Ruhr« befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein +Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische +Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg +gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets +kampflustigen handfesten Gehülfen. Unterdessen dauerten die Kämpfe fort; +an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der +fortwährende Kanonendonner erschütterte den Erdboden so heftig, daß sich +Windt’s Tisch zitternd bewegte, an dem er saß, an seine Gebieterin +schrieb und ihr Bericht erstattete. + +Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich +Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart +bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs +zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen +zwischen Lent und Pandeeren unter stetem fürchterlichen Feuern und in +einem dichten Nebel über die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler Weerd +zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege. + + + + +3. Der Spion. + + +Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz wußte +und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge auf +dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen +Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig +und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen +Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag +Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine +Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den +Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser +gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte; +dann setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das +linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch +die unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in +die weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt +erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen +die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum +Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut +wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die +Freunde mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da +begegnende Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige +Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und +furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran, +ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung +gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen +könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße +theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was +sie finden – und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen +Fall nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig. + +Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, sobald sie des Reitertrupps +ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und +Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar +zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren +Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf +diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig +erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor +sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle +gelangt, wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege +kreuzten, als Windt’s scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er +schon einmal und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher +Mensch eine blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte +Beinkleider; ein breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser +Mensch hatte scharf nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt +hinter Erlen und Weiden nieder, die am Ufer eines Grabens standen. + +Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. – Er hatte es aber noch +nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer +geschickten Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem +Menschen in dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am +Ufer befestigten Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief +rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus +mit lautem Anschrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser +zurück, während er ein Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp +ritt stracks auf ihn zu, und hätte ihn unfehlbar über den Haufen +geritten, wenn er nicht in die Knie gesunken wäre und gerufen hätte: +#Mille pardon! mille pardon!# während er die Waffe aus der Hand warf. + +Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und +Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der +#Ça ira#-Mann von der Balustrade! + +Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu thun? + +Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt’ ihn gleich von Weitem +an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll +ich ihn in die Wahl schmeißen? + +Da hätte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend +Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich +nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand. + +Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder +Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das +Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte. +Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer +Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges +Leben. + +Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein armer +von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen, was +ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht +henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen +Hals zu retten; ich scheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem +Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr +war! Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen! + +Pardon für ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die +Hauptleute. + +Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest, +Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist +wie ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines +Pferdes. Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer +dicht hinter ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu +entwischen, haut ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon! + +Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr +General! flehte der Franzose. + +Der Teufel ist dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nachdem seine +Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg angetreten. + +Nicht uninteressant waren die Aufschlüsse, welche der gefangene Franzose +über seine eigene Person und über die Ereignisse auf dem +Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder +Falsches sei, ließ sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach, +bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernstliche Androhung, abgefragt +wurde, ließ sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen. + +Mein Name ist Clement Aboncourt, mein Geburtsort Saarlouis; mein Vater +war Friseur, ich wurde Schneider. Mein Meister war Theaterschneider, das +brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte fleißig neugefertigte +Garderobestücke an meinem eigenen Leib und fand, daß sie mir herrlich zu +Gesicht standen; ich wurde Schauspieler und siedelte von einer der +zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern über. Die +Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden zu sein, +in den angenehmsten Verhältnissen nicht gut zu thun, stets sich auch mit +den besten Directoren auf gespannten Fuß zu setzen und nur den +Augenblick abzuwarten, der eine bessere Aussicht eröffnet, um +contractbrüchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Maße eigen. +Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent für das Fach der Komiker +wie der Intriguants hatte, stets der bescheidenen Ansicht, die fast +jeder von seiner Person festhält, daß ich bei jeglicher Gesellschaft, +mit der ich spielte, das bedeutendste Talent sei, der hervorragendste +Mime, alle Collegen neben mir nur Stümper und Lumpe; was Wunder, daß ich +zeitig begann die Wandelbühnen zu verachten, daß das einzige Paris mein +Ziel wurde? Dort gelangte ich hin, fand auch Anstellung auf einem +Vorstadttheater und trat in gleicher Weise wie früher von einer Bühne +zur andern; ich spielte indeß mit sehr mäßigem Beifall, und gefiel +zuletzt mir selbst noch weniger wie dem Publikum, so daß ich mich +doppelt verkannt sah. Die Revolution fegte alle den kleinen Bühnenkram +zur Seite, ich wurde brodlos und war zuletzt froh, ein kleines +Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die Zeit, wo +ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Ausländer in +Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Absicht hegte, Sie als +Spione des Auslandes, für welche ich Sie hielt, unter das Beil zu +liefern. Die nicht eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein +Vorhaben und hatte für mich sehr trübe Folgen. Einer meiner Collegen – +befehligt, gleich mir, auch auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein +scharfes Augenmerk zu richten – stand am jenseitigen Ufer der Seine, +blickte nach mir herüber und sah mich plötzlich den unfreiwilligen +Saltomortale herab in die Seine machen. Er gab mich an, und ich wurde, +nachdem man mich verhört hatte, mit dem Prädicat eines grenzenlosen +Dummkopfs und dem Rathe, ohne Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris +zu verlassen und es nie wieder zu betreten, meines Aemtchens entsetzt, +und hatte nun zu dem vielen Wasser, das Sie mich hatten schlucken +lassen, nicht einmal trockenes Brod. Der Hunger mehr noch als der Durst +trieb mich jetzt zur Armee, und so kam ich in diese Gegend. Wie es den +armen Soldaten geht, werden Sie wissen, meine Herren, Hunger, Durst und +Kälte und feindliche Kugeln, das sind die ganzen Annehmlichkeiten, die +heut zu Tage ein tapferer Franzose zu erwarten und zu genießen hat, der +für die glorreiche Republik kämpft. Ich eignete mir eine Flasche Cognac +zu, um eine Schutzwaffe gegen zeitweiligen Durst und die unerträgliche +Kälte zu haben, und der Eigenthümer derselben wagte die Behauptung, daß +ich dies heimlich gethan, erklärte auch einige Zehnlivresstücke, die +sich in meiner Tasche fanden, für die seinigen, ja, er steigerte sogar +seine schändlichen Anklagen zu solcher Höhe, daß er behauptete, diese +schlechten Hosen, welche ich hier anhabe, seien auch die seinigen. +Darauf hin war man so über alle Maßen grausam, mich henken lassen zu +wollen, und es kostete mir unsägliche Mühe, bevor der Strick um meinen +Hals wirklich zugezogen wurde, mich einer so entehrenden Behandlung ganz +zu entziehen, indem ich nämlich durchging, eine Sache, in welcher meine +theatralische Laufbahn mir jene Ausbildung verliehen, welche meine +Muttersprache mit dem trefflichen Worte #Routine# bezeichnet. Ich ging +zu einer andern Heeresabtheilung über, bei der ich mich als +Auskundschafter meldete, und als solcher willkommen war. Als solcher +mischte ich mich unter die Marodeurs, an deren Spitze ich ohnlängst der +Ehre theilhaft wurde, Ihnen, sehr geehrte Herren, zu begegnen, um die +Ausreißer unsers Heeres wo möglich an den Galgen zu liefern. Mir fiel, +bei meiner Ehre sei es geschworen, nicht ein, zu plündern, ich war der +Unschuldige unter jenen Schuldigen, ich mußte nur so thun, wie ich that, +um im Vertrauen jenes Gesindels zu bleiben, und ich sehe in der That +nicht ein, weshalb jener Herr sich so darauf steift, mich in alle +möglichen Flüsse Europas zu werfen, da ich doch ein Franzose bin, der +gern auf dem Trocknen ist und der in diesem Lande verbreiteten Secte der +Wiedertäufer ganz und gar nicht angehört. + +Dieser mit kläglichem und beweglichem Geberdenspiel von Seiten des +Spions gehaltene Vortrag belustigte die Zuhörer und benahm jedem +Einzelnen derselben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den +gefangenen Mann zu übenden Grausamkeit. Ihn unschädlich zu machen, +mindestens für die Sache Hollands, konnte genügend erscheinen, doch +wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Person des Spions +mindestens dadurch nutzbar machen, daß Clement Aboncourt nun offen und +haarklein Alles sagen sollte, was ihm vom Stande der französischen Armee +oder sonst von seinen Landsleuten bekannt sei. Unter dieser Bedingung +sollte Aboncourt das Leben geschenkt und er nur so lange im Kastell in +Haft gehalten werden, bis entweder der Feind über den Rhein und die +Yssel in’s Land brechen oder ein Friedensschluß zu Stande kommen würde, +dem die hartmitgenommenen Länder sehnlich entgegenhofften. + +Nun denn, was ich weiß, will ich sagen, begann Clement Aboncourt seine +Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn +ich offen rede, denn ich bin ein Mensch, der einen Hals besitzt, welchen +ich zu ganz anderen Verrichtungen bestimmt glaube, als der, durch einen +Strick zugeschnürt zu werden. Eine Abtheilung der französischen Armee, +etwa viertausend Mann, bewerkstelligte zur Nachtzeit eine Landung auf +den Bommeler Waard oder Weerd; sie wurden aber mit so großer Höflichkeit +empfangen und ihnen mit so vieler Artigkeit zurückgeleuchtet, daß nur +wenige von ihnen das jenseitige Ufer der Maas, die sie überschritten +hatten, wieder gewannen. Das Fort Sanct André, das die große Insel +zwischen Maas und Wahl, welche beide Ströme vor ihrem Zusammenfluß +bilden, an der östlichen Spitze beschützt, wurde fünfmal mit der +größten Wuth bestürmt und ebenso vielmal wurden wir zurückgeschlagen. +Die holländische Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl +wird das Alles nichts helfen, das Fort wird auf’s Neue nun mit sechs +Schiffen, drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beschossen +werden. Schon rücken unsere Regimenter auf dem rechten Wahlufer +herunter; ich eilte den Vorposten voraus, und wenn die Herren eine +Stunde oder nur eine halbe Stunde sich dorthin wagten, wo sie mich +gefangen nahmen, so säßen wir jetzt Alle miteinander ganz sicherlich +nicht hier. + +Es ist ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er sich +unwillkürlich an seinen Hals griff: es ist Alles, wie Hand umwenden. +Heute mir, morgen dir – sagen die Deutschen. Wir müssen die Wahl nehmen, +wir müssen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder +ganz zurück, denn wir sind ausgehungert, völlig ausgehungert, trotz +allen Siegen – es fehlt am Besten! + +An Geld? fragte Windt spöttisch. Ich dächte, dieses stehlt ihr ihr – wie +wir vorhin hörten. + +Nein, mein General, versetzte der Spion: Geld ist nicht das Beste – es +fehlt an Etwas, was sich nicht nur so stehlen läßt, es fehlt an Salz und +das bringt die Armee fast zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt, +desto salziger wird ihre Haut. – Aha, spottete Leonardus, und da hofft +ihr in Holland Salz zu finden, weil es so viele Häringe einsalzt! + +Leider! – leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, versalzen +wird! seufzte der Spion mit einer Grimasse und fuhr fort: Das letzte +Salz in Herzogenbusch, so viel als man gewöhnlich um acht +niederländische Gulden kauft, ist zu fünfhundert Gulden verkauft worden. + +Ist die Grave über oder ist sie nicht über? fragte Ludwig. + +Das weiß ich nicht, mein Herr Oberst, erwiederte Aboncourt: allein ich +bezweifle es, sonst würde die Maas mehr von Feinden geräumt sein und es +wäre weniger Mangel in unserer Armee vorherrschend, die immer einen +schweren Stand haben wird; denn es marschiren in diesen Tagen +zweitausend Kaiserliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines +geheimen Tractates fünfundzwanzigtausend kaiserliche Soldaten in seinen +Sold genommen, die nach und nach anrücken, um die Wahl zu decken; die +englische und hannoversche Reiterei dagegen geht nach Westphalen. + +Woher weiß so ein miserabler und lumpiger Kerl, wie du einer bist, das +Alles? fragte Windt barsch. + +Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken Sie +mich lieber, als daß Sie mich schimpfen! Da ich in Ihnen einen guten +Legitimisten voraussetzen darf, so bedenken Sie, daß ich ein König war. + +Auf deinen Schmierbühnen, du Meerschwein! + +Ja leider – nirgends als dort, sonst wäre ich nicht hier! fuhr jener +unter komischen Seufzern fort: denn wenn ich ein König oder ein +königlicher Prinz in der Wirklichkeit wäre – ich wollte mich bei Gott +anders und besser halten, wie zum Beispiel der Herr Graf von Artois. + +Was ist’s mit dem? fragte Ludwig aufmerksam. + +Je nun – antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Hauptquartiere der +feindlichen Verbündeten, läßt sich als Gast von den deutschen und +niederländischen Edelleuten bewirthen, schmarozt wie ein Abbé und führt +ein müßiges Schlaraffenleben. Er stolzirt in einem rothen goldgestickten +Rock einher und trägt am Hut eine weiße Cocarde, so groß wie ein Teller. +Ludwig der Sechszehnte mochte sein wie er wollte, besser wie dieser war +er auf alle Fälle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn +die Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieses Grafen Artois +bilden, ihn mit der weißen Cocarde sehen und er ein weissagendes Gesicht +schneidet, denken sie Wunder, wie gut ihre Sache stehe und wie bald man +sie zurückrufen werde, und rufen gläubig aus: #Ah! Nos affaires sont +bien, le Comte d’Artois a souri à la lecture de ses lettres.# + +Ja ja – brummte Windt: sie haben einen starken Glauben und der Glaube +kann Berge versetzen. + +Aber nicht Armeen, fügte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weißt du +nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Veränderungen, spricht man im +feindlichen Heere nicht von einem Waffenstillstand? + +Waffenstillstand wäre unser Tod! erwiederte der Spion: der wäre +wahrlich für keine Partei eine goldene Brücke, denn die Heere blieben +zehrend wie Heuschrecken in den Ländern liegen. Und der Winter wird +streng, das werden Sie wahrnehmen. Der National-Convent hat der Armee +sogar das Beziehen von Winterquartieren verboten, er wird in keinen +Waffenstillstand willigen. – Neues ist, wenn Sie es nicht bereits +wissen, daß der Herzog von York plötzlich von der Armee abberufen worden +und nach England gereist ist und daß Prinz Friedrich von Oranien ihn bis +nach dem Haag begleitet hat. Dieser Prinz wird preußische Dienste +nehmen, da er durch seine Mutter und seine Gemahlin Preußen so nahe +steht. Das hannoversche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der +Graf von Walmoden führt den Oberbefehl; die englischen Truppen gehen zum +Theil nach ihrem Vaterlande zurück; General Harcourt führt über diese +das Commando. Man sieht ein von Seiten Ihrer Armeen, daß man alles +tapferen Widerstandes ohnerachtet die Wahl nicht länger vertheidigen +kann, sie ist unser und wir rücken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt +plötzlich den Rhein Ihrerseits befestigen wollen, aber zu spät. Wissen +Sie, wie viele Schanzen in der Herrlichkeit Doorwerth aufgeworfen +werden? + +Schanzen? Nein! rief Windt gespannt aus. + +So will ich es Ihnen verrathen und will auch gestehen, daß ich neulich +nicht nahe bei Ihrem Kastell landete, um es zu plündern oder um zu +zechen, sondern, daß mein Auftrag, dessen ich mich auch vollkommen +entledigt habe, dahin ging, die Beschaffenheit der bereits vorhandenen +Schanzen zu untersuchen; ich fand aber keine als die halbverfallene +Dünen- oder Hünenschanze. Nun will man in aller Eile fünf neue +aufwerfen, eine Ihrem Kastell gerade gegenüber. + +Herr Gott! schrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus +beschossen wird, das Kastell drauf! Das darf nimmermehr geschehen! Da +wäre Alles verloren! + +Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! suchte Ludwig zu +beschwichtigen, aber Windt rief leidenschaftlich: Nein! Da ist nichts +abzuwarten, #aut Caesar, aut nihil!# + +Vielleicht wird Friede oder doch Waffenstillstand auf alle Fälle! nahm +Leonardus das Wort. + +Ich will Ihnen auch sagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die +Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet sind, falls Sie das nicht schon +wissen. + +Nicht so ganz genau, erwiederte Ludwig. + +In Arnheim bleiben die hannover’schen Truppen, berichtete der Spion: in +Zuitphen wird das Generalquartier der Hessen aufgeschlagen; nach +Doesburg kommen die Hessen-Darmstädtischen Truppen; die Franzosen unter +dem Prinzen von Condé und im englischen und niederländischen Solde +kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artois wird sich +nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechselt diese Ortsnamen +leicht. + +O ja, wenn man ein Franzose ist! spottete Windt. + +Nun? Ist Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz unbefangen der +Spion und ließ sich nicht beirren, als ihm ins Gesicht gelacht wurde, +sondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiserlichen Armee ist in die +Weselgegend bestimmt, unter General Joseph Freiherrn von Alvinczy. +Zweitausend Mann von diesen Truppen gehen noch nach Arnhem und eine +gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl. + +Diese und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter dessen +Zuhörern eine günstigere Stimmung; sie sahen einen Mann, den das Leben +in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu +kennen schien, als eben dieses Leben, so armselig und mühevoll es war, +zu fristen und zu erhalten. Man versah ihn daher mit allem Nöthigen und +hielt ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand +gefangen genommen und auf eigene Hand ihm das Leben versichert hatte, +ihn den Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn sonst wäre ihm +höchstwahrscheinlich Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden. + +Kastell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Festung, als einem +Lustschloß; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppengattungen und so +umfangreich und zahlreich die Räume des Schlosses waren, so blieb für +Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach übrig. Die Einquartierung +oder Besatzung des Kastells und der Herrschaft wechselte häufig, da die +Verhältnisse beständige Truppenbewegungen herbeiführten. Als die +englischen Jäger und Uhlanen fort waren, kam niederländische +Gardereiterei, welche in den Ortschaften der Herrlichkeit ihre +Cantonnirung angewiesen erhielt. Dieser folgte das englische Freicorps +von Salm-Kyrburg; dazwischen hatte Windt über tägliche Lasten zu klagen, +Durchmärsche, Plünderungsversuche, Aerger und Verlust im Uebermaß. Dem +erwähnten Freicorps folgten Jäger vom Regimente Hompesch – diesen ein +Bataillon von Hohenlohe – dann kam das achte und das vierzehnte Regiment +englische leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden war mit +Truppen überschwemmt. + +Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus Arnhem +herüber geritten, und eines Tages geschah es, daß der Erbherr den +Prinzen Ernst August von Großbritannien und noch einen Herrn in sein +Schloß einführte, die Bewohner desselben freundlich begrüßte und sich +genau nach allen Verhältnissen erkundigte, da diese jeder kommende Tag +wieder anders gestaltete. Prinz Ernst August, von dem Niemand glauben +konnte, da ihm noch drei ältere Brüder, Georg, Friedrich von York und +Wilhelm, Herzog vom Clarence lebten, welche alle zum Königsthrone +gelangten, daß auch er einst die Krone eines Königreichs tragen werde, +forderte Windt und Leonardus zu einem Recognitionsritt in die Umgegend +auf, und der Erbherr sagte zu seinem Vetter Ludwig, er möge ihm und dem +zweiten Gast einstweilen Gesellschaft leisten, indem er seinen Vetter +diesem Gaste vorstellte. Dieser Fremde war der niederländische Gesandte, +Graf Brantsen, derselbe, der die Ehre gehabt, auf seinem Schlosse Sip +den Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich +beisammen saßen und ihr Gespräch sich, wie es nicht anders sein konnte, +auf die bewegte Zeit lenkte, äußerte sich der Gesandte: Dieses Wirrsal +kann keine Dauer haben; es müssen Schritte geschehen, die den Völkern +und Ländern den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geschieht +dies noch lange nicht. Dazu führt ungleich schneller und unblutiger jene +kleine feine Waffe, zu deren Führung es nicht der beiden Hände oder doch +der ganzen Faust, sondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewisses Maß +von Kenntnissen, mit einem klaren Verstande, nebst redlichem Willen. + +Du wirst verstehen, lieber Vetter, was der Herr Ambassadeur meinen, +erläuterte der Erbherr: und seine Güte, die ich für dich in Anspruch zu +nehmen mich erkühnte, um dir einen recht guten und treuen Dienst zu +leisten, hat mir zugesagt, dir nützlich sein zu wollen. Sieh, lieber +Vetter, ich glaube dich nicht falsch zu beurtheilen, wenn ich meine, daß +du nicht für den Kriegerstand geboren bist. Dir sagt wohl mehr, wie du +von Jugend auf es geführt hast, ein beschauliches Stillleben zu, und ich +möchte dich glücklich wissen, denn du weißt, und ich weiß, was ich dir +Alles danke. Was soll dir dieser Krieg und besonders die Art, wie er +jetzt in diesem Lande geführt wird? Man spricht nicht von Schlachten, in +denen ein junges Heldenherz sich Lorbeeren erkämpfen kann, sondern von +Winterquartieren, man denkt nicht auf Vorzüge, sondern auf Rückzüge, man +ficht nicht mit der Waffe der tapfern Hand, sondern nur mit grobem +Geschütz. Zum Vorrücken in höheren Dienstrang ist keine Gelegenheit, und +für was solltest du dein Leben auf das Spiel setzen? Du bist in +Deutschland geboren, weshalb solltest du für Holland kämpfen? Daher bin +ich der Meinung, du weilest nicht länger hier unter dem rauhen und doch +so nutzlosen Getöse der Waffen, sondern versuchst in einer andern +Laufbahn dein Glück, versuchst wenigstens in ihr den Grund einer +zukünftigen ehrenvollen Stellung im Leben zu legen. Unser Windt ist ein +trefflicher, lieber, edeldenkender Mann, ich schätze ihn +außerordentlich, und seine Frau ist ja überaus brav und rechtlich, +allein beide sind doch auf die Dauer kein Umgang für dich; du mußt +eintreten in höhere Lebenskreise. Dein Blick muß geschärft, deine +Ansicht vom Leben und dessen höchsten Aufgaben geläutert und +festgestellt, ja selbst dein Herz muß geprüft und gebildet werden durch +höheren Umgang. Sage selbst, ob ich nicht Recht habe? + +Ja, du hast Recht, Vetter, sprach Ludwig, doch so schwankend, als +erwache er aus einem Traume. + +Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sündenpfuhl, ein Sodom und +Gomorrha, Andern als eine Löwengrube, noch Andern als Niniveh und +Babylon erscheinen, welches demnächst der Zorn des Höchsten zertrümmern +wird – dem Auge des vorurtheilfreien Weltmannes erscheint es anders, +erscheint es immer als die europäische Weltstadt, in der das gesellige +Leben seinen höchsten Blüthenstand erreicht, in der dasselbe am +heißesten pulst, und das stets die höchste Bildung über alle +Lebenskreise ausstrahlt. Der Herr Gesandte geht in diesen Tagen nach +Paris ab, und ist so sehr gütig, dich als Attaché mit dorthin nehmen zu +wollen. Bei wenig Mühe wirst du leicht und sicher die Pflichten und +Dienstleistungen, die dir dann obliegen werden, das Abfassen mancher +Correspondenzen und dergleichen, dir aneignen, und hauptsächlich jene +gesellige Gewandtheit, die ebenso fern von unwürdiger Kriecherei als +lächerlichem Hochmuth den gebildeten Mann befähigt, sich mit Anstand und +sittlicher Haltung in allen Kreisen des Lebens zu bewegen. + +Sie sind sehr gnädig, Herr Graf, richtete Ludwig sein Wort an den +Gesandten, daß Sie sich eines so jungen und noch so unbedeutenden +Menschen, wie ich bin, annehmen wollen. Es ist wahr und ich gestehe ein, +daß mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienst ist nicht meine Sphäre, +es lebt kein Verlangen in mir, auf die Länge hin Soldat zu sein, wie +ehrenvoll dieser Stand auch ist, aber ich fürchte sehr, daß ich Ihnen +eine Last sein werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu +sein, um die schwierige Bahn eines Diplomaten – + +Man wird nicht über Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf, +unterbrach der Gesandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage +in den alten Sprachen. Sie sprechen und schreiben viele der neueren: +niederländisch, französisch, englisch, deutsch, das ist schon viel. +Selbststudium durch gediegene Schriften wird in der höhern +diplomatischen Geschichte der europäischen Länder und Höfe Sie bald +befestigen; die Grundzüge des europäischen Staats- und Völkerrechts +werden Sie sich bald aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris +einen Cursus dieser Wissenschaften an der Universität zu hören; +vertrauen Sie mir nur, ich werde Sie gut und sicher und mit Wohlwollen +führen. + +Ludwig verbeugte sich verbindlich dankend, dann aber ward er nachsinnend +und sprach endlich zu seinem Verwandten: Aber Leonardus? + +Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amsterdam, wandte der Erbherr +seine Rede erläuternd an den Gesandten: derselbe Mann, der mit Seiner +Königlichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt vorhin zum +Recognosciren ausritt, ist der Freund meines Vetters und wird gewiß +nicht derjenige sein wollen, der dessen künftigem Glück hemmend in den +Weg tritt. + +Er ist ein Freund, ein Freund im schönsten und edelsten Sinne des +Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinste Schatten fallen +darf! rief Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm schien, als erkenne sein +Verwandter nicht seines Leonardus volle Seelengröße vollständig an. Es +bedarf nicht, daß ich ihn rühme, fuhr Ludwig fort: ich will nur sagen, +daß ich nicht gesonnen bin, mich von ihm zu trennen; ich habe, kaum aus +der Welt meiner Jugendjahre getreten, bereits der tiefschmerzlichen +Trennungen schon zu viele erlebt. + +Dem Erbherrn zuckte es bei diesen Worten in der Brust, als brenne ihn +plötzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augenblicke, die +bittere Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, während +der Gesandte das Wort nahm: Wenn Herr Leonardus van der Valck so treu an +Ihnen hängt, Herr Graf, als Sie an ihm, so wird ihm nichts im Wege +stehen, uns nach Paris zu begleiten. Kann ich ihn auch nicht – und wer +weiß, ob es nicht in der Folge doch geschehen könnte – in meinem Bureau +anstellen, so kann ich ihn doch unter den Schutz der Gesandtschaft +stellen, er kann als Volontair #pro forma# mit Ihnen arbeiten; Sie +können ungetrübter, als irgendwo, das Glück ihrer beiderseitigen +Freundschaft genießen. Hier im Getümmel der Waffen droht Ihnen +unversehens vielleicht die schmerzlichste Trennung. + +Leonardus mag entscheiden! sprach Ludwig fest. Wir sind, was wir +äußerlich nur scheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brüder – und da +mir die Süße der Familienbande versagt ist, meine Heimath mir fernab +liegt, da ich losgerissen bin von geliebten Herzen, so will ich doch an +dem einen Anker mich halten, so lange es Gott vergönnt, ich will +Leonardus, den ich zum Bruder mir erwählt, auch Bruder bleiben bis zum +letzten Athemzuge meines Daseins. + +Schnell und rasch war die Wendung in Ludwig’s Schicksal; Leonardus, der +des Freundes Gefühle so innig theilte, willigte mit Freuden ein, denn +auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu führen die +Nothwendigkeit gebot, auf die Dauer nicht zusagen. Aber wie ganz anders +war der jetzige zweite Abschied Ludwig’s von dem redlichen Windt? Beim +ersten Abschied galt dieser dem jungen Grafen nur als der unwandelbar +treue Diener der alten Großmutter, als ein etwas steifer, förmlicher +Kanzleimensch, ein gutes, brauchbares Inventarstück, das sich durch +seine Dauerbarkeit empfahl. Um wie Vieles höher war Windt in Ludwig’s +Achtung, ja in seiner dankbaren Liebe gestiegen? Welche Verdienste hatte +sich der treue Mann nicht um Leonardus, um Angés, um jenes Kind +erworben, und um Ludwig selbst, ja auch um dieses Schloß, diese +Herrschaft. Ludwig schenkte ihm alle seine Waffen, nur die +Damascenerklinge mit den bourbonischen Lilien auf blauem Grunde am Griff +behielt er für sich. Auch Philipp’s Brauner blieb Windt zum Geschenke, +und Leonardus’ Reitknecht trat in dessen Dienste, da einer von seinen +Dienern ihn verließ. Windt und seine Frau weinten, als die Freunde +schmerzlich bewegt von ihnen Abschied nahmen. Der Erbherr wünschte +aufrichtig Glück – vielleicht noch etwas aufrichtiger als damals in +seinem Briefe. Was lag nicht Alles zwischen jener Trennung und der +heutigen? Philipp begleitete als gemeinschaftlicher Diener die Freunde. + +Der Gesandte war ein angenehmer und liebenswürdiger Mann, feingebildet, +ganz für seine Stellung geschaffen. Leicht gewannen die Freunde seine +Gunst, und schon seine Unterhaltung war in hohem Grade belehrend. Sie +fuhren mit Extrapost von Station zu Station, das Gepäck kam nach; der +Gesandtschaftspaß beseitigte jede Gefährdung. + +Unterwegs peitschte der Postillon nach dem Rücksitz – es war in Rheenen +– um einen Mann, der sich hinten aufgesetzt, zum Herabspringen zu +bewegen; jener hielt und duckte sich lange, endlich sprang er doch +herab. Ludwig bog sich aus dem Schlage und blickte zurück. Die +Postkalesche rollte unaufhaltsam fort – der Mann zog den Hut und machte +Bücklinge und komische Grimassen. Es war Clement Aboncourt. + + + + +4. Drei Frauenherzen. + + +Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Häusern +der schönsten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener +Aufführung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige +vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter +sicherten die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene +riesige Löwenköpfe trotzten an dem schweren Eichengetäfel der +Thürflügel, die mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitterform +überdeckt waren, wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche +Karyatiden, und über demselben hoben sich unter einer fürstlichen Krone, +kunstvoll in Marmor gehauen, zwei schräg aneinander gelehnte +Wappenschilde. + +Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis +Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz. + +Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgräfin. + +Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Außenwand dieses Palastes mit +reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmückt, und +hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten herrliche +Blumen, die schönste Winterflora, die nur immer von den Gewächshäusern +der bedeutendsten Kunstgärtnereien Hamburgs geboten werden konnte. Die +Matrone saß in einem höchst vornehm, aber wohnlich eingerichteten +Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war, dessen Sophas +schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wände einige +Oelbilder von guten Künstlern zierten, darunter auch an einer Wand +vereinigt drei reizende Seitenstücke von der Meisterhand Philipp +Wouwermann’s, darstellend die drei Schlösser Varel, Kniphausen und +Doorwerth, mit im Genre dieses berühmten Künstlers mannichfach belebten +Vordergründen. Die Matrone saß, wie sie gewohnt war, von Büchern, +Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel am +Schreibpult, und überlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift: + + »#Interims#-Quittung. + + Für zwanzigtausend Mark Hamburger #Banco,# welche Uns von Seiten + Unsers ältesten Herrn Enkels, des Grafen #Wilhelm Gustav + Friedrich,# Grafen zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon + und Pendrecht u. s. w., nach Maßgabe der mit demselben in + Betreff Unserer habenden und dargelegten beträchtlichen + Anforderungen sowohl, als wegen einer #Cession# Unserer + Herrlichkeit #Doorwerth cum pertinentis# geschlossenen + Haupt-#Conditionen# zum Vergleich (dessen völliger Abschluß und + Vollziehung durch die inmittelst eingetretenen Zeitläufte bisher + behindert worden) in Abschlag des am 3. September jüngst bereits + zu entrichten gewesenen ersten #Terminis# von fünfzigtausend + Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis + reservandis# in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen. + + Charlotte Sophie.« + +So wird es ja wohl recht sein, sprach die Schreiberin, wenn der Rath +Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der +Juristen Gewohnheit, der Styl aber ist abscheulich, in welchem man +solche Dinge sich förmlich abquälen muß. Wenn ein Lateiner so +geschrieben hätte, ein Franzose so schriebe! Für unsere Kanzleien und +Gerichtshöfe leben und streben die edelsten und berufensten Geister der +deutschen Nation vergebens. In diese Marterkammern unserer Sprache +dringt kein Hauch von Klopstock, kein Geistesstrahl von Lessing, kein +Blitz von Goethe. Ihre »Instrumente« bleiben ewig stumpf und darum um so +peinlicher. + +So, dies wäre gethan, das Geschäftliche abgemacht, jetzt zum rein +Menschlichen! – Die Reichsgräfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein. + +Ich bin fertig, sagen Sie das meinen lieben Gästen, der Herzogin und der +regierenden Reichsgräfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene +entfernte sich wieder. + +Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Gräfin ihre +Dienerin zurück. Weißbrod soll keinen Fleiß sparen, daß die +Arrangements zu meinem heutigen Cirkel nichts zu wünschen übrig lassen. +Vier Spieltische; die neuesten Zeitungen in das Lesecabinet, die Sessel +mit der Krone, welche mit blauem Purpursammet beschlagen und mit +silbernen Lilien gestickt sind, an eine besondere Tafel zu sechs +Gedecken. Dann ordnen Sie einstweilen meine Toilette, keine Brillanten, +nur Perlen, die schwarze Sammetrobe mit den aufgestreuten +Trauerweidenzweigen von Silber-Filigranarbeit. Man muß den Schmerz ehren +und der Theilnahme einen sichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein +anderer Schmuck meinen Jahren. + +Ich bin gespannt, sprach die Reichsgräfin dann zu sich selbst weiter. Es +widerfährt meinem Hause eine schöne Auszeichnung, doch wer dürfte hier +in Hamburg auch nähere Rechte auf dieselbe haben, als ich, die nächste +Verwandte? Wohl vereinen hier sehr glänzende Cirkel einheimische und +fremde geistreiche Männer aller politischen Farben, der alte blinde +Busch und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben sich alle +Mühe, ausgezeichnete Fremde an sich zu ziehen, und Sieveking machte ja +sein Neumühlen im vergangenen Sommer förmlich zum Taubenschlag, allein +diese Gesellschaften sind zu gemischt, es kann nicht ein Jeder sie +besuchen, mein Vetter zum Beispiel, Prinz Talmont, würde sich +unglücklich in einem solchen Kreise fühlen. + +Die Flügelthüre des Zimmers wurde vom alten Weißbrod und einem jüngeren +Lakaien in reich gallonirter Livrée ehrerbietigst geöffnet und es trat +eine Dame von wunderbarer Schönheit ein, eilte freundlich auf die alte +Reichsgräfin zu und begrüßte sie nach allen Regeln höfischen Herkommens. +Es war keine junge Frau, aber ihr Wesen, die liebliche Fülle ihrer +Formen, die frische Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer Augen +kündeten jene innerliche Jugendlichkeit an, die nicht welkt mit der +äußern körperlichen Hülle, der im warmen Herzen die Nährquelle dauernder +Schönheit entspringt. + +Georgine! Mein lieber Gast! Meine Sonnenblume! begrüßte die Gräfin jene +Dame mit Herzlichkeit. + +Ach, Mutter – Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden diesen süßen +heiligen Namen – entgegnete jene, sagen Sie Herbstblume! Die Sonnenzeit +ist dahin – leider! + +Alles Schöne im Leben geht dahin, mein geliebtes Kind! + +Altes Kind, das ich bin – ja wohl! + +Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich über seine Jahre betrübt, +spöttelte lächelnd die Reichsgräfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist +Ludwig? + +Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von +Erinnerungen stürmte auf sie ein, und mit einem Gefühle tiefster Wehmuth +sich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüsterte sie: Darf ich +denn noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter! + +Du darfst es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, entgegnete +sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner +herrischen überstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein +drittes Anrecht, ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermählen, +nur wenige Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den +Gemahl schon ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem +Sturme eurer Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wäre Alles +noch in das rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der +Großschatzmeister von Irland, hätte dir entsagen müssen, da starb mein +armer Sohn Johann Albert auf seinen Gütern in Norfolk, und du, Aermste, +wurdest als heimlich verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine +traurige, aber eine süße Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines +Schutzes und meiner Liebe zu nehmen, und Schloß Varel lag so einsam und +so fern von London, und du warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und +ich konnte unseres Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst +es, die dir anrieth, deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen, +dem Willen deines Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes +anzunehmen, der sich mit glühender Neigung um die Gunst der gefeiertsten +Schönheit Londons bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer +Herzogskrone dein Haupt schmücken wollte. Du warst nicht nur schön, über +alle Maßen schön, meine theure Georgine, du warst auch klug, du +bezwangst dein Herz, folgtest meinem mütterlichen Rathe und bist noch +immer, nachdem zwanzig Jahre seit deiner Vermählung vergangen sind, eine +schöne, bewunderte, beneidete und eine glückliche Frau! + +O, ich weiß, welche Fülle von Liebe, Güte und Großmuth ich Ihnen danke, +beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und Ludwig? +fragte sie leise, von Neuem erglühend. + +Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein sollst +ihn hören; es schlägt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil +an ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück +sagen können, wenn junge Herzen so voll Liebe für ihn schlügen, wie hier +zwei ältere und mein – uraltes. + +Das ewig frisch und jung bleibt! + +Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig +treu und wahr bleibt, so lange nämlich diese irdische Ewigkeit noch +dauert. + +Nicht auch _drüben_, meine Mutter? + +Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, so denke +ich nicht, daß dort ein Herz sich selbst untreu werden könne, zumal wenn +es hienieden sich und Andern treu war. + +Dies Gespräch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jüngeren, +sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von +den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrüßt sah. + +Wie ist Ihnen, meine Beste? fragte die Herzogin. + +Jene verneigte sich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht +zum Besten, meine Hochgnädige! Mich drückt die Winterkälte, meine Brust +kann diese Luft nicht ertragen, und meine Nerven sind stets in +fieberhafter Erregung. + +Meine arme Ottoline! sprach mit Theilnahme die Reichsgräfin. – Bitte, +meine Damen, lassen Sie sich nieder! Es ist betrübend, daß der Schöpfer +es für uns arme Menschen so eingerichtet hat, daß die Freude nur einfach +ist, nur geistig, aber der Schmerz doppelt, geistig und körperlich. + +Oh, theure Großmutter! entgegnete mit einem Seufzer deren jugendschöne +aber bleiche Enkelgemahlin: auch die körperliche Freude ist da, wer so +glücklich ist, sie zu besitzen, wir haben nur ein anderes Wort dafür, es +ist die Gesundheit. Wir sind uns ihrer nicht bewußt, so lange wir sie +ungestört besitzen, wir denken kaum an sie, aber so bald sie uns +verläßt, ja wenn sie nur uns zu verlassen droht, da möchten wir mit +tausend Banden die entfliehende halten und an uns fesseln. + +Die alte Reichsgräfin suchte dem Gespräch wie den Gedanken ihrer +geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wußte es geschickt so +zu lenken, daß auf Ludwig die Rede kam, indem sie erst Windt’s und +Doorwerth’s, dann des Erbherrn und seines Vetters William, des +Vice-Admirals, der zur Zeit auch ein Gast ihres Hauses war, beiläufig +erwähnte, dann seinen Namen nannte, und mit heimlicher Freude sich daran +ergötzte, wie bei diesem Klange auf Ottolinens bleiche Wangen ein +sanfter Rosenschimmer flog, und die Herzogin ihre Blicke erglühend +senkte. Da sie nun inne hielt und die Letztere es nicht über sich +vermochte, auch nur einen Laut zu äußern, um nicht ihr Gefühl vor der in +ihr Geheimniß durchaus nicht eingeweihten Enkelin der Reichsgräfin blos +zu geben, so war Ottoline fast genöthigt, das Wort zu nehmen, und fragte +mit sanfter Theilnahme: Wie geht es dem jungen Herrn und wo weilt er +jetzt? + +Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit liegenden +Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er würde für +diese freundliche und gnädige Frage sehr dankbar sein, wenn er sie +ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris. + +In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin. + +Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so dürfte dieser +Brief zur Lösung dieser Frage wohl das Meiste beitragen. + +O, gewiß, beste Gräfin! theuerste Großmutter! riefen Georgine und +Ottoline, und die Reichsgräfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat +mir bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht +gegeben, von dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu +der neuesten Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der +Meerfahrt am Bord der »vergulden Rose« bis Amsterdam, wie im Hause des +reichen Handelsherrn Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter +sich versöhnte. + +Ja, sie versöhnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und +ich mußte so tief und bitter und schmerzlich leiden über den Zwist der +Männer, daß mir fast das Herz darüber brach, und halb – ist’s ja ohnehin +gebrochen. Ich bin noch nicht wieder gesund und noch nicht wieder froh +geworden, seit ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem +Tranke lag gewiß ein Zauber! + +Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die +Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er +Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu +bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und +begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen +Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften +Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge +um dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen +flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen +Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers +Barbarossa zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers +ruhen und träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der +liebe Knabe. Er malt gut und treffend. + +Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in +der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns +verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt. + +Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen. +Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las: + + »Meine theuerste, geliebteste Großmutter! + +»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten +Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und schönen +Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in +Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen +Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden +Kinde zu geleiten.« + +»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen Gesandten +hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß diese +Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und +Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei +Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm +Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau Gemahlin, +o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe günstig +lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue schmerzlich, +daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie vergönnt +sein wird.« + +Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin: +denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter +Ludwig! + +»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch +kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich +mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder +Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen +stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der +enthält die Quintessenz aller Ereignisse.« + +»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden zu +vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die +ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die +günstigen Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru +Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann +wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch +die meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich +fürchte sehr für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem +Vaterlande und der treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den +Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine +Freiheit ist bedroht. Ihr zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann +Carl, ist zur Zeit, wo ich dies schreibe, Statthalter in Utrecht – ich +fürchte ebenfalls, daß diese Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer +sein wird. Der Vice-Admiral soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg +aufhalten; sollte dies der Fall sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen +wohnen, und dann bitte ich gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist +ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz +seiner Neigung zu Spott und Satyre.« + +»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht +zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle mich +heimlich krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der +spätherbstlichen Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein +Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen +befragte, sagte mir, ich müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.« + +Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre +ich mich gesund baden würde!« + +Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die +Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach +England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie +ihn in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten. + +In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt. + +Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will +ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner +Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen. + +Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam, +warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen +Sie sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz +Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres +Vice-Admirals, und besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich +aber muß unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste +Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich +noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln? +Mein Segeltuch heißt Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker, +der wird zum Kreuz über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief +unseres Ludwig: + +»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt, +fast hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler +meinerseits gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die +englische Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter +erzeugten allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert und +friert jetzt. Die Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen +etwa so: ein Louisd’or in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres +werth, nämlich stets in Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend, +eine Flasche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter +fünfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen +dreitausend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so +gütig, mir für seinen einzigen Besuch nur sechshundert Livres +abzunehmen. Silbergeld ist äußerst willkommen, wer dessen hat, bekommt +ein Pfund Zucker gegen baar für vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz +kostet vierundzwanzigtausend Livres. Da wir an Gold und Silber keinen +Mangel haben, so kommen wir leidlich durch, aber von Vergnügen, von +geistvollen Kreisen, von jenen schönen und angenehmen Vereinigungen +gebildeter Menschen ist keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und +küsse meiner theuersten Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung +die treuen Hände, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier +fühle ich erst recht, was es sagen will, den Pardisesgarten, jener +stillen und reinen Freuden hinter sich zu haben. + + Ihr ewig dankbarer Ludwig.« + +Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt, +äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt, +wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen, +Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser +geschaffen sei. + +Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die +Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe +Schule nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will +es nur eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der +Salons ein, sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der +Alterthumskunde – ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen +Leibesübungen. Er übte sie, ohne an einer dieser Künste vorzugsweise +Gefallen zu finden. Ich glaube, daß er nie tanzen wird, musikalisch ist +er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Lesen +die meiste. Weil ich fühlte, wie mangelhaft und unvollendet noch seine +Erziehung sei, entschied ich mich dafür, ihn reisen zu lassen, damit das +Leben ihn in die Schule nehme und er durch das Leben sich selbst bilde. +Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle jenes heimathlichen Schlosses, +das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch schon das Leben erfaßt, aber +nicht wie ich gehofft und gewünscht habe. Viel zu tief sah er im Beginn +seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die nun im Wachen und Träumen vor +seiner Seele stehen und ihn zurückwinken nach der kaum verlassenen +Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein seltsames Verhältniß +verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar sehe. Er und +Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel läßt die +Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen, daß +ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel +ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich dies +selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines +Freundes verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes +Kleeblatt auseinanderging. + +Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte +Ottoline mit mühsam errungener Fassung. + +Gewiß, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgräfin: eben +weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefährlichen +Kampf. Ein unedler Mensch versucht sein Glück, betrügt und verräth den +Freund, wenn der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit +Entschiedenheit abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er’s +leicht und sieht sich nach einer andern, vielleicht williger ihm +entgegenkommenden Neigung um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht +in solche Labyrinthe verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung +einer edeln Frauenhand ihn auf die Pfade des richtigen Lebensweges +führen kann. Wie glücklich wäre ich, wie sehr verdient um meinen Enkel +würden Sie sich machen, Frau Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach +England dort in Ihre Kreise einzutreten vergönnt würde. Das schwebte mir +schon lange vor, doch wollte ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei +gewähren lassen und zusehen, wohin seine Neigung ihn lenke. + +Georgine fühlte, wie unendlich viel für sie in diesen Worten lag, die +Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen +wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr +Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, senden Sie ihn +mir, er soll mit offenen Armen empfangen werden. Sind wir doch längst +als Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir +und Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name +gemeinsam, der Name Cavendish. + +Und ich will alle meine Wünsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen, daß +es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und +Segen führe, was Sie Beide vereint Gutes für Ludwig beschließen! rief +Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thränen in ihrem +Tuche. – + +Ach, nur zu schnell verrauschen die schönen Augenblicke, in denen der +Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fühlen über alles +Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus +Erdenstoff gebildet – auch diese Minuten flogen schnell dahin – die +Thüre ging auf und Weisbrod brachte einen Brief. + +Die Reichsgräfin nahm denselben, entließ den alten Diener mit gnädigem +Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt’s; es ist +angenehm, daß nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen +haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir +verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hören wir noch, +bevor wir an unsere Toilette für den heutigen Abend denken, was unser +ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen +und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu +Füßen, oder #aux pieds#. Außerdem überspringt er alle die läppischen +Schnörkel der gedruckten Briefsteller, drückt sich aus, wie er spricht, +und stets ungemein verständlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei +hat er einen völlig klaren praktischen Blick in die Verhältnisse, die +ihn umgeben. Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels +Brief. Wir werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet. + +Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechselnd bald leise für +sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die +Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit +Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. »Daß mein Nest +ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre +Excellenz bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule. +Ich sah die schöne junge Frau Angés, wahrscheinlich Wittwe, mit dem +himmlischen Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Das kleine Mädchen ist +ein Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Verstand weit über sein +Alter hinaus. Es ist ein Glück, daß sie fort sind, lieb ist mir auch, +daß der junge Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als +Hauptleute waren beide nur ein fünftes Rad am Wagen, und es herrscht bei +mir fortwährend eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage +schlimmer. Ich sitze, wie ein züngelnder Wappenlöwe, als Thorwächter in +einer Trophäe zwischen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und +Hellebarten.« + + + + +5. Die Emigranten. + + +Die fernere Mittheilung aus Windt’s Brief wurde durch Weisbrod’s +Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten +brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war französisch geschrieben; Baron +von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau +absagen zu müssen. Frau Gräfin von Schimmelmann schrieb: »Empfangen Sie +unsere Entschuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen +können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet +an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unserem +großen Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit +Ungeduld den Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefühle meiner größten +Ergebenheit zu wiederholen, mit welchen ich – und so weiter. + +Und hier noch – ein versiegeltes Billet – ah, von unserem ehrwürdigen +alten Legationsrath und markgräflich badenschen Hofrath, was schreibt +doch der? »Gnädigste Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entschuldigt wohl +mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gnädige +Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen +Welt. Der Kreis, in welchem Sie so gnädig sind, mich dulden zu wollen, +besteht, wie ich höre, aus Personen, deren Unglück mir gewiß heilig ist, +ohne daß ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutschen +ihnen, den Ausländern, den Flüchtlingen, angedeihen lassen. Ich müßte +mir selbst untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das +Wort meiner Ueberzeugung: + + Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’s + Nie ein, den Fremden vorzuziehn; + Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht, + Verachtet euch + Weil ihr ihn vorzieht. – + +Diese Worte dürften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich immer +noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!« + +Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser kühne Mann? + +Es ist Deutschlands größter Dichter – es ist unser Klopstock, antwortete +Ottoline. + +So ist es, bestätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten +deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch, +starrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten sehr – wahrhaftig. + +Die Reichsgräfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt’s Brief wieder auf +und fuhr fort darin zu lesen. + +»Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir +erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen, +unter dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben +werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefährlich, sich mit +Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen +sind auf nichts so wüthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen +Vorschub leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein +Emigrantenfreund. Das Betragen dieser Leute ist die verkörperte Anmaßung +und ihre Belohnungen für erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich +habe sie im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen, +diese machte ein junger, sehr schöner Prinz von Condé.« + +»Durch den hannover’schen Feldpostmeister, frühern Secretär bei Graf +Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen, +daß alle die hiesigen Vorfälle darin ganz unwahr und falsch angegeben +und des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in +Arnhem in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach +Osnabrück begeben.« + +»Ich bin so mit Fremden und Geschäften besetzt und beladen, daß es kein +Quartiermeister bei der Armee im stärkeren Grade sein kann. Außer den +Jägern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie, +hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängst fiel zwischen den +hessischen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten englischen +Dragonern ganz in unserer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten +acht Todte und vierzehn Verwundete.« + +Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander +selbst bekämpfen! + +Die Reichsgräfin las weiter: + +»Man bricht sich die Hälse um eine einzige Bauernhütte, während bei dem +Feinde die vollste Eintracht herrscht.« + +»Prinz Ernst August von England war zum öftern hier, er hat mich gerne +bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der holländischen +Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die freundschaftlichsten +Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus allerlei Lebensmittel, +ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der Commandant der Jäger von +Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus Kurland, hat mir Büschings +Erdbeschreibung in prächtigem Einband verehrt; die Emigranten hingegen, +die mir die meiste Last gemacht haben, sind undankbare Menschen und +drücken die Ohren auf den Hals. Um unsere Truppen sieht es trübselig +aus, sie stehen bis über die Kniee im Morast und Eis, und Holland ist in +Nöthen, wie das Sprichwort sagt.« + +»Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht, eine +Batterie gerade dem Kastell gegenüber anzulegen und ihm bewiesen, daß es +eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen. Zum +Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch völlig +überflüssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden. +Die Kälte, wie sich einer ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden +Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe +es! Haben es die Engländer bei uns schlimm gemacht, so machen es die +Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes +haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben +Menschen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todt +gefunden. Das schöne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebäuden +bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Häuser +brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung +gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde +unterzubringen; alle Vorräthe gehen zu Ende, ich muß bei Ihrer Excellenz +um ein Stück geräuchertes Fleisch betteln.« + +»Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn +Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der +Feind hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind! +Der französische General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von +siebentausend Holländern und Brabantern, lauter _Patrioten_, die für den +Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den fest +zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspännigen Geschützen und +den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz +Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er +steht an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und +führt es nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon +einen lahmen Arm bekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß +ich ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge gesund oder +verwundet zurückkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder +verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlässigkeit und Verwirrung +an der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben, +oder es müssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein +Verstand ist so klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr +verstehe, welches wohl das Wahrscheinlichste ist. – Unser Erbherr eilte +sogleich, als die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von +Geldermaalseen aus und von Heßel aus sollte nun der Feind durch drei +Heersäulen holländischer, englischer und hessischer, darmstädter und +hannoverscher Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische +Colonne kam zu spät. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich +sehe schon ihre Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden +ihre Kanonen unter meiner Nase feuern. Es geht gräulich zu und wird noch +schlimmer. Das Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menschen; +wenn ich weggegangen wäre, so wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde. +Die Leute sehen, was ich für sie thue und theilen ihren letzten Bissen +mit mir; so eben geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes +Brod und fünf Eier, weil sie wissen, daß wir an Allem Mangel leiden. +Solche Leute zu verlassen, wäre himmelschreiend. Ich lege mich zu +Füßen.« + +Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte sich von den +beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin, +der Herzogin: Ach, liebstes Kind! Da steht noch eine schlimme +Nachschrift, die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte sie +niedergeworfen. Hören Sie die Hiobsbotschaft! + +»Man spricht für gewiß, daß demnächst Pichegru in Utrecht einziehen und +dann straks aus Amsterdam losrücken werde, daß unsere Flotte im Texel +sitzt und eingefroren ist, daß die Stelle des Erbstatthalters, welcher +bereits flüchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser für sich und den +Erbprinzen auf seine Würde Verzicht leisten werde und müsse – und +endlich – erschrecken Sie nicht – soll der Erbherr gefangen genommen und +nach der Citadelle Woerden abgeführt worden sein.« + +Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend. + +Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgräfin. Und mit dieser Nachricht, +mit diesen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigrées +#grande Assemblée#. – + +Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein, +zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die +Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz +abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die +Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm. + +Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der +großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze +Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große +Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen +turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte +auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an +dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche +Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs +darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von +einer fast fabelhaften Kürze und die schönen herrlichen Formen des +weiblichen Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein +auffallender Gegensatz zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die +Kleider und Roben selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und +garnirt, doch herrschte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu +großen und füllereichen Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war +die bekannte des Zeitalters, bei den Deutschen mehr einfach, bei den +Franzosen mehr als je gesucht und auffallend, als wolle man den guten +Deutschen so recht bemerklich machen, was Mode sei. Die Herzogin trug +sich nach altenglischer Weise, sie trug noch eine Art Reifrock, hatte +die wundervollste Taille, eine Büste zum Anbeten, strahlte von Juwelen +und überstrahlte alle, selbst die jüngsten Damen, an Glanz und Pracht +ihrer äußeren Erscheinung. Viele Französinnen blickten mit Neid auf die +schöne Tochter Albions, und Georgine schien in Wahrheit die ihr in +Ueberfülle dargebrachten Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee +gleiche, die aus einer andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu +bezaubern, was gewürdigt ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen. + +In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen der +Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze +Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland +Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp +eines regierenden Hofes – #grand cortège# – ein Heer von Kammerdienern +voraus, eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere +– dann nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend +seine Nichte Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte +Herzogin von Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von +Angoulême, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des +Grafen von Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor +Amadeus III. von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph +von Bourbon, Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin +Charlotte von Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne +weibliche Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher +Militärtracht, dem ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem +Waffenschmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser +Letztere war der nächste Verwandte der Reichsgräfin, war Charles +Bretagne Marie Joseph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und +Talmont; er stand im Heere des Herzogs von Condé, das er mit ihm auf +kurze Zeit verlassen hatte, und die Abzeichen seiner Trauer galten +seinem Vater, dem Herzog August Philipp, dem tapfern Vertheidiger des +Königthums, der früher als treuanhänglicher Adjutant des Grafen von +Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten hatte, endlich aber als +Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen Vendéer in +Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus mit dem Tode +büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernst einherschritt, +und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich und Andere +zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen wie des +Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte. + +Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und +förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche +dasselbe etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die +Räume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser +von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier +gesucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs +Himmel in das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer +vermochte dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen? +Man sprach, man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging +sich auch zum Theil in hohlen Phrasen. + +Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem +schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah +– la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg. + +Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf +und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund, +wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch +vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen, +meist falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer +Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die +Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen +Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an +die man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an +baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents +ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose +Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen +baldigen Umschlags gedeutet. + +Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen +herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein +gefertigt und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete, +erblickten die um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem +schwarzen schmalen Seidenbändchen gebundener greiser Locken. + +Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach +die Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche +freilich nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht +mit dem Blute des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese +Locken, die einst blond waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß +färbte. Eine treue Hand setzte sich in den Besitz dieses Haares und +übergab es der meinen, und die meinige soll nicht weniger treu befunden +werden. Sie alle, meine hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren +gemeinsame Abstammung aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause +Bourbon verbindet, sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine +dieser Locken zum Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer +unglücklichen Königin, es ist das Haar Marie Antoinettens von +Frankreich! + +Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen zwei +feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch +verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite +die Chiffre #MA# und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der +andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu +unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben. + +Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach +ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die +Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen +Talmont wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé +hervortrat, bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten +sich hingaben, indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres +Thomson mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl zu verletzen, oder +irgend einem Würdigen damit weh zu thun, das sei ferne; aber im +Allgemeinen ist auf Ihre geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort +anwendbar, welches lautet: »Wo bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer +lockenden, ihre immer täuschenden Wünsche, wo seid ihr und was Anders +erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewissensbisse? Ach und +dennoch, schwer niederbeugender Gedanke! ist kaum ein Auftritt des +gauklerischen Trugspiels abgespielt, so erwacht aufs Neue der getäuschte +Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt von neuer Hoffnung, zu des +schwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.