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+The Project Gutenberg EBook of Der Dunkelgraf, by Ludwig Bechstein
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Dunkelgraf
+
+Author: Ludwig Bechstein
+
+Release Date: March 8, 2008 [EBook #24782]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DUNKELGRAF ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Austrian Literature
+Online.)
+
+
+
+
+
+
+ Der Dunkelgraf.
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ Ludwig Bechstein.
+
+
+
+ Frankfurt a. M.
+
+ _Verlag von Meidinger Sohn & Comp._
+
+ 1854.
+
+
+
+
+ Erster Theil.
+
+ Der Jüngling.
+
+
+ _Motto:_
+
+ Sei den Edlen genaht, niemals gesellt zu den Niedern,
+ Strebst du zum Ziele des Wegs, oder des Handels Geschäft.
+ Gut ist Edler Thun und gut sind ihre Gespräche,
+ Aber Geringer Geschwätz führen die Winde dahin.
+
+ (=Falbe= nach =Theogins=.)
+
+
+
+
+1. Der Sohn des Hauses.
+
+
+Geheimnißvoll murmeln die Wellen und schlagen nur leise an die Ufer des
+friedlichen Busens, in welchen das Flüßchen _Jahde_, vorüber rinnend an
+den einzelnen Häusern des friesischen Dorfes gleichen Namens und der
+Jahdekirche, sich geräuschlos einsenkt, um dann als breite Stromfläche
+aus dem zur Fluthzeit fast gerundet erscheinenden Becken mit dem
+Weserausstrome sich zu vereinen und in die Nordsee sich zu ergießen. Nur
+wenige größere Fahrzeuge liegen an der Rhede von Färhuk vor Anker, mit
+Kaufmannsgütern befrachtet, oder auf Einschiffung solcher harrend; es
+sind Schmakschiffe, die mit vierzig bis fünfzig Lasten die Erzeugnisse
+des Landes Oldenburg dem Verkehr der nachbarlichen Seehäfen zuführen,
+und außer ihnen ungleich mehr Barken und Kähne für die Vermittelung des
+nächstnahen Handelsbetriebes der ausgedehnten Marschlande. Tief in das
+Land eingebettet, mehr einem großen Binnensee ähnlich, als einem
+eigentlichen Meerbusen, vor Stürmen geschützt, wie vor heftiger Brandung
+selbst bei höchster Fluth, ruht dieses Gewässer, und dabei befahrbar von
+den größten Schiffen, von Klippen frei wie von Treibeis, an jeder Stelle
+trefflichen Ankergrund darbietend.
+
+Es ist derselbe Jahdebusen, auf welchen in der Gegenwart sich
+hoffnung- und freudevoll die Blicke zahlreicher deutscher
+Vaterlandsfreunde richten; auf dem die schwarz-weiße Flagge Preußens von
+stolzen Kriegsschiffen, die hier ihren Hafen fanden, wehen, und diesem
+Winkel zwischen Land und Meer dereinst vielleicht eine hohe
+geschichtliche Bedeutung verleihen wird. Sechs Jahrzehnte zurück! Eine
+dunkle Frühlingsnacht und dichter Märznebel schleiern all’ die Wellen
+und Wogen, die Geesten und Sielen ein; kaum erreicht die dämmernde Helle
+der in den Häusern des Dorfes Jahde brennenden Lichter den Deichdamm,
+der das Jahder Watt umgrenzt. Ueber das erstorbene flüsternde Schilf und
+Riethgras des vorigen Jahres in den mit zahlreichen Wassergräben
+durchzogenen Sumpfstrecken um die Dörfchen Jurgengrave und Moorhusen
+tanzen lustige Irrwische. Dort liegt das Städtchen _Varel_ mit seinem
+stattlichen Herrenschloß und seiner ummauerten Kirche; dunkel ragen
+durch den Nebel die Werke des Forts _Christiansburg_ und zwischen diesem
+und dem Ort spreitzen sich wie ein riesiges Nachtgeisterpaar zwei
+Windmühlen von bedeutender Größe. Aber die gewaltigen Flügel rasten und
+ruhen wie eingeschlafen; Stille schwebt über den Wassern, Stille weht
+mit Geisterhauchen über das trostlos flache Gefilde. Nur ein ferner
+Ruderschlag plätschert noch, dem Ufer näher kommend, durch das tiefe
+Schweigen.
+
+An diesem Lenzabende des Jahres 1794, an welchem das verjüngte Leben der
+Natur noch nicht zum freudigen Erwachen gelangt war, schritt ein noch
+junger, gutgekleideter Mann in Jägertracht und mit Jagdgeschoß
+wohlversehen, begleitet von einem Diener und einem braunen Hühnerhunde,
+durch den Vareler Busch dem Städtchen zu. Der Jüngling mochte das
+neunzehnte Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben; der Diener war nur
+einige Jahre älter und ein Sohn des Ortes, eine kräftige friesische
+Gestalt, mehr stämmig als schlank, von munterem Blick und einem Ausdruck
+von biederherziger Treue. Er trug die Jagdbeute, mehrere Schnepfenarten,
+Rallen und Bekkasinen. Sein ihm schweigsam voranschreitender Gebieter
+war eine zarte, schlanke Gestalt, die noch größeren Wuchs verhieß. Die
+Gedanken des Jünglings schweiften zur Ferne, aber nach einer
+unbestimmten. Ein Lenzgefühl zog durch die junge Brust voll
+Hoffnungsfreudigkeit und Thatendrang; wie sich’s geheimnißvoll regte im
+mütterlichen Schooße der Erde, wie das junge Grün mächtig und
+unaufhaltsam zum Lichte der verjüngten Sonne drängte – wie jene Vögel,
+von deren Jagd der junge Weidmann heimkehrte, schon wieder nordwärts
+strichen, dem allmächtigen Wandertriebe folgend, ebenso jene
+Kranichzüge, die er am Tage erblickt, und jene Güüsvögel und
+Himmelsziegen, deren gräuliche Stimmen den nächtlichen Wanderer
+schrecken – und die alle nur dem einen unumstößlichen Naturgesetze
+gehorsamten – so zog es auch den Jüngling fort aus diesen einförmigen
+Gefilden, aus einem Kreise einförmiger Thätigkeiten; er sehnte sich zu
+lernen, zu leben.
+
+Während der junge Mann mit seinem Begleiter durch die gutgepflegten
+Gehölze und dann durch reizende ausgedehnte Parkanlagen dem Schlosse
+zuschritt, hatte sich dem Ufer in der Schloßnähe, soweit als möglich,
+eine Jacht mit niederländischer Flagge genähert, und mehrere Männer
+waren im Gefolge von Dienerschaft, die sich mit Reisegepäck belud, aus
+dem Schiffe in einem Boote nach dem Vareler Siel gefahren und hatten das
+Land betreten.
+
+Im Herrenschlosse war eine Reihe von Zimmern lichterhellt, so daß der
+Schimmer, der heraus auf den dichten Nebel fiel, fast meteorisch
+erschien. Es war dies eine ungewöhnliche Erscheinung, denn meist stand
+das Schloß unbewohnt, nur in treuer Hut eines alten, redlichen
+Kastellans. Das hohe Geschlecht, welchem Amt und Vogtei oder die edle
+Herrschaft Varel eigen war, besaß der Schlösser und Güter viele, und die
+Glieder dieser berühmten Familie wohnten zerstreut, zumal ihrem Verbande
+jenes einigende schönste Band mangelte, welches Liebe heißt.
+
+Im Schlosse hastete Dienerschaft geschäftig umher. Der Erbherr war
+angekommen, mit Räthen und Schreibern, nicht in bester Stimmung, wie es
+schien, und nach einer durch Frühlingsstürme widerwärtigen Wasser-Reise.
+Sein fester Sporntritt erschütterte Fußboden und Fenster des Zimmers, in
+welchem er unruhevoll auf- und abging. Es war ein noch junger Herr, erst
+zweiunddreißig Jahre zählend, aber sein Gesicht zeigte männliche Reife,
+sein Bart und seine Tracht ließen in ihm den Krieger hohen Ranges
+erkennen.
+
+An einem Tische, auf welchem zwei silberne Armleuchter brannten, saßen
+zwei Männer, bemüht, zahlreiche Papiere und Briefschaften, die einem
+Reisekoffer entnommen wurden, sorglich in einer gewissen Reihe und
+Ordnung auf den Tisch vor sich hin zu legen; es waren augenscheinlich
+Documente, denn von mehreren hingen an schwarzgelben oder rothweißen
+Seidenschnüren große Kapseln, und die Farben dieser Schnüre ließen
+erkennen, daß es Lehenbriefe römischer Kaiser einestheils, anderntheils
+der Könige Dänemarks seien, und daß jene Kapseln die Siegel
+umschlossen, welche den Pergamenten, an denen sie befestigt waren, ihre
+volle Gültigkeit gaben.
+
+Ein Diener riß die Thüre auf, und rief herein: Der Herr Haushofmeister
+Ihrer Excellenz der Frau Reichsgräfin Wittwe!
+
+Warten! antwortete kurz und rasch der Graf, und murmelte halblaut durch
+die Zähne: Hat es sehr eilig, das #ancien régime!# – Dann sagte er laut:
+Nehmen Sie, Herr Hofrath Brünings, ein wenig Akt von dem, was der
+Großbotschafter der #chère grand Mère# auszurichten und vorzubringen
+hat, und Sie, Herr Secretär Wippermann, thun, als haben Sie eine
+Schreiberei vor, und schreiben ein wenig nach, denn in unsern
+Angelegenheiten darf kein Wort auf die Erde fallen und verloren gehen.
+Es ist die höchste Zeit für uns, wenn wir nicht als Kirchenmäuse aus
+unsern Herrschaften davon ziehen wollen, die Neigungen der Frau Großmama
+anzunehmen und zu sammeln, wenn auch nicht eben antike Münzen.
+
+Nach diesen Worten, welche offenbar eine gereizte Stimmung des Gebieters
+kund gaben, klingelte der junge Reichsgraf und Erbherr und der Diener
+öffnete dem Haushofmeister der alten Gräfin die Zimmerthüre. Der
+Angemeldete trat mit tiefem ehrerbietigem Gruße ein; ein Mann von
+mittler Größe, würdiger Haltung, bereits ergrautem Haar, von
+Gesichtsfarbe blaß und angegriffen aussehend, und äußerst fein
+gekleidet. Der Graf erwiederte die ehrfurchtsvolle Begrüßung des Dieners
+nur mit einer leichten Fingerbewegung nach dem Haupt, die Herren am
+Tische, welche bei seinem Eintritt aufgestanden waren, grüßten ebenfalls
+ziemlich flüchtig, und warfen stechende, lauernde Blicke auf den
+Haushofmeister.
+
+Nun – Herr Windt – guten Abend! Was bringen Sie? nahm der Gebieter das
+Wort.
+
+Zuvörderst, Excellenz! unterthänigsten Willkommengruß im edlen
+Herrenhause Varel Namens gesammter Dienerschaft des Schlosses und
+gesammter Einwohnerschaft des Ortes, versetzte der Haushofmeister in
+gebückter Haltung; dann sich aufrichtend, sprach er weiter: Ihre
+Excellenz, die verwittwete Frau Reichsgräfin lassen Höchstihnen durch
+mich Hochdero Freude ausdrücken und Dank sagen, daß Excellenz auf
+Hochderen Ersuchen hierher gekommen sind, und hoffen, es werde nun
+Alles, was bisher verwirrt und gespalten war, durch dieses persönliche
+Begegnen sich friedlich lösen und einen lassen.
+
+Hofft die Großmutter das? fragte der Graf. Wie gern hofft’ ich es auch,
+müßte ich nur nicht das Gegentheil fürchten!
+
+Wollen Excellenz die hohe Gnade haben, mir zu erlauben, Denenselben
+gleich jetzt das mir Befohlene unterthänigst vorzutragen, oder befehlen
+Sie eine andere Stunde?
+
+Tragen Sie vor, werther Herr Windt, tragen Sie immerhin vor! versetzte
+der Graf im vornehm spöttischen Tone. Jedenfalls wird es besser sein,
+Sie tragen vor, ehe das Essen aufgetragen wird. Ich hoffe ja mit
+Zuversicht, Sie werden mir nicht gleich den Appetit ganz verderben. Auch
+dauert es hoffentlich nicht allzulange?
+
+Wie im Scherz zog der Graf seine Uhr, blickte darauf und fuhr fort: Ich
+gönne Ihnen eine volle Viertelstunde, allein setzen wir uns, setzen wir
+uns alle, meine Herren; als gesetzte Männer werden wir ohne Zweifel den
+Vortrag des Herrn Haushofmeisters, General-Intendanten, Geheimen Rathes
+und Factotums unserer geliebtesten Frau Großmutter um so standhafter
+anhören. Nehmen auch Sie sich einen Sessel, Herr Windt, und eröffnen wir
+somit gleich die erste der uns leider sicherlich hier bevorstehenden
+vielen Sitzungen.
+
+Der Haushofmeister achtete nicht auf den spöttischen stichelnden Ton des
+jungen Erbherrn, er schrieb ihn dessen Mangel an Schicklichkeitsgefühl
+im Benehmen gegen ältere Personen zu und dem Verdruß, durch ihn im
+Auftrag seiner Gebieterin hierher bemüht worden zu sein, gerade zu einer
+Zeit, wo einerseits der Graf, der jetzt in Holland wohnte, als
+persönlicher Freund des Erbstatthalters der Niederlande und dessen
+Sohnes, des Erbprinzen von Oranien, vollauf mit der Bewaffnung der
+Niederlande gegen Frankreich beschäftigt war, anderseits die politischen
+Ereignisse in Frankreich fast alle andern und selbst persönliche
+Angelegenheiten einzelner Familien zurückdrängten und in Schatten treten
+ließen.
+
+Stets im ehrfurchtsvollen Tone, ruhig und gemessen sprach nun Windt, und
+richtete sein Wort lediglich an den Grafen, indem er gar nicht zu
+bemerken schien, daß er außer diesem noch zwei andere Zuhörer hatte:
+Excellenz! Hochgnädigster Herr Graf! Lange Jahre hindurch sind auf der
+Frau Gräfin Wittwe ererbtes väterliches Vermögen habsüchtige Anschläge
+gemacht, und durch mancherlei Mittelspersonen ausgeführt worden, so daß
+es gewiß jedem billig und edel Denkenden einleuchtet, wie beträchtlich
+der vielfache Verlust sein muß, welchen Hochdieselbe dadurch erlitten.
+Einer fast von Haus und Hof, fast von ihrem ganzen Erbe verdrängten, ein
+halbes Jahrhundert mit ihrem Gemahl, mit ihren leiblichen Kindern und
+Kindeskindern in Processe verwickelten, nun bereits im neunundsiebenzigsten
+Lebensjahre stehenden Dame kann das Harte, welches diese traurige
+Nothwendigkeit für ihre mütterliche, gefühlvolle Seele hatte und stets
+haben muß, ebenso wenig vergessen gemacht werden, als der wirklich
+erlittene beträchtliche Schaden ihr je zu ersetzen ist.
+
+Erlauben Sie mir, Herr Windt – unterbrach der Graf: nur die eine
+Anmerkung, daß in gewisser Beziehung auf die verehrte Frau Großmutter
+das Sprichwort paßt: Minder gut, wäre besser! Eben diese mütterliche
+gefühlvolle Seele ist es, die das reiche Familienerbtheil zersplitterte,
+drückende Verlegenheiten herbeiführte, zu Schritten hindrängte, vor
+denen man vor dem Auge der Welt erröthen muß. Die vielen Schenkungen,
+oft an unwürdige Spekulanten, die unnützen Aufkäufe, die verderbliche
+Sammelsucht, die Eitelkeit, als Gelehrte glänzen zu wollen, und die
+maaßlosen Täuschungen aller Art, denen die alte Frau anheimfiel – das
+ist’s, das ist die Ursache alles Unheils von je gewesen. Gott sei mein
+Zeuge, daß ich und die Familie den Frieden wollen, daß ich und mein
+Bruder Johann Carl gern bereit sind, selbst mit Opfern _ihr_, die mit
+einem Fuß im Grabe steht, wie uns und unsern Kindern endlich Ruhe zu
+gewinnen.
+
+Der Graf sprach diese Worte mit ernster Männlichkeit, keine Spur mehr in
+seiner Rede von der vorhinigen leichtfertigen, höhnenden Redeweise, und
+sie verfehlten nicht ihre Wirkung auf das Gemüth des Vortragenden.
+Dieser fuhr weich und mit Wärme fort: Wonnereich wird es für meine
+angebetete Herrin sein, wenn ich ihr verkünde, daß sie den Gedanken
+jetzt billigerer Gesinnungen ihrer, ihr dadurch gewiß aufs Neue theuerer
+werdenden Enkel mit Zuversicht hegen darf; wenn sie hoffen darf, es
+werde endlich einmal dem ebenso verderblichen als widernatürlichen
+Rechtsstreit ein Ende gemacht werden! In dieser frohen Hoffnung ist auch
+sie auf jede Weise bereit, alle bisher Jahre lang gehäuften,
+unbeschreiblichen und zahllosen Kränkungen großmüthigst zu vergessen,
+ihren Herren Enkeln ihre ganze großmütterliche Liebe zu schenken, allen
+den beträchtlichen Vortheilen, welche die Rechte ihr gewähren, besonders
+in Bezug auf die Anspruchsklage wegen der alleräußersten
+Beeinträchtigung zu entsagen, jedoch nur unter dem ausdrücklichen Beding
+und nicht ohne denselben, daß die hochgnädigen Herren Enkel auch
+ihrerseits billigere und den Verhältnissen angemessene Gesinnungen
+gegenwärtig dadurch bethätigen, daß sie ohne alle bisherige – in den
+vieljährigen Processen bis zum Ueberfluß angewandten Ränke und
+Rechtsverdrehungen – die Forderungen Ihrer Excellenz, anstatt der mit
+vollem Recht anzusetzenden, in das Unermeßliche sich belaufenden, ganz
+unableugbaren Schäden und Kosten – auf Treue und Glauben als richtig
+anerkennen, und wo nicht bei Heller und Pfennig vergüten, dennoch eine
+annehmliche, beträchtliche Abfindungssumme dafür bieten.
+
+So! – warf der Graf gedehnt ein, und ein Strahl bitteren Hohnes blitzte
+wieder aus seinen Augen. Die Frau Großmama sind in der That gut berathen
+und wahrhaft eine »weise Frau«. Wenn wir also thun, was sie wünscht und
+befiehlt, dann werden wir die theueren Herren Enkel sein – wie aber
+dann, Herr Windt, wenn wir das _nicht_ thun an unserer theuersten
+Großmama?
+
+Wenn _ich_ mir eine unterthänige Bemerkung und Einrede gestatten darf –
+nahm jetzt an seinem Tisch der Hofrath Brünings das Wort, ein Mann mit
+einem langen, kalten Diplomatengesicht, voll strengen Ernstes, ohne
+Farbe, von stocksteifer Haltung und dabei spindeldürr: so dürften wohl
+um Wege des Friedens anzubahnen und der künftigen hocherwünschten
+Einigung fruchtbares Land zu gewinnen, die Oelblätter der Friedenstaube,
+welche der Herr Haushofmeister dermalen vorzustellen die Ehre haben –
+nicht in ätzendes Gift getaucht sein, und ihre grünen Zungen nicht zu
+spitzigen Dolchen werden. Euer Excellenz werden Redensarten, wie Ränke
+und Rechtsverdrehungen mit gebührendem Protest zurückweisen.
+
+Ich werde das, lieber Hofrath, gewiß, ich werde! versetzte der Graf;
+doch mag nun Ihre Rüge für das unbedachte Wort genügen. Wir kennen
+unsere hochgnädige, oft sehr ungnädige Frau Großmutter nur allzu gut;
+wir wissen, daß sie zwar sorgfältig ihre alten Münzen, aber nie die
+Worte gegen ihre nächsten Anverwandten auf die Goldwage legt. Es ist
+nicht Kriegsbrauch, einen Abgeordneten in das feindliche Heerlager für
+das zu bestrafen, was sein Feldherr ihm auszurichten anbefahl. Fahren
+Sie fort, Herr Windt: Sie haben immer noch eine halbe Viertelstunde.
+
+Der Haushofmeister wurde unruhig. Herr Graf, – nahm er wieder das Wort:
+wenn ich auch voraussehe, daß ich nicht im Stande sein werde, in dieser
+kargen Frist zu Herzen Dringendes und völlig Ueberzeugendes
+auszusprechen, so darf ich doch wohl, und wie ich ganz gehorsamst zu
+bitten mich erkühne, _ohne_ fremde Unterbrechung vorerst Folgendes
+anführen. Das Wichtigste, was ich in vorbereitender Weise und als
+Grundlage der späteren Verhandlungen mitzutheilen habe, läßt sich in
+dreizehn Punkten zusammen fassen.
+
+Dreizehn? wiederholte der Graf spöttisch betonend: das ist eine sehr
+mißbeliebte verhängnißvolle Zahl. Doch lassen Sie hören!
+
+Es sind fast dieselben dreizehn Punkte wieder, fuhr Windt fort, welche
+dem im Jahre siebzehnhundert und vierundfünfzig zu Berlin geschlossenen
+Vergleich zur Grundlage dienten, welche dem Reichs-Hofrath
+siebzehnhundertsechzig vorlagen, und deren Erledigung, ebenso wie eine,
+der gepriesenen edlen Denkart derer Herren Grafen würdige Erklärung nur
+durch Diejenigen über alle Gebühr hingezögert wurde, welche darin einen
+persönlichen Vortheil gesucht und leider nur zu sehr gefunden haben.
+
+Das Diplomatengesicht des Hofrath Brünings schien sich bei diesen Worten
+in etwas zu verlängern, und seine Nase noch um ein merkliches spitziger
+zu werden, als sie ohnehin bereits war. Herr Wippermann begann sich
+unter Kopfschütteln zu räuspern und stampfte unwillig seine Feder auf.
+Windt aber sprach ruhig weiter: Ohne weitschweifig zu werden, so nimmt
+meine hochgnädige Gebieterin wiederum in Anspruch, _erstens_ das halb
+ihrer hochfürstlichen Frau Mutter, halb ihr selbst von der Wittwe de
+Moore zu Amsterdam vermachte Kapital; _zweitens_ den vollständigen
+Ertrag der Güter von Varel und Kniphausen bis zum Augenblick ihrer
+Entsetzung von denselben durch ungerechten Richterspruch und durch
+Gewalt, nebst vollständiger Rechnungsablage; _drittens_ die
+Kammerzahlungen von den Vareler Einkünften seit siebzehnhundert und
+siebenundvierzig, welche die Dänen gewaltsam in Besitz genommen haben,
+auf _wessen_ Betrieb, wissen Euere Excellenz am besten; _viertens_ die
+receßmäßige Zahlungsleistung aller Forderungen, auf welche der Frau
+Reichsgräfin Excellenz Ansprüche der Schadloshaltung zustehen, und von
+denen sie als rechtmäßige Erbin, Eigenthümerin und Besitzerin durch das
+auf Schikane begründete Oldenburger Urtheil hinweggedrängt worden ist;
+ein Urtheil, das vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft, des
+entschiedensten Rechtes und der selbstredenden Billigkeit in Nichts
+zerfallen muß, weil bei demselben die Frau Gräfin gar nicht gehört
+worden sind, und der Hauptgrund aller Verbindlichkeit über den Haufen
+geworfen wurde.
+
+Wieder wollte Hofrath Brünings mit Heftigkeit entgegnend auffahren, der
+Graf aber winkte ihm gebieterisch, und sagte: Stille! die Frau
+Großmutter haben das Wort.
+
+_Fünftens_ – fuhr Windt mit unerschütterlicher Ruhe fort: erneut Ihre
+Excellenz, die hochgräfliche Wittwe, die Ersatzforderung von zehntausend
+Thalern nebst aufgelaufenen Zinsen für ihre von dem hochseligen Herrn
+Grafen versetzten Juwelen. Gewiß werden Recht und Billigkeit liebender,
+edel denkender Enkel in diesen Ersatz zu willigen keinen Anstand nehmen,
+und nicht der erlauchten Frau Großmutter ferner ansinnen, aus ihrem
+Kammervermögen auch noch fernerhin die für diese Schuldsummen
+auflaufenden Zinsen zu bezahlen. _Sechstens_ haben der Frau Gräfin
+Wittwe Excellenz für die Summe von sechstausend fünfhundert Thaler von
+ihrem Silbergeräth verpfändet, und das dafür aufgenommene Geld zum
+wahren Nutzen, nämlich zu dringend nöthigen Deichverbesserungen
+verwendet, sonst wäre vielleicht heute Varel nicht mehr vorhanden,
+sondern wäre in die Reihe jener versunkenen Ortschaften getreten, welche
+im Jahre fünfzehnhundert und neun durch die Antonifluth der Jahdebusen
+in seinen Schoos aufnahm. _Siebentens_ begehrt meine hochgnädige Herrin
+die endliche Rückerstattung des ihr vorenthaltenen, mit den gräflichen
+Gütern in gar keinem Zusammenhang stehenden Kapitals von Friedrich Even;
+_achtens_ die der Frau Gräfin im Berliner Vergleich zugesprochenen, aber
+stets vorenthaltenen Jahrgelder nebst Zinsen vom Jahre siebzehnhundert
+vierundfünfzig an. Die durch diese Vorenthaltung erlittene Einbuße ist
+eine schreckliche arithmetische Wahrheit. _Neuntens_ Erstattung aller
+bisher aufgewendeten Proceßkosten, sowie vieler, bei dem gewaltsamen
+Ueberfall geraubten Habseligkeiten, wobei unersetzbare Verluste ewig zu
+beklagen sind. _Zehntens_ haben der Frau Gräfin Excellenz ihrem
+hochseligen Herrn Gemahl, sowie Kindern und Enkeln mütterliche
+Schenkungen von achtzig bis neunzigtausend Thalern gemacht, sollten
+Hochdiese nicht ein Recht beanspruchen dürfen, von so überreichlich
+begabten Enkeln die Berücksichtigung billiger Wünsche zu erwarten?
+_Eilftens_ haben die Frau Gräfin Wittwe Excellenz nie und nirgends auf
+Ersatz der höchst bedeutenden Verbesserungskosten verzichtet, welche auf
+die Herrschaften, Schlösser und Kammergüter verwendet worden sind.
+Dennoch will Hochdieselbe jetzt großmüthig darauf verzichten, und nur
+die unbedeutende Summe für die Anlegung der ungemein nutzbaren Meierei
+zu Kniphausen in Anspruch nehmen. Nur berühren will ich unterthänig
+_zwölftens_ den Werth der sechs schweren silbernen Armleuchter, die der
+hochselige Herr Graf vom Silber-Inventar der Frau Gräfin Wittwe genommen
+und zu selbsteigenem Gebrauch von Doorwerth nach dem Haag haben bringen
+lassen. Endlich _dreizehntens:_ wird die billige Denkungsart
+geliebtester Enkel – gegen alle die beträchtlichen übergroßen Vortheile,
+welche diese dermalige Entsagung auf die bisherigen, rechtlichen, so
+eben erwähnten Ansprüche gewährt und in der Folge noch mehr gewähren
+wird – in der Verpflichtung nur einen geringen Ersatz erblicken, außer
+der Befriedigung der erwähnten Forderungen auf alle und jede Einsprüche
+auf letztwillige Verfügungen der Frau Gräfin Wittwe Excellenz zu
+verzichten, auch alle Vermächtnisse und Schenkungen – wie sie immer
+heißen mögen, und wie die Hochgenannte über das, was ihr von dem Ihrigen
+verbleibt, verfügen möge – unverbrüchlich zu halten und feierlichst und
+verbindlichst allen und jeden Ansprüchen und Einsprüchen entsagen,
+ebenso der überlebenden Dienerschaft nebst standesmäßigem Trauergeld
+ihre Jahresgehalte fortzahlen. – Herr Graf, ich bin zu Ende.
+
+#Tandem tandemque!# rief Hofrath Brünings und Secretär Wippermann legte,
+tief Odem schöpfend, seine Feder aus der Hand.
+
+Der Graf lächelte bitter und sprach: Ich danke Ihnen, lieber Windt, daß
+Sie nicht gleich ein Scalpiermesser mitgebracht haben, mir von Kopf bis
+zu den Füßen auch die Haut vollends abzustreifen, wie weiland Apoll dem
+Marsyas! Sie erwarten gewiß jetzt keine Antwort von mir. Darf ich
+bitten, mit diesen beiden Herren mein Gast zu sein? Ich habe auch noch
+den Kammerrath Melchers herauf bitten lassen.
+
+Soeben wollte Windt Höfliches erwiedern, als der Jäger des Erbherrn,
+Jacob, die Thüre öffnete und herein rief: Der junge Herr bittet, Euer
+Excellenz aufwarten zu dürfen.
+
+Ach – das Großmuttersöhnchen! Mag kommen! – erwiederte der Graf, mehr
+mit einem Tone der Abneigung als der Freude, und jener junge Jägersmann,
+der vorhin durch das Abenddunkel und den Vareler Busch nach dem Schlosse
+im Geleit seines Dieners und Hundes gewandert war, trat mit rascher,
+edler Haltung ein, ging jugendlich unbefangen auf den Erbherrn zu, und
+sprach ihn offen und zutraulich an: Guten Abend und willkommen zugleich,
+Vetter Wilhelm! Die Großmama freut sich, gleich mir, wenn du wohl bist.
+
+Guten Abend, edler Junkherr Ludwig Carl auf Varel! erwiederte ohne alle
+Herzlichkeit der Erbherr, und fuhr fort, da der Jüngling nur ihn im Auge
+zu haben schien, und die fast widerstrebend zurückgezogene Hand des
+Grafen zum warmen Druck ergriff: Die Herren! die Herren! Wir sind ja
+nicht allein, mein ungestümer Vetter!
+
+Diese Zurechtweisung verfehlte ihre Wirkung nicht. Ludwig Carl neigte
+sich grüßend gegen die Anwesenden, welche sich jetzt anschickten, das
+Zimmer zu verlassen.
+
+Auf Wiedersehen beim Abendessen, meine Herren! rief der Graf, worauf
+Brünings und Wippermann sich in das anstoßende Zimmer zurückzogen, Windt
+aber durch die Hauptthüre abtrat, nicht ohne einen Blick voll Theilnahme
+und Besorgniß auf den Jüngling fallen zu lassen.
+
+Die beiden Söhne des hohen Hauses standen einander allein gegenüber.
+
+Was fehlt dir, Vetter? du bist nicht wie sonst? fragte Ludwig mit der
+biederherzigen Offenheit eines jungen Menschen, der Welt und Leben noch
+wenig kennt, seinen um dreizehn Jahre älteren nahen Verwandten, und
+erhielt zur Antwort: Möglich, daß du Recht hast; ja, ich bin mißmuthig
+und unzufrieden, und glaube mir, ich habe dessen übervolle Ursache. Von
+meiner Laufbahn und meiner Thätigkeit werde ich hierher gezerrt, muß
+widrige Kämpfe mit Wind und Wellen bestehen und hier – wiederum noch
+widrigere Kämpfe mit Wellen und _Windt_. Die Großmutter wälzt ganze
+Springfluthen von Zorn und Galle und widersinniger Forderungen mir an
+Bord, und ich sehe abermals des Haders, Zwiespaltes und der äußersten
+Rechtsverletzungen kein Ende. Wär’ ich doch beim Erbstatthalter
+geblieben, denn hier auf meinem Eigenthum spiele ich eine wahrhaft
+klägliche Rolle!
+
+Ich glaube nicht, daß die Großmama dir Unrechtes ansinnt, versetzte der
+junge Herr.
+
+So? du glaubst es nicht! So _lüge_ ich wohl! fuhr der Erbherr wild und
+zornig heraus, indem seine Aufregung sich von Minute zu Minute
+steigerte, je mehr die Menge gehäufter Forderungen, welche Windt vorhin
+vorgetragen, ihm durch die Gedanken wirrte und ihn völlig rathlos zu
+machen drohte.
+
+Wenn ich in Alles willigen wollte, ja, wenn ich könnte, was mir in einem
+Odem angesonnen wird, so könnte ich mit meiner Gemahlin und meinen
+Kindern, so könnte auch der Graf von Athlone, mein Bruder, mit den
+Seinen zum Bettelstabe greifen und außer Landes wandern, und wer bliebe
+dann die Herrschaft der Herrschaften? Die Frau Großmutter und ihr
+Pathchen, ihr Schoos- und Hätschelkindchen, du! Und das scheint der
+überlangen Rede kurzer Sinn, daß _wir_ gehen sollen!
+
+Dem Jüngling erschrak das Herz in der Brust bei dieser harten und
+heftigen Rede. Wilhelm, ich bitte dich, rief er: wie kannst du solches
+denken und sagen?
+
+Denken? warum nicht? zürnte dagegen der Erbherr. Sagen? warum nicht?
+Werdet _ihr_ mir Denken und Sagen verbieten oder gar verwehren? Ich
+lasse mir nichts verwehren! Ich und mein Bruder, wir sind im Rechte –
+du? Wer bist denn du? Was die Frau Großmutter aus dir macht, das bist
+du! Ihre Puppe, ihr Spielzeug warst du als Kind, jetzt bist du ihr
+Münz-Katalogschreiber, ihr Münzwardein, hahaha! du bist noch mehr, du
+leimst und kleisterst ihr die Pappkästchen zusammen, in der sie den
+alten Kram einlegt, der oft so schmutzig ist, daß ich ihn nicht mit
+Fingern anfassen möchte; kurz, du bist des Herrn Windt würdiger Schüler,
+der Großmama würdiger Zögling und Günstling! Für dich und nur für dich
+sinnt sie täglich und stündlich darauf, meinen Bruder und mich zu
+berauben!
+
+Wilhelm! rief Ludwig mit flammendem Blick. Daß du mich so beschimpfst
+und beleidigst, mich, der ich mit liebevollem und arglosem Herzen zu dir
+komme, dich in deiner Heimath zu begrüßen, das ist schlecht von dir, das
+ist ehrlos! So benimmt sich kein deutscher Edelmann; höchstens ein
+flämischer Bauer!
+
+Was? Mir das! Mir – dem regierenden Erbherrn, dem Officier?! schrie Graf
+Wilhelm außer sich. Du ehrloser Bube! du Schandfleck unsers Hauses, du
+_Bastard!_
+
+Daß dich Gottes Donner treffe für dieses Wort! schrie, jetzt auch zur
+heftigsten Wuth gestachelt, der junge Herr und seine schwarzen Augen
+flammten wie glühende Kohlen. Verflucht soll die Stunde sein, in der ich
+dich wieder meinen Verwandten nenne! Verflucht der morgende Tag, wenn
+ich in diesem Hause seinen Abend erlebe! – Du sollst nicht gehen, ich
+gehe schon – aber dir und all’ deinen Häusern bleibe zum ewigen Fluche
+ewige Verwirrung und ewiger Hader! So lange du lebst, soll dieses
+Schimpfwort auf deiner Seele brennen! Bin ich ein Bastard, wie du sagst,
+so bin ich einer von hoher Abkunft, aus hohem Hause, du aber sollst noch
+herabsteigen in den Koth zu den Leibeigenen, und sollst selbst Bastarde
+zeugen in wüster, wilder Ehe, und sollst verachtet von der
+Verwandtschaft deines stolzen Hauses steigende Verarmung gewahren!
+
+Der Teufel redet aus dir, Bube, und seine – meine Großmutter! – das war
+alles, was Graf Wilhelm noch sprach, den Boden stampfend, daß Alles
+klirrte und schütterte; in blinder Wuth griff er nach einer geladenen
+Pistole, die mit anderen abgelegten Reise-Waffen auf einem Seitentisch
+lag; der Hahn knackte und auf dem Fittig der Secunde schwebte der
+Verwandtenmord. Aber in demselben Augenblicke, und wie der Graf die
+Waffe zum Schuß erhob, ging ein rollendes Geräusch durch das Zimmer,
+wich ein lebensgroßes Ahnenbild zur Seite, aus der verborgenen
+Thüröffnung strahlte heller Kerzenschein, und mitten in diesem Glanze
+stand in längst veralteter Tracht, im aschefarbenen schleppenden
+Seidenkleide eine hagere Greisin mit hellblitzenden blauen Augensternen,
+aber verwitterten Zügen; sie hob den rechten Arm und den Finger drohend
+gegen den Grafen, die linke Hand nach Ludwig Carl ausstreckend, und den
+feingeschnittenen Lippen des zahnlosen Mundes entrollte mit einer
+tiefen, fast männlichen Stimme das Wort: _Halt!_ Gegen den jungen Herrn
+gewendet, rief die unverhoffte Erscheinung, die der aus einer andern
+Welt völlig glich: _Zu mir!_
+
+Der Erbherr senkte den schon zum tödtlichen Schuß gehobenen Arm, seiner
+Hand entsank die Waffe; von Grauen überrieselt, blickte er auf die
+Erscheinung hin, hinter welcher zwei Diener in reich betreßter Livree
+jeder in der Hand einen kerzenvollen Armleuchter hielten.
+
+
+
+
+2. Die alte Reichsgräfin.
+
+
+Mit festen Schritten trat die Greisin aus der verborgenen Thüröffnung in
+das Gemach ihres Enkels, das Bild rollte wieder langsam an seine Stelle,
+trennte die Herrin von ihren Dienern und schloß deren Zeugenschaft bei
+der bevorstehenden Unterredung aus. Das Bild stellte den Grafen Anton I,
+einen von des Hauses Ahnherren dar, in der kleidsamen, stattlichen
+Tracht der Kämpfer des dreißigjährigen Krieges.
+
+Die Hand der alten Reichsgräfin erfaßte schützend die Rechte ihres
+Lieblings, und den durchbohrenden Blick ihrer blitzenden Augen fest auf
+den Erbherrn richtend, sprach sie zu diesem mit ihrer tiefen Stimme und
+mit Eiseskälte: Wer bist du, Mensch, daß du es wagst, mit Bastarden um
+dich zu werfen und mit Pistolen meinem unschuldigen Enkel zu drohen?
+Kennst du _diesen_, unsers Hauses edlen Ahnherrn, deinen Urgroßvater?
+Auch _er_ war ein Bastard, wenn dir dieses Wort so wohl gefällt, und
+sein Blut rinnt in deinen Adern, wie in denen meines Ludwig. Wer bin
+ich, und wer bist du? Ich bin die Erbtochter eines Hauses, das seinen
+Ursprung weit hinaus in der Zeiten Frühe leitet, das den Ländern
+Dänemark, Schweden und Norwegen seine Könige, Schleswig, Holstein und
+Oldenburg seine Herzoge gab und dem Czaarenreiche Rußland seine Kaiser!
+Meine Großmutter brachte unserm Hause eine Herzogskrone mit, meine
+Mutter eine Landgrafenkrone. Ich bin ein Abkömmling von Helden, welche
+die Geschichte mit dem Sternenmantel der Unsterblichkeit bekleidet hat;
+ich stamme väterlicher Seits von den Herzogen von Aquitanien; Philipp
+von Poitou ist mein Ahnherr! Meine Vorfahren erwarben Ansprüche auf den
+Thron von Neapel und meine nächsten Verwandten sind Prinzen von Tarent.
+Von urgroßmütterlicher Seite sind die heilige Elisabeth und alle die
+hohen Ahnen der Sachsenfürsten aus thüringischem Stamme und der
+Kurfürsten und Landgrafen zu Hessen auch die meinen. Und ich, _ich_ war
+die verblendete Thörin, die all’ diesen Glanz und Hoheit hingab an einen
+Mann, der meiner nicht werth war, an einen simpeln Freiherrn, einen –
+Jäger aus Kurpfalz, der durch mich erst vom Kaiser Carl dem Sechsten zum
+deutschen Reichsgrafen erhoben wurde, sonst würde ich ihm meine Hand
+sicher nicht gereicht haben. Dafür habe ich des Teufels Dank in vollem
+Maaße geerntet, und ernte ihn bis zu dieser Stunde; Thörin ich, die ich
+glauben konnte, indem ich dich zu gütlichem Vergleiche hierher berief,
+es schlage in deiner Brust ein versöhnliches und dankbares Herz, das nur
+irregeleitet sei durch deine falschen, rabulistischen Rathgeber! Nein,
+du hast ein böses, verstocktes Herz, Wilhelm Gustav Friedrich! Erst
+reizest du den harmlosen Jüngling, der deiner Habgier ein Dorn im Auge
+ist, weil du glaubst, ich werde ihm etwas zuwenden – durch giftige
+Stachelreden, und dann willst du ihn, den Wehrlosen, ermorden! Wohlan,
+morde ihn, morde auch mich, deine Großmutter, und schaue dann vom
+Vareler Rabenstein herunter, wie dein Geschlecht sich in das reiche Erbe
+der Grafen von Aldenburg und der Herzoge von la Tremouille theilt!
+
+Diese Rede der alten Herrin war lang genug, daß während ihrer Dauer die
+stürmischen Gemüthswellen im empörten Blute Ludwig’s sich legen konnten,
+und sein Schmerzgefühl über die ihm widerfahrene Beleidigung wich dem
+Gefühl neuen Dankes, das in der Großmutter jetzt auch die Erretterin
+seines Lebens verehren mußte. Auf Wilhelm’s Herz aber fielen die Worte
+der alten Frau mit ihrem zermalmenden Gewicht, wie die dröhnenden
+Schläge eines Hammers auf das auf einen Ambos gelegte glühende,
+funkensprühende Eisen. Unaussprechliche Wuth kochte und glühte in ihm;
+seinen Augen entsprühten die Funken, sein Herz hallte das Klopfen der
+Hammerschläge nach, und dennoch fand er kein Wort zornvoller
+Entgegnung, denn die also heftig und vernichtend auf ihn einredete, war
+eine Frau, eine hochbetagte Greisin, und war die Mutter seines
+Erzeugers. Als sie schwieg, rang trotz des stürmischen Kampfes in seinem
+empfindlichen und höchst reizbaren Gemüthe der Erbherr dennoch nach
+Fassung, und sprach: Also das sind die Friedenspräliminarien, Frau
+Großmama? Das ist Ihre versöhnliche Gesinnung, die mit Forderungen an
+mich herantritt, die mir Schwindel erregen? Und nun dieser Sturm – wo
+soll ich Anker werfen in diesem Sturme?
+
+Ankere wo du willst, mein Kreuz ist mein Anker! versetzte die alte
+Reichsgräfin, anspielend aus das silberne Ankerkreuz im blauen
+Wappenschild der hohen Familie. Du sollst mich kennen lernen, wenn du
+mich noch nicht kennst; du sollst erfahren, daß ich nicht beabsichtige,
+diesen hier, meinen Ludwig Carl, mit euerm Erbtheil zu bereichern. Was
+habt ihr denn sonderlich, wenn ich, ich und noch einmal ich euch enterbe
+und diesen, meinen Enkel, an Sohnesstatt adoptire?
+
+Gnädige Großmutter! das will ich nicht, das würde ich nicht annehmen!
+rief der junge Herr. Lassen Sie ihnen alles – ich schwur zu gehen, und
+ich gehe, so wahr ein Gott lebt! Ich will mich nicht hier behandeln
+lassen, wie einen Troßbuben, ich will auch nicht zur Last fallen! Nicht
+ahnen konnte ich, so verhaßt zu sein, so sehr verachtet, daß man glaubt,
+man dürfe mich wie einen Hund mit Füßen treten. Sie sollen, ja Sie
+müssen mir das Räthsel meines Daseins lösen, mir Ihren Segen geben und
+mich dann ziehen lassen, wohin Gott mich führt!
+
+Du wirst jetzt schweigen, Ludwig Carl, und mir gehorchen! wandte sich
+die Reichsgräfin zu dem Jüngling; und du, Wilhelm, sollst erfahren, was
+ich beschließe. Bis dahin vergiß nicht, was du mir schuldest! Vergiß
+nicht, wer ich bin, und vor allem: vergiß nicht noch einmal deine eigene
+Würde!
+
+Die alte Reichsgräfin schlug in die Hände, Anton’s I. Bild rollte Raum
+gebend zur Seite, und den geliebten Enkel – dessen Hand sie während
+dieser ganzen Zeit nur vorhin einen Augenblick losgelassen, und gleich
+nach ihrem Zeichen wieder erfaßt hatte – nachziehend, trat sie durch die
+Thüröffnung in einen genügend breiten Gang, in welchem ihr mit ihr und
+in ihrem Dienst ergrauter uralter Kammerdiener Weisbrod und Philipp, der
+Diener des jungen Herrn, noch mit den brennenden Kerzen standen.
+Alsbald, wie die Thüre sich hinter den Eintretenden wieder geschlossen
+hatte, schritten beide Diener ihnen voran und geleiteten sie durch den
+längs mehrerer Zimmer vorüberführenden Gang nach den Gemächern der
+Gräfin.
+
+Dort sprach die letztere zu ihrem Enkel: Gehe sorgenlos zur Ruhe, mein
+lieber Ludwig Carl, doch gieb mir in meine Hand dein Wort, nichts zu
+unternehmen, weder gegen ihn, noch gegen dich, bevor du mich morgen um
+die neunte Stunde hier noch einmal gesprochen. Weisbrod soll dich zu mir
+rufen. Gute Nacht, mein armes, schwergekränktes, liebes Kind!
+
+Damit bot sie dem Jüngling die Hand, er legte stumm die seinige in die
+ihre, und zitternd von der Erregung seines Innern küßte Ludwig die ihm
+huldreich dargebotene zarte Hand der Matrone, eine Hand, die nur Haut
+und Knochen, aber fein und fast durchscheinend war, und ließ sich dann
+durch seinen Diener nach seinen Gemächern vorleuchten. –
+
+Der Erbherr hatte sich in einen Sessel geworfen, die Hände vor das
+Gesicht geschlagen und lange in einer verzweifelten und entsetzlichen
+Stimmung verharrt. Die so überraschende Erscheinung der Greisin hatte
+einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht; er verhehlte sich
+nicht, daß dieselbe ihn vor einem Mord bewahrt, der mit tiefer und
+schwerer Reue ihn belastet haben würde, denn sein Charakter war von
+Natur weich und empfindsam, nicht im entferntesten hart oder entartet,
+wohl aber heftig und rasch auflodernd.
+
+In dem jener Wand, durch welche die Gräfin gekommen und gegangen war,
+entgegengesetzten Zimmer, welches vor kurzem der Hofrath Brünings und
+der Secretär Wippermann betreten hatten, hofften beide, nachdem sie den
+laut genug geführten Streit und die Stimme der Gräfin mit innerm Beben
+vernommen hatten, lange und vergebens darauf, wieder zu ihrem Gebieter
+beschieden zu werden, oder ihn bei sich eintreten zu sehen. Der Erbherr
+vermochte es nicht über sich, nach dem, was ihm gesagt worden war, vor
+die Augen seiner Beamten zu treten, und der Hofrath Brünings zog aus der
+Tasche seiner brocatnen Weste eine goldene Dose, tippte darauf, bot sie
+dem Gefährten, nahm dann selbst eine Prise, und flüsterte leise zu dem
+Secretär: Geben Sie acht, lieber Herr Wippermann! Der Name Varel wird
+sich nicht an die Namen von Münster, Ryswik und Hubertusburg anreihen.
+
+Nein, gewiß nicht, Herr Hofrath! Heute und übermorgen kommt hier noch
+kein Friedensschluß zu Stande.
+
+Gleichzeitig benießten beide Herren ihre übereinstimmende Prophezeihung.
+
+Der Erbherr ließ die Herren durch seinen Jäger Jacob ersuchen, ihn zu
+entschuldigen und mit Kammerrath Melchers und Herrn Haushofmeister Windt
+heute ohne ihn zu speisen. –
+
+Philipp, sprach, aus seinem Wohnzimmer angelangt, der junge Herr zu
+seinem Diener im platten Deutsch seines Heimathlandes: morgen reite ich
+in die Fremde, willst du mit?
+
+Ob ich _will_, mein gnädiger junger Herr? fragte der Diener. Muß ich
+nicht, wenn der gnädige Herr mir befehlen?
+
+Du mußt nicht, und ich befehle dir nicht – entgegnete Ludwig. Mein Weg
+geht weit, vielleicht sehr weit in die Welt hinaus, noch weiß ich selbst
+nicht, wohin er führt. Du hast hier Aeltern, Angehörige, die siehst du
+nicht so bald, vielleicht niemals wieder – ich kehre nie wieder in
+dieses Land zurück. Ueberlege dir es wohl.
+
+Junger gnädiger Herr! versetzte Philipp: Da Sie eingesegnet wurden, kam
+ich auf Befehl der Frau Gräfin Wittwe Excellenz als Ihr Bedienter zu
+Ihnen, Sie waren damals dreizehn Jahre alt, ich ein Bürschchen von
+fünfzehn; jetzt bin ich schon ins sechste Jahr Ihr Diener und Sie haben
+mich immer gut behandelt, ja, Sie haben noch mehr gethan, Sie haben mich
+aus dem Wasser gezogen, in das ein Unglück mich geworfen, und mir so
+mein Bischen Leben gerettet; das gehört nun Ihnen ganz und gar. Ich will
+immer Ihr Diener bleiben. Was hätt’ ich hier? Arbeit oder Soldatenbrod –
+nehmen Sie mich mit, ich will Ihnen treu dienen, und Ihnen folgen, und
+wenn’s bis an der Welt Ende ging’.
+
+Gut, Philipp, so bleibe es dabei, und so wollen wir einpacken; laß die
+Isabella striegeln und den Braunen, und beide gut füttern, morgen reiten
+wir von dannen. Dann #fare well,# Varel!
+
+Mit fester Haltung, bittere und zugleich tiefschmerzliche Empfindungen
+gewaltsam in sich zurückpressend und in jugendlichen Trotz sich
+verkehrend, begann Ludwig seine Habseligkeiten, so viel er deren mit
+sich nehmen wollte, zusammenzulegen, damit Philipp sie in den Mantelsack
+packe; er lud mit eigener Hand zwei Paar Reiterpistolen und wählte unter
+zwei krummen Säbeln für Philipp den dauerbarsten und schärfsten; für
+sich eine Damascenerklinge, auf deren Griff ein Silberplättchen das
+Wappen der Herzoge von Bouillon zeigte.
+
+Spät suchte Ludwig die Ruhe, noch später fand er sie durch einen kurzen
+Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemüth des Jünglings, der bisher im
+süßesten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder
+ländlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein so schneidender
+Mißton herangetreten war, wie an diesem verhängnißvollen Abende, der
+vielleicht das Loos über seine ganze Zukunft warf.
+
+Hochbejahrte Personen haben wenig Schlaf; auch der rege Geist der alten
+Reichsgräfin bedurfte, trotz der morschen Körperhülle, nur wenige Ruhe,
+eben weil er den Körper beherrschte. Daher mußte die Leibdienerschaft
+der gräflichen Matrone früh auf sein, das Zimmer angemessen durchwärmen,
+den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte sie gern
+die ersten Morgenstunden in ungestörter Einsamkeit, und widmete
+dieselben ihren numismatischen Studien, ihrem weitverzweigten
+Briefwechsel, dem Ordnen ihrer vielfachen Papiere, die deßhalb dennoch
+nie die gewünschte völlige Ordnung fanden; dem Nachsinnen und Ueberlegen
+über die Verwendung ihrer Einkünfte, wie über die traurigen
+Rechtsstreitigkeiten. Letztere dauerten indessen schon zu viele Jahre,
+sie war derselben schon zu sehr gewohnt, als daß sie dadurch sonderliche
+Gemüthsbewegungen auch jetzt noch hätte erfahren können. In ihrer Seele
+war Alles klar, fest, abgeschlossen, ihre Willenskraft war eisern, wie
+ihr Sinn, und diese hohe wichtige Errungenschaft fast völliger
+Leidenschaftlosigkeit war es eben, die der alten Frau diese über das
+gewöhnliche menschliche Ziel hinausreichende Lebensdauer erhielt und
+gleichsam sicherte.
+
+Der Nebel der Nacht war gesunken, der Morgen lachte aus blauem Himmel
+frühlingshell durch die hohen Fenster, die nach dem Parke hinausgingen,
+an dessen Rändern schon blaue Anemonengruppen und Schneeglöckchen sich
+blühend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten Zweige der Gebüsche
+erschienen saftgeschwellt und zum Theil rosenroth angehaucht, Knospen
+öffneten sich schon, und melodische Hainsängerstimmen, die Stimmen von
+Amseln und Drosseln, durchflöteten mit schallendem Jubel die
+weitgedehnte Holzung, welche den Namen des Vareler Busches führt.
+
+Die Kammerfrau, welche die Schwester des Haushofmeisters war, trug der
+Gräfin, die auf bequemem Armstuhl an ihrem großen Schreibtisch saß, an
+welchen wieder andere Tische gerückt waren, den Kaffee auf und entfernte
+sich in geräuschloser Stille. Diese Stille liebte die Gräfin so sehr,
+daß sie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vögel duldete. Nur eine
+Cypernkatze, ein Prachtexemplar, genoß der großen Gunst, um die Dame
+weilen zu dürfen, sie bisweilen mit ihrem Geschnurr zu unterhalten und
+ihre Aufmerksamkeit durch zärtliches Anschmiegen an die hohe Gebieterin
+von den ernsten Beschäftigungen ab und auf ihre geschmeidige
+Persönlichkeit zu lenken.
+
+Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bücher, voll Karten, Globen,
+Münzschränken, hohe Stöße ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder
+überzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Münzen waren da und
+dort zu erblicken. Dokumente und Briefschaften lagen in Fülle umher, das
+ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeitsalon eines reichen
+Gelehrten, angefüllt mit Geräthen, selbst mit Vasen und Kunstarbeiten,
+sowie mit Seltenheiten ferner Länder, als dem Zimmer einer Dame, denn da
+stand auch nicht ein einziges Körbchen, außer dem Papierkorb, da lag
+kein Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein
+gepreßtes und gemustertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bücher
+stolzen Marokineinband mit Goldschnitt, zeigten in Gold gepreßt auf dem
+Einband das reichsgräfliche Wappen neben einem fürstlichen, und das
+Briefpapier, das in starkem Vorrath bereit lag, hatte Goldschnitt.
+
+Indem die alte Reichsgräfin zwischen dem Einnehmen ihres Kaffees und der
+Unterhaltung mit der schönen Katze, die bei diesem Anlaß stets ein
+schmarotzender Gast war, sich mit der An- und Durchsicht zahlreicher vor
+ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beschäftigte, sprach sie nach Art
+bejahrter Personen laut mit sich selbst, indem sie bald dieses bald
+jenes Papier oder deren mehrere aufnahm, flüchtig ansah, auch nach
+Befinden länger bei einigen verweilte und das so in Augenschein
+Genommene gleich wieder in guter Ordnung zur Seite legte, um alsbald
+nach einem andern zu greifen.
+
+Fiscalische Sache zu Oldenburg – Akta wegen des jetzigen Processes –
+ditto – ditto – ditto – und noch fünfmal ditto – Briefe vom Prinzen von
+Talmont – dergleichen vom Marquis de Launoy – armer
+Bernard-René-Jourdan, armer Marquis! Freundlicher, milder Schatten, den
+die rebellischen Teufel ermordeten, weil sie dir als Gouverneur der
+Bastille nicht die Bedingungen halten wollten, unter denen du das feste
+Haus übergeben – Entwurf meines Testamentes – Wienerische
+Appellations-Sache – Güldenlöwesche Briefe – Briefe von König Friedrich
+dem Großen – von meinem Voltaire – von Georgine Cavendish, Herzogin von
+Devonshire – von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu
+Göttingen – vom Herzog von Holstein-Plön – das Tagebuch der Großmutter.
+
+Dieses Buch betrachtete die Gräfin mit einer gewissen stillen Wehmuth,
+die sich aber in keiner Weise äußerlich kund gab. _Sie_ Großmutter einst
+– sprach sie – _ich_ Großmutter jetzt, und beide fast in gleichen
+Schuhen.
+
+Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldstreifen gebundener
+und mit abgegriffenem Goldschnitt verzierter Quartband. – Als die
+Reichsgräfin flüchtig hineingeblickt, legte sie es zur Seite, und griff
+nach einem in Umschlag mit Bindfaden umschlungenen Papierheft. Mein
+Tagebuch – sprach sie – so viel mir davon erhalten blieb – nur achtzehn
+Monate aus meinem langen – vielbewegten Leben – mögen auch diese Blätter
+hinschwinden – das Buch meiner Tage ist ja doch nun wohl geschlossen.
+
+Auch diese Bogen legte die Reichsgräfin zu dem alten Band, und fuhr fort
+mit der Musterung ihrer Papiere: – Ehescheidungsproceß – oh hinweg! –
+Briefe von der Gräfin von Jaxthausen – von der Prinzessin von Waldeck –
+von der Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe – von königlichen Häuptern –
+von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel!
+
+Das Gefühl, welches die alte Reichsgräfin zu diesem Ausruf bewog,
+entsprang einem unüberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte sie diese
+Blätter nicht so schnell, wie die andern, flüchtig zur Seite legen;
+ihre Blicke vertieften sich vielmehr in die festen Schriftzüge des
+größten Alterthumsforschers und Münzkenners seiner Zeit, und dieselben
+übten auf die Gräfin gleichsam magnetische Anziehungskraft, sie mußte
+wieder und wieder lesen, was ihr Pein verursachte, wie der Wundarzt wohl
+bisweilen eine Wunde wiederholt brennen muß, auf daß sie gründlich
+heile.
+
+Wo ist er, wo ist er, der grausame Brief des strengen Freundes, dem
+Wahrheit über Alles heilig ist? Ach, jeder seiner Briefe enthält mehr
+Tadel als Lob – für was muß er mich halten? Für eine alte Närrin
+jedenfalls. Und wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was
+kostet sie mich nicht? Dann unermeßlich viel, ja mehr, als ich
+verantworten kann.
+
+Welche Worte auf meine Fragen: »Was ich von den Eroberungen für das
+Kabinet Ihrer Excellenz halte? Daß unter den Stücken, die nach Hamburg
+gingen und sich dermalen in so schätzbaren Händen befinden, sehr viele
+ansehnliche sind, doch müßte ich sie sehen, um über deren Aechtheit zu
+entscheiden!« – Eine Pille, doch recht schön vergoldet.
+
+»Wie ich mit der Anordnung des Ennerischen Katalogs zufrieden sei? –
+Sehr schlecht – altväterische Art beibehalten, – strotzt von unendlichen
+Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfänger
+vergeben würde. Man muß erstaunen, aus Frankreich, das mit seiner
+Gelehrsamkeit so groß thut und uns Deutsche so gern heruntersetzt, ein
+so ärgerliches Zeug erscheinen zu sehen. Ich rede unparteiisch, weil ich
+den Verfasser nicht kenne.«
+
+So Eckhel – und _ich_ habe diesen Katalog mit Entzücken begrüßt und ihn
+nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu
+Amsterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewechselt, der große Summen
+für Münzen mir nach und nach abgelockt, enthüllt Eckhel hier als einen
+schamlosen Betrüger, und dessen Prachtkatalog mit allen seinen Bildern,
+den jener so sündentheuer verkauft, sei nichts als Aufwärmung der
+Platten eines elenden holländischen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage
+erschienen. Und ich kenne dieses alte Werk nicht, und besitze eine
+Bibliothek von zwanzigtausend Bänden! – Und endlich, _mein_ Katalog, das
+Schmerzenskind meiner Liebe zur edlen klassischen Münzkunde – wie
+lautet über diesen der Richterspruch des unbestechlichen Wiener
+Rhadamanth?
+
+»Einen Blick über Ihro Excellenz ganzen Katalog. Ich sehe darin eine
+Menge der kostbarsten und seltensten Stücke, aber eben dieser Umstand
+macht, daß sich die ganze Sammlung vor den Augen ächter Kenner in keinem
+vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner muß in der That über das
+unnennbare Glück erstaunen, welches so viele und so schätzbare Münzen
+einem einzigen Privatkabinette sollte zugespielt haben. Zur Probe nur
+ein Beispiel: auch in den größten Sammlungen, die von großen Fürsten
+durch viele Jahre sind zusammengebracht worden, findet man oft nicht
+_ein_ Stück von den bosporischen Königen _Ininthimeus_, _Teiranes_,
+_Thotorses_ – es ist keines im kaiserlichen Kabinet, keines im
+großherzoglichen, keines im gothaischen und mehren andern; ich habe in
+meinem Leben keines in Natur gesehen; Herr Baron Herwart, kaiserlicher
+Gesandter in Konstantinopel, der für das kaiserliche Kabinet durch mehre
+Jahre in der Nachbarschaft bosporanische Münzen sammelte, und dazu
+#carta bianca# hatte, war nicht so glücklich, nur eine einzige Münze von
+diesen drei Königen zu bekommen, und doch finden sich alle drei in der
+Sammlung – Ihrer Excellenz! Sollte ein so undenkbares Glück einen Kenner
+nicht mißtrauisch machen?«
+
+Oder nicht auch ein wenig neidisch? unterbrach die Reichsgräfin ihr
+Lautlesen mit einem gewissen triumphirenden Gefühl, dann sprach sie
+weiter, den fernern Inhalt des Briefes überfliegend: Pellerins Kabinet
+sei das bedeutendste in Bezug auf anekdote und sogenannte _einzige_
+Münzen gewesen – ganz besondere Umstände haben ihn begünstigt, langes
+Leben, verbunden als #commis de marine# mit allen Konsuln der Levante –
+ein gewisser La Roche habe in einem kleinen Orte zwischen Grenoble und
+Lyon mit ganz besonderer Geschicklichkeit die besten pellerinischen
+Münzen nachgemacht – das der Aufschluß und zugleich mein Münzschlüssel.
+Eine ganze Schachtel voll angstschweißtreibender Pillen – und der
+Schluß?
+
+»Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein
+aufrichtiges Geständniß zu gute halten. Schon beim ersten Anblick des
+Katalogs wollte ich damit herausrücken, aber ich fürchtete zu
+beleidigen. Endlich faßte ich mich, weil es meine Rechtschaffenheit von
+mir forderte und es mir zu arg schien, daß sich schlaue Betrüger länger
+von der Habe edeldenkender und für die Literatur eingenommener Personen
+nähren sollten. – Abbe Eckhel.«[1]
+
+ [Fußnote 1: Urschriftlich; der Brief ist noch vorhanden.]
+
+Genug – er ist nun einmal der Wahrheit unerschütterlich treu; sollte ich
+dem redlichen Freunde zürnen? Wer die Wahrheit nicht hören will und
+kann, der ist sehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und
+die Wissenschaft zu fördern gesucht mit wahrhaft großartigen Opfern –
+und das Gute und Große aufrichtig gewollt zu haben, gibt schon ein
+Genügen.
+
+Nun aber hierin nicht weiter – Anderes bringt die andere Stunde.
+
+Die Reichsgräfin legte noch einige Schriften und Briefschaften sich zur
+Hand, und dann klingelte sie.
+
+Der greise Kammerdiener Weisbrod trat ein.
+
+Ich lasse Herrn Windt bitten!
+
+Was nun werden wird, werden soll, nach dem gestrigen Auftritt? fragte
+sich die Matrone. O gewiß, ich muß die ganze Last der Sorge mit in die
+Grube nehmen – doch nicht ungestraft sollen sie mir die letzten Tage
+meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum
+letzten Athemzuge. –
+
+Windt trat ein, er sah noch bleicher aus, als am gestrigen Abend; seine
+Gebieterin nahm dies mit ihrem noch immer scharfen Fernblick sogleich
+wahr und fragte, als sie auf seinen ehrfurchtvollen Gruß gnädig gedankt:
+Was ist Ihnen, lieber Windt? Sie sehen so sehr angegriffen aus?
+
+Ich bin es, Excellenz! – erwiederte Windt, und seine Stimme war matt und
+bebend; er war kein Jüngling mehr und die letztvergangene Zeit hatte
+körperliche wie geistige Anstrengungen in Fülle auf ihn gehäuft.
+
+Es ist auch kein Wunder – fuhr Windt mit offener Freimüthigkeit fort.
+Ich wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht, zu
+dem sich etwas Fieber gesellte, da empfing ich dieses kurze Briefchen
+von dem Herrn Erbgrafen aus dem Haag: »Ich werde nicht über Doorwerth
+nach Varel gehen, mein lieber Windt, aber gerade von Amsterdam über See
+und Ostfriesland, weil das viel kürzer ist, und so bitte ich Sie, wenn
+Sie mit mir die Reise machen wollen, binnen acht Tagen in Amsterdam zu
+sein. Bis dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem« – und so weiter.
+Aber ich gestehe Ihrer Excellenz, daß ich weder Muth noch Kraft genug in
+mir fühlte, mich bei dem stürmischen Wetter, wie die letzte Zeit des
+Aequinoctiums mit sich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn
+Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiste zu Lande, eilend,
+angestrengt und schlecht. Ich zog mir dadurch eine Lähmung der linken
+Seite vom Scheitel bis zur Fußsohle zu, und nur einige Ruhe, Wärme und
+meine gute Natur stellten mich wieder her, auch tragen die guten
+Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder
+vollkommen gesund und meinen Diensteifer frisch lebendig zu machen. Und
+ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur
+eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren lasse, die ich
+zwar nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach gesunder Vernunft und
+natürlicher Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur
+bitte ich um Dauer des hochgnädigsten Vertrauens. Ich sprach, noch ehe
+ich abreiste, in Doorwerth den Jäger des Herrn Grafen, der mit der
+Kutsche, zwei Pferden, drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam,
+um hierher vorauszureisen, und es wurde mir diese Gelegenheit
+angetragen; die Gesellschaft stand mir aber nicht an. Ich nahm
+Extrapost.
+
+Sie kennen den gestrigen Vorgang? – fragte die Gräfin.
+
+Ich kenne und beklage ihn, war Windt’s Antwort. Er reißt ein, was ich
+mühsam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfährig
+entgegenkommende Gesinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden – aber
+Höchstihre persönliche Einmischung –
+
+Galt dem Schutz meines Pathen – unterbrach die Herrin, stark betonend.
+Ich danke Gott, daß mir vergönnt war, zu rechter Zeit mich einzumischen,
+ich wollte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauschen, welche
+Gesinnungen gegen mich sich aussprächen, da geschah das Aeußerste, da
+mußte ich den Fuß auf die Springfeder setzen, die das Bild wegschiebt,
+zwei Secunden vielleicht zu spät, und mein Enkel hätte meinen Enkel
+erschossen, und dieses mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit
+einer blutigen Unthat befleckt.
+
+Gegen diese Gründe, Excellenz, kann ich nichts sagen – nahm Windt
+wieder das Wort.
+
+Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Gräfin.
+
+Ich gedenke das Beste für Euere Excellenz zu thun, was sich nur immer
+thun läßt, obschon ich voraussehe, daß es mir ein Stück Lunge kosten
+wird; ich hoffe, eine wahre, gründliche und dauerhafte Ruhe zu bewirken,
+aber Ihre Excellenz müssen mich in Gnaden gewähren lassen, und die
+Erreichung dieser Absicht wäre mir der höchste Ruhm. Ihre Excellenz
+dürfen auch nicht das Unmögliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem
+muß aller fremde Einfluß abgeschnitten bleiben, denn ich denke, daß,
+wenn Hochdieselben mit demjenigen, der nächst Höchstihnen Haupt der
+Familie, regierender Herr, Erstgeborener und eigentlicher Stammhalter
+ist, einen Vergleich errichten, durchaus kein Dritter, und wäre er der
+nächste Agnat, hinein zu reden hat.
+
+So schließen Sie den Bruder und meinen Ludwig so zu sagen aus? fragte
+die Gräfin gespannt.
+
+Hören Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was
+gefordert wird, ist dem Herrn Grafen zu erfüllen geradezu unmöglich; er
+kann nicht die Glieder der gesammten, in England und Holland verstreuten
+Familie zu einer bindenden Unterschrift bewegen und zusammenbringen; er
+kann nicht einhundertundfünfzigtausend holländische Gulden zu sechs
+Procent, wie jetzt üblich, aufnehmen, sie jährlich mit neuntausend
+Gulden verzinsen; nicht nach zwölf Jahren dieselbe Summe bezahlen und
+sie mittlerweile mit sechstausend Gulden verzinsen, dazu das zu
+gewährende Witthum von jährlich viertausend Gulden, und was noch
+jährlich an das schrecklich vernachlässigte Doorwerth zu wenden ist.
+Wenn der Herr Graf zu solchen Dingen sich verpflichten, so können
+Dieselben weder rechnen, noch Wort halten. Er ist und bleibt arm, seine
+Kinder vielleicht können dereinst fürchterlich reich werden – er – wird
+Reichthum nie besitzen. Doorwerth liebt er, dieses wünscht er gern zu
+haben, es ist gut und heilsam, wenn die Güter ungetrennt beisammen
+bleiben. Ich bin überzeugt, daß der Herr Graf redlich und im guten
+Glauben zu Werke gehen und noch edler und großmüthiger handeln würde,
+wenn er es hätte, wie er es nicht hat.
+
+Ei, Sie sind ja plötzlich mein gegnerischer Anwalt geworden? rief mit
+schlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgräfin. Wie deut’ ich das? Was
+hat Sie denn so umgewandelt? Von der edeln großmüthigen Denkart wurde ja
+gestern Abend ein Pröbchen zum Besten gegeben. Wäre ein neuer tragischer
+Stoff geworden für Herrn Hofrath Leisewitz in Braunschweig, der ja den
+Julius von Tarent geschrieben hat und unserm hohen Hause Dinge und
+Thaten aufbürdet, die nie in ihm geschahen; was ganz schändlich ist,
+denn nie gab es im Hause der Fürsten von Tarent, das so eng mit meinem
+eigenen verzweigt und verwachsen ist, eine solche abominable Geschichte,
+und keiner von allen Fürsten dieses Hauses hieß Constantin, Julius,
+Guido und wie die von dem laxen Comödienschreiber sonst ersonnenen Namen
+noch heißen mögen!
+
+Die Poeten, gnädigste Excellenz – entgegnete Windt, heimlich lächelnd
+über den antidramatischen Zorn seiner Herrin – haben ein Ding, das
+nennen sie #licentiam poeticam# – welches ich Hochgräflicher Gnaden, die
+besser Latein verstehen als ich, nicht zu übersetzen brauche.
+
+Habe nichts dagegen, das Stück ist gut, Herr Lessing hat es gelobt – es
+ist sogar, wie mir geschrieben wurde, auf fürstlichen Privattheatern –
+ich glaube am Sachsen-Meiningenschen Hofe, unter Mitwirkung
+durchlauchter Personen selbst, zur Aufführung gebracht worden; ich
+verlange nur, die Herren Dichter sollen nicht Namen aus der Luft
+greifen, sollen nicht das erste beste hohe Haus mit ersonnenen Unthaten
+beflecken, sondern diese da spielen lassen, wo sie sich geschichtlich
+zugetragen haben, und sollen ihre Nasen in die Stammbäume stecken und
+die Leute, die sie brauchen, beim rechten Namen nennen. Des Herrn von
+Goethe allbewunderter Götz ist auch so ein Ding, das im Nebel und
+Schwebel spielt, ohne allen geschichtlichen Boden. Er läßt den
+fehdesüchtigen Raubritter für die deutsche Freiheit sterben, während der
+alte Kauz daran nicht im Entferntesten dachte, und in aller Gemüthsruhe
+über achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, seine schlimmen Streiche
+selbst für die Nachwelt aufzuschreiben. – Ja, sehen Sie mich nur an,
+lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spaß, daß ich alte Frau mich
+noch über Comödien ereifere, aber sehen Sie, ich bin einmal eine
+Freundin der Wahrheit, wie mein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren
+Freund ist, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrsamkeit auf den Tod
+verwundete, und dem ich, ich sage ich, die Hand noch küssen möchte, mit
+der er die Feder führte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, sondern die
+reine, in seiner gründlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde
+Wahrheit schrieb. Doch – wie weit schweifen wir ab von unserm Ziele,
+mein lieber Windt – fahren Sie fort, Sie schlimmer #advocatus diaboli!#
+
+Um Gott, Excellenz! Dies Wort ist nicht Ihrer Gnaden Ernst. Ich hätte
+noch viel zu sagen – aber wenn Hochdieselbe mir zürnen –
+
+Halten Sie mich für ein Kind, Windt? Fürwahr, dann wäre ich wohl ein
+recht altes. Noch denke ich nicht, obschon ich neunundsiebenzig Jahre
+zähle – kindisch zu sein.
+
+
+
+
+3. Der Abschied.
+
+
+Die Reichsgräfin unterbrach dieses Gespräch, indem sie klingelte.
+Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu
+bescheiden. Dann nahm sie den Faden der Rede wieder auf und sprach zu
+Windt: Die gestrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der
+dramatischen Poesie mit seinen unbeschnittenen Laubgängen – bleiben wir
+bei der Hauptsache: Warum hat sich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine
+Windfahne?
+
+Nein, Excellenz! vertheidigte sich Windt: eine solche bin ich nicht,
+vielmehr hoffe ich bewiesen zu haben, und denke es ferner zu beweisen,
+daß mir die Wünsche und Vortheile Ihrer Excellenz über Alles gehen. Aber
+– Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit muß Wahrheit bleiben.
+Was auch gestern Störendes, Widriges und aufs neue Hemmendes vorgefallen
+sein möge, _das_ darf ich doch kühn behaupten, daß das Gemüth des
+gnädigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und
+Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz gestimmt war; freilich ist er äußerst
+empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort ist im Stande, sein
+ganzes Wesen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, sind
+wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, daß er Alles um sich nieder
+wirft und liegen läßt, es gehe wie es gehe, aber sein Charakter ist und
+bleibt redlich. Er ist nicht der Mann, welcher Excellenz beraubt,
+geplündert und von Land und Leuten verdrängt sehen will, im Gegentheil,
+er theilte mir gerade heraus mit: Will meine Frau Großmutter Varel
+wieder zu eigen haben, so nehme sie es gerne, wenn es nur ohne weitere
+Schulden und dereinst meinen Kindern bleibt.
+
+In der That – sehr gnädig! – spöttelte die Herrin und machte einen Knix,
+aber Windt kehrte sich nicht an ihren Spott.
+
+Der redliche Diener fuhr im Tone vollster Ueberzeugung fort: Halten
+Excellenz es mir zu Gnaden, daß ich so frei heraus meine Meinung sage!
+Die Hauptsache muß so behandelt werden, daß beide Theile mit Ehren
+nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen können. Ich brauche
+wohl nicht erst an den Wahlspruch im reichsgräflichen Wappen zu
+erinnern.
+
+#Craignez honte!# versetzte die Herrin, den Wahlspruch anführend, und
+fügte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen für diese Lehre.
+
+Eher würde ich selbst auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im
+Punkt von Hochderselben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles
+anzunehmen verspräche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, so würde
+_ich_ der Erste sein, der zu ihm sagte: Sie handeln ohne Ueberlegung,
+ohne Ehre, ohne Zartgefühl, denn Sie _können_ nicht Wort halten. Ihre
+Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er ist Ihnen
+entwachsen, er ist noch jung, und bei Gelegenheit wohl spöttisch,
+sarkastisch oder überreizt – er ist aber wahrhaftig ein edler Mann, und
+der Beste von den Seinen, so viel ich deren in Holland kennen lernte.
+Was ich von seinen Handlungen weiß, ist nur ehrenhaft. Um sein gegebenes
+Wort zu erfüllen, hat er sich mit seiner Frau Mutter auf eine Art
+entzweit, daß sie nie wieder einig wurden. Das kam so: In der
+unglücklichen Revolution hing sein Leben im Haag jeden Augenblick an
+einem Zwirnsfaden, und gleichwohl zeigte er stets den höchsten Grad von
+Entschlossenheit. Um zu seinem Ziele zu gelangen, mußte er sich eine
+Partei machen, zu der er auch geringe Bürger und Leute der niederen
+Klasse herbeizog. Diese wollten aber unter keiner anderen Bedingung ihm
+anhängen, als daß er ihnen gelobe, nach erkämpftem Siege ihr Schout, so
+viel wie #Grand Baillif# zu werden, denn das Volk war, wie das stets bei
+Revolutionen der Fall ist, mit der Polizei und Gerechtigkeitspflege im
+Haag höchst unzufrieden und suchte sie zu beseitigen. Der Herr Graf gab
+sein Wort, seine Partei gewann die Oberhand, und das Volk rief ihn aus
+Dankbarkeit zu seinem Ober-Amtmann aus. Darüber entsetzte sich seine
+Frau Mutter, die geborene Baronesse de Tuyll Serooskerken, auf das
+Aeußerste, wie Ihre Excellenz sich denken können.
+
+Ja wohl, wie ich mir allerdings recht gut denken kann! unterbrach ihn
+die alte starre Aristokratin. Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau
+Mutter des Herrn Grafen drohte, sich gänzlich von ihm loszusagen, wenn
+er dem Verlangen des Volkes nachgebe, der Graf aber sprach: Ich bin
+Edelmann und muß im Glücke halten, was ich im Unglücke versprochen habe.
+Die Zwietracht mit der Mutter blieb, und der Herr Graf blieb
+Ober-Amtmann.
+
+So spalten die unseligen politischen Parteikämpfe den Frieden und die
+Herzen der edelsten Familien! rief fast im heftigen Tone die alte
+Reichsgräfin. Meine Frau Schwiegertochter hat vollkommen Recht! Auch mir
+schnitt es tief in das Herz, zu sehen, wie ein Angehöriger meiner
+Familie mit dem Pöbel, der Hefe, zu liebäugeln sich herabließ und sich
+wegwarf. Aber zuletzt sind Sie selbst solch ein elender Demokrat, Windt!
+
+Der Haushofmeister war einen Augenblick betroffen durch den schneidenden
+und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemüth jetzt an der
+empfindlichsten Stelle und durch eine der unliebsamsten Erinnerungen
+berührt worden war; doch blieb er gefaßt und entgegnete in seiner zwar
+unterwürfigen, aber stets würdevollen Redeweise: Ihro Excellenz scheinen
+sich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, daß die oranische
+Partei, für welche der Herr Graf wirkt, nicht die sogenannte Volkspartei
+war, daß erstere vielmehr durch die untern Schichten _gegen_ die
+letztere zu wirken suchte, daß aber auch die niederländischen
+Republikaner keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf ist als
+Oberrichter stets gerecht und unparteiisch erschienen; er hat darauf das
+wachsamste Auge, daß Niemand Unrecht erleide, er hilft Allen, denen er
+nur irgend helfen kann, seien es sogenannte Patrioten, oder keine, und
+viele Unglückliche hat er als geschickter und rechtskundiger Anwalt so
+vertheidigt, daß sie schweren Strafen entgingen, denen sie ohne ihn
+anheim gefallen wären; daher verdient sein Benehmen, als das eines
+Mannes von Wort und von Ehre, weder Tadel noch Mißtrauen. Und was
+endlich meine »elende Demokratie« betrifft, wie Excellenz sich
+auszudrücken beliebten, so gebe ich dem Wunsche Worte, es möchte das
+ganze heilige römische Reich so glücklich sein, lauter Demokraten meines
+Schlages zu besitzen, dann würde überall Ruhe, Friede und Ordnung, und
+nirgend Empörung gegen Obere sein. Aber jeder Mensch hat minder oder
+mehr Gefühl für die _Freiheit_; wer dieses läugnet oder verläugnet, ist
+ein feiler Sclave, oder in seiner eigenen Seele selbst ein Stück von
+einem Despoten; ich bin keins von beiden. Derjenige jedoch, welcher an
+der gegenwärtigen, fanatischen, wahnsinnigen französischen
+Freiheitsraserei Theil nimmt und Behagen daran findet, ist ein
+Jacobiner, ein Anarchist, ein Verbrecher: das bin ich auch nicht,
+sondern stets zu Ihrer Excellenz Diensten.
+
+Wackerer Windt – vergeben Sie mir, wenn ich Sie kränkte! sprach die
+Reichsgräfin mit ernstem Gefühl, und immer höher stieg der Mann in ihrer
+Achtung, der mit dem redlichsten Diensteifer die Würde des Hauses wie
+seine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen setzte.
+
+Der Eintritt des jungen Herrn, der schon fast völlig reisefertig
+erschien, unterbrach das Gespräch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig
+brachte seiner Gönnerin den üblichen Handkuß als Morgengruß dar und ihr
+Herz, so fest und stark es war, hart geworden durch die Jahre und die
+Fülle bitterer und schmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem
+Andenken an die Trennung von dem Liebling, der heute ihr so bleich und
+trauervoll nahte.
+
+Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgräfin entließ Windt, und
+gleich nach dessen Entfernung redete sie den Enkel mütterlich liebevoll
+an.
+
+Du bist heute so blaß, mein Ludwig Carl – du fühlst was ich fühle. Du
+willst fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh?
+
+Theuerste Großmutter! antwortete der Enkel: ich wollte, der Erbherr
+hätte seine That gegen mich gestern vollbracht; glauben Sie mir, mir
+wäre besser. Mir wurde eine Wunde geschlagen, die niemals heilen wird –
+Gedanken stürmen in meiner Seele, die ich niemals dachte – ich kannte
+nicht den Haß, nicht das brennende Gefühl der Rache, nicht die Schaam
+über einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen soll.
+Beste Großmutter! Ich beschwöre Sie, entdecken Sie mir Alles – bin ich
+ein Edelmann, gehöre ich zu Ihrer Familie, oder bin ich –?
+
+Wie du kindisch fragst, mein liebes Kind! war die Antwort. Würde _ich_
+dich laut und offen meinen Enkel nennen? Würde ich dich mit Sorgfalt und
+Liebe auferzogen haben? Würde ich dir gestattet haben, unser Wappen zu
+führen? Glaube das Eine fest, und lasse dich durch das Andere nicht
+beugen. Du bist auf dem Wege ein Mann zu werden, sei ein Mann! Vergiß
+das Herbe und Peinliche der gestrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war
+gereizt, er wußte nicht, was er that.
+
+An ihm wird es daher sein, mich um Vergebung zu bitten, entgegnete der
+Jüngling, dessen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde wieder
+röthete.
+
+Lass’ das jetzt, sprach die Gräfin. Entdecken kann und darf ich dir
+nichts, mein geliebtes Kind! Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir
+nehmen als deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die
+Geheimnisse gewisser Personen zu lösen, die jene mir anvertraut und die
+mit sieben Siegeln verschlossen und mit den dichtesten Schleiern
+überhüllt sind. Aber etwas Tröstliches kann und will ich dir sagen. Es
+ist ein mächtiger Unterschied, den aber die Befangenheit,
+Mangelhaftigkeit und Starrheit der Gesetzgebung niemals anerkannt hat,
+zwischen den zur Welt gebrachten Früchten böser Lust und wilder
+Sinnengier, die ein Rausch des Augenblicks von dem Lebensbaume
+abschüttelte, und zwischen jenen Kindern hoher und reiner Liebe, gegen
+deren gesetzliche Einigung gebieterische Verhältnisse unübersteigliche
+Schranken zogen. Oft verjüngten sich durch solche Sprößlinge uralte
+bedeutende Geschlechter, und die Welt hat deß kein Arg. Du hörtest
+gestern aus meinem Munde ein Beispiel; ich könnte dir deren viele sagen.
+War es gut oder nicht gut, daß der letzte Graf zu Oldenburg und
+Delmenhorst, da seine Gemahlin ihm keine Kinder schenkte, den Sohn eines
+geliebten ihm nicht ebenbürtigen Weibes in die Rechte des alten Stammes
+einsetzte? Ohne diesen Sohn der Elisabeth von Ungnad, Herrin zu Sonneck
+– wären wir alle nicht. Möge Gottes Gnade trotz dieser Abstammung von
+einer Ungnad mit uns allen sein! _Meine_ Großmutter, die Abkömmlingin
+von Königen, wurde Anton’s des Ersten zweite Gemahlin; die erste, eine
+Gräfin von Wittgenstein, schenkte ihm nur Töchter; meine Großmutter
+wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von dem auch du ein Zweig bist. –
+König Alphons der Weise in Aragonien und Sicilien zeugte, da seine
+Gemahlin Maria, Tochter König Heinrich des Dritten in Castilien, ihn
+nicht mit Kindern beglückte, drei Kinder außer der Ehe. Seinem
+erstgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Ersten, dem Papst Eugen
+der Vierte selbst die Rechte gesetzlicher Geburt verlieh, hinterließ
+sein Vater das Königreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich ward
+vertrieben und kam nach Frankreich, wo er starb. Dieser Letztere wurde
+der Großvater der Erbtochter des Hauses de la Val, Anna, deren Gemahl
+Franz de la Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider ältester Sohn,
+Ludwig, wie du geheißen, war der erste Herzog von Thouars, er war mein
+Urgroßvater, und unser Haus wurde auf das Engste verwandt und
+verschwägert mit allen den hohen, alten, angesehenen Familien derer von
+Bouillon, von Orleans, von Montmorency, der de la Tour d’Aubergne, der
+Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der
+Landgrafen zu Hessen, durch meine Urgroßmutter, und der Herzoge zu
+Sachsen, denn meine Urgroßtante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs
+Bernhard zu Sachsen-Jena, eine Linie, die leider früh erlosch. Aus
+diesen Beispielen magst du entnehmen, daß eine in Dunkel gehüllte
+Abstammung, die vielleicht einst noch in Licht und Glanz zu Tage treten
+dürfte, je nachdem des Glückes und der Zeiten Gunst oder Ungunst waltet,
+noch lange kein Schimpf und kein Makel ist, mindestens nicht in den
+Augen der Einsichtvollen und Vernünftigen, denn überhaupt erinnert das
+an das alte Sprichwort: »es ist ein wunderkluges Kind, das seinen Vater
+kennt.«
+
+Der Enkel schwieg zu dieser Rede und blickte mit träumerischem Sinnen
+auf die Werke seines spielenden Fleißes, die Münztafeln.
+
+Du willst reisen, und du mußt reisen – fuhr die Reichsgräfin fort.
+Längst fühlte ich das, aber die große Liebe zu dir, die trauliche Macht
+der Gewohnheit unseres täglichen Beisammenseins, mein Alter, der
+Gedanke, daß unsere erste Trennung wohl eine Trennung für immer ist,
+bewältigte meine Einsicht und machte mich schwach und allzu nachgiebig
+gegen mich selbst. Das Schicksal führte diesen Anstoß herbei, ich muß
+dich von mir lassen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, höre mich
+weiter an, und vergiß nie in deinem ganzen Leben – möge es ein langes
+und glückliches sein – dieser heutigen ernsten und wichtigen Stunde! Wie
+ich auch gepeinigt, gedrückt, bedrängt und so zu sagen fast ausgezogen
+worden bin, arm haben sie mich, trotz ihres allerbesten Willens und
+trotz herzoglich oldenburgischer und königlich dänischer Hülfe doch
+nicht machen können; es hätte so gar wenig gefehlt, so wäre der deutsche
+Kaiser vermocht worden, gegen die alte eigensinnige Frau, die ihr Geld
+nicht alle hergeben wollte, einige Reichstruppen marschiren zu lassen. –
+Da fast Alles von mir kommt, ist’s zuletzt kein Wunder, daß man es von
+mir haben will, denn von den Schätzen des Hauses habe ich noch nichts
+gesehen, und die Lehengüter im Mond tragen höchstens einmal einen
+Steinregen ein. Gleichwohl will ich ihnen nichts vergeben, nicht auf’s
+Neue den Vorwurf unüberlegter Schenkungen auf mich laden, wie ich
+allerdings gethan. Ich selbst bedarf wenig mehr; ich werde keine Bücher,
+keine Münzen und Medaillen mehr sammeln – ich werde nur für dich leben,
+so lange der Himmel mir noch meine bereits gezählten Tage fristet.
+
+O gütigste aller Großmütter! rief Ludwig Carl aus, und beugte sich tief
+auf die treuen Hände, die seine Jugend gepflegt, und jetzt erhoben
+wurden, um sich segnend auf sein schönes Haupt zu legen.
+
+Nach einer Pause stiller und unaussprechlicher Rührung winkte die
+Reichsgräfin dem Enkel, ihr ein nahe stehendes, verschlossenes kupfernes
+Schatzkästchen zu bringen, während sie aus einer zusammengebundenen
+Anzahl kleiner Schlüssel den rechten suchte. Das Kästchen war leicht,
+baares Geld augenscheinlich nicht darin. Die Herrin erschloß es, es
+enthielt nur Papiere. Eines nach dem andern dieser Papiere nahm sie
+heraus und legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr
+Platz genommen hatte, indem sie mit kurzen Worten den Inhalt dieser
+wichtigen Schriften andeutete.
+
+Dies ist, begann die Aufzählung: der Original-Ehecontract zwischen dem
+Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzessin
+Emilie zu Hessen-Cassel. Der Brautschatz dieser meiner Urgroßmutter
+betrug einhundertundfünfzigtausend Livres, und blieb der Vermählten als
+Wittwe vertragsmäßig zu freier Verfügung, nebst einer Summe von
+vierundzwanzigtausend Livres für Kleider und Juwelen. Vom Jahr
+eintausendsechshundertundachtundvierzig.
+
+Hier der Ehecontract meiner Großmutter, vom Jahr
+eintausendsechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, daß die Prinzessin
+alle Gerechtsame an väterliche und großväterliche Verlassenschaften,
+auch andere künftige Erbfälle anzusprechen habe, nur nicht die ihrer
+beiden Brüder und ihrer einzigen Schwester Maria Sylvia. Letzteres hat
+sich dennoch durch besonderes Vermächtniß geändert.
+
+Hier ein Document, das der Großmutter anstatt der genannten Ansprüche
+von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die
+Summe von sechzigtausend Livres fest zusichert. Aus diesem wichtigen
+Vergleichsinstrument vom Jahre sechzehnhundertdreiundachtzig geht
+hervor, daß die de la Tremouille’schen Gütereinkünfte in den Provinzen
+Poitou, Bretagne, Maine, Xaintoque, Auluis und Laudunois auf das in
+Paris, Straße Vaugirard, gelegene Palais der Familie gestellt sind.
+
+Hier eine Schrift über die unserm Hause zustehende Baronie Vitré, deren
+Ertrag als Bürgschaft für ein Kapital von sechzigtausend Livres
+verschrieben ist, welche Summe meiner Großmutter von ihrer Mutter, der
+geborenen Landgräfin zu Hessen, vererbt und vermacht wurde. Dieses
+Kapital ist ebenfalls auf mich übergegangen.
+
+Hier ein Schuldbrief des Bruders der Großmutter wegen Antheils an
+fünfundzwanzigtausend Livres am Erbe der verstorbenen Prinzessin Maria
+Sylvia, vom Jahre sechzehnhundertdreiundsechzig.
+
+Hier wieder ein Vergleich vom zwölften Juli siebzehnhundertundeins,
+betreffend den Antheil der Großmutter von vierzigtausend Livres der
+Verlassenschaft ihrer königlichen Hoheit, Mademoiselle de Montpensier.
+Aus dieser Verlassenschaft kam das Herzogthum Chatellerault und die
+Vicomté Brossé an das Haus de la Tremouille, und es erhellt aus diesem
+Vergleich des Weiteren die Verwandtschaft unseres Hauses mit den Häusern
+Orleans, Bourbon, Nassau-Oranien, Bouillon und andern.
+
+Genug mit diesen, der Kasten ist noch halb voll, wir wollen uns nicht
+ermüden. Kurz und rund: Ich, deine Großmutter, habe an das herzogliche
+Haus de la Tremouille und Talmont in Frankreich #Summa Summarum#
+zweihundertundfünfundfünfzigtausend Livres zu fordern, welche als
+Erbtheil meiner Frau Großmutter mir überkommen, und die bei dem Stadthause
+zu Paris, obschon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich angelegt
+sind, so daß sie eine Rente von sechstausenddreihundertundfünfundsiebenzig
+Livres, die halbjährlich ausgezahlt wird, abwerfen. Seit dem tödtlichen
+Hintritt meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton
+des Zweiten, sind diese bis zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt
+worden, und weder Krieg noch Friede haben daran gekürzt. Diesen
+Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen Reisen und deiner ferneren
+Ausbildung, mein in Wahrheit geliebtester Enkel. Hier hast du die
+nöthigen Ausweise zu deren Erhebung vom nächsten Monat an. Bedarfst du
+der Hülfe von Bankiers, so eröffnen dir diese Briefe Credit in Hamburg
+beim Hause des Procurators, Wechselsensals und Senators Egbertus
+Bernardus Den Tale, einer niederländischen weltberühmten Firma, und
+ebenso beim Hause Chapeaurouge dort, in Amsterdam bei dem Hause van der
+Valck, im Haag bei den Gebrüdern Le Ferrier, in Paris bei Grossier Vater
+und Söhne.
+
+Wie soll, wie kann ich Ihnen danken für so viele himmlische Güte! rief
+Ludwig, ganz überrascht von dem Reichthum, der ihn so plötzlich
+überströmte.
+
+Das sollst du sogleich hören, antwortete die Matrone. Dein Dank
+bethätige sich dadurch, daß du genau die Lehren befolgst, die ich dir
+jetzt bei unserm Scheiden herzlich und schmerzlich mit auf den Lebensweg
+gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen
+unlautern Trieben, wie vom Laster; meide stets das Gemeine im Denken,
+wie im Thun und Handeln. Halte stets treu am gegebenen Wort und
+übernommener Pflicht, wenn es dir auch schwer ankommt und Neigung und
+Sinne sich dagegen sträuben; ja, scheue nicht die größten Opfer, wenn es
+gilt, Pflichterfüllung und Ueberzeugungstreue zu üben. Suche dich
+auszubilden und zu lernen so viel als möglich; nützliche Kenntnisse sind
+eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mißmuth und Langeweile. Gehe
+mit dem Gelde weise und sparsam um, und lerne dessen selbst erwerben;
+verlasse dich nicht auf den dir jetzt groß erscheinenden Besitz, denn
+diese Quelle könnte leicht plötzlich versiegen. Achte treue Freundschaft
+hoch und hüte dich vor falschen Freunden. Suche dein Glück, wenn du dir
+Erfahrungen gesammelt, nicht im glanzreichen Hofleben, nicht im Geräusch
+der großen Städte und glaube mir, daß die Einsamkeit wunderköstliche
+Stunden gewährt. Führt dein Geschick dich auf eine kriegerische Laufbahn,
+so vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und Menschenfreundlichkeit; sei
+hülfreich dem Unterdrückten, schütze verfolgte Unschuld – sei das Beste,
+was du auf Erden werden kannst – ein reiner, guter, edler Mensch!
+
+Ein heiliges überwältigendes Gefühl, wie er gleiches noch nie empfunden,
+ging durch des Jünglings noch unentweihte Seele. Thränen stürzten aus
+seinen Augen, und er sank lautlos auf seine Kniee vor der wunderbaren
+alten Frau nieder, die so treu, so mütterlich, so fest und stark auf ihn
+einsprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rührung, ihre Seele war voll
+Kraft; dennoch fühlte sie, daß in dieser Stunde ein Theil ihres Herzens
+sich von ihr losriß; sie fühlte, wie sie ihren Liebling geliebt, fühlte,
+was sie ohne ihn entbehren werde, hätte so gerne alles Glück der Welt
+auf ihn gehäuft, hätte ihr Leben in dieser Stunde lassen wollen, wäre
+damit eine Bürgschaft zu erkaufen gewesen für sein Leben und für seine
+Zukunft.
+
+Noch einmal legte sie segnend ihre Hände auf das Haupt des vor ihr
+knieenden Enkels und sprach bewegt: Gott mit dir, sein heiliger Wille
+führe dich! Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung
+gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die
+Menschen. Sei mildthätig und barmherzig, und vergelte Kränkungen nur mit
+Wohlthaten, auf daß dereinst in dem Kreise, in den du eingetreten bist,
+dein Name im Segen fortdauere von Geschlecht zu Geschlecht! –
+
+Stehe auf, mein Ludwig Carl – laß uns recht ruhig noch diese
+Weihestunde mit einander feiern, es ist ja – o Gott – es ist die letzte!
+
+O nein – nein, meine theure, meine angebetete Großmutter! rief der
+Jüngling mit schwärmerischem Blick.
+
+Widersprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Großmutter mit dem
+alten gemüthvoll-traulichen Tone, den sie meist beim Zusammensein mit
+dem Enkel angenommen. Nur in so weit hast du recht, daß ich nicht eher
+an das Ueberirdische denken soll, bis ich dir das nächstnaheliegende
+Irdische geordnet. Also höre meinen nächsten Lebensplan für dich. In
+dieser Brieftasche findest du Wechsel und baares Geld, die deinen
+Unterhalt mindestens auf ein halbes Jahr bestreiten lassen, für den
+Fall, daß die blutigen Ereignisse in Frankreich jetzt nicht zuließen,
+vom Pariser Stadthaus Geld zu erheben, denn dieses Haus ist jetzt ein
+Tollhaus und ein Schlächterhaus geworden. Daher rathe ich, überhaupt
+jetzt noch nicht nach Paris zu gehen. Jedenfalls wirst du mich durch
+Briefe meiner liebevollen Besorgniß um dich, so oft es dir immer möglich
+ist, entreißen.
+
+Und welchen Namen soll ich führen, Großmutter? fragte der Jüngling mit
+einem eigenthümlichen Erbangen.
+
+Dieses mein Haus gibt dir einen Namen, – den die Welt achten muß, Graf
+Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgräfin. Vielleicht – wird
+dereinst noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reisepaß auf diesen
+unsern Namen besorgt Herr Windt in unserer Hofkanzlei.
+
+O Himmel, wie viel möchte ich dir noch sagen – aber ein Gedanke drängt
+den anderen von hinnen, und das Wort _scheiden_ jagt wie ein Cherub mit
+dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus seinem stillen
+Paradiese. Doch – sieh, wie vergeßlich das Alter ist – fast hätte ich
+dir unbehändigt gelassen, was ich eigens als ein Andenken dir
+zurückgelegt. Möge dieses Buch und mögen diese Blätter dir werth und
+theuer bleiben, ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in
+die Ewigkeit hinüber kann ich sie ja doch nicht nehmen, so bewahre du
+sie treulich auf. Dieses Buch ist das Tagebuch meiner Großmutter,
+Charlotte Aemilie; sie schrieb es mit eigener Hand für ihren Sohn,
+meinen Vater, nieder, und meine in Gott ruhende Frau Mutter, die
+geborene Landgräfin, bemerkte dies auf dem Titelblatt mit den Zügen
+ihres theuren Namens. Das Buch umfaßt sechsundfünfzig Jahre, von der
+Vermählung bis zum Tode.