« + +Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er +hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich +noch viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir +aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines +französischen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das +ausdrückt, was wir alle fühlen, die wir im Unglück und aus unserem +Vaterlande verbannt sind; es ist Corneille, den ich meine. »Ein großes +Herz kann einem Thron entsagen, und kann dies mit Ehren thun; die That +der Tugend wird gekrönt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig +verzichtet, was sein Herz mit flammender Liebe umfaßt, der ist ein +Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was unser aller Herzen mit flammender +Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist unser Frankreich, unser +Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere Vaterlandsliebe ist +unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und +Verbannung, wie Anchises aus Troja’s Flammen die sichtbaren Bilder +seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzosen diese Liebe, +diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann sind wir ganz vernichtet. +Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, daß unsere Namen +ausgetilgt würden von den Tafeln der Geschichte. + +Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die +allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen +ausgedrückt wurde – noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und +berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig +entsagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich +nicht ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es +geschehen lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog, +zufrieden und beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich +bewahrt blieb, daß Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor +ihrer Vermählung schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne +gar nichts schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes +mütterliches Erbtheil sein? + +Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem +sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche +Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen +sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von +rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen. + +Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen: Was +Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle +Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller +Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da +wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden +Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich +wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum +Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die +ich meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den +erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem, +was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben! +Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu +übertreffen.« + +Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von +Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese +Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß, +Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben +es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat +uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu +verlassen! + +Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und +es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und +nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz +Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte: +Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer. +Bleibe Jedem das Seine! + +Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und +gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner +nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein +Eintritt. + +Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so +unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt +Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer Angelegenheiten +gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artois +begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur Armee an den Rhein. +Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort suchten ihr Asyl in Baden +wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen Freundin noch einige sehr +wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglück Ludwigs zum +Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte weibliche Hände den +Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines Lebensganges +bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher schwaches Mühen! +Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts läßt im Voraus +sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand des +Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand, diesen +Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher Lebensfaden +blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind +lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche +völlig nachtschwarz. + +Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen +Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach +England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei +der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise +ziehen, ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine +glückliche Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady +zu Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten +treten, und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der +englischen Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines +Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm +ein Landgut kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne. +Glücklich sollte er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glück und +Lebensfreuden in Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt. +Auch noch ein Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf +daß er ein neues Geschlecht begründe, das mit ihm beginne. + +Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach +England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte oft +in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu +machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschäftigungen; denn +ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen +zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt, +deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der +Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert. + +Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth +verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte viel +darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geschäftsführer der +Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die +Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend; sie kalkulierten und +spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz ausgegrübelt hatten, +zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben durch beider Rathgeber +überwiegende Gründe sich bewogen fand. + + #Additamentum# zur #Interims#-Quittung + + in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten + gewesenen ersten #Termins# von Fünfzig Tausend Gulden + Holländisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis reservandis#, + und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang genommen worden, + daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen nichts + #praejudic#irliches eingeräumet sein soll, die gedachte + #Cession# Unsrer Herrlichkeit #Doorwerth# und übriger in der + Provinz #Geldern# belegenen Güter auch von selbst wegfallen + würde, falls gedachter Unser Herr Enkel die eingegangenen + Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem völligen + Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige + Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir + Uns jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen + ausgezahlte #Summe# der Zwanzig Tausend Mark Hamburger #Banco#, + nach desfalls zu nehmender Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an + Unseren aus den Gräflich #Aldenburg#ischen in Deutschland + belegenen Gütern zu beziehenden #Aliment-# und Jahresgeldern + #successive# kürzen zu lassen. + + Hamburg den 1. Februar 1795. + +In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer +Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte +Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser +Sache ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden +saß. + +Jetzt besaß der Erbherr Doorwerth und besaß es auch nicht. + + + + +6. Der Freunde Trennung. + + +Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in +Scheveningen eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee +verlassen; Pichegru war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter +Soldaten, von denen ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in +Strohsocken leise schritt, in Amsterdam eingezogen. Aber diese +erbärmlich aussehenden Soldaten waren Helden, die mit Muth für die Sache +der Freiheit kämpften, für die sie nun einmal begeistert waren, die mit +eiserner Ausdauer Kälte und Ungemach und jede Beschwerde eines +Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit solchen Truppen wären Welttheile zu +erobern gewesen, warum nicht ein Land, in welchem die Mehrzahl der +Bevölkerung den Feind als Freund begrüßte und ihm entgegenjubelte? Und +was einzig dasteht in der Weltgeschichte, war geschehen; einige +Geschwader, nicht Schiffe, sondern leichte Reiter hatten Hollands stolze +Flotte erobert. Denn die Flotte saß im Eise fest und ließ sich nicht +träumen, daß Cavallerie den Kampf mit Schiffen unternehmen werde. + +Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der +Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschäfte trat +der einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine +vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr +Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel +der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und sank mit dem, was +dahinsank. Dasselbe Jahr, das die holländisch-ostindische Compagnie zu +ihrer Auflösung führte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben +wollte, raffte ihn dahin. + +Mit bekümmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der Hand +trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist +gestorben – der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir – meine +Mutter ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin, +werden lachen. Ich reise nach Amsterdam, um die Mutter zu trösten, deren +Liebe mir geblieben ist, und die Hälfte meines Pflichttheils mir zu +sichern. Bei der Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war, +und die vielleicht binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich – +am Ende auch du, Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen. + +Sollte ich es wagen dürfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurück, +auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an +Frische verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm +das Wort meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unversöhnt mit +dir von hinnen ging! + +Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite nur +Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des Hauses +Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des Geschäfts; +ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er entließ den +ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhältniß. Jetzt liegt mir +ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe immer +noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinson auf seiner +Insel. + +Gewiß bist du nicht arm, bestätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war +nur das größte Verhältniß gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um +Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe. + +Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte +nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr. + +Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig +schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glück! +Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad – ich irre im +Dunkel – oh – mein Schatten! + +So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit mir. +Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb +schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann +gehst du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird. +Ludwig, du neigst dich zu düsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so +jungen Jahren; doch ich kenne diese innern Kämpfe. + + »Wir müssen Alle ringen, + Des Kampfs bleibt keiner frei; + Doch soll ein Sieg gelingen, + Frag’ nicht, ob schwer er sei?« + +Sieh’ mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich +nicht über Trümmern schöner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der +Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene große +und edle Seele meiner Angés riß sich los von mir, auf daß unsere Liebe +eine reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in späten Tagen +zurückblicken sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefühle – ich ließ +sie ziehen, und nur schwach ist meine Hoffnung, daß ich sie wiedersehe. +Aber darum doch kein unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie +der rastlose Schiffer, immer auf’s Neue hinaus in den Sturm und Drang +der Lebenswogen, mitten durch die Brandung, denn im Sturme läutern sich +die Gefühle, und immer muß der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine +Selbständigkeit und seine sittliche Freiheit. + +Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu und +deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit überwinden, +die, wie ich fühle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel soll meine +Kraft sich aufrichten. + +Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das +Wort. Wir müssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der +Unverwundbarkeit zu rüsten; das Herz darf nicht brechen unter den +Keulenschlägen des Schicksals, es muß hoffen und dauern. Wir wissen +nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben; +so lange uns dies aber noch vergönnt ist, muß Einer im Andern und Einer +für den Andern leben. + +Und wie hast du schon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief +Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innigkeit. Welchen +großen Theil deines Vermögens gabst du in meine Hand, auf kein anderes +Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von dessen Abfall in einer kleinen +deutschen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann schon leidlich +gut als unabhängiger Rentner leben könnte. + +Leonardus konnte sich, so sehr Trauer sein Gemüth füllte, bei diesen +Worten Ludwig’s eines Lächelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit +Freude wahr, daß mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir +sagte: werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, +recht gut rechnen! + +Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig +ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum +kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den +ungleich größern Theil hat er für sich verwendet. Noch haben wir keine +Quittung, noch keine rechtsgültige Verschreibung in Händen. + +Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn +Leonardus. + +Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt. + +Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne +Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlörest du es, und +das und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich +kenne vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Höre +mich an, liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und +mehr rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Künste; ich brauche +dir ohnehin nicht zu sagen, daß die Mathematik, in welcher auch die +Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schließt, die +Gestirnkunde und die Meßkunst des Himmels und der Erde. Aber auch die +vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu +verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher, +der nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beispiel dein Herr +Vetter. Er besitzt schöne Güter, aber sein Herr Vater überlud diese mit +Schulden, und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete +dies furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wußte, +daß sie ihren Söhnen ein Heer von Processen und achtzigtausend +Reichsthaler Schulden hinterließ; die fressen viele Zinsen, lieber +Ludwig. Es soll kläglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den +letzten Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat +dies Alles auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erschütternden +Eindruck gemacht. Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der +Seinen und anderer Leute Vermögen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine +Kirchenmaus, hülflos und gefangen – ist gegenwärtig ihm ebensowenig zu +helfen, als Etwas von ihm zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber +kommt, daß man für gewiß sagt, daß die einhundert Millionen Gulden, +welche Holland an Frankreich bezahlen soll, aus den Gütern und +Besitzungen des Statthalters und seiner Anhänger genommen werden sollen; +wir müssen daher Gott danken, daß in des Erbherrn Papieren, welche +durchzusehen man nicht ermangelt haben wird, sich noch keine +Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet, denn dann wäre die +Herrlichkeit zum Kukuk, während sie als Besitzthum einer deutschen und +dänischen Gräfin Niemand antasten wird – und so lange Doorwerth im +Besitz deiner Frau Großmutter Excellenz, wäre es auch nur scheinbar, +bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem ist noch Sorge +getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als totaliter +verwüstet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verschreien, so daß sie als +ein völlig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum einer +Abschätzung unterworfen werden wird. + +Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig. + +Ich! erwiderte Leonardus. + +Du? fragte Ludwig mit großen Augen. + +Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu +Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr +leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten +Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten +waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth +so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in +England geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame +Sache zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß +verköstigt; er wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren +helfen, und von dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine +solche vielleicht wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst +müssen bezeugen, daß sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren; +vielleicht aber erlangt er sie auch nicht. + +Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein +unseliger Fluch! rief Ludwig. + +Nun, ich muß bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu quälen, schloß +Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der +beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt. + +Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit +untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren +Eigensinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen +benahm jenes Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden +Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das +Vermögen seiner Mutter gegen das seines Vaters festzustellen, und die +Erben in diejenigen Rechte einzusetzen, die sie nach dem Gesetze +beanspruchen konnten. Als er mit Ludwig und Vincentius Martinus, der +auch einigermaßen bedacht worden war, sich gemeinschaftlich über seine +Angelegenheiten unterhielt und der Letztere äußerte: Du wirst doch, +lieber Leonardus, nun bei uns bleiben, wirst dein eigenes Geschäft +beginnen und uns die Freude machen, dich in unserer Verwandtschaft zu +behalten und deine alte Mutter pflegen? – da antwortete Leonardus: Ich +werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes +Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr bedürft meiner +nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der seinen Mantel +theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll mindestens keiner +von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte bekommt – ich will es +machen wie mein Vater, will die nächsten Verwandten hintansetzen und mir +selbst einen Erben suchen, der mein Mantelkind sein soll. Hier steht er, +es ist mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus. + +O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich +nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und +gefreit wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du +schon für mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für +mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen +konnte; mir zu Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen! + +Was thut’s? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei +Handschrift schreiben! scherzte Leonardus. + +Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus +zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts +weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen +Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das +herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und +zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in +diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht, +Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen, +welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu +fertigen? + +Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher +Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost +des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost +briet. Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus, +nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr +mich gern ins Haus schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen, +glaub’ ich euch gern, werdet’s aber nicht an mir erleben – ich will mir +erst noch ein und das andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf +ein recht langes Leben gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn +ich denke es noch eine hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du +sollst auch stets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht +mehr schreibe, so denke, daß ich gestorben bin, und lies dann für meine +arme Seele so viele heilige Messen, als dir für mein unsterbliches Theil +heilsam dünkt. + +Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er +dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und +Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als +Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren +Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und +Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten! + +Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten +Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, sich +darüber ärgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prickelnden +Stichelreden ruhig hin. + +Schwerer war des Sohnes Stand bei seiner Mutter, als er dieser +mittheilte, daß er die Absicht habe, sie wieder zu verlassen, denn +Leonardus hatte sich gelobt, das Leben daran zu setzen, um mit Angés +vereinigt zu werden; er wollte zunächst wieder eintreten in das +diplomatische Corps, da er sich volle Befähigung zu dieser Laufbahn +zutraute und er zur Zufriedenheit des Gesandten gearbeitet hatte; er +hatte deßhalb schon vorsorglich bewirkt, daß ihm der Eintritt offen +gehalten wurde; dann wollte er noch einmal nach le Mans reisen und nicht +ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte Ueberzeugung von +Etienne Berthelmy’s Tode in Händen habe, oder bis er diesen, falls er +noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot über nicht geringe +Geldmittel, denn einmal hatte er auch für sich selbst auf seinen weiten +Reisen gearbeitet, war von Einsicht unterstützt und vom Glück begünstigt +worden, und dann war auch der alte verstorbene Herr Adrianus van der +Valck keineswegs so arm geworden, als derselbe damals Ludwig glauben zu +machen versucht hatte, und endlich blieb ihm an der treuen Mutter für +Fälle der Noth noch eine mächtige Stütze. Es war nicht blos Großmuth, +daß er damals die Hälfte des Kaufgeldes für Doorwerth für den Erbherrn +hergab; Leonardus rechnete darauf, daß er in dieser Herrschaft auf einem +der Schlösser ein stilles Asyl finden könne für sich und seine Liebe, +sei es in Miethe, sei es als Mitbesitzer, je nachdem ihm nun der Erbherr +sich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldner; daher war +Leonardus auch geneigt, die zweite Hälfte jenes Kaufschillings zu +beschaffen, aber daß nun freilich der Erbherr das Geld größtentheils +anders verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte, +das war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr +Adrianus so ernst gesprochen, daher beschloß Leonardus, vorläufig auf +weitere Schritte bezüglich des Güterankaufs im Geldernlande zu +verzichten. + +Die Freunde trennten sich, als die Zeit da war, daß Leonardus nach Paris +zurückeilte, nicht ohne Kummer und trübe Gedanken. Ludwig machte sich +Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben so verhüllt vor ihm lag, wie +seine eigene, und Leonardus war von Besorgniß erfüllt über des Freundes +Gesundheitsumstände und dessen Neigung zu stillbrütender Schwermuth, die +in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden +konnte. Beide trennten sich, als die Scheidestunde da war, mit den +Schwüren fester Treue, mit dem heiligen Versprechen öfteren brieflichen +Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach +England bestimmtes Schiff aufzufinden, und siehe, hell strahlte im +erneuten Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der +»vergulden Rose«, welche in anderen Besitz übergegangen war nach dem +Tode des alten van der Valck, aber immer noch den treuen Kapitän Richard +Fluit zum Befehlshaber hatte. Groß war das Glück der drei Freunde, sich +so unverhofft wieder zusammen zu finden, und daß Fluit es nicht fehlen +ließ, dieses Wiedersehen seemännisch zu feiern, lag in der Natur der +Sache. + +O könnt’ ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei +beim kreisenden Becher in der Kajüte beisammen saßen: könnt’ ich doch +wieder mit euch hinfahren in so schöner Nacht, wie damals, denselben +Strich, den wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erstlich sieht es mit +aller Seefahrerei äußerst windig aus, wenn nicht bald Thauwetter +einfällt, und dann hab’ ich Frachten nach England, nicht nach Hamburg, +muß nach Plymouth segeln! + +Ludwig und Leonardus sahen bei dieser Mittheilung Fluit mit strahlenden +Gesichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das ist der rechte Cours! +Möchte beim Himmel unter solchen Umständen selbst mit – doch – es kann +nicht sein – aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er +mit Euch die Fahrt hinüber macht? + +Ei, das wäre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Kost, freie Kajüte, freien +Schiffskeller, in welchen, unberufen sei es gesagt, seit die »vergulde +Rose« die Meere befährt, noch nie ein Tropfen Wassers gekommen – ich +meine den Schiffsweinkeller, nicht den süßen Wasservorrathkeller, +versteht sich. + +Wir werden uns darüber einigen! sprach Ludwig lächelnd: aber wahrlich, +das achte ich als ein Zeichen von meines Geschickes Gunst, daß ich mit +dem braven Freund und nicht mutterseelenallein in das Meer hinaus +steuern soll, daß ich im Lande meiner nächsten Bestimmung und zumal in +der wimmelnden Hafenstadt wieder einen so kundigen Führer finde, wie ich +ihn einst in meinem Leonardus zu Amsterdam fand. + +Vieles hatten sich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils +was ihre eigenen Gemüther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich, +die Zeit ließ es nicht am mannichfaltigsten Stoff zu Gesprächen fehlen. +Die Patriotenpartei in Holland hatte nun gesiegt, sie hatte das +Verderben über ihr eigenes Vaterland heraufbeschworen, wie das stets der +Fall ist, wenn die Unvernunft alles gerechte Maß überschreitet und nicht +eine verstandvolle geregelte Regierung das Steuer des Staatsschiffes +lenkt, sondern ein Haufe entflammter Schreier und selbstsüchtiger +Volksmänner dem Volke seine Beglückungsideen vorschwindelt. Die +Franzosen, die Feinde waren es, die der niederländischen +Patriotenbrutalität selbst Schranken setzen mußten; die Mannszucht der +Franzosen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland damals achtungswerth +– Windt empfand dies im vollen Maße und sprach sich darüber in seinen +Briefen an seine Gebieterin mit gewohnter Unumwundenheit aus. Holland +kam fast ganz um seine einst mit so großen Opfern erkaufte Freiheit, es +wurde wenig mehr, als eine französische Provinz; es mußte den Schiffen +Frankreichs freie Fahrt auf seinen Strömen gestatten, mußte 100 +Millionen Gulden Kriegskosten aufbringen, mußte, so lange der Krieg +dauerte, die 25,000 Mann starke französische Besatzung verköstigen und +kleiden, und dabei wurde sich des Kunststückes bedient, daß, wenn 25,000 +Mann ausgerüstet waren, diese wieder in das schöne Frankreich +zurückmarschirten, worauf andere 25,000 Mann nachrückten, die abermals +gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf diese Weise +gekleidet, was den niederländischen Tuchfabriken außerordentlich zu Gute +kam, die nie bessere Zeiten gesehen hatten. Nicht minder hob sich der +Lederhandel. Frankreich ließ dem niederländischen Volke und seinen +politischen Gauklern das Spielwerk eigener Constitutionen und +unterjochte das Land dabei gründlich; es ließ ihnen die ansteckende +Nachäfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtausch gegen die +bisher bestandenen guten alten; es nahm Holland sein Gold und Silber und +gab ihm sein Lumpenpapier, seine Assignaten; es zerstörte seinen +blühenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die Waffen, +hauptsächlich in allen überseeischen Provinzen, dadurch verlor Holland +den größten Theil seiner Besitzungen am Cap der guten Hoffnung und in +Indien; es verlor seine zehn Millionen Gulden werthe indische Flotte; +Hollands Flagge beherrschte nicht mehr, wie einst, die Meere. Die +Vermögenssteuer wurde von zwei ein halb auf sechs vom Hundert +gesteigert. Diese und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf +Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glück, +welches Frankreich und die französische Freiheit, Gleichheit und +Brüderschaft Holland schenkte und das die Patrioten Hollands ihrem +Vaterlande bereitet hatten. – + +Als Leonardus von seiner Mutter Abschied nahm, reich von ihr beschenkt, +und die alte Frau, aufgelöst in Schmerz und Thränen, in seinen Armen +weinte, rief sie: O, mein Leonardus! So muß es denn sein, daß du +scheidest! O vergiß mich nicht, mein einziger Sohn, vergiß nicht deine +alte Mutter! + +Beruhiget Euch, liebe Mutter! versuchte Leonardus sie zu trösten. Wenn +ich erreiche, was ich zu erreichen strebe, dann komme ich zu Euch, oder +Ihr ziehet zu mir. Jetzt aber muß ich noch einmal hinaus in die Fremde, +ich muß meinem Glücke nachgehen und nachstreben, da es mir nicht von +selbst in den Schooß fällt. + +Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber +um Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht +ertrüge ich nicht, sie würde mich augenblicklich tödten. + +Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte +Leonardus ihr zu. + +Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna van +der Valck. + +Ihr sollt sie nicht empfangen, es stürben denn zwei, wiederholte +Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der längst in seiner +Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Großmuth +und Hochherzigkeit der Gesinnung erfüllt war, daß sie an die edelsten +Seelen des Menschengeschlechts hinanreichte. – + +Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen, +die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fügung erst +nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und +dorthin. Ludwig hatte das glücklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit +lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er +trat in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands; +er sah sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, daß es +ihm fast die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry +Cavendish als Vetter begrüßen, der später eine Königin von +Großbritannien durch die Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu +verlassen und auf lange Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren; +der zur Herrschaft eines General-Gouverneurs von Indien sich +emporschwang und von den Eingeborenen das schwere Zugeständniß erzwang, +auf das Verbrennen ihrer Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen +stolzen Herzog William Cavendish, einem der unbeugsamsten Häupter der +Opposition, wurde Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen +Unterhaltungen mit diesem geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr +Politik und mehr Einblick in das höhere Staatsleben und die höhere +Staatenlenkung, als mancher sehr achtungswerthe Staatsmann durch sein +ganzes Leben in seinen Kopf zusammen zu bringen vermag. Entschiedener +Gegner Pitts und Freund von dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt +der Herzog gegen Niemand mit seiner politischen Ansicht zurück, und +seine Gemahlin, die herrliche, reizvolle Prachtgestalt, die Alles um +sich fesselte, theilte die Gesinnung ihres Gemahls und gab Proben ihrer +eigenen thätig eingreifenden Begeisterung für die Erreichung politischer +Zwecke, welche die Welt in Staunen setzten. Sie war es, diese +allbewunderte Georgine, die einen Bund gleichgesinnter Freundinnen +gründete, der persönlich in die Wahlen sich einmischte, als es galt, +Charles James Fox die Stimme des Volkes für die Stelle eines +Parlamentsmitgliedes von Westmünster zu gewinnen; sie war es, die auf +offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für seine Stimme für Fox +zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmähend, gebeten – ihm +einen Kuß ihres wonneschönen Mundes vergönnt hatte. + +Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit +der zärtlichsten Liebe für Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war +für den jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berühmteste Aerzte +mußten ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne daß sie +ergründeten, was dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein +ernster Beruf und ein entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn +verstand. Und dies Herz fand Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist +den seinigen emporflügelte, die ihm den Blick schärfte für die Geschicke +der Länder, für den Gang der Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen +Flug der Gedanken zu fliegen und zu lernen, daß doch so Vieles nichtig +und unwesentlich, was Viele für so groß und wichtig halten, wobei sie +meist mit dem eigenen unbedeutenden Ich beginnen. + +Wohl hörte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der +holden Rede seiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er sich nirgend so +sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war +eben mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es +war jener wundersame Zauber, der sie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie +das Fächeln eines süßen Maienlüftchens die Blüthenlauben eines +Rosengartens. Magisch fühlte Ludwig von Georgine sich angezogen, wie ein +höheres Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte sie mit +zartem Gefühl ihn stets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder +half sie ihm wählen, deren Inhalt ihm müßige Stunden belehrend ausfüllen +half, sie wandelte mit ihm durch die Labyrinthe der speculativen +Philosophie, sie berichtigte seine Ansichten, verwarf oder bestärkte +seine Meinungen, lehrte ihm Sinn für Unabhängigkeit, und wie der +denkende Mensch nur durch strenge und unausgesetzte Selbstüberwindung +und Selbstbeherrschung letztere sich gewinnen könne. Georgine erzog +Ludwig zum zweitenmale, und zwar besser und in ungleich kürzerer Zeit, +als die Großmutter diesen erzogen hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit +mit stillem Ernst paarend, verscheuchte Georgine Ludwig’s anfänglichen +Trübsinn, war auf Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher +praktisch-nützlichen Beschäftigung hin, zu kleinen Ausflügen und +erzählte ihm von der Pracht der Schlösser, Parke und Berge der +Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit Sehnsucht erwartet, um dann durch +die grünen Gefilde hinzuziehen zur Lust, zur Jagd, zum Besuch der +Schlösser mit der Fülle von tausend Annehmlichkeiten und aufgehäuften +Schätzen der Literatur und Kunst. Wohin Ludwig nur immer seine Blicke +wenden mochte, gab es Neues zu beschauen, zu bewundern und zu lernen, +und Albions milde Natur, früh erwachend trotz des strengen Winters, +unter dessen Härte andere Länder zu klagen und zu leiden hatten, athmete +reinen Hauch der Genesung, und in mancher ländlichen Abgeschiedenheit +meilenweiter Parke bot sich in lieblichen Cottagen die süße Beschränkung +eines idyllischen Friedens. Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil +es so in seinem Wesen, in seiner Jugendbildung und in seiner +Gemüthsrichtung lag; er war auf die Dauer nicht für die Politik zu +gewinnen, nicht für die Freuden der Jagd, noch viel weniger für +Fuchshatzen und Kirchthurmrennen – und mit Lächeln hörte er es an, als +die feurige Georgine ihn einmal gradezu deßhalb ausschalt und zu ihm +sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher Träumer! + +Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes, +aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der +Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter +gekannt, nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterkuß meine +Lippen berührt und geweiht und geheiligt. Die Großmutter sagte mir beim +Abschiede, ich solle deutsch gesinnt bleiben; kann ich nun dafür, wenn +mein Gehorsam so blind ist, daß ich nicht in Holland, nicht in +Frankreich und nicht in England meine deutsche Natur zu verläugnen +vermag? Daß ich nie ein Holländer, nie ein Franzose und nie ein Brite +werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn mein Wunsch, meine Forderungen an +das Leben nur bescheiden sind, wenn ich höheren Zielen nachzustreben +kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld mit mir, der nur zu tief +empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich wie ich bin, oder heißen +Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem schönen Asyle, das in Ihrer +Nähe sich mir aufgethan! + +Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor +Ludwig sorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die +hochstehende, vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die +achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Königin aller Schönheit und +aller Würde; die reiche unendliche Fülle ihres Gemüthes hatte sie ihm +zum Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf daß nicht +der weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer +unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu +ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntniß dann vergehe, wie Semele +verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte. + +Sie liebte ihn, den schönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit +aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber sie bebte zurück vor der +Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prüfen, mit der er tragen würde +das unaussprechlich tiefe Geheimniß. Aber sie vermochte sich nicht mehr +zu halten. Sie überstrahlte Ludwig mit einem wunderbar süßen und +zärtlichen Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte – ach, er stand +so scheu, mit so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wußte +nicht, wie ihm geschah, als Georgine ihn plötzlich sanft umfing, seine +Stirne küßte und mit bebender Stimme flüsterte: Ludwig! Ludwig! Du +klagst, daß nie ein Mutterkuß deine Lippen berührt und geweiht und +geheiligt habe! Nun denn so empfange diesen Kuß! Ludwig, mein Ludwig! +Ich bin deine Mutter! + + + + +7. Eine Rückkehr. + + +Sie waren weit von einander getrennt, die beiden Freunde Ludwig und +Leonardus, die sich in so treuer ausdauernder Liebe zusammen gefunden. +Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Fluit nach Plymouth +gesegelt, den letzten Abschiedsgruß zugewinkt, hatte er nirgend mehr +eine bleibende Stätte. Er ging nach Paris zurück, fand, daß man seiner +nicht nothwendig im diplomatischen Corps bedürfe, und nahm weiteren +Urlaub. Auf dem geradesten Wege eilte er nach le Mans, wo er wieder als +Kaufmann auftrat und einige Geschäfte abschloß, die dann ein ihm +befreundetes Amsterdamer Handelshaus zur Vollziehung brachte. Bald +begann er seine Nachforschungen nach Berthelmy – sie waren und blieben +jedoch erfolglos. Er machte Bekanntschaft mit dem Maire, bewirthete und +beschenkte diesen, um ihn willfährig zu machen, und dieser beschied ihn +auf die Mairie, wo in seiner Gegenwart Nachforschungen in den Acten +angestellt werden sollten. Als Leonardus sich eingefunden hatte, sprach +der Maire, der zwischen Actenhaufen vergraben saß, nachdem er den +Fremden zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Bürger, die Ereignisse +der jüngsten Zeit. Sie war sehr blutig für die Vendée. Ich fürchte sehr, +man hat nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen +Tausende niederzuschreiben, welche der Krieg hinwürgte. Von der Familie +Berthelmy lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie +suchen, soll geblieben sein, sein Weib ging davon, oder verschwand auf +räthselhafte Weise, seine Eltern sind beide todt, Geschwister hat er +nicht gehabt. Daß er mit zu Felde zog, ist durch Acten verbürgt, daß er +blieb, ist nicht verbürgt. + +Kann man denselben nicht in den öffentlichen Blättern ausschreiben +lassen? fragte Leonardus. + +Wohl könnte man das, entgegnete der Maire: allein es würde wenig +fruchten. Lebte der Bürger Etienne Berthelmy noch, so würde er längst +wieder hier erschienen sein, um sein kleines Erbtheil in Empfang zu +nehmen; sollte er aber wirklich noch am Leben sein, so würden ihn +dennoch unsere Zeitungen schwerlich erreichen. + +Könnte er nicht für todt erklärt werden? + +Nein, Bürger, zu einer solchen Erklärung ist die Zeit seiner Abwesenheit +viel zu kurz. Aber weßhalb dies Alles? + +Ich bin ein Verwandter von Berthelmy’s vormaliger Frau; sie hat +Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als +bis sie rechtlich von ihrem Mann geschieden ist. + +Der Maire lächelte und sprach ironisch: Diese gute Frau scheint eine +schlechte Bürgerin zu sein, daß sie noch so veraltete Rechtsbegriffe +hegt. Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres +General Marceau in hiesiger Stadt fünfzehntausend Menschen an einem und +demselben Tag erschießen ließ, ohne Ansehen des Alters und des +Geschlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unterworfen; wir +haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Bürgerin +Berthelmy steht es völlig frei, sich als geschieden zu betrachten und zu +freien, wann und wen sie will. + +Angés Berthelmy ist eine Deutsche! warf Leonardus ein. + +Ah so! versetzte der Maire gedehnt. Die Deutschen sind noch halbe +Barbaren, sie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vorurtheile, +aber unsere glorreiche Republik wird sie schon in gleicher Weise +beglücken, wie die Vendée beglückt worden ist. Wenn dir zu rathen ist, +Bürger, so suche so schnell als möglich aus diesem Lande zu kommen, denn +die höllischen Colonnen morden Jeden, der ihnen aufstößt und nicht zu +ihnen gehört, er trage gute und richtige Pässe bei sich, gehöre einer +Gesandtschaft an, oder nicht. Diese Colonnen sind selbst eine +Gesandtschaft – die des Todes. + +Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefühle im Herzen. In tausend +Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigsten, gräuelvollsten +Kriege zerwühlten und zerrütteten Lande sein Leben bedrohten, hatte er +sich gestürzt, und so völlig fruchtlos, so ganz vergebens! Was nun +weiter? Sollte er Angés aufsuchen? Und mit welcher Nachricht konnte er +vor sie treten, wenn er sie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung in +einer Zeit, in welcher jeder Tag Tausende hinmordete, in welcher an +geregelte Zustände auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten +über Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der sich durch +nichts hervorgethan hatte, der im großen Strome des unglücklichen +Vendéerheeres spurlos verschwunden war? + +Düster wurde es bei solchen Betrachtungen in Leonardus sonst so frohem +und hellem Gemüth, sein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen +sein Schicksal aufgeregt, die ihm fast die Sinne verwirrten. Er wünschte +jetzt, Berthelmy möchte noch leben, möchte ihm lebend entgegentreten, +mit Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kämpfen und ringen auf Tod und +Leben um den Besitz des geliebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm +entgegen, nichts stellte sich ihm in den Weg, ungefährdet konnte er +Paris wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles +erschien ihm schaal und farblos, nur in weiter Ferne schwamm in einer +lichten Aetherstelle die rosenrothe Wolke seiner Liebe, seiner +Sehnsucht, unerreichbar für ihn, gleich jener Wolke, die der kühne Held +statt der Göttin umarmte. – + +Windt hatte einen Brief an die Reichsgräfin vollendet, den er, bevor er +ihn absandte, seiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte das, sie +erfuhr auf diese Weise manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und +sie oft unmittelbar mit berührte, zu dessen besonderer Mittheilung ihr +Mann jedoch keine Zeit fand. + +Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefschreiben, sprach Windt zu +seiner Frau: ach! es ist jammerschade, daß du keine Federheldin geworden +bist, liebe Jule, du müßtest sonst mein Geheimschreiber sein, mein +Wippermann. + +Bin froh, sehr froh, lieber Windt, bin sehr froh darüber, hätte sonst +noch mehr zu thun! vertheidigte sich Frau Windt. Hab’ ich nicht ohnehin +alle Hände voll zu schaffen, und fast Tag und Nacht? + +Hast recht, liebe Alte! begütigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen, +kann uns nimmermehr vergütet werden. Unsere alte Gnädige, oder unsere +gnädige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht, – nun, ich hab’ +es ihr geschrieben, wie mich im Januar die Kaiserlichen aus dem Bette +geholt und geplündert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben +davon kam, wie ich mehr wie hundertmal Bajonnette und Carabiner mit +aufgezogenen Hahnen auf meiner Brust hatte, wie sie mir mein letztes +Geld, meine mühsam gesparten hundert Ducaten, die ich zu einer +Brunnenkur in Pyrmont bestimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre +stahlen. – Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das +Schönste genießen, brauche nicht erst nach Pyrmont, denn meinen Wein +haben die Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flasche! Was +brauch’ ich Uhren? Ich armer geschlagener Mann weiß ohnehin, wie viel es +geschlagen hat, und wozu Gewehre, da ich doch gänzlich wehrlos war? + +O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau +Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du, +so wie du gingst und standest, das Kastell verließest. + +Um beim französischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten +gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt; +und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch +gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen +in meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmüde, und mußte mich +im Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort für das +Kastell um französischen Schutz zu betteln. + +Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein +Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und +vielgeprüften Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle +Feuerproben der drangvollsten Erlebnisse bestanden. + +Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen +und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist +die alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet +werden, wie es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser +Zeit Schlösser am Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen, +wie es gekommen ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich +war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets +ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird; +ich bin eben immer der dumme gutmüthige Narr. + +Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch +und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes +Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten, und +brachte eine Flasche alten #Port à Port# daraus zum Vorschein. + +Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther +Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie +Lehmbrühe. + +Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein zu +wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär’ ich ohne +deine treue Hülfe! rief Windt, ließ sich willig einschenken, trank und +begann zu lesen: + +»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach +Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe, +und daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe. +Mir ist von den französischen Generalen und Commandanten mit einer +Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen +meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie +genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von +den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben +französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner, +Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei +ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher +gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten, +während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als +ich Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich. +Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch +sonst um Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der +hiesigen Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben, +brauchen nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden +sie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und +bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande, +in meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine +Lage, die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte +hier am siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden +Excellenz aus den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich +mit Bestimmtheit mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter, +fröhlich und guten Muthes ist – sehr gut für ihn. Sobald als möglich +denke ich selbst ihn aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu +erfahren, wie es um ihn steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die +Emigranten es hier getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem +derselben zu. Hätten diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem +Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre +nicht so unglücklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die +unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wären es nicht.« + +Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hättest du nicht schreiben +sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß +der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist? + +Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie +sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und +voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der +sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer +war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines +eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz +schrieb, ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie +liebt und die sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend +ihren »alten Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz +recht, ich sage immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz +meinen Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine +Wahrheiten nicht übel aufzunehmen. + +Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort: +»Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu +schreiben: #Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam.# Ueber +Amsterdam ist und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum +Pettschaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer +Devise, sonst schmeißt die Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam +von Seiten der Municipalität eine Commission ernannt, an welche Briefe +nach Hamburg und Bremen offen eingeliefert werden müssen, ich schließe +daher diesen meinen Brief an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf +Ludwig hier gewesenen braven Holländers Leonardus van der Valck ein und +ersuche Excellenz, Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen +zu lassen, auch wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse +dieses Briefes nicht wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen +einer Herrlichkeit, #Seigneurie#, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer +Excellenz Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine +dänische Gräfin sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die +Aeußerungen der französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es +gibt für diese keinen Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie +man im lieben deutschen Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche! +zu sagen pflegt. Sehr lieb ist mir, daß der Wechsel auf die +zwanzigtausend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen können Excellenz +dieser Angelegenheit halber ruhig schlafen. Sie sind noch zur Zeit +durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines vielleicht +übertriebenen Diensteifers, ich machte in der Stille mit dem Erbherrn, +mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mündlich auf +Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil +Sie dessen bedurften und Sie gleich mir Emigranten zu verköstigen +hatten; fast scheint mir, und die Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies +vermuthen, als seien Glauben und Treue zu den verrufenen Münzen +gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als ächte in Hochdero +berühmter Sammlung prangen, und über welche Ihnen der Herr Abbé Eckhel +in Wien so vieles Aufklärende geschrieben hat.« + +Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst es +zu arg, du beleidigst! + +Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: »Es +war Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir +schriftlich machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen +fünfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen +diese Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das +liegt im Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und +rechnen und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll +Zahlen stehen, sie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht +des gesunden Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft’s – die Zeit ist +einmal aus den Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mißkennung mich +bewegen könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer +Excellenz hochweise Räthe meinem Diensteifer längst eine Schranke +gesetzt, dann wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen, +Blut und Leben, Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz +Herrlichkeit, so weit nur in eines Menschen Kräften steht, zu schützen +und zu schirmen. Wer auch hier war von fremden Offizieren, Engländer, +Holländer, Kaiserliche und jetzt die Republikaner, keiner hat glauben +wollen, daß ich nur ein Bedienter sei, sondern Jeder meinte, daß ich +ganz bestimmt der Herr oder Erbe von Doorwerth selbst sein müsse. Alle +Güter rings um die Herrlichkeit sind totaliter devastirt, Doorwerth +allein ist noch im leidlichen Zustand. Der Strich von der hiesigen +Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich; von Arnhem bis Zuitphen +kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen Alleen sind über Bord, +keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt steht mehr, die größten +und schönsten Häuser sind Pferdeställe oder Lazarethe, das Holz der +Thüren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder seit Kurzem +fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müssen, habe augenblicklich sechs +Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen Husaren. Im Dorfe liegt +eine Compagnie Volontärs, in Helsum liegen zwei, und noch dreizehn +Husaren für die Correspondenz, in allen andern Orten der Herrschaft +liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem Hause. Nachdem +ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen der Alliirten, +dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen Andenkens, dann +den schleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen zur Nachtzeit hier +einfielen, darauf die heftige, fast unerträgliche Kälte, darauf wieder +den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee, welcher die Sambre- +und Maas-Armee auf dem Fuße folgte – nachdem ich dies Alles vertragen +und überstanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer Wassersnoth, wie sie +seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in Helsum Brücken +schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein Paar Scheuern +abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, sonst hätte sie sich +hier gestauet, wie ein überschwellender Krötendeich, und uns vollends +mit Haut und Haar aufgefressen.« + +»Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun, um +meine alten Tage zu sichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen, +die dem Gefühl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit +entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz nothwendig eine +durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde +gehen soll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen, +denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft +auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht +beschließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben bedeutende +Allodialgüter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten wahrhaft +treuen Diener lebenslänglich zu versorgen. Eine Pension in Geld wirft +Doorwerth nicht ab, und für den hiesigen Rentmeisterdienst müßte ich +danken.« + +»Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum +aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglück, daß sie die ganze +Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General +Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar +angenommen, aber ihn zur Stärkung der Kranken und Verwundeten bestimmt. +Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum, Deventer, und +ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und überall sind +Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur Zeit noch +unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen Bäume, +die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen kläglich zu +Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso +vergebliche als fruchtlose Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel. +Unterthänigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes über unser +hiesiges Befinden zu sagen, meine Frau grüßt dieselbe bestens. Meine +Schwester soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg, +schreiben, ihn von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal +Nachricht von seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen +entschuldigen Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich +wieder Zeit finde, weitern Bericht zu erstatten, da es beständig um mich +her von Fremden wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.« + +Stets auf meinen Füßen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die +wackere Hausfrau. + +Das bin ich so schon, das brauch’ ich nicht zu schreiben, das kann die +alte Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt. + +Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen Gestalt +durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er sich, +indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den +Dammweg warf, der nach dem Schlosse führte; er gewahrte einen Reiter, +welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs +empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke +hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gültiges Papier, das +sein Einlaßgesuch rechtfertigte, darzureichen. + +Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer +schärfer hinblickend. Täuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich +das deuten? Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger +Rauchfleisch, westphälische Schinken, Edamer Käse, frische Butter. Vor +Allem koche eine Suppe. – Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner +Verwunderung und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt +voll Hast aus dem Thurmgemach, sprang die Treppe in schnellen Sätzen +hinab, und schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben +eingelassenen Reiter entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte, +abstieg und in Windts Arme sank. + +Sind Sie’s denn? Sind Sie’s denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus? +Herr Leonardus van der Valck? + +Wohl bin ich’s, heute und morgen bin ich’s noch, mein lieber, redlicher +Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange +und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der +meinen gleicht, so ist es mein Geist. + +Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet sein? rief Windt +erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr übel aus. Doch kommen Sie +herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Für Ihr Pferd wird gesorgt, ich +erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß +Sie es seien, der da geritten kam. + +Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der +Unterstützung des Freundes, so matt und angegriffen fühlte er sich, und +als ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau +begrüßte, saß er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf +einem Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob +die Hände vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner +jüngsten Vergangenheit wie einen bösen Traum verwischen. + +In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes +Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler +ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in +steter Kenntniß, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange +keine Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geschrieben, +dankerfüllt, und ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem +Kinde glücklich das Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie +sie schrieb, im angenehmsten und wünschenswerthesten Verhältniß, hatte +Windt herzliche Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren +Aufenthaltsort nicht genannt, »größerer Sicherheit halber«, schrieb sie, +»da dieser Ort als Asyl nicht mein Geheimniß allein ist, da politische +Rücksichten dazu nöthigen, den Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu +verbergen.« Wer an sie schreiben wolle, möge die Firma ihres älterlichen +Hauses benutzen und in diese Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun +Leonardus wieder gekommen und konnte aus erster Hand die soeben +anlangenden Briefe empfangen. + +Er erholte sich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unendlichen Friedens +ihn überkam, sprach er: O hätte ich doch diesen einsamen lieben +Zufluchtsort nicht verlassen, mir wäre wohler, als mir jetzt ist! Mein +ganzes Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war +nichts als eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat +mich mit raschen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht. + +Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines +Wesens. + +Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden +wollen, sprach Leonardus. + +Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieses +Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt. + +Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager, +schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus. + +Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm Frau +Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb ist, +werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da läßt +sich nur wenige Bürgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht, +es ist seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch +nicht anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchsten Zimmer dieses +Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lärmen im untern Hause +und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der Kanonaden +nicht wieder. + +Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet, +und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu +erholen. O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich +erlebte! Jetzt kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erschüttert +mich allzusehr. Lassen Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe, +seine Freundschaft wird ein Balsam für mich sein. O, wie sehr sehnt sich +mein Herz nach Nachricht von ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an +meiner Seite gewesen und vielleicht der treue Philipp, Alles wäre besser +geworden. + +Beruhigen, erholen, pflegen Sie sich, betrachten Sie dies Haus als das +Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle +Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den +Geschäften sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie +unser junger Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen +Brief an Graf Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen, +wenn ich über ihren Liebling eine günstig lautende Nachricht hinzufügen +kann. Du, liebe Frau, besorge droben Alles nöthige, so gut du’s hast. – + +Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin +zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in +demselben Gemach gesessen, wenn es draußen stürmte, so wie jetzt. +Weithin standen die Wiesenflächen unter Wasser, das Dorf und Kastell +gleich einer Insel, die Ströme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die +Maas hatten ihre Betten überschritten, selbst die Dämme waren bedroht; +ohne Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an +einzelnen Stellen waren in der Allée schon beträchtliche Rinnen, die das +mehr und mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende +Stunde drohte sie noch größer zu machen. + +Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth. Schon +war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden, welche +Fülle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier hatten +sie beisammen gesessen, hatten Pläne geschmiedet für die Zukunft, deren +schönster der war, daß Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit der +Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in +Rosendael wohnen in dem schönen Herrenhaus mit seinen herrlichen Gärten +und Parken. Was ließ sich nicht Alles an diesem thun, wenn der Geschmack +und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten Menschen hier +schaffend thätig war? Da sollte Angés bei ihm wohnen, seine liebe, +treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich naturgemäß +entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen Wunderblume, +welche die Kunstgärtner die Königin der Nacht nennen. Ach, das waren +schöne Träume gewesen! + +Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen worden +von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne +Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das +Schachspiel die Gedanken zu ernstem Nachsinnen hingelenkt, jenes +bedeutsame »Spiel der Könige« mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war +vorüber, und Leonardus van der Valck saß jetzt in ungleich anderer Lage +und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind +erschütterte mit heftigen Stößen den Thurm, und dumpf mischte sich mit +seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend +überfluthenden Gewässer, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen +Dörfer, Gehöfte und Schlösser herausragten. Leonardus öffnete +erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor +vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie +keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte. + +Ludwig schrieb: »Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam habe +ich so viel erlebt, daß ich das Meiste und Beste auf die mündliche +Mittheilung versparen muß, denn ich kann unmöglich diesem armen Papiere +anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hände geht, was mein Inneres +voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb mit +diesen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben +sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder +umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von Plymouth +an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut unterzubringen und +für den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich reiste tiefer in +das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur geschmückt, Park +an Park; ich fand überall schon vorbereitete gute Aufnahme, fand +geistvolle Verwandte, fand mich in die höchsten Kreise gezogen, und fand +endlich das Allerhöchste, was mein Herz mit nie gekannten Gefühlen +erfüllte, es in Seligkeit schwelgen ließ, Alles auf Erden mich vergessen +machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde, selbst +meine Großmutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur mit +leisem Flüsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare +Geheimniß dir vertrauen, und selbst dir nur halb.« + +Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird +er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken, +nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen +pflücken, die im irdischen Eden seiner Liebe blühen! + +»Und doch, Leonardus! Bei dieser Fülle von Glück kann und darf ich nicht +länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten +Rücksichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer +wankende Gesundheit die Rückkehr nach dem Festlande.« + +Wie – er liebt, er betet an, wie diese glühende Sprache seines Briefes +bekundet – und will doch fort, aus zartesten Rücksichten? Das ist mir +ein Räthsel! sprach Leonardus zu sich selbst. – »Die hiesige Luft, so +sehr sie gepriesen wird, ist meiner Gesundheit ganz und gar nicht +zuträglich, und was die Seeluft betrifft, so mag ein empfänglicherer +Sinn, als der meine, dazu gehören, deren Einwirkung auf den kranken +Organismus wahrzunehmen. Ich sehne mich nach deutscher Luft, es wird mir +nirgends wohl werden, als in der deutschen Heimath. Leider kränkle ich +immer noch, trotz all’ der freudigsten und wohlthuendsten Erregungen, +die mir in England, in London und auf all’ den herrlichen Landsitzen zu +Theil wurden. Ich möchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das +an, einem deutschen Arzt anvertrauen; man hat mir Starke genannt, +welcher ein berühmter Arzt in der kleinen sächsischen Universitätsstadt +Jena ist. Ueberhaupt hörte ich stets vieles Gute von den kleinen +sächsischen Städten und Höfen; humane und gebildete Fürsten regieren +dort ihre Länder; gründen, fördern und erhalten Anstalten für +Wissenschaften und Künste; legen zu diesen Zwecken bedeutende Sammlungen +an und vergönnen deren belehrenden Genuß und Gebrauch ihrem Volke; +während, was hier die Herzoge und Lords sammeln, gleichsam vergraben +wird und ärger gehütet, als das goldene Vließ zu Kolchis. Ich denke es +mir sehr angenehm, einmal in dieses Herzland des heiligen römischen +Reiches zu reisen, ein Reich, von dem wir keine rechte Idee haben. +Hoffentlich wird mir dort wieder wohl, und vielleicht finde ich den +inneren Frieden, der mir, selbst im Schooße des Glückes, noch mangelt. +Ach, wie hat mich in England das rastlose Ringen und Streben der +Vornehmen nach Erreichung politischer Zwecke gedrückt und unangenehm +berührt – selbst meine Munterkeit litt darunter; was ich ersehne, mein +Leonardus, das ist Stille, das ist Einsamkeit, wie die Großmutter mir +beim Scheiden sagte: Glaube, daß die Einsamkeit wunderköstliche Stunden +gewährt.« + + + + +8. Die Gabe der Mutter. + + +Der Eintritt Windt’s unterbrach Leonardus im Weiterlesen, und dieser +theilte nun dem redlichen Freund die Besorgnisse mit, welche Ludwig in +Bezug auf seine Gesundheit aussprach, so wie die herzlichen Grüße, die +der Brief an das Haus Doorwerth und dessen Bewohner enthielt. Der Graf +schrieb weiter: »Wüßte ich dich, mein lieber Leonardus, in Amsterdam zu +finden, oder in Doorwerth, so käme ich noch einmal dorthin, und würde +mit Sehnsucht den Augenblick erwarten, der uns wieder vereinigte, um dir +so recht herzlich für alle mir erzeigte brüderliche Freundschaft zu +danken. Den geraden Weg von Kastle Chatsworth, einem Schloß des Herzogs +von Devonshire, wo ich jetzt weile, über London nach Hamburg scheue ich; +er ist mir zu lang; vielleicht ermittelst du mir einen Ruhepunkt aus, +ich werde einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich äußerst freue. +Möchte ich doch von dir, von Windt und auch über das Geschick meines +Vetters, des Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Aristokratie +Alt-Englands schätzt meinen Vetter außerordentlich hoch wegen seiner +treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und dessen Söhne, die beiden +Prinzen, und ich freue mich, ihn so hoch geachtet zu sehen. Wüßte ich +ihn nur frei und in besseren Verhältnissen; seine Lage macht mir +schweren Kummer. Unser Windt wird wissen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt +lebt, und wie sie sich befindet. Mein Gedanke sucht sie bei der +Großmutter in Hamburg, doch vielleicht hat das Geschick ihres Gemahls +für sie einen anderen Wohnort zur Folge gehabt. Noch werden die +Schlösser Varel und Kniphausen öde stehen – ich möchte wieder einmal +dort sein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach – wo möchte ich nicht +alle sein! Und doch habe ich keine Wünsche, die in das Schrankenlose +hinausschweifen, ich glaube vielmehr, daß ein beschränktes Verweilen an +einem bestimmten Ort meinem Geist besser zusagen wird, als das +Umherschwärmen von Lande zu Lande. Meine Natur scheint mehr zur +Abgeschlossenheit sich hinzuneigen, obschon ich die Menschen liebe und +gerne recht Vielen Gutes erzeigen möchte.