+
+Und diese Blätter hier sind Alles, was mir von meinen treugeführten
+reichhaltigen Tagebüchern übrig blieb, was bei der Beraubung, die ich
+erdulden mußte, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies
+bisweilen darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Botaniker aus
+einem einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der
+Anatom aus einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehörte,
+so wird auch der Einblick in diese Blätter dir mich auf’s Neue vor die
+Seele führen, wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend sein, mein
+Verhältniß zum französischen, wie zum preußischen Königshause, meine
+Befreundung mit Voltaire; viele berühmte Namen findest du darin erwähnt,
+deren Träger mir mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen
+Abschnitt meines Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeßliches,
+vielleicht darf ich sagen: der Verlust meines Tagebuchs ist, wenn nicht
+ein Verlust für die Welt, doch einer für meine Familie! Du hast die
+letzten Blätter der alten, nicht mehr in die Zukunft, sondern
+rückwärtsschauenden Sibylle nun in Händen und bist besser daran, wie
+jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana Amalthea ihre
+Orakelbücher so theuer anbot – du hast sie umsonst. Und nun, mein
+Liebling, nun noch ein Wort über deine Reisen; du findest in der
+Brieftasche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche
+hochgestellte und einflußreiche Personen; deine Jugend und Offenheit, im
+Bunde mit einem bescheidenen und ehrenhaften Benehmen wird dir überall
+Wege bahnen, dir Pforten und Herzen öffnen. Bewahre nur dein eigenes
+Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gasse. Siehe
+zunächst, wie es dir in Holland gefällt, und was sich dir vielleicht
+dort bietet; außerdem gehe nach Deutschland, Dänemark, Rußland, die Welt
+ist groß und überall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und
+bleibe deutsch gesinnt! Das ist mein letztes Segenswort, dies mein: Mit
+Gott! – Nun gehe – sage mir kein weiteres Lebewohl, denn mit meinem
+_wohl_ leben ist es längst vorüber!
+
+Noch einmal wollte der Enkel vor der Großmutter auf die Kniee sinken,
+sie fing ihn aber auf, preßte ihn an sich, drückte einen Kuß mit ihren
+kalten Lippen auf seine Stirne, wandte sich und schritt rasch in ein
+Nebenzimmer, aus dem sie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit,
+sie wollte keine Thräne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der
+Thränen längst versiegt und vertrocknet, und es schmerzte sie, die in
+ihrem bewegten Leben der Thränen so viele geweint, jetzt keine Thränen
+mehr zu haben.
+
+Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem Zimmer,
+damit Philipp die Schriften noch recht sorglich verwahre. Auf dem
+Fenstergang, der nach dem Hofe hinabsah, begegnete ihm Windt mit
+bestürztem Gesicht.
+
+Schlimm! schlimm! schlimm! rief dieser aus. O daß Sie gestern schon, und
+nicht heute erst den gnädigen Erbherrn begrüßten – Alles, Alles – Alles
+stände anders. #Oleum et operam perdidi!# Da – junger Herr, schauen Sie
+hinab in den Schloßhof!
+
+Ludwig folgte mit den Augen dieser Aufforderung und gewahrte, daß so
+eben der Erbherr in seinen Reisewagen stieg, der Kammerdiener sich
+hinten aufschwang, der Jäger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen saß,
+und die drei Reitknechte und Stalldiener auf die übrigen Pferde sich
+schwangen – wie die Herren Hofrath Brünings, Kammerrath Melchers und
+Secretär Wippermann tiefe Bücklinge vor dem Grafen machten, ein Theil
+der Hausdienerschaft neugierig gaffend aus Thüren und Fenstern zusah,
+und wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebäude herauf zu werfen,
+auf und davon fuhr, von seiner ganzen mitgebrachten Dienerschaft
+begleitet. – Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten
+aus Hofrath Brünings goldener Dose jeder eine Prise. – #Adieu partie!#
+rief Windt droben mit komischem Zorn und schlecht verhehltem ernstem
+Aerger. Der kommt sobald nicht wieder! Habe mir die Finger fast
+abgeschrieben, bin krank und lahm geworden, habe in Doorwerth geschmorcht
+und geschmachtet, bin davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen
+Namen, nämlich dürr wie ein Windspiel geworden, habe Himmel und Hölle
+beschworen, den regierenden Herrn zu bewegen, zur Schließung gütlichen
+Vergleiches hierher zu kommen, habe mir endlich die Zunge fast aus dem
+Halse geredet, Ihre Excellenz zu annehmbaren Vergleichsbestimmungen zu
+bewegen, habe auf große Kosten Ihrer Excellenz und meiner Gesundheit die
+schändliche Reise gemacht von Arnhem erst nach Amsterdam, dann wieder
+zurück nach Arnhem und über Deventer durch das reizende Over-Yssel, von
+dem schon die alte gereimte Schulgeographie singt:
+
+ Over-Yssel, viel Morast,
+ Macht das ganze Land verhaßt –
+
+und noch dazu jetzt im März, nach dem geschmolzenen Schnee – und durch
+die Grafschaft Lingen – auch eine schöne Gegend – und über alle tausend
+Teufelsnester und Sumpfmoore, so groß, daß man in jedes ein paar kleine
+deutsche Fürstenthümer versenken könnte – und Alles nun für nichts und
+wieder nichts!
+
+Aber, bester Herr Windt, Sie sind ja ganz außer sich! entgegnete dem
+Odemschöpfenden der erstaunte junge Graf. Und an all’ diesem schweren
+Unheil soll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht schon vor dem
+Auftritt mit mir in Harnisch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn
+ich habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu sagen; doch wenn Sie mich
+schuldig glauben, lieber Herr Windt, so verzeihen Sie mir, denn ich bin
+eben im Begriff, mein Vergehen zu sühnen – ich gehe auch fort.
+
+Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erstaunt aus.
+
+Heute noch, jetzt – in dieser Stunde – und auf immer. Mit meinem Willen
+sehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, für so manche
+mir erzeigte gütevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl,
+und bleiben Sie der Großmutter wie bisher der beste, treueste,
+redlichste Diener.
+
+Ludwig drückte dem alten Manne mit Wärme die Hand, und schritt von
+dannen, ohne die Gegenrede des von Staunen fast sprachlos Gewordenen
+abzuwarten. In seinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp’s
+Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Ludwig steckte den Brief zu sich
+und befahl zu satteln. Eine halbe Stunde später sprengte er und Philipp
+durch das innere Thor aus dem Schlosse, sie ritten den Parkweg. Mit
+thränenumflorten Augen blickte Ludwig nach dem Fenster der Großmutter
+hinauf, droben winkte wehend ein weißes Tuch den schmerzlichen
+Abschiedsgruß.
+
+
+
+
+4. Eine Lebensrettung.
+
+
+Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die
+frühlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fühlte, daß
+seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn
+zurücktrete, wie ein schöner Traum, daß eine eigenthümliche Welt hinter
+ihm sinke, in der er heimisch und glücklich gewesen war, und mit dem
+heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht
+kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen
+und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer
+schlechtere Weg durch das Gehölz an den rauhen Boden der Wirklichkeit,
+und störte gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglück.
+Es galt, dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so
+zu lenken, daß sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen
+traten. Hie und da lagen noch von Buschwerk geschützte und gehäufte
+Schneemassen, die weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen
+vermochten, und so waren Herr und Diener herzlich froh, als nach einem
+langsamen und beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein
+Gehöft erreicht wurde, das aus nur wenigen Häusern bestand und den Namen
+Clus führte; es saß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine
+Schankwirthschaft.
+
+Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern
+die Füße der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in
+seinen Gedanken, die auf’s Neue brütend und trübe wurden, in der Nähe
+des Gehöfts, während Philipp dem Knechte behülflich war und mit diesem
+und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf
+des Jünglings Seele zu wirken vermocht hätte. Selbst der klare blaue
+Morgenhimmel hatte getäuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so
+viele und starke Nebel entdampft, daß sie emporziehend den Himmel wieder
+völlig verdüstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und Fernsicht
+nicht ganz, aber welche Aussicht und welche Fernsicht ließen sie frei!
+Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit reichte
+es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen ausgedehnten
+Blick. Der Freund schöner, romantischer Gegenden darf nicht in diese
+sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseeküstenländern erhebt nur
+eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur Rechten
+streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwärts bis
+Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort
+am Nordrande des beschränkten Rundes der Aussicht grenzten der
+Kirchthurm von Bockhorn und die Windmühle dieses Ortes jene ab.
+Westwärts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg – dort ein
+einsames Gehöft – es heißt Grabhorn – dort wieder eins – es heißt
+Grabstätte – und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf
+einem niedrigen Hügel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte
+Reichsgräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und
+zeichnete seine düstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die
+graue Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den
+Fernblick völlig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet,
+Gedanken düsterer Melancholie zu wecken und zu nähren.
+
+Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben hervor,
+und stärker klopfte sein Herz – was konnte der Brief enthalten?
+Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben – nach dem was
+vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderseitige
+unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr:
+
+»Der gestrige Vorgang trennt uns beide für dieses Leben, keiner von uns
+darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen können wir einander die
+gegenseitigen, in maßloser Uebereilung ausgestoßenen Beleidigungen, aber
+vergessen können wir sie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und
+widersinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein
+noch unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst – warum sollte ich es zu
+vernichten trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehört
+nicht mir allein, es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren
+Zwecken, denen ich diene und treu dienen werde, es gehört meinem
+Vaterlande. Eines nur will ich aussprechen, und das allein ist der
+Zweck, weshalb ich überhaupt noch einmal das schriftliche Wort ergreife.
+Die alte Frau – in ihrer stets ungerechten und unbeugsamen Härte, in
+ihrem unermeßlichen Stolze auf ihre Familie und ihre Abkunft – hat auf
+das Empfindlichste die Ehre der Familie angegriffen, der sie sich doch
+ohne Zwang verbunden hat. Wenn nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen
+beliebte, wie in mir, das Blut jenes Ahnherrn, den sie nannte, fließt,
+so wird derselbe nicht wollen und wünschen, daß seine deutsche Abkunft
+wegwerfend behandelt und der französischen untergeordnet werde. Auch wir
+haben Familienehre, auch wir haben einen Namen von hellem Klang und
+guter Geltung, wenn wir auch nicht voll aragonischer Arroganz mit
+Königskronen und Sternenmänteln halbmythischer Personen prahlen. Nicht
+ererbter Glanz und hohe Namen eines wälschen Geschlechtes, das auch in
+den Schoos seiner Verwandtschaft eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern
+Thaten, Thaten des Muthes, der Aufopferung und der Treue, haben _unsern_
+Vorfahren die Wege zu Ruhm und Ehre gebahnt. Jener berühmte William
+schwang sich durch seine Treue und Einsicht von einem Leibpagen empor
+zum Baron von Cirenchester, Viscount von Woodstock, zum Grafen – zum
+Herzog von Portland, zum Pair von England. Er war es, der Wilhelm den
+Dritten, Prinzen von Oranien, auf den Königsthron Großbritanniens hob,
+er war es, der den weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und
+zu Stande brachte, und den von langjährigen Kriegen erschöpften Ländern
+die Ruhe wieder gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glück, in
+weiblicher Linie von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel
+abzustammen, dem Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode
+gab. Meine Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der
+Marine, sie sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Töchter des
+Hauses vermählten sich in die angesehensten englischen Familien, eine
+mit einem Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron,
+u. s. w. Mein Großvater war Präsident des Rathes der Staaten von Holland
+und Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften
+in Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehören.
+Der Zwist, in dessen Folge die Großmutter sich von dem Großvater
+trennte, entsprang über die von ihrer Familie allerdings herrührenden
+deutschen Güter, und die so oft von der Ersteren im Munde geführte
+Beraubung ist nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene
+Hülfe Dänemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine
+wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwischen der englischen Linie
+des Hauses und der niederländischen entstanden, hervorgerufen durch die
+verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprüche an die
+so zerstreut und fern von einander liegenden Besitzungen, ist genugsam
+bekannt, doch auch erwiesen, daß sie in Güte und für ewige Zeiten
+feierlich vertragen wurden, und nur die Großmutter ist es, die
+unaufhörlich ihre an das Fabelhafte grenzenden Ansprüche immer auf’s
+Neue erhebt, und wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt
+zeigt, in einem und dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen,
+daß nur ihr Tod diesen verwickelten Knoten lösen wird.
+
+Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid – nie habe
+ich gesucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüssel
+einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht
+oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam als _Sohn_ des
+Hauses im Hause und als der Großmutter bevorzugter Liebling auferzogen
+wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan ward.
+Gefällt es der Großmutter, die so gern verhüllt und verheimlicht, den
+Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so
+werde ich sie gewiß nicht antasten; finden sich aber keine
+rechtsbegründeten Ansprüche, und werden deren dennoch erhoben, so weiß
+ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie
+schuldig bin. Damit wünsche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den
+Weg, und zeichne
+
+ _Wilhelm Gustav Friedrich,_
+ des heiligen römischen Reiches Graf und regierender Souverain
+ von In- und Kniphausen etc.
+
+ Schloß Varel, am 20. März 1794.«
+
+Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang hatte
+ihn versöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder, das heiße Jugendblut
+kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen.
+
+So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige »Souverain«, der Souverain
+über ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den
+nicht ebenbürtigen, ungesetzlichen Sprößling und Eindringling, herab! O
+Großmutter, Großmutter! Ich sag’ es noch einmal: wärst du doch gestern
+Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem
+geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu
+führen oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne
+Schatten, beides ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sprach die
+Großmutter? »Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen
+Schatten!« – Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil –
+mein Alles – mein Name ist ein Darlehn – auch nur ein Schatten, meine
+Geburt – meine Abstammung, meine Herkunft – Alles Dunkel und Schatten –
+so bin ich denn ein _Dunkelgraf_ – Hahaha! Es ist gleich sehr
+lächerlich, wie zum Verzweifeln!
+
+Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den
+trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das
+Schmerzgefühl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus
+gestoßen zu sehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war so schön
+und so sorgenlos, so freudenvoll und so glücklich dahin geflossen, wie
+ein heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle
+hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Gestein und
+glänzende Kiesel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet;
+ohne auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu sollen, hatte man
+ihm doch eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht,
+aber Ludwig sprach und schrieb auch gleich geläufig deutsch und
+holländisch, englisch und französisch. An den ritterlichen Uebungen des
+Reitens, Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künsten des
+Weidwerkes im Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht
+gespart worden. Der junge, körperlich zart, aber doch kräftig
+entwickelte Mann vermochte das wildeste Roß zu bändigen, ein Boot durch
+stürmisch empörte Wellen glücklich zu rudern, und hatte stets Gefallen
+an solchen Uebungen der Kraft und Gewandtheit gefunden. –
+
+Wohin denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieser Frage riß Philipp
+den Sinnenden aus seinem grübelnden und brütenden Nachdenken, und diese
+Frage war eine äußerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer, der
+nach Norden zu den Städten und Orten und Inseln der Nordseeküste führte,
+und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem
+Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete;
+doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine
+Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt
+des Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre
+Bemühung lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hände
+aufhielten.
+
+Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus seinen träumerischen und
+selbstquälerischen Gedanken auf, indem er die Ansprüche des Bauers und
+des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an
+diese Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen
+Plan, keinen Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das
+Friesische übersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so
+sah sich der Graf Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem
+fahrenden Ritter und Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt.
+Er überdachte einige Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog
+deren Schwere. »Nach den Niederlanden!« Dies setzte sich in ihm als
+Hauptgedanke fest, aber welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen
+einförmigen über Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der
+frischen Nordsee, durch Friesland, wo täglich, ja stündlich sich
+Gelegenheit bot, zu Schiffe zu gehen und die Welt zu durchfahren?
+Nordwärts lichtete sich der Himmel und die Ferne, und die Bockhorner
+Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein Spiel des Windes, rasch umdrehen;
+südwärts schleierte die stehende Nebelwand alles ein, und so kam es, daß
+Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit die abschreckende Schilderung einfiel,
+welche ihm vor wenigen Stunden noch der Haushofmeister seiner
+Großmutter, Herr Windt, von seinem Wege gemacht, raschen Entschlusses
+auf seine Isabelle sich schwang und dem Diener, der ein Gleiches auf
+seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf der sandigen Haidestraße
+voransprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere wieder im gemachsamen
+Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und führte in schnurgerader
+Linie nach und durch Bockhorn, von da am Blauhand Grod und an
+cultivirtem und nicht cultivirtem Geestland vorüber, bis fast nahe zu
+den Deichdämmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit (soviel als
+Herrschaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die Herrlichkeit
+Kniphausen.
+
+Schon erhob sich vor den Blicken des Reiters das stattliche
+alterthümliche und feste Herrenschloß. Ludwig dachte nicht daran, auf
+dasselbe, das Besitzthum des Mannes zuzureiten, der sein einziger, aber
+auch zugleich sein bitterster Feind war, sondern wollte dasselbe rechts
+liegen lassen, mit seinem Diener noch bis Jever reiten, und dort
+Nachtrast halten. Ludwig kannte jenes Schloß; die Großmutter hatte mit
+ihm auch dort bisweilen gewohnt, da der Vetter meist sich in den
+Niederlanden aufhielt, es war groß und reich ausgestattet. Die Gedanken
+des jungen Grafen konnten sich, so lange er in dem Bereiche der
+Besitzungen der Familie sich befand, in der er sich selbst von den
+ersten Jugenderinnerungen an gefunden und heimisch gefühlt, von dieser
+nicht losreißen. Er dachte beim Anblick des Schlosses auch an den
+jüngern Vetter, den Grafen Johann Carl, der sein Vaterland verlassen
+hatte, um in England Kriegsdienste zu nehmen. Dieser hatte sich mit dem
+älteren Bruder nie recht vertragen. Ebenso war der Oheim, der zweite
+Sohn der Großmutter, in englischen Seedienst gegangen, hatte sich dort
+vermählt und eine jüngere Linie begründet. Diesen hatte Ludwig nicht
+gekannt; er war vor des Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775
+verstorben. –
+
+Als am Morgen dieses Tages der Erbherr mißmuthig und schweigsam aus dem
+Schlosse Varel fuhr, war es seine Absicht, nur bis zum Strande zu
+fahren, und sich auf seiner Jacht einzuschiffen, seine Dienerschaft
+aber, bis auf die nöthigste, wieder zurückzusenden. Mit aufgeregtem und
+grollendem Gemüth, und weit mehr von Haß und Aerger gegen die
+Großmutter, als gegen den ihm im Wege stehenden Verwandten erfüllt,
+sehnte er sich wieder auf das Meer, dessen stürmisch bewegte Wellen zu
+dem unruhevollen Wogen seines Gemüthes paßten. Er wollte dann in rascher
+Fahrt aus dem Jahdebusen steuern und längs der Inselkette der
+Nordseeküste, von Wangerooge bis Norderney und Ameland segeln, dann
+durch die Watten in die Zuyder-See einlaufen und Amsterdam gewinnen, wo
+jetzt der Schauplatz seiner politischen Thätigkeit war. Vor der
+Einschiffung aber wollte der Graf einen Weg, den seine Vorfahren um die
+Mitte des Jahrhunderts angelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch
+ihn erneut worden war, besichtigen und mit eigenen Augen schauen, da er
+sich einmal im Lande befand, in welcher Weise seine Aufträge vollzogen
+worden seien. Dieser neue Weg führte über das Gehöft Buppel zu einem
+zweiten, welches vorzugsweise den Namen: »beim neuen Wege« führte,
+übersprang dort das kleine Flüßchen Wapel und führte über Heupult nach
+Jahde, dessen 1523 erbaute Kirche stattlich in Mitten der Häuser des
+bedeutenden Dorfes stand, welche sich wie ein großer Zug wilder Gänse,
+oder in Form des Gestirns der Hyaden unabsehbar erstreckten. Mitten
+hindurch rann das Flüßchen Jahde und ringsum wurde außer den Häusern und
+wenigen vereinzelten Bäumen nichts erblickt, als Dämme und Deiche, die
+Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menschen mit dem
+gewaltigen Element des Wassers, das fort und fort wühlend, steigend und
+fallend, fluthend und ebbend, mit jedem Wellenschlage der Fluth
+wiederholend und drohend anpocht, und verheißt, seine Drohungen wahr zu
+machen, die es schon oft und zum starren Entsetzen ganzer, großer,
+weiter und blühender Landstrecken wahr gemacht hat.
+
+Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und besser
+als die Wege außerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas
+erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und hohen
+Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackausdehnung den Jahdebusen und
+seine Geesten umfängt. Als das Deichthor geöffnet war, rollte der
+Reisewagen rasch über die harte Kiesfläche des unfruchtbaren
+grobkörnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorüber und dem
+Vareler Siel zu, wo die »schöne Susanna«, so hieß die Jacht des Grafen,
+vor Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern
+in der Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick
+verfinsterte sich, als er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff
+nicht segelfertig sei, und er entsann sich jetzt mit Verdruß, daß er
+vergessen hatte, dazu Befehl zu geben, vielmehr wußten der Steuermann
+und die wenigen Matrosen, die der Dienst des kleinen Schiffes
+erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde mehrere Tage am Lande
+bleiben, daher auch sie sich an demselben nach ihrer Art von der
+widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber stieg der
+Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann seines Schiffes
+mit einigen am Lande geholten Arbeitern antraf, der eben nach der Jacht
+sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff habe eine
+Beschädigung erlitten, zu deren völliger Ausbesserung mehr als die Zeit
+eines Tages erforderlich sei, eher könne die schöne Susanne ohne große
+Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zürnen noch
+Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelsten Stimmung, es
+nicht fehlen ließ; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, und da er
+mit seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen
+konnte, so blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren,
+oder nach einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn
+angemesseneren Orte zu fahren.
+
+Zur Rückkehr konnte sich der Graf unmöglich entschließen, denn sein
+schneller Weggang sollte für die Großmutter eine Strafe sein – er faßte
+daher rasch seinen Entschluß, befahl, daß die Jacht sogleich nach ihrer
+Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke
+von Heppens vorbei, in die Jahde-Strömung einfahren und am Rustringer
+Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf längs
+des sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs
+(Dammes) bis hinunter zur Dan-Geest, ließ das Salze-Brak rechts, fuhr am
+Ellenser Grod hin, und verließ erst drunten beim Marien-Siel den
+Deichwall, um aus dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter
+nordwärts zu eilen. Es verging eine gute Anzahl Stunden, durch
+mancherlei Aufenthalt und der Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das
+Oertchen _Accum_ erreichte. –
+
+Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp ließen ihre Rosse gemachsamen
+Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier
+Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und plötzlich rief
+Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? – und Ludwig gewahrte
+jetzt auch, daß die Pferde in den rasendsten Sätzen galoppirten, daß der
+Wagen gar nicht mehr auf der Fahrstraße war, daß er schwankend und
+wankend wie eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das
+Marschland gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick
+umzustürzen drohte, daß der Kutscher wie ein Wüthender an den Strängen
+zog und zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menschen
+und Thiere die augenscheinlichste Todesgefahr vorhanden war. Das ist
+ein Unglück! die Pferde gehen durch! – Dies rufend und sein Pferd in
+Galopp setzend, dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig’s das
+Werk eines Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele
+seines Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser
+Weise fuhr, so stürzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar
+schmale, aber tiefe Flüßchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg
+kreuzte. Mit einem furchtbaren Satze flog die kräftige Isabella über das
+Bette des Flüßchens, und Philipp’s Brauner wollte sich nicht an Bravheit
+von jener übertreffen lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den
+durchgehenden Pferden entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll
+Schreck, welcher Gefahr derselbe sich selbst tollkühn aussetzte, stach
+seinem Rosse die Sporen noch einmal in die Seite und überholte die
+Isabella, um mit kühner Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu
+empfangen.
+
+Wenige Secunden später, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knäuel
+verwickelt wälzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein
+Pferd gerade auf die entgegenstürmenden über und über mit Schaum
+bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte
+Noth, nicht auch zu stürzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern
+standen zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch
+versuchend, sich zu bäumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut
+furchtbar blutig und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden
+hervor, wie durch ein Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von
+unerhörter Anstrengung schweißtriefend und an allen Gliedern zitternd,
+vom Bock, und suchte seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker
+fester Bau, sonst wäre er auf diesem Wege zertrümmert, stand – von fern
+her liefen einige Menschen herbei, der Jäger und der Jokei, welche bei
+den heftigen Stößen von ihrem Sitz im hintern Halbtheil des Wagens
+herabgeschleudert worden waren. Der Graf ritt rasch zum Schlage, – da
+lag ein marmorbleiches schönes Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in
+regungsloser tiefer Ohnmacht, und ein zartes Kind, ein Mädchen zwischen
+drei und vier Jahren, umklammerte mit seinen Händchen die Kniee der
+Mutter und barg sein blondes Lockenköpfchen in deren Schoos, ebenfalls
+ohne sich zu regen; der Mutter Arme und Hände waren um das Kind
+angstvoll geschlungen. Rasch schwang sich der Graf vom Roß, riß den
+Schlag auf und hob das Kind heraus.
+
+Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen –
+wir todt!
+
+O Himmel, die Gräfin! seufzte Ludwig erschüttert und sprach zu dem
+Kinde, einen flüchtigen Kuß auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht
+sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein!
+
+Doch – Mutter – sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte.
+Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin ist nur ohnmächtig! Mit Hülfe
+der herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles
+Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand sich
+im Wagen ein Fläschchen mit kölnischem Wasser. Decken wurden auf den neu
+hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Gräfin wurde sanft und
+vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr
+Haupt gestützt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig
+kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen
+gesättigten geistigen Flüssigkeit, die so falsch kölnisches Wasser
+heißt, und kölnischer Weingeist heißen sollte, die Schläfe.
+
+Die Gemahlin des Erbherrn von In- und Kniphausen, Ottoline Friederike
+Louise, geborne Gräfin von Lynden-Reede, Tochter des holländischen
+Gesandten am königlichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und
+hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie!
+
+Da bin, Mama! rief das Kind.
+
+O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor.
+Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um sie
+bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zärtlich an sie
+anschmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und bestürzte Dienerschaft
+– doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurück. Dort
+stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde
+stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war
+eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch
+wunderbaren Zufall auf diesen Weg führte!
+
+Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und versuchte
+sich zu erheben, wobei sie aber seiner Unterstützung bedurfte, und mit
+einem schmachtenden Blick aus ihren schönen blauen Augen ihn lohnend,
+blieb sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Stütze war, und
+suchte ihre dahin geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln.
+
+Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den
+beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben
+Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die
+Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne
+daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich
+fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der
+Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das
+hintere Theil verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze
+die Pferde fort und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen,
+und auf die andern Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von
+dannen rannten. Wenn der junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen
+Augenblick der Rettung dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt,
+denn die Pferde hätten sich sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt,
+auf die sie unaufhaltsam zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei
+Gott beschwören! – Todt! todt! rief schaudernd die junge, schöne, im
+vollen Leben reizend blühende Gräfin aus. Todt – ich und meine kleine
+Marie! – Stehe auf, Klas – mir schaudert. Ich will dir glauben! – Nicht
+todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit seinen Händchen
+nach der Hand der Mutter.
+
+Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren
+Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach
+einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand.
+
+Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline. Sie
+hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?
+
+Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf
+dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte – zur Seeküste. Ein
+glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und
+ich danke diesem – aber –
+
+Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren
+Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein
+anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daß der Abend naht, und wie
+ich angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen?
+Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden –
+und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft
+Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres
+Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener
+folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie
+einen bessern Rath?
+
+Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu
+besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen,
+antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die
+Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was
+da wolle.
+
+Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem Schlosse,
+das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und dessen hohe
+zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache Gegend
+zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden
+hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind
+sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne
+Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten
+Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu
+schlichten, und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben,
+daß er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier
+eintreffen zu können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer
+Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei
+Tage hier verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam
+antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin – was wissen
+Sie von meinem lieben Mann?
+
+Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade
+liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten,
+läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und
+Blässe sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin – allerdings komme ich von
+Varel, aber um nie wieder dorthin zurückzukehren – und der mich von dort
+wegtreibt, ist – Ihr Gemahl!
+
+Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick.
+
+Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer – das
+kam wie ein Blitz – ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre!
+nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit – auch in mir
+flammte nun Zorn auf – es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich –
+gehe – denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr
+Gemahl, gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel –
+wahrscheinlich um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die
+zwischen uns trat, nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint
+er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich
+auf seine Jacht begeben, doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg
+über Bockhorn einschlug. Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau
+Gräfin, daß ich ganz unmöglich Ihr Schloß betreten kann und darf, das
+Haus eines Mannes, der mich haßt und mich, was mir noch schwerer fällt
+zu tragen, verachtet.
+
+Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden,
+mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen
+nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie
+beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu
+verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür
+kennen auch Sie ihn sicherlich – und haben Sie ihn und wär’ es tödtlich,
+beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben
+Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich
+an ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.
+
+
+
+
+5. Der Falk von Kniphausen.
+
+
+Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, käme, und _mich_ in seinem
+Schlosse fände, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen – was
+hätte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung,
+sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthänig, an
+des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das
+Glück meines künftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem Himmel
+dafür danken, daß mir vergönnt wurde – was wir gewiß für eine Fügung
+Gottes halten dürfen – Ihnen den heutigen Dienst mit Hülfe eines treuen
+Dieners zu leisten – aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal
+nicht!
+
+Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines
+Feindes Haupt gesammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber
+Cousin, Sie sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und
+Verweserin der Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie
+sind jetzt mein mir auf Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo
+wollten Sie denn nun auch noch hin – da der Abend schon anbricht? Und
+Sie wissen ja, daß in unserm Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt!
+Wie befindet sich denn unsere noch lebende Ungnade, die Alte?
+
+Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte
+Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spöttische Weise
+verletzt, welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so
+kann ich berichten, daß hochdieselbe nach den Umständen, die deren hohes
+Alter mit manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden.
+
+Ich höre das immer gern, lenkte die Gräfin ein. Wie schroff und
+wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch
+haben, sie zu lieben, achtungswürdig ist sie mir stets erschienen. Auch
+ist sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. – Wir alle werden nicht
+besser mit den wachsenden Jahren, und ändern kann sich nun einmal eine
+Frau von neunundsiebenzig Jahren nicht mehr.
+
+Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über diese würdige Greisin
+gefällt werde, hold oder abhold, günstig oder ungünstig – versetzte
+Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und
+liebende Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden –
+und das eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich
+nicht glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so
+furchtbar gegen mich in Harnisch brachte, daß er seiner selbst vergaß.
+
+Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein
+lieber Cousin! erwiederte die Gräfin ernst und voll der mildesten
+Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken
+lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich
+heiße Sie von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen.
+
+Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen
+zu gehorchen – die Herrin ließ ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie
+ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog,
+gebot sie der Dienerschaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die
+größte Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und
+verwundert, die Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer
+Weile erst die Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und
+abgehetzten Pferden, von denen das eine sich im Stalle sogleich auf
+seine Streu legte und nach einigen Stunden todt war.
+
+Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem
+prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wünschte sich weit hinweg, so sehr
+ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam – um keinen
+Preis hätte er doch hier ihm gegenüberstehen mögen, und deshalb war er
+von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenstände, die das
+Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, daß sie doch
+nichts in seiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände
+waren von flandrischen Tapisserien überkleidet, deren Gegenstände im
+großartigen Style Raphaelischer Kunstschöpfungen gehalten und
+meisterhaft gewirkt waren. Das Getäfel der Fensterwände war von
+Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertäfelungen der Zimmerwände.
+Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der
+Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden Zimmer
+verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick ungehemmt über
+die Marschlandfläche auf den breiten Silberspiegel des Jahdestroms und
+jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine Bezeichnung sandiger
+Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen. Dahinter begrenzte das
+weit nordostwärts sich hinstreckende Geestland und die Hügelwellen der
+Dünen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser Aussicht, welche Graf
+Ludwig längst kannte, ließ die innere Unruhe, in der er sich befand,
+keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte sich wieder ab, ohne zu
+sehen, daß ein Reisewagen, von mehreren Männern zu Roß gefolgt, dem
+Schlosse sich rasch näherte.
+
+Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen
+Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von
+kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen
+Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht
+aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner
+neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth
+dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand
+mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem
+Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich
+geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus
+Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die
+Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht
+zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden,
+heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten
+Stellen des Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der
+weißen Federn vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen
+überkleidet, und die schwarzen Klauen waren aus Labradorstein
+geschnitten und äußerst natürlich eingefügt[2].
+
+ [Fußnote 2: Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt
+ gewesene bewunderungswürdige, Deutschland leider entzogene
+ Kunstwerk ist in der Londoner illustrirten Zeitung #Vol. 19.
+ Juli to Dec. 1851# S. 133 mit der Unterschrift: _#Jewelled Hawk,
+ exhibed by the Duke of Devonshire#_ abgebildet und ausführlich
+ beschrieben.]
+
+Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und
+gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes
+Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt
+Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen
+die holdeste Lieblichkeit offenbarte.
+
+Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch
+unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an
+dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen
+Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und
+wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes
+Erbstück der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung
+in derselben nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von
+Kniphausen«.
+
+Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels
+zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen
+Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem
+edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als
+die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich
+emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend an
+sich drückte.
+
+Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten
+Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von
+Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich
+bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That,
+die ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie
+vergessen soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem
+Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten
+Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster
+Dankbarkeit und lebenslänglicher Freundschaft.
+
+Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der
+Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den
+Becher ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre
+himmelvollen Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im
+Vorsaal ein starker männlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen
+der Thür, und der Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen
+nicht trauend, wie von Eis übergossen.
+
+Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an
+seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr
+diese Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! – indem er
+zurücktreten zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade
+betroffen setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf
+den Boden gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm
+gehalten sein, und sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!
+
+Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen
+Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich
+darstellte, auf ihn machen mußte – sie faßte rasch alle ihre geistige
+Kraft zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um
+Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du
+es dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter
+haben, daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank
+dargebracht nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst,
+muß ich deinem Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es
+deiner würdig ist. – Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich,
+und trat einige Schritte näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der
+Herr Vetter hört hier ein Echo der letzten guten Lehre, welche mir die
+Frau Großmutter gab; hätte ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von
+Varel bis zu Schloß Kniphausen reiche. Bin ich in der That so hoch
+verpflichteter Schuldner geworden, so will ich jetzt nicht mit Worten
+danken, sondern später durch Thaten. Niemand soll sagen, Schloß
+Kniphausen sei ein ungastliches Haus geworden, also bis auf Weiteres
+einstweilen zwischen uns – Waffenstillstand.
+
+Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte Ottoline
+zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf’s Neue,
+hob ihn gegen den Gemahl und sprach: _Ich_ habe den Pokal dem Retter
+meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit
+uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist
+erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche
+und wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus
+Künstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein
+konnte, als diese, die wir so eben feiern – denn jene Versöhnung
+streitender Glieder einer getrennten Familie, die wieder zu einer
+einzigen werden wollten, galt doch nur dem Mein und Dein des irdischen
+Besitzthums, während wir ungleich inniger danken sollten für ein höheres
+neugeschenktes Besitzthum. Darum nicht Waffenstillstand, sondern –
+Versöhnung!
+
+Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beschämt mich
+zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, daß Sie mir mehr
+als verdient, ja überschwänglich gedankt!
+
+Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre
+stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October
+1791 mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und
+wie tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre
+Aufforderung verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und
+die Großthat des jungen Verwandten würden schwer genug wiegen, um allen
+Groll aus ihres Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er
+ihr eine Bitte versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm
+schwer genug, durch die politischen Verhältnisse und die
+Verpflichtungen, die er übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr
+und seinen zarten Kindern getrennt zu sein. Mühsam rang der Graf nach
+Fassung, bewältigte sein inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr
+– kennt meine Gesinnung. Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so
+stehe ich zu Diensten. Ich gehorche meiner romantischen Gemahlin und
+trinke aus diesem Falken von Kniphausen. Möge sein Wein nicht die
+Eigenschaft jenes Getränkes haben, das die Zauberjungfrau im berühmten
+Oldenburger Horn unserm Ahnherrn, dem Grafen Otto darbot. – Der Erbherr
+trank und reichte den Pokal an Ludwig.
+
+Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen
+Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das köstliche Trinkgefäß und
+sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen
+und edeln Hauses!
+
+#»Drink al ut!«# sprach mit dem sanften Lächeln der schuldlosesten
+Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schönen Spruch, den das
+Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und
+begeistert von so liebevollem Wort leerte der junge Graf den Goldpokal
+bis zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das
+Ottolinens, völlig die doppelsinnige Schärfe der Anspielung des
+Erbgrafen zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier
+Lieblichkeit und Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Güte
+eines jungen weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die
+Versöhnung für vollkommen.
+
+Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer Blick
+sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er wahrzunehmen
+glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu umgarnen: der
+Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits Entdeckungen zu
+machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der heimathlichen
+Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des Abends beim
+Thee ruhig und kalt-höflich, und sah es nicht ungern, daß Ottoline,
+indem sie vom Schrecken der überstandenen Gefahr sich doch angegriffen
+fühlte, sich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünschend, sprach
+sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frühstück, hoffe ich, wollen wir uns
+alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der Falk von
+Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe
+Ottoline sehen. Träumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht!
+
+Der Erbherr fand nicht für angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen
+– er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und
+schied mit höflichem Wunsche.
+
+Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühstück fand nicht Statt. Das
+von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb.
+
+Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in
+seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth
+umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm
+mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er sogleich schlafen können nach
+Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er
+doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten
+werde, aber wie ungern schied er nun!
+
+Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz über ihn. Rasch jagten
+sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und
+Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden – er hielt wieder den Falk
+von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene
+Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline
+schmiegte sich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie
+küßte ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute
+der Traum die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm
+gegenüber mit der tödtlichen Waffe, und da stand auch wieder die
+Großmutter, als ob sie lebe, in der Glorie ihres starren Stolzes
+zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber nicht Jenem galt ihr zürnendes,
+strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres alten ahnenreichen Stammes
+sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete sie ernste Worte mit
+tiefer männlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig schon einmal
+vernommen hatte. »Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein von allen
+unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und Neigung und
+Sinne sich dagegen sträuben. Auch du wirst durch die schmerzlichen
+Flammen der Läuterung gehen – o gehe rein aus ihnen hervor!« – Diese
+Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an deren Stelle;
+lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der
+Heerlager, berghohe Meereswogen – Stürme und ruhige See – hohe Burgen
+und Schlösser – stille Thäler – eine Siedlerklause – eine
+dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und in dieses Grab
+hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles
+Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein Glück.
+
+Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe
+gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forschend an, ob sie den
+Blick vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage;
+aber sie sah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer
+Blick sie erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du
+nicht froh?
+
+Ottoline, sprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Busen um, zu
+erleben, was ich heute und gestern erlebt, daß ich kommen muß und sehen,
+wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem Menschen
+kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Mannesehre auf das
+Ehrloseste beleidigt und dessen Hand und Mund jenes Geräth für immer
+entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphausen niemals wiedersehen,
+ich trank, von dir gezwungen gleichsam, zum letztenmal daraus. Dein
+überspanntes Gefühl der Dankbarkeit riß dich hin; daß er die
+scheugewordenen Pferde aufhielt, war seine Schuldigkeit – die
+Dienerschaft erzählte mir bei meinem Eintritt ins Schloß schon Alles –
+die Pferde wären auch wohl von selbst vor der Made stehen geblieben. Ein
+Mann von Ehrgefühl wäre nicht mit in mein Schloß gegangen.
+
+O Gott! so hätte ich gefehlt, daß ich wiederholt in ihn drang, da er
+sich doch entschieden weigerte! rief Ottoline.
+
+So? er weigerte sich also entschieden – und doch nicht entschieden genug
+– sein weiches Knaben-Herz vermochte nicht, der süßen Bitte des holden
+Mundes meiner Gemahlin zu widerstehen?
+
+Der Ton, mit welchem der Erbherr dies sprach, füllte Ottolinens Herz mit
+Weh, ihre Augen mit Thränen; sie begann leise zu zittern.
+
+Du machtest mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte
+das Gastrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient,
+aus dem Hause werfen – konnte aber auch die Größe seiner That nicht so
+hoch würdigen, wie du. Er ist ein Mensch ohne Geburt, ohne Ehre – wir
+können nicht ferner mit ihm verkehren – und da sein Dünkel und sein
+Bewußtsein, Schoosliebling der Großmutter zu sein, ihm jedenfalls Anlaß
+sein wird, die Belohnung, die ich ihm bieten könnte, zurückzuweisen, so
+mag er sich mit der, die du etwas vorschnell, nur von deinem Gefühl und
+nicht von Ueberlegung geleitet, ihm zu Theil werden ließest, genügen
+lassen.
+
+Du machst mir Vorwürfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebrochener Stimme
+Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte – ich konnte ja nicht ahnen,
+daß –
+
+Hätte er dir verhehlt, daß Spannung zwischen uns getreten? fragte
+forschend der Graf.
+
+Nein, nicht ganz – er deutete mir an, indem er sich weigerte, mich zu
+begleiten und hier zu weilen, daß du ihm feindlich gesinnt seist, daß
+eine unbedachte Aeußerung seinerseits gegen dich, die auf Ehre nicht
+habe verletzen sollen, dich so sehr gegen ihn aufgebracht habe, daß du
+ihn haßtest, ja verachtest.
+
+Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm.
+Es freut mich, daß er dir ehrlich die Wahrheit sagte, wie er es gewesen,
+der zuerst mich reizte. Wenn er dies fühlte, war es an ihm, zu
+widerrufen, aber was that er, als ich ihm heftig entgegnete? In
+wahnsinniger Wuth fluchte er mir, und mit mir dir, unsern Kindern,
+unserm ganzen Geschlecht. Ewigen Hader, ewige Verwirrung wünschte er auf
+uns herab! In seinen blindwüthenden Fluch wob er, da er doch wissen
+mußte, wie sehr ich dich liebe, Trennung ein zwischen dir und mir – zu
+einer Leibeigenen soll ich herabsteigen, Bastarde, wie er einer ist,
+soll ich mit ihr zeugen, die ganze Verwandtschaft soll mich hassen und
+verabscheuen, und in steigender Verarmung soll ich untergehen.
+
+Das war zu viel für ein zartes, noch von keinem unreinen Gedanken
+beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, stieß
+einen leisen Schrei aus, fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen, in
+dem sie einen Schmerz fühlte, als wenn Dolche darin wühlten. Ihr
+vorhiniges Zittern ging in Zuckungen über, sie fiel in heftige Krämpfe –
+entsetzt sprang der Graf vom Stuhl auf und bog sich über sein schönes
+leidendes Weib. Mit stieren Zügen, die sich verzerrten, stieß Ottoline
+den Gemahl von sich, und er eilte außer sich vor Schmerz und neuerregter
+Wuth zur Klingel, welche die Kammerfrau herbeirief. – Es war sein Werk,
+Alles was vorging und folgte. –
+
+Am andern Morgen, als Graf Ludwig sich erhoben, trat Jacob, des Erbherrn
+Jäger, bei ihm ein und meldete, daß sein Gebieter bedauere, das
+Frühstück nicht mit dem Gast theilen zu können, die Frau Erbherrin sei
+in der Nacht wahrscheinlich in Folge der gestrigen Aufregung und des
+Unfalles, tödtlich erkrankt.
+
+Ludwig’s Herzblut stockte bei dieser Nachricht – er vermochte den
+nichtssagenden Wunsch baldiger Besserung kaum zu stammeln und den
+Auftrag, daß er sich der regierenden Herrschaft empfehlen lasse. Philipp
+wurde sofort mit dem Befehle entsendet, zu satteln.
+
+In Gedanken der schmerzlichsten, schwermuthvollsten Art setzte Ludwig
+seine Reise fort; der Morgen war heute himmlischschön, nebelfrei – ein
+seltener Tag in dieser Küstengegend – aber Ludwig’s Gemüth erfreute sich
+heute nicht am schönen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schlosse
+Kniphausen zurück, dessen hoher Thurm erst dann den Blicken sich entzog,
+als Ostringfelde fast erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz lastete auf
+des Jünglings Herzen. Das Dörfchen und Gut Ostringfelde liegt am Wege
+von Jever nach Varel, und der Weg von Kniphausen über Accum stößt dort
+auf den ersteren. Aus den malerischen Baumgruppen des gutsherrlichen
+Gartens erhob sich weit sichtbar und die Umgegend weit überschauend eine
+alte Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein seltener
+Anblick, denn der burgähnlichen größern Schlösser sind nur wenige im
+Lande, dessen Charakter so gänzlich abweicht von den an alten Burgen von
+malerischer Schönheit reichern Gegenden des mittleren Deutschlands.
+
+Ha! der Marienthurm! – unterbrach in der Nähe dieser Warte Ludwig sein
+bisheriges Schweigen, indem er stillhielt und sich vom Pferde schwang.
+Halte die Isabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zügel seines
+Rosses dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das
+Heimathland überschauen, das ich verlasse. Dieser Ort ist mir lieb und
+wohlbekannt, hier in der Nähe ließ die Großmutter nach Münzen der alten
+Römer suchen, ich war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden.
+
+Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu
+besteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch
+nicht, wie in späterer Zeit, von neuerwachter Pietät mit einem
+Schieferdach gesichert, gestattete dem, welcher Lust hatte, von ihr
+einen Blick auf die Gefilde Ostfrieslands zu werfen, diesen Genuß in
+vollem Maaße.
+
+Auch eine versunkene Herrlichkeit! sprach Ludwig zu sich selbst, indem
+er zunächst hinabblickte in des Thurmes nächste Umgebung: übergrüntes,
+von Schutt und Erde bedecktes Gemäuer in weiter Ausdehnung und
+verwilderte Gärten. Hier stand das bewunderte Schloß der Erbtochter
+Maria, der schönen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Großmutter mir
+erzählte. Und dieser Thurm ist der einzige sichtbare Rest jenes stolzen
+Baues, an dessen Stelle und aus dessen Steinen unten das niedrige
+Herrenhaus, einstockig und einförmig wie alle die Häuser der hiesigen
+Landgüterbesitzer, erbaut wurde, niederländisch reinlich, wohnlich und
+bequem eingerichtet, aber nie darauf berechnet, herrisch in die Ferne zu
+wirken, wie zum Beispiel Schloß Kniphausen.
+
+Dort lag es, dort lag es, stolz und stattlich und von dieser Thurmhöhe
+gut erkennbar, das Schloß, nach welchem Ludwig so ernst, so sinnend, so
+sehnsüchtig und beängstigt zurück blickte, mit aller verzeihlichen
+Schwärmerei eines neunzehnjährigen Jünglings, den zum ersten Male in
+seinem Leben der Wunderstrahl des »ewig Weiblichen« berührt hatte, und
+ihn liebend »hinanzog« in die hohen und reinen Sphären einer idealen
+Welt. Verloren gingen dem jungen Schwärmer die Reize der zwar flachen,
+aber doch an Schönheiten keinesweges armen Gegend, des gesegnetsten
+Landstrichs im heutigen Großherzogthume Oldenburg; die zahlreichen
+Dörfer und Gutsgebäude mit ihren nach niedersächsischer Art einzeln
+stehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehöfts gelegenen,
+strohbedeckten Häusern; das fette, mit grünen Saaten prangende
+Marschland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die sich nur zu
+belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landschaft
+mannigfaltigen hochmalerischen Schmuck zu verleihen. Dort das Städtchen
+Jever, die Flecken Accum und Neustadt, dort das kleine Flüßchen,
+welches sich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwärts als Made,
+auf längerem Wege beim Rustringer oder Knipenser Siel, theils auf
+kürzerem ohne weitere Benennung beim Marien-Siel in den Jahdebusen zu
+rinnen. Ludwig konnte genau die verhängnißvolle Stelle an der Made
+erkennen, einige alte Weiden machten sie ihm kennbar, wo ihm am
+gestrigen Nachmittag so unerwartetes und unverhofftes Glück begegnet
+war. Ein Glück, welches nur ein Traum war – ach ein kurzer, schöner und
+schmerzlicher Traum.
+
+Lebhaft traten an diesem Orte, auf dieser Thurmzinne, Bilder der
+Vergangenheit vor die Seele des Jünglings: der Großmutter ehrwürdige
+Gestalt hatte in stillen Stunden in ihrem Arbeitszimmer, wenn er bei ihr
+saß und für sie thätig war, ihm diese Vergangenheit entrollt in
+überreicher Fülle, und doch barg sich noch so manches Geheimniß unter
+den Farbentönen; manche dieser Bilder waren blos oberflächlich übermalt
+mit dem trockenen Tone der alltäglichen Geschichte, wie die Lehrbücher
+sie enthalten; das reiche farbenglühende Gemälde darunter konnte ja dem
+Knaben noch nicht aufgedeckt werden. So war es der Fall mit diesem
+einstigen Schlosse, mit diesem Thurme. Der letzte Abkömmling in
+weiblicher Linie von Theodorich dem Glücklichen, Grafen zu Oldenburg,
+jene Maria, hatte als Erbtheil die reiche Herrschaft Jever besessen. Sie
+erreichte ein hohes Alter, ohne sich zu vermählen, und erbaute an dieser
+Stelle das herrliche Schloß, nachdem sie im Jahre 1532 von Kaiser Carl
+V. als Herzog von Brabant und Burgund die Herrschaft in Lehn genommen.
+Eigen und wunderbar war ihr Walten; sie war eine Mutter des Landes und
+allgeliebt, und noch heute lebt ihr Wirken und ihr Name im Lande dankbar
+gesegnet fort und der Marienthurm selbst wird noch in hohen Ehren
+gehalten; der von ihr angelegte Siel führt noch ihren Namen.
+
+Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr
+Erbe, aber starr, wie die alte Reichsgräfin, gab es Maria dem, dem sie
+die Fülle ihrer gnadenreichen Gunst zugelenkt, Johann dem Sechzehnten,
+Grafen zu Oldenburg, indem sie ihm ausschließlich die Herrschaft
+vererbte.
+
+Vergleiche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen dem über die
+Vergangenheit sinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte Ahnherrin
+und noch mit dem Wunsche das Auge geschlossen, es möge ihr
+Residenzschloß erhalten bleiben – die örtliche Sage kündete, daß in
+dessen Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die
+Herrschaft Jever und die Herrlichkeiten Varel und Kniphausen zusammen
+werth seien – und der Erbherr die Herrschaft angetreten, so war auch
+Zwist und Hader erwacht, und das Schloß sammt der Herrschaft wurde zum
+Erisapfel. Siegreich gewann Graf Johann den von seinen um die
+Miterbschaft ringenden Verwandten vor dem brabanter Lehnhof anhängig
+gemachten Rechtsstreit; aber sein Sohn Anton Günther trat unkluger Weise
+das schöne, vom Vater ihm überkommene Erbtheil an den Fürsten von
+Anhalt-Zerbst, den Sohn seiner Schwester Magdalene, ab, und von diesem
+1793 aussterbenden Hause fiel die Herrschaft Jever als Kunkellehen an
+Auguste Friederike, die einzige überlebende Prinzessin des Hauses
+Anhalt-Zerbst, welche als Kaiserin Katharina II. auf Rußlands Throne
+saß. Dadurch setzte Rußland seinen Fuß zuerst als reichsfürstlicher
+Gebieter auf deutschen Boden. So wunderbar fügen und verschlingen sich
+die Geschicke mancher Orte und Länder. Der Sprößling des Hauses
+Oldenburg und Delmenhorst, Graf Ludwig, stand jetzt im ehemaligen Lande
+seiner Väter und Ahnen auf einer russischen Warte. Die weitentfernten
+Besitzer hatten das Schloß nicht erhalten können, nicht erhalten wollen,
+so war es verfallen, und fast nur die Sage erzählte noch seine
+Geschichte, und flüsterte geheimnißvolle Mären von der schönen
+Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht minder schönen
+Maria, Erbtochter von Burgund, gewesen war, von verschwiegener Liebe und
+von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von Dingen und Thaten, mit denen
+sich viele Bücher füllen ließen.
+
+Noch einen innigsehnsuchtvollen Scheideblick hinüber zum Schlosse
+Kniphausen mit liebevollem, zärtlichem Bangen, und dann ein Losreißen
+von dieser einsamen, erinnerungsreichen Stelle – ein zweiter, stummer
+tief empfundener Abschied.
+
+
+
+
+6. Ein Geheimniß.
+
+
+In Frankreich stand die Revolution mit allen ihren Schrecknissen und
+blutigen Gräueln in voller schauderhafter Blüthe. Der Erbadel war
+abgeschafft, seine Angehörigen waren gouillotinirt oder entwichen, der
+König und seine Familie war hingerichtet, allen Fürsten Europa’s war der
+Krieg erklärt, und für alle Länder die Beglückung durch Aufruhr, Mord
+und Brand ausgerufen und angesagt. Die Girondisten waren der
+fanatisirten Volksmasse, die aus lauter Henkern bestand, zum Opfer
+gefallen, und Frankreich wüthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind,
+auch der allergrausamste nicht, gegen dasselbe zu wüthen vermocht hätte.
+Die Unvernunft versuchte, Gott und den Glauben abzuschaffen, und hob die
+Vernunft in Gestalt einer nackten Metze auf die entweihten Altäre, bis
+es der Willkür des Blutmenschen Robespierre gelang, durch den Convent
+anbefehlen zu lassen, daß es eine Gottheit gebe und eine Unsterblichkeit
+der Menschenseele. Auch dieses Ungeheuer traf später die rächende Hand
+aus der Höhe, aber die Unthaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte
+neue, wie aus dem heißen Schlamm immer neues ekles Gewürm kriecht, und
+verderbliche Miasmen ausdampfen.
+
+In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geschlossene Friede von
+Versailles zwischen England und Frankreich die letzte Epoche gewesen,
+welche eine kurze Zeit den Janustempel geschlossen hielt. Frankreichs
+Tollheit wirkte ansteckend nach allen Seiten hin und zudem hatte unterm
+1. Februar 1793 der französische Nationalconvent auch an den
+Erbstatthalter von Holland, wie an England, den Krieg erklärt, und die
+Wogen der Nordarmee wälzten sich über die Gefilde von Geldern und
+Flandern, während in der Vendée ein seinem Königshause noch immer treues
+Volk sich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf stürzte, und Schaaren
+der gegen die Vendée geführten Carmagnolen vernichtete. In solchen
+Zeiten ist nicht gut reisen, und schwerlich würde Graf Ludwig mit seinem
+treuen Diener Philipp Scarre, so war dessen Vatername, ohne manchen
+lästigen Aufenthalt oder persönliche Gefahr das nächste Ziel seiner
+Reise, Amsterdam erreicht haben, wenn er nicht so einsichtsvoll gewesen
+wäre, den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsrast
+in Jever verfolgte der junge Reisende seine Richtung gerade nordwärts
+auch ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der
+Nordseeküste, das Wangerland.
+
+Da lag es, das unermeßliche Meer, mit seiner langgestreckten Inselkette,
+und hell, wie ein Silberstreif im Sonnenscheine, zeigte sich in der
+Ferne die Insel Wangerooge dem Blick. Im Friedrichs-Siel wurde indeß
+kein Schiff angetroffen, welches groß genug gewesen wäre, die Pferde
+aufzunehmen, und von seiner treuen Isabella, deren Trefflichkeit ja erst
+am gestrigen Tage sich ihm so herrlich bewiesen hatte, hätte sich der
+junge Graf jetzt um keinen Preis trennen mögen – ungern genug hatte er
+schon auf die Begleitung des Hundes verzichtet, da er sich selbst sagen
+mußte, daß er auf einer so wechselnden Reise denselben bald genug
+einbüßen werde. Es war daher der Hund einstweilen oder für immer dem
+Kammerdiener Weisbrod zu guter Obhut übergeben worden. Die Reiter
+setzten ihren Ritt längs der Küste Ostfrieslands noch eine kleine
+Strecke westwärts fort, und hatten bald die Freude, in der
+Karolinen-Rhede mehrere segelfertige Schiffe zu erblicken, und nach
+kurzer Unterhandlung mit dem Kapitän eines derselben, das nach der
+Zuydersee steuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitän war in Stand gesetzt,
+schon nach Verlauf weniger Stunden die Anker heben zu können; der
+frische Ost, der den ganzen Tag wehte, verhieß gute Fahrt nach Westen,
+und da das Schiff seinen Curs nicht durch die unsichern Watten zwischen
+der ostfriesischen Küste und den Inseln des Wangerlandes nahm, sondern
+zwischen Wangerooge und Spikerooge in die Harle fuhr, so gewann es mit
+der günstig eingetretenen zurückrollenden Fluth bald das offene Meer,
+und fuhr auf sicherer, von Sandbänken unbedrohter Bahn Angesichts der
+Inselkette, an Oster- und Wester-Langeroog und Baltrum vorüber, nach
+Norderney und Juist zu, während die Nacht sich allmälig und spät
+dämmernd niedersenkte und der Mond seine zauberische Strahlenfülle auf
+die unermeßliche Nordsee niedergoß.
+
+Die erste Erscheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerksamkeit des
+jungen Reisenden, wie seines Dieners in hohem Grade auf sich lenkte, war
+ein anderer Reisender, welcher mit dem Kapitän sehr gut bekannt, sogar
+vertraut schien, äußerst gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen
+eine auffallende Aehnlichkeit hatte, nur daß der Erstere etwas älter
+aussah und auch wirklich war, sonst hätte man beide für Zwillingsbrüder
+halten können, und wie diese Aehnlichkeit Ludwig und seinem Diener
+auffiel, so schien sie auch dem andern Theil aufzufallen. Der Kapitän
+hatte um so mehr für schicklich gehalten, die Reisenden einander
+vorzustellen; er konnte dies, denn er hatte den Namen des Jüngeren
+derselben in dessen Paß gelesen; da aber zufällig der Kanzlist, welcher
+diesen Namen mit großem Fleiße geschnörkelt, das /r/ im Namen /Varel/
+nicht /r/, sondern /ı/ geschrieben hatte, so war es nicht zu verwundern,
+daß der Kapitän statt Graf Varel – Graf /Vavel/ las, und unter diesem
+veränderten Namen ihn seinem Reisenden vorstellte. Ludwig vernahm den
+Irrthum, fand sich aber nicht veranlaßt, denselben zu berichtigen, um so
+mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit ließ, sondern alsbald den Namen
+des Reisenden nannte: Herr Leonardus Cornelius van der Valck, Sohn von
+Herrn Adrianus van der Valck, berühmten Kauf- und Handelsherrn zu
+Amsterdam.
+
+Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das Wort:
+Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, und wie ich hoffe, einen
+Reisegefährten in Ihre Vaterstadt zu finden, und dies doppelt, da ich
+den Namen Ihres Hauses bereits rühmlich nennen hörte, ja ich glaube
+nicht zu irren, daß ich unter andern an dasselbe sogar empfohlen und
+gewiesen bin, und dessen guten Rath in einigen geschäftlichen
+Angelegenheiten mir zu erbitten haben werde.
+
+Der Fremde entgegnete mit einer entsprechenden Offenheit: Mein Herr
+Graf, ich, wie mein väterliches Haus sind ganz zu Ihren Diensten, und
+mich besonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rückkehr Sie selbst
+bei uns einführen darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in
+Amsterdam waren, so wird es Ihnen immer von Nutzen sein, in dieser
+großen und jetzt noch dazu sehr aufgeregten Stadt einen kundigen Führer
+zu haben.
+
+Gewiß, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar für jeden
+Dienst sein, den Sie mir erweisen zu wollen so gütig sind.
+
+Der Kapitän endete die anfangs unvermeidliche steife Förmlichkeit der
+ersten Unterredung durch den Vorschlag, den zwar etwas kühlen, aber
+prächtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punsch zu verplaudern,
+welcher die Zustimmung aller Theile erhielt, und ein gegenseitiges
+näheres Bekanntwerden in freundliche Aussicht stellte. Ein gut
+angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Mast
+aufgehangene Laternen streuten freundliche Helle auf die Gruppe der
+neuen Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Gespräch in Gang. Auch
+die Diener wurden nicht vergessen, jedem ward sein reichlicher Theil von
+dem heißen, anregenden Tranke, doch hielten sie sich in angemessener
+Entfernung und plauderten unter sich nicht minder vergnügt wie die
+Gebieter, und sorgten dafür, daß die kurzen weißen niederländischen
+Thonpfeifen nicht ausgingen.
+
+Der Kapitän war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren, und hieß
+Richard Fluit; er war aus dem Haag gebürtig; das Schiff, welches er
+führte, hieß »de vergulde Rose« und war Eigenthum des Handelshauses van
+der Valck. Das Gespräch lenkte sich bald genug den Tagesfragen zu, und
+Fluit und Leonhard waren sehr gespannt auf Nachrichten vom dermaligen
+Stande der Dinge in Amsterdam, da sie in Hamburg, welches vor einigen
+Tagen verlassen worden war, nichts Bestimmtes hatten erfahren können.
+Man hatte nur davon gesprochen, daß Pichegru sich mit seinem Heere gegen
+die Schelde zu bewegen Anstalten treffe, und Jourdan nach der Sambre
+aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der sogenannten Patrioten
+gegen die Partei des Erbstatthalters dauere im Haag wie in Amsterdam
+fort, ohne daß man von wichtigen oder entscheidenden Vorfällen vernommen
+habe. Bei alledem, nahm der Kapitän das Wort: macht das kriegerische
+Wesen uns Kauffahrern, die wir es allesammt zum Henker wünschen,
+tausendfache Plackerei, nächstdem, daß es die Handelschaft hemmt und den
+Verkehr untergräbt. Sonst stand unser einem frei, an Bord zu nehmen, wen
+man wollte, und Güter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein
+schwerer körperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen,
+und muß jeder Kapitän noch ein besonderes Certificat bei sich führen,
+daß er diesen Eid geleistet. Darum muß ich jetzt Namen, Rang und Stand,
+wie Bestimmungsort meiner Schiffsreisenden besonders aufzeichnen und
+dieselben vorlegen, sobald sie verlangt werden. Ich muß sogar den Sohn
+meines ehrenwerthen Prinzipals ebenso, wie Sie, Herr Graf, ersuchen,
+nächstdem, daß ich Ihren Paß bereits gelesen, Ihren werthen Namen
+eigenhändig in dieses mein Passagierbuch einzutragen, Sie haben aber
+dafür den Vortheil, dann zu Amsterdam von aller sonst ebenso häufigen
+als lästigen Paßportplackerei befreit zu bleiben.
+
+Meine Unterschrift steht zu Befehl, Herr Kapitän, antwortete Graf
+Ludwig: doch wünschte ich Näheres über diese Verpflichtung zu erfahren.
+
+Der Kapitän öffnete seine Schreibtafel, zog einen untersiegelten
+Stempelbogen hervor und las: »Ich Richard Fluit, gelobe und schwöre zu
+Gott, dem Allmächtigen, daß ich auf das unter meinem Befehl segelnde
+Kauffahrteischiff, »de vergulde Rose« genannt, Eigenthümer Mynheer
+Adrianus van der Valck, Kauf- und Handelsherr zu Amsterdam, welches von
+Amsterdam nach Hamburg bestimmt ist, weder für meine eigene Rechnung,
+noch für oder von Jemanden, er sei auch wer er wolle, einige mir
+unbekannte Handelsgüter, viel weniger das Mindeste von Contrebanden,
+noch Militär-Personen im Kriege befangener Puissancen[3], es sei in oder
+außer dem Hafen, noch unterwegs, oder sonst irgendwo auf meiner
+angedeuteten Reise einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen, daß
+ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifest
+benannt ist, und ebenso darauf sehen will, daß dergleichen von meinem
+Schiffsvolke nicht geschehe. Ich will auch auf meiner Reise kein nicht
+gehörig unterschriebenes Cognossement, oder das nicht gehörig an Ordre
+gestellt, oder worin die Waaren nicht richtig ausgedrückt sind, am
+wenigsten aber Passagiere und Güter ohne richtigen Ausweis an Bord
+nehmen, überhaupt aber meine Papiere und Documente in gebührender
+Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.«
+
+ [Fußnote 3: Mächte.]
+
+Da müssen wir uns freilich kundgeben, daß wir nicht Contrebande oder gar
+militärische Ausreißer und Spione sind, lachte Leonardus, tunkte die
+Feder ein und bot sie höflich dem jüngeren vornehmeren Reisegefährten
+dar.
+
+Als beide Herren die vorgeschriebene Form erfüllt hatten, betrachtete
+der Kapitän sinnend und vergleichend die Handschrift beider, und brach
+dann in den Ausruf aus: Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nicht nur daß sich
+die Herren einander so ähnlich sind, als ob sie Brüder wären, auch Ihre
+Handschriften gleichen sich in einer auffallenden Weise. Da sehen Sie
+beide selbst.
+
+Es war in der That so, wie Fluit gesagt; der junge Graf schrieb eine
+leichte fließende und dabei doch sichere Hand, und der junge Kaufmann
+keine kaufmännische, sondern eine, deren Ductus bis auf den flüchtigen
+charakteristischen Schnörkel am Schlußbuchstaben des Namens der des
+Grafen völlig gleich kam, so daß beide Namenaussteller selbst darüber
+verwundert waren. – Wer weiß, was das bedeutet! nahm Leonardus das Wort:
+vielleicht sollen wir näher mit einander bekannt werden, vielleicht
+zuletzt gar mit einander verwechselt! – Ha, da könnte Ihnen leicht etwas
+Schlimmes begegnen! warf der Kapitän im Tone leicht spottenden Scherzes
+hin, gegen den Sprechenden gewendet. Leonardus lächelte und erröthete:
+Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gäbe dann freilich keine
+Freundschaft!
+
+Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem die
+entdeckte Aehnlichkeit eigene, fast beunruhigende Gedanken erregte: oder
+ist es unbescheiden, diese Frage zu thun, bei der sich doch mein Gesicht
+betheiligt sieht?
+
+Warum nicht, Sie dürfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus:
+und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Fast scheint es mir nicht
+anders möglich, als daß wir Freunde werden müssen, und ich glaube nicht
+die mindeste Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimniß enthülle,
+Sie werden dadurch gleichsam mein Verbündeter (es ist nichts
+Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und können als solcher mir vielleicht
+nützlich werden.
+
+Also ein Geheimniß? fragte der junge Graf gespannt und voll Antheils. –
+Dessen Schlüssel auch mir schon längst versprochen wurde! fügte Fluit
+hinzu.
+
+In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, so gebe ich Ihnen
+einen Beweis des unumschränkten Vertrauens, das Ihr ganzes offenes Wesen
+mir einflößt, sprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch ich
+bin offen, entgegen dem Nationalcharakter meiner Landsleute, aber ich
+habe viele Reisen gemacht, und habe erfahren, daß Offenheit und
+Unbefangenheit weiter bringen als Verschlossenheit und heimliches Wesen.
+Vertrauen erweckt Vertrauen, und meist ist es der Jugend schönes
+Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift sich wohl,
+mißtrauisch und sorgsam machen, und gerne stützt es und vertheidigt es
+seine Ansichten mit seinen Erfahrungen; diese Erfahrungen muß aber eben,
+meine ich, jedes Leben erst machen, damit es im Alter sich auf sie
+stützen und von ihnen reden könne.
+
+Es ist so, wie Sie sagen, Herr Leonardus! bestätigte der Schiffskapitän.
+Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht sagen, daß er gelebt
+habe; und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann
+Manches lernen, was er thun und was er meiden soll. Wir wollen erst
+unsere Kumme und unsere Gläser frisch füllen, und dann mag die Erzählung
+beginnen. – Das Schiff segelte mit frischem Winde durch das nur wenig
+und dazu gleichmäßig bewegte Meer und durch die kühle, wunderbare,
+sternenklare Nacht. Zur Rechten verlor sich der Blick in die
+Unermeßlichkeit, und man sah nicht, wo Himmel und Meer einander küßten,
+denn der Himmel warf die Abbilder seiner Sterne wie glühende Küsse in
+die Wogentiefe, und die goldenen Funken schienen sich freudehüpfend auf
+den silberkräuselnden Wellen zu schaukeln, die zugleich des Mondes Bild
+millionenfach gebrochen zurückblitzten. Zur Linken entragten die
+Inselflächen noch in Sicht des Schiffes, silberweiß stach ihr vom Mond
+scharf beleuchteter Dünensand von der dunkeln Nordseefluth ab, doch die
+Orte und Gehöfte darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inseln schienen
+wie silberne, riesige Nelumbiumblätter auf die Oberfläche gehoben, um im
+Mondstrahl träumend auf das Erscheinen der königlichen Blüthe zu harren.
+Nur wenig leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten desselben
+findet nur unter wärmeren Himmelsstrichen Statt, und der Ostwind ist
+demselben nicht günstig; dennoch schoß das Kielwasser von Zeit zu Zeit
+einen schnell verschwindenden Blitz von phosphorischem Schimmer, aber
+die hoch empor gespritzten Wasserstrahlen starker Tummler, die das
+Schiff auf weite Strecken und in großer Anzahl begleiteten, glichen im
+verklärenden Mondenglanze den tausend Springbrunnen eines
+morgenländischen Märchens.
+
+Mein Leben, begann jetzt bei frischgefülltem dampfenden Punschnapf
+Leonardus seine Erzählung: hat mich von früher Jugend an vielfach zu
+Wasser und zu Lande umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen
+leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmannschaft mit angeborener
+Vorliebe, um so mehr, da sie mir jede Annehmlichkeit des Lebens, und
+durch meines Vaters günstige Verhältnisse eine glückliche und
+sorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfischfahrern in
+Island gewesen, und habe die eisumstarrten Küsten Grönlands und
+Spitzbergens gesehen; ich war in Stockholm und in Sanct Petersburg, und
+ebenso in London, Paris, Madrid und Lissabon; bald hatte ich in
+Geschäftsaufträgen unsers Hauses dieses, bald jenes unserer Schiffe zu
+begleiten, denn mein Vater wollte, ich solle recht viel erfahren, alle
+Handelsgeschäfte wie alle Waaren der verschiedenen handeltreibenden
+Nationen an ihren Stapelplätzen kennen lernen, und ich habe diesen
+Wunsch erfüllt, so weit es mir möglich war; ich bin auch in
+Konstantinopel und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis gewesen. Mein
+Vater gibt mir selbst das Zeugniß, daß ich ein tüchtiger Kaufmann
+geworden sei. Ganz anders aber und ungleich mißlicher steht es um die
+Erfüllung eines zweiten Wunsches oder sogar Befehles meines verehrten
+Herrn Vaters. Derselbe sagte zu mir: Versprich mir, mein Sohn, über dein
+Herz zu wachen, keine Verbindung anzuknüpfen, die meine Pläne mit dir
+kreuzt, sonst betrübst du mich und gräbst dir die Grube deines Unglücks.
+Denn wisse, mein guter Sohn, daß ich für dich bereits gewählt habe, und
+zwar ein sehr liebes Kind, jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber
+zur lieblichen Jungfrau heranblühen wird. Es ist die Tochter meines
+besten Freundes, du kennst ihn, kennst sie, sie ist die einzige Erbin,
+und deine Verbindung mit ihr wird der glücklichste der Tage sein, welche
+ich noch zu erleben hoffe.
+
+So sprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre stehend,
+kannte ja nicht die Zaubermacht der Liebe, und leistete unbedacht und
+unbedenklich das schwere Versprechen. Meine Braut zählte damals erst
+zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zählt
+sie zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf
+den die Welt durchschwimmenden Verlobten, und dieser – –
+
+Herr Gott! fuhr der Kapitän auf, Herr Leonardus! Und das Alles sagen
+Sie mir jetzt erst! Ach, das bringt mich um Ehre und Credit, schleudert
+mich vom sichern Steuerbord in die wogenden Wellen!
+
+Bleiben Sie ruhig, Kapitän! bat Leonardus. Sie mußten es endlich doch
+erfahren, daß Sie trotz Ihres beschworenen Eides und bester Ordnung
+Ihrer Papiere und Documente, dennoch eine sehr werthvolle Contrebande am
+Bord haben. Es ist eben die höchste Zeit, mich Ihnen, mein redlicher
+Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Katastrophe, und bedarf
+treuer, schützender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der
+Heimath, dort harrt meiner die schöne, reiche Braut; unter allerlei
+Vorwänden entzog ich mich bisher der Heimkehr, ich kann es nicht länger
+thun, und Gott weiß, was nun werden soll! – Der Ton des Sprechenden, der
+erst so heiter erschienen war, wurde gegen das Ende seiner Rede
+kummervoll und beklommen, er senkte den Blick, starrte in sein Glas ohne
+zu trinken, und ein schwerer Seufzer entrang sich seinem Busen.
+
+Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitän. Ich
+bin gerade so klug gewesen, wie einer dieser Tummler, die da mit uns
+schwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden gewesen, und werde
+bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke einfällt, statt auf der
+Nordsee zu segeln, im schwarzen Meere der Tinte des Hauses van der Valck
+sitzen und in der Ungnade von Mynheer Adrianus.
+
+Ihre gegenseitigen Worte machen mich sehr gespannt darauf, Weiteres zu
+vernehmen, gab Ludwig in das Gespräch. Trinken wir einmal, Herr
+Reisegefährte! Sollte es mir vergönnt sein, Ihnen einen Dienst zu
+leisten, so rechnen Sie ganz auf mich; ich bin völlig unabhängig, Herr
+meiner Zeit, und wenn die Wechsel gut sind, auf die ich angewiesen bin,
+auch in diesem Punkt so gestellt, daß ich fremder Stützen nicht bedarf.
+
+Ich danke Ihnen tausendmal, mein junger edler Freund, für Ihren guten
+Willen! rief Leonardus mit Wärme, und drückte Ludwigs Hand. Vielleicht
+führte Sie zu meinem Glück der gütige Himmel uns zu. Hören Sie nun
+beiderseits weiter, was ich erlebte. – Eine Landreise führte mich im
+vorigen Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in dessen
+Hauptstadt le Mans; es war kein Vergnügen in Frankreich zu reisen, und
+ist es auch heute noch nicht, aber es galt, unserem Hause sicher
+angelegte Kapitalien zu retten, und dieselben nicht in Form der
+nichtsnutzen und völlig werthlosen Assignaten ausgezahlt zu erhalten.
+Ich vollbrachte mein Geschäft mit leidlich glücklichem Erfolg, weil die
+Vendée den Unsinn der Revolutionsgewalthaber nicht anerkannte, hatte
+aber Mühe genug, nicht für einen verkappten Franzosen gehalten und
+gezwungen zu werden, in Gemeinschaft mit den tapferen Vendéern, die sich
+wie ein Mann gegen die Republik und ihre Menschenschlächter erhoben
+hatten, die Waffen zu ergreifen. Es war im Monat September, und nach den
+glorreichsten Siegen warf ein grausames Geschick dennoch das Todesloos
+über das unglückliche Land und seine ihrem König und ihrem Glauben
+treuanhängliche Bevölkerung. Zwar erkämpften Elbée und Prinz Talmont
+noch einige dieser Siege, aber von Mainz rückte bald darauf die
+Garnison, welcher die Capitulation dieser Stadt eine anderweite
+Wirksamkeit versagte, sechzehntausend Mann stark aus und marschirte
+gegen die Vendée, und bald standen mehrere Heere vereinigt, die eine
+Armee von sechzigtausend Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch
+durch die Nationalgarde aller Provinzen, durch die das Heer zog,
+vermehrt werden sollte. Es erfolgten, wie bekannt ist, die
+allerblutigsten Gräuel; die Vendée sollte ausgefegt werden, kein Alter,
+kein Geschlecht verschont bleiben, und also geschah es. Doch ich will ja
+nicht die Gräuel dieser scheuslichen Kämpfe schildern, sondern ein
+unverhofftes Glück, das mir der Himmel auf eine wunderbare Weise in den
+Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht nach der anderen nach le
+Mans, der tapfere Prinz Talmont und sein Kampfgenosse d’Autichamps waren
+bei einem Angriff auf Doué, an der Spitze von fünfundzwanzigtausend
+Mann, geschlagen worden; ebenso vor Thuars General Lescure mit
+zehntausend, und das Schrecklichste stand bevor. Mit dem Gedanken an die
+Beschleunigung meiner Abreise beschäftigt und überlegend, wie ich diese
+am geeignetsten einrichten wollte und auf welchen Wegen ich am
+schnellsten und gefahrlosesten die nördliche Küste gewinnen könne, gehe
+ich eines Abends gegen die Zeit der Dämmerung auf dem reizenden
+Spaziergang, der den Namen le Greffier führt, auf und ab, als ich einige
+laute Worte, hervorgestoßen von einer rauhen Mannesstimme, vernehme, und
+dazwischen Schluchzen und Stöhnen eines leidenden Weibes.
+
+Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim
+Nähertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich siehst du nie
+wieder! Gehe hin zu deinem süßen girrenden Correspondenten, mit dem du
+nun schon einige Jahre zärtliche Briefe wechselst, wir beide sind
+getrennt auf ewig, ich scheide mich von dir – ich fluche dir!
+
+Trafen schon diese Worte erschreckend mein Ohr, so erbebte noch mehr
+mein Herz, als ich die gemißhandelte Frau ausrufen hörte: Um Gottes, um
+des Kindes Willen, Berthelmy, hab’ Erbarmen!
+
+Wessen Kindes, treulose Schlange? schrie der Mann. Fort, fort, ehe ich
+mich vergesse, ehe ich dich tödte!
+
+Raschen Schrittes enteilte er, und das arme Weib sank wimmernd in die
+Kniee.
+
+Mich bannte starrer Schreck an diesen Ort – dieser Name Berthelmy –
+diese Stimme – außer mir stürzte ich auf die Unglückliche zu und rief:
+Bist du es, Angés, geliebte Angés! O komme zu dir, fasse dich, der Gott
+der Liebe sendet dir einen Retter!
+
+Wie, Sie kannten diese Frau? riefen Ludwig und Fluit staunend wie aus
+einem Munde.
+
+Ja, verehrte Herren, ich kannte sie, ich liebte sie, ich hatte sie
+verloren, und fand sie hier wieder, wo ich sie nimmer gesucht hätte. Ich
+muß, um Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein früheres Ereigniß
+einschalten. Es war im Jahre siebzehnhundertachtundachtzig – ich zählte
+damals dreiundzwanzig Jahre, als eine Reise mich nach Deutschland
+führte, wo ich am Niederrhein, in Bonn, Köln, Düsseldorf und deren
+Nachbarstädten kaufmännische Verbindungen anknüpfte; von da reiste ich
+in die Pfalz. In Zweibrücken führte mich der Zufall zu einer reichen
+Kaufmannsfamilie, Namens Daniels, in der ich neben einigen Brüdern ein
+junges Mädchen kennen lernte, zu welcher sich beim ersten Erblicken mein
+ganzes Herz hinwandte. Sie stand in der ersten Jugendblüthe, und wurde
+nicht mit einem deutschen, sondern mit einem französischen Namen
+gerufen, getreu der in Deutschland so häufig in vornehmen Häusern
+heimischen Unsitte, die Muttersprache zu verachten und der
+fremdländischen zu huldigen. Ich liebte das Mädchen heiß und innig, sie
+wurde das Ideal meiner Jünglingsschwärmerei, ich brach meinem Vater das
+gegebene Wort, doch nicht in solchem Grade, daß ich ein bindendes
+Versprechen gegeben hätte. Dazu kam es nicht, aber es entspann sich ein
+außerordentlich zartes, schönes Verhältniß, der Juwel im Kranze meiner
+Erinnerungen. Angé’s Eltern und ihre Brüder würden es gar zu gern
+gesehen haben, wenn ich ohne weiteres mich Angés gleich verlobt hätte,
+denn einmal gefiel ich ihnen, wie ich mir schmeicheln durfte,
+persönlich, und dann mochte ihr kaufmännischer Sinn wohl berechnen, daß
+der Sohn des Hauses van der Valck in Amsterdam keine ungeeignete
+Verbindung mit ihrem Hause in Aussicht stelle. Um nicht mißdeutet zu
+werden und das junge Glück unserer seligen Liebe nicht selbst zu
+zerstören, vertraute ich dem älteren Bruder des geliebten Mädchens an,
+daß ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht über meine Hand verfügen
+könne, wenn auch mein Herz noch so sehr dazu drängte; daß aber Geduld
+und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begründen würden. Ich genoß mein
+Glück und blieb so lange wie möglich in dem schönen Zweibrücken, und als
+ich endlich scheiden mußte, wurde fleißiger Briefwechsel zwischen Angés
+und mir verabredet, und die Aufschriften und Bestimmungsorte der Briefe
+festgestellt.
+
+Froh und zugleich schmerzhaft bewegt schied ich von der Geliebten, und
+wir schrieben einander zuweilen, freilich nur in großen Zwischenräumen –
+weite Reisen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der
+Heimath entführten, oft in weit entlegene Länder, beeinträchtigten sehr
+den Briefwechsel mit dem sehnsüchtig auf meine Wiederkehr harrenden
+geliebten Mädchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn
+in meinem Verhältniß daheim änderte sich nichts. Wohl aber änderte sich
+viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb für treulos – ein
+Franzose, Kaufmann wie ich, kam in ihr älterliches Haus, sah Angés und
+verliebte sich in sie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben
+gemacht hatte, als eine junge von ihrem Geliebten verlassene Mutter mit
+der Pflege eines zarten Kindes, eines Mädchens, beschäftigt fand.
+
+Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jungfräuliches
+Erröthen auf die Wangen des Jünglings.
+
+Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernstem
+Blick, der jeden unlautern Verdacht zurückwies: eines Kindes, das ihr
+viele Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer
+macht.
+
+Etienne Berthelmy, so hieß jener Franzose, ließ sich durch das Kind
+nicht abhalten, Angés um ihre Hand zu bedrängen, wies gesicherte
+Verhältnisse nach, bestürmte Eltern und Brüder um deren Zustimmung, und
+Angés, die mich aufgeben zu müssen glaubte, gab endlich halb
+widerstrebend und unter der Bedingung nach, daß sie durch keine andere
+Macht, als durch den Tod, von dem Kinde getrennt werden dürfe, weil es
+das ihr anvertraute Pfand einer hohen geheimen Liebe sei.
+
+Von einer Reise zurückkehrend, fand ich einen Brief von Angés vor, der
+aus Paris geschrieben war; es war ein schmerzlicher Abschiedsbrief,
+durch den eine leise Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb
+erzwungenen Schrittes und eine unvergängliche Liebe hindurchblickte. Ein
+Mann, der weniger innig und treu geliebt hätte, wie ich, hätte diese
+Wendung vielleicht nicht ungern gesehen – mich machte sie äußerst
+bestürzt und ich weinte meinem verlorenen Glücke bittere Thränen nach.
+Je mehr ich Angé’s Brief wiederholt las, desto mehr las ich zwischen den
+Zeilen den Wunsch des geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben,
+ihr nicht zu zürnen, und ich schwur Ersteres ihr und mir in Gedanken zu.
+Ich schrieb unter der angegebenen Aufschrift wieder an sie, und erhielt
+auch bald darauf wieder Antwort, und zwar aus Mons. Sie schilderte mir
+ihr Leben, erwähnte auch des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern
+ihres Mannes, ihres Wohlstandes und ihres im Ganzen glücklichen
+Verhältnisses; der Brief überhaupt aber athmete so viele Wärme und so
+zärtliche Gefühle für den ersten Jugendfreund, wie sie mich nannte, daß
+mein Herz immer aufs neue befangen ward, und daß ich eine starke
+Sehnsucht empfand, Angés wiederzusehen. War dieses Verlangen vielleicht
+sträflich, nun so fand es auch seine volle Strafe. Ich antwortete
+sogleich, sprach mich im angedeuteten Sinne aus, erwiederte die
+Offenbarung der alten nie rostenden und ersterbenden Neigung, und fragte
+an, ob es möglich sein werde, sie wieder zu sehen, ohne ihr
+Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine Antwort auf diesen Brief,
+bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem ersichtlich war, daß
+Angés meine Antwort nicht erhalten hatte, denn sie klagte, daß ich sie
+ganz vergessen zu wollen scheine, und führte an, daß es sie tief
+schmerze, sich von mir verachtet zu sehen.
+
+Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, daß mein Brief
+verloren gegangen sein solle, denn die politischen Bewegungen in
+Frankreich hatten schon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches
+Wirrniß zu erregen, und so sagte ich mir: was sollst du lange schreiben,
+wie nahe ist nicht Mons? Ich nahm ein Geschäft zum Vorwand und reiste
+nach dieser Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem
+Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrücken, auf der Mairie, auf
+den Paßbureaus, auf der Post, nirgend eine Spur. Nie sei jemand dieses
+Namens hier gewesen, wohl aber, so hörte ich auf der Post, ein Brief,
+der noch unter dem Gitter als unbestellbar ausgelegt sei, an eine Person
+dieses Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht
+erholen, wußte nicht, was ich denken sollte, reiste höchst unzufrieden
+zurück, und schrieb nun Alles, was ich Angés hatte sagen wollen, in
+einem Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur
+Weiterbeförderung nach Zweibrücken sandte. Gleich darauf entfernte mich
+abermals eine lange Reise vom Hause, und auch bei der Rückkehr fand ich
+keine Antwort vor; wahrscheinlich, so redete ich mir ein, hatte die
+Einsicht der Eltern für besser gehalten, meinen Brief, als zu nichts
+Gutem führend, unbestellt zu lassen. Ich betrauerte sie als verloren,
+konnte sie aber nimmer vergessen.
+
+Da führte mich das Geschick zu einer Reise nach Paris, und von da in die
+Vendée nach le Mans; da sah ich durch des Zufalls unerforschliches
+Walten die Geliebte in einem der schmerzlichsten Augenblicke ihres
+Lebens so unverhofft und plötzlich wieder, und die nächste Minute klärte
+Alles auf. Sie hatte als Deutsche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes
+das le vergessen, hatte das a undeutlich geschrieben, ich hatte Mons
+statt Mans gelesen, und an drei Buchstaben lag es, daß unsere Herzen so
+lange ohne Kunde von einander blieben.
+
+
+
+
+7. Angés.
+
+
+Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine scheidenden
+Strahlen noch magisch versilberten; kühler wehte die Nachtluft und
+unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der »vergulden Rose.«
+Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich über das Schiff.
+
+Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach
+Leonardus seine Erzählung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine
+beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger dem
+Weitergange der Erzählung mit lauschenden Ohren gefolgt wären, so
+wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie
+ferner zu unterhalten, und verließen, obschon nur halb befriedigt und
+auf den Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu
+begeben.
+
+Lebhaft beschäftigte das Gehörte Ludwig’s Phantasie; sein ganzer Antheil
+an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht, und da
+er sich wohl denken konnte, daß dessen Verhältniß bei der Heimkehr sich
+sehr eigenthümlich gestalten könne, sann er darüber nach, wie wohl
+Leonardus handeln müsse und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes mit
+jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoßenen und im Zorn
+verlassenen jungen und gewiß auch schönen Frau zu vereinen.
+
+Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jüngling sanfter Schlummer, und
+das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in
+tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht.
+
+Als der Morgen klar und schön wie der gestrige Tag anbrach, war vom Bord
+der »vergulden Rose« aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff war
+schon auf der Höhe des Juister Riffs und mußte in einem großen Bogen das
+nordwestwärts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln, um
+dann zu wenden und südwestwärts zu steuern. In der Ferne, wo die Küste
+gedacht werden mußte, stiegen leichte Nebel empor, und als die Sonne
+aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß sich heraufhob, traten
+nach und nach die größeren Inseln Schirmonikoog und Ameland in Sicht.
+
+Nach einigen abgethanen Geschäften und nachdem auch der junge Graf nicht
+versäumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp’s
+Braunen zu überzeugen, die im Packraum der »vergulden Rose« zwar enge
+aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefährten in der
+Kajüte des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus
+ließ sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht
+abgebrochenen Erzählung bitten.
+
+Angés, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blüthe, wie ich sie als
+Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas so
+Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs
+Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir
+nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angés versprach
+mir, nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und
+bald hing die zarte, bebende Gestalt tief verhüllt an meinem Arme und
+erzählte mir Alles.
+
+Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beseelt, die kaufmännische Feder mit
+den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Bürger-Soldat und hatte,
+vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswürdiger junger Mann,
+sein Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften
+eines tüchtigen Soldaten setzte. Mit dem Wachsen seines Bartes wuchs
+auch sein verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen
+seine Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht
+war. Dabei vernachlässigte er sein Geschäft und kam schnell zurück. Daß
+das Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés sei, ließen
+weder Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine
+sah sich unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé’s reines
+Gemüth zu verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine
+maßlose Eifersucht, und Angés wurde von ihm und seinen Eltern mit
+Argusaugen bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie
+sich einen Spaziergang mit dem Kinde vergönnen. Tausendmal bereute Angés
+ihren ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen
+Schritt, und wünschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte
+Menschen, an eine freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die
+noch, wie die ganze Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck,
+ihr, der Deutschen, der Protestantin zumal, durchaus keine gemüthliche
+Ansprache bot.
+
+Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der
+einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Geliebte, und sie,
+zurückgestoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung.
+Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die
+eifersüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit
+der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungslosen Menschen griff
+er in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand
+und las Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine,
+nach ihrer Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie
+ein unsinniger Wüthrich, gebot Angés, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu
+verlassen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte sie dies
+selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen
+stand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der
+Unmöglichkeit war, daß ein zartes, schönes und junges Weib mit einem
+kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vendée
+zuwälzenden Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um
+jeden Preis.
+
+Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr trostloser Zustand und
+die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemüthes, als Angés dies alles
+mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; daß geholfen
+werden müsse und daß niemand helfen könne und werde als ich, stand klar
+vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und
+verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir rasche Entfernung
+möglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber
+das Kind – von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie sie so heilig
+betheuerte, nicht lassen.
+
+Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schönen belebten
+Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebespaar halten
+mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angés.
+Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geschehen
+sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die
+Straßen durch Patrouillen gesäubert, und niemand durfte ohne wichtige
+Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlassen.
+
+Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte
+Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung
+aus wachsender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich
+war ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein so holdes
+gequältes Geschöpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen
+unbegrenzten Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angés nach ihrem
+Wohnhause zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft
+besitzest mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und
+harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glück.
+
+Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy’s, betagte Leute, hatten sich
+bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angés nahm,
+was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das
+schon schläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm
+an, anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde
+mit ihm zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefühlen
+ihrer auf der Straße harrte. Die Kleine war still, die süße Stimme ihrer
+vermeinten Mutter hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte
+Last auf meine Arme, und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das
+nicht fern vom le Greffier gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die
+Nacht war mondhell, ich ließ den Kutscher anspannen, und sagte dem
+Wirth, daß eine nahe Verwandte von mir mich begleiten werde. Einige
+Goldstücke über den Betrag meiner Rechnung bewogen meinen gefälligen
+Wirth, sich zur Mairie zu begeben, um für seine Verwandte, welche mit
+ihrem Bruder, der aus Amsterdam gekommen sei, sie abzuholen, und mit
+ihrem Kinde nach Holland zu reisen gedenke, einen Paß zu erbitten, und
+unser Abenteuer lief ganz glücklich ab; wir waren, als die
+Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit aus dem Weichbild
+der uralten Bischofstadt und Angés pries den Himmel und mich unter
+Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner Bedingung eine
+solche That, als die meine war, die förmliche Entführung einer
+verheiratheten Frau, unter andern Verhältnissen begehen mögen, aber
+hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und
+hatte gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in
+der bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schöner
+Herbstwitterung begünstigt, dem geschlängelten Lauf der von Norden
+herabkommenden Sarthe entgegen, rasteten in Alençon, reisten über Sens
+und Argentan, Falais und Caën, und gewannen glücklich das Küstenland.
+Ein kleines Schiff führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters
+»vergulde Rose«, Kapitän Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar
+zarte Lilien an Bord zu nehmen, nebst mich und meinen Diener.
+
+Ja – ja – brummte der Kapitän – ein verteufeltes Wagestück – wollen
+sehen, wie es enden wird!
+
+Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag,
+und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin
+am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, sorglos und um die nächste
+Zukunft unbekümmert – wissen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals
+vielen Champagner und Dry Madeira – es war mein Geburtstag, der 22.
+September.
+
+Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag
+ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß der
+meinige auf denselben Tag fällt.
+
+Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän.
+Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden
+Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten
+Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den
+Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, für
+ein Frühstück nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter
+der Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch
+zum Frühstück munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreideweiß,
+werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländisch
+tractiren.
+
+Der Kapitän entfernte sich mit schallendem Gelächter, nachdem seine
+Reisenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünscht hatten, um alles
+Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig’s Hand, drückte
+sie mit Wärme und sprach: Junger Herr! es ist in der That wunderbar, wie
+viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil werden läßt.
+Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schließen für das ganze
+uns noch vergönnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von unbegrenztem
+Vertrauen zu Euch!
+
+Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die
+Großmutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hüte dich vor
+falschen Freunden. – Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein,
+nicht werden; sein offenes blühendes Gesicht drückte Biederkeit aus,
+seine Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue.
+Ludwig bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung
+gerne beide Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen
+hohen Begriff; mein Lehrer in der griechischen Sprache ließ mich die
+Sprüche des großen Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich:
+»Gerechte Freundschaft ist der sicherste Besitz! – Kein schöneres Gut
+auf Erden, als ein Freund! – Den Göttern gleich verehre willig Freunde!
+– Für Brüder achten sollst wahrhafte Freunde du!«
+
+Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich küssend
+in Ludwig’s Arme.
+
+Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und erwiderte
+den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglingsherzens, das sich
+bisher in holder Unbefangenheit und in schönen Idealen hatte nähren und
+aufrichten dürfen.
+
+Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte
+Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines
+Solon mit einem Ausspruch des größten Dichters unserer britischen
+Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt:
+
+ Den treuen Freunden will ich weit die Arme öffnen,
+ Und wie sein Kind der Lebensopf’rer Pelican
+ Mit meinem Blut sie tränken.
+
+Das Erscheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem würdigen
+Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen und zu
+beleben im Stande ist, unterbrach die Ergüsse jugendlicher Erinnerungen
+an tiefeingeprägte unsterbliche Dichtergedanken, und es begann die
+heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und wohlgesinnten
+Kapitäns.
+
+Schon näherte sich das Schiff der Küste der Insel Ameland, an deren
+nördlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der
+Watten links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstraße einhalten
+mußte. Die »vergulde Rose« behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten
+die Inseln Ter Schelling und Vliland näher oder entfernter, die
+friesländische Küste aber in stets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken
+in Sicht, bis es dieser bei dem sagenreichen Stavoren vorüber am
+nächsten kam.
+
+Als Kapitän Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in
+die Gläser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden
+ausgebracht war, verließ Leonardus schnell die Kajüte.
+
+Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaßen bestürzt und
+verwundert über diesen raschen Aufbruch.
+
+Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr
+Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und siehe, bald
+darauf wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem
+freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein über alle
+Beschreibung schönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem
+unendlich reizenden keuschen Erröthen Angés Berthelmy.
+
+Ludwig und der Kapitän erhoben sich zum freundlichen Gruße der
+Eintretenden, und indem sie einen schüchternen Blick auf Ludwig warf,
+erglühte sie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr
+Bruder!
+
+Ja, mein Bruder, gute Angés, nimm ihn immer dafür! Nicht wahr, sie darf?
+fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger
+Verwirrung, ja fast mädchenhaft: Wohl, sie darf, welch’ eine
+liebenswürdige Schwester gewinne ich dabei!
+
+Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden sich niederzulassen;
+sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich selbst traulich
+anschmiegend an Leonardus Seite.
+
+Ludwig konnte, nachdem er an Angé’s Schönheit seine Augen vollgeweidet,
+diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie war von
+blühendster Frische und von der zartesten Färbung der Haut, sie hatte
+ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in Ringellocken um
+das Engelsköpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln Augen, die man nur
+irgend sehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier Jahre zählen,
+erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu einem
+schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Französisch. – Nur leise nippte
+Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien edel, zart,
+zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe des
+Gemüths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab. Sie
+saß vielmehr befangen bei den Männern, und machte sich, oft erröthend,
+viel mit dem Kinde zu thun. Das Gespräch lenkte sich der allernächsten
+Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin, denn es wurde
+allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken.
+
+Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er.
+Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unsere Bitte! Nimm
+dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in
+Amsterdam zu weilen gezwungen bin. Angés kennt mein ganzes Verhältniß,
+ich brauche nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann sie nicht
+bleiben, ohne unserm guten Kapitän Ungelegenheiten zuzuziehen; daher
+vertraue ich sie dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß sie
+unter deiner Obhut wohnen, sage, daß sie deine Verwandte sei, deine
+Schwester, nimm sie in deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was
+du für sie und dieses holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste
+Kind aufwendest, will ich ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe
+fest, daß ich mich bald wieder werde befreien können, und dann dich
+freigeben. Du botest mir deine Dienste freiwillig an, guter Ludwig,
+zürne mir nun nicht, wenn ich die dargebotene Hand ergreife als den
+Rettungsanker meines sonst unfehlbar sinkenden Lebensschiffes. O
+geliebte Angés, theurer Fluit, helft mir ihn bitten!
+
+O, wenn Sie wollten gütig gegen uns sein! sprach Angés mit Flötenlauten,
+und ihre Augen standen voll Thränen.
+
+Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus
+mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur
+der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wünscht, und
+ich vollbringe es mit Freudigkeit.
+
+O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und Angés,
+und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem einige
+Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem Riethgras, und
+füllte von Neuem die Gläser, indem er anklingend rief: Auf gutes Glück!
+– Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen! riefen die
+andern drei, und tranken die schäumenden Becher leer. Lächelnd und
+verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Händchen nach dem
+Becher und Angés beugte sich liebevoll zu ihm nieder und ließ es nippen,
+froh des willkommenen Anlasses, die Thränen der Rührung und Freude zu
+verbergen, die ihr aus den schönen Augen stürzten.
+
+Das Schiff segelte, während die Mittagsstunde nahte, ohngefähr in der
+Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach
+Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, welches der
+»vergulden Rose« nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen
+zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich
+befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe
+einen in der Möglichkeit liegenden Zusammenstoß zu vermeiden. Der
+Kapitän dankte daher seinen Gästen für die Güte, seinen Geburtstag mit
+ihm gefeiert zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet,
+zum Steuerbord hinauf, während Angés mit dem Kinde sich freundlich
+grüßend in ihre abgesonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem
+Lauf der »vergulden Rose« in gerader Richtung folgte, war ein kleiner
+Schnellsegler, und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht!
+
+Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus.
+
+Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souveräns, der auf dieser
+Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den
+Grund segeln würde? fragte Ludwig.
+
+Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die
+reichsgräfliche Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der
+liebste und thätigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien
+boven! Oranien boven!
+
+Dieser volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der
+Partei des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete,
+war zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer
+oranischen Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte diese auch
+dort auf der Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann
+Befehl, so viel als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht
+das Fahrwasser freizugeben.
+
+Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines
+Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der »vergulden Rose« blickte.