« + +»Du glaubst nicht, lieber Leonardus, wie unruhig mich der Gedanke macht, +daß ein Hinderniß für mich eintreten könnte, wieder bei euch zu sein, +und wie ein Wiedersehen mit dir und Windt sich am Besten herbeiführen +ließe, ohne euch zu belästigen, und mir zu viele Zeit zu rauben. +Allerlei Pläne gehen mir im Kopfe herum. Der Großmutter habe ich bereits +meine baldige Ankunft in Deutschland gemeldet; sie, die erfahrene Frau, +wird mir am Besten rathen, was ich thun soll zur Wiederherstellung +meiner Gesundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man sonst +häufiger bei Frauen, als bei Männern findet, zumal bei jungen. +Unregelmäßiges starkes Geräusch ist mir sehr zuwider, üble Gerüche, +überlaute Reden, Gezänk, das greift mich Alles an; regelmäßiges +Geräusch, wie das Rauschen der Mühlräder, der Donner der Wasserfälle, +die Klänge der Orgel, macht mir eher Vergnügen; hoffentlich wird die +Ueberreiztheit, die mein Wesen oft bis zu einer krankhaften +Empfindlichkeit steigert, sich ja wieder heben lassen, und ihr, meine +Freunde, werdet Geduld mit dem Halbkranken haben.« + +»Vom Leben in England ließen sich Bücher voll Mittheilungen schreiben, +darüber mündlich; über das politische Verhältniß Englands gegenüber den +übrigen Mächten Europa’s ist mir hier im Lande die Gewißheit und +Ueberzeugung geworden, daß es das bestregierteste Land unter der Sonne +ist. Wie die tausend und abertausend noch so verwickelt +zusammengesetzten Maschinen Tag um Tag, oft auch Nacht für Nacht ihren +geregelten Gang gehen, so das große Getriebe der Staatsmaschine. England +ist die einzige Macht, die in ihren Grundsätzen fest und +unerschütterlich beharrt. Im Lande nimmt Niemand wahr, daß England +Kriege führt, da geht stets Alles seinen ruhig geregelten Gang. Nur die +Theurung ist fühlbar, freilich zuletzt auch mehr für den an hohe Preise +für alle Bedürfnisse nicht gewöhnten Ausländer, als für den Inländer, +der es nicht anders weiß, und dessen Einnahmen zu dieser Theuerung im +geeigneten Verhältniß stehen. Manche Unannehmlichkeit drängt sich dem +Ausländer, zumal dem Deutschen, auf, dennoch verlasse ich England mit +hoher Achtung vor seinem Staatsleben, seinem Volke und seiner +Betriebsamkeit. Die Vervollkommnung der Dampfmaschinen ist in einem +riesenhaften Fortschritte begriffen; denke dir, man trägt sich jetzt mit +der Idee, auch Schiffe zu bauen, welche, statt durch Segel und Ruder, +blos durch Dampf getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles +übertreffen und das Unglaubliche leisten sollen. Es wird damit wohl so +schnell nicht gehen, die Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber +kann wissen, wohin der Fortschritt auf seinen Riesenflügeln den Geist +der Erfindung trägt?« + +»Lebe wohl, mein Leonardus, und schreibe mir unter der beigelegten +Adresse, sobald du diese Zeilen empfangen hast.« – + +Dieser Brief hätte mich lange suchen können, sprach Leonardus mit einem +Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie hätten denselben nach Paris +gesandt, ich komme nicht von Paris, und wäre der Brief mir von dort aus +nachgesendet worden, er würde mich schwerlich gefunden haben. Was ist +Ihre Ansicht, lieber Herr Windt? Was können wir thun, um dem Wunsche +Ludwig’s zu entsprechen? + +Erst ruhen Sie sich bei uns aus und pflegen sich, mein verehrter Herr +und Freund! entgegnete Windt. Sie sind leidend, ich sehe es Ihnen an, +Sie sind kränker als mein guter junger Herr Graf, der ist nur ein +#malade imaginaire#. Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle +sein! Beim Kreuz! da würde ihm das Kranksein, Siecheln und Süchteln +gleich vergehen! Bin auch krank gewesen, war ganz auf dem Hund – aber +die Unruhe bei Tag und Nacht hat mich wieder gesund gemacht. Wenn der +junge Herr nicht tüchtige Arbeit bekommt, so weiß ich nicht, wie er das +Leben ertragen will. Gottes Gnade hat mir im letzten Winter eine +Gesundheit verliehen, für die ich nicht genug danken kann, nie aber +brauchte ich dieselbe auch nothwendiger, doch fange ich an mich unwohl +zu fühlen, mein Lebensschiff muß einmal frisch kalfatert werden – eine +Erholungsreise thut mir Noth. Ich wollte nach Pyrmont, hat sich was! – +Die Kaiserlichen haben mir meinen Sparpfennig abgepreßt, kann also nicht +hin; auch brenne ich danach, das Geschäft meiner Gebieterin mit ihren +Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich mich nicht ruhig +niederlegen, ich bin nun einmal so. Wir wollen miteinander nach +Amsterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf Ludwig auch kommen, +der Erbherr sitzt nicht mehr in Woerden, sondern ist nach Muiden +gebracht worden. Mir ist noch gar nicht wohl bei der Sache; die +Untersuchung wird streng geführt, der Rathspensionär van der Spiegel, +der tapfere Admiral van Kinsbergen und unser Erbherr sind +Leidensgenossen, und wir haben Terroristen im Rathe der Generalstaaten +sitzen. Ich habe Nachricht, daß die Gefangenen entweder nach Amsterdam +oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darüber bald +Entscheidung verschaffen, nur kann ich hier nicht gut abkommen, so lange +noch französische Einquartierung hier liegt, denn es ist in der ganzen +Herrlichkeit kein Mensch, der Französisch spricht, und Niemand kommt so +gut als ich mit den Franzosen zurecht. + +Sie erwähnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was ist das für ein +Kurort? fragte Leonardus. + +Einer der besten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeister. Dieser +Badeort vereinigt Stahl- und Soolquellen, die Ersteren übertreffen alle +Stahlbrunnen Deutschlands, das wäre auch gut für unseren jungen Freund, +Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenstärkend und belebend, er verjüngt, +deshalb wollte ich hin, und Sie sehen mir gerade darnach aus, als ob +Pyrmonts Quellen auch Ihnen Stärkung und Genesung wieder geben könnten! + +Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiseplan, und als sie +ihn gefaßt hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte, +gegen die Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er +Einen von ihnen oder Beide, und im schlimmsten Fall, bei Verhinderung +wider alles Verhoffen, wenigstens Briefe vorfinden. + + * * * * * + +Es war ein schmerzliches Scheiden zwischen Mutter und Sohn. Georgine +fühlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die +Nothwendigkeit, daß ihr Geheimniß verschleiert, ja begraben bleibe, sie +konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei sich behalten, +sie mußte ihn von sich lassen, mußte den bitteren Kampf kämpfen und ihr +Mutterherz stark machen. Sie sprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte +verschwiegene Stunde nahte, in welcher Mutter und Sohn noch einmal +weinend ihre theuersten Gefühle aussprachen. + +Zuletzt sagte die schöne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine +Entschädigung schuldig, mein Sohn, dafür, daß du die Mutter in der +schönsten Zeit entbehren mußtest, in der dem Kinde der Besitz einer +geliebten Mutter ja Alles ist, und das ist eine Schuld, die ich niemals +ganz abtragen kann; aber Etwas mußte ich doch für dich thun, es war +meine heilige Pflicht. Deine Großmutter liebt dich innigst, und gewiß, +ihr lebhaftester Wunsch ist, dich einst reich und glücklich zu wissen; +wohl möchte sie dir Etwas von deines Vaters Erbe zuwenden, aber sie kann +und darf es nicht, wenn sie nicht durch offenes Aussprechen unseres +Geheimnisses mich blosstellen und dich dem Hasse deiner Verwandten offen +Preis geben will. Dein Bruder, der Vice-Admiral, der es nie erfahren +möge, daß du sein Bruder bist, ist ein braver Mann, aber nicht frei von +Eigennutz, auch hat er zunächst Verpflichtungen gegen die Seinigen; er +würde dir bitter zürnen, wolltest du Ansprüche an ihn erheben, zu denen +dir kaum ein Recht zusteht, da es das Unglück so gefügt hat, daß dein +theurer Vater vor unserer Vermählung mit Tode abging. Du wirst William +noch näher kennen lernen, er ist minder edel, als der Erbherr. Des +Kaufes von Doorwerth entschlage dich und warne deinen Freund, nicht die +Halmen seines Vermögens in das Schuldenmeer deines Vetters zu +schleudern, die den Sinkenden doch nicht oben schwimmend erhalten +können; übernimm nicht die schwere Bürde der Bürgschaft für Andere +gegenüber deinem redlichen Freund, damit du es nicht bist, der ihn um +das Seine bringt, damit nicht aus Freundschaft Feindschaft entstehe. Was +die Großmutter noch für dich thun kann, wird sie thun, ich aber +bezweifle, daß es Viel sein wird, sie hat schon gar zu viele Schenkungen +gemacht, welche ihre dereinstige Hinterlassenschaft bedeutend schmälern +und wegen deren es an langwierigen Processen nicht fehlen wird, die sich +über ihrem Grabe so endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe +der Herbstspinnen auf einem Stoppelfelde. Dich glaubte sie recht +glücklich zu machen, sie dachte dir die Nutznießung der Tremouille’schen +Renten zu. Die gute Großmutter! – Sie konnte die Revolution nicht ahnen, +sträubte sie sich doch mit aller Starrheit, an dieselbe nur zu glauben, +wie sie schon da war, sonst hätte sie wohl früher einsehen lernen +können, daß jenes ganze große Kapital sammt allen Zinsen +unwiederbringlich verloren ist. Doch ich will nicht, daß mein Sohn, der +Sohn meiner ersten flammendsten Liebe und unendlicher Schmerzen, leer +und blos in die Welt hinaus gestoßen werde, ich habe gethan, was ich +thun konnte und was ich thun mußte. Empfange, mein Ludwig, dieses +Patent, das mir der König auf meine Bitten bewilligt, denn ich darf mit +Stolz sagen, König Georg der Dritte von Großbritannien ist mein Freund, +seine Gemahlin, die Königin Sophie Charlotte, die den Vornamen deiner +Großmutter trägt, ist meine Freundin, dieses Patent erhebt dich in die +Baronetage von England und ertheilt dir historisch den Ritterschlag mit +dem Zurufe: #»Rise Sir!«# Stehe auf, Herr! – Diese Documente bestätigen +dich in dem Besitz der Baronie Versay, deren Ertrag deine Zukunft +sichert, und ich habe alle Verfügungen bereits getroffen, daß diese +Renten dir sicherer und gewisser zugehen, als jene leider verlorenen des +edeln Hauses de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Besitzthum, und +geht auf deine rechtmäßigen Erben über; bliebest du hingegen ohne Erben, +so fällt ihr Besitz zurück an die Meinen. Es steht dir frei, wo du auch +weilest, dich Graf von Varel oder Baron von Versay zu nennen; das gilt +von jetzt an ganz gleich, du kannst auch beide Namen vereinigen. Es +steht dir ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden. +Das Weib deiner Liebe wird deine rechtmäßige Gemahlin, sei sie aus +hohem, sei sie aus geringem Stande, nicht ein Fürst braucht sie zu +adeln, du wirst es sein, der sie erhebt, wenn sie nicht aus adeliger +Familie ist. Frauen bedürfen in Albion keiner namhaften Ahnen, weil – +fügte Georgine lächelnd hinzu: der Stammbaum einer jeden in den Himmel +hineinreicht. + +Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Fülle von Güte und +Liebe überschütten Sie mich! Wie zeigt Ihr großes Herz mir den Himmel +offen, aus dem Sie abstammen, ach, nur einen seligen Augenblick, da sich +mir dieser Himmel so schnell und wohl auf immer verschließt. + +O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum so düstere Gedanken? entgegnete +Georgine, fest des scheidenden Lieblings Hände in den ihrigen haltend. +Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Einst komme ich, und finde dich +glücklich an der Seite eines treuen deutschen Weibes, und sonne mich an +deinem Glücke – dann wohnst du still und waltest in ruhiger +selbsterwählter Thätigkeit an einem Orte, wo mich Niemand umspäht, wo +ich Mutter sein darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung +ahnet, wer eigentlich die alte Frau ist, die dich besucht und eine +Zeitlang bei dir weilt. + +Ludwig knieete zu den Füßen seiner schönen Mutter nieder; die herrliche +Gestalt beugte sich über ihn, küßte und segnete ihn, und da er, von +Schmerz fast gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob sie ihn mit +kräftigen Armen und rief: #Rise, Sir!# _Erhebe dich, Mann!_ umschlang +ihn noch einmal mit aller Flammenglut ihres Herzens, küßte ihn noch +einmal und noch einmal, dann enteilte sie und sah ihn nicht wieder. – + +Leonardus hatte sich im Hause der Freunde erholt; es kamen schöne Tage, +und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Stürmen, die über +Doorwerth dahin gebraust waren, obschon diese Ruhe freilich noch immer +keine dauernde war. + +Windt und Leonardus nahmen für eine Zeitlang herzlichen Abschied von der +braven Hausfrau und traten ihre Reise an. Das Land jubelte, aller Orten +wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede. + +Lieber Gott! sprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht, als +die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geschlängelten Laufe des +schmalen »krummen Rheins« folgten, durch reizende Fluren, durch die der +wahrhaft mäanderische Fluß sich schlängelnd wand, vorüber an den +herrlichsten Lustschlössern, Gärten und Parken, in denen die +niederländische Gartenkunst ihre höchsten Triumphe feierte und die des +Krieges rauhe zerstörende Hand zum Glück unberührt gelassen hatte – +lieber Gott, wie die Leute über den Frieden jubeln! Wie lange wird er +denn dauern? Ungleich vernünftiger wäre es, keinen Krieg zu beginnen und +der Länder und der Völker Loose nicht auf ein maßlos ungerechtes Spiel +zu setzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des +Krieges sich die Länder verbluten? Seuchen reißen ein, die Menschen +sterben wie die Mücken; fünfundzwanzigtausend fremde Hungerleider müssen +wir täglich sättigen; Doorwerth muß doppelte Schatzung zahlen, als wenn +es nicht schon doppelt und dreifach und zehnfach geschätzt worden wäre! + +In Utrecht ließ es sich der wackere Mann gleich nach der Ankunft +angelegen sein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des +Erbherrn zu erfahren. Er begab sich, während Leonardus im Gasthaus +zurückblieb, zunächst in das Haus, das der Graf Johann bewohnte. Es kam +ihm ein flottes Bürschchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mütze mit +der dreifarbigen Cocarde der Republik, nöthigte ihn in das Zimmer und +fragte höflich: Was wünschen Sie, Bürger? Wünschen Sie Wein oder +Liqueur, Curaçao, Extrait d’Absynthe, Eau de Genever? + +Windt sah den Mann groß an, ob das Gastfreundschaft sein sollte, oder ob +er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er sah sich in dem Saale um, +da stand noch das Prachtmobiliar, das einst auf seine Bestellung in +Hamburg gefertigt und dem Enkel bei dessen Verheirathung von der +Großmutter zur Aussteuer gesendet worden war; auf dem schönsten +Sammt-Polsterstuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfänger, mit einem so +ächt confiscirten Gesicht, als nur irgend ein Rattenfänger haben kann, +und knurrte den Gast, in welchem er den Aristokraten sogleich +herauswitterte, grimmig an. + +Nicht das Eine, nicht das Andere wünsche ich, Bürger, erwiederte Windt: +ich wünsche den Hausherrn zu sprechen. + +O, die nicht sein hier – gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden +sein hier, ich nicht werden sein hier, #il est emigrée# – sie sind +gegangen fort. Ich aben die Err su sein #un Vivantier, si voulez vous de +vin, ou si voulez vous des liqueures.# Von die slecht #emigrées# weißen +ik nix.« + +Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des +Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher +eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll +französischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden. + +Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus +seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den +Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen +verändertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die +Mühen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflüsse der Witterung und +suchte die Besorgniß seiner Mutter soviel als möglich zu zerstreuen. +Windt besorgte alle seine Geschäfte in Amsterdam, ging nach der +vormaligen Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er +zum Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus binnen +vier Tagen habe geräumt werden müssen, daß man das Mobiliar des Erbherrn +gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts +wisse. + +Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal der +tausend Säulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man +fleißig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und über +die Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie überall, nämlich so, +daß die Weltgeschicke sich nachträglich ganz anders gestalteten, wie die +politischen Kannegießer sie prophezeiten. + +Windt hatte ein niederländisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte +die Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt! + +Was gibt es, was haben Sie? fragte gespannt Leonardus. + +Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles +verrathen! Da muß der Donner hineinfahren! + +Darf ich nicht erfahren –? fragte Leonardus. + +Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den Plan +verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt’ ich ihm +umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte +Jener, und flüsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte +darum, auch Fluit wußte darum; dieser befehligt jetzt, weil England den +holländischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des +Erbherrn, die schöne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die +Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen, +Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild, +andere Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor +Muiden in der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht +entkam, aber ohne die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um +ihnen das Entwischen schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein +gottverdammter Schwätzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus, +ehe sie erfolgt war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese +Anzeige, die das Uebel nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch +strenger macht, und auf’s Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schärft. Da +lesen Sie! + +Leonardus nahm das Blatt und las: + + »Bericht an das Publikum.« + +»Da wir es als eine unserer ersten und vornehmsten Pflichten betrachten, +der Wahrheit so viel als möglich zu huldigen und einer offenbaren und +ehrlosen Lügenmäre mit aller Verachtung, welche dieselbe verdient, zu +begegnen, so können wir nicht anders als höchst entrüstet über den +Inhalt eines gewissen Schandlibells sein, das man ohnlängst verbreitet +hat, und worin gesagt wird, »daß auf die Vorstellung des französischen +Gesandten der Ex-Rathspensionär van der Spiegel und der van Rhoon, +Ex-Oberamtmann von dem Haag, für unschuldig erklärt wären, ihre Freiheit +wieder erhalten hätten und mit einer Jacht aus ihrem Gefängniß zu +Woerden oder Muiden abgeholt worden seien«. Wir sind von hoher Hand +unterrichtet, und vollkommen versichert, daß diese Zeitung von allem +Scheine der Wahrheit entblößt ist, ihren Ursprung nicht verläugnen kann, +und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes +schroff hervortretenden gewinnsüchtigen Absichten aufzuopfern und die +schnödeste Arglist ins Werk zu stellen, um den besseren Theil der Nation +irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemüthern hervorzurufen, und +Mißtrauen im Busen gegen ländliche und städtische constituirte Mächte +und deren Verhalten zu wecken. Es ist hohe Zeit, solcher Menschen +Handlungen öffentlich aufzudecken, und mit den schwärzesten Farben sie +zu schildern, da sie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr +anzufachen, die gute Ordnung umzustoßen, die Gesetze kraftlos zu machen +und sich, in Mitten der Parteien und der Empörung, über die sie sich +heimlich erfreuen, die verkehrte Begeisterung einer verblendeten Menge +zu Nutzen zu machen, um ihren ehrlosen Zweck zu erreichen und ihre +eigene Größe auf den Steinhaufen einer zertrümmerten Republik zu +befestigen.«[12] + + [Fußnote 12: Wörtlich: #de verkeerde geestdrift van eene + verblinde menigte ten nutte te maken, om hun eerloos doel te + bereiken, en hunne eigene Grootheyd op de puinhoopen van eene + verbrysselte Republik te vestigen.#] + +Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine +Zeitungstirade von einem holländischen enragirten Parteimann, und +darüber können Sie sich ärgern? Was hätten diese #Mannekins#, wenn sie +nicht fort und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen +absetzen könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und +ganz Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris +lieber geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel +und Hagelschlag, daß es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch +wieder gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieses Kerlchen von +einem Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich +entkommen wären, da es jetzt schon bei der bloßen falschen Nachricht +solch ein Geschrei erhebt? + +Das ist’s nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt +verstimmt; sondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht +spreche, weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln +wird. + +In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch +an demselben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem +Haag abgeführt worden seien, und schon der folgende Morgen fand beide +Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schöne und reiche +Stadt ohnehin ihr Reiseziel war. + +Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits angekommen +und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und Leonardus ein +Austausch der innigsten und zärtlichsten Gefühle, während Windt darauf +gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war, sogleich +Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf sein Ziel +schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der +Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht, +welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame +nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung, +bei der Frau Gräfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer +des Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in +Briefen an die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn +eine ziemliche Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen +Schuldner so sanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu fassen und +ihm das Versprechen abzunöthigen, baldigst zu zahlen. Auch Gräfin Lynden +erhob große Klage darüber, daß Doorwerth so entsetzlich verwüstet sei; +Windt lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame +mit den Augen, und hütete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage +den Herrn von der Park in seinen guten Vorsätzen wankend zu machen. + +An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt’s +hauptsächlichste Frage. + +Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken, +ward ihm zur Antwort. + +Ich muß ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete Windt +mit Bestimmtheit. + +Versuchen Sie’s auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach +Gräfin Lynden. Die Wächter sind unbestechlich. + +Fällt mir auch gar nicht ein, diese braven Bürger der batavischen +Republik in Versuchung zu führen, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit +Geld zu Bestechungen versehen. + +Ehe eine halbe Stunde verging, seit Windt vom Tische der Gräfin weg war, +stand er schon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Diese Herren +hatte doch noch das Bürgerregiment gelassen, obschon der Titel vielen +tausend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im Auge +war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem er +seine Persönlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe +den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos +über Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein muß, im Beisein von +Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu +sein, und möchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu +reisen, wo dieselbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen. + +Die hochmögenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar +kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissäre +Bürger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten +Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste +Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müssen, eine gedruckte +Erlaubnißkarte. + +Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine schreckliche. +Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von Oranien inne +gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stückchen auf der +Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu ihm +eintrat, und war vor Erstaunen außer sich, als er den alten Bekannten +erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anständig ausmöblirt, auf einem +Tisch lagen Malergeräthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem +anderen befanden sich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten +redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen +Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase köstlichen Kapweins. + +Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt – scherzte der Erbherr, und +winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch große +Tugenden besitzt. + +Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf +dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren, +weil Sie nicht mehr so wie früher gleich einem Seeraben umherschweben +können, aber ich sehe schon aus Allem, daß Sie guten Muthes sind, und +das ist sehr viel werth, denn ein alter Lateiner soll gesagt haben: Mit +gutem Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt. + +Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein +alter Grieche, hieß Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Großes +kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und +wäre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie +mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Großmutter, von +meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig? + +Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir +holen den Grafen ab, er fühlt sich leidend und sehnt sich nach +Deutschland. + +Zur Großmutter, kann mir’s denken! + +Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewußt ist, +wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen +genesen. + +Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lächeln. Alles +leidend – Sympathie schöner Seelen! + +Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rüstigkeit ihre Tage +fortzuleben, sie schreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder +meine Schwester schreiben, und kapitelt mich häufig sehr ungnädig ab, +während ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Güter in gutem Stande +zu erhalten. + +Was wird es mit Doorwerth? + +Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß so oder so ein +Ende nehmen; längeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Für +Doorwerth muß Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene +unglückliche Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden. + +Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller +Gemüthlichkeit die Gläser wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann +bin, daß ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann. +Richten Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer besten Einsicht +ein. Ich habe außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er +betonend und mit einem Wink auf den Aufseher hinzu. Meine Lage, die +jetzt leidlich scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht +unmöglich, daß ich dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz +erschossen zu werden. Meine Schriften liegen sämmtlich unter Siegel; aus +ihnen würde man vielleicht mildere Urtheile über mich gewinnen, allein +man untersucht sie zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der +National-Convent organisirt ist, und dann – nun, wie Gott will! Man wird +mich als einen Mann finden! + +Als einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, bestätigte tiefbewegt der +Haushofmeister. + +Ich muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht +hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen! + +O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund +schlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer +deutscher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heillosen, wollte +sagen, theillosen Republik. Müsset meiner Sprechart was zu Gute halten. +Ich schwör es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten +Respect! + +So laß’ ich’s gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu +verstehen, die in diesen Worten lag. + +Windt drängte, was er zu sagen hatte, in geflügelte Worte zusammen; +gute Wünsche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in +der nächsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu +ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen könne, dorthin zu +reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo +die Reichsgräfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt +bereits in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr +ohne Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten. + +Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm +an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen, +abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen +Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert +zu haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher +Unterhaltung auf einem ihrer Zimmer. + +Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzählung von Dem schuldig +geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans +verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der +ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jüngst zu Doorwerth +angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemüthlichen Plauderstunde +für Windt und Leonardus die unvermeidlichen holländischen Thonpfeifen, +und als der köstlichste Tabak das Zimmer durchduftete, begann Leonardus +seine Erzählung. + + + + +9. Die Abenteuer des Leonardus. + + +Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und +unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz +vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei +ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen +Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege +über sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es +mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal +nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich +glaube jetzt, daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund +Windt, mir deßhalb die Ehre nicht an, mich für einen neumodischen +Philosophen zu halten, ich habe nie ein philosophisches Buch gelesen, +ach, es bedarf der Bücher nicht, das Leben dictirt uns seine +schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hinein. Ich +stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rhein; ich war wieder +Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in Amsterdam, bei dem ich +mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender Compagnon, +eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in kriegerischer +Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr, besonders in +Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen Zufuhren +stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen sich die +alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen; ich war +daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen, und +gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer +noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu können, bedeutende +Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr +billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake +zu einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann. +Meine Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu +Statten. Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den +blutigsten und grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen, +und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der +Reaction unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es +auch an den beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus. +Den Rhein solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner +Schönheit! Der schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist +freilich dagegen nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize +der Natur achten zur Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle +Städte, alle Dörfer und Höfe mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz +war Kriegsschauplatz geworden, die ich so ganz verändert und von Heeren +überschwemmt wiedersah. Mein liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst +Hand in Hand mit Angés das süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens +genossen hatte, war im Spätherbst des vergangenen Jahres nach den +Schlachten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen +und Sachsen bei Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum +Sammelplatz des geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend +Mann verloren hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt, +drängte es seine Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich +erschien im Elternhause Angé’s in Zweibrücken, welche Stadt französische +Besatzung behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine +willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé’s Unglück +verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein +verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau +Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja +Ihrer Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen +eigenen Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so +weit solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu +bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück +daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und +strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach +Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll +Zärtlichkeit an ihr, und eine Fügung war’s, gewiß eine wunderbare, daß +ich ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage +zu werden. + +Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür +zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre +gleich in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine +so weite Irrfahrt gemacht. + +Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder +Berthelmy’s Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu +entgegen gefahren. + +Ich will es glauben, versetzte Angé’s Mutter, und ich fragte sie nun: Wo +lebt jetzt Angés? + +Ich weiß es nicht! + +Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht, +verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu +viel weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter +mein ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im +Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen. + +Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie +mir dies zu verbergen, und fragte auf’s Neue: Was wollen Sie von Angés? + +Ich komme von le Mans! + +Haben Sie Berthelmy’s Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit +leuchtenden Augen. + +Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer +gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr; +der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen +aller Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden, +Niemand frage danach. + +Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau. +Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns +Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns +nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied: + + Eine feste Burg ist unser Gott, + Eine gute Wehr und Waffen, + Der hilft uns treu aus aller Noth, + Die uns jetzt hat betroffen! + +Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen! + +Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu +beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern +einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie +ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe +nicht, seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal +fragen, sie und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird +mein Loos gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde, +ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist! + +Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch, das +Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes +niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich +Ihnen meiner Tochter Aufenthalt. + +Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds. + +Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und Hagenau +nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr und +Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte und +wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich aufgenommen +hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer Bretterwand, +und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im +anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei +Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in +französischer Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt +vor; ich verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres +Gespräches zu erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich +selbst berühren würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher +tagte es in mir, diese eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich +ihren rauhen Klang gehört, und doch hatte er sich tief in meine +Erinnerung eingeprägt. O ich beklagenswerther Mann, die geliebte Angés +suchte ich – war ihr schon nahe – und fand – Berthelmy – und Berthelmy +war es, der nahe bei mir gegen seinen Gefährten zornvoll und erbittert +über Angés sprach. + +Ausgemittelt hab’ ich’s endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der +falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten, +wenn sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand +bietet, das Netz des Verderbens um die niederträchtigen +Vaterlandsfeinde, die sich hier auf deutschem Boden verborgen halten, zu +schlingen, und denen sie sich dienstbar gemacht hat noch obendrein! + +Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner +eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen +hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns +lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein +Schüler, mußt mir gehorchen. + +Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die +Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle +Parteiung und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht +so gewesen, wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden! + +Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du +bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine +gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst, +auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig +sein. + +Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? – + +Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in +kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie +wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und +hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit +als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen +Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre +Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo +diese willkommen war und erwartet wurde. + +Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an +Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor, daß +er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum +Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an +jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben +vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen, +zufällig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich +angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und +Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine +Angés ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß +Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand, +auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde +ich von meiner angestrengten Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die +Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich +anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mußte daran +gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr möglich +war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn +fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen +war, und der mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen +und in Haft zu nehmen. + +Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer +die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren +noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher +Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht +nahen; ich umkreis’te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer +Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde +weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde +Unterricht in Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter +Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch, +und der Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl +that mir diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht +haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen +Fluren am Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge +Deutschlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so +einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr +Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die +Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führten, +stets im Auge behielt; dabei spähte ich fleißig umher, ob ich nicht +etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und still. +Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hause im +sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; sie traten +heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich schönen Sylphen, welche +ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich im Tagesglanze +umherzuschweben. + +Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah +ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen +Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der vom +Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen +trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes. Ich nahm +einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein +Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als ich aus +diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis +jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener +entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn +Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach dem +Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere, +als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine +Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun +ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und +das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle +und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy? +Kennst du deinen Mann nicht mehr? + +Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig: +Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den +ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich +ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß! + +Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O +vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir! + +Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen! + +Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von +allen Bergwänden des Thales zurückhallte. + +Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu +tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten +Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich +sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit +brechendem Blick: Leonardus! Leonardus! + +Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf +mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er +rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun +versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, +der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug, +daß er nieder taumelte. + +In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte den +lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten +Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig +zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha! +das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu +Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener +Hunde, die mich fingen und in’s Wasser warfen! Sollst an mich denken, +Hund! – Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir. + +Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung +Leonardus’ die Freunde aus. + +Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und +drückte dem Freund bewegt die Hand. + +Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der +schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er +dann fort: + +Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich in +einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und +blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein +verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern, +auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß +keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber +dafür war ich zu namenlosen Leiden aufgespart. + +An meinem Schmerzenslager saß der alte Diener, den ich bei Angés +erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so +wie ich dies zu thun versuchte, kam Blut. + +Nur langsam besserte sich’s mit mir; nur langsam heilten die Wunden, am +längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich +noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden +mahnt und an meinen nahen – Hingang. Dieser mag kommen, wann er will, +ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen. + +Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte, +kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen +Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren +himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen +Thränen entquoll, der nicht enden wollte. + +Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von +Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart +besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich zu +preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese +Seligkeit verdankte. + +Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch +folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte +Diener, welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes +gehört, hatte er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite +gestoßen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend, +erfaßte er das Kind, hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem +Dorfe zurück. Angés war ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen +blutigen Kampf zwischen mir und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten +unter den entsetzlichsten Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und +Seelenangst auf sie zugleich ein, und der Schreck warf sie machtlos +nieder, da sie einen Moment später sehen mußte, wie Berthelmy über und +über im Gesicht blutend, taumelte, und mich der tückische Aboncourt zu +Boden riß. Daß der Unmensch mich auf die Brust trat, gewahrte sie schon +nicht mehr. + +Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute +vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn +auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst +gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite +niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen. +Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der +Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen +Städtchen herbeirief. Gensd’armen mußten die ganze Gegend nach jenen +Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn +leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese +Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich nicht +in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten wir +uns oft und wußten es nicht zu sagen. + +Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy fesselte, +war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein eigen +sein mit Leib und Seele, aber nur – was frommte es mir, und wie lange +hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir +unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth +geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in +Furcht und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und +fort den Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und +nicht um mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war +eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende +göttliche Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt, +ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und +auch auf dich, mein Leonardus. + +Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe +dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen +in den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche +ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt +sie zu versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute +des Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen +und lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die +mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die +kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das +Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen +Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging +in jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und +schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen +Stunden kehren nie zurück – können nicht wiederkehren; ich darf und +werde Angés niemals wiedersehen. + +Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung +und voll innigster Theilnahme Leonardus’ Erzählung an. Endlich, nach +langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig +den Freund: Und du verließest Angés? + +Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung, durch +die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege +befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das +Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte. +Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den +Wäldern, theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu +Tränken gepreßt Wunder an mir gethan. + +Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in +glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener +Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres +Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der +verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf +Angés’ Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch +einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe +im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur +Vestaflamme, die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie +eine reine Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem +gealterten Herzen wohlthut. + +Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager +stand. Es war Angés’ Hand – ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las: + + »Mein ewiggeliebter Leonardus!« + +»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem +Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer +verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene +fordern es. – Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden +einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter +zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll +dein Name sein! In Ewigkeit und für die Ewigkeit deine, nur deine +treuverbundene + + Angés.« + +Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste fort +und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog, +wußte mir Niemand Etwas zu sagen – Angés, Sophie, der alte Diener – auch +ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt – +wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie – alle waren fort, +und keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein – ich hatte mein +Weh getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand +sprach zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in +einer fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich +so schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke. + +Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen – könnt ihr euch +denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner. +So niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so +hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich +mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und +unfreundliche Begegnung – ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den +ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen +hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich +wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es +war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was +konnte ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte? + +Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus’ Züge, und +die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit seiner +Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach +Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo +heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die +gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden. + +Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch +wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor er +eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück +wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen, +von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen +den Freunden folgen. – + +Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das Schleunigste +vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die +Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und hatten dort die +Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend +mit ihm heiter zu verbringen. + +Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war keine +erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen, er +sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch +nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe +gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland +war für den Kranken jetzt nicht zu denken. + +Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes +gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft, +ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die +Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja +regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die +Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog, +steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt +werden, um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem +wieder an. + + + + +10. Der Abschied. + + +Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war +außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre +unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt’s, entlud. Die +Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach +dem Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt +lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen +hatte sie geöffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden +geworfen. + +Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll! +brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir +Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein +anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter +Mann, ist treu wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß +er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von +Kaisern! + +Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein +unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar +nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen. + +Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich +Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die +Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der +ganze Mann erkannt! + +Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak. + +#A la Citoyenne Varel# am Jungfernsteig #à Hambourg, franco Amsterdam.# + +An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man +Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die +Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck +muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten +ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen? +Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel! +Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens, +und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die +Umschrift? Lesen Sie! + +#»Je suis libre!«# las die zitternde Kammerfrau. + +#Je suis libre!# fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die +Livrée will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen +Bedienten! Ich will ihm sein #»je suis libre«# anstreichen, ich, sage +ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen +Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Bürgerin Varel! +Bürgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen! + +Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders +Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief +wurde mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt. +Gleich im Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die +alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der +Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen +Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine +hohen Verwandten zu schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein +Citoyen – wie ich eine Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe +Windt! Vielleicht will er auch mit mir _theilen_? Ich soll nicht mit +meinem angeborenen und angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat +wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde +führte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über +die närrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein +vernünftiges Wort, aber nicht närrisch ist diese Aufschrift – sie ist +verrückt! Was die Herren französischen Generale über meine gräfliche +Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder +Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein +Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Fürsten, +Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den +Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden +wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder sich +Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die Paduanischen +nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie +– ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur unter den +Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche +Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn +dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie! + +Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die +Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie +ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie +von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen +und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht +ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle +diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie +bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für +sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so +ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den +Freiheitsbäumen? Hat noch keinen setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt +doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. – Durch +diesen Gedanken versöhnlicher gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem +zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der +Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht +über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfin +von Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Holländer wurde Meldung +gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger +in das Kastell gebracht würden. »Ich bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den +hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar +unter dem Namen #le citoyen d’Autrefér# – denn Doorwerth können sie +nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich habe so viele +Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so viel Zeit, +um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen +Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins +Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern +unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach +Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne +Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne +habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum einigen +Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den +Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest +bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast +täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das +Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem +Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber +hatten ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien +stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen +Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.« + +»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb krank +ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder +hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend +Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend +Mark Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung, +noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer +Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin +ein sehr empfindsames Gemüth, und fühlt sich nirgend recht heimisch, +nirgend recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt +glücklich zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen +Lebens ganz sicher gestellt sind.« + +Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es +gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich +schon als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es +gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne +unsers Calvin, aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je +gegeben, deren Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist, +über die das irdische Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt +ihre Pilgerbahn vollenden. Aber sie sind selten, die auserwählt +Glücklichen und glücklichen Auserwählten, ich und mein Haus gehören +nicht zu ihnen! – + +Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und +Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die +Freunde Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich +endlich vergönnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit +seinem nicht minder biedersinnigen, doch höher gestellten Bruder, dem +fürstlichen Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab +er sich im Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont +verzichtete, nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte +lebten, wo ebenfalls heilkräftige Gesundbrunnen der Erde mütterlichem +Schooße entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen +kommen ließ. Selbst jetzt versäumte es sein Diensteifer nicht, die +Nachrichten aus Holland, die er sich dorthin senden ließ, nach Hamburg +zu schreiben, und kein Fürst Europa’s hatte einen so zuverlässigen und +unermüdlichen Geschäftsträger, als die kleine halbsouveräne Reichsgräfin +und Herrin von Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft +Ausflüge in die Gegend, die wohl selbst bis Bückeburg ausgedehnt wurden, +und die Luft der waldigen Gelände, der Anblick malerisch sich +hinziehender schön bewachsener Hügel- und Bergketten wirkte in +Verbindung mit dem so ganz veränderten Klima höchst vortheilhaft auf +Alle ein, selbst Leonardus fühlte sich erleichtert und schöpfte wieder +neue Lebenshoffnung. + +Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin, +daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem +Tage vermehre, da die Oranische Partei gegen die Batavische Republik +aufs Neue rüste. »In Osnabrück liegen 1500 holländische Offiziere, die +ihren Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben +bereits,« schrieb Windt, »unter sich die Chargen vertheilt und hoffen +auf den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias. +Auch würde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrück kommen, und das +Schloß daselbst ist bereits für ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen +wir auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück +vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur +von Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach +Holland zurückzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden, +der ihm alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt +keinem Zweifel, daß sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In +der Gegend von Osnabrück steht ein Corps preußische Jäger, ein Regiment +Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrück marschirt, zwei Regimenter +Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin +aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Engländer. Das Alles +ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beistand zu +Lande leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern +Geldern und Ober-Issel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren +Plünderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei +Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche +Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt +nicht blos vollkommene Demokratie, sondern fast völlige Anarchie. Zum +Glück wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten +nichtsnutzen Klubs, Societäten, #Genoodschappen# und dergleichen +gänzlich aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam für das +allgemeine, wie für das besondere Beste wirken wird. Die würdige, weise +und edle Frau Fürstin Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach +Philippsthal, ihrer Heimath, um dort einen längeren Aufenthalt zu +nehmen; ich habe derselben daher nicht Ihrer Excellenz Grüße und meinen +unterthänigsten Respect zu Füßen legen können. Ihrer Excellenz Meinung, +bezüglich des Verkaufes von Doorwerth, Alles auf bessere Zeiten zu +verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich habe der Frau Gräfin +Lynden so zugesetzt, daß sie für die dem Erbherrn geliehenen +fünfzigtausend Gulden einstehen will; davon würde dann der erste Termin +vollends bezahlt werden können. Für den zweiten sehe ich bei den +gegenwärtigen so sehr mißlichen Umständen der Familie, und den +Unglücksfällen und Widerwärtigkeiten, welche dieselben betroffen haben, +allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa +fünfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Gräfin +Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so +bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Höchstdero Füßen der alte +Windt.« + +Mit Antwortschreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch Ludwig +eine Zuschrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn später noch ungleich +wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft hängt an +einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und das Wohl und +Wehe seiner Zukunft! + +Die alte Reichsgräfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich, +und hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt. + +»Du glaubst nicht, lieber Ludwig,« schrieb die Großmutter, »wie sehr mir +das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem Maaß +meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig +zusehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das +Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu +seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe, +wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich möchte noch +einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit +Sammlung alter Münzen vertreiben, sondern ich würde der Länder und +Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich +dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich, +daß deine Eigenthümlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die +Dauer beschreiten ließ, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel +vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung, +Zurücksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas +Hohes, nach dem Höchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben, +selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe +wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut +nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze +Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die +Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den +Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an +den Grafen von Bernstorf, königlich dänischen Gesandten zu Berlin, nicht +minder an den holländischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre +Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von +Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von +Vogel übergeben, welcher jetzt holländischer Gesandter am englischen +Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der +Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem +erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigsten +herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum +anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll +Engelgüte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die +Kronprinzessin von Preußen K. H., geborene Prinzessin von Mecklenburg +Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche +die Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und +sprach ich sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu +Sachsen-Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da +Darmstadt sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese +Prinzessin und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und +Liebenswürdigkeit, und wenn du in Deutschland reisest, so versäume ja +nicht, dich an dem preußischen, mecklenburgischen, hessischen und +sächsischen Höfen vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir +ohnehin verwandt, denn schon die Tochter König Christian des Sechsten +von Dänemark, Luise, vermählte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu +Sachsen-Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schönes Heirathsgut +mit, und reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man +in dem gebildeten und glücklichen Sachsenlande höher als sonst wo zu +schätzen weiß. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines +Namens, um dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findest einen +sehr gebildeten, umgänglichen und menschenfreundlichen Hof; findest +wissenschaftliche Anstalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung +ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist +auf alle diese Ernestiner Etwas übergegangen vom Geist und Strebesinn +ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Fürst, +der für die Wohlfahrt eines Landes und Volkes Alles that, und für +Wissenschaften und Künste mit Aufopferung thätig war.« + +Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kronprinzessin +von Preußen und las: + + »Madame! + +Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie +mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre kostbarsten Interessen +legten. Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an +meinen Gemahl zu schreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun +wird, um Ihnen zu dienen. Gebe der Himmel, daß diese Angelegenheit nach +Ihren Wünschen gelinge. Wenn er meine Wünsche zu erhören geruht, so wird +Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr +aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu +haben. Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein + + Ihre ergebene Dienerin + Luise.«[13] + + [Fußnote 13: Die Urschrift dieses Briefes ist französisch.] + +Diese Zeilen einer reizendschönen, edelgesinnten und über alle Worte +herrlichen jungen Fürstin, welche von Gott berufen war, dereinst der +angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen +deutschen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt +dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand. + +Die Großmutter schrieb noch: »Du findest in diesen Sächsischen +Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemäldesammlungen, +Münzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du +doch nach Thüringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu +Rathe ziehen willst, ja nicht zu versäumen, den Weimarischen Hof zu +besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das +Beisammenleben strebender Geister in der schönen Literatur dich auf, und +du gefällst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine +Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen +Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann +gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du +wirst, von mir empfohlen, dich überall gut aufgenommen und +ausgezeichnet sehen. Versäume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht +eines dieser kleinen Herzogthümer dich einst dauernd fesselt, und es +steht dieser mein Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei +unserm Scheiden gab, auch – wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in +Einsamkeit dein Glück zu finden – denn du kannst dort ganz nach deinem +Gefallen leben und bist, wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hältst, +von deinem Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.« + +Ja, ja – das wäre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein +Asyl – ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angés. – Ich will der +Großmutter Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte sehen, aber +Leonardus – wird er mit können? Und Angés? Wird sie mit wollen? Und wo, +ach wo sie finden, da sie sich selbst dem heißgeliebten Jugendfreund in +züchtiger Strenge entzogen hat? – Diese Betrachtungen unterbrach +Leonardus, welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem +letzten Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende – +wir scheiden! + +Was fällt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und stützte den +auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und +dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt! + +Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! sprach Leonardus. Ich +fühle, daß ich sterben muß, nichts weiter – und mir ist, wie einem eben +ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder – ich habe keine Stunde +mehr zu leben – die Besserung war nur ein trügender Schein. Nun – mein +Haus ist bestellt – diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam +gerichtlich bezeugen lassen. Was ich besitze, – ist Alles dein – +geknüpft an meine letzte Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet +findest, für den Fall, daß mir nicht vergönnt gewesen wäre, sie noch +mündlich an dein Herz zu legen. In mir stirbt Leonardus Cornelius van +der Valck aus Amsterdam – in dir lebt Leonardus Cornelius van der Valck +aus Amsterdam fort – mindestens so lange noch, als meine gute Mutter am +Leben bleibt – ihr _darf_, ihr _soll_ der Sohn nicht sterben! Du +schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch bei dir wäre, du +empfängst und beantwortest in meinem Namen alle an mich eingehenden +Briefe; ich habe das so testamentarisch geordnet, die Gleichheit +unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so mögen dann +meine nächsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel dessen eben noch +vorhanden sein wird. Außerdem aber bleibt Alles _deinen_ Erben ohne jede +beschränkende Klausel. – Ich sterbe für Angés – siehst du sie, so sage +ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre sie je in Noth, und diese käme zu +deiner Kenntniß – dann brauche ich wohl nicht erst eine Bitte +auszusprechen – dein eigenes Herz – wird – o Gott – ich kann nicht mehr +– meine Brust – zerspringt! – + +Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang den +Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte. +Sprich, was kann ich für dich thun? + +Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der +sterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres +Herz sich an das meine anschloß! Es war ein schöner, nur zu kurzer +Lebenstraum – wir hätten wohl länger mit einander gehen sollen – das +Schicksal – o Gott! + +Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer sich. Ich sah +noch Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund – meinen +Bruder dahin gehen sehen? + +Windt, der Arzt und Philipp stürzten in das Zimmer – Hülfe ward +versucht, der Arzt fühlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen +Wink bedeutete er der Umgebung, daß hier seine Hülfe zu spät sei. Schon +umflorte der Tod die brechenden Augen – Leonardus tastete nach der Hand +des Freundes und lallte mit gedämpfter Stimme: Ludwig – dunkel – Gute +Nacht! + +Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden. + +O Angés! + +Dies war sein letzter Hauch. + +Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig’s Leben. Er stand stumm, +vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp +weinte. + +Windt’s klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkräftig, +entschieden handelnd. + +Auf dem Schriftenpaket stand unter der Aufschrift: an Graf Ludwig, die +Weisung: _»Sogleich_ nach meinem Tode zu eröffnen!« Ludwig wollte dies +nicht thun, sein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches +Gefühl. + +Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur, +ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist +Gesetz. Ich habe alle Ursache, zu glauben, daß der verklärte Freund +Wichtiges für den Fall seines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu +öffnen. + +Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: »Da ich für meine Mutter +fortleben will, so muß eine Täuschung Statt finden, die Niemand schadet. +Ein Paß liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich +auf Reisen bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein +Todtenregister geschrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valck +aus Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn +ein solches Blatt, eine solche Kunde würde leicht nach Amsterdam +gelangen. Ich wünsche in der Stille, in früher Morgenstunde begraben zu +werden, ohne alles Gepränge, wünsche weder Kreuz noch Stein mit einer +Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines +letzten Wunsches zur ersten Pflicht.« + +Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun +kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den +Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber +überlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nöthigen. + +Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der +Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte +hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen +dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder +lebend in dieses Zimmer eintreten werde. + +Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu sehen, +doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl, +durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit +dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen +der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt. +Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein +fremder Badegast gestorben war. Da Leonardus nur den Freunden gelebt +und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer Name +nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller Rechtsform +aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer Sprache, +welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als +Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung +überflüssig. + +In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus +eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp +fragte: Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort. + +In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim Ordnen +von des Freundes nachgelassenen Papieren. + +Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden +sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen +und in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden +Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der +besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend +holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als +Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp +empfing als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich +ferner eine kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die +Leonardus die Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu +unschätzbar war. Von dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte, +lagen Uebersichten vor, es ergab dasselbe eine Jahresrente von +fünftausend Gulden; diese hatte Leonardus dadurch erworben, daß er sein +einst zu erhoffendes Muttererbe an seine Verwandten mit Zustimmung +seiner Mutter käuflich abgetreten hatte – um nach ihrem Tode, falls er +denselben erlebte, aller Geschäfte dort überhoben zu sein. Von dem Tode +der Frau van der Valck an aber vermehrte sich dieser Rentenbezug um +abermals fünftausend Gulden. + +Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen geeignet +anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von Leonardus +Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und der ganzen +Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts! +Die fünfzigtausend Gulden, darüber wir Quittung in Händen haben, +gehören jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen, dann will +ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem aber auf +keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach Hamburg +zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja doch +der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende +Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige +sind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann! + +Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit +Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel +meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes +selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte +haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am +letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein +Güterbesitzer davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als +Gratification in die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das +gemahnt mich gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute +das Wort Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare +geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre +Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit +Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und +schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre +eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein +Wasserschloß besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen +nicht. Ich werde nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde +reisen, schlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés +suchen! Ich will, wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie +theilt gewiß mit mir die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber, +Windt, wir beide wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir +wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie +vorgeht, besonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und +vergessen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir +in allen Verhältnissen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben. + + + + +11. Erlebnisse. + + +Ludwig leistete dem Rathe der Großmutter Folge; von seinem treuen Diener +begleitet, mit guten Pässen versehen und mit allen Mitteln ausgestattet, +war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen. Seine edle +gewinnende Persönlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der +Aufmerksamkeit. Er verhüllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich +zu offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er +suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing +noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Häufig, ja fast +immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des +Verstorbenen; der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es +war ja gleichviel, wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die +Spuren eines stillen Leidens, ließen ihn ohnehin älter erscheinen, als +er wirklich war. Graf Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte +überall ein offenes Auge für die Reize der Natur, die Beschaffenheit und +Ergiebigkeit des Bodens, für den Stand der Kultur in den verschiedenen +deutschen Ländern, für die Sammlungen der Künste und Wissenschaften, und +fühlte sich angezogen vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst +galt entweder für einen Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes +völlig fehlerfrei sich ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch +den längeren Aufenthalt in den Niederlanden allerdings manche +Eigenthümlichkeit dieser Nation an ihm haften geblieben war, und um so +lieber gab er sich für einen solchen aus, wenn er als Leonardus +Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner Weise, sich schriftlich +auszudrücken, so schön er auch Deutsch zu schreiben verstand, floß +bisweilen eine niederländische Redeform mit ein. + +Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen Reisen +dadurch, daß sich die Leute weit mehr darüber die Köpfe zerbrachen, wer +und woher der Diener eigentlich sei, als woher der Herr stamme. Wenn +Philipp zu seiner Erholung Abends in bürgerliche Bier- und +Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen +seinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden sei, für +wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft +genug schildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei, +absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm- und +Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer sein +Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein +Kaufmann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, daß +sie ihm das gleich angesehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, sein +Herr sei ein Graf, dann hieß es ebenso bestimmt, man sähe ihm den Grafen +auf hundert Schritte an. + +Diese oft sehr aufdringliche und lästig werdende Neugier der guten +Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste +Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die +so häufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu +ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und +einem besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten. + +So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe, +überall räthselhaft schnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er +vorwies; man zog ihn zu den fürstlichen Tafeln, erzeigte ihm +Aufmerksamkeiten, unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten +Modesprache der Höfe; aber da er nirgend lange verweilte, so ging seine +Erscheinung gleich andern flüchtig vorüber und wurde schnell wieder +vergessen. Er aber gewann für sein ganzes späteres Leben den Vortheil, +manchen großen und berühmten Mann persönlich kennen gelernt zu haben, +auch Einblicke gethan zu haben in manches Verhältniß, das glänzende +Außenseiten zeigte und innerlich morsch und zerrüttet war. Häufig trat +dem Reisenden offen und unverhüllt die Selbstsucht der Menschen +entgegen, der gelehrte Dünkel, die Schriftsteller-Eitelkeit, der +Künstler-Stolz, stets mit einem guten Theil Anmaßung und Rechthaberei +gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht in ihrer ganzen +Widerwärtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen möglichen +Larven. + +Nirgends ließ sich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie +sehr man auch bemüht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien +wohl des Besitzens werth zu sein. Jugend, Schönheit, Reichthum, Adel, +Verstand und Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles +Gemüth, für ein sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise +Melancholie in seinen Mienen, sprachen auch die Züge eines ganz +besonders in seinem Charakter hervortretenden Wohlthätigkeitssinnes, der +aber sorgsam sich und seine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu +Tage kam, wer der gewesen, der manche Thränen der Noth und verschämter +Armuth getrocknet, und die Beglückten ihm danken wollten, dann war er +gewöhnlich schon abgereist. + +Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war +entzückt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets +leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß zu Kniphausen +bewohnte, und oft die Besuche der Großmutter ihres immer noch gefangen +gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing. + +»In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: »habe ich an den Doctoren Starke +und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost +gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz außer +Sorgen sein, ich solle wo möglich guten starken Wein trinken, und kein +Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache. +Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die +Studenten, die dessen bis zum Uebermaß in sich hineingießen und eine +Bravheit darin erblicken, sich durch Unmäßigkeit die Gesundheit zu +untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und +Professor Schiller kennen gelernt, den berühmten Dichter, dessen erste +Stücke Ihnen, geliebteste Großmutter, damals äußerst mißfallen haben. Er +ist ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hält +sich sehr zurückgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten +weiter gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die +Region des Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle +Ansprüche. Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine +wahrhaft hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburg und +Ihres wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann, +Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern, +damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben könne. Sie +glauben nicht, geliebteste Großmutter, wie armselig in diesen Ländern +die Gelehrten bezahlt werden; während manche Professuren und andere +Stellen häufig als Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit +permanente Hungercuren und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu +sagen pflegt, zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.« + +»Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht: _Wallenstein_, +zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen wird.« + +»Ich war auch in Weimar, und bin dort mit großer Güte und +Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach Ihrem +Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr und +mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle Ansehen +Sie, theuerste Großmutter, in ganz Deutschland genießen. Sie hatten +vollkommen Recht, als Sie mir sagten, daß man in diesen sächsischen +Staaten die Wissenschaften höher schätze, als irgend wo anders. Bei +äußerlich ziemlich beschränkten Mitteln geschieht für dieselben das +Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um sich sehen, daher +entspringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieselben Alle +nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich +unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin +über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte +und bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der +Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs – sonst in +meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht, +Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht +angesteckt von der klein- und spießbürgerlichen Klatschsucht, die sich +darin gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus +dem Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte solches Thun geradezu +für eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu +sagen, daß der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialität, seine +Mutter eine Fürstin von der anerkennenswerthesten Hoheit der Gesinnung, +und seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswürdigkeit und +Herzensgüte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Großmutter, mir diese +Personen schon früher geschildert haben.« + +»Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so +sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg, +aufwartete; dieser ist ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der +für das Wohl seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemüht ist, und der +mir die größte Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken +abnöthigte. Am Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den +trefflichen Sohn einer ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin +Luise Dorothea, geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich +Ihnen, geliebteste Großmutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen +und Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im +Briefwechsel stand. Der Herzog ist ein sehr gelehrter Herr, so wie ein +Freund und Beschützer der Gelehrten, er erweist den französischen +Emigranten viele Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mußte +mir das herzogliche Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünschte lebhaft +meine beste Großmutter zu mir, um diesen für Sie gewiß sehr anziehenden +Genuß zu theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit +besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin +verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das +theuerste Buch der Welt, die berühmte Handschrift des Jacob von Strada +über die orientalischen Münzen in 31 Folio-Bänden, mit 9000 Abbildungen, +deren jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet +hat.« + +»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses +bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog +Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen +nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und +Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer +Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust, +diese auf seinen Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen +Kunstsammlungen wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem +Wort, Herzog Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch +einer Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverständniß +lebt, ist für Gotha ganz das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der +Wissenschaften und Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.« + +»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen +Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle +diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die +vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen +gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der +Herzog, ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.« + +»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende +Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus +Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande +und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit unendlicher +Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig +lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als +einen kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels +verwendete Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines +Thorschreibers.« + +»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von +Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch +verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber +er ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern +mittheilsam über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet, +daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte; +dagegen ist die Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche +Erscheinung; sie singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt +in jeder Osterwoche in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen +Kreise ihrer Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu +ertragen; durch frühere üble Wirthschaft ist das Land in große +Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter +und ein Sohn starben bald nach der Geburt, doch versprechen die leben +gebliebenen Prinzen und Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind +schöne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des +Hofes sind die gewöhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd +auf nahen Jagd- und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen, +Eishausen und Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein +stattlicher spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und +weit das Land überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen +erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und +es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des +Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise, +geborene Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des +hiesigen Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach +Coburg führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie +geschaffen für die Einsamkeit der Weltüberwinder.« + +»Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Ländchens in der +Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich +nahen. Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie +Kanibalen und ärger als die so übel verschrieenen Kroaten im +dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines +herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit +dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus +Herzog zu Sachsen-Hildburghausen, schon einige Feldzüge des Prinzen +mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich +vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande +abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und +Republikanern verhandeln muß, und hier sich Alles schrecklich vor beiden +fürchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persönlichem +Muth einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Räthe +wird ebenfalls schwerlich große Heldenthaten verrichten.« + +Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen. +Schon in Heldburg hörten sie von Bürgern und Landleuten, die neugierig +auf die Höhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich +hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es +brenne, und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General +Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt +werde. Rasch galoppirten die Reiter den sandigen Weg zur Höhe hinan, +und der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkischen, +sonst so friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich +unter ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden +sollten, in denen sich die Söhne eines und desselben Landes, im blutigen +Streite zwischen Königthum und Republik, zerfleischen wollten. Große +Heereszüge schwenkten durch die sanftgehügelten Ebenen, dort blitzten +Flinten und Bajonette, dort Helme und Cürasse im Sonnenglanze; dort +zogen in endloser Reihe Rüst- und Pulverwagen und Geschütze heran, dort +schlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den +Thürmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in +diesem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom +nahen Marktflecken Hellingen scholl wüstes Geschrei und Gebrüll des +Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher +nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und +außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen +Scheußlichkeit, die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte. + +Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig’s Begleiter, ein wackerer und sonst +unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gräuel. – Was +meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig die +Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein stürzen? + +Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte +bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend, +fragte er: Wie steht’s, willst Du mit, Philipp? + +Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erst fragen, +gnädiger Herr! + +Und Sie, Herr Grimm? – + +Das ist mir nur ein Spaß! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen +Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf +erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich +königlicher Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die +Reißaus-Armee, die er zu befehligen hatte, seine »sechzigtausend +Läufer«, wie der alte Fritz sagte. + +Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem +Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom +General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief für +das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach. + +Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort +durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide, +das noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die +eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der +Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus +diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde +mit Kolben gestoßen, geschlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten +bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem +fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern an +den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den schändlichsten Muthwillen +gegen Mütter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf den +Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Häusern +wurde Alles geraubt, zerstört, verwüstet, aus den Fenstern schüttelte +man die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte +der rasende Feind die Fässer voll Frankenweines und ließ, was er nicht +trank, auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und +den Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall +einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine +Begleiter das unermeßliche Elend nur in diesem einen Dorfe, und doch +ging es so in jedem, das die Heersäulen der Franzosen auf ihrem Zuge +berührten. + +Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig herrisch +einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstieß. + +Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten, +die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der +Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räucheriger, architectonisch +mit Schnitzwerk und krummen, verschränkten Kreuzbogen gezierter Bau war, +gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schöner Neubau vollendete +Kirche seltsam abstach. + +Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur +liegenden Küche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag +ganz voll von Geflügel aller Art: Gänse, Enten, Tauben, Rebhühner, denen +allen die Köpfe fehlten. Ein Koch war beschäftigt, zu sieden und zu +braten, Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das +ganze Haus füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militärisch grüßte +und die Frage an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung +nicht sprechen könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus +dem Hause, ein Mann von Mittelgröße und martialischem Aussehen; ihm auf +dem Fuße folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem +Bau, dabei von vollendeter Formschöne und nicht unfreundlichen Zügen; +hinter diesen schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von +vielleicht fünfzig bis sechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge. +Ludwig und der Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein +Bürgergeneral! begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf +ich bitten, mir einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu sagen, mit +wem ich die Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein +Abgeordneter des Herzogs von diesem Lande. + +Ich bin General d’Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein +General-Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David. +Womit können wir dienen? + +Bürger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der +Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses +Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, daß er die +dem Gesammthause Sachsen zugestandene Neutralität auch gegen das Haus +Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese +Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein +Neutralitätsvertrag nicht vollständig zu Stande kommt, soll dem +herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die +Feindseligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht +geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen, +Bürger-General, in diesem friedlichen und neutralen Lande! + +D’Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan eigenhändig +unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Hand darauf und +entgegnete, indem er es zurückgab: Was wissen wir vom Geschmier der +Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei! + +Der Herr General erlauben gnädigst – nahm jetzt auch der herzogliche +Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch +vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl +ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlängst in einem +Nachbarort französische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt +haben, daß die Sächsische Neutralität beim ganzen Heere respectirt +werden und jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll. + +Nun denn! wandte sich d’Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen wir +die Neutralität respectiren, so viel sich thun läßt. Gib sogleich +Befehl, Bürger David, und allen Bürger Kapitäns sei es gesagt, es soll +sich Keiner unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu +rauben oder auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner! + +Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen +Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drängte sich an +seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüsterte: Um +Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstören uns die ganze Orgel! + +Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte, +trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstören +unsere schöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie! + +Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er in +der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte +mit raschen Schritten dem Schulmeister, der ihm voran in die neue Kirche +eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und +theilte auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstörenden +Soldaten so viele und schwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut +aufschrieen und schwuren, in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren. + +Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David +und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine +Viertelstunde, so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle +nachrückenden Truppen mußten sofort ohne Rast hindurchziehen, aus der +Kirche kam d’Hautpoule sehr erheitert zurück und sprach zu Ludwig und +dem Beamten: Nichts wirkt schneller und heftiger, wie Prügel. Diese +Sprache verstehen die Hallunken aller Völker, Prügel sind die wahre +Weltsprache, und die Gelehrten werden sich vergebens die Köpfe +zerbrechen, um eine bessere zu erfinden. + +Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof zurück; +das Geschrei der Einwohner verhallte allmählig. Mortier, so riesenhaft +seine Leibesgröße war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut seines +Gesichts und seiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem Grafen, dem +Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und versicherte allen, er meine es +gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten. + +Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte +stand, welche mit Wein gefüllt war. D’Hautpoule war sehr artig gegen den +Besuch aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil +zu nehmen, fuhr mit bereitstehenden Biergläsern eigenhändig in die +Bütte, füllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gästen und dem Pfarrer +dar und rief lustig und froh gelaunt. #A votre santé et bonheur!# Alle +andere Offiziere, soviel die Stube faßte, drängten sich herzu, schöpften +ebenfalls und tranken; man setzte sich auf hölzerne Stühle, der General +saß auf einem dreibeinigen Schemel, Mortier und David hatten die +Ofenbank besetzt. Der Koch brachte mächtige Bratenstücke herein, der +Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch Messer und Gabeln waren +vorhanden, man aß aus der Hand, nur der General schnitt sein Fleisch mit +einem Schnappbastelmesser. Die Bütte Wein war bald geleert, eine zweite +wurde aus dem Keller herauf geschafft, dann erfolgte ein rascher +Aufbruch, ein kurzes Adieu. + +Ein Wehe war dahin, wie geschrieben steht in der Offenbarung, »aber +siehe, es kommen noch zwei Wehe.« Dem Volke d’Hautpoule’s folgte die +Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General +richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig +entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieses Landstrichs, +auf Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der +Divisionsgeneral Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach +dem Schlosse begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde, 25,000 +Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um +den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier +in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, +litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und +zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort +beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber +wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen +Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende +schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in +seinen Tornister. + +Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten +Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde +wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie +Teufel. + + + + +12. Das Wiedersehen. + + +Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage +nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu +leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten +Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der berühmte +Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise +wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie +nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem +Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten +litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach +Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken Flügel befehligte, und +dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so +wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach +angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus, +keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche +die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben. + +Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von Hildburghausen +aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen Bemühen es so +eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode, womit ein +Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntniß der Sprache zu +befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles Schreckliche, was +er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin kamen, daß +die französischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den Main herauf +bis Haßfurt gerückt seien, wo sie brandschatzten und plünderten, +zitterte das arme Städtchen bereits. Die ersten Truppen waren +kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister +von Wartensleben’schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait +und Beaulieu, und überschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes +Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen, +Tiroler Scharfschützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour, +Royal Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale +suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und +Oberst von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das +kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen über den Main, +kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen begannen. +Alles wurde durchsucht, durchwühlt nach verborgenen oder vergrabenen +Schätzen; mit dem Waizen der jüngsten Ernte wurden die Pferde gefüttert; +die Gegend von Königsberg hat schönen Weinbau; man schlug die Zapfen aus +den Fässern und ließ den Wein in die Keller laufen, das gemahlene +Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe geschüttet, kurz, +jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult, Laval und +Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf Silber zu +speisen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen Städtchen +nicht Silber und Servietten genug besaß; am Schlimmsten erging es auf +den Dörfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wäsche, +Stiefeln, Schinken, Würste die willkommenste Beute. + +General Lefebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern +zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die +schwierige Sachlage überschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten +könne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Koloß dieser +Heereszüge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen +Schutzbrief für das Land Hildburghausen, namentlich für die Residenz, +und nächst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren +und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo +es nöthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in +Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die +französischen Armeen völlig diese Gegend verlassen haben würden. + +So eigenthümlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher Ludwig +dieselbe vorbrachte, seine rührenden, menschlich schönen Beweggründe, +die Mittheilung besonders, daß in demselben Lande, für welches jetzt +Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine Anzahl +gefangener französischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren, vom +Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worüber der +Hildburghäuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte schriftliche +Dankesbescheinigung bei sich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die +Erfüllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur +Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch sollten keine +Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die +Etappenstraßen nicht verlassen. + +Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig nahm +mit seinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das coburgische +Städtchen Rodach. Er sorgte dafür, daß die zehn Mann Bedeckung sich +häufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser Leute Zuneigung. +Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und kürzten den Weg durch +heitere Gespräche und muntere vaterländische Chansons. + +Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem +eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und +hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstraße +liegt, die vom deutschen Süden nach dem deutschen Norden führt. Der +Beamte war müde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube +niedergelassen; Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längst gute +Kameradschaft mit einander gemacht, und saßen beim Bierkrug gemüthlich +beisammen, während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie +jene der Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele +Dorfjungen vor dem Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu +sehen, die zum Theil vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein +tranken. Ludwig ging in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken +schweiften weit in die Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen, +nach der Großmutter, nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach +Paris, Amsterdam, dem Haag, nach London, nach Castle Chatsworth. + +Wenn sie Zauberspiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu +sich selbst: und sähen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in +dieser eigenthümlichen Umgebung, an der Landstraße, dort drüben das +große, schöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der französischen +Republik umgeben, sie würden sich wundern, würden fragen: Was soll das +bedeuten? Wo ist er, und wie kommt er dorthin? + +Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft, +das Obst an den Bäumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem +traulichen Gemurmel wälzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur. +Welche Gegensätze, hier diese schöne ländliche Stille, und nur wenige +Stunden jenseits der südlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges, +Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere +geschlagen, zersprengt, flüchtig und von der Hand der Vergeltung alle +strenge Züchtigung empfangend für das Unglück, womit sie die Länder +heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten! + +Von der Ferne, aus der schönen Allee, die von Eishausen nach dem nahen +Dorfe Adelhausen führt, schallten Posthornklänge, es schien eine +Extrapost zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt. +Die Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen +im Chor ein französisches Liedchen: + + #Zon, ma Lisette, + Zon, ma Lison! + Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon. :|: + Pour combler mon amour + Faisons sur ma couchette + Ce que la nuit le jour + Chacun fait en cachette. + Zon, ma Lisette, + Zon, ma Lison, + Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:# + +Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hörten sie +den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten +Gassenhauer! sprach Ludwig. + +Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte +Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein +Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit +ängstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht +halten! Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! – Ein Lakai auf dem +Bock wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile. + +Ludwig blickte, während der Postillon mit Unmuth an den Zügeln riß, um +die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das +schöne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen, +ganz gewiß, neben ihm saß eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein +junges bildschönes Mädchen, und dieses Mädchen rief mit heller Stimme: +»#Oh mon Dieu! mon Dieu!# Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell +Doorwerth.« + +Maßloses Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen heraus +schrie jetzt ein bärtiger Sergeant: #Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon! un +Prince de Condé!# und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft +zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im +gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Höhe hinan, die dicht +hinter Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es +war kein Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als +Freund des Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte, +derselbe, der, wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind +besucht hatte, während Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von +Großbritannien und Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit +machte. Das Kind, das Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen +Augenblick gesehen, dessen süße und liebliche Stimme sein Ohr so eben +berührt, es war Sophie gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche +Sophie, Angé’s theuere Schutzbefohlene! – Noch hatte Graf Ludwig alle +diese Vorstellungen kaum ausgedacht, so fuhr eine zweite +Extrapostkutsche heran, neben dem Kutscher saß ein Kammermädchen; aus +dem Schlage wehte ein grüner Schleier, ein Blick auf die im Wagen +sitzende Dame und Ludwig schrie Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd! + +Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb +stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig +vorüber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den +Schleier zurück schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O +Angés! – Aber der Postillon, im Wahne, daß seinen Reisenden Gefahr +drohe, denn die Dame war nicht allein, es saß noch ein ältlicher Mann im +Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten +Wagen nach. + +Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend auf +und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem +Glauben bestärkte, daß er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die +Pferde zur Höhe hinan, daß sie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte +der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher mit +einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte, +der Postillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den +Schlag, und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Bist du es +wirklich? + +Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! – Und du? – Wie +treffen wir uns hier? + +Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angés? Woher? +Wohin? + +Weit – weit fort! mein lieber Freund! Es ist keine Sicherheit mehr in +Deutschland! Wir sind verscheucht aus jedem Asyle. Die Prinzessin +flieht, ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Diensten Seiner +königlichen Hoheit des Prinzen. + +So sehe ich dich, nur um dich abermals zu verlieren, Angés? rief der +Graf erschüttert aus. + +Es ist so des Schicksals Wille! seufzte Angés und Thränen entströmten +ihren Augen. + +Warum entzogst du dich unserm treuen Leonardus? fragte er sie nach einer +Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone. + +O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht +anders, ich mußte so handeln! Sprich Freund, – wo ist er? Siehst du ihn +wieder? Erzählte er dir von mir? Gewiß, das that er, sonst könntest du +mich nicht so fragen! + +Ludwig schwieg betreten – er fand nicht alsbald die Antwort; erst nach +einer Pause erwiderte er: Angés, ich muß dich ruhiger sprechen. Ich kann +unmöglich so mich mittheilen. Wird die Herrschaft nicht Rast machen? + +Nur so lange, als auf der nächsten Station umgespannt wird, war ihre +Antwort. + +Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angés erschrak, sie wähnte, es sei ein +Verfolger. Ludwig beruhigte sie, gebot seinem Diener zurückzureiten und +dem Beamten zu sagen, er möge mit der Schutzmannschaft nachkommen. +Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angés saß, aus den Augen +zu verlieren, aber welche mächtige Gefühle durchwogten kämpfend seine +Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, sie verließ wahrscheinlich +Deutschland, weshalb that sie das? O, sie liebt nicht heiß, nicht +wahrhaft! sagte Ludwig sich selbst. Was kann sie zwingen, ihre Freiheit +hinzuopfern? Wie in aller Welt vermag sie das über sich? Ach, und wie +schön ist sie noch! Wie himmlisch, wie rührend schön! + +Ich reise in Deutschland, erzählte Ludwig flüchtig im Nebenherreiten, – +komme über jene Höhen da droben, war bei der Armee – o Angés, ich hatte +mir vorgenommen, demnächst nach Süddeutschland zu gehen und unablässig +nach dir zu suchen. + +Angés erglühte, ihre Lage war peinlich, sie konnte nicht frei ihrem +Gefühle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angestrengte +rastlose Reise sehr angriff, machte ein grämliches Gesicht, sie ließ +also Ludwig sprechen und antwortete fast nur durch Zeichen und +Lächeln. – + +Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus +einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte sich auf +einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der +Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug +durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künste, Wahrsagen, Betteln +und am Liebsten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der +verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die +braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die +deutschen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich, +damit auch der höhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm +gekleidete herzogliche Rath, der stattliche und gravitätische Grimm, der +seinen Zopf ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz +Joseph Hollandinus den seinen getragen hatte – das Alles hätte einem +Maler mannichfachen Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher +Gruppirung geboten. Kammerdiener Grimm, der wohl schon häufiger mit +Zigeunern verkehrt haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun, +du schwarze Hexe! Willst du mir nicht prophezeien? + +Gern, mein allerschönster Herr! entgegnete die Alte – lasse mich nur in +deine große und gewiß sehr freigebige Hand blicken. – Alles drängte +näher heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im +Dorfe zerstreuen. + +Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch +im Felde gewesen, da steht’s, bist an manchem Galgen vorbei geritten, +hast viel geliebt, alter Junge – bist dem Weibsvolke noch immer nicht +gram! Ach, und diese Länge! Diese Länge! Mann, du hast eine Lebenslinie, +die ja fast schnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab’ Acht! Die +Natur hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel +erleben! Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du später nicht mehr +dienen! Sie werden dich und du wirst sie verlassen – wirst aber gute und +geruhige Tage haben, wirst steinalt werden. + +Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll, +dann würde ich am Ende auch so eine Schönheit wie du werden, so eine +Vogelscheuche und Nachteule! + +Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die +Alte. + +Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was +Gescheidtes! rief Grimm. + +Mit raschem Griff erfaßte er eine frische junge Frau, die er zu kennen +schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstände in den Kreis der +Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf! +Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde sich freuen – wer +weiß, ob dieses alte Teufelsgehänge da nicht deines Mannes Großmutter +ist? Ist auch so vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie diese da, – +kein Mensch weiß, wo er eigentlich her ist – doch will er ja aus dem +Zigeunerlande Böhmen sein, aus Hirschberg. – Wir sind nicht aus Böhmen, +Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt, +das Wort: Wir stammen aus Aegypten! + +Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief +Grimm. Ich will’s euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo +ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehüpft! Nun geschwind, +geschwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland +Jungfrau Grätzer – ach, es war das schönste Mädel weit und breit! Laß +dir wahrsagen! + +Mit großem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand, +und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei durchzumachen +haben, schönes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink auf deinen +Füßen sein! Wirst in einem großen Hause wohnen, aber das Haus wird nicht +dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand kennt, der kann +dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer treu sein – treu +wie Gold und mußt noch eine große Kunst lernen, die wenig Weiber können, +ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind! + +Und welche Kunst denn? fragte schüchtern die junge Frau. + +Ja, umsonst ist der Tod, mein liebstes Herzchen! entgegnete die Alte. + +Hier hast du etwas, alte Wetterhexe! rief Kammerdiener Grimm. Aber mach +es kurz! + +Die Alte richtete sich hoch auf, überflog mit einem flammenden Blick den +ganzen Kreis, der sie umgab, und sagte dann mit tiefem und +bedeutungsvollen Ausdruck: + + Schweig und leid’ – + Es kommt die Zeit, + Da schweigen macht Leides queit! – + +Der Wagen und der denselben begleitende Reiter hatten jetzt den Endpunkt +der Höhe erreicht, die sich auf dieser Seite steilab zum Wiesenthale der +Werra niedersenkte, im goldenen Reize des Sommerabends breitete sich zu +Füßen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779 neu erstandene +herzogliche Residenzstadt Hildburghausen mit regelmäßig und schön +gebauten Häusern und neuen Ziegeldächern aus, an ihrer südlichen Seite +das große, stattliche Residenzschloß, vor dem ein Wasserspiegel wie +Silber erglänzte. Das kleine Thalflüßchen, die Werra, die sich durch die +breiten Wiesenflächen schlängelt, erhöhte noch den Reiz der Landschaft. + +Bald war die Stadt erreicht und Angés sah mit Sorgen dem Augenblick +entgegen, wo sie Angesichts der Prinzessin, an welche sie ihr Leben +gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich sprechen sollte. Sie +bat daher Ludwig, noch ehe die ersten Häuser erreicht waren, +vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen. + +Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt sein Pferd an. Zum +alten Jacques sagte Angés: Dieser Herr ist mir ein sehr werther Freund, +und ist zugleich der innigste Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den +Sie so treulich pflegten! + +Der alte Jacques antwortete Angés gar nicht, er schlief. Ludwig war sehr +verstimmt; Angés’ Furchtsamkeit und ihre große Rücksicht auf jene +Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als heimathlose +Flüchtlinge, verletzte sein Gefühl, trat seinem Ehrgeiz, seinem +Selbstbewußtsein, trat vor Allem einer sich selbst nie vollkommen +eingestandenen zärtlichen Neigung feindlich entgegen, und er überlegte +wirklich einen Augenblick, ob er Angés während des gewiß nur sehr kurzen +Aufenthaltes noch einmal sprechen, oder sie ohne Wiedersehen dahin +ziehen lassen solle, wohin das stärkere Band sie zog? + +Aber nur einen Augenblick schwankte er so. Ein zärtliches Herz sucht und +findet tausend Entschuldigungen bei einem Zweifel, und sein Vertrauen +gleicht einer rauschenden Fontaine, die wohl bisweilen kleiner wird, in +sich selbst zusammen zu sinken droht, dann aber wieder frisch und +kräftig ihre leuchtende Garbe in die Höhe treibt. + +Ludwig, den Philipp, während es noch die Anhöhe hinaufwärts ging, zum +zweitenmale eingeholt hatte, stieg ab, gab dem Diener sein Pferd und +ging nach dem Posthause, das zugleich ein Gasthof war. + +Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die +Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich +darauf in ein zweites Zimmer zurück und verschlossen dasselbe. Ludwigs +Blicke suchten Angés, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques +grüßte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr +Leonardus, Sie wieder so frisch zu sehen, hätt’s nicht gedacht, daß Sie +sich so schnell erholen würden. Waren doch recht herunter! Die +verdammten Hunde die – werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch +nicht eine Spur von den Canaillen zu entdecken gewesen! + +Ludwig erwiederte nichts, er sah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor +gekannt, für Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angés hinter +ihm, faßte seine beiden Hände und sah ihn dabei so innig, so flehend an, +– hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieses Blickes +willen vergeben müssen. + +Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte +der Kammerdiener Angés. – Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lächelte +schmerzlich über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen +klopfte ängstlich das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei +diesem flüchtigen Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht +mittheilen? Sollte er ihr dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg, +wo sie Niemand hatte, der mit freundlichen Worten des Trostes heilenden +Balsam auf ihr wundes Herz legte? – Aber durfte er es ihr denn +verschweigen, durfte er die Grüße des sterbenden Freundes, die ihm +aufgetragen waren, unterschlagen? – Der Kampf war bitter, der in ihm +rang – Angés’ Worte unterbrachen denselben: Lieber Freund! Seine Hoheit, +der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie – die wäre hier nicht am Ort! +Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar! + +Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft +eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich +entgegen und verriegelte sogleich die Thüre. + +Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil +wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles +Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte, – ob er die Prinzessin gesprochen, +die sich dieses Kindes jetzt mit so großer Liebe angenommen zu haben +schien, und welche von Angés als Gesellschafterin auf dieser eiligen +Reise aus dem deutschen Süden in den fernen Norden begleitet wurde – +darüber können wir nichts berichten. + +Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des Prinzen +trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine +Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso +rasch ein, – Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés +folgte, drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und sagte +ihr nichts, als: Angés! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener, +seinen Sitz einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie +recht wohl, mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl +zu sehen! – Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den +Grund zurück, Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem +wehenden Tuche. Ludwig stand wie betäubt. + +Am Abende dieses Tages saß er noch lange und schrieb mehrere Briefe, +einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte über +seine jüngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach +Amsterdam an Leonardus Mutter – eine für ihn doppelt schmerzliche +Aufgabe, als deren Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist +des verklärten Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen +tiefempfundenen Brief schrieb er ferner an seine mütterliche Freundin in +England, die jetzt auf dem Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine +Stelle in diesem Briefe lautete: »Mein Leben, o meine innigstverehrte +Freundin, ist fast nichts als eine Kette der schmerzlichsten +Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich fühle es, ein Stück vom +Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich nicht fürchten, am +Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben und den Menschen ein +Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir mein Herz so grausam +nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon so viel Leid tragen +zu müssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und Jünglingsjahre flossen +ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus heiterem Himmel, +die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war so mit herber Säure +gemischt, daß ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnürte. Im Paradiese +war ich und wußte es nicht, eine einzige böse Stunde, und ich war aus +ihm, verstoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an meinen +unseligen Fluch mich quält, der mir selbst zum Fluche wird! Immer stehen +vor meiner Seele jene drei Gemälde Wouwermann’s, welche das Wohnzimmer +der Großmutter in ihrem Hause zu Hamburg schmücken. Das eine, Schloß +Varel, mit einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd heimkehrender +Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches Gewimmel. Auch +ich kehrte einst fröhlich und heiteren Muthes unbefangen dorthin zurück, +ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für der +Großmutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der +theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem Rücken +an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphausen, von demselben Meister. +Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Roß und zu Fuß, +die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir jener +Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von Kniphausen, des +Wunderpokals, den _ihre_ Lippen für ewig weihten! Dieses Kleinod möchte +ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt, nicht die Diamanten der +reichsten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt es? Scheiden und Meiden.« + +»Und neben dem Bild von Kniphausen hängt das von Schloß Doorwerth, von +der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das +Fährhaus, in der Tiefe das stattliche mächtige Kastell mit seinen +Thürmen, Basteien, Schießscharten und der Zugbrücke. Kriegerisch blickt +es auf die flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach +der ihm eigenthümlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt +am Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fuß und Roß, eine +Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dünenschanze. Erlebte ich dort +nicht des kriegerischen Wesens genug? Mußte ich nicht auch dort scheiden +von Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?« + +»Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demjenigen, +welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in +Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schön, wie +umblühte es der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten +wandeln auf diesem Bilde – und was nahm ich mit hinweg? Wieder den +tiefsten Schmerz einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, so wird +es fortgehen, bis ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich +liebe, mehr um mich haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben +des Dunkelgrafen verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug. +Vom wackersten Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten +Freund mußte ich begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, daß ich +stets zittere, wenn mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht +wieder eine Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt +mich mein dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein +unseliger Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und +erst heute, ein Wiedersehen, an dessen nächste Secunden abermals eine +Trennung sich knüpfte. Körperlich bin ich gesünder geworden, geistig +leide ich mehr als je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen +würdigen und erhabenen Zweck, das ist ein Unglück, ich selbst kann mir +keinen schaffen, das ist ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung +noch nicht aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht +weit suchen.« + +»Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich +erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus +der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten Lebensweg +Ihres + + Ludwig.« + +Der herzogliche Beamte rückte mit dem Kammerdiener Grimm und den zehn +Mann Schutzmannschaft Abends in Hildburghausen ein. Als er seinem +Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg seiner Sendung Bericht erstattete, +in der Meinung, der Graf habe dies schon am Abend vorher gethan, fragte +der Herzog: Wo ist der Varel, wo ist er? Ist nicht bei mir gewesen, hat +mir Nichts gesagt, sagt überhaupt nicht gerne was, der Sonderling, der! + +Der Büchsenspanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, höfliche +Abschiedskarten. + +Graf Ludwig war abgereist. + +Am nächsten Tage war er vergessen. + +Was er Gutes für das Land gethan, auch die ausgewirkte Schutzmannschaft, +das Alles wurde jetzt dem Verdienst des Beamten angerechnet, der den +Grafen begleitet hatte, er empfing das volle anerkennende Lob seines +Herrn, des Herzogs, und nahm es bescheiden hin, wie einem treuen Diener +ziemt. + +Eins nur fesselte aus jenen Tagen in Hildburghausen dauernd des Grafen +Erinnerung. Das war jenes stille friedliche Dorf, wo er zuerst Sophie, +wo er Angés wiedergesehen hatte. + + + + + Dritter Theil. + + Das stille Schloß. + + + _Motto:_ + + Wir singen und sagen vom Grafen so gern, + Der hier in dem Schlosse gehauset. + + =Goethe.= + + + + +1. Eine Sterbestunde. + + +Trübe schaurige Herbsttage, mit denen des Jahres unfreundlichster Monat, +der November, die Fluren überschleierte, wechselten mit unheimlichen +Nächten. Zwischen heftigen Sturmstößen, welche die Schlösser +erschütterten und sie in ihren Grundfesten erbeben machten, wurde zu +Varel wie zu Kniphausen von fern her der Wogendonner der Nordsee +vernommen, sie und die Flut im Jahdebusen schlug hohe Wellen. Es regnete +und schneite zu gleicher Zeit fast unaufhörlich durcheinander. In ihrem +Zimmer saß die alte Reichsgräfin, starr, mit ganz verfallenen Zügen, +aber immer noch körperkräftig und noch weniger verlassen von den Kräften +ihres seltenen Geistes. Sie war ganz allein; die schöne Cyperkatze, die +sich einst so traulich an sie angeschmiegt, war längst gestorben. – Im +leisen Selbstgespräch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnlosen +Mundes, und gab den Empfindungen Worte, die ihr Herz in schwerem Kampf +bewegten. + +Es ist Alles eitel unter der Sonne, Alles, sprach sie mit den Worten +Salomo’s, deren erschütternde Wahrheit der Mensch mehr und mehr erkennen +lernt, je näher er dem letzten Ziel dieses irdischen Lebens kommt. Hier +stehe ich nun, eine in sich selbst zusammenbrechende Ruine, und was habe +ich nicht Alles erlebt, gethan, geschaffen, für wie Viele mich abgemüht, +und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie jener +große Weise des Alterthums, kann ich nicht sprechen gleich ihm: »Ich +machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume +darein?« – Mein Marienthal grünt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt +sich seiner kühlen Schatten. »Ich machte mir Deiche, daraus zu wässern +den Wald der grünenden Bäume.« Noch andere Deiche schuf ich, die das +Land beschützen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf für +dieses Land. »Ich hatte Knechte und Mägde und Gesinde,« habe sie noch, +füttere und nähre Viele umsonst, deren ich nicht mehr bedarf, die aber +meiner bedürfen. »Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und war den +Königen und Ländern ein Schatz«, spricht der weise Prediger. So that +auch ich; ich sammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in +Erz, welches der edle Rost von Jahrtausenden ziert, meine Münzen. Und +was wird das Loos dieser Sammlung sein? Die sie nach mir besitzen, +werden gemünztes Gold und Silber nöthiger brauchen, werden meinen Schatz +verkaufen, und er wird allmählig wieder kommen in die Hände der Händler, +wird zerstreut werden, wie er vor mir zerstreut war, denn es ist Alles +eitel, ja, »da ich ansah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte, +und die Mühe schätze, die ich gehabt hatte, siehe da war es Alles eitel +und Jammer und Nichts mehr unter der Sonne.« Jammer, ja wohl, Jammer! O +du hoher Prophet, du Weiser im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte +sah ich verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes +Besitzthum sah ich verloren gehen und mich dessen beraubt werden, womit +ich Andere glücklich machen wollte, mein geliebtester Enkel ist weit, +weit von mir gegangen, wird mir nicht die Augen zudrücken, zieht einem +jungen schönen Stern liebend nach, und drüben in Kniphausen bricht ein +reines, edles Herz an einem Weh, das unaussprechlich ist. Jammer! +Jammer! Und so werde ich mit vollem Rechte sagen müssen mit dem +Prediger: »Mich verdroß alle meine Arbeit, die ich unter der Sonne +hatte, daß ich dieselbe einem Menschen lassen mußte, der nach mir sein +soll. Denn wer weiß ob er weise oder toll sein wird, und soll doch +herrschen in aller meiner Arbeit!« + +Fort mit den thörichten Gedanken! rief aus ihrem trüben Sinnen sich +aufrichtend die Reichsgräfin; mit derartigen Gedanken sich zu quälen, +ist auch eitel, und »der Herr,« singt der Psalmist, »der Herr weiß die +Gedanken der Menschen, daß sie eitel sind.« + +Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich lasse die Herren bitten! + +Es stand ein großer grüner Tisch im Zimmer, fünf Polsterstühle +umstanden denselben. Die Reichsgräfin ließ sich auf dem Sessel am oberen +Ende dieses Tisches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden +Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen +ein; es waren der Hofrath Brünings, der Rath Melchers, der Secretär +Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel +hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte, +wenig paßte. + +Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen! sprach +mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem +Winke Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die +Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns +heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue +aufzunehmen, deren völliger Abschluß stets durch unverhoffte +Widerwärtigkeiten hinausgeschoben und verzögert wurde, von denen die +wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ältesten Enkels, des +regierenden Herrn, war. Nach unsäglicher Mühe, die wir es uns kosten +ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich +gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen +zurückzugeben, was nimmermehr geschehen wäre, wenn ich nicht Himmel und +Hölle beschworen hätte, denn ich muß es immer sein, die in meiner +Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England übergesiedelt und +hat mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatverträge +abgeschlossen. Höchst erwünscht wäre für uns die Anwesenheit meines +ältesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere +Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drüben das +Aeußerste zu befürchten ist, so würde es zwecklos sein, unsere Berathung +auf die nächste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der +lebhafteste Wunsch meines ältesten Herrn Enkels war und ist, sich im +Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr +Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und +beiderseitigen Wünschen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im +besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem +Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglückliche +Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch, +meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu +Stande kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie +zu Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und +mein Leben neigt sich rasch zu Ende – ist es doch ein Wunder, daß der +altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hören Sie den entsetzlichen +Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe +haben mich gar oft durchschüttert, endlich bricht der Damm, endlich +fluthet die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens +dahin! Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmächtigten meines +ältesten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten +Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles +genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten +Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, während +ich mich zurückziehe, allseits nach bester Einsicht. + +Die Reichsgräfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem +Zimmer in das anstoßende Gemach. + +Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die +Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abänderung erfahren +hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe +sollten ab sein für immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig +vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprüche sollten fallen, +wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen +künftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei +Lebzeiten der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten +werden, dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht +worden, nämlich 150,000 holländische Gulden in näher zu bestimmenden +Terminen, 14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem +Tode der Reichsgräfin an deren Miterben für den Besitz der deutschen +Güter ebenfalls in den bisher gewöhnlichen Terminen, und über diese +Summe solle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei +stehen, ebenso wie über ihren sämmtlichen Hamburgischen Nachlaß, jedoch +mit Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen +Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angeführt werde, +damit nach Illustrissimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen +Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwürfniß +hinfort Alles ehren- und standesgemäß verhandelt werde. + +Es sind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieselben Artikel, mein +verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gnädigen Herrn +Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben. + +Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um +Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen, +daß es auf keine längere Verzögerung abgesehen ist von Seiten des +regierenden Erbherrn. + +Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs-Artikel +einzuschalten sein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung +alles Zugesagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die +Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum eigenthümlichen Besitz +übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den bestimmt +ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe unsers Enkels, des +hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und +vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und übergeben, +kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit Doorwerth; +auch ferner wörtlich den Passus, daß inmittelst Seine Hochgeboren der +regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als Allodial-Güter +handeln könne nach seinem Wohlgefallen. + +Ich weiß doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der +Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu +Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt +von mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus +nicht ein, und ich würde meiner gnädigsten Gebieterin ebenso wenig +anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angeführten +Stellen wörtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht +wirklich statt der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger +Banco die erstbedungene Zahlung von fünfzigtausend Gulden völlig und +baar entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschäft +bleibt doch immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen +oder kann Hochderselbe nicht zahlen? + +Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete +Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so +würde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten! + +Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr +ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im +Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin äußern muß, selbst wenn +Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in +keiner Weise persönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die +großmöglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und können Sie +es verhehlen, daß derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren +schon vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir +bestätigen wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgesagt, ebenso der beste +Freund, Graf Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von +Portland? Und nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen +Herrn damals die Summe von fünfzigtausend Gulden zur Verfügung stellte, +mit der dieser ebenso großmüthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen +glaubte, damit aber nur Wasser in die Zuider-See goß! Nie wird diese +Summe, die, statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden, +für politische Gaukeleien zersplittert wurde, zurück bezahlt werden +können, denn sie wird ja nicht einmal verzinst. + +Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus, +die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und +Ehrenmannes, eine politische Gaukelei? + +Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon +ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Gesicht, das zu +dem feinen, spitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brünings einen +sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns über +politische Ansichten zu streiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und +will die Meinen nicht bekämpfen lassen. Gaukelei im erwähnten Sinne +nenne ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete, +die der Welt unnütz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne +Ueberlegung beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen. + +Für Leute solchen Schlages, warf Brünings voll sittlicher Entrüstung und +tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine +Vaterlandsliebe, keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen schlägt nie das +Herz in der Brust unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jammerruf +der geknechteten Menschheit, sie verschließen ihr Ohr der Wehklage um +die hingemordete Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des +Vaterlandes! + +Mit Absicht verschließe ich nie mein Ohr, hochgeschätzter Herr College, +versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser +Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten +keine Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in +toller Nachäfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und +diese womöglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder +waren es Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hüte +auf den Köpfen behielten und einander den Titel _Bürger_ beilegten? Doch +genug, bester Herr College, über dieses in der That affreuse Kapitel. + +Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder +zurück und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die +Streitenden mit ironischem Lächeln. Wir werden hier am friedlichen +Jahdebusen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geschichte gährt +und streitet. Wir Deutsche sind überhaupt niemals unpolitischer, als +wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also +sind der Ansicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die +Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung +leisten zu können? + +Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau +Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertundfünfzigtausend +Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung +und Austausch der Contracte, fünfzigtausend Gulden angezahlt werden, mit +Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco. +Acht Wochen später und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit +Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern +mit hunderttausend Gulden erfolgen, und außerdem soll der Erbherr, +innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit +ist, der hochgräflichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf +fünfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behändigen. + +Eine Obligation, nahm Brünings hastig das Wort, welche der gnädige Herr +sehr gut ausstellen kann, da ausdrücklich bedungen ist, daß diese Summe +nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin selbst, noch von einem +sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich +günstigere Finanz- oder besondere Glücksumstände ereignen. + +O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den +Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe +in der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glücksumstände? Da thun +Sie mir leid, das sind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers! +Bedenken Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach +sind Sie nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist +die Obligation eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer bürgt für ihn? +Auf welche Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo fließen ihm +außergewöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in +welcher Niemand sagen kann, daß sein Vermögen gedeckt und gesichert sei, +und seine zeitlichen Umstände nicht schneller Umwandlung erliegen? +Möglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz +hingearbeitet. Dann sind wir die längste Zeit Herren in den +Herrlichkeiten gewesen. Dänemark greift zu und vereinigt dieses Land mit +Holstein. + +Nun denn, sprach Brünings: wenn es so steht, daß an die Stelle +erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn statt +bedachter Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich +rathen, mit dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschäft noch zu warten, und +Alles einer sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung +anheim zu geben. + +#Concedo#, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht’ es gleich, +daß wir uns einigen würden; inzwischen wird wohl für meine hochgnädige +Gebieterin das Beste sein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie +es auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein +Gerathewohl hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen +Schicht! + +Und sind so weit wie zuvor! rief plötzlich die Stimme der still wieder +eingetretenen Reichsgräfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Rußland, +Frankreich, England, Oesterreich, Preußen, Deutschland, Schweden, +Dänemark und die Türkei mit einander Kriege führen und zuvor die +Streitfrage diplomatisch ausfechten wollten, so könnte kaum langweiliger +und unentschiedener gehandelt werden, als hier der Fall ist um ein +einziges Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich _will_ es meinem +ältesten Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht überein, warum +wird nicht abgestimmt und abgeschlossen kurz und rund, wie ich es will? + +Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es +völlig einerlei ist, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen +stimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen ist, hingezögerte und +verklügelte Verhandlung wurde hier plötzlich durch den Eintritt des +alten Dieners Weißbrod unterbrochen, welcher sich mit der Meldung zu der +Reichsgräfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gnädigst die Störung, +aber die Sache ist dringend. So eben kam ein reitender Bote, über und +über triefend, und halb erstarrt, von Kniphausen herauf. + +O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung +ergriffen: + +Der Bote kommt vom gnädigen Herrn! berichtete Weißbrod: er hat keinen +Brief, der Herr haben ihm mündlich aufgetragen und auszurichten +anbefohlen, daß – + +Was? Heraus damit, rief die Gräfin fest und entschieden, als Jener in +seiner Rede stockte. + +Des Erbherrn Gemahlin wären sehr krank und wünschten dringend Ihre +Excellenz noch einmal zu sprechen. + +Ottoline! Das arme Herz, ich hab’ es geahnt, sprach die Reichsgräfin +leise vor sich hin: wohl denn, es geschehe ihr Wille. + +Aber Excellenz, rief Weißbrod bestürzt; das entsetzliche Wetter! + +Gegenüber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Lasse +gleich den großen Glaswagen anspannen, sage der Windt, daß sie mich +begleiten soll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den +Gefallen zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene +Quittung mit – das Weitere flüsterte sie so leise, daß nur der +Haushofmeister es vernahm, dann wandte sie sich wieder zu den Uebrigen. +Ihnen, meine Herren, danke ich für die abermalige fruchtlose Bemühung +ganz nach Verdienst. Ich sehe ein, daß Sie allseits es redlich und treu +mit mir meinen, aber langweilig ist die Sache, sehr langweilig. Selbst +das hochweise Kammergericht zu Wetzlar ist nicht langweiliger und +weitschweifiger. Und nun soll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden, +gar Nichts, nun will ich nicht mehr! Niemand soll wieder davon mit mir +zu reden anfangen, ich verbitte und untersage dies ernstlich. Adieu, +meine Herren! + +Bitterböse rauschte die Reichsgräfin aus dem Zimmer und warf dessen +Thüre mit ungnädiger Heftigkeit hinter sich zu. + +Ein böses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brünings und zog +die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr +Haushofmeister, erkälten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die +bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen +haben. + +Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen über +Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach Kniphausen +dahin. Herr Brünings aber hatte sich doch geirrt; die hochbejahrte Frau, +die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den Wunsch einer dem Tode +nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in Schleier gehüllt und saß +während der ganzen Fahrt still und regungslos im Wagen. Vor ihr hatten +Windt und dessen Schwester den Rücksitz eingenommen. Da die Herrin nicht +redete, wagten auch ihre Begleiter nicht zu sprechen. Die Made war +furchtbar angeschwollen, fast war die Brücke bedroht, jetzt zeigte sich +formlos in Nebelschleiern das stattliche Schloß, grau wie ein +Gespensterhaus. + +Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei +herüber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer sein +Nest hatte, schrie so laut und ängstlich. Noch eine bange Viertelstunde +und Schloß Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des +Jahres 1799. + +Der Erbherr trat der Reichsgräfin verstört entgegen, es war ein +trauriges Wiedersehen. Großmutter und Enkel wechselten nur wenige Worte, +die Dienerschaft stand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele +hatten verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche +Sorge sehr verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er +hatte seine Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und +verletzendes Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und +ihrer idealen Anschauung des Lebens stimmte – wenn auch, was ihrem +scharfen Blick nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau, +die erst während seiner Abwesenheit in das Schloß gekommen war, und, +obschon die Tochter eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch +ungemein viel Bildungsfähigkeit besaß, ihn sichtbar interessirte und +unruhig machte. Es war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes. + +Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab, in +welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand; +Windt war bei ihm, ihre Gespräche galten Doorwerth. + +Im Zimmer Sara’s weilten Ottolinens Kinder; die älteste Tochter Maria +Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mädchen von +sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück +gewesen, und nun dieses liebevolle, zärtliche Herz verlieren sollten. + +Am Lager der schwer kranken Herrin saß die alte Reichsgräfin. Ottoline +hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den +tiefeingesunkenen großen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone +empor. + +Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche. + +Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgräfin; er zog seinem +Glücke nach – fast fürchte ich, er findet es niemals. + +Ach, – der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals +mein Leben für so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spät ihn +kennen, – ach – ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich sieben +Schwerter im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein +Schwert der Buße, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der +Hoffnungslosigkeit, ein Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen +– und nun – sind sie alle von mir genommen – ich fühle keinen Schmerz +mehr – ich fühle mich leicht – aber kalt. Meine Füße haben schon keine +Empfindung mehr. + +Nicht zu viel sprechen, meine Beste! mahnte sie die Reichsgräfin. + +Ach, ich ließ Sie ja bitten, würdige Großmutter, flüsterte Ottoline: +weil ich sprechen wollte zu Ihnen – mit Ihnen – von ihm. Jetzt, wo alle +Banden abfallen von der frei werdenden Seele, jetzt sage ich es, und +sage es Ihnen, und bitte Sie, es ihm wieder zu sagen, daß ich ihn +unendlich geliebt habe – ja unendlich – unendlich! Das sagen Sie ihm, +beste Großmutter – und er soll meiner nie vergessen – ach, ich möchte so +gern – ihm ein Andenken geben – wäre nur der Falke mein – der Falke, aus +dem wir tranken – den ich ihm kredenzte – er sollte ihn haben – das +wollte ich Ihnen sagen, Großmutter – das ist mein letzter Wunsch auf +Erden. + +Ich sichere dessen Erfüllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein +stummer, aber leuchtender, schon halb verklärter Blick dankte ihr; dann +erhob Ottoline beide Hände, und rief: Meine Kinder! Wo sind meine +Kinder? Ich will sie noch einmal sehen und sie segnen! + +Die Reichsgräfin gebot die Mädchen zu bringen, sie nahm sie selbst in +Empfang und führte sie an das Lager ihrer sterbenden Mutter. Ottoline +weinte ihre letzten Thränen, der Erbherr trat herein im stummen +männlichen Schmerz, der Schloßkaplan, die Kammerfrauen, Windt, die +Dienerschaft, Alle still, leise schluchzend. + +Bereits am Morgen dieses Tages hatte Ottoline das heilige Nachtmahl +empfangen. Jetzt begann der Schloßkaplan laut zu beten, während die +ganze Dienerschaft auf die Kniee sank. + +Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, sie +verschied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leisen Röcheln – und +über das stille bleiche Antlitz, über die vom Tode selbst +sanftgeschlossenen Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern lagerte +sich der Friede Gottes. + +Noch einmal erhob der Geistliche die Stimme, indem er nahe zum Lager der +Verblichenen trat, die Hände erhob und das Zeichen des Kreuzes über sie +schlug. – + +Die Reichsgräfin weilte später mit dem Erbherrn im Fremdenzimmer, beide +im stummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des Schmerzes +machen nicht gesprächig. + +Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jäger, trat ein. + +Rufe er den Hausmeister Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt! + +Was wollen Sie befehlen, gnädige Großmama? fragte der Erbherr, +überrascht von diesem Worte. + +Du sollst es gleich erfahren, gab die Reichsgräfin zur Antwort, und +Beide schwiegen wieder. + +Die beiden gerufenen Haushofmeister traten fast zu gleicher Zeit ein. +Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgefütterte +Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin. + +Nun, gnädige Großmama? fragte der Erbherr. Was haben Sie? + +Ich will meinen Falken mitnehmen! + +Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich weiß nicht anders, als daß die +Edelsteine Fideicommiß sind? + +Mein Diamantenschmuck, ja, die Diamanten deiner theueren Verstorbenen +desgleichen, der Schmuck, dessen sich Frau von Varel, deines Bruders +Gemahlin, geborene Gräfin Lynden, außer ihrem eigenen bedient, +desgleichen. Der Falk von Kniphausen aber ist mein – ich ließ ihn hier, +weil er hier an würdiger Stelle stand, und weil Ottoline an ihm ihre +Freude hatte. Doch damit in dieser ernsten Stunde deine Gedanken nicht +mich und nicht dich selbst verletzen, mein theuerer Enkel, so bitte, +lieber Windt – das Papier, das ich Sie ersuchte, zu sich zu nehmen. +Hier, mein guter Wilhelm! + +Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung über +den Falken, »gefertigt auf Befehl der Reichsgräfin Sophie Charlotte, +Herrin zu Varel und Kniphausen, mit namhafter Angabe des zu dem +Kunstwerk verwendeten Goldes, so wie aller Edelsteine, und der hohen +Frau Bestellerin zu Dank vergnügt quittirt von den Gebrüdern Dinglinger, +Königlichen Hofjuwelieren zu Dresden«. + +Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgräfin schob den Falken +mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen. + + + + +2. Das Andenken. + + +Graf Ludwig weilte wieder auf deutschem Boden. Er war jenen Reisenden +hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewöhnliches Vertrauen hatte ihn +beglückt, Angés hatte dieses Vertrauen bewirkt, ja selbst Sophie, das +herrlich sich entfaltende Kind, hatte dazu beigetragen. Den Herzog +nöthigten Pflicht und Ehre, seinen Lieben nur bis zur Grenze des +Sachsenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reise den Grafen, +der ihn im Thüringerwalde einholte, kennen und hochachten, und ihm, dem +ganz unabhängigen, der Sprachen wie der politischen Verhältnisse +kundigen Mann, vertraute er unbedenklich den Schutz und die Führung +seiner Lieben an, beruhigter eilte er zum Heere zurück und an die Spitze +des Corps, welches unter Prinz Ludwig Joseph von Condé errichtet war und +dessen Namen trug. Manche tapfere That wurde vollführt, bis der +Präliminarfriede von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die +Verabschiedung des Condéischen Corps bewirke. Aber dieses wollte sich +nicht auflösen; da erfolgte von Seiten des Kaisers von Rußland eine +Einladung an das ganze Corps, und der Prinz von Condé ging ihm voraus. +Der junge muthige Herzog, dem noch höher als die Liebe, der Muth die +Seele schwellte, blieb als Oberbefehlshaber des Corps an dessen Spitze, +leitete den Marsch durch Oesterreich, führte das Heer, 10,000 Mann +stark, nach Volhynien, eilte nach Petersburg, seine Angehörigen zu +begrüßen, und fand dort Gelegenheit, den Grafen Ludwig für seine treue +Anhänglichkeit und außergewöhnlichen Dienstleistungen angemessen und +durch eine entsprechende äußere Stellung zu belohnen. + +Das Jahr 1799 rief den Prinzen von Condé und sein Heer wieder unter die +Waffen; der Herzog führte zwei Emigrantenregimenter und das russische +Infanterieregiment Titow nebst andern Truppen und rückte nach Schwaben +und der Schweiz vor, wo die rühmlichste Tapferkeit entfaltet wurde und +der Herzog große Triumphe feierte. Verhältnisse des höheren politischen +Lebens, hauptsächlich der Rücktritt des Kaisers Paul von Rußland von +der Coalition, bestimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerste, +was er besaß, in Petersburg bisher genossen hatte, zu verzichten, er gab +Weisungen, daß die Frauen und ihre Dienerschaft sich in eine deutsche +Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben sollten. Da der Rath des +freundlichen Geleiters, den man als einen weitläufigen Verwandten durch +seine mütterliche Abstammung betrachtete und ihm volles Vertrauen +schenkte, von der Prinzessin erbeten wurde, so schlug Graf Ludwig +Hamburg vor, nicht nur, weil er selbst sich wieder nach Deutschland +zurück und in eine bekannte Gegend sehnte, sondern auch, weil er die +Ueberzeugung hatte, daß die Prinzessin dort ganz nach ihren Wünschen +zurückgezogen und in völliger Freiheit leben könne, während bei aller +Aufmerksamkeit, die man ihr erwies, das Leben am russischen Hofe ihr +doch auf die Dauer drückend geworden war. + +Im Verhältniß Ludwig’s zu Angés hatte sich Nichts geändert; es war und +blieb wie es von je gewesen, eine auf die höchste gegenseitige Achtung +sich gründende, reinste Freundschaft. Zart und schonend hatte ihr +endlich Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thränen waren +noch gemeinschaftlich um Leonardus geflossen; Ludwig hatte des Freundes +Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der +Erinnerung gemalt und mit vielem Glück getroffen, der Freundin +anvertraut. Es war das Bild der treuen Großmutter, der herrlichen +Mutter, es war das Bild der reizenden Ottoline und jenes der lieblichen +Angés, es war der Kranz von Bildern edler Menschen, die alle tiefen, +wunderbaren und unvergänglichen Eindruck auf sein Herz gemacht hatten, +jede einzelne Persönlichkeit auf verschiedene Weise, und alle einig in +dem Bestreben, ihn zu beglücken. Ottoline hatte ihn freilich so wenig +mit reichen Gaben bedenken können, wie Angés, aber sie hatte sein Herz +mit hohen Empfindungen erfüllt; der erste Strahl aus einem reinen +Frauengemüth war aus ihren Blicken in seine Seele gefallen, hatte ihm +seine Jugend verklärt, seinen Geist erhoben, dem fortan kein unreiner +Gedanke nahte. Und in Angés hatte Ludwig erkennen lernen, welchen +Reichthum edler Gefühle ein Frauenherz birgt; er hatte in ihr jenen +wahrhaften Seelenadel gefunden, der seinen Ursprung nicht aus alter +Abstammung und hoher Geburt herleitet, sondern aus dem eigenen +unentweihten Gemüthe, das wohl sich emporzuringen vermag auf den Gipfel +reinster sittlicher Größe und Hoheit. + +Angés war die große und doch so zärtliche Seele, die über sich selbst +den herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu +bekämpfen und ihr zu widerstehen, die Beide der Liebe so würdig waren, +die an ihrem Beispiel lernten, sich selbst zu beherrschen, und von denen +sie den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller +innigen Freundschaft den Andern liebte. + +So beharrend in würdiger und edler Selbstbeherrschung war Angés sich +selbst treu geblieben, und so hatte auch die Prinzessin ihr Wesen und +ihren Charakter von je erkannt und hochgeschätzt; sie wurde von dieser +wie eine Schwester behandelt und Angés blieb auch später die Ausbildung +und Leitung des geliebten Kindes überlassen. Die Einrichtung war so +getroffen, daß Angés nur in den nöthigen Fällen mit der Prinzessin +öffentlich erschien, daß die Wohnungen getrennt waren und keine Seele +den Antheil errathen konnte, den die Prinzessin an dem Kinde nahm. + +Graf Ludwig wußte, als er in Hamburg mit seinen Schutzbefohlenen +anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgräfin Ottoline; +er hatte auch von der Großmutter lange keine Nachricht erhalten und +leicht konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Indeß vermuthete er seine +würdige Gönnerin in Hamburg, und hatte sich nicht getäuscht. Er miethete +sogleich in der Nähe des großmütterlichen Hauses eine Wohnung für sich +und seine Begleitung und erfuhr, daß auch Windt anwesend und die +Reichsgräfin bedenklich erkrankt sei. + +Ludwig suchte den alten Freund auf, und diesen versetzte das +unvermuthete Wiedersehen in eben so viel Freude als Bestürzung. + +Sie finden Ihre Frau Großmutter bedeutend krank, Herr Graf! sprach +Windt; und was die Vergleichssache angeht, so sind wir noch keinen +Schritt weiter, außer daß der jüngere Graf, Johann Carl, sich ganz nach +England übersiedelt hat und bereits Generallieutenant geworden ist. +Derselbe hat mit dem Erbherrn und dem Vice-Admiral William eigene +Verträge abgeschlossen für den zu erwartenden Todesfall der Frau +Großmutter, und geben Sie Acht, liebster Herr Graf, wenn sie die Augen +zuthut, so wird es heißen: »Sie haben meine Kleider getheilt und um +meinen Rock haben sie das Loos geworfen; ja ich vermuthe fast, sie haben +dies bereits gethan, denn ich hörte neulich ein Vöglein pfeifen, unter +uns gesagt, Herr Wippermann hat geplaudert, als ich ihn jüngst in einen +Austernkeller mitnahm und seine sonst schwere Zunge mit Champagner +löste; die Sache soll so abgekartet sein, daß der Erbherr Varel und +Kniphausen behält, so wie die Güter in Holland, wenn er sie nämlich +wieder bekommt, der Admiral aber die Herrlichkeit Doorwerth mit allen +ihren Schlössern, Dörfern, Höfen, Wonnen und Weiden, Aeckern und Wiesen +und auch ein hübsches Stück Busch; dafür findet er den Grafen Johann +Carl mit Geld ab und tritt in dessen ganzes Erbrecht ein. + +Mögen sie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es sie nur +zufrieden stellt. Also der Erbherr ist frei? das freut mich; wie lebt +er? wie leben die Seinen? fragte Ludwig. + +Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie schmerzen, +Herr Graf; ich sehe schon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich +hatte Befehl, Ihnen den betrübenden Fall zu melden. + +Um Gott, welchen Fall? + +Ottoline, die regierende Frau Reichsgräfin, diese sanfte Dulderin, +wandelt nicht mehr unter den Lebendigen. + +O, mein Gott! seufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durchschauerte sein +Gemüth. + +Sanft, wie sie gelebt, war ihr Verscheiden; ihre Kinder segnend, gehoben +durch die Tröstungen der Religion, ging sie ein zum Frieden. Sie hat +viel und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat sie, wie mir Ihre +Frau Großmutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht. + +Und der Erbherr, wie trug er diesen Verlust? fragte der Graf. + +Er empfand ihn tief und schmerzlich, ganz gewiß, antwortete Windt, wenn +er auch die Größe des Verlustes nicht zu ermessen wußte. Doch verdammen +wir ihn nicht, Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, langes +Fernsein vom heimischen Herde, die rauhe Soldaten- und Seemannsnatur. – +Sie begreifen was ich noch sagen könnte. Doch die Zeit wird das Weitere +lehren. + +Und die Großmutter, seit wann ist sie krank? fragte Ludwig. + +Ihre Krankheit ist das Alter! versetzte Windt. Denken Sie, +fünfundachtzig Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man keinen +Hund aus der Thür jagt, von Varel nach Kniphausen hinüber, um den +Wunsch der sterbenden Erbherrin zu erfüllen. Aber es ergriff sie schwer, +nicht auf dem Hinweg, nicht auf dem Herweg sprach sie mit mir und meiner +Schwester auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden, +reisten wir hierher, doch ist sie seitdem nicht wieder aus dem Hause +gekommen und ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, daß sie lebend auch +nicht wieder über dessen Pforte kommt. + +Sie sagen mir viel, o, allzuviel Trübes und Schmerzliches, liebster +Windt! seufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein +Hierherkommen, ich wollte der Großmutter eine Prinzessin wieder +zuführen, die eine Verwandte und die ein Engel an Liebenswürdigkeit ist, +die auch schon hier war, und jenes Kind, das Sie so liebevoll in +Doorwerth gehalten, jene kleine Sophie, die jetzt eilf Jahre alt ist und +noch Jemand. + +Angés! rief Windt voll ungeheuchelter Freude. So haben Sie sie gefunden, +und sie hat endlich – ihr Herz – Ihnen –? + +Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernst. Angés ist sich +gleich geblieben, und ich habe überwunden. Es war ein herber Kampf mit +Liebe und Leidenschaft, der Sieg war schwer, aber jene Strophe stärkte +mich, die mein verklärter Freund mir einst zurief. + + »Wir müssen alle ringen, + Des Kampfs bleibt Keiner frei; + Doch soll ein Sieg gelingen, + Frag’ nicht, ob schwer er sei.« + +Wir siegten und wandeln nun in treuer Freundschaft verbunden neben +einander wie Bruder und Schwester. + +Windt ließ die alte Reichsgräfin durch seine Schwester auf das +Erscheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fühlte +sich dadurch neu belebt; sie sammelte nochmals ihre ganze Kraft und in +der That war es das letzte Gefühl irdischer Freude, das sie hob und +kräftigte; sie konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit +ihm zurufen: Sei mir tausendmal willkommen, mein geliebtester Enkel! Du +heißersehnter Liebling! Dich noch einmal zu sehen, ist Wonne meinen +alten fünfundachtzigjährigen Augen, ist mir eine köstliche Arzenei, +heilsamer als Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke für mich +zusammenbrauen läßt! + +Ludwig stand bewegt am Lager der gänzlich abgezehrten Greisin, deren +Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar +waren. + +Nach einer Pause, die der augenblicklichen Aufregung folgte, sprach sie +in Gegenwart von Windt’s Schwester, die auf den Wink der Herrin bleiben +mußte: Du kommst noch eben recht, um dir ein Andenken zu holen, das +außerdem nicht in deine Hände gekommen wäre, es ist ein Doppelandenken +und Ottoline bestimmte dir’s, rathe, Ludwig, was es ist? + +Ottoline mir ein Andenken? Wie sollt’ ich das errathen, beste +Großmutter! + +Die kranke Reichsgräfin winkte ihrer Kammerfrau, und diese brachte ein +Lederfutteral herein. + +Nun öffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und +Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu +gönnen, dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich. + +Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen Kunstwerks +strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr vor +Staunen. + +Von nun an dein Eigenthum, flüsterte die Kranke. + +Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft +werth, ach – und für mich – noch unendlich mehr – o jener Tag – ach, +Ottoline! + +Und wenn es zehn Grafschaften werth wäre, sprach die Gräfin: so wird es +dir auch werth bleiben – du wirst es nicht verschachern und +verschleudern, wie meine herrliche Münzsammlung dereinst verschleift und +verschleudert werden wird, über die ich bethörter Weise schon früher +verfügte. Dir – dir hätte ich sie geben und hinterlassen sollen! + +Sie haben mich ja schon so überreich begabt, beste Großmutter! fiel +Ludwig ein. + +Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich – die Andern sollen +ihn nicht haben – sie sollen nicht wieder daraus trinken – du – nur du +– und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn – behalte ihn. Die +Urkunde, daß ich dir den Falken schenke, steckt bereits im Innern des +Vogels. Trinke dich gesund daraus, #drink all ut!# + +Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen +griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch +nicht, vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange. + +Am folgenden Tage fühlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob +der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frühen +Jugend an am Nächsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war, +sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er +ihr von seinen bisherigen Schicksalen erzählen möge. Dies that denn auch +der Graf ausführlich; die Alte hörte schweigend zu und blieb ganz ruhig, +dann sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir +die Ehre ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird +mir dies nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch +gute Tage sah, viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist +wichtig. Sie wird auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil +ich ihren Angehörigen Gutes erzeigte. + +Theuerste Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt der +Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von +Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen, +Ihnen das Kind zuzuführen. + +Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin. + +Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war +Ludwig’s Antwort. + +Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter. + +Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden +Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner +königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in +einer katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung +empfing. Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein +Geheimniß zu bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die +beiderseitigen Verhältnisse sie sicherer stellen, und es sollen die +nächsten Angehörigen nicht mehr erfahren, als was sie bereits wissen, +daß nämlich der Herzog und die Prinzessin einander in untrennbarer +Liebe angehören. Ueber die holde Tochter soll noch, zu deren eigener +Sicherheit, das tiefste Schweigen beobachtet werden. + +Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so +bitte ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen. +Jedenfalls weilt sie hier doch incognito? + +Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte +Ludwig. + +So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag +habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind, +entferne dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der +Genius mir die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte +Großmutter, die dich so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr +Sterbebette, dann bist du ganz frei und die weite reiche Welt ist dein. + +Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich +bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet – Liebe! + +Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe +erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines +Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich +sage dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen. + +Der Graf ging und einige Stunden später befand sich die Prinzessin und +das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen +Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer +Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen +Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den +meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen. + +Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der Wand +geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein schönes +Bild! Das ist ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten wandte +sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem +Schlosse bin ich gewesen – in diesem Thurm hier – zur rechten Seite – +haben wir gewohnt, meine liebe Angés und ich – dort von jener Zinne +haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schloß versammelt +waren, und die Prinzen dorthin kamen – mein theurer – Oncle! + +Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann +führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoßenden Sälen +noch andere schöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die +Reichsgräfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu +besprechen, was keine Zeugen litt. + +Als diese später mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in +dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg +die Prinzessin mit Mühe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit +Sophie allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestüm die holde +Tochter, küßte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne +und erfülle, was in dieser Stunde über deine Zukunft beschlossen ward! + +Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne +eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen. + +Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende +Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernst, +als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer +Olympierin. – + +Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz +über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er sprach: +Wieder eine Seele weniger auf Erden, die für mich betet. Wäre ich +Katholik, so würde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um +droben für mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe +und ehre, von hinnen ziehn? + +Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die +allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und +dich dennoch aufrecht halten müssen. + +Das sagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der +Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft +blickte. Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Völkern, +unter den Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schooß der +Familien. Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig, +damit nicht der Haß gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll +nicht wissen, daß er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, daß ein +Bruder wider den anderen streiten wird. Lass’ sie Alles an sich reißen, +meine lachenden Erben, du hast genug, und ein Höheres ist dir noch +beschieden, wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin, +ohne erlebt zu haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen +Opfern und Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden; +aber nein, die wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der böse +Feind die Saat des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von +Jever, Varel und Kniphausen säete. Laß fahren dahin – sie haben’s nicht +Gewinn! + +Eine erhabene Seele, diese verklärte Großmutter! sprach Angés. Und was +prophezeite sie sonst noch? + +Daß ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust würde zu beweinen +haben, erwiederte Ludwig; daß mir beschieden sei, arm an Freuden und +dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein +Sturm der Außenwelt berühre. Wachsamkeit empfahl sie mir, »darum« so +sprach sie: »habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, daß er dir +ein Bild der Wachsamkeit sein möge, neben einer werthen Erinnerung. +Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geschrieben steht im +achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein +einsamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!« + +Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes köstliche Geräth in +Falkengestalt, das sie mir schenkte – fügte Ludwig hinzu. + +Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres, +herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin. + +Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war +Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe – ein überreicher Wunderhort der +edelsten seelvollsten Weiblichkeit. + + + + +3. Das Gelübde. + + +Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen und +umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das noch +vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte. Zum +zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden +aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo +gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat +verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine Wiederholung +solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich sicher unter +dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten Kirchenfürsten, der im +Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester und letzter +vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz aufgeschlagen +hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten Zeiten schon das +Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt hatte, Manchem eine +gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte und Freunde bei +sich sah. + +In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der +Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer +und Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige +Landelin, der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem +Tode Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben +dem Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der +Nachbarschaft waren früher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das +große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von +den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt +gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg, +denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000 +Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes. + +Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten +hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte +ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der +sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich +mit anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er +nahte Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen +holden Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals +wieder nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der +Richtung nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden. +Hier begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das +fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war; +dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei +denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in +mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets +Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend +einer drohenden Gefahr umher. + +Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er +liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland +zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine +Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des +Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und +ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser +führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der +Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England +begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn +jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen +schützte und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den +Sohnessohn fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder – sein +Verhängniß, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens +glücklichste Zeit, füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem +Vergnügen der Jagd aus, die er leidenschaftlich liebte, gab sich der +Lust am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reisen und Ausflüge, +kehrte aber stets mit neuer Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein +Denken und Empfinden geweiht war. + +Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden gekommen, +dessen Kurfürst nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte, die dessen +unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des Herzogs +besondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein noch +größeres Jagdgebiet einräumte, als derselbe bisher schon inne gehabt +hatte. + +Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu +begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder. +So sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so +weniger fand Ludwig sich von seiner männlichen Umgebung angezogen. Dafür +diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in +verschwiegener Stille üben. Glückliche geben ja gerne, und der Herzog +war so überaus glücklich, Ludwig nahm Philipp zu Hülfe, um verschämte +Arme aufzufinden, und manche stillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde +durch vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens +umgewandelt. Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und +wie gern verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthätigen +Fürsten. + +In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur +ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, schöner als +er ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der +tönende Memnonruf, der ihn für eine neue, beseligende Liebe weckte. Die +kleine Sophie entfaltete sich frühreifend zur holdesten Jungfräulichkeit +und Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren +ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne +schuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinsten Freundschaft besaß, +einem beglückenden Loose zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der wie +in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti neigungweckende +Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem Herzen zum andern. Im +Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich dereinst zu sonnen, +ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glücks, dieser Gedanke +bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den äußeren +Verhältnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen beruhigend, +vielleicht hielt sie ihn für reicher als er war. Sophie konnte unter +günstigen Verhältnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen +werden, denn das Vermögen der Familie Condé-Bourbon, das man diesem +Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermögen war +unermeßlich. + +Nach diesem Reichthum richtete sich indeß gar mancher Blick der Habgier +und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem edlen und +unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über’s Meer +herüber voll banger Besorgniß. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen des +Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mißdeutung; sie +nährten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen +vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der +Tannhäuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart? +Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein +unsichtbares Netz – sie hieß Verrath. + +Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu Wanstead +in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben. + +Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten: +hegt seltsamen Verdacht. Höre, was er schreibt, meine Charlotte: »Man +behauptet hier in Wanstead, daß du eine Reise nach Paris gemacht habest, +Andere sagen, du seist nicht in Straßburg gewesen. Es leuchtet wohl ein, +daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das +Spiel zu setzen.« + +Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten hinterbracht +hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen begann. + +Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog. + +Und thatest du wirklich keinen so gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder +thatest du ihn? Vergaßest du mich und unser Kind? fragte mit +liebevollster Besorgniß und voll Seelenangst Charlotte und schloß den +Gemahl in ihre Arme, als fürchtete sie, ihn zu verlieren. + +Der Herzog küßte sie und erwiederte halb zärtlich, halb schwermüthig: +Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn +gethan hätte, wer wollte mir ihn, außer den Feinden unseres Hauses, +verargen? Diese hier ausgesprochenen Befürchtungen liegen so nahe, und +es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine +Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten könnte, mich mit +den Feinden unseres Hauses in Verträge einzulassen; Andere hingegen, daß +ich Tag und Nacht darauf sänne, eine Lage, die mich niederdrückt und +völlig lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand! +Wann war England Frankreichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich +unterstützt es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns, +die wir unser geliebtes Vaterland so heiß, so innig lieben! Ist das +nicht fürchterlich? Mein Vater – fuhr der Herzog fort, kennt mich +besser. Er schreibt über den ersterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht +theile, aber daß die Gefahr mir sehr nahe liege. »Hüte dich,« schreibt +er, »und vernachlässige keine Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern, +im Fall der erste Consul beabsichtigten sollte, dich aufheben zu +lassen.« + +O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen +Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der +Ufernähe des Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe! + +Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch +weiter von dem theuern Lande entfernen? – Der Herzog blieb, aber die +Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen. +Eine Jugendfreundin, eine deutsche Fürstin, deren Residenzschloß in der +romantischen Künzelsau im Jaxtkreis des Landes Würtemberg gelegen war, +sollte ein neues Asyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler +des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurückziehen, und dort unter den +Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut +Pläne, damit das Schicksal sie vereitle. + +An einem überaus schönen Morgen ergingen sich Sophie, Angés und Ludwig +unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Bedienung in der Nähe +von dem Münster und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer von +uralten Bäumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein +Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie und +der Jünger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte +Martyrsäule. Trunknes Entzücken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens, die +in lieblicher Jugendschöne ihm gegenübersaß, in ihren Blicken jene +Verklärung, welche das erste Erwachen jungfräulicher Empfindungen +begleitet, jenes süße Bewußtwerden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz +unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth und +Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge dahin +und dorthin, da schlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen +Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornröschen im +deutschen Märchen ihre Augen aufschlug, als der Königssohn sie küßte. + +Ludwig durchströmte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe, +doch verschloß er tief in seiner Brust was er fühlte, denn noch dünkte +ihm dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch +schon ein hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in +seinem Schutz dies Kleinod gern geborgen wissen. + +Die Sommerluft hauchte erfrischende Kühle; aus der Vorhalle der nahen +Kirche rieselte plätschernd Sanct Landelin’s geheiligter Wunderquell, +von dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen +im stillen Gebete andächtige Waller und beteten leise und eifrig ihren +Rosenkranz ab. Auf des Münsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte +sich die Unterhaltung und Ludwig erzählte: Ein edler Schotte, Namens +Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, sein +Vaterland, in welchem früh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um +in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands +dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in +Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein +Gedächtniß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der fromme +Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfürst Gisock beherrschte. +Landelin ließ sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als Einsiedler +nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon kam zu +Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die neue +Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann zu +ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut. + +Ach! schrie Angés auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres +Herzens; war es ihr doch, als empfinde sie selbst einen Stich, so +ergriff sie diese Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Gefahr, die +ihr selbst weiter aufwärts im Thale einst gedroht hatte. Ihr Ausruf +erschreckte die Gefährten, ja sie störte damit sogar die Andacht der +Betenden, denn ein Paar Mönche in dunkeln Kutten kehrten sich nach ihr +um; sie weckte auch Philipp’s Aufmerksamkeit, der in der Nähe weilte, +und mit raschen Schritten hinzu trat. Angés, seltsam bewegt, bat Ludwig, +in seiner Erzählung fortzufahren. Philipp sah scharf nach den Mönchen, +mit Blicken voll Mißtrauen, der Graf fuhr fort: An der Stelle, wo der +fromme Landelin unter den Dolchen der Meuchelmörder sein Leben verblutet +hatte, entsprang ein Heilquell, welcher Kranken zu wunderbarer Genesung +verhalf. Die Gefährten des Märtyrers trugen den entseelten Leichnam +thalaufwärts, wo sie ihn zur Erde bestatteten. Die Stelle, wo Landelin +starb, und die, wo er seine irdische Ruhestätte gefunden hatte, wurden +dem Volke bald heilig, des Blutzeugen Märtyrtod und sein Wunder gewann +den ganzen Gau für die Christuslehre. Dieser Ort trägt von ihm den Namen +Sanct Landelin, über dem Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche, +voll Gnadenbilder und begabt mit reichem Ablaß. Zahlreiche Mönche +siedelten sich hier an und weilten in diesem Thale an den Ufern der +Umlitz, wie der Thalbach in früheren Zeiten genannt wurde; sie erbauten +Hütten in der Nähe jenes geweiheten Grabes. Von diesem Verweilen der +Mönche erhielt der allmählich entstehende Ort den Namen Münchweiler, und +außerdem entstand auch noch auf jener nahen Anhöhe über dem +Wallfahrtsort das Kloster Mönchszelle. Dessen Bewohner versahen den +Gottesdienst in der Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige +Völkerkämpfe; die Franken brachen heraus in dieses Alemanische Land und +verheerten es, das Klösterlein versank bald in tiefste Armuth. Da +geschah es, daß ein frommer Mönch desselben, Namens Widegera, aus dem +Breisgau, im Jahr siebenhundertundzwanzig Bischof zu Straßburg wurde, +und viel zur Erhaltung von Mönchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag +dazwischen wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kämpfe, Etto, +der Sohn Herzog Etticho’s, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim +gründete, durch Kaiser Karl den Großen Bischof von Straßburg. Er war es, +der Mönchszelle aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen +Landelin das Münster neu erbaute, das wir als Ettenmünster nun vor uns +in den stattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre seinen +Namen Etto als Ettenheimmünster fortführt. Zugleich wurde Etto des +Münsters erster Abt, an der Spitze einer Reihe von zweiundfünfzig +Aebten, die durch gute und böse Zeiten hindurch dieses Kloster +regierten. Immer schlimmer wurden indeß die bösen Zeiten und die guten +hörten endlich ganz auf; der goldenen und silbernen folgte die eiserne +Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem Waffenlärm und ihrer Hab- und +Raubsucht, wobei von den natürlichen Schirm- und Schutzherrn, den Herren +von Geroldseck einer nach dem andern sich als Feinde des Klosters +erwiesen und es mehr und mehr verkürzten, bis mit dem Frieden von +Lüneville dessen Aufhebung erfolgt ist. + +Nach dieser Mittheilung erhoben sich die Spaziergänger zum Weggehen und +wandelten wieder ihrer nahen ländlichen Wohnung zu. Langsam und +keineswegs bemüht sie einzuholen, folgten ihnen in gemessener Entfernung +die erwähnten Mönche auf demselben Wege, aber zwischen ihnen und der +Herrschaft ging Philipp, nicht ohne sich oft nach Jenen mißtrauisch +umzusehen. + +Graf Ludwig hatte sich kaum von Angés und Sophie verabschiedet, als +Philipp mit sorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck seiner Züge +machte den Grafen betroffen. + +Nun, Philipp, was hast du? fragte er ihn verwundert. + +Gnädiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er ist da! +Ich hab’ ihn gesehen! + +Wer ist da und wen hast du gesehen? fragte Ludwig. + +Der Citoyen, der Wasserspringer, gnädiger Herr! versetzte Philipp. Das +Spitzbubengesicht vergess’ ich all’ mein Lebtag nicht, ich erkannt’ es +gleich wieder, obschon ich’s nur einen Augenblick sah. Einer der beiden +Mönche war’s, die uns langsam nachfolgten, die vorher, wie Sie die +Geschichte von dem alten Kloster erzählten, dort in der Vorhalle der +Kirche knieten. Wie dieser Kerl den Kopf wandte, wie er herübersah nach +Ihnen und den Damen, da hatte ich’s los: Es war ein Blick, wie der einer +Schlange. Geben Sie Acht, Herr Graf, das könnte nichts Gutes bedeuten! + +Diese Nachricht überraschte und erschreckte Ludwig und er nahm sie +keineswegs leicht auf. + +Vielleicht irrtest du dich, vielleicht auch nicht, sprach der Graf; +immer wird es wohlgethan sein, daß wir auf der Hut sind. Siehe zu, ob du +die Mönche wiederfindest, spähe aus, wohin sie gehen, wo sie bleiben, +ich werde das Meinige thun. Sobald du zurückkommst, sattle das Pferd, +ich werde nach der Stadt reiten, du aber bleibst so lange in der Wohnung +der Damen als Wächter und hütest sie sorgsam mit all der Treue, die ich +an dir kenne. + +Mir soll Keiner kommen, gnädiger Herr, darauf verlassen Sie sich. Wehe +dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten seligen Herrn Leonardus van +der Valck hinüber zu befördern, ich zermalme, ich zerquetsche ihn, und +sollte es mich den Kopf kosten! + +Ludwig blieb im tiefernsten Sinnen allein. Philipp’s Meldung weckte +allerhand sorgenvolle Gedanken in ihm auf; schon längst hatte er +wahrgenommen, daß sich, begünstigt von der Freiheit des Gnadenortes, gar +mancher verdächtige Geselle in dieses Thal gestohlen, daß Späheraugen +umherschlichen, daß vom nahen Frankreich aus jene Netze herübergeworfen +wurden nach dem Fürsten, der, so oft man ihn auch warnte, an eine Gefahr +nicht glaubte und nicht glauben wollte. + +Philipp erschien nach einiger Zeit wieder und meldete seinem Gebieter, +daß es ihm nicht gelungen sei, von jenen beiden Mönchen auch nur die +leiseste Spur zu entdecken, beharrte aber auf seiner Behauptung und +betheuerte hoch und heilig, daß Jener kein anderer als Clement +Aboncourt, der Spion, gewesen sei. + +Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nähe der Wohnung der beiden Damen +zu bleiben, auch Jacques zur Wachsamkeit aufzufordern; dann ritt er nach +dem Städtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzessin +forderte. Gütig und mit dem freundlichsten Wohlwollen wie immer +empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und unumwunden +nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung seines Dieners mit, sondern +brachte auch so manches Andere zur Sprache, was Ludwig von andern +Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gasthäuser flüchtig und +gesprächsweise vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, daß +französische Emissäre, Commissäre und Spione sich im Münsterthale +verbreiteten, sogar in die Stadt sich wagten, und daß jedenfalls ein +Schlag gegen die in derselben verweilenden Emigranten sich vorbereite. +Man sprach laut davon, daß die stärksten Vermuthungen gehegt würden, die +in diesem Lande verweilenden Angehörigen und Anhänger des vertriebenen +Königshauses betheiligten sich an Anschlägen gegen das Leben des ersten +Consuls den die Bourbons naturgemäß hassen mußten. Schon waren Thaten +geschehen, die es offenkundig machten, daß es Menschen gab, welche nicht +an die Göttlichkeit der Sendung des neuen Messias von Frankreich +glaubten, obschon dieser, mit hohem Muthe gewappnet, seine Feinde vor +sich niederwarf und die staatliche Ordnung wieder herstellte. + +Graf Ludwig entdeckte der Prinzessin, daß man sich in die Ohren +flüstere, der Herzog sei mit George Cadoudal im Einverständniß, habe für +denselben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von +Artois ausgewirkt, stehe auch mit Pichegru im geheimen Bündniß und es +sei ganz zweifellos, daß eine große weitverzweigte Verschwörung +existire, die der Herrschaft und dem Leben des ersten Consuls ein Ende +zu machen beabsichtige. Zu diesem Ende reise der Herzog von Zeit zu Zeit +verkleidet zu George, wo demselben im Kreise der Verschwornen königliche +Ehren erwiesen würden. + +Die Prinzessin erschrak heftig über diese Nachrichten und traf auf der +Stelle ihre Anstalten. + +Ich sehe klar, sprach sie, daß hier ein ganz anderes Complott vorliegt, +als blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man weiß, daß wir +auf dem Punkte stehen, unsere bis jetzt heimlich gehaltene Verbindung +vor aller Welt zu erklären, man sieht ein, daß durch diese Verbindung +das Vermögen des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, sondern an +dessen rechtmäßige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig +vom Hause Condé abhauen, auf daß der ganze Stamm verdorre, und will dies +durch Verdächtigungen bewirken. Tausendfacher Dank sei Ihnen gesagt, +mein bester Graf! Sie sind der Freund, auf dessen Hochherzigkeit ich in +allen Fällen fest vertraue. Lassen Sie uns rasch und entschieden +handeln, retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut übergebe ich, die +Mutter, es für Leben und Sterben. Der Herzog hört auf keine Warnung, ist +blind für die Gefahren, die ihn umdrohen; ich muß selbständig handeln, +Mutterpflicht und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, bester Graf, rüsten +sofort Alles zur Abreise, Sie gehen noch heute, höchstens morgen mit +Sophie, die ich nur noch einmal sehen und segnen will, in Begleitung von +Angés, Jacques und Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort +durchaus Herkunft und Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den +Herzog überzeugen und bewegen, daß er mit mir Ihnen folgt und sich dem +gefährlichen Netz entzieht, das sich hier um ihn und uns Alle +herumspinnt. Säumen Sie nicht, ich werde sogleich den Wagen senden und +Sophie herüber holen lassen, für die ich zittre. Ach, bester Graf, +welch’ unschätzbares Gut vertraue ich Ihnen an! O, Himmel, und ich bin +so ganz ohne Bürgschaft! + +Gnädigste Frau Prinzessin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form +der Courtoisie der Graf die Sprechende: sagen Sie nicht ohne Bürgschaft! +Ich stelle Ihnen diese Bürgschaft, bei Gott dem Allmächtigen, ich stelle +sie! – Und indem der Graf in leidenschaftlicher Erregung auf seine Kniee +sank, fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieser feierlichen +Stunde zum Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer +Hoheit, ich jetzt kniee, stelle ich Ihnen meine Bürgschaft: das Herz +eines deutschen Mannes, und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut, +meine Zukunft, mein ganzes Erdendasein dem himmlischen Geschöpf, welches +Sie Ihre Tochter nennen! Ich will ihr Alles sein, wozu Sie mich +ernennen, wozu sie selbst mich erwählt, Vater, Bruder, Freund, +Beschützer, Wächter, Alles, Alles! Ich will um Sophien willen der Welt, +ich will dem Leben entsagen, wenn dies gefordert wird! Unter hundert +Schleiern will ich sie verbergen, ihr Geheimniß will ich bewahren, und +wenn Sie, oder der erlauchte Vater es nicht lösen, so soll keine Macht +oder Gewalt, selbst nicht die furchtbare Macht des Todes das +dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen schließt. Ich weiß, +Hoheit, was ich Ihnen verspreche – ich bin frei, bin unabhängig, bin +durch schmerzliche Erlebnisse abgelöst von der Welt – und – daß ich es +sage, weil ich es sagen muß, o Prinzessin, zürnen Sie nicht, richten Sie +nicht – ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an! + +Graf, sprach die Prinzessin, im Innersten erschüttert, während ihre +Thränen unaufhaltsam strömten und sie dem Knieenden beide Hände bot, ihn +emporzuheben: Sie sind ein edler Mensch! Sie sind würdig des höchsten +Glückes, das die Erde bieten kann, o möcht’ Ihnen für Ihren treuen und +festen Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir +Sophie, daß ich Sie Beide segne. – + +Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und große Entschlüsse in seiner +Seele. Noch an demselben Abend fuhr er mit Sophie und Angés nach der +Stadt, – auf dem Kutschersitz saß wohlbewaffnet Jacques, hinten auf +nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf dem Hin- noch auf dem +Rückwege zeigte sich Etwas, das Besorgniß hätte erregen können. + +Liebevoll vertraute die Mutter ihrem Kinde, daß die größte Gefahr ihnen +Allen drohe, daß Graf Ludwig großmüthig entschlossen sei, ihr Retter, +ihr Ritter, ihr Beschirmer zu werden, daß sie in eine kurze Trennung von +dem liebenden Mutterherzen sich fügen müsse und daß, es komme wie es +wolle, ihr Geschick sich an das des Grafen knüpfen werde. + +Sophie weinte, wie es nicht anders sein konnte, aber sie sprach unter +Thränen zur Mutter die verständigen Worte: Was Sie befehlen, meine +gnädigste Mutter, ist meine Pflicht. Was der Herr Graf mir befehlen +wird, werde ich befolgen, als seien es Gebote aus Ihrem Munde. Ich kenne +und ehre den Herrn Grafen aus frühen Kindheittagen; er war schon, als +ich noch ein Kind war, auf dem Schiffe in Amsterdam, auf der Reise und +zu Schloß Doorwerth die Güte selbst gegen mich, er war auf der Reise +nach Rußland mein Führer, mein Lehrer, ebenso in Hamburg, ich danke ihm +so viel, daß ich nichts erdenken kann, was ich besäße, um ihm damit für +alles Das zu lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwiesen hat. + +Den größten Dienst steht der Graf jetzt im Begriffe, uns und dir zu +leisten, aus der größten, drohendsten Gefahr dich zu retten, sprach die +Prinzessin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, in Mariens, in +aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures Kind! Wir sehen uns +wieder! Gott gebe bald, recht bald! + +Der Herzog war nicht bei dieser Abschiedscene zugegen, er war nicht im +Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd. + +Es war zu sehr früher Morgenstunde, der Tag graute kaum, – Alles war +still und feierlich in den Nachbarorten Ettenmünster, Münchweiler und +Sanct Landelin. Die mannichfaltigen großen Gebäude erschienen noch +höher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, die Thalferne war +nebelgrau umflort und düster. Der Ettenbach rollte stark hinab nach der +Stadt, als eile er, recht wie ein fleißiger Arbeiter in der Frühstunde +zu Felde zieht, seine Mühlen zu treiben, oder seine Thalwiesen wässernd +zu befruchten. Alles war gepackt, geordnet und zur Reise bereit. Zwei +Wagen sollten die Reisenden aufnehmen, im ersten sollten der Graf, +Sophie und Angés, im zweiten die Dienerschaft fahren. + +Als es nun zum Einsteigen kam, weigerte sich Angés entschieden, sich zu +Ludwig und Sophie in den Wagen zu setzen, behauptete das Rückwärtsfahren +nicht gut zu vertragen, und was sie sonst für Vorwände zur Hand nahm; +der wahre Grund aber lag in Angés zartem Sinn, sie wollte Sophie jetzt +einzig beim Schmerz über diese Trennung von den geliebten Eltern der +Tröstung ihres Begleiters überlassen, denn es gibt Augenblicke im Leben, +wo zwischen zwei Personen auch die allervertrauteste Dritte stört. + +Der Postillon des ersten Wagens stieß in’s Horn, stimmte die Melodie +eines schwarzwälder Volksliedes an und dasselbe schien allen bewaldeten +Bergwänden des Münsterthals so wohl zu gefallen, daß sie’s im Echo +nachtönten. – Diese Posthornklänge und des Wagens Rollen auf harter +Straße, die frisch mit Bergkies bedeckt war, ließ einen gellenden +Aufschrei überhören, der plötzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen +ausgestoßen wurde, einen Schrei, der herzzerschneidend alle Diejenigen +durchdrang, welche ihn vernahmen. + + + + +4. Katastrophen. + + +Der anbrechende Morgen war trüb und düster, und über der Straße, die +durch das Gebirge nach Tübingen zu führte, hingen schwere Nebel, die an +den Waldbergen hinzogen. Ein solcher Morgen weckt keine frohe Stimmung, +und der heutige entsprach außerdem noch so ganz der Lage der Reisenden. +Sophie war still und ergeben, sie fühlte sich geschützt, einer drohenden +Gefahr entrissen, von der Zukunft hoffte sie nichts; ihre Gedanken +kehrten zurück zu den geliebten Herzen, die sie hatte verlassen müssen; +ihre einzige Hoffnung war die Verheißung des baldigen Wiedersehens. + +Graf Ludwig war von anderen Betrachtungen bewegt. Er fühlte sich stolz +und mächtig gehoben in dem Gedanken, daß Sophie ihm nun so unerwartet +schnell anvertraut sei; er gedachte seines heiligen Gelübdes, und schwur +sich noch tausendmal zu, es zu halten. Er sprach zu Sophie sanfte, +ehrerbietige Worte, und wußte gleich in der ersten Stunde seines +Alleinseins mit ihr mit sicherem Tacte den Ton zu finden, der sich für +beide ziemte. + +Was ich von Ihnen erbitte, nahm er das Wort, ist, daß Sie mir erlauben +wollen, auch fernerhin zu Ihnen in dem Tone reden zu dürfen, den unsere +vielfachen gemeinschaftlichen Reisen und das nothwendige Incognito der +späteren Zeit uns finden ließen. Ich werde Sie ehren, als seien Sie eine +Königin, ich werde Sorge tragen, daß diese Ehrerbietung von Allen +ausgehe, die Sie künftig umgeben und Ihnen dienen, aber ich werde Sie +nicht Prinzessin nennen, denn dieses Wort würde nur die argwöhnische +Neugier wecken. Sie müssen um Ihrer eigenen Sicherheit willen stets vor +den Augen anderer Menschen verschleiert erscheinen, und bei Ihrem Leben +gegen keine Seele sich mittheilen. Es ist eine große Last, die das +Schicksal einem noch so jungen Herzen auferlegt, und manche +Lebensfreude, auf welche Jugend, Schönheit und Anmuth Anspruch haben, +wird Ihnen versagt bleiben, doch wird Alles geschehen, um Sie, so viel +es möglich ist, zu entschädigen, und gewiß wird nach einiger Zeit diese +Fessel auch wieder von Ihnen genommen; Sie werden an der Hand der +erlauchten Eltern wieder in die Welt treten und die Huldigungen +empfangen, welche Ihnen gebühren. + +Ich habe keinen anderen Wunsch, Herr Graf, entgegnete Sophie, als den, +mit meinen Eltern recht bald wieder vereinigt zu werden; bis dies +geschieht, werden Sie mich in Allem folgsam und gehorsam finden, was Sie +mir anbefehlen. + +Ich werde Ihnen nie Etwas befehlen, Sophie, entgegnete Ludwig; aber jede +der Bitten, die ich an Sie richte, wird Ihr Wohl zum Zweck haben. + +Ihre Wünsche werde ich so achten, erwiederte Sophie, als wenn mein Vater +oder meine Mutter dieselben mir an’s Herz legten. – + +Die Fahrt hatte schon eine Zeitlang gedauert, als an einer Stelle, wo es +langsam bergan ging, der Graf sich aus dem Wagen bog, um zu sehen, ob +der zweite Wagen hinter ihm sei? Ludwig bedauerte im Stillen Angés +Weigerung, sich zu ihnen in den ersten Wagen zu setzen; er hätte gerne +ihre Stimme gehört, sich ihrer gemüthvollen Unterhaltung erfreut, es war +ihm nicht möglich, ganz ohne Befangenheit mit dem fürstlichen Kinde zu +sprechen, und sich gleich völlig in das ihm so neue Verhältniß hinein zu +finden und einzuleben. So sehr die Glut der Liebe ihn durchzitterte, so +sehr hielt die höchste Achtung, die ehrfurchtvollste Scheu ihn ab, +Sophien schon jetzt diese glühende Neigung zu offenbaren. + +Der Wagen folgte in ziemlicher Entfernung, halb vom Nebel +eingeschleiert, der rings die Fernsichten hemmte, und nicht einmal die +benachbarten Berggipfel erkennen ließ. + +An einer Waldschmiede hielten nach der Fahrt von zwei Stunden die +Postillons, um einem der Pferde ein losgegangenes Eisen festnageln zu +lassen, und da glücklicher Weise neben der Waldschmiede auch eine +Waldschenke stand, so benutzten die Lenker des Viergespannes diese +Gelegenheit zur Einkehr in dieselbe. + +Ludwig stieg einige Augenblicke aus und sah dem nachkommenden Wagen +verlangend entgegen, um Angés zu grüßen, und sie auf Sophiens Wunsch zu +ersuchen, im ersten Wagen bei ihnen Platz zu nehmen. + +Jener Wagen kam langsam nach, als er nahe genug war, sah der Graf zu +seiner Bestürzung, daß es eine völlig fremde Kutsche sei. Er rief den +Kutscher an, ob er nicht einen Reisewagen mit Gepäck und vier Pferden +überholt habe? Dieser, eine nichts weniger als gutmüthige Schwarzwälder +Physiognomie, schüttelte sein mit einem breiten Hute bedecktes Haupt, +ohne ein Wort weiter zu sagen, und peitschte sein Gespann, welches +einige Neigung zeigte, auch vor der Waldschenke zu halten. + +Das war Ludwig unangenehm, ja es berührte ihn peinlich, daß jener zweite +Wagen nicht nachkam – er sah die Zögerung des Postillons nicht ungern, +hoffte und hoffte, blickte verlangend und voll Ungeduld auf den +zurückgelegten Weg, so weit dieser sich überschauen ließ, und immer +vergebens. Der zweite Wagen kam nicht, die Fahrt des ersten ging weiter. +Die Station wurde erreicht, wo die Pferde gewechselt wurden, neuer +Aufenthalt – der zweite Wagen blieb noch immer aus. Es wurden +einstweilen frische Pferde für ihn bestellt und dem zurückreitenden +Postillon aufgetragen, den Nachfolgenden Eile anzuempfehlen. + +So ging es von Station zu Station, immer banger wurde es dem Grafen um’s +Herz. Was war geschehen? Was konnte diesen räthselhaften Aufenthalt +veranlaßt haben? Der Abend dämmerte nieder und der Tag, der für Ludwig +so verheißungsreich begonnen, sank ihm sehr trübe, seine Verlegenheit +mehrte sich von Stunde zu Stunde; er begann jetzt unwillig zu werden +über Angés’ Laune, wie er es nannte, und mußte doch diesen Unwillen vor +Sophie unterdrücken, durfte die noch Ahnungslose nicht schrecken und mit +seinen Befürchtungen ängstigen. + +Tübingen war erreicht, das Ziel des ersten Reisetages, wo Nachtrast +gehalten werden sollte, und Ludwig’s Verlegenheit wuchs mit jeder +Minute. Sollte die Prinzessin der weiblichen Bedienung entbehren, sie, +die von Kindheit auf die sorgsamste Aufmerksamkeit gewohnt war? + +Ludwig ordnete an, daß eine Staffette dem Wagen entgegen gesendet werde, +die die ganze Straße entlang nach der zurückgebliebenen Reisebegleitung +forschen und nöthigenfalls bis zur Post nach Ettenheim weiter befördert +werden sollte, wenn keine Spur sich fände. + +Nach einer Stunde sorgenvollen Harrens kam die Staffette zurück und rief +zum Fenster des Gasthauses hinauf, aus dem der Reisende heruntersah, daß +der Wagen sogleich kommen werde. + +Voll hoher Freude warf der Graf ein paar brabanter Laubthaler in den Hut +des Postillons, der von dannen ritt, und bald rollte in der That der +langersehnte Wagen heran. Voll Unruhe und Ungestüm eilte Ludwig die +Treppe hinunter, um Angés selbst aus dem Wagen zu heben. + +Philipp war bereits von seinem Außensitz herabgesprungen, sein sonst so +frisches rothes Gesicht war bleich; er blickte seinen Herrn mit dem +Ausdruck tiefen Kummers an, öffnete den Schlag, – Sophie Botta, die +Dienerin, stieg aus, aufgelöst in Thränen, der alte Jacques folgte – +Angés fehlte. + +Was ist das? Wo ist Angés? fragte Ludwig erschrocken. + +Philipp antwortete: Ach, bester gnädiger Herr! Ach das Unglück! Kommen +Sie in das Haus! + +Der Graf eilte in raschen Sätzen die Treppe hinauf und gebot Philipp, +ihm sogleich zu folgen. Sophie öffnete die Thüre des Zimmers, in welches +sie abgetreten war, Graf Ludwig winkte ihr stumm, zog den Diener in sein +Zimmer und stammelte: Sprich! Sprich! Was ist’s mit Angés? Wo habt ihr +sie gelassen? + +Ach, erschrecken Sie nur nicht allzusehr, gnädiger Herr! stammelte +Philipp. Ach, der liebe gute Engel! + +Angés! schrie der Graf: was ist’s mit ihr? + +Sie ist nicht mehr – sie ist todt – schändlich ermordet! + +Todt? Ermordet, sagst du? + +Wie ich Ihnen sage, schluchzte Philipp. + +Jetzt kam auch die Kammerzofe herauf, überlaut weinend, und da die +Prinzessin diese hörte, öffnete sie wieder die Thüre und ließ sie zu +sich eintreten; bald wurde auch das junge Herz Sophiens von einer +Nachricht erschüttert, die ihr das Blut erstarren machte. + +Es dauerte eine ziemliche Weile, bis es zu einer zusammenhängenden +Erzählung des Ereignisses von Seiten Philipp’s kam. + +Wir waren eben im Einsteigen begriffen, berichtete dieser: als der Wagen +des Herrn Grafen wegfuhr. Die Jungfer saß bereits auf dem Rücksitze, +Angés wollte gleichfalls einsteigen, ich und Jacques hatten nur noch +einen Koffer aus dem Hause zu schaffen, den ich vor mich auf den +Kutschersitz nehmen wollte, und im Augenblicke, wo ich zuerst meinen Fuß +auf die Stufe vor der Schwelle des Hauses setze, höre ich einen +entsetzlichen Schrei, sehe Angés sinken, während eine Gestalt wie ein +Schatten um die Ecke des Hauses huscht. Ich lasse gleich den Koffer +fallen, schreie Jacques zu: Helft dort! und stürze dem Schatten nach, +dort prasselt ein aufgestellter Haufen Holz zusammen, Scheiter fallen +auf mich – aber mich hält nichts zurück, jetzt hart an der Ferse bin ich +ihm – es war eine dunkle Gestalt – sie will über einen Zaun – verfängt +sich in der Kutte, wendet sich – ratz! reißt die Kutte in Fetzen, und +auf mich stürzt’s und ich hab’ einen wüthenden Stich in der linken +Schulter. Da pack’ ich die Hand und breche sie am Gelenke ab, – sie +kracht, aber fest bleiben die Teufelsfinger um den Dolch gekrallt. – Ich +trete den Kerl zusammen, fasse ihn an der Gurgel und stoße ihn gegen +eine Mauerwand, so lange und in einem fort, bis der Athem ihm ausgeht. +Nieder werf’ ich ihn, mit Füßen tret’ ich ihn, an den Haaren schleif’ +ich ihn vor nach der Stelle, wo er seine blutige That vollbracht – wo +Jacques die arme unglückliche Angés als Leiche in den Armen hält, und +laut um Hülfe ruft und jammert. Es gibt Lärm, die Postillons springen +von ihren Pferden, die Jungfer stürzt aus dem Wagen, die Hausleute eilen +herbei – ach, was half das Alles? Angés war starr und kalt – von einem +Dolchstoß mitten ins Herz getroffen – der Mörder mußte sich hinter dem +Wagen versteckt gehalten und ihr beim Einsteigen den Mantel erst +abgerissen haben, denn dieser lag am Boden, dann hatte der Hallunke +seinen sicheren Stoß geführt. + +Das Unglück war da, das große, entsetzliche Unglück. Nach dem +Schultheißen, nach Polizei, nach Gensd’armen wurde gerufen, die ganze +Ortschaft kam in Allarm. Dort lag noch der feige elende Mörder – Angés +war in das Haus getragen worden, das sie bewohnt – ach, wer hätte eine +solche Rückkehr geahnt! – Es wurde heller Tag – das Volk sah nicht die +ermordete Angés, den Mönch sah es, und schrie: Ein frommer Pater ist +erschlagen! Mord! Mord! Die Postillons wurden gezwungen, ihre Pferde +abzuspannen. Jetzt sah ich erst, daß ich selbst beträchtlich blutete, es +wurde mir ganz elend – ich trank ein Glas Rum und riß meine Kleider ab. +Ein Bader fing gleich seine Kur mit mir an, mitten in der Wirthshausflur +– des drängenden Volkes wurde immer mehr – sie wollten den Leichnam des +Mannes aufheben und ihn in die Kirche tragen, wie ich aus ihren Reden +vernahm – da stieß ich den Bader zurück und schrie: Den Hund, den +Meuchelmörder in die Kirche? In das Gotteshaus? Auf den Schindanger +gehört er, wenn ihr es wissen wollt! Ein frommer Pater wäre er, bildet +ihr euch ein? O, ich weiß auch, wie ein Pater beschaffen ist! Schaut +her! – Dabei riß ich ihm die Kaputze vom Kopfe, und es war nun hell +genug, daß jeder sehen konnte, daß der Kerl keine Tonsur hatte. Der ein +Pater? Ein französischer Spion ist’s, wenn ihr’s wissen wollt! + +Wie? War es etwa jener Clement Aboncourt? rief Ludwig tief erschüttert +aus. + +Nein, gnädiger Herr, – der war es nicht, aber der Spießgeselle, der mit +ihm ging, auf alle Fälle derselbe Hund, der dem guten Herrn Leonardus +den Tod brachte. Jetzt erschien Polizeimannschaft – da man an mir Blut +sah, und zwar dessen nicht wenig, so sollte ich der Mörder des Mörders +sein, – und schlecht genug wär’ es mir auch sicherlich ergangen, wenn +der Kerl wirklich todt gewesen wäre; aber mit Einemmale fing er an, +Gesichter zu schneiden und zu gurgeln und wurde wieder lebendig, wie +eine Katze, die man heute dreimal todt schlägt, und übermorgen läuft sie +wieder auf dem First des höchsten Daches, als wäre ihr nichts geschehen. +Er wurde sogleich mit Stricken geschnürt und ins Gefängniß gebracht. Wir +wollten Ihnen nun nachfahren, denn wir konnten ja doch nicht helfen – +die Postillone spannten wieder an, aber sie mußten dennoch zurück. Die +Polizei bestand darauf, daß wir mit nach der Stadt fuhren, um dem +Gericht über Alles Aufschlüsse zu geben. Daraus entstand der endlos +lange Aufenthalt – da mußte Alles an den Tag, wer wir seien, woher wir +kämen, wohin wir wollten und wer den Mörder so übel zugerichtet habe? – +Ich sagte, daß er mich gestochen und daß ich mich zur Wehre gesetzt +habe. Was der Nichtswürdige aussagte, habe ich nicht erfahren, ich +drängte zur Eile – die Zofe lief von einem Polizeisoldaten begleitet, zu +einer hohen Dame, die bewirkte, daß wir freigelassen wurden und +fortfahren durften. Jener Mörder wird wohl der Vergeltung nicht +entgehen, aber uns allen war bitterlich weh um’s Herz über der +unschuldigen Frau Angés’ Tod, die wir noch einmal sahen, und die so +überirdisch schön da lag, wie eine blasse geknickte Lelibloem – so +plötzlich dahinzugeben das noch so junge liebliche Leben! + +Welch’ ein Schmerz für Ludwig wie für seine Schutzbefohlene! + +Das war ein mehr als trüber Beginn des neuen Lebensabschnittes, der mit +dem heutigen Tage für Beide angebrochen war – das war eine schwere +Prüfung, eine finstere Vorbedeutung. + +Der Graf ließ Philipp sogleich wundärztlich behandeln; die Wunde war +übrigens nicht von Bedeutung. Des treuen Burschen Natur war nicht zart +und empfindlich, er hatte zwar in der Nacht ein wenig Fieber, war aber +am andern Morgen bei sehr früher Zeit wieder auf, und bereit, den +Befehlen seines Herrn zu folgen. Dieser versah ihn mit Geld; er sollte +sogleich mit Extrapost zurückfahren und Angés’ Leichenbestattung in +ehrenvoller angemessener Weise anordnen, dabei auch der Prinzessin Kunde +vom Befinden ihres Kindes bringen, das der treuen Pflegerin seiner +Kindheit und Jugend den traurigen Zoll der aufrichtigsten Thränen nicht +versagte, ja ganz außer sich war über alle die Betrübniß, die auf sein +Herz einstürmte. + +Daß die Weiterreise nach Ingelfingen keine heitere war, lag in der Natur +der Umstände; düstere Wehmuthschatten umwölkten die Stimmung der +Reisenden, aber die tiefe und gerechte Trauer, welche der Graf und +Sophie bei diesem plötzlichen, schrecklichen Hinscheiden ihrer +gemeinsamen Freundin empfanden, näherte ihre Herzen einander mehr, als +die hellsten Freudentage vermocht hätten. + +Ingelfingen war erreicht; nach wenigen im ersten Gasthaus daselbst +zugebrachten Tagen ward eine Miethwohnung in der Apotheke bezogen. Die +Fürstin, an welche der Graf und Sophie empfohlen waren, war abwesend, +unsere Reisenden waren also auf sich allein beschränkt, die äußerste +Zurückhaltung wurde beobachtet, besonders von Seiten Sophiens; sie +verließ, erschreckt und eingeschüchtert durch jenen schauderhaften Mord +an ihrer geliebten Angés, kaum ihr Zimmer. Denn konnte nicht sie es +sein, die der Dolch des Mörders gesucht und verfehlt hatte? War es nicht +möglich, daß jene Habgierigen, welche nach ihrem einstigen Vermögen +trachteten, mit Mörderdolchen ihr nachschlichen, um sie aus der Welt zu +schaffen? Ihre jugendliche lebhafte Phantasie malte ihr dies Schreckbild +mit den düstersten Farben aus. + +Graf Ludwig hatte den einen Wagen mit Philipp zurückgesendet; für den +anderen kaufte er ein schönes Rossepaar und fuhr häufig mit der +Prinzessin spazieren, welche stets verschleiert neben ihm saß. Bisweilen +lustwandelte sie auch am Arm ihres Beschützers, ebenfalls tief +verschleiert, und Alles an ihnen ließ die Einwohner des Städtchens +errathen, daß der fremde Herr wie die fremde Dame den höchsten +Gesellschaftskreisen angehörten. Die Ingelfinger waren gerade so +neugierig wie alle andern Kleinstädter im lieben deutschen Vaterlande, +zerbrachen sich die Köpfe darüber, wer dieses so geheimnißvolle Paar +sein möge, und da es ganz unmöglich war, Etwas über dasselbe zu +erfahren, so suchte man in der Phantasie Rath und Auskunft dafür, und +bald circulirten allerlei abenteuerliche Gerüchte über das fremde +Liebespaar. + +Trotz der Nähe der Geliebten war Ludwig’s Herz sorgenbelastet und +schwer, denn er fühlte sich fast von allen Banden losgerissen, die das +Leben so freundlich knüpft und in einander verschlingt. Wen hatte er +denn noch draußen in der Welt, seit auch Angés ihm entrissen war? Nur +noch das Herz einer Mutter, der sich schriftlich mitzutheilen die +Verhältnisse verboten; doch blieb Georgine nicht ohne Nachricht und nahm +aufrichtigen Antheil an des entfernten Lieblings Wohl und Wehe. Mit den +eigenen Verwandten war der Graf außer Verbindung gekommen, sie sahen +seine Abwesenheit nicht ungern, es hatte Keiner nach dem Tode der +Großmutter gefragt, ob Ludwig nicht auch Ansprüche oder Wünsche habe, +und er selbst hielt sich in stolzer Zurückhaltung von den Verhandlungen +über das großmütterliche Erbe ferne, obschon er nicht ohne ein gewisses +Vergnügen die Briefe Windt’s las, die ihn in seiner Einsamkeit +auffanden. + +»Für mich gibt es jetzt,« schrieb ihm einst der alte Freund: »alle Hände +voll zu thun, bald in Varel, bald in Doorwerth, bald in Hamburg. Die +Herren, der regierende Graf und der Vice-Admiral, haben sich in Varel +ganz gut verglichen; nur schade, daß sie nicht bei diesem Vergleich aus +dem Falken von Kniphausen trinken konnten! Ich bin jetzt in Hamburg und +betreibe den Verkauf des Nachlasses meiner hochseligen Gebieterin, so +weit die Erbherren denselben nicht für sich behalten wollen. Graf +William ist noch hier und überhäuft mich erschrecklich mit Schreibereien +und Uebersetzungen aus dem Deutschen und Holländischen, um sich +vollkommene Kenntniß in der Nachlaßsache zu verschaffen. Ich sitze bis +über die Ohren unter den vermaledeiten Papieren, welche ich nebst dem +ganzen Testamente lieber heute als morgen dem Feuer opferte. Hier in +Hamburg sieht es auf allen Seiten elend und jammervoll aus. Ich warte +nur auf Nachricht vom Erbherrn, der mir von Varel aus schreiben will, ob +und wann es nöthig sei, daß ich dahin komme und mit ihm nach Doorwerth +gehe; das hält mich allein noch hier auf, sonst würde ich meine brave +Schwester zu meinem Bruder nach Bückeburg gebracht haben, der sie zu +sich nehmen will. Glauben Sie mir, bester Herr Graf, man wird endlich +müde. Denken Sie, daß ich jetzt fast ganz auf meine Kosten hier leben +muß, ich bin nicht besonders bedacht worden, es wurde mir auch noch +keine Sicherheit angeboten, und ich werde zuletzt dem Spott, dem Hohn +und dem Jammer ausgesetzt sein für sechsunddreißigjährige Dienste.