+Ludwig drehte sich, da er nicht wünschte, von Jenem gesehen und erkannt
+zu werden, rasch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem sehr
+frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte mit
+tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost
+sagen, daß ihr Zustand sich merklich gebessert haben müsse, sonst werde
+Graf Wilhelm sie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände
+zurückgelassen haben. Der überaus günstige Nordostwind, der den ganzen
+Morgen über geweht, hatte die gut segelnde schöne Susanne überaus rasch
+vorwärts gebracht und südwestwärts getrieben; sie hatte erst am frühen
+Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch
+ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Wasserweg
+zwischen der Küste und dem Wangerland einschlagen können. Als die schöne
+Susanne der »vergulden Rose« ziemlich nahe vorbei rauschte, erfolgten
+die üblichen Grüße, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch zwei
+Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam zu
+hielt, der vergulden Rose außer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine
+einmastige Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nähe der sechs Seemeilen
+langen und fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevölkertes,
+blühendes Land gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der
+Schiffer, wie über diesen weit gedehnten Meeresstrich die Wellen eine
+andere Gestalt annehmen, sich eigenthümlicher kräuseln, als auf offener
+See, oder im günstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches
+Rollen und Rauschen, stärker als an andern Strichen der See vernehmbar,
+und es ist gar kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das
+eines Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der
+versunkenen Dörfer mit grellem und schauerlichem Klange läuten hört.
+Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schöne unermeßlich lang
+gedehnte, wogenüberströmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren
+hinauf sich erstreckte, und der Kapitän murmelte, gleichsam als
+trauriger kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: #al daar
+verdronken – verdronken en’t jaaren van een duizend twee honderd en
+zeventwintig, en een duizend twee honderd en zeventachtig.# – Dort
+breitete sich vor Stavoren die lange weiße Düne, der Frauensand, auf
+dem ein junges Saatengrün oder einst in das Meer geworfener Waizen als
+unfruchtbarer Dünenhafer aufzuschießen begann, und sperrte den Hafen,
+hemmte dem früher so blühenden Verkehrsort das Anlegen größerer Schiffe.
+Jetzt lief die »vergulde Rose« ein in das riesige Wasserbecken der
+Zuider-See. Der Abend sank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht
+war, und als abermals ein schöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte,
+steuerte das Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer
+Fahrt schier phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch
+den Nebel der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenspiele von den
+Thürmen der gewaltigen Großstadt machte einen eigenthümlichen Eindruck.
+Das Getön war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es
+überlärmt vom vollen sich früh entwickelnden Leben der Straßen, von
+tausend und abertausend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fässer, dem
+Geschrei der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe
+einer steten Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden
+Abschied von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein
+Wiedersehen, und Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen
+einen ortskundigen, berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie
+überall in großen Städten lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die
+unersättliche Habgier und das Diebesgelüst, das in jedem Ankömmling ein
+Ziel für die Beraubung sieht, in tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was
+sich in solcher Absicht an die Ausgeschifften herandrängte, stob von
+dannen, als Leonardus in derben wohlverständlichen Lauten der
+Muttersprache das lungernde und lauernde Gesindel zurückdonnerte, und
+nun manch grollendes: #Zy zyn geene patrioten, zy zyn van den verdoemten
+voornaamsten – zy zyn Oranje äppels – Gekken!# und dazu ein dem
+Verdrusse Luft machendes Hohngelächter. Mit großer Gewandtheit und
+Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein zurückgeschlagener Wagen ward
+genommen für ihn, Ludwig, Angés und Sophie, das wenige Gepäck ward
+untergebracht, Philipp bestieg den Braunen und führte die schöne
+Isabella dem Wagen nach, die freudig wieherte, als sie nach dem langen
+ermüdenden Stehen im Schiffsraum wieder sichern Boden unter ihren Hufen
+fühlte. Und nun ging es bald rascher, bald langsamer durch wimmelvolle
+Straßen und über geräuschvolle Märkte, bis endlich das Gasthaus
+erreicht wurde, in welchem Leonardus dem Freund und der Geliebten eine
+ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte. Alles zu Ordnende ordnete sich
+leicht und rasch. Die Fremden mietheten und bezahlten die ihnen nöthige
+Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus, und fanden die trefflichste
+Einrichtung und die berühmte holländische Reinlichkeit in sich selbst
+übertreffender Weise; Alles auf das Wünschenswertheste, als sei es
+längst vorausbestellt. Kein Stäubchen auf Gesimsen und Möbeln, jede
+Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn, Papier, Oblaten und
+Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der Kalender, nicht auf
+dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten mit den
+allerschönsten und buntesten Figuren, Männchen und Götzenbildern von
+Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte und dem
+Sonnenlande Nippon. Prächtige starkbauchige Porzellanvasen hauchten in
+ihrer Eigenschaft als Räuchertöpfe köstlichen Wohlgeruch aus, und in
+zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche
+Erstlinge.
+
+Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das älterliche
+Haus begrüßen, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst
+einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmittags- und Abendzeit
+benutzen, ihn und seine Angés den Genüssen zuzuführen, welche Amsterdam
+in so reicher Fülle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle Herr
+Adrianus von der Valck Angés sehen; sie solle suchen dessen Herz zu
+gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lösen,
+das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen,
+der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angés hörte diese Pläne
+mit einem Gefühle von Wehmuth an, welches sie niederzudrücken strebte,
+aber als Leonardus geschieden war, vermochte sie ihre Thränen nicht mehr
+zurückzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem
+Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und
+hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache
+Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem geliebten
+Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu
+entschuldigen, wenn ich sein plötzliches Erscheinen in einem
+Augenblicke, welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink
+Gottes hielt. Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu
+überlegen bei der Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte
+sich mir ein anderer Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr
+Leonardus mich liebt, wie sehr mein Wunsch wäre, ihm anzugehören, so
+darf es ja nicht sein, da ich noch nicht von meinem Manne geschieden
+bin, und wieder darf es nicht sein, daß ich mich als Last an des edlen
+Freundes Fersen hänge, daß ich zwischen ihn und seines Vaters
+Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glück seiner Zukunft an der Hand
+einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde, mich dränge. Ich könnte
+nur störenden Unfrieden hervorrufen, und dafür möge der allmächtige Gott
+mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede ist und was er wiegt im Leben
+der Familien; er ist wie ein fressendes Krebsgeschwür, dem nicht Messer,
+nicht Salbe des Wundarztes völlig Einhalt zu thun vermag.
+
+Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schönen, noch so
+jungen und schon so unglücklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen
+Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er
+sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte
+Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthümliches; es wird Alles darauf
+ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Stärke ist, daß er
+alle derselben sich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne
+selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglück ein Opfer zu bringen. Es ist
+nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein solches Opfer nicht erwarten
+und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich sein können, falls es
+dennoch dargebracht würde.
+
+Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot
+Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thränen verklärtem Lächeln
+schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz Vertrauen.
+Darum preise ich mein Geschick, daß der Himmel Sie uns zuführte, und ich
+will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es Leonardus, die zu
+fürchtenden Schwierigkeiten zu überwinden, so wird er auch Rath finden,
+jene Schritte zu thun, welche nöthig sind, die Scheidung von meinem
+Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so muß ich von ihm scheiden,
+denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute Sitte
+den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war
+sie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der
+innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kämpfen,
+ich fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann
+habe ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein
+Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine
+Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten.
+
+
+
+
+8. Das Haus van der Valck.
+
+
+Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit seinen
+Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mußte erstaunen über
+dieses von außen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche
+Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer,
+Mahagonigetäfel der Wände, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben
+der Fenster. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten
+Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle Vorhänge,
+herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten
+ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Fülle
+prachtvoller Vasen, von ächt chinesischem und japanischem Porcellan, und
+innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Silbergeräthen zur Schau
+gestellt. An den Wänden, wo nicht französische oder flandrische Gobelins
+diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemälde der
+niederländischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten
+Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder
+Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und
+Thüren riesige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare
+rother, weißer und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Kästen
+mit Riesenschmetterlingen aus Surinam und Amboina, Erzstufen aus Peru,
+von den Küsten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen von
+blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei
+lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdländisches
+Gethier, Cacadu’s, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende
+Fülle von Gegenständen, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks
+solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethörend
+wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser
+eben vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz
+ungesucht zur Schau gestellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem
+Freunde das Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast
+enges Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem
+einige Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer
+abgeschieden war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube
+an einfachen schwarzlakirten, mit allem Nöthigen versehenen Tischen und
+Tafeln saßen. Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geschäftes bequem
+angebracht, vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten
+Briefschaften, Wechsel, Quittungen und was sonst der tägliche Gang der
+Geschäfte erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus
+einem etwas größeren, ebenso wie das Kabinet höchst einfach
+ausgestatteten Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der
+großen Schreibstube war eine eigenthümliche Vermählung der Gerüche von
+Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schärfe.
+
+Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig
+aussehender Mann mit schneeweißem Haar, darüber eine kleine
+Zopfperrücke, welche er mit schwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach
+kurzem grüßenden Lüpfen dieses Käppchens auch bedeckt hielt. Er bediente
+sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase
+klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine
+altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strümpfe mit
+Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelsteinschnallen.
+Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte sich
+Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um
+möglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmännischen Schreibstuben
+üblich sind, und als dieser Aufforderung von ihm genügt war, überreichte
+er einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf
+prüfend an, und fand alles in bester Ordnung. – Sie sind uns gut
+empfohlen, Herr Graf, nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in
+Amsterdam willkommen. Welche Absicht führt Sie zu uns und in welcher
+Weise kann unser Haus Ihnen dienen?
+
+Die erste dieser Fragen gleich überspringend, da deren Beantwortung von
+keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen,
+ohne einen Geschäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus
+vielleicht nicht zugesagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die
+zweite: Meine Frau Großmutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung
+einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus
+angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem
+Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gütigen Rath zu
+ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb
+selbst nach Paris reisen zu müssen, wohin ich zwar allerdings auch zu
+gehen gedenke, nur dürfte vielleicht eine günstigere Zeit dazu
+abzuwarten sein.
+
+Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und machte
+indessen mit seinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach Außen, indem
+er die gefalteten Hände phlegmatisch auf seinem sammtmanchesternen
+Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor sich hin: Pariser Stadthaus,
+#l’hôtel de ville,# und weiter nichts, aber er begleitete diese Rede mit
+einem bedenklichen Kopfschütteln. Darauf drehte er sich auf seinem
+Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen
+Büchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbände mit
+chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung
+auf dem Rücken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines
+dieser Bücher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und
+schlug es auf, indem er suchend murmelte: #De la Tremouille, de la
+Tremouille.# Halb laut und unverständlich las Adrianus erst Einiges für
+sich, und sprach dann laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Güte haben,
+mir Ihre Papiere zu zeigen? – Ludwig reichte das Betreffende aus der von
+der Großmutter empfangenen Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte
+nun lesend seine Brille fester und schrieb von Zeit zu Zeit mit der
+wieder zur Hand genommenen Feder auf die lederne Schreibunterlage
+rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß er für dieselben noch Raum fand,
+so unendlich viele Zahlen waren schon in ähnlicher Weise auf dieses
+alterbraune Leder geschrieben worden.
+
+Nach einer Weile, während der Kauf- und Handelsherr noch mancherlei für
+sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir
+jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau
+Reichsgräfin Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthause zu Paris
+belegten zweihundertfünfundfünfzigtausend Livres gehören zu den
+immerwährenden Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und
+einundzwanzig begründet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden
+Frankreichs dahin privilegirt wurden, daß die Verzinsung bei denselben
+Kassen nach wie vor bleibe und daran keine Kürzung geschehen könne. Nur
+bei Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug
+gebracht.
+
+Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu Paris
+angelegt ist, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die Kapitalsumme
+der später geschaffenen Leibrenten, #rentes viagères,# aber nur vier
+Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünfundzwanzig Millionen
+bald verschlungen sein würden, wenn der unglückliche Hof und die
+zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im Stande
+gewesen wären, ihre angelegten Kapitale flüssig zu machen und außer
+Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos tolle
+Wirthschaft in Frankreich die Besitzthümer der französischen
+Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in
+Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille,
+Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose
+Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie sie es hält mit den
+Geldansprüchen auswärtiger Souveräne, ist mir noch nicht bekannt. –
+Meine Großmutter ist auch königlich dänische Gräfin, warf Ludwig ein,
+dessen Aussichten sich merklich verdüsterten; aber der alte van der
+Valck entgegnete: Frankreich hat allen europäischen Souveränen den Krieg
+erklärt, folglich auch der Krone Dänemark, und diese kann kein
+Schutzrecht üben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat
+keinen Gesandten in Paris. Es steht überhaupt ziemlich mißlich mit
+diesen Geldern, fuhr er fort; nur geordnete Zustände taugen für den Gang
+der Geschäfte. Eine Revolution, die sinn- und zügellos alle Banden
+sprengt, die, indem sie das Staatsleben läutern will, den Staat in das
+tiefste Unglück stürzt, ist nicht fähig, auch nur die mindeste Bürgschaft
+für etwas Anderes zu geben, als für ihren vaterlandsfeindlichen und
+verderblichen Wahnsinn. Vor einigen Jahren wäre die günstige Zeit
+gewesen, daß die Interessenten der immerwährenden Renten ihre Contracte
+hätten verkaufen, und sich mit dem gehobenen Gelde bei den Leibrenten
+betheiligen können. Aber auch dies würde ohne namhafte Verluste nicht
+abgegangen sein. Im Jahr siebenzehnhundertsechsunddreißig war der Cours
+jener immerwährenden Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch
+hatte er sich kurz vor der Revolution wieder bis zu fünfzig Procent
+gehoben, was wäre das indeß gewesen? Im günstigen Fall hätte ein
+Betheiligter statt zweihundert Livres nur einhundert erhalten, und wäre
+der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig gegangen. Gesetzt, das
+Stadthaus vermöchte seinen Credit aufrecht und seinen Gläubigern Wort zu
+halten, in was würde es jetzt Zahlung leisten? In Lumpenpapieren, in
+Assignaten, für die ich, so wahr ich Adrianus van der Valck heiße, nicht
+einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe!
+
+Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich über dessen
+etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen; indeß
+fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die
+Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angeführten
+Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stände Alles so
+gut wie es schlecht steht, bei den immerwährenden Renten ein Interessent
+über fünf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also
+schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent
+lüstern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchstens für ihn
+und eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Cölibat lebte und
+bis an ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht
+außerdem noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des
+Nutznießers Tode erlöschen, er möchte verheirathet sein und Leibeserben
+haben oder nicht.
+
+Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lästig fallen, darf an
+dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau
+Reichsgräfin Excellenz werden sich gnädigst zu erinnern geruhen, was
+Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfünfzig verlangt und
+wessen sie sich damals erklärt haben, als es sich um den ihrerseits
+auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille’schen
+Renten für ihre Herren Söhne handelte, den sie sich ausdrücklich
+vorbehielt, und bestimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die
+Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaßen
+belegt bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der
+offenbarste Schaden in die Augen springt und jetzt gar Nichts zu hoffen
+und zu erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf
+von Varel?
+
+Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brausenden Wasserstürzen
+auf dessen Schaufelrädern umginge, verstört fuhr er auf, und antwortete:
+Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen Menschen, der
+Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen Sie mich
+nach antiken Münzen, so kann ich Ihnen die griechischen, römischen und
+barbarischen nach Städte-, Provinz-, Königs- und Herrschernamen an den
+Fingern herzählen, ebenso die römischen Consulares, Familiares und
+Kaisermünzen, aber vom neuen Geld verstehe ich nichts. Ich weiß wohl den
+Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht den Cours der Papiere, darum
+erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich beginnen soll, mindestens zu
+versuchen, die angewiesenen Summen ganz oder theilweise zu erheben?
+
+Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name
+und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau
+Reichsgräfin Excellenz hege, würde erstens einem ihrer Angehörigen
+selbst ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauses öffnen,
+gebieten Sie demnach über uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das
+Haus Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein
+und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an,
+verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gültige
+Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und
+sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? –
+Nein mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren
+Vettern mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft –
+
+Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf ein
+Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre
+geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwünschte
+betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre,
+Herr Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja
+ja, recht gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht,
+machen nur zu oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu
+da, ihre Calcule zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig ist, einen
+Strich durch die falschen Rechnungen zu machen.
+
+Bei dieser Rede richtete der alte Herr seine stechenden Blicke mehr auf
+seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhörer
+abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen saß, und endlich heilfroh
+war, daß sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das
+Lüpfen seines Käppchens diese Sitzung aufhob.
+
+Leonardus führte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer, umarmte
+ihn mit stürmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz
+herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés sehen, sie
+liebgewinnen, ein Einsehen haben, sich erbitten lassen!
+
+Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu
+müssen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein beängstigendes
+Vorgefühl mir sagt, die Sache könne sehr mißlichen Ausgang gewinnen. Es
+war etwas Mißtrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er
+mich entließ; ich weiß nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf
+dich?
+
+In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet,
+es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt
+er nicht, wenigstens nimmt er keine Rücksichten auf den Vorrang höherer
+Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die
+Ferne. – Ich nahm dergleichen wahr, bestätigte Ludwig; wozu war der
+ganze Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar
+keine Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weisung, den
+alljährigen Zinsabfall derselben zu beziehen.
+
+Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in
+deinem späteren Leben wohl noch oft begegnen, daß sonst ganz
+einsichtsvolle und verständige Menschen dich mißverstehen. Gar selten
+hört Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, so macht
+sie der Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei
+der Hälfte ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der
+Welt, aber das Geschäft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog
+über die Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille’schen
+Renten hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals,
+dessen niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit
+in Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben
+wird, die Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun
+verfolgte er seine Lieblingsidee und vergaß, denn er ist alt und wird
+schwächlich, das eigentliche einfache Hauptanliegen.
+
+Und ich soll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit.
+Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur so
+heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in
+ein Netz von Täuschungen ein, das mir selbst sehr gefährlich werden
+kann!
+
+Was könnte denn _dir_ geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus
+empfindlich. Du bist frei, bist unabhängig; wird mein und Angé’s
+unbegrenztes Vertrauen dir lästig, so kannst du leicht das Band
+zerreißen, das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden.
+
+Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine
+Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die große
+Welt, kenne von ihren Verhältnissen noch so wenig; da ist es kein
+Wunder, daß Manches mich befangen macht, daß ich in mir selbst nicht
+sicher bin über mein Handeln.
+
+Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, tröstete ihn der Freund.
+
+Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater
+bereits Argwohn geschöpft hätte, durch Kundschafter schon unterrichtet
+wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe
+einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm
+Bericht erstattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging?
+
+Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgniß beschwörst du mir da
+herauf! rief Leonardus, und seine Züge wurden bleich, die angstvolle
+Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn.
+
+Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angés? setzte
+Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es
+Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hause Nachricht zu geben,
+und in dieses Haus sie zurückzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie
+ist gut und edel, sie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück
+deiner Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr
+trenntet euch, da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger
+Freundschaft. Sie konnte sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie
+es selbst im glücklichsten Fall als Fremdling, als Andersglaubende hier
+in Amsterdam seyn? Sie ist Protestantin, ihr katholisch.
+
+Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die wahre
+Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele Tausende
+solcher gemischter Ehen werden nicht alljährlich geschlossen, und gewiß
+die meisten glücklich! Du wirst bald gewahren, daß bigottes Wesen uns
+fremd ist; unser Geschäft schärft den Blick für das richtige Verhältniß
+in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und noch mehr,
+Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöser Ueberzeugung
+vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen Gottes.
+
+Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Daß Angés
+mitkomme, sei deine Sorge.
+
+Die Freunde machten in Begleitung Angé’s und der kleinen Sophie einen
+Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch
+so manches Merkwürdige und Schöne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt
+Ludwig’s Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig saß an Angé’s Seite. Noch
+einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom ruhigen
+Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem
+sinnbethörenden Lärm, mit all seinen gemischten Gerüchen von Tabaken,
+Häringen, Käsen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwägen voll
+Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die
+in großen Kübeln plätschernd den Fußgängern Wasser in die Augen und auf
+die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matrosen,
+Lastträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich,
+Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die
+Pracht der riesigen, majestätischen Schiffe, dort die Pracht der
+Gebäude, die Admiralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von
+Windmühlen, die alle arbeiten, als dürften sie nimmer ruhen und rasten,
+um dieser unzählbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu
+verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast
+alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der
+Neuzeit, und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit
+anzugehören.
+
+Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straßen des nordischen
+Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die schiffebelebten
+Kanäle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer noch voll
+unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schöner Ordnung. Die
+schönste Brücke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit 35 Bogen über
+die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das Palais des
+Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tausend Säulen,
+der schönsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelfülle, wurde
+flüchtiger Besuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes
+wartete, ergötzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets
+verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte häufig
+freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre
+Blicke auf sich zog, und saß zuletzt in einer kleinen Welt von im
+Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen und
+bunten Bändern engelfroh und engelschön, ein Bild zum Malen, wie zum
+Küssen.
+
+Späteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen der
+reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Märkte, der
+Theater, der bedeutendsten Gemälde- und sonstiger Sammlungen.
+
+An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebäuden, Magazinen, Hallen
+und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg vorüber
+lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem Ludwig und
+Angés Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum Abendbesuche im
+Hause des Herrn Adrianus van der Valck.
+
+Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus führte seine Freunde mit Absicht
+etwas früher ein, er wollte und wünschte, daß seine Eltern erst allein,
+ohne fremde Zeugen, die Auserwählte seines Herzens sehen möchten.
+
+Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles
+athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner
+Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte
+Dienerschaft, die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der
+Eltern, die ungemein feierlich den Abendgästen entgegentraten, das
+Alles kündete Außergewöhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier
+seiner Rückkehr in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljährlich
+zwei-, höchstens dreimal wurde große Abendgesellschaft gegeben, bei
+welcher in dieser Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck
+sich kundgeben durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich einfach,
+gab höchstens einmal unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem
+der alte Herr gemüthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang
+anzuthun, und zu welchem nur die nächsten Anverwandten gezogen wurden.
+Angés war tief verlegen; sie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus,
+daß ihr Anzug, obschon sie völlig passend und keineswegs ärmlich
+gekleidet erschien, in diese Räume und was dieselben erwarten ließen,
+nicht passe, und noch verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem
+die Hausfrau sie ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Gräfin Excellenz
+anredete, sich unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genießen,
+sie in seinem geringen Hause begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle
+von Lob über die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht
+der Täuschung, daß Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte?
+Hielt der alte Mann sie wirklich für Ludwig’s Verwandte, die Frau eines
+seiner Vettern? Konnte, durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen?
+Und mußte nicht das beschämende Gefühl sie zu Boden drücken, hier vor
+diesen würdigen, hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige
+Lügnerin und Betrügerin zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott,
+und lauerte auf sie die schmerzlichste Demüthigung? – Während in Angés
+diese Gefühle kämpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria
+Johanna, geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwürdigen
+Matrone, vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen,
+als sie Ludwig’s Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als
+Ludwig sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an:
+Aber Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr?
+
+Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, #min Vlugteling!#
+antwortete sie lächelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht
+deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus
+van der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag’ ich dir, Leonardus, das
+wird ein wahrer Priester und ein Rüstzeug des Herrn und unserer
+geheiligten Kirche! Und deine schönen Nichten? Hast du denn gar kein
+Herz mehr für die holdseligen Jungfrauen, deine nächsten Verwandtinnen?
+
+Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten sind mir ja noch
+alle lieb und werth, aber hätte es deswegen so großen Prunkes bedurft?
+
+St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen,
+weißt, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines
+seligen Herrn Vaters Hause gerade so – #eene goede opvooding hebben, ist
+ryke huwelyks-gift# – gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert’s dich,
+mein lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit
+undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in
+Geschäftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen
+Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der
+Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn
+Erbstatthalters, wie von dessen Söhnen? Man muß es mit Niemand
+verderben, #by niemand in ongunst raaken.#
+
+Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich schönen
+Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen
+Blüthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre
+Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln,
+sorgte auch alsbald für des kleinen Mädchens Zerstreuung, indem sie das
+Kind einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und
+allerlei Naschwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus
+entfernte sich, um seinen Anzug zu verschönern, und Ludwig wandte sich
+wieder zu dem alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nöthigte, und
+da noch Niemand von den erwarteten Gästen kam, mit ihm ausschließliche
+Unterhaltung begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn
+kundgab. Ludwig konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die
+Pracht des Hauses, die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen
+Räumen ihn umgab, zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr
+Adrianus nur mit einem tiefen Seufzer.
+
+Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser:
+Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf,
+vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre bürgt mir
+dafür, daß Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich
+aus gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen
+Sohnes sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will
+nicht eingehen in meine Pläne, die nur sein Glück begründen wollen; er
+ist mein einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann seine Zukunft
+golden machen, denn mit mir geht meines Hauses Glück und Glanz zu Ende.
+
+Unglaublich! flüsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare verschwenderische
+Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen bedeutende Häuser?
+
+Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen
+Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu
+meinem Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all
+mein Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem
+entsetzlichen Fall.
+
+Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes
+Erschütterung.
+
+Dieses Haus, Herr Graf – flüsterte der Alte, nur leise hauchend: – ist
+die holländisch-ostindische Compagnie!
+
+Wie wäre das möglich? fragte Ludwig.
+
+Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschöpft:
+Sie können noch nicht rechnen, haben’s ja selbst gesagt – ein großer
+Fehler – ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist
+leicht, ist faßlich – aus den vier Species, reine Subtraction!
+
+Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheißen, hinterließ mir und
+meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schönes Vermögen. Die
+Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt
+das Geschäft. Schon unsere Vorfahren hatten die holländisch-ostindische
+Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr
+Vermögen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere
+Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten
+dieselben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit
+den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der
+Engländer; große Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt
+Gesetze vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und
+Ternate; sie bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und
+in das Küstenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und
+verbrannten Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet
+und erbaut, Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und
+zuletzt das Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug
+jedes Hundert holländischer Gulden fünfundsiebenzig Gulden Zins, bald
+aber standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig
+Procent.
+
+Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert
+Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das sagen
+will, ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten für
+die Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straßen,
+Kanäle, Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorüber. Die
+Compagnie ist ein Bild des irdischen Glückswechsels; als ich geboren
+ward, im Jahre siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien
+fast auf neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig
+auf eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf,
+eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher
+eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also
+eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jährlich
+einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la
+Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so ständen; ich wollt’ es Ihnen
+gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer rascher abwärts, schon
+von siebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt
+stehen? – Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der
+Vogel Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die
+Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt – sie sind ft!
+in die Luft – kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da,
+Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu
+bezahlen! #Adieu bon esperançe!# Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui!
+Ich will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische
+that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig
+hatten wir zwölf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf
+einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott
+danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre
+Schulden – aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen
+anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und können uns mit vollerem
+Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba
+Geusen, das heißt _Bettler_ nennen. Unser Alba, der uns in den Staub
+tritt, ist die Verarmung.
+
+Erschütternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Riß
+eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge
+Mann in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein.
+
+Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glück mit
+liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll
+er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein
+Käsekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likörbrenner? O, Herr Graf, Sie
+haben Macht über sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten,
+auf daß ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit
+zur Grube fahre!
+
+
+
+
+9. Eine Abend-Gesellschaft.
+
+
+In den vordern Zimmern wurden schlürfende Tritte vernommen, weibliche
+Stimmen, es rauschten Gewänder von reichen und schweren Stoffen. Herr
+Adrianus drückte Ludwig die Hand, erhob sich und sagte: Die Damen
+kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenseitige Vorstellung.
+
+Der erwartete Besuch trat ziemlich rasch hinter einander ein, ward
+begrüßt, begrüßte verwandtschaftlich-freundlich den heimgekehrten
+Leonardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauses van der Valck, und es
+erfolgte die förmliche Vorstellung, die für Ludwig und Angés wegen der
+Täuschung, die sie sich an diesem Orte erlaubte, viel Peinliches hatte,
+was aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu umgehen war. Der alte Herr
+Adrianus führte die Damen zunächst dem jungen Grafen vor, welche,
+während er ihre Namen nannte, steife Knixe machten; eben so steif war
+ihre Haltung und Tracht, letztere sehr einfach, aber reich, und Alles an
+Stoffen der Gewande wie am Schmuck von höchster Gediegenheit.
+
+Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines ältesten Bruders
+Petrus van der Valck, der schon im Jahre siebenzehnhundertachtundachtzig
+starb, trauernde Wittwe. Sie ist die Tochter des Herrn Martinus von
+Heynsbroeck und der Frau Anna Maria van der Stoot.
+
+Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieser
+kalten, bleichen und langen Gesichter das ganze Geschlechtsregister
+anzuhören bekomme. – Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit
+jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran.
+
+Meine liebe Schwester, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider
+ebenfalls schon Wittwe und zwar des weiland Kauf- und Handelsherrn
+Theophilus Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieser Zeitlichkeit
+schied, leider ohne männliche Nachkommenschaft; hier aber sind seine
+Jungfrauen Töchter, Cornelia Petronella, Helena Maria und Christina
+Theodora.
+
+Auch die Gesichter dieser Jungfrauen, von denen eine sogar Helena hieß,
+hatten keine helenischen Physiognomien, und keine sah aus, als werde um
+ihretwillen ein trojanischer Krieg entstehen. Jetzt trat ein kleiner
+junger wohlgenährter Herr heran, mit einem blühenden, vollrunden
+Gesicht, ein schmuntzelndes Lächeln umspielte fast stehend seine
+frischen Wangen und sein glattes gekelchtes Kinn; man sah ihm an, wie
+schwer es ihm wurde, ernst oder gar heilig auszusehen.
+
+Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner
+Schwester Clarina, Wittwe. Wie Sie sehen, Herr Graf, ein geistlicher
+Herr, Caplan von Sanct Ottilien, welcher sich dem Dienste unserer
+heiligen Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer.
+
+Ja wohl! ganz außerordentlich! fügte, Spott in seinen Mienen, Vincentius
+Martinus hinzu. Lassen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie sehen
+ja, wie schamroth ich werde. Es ist mir eine große Ehre, Herr Graf, Ihre
+Bekanntschaft zu machen; Sie sind ein Freund meines Vetters, und wer
+dessen Freund ist, ist auch der meine, vorausgesetzt, daß ich solche
+Ehre mir anmaßen zu dürfen nicht unwürdig befunden werde.
+
+Wenn mir vergönnt sein wird, Herr Caplan, öfter die Ehre zu haben, in
+Ihrer Gesellschaft zu sein – hoffe ich –
+
+Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig’s
+zu hören, Vincentius, Blitz – da kommt die Braut, das Meerwunder!
+
+Ludwig erschrak bei diesem Wort. Er hatte geahnet, daß es so kommen
+werde, und begann für Leonardus zu zittern, wie für Angés.
+
+Eine hohe stattliche und schöne Jungfrau rauschte herein, gefolgt von
+noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; sie verbeugte sich
+nach den strengsten Regeln der Complimentirkunst, hielt auch ihren
+Bastille-Fächer, das Neueste, was die Mode von Paris nach Amsterdam
+gesendet, kunstgerecht, hatte ein höchst regelmäßiges aber kaltes
+Gesicht, und war nicht die Jungfrau, der ein liebebedürftiges Herz sich
+wohl hätte nahen mögen. Auch sie wurde vorgestellt: Mejuffrow Sibylla
+Nikodema van Swammerdam.
+
+Leonardus war zum Tod erschrocken, ihn graute; er sah was kommen werde,
+und suchte sich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin
+gewirkt zu haben, daß Angés im Hause seiner Eltern war. Klar lag der
+Letzteren Absicht vor seiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und
+nach mehr und mehr sich sammelnden Gäste, Verwandte von Vater und Mutter
+und von Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam; nichts Geringeres war
+im Werke, als mit dem Fest seiner Heimkehr das Fest seiner Verlobung zu
+feiern. Begrüßen, Vorstellen, zum Sitzen genöthigt werden, um stets
+wieder aufzustehen, wenn die Förmlichkeit erneuter Vorstellung und
+Begrüßung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, indeß unter
+den silbernen Theekannen die blauen Flammen loderten, Flötenuhren mit
+zarten und gutgestimmten Glockenspielen beliebte Liederweisen spielten,
+und köstlicher Wohlgeruch durch alle Zimmer seine balsamischen Düfte
+strömte. Ludwig näherte sich wieder Angés und ihrem Kinde, das sich’s
+behaglich schmecken ließ und eine Cyperkatze streichelte, die sich
+zutraulich an die Kleine schmiegte.
+
+Freund! flüsterte Angés zu Ludwig, ich wollte, ich wäre nicht hierher
+gekommen, mich drückt all’ diese Pracht, ich fühle mich hier so
+unendlich arm und so sehr verlassen.
+
+Fast geht es mir eben so, gute Angés. Man hält Sie allen Ernstes für
+meine Verwandte; ich wünschte, Sie wären es in der That, dann brauchte
+Ihr Herz nicht beklemmt zu schlagen. Vielleicht können wir das Kind zum
+Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen.
+
+Sehen Sie, wie außerordentlich feierlich Alles ist, sehen Sie, mit
+welchen Blicken der junge Geistliche mich mustert?
+
+Sie werden ihm gefallen! scherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu
+verscheuchen.
+
+O Gott, nicht solchen Scherz! seufzte Angés und legte die Hand aufs
+Herz, das bange, sehr bange schlug.
+
+Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hülfe ihrer
+Schwägerinnen ihre Abendgesellschaft zum Sitzen gebracht, und der Thee
+ward herumgegeben mit aller auserlesenen Zubehör; doch saß die
+Gesellschaft steif, nach holländischer Weise ziemlich wortkarg,
+verlegen, die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen
+japanischen Tassen, leicht wie Luft und zart wie holländisches Papier,
+in Berührung mit den Theelöffeln ließen sich mit feinem Klang vernehmen.
+Da schlug plötzlich die kleine Sophie an ihrem Tisch ein schallendes
+Gelächter auf, und rief laut in die Gesellschaft: #Ah – ah – ah – ahi –
+ahi! Voila! qu’elques drôles caricatures – qu’elques bouffons!#
+
+Aller Blicke wandten sich voll Staunen nach dem Kinde hin. – Angés
+erschrak, dies vorlaute Wesen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was
+hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Himmel, wenn sie des
+Hauses Gäste meinte!
+
+Doch diesen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des Hauses,
+welche die Hände zusammenschlug und lächelnd ausrief: #Voorwaar,
+voorwaar – kinderen en gekken spreeken de waarheid!#
+
+Beim Himmel! rief der alte Herr: du hast recht, liebe Frau, nie fand ein
+Sprüchwort bessere Gewährschaft, als dein: Kinder und Narren reden die
+Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es so,
+daß die Mehrzahl der Gesellschaft die aufgeschlagenen Blätter gewahrte.
+
+Sie sehen hier, Damen und Herren, das neueste Costümebuch der #Grande
+Opera# zu Paris, fuhr Adrianus schneidend fort: den abgeschmacktesten
+und unsinnigsten Mischmasch römischer, mittelalterlich-französischer und
+spanischer Maskenanzüge und Comödiantentrachten! Möchte man nicht
+manchen dieser Muscadins und Incroyables fragen: Federbusch, wo willst
+du mit dem Kerl hin, der dich trägt? Fluch allen diesen blutigen
+Possenspielern in ihren rothen, schwarzen und purpurverbrämten Mänteln,
+ihren weißwollenen römischen Togen und Tuniken, ihren Federhüten und
+Harlekinskappen. Es ist doch nichts als eine heillose Bande von
+Gurgelabschneidern, Mordbrennern, Räubern, Bluthunden und Brüllaffen!
+
+Es waren in der That die Trachten dargestellt, in welche die große
+Nation jene Beamten kleidete, durch deren Machtsprüche sie ihre besten
+Köpfe gouillotiniren ließ. Schlaue Theaterschneider waren es, welche
+diese Trachten ausgesonnen hatten; keiner hatte sich selbst vergessen;
+nur Frankreich vergaß sich selbst ganz und gar. –
+
+Während die Abendgesellschaft sich mit dem Beschauen dieser Bilder
+beschäftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet über die
+Gracht geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus stand, waren eine
+gute Strecke von demselben abgestiegen und hatten den Dienern die Zügel
+ihrer Rosse zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere langsam auf- und
+abzuführen. Diese Herren waren alle drei von stattlichem Wuchs, trugen
+Soldatenmäntel und waren in Galla-Uniform, im vollen Schmuck blitzender
+Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform
+eines Vice-Admirals der englischen Marine, und schien dreißig Jahre zu
+zählen; der zweite erschien einige Jahre jünger, hatte aber gleich jenem
+eine athletische Gestalt und ernste kriegerische Haltung; der jüngste
+war ein schlankgewachsener schöner Jüngling, der kaum zweiundzwanzig
+Jahre zählen mochte. Sein Auge war äußerst lebendig, sein Wuchs wie
+seine Haltung stattlich, und ein freundlich offenes Wesen mußte für ihn
+einnehmen.
+
+Noch einmal, lieber Graf! flüsterte der Jüngste dieser Herren dem
+Mittleren zu, indem sie dem Hause van der Valck zuschritten, Mäßigung
+und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer weiß, was der
+alte Herr gesehen oder gehört hat, und wie er Wunder denkt, welche
+Freude er Ihnen bereitet, welche Ueberraschung!
+
+Ueberraschung auf jeden Fall, mein –
+
+Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor
+der Zeit offenbaren!
+
+Ueberraschung ganz gewiß, wiederholte der Andere mit schlecht verhehltem
+Ingrimm. Es ist so, wie soll ich’s denn anders denken? »Wenn dem Hause
+van der Valck die hohe Ehre des unterthänig erbetenen Besuches zu Theil
+wird – schreibt mir wörtlich der alte Herr – so wird es Hochdenenselben
+gewiß zum höchsten Vergnügen gereichen, in meinem Abendzirkel einen
+liebenswürdigen jungen Verwandten mit einer doppelt liebenswürdigen
+Verwandtin, Gemahlin eines der verehrten Herren Vettern, und einem
+Kinde, welches man ein Wunder von Schönheit nennt, zu finden, welche
+beide gestern mit meiner Pinke, die »vergulde Rose«, Curs Hamburg,
+Carolinen Siel #à# Amsterdam, hier eingelaufen sind.
+
+In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort. Wenn
+es nicht deine Frau ist, so bin ich äußerst neugierig auf die schöne
+Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schöne junge Frau und ein so
+schönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl
+nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber
+Vetter, du grollst vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger
+Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der
+Leimruthe einer hübschen Larve gefangen nahm, und so gnädig ist, in
+diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck’s die junge Gräfin zu
+spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird
+er schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das
+Feuer scheut. Jeder muß selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu
+tragen.
+
+Jedenfalls aber muß dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische
+Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu
+führen, so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren!
+
+Nur erst prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erst noch einmal den alten
+Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jüngste
+Begleiter.
+
+Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken
+hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Lust, mich mit dir zu
+schlagen, daß deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so
+beleidigen! Als du wegfuhrst, verließest du sie doch leidend; so
+ätherisch sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt für einen Engel, einen
+Seraph erkläre, eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist
+sehr gut für dich, sie hat keine Flügel, folglich kann sie dir unmöglich
+unter den Händen weg voraus geflogen sein.
+
+Was half all’ dieses Reden! Der eifersüchtige Mensch ist stets sinnlos
+und handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste,
+beste Mensch wäre; die Leidenschaften sind Dämonen und werden es ewig
+bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Götter. Und
+fürwahr, es erscheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich
+Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre
+der Reife erreichte, ein Pandämonium ist und bleibt bis zum Grabeshügel.
+
+Ich hoffe, daß ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz
+verblendete Mann, aber möglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt
+gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hübschen Laffen, dem Lebensretter,
+übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen
+vier oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser
+Vorsprung war ein Leichtes.
+
+Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu
+entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und
+deiner Rückreise wohlbekanntes Ziel.
+
+Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das
+durch die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kündete seine innere
+Bewegung an. Jetzt war das Haus erreicht.
+
+Noch ein Wort! sprach der Jüngste der drei Herren. Kein Feldherr
+unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine
+Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet
+aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die
+Vorpostengefechte beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf
+übermorgen sage ich das Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein
+günstiger Friedensschluß den Feind zur Unterwerfung nöthigt.
+
+Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den
+Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen.
+
+Herr Adrianus hatte, während die Gesellschaft sich der Betrachtung der
+erwähnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung
+anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines
+Dieners unbemerkt das Zimmer verlassen und empfing mit ehrfurchtvollem
+Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren.
+
+Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der
+Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen,
+Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine
+Marie?
+
+Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da,
+aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hörte ich dasselbe
+Sophie rufen.
+
+Da haben wir’s! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal
+wieder ein starker #error calculi# meines hochgnädigen Herrn Vetters!
+
+Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der Eifersüchtige.
+
+Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklärung hinwegfällt, scherzte
+der jüngste der drei Offiziere, so dächte ich, wir bildeten heute blos
+ein Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als
+Bataillonschef selbst jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden
+befinden.
+
+Die Gesellschaft im hohen geräumigen Besuchzimmer nahm wahr, daß am Ende
+der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Dienern nicht ohne
+Geräusch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kronleuchtern, auf deren
+jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in demselben
+Augenblick erklang von einem großen, in dem Durchgangszimmer
+aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flöten-, Trompeten und
+Fagottstimmen, mit türkischen Becken und halbem Mondgeklingel, mit
+Posaunen- und Paukentönen füllreich und harmonisch bewillkommend die
+Melodie der niederländischen Nationalhymne.
+
+Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüsterte er,
+während die ganze Gesellschaft sich überrascht und feierlich erhob,
+diesen Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater?
+Se. Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei
+Generale!
+
+Und einer derselben mein gestrenger Vetter, der souveräne Erbherr von
+Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und
+wahrhaftig, der Andere ist William, der englische Vice-Admiral,
+ebenfalls mein Vetter. O Leonardus!
+
+Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen
+begrüßende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern
+Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den
+Vice-Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die
+Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und
+was sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde
+des Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuser van der
+Valck und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war.
+
+Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher
+Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die
+hohen Gäste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden: Diese
+Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus.
+
+Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er sah in
+ihr ein schönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Gesicht, das machte ihn
+innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken
+gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich
+dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und
+Gereiztheit, trieb ihn zu einem raschen Entschluß. Während noch der
+Erbprinz zu Leonardus gütig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral
+mit wenig verschämter Neugier Angés betrachtete und in sich selbst
+hineinmurmelte: Schön, außerordentlich schön, kein übler Fisch, und
+darauf ein Gespräch mit Angés anzuknüpfen begann, winkte Graf Wilhelm
+Gustav Friedrich seinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und
+sprach zu ihm: Ludwig Carl, kannst du vergessen?
+
+Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig
+offen zur Antwort.
+
+Ich will es! entgegnete der Erbherr.
+
+Ein gegenseitiger fester, männlicher Händedruck, und die Versöhnung war
+besiegelt.
+
+Aber sprich, wer ist diese Dame?
+
+Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und
+incognito! flüsterte er.
+
+Zu Angés gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine
+Niederländerin, meine Gnädige? Französin ohne Zweifel?
+
+Eine Deutsche! gab Angés zur Antwort.
+
+Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath?
+
+Die Pfalz.
+
+Ah so, die Pfalz, ein schönes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz,
+schöne Pfalz-Gräfin –?
+
+Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebührt vielleicht Personen
+Ihres hohen Geschlechtes, ich aber muß ihn bescheiden ablehnen.
+
+Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war überrascht von dieser
+einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angés kenne
+genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus
+ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren,
+wie Angés eine Pfalz-Gräfin war. Indem er sich so für abgefertigt hielt,
+gewann Angés in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder
+blosstellen, sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im
+scherzhaften Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen
+denn das Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unsere
+Verwandte sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! – Diese
+Worte machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestürzt. – Nicht? nicht?
+nicht? stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der
+junge Herr Graf selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner
+Herren Vettern, wie konnt’ ich zweifeln? – Gewiß, lachte fast laut der
+zu Scherz und Spott stark geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie
+zweifeln? Die Verwandtschaft des jungen Herrn ist erstaunlich groß, er
+hat ganz sicher sehr viele Vettern und auch Mühmlein. Er ist ein Luft-,
+ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie
+auf Ihre goldenen Theelöffel Acht haben, Herr Adrianus, ich glaube, die
+Dame ist eine feine Spitzbübin, und daß sie des Goldes bedürftig, sehen
+Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht.
+
+Es fiel dem Vice-Admiral nicht im Entferntesten ein, diese seine
+Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts
+lieber war als baare Münze, nahm auch diese Worte für solche, und sein
+Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld,
+wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der
+– Landläuferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu
+wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur
+Steigerung seines Aergers, so eben mit Angés im vertraulich flüsternden
+Gespräch erblickte, während der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt
+und der Erbprinz sich in ein Gespräch mit der würdigen Familie von
+Swammerdam eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmüthige Frau in den
+Weg und fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene
+beginnen? Mache daß die Täubchen endlich zusammenkommen, denn das
+Sprichwort sagt: #waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld
+is, daar wil het geld wezen.#
+
+Ja ja, Mutter, ja ja – wenn nur nicht – nun gleich – werde die Sache
+einstweilen ordnen – doch sorge, daß die Herren zuvor gut bedient
+werden.
+
+Du siehst ja, daß es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden
+die Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben höchstihren
+Zuckerkuchen in den Thee.
+
+In Adrianus Innerem kämpften widerstrebende Gefühle und ein Zweifel
+jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter
+dieser Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter
+angedeutet, und brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte
+dahinter; aber Adrianus hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und
+jene Dame, die er eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den
+übrigen Gästen blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis
+paßte, wie war seine eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den
+Erbprinzen dazu eingeladen zu haben?
+
+Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute
+Amsterdams bildeten eine höchst achtungswerthe Aristokratie, kein Fürst
+brauchte sich ihrer zu schämen, das hatten schon die deutschen Kaiser
+Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht
+unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu
+Amsterdam seine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiser Sigismund’s hinab
+erstreckte. – Herr Adrianus war unglücklich in seinem Gemüth und mit
+sich selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgänge des heutigen Abends
+so schön ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nächsten
+Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut
+öffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen
+salbungsvollen Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander
+diese Verlobung in der St. Ottilien-Kirche öffentlich verkündigen. Die
+ehrbare Braut, fügsam und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau
+ziemt, war Alles zufrieden, was die Häuser van der Valck und Swammerdam
+über sie beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit
+Sehnsucht oder zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt
+herbeizusehnen, dessen doch in aller Gemüthsruhe gewärtig.
+
+Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an,
+sein stets schalkhaft lächelndes Gesicht in ein ernsthaftes
+umzugestalten, was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu
+jugendlich munter, um schon seinen Zügen die stehende Type gottverhaßter
+Heuchelei fest einzuprägen, wozu entweder sehr frühe Uebung oder reifere
+Jahre gehören. Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange
+hagere Gestalt der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den
+Mittelpunkt vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsäule
+gleich, mit niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von
+Leben gab, als daß sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und
+noch feiner durchbrochenen Elfenbeinblätter ihres Bastille-Fächers
+aufschlug und wieder zusammen klappen ließ.
+
+Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei
+es eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen
+Gäste in den Halbkreis, und nur Angés wandte sich zu dem Kinde, das
+jetzt einige Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte sich zu ihm nieder und
+flüsterte der Kleinen zu, daß sie sich bald nach Hause begeben wollten.
+Sophie zeigte mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder,
+die sich vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies
+nur leise flüsternd that, und Angés sich ebenso mit ihm unterhielt, so
+störte das nicht im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der
+Valck jetzt vor dem Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und
+deren Inhalt sich um die unsterblichen Sätze drehte: daß Gott im Anfang
+ein Männlein und ein Weiblein erschaffen und in eigener allerhöchster
+Person geäußert habe, es sei nicht gut, daß der Mensch allein sei, daß
+folglich jeder Mensch, nämlich Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn
+sei; daß ferner alles irdische Glück, wonach auch alles Streben
+hauptsächlich ziele, in Erfüllung göttlicher Weltordnung und der
+Gründung eines häuslichen Herdes gesucht und gefunden werde. Auch sei
+durchaus unzweifelhaft, daß Gott und seine heilige Kirche nur mit
+Wohlgefallen auf christliche Eheverlöbnisse blicke, die nach den
+Wünschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und Verwandten,
+und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung über das
+irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden.
+
+Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van der
+Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van Swammerdam eine
+derartige Verabredung schon in früheren Jahren getroffen worden, so soll
+dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so verloben wir, ich,
+Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner ehrsamen Hausfrau
+Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen eheleiblichen Sohn
+Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr, Herr Nepomuck
+Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame Gemahlin, Frau Susanna
+Euphemia van Swammerdam, geborene van Neriske, als Tochtereltern, ihre
+eheleibliche einzige Tochter, die »adelyke« Jufferouw Sibylla Nikodema
+zu einem rechten christlichen Brautpaar vor diesen allseits achtbaren,
+hohen und höchsten Zeugen!
+
+Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine vorher
+leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen, die er
+bereits in den Händen hielt, leise klingelte, fuhr Angés horchend auf
+und eiskaltes Entsetzen überrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr
+lauschte sie hin, beide Hände fest gepreßt auf die ungestüm wogende
+Brust, auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach
+Fassung. – Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen – zuckte es durch ihr
+Gehirn – nicht den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés – denn er
+ist nicht dein, wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht;
+du darfst nicht Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch
+auf dich laden! – Und so stand die schöne, zitternde Gestalt im
+gewaltigen Kampfe zwischen Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer
+vom Pfeil des Todesgottes getroffenen Tochter Niobe’s, bleich wie ein
+antikes Bildwerk aus cararischem Marmor.
+
+Und Leonardus? – In seinem Busen wogten und gährten Höllenangst, Zorn,
+Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer sich wollte er schon einen
+unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach Brauch
+und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch schon Vincentius
+Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in
+diesem Augenblicke aber fühlte er seine Hand fest erfaßt und gedrückt,
+und hinter ihm stand Ludwig und flüsterte: Sei Mann! Verstellung, keine
+Scene, stelle deine Eltern nicht blos – wir helfen dir heraus!
+
+Diese Worte hörte Angés nicht, denn sie hörte überhaupt nicht mehr, ihr
+ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen
+Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter geführt, ganz ehrbar zu
+seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla’s Hand in seine
+Hand legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz
+trotz der dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern,
+Kandelabern und Gueridons brannten, daß sie gar nichts mehr sah; lautlos
+sank sie in sich zusammen.
+
+Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl
+erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des
+Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten Leonardus,
+er sank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief außer sich,
+Alles um sich und sich selbst vergessend:
+
+Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache! – Der Erbprinz
+bemühte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkosend das
+schöne Kind; zufällig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des
+Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karminroth von der feinen Haut
+die Buchstaben entgegen: #S. C. B.# Er hob mit einem lauten jauchzenden
+Ausruf die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude!
+
+Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angés schlug die Augen auf, und sah
+das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer
+Ohnmacht schneller geweckt, als die stärkenden Essenzen. Eure Hoheit –
+wurden fragende Stimmen laut: Was ist’s mit dem Kinde? Und Jener rief
+mit schöner Wallung des Gefühles: Dieses Kind – ist mein –
+
+
+
+
+10. Ein Tag in Paris.
+
+
+Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare,
+unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter einem
+hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an
+allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe und
+Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten
+gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge folgte dem
+anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein, denn
+das Unerhörte fand statt, es feierte selbst – die Guillotine.
+
+Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott
+glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der
+Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize
+und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch
+übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der
+von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von
+der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen
+der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere
+Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?
+
+Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit dem
+vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte,
+Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst
+aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des
+heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften
+christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön,
+obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25.
+Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli
+(Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl
+die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von Oekonomiewerkzeugen
+und Küchenkräutern, hinter denen man nur Dreschflegelführer und
+Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als sie sich zu
+Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer haben? Diese
+Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten sein, wie eine
+Nation, die sich die Große nannte, solchen Gallimathias gutheißen und
+anerkennen konnte?
+
+Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem
+Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche
+mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben
+Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige
+Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten,
+kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel
+und Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken
+rothe Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau,
+roth, weiß. Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige
+Pistolengriffe schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des
+Kleeblatts heraus. Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen
+und Pulver in dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas
+furchtbar Wildes, und zeigte sie so recht vollständig #à la mode#, denn
+solcher Gestalten und Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren
+sogenannte Carmagnolen.
+
+Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die
+Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz
+kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf
+an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu
+dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke
+Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können.
+Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl durch,
+und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen Plätzen
+und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück, #Programmes de
+spectacle# feil.
+
+Aufzüge waren es, welche die wühlenden Massen in Stocken brachten und
+für welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten wurde.
+Da zogen Jungfrauen auf das Schönste, wenn auch nicht auf das
+Anständigste geschmückt, nämlich in flordünnen griechischen Costümen,
+durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen,
+Kränze von Aehren und Kornblumen im Haar und Körbchen voll Blumen
+tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen
+beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte,
+wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals
+schön, kleidsam und anständig genannt ward. Es kamen Greise, anzusehen
+wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die
+Wachsfigurenkabinette die Jünger Christi umhängen, die das Abendmahl
+feiern, mit schneeweißen Perrücken und abscheulichen Flachsbärten. Diese
+tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der
+großartigen Farçe ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um sie den
+Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, sobald ihr Stichwort fallen
+würde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit
+Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thorfahrten geschmückt.
+Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüstet
+worden, um Paris für einen einzigen Tag einen schnell vergänglichen
+Schmuck zu leihen.
+
+Die drei jungen Männer in der schmutzigen Carmagnolentracht wühlten sich
+langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer
+allmählig gelang, an der Wasserseite gegenüber dem Pavillon der Flora
+und der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen,
+von dem aus sich einigermaßen die Festlichkeit übersehen ließ, welche
+sich vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens
+erbaute Amphitheater, das sich bis hinan zum großen Balkon des
+ehemaligen Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe
+Rednerbühne emporragte. Vom Amphitheater führten Stufen bis herab zum
+großen runden Wasserbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und
+in dessen Mitte statt der zertrümmerten Steinbildsäulen, die dasselbe
+früher geschmückt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war,
+zusammen gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem
+Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende
+Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht,
+der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkündete,
+daß dies »die einzige Hoffnung des Auslandes« darstelle und bedeute.
+
+Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spöttelte einer der
+drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefährten, aber in einer Sprache,
+die ganz fremdländisch klang und die schwerlich ein Akademiker
+verstanden haben würde.
+
+Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der jungen
+Männer.
+
+Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll _blinder_
+Kinder.
+
+Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von
+einer Schaar entmenschter Henker den Fuß auf den Nacken setzen zu
+lassen?
+
+Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthschaften und allerlei Gerümpel,
+welches die Attribute des Gewerbes und der Künste darstellen sollte.
+
+Ah, der neue Kalender! flüsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel,
+Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Sense, lauter
+Monatstage; die neuen Heiligen!
+
+Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten
+Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernsthaft,
+Junge, ernsthaft, sonst ist’s um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln
+stempelt dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil.
+
+Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen
+sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mütter, der Kinder, der
+Jünglinge, der Männer u. s. w. nach der Vorschrift des Programms
+vertheilt waren. Gegenüber den drei Zuschauern erblickte man in einigen
+Fenstern des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von
+Zuschauern und noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine
+Gesellschaft, welche dem angenehmen Geschäft des Frühstückens oblag. Der
+eine von den drei aufmerksamen Zuschauern flüsterte seinem dicht an ihn
+gedrängten Nebenmanne mehrere Namen zu. – Jenes Weib mit dem
+abscheulichen Aufputz, dem fliegenden Mähnenhaar und den weit herauf
+entblößten Armen, ist die Bürgerin Dumas, die Frau des Präsidenten des
+Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in großem Costüme. Dort
+stehen neben einander Barrère und Collot d’Herbois, und lassen sich den
+Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim
+Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine
+verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Bürger Villate, der
+sich jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein
+hungerleidender Seminarist, wofür er sich jetzt entschädigt. Er hat
+stets Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen.
+Vor Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine
+sandte: Die Angeklagten sind doppelt überführt, sie haben nicht nur eine
+Gefängnißverschwörung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen Magen.
+Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum Frühstück
+gelangen können. Lasset sie dafür in den Sack niesen!
+
+Ha! – Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des
+Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrängt
+harrende Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, daß sie auf
+ihn harrt. Sieh – er trinkt – rothen Wein!
+
+Ob ihn nicht schaudert? flüsterte leise fragend der Eine.
+
+O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit längst
+überwunden.
+
+Er trägt eine grüne Brille, flüsterte jener wieder.
+
+Farbe der Hoffnung auf die Dictatur. –
+
+Das Frühstück bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten
+harrte im Brande der Frühlingssonne des heißen Junitages die Menge,
+theils geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der
+Einheit (früher d’Horloge) schlug zwölf – sie schlug halb eins – man sah
+jenen Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an
+seine Stelle getreten, die Männer des Revolutionstribunals, hohe
+schwarze Hüte mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze
+Talare, darüber breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder
+um die Brust mit metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer
+Ordensbündnisse – alle Brüder eines Todesbundes, der Menschenleben
+hinmordete, wie des Mähers Sense die Wiesenblumen in Schwaden
+dahinstreckt. Es schlug ein Uhr – immer noch harrte die Menge, die
+Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer fehlte, der vorhin doch da
+gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele des Festes – er war nicht
+mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus dem Zimmer gewankt
+war, vergessen, sein Blumenstrauß; man suchte ihn, man fand ihn auch –
+es war der Repräsentant des französischen Volkes, den man gesucht, den
+man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der Anstand zu sagen;
+es war _Robespierre,_ und Robespierre – war betrunken.
+
+Das war der Mann, der jetzt herbeischritt, bleich, mit gerötheten Augen,
+etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen
+Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin,
+der Mörder der Girondisten, der Mörder von des Königs Schwester, der
+Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mörder von Tausenden; eine
+Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper
+so klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das
+war die körperlich und moralisch schreckliche Mißgeburt und die
+Gottesgeisel, die sich das große Frankreich gleichsam zum Herrscher
+gesetzt, der es seinen freien Nacken beugte. Das war der Gotteslästerer,
+der es gewagt hatte, am heutigen Tage ein Fest des höchsten Wesens
+anzuordnen.
+
+Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrüßte das berauschte
+Scheusal, und es hallte endlos und endlos #Vive Robespierre!# daß es ihn
+ernüchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die
+Tribüne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht
+zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flämisch und
+Französisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu – von
+glücklichem Tag, französischem Volk und höchstem Wesen, von Tyrannei und
+Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des
+Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und
+diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem höchsten Wesen, in
+dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken
+und Wünsche zu weihen.
+
+Dieses höchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem
+Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren
+der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächste sollte 23 dem Beile
+verfallen sehen.
+
+Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe der
+Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser mit
+einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikanischen Wüste
+glich, geendet hatte, brausete stürmischer Beifall, obschon nicht ein
+Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen.
+
+Feierlich stieg Robespierre von der Tribüne herab und die Stufen nieder,
+um symbolisch die »einzige Hoffnung des Auslandes« zu vernichten. Man
+reichte ihm einen brennenden Kienspahn, und mit dieser stinkenden
+Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit
+Brennstoff umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war so getroffen,
+daß an die Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Träger das Bild
+der Weisheit in reiner, schöner und edler Gestaltung treten sollte –
+aber wohl wälzte sich unter Trommelwirbeln und Musikklängen dicker Dampf
+empor, wie weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande – wohl krachten
+die Bretter und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der
+Atheismus mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rührten sich
+kaum, sie wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten
+Mechanismus jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeräuchert
+wie ein westphälischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme
+stand als Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trümmer, nämlich der
+allegorischen Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und
+heitern Stirn; bei ihrem Anblick drängen sich Thränen der Freude und der
+Dankbarkeit aus aller Augen.
+
+Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die »Hoffnung des
+Auslandes« unerschüttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie
+zusammenrissen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöschliches
+Gelächter ergoß sich durch des Nationalgartens menschenvolle Räume. Das
+kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die
+Tribüne und perorirte seine schwülstigen Phrasen von dieser herunter der
+Menge zu, Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekämpft
+die Könige, ihr seid also würdig, die Gottheit zu verehren! – Unser Blut
+fließe für die Sache der Menschheit – das ist unser Gebet, darin besteht
+das Opfer, welches wir dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen,
+du höchstes Wesen!
+
+Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und Comödianterie,
+und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die Menge wälzte sich
+aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die Eintrachtbrücke im
+dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber.
+
+Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen.
+
+Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen
+uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte mehrere
+auf uns gerichtete verdächtige Blicke, besonders drängte sich ein Kerl
+in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengesicht – dort steht er noch und
+läßt uns nicht aus den Augen – an uns heran, entweder hat er Lust zu
+stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich.
+
+Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte sich der erste
+Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die
+jetzt, der noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai entlang
+schritten und den Zwischenraum zurücklegten, welcher das Tuilerienschloß
+vom Louvre trennt.
+
+Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern, mit
+dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdländischen Sprache, in
+der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese
+Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst
+den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragödie?
+
+Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so
+viel Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind,
+zutrauen, daß ich meine Augen nicht verschließe, zumal wo Alles so wie
+hier in die Augen springt, selbst wenn man diese verschließen wollte.
+
+Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und mehr, mit
+einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der ganze Garten,
+denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem Marsfelde. Die
+Freunde schritten langsam und gemächlich auf der hohen Terrasse am Bord
+der Seine hin und schauten über die niedrige Steinmauer und über den
+Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die Spur der zum
+Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von welcher Seite eine
+vom Schall nur dumpf getragene Musik herüberklang.
+
+Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion schien, tänzelte hinter
+den Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht,
+sondern schritt gleichsam spielend, wie ein großer Junge, auf der
+Balustrade der Terrasse hin und pfiff sein #Ç’a ira#-Stückchen, indem
+er den Sprechenden näher kam und sich bemühte, ihre Rede zu belauschen.
+
+Der mißtrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar
+kommt en holl Tidd jüm uhn – liat ley wör.
+
+Die Freunde schauten sich um, und der Eine sprach: Nä es et en slecht
+Tidd! Hura! där dü Barlang hen![4]
+
+ [Fußnote 4: Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt sie
+ liegen vorn. – Es ist eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch
+ sie.]
+
+Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht zuschauen?
+fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und lauerte
+der Antwort entgegen.
+
+Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward
+ihm zur Antwort.
+
+Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger?
+fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.
+
+Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie
+nicht verstehst, Bürger!
+
+Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch
+ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch.
+
+Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser![5] schrie mit starker
+Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im
+Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in
+den Wellen.
+
+ [Fußnote 5: Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!]
+
+Nä uhn Gotts Namen förward![6] rief der Aeltere der drei Gefährten und
+bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit
+seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen
+verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem
+Tuilerienschloß verunzierten.
+
+ [Fußnote 6: Nun in Gottes Namen vorwärts!]
+
+Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen Bade
+und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein möge, in
+welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche erkannt,
+gesprochen hatten. –
+
+In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer
+ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern,
+doch etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer geistiger und
+körperlicher Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben
+und las sich eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor.
+
+»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande
+bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt
+mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere,
+und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der
+Löwengrube; ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern,
+daß von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben
+glauben wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus
+schrieb ich Ihrer Excellenz #aux armes de la ville# – der Herr Graf
+hatten kaum Zeit, an die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn
+zu thun; den ganzen lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er
+schrecklich beschäftigt mit dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit
+den Admiralitäts- und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten
+unzugänglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute
+Erfolge, die sich, wenn ich nach Geldernland zurück bin und klaren
+hellen Tag in der Sache sehe, von Doorwerth aus vollends ordnen lassen.
+Auch gegen den jungen Herrn Grafen sind der Erbherr nicht mehr
+aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der Vice-Admiral, ein trefflicher
+heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgestimmt. Uebrigens hat sich
+damals der junge Herr im Hause unseres alten Herrn Adrianus ein kleines
+Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß nicht durch was, in große
+Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande gesetzt, was ihm jedenfalls
+nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er hat ein genaues
+Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck
+geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas
+überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein
+sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander
+zu setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff
+unsers jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich
+mit seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darüber bis zur
+Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren
+mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon
+vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht
+eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich
+gemacht habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die
+Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen
+Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider
+ist dazu die Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun
+und ob etwas zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in
+die Löwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die
+Thorheit begangen, sich an mich anzuschließen und mich gleichsam zum
+Beschützer jener Dame und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit
+Händen und Füßen dagegen sträubte – aber meine gar zu große
+Gutmüthigkeit und der Trieb, wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu
+helfen, gibt meinem Verstande einen Rippenstoß über den andern. Wir
+halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen sich in Begleitung
+Philipp’s unter allerlei Maskeraden in die Stadt, ich hoffe aber alle
+Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach Doorwerth aufzubrechen
+so schnell als möglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo
+sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war auch in Utrecht bei
+Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Carl; Hochdessen Frau
+Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und dero Kinder, Gräfin
+Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der kleine erst
+zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und legen sich
+Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur
+englischen Armee sich begeben.
+
+Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo
+dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum
+abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier
+doch von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen.
+Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post
+wird jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen
+übersteigt alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier
+einpassirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende
+Geschäfte gemacht werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist
+vielleicht der einzige, der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir
+haben auch zum Schein einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird
+Ihre Excellenz mit einem Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn
+ich diesem Briefe eine Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen
+Haare der unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen
+die hellen Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.
+
+Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Grossier
+Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da
+dasselbe beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille’schen
+Rentenzinsen für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen
+namhaften Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu
+erheben gewesen sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles
+Vermögen verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht
+nach Paris zu kommen.
+
+Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz Hochdero
+getreuester
+
+ Paris, den 8. Juni 1794.
+
+ Windt.
+
+Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar
+treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig
+ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den
+Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald
+nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder
+zu Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem
+stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken
+sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das
+war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch
+so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn
+Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir
+uns wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln.
+
+Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt hinzu;
+dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten Ausflug
+gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner ganzen
+Schönheit.
+
+In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl
+sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre
+wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger
+Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck,
+unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben,
+dahin zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten
+dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben
+so hier zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das
+ich reise, glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt,
+die Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr
+sie hier aufzuthun.
+
+Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich
+alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr
+einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den
+holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem
+Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch
+schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von
+guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und
+manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von
+hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir
+guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés
+von ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu
+dem so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich
+drängen, mit anzusehen.
+
+Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den
+vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der
+Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel,
+eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem
+tödtlichen Ausgang für sie alle führen.
+
+Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten
+schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis
+dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig,
+fanatisirt, #ça ira# brüllend, theilweise auch die Farçe mit
+sarkastischer Lauge kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der
+Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin
+vernahmen die Reisenden manches scharfe Wort. Hat sich anschreien
+lassen: #Vive Robespierre!# Tod all’ diesen Schreiern! – War betrunken
+wie eine Kanone! – Will das höchste Wesen selber sein! – Herunter mit
+ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige
+Comödiant!
+
+Angés, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz geschlagen
+hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt worden
+waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern
+in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu schreiben,
+machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das theuere Kind
+und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben gelobt hatte,
+so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie freilich
+nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor
+einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen
+Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr
+Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft
+zum Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so
+völlig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf
+schönen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße
+hält.
+
+Angé’s Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und
+ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre
+Seele bebte.
+
+Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel
+schützend und schirmend die Reisenden umschwebten.
+
+
+
+
+11. Die Reisenden.
+
+
+Im Geldernlande, westwärts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und
+Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner
+Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trüb und träge,
+als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkräftige
+stolze Strom, sein schönes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt,
+um sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die
+Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen
+Herrenschlosse, Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerschaften,
+Oeconomiegebäuden, mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen
+Feldflur, die ziemlich frei ist von Sümpfen und Morästen, und trotz der
+flachen Landschaft, die nur nach Norden hin einige sanfte bebuschte
+Anhöhen, was man eben in diesen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen,
+doch nicht ohne landschaftliche Schönheit ist. Rings grüne Matten,
+Tabaks- und Saatfelder, noch mehr unübersehbare, mit Heerden bedeckte
+Wiesen, durchzogen von zahllosen kleinen Kanälen und Wasserrinnen, längs
+deren in malerischen Gruppirungen die schönsten alten Weiden, Erlen,
+Ulmen und die hochstengeligen Schößlinge buntblühender Stauden wachsen.
+Wer je die Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem’s sah und diese
+Auen, der muß sich sagen, daß in allen Bildern jenes großen Meisters die
+treueste Wahrheit der Natur herrscht.
+
+Im Frühling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige
+Landstrich noch einer glücklichen Insel zu vergleichen, um die rings
+empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts
+weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners.
+
+Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene Kastell,
+dessen Bauart ganz die alter niederländischer Schlösser war, der wir so
+häufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe Bäume,
+Eschen und Rüstern, uralt und von mächtigem Umfang der Stämme, und
+deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die ausgedehnten
+Gärten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem Töpferthon, in denen
+Blumen hätten prangen sollen, allein einigen fehlte die Erde, andere
+waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende Hand des
+Kunstgärtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern der
+Antike geformt waren, blühte, als was sich an Ritterspornen, Lack,
+Astern, Levkoien und Trichterwinden alljährlich von selbst aussäete,
+oder was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und
+Brennnesseln in manchem dieser Gefäße wuchernd aufgegangen waren. Vom
+Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten es
+wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bäume, obschon es nur eine
+Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von diesem Ufer
+kaum noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster
+Fußweg. Früher war eine Fähre da gewesen, auf der man leicht an Stricken
+sich an das linke Rheinufer hinüber leiern konnte, um auf den Landstrich
+zwischen dem Rhein und dem schmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen; es
+stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fährhaus, aber jetzt standen
+außer dem Hause kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlösser
+einst befestigt waren, mit denen man die Fähre verwahrte. Einige hundert
+Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth durchschnitt
+die sich durch die Wiesen schlängelnde Straße, die von Arnhem nach
+Wageningen führte, die Wiesenfläche und jenen selten betretenen Fußweg;
+der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwärts, bildete eine schöne
+Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach Norden fort
+gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese führte, der linke Arm zum
+Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, längste, am Dörfchen
+Oosterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von Doorwerth
+aus ein Wanderer in zwei #»Uren Gaans«#[7] erreichte.
+
+ [Fußnote 7: Gehe-Stunden.]
+
+Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein
+Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Gesinde die andere.
+Außerhalb der Herrschaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke,
+zwischen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwohnung stand leer, und
+in dem weitläufigen und sehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten
+Kastell waltete Aufsicht führend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei
+Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der Stadt
+zu verrichten hatte, eine Frau von gutmüthigem Aussehen, aber dabei
+raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und
+Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schönen
+Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige
+Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und
+sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr
+ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel
+freute sie fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tüchtiger Büschel
+reifer Lauch dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender
+Crocus.
+
+Es war ein schöner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als diese
+wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster
+niederländischer Haustracht sich im köstlichen Schatten der nördlichen
+Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band
+am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchsten Einfachheit, aber
+von der möglichsten Größe, wie die holländischen Matrosenfrauen sie
+trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und
+das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war
+etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinste Blümchen. Dieser Fächer,
+dessen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht
+bedurfte, war indeß bei all seiner Einfachheit ungleich nützlicher und
+praktischer, als der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene
+Bastillefächer von Paris, und das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur
+Kühlung hervorgebracht werden konnte, war ohngefähr das vom Sausen eines
+Windmühlenflügels oder dem Hauch eines Blasebalgs.
+
+Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe
+der schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so
+lauter, als Niemand vorhanden war, der sie hörte: Ob er wohl nicht bald
+kommt? Zeit wär’s! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht
+durch; die ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfällt,
+Schloß, Wälle, Reithaus. Woher kommt’s? Von der übergroßen Oeconomie,
+von der Sparsucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal
+umgewendet, und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was
+jetzt mit zehn Gulden zu erhalten wäre, muß später mit hundert Gulden
+wieder hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein
+Geld haben, und wo käme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die
+Hamster, und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter,
+#dy een hair in vieren kloofen.#
+
+In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau
+blickte scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr
+Gott von Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas,
+dem Reiter entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends
+abgestrickt, Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in
+die Tiefe des geräumigen Strickbeutels versenkt hatte.
+
+Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in
+kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, stieg rasch ab und eilte in
+ihre Umarmung, die sehr zärtlich, aber zugleich sehr kurz war.
+
+Willkommen, Windt! Gott sei Dank, daß du da bist, Windt!
+
+Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und
+unermüdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und
+Haar und zuletzt den Kopf muß man daran setzen. Wie geht es hier?
+
+Nicht besser als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach
+Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das
+ganze Schloß voll Einquartierung.
+
+Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefaßt gemacht hast;
+es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß.
+
+Was? Mann? Spaß oder Ernst? Das wäre mir!
+
+Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt
+all’ gleich! Der jüngste der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du
+doch das Schloßthor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein
+Liebling, hast ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen
+Freund mit und dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun
+was ist es weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken
+wird es ja wohl auch noch in Doorwerth geben, und du bist doch niemals
+glücklicher, Jule, als wenn du alle Hände voll zu schaffen und für recht
+viele Mäuler zu sorgen hast.
+
+Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in
+höchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann
+kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er denn?
+
+Ei so klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeister. Ich werde
+den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschütten, habe vorerst nur Geduld
+und laß mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute
+Wein-Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht.
+
+Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: so weiß ich, daß ich
+einen Mühlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du.
+
+Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte
+Windt das Scherzgespräch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand
+des anderen sein Pferd am Zügel nach dem Schlosse führend.
+
+Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines für die junge Dame und das
+Kind, und eines für den fremden Herrn.
+
+Und für unseren jungen gnädigen Herrn?
+
+Nun, für den so viele, als er für sich befiehlt. Das versteht sich doch
+von selbst.
+
+Ei sage, wer sind denn die Gäste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau
+Windt.
+
+Und wenn ich’s nun nicht wüßte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand
+verrathen? gab Windt zur Antwort.
+
+Du weißt es doch, ganz gewiß!
+
+Liebe Frau, wer weiß, ob ich’s so ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie
+mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote,
+liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner
+wußte sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch
+ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete
+der?
+
+Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt.
+
+Siehst du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeister auch; er
+antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen!
+
+Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim, wenn
+du draußen herum gereist bist.
+
+Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte Schnurre
+wieder. –
+
+Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende
+Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte
+der Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der
+Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und verschmolzen,
+je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und hülfreich zu sein,
+und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erschloß; ja auf
+Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und Angés das
+geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten. Gern und
+freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann,
+sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit und
+Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der
+Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man
+war endlich doch, ohne allzugroße Beschwerde und Langeweile zu fühlen,
+welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte
+hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets
+liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen
+hielt und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem
+sie sich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen
+klugen und treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer
+Heimath erzählt, an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen
+Sehnsuchtsgefühl dachte, besonders wenn der Anblick der endlosen
+Flächen, welche durchfahren wurden, sie drückte.
+
+O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses
+Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll
+lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern
+der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und
+Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche,
+Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts, es piept oder es
+kreischt nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen!
+
+Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach
+Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig
+in Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns
+finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der
+Menschen Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend
+auf an einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen
+alle Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch
+nicht allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in
+bergeumgürteter, schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen,
+reizlosen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.
+
+Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit
+grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize,
+besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder
+hinein zu tragen versteht.
+
+Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser
+gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war
+sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische
+und diplomatische Gemüth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein
+Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich
+dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch
+sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden
+wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen
+zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von
+Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und
+den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der
+Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das vom
+Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur
+Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen.
+Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach
+jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit der
+Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés denselben
+plötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut gerufen:
+Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre
+Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie
+sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und
+unter Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß
+dieses Kind mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines
+Freundes Kind, in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch
+sei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so
+erkläre ich hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre
+Obhut genommen, sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge
+einer heiligen Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten
+sei und gesagt habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze
+dieser Dame und dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht,
+und werde niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre!
+
+Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand
+ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie
+sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es
+erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu
+bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und
+dieses Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der
+gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen
+Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer
+getrost und geradezu an mich.
+
+Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von
+Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß
+zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer
+gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.
+
+Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren
+Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel
+gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst
+einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen
+können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter
+William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist
+mit meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn
+Letzterer ist erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
+siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem
+eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat
+oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken.
+Ich verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte,
+denn ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des
+Kriegers, und erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich
+vermuthe, wieder für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur
+das Zeichen meiner grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem
+jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar bestürzten
+Leonardus zu handeln, und mich unserer armen leidenden Angés und des
+Kindes in solcher Weise schützend anzunehmen, wie es Freundespflicht
+war, und wie ich auch gethan haben würde ohne die Aufmunterungen, die
+mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden.
+
+Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus ein,
+und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das drohend
+über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging auseinander. Mein
+Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem
+geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst; außerdem will
+ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in den der
+heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann verließ
+und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre
+Enthaltsamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter! – Meine so
+eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, sagte
+zu mir: #Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die kost is te magtig
+voor my.#[8]
+
+ [Fußnote 8: Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese
+ Kost ist mir zu ungenießbar!]
+
+Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit starrem
+Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und rief einmal
+über das anderemal: #Gód wil dat den besten keeren!#[9]
+
+ [Fußnote 9: Möge Gott dies zum Besten lenken!]
+
+Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus
+den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd
+und bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann
+ich den Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf
+mich machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese
+unselige Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was
+sollte, was konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach
+so ruhig und demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht
+allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und
+werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine
+Hand als Gatte legen – nein – nie und nimmermehr.
+
+Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als
+Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich
+gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu
+gut für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir
+bleibt, wenn ich die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die
+Hälfte des Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die
+Hälfte deines Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und
+allgerechten Gott geschworen!
+
+Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach
+zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei
+dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich
+Trost, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.
+
+Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angstvollen,
+verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich
+dir und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann
+mich, ja mich euere vereinte Verwünschung getroffen.
+
+Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem Munde,
+und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der Weiterrede des
+Jünglings.
+
+Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer
+bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je
+durchlebt. Sie entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel,
+bester Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche
+belegte, und die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine
+dunkele dämonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns
+umlauert, uns belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre
+mitternachtdunkeln Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo
+sie aufbewahrt bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz
+außer mir, rief ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in
+der That so ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung
+mich vor mir selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht
+soll die Stunde sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!«
+Und siehe – in derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir
+kündeten, mit versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht
+bereuend, mich zu sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel
+Jüngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden,
+zuerst und zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend,
+wie sehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten
+Zornreden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders
+handeln können, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters
+einzuschlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber
+der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfüllte sich und fiel auf
+euer schuldloses Haupt.
+
+Alle waren erschüttert von dieser Mittheilung. Leonardus drückte stumm
+die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die
+in Thränen schwammen.
+
+Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie so
+reden hörte, ohne zu wissen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, so würde
+ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt der
+Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der
+Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla
+Nikodema van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen
+entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris so viele und auch
+_dazu_ Zeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt
+haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon
+dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: #Jacques le
+fataliste et son maitre?#
+
+Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf
+Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bücher nicht? Soll nie die
+neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete
+Lebenskreise dringen? Heißt nicht unser Jahrhundert mit schönem Vorrecht
+das philosophische?
+
+Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich für keinen
+Finsterling und Pietisten! Für keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn
+zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, daß
+diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die
+Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube,
+die Verhöhnung und Verläugnung alles dessen, was dem Menschen noch
+heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde
+von der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich
+rede, gibt mir mein Gefühl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein!
+
+Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr Windt?
+fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz entfernten
+Berufskreise schon völlig klar geworden über das Wesen, den Zweck und
+die Aufgabe der Philosophie für den denkenden Menschengeist?
+
+Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts
+Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe,
+Weisheitslehre. Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen
+umhangen umhertollt, liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet,
+lehrt sie nicht. Oder sollte ich mich irren? Neu ist freilich die Sache
+nicht, das weiß ich; zu allen Zeiten hat es abgeschmackte und
+aberwitzige Schrägköpfe gegeben, die unter der Vorspiegelung, erhabene
+Lehren der Weisheit zu verbreiten, der Welt die Schnurrpfeifereien ihres
+verbrannten Gehirns zum Besten gaben, gerade so und um kein Haar anders,
+wie unsere jungen neumodischen Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn
+dahin, keiner wandelte eine hohe und erhabene Bahn, keiner nahm
+allbewunderten Geistesflug, auf elenden Treckschuiten segelten sie zum
+Orkus und in das Meer der Vergessenheit, ins Schlepptau genommen von den
+lahmen und zu Tode geschundenen Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die
+Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die unaustilgbare Brut solchen Gewürms
+erzeugen, aber sein Loos wird immerdar dasselbe sein, das Loos der
+Eintagsfliegen, die aus den ekeln Larven im Morast entstehen, heute uns
+umschwärmen und morgen dahin sind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernst
+glauben, Herr Graf, daß diese nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich,
+diese blutige Harlekinade, dieser Freiheitsbäumeschwindel, Bäume, die
+sammt und sonders in der neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe?
+Ich glaube es nicht, und ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin,
+noch zu erleben, daß diese gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken
+nimmt, und daß Gott diesem Frankreich einen Tyrannen mit einer
+Eisenfaust sendet, der ihm die Brust zusammenschnürt mit allen Stricken
+und Ketten der Gewalt, damit es wieder Buße thue im Sack und in der
+Asche, und die Kirchen wieder aufthue, und nicht das höchste Wesen,
+welches ein ebenso haltloser und einfältiger Begriff ist, als die
+französische Gottheit der Vernunft, sondern Gott und seinen eingeborenen
+Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in der Wahrheit.
+
+Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm
+und schlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube fast,
+wenn Sie Macht dazu hätten, Sie strangulirten und guillotinirten alle
+neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein
+wenig zuzuneigen, zu allererst?
+
+Nun, wenn es auch so schlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner
+Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese
+ist die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sippschaft, welche in
+Gestalt moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts
+und der Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfüllung,
+der Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der
+Zügellosigkeit, des Atheismus und daraus entspringender blutiger Gräuel
+des Aufruhrs und der Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den
+Staatsrath, nicht in die Kirche, nicht auf die Lehrkanzel gehören,
+sondern – an den hellen lichten Galgen! Punktum!
+
+Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hören Sie
+auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder.
+
+Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie
+wieder diese Sache berühren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht
+haben, ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder
+zugestehen, noch ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat
+das Recht in der Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der
+Gaukeltasche, die er gibt, wem er will, sondern das Recht ist von
+Ewigkeit her zu Recht beständig, und das Unrecht bleibt Unrecht, und
+wenn alle Nationen es für Recht ausschreien. Lassen Sie mich nur noch,
+da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste Frage einfach antworten,
+es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die neue Erforschung der
+Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle? Warum nicht; jede
+wirklich neue Wissenschaft, die nützt oder erfreut, soll dies thun, eine
+neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die Wahrheit ist keine
+Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an ihr nicht neue
+Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und Geographie, dort ein
+Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe im stillen Ocean. Die
+Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da, beide sind nichts
+Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und Erkennen ein.
+Kein Philosoph der Welt kann einen neuen _Gott_ verkündigen; was bei
+neuen Götzen herauskommt, hat Frankreich dargethan, als es seine
+Vernunftgöttin durch eine schamlose Comödiantin vorstellen und vertreten
+ließ. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die Gottheit und ihr
+Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs eine neue
+Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es irgend
+einer Nation einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter mit
+Sperber- und Hundeköpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris
+Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwiesen!
+
+Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien
+bilden sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise
+spalten sich, der Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und
+die Geschwister, »es lösen – wie Schiller sagt – sich alle Bande frommer
+Scheu«, und die besten und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen
+zu maßlosen Reden, wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und
+Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe
+des Gemüthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn
+nicht für immer, vielen Tausenden verloren.
+
+Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von solcher
+Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen war –
+wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und völlig ohne irgend
+eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten Gemüther
+immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn sie
+stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man
+zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft
+dieser langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast
+gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher
+seiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen
+Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne
+ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf,
+welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze
+Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen
+Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude
+erfüllt, jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte
+gleich hinter Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen
+dicht am Wege sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten,
+der seiner Form und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es
+war ein in dieser Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich
+kurzen rohen Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem
+Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher
+König aber hier in der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage
+entfallen, ebenso der Grund, weshalb der ganze Hügel der Heimenberg
+genannt wurde und jener eine Strecke weiter davon einzeln stehende
+hochragende erratische Block der Heimensteen.
+
+Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf
+den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen
+Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze
+unsers neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben,
+daß nach so mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun
+soll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als
+unser übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser
+allseitiges Hoffen in Erfüllung gehe!
+
+Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen
+rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß
+Doorwerth zu.
+
+
+
+
+12. Briefwechsel.
+
+
+Das stille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Doorwerth,
+welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieselben ein
+Schooß der Ruhe. Näher drängten die politischen Ereignisse; mit
+unruhiger fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen,
+Nachrichten und Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren
+sie selten erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja,
+sie waren ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als
+Besorgnisse zu zerstreuen, die immer drückender wurden.
+
+Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von
+früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern
+dessen außerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergönnte; es
+wurden zu solchen Uebungen spätere Stunden des Nachmittags gewählt und
+die ganze jüngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den
+Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die
+Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen
+wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe
+als Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde
+still und zurückgezogen, stand Windt’s Frau in häuslichen Geschäften
+bei, schloß sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme
+dadurch, daß sie ihr sehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach
+Arnhem zur Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der
+Pariser Reise bereits auf kürzestem Weg von Amsterdam nach Doorwerth
+gesendet worden.
+
+Windt war von Geschäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine so
+ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die seine dazu, nicht zu
+unterliegen, und obschon er beständig über körperliche Leiden zu klagen
+hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges
+aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrängnisse häufig
+mittheilte. Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte
+er die Mithülfe der jungen Freunde für dies und das, und nie erschien
+der Augenblick, in welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner
+des Kastells Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht hätte. So
+war der 22. September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen
+Freunde feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt
+und dessen Frau; Angés und die kleine Sophie saßen mit Ludwig und
+Leonardus beim heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern
+Schiffskapitäns Richard Fluit gedacht und ihm und der »vergulden Rose«
+einige Becher geweiht. War es doch eine schöne Erinnerung an Fluit’s
+Geburtstag, der das innige Band der Freundschaft um die Herzen von
+Ludwig, Leonardus und Angés geknüpft hatte, und wohl werth, am günstigen
+und geeignetsten Tage sie zu erneuen. Die Verbundenen waren still
+glücklich; ihre Freude war keine lebhafte und laute, nur Frau Juliane
+Windt, des Schaumweins ungewohnt, trank sich ein heiteres Räuschchen;
+Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll Gedanken und Geschäfte, Verdruß
+und Aerger, als daß er hätte die Empfindungen theilen können, welche
+seine jungen Freunde beseelten. Er nahm daher, nachdem er der
+Freundespflicht ein Genüge geleistet, und auf Aller Wohl, sein eignes,
+das er, wie er bemerkte, sehr brauchen könne, nicht ausgenommen, wacker
+mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere Unterhaltung mit dem
+zu würzen, was ihn beschäftigte und zum Theil bedrängte.
+
+Dem Rentmeister Görlitz muß der Donner auf den Kopf fahren! Er will fort
+und er soll fort. Er ist ein ungetreuer Hund! Die gnädige Frau
+Reichsgräfin Excellenz sollen Alles wissen! Die macht mir aber den Kopf
+auch warm genug. Ich soll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen,
+der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Möcht’ es ja von Herzen gern thun,
+kann ich denn? Wo ist der Erbherr? Wissen Sie es? Ich weiß es nicht.
+Ohnlängst war er in Amsterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich sicher
+wüßte, wo ich ihn träfe, ich reiste lieber heute als morgen zu ihm. Sein
+Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, schreibt mir, daß er auf drei
+Briefe ohne Antwort gelassen sei, auch die gnädige Frau in Kniphausen
+weiß nicht, wo der Herr ist, und bestürmt Melchers mit Fragen. Sie soll
+immer leidend sein.
+
+Was sagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit schmerzlichem
+Gefühle.
+
+Ich sage leidend. Herr Melchers schreibt es, da können wir nun leider
+Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wäre, wäre uns
+vielleicht geholfen. Von Einigen hörte ich, er sei bei der Armee, von
+Andern, er wolle seine Schwester nach Hamburg zur gnädigen alten
+Excellenz bringen, wieder von Andern, er wolle seine Gemahlin und deren
+Kinder, nebst der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr ist, mit der
+Staaten-Jacht auch nach Hamburg bringen und schwärme seiner Gewohnheit
+nach zu Wasser herum, und ich sitze hier und lauere, und möchte rasend
+werden, und er gab mir doch sein gräfliches Wort, binnen vierzehn Tagen
+hierher zu kommen. Es muß ihm etwas ganz Außerordentliches begegnet
+sein. Hab’ ihm tüchtig und derb geschrieben, was hilft es aber, wenn
+mein Brief herumwandert wie der ewige Jude, und ihn nirgend findet? Und
+Gott allein weiß, wie ich hier, gesetzt der Erbherr käme endlich, mit
+ihm unterhandeln werde!
+
+Die Reihe dieser Erörterungen würde noch ungleich länger gedauert haben,
+wenn nicht Philipp mit der verschlossenen Brieftasche eingetreten wäre.
+
+Du bliebst heute sehr lange aus, sprach Ludwig zu seinem Diener.
+
+Halten der gnädige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mußte
+lange auf der Post warten. Die Posten sind ungewöhnlich spät
+eingetroffen; es muß überhaupt was los sein drüben in Arnhem, die Leute
+rennen mit den Köpfen aneinander und durcheinander, wie ein
+Ameisenhaufen, habe es nicht klein bekommen können, was es gibt, außer,
+daß man will in der Ferne kanoniren gehört haben, denn wenn ich mein
+Maul aufthue und frage, so versteht mich Niemand, und wenn Jemand mir
+antwortet, so verstehe ich auch Niemand, es ist ein dummes Volk hier zu
+Lande, ich dächte doch, ich spräche so gutes Deutsch, daß man mich
+verstehen könnte!
+
+Alle lachten. – Ja ja, mein guter Philipp, du sollst nächstens bei den
+Niederländern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutsch klingt ganz so
+rein und schön, wie unser Helgoländisch, das wir in Paris sprachen, als
+du den »Ueppasser« in die Seine warfst, scherzte Ludwig. Komm Bursche
+und trinke! Es ist heute unser Geburtstag. – Wenn der Kerl nur
+verdronken wäre! fügte Philipp mit vollem Ernst hinzu. Auf des gnädigen
+Herren gutes Wohlsein!
+
+Windt erschloß die Brieftasche; sie enthielt der Briefe viele. Mit
+Freude im Blick rief er aus: Ah! Gott sei Dank, ein Brief vom gnädigen
+Erbherrn! Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an
+Sie, Dame Angés aus Zweibrücken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van
+der Valck; halt, noch einer, auch an Sie! Nun, möge es allseits eine
+gute Festbescheerung geben! – Mit sehr verschiedenen Gefühlen im Herzen
+der Empfänger wurden diese verschiedenen Briefe entgegengenommen. Welch
+eigenthümliches Hereintreten der Außenwelt in den Menschenkreis, der
+dieses einsame Schloß belebte! – Windt erbrach hastig den Brief des
+Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beigeschlossen. – Ich war schon
+gefaßt darauf, leer auszugehen, wie so oft, sprach dieser. Was kann der
+Vetter mir zu schreiben haben?
+
+Windt las den Brief des Erbherrn laut vor. »Im Haag, den und den. Ich
+habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebster Windt, aber da ich
+zur Zeit ihres Einganges weder in Amsterdam noch im Haag war, sondern in
+dringenden Geschäften anderswo, so habe ich Ihnen nicht früher antworten
+können, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nächster Woche von hier
+nach Doorwerth reisen zu können; ich kann unmöglich früher; ich habe
+auch, hoffe ich, das nöthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, daß dies
+Geschäft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es ist in diesen
+Zeiten so drangvoll, daß ich fast nicht weiß, wo anfangen und wie alles
+Begonnene vollenden. Adieu mein Bester! Leben Sie wohl.
+
+ Wilhelm Gustav Friedrich.«
+
+Mit Hast erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgräfin. Ach, rief er
+aus, halb lachend, halb ärgerlich: der hochgnädig ertheilte Urlaub für
+mich zur Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor sechs Wochen gebeten! Was
+hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns näher rückt? Gott
+weiß, wie sehr ich dieser Cur bedürfte, aber kann ich jetzt fort, darf
+ich fort? Von Amsterdam die schlechtesten Nachrichten, wo es so steht,
+daß man dort weniger die Franzosen fürchtet, als die Patrioten; schöne
+Patrioten das, die den Pöbel auf ihre Seite gelockt haben – so machen es
+die Hunde von Aufwieglern überall und dann nennen sie sich Patrioten!
+Und wir hier? Vom Rheine her die anrückenden Armeen der Coalition, von
+Frankreich her die Carmagnolen, vom Norden her die holländische Armee
+unter Anführung des Erbprinzen von Oranien, und außerdem noch die
+Engländer unter dem Herzog von York, und da sollte ich von hier
+fortgehen? Ein schlechter Soldat, der seine Fahne verläßt, Doorwerth ist
+meine Fahne! Ich bin Kommandant des Kastells; es ist meiner Obhut
+anvertraut, ich werde es hüten und halten!
+
+Sie sind stets der ehrenfeste treue Mann, auf den man sich verlassen
+kann in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Ludwig und
+fragte: Doch was schreibt Ihnen die Frau Großmutter weiter?
+
+Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus
+mittheilte, mit Glossen. Klagt über Kranksein, andere Leute sind auch
+krank! Sehnt sich in ein Bad – soll doch hingehen, sie hält kein Feind
+ab, und kein Kriegstrouble wie mich; die Veränderung wird der bejahrten
+Dame wohler thun und besser bekommen, als alle Recepte und Mittel des
+Doctor Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Excellenz in Hamburg ist.
+Räth mir das Archiv einpacken zu lassen – ist bereits geschehen – gibt
+einen fürchterlichen Ballast Papier – will nicht glauben, wie es hier
+aussieht – sollte nur selbst kommen!
+
+Dem Vetter schrieb der Erbherr in einigen flüchtigen Zeilen, daß er ihn
+noch in Doorwerth zu treffen wünsche, daß er sich aber vorbereiten möge,
+dann mit ihm zur Armee zu gehen, es sei ihm eine Offizierstelle beim
+Regiment Orange-Geldern ausgemacht; der Erbprinz wünsche, daß Graf
+Ludwig in so bewegter Zeit nicht müßig seine Jugend verträume, sondern
+vielmehr eine Laufbahn einschlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im
+Leben führen könne, und er, der Erbherr, könne diesem Wunsche und dieser
+Ansicht nur beipflichten.
+
+Leonardus und Angés lasen still die Briefe, welche sie empfangen hatten;
+Wehmuthsschatten überflogen Angés’ schöne Züge und voll Theilnahme
+blickten endlich alle zunächst auf sie, Leonardus mit einem verhaltenen
+Freude-Gefühl, Ludwig mit seelenvollster Zuneigung, Windt mit reinem und
+gütigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen, dem aber
+ein Zusatz von weiblicher Neugier beigemischt war, daher sie auch zuerst
+wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen Sie gute
+Nachrichten, verehrte Madame?
+
+Angés war nicht geneigt, ausführliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu
+machen, sie beschränkte sich daher auf eine höflich ausweichende,
+allgemeine Antwort, während Windt mit dem Finger gegen seine Frau
+hindrohend nichts sagte, als: Jule! Hat schon wieder die Mühle kein Korn
+mehr zu mahlen? Muß schon wieder aufgeschüttet werden? Ich dächte doch,
+es wäre genug aufgeschüttet worden? – Aber als die durch den Bund einer
+lauteren und seeleninnigen Freundschaft eng Verbundenen unter sich
+beisammen waren, da wurde gegenseitig Alles mitgetheilt, was von weiter
+Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit
+allseitiger Theilnahme nicht nur, sondern auch mit mannigfaltiger
+Empfindung vernommen.
+
+Meine Mutter schreibt mir, sprach Angés, daß sie Gott auf den Knieen
+gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus
+seien nur Schilderungen voll Härte und Roheit und Verdammungsurtheile
+eingegangen.
+
+Berthelmy war außer sich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie,
+nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich überall gesucht
+und suchen lassen; an Leonardus hat er nicht gedacht er konnte an dich,
+mein Freund, nicht denken, da er deine Anwesenheit in le Mans nicht
+ahnen konnte. Zuletzt mußte er sich doch sagen, daß sein rohes Benehmen
+mich fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu
+mir in ihm lebte, trotz aller Mißhandlung, die er mir hatte angedeihen
+lassen, so mag es wohl sein, daß er sich Vorwürfe machte und sich
+doppelt elend fühlte. Er ist noch im Herbst des vorigen Jahres zur Armee
+der Vendéer gegangen.
+
+Meiner Rückkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, schreibt mir
+die Mutter, stehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der Familie
+ein Freudenfest sein. Noch schreibt meine Mutter: Auch für die kleine
+Sophie, deren du dich so mütterlich angenommen, liebe Angés, lichtet
+sich die Zukunft. Der Prinz tritt offener hervor mit seiner Liebe, die
+Prinzessin, vor Gott längst seine Gemahlin, wird es gewiß auch noch vor
+der Welt, und jene liebliche süße Frucht dieser Liebe, aus einer Zeit,
+wo noch das allertiefste Geheimniß sie umschleiern mußte, darf hoffen,
+einst an der Hand erhabener Eltern auf sanftgebahnten Wegen durch das
+Erdenleben zu wallen. Jene heißschlagenden, jugendlichen, feurigen
+Herzen, die nur ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr
+zu erröthen, fehlt es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen
+Familie. Dir ist bekannt, liebe Angés, daß des Prinzen Vater schon eine
+Prinzessin, seine nachherige Gemahlin, welche älter war als er, feurig
+liebte, und in früher Jugend Vaterfreuden sich erblühen sah. Der gleiche
+Fall trat bei dem Sohne ein, dem Kinde dieser flammenden und daher auch
+früh verrauchten und verzehrten Leidenschaft und wenn wir Louise Maria
+Therese Bathilde nicht verdammen, so dürfen wir auch Charlotten nicht
+richten, welche, hingerissen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu
+ihr und von ihrer heißen Erwiderung dieser Liebe, willenlos der Macht
+beiderseitiger Leidenschaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes
+wurde, zu dessen Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit
+heiligem Eide. Daß du es mit dir hinwegnahmst, nachdem es nur kurze Zeit
+bei uns verborgen gehalten worden, war sehr gut; Niemand ahnete etwas
+und konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrst, gilt die kleine
+Sophie Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von
+ihrem Gatten treulos verlassenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei
+Allem, was dir heilig und theuer ist, beschwöre ich dich, alle mögliche
+Sorgfalt anzuwenden, daß das Kind an Leib und Seele wohl erhalten
+bleibe, und gib mir sobald als möglich Nachricht von deiner Ankunft, auf
+welche mit aller Macht sehnsuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.«
+
+Hätte es noch irgend eines äußeren Umstandes bedurft, um Leonardus und
+Ludwig zu überzeugen, daß Sophie nicht das Kind von Angés sei, so würde
+dieser Brief jedes desfallsige Zeugniß zur Genüge vertreten haben.
+Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwürdig! Also Sophie Charlotte
+heißt diese Kleine? Gerade wie meine Großmutter!
+
+Jetzt entfaltete auch Leonardus seine Briefe, um Angés und dem Freund
+aus denselben Mittheilungen zu machen, indem er sprach: Ich habe frohe
+und schlimme Botschaft zugleich erhalten; zunächst schreibt mir mein
+Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, daß mein Vater
+Wort gehalten und mich vor Notar und Zeugen so zu sagen enterbte, indem
+er mich auf die bloße Hälfte des Pflichttheiles gesetzt hat.
+
+Leonardus! rief Angés, und schlug bebend ihre Hände zusammen. Und das
+um meinetwillen? Das ertrage ich nicht!
+
+Sei ruhig, liebe Angés, erwiederte Leonardus: es muß und es wird sich
+wohl auch ertragen lassen. Ich kann mir selbst Geld erwerben, auf den
+Summen der holländisch-ostindischen Compagnie ruhen ohnedies die Flüche
+der geknechteten Menschheit und entsetzlichen Unrechts millionenfach.
+Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menschen ist veränderlich.
+Vor der Hand meldet noch mein Vetter, daß mein Vater nicht zu seinen und
+unserer jungen Muhmen Gunsten testiren wolle, sondern es solle ein Theil
+des Vermögens an die Seitenverwandten fallen, welche zu Bochum in
+Westphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck, der aus
+Holland nach Deutschland übersiedelte, so viel ich weiß, eine Tochter
+des Namens Aloysia hat, und dessen Vorfahren mit den unsern der Sage
+nach, die ganze Grafschaft Valkenburg zwischen dem Hochstift Lüttich und
+den Herzogthümern Jülich und Limburg besessen haben sollen. – Doch das
+werde, wie es wolle, mir soll darüber kein graues Haar wachsen; aber
+nun, liebste, theuerste Angés, höre was das Handelshaus in le Mans, an
+das ich mit Aufträgen mich gewendet, mir schreibt, höre es, und freue
+dich! Es ist das mein schönstes Angebinde zum heutigen Tage: Du bist
+frei! »Auf Ihr Geehrtes«, so schreiben meine Handelsfreunde:
+»ermangelten wir nicht, sorgfältige Erkundigung nach dem hier
+wohlbekannten Kaufmann Etienne Berthelmy einzuziehen. Derselbe führte
+als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der West-Vendée
+unter Charette stieß, und soll sicherem Vernehmen nach bereits am 11.
+October des vorigen Jahres bei der Erstürmung und Eroberung der Insel
+Noirmoutier geblieben sein, zum Mindesten soll sein Name auf der
+Todtenliste gestanden haben. Sein bejahrter Vater ist mittlerweile auch
+gestorben, und seine betagte Mutter lebt noch unter betrübten Umständen
+und nährt sich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibsel
+ihres einst blühenden Geschäftes.«
+
+Angés saß stumm und ernst da, und hörte diesen Bericht mit einer Fülle
+von Gedanken an, die sie erschütterte, endlich reichte sie jedem der
+beiden Freunde eine ihrer zarten Hände, und sprach: So fällt denn ein
+dunkler Vorhang nieder und schließt einen, ach und wohl den traurigsten
+der Acte meines Lebensdrama’s mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum
+ist es mir, mich frei zu denken, mich frei zu fühlen, und so wichtig ist
+diese Nachricht, daß ich mich nicht mit derselben begnügen kann: ich
+kann auf sie nicht bauen und keinen Schritt der Entscheidung thun, bevor
+ich nicht die verbürgteste Bestätigung dieser Nachricht in Händen habe;
+aber, meine lieben, theuern Freunde, erfüllt mir eine Bitte: laßt mich
+scheiden! Meine Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieses
+holde und liebe, mir anvertraute Kind, unser Sophiechen, schon in zuviel
+Gefahren brachte ich’s, ich will es der Heimath wieder zuführen, der es
+entstammt, ihm will ich dort leben, und deine That, Leonardus, deine
+Liebe will ich ewig dankbar segnen, deiner Freundschaft, Ludwig, will
+ich innig eingedenkt bleiben! Wir müssen uns trennen. Du, Leonardus,
+mußt zu deinem Vater zurückkehren als ein reumüthiger Sohn und seine
+Verzeihung erflehen. Er wird dir verzeihen, und du wirst noch glücklich
+sein. Du, Ludwig, wirst auf dem Felde der Ehre wandeln und eine
+selbstständige hohe Stellung dir erringen, die dich völlig unabhängig
+macht von deinen Verwandten.
+
+Liebe Angés, nahm Leonardus das Wort: deine Entschlüsse sind ehrenhaft,
+und was du sagst, ist gut, aber es ist nicht ausführbar, du kannst jetzt
+nicht reisen. Alle Lande am Nieder-, Mittel- und Oberrhein wimmeln von
+Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen könnte, aber folge in Einem
+deiner Mutter, achte auf das anvertraute Kind; setze nicht dieses zarte
+Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich überlegten Entschlüssen
+durchzudringen. – Auch ich muß Leonardus beistimmen, setzte Ludwig
+hinzu. Hier bist du sicher und wohlgeborgen mit deinem Kinde, Angés, und
+reichte das Schloß nicht aus, so gibt es in dem nahen Busch voll
+Moorbrüche einzelne Hütten und Häuser genug, zu denen kein Krieger zu
+dringen vermag und die Pfade findet; laß erst die herrannahende Wolke
+des Kriegsgewitters vorüberziehen, ja, wenn es sein muß, vorüberbrausen,
+weiche nicht aus diesem Asyle, es wird sich dir nirgend ein sichereres
+bieten und öffnen.
+
+Das Gespräch wurde unterbrochen; Windt klopfte stark an, und trat
+erhitzt ein. Hören Sie es, meine Herrschaften? war seine Frage, und da
+man nicht zu verstehen schien, was er wolle, so ließ er die Zimmerthüre
+offen stehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauschen
+aufforderte. Und kaum war dieser Aufforderung genügt, so hörten Alle in
+bestimmten Zwischenräumen einen dumpfen Schall.
+
+Was ist es, lieber Herr Windt?
+
+Freudenschüsse sind es wahrscheinlich, zu beiderseitiger hoher
+Geburtstagfeier! Eine Kanonade ist es, meine Verehrtesten, und jetzt
+entsteht die Frage: Was thun? Feiglinge würden rufen: Rette sich wer
+kann! Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Für mich ist das keine
+Frage. Halten Sie sich bereit, meine Herren, mich zu unterstützen! Der
+Augenblick wird kritisch, sehr kritisch, doch nur keine Furcht. Das
+hiesige Archiv fährt, in einige fünfzig Kisten verpackt, nach Arnhem;
+alle Papiere des gräflichen Hauses, der Lehn- und Rentenkammer, ich
+stelle sie unter den Schutz des dortigen Magistrates. So wie eine
+Abtheilung der holländischen oder der englischen Armee sich nähert,
+werden Sie, Herr Graf, zu deren Befehlshaber zu reiten so gütig sein,
+und um Schutzwachen für Doorwerth, Helsum, Rosendael und Wolfsheese
+bitten. Es geht bereits ganz lustig und kunterbund zu, die Wege sind mit
+Flüchtlingen aus Brabant bedeckt, Adelige, Geistliche und sonst vornehme
+Leute, in Arnhem sind schon Flüchtlinge aus Mastricht angelangt. Dort
+packt Alles ein und hat sich schrecklich #beezig#[10] und consternirt.
+Die Stadt wird stark befestigt. Etwas Neues ist auch noch, daß der Graf
+Johann Carl schon einige Male durch Helsum gekommen ist, ohne hier
+vorzusprechen. In Rheenen, wo wir ja ohnlängst durchkamen, soll das
+englische Lazareth hingelegt werden. Im Haag sogar, vernahm ich heute,
+wird eingepackt, leider ist die prinzliche Partei die einpackende. Doch
+zu den schlimmen Nachrichten nun auch eine gute, erfreuliche.
+Robespierre ist todt, das blutige Scheusal; mit ihm fielen eine ganze
+Anzahl seiner schändlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende
+Schuster Simon, der Quäler des Dauphins, dem Racheschwert der
+unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wäre Zeit, sich der Freude zu
+überlassen, so wollt’ ich’s im vollen Maaße thun. Sie räumen hübsch auf,
+die Herren Franzosen, einundzwanzig Henkersknechte sind zugleich mit
+ihrem Meister zur Hölle gefahren, und am Tage darauf einundsiebenzig.
+Die Zeit ist endlich da, wo die Drachenzähnesaat aufgeht und sich selbst
+erwürgt. –
+
+ [Fußnote 10: Rührig.]
+
+Es kamen schlimme Tage für den treuen Windt, die seine Geduld, seinen
+Muth und seine Ausdauer im Beschützen des Besitzthums seiner Gebieterin
+auf harte Proben stellten. Ein Theil der englischen Armee überfluthete
+bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein- und
+Ysselufer, und wie es immer zu geschehen pflegt, wenn die Furien des
+Krieges entfesselt sind, die Engländer benahmen sich nicht, wie Hollands
+Verbündete, sie nahmen blos, und zwar Alles was sie fanden und stahlen
+wie die Raben. In allen Ortschaften wurde verkündigt und öffentlich
+angeschlagen, Niemand solle über die politischen Ereignisse reden oder
+schreiben; alle Boote, Kähne und dergleichen Fahrzeuge mußten nach
+Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend- oder Nachtzeit
+über den Rhein. Man trug sich mit Listen der Gutsbesitzer und Schlösser,
+welche geplündert, oder Herrlichkeiten, welche zerstört werden sollten.
+Doorwerth hatte die Ehre, oben anzustehen, Helsum, Mariendael und
+Rosendael, drei gräfliche Besitzungen, folgten zunächst. Die
+Herrlichkeit Rosendael (sprich Rosendahl), mit prächtigem Schloß und
+prangenden Ziergärten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes
+Besitzthum zu bergen hatte, der suchte es zu bergen und floh in
+nördlicher Richtung aus dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem,
+Doesburg, Zuitphen wurden leer von Wohlhabenden, das Gesindel blieb und
+plünderte auf eigene Hand und auf Rechnung der Soldaten.
+
+Und mitten in diese Bedrängniß hinein kamen zu Windt drängende Briefe
+von der alten Reichsgräfin wie Bomben geflogen, oft ungehaltenen und
+ungnädigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich sollte endlich
+abgeschlossen, der Erbherr zu einer Entscheidung gedrängt werden, er
+sollte Doorwerth käuflich übernehmen und einen Theil der Kaufsumme
+gleich baar erlegen. Windt, oft ernstlich krank, mußte fast täglich
+Briefe nach allen Richtungen schreiben; mittlerweile flüchteten sich
+zahlreiche Bekannte mit ihrer Habe aus der nächstbedrohten Nachbarschaft
+zu ihm und hofften in dem Kastell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei
+begannen schon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der
+Lebensmittel stieg auf eine bedenkliche Höhe. Jeden Tag, ja stündlich
+hatte Windt seinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus
+bildeten gleichsam mit ihm den Kriegsrath im Kastell; alle drei trugen
+aus guten Gründen militärische Uniformen und ebenso steckte die
+Dienerschaft in Jäger-Monturen. Nebenausgänge aus dem Kastell waren
+verrammelt, das Hauptthor bewacht, die Zugbrücke aufgezogen. Dieser
+Widerstand sollte nicht gegen kriegerischen Angriff gelten, sondern blos
+Schutz gewähren gegen Raubrotten, und den leistete das so bewehrte und
+bewachte Kastell Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich besserer
+strategischer Punkt, als die kleine, unbedeutende und halb verfallene
+Dunenschanze, die in des Schlosses nächster Nähe nach dem Strome zu lag.
+– Wieder war ein Tag voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treulosen
+Rentmeister entlassen und seiner Pflicht entbunden, und hatte einen
+Brief vom Hofrath Brünings aus Varel erhalten, wo auch kein schönes
+Wetter war. Brünings äußerte sich halb ironisch, voll Hoffnung, daß das
+»große Werk« nun wohl bald zu Stande kommen werde und schrieb: »Man hört
+hier von Holland, in Ansehung der inneren Unruhe, viele düstere
+Gerüchte. Gott gebe, daß sie ohne Grund sind. Hier nimmt der Geist des
+Jakobinismus noch gar nicht ab. Die reichen Bauern wollen keine Steuern
+mehr zahlen, die armen können nicht, unsere herrschaftlichen Kassen sind
+leer.«
+
+Und was in unseren hiesigen liegt, ist auch kein Gold und kein Silber,
+seufzte Windt. Und jetzt nun soll Doorwerth verkauft werden! Es ist
+unsinnig. Aber hab’ ich’s nicht schon vor vier, vor drei und zwei Jahren
+voraus gesagt, daß man warten und zögern werde, bis die politischen
+Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel setzen würden? Siehe, da
+ist’s handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen und
+Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er ist krank vor Sorge und
+Anstrengung. Er hat sein Leben daran gesetzt, ein neues Corps zu
+errichten. Er nimmt sich mit dem edelmüthigsten und tapfersten Sinne der
+Landesangelegenheiten auf das Aeußerste an und soll ganz elend aussehen.
+Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden können, hat er seinen
+patriotischen Zwecken geopfert, und wo sollte er nun Geld für Doorwerth
+hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit ist aus
+ihren Fugen gekommen, sagt Hamlet. Die so schleunige Wendung der Dinge
+macht es dem Erbherrn unmöglich, Geld zu schaffen, selbst wenn er Zeit
+hätte, sich danach umzuthun, er hat alle Hände voll mit seinem neuen
+Landrattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; sein Cabinet und Zimmer
+liegen voll Monturen, Hüte, Schuhe, Gewehre, und Alles läuft Tag und
+Nacht bei ihm um, wie sein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde,
+weiß Gott! Jetzt sind die Zinsen von der Herrlichkeit Rosendael fällig,
+die verpachtet ist – kein Deut zu haben, und ich soll tausend Gulden
+Schatzung von den gräflichen Häusern nach Arnhem liefern. Alles Unheil
+schlägt zusammen, wie der Donner in die Töpfe!
+
+Mitten in die endlosen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein
+Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer
+Reiterabtheilung, und sah sich freudig begrüßt; doch konnte sich Windt
+nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, auszurufen: Gott wie
+sieht unser Herr aus? Wie ein Busch verhagelter Petersilie!
+
+Der Erbherr, allerdings sehr angegriffen und mitgenommen aussehend, saß
+bald im vertrauten Gespräch mit Windt; es handelte sich um die
+verwickelte Angelegenheit, der beste Wille war da, aber Geld fehlte und
+neue Schwierigkeiten thürmten sich entgegen. Windt erhob das große
+wichtige Bedenken, ob es besser sei, daß Doorwerth bei einem doch immer
+möglichen Ueberzug dieser Gegend durch die französische Armee Eigenthum
+eines feindlichen Offiziers sei, Mitgliedes der holländischen
+Ritterschaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in
+der freien Stadt Hamburg lebenden Gräfin, die dem neutralen dänischen
+Reiche angehöre?
+
+Da thäte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dänische
+Grafendiplom aus dem Kniphäuser Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen erst
+hierher kommen zu lassen – ehe das kommt, steht hier kein Stein mehr auf
+dem andern!
+
+Mit nichten, gnädigster Erbherr, entgegnete Windt. Hier ist es schon in
+bester Form und beglaubigter Abschrift auf einem Stempelbogen, der »Een
+Rigsdaler« gekostet hat. #Nos Christianus quintus his literis
+patentibus# und so weiter, beglaubigt, unterschrieben und untersiegelt
+mit dem #Kongelige Danske Cancellier Seigl#.
+
+Was Sie für ein Diplomat sind, Herr Windt! Fürwahr, ich bewundere Sie
+immer mehr! rief der Erbherr. Ich will Sie der geliebten Großmama nicht
+abwendig machen, aber sollte sie die Augen zuthun, so daß ich es erlebe,
+so ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umsicht verdient noch
+mehr!
+
+Windt verneigte sich und erwiederte: Wollte Gott, es wäre Zeit zu
+scherzen, mein gnädigster Herr Graf! Der Frau Reichsgräfin Excellenz
+helfen jetzt weder deutsche noch dänische Grafendiplome, und wenn Karl
+der Große sie ausgestellt hätte, statt Karl der Fünfte von Dänemark.
+Holländische Ducaten sind die Losung, das ist die #vis unita# nicht nur,
+es ist auch die #vis unica#, nicht die einige blos, sondern die
+alleinige mächtige Hülfe. Alle Einkünfte stocken; hier ist nichts,
+Rosendael liefert nichts, Varel liefert auch nichts – und die gnädige
+Frau Großmutter Excellenz –
+
+Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergänzte der Erbherr. Ich hatte
+Hoffnung, aber sie schwand wieder, denn keiner meiner Vettern und auch
+mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich so eben komme, kann oder
+will Etwas beisteuern, ja mein Bruder Johann Carl sagte mir geradezu in
+das Gesicht: »Wenn, wie zu fürchten steht, der Feind in das Land kommt,
+so gebe ich für dein eigenes Leben keinen Heller, geschweige für deine
+Güter; denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein
+schnelles Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in Utrecht bei Anleihen
+den drei- bis vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In
+alten holländischen Obligationen.« Wer aber solche besitzt, braucht
+nicht zu borgen. Mein bester Freund, Baron Grovesteins, der mir früher
+zehntausend Gulden angeboten hatte, sagte mir, daß er mir jetzt nicht
+einhundert Gulden leihen würde, und wenn er das Geld in Haufen liegen
+habe und mit #Schepeln# messen könne. Es sind einhundert Gulden baar
+nicht zu bekommen, und wenn man eintausend dafür verschreiben wollte!
+
+Während dieses Gespräches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange und
+ernste Unterredung, in welcher der Erstere dem Freunde die ganze Fülle
+seines offenen und redlichen Charakters erschloß und zugleich den Blick
+auf ihre beiderseitige Zukunft lenkte.
+
+Folge du, mein Ludwig, sprach Leonardus, jetzt dem an dich ergangenen
+Winke, nimm den Kriegsdienst an, der dir ehrenvolle Lebensstellung
+sichert, und folge meinem wohlüberlegten und brüderlichen Plane.
+Unterdeß wirke ich, und wir werden von einander hören. Angés muß mein
+werden, wenn Gott mir das Leben fristet; wäre Letzteres nicht, so bleibe
+sie in deinen edeln Schutz gestellt, und dann erfülle die Verpflichtung,
+die mein Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugesichert. Sieh,
+dann bringst du mir ein ungleich höheres und dankenswürdigeres Opfer,
+als ich dir, indem ich beizutragen suche, deine Stellung im Leben
+einigermaßen zu sichern. Und nun kein Wort weiter! Der Bruderbund ist
+aufs Neue geschlossen, und dieser Kuß besiegle ihn.
+
+Wenn nun Euer Gnaden, sprach Windt weiter zum Erbherrn, sich an den
+Herzog von Portland wendeten? Könnte und würde dieser nicht –?
+
+Hab’ es gethan, lieber Windt, hab’ es gethan! antwortete der Erbherr
+bekümmert: mein Vetter, der Vice-Admiral, schrieb selbst den Brief, da
+ich mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam schnell genug zurück,
+denn pünktlich sind diese Engländer und rechnen, ah, sie rechnen, auch
+wenn sie in der Pairskammer sitzen. Der Herzog schrieb an seinen
+Verwandten und Namensvetter William: Es sei ein recht artiger Einfall
+von mir, daß ich fünftausend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er
+müsse nur bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem
+Maaße erwiedern zu können.
+
+Da stand nun Windt rathlos und sah abermals all’ sein treues Bemühen zu
+nichte gemacht, und der Erbherr schaute finster drein und schwieg.
+
+Diese peinliche Pause unterbrach der Eintritt Ludwig’s.
+
+Störe ich? fragte er, und machte Mienen, sich zurückzuziehen.
+
+Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unser Geschäft ist zu Ende.
+
+Darf ich dir Glück wünschen zu Doorwerth? fragte der junge Graf.
+
+Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achselzucken.
+
+Woran fehlt es, daß der Kauf nicht zu Stande kommt?
+
+Hm – am Besten, am Geld! erwiederte Windt verdrießlich.
+
+Doorwerth ist dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene
+starrten ihn an.
+
+Es ist dein, ich kaufe es für dich, ich leihe dir das Geld! Hier sind
+einstweilen fünfzigtausend Gulden in englischen Banknoten!
+
+Vetter! Vetter! rief der Erbherr außer sich, und die so plötzlich nahe
+tretende Erfüllung eines seit Jahren gehegten Lieblingswunsches erfüllte
+seine Seele mit hohem Entzücken.
+
+
+
+
+ Zweiter Theil.
+
+ Die Flüchtlinge.
+
+
+ _Motto:_
+
+ Wo ich sei, und wo mich hingewendet,
+ Als mein flücht’ger Schatten Dir entschwebt?
+
+ =Schiller.=
+
+
+
+
+1. Sophia Botta.
+
+
+Anders sah es aus in der Herrlichkeit Doorwerth, aber nicht besser. Die
+Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde. Die Engländer, welche Windt nie
+anders als »saubere Alliirte« nannte, drohten ein Lazareth in das
+Kastell zu legen. Fort und fort hörte man in der Ferne kanoniren, sah
+den feurigen Flug der Bomben und die Flammen in Brand geschossener
+Magazine. Der Herzog von York that mit seiner Armee sein Möglichstes, um
+Holland zu decken, aber von den Zinnen und Warten des Kastells erblickte
+man täglich ganze Säulen flüchtender Soldaten, welche die Wege nordwärts
+einschlugen. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatze jagten einander bald
+verbürgt, bald unverbürgt. Grevecoeur, der Schlüssel zu dem Bosch
+(Herzogenbusch) ist über, hieß es; dann sollte der Bosch auch über sein;
+dann wurde die Nachricht wiederrufen, unter dem fernher vernehmlichen
+Donner des gröbsten Geschützes. »Die Carmagnolen haben fünf Brücken über
+die Maas geschlagen – die Menge und Tapferkeit der Franken macht jeden
+Widerstand unmöglich, was flüchten kann aus Städten und Orten, das
+flüchtet – die Franken sind nahe vor Nymwegen – in die Werke von
+Nymwegen haben sich sechstausend Engländer geworfen – die
+zurückgedrängte englische Armee will sich wieder bei Gorkum setzen – die
+in großer Zahl ausgewichenen Bataver haben ein Comité gebildet, und
+durch dasselbe mit der französischen Republik über Vertragsbedingungen
+unterhandelt – die Franken sollen die Städte der neuen batavischen
+Republik mit Truppen besetzen – die Regierungsform soll provisionell
+bleiben, wie sie ist – die entlassenen Beamten sollen wieder in ihre
+Stellen einrücken – die Geflüchteten sollen zurückkehren – Holland soll
+die französische Republik anerkennen, soll sein Bündniß mit England
+brechen, sich mit Frankreich verbinden und an England, Preußen und
+Oesterreich den Krieg erklären – des Statthalters und seiner Partei soll
+in keiner Weise mehr gedacht werden.« – So drängten sich und wirrten die
+Nachrichten durcheinander, als schon der October herbeigekommen war.
+
+Ludwig und Leonardus waren als Führer in das berittene Corps
+eingetreten, das der Erbherr errichtet hatte; Angés mit dem Kinde blieb
+in Windt’s Schutz gestellt in Doorwerth, und für Frau Windt war es ein
+großer Trost, eine weibliche Seele als Freundin zur Seite zu haben, die
+ihr manchen Beistand leistete.
+
+Windt bot Alles auf, mehr und mehr Lebensmittel in das Kastell zu
+schaffen, denn es kam ihm im Geiste vor, als wenn der bedrohliche
+Zustand sobald nicht enden werde. Man sah ihn häufig, von einem oder
+zwei Reitknechten begleitet, in seiner kleidsamen Offiziersuniform durch
+die Fluren und die nächstgelegenen Ortschaften reiten; Graf Ludwig hatte
+dem redlichen Freund seine Isabella geschenkt, halb aus Liebe zu Windt,
+halb aus Liebe zur Isabella, deren Leben er dadurch besser zu sichern
+hoffte, als wenn er das treue Pferd der Gefahr beim Heere aussetzte –
+und überall war Windt willkommen; seine Anordnungen wurden genau
+befolgt, die Bauern liebten ihn, weil er sie von dem Rentmeister
+befreit, der sie gedrückt und geschunden hatte, um sich zu bereichern,
+und weil Windt sie menschenfreundlich behandelte. Jeden Morgen fast saß
+Windt am Schreibpulte und schrieb Briefe an seine Herrin, oft in
+fliegender Hast und Hetze, Alles bunt durcheinander, aber sie wollte und
+mußte Alles wissen. Doorwerth und dessen guter Verkauf bildete jetzt
+einen Theil ihrer noch übrigen Lebenshoffnungen.
+
+»Ich bin im Handgemenge mit den Engländern!« schrieb Windt unter Andern
+in seiner eigenthümlichen, raschen und keinerlei Umstände machenden
+Weise, die sein ganzes Wesen an Tag legte: »Gestern war ein hoher
+Offizier hier, um das Kastell mit Allem, was dazu gehört, für verwundete
+Offiziere in Besitz zu nehmen, so wie sie die Kirchen in Helsum, Renkum
+und Velp[11] für Kranke in Besitz genommen, letztere liegt bereits voll
+davon, ebenso wie ganz Rosendael, wo ein Lager aufgeschlagen ist und
+alles Holzwerk, jung und alt, zerstört wird. Der Offizier war genau
+unterrichtet, wem die Herrlichkeit gehört, wie viele Einwohner sie
+zählt; der Bürgermeister von Wageningen, wo auch Alles voll liegt, hat
+ihn mir auf den Hals zu laden gesucht. Der Donner soll diesem
+Bürgermeister, den ich kenne, dafür auf den Kopf fahren! Sobald ich
+hinüber komme, will ich ihm sagen, was er wissen soll. Ich war gestern
+in der Stadt und sprach mehrere Engländer und balgte mich bis zum
+Säbelziehen mit ihnen herum. Wer meine Dispute mit den Engländern
+angehört hat, kann sich eine Vorstellung vom babylonischen Thurmbau
+machen, sie haben mich indessen besser verstanden, als ich mich selbst
+verstehe. In Arnhem hat man mich zum Bürgergardehauptmann gewählt.
+Gehorsamer Diener! Erst kommt Doorwerth und dann kommt es noch einmal,
+und dann kommt Arnhem noch lange nicht.«
+
+ [Fußnote 11: Renkum, niederländisch Renekom, Dorf zwischen
+ Helsum und Wageningen; Velp, Dorf ohnweit Arnhem und Rosendael.]
+
+»Ihre Excellenz sind sehr besorgt um das hier befindliche Silber. Dies
+kann ich nicht eher bergen, als bis ich mich selbst bergen muß, denn es
+ist höchst gefährlich, Werthsachen wegzusenden und selbst zu bleiben;
+nichts wegzusenden und Vertrauen zu zeigen, ist das einzige Mittel, um
+sich bei den Carmagnolen in Achtung zu setzen; selbst von dem Meinigen
+sendete ich weder Kleider, noch Waffen fort. Geld habe ich ohnehin nicht
+fortzuschaffen, Geld gibt es nicht. Der schurkische Rentmeister hat die
+Renten bis Petri des nächsten Jahres voraus eingetrieben und mir nichts
+zurückgelassen, als für mehr als 1000 Gulden unbezahlter Rechnungen. Ich
+bin froh, dieses Ungeziefer los zu sein, die Bauern sind auch froh. Ohne
+Zweifel wird er sich Ihrer Excellenz in Hamburg vorzustellen frech genug
+sein, aber die geringste Höflichkeit, die ihm in Hochdero Hotel zu Theil
+wird, nehme ich für mich als die höchste Beleidigung. Wenn er kommt,
+lassen Ihre Excellenz ihn durch den Büttel aus den Thoren der Stadt
+bringen!«
+
+»Was aus Doorwerth, was aus der ganzen Republik Holland werden will,
+weiß Gott allein! Ich bin ein gehetztes Wild, voll Angst und Trübsal,
+Mühe und Arbeit, Last und Hast, und Ihre Excellenz sind jetzt für ein
+wenig Silber besorgt, aber nicht für mich. Ich bitte meine arme
+Schwester, die ängstlich besorgt um mich ist, zu trösten. Es ist immer
+noch möglich, so gefährlich es auch aussieht, daß wir diesseit des
+Rheines noch einige Zeit von den Franken befreit bleiben, obgleich
+General Pichegru darauf gewettet haben soll, den Winter in Nimwegen
+zuzubringen und seine Armee diesseits des Rheines Winterquartiere
+aufschlagen zu lassen.«
+
+»Heute habe ich den holländischen General-Quartiermeister von hier aus
+bis auf den halben Weg nach Nimwegen gebracht, es sieht übel aus auf den
+Straßen, es ist eine bitterböse Zeit; wo man hin hört und sieht,
+vernimmt man nichts und hört man nichts, als von Raub und Plünderung,
+Mord und Brand, Krankheit und Theurung. Das Pfund Butter kostet in
+diesem so butterreichen Lande 1 Gulden.«
+
+»Gestern ist die Frau Landgräfin zu Hessen-Philippsthal, Ulrike
+Eleonore, welche die Belagerung von Hertogenbosch treulich mit ihrem
+tapferen Gemahle ausgehalten, durch Arnhem gekommen. Sie wird mit dem
+Landgrafen nach Bückeburg gehen, zur gnädigen Frau Schwägerin, der
+trefflichen Fürstin Juliane.«
+
+Diesen Brief konnte Windt erst Abends vollenden. Er schrieb: »Rundum uns
+her ist ein fürchterliches Getümmel; so eben komme ich, 7 Uhr Abends,
+aus einer Bataille mit Irländern zu Pferde nach Hause, die in Wolfsheese
+und längst der Doorwerth marodirten und ein Zetergeschrei unter dem
+armen Volke erregten. Ich jagte ihnen aber, unterstützt von meinen
+Leuten, ihre Beute wieder ab; allein es wird zu arg mit dem Rauben der
+sauberen Alliirten; Bauern, die ihre Habe vertheidigen, werden
+aufgehenkt und ihre Häuser werden in Brand gesteckt. Die Irländer
+namentlich haben stets Hunger wie die Pierrots in der Pantomime. Und
+wenn diese Feinde der Ordnung aus dem Lande sind, dann wird dasselbe
+Spiel von den Carmagnolen begonnen werden, wobei, wie eben auch in der
+Pantomime, höchst wahrscheinlich die Pierrots von den Harlekinen Prügel
+bekommen.«
+
+»Ueberall ist der Teufel los; Gott lasse mich nur jetzt nicht krank
+werden, sonst ist hier Alles verloren! Fort und fort Kanonendonner auch
+jetzt, indem ich dies schreibe, in der Richtung nach Nimwegen hin.
+Vorgestern kam der Herzog von York nach Arnhem; Prinz Friedrich zu
+Hessen lag mit seinem Regiment in Rosendael und wohnte wahrscheinlich
+dem gestrigen Treffen bei. Ich ritt stracks nach Arnhem, um beim Herzoge
+Schutz zu suchen; er war aber nicht zu sprechen; gestern ritt ich wieder
+hinüber und war so glücklich, Sauvegarden für die Ortschaften von ihm
+zu erhalten, es wäre auch sonst kein Einhalt mehr zu thun gewesen, und
+ich bin des Reitens und ewigen Brutalisirens bei Tag und Nacht müde; ich
+spüre in allen meinen Knochen einen Höllenschmerz.«
+
+»Was den Kauf von Doorwerth betrifft, über den ich Ihrer Excellenz schon
+unterthänig berichtete, so waren der gnädige Erbherr und ich nicht
+weniger erstaunt, als Ihre Excellenz selbst es sind über das großmüthige
+und räthselhafte Anerbieten des jungen Herrn. Ich hielt es für Pflicht,
+diesen zu warnen, eine solche hohe Summe auf das Spiel zu setzen; selbst
+der Erbherr sträubte sich lebhaft gegen diesen Edelmuth, allein Graf
+Ludwig entgegnete: Dieses Geld wurde mir anvertraut zu beliebiger
+Verfügung; wie könnte ich es besser anlegen, als in einem werthvollen
+Grundstück, welches ich, da es doch einmal verwerthet werden soll,
+dadurch der Familie erhalte? Ich baue unbedingt auf meines Vetters Ehre
+und da wird ohne Zweifel dieses Geld in den besten Händen sein. –
+Wahrlich Excellenz, ich schäme mich nicht, es zu sagen, daß dieser
+Beweis eines wahrhaft edeln Herzens und Charakters Hochihres jüngsten
+Enkels mich auf das Innigste rührte und was im Gemüthe des Erbherrn
+vorging, konnte ich in dessen Mienen lesen. Wir beriethen nun die Sache
+ernstlich; der junge Herr sollte auf Doorwerth einstweilen nur 25,000
+Gulden anzahlen, und dafür eine Obligation auf Varel erhalten, die
+anderen 25,000 Gulden wollte der Erbherr auch annehmen und auf Rhoon
+versichern. Ihre Excellenz sollten die Gnade haben, mir förmliche
+Vollmacht zu ertheilen, alle nöthigen Schriftdocumente zu entwerfen, die
+Summe in Empfang zu nehmen und in Hochdero Namen bündig zu quittiren,
+welche Quittung zugleich als Interims-Verschreibung auf gedachte
+Herrlichkeit Doorwerth mit Zubehör gelten solle, bis zu Ertheilung der
+förmlichen Obligation und Ausfertigung des zur Sicherheit weiter
+Erforderlichen. Diese Verhandlung erfolgte ebenfalls unter beständigem
+fernen Kanonendonner; da kam auf einmal der auf Kundschaft ausgesandte
+Diener des jungen Herrn, Philipp Scarre, im vollen Jagen angesprengt und
+brachte die Nachricht, die Engländer seien geschlagen, ein ganzes
+Regiment derselben an der Wahl gefangen genommen, ein anderes völlig
+vernichtet, die ganze hannoversche Infanterie unter Graf Walmoden habe
+sich nach Nimwegen geworfen. Das nöthigte den Erbherrn zum schleunigen
+Aufbruch und es blieb nur noch so viele Zeit, zu verabreden, daß, wenn
+der Feind nicht über den Rhein käme, demnächst wo möglich eine neue
+Zusammenkunft und Verhandlung stattfinden solle. Einstweilen gebe ich
+Ihrer Excellenz anheim, mit den nöthigen Papieren und Hochdero
+Zustimmung mich zu versehen, und bin zu Füßen Hochdero unterthäniger
+Windt.« –
+
+Feindselig war die Zeit aller Liebe und jeder Liebeshoffnung in den von
+der Geißel wilder Kriege furchtbar heimgesuchten Ländern. Wittwen und
+Waisen machte der Krieg in Menge, Thränen und Jammer brachte er in
+zahllose Hütten, Häuser und Paläste, Glück nirgend hin, in kein einziges
+Haus. So war es damals, war es früher, und so ist es immer noch; fort
+und fort erneuen sich die Häupter dieser lernäischen Schlange. Der
+Mächtigen Laune, oder Ländergier, oder Herrschsucht, ebenso wie der
+Völker Wahnsinn beschwören den Dämon des Krieges aus dem finstern Orkus
+herauf, sie entfesseln ihn zur Peinigung, zur Knechtung, zur Vernichtung
+der Menschheit, und vermögen ihn dann sobald nicht wieder zu bannen.
+Kaum ein Jahrhundert vermag die Wunden zu heilen, die ein blutiger Krieg
+den Ländern, den Völkern schlägt, aber vergebens und immer vergebens
+rathen Religion und Vernunft, Gerechtigkeit und Sitte, Bildung und
+Fortschritt vom Beginn solcher Greuel ab; vergebens kämpfen weise Männer
+unter dem Wehen der Oelzweige und der Friedenspalmen gegen den Krieg;
+dort sind es die Gewalthaber, hier sind es ganze Völker, die beide in
+unsinnigster Verblendung seine Furien wachrufen, und sich, gleich den
+Fanatikern Indiens, mit Freude vom Donnerwagen Krischna’s bei der Pagode
+von Jagernaut zermalmen lassen.
+
+Angés saß bei Frau Windt im stillen Zimmer, die Herbstsonne kämpfte mit
+den schweren Nebeln der weitgedehnten Flächen und der nahen moorigen
+Brüche. Auch die kleine Sophie saß bei den Frauen, und übte mit Eifer
+eine Arbeit, welche sie jene ebenfalls üben sah, eine Arbeit, die der
+Krieg aufdrängt dem zarten Geschlecht, die an Schmerz und Pein, an Blut
+und Wunden fort und fort erinnert: sie zupften Charpie.
+
+Wer mag wissen, wem diese Leinwand dienen wird, warf Angés trübsinnig
+die Frage auf, und ihre angstvollen Gedanken flogen nach Leonardus hin,
+der es verschmäht hatte, in Doorwerth müßig zu weilen, während sein
+Freund sich vielleicht die Lorbeeren der Schlachten pflückte. Sie sah im
+Geist den Freund ihres Herzens verwundet und sich als seine liebevolle
+Pflegerin. Frau Windt aber antwortete: Das möchte ich nicht einmal
+wissen; am Besten, sie würde gar nicht gebraucht, da brennte ich das
+Zeug zu Zunder und steckte mein Licht an ihm an; wär’ auch ein guter
+Gebrauch, besser als der, für den diese Leinwand bestimmt ist, nämlich
+Solchen zu dienen, deren Lebenslicht mit dem Erlöschen bedroht ist.
+
+Das Kind begann in dieser Zeit etwas Holländisch und etwas Deutsch
+sprechen zu lernen, und die beiden Frauen ertheilten ihm den Unterricht
+so eifrig und vortrefflich, daß bald sein Deutsch äußerst holländisch
+und sein Holländisch äußerst deutsch klang, was manchen Anlaß zum Lachen
+gab.
+
+Mit leiser, längst auf dem Herzen getragener Frage wandte sich in dieser
+traulichen Stunde, und indem sie mit wahrhaft mütterlichem Wohlgefallen
+auf die Kleine blickte, Frau Windt an Angés: Sie wollten mir immer von
+dem schönen Kinde erzählen, meine Beste! Heute hätten wir Zeit; es ist
+außen einmal etwas ruhig; mein Mann ist nach Arnhem geritten, halb in
+Geschäften und halb aus Neugierde, um den Grafen von Artois zu sehen,
+den Mann, der sich für den künftigen König von Frankreich hält, aber
+nichts thut, sein Königreich wieder zu gewinnen. Er wohnt als Gast auf
+der Sip, einem Gute des Herrn von Brantsen, nur ein halbes Stündchen von
+Arnhem, und ist umgeben von einem kleinen Kreise Emigranten, welche alle
+denken wie der Herr Graf von Artois, und ihr Königthum in Gedanken mit
+sich herumtragen, wie die Juden ihre Bundeslade auf der Reise durch die
+Wüste. Der Herzog von York hat gestern beim Grafen von Artois gespeist;
+auf dem Park wohnt der Prinz Louis von Rohan; gestern ist auch der
+Kurfürst von Köln in Arnhem angekommen, und der tapfere und berühmte
+Kriegsheld Graf von Clairfait. Man spricht davon, daß das Hauptquartier
+der verbündeten niederländischen und holländischen Armee nach Arnhem
+gelegt werden soll.
+
+Ein flüchtiges Roth flog auf Angés zarte Wangen bei einem der Namen,
+welche Frau Windt ihr nannte, diese bemerkte dasselbe aber kaum, oder
+schob es auf Rechnung ihrer Aufforderung an die junge Freundin, ihr
+Etwas mitzutheilen, was Angés bisher immer mit Aengstlichkeit zu
+verhüllen gesucht hatte. Wenn aber Angés erwog, welche große Ansprüche
+auf Dank sich Windt und dessen gutmüthige und liebevolle Frau um sie
+verdienten, welch ein trauliches und gewiß auch sicheres Asyl sich ihr,
+der Heimathlosen und Flüchtigen, in Doorwerth erschlossen, und endlich,
+wie wenig eine Mittheilung an diese Freundin, welche wohl kaum deren
+Schicksal weit über die Grenzen Gelderns und höchstens wieder einmal in
+die ostfriesischen und oldenburgischen Gefilde führen werde, irgend ihr
+oder dem Kinde dereinst Schaden bringen könnte, zumal wenn sie jeden
+Namen sorglich verschweige, so hielt sie sich nicht nur für berechtigt,
+sondern sogar durch Dankbarkeit verpflichtet, in etwas dem Wunsche der
+älteren Freundin nachzugeben. Sie begann daher, wenn auch nicht ganz
+ohne Zagen:
+
+Was Sie zu erfahren wünschen, beste Frau Windt, und was ich selbst weiß
+und sagen darf, sollen Sie erfahren. Ein junger, schöner und höchst
+liebenswürdiger Prinz aus einem sehr vornehmen Hause faßte eine glühende
+Neigung zu einer Prinzessin, die nur wenige Jahre älter ist als er
+selbst, und einer Familie entstammt ist, in welcher die Leidenschaft der
+Liebe stets ein vorwaltender Charakterzug der Träger ihres Namens war.
+Vorbedeutungsvoll ist auch jener Prinz gleich nach seiner Geburt durch
+Feuer und Flammen gegangen. Ihn wie seine heimlich angebetete Geliebte
+trieb die Revolution aus ihrem beiderseitigen Vaterlande, dem schönen
+Frankreich, hinweg, und die Einsamkeit eines verborgenen Zufluchtsortes
+nährte die wachsende Flammengluth der jungen stürmischen Herzen und riß
+sie völlig hin.
+
+Nichts hätte unter andern Verhältnissen den gegenseitig Ebenbürtigen im
+Wege gestanden, sich mit einander zu vermählen, aber die Zeit des Jahres
+siebenzehnhundertundneunzig war nicht günstig für Freuden und Hochzeiten
+der armen Flüchtlinge; war es doch erst kaum ein Jahr, daß der Graf von
+Artois, dessen Sie, beste Frau Windt, vorhin erwähnten, wie auch die
+Prinzen Condé, Broglio, Bretueil und auch die Polignac’s ihr Vaterland
+gemieden hatten; man vernichtete, das heißt man hob in Frankreich alle
+Vorrechte der Geburt und des Standes auf, und es war kaum zu wagen, an
+eine Rückkehr in das geliebte Vaterland, oder an eine Rückkehr der alten
+Ordnung zu denken. Der junge Prinz, welcher bisher mehrere Reisen
+gemacht hatte, von denen er immer wieder an den Ort seiner verborgenen
+Liebe zurückkehrte sah sich veranlaßt, zu dem Heere zu gehen, das die
+Bestimmung hatte, die verlorene Heimath mit Gewalt der Waffen wieder zu
+erobern.
+
+Die Bestimmung – ja – aber nicht Macht, nicht Muth genug! warf Frau
+Windt ein.
+
+Niemand ahnete die Folgen der glühenden Liebe des Prinzen und der
+Prinzessin, fuhr Angés fort. Der geheime und gutgewählte Zufluchtsort
+auf deutschem Boden, auf dem Boden meines Vaterlandes, half die
+Verborgenheit sichern, doch bedurfte die Prinzessin mindestens _einer_
+ganz vertrauten Person, um ihr Geheimniß tragen zu helfen; zu dieser
+Vertrauten wurde meine Mutter erkoren. Es ist mir noch, als ob es vor
+wenigen Tagen geschehen sei, so lebhaft erinnere ich mich daran, wie
+eines Abends in der Dämmerung – ich war noch ein ganz junges Mädchen und
+saß mit Leonardus in der Rebenlaube vor unserm Hause im zärtlichen
+kosenden Gespräche – eine verschleierte Dame bei uns eintrat, von
+jugendlicher Haltung und schönem Wuchs, und mit einer zarten,
+außerordentlich wohlklingenden Stimme und im reinsten Französisch nach
+meiner Mutter fragte. Ich verließ Leonardus und geleitete die Fremde zur
+Mutter, es fiel mir dieser Besuch gar nicht auf, weil meine Mutter vor
+ihrer Verheirathung mit meinem Vater in Paris gelebt und in einem
+hochangesehenen Hause in einem gewissen dienstlichen Verhältniß
+gestanden hatte. Die Fremde schlug ihren Schleier nicht zurück und
+fragte meine Mutter, ob sie dieselbe nicht ohne Zeugen sprechen könne,
+worauf ich mich sogleich zurückzog, und nur noch auf dem Vorsaal meine
+Mutter in jenem Zimmer laut ausrufen hörte: #O ciel! O ma très chère
+gracieuse Princesse!# – Ich eilte, weit entfernt horchen zu wollen,
+schnell zu meinem in der Laube harrenden Geliebten zurück, und dachte
+kaum noch an die Fremde, so sehr beschäftigt ein junges Mädchen seine
+Liebe und das Glück, den geliebten Gegenstand sich nahe zu wissen, bis
+erstere wieder aus dem Hause trat und von meiner Mutter unter
+ehrerbietigen Verbeugungen schied, ohne daß beide dabei ein Wort
+wechselten. Meine Mutter weihte meinen Vater in das Geheimniß ein, und
+endlich mit großer Vorsicht auch mich, das heißt, sie sagte mir nur, was
+sie für mich nöthig hielt, von der Sache zu wissen, weil auf meine Hülfe
+Rechnung gemacht werden mußte, um nicht an noch andere Personen das
+Geheimniß hinzugeben. Ich hatte so ziemlich die Größe der fremden Dame,
+von welcher ich vorerst nur erfuhr, daß sie die Tochter einer Freundin
+meiner Mutter sei, daß sie Paris in Folge der Revolution gleich Andern
+verlassen habe, und daß sie wohl nach einiger Zeit wieder kommen, und
+eine Zeit lang bei uns wohnen würde, doch solle davon nicht gesprochen
+werden. Es wurde ein von der Straße ganz entlegenes stilles Zimmer
+unseres Hauses eingerichtet, um einen weiblichen Besuch aufzunehmen; ich
+erhielt einige neue Kleider und die Weisung, bisweilen und nach und nach
+bei Ausgängen verschleiert zu gehen, so daß die Einwohnerschaft gewohnt
+werde, mich so zu sehen. Ein neues Dienstmädchen vom Lande wurde
+angenommen, welches an der französischen Grenze bereits gedient hatte
+und ganz hübsch Französisch sprach. Der Name dieser Dienerin war Sophie
+Botta; ihr Geburtsort hieß Westbacherhof, vier Stunden von
+Kaiserslautern. Am Tage des Abgangs ihrer Vorgängerin und Sophiens
+Antritt fuhr meine Mutter mit mir nach dem unserer Stadt ganz nahen
+Dörfchen Ixheim, einem Vergnügungsort der Zweibrückner vornehmen Welt,
+und hatte mir vorher genau meinen Anzug bestimmt. Dort fanden wir jene
+fremde Dame, die Prinzessin, ohne alle Begleitung, und zwar genau so
+gekleidet wie ich. Diese junge Dame sehen und sie liebgewinnen, war bei
+mir die Wirkung jenes Augenblicks, als ich sie ohne Schleier sah; welche
+Huld, welche Güte, welche süße Verwirrung und Scham strahlte aus diesen
+himmlischen dunkeln Augen, voll eines Feuers, das nur durch unendliche
+Sanftmuth gemildert war, die über ihr ganzes Wesen sich ergoß! – Diese
+Dame, sagte meine Mutter zu mir nach den ersten Begrüßungen und dem
+Anknüpfen der Bekanntschaft, wird statt deiner mit mir zurückfahren,
+liebe Angés, und du wirst dann die kleine Wegstrecke als angenehmen
+Spaziergang zurücklegen. Dabei bezeichnete sie mir die Straßen, durch
+welche ich gehen solle, und meinen Weg in das elterliche Haus durch
+unsern an dessen Hintergebäude angrenzenden Garten, zu dessen Thüre sie
+mir den Schlüssel behändigte. Es wurde mir nun klar, daß die Fremde mit
+mir nur _eine_ Person darstellen sollte, sie kehrte mit der Mutter
+verschleiert als deren Tochter Angés nach Hause zurück, ich kam in der
+Abenddämmerung durch das Hinterpförtchen in das Haus, und konnte durch
+eine Treppe im Hofe alsbald in das obere Stockwerk gelangen. Dieser
+Plan war außerordentlich leicht auszuführen, und wurde auch eben so
+leicht ausgeführt. Das neue Dienstmädchen fand bei seinem Antritt die
+Dame, ohne zu wissen, ob sie zum Hause gehörte, oder nicht? Es bediente
+daher dieselbe mit gleicher Treue, wie meine Mutter und mich.
+
+Frau Windt hörte Angés Erzählung mit wachsendem Erstaunen an, und
+unterbrach dieselbe nur, um für einige Herzstärkungen zu sorgen, die
+ihr, der eingebornen und nicht mehr jungen Niederländerin, ungleich mehr
+Bedürfnis waren, als Angés. Dann aber drängte die gute Holländerin um
+die Fortsetzung der ihren ganzen Antheil lebhaft erregenden Erzählung.
+
+Nach einiger Zeit, fuhr Angés erglühend und fast flüsternd fort: gebar
+die fremde bei uns wohnende Dame dieses schöne Kind. Die #Sage-femme#
+wurde durch Geld schweigsam gemacht, unsere Sophie mußte zum Schein
+krank werden, das heißt, sie mußte die hohe Wöchnerin auf das Sorgsamste
+warten und pflegen und ein anderes Mädchen versah indeß ihre Stelle. Die
+guten Zweibrückner hörten zwar und glossirten nach deutscher
+Kleinstädter Weise das Ereigniß, daß unsere junge Dienerin ziemlich bald
+ein Gastgeschenk in unser Haus gebracht, vor dem sich in der Regel
+Jedermann zu bedanken pflegt, indeß war man so gütig, meine rechtlichen
+Aeltern und auch mich dabei zu bedauern, die man frisch und munter und
+jetzt wohlweislich ohne Schleier täglich auf der Straße gehen sah, und
+war ferner so gütig, die Schuld einem meiner Brüder in die Schuhe zu
+schieben. Auch dieses Reden wäre zu vermeiden gewesen, wenn man das Kind
+zeitig aus dem Hause gebracht hätte, aber dagegen widersetzte sich die
+junge Mutter, und da das Kind getauft werden mußte, so ließ sich diese
+Handlung nicht außer dem Hause vornehmen. Ein schönes Stück Geld bewog
+leicht die junge Dienerin, ihren Namen herzuleihen, und so wurde das
+Kind nach seiner angeblichen Mutter, der kleinen französisch plaudernden
+Westbacherhoferin Sophie Charlotte Botta getauft, und die große Sophie
+verließ dann reichlich belohnt und mit zugesichertem Wiedereintritt nach
+einiger Zeit, der guten Sitten halber, mein elterliches Haus.
+
+Nun wissen Sie, beste Frau Windt, wie sehr es in unserer weiblichen
+Natur liegt, daß wir uns zu kleinen Kindern hingezogen fühlen, besonders
+wenn sie hübsch und wenn sie hülflos sind. Mein liebesehnsüchtiges
+Herz, das seinen Gegenstand entbehrte, wandte die ganze Fülle seiner
+Gefühle diesem Kinde zu und dessen junge Mutter gewahrte dies mit hohem
+Entzücken.
+
+O Angés! sprach sie einstens zu mir: wie engelgut Sie sind, wie Sie mein
+Kind lieben! Dies kann ich nie vergelten, wie auch nie Ihrer Frau Mutter
+deren unendliche Güte. Ach, schon zerreißt der Gedanke an Trennung von
+dem Kinde mir das Herz, und doch muß, muß, muß ich von ihm scheiden!
+Einst, ich flehe das von Gott, wird es seine Mutter wieder sehen, wird
+sie kennen lernen und von aller Welt anerkannt, sich nie wieder von ihr
+trennen, wie auch nie von seinem herrlichen Vater! O Henri, o mein
+Henri!
+
+Ich ward ganz hingerissen von der Liebe und dem Schmerz der schönen
+Prinzessin, bedeckte in ihrer Gegenwart ihr Kind mit Küssen und rief mit
+einem flammenden Entschlusse: Darf und soll dieses holde, süße,
+unschuldige kleine Wesen bei uns bleiben, so weihe ich mich ihm zur
+treuesten Pflegerin, die es auf Erden finden kann! So schwöre ich Ihnen.
+
+Schwören Sie nicht, edles Mädchen, unterbrach mich die Prinzessin. Sie
+fühlen jetzt so schön und groß! Wird dies Gefühl Dauer haben können? Sie
+sind jung, auch Sie lieben, Sie werden sich vermählen, eigene Kinder
+werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen
+drängen. Rasch sind Gelübde gethan, schwer, oft unendlich schwer sind
+sie zu erfüllen und dauernd zu halten.
+
+Ich weiß, welche Pflicht ich übernehme! entgegnete ich der Prinzessin.
+Nie will ich von diesem Kinde mich trennen, wie meinen Augapfel will ich
+es hüten und bewachen, und zwar so lange, bis Höchstsie selbst oder von
+Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden.
+
+Die Prinzessin umarmte mich unter Thränen; nie vergesse ich den
+rührenden Anblick dieser unglücklichen und durch ihr Kind doch so
+glücklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief sie schluchzend aus:
+welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der würdig wäre der Größe meines
+Dankgefühls?
+
+Einen Lohn, Prinzessin? rief ich bestürzt aus. Welchen Lohnes wäre ich
+bedürftig? Keines anderen als Ihrer Liebe!
+
+Es wurde nun Alles ernst und ruhig unter Zuziehung des Beirathes meiner
+Mutter besprochen. Das Kind sollte von mir aufgezogen werden, vorerst
+vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unser an das Haus
+anstoßender Garten war geräumig genug, ihm die Wohlthat frischer Luft
+täglich zu gönnen, auch war das Kind völlig gesund. Unter geheimen
+Aufschriften wurden die Orte bestimmt, wohin allwöchentlich Nachricht
+von seinem Befinden gegeben werden sollte, auch ward verabredet, der
+Kleinen ein Zeichen einzuätzen, daran die Mutter oder der Vater sie
+erkennen könnten, und als das einfachste Zeichen solcher Art schlug ich
+vor, die Anfangsbuchstaben ihres Namens S. C. B. zu wählen. Die
+Prinzessin schüttelte erst mit dem Kopf, als wolle sie meinen Vorschlag
+verwerfen – augenscheinlich mißfiel ihr der bäurische Name – mit
+einemmale aber überstrahlte Freude ihr Gesicht, als sie ein wenig
+nachgesonnen hatte, und sie rief: Ja, theure Angés, nicht anders, nicht
+anders, als S. C. B.! Das muß ja nicht Botta heißen? Nicht wahr? O, es
+kann ganz anders heißen! C–B– ja, so ist es recht, so sei es! Wohl kann
+es anders heißen, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichstehen
+auf Erden an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn sie auch die Zeit,
+gewiß nicht für immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene
+große Sonne getreten ist.
+
+Voll Verwunderung hörte Frau Windt diese Mittheilung an; mit einer
+gewissen scheuen Ehrfurcht blickte sie auf das Kind, das da neben ihr im
+kleinen Stübchen unbefangen und in holder Unschuld saß und Charpie
+zupfte, vielleicht für die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieses
+Kindes und seiner Mutter die Rückkehr in das heißgeliebte Vaterland
+erkämpfen helfen wollte. Thränen der Rührung traten in die Augen der
+freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angés fiel, denn Frau
+Windt erging es wie Faust’s Famulus bei Goethe: sie wußte nun viel, doch
+mochte sie gern vollends Alles wissen. Angés fuhr fort:
+
+Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein
+einziges Glück, meine liebste Zerstreuung; sein Lächeln war Balsam auf
+mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlassen
+glaubte, da kam die neue Bekanntschaft, mit ihr mein Unglück. Von allen
+Seiten wurde ich bestürmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der
+Bedingung, daß ich nicht von dem Kinde mich trennen müsse. Meine Mutter
+fragte brieflich an, schilderte alles treulich, doch theilte sie der
+Prinzessin nur mit, daß ich mich verheirathen würde und fest
+entschlossen sei, das Kind als mein eigenes mit mir zu nehmen – und so
+willigte diese denn ein, sandte reiche Geschenke und eine nicht
+unbedeutende Geldsumme zur Verpflegung des Kindes und Bestreitung aller
+seiner Bedürfnisse. Oh, sie hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die
+kleine liebe Sophie, sie hat zweimal an Kinderkrankheiten
+darniedergelegen, doch mein brünstiges Gebet für ihre Erhaltung wurde
+erhört, auch aus der größten Noth half Gottes allmächtige Hand, der ich
+nun hier in stiller Demuth vertraue, und hoffe, daß er das Kind und mich
+wieder glücklich nach der Heimath führen und geleiten werde. Dann werden
+Sie, beste Frau Windt, schloß Angés mit lieblichem Lächeln: die lange
+getragene Doppellast los.
+
+Sie waren und sind mir in Wahrheit keine Last, gute Angés! versetzte
+Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath ist
+wunderbarlich und führet es herrlich hinaus.
+
+
+
+
+2. #Rep en roer.#
+
+
+Der unerschrockene und muthvolle Schirmvogt des Kastells und der
+Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurückkehrend, eben durch die
+Allee und in das Schloß ein, als von der entgegengesetzten Seite aus
+einem Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe
+Soldatenvolkes sich nach dem Kastell zu bewegte; es mochte dieser Haufe
+über hundert Mann stark sein, und es war nicht zu unterscheiden, unter
+welchen Fahnen dieses Volk stand und wem es diente; es waren rothe,
+blaue, grüne und andere Uniformen und Monturen, und deren Träger
+offenbar englische, französische, niederländische und wohl auch deutsche
+Soldaten, die sich, wie es schien, zusammengethan hatten, um gänzlich
+unbekümmert um den Krieg, den die Nationen, welchen sie angehörten, mit
+einander führten, auf eigene Faust einen kleinen Plünderungskrieg gegen
+die Habe der Landleute in diesen Gegenden zu führen, und stark genug,
+selbst wohlbewaffnet genug, sogar ein herrschaftliches Schloß
+anzugreifen, an welchen Schlössern dieser geldern’sche und utrecht’sche
+Landstrich außerordentlich reich ist.
+
+Als dieser Haufe in wilder Unordnung, unter Geschrei und lautem Streit,
+nebst eitel unnützem Lärm, zu dem sich wohl auch das Losfeuern eines
+Gewehres gesellte, sich dem Kastell näherte, gab sogleich der Wächter
+auf dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem
+Augenblick ertönte, als Windt sich eben aus dem Sattel schwang. Rasch
+flog sein Blick zum Thurm hinauf und der Wächter schrie vom Thurme
+herunter durch sein Sprachrohr: #Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van
+den Rhin!#
+
+Zum Donner mit den Teufeln! schrie Windt, die kleine Pforte auf und
+gleich hinter mir wieder fest zugeschlossen! Vorwärts! – Und seinen zwei
+Dienern, auf die er sich verlassen konnte, winkend, schritt Windt, ohne
+sich um Anderes zu bekümmern, durch das schnell geöffnete heimliche
+Rheinpförtchen, dessen schwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Männer
+voll entschlossenen Muthes wollten sich einem wüsten Haufen von einem
+vollen Hundert entgegenstellen. Aber die gemessenen Pulse der
+Sturmglocke hallten über die stille flache Gegend hin, und ihr
+hülferufender Schall drang bis Helsum und Renkom, ja bis Wolfheese und
+Oosterbeck. Windt stand ruhig in ernster, strenger, stolzer Haltung, die
+Hand am krummen Säbel, geladene Doppelpistolen im Gurt; seine Begleiter
+waren auf ähnliche Weise bewaffnet; Entschlossenheit blitzte aus jedem
+Blick der Männer. Der Haufe kam näher, immer näher, nichts als
+Galgengesichter, Auswurf der Armeen, Ausreißer, Sträflinge, denen
+gelungen war, den Latten und Ketten zu entlaufen, den Spießruthen sich
+zu entziehen.
+
+Achtung! Halt! Was soll’s? donnerte Windt die Rotte an.
+
+Essen! Trinken! Quartier! war die Antwort.
+
+Hier ist kein Quartier! Kann einer von euch lesen, ihr Helden? Hier ist
+die Sauvegarde des Herzogs von York!
+
+Gelächter und Gespött war die Antwort. Eine papierene Sauvegarde!
+Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Laßt uns ohne Widerstand in das
+Kastell, Herr General oder Maire, oder Platzcommandant, was Ihr immer
+sein mögt.
+
+Achtung! commandirte Windt. Linksum! Abschwenken, grad aus! Der Nase
+nach! Dort ist die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von
+Gärten und Buschwerk umgeben war. Einem übermäßig hohen dicken
+Strohdach, das an einigen Stellen das Sparrenwerk in etwas
+zusammengedrückt und folglich hie und da eine schiefe Stellung
+eingenommen hatte, dessen First mit dichten Moospolstern übergrünt war,
+aus denen sich zahlreiche rothe Blüthenstengel der Hauswurz erhoben,
+entragte ein schadhafter steinerner riesiger Schornstein. Das Gebäude
+selbst war steinern und alt, die dicken Mauern waren mit sich selbst in
+mancherlei Zwiespalt gerathen; hie und da schien es, als seien vor
+undenklichen Zeiten Breschen in das Gemäuer geschossen worden, zu denen
+sich nie eine ausbessernde Hand gefunden hatte. Eine Thüre reichte fast
+bis unter das Dach, eine andere war im Bogen gewölbt, klein und niedrig.
+Ein einziges, aber sehr großes Fenster mit trüben Scheiben erleuchtete
+die geräumige und einzige Stube des Krugs; zwischen dem Strohdach
+starrten einige schwarze Lucken, wie schlaftrunkene, halbgeschlossene
+Augen. Wohnlich sah es nicht aus, reinlich sah es nicht aus, und schön
+sah es gar nicht aus, dieses Haus mit seiner Umgebung, welche völlig
+derjenigen glich, die auf Rembrandt’s Rattenfänger dargestellt ist. Es
+war der Typus der meisten Landhäuser in diesem Gebiete. Dorthin lenkte
+Windt den Schritt der Gäste und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und
+Branntwein und was sonst vorräthig sei, verabfolgen zu lassen, indem er
+ihm einen bedeutsamen Wink gab. Der hungrige Haufe fiel über die
+aufgetragenen Nahrungsmittel her, und in ganz kurzer Zeit verschwanden
+zahllose Häringe, Käse, Aepfel, Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rüben, Brode
+und was irgend Eßbares sich vorfand; inzwischen aber marschirte aus
+Helsum und aus Renkom und aus Wolfsheese je ein Trupp gut bewaffneter
+Schützen im Eilschritt nach Doorwerth zu. Windt hatte sich zu den
+Schnapphähnen gesetzt, aß und trank auch, fragte Dieses und Jenes, ließ
+sich erzählen, und hörte mit großer Geduld die Aufschneidereien der
+Marodeurs an, unter denen sich besonders ein fadenscheinig gekleideter,
+hagerer Franzose hervorthat, der mit seinem Mundwerk stets voran war.
+Dieser war auch der, welcher mit seiner Sättigung zuerst fertig wurde,
+aufsprang und bramarbasirend ausrief: #Vive Monsieur le Maire! Vive le
+Général!# Nun gut Quartier in die Schloß für die brav Einquartier!
+
+Windt hatte einigemal durch das Fenster geblickt und gesehen, was er
+sehen wollte. Die ganze Mannschaft des Kastells hatte sich mit der des
+Dorfes vereinigt war bewaffnet über die Zugbrücke gegangen und machte in
+ziemlicher Nähe Front gegen die Schenke.
+
+Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel sollt ihr Quartier
+finden, aber nicht hier! schrie Windt, warf Geld zur Bezahlung seiner
+Zeche auf den Tisch, nahm in jede Hand eine seiner lütticher
+Doppelläufer, ließ die Hähne knacken und herrschte dem Gesindel zu:
+#Allons enfants pertues de la patrie!# Bezahlt, oder beim Satan! Ihr
+sollt, wie die Holländer, die Suppe nach der Mahlzeit auslöffeln, die
+Prügelsuppe nämlich!
+
+Hu, was machten die ungeladenen Gäste da für Augen! Flüche, Zorn- und
+Drohworte schrecklicher Art, Waffengerassel, Toben, Geschrei – dennoch
+wagte keiner von allen diesen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben,
+denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle
+zugleich, die Mündungen der Pistolen – und gar nicht lange dauerte der
+Lärm, als er plötzlich von starkem Trommelschall unterbrochen ward –
+draußen Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaberstimmen laut wurden
+und Bajonette blitzten.
+
+Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige
+suchten sich im Hause zu verkriechen, Andere traten in das Freie und
+suchten das Hasenpanier zu ergreifen, aber überall war der Weg
+verstellt, und aus jedem Munde der Führer scholl der Zuruf: Streckt die
+Waffen! Ergebt euch!
+
+Einige riefen auch in der That angstvoll: Pardon! Pardon! und warfen die
+Waffen von sich, die Wildesten und Tapfersten aber nicht; der oben
+bezeichnete Franzose verzerrte sein Gesicht zu verzweiflungsvoller
+Wildheit und schrie seinen Gefährten zu: Seht ihr nicht, daß es nur eine
+Handvoll Bauernlümmel sind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch
+in’s Bockshorn jagen lassen? Achtung! Stellt euch! Schließt ein Quarrée!
+
+Der Muth erwachte, wie er in Herzen zügelloser Banden erwachen kann, die
+Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieser Haufe,
+gereizt wie er war, durch hitziges Getränk angefeuert, und aus
+angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebene Männern werdend,
+sich ernstlich zur Wehre setzte, so stand, wenn auch keine Niederlage,
+doch ernstliche Gefahr für Windt’s Person, wie für das Häuflein seiner
+Getreuen in Aussicht; allein es sollte schnell und überraschend anders
+kommen.
+
+Galoppschlag von Rosseshufen, Säbelgerassel, wehende Fähnlein,
+Trompetengeschmetter – sechzig Uhlanen und berittene Jäger (Chasseurs)
+vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus, sprengten
+auf den kleinen Schauplatz überraschend heran; die Säbel flogen aus den
+Scheiden – da fiel kein Schuß, im Nu war der Marodeurhaufe umritten, im
+Nu streckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein Vortrab; es
+folgte eine starke Schaar niederländische Gardereiterei unter einem
+Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O weh, wie
+wurde da dem marodirenden Gesindel! Hinter den Gardereitern vom
+Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und höchsten
+Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der Waffen,
+die Brust manches Einzelnen von Sternen und Orden strahlend. Windt
+selbst war ganz voll Erstaunen; er ließ sein kleines Commando schnell
+alle wohl eingeübten und üblichen soldatischen Ehrenbezeugungen machen;
+da sprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, bester Windt!
+Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung – allein Noth lehrt
+beten! Thun Sie, was Ihnen möglich ist! Besorgen Sie uns einen
+Stegreifimbis, wie Sie’s eben haben! Im Kriege nimmt man’s nicht genau;
+man hat nicht Zeit für Etikette, oft kaum für Toilette! Seine Hoheit der
+Erbstatthalter und seine beiden Söhne, der Erbprinz und Prinz Friedrich
+folgen uns auf dem Fuße, mit ihnen ein Prinz von Condé, Prinz Ernst
+August von Großbritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens
+und Andere.
+
+Ich sinke in die Erde, gnädigster Herr Graf! rief Windt erschrocken.
+
+Oh, versetzte lachend der Erbherr: das wäre in diesem hiesigen Boden gar
+keine Kunst, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bisher, auf festem
+Boden! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr; wir bleiben nicht Alle – aber
+eine gute Besatzung lassen wir Ihnen im Kastell; den Obrist der
+Gardereiter mit seinen Adjutanten, Bedienten und Wagen, nebst
+fünfundzwanzig Pferden, auch Ludwig und Leonardus mögen hier bleiben!
+Das Hauptquartier kommt nach Arnhem, wir müssen von unsern Leuten etwas
+in die Herrlichkeit legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Besitzer
+dieser Güter nicht in die Sümpfe betten! Das Kastell muß jetzt, es geht
+nicht anders, denn ich gab mein Wort, wenigstens verwundete Offiziere
+aufnehmen.
+
+Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grüßten alle in Reih und Glied
+stehenden und zu Roß haltenden Truppen militärisch, bließen die
+Trompeter, füllte ein donnerndes »Oranien boven!« um das andere die
+Luft, und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die
+vorhin von dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die
+Generale Harcourt, Fox und Walmoden folgten.
+
+Das bunte Gewimmel, das sich auf den Wiesenteppichen und in den Alleen
+mehr und mehr um Schloß Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes Bild,
+und Frau Windt, Angés und die kleine Sophie, die der Schall der
+Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, schauten mit Lust, in die sich ein
+gewisses Bangen mischte, von einer gedeckten Bastei herab. Hinter den
+Prinzen und der hohen Generalität folgte die Legion Rohan, welche unter
+dem Befehle des Herzogs von Condé stand, und an diese schloß sich der
+Rest des fliegenden Corps leichter Reiter, Jäger von Rhoon an, welches
+der Erbherr gebildet hatte und als Chef führte, dessen Namen es trug und
+bei welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute standen.
+
+Großes und Wichtiges drängte sich in gleichem Maße wie die Fülle hier
+versammelter bedeutender Persönlichkeiten in die Macht des Augenblickes
+zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden Worten
+flüchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den Gefangenen
+werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht auch noch
+füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus sie mit einigen Reitern
+nach dem Strome mit Zurücklassung aller ihrer Waffen geleiten sollten,
+wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf fühlbare Art die
+Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der Abtheilung, welche
+die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schloß auch Philipp sich
+an, der sich im Felddienste zu einer ungemein kräftigen Natur entwickelt
+hatte und guten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen bereiten
+Herzhaftigkeit an Tag legte.
+
+Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger,
+verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres
+Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen
+Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Häuptling der
+nichtsnutzen Bande gespielt. Einmal drückte er sein Pferd so nahe an
+diesen Gesellen heran, daß derselbe unwillig in seiner Muttersprache
+laut wurde. Ha Kiebitz, dich kenn’ ich! dachte Philipp und ließ den
+Marodeur nicht mehr aus den Augen.
+
+Am Rheinufer, wo das Schiff in nächstmöglicher Nähe von Doorwerth
+anhielt, gab es nun eine nicht eben ästhetische Scene, vielmehr gab es
+viele und sehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der
+Reiter auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während dessen
+Philipp von seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus
+zu halten gab und sich dicht an den Franzosen drängte, auch denselben
+bis hart an den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgespühlten
+Uferbord folgte und ihn schützte, als einer der Kameraden auch auf
+diesen losfuchteln wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe
+war, seinen Fuß nach dem Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit
+starker Hand am Kragen, riß ihn zurück, schüttelte ihn derb und tüchtig
+und rief ihm spöttisch zu: Bürger, wenn ich nicht irre, so dürstet Euch
+wieder? He? Und seht so schmutzig aus, Bürger! Habet lange kein Bad
+genommen! Nehmet man jarst diar jahn üp! – und mit einem gewaltigen
+Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm Philipp den Franzosen, hob ihn
+auf beiden Armen hoch in der Schwebe und gab ihm einen Schwung, daß er
+einen Burzelbaum in der Luft schlug und Kopfüber hinab in den Rhein
+schoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es sahen.
+
+Philipp! Philipp! bist du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu spät diese
+That gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in
+gutem Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der
+verdammte »Ueppasser« von Paris – hat lange nicht kalt gebadet, der
+Kerl! – Dort nach dem jenseitigen Ufer hinüber sah man den Franzosen
+schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser
+gesunkenen Stamm einer alten Weide, an den er sich hielt, seine Rettung
+abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem
+Wasserstand, zu tief, als daß es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen
+wäre, und mit wüthender Grimasse drohte er herüber.
+
+Windt entließ mit freundlichem Danke seine Hülfsmannschaften, nicht ohne
+Anweisung, sich auf seine Kosten für ihren raschen Zuzug gütlich zu
+thun; der größere Theil der Fürsten und der hohen Generalität setzte
+sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange
+bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen
+Jenen zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und
+erlauchten Gäste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum
+vorläufig ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Kräfte
+auf, das Mögliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine
+Bewirthung, zu welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gönner und
+Freunde eingeladen, doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch
+keineswegs an Eß- und Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine
+eines kleinen Saales waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen
+berühmter Weine rasch aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das
+freundliche Licht des Tages gefördert, und es boten sich westphälische
+Schinken, hannoversche Würste, holländische Käse, marinirte Fische,
+hamburger Rauchfleisch und dergleichen gediegene Waaren in genügender
+Fülle zur Auswahl der Gäste dar, die mit soldatischem Muth mörderlich
+einzuhauen und das edle Blut der Reben zu vergießen begannen.
+
+Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau
+zu, als er ihr und Angés den Besuch mit kurzen Worten meldete und die
+Mithülfe beider Frauen im Beschicken des nöthigen Tischzeuges erbat – ja
+Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländischen Sprache eigen
+ist und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie
+Kraut und Rüben.
+
+Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so
+war Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche
+unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren
+gehörten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen,
+eine jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher
+Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeit
+verkündete. Diese beiden jungen Herren hatten sich ein wenig
+abgesondert, ohne daß es auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem
+belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen – es galt
+nur einem kleinen Kinde.
+
+Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann, die
+Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon – sprach der fremde Prinz.
+
+Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete
+der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir
+ungleich Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines
+theueren Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können.
+
+Hier? Und mir? Wie so, Oranien?
+
+Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz:
+jener schönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unserer
+Herzen schlossen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch
+nicht ganz ausgeträumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner
+angebeteten Louise, der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten
+zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann – zur unaussprechlichen
+Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter
+liebt. Du gestandest mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältnisse
+dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir
+Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein
+Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und
+der Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch
+die süßeste Frucht tragen.
+
+Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der
+Prinz, hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen.
+
+Höre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flüsterte Jener weiter.
+In Amsterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen
+Kaufmannes eine junge sehr hübsche Frau und bei dieser ein engelschönes
+Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen über gewisse Familienverhältnisse
+und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher jene hübsche Frau
+von einer Ohnmacht befallen wurde. Während man sich mit ihr beschäftigte,
+suchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben, das erschrockene
+Kind zu beschäftigen, die kleine Sophie Charlotte.
+
+Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf.
+
+Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm
+eingeätzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du
+gegen mich Erwähnung gethan hast.
+
+Nicht möglich, nicht glaubhaft! Mein Kind – und in Amsterdam! Es ist ja
+ganz undenkbar!
+
+Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein
+Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare
+Weise.
+
+Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns
+Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen!
+
+Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich
+Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schützen und vertheidigen,
+verbannt es uns und will nichts von uns wissen.
+
+Das laß immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare
+Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja
+wohl noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte
+Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber sprich, Guillaume, sprich von
+meinem lieben Kinde!
+
+Angés – du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin –
+hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich,
+wie ich später von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der
+Valck erfuhr, nach le Mans in der Vendée verheirathet; dort entwich sie
+den Mißhandlungen ihres eifersüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und
+kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit seinem
+Vater; ein inniges Freundschaftsbündniß fesselte Leonardus an den jungen
+Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hängt mit voller
+Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses
+Kastells und der Letztere erschloß den Flüchtlingen Leonardus und Angé’s
+Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angés’ Heimath, welche
+Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umständen nicht
+zu denken ist.
+
+Dem französischen Prinzen war, als ob er träume. Wundersameres konnte
+nicht geschehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere
+Pfand seiner schönen, zärtlichen Liebe wiederfinden sollte.
+
+Ludwig und Leonardus saßen bei Angés und Sophie, Vieles gab es zu
+fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem
+Wiedersehen vielleicht nur vergönnt war, mußte genutzt werden zu rascher
+gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte
+Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten
+Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der
+französische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angés sich von ihren
+Stühlen.
+
+Verzeihung, daß wir Sie stören! sprach der Erbprinz, und gegen seinen
+Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der
+Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame
+hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchsten Gnaden. Sie
+aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke bei
+der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß
+in keiner Weise hier etwas zu befürchten ist.
+
+Leonardus war höchlich überrascht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den
+fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner Züge
+eine Ahnung in ihr aufstieg, wußte sie doch kaum, ob sie dieser eine
+Bedeutung beilegen sollte.
+
+Leonardus grüßte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich der
+Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verließ.
+
+Sie sind Angés Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung.
+
+Angés antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die Kleine
+mit dem holdseligsten Lächeln und ganz unbefangen ihre dunkeln Augen
+aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck des
+Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem Ausdruck
+der Gefühle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als daß ein
+irdischer Laut ihn hätte entweihen dürfen.
+
+Angés beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des Kleidchens
+empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, küßte die Buchstaben und
+küßte Sophie, ja er überströmte sie mit Küssen und Freudenthränen und
+endlich rief er erschüttert und voll innigster Sehnsucht der Liebe aus:
+O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir wärst, mit mir
+diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie! Meine
+himmlische Sophie!
+
+Sie sind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang seiner
+Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater sind.
+
+Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind?
+
+Weil der Vater sein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein
+Vater küssen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie sagte oft: einst
+wird Ihr Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küssend in seine Arme
+schließen, und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde
+jetzt diese Freude, und sie sagt mir, daß Sie mein Vater sind.
+
+Der Prinz war entzückt über den Geist, mit dem sein Kind sich
+ausdrückte, wie darüber, dasselbe auch körperlich so schön ausgebildet
+zu finden, so daß Sophie in der That für ein Jahr älter angesehen werden
+konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zärtlichen
+Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der
+Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte.
+Angés ließ Beide lange im ungestörten Genuß dieses überaus reinen und
+beseligenden Glückes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken
+mußte, wagte sie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel
+Nachricht von Ihrer Hoheit, der Prinzessin?
+
+Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mächtige
+Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen
+Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des
+Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge für
+Alles; nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu
+Ihrer Verfügung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie
+sicher durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren
+unbedrohten Lande und in der Nähe der herrlichen Mutter dieses Kindes,
+nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schönes Asyl
+finden und allen Dank der Liebe ernten, den Ihre aufopfernde Treue
+verdient. Und ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend
+möglich ist. – Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an
+Sophie und an Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler
+geharnischter Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amsterdam
+hervorgegangen, als angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das
+Erbieten des Prinzen zurückzuweisen, dasselbe kam ihren Wünschen ganz
+entgegen, denn nach der Heimath, der schönen, gemüthvollen, geliebten
+deutschen Heimath sehnte sich ihr ganzes Herz.
+
+Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt
+aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen
+beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorläufig völlig
+unbrauchbar gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt
+bis zur Nagelprobe ausgeleert war, so daß es ganz unmöglich war, aus
+ihnen in dem Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch
+einmal Feuer zu geben. Windt hatte sich glänzend bewährt, auch in diesen
+Stücken, und allerseits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum
+Siege des heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen
+habe. Er empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller
+Chefs, die hier versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie
+auch an keinem sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an
+Ordres, lauten und geheimen, und er konnte seelenvergnügt und aufathmend
+seine drei Kreuze schlagen, als der letzte der fürstlichen und
+prinzlichen Gäste aus dem Thor des Kastells geritten und über die
+Zugbrücke hinüber war.
+
+Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell
+Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Gründen der
+Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die
+Befehle von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach
+dem, was vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja
+vielleicht auf immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten empfing,
+auf die sie hoffte, oder ihre Liebe zu Leonardus so mächtig war, daß sie
+jedes Hinderniß ohne Rücksicht brach.
+
+Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war,
+sein Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des
+Krieges zu entfernen, führte für die drei in Liebe und Freundschaft
+verbundene Herzen die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei,
+und Alles, was den Freunden vergönnt blieb, war, die scheidende Angés
+auf ihrer Reise mit dem Kinde über den Rhein hinüber zu begleiten,
+welche Reise sich von Arnhem über Emmerich und Wesel nach Düsseldorf
+lenkte, und zwar so weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu
+drohen schien. Dann reiste Angés mit Sophie, auch für den Weiterweg in
+den Schutz erprobt tapferer Krieger aus der Legion Rohan gestellt,
+völlig ungefährdet weiter, bis endlich nach langer Fahrt ein stilles
+Gebirgsdörfchen des Schwarzwaldes sie in seinen Friedensschoos aufnahm,
+in dem jetzt keines Kriegers Waffe, sondern nur zur Sommerzeit der Mäher
+Sense über den duftausströmenden Waldeswiesen blinkte, und kein anderer
+Schuß fiel, als zu Zeiten der eines heiteren Weidgesellen, der auf
+nichts weniger ausging, als auf Menschenmord. Angés hatte mit festem
+Sinn die Gluth ihrer Liebe zu Leonardus in sich verschlossen; mit
+starkem Frauensinn hatte sie sich gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie
+mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme des geliebten Mannes zog, zu
+bewältigen, und sie ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor, obschon
+nicht ohne eine tiefschmerzende Seelenwunde. Der Abschied zerriß ihr
+Herz, und trübe Ahnungen durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel
+wurde, als sich von selbst verstehend, verabredet; Leonardus Briefe
+sollten alle auf der Post zu Lahr liegen bleiben und von dort durch
+zuverlässige Boten abgeholt werden.
+
+Frau Windt empfing neben manchem schönen Andenken die Zusicherung nie
+erlöschender Dankbarkeit. Sie vermißte schmerzlich die gute hülfreiche
+Angés, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort
+und fort in »Rep und Ruhr« befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein
+Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische
+Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg
+gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets
+kampflustigen handfesten Gehülfen. Unterdessen dauerten die Kämpfe fort;
+an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der
+fortwährende Kanonendonner erschütterte den Erdboden so heftig, daß sich
+Windt’s Tisch zitternd bewegte, an dem er saß, an seine Gebieterin
+schrieb und ihr Bericht erstattete.
+
+Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich
+Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart
+bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs
+zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen
+zwischen Lent und Pandeeren unter stetem fürchterlichen Feuern und in
+einem dichten Nebel über die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler Weerd
+zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege.
+
+
+
+
+3. Der Spion.
+
+
+Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz wußte
+und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge auf
+dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen
+Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig
+und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen
+Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag
+Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine
+Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den
+Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser
+gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte;
+dann setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das
+linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch
+die unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in
+die weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt
+erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen
+die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum
+Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut
+wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die
+Freunde mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da
+begegnende Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige
+Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und
+furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran,
+ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung
+gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen
+könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße
+theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was
+sie finden – und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen
+Fall nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig.
+
+Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, sobald sie des Reitertrupps
+ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und
+Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar
+zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren
+Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf
+diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig
+erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor
+sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle
+gelangt, wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege
+kreuzten, als Windt’s scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er
+schon einmal und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher
+Mensch eine blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte
+Beinkleider; ein breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser
+Mensch hatte scharf nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt
+hinter Erlen und Weiden nieder, die am Ufer eines Grabens standen.
+
+Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. – Er hatte es aber noch
+nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer
+geschickten Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem
+Menschen in dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am
+Ufer befestigten Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief
+rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus
+mit lautem Anschrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser
+zurück, während er ein Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp
+ritt stracks auf ihn zu, und hätte ihn unfehlbar über den Haufen
+geritten, wenn er nicht in die Knie gesunken wäre und gerufen hätte:
+#Mille pardon! mille pardon!# während er die Waffe aus der Hand warf.
+
+Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und
+Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der
+#Ça ira#-Mann von der Balustrade!
+
+Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu thun?
+
+Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt’ ihn gleich von Weitem
+an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll
+ich ihn in die Wahl schmeißen?
+
+Da hätte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend
+Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich
+nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.
+
+Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder
+Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das
+Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte.
+Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer
+Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges
+Leben.
+
+Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein armer
+von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen, was
+ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht
+henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen
+Hals zu retten; ich scheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem
+Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr
+war! Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen!
+
+Pardon für ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die
+Hauptleute.
+
+Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest,
+Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist
+wie ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines
+Pferdes. Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer
+dicht hinter ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu
+entwischen, haut ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon!
+
+Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr
+General! flehte der Franzose.
+
+Der Teufel ist dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nachdem seine
+Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg angetreten.
+
+Nicht uninteressant waren die Aufschlüsse, welche der gefangene Franzose
+über seine eigene Person und über die Ereignisse auf dem
+Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder
+Falsches sei, ließ sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach,
+bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernstliche Androhung, abgefragt
+wurde, ließ sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen.
+
+Mein Name ist Clement Aboncourt, mein Geburtsort Saarlouis; mein Vater
+war Friseur, ich wurde Schneider. Mein Meister war Theaterschneider, das
+brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte fleißig neugefertigte
+Garderobestücke an meinem eigenen Leib und fand, daß sie mir herrlich zu
+Gesicht standen; ich wurde Schauspieler und siedelte von einer der
+zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern über. Die
+Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden zu sein,
+in den angenehmsten Verhältnissen nicht gut zu thun, stets sich auch mit
+den besten Directoren auf gespannten Fuß zu setzen und nur den
+Augenblick abzuwarten, der eine bessere Aussicht eröffnet, um
+contractbrüchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Maße eigen.
+Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent für das Fach der Komiker
+wie der Intriguants hatte, stets der bescheidenen Ansicht, die fast
+jeder von seiner Person festhält, daß ich bei jeglicher Gesellschaft,
+mit der ich spielte, das bedeutendste Talent sei, der hervorragendste
+Mime, alle Collegen neben mir nur Stümper und Lumpe; was Wunder, daß ich
+zeitig begann die Wandelbühnen zu verachten, daß das einzige Paris mein
+Ziel wurde? Dort gelangte ich hin, fand auch Anstellung auf einem
+Vorstadttheater und trat in gleicher Weise wie früher von einer Bühne
+zur andern; ich spielte indeß mit sehr mäßigem Beifall, und gefiel
+zuletzt mir selbst noch weniger wie dem Publikum, so daß ich mich
+doppelt verkannt sah. Die Revolution fegte alle den kleinen Bühnenkram
+zur Seite, ich wurde brodlos und war zuletzt froh, ein kleines
+Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die Zeit, wo
+ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Ausländer in
+Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Absicht hegte, Sie als
+Spione des Auslandes, für welche ich Sie hielt, unter das Beil zu
+liefern. Die nicht eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein
+Vorhaben und hatte für mich sehr trübe Folgen. Einer meiner Collegen –
+befehligt, gleich mir, auch auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein
+scharfes Augenmerk zu richten – stand am jenseitigen Ufer der Seine,
+blickte nach mir herüber und sah mich plötzlich den unfreiwilligen
+Saltomortale herab in die Seine machen. Er gab mich an, und ich wurde,
+nachdem man mich verhört hatte, mit dem Prädicat eines grenzenlosen
+Dummkopfs und dem Rathe, ohne Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris
+zu verlassen und es nie wieder zu betreten, meines Aemtchens entsetzt,
+und hatte nun zu dem vielen Wasser, das Sie mich hatten schlucken
+lassen, nicht einmal trockenes Brod. Der Hunger mehr noch als der Durst
+trieb mich jetzt zur Armee, und so kam ich in diese Gegend. Wie es den
+armen Soldaten geht, werden Sie wissen, meine Herren, Hunger, Durst und
+Kälte und feindliche Kugeln, das sind die ganzen Annehmlichkeiten, die
+heut zu Tage ein tapferer Franzose zu erwarten und zu genießen hat, der
+für die glorreiche Republik kämpft. Ich eignete mir eine Flasche Cognac
+zu, um eine Schutzwaffe gegen zeitweiligen Durst und die unerträgliche
+Kälte zu haben, und der Eigenthümer derselben wagte die Behauptung, daß
+ich dies heimlich gethan, erklärte auch einige Zehnlivresstücke, die
+sich in meiner Tasche fanden, für die seinigen, ja, er steigerte sogar
+seine schändlichen Anklagen zu solcher Höhe, daß er behauptete, diese
+schlechten Hosen, welche ich hier anhabe, seien auch die seinigen.
+Darauf hin war man so über alle Maßen grausam, mich henken lassen zu
+wollen, und es kostete mir unsägliche Mühe, bevor der Strick um meinen
+Hals wirklich zugezogen wurde, mich einer so entehrenden Behandlung ganz
+zu entziehen, indem ich nämlich durchging, eine Sache, in welcher meine
+theatralische Laufbahn mir jene Ausbildung verliehen, welche meine
+Muttersprache mit dem trefflichen Worte #Routine# bezeichnet. Ich ging
+zu einer andern Heeresabtheilung über, bei der ich mich als
+Auskundschafter meldete, und als solcher willkommen war. Als solcher
+mischte ich mich unter die Marodeurs, an deren Spitze ich ohnlängst der
+Ehre theilhaft wurde, Ihnen, sehr geehrte Herren, zu begegnen, um die
+Ausreißer unsers Heeres wo möglich an den Galgen zu liefern. Mir fiel,
+bei meiner Ehre sei es geschworen, nicht ein, zu plündern, ich war der
+Unschuldige unter jenen Schuldigen, ich mußte nur so thun, wie ich that,
+um im Vertrauen jenes Gesindels zu bleiben, und ich sehe in der That
+nicht ein, weshalb jener Herr sich so darauf steift, mich in alle
+möglichen Flüsse Europas zu werfen, da ich doch ein Franzose bin, der
+gern auf dem Trocknen ist und der in diesem Lande verbreiteten Secte der
+Wiedertäufer ganz und gar nicht angehört.
+
+Dieser mit kläglichem und beweglichem Geberdenspiel von Seiten des
+Spions gehaltene Vortrag belustigte die Zuhörer und benahm jedem
+Einzelnen derselben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den
+gefangenen Mann zu übenden Grausamkeit. Ihn unschädlich zu machen,
+mindestens für die Sache Hollands, konnte genügend erscheinen, doch
+wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Person des Spions
+mindestens dadurch nutzbar machen, daß Clement Aboncourt nun offen und
+haarklein Alles sagen sollte, was ihm vom Stande der französischen Armee
+oder sonst von seinen Landsleuten bekannt sei. Unter dieser Bedingung
+sollte Aboncourt das Leben geschenkt und er nur so lange im Kastell in
+Haft gehalten werden, bis entweder der Feind über den Rhein und die
+Yssel in’s Land brechen oder ein Friedensschluß zu Stande kommen würde,
+dem die hartmitgenommenen Länder sehnlich entgegenhofften.
+
+Nun denn, was ich weiß, will ich sagen, begann Clement Aboncourt seine
+Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn
+ich offen rede, denn ich bin ein Mensch, der einen Hals besitzt, welchen
+ich zu ganz anderen Verrichtungen bestimmt glaube, als der, durch einen
+Strick zugeschnürt zu werden. Eine Abtheilung der französischen Armee,
+etwa viertausend Mann, bewerkstelligte zur Nachtzeit eine Landung auf
+den Bommeler Waard oder Weerd; sie wurden aber mit so großer Höflichkeit
+empfangen und ihnen mit so vieler Artigkeit zurückgeleuchtet, daß nur
+wenige von ihnen das jenseitige Ufer der Maas, die sie überschritten
+hatten, wieder gewannen. Das Fort Sanct André, das die große Insel
+zwischen Maas und Wahl, welche beide Ströme vor ihrem Zusammenfluß
+bilden, an der östlichen Spitze beschützt, wurde fünfmal mit der
+größten Wuth bestürmt und ebenso vielmal wurden wir zurückgeschlagen.
+Die holländische Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl
+wird das Alles nichts helfen, das Fort wird auf’s Neue nun mit sechs
+Schiffen, drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beschossen
+werden. Schon rücken unsere Regimenter auf dem rechten Wahlufer
+herunter; ich eilte den Vorposten voraus, und wenn die Herren eine
+Stunde oder nur eine halbe Stunde sich dorthin wagten, wo sie mich
+gefangen nahmen, so säßen wir jetzt Alle miteinander ganz sicherlich
+nicht hier.
+
+Es ist ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er sich
+unwillkürlich an seinen Hals griff: es ist Alles, wie Hand umwenden.
+Heute mir, morgen dir – sagen die Deutschen. Wir müssen die Wahl nehmen,
+wir müssen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder
+ganz zurück, denn wir sind ausgehungert, völlig ausgehungert, trotz
+allen Siegen – es fehlt am Besten!
+
+An Geld? fragte Windt spöttisch. Ich dächte, dieses stehlt ihr ihr – wie
+wir vorhin hörten.
+
+Nein, mein General, versetzte der Spion: Geld ist nicht das Beste – es
+fehlt an Etwas, was sich nicht nur so stehlen läßt, es fehlt an Salz und
+das bringt die Armee fast zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt,
+desto salziger wird ihre Haut. – Aha, spottete Leonardus, und da hofft
+ihr in Holland Salz zu finden, weil es so viele Häringe einsalzt!
+
+Leider! – leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, versalzen
+wird! seufzte der Spion mit einer Grimasse und fuhr fort: Das letzte
+Salz in Herzogenbusch, so viel als man gewöhnlich um acht
+niederländische Gulden kauft, ist zu fünfhundert Gulden verkauft worden.
+
+Ist die Grave über oder ist sie nicht über? fragte Ludwig.
+
+Das weiß ich nicht, mein Herr Oberst, erwiederte Aboncourt: allein ich
+bezweifle es, sonst würde die Maas mehr von Feinden geräumt sein und es
+wäre weniger Mangel in unserer Armee vorherrschend, die immer einen
+schweren Stand haben wird; denn es marschiren in diesen Tagen
+zweitausend Kaiserliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines
+geheimen Tractates fünfundzwanzigtausend kaiserliche Soldaten in seinen
+Sold genommen, die nach und nach anrücken, um die Wahl zu decken; die
+englische und hannoversche Reiterei dagegen geht nach Westphalen.
+
+Woher weiß so ein miserabler und lumpiger Kerl, wie du einer bist, das
+Alles? fragte Windt barsch.
+
+Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken Sie
+mich lieber, als daß Sie mich schimpfen! Da ich in Ihnen einen guten
+Legitimisten voraussetzen darf, so bedenken Sie, daß ich ein König war.
+
+Auf deinen Schmierbühnen, du Meerschwein!
+
+Ja leider – nirgends als dort, sonst wäre ich nicht hier! fuhr jener
+unter komischen Seufzern fort: denn wenn ich ein König oder ein
+königlicher Prinz in der Wirklichkeit wäre – ich wollte mich bei Gott
+anders und besser halten, wie zum Beispiel der Herr Graf von Artois.
+
+Was ist’s mit dem? fragte Ludwig aufmerksam.
+
+Je nun – antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Hauptquartiere der
+feindlichen Verbündeten, läßt sich als Gast von den deutschen und
+niederländischen Edelleuten bewirthen, schmarozt wie ein Abbé und führt
+ein müßiges Schlaraffenleben. Er stolzirt in einem rothen goldgestickten
+Rock einher und trägt am Hut eine weiße Cocarde, so groß wie ein Teller.
+Ludwig der Sechszehnte mochte sein wie er wollte, besser wie dieser war
+er auf alle Fälle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn
+die Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieses Grafen Artois
+bilden, ihn mit der weißen Cocarde sehen und er ein weissagendes Gesicht
+schneidet, denken sie Wunder, wie gut ihre Sache stehe und wie bald man
+sie zurückrufen werde, und rufen gläubig aus: #Ah! Nos affaires sont
+bien, le Comte d’Artois a souri à la lecture de ses lettres.#
+
+Ja ja – brummte Windt: sie haben einen starken Glauben und der Glaube
+kann Berge versetzen.
+
+Aber nicht Armeen, fügte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weißt du
+nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Veränderungen, spricht man im
+feindlichen Heere nicht von einem Waffenstillstand?
+
+Waffenstillstand wäre unser Tod! erwiederte der Spion: der wäre
+wahrlich für keine Partei eine goldene Brücke, denn die Heere blieben
+zehrend wie Heuschrecken in den Ländern liegen. Und der Winter wird
+streng, das werden Sie wahrnehmen. Der National-Convent hat der Armee
+sogar das Beziehen von Winterquartieren verboten, er wird in keinen
+Waffenstillstand willigen. – Neues ist, wenn Sie es nicht bereits
+wissen, daß der Herzog von York plötzlich von der Armee abberufen worden
+und nach England gereist ist und daß Prinz Friedrich von Oranien ihn bis
+nach dem Haag begleitet hat. Dieser Prinz wird preußische Dienste
+nehmen, da er durch seine Mutter und seine Gemahlin Preußen so nahe
+steht. Das hannoversche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der
+Graf von Walmoden führt den Oberbefehl; die englischen Truppen gehen zum
+Theil nach ihrem Vaterlande zurück; General Harcourt führt über diese
+das Commando. Man sieht ein von Seiten Ihrer Armeen, daß man alles
+tapferen Widerstandes ohnerachtet die Wahl nicht länger vertheidigen
+kann, sie ist unser und wir rücken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt
+plötzlich den Rhein Ihrerseits befestigen wollen, aber zu spät. Wissen
+Sie, wie viele Schanzen in der Herrlichkeit Doorwerth aufgeworfen
+werden?
+
+Schanzen? Nein! rief Windt gespannt aus.
+
+So will ich es Ihnen verrathen und will auch gestehen, daß ich neulich
+nicht nahe bei Ihrem Kastell landete, um es zu plündern oder um zu
+zechen, sondern, daß mein Auftrag, dessen ich mich auch vollkommen
+entledigt habe, dahin ging, die Beschaffenheit der bereits vorhandenen
+Schanzen zu untersuchen; ich fand aber keine als die halbverfallene
+Dünen- oder Hünenschanze. Nun will man in aller Eile fünf neue
+aufwerfen, eine Ihrem Kastell gerade gegenüber.
+
+Herr Gott! schrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus
+beschossen wird, das Kastell drauf! Das darf nimmermehr geschehen! Da
+wäre Alles verloren!
+
+Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! suchte Ludwig zu
+beschwichtigen, aber Windt rief leidenschaftlich: Nein! Da ist nichts
+abzuwarten, #aut Caesar, aut nihil!#
+
+Vielleicht wird Friede oder doch Waffenstillstand auf alle Fälle! nahm
+Leonardus das Wort.
+
+Ich will Ihnen auch sagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die
+Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet sind, falls Sie das nicht schon
+wissen.
+
+Nicht so ganz genau, erwiederte Ludwig.
+
+In Arnheim bleiben die hannover’schen Truppen, berichtete der Spion: in
+Zuitphen wird das Generalquartier der Hessen aufgeschlagen; nach
+Doesburg kommen die Hessen-Darmstädtischen Truppen; die Franzosen unter
+dem Prinzen von Condé und im englischen und niederländischen Solde
+kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artois wird sich
+nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechselt diese Ortsnamen
+leicht.
+
+O ja, wenn man ein Franzose ist! spottete Windt.
+
+Nun? Ist Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz unbefangen der
+Spion und ließ sich nicht beirren, als ihm ins Gesicht gelacht wurde,
+sondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiserlichen Armee ist in die
+Weselgegend bestimmt, unter General Joseph Freiherrn von Alvinczy.
+Zweitausend Mann von diesen Truppen gehen noch nach Arnhem und eine
+gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl.