« + +Wie, sollte Windt Noth leiden? rief Sophie mit Bestürzung. Das dürfen +wir nicht zugeben. Ich bitte Sie, Herr Graf, sorgen Sie für den braven +Mann, der so treu an Ihnen hängt. + +Wie erfreut und rührt mich Ihr schönes Gefühl, entgegnete Ludwig bewegt. +Ich werde das Meine thun, obschon es mir kaum glaublich ist, daß Windt +so blosgestellt sein sollte. Hören wir weiter, was er mittheilt: + +»Das Münzkabinet hat seinen Erben gefunden; warum die Hochselige es +Ihnen, Herr Graf, nicht vermacht hat, ist mir ein großes Räthsel, das +sie noch nach ihrem Tode mir zu lösen aufgibt, wie sie’s im Leben so oft +gethan hat. Die herrliche Bibliothek muß unter den Hammer, der +Buchhändler Perthes will so gut sein und die Anzeige der Auction +verbreiten, sowie auch den Catalog drucken. Das Porzellan, Glas, die +Leuchter, Spiegel u. dgl. kommt Alles unter den Hammer, auch ein Theil +der Bilder. Soll ich nicht die Ansichten der drei Schlösser für Sie, +Herr Graf, ersteigern? Ich gönnte Ihnen die Besitzungen freilich lieber +alle drei #in natura#. Das Silber, über sechshundert Pfund, hat die +hochselige Excellenz sammt und sonders einer Jugendfreundin in Sachsen +vermacht, ein hübsches Andenken, die Herren Grafen sind wüthend darüber, +können aber nichts dagegen machen, höchstens es zurückkaufen.« + +#Habeant sibi!# sprach Graf Ludwig: was nützt aller Reichthum, wenn der +Mensch nicht innerlich beglückt ist? Ich will dem braven Windt eine +lebenslängliche Rente sichern; verdient irgend ein Mensch auf der Welt +Dank, Lohn und Anerkennung, so ist er es; es wäre himmelschreiend, wenn +er sich über Undank beklagen müßte! + +Ein anderer Brief Windt’s, in Doorwerth geschrieben, den Ludwig allein +las, begann: + +»Ich sitze hier am Orte meiner Qual, und inventire, registrire, +katastrire wie närrisch darauf los, damit der Herr General-Erbe, der +Herr Vice-Admiral, welcher Doorwerth übernimmt, Alles im besten Stande +finde; dann heißt es bei mir: fahr’ zu, Kutscher, dann gehe ich nach +Stadthagen, setze mich endlich zur Ruhe, und will nichts mehr hören und +sehen von Doorwerth, Kniphausen, Varel und Hamburg. Wer hätte das +gedacht, daß Alles so wunderlich gekartet würde, daß Graf William, und +nicht Graf Wilhelm Gustav Friedrich die Herrlichkeit übernähme, der doch +erst Alles daransetzte, sie zu erlangen. Es ist in den letzten +Lebenstagen der hochseligen Frau Gräfin und bei der Anwesenheit dieses +guten Grafen William vielfach #à la# Cagliostro zu Werke gegangen +worden, doch was geht das mich an? Der Vice-Admiral ist nach London +gereist. Von Berlin aus ist Anfrage ergangen, ob das Münzkabinet nicht +verkauft würde; der Anfrager soll ein berühmter Antiquarius sein, der +dasselbe jedenfalls zu schätzen weiß. Wenn der Erbe es ihm gibt, so wird +sich eine Weissagung der Hochseligen erfüllen, welche dieselbe oft +aussprach: Von diesen Münzen und Medaillons, die ich mit Mühe und großen +Opfern zusammengebracht, wird es einst heißen: Gehet hin in alle Welt.« + +»Das Reich ist noch nicht ganz einig, erst im kommenden Herbst soll die +Frucht der Harmonie reifen; wenn sie sich nur nicht spalten, wie ein +Granatapfel, der unzeitig vom Stamme fällt.« + +»Vom Erbherrn ist Nichts zu hören, Nichts zu sehen, nur unverbürgt habe +ich vernommen, daß er bei seinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen +von la Tremouille und Talmont zu sich dorthin habe kommen lassen.« + +»Nachträglich noch eine, mir erst kürzlich zugekommene neue Märe, die +ich aber durchaus nicht gesagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir +gewiß unvergeßliche verewigte Frau Erbherrin ist vergessen und alle +Liebe der Demoiselle Sara Gerdes, vormals Kammerjungfer, dann Kammerfrau +der hochseligen Erbherrin, dermalen zum Range einer Schloßverwalterin zu +Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genießen wird, die +Stellvertreterin einer Ottoline zu werden. Dieses nicht mehr junge +Mädchen stammt aus Bockhorn, das, wie Ihnen genugsam bekannt ist, +zwischen Varel und Kniphausen liegt, und der Großvater derselben zählte +zu den Hörigen der Herrschaft, der Vater aber ist jetzt ein freier +Landbebauer. Was sagen Sie dazu?« + +Diese Meldung erschütterte den Grafen Ludwig sehr; als er allein war, +rief er fast in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dämonen +habe ich heraufbeschworen über das Haus, dem ich entstamme! – Nun sehe +ich, wie sich Alles, Alles erfüllen wird, der dauernde Hader, die +Zwietracht, die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten +Punkt! + +Sich zu zerstreuen, ging er hinunter in die Wohnung seines Hausmanns, +des Apothekers, der ein sehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war. +Es war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Städtchens, sich Sonntag +Vormittags zu einem Glase Wein in der Apotheke einzufinden, und die +Weinstube hatte dadurch, daß auch der fremde Herr, der im Hause wohnte, +dieselbe besuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig sich eine +Menge solcher Zeitungen des Auslandes kommen ließ, von denen sonst nie +ein Blatt nach Ingelfingen gedrungen wäre. Erfuhren auch die Herren +nicht, was sie für ihr Leben gern gewußt hätten, wer eigentlich dieser +vornehme, zurückhaltende schöne Mann sei, so sahen sie doch seine +Persönlichkeit in ihrer nächsten Nähe, sahen, daß ihm der Wein nicht +minder mundete wie ihnen, und hörten ihn gern sprechen, wenn er über die +Ereignisse der Zeit über die Hoffnungen und Befürchtungen in politischer +Beziehung sich äußerte. Auch hatte der Postmeister der Gesellschaft +vertraut, der fremde Herr empfange fast mehr Briefe, als der erste +Kaufmann von Ingelfingen. – Sophie beschäftigte sich stets in Gegenwart +ihres Kammermädchens, wenn der Graf ihr nicht Gesellschaft leistete, mit +leichter weiblicher Arbeit, oder las gute französische Bücher, übte sich +auch bisweilen im Deutschen, worin jedoch ihre Fortschritte nur langsam +waren; besonders fiel das Nachmalen der deutschen Schrift ihr schwer. +Manche stille Thräne weinte sie um die dahingeschiedene Angés und die +Trennung vom Mutterherzen, und ängstlich vermied sie Jemanden zu +begegnen; ein fremder Tritt auf der Treppe oder im Vorsaal machte sie +erbeben. Philipp ritt oder fuhr während des Aufenthaltes in Ingelfingen +fast wöchentlich einmal als Sendbote in das badische Land; denn es wurde +ein lebhafter Briefwechsel mit der Prinzessin unterhalten. + +Ludwig beschäftigte sich in seinen zahlreichen Mußestunden mit Studien, +zu denen seines Hauswirthes Beruf und Büchersammlung den meisten Anlaß +bot. Da standen wohlgeordnet die Werke der Koryphäen der +pharmaceutischen Wissenschaft neben einander: Göttling, Buchholz, +Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache +für Scheidekünstler vertreten; eine Sammlung von Pharmacopöen, die mit +der Schule von Salerno begann und mit der berühmten und allverbreiteten +würtembergischen Pharmacopöe abschloß, ließ Einblicke thun in den Geist +und in die Fortschritte der pharmaceutischen Wissenschaft und Chemie. +Praktische Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden können, wie +die Bereitung und Destillation der Naphten, ja selbst das Pulvern zäher +Harze, die nur Winterkälte so hart macht, daß sie zu Staub zermalt +werden können von der schweren Wucht der Mörserkeulen, des Gelbanum, die +Asa u. a., boten dem Beschauer manches Anziehende dar, nicht minder +chemische Experimente, die mannichfach erfreuten. + +Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn +persönlich kennen zu lernen. Ueber politische Verhältnisse äußerte er +sich nur mit großer, fast diplomatischer Vorsicht und vermied +absichtlich, als Parteimann zu erscheinen; doch verhehlte er nicht, daß +ihm die alte Dynastie Frankreichs lieber war, als die gegenwärtige +Regierung, daß er aber noch zur Zeit ungleich mehr die Revolution selbst +verabscheue, als ihren muth- und kraftvollen Bezwinger. + +Während nun fort und fort die Wißbegierde in Ingelfingen wach blieb, zu +wissen, wer der fremde Herr eigentlich sei, ob er nicht, wie Einige +muthmaßten, ein französischer Prinz, ja ob er nicht gar Monsieur selbst +sei, weshalb ihn auch einige Male der Postmeister Monseigneur anredete, +was aber mit guter Absicht von Ludwig ganz überhört wurde, machte ein +unseliges Ereigniß dem Aufenthalte des Gegenstandes so vieler heimlichen +Fragen und so vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urplötzliches +Ende. + +Philipp kam von Ettenheim zurück, mit demselben bestürzten und +verstörten Aussehen, wie damals, als er die Botschaft von Angés’ +Ermordung überbrachte, und erstattete seinem Herrn einen Bericht, der +diesem das Haar emporsträuben machte. + +Gnädiger Herr! begann er athemlos: Sie müssen mir sogleich einen sichern +Paß verschaffen, daß ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier weilen, +ich muß weiter! + +Was ist geschehen? fragte Ludwig betroffen. + +Was geschehen ist? Herr Gott im Himmel! Unerhörtes und Entsetzliches ist +geschehen! Lesen Sie, gnädiger Herr! Damit übergab er seinem Gebieter +einen Brief, der in Eile zusammengefaltet und äußerst flüchtig +gesiegelt war. Er war von der Prinzessin, und diese schrieb ihm: +»Fliehen Sie, Graf, fliehen Sie mit Sophie, weit, so weit als Ihnen +möglich ist! Retten Sie die Tochter, da der Vater unrettbar verloren +ist. In Verzweiflung schreibe ich diese Zeilen. Der Herzog war gewarnt, +treu gewarnt, es war verabredet, daß wir morgen oder übermorgen nach +Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten, vorher aber sollte eine feierliche +Erklärung unserer Verbindung auch vor dem Auge der Welt Geltung +verschaffen. Es war bereits ein offenkundiges Geheimniß, daß von Seiten +Frankreichs dem Herzog nachgestellt und aufgelauert werde, Schaaren von +Spionen trieben sich in dem Städtchen herum, Alles war schon +ausgekundschaftet, aber keine Warnung fruchtete und statt zu fliehen, +ging der Herzog unbesorgt auf die Jagd; den nächsten Tag erst wollte er +die Rathschläge seiner Treuen befolgen. Wie Alles so entsetzlich schnell +gegangen, weiß ich selbst noch nicht, ich begreife überhaupt Nichts, als +daß wir Alle unaussprechlich elend sind! Es wurde Lärm in der Nacht, die +ganze Bürgerschaft rannte auf die Straßen, der scheuslichste Verrath +ward geübt worden, der Herzog wurde in seiner Wohnung überfallen und +gefangen genommen; der Kirchthurm war von Bewaffneten besetzt, damit +Niemand Sturm läute, unter meinen Fenstern sah ich meinen geliebten +Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren vorüberfahren, von Wachen mit +Gewehren und blitzenden Bajonetten umgeben – ach, mir ahnet, ich sah ihn +zum Letztenmale! Es mußte ein ganzes Bataillon französischer Soldaten +vom Rhein herübergekommen sein, um diesen Landfriedensbruch und +gewaltsamen Menschenraub zu verüben. Die Umgebung meines theueren +Gemahls war mit verhaftet, – ach, noch einige Tage vielleicht, und +unsere Sophie hat keinen Vater mehr! – Ich warf mich in einen Wagen, +folgte dem Gefangenen bis nach Straßburg, ich flehte meinen Gemahl +sprechen zu dürfen, vergebens, ich sah – ich sprach ihn nicht! Wo sie +Henri hinschleppen, weiß ich nicht – nach Paris ohne Zweifel – der Löwe +verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons! – Gott mit Ihnen – mit +Sophie – ich kann nicht mehr – ich bin vernichtet! + + Ch.« + +Der Graf starrte wie betäubt auf den Unglücksbrief! – So fällt auf mich +ein Schlag nach dem andern, sprach er dumpf vor sich hin, doch – ich +muß – ich will sie tragen alle diese Schläge, nur Sophie soll sie nicht +mitfühlen. + +Was hörtest du selbst noch außerdem von dem schrecklichen Unglück, das +mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig seinen Diener. + +Ich lag auf Kundschaft, berichtete dieser, hatte nachgeforscht, wie es +um jenen Hallunken stände, den Mörder der guten Angés, und ob er schon +gerichtet sei. Hat sich was – gerichtet! Entsprungen war dieser Teufel +abermals, entsprungen mit Hülfe seines schurkigen Spießgesellen. Beide +waren Spione und verkleidete französische Gensd’armen gewesen. Ich hatte +mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den +Herumtreibern und ließ ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor +Wuth und Grimm gegen diesen verruchten Menschen, wo er hinschlich, +schlich auch ich hin, stellte mich so, daß er mich nicht gewahrte, ich +aber ließ ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich schwur es +mir zu, Beide zu verderben, oder mindestens den von ihnen, der in meine +Hand fallen würde. Wohl merkte ich, daß das Volk Etwas vorhabe, aber +was, darum bekümmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der +Nacht des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hörte ich in meinem +Versteck plötzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die +Wachen umringten ihn, er wurde auf einen Karren gesetzt und durch den +Ort geführt, ich schlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut +gemerkt. Der Morgen kam herauf, es ging auf eine Mühle zu, nahe der +Stadt vorbei, die dicht umbuscht war; der Ettenbach, der diese Mühle +trieb, rauschte stark und gewaltig, angeschwollen vom geschmolzenen +Schneewasser des Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen +meines Vorhabens, denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen +Mann nicht herausholen. Alle meine Gedanken schossen hinter ihm drein, +als wollten sie ihn fesseln, und ich glaube, sie haben ihn gefesselt; +denn auf einmal blieb Clement Aboncourt zurück, um an seinem Tornister +etwas zu ordnen. Niemand war in der Nähe, die Gefangenen sind in das +Mühlhaus geschleppt worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm +Damm, auf dem der Weg hinläuft, wälzt sich die rasche Fluth dem Rheine +zu. Der Spion war in meiner Macht. Ein Wurf meiner längst bereit +gehaltenen Schlinge, wie nach einem Pferd auf unseren Marschen, ein Ruck +– und mein Mann stürzt’ rückwärts nieder – ich auf ihn los! Bist du’s, +vermaledeiter Satan und Mordgeselle! Ich schau’ ihn an, er war’s, er +verdrehte die Augen, er zappelte und schlug mit krampfhaft geballten +Fäusten nach mir. Ich stieß ihn in den brausenden Waldbach, und die +Wellen thaten hohe Freudensprünge, als der Hallunke hinabflog, seinen +Tornister warf ich gleich hinterdrein ihm auf den Kopf. So hat doch +einer seinen Lohn, denn der blieb unten; ich lief eine Stunde dem +Mühlenbach entlang, um zu sehen ob er wieder auftauche, aber der +wohlverdiente Strick hat ihn daran verhindert. + +Ludwig wandte sich schaudernd ab. + + + + +5. Verschiedene Nachrichten. + + +In der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen herrschte am 18. März des +Jahres 1804 eine ungewöhnliche Bewegung. Der interessante Fremde, den +man so gerne in der Gesellschaft gesehen und reden gehört hatte, war mit +seiner Begleitung plötzlich abgereist. Er hatte noch am Samstag spät am +Abend Extrapostpferde bestellt, und war am frühen Sonntag von dannen +gefahren, gar zu gern hätte man gewußt wohin, Niemand aber konnte +Auskunft geben. Dem Hausbesitzer war in blankem Golde die Miethe bis zum +Ende des Monats bezahlt worden, außerdem hatte ihn noch ein Geschenk +gelohnt, dessen er sich gar nicht versehen, und das ihm die größte +Freude machte; es war eine nagelneue, in Paris gefertigte Voltaische +Säule mit sechzig Plattenpaaren von Laubthalergröße und allem Zubehör. +Für den Postmeister, der ein sehr starker Raucher war, war ein kostbarer +großer ächter Meerschaumkopf mit Silberbeschlag zurückgelassen worden, +und für die übrigen Herren des Weinstübchens Kruggestellgläser mit +silbernen Deckeln, auf welchen das Wort »Andenken« stand und die +Buchstaben L. C. v. d. V. eingegraben waren. + +Der Apotheker war eben bemüht, vor seinen Gästen die Säule aufzubauen, +die davon noch gar keinen Begriff hatten, als ein neuer Gast eintrat und +der Gesellschaft die so eben eingetroffene Nachricht von der +Gefangennehmung des Herzogs auf dem friedlichen badischen Gebiete durch +französische Gensd’armen und Offiziere hohen Ranges mittheilte, obschon +diese Nachricht mit vielen Unrichtigkeiten vermischt war. + +Es konnte nicht fehlen, daß die schnelle Abreise des Unbekannten mit +seiner stets verschleierten Begleiterin sofort mit diesem von Frankreich +aus auf deutschem Boden verübten schändlichen Gewaltstreich in +Verbindung gebracht und lebhaft besprochen wurde. Bald waren alle +Anwesenden fest davon überzeugt, daß jener fremde Herr gleichfalls ein +geflüchteter Bourbone gewesen sein müsse. + +Vom Postmeister erfuhren auch noch nachträglich die Gäste, daß die +Dienerin des Fremden die hohen Reisenden nicht begleitet habe, sondern +reichlich beschenkt mit der Post auf entgegengesetztem Wege wieder +zurückgereist sei. + +Ludwig und Sophie hatten an Angés’ Mutter gedacht, sie überlegten, was +diese gute Frau leiden müsse, wenn sie nichts Näheres über den Tod ihrer +Tochter erfahre; auch sehnte sich Sophie Botta nach ihrer geliebten +Pfalz zurück; die Prinzessin selbst hatte ihr dieses Bekenntniß +abgefragt, und in ihren Entschlüssen entschieden und von einem hohen +selbständigen Gefühle geleitet, hatte sie sofort dem Grafen erklärt, sie +wolle freiwillig auf die fernere Begleitung der Dienerin verzichten; sie +könne ihre einfache Toilette allein ordnen, und wenn ein Ort längern +Aufenthaltes erreicht werde, so werde es auch an weiblicher Bedienung +nicht fehlen. Gleichwohl trennte sich die junge Prinzessin nicht ohne +Wehmuth von der einstigen Wärterin und Dienerin und entließ sie mit +vielen Geschenken, gab ihr auch Angés’ ganze Garderobe mit, mit dem +Auftrag, den sämmtlichen Nachlaß der armen Mutter ihrer unglücklichen +Freundin zur Verfügung zu stellen, nebst Allem was Angés sonst noch +angehört hatte, selbst deren Bild nahm Ludwig nicht wieder an sich; die +Mutter sollte es gleichfalls haben. So waren denn Ludwig, Sophie und der +treue Philipp ohne weiteres dienendes Gefolge abgereist; wohin? wußte +Niemand. – + +Bald trugen die Zeitungen durch die ganze Welt die Kunde von dem +scheußlichen Mord, den der Gewalthaber Frankreichs an dem gefangenen +Herzog hatte verüben lassen, und ein Schrei der Entrüstung ging durch +ganz Europa über diese rasche blutige That auf Verdächtigungen hin, die +jeder Wahrheit entbehrten. + +Mit stets erneutem Schmerz vernahm Graf Ludwig auf der Fortsetzung +seiner Reise immer und immer wieder diese Nachricht, und mußte auf das +Sorgsamste Alles aufbieten, um dieselbe vor seiner holden Begleiterin zu +verbergen, die er in ruhigerer Stimmung und vielleicht erst dann, wenn +er einen Brief der Herzogin in Händen hatte, von dem schrecklichen +Vorfall unterrichten wollte. + +Die Freunde in der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen wurden einige +Zeit nach der Abreise der Fremden auf’s Neue und sehr lebhaft an den +geheimnißvollen Herrn erinnert, als eines Abends der Postmeister ernster +als gewöhnlich eintrat und ein Zeitungsblatt hervorzog. Wir haben +gewissermaßen Trauer bekommen, sagte er nach einer Pause bewegt. Da +bringt unser Schwäbischer Merkur eine merkwürdige Nachricht, welche im +Auszug lautet, daß sicherem Vernehmen nach ein französischer Emigrant +von Bedeutung, der sich vor einigen Monaten längere Zeit zu Ingelfingen +aufgehalten haben solle, zu Mainz mit Tode abgegangen sei. Es war, so +wird gemeldet, ein Mann von ungemein viel Liebenswürdigkeit im Charakter +und Benehmen, auch wissenschaftlich gebildet und vielseitig bekannt mit +hervorragenden Persönlichkeiten. Seiner äußern Gestalt nach war er von +Mittelgröße, hatte schwarzes Haar und dergleichen Bart, erschien stets +auf das Feinste, dabei sehr einfach gekleidet; seine Sprache war meist +die französische, doch ließ er bisweilen niederländische Accente durch +den Strom seiner lebhaften und geistvollen Unterhaltung klingen. In der +deutschen Sprache drückte er sich mit vollkommener Reinheit aus. Dieser +Fremde, der durch nichts auffiel, als durch sein vornehmes und +gebildetes Wesen und seinen Ernst im geselligen Umgang, scheint seinen +nahenden Tod gefühlt, und kurz vor demselben alle seine Papiere +vernichtet zu haben, denn es fand sich nicht das Mindeste bei ihm vor, +was irgend einen Aufschluß über seine Persönlichkeit hätte geben können. +– Der Postmeister schwieg und die Theilnahme der guten Bürger zu +Ingelfingen wurde laut: + +Es ist unser Mann, daran ist gar kein Zweifel! O weh! – Schade um den +Mann! – Er hätte hier bei uns bleiben sollen, so wäre er vielleicht +nicht gestorben! – Zu Ingelfingen ist gut wohnen. – Er konnte sich hier +ankaufen – es stehen ja jetzt in dieser erbärmlichen Zeit gegen zehn +Häuser zum Verkauf ausgeboten. – Er konnte hier Bürger werden – wäre +wohl in den Stadtrath gewählt werden. – Wie viele französische +Emigranten haben sich nicht in den letzten Jahren in deutschen Städten +und Städtchen niedergelassen, und sind angesehene Leute geworden? – +Schade um ihn! + +Während Ludwig also mit aller Theilnahme biederer schlichter Herzen für +todt beklagt wurde, saß er mit Sophie gesund und wohlbehalten im +Gasthaus einer fremden Stadt. Die edle Jungfrau vergoß die +schmerzlichsten Thränen – der Tod ihres armen Vaters war ihr endlich +enthüllt worden. Die Mutter selbst hatte darüber an sie und ihren +Begleiter geschrieben. Ach, wie erschütternd waren die Einzelnheiten +jener schrecklichen Katastrophe! Wie viele Herzen wurden von ihr auf das +Tiefste berührt, auf das Härteste betroffen! Dort weinte ein mit hohem +Ruhme genannter Heldengreis um den Enkel, und hätte gern allen +verdienten Lorbeer, ja das eigene Leben dahingegeben um jenes theure, in +blühender Jugend hingemordete Leben zurückzurufen. Schmerzlich beklagte +der tapfere Vater den Tod des inniggeliebten Sohnes. Ach, und die +geliebte Vermählte! Welch hohes Glück hatte sie besessen und nun auf +immer und unersetzlich verloren! + +Alles hätte anders kommen können, wenn nicht die bübische Feigheit eines +Kammerherrn, der beständig um den unglücklichen Herzog war, jeden +Versuch einer Vertheidigung von Seiten des Letztern bei dem nächtlichen +Ueberfall verhindert hätte, falls es nicht Schlimmeres als Feigheit war. +Ein Wort dieses Mannes, das einzige Wort: Ich! auf die Frage der +Häscher: Wer von Ihnen Beiden ist der Herzog? konnte den Letzteren +retten, und dies Wort konnte unbedenklich ausgesprochen werden, denn den +armseligen Höfling hätte man wahrlich nicht hingerichtet. Aber Jener +schwieg, und der junge Fürst ward zum Tode abgeführt. Mit Verachtung +wies er den feigen Verräther zurück, als derselbe in Rheinau sich zu ihm +in den Wagen setzen wollte. In Straßburg wurde der Herzog von seiner +Dienerschaft völlig getrennt, seine Hände wurden in Fesseln gelegt. Fünf +Tage lang dauerte mit nur wenigen Unterbrechungen die traurige Reise bis +nach Paris, der Gefangene wurde in den Tempel gebracht, dort harrte +schon der Befehl, ihn nach Schloß Vincennes zu senden. Die richterlichen +Verhöre, die mit ihm vorgenommen wurden, und die der Welt wörtlich +mitgetheilt sind, brachten keine Schuld heimlicher Verschwörung gegen +das Leben des ersten Consuls auf den Herzog, aber wer waren seine +Richter? Werkzeuge in der Hand eines Despoten! – Das ist der Inhalt +jenes Justizmordes #in nuce#, was auch Alles für und gegen ihn +geschrieben wurde. Ein Brief, der dem Herzog unterwegs an die +Prinzessin, die er noch nicht öffentlich seine Gemahlin nannte, zu +schreiben erlaubt worden war, wurde von einem der Schergen +unterschlagen. Mit Mannesmuth beantwortete der Herzog alle Fragen, +gestand ein, den ganzen Krieg mit dem Condé’schen Corps mitgemacht zu +haben, sagte aber aus, daß er den Gehalt von England als Pension +beziehe, um zu leben, nicht um damit zu conspiriren. Die Richter des +Herzogs darf die Geschichte nicht schonungslos verdammen; es war ihnen, +lauter Offizieren von hohem Range, und ohne daß sie irgend vorbereitet +waren, ohne daß sie Kenntnisse vom Rechte hatten, befohlen, den Herzog +zu richten, sobald er eingestehen werde, die Waffen gegen Frankreich +getragen zu haben. Dies gestand derselbe mit aller Freimüthigkeit ein, +und fügte seinem Geständniß die Worte hinzu: »Nie kann ein Condé anders, +als mit den Waffen in der Hand nach Frankreich zurückkehren.« Das +Todesloos fiel. Ohne legalen Richterspruch, ohne einen Vertheidiger +wurde der Meuchelmord vollzogen. Die Richter waren noch in einem Zimmer, +gleichsam abgesperrt, beisammen, um zu berathen, auf welchem Wege ein +gemildertes Urtheil vom ersten Consul zu erlangen sein dürfte, da +knallten schon im Festungsgraben die tödtlichen Schüsse. Die Richter +waren sehr unglücklich – auf sie und nicht auf den Vollstrecker der +übereilten Hinrichtung lenkte sich das Verdammungsurtheil der ganzen +gebildeten Welt. Hier hatte die Willkür das Urtheil vollzogen, ehe es +noch begründet und in gesetzlicher Form bestätigt war. Der Herzog mußte +sterben, denn er war in der Gewalt des Mannes, der ihn fürchtete und +haßte, und war – ein Bourbon! + +Mit mildem Trost sprach Ludwig zu der tiefgebeugten Tochter, und seine +Worte fielen in ihr Herz, wie heilender Balsam sanft auf Wunden +träufelt. Das schöne thränennasse Antlitz zu ihm erhoben, faßte Sophie +Ludwig’s Hände und sprach mit leisem Beben: Nun habe ich also keinen +Vater mehr! Nun seien Sie mein Vater! Sie, dem ich anvertraut bin als +ein armes, heimathloses Kind – ach eine Waise – o, wie schwer wiegt +dieses Wort; ich will ihnen so gern gehorchen, ich will Sie ehren gleich +meinem Vater, und wenn ich fehle, so üben Sie Nachsicht mit meiner +Unwissenheit und meiner Schwäche! + +Wie unendlich liebreizend erschien sie ihm da in ihrem tiefen Schmerze! +Sie glich einer prächtigen Incarnat-Passiflore, in deren Nektarkelche +Thränen zittern, die gebeugt steht und doch voll Schönheit ist, die in +Demuth sich neigt und doch voll Hoheit prangt. + +Ein Gegensatz, wie das Leben ihn häufig bietet, zu diesem wahren +Schmerz, dieser schwermuthvollen Trauer, dieser Verehrung auf der einen, +und der kindlichsten Hingebung an den Mann ihres Vertrauens auf der +andern Seite, bildete eine andere Trauerbotschaft aus Holland, die aber +nicht so herzzerreißender Art war; dort hatte nur eine betagte schlichte +Frau den Zoll der Natur bezahlt, und war abgerufen worden in das +verhüllte Jenseits. Leonardus Mutter, Frau Maria Johanna van der Valck, +geborene van Moorsel, war nicht mehr. + +Vincentius Martinus schrieb Folgendes an seinen noch stets am Leben +geglaubten Vetter Leonardus, nachdem er ihn in einer frommen Einleitung +seines Briefes auf die Trauerkunde vorbereitet und ihm dann die +schmerzliche Nachricht mitgetheilt hatte: »Ich komme so eben aus der +Kirche, mein theuerer Leonardus, woselbst ich für die Seele deiner guten +Mutter eine Messe gelesen habe; von deinem kindlichen Sinn darf ich wohl +voraussetzen, daß du es gut heißest, wenn ich für die Seligentschlafene +die Zahl dieser Seelenmessen bis auf Einhundert steigere, und dir dann +nach deren Vollendung das #Laus Deo# darüber einsende. Die Wohlselige +hat noch auf ihrem Todtenbette, und als ich sie mit den heiligen +Sterbesacramenten als christliche Wegzehrung auf der langen Pilgerschaft +nach der Ewigkeit versah, für dich gebetet und dir alles Glück +gewünscht, auch läßt sie dir noch innigst und herzlich für die lieben +und guten Briefe danken, welche du ihr von so verschiedenen Orten aus +geschrieben hast; nur konnte die selige Tante nie begreifen und ich +konnte es derselben auch nicht begreiflich machen, weshalb du dich +eigentlich jetzt und wie es scheint ohne ein Geschäft, welches doch die +Basis eines ehrbaren und christlichen Lebens ist, in Deutschland +herumtreibst. Nun, ich gewahre mit Freude, wie gut mein Gebet für dich +anschlägt, mein geliebter Vetter, und wie der heilige Rochus dich noch +immer beschützt. Nach den Verträgen, die du mit den Verwandten +abgeschlossen hast, beziehst Du nun von dem Hause van der Valck eine +Jahresrente von zehntausend Gulden, erst fünftausend, und nun nach dem +Tode deiner frommen Mutter nochmals fünftausend. Gratulire! Ach, wie +gern hätte die Wohlselige mein armes Kirchlein zu Sanct Ottilien +bedacht, aber die Hände waren ihr ja durch jene Verträge gebunden. +Möchtest du, werther Leonardus, nicht deine milde Hand aufthun und ihren +besten Wunsch erfüllen? Ich würde dich dann auch der ganz besonderen +Gnade dieser heiligen und gebenedeiten Schutzpatronin empfehlen und ihre +Fürbitte durch mein eifriges Gebet für dich erflehen. Du wirst wissen, +geliebter Leonardus, daß die heilige Ottilia die Schutzpatronin der +Augen ist, und sie wird durch mein Gebet Fürsorge tragen, daß deine +Augen stets erfreuet werden, wie geschrieben steht: Unsere Augen sehen +nichts wie Manna, und ferner: Gib mir die, so meinen Augen wohlgefällt. +Anliegende versiegelte Kapsel, die wohl ein Bild enthalten dürfte, gab +die Verblichene mit dem ausdrücklichen Wunsche in meine Hände, dasselbe +dir gleich nach ihrem Abscheiden zu senden, welcher Pflicht ich hiermit +nachkomme. Möge dies letzte Andenken für dich viel Erfreuliches +enthalten!« + +»Komisch ist, trotz aller Trauer, die ich dir pflichtschuldigst melden +muß, daß nach dem Tode deiner seligen Frau Mutter mehr Lusttragende, sie +zu beerben, als Leidtragende, sie zu bestatten, von allen Seiten +herbeikamen. Wir sind auf einmal äußerst reich – an lieben Verwandten +geworden, und der Baum der van der Valckischen Sippschaft hat mehr +Aeste, als mir bekannt war; bis nach Herzberg im Harzgebirge in +Deutschland, ja bis nach Dahne im Königreich Preußen wohnen +Menschenkinder, die unsere Verwandten sein wollen. Meinerseits konnte +ich alle diese guten Seelen nur auffordern, sich mit mir, oder falls +ihnen dies lieber wäre, mit Hiob zu trösten, und ihnen versprechen, daß +ich sie in mein frommes Gebet einschließen wolle, doch glaube ich fast, +daß ihnen daran Nichts gelegen ist, denn die gottlose Welt hat den +rechten Glauben verloren.« + +»Noch muß ich dir, geliebter Leonardus, eine Nachricht als Neuigkeit +mittheilen, welche dir gewiß eine große Freude machen wird. Du erinnerst +dich sicherlich noch des vormaligen Schiffskapitäns auf deines +wohlseligen Herrn Vaters »vergulder Rose«; diese Pinke hat Herr Richard +Fluit verlassen, und statt der »vergulden Rose« eine guldene Herbstaster +geentert, mit der er in den geruhigen Hafen des heiligen Ehestandes +eingelaufen ist. Ich selbst war das auserwählte Rüstzeug, wie deine +selige Frau Mutter zu sagen pflegte, welches in unserm armen Kirchlein +zu Sanct Ottilien das traute Paar ehelich verband, und wer war die +Braut? Wenn du das erräthst, bester Leonardus, so heiße ich Jantjé und +esse hundert Austern mit sammt der Schale.« + +»Vernimm und staune! Herrn Fluit’s Erwählte ist Niemand anders, als die +wohledelgeborene und tugendbelobte Mejouffrouwe Sibylle Nikodema van +Swammerdam, vormals deine Verlobte, und mit ihr macht Fluit, was den +Geldpunkt anbetrifft, ein ungeheueres Glück, welches du, geliebter +Leonardus, dir seinerzeit hast entgehen lassen. Wie schön wird jene +Flöte zu dieser Meertrompete stimmen, wenn sie Beide zu tönen anfangen! +Beide lassen dich als alten Freund herzlich grüßen. Schicke ihnen ja ein +schönes Hochzeitgeschenk, damit du Aussicht auf eine Pathenschaft +gewinnst, falls die alte Meerminne und ihr Zeekoning einen Dolphyn mit +einander gewinnen sollten.« + +Das ist nun der Mann nach dem Herzen Gottes, das Kirchenlicht! sprach +Ludwig unmuthsvoll und warf den Brief, den er Sophien nicht sehen lassen +wollte, bei Seite. + +Hierauf enthüllte er das versiegelte Päckchen und fand eine zweite +Verpackung mit der Aufschrift: »An meinen lieben Sohn Leonardus +Cornelius, zu öffnen am ersten 22. September nach meinem Tode.« – Es war +dies die eigene Handschrift der Verstorbenen. Mithin stand der Inhalt, +wie anzunehmen, mit dem Geburtstag des verstorbenen Leonardus in +Verbindung. Ludwig ehrte den Willen der Verblichenen und legte +schweigend das Päckchen zur Seite, indem er dasselbe gut verschloß. + +Nicht lange nach dem Empfange dieses Briefes liefen auch wieder +Nachrichten von Windt ein, und zwar war es kein gewöhnlicher Brief, +sondern ein ziemlich bedeutendes Paket, welches in Frankfurt am Main +angekommen und dort eine geraume Zeit auf der Post liegen geblieben war, +bevor der zum Empfang Berechtigte selbst in diese Stadt kam. Dieses +Paket trug die Aufschrift: »Documente« und enthielt eine hohe +Werthbezeichnung. + +Sehr neugierig darauf, welche Documente man ihm, dem gleichsam +Vergessenen und Abgefundenen, noch nachträglich zu senden habe, öffnete +Ludwig. + +»Es ist Jammerschade, hochverehrtester Herr Graf,« schrieb Windt: »daß +Sie nicht ohnlängst mit in Kniphausen waren! Das war eine Herrlichkeit +in der Herrlichkeit! Ich übersende Ihnen treu copirte und vidimirte +Abschriften mancher Actenstücke, aus denen Sie sich über den Stand der +Dinge ungleich besser unterrichten können und werden, als ich mit meinem +Geschreibsel es vermöchte; kurz, es ging hoch her und Niemand fehlte +dabei als Sie, oder doch der Falk von Kniphausen!« + +»Unter #A# finden Sie im Original, welches auf mein Ersuchen auch eigens +für Sie gefertigt, unterschrieben und besiegelt wurde, den zu Varel +geschlossenen Vergleich zwischen dem Erbherrn und dem Besitzer von +Doorwerth; unter #B# einen Auszug des Testamentes meiner hochseligen +Gebieterin, und unter #C# ein dem Kopfe des Herrn Hofrath Brünings +entsprungenes Memorandum, welches aber mit der aus Jovis Haupt +entsprungenen Minerva Nichts gemein hat, als daß ihm ein Harnisch mit +Drachenschuppen um den Leib geschnallt ist. Was dieses #invita Minerva# +entstandene Curiosum enthält, werden Sie selbst lesen, es geht Sie an.« + +»Der junge Sohn aus der Gewissensehe, welche der Erbherr mit Demoiselle +Sara Gerdes geschlossen hat, und bei dem der Herr Vice-Admiral +Pathenstelle versah, ist hier in Hamburg, wo die Mutter im Palast der +hochseligen Frau Großmutter ihre Wochen hielt, auf die Namen William +Friedrich getauft worden, und befindet sich wohl. Diese Frucht aus dem +ländlichen Garten von Bockhorn ist so schön, als immerhin eine andere im +Park eines reichsgräflichen Ahnenschlosses erzeugte. Der Erbherr hat zu +Varel seinem Pfarrer Hansing anderthalb Jahre nach dem Tode der +holdseligen Erbherrin Ottoline erklärt, daß er als Wittwer, durch +Familienverhältnisse und aus andern Gründen zu einer anderweit +standesgemäßen Verbindung nicht schreiten wolle, aber auch nicht ohne +Liebebeglückung durch das ihm noch vergönnte Leben zu wandeln gedenke, +und feierlich jene seine Geliebte zur Stellvertreterin seiner verewigten +Gemahlin erkoren und ernannt, mit der er, in vor Gott gültiger +Gewissensehe zu leben gedenke, auch ohne die formelle kirchliche +Sanction, mit dem Vorbehalt, die letztere so wie die Erhebung seiner +zweiten Lebensgefährtin zur rechtmäßigen Gemahlin und Reichsgräfin zu +einer ihm geeignet scheinenden Zeit nachzuholen.« + +»Der Erbherr ist Souverän, er liebt jene Frau und ehrt sie, ihr Betragen +ist würdevoll und gütig, sie ist ihrem Sohn eine zärtliche Mutter und +Alles geht seinen guten Gang, Niemand hat dermalen ein Recht, die in +ihrem Gewissen ehelich Verbundenen zu verdammen, wohl aber werden die +Agnaten früher oder später dies thun, und es wird in der Folge wieder zu +Streitigkeiten kommen, die dann wahrscheinlich kein Friedenstrank aus +dem Falken von Kniphausen beizulegen vermögen wird, #posito# sie hätten +den Falken.« + +»Ich sitze immer noch hier in Hamburg und plage mich wie ein Pferd, +obschon ich todtmatt bin.« + +»Aus der bereits erwähnten Anlage ersehen Sie, bester Herr Graf, daß man +nicht übel Lust hat, Ihnen die #rara avis#, den Falken, wieder +abzulocken und denselben auf eine oder die andere Art wieder nach +Kniphausen zu bekommen. Mir ziemt nicht, Ihnen Rathschläge zu geben, ich +aber wüßte was ich thäte – ich rückte ihnen den Falken auf ewig aus den +Augen.« + +»Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und läßt gehorsamsten Respect +vermelden. Der schreckliche Tod der armen Angés hat uns Beide +außerordentlich erschüttert. Sie war zu gut für diese Welt, und ihr ist +wohl, wenn nur nicht ein so bitteres Sterben ihr zu Theil geworden wäre. +Sanft ruhe die Asche dieser wahrhaft guten und edlen Freundin!« + +»Ich war sehr krank, und bin nur wie durch ein Wunder dem Tode +entronnen. Der liebe Gott muß noch etwas Absonderliches mit mir vor +haben, dazu er mich aufspart. Der Reimarus gab mich völlig auf, auch +hatte ich bereits, ehe es so ganz schlimm mit mir wurde, Auftrag +ertheilt, daß der Consul Höfer meine Habseligkeiten und Papiere +versiegeln sollte, und ebenso hatte ich das Begräbniß in hiesigem Dom +angeordnet. Gottes Gnade hat mich abermals errettet, aber fort will ich +von hier – muß fort, meine Aufenthaltskosten übersteigen mein +geringfügiges Legat. Ich habe mir einen kleinen Wagen gekauft, darin +will ich sobald als möglich mein Bette anbringen, und gen Stadthagen +segeln, möge es mir eine Stadt Hafen sein! Ich bedarf dessen, ich sehne +mich nach Ruhe; wer weiß wie bald bestürmt Sie, mein gnädiger lieber +Herr Graf, der alte Windt nicht mehr mit seinen unruhigen Briefen! Alles +Glück sei mit Ihnen, und bedürfen Sie meiner für Ihre Aufträge in irgend +einer Sache, so werden dieselben von mir vollzogen, ich mag sein, wo ich +immer sei, nur nicht, wenn ich im Himmel bin; doch selbst dort noch + + Ihr ganz ergebenster W.« + +Mit neugierigem Verlangen griff der Graf nach den Documenten und sprach +schmerzlich lächelnd: Ich will doch nicht hoffen, daß sich um mich ein +Schriften- und Actenwerk drängt, wie um die alte selige Großmutter; am +Besten wird es sein, ich werfe, was mir nicht gefällt, gleich in’s +Feuer. + +Das erste Papier war ein mit zwei schwarzen Siegeln versehener und vom +Erbherrn wie von dem Vice-Admiral eigenhändig unterschriebener Vertrag +in französischer Sprache, welcher ins Deutsche übersetzt lautete: + +Wir, die Unterzeichneten, Wilhelm Gustav Friedrich, regierender Graf von +Rhoon, Herr von Varel und Kniphausen, und Wir, William, Graf und Herr +von Doorwerth mit Zubehör #(cum annexis)# erklären und erkunden, daß +alle die Rechtsfragen, Streitpunkte und Zwistigkeiten, die vorher +zwischen der Reichsgräfin Charlotte Sophie, verwittweten Gräfin und Frau +zu Varel, In- und Kniphausen, geborene Gräfin von Aldenburg einerseits, +und dem obengenannten regierenden Grafen, wie auch die zwischen seinem +seligen Vater, dem Herrn von Varel, seiner Frau Mutter und seinem +Großvater anderseits Statt gefunden haben, auf eine freundliche Art für +immer abgethan und verglichen sein sollen, so daß Wir, der regierende +Graf und Herr von Doorwerth, als einziger Erbe der seligen Frau Gräfin, +unserer Großmutter, im vollkommensten Einverständniß über Alles sind, +was Rechte und Vorrechte in unsern Familien betrifft, und daß wir so +wohl für uns als für unsere Nachkommenschaft, die es angeht, uns +verbunden haben, niemals diese gemeinschaftliche Uebereinkunft zu +verletzen. Damit aber unsere oben ausgesprochene, gemeinschaftliche +Vereinigung weder Zweifel noch Widerspruch erleide, so haben wir diesen +gegenwärtigen Act unterschrieben und besiegelt. Geschehen zu Varel etc. + +Es waren die richtigen beiderseitigen Wappen; das des Erbherrn stand in +einem gekrönten hermelinverbrämten Fürstenmantel, über dem Wappen vier +schwebende Kronen, deren jede ein besonderes Kleinod trug. Zwei Löwen +dienten als Schildhalter, die auf Palmenzweige traten, um die sich eine +Bandrolle mit dem Wahlspruch: #Craignez honte# wand. Das Wappen des +Vice-Admirals war im Ganzen ebenso, aber es stand nicht in einem +Fürstenmantel, auf dem Wappen ruhten vier gekrönte Helme mit den +Kleinodien, und der Wahlspruch fehlte. + +Ja wirklich, Windt hat Recht, spöttelte Ludwig, zu dieser Einigungsacte +hätte nothwendig aus dem Falken von Kniphausen getrunken werden müssen, +wie vor Zeiten bei der uralten Einigung der streitenden Linie. Schade, +daß sie ihn nicht an Ort und Stelle hatten! + +Die Auszüge aus dem Testament der Großmutter, welche Ludwig rasch +überflog, enthielten meist ihm Bekanntes; das Testament umfaßte so viele +Legate und Schenkungen, daß den Erben alles Lachen darüber vergangen +war. + +Nun aber, was soll diese dritte Schrift? rief der Graf, und hob sie +verwundert empor; sie war 22½ Seiten lang und von einer Advocatenhand +geschrieben. Dieselbe berührte die einem jungen Menschen zu dessen +Erziehung, Ausbildung und zu Reisen gemachte Schenkung, über die sich +ein Nachlaß, eine Aufzeichnung vorgefunden hatte; gedachte ferner eines +Testamentes, in welchem der Falk von Kniphausen ausdrücklich erwähnt +worden sei, als spurlos verschwunden, kam dann auch auf das vorhandene +Testament zu sprechen, kraft dessen der Vice-Admiral Graf William zum +Universal-Erben eingesetzt sei; sprach klagend über die vielen +Schenkungen, und vermißte in denselben die Anführung des werthvollen +Geräthes, jenes Falken von Kniphausen, das ganz unschätzbar sei. Da nun +»dem Vernehmen nach ein gewisser junger Herr dieses Kleinod von der +Erblasserin aus freier Hand und aus eigenem Willen in unbekannter Form +und Weise erhalten habe, so erscheine wünschenswerth, den dermaligen +Aufenthaltsort jenes Herrn zu erkunden, und denselben wo möglich zu +bewegen, jenes hochwerthvolle Familienkleinod, sofort er sich über den +rechtmäßigen Besitz werde genügend ausweisen können, gegen eine +Geldsteuer wieder an die Familie abzutreten, sintemalen alte Sagen und +Ueberlieferungen im Umlauf gingen, deren superstitiösem Wahn allerdings +keine Folge zu geben, daß an diesen Falken das Glück des hochgräflichen +Hauses so gebannet sei, wie das Glück der Grafen von Ranzau an jene +Kleinode aus Zwergengold: fünfzig Rechnenpfennige, ein Häring und zwei +Spindeln. Es werde sonder Zweifel der dermalige Inhaber besagten +Kleinods sich mit ohngefähr vier- bis fünftausend Mark Hamburger Banco +zu Dank begnügen lassen, um so mehr, als der hochgnädige Erbherr die +frühere übergroße Schenkung großmüthig wolle passiren lassen, +ohngeachtet ihm C. 32, #Cod. de donationibus# und die prononcirte +Meinung Schaumburgs #in Comp. ff. ad tit. de donat. §. X#, nebst andern +mehr, hinlänglichen Stoff zu Einreden an die Hand geben könnten. + +Ludwig hatte Mühe, in Sophiens Gegenwart seinen Zorn zu beherrschen, der +bei Lesung dieser Schrift in ihm aufflammte, aber seine Hände zitterten, +während er dieses Memorandum las, bis er es plötzlich, wie es war, mit +dem Ausruf: Dänische Spinne! von oben bis unten zerriß und +zusammenknitterte. + +Was sagte die selige Großmutter? rief er entschlossen. »Sie sollen ihn +nicht haben!« sprach sie. »Sie sollen nicht wieder daraus trinken!« Und +die Worte eines Sterbenden sollen uns heilig sein! Wohl ist dieses +kunstvolle und köstliche Geräth ein hochwerthes Kleinod und für mich in +der That ganz unschätzbar – o es schließt Herzen unsichtbar in sich ein, +theure edle Herzen! Aber bedarf es für diese Herzen eines sichtbaren +Andenkens? Nein, bei mir nimmermehr, so lange ich athme. Darum will ich +rasch mich scheiden von seinem Besitze, ehe List oder Uebereilung oder +Raub oder Bitte es mir abdringen. + +Schnell war sein Entschluß gefaßt; in den nächsten Minuten saß er schon +am Schreibtisch und schrieb an die Herzogin Georgine: + + »Hochgnädigste mütterliche Freundin! + +Aus der Hand meiner sterbenden Großmutter empfing ich das beifolgende +Kunstwerk. Stets auf Reisen und noch ohne dauernden Wohnsitz macht es +mir große Sorge, daß ein unglücklicher Zufall mich um dieses mir doppelt +heilige Unterpfand hoher Liebe bringen könnte. Die Urkunde über meinen +völlig rechtmäßigen Besitz ist dem Kunstwerke beigegeben. Ich sende es +Ihnen, wo es sicher und in treuer Hand bewahrt bleibt; heben Sie mir +diesen Falken liebevoll auf, bis ich denselben zurückfordere. Geschieht +dies nicht, so sei und bleibe der Juwelenfalk, der unter keiner +Bedingung an einen andern als an mich selbst, wenn ich denselben wieder +fordere, gegeben werden darf, ein Eigenthum Ihrer hohen Familie und +erfreue noch durch die Kunst der Arbeit, die Pracht seines Glanzes und +den Werth seiner Juwelen die spätesten Nachkommen. Gewiß, Sie lassen +mich keine Fehlbitte thun, edelste großmüthigste Freundin, und bauen +diesem Falken seinen Horst im Castle Chatsworth, wo derselbe Sie an mich +und an mein Herz erinnern möge, das voll Dank und verehrender Liebe ist +und es bis zum letzten Hauche bleibt.« + +Noch Eins geschehe! sprach Ludwig, indem er sich erhob und Philipp +klingelte. Wie sprach die Großmutter ferner? »Nur du – und die, welcher +du dein Herz schenkst, sollen aus dem Falken trinken.« So sprach sie, +und auch das erfülle sich! + +Der Diener kam; Ludwig gebot ihm den Falken zu bringen, und eine Flasche +des edelsten Weines zu bestellen. Als Alles da war, nahm der Graf das +Gefäß und den Wein und ging zu Sophie hinüber. + +Die Prinzessin staunte mit leuchtenden Augen die Pracht des Falken an; +sie hatte Aehnliches noch nie gesehen. Noch mehr aber war sie +verwundert, als sie gewahrte, daß der Kopf des Vogels sich aufschlagen +ließ, und das Innere eine goldene Höhlung zeigte. + +Ludwig goß den Wein in den Pokal und bedeckte ihn dann wieder mit dem +Haupte des Vogels. Dann sprach er: Sophie, dieses Geräth wurde mir +anvertraut von jener verehrten Greisin, bei welcher Sie einst mit Ihrer +erlauchten Frau Mutter zu Hamburg einen Besuch machten. Sie sprach +damals zu mir das bedeutungsvolle Wort: Trinke du daraus und Die, +welcher du dein Herz schenkst. – Sophie, ich stehe allein in der Welt, +fast Alle, denen ich früher mein Herz geschenkt hatte, sind mir +gestorben, wem sollte ich nun mein Herz schenken? Darf ich es wagen, Sie +einzuladen, Sophie, daß Sie mir diesen Trank mit Ihren reinen Lippen +weihen? + +Ein hohes Roth trat auf ihre Wangen; sie entgegnete sichtbar ergriffen: +Ich habe gelesen, daß bei den alten Ritterspielen edle Frauen und +Jungfrauen den Siegern die Pokale kredenzten, oder diese ihnen als +Kampfespreise reichten; das nannte man Dank. Mein ganzes Herz, Graf, ist +Dank, inniger Dank; darum erfülle ich gern, herzlich gern Ihren Wunsch +und trinke von diesem Weine auf das Wohl eines edlen Siegers! – Sie +schlug des Vogels Haupt zurück, führte mit fester Hand den schweren +Goldpokal zum Munde und flüsterte, bevor sie trank: Auf Ihr Wohl, Graf +Ludwig, und auf eine bessere, schönere Zukunft! + +Nachdem ihre Lippen den Juwelenkelch berührt und dessen Wein gekostet +hatten, gab sie den Falken mit freundlichem Blick in des Grafen Hand +zurück, und auch er trank mit einem vollen, überströmenden Gefühle, das +keine Worte fand; dann sprach er: Und diesem mir doppeltgeweihten Gefäß, +aus dem ich nun zweimal süßen Zauber getrunken, muß ich entsagen; +glauben Sie, theure Sophie, das ist kein leichter Entschluß, aber ich +will Sieger über mich selbst sein, ich will es, weil ich es mir selbst +gelobt habe. + +Noch an demselben Tage kam der Falk von Kniphausen zur Post, +wohlverwahrt und weich gebettet, um bald darauf über den Kanal zu +reisen, von zarter Hand enthüllt und mit Staunen begrüßt zu werden. Die +ganze reiche Grafschaft Devonshire bewahrte kein Kleinod von +Künstlerhand, das diesem an Pracht, Schönheit und Werth sich +gleichstellen konnte. + + + + +6. Ein Tag in Wien. + + +Eine lange Zeit der Unruhe war über den Grafen verhängt, der so sehr +nach Ruhe und abgeschlossener Stille sich sehnte. Briefe kamen von +Sophiens Mutter, alle mehr oder minder voll Furcht und Bangen, wie voll +Klagen, daß sie durch Bande der Pflicht gebunden, nicht in der Lage sei, +mit der geliebten Tochter sich wieder zu vereinen. Dennoch wollte sie +deren Leben und Zukunft so gern gesichert sehen. An einem deutschen Hofe +durfte dies nicht geschehen, denn an einem solchen konnte die junge +Prinzessin nicht incognito auftreten, sie würde, wenn ihre Herkunft +bekannt geworden wäre, jedenfalls eine mißliche Rolle gespielt haben. Da +fiel der besorgten Mutter zuletzt ein Ausweg ein, sie wollte sich einem +hohen Freund anvertrauen, dem es ein Leichtes war, ihrer Tochter, und +wenn diese es wünschte, auch deren treuen Beschützer und Begleiter ein +sicheres und unnahbares Asyl zu gewähren. Prinzessin Charlotte hatte +beim Aufenthalt in Petersburg den Großfürsten Alexander kurz vor seiner +Thronbesteigung kennen gelernt. Die persönliche Liebenswürdigkeit dieses +jugendlichen Monarchen, den selbst Napoleon einen Apoll nannte, hatte +auch die Prinzessin für ihn eingenommen. + +Sie hatte ihn dann am Hofe zu Baden bei seiner Vermählung mit der +schönen Tochter des fürstlichen Hauses, Prinzessin Elisabeth, +wiedergesehen, rechnete auf des Kaisers Huld und Gunst und schrieb an +ihn. + +Alexanders Antwort sandte die Prinzessin an Ludwig, sie lautete: +»Stellen Sie, Prinzessin, mir diejenigen Personen vor, deren Schutz Sie +von mir wünschen, ich werde Alles zu deren Zufriedenheit und zu Ihrer +Beruhigung thun. Sie kennen meine Gesinnung und meine Theilnahme an dem +Unglück, das Sie betroffen, ich habe bei dieser grausamen Verletzung des +Völkerrechts und jenem Meuchelmord, vor dem ganz Europa noch immer +schaudert, als deutscher Reichsfürst Schritte gethan, daß Genugthuung +für die Gebietsverletzung des Kurfürstenthums gefordert werde, allein +welche Genugthuung wäre hinreichend, Ihrem Herzen zu genügen. Kaum die, +daß ich im Bunde mit Oesterreich Frankreich den Krieg erklärt habe.« + +»Reisen Sie, bester Graf,« schrieb die Prinzessin an Ludwig, »mit Sophie +zum Kaiser, hören Sie dessen Befehle, ich überlasse alles Weitere Ihrer +Einsicht, Ihrer Freundestreue, Ihrer Ehre und Ihrer Anhänglichkeit an +mich und mein Kind. Der Himmel führe Sie Beide! Sie treffen, wenn Sie +nicht säumen, den Kaiser noch in Wien. Eilen Sie dorthin und beruhigen +Sie bald eine unglückliche Mutter, die für ihr Kind zittert, während sie +bereits um ihren gemordeten Gatten der Verzweiflung anheimfiel!« – + +Graf Ludwig billigte in seinem Innern diesen eigenthümlichen Vorschlag +keineswegs. Es war eine Abneigung in ihm gegen alles Russische, wie sehr +er auch den persönlichen Eigenschaften des jungen Kaisers Verehrung +zollte. Diese Abneigung entsprang gleichsam einem ererbten +Familiengroll, der im Blute lag; das Haus, dessen Sohn Ludwig war, +konnte es nie verschmerzen, daß die russisch gewordene Herrschaft Jever +– in ihr bestand das deutsche Reichsfürstenthum Kaiser Alexanders I., an +welches Ludwig durch des Kaisers Brief erinnert wurde – die einst dem +Hause gehört hatte, jetzt von diesem abgerissen war, daß zwischen Jever +und Kniphausen der russische Grenzpfahl stand, von dem ein Adlerkopf +nach Kniphausen, und der andere nach Varel sich neigte, gerade als ob in +diesem schlimmen und starken Vogel Lust vorhanden sei, auch diese beiden +Herrlichkeiten zu rauben. Es kämpfte daher mächtig in dem Grafen, ob er +der erhaltenen Aufforderung Folge leisten solle oder nicht, zumal sich +schon halb und halb in ihm ein Plan gebildet hatte, von dem er sich ein +reines Zukunftglück versprach, der Sophien Schutz und ihm Freiheit zur +Hingabe an seine Lieblingsneigungen und an ein ihm besonders zusagendes +gemüthliches Stillleben gewähren sollte. + +Gleichwohl ehrte Ludwig die Prinzessin, Sophie und das Geschick Beider +zu sehr, um nicht zu fühlen, daß er vor dem Wunsche der Ersteren seine +eigene Neigung aufopfern müsse. Er theilte daher der jungen Prinzessin +den Brief ihrer Mutter mit und diese, obgleich erst fünfzehn Jahre +zählend, war doch hinlänglich durch den Schmerz für den Ernst des Lebens +gereift, um nicht die Bedeutung eines solchen Schrittes vollkommen +würdigen zu können. + +Sie schlug das seelenvolle Auge zu Ludwig auf und sprach bewegt: Ich +habe keinen Willen, ich folge der Mutter, ich folge Ihnen, ich beuge +mich in Demuth Allem, was über mich verhängt wird. + +Sophie, entgegnete Ludwig: mich schmerzt, was Sie mir erwiedern, obschon +ich weiß, daß Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen. Wenn +auch die Verhältnisse Ihnen die tiefste Zurückhaltung und +Verschlossenheit der Welt gegenüber als eine schwer zu tragende Fessel +auferlegen, so dürfen Sie doch mir gegenüber sich frei und offen äußern, +denn Sie wissen ja, fügte er, um den Ernst seiner Rede zu mildern, im +leichten scherzenden Tone hinzu: daß Sie nicht meine Untergebene, +sondern meine Gebieterin sind. Daher dürfen Sie Ihr Verhältniß zu mir +nicht so nehmen, als seien Sie ein willenloses Lamm oder ein Opfer der +Politik, nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie +nicht willigen, da ich im Voraus weiß, wie Ihre klare Einsicht Ihnen +sagt und Ihr Gefühl Ihnen sagen wird, daß ich nur an Ihr Heil sinne und +denke. + +Gewiß, dies fühle ich lebhaft, lieber Graf! versetzte Sophie: und ich +will mich bessern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, so glaube +ich, gehorchen zu müssen, wenn Ihre Meinung damit übereinstimmt. Sie +müssen wissen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majestät des Kaisers von +Rußland etwas Günstiges für uns zu hoffen ist; nur das Eine erlaube ich +mir zu bemerken, daß, wenn der zugesicherte Schutz eben in einem +Aufenthalt im russischen Reiche, auf einem der Kronschlösser oder +zuletzt gar in einem russischen Kloster bestehen sollte, ich sehr dafür +danke. So lebhaft hat Rußland mich nicht angezogen, und so sehr hat es +mir selbst in Sanct Petersburg nicht gefallen, daß ich den Wunsch fassen +könnte, in Rußland meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutschland +geboren, und wenn sich mir auch für die Zukunft das Vaterland meiner +Eltern verschließt, so will ich doch ungleich lieber in Deutschland +wohnen, als in irgend einem andern Lande, denn Deutschland gefällt mir +und ich liebe es. + +Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zögern das Wort: dem Befehl Ihrer +Frau Mutter Gehorsam leisten, es steht dann immer noch bei Ihnen, eine +dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage ist nur +die, wird Ihre Gesundheit die Anstrengung einer Reise mit Courierpferden +vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien ist weit und Eile ist +dringend nöthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der Kaiser +Alexander in den nächsten Tagen nach Wien kommt, so ist doch diesem +Monarchen in so bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt vergönnt. + +Ich bin Gott sei Dank gesund, mein bester Graf, erwiederte Sophie: und +habe Jugendkraft. Frische Luft thut mir wohl, und die Reize wechselnder +Landschaften und Orte, die ich ohne Schleierhülle betrachten darf, geben +anmuthige Zerstreuung, wenn gutes Wetter solche Fahrt begünstigt. Sie +wissen ja, daß ich armes Mädchen so zu sagen eine geborene Reisende bin. +Nicht in der Nähe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe +ich noch recht zum Selbstbewußtsein gelangte, wurde ich als Kind in +weite Ferne geführt. Zu Wasser und zu Lande war immer Gottes Hand über +mir. Sie wissen dies Alles, weßhalb sollte also eine Reise nach Wien +mich schrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es sein muß! + +Wohlan denn, so schreiben Sie, während ich alles Nöthige anordne, einige +Zeilen an Ihre Mutter, daß wir ohne Verzug nach Wien abreisen, und ihr +vom Erfolg dieser Reise sogleich von dort aus Nachricht geben würden. + +Ludwig schrieb seinerseits noch einige rasche Briefe, ließ durch +Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die seine einpacken, +und war jetzt erst recht von Herzen froh, daß er den Falken fortgesendet +hatte, dessen Besitz eine stete Sorge für ihn gewesen wäre. + +Auf dem geradesten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Würzburg, und +von da nach Nürnberg, wo man sich eine Nachtrast gönnte, dasselbe war am +folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten schon waren die +Reisenden bei guter Zeit in Wien. + +Kaiser Alexander empfing sie mit der ganzen Herzlichkeit seines Wesens +und seiner Humanität, die ihn zu einem der ausgezeichnetsten Monarchen +des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen liebenswürdigen +Prinzessin sein inniges Beileid, und sprach mit freundlicher +Herablassung zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begrüße ich als alten +Nachbar! Wenn Sie mich als solchen vielleicht nicht gern gesehen haben +sollten, so will ich Ihnen zum Troste sagen, daß diese Nachbarschaft +sich in Kurzem lösen wird, ich bin entschlossen, meine Herrschaft Jever +an Holland abzutreten, und gratulire Ihrem Hause im voraus zum neuen +Nachbar. + +Diese Aeußerung des Selbstherrschers aller Reussen setzte Ludwig +einigermaßen in Verlegenheit, denn was sollte er ihm darauf erwiedern? +Sein Name allein mochte den Kaiser glauben gemacht haben, er habe irgend +noch ein Mit-Anrecht an jene Herrschaft, doch viel zu wichtig war der +Augenblick, um ihn auf derartige Erörterungen zu verwenden. Es war +Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiser hatte keine Zeit für +Familienangelegenheiten, Fürst Metternich war schon angemeldet, dieser +konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte sich wieder zu +Sophien und fragte sie, ob sie der Gast seiner Gemahlin in Sarskoe-Selo +sein wolle? Dies kaiserliche Lustschloß stehe ihr offen, oder, wenn sie +dies vorziehe, würde sie ein gleiches Asyl zu Oranienbaum finden. – Ihre +nächsten Verwandten, mein lieber Graf – wandte sich der Kaiser wieder +scherzend zu Ludwig: sind ja sehr für Oranien, und gewiß auch Sie +selbst! Wissen Sie auch, daß der regierende Graf von Varel und +Kniphausen vor Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten +Ansprüche und Anwartschaften auf Jever geltend zu machen? Er war sehr +dringend, und ich habe ihm ein Jahrgehalt von fünftausend Silberrubeln +als Entschädigungssumme auf Lebenszeit zugesichert, mehr konnte ich +nicht thun. Ich habe dem Souverän von Varel und Kniphausen mein +aufrichtiges Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Verhältnisse +gebieterisch fordern, die Ueberzahl dieser reichsgräflichen und +reichsfreiunmittelbaren deutschen Standesherrn, da factisch das deutsche +Reich aufhört, zu mediatisiren. – Wollen Sie, Herr Graf, in meinen +Militärdienst treten, so sollen Sie mir willkommen sein. + +Bei dieser Anrede des Kaisers durchzuckte blitzesschnell ein Gedanke +Ludwig’s Seele. Ich soll von Sophie getrennt leben, sie soll am Ende gar +Hofdame in Sarskoe-Selo werden – und wozu dies Alles? Bedürfen wir +dieser kaiserlichen Gnaden? + +Allerunterthänigst muß ich für das Glück und die Auszeichnung danken, +Eurer Majestät Offizier zu werden, antwortete Ludwig im bescheidensten +Tone: ich bin körperlich zum Militärdienst untauglich. Die Prinzessin +Sophie wird die Huld Eurer Majestät zu würdigen wissen und sich für die +Annahme einer der Gnaden entscheiden, die allerhöchst ihr anzubieten +Eure Majestät geruht haben. Majestät geruhen den Ausdruck +unterthänigsten Dankes im Voraus entgegen zu nehmen. + +Der Kaiser nickte gnädig zum Zeichen der Entlassung, und bat Sophie +noch, ihre schöne Mutter von ihm zu grüßen. Die Prinzessin zitterte an +Ludwig’s Arme, als sie, in ihren Schleier gehüllt, durch die mit +besternten Kammerherren und hohen Militärchargen angefüllten Vorsäle, +durch die Schaar goldbetreßter Diener schritt; sie athmete tief auf, da +sie endlich im Wagen saßen, um nach ihrem Hotel zurückzufahren. +Verwundert sahen die Höflinge dem Paare nach. Wer war der Mann, der eine +Prinzessin, wie man sprach, zur Audienz beim Kaiser führte, im +schlichten schwarzen Bürgerkleid und hatte nicht einmal einen Orden auf +der Brust! + +Was sagten Sie dem Kaiser, Graf? Ich hörte es nicht genau vor Zittern +und Zagen, fragte Sophie. Ich würde mich für Annahme einer der mir +angebotenen Gnaden entscheiden? War es nicht so? + +Allerdings, ich konnte nicht anders sprechen, entgegnete Ludwig: ich +konnte, nachdem ich für meine Person abgelehnt hatte, nicht auch in +Ihrem Namen, ohne vorher Ihren Willen zu kennen, Nein sagen. + +Und wünschten Sie, daß ich Ja sagte, Graf? fragte Sophie. Wünschen Sie +mich los zu werden? Habe ich Ihnen nicht bereits meinen Willen und +meinen Entschluß, in Rußland nicht zu verweilen, offen ausgesprochen? + +O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf freudig +bewegt und führte ihre Hand an seine Lippen. Ich zitterte Ihrer +Entscheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein +Recht. Alles Glück, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz +Ansprüche haben, wären Ihnen vom Kaiserhofe zu Theil geworden; Ihre Frau +Mutter hätte das wohl am Liebsten gesehen. + +Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit sanftem Erröthen: will +mit Ihnen gehen, wohin Sie mich führen, in die Stille, nur in die +Stille, auch Sie lieben ja die Stille, und ich sehne mich gleichfalls +nach ihr. + +Ludwig war selig in seinem Gefühl – eine Vorahnung heiliger Stille, +süßen Friedens kam über ihn und erfüllte sein ganzes Herz. Er sah nun, +wie kein Gedanke in Sophie den Wünschen widerstrebte, die den holden +Traum seiner Zukunft ausmachten. + +Bei der Rückkehr in das Gasthaus trat ein stattlicher Herr dem Paare +entgegen, kraftvoll gebaut, von militärischer Haltung, viele +Ordensinsignien auf der Brust. Ludwig gab es einen Stich in’s Herz, er +wollte schnell mit seiner Begleiterin an ihm vorübergehen, aber Jener +vertrat ihm den Weg, und rief erstaunt: Ludwig! Vetter! Du hier? + +Wie du siehst, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Augenblick zu +deinem Befehle, erlaube nur, daß ich diese Dame erst nach ihrem Zimmer +begleite. + +Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; Sophiens edle +Haltung, ihre zarte Gestalt fielen ihm auf. Nicht übel, murmelte er: +nicht übel! – Ja, das muß wahr sein, schöne Mädchen gibt es in der +Kaiserstadt, oder sollte das eine Fremde sein? + +Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem zarten und +innigen Verhältniß Ludwig’s zu den hohen Frauen, die das Schicksal in +jene Asyle am Rhein geführt. – Da Windt Ludwig’s nie gedacht hatte, +zumal der Erbherr immer sichtlich vermied, nach ihm zu fragen, so konnte +dieser auch Nichts erfahren, und wenn Ludwig’s je einmal, wie es bei der +Unterredung bezüglich des Falken der Fall gewesen war, Erwähnung +geschah, so berührte der treue Intendant doch auf keine Weise jenes +Verhältniß. + +Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flüchtigen Worten mit, daß +jener Herr derselbe Verwandte sei, von dem so eben Kaiser Alexander +gesprochen habe; dann eilte er wieder zu diesem hinab, worauf die beiden +Vetter sich mit einander in ein abgesondertes Zimmer begaben, um ihr +Wiedersehen nach so langer Trennung bei einer Flasche Champagner zu +feiern. + +Das Gespräch lenkte sich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht +gemüthlichen Stimmung; das drohende Gespenst der Mediatisation schien +nicht auf dieselbe einzuwirken. Was ihm am Meisten am Herzen lag, der +Wiedergewinn jenes kostbaren Trinkgeschirres, das er in Ludwig’s Händen +wußte, wurde auch bald Gegenstand der Unterhaltung. Als Graf Ludwig von +dem Tod der Großmutter erzählte, daß er noch ihren letzten Segen +erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit: + +Und noch mehr, noch Besseres erhieltest du von ihr. Du empfingst auch +noch den Falken! + +Allerdings, und zwar mit verbriefter und besiegelter Urkunde +rechtmäßigen Besitzes in Folge freier Schenkung, versetzte Ludwig. + +Was gedenkst du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit schlecht +verhehltem Aerger. + +Nichts, antwortete Jener trocken. + +Man sollte doch dies Geräth bei der Familie lassen, Vetter! sprach der +Graf nach einer Pause. + +Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zukünftigen? fragte mit +scharfer Betonung Ludwig, und diese seine Frage verwirrte den +regierenden Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, so hätte sie ihn +aufgebracht; doch bezwang er sich und sprach ruhig weiter: Mit einem +Wort, Vetter: wir, der Admiral und ich, hätten den Falken gern wieder, +überlass’ ihn uns, tritt ihn uns käuflich ab, stelle deine Forderung, +wir schaffen die Summe! + +Ludwig blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als wolle er sich die +Sache überlegen, dann sprach er: Wirklich? Ihr schafft die Summe? Ach, +da thut es mir in der That recht leid, daß ich nicht im Stande bin, +euren so billigen Wunsch erfüllen zu können. + +Warum nicht? + +Weil ich nicht mehr im Besitz jenes seltenen Vogels bin. + +Um des Himmels Willen, was muß ich hören! fuhr der Graf erschrocken auf. +Wurde er dir entrissen? Gabst du ihn hin? An wen gabst du ihn und wie +theuer? + +Nie würde ich so unwürdig handeln, dieses werthvolle Familienstück zu +verkaufen, Vetter! Das denkst du gewiß nicht von mir! + +Nun denn, wo kam der Falke sonst hin? fragte der Erbherr in ungeduldiger +Spannung. + +Ich habe ihn verschenkt, war Ludwig’s ruhige Antwort. + +Verschenkt! Hör’ ich recht, verschenkt! schrie Jener außer sich. Ich +bitte dich, Ludwig! Wußtest du, was du thatest? + +Ich wußte, was ich that, mein lieber Vetter, ich war bei vollem +Bewußtsein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den +Händen zu geben, schenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und sehr +reichen Dame, die ich liebe. + +Der Reichsgraf stieß sein Champagnerglas so heftig auf den Tisch, daß es +klirrend zersplitterte. + +Fahr hin, Glück von Edenhall! sprach dazu Ludwig ganz kaltblütig, mit +einer Anspielung auf eine bekannte Sage. + +Was ist’s mit dem Glück von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und +hastig, indem er seinen Grimm zu bemeistern suchte. + +Als ich in England, in der Grafschaft Devonshire war, erzählte Ludwig, +nachdem er ein frisches Glas und eine frische Flasche Champagner +bestellt hatte: fand ich auf dem reizenden Schloß Chatsworth, in einem +Zimmer, darin die unglückliche Maria Stuart sechzehn Jahre ihres Lebens +vertrauerte und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte schottische +Chronik, darin ich von einem schönen Krystallbecher las, welcher dem +Grafenhause von Castle Edenhall in Cumberland als Geschenk einer Fee +gehörte, und »das Glück von Edenhall« genannt ward. So lange es +existirte, sollte des Hauses Glück unwandelbar blühen. Ein Sproß des +Hauses von wildem Sinn wollte das Glück versuchen, stieß das Glas auf, +und da zerbrach es unter schrillem Klang. Wie jener Becher zersprungen +war, wich alles Glück vom Hause der Lords von Edenhall, es spaltete sich +die Familie, ein Unfriede herrschte darin und Alles ging zu Grunde. +Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke, wenn Jemand mit Absicht oder +auch ohne Absicht ein Geräth zerbricht: Fahr hin, Glück von Edenhall! + +Eine düstere Wolke des Mißmuths lagerte sich über die Stirne des +Reichsgrafen. + +Erst nach einer Pause fragte er, als könne er den Gedanken noch immer +nicht fassen, mit erneutem Erstaunen: Du hast also wirklich den Falken +verschenkt? Sage mir, Mensch, hast du den Stein der Weisen gefunden? +Kannst du Gold machen? + +Wer weiß, entgegnete Ludwig geheimnißvoll, dem es eine wahre Lust war, +den Grafen durch Zweifel zu quälen. Als ich die Bäder von Buxton +gebrauchte, besuchte ich auch die in jener Gegend gelegene berühmte +Peakhöhle bei Castleton; ich stand in der gothischen Geisterkirche +dieser majestätischen Stalaktitenhöhle, einer Kirche, welche die Hand +der Natur für den Weltgeist wölbte; ich lauschte dort einem Chorgesang, +der wunderbar erklang, tief schwermüthig, und was tönten diese fernen +Stimmen unsichtbarer Sänger? Es waren Strophen einer altschottischen +Ballade, davon lautete die letzte: + + »O leide, leide, mein wackrer Falk, + Die Federn fallen dir aus! + O leide, leide, mein liebster Herr, + Seht blaß und elend aus!