+
+Diese und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter dessen
+Zuhörern eine günstigere Stimmung; sie sahen einen Mann, den das Leben
+in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu
+kennen schien, als eben dieses Leben, so armselig und mühevoll es war,
+zu fristen und zu erhalten. Man versah ihn daher mit allem Nöthigen und
+hielt ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand
+gefangen genommen und auf eigene Hand ihm das Leben versichert hatte,
+ihn den Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn sonst wäre ihm
+höchstwahrscheinlich Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden.
+
+Kastell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Festung, als einem
+Lustschloß; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppengattungen und so
+umfangreich und zahlreich die Räume des Schlosses waren, so blieb für
+Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach übrig. Die Einquartierung
+oder Besatzung des Kastells und der Herrschaft wechselte häufig, da die
+Verhältnisse beständige Truppenbewegungen herbeiführten. Als die
+englischen Jäger und Uhlanen fort waren, kam niederländische
+Gardereiterei, welche in den Ortschaften der Herrlichkeit ihre
+Cantonnirung angewiesen erhielt. Dieser folgte das englische Freicorps
+von Salm-Kyrburg; dazwischen hatte Windt über tägliche Lasten zu klagen,
+Durchmärsche, Plünderungsversuche, Aerger und Verlust im Uebermaß. Dem
+erwähnten Freicorps folgten Jäger vom Regimente Hompesch – diesen ein
+Bataillon von Hohenlohe – dann kam das achte und das vierzehnte Regiment
+englische leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden war mit
+Truppen überschwemmt.
+
+Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus Arnhem
+herüber geritten, und eines Tages geschah es, daß der Erbherr den
+Prinzen Ernst August von Großbritannien und noch einen Herrn in sein
+Schloß einführte, die Bewohner desselben freundlich begrüßte und sich
+genau nach allen Verhältnissen erkundigte, da diese jeder kommende Tag
+wieder anders gestaltete. Prinz Ernst August, von dem Niemand glauben
+konnte, da ihm noch drei ältere Brüder, Georg, Friedrich von York und
+Wilhelm, Herzog vom Clarence lebten, welche alle zum Königsthrone
+gelangten, daß auch er einst die Krone eines Königreichs tragen werde,
+forderte Windt und Leonardus zu einem Recognitionsritt in die Umgegend
+auf, und der Erbherr sagte zu seinem Vetter Ludwig, er möge ihm und dem
+zweiten Gast einstweilen Gesellschaft leisten, indem er seinen Vetter
+diesem Gaste vorstellte. Dieser Fremde war der niederländische Gesandte,
+Graf Brantsen, derselbe, der die Ehre gehabt, auf seinem Schlosse Sip
+den Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich
+beisammen saßen und ihr Gespräch sich, wie es nicht anders sein konnte,
+auf die bewegte Zeit lenkte, äußerte sich der Gesandte: Dieses Wirrsal
+kann keine Dauer haben; es müssen Schritte geschehen, die den Völkern
+und Ländern den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geschieht
+dies noch lange nicht. Dazu führt ungleich schneller und unblutiger jene
+kleine feine Waffe, zu deren Führung es nicht der beiden Hände oder doch
+der ganzen Faust, sondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewisses Maß
+von Kenntnissen, mit einem klaren Verstande, nebst redlichem Willen.
+
+Du wirst verstehen, lieber Vetter, was der Herr Ambassadeur meinen,
+erläuterte der Erbherr: und seine Güte, die ich für dich in Anspruch zu
+nehmen mich erkühnte, um dir einen recht guten und treuen Dienst zu
+leisten, hat mir zugesagt, dir nützlich sein zu wollen. Sieh, lieber
+Vetter, ich glaube dich nicht falsch zu beurtheilen, wenn ich meine, daß
+du nicht für den Kriegerstand geboren bist. Dir sagt wohl mehr, wie du
+von Jugend auf es geführt hast, ein beschauliches Stillleben zu, und ich
+möchte dich glücklich wissen, denn du weißt, und ich weiß, was ich dir
+Alles danke. Was soll dir dieser Krieg und besonders die Art, wie er
+jetzt in diesem Lande geführt wird? Man spricht nicht von Schlachten, in
+denen ein junges Heldenherz sich Lorbeeren erkämpfen kann, sondern von
+Winterquartieren, man denkt nicht auf Vorzüge, sondern auf Rückzüge, man
+ficht nicht mit der Waffe der tapfern Hand, sondern nur mit grobem
+Geschütz. Zum Vorrücken in höheren Dienstrang ist keine Gelegenheit, und
+für was solltest du dein Leben auf das Spiel setzen? Du bist in
+Deutschland geboren, weshalb solltest du für Holland kämpfen? Daher bin
+ich der Meinung, du weilest nicht länger hier unter dem rauhen und doch
+so nutzlosen Getöse der Waffen, sondern versuchst in einer andern
+Laufbahn dein Glück, versuchst wenigstens in ihr den Grund einer
+zukünftigen ehrenvollen Stellung im Leben zu legen. Unser Windt ist ein
+trefflicher, lieber, edeldenkender Mann, ich schätze ihn
+außerordentlich, und seine Frau ist ja überaus brav und rechtlich,
+allein beide sind doch auf die Dauer kein Umgang für dich; du mußt
+eintreten in höhere Lebenskreise. Dein Blick muß geschärft, deine
+Ansicht vom Leben und dessen höchsten Aufgaben geläutert und
+festgestellt, ja selbst dein Herz muß geprüft und gebildet werden durch
+höheren Umgang. Sage selbst, ob ich nicht Recht habe?
+
+Ja, du hast Recht, Vetter, sprach Ludwig, doch so schwankend, als
+erwache er aus einem Traume.
+
+Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sündenpfuhl, ein Sodom und
+Gomorrha, Andern als eine Löwengrube, noch Andern als Niniveh und
+Babylon erscheinen, welches demnächst der Zorn des Höchsten zertrümmern
+wird – dem Auge des vorurtheilfreien Weltmannes erscheint es anders,
+erscheint es immer als die europäische Weltstadt, in der das gesellige
+Leben seinen höchsten Blüthenstand erreicht, in der dasselbe am
+heißesten pulst, und das stets die höchste Bildung über alle
+Lebenskreise ausstrahlt. Der Herr Gesandte geht in diesen Tagen nach
+Paris ab, und ist so sehr gütig, dich als Attaché mit dorthin nehmen zu
+wollen. Bei wenig Mühe wirst du leicht und sicher die Pflichten und
+Dienstleistungen, die dir dann obliegen werden, das Abfassen mancher
+Correspondenzen und dergleichen, dir aneignen, und hauptsächlich jene
+gesellige Gewandtheit, die ebenso fern von unwürdiger Kriecherei als
+lächerlichem Hochmuth den gebildeten Mann befähigt, sich mit Anstand und
+sittlicher Haltung in allen Kreisen des Lebens zu bewegen.
+
+Sie sind sehr gnädig, Herr Graf, richtete Ludwig sein Wort an den
+Gesandten, daß Sie sich eines so jungen und noch so unbedeutenden
+Menschen, wie ich bin, annehmen wollen. Es ist wahr und ich gestehe ein,
+daß mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienst ist nicht meine Sphäre,
+es lebt kein Verlangen in mir, auf die Länge hin Soldat zu sein, wie
+ehrenvoll dieser Stand auch ist, aber ich fürchte sehr, daß ich Ihnen
+eine Last sein werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu
+sein, um die schwierige Bahn eines Diplomaten –
+
+Man wird nicht über Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf,
+unterbrach der Gesandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage
+in den alten Sprachen. Sie sprechen und schreiben viele der neueren:
+niederländisch, französisch, englisch, deutsch, das ist schon viel.
+Selbststudium durch gediegene Schriften wird in der höhern
+diplomatischen Geschichte der europäischen Länder und Höfe Sie bald
+befestigen; die Grundzüge des europäischen Staats- und Völkerrechts
+werden Sie sich bald aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris
+einen Cursus dieser Wissenschaften an der Universität zu hören;
+vertrauen Sie mir nur, ich werde Sie gut und sicher und mit Wohlwollen
+führen.
+
+Ludwig verbeugte sich verbindlich dankend, dann aber ward er nachsinnend
+und sprach endlich zu seinem Verwandten: Aber Leonardus?
+
+Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amsterdam, wandte der Erbherr
+seine Rede erläuternd an den Gesandten: derselbe Mann, der mit Seiner
+Königlichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt vorhin zum
+Recognosciren ausritt, ist der Freund meines Vetters und wird gewiß
+nicht derjenige sein wollen, der dessen künftigem Glück hemmend in den
+Weg tritt.
+
+Er ist ein Freund, ein Freund im schönsten und edelsten Sinne des
+Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinste Schatten fallen
+darf! rief Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm schien, als erkenne sein
+Verwandter nicht seines Leonardus volle Seelengröße vollständig an. Es
+bedarf nicht, daß ich ihn rühme, fuhr Ludwig fort: ich will nur sagen,
+daß ich nicht gesonnen bin, mich von ihm zu trennen; ich habe, kaum aus
+der Welt meiner Jugendjahre getreten, bereits der tiefschmerzlichen
+Trennungen schon zu viele erlebt.
+
+Dem Erbherrn zuckte es bei diesen Worten in der Brust, als brenne ihn
+plötzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augenblicke, die
+bittere Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, während
+der Gesandte das Wort nahm: Wenn Herr Leonardus van der Valck so treu an
+Ihnen hängt, Herr Graf, als Sie an ihm, so wird ihm nichts im Wege
+stehen, uns nach Paris zu begleiten. Kann ich ihn auch nicht – und wer
+weiß, ob es nicht in der Folge doch geschehen könnte – in meinem Bureau
+anstellen, so kann ich ihn doch unter den Schutz der Gesandtschaft
+stellen, er kann als Volontair #pro forma# mit Ihnen arbeiten; Sie
+können ungetrübter, als irgendwo, das Glück ihrer beiderseitigen
+Freundschaft genießen. Hier im Getümmel der Waffen droht Ihnen
+unversehens vielleicht die schmerzlichste Trennung.
+
+Leonardus mag entscheiden! sprach Ludwig fest. Wir sind, was wir
+äußerlich nur scheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brüder – und da
+mir die Süße der Familienbande versagt ist, meine Heimath mir fernab
+liegt, da ich losgerissen bin von geliebten Herzen, so will ich doch an
+dem einen Anker mich halten, so lange es Gott vergönnt, ich will
+Leonardus, den ich zum Bruder mir erwählt, auch Bruder bleiben bis zum
+letzten Athemzuge meines Daseins.
+
+Schnell und rasch war die Wendung in Ludwig’s Schicksal; Leonardus, der
+des Freundes Gefühle so innig theilte, willigte mit Freuden ein, denn
+auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu führen die
+Nothwendigkeit gebot, auf die Dauer nicht zusagen. Aber wie ganz anders
+war der jetzige zweite Abschied Ludwig’s von dem redlichen Windt? Beim
+ersten Abschied galt dieser dem jungen Grafen nur als der unwandelbar
+treue Diener der alten Großmutter, als ein etwas steifer, förmlicher
+Kanzleimensch, ein gutes, brauchbares Inventarstück, das sich durch
+seine Dauerbarkeit empfahl. Um wie Vieles höher war Windt in Ludwig’s
+Achtung, ja in seiner dankbaren Liebe gestiegen? Welche Verdienste hatte
+sich der treue Mann nicht um Leonardus, um Angés, um jenes Kind
+erworben, und um Ludwig selbst, ja auch um dieses Schloß, diese
+Herrschaft. Ludwig schenkte ihm alle seine Waffen, nur die
+Damascenerklinge mit den bourbonischen Lilien auf blauem Grunde am Griff
+behielt er für sich. Auch Philipp’s Brauner blieb Windt zum Geschenke,
+und Leonardus’ Reitknecht trat in dessen Dienste, da einer von seinen
+Dienern ihn verließ. Windt und seine Frau weinten, als die Freunde
+schmerzlich bewegt von ihnen Abschied nahmen. Der Erbherr wünschte
+aufrichtig Glück – vielleicht noch etwas aufrichtiger als damals in
+seinem Briefe. Was lag nicht Alles zwischen jener Trennung und der
+heutigen? Philipp begleitete als gemeinschaftlicher Diener die Freunde.
+
+Der Gesandte war ein angenehmer und liebenswürdiger Mann, feingebildet,
+ganz für seine Stellung geschaffen. Leicht gewannen die Freunde seine
+Gunst, und schon seine Unterhaltung war in hohem Grade belehrend. Sie
+fuhren mit Extrapost von Station zu Station, das Gepäck kam nach; der
+Gesandtschaftspaß beseitigte jede Gefährdung.
+
+Unterwegs peitschte der Postillon nach dem Rücksitz – es war in Rheenen
+– um einen Mann, der sich hinten aufgesetzt, zum Herabspringen zu
+bewegen; jener hielt und duckte sich lange, endlich sprang er doch
+herab. Ludwig bog sich aus dem Schlage und blickte zurück. Die
+Postkalesche rollte unaufhaltsam fort – der Mann zog den Hut und machte
+Bücklinge und komische Grimassen. Es war Clement Aboncourt.
+
+
+
+
+4. Drei Frauenherzen.
+
+
+Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Häusern
+der schönsten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener
+Aufführung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige
+vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter
+sicherten die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene
+riesige Löwenköpfe trotzten an dem schweren Eichengetäfel der
+Thürflügel, die mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitterform
+überdeckt waren, wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche
+Karyatiden, und über demselben hoben sich unter einer fürstlichen Krone,
+kunstvoll in Marmor gehauen, zwei schräg aneinander gelehnte
+Wappenschilde.
+
+Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis
+Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz.
+
+Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgräfin.
+
+Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Außenwand dieses Palastes mit
+reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmückt, und
+hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten herrliche
+Blumen, die schönste Winterflora, die nur immer von den Gewächshäusern
+der bedeutendsten Kunstgärtnereien Hamburgs geboten werden konnte. Die
+Matrone saß in einem höchst vornehm, aber wohnlich eingerichteten
+Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war, dessen Sophas
+schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wände einige
+Oelbilder von guten Künstlern zierten, darunter auch an einer Wand
+vereinigt drei reizende Seitenstücke von der Meisterhand Philipp
+Wouwermann’s, darstellend die drei Schlösser Varel, Kniphausen und
+Doorwerth, mit im Genre dieses berühmten Künstlers mannichfach belebten
+Vordergründen. Die Matrone saß, wie sie gewohnt war, von Büchern,
+Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel am
+Schreibpult, und überlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift:
+
+ »#Interims#-Quittung.
+
+ Für zwanzigtausend Mark Hamburger #Banco,# welche Uns von Seiten
+ Unsers ältesten Herrn Enkels, des Grafen #Wilhelm Gustav
+ Friedrich,# Grafen zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon
+ und Pendrecht u. s. w., nach Maßgabe der mit demselben in
+ Betreff Unserer habenden und dargelegten beträchtlichen
+ Anforderungen sowohl, als wegen einer #Cession# Unserer
+ Herrlichkeit #Doorwerth cum pertinentis# geschlossenen
+ Haupt-#Conditionen# zum Vergleich (dessen völliger Abschluß und
+ Vollziehung durch die inmittelst eingetretenen Zeitläufte bisher
+ behindert worden) in Abschlag des am 3. September jüngst bereits
+ zu entrichten gewesenen ersten #Terminis# von fünfzigtausend
+ Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis
+ reservandis# in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen.
+
+ Charlotte Sophie.«
+
+So wird es ja wohl recht sein, sprach die Schreiberin, wenn der Rath
+Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der
+Juristen Gewohnheit, der Styl aber ist abscheulich, in welchem man
+solche Dinge sich förmlich abquälen muß. Wenn ein Lateiner so
+geschrieben hätte, ein Franzose so schriebe! Für unsere Kanzleien und
+Gerichtshöfe leben und streben die edelsten und berufensten Geister der
+deutschen Nation vergebens. In diese Marterkammern unserer Sprache
+dringt kein Hauch von Klopstock, kein Geistesstrahl von Lessing, kein
+Blitz von Goethe. Ihre »Instrumente« bleiben ewig stumpf und darum um so
+peinlicher.
+
+So, dies wäre gethan, das Geschäftliche abgemacht, jetzt zum rein
+Menschlichen! – Die Reichsgräfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein.
+
+Ich bin fertig, sagen Sie das meinen lieben Gästen, der Herzogin und der
+regierenden Reichsgräfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene
+entfernte sich wieder.
+
+Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Gräfin ihre
+Dienerin zurück. Weißbrod soll keinen Fleiß sparen, daß die
+Arrangements zu meinem heutigen Cirkel nichts zu wünschen übrig lassen.
+Vier Spieltische; die neuesten Zeitungen in das Lesecabinet, die Sessel
+mit der Krone, welche mit blauem Purpursammet beschlagen und mit
+silbernen Lilien gestickt sind, an eine besondere Tafel zu sechs
+Gedecken. Dann ordnen Sie einstweilen meine Toilette, keine Brillanten,
+nur Perlen, die schwarze Sammetrobe mit den aufgestreuten
+Trauerweidenzweigen von Silber-Filigranarbeit. Man muß den Schmerz ehren
+und der Theilnahme einen sichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein
+anderer Schmuck meinen Jahren.
+
+Ich bin gespannt, sprach die Reichsgräfin dann zu sich selbst weiter. Es
+widerfährt meinem Hause eine schöne Auszeichnung, doch wer dürfte hier
+in Hamburg auch nähere Rechte auf dieselbe haben, als ich, die nächste
+Verwandte? Wohl vereinen hier sehr glänzende Cirkel einheimische und
+fremde geistreiche Männer aller politischen Farben, der alte blinde
+Busch und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben sich alle
+Mühe, ausgezeichnete Fremde an sich zu ziehen, und Sieveking machte ja
+sein Neumühlen im vergangenen Sommer förmlich zum Taubenschlag, allein
+diese Gesellschaften sind zu gemischt, es kann nicht ein Jeder sie
+besuchen, mein Vetter zum Beispiel, Prinz Talmont, würde sich
+unglücklich in einem solchen Kreise fühlen.
+
+Die Flügelthüre des Zimmers wurde vom alten Weißbrod und einem jüngeren
+Lakaien in reich gallonirter Livrée ehrerbietigst geöffnet und es trat
+eine Dame von wunderbarer Schönheit ein, eilte freundlich auf die alte
+Reichsgräfin zu und begrüßte sie nach allen Regeln höfischen Herkommens.
+Es war keine junge Frau, aber ihr Wesen, die liebliche Fülle ihrer
+Formen, die frische Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer Augen
+kündeten jene innerliche Jugendlichkeit an, die nicht welkt mit der
+äußern körperlichen Hülle, der im warmen Herzen die Nährquelle dauernder
+Schönheit entspringt.
+
+Georgine! Mein lieber Gast! Meine Sonnenblume! begrüßte die Gräfin jene
+Dame mit Herzlichkeit.
+
+Ach, Mutter – Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden diesen süßen
+heiligen Namen – entgegnete jene, sagen Sie Herbstblume! Die Sonnenzeit
+ist dahin – leider!
+
+Alles Schöne im Leben geht dahin, mein geliebtes Kind!
+
+Altes Kind, das ich bin – ja wohl!
+
+Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich über seine Jahre betrübt,
+spöttelte lächelnd die Reichsgräfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist
+Ludwig?
+
+Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von
+Erinnerungen stürmte auf sie ein, und mit einem Gefühle tiefster Wehmuth
+sich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüsterte sie: Darf ich
+denn noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter!
+
+Du darfst es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, entgegnete
+sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner
+herrischen überstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein
+drittes Anrecht, ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermählen,
+nur wenige Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den
+Gemahl schon ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem
+Sturme eurer Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wäre Alles
+noch in das rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der
+Großschatzmeister von Irland, hätte dir entsagen müssen, da starb mein
+armer Sohn Johann Albert auf seinen Gütern in Norfolk, und du, Aermste,
+wurdest als heimlich verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine
+traurige, aber eine süße Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines
+Schutzes und meiner Liebe zu nehmen, und Schloß Varel lag so einsam und
+so fern von London, und du warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und
+ich konnte unseres Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst
+es, die dir anrieth, deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen,
+dem Willen deines Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes
+anzunehmen, der sich mit glühender Neigung um die Gunst der gefeiertsten
+Schönheit Londons bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer
+Herzogskrone dein Haupt schmücken wollte. Du warst nicht nur schön, über
+alle Maßen schön, meine theure Georgine, du warst auch klug, du
+bezwangst dein Herz, folgtest meinem mütterlichen Rathe und bist noch
+immer, nachdem zwanzig Jahre seit deiner Vermählung vergangen sind, eine
+schöne, bewunderte, beneidete und eine glückliche Frau!
+
+O, ich weiß, welche Fülle von Liebe, Güte und Großmuth ich Ihnen danke,
+beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und Ludwig?
+fragte sie leise, von Neuem erglühend.
+
+Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein sollst
+ihn hören; es schlägt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil
+an ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück
+sagen können, wenn junge Herzen so voll Liebe für ihn schlügen, wie hier
+zwei ältere und mein – uraltes.
+
+Das ewig frisch und jung bleibt!
+
+Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig
+treu und wahr bleibt, so lange nämlich diese irdische Ewigkeit noch
+dauert.
+
+Nicht auch _drüben_, meine Mutter?
+
+Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, so denke
+ich nicht, daß dort ein Herz sich selbst untreu werden könne, zumal wenn
+es hienieden sich und Andern treu war.
+
+Dies Gespräch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jüngeren,
+sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von
+den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrüßt sah.
+
+Wie ist Ihnen, meine Beste? fragte die Herzogin.
+
+Jene verneigte sich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht
+zum Besten, meine Hochgnädige! Mich drückt die Winterkälte, meine Brust
+kann diese Luft nicht ertragen, und meine Nerven sind stets in
+fieberhafter Erregung.
+
+Meine arme Ottoline! sprach mit Theilnahme die Reichsgräfin. – Bitte,
+meine Damen, lassen Sie sich nieder! Es ist betrübend, daß der Schöpfer
+es für uns arme Menschen so eingerichtet hat, daß die Freude nur einfach
+ist, nur geistig, aber der Schmerz doppelt, geistig und körperlich.
+
+Oh, theure Großmutter! entgegnete mit einem Seufzer deren jugendschöne
+aber bleiche Enkelgemahlin: auch die körperliche Freude ist da, wer so
+glücklich ist, sie zu besitzen, wir haben nur ein anderes Wort dafür, es
+ist die Gesundheit. Wir sind uns ihrer nicht bewußt, so lange wir sie
+ungestört besitzen, wir denken kaum an sie, aber so bald sie uns
+verläßt, ja wenn sie nur uns zu verlassen droht, da möchten wir mit
+tausend Banden die entfliehende halten und an uns fesseln.
+
+Die alte Reichsgräfin suchte dem Gespräch wie den Gedanken ihrer
+geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wußte es geschickt so
+zu lenken, daß auf Ludwig die Rede kam, indem sie erst Windt’s und
+Doorwerth’s, dann des Erbherrn und seines Vetters William, des
+Vice-Admirals, der zur Zeit auch ein Gast ihres Hauses war, beiläufig
+erwähnte, dann seinen Namen nannte, und mit heimlicher Freude sich daran
+ergötzte, wie bei diesem Klange auf Ottolinens bleiche Wangen ein
+sanfter Rosenschimmer flog, und die Herzogin ihre Blicke erglühend
+senkte. Da sie nun inne hielt und die Letztere es nicht über sich
+vermochte, auch nur einen Laut zu äußern, um nicht ihr Gefühl vor der in
+ihr Geheimniß durchaus nicht eingeweihten Enkelin der Reichsgräfin blos
+zu geben, so war Ottoline fast genöthigt, das Wort zu nehmen, und fragte
+mit sanfter Theilnahme: Wie geht es dem jungen Herrn und wo weilt er
+jetzt?
+
+Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit liegenden
+Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er würde für
+diese freundliche und gnädige Frage sehr dankbar sein, wenn er sie
+ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris.
+
+In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin.
+
+Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so dürfte dieser
+Brief zur Lösung dieser Frage wohl das Meiste beitragen.
+
+O, gewiß, beste Gräfin! theuerste Großmutter! riefen Georgine und
+Ottoline, und die Reichsgräfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat
+mir bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht
+gegeben, von dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu
+der neuesten Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der
+Meerfahrt am Bord der »vergulden Rose« bis Amsterdam, wie im Hause des
+reichen Handelsherrn Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter
+sich versöhnte.
+
+Ja, sie versöhnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und
+ich mußte so tief und bitter und schmerzlich leiden über den Zwist der
+Männer, daß mir fast das Herz darüber brach, und halb – ist’s ja ohnehin
+gebrochen. Ich bin noch nicht wieder gesund und noch nicht wieder froh
+geworden, seit ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem
+Tranke lag gewiß ein Zauber!
+
+Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die
+Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er
+Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu
+bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und
+begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen
+Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften
+Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge
+um dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen
+flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen
+Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers
+Barbarossa zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers
+ruhen und träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der
+liebe Knabe. Er malt gut und treffend.
+
+Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in
+der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns
+verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.
+
+Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen.
+Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las:
+
+ »Meine theuerste, geliebteste Großmutter!
+
+»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten
+Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und schönen
+Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in
+Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen
+Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden
+Kinde zu geleiten.«
+
+»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen Gesandten
+hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß diese
+Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und
+Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei
+Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm
+Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau Gemahlin,
+o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe günstig
+lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue schmerzlich,
+daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie vergönnt
+sein wird.«
+
+Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin:
+denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter
+Ludwig!
+
+»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch
+kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich
+mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder
+Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen
+stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der
+enthält die Quintessenz aller Ereignisse.«
+
+»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden zu
+vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die
+ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die
+günstigen Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru
+Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann
+wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch
+die meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich
+fürchte sehr für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem
+Vaterlande und der treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den
+Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine
+Freiheit ist bedroht. Ihr zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann
+Carl, ist zur Zeit, wo ich dies schreibe, Statthalter in Utrecht – ich
+fürchte ebenfalls, daß diese Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer
+sein wird. Der Vice-Admiral soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg
+aufhalten; sollte dies der Fall sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen
+wohnen, und dann bitte ich gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist
+ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz
+seiner Neigung zu Spott und Satyre.«
+
+»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht
+zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle mich
+heimlich krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der
+spätherbstlichen Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein
+Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen
+befragte, sagte mir, ich müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.«
+
+Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre
+ich mich gesund baden würde!«
+
+Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die
+Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach
+England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie
+ihn in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten.
+
+In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.
+
+Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will
+ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner
+Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen.
+
+Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam,
+warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen
+Sie sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz
+Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres
+Vice-Admirals, und besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich
+aber muß unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste
+Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich
+noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln?
+Mein Segeltuch heißt Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker,
+der wird zum Kreuz über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief
+unseres Ludwig:
+
+»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt,
+fast hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler
+meinerseits gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die
+englische Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter
+erzeugten allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert und
+friert jetzt. Die Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen
+etwa so: ein Louisd’or in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres
+werth, nämlich stets in Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend,
+eine Flasche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter
+fünfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen
+dreitausend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so
+gütig, mir für seinen einzigen Besuch nur sechshundert Livres
+abzunehmen. Silbergeld ist äußerst willkommen, wer dessen hat, bekommt
+ein Pfund Zucker gegen baar für vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz
+kostet vierundzwanzigtausend Livres. Da wir an Gold und Silber keinen
+Mangel haben, so kommen wir leidlich durch, aber von Vergnügen, von
+geistvollen Kreisen, von jenen schönen und angenehmen Vereinigungen
+gebildeter Menschen ist keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und
+küsse meiner theuersten Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung
+die treuen Hände, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier
+fühle ich erst recht, was es sagen will, den Pardisesgarten, jener
+stillen und reinen Freuden hinter sich zu haben.
+
+ Ihr ewig dankbarer Ludwig.«
+
+Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt,
+äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt,
+wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen,
+Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser
+geschaffen sei.
+
+Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die
+Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe
+Schule nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will
+es nur eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der
+Salons ein, sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der
+Alterthumskunde – ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen
+Leibesübungen. Er übte sie, ohne an einer dieser Künste vorzugsweise
+Gefallen zu finden. Ich glaube, daß er nie tanzen wird, musikalisch ist
+er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Lesen
+die meiste. Weil ich fühlte, wie mangelhaft und unvollendet noch seine
+Erziehung sei, entschied ich mich dafür, ihn reisen zu lassen, damit das
+Leben ihn in die Schule nehme und er durch das Leben sich selbst bilde.
+Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle jenes heimathlichen Schlosses,
+das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch schon das Leben erfaßt, aber
+nicht wie ich gehofft und gewünscht habe. Viel zu tief sah er im Beginn
+seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die nun im Wachen und Träumen vor
+seiner Seele stehen und ihn zurückwinken nach der kaum verlassenen
+Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein seltsames Verhältniß
+verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar sehe. Er und
+Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel läßt die
+Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen, daß
+ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel
+ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich dies
+selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines
+Freundes verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes
+Kleeblatt auseinanderging.
+
+Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte
+Ottoline mit mühsam errungener Fassung.
+
+Gewiß, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgräfin: eben
+weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefährlichen
+Kampf. Ein unedler Mensch versucht sein Glück, betrügt und verräth den
+Freund, wenn der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit
+Entschiedenheit abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er’s
+leicht und sieht sich nach einer andern, vielleicht williger ihm
+entgegenkommenden Neigung um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht
+in solche Labyrinthe verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung
+einer edeln Frauenhand ihn auf die Pfade des richtigen Lebensweges
+führen kann. Wie glücklich wäre ich, wie sehr verdient um meinen Enkel
+würden Sie sich machen, Frau Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach
+England dort in Ihre Kreise einzutreten vergönnt würde. Das schwebte mir
+schon lange vor, doch wollte ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei
+gewähren lassen und zusehen, wohin seine Neigung ihn lenke.
+
+Georgine fühlte, wie unendlich viel für sie in diesen Worten lag, die
+Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen
+wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr
+Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, senden Sie ihn
+mir, er soll mit offenen Armen empfangen werden. Sind wir doch längst
+als Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir
+und Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name
+gemeinsam, der Name Cavendish.
+
+Und ich will alle meine Wünsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen, daß
+es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und
+Segen führe, was Sie Beide vereint Gutes für Ludwig beschließen! rief
+Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thränen in ihrem
+Tuche. –
+
+Ach, nur zu schnell verrauschen die schönen Augenblicke, in denen der
+Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fühlen über alles
+Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus
+Erdenstoff gebildet – auch diese Minuten flogen schnell dahin – die
+Thüre ging auf und Weisbrod brachte einen Brief.
+
+Die Reichsgräfin nahm denselben, entließ den alten Diener mit gnädigem
+Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt’s; es ist
+angenehm, daß nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen
+haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir
+verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hören wir noch,
+bevor wir an unsere Toilette für den heutigen Abend denken, was unser
+ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen
+und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu
+Füßen, oder #aux pieds#. Außerdem überspringt er alle die läppischen
+Schnörkel der gedruckten Briefsteller, drückt sich aus, wie er spricht,
+und stets ungemein verständlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei
+hat er einen völlig klaren praktischen Blick in die Verhältnisse, die
+ihn umgeben. Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels
+Brief. Wir werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet.
+
+Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechselnd bald leise für
+sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die
+Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit
+Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. »Daß mein Nest
+ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre
+Excellenz bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule.
+Ich sah die schöne junge Frau Angés, wahrscheinlich Wittwe, mit dem
+himmlischen Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Das kleine Mädchen ist
+ein Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Verstand weit über sein
+Alter hinaus. Es ist ein Glück, daß sie fort sind, lieb ist mir auch,
+daß der junge Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als
+Hauptleute waren beide nur ein fünftes Rad am Wagen, und es herrscht bei
+mir fortwährend eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage
+schlimmer. Ich sitze, wie ein züngelnder Wappenlöwe, als Thorwächter in
+einer Trophäe zwischen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und
+Hellebarten.«
+
+
+
+
+5. Die Emigranten.
+
+
+Die fernere Mittheilung aus Windt’s Brief wurde durch Weisbrod’s
+Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten
+brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war französisch geschrieben; Baron
+von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau
+absagen zu müssen. Frau Gräfin von Schimmelmann schrieb: »Empfangen Sie
+unsere Entschuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen
+können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet
+an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unserem
+großen Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit
+Ungeduld den Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefühle meiner größten
+Ergebenheit zu wiederholen, mit welchen ich – und so weiter.
+
+Und hier noch – ein versiegeltes Billet – ah, von unserem ehrwürdigen
+alten Legationsrath und markgräflich badenschen Hofrath, was schreibt
+doch der? »Gnädigste Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entschuldigt wohl
+mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gnädige
+Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen
+Welt. Der Kreis, in welchem Sie so gnädig sind, mich dulden zu wollen,
+besteht, wie ich höre, aus Personen, deren Unglück mir gewiß heilig ist,
+ohne daß ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutschen
+ihnen, den Ausländern, den Flüchtlingen, angedeihen lassen. Ich müßte
+mir selbst untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das
+Wort meiner Ueberzeugung:
+
+ Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’s
+ Nie ein, den Fremden vorzuziehn;
+ Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht,
+ Verachtet euch
+ Weil ihr ihn vorzieht. –
+
+Diese Worte dürften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich immer
+noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!«
+
+Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser kühne Mann?
+
+Es ist Deutschlands größter Dichter – es ist unser Klopstock, antwortete
+Ottoline.
+
+So ist es, bestätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten
+deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch,
+starrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten sehr – wahrhaftig.
+
+Die Reichsgräfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt’s Brief wieder auf
+und fuhr fort darin zu lesen.
+
+»Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir
+erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen,
+unter dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben
+werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefährlich, sich mit
+Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen
+sind auf nichts so wüthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen
+Vorschub leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein
+Emigrantenfreund. Das Betragen dieser Leute ist die verkörperte Anmaßung
+und ihre Belohnungen für erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich
+habe sie im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen,
+diese machte ein junger, sehr schöner Prinz von Condé.«
+
+»Durch den hannover’schen Feldpostmeister, frühern Secretär bei Graf
+Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen,
+daß alle die hiesigen Vorfälle darin ganz unwahr und falsch angegeben
+und des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in
+Arnhem in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach
+Osnabrück begeben.«
+
+»Ich bin so mit Fremden und Geschäften besetzt und beladen, daß es kein
+Quartiermeister bei der Armee im stärkeren Grade sein kann. Außer den
+Jägern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie,
+hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängst fiel zwischen den
+hessischen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten englischen
+Dragonern ganz in unserer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten
+acht Todte und vierzehn Verwundete.«
+
+Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander
+selbst bekämpfen!
+
+Die Reichsgräfin las weiter:
+
+»Man bricht sich die Hälse um eine einzige Bauernhütte, während bei dem
+Feinde die vollste Eintracht herrscht.«
+
+»Prinz Ernst August von England war zum öftern hier, er hat mich gerne
+bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der holländischen
+Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die freundschaftlichsten
+Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus allerlei Lebensmittel,
+ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der Commandant der Jäger von
+Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus Kurland, hat mir Büschings
+Erdbeschreibung in prächtigem Einband verehrt; die Emigranten hingegen,
+die mir die meiste Last gemacht haben, sind undankbare Menschen und
+drücken die Ohren auf den Hals. Um unsere Truppen sieht es trübselig
+aus, sie stehen bis über die Kniee im Morast und Eis, und Holland ist in
+Nöthen, wie das Sprichwort sagt.«
+
+»Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht, eine
+Batterie gerade dem Kastell gegenüber anzulegen und ihm bewiesen, daß es
+eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen. Zum
+Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch völlig
+überflüssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden.
+Die Kälte, wie sich einer ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden
+Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe
+es! Haben es die Engländer bei uns schlimm gemacht, so machen es die
+Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes
+haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben
+Menschen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todt
+gefunden. Das schöne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebäuden
+bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Häuser
+brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung
+gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde
+unterzubringen; alle Vorräthe gehen zu Ende, ich muß bei Ihrer Excellenz
+um ein Stück geräuchertes Fleisch betteln.«
+
+»Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn
+Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der
+Feind hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind!
+Der französische General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von
+siebentausend Holländern und Brabantern, lauter _Patrioten_, die für den
+Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den fest
+zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspännigen Geschützen und
+den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz
+Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er
+steht an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und
+führt es nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon
+einen lahmen Arm bekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß
+ich ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge gesund oder
+verwundet zurückkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder
+verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlässigkeit und Verwirrung
+an der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben,
+oder es müssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein
+Verstand ist so klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr
+verstehe, welches wohl das Wahrscheinlichste ist. – Unser Erbherr eilte
+sogleich, als die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von
+Geldermaalseen aus und von Heßel aus sollte nun der Feind durch drei
+Heersäulen holländischer, englischer und hessischer, darmstädter und
+hannoverscher Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische
+Colonne kam zu spät. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich
+sehe schon ihre Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden
+ihre Kanonen unter meiner Nase feuern. Es geht gräulich zu und wird noch
+schlimmer. Das Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menschen;
+wenn ich weggegangen wäre, so wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde.
+Die Leute sehen, was ich für sie thue und theilen ihren letzten Bissen
+mit mir; so eben geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes
+Brod und fünf Eier, weil sie wissen, daß wir an Allem Mangel leiden.
+Solche Leute zu verlassen, wäre himmelschreiend. Ich lege mich zu
+Füßen.«
+
+Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte sich von den
+beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin,
+der Herzogin: Ach, liebstes Kind! Da steht noch eine schlimme
+Nachschrift, die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte sie
+niedergeworfen. Hören Sie die Hiobsbotschaft!
+
+»Man spricht für gewiß, daß demnächst Pichegru in Utrecht einziehen und
+dann straks aus Amsterdam losrücken werde, daß unsere Flotte im Texel
+sitzt und eingefroren ist, daß die Stelle des Erbstatthalters, welcher
+bereits flüchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser für sich und den
+Erbprinzen auf seine Würde Verzicht leisten werde und müsse – und
+endlich – erschrecken Sie nicht – soll der Erbherr gefangen genommen und
+nach der Citadelle Woerden abgeführt worden sein.«
+
+Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend.
+
+Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgräfin. Und mit dieser Nachricht,
+mit diesen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigrées
+#grande Assemblée#. –
+
+Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein,
+zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die
+Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz
+abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die
+Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm.
+
+Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der
+großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze
+Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große
+Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen
+turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte
+auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an
+dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche
+Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs
+darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von
+einer fast fabelhaften Kürze und die schönen herrlichen Formen des
+weiblichen Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein
+auffallender Gegensatz zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die
+Kleider und Roben selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und
+garnirt, doch herrschte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu
+großen und füllereichen Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war
+die bekannte des Zeitalters, bei den Deutschen mehr einfach, bei den
+Franzosen mehr als je gesucht und auffallend, als wolle man den guten
+Deutschen so recht bemerklich machen, was Mode sei. Die Herzogin trug
+sich nach altenglischer Weise, sie trug noch eine Art Reifrock, hatte
+die wundervollste Taille, eine Büste zum Anbeten, strahlte von Juwelen
+und überstrahlte alle, selbst die jüngsten Damen, an Glanz und Pracht
+ihrer äußeren Erscheinung. Viele Französinnen blickten mit Neid auf die
+schöne Tochter Albions, und Georgine schien in Wahrheit die ihr in
+Ueberfülle dargebrachten Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee
+gleiche, die aus einer andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu
+bezaubern, was gewürdigt ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.
+
+In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen der
+Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze
+Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland
+Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp
+eines regierenden Hofes – #grand cortège# – ein Heer von Kammerdienern
+voraus, eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere
+– dann nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend
+seine Nichte Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte
+Herzogin von Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von
+Angoulême, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des
+Grafen von Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor
+Amadeus III. von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph
+von Bourbon, Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin
+Charlotte von Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne
+weibliche Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher
+Militärtracht, dem ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem
+Waffenschmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser
+Letztere war der nächste Verwandte der Reichsgräfin, war Charles
+Bretagne Marie Joseph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und
+Talmont; er stand im Heere des Herzogs von Condé, das er mit ihm auf
+kurze Zeit verlassen hatte, und die Abzeichen seiner Trauer galten
+seinem Vater, dem Herzog August Philipp, dem tapfern Vertheidiger des
+Königthums, der früher als treuanhänglicher Adjutant des Grafen von
+Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten hatte, endlich aber als
+Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen Vendéer in
+Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus mit dem Tode
+büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernst einherschritt,
+und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich und Andere
+zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen wie des
+Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte.
+
+Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und
+förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche
+dasselbe etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die
+Räume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser
+von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier
+gesucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs
+Himmel in das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer
+vermochte dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen?
+Man sprach, man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging
+sich auch zum Theil in hohlen Phrasen.
+
+Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem
+schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah
+– la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg.
+
+Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf
+und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund,
+wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch
+vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen,
+meist falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer
+Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die
+Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen
+Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an
+die man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an
+baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents
+ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose
+Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen
+baldigen Umschlags gedeutet.
+
+Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen
+herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein
+gefertigt und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete,
+erblickten die um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem
+schwarzen schmalen Seidenbändchen gebundener greiser Locken.
+
+Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach
+die Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche
+freilich nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht
+mit dem Blute des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese
+Locken, die einst blond waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß
+färbte. Eine treue Hand setzte sich in den Besitz dieses Haares und
+übergab es der meinen, und die meinige soll nicht weniger treu befunden
+werden. Sie alle, meine hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren
+gemeinsame Abstammung aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause
+Bourbon verbindet, sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine
+dieser Locken zum Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer
+unglücklichen Königin, es ist das Haar Marie Antoinettens von
+Frankreich!
+
+Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen zwei
+feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch
+verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite
+die Chiffre #MA# und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der
+andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu
+unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.
+
+Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach
+ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die
+Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen
+Talmont wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé
+hervortrat, bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten
+sich hingaben, indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres
+Thomson mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl zu verletzen, oder
+irgend einem Würdigen damit weh zu thun, das sei ferne; aber im
+Allgemeinen ist auf Ihre geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort
+anwendbar, welches lautet: »Wo bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer
+lockenden, ihre immer täuschenden Wünsche, wo seid ihr und was Anders
+erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewissensbisse? Ach und
+dennoch, schwer niederbeugender Gedanke! ist kaum ein Auftritt des
+gauklerischen Trugspiels abgespielt, so erwacht aufs Neue der getäuschte
+Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt von neuer Hoffnung, zu des
+schwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.«
+
+Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er
+hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich
+noch viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir
+aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines
+französischen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das
+ausdrückt, was wir alle fühlen, die wir im Unglück und aus unserem
+Vaterlande verbannt sind; es ist Corneille, den ich meine. »Ein großes
+Herz kann einem Thron entsagen, und kann dies mit Ehren thun; die That
+der Tugend wird gekrönt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig
+verzichtet, was sein Herz mit flammender Liebe umfaßt, der ist ein
+Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was unser aller Herzen mit flammender
+Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist unser Frankreich, unser
+Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere Vaterlandsliebe ist
+unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und
+Verbannung, wie Anchises aus Troja’s Flammen die sichtbaren Bilder
+seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzosen diese Liebe,
+diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann sind wir ganz vernichtet.
+Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, daß unsere Namen
+ausgetilgt würden von den Tafeln der Geschichte.
+
+Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die
+allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen
+ausgedrückt wurde – noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und
+berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig
+entsagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich
+nicht ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es
+geschehen lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog,
+zufrieden und beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich
+bewahrt blieb, daß Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor
+ihrer Vermählung schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne
+gar nichts schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes
+mütterliches Erbtheil sein?
+
+Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem
+sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche
+Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen
+sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von
+rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen.
+
+Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen: Was
+Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle
+Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller
+Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da
+wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden
+Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich
+wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum
+Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die
+ich meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den
+erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem,
+was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben!
+Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu
+übertreffen.«
+
+Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von
+Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese
+Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß,
+Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben
+es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat
+uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu
+verlassen!
+
+Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und
+es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und
+nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz
+Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte:
+Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer.
+Bleibe Jedem das Seine!
+
+Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und
+gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner
+nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein
+Eintritt.
+
+Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so
+unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt
+Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer Angelegenheiten
+gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artois
+begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur Armee an den Rhein.
+Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort suchten ihr Asyl in Baden
+wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen Freundin noch einige sehr
+wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglück Ludwigs zum
+Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte weibliche Hände den
+Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines Lebensganges
+bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher schwaches Mühen!
+Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts läßt im Voraus
+sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand des
+Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand, diesen
+Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher Lebensfaden
+blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind
+lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche
+völlig nachtschwarz.
+
+Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen
+Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach
+England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei
+der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise
+ziehen, ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine
+glückliche Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady
+zu Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten
+treten, und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der
+englischen Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines
+Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm
+ein Landgut kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne.
+Glücklich sollte er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glück und
+Lebensfreuden in Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt.
+Auch noch ein Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf
+daß er ein neues Geschlecht begründe, das mit ihm beginne.
+
+Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach
+England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte oft
+in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu
+machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschäftigungen; denn
+ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen
+zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt,
+deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der
+Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.
+
+Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth
+verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte viel
+darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geschäftsführer der
+Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die
+Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend; sie kalkulierten und
+spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz ausgegrübelt hatten,
+zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben durch beider Rathgeber
+überwiegende Gründe sich bewogen fand.
+
+ #Additamentum# zur #Interims#-Quittung
+
+ in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten
+ gewesenen ersten #Termins# von Fünfzig Tausend Gulden
+ Holländisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis reservandis#,
+ und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang genommen worden,
+ daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen nichts
+ #praejudic#irliches eingeräumet sein soll, die gedachte
+ #Cession# Unsrer Herrlichkeit #Doorwerth# und übriger in der
+ Provinz #Geldern# belegenen Güter auch von selbst wegfallen
+ würde, falls gedachter Unser Herr Enkel die eingegangenen
+ Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem völligen
+ Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige
+ Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir
+ Uns jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen
+ ausgezahlte #Summe# der Zwanzig Tausend Mark Hamburger #Banco#,
+ nach desfalls zu nehmender Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an
+ Unseren aus den Gräflich #Aldenburg#ischen in Deutschland
+ belegenen Gütern zu beziehenden #Aliment-# und Jahresgeldern
+ #successive# kürzen zu lassen.
+
+ Hamburg den 1. Februar 1795.
+
+In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer
+Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte
+Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser
+Sache ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden
+saß.
+
+Jetzt besaß der Erbherr Doorwerth und besaß es auch nicht.
+
+
+
+
+6. Der Freunde Trennung.
+
+
+Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in
+Scheveningen eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee
+verlassen; Pichegru war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter
+Soldaten, von denen ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in
+Strohsocken leise schritt, in Amsterdam eingezogen. Aber diese
+erbärmlich aussehenden Soldaten waren Helden, die mit Muth für die Sache
+der Freiheit kämpften, für die sie nun einmal begeistert waren, die mit
+eiserner Ausdauer Kälte und Ungemach und jede Beschwerde eines
+Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit solchen Truppen wären Welttheile zu
+erobern gewesen, warum nicht ein Land, in welchem die Mehrzahl der
+Bevölkerung den Feind als Freund begrüßte und ihm entgegenjubelte? Und
+was einzig dasteht in der Weltgeschichte, war geschehen; einige
+Geschwader, nicht Schiffe, sondern leichte Reiter hatten Hollands stolze
+Flotte erobert. Denn die Flotte saß im Eise fest und ließ sich nicht
+träumen, daß Cavallerie den Kampf mit Schiffen unternehmen werde.
+
+Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der
+Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschäfte trat
+der einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine
+vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr
+Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel
+der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und sank mit dem, was
+dahinsank. Dasselbe Jahr, das die holländisch-ostindische Compagnie zu
+ihrer Auflösung führte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben
+wollte, raffte ihn dahin.
+
+Mit bekümmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der Hand
+trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist
+gestorben – der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir – meine
+Mutter ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin,
+werden lachen. Ich reise nach Amsterdam, um die Mutter zu trösten, deren
+Liebe mir geblieben ist, und die Hälfte meines Pflichttheils mir zu
+sichern. Bei der Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war,
+und die vielleicht binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich –
+am Ende auch du, Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen.
+
+Sollte ich es wagen dürfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurück,
+auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an
+Frische verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm
+das Wort meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unversöhnt mit
+dir von hinnen ging!
+
+Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite nur
+Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des Hauses
+Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des Geschäfts;
+ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er entließ den
+ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhältniß. Jetzt liegt mir
+ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe immer
+noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinson auf seiner
+Insel.
+
+Gewiß bist du nicht arm, bestätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war
+nur das größte Verhältniß gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um
+Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe.
+
+Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte
+nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr.
+
+Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig
+schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glück!
+Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad – ich irre im
+Dunkel – oh – mein Schatten!
+
+So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit mir.
+Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb
+schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann
+gehst du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird.
+Ludwig, du neigst dich zu düsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so
+jungen Jahren; doch ich kenne diese innern Kämpfe.
+
+ »Wir müssen Alle ringen,
+ Des Kampfs bleibt keiner frei;
+ Doch soll ein Sieg gelingen,
+ Frag’ nicht, ob schwer er sei?«
+
+Sieh’ mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich
+nicht über Trümmern schöner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der
+Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene große
+und edle Seele meiner Angés riß sich los von mir, auf daß unsere Liebe
+eine reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in späten Tagen
+zurückblicken sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefühle – ich ließ
+sie ziehen, und nur schwach ist meine Hoffnung, daß ich sie wiedersehe.
+Aber darum doch kein unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie
+der rastlose Schiffer, immer auf’s Neue hinaus in den Sturm und Drang
+der Lebenswogen, mitten durch die Brandung, denn im Sturme läutern sich
+die Gefühle, und immer muß der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine
+Selbständigkeit und seine sittliche Freiheit.
+
+Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu und
+deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit überwinden,
+die, wie ich fühle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel soll meine
+Kraft sich aufrichten.
+
+Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das
+Wort. Wir müssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der
+Unverwundbarkeit zu rüsten; das Herz darf nicht brechen unter den
+Keulenschlägen des Schicksals, es muß hoffen und dauern. Wir wissen
+nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben;
+so lange uns dies aber noch vergönnt ist, muß Einer im Andern und Einer
+für den Andern leben.
+
+Und wie hast du schon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief
+Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innigkeit. Welchen
+großen Theil deines Vermögens gabst du in meine Hand, auf kein anderes
+Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von dessen Abfall in einer kleinen
+deutschen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann schon leidlich
+gut als unabhängiger Rentner leben könnte.
+
+Leonardus konnte sich, so sehr Trauer sein Gemüth füllte, bei diesen
+Worten Ludwig’s eines Lächelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit
+Freude wahr, daß mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir
+sagte: werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja,
+recht gut rechnen!
+
+Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig
+ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum
+kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den
+ungleich größern Theil hat er für sich verwendet. Noch haben wir keine
+Quittung, noch keine rechtsgültige Verschreibung in Händen.
+
+Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn
+Leonardus.
+
+Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt.
+
+Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne
+Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlörest du es, und
+das und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich
+kenne vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Höre
+mich an, liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und
+mehr rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Künste; ich brauche
+dir ohnehin nicht zu sagen, daß die Mathematik, in welcher auch die
+Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schließt, die
+Gestirnkunde und die Meßkunst des Himmels und der Erde. Aber auch die
+vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu
+verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher,
+der nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beispiel dein Herr
+Vetter. Er besitzt schöne Güter, aber sein Herr Vater überlud diese mit
+Schulden, und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete
+dies furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wußte,
+daß sie ihren Söhnen ein Heer von Processen und achtzigtausend
+Reichsthaler Schulden hinterließ; die fressen viele Zinsen, lieber
+Ludwig. Es soll kläglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den
+letzten Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat
+dies Alles auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erschütternden
+Eindruck gemacht. Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der
+Seinen und anderer Leute Vermögen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine
+Kirchenmaus, hülflos und gefangen – ist gegenwärtig ihm ebensowenig zu
+helfen, als Etwas von ihm zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber
+kommt, daß man für gewiß sagt, daß die einhundert Millionen Gulden,
+welche Holland an Frankreich bezahlen soll, aus den Gütern und
+Besitzungen des Statthalters und seiner Anhänger genommen werden sollen;
+wir müssen daher Gott danken, daß in des Erbherrn Papieren, welche
+durchzusehen man nicht ermangelt haben wird, sich noch keine
+Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet, denn dann wäre die
+Herrlichkeit zum Kukuk, während sie als Besitzthum einer deutschen und
+dänischen Gräfin Niemand antasten wird – und so lange Doorwerth im
+Besitz deiner Frau Großmutter Excellenz, wäre es auch nur scheinbar,
+bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem ist noch Sorge
+getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als totaliter
+verwüstet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verschreien, so daß sie als
+ein völlig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum einer
+Abschätzung unterworfen werden wird.
+
+Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig.
+
+Ich! erwiderte Leonardus.
+
+Du? fragte Ludwig mit großen Augen.
+
+Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu
+Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr
+leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten
+Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten
+waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth
+so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in
+England geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame
+Sache zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß
+verköstigt; er wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren
+helfen, und von dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine
+solche vielleicht wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst
+müssen bezeugen, daß sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren;
+vielleicht aber erlangt er sie auch nicht.
+
+Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein
+unseliger Fluch! rief Ludwig.
+
+Nun, ich muß bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu quälen, schloß
+Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der
+beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.
+
+Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit
+untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren
+Eigensinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen
+benahm jenes Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden
+Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das
+Vermögen seiner Mutter gegen das seines Vaters festzustellen, und die
+Erben in diejenigen Rechte einzusetzen, die sie nach dem Gesetze
+beanspruchen konnten. Als er mit Ludwig und Vincentius Martinus, der
+auch einigermaßen bedacht worden war, sich gemeinschaftlich über seine
+Angelegenheiten unterhielt und der Letztere äußerte: Du wirst doch,
+lieber Leonardus, nun bei uns bleiben, wirst dein eigenes Geschäft
+beginnen und uns die Freude machen, dich in unserer Verwandtschaft zu
+behalten und deine alte Mutter pflegen? – da antwortete Leonardus: Ich
+werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes
+Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr bedürft meiner
+nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der seinen Mantel
+theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll mindestens keiner
+von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte bekommt – ich will es
+machen wie mein Vater, will die nächsten Verwandten hintansetzen und mir
+selbst einen Erben suchen, der mein Mantelkind sein soll. Hier steht er,
+es ist mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus.
+
+O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich
+nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und
+gefreit wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du
+schon für mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für
+mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen
+konnte; mir zu Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen!
+
+Was thut’s? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei
+Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.
+
+Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus
+zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts
+weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen
+Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das
+herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und
+zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in
+diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht,
+Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen,
+welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu
+fertigen?
+
+Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher
+Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost
+des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost
+briet. Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus,
+nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr
+mich gern ins Haus schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen,
+glaub’ ich euch gern, werdet’s aber nicht an mir erleben – ich will mir
+erst noch ein und das andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf
+ein recht langes Leben gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn
+ich denke es noch eine hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du
+sollst auch stets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht
+mehr schreibe, so denke, daß ich gestorben bin, und lies dann für meine
+arme Seele so viele heilige Messen, als dir für mein unsterbliches Theil
+heilsam dünkt.
+
+Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er
+dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und
+Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als
+Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren
+Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und
+Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!
+
+Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten
+Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, sich
+darüber ärgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prickelnden
+Stichelreden ruhig hin.
+
+Schwerer war des Sohnes Stand bei seiner Mutter, als er dieser
+mittheilte, daß er die Absicht habe, sie wieder zu verlassen, denn
+Leonardus hatte sich gelobt, das Leben daran zu setzen, um mit Angés
+vereinigt zu werden; er wollte zunächst wieder eintreten in das
+diplomatische Corps, da er sich volle Befähigung zu dieser Laufbahn
+zutraute und er zur Zufriedenheit des Gesandten gearbeitet hatte; er
+hatte deßhalb schon vorsorglich bewirkt, daß ihm der Eintritt offen
+gehalten wurde; dann wollte er noch einmal nach le Mans reisen und nicht
+ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte Ueberzeugung von
+Etienne Berthelmy’s Tode in Händen habe, oder bis er diesen, falls er
+noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot über nicht geringe
+Geldmittel, denn einmal hatte er auch für sich selbst auf seinen weiten
+Reisen gearbeitet, war von Einsicht unterstützt und vom Glück begünstigt
+worden, und dann war auch der alte verstorbene Herr Adrianus van der
+Valck keineswegs so arm geworden, als derselbe damals Ludwig glauben zu
+machen versucht hatte, und endlich blieb ihm an der treuen Mutter für
+Fälle der Noth noch eine mächtige Stütze. Es war nicht blos Großmuth,
+daß er damals die Hälfte des Kaufgeldes für Doorwerth für den Erbherrn
+hergab; Leonardus rechnete darauf, daß er in dieser Herrschaft auf einem
+der Schlösser ein stilles Asyl finden könne für sich und seine Liebe,
+sei es in Miethe, sei es als Mitbesitzer, je nachdem ihm nun der Erbherr
+sich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldner; daher war
+Leonardus auch geneigt, die zweite Hälfte jenes Kaufschillings zu
+beschaffen, aber daß nun freilich der Erbherr das Geld größtentheils
+anders verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte,
+das war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr
+Adrianus so ernst gesprochen, daher beschloß Leonardus, vorläufig auf
+weitere Schritte bezüglich des Güterankaufs im Geldernlande zu
+verzichten.
+
+Die Freunde trennten sich, als die Zeit da war, daß Leonardus nach Paris
+zurückeilte, nicht ohne Kummer und trübe Gedanken. Ludwig machte sich
+Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben so verhüllt vor ihm lag, wie
+seine eigene, und Leonardus war von Besorgniß erfüllt über des Freundes
+Gesundheitsumstände und dessen Neigung zu stillbrütender Schwermuth, die
+in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden
+konnte. Beide trennten sich, als die Scheidestunde da war, mit den
+Schwüren fester Treue, mit dem heiligen Versprechen öfteren brieflichen
+Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach
+England bestimmtes Schiff aufzufinden, und siehe, hell strahlte im
+erneuten Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der
+»vergulden Rose«, welche in anderen Besitz übergegangen war nach dem
+Tode des alten van der Valck, aber immer noch den treuen Kapitän Richard
+Fluit zum Befehlshaber hatte. Groß war das Glück der drei Freunde, sich
+so unverhofft wieder zusammen zu finden, und daß Fluit es nicht fehlen
+ließ, dieses Wiedersehen seemännisch zu feiern, lag in der Natur der
+Sache.
+
+O könnt’ ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei
+beim kreisenden Becher in der Kajüte beisammen saßen: könnt’ ich doch
+wieder mit euch hinfahren in so schöner Nacht, wie damals, denselben
+Strich, den wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erstlich sieht es mit
+aller Seefahrerei äußerst windig aus, wenn nicht bald Thauwetter
+einfällt, und dann hab’ ich Frachten nach England, nicht nach Hamburg,
+muß nach Plymouth segeln!
+
+Ludwig und Leonardus sahen bei dieser Mittheilung Fluit mit strahlenden
+Gesichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das ist der rechte Cours!
+Möchte beim Himmel unter solchen Umständen selbst mit – doch – es kann
+nicht sein – aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er
+mit Euch die Fahrt hinüber macht?
+
+Ei, das wäre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Kost, freie Kajüte, freien
+Schiffskeller, in welchen, unberufen sei es gesagt, seit die »vergulde
+Rose« die Meere befährt, noch nie ein Tropfen Wassers gekommen – ich
+meine den Schiffsweinkeller, nicht den süßen Wasservorrathkeller,
+versteht sich.
+
+Wir werden uns darüber einigen! sprach Ludwig lächelnd: aber wahrlich,
+das achte ich als ein Zeichen von meines Geschickes Gunst, daß ich mit
+dem braven Freund und nicht mutterseelenallein in das Meer hinaus
+steuern soll, daß ich im Lande meiner nächsten Bestimmung und zumal in
+der wimmelnden Hafenstadt wieder einen so kundigen Führer finde, wie ich
+ihn einst in meinem Leonardus zu Amsterdam fand.
+
+Vieles hatten sich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils
+was ihre eigenen Gemüther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich,
+die Zeit ließ es nicht am mannichfaltigsten Stoff zu Gesprächen fehlen.
+Die Patriotenpartei in Holland hatte nun gesiegt, sie hatte das
+Verderben über ihr eigenes Vaterland heraufbeschworen, wie das stets der
+Fall ist, wenn die Unvernunft alles gerechte Maß überschreitet und nicht
+eine verstandvolle geregelte Regierung das Steuer des Staatsschiffes
+lenkt, sondern ein Haufe entflammter Schreier und selbstsüchtiger
+Volksmänner dem Volke seine Beglückungsideen vorschwindelt. Die
+Franzosen, die Feinde waren es, die der niederländischen
+Patriotenbrutalität selbst Schranken setzen mußten; die Mannszucht der
+Franzosen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland damals achtungswerth
+– Windt empfand dies im vollen Maße und sprach sich darüber in seinen
+Briefen an seine Gebieterin mit gewohnter Unumwundenheit aus. Holland
+kam fast ganz um seine einst mit so großen Opfern erkaufte Freiheit, es
+wurde wenig mehr, als eine französische Provinz; es mußte den Schiffen
+Frankreichs freie Fahrt auf seinen Strömen gestatten, mußte 100
+Millionen Gulden Kriegskosten aufbringen, mußte, so lange der Krieg
+dauerte, die 25,000 Mann starke französische Besatzung verköstigen und
+kleiden, und dabei wurde sich des Kunststückes bedient, daß, wenn 25,000
+Mann ausgerüstet waren, diese wieder in das schöne Frankreich
+zurückmarschirten, worauf andere 25,000 Mann nachrückten, die abermals
+gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf diese Weise
+gekleidet, was den niederländischen Tuchfabriken außerordentlich zu Gute
+kam, die nie bessere Zeiten gesehen hatten. Nicht minder hob sich der
+Lederhandel. Frankreich ließ dem niederländischen Volke und seinen
+politischen Gauklern das Spielwerk eigener Constitutionen und
+unterjochte das Land dabei gründlich; es ließ ihnen die ansteckende
+Nachäfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtausch gegen die
+bisher bestandenen guten alten; es nahm Holland sein Gold und Silber und
+gab ihm sein Lumpenpapier, seine Assignaten; es zerstörte seinen
+blühenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die Waffen,
+hauptsächlich in allen überseeischen Provinzen, dadurch verlor Holland
+den größten Theil seiner Besitzungen am Cap der guten Hoffnung und in
+Indien; es verlor seine zehn Millionen Gulden werthe indische Flotte;
+Hollands Flagge beherrschte nicht mehr, wie einst, die Meere. Die
+Vermögenssteuer wurde von zwei ein halb auf sechs vom Hundert
+gesteigert. Diese und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf
+Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glück,
+welches Frankreich und die französische Freiheit, Gleichheit und
+Brüderschaft Holland schenkte und das die Patrioten Hollands ihrem
+Vaterlande bereitet hatten. –
+
+Als Leonardus von seiner Mutter Abschied nahm, reich von ihr beschenkt,
+und die alte Frau, aufgelöst in Schmerz und Thränen, in seinen Armen
+weinte, rief sie: O, mein Leonardus! So muß es denn sein, daß du
+scheidest! O vergiß mich nicht, mein einziger Sohn, vergiß nicht deine
+alte Mutter!
+
+Beruhiget Euch, liebe Mutter! versuchte Leonardus sie zu trösten. Wenn
+ich erreiche, was ich zu erreichen strebe, dann komme ich zu Euch, oder
+Ihr ziehet zu mir. Jetzt aber muß ich noch einmal hinaus in die Fremde,
+ich muß meinem Glücke nachgehen und nachstreben, da es mir nicht von
+selbst in den Schooß fällt.
+
+Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber
+um Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht
+ertrüge ich nicht, sie würde mich augenblicklich tödten.
+
+Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte
+Leonardus ihr zu.
+
+Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna van
+der Valck.
+
+Ihr sollt sie nicht empfangen, es stürben denn zwei, wiederholte
+Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der längst in seiner
+Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Großmuth
+und Hochherzigkeit der Gesinnung erfüllt war, daß sie an die edelsten
+Seelen des Menschengeschlechts hinanreichte. –
+
+Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen,
+die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fügung erst
+nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und
+dorthin. Ludwig hatte das glücklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit
+lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er
+trat in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands;
+er sah sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, daß es
+ihm fast die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry
+Cavendish als Vetter begrüßen, der später eine Königin von
+Großbritannien durch die Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu
+verlassen und auf lange Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren;
+der zur Herrschaft eines General-Gouverneurs von Indien sich
+emporschwang und von den Eingeborenen das schwere Zugeständniß erzwang,
+auf das Verbrennen ihrer Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen
+stolzen Herzog William Cavendish, einem der unbeugsamsten Häupter der
+Opposition, wurde Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen
+Unterhaltungen mit diesem geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr
+Politik und mehr Einblick in das höhere Staatsleben und die höhere
+Staatenlenkung, als mancher sehr achtungswerthe Staatsmann durch sein
+ganzes Leben in seinen Kopf zusammen zu bringen vermag. Entschiedener
+Gegner Pitts und Freund von dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt
+der Herzog gegen Niemand mit seiner politischen Ansicht zurück, und
+seine Gemahlin, die herrliche, reizvolle Prachtgestalt, die Alles um
+sich fesselte, theilte die Gesinnung ihres Gemahls und gab Proben ihrer
+eigenen thätig eingreifenden Begeisterung für die Erreichung politischer
+Zwecke, welche die Welt in Staunen setzten. Sie war es, diese
+allbewunderte Georgine, die einen Bund gleichgesinnter Freundinnen
+gründete, der persönlich in die Wahlen sich einmischte, als es galt,
+Charles James Fox die Stimme des Volkes für die Stelle eines
+Parlamentsmitgliedes von Westmünster zu gewinnen; sie war es, die auf
+offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für seine Stimme für Fox
+zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmähend, gebeten – ihm
+einen Kuß ihres wonneschönen Mundes vergönnt hatte.
+
+Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit
+der zärtlichsten Liebe für Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war
+für den jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berühmteste Aerzte
+mußten ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne daß sie
+ergründeten, was dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein
+ernster Beruf und ein entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn
+verstand. Und dies Herz fand Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist
+den seinigen emporflügelte, die ihm den Blick schärfte für die Geschicke
+der Länder, für den Gang der Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen
+Flug der Gedanken zu fliegen und zu lernen, daß doch so Vieles nichtig
+und unwesentlich, was Viele für so groß und wichtig halten, wobei sie
+meist mit dem eigenen unbedeutenden Ich beginnen.
+
+Wohl hörte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der
+holden Rede seiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er sich nirgend so
+sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war
+eben mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es
+war jener wundersame Zauber, der sie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie
+das Fächeln eines süßen Maienlüftchens die Blüthenlauben eines
+Rosengartens. Magisch fühlte Ludwig von Georgine sich angezogen, wie ein
+höheres Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte sie mit
+zartem Gefühl ihn stets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder
+half sie ihm wählen, deren Inhalt ihm müßige Stunden belehrend ausfüllen
+half, sie wandelte mit ihm durch die Labyrinthe der speculativen
+Philosophie, sie berichtigte seine Ansichten, verwarf oder bestärkte
+seine Meinungen, lehrte ihm Sinn für Unabhängigkeit, und wie der
+denkende Mensch nur durch strenge und unausgesetzte Selbstüberwindung
+und Selbstbeherrschung letztere sich gewinnen könne. Georgine erzog
+Ludwig zum zweitenmale, und zwar besser und in ungleich kürzerer Zeit,
+als die Großmutter diesen erzogen hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit
+mit stillem Ernst paarend, verscheuchte Georgine Ludwig’s anfänglichen
+Trübsinn, war auf Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher
+praktisch-nützlichen Beschäftigung hin, zu kleinen Ausflügen und
+erzählte ihm von der Pracht der Schlösser, Parke und Berge der
+Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit Sehnsucht erwartet, um dann durch
+die grünen Gefilde hinzuziehen zur Lust, zur Jagd, zum Besuch der
+Schlösser mit der Fülle von tausend Annehmlichkeiten und aufgehäuften
+Schätzen der Literatur und Kunst. Wohin Ludwig nur immer seine Blicke
+wenden mochte, gab es Neues zu beschauen, zu bewundern und zu lernen,
+und Albions milde Natur, früh erwachend trotz des strengen Winters,
+unter dessen Härte andere Länder zu klagen und zu leiden hatten, athmete
+reinen Hauch der Genesung, und in mancher ländlichen Abgeschiedenheit
+meilenweiter Parke bot sich in lieblichen Cottagen die süße Beschränkung
+eines idyllischen Friedens. Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil
+es so in seinem Wesen, in seiner Jugendbildung und in seiner
+Gemüthsrichtung lag; er war auf die Dauer nicht für die Politik zu
+gewinnen, nicht für die Freuden der Jagd, noch viel weniger für
+Fuchshatzen und Kirchthurmrennen – und mit Lächeln hörte er es an, als
+die feurige Georgine ihn einmal gradezu deßhalb ausschalt und zu ihm
+sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher Träumer!
+
+Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes,
+aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der
+Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter
+gekannt, nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterkuß meine
+Lippen berührt und geweiht und geheiligt. Die Großmutter sagte mir beim
+Abschiede, ich solle deutsch gesinnt bleiben; kann ich nun dafür, wenn
+mein Gehorsam so blind ist, daß ich nicht in Holland, nicht in
+Frankreich und nicht in England meine deutsche Natur zu verläugnen
+vermag? Daß ich nie ein Holländer, nie ein Franzose und nie ein Brite
+werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn mein Wunsch, meine Forderungen an
+das Leben nur bescheiden sind, wenn ich höheren Zielen nachzustreben
+kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld mit mir, der nur zu tief
+empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich wie ich bin, oder heißen
+Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem schönen Asyle, das in Ihrer
+Nähe sich mir aufgethan!
+
+Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor
+Ludwig sorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die
+hochstehende, vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die
+achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Königin aller Schönheit und
+aller Würde; die reiche unendliche Fülle ihres Gemüthes hatte sie ihm
+zum Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf daß nicht
+der weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer
+unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu
+ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntniß dann vergehe, wie Semele
+verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte.
+
+Sie liebte ihn, den schönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit
+aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber sie bebte zurück vor der
+Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prüfen, mit der er tragen würde
+das unaussprechlich tiefe Geheimniß. Aber sie vermochte sich nicht mehr
+zu halten. Sie überstrahlte Ludwig mit einem wunderbar süßen und
+zärtlichen Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte – ach, er stand
+so scheu, mit so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wußte
+nicht, wie ihm geschah, als Georgine ihn plötzlich sanft umfing, seine
+Stirne küßte und mit bebender Stimme flüsterte: Ludwig! Ludwig! Du
+klagst, daß nie ein Mutterkuß deine Lippen berührt und geweiht und
+geheiligt habe! Nun denn so empfange diesen Kuß! Ludwig, mein Ludwig!
+Ich bin deine Mutter!
+
+
+
+
+7. Eine Rückkehr.
+
+
+Sie waren weit von einander getrennt, die beiden Freunde Ludwig und
+Leonardus, die sich in so treuer ausdauernder Liebe zusammen gefunden.
+Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Fluit nach Plymouth
+gesegelt, den letzten Abschiedsgruß zugewinkt, hatte er nirgend mehr
+eine bleibende Stätte. Er ging nach Paris zurück, fand, daß man seiner
+nicht nothwendig im diplomatischen Corps bedürfe, und nahm weiteren
+Urlaub. Auf dem geradesten Wege eilte er nach le Mans, wo er wieder als
+Kaufmann auftrat und einige Geschäfte abschloß, die dann ein ihm
+befreundetes Amsterdamer Handelshaus zur Vollziehung brachte. Bald
+begann er seine Nachforschungen nach Berthelmy – sie waren und blieben
+jedoch erfolglos. Er machte Bekanntschaft mit dem Maire, bewirthete und
+beschenkte diesen, um ihn willfährig zu machen, und dieser beschied ihn
+auf die Mairie, wo in seiner Gegenwart Nachforschungen in den Acten
+angestellt werden sollten. Als Leonardus sich eingefunden hatte, sprach
+der Maire, der zwischen Actenhaufen vergraben saß, nachdem er den
+Fremden zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Bürger, die Ereignisse
+der jüngsten Zeit. Sie war sehr blutig für die Vendée. Ich fürchte sehr,
+man hat nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen
+Tausende niederzuschreiben, welche der Krieg hinwürgte. Von der Familie
+Berthelmy lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie
+suchen, soll geblieben sein, sein Weib ging davon, oder verschwand auf
+räthselhafte Weise, seine Eltern sind beide todt, Geschwister hat er
+nicht gehabt. Daß er mit zu Felde zog, ist durch Acten verbürgt, daß er
+blieb, ist nicht verbürgt.
+
+Kann man denselben nicht in den öffentlichen Blättern ausschreiben
+lassen? fragte Leonardus.
+
+Wohl könnte man das, entgegnete der Maire: allein es würde wenig
+fruchten. Lebte der Bürger Etienne Berthelmy noch, so würde er längst
+wieder hier erschienen sein, um sein kleines Erbtheil in Empfang zu
+nehmen; sollte er aber wirklich noch am Leben sein, so würden ihn
+dennoch unsere Zeitungen schwerlich erreichen.
+
+Könnte er nicht für todt erklärt werden?
+
+Nein, Bürger, zu einer solchen Erklärung ist die Zeit seiner Abwesenheit
+viel zu kurz. Aber weßhalb dies Alles?
+
+Ich bin ein Verwandter von Berthelmy’s vormaliger Frau; sie hat
+Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als
+bis sie rechtlich von ihrem Mann geschieden ist.
+
+Der Maire lächelte und sprach ironisch: Diese gute Frau scheint eine
+schlechte Bürgerin zu sein, daß sie noch so veraltete Rechtsbegriffe
+hegt. Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres
+General Marceau in hiesiger Stadt fünfzehntausend Menschen an einem und
+demselben Tag erschießen ließ, ohne Ansehen des Alters und des
+Geschlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unterworfen; wir
+haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Bürgerin
+Berthelmy steht es völlig frei, sich als geschieden zu betrachten und zu
+freien, wann und wen sie will.
+
+Angés Berthelmy ist eine Deutsche! warf Leonardus ein.
+
+Ah so! versetzte der Maire gedehnt. Die Deutschen sind noch halbe
+Barbaren, sie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vorurtheile,
+aber unsere glorreiche Republik wird sie schon in gleicher Weise
+beglücken, wie die Vendée beglückt worden ist. Wenn dir zu rathen ist,
+Bürger, so suche so schnell als möglich aus diesem Lande zu kommen, denn
+die höllischen Colonnen morden Jeden, der ihnen aufstößt und nicht zu
+ihnen gehört, er trage gute und richtige Pässe bei sich, gehöre einer
+Gesandtschaft an, oder nicht. Diese Colonnen sind selbst eine
+Gesandtschaft – die des Todes.
+
+Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefühle im Herzen. In tausend
+Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigsten, gräuelvollsten
+Kriege zerwühlten und zerrütteten Lande sein Leben bedrohten, hatte er
+sich gestürzt, und so völlig fruchtlos, so ganz vergebens! Was nun
+weiter? Sollte er Angés aufsuchen? Und mit welcher Nachricht konnte er
+vor sie treten, wenn er sie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung in
+einer Zeit, in welcher jeder Tag Tausende hinmordete, in welcher an
+geregelte Zustände auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten
+über Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der sich durch
+nichts hervorgethan hatte, der im großen Strome des unglücklichen
+Vendéerheeres spurlos verschwunden war?
+
+Düster wurde es bei solchen Betrachtungen in Leonardus sonst so frohem
+und hellem Gemüth, sein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen
+sein Schicksal aufgeregt, die ihm fast die Sinne verwirrten. Er wünschte
+jetzt, Berthelmy möchte noch leben, möchte ihm lebend entgegentreten,
+mit Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kämpfen und ringen auf Tod und
+Leben um den Besitz des geliebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm
+entgegen, nichts stellte sich ihm in den Weg, ungefährdet konnte er
+Paris wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles
+erschien ihm schaal und farblos, nur in weiter Ferne schwamm in einer
+lichten Aetherstelle die rosenrothe Wolke seiner Liebe, seiner
+Sehnsucht, unerreichbar für ihn, gleich jener Wolke, die der kühne Held
+statt der Göttin umarmte. –
+
+Windt hatte einen Brief an die Reichsgräfin vollendet, den er, bevor er
+ihn absandte, seiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte das, sie
+erfuhr auf diese Weise manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und
+sie oft unmittelbar mit berührte, zu dessen besonderer Mittheilung ihr
+Mann jedoch keine Zeit fand.
+
+Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefschreiben, sprach Windt zu
+seiner Frau: ach! es ist jammerschade, daß du keine Federheldin geworden
+bist, liebe Jule, du müßtest sonst mein Geheimschreiber sein, mein
+Wippermann.
+
+Bin froh, sehr froh, lieber Windt, bin sehr froh darüber, hätte sonst
+noch mehr zu thun! vertheidigte sich Frau Windt. Hab’ ich nicht ohnehin
+alle Hände voll zu schaffen, und fast Tag und Nacht?
+
+Hast recht, liebe Alte! begütigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen,
+kann uns nimmermehr vergütet werden. Unsere alte Gnädige, oder unsere
+gnädige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht, – nun, ich hab’
+es ihr geschrieben, wie mich im Januar die Kaiserlichen aus dem Bette
+geholt und geplündert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben
+davon kam, wie ich mehr wie hundertmal Bajonnette und Carabiner mit
+aufgezogenen Hahnen auf meiner Brust hatte, wie sie mir mein letztes
+Geld, meine mühsam gesparten hundert Ducaten, die ich zu einer
+Brunnenkur in Pyrmont bestimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre
+stahlen. – Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das
+Schönste genießen, brauche nicht erst nach Pyrmont, denn meinen Wein
+haben die Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flasche! Was
+brauch’ ich Uhren? Ich armer geschlagener Mann weiß ohnehin, wie viel es
+geschlagen hat, und wozu Gewehre, da ich doch gänzlich wehrlos war?
+
+O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau
+Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du,
+so wie du gingst und standest, das Kastell verließest.
+
+Um beim französischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten
+gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt;
+und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch
+gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen
+in meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmüde, und mußte mich
+im Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort für das
+Kastell um französischen Schutz zu betteln.
+
+Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein
+Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und
+vielgeprüften Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle
+Feuerproben der drangvollsten Erlebnisse bestanden.
+
+Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen
+und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist
+die alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet
+werden, wie es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser
+Zeit Schlösser am Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen,
+wie es gekommen ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich
+war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets
+ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird;
+ich bin eben immer der dumme gutmüthige Narr.
+
+Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch
+und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes
+Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten, und
+brachte eine Flasche alten #Port à Port# daraus zum Vorschein.
+
+Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther
+Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie
+Lehmbrühe.
+
+Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein zu
+wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär’ ich ohne
+deine treue Hülfe! rief Windt, ließ sich willig einschenken, trank und
+begann zu lesen:
+
+»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach
+Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe,
+und daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe.
+Mir ist von den französischen Generalen und Commandanten mit einer
+Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen
+meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie
+genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von
+den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben
+französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner,
+Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei
+ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher
+gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten,
+während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als
+ich Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich.
+Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch
+sonst um Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der
+hiesigen Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben,
+brauchen nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden
+sie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und
+bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande,
+in meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine
+Lage, die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte
+hier am siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden
+Excellenz aus den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich
+mit Bestimmtheit mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter,
+fröhlich und guten Muthes ist – sehr gut für ihn. Sobald als möglich
+denke ich selbst ihn aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu
+erfahren, wie es um ihn steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die
+Emigranten es hier getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem
+derselben zu. Hätten diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem
+Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre
+nicht so unglücklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die
+unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wären es nicht.«
+
+Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hättest du nicht schreiben
+sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß
+der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?
+
+Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie
+sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und
+voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der
+sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer
+war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines
+eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz
+schrieb, ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie
+liebt und die sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend
+ihren »alten Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz
+recht, ich sage immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz
+meinen Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine
+Wahrheiten nicht übel aufzunehmen.
+
+Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort:
+»Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu
+schreiben: #Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam.# Ueber
+Amsterdam ist und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum
+Pettschaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer
+Devise, sonst schmeißt die Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam
+von Seiten der Municipalität eine Commission ernannt, an welche Briefe
+nach Hamburg und Bremen offen eingeliefert werden müssen, ich schließe
+daher diesen meinen Brief an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf
+Ludwig hier gewesenen braven Holländers Leonardus van der Valck ein und
+ersuche Excellenz, Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen
+zu lassen, auch wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse
+dieses Briefes nicht wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen
+einer Herrlichkeit, #Seigneurie#, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer
+Excellenz Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine
+dänische Gräfin sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die
+Aeußerungen der französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es
+gibt für diese keinen Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie
+man im lieben deutschen Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche!
+zu sagen pflegt. Sehr lieb ist mir, daß der Wechsel auf die
+zwanzigtausend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen können Excellenz
+dieser Angelegenheit halber ruhig schlafen. Sie sind noch zur Zeit
+durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines vielleicht
+übertriebenen Diensteifers, ich machte in der Stille mit dem Erbherrn,
+mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mündlich auf
+Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil
+Sie dessen bedurften und Sie gleich mir Emigranten zu verköstigen
+hatten; fast scheint mir, und die Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies
+vermuthen, als seien Glauben und Treue zu den verrufenen Münzen
+gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als ächte in Hochdero
+berühmter Sammlung prangen, und über welche Ihnen der Herr Abbé Eckhel
+in Wien so vieles Aufklärende geschrieben hat.«
+
+Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst es
+zu arg, du beleidigst!
+
+Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: »Es
+war Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir
+schriftlich machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen
+fünfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen
+diese Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das
+liegt im Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und
+rechnen und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll
+Zahlen stehen, sie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht
+des gesunden Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft’s – die Zeit ist
+einmal aus den Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mißkennung mich
+bewegen könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer
+Excellenz hochweise Räthe meinem Diensteifer längst eine Schranke
+gesetzt, dann wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen,
+Blut und Leben, Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz
+Herrlichkeit, so weit nur in eines Menschen Kräften steht, zu schützen
+und zu schirmen. Wer auch hier war von fremden Offizieren, Engländer,
+Holländer, Kaiserliche und jetzt die Republikaner, keiner hat glauben
+wollen, daß ich nur ein Bedienter sei, sondern Jeder meinte, daß ich
+ganz bestimmt der Herr oder Erbe von Doorwerth selbst sein müsse. Alle
+Güter rings um die Herrlichkeit sind totaliter devastirt, Doorwerth
+allein ist noch im leidlichen Zustand. Der Strich von der hiesigen
+Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich; von Arnhem bis Zuitphen
+kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen Alleen sind über Bord,
+keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt steht mehr, die größten
+und schönsten Häuser sind Pferdeställe oder Lazarethe, das Holz der
+Thüren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder seit Kurzem
+fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müssen, habe augenblicklich sechs
+Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen Husaren. Im Dorfe liegt
+eine Compagnie Volontärs, in Helsum liegen zwei, und noch dreizehn
+Husaren für die Correspondenz, in allen andern Orten der Herrschaft
+liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem Hause. Nachdem
+ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen der Alliirten,
+dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen Andenkens, dann
+den schleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen zur Nachtzeit hier
+einfielen, darauf die heftige, fast unerträgliche Kälte, darauf wieder
+den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee, welcher die Sambre-
+und Maas-Armee auf dem Fuße folgte – nachdem ich dies Alles vertragen
+und überstanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer Wassersnoth, wie sie
+seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in Helsum Brücken
+schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein Paar Scheuern
+abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, sonst hätte sie sich
+hier gestauet, wie ein überschwellender Krötendeich, und uns vollends
+mit Haut und Haar aufgefressen.«
+
+»Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun, um
+meine alten Tage zu sichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen,
+die dem Gefühl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit
+entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz nothwendig eine
+durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde
+gehen soll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen,
+denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft
+auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht
+beschließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben bedeutende
+Allodialgüter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten wahrhaft
+treuen Diener lebenslänglich zu versorgen. Eine Pension in Geld wirft
+Doorwerth nicht ab, und für den hiesigen Rentmeisterdienst müßte ich
+danken.«
+
+»Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum
+aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglück, daß sie die ganze
+Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General
+Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar
+angenommen, aber ihn zur Stärkung der Kranken und Verwundeten bestimmt.
+Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum, Deventer, und
+ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und überall sind
+Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur Zeit noch
+unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen Bäume,
+die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen kläglich zu
+Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso
+vergebliche als fruchtlose Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel.
+Unterthänigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes über unser
+hiesiges Befinden zu sagen, meine Frau grüßt dieselbe bestens. Meine
+Schwester soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg,
+schreiben, ihn von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal
+Nachricht von seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen
+entschuldigen Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich
+wieder Zeit finde, weitern Bericht zu erstatten, da es beständig um mich
+her von Fremden wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.«
+
+Stets auf meinen Füßen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die
+wackere Hausfrau.
+
+Das bin ich so schon, das brauch’ ich nicht zu schreiben, das kann die
+alte Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt.
+
+Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen Gestalt
+durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er sich,
+indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den
+Dammweg warf, der nach dem Schlosse führte; er gewahrte einen Reiter,
+welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs
+empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke
+hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gültiges Papier, das
+sein Einlaßgesuch rechtfertigte, darzureichen.
+
+Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer
+schärfer hinblickend. Täuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich
+das deuten? Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger
+Rauchfleisch, westphälische Schinken, Edamer Käse, frische Butter. Vor
+Allem koche eine Suppe. – Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner
+Verwunderung und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt
+voll Hast aus dem Thurmgemach, sprang die Treppe in schnellen Sätzen
+hinab, und schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben
+eingelassenen Reiter entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte,
+abstieg und in Windts Arme sank.
+
+Sind Sie’s denn? Sind Sie’s denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus?
+Herr Leonardus van der Valck?
+
+Wohl bin ich’s, heute und morgen bin ich’s noch, mein lieber, redlicher
+Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange
+und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der
+meinen gleicht, so ist es mein Geist.
+
+Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet sein? rief Windt
+erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr übel aus. Doch kommen Sie
+herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Für Ihr Pferd wird gesorgt, ich
+erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß
+Sie es seien, der da geritten kam.
+
+Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der
+Unterstützung des Freundes, so matt und angegriffen fühlte er sich, und
+als ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau
+begrüßte, saß er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf
+einem Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob
+die Hände vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner
+jüngsten Vergangenheit wie einen bösen Traum verwischen.
+
+In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes
+Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler
+ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in
+steter Kenntniß, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange
+keine Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geschrieben,
+dankerfüllt, und ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem
+Kinde glücklich das Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie
+sie schrieb, im angenehmsten und wünschenswerthesten Verhältniß, hatte
+Windt herzliche Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren
+Aufenthaltsort nicht genannt, »größerer Sicherheit halber«, schrieb sie,
+»da dieser Ort als Asyl nicht mein Geheimniß allein ist, da politische
+Rücksichten dazu nöthigen, den Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu
+verbergen.« Wer an sie schreiben wolle, möge die Firma ihres älterlichen
+Hauses benutzen und in diese Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun
+Leonardus wieder gekommen und konnte aus erster Hand die soeben
+anlangenden Briefe empfangen.
+
+Er erholte sich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unendlichen Friedens
+ihn überkam, sprach er: O hätte ich doch diesen einsamen lieben
+Zufluchtsort nicht verlassen, mir wäre wohler, als mir jetzt ist! Mein
+ganzes Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war
+nichts als eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat
+mich mit raschen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht.
+
+Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines
+Wesens.
+
+Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden
+wollen, sprach Leonardus.
+
+Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieses
+Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt.
+
+Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager,
+schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus.
+
+Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm Frau
+Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb ist,
+werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da läßt
+sich nur wenige Bürgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht,
+es ist seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch
+nicht anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchsten Zimmer dieses
+Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lärmen im untern Hause
+und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der Kanonaden
+nicht wieder.
+
+Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet,
+und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu
+erholen. O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich
+erlebte! Jetzt kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erschüttert
+mich allzusehr. Lassen Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe,
+seine Freundschaft wird ein Balsam für mich sein. O, wie sehr sehnt sich
+mein Herz nach Nachricht von ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an
+meiner Seite gewesen und vielleicht der treue Philipp, Alles wäre besser
+geworden.
+
+Beruhigen, erholen, pflegen Sie sich, betrachten Sie dies Haus als das
+Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle
+Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den
+Geschäften sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie
+unser junger Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen
+Brief an Graf Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen,
+wenn ich über ihren Liebling eine günstig lautende Nachricht hinzufügen
+kann. Du, liebe Frau, besorge droben Alles nöthige, so gut du’s hast. –
+
+Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin
+zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in
+demselben Gemach gesessen, wenn es draußen stürmte, so wie jetzt.
+Weithin standen die Wiesenflächen unter Wasser, das Dorf und Kastell
+gleich einer Insel, die Ströme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die
+Maas hatten ihre Betten überschritten, selbst die Dämme waren bedroht;
+ohne Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an
+einzelnen Stellen waren in der Allée schon beträchtliche Rinnen, die das
+mehr und mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende
+Stunde drohte sie noch größer zu machen.
+
+Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth. Schon
+war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden, welche
+Fülle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier hatten
+sie beisammen gesessen, hatten Pläne geschmiedet für die Zukunft, deren
+schönster der war, daß Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit der
+Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in
+Rosendael wohnen in dem schönen Herrenhaus mit seinen herrlichen Gärten
+und Parken. Was ließ sich nicht Alles an diesem thun, wenn der Geschmack
+und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten Menschen hier
+schaffend thätig war? Da sollte Angés bei ihm wohnen, seine liebe,
+treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich naturgemäß
+entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen Wunderblume,
+welche die Kunstgärtner die Königin der Nacht nennen. Ach, das waren
+schöne Träume gewesen!
+
+Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen worden
+von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne
+Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das
+Schachspiel die Gedanken zu ernstem Nachsinnen hingelenkt, jenes
+bedeutsame »Spiel der Könige« mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war
+vorüber, und Leonardus van der Valck saß jetzt in ungleich anderer Lage
+und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind
+erschütterte mit heftigen Stößen den Thurm, und dumpf mischte sich mit
+seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend
+überfluthenden Gewässer, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen
+Dörfer, Gehöfte und Schlösser herausragten. Leonardus öffnete
+erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor
+vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie
+keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte.
+
+Ludwig schrieb: »Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam habe
+ich so viel erlebt, daß ich das Meiste und Beste auf die mündliche
+Mittheilung versparen muß, denn ich kann unmöglich diesem armen Papiere
+anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hände geht, was mein Inneres
+voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb mit
+diesen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben
+sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder
+umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von Plymouth
+an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut unterzubringen und
+für den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich reiste tiefer in
+das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur geschmückt, Park
+an Park; ich fand überall schon vorbereitete gute Aufnahme, fand
+geistvolle Verwandte, fand mich in die höchsten Kreise gezogen, und fand
+endlich das Allerhöchste, was mein Herz mit nie gekannten Gefühlen
+erfüllte, es in Seligkeit schwelgen ließ, Alles auf Erden mich vergessen
+machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde, selbst
+meine Großmutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur mit
+leisem Flüsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare
+Geheimniß dir vertrauen, und selbst dir nur halb.«
+
+Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird
+er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken,
+nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen
+pflücken, die im irdischen Eden seiner Liebe blühen!
+
+»Und doch, Leonardus! Bei dieser Fülle von Glück kann und darf ich nicht
+länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten
+Rücksichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer
+wankende Gesundheit die Rückkehr nach dem Festlande.«
+
+Wie – er liebt, er betet an, wie diese glühende Sprache seines Briefes
+bekundet – und will doch fort, aus zartesten Rücksichten? Das ist mir
+ein Räthsel! sprach Leonardus zu sich selbst. – »Die hiesige Luft, so
+sehr sie gepriesen wird, ist meiner Gesundheit ganz und gar nicht
+zuträglich, und was die Seeluft betrifft, so mag ein empfänglicherer
+Sinn, als der meine, dazu gehören, deren Einwirkung auf den kranken
+Organismus wahrzunehmen. Ich sehne mich nach deutscher Luft, es wird mir
+nirgends wohl werden, als in der deutschen Heimath. Leider kränkle ich
+immer noch, trotz all’ der freudigsten und wohlthuendsten Erregungen,
+die mir in England, in London und auf all’ den herrlichen Landsitzen zu
+Theil wurden. Ich möchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das
+an, einem deutschen Arzt anvertrauen; man hat mir Starke genannt,
+welcher ein berühmter Arzt in der kleinen sächsischen Universitätsstadt
+Jena ist. Ueberhaupt hörte ich stets vieles Gute von den kleinen
+sächsischen Städten und Höfen; humane und gebildete Fürsten regieren
+dort ihre Länder; gründen, fördern und erhalten Anstalten für
+Wissenschaften und Künste; legen zu diesen Zwecken bedeutende Sammlungen
+an und vergönnen deren belehrenden Genuß und Gebrauch ihrem Volke;
+während, was hier die Herzoge und Lords sammeln, gleichsam vergraben
+wird und ärger gehütet, als das goldene Vließ zu Kolchis. Ich denke es
+mir sehr angenehm, einmal in dieses Herzland des heiligen römischen
+Reiches zu reisen, ein Reich, von dem wir keine rechte Idee haben.
+Hoffentlich wird mir dort wieder wohl, und vielleicht finde ich den
+inneren Frieden, der mir, selbst im Schooße des Glückes, noch mangelt.
+Ach, wie hat mich in England das rastlose Ringen und Streben der
+Vornehmen nach Erreichung politischer Zwecke gedrückt und unangenehm
+berührt – selbst meine Munterkeit litt darunter; was ich ersehne, mein
+Leonardus, das ist Stille, das ist Einsamkeit, wie die Großmutter mir
+beim Scheiden sagte: Glaube, daß die Einsamkeit wunderköstliche Stunden
+gewährt.«
+
+
+
+
+8. Die Gabe der Mutter.
+
+
+Der Eintritt Windt’s unterbrach Leonardus im Weiterlesen, und dieser
+theilte nun dem redlichen Freund die Besorgnisse mit, welche Ludwig in
+Bezug auf seine Gesundheit aussprach, so wie die herzlichen Grüße, die
+der Brief an das Haus Doorwerth und dessen Bewohner enthielt. Der Graf
+schrieb weiter: »Wüßte ich dich, mein lieber Leonardus, in Amsterdam zu
+finden, oder in Doorwerth, so käme ich noch einmal dorthin, und würde
+mit Sehnsucht den Augenblick erwarten, der uns wieder vereinigte, um dir
+so recht herzlich für alle mir erzeigte brüderliche Freundschaft zu
+danken. Den geraden Weg von Kastle Chatsworth, einem Schloß des Herzogs
+von Devonshire, wo ich jetzt weile, über London nach Hamburg scheue ich;
+er ist mir zu lang; vielleicht ermittelst du mir einen Ruhepunkt aus,
+ich werde einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich äußerst freue.
+Möchte ich doch von dir, von Windt und auch über das Geschick meines
+Vetters, des Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Aristokratie
+Alt-Englands schätzt meinen Vetter außerordentlich hoch wegen seiner
+treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und dessen Söhne, die beiden
+Prinzen, und ich freue mich, ihn so hoch geachtet zu sehen. Wüßte ich
+ihn nur frei und in besseren Verhältnissen; seine Lage macht mir
+schweren Kummer. Unser Windt wird wissen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt
+lebt, und wie sie sich befindet. Mein Gedanke sucht sie bei der
+Großmutter in Hamburg, doch vielleicht hat das Geschick ihres Gemahls
+für sie einen anderen Wohnort zur Folge gehabt. Noch werden die
+Schlösser Varel und Kniphausen öde stehen – ich möchte wieder einmal
+dort sein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach – wo möchte ich nicht
+alle sein! Und doch habe ich keine Wünsche, die in das Schrankenlose
+hinausschweifen, ich glaube vielmehr, daß ein beschränktes Verweilen an
+einem bestimmten Ort meinem Geist besser zusagen wird, als das
+Umherschwärmen von Lande zu Lande. Meine Natur scheint mehr zur
+Abgeschlossenheit sich hinzuneigen, obschon ich die Menschen liebe und
+gerne recht Vielen Gutes erzeigen möchte.«
+
+»Du glaubst nicht, lieber Leonardus, wie unruhig mich der Gedanke macht,
+daß ein Hinderniß für mich eintreten könnte, wieder bei euch zu sein,
+und wie ein Wiedersehen mit dir und Windt sich am Besten herbeiführen
+ließe, ohne euch zu belästigen, und mir zu viele Zeit zu rauben.
+Allerlei Pläne gehen mir im Kopfe herum. Der Großmutter habe ich bereits
+meine baldige Ankunft in Deutschland gemeldet; sie, die erfahrene Frau,
+wird mir am Besten rathen, was ich thun soll zur Wiederherstellung
+meiner Gesundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man sonst
+häufiger bei Frauen, als bei Männern findet, zumal bei jungen.
+Unregelmäßiges starkes Geräusch ist mir sehr zuwider, üble Gerüche,
+überlaute Reden, Gezänk, das greift mich Alles an; regelmäßiges
+Geräusch, wie das Rauschen der Mühlräder, der Donner der Wasserfälle,
+die Klänge der Orgel, macht mir eher Vergnügen; hoffentlich wird die
+Ueberreiztheit, die mein Wesen oft bis zu einer krankhaften
+Empfindlichkeit steigert, sich ja wieder heben lassen, und ihr, meine
+Freunde, werdet Geduld mit dem Halbkranken haben.«
+
+»Vom Leben in England ließen sich Bücher voll Mittheilungen schreiben,
+darüber mündlich; über das politische Verhältniß Englands gegenüber den
+übrigen Mächten Europa’s ist mir hier im Lande die Gewißheit und
+Ueberzeugung geworden, daß es das bestregierteste Land unter der Sonne
+ist. Wie die tausend und abertausend noch so verwickelt
+zusammengesetzten Maschinen Tag um Tag, oft auch Nacht für Nacht ihren
+geregelten Gang gehen, so das große Getriebe der Staatsmaschine. England
+ist die einzige Macht, die in ihren Grundsätzen fest und
+unerschütterlich beharrt. Im Lande nimmt Niemand wahr, daß England
+Kriege führt, da geht stets Alles seinen ruhig geregelten Gang. Nur die
+Theurung ist fühlbar, freilich zuletzt auch mehr für den an hohe Preise
+für alle Bedürfnisse nicht gewöhnten Ausländer, als für den Inländer,
+der es nicht anders weiß, und dessen Einnahmen zu dieser Theuerung im
+geeigneten Verhältniß stehen. Manche Unannehmlichkeit drängt sich dem
+Ausländer, zumal dem Deutschen, auf, dennoch verlasse ich England mit
+hoher Achtung vor seinem Staatsleben, seinem Volke und seiner
+Betriebsamkeit. Die Vervollkommnung der Dampfmaschinen ist in einem
+riesenhaften Fortschritte begriffen; denke dir, man trägt sich jetzt mit
+der Idee, auch Schiffe zu bauen, welche, statt durch Segel und Ruder,
+blos durch Dampf getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles
+übertreffen und das Unglaubliche leisten sollen. Es wird damit wohl so
+schnell nicht gehen, die Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber
+kann wissen, wohin der Fortschritt auf seinen Riesenflügeln den Geist
+der Erfindung trägt?«
+
+»Lebe wohl, mein Leonardus, und schreibe mir unter der beigelegten
+Adresse, sobald du diese Zeilen empfangen hast.« –
+
+Dieser Brief hätte mich lange suchen können, sprach Leonardus mit einem
+Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie hätten denselben nach Paris
+gesandt, ich komme nicht von Paris, und wäre der Brief mir von dort aus
+nachgesendet worden, er würde mich schwerlich gefunden haben. Was ist
+Ihre Ansicht, lieber Herr Windt? Was können wir thun, um dem Wunsche
+Ludwig’s zu entsprechen?