« + +Ja, es war schön und reizend im Castle Chatsworth. Und siehst du, +Vetter, dort könnte ich wohl auch den Stein der Weisen gefunden haben. + +Wie finde ich dich so ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter +Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du scheinst viel Glück gehabt zu haben! Bist +wohl sehr reich? + +Hm, es geht an! versetzte Jener mit leichtem Tone, so reich bin ich +mindestens, daß mich nicht nach russischen Rubeln gelüstet! + +Wie kommst du darauf, Mensch, der Grafschaften verschenkt? fragte +betroffen der Reichsgraf. + +Siehst du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Grafschaften +verschenke, so befreie ich mich dadurch nur von einer großen Furcht und +Sorge, und ich habe mir nun einmal fest vorgenommen, sorgenlos zu leben. + +Welche Sorge meinst du? fragte Wilhelm gespannt. + +Ich meine die Sorge, mediatisirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken. + +Was, Mensch? Bist du ein Dämon! Welche Geheimnisse trägst du mit dir +herum? Wer hat dir von russischen Rubeln gesagt? Wer von Mediatisirung? +Niemand weiß etwas davon! + +Willst du es durchaus wissen? – Ja! – Nun denn, der Kaiser von Rußland, +vorhin, als ich bei ihm war. + +Beim Kaiser von Rußland, rief Graf Wilhelm, dessen ganz verstörter +Zustand nunmehr Ludwig’s Mitleid rege machte. Er sprach daher mit vieler +Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zürne mir nicht; ich war ein wenig +böse auf dich und neidisch auf den Vice-Admiral. + +Ha! glaub’s wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm. + +Nicht doch, versetzte Ludwig, sondern daß ihr mich so ganz vergessen und +zur Seite geschoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir stehen +und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht hätte +ich deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die +fünfzigtausend holländische Gulden, die ich dir in Doorwerth lieh und +lasse dir davon einen andern Falken machen. Ich schenke sie dir, sammt +den Zinsen von zwölf Jahren. + +Redest du im Ernst, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der +Reichsgraf. + +Mir war selten so wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vetter so +unvermuthet wiederfinde, versetzte Ludwig. + +Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pause mit Wärme fort: du +zeigtest mir damals selbst im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die +ärgste Kränkung angethan; selbst von dir zuerst beleidigt, hätte ich +dich nicht so wieder beleidigen dürfen, wie ich es that; du konntest +mich fordern und todt schießen; du hast mein Leben aufgespart zu vielem +herben Weh, aber auch zu unendlichen Wonnen, die mir entgegenblühen, +darum nimm mich nun, wie ich bin, aufrichtig und ohne Falsch. Auch +warst du es, der als der Aeltere mir zuerst die Hand zur Versöhnung bot; +dein Edelmuth gewann dir meine ganze volle Liebe, und nun von allen +diesen Geschichten kein Wort mehr. Laß uns anstoßen: Unsere lieben +Todten sollen leben! + +Theuere Namen klangen durch Ludwig’s Erinnerung: Ottoline, Leonardus, +Sophie Charlotte, Angés. Thränen entstürzten seinen Augen, er sprang +auf, umarmte Wilhelm mit stürmischer Innigkeit und eilte fort. + +Der Abend dieses Tages fand Sophie und Ludwig schon nicht mehr in Wien. +Rasch, wie sie gekommen waren, verließen sie die Kaiserstadt wieder, +aber sie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie rasteten +in Pölten, und gönnten sich an den übrigen Tagen Zeit, von der schönsten +Witterung begünstigt, die herrlichen Ufer des Donaustromes zu bewundern. +Sie sahen Regensburgs alte versinkende Herrlichkeit, sahen das alte +Nürnberg und sein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und Coburg +reisten sie dann nach dem Dorf Eishausen; der Graf hatte Befehl gegeben, +dort anzuhalten, und führte die junge Prinzessin durch die Hauptstraße +des Ortes. + +Erinnern Sie sich nicht, schon einmal hier gewesen zu sein? fragte er +sie. + +Allerdings ist es mir so, erwiederte sie: doch weiß ich mich nicht mehr +zu entsinnen, wann es war. + +Es ist derselbe Ort, sprach der Graf, in welchem ich Sie und die selige +Angés nach langer Trennung zum Erstenmale wiedersah, als Sie mit Ihren +theueren Eltern nach Rußland reisten. + +Ach ja, jetzt entsinne ich mich! rief Sophie gerührt: Dort stand eine +schöne Kirche, dort ein ziemlich großes Schloß, hier vor dem Wirthshaus +war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater fürchtete von ihnen +erkannt zu werden, wir fuhren daher sehr schnell weiter. + +Nach kurzer Rast wurde die Reise nach Hildburghausen fortgesetzt. Als +der Weg sich von dem hohen Stadtberg thalwärts niedersenkte, als zur +Rechten der Blick auf Wald, Wiesen und Dörfer frei ward, zur Linken auf +grünende Berggärten und heitere Gelände, und unten im Thale die schöne +Stadt so friedlich ruhte, das Abendsonnengold gerade wie damals über die +ganze Flur ein magisches Zaubernetz warf und eine Glocke vom stattlichen +Kirchthurme herab die Feierabendstunde verkündete, da überkam unsere +Reisende ein unnennbar süßes Gefühl der Ruhe, der sanften traulichen +Befriedigung. Es war als schließe hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll +Unfriede, voll Haß und Verfolgung sich ab, und ein neues Leben, nur dem +Frieden und der Liebe geweiht, thue sich vor ihnen auf. + +Dasselbe Gasthaus, in dem damals die fürstlichen Reisenden während des +Pferdewechsels eingetreten waren, der »Englische Hof« in Hildburghausen, +nahm sie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu ungleich längerem +Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft suchte der Graf um eine Audienz bei +der regierenden Herzogin Charlotte nach. Diese gebildete Fürstin, deren +Geist und edles Herz noch heute im treuen Andenken von Stadt und Land +fortlebt, empfing den Grafen mit Güte und dankbarer Erinnerung. + +Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang +hier aufhalten zu dürfen, sagte Ludwig nach der ersten Begrüßung. Ich +suche mit einer Gefährtin von hoher Geburt die Einsamkeit, die tiefste +Stille. Ueber jener Dame Abkunft schließt mir ein theures Gelübde den +Mund, das nur ein strenger Befehl lösen würde, der dann zugleich mein +Verbannungsurtheil, meine Ausweisung wäre. Mein Ehrenwort leistet dafür +Bürgschaft – ich selbst darf nichts sagen, wie gerne ich auch einem so +edlen Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen würde. + +Ich verstehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin +lächelnd. Wir sind hier am Hofe etwas schwatzhaft geartet, meinen Sie +nicht? Nun, Sie mögen nicht so ganz unrecht haben! Uebrigens sollen Sie +sehen, daß ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich +den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, Ihr +Geheimniß jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, für deren +Ritter Sie sich erklären, nach Kräften zu schützen. Je länger es Ihnen +bei uns gefällt, um so mehr soll es mich freuen; aber von Einem seien +Sie zum voraus fest überzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr +Geheimniß zu kommen, so werden’s andere Leute dafür um so eifriger sein. +Mit einem Wort: Hüten Sie sich vor der delphischen Weisheit unserer +guten Residenzbewohner. + + + + +7. Das große Räthsel. + + +Die Fürstin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheimnißvolle +Paar sein möge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit +vielem Aufwande im »Englischen Hof« wohnte, war schon nach wenigen Tagen +das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Residenz, und die +Nachbarn betrachteten das so wohl bekannte Hotel um seiner +geheimnißvollen Gäste willen mit Blicken des Befremdens und der +Neugierde. + +So lange die unbekannte Herrschaft noch im Gasthaus wohnte, durfte nie +ein Kellner die Zimmer derselben betreten. Man hatte eigenes Tafel-, +Tisch- und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen +der Fremden von auswärts an, ebenso waren Service angekauft worden. +Später miethete der Graf die schönste Wohnung, welche in Hildburghausen +zu haben war, in einem Eckhause am Markt, das nach jener Zeit als +Regierungsgebäude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein +Nachbar konnte ihm in die Fenster blicken. Täglich fuhr er, nur von +einem einzigen Diener begleitet, mit der stets verschleierten Dame im +eignen eleganten Wagen spazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie sich +selbst im herzoglichen Marstall kein schöneres befand, erregte die +allgemeinste Bewunderung. + +Allmählig füllten sich alle Gesellschaftskreise der Stadt mit +Nachrichten über den räthselhaften Fremden und seine Begleiterin. Daß +die öffentliche Meinung den Grafen für einen französischen Emigranten +hielt, war in den Verhältnissen und Ereignissen der Zeit begründet; +darüber war man im Allgemeinen einig – aber noch gar manches Andere +blieb dafür um so räthselhafter und spottete aller Nachforschungen. + +Zu ihrer großen Belustigung hörten sie bald, mit welcher Romantik die +erfinderische Fantasie der guten Kleinstädter sie Beide umkleide; und +es gewährte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, sich die +Abenteuerlichkeiten erzählen zu lassen, die über sie im Mund der Leute +umgingen. + +Mit Hülfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im +steten Verkehr mit der Außenwelt, während sie Ludwig zugleich ein Mittel +boten, Sophien in mannichfaltiger Weise zu unterhalten und zu belehren. +Beim Thee, den sie selbst mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor, +oder er erzählte ihr aus seiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der +Großmutter, aus der Geschichte seines Hauses, von seinem Aufenthalt in +England, so daß keine Stunde der Langeweile die junge lebhafte +Prinzessin beschlich. Graf Ludwig verstand es, den so häufig trocknen +Ton der Zeitblätter zu würzen und sie mit vielem Humor zu erläutern. Die +Zeit war schwer, viel Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf +Deutschland drückte lähmend wie ein Alp Napoleons Herrschaft. Jede freie +Aeußerung, welche deutschen Sinn athmete, wurde unterdrückt, und +deutscher Vaterlandsliebe drohten Fesseln und Kerker. Da mußten die +einsamen ganz auf sich beschränkten Fremden in der kleinen Stadt noch zu +einem andern Mittel greifen, um die Stunden zu verkürzen und das Leben +zu weihen, und dieses Mittel bot ihnen die Poesie. Mit Entzücken nahm +Sophie den Geist deutscher Dichtung auf, mit Begeisterung führte sie der +Freund in die schöne Literatur ein. + +Mit den Zeitungen über die trübe Zeit brachte Philipp eines Tags auch +einen Brief, der das Poststempel London trug. Ludwig erschrak beim +Anblick des Trauersiegels, er ging hastig in ein Nebenzimmer, zitternd +öffnete er – ach, schon sagte sein Herz ihm Alles! + +Meine Mutter! O meine schöne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in +seinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er sich auf’s +Sopha. + +Sophie eilte herbei, sein Anblick erschreckte sie auf’s Heftigste und +bestürzt rief sie aus: Was ist Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren +Schmerz nicht theilen? O, sagen Sie mir, welche Schreckenskunde Sie so +tief erschüttert? + +Ach, meine Mutter! seufzte Ludwig: oder doch zum Mindesten geliebt von +mir wie eine Mutter! Lesen Sie, theure Sophie, am dreißigsten März, neun +und vierzig Jahre alt, und welche Frau! + +Aus Ihrem Schmerz entnehme ich die Größe Ihres Verlustes! sprach Sophie +bewegt. Lassen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einst die meine +theilten! Erzählen Sie mir von der Verklärten, das wird Sie erleichtern +und mich zugleich in den Stand setzen, Ihren herben Verlust zu theilen. + +Ludwig fühlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieses jungen reinen +Herzens war, und suchte sich zu fassen. Auf’s Neue erkannte und segnete +er den Engel, den das Schicksal ihm in Sophien zur Seite gestellt hatte. +Auch dieser Kelch mußte geleert, auch dieses Leid ertragen werden. + +Mitten in diesem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bückeburg; +der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Januar erfolgte Ableben +seines Bruders, des reichsgräflichen Haushofmeisters Windt. Er war in +Stadthagen sanft verschieden und ruhte ohnweit des Grabes seiner treuen +Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war. + +In dem untern Stock des Hauses, welches der Graf bewohnte, befand sich +die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in derselben Feuer +aus, welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit gelöscht wurde. +Dennoch trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen +veranlaßte, die Miethe auf der Stelle zu kündigen. Bald fand sich ein +anderes Haus, in der schönen neuen Vorstadt gelegen, welche auch von +Emigranten angebaut war. Im Anfang war die Eigenthümerin dieses Hauses +unschlüssig, ob sie den Fremden ihr Haus einräumen solle; denn das +Geheimnißvolle ihrer Personen und die vielen über sie umlaufenden +Gerüchte und Mährchen schreckten sie ab. Als betagte Wittwe eines hohen +Staatsbeamten, und als eine Frau von Welt und Bildung, mochte sie sich +keiner Gefahr aussetzen, und da sie vernommen hatte, daß die Herzogin +den geheimnißvollen Fremden kenne, so ging sie zu dieser und fragte sie +geradezu, ob sie ihr rathe, den Grafen und seine Umgebung in ihr Haus +aufzunehmen? Leicht beseitigte diese jede Besorgniß bei ihr und der Graf +mit seiner Begleiterin und seiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk +ihres Hauses Besitz. + +Stille, lautlose Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den +Mitbewohnern fast peinlich vorkam, waltete um diese Wohnung und brachte +den Grafen in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings, während er doch +nur Sophiens Wunsch erfüllen wollte, die in dieser völligen +Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt einen Genuß, einen Trost fand. Das +Publikum hingegen, das die junge Dame selten und dann stets nur +verschleiert erblickte, fing allmälig an zu argwöhnen, man halte sie mit +Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgesperrt und der Graf sei +eine Art Othello oder Ritter Blaubart. + +Heute flog diese, morgen jene Neuigkeit über die geheimnißvollen Fremden +durch die Stadt und bildete den Inhalt der Gespräche ebensowohl an der +Gasttafel im »Englischen Hof,« als auf der Bank der äußersten +Vorstadt-Kneipe. Einmal erzählte man sich, der Postillon habe sich auf +dem Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzenden Etwas mitzutheilen, und in +Folge davon habe der fremde Graf dem Postmeister ein Billet geschrieben, +des Inhalts, daß er sich diesen Postillon wie jeden andern, der sich +unterstünde, während des Fahrens zurück und in den Wagen zu sehen, ein +für allemal verbitten müsse. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an +das Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als +gegangen, nachdem ihn der erzürnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht +hatte. So ging es fort und fort, eine sonderbare Nachricht verdrängte +die andere, der geheimnißvolle Graf, der sein Leben mit der Tarnkappe +verschlossenster Zurückhaltung und mit dem Mantel der tiefsten +Verschwiegenheit umkleidete, ließ die Leute zu keiner Ruhe kommen. + +Um den Garten des Hauses lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der +Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frühen Morgenstunden +spazieren gingen, dann lustwandelten sie gewöhnlich in der alten +schattigen Allee, welche sich um die Hälfte der Stadt längs der +Umfassungsmauer hinzog, zu andern Tagesstunden aber ergingen sie sich in +dem geräumigen Gemüsegarten dicht am Hause. Nachbarskinder bohrten +Löcher in die Bretter der Umzäunung und blickten neugierig hindurch, +denn schon in die Kinderwelt herab war das Mährchen, das sich so gerne +den Kindern, seinen Lieblingen, befreundet, herabgestiegen und hatte +verkündet, daß da drinnen eine verwünschte Prinzessin umgehe, welche +keinen Mund habe; während Andere behaupteten, die fremde verschleierte +Dame habe einen Todtenkopf. + +Darüber kam es zum Wortwechsel, von diesem zu Prügeln, und während die +liebe Gassenjugend draußen vor dem Garten zu Rittern der Poesie des +Volksmährchens wurden, standen Ludwig und Sophie an der bretternen Wand +und belachten herzlich der großen und kleinen Kinder Abenteuersucht. +Gewöhnlich mußte dann Philipp Brettstückchen sägen und die Löcher im +Zaune wieder zunageln. + +Nie gab es auffallendere Gegensätze, als das Leben dieses +geheimnißvollen Paares, wie es nach Außen hin in seiner räthselhaften +Abgeschlossenheit der alltäglichen Umgebung erschien, und Jenes, das +Beide in Wirklichkeit führten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit, +nach Außen die romantische und selbstersonnene Täuschung. + +Mitunter gab es auch Tage, an welchen die Postpferde schon zu sehr +früher Morgenstunde vor dem Hause sein mußten; Philipp half dieselben +rasch an den Wagen des Grafen spannen und schwang sich dann zum +Postillon auf den Bock empor. An solchen Tagen durften weder die Köchin +noch die Aufwärterin das Haus betreten. Einmal geschah es indessen, daß +die Erstere, welche einen Schlüssel zur Küche bei sich führte, bei einer +solchen Abwesenheit der Herrschaft das bestehende Verbot brach. Sie +übersah aber, daß ein Spinnfaden quer über das Schlüsselloch gezogen +war. Als die Herrschaft zurückkehrte, wurde diese Köchin mit Belassung +ihres Gehaltes für den vollen Rest des Jahres auf der Stelle +verabschiedet. + +Wohin die Fremdlinge fuhren? – Jede nächste Poststation bot andere +Pferde, andere Postillone, wer konnte also erfahren, wie weit und nach +welcher Richtung hin ihr Reiseziel ging? Viele vermutheten, ein +religiöses Bedürfniß führe sie zu den Gnadenorten des nachbarlichen +Frankenlandes, nach Vierzehnheiligen, oder nach Sanct Ursula, oder zum +Gipfel des heiligen Kreuzbergs. + +Dem in so geheimnißvoller Eintracht verbundenen Paare, dessen Leben der +gesammten Umgebung ein so großes Räthsel war, kam ein wichtiger Tag. +Längst hatte Sophie im Stillen dessen gedacht, längst sich mit ihm +beschäftigt, zweierlei sollte den Mann überraschen, an den ihr Geschick +sie so wundersam gebunden, ja gekettet hatte. Es war der 22. September +des Jahres 1808. + +Heimlich, in stillen, unbelauschten Stunden hatte sie sich bemüht, +Deutsch schreiben zu lernen, was ihr anfangs sehr schwer fiel. + +Noch nie war, außer im innersten verschwiegensten Herzen, das traute Du +über die Lippen dieser Liebenden gekommen. Dem Genius der französischen +Sprache ist es fremd, nun aber war das deutsche Sie Sophien nicht minder +fremd und unbegreiflich, und das Ihr klang ihr im Deutschen so seltsam, +daß sie bei sich beschloß, in dem Briefe, der ihre erste Uebung im +deutschen Styl werden sollte, das Du zu brauchen, selbst auf die Gefahr +hin, daß es so kindlich klinge, als wenn ein Kind sein erstes Gebet +stammelt. + +So entstand jener noch vorhandene und in Hildburghausen wohlbekannte +Brief, der so manche falsche Auslegung fand, der so Viele glauben +machte, er sei, weil nicht nach den Regeln der großen deutschen +Sprachschulmeister Campe, Adelung und Heinsius stylisirt und +geschrieben, nur ein Zeugniß von Mangel an Bildung oder von ganz +untergeordneter Stellung jener Persönlichkeit, die das Räthsel ihrer +Existenz mit so dichten Schleierhüllen umwob. + +Und dabei bleibt es immer noch eine große Frage, ob jener Brief nicht +Abschrift einer fremden, der Orthographie unkundigen Hand war. – Du! +klang es in Sophiens Seele zu Ludwig, wie es längst in der seinen +geklungen; Du! hallte diesen trauten Klang das jungfräulich erbebende +Herz nach, da es sich gedrungen fühlte, dem edlen Mann mehr zu sein als +Pflegbefohlene, mehr als Tochter. + +Als der Graf an diesem 22. September früh nach seiner Gewohnheit das +Lager verlassen und aus seinem Schlafkabinet in sein Wohnzimmer trat, +lag auf einem geschmückten Tisch ein frischer Kranz, und neben diesem +eine schöne Stickerei, ein Sophakissen im Geschmacke jener Zeit, +erhabene Blumen von geschorener Seide. Diese Blumen waren Lilien, drei +an der Zahl, auf einem himmelblauen Felde, und neben diesen drei zarten +Lilien, welche mit täuschender Kunst die Natur nachahmten, stand von +Silberlahn gefertigt, ein Anker. Zwischen diesem Kunstwerk und dem +Kranze lag ein Brief, ohne Aufschrift, gesiegelt mit einem Petschaft, +dessen Abdruck in einem kleinen ovalen Schildchen unter einer +Königskrone drei Wappenlilien zeigte. + +Bewegt nahte Ludwig diesen freundlichen Gaben einer so unendlich theuern +Hand; sein Geburtstag, an den sie ihn sogleich erinnerten, war ihm +wichtig geworden, seit er Leonardus kennen gelernt hatte. Er brachte +still seinen Dahingeschiedenen ein Todtenopfer. Dahin, dahin waren sie +Alle, nur er sonnte sich noch am lieblichen Strahle des Daseins. Aus dem +Leben waren sie geflohen, hatten ihn treulos verlassen, Jeder von ihnen +war ein Strahl gewesen, der sein Dasein geschmückt und verklärt hatte, +jetzt waren diese Strahlen alle zusammengeflossen zu einem Strahle, der +ihm ein einzig holder, ach! sein letzter Stern war. + +Mit freudigem Beben öffnete der Graf endlich den Brief und las; er las +nicht die fehlerhaften Zeilen einer Anfängerin in der deutschen +Rechtschreibekunst und Grammatik, er las das beredte Gefühl und den +heiligen Ausdruck einer unschuldigen, liebenden Seele! + + »Lieber guter Ludwig! + +Ich wünsche dir zu deinem Geburtetag[14] viel Glück und Segen! Der +Himmel erhalte dich gesund bis in das späteste Alter. Ach, lieber +Ludwig, es sind schon viele Geburtetage, die ich bei dir erlebe, und der +Himmel segne dich für Alles, was du schon an mir gethan hast, und an mir +noch thust! + +Ach, lieber guter Ludwig, es thut mir leid, daß ich dir zu deinem +Geburtetag keine bessere Freude machen kann. Ich habe hier eine +Kleinigkeit für dich gestickt, ich schäme mich, daß sie nicht besser +ist. Aber gewiß wirst du, lieber guter Ludwig, es doch von deiner armen +Sophie annehmen, als einen Beweis meiner Liebe und Dankbarkeit. Ach, +verzeihe mir, mein guter Ludwig, wenn ich bisweilen fehle! Ich bitte den +Himmel, daß er mich lehre, meine Fehler zu verbessern. Möchtest du doch +mit mir zufrieden sein, ich aber im Stande, alles dir nach Wunsch zu +thun, alles dir angenehm zu machen. Ach, lieber guter Ludwig, ich weiß, +daß meine Lage schrecklich war und ich danke dir nochmals! Der Himmel +segne dich für alles! Behalte mich lieb, lieber Ludwig! Ich bleibe im +Schutze Maria’s und dem deinen. + + Deine arme Sophie bis in’s Grab. + + Den 22. September 1808. + + [Fußnote 14: Dem holländischen #Geboortedag# nachgebildet. Der + Brief ist, bis auf die verbesserte Rechtschreibung, ganz + urkundlich.] + + + + +8. Der Geburtstag. + + +Voll unaussprechlicher Rührung stand Ludwig noch lange vor seinem holden +Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und netzte +mit seinen Thränen diese theuren Zeilen. + +Ohne daß er es gewahrte, trat sie leise ein, ätherisch schön, +geschmückt, in hellen Farben, von Gewändern umflossen, die sie reizend +kleideten, eine liebliche feengleiche Gestalt, blühend wie die schönste +Rose Irans, das holde Antlitz von bräutlicher Röthe überhaucht, ein +verkörpertes Ideal jungfräulicher Schönheit. Endlich blickte er auf. +Sophie! Ludwig! – und sprachlos sanken sie einander in die Arme, Herz an +Herz, und geschlossen war der hohe Liebesbund für ein langes, reiches, +vollbeglücktes Leben. Vergessen war alles irdische Leid, abgefallen +aller bisherige Zwang der scheuen Zurückhaltung; wie zwei Lieblinge des +Himmels standen sich die edlen Gestalten gegenüber, froh bewußt ihrer +Bestimmung, ihres Zieles, daß sie nun einander angehörten für das +Erdensein, für eine gemeinsame Bahn, ein gemeinsames Streben. Der Tag +war reizend angebrochen, es war Herbstesanfang, während die Liebenden +auf die Sonnenhöhe des Lebens traten; die Morgensonne strahlte hell in +die Zimmer, die Natur lachte noch in voller Sommerfrische, und hatte das +reiche Füllhorn mannichfaltiger Blumenpracht über die Schöpfung +geschüttet. + +Voll seliger Freude machten Sophie und Ludwig an diesem Tage ihren +Morgenspaziergang; ach, welch strahlendes Entzücken blitzte aus diesem +holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhülle! Wer hatte diesen +zarten Fingern in den feinen Glacéehandschuhen solchen warmen Druck +gelehrt? Wer diesen frischen Mund der Liebe lieblichkosendes Flüstern? + +Fast hätte in seinem Glück, das so überraschend und übergewaltig an +diesem Tage auf ihn einstürmte, Ludwig jenes kleinen Päckchens +vergessen, welches Vincentius Martinus gesendet, und welches Leonardus +Mutter ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken bestimmt hatte. +Endlich dachte er daran, entsiegelte es, las, und las mit immer +wachsendem Erstaunen. + +»Mein geliebter Leonardus!« so begann der letzte Brief einer todten +Mutter an ihren todten Sohn: »wenn deine Augen auf diesen Zeilen weilen, +wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, daß du an +einem guten und dir Heil und Glück bringenden Tage lesen mögest, was ich +niedergeschrieben habe, weil ich ein Geheimniß nicht mit unter die Erde +nehmen will, das mich bisweilen bedrückte, das ich aber nicht offenbaren +wollte aus Liebe zu dir. Du wirst mir nicht zürnen, mein lieber +Leonardus, denn ich habe dir immer und immer die lebendigste Muttertreue +bewiesen, obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht +dein Vater ist, du, lieber Leonardus, unser Sohn nicht bist, obschon für +unsern Sohn gehalten und als unser Sohn gehalten. Das eigenthümliche und +seltsame Ereigniß, welches unser eigenes Kind uns nahm und ein fremdes +Kind in unsere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirst darüber +erstaunen, doch mir nicht zürnen, wenigstens glaube ich nicht, daß du +dazu Ursache hast.« + +»Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte +ein, einen längeren Aufenthalt erforderndes Handelsgeschäft in London +abzuschließen; wir waren noch im ersten Jahre unseres Ehestandes, +liebten uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung +entschließen; ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar +dort nach einiger Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den +Namen Leonardus Cornelius beilegen ließen. Mit diesem Sohn, einem zarten +Säugling, und mit meinem Manne schiffte ich mich später zur Rückfahrt +ein. Das große Kauffahrteischiff, auf welchem wir fuhren, war unser +Eigenthum; mit uns fuhr eine deutsche Herrschaft, nämlich eine schon +bejahrte, wenigstens fünfzig Jahre zählende sehr stolze, aber doch auch +wiederum sehr gute und außerordentlich kenntnißreiche Dame, welche mein +Mann sehr verehrte, sie stets Frau Reichsgräfin nannte, und mit welcher +er allerlei Geldgeschäfte abzumachen hatte. Diese Frau war begleitet von +einer jungen Dame, ihrer Schwiegertochter, deren Gemahl in England +zurückgeblieben war. Es war zwar auch eine sehr stolze, gegen mich aber +doch gütige Frau, welche, gleich mir, auch in London geboren hatte, und +ihr Kind von einer Amme stillen ließ. Wir erzeigten uns gegenseitig alle +Freundlichkeit und Gefälligkeit, unterhielten uns vielfach über unsere +Kinder, fanden sogar ein wenig Aehnlichkeit zwischen beiden, und +theilten uns nach Frauenweise unsere gegenseitige Herkunft und +Jugenderlebnisse mit. Diese Dame hieß Reneira, und war die Tochter eines +Baron van Tuyl zu Serooskerken; sie zählte erst einundzwanzig Jahre; ihr +Gemahl war der Reichsgraf Johann Albert von Jever, Varel und Kniphausen, +und eine ältere Schwester von ihr, Maria Katharine van Tuyl zu +Serooskerken, war an ihres Gemahles älteren Bruder verheirathet. Beide +Männer waren die Söhne der Reichsgräfin, welche sich mit auf unserem +Schiffe befand. Als wir bereits zwischen dem »Helder« und dem »Texel« +hindurch waren, und die Insel Wiwingen in Sicht hatten, sprang der Wind +um, wuchs und wuchs und wurde zu einem furchtbaren Sturme. Du kennst +Seestürme aus eigener Erfahrung hinlänglich, mein geliebter Leonardus, +aber die Feder einer alten schwachen Frau ist nicht vermögend, den zu +schildern, der mit allen Schrecken der empörten Elemente uns heimsuchte. +Alles stürzte durcheinander, wir armen Frauen, unsere Kinder, unsere +Dienerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangst, Nothschüsse, Gekreisch, +Hülferufe, und Alles in stockfinsterer Nacht, denn unter Deck mußten +alle Lampen und Laternen ausgelöscht werden, um Feuersgefahr zu +verhüten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit furchtbar lang, es +war das Grauenhafteste, was ich jemals erlebt habe. Wir Frauen waren +mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern und +Dienerinnen in der großen Kajüte, und erwarteten mit jeder neuen Welle +unser Ende. Unser Aller bemächtigte sich zuletzt eine gänzliche +Hoffnungslosigkeit, eine tödtliche Abspannung, denn der Sturm dauerte +zwei Tage und zwei Nächte und das Schiff litt über die Maßen. Als der +zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die +Mannschaft wurde nun an die Pumpen beordert, obschon sie so ermattet +war, daß fast kein Matrose mehr ein Glied rühren konnte. Jetzt wurden +die Boote ausgesetzt, man trug uns Frauen in dieselben, da das Schiff zu +sinken drohte, kaum war es möglich, uns hinunter zu bringen; während +dies geschah, hörte ich plötzlich einen Schrei der Amme jener deutschen +Dame, gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin selbst, und +verworrene Stimmen riefen, daß ihr Kind todt sei! Um so fester drückte +ich das meinige an meine Brust; Jene kamen in ein anderes Boot, bald +trennten uns die donnernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes +Hand über uns, und ich war die Glückliche, die ihr eigenes Leben und das +ihres Kindes gerettet sah, als der Sturm sich endlich legte und ein +Schiff uns aufnahm. Auch unser großes Schiff sank nicht; als der Sturm +nachließ, gelang es den weiteren Bemühungen der Mannschaft, das Leck zu +stopfen und das Schiff wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu +Hause angekommen, so fiel ich in eine lange schwere Krankheit, in +welcher mein Mann und alle die Meinen um mein Leben zitterten, und von +der ich erst nach vier Wochen wieder genaß. Während dessen hatte mein +Kind entwöhnt werden müssen, das auch leidend geworden war, doch hatte +Gott es mir und mich ihm erhalten. Ohne die treue und sorgliche Pflege +meiner Schwägerin Adriane van der Valck, welche damals noch +unverheirathet war, wäre weder ich noch das Kind mit dem Leben davon +gekommen. Wer beschreibt aber mein Gefühl, als, nachdem ich wieder außer +Gefahr war, Adriane, die bei mir saß, das Kind wiegte, und mich zu +unterhalten bemüht war, mich fragte: Warum ist denn deinem kleinen +Leonardus ein fremdes Hemdchen angezogen worden, liebe Schwägerin, und +von wem liehst du denn die feine, gestickte Windel? – Adriane! +entgegnete ich: du scherzest wohl? Ich besitze selbst feine Windeln +genug und brauche keine zu leihen, so wenig wie fremde Hemdchen.« + +»Nimm es mir nicht übel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane; ich +wußte nicht, daß du in deine Kinderwäsche Grafenkronen hast sticken +lassen.« + +»Grafenkronen, Adriane? Ich bitte dich, wie wäre das möglich? rief ich +aus. – Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemdchen und eine +gestickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich sah mit starrem +Schrecken, daß diese Wäsche nicht mein und nicht meines Kindes war. +Jetzt packte mich ein jäher Schauder, ich wollte aufschreien, denn klar +stand Alles plötzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und sagte +dumpf vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geschehen sein – die +Wärterin wird sich vergriffen und die Wäsche verwechselt haben – es war +noch ein zweites Kind mit auf dem Schiffe. Aber ich hörte auch im +Getümmel des Sturmes die Nachricht, daß es todt sei, jenes arme Kind, ja +todt – todt!« + +»Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind +gerettet, mein Leonardus war todt, Beide waren in jener schrecklichen +Stunde, wo uns Müttern die Kinder mehrmals aus den Armen stürzten, +verwechselt worden.« + +»Dieser Gedanke schnitt mir wie ein Messer durch die Seele, aber ich +machte mich stark, sprach ihn nicht aus, sondern liebte das fremde Kind +wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gegeben. Nun +entsann ich mich auch, daß jener Sohn der fremden Gräfin William hieß, +diesen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, bist dieser +William, bist ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphausen.« + +Wunder! Wunder über alle Wunder! rief Ludwig aus und sprang von seinem +Sitz empor. Hörst du es, theure Sophie? So sprach die Stimme der Natur +in Leonardus und in mir stark und mächtig als wir zum Erstenmale uns auf +der »vergulden Rose« sahen. + +Ich verstehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den +Zusammenhang noch nicht zu fassen vermochte, sonderbar bewegt. + +Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von +einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder! +Doch lesen wir weiter. + +»Wohl machte mein Gewissen mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ein Kind bei +mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengründe, +mit denen ich die innere Stimme wieder beschwichtigte. Wäre die +Verwechselung gleich entdeckt worden, ehe ich so schwer erkrankte, so +konnten die nöthigen Schritte geschehen. Aber nun, mein Mann war ganz +glücklich, einen Erben zu haben, und sein Sohn war ja doch todt. Jene +Frau hat nun ihren Schmerz um ihr vermeintliches todtes Kind überwunden, +dachte ich, und ich selbst hatte im Stillen diesem meinem Kinde viel +herbe Thränen nachgeweint, aber dafür das mir angeeignete fremde Kind, +dich, mein Leonardus, um so lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein so +spätes Eingeständniß meinen geliebten Mann erzürnen und betrüben, sollte +ich nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich +entdeckte mich bei diesen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und +der sprach mir göttlichen Trost in die Seele. Gottes unerforschlicher +Wille hat vielleicht, ja ganz gewiß, es so gefügt; beten Sie ihn in +Demuth an. Vergebens ist das nicht geschehen, und die unergründliche +Weisheit des Herrn wird Sie nicht ungetröstet lassen. Erziehen Sie +dieses Kind in der Furcht des Herrn und zu seinem Wohlgefallen.« + +»Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft sehr lebhaft +bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt ist, die +Geschäfte jener hohen Familie in Amsterdam besorgte, nach derselben, so +daß Herr Adrianus mich sogar einmal eine neugierige Frau schalt; aber +denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind +der vornehmen Dame, _mein_ Kind – sei damals nur in der ersten +Verwirrung für todt gehalten worden, es lebe und verspreche fröhlich +heranzuwachsen. Wie freute sich darüber mein Mutterherz! Aber sollte ich +nun reden? Sollte ich nun jene Mutter mit einer Eröffnung betrüben, die +damals die Verwechselung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des +Kindes, wenn diese den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte +jedenfalls die anders gezeichnete Wäsche erkannt, dieselbe beseitigt und +geschwiegen, sonst wären wohl Briefe an uns gelangt.« + +»Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem Sohn, +denn ich liebte ihn, mußte ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem +Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und +verkürzt warst du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauses van der +Valck überwog den jenes Hauses, zumal dasselbe später durch die +französische Revolution unendlich und viel an Kapitalien verlor, die in +Frankreich angelegt waren und das Vermögen sich durch mehrere Erben +theilte, du aber unser einziges Kind bliebst, und wenn du auch kein Graf +geworden bist, so ist der Adel unseres Hauses wohl so alt, wie jener des +gräflichen; unser Wappen-Falke im purpurrothen Felde ist so viel werth, +wie das Wappen jener Familie; unsere Vorfahren waren auch Grafen, die +Grafschaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehörend, umfaßte ein +weites Land, Stadt und Schloß Valckenburg, auf Französisch Fauquemont, +an der Geul waren die Herrensitze. Du hast dich, lieber Leonardus, +unseres Namens daher nicht zu schämen und wirst deiner alten Mutter, +obschon sie nur deine Pflegemutter war, nicht zürnen, daß sie dich so +geliebt hat, und dich ewig lieben und im Himmel, wo sie zu weilen +hofft, wenn du dieses liest, für dich bitten wird.« + +Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugehört. + +Und was würdest du nun thun, lieber Ludwig, fragte sie sonderbar bewegt, +wenn du Leonardus wärst? + +Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben würde, entgegnete der Graf +feierlich. Tief in Grabesschweigen würde ich ruhen lassen alles +Vergangene, was längst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand +diese Aufschlüsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich +mich, daß Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu frommen +solche Aufschlüsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen können sie, +oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen Ahnenreihen, +Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines ungetrübten innern +Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was gilt uns Condé? Du +hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde Sophie, indem du +jene Sinnbilder auf dein Geschenk für mich sticktest. Was sollen uns die +Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schöner. Was sollte uns +ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schöner als das Sinnbild der +Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue. + +Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer +noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit. + +Und weißt du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau +Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von +Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die stärksten Zweifel erheben +lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von +Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel +und ihrer Herrin Kind mit Stücken aus der Garderobe des reichsgräflichen +bekleidet haben? + +Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die +Stimme der Natur? + +Eins konnte Zufall und Täuschung sein wie das Andere. Mir bleibt +freigestellt, für gewiß anzunehmen, daß unser verklärter Freund mein +leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem +Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer +eine Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbäume und seine irdischen +Besitzthümer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch +dieses Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel. – + +Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glück den +Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu +gebieten hatte, unterstützten den Plan und erleichterten ihm dessen +Ausführung; sie vergönnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des +Geheimnißvollen um sich und seine nächste Umgebung zu verbreiten. + +Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geräuschvoll war, so strebte er +unablässig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu +seiner Freude in dem herrschaftlichen Schloß im Dorfe Eishausen. Dieses +Schloß, früher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen +Liegenschaften herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum, +der einem Verwalter zur Wohnung angewiesen war, völlig leer. Drei +Stockwerke umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen +schönen geräumigen Saal. + +In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glückes still und +ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zuverlässigen +Mann, der sich des Geschäfts unterziehen wollte, das Schloß von der +herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des +Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines +Geburtstages still und glücklich in den Räumen dieses Hauses. + +Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlüberdachten +Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den einfachen +ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz abweichend war, +so wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde gelangte, bis in’s +Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald war auch hier der +Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und wiewohl der große +Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm auszusetzen. Es +erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der Mann sich so +abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem Wege ging. +Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er durch +reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten erwies, +erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie stand +in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als in +dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen Bewohner +hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb. Kluge und +alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so +anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten +Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge +Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame. + +Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine +Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse. +Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem +lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem +Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer +Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als +fortlebender Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart +jenes frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. – Ebenso +gaben die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher +Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld +speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig +untersagte seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den +Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es, +die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt, +und so kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr – ein +Sonderling – ein Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener +Verbrecher – an der Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen +sprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen +Eigenheiten hervortreten ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das +Lächerlichste und Boshafteste verdreht und entstellt, wurde aufgetischt +als Neuigkeit, wurde glossirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß, +ohne jedoch dabei nur im Geringsten den vielen vortrefflichen +Eigenschaften der beiden Verbundenen die geringste Gerechtigkeit +widerfahren zu lassen. + + + + +9. Ein alter Bekannter. + + +So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 herangekommen. +Zahlreiche Truppendurchzüge fanden statt und auch das Schloß zu +Eishausen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem +gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts wesentlich +geändert, bis ein ebenso unerwartetes als erschütterndes Ereigniß +eintrat, das wir hier erzählen wollen. + +Eines Tages geschah es nämlich, daß neue Einquartirung anlangte, ein +französischer Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren +Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben +zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem +Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit +Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten, +die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Führer +über den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmärschen dem +Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die +armen, durch wochenlange Eilmärsche entkräftete Soldaten durch Speise +und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein großes Glas +Bordeaux dar, dessen finstere Züge sich bei dem langentbehrten Genuß zu +erheitern begannen. Plötzlich schrak Philipp heftig zusammen, so daß ihm +fast die Flasche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte, +einen Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerührt, dem +französischen Kapitän in’s Gesicht, faßte dabei krampfhaft des +Verwalters Arm, ließ ihn dann schnell wieder los und eilte davon. Auch +der Franzose zeigte sich plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp +mit dem gleichen Schrecken angestarrt, stürzte das Glas Wein vollends +hinunter und rief: #C’est impossible! Impossible!# + +Während dessen war Philipp nach seiner Stube gerannt, versah sich hier +mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im +hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das +Werk weniger Minuten. + +Der Hauptmann saß während dessen, den Kopf in die Hand gestützt, am +Tische, wie in düsteres Hinbrüten versunken. Jetzt fuhr er mit glühenden +Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit +rauher Stimme auf Französisch schnell hintereinander mehrere Fragen an +den Verwalter, die dieser, der französischen Sprache unkundig, nicht +beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann +hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will +zu ihm, ich muß ihn sprechen! – Der hochbejahrte Verwalter gerieth in +eine große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das +Haus, ein Mann von rüstiger Kraft und herkulischem Körperbau; dieser +befreite sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestüm des +Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was +schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, daß wir euch zu essen und zu +trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager +obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt +ihr, es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat #anno# dreizehn +geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben – untersteht’s euch nur! +Hinauf geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr +schießt euch todt wie einen tollen Hund, daß ihr’s wißt. Denkt ihr +Lumpenhunde, wir fürchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die +Sturmglocke, schlagen euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn kräht +mehr nach euch! – Der französische Hauptmann gerieth bei dieser +energischen Drohung in eine kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es +war, konnte sein Gesicht nicht werden; grimmig schleuderte er das Glas, +aus dem er getrunken, mit einem wilden Fluche zur Erde, knirschte in +ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen, rief seinen Leuten einige Worte auf +Französisch zu und stürzte aus dem Hause. Philipp stand in der +Stallthüre und hatte schon das gesattelte Pferd am Zügel, seine Absicht +war, nach Hildburghausen zu jagen, Hülfsmannschaft für den bedrohten Ort +herbeizuholen und den Hauptmann in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte +ihn und jener hatte Philipp erkannt – es war kein Anderer als Berthelmy, +Angés’ verruchter Meuchelmörder. Wie der treue Diener ihn aus dem Hause +stürzen sah, ließ er das Pferd los und eilte Jenem nach. Berthelmy ging +zwischen dem Dorf und dem Bach, welcher sich rasch und rauschend ergoß, +auf die Wiesenfläche – augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner +kritischen Lage irgend einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in +ohnmächtigem Grimme; es war, das sah er selbst wohl ein, kein Spaß mehr +mit diesen deutschen Bauern zu machen, die Erinnerung des Landvolkes an +den Druck, an den Uebermuth der Franzosen war noch zu neu und lebendig; +überall mußten dies die Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine +empfinden, das Landvolk besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen +Flüchtlingen und Manchen derselben traf blutig die rächende Nemesis. + +Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus +nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg überschritt und längs des mit +hoher Planke umfriedeten Wiesengartens abwärts, dem Bache der Rodach +nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm, +hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn +es sein müßte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen. + +Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an einer +Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte, kehrte +er wieder um, – da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde gewachsen und +vertrat ihm den Weg. + +Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit +der Gier halbverhungerter Menschen über die Speisen und Getränke her, +die man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein +Bauernhaufe vor dem Schlosse, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und +Dreschflegeln. + +Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu, +daß sie nun suchen sollten davonzukommen. + +Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den sie erst jetzt +vermißten. Bald sahen sie ein, daß sie dieser Uebermacht gegenüber den +Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernschaar verstellte den Flüchtigen +den Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte sie einen Feldweg +einzuschlagen, der sich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden +nach Streifdorf und südwärts zog, und gab ihnen unter deutschen +Kernflüchen noch eine Strecke weit das Geleite. + +Mittlerweile sank die Herbstnacht in das Thal herab; die laut +plaudernde Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es +wieder ganz still um das Schloß, ja recht todtenstill, nur die Wellen +der Rodach unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum. + +Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause geschlichen, +der Verwalter erschrak über seinen Anblick, denn Jener war bleich wie +der Tod, stöhnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd mit +gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. – Er mußte +sogleich zu Bette gebracht werden. + +Voll Bestürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp +unter heftigem Schmerzgestöhn, was sich zwischen ihm und dem +französischen Hauptmann auf der Wiese hinterm Schloß, dicht am Ufer der +Rodach, begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den +abscheulichen Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derselbe +nicht lebend das Schloß wieder verlassen dürfe, stand sogleich sicher +vor seiner Seele. So ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg, +und warf sich mit einer wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein +kräftiger Mann, wehrte sich verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die +Rache Riesenstärke; bald war der verruchte Mörder der herrlichen Angés +völlig in seiner Gewalt, Philipp’s Faustschläge betäubten ihn und obwohl +es Jenem noch gelang, seinen Angreifer mit einem Stilett tief in der +rechten Seite zu verwunden, so achtete Philipp dessen doch nicht, und +auf Berthelmy’s Brust knieend, drückte er ihm so lange die Kehle zu, bis +derselbe kein Glied mehr regte. Dann schleifte er den Leichnam an den +Haaren nach der nahen Rodach und warf ihn in den dunkelschäumenden Bach. + +Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des +treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere +Betrachtung zurückdrängen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach +dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand +des Kranken bereits so sehr verschlimmert, daß der Arzt an seinem +Aufkommen zweifelte. Berthelmy’s Stilett hatte noch einmal, zum +Letztenmal den Weg zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter +unsäglichen Schmerzen gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst +einige Wochen nach seinem Tode fand man die Leiche des von ihm +erdrosselten Berthelmy in den Weidengebüschen der Rodach auf. + + + + +10. Stillleben. + + +Wo bliebe ein irdisches Dasein von den Stürmen des Schicksals unberührt? +Und wo blühte das Menschenleben, dem alle Hoffnungen sich erfüllten? +Auch hinter Ludwig und Sophie hatte sich damals, als sie das Schloß von +Eishausen bezogen, die Welt der Stürme und der herben Geschicke nicht +völlig abgeschlossen, aber dennoch waren sie glücklich; der Himmel +verlieh ihnen Mäßigung, jene kleinen Leiden als das Unabwendbare zu +ertragen, und Tugend, großer Freuden würdig zu sein. So schwanden ihnen +die Jahre dahin, nur ihre Herzen und deren treuer Liebesbund alterten +nicht. + +Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat +Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter +ironischen Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath +Wippermann, früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der so +gütig ist, mir zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir +als neueste Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen +gefunden hat, über alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner +mit Madame Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch +das öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken. + +Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrücke nicht, bester +Ludwig? + +Der Graf schlug den Brief auseinander und las: »Seine Erlaucht haben +sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer +nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchstihrer +Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche +reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.« + +Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie. + +Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt +der Eingebung seines Gemüthes und verachtet die Formen des alten +Herkommens. + +Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des Hauses? +Werden diese ihr volle Gültigkeit zugestehen? fragte Sophie weiter. + +Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader +nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen, +aber ein hoher Trost ist im Buche aller Bücher enthalten, welcher +lautet: »Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem +er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfahen.« Mein Vetter ist +treu und beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen +durch trotz aller widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand +hat ein Recht, ihn zu tadeln, daß er seinem Herzen folgt, daß er der +Frau, die er wahrhaft liebt, daß er der Mutter seiner Söhne, und dadurch +den letzteren selbst die Rechte gibt, die ihnen gebühren, die aber ganz +sicherlich auf das Heftigste werden angefochten und bestritten werden. + +Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten +deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen +Ländern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du +selbst hast mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in England +ungleich vernünftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich +herrscht für die Herzen mehr edle Freiheit. + +Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren +Zöpfe so lang und unförmlich sind, wie das weiland römische Reich +selber. Da darfst du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen, +sondern nur nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit +und wird es ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein +reformatorischer Titane von Gott berufen den ganzer Plunder des alten +sogenannten römischen Rechts mit all’ seinen Pandekten, Institutionen, +Digesten, Glossen und wie das Zeug weiter heißt, aus Deutschland +hinausfegt, und an die Stelle der Verdrehung, der wälschen +Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und Fälschung den Altar des +einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen Wahrheit errichtet. So +lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe zu klagen: + + Es erben sich Gesetz’ und Rechte, + Wie eine ew’ge Krankheit fort; + Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte, + Und rücken sacht von Ort zu Ort. + Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage, + Weh dir, daß du ein Enkel bist! + Vom Rechte, das mit dir geboren ist, + Von dem ist leider! nie die Frage. + +so lange wird es auch mit unsern Rechtszuständen nicht besser werden. +Und liegt nicht, um das nächste Beispiel aufzugreifen, selbst für mich +in diesen Goethe’schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die +Processe im reichsgräflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rücken +sie nicht sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher +im Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im +Weiterschreiten rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung +raubt, alle Liebe ertödtet. Ist es nicht naturgemäß und vernünftig, daß +der Sohn des Vaters Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht +wandelt diese Vernunft in Unsinn, sie knüpft an tausend Clauseln, +Formeln und Bedingungen das Erbrecht an, und macht die Söhne der +reinsten Liebe zu ausgestoßenen, ja durch die Geburt schon im +Mutterschooße gebrandmarkten Bettlern. »Wohlthat wird Plage.« Weißt du, +daß Hofrath Brünings mir einen Proceß an den Hals werfen wollte wegen +des Falken von Kniphausen? Ich sollte mein Recht auf dieses Geschenk der +Großmutter sonnenklar documentiren, sollte schwören, daß der Falke +rechtlich mein sei, ich sollte mich vor Gericht stellen, sollte in +meiner schönen Einsamkeit die ganze Plage der Verhandlungen mit +Advocaten haben und durch diese Gabe der unvergeßlichen Frau das +centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe’s empfinden: + + Weh dir, daß du ein Enkel bist! + +Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen +dänischen Spinne zu verstehen gegeben, daß sie ein giftiger Kanker ist, +und mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht +verzichte, »das mit mir geboren ist«. + +Du wolltest mir längst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten +mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in +deiner Familie erblich sind. Nicht, daß ich neugierig darnach fragen +will, aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen »und doch einmal die +bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.« + +Ich werde dir diese äußerst verwickelten Verhältnisse in gedrängtester +Kürze mittheilen, meine theuerste Freundin, antwortete Ludwig. Es sind +sehr viele Schriften darüber vorhanden, und kam jemals in Deutschland +»ein lautes Geheimniß« wie Calderon eines seiner Stücke nannte, vielfach +zur Aufführung, so ist es das unseres Hauses. In der Mitte des +siebzehnten Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton +Günther, als der letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und +Delmenhorst. Es war der Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem +die Erbtochter von Brabant, Marie, ihre Grafschaft Jever schenkte und +vererbte. Wenn sein Stamm mit ihm ausstarb, so fielen die Güter, welche +Mannslehen waren – mit Töchtern war das Haus in Ueberfülle gesegnet – an +das stammverwandte Königshaus Dänemark, und sein Sohn, der mit einem +deutschen Freifräulein außerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun +dennoch dieser Sohn ein tüchtiger Mann zu werden verhieß, so verschaffte +ihm der Vater erst den Adel, dann die Erhebung in den Reichsfreiherrnstand, +er hieß nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu Varel, und endlich +erwirkte der treugesinnte Vater ihm sogar die Würde eines Grafen des +heiligen römischen Reichs mit ausnehmend schönen Begabungen und +Bevorzugungen, wie sie gar nicht besser zu wünschen waren, zum großen +Verdruß der Seitenverwandten, der Könige von Dänemark und des +Herzoghauses von Holstein-Sonderburg und Holstein-Plön, ja sogar das +Münzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater endlich in seinem +vierundachtzigsten Jahre starb, so gebot der Sohn, Reichsgraf Anton der +Erste, über sehr ansehnliche Herrschaften, über die Herrlichkeiten +Kniphausen und Inhausen, über die Herrlichkeit und das Amt Varel, über +die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das sind freieigene +Güter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder Familienfideicommisse. +Dieser Graf vermählte sich in zweiter Ehe mit der Großmutter meiner +Großmutter, welche letztere du, liebe Sophie, in Hamburg kennen +lerntest, starb aber schon acht Monate vor der Geburt seines einzigen +Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der ersten hatte er nur Töchter, +welche in die Familien Güldenlöwe, Gödens, Haxthausen, Bielcke und der +Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, während die gräfliche +Wittwe in Doorwerth residirte, Dänemark, Holstein und Oldenburg +verschiedene Ansprüche auf das Erbtheil, bis zu deren abermaligem +Verdruß der Sohn erschien, und wackere Vormünder diesem seine Rechte +wahrten; gleichwohl gab es der Verclausulirungen dabei eine Ueberfülle, +welche dir mitzutheilen, äußerst langweilig und unerquicklich sein +würde; nur ein Hofrath Brünings und ein Rath Melchers können Honig aus +dieser Distel saugen! – Leider war auch dem Sohne, der sich zweimal +vermählte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beschieden und er starb +ohne Söhne, nur eine einzige Tochter hinterlassend. Diese Tochter war +meine selige Großmutter, die gütige Pflegerin meiner Jugend, die +großmüthige Beschirmerin meiner Jünglingsjahre, deren Andenken ich +dankbar segnen werde, so lange ich noch zu denken und zu segnen vermag. +Weil die meisten Güter Allode und Familienbesitzthum waren, konnten +dieselben meiner Großmutter nicht entrissen werden; sie vermählte sich +mit einem in Holland geborenen, aber aus Deutschland, aus der Pfalz, +unserer Angés Heimath, abstammenden Edelmann, mit dem sie jedoch nicht +in glücklicher Ehe lebte, vielmehr sich von ihm trennte und Noth hatte, +sich gegen Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nächstdem, +daß auch mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu +beitrugen, ihr das Leben sauer zu machen. Sie war voll Kenntniß, Wissen, +Geist und Gelehrsamkeit; sie stand mit den gelehrtesten Männern Europas +im Briefwechsel, besonders über Alterthums- und Münzkunde, und weilte +oft lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am französischen Hofe. Am +Berliner Hofe betrieb sie ihre Angelegenheiten trotz eines Diplomaten, +und hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendsten Namen jener +Zeit am Hofe zu Berlin und Potsdam sind erwähnt in einem Bruchstück +ihres fast ganz verloren gegangenen umfassenden Tagebuches; bald speiste +sie mit dem König, bald mit der Königin, bald mit dem Prinzen von +Preußen, oder empfing Besuche hoher Personen, wie des Markgrafen von +Bayreuth; schon ein flüchtiger Blick in diese Blätter begegnet einer +Menge Namen von Grafen und Gräfinnen, Ministern, Künstlern, Gelehrten; +das wirrt durcheinander, wie das Maskengewimmel eines großen Ballsaales. +Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d’Argenteau, Algarotti, +Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Knesebeck, +Nöllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Großmutter +auch zusammen mit einem nahen Verwandten ihres Gemahls, dem Vater des +jetzigen Herzogs von Portland, den sie stets Mylord William nennt. Unter +Anderem schrieb sie: »Tyrconel,« dies war der Name eines Gesandten, +»jagte mir großen Schrecken ein, daß Frankreich ohnfehlbar gegen mich +sei, und daß er nichts Gutes voraussehe.« An einer andern Stelle heißt +es: »Am Hofe der regierenden Königin traf ich den Grafen von +Bentheim-Steinfurth, der mir gleichfalls einen großen Schrecken +verursachte. Ich versprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu führen.« +An einer dritten Stelle schreibt sie: »Voltaire sollte bei mir diniren, +er mußte aber nach Potsdam zurückkehren und konnte sich nur eine Stunde +bei mir aufhalten. Kurz darauf besuchte er mich wieder und beruhigte +mich in Betreff des Königs. Ich schrieb nun selbst und sandte meinen +Läufer nach Potsdam; am folgenden Tage kam derselbe mit guten +Nachrichten vom König zurück.« – So war ihr Leben ein außerordentlich +bewegtes, bis sie sich endlich auf ihre Schlösser zurückzog, und auf +diesen oder in ihrem Hause zu Hamburg der Wissenschaft lebte. Ihr Enkel, +der Reichsgraf, dessen Schicksale du ja größtentheils bereits kennst, +mußte erleben, daß bereits in Folge des Friedens von Campo Formio sein +Lehensverband zwischen dem Herzogthum Brabant und der Herrschaft +Kniphausen sich löste, daß der französische König von Holland alle seine +Besitzungen und Herrschaften in Ostfriesland militärisch besetzte, daß +der Tilsiter Friede Jever, nachdem Rußland es abgegeben, an Holland +brachte, und daß Kaiser Napoleon seinem Bruder, dem König von Holland, +über Varel und Kniphausen die Souveränetätsrechte verlieh, die dem +rechtmäßigen Gebieter durch dessen Mediatisirung entrissen worden waren. +In dem Jahre 1811 verschlang das nimmersatte Kaiserreich Alles, wie es +war, große Lande und kleine Ländchen, Holland, Oldenburg, Varel und +Kniphausen. Dafür bekam der Graf den Union-Orden, der ihm, nach +Vereinigung Hollands mit Frankreich, in den Reunion-Orden umgewandelt +wurde. Der Graf wünschte ganz andere Wiedervereinigungen herbei, als das +Verhängniß der Napoleonischen Herrschaft ihr Mene Tekel schrieb; allein +ein gewisses Vorhaben mißglückte ihm; er wurde in Haft genommen und von +Vandamme mit dem Tode bedroht. Nur der Reunion-Orden war es, der ihn +rettete und schützte. Gleichwohl wurde er verbannt, und über seine Güter +die Confiscation verhängt. Erst das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile +hatte Oldenburg die Herrschaften in Besitz genommen und wollte dem +Grafen nicht einmal die Rechte eines Mediatisirten zugestehen. Darüber +entstanden Prozesse, die noch immer schweben und den Grafen der +Verarmung mehr und mehr zuführen. Wie wunderbare Geheimnisse doch in der +deutschen Sprache ruhen! Sie sagt nicht: ein Proceß sitzt, steht, liegt, +nein, sie sagt: er _schwebt_, wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder +Geier in den Lüften schwebt, und mit scharfem gierigen Auge herab auf +seine sichere Beute blickt – und zuletzt – da _ruht_ der Proceß, wenn er +endlich aus ist, wie wir auch ruhen, wenn es aus ist mit uns; mir ahnet +aber, daß die Processe unseres Hauses eine wahrhaft Ahasverische Natur +in sich tragen und immerdar _schweben_ werden, gleich bösen +Nachtgeistern. + +Welche traurige Aussicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich, +daß du, mein Theurer, losgerissen bist von jenem Hause und seinen +Geschicken! + +Ich kann auch froh sein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will +nichts wissen von Processen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von +seiner Sara drei Söhne, diese wachsen heran, sein Bruder, Graf Johann +Carl hat auch drei Söhne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren +werden die legitime Abkunft der ersteren bestreiten, und wir können noch +einen Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit +Schwertern, sondern mit Advocatenfedern, aus den großen Schwebeschwingen +des vorhin genannten Raubzeugs; Blut wird dabei nicht fließen, aber +außerordentlich viele Tinte, und diese wird noch fortfließen, wenn +längst unser Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs +gelandet ist. + +So machte der Graf häufig der Geliebten Mittheilungen aus seiner und +seiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles ließ sich für sie nicht +daraus lernen. – Da die Zeit es ihm außerdem vergönnte, so las Ludwig +sehr viel, und machte sich bewandert in schöner Literatur, Philosophie +und Geschichte. Auch Physik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzählt, der +Graf habe sich auch viel mit Meteorologie beschäftigt, wozu des Hauses +Höhe sich gut eignete; eine Hausapotheke bot jenen Bedarf einfacher +Mittel in leichten Krankheitsfällen, deren Besitz und Kenntniß dem +Landbewohner von großem Vortheil ist. + +Der unmittelbar nächste Nachbar des Schlosses war der Kammergutspachter, +und der Graf empfand durch ihn hinlänglich die Wahrheit des +Dichterwortes: + + Es kann der Beste nicht in Frieden leben + Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt. + +Wie sich bei Anwesenheit des flüchtigen französischen Hauptmanns und +seiner Handvoll Leute die rohe Bauernnatur in Verhöhung des Unglücks von +Seiten dieses Mannes offenbart hatte, so zeigte sich sein Charakter auch +gegen jeden Andern. Der Geschäftsträger nannte ihn in Briefen an den +Grafen »Monsieur Grobian«, und der Graf selbst schrieb in einer seiner +häufigen Beschwerden, daß die Bauern diesen Mann nur den »kleinen +General« zu nennen pflegten, wahrscheinlich, weil derselbe ein +absolutistisches Commando auf seiner Pachtung führte. Obschon er von dem +Bewohner des Schlosses nur Vortheile hatte, und dieser sich gegen ihn +und die Seinen stets gütig erwies, trat immer auf’s Neue die bäuerische +Grobheit und Habsucht in unverschämten Forderungen zu Tage. Des Grafen +Pferde konnten nicht wohl anders in Stallung und Futter gegeben werden, +als auf dem Gute. Unversehens beliebte es dem Pachter, die reichliche +Bezahlung dafür noch zu steigern. Da sandte der Graf noch in der Nacht +zum Schulzen, ließ ihn wecken und rufen, und verkaufte ihm die +herrlichen Rappen um einen Drittheil ihres Werthes; vielleicht auch +schon dadurch verstimmt, daß der nach Philipp’s Tode zum Kutscher +angenommene junge Mensch sich untauglich erwies. Dem Pachter wurde aber +nach wie vor Stall- und Futtergeld fortgezahlt, damit er fühle, daß +nicht des Geldes halber die Pferde abgeschafft seien, sondern daß man +blos seiner Unverschämtheit sich unterzuordnen nicht geneigt gewesen +sei. + +Um sich und Sophien für die Entbehrung der Spazierfahrten zu +entschädigen, miethete der Graf einen großen Wiesengarten, dicht vor dem +Schloß, in welchem ein kleiner Beetgarten gelegen war. Zwischen dem +Schloß und dem Garten rauschte die Rodach hin, von einem langen Steeg +überbrückt. Hohes Buschwerk von Weiden, Ulmen und Rüstern friedeten +diesen Wiesengarten ein, durch welchen der Graf einige Wege anlegen +ließ, damit derselbe ihm und der Freundin künftig zu Spaziergängen +diene; eine Bretterwand von 8 bis 10 Schuh Höhe wurde neu angelegt, um +der Außenwelt den Einblick in das schöne Geheimniß dieses friedlichen +Stilllebens zu wehren. + +Dieser Garten nun war die stille Insel, auf welcher in schöner +Jahreszeit Ludwig und Sophie sich täglich ergingen. Klösterlich +abgeschlossen gegen die Außenwelt, ganz sich selbst lebend, sich selbst +genügend, genossen sie die einfache Schönheit dieser ländlichen +Einsamkeit. Eine Geißblattlaube, von einem Fliederbaum überschattet, bot +das trauliche Ruheplätzchen, wo sich plaudern und lesen, arbeiten und +ruhen ließ. Frieden murmelte der Rodach leisere Welle, Frieden +flüsterten der Weiden silbergraue Blätterzungen, Frieden tönten der +Aeolsharfe schwellendschwebende Accorde vom hohen Hause in den Garten +nieder, Frieden sangen die lieblichen Kehlen munterer Vögel, Grasmücken, +Weidenzeisige, Grünlinge und Bachstelzen. Sophie blieb das schöne Wesen +ihrer Kindheit und Jugend, von stillem Ernst, dessen Siegel das Leben +ihr aufdrückte, gleichsam geweiht. Selten nur kamen Nachrichten von +ihrer Mutter, diese Dame reiste noch in hohen Jahren umher, sie war +nicht traurig darüber, ihr Geheimniß so fern, so treu bewahrt zu wissen, +Niemand lebte mehr, der ihr eine Verlegenheit hätte bereiten können, +außer Ludwig und Sophie, und zu diesen fand Jene nie den Weg. Und so war +es gut, denn alle Theile waren zufriedengestellt. Was in Sophiens +Innerem vorging, ob sie sich hinaussehnte in die Welt, ob sie sich als +eine Gefangene fühlte, ob sie heimlich einer ungenossenen Jugend +nachweinte? Nur Ludwig war der Vertraute ihrer Seele, keinem andern +Herzen konnte ihr reiches und schönes Gemüth sich je erschließen, doch +war ihr, jenes stillen Ernstes ungeachtet, ein kindlich heiterer Sinn +geblieben und ein tiefes Empfinden. + + + + +11. Der Freundin Tod. + + +Friedlich zogen ihnen so die Jahre vorüber, ihre Körper alterten, aber +die Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen +glänzte die alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freundschaft am +Altar ihrer Herzen nährte mit heiliger Hand ihr reines Vestafeuer. + +Die Einsiedler im stillen Schloß zu Eishausen berührten die staatlichen +und politischen Verhältnisse des Landes, das ihnen nun seit einer Reihe +von fast zwanzig Jahren ein friedliches Asyl geboten hatte, nur wenig, +doch blieben sie immerhin nicht ganz von dem damals stattfindenden +Regierungswechsel unberührt; denn zu allernächst wußten sie ja nicht, ob +unter einer neuen Regierung ihnen das Asyl, das nun nach so manchen +widerstrebenden Gefühlen, nach so manchem Kampf ihnen lieb geworden, +belassen werde? Sie wußten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu, +sondern nicht auch neugierig sein werde. Aber auch von dieser Seite +wurde die zarteste Rücksicht gegen den Grafen beobachtet. Ein so lange +Jahre still und unbescholten geführtes Leben und die Wohlthaten, welche +derselbe nicht nur den Bewohnern von Eishausen, sondern auch den Armen +der nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entscheidendes Gegengewicht +gegen jede Verdächtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der +unbekannte Bewohner des Schlosses zu Eishausen habe schriftlich oder +persönlich dem neuen Landesherrn sich entdeckt; dies geschah jedoch nie, +es wurde durchaus keine Enthüllung von Seiten des Grafen verlangt. + +Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt sich +zutrug, während Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben so wenig +wußten, als im ersten Jahre seiner Anwesenheit. Er hatte die schwere +Kunst verstanden, die Leute zu nöthigen, ein stilles Geheimniß mitten im +lauten Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von +Niemanden geahnet, ein anderes großes Geheimniß, mit dem sich nicht +eine kleine Stadt oder ein kleines Dorf, sondern mit dem sich ganz +Deutschland, ja, die halbe Welt beschäftigte, an das Eishäuser Geheimniß +episodisch heran. Es war Sommer, die Blätter der Weiden rauschten, über +der Flur lag tiefes Schweigen. + +Ludwig und Sophie standen an einem Fenster und blickten nach dem Dorfe +hinüber; der Klang eines Posthorns erregte ihre Aufmerksamkeit. Bald +darauf hörten sie das Rasseln eines Wagens, der im Dorfe anhielt. + +Eine Weile nachher erschien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem +Schloß führte, ein stattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiserock, sein +Gesicht, voll und breit und lebhaft geröthet, drückte Wohlwollen aus; er +nahm den Hut ab, da es sehr warm war, und zeigte, daß er blondes Haar +hatte, die Augen erschienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein +junger Mensch von unsicherer Haltung und schwankendem Gange; seine Züge +hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte Reisemütze, +und that diese jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die +Umgebung warf, drückten eine sonderbare Theilnahmlosigkeit aus, während +die seines älteren Begleiters forschend und fast neugierig umhersahen; +diese Blicke glitten suchend an allen Fenstern des Schlosses hin, und +hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben bald +stehen, bald schritten sie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem +Schlosse zu. + +Soll dieser Besuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche verschleiert +am Fenster stand, und nur hinter der grünen bemalten Gardine verstohlen +hinabschaute. + +Uns nicht, meine Liebe, aber unserm Geheimniß! antwortete Ludwig. Wenn +mich nicht Alles trügt, so kenne ich diesen jungen Menschen. + +Wie wäre das möglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er scheint mir +nicht älter als höchstens achtzehn bis zwanzig Jahre zu sein. In diesem +Zeitraume hast du ja das Schloß nicht verlassen? + +Und dennoch sah ich ihn schon, versetzte der Graf, schritt in sein +Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demselben mit einem Buche zurück, +dem ein Bild vorangestellt war, welches dem jungen Menschen vollkommen +glich. + +Die Fremden standen noch unten. Der Herr deutete lebhaft sprechend, +und, wie es den Anschein hatte, fragend, nach verschiedenen Richtungen +hin. Der junge Mensch folgte jeder dieser Handbewegungen mit seinen +Blicken, und machte häufig nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den +Händen entschiedene Bewegungen des Verneinens. + +Sieh dir diesen Jüngling recht genau an, sprach Ludwig zur Freundin. Das +ist ein Mensch, dessen Herkunft noch ungleich geheimnißvoller für die +Welt ist, als die unsere, er ist das öffentliche Räthsel Deutschlands. +Sieh, jetzt wenden sie sich, sie gehen wieder, er ist fremd hier, +gehorsamer Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns für die gütige +Aufmerksamkeit! Reisen Sie recht glücklich! + +Du machst mich sehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit steigendem +Erstaunen. + +Ich durchschaue Alles, gab ihr der Graf lächelnd zur Antwort. Der junge +Mensch ist der Findling Nürnbergs, dessen Geschichte ich dir erzählte, +so weit mir dieselbe aus den über ihn erschienenen Schriften bekannt +geworden ist, es ist Kaspar Hauser. + +Das unglückliche Kind grausamer Eltern! rief Sophie bestürzt aus. + +Derselbe, sprach Ludwig. Sein Begleiter und Führer war der Gothaische +Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit +und breit, das hellsehendste Wächterauge in ganz Deutschland für die +öffentliche Sicherheit. + +Ich denke mir diesen Besuch einfach so: Polizeirath Eberhardt möchte +längst gern wissen, wer ich bin, wer du bist, seinem Polizeibewußtsein +ist es unerträglich, daß ein Mensch lebt, dessen Paß nicht jeden +Augenblick vor aller Augen dargelegt werden kann, daß ein Mensch lebt, +dessen Herkunft die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann ist ohne +Zweifel in seinem vollen Rechte, ja ich schätze ihn aus der Ferne sehr +hoch. Sein Freund ist der berühmte Rechtsgelehrte und Criminalist Anselm +Feuerbach zu Anspach, der sich Kaspar Hausers auf das Eifrigste +angenommen hat und noch immer Alles aufbietet, um Spuren der Herkunft +seines Schützlings aufzufinden. Jedenfalls lenkte Eberhardt jenes Mannes +Verdacht auch auf uns und dieses Schloß, und daraufhin wurde Ersterem +der arme Kaspar Hauser anvertraut um zu versuchen, ob nicht beim Anblick +der hiesigen Oertlichkeiten Jugenderinnerungen im Gemüthe des Jünglings +wach würden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein +einsames und stilles Schloß, bewohnt von einem gänzlich von der +Gesellschaft getrennten Paare, über dessen Herkunft die dichtesten +Schleier gebreitet sind. Könnte nicht hier jener unglückselige Knabe +geboren worden, nicht hier sein Kerker gewesen sein? Wehe uns, wenn der +junge Mensch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieses Ortes mit seiner +früheren Umgebung getäuscht, Vermuthungen ausgesprochen hätte, unsere +Ruhe wäre dann auf das Aeußerste bedroht. + +Der Himmel sei gepriesen, daß sie wieder fort sind! sprach Sophie und +suchte des Freundes Besorgnisse zu zerstreuen. – + +In das Publikum kamen immer neue Märchen über den geheimnißvollen +Grafen. Was längst gesichert erschien, Ludwigs völlig ungestörter +Aufenthalt in Eishausen, das wurde jetzt erst als bedroht angesehen und +erregte Besorgniß. Die Stadt und die dortige obere Behörde hätte nur +ungern den Mann aus dem Lande scheiden sehen, der fort und fort durch +großmüthige Unterstützung der Armen und Nothleidenden sich nützlich und +wohlwollend erwies, und beschloß deßhalb, dem Grafen ein sichtbares +Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das +Ehrenbürgerrecht der vormaligen Residenzstadt Hildburghausen. Es konnte +nicht fehlen, daß dieses Zeichen dankbarer Würdigung und Hochachtung +seines Charakters Ludwig tief rührte und innig erfreute, und um so +lieber blieb er nun in der stillen Häuslichkeit und in dem engen Kreise, +den nun schon so lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und +Sophie die traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Bürger +der Stadt Hildburghausen zu heißen, sondern auch der That nach es zu +sein, erwarb er käuflich ein Wohnhaus in der Stadtnähe, mit einem an +dasselbe stoßenden Garten und ließ auch noch einen an diesen +angrenzenden Wiesengarten von einem dritten Besitzer erkaufen. Bald +umgab auch dieses Haus der Zauber des Geheimnißvollen; hohe dichte +Bretterumzäunungen friedigten das neue Besitzthum, Hof und Gärten ein; +Läden, welche stets verschlossen blieben, verwehrten das Erdgeschoß +gegen jeden zudringlichen Blick. + +Das Haus wurde völlig zur Wohnung eingerichtet und angemessen möblirt, +auch ein neuer, höchst eleganter Wagen wurde eigens von Frankfurt +verschrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazierfahrten +Sophiens und Ludwig’s mit vier Postpferden, welche jedesmal erst von +Hildburghausen nach Eishausen gebracht werden mußten. Bei diesen Fahrten +wurde nie die Stadt berührt, indem sich ein Weg, die Mareistraße +genannt, in ziemlicher Entfernung um dieselbe herumzog, unmittelbar in +die von Coburg über Rodach kommende und nach der Meiningen oder nach +Römhild führende Straße einmündete, und zwar ganz in der Nähe des +Dörfchens Walrabs, das sich in geringer Entfernung von dieser Straße an +eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in diesem Dorfe erwarb der Graf +ein Haus, und da sich beim Heimfahren nahe dem Stadtberge oder +eigentlich an demselben ein umbuschter Berggarten mit Häuschen häufig in +einem besonders malerischen Lichte zeigte, so wurde auch dieses käuflich +erworben, um zu schöner Jahreszeit einen Ruheplatz daselbst zu haben. +Dieser Berggarten bot neben einer der schönsten Aussichten auf die +freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem stattlichen ehemaligen +Residenzschloß und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straßen und +auf die ganze friedliche Landschaft, zugleich mancherlei Schattenstellen +unter vielen gemischten Holzarten, auch eine zwar nicht lange, doch tief +schattende Allee niedriger aber stockstämmiger Kastanienbäume, welche +Ludwig ganz eigenthümlich ansprach, indem es ihm war, als habe er schon +einmal in dieser Allee gewandelt, aber er konnte sich durchaus nicht +besinnen, wann und wo er eine ähnliche Oertlichkeit früher gesehen habe. + +Obschon der Graf der Außenwelt stets rege Theilnahme widmete, so mußte +er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf Erden. Ohne +der früheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in so rascher Folge +entrissen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verlust nach dem +andern zu beklagen, deren jeder in seiner Weise unersetzlich für ihn +war. In des treuen Philipp’s Fußtapfen vermochte schon kein neuer Diener +einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernster, und es traten ihm nun +zuweilen auch die Gedanken an das eigene Scheiden nah, als bald nach +einander der redliche Geschäftsführer und der so äußerst gefällige +hochgebildete Freund, der Geistliche des Dorfes starb. Als zu +ungewöhnlicher Frühstunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den +Tod des wackeren Predigers verkündeten, stimmte ihn dieses Geläute zur +tiefsten Wehmuth. Eine Thräne glänzte in seinen Augen und bewegt rief +er aus: Wieder ein Band mit der Welt zerrissen, und wohl das letzte! +Fast will mich bedünken, als lebe ich zu lang! + +Nicht blos, um in Hildburghausen und dessen Weichbild selbst als +Ehrenbürger Grundbesitz zu haben, hatte der Graf Häuser und Gärten +käuflich erworben; mit treuer Sorge für die Menschen, die ihr Leben an +das seine geknüpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht, +deren Loos sicher zu stellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle +Genius nahen sollte. Zumal Sophien gegenüber war es eine heilige +Pflicht, vorsorglich zu handeln, ja ihm selbst konnte der Tag noch +kommen, wo er freiwillig oder durch Kündigung der Miethe das Schloß +verließ, dann war es gut, sogleich ein Besitzthum zur Verfügung zu +haben; war doch ohnehin des Verwunderns darüber kein Ende, daß der +Bewohner des stillen Schlosses in demselben wohnen blieb und jährlich +500 Gulden Miethe zahlte, während er ein recht geschmackvoll, obschon +ohne Luxus eingerichtetes Haus mit großem Garten sein Eigenthum nannte, +und zumal in nächster Nähe der Stadt, wo für den Verkehr mit der Post, +mit Kaufleuten, mit dem Geschäftsführer so ungleich größere +Bequemlichkeiten sich darboten, als auf einem anderthalb Stunden weit +entlegenen Dorfe. Man hatte damit abermals einen Grund mehr gefunden, +den Grafen als Sonderling zu bezeichnen, aber unbekümmert um Wohl- oder +Uebelmeinen der Menge spann sich das Leben im stillen Schlosse +geräuschlos fort, unbewegt und doch voll innerer Bewegung. + +Das Jahr 1830 war schon herangekommen mit seinen wichtigen politischen +Ereignissen, wie mußten diese die Einsiedler zu Eishausen berühren und +erschüttern! Abermals brach in Frankreich ein Revolutionssturm los, +bebte der Boden, brach der Königsthron jenes Grafen von Artois, der als +Karl X darauf saß, er brach durch die entsetzliche Wucht von vier +leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zusammen. Es war eine +Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele +erschreckte und nachdenklich machte. + +Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Eingange, welcher +theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einsiedlerin +enthielt, schrieb die Prinzessin: »Wir Alle sind außer uns, alle +Ereignisse der Politik, welche jetzt die Aufmerksamkeit von ganz Europa +auf sich lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikanische +Propaganda ihre Minen, und schon sind deren in Belgien, Polen, in +Italien und in verschiedenen Theilen Deutschlands gesprungen – alle +diese Ereignisse, sage ich, werden zurückgedrängt durch eine +Begebenheit, welche uns zu allernächst auf das Schmerzlichste berührt +und niederbeugt. Den letzten Stamm des Hauses Condé hat der Tod +gebrochen, und welch’ ein Tod! – Ein schändlicher, verrätherischer, +meuchelmörderischer Tod unter der schwärzesten Maske! Am 29. August +dieses Jahres wurde Herzog Louis Henri Joseph von Bourbon, Prinz von +Condé, auf seinem Landsitz zu Chantilly am frühen Morgen in seinem +Schlafzimmer an einem Fensterkreuz erhängt gefunden, und die Schmach +eines Selbstmordes auf sein unschuldiges Haupt gewälzt. Schmerz und Zorn +zugleich nehmen mir die Feder aus der Hand – des Herzogs Testament ist +eröffnet – lachende Erben nehmen das ungeheure Vermögen in Empfang und +die gerechtesten Ansprüche Anderer werden mit Füßen getreten! – O, meine +Sophie! Du bleibst, was du bisher gewesen bist, eine arme Waise, meine +letzte Hoffnung, dir das Glück des Reichthums noch im irdischen Leben +verschaffen zu können, denn drüben bedürfen wir dessen ja nicht, ist +zertrümmert, wie Helm und Schild dem Letzten seines Stammes zerbrochen +in das Grab nachgeworfen wurden!« + +Laß doch Alles dahin sein, liebes Kind, sprach Ludwig mit der Ruhe eines +Weisen zur Freundin, die von dieser Nachricht auf das Tiefste ergriffen +wurde und in Thränen ausbrach; nur keine Thränen um irdische Habe, +wahrlich, sie ist so köstlicher Thränen nicht werth, zumal solcher Habe, +die Andere besaßen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen +Selbstmord, möchte aber auch Niemanden verdächtigen. Wir leben wieder in +einer bösen Zeit und können nicht wissen, wie Alles sich gestalten wird. + +Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge +wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem +erschütterten. – Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl, +entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, so Manches stürmt +jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ängstlich und +besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie – wenn ich dir entrissen würde. + +O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie +abwehrend. + +Wozu verhüllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und +streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder +färbt der Herbst die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing, +hat mich bis zum Kranksein erschüttert. Was ich einst voraussagte, es +ist geschehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf, +treten auf zum Kampfe gerüstet, und befehden einander in diesem +unseligen Jahre mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen +offen vor das Auge der Welt den Familienzwist, und die Kinder meines +Vetters Johann Carl nennen die Kinder meines Vetters, des regierenden +Herrn aus der Ehe mit Sara Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene – +und so erfüllt sich mir zur Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener +verhängnißvoller Fluch! Ist das nicht schrecklich? Soll das nicht jedes +Herz erschüttern? Kaum traute ich meinen Augen, als ich die öffentliche +Ankündigung dieser Streitschriften in den Zeitungen las. Und du weißt, +liebe Sophie, was Alles vorherging, wie der regierende Reichsgraf leiden +mußte, und das gönn’ ich ihm nicht! – Als Wilhelm Gustav Friedrich durch +die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft und Verbannung befreit war, +sequestrirte Oldenburg immer noch seine Güter, und es mußte erst ein +abermaliger Berliner Vergleich zu Stande kommen, zu welchem die +Großmächte Oesterreich, Preußen und Rußland die helfende Hand boten, daß +ihm Kniphausen wieder eingeräumt ward, daß er die Regierung mit +Landeshoheit wieder antreten, manches der früheren Rechte wieder +zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältnisse, die ja nie +glänzend waren, sieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt wie eine +Natter. – Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ältesten Sohne, +Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutschen Güter abgetreten und +ist nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines +großbritannischen General-Majors anständig lebt. Was aus dem Streite +weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald +schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die +Versöhnung! Aber das prophezeie ich, daß diese Zeit spät, sehr spät +kommen wird und erst dann, wenn ich längst von meinem stillen Schauplatz +abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen ich +lebte, längst alle todt sind. Möchte mein so unbesonnener Fluch, der die +dunkelste That meines Lebens war – ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen! +– dann mindestens gesühnt sein, wenn ich selbst der Sühnung vor dem +ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwünschungen über +seine Lippen gehen lassen, denn es hört sie eine dunkle dämonische Macht +und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen. + +Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm +in der Nacht so unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt +aus ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erschien. + +Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des Kranken. +Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie im +Fieber: + +Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin +geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhältnisse der +Außenwelt – o wie unglücklich wird sie sein – o wie erbarmungswerth – +und das ist dann mein Werk, ich Unglückseliger! Ich rang nach dem hohen +Gute, ich errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem +Gelübde. Das Gelübde hab’ ich unerschütterlich gehalten, aber meine +Eigensucht hat nicht daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden +könnte! + +Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen +Fieberglut, er fühlte sich völlig machtlos und sah im Fieber, wie eine +hohe, dunkelverhüllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten +Lilie glich, auf ihre Arme nahm und sie von hinnen trug, weit, weit +fort. Immer sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen, +immer weiter und weiter schritt jene Gestalt in eine unermeßliche öde +Ferne, wurde immer kleiner, endlich war sie so weit, daß sie mit dem +Dunkel der Ferne verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und +heller, je weiter sie von ihm weggetragen wurde – endlich war auch sie +nicht mehr sichtbar, sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner +Stern. + +Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fühlte sich +der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in +einen ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das Bett +hüten. Wie er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande +war, erhielt der Geschäftsführer einige Zeilen, mit zitternder Hand +geschrieben, die ihn, was nicht selten geschah, zu einer Unterredung +nach Eishausen einluden. + +Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing, +welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war sehr +krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben ist. Ich +habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre, +ersetzt. Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngst an mich +gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen +Schuldigen – sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde. +Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gemäß +ist, doch ohne Weitläufigkeiten; Sie wissen, daß ich diese nun einmal +nicht liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten, +Schreiber – nur das nicht! + +Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschäftsführer, Eurer Gnaden +gehorsamst auseinanderzusetzen, daß und wie – + +Schriftlich, lieber Herr, schriftlich, wenn ich bitten darf! unterbrach +ihn Ludwig. Ich bin noch so angegriffen – ich danke Ihnen und bleibe +Ihnen im voraus verbunden. + +Am folgenden Tage schrieb dieser Mann an den Grafen Folgendes: »Nach dem +gestrigen Besuche, wo Euer Gnaden zum Erstenmale der Dame erwähnten, +hoffe ich Eurer Gnaden Wünsche richtig zu erkennen. Sie wünschen Ihre +hier belegenen Besitzungen an eine Dame, deren Namen Hochdieselben noch +angeben werden, zu übertragen und diese als Eigenthümerin einzusetzen, +damit diese Dame, bei einer Abreise, oder Abwesenheit, oder dem Ableben +von Euer Gnaden stets als solche verfügen und handeln kann. Dieses wird +sich auf das Gültigste und Kürzeste leicht, vielleicht auch ohne die +persönliche Gegenwart von Gerichtspersonen machen lassen. Ich bin so +frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden derartigen Verfügung oder +Cession zu gnädigster Ansicht und Prüfung beizulegen.« + +»Die Form der Abtretung der erwähnten Grundstücke an die Dame ist +dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauftragen, die alten +Kaufbriefe an die Behörde zurückzugeben und einen neuen auf den Namen +der Dame ausfertigen zu lassen.« + +Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in großer Betroffenheit. + +»In Betreff anderweiter Gegenstände ist keine andere gültige Form +einzurichten, als die, daß Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine +Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegenwärtig ist und +sagt: Ich nehme diese Schenkung an.« + +»Letzteres hat jedoch nach hiesigen Gesetzen nur Rechtskraft und +Rechtsgültigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten beträgt. Ueber +diese Summe hinaus ist die Schenkung nur gültig, wenn sie in Gegenwart +von Gerichtspersonen geschieht.« + +O mein Himmel, wie wäre das möglich! stöhnte der Graf, und seine Hände +zitterten. + +»Meine unmaßgebliche Meinung wäre dahin gerichtet, Hochdieselben wollten +erlauben, daß ein Assessor des hiesigen Stadtgerichts hinauskommen +dürfte, vor dem der ganze Actus für jetzt und alle Zukunft binnen drei +Minuten zu beendigen wäre, indem ich Hochdero gnädige Dispositionen +schon vorher zu Papier gebracht hätte, Euer Gnaden nur Namen und Daten +ausfüllten und diese Schrift der Gerichtsperson dann mit den Worten +übergäben: Dieses ist mein Wille, nehmen Sie denselben zu Protocoll. Das +Uebrige besorgen dann die Gerichtspersonen in einem andern Zimmer, und +es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Instrument zu Hochdero +Unterschrift vorgelegt; dabei werden, dafür stehe ich ein, Assessor und +Secretair unaufgefordert kein Wort sprechen. Durch diesen Act wird bei +einem etwaigen Sterbefall die Versiegelung überflüssig gemacht und jeder +obrigkeitlichen Einmischung in Hochdero beiderseitige Hinterlassenschaft +vorgebeugt. –« + +Diese Schenkung, so weit sie Sophien betraf, gelangte nie zur +Ausführung, denn Jene kam nicht in den Fall, derselben zu bedürfen. + +Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe +von Jahren blieben sie in ihrer stillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute +sich, wenn auch bisweilen schwankender, doch im Ganzen guter Gesundheit, +aber Sophiens zartes Wangenroth, das so ungesehen von der Welt +verblühte, wie eine schöne Blume im Hochgebirge oder in tiefer +Waldeinsamkeit, wurde allmälig bleich, immer zarter und durchsichtiger +wurde ihre Haut, ihre Blicke aber leuchteten in einem noch höheren +Glanze. Ein leises kurzes Hüsteln – der Anflug einer hohen Röthe auf den +Wangen – das Alles sagte genug und ließ ahnen, was kommen mußte. + +So viel wußte Ludwig aus Büchern, daß hier ärztliche Hülfe nichts mehr +fromme, daß hier einzig Mittel der Linderung in Anwendung kommen +könnten, die milden Kräfte der Pflanzenwelt, das isländische Moos, die +süßen Wurzeln der Quecke und Althea. + +So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieser schaurige Monat, der +das letzte Laub von den Bäumen weht, der der Mutter Erde das Leichentuch +zu weben beginnt. + +Ein unermeßlicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Leben mit all’ +seiner genossenen Süße lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in seiner +holdesten Gestalt! + +Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne +Qual. Menschen konnten das Weh dieser Trennung nicht ermessen, und +Menschen waren auch keine Zeugen derselben. Da schluchzte keine weinende +Dienerschaft auf den Knien, da sprach kein Priester Worte des Trostes, +wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger weinender, +alternder Mann, und hatte keinen Trost, nicht für sie, nicht für sich. + +Ich sterbe gern, flüsterte Sophie mit matter Stimme. Ich danke dir, mein +Ludwig! Wie ich soviel, wie ich Alles dir danke – so danke ich dir auch +noch für deine Treue – in dieser letzten Stunde! – Vergiß deine arme +Sophie nicht! – Du bleibst nun allein – o tritt wieder hinaus in die +Welt – begrabe dich nicht länger in der Abgeschiedenheit, denn nur um +meinetwillen hast du dich in diese Einsamkeit zurückgezogen. – Ich habe +viel entbehrt, was das Leben andern glücklicheren Menschen bietet, aber +ich habe dich gehabt, du hast mich reich entschädigt – und wir waren +glücklich. Alles, was ich habe, gabst du mir – Alles was ich bedurfte, +warst du mir – noch einmal das altgewohnte Wort: mein Ludwig – ich danke +dir! + +Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Gestalt, die auf +ihr Ruhebette hingegossen lag, in seinen Armen, er küßte noch ihre +letzten Thränen an den langen dunkeln Wimpern auf. + +Die Stimme versagte der Sterbenden – das reine Herz hörte auf zu +schlagen, ihr Auge brach. Ludwig küßte seiner Verklärten die brechenden +Augen zu, hielt sie noch eine Weile in seinen Armen, dann ließ er sie +sanft in die weichen Kissen niedersinken und stieß einen lauten dumpfen +Schrei des Schmerzes aus, indem er besinnungslos zu Boden sank. Der Tag +war der fünfundzwanzigste November. Am vierundzwanzigsten November war +Ottoline gestorben. Ob sie einander droben begegneten, die beiden guten +Genien des armen Grafen? – + +Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mußte gleichfalls +geschehen. Ludwig ließ Alles durch die Bedienung und den schnell +herbeigerufenen Geschäftsführer besorgen und anordnen. Er selbst war +ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, fast ohne Besinnung. Ach, wie +marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nöthigen Fragen und +alle die Anordnungen, die solch ein Trauerfall hervorruft! + +Tief versenkt in starres, schmerzliches Hinbrüten saß er da, ganz +verloren in Erinnerungen an das selige Einst, und jetzt – jetzt fand er +auch mit Einemmale die Erinnerung wieder an das stille, ihm so heilige +Grab, und an jene Schattenallee im hochgelegenen Bergeshain, wie er +letzteren einst im Traume geschaut, in Ottolinens Schloß geschaut, und +wie er – so wunderbar ihn selbst besaß. – Hier die Klause, dort die +Grabeszelle! so stand der Gedanke fest in ihm, und so führte er ihn auch +aus. + +Wortkarg, zurückhaltender als je, einsam und allein stand der Graf da. +Keines Freundes tröstender Zuspruch konnte ihn erreichen, keine +Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos ließ er geschehen, was nicht zu +ändern war, todtkrank weilte er beständig in seinem Zimmer, in stummem +und darum doppelt unsäglichem Schmerz. + +Und in diese schmerzliche Stille trat nun die Außenwelt mit ihren +Ansprüchen, mit ihrer Allwissenheit; die Außenwelt, die da Buch führt +über Leben und Sterben, über Sein oder Nichtsein. Des Ortes Küster kam, +vom Geistlichen entsendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verstorbene, die +lebend nie seiner Kirche bedurft, nie derselben begehrt, mußte in das +Kirchenbuch mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath +eingetragen werden! Ludwig war in seinem tiefen Schmerz kaum fähig, +eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem +Geburtsort. + +Sophie Botta! flüsterte er endlich seufzend. – Und woher? – Aus West – +Westbachen – Westbacherhof wollte er sagen. – Sophie Botta aus +Westphalen, schrieb der Küster nieder. + + + + +12. Sterben und Erben. + + +Die Schauer der Herbstnacht wehten um den entblätterten Berghain. Stille +dunkle Gestalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier getrieben, +denn es war bekannt geworden, daß auf dem Schulersberg, so hieß dieses +Besitzthum des Grafen, die Dame beigesetzt werden solle, welche eine so +lange Reihe von Jahren hindurch im Schlosse zu Eishausen gelebt und sich +den Blicken der Neugier nie, ja selbst nicht einmal der vertrauten +Dienerschaft entschleiert gezeigt hatte. + +Mild berührt vom Friedenskusse des Todesengels lag sie in ihrem Sarge, +den ein alter Tischler unter Thränen gezimmert hatte. Ein weißes Kleid +von schwerem kostbarem Atlas umwallte die zarte Gestalt, sie lag da wie +ein Kind, mit lächelnden Zügen, man sah ihr kein Alter an, sie glich +aber auch keiner Gestorbenen, sie glich dem Marmorbilde eines Ideals aus +der Meisterhand eines großen Künstlers. Da war kein Zug von Schmerz und +keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, sanfter heiliger +Schlummer. + +So lag sie im offenen Sarge, an welchem Ludwig stand mit +schmerzerfüllter, erschütterter Seele, an welchem er einsam stand – o, +so unermeßlich einsam! – Er barg manche theure Reliquie unter den +Todtenkissen, eine Mitgift für das Grab, ein Geschenk für die Verwesung, +eine Speise für den Moder, zuletzt ein zerbröckelnder Fund für die, +welche einst, wenn sie es vermögen, die heilige Asche dieser +Verstorbenen durchwühlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Vaters, +ihrer ohnlängst verstorbenen Mutter, Locken von Angés, auch manchen +werthvollen Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was sollte er damit, +was sollten Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften besaß, +die nur im Entferntesten Sophiens Geheimniß berührten, barg er +gleichfalls unter ihrem Gewande. In den gefalteten Händen hielt sie ein +kleines Kruzifix aus Elfenbein vom höchsten Kunstwerth; das jetzt braune +Haar, welches einst so reizend blond das Haupt des schönen Kindes +umwallte, schmückte ein Kranz von weißen Immortellen, befestigt mit +einer Nadel, die eine große Perle zierte. + +Noch einen Blick, einen langen, zärtlichen Blick, noch eine Bewegung des +Segnens, dann legte Ludwig selbst den Deckel des Sarges über seine +schöne Todte und wankte zur Klingel. + +Dunkele Männergestalten kamen herein, der Graf ging in sein Zimmer +zurück, unten stand schon Alles bereit, scharrende Pferde, der +Leichenwagen, Laternenträger, die Todtenfrauen und eine große +schweigsame Volksmenge. + +Langsam rollte der Wagen von dannen, stille Männer und Knaben mit +Laternen schritten voran und zur Seite, Andere folgten. + +Keine Glocke erklang, kein Geistlicher folgte dem Sarge. + +Die Novembernacht war still, es begann leise zu schneien. Am Fenster +stand der Graf und blickte mit thränenlosen Augen dem Schimmer nach, der +sich seinem Auge erst eine Zeitlang entzog, als der stille Zug durch +Steinfeld sich bewegte, dann jenseits dieses Dorfes wieder sichtbar +werdend, mehr und mehr zur Höhe emporstieg. Hoch zogen sich die Lichter, +es war, als wenn irrende Sterne aufwärts wollten, hinauf zu den +Brudersternen am ewigen Himmel. + +Jetzt wußte es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantasien lag, die +dunkele Gestalt gewesen war, die seine Lilie ihm entführte, seine helle +Lilie, die zuletzt zum Steine wurde; droben verschwanden die Lichter +über die Berghöhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins +sichtbar – recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuschauen, jetzt +erlosch auch dieses und war fort, den andern nach. – + +Wo der Weg zu Thal sich senkt, an derselben Stelle, die einst den +Liebenden einen reizenden Fernblick eröffnet und so manchen Traum von +einer schönen liebverklärten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da +hoben die Träger den Sarg herab, da ordnete sich der kleine Zug, voran +und hinter dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, still durch die +dunkle Nacht, dem Berghain, dem Grabe zu. + +Ueber dem Berghaus war die öde, einsame Stätte, wo die Hülle der Tochter +so hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdische Ruhe finden +sollte. + +Damit nicht noch um ihre Asche die Lügenmäre ihr Gespinnst webe, hatte +der Graf ausdrücklich geboten, den Sarg vor der Einsenkung noch einmal +zu öffnen und Allen, die bei derselben zugegen, nun das milde Angesicht +zu zeigen, das sich so lange Jahre hindurch hinter dichtem Schleier +verborgen gehalten hatte. + +Lautlos standen Alle; da lag sie im Silberglanze, im hellen Schein, die +marmorbleiche schöne Leiche. + +Heimlich schauerte die Nacht. Thränen flossen; leise schloß man den +Sarg, und nun wurde dieser hinabgesenkt. – + +Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er sie nie +durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich kommen +mußte, die Einmischung der Behörden. + +Es war nicht Alles formell hergegangen bei diesem Begräbniß. Sophiens +Hülle ruhte schon im kühlen Erdenschooße, als erst Anzeige, und zwar die +zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der +geheimnißvollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte +Bericht von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Auskunft, die sich +über den Grafen nur wohlwollend äußerte; daß derselbe mit der +Verstorbenen seit länger denn 30 Jahren ruhig und geschätzt im Lande +gelebt, daß noch von keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine +Beschwerde an und gegen ihn erhoben worden sei, daß er viel Vermögen +habe und sich der Stadt und der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht +habe, als durch Wohlthun; es seien weder Kinder noch sonst Jemand da, +die Ansprüche an die Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben +berechtigt seien. So viel Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um +schonend und zart behandelt zu werden, und ein Einschreiten der +Civilbehörde _vor_ des Grafen Tode sei wohl nicht rathsam, zumal +derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende milde Stiftung für die +Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung bei seiner +Eigenthümlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein werde. – +Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten die +gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art ließen die +gewünschte Schonung versagen. + +Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen an. +Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern, +doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte sich ungern dem eisernen Willen +des Gesetzes, aber er fügte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war +krank; der Kammerdiener und eine alte treue Dienerin führten die Herren +in die Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten, +daß dieser Nachlaß von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der +Dienerschaft zugedacht sei. + +Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der +Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mußte der Geschäftsführer +den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlägerig war, vertreten. + +Welch’ ein Inventar! – Ueber siebenzig Oberröcke und Kleider, theils von +Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen +Kleiderstoffen, gegen dreißig Shawls und Longshawls, ohne die übrigen +Halstücher, ebenso viele Hüte nach den neuesten Formen der Mode, und in +diesem Verhältniß alles Uebrige in staunenswerther Fülle. Schmuck fand +sich wenig, außer was Sophie als Kind schon besessen, für wen hätte sie +sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmücken sollen? Sie +selbst, ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schönste +Schmuck, wie er aus der Idee des Schöpfers als Meisterwerk +hervorgegangen war; gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren +Ringe, Armbänder und dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am +Meisten überraschend aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge +baaren Geldes, die in verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit +Perlen oder mit Fischschuppen gestickten Börsen sich vorfand. Jene +Ducaten von theurer Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth +geschenkt, sie waren nicht ausgegeben worden, außerdem fanden sich +Friedrichsd’or, Kronen-, Species- und einfache Thaler. Der Graf übernahm +gegen Zahlung der Taxe den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das +Gericht seiner Dienerschaft aushändigen; die Summe, welche er zahlte, +wurde beim Gericht hinterlegt, und von einer dringlichen Aufforderung, +Namen, Stand, Geburtsort und Alter der Verstorbenen ganz genau +anzugeben, um so mehr Umgang genommen, als der Graf diese Auskunft zu +geben sich entschieden weigerte und fest erklärte, sofort das Land +verlassen zu wollen, wenn die Behörde darauf bestehen würde. + +Dieselbe begnügte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben. + +Nach diesen Stürmen lagerte sich wieder die tiefste Stille über das +Schloß zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach +sich oft mit schmerzlicher Rührung Goethe’s Worte vor, die so ganz auf +ihn, auf seine Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paßten: + + Du versuchst, o Sonne, vergebens + Durch die düst’ren Wolken zu scheinen, + Der ganze Gewinn meines Lebens + Ist, ihren Verlust zu beweinen. + +Die Poesie war auch hier wieder die milde Trösterin, die ihm, dem +Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele +fächelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise +auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab. + +Fast das einzige geistige Band mit der Außenwelt blieb ein Briefwechsel +mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach +Hildburghausen gezogen war, doch so, daß sie jeden empfangenen Brief +zurückgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedürfniß, +sich mitzutheilen, ist allzumächtig in der Menschenseele, als daß auch +der allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im +Stande wäre. + +Aus Ludwig’s wehmuthvollster Zeit ergoß sich seine Klage in den Worten: +»Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte Ehe; es +ist mehr: es ist die Zerreißung eines zusammengewachsenen +Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. – – Ich +lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen +meinem Körper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstände meinem +Geist. Das Haus ist wie verödet.« + +Ja, öde war es außer ihm, in ihm. Selbst jene Thiere, welche Sophie +geliebt hatte, starben ungeachtet sorglichster Pflege schnell nach +einander; des Pachters Hund, den sie oft aus dem Fenster herab +gefüttert hatte, heulte einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag +er todt unter den Fenstern des Schlosses. + +Als der Frühling kam, die Auen neu ergrünten, da zog es den Grafen mehr +denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Einsamkeit. Hier war +die Stelle, die einst sein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieser +Traum zur Wahrheit geworden! Gesehen und gehört hatte Ludwig +lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der +Heerlager, berghohe Meereswogen, Stürme und ruhige See – hohe Burgen und +Schlösser, stille Thäler – und zuletzt – die Siedlerklause dort im +stillen Schloß, hier die dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames +Grab, und in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles +Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – +all’ sein Glück. + +Alles hatte sich erfüllt, Alles – und er stand am Ziele. Sanft elegisch +war seine Stimmung, und sie fand die verwandten Klänge im stillen Weben +der Natur, durch deren hellste, sonnigste Lenzespracht doch bisweilen +Ahnungen wehen, die des Menschen Herz mit Schauern durchrießeln. + +Die Neigung zum Wohlthun blieb ihm durch alle Jahre hindurch, die ihm +noch zu leben vergönnt waren. Mit Geschenken an Arme feierte er Sophiens +Todestag, mit Geschenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja, +selbst als Leonardus van der Valck spendete er noch Liebesgaben nach +verschiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch +Vincenz Martinus war nicht völlig in den Hintergrund getreten. Eine +Stelle im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete: + +»O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit +einander Briefe wechseln? Deine letzte geehrte Zuschrift traf mich nicht +mehr in Amsterdam, ich wohne seit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo +nach dem deutschen Scherzwort der König David geboren ist, vergleiche +Psalm 38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbestallter, und bete +täglich auf das Allerfleißigste zu den lieben Gottesheiligen auch für +dich, geliebter Leonardus. Neues weiß ich dir aus Amsterdam nicht zu +melden; daß dein alter Seekapitän Richart Fluit in der That und gegen +menschliches Vermuthen von seiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen +Delphin erzielt hat, schrieb ich dir wohl schon vorlängst. Wir dachten +damals oft an dich, als wir den kleinen Seekönig und Heiden tauften. +Unsere Muhme Carolina Petronella, geborene Lippert, welche sich an den +Brauereibesitzer Wirix verheirathet hatte, ist nun auch schon lange eine +#»bedroefde weduwe«#. Du rühmtest mir einstmals den sinn- und +deutungsvollen Reichthum der deutschen Sprache gegenüber der unsrigen. +Nenne mir doch in der deutschen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin +sich der Schmerz und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen +Frau so ausgeprägt zeigte, wie im Worte #Weduwe!# das ist: #wee te wee!# +Weh zu Weh! – Unsere anderen Muhmen, Cornelia’s Schwestern, Helena und +Christina, können leider noch nicht in den traurigen Fall kommen, +betrübte Wittwen zu werden, dieweil sie noch immer ledigen Standes sind. +Ich habe ihnen dringend gerathen, in ein Kloster zu gehen, aber sie +wollen nicht.« + +»Helena Maria und Christina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn +sie neben einander gehen, muß ich immer an die Säulen des Herkules +denken, oder an ein römisches Jugum, nur Schade, daß Niemand Neigung +trägt, seinen Nacken jemals unter diese antike Reliquien zu beugen, noch +viel weniger, sie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter – dir darf +ich es sagen – ich habe niemals viel auf Reliquiendienst gegeben. Dabei +fallen mir alle meine alten Sünden – nicht doch, wollte sagen: meine +alten Tanten in Bochlio, zu Herzberg und zu Dahme ein, die sich +vordessen auf deines wohlseligen Herrn Vaters Erbtheil spitzten, aber +vergeblich. Jene deutschen Falken, die für ihr Leben gern Valcken sein +möchten, warten auch auf deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den +Gefallen, bald zu sterben, sondern laß’ sie zappeln!« + +»Ach, Leonarde! die Welt ist verderbt, ich sehne mich nach Ruhe. Ich +habe das ewige Predigen, Beichtehören, Messelesen und was d’rum und +d’ran hängt, von ganzem Herzen satt. Kein glücklicherer Mensch auf Erden +als ein Pastor emeritus. Das Loos eines gutpensionirten Emeriti scheint +mir viel beneidenswerther, als das eines Eremitä. Ach, wer doch schon +ein Emeritus wäre! Nun ich hoffe, in einigen Jahren mich melden zu +dürfen; hoffentlich bleibe ich noch so lange frisch und kräftig, daß ich +mein Pensiönchen mit Behagen verzehren kann. Der heiligen Ottilia werde +ich nichts mehr zuwenden, sie hat sich undankbar gegen mich erzeigt, ich +nehme wahr, daß das Licht meiner Augen leidet. Nun lebe wohl, Leonarde; +sei und bleibe du der Eremita, und hilf mir zu allen heiligen +Einsiedlern beten, daß ich baldigst als ein wohlverdienter Emeritus mich +nennen darf deinen unwandelbaren Vetter und Freund + + Vincentius Martinus van der Valck, + Pastor an Sanct Agatha in Leiden. + +Ludwigs trüber Ernst stimmte schlecht zu diesem ungeistlichen Humor, +doch konnte er sich eines wehmüthigen Lächelns nicht enthalten, wenn er +daran dachte, was Alles nach seinem Dahinscheiden mit seinem Nachlaß +vorgenommen werden würde, und wie und wohin er Manches bergen solle. +Denn das war sein entschiedener und fester Wille, daß er die Spuren +seines Daseins vernichten wolle, daß er die Hülle, unter der er hier so +lange Jahre verborgen gelebt, nicht heben, den Schleier nicht lüften +wolle. Der abgeschmackte Name, mit dem alle Welt ihn nannte, war ihm +lieb geworden, weil er den wahren Namen verbergen half; keine Seele von +allen den tausend Neugierigen dachte an das Ei des Columbus, dachte je +daran, einen einzigen falschen Buchstaben wegzuwerfen und den richtigen +einzusetzen, gleich einem Zahn zum Zerbeißen der Nuß des Geheimnisses. + +Es war für ihn eine eigenthümliche schmerzliche Beschäftigung, die +Sonderung seiner Briefschaften vorzunehmen; es that ihm weh, so manches +theure Blatt den Flammen zu opfern, aber es mußte geschehen, denn +ungelöst sollte das Räthsel seines Lebens bleiben. Die Menschen, sprach +er einst in einer solchen stillen Opferstunde vor sich hin: glauben +Alles, was sie glauben wollen, und nie das, was sie glauben sollen. Wenn +ich todt bin, werden sie dennoch nicht müde werden, ihre Fabeln über den +Grafen Vavel fortzuspinnen, und sollte ja in Zukunft irgend Einem +vergönnt sein, den Nachkommen zu sagen, wer und woher ich war, so werden +sie es ihm doch nicht glauben. + +Sorglich ordnete Ludwig alle Papiere, die von Leonardus herrührten, wie +jene Briefe von Angés an seinen liebsten Freund. Die Briefe jedoch, +welche Leonardus und Angés an ihn geschrieben hatten, vernichtete er. + +Oefter als früher nöthigte ihn jetzt Krankheit, bisweilen nach einem +Arzte zu senden. Dieser verständige Mann zeigte sich menschlich +theilnehmend, nicht neugierig, und so geschah es, daß es wohl zuweilen +im Laufe rascher und geistvoller Gespräche schien, als wolle der Graf +sich ihm mittheilen, doch häufig unterbrach er sich dann plötzlich +selbst und sprang schnell auf einen andern Gegenstand über. + +Das Alter macht geschwätzig, ich merke, daß ich in die Jahre komme, +äußerte er sich einst bei einem solchen Besuche, da er den Arzt im Bette +liegend empfangen mußte. Ich werde mittheilsam, das ist ein Zeichen +meines herannahenden Todes; denn wenn es mit dem Menschen abwärts geht, +ändern sich in ihm Neigungen und Gewohnheiten. Daher das Sprichwort, +wenn ein als geizig bekannter und vertrauter Mann anfängt zu +verschenken: es ist vor seinem Tode. + +Sie haben sich allzusehr zurückgezogen, Herr Graf! sprach der Arzt. Es +war nicht gut, nicht heilsam. Der Mensch gehört zum Menschen, auch der +Geistreichste kann sich nicht immer selbst genügen: ja, er wird leicht +durch fortgesetztes Absperren von der Menschenwelt einseitig, schroff +und heftig. + +Sie mögen Recht haben, Herr Doctor! erwiederte der Graf. Ich taugte aber +nicht unter die Menschen, ich bin eine reizbare Natur, von Jugend auf +heftig geartet, vielleicht Folge eines Mangels an richtiger Erziehung. +Meine ganze Jugendzeit verfloß in einsamen Schlössern, und da sah ich +wenig von der Welt. Als ich in dieselbe eintrat, fand ich die Zeit zu +bewegt, die Elemente zu gährend, so daß ich nicht zur Klarheit über mich +selbst gelangen konnte. Ich ward in eine Strömung hineingerissen; +eigenthümliche Verhältnisse schlangen Bande um mich, denen ich mich +nicht entringen konnte und nicht wollte; sonst habe ich zu andern Zeiten +wohl gezeigt, daß der Mensch kann, was er will, wenn er will, was er +kann. + +Gewiß reisten Euer Gnaden viel? fragte der Arzt. + +Nun ja, ich sah Einiges von fremden Ländern, zum Beispiel von Holland, +Frankreich, England, Deutschland und Rußland, weiter kam ich nicht. + +Nach einer Weile sagte der Arzt: Ihr Leben, Herr Graf, war gewiß ein +vielfach bewegtes, und die lesende Welt würde es Ihnen Dank wissen, wenn +Sie derselben Ihre Memoiren überliefern oder sie ihr doch dermaleinst +hinterlassen wollten. + +Mein Dermaleinst liegt gar nicht mehr so fern, Herr Ober-Medicinalrath! +_Memoiren_ sagen Sie? Nichts. Eine Sammlung von Küchenzetteln, das sind +meine Memoiren. + +Küchenzettel? fragte der Arzt verwundert. + +Nun, könnte ich nicht ein gelernter Koch sein? fragte der Graf mit +Ironie zurück. Entweder habe ich mir selbst gekocht, oder ich habe mir +kochen lassen, es gibt keinen Mittelweg. Meinen Sie nicht, Herr Doctor, +daß Küchenzettel ein schöneres Album bilden könnten, wie Recepte? +Jedenfalls stehen sie vor diesen in erster Reihe, denn die Recepte +entstehen meist nur, um das zu corrigiren, was die Küchenzettel +verdorben haben. + +Sie scherzen, um abzulenken, Herr Graf! entgegnete der Arzt. Ich +beabsichtige nicht, Ihnen Geheimnisse zu entlocken. + +Ein solches Bemühen würde auch das Vergeblichste von der Welt sein, +versetzte Ludwig. Ich habe den Leuten das Räthsel nicht aufgegeben, um +es in einer schwachen Stunde selbst zu lösen. Der schmerzlichste +Verlust, den ich erlitt, machte mein Gemüth nur noch verschlossener, +mein Schweigen nur um so tiefer. Gern hätte ich, als meine unvergeßliche +Freundin dem Grabe – nicht zuwelkte, sondern zublühte, Sie rufen lassen, +Herr Medicinalrath, aber sie wollte es nicht, und sie war ja die Herrin, +meine angebetete Herrin, und über Alles, was mein war. Sie wollte es +nicht, sie wollte von Ihnen nicht das Opfer. + +Das Opfer des Schweigens? fiel der Arzt dem Grafen in das Wort. Ein +solches Opfer wird dem Manne meines Standes nicht schwer. Schweigen ist +unsere erste Pflicht. + +Wohl jedem Ihrer Collegen, der so denkt! stimmte ihm Ludwig bei: und der +anvertraute Geheimnisse treu im Busen bewahrt. Aber ich meine, +angenehmer, leichter und froher lebe sich’s doch, wenn ein Mensch keine +Geheimnisse zu bewahren hat und von solchen unbelastet bleibt? Meinen +Sie nicht auch so? + +Der Arzt lächelte und schwieg; sein heller Geist verstand den Wink sehr +gut. – Ludwig sprach weiter: Ich sollte, und gewiß ist das auch Ihre +Meinung, eigentlich darauf bedacht nehmen, mein Haus zu bestellen. Ich +sollte, was man so nennt, testiren, nicht wahr? Vor Notaren und +Actuaren, vor Zeugen und Zöpfen? Aber das fällt mir nicht ein! Wenn ich +meine Augen schließe, so hören meine Geldquellen auf zu fließen, das +ist längst so geordnet. Meine Dienerschaft wird nicht unbedacht bleiben, +verspricht sie sich aber goldene Berge und Crösusschätze, so ist sie im +Irrthum. Was ich in der Nähe der Stadt besitze, das Haus, die Gärten, +das Haus in Walrabs, der Berggarten mit meinem theuren Grabe, das ich +gepflegt wissen will neben dem meinen, soll Alles in treue Dienerhände +fallen. Zu meiner hiesigen Verlassenschaft werden sich lachende Erben +melden, Einer davon besonders wird am Meisten lachen, er ist ein +geistlicher Herr katholischen Glaubens. + +Sie sind katholisch? entfuhr dem Munde des Arztes die Frage. + +Ludwig lächelte. Wer fragt danach? Ich bin, der ich bin, und bin, der +ich nicht bin. + +Mit dieser apokalyptischen Wendung schnitt der Graf die fernere +Unterredung ab, und indem er in ein ernstes Nachsinnen versank, ward ihm +so recht die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, das so +tausendfach vergebliche Ringen und Streben, Mühen und Abquälen der +Menschen in innerster Seele klar. – Dort lag das Tagebuch der Ahnfrau +seines Hauses, der gebornen Herzogin de la Tremouille; er griff +mechanisch nach demselben und sprach, indem er es aufschlug, +gedankenvoll vor sich hin: Wie sich doch die Kettenglieder der Lebenden +aneinander reihen von uralten Zeiten her. Welche Stofffülle! Und so ganz +begraben, so ganz vergessen zu sein! – Auch hier ist geschildert, was +sich ewig erneut im steten Wechsel und im Laufe der Jahrhunderte, der +Herzen unruhvolles Klopfen, der Liebe Kampf und Ringen. Meine Großmutter +gab mir dies Buch – und ich – habe keinen Enkel, dem ich es hinterlassen +könnte. Die Großmutter meiner Großmutter schrieb dies Buch, und diese +erzählte nun wieder von _ihrer_ Großmutter. Welch’ eine Kette von +Lebenden, die alle zum ewigen Schlummer sich niederlegten! – Wie beginnt +die alte Dame? + +»Die kurze Dauer des menschlichen Lebens und die Ungewißheit der Zeit +des Todes hat mich den Entschluß fassen lassen, meinen Lebenslauf +aufzuzeichnen, weil derselbe ungewöhnlich genug gewesen ist, so daß ich +in ihm sichtlich die wunderbare Leitung Gottes erkannt habe, welche +Alles zu meiner eigenen Genugthuung gewandt hat.« + +Ja, ja – die Ungewißheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor sich +hin. Selten kommen die Menschen zeitig zu den rechten Entschlüssen. +Diese Frau hat es über sich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein +gerechter; sie schrieb, was sie schrieb, für einen geliebten Sohn. Für +wen sollte ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichnen? + +»Ich beginne dies,« schrieb sie: »im Jahre 1682, im einunddreißigsten +meines Lebens, im ersten des deinigen.« + +»Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der neuen +Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde im +Schlosse[15] von Herrn Chabrolle am 12. März getauft und Charlotte +Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouverneur von Thouars, vertrat meinen +Pathen, welcher der Landgraf Wilhelm VI. von Hessen, Bruder meiner Frau +Mutter, Emilie von Hessen war, außerdem waren Herr von Turenne, Herr +Landgraf Friedrich von Hessen (Oheim des regierenden Landgrafen), und +Graf Moritz von Nassau meine männlichen Pathen; meine Pathinnen waren +die Frau Herzogin von Zweibrücken, Aebtissin von Herfort, die Gräfin +Charlotte von Derby[16], geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau +Herzogin Eleonore Dorothea zu Sachsen-Weimar, die Frau Kurfürstin +Charlotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen, +und Mademoiselle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner +Großmutter, der Frau Landgräfin Amalie Elisabeth, Gemahlin des +regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen-Cassel.« + + [Fußnote 15: Thouars an der Thoye hat ein schönes Bergschloß, + die ehemalige Residenz der Herzoge de la Tremouille.] + + [Fußnote 16: Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton + enthaupteten Jakob Stanislaus, Grafen von Derby.] + +Welch ein Kranz glorreicher und strahlender Namen um die Wiege eines +kleinen Mädchens! rief Ludwig aus. Ist mir doch als erblickte ich meine +gute Großmutter, die so bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor +mir, und hörte sie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauses +verkünden! Wie oft mag sie mit stillem Vergnügen über diesem +interessanten Buche gesessen haben! + +»Meine Frau Mutter ließ mich im Schlosse bei der Herzogin meiner +Großmutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und für meine +Erziehung und meine Bedürfnisse zu sorgen versprach, was sie auch mit +der äußersten Zärtlichkeit fast dreizehn Jahre lang that, und mich +gründlich verzog. Ich wurde ein so halsstarriges und eigensinniges Kind, +daß eine minder geduldige und zärtliche Dame, als es meine Großmutter +für mich war, meine Unarten gewiß nicht ertragen haben würde.« + +Es geht ein eigenthümlicher Grundzug durch die Generationen, sprach +Ludwig, als er dies gelesen hatte. Häufig tritt zwischen Großeltern und +Enkeln mehr Aehnlichkeit der Gesichtsbildung, ja selbst des Charakters, +als zwischen Eltern und Kindern hervor, auch häufig mehr Liebe der +Großeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als diesen von den Eltern zu +Theil wird. So wäre zuletzt die oft halsstarrige Festigkeit und Härte im +Charakter meiner guten Großmutter zum Theil nur ein Erbe der ihrigen +gewesen? Welch’ ein eigenthümlicher Reiz liegt in diesem alten Buche – +ein so langes, vielbewegtes Leben, – es wäre ein Unrecht von mir, dieses +Buch, so wie jene Tagebuchbruchstücke meiner Großmutter der Vernichtung +Preis zu geben – aber wem soll ich sie anvertrauen? Meinen Vetter +Wilhelm Gustav Friedrich deckt seit 1835 die Gruft, William, der +Vice-Admiral, starb schon 1813. Ihre Kinder kenne ich nicht, stehe ihnen +fern, bin ihnen fremd, wer weiß, ob Eines von ihnen durch diese Gabe +erfreut würde! Auch für Leonardus Erben kann sie nicht den mindesten +Werth haben, diese Holländer wären im Stande, Häringe in die Papiere zu +wickeln, welche die Geschichten einst glühender Herzen enthalten! – Der +Einzige, Vincentius Martinus, der vielleicht diese Blätter würdigte, +leidet an Gesichtsschwäche, die heilige Ottilia rächt sich an ihrem +Kirchlein, weil er ihr, wie ich große Ursache zu glauben habe, meine +ansehnliche Schenkung entzogen und sie für sich selber behalten hat. Da +würden diese altfranzösisch geschriebenen Blätter ihm nur Mühe machen, +sie zu entziffern. Am Besten, ich überlasse es ganz dem Zufall, daß +dieser sie in eine Hand bringe, die sie dereinst zu schätzen und zu +übersetzen weiß. + +Ludwig blätterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden +enthielt er noch, eine reiche Stofffülle für Geschichte damaligen +Hoflebens und persönlicher Verhältnisse der weitverzweigten +Verwandtschaft des alten reichsgräflichen Geschlechts, endlich legte er +das Buch zur Seite und sagte, sonderbar bewegt: Es ist ein Grabstein. + +Auch sein Ziel war nahe, näher als er selbst glaubte; gleichwohl +versäumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten +war, die Briefe der Großmutter, die Briefe und die Schenkungsurkunde +Georginens, seine früheren Reisepässe, ein Flammenopfer nach dem +anderen; ferner Leonardus’ Testament und Schenkungen, alle Quittungen, +alle Danksagungen. – Alter Adrianus van der Valck! sprach er sinnend: +Du, der mich rechnen lehrte, was sagst du zu meinem Rechnungsabschluß? +Subtraction! Der Tod zieht mir das Leben ab, das ist das Facit meiner +Rechnung. + +Eines Tages wollte er noch schreiben, aber die Hand versagte ihm den +Dienst. Der jüngere Diener ward herbeigerufen, der Herr wollte dictiren, +aber er vermochte es nicht, er fühlte sich zu schwach dazu, und murmelte +nur: O weh! daß ich doch zu keinem Entschluß kommen kann! Nun denn – mag +es sein! + +Noch einige unzusammenhängende Phantasien von Testamenten – von einer +Dame, die aus weiter Ferne kommen werde – von einem Bruder, der ermordet +worden – von einer Schwester, die ihm entgegenstrahle – von Engeln, die +seiner harrten – und die Seele Ludwig’s löste sich leise los vom +Erdenstaube. Er war »auf dem Sopha« – wie die Acten lauteten »sanft +eingeschlafen.« + +Der Tod des geheimnißvollen Grafen war ein Ereigniß, das lange Stadt und +Land bewegte und allgemein die Neugier auf’s Höchste spannte. Nun +endlich mußte doch Alles offenbar werden! Gegen Erwarten ward aber +Nichts offenbar. Die Gerichte kamen, versiegelten, öffneten und +inventirten den Nachlaß. + +Es fand sich kein Testament. Die Dienerschaft erzählte, daß ihr +entschlafener Herr stets den Wunsch ausgesprochen habe, in seinem Berge +neben jenem Grabe beerdigt zu werden, das sein Theuerstes barg, denn in +der Schenkungsurkunde des Berggartens an den Einen der Diener stand die +Bedingung: »Das oder die Gräber in dem geschenkten Garten stets zu +pflegen und zu bewachen.« + +Ludwig wurde nicht neben Sophien zur Erde bestattet. Ein ausgemauertes +Grab zu Eishausen nahm die sterbliche Hülle des Dunkelgrafen auf. +Eingedenk der großen Wohlthaten, die er ihr erzeigt, ging die ganze +Dorfgemeinde mit zu Grabe. Von Hildburghausen her nahte ein stiller +Zug, die Waisenkinder mit ihrem Lehrer an der Spitze, deren Wohlthäter +Ludwig gewesen war. Neben dem vormaligen Ortsgeistlichen wurde er +eingesenkt, dessen Hügel ein Denkstein schmückt, den Therese, Bayerns +Königin, diesem ihrem einstigen Lehrer hatte errichten lassen. Dankbar +hob der jetzige Geistliche in der Grabrede die Verdienste des edeln +menschenfreundlichen Verstorbenen hervor. + +In den nun vom Gericht durchsuchten Papieren Ludwig’s fanden sich +zunächst der Briefwechsel mit seinem Agenten zu Hildburghausen, die +quittirten Rechnungen und diejenigen Documente, welche den Verstorbenen +fast zweifellos zum Leonardus Cornelius van der Valck stempelten, und +den Namen eines Grafen oder Barons Varel oder Versay als nur angenommen +erscheinen ließen. Es fand sich auch etwas Geld, nämlich an 300 Stück +Doppellouisd’or, eine Rolle einfache, gegen 200 holländische Ducaten +einschließlich einiger anderer Goldstücke, 576 Kronenthaler, 577 +preußische Thaler, und über 150 Gulden sonstige Silbermünze, eine +Totalsumme von mehr als 10,000 Gulden baar. Aufschlüsse über die +Verhältnisse des Verstorbenen fanden sich, wie die Acten aussagen, nicht +vor. Im Inventar befand sich ein silbernes Petschaft mit einem +Lapislazuli-Stein, in welchem drei Lilien unter einer Krone eingegraben +waren; reiches Silberzeug, sechs Uhren, nicht weniger als sieben +Thermometer, drei Barometer. Unter der reichhaltigen Rubrik des +Kapitels: Insgemein stand auch trocken und klanglos: Nummer 112 »eine +Windharfe« – verstimmte Saiten! – + +Da kein Testament und keine Erbnehmer vorhanden waren, so erfolgten nun +von Seiten der Gerichte Edictalladungen auswärtiger Erbberechtigten, in +vielen deutschen und hauptsächlich rheinischen, sowie holländischen +Zeitungen, in denen ausgesprochen war, daß »fast ohne Zweifel«, wie aus +den Papieren hervorgehe, der Verstorbene Leonardus Cornelius van der +Valck geheißen habe, denn Leonardus’ Taufzeugniß war vorhanden; auch daß +er fast bis an seinen Tod mit seinen Verwandten in Amsterdam in +Briefwechsel gestanden habe. Auch der Dame wurde in diesen Vorladungen +gedacht und einer Reihe Briefe aus Mans, Angés Barthelmy, geb. Daniels +unterzeichnet, »ohne Zweifel« an den Verstorbenen gerichtet, und die +Annahme zulassend, daß die Verfasserin der Briefe mit der im Schlosse +zu Eishausen verstorbenen Dame »vielleicht identisch« gewesen sein +könne. + +Es erschienen nun ein Anwalt aus Amsterdam und ein Notar aus dem Haag, +überreichten Vollmachten, Pässe und den Stammbaum des Herrn Pastor +Vincentius Martinus van der Valck zu Leiden, der verwittweten Frau +Cornelia Petronella Adriana Wirix, geborenen Lippert, jetzt wohnhaft zu +Weerd (Wörden), ingleichen der Fräulein Helena Maria und Christina +Theodora Lippert, und bestellten zur Geltendmachung ihrer +Rechtsansprüche einen Hildburghäuser Anwalt; sie legten auch die +Taufzeugnisse von Vincentius Martinus Vater und Mutter, wie von den +Eltern benannter Damen in bester Form verbrieft und besiegelt vor und +eine Urkunde, kraft deren Vincentius Martinus van der Valck, römisch +katholischer Pastor emeritus, für sich und seine Muhmen die Beauftragten +an seiner Stelle zu handeln bevollmächtigte; bald flogen auch noch +andere »Falken« in Briefen herbei, um an der schönen Erbschaft Theil zu +nehmen; die Herzberger, die Bocholder, die von Dahme, zum Theil mit +Beweismitteln, die manche Heiterkeit erregten, allein das Gericht sprach +die Erbschaft und mit vollem Recht, dem lustigen Emeritus in Leiden und +seinen alten Muhmen zu und soll derselbe, wie die von ihm nach der Hand +abgesandten holländischen Bevollmächtigten, welche kamen, um die +Erbschaft zu erheben, versicherten, in seiner jocosen Weise dankbar +ausgerufen haben: Nun ist mein Leiden zu nichte gemacht! + +Die Beauftragten aus Amsterdam trugen das reiche Erbe von dannen, sie +verschmähten einen Haufen Maculatur und altes Papier, was auf dem Boden +lag, und einige Scripturen, die zufällig dazu gekommen waren. Es war +noch eine reichhaltige Briefsammlung, die zufällig unberührt geblieben +war, das alte Tagebuch und das jüngere Tagebuchbruchstück lagen auch +darunter. Es ist zu wünschen, daß alles Benutzbare davon nicht in +allzuschlimme Hände gefallen sein möge. + +Der Vorhang fiel, das Lebensdrama im stillen Schloß des Dunkelgrafen war +zu Ende gespielt. + +Wem vergönnt ist, durch Eishausen zu reisen und dort einen kleinen +Aufenthalt zu machen, der besuche das Gasthaus und frage dort nach dem +Grafen; da wird er hören, wie Ludwig’s Andenken noch immer in hohen +Ehren gehalten wird. + +»Um den Mann sind viele Thränen geweint worden – der Mann hat unser +Dorf sehr glücklich gemacht – solch’ ein Mann kommt niemals wieder!« das +sind die einfachen Reden der schlichten Landleute. + +Schön und würdig hatte Ludwig seine Sendung erfüllt. Was die Großmutter +einst beim Abschied segnend zu ihm gesprochen, es war an ihm zur +Wahrheit geworden. Er ging durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung +und ging rein aus ihnen hervor; er ehrte Gottes Gebote und liebte die +Menschen. Er war mildthätig und barmherzig und vergalt Kränkungen nur +mit Wohlthaten – darum dauert in dem stillen Kreise, in den er eintrat, +sein Name im Segen fort von Geschlecht zu Geschlecht. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1854 als Band III in »Deutsche Bibliothek – Sammlung +auserlesener Original-Romane« erschienenen Erstausgabe erstellt. +Kleinere Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 010: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig -> siebzehnhundert +S. 011: Siebentes begehrt -> Siebentens +S. 013: noch widrigerere Kämpfe -> widrigere +S. 025: angstschweistreibender Pillen -> angstschweißtreibender +S. 029: Herrn von Göthe -> Goethe +S. 037: Paris, Straße Vaurigard -> Vaugirard +S. 041: [vereinheitlicht] reichhaltigen Tagbüchern -> Tagebüchern +S. 079: des Hauses van der Valk -> Valck +S. 085: tn einem großen Bogen -> in +S. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig -> fünfundzwanzig +S. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, -> Talmont, Theil hat, +S. 109: Vater hat das Alles so beohlen -> befohlen +S. 110: [vereinheitlicht] was will das bischen Flitter sagen -> Bischen +S. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig -> siebenzehnhundertsiebenundvierzig +S. 129: entblös’ten Armen -> entblößten Armen +S. 132: Feierlich stieg Robespiere -> Robespierre +S. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß -> Louvre +S. 134: laßt siel iegen vorn. -> sie liegen +S. 137: setzte Wind hinzu -> Windt +S. 140: [Komma entfernt] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen. +S. 148: [Komma ergänzt] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber +S. 160: sein rohe Benehmen -> rohes +S. 168: [Ausrufezeichen ergänzt] immer mehr! rief der Erbherr. +S. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells -> des Kastells +S. 177: [Anführungszeichen ergänzt] meinen Knochen einen Höllenschmerz.« +S. 194: [Punkt ergänzt] Louise, der Tochter des Königs +S. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe -> Inhalt +S. 203: Nicht uninterressant -> uninteressant +S. 212: [Punkt ergänzt] in den alten Sprachen. +S. 214: Leonardus Reitknecht -> Leonardus’ +S. 214: [vereinheitlicht] Unterwegs peitschte der Postillion -> Postillon +S. 221: [Punkt ergänzt] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone +S. 222: [Komma entfernt] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen +S. 223: [Anführungszeichen ergänzt] »Seeluft! Seeluft! +S. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick -> Augenblick +S. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham -> Hamm +S. 238: verfehlte Willam nicht -> William +S. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe -> einstweilen +S. 245: [Punkt ergänzt] mein Bruder, mein Ludovicus. +S. 250: General-Gouverneuers von Indien -> Gouverneurs +S. 265: besprochen worden von den Freuden -> Freunden +S. 270: malade imaginair -> malade imaginaire +S. 279: sprach Gräfin Linden. -> Lynden. +S. 293: [vereinheitlicht] auf Angés Leben einwirkte -> Angés’ Leben +S. 293: [vereinheitlicht] Es war Angés Hand -> Angés’ Hand +S. 295: [Punkt korrigiert] Schwester Windt’s, entlud, -> entlud. +S. 295: [Komma korrigiert] weder diesen. noch den anderen -> diesen, noch +S. 303: gegen die Batatavische Republik -> Batavische +S. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst -> hältst +S. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig -> Niemandem +S. 306: Cornelius van der Valk -> Valck +S. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht -> klein- und +S. 314: [Anführungszeichen ergänzt] freisinniger Fürst, abgeschafft hat.« +S. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog -> Hollandinus +S. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte -> Hautpoule +S. 321: 25000 Mann stark -> 25,000 +S. 322: [Komma entfernt] Schinken, Würste, die -> Würste die +S. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt -> Großbritannien +S. 326: [Punkt korrigiert] Wunderbar! rief Ludwig! -> Ludwig. +S. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten -> zurückzureiten +S. 332: [Fragezeichen korrigiert] ganz einsam zu werden. -> werden? +S. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht -> Kammerrath +S. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg -> Straßburg +S. 368: [Punkt korrigiert] und nicht glauben wollte, -> wollte. +S. 373: in dem Gedanken, das -> daß +S. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung -> sah +S. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald -> zu thun, bald +S. 382: wer hätte das gedacht -> Wer +S. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren -> L. C. v. d. V. +S. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo -> Sarskoe-Selo +S. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte -> Buxton +S. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las -> entsiegelte es, las +S. 423: [vereinheitlicht] die Söhne der Reichgräfin -> Reichsgräfin +S. 425: [Anführungszeichen ergänzt] »Dieser Gedanke schnitt mir wie +S. 429: er brachte keinen Störung -> keine +S. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus -> Vincentius +S. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe -> Gewissensehe +S. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön -> Holstein +S. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete -> wozu +S. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde -> Aeolsharfe +S. 447: [vereinheitlicht] von Coburg über Rodoch kommende -> Rodach +S. 450: sequestrirte Oldenbnrg -> Oldenburg +S. 454: o trit wieder hinaus in die Welt -> tritt + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# +Kursivschrift: /kursiv Antiqua/ + +Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 47, 397)] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1854 as volume III in “Deutsche Bibliothek – +Sammlung auserlesener Original-Romane”. Minor spelling inconsistencies +have been maintained. The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p. 010: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig -> siebzehnhundert +p. 011: Siebentes begehrt -> Siebentens +p. 013: noch widrigerere Kämpfe -> widrigere +p. 025: angstschweistreibender Pillen -> angstschweißtreibender +p. 029: Herrn von Göthe -> Goethe +p. 037: Paris, Straße Vaurigard -> Vaugirard +p. 041: [normalized] reichhaltigen Tagbüchern -> Tagebüchern +p. 079: des Hauses van der Valk -> Valck +p. 085: tn einem großen Bogen -> in +p. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig -> fünfundzwanzig +p. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, -> Talmont, Theil hat, +p. 109: Vater hat das Alles so beohlen -> befohlen +p. 110: [normalized] was will das bischen Flitter sagen -> Bischen +p. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig -> siebenzehnhundertsiebenundvierzig +p. 129: entblös’ten Armen -> entblößten Armen +p. 132: Feierlich stieg Robespiere -> Robespierre +p. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß -> Louvre +p. 134: laßt siel iegen vorn. -> sie liegen +p. 137: setzte Wind hinzu -> Windt +p. 140: [extra comma] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen. +p. 148: [added comma] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber +p. 160: sein rohe Benehmen -> rohes +p. 168: [added exclamation mark] immer mehr! rief der Erbherr. +p. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells -> des Kastells +p. 177: [added closing quotes] meinen Knochen einen Höllenschmerz.« +p. 194: [added comma] Louise, der Tochter des Königs +p. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe -> Inhalt +p. 203: Nicht uninterressant -> uninteressant +p. 212: [added period] in den alten Sprachen. +p. 214: Leonardus Reitknecht -> Leonardus’ +p. 214: [normalized] Unterwegs peitschte der Postillion -> Postillon +p. 221: [added comma] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone +p. 222: [extra comma] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen +p. 223: [added opening quote] »Seeluft! Seeluft! +p. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick -> Augenblick +p. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham -> Hamm +p. 238: verfehlte Willam nicht -> William +p. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe -> einstweilen +p. 245: [added period] mein Bruder, mein Ludovicus. +p. 250: General-Gouverneuers von Indien -> Gouverneurs +p. 265: besprochen worden von den Freuden -> Freunden +p. 270: malade imaginair -> malade imaginaire +p. 279: sprach Gräfin Linden. -> Lynden. +p. 293: [normalized] auf Angés Leben einwirkte -> Angés’ Leben +p. 293: [normalized] Es war Angés Hand -> Angés’ Hand +p. 295: [fixed period] Schwester Windt’s, entlud, -> entlud. +p. 295: [fixed comma] weder diesen. noch den anderen -> diesen, noch +p. 303: gegen die Batatavische Republik -> Batavische +p. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst -> hältst +p. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig -> Niemandem +p. 306: Cornelius van der Valk -> Valck +p. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht -> klein- und +p. 314: [added closing quotes] freisinniger Fürst, abgeschafft hat.« +p. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog -> Hollandinus +p. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte -> Hautpoule +p. 321: 25000 Mann stark -> 25,000 +p. 322: [extra comma] Schinken, Würste, die -> Würste die +p. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt -> Großbritannien +p. 326: [fixed period] Wunderbar! rief Ludwig! -> Ludwig. +p. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten -> zurückzureiten +p. 332: [fixed question mark] ganz einsam zu werden. -> werden? +p. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht -> Kammerrath +p. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg -> Straßburg +p. 368: [fixed period] und nicht glauben wollte, -> wollte. +p. 373: in dem Gedanken, das -> daß +p. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung -> sah +p. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald -> zu thun, bald +p. 382: wer hätte das gedacht -> Wer +p. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren -> L. C. v. d. V. +p. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo -> Sarskoe-Selo +p. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte -> Buxton +p. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las -> entsiegelte es, las +p. 423: [normalized] die Söhne der Reichgräfin -> Reichsgräfin +p. 425: [added opening quotes] »Dieser Gedanke schnitt mir wie +p. 429: er brachte keinen Störung -> keine +p. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus -> Vincentius +p. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe -> Gewissensehe +p. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön -> Holstein +p. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete -> wozu +p. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde -> Aeolsharfe +p. 447: [normalized] von Coburg über Rodoch kommende -> Rodach +p. 450: sequestrirte Oldenbnrg -> Oldenburg +p. 454: o trit wieder hinaus in die Welt -> tritt + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# +Italics: /Antiqua italics/ + +The ligature for “etc.” has been replaced by etc. (p. 47, 397)] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Dunkelgraf, by Ludwig Bechstein + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DUNKELGRAF *** + +***** This file should be named 24782-0.txt or 24782-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/7/8/24782/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at Austrian Literature +Online.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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