+
+Erst ruhen Sie sich bei uns aus und pflegen sich, mein verehrter Herr
+und Freund! entgegnete Windt. Sie sind leidend, ich sehe es Ihnen an,
+Sie sind kränker als mein guter junger Herr Graf, der ist nur ein
+#malade imaginaire#. Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle
+sein! Beim Kreuz! da würde ihm das Kranksein, Siecheln und Süchteln
+gleich vergehen! Bin auch krank gewesen, war ganz auf dem Hund – aber
+die Unruhe bei Tag und Nacht hat mich wieder gesund gemacht. Wenn der
+junge Herr nicht tüchtige Arbeit bekommt, so weiß ich nicht, wie er das
+Leben ertragen will. Gottes Gnade hat mir im letzten Winter eine
+Gesundheit verliehen, für die ich nicht genug danken kann, nie aber
+brauchte ich dieselbe auch nothwendiger, doch fange ich an mich unwohl
+zu fühlen, mein Lebensschiff muß einmal frisch kalfatert werden – eine
+Erholungsreise thut mir Noth. Ich wollte nach Pyrmont, hat sich was! –
+Die Kaiserlichen haben mir meinen Sparpfennig abgepreßt, kann also nicht
+hin; auch brenne ich danach, das Geschäft meiner Gebieterin mit ihren
+Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich mich nicht ruhig
+niederlegen, ich bin nun einmal so. Wir wollen miteinander nach
+Amsterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf Ludwig auch kommen,
+der Erbherr sitzt nicht mehr in Woerden, sondern ist nach Muiden
+gebracht worden. Mir ist noch gar nicht wohl bei der Sache; die
+Untersuchung wird streng geführt, der Rathspensionär van der Spiegel,
+der tapfere Admiral van Kinsbergen und unser Erbherr sind
+Leidensgenossen, und wir haben Terroristen im Rathe der Generalstaaten
+sitzen. Ich habe Nachricht, daß die Gefangenen entweder nach Amsterdam
+oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darüber bald
+Entscheidung verschaffen, nur kann ich hier nicht gut abkommen, so lange
+noch französische Einquartierung hier liegt, denn es ist in der ganzen
+Herrlichkeit kein Mensch, der Französisch spricht, und Niemand kommt so
+gut als ich mit den Franzosen zurecht.
+
+Sie erwähnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was ist das für ein
+Kurort? fragte Leonardus.
+
+Einer der besten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeister. Dieser
+Badeort vereinigt Stahl- und Soolquellen, die Ersteren übertreffen alle
+Stahlbrunnen Deutschlands, das wäre auch gut für unseren jungen Freund,
+Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenstärkend und belebend, er verjüngt,
+deshalb wollte ich hin, und Sie sehen mir gerade darnach aus, als ob
+Pyrmonts Quellen auch Ihnen Stärkung und Genesung wieder geben könnten!
+
+Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiseplan, und als sie
+ihn gefaßt hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte,
+gegen die Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er
+Einen von ihnen oder Beide, und im schlimmsten Fall, bei Verhinderung
+wider alles Verhoffen, wenigstens Briefe vorfinden.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein schmerzliches Scheiden zwischen Mutter und Sohn. Georgine
+fühlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die
+Nothwendigkeit, daß ihr Geheimniß verschleiert, ja begraben bleibe, sie
+konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei sich behalten,
+sie mußte ihn von sich lassen, mußte den bitteren Kampf kämpfen und ihr
+Mutterherz stark machen. Sie sprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte
+verschwiegene Stunde nahte, in welcher Mutter und Sohn noch einmal
+weinend ihre theuersten Gefühle aussprachen.
+
+Zuletzt sagte die schöne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine
+Entschädigung schuldig, mein Sohn, dafür, daß du die Mutter in der
+schönsten Zeit entbehren mußtest, in der dem Kinde der Besitz einer
+geliebten Mutter ja Alles ist, und das ist eine Schuld, die ich niemals
+ganz abtragen kann; aber Etwas mußte ich doch für dich thun, es war
+meine heilige Pflicht. Deine Großmutter liebt dich innigst, und gewiß,
+ihr lebhaftester Wunsch ist, dich einst reich und glücklich zu wissen;
+wohl möchte sie dir Etwas von deines Vaters Erbe zuwenden, aber sie kann
+und darf es nicht, wenn sie nicht durch offenes Aussprechen unseres
+Geheimnisses mich blosstellen und dich dem Hasse deiner Verwandten offen
+Preis geben will. Dein Bruder, der Vice-Admiral, der es nie erfahren
+möge, daß du sein Bruder bist, ist ein braver Mann, aber nicht frei von
+Eigennutz, auch hat er zunächst Verpflichtungen gegen die Seinigen; er
+würde dir bitter zürnen, wolltest du Ansprüche an ihn erheben, zu denen
+dir kaum ein Recht zusteht, da es das Unglück so gefügt hat, daß dein
+theurer Vater vor unserer Vermählung mit Tode abging. Du wirst William
+noch näher kennen lernen, er ist minder edel, als der Erbherr. Des
+Kaufes von Doorwerth entschlage dich und warne deinen Freund, nicht die
+Halmen seines Vermögens in das Schuldenmeer deines Vetters zu
+schleudern, die den Sinkenden doch nicht oben schwimmend erhalten
+können; übernimm nicht die schwere Bürde der Bürgschaft für Andere
+gegenüber deinem redlichen Freund, damit du es nicht bist, der ihn um
+das Seine bringt, damit nicht aus Freundschaft Feindschaft entstehe. Was
+die Großmutter noch für dich thun kann, wird sie thun, ich aber
+bezweifle, daß es Viel sein wird, sie hat schon gar zu viele Schenkungen
+gemacht, welche ihre dereinstige Hinterlassenschaft bedeutend schmälern
+und wegen deren es an langwierigen Processen nicht fehlen wird, die sich
+über ihrem Grabe so endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe
+der Herbstspinnen auf einem Stoppelfelde. Dich glaubte sie recht
+glücklich zu machen, sie dachte dir die Nutznießung der Tremouille’schen
+Renten zu. Die gute Großmutter! – Sie konnte die Revolution nicht ahnen,
+sträubte sie sich doch mit aller Starrheit, an dieselbe nur zu glauben,
+wie sie schon da war, sonst hätte sie wohl früher einsehen lernen
+können, daß jenes ganze große Kapital sammt allen Zinsen
+unwiederbringlich verloren ist. Doch ich will nicht, daß mein Sohn, der
+Sohn meiner ersten flammendsten Liebe und unendlicher Schmerzen, leer
+und blos in die Welt hinaus gestoßen werde, ich habe gethan, was ich
+thun konnte und was ich thun mußte. Empfange, mein Ludwig, dieses
+Patent, das mir der König auf meine Bitten bewilligt, denn ich darf mit
+Stolz sagen, König Georg der Dritte von Großbritannien ist mein Freund,
+seine Gemahlin, die Königin Sophie Charlotte, die den Vornamen deiner
+Großmutter trägt, ist meine Freundin, dieses Patent erhebt dich in die
+Baronetage von England und ertheilt dir historisch den Ritterschlag mit
+dem Zurufe: #»Rise Sir!«# Stehe auf, Herr! – Diese Documente bestätigen
+dich in dem Besitz der Baronie Versay, deren Ertrag deine Zukunft
+sichert, und ich habe alle Verfügungen bereits getroffen, daß diese
+Renten dir sicherer und gewisser zugehen, als jene leider verlorenen des
+edeln Hauses de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Besitzthum, und
+geht auf deine rechtmäßigen Erben über; bliebest du hingegen ohne Erben,
+so fällt ihr Besitz zurück an die Meinen. Es steht dir frei, wo du auch
+weilest, dich Graf von Varel oder Baron von Versay zu nennen; das gilt
+von jetzt an ganz gleich, du kannst auch beide Namen vereinigen. Es
+steht dir ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden.
+Das Weib deiner Liebe wird deine rechtmäßige Gemahlin, sei sie aus
+hohem, sei sie aus geringem Stande, nicht ein Fürst braucht sie zu
+adeln, du wirst es sein, der sie erhebt, wenn sie nicht aus adeliger
+Familie ist. Frauen bedürfen in Albion keiner namhaften Ahnen, weil –
+fügte Georgine lächelnd hinzu: der Stammbaum einer jeden in den Himmel
+hineinreicht.
+
+Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Fülle von Güte und
+Liebe überschütten Sie mich! Wie zeigt Ihr großes Herz mir den Himmel
+offen, aus dem Sie abstammen, ach, nur einen seligen Augenblick, da sich
+mir dieser Himmel so schnell und wohl auf immer verschließt.
+
+O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum so düstere Gedanken? entgegnete
+Georgine, fest des scheidenden Lieblings Hände in den ihrigen haltend.
+Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Einst komme ich, und finde dich
+glücklich an der Seite eines treuen deutschen Weibes, und sonne mich an
+deinem Glücke – dann wohnst du still und waltest in ruhiger
+selbsterwählter Thätigkeit an einem Orte, wo mich Niemand umspäht, wo
+ich Mutter sein darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung
+ahnet, wer eigentlich die alte Frau ist, die dich besucht und eine
+Zeitlang bei dir weilt.
+
+Ludwig knieete zu den Füßen seiner schönen Mutter nieder; die herrliche
+Gestalt beugte sich über ihn, küßte und segnete ihn, und da er, von
+Schmerz fast gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob sie ihn mit
+kräftigen Armen und rief: #Rise, Sir!# _Erhebe dich, Mann!_ umschlang
+ihn noch einmal mit aller Flammenglut ihres Herzens, küßte ihn noch
+einmal und noch einmal, dann enteilte sie und sah ihn nicht wieder. –
+
+Leonardus hatte sich im Hause der Freunde erholt; es kamen schöne Tage,
+und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Stürmen, die über
+Doorwerth dahin gebraust waren, obschon diese Ruhe freilich noch immer
+keine dauernde war.
+
+Windt und Leonardus nahmen für eine Zeitlang herzlichen Abschied von der
+braven Hausfrau und traten ihre Reise an. Das Land jubelte, aller Orten
+wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede.
+
+Lieber Gott! sprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht, als
+die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geschlängelten Laufe des
+schmalen »krummen Rheins« folgten, durch reizende Fluren, durch die der
+wahrhaft mäanderische Fluß sich schlängelnd wand, vorüber an den
+herrlichsten Lustschlössern, Gärten und Parken, in denen die
+niederländische Gartenkunst ihre höchsten Triumphe feierte und die des
+Krieges rauhe zerstörende Hand zum Glück unberührt gelassen hatte –
+lieber Gott, wie die Leute über den Frieden jubeln! Wie lange wird er
+denn dauern? Ungleich vernünftiger wäre es, keinen Krieg zu beginnen und
+der Länder und der Völker Loose nicht auf ein maßlos ungerechtes Spiel
+zu setzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des
+Krieges sich die Länder verbluten? Seuchen reißen ein, die Menschen
+sterben wie die Mücken; fünfundzwanzigtausend fremde Hungerleider müssen
+wir täglich sättigen; Doorwerth muß doppelte Schatzung zahlen, als wenn
+es nicht schon doppelt und dreifach und zehnfach geschätzt worden wäre!
+
+In Utrecht ließ es sich der wackere Mann gleich nach der Ankunft
+angelegen sein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des
+Erbherrn zu erfahren. Er begab sich, während Leonardus im Gasthaus
+zurückblieb, zunächst in das Haus, das der Graf Johann bewohnte. Es kam
+ihm ein flottes Bürschchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mütze mit
+der dreifarbigen Cocarde der Republik, nöthigte ihn in das Zimmer und
+fragte höflich: Was wünschen Sie, Bürger? Wünschen Sie Wein oder
+Liqueur, Curaçao, Extrait d’Absynthe, Eau de Genever?
+
+Windt sah den Mann groß an, ob das Gastfreundschaft sein sollte, oder ob
+er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er sah sich in dem Saale um,
+da stand noch das Prachtmobiliar, das einst auf seine Bestellung in
+Hamburg gefertigt und dem Enkel bei dessen Verheirathung von der
+Großmutter zur Aussteuer gesendet worden war; auf dem schönsten
+Sammt-Polsterstuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfänger, mit einem so
+ächt confiscirten Gesicht, als nur irgend ein Rattenfänger haben kann,
+und knurrte den Gast, in welchem er den Aristokraten sogleich
+herauswitterte, grimmig an.
+
+Nicht das Eine, nicht das Andere wünsche ich, Bürger, erwiederte Windt:
+ich wünsche den Hausherrn zu sprechen.
+
+O, die nicht sein hier – gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden
+sein hier, ich nicht werden sein hier, #il est emigrée# – sie sind
+gegangen fort. Ich aben die Err su sein #un Vivantier, si voulez vous de
+vin, ou si voulez vous des liqueures.# Von die slecht #emigrées# weißen
+ik nix.«
+
+Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des
+Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher
+eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll
+französischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden.
+
+Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus
+seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den
+Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen
+verändertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die
+Mühen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflüsse der Witterung und
+suchte die Besorgniß seiner Mutter soviel als möglich zu zerstreuen.
+Windt besorgte alle seine Geschäfte in Amsterdam, ging nach der
+vormaligen Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er
+zum Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus binnen
+vier Tagen habe geräumt werden müssen, daß man das Mobiliar des Erbherrn
+gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts
+wisse.
+
+Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal der
+tausend Säulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man
+fleißig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und über
+die Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie überall, nämlich so,
+daß die Weltgeschicke sich nachträglich ganz anders gestalteten, wie die
+politischen Kannegießer sie prophezeiten.
+
+Windt hatte ein niederländisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte
+die Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt!
+
+Was gibt es, was haben Sie? fragte gespannt Leonardus.
+
+Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles
+verrathen! Da muß der Donner hineinfahren!
+
+Darf ich nicht erfahren –? fragte Leonardus.
+
+Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den Plan
+verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt’ ich ihm
+umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte
+Jener, und flüsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte
+darum, auch Fluit wußte darum; dieser befehligt jetzt, weil England den
+holländischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des
+Erbherrn, die schöne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die
+Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen,
+Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild,
+andere Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor
+Muiden in der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht
+entkam, aber ohne die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um
+ihnen das Entwischen schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein
+gottverdammter Schwätzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus,
+ehe sie erfolgt war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese
+Anzeige, die das Uebel nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch
+strenger macht, und auf’s Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schärft. Da
+lesen Sie!
+
+Leonardus nahm das Blatt und las:
+
+ »Bericht an das Publikum.«
+
+»Da wir es als eine unserer ersten und vornehmsten Pflichten betrachten,
+der Wahrheit so viel als möglich zu huldigen und einer offenbaren und
+ehrlosen Lügenmäre mit aller Verachtung, welche dieselbe verdient, zu
+begegnen, so können wir nicht anders als höchst entrüstet über den
+Inhalt eines gewissen Schandlibells sein, das man ohnlängst verbreitet
+hat, und worin gesagt wird, »daß auf die Vorstellung des französischen
+Gesandten der Ex-Rathspensionär van der Spiegel und der van Rhoon,
+Ex-Oberamtmann von dem Haag, für unschuldig erklärt wären, ihre Freiheit
+wieder erhalten hätten und mit einer Jacht aus ihrem Gefängniß zu
+Woerden oder Muiden abgeholt worden seien«. Wir sind von hoher Hand
+unterrichtet, und vollkommen versichert, daß diese Zeitung von allem
+Scheine der Wahrheit entblößt ist, ihren Ursprung nicht verläugnen kann,
+und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes
+schroff hervortretenden gewinnsüchtigen Absichten aufzuopfern und die
+schnödeste Arglist ins Werk zu stellen, um den besseren Theil der Nation
+irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemüthern hervorzurufen, und
+Mißtrauen im Busen gegen ländliche und städtische constituirte Mächte
+und deren Verhalten zu wecken. Es ist hohe Zeit, solcher Menschen
+Handlungen öffentlich aufzudecken, und mit den schwärzesten Farben sie
+zu schildern, da sie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr
+anzufachen, die gute Ordnung umzustoßen, die Gesetze kraftlos zu machen
+und sich, in Mitten der Parteien und der Empörung, über die sie sich
+heimlich erfreuen, die verkehrte Begeisterung einer verblendeten Menge
+zu Nutzen zu machen, um ihren ehrlosen Zweck zu erreichen und ihre
+eigene Größe auf den Steinhaufen einer zertrümmerten Republik zu
+befestigen.«[12]
+
+ [Fußnote 12: Wörtlich: #de verkeerde geestdrift van eene
+ verblinde menigte ten nutte te maken, om hun eerloos doel te
+ bereiken, en hunne eigene Grootheyd op de puinhoopen van eene
+ verbrysselte Republik te vestigen.#]
+
+Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine
+Zeitungstirade von einem holländischen enragirten Parteimann, und
+darüber können Sie sich ärgern? Was hätten diese #Mannekins#, wenn sie
+nicht fort und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen
+absetzen könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und
+ganz Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris
+lieber geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel
+und Hagelschlag, daß es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch
+wieder gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieses Kerlchen von
+einem Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich
+entkommen wären, da es jetzt schon bei der bloßen falschen Nachricht
+solch ein Geschrei erhebt?
+
+Das ist’s nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt
+verstimmt; sondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht
+spreche, weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln
+wird.
+
+In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch
+an demselben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem
+Haag abgeführt worden seien, und schon der folgende Morgen fand beide
+Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schöne und reiche
+Stadt ohnehin ihr Reiseziel war.
+
+Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits angekommen
+und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und Leonardus ein
+Austausch der innigsten und zärtlichsten Gefühle, während Windt darauf
+gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war, sogleich
+Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf sein Ziel
+schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der
+Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht,
+welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame
+nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung,
+bei der Frau Gräfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer
+des Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in
+Briefen an die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn
+eine ziemliche Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen
+Schuldner so sanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu fassen und
+ihm das Versprechen abzunöthigen, baldigst zu zahlen. Auch Gräfin Lynden
+erhob große Klage darüber, daß Doorwerth so entsetzlich verwüstet sei;
+Windt lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame
+mit den Augen, und hütete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage
+den Herrn von der Park in seinen guten Vorsätzen wankend zu machen.
+
+An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt’s
+hauptsächlichste Frage.
+
+Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken,
+ward ihm zur Antwort.
+
+Ich muß ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete Windt
+mit Bestimmtheit.
+
+Versuchen Sie’s auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach
+Gräfin Lynden. Die Wächter sind unbestechlich.
+
+Fällt mir auch gar nicht ein, diese braven Bürger der batavischen
+Republik in Versuchung zu führen, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit
+Geld zu Bestechungen versehen.
+
+Ehe eine halbe Stunde verging, seit Windt vom Tische der Gräfin weg war,
+stand er schon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Diese Herren
+hatte doch noch das Bürgerregiment gelassen, obschon der Titel vielen
+tausend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im Auge
+war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem er
+seine Persönlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe
+den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos
+über Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein muß, im Beisein von
+Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu
+sein, und möchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu
+reisen, wo dieselbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen.
+
+Die hochmögenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar
+kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissäre
+Bürger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten
+Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste
+Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müssen, eine gedruckte
+Erlaubnißkarte.
+
+Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine schreckliche.
+Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von Oranien inne
+gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stückchen auf der
+Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu ihm
+eintrat, und war vor Erstaunen außer sich, als er den alten Bekannten
+erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anständig ausmöblirt, auf einem
+Tisch lagen Malergeräthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem
+anderen befanden sich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten
+redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen
+Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase köstlichen Kapweins.
+
+Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt – scherzte der Erbherr, und
+winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch große
+Tugenden besitzt.
+
+Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf
+dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren,
+weil Sie nicht mehr so wie früher gleich einem Seeraben umherschweben
+können, aber ich sehe schon aus Allem, daß Sie guten Muthes sind, und
+das ist sehr viel werth, denn ein alter Lateiner soll gesagt haben: Mit
+gutem Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt.
+
+Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein
+alter Grieche, hieß Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Großes
+kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und
+wäre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie
+mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Großmutter, von
+meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig?
+
+Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir
+holen den Grafen ab, er fühlt sich leidend und sehnt sich nach
+Deutschland.
+
+Zur Großmutter, kann mir’s denken!
+
+Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewußt ist,
+wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen
+genesen.
+
+Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lächeln. Alles
+leidend – Sympathie schöner Seelen!
+
+Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rüstigkeit ihre Tage
+fortzuleben, sie schreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder
+meine Schwester schreiben, und kapitelt mich häufig sehr ungnädig ab,
+während ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Güter in gutem Stande
+zu erhalten.
+
+Was wird es mit Doorwerth?
+
+Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß so oder so ein
+Ende nehmen; längeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Für
+Doorwerth muß Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene
+unglückliche Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden.
+
+Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller
+Gemüthlichkeit die Gläser wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann
+bin, daß ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann.
+Richten Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer besten Einsicht
+ein. Ich habe außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er
+betonend und mit einem Wink auf den Aufseher hinzu. Meine Lage, die
+jetzt leidlich scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht
+unmöglich, daß ich dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz
+erschossen zu werden. Meine Schriften liegen sämmtlich unter Siegel; aus
+ihnen würde man vielleicht mildere Urtheile über mich gewinnen, allein
+man untersucht sie zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der
+National-Convent organisirt ist, und dann – nun, wie Gott will! Man wird
+mich als einen Mann finden!
+
+Als einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, bestätigte tiefbewegt der
+Haushofmeister.
+
+Ich muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht
+hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen!
+
+O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund
+schlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer
+deutscher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heillosen, wollte
+sagen, theillosen Republik. Müsset meiner Sprechart was zu Gute halten.
+Ich schwör es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten
+Respect!
+
+So laß’ ich’s gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu
+verstehen, die in diesen Worten lag.
+
+Windt drängte, was er zu sagen hatte, in geflügelte Worte zusammen;
+gute Wünsche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in
+der nächsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu
+ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen könne, dorthin zu
+reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo
+die Reichsgräfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt
+bereits in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr
+ohne Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten.
+
+Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm
+an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen,
+abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen
+Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert
+zu haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher
+Unterhaltung auf einem ihrer Zimmer.
+
+Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzählung von Dem schuldig
+geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans
+verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der
+ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jüngst zu Doorwerth
+angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemüthlichen Plauderstunde
+für Windt und Leonardus die unvermeidlichen holländischen Thonpfeifen,
+und als der köstlichste Tabak das Zimmer durchduftete, begann Leonardus
+seine Erzählung.
+
+
+
+
+9. Die Abenteuer des Leonardus.
+
+
+Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und
+unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz
+vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei
+ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen
+Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege
+über sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es
+mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal
+nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich
+glaube jetzt, daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund
+Windt, mir deßhalb die Ehre nicht an, mich für einen neumodischen
+Philosophen zu halten, ich habe nie ein philosophisches Buch gelesen,
+ach, es bedarf der Bücher nicht, das Leben dictirt uns seine
+schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hinein. Ich
+stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rhein; ich war wieder
+Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in Amsterdam, bei dem ich
+mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender Compagnon,
+eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in kriegerischer
+Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr, besonders in
+Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen Zufuhren
+stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen sich die
+alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen; ich war
+daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen, und
+gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer
+noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu können, bedeutende
+Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr
+billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake
+zu einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann.
+Meine Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu
+Statten. Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den
+blutigsten und grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen,
+und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der
+Reaction unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es
+auch an den beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus.
+Den Rhein solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner
+Schönheit! Der schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist
+freilich dagegen nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize
+der Natur achten zur Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle
+Städte, alle Dörfer und Höfe mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz
+war Kriegsschauplatz geworden, die ich so ganz verändert und von Heeren
+überschwemmt wiedersah. Mein liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst
+Hand in Hand mit Angés das süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens
+genossen hatte, war im Spätherbst des vergangenen Jahres nach den
+Schlachten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen
+und Sachsen bei Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum
+Sammelplatz des geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend
+Mann verloren hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt,
+drängte es seine Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich
+erschien im Elternhause Angé’s in Zweibrücken, welche Stadt französische
+Besatzung behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine
+willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé’s Unglück
+verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein
+verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau
+Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja
+Ihrer Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen
+eigenen Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so
+weit solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu
+bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück
+daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und
+strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach
+Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll
+Zärtlichkeit an ihr, und eine Fügung war’s, gewiß eine wunderbare, daß
+ich ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage
+zu werden.
+
+Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür
+zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre
+gleich in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine
+so weite Irrfahrt gemacht.
+
+Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder
+Berthelmy’s Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu
+entgegen gefahren.
+
+Ich will es glauben, versetzte Angé’s Mutter, und ich fragte sie nun: Wo
+lebt jetzt Angés?
+
+Ich weiß es nicht!
+
+Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht,
+verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu
+viel weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter
+mein ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im
+Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen.
+
+Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie
+mir dies zu verbergen, und fragte auf’s Neue: Was wollen Sie von Angés?
+
+Ich komme von le Mans!
+
+Haben Sie Berthelmy’s Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit
+leuchtenden Augen.
+
+Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer
+gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr;
+der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen
+aller Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden,
+Niemand frage danach.
+
+Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau.
+Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns
+Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns
+nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:
+
+ Eine feste Burg ist unser Gott,
+ Eine gute Wehr und Waffen,
+ Der hilft uns treu aus aller Noth,
+ Die uns jetzt hat betroffen!
+
+Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!
+
+Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu
+beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern
+einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie
+ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe
+nicht, seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal
+fragen, sie und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird
+mein Loos gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde,
+ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!
+
+Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch, das
+Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes
+niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich
+Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.
+
+Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds.
+
+Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und Hagenau
+nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr und
+Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte und
+wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich aufgenommen
+hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer Bretterwand,
+und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im
+anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei
+Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in
+französischer Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt
+vor; ich verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres
+Gespräches zu erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich
+selbst berühren würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher
+tagte es in mir, diese eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich
+ihren rauhen Klang gehört, und doch hatte er sich tief in meine
+Erinnerung eingeprägt. O ich beklagenswerther Mann, die geliebte Angés
+suchte ich – war ihr schon nahe – und fand – Berthelmy – und Berthelmy
+war es, der nahe bei mir gegen seinen Gefährten zornvoll und erbittert
+über Angés sprach.
+
+Ausgemittelt hab’ ich’s endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der
+falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten,
+wenn sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand
+bietet, das Netz des Verderbens um die niederträchtigen
+Vaterlandsfeinde, die sich hier auf deutschem Boden verborgen halten, zu
+schlingen, und denen sie sich dienstbar gemacht hat noch obendrein!
+
+Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner
+eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen
+hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns
+lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein
+Schüler, mußt mir gehorchen.
+
+Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die
+Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle
+Parteiung und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht
+so gewesen, wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!
+
+Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du
+bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine
+gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst,
+auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig
+sein.
+
+Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? –
+
+Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in
+kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie
+wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und
+hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit
+als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen
+Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre
+Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo
+diese willkommen war und erwartet wurde.
+
+Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an
+Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor, daß
+er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum
+Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an
+jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben
+vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen,
+zufällig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich
+angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und
+Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine
+Angés ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß
+Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand,
+auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde
+ich von meiner angestrengten Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die
+Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich
+anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mußte daran
+gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr möglich
+war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn
+fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen
+war, und der mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen
+und in Haft zu nehmen.
+
+Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer
+die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren
+noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher
+Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht
+nahen; ich umkreis’te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer
+Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde
+weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde
+Unterricht in Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter
+Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch,
+und der Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl
+that mir diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht
+haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen
+Fluren am Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge
+Deutschlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so
+einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr
+Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die
+Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führten,
+stets im Auge behielt; dabei spähte ich fleißig umher, ob ich nicht
+etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und still.
+Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hause im
+sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; sie traten
+heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich schönen Sylphen, welche
+ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich im Tagesglanze
+umherzuschweben.
+
+Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah
+ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen
+Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der vom
+Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen
+trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes. Ich nahm
+einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein
+Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als ich aus
+diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis
+jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener
+entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn
+Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach dem
+Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere,
+als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine
+Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun
+ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und
+das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle
+und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy?
+Kennst du deinen Mann nicht mehr?
+
+Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig:
+Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den
+ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich
+ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!
+
+Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O
+vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!
+
+Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!
+
+Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von
+allen Bergwänden des Thales zurückhallte.
+
+Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu
+tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten
+Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich
+sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit
+brechendem Blick: Leonardus! Leonardus!
+
+Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf
+mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er
+rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun
+versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes,
+der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug,
+daß er nieder taumelte.
+
+In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte den
+lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten
+Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig
+zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha!
+das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu
+Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener
+Hunde, die mich fingen und in’s Wasser warfen! Sollst an mich denken,
+Hund! – Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.
+
+Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung
+Leonardus’ die Freunde aus.
+
+Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und
+drückte dem Freund bewegt die Hand.
+
+Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der
+schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er
+dann fort:
+
+Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich in
+einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und
+blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein
+verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern,
+auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß
+keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber
+dafür war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.
+
+An meinem Schmerzenslager saß der alte Diener, den ich bei Angés
+erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so
+wie ich dies zu thun versuchte, kam Blut.
+
+Nur langsam besserte sich’s mit mir; nur langsam heilten die Wunden, am
+längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich
+noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden
+mahnt und an meinen nahen – Hingang. Dieser mag kommen, wann er will,
+ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.
+
+Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte,
+kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen
+Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren
+himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen
+Thränen entquoll, der nicht enden wollte.
+
+Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von
+Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart
+besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich zu
+preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese
+Seligkeit verdankte.
+
+Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch
+folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte
+Diener, welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes
+gehört, hatte er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite
+gestoßen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend,
+erfaßte er das Kind, hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem
+Dorfe zurück. Angés war ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen
+blutigen Kampf zwischen mir und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten
+unter den entsetzlichsten Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und
+Seelenangst auf sie zugleich ein, und der Schreck warf sie machtlos
+nieder, da sie einen Moment später sehen mußte, wie Berthelmy über und
+über im Gesicht blutend, taumelte, und mich der tückische Aboncourt zu
+Boden riß. Daß der Unmensch mich auf die Brust trat, gewahrte sie schon
+nicht mehr.
+
+Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute
+vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn
+auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst
+gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite
+niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen.
+Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der
+Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen
+Städtchen herbeirief. Gensd’armen mußten die ganze Gegend nach jenen
+Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn
+leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese
+Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich nicht
+in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten wir
+uns oft und wußten es nicht zu sagen.
+
+Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy fesselte,
+war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein eigen
+sein mit Leib und Seele, aber nur – was frommte es mir, und wie lange
+hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir
+unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth
+geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in
+Furcht und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und
+fort den Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und
+nicht um mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war
+eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende
+göttliche Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt,
+ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und
+auch auf dich, mein Leonardus.
+
+Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe
+dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen
+in den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche
+ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt
+sie zu versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute
+des Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen
+und lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die
+mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die
+kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das
+Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen
+Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging
+in jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und
+schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen
+Stunden kehren nie zurück – können nicht wiederkehren; ich darf und
+werde Angés niemals wiedersehen.
+
+Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung
+und voll innigster Theilnahme Leonardus’ Erzählung an. Endlich, nach
+langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig
+den Freund: Und du verließest Angés?
+
+Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung, durch
+die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege
+befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das
+Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte.
+Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den
+Wäldern, theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu
+Tränken gepreßt Wunder an mir gethan.
+
+Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in
+glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener
+Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres
+Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der
+verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf
+Angés’ Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch
+einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe
+im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur
+Vestaflamme, die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie
+eine reine Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem
+gealterten Herzen wohlthut.
+
+Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager
+stand. Es war Angés’ Hand – ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las:
+
+ »Mein ewiggeliebter Leonardus!«
+
+»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem
+Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer
+verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene
+fordern es. – Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden
+einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter
+zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll
+dein Name sein! In Ewigkeit und für die Ewigkeit deine, nur deine
+treuverbundene
+
+ Angés.«
+
+Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste fort
+und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog,
+wußte mir Niemand Etwas zu sagen – Angés, Sophie, der alte Diener – auch
+ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt –
+wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie – alle waren fort,
+und keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein – ich hatte mein
+Weh getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand
+sprach zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in
+einer fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich
+so schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke.
+
+Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen – könnt ihr euch
+denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner.
+So niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so
+hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich
+mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und
+unfreundliche Begegnung – ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den
+ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen
+hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich
+wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es
+war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was
+konnte ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte?
+
+Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus’ Züge, und
+die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit seiner
+Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach
+Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo
+heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die
+gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden.
+
+Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch
+wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor er
+eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück
+wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen,
+von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen
+den Freunden folgen. –
+
+Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das Schleunigste
+vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die
+Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und hatten dort die
+Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend
+mit ihm heiter zu verbringen.
+
+Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war keine
+erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen, er
+sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch
+nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe
+gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland
+war für den Kranken jetzt nicht zu denken.
+
+Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes
+gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft,
+ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die
+Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja
+regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die
+Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog,
+steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt
+werden, um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem
+wieder an.
+
+
+
+
+10. Der Abschied.
+
+
+Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war
+außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre
+unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt’s, entlud. Die
+Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach
+dem Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt
+lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen
+hatte sie geöffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden
+geworfen.
+
+Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll!
+brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir
+Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein
+anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter
+Mann, ist treu wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß
+er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von
+Kaisern!
+
+Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein
+unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar
+nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen.
+
+Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich
+Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die
+Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der
+ganze Mann erkannt!
+
+Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.
+
+#A la Citoyenne Varel# am Jungfernsteig #à Hambourg, franco Amsterdam.#
+
+An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man
+Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die
+Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck
+muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten
+ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen?
+Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel!
+Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens,
+und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die
+Umschrift? Lesen Sie!
+
+#»Je suis libre!«# las die zitternde Kammerfrau.
+
+#Je suis libre!# fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die
+Livrée will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen
+Bedienten! Ich will ihm sein #»je suis libre«# anstreichen, ich, sage
+ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen
+Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Bürgerin Varel!
+Bürgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen!
+
+Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders
+Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief
+wurde mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt.
+Gleich im Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die
+alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der
+Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen
+Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine
+hohen Verwandten zu schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein
+Citoyen – wie ich eine Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe
+Windt! Vielleicht will er auch mit mir _theilen_? Ich soll nicht mit
+meinem angeborenen und angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat
+wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde
+führte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über
+die närrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein
+vernünftiges Wort, aber nicht närrisch ist diese Aufschrift – sie ist
+verrückt! Was die Herren französischen Generale über meine gräfliche
+Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder
+Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein
+Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Fürsten,
+Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den
+Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden
+wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder sich
+Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die Paduanischen
+nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie
+– ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur unter den
+Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche
+Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn
+dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!
+
+Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die
+Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie
+ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie
+von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen
+und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht
+ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle
+diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie
+bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für
+sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so
+ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den
+Freiheitsbäumen? Hat noch keinen setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt
+doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. – Durch
+diesen Gedanken versöhnlicher gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem
+zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der
+Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht
+über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfin
+von Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Holländer wurde Meldung
+gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger
+in das Kastell gebracht würden. »Ich bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den
+hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar
+unter dem Namen #le citoyen d’Autrefér# – denn Doorwerth können sie
+nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich habe so viele
+Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so viel Zeit,
+um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen
+Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins
+Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern
+unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach
+Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne
+Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne
+habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum einigen
+Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den
+Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest
+bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast
+täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das
+Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem
+Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber
+hatten ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien
+stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen
+Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«
+
+»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb krank
+ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder
+hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend
+Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend
+Mark Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung,
+noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer
+Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin
+ein sehr empfindsames Gemüth, und fühlt sich nirgend recht heimisch,
+nirgend recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt
+glücklich zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen
+Lebens ganz sicher gestellt sind.«
+
+Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es
+gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich
+schon als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es
+gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne
+unsers Calvin, aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je
+gegeben, deren Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist,
+über die das irdische Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt
+ihre Pilgerbahn vollenden. Aber sie sind selten, die auserwählt
+Glücklichen und glücklichen Auserwählten, ich und mein Haus gehören
+nicht zu ihnen! –
+
+Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und
+Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die
+Freunde Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich
+endlich vergönnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit
+seinem nicht minder biedersinnigen, doch höher gestellten Bruder, dem
+fürstlichen Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab
+er sich im Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont
+verzichtete, nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte
+lebten, wo ebenfalls heilkräftige Gesundbrunnen der Erde mütterlichem
+Schooße entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen
+kommen ließ. Selbst jetzt versäumte es sein Diensteifer nicht, die
+Nachrichten aus Holland, die er sich dorthin senden ließ, nach Hamburg
+zu schreiben, und kein Fürst Europa’s hatte einen so zuverlässigen und
+unermüdlichen Geschäftsträger, als die kleine halbsouveräne Reichsgräfin
+und Herrin von Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft
+Ausflüge in die Gegend, die wohl selbst bis Bückeburg ausgedehnt wurden,
+und die Luft der waldigen Gelände, der Anblick malerisch sich
+hinziehender schön bewachsener Hügel- und Bergketten wirkte in
+Verbindung mit dem so ganz veränderten Klima höchst vortheilhaft auf
+Alle ein, selbst Leonardus fühlte sich erleichtert und schöpfte wieder
+neue Lebenshoffnung.
+
+Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin,
+daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem
+Tage vermehre, da die Oranische Partei gegen die Batavische Republik
+aufs Neue rüste. »In Osnabrück liegen 1500 holländische Offiziere, die
+ihren Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben
+bereits,« schrieb Windt, »unter sich die Chargen vertheilt und hoffen
+auf den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias.
+Auch würde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrück kommen, und das
+Schloß daselbst ist bereits für ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen
+wir auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück
+vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur
+von Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach
+Holland zurückzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden,
+der ihm alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt
+keinem Zweifel, daß sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In
+der Gegend von Osnabrück steht ein Corps preußische Jäger, ein Regiment
+Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrück marschirt, zwei Regimenter
+Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin
+aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Engländer. Das Alles
+ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beistand zu
+Lande leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern
+Geldern und Ober-Issel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren
+Plünderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei
+Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche
+Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt
+nicht blos vollkommene Demokratie, sondern fast völlige Anarchie. Zum
+Glück wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten
+nichtsnutzen Klubs, Societäten, #Genoodschappen# und dergleichen
+gänzlich aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam für das
+allgemeine, wie für das besondere Beste wirken wird. Die würdige, weise
+und edle Frau Fürstin Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach
+Philippsthal, ihrer Heimath, um dort einen längeren Aufenthalt zu
+nehmen; ich habe derselben daher nicht Ihrer Excellenz Grüße und meinen
+unterthänigsten Respect zu Füßen legen können. Ihrer Excellenz Meinung,
+bezüglich des Verkaufes von Doorwerth, Alles auf bessere Zeiten zu
+verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich habe der Frau Gräfin
+Lynden so zugesetzt, daß sie für die dem Erbherrn geliehenen
+fünfzigtausend Gulden einstehen will; davon würde dann der erste Termin
+vollends bezahlt werden können. Für den zweiten sehe ich bei den
+gegenwärtigen so sehr mißlichen Umständen der Familie, und den
+Unglücksfällen und Widerwärtigkeiten, welche dieselben betroffen haben,
+allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa
+fünfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Gräfin
+Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so
+bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Höchstdero Füßen der alte
+Windt.«
+
+Mit Antwortschreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch Ludwig
+eine Zuschrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn später noch ungleich
+wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft hängt an
+einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und das Wohl und
+Wehe seiner Zukunft!
+
+Die alte Reichsgräfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich,
+und hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt.
+
+»Du glaubst nicht, lieber Ludwig,« schrieb die Großmutter, »wie sehr mir
+das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem Maaß
+meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig
+zusehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das
+Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu
+seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe,
+wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich möchte noch
+einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit
+Sammlung alter Münzen vertreiben, sondern ich würde der Länder und
+Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich
+dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich,
+daß deine Eigenthümlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die
+Dauer beschreiten ließ, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel
+vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung,
+Zurücksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas
+Hohes, nach dem Höchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben,
+selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe
+wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut
+nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze
+Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die
+Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den
+Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an
+den Grafen von Bernstorf, königlich dänischen Gesandten zu Berlin, nicht
+minder an den holländischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre
+Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von
+Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von
+Vogel übergeben, welcher jetzt holländischer Gesandter am englischen
+Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der
+Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem
+erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigsten
+herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum
+anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll
+Engelgüte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die
+Kronprinzessin von Preußen K. H., geborene Prinzessin von Mecklenburg
+Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche
+die Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und
+sprach ich sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu
+Sachsen-Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da
+Darmstadt sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese
+Prinzessin und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und
+Liebenswürdigkeit, und wenn du in Deutschland reisest, so versäume ja
+nicht, dich an dem preußischen, mecklenburgischen, hessischen und
+sächsischen Höfen vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir
+ohnehin verwandt, denn schon die Tochter König Christian des Sechsten
+von Dänemark, Luise, vermählte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu
+Sachsen-Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schönes Heirathsgut
+mit, und reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man
+in dem gebildeten und glücklichen Sachsenlande höher als sonst wo zu
+schätzen weiß. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines
+Namens, um dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findest einen
+sehr gebildeten, umgänglichen und menschenfreundlichen Hof; findest
+wissenschaftliche Anstalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung
+ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist
+auf alle diese Ernestiner Etwas übergegangen vom Geist und Strebesinn
+ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Fürst,
+der für die Wohlfahrt eines Landes und Volkes Alles that, und für
+Wissenschaften und Künste mit Aufopferung thätig war.«
+
+Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kronprinzessin
+von Preußen und las:
+
+ »Madame!
+
+Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie
+mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre kostbarsten Interessen
+legten. Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an
+meinen Gemahl zu schreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun
+wird, um Ihnen zu dienen. Gebe der Himmel, daß diese Angelegenheit nach
+Ihren Wünschen gelinge. Wenn er meine Wünsche zu erhören geruht, so wird
+Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr
+aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu
+haben. Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
+
+ Ihre ergebene Dienerin
+ Luise.«[13]
+
+ [Fußnote 13: Die Urschrift dieses Briefes ist französisch.]
+
+Diese Zeilen einer reizendschönen, edelgesinnten und über alle Worte
+herrlichen jungen Fürstin, welche von Gott berufen war, dereinst der
+angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen
+deutschen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt
+dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand.
+
+Die Großmutter schrieb noch: »Du findest in diesen Sächsischen
+Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemäldesammlungen,
+Münzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du
+doch nach Thüringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu
+Rathe ziehen willst, ja nicht zu versäumen, den Weimarischen Hof zu
+besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das
+Beisammenleben strebender Geister in der schönen Literatur dich auf, und
+du gefällst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine
+Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen
+Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann
+gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du
+wirst, von mir empfohlen, dich überall gut aufgenommen und
+ausgezeichnet sehen. Versäume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht
+eines dieser kleinen Herzogthümer dich einst dauernd fesselt, und es
+steht dieser mein Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei
+unserm Scheiden gab, auch – wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in
+Einsamkeit dein Glück zu finden – denn du kannst dort ganz nach deinem
+Gefallen leben und bist, wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hältst,
+von deinem Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.«
+
+Ja, ja – das wäre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein
+Asyl – ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angés. – Ich will der
+Großmutter Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte sehen, aber
+Leonardus – wird er mit können? Und Angés? Wird sie mit wollen? Und wo,
+ach wo sie finden, da sie sich selbst dem heißgeliebten Jugendfreund in
+züchtiger Strenge entzogen hat? – Diese Betrachtungen unterbrach
+Leonardus, welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem
+letzten Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende –
+wir scheiden!
+
+Was fällt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und stützte den
+auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und
+dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt!
+
+Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! sprach Leonardus. Ich
+fühle, daß ich sterben muß, nichts weiter – und mir ist, wie einem eben
+ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder – ich habe keine Stunde
+mehr zu leben – die Besserung war nur ein trügender Schein. Nun – mein
+Haus ist bestellt – diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam
+gerichtlich bezeugen lassen. Was ich besitze, – ist Alles dein –
+geknüpft an meine letzte Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet
+findest, für den Fall, daß mir nicht vergönnt gewesen wäre, sie noch
+mündlich an dein Herz zu legen. In mir stirbt Leonardus Cornelius van
+der Valck aus Amsterdam – in dir lebt Leonardus Cornelius van der Valck
+aus Amsterdam fort – mindestens so lange noch, als meine gute Mutter am
+Leben bleibt – ihr _darf_, ihr _soll_ der Sohn nicht sterben! Du
+schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch bei dir wäre, du
+empfängst und beantwortest in meinem Namen alle an mich eingehenden
+Briefe; ich habe das so testamentarisch geordnet, die Gleichheit
+unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so mögen dann
+meine nächsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel dessen eben noch
+vorhanden sein wird. Außerdem aber bleibt Alles _deinen_ Erben ohne jede
+beschränkende Klausel. – Ich sterbe für Angés – siehst du sie, so sage
+ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre sie je in Noth, und diese käme zu
+deiner Kenntniß – dann brauche ich wohl nicht erst eine Bitte
+auszusprechen – dein eigenes Herz – wird – o Gott – ich kann nicht mehr
+– meine Brust – zerspringt! –
+
+Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang den
+Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte.
+Sprich, was kann ich für dich thun?
+
+Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der
+sterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres
+Herz sich an das meine anschloß! Es war ein schöner, nur zu kurzer
+Lebenstraum – wir hätten wohl länger mit einander gehen sollen – das
+Schicksal – o Gott!
+
+Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer sich. Ich sah
+noch Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund – meinen
+Bruder dahin gehen sehen?
+
+Windt, der Arzt und Philipp stürzten in das Zimmer – Hülfe ward
+versucht, der Arzt fühlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen
+Wink bedeutete er der Umgebung, daß hier seine Hülfe zu spät sei. Schon
+umflorte der Tod die brechenden Augen – Leonardus tastete nach der Hand
+des Freundes und lallte mit gedämpfter Stimme: Ludwig – dunkel – Gute
+Nacht!
+
+Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden.
+
+O Angés!
+
+Dies war sein letzter Hauch.
+
+Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig’s Leben. Er stand stumm,
+vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp
+weinte.
+
+Windt’s klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkräftig,
+entschieden handelnd.
+
+Auf dem Schriftenpaket stand unter der Aufschrift: an Graf Ludwig, die
+Weisung: _»Sogleich_ nach meinem Tode zu eröffnen!« Ludwig wollte dies
+nicht thun, sein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches
+Gefühl.
+
+Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur,
+ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist
+Gesetz. Ich habe alle Ursache, zu glauben, daß der verklärte Freund
+Wichtiges für den Fall seines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu
+öffnen.
+
+Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: »Da ich für meine Mutter
+fortleben will, so muß eine Täuschung Statt finden, die Niemand schadet.
+Ein Paß liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich
+auf Reisen bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein
+Todtenregister geschrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valck
+aus Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn
+ein solches Blatt, eine solche Kunde würde leicht nach Amsterdam
+gelangen. Ich wünsche in der Stille, in früher Morgenstunde begraben zu
+werden, ohne alles Gepränge, wünsche weder Kreuz noch Stein mit einer
+Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines
+letzten Wunsches zur ersten Pflicht.«
+
+Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun
+kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den
+Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber
+überlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nöthigen.
+
+Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der
+Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte
+hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen
+dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder
+lebend in dieses Zimmer eintreten werde.
+
+Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu sehen,
+doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl,
+durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit
+dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen
+der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt.
+Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein
+fremder Badegast gestorben war. Da Leonardus nur den Freunden gelebt
+und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer Name
+nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller Rechtsform
+aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer Sprache,
+welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als
+Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung
+überflüssig.
+
+In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus
+eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp
+fragte: Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort.
+
+In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim Ordnen
+von des Freundes nachgelassenen Papieren.
+
+Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden
+sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen
+und in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden
+Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der
+besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend
+holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als
+Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp
+empfing als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich
+ferner eine kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die
+Leonardus die Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu
+unschätzbar war. Von dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte,
+lagen Uebersichten vor, es ergab dasselbe eine Jahresrente von
+fünftausend Gulden; diese hatte Leonardus dadurch erworben, daß er sein
+einst zu erhoffendes Muttererbe an seine Verwandten mit Zustimmung
+seiner Mutter käuflich abgetreten hatte – um nach ihrem Tode, falls er
+denselben erlebte, aller Geschäfte dort überhoben zu sein. Von dem Tode
+der Frau van der Valck an aber vermehrte sich dieser Rentenbezug um
+abermals fünftausend Gulden.
+
+Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen geeignet
+anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von Leonardus
+Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und der ganzen
+Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts!
+Die fünfzigtausend Gulden, darüber wir Quittung in Händen haben,
+gehören jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen, dann will
+ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem aber auf
+keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach Hamburg
+zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja doch
+der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende
+Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige
+sind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann!
+
+Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit
+Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel
+meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes
+selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte
+haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am
+letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein
+Güterbesitzer davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als
+Gratification in die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das
+gemahnt mich gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute
+das Wort Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare
+geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre
+Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit
+Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und
+schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre
+eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein
+Wasserschloß besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen
+nicht. Ich werde nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde
+reisen, schlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés
+suchen! Ich will, wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie
+theilt gewiß mit mir die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber,
+Windt, wir beide wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir
+wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie
+vorgeht, besonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und
+vergessen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir
+in allen Verhältnissen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben.
+
+
+
+
+11. Erlebnisse.
+
+
+Ludwig leistete dem Rathe der Großmutter Folge; von seinem treuen Diener
+begleitet, mit guten Pässen versehen und mit allen Mitteln ausgestattet,
+war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen. Seine edle
+gewinnende Persönlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der
+Aufmerksamkeit. Er verhüllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich
+zu offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er
+suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing
+noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Häufig, ja fast
+immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des
+Verstorbenen; der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es
+war ja gleichviel, wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die
+Spuren eines stillen Leidens, ließen ihn ohnehin älter erscheinen, als
+er wirklich war. Graf Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte
+überall ein offenes Auge für die Reize der Natur, die Beschaffenheit und
+Ergiebigkeit des Bodens, für den Stand der Kultur in den verschiedenen
+deutschen Ländern, für die Sammlungen der Künste und Wissenschaften, und
+fühlte sich angezogen vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst
+galt entweder für einen Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes
+völlig fehlerfrei sich ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch
+den längeren Aufenthalt in den Niederlanden allerdings manche
+Eigenthümlichkeit dieser Nation an ihm haften geblieben war, und um so
+lieber gab er sich für einen solchen aus, wenn er als Leonardus
+Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner Weise, sich schriftlich
+auszudrücken, so schön er auch Deutsch zu schreiben verstand, floß
+bisweilen eine niederländische Redeform mit ein.
+
+Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen Reisen
+dadurch, daß sich die Leute weit mehr darüber die Köpfe zerbrachen, wer
+und woher der Diener eigentlich sei, als woher der Herr stamme. Wenn
+Philipp zu seiner Erholung Abends in bürgerliche Bier- und
+Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen
+seinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden sei, für
+wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft
+genug schildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei,
+absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm- und
+Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer sein
+Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein
+Kaufmann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, daß
+sie ihm das gleich angesehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, sein
+Herr sei ein Graf, dann hieß es ebenso bestimmt, man sähe ihm den Grafen
+auf hundert Schritte an.
+
+Diese oft sehr aufdringliche und lästig werdende Neugier der guten
+Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste
+Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die
+so häufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu
+ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und
+einem besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten.
+
+So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe,
+überall räthselhaft schnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er
+vorwies; man zog ihn zu den fürstlichen Tafeln, erzeigte ihm
+Aufmerksamkeiten, unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten
+Modesprache der Höfe; aber da er nirgend lange verweilte, so ging seine
+Erscheinung gleich andern flüchtig vorüber und wurde schnell wieder
+vergessen. Er aber gewann für sein ganzes späteres Leben den Vortheil,
+manchen großen und berühmten Mann persönlich kennen gelernt zu haben,
+auch Einblicke gethan zu haben in manches Verhältniß, das glänzende
+Außenseiten zeigte und innerlich morsch und zerrüttet war. Häufig trat
+dem Reisenden offen und unverhüllt die Selbstsucht der Menschen
+entgegen, der gelehrte Dünkel, die Schriftsteller-Eitelkeit, der
+Künstler-Stolz, stets mit einem guten Theil Anmaßung und Rechthaberei
+gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht in ihrer ganzen
+Widerwärtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen möglichen
+Larven.
+
+Nirgends ließ sich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie
+sehr man auch bemüht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien
+wohl des Besitzens werth zu sein. Jugend, Schönheit, Reichthum, Adel,
+Verstand und Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles
+Gemüth, für ein sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise
+Melancholie in seinen Mienen, sprachen auch die Züge eines ganz
+besonders in seinem Charakter hervortretenden Wohlthätigkeitssinnes, der
+aber sorgsam sich und seine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu
+Tage kam, wer der gewesen, der manche Thränen der Noth und verschämter
+Armuth getrocknet, und die Beglückten ihm danken wollten, dann war er
+gewöhnlich schon abgereist.
+
+Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war
+entzückt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets
+leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß zu Kniphausen
+bewohnte, und oft die Besuche der Großmutter ihres immer noch gefangen
+gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing.
+
+»In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: »habe ich an den Doctoren Starke
+und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost
+gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz außer
+Sorgen sein, ich solle wo möglich guten starken Wein trinken, und kein
+Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache.
+Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die
+Studenten, die dessen bis zum Uebermaß in sich hineingießen und eine
+Bravheit darin erblicken, sich durch Unmäßigkeit die Gesundheit zu
+untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und
+Professor Schiller kennen gelernt, den berühmten Dichter, dessen erste
+Stücke Ihnen, geliebteste Großmutter, damals äußerst mißfallen haben. Er
+ist ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hält
+sich sehr zurückgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten
+weiter gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die
+Region des Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle
+Ansprüche. Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine
+wahrhaft hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburg und
+Ihres wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann,
+Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern,
+damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben könne. Sie
+glauben nicht, geliebteste Großmutter, wie armselig in diesen Ländern
+die Gelehrten bezahlt werden; während manche Professuren und andere
+Stellen häufig als Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit
+permanente Hungercuren und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu
+sagen pflegt, zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.«
+
+»Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht: _Wallenstein_,
+zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen wird.«
+
+»Ich war auch in Weimar, und bin dort mit großer Güte und
+Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach Ihrem
+Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr und
+mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle Ansehen
+Sie, theuerste Großmutter, in ganz Deutschland genießen. Sie hatten
+vollkommen Recht, als Sie mir sagten, daß man in diesen sächsischen
+Staaten die Wissenschaften höher schätze, als irgend wo anders. Bei
+äußerlich ziemlich beschränkten Mitteln geschieht für dieselben das
+Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um sich sehen, daher
+entspringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieselben Alle
+nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich
+unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin
+über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte
+und bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der
+Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs – sonst in
+meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht,
+Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht
+angesteckt von der klein- und spießbürgerlichen Klatschsucht, die sich
+darin gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus
+dem Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte solches Thun geradezu
+für eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu
+sagen, daß der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialität, seine
+Mutter eine Fürstin von der anerkennenswerthesten Hoheit der Gesinnung,
+und seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswürdigkeit und
+Herzensgüte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Großmutter, mir diese
+Personen schon früher geschildert haben.«
+
+»Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so
+sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg,
+aufwartete; dieser ist ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der
+für das Wohl seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemüht ist, und der
+mir die größte Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken
+abnöthigte. Am Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den
+trefflichen Sohn einer ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin
+Luise Dorothea, geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich
+Ihnen, geliebteste Großmutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen
+und Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im
+Briefwechsel stand. Der Herzog ist ein sehr gelehrter Herr, so wie ein
+Freund und Beschützer der Gelehrten, er erweist den französischen
+Emigranten viele Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mußte
+mir das herzogliche Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünschte lebhaft
+meine beste Großmutter zu mir, um diesen für Sie gewiß sehr anziehenden
+Genuß zu theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit
+besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin
+verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das
+theuerste Buch der Welt, die berühmte Handschrift des Jacob von Strada
+über die orientalischen Münzen in 31 Folio-Bänden, mit 9000 Abbildungen,
+deren jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet
+hat.«
+
+»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses
+bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog
+Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen
+nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und
+Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer
+Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust,
+diese auf seinen Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen
+Kunstsammlungen wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem
+Wort, Herzog Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch
+einer Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverständniß
+lebt, ist für Gotha ganz das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der
+Wissenschaften und Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.«
+
+»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen
+Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle
+diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die
+vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen
+gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der
+Herzog, ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
+
+»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende
+Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus
+Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande
+und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit unendlicher
+Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig
+lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als
+einen kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels
+verwendete Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines
+Thorschreibers.«
+
+»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von
+Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch
+verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber
+er ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern
+mittheilsam über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet,
+daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte;
+dagegen ist die Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche
+Erscheinung; sie singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt
+in jeder Osterwoche in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen
+Kreise ihrer Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu
+ertragen; durch frühere üble Wirthschaft ist das Land in große
+Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter
+und ein Sohn starben bald nach der Geburt, doch versprechen die leben
+gebliebenen Prinzen und Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind
+schöne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des
+Hofes sind die gewöhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd
+auf nahen Jagd- und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen,
+Eishausen und Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein
+stattlicher spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und
+weit das Land überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen
+erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und
+es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des
+Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise,
+geborene Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des
+hiesigen Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach
+Coburg führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie
+geschaffen für die Einsamkeit der Weltüberwinder.«
+
+»Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Ländchens in der
+Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich
+nahen. Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie
+Kanibalen und ärger als die so übel verschrieenen Kroaten im
+dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines
+herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit
+dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus
+Herzog zu Sachsen-Hildburghausen, schon einige Feldzüge des Prinzen
+mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich
+vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande
+abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und
+Republikanern verhandeln muß, und hier sich Alles schrecklich vor beiden
+fürchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persönlichem
+Muth einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Räthe
+wird ebenfalls schwerlich große Heldenthaten verrichten.«
+
+Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen.
+Schon in Heldburg hörten sie von Bürgern und Landleuten, die neugierig
+auf die Höhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich
+hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es
+brenne, und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General
+Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt
+werde. Rasch galoppirten die Reiter den sandigen Weg zur Höhe hinan,
+und der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkischen,
+sonst so friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich
+unter ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden
+sollten, in denen sich die Söhne eines und desselben Landes, im blutigen
+Streite zwischen Königthum und Republik, zerfleischen wollten. Große
+Heereszüge schwenkten durch die sanftgehügelten Ebenen, dort blitzten
+Flinten und Bajonette, dort Helme und Cürasse im Sonnenglanze; dort
+zogen in endloser Reihe Rüst- und Pulverwagen und Geschütze heran, dort
+schlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den
+Thürmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in
+diesem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom
+nahen Marktflecken Hellingen scholl wüstes Geschrei und Gebrüll des
+Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher
+nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und
+außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen
+Scheußlichkeit, die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte.
+
+Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig’s Begleiter, ein wackerer und sonst
+unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gräuel. – Was
+meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig die
+Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein stürzen?
+
+Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte
+bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend,
+fragte er: Wie steht’s, willst Du mit, Philipp?
+
+Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erst fragen,
+gnädiger Herr!
+
+Und Sie, Herr Grimm? –
+
+Das ist mir nur ein Spaß! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen
+Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf
+erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich
+königlicher Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die
+Reißaus-Armee, die er zu befehligen hatte, seine »sechzigtausend
+Läufer«, wie der alte Fritz sagte.
+
+Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem
+Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom
+General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief für
+das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach.
+
+Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort
+durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide,
+das noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die
+eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der
+Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus
+diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde
+mit Kolben gestoßen, geschlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten
+bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem
+fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern an
+den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den schändlichsten Muthwillen
+gegen Mütter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf den
+Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Häusern
+wurde Alles geraubt, zerstört, verwüstet, aus den Fenstern schüttelte
+man die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte
+der rasende Feind die Fässer voll Frankenweines und ließ, was er nicht
+trank, auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und
+den Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall
+einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine
+Begleiter das unermeßliche Elend nur in diesem einen Dorfe, und doch
+ging es so in jedem, das die Heersäulen der Franzosen auf ihrem Zuge
+berührten.
+
+Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig herrisch
+einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstieß.
+
+Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten,
+die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der
+Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räucheriger, architectonisch
+mit Schnitzwerk und krummen, verschränkten Kreuzbogen gezierter Bau war,
+gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schöner Neubau vollendete
+Kirche seltsam abstach.
+
+Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur
+liegenden Küche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag
+ganz voll von Geflügel aller Art: Gänse, Enten, Tauben, Rebhühner, denen
+allen die Köpfe fehlten. Ein Koch war beschäftigt, zu sieden und zu
+braten, Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das
+ganze Haus füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militärisch grüßte
+und die Frage an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung
+nicht sprechen könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus
+dem Hause, ein Mann von Mittelgröße und martialischem Aussehen; ihm auf
+dem Fuße folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem
+Bau, dabei von vollendeter Formschöne und nicht unfreundlichen Zügen;
+hinter diesen schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von
+vielleicht fünfzig bis sechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge.
+Ludwig und der Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein
+Bürgergeneral! begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf
+ich bitten, mir einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu sagen, mit
+wem ich die Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein
+Abgeordneter des Herzogs von diesem Lande.
+
+Ich bin General d’Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein
+General-Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David.
+Womit können wir dienen?
+
+Bürger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der
+Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses
+Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, daß er die
+dem Gesammthause Sachsen zugestandene Neutralität auch gegen das Haus
+Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese
+Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein
+Neutralitätsvertrag nicht vollständig zu Stande kommt, soll dem
+herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die
+Feindseligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht
+geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen,
+Bürger-General, in diesem friedlichen und neutralen Lande!
+
+D’Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan eigenhändig
+unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Hand darauf und
+entgegnete, indem er es zurückgab: Was wissen wir vom Geschmier der
+Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei!
+
+Der Herr General erlauben gnädigst – nahm jetzt auch der herzogliche
+Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch
+vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl
+ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlängst in einem
+Nachbarort französische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt
+haben, daß die Sächsische Neutralität beim ganzen Heere respectirt
+werden und jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll.
+
+Nun denn! wandte sich d’Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen wir
+die Neutralität respectiren, so viel sich thun läßt. Gib sogleich
+Befehl, Bürger David, und allen Bürger Kapitäns sei es gesagt, es soll
+sich Keiner unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu
+rauben oder auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner!
+
+Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen
+Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drängte sich an
+seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüsterte: Um
+Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstören uns die ganze Orgel!
+
+Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte,
+trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstören
+unsere schöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie!
+
+Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er in
+der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte
+mit raschen Schritten dem Schulmeister, der ihm voran in die neue Kirche
+eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und
+theilte auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstörenden
+Soldaten so viele und schwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut
+aufschrieen und schwuren, in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren.
+
+Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David
+und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine
+Viertelstunde, so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle
+nachrückenden Truppen mußten sofort ohne Rast hindurchziehen, aus der
+Kirche kam d’Hautpoule sehr erheitert zurück und sprach zu Ludwig und
+dem Beamten: Nichts wirkt schneller und heftiger, wie Prügel. Diese
+Sprache verstehen die Hallunken aller Völker, Prügel sind die wahre
+Weltsprache, und die Gelehrten werden sich vergebens die Köpfe
+zerbrechen, um eine bessere zu erfinden.
+
+Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof zurück;
+das Geschrei der Einwohner verhallte allmählig. Mortier, so riesenhaft
+seine Leibesgröße war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut seines
+Gesichts und seiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem Grafen, dem
+Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und versicherte allen, er meine es
+gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten.
+
+Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte
+stand, welche mit Wein gefüllt war. D’Hautpoule war sehr artig gegen den
+Besuch aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil
+zu nehmen, fuhr mit bereitstehenden Biergläsern eigenhändig in die
+Bütte, füllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gästen und dem Pfarrer
+dar und rief lustig und froh gelaunt. #A votre santé et bonheur!# Alle
+andere Offiziere, soviel die Stube faßte, drängten sich herzu, schöpften
+ebenfalls und tranken; man setzte sich auf hölzerne Stühle, der General
+saß auf einem dreibeinigen Schemel, Mortier und David hatten die
+Ofenbank besetzt. Der Koch brachte mächtige Bratenstücke herein, der
+Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch Messer und Gabeln waren
+vorhanden, man aß aus der Hand, nur der General schnitt sein Fleisch mit
+einem Schnappbastelmesser. Die Bütte Wein war bald geleert, eine zweite
+wurde aus dem Keller herauf geschafft, dann erfolgte ein rascher
+Aufbruch, ein kurzes Adieu.
+
+Ein Wehe war dahin, wie geschrieben steht in der Offenbarung, »aber
+siehe, es kommen noch zwei Wehe.« Dem Volke d’Hautpoule’s folgte die
+Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General
+richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig
+entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieses Landstrichs,
+auf Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der
+Divisionsgeneral Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach
+dem Schlosse begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde, 25,000
+Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um
+den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier
+in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte,
+litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und
+zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort
+beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber
+wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen
+Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende
+schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in
+seinen Tornister.
+
+Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten
+Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde
+wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie
+Teufel.
+
+
+
+
+12. Das Wiedersehen.
+
+
+Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage
+nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu
+leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten
+Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der berühmte
+Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise
+wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie
+nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem
+Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten
+litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach
+Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken Flügel befehligte, und
+dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so
+wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach
+angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus,
+keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche
+die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.
+
+Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von Hildburghausen
+aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen Bemühen es so
+eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode, womit ein
+Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntniß der Sprache zu
+befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles Schreckliche, was
+er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin kamen, daß
+die französischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den Main herauf
+bis Haßfurt gerückt seien, wo sie brandschatzten und plünderten,
+zitterte das arme Städtchen bereits. Die ersten Truppen waren
+kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister
+von Wartensleben’schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait
+und Beaulieu, und überschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes
+Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen,
+Tiroler Scharfschützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour,
+Royal Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale
+suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und
+Oberst von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das
+kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen über den Main,
+kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen begannen.
+Alles wurde durchsucht, durchwühlt nach verborgenen oder vergrabenen
+Schätzen; mit dem Waizen der jüngsten Ernte wurden die Pferde gefüttert;
+die Gegend von Königsberg hat schönen Weinbau; man schlug die Zapfen aus
+den Fässern und ließ den Wein in die Keller laufen, das gemahlene
+Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe geschüttet, kurz,
+jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult, Laval und
+Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf Silber zu
+speisen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen Städtchen
+nicht Silber und Servietten genug besaß; am Schlimmsten erging es auf
+den Dörfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wäsche,
+Stiefeln, Schinken, Würste die willkommenste Beute.
+
+General Lefebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern
+zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die
+schwierige Sachlage überschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten
+könne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Koloß dieser
+Heereszüge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen
+Schutzbrief für das Land Hildburghausen, namentlich für die Residenz,
+und nächst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren
+und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo
+es nöthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in
+Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die
+französischen Armeen völlig diese Gegend verlassen haben würden.
+
+So eigenthümlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher Ludwig
+dieselbe vorbrachte, seine rührenden, menschlich schönen Beweggründe,
+die Mittheilung besonders, daß in demselben Lande, für welches jetzt
+Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine Anzahl
+gefangener französischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren, vom
+Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worüber der
+Hildburghäuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte schriftliche
+Dankesbescheinigung bei sich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die
+Erfüllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur
+Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch sollten keine
+Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die
+Etappenstraßen nicht verlassen.
+
+Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig nahm
+mit seinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das coburgische
+Städtchen Rodach. Er sorgte dafür, daß die zehn Mann Bedeckung sich
+häufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser Leute Zuneigung.
+Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und kürzten den Weg durch
+heitere Gespräche und muntere vaterländische Chansons.
+
+Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem
+eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und
+hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstraße
+liegt, die vom deutschen Süden nach dem deutschen Norden führt. Der
+Beamte war müde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube
+niedergelassen; Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längst gute
+Kameradschaft mit einander gemacht, und saßen beim Bierkrug gemüthlich
+beisammen, während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie
+jene der Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele
+Dorfjungen vor dem Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu
+sehen, die zum Theil vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein
+tranken. Ludwig ging in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken
+schweiften weit in die Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen,
+nach der Großmutter, nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach
+Paris, Amsterdam, dem Haag, nach London, nach Castle Chatsworth.
+
+Wenn sie Zauberspiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu
+sich selbst: und sähen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in
+dieser eigenthümlichen Umgebung, an der Landstraße, dort drüben das
+große, schöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der französischen
+Republik umgeben, sie würden sich wundern, würden fragen: Was soll das
+bedeuten? Wo ist er, und wie kommt er dorthin?
+
+Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft,
+das Obst an den Bäumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem
+traulichen Gemurmel wälzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur.
+Welche Gegensätze, hier diese schöne ländliche Stille, und nur wenige
+Stunden jenseits der südlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges,
+Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere
+geschlagen, zersprengt, flüchtig und von der Hand der Vergeltung alle
+strenge Züchtigung empfangend für das Unglück, womit sie die Länder
+heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten!
+
+Von der Ferne, aus der schönen Allee, die von Eishausen nach dem nahen
+Dorfe Adelhausen führt, schallten Posthornklänge, es schien eine
+Extrapost zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt.
+Die Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen
+im Chor ein französisches Liedchen:
+
+ #Zon, ma Lisette,
+ Zon, ma Lison!
+ Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon. :|:
+ Pour combler mon amour
+ Faisons sur ma couchette
+ Ce que la nuit le jour
+ Chacun fait en cachette.
+ Zon, ma Lisette,
+ Zon, ma Lison,
+ Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:#
+
+Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hörten sie
+den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten
+Gassenhauer! sprach Ludwig.
+
+Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte
+Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein
+Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit
+ängstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht
+halten! Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! – Ein Lakai auf dem
+Bock wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile.
+
+Ludwig blickte, während der Postillon mit Unmuth an den Zügeln riß, um
+die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das
+schöne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen,
+ganz gewiß, neben ihm saß eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein
+junges bildschönes Mädchen, und dieses Mädchen rief mit heller Stimme:
+»#Oh mon Dieu! mon Dieu!# Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell
+Doorwerth.«
+
+Maßloses Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen heraus
+schrie jetzt ein bärtiger Sergeant: #Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon! un
+Prince de Condé!# und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft
+zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im
+gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Höhe hinan, die dicht
+hinter Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es
+war kein Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als
+Freund des Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte,
+derselbe, der, wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind
+besucht hatte, während Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von
+Großbritannien und Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit
+machte. Das Kind, das Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen
+Augenblick gesehen, dessen süße und liebliche Stimme sein Ohr so eben
+berührt, es war Sophie gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche
+Sophie, Angé’s theuere Schutzbefohlene! – Noch hatte Graf Ludwig alle
+diese Vorstellungen kaum ausgedacht, so fuhr eine zweite
+Extrapostkutsche heran, neben dem Kutscher saß ein Kammermädchen; aus
+dem Schlage wehte ein grüner Schleier, ein Blick auf die im Wagen
+sitzende Dame und Ludwig schrie Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd!
+
+Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb
+stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig
+vorüber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den
+Schleier zurück schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O
+Angés! – Aber der Postillon, im Wahne, daß seinen Reisenden Gefahr
+drohe, denn die Dame war nicht allein, es saß noch ein ältlicher Mann im
+Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten
+Wagen nach.
+
+Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend auf
+und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem
+Glauben bestärkte, daß er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die
+Pferde zur Höhe hinan, daß sie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte
+der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher mit
+einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte,
+der Postillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den
+Schlag, und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Bist du es
+wirklich?
+
+Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! – Und du? – Wie
+treffen wir uns hier?
+
+Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angés? Woher?
+Wohin?
+
+Weit – weit fort! mein lieber Freund! Es ist keine Sicherheit mehr in
+Deutschland! Wir sind verscheucht aus jedem Asyle. Die Prinzessin
+flieht, ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Diensten Seiner
+königlichen Hoheit des Prinzen.
+
+So sehe ich dich, nur um dich abermals zu verlieren, Angés? rief der
+Graf erschüttert aus.
+
+Es ist so des Schicksals Wille! seufzte Angés und Thränen entströmten
+ihren Augen.
+
+Warum entzogst du dich unserm treuen Leonardus? fragte er sie nach einer
+Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone.
+
+O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht
+anders, ich mußte so handeln! Sprich Freund, – wo ist er? Siehst du ihn
+wieder? Erzählte er dir von mir? Gewiß, das that er, sonst könntest du
+mich nicht so fragen!
+
+Ludwig schwieg betreten – er fand nicht alsbald die Antwort; erst nach
+einer Pause erwiderte er: Angés, ich muß dich ruhiger sprechen. Ich kann
+unmöglich so mich mittheilen. Wird die Herrschaft nicht Rast machen?
+
+Nur so lange, als auf der nächsten Station umgespannt wird, war ihre
+Antwort.
+
+Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angés erschrak, sie wähnte, es sei ein
+Verfolger. Ludwig beruhigte sie, gebot seinem Diener zurückzureiten und
+dem Beamten zu sagen, er möge mit der Schutzmannschaft nachkommen.
+Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angés saß, aus den Augen
+zu verlieren, aber welche mächtige Gefühle durchwogten kämpfend seine
+Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, sie verließ wahrscheinlich
+Deutschland, weshalb that sie das? O, sie liebt nicht heiß, nicht
+wahrhaft! sagte Ludwig sich selbst. Was kann sie zwingen, ihre Freiheit
+hinzuopfern? Wie in aller Welt vermag sie das über sich? Ach, und wie
+schön ist sie noch! Wie himmlisch, wie rührend schön!
+
+Ich reise in Deutschland, erzählte Ludwig flüchtig im Nebenherreiten, –
+komme über jene Höhen da droben, war bei der Armee – o Angés, ich hatte
+mir vorgenommen, demnächst nach Süddeutschland zu gehen und unablässig
+nach dir zu suchen.
+
+Angés erglühte, ihre Lage war peinlich, sie konnte nicht frei ihrem
+Gefühle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angestrengte
+rastlose Reise sehr angriff, machte ein grämliches Gesicht, sie ließ
+also Ludwig sprechen und antwortete fast nur durch Zeichen und
+Lächeln. –
+
+Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus
+einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte sich auf
+einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der
+Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug
+durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künste, Wahrsagen, Betteln
+und am Liebsten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der
+verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die
+braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die
+deutschen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich,
+damit auch der höhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm
+gekleidete herzogliche Rath, der stattliche und gravitätische Grimm, der
+seinen Zopf ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz
+Joseph Hollandinus den seinen getragen hatte – das Alles hätte einem
+Maler mannichfachen Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher
+Gruppirung geboten. Kammerdiener Grimm, der wohl schon häufiger mit
+Zigeunern verkehrt haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun,
+du schwarze Hexe! Willst du mir nicht prophezeien?
+
+Gern, mein allerschönster Herr! entgegnete die Alte – lasse mich nur in
+deine große und gewiß sehr freigebige Hand blicken. – Alles drängte
+näher heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im
+Dorfe zerstreuen.
+
+Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch
+im Felde gewesen, da steht’s, bist an manchem Galgen vorbei geritten,
+hast viel geliebt, alter Junge – bist dem Weibsvolke noch immer nicht
+gram! Ach, und diese Länge! Diese Länge! Mann, du hast eine Lebenslinie,
+die ja fast schnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab’ Acht! Die
+Natur hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel
+erleben! Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du später nicht mehr
+dienen! Sie werden dich und du wirst sie verlassen – wirst aber gute und
+geruhige Tage haben, wirst steinalt werden.
+
+Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll,
+dann würde ich am Ende auch so eine Schönheit wie du werden, so eine
+Vogelscheuche und Nachteule!
+
+Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die
+Alte.
+
+Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was
+Gescheidtes! rief Grimm.
+
+Mit raschem Griff erfaßte er eine frische junge Frau, die er zu kennen
+schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstände in den Kreis der
+Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf!
+Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde sich freuen – wer
+weiß, ob dieses alte Teufelsgehänge da nicht deines Mannes Großmutter
+ist? Ist auch so vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie diese da, –
+kein Mensch weiß, wo er eigentlich her ist – doch will er ja aus dem
+Zigeunerlande Böhmen sein, aus Hirschberg. – Wir sind nicht aus Böhmen,
+Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt,
+das Wort: Wir stammen aus Aegypten!
+
+Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief
+Grimm. Ich will’s euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo
+ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehüpft! Nun geschwind,
+geschwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland
+Jungfrau Grätzer – ach, es war das schönste Mädel weit und breit! Laß
+dir wahrsagen!
+
+Mit großem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand,
+und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei durchzumachen
+haben, schönes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink auf deinen
+Füßen sein! Wirst in einem großen Hause wohnen, aber das Haus wird nicht
+dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand kennt, der kann
+dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer treu sein – treu
+wie Gold und mußt noch eine große Kunst lernen, die wenig Weiber können,
+ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind!
+
+Und welche Kunst denn? fragte schüchtern die junge Frau.
+
+Ja, umsonst ist der Tod, mein liebstes Herzchen! entgegnete die Alte.
+
+Hier hast du etwas, alte Wetterhexe! rief Kammerdiener Grimm. Aber mach
+es kurz!
+
+Die Alte richtete sich hoch auf, überflog mit einem flammenden Blick den
+ganzen Kreis, der sie umgab, und sagte dann mit tiefem und
+bedeutungsvollen Ausdruck:
+
+ Schweig und leid’ –
+ Es kommt die Zeit,
+ Da schweigen macht Leides queit! –
+
+Der Wagen und der denselben begleitende Reiter hatten jetzt den Endpunkt
+der Höhe erreicht, die sich auf dieser Seite steilab zum Wiesenthale der
+Werra niedersenkte, im goldenen Reize des Sommerabends breitete sich zu
+Füßen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779 neu erstandene
+herzogliche Residenzstadt Hildburghausen mit regelmäßig und schön
+gebauten Häusern und neuen Ziegeldächern aus, an ihrer südlichen Seite
+das große, stattliche Residenzschloß, vor dem ein Wasserspiegel wie
+Silber erglänzte. Das kleine Thalflüßchen, die Werra, die sich durch die
+breiten Wiesenflächen schlängelt, erhöhte noch den Reiz der Landschaft.
+
+Bald war die Stadt erreicht und Angés sah mit Sorgen dem Augenblick
+entgegen, wo sie Angesichts der Prinzessin, an welche sie ihr Leben
+gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich sprechen sollte. Sie
+bat daher Ludwig, noch ehe die ersten Häuser erreicht waren,
+vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen.
+
+Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt sein Pferd an. Zum
+alten Jacques sagte Angés: Dieser Herr ist mir ein sehr werther Freund,
+und ist zugleich der innigste Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den
+Sie so treulich pflegten!
+
+Der alte Jacques antwortete Angés gar nicht, er schlief. Ludwig war sehr
+verstimmt; Angés’ Furchtsamkeit und ihre große Rücksicht auf jene
+Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als heimathlose
+Flüchtlinge, verletzte sein Gefühl, trat seinem Ehrgeiz, seinem
+Selbstbewußtsein, trat vor Allem einer sich selbst nie vollkommen
+eingestandenen zärtlichen Neigung feindlich entgegen, und er überlegte
+wirklich einen Augenblick, ob er Angés während des gewiß nur sehr kurzen
+Aufenthaltes noch einmal sprechen, oder sie ohne Wiedersehen dahin
+ziehen lassen solle, wohin das stärkere Band sie zog?
+
+Aber nur einen Augenblick schwankte er so. Ein zärtliches Herz sucht und
+findet tausend Entschuldigungen bei einem Zweifel, und sein Vertrauen
+gleicht einer rauschenden Fontaine, die wohl bisweilen kleiner wird, in
+sich selbst zusammen zu sinken droht, dann aber wieder frisch und
+kräftig ihre leuchtende Garbe in die Höhe treibt.
+
+Ludwig, den Philipp, während es noch die Anhöhe hinaufwärts ging, zum
+zweitenmale eingeholt hatte, stieg ab, gab dem Diener sein Pferd und
+ging nach dem Posthause, das zugleich ein Gasthof war.
+
+Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die
+Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich
+darauf in ein zweites Zimmer zurück und verschlossen dasselbe. Ludwigs
+Blicke suchten Angés, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques
+grüßte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr
+Leonardus, Sie wieder so frisch zu sehen, hätt’s nicht gedacht, daß Sie
+sich so schnell erholen würden. Waren doch recht herunter! Die
+verdammten Hunde die – werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch
+nicht eine Spur von den Canaillen zu entdecken gewesen!
+
+Ludwig erwiederte nichts, er sah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor
+gekannt, für Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angés hinter
+ihm, faßte seine beiden Hände und sah ihn dabei so innig, so flehend an,
+– hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieses Blickes
+willen vergeben müssen.
+
+Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte
+der Kammerdiener Angés. – Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lächelte
+schmerzlich über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen
+klopfte ängstlich das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei
+diesem flüchtigen Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht
+mittheilen? Sollte er ihr dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg,
+wo sie Niemand hatte, der mit freundlichen Worten des Trostes heilenden
+Balsam auf ihr wundes Herz legte? – Aber durfte er es ihr denn
+verschweigen, durfte er die Grüße des sterbenden Freundes, die ihm
+aufgetragen waren, unterschlagen? – Der Kampf war bitter, der in ihm
+rang – Angés’ Worte unterbrachen denselben: Lieber Freund! Seine Hoheit,
+der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie – die wäre hier nicht am Ort!
+Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar!
+
+Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft
+eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich
+entgegen und verriegelte sogleich die Thüre.
+
+Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil
+wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles
+Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte, – ob er die Prinzessin gesprochen,
+die sich dieses Kindes jetzt mit so großer Liebe angenommen zu haben
+schien, und welche von Angés als Gesellschafterin auf dieser eiligen
+Reise aus dem deutschen Süden in den fernen Norden begleitet wurde –
+darüber können wir nichts berichten.
+
+Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des Prinzen
+trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine
+Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso
+rasch ein, – Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés
+folgte, drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und sagte
+ihr nichts, als: Angés! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener,
+seinen Sitz einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie
+recht wohl, mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl
+zu sehen! – Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den
+Grund zurück, Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem
+wehenden Tuche. Ludwig stand wie betäubt.
+
+Am Abende dieses Tages saß er noch lange und schrieb mehrere Briefe,
+einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte über
+seine jüngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach
+Amsterdam an Leonardus Mutter – eine für ihn doppelt schmerzliche
+Aufgabe, als deren Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist
+des verklärten Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen
+tiefempfundenen Brief schrieb er ferner an seine mütterliche Freundin in
+England, die jetzt auf dem Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine
+Stelle in diesem Briefe lautete: »Mein Leben, o meine innigstverehrte
+Freundin, ist fast nichts als eine Kette der schmerzlichsten
+Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich fühle es, ein Stück vom
+Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich nicht fürchten, am
+Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben und den Menschen ein
+Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir mein Herz so grausam
+nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon so viel Leid tragen
+zu müssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und Jünglingsjahre flossen
+ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus heiterem Himmel,
+die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war so mit herber Säure
+gemischt, daß ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnürte. Im Paradiese
+war ich und wußte es nicht, eine einzige böse Stunde, und ich war aus
+ihm, verstoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an meinen
+unseligen Fluch mich quält, der mir selbst zum Fluche wird! Immer stehen
+vor meiner Seele jene drei Gemälde Wouwermann’s, welche das Wohnzimmer
+der Großmutter in ihrem Hause zu Hamburg schmücken. Das eine, Schloß
+Varel, mit einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd heimkehrender
+Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches Gewimmel. Auch
+ich kehrte einst fröhlich und heiteren Muthes unbefangen dorthin zurück,
+ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für der
+Großmutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der
+theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem Rücken
+an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphausen, von demselben Meister.
+Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Roß und zu Fuß,
+die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir jener
+Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von Kniphausen, des
+Wunderpokals, den _ihre_ Lippen für ewig weihten! Dieses Kleinod möchte
+ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt, nicht die Diamanten der
+reichsten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt es? Scheiden und Meiden.«
+
+»Und neben dem Bild von Kniphausen hängt das von Schloß Doorwerth, von
+der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das
+Fährhaus, in der Tiefe das stattliche mächtige Kastell mit seinen
+Thürmen, Basteien, Schießscharten und der Zugbrücke. Kriegerisch blickt
+es auf die flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach
+der ihm eigenthümlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt
+am Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fuß und Roß, eine
+Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dünenschanze. Erlebte ich dort
+nicht des kriegerischen Wesens genug? Mußte ich nicht auch dort scheiden
+von Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?«
+
+»Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demjenigen,
+welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in
+Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schön, wie
+umblühte es der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten
+wandeln auf diesem Bilde – und was nahm ich mit hinweg? Wieder den
+tiefsten Schmerz einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, so wird
+es fortgehen, bis ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich
+liebe, mehr um mich haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben
+des Dunkelgrafen verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug.
+Vom wackersten Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten
+Freund mußte ich begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, daß ich
+stets zittere, wenn mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht
+wieder eine Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt
+mich mein dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein
+unseliger Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und
+erst heute, ein Wiedersehen, an dessen nächste Secunden abermals eine
+Trennung sich knüpfte. Körperlich bin ich gesünder geworden, geistig
+leide ich mehr als je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen
+würdigen und erhabenen Zweck, das ist ein Unglück, ich selbst kann mir
+keinen schaffen, das ist ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung
+noch nicht aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht
+weit suchen.«
+
+»Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich
+erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus
+der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten Lebensweg
+Ihres
+
+ Ludwig.«
+
+Der herzogliche Beamte rückte mit dem Kammerdiener Grimm und den zehn
+Mann Schutzmannschaft Abends in Hildburghausen ein. Als er seinem
+Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg seiner Sendung Bericht erstattete,
+in der Meinung, der Graf habe dies schon am Abend vorher gethan, fragte
+der Herzog: Wo ist der Varel, wo ist er? Ist nicht bei mir gewesen, hat
+mir Nichts gesagt, sagt überhaupt nicht gerne was, der Sonderling, der!
+
+Der Büchsenspanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, höfliche
+Abschiedskarten.
+
+Graf Ludwig war abgereist.
+
+Am nächsten Tage war er vergessen.
+
+Was er Gutes für das Land gethan, auch die ausgewirkte Schutzmannschaft,
+das Alles wurde jetzt dem Verdienst des Beamten angerechnet, der den
+Grafen begleitet hatte, er empfing das volle anerkennende Lob seines
+Herrn, des Herzogs, und nahm es bescheiden hin, wie einem treuen Diener
+ziemt.
+
+Eins nur fesselte aus jenen Tagen in Hildburghausen dauernd des Grafen
+Erinnerung. Das war jenes stille friedliche Dorf, wo er zuerst Sophie,
+wo er Angés wiedergesehen hatte.
+
+
+
+
+ Dritter Theil.
+
+ Das stille Schloß.
+
+
+ _Motto:_
+
+ Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
+ Der hier in dem Schlosse gehauset.
+
+ =Goethe.=
+
+
+
+
+1. Eine Sterbestunde.
+
+
+Trübe schaurige Herbsttage, mit denen des Jahres unfreundlichster Monat,
+der November, die Fluren überschleierte, wechselten mit unheimlichen
+Nächten. Zwischen heftigen Sturmstößen, welche die Schlösser
+erschütterten und sie in ihren Grundfesten erbeben machten, wurde zu
+Varel wie zu Kniphausen von fern her der Wogendonner der Nordsee
+vernommen, sie und die Flut im Jahdebusen schlug hohe Wellen. Es regnete
+und schneite zu gleicher Zeit fast unaufhörlich durcheinander. In ihrem
+Zimmer saß die alte Reichsgräfin, starr, mit ganz verfallenen Zügen,
+aber immer noch körperkräftig und noch weniger verlassen von den Kräften
+ihres seltenen Geistes. Sie war ganz allein; die schöne Cyperkatze, die
+sich einst so traulich an sie angeschmiegt, war längst gestorben. – Im
+leisen Selbstgespräch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnlosen
+Mundes, und gab den Empfindungen Worte, die ihr Herz in schwerem Kampf
+bewegten.
+
+Es ist Alles eitel unter der Sonne, Alles, sprach sie mit den Worten
+Salomo’s, deren erschütternde Wahrheit der Mensch mehr und mehr erkennen
+lernt, je näher er dem letzten Ziel dieses irdischen Lebens kommt. Hier
+stehe ich nun, eine in sich selbst zusammenbrechende Ruine, und was habe
+ich nicht Alles erlebt, gethan, geschaffen, für wie Viele mich abgemüht,
+und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie jener
+große Weise des Alterthums, kann ich nicht sprechen gleich ihm: »Ich
+machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume
+darein?« – Mein Marienthal grünt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt
+sich seiner kühlen Schatten. »Ich machte mir Deiche, daraus zu wässern
+den Wald der grünenden Bäume.« Noch andere Deiche schuf ich, die das
+Land beschützen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf für
+dieses Land. »Ich hatte Knechte und Mägde und Gesinde,« habe sie noch,
+füttere und nähre Viele umsonst, deren ich nicht mehr bedarf, die aber
+meiner bedürfen. »Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und war den
+Königen und Ländern ein Schatz«, spricht der weise Prediger. So that
+auch ich; ich sammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in
+Erz, welches der edle Rost von Jahrtausenden ziert, meine Münzen. Und
+was wird das Loos dieser Sammlung sein? Die sie nach mir besitzen,
+werden gemünztes Gold und Silber nöthiger brauchen, werden meinen Schatz
+verkaufen, und er wird allmählig wieder kommen in die Hände der Händler,
+wird zerstreut werden, wie er vor mir zerstreut war, denn es ist Alles
+eitel, ja, »da ich ansah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte,
+und die Mühe schätze, die ich gehabt hatte, siehe da war es Alles eitel
+und Jammer und Nichts mehr unter der Sonne.« Jammer, ja wohl, Jammer! O
+du hoher Prophet, du Weiser im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte
+sah ich verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes
+Besitzthum sah ich verloren gehen und mich dessen beraubt werden, womit
+ich Andere glücklich machen wollte, mein geliebtester Enkel ist weit,
+weit von mir gegangen, wird mir nicht die Augen zudrücken, zieht einem
+jungen schönen Stern liebend nach, und drüben in Kniphausen bricht ein
+reines, edles Herz an einem Weh, das unaussprechlich ist. Jammer!
+Jammer! Und so werde ich mit vollem Rechte sagen müssen mit dem
+Prediger: »Mich verdroß alle meine Arbeit, die ich unter der Sonne
+hatte, daß ich dieselbe einem Menschen lassen mußte, der nach mir sein
+soll. Denn wer weiß ob er weise oder toll sein wird, und soll doch
+herrschen in aller meiner Arbeit!«
+
+Fort mit den thörichten Gedanken! rief aus ihrem trüben Sinnen sich
+aufrichtend die Reichsgräfin; mit derartigen Gedanken sich zu quälen,
+ist auch eitel, und »der Herr,« singt der Psalmist, »der Herr weiß die
+Gedanken der Menschen, daß sie eitel sind.«
+
+Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich lasse die Herren bitten!
+
+Es stand ein großer grüner Tisch im Zimmer, fünf Polsterstühle
+umstanden denselben. Die Reichsgräfin ließ sich auf dem Sessel am oberen
+Ende dieses Tisches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden
+Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen
+ein; es waren der Hofrath Brünings, der Rath Melchers, der Secretär
+Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel
+hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte,
+wenig paßte.
+
+Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen! sprach
+mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem
+Winke Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die
+Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns
+heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue
+aufzunehmen, deren völliger Abschluß stets durch unverhoffte
+Widerwärtigkeiten hinausgeschoben und verzögert wurde, von denen die
+wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ältesten Enkels, des
+regierenden Herrn, war. Nach unsäglicher Mühe, die wir es uns kosten
+ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich
+gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen
+zurückzugeben, was nimmermehr geschehen wäre, wenn ich nicht Himmel und
+Hölle beschworen hätte, denn ich muß es immer sein, die in meiner
+Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England übergesiedelt und
+hat mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatverträge
+abgeschlossen. Höchst erwünscht wäre für uns die Anwesenheit meines
+ältesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere
+Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drüben das
+Aeußerste zu befürchten ist, so würde es zwecklos sein, unsere Berathung
+auf die nächste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der
+lebhafteste Wunsch meines ältesten Herrn Enkels war und ist, sich im
+Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr
+Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und
+beiderseitigen Wünschen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im
+besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem
+Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglückliche
+Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch,
+meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu
+Stande kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie
+zu Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und
+mein Leben neigt sich rasch zu Ende – ist es doch ein Wunder, daß der
+altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hören Sie den entsetzlichen
+Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe
+haben mich gar oft durchschüttert, endlich bricht der Damm, endlich
+fluthet die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens
+dahin! Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmächtigten meines
+ältesten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten
+Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles
+genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten
+Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, während
+ich mich zurückziehe, allseits nach bester Einsicht.
+
+Die Reichsgräfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem
+Zimmer in das anstoßende Gemach.
+
+Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die
+Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abänderung erfahren
+hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe
+sollten ab sein für immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig
+vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprüche sollten fallen,
+wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen
+künftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei
+Lebzeiten der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten
+werden, dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht
+worden, nämlich 150,000 holländische Gulden in näher zu bestimmenden
+Terminen, 14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem
+Tode der Reichsgräfin an deren Miterben für den Besitz der deutschen
+Güter ebenfalls in den bisher gewöhnlichen Terminen, und über diese
+Summe solle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei
+stehen, ebenso wie über ihren sämmtlichen Hamburgischen Nachlaß, jedoch
+mit Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen
+Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angeführt werde,
+damit nach Illustrissimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen
+Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwürfniß
+hinfort Alles ehren- und standesgemäß verhandelt werde.
+
+Es sind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieselben Artikel, mein
+verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gnädigen Herrn
+Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben.
+
+Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um
+Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen,
+daß es auf keine längere Verzögerung abgesehen ist von Seiten des
+regierenden Erbherrn.
+
+Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs-Artikel
+einzuschalten sein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung
+alles Zugesagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die
+Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum eigenthümlichen Besitz
+übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den bestimmt
+ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe unsers Enkels, des
+hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und
+vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und übergeben,
+kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit Doorwerth;
+auch ferner wörtlich den Passus, daß inmittelst Seine Hochgeboren der
+regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als Allodial-Güter
+handeln könne nach seinem Wohlgefallen.
+
+Ich weiß doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der
+Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu
+Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt
+von mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus
+nicht ein, und ich würde meiner gnädigsten Gebieterin ebenso wenig
+anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angeführten
+Stellen wörtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht
+wirklich statt der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger
+Banco die erstbedungene Zahlung von fünfzigtausend Gulden völlig und
+baar entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschäft
+bleibt doch immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen
+oder kann Hochderselbe nicht zahlen?
+
+Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete
+Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so
+würde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten!
+
+Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr
+ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im
+Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin äußern muß, selbst wenn
+Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in
+keiner Weise persönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die
+großmöglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und können Sie
+es verhehlen, daß derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren
+schon vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir
+bestätigen wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgesagt, ebenso der beste
+Freund, Graf Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von
+Portland? Und nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen
+Herrn damals die Summe von fünfzigtausend Gulden zur Verfügung stellte,
+mit der dieser ebenso großmüthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen
+glaubte, damit aber nur Wasser in die Zuider-See goß! Nie wird diese
+Summe, die, statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden,
+für politische Gaukeleien zersplittert wurde, zurück bezahlt werden
+können, denn sie wird ja nicht einmal verzinst.
+
+Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus,
+die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und
+Ehrenmannes, eine politische Gaukelei?
+
+Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon
+ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Gesicht, das zu
+dem feinen, spitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brünings einen
+sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns über
+politische Ansichten zu streiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und
+will die Meinen nicht bekämpfen lassen. Gaukelei im erwähnten Sinne
+nenne ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete,
+die der Welt unnütz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne
+Ueberlegung beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen.
+
+Für Leute solchen Schlages, warf Brünings voll sittlicher Entrüstung und
+tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine
+Vaterlandsliebe, keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen schlägt nie das
+Herz in der Brust unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jammerruf
+der geknechteten Menschheit, sie verschließen ihr Ohr der Wehklage um
+die hingemordete Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des
+Vaterlandes!
+
+Mit Absicht verschließe ich nie mein Ohr, hochgeschätzter Herr College,
+versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser
+Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten
+keine Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in
+toller Nachäfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und
+diese womöglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder
+waren es Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hüte
+auf den Köpfen behielten und einander den Titel _Bürger_ beilegten? Doch
+genug, bester Herr College, über dieses in der That affreuse Kapitel.
+
+Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder
+zurück und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die
+Streitenden mit ironischem Lächeln. Wir werden hier am friedlichen
+Jahdebusen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geschichte gährt
+und streitet. Wir Deutsche sind überhaupt niemals unpolitischer, als
+wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also
+sind der Ansicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die
+Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung
+leisten zu können?
+
+Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau
+Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertundfünfzigtausend
+Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung
+und Austausch der Contracte, fünfzigtausend Gulden angezahlt werden, mit
+Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco.
+Acht Wochen später und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit
+Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern
+mit hunderttausend Gulden erfolgen, und außerdem soll der Erbherr,
+innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit
+ist, der hochgräflichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf
+fünfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behändigen.
+
+Eine Obligation, nahm Brünings hastig das Wort, welche der gnädige Herr
+sehr gut ausstellen kann, da ausdrücklich bedungen ist, daß diese Summe
+nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin selbst, noch von einem
+sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich
+günstigere Finanz- oder besondere Glücksumstände ereignen.
+
+O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den
+Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe
+in der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glücksumstände? Da thun
+Sie mir leid, das sind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers!
+Bedenken Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach
+sind Sie nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist
+die Obligation eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer bürgt für ihn?
+Auf welche Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo fließen ihm
+außergewöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in
+welcher Niemand sagen kann, daß sein Vermögen gedeckt und gesichert sei,
+und seine zeitlichen Umstände nicht schneller Umwandlung erliegen?
+Möglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz
+hingearbeitet. Dann sind wir die längste Zeit Herren in den
+Herrlichkeiten gewesen. Dänemark greift zu und vereinigt dieses Land mit
+Holstein.
+
+Nun denn, sprach Brünings: wenn es so steht, daß an die Stelle
+erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn statt
+bedachter Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich
+rathen, mit dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschäft noch zu warten, und
+Alles einer sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung
+anheim zu geben.
+
+#Concedo#, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht’ es gleich,
+daß wir uns einigen würden; inzwischen wird wohl für meine hochgnädige
+Gebieterin das Beste sein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie
+es auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein
+Gerathewohl hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen
+Schicht!
+
+Und sind so weit wie zuvor! rief plötzlich die Stimme der still wieder
+eingetretenen Reichsgräfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Rußland,
+Frankreich, England, Oesterreich, Preußen, Deutschland, Schweden,
+Dänemark und die Türkei mit einander Kriege führen und zuvor die
+Streitfrage diplomatisch ausfechten wollten, so könnte kaum langweiliger
+und unentschiedener gehandelt werden, als hier der Fall ist um ein
+einziges Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich _will_ es meinem
+ältesten Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht überein, warum
+wird nicht abgestimmt und abgeschlossen kurz und rund, wie ich es will?
+
+Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es
+völlig einerlei ist, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen
+stimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen ist, hingezögerte und
+verklügelte Verhandlung wurde hier plötzlich durch den Eintritt des
+alten Dieners Weißbrod unterbrochen, welcher sich mit der Meldung zu der
+Reichsgräfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gnädigst die Störung,
+aber die Sache ist dringend. So eben kam ein reitender Bote, über und
+über triefend, und halb erstarrt, von Kniphausen herauf.
+
+O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung
+ergriffen:
+
+Der Bote kommt vom gnädigen Herrn! berichtete Weißbrod: er hat keinen
+Brief, der Herr haben ihm mündlich aufgetragen und auszurichten
+anbefohlen, daß –
+
+Was? Heraus damit, rief die Gräfin fest und entschieden, als Jener in
+seiner Rede stockte.
+
+Des Erbherrn Gemahlin wären sehr krank und wünschten dringend Ihre
+Excellenz noch einmal zu sprechen.
+
+Ottoline! Das arme Herz, ich hab’ es geahnt, sprach die Reichsgräfin
+leise vor sich hin: wohl denn, es geschehe ihr Wille.
+
+Aber Excellenz, rief Weißbrod bestürzt; das entsetzliche Wetter!
+
+Gegenüber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Lasse
+gleich den großen Glaswagen anspannen, sage der Windt, daß sie mich
+begleiten soll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den
+Gefallen zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene
+Quittung mit – das Weitere flüsterte sie so leise, daß nur der
+Haushofmeister es vernahm, dann wandte sie sich wieder zu den Uebrigen.
+Ihnen, meine Herren, danke ich für die abermalige fruchtlose Bemühung
+ganz nach Verdienst. Ich sehe ein, daß Sie allseits es redlich und treu
+mit mir meinen, aber langweilig ist die Sache, sehr langweilig. Selbst
+das hochweise Kammergericht zu Wetzlar ist nicht langweiliger und
+weitschweifiger. Und nun soll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden,
+gar Nichts, nun will ich nicht mehr! Niemand soll wieder davon mit mir
+zu reden anfangen, ich verbitte und untersage dies ernstlich. Adieu,
+meine Herren!
+
+Bitterböse rauschte die Reichsgräfin aus dem Zimmer und warf dessen
+Thüre mit ungnädiger Heftigkeit hinter sich zu.
+
+Ein böses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brünings und zog
+die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr
+Haushofmeister, erkälten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die
+bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen
+haben.
+
+Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen über
+Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach Kniphausen
+dahin. Herr Brünings aber hatte sich doch geirrt; die hochbejahrte Frau,
+die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den Wunsch einer dem Tode
+nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in Schleier gehüllt und saß
+während der ganzen Fahrt still und regungslos im Wagen. Vor ihr hatten
+Windt und dessen Schwester den Rücksitz eingenommen. Da die Herrin nicht
+redete, wagten auch ihre Begleiter nicht zu sprechen. Die Made war
+furchtbar angeschwollen, fast war die Brücke bedroht, jetzt zeigte sich
+formlos in Nebelschleiern das stattliche Schloß, grau wie ein
+Gespensterhaus.
+
+Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei
+herüber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer sein
+Nest hatte, schrie so laut und ängstlich. Noch eine bange Viertelstunde
+und Schloß Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des
+Jahres 1799.
+
+Der Erbherr trat der Reichsgräfin verstört entgegen, es war ein
+trauriges Wiedersehen. Großmutter und Enkel wechselten nur wenige Worte,
+die Dienerschaft stand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele
+hatten verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche
+Sorge sehr verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er
+hatte seine Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und
+verletzendes Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und
+ihrer idealen Anschauung des Lebens stimmte – wenn auch, was ihrem
+scharfen Blick nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau,
+die erst während seiner Abwesenheit in das Schloß gekommen war, und,
+obschon die Tochter eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch
+ungemein viel Bildungsfähigkeit besaß, ihn sichtbar interessirte und
+unruhig machte. Es war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes.
+
+Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab, in
+welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand;
+Windt war bei ihm, ihre Gespräche galten Doorwerth.
+
+Im Zimmer Sara’s weilten Ottolinens Kinder; die älteste Tochter Maria
+Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mädchen von
+sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück
+gewesen, und nun dieses liebevolle, zärtliche Herz verlieren sollten.
+
+Am Lager der schwer kranken Herrin saß die alte Reichsgräfin. Ottoline
+hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den
+tiefeingesunkenen großen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone
+empor.
+
+Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche.
+
+Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgräfin; er zog seinem
+Glücke nach – fast fürchte ich, er findet es niemals.
+
+Ach, – der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals
+mein Leben für so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spät ihn
+kennen, – ach – ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich sieben
+Schwerter im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein
+Schwert der Buße, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der
+Hoffnungslosigkeit, ein Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen
+– und nun – sind sie alle von mir genommen – ich fühle keinen Schmerz
+mehr – ich fühle mich leicht – aber kalt. Meine Füße haben schon keine
+Empfindung mehr.
+
+Nicht zu viel sprechen, meine Beste! mahnte sie die Reichsgräfin.
+
+Ach, ich ließ Sie ja bitten, würdige Großmutter, flüsterte Ottoline:
+weil ich sprechen wollte zu Ihnen – mit Ihnen – von ihm. Jetzt, wo alle
+Banden abfallen von der frei werdenden Seele, jetzt sage ich es, und
+sage es Ihnen, und bitte Sie, es ihm wieder zu sagen, daß ich ihn
+unendlich geliebt habe – ja unendlich – unendlich! Das sagen Sie ihm,
+beste Großmutter – und er soll meiner nie vergessen – ach, ich möchte so
+gern – ihm ein Andenken geben – wäre nur der Falke mein – der Falke, aus
+dem wir tranken – den ich ihm kredenzte – er sollte ihn haben – das
+wollte ich Ihnen sagen, Großmutter – das ist mein letzter Wunsch auf
+Erden.
+
+Ich sichere dessen Erfüllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein
+stummer, aber leuchtender, schon halb verklärter Blick dankte ihr; dann
+erhob Ottoline beide Hände, und rief: Meine Kinder! Wo sind meine
+Kinder? Ich will sie noch einmal sehen und sie segnen!
+
+Die Reichsgräfin gebot die Mädchen zu bringen, sie nahm sie selbst in
+Empfang und führte sie an das Lager ihrer sterbenden Mutter. Ottoline
+weinte ihre letzten Thränen, der Erbherr trat herein im stummen
+männlichen Schmerz, der Schloßkaplan, die Kammerfrauen, Windt, die
+Dienerschaft, Alle still, leise schluchzend.
+
+Bereits am Morgen dieses Tages hatte Ottoline das heilige Nachtmahl
+empfangen. Jetzt begann der Schloßkaplan laut zu beten, während die
+ganze Dienerschaft auf die Kniee sank.
+
+Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, sie
+verschied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leisen Röcheln – und
+über das stille bleiche Antlitz, über die vom Tode selbst
+sanftgeschlossenen Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern lagerte
+sich der Friede Gottes.
+
+Noch einmal erhob der Geistliche die Stimme, indem er nahe zum Lager der
+Verblichenen trat, die Hände erhob und das Zeichen des Kreuzes über sie
+schlug. –
+
+Die Reichsgräfin weilte später mit dem Erbherrn im Fremdenzimmer, beide
+im stummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des Schmerzes
+machen nicht gesprächig.
+
+Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jäger, trat ein.
+
+Rufe er den Hausmeister Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt!
+
+Was wollen Sie befehlen, gnädige Großmama? fragte der Erbherr,
+überrascht von diesem Worte.
+
+Du sollst es gleich erfahren, gab die Reichsgräfin zur Antwort, und
+Beide schwiegen wieder.
+
+Die beiden gerufenen Haushofmeister traten fast zu gleicher Zeit ein.
+Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgefütterte
+Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin.
+
+Nun, gnädige Großmama? fragte der Erbherr. Was haben Sie?
+
+Ich will meinen Falken mitnehmen!
+
+Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich weiß nicht anders, als daß die
+Edelsteine Fideicommiß sind?
+
+Mein Diamantenschmuck, ja, die Diamanten deiner theueren Verstorbenen
+desgleichen, der Schmuck, dessen sich Frau von Varel, deines Bruders
+Gemahlin, geborene Gräfin Lynden, außer ihrem eigenen bedient,
+desgleichen. Der Falk von Kniphausen aber ist mein – ich ließ ihn hier,
+weil er hier an würdiger Stelle stand, und weil Ottoline an ihm ihre
+Freude hatte. Doch damit in dieser ernsten Stunde deine Gedanken nicht
+mich und nicht dich selbst verletzen, mein theuerer Enkel, so bitte,
+lieber Windt – das Papier, das ich Sie ersuchte, zu sich zu nehmen.
+Hier, mein guter Wilhelm!
+
+Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung über
+den Falken, »gefertigt auf Befehl der Reichsgräfin Sophie Charlotte,
+Herrin zu Varel und Kniphausen, mit namhafter Angabe des zu dem
+Kunstwerk verwendeten Goldes, so wie aller Edelsteine, und der hohen
+Frau Bestellerin zu Dank vergnügt quittirt von den Gebrüdern Dinglinger,
+Königlichen Hofjuwelieren zu Dresden«.
+
+Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgräfin schob den Falken
+mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen.
+
+
+
+
+2. Das Andenken.
+
+
+Graf Ludwig weilte wieder auf deutschem Boden. Er war jenen Reisenden
+hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewöhnliches Vertrauen hatte ihn
+beglückt, Angés hatte dieses Vertrauen bewirkt, ja selbst Sophie, das
+herrlich sich entfaltende Kind, hatte dazu beigetragen. Den Herzog
+nöthigten Pflicht und Ehre, seinen Lieben nur bis zur Grenze des
+Sachsenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reise den Grafen,
+der ihn im Thüringerwalde einholte, kennen und hochachten, und ihm, dem
+ganz unabhängigen, der Sprachen wie der politischen Verhältnisse
+kundigen Mann, vertraute er unbedenklich den Schutz und die Führung
+seiner Lieben an, beruhigter eilte er zum Heere zurück und an die Spitze
+des Corps, welches unter Prinz Ludwig Joseph von Condé errichtet war und
+dessen Namen trug. Manche tapfere That wurde vollführt, bis der
+Präliminarfriede von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die
+Verabschiedung des Condéischen Corps bewirke. Aber dieses wollte sich
+nicht auflösen; da erfolgte von Seiten des Kaisers von Rußland eine
+Einladung an das ganze Corps, und der Prinz von Condé ging ihm voraus.
+Der junge muthige Herzog, dem noch höher als die Liebe, der Muth die
+Seele schwellte, blieb als Oberbefehlshaber des Corps an dessen Spitze,
+leitete den Marsch durch Oesterreich, führte das Heer, 10,000 Mann
+stark, nach Volhynien, eilte nach Petersburg, seine Angehörigen zu
+begrüßen, und fand dort Gelegenheit, den Grafen Ludwig für seine treue
+Anhänglichkeit und außergewöhnlichen Dienstleistungen angemessen und
+durch eine entsprechende äußere Stellung zu belohnen.
+
+Das Jahr 1799 rief den Prinzen von Condé und sein Heer wieder unter die
+Waffen; der Herzog führte zwei Emigrantenregimenter und das russische
+Infanterieregiment Titow nebst andern Truppen und rückte nach Schwaben
+und der Schweiz vor, wo die rühmlichste Tapferkeit entfaltet wurde und
+der Herzog große Triumphe feierte. Verhältnisse des höheren politischen
+Lebens, hauptsächlich der Rücktritt des Kaisers Paul von Rußland von
+der Coalition, bestimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerste,
+was er besaß, in Petersburg bisher genossen hatte, zu verzichten, er gab
+Weisungen, daß die Frauen und ihre Dienerschaft sich in eine deutsche
+Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben sollten. Da der Rath des
+freundlichen Geleiters, den man als einen weitläufigen Verwandten durch
+seine mütterliche Abstammung betrachtete und ihm volles Vertrauen
+schenkte, von der Prinzessin erbeten wurde, so schlug Graf Ludwig
+Hamburg vor, nicht nur, weil er selbst sich wieder nach Deutschland
+zurück und in eine bekannte Gegend sehnte, sondern auch, weil er die
+Ueberzeugung hatte, daß die Prinzessin dort ganz nach ihren Wünschen
+zurückgezogen und in völliger Freiheit leben könne, während bei aller
+Aufmerksamkeit, die man ihr erwies, das Leben am russischen Hofe ihr
+doch auf die Dauer drückend geworden war.
+
+Im Verhältniß Ludwig’s zu Angés hatte sich Nichts geändert; es war und
+blieb wie es von je gewesen, eine auf die höchste gegenseitige Achtung
+sich gründende, reinste Freundschaft. Zart und schonend hatte ihr
+endlich Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thränen waren
+noch gemeinschaftlich um Leonardus geflossen; Ludwig hatte des Freundes
+Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der
+Erinnerung gemalt und mit vielem Glück getroffen, der Freundin
+anvertraut. Es war das Bild der treuen Großmutter, der herrlichen
+Mutter, es war das Bild der reizenden Ottoline und jenes der lieblichen
+Angés, es war der Kranz von Bildern edler Menschen, die alle tiefen,
+wunderbaren und unvergänglichen Eindruck auf sein Herz gemacht hatten,
+jede einzelne Persönlichkeit auf verschiedene Weise, und alle einig in
+dem Bestreben, ihn zu beglücken. Ottoline hatte ihn freilich so wenig
+mit reichen Gaben bedenken können, wie Angés, aber sie hatte sein Herz
+mit hohen Empfindungen erfüllt; der erste Strahl aus einem reinen
+Frauengemüth war aus ihren Blicken in seine Seele gefallen, hatte ihm
+seine Jugend verklärt, seinen Geist erhoben, dem fortan kein unreiner
+Gedanke nahte. Und in Angés hatte Ludwig erkennen lernen, welchen
+Reichthum edler Gefühle ein Frauenherz birgt; er hatte in ihr jenen
+wahrhaften Seelenadel gefunden, der seinen Ursprung nicht aus alter
+Abstammung und hoher Geburt herleitet, sondern aus dem eigenen
+unentweihten Gemüthe, das wohl sich emporzuringen vermag auf den Gipfel
+reinster sittlicher Größe und Hoheit.
+
+Angés war die große und doch so zärtliche Seele, die über sich selbst
+den herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu
+bekämpfen und ihr zu widerstehen, die Beide der Liebe so würdig waren,
+die an ihrem Beispiel lernten, sich selbst zu beherrschen, und von denen
+sie den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller
+innigen Freundschaft den Andern liebte.
+
+So beharrend in würdiger und edler Selbstbeherrschung war Angés sich
+selbst treu geblieben, und so hatte auch die Prinzessin ihr Wesen und
+ihren Charakter von je erkannt und hochgeschätzt; sie wurde von dieser
+wie eine Schwester behandelt und Angés blieb auch später die Ausbildung
+und Leitung des geliebten Kindes überlassen. Die Einrichtung war so
+getroffen, daß Angés nur in den nöthigen Fällen mit der Prinzessin
+öffentlich erschien, daß die Wohnungen getrennt waren und keine Seele
+den Antheil errathen konnte, den die Prinzessin an dem Kinde nahm.
+
+Graf Ludwig wußte, als er in Hamburg mit seinen Schutzbefohlenen
+anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgräfin Ottoline;
+er hatte auch von der Großmutter lange keine Nachricht erhalten und
+leicht konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Indeß vermuthete er seine
+würdige Gönnerin in Hamburg, und hatte sich nicht getäuscht. Er miethete
+sogleich in der Nähe des großmütterlichen Hauses eine Wohnung für sich
+und seine Begleitung und erfuhr, daß auch Windt anwesend und die
+Reichsgräfin bedenklich erkrankt sei.
+
+Ludwig suchte den alten Freund auf, und diesen versetzte das
+unvermuthete Wiedersehen in eben so viel Freude als Bestürzung.
+
+Sie finden Ihre Frau Großmutter bedeutend krank, Herr Graf! sprach
+Windt; und was die Vergleichssache angeht, so sind wir noch keinen
+Schritt weiter, außer daß der jüngere Graf, Johann Carl, sich ganz nach
+England übersiedelt hat und bereits Generallieutenant geworden ist.
+Derselbe hat mit dem Erbherrn und dem Vice-Admiral William eigene
+Verträge abgeschlossen für den zu erwartenden Todesfall der Frau
+Großmutter, und geben Sie Acht, liebster Herr Graf, wenn sie die Augen
+zuthut, so wird es heißen: »Sie haben meine Kleider getheilt und um
+meinen Rock haben sie das Loos geworfen; ja ich vermuthe fast, sie haben
+dies bereits gethan, denn ich hörte neulich ein Vöglein pfeifen, unter
+uns gesagt, Herr Wippermann hat geplaudert, als ich ihn jüngst in einen
+Austernkeller mitnahm und seine sonst schwere Zunge mit Champagner
+löste; die Sache soll so abgekartet sein, daß der Erbherr Varel und
+Kniphausen behält, so wie die Güter in Holland, wenn er sie nämlich
+wieder bekommt, der Admiral aber die Herrlichkeit Doorwerth mit allen
+ihren Schlössern, Dörfern, Höfen, Wonnen und Weiden, Aeckern und Wiesen
+und auch ein hübsches Stück Busch; dafür findet er den Grafen Johann
+Carl mit Geld ab und tritt in dessen ganzes Erbrecht ein.
+
+Mögen sie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es sie nur
+zufrieden stellt. Also der Erbherr ist frei? das freut mich; wie lebt
+er? wie leben die Seinen? fragte Ludwig.
+
+Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie schmerzen,
+Herr Graf; ich sehe schon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich
+hatte Befehl, Ihnen den betrübenden Fall zu melden.
+
+Um Gott, welchen Fall?
+
+Ottoline, die regierende Frau Reichsgräfin, diese sanfte Dulderin,
+wandelt nicht mehr unter den Lebendigen.
+
+O, mein Gott! seufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durchschauerte sein
+Gemüth.
+
+Sanft, wie sie gelebt, war ihr Verscheiden; ihre Kinder segnend, gehoben
+durch die Tröstungen der Religion, ging sie ein zum Frieden. Sie hat
+viel und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat sie, wie mir Ihre
+Frau Großmutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht.
+
+Und der Erbherr, wie trug er diesen Verlust? fragte der Graf.
+
+Er empfand ihn tief und schmerzlich, ganz gewiß, antwortete Windt, wenn
+er auch die Größe des Verlustes nicht zu ermessen wußte. Doch verdammen
+wir ihn nicht, Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, langes
+Fernsein vom heimischen Herde, die rauhe Soldaten- und Seemannsnatur. –
+Sie begreifen was ich noch sagen könnte. Doch die Zeit wird das Weitere
+lehren.
+
+Und die Großmutter, seit wann ist sie krank? fragte Ludwig.
+
+Ihre Krankheit ist das Alter! versetzte Windt. Denken Sie,
+fünfundachtzig Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man keinen
+Hund aus der Thür jagt, von Varel nach Kniphausen hinüber, um den
+Wunsch der sterbenden Erbherrin zu erfüllen. Aber es ergriff sie schwer,
+nicht auf dem Hinweg, nicht auf dem Herweg sprach sie mit mir und meiner
+Schwester auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden,
+reisten wir hierher, doch ist sie seitdem nicht wieder aus dem Hause
+gekommen und ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, daß sie lebend auch
+nicht wieder über dessen Pforte kommt.
+
+Sie sagen mir viel, o, allzuviel Trübes und Schmerzliches, liebster
+Windt! seufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein
+Hierherkommen, ich wollte der Großmutter eine Prinzessin wieder
+zuführen, die eine Verwandte und die ein Engel an Liebenswürdigkeit ist,
+die auch schon hier war, und jenes Kind, das Sie so liebevoll in
+Doorwerth gehalten, jene kleine Sophie, die jetzt eilf Jahre alt ist und
+noch Jemand.
+
+Angés! rief Windt voll ungeheuchelter Freude. So haben Sie sie gefunden,
+und sie hat endlich – ihr Herz – Ihnen –?
+
+Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernst. Angés ist sich
+gleich geblieben, und ich habe überwunden. Es war ein herber Kampf mit
+Liebe und Leidenschaft, der Sieg war schwer, aber jene Strophe stärkte
+mich, die mein verklärter Freund mir einst zurief.
+
+ »Wir müssen alle ringen,
+ Des Kampfs bleibt Keiner frei;
+ Doch soll ein Sieg gelingen,
+ Frag’ nicht, ob schwer er sei.«
+
+Wir siegten und wandeln nun in treuer Freundschaft verbunden neben
+einander wie Bruder und Schwester.
+
+Windt ließ die alte Reichsgräfin durch seine Schwester auf das
+Erscheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fühlte
+sich dadurch neu belebt; sie sammelte nochmals ihre ganze Kraft und in
+der That war es das letzte Gefühl irdischer Freude, das sie hob und
+kräftigte; sie konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit
+ihm zurufen: Sei mir tausendmal willkommen, mein geliebtester Enkel! Du
+heißersehnter Liebling! Dich noch einmal zu sehen, ist Wonne meinen
+alten fünfundachtzigjährigen Augen, ist mir eine köstliche Arzenei,
+heilsamer als Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke für mich
+zusammenbrauen läßt!
+
+Ludwig stand bewegt am Lager der gänzlich abgezehrten Greisin, deren
+Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar
+waren.
+
+Nach einer Pause, die der augenblicklichen Aufregung folgte, sprach sie
+in Gegenwart von Windt’s Schwester, die auf den Wink der Herrin bleiben
+mußte: Du kommst noch eben recht, um dir ein Andenken zu holen, das
+außerdem nicht in deine Hände gekommen wäre, es ist ein Doppelandenken
+und Ottoline bestimmte dir’s, rathe, Ludwig, was es ist?
+
+Ottoline mir ein Andenken? Wie sollt’ ich das errathen, beste
+Großmutter!
+
+Die kranke Reichsgräfin winkte ihrer Kammerfrau, und diese brachte ein
+Lederfutteral herein.
+
+Nun öffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und
+Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu
+gönnen, dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich.
+
+Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen Kunstwerks
+strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr vor
+Staunen.
+
+Von nun an dein Eigenthum, flüsterte die Kranke.
+
+Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft
+werth, ach – und für mich – noch unendlich mehr – o jener Tag – ach,
+Ottoline!
+
+Und wenn es zehn Grafschaften werth wäre, sprach die Gräfin: so wird es
+dir auch werth bleiben – du wirst es nicht verschachern und
+verschleudern, wie meine herrliche Münzsammlung dereinst verschleift und
+verschleudert werden wird, über die ich bethörter Weise schon früher
+verfügte. Dir – dir hätte ich sie geben und hinterlassen sollen!
+
+Sie haben mich ja schon so überreich begabt, beste Großmutter! fiel
+Ludwig ein.
+
+Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich – die Andern sollen
+ihn nicht haben – sie sollen nicht wieder daraus trinken – du – nur du
+– und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn – behalte ihn. Die
+Urkunde, daß ich dir den Falken schenke, steckt bereits im Innern des
+Vogels. Trinke dich gesund daraus, #drink all ut!#
+
+Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen
+griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch
+nicht, vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange.
+
+Am folgenden Tage fühlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob
+der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frühen
+Jugend an am Nächsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war,
+sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er
+ihr von seinen bisherigen Schicksalen erzählen möge. Dies that denn auch
+der Graf ausführlich; die Alte hörte schweigend zu und blieb ganz ruhig,
+dann sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir
+die Ehre ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird
+mir dies nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch
+gute Tage sah, viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist
+wichtig. Sie wird auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil
+ich ihren Angehörigen Gutes erzeigte.
+
+Theuerste Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt der
+Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von
+Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen,
+Ihnen das Kind zuzuführen.
+
+Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin.
+
+Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war
+Ludwig’s Antwort.
+
+Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter.
+
+Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden
+Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner
+königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in
+einer katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung
+empfing. Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein
+Geheimniß zu bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die
+beiderseitigen Verhältnisse sie sicherer stellen, und es sollen die
+nächsten Angehörigen nicht mehr erfahren, als was sie bereits wissen,
+daß nämlich der Herzog und die Prinzessin einander in untrennbarer
+Liebe angehören. Ueber die holde Tochter soll noch, zu deren eigener
+Sicherheit, das tiefste Schweigen beobachtet werden.
+
+Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so
+bitte ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen.
+Jedenfalls weilt sie hier doch incognito?
+
+Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte
+Ludwig.
+
+So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag
+habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind,
+entferne dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der
+Genius mir die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte
+Großmutter, die dich so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr
+Sterbebette, dann bist du ganz frei und die weite reiche Welt ist dein.
+
+Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich
+bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet – Liebe!
+
+Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe
+erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines
+Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich
+sage dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen.
+
+Der Graf ging und einige Stunden später befand sich die Prinzessin und
+das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen
+Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer
+Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen
+Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den
+meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen.
+
+Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der Wand
+geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein schönes
+Bild! Das ist ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten wandte
+sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem
+Schlosse bin ich gewesen – in diesem Thurm hier – zur rechten Seite –
+haben wir gewohnt, meine liebe Angés und ich – dort von jener Zinne
+haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schloß versammelt
+waren, und die Prinzen dorthin kamen – mein theurer – Oncle!
+
+Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann
+führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoßenden Sälen
+noch andere schöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die
+Reichsgräfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu
+besprechen, was keine Zeugen litt.
+
+Als diese später mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in
+dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg
+die Prinzessin mit Mühe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit
+Sophie allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestüm die holde
+Tochter, küßte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne
+und erfülle, was in dieser Stunde über deine Zukunft beschlossen ward!
+
+Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne
+eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen.
+
+Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende
+Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernst,
+als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer
+Olympierin. –
+
+Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz
+über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er sprach:
+Wieder eine Seele weniger auf Erden, die für mich betet. Wäre ich
+Katholik, so würde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um
+droben für mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe
+und ehre, von hinnen ziehn?
+
+Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die
+allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und
+dich dennoch aufrecht halten müssen.
+
+Das sagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der
+Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft
+blickte. Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Völkern,
+unter den Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schooß der
+Familien. Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig,
+damit nicht der Haß gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll
+nicht wissen, daß er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, daß ein
+Bruder wider den anderen streiten wird. Lass’ sie Alles an sich reißen,
+meine lachenden Erben, du hast genug, und ein Höheres ist dir noch
+beschieden, wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin,
+ohne erlebt zu haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen
+Opfern und Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden;
+aber nein, die wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der böse
+Feind die Saat des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von
+Jever, Varel und Kniphausen säete. Laß fahren dahin – sie haben’s nicht
+Gewinn!
+
+Eine erhabene Seele, diese verklärte Großmutter! sprach Angés. Und was
+prophezeite sie sonst noch?
+
+Daß ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust würde zu beweinen
+haben, erwiederte Ludwig; daß mir beschieden sei, arm an Freuden und
+dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein
+Sturm der Außenwelt berühre. Wachsamkeit empfahl sie mir, »darum« so
+sprach sie: »habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, daß er dir
+ein Bild der Wachsamkeit sein möge, neben einer werthen Erinnerung.
+Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geschrieben steht im
+achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein
+einsamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!«
+
+Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes köstliche Geräth in
+Falkengestalt, das sie mir schenkte – fügte Ludwig hinzu.
+
+Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres,
+herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin.
+
+Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war
+Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe – ein überreicher Wunderhort der
+edelsten seelvollsten Weiblichkeit.
+
+
+
+
+3. Das Gelübde.
+
+
+Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen und
+umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das noch
+vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte. Zum
+zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden
+aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo
+gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat
+verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine Wiederholung
+solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich sicher unter
+dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten Kirchenfürsten, der im
+Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester und letzter
+vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz aufgeschlagen
+hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten Zeiten schon das
+Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt hatte, Manchem eine
+gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte und Freunde bei
+sich sah.
+
+In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der
+Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer
+und Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige
+Landelin, der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem
+Tode Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben
+dem Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der
+Nachbarschaft waren früher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das
+große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von
+den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt
+gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg,
+denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000
+Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.
+
+Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten
+hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte
+ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der
+sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich
+mit anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er
+nahte Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen
+holden Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals
+wieder nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der
+Richtung nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden.
+Hier begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das
+fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war;
+dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei
+denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in
+mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets
+Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend
+einer drohenden Gefahr umher.
+
+Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er
+liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland
+zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine
+Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des
+Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und
+ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser
+führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der
+Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England
+begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn
+jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen
+schützte und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den
+Sohnessohn fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder – sein
+Verhängniß, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens
+glücklichste Zeit, füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem
+Vergnügen der Jagd aus, die er leidenschaftlich liebte, gab sich der
+Lust am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reisen und Ausflüge,
+kehrte aber stets mit neuer Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein
+Denken und Empfinden geweiht war.
+
+Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden gekommen,
+dessen Kurfürst nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte, die dessen
+unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des Herzogs
+besondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein noch
+größeres Jagdgebiet einräumte, als derselbe bisher schon inne gehabt
+hatte.
+
+Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu
+begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder.
+So sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so
+weniger fand Ludwig sich von seiner männlichen Umgebung angezogen. Dafür
+diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in
+verschwiegener Stille üben. Glückliche geben ja gerne, und der Herzog
+war so überaus glücklich, Ludwig nahm Philipp zu Hülfe, um verschämte
+Arme aufzufinden, und manche stillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde
+durch vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens
+umgewandelt. Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und
+wie gern verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthätigen
+Fürsten.
+
+In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur
+ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, schöner als
+er ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der
+tönende Memnonruf, der ihn für eine neue, beseligende Liebe weckte. Die
+kleine Sophie entfaltete sich frühreifend zur holdesten Jungfräulichkeit
+und Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren
+ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne
+schuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinsten Freundschaft besaß,
+einem beglückenden Loose zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der wie
+in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti neigungweckende
+Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem Herzen zum andern. Im
+Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich dereinst zu sonnen,
+ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glücks, dieser Gedanke
+bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den äußeren
+Verhältnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen beruhigend,
+vielleicht hielt sie ihn für reicher als er war. Sophie konnte unter
+günstigen Verhältnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen
+werden, denn das Vermögen der Familie Condé-Bourbon, das man diesem
+Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermögen war
+unermeßlich.
+
+Nach diesem Reichthum richtete sich indeß gar mancher Blick der Habgier
+und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem edlen und
+unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über’s Meer
+herüber voll banger Besorgniß. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen des
+Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mißdeutung; sie
+nährten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen
+vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der
+Tannhäuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart?
+Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein
+unsichtbares Netz – sie hieß Verrath.
+
+Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu Wanstead
+in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben.
+
+Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten:
+hegt seltsamen Verdacht. Höre, was er schreibt, meine Charlotte: »Man
+behauptet hier in Wanstead, daß du eine Reise nach Paris gemacht habest,
+Andere sagen, du seist nicht in Straßburg gewesen. Es leuchtet wohl ein,
+daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das
+Spiel zu setzen.«
+
+Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten hinterbracht
+hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen begann.
+
+Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog.
+
+Und thatest du wirklich keinen so gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder
+thatest du ihn? Vergaßest du mich und unser Kind? fragte mit
+liebevollster Besorgniß und voll Seelenangst Charlotte und schloß den
+Gemahl in ihre Arme, als fürchtete sie, ihn zu verlieren.
+
+Der Herzog küßte sie und erwiederte halb zärtlich, halb schwermüthig:
+Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn
+gethan hätte, wer wollte mir ihn, außer den Feinden unseres Hauses,
+verargen? Diese hier ausgesprochenen Befürchtungen liegen so nahe, und
+es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine
+Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten könnte, mich mit
+den Feinden unseres Hauses in Verträge einzulassen; Andere hingegen, daß
+ich Tag und Nacht darauf sänne, eine Lage, die mich niederdrückt und
+völlig lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand!
+Wann war England Frankreichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich
+unterstützt es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns,
+die wir unser geliebtes Vaterland so heiß, so innig lieben! Ist das
+nicht fürchterlich? Mein Vater – fuhr der Herzog fort, kennt mich
+besser. Er schreibt über den ersterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht
+theile, aber daß die Gefahr mir sehr nahe liege. »Hüte dich,« schreibt
+er, »und vernachlässige keine Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern,
+im Fall der erste Consul beabsichtigten sollte, dich aufheben zu
+lassen.«
+
+O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen
+Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der
+Ufernähe des Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe!
+
+Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch
+weiter von dem theuern Lande entfernen? – Der Herzog blieb, aber die
+Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen.
+Eine Jugendfreundin, eine deutsche Fürstin, deren Residenzschloß in der
+romantischen Künzelsau im Jaxtkreis des Landes Würtemberg gelegen war,
+sollte ein neues Asyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler
+des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurückziehen, und dort unter den
+Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut
+Pläne, damit das Schicksal sie vereitle.
+
+An einem überaus schönen Morgen ergingen sich Sophie, Angés und Ludwig
+unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Bedienung in der Nähe
+von dem Münster und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer von
+uralten Bäumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein
+Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie und
+der Jünger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte
+Martyrsäule. Trunknes Entzücken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens, die
+in lieblicher Jugendschöne ihm gegenübersaß, in ihren Blicken jene
+Verklärung, welche das erste Erwachen jungfräulicher Empfindungen
+begleitet, jenes süße Bewußtwerden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz
+unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth und
+Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge dahin
+und dorthin, da schlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen
+Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornröschen im
+deutschen Märchen ihre Augen aufschlug, als der Königssohn sie küßte.
+
+Ludwig durchströmte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe,
+doch verschloß er tief in seiner Brust was er fühlte, denn noch dünkte
+ihm dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch
+schon ein hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in
+seinem Schutz dies Kleinod gern geborgen wissen.
+
+Die Sommerluft hauchte erfrischende Kühle; aus der Vorhalle der nahen
+Kirche rieselte plätschernd Sanct Landelin’s geheiligter Wunderquell,
+von dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen
+im stillen Gebete andächtige Waller und beteten leise und eifrig ihren
+Rosenkranz ab. Auf des Münsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte
+sich die Unterhaltung und Ludwig erzählte: Ein edler Schotte, Namens
+Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, sein
+Vaterland, in welchem früh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um
+in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands
+dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in
+Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein
+Gedächtniß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der fromme
+Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfürst Gisock beherrschte.
+Landelin ließ sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als Einsiedler
+nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon kam zu
+Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die neue
+Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann zu
+ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut.
+
+Ach! schrie Angés auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres
+Herzens; war es ihr doch, als empfinde sie selbst einen Stich, so
+ergriff sie diese Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Gefahr, die
+ihr selbst weiter aufwärts im Thale einst gedroht hatte. Ihr Ausruf
+erschreckte die Gefährten, ja sie störte damit sogar die Andacht der
+Betenden, denn ein Paar Mönche in dunkeln Kutten kehrten sich nach ihr
+um; sie weckte auch Philipp’s Aufmerksamkeit, der in der Nähe weilte,
+und mit raschen Schritten hinzu trat. Angés, seltsam bewegt, bat Ludwig,
+in seiner Erzählung fortzufahren. Philipp sah scharf nach den Mönchen,
+mit Blicken voll Mißtrauen, der Graf fuhr fort: An der Stelle, wo der
+fromme Landelin unter den Dolchen der Meuchelmörder sein Leben verblutet
+hatte, entsprang ein Heilquell, welcher Kranken zu wunderbarer Genesung
+verhalf. Die Gefährten des Märtyrers trugen den entseelten Leichnam
+thalaufwärts, wo sie ihn zur Erde bestatteten. Die Stelle, wo Landelin
+starb, und die, wo er seine irdische Ruhestätte gefunden hatte, wurden
+dem Volke bald heilig, des Blutzeugen Märtyrtod und sein Wunder gewann
+den ganzen Gau für die Christuslehre. Dieser Ort trägt von ihm den Namen
+Sanct Landelin, über dem Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche,
+voll Gnadenbilder und begabt mit reichem Ablaß. Zahlreiche Mönche
+siedelten sich hier an und weilten in diesem Thale an den Ufern der
+Umlitz, wie der Thalbach in früheren Zeiten genannt wurde; sie erbauten
+Hütten in der Nähe jenes geweiheten Grabes. Von diesem Verweilen der
+Mönche erhielt der allmählich entstehende Ort den Namen Münchweiler, und
+außerdem entstand auch noch auf jener nahen Anhöhe über dem
+Wallfahrtsort das Kloster Mönchszelle. Dessen Bewohner versahen den
+Gottesdienst in der Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige
+Völkerkämpfe; die Franken brachen heraus in dieses Alemanische Land und
+verheerten es, das Klösterlein versank bald in tiefste Armuth. Da
+geschah es, daß ein frommer Mönch desselben, Namens Widegera, aus dem
+Breisgau, im Jahr siebenhundertundzwanzig Bischof zu Straßburg wurde,
+und viel zur Erhaltung von Mönchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag
+dazwischen wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kämpfe, Etto,
+der Sohn Herzog Etticho’s, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim
+gründete, durch Kaiser Karl den Großen Bischof von Straßburg. Er war es,
+der Mönchszelle aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen
+Landelin das Münster neu erbaute, das wir als Ettenmünster nun vor uns
+in den stattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre seinen
+Namen Etto als Ettenheimmünster fortführt. Zugleich wurde Etto des
+Münsters erster Abt, an der Spitze einer Reihe von zweiundfünfzig
+Aebten, die durch gute und böse Zeiten hindurch dieses Kloster
+regierten. Immer schlimmer wurden indeß die bösen Zeiten und die guten
+hörten endlich ganz auf; der goldenen und silbernen folgte die eiserne
+Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem Waffenlärm und ihrer Hab- und
+Raubsucht, wobei von den natürlichen Schirm- und Schutzherrn, den Herren
+von Geroldseck einer nach dem andern sich als Feinde des Klosters
+erwiesen und es mehr und mehr verkürzten, bis mit dem Frieden von
+Lüneville dessen Aufhebung erfolgt ist.
+
+Nach dieser Mittheilung erhoben sich die Spaziergänger zum Weggehen und
+wandelten wieder ihrer nahen ländlichen Wohnung zu. Langsam und
+keineswegs bemüht sie einzuholen, folgten ihnen in gemessener Entfernung
+die erwähnten Mönche auf demselben Wege, aber zwischen ihnen und der
+Herrschaft ging Philipp, nicht ohne sich oft nach Jenen mißtrauisch
+umzusehen.
+
+Graf Ludwig hatte sich kaum von Angés und Sophie verabschiedet, als
+Philipp mit sorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck seiner Züge
+machte den Grafen betroffen.
+
+Nun, Philipp, was hast du? fragte er ihn verwundert.
+
+Gnädiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er ist da!
+Ich hab’ ihn gesehen!
+
+Wer ist da und wen hast du gesehen? fragte Ludwig.
+
+Der Citoyen, der Wasserspringer, gnädiger Herr! versetzte Philipp. Das
+Spitzbubengesicht vergess’ ich all’ mein Lebtag nicht, ich erkannt’ es
+gleich wieder, obschon ich’s nur einen Augenblick sah. Einer der beiden
+Mönche war’s, die uns langsam nachfolgten, die vorher, wie Sie die
+Geschichte von dem alten Kloster erzählten, dort in der Vorhalle der
+Kirche knieten. Wie dieser Kerl den Kopf wandte, wie er herübersah nach
+Ihnen und den Damen, da hatte ich’s los: Es war ein Blick, wie der einer
+Schlange. Geben Sie Acht, Herr Graf, das könnte nichts Gutes bedeuten!
+
+Diese Nachricht überraschte und erschreckte Ludwig und er nahm sie
+keineswegs leicht auf.
+
+Vielleicht irrtest du dich, vielleicht auch nicht, sprach der Graf;
+immer wird es wohlgethan sein, daß wir auf der Hut sind. Siehe zu, ob du
+die Mönche wiederfindest, spähe aus, wohin sie gehen, wo sie bleiben,
+ich werde das Meinige thun. Sobald du zurückkommst, sattle das Pferd,
+ich werde nach der Stadt reiten, du aber bleibst so lange in der Wohnung
+der Damen als Wächter und hütest sie sorgsam mit all der Treue, die ich
+an dir kenne.
+
+Mir soll Keiner kommen, gnädiger Herr, darauf verlassen Sie sich. Wehe
+dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten seligen Herrn Leonardus van
+der Valck hinüber zu befördern, ich zermalme, ich zerquetsche ihn, und
+sollte es mich den Kopf kosten!
+
+Ludwig blieb im tiefernsten Sinnen allein. Philipp’s Meldung weckte
+allerhand sorgenvolle Gedanken in ihm auf; schon längst hatte er
+wahrgenommen, daß sich, begünstigt von der Freiheit des Gnadenortes, gar
+mancher verdächtige Geselle in dieses Thal gestohlen, daß Späheraugen
+umherschlichen, daß vom nahen Frankreich aus jene Netze herübergeworfen
+wurden nach dem Fürsten, der, so oft man ihn auch warnte, an eine Gefahr
+nicht glaubte und nicht glauben wollte.
+
+Philipp erschien nach einiger Zeit wieder und meldete seinem Gebieter,
+daß es ihm nicht gelungen sei, von jenen beiden Mönchen auch nur die
+leiseste Spur zu entdecken, beharrte aber auf seiner Behauptung und
+betheuerte hoch und heilig, daß Jener kein anderer als Clement
+Aboncourt, der Spion, gewesen sei.
+
+Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nähe der Wohnung der beiden Damen
+zu bleiben, auch Jacques zur Wachsamkeit aufzufordern; dann ritt er nach
+dem Städtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzessin
+forderte. Gütig und mit dem freundlichsten Wohlwollen wie immer
+empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und unumwunden
+nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung seines Dieners mit, sondern
+brachte auch so manches Andere zur Sprache, was Ludwig von andern
+Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gasthäuser flüchtig und
+gesprächsweise vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, daß
+französische Emissäre, Commissäre und Spione sich im Münsterthale
+verbreiteten, sogar in die Stadt sich wagten, und daß jedenfalls ein
+Schlag gegen die in derselben verweilenden Emigranten sich vorbereite.
+Man sprach laut davon, daß die stärksten Vermuthungen gehegt würden, die
+in diesem Lande verweilenden Angehörigen und Anhänger des vertriebenen
+Königshauses betheiligten sich an Anschlägen gegen das Leben des ersten
+Consuls den die Bourbons naturgemäß hassen mußten. Schon waren Thaten
+geschehen, die es offenkundig machten, daß es Menschen gab, welche nicht
+an die Göttlichkeit der Sendung des neuen Messias von Frankreich
+glaubten, obschon dieser, mit hohem Muthe gewappnet, seine Feinde vor
+sich niederwarf und die staatliche Ordnung wieder herstellte.
+
+Graf Ludwig entdeckte der Prinzessin, daß man sich in die Ohren
+flüstere, der Herzog sei mit George Cadoudal im Einverständniß, habe für
+denselben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von
+Artois ausgewirkt, stehe auch mit Pichegru im geheimen Bündniß und es
+sei ganz zweifellos, daß eine große weitverzweigte Verschwörung
+existire, die der Herrschaft und dem Leben des ersten Consuls ein Ende
+zu machen beabsichtige. Zu diesem Ende reise der Herzog von Zeit zu Zeit
+verkleidet zu George, wo demselben im Kreise der Verschwornen königliche
+Ehren erwiesen würden.
+
+Die Prinzessin erschrak heftig über diese Nachrichten und traf auf der
+Stelle ihre Anstalten.
+
+Ich sehe klar, sprach sie, daß hier ein ganz anderes Complott vorliegt,
+als blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man weiß, daß wir
+auf dem Punkte stehen, unsere bis jetzt heimlich gehaltene Verbindung
+vor aller Welt zu erklären, man sieht ein, daß durch diese Verbindung
+das Vermögen des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, sondern an
+dessen rechtmäßige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig
+vom Hause Condé abhauen, auf daß der ganze Stamm verdorre, und will dies
+durch Verdächtigungen bewirken. Tausendfacher Dank sei Ihnen gesagt,
+mein bester Graf! Sie sind der Freund, auf dessen Hochherzigkeit ich in
+allen Fällen fest vertraue. Lassen Sie uns rasch und entschieden
+handeln, retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut übergebe ich, die
+Mutter, es für Leben und Sterben. Der Herzog hört auf keine Warnung, ist
+blind für die Gefahren, die ihn umdrohen; ich muß selbständig handeln,
+Mutterpflicht und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, bester Graf, rüsten
+sofort Alles zur Abreise, Sie gehen noch heute, höchstens morgen mit
+Sophie, die ich nur noch einmal sehen und segnen will, in Begleitung von
+Angés, Jacques und Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort
+durchaus Herkunft und Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den
+Herzog überzeugen und bewegen, daß er mit mir Ihnen folgt und sich dem
+gefährlichen Netz entzieht, das sich hier um ihn und uns Alle
+herumspinnt. Säumen Sie nicht, ich werde sogleich den Wagen senden und
+Sophie herüber holen lassen, für die ich zittre. Ach, bester Graf,
+welch’ unschätzbares Gut vertraue ich Ihnen an! O, Himmel, und ich bin
+so ganz ohne Bürgschaft!
+
+Gnädigste Frau Prinzessin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form
+der Courtoisie der Graf die Sprechende: sagen Sie nicht ohne Bürgschaft!
+Ich stelle Ihnen diese Bürgschaft, bei Gott dem Allmächtigen, ich stelle
+sie! – Und indem der Graf in leidenschaftlicher Erregung auf seine Kniee
+sank, fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieser feierlichen
+Stunde zum Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer
+Hoheit, ich jetzt kniee, stelle ich Ihnen meine Bürgschaft: das Herz
+eines deutschen Mannes, und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut,
+meine Zukunft, mein ganzes Erdendasein dem himmlischen Geschöpf, welches
+Sie Ihre Tochter nennen! Ich will ihr Alles sein, wozu Sie mich
+ernennen, wozu sie selbst mich erwählt, Vater, Bruder, Freund,
+Beschützer, Wächter, Alles, Alles! Ich will um Sophien willen der Welt,
+ich will dem Leben entsagen, wenn dies gefordert wird! Unter hundert
+Schleiern will ich sie verbergen, ihr Geheimniß will ich bewahren, und
+wenn Sie, oder der erlauchte Vater es nicht lösen, so soll keine Macht
+oder Gewalt, selbst nicht die furchtbare Macht des Todes das
+dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen schließt. Ich weiß,
+Hoheit, was ich Ihnen verspreche – ich bin frei, bin unabhängig, bin
+durch schmerzliche Erlebnisse abgelöst von der Welt – und – daß ich es
+sage, weil ich es sagen muß, o Prinzessin, zürnen Sie nicht, richten Sie
+nicht – ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an!
+
+Graf, sprach die Prinzessin, im Innersten erschüttert, während ihre
+Thränen unaufhaltsam strömten und sie dem Knieenden beide Hände bot, ihn
+emporzuheben: Sie sind ein edler Mensch! Sie sind würdig des höchsten
+Glückes, das die Erde bieten kann, o möcht’ Ihnen für Ihren treuen und
+festen Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir
+Sophie, daß ich Sie Beide segne. –
+
+Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und große Entschlüsse in seiner
+Seele. Noch an demselben Abend fuhr er mit Sophie und Angés nach der
+Stadt, – auf dem Kutschersitz saß wohlbewaffnet Jacques, hinten auf
+nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf dem Hin- noch auf dem
+Rückwege zeigte sich Etwas, das Besorgniß hätte erregen können.
+
+Liebevoll vertraute die Mutter ihrem Kinde, daß die größte Gefahr ihnen
+Allen drohe, daß Graf Ludwig großmüthig entschlossen sei, ihr Retter,
+ihr Ritter, ihr Beschirmer zu werden, daß sie in eine kurze Trennung von
+dem liebenden Mutterherzen sich fügen müsse und daß, es komme wie es
+wolle, ihr Geschick sich an das des Grafen knüpfen werde.
+
+Sophie weinte, wie es nicht anders sein konnte, aber sie sprach unter
+Thränen zur Mutter die verständigen Worte: Was Sie befehlen, meine
+gnädigste Mutter, ist meine Pflicht. Was der Herr Graf mir befehlen
+wird, werde ich befolgen, als seien es Gebote aus Ihrem Munde. Ich kenne
+und ehre den Herrn Grafen aus frühen Kindheittagen; er war schon, als
+ich noch ein Kind war, auf dem Schiffe in Amsterdam, auf der Reise und
+zu Schloß Doorwerth die Güte selbst gegen mich, er war auf der Reise
+nach Rußland mein Führer, mein Lehrer, ebenso in Hamburg, ich danke ihm
+so viel, daß ich nichts erdenken kann, was ich besäße, um ihm damit für
+alles Das zu lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwiesen hat.
+
+Den größten Dienst steht der Graf jetzt im Begriffe, uns und dir zu
+leisten, aus der größten, drohendsten Gefahr dich zu retten, sprach die
+Prinzessin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, in Mariens, in
+aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures Kind! Wir sehen uns
+wieder! Gott gebe bald, recht bald!
+
+Der Herzog war nicht bei dieser Abschiedscene zugegen, er war nicht im
+Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd.
+
+Es war zu sehr früher Morgenstunde, der Tag graute kaum, – Alles war
+still und feierlich in den Nachbarorten Ettenmünster, Münchweiler und
+Sanct Landelin. Die mannichfaltigen großen Gebäude erschienen noch
+höher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, die Thalferne war
+nebelgrau umflort und düster. Der Ettenbach rollte stark hinab nach der
+Stadt, als eile er, recht wie ein fleißiger Arbeiter in der Frühstunde
+zu Felde zieht, seine Mühlen zu treiben, oder seine Thalwiesen wässernd
+zu befruchten. Alles war gepackt, geordnet und zur Reise bereit. Zwei
+Wagen sollten die Reisenden aufnehmen, im ersten sollten der Graf,
+Sophie und Angés, im zweiten die Dienerschaft fahren.
+
+Als es nun zum Einsteigen kam, weigerte sich Angés entschieden, sich zu
+Ludwig und Sophie in den Wagen zu setzen, behauptete das Rückwärtsfahren
+nicht gut zu vertragen, und was sie sonst für Vorwände zur Hand nahm;
+der wahre Grund aber lag in Angés zartem Sinn, sie wollte Sophie jetzt
+einzig beim Schmerz über diese Trennung von den geliebten Eltern der
+Tröstung ihres Begleiters überlassen, denn es gibt Augenblicke im Leben,
+wo zwischen zwei Personen auch die allervertrauteste Dritte stört.
+
+Der Postillon des ersten Wagens stieß in’s Horn, stimmte die Melodie
+eines schwarzwälder Volksliedes an und dasselbe schien allen bewaldeten
+Bergwänden des Münsterthals so wohl zu gefallen, daß sie’s im Echo
+nachtönten. – Diese Posthornklänge und des Wagens Rollen auf harter
+Straße, die frisch mit Bergkies bedeckt war, ließ einen gellenden
+Aufschrei überhören, der plötzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen
+ausgestoßen wurde, einen Schrei, der herzzerschneidend alle Diejenigen
+durchdrang, welche ihn vernahmen.
+
+
+
+
+4. Katastrophen.
+
+
+Der anbrechende Morgen war trüb und düster, und über der Straße, die
+durch das Gebirge nach Tübingen zu führte, hingen schwere Nebel, die an
+den Waldbergen hinzogen. Ein solcher Morgen weckt keine frohe Stimmung,
+und der heutige entsprach außerdem noch so ganz der Lage der Reisenden.
+Sophie war still und ergeben, sie fühlte sich geschützt, einer drohenden
+Gefahr entrissen, von der Zukunft hoffte sie nichts; ihre Gedanken
+kehrten zurück zu den geliebten Herzen, die sie hatte verlassen müssen;
+ihre einzige Hoffnung war die Verheißung des baldigen Wiedersehens.
+
+Graf Ludwig war von anderen Betrachtungen bewegt. Er fühlte sich stolz
+und mächtig gehoben in dem Gedanken, daß Sophie ihm nun so unerwartet
+schnell anvertraut sei; er gedachte seines heiligen Gelübdes, und schwur
+sich noch tausendmal zu, es zu halten. Er sprach zu Sophie sanfte,
+ehrerbietige Worte, und wußte gleich in der ersten Stunde seines
+Alleinseins mit ihr mit sicherem Tacte den Ton zu finden, der sich für
+beide ziemte.
+
+Was ich von Ihnen erbitte, nahm er das Wort, ist, daß Sie mir erlauben
+wollen, auch fernerhin zu Ihnen in dem Tone reden zu dürfen, den unsere
+vielfachen gemeinschaftlichen Reisen und das nothwendige Incognito der
+späteren Zeit uns finden ließen. Ich werde Sie ehren, als seien Sie eine
+Königin, ich werde Sorge tragen, daß diese Ehrerbietung von Allen
+ausgehe, die Sie künftig umgeben und Ihnen dienen, aber ich werde Sie
+nicht Prinzessin nennen, denn dieses Wort würde nur die argwöhnische
+Neugier wecken. Sie müssen um Ihrer eigenen Sicherheit willen stets vor
+den Augen anderer Menschen verschleiert erscheinen, und bei Ihrem Leben
+gegen keine Seele sich mittheilen. Es ist eine große Last, die das
+Schicksal einem noch so jungen Herzen auferlegt, und manche
+Lebensfreude, auf welche Jugend, Schönheit und Anmuth Anspruch haben,
+wird Ihnen versagt bleiben, doch wird Alles geschehen, um Sie, so viel
+es möglich ist, zu entschädigen, und gewiß wird nach einiger Zeit diese
+Fessel auch wieder von Ihnen genommen; Sie werden an der Hand der
+erlauchten Eltern wieder in die Welt treten und die Huldigungen
+empfangen, welche Ihnen gebühren.
+
+Ich habe keinen anderen Wunsch, Herr Graf, entgegnete Sophie, als den,
+mit meinen Eltern recht bald wieder vereinigt zu werden; bis dies
+geschieht, werden Sie mich in Allem folgsam und gehorsam finden, was Sie
+mir anbefehlen.
+
+Ich werde Ihnen nie Etwas befehlen, Sophie, entgegnete Ludwig; aber jede
+der Bitten, die ich an Sie richte, wird Ihr Wohl zum Zweck haben.
+
+Ihre Wünsche werde ich so achten, erwiederte Sophie, als wenn mein Vater
+oder meine Mutter dieselben mir an’s Herz legten. –
+
+Die Fahrt hatte schon eine Zeitlang gedauert, als an einer Stelle, wo es
+langsam bergan ging, der Graf sich aus dem Wagen bog, um zu sehen, ob
+der zweite Wagen hinter ihm sei? Ludwig bedauerte im Stillen Angés
+Weigerung, sich zu ihnen in den ersten Wagen zu setzen; er hätte gerne
+ihre Stimme gehört, sich ihrer gemüthvollen Unterhaltung erfreut, es war
+ihm nicht möglich, ganz ohne Befangenheit mit dem fürstlichen Kinde zu
+sprechen, und sich gleich völlig in das ihm so neue Verhältniß hinein zu
+finden und einzuleben. So sehr die Glut der Liebe ihn durchzitterte, so
+sehr hielt die höchste Achtung, die ehrfurchtvollste Scheu ihn ab,
+Sophien schon jetzt diese glühende Neigung zu offenbaren.
+
+Der Wagen folgte in ziemlicher Entfernung, halb vom Nebel
+eingeschleiert, der rings die Fernsichten hemmte, und nicht einmal die
+benachbarten Berggipfel erkennen ließ.
+
+An einer Waldschmiede hielten nach der Fahrt von zwei Stunden die
+Postillons, um einem der Pferde ein losgegangenes Eisen festnageln zu
+lassen, und da glücklicher Weise neben der Waldschmiede auch eine
+Waldschenke stand, so benutzten die Lenker des Viergespannes diese
+Gelegenheit zur Einkehr in dieselbe.
+
+Ludwig stieg einige Augenblicke aus und sah dem nachkommenden Wagen
+verlangend entgegen, um Angés zu grüßen, und sie auf Sophiens Wunsch zu
+ersuchen, im ersten Wagen bei ihnen Platz zu nehmen.
+
+Jener Wagen kam langsam nach, als er nahe genug war, sah der Graf zu
+seiner Bestürzung, daß es eine völlig fremde Kutsche sei. Er rief den
+Kutscher an, ob er nicht einen Reisewagen mit Gepäck und vier Pferden
+überholt habe? Dieser, eine nichts weniger als gutmüthige Schwarzwälder
+Physiognomie, schüttelte sein mit einem breiten Hute bedecktes Haupt,
+ohne ein Wort weiter zu sagen, und peitschte sein Gespann, welches
+einige Neigung zeigte, auch vor der Waldschenke zu halten.
+
+Das war Ludwig unangenehm, ja es berührte ihn peinlich, daß jener zweite
+Wagen nicht nachkam – er sah die Zögerung des Postillons nicht ungern,
+hoffte und hoffte, blickte verlangend und voll Ungeduld auf den
+zurückgelegten Weg, so weit dieser sich überschauen ließ, und immer
+vergebens. Der zweite Wagen kam nicht, die Fahrt des ersten ging weiter.
+Die Station wurde erreicht, wo die Pferde gewechselt wurden, neuer
+Aufenthalt – der zweite Wagen blieb noch immer aus. Es wurden
+einstweilen frische Pferde für ihn bestellt und dem zurückreitenden
+Postillon aufgetragen, den Nachfolgenden Eile anzuempfehlen.
+
+So ging es von Station zu Station, immer banger wurde es dem Grafen um’s
+Herz. Was war geschehen? Was konnte diesen räthselhaften Aufenthalt
+veranlaßt haben? Der Abend dämmerte nieder und der Tag, der für Ludwig
+so verheißungsreich begonnen, sank ihm sehr trübe, seine Verlegenheit
+mehrte sich von Stunde zu Stunde; er begann jetzt unwillig zu werden
+über Angés’ Laune, wie er es nannte, und mußte doch diesen Unwillen vor
+Sophie unterdrücken, durfte die noch Ahnungslose nicht schrecken und mit
+seinen Befürchtungen ängstigen.
+
+Tübingen war erreicht, das Ziel des ersten Reisetages, wo Nachtrast
+gehalten werden sollte, und Ludwig’s Verlegenheit wuchs mit jeder
+Minute. Sollte die Prinzessin der weiblichen Bedienung entbehren, sie,
+die von Kindheit auf die sorgsamste Aufmerksamkeit gewohnt war?
+
+Ludwig ordnete an, daß eine Staffette dem Wagen entgegen gesendet werde,
+die die ganze Straße entlang nach der zurückgebliebenen Reisebegleitung
+forschen und nöthigenfalls bis zur Post nach Ettenheim weiter befördert
+werden sollte, wenn keine Spur sich fände.
+
+Nach einer Stunde sorgenvollen Harrens kam die Staffette zurück und rief
+zum Fenster des Gasthauses hinauf, aus dem der Reisende heruntersah, daß
+der Wagen sogleich kommen werde.
+
+Voll hoher Freude warf der Graf ein paar brabanter Laubthaler in den Hut
+des Postillons, der von dannen ritt, und bald rollte in der That der
+langersehnte Wagen heran. Voll Unruhe und Ungestüm eilte Ludwig die
+Treppe hinunter, um Angés selbst aus dem Wagen zu heben.
+
+Philipp war bereits von seinem Außensitz herabgesprungen, sein sonst so
+frisches rothes Gesicht war bleich; er blickte seinen Herrn mit dem
+Ausdruck tiefen Kummers an, öffnete den Schlag, – Sophie Botta, die
+Dienerin, stieg aus, aufgelöst in Thränen, der alte Jacques folgte –
+Angés fehlte.
+
+Was ist das? Wo ist Angés? fragte Ludwig erschrocken.
+
+Philipp antwortete: Ach, bester gnädiger Herr! Ach das Unglück! Kommen
+Sie in das Haus!
+
+Der Graf eilte in raschen Sätzen die Treppe hinauf und gebot Philipp,
+ihm sogleich zu folgen. Sophie öffnete die Thüre des Zimmers, in welches
+sie abgetreten war, Graf Ludwig winkte ihr stumm, zog den Diener in sein
+Zimmer und stammelte: Sprich! Sprich! Was ist’s mit Angés? Wo habt ihr
+sie gelassen?
+
+Ach, erschrecken Sie nur nicht allzusehr, gnädiger Herr! stammelte
+Philipp. Ach, der liebe gute Engel!
+
+Angés! schrie der Graf: was ist’s mit ihr?
+
+Sie ist nicht mehr – sie ist todt – schändlich ermordet!
+
+Todt? Ermordet, sagst du?
+
+Wie ich Ihnen sage, schluchzte Philipp.
+
+Jetzt kam auch die Kammerzofe herauf, überlaut weinend, und da die
+Prinzessin diese hörte, öffnete sie wieder die Thüre und ließ sie zu
+sich eintreten; bald wurde auch das junge Herz Sophiens von einer
+Nachricht erschüttert, die ihr das Blut erstarren machte.
+
+Es dauerte eine ziemliche Weile, bis es zu einer zusammenhängenden
+Erzählung des Ereignisses von Seiten Philipp’s kam.
+
+Wir waren eben im Einsteigen begriffen, berichtete dieser: als der Wagen
+des Herrn Grafen wegfuhr. Die Jungfer saß bereits auf dem Rücksitze,
+Angés wollte gleichfalls einsteigen, ich und Jacques hatten nur noch
+einen Koffer aus dem Hause zu schaffen, den ich vor mich auf den
+Kutschersitz nehmen wollte, und im Augenblicke, wo ich zuerst meinen Fuß
+auf die Stufe vor der Schwelle des Hauses setze, höre ich einen
+entsetzlichen Schrei, sehe Angés sinken, während eine Gestalt wie ein
+Schatten um die Ecke des Hauses huscht. Ich lasse gleich den Koffer
+fallen, schreie Jacques zu: Helft dort! und stürze dem Schatten nach,
+dort prasselt ein aufgestellter Haufen Holz zusammen, Scheiter fallen
+auf mich – aber mich hält nichts zurück, jetzt hart an der Ferse bin ich
+ihm – es war eine dunkle Gestalt – sie will über einen Zaun – verfängt
+sich in der Kutte, wendet sich – ratz! reißt die Kutte in Fetzen, und
+auf mich stürzt’s und ich hab’ einen wüthenden Stich in der linken
+Schulter. Da pack’ ich die Hand und breche sie am Gelenke ab, – sie
+kracht, aber fest bleiben die Teufelsfinger um den Dolch gekrallt. – Ich
+trete den Kerl zusammen, fasse ihn an der Gurgel und stoße ihn gegen
+eine Mauerwand, so lange und in einem fort, bis der Athem ihm ausgeht.
+Nieder werf’ ich ihn, mit Füßen tret’ ich ihn, an den Haaren schleif’
+ich ihn vor nach der Stelle, wo er seine blutige That vollbracht – wo
+Jacques die arme unglückliche Angés als Leiche in den Armen hält, und
+laut um Hülfe ruft und jammert. Es gibt Lärm, die Postillons springen
+von ihren Pferden, die Jungfer stürzt aus dem Wagen, die Hausleute eilen
+herbei – ach, was half das Alles? Angés war starr und kalt – von einem
+Dolchstoß mitten ins Herz getroffen – der Mörder mußte sich hinter dem
+Wagen versteckt gehalten und ihr beim Einsteigen den Mantel erst
+abgerissen haben, denn dieser lag am Boden, dann hatte der Hallunke
+seinen sicheren Stoß geführt.
+
+Das Unglück war da, das große, entsetzliche Unglück. Nach dem
+Schultheißen, nach Polizei, nach Gensd’armen wurde gerufen, die ganze
+Ortschaft kam in Allarm. Dort lag noch der feige elende Mörder – Angés
+war in das Haus getragen worden, das sie bewohnt – ach, wer hätte eine
+solche Rückkehr geahnt! – Es wurde heller Tag – das Volk sah nicht die
+ermordete Angés, den Mönch sah es, und schrie: Ein frommer Pater ist
+erschlagen! Mord! Mord! Die Postillons wurden gezwungen, ihre Pferde
+abzuspannen. Jetzt sah ich erst, daß ich selbst beträchtlich blutete, es
+wurde mir ganz elend – ich trank ein Glas Rum und riß meine Kleider ab.
+Ein Bader fing gleich seine Kur mit mir an, mitten in der Wirthshausflur
+– des drängenden Volkes wurde immer mehr – sie wollten den Leichnam des
+Mannes aufheben und ihn in die Kirche tragen, wie ich aus ihren Reden
+vernahm – da stieß ich den Bader zurück und schrie: Den Hund, den
+Meuchelmörder in die Kirche? In das Gotteshaus? Auf den Schindanger
+gehört er, wenn ihr es wissen wollt! Ein frommer Pater wäre er, bildet
+ihr euch ein? O, ich weiß auch, wie ein Pater beschaffen ist! Schaut
+her! – Dabei riß ich ihm die Kaputze vom Kopfe, und es war nun hell
+genug, daß jeder sehen konnte, daß der Kerl keine Tonsur hatte. Der ein
+Pater? Ein französischer Spion ist’s, wenn ihr’s wissen wollt!
+
+Wie? War es etwa jener Clement Aboncourt? rief Ludwig tief erschüttert
+aus.
+
+Nein, gnädiger Herr, – der war es nicht, aber der Spießgeselle, der mit
+ihm ging, auf alle Fälle derselbe Hund, der dem guten Herrn Leonardus
+den Tod brachte. Jetzt erschien Polizeimannschaft – da man an mir Blut
+sah, und zwar dessen nicht wenig, so sollte ich der Mörder des Mörders
+sein, – und schlecht genug wär’ es mir auch sicherlich ergangen, wenn
+der Kerl wirklich todt gewesen wäre; aber mit Einemmale fing er an,
+Gesichter zu schneiden und zu gurgeln und wurde wieder lebendig, wie
+eine Katze, die man heute dreimal todt schlägt, und übermorgen läuft sie
+wieder auf dem First des höchsten Daches, als wäre ihr nichts geschehen.
+Er wurde sogleich mit Stricken geschnürt und ins Gefängniß gebracht. Wir
+wollten Ihnen nun nachfahren, denn wir konnten ja doch nicht helfen –
+die Postillone spannten wieder an, aber sie mußten dennoch zurück. Die
+Polizei bestand darauf, daß wir mit nach der Stadt fuhren, um dem
+Gericht über Alles Aufschlüsse zu geben. Daraus entstand der endlos
+lange Aufenthalt – da mußte Alles an den Tag, wer wir seien, woher wir
+kämen, wohin wir wollten und wer den Mörder so übel zugerichtet habe? –
+Ich sagte, daß er mich gestochen und daß ich mich zur Wehre gesetzt
+habe. Was der Nichtswürdige aussagte, habe ich nicht erfahren, ich
+drängte zur Eile – die Zofe lief von einem Polizeisoldaten begleitet, zu
+einer hohen Dame, die bewirkte, daß wir freigelassen wurden und
+fortfahren durften. Jener Mörder wird wohl der Vergeltung nicht
+entgehen, aber uns allen war bitterlich weh um’s Herz über der
+unschuldigen Frau Angés’ Tod, die wir noch einmal sahen, und die so
+überirdisch schön da lag, wie eine blasse geknickte Lelibloem – so
+plötzlich dahinzugeben das noch so junge liebliche Leben!
+
+Welch’ ein Schmerz für Ludwig wie für seine Schutzbefohlene!
+
+Das war ein mehr als trüber Beginn des neuen Lebensabschnittes, der mit
+dem heutigen Tage für Beide angebrochen war – das war eine schwere
+Prüfung, eine finstere Vorbedeutung.
+
+Der Graf ließ Philipp sogleich wundärztlich behandeln; die Wunde war
+übrigens nicht von Bedeutung. Des treuen Burschen Natur war nicht zart
+und empfindlich, er hatte zwar in der Nacht ein wenig Fieber, war aber
+am andern Morgen bei sehr früher Zeit wieder auf, und bereit, den
+Befehlen seines Herrn zu folgen. Dieser versah ihn mit Geld; er sollte
+sogleich mit Extrapost zurückfahren und Angés’ Leichenbestattung in
+ehrenvoller angemessener Weise anordnen, dabei auch der Prinzessin Kunde
+vom Befinden ihres Kindes bringen, das der treuen Pflegerin seiner
+Kindheit und Jugend den traurigen Zoll der aufrichtigsten Thränen nicht
+versagte, ja ganz außer sich war über alle die Betrübniß, die auf sein
+Herz einstürmte.
+
+Daß die Weiterreise nach Ingelfingen keine heitere war, lag in der Natur
+der Umstände; düstere Wehmuthschatten umwölkten die Stimmung der
+Reisenden, aber die tiefe und gerechte Trauer, welche der Graf und
+Sophie bei diesem plötzlichen, schrecklichen Hinscheiden ihrer
+gemeinsamen Freundin empfanden, näherte ihre Herzen einander mehr, als
+die hellsten Freudentage vermocht hätten.
+
+Ingelfingen war erreicht; nach wenigen im ersten Gasthaus daselbst
+zugebrachten Tagen ward eine Miethwohnung in der Apotheke bezogen. Die
+Fürstin, an welche der Graf und Sophie empfohlen waren, war abwesend,
+unsere Reisenden waren also auf sich allein beschränkt, die äußerste
+Zurückhaltung wurde beobachtet, besonders von Seiten Sophiens; sie
+verließ, erschreckt und eingeschüchtert durch jenen schauderhaften Mord
+an ihrer geliebten Angés, kaum ihr Zimmer. Denn konnte nicht sie es
+sein, die der Dolch des Mörders gesucht und verfehlt hatte? War es nicht
+möglich, daß jene Habgierigen, welche nach ihrem einstigen Vermögen
+trachteten, mit Mörderdolchen ihr nachschlichen, um sie aus der Welt zu
+schaffen? Ihre jugendliche lebhafte Phantasie malte ihr dies Schreckbild
+mit den düstersten Farben aus.
+
+Graf Ludwig hatte den einen Wagen mit Philipp zurückgesendet; für den
+anderen kaufte er ein schönes Rossepaar und fuhr häufig mit der
+Prinzessin spazieren, welche stets verschleiert neben ihm saß. Bisweilen
+lustwandelte sie auch am Arm ihres Beschützers, ebenfalls tief
+verschleiert, und Alles an ihnen ließ die Einwohner des Städtchens
+errathen, daß der fremde Herr wie die fremde Dame den höchsten
+Gesellschaftskreisen angehörten. Die Ingelfinger waren gerade so
+neugierig wie alle andern Kleinstädter im lieben deutschen Vaterlande,
+zerbrachen sich die Köpfe darüber, wer dieses so geheimnißvolle Paar
+sein möge, und da es ganz unmöglich war, Etwas über dasselbe zu
+erfahren, so suchte man in der Phantasie Rath und Auskunft dafür, und
+bald circulirten allerlei abenteuerliche Gerüchte über das fremde
+Liebespaar.
+
+Trotz der Nähe der Geliebten war Ludwig’s Herz sorgenbelastet und
+schwer, denn er fühlte sich fast von allen Banden losgerissen, die das
+Leben so freundlich knüpft und in einander verschlingt. Wen hatte er
+denn noch draußen in der Welt, seit auch Angés ihm entrissen war? Nur
+noch das Herz einer Mutter, der sich schriftlich mitzutheilen die
+Verhältnisse verboten; doch blieb Georgine nicht ohne Nachricht und nahm
+aufrichtigen Antheil an des entfernten Lieblings Wohl und Wehe. Mit den
+eigenen Verwandten war der Graf außer Verbindung gekommen, sie sahen
+seine Abwesenheit nicht ungern, es hatte Keiner nach dem Tode der
+Großmutter gefragt, ob Ludwig nicht auch Ansprüche oder Wünsche habe,
+und er selbst hielt sich in stolzer Zurückhaltung von den Verhandlungen
+über das großmütterliche Erbe ferne, obschon er nicht ohne ein gewisses
+Vergnügen die Briefe Windt’s las, die ihn in seiner Einsamkeit
+auffanden.
+
+»Für mich gibt es jetzt,« schrieb ihm einst der alte Freund: »alle Hände
+voll zu thun, bald in Varel, bald in Doorwerth, bald in Hamburg. Die
+Herren, der regierende Graf und der Vice-Admiral, haben sich in Varel
+ganz gut verglichen; nur schade, daß sie nicht bei diesem Vergleich aus
+dem Falken von Kniphausen trinken konnten! Ich bin jetzt in Hamburg und
+betreibe den Verkauf des Nachlasses meiner hochseligen Gebieterin, so
+weit die Erbherren denselben nicht für sich behalten wollen. Graf
+William ist noch hier und überhäuft mich erschrecklich mit Schreibereien
+und Uebersetzungen aus dem Deutschen und Holländischen, um sich
+vollkommene Kenntniß in der Nachlaßsache zu verschaffen. Ich sitze bis
+über die Ohren unter den vermaledeiten Papieren, welche ich nebst dem
+ganzen Testamente lieber heute als morgen dem Feuer opferte. Hier in
+Hamburg sieht es auf allen Seiten elend und jammervoll aus. Ich warte
+nur auf Nachricht vom Erbherrn, der mir von Varel aus schreiben will, ob
+und wann es nöthig sei, daß ich dahin komme und mit ihm nach Doorwerth
+gehe; das hält mich allein noch hier auf, sonst würde ich meine brave
+Schwester zu meinem Bruder nach Bückeburg gebracht haben, der sie zu
+sich nehmen will. Glauben Sie mir, bester Herr Graf, man wird endlich
+müde. Denken Sie, daß ich jetzt fast ganz auf meine Kosten hier leben
+muß, ich bin nicht besonders bedacht worden, es wurde mir auch noch
+keine Sicherheit angeboten, und ich werde zuletzt dem Spott, dem Hohn
+und dem Jammer ausgesetzt sein für sechsunddreißigjährige Dienste.«
+
+Wie, sollte Windt Noth leiden? rief Sophie mit Bestürzung. Das dürfen
+wir nicht zugeben. Ich bitte Sie, Herr Graf, sorgen Sie für den braven
+Mann, der so treu an Ihnen hängt.
+
+Wie erfreut und rührt mich Ihr schönes Gefühl, entgegnete Ludwig bewegt.
+Ich werde das Meine thun, obschon es mir kaum glaublich ist, daß Windt
+so blosgestellt sein sollte. Hören wir weiter, was er mittheilt:
+
+»Das Münzkabinet hat seinen Erben gefunden; warum die Hochselige es
+Ihnen, Herr Graf, nicht vermacht hat, ist mir ein großes Räthsel, das
+sie noch nach ihrem Tode mir zu lösen aufgibt, wie sie’s im Leben so oft
+gethan hat. Die herrliche Bibliothek muß unter den Hammer, der
+Buchhändler Perthes will so gut sein und die Anzeige der Auction
+verbreiten, sowie auch den Catalog drucken. Das Porzellan, Glas, die
+Leuchter, Spiegel u. dgl. kommt Alles unter den Hammer, auch ein Theil
+der Bilder. Soll ich nicht die Ansichten der drei Schlösser für Sie,
+Herr Graf, ersteigern? Ich gönnte Ihnen die Besitzungen freilich lieber
+alle drei #in natura#. Das Silber, über sechshundert Pfund, hat die
+hochselige Excellenz sammt und sonders einer Jugendfreundin in Sachsen
+vermacht, ein hübsches Andenken, die Herren Grafen sind wüthend darüber,
+können aber nichts dagegen machen, höchstens es zurückkaufen.«
+
+#Habeant sibi!# sprach Graf Ludwig: was nützt aller Reichthum, wenn der
+Mensch nicht innerlich beglückt ist? Ich will dem braven Windt eine
+lebenslängliche Rente sichern; verdient irgend ein Mensch auf der Welt
+Dank, Lohn und Anerkennung, so ist er es; es wäre himmelschreiend, wenn
+er sich über Undank beklagen müßte!
+
+Ein anderer Brief Windt’s, in Doorwerth geschrieben, den Ludwig allein
+las, begann:
+
+»Ich sitze hier am Orte meiner Qual, und inventire, registrire,
+katastrire wie närrisch darauf los, damit der Herr General-Erbe, der
+Herr Vice-Admiral, welcher Doorwerth übernimmt, Alles im besten Stande
+finde; dann heißt es bei mir: fahr’ zu, Kutscher, dann gehe ich nach
+Stadthagen, setze mich endlich zur Ruhe, und will nichts mehr hören und
+sehen von Doorwerth, Kniphausen, Varel und Hamburg. Wer hätte das
+gedacht, daß Alles so wunderlich gekartet würde, daß Graf William, und
+nicht Graf Wilhelm Gustav Friedrich die Herrlichkeit übernähme, der doch
+erst Alles daransetzte, sie zu erlangen. Es ist in den letzten
+Lebenstagen der hochseligen Frau Gräfin und bei der Anwesenheit dieses
+guten Grafen William vielfach #à la# Cagliostro zu Werke gegangen
+worden, doch was geht das mich an? Der Vice-Admiral ist nach London
+gereist. Von Berlin aus ist Anfrage ergangen, ob das Münzkabinet nicht
+verkauft würde; der Anfrager soll ein berühmter Antiquarius sein, der
+dasselbe jedenfalls zu schätzen weiß. Wenn der Erbe es ihm gibt, so wird
+sich eine Weissagung der Hochseligen erfüllen, welche dieselbe oft
+aussprach: Von diesen Münzen und Medaillons, die ich mit Mühe und großen
+Opfern zusammengebracht, wird es einst heißen: Gehet hin in alle Welt.«
+
+»Das Reich ist noch nicht ganz einig, erst im kommenden Herbst soll die
+Frucht der Harmonie reifen; wenn sie sich nur nicht spalten, wie ein
+Granatapfel, der unzeitig vom Stamme fällt.«
+
+»Vom Erbherrn ist Nichts zu hören, Nichts zu sehen, nur unverbürgt habe
+ich vernommen, daß er bei seinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen
+von la Tremouille und Talmont zu sich dorthin habe kommen lassen.«
+
+»Nachträglich noch eine, mir erst kürzlich zugekommene neue Märe, die
+ich aber durchaus nicht gesagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir
+gewiß unvergeßliche verewigte Frau Erbherrin ist vergessen und alle
+Liebe der Demoiselle Sara Gerdes, vormals Kammerjungfer, dann Kammerfrau
+der hochseligen Erbherrin, dermalen zum Range einer Schloßverwalterin zu
+Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genießen wird, die
+Stellvertreterin einer Ottoline zu werden. Dieses nicht mehr junge
+Mädchen stammt aus Bockhorn, das, wie Ihnen genugsam bekannt ist,
+zwischen Varel und Kniphausen liegt, und der Großvater derselben zählte
+zu den Hörigen der Herrschaft, der Vater aber ist jetzt ein freier
+Landbebauer. Was sagen Sie dazu?«
+
+Diese Meldung erschütterte den Grafen Ludwig sehr; als er allein war,
+rief er fast in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dämonen
+habe ich heraufbeschworen über das Haus, dem ich entstamme! – Nun sehe
+ich, wie sich Alles, Alles erfüllen wird, der dauernde Hader, die
+Zwietracht, die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten
+Punkt!
+
+Sich zu zerstreuen, ging er hinunter in die Wohnung seines Hausmanns,
+des Apothekers, der ein sehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war.
+Es war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Städtchens, sich Sonntag
+Vormittags zu einem Glase Wein in der Apotheke einzufinden, und die
+Weinstube hatte dadurch, daß auch der fremde Herr, der im Hause wohnte,
+dieselbe besuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig sich eine
+Menge solcher Zeitungen des Auslandes kommen ließ, von denen sonst nie
+ein Blatt nach Ingelfingen gedrungen wäre. Erfuhren auch die Herren
+nicht, was sie für ihr Leben gern gewußt hätten, wer eigentlich dieser
+vornehme, zurückhaltende schöne Mann sei, so sahen sie doch seine
+Persönlichkeit in ihrer nächsten Nähe, sahen, daß ihm der Wein nicht
+minder mundete wie ihnen, und hörten ihn gern sprechen, wenn er über die
+Ereignisse der Zeit über die Hoffnungen und Befürchtungen in politischer
+Beziehung sich äußerte. Auch hatte der Postmeister der Gesellschaft
+vertraut, der fremde Herr empfange fast mehr Briefe, als der erste
+Kaufmann von Ingelfingen. – Sophie beschäftigte sich stets in Gegenwart
+ihres Kammermädchens, wenn der Graf ihr nicht Gesellschaft leistete, mit
+leichter weiblicher Arbeit, oder las gute französische Bücher, übte sich
+auch bisweilen im Deutschen, worin jedoch ihre Fortschritte nur langsam
+waren; besonders fiel das Nachmalen der deutschen Schrift ihr schwer.
+Manche stille Thräne weinte sie um die dahingeschiedene Angés und die
+Trennung vom Mutterherzen, und ängstlich vermied sie Jemanden zu
+begegnen; ein fremder Tritt auf der Treppe oder im Vorsaal machte sie
+erbeben. Philipp ritt oder fuhr während des Aufenthaltes in Ingelfingen
+fast wöchentlich einmal als Sendbote in das badische Land; denn es wurde
+ein lebhafter Briefwechsel mit der Prinzessin unterhalten.
+
+Ludwig beschäftigte sich in seinen zahlreichen Mußestunden mit Studien,
+zu denen seines Hauswirthes Beruf und Büchersammlung den meisten Anlaß
+bot. Da standen wohlgeordnet die Werke der Koryphäen der
+pharmaceutischen Wissenschaft neben einander: Göttling, Buchholz,
+Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache
+für Scheidekünstler vertreten; eine Sammlung von Pharmacopöen, die mit
+der Schule von Salerno begann und mit der berühmten und allverbreiteten
+würtembergischen Pharmacopöe abschloß, ließ Einblicke thun in den Geist
+und in die Fortschritte der pharmaceutischen Wissenschaft und Chemie.
+Praktische Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden können, wie
+die Bereitung und Destillation der Naphten, ja selbst das Pulvern zäher
+Harze, die nur Winterkälte so hart macht, daß sie zu Staub zermalt
+werden können von der schweren Wucht der Mörserkeulen, des Gelbanum, die
+Asa u. a., boten dem Beschauer manches Anziehende dar, nicht minder
+chemische Experimente, die mannichfach erfreuten.
+
+Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn
+persönlich kennen zu lernen. Ueber politische Verhältnisse äußerte er
+sich nur mit großer, fast diplomatischer Vorsicht und vermied
+absichtlich, als Parteimann zu erscheinen; doch verhehlte er nicht, daß
+ihm die alte Dynastie Frankreichs lieber war, als die gegenwärtige
+Regierung, daß er aber noch zur Zeit ungleich mehr die Revolution selbst
+verabscheue, als ihren muth- und kraftvollen Bezwinger.
+
+Während nun fort und fort die Wißbegierde in Ingelfingen wach blieb, zu
+wissen, wer der fremde Herr eigentlich sei, ob er nicht, wie Einige
+muthmaßten, ein französischer Prinz, ja ob er nicht gar Monsieur selbst
+sei, weshalb ihn auch einige Male der Postmeister Monseigneur anredete,
+was aber mit guter Absicht von Ludwig ganz überhört wurde, machte ein
+unseliges Ereigniß dem Aufenthalte des Gegenstandes so vieler heimlichen
+Fragen und so vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urplötzliches
+Ende.
+
+Philipp kam von Ettenheim zurück, mit demselben bestürzten und
+verstörten Aussehen, wie damals, als er die Botschaft von Angés’
+Ermordung überbrachte, und erstattete seinem Herrn einen Bericht, der
+diesem das Haar emporsträuben machte.
+
+Gnädiger Herr! begann er athemlos: Sie müssen mir sogleich einen sichern
+Paß verschaffen, daß ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier weilen,
+ich muß weiter!
+
+Was ist geschehen? fragte Ludwig betroffen.
+
+Was geschehen ist? Herr Gott im Himmel! Unerhörtes und Entsetzliches ist
+geschehen! Lesen Sie, gnädiger Herr! Damit übergab er seinem Gebieter
+einen Brief, der in Eile zusammengefaltet und äußerst flüchtig
+gesiegelt war. Er war von der Prinzessin, und diese schrieb ihm:
+»Fliehen Sie, Graf, fliehen Sie mit Sophie, weit, so weit als Ihnen
+möglich ist! Retten Sie die Tochter, da der Vater unrettbar verloren
+ist. In Verzweiflung schreibe ich diese Zeilen. Der Herzog war gewarnt,
+treu gewarnt, es war verabredet, daß wir morgen oder übermorgen nach
+Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten, vorher aber sollte eine feierliche
+Erklärung unserer Verbindung auch vor dem Auge der Welt Geltung
+verschaffen. Es war bereits ein offenkundiges Geheimniß, daß von Seiten
+Frankreichs dem Herzog nachgestellt und aufgelauert werde, Schaaren von
+Spionen trieben sich in dem Städtchen herum, Alles war schon
+ausgekundschaftet, aber keine Warnung fruchtete und statt zu fliehen,
+ging der Herzog unbesorgt auf die Jagd; den nächsten Tag erst wollte er
+die Rathschläge seiner Treuen befolgen. Wie Alles so entsetzlich schnell
+gegangen, weiß ich selbst noch nicht, ich begreife überhaupt Nichts, als
+daß wir Alle unaussprechlich elend sind! Es wurde Lärm in der Nacht, die
+ganze Bürgerschaft rannte auf die Straßen, der scheuslichste Verrath
+ward geübt worden, der Herzog wurde in seiner Wohnung überfallen und
+gefangen genommen; der Kirchthurm war von Bewaffneten besetzt, damit
+Niemand Sturm läute, unter meinen Fenstern sah ich meinen geliebten
+Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren vorüberfahren, von Wachen mit
+Gewehren und blitzenden Bajonetten umgeben – ach, mir ahnet, ich sah ihn
+zum Letztenmale! Es mußte ein ganzes Bataillon französischer Soldaten
+vom Rhein herübergekommen sein, um diesen Landfriedensbruch und
+gewaltsamen Menschenraub zu verüben. Die Umgebung meines theueren
+Gemahls war mit verhaftet, – ach, noch einige Tage vielleicht, und
+unsere Sophie hat keinen Vater mehr! – Ich warf mich in einen Wagen,
+folgte dem Gefangenen bis nach Straßburg, ich flehte meinen Gemahl
+sprechen zu dürfen, vergebens, ich sah – ich sprach ihn nicht! Wo sie
+Henri hinschleppen, weiß ich nicht – nach Paris ohne Zweifel – der Löwe
+verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons! – Gott mit Ihnen – mit
+Sophie – ich kann nicht mehr – ich bin vernichtet!
+
+ Ch.«
+
+Der Graf starrte wie betäubt auf den Unglücksbrief! – So fällt auf mich
+ein Schlag nach dem andern, sprach er dumpf vor sich hin, doch – ich
+muß – ich will sie tragen alle diese Schläge, nur Sophie soll sie nicht
+mitfühlen.
+
+Was hörtest du selbst noch außerdem von dem schrecklichen Unglück, das
+mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig seinen Diener.
+
+Ich lag auf Kundschaft, berichtete dieser, hatte nachgeforscht, wie es
+um jenen Hallunken stände, den Mörder der guten Angés, und ob er schon
+gerichtet sei. Hat sich was – gerichtet! Entsprungen war dieser Teufel
+abermals, entsprungen mit Hülfe seines schurkigen Spießgesellen. Beide
+waren Spione und verkleidete französische Gensd’armen gewesen. Ich hatte
+mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den
+Herumtreibern und ließ ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor
+Wuth und Grimm gegen diesen verruchten Menschen, wo er hinschlich,
+schlich auch ich hin, stellte mich so, daß er mich nicht gewahrte, ich
+aber ließ ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich schwur es
+mir zu, Beide zu verderben, oder mindestens den von ihnen, der in meine
+Hand fallen würde. Wohl merkte ich, daß das Volk Etwas vorhabe, aber
+was, darum bekümmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der
+Nacht des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hörte ich in meinem
+Versteck plötzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die
+Wachen umringten ihn, er wurde auf einen Karren gesetzt und durch den
+Ort geführt, ich schlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut
+gemerkt. Der Morgen kam herauf, es ging auf eine Mühle zu, nahe der
+Stadt vorbei, die dicht umbuscht war; der Ettenbach, der diese Mühle
+trieb, rauschte stark und gewaltig, angeschwollen vom geschmolzenen
+Schneewasser des Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen
+meines Vorhabens, denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen
+Mann nicht herausholen. Alle meine Gedanken schossen hinter ihm drein,
+als wollten sie ihn fesseln, und ich glaube, sie haben ihn gefesselt;
+denn auf einmal blieb Clement Aboncourt zurück, um an seinem Tornister
+etwas zu ordnen. Niemand war in der Nähe, die Gefangenen sind in das
+Mühlhaus geschleppt worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm
+Damm, auf dem der Weg hinläuft, wälzt sich die rasche Fluth dem Rheine
+zu. Der Spion war in meiner Macht. Ein Wurf meiner längst bereit
+gehaltenen Schlinge, wie nach einem Pferd auf unseren Marschen, ein Ruck
+– und mein Mann stürzt’ rückwärts nieder – ich auf ihn los! Bist du’s,
+vermaledeiter Satan und Mordgeselle! Ich schau’ ihn an, er war’s, er
+verdrehte die Augen, er zappelte und schlug mit krampfhaft geballten
+Fäusten nach mir. Ich stieß ihn in den brausenden Waldbach, und die
+Wellen thaten hohe Freudensprünge, als der Hallunke hinabflog, seinen
+Tornister warf ich gleich hinterdrein ihm auf den Kopf. So hat doch
+einer seinen Lohn, denn der blieb unten; ich lief eine Stunde dem
+Mühlenbach entlang, um zu sehen ob er wieder auftauche, aber der
+wohlverdiente Strick hat ihn daran verhindert.
+
+Ludwig wandte sich schaudernd ab.
+
+
+
+
+5. Verschiedene Nachrichten.
+
+
+In der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen herrschte am 18. März des
+Jahres 1804 eine ungewöhnliche Bewegung. Der interessante Fremde, den
+man so gerne in der Gesellschaft gesehen und reden gehört hatte, war mit
+seiner Begleitung plötzlich abgereist. Er hatte noch am Samstag spät am
+Abend Extrapostpferde bestellt, und war am frühen Sonntag von dannen
+gefahren, gar zu gern hätte man gewußt wohin, Niemand aber konnte
+Auskunft geben. Dem Hausbesitzer war in blankem Golde die Miethe bis zum
+Ende des Monats bezahlt worden, außerdem hatte ihn noch ein Geschenk
+gelohnt, dessen er sich gar nicht versehen, und das ihm die größte
+Freude machte; es war eine nagelneue, in Paris gefertigte Voltaische
+Säule mit sechzig Plattenpaaren von Laubthalergröße und allem Zubehör.
+Für den Postmeister, der ein sehr starker Raucher war, war ein kostbarer
+großer ächter Meerschaumkopf mit Silberbeschlag zurückgelassen worden,
+und für die übrigen Herren des Weinstübchens Kruggestellgläser mit
+silbernen Deckeln, auf welchen das Wort »Andenken« stand und die
+Buchstaben L. C. v. d. V. eingegraben waren.
+
+Der Apotheker war eben bemüht, vor seinen Gästen die Säule aufzubauen,
+die davon noch gar keinen Begriff hatten, als ein neuer Gast eintrat und
+der Gesellschaft die so eben eingetroffene Nachricht von der
+Gefangennehmung des Herzogs auf dem friedlichen badischen Gebiete durch
+französische Gensd’armen und Offiziere hohen Ranges mittheilte, obschon
+diese Nachricht mit vielen Unrichtigkeiten vermischt war.
+
+Es konnte nicht fehlen, daß die schnelle Abreise des Unbekannten mit
+seiner stets verschleierten Begleiterin sofort mit diesem von Frankreich
+aus auf deutschem Boden verübten schändlichen Gewaltstreich in
+Verbindung gebracht und lebhaft besprochen wurde. Bald waren alle
+Anwesenden fest davon überzeugt, daß jener fremde Herr gleichfalls ein
+geflüchteter Bourbone gewesen sein müsse.
+
+Vom Postmeister erfuhren auch noch nachträglich die Gäste, daß die
+Dienerin des Fremden die hohen Reisenden nicht begleitet habe, sondern
+reichlich beschenkt mit der Post auf entgegengesetztem Wege wieder
+zurückgereist sei.
+
+Ludwig und Sophie hatten an Angés’ Mutter gedacht, sie überlegten, was
+diese gute Frau leiden müsse, wenn sie nichts Näheres über den Tod ihrer
+Tochter erfahre; auch sehnte sich Sophie Botta nach ihrer geliebten
+Pfalz zurück; die Prinzessin selbst hatte ihr dieses Bekenntniß
+abgefragt, und in ihren Entschlüssen entschieden und von einem hohen
+selbständigen Gefühle geleitet, hatte sie sofort dem Grafen erklärt, sie
+wolle freiwillig auf die fernere Begleitung der Dienerin verzichten; sie
+könne ihre einfache Toilette allein ordnen, und wenn ein Ort längern
+Aufenthaltes erreicht werde, so werde es auch an weiblicher Bedienung
+nicht fehlen. Gleichwohl trennte sich die junge Prinzessin nicht ohne
+Wehmuth von der einstigen Wärterin und Dienerin und entließ sie mit
+vielen Geschenken, gab ihr auch Angés’ ganze Garderobe mit, mit dem
+Auftrag, den sämmtlichen Nachlaß der armen Mutter ihrer unglücklichen
+Freundin zur Verfügung zu stellen, nebst Allem was Angés sonst noch
+angehört hatte, selbst deren Bild nahm Ludwig nicht wieder an sich; die
+Mutter sollte es gleichfalls haben. So waren denn Ludwig, Sophie und der
+treue Philipp ohne weiteres dienendes Gefolge abgereist; wohin? wußte
+Niemand. –
+
+Bald trugen die Zeitungen durch die ganze Welt die Kunde von dem
+scheußlichen Mord, den der Gewalthaber Frankreichs an dem gefangenen
+Herzog hatte verüben lassen, und ein Schrei der Entrüstung ging durch
+ganz Europa über diese rasche blutige That auf Verdächtigungen hin, die
+jeder Wahrheit entbehrten.
+
+Mit stets erneutem Schmerz vernahm Graf Ludwig auf der Fortsetzung
+seiner Reise immer und immer wieder diese Nachricht, und mußte auf das
+Sorgsamste Alles aufbieten, um dieselbe vor seiner holden Begleiterin zu
+verbergen, die er in ruhigerer Stimmung und vielleicht erst dann, wenn
+er einen Brief der Herzogin in Händen hatte, von dem schrecklichen
+Vorfall unterrichten wollte.
+
+Die Freunde in der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen wurden einige
+Zeit nach der Abreise der Fremden auf’s Neue und sehr lebhaft an den
+geheimnißvollen Herrn erinnert, als eines Abends der Postmeister ernster
+als gewöhnlich eintrat und ein Zeitungsblatt hervorzog. Wir haben
+gewissermaßen Trauer bekommen, sagte er nach einer Pause bewegt. Da
+bringt unser Schwäbischer Merkur eine merkwürdige Nachricht, welche im
+Auszug lautet, daß sicherem Vernehmen nach ein französischer Emigrant
+von Bedeutung, der sich vor einigen Monaten längere Zeit zu Ingelfingen
+aufgehalten haben solle, zu Mainz mit Tode abgegangen sei. Es war, so
+wird gemeldet, ein Mann von ungemein viel Liebenswürdigkeit im Charakter
+und Benehmen, auch wissenschaftlich gebildet und vielseitig bekannt mit
+hervorragenden Persönlichkeiten. Seiner äußern Gestalt nach war er von
+Mittelgröße, hatte schwarzes Haar und dergleichen Bart, erschien stets
+auf das Feinste, dabei sehr einfach gekleidet; seine Sprache war meist
+die französische, doch ließ er bisweilen niederländische Accente durch
+den Strom seiner lebhaften und geistvollen Unterhaltung klingen. In der
+deutschen Sprache drückte er sich mit vollkommener Reinheit aus. Dieser
+Fremde, der durch nichts auffiel, als durch sein vornehmes und
+gebildetes Wesen und seinen Ernst im geselligen Umgang, scheint seinen
+nahenden Tod gefühlt, und kurz vor demselben alle seine Papiere
+vernichtet zu haben, denn es fand sich nicht das Mindeste bei ihm vor,
+was irgend einen Aufschluß über seine Persönlichkeit hätte geben können.
+– Der Postmeister schwieg und die Theilnahme der guten Bürger zu
+Ingelfingen wurde laut:
+
+Es ist unser Mann, daran ist gar kein Zweifel! O weh! – Schade um den
+Mann! – Er hätte hier bei uns bleiben sollen, so wäre er vielleicht
+nicht gestorben! – Zu Ingelfingen ist gut wohnen. – Er konnte sich hier
+ankaufen – es stehen ja jetzt in dieser erbärmlichen Zeit gegen zehn
+Häuser zum Verkauf ausgeboten. – Er konnte hier Bürger werden – wäre
+wohl in den Stadtrath gewählt werden. – Wie viele französische
+Emigranten haben sich nicht in den letzten Jahren in deutschen Städten
+und Städtchen niedergelassen, und sind angesehene Leute geworden? –
+Schade um ihn!
+
+Während Ludwig also mit aller Theilnahme biederer schlichter Herzen für
+todt beklagt wurde, saß er mit Sophie gesund und wohlbehalten im
+Gasthaus einer fremden Stadt. Die edle Jungfrau vergoß die
+schmerzlichsten Thränen – der Tod ihres armen Vaters war ihr endlich
+enthüllt worden. Die Mutter selbst hatte darüber an sie und ihren
+Begleiter geschrieben. Ach, wie erschütternd waren die Einzelnheiten
+jener schrecklichen Katastrophe! Wie viele Herzen wurden von ihr auf das
+Tiefste berührt, auf das Härteste betroffen! Dort weinte ein mit hohem
+Ruhme genannter Heldengreis um den Enkel, und hätte gern allen
+verdienten Lorbeer, ja das eigene Leben dahingegeben um jenes theure, in
+blühender Jugend hingemordete Leben zurückzurufen. Schmerzlich beklagte
+der tapfere Vater den Tod des inniggeliebten Sohnes. Ach, und die
+geliebte Vermählte! Welch hohes Glück hatte sie besessen und nun auf
+immer und unersetzlich verloren!
+
+Alles hätte anders kommen können, wenn nicht die bübische Feigheit eines
+Kammerherrn, der beständig um den unglücklichen Herzog war, jeden
+Versuch einer Vertheidigung von Seiten des Letztern bei dem nächtlichen
+Ueberfall verhindert hätte, falls es nicht Schlimmeres als Feigheit war.
+Ein Wort dieses Mannes, das einzige Wort: Ich! auf die Frage der
+Häscher: Wer von Ihnen Beiden ist der Herzog? konnte den Letzteren
+retten, und dies Wort konnte unbedenklich ausgesprochen werden, denn den
+armseligen Höfling hätte man wahrlich nicht hingerichtet. Aber Jener
+schwieg, und der junge Fürst ward zum Tode abgeführt. Mit Verachtung
+wies er den feigen Verräther zurück, als derselbe in Rheinau sich zu ihm
+in den Wagen setzen wollte. In Straßburg wurde der Herzog von seiner
+Dienerschaft völlig getrennt, seine Hände wurden in Fesseln gelegt. Fünf
+Tage lang dauerte mit nur wenigen Unterbrechungen die traurige Reise bis
+nach Paris, der Gefangene wurde in den Tempel gebracht, dort harrte
+schon der Befehl, ihn nach Schloß Vincennes zu senden. Die richterlichen
+Verhöre, die mit ihm vorgenommen wurden, und die der Welt wörtlich
+mitgetheilt sind, brachten keine Schuld heimlicher Verschwörung gegen
+das Leben des ersten Consuls auf den Herzog, aber wer waren seine
+Richter? Werkzeuge in der Hand eines Despoten! – Das ist der Inhalt
+jenes Justizmordes #in nuce#, was auch Alles für und gegen ihn
+geschrieben wurde. Ein Brief, der dem Herzog unterwegs an die
+Prinzessin, die er noch nicht öffentlich seine Gemahlin nannte, zu
+schreiben erlaubt worden war, wurde von einem der Schergen
+unterschlagen. Mit Mannesmuth beantwortete der Herzog alle Fragen,
+gestand ein, den ganzen Krieg mit dem Condé’schen Corps mitgemacht zu
+haben, sagte aber aus, daß er den Gehalt von England als Pension
+beziehe, um zu leben, nicht um damit zu conspiriren. Die Richter des
+Herzogs darf die Geschichte nicht schonungslos verdammen; es war ihnen,
+lauter Offizieren von hohem Range, und ohne daß sie irgend vorbereitet
+waren, ohne daß sie Kenntnisse vom Rechte hatten, befohlen, den Herzog
+zu richten, sobald er eingestehen werde, die Waffen gegen Frankreich
+getragen zu haben. Dies gestand derselbe mit aller Freimüthigkeit ein,
+und fügte seinem Geständniß die Worte hinzu: »Nie kann ein Condé anders,
+als mit den Waffen in der Hand nach Frankreich zurückkehren.« Das
+Todesloos fiel. Ohne legalen Richterspruch, ohne einen Vertheidiger
+wurde der Meuchelmord vollzogen. Die Richter waren noch in einem Zimmer,
+gleichsam abgesperrt, beisammen, um zu berathen, auf welchem Wege ein
+gemildertes Urtheil vom ersten Consul zu erlangen sein dürfte, da
+knallten schon im Festungsgraben die tödtlichen Schüsse. Die Richter
+waren sehr unglücklich – auf sie und nicht auf den Vollstrecker der
+übereilten Hinrichtung lenkte sich das Verdammungsurtheil der ganzen
+gebildeten Welt. Hier hatte die Willkür das Urtheil vollzogen, ehe es
+noch begründet und in gesetzlicher Form bestätigt war. Der Herzog mußte
+sterben, denn er war in der Gewalt des Mannes, der ihn fürchtete und
+haßte, und war – ein Bourbon!
+
+Mit mildem Trost sprach Ludwig zu der tiefgebeugten Tochter, und seine
+Worte fielen in ihr Herz, wie heilender Balsam sanft auf Wunden
+träufelt. Das schöne thränennasse Antlitz zu ihm erhoben, faßte Sophie
+Ludwig’s Hände und sprach mit leisem Beben: Nun habe ich also keinen
+Vater mehr! Nun seien Sie mein Vater! Sie, dem ich anvertraut bin als
+ein armes, heimathloses Kind – ach eine Waise – o, wie schwer wiegt
+dieses Wort; ich will ihnen so gern gehorchen, ich will Sie ehren gleich
+meinem Vater, und wenn ich fehle, so üben Sie Nachsicht mit meiner
+Unwissenheit und meiner Schwäche!
+
+Wie unendlich liebreizend erschien sie ihm da in ihrem tiefen Schmerze!
+Sie glich einer prächtigen Incarnat-Passiflore, in deren Nektarkelche
+Thränen zittern, die gebeugt steht und doch voll Schönheit ist, die in
+Demuth sich neigt und doch voll Hoheit prangt.
+
+Ein Gegensatz, wie das Leben ihn häufig bietet, zu diesem wahren
+Schmerz, dieser schwermuthvollen Trauer, dieser Verehrung auf der einen,
+und der kindlichsten Hingebung an den Mann ihres Vertrauens auf der
+andern Seite, bildete eine andere Trauerbotschaft aus Holland, die aber
+nicht so herzzerreißender Art war; dort hatte nur eine betagte schlichte
+Frau den Zoll der Natur bezahlt, und war abgerufen worden in das
+verhüllte Jenseits. Leonardus Mutter, Frau Maria Johanna van der Valck,
+geborene van Moorsel, war nicht mehr.
+
+Vincentius Martinus schrieb Folgendes an seinen noch stets am Leben
+geglaubten Vetter Leonardus, nachdem er ihn in einer frommen Einleitung
+seines Briefes auf die Trauerkunde vorbereitet und ihm dann die
+schmerzliche Nachricht mitgetheilt hatte: »Ich komme so eben aus der
+Kirche, mein theuerer Leonardus, woselbst ich für die Seele deiner guten
+Mutter eine Messe gelesen habe; von deinem kindlichen Sinn darf ich wohl
+voraussetzen, daß du es gut heißest, wenn ich für die Seligentschlafene
+die Zahl dieser Seelenmessen bis auf Einhundert steigere, und dir dann
+nach deren Vollendung das #Laus Deo# darüber einsende. Die Wohlselige
+hat noch auf ihrem Todtenbette, und als ich sie mit den heiligen
+Sterbesacramenten als christliche Wegzehrung auf der langen Pilgerschaft
+nach der Ewigkeit versah, für dich gebetet und dir alles Glück
+gewünscht, auch läßt sie dir noch innigst und herzlich für die lieben
+und guten Briefe danken, welche du ihr von so verschiedenen Orten aus
+geschrieben hast; nur konnte die selige Tante nie begreifen und ich
+konnte es derselben auch nicht begreiflich machen, weshalb du dich
+eigentlich jetzt und wie es scheint ohne ein Geschäft, welches doch die
+Basis eines ehrbaren und christlichen Lebens ist, in Deutschland
+herumtreibst. Nun, ich gewahre mit Freude, wie gut mein Gebet für dich
+anschlägt, mein geliebter Vetter, und wie der heilige Rochus dich noch
+immer beschützt. Nach den Verträgen, die du mit den Verwandten
+abgeschlossen hast, beziehst Du nun von dem Hause van der Valck eine
+Jahresrente von zehntausend Gulden, erst fünftausend, und nun nach dem
+Tode deiner frommen Mutter nochmals fünftausend. Gratulire! Ach, wie
+gern hätte die Wohlselige mein armes Kirchlein zu Sanct Ottilien
+bedacht, aber die Hände waren ihr ja durch jene Verträge gebunden.
+Möchtest du, werther Leonardus, nicht deine milde Hand aufthun und ihren
+besten Wunsch erfüllen? Ich würde dich dann auch der ganz besonderen
+Gnade dieser heiligen und gebenedeiten Schutzpatronin empfehlen und ihre
+Fürbitte durch mein eifriges Gebet für dich erflehen. Du wirst wissen,
+geliebter Leonardus, daß die heilige Ottilia die Schutzpatronin der
+Augen ist, und sie wird durch mein Gebet Fürsorge tragen, daß deine
+Augen stets erfreuet werden, wie geschrieben steht: Unsere Augen sehen
+nichts wie Manna, und ferner: Gib mir die, so meinen Augen wohlgefällt.
+Anliegende versiegelte Kapsel, die wohl ein Bild enthalten dürfte, gab
+die Verblichene mit dem ausdrücklichen Wunsche in meine Hände, dasselbe
+dir gleich nach ihrem Abscheiden zu senden, welcher Pflicht ich hiermit
+nachkomme. Möge dies letzte Andenken für dich viel Erfreuliches
+enthalten!«
+
+»Komisch ist, trotz aller Trauer, die ich dir pflichtschuldigst melden
+muß, daß nach dem Tode deiner seligen Frau Mutter mehr Lusttragende, sie
+zu beerben, als Leidtragende, sie zu bestatten, von allen Seiten
+herbeikamen. Wir sind auf einmal äußerst reich – an lieben Verwandten
+geworden, und der Baum der van der Valckischen Sippschaft hat mehr
+Aeste, als mir bekannt war; bis nach Herzberg im Harzgebirge in
+Deutschland, ja bis nach Dahne im Königreich Preußen wohnen
+Menschenkinder, die unsere Verwandten sein wollen. Meinerseits konnte
+ich alle diese guten Seelen nur auffordern, sich mit mir, oder falls
+ihnen dies lieber wäre, mit Hiob zu trösten, und ihnen versprechen, daß
+ich sie in mein frommes Gebet einschließen wolle, doch glaube ich fast,
+daß ihnen daran Nichts gelegen ist, denn die gottlose Welt hat den
+rechten Glauben verloren.«
+
+»Noch muß ich dir, geliebter Leonardus, eine Nachricht als Neuigkeit
+mittheilen, welche dir gewiß eine große Freude machen wird. Du erinnerst
+dich sicherlich noch des vormaligen Schiffskapitäns auf deines
+wohlseligen Herrn Vaters »vergulder Rose«; diese Pinke hat Herr Richard
+Fluit verlassen, und statt der »vergulden Rose« eine guldene Herbstaster
+geentert, mit der er in den geruhigen Hafen des heiligen Ehestandes
+eingelaufen ist. Ich selbst war das auserwählte Rüstzeug, wie deine
+selige Frau Mutter zu sagen pflegte, welches in unserm armen Kirchlein
+zu Sanct Ottilien das traute Paar ehelich verband, und wer war die
+Braut? Wenn du das erräthst, bester Leonardus, so heiße ich Jantjé und
+esse hundert Austern mit sammt der Schale.«
+
+»Vernimm und staune! Herrn Fluit’s Erwählte ist Niemand anders, als die
+wohledelgeborene und tugendbelobte Mejouffrouwe Sibylle Nikodema van
+Swammerdam, vormals deine Verlobte, und mit ihr macht Fluit, was den
+Geldpunkt anbetrifft, ein ungeheueres Glück, welches du, geliebter
+Leonardus, dir seinerzeit hast entgehen lassen. Wie schön wird jene
+Flöte zu dieser Meertrompete stimmen, wenn sie Beide zu tönen anfangen!
+Beide lassen dich als alten Freund herzlich grüßen. Schicke ihnen ja ein
+schönes Hochzeitgeschenk, damit du Aussicht auf eine Pathenschaft
+gewinnst, falls die alte Meerminne und ihr Zeekoning einen Dolphyn mit
+einander gewinnen sollten.«
+
+Das ist nun der Mann nach dem Herzen Gottes, das Kirchenlicht! sprach
+Ludwig unmuthsvoll und warf den Brief, den er Sophien nicht sehen lassen
+wollte, bei Seite.
+
+Hierauf enthüllte er das versiegelte Päckchen und fand eine zweite
+Verpackung mit der Aufschrift: »An meinen lieben Sohn Leonardus
+Cornelius, zu öffnen am ersten 22. September nach meinem Tode.« – Es war
+dies die eigene Handschrift der Verstorbenen. Mithin stand der Inhalt,
+wie anzunehmen, mit dem Geburtstag des verstorbenen Leonardus in
+Verbindung. Ludwig ehrte den Willen der Verblichenen und legte
+schweigend das Päckchen zur Seite, indem er dasselbe gut verschloß.
+
+Nicht lange nach dem Empfange dieses Briefes liefen auch wieder
+Nachrichten von Windt ein, und zwar war es kein gewöhnlicher Brief,
+sondern ein ziemlich bedeutendes Paket, welches in Frankfurt am Main
+angekommen und dort eine geraume Zeit auf der Post liegen geblieben war,
+bevor der zum Empfang Berechtigte selbst in diese Stadt kam. Dieses
+Paket trug die Aufschrift: »Documente« und enthielt eine hohe
+Werthbezeichnung.
+
+Sehr neugierig darauf, welche Documente man ihm, dem gleichsam
+Vergessenen und Abgefundenen, noch nachträglich zu senden habe, öffnete
+Ludwig.
+
+»Es ist Jammerschade, hochverehrtester Herr Graf,« schrieb Windt: »daß
+Sie nicht ohnlängst mit in Kniphausen waren! Das war eine Herrlichkeit
+in der Herrlichkeit! Ich übersende Ihnen treu copirte und vidimirte
+Abschriften mancher Actenstücke, aus denen Sie sich über den Stand der
+Dinge ungleich besser unterrichten können und werden, als ich mit meinem
+Geschreibsel es vermöchte; kurz, es ging hoch her und Niemand fehlte
+dabei als Sie, oder doch der Falk von Kniphausen!«
+
+»Unter #A# finden Sie im Original, welches auf mein Ersuchen auch eigens
+für Sie gefertigt, unterschrieben und besiegelt wurde, den zu Varel
+geschlossenen Vergleich zwischen dem Erbherrn und dem Besitzer von
+Doorwerth; unter #B# einen Auszug des Testamentes meiner hochseligen
+Gebieterin, und unter #C# ein dem Kopfe des Herrn Hofrath Brünings
+entsprungenes Memorandum, welches aber mit der aus Jovis Haupt
+entsprungenen Minerva Nichts gemein hat, als daß ihm ein Harnisch mit
+Drachenschuppen um den Leib geschnallt ist. Was dieses #invita Minerva#
+entstandene Curiosum enthält, werden Sie selbst lesen, es geht Sie an.«
+
+»Der junge Sohn aus der Gewissensehe, welche der Erbherr mit Demoiselle
+Sara Gerdes geschlossen hat, und bei dem der Herr Vice-Admiral
+Pathenstelle versah, ist hier in Hamburg, wo die Mutter im Palast der
+hochseligen Frau Großmutter ihre Wochen hielt, auf die Namen William
+Friedrich getauft worden, und befindet sich wohl. Diese Frucht aus dem
+ländlichen Garten von Bockhorn ist so schön, als immerhin eine andere im
+Park eines reichsgräflichen Ahnenschlosses erzeugte. Der Erbherr hat zu
+Varel seinem Pfarrer Hansing anderthalb Jahre nach dem Tode der
+holdseligen Erbherrin Ottoline erklärt, daß er als Wittwer, durch
+Familienverhältnisse und aus andern Gründen zu einer anderweit
+standesgemäßen Verbindung nicht schreiten wolle, aber auch nicht ohne
+Liebebeglückung durch das ihm noch vergönnte Leben zu wandeln gedenke,
+und feierlich jene seine Geliebte zur Stellvertreterin seiner verewigten
+Gemahlin erkoren und ernannt, mit der er, in vor Gott gültiger
+Gewissensehe zu leben gedenke, auch ohne die formelle kirchliche
+Sanction, mit dem Vorbehalt, die letztere so wie die Erhebung seiner
+zweiten Lebensgefährtin zur rechtmäßigen Gemahlin und Reichsgräfin zu
+einer ihm geeignet scheinenden Zeit nachzuholen.«
+
+»Der Erbherr ist Souverän, er liebt jene Frau und ehrt sie, ihr Betragen
+ist würdevoll und gütig, sie ist ihrem Sohn eine zärtliche Mutter und
+Alles geht seinen guten Gang, Niemand hat dermalen ein Recht, die in
+ihrem Gewissen ehelich Verbundenen zu verdammen, wohl aber werden die
+Agnaten früher oder später dies thun, und es wird in der Folge wieder zu
+Streitigkeiten kommen, die dann wahrscheinlich kein Friedenstrank aus
+dem Falken von Kniphausen beizulegen vermögen wird, #posito# sie hätten
+den Falken.«
+
+»Ich sitze immer noch hier in Hamburg und plage mich wie ein Pferd,
+obschon ich todtmatt bin.«
+
+»Aus der bereits erwähnten Anlage ersehen Sie, bester Herr Graf, daß man
+nicht übel Lust hat, Ihnen die #rara avis#, den Falken, wieder
+abzulocken und denselben auf eine oder die andere Art wieder nach
+Kniphausen zu bekommen. Mir ziemt nicht, Ihnen Rathschläge zu geben, ich
+aber wüßte was ich thäte – ich rückte ihnen den Falken auf ewig aus den
+Augen.«
+
+»Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und läßt gehorsamsten Respect
+vermelden. Der schreckliche Tod der armen Angés hat uns Beide
+außerordentlich erschüttert. Sie war zu gut für diese Welt, und ihr ist
+wohl, wenn nur nicht ein so bitteres Sterben ihr zu Theil geworden wäre.
+Sanft ruhe die Asche dieser wahrhaft guten und edlen Freundin!«
+
+»Ich war sehr krank, und bin nur wie durch ein Wunder dem Tode
+entronnen. Der liebe Gott muß noch etwas Absonderliches mit mir vor
+haben, dazu er mich aufspart. Der Reimarus gab mich völlig auf, auch
+hatte ich bereits, ehe es so ganz schlimm mit mir wurde, Auftrag
+ertheilt, daß der Consul Höfer meine Habseligkeiten und Papiere
+versiegeln sollte, und ebenso hatte ich das Begräbniß in hiesigem Dom
+angeordnet. Gottes Gnade hat mich abermals errettet, aber fort will ich
+von hier – muß fort, meine Aufenthaltskosten übersteigen mein
+geringfügiges Legat. Ich habe mir einen kleinen Wagen gekauft, darin
+will ich sobald als möglich mein Bette anbringen, und gen Stadthagen
+segeln, möge es mir eine Stadt Hafen sein! Ich bedarf dessen, ich sehne
+mich nach Ruhe; wer weiß wie bald bestürmt Sie, mein gnädiger lieber
+Herr Graf, der alte Windt nicht mehr mit seinen unruhigen Briefen! Alles
+Glück sei mit Ihnen, und bedürfen Sie meiner für Ihre Aufträge in irgend
+einer Sache, so werden dieselben von mir vollzogen, ich mag sein, wo ich
+immer sei, nur nicht, wenn ich im Himmel bin; doch selbst dort noch
+
+ Ihr ganz ergebenster W.«
+
+Mit neugierigem Verlangen griff der Graf nach den Documenten und sprach
+schmerzlich lächelnd: Ich will doch nicht hoffen, daß sich um mich ein
+Schriften- und Actenwerk drängt, wie um die alte selige Großmutter; am
+Besten wird es sein, ich werfe, was mir nicht gefällt, gleich in’s
+Feuer.
+
+Das erste Papier war ein mit zwei schwarzen Siegeln versehener und vom
+Erbherrn wie von dem Vice-Admiral eigenhändig unterschriebener Vertrag
+in französischer Sprache, welcher ins Deutsche übersetzt lautete:
+
+Wir, die Unterzeichneten, Wilhelm Gustav Friedrich, regierender Graf von
+Rhoon, Herr von Varel und Kniphausen, und Wir, William, Graf und Herr
+von Doorwerth mit Zubehör #(cum annexis)# erklären und erkunden, daß
+alle die Rechtsfragen, Streitpunkte und Zwistigkeiten, die vorher
+zwischen der Reichsgräfin Charlotte Sophie, verwittweten Gräfin und Frau
+zu Varel, In- und Kniphausen, geborene Gräfin von Aldenburg einerseits,
+und dem obengenannten regierenden Grafen, wie auch die zwischen seinem
+seligen Vater, dem Herrn von Varel, seiner Frau Mutter und seinem
+Großvater anderseits Statt gefunden haben, auf eine freundliche Art für
+immer abgethan und verglichen sein sollen, so daß Wir, der regierende
+Graf und Herr von Doorwerth, als einziger Erbe der seligen Frau Gräfin,
+unserer Großmutter, im vollkommensten Einverständniß über Alles sind,
+was Rechte und Vorrechte in unsern Familien betrifft, und daß wir so
+wohl für uns als für unsere Nachkommenschaft, die es angeht, uns
+verbunden haben, niemals diese gemeinschaftliche Uebereinkunft zu
+verletzen. Damit aber unsere oben ausgesprochene, gemeinschaftliche
+Vereinigung weder Zweifel noch Widerspruch erleide, so haben wir diesen
+gegenwärtigen Act unterschrieben und besiegelt. Geschehen zu Varel etc.
+
+Es waren die richtigen beiderseitigen Wappen; das des Erbherrn stand in
+einem gekrönten hermelinverbrämten Fürstenmantel, über dem Wappen vier
+schwebende Kronen, deren jede ein besonderes Kleinod trug. Zwei Löwen
+dienten als Schildhalter, die auf Palmenzweige traten, um die sich eine
+Bandrolle mit dem Wahlspruch: #Craignez honte# wand. Das Wappen des
+Vice-Admirals war im Ganzen ebenso, aber es stand nicht in einem
+Fürstenmantel, auf dem Wappen ruhten vier gekrönte Helme mit den
+Kleinodien, und der Wahlspruch fehlte.
+
+Ja wirklich, Windt hat Recht, spöttelte Ludwig, zu dieser Einigungsacte
+hätte nothwendig aus dem Falken von Kniphausen getrunken werden müssen,
+wie vor Zeiten bei der uralten Einigung der streitenden Linie. Schade,
+daß sie ihn nicht an Ort und Stelle hatten!
+
+Die Auszüge aus dem Testament der Großmutter, welche Ludwig rasch
+überflog, enthielten meist ihm Bekanntes; das Testament umfaßte so viele
+Legate und Schenkungen, daß den Erben alles Lachen darüber vergangen
+war.
+
+Nun aber, was soll diese dritte Schrift? rief der Graf, und hob sie
+verwundert empor; sie war 22½ Seiten lang und von einer Advocatenhand
+geschrieben. Dieselbe berührte die einem jungen Menschen zu dessen
+Erziehung, Ausbildung und zu Reisen gemachte Schenkung, über die sich
+ein Nachlaß, eine Aufzeichnung vorgefunden hatte; gedachte ferner eines
+Testamentes, in welchem der Falk von Kniphausen ausdrücklich erwähnt
+worden sei, als spurlos verschwunden, kam dann auch auf das vorhandene
+Testament zu sprechen, kraft dessen der Vice-Admiral Graf William zum
+Universal-Erben eingesetzt sei; sprach klagend über die vielen
+Schenkungen, und vermißte in denselben die Anführung des werthvollen
+Geräthes, jenes Falken von Kniphausen, das ganz unschätzbar sei. Da nun
+»dem Vernehmen nach ein gewisser junger Herr dieses Kleinod von der
+Erblasserin aus freier Hand und aus eigenem Willen in unbekannter Form
+und Weise erhalten habe, so erscheine wünschenswerth, den dermaligen
+Aufenthaltsort jenes Herrn zu erkunden, und denselben wo möglich zu
+bewegen, jenes hochwerthvolle Familienkleinod, sofort er sich über den
+rechtmäßigen Besitz werde genügend ausweisen können, gegen eine
+Geldsteuer wieder an die Familie abzutreten, sintemalen alte Sagen und
+Ueberlieferungen im Umlauf gingen, deren superstitiösem Wahn allerdings
+keine Folge zu geben, daß an diesen Falken das Glück des hochgräflichen
+Hauses so gebannet sei, wie das Glück der Grafen von Ranzau an jene
+Kleinode aus Zwergengold: fünfzig Rechnenpfennige, ein Häring und zwei
+Spindeln. Es werde sonder Zweifel der dermalige Inhaber besagten
+Kleinods sich mit ohngefähr vier- bis fünftausend Mark Hamburger Banco
+zu Dank begnügen lassen, um so mehr, als der hochgnädige Erbherr die
+frühere übergroße Schenkung großmüthig wolle passiren lassen,
+ohngeachtet ihm C. 32, #Cod. de donationibus# und die prononcirte
+Meinung Schaumburgs #in Comp. ff. ad tit. de donat. §. X#, nebst andern
+mehr, hinlänglichen Stoff zu Einreden an die Hand geben könnten.
+
+Ludwig hatte Mühe, in Sophiens Gegenwart seinen Zorn zu beherrschen, der
+bei Lesung dieser Schrift in ihm aufflammte, aber seine Hände zitterten,
+während er dieses Memorandum las, bis er es plötzlich, wie es war, mit
+dem Ausruf: Dänische Spinne! von oben bis unten zerriß und
+zusammenknitterte.
+
+Was sagte die selige Großmutter? rief er entschlossen. »Sie sollen ihn
+nicht haben!« sprach sie. »Sie sollen nicht wieder daraus trinken!« Und
+die Worte eines Sterbenden sollen uns heilig sein! Wohl ist dieses
+kunstvolle und köstliche Geräth ein hochwerthes Kleinod und für mich in
+der That ganz unschätzbar – o es schließt Herzen unsichtbar in sich ein,
+theure edle Herzen! Aber bedarf es für diese Herzen eines sichtbaren
+Andenkens? Nein, bei mir nimmermehr, so lange ich athme. Darum will ich
+rasch mich scheiden von seinem Besitze, ehe List oder Uebereilung oder
+Raub oder Bitte es mir abdringen.
+
+Schnell war sein Entschluß gefaßt; in den nächsten Minuten saß er schon
+am Schreibtisch und schrieb an die Herzogin Georgine:
+
+ »Hochgnädigste mütterliche Freundin!
+
+Aus der Hand meiner sterbenden Großmutter empfing ich das beifolgende
+Kunstwerk. Stets auf Reisen und noch ohne dauernden Wohnsitz macht es
+mir große Sorge, daß ein unglücklicher Zufall mich um dieses mir doppelt
+heilige Unterpfand hoher Liebe bringen könnte. Die Urkunde über meinen
+völlig rechtmäßigen Besitz ist dem Kunstwerke beigegeben. Ich sende es
+Ihnen, wo es sicher und in treuer Hand bewahrt bleibt; heben Sie mir
+diesen Falken liebevoll auf, bis ich denselben zurückfordere. Geschieht
+dies nicht, so sei und bleibe der Juwelenfalk, der unter keiner
+Bedingung an einen andern als an mich selbst, wenn ich denselben wieder
+fordere, gegeben werden darf, ein Eigenthum Ihrer hohen Familie und
+erfreue noch durch die Kunst der Arbeit, die Pracht seines Glanzes und
+den Werth seiner Juwelen die spätesten Nachkommen. Gewiß, Sie lassen
+mich keine Fehlbitte thun, edelste großmüthigste Freundin, und bauen
+diesem Falken seinen Horst im Castle Chatsworth, wo derselbe Sie an mich
+und an mein Herz erinnern möge, das voll Dank und verehrender Liebe ist
+und es bis zum letzten Hauche bleibt.«
+
+Noch Eins geschehe! sprach Ludwig, indem er sich erhob und Philipp
+klingelte. Wie sprach die Großmutter ferner? »Nur du – und die, welcher
+du dein Herz schenkst, sollen aus dem Falken trinken.« So sprach sie,
+und auch das erfülle sich!
+
+Der Diener kam; Ludwig gebot ihm den Falken zu bringen, und eine Flasche
+des edelsten Weines zu bestellen. Als Alles da war, nahm der Graf das
+Gefäß und den Wein und ging zu Sophie hinüber.
+
+Die Prinzessin staunte mit leuchtenden Augen die Pracht des Falken an;
+sie hatte Aehnliches noch nie gesehen. Noch mehr aber war sie
+verwundert, als sie gewahrte, daß der Kopf des Vogels sich aufschlagen
+ließ, und das Innere eine goldene Höhlung zeigte.
+
+Ludwig goß den Wein in den Pokal und bedeckte ihn dann wieder mit dem
+Haupte des Vogels. Dann sprach er: Sophie, dieses Geräth wurde mir
+anvertraut von jener verehrten Greisin, bei welcher Sie einst mit Ihrer
+erlauchten Frau Mutter zu Hamburg einen Besuch machten. Sie sprach
+damals zu mir das bedeutungsvolle Wort: Trinke du daraus und Die,
+welcher du dein Herz schenkst. – Sophie, ich stehe allein in der Welt,
+fast Alle, denen ich früher mein Herz geschenkt hatte, sind mir
+gestorben, wem sollte ich nun mein Herz schenken? Darf ich es wagen, Sie
+einzuladen, Sophie, daß Sie mir diesen Trank mit Ihren reinen Lippen
+weihen?
+
+Ein hohes Roth trat auf ihre Wangen; sie entgegnete sichtbar ergriffen:
+Ich habe gelesen, daß bei den alten Ritterspielen edle Frauen und
+Jungfrauen den Siegern die Pokale kredenzten, oder diese ihnen als
+Kampfespreise reichten; das nannte man Dank. Mein ganzes Herz, Graf, ist
+Dank, inniger Dank; darum erfülle ich gern, herzlich gern Ihren Wunsch
+und trinke von diesem Weine auf das Wohl eines edlen Siegers! – Sie
+schlug des Vogels Haupt zurück, führte mit fester Hand den schweren
+Goldpokal zum Munde und flüsterte, bevor sie trank: Auf Ihr Wohl, Graf
+Ludwig, und auf eine bessere, schönere Zukunft!
+
+Nachdem ihre Lippen den Juwelenkelch berührt und dessen Wein gekostet
+hatten, gab sie den Falken mit freundlichem Blick in des Grafen Hand
+zurück, und auch er trank mit einem vollen, überströmenden Gefühle, das
+keine Worte fand; dann sprach er: Und diesem mir doppeltgeweihten Gefäß,
+aus dem ich nun zweimal süßen Zauber getrunken, muß ich entsagen;
+glauben Sie, theure Sophie, das ist kein leichter Entschluß, aber ich
+will Sieger über mich selbst sein, ich will es, weil ich es mir selbst
+gelobt habe.
+
+Noch an demselben Tage kam der Falk von Kniphausen zur Post,
+wohlverwahrt und weich gebettet, um bald darauf über den Kanal zu
+reisen, von zarter Hand enthüllt und mit Staunen begrüßt zu werden. Die
+ganze reiche Grafschaft Devonshire bewahrte kein Kleinod von
+Künstlerhand, das diesem an Pracht, Schönheit und Werth sich
+gleichstellen konnte.
+
+
+
+
+6. Ein Tag in Wien.
+
+
+Eine lange Zeit der Unruhe war über den Grafen verhängt, der so sehr
+nach Ruhe und abgeschlossener Stille sich sehnte. Briefe kamen von
+Sophiens Mutter, alle mehr oder minder voll Furcht und Bangen, wie voll
+Klagen, daß sie durch Bande der Pflicht gebunden, nicht in der Lage sei,
+mit der geliebten Tochter sich wieder zu vereinen. Dennoch wollte sie
+deren Leben und Zukunft so gern gesichert sehen. An einem deutschen Hofe
+durfte dies nicht geschehen, denn an einem solchen konnte die junge
+Prinzessin nicht incognito auftreten, sie würde, wenn ihre Herkunft
+bekannt geworden wäre, jedenfalls eine mißliche Rolle gespielt haben. Da
+fiel der besorgten Mutter zuletzt ein Ausweg ein, sie wollte sich einem
+hohen Freund anvertrauen, dem es ein Leichtes war, ihrer Tochter, und
+wenn diese es wünschte, auch deren treuen Beschützer und Begleiter ein
+sicheres und unnahbares Asyl zu gewähren. Prinzessin Charlotte hatte
+beim Aufenthalt in Petersburg den Großfürsten Alexander kurz vor seiner
+Thronbesteigung kennen gelernt. Die persönliche Liebenswürdigkeit dieses
+jugendlichen Monarchen, den selbst Napoleon einen Apoll nannte, hatte
+auch die Prinzessin für ihn eingenommen.
+
+Sie hatte ihn dann am Hofe zu Baden bei seiner Vermählung mit der
+schönen Tochter des fürstlichen Hauses, Prinzessin Elisabeth,
+wiedergesehen, rechnete auf des Kaisers Huld und Gunst und schrieb an
+ihn.
+
+Alexanders Antwort sandte die Prinzessin an Ludwig, sie lautete:
+»Stellen Sie, Prinzessin, mir diejenigen Personen vor, deren Schutz Sie
+von mir wünschen, ich werde Alles zu deren Zufriedenheit und zu Ihrer
+Beruhigung thun. Sie kennen meine Gesinnung und meine Theilnahme an dem
+Unglück, das Sie betroffen, ich habe bei dieser grausamen Verletzung des
+Völkerrechts und jenem Meuchelmord, vor dem ganz Europa noch immer
+schaudert, als deutscher Reichsfürst Schritte gethan, daß Genugthuung
+für die Gebietsverletzung des Kurfürstenthums gefordert werde, allein
+welche Genugthuung wäre hinreichend, Ihrem Herzen zu genügen. Kaum die,
+daß ich im Bunde mit Oesterreich Frankreich den Krieg erklärt habe.«
+
+»Reisen Sie, bester Graf,« schrieb die Prinzessin an Ludwig, »mit Sophie
+zum Kaiser, hören Sie dessen Befehle, ich überlasse alles Weitere Ihrer
+Einsicht, Ihrer Freundestreue, Ihrer Ehre und Ihrer Anhänglichkeit an
+mich und mein Kind. Der Himmel führe Sie Beide! Sie treffen, wenn Sie
+nicht säumen, den Kaiser noch in Wien. Eilen Sie dorthin und beruhigen
+Sie bald eine unglückliche Mutter, die für ihr Kind zittert, während sie
+bereits um ihren gemordeten Gatten der Verzweiflung anheimfiel!« –
+
+Graf Ludwig billigte in seinem Innern diesen eigenthümlichen Vorschlag
+keineswegs. Es war eine Abneigung in ihm gegen alles Russische, wie sehr
+er auch den persönlichen Eigenschaften des jungen Kaisers Verehrung
+zollte. Diese Abneigung entsprang gleichsam einem ererbten
+Familiengroll, der im Blute lag; das Haus, dessen Sohn Ludwig war,
+konnte es nie verschmerzen, daß die russisch gewordene Herrschaft Jever
+– in ihr bestand das deutsche Reichsfürstenthum Kaiser Alexanders I., an
+welches Ludwig durch des Kaisers Brief erinnert wurde – die einst dem
+Hause gehört hatte, jetzt von diesem abgerissen war, daß zwischen Jever
+und Kniphausen der russische Grenzpfahl stand, von dem ein Adlerkopf
+nach Kniphausen, und der andere nach Varel sich neigte, gerade als ob in
+diesem schlimmen und starken Vogel Lust vorhanden sei, auch diese beiden
+Herrlichkeiten zu rauben. Es kämpfte daher mächtig in dem Grafen, ob er
+der erhaltenen Aufforderung Folge leisten solle oder nicht, zumal sich
+schon halb und halb in ihm ein Plan gebildet hatte, von dem er sich ein
+reines Zukunftglück versprach, der Sophien Schutz und ihm Freiheit zur
+Hingabe an seine Lieblingsneigungen und an ein ihm besonders zusagendes
+gemüthliches Stillleben gewähren sollte.
+
+Gleichwohl ehrte Ludwig die Prinzessin, Sophie und das Geschick Beider
+zu sehr, um nicht zu fühlen, daß er vor dem Wunsche der Ersteren seine
+eigene Neigung aufopfern müsse. Er theilte daher der jungen Prinzessin
+den Brief ihrer Mutter mit und diese, obgleich erst fünfzehn Jahre
+zählend, war doch hinlänglich durch den Schmerz für den Ernst des Lebens
+gereift, um nicht die Bedeutung eines solchen Schrittes vollkommen
+würdigen zu können.
+
+Sie schlug das seelenvolle Auge zu Ludwig auf und sprach bewegt: Ich
+habe keinen Willen, ich folge der Mutter, ich folge Ihnen, ich beuge
+mich in Demuth Allem, was über mich verhängt wird.
+
+Sophie, entgegnete Ludwig: mich schmerzt, was Sie mir erwiedern, obschon
+ich weiß, daß Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen. Wenn
+auch die Verhältnisse Ihnen die tiefste Zurückhaltung und
+Verschlossenheit der Welt gegenüber als eine schwer zu tragende Fessel
+auferlegen, so dürfen Sie doch mir gegenüber sich frei und offen äußern,
+denn Sie wissen ja, fügte er, um den Ernst seiner Rede zu mildern, im
+leichten scherzenden Tone hinzu: daß Sie nicht meine Untergebene,
+sondern meine Gebieterin sind. Daher dürfen Sie Ihr Verhältniß zu mir
+nicht so nehmen, als seien Sie ein willenloses Lamm oder ein Opfer der
+Politik, nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie
+nicht willigen, da ich im Voraus weiß, wie Ihre klare Einsicht Ihnen
+sagt und Ihr Gefühl Ihnen sagen wird, daß ich nur an Ihr Heil sinne und
+denke.
+
+Gewiß, dies fühle ich lebhaft, lieber Graf! versetzte Sophie: und ich
+will mich bessern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, so glaube
+ich, gehorchen zu müssen, wenn Ihre Meinung damit übereinstimmt. Sie
+müssen wissen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majestät des Kaisers von
+Rußland etwas Günstiges für uns zu hoffen ist; nur das Eine erlaube ich
+mir zu bemerken, daß, wenn der zugesicherte Schutz eben in einem
+Aufenthalt im russischen Reiche, auf einem der Kronschlösser oder
+zuletzt gar in einem russischen Kloster bestehen sollte, ich sehr dafür
+danke. So lebhaft hat Rußland mich nicht angezogen, und so sehr hat es
+mir selbst in Sanct Petersburg nicht gefallen, daß ich den Wunsch fassen
+könnte, in Rußland meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutschland
+geboren, und wenn sich mir auch für die Zukunft das Vaterland meiner
+Eltern verschließt, so will ich doch ungleich lieber in Deutschland
+wohnen, als in irgend einem andern Lande, denn Deutschland gefällt mir
+und ich liebe es.
+
+Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zögern das Wort: dem Befehl Ihrer
+Frau Mutter Gehorsam leisten, es steht dann immer noch bei Ihnen, eine
+dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage ist nur
+die, wird Ihre Gesundheit die Anstrengung einer Reise mit Courierpferden
+vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien ist weit und Eile ist
+dringend nöthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der Kaiser
+Alexander in den nächsten Tagen nach Wien kommt, so ist doch diesem
+Monarchen in so bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt vergönnt.
+
+Ich bin Gott sei Dank gesund, mein bester Graf, erwiederte Sophie: und
+habe Jugendkraft. Frische Luft thut mir wohl, und die Reize wechselnder
+Landschaften und Orte, die ich ohne Schleierhülle betrachten darf, geben
+anmuthige Zerstreuung, wenn gutes Wetter solche Fahrt begünstigt. Sie
+wissen ja, daß ich armes Mädchen so zu sagen eine geborene Reisende bin.
+Nicht in der Nähe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe
+ich noch recht zum Selbstbewußtsein gelangte, wurde ich als Kind in
+weite Ferne geführt. Zu Wasser und zu Lande war immer Gottes Hand über
+mir. Sie wissen dies Alles, weßhalb sollte also eine Reise nach Wien
+mich schrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es sein muß!
+
+Wohlan denn, so schreiben Sie, während ich alles Nöthige anordne, einige
+Zeilen an Ihre Mutter, daß wir ohne Verzug nach Wien abreisen, und ihr
+vom Erfolg dieser Reise sogleich von dort aus Nachricht geben würden.
+
+Ludwig schrieb seinerseits noch einige rasche Briefe, ließ durch
+Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die seine einpacken,
+und war jetzt erst recht von Herzen froh, daß er den Falken fortgesendet
+hatte, dessen Besitz eine stete Sorge für ihn gewesen wäre.
+
+Auf dem geradesten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Würzburg, und
+von da nach Nürnberg, wo man sich eine Nachtrast gönnte, dasselbe war am
+folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten schon waren die
+Reisenden bei guter Zeit in Wien.
+
+Kaiser Alexander empfing sie mit der ganzen Herzlichkeit seines Wesens
+und seiner Humanität, die ihn zu einem der ausgezeichnetsten Monarchen
+des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen liebenswürdigen
+Prinzessin sein inniges Beileid, und sprach mit freundlicher
+Herablassung zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begrüße ich als alten
+Nachbar! Wenn Sie mich als solchen vielleicht nicht gern gesehen haben
+sollten, so will ich Ihnen zum Troste sagen, daß diese Nachbarschaft
+sich in Kurzem lösen wird, ich bin entschlossen, meine Herrschaft Jever
+an Holland abzutreten, und gratulire Ihrem Hause im voraus zum neuen
+Nachbar.
+
+Diese Aeußerung des Selbstherrschers aller Reussen setzte Ludwig
+einigermaßen in Verlegenheit, denn was sollte er ihm darauf erwiedern?
+Sein Name allein mochte den Kaiser glauben gemacht haben, er habe irgend
+noch ein Mit-Anrecht an jene Herrschaft, doch viel zu wichtig war der
+Augenblick, um ihn auf derartige Erörterungen zu verwenden. Es war
+Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiser hatte keine Zeit für
+Familienangelegenheiten, Fürst Metternich war schon angemeldet, dieser
+konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte sich wieder zu
+Sophien und fragte sie, ob sie der Gast seiner Gemahlin in Sarskoe-Selo
+sein wolle? Dies kaiserliche Lustschloß stehe ihr offen, oder, wenn sie
+dies vorziehe, würde sie ein gleiches Asyl zu Oranienbaum finden. – Ihre
+nächsten Verwandten, mein lieber Graf – wandte sich der Kaiser wieder
+scherzend zu Ludwig: sind ja sehr für Oranien, und gewiß auch Sie
+selbst! Wissen Sie auch, daß der regierende Graf von Varel und
+Kniphausen vor Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten
+Ansprüche und Anwartschaften auf Jever geltend zu machen? Er war sehr
+dringend, und ich habe ihm ein Jahrgehalt von fünftausend Silberrubeln
+als Entschädigungssumme auf Lebenszeit zugesichert, mehr konnte ich
+nicht thun. Ich habe dem Souverän von Varel und Kniphausen mein
+aufrichtiges Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Verhältnisse
+gebieterisch fordern, die Ueberzahl dieser reichsgräflichen und
+reichsfreiunmittelbaren deutschen Standesherrn, da factisch das deutsche
+Reich aufhört, zu mediatisiren. – Wollen Sie, Herr Graf, in meinen
+Militärdienst treten, so sollen Sie mir willkommen sein.
+
+Bei dieser Anrede des Kaisers durchzuckte blitzesschnell ein Gedanke
+Ludwig’s Seele. Ich soll von Sophie getrennt leben, sie soll am Ende gar
+Hofdame in Sarskoe-Selo werden – und wozu dies Alles? Bedürfen wir
+dieser kaiserlichen Gnaden?
+
+Allerunterthänigst muß ich für das Glück und die Auszeichnung danken,
+Eurer Majestät Offizier zu werden, antwortete Ludwig im bescheidensten
+Tone: ich bin körperlich zum Militärdienst untauglich. Die Prinzessin
+Sophie wird die Huld Eurer Majestät zu würdigen wissen und sich für die
+Annahme einer der Gnaden entscheiden, die allerhöchst ihr anzubieten
+Eure Majestät geruht haben. Majestät geruhen den Ausdruck
+unterthänigsten Dankes im Voraus entgegen zu nehmen.
+
+Der Kaiser nickte gnädig zum Zeichen der Entlassung, und bat Sophie
+noch, ihre schöne Mutter von ihm zu grüßen. Die Prinzessin zitterte an
+Ludwig’s Arme, als sie, in ihren Schleier gehüllt, durch die mit
+besternten Kammerherren und hohen Militärchargen angefüllten Vorsäle,
+durch die Schaar goldbetreßter Diener schritt; sie athmete tief auf, da
+sie endlich im Wagen saßen, um nach ihrem Hotel zurückzufahren.
+Verwundert sahen die Höflinge dem Paare nach. Wer war der Mann, der eine
+Prinzessin, wie man sprach, zur Audienz beim Kaiser führte, im
+schlichten schwarzen Bürgerkleid und hatte nicht einmal einen Orden auf
+der Brust!
+
+Was sagten Sie dem Kaiser, Graf? Ich hörte es nicht genau vor Zittern
+und Zagen, fragte Sophie. Ich würde mich für Annahme einer der mir
+angebotenen Gnaden entscheiden? War es nicht so?
+
+Allerdings, ich konnte nicht anders sprechen, entgegnete Ludwig: ich
+konnte, nachdem ich für meine Person abgelehnt hatte, nicht auch in
+Ihrem Namen, ohne vorher Ihren Willen zu kennen, Nein sagen.
+
+Und wünschten Sie, daß ich Ja sagte, Graf? fragte Sophie. Wünschen Sie
+mich los zu werden? Habe ich Ihnen nicht bereits meinen Willen und
+meinen Entschluß, in Rußland nicht zu verweilen, offen ausgesprochen?
+
+O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf freudig
+bewegt und führte ihre Hand an seine Lippen. Ich zitterte Ihrer
+Entscheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein
+Recht. Alles Glück, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz
+Ansprüche haben, wären Ihnen vom Kaiserhofe zu Theil geworden; Ihre Frau
+Mutter hätte das wohl am Liebsten gesehen.
+
+Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit sanftem Erröthen: will
+mit Ihnen gehen, wohin Sie mich führen, in die Stille, nur in die
+Stille, auch Sie lieben ja die Stille, und ich sehne mich gleichfalls
+nach ihr.
+
+Ludwig war selig in seinem Gefühl – eine Vorahnung heiliger Stille,
+süßen Friedens kam über ihn und erfüllte sein ganzes Herz. Er sah nun,
+wie kein Gedanke in Sophie den Wünschen widerstrebte, die den holden
+Traum seiner Zukunft ausmachten.
+
+Bei der Rückkehr in das Gasthaus trat ein stattlicher Herr dem Paare
+entgegen, kraftvoll gebaut, von militärischer Haltung, viele
+Ordensinsignien auf der Brust. Ludwig gab es einen Stich in’s Herz, er
+wollte schnell mit seiner Begleiterin an ihm vorübergehen, aber Jener
+vertrat ihm den Weg, und rief erstaunt: Ludwig! Vetter! Du hier?
+
+Wie du siehst, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Augenblick zu
+deinem Befehle, erlaube nur, daß ich diese Dame erst nach ihrem Zimmer
+begleite.
+
+Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; Sophiens edle
+Haltung, ihre zarte Gestalt fielen ihm auf. Nicht übel, murmelte er:
+nicht übel! – Ja, das muß wahr sein, schöne Mädchen gibt es in der
+Kaiserstadt, oder sollte das eine Fremde sein?
+
+Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem zarten und
+innigen Verhältniß Ludwig’s zu den hohen Frauen, die das Schicksal in
+jene Asyle am Rhein geführt. – Da Windt Ludwig’s nie gedacht hatte,
+zumal der Erbherr immer sichtlich vermied, nach ihm zu fragen, so konnte
+dieser auch Nichts erfahren, und wenn Ludwig’s je einmal, wie es bei der
+Unterredung bezüglich des Falken der Fall gewesen war, Erwähnung
+geschah, so berührte der treue Intendant doch auf keine Weise jenes
+Verhältniß.
+
+Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flüchtigen Worten mit, daß
+jener Herr derselbe Verwandte sei, von dem so eben Kaiser Alexander
+gesprochen habe; dann eilte er wieder zu diesem hinab, worauf die beiden
+Vetter sich mit einander in ein abgesondertes Zimmer begaben, um ihr
+Wiedersehen nach so langer Trennung bei einer Flasche Champagner zu
+feiern.
+
+Das Gespräch lenkte sich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht
+gemüthlichen Stimmung; das drohende Gespenst der Mediatisation schien
+nicht auf dieselbe einzuwirken. Was ihm am Meisten am Herzen lag, der
+Wiedergewinn jenes kostbaren Trinkgeschirres, das er in Ludwig’s Händen
+wußte, wurde auch bald Gegenstand der Unterhaltung. Als Graf Ludwig von
+dem Tod der Großmutter erzählte, daß er noch ihren letzten Segen
+erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit:
+
+Und noch mehr, noch Besseres erhieltest du von ihr. Du empfingst auch
+noch den Falken!
+
+Allerdings, und zwar mit verbriefter und besiegelter Urkunde
+rechtmäßigen Besitzes in Folge freier Schenkung, versetzte Ludwig.
+
+Was gedenkst du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit schlecht
+verhehltem Aerger.
+
+Nichts, antwortete Jener trocken.
+
+Man sollte doch dies Geräth bei der Familie lassen, Vetter! sprach der
+Graf nach einer Pause.
+
+Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zukünftigen? fragte mit
+scharfer Betonung Ludwig, und diese seine Frage verwirrte den
+regierenden Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, so hätte sie ihn
+aufgebracht; doch bezwang er sich und sprach ruhig weiter: Mit einem
+Wort, Vetter: wir, der Admiral und ich, hätten den Falken gern wieder,
+überlass’ ihn uns, tritt ihn uns käuflich ab, stelle deine Forderung,
+wir schaffen die Summe!
+
+Ludwig blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als wolle er sich die
+Sache überlegen, dann sprach er: Wirklich? Ihr schafft die Summe? Ach,
+da thut es mir in der That recht leid, daß ich nicht im Stande bin,
+euren so billigen Wunsch erfüllen zu können.
+
+Warum nicht?
+
+Weil ich nicht mehr im Besitz jenes seltenen Vogels bin.
+
+Um des Himmels Willen, was muß ich hören! fuhr der Graf erschrocken auf.
+Wurde er dir entrissen? Gabst du ihn hin? An wen gabst du ihn und wie
+theuer?
+
+Nie würde ich so unwürdig handeln, dieses werthvolle Familienstück zu
+verkaufen, Vetter! Das denkst du gewiß nicht von mir!
+
+Nun denn, wo kam der Falke sonst hin? fragte der Erbherr in ungeduldiger
+Spannung.
+
+Ich habe ihn verschenkt, war Ludwig’s ruhige Antwort.
+
+Verschenkt! Hör’ ich recht, verschenkt! schrie Jener außer sich. Ich
+bitte dich, Ludwig! Wußtest du, was du thatest?
+
+Ich wußte, was ich that, mein lieber Vetter, ich war bei vollem
+Bewußtsein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den
+Händen zu geben, schenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und sehr
+reichen Dame, die ich liebe.
+
+Der Reichsgraf stieß sein Champagnerglas so heftig auf den Tisch, daß es
+klirrend zersplitterte.
+
+Fahr hin, Glück von Edenhall! sprach dazu Ludwig ganz kaltblütig, mit
+einer Anspielung auf eine bekannte Sage.
+
+Was ist’s mit dem Glück von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und
+hastig, indem er seinen Grimm zu bemeistern suchte.
+
+Als ich in England, in der Grafschaft Devonshire war, erzählte Ludwig,
+nachdem er ein frisches Glas und eine frische Flasche Champagner
+bestellt hatte: fand ich auf dem reizenden Schloß Chatsworth, in einem
+Zimmer, darin die unglückliche Maria Stuart sechzehn Jahre ihres Lebens
+vertrauerte und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte schottische
+Chronik, darin ich von einem schönen Krystallbecher las, welcher dem
+Grafenhause von Castle Edenhall in Cumberland als Geschenk einer Fee
+gehörte, und »das Glück von Edenhall« genannt ward. So lange es
+existirte, sollte des Hauses Glück unwandelbar blühen. Ein Sproß des
+Hauses von wildem Sinn wollte das Glück versuchen, stieß das Glas auf,
+und da zerbrach es unter schrillem Klang. Wie jener Becher zersprungen
+war, wich alles Glück vom Hause der Lords von Edenhall, es spaltete sich
+die Familie, ein Unfriede herrschte darin und Alles ging zu Grunde.
+Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke, wenn Jemand mit Absicht oder
+auch ohne Absicht ein Geräth zerbricht: Fahr hin, Glück von Edenhall!
+
+Eine düstere Wolke des Mißmuths lagerte sich über die Stirne des
+Reichsgrafen.
+
+Erst nach einer Pause fragte er, als könne er den Gedanken noch immer
+nicht fassen, mit erneutem Erstaunen: Du hast also wirklich den Falken
+verschenkt? Sage mir, Mensch, hast du den Stein der Weisen gefunden?
+Kannst du Gold machen?
+
+Wer weiß, entgegnete Ludwig geheimnißvoll, dem es eine wahre Lust war,
+den Grafen durch Zweifel zu quälen. Als ich die Bäder von Buxton
+gebrauchte, besuchte ich auch die in jener Gegend gelegene berühmte
+Peakhöhle bei Castleton; ich stand in der gothischen Geisterkirche
+dieser majestätischen Stalaktitenhöhle, einer Kirche, welche die Hand
+der Natur für den Weltgeist wölbte; ich lauschte dort einem Chorgesang,
+der wunderbar erklang, tief schwermüthig, und was tönten diese fernen
+Stimmen unsichtbarer Sänger? Es waren Strophen einer altschottischen
+Ballade, davon lautete die letzte:
+
+ »O leide, leide, mein wackrer Falk,
+ Die Federn fallen dir aus!
+ O leide, leide, mein liebster Herr,
+ Seht blaß und elend aus!«
+
+Ja, es war schön und reizend im Castle Chatsworth. Und siehst du,
+Vetter, dort könnte ich wohl auch den Stein der Weisen gefunden haben.
+
+Wie finde ich dich so ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter
+Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du scheinst viel Glück gehabt zu haben! Bist
+wohl sehr reich?
+
+Hm, es geht an! versetzte Jener mit leichtem Tone, so reich bin ich
+mindestens, daß mich nicht nach russischen Rubeln gelüstet!
+
+Wie kommst du darauf, Mensch, der Grafschaften verschenkt? fragte
+betroffen der Reichsgraf.
+
+Siehst du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Grafschaften
+verschenke, so befreie ich mich dadurch nur von einer großen Furcht und
+Sorge, und ich habe mir nun einmal fest vorgenommen, sorgenlos zu leben.
+
+Welche Sorge meinst du? fragte Wilhelm gespannt.
+
+Ich meine die Sorge, mediatisirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken.
+
+Was, Mensch? Bist du ein Dämon! Welche Geheimnisse trägst du mit dir
+herum? Wer hat dir von russischen Rubeln gesagt? Wer von Mediatisirung?
+Niemand weiß etwas davon!
+
+Willst du es durchaus wissen? – Ja! – Nun denn, der Kaiser von Rußland,
+vorhin, als ich bei ihm war.
+
+Beim Kaiser von Rußland, rief Graf Wilhelm, dessen ganz verstörter
+Zustand nunmehr Ludwig’s Mitleid rege machte. Er sprach daher mit vieler
+Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zürne mir nicht; ich war ein wenig
+böse auf dich und neidisch auf den Vice-Admiral.
+
+Ha! glaub’s wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm.
+
+Nicht doch, versetzte Ludwig, sondern daß ihr mich so ganz vergessen und
+zur Seite geschoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir stehen
+und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht hätte
+ich deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die
+fünfzigtausend holländische Gulden, die ich dir in Doorwerth lieh und
+lasse dir davon einen andern Falken machen. Ich schenke sie dir, sammt
+den Zinsen von zwölf Jahren.
+
+Redest du im Ernst, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der
+Reichsgraf.
+
+Mir war selten so wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vetter so
+unvermuthet wiederfinde, versetzte Ludwig.
+
+Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pause mit Wärme fort: du
+zeigtest mir damals selbst im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die
+ärgste Kränkung angethan; selbst von dir zuerst beleidigt, hätte ich
+dich nicht so wieder beleidigen dürfen, wie ich es that; du konntest
+mich fordern und todt schießen; du hast mein Leben aufgespart zu vielem
+herben Weh, aber auch zu unendlichen Wonnen, die mir entgegenblühen,
+darum nimm mich nun, wie ich bin, aufrichtig und ohne Falsch. Auch
+warst du es, der als der Aeltere mir zuerst die Hand zur Versöhnung bot;
+dein Edelmuth gewann dir meine ganze volle Liebe, und nun von allen
+diesen Geschichten kein Wort mehr. Laß uns anstoßen: Unsere lieben
+Todten sollen leben!
+
+Theuere Namen klangen durch Ludwig’s Erinnerung: Ottoline, Leonardus,
+Sophie Charlotte, Angés. Thränen entstürzten seinen Augen, er sprang
+auf, umarmte Wilhelm mit stürmischer Innigkeit und eilte fort.
+
+Der Abend dieses Tages fand Sophie und Ludwig schon nicht mehr in Wien.
+Rasch, wie sie gekommen waren, verließen sie die Kaiserstadt wieder,
+aber sie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie rasteten
+in Pölten, und gönnten sich an den übrigen Tagen Zeit, von der schönsten
+Witterung begünstigt, die herrlichen Ufer des Donaustromes zu bewundern.
+Sie sahen Regensburgs alte versinkende Herrlichkeit, sahen das alte
+Nürnberg und sein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und Coburg
+reisten sie dann nach dem Dorf Eishausen; der Graf hatte Befehl gegeben,
+dort anzuhalten, und führte die junge Prinzessin durch die Hauptstraße
+des Ortes.
+
+Erinnern Sie sich nicht, schon einmal hier gewesen zu sein? fragte er
+sie.
+
+Allerdings ist es mir so, erwiederte sie: doch weiß ich mich nicht mehr
+zu entsinnen, wann es war.
+
+Es ist derselbe Ort, sprach der Graf, in welchem ich Sie und die selige
+Angés nach langer Trennung zum Erstenmale wiedersah, als Sie mit Ihren
+theueren Eltern nach Rußland reisten.
+
+Ach ja, jetzt entsinne ich mich! rief Sophie gerührt: Dort stand eine
+schöne Kirche, dort ein ziemlich großes Schloß, hier vor dem Wirthshaus
+war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater fürchtete von ihnen
+erkannt zu werden, wir fuhren daher sehr schnell weiter.
+
+Nach kurzer Rast wurde die Reise nach Hildburghausen fortgesetzt. Als
+der Weg sich von dem hohen Stadtberg thalwärts niedersenkte, als zur
+Rechten der Blick auf Wald, Wiesen und Dörfer frei ward, zur Linken auf
+grünende Berggärten und heitere Gelände, und unten im Thale die schöne
+Stadt so friedlich ruhte, das Abendsonnengold gerade wie damals über die
+ganze Flur ein magisches Zaubernetz warf und eine Glocke vom stattlichen
+Kirchthurme herab die Feierabendstunde verkündete, da überkam unsere
+Reisende ein unnennbar süßes Gefühl der Ruhe, der sanften traulichen
+Befriedigung. Es war als schließe hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll
+Unfriede, voll Haß und Verfolgung sich ab, und ein neues Leben, nur dem
+Frieden und der Liebe geweiht, thue sich vor ihnen auf.
+
+Dasselbe Gasthaus, in dem damals die fürstlichen Reisenden während des
+Pferdewechsels eingetreten waren, der »Englische Hof« in Hildburghausen,
+nahm sie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu ungleich längerem
+Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft suchte der Graf um eine Audienz bei
+der regierenden Herzogin Charlotte nach. Diese gebildete Fürstin, deren
+Geist und edles Herz noch heute im treuen Andenken von Stadt und Land
+fortlebt, empfing den Grafen mit Güte und dankbarer Erinnerung.
+
+Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang
+hier aufhalten zu dürfen, sagte Ludwig nach der ersten Begrüßung. Ich
+suche mit einer Gefährtin von hoher Geburt die Einsamkeit, die tiefste
+Stille. Ueber jener Dame Abkunft schließt mir ein theures Gelübde den
+Mund, das nur ein strenger Befehl lösen würde, der dann zugleich mein
+Verbannungsurtheil, meine Ausweisung wäre. Mein Ehrenwort leistet dafür
+Bürgschaft – ich selbst darf nichts sagen, wie gerne ich auch einem so
+edlen Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen würde.
+
+Ich verstehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin
+lächelnd. Wir sind hier am Hofe etwas schwatzhaft geartet, meinen Sie
+nicht? Nun, Sie mögen nicht so ganz unrecht haben! Uebrigens sollen Sie
+sehen, daß ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich
+den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, Ihr
+Geheimniß jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, für deren
+Ritter Sie sich erklären, nach Kräften zu schützen. Je länger es Ihnen
+bei uns gefällt, um so mehr soll es mich freuen; aber von Einem seien
+Sie zum voraus fest überzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr
+Geheimniß zu kommen, so werden’s andere Leute dafür um so eifriger sein.
+Mit einem Wort: Hüten Sie sich vor der delphischen Weisheit unserer
+guten Residenzbewohner.
+
+
+
+
+7. Das große Räthsel.
+
+
+Die Fürstin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheimnißvolle
+Paar sein möge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit
+vielem Aufwande im »Englischen Hof« wohnte, war schon nach wenigen Tagen
+das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Residenz, und die
+Nachbarn betrachteten das so wohl bekannte Hotel um seiner
+geheimnißvollen Gäste willen mit Blicken des Befremdens und der
+Neugierde.
+
+So lange die unbekannte Herrschaft noch im Gasthaus wohnte, durfte nie
+ein Kellner die Zimmer derselben betreten. Man hatte eigenes Tafel-,
+Tisch- und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen
+der Fremden von auswärts an, ebenso waren Service angekauft worden.
+Später miethete der Graf die schönste Wohnung, welche in Hildburghausen
+zu haben war, in einem Eckhause am Markt, das nach jener Zeit als
+Regierungsgebäude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein
+Nachbar konnte ihm in die Fenster blicken. Täglich fuhr er, nur von
+einem einzigen Diener begleitet, mit der stets verschleierten Dame im
+eignen eleganten Wagen spazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie sich
+selbst im herzoglichen Marstall kein schöneres befand, erregte die
+allgemeinste Bewunderung.
+
+Allmählig füllten sich alle Gesellschaftskreise der Stadt mit
+Nachrichten über den räthselhaften Fremden und seine Begleiterin. Daß
+die öffentliche Meinung den Grafen für einen französischen Emigranten
+hielt, war in den Verhältnissen und Ereignissen der Zeit begründet;
+darüber war man im Allgemeinen einig – aber noch gar manches Andere
+blieb dafür um so räthselhafter und spottete aller Nachforschungen.
+
+Zu ihrer großen Belustigung hörten sie bald, mit welcher Romantik die
+erfinderische Fantasie der guten Kleinstädter sie Beide umkleide; und
+es gewährte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, sich die
+Abenteuerlichkeiten erzählen zu lassen, die über sie im Mund der Leute
+umgingen.
+
+Mit Hülfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im
+steten Verkehr mit der Außenwelt, während sie Ludwig zugleich ein Mittel
+boten, Sophien in mannichfaltiger Weise zu unterhalten und zu belehren.
+Beim Thee, den sie selbst mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor,
+oder er erzählte ihr aus seiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der
+Großmutter, aus der Geschichte seines Hauses, von seinem Aufenthalt in
+England, so daß keine Stunde der Langeweile die junge lebhafte
+Prinzessin beschlich. Graf Ludwig verstand es, den so häufig trocknen
+Ton der Zeitblätter zu würzen und sie mit vielem Humor zu erläutern. Die
+Zeit war schwer, viel Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf
+Deutschland drückte lähmend wie ein Alp Napoleons Herrschaft. Jede freie
+Aeußerung, welche deutschen Sinn athmete, wurde unterdrückt, und
+deutscher Vaterlandsliebe drohten Fesseln und Kerker. Da mußten die
+einsamen ganz auf sich beschränkten Fremden in der kleinen Stadt noch zu
+einem andern Mittel greifen, um die Stunden zu verkürzen und das Leben
+zu weihen, und dieses Mittel bot ihnen die Poesie. Mit Entzücken nahm
+Sophie den Geist deutscher Dichtung auf, mit Begeisterung führte sie der
+Freund in die schöne Literatur ein.
+
+Mit den Zeitungen über die trübe Zeit brachte Philipp eines Tags auch
+einen Brief, der das Poststempel London trug. Ludwig erschrak beim
+Anblick des Trauersiegels, er ging hastig in ein Nebenzimmer, zitternd
+öffnete er – ach, schon sagte sein Herz ihm Alles!
+
+Meine Mutter! O meine schöne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in
+seinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er sich auf’s
+Sopha.
+
+Sophie eilte herbei, sein Anblick erschreckte sie auf’s Heftigste und
+bestürzt rief sie aus: Was ist Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren
+Schmerz nicht theilen? O, sagen Sie mir, welche Schreckenskunde Sie so
+tief erschüttert?
+
+Ach, meine Mutter! seufzte Ludwig: oder doch zum Mindesten geliebt von
+mir wie eine Mutter! Lesen Sie, theure Sophie, am dreißigsten März, neun
+und vierzig Jahre alt, und welche Frau!
+
+Aus Ihrem Schmerz entnehme ich die Größe Ihres Verlustes! sprach Sophie
+bewegt. Lassen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einst die meine
+theilten! Erzählen Sie mir von der Verklärten, das wird Sie erleichtern
+und mich zugleich in den Stand setzen, Ihren herben Verlust zu theilen.
+
+Ludwig fühlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieses jungen reinen
+Herzens war, und suchte sich zu fassen. Auf’s Neue erkannte und segnete
+er den Engel, den das Schicksal ihm in Sophien zur Seite gestellt hatte.
+Auch dieser Kelch mußte geleert, auch dieses Leid ertragen werden.
+
+Mitten in diesem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bückeburg;
+der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Januar erfolgte Ableben
+seines Bruders, des reichsgräflichen Haushofmeisters Windt. Er war in
+Stadthagen sanft verschieden und ruhte ohnweit des Grabes seiner treuen
+Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war.
+
+In dem untern Stock des Hauses, welches der Graf bewohnte, befand sich
+die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in derselben Feuer
+aus, welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit gelöscht wurde.
+Dennoch trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen
+veranlaßte, die Miethe auf der Stelle zu kündigen. Bald fand sich ein
+anderes Haus, in der schönen neuen Vorstadt gelegen, welche auch von
+Emigranten angebaut war. Im Anfang war die Eigenthümerin dieses Hauses
+unschlüssig, ob sie den Fremden ihr Haus einräumen solle; denn das
+Geheimnißvolle ihrer Personen und die vielen über sie umlaufenden
+Gerüchte und Mährchen schreckten sie ab. Als betagte Wittwe eines hohen
+Staatsbeamten, und als eine Frau von Welt und Bildung, mochte sie sich
+keiner Gefahr aussetzen, und da sie vernommen hatte, daß die Herzogin
+den geheimnißvollen Fremden kenne, so ging sie zu dieser und fragte sie
+geradezu, ob sie ihr rathe, den Grafen und seine Umgebung in ihr Haus
+aufzunehmen? Leicht beseitigte diese jede Besorgniß bei ihr und der Graf
+mit seiner Begleiterin und seiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk
+ihres Hauses Besitz.
+
+Stille, lautlose Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den
+Mitbewohnern fast peinlich vorkam, waltete um diese Wohnung und brachte
+den Grafen in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings, während er doch
+nur Sophiens Wunsch erfüllen wollte, die in dieser völligen
+Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt einen Genuß, einen Trost fand. Das
+Publikum hingegen, das die junge Dame selten und dann stets nur
+verschleiert erblickte, fing allmälig an zu argwöhnen, man halte sie mit
+Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgesperrt und der Graf sei
+eine Art Othello oder Ritter Blaubart.
+
+Heute flog diese, morgen jene Neuigkeit über die geheimnißvollen Fremden
+durch die Stadt und bildete den Inhalt der Gespräche ebensowohl an der
+Gasttafel im »Englischen Hof,« als auf der Bank der äußersten
+Vorstadt-Kneipe. Einmal erzählte man sich, der Postillon habe sich auf
+dem Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzenden Etwas mitzutheilen, und in
+Folge davon habe der fremde Graf dem Postmeister ein Billet geschrieben,
+des Inhalts, daß er sich diesen Postillon wie jeden andern, der sich
+unterstünde, während des Fahrens zurück und in den Wagen zu sehen, ein
+für allemal verbitten müsse. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an
+das Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als
+gegangen, nachdem ihn der erzürnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht
+hatte. So ging es fort und fort, eine sonderbare Nachricht verdrängte
+die andere, der geheimnißvolle Graf, der sein Leben mit der Tarnkappe
+verschlossenster Zurückhaltung und mit dem Mantel der tiefsten
+Verschwiegenheit umkleidete, ließ die Leute zu keiner Ruhe kommen.
+
+Um den Garten des Hauses lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der
+Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frühen Morgenstunden
+spazieren gingen, dann lustwandelten sie gewöhnlich in der alten
+schattigen Allee, welche sich um die Hälfte der Stadt längs der
+Umfassungsmauer hinzog, zu andern Tagesstunden aber ergingen sie sich in
+dem geräumigen Gemüsegarten dicht am Hause. Nachbarskinder bohrten
+Löcher in die Bretter der Umzäunung und blickten neugierig hindurch,
+denn schon in die Kinderwelt herab war das Mährchen, das sich so gerne
+den Kindern, seinen Lieblingen, befreundet, herabgestiegen und hatte
+verkündet, daß da drinnen eine verwünschte Prinzessin umgehe, welche
+keinen Mund habe; während Andere behaupteten, die fremde verschleierte
+Dame habe einen Todtenkopf.
+
+Darüber kam es zum Wortwechsel, von diesem zu Prügeln, und während die
+liebe Gassenjugend draußen vor dem Garten zu Rittern der Poesie des
+Volksmährchens wurden, standen Ludwig und Sophie an der bretternen Wand
+und belachten herzlich der großen und kleinen Kinder Abenteuersucht.
+Gewöhnlich mußte dann Philipp Brettstückchen sägen und die Löcher im
+Zaune wieder zunageln.
+
+Nie gab es auffallendere Gegensätze, als das Leben dieses
+geheimnißvollen Paares, wie es nach Außen hin in seiner räthselhaften
+Abgeschlossenheit der alltäglichen Umgebung erschien, und Jenes, das
+Beide in Wirklichkeit führten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit,
+nach Außen die romantische und selbstersonnene Täuschung.
+
+Mitunter gab es auch Tage, an welchen die Postpferde schon zu sehr
+früher Morgenstunde vor dem Hause sein mußten; Philipp half dieselben
+rasch an den Wagen des Grafen spannen und schwang sich dann zum
+Postillon auf den Bock empor. An solchen Tagen durften weder die Köchin
+noch die Aufwärterin das Haus betreten. Einmal geschah es indessen, daß
+die Erstere, welche einen Schlüssel zur Küche bei sich führte, bei einer
+solchen Abwesenheit der Herrschaft das bestehende Verbot brach. Sie
+übersah aber, daß ein Spinnfaden quer über das Schlüsselloch gezogen
+war. Als die Herrschaft zurückkehrte, wurde diese Köchin mit Belassung
+ihres Gehaltes für den vollen Rest des Jahres auf der Stelle
+verabschiedet.
+
+Wohin die Fremdlinge fuhren? – Jede nächste Poststation bot andere
+Pferde, andere Postillone, wer konnte also erfahren, wie weit und nach
+welcher Richtung hin ihr Reiseziel ging? Viele vermutheten, ein
+religiöses Bedürfniß führe sie zu den Gnadenorten des nachbarlichen
+Frankenlandes, nach Vierzehnheiligen, oder nach Sanct Ursula, oder zum
+Gipfel des heiligen Kreuzbergs.
+
+Dem in so geheimnißvoller Eintracht verbundenen Paare, dessen Leben der
+gesammten Umgebung ein so großes Räthsel war, kam ein wichtiger Tag.
+Längst hatte Sophie im Stillen dessen gedacht, längst sich mit ihm
+beschäftigt, zweierlei sollte den Mann überraschen, an den ihr Geschick
+sie so wundersam gebunden, ja gekettet hatte. Es war der 22. September
+des Jahres 1808.
+
+Heimlich, in stillen, unbelauschten Stunden hatte sie sich bemüht,
+Deutsch schreiben zu lernen, was ihr anfangs sehr schwer fiel.
+
+Noch nie war, außer im innersten verschwiegensten Herzen, das traute Du
+über die Lippen dieser Liebenden gekommen. Dem Genius der französischen
+Sprache ist es fremd, nun aber war das deutsche Sie Sophien nicht minder
+fremd und unbegreiflich, und das Ihr klang ihr im Deutschen so seltsam,
+daß sie bei sich beschloß, in dem Briefe, der ihre erste Uebung im
+deutschen Styl werden sollte, das Du zu brauchen, selbst auf die Gefahr
+hin, daß es so kindlich klinge, als wenn ein Kind sein erstes Gebet
+stammelt.
+
+So entstand jener noch vorhandene und in Hildburghausen wohlbekannte
+Brief, der so manche falsche Auslegung fand, der so Viele glauben
+machte, er sei, weil nicht nach den Regeln der großen deutschen
+Sprachschulmeister Campe, Adelung und Heinsius stylisirt und
+geschrieben, nur ein Zeugniß von Mangel an Bildung oder von ganz
+untergeordneter Stellung jener Persönlichkeit, die das Räthsel ihrer
+Existenz mit so dichten Schleierhüllen umwob.
+
+Und dabei bleibt es immer noch eine große Frage, ob jener Brief nicht
+Abschrift einer fremden, der Orthographie unkundigen Hand war. – Du!
+klang es in Sophiens Seele zu Ludwig, wie es längst in der seinen
+geklungen; Du! hallte diesen trauten Klang das jungfräulich erbebende
+Herz nach, da es sich gedrungen fühlte, dem edlen Mann mehr zu sein als
+Pflegbefohlene, mehr als Tochter.
+
+Als der Graf an diesem 22. September früh nach seiner Gewohnheit das
+Lager verlassen und aus seinem Schlafkabinet in sein Wohnzimmer trat,
+lag auf einem geschmückten Tisch ein frischer Kranz, und neben diesem
+eine schöne Stickerei, ein Sophakissen im Geschmacke jener Zeit,
+erhabene Blumen von geschorener Seide. Diese Blumen waren Lilien, drei
+an der Zahl, auf einem himmelblauen Felde, und neben diesen drei zarten
+Lilien, welche mit täuschender Kunst die Natur nachahmten, stand von
+Silberlahn gefertigt, ein Anker. Zwischen diesem Kunstwerk und dem
+Kranze lag ein Brief, ohne Aufschrift, gesiegelt mit einem Petschaft,
+dessen Abdruck in einem kleinen ovalen Schildchen unter einer
+Königskrone drei Wappenlilien zeigte.
+
+Bewegt nahte Ludwig diesen freundlichen Gaben einer so unendlich theuern
+Hand; sein Geburtstag, an den sie ihn sogleich erinnerten, war ihm
+wichtig geworden, seit er Leonardus kennen gelernt hatte. Er brachte
+still seinen Dahingeschiedenen ein Todtenopfer. Dahin, dahin waren sie
+Alle, nur er sonnte sich noch am lieblichen Strahle des Daseins. Aus dem
+Leben waren sie geflohen, hatten ihn treulos verlassen, Jeder von ihnen
+war ein Strahl gewesen, der sein Dasein geschmückt und verklärt hatte,
+jetzt waren diese Strahlen alle zusammengeflossen zu einem Strahle, der
+ihm ein einzig holder, ach! sein letzter Stern war.
+
+Mit freudigem Beben öffnete der Graf endlich den Brief und las; er las
+nicht die fehlerhaften Zeilen einer Anfängerin in der deutschen
+Rechtschreibekunst und Grammatik, er las das beredte Gefühl und den
+heiligen Ausdruck einer unschuldigen, liebenden Seele!
+
+ »Lieber guter Ludwig!
+
+Ich wünsche dir zu deinem Geburtetag[14] viel Glück und Segen! Der
+Himmel erhalte dich gesund bis in das späteste Alter. Ach, lieber
+Ludwig, es sind schon viele Geburtetage, die ich bei dir erlebe, und der
+Himmel segne dich für Alles, was du schon an mir gethan hast, und an mir
+noch thust!
+
+Ach, lieber guter Ludwig, es thut mir leid, daß ich dir zu deinem
+Geburtetag keine bessere Freude machen kann. Ich habe hier eine
+Kleinigkeit für dich gestickt, ich schäme mich, daß sie nicht besser
+ist. Aber gewiß wirst du, lieber guter Ludwig, es doch von deiner armen
+Sophie annehmen, als einen Beweis meiner Liebe und Dankbarkeit. Ach,
+verzeihe mir, mein guter Ludwig, wenn ich bisweilen fehle! Ich bitte den
+Himmel, daß er mich lehre, meine Fehler zu verbessern. Möchtest du doch
+mit mir zufrieden sein, ich aber im Stande, alles dir nach Wunsch zu
+thun, alles dir angenehm zu machen. Ach, lieber guter Ludwig, ich weiß,
+daß meine Lage schrecklich war und ich danke dir nochmals! Der Himmel
+segne dich für alles! Behalte mich lieb, lieber Ludwig! Ich bleibe im
+Schutze Maria’s und dem deinen.
+
+ Deine arme Sophie bis in’s Grab.
+
+ Den 22. September 1808.
+
+ [Fußnote 14: Dem holländischen #Geboortedag# nachgebildet. Der
+ Brief ist, bis auf die verbesserte Rechtschreibung, ganz
+ urkundlich.]
+
+
+
+
+8. Der Geburtstag.
+
+
+Voll unaussprechlicher Rührung stand Ludwig noch lange vor seinem holden
+Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und netzte
+mit seinen Thränen diese theuren Zeilen.
+
+Ohne daß er es gewahrte, trat sie leise ein, ätherisch schön,
+geschmückt, in hellen Farben, von Gewändern umflossen, die sie reizend
+kleideten, eine liebliche feengleiche Gestalt, blühend wie die schönste
+Rose Irans, das holde Antlitz von bräutlicher Röthe überhaucht, ein
+verkörpertes Ideal jungfräulicher Schönheit. Endlich blickte er auf.
+Sophie! Ludwig! – und sprachlos sanken sie einander in die Arme, Herz an
+Herz, und geschlossen war der hohe Liebesbund für ein langes, reiches,
+vollbeglücktes Leben. Vergessen war alles irdische Leid, abgefallen
+aller bisherige Zwang der scheuen Zurückhaltung; wie zwei Lieblinge des
+Himmels standen sich die edlen Gestalten gegenüber, froh bewußt ihrer
+Bestimmung, ihres Zieles, daß sie nun einander angehörten für das
+Erdensein, für eine gemeinsame Bahn, ein gemeinsames Streben. Der Tag
+war reizend angebrochen, es war Herbstesanfang, während die Liebenden
+auf die Sonnenhöhe des Lebens traten; die Morgensonne strahlte hell in
+die Zimmer, die Natur lachte noch in voller Sommerfrische, und hatte das
+reiche Füllhorn mannichfaltiger Blumenpracht über die Schöpfung
+geschüttet.
+
+Voll seliger Freude machten Sophie und Ludwig an diesem Tage ihren
+Morgenspaziergang; ach, welch strahlendes Entzücken blitzte aus diesem
+holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhülle! Wer hatte diesen
+zarten Fingern in den feinen Glacéehandschuhen solchen warmen Druck
+gelehrt? Wer diesen frischen Mund der Liebe lieblichkosendes Flüstern?
+
+Fast hätte in seinem Glück, das so überraschend und übergewaltig an
+diesem Tage auf ihn einstürmte, Ludwig jenes kleinen Päckchens
+vergessen, welches Vincentius Martinus gesendet, und welches Leonardus
+Mutter ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken bestimmt hatte.
+Endlich dachte er daran, entsiegelte es, las, und las mit immer
+wachsendem Erstaunen.
+
+»Mein geliebter Leonardus!« so begann der letzte Brief einer todten
+Mutter an ihren todten Sohn: »wenn deine Augen auf diesen Zeilen weilen,
+wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, daß du an
+einem guten und dir Heil und Glück bringenden Tage lesen mögest, was ich
+niedergeschrieben habe, weil ich ein Geheimniß nicht mit unter die Erde
+nehmen will, das mich bisweilen bedrückte, das ich aber nicht offenbaren
+wollte aus Liebe zu dir. Du wirst mir nicht zürnen, mein lieber
+Leonardus, denn ich habe dir immer und immer die lebendigste Muttertreue
+bewiesen, obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht
+dein Vater ist, du, lieber Leonardus, unser Sohn nicht bist, obschon für
+unsern Sohn gehalten und als unser Sohn gehalten. Das eigenthümliche und
+seltsame Ereigniß, welches unser eigenes Kind uns nahm und ein fremdes
+Kind in unsere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirst darüber
+erstaunen, doch mir nicht zürnen, wenigstens glaube ich nicht, daß du
+dazu Ursache hast.«
+
+»Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte
+ein, einen längeren Aufenthalt erforderndes Handelsgeschäft in London
+abzuschließen; wir waren noch im ersten Jahre unseres Ehestandes,
+liebten uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung
+entschließen; ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar
+dort nach einiger Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den
+Namen Leonardus Cornelius beilegen ließen. Mit diesem Sohn, einem zarten
+Säugling, und mit meinem Manne schiffte ich mich später zur Rückfahrt
+ein. Das große Kauffahrteischiff, auf welchem wir fuhren, war unser
+Eigenthum; mit uns fuhr eine deutsche Herrschaft, nämlich eine schon
+bejahrte, wenigstens fünfzig Jahre zählende sehr stolze, aber doch auch
+wiederum sehr gute und außerordentlich kenntnißreiche Dame, welche mein
+Mann sehr verehrte, sie stets Frau Reichsgräfin nannte, und mit welcher
+er allerlei Geldgeschäfte abzumachen hatte. Diese Frau war begleitet von
+einer jungen Dame, ihrer Schwiegertochter, deren Gemahl in England
+zurückgeblieben war. Es war zwar auch eine sehr stolze, gegen mich aber
+doch gütige Frau, welche, gleich mir, auch in London geboren hatte, und
+ihr Kind von einer Amme stillen ließ. Wir erzeigten uns gegenseitig alle
+Freundlichkeit und Gefälligkeit, unterhielten uns vielfach über unsere
+Kinder, fanden sogar ein wenig Aehnlichkeit zwischen beiden, und
+theilten uns nach Frauenweise unsere gegenseitige Herkunft und
+Jugenderlebnisse mit. Diese Dame hieß Reneira, und war die Tochter eines
+Baron van Tuyl zu Serooskerken; sie zählte erst einundzwanzig Jahre; ihr
+Gemahl war der Reichsgraf Johann Albert von Jever, Varel und Kniphausen,
+und eine ältere Schwester von ihr, Maria Katharine van Tuyl zu
+Serooskerken, war an ihres Gemahles älteren Bruder verheirathet. Beide
+Männer waren die Söhne der Reichsgräfin, welche sich mit auf unserem
+Schiffe befand. Als wir bereits zwischen dem »Helder« und dem »Texel«
+hindurch waren, und die Insel Wiwingen in Sicht hatten, sprang der Wind
+um, wuchs und wuchs und wurde zu einem furchtbaren Sturme. Du kennst
+Seestürme aus eigener Erfahrung hinlänglich, mein geliebter Leonardus,
+aber die Feder einer alten schwachen Frau ist nicht vermögend, den zu
+schildern, der mit allen Schrecken der empörten Elemente uns heimsuchte.
+Alles stürzte durcheinander, wir armen Frauen, unsere Kinder, unsere
+Dienerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangst, Nothschüsse, Gekreisch,
+Hülferufe, und Alles in stockfinsterer Nacht, denn unter Deck mußten
+alle Lampen und Laternen ausgelöscht werden, um Feuersgefahr zu
+verhüten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit furchtbar lang, es
+war das Grauenhafteste, was ich jemals erlebt habe. Wir Frauen waren
+mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern und
+Dienerinnen in der großen Kajüte, und erwarteten mit jeder neuen Welle
+unser Ende. Unser Aller bemächtigte sich zuletzt eine gänzliche
+Hoffnungslosigkeit, eine tödtliche Abspannung, denn der Sturm dauerte
+zwei Tage und zwei Nächte und das Schiff litt über die Maßen. Als der
+zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die
+Mannschaft wurde nun an die Pumpen beordert, obschon sie so ermattet
+war, daß fast kein Matrose mehr ein Glied rühren konnte. Jetzt wurden
+die Boote ausgesetzt, man trug uns Frauen in dieselben, da das Schiff zu
+sinken drohte, kaum war es möglich, uns hinunter zu bringen; während
+dies geschah, hörte ich plötzlich einen Schrei der Amme jener deutschen
+Dame, gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin selbst, und
+verworrene Stimmen riefen, daß ihr Kind todt sei! Um so fester drückte
+ich das meinige an meine Brust; Jene kamen in ein anderes Boot, bald
+trennten uns die donnernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes
+Hand über uns, und ich war die Glückliche, die ihr eigenes Leben und das
+ihres Kindes gerettet sah, als der Sturm sich endlich legte und ein
+Schiff uns aufnahm. Auch unser großes Schiff sank nicht; als der Sturm
+nachließ, gelang es den weiteren Bemühungen der Mannschaft, das Leck zu
+stopfen und das Schiff wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu
+Hause angekommen, so fiel ich in eine lange schwere Krankheit, in
+welcher mein Mann und alle die Meinen um mein Leben zitterten, und von
+der ich erst nach vier Wochen wieder genaß. Während dessen hatte mein
+Kind entwöhnt werden müssen, das auch leidend geworden war, doch hatte
+Gott es mir und mich ihm erhalten. Ohne die treue und sorgliche Pflege
+meiner Schwägerin Adriane van der Valck, welche damals noch
+unverheirathet war, wäre weder ich noch das Kind mit dem Leben davon
+gekommen. Wer beschreibt aber mein Gefühl, als, nachdem ich wieder außer
+Gefahr war, Adriane, die bei mir saß, das Kind wiegte, und mich zu
+unterhalten bemüht war, mich fragte: Warum ist denn deinem kleinen
+Leonardus ein fremdes Hemdchen angezogen worden, liebe Schwägerin, und
+von wem liehst du denn die feine, gestickte Windel? – Adriane!
+entgegnete ich: du scherzest wohl? Ich besitze selbst feine Windeln
+genug und brauche keine zu leihen, so wenig wie fremde Hemdchen.«
+
+»Nimm es mir nicht übel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane; ich
+wußte nicht, daß du in deine Kinderwäsche Grafenkronen hast sticken
+lassen.«
+
+»Grafenkronen, Adriane? Ich bitte dich, wie wäre das möglich? rief ich
+aus. – Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemdchen und eine
+gestickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich sah mit starrem
+Schrecken, daß diese Wäsche nicht mein und nicht meines Kindes war.
+Jetzt packte mich ein jäher Schauder, ich wollte aufschreien, denn klar
+stand Alles plötzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und sagte
+dumpf vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geschehen sein – die
+Wärterin wird sich vergriffen und die Wäsche verwechselt haben – es war
+noch ein zweites Kind mit auf dem Schiffe. Aber ich hörte auch im
+Getümmel des Sturmes die Nachricht, daß es todt sei, jenes arme Kind, ja
+todt – todt!«
+
+»Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind
+gerettet, mein Leonardus war todt, Beide waren in jener schrecklichen
+Stunde, wo uns Müttern die Kinder mehrmals aus den Armen stürzten,
+verwechselt worden.«
+
+»Dieser Gedanke schnitt mir wie ein Messer durch die Seele, aber ich
+machte mich stark, sprach ihn nicht aus, sondern liebte das fremde Kind
+wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gegeben. Nun
+entsann ich mich auch, daß jener Sohn der fremden Gräfin William hieß,
+diesen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, bist dieser
+William, bist ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphausen.«
+
+Wunder! Wunder über alle Wunder! rief Ludwig aus und sprang von seinem
+Sitz empor. Hörst du es, theure Sophie? So sprach die Stimme der Natur
+in Leonardus und in mir stark und mächtig als wir zum Erstenmale uns auf
+der »vergulden Rose« sahen.
+
+Ich verstehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den
+Zusammenhang noch nicht zu fassen vermochte, sonderbar bewegt.
+
+Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von
+einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder!
+Doch lesen wir weiter.
+
+»Wohl machte mein Gewissen mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ein Kind bei
+mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengründe,
+mit denen ich die innere Stimme wieder beschwichtigte. Wäre die
+Verwechselung gleich entdeckt worden, ehe ich so schwer erkrankte, so
+konnten die nöthigen Schritte geschehen. Aber nun, mein Mann war ganz
+glücklich, einen Erben zu haben, und sein Sohn war ja doch todt. Jene
+Frau hat nun ihren Schmerz um ihr vermeintliches todtes Kind überwunden,
+dachte ich, und ich selbst hatte im Stillen diesem meinem Kinde viel
+herbe Thränen nachgeweint, aber dafür das mir angeeignete fremde Kind,
+dich, mein Leonardus, um so lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein so
+spätes Eingeständniß meinen geliebten Mann erzürnen und betrüben, sollte
+ich nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich
+entdeckte mich bei diesen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und
+der sprach mir göttlichen Trost in die Seele. Gottes unerforschlicher
+Wille hat vielleicht, ja ganz gewiß, es so gefügt; beten Sie ihn in
+Demuth an. Vergebens ist das nicht geschehen, und die unergründliche
+Weisheit des Herrn wird Sie nicht ungetröstet lassen. Erziehen Sie
+dieses Kind in der Furcht des Herrn und zu seinem Wohlgefallen.«
+
+»Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft sehr lebhaft
+bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt ist, die
+Geschäfte jener hohen Familie in Amsterdam besorgte, nach derselben, so
+daß Herr Adrianus mich sogar einmal eine neugierige Frau schalt; aber
+denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind
+der vornehmen Dame, _mein_ Kind – sei damals nur in der ersten
+Verwirrung für todt gehalten worden, es lebe und verspreche fröhlich
+heranzuwachsen. Wie freute sich darüber mein Mutterherz! Aber sollte ich
+nun reden? Sollte ich nun jene Mutter mit einer Eröffnung betrüben, die
+damals die Verwechselung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des
+Kindes, wenn diese den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte
+jedenfalls die anders gezeichnete Wäsche erkannt, dieselbe beseitigt und
+geschwiegen, sonst wären wohl Briefe an uns gelangt.«
+
+»Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem Sohn,
+denn ich liebte ihn, mußte ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem
+Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und
+verkürzt warst du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauses van der
+Valck überwog den jenes Hauses, zumal dasselbe später durch die
+französische Revolution unendlich und viel an Kapitalien verlor, die in
+Frankreich angelegt waren und das Vermögen sich durch mehrere Erben
+theilte, du aber unser einziges Kind bliebst, und wenn du auch kein Graf
+geworden bist, so ist der Adel unseres Hauses wohl so alt, wie jener des
+gräflichen; unser Wappen-Falke im purpurrothen Felde ist so viel werth,
+wie das Wappen jener Familie; unsere Vorfahren waren auch Grafen, die
+Grafschaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehörend, umfaßte ein
+weites Land, Stadt und Schloß Valckenburg, auf Französisch Fauquemont,
+an der Geul waren die Herrensitze. Du hast dich, lieber Leonardus,
+unseres Namens daher nicht zu schämen und wirst deiner alten Mutter,
+obschon sie nur deine Pflegemutter war, nicht zürnen, daß sie dich so
+geliebt hat, und dich ewig lieben und im Himmel, wo sie zu weilen
+hofft, wenn du dieses liest, für dich bitten wird.«
+
+Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugehört.
+
+Und was würdest du nun thun, lieber Ludwig, fragte sie sonderbar bewegt,
+wenn du Leonardus wärst?
+
+Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben würde, entgegnete der Graf
+feierlich. Tief in Grabesschweigen würde ich ruhen lassen alles
+Vergangene, was längst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand
+diese Aufschlüsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich
+mich, daß Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu frommen
+solche Aufschlüsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen können sie,
+oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen Ahnenreihen,
+Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines ungetrübten innern
+Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was gilt uns Condé? Du
+hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde Sophie, indem du
+jene Sinnbilder auf dein Geschenk für mich sticktest. Was sollen uns die
+Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schöner. Was sollte uns
+ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schöner als das Sinnbild der
+Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue.
+
+Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer
+noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit.
+
+Und weißt du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau
+Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von
+Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die stärksten Zweifel erheben
+lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von
+Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel
+und ihrer Herrin Kind mit Stücken aus der Garderobe des reichsgräflichen
+bekleidet haben?
+
+Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die
+Stimme der Natur?
+
+Eins konnte Zufall und Täuschung sein wie das Andere. Mir bleibt
+freigestellt, für gewiß anzunehmen, daß unser verklärter Freund mein
+leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem
+Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer
+eine Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbäume und seine irdischen
+Besitzthümer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch
+dieses Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel. –
+
+Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glück den
+Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu
+gebieten hatte, unterstützten den Plan und erleichterten ihm dessen
+Ausführung; sie vergönnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des
+Geheimnißvollen um sich und seine nächste Umgebung zu verbreiten.
+
+Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geräuschvoll war, so strebte er
+unablässig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu
+seiner Freude in dem herrschaftlichen Schloß im Dorfe Eishausen. Dieses
+Schloß, früher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen
+Liegenschaften herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum,
+der einem Verwalter zur Wohnung angewiesen war, völlig leer. Drei
+Stockwerke umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen
+schönen geräumigen Saal.
+
+In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glückes still und
+ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zuverlässigen
+Mann, der sich des Geschäfts unterziehen wollte, das Schloß von der
+herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des
+Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines
+Geburtstages still und glücklich in den Räumen dieses Hauses.
+
+Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlüberdachten
+Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den einfachen
+ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz abweichend war,
+so wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde gelangte, bis in’s
+Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald war auch hier der
+Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und wiewohl der große
+Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm auszusetzen. Es
+erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der Mann sich so
+abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem Wege ging.
+Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er durch
+reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten erwies,
+erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie stand
+in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als in
+dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen Bewohner
+hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb. Kluge und
+alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so
+anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten
+Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge
+Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame.
+
+Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine
+Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse.
+Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem
+lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem
+Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer
+Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als
+fortlebender Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart
+jenes frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. – Ebenso
+gaben die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher
+Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld
+speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig
+untersagte seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den
+Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es,
+die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt,
+und so kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr – ein
+Sonderling – ein Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener
+Verbrecher – an der Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen
+sprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen
+Eigenheiten hervortreten ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das
+Lächerlichste und Boshafteste verdreht und entstellt, wurde aufgetischt
+als Neuigkeit, wurde glossirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß,
+ohne jedoch dabei nur im Geringsten den vielen vortrefflichen
+Eigenschaften der beiden Verbundenen die geringste Gerechtigkeit
+widerfahren zu lassen.
+
+
+
+
+9. Ein alter Bekannter.
+
+
+So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 herangekommen.
+Zahlreiche Truppendurchzüge fanden statt und auch das Schloß zu
+Eishausen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem
+gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts wesentlich
+geändert, bis ein ebenso unerwartetes als erschütterndes Ereigniß
+eintrat, das wir hier erzählen wollen.
+
+Eines Tages geschah es nämlich, daß neue Einquartirung anlangte, ein
+französischer Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren
+Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben
+zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem
+Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit
+Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten,
+die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Führer
+über den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmärschen dem
+Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die
+armen, durch wochenlange Eilmärsche entkräftete Soldaten durch Speise
+und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein großes Glas
+Bordeaux dar, dessen finstere Züge sich bei dem langentbehrten Genuß zu
+erheitern begannen. Plötzlich schrak Philipp heftig zusammen, so daß ihm
+fast die Flasche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte,
+einen Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerührt, dem
+französischen Kapitän in’s Gesicht, faßte dabei krampfhaft des
+Verwalters Arm, ließ ihn dann schnell wieder los und eilte davon. Auch
+der Franzose zeigte sich plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp
+mit dem gleichen Schrecken angestarrt, stürzte das Glas Wein vollends
+hinunter und rief: #C’est impossible! Impossible!#
+
+Während dessen war Philipp nach seiner Stube gerannt, versah sich hier
+mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im
+hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das
+Werk weniger Minuten.
+
+Der Hauptmann saß während dessen, den Kopf in die Hand gestützt, am
+Tische, wie in düsteres Hinbrüten versunken. Jetzt fuhr er mit glühenden
+Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit
+rauher Stimme auf Französisch schnell hintereinander mehrere Fragen an
+den Verwalter, die dieser, der französischen Sprache unkundig, nicht
+beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann
+hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will
+zu ihm, ich muß ihn sprechen! – Der hochbejahrte Verwalter gerieth in
+eine große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das
+Haus, ein Mann von rüstiger Kraft und herkulischem Körperbau; dieser
+befreite sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestüm des
+Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was
+schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, daß wir euch zu essen und zu
+trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager
+obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt
+ihr, es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat #anno# dreizehn
+geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben – untersteht’s euch nur!
+Hinauf geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr
+schießt euch todt wie einen tollen Hund, daß ihr’s wißt. Denkt ihr
+Lumpenhunde, wir fürchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die
+Sturmglocke, schlagen euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn kräht
+mehr nach euch! – Der französische Hauptmann gerieth bei dieser
+energischen Drohung in eine kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es
+war, konnte sein Gesicht nicht werden; grimmig schleuderte er das Glas,
+aus dem er getrunken, mit einem wilden Fluche zur Erde, knirschte in
+ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen, rief seinen Leuten einige Worte auf
+Französisch zu und stürzte aus dem Hause. Philipp stand in der
+Stallthüre und hatte schon das gesattelte Pferd am Zügel, seine Absicht
+war, nach Hildburghausen zu jagen, Hülfsmannschaft für den bedrohten Ort
+herbeizuholen und den Hauptmann in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte
+ihn und jener hatte Philipp erkannt – es war kein Anderer als Berthelmy,
+Angés’ verruchter Meuchelmörder. Wie der treue Diener ihn aus dem Hause
+stürzen sah, ließ er das Pferd los und eilte Jenem nach. Berthelmy ging
+zwischen dem Dorf und dem Bach, welcher sich rasch und rauschend ergoß,
+auf die Wiesenfläche – augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner
+kritischen Lage irgend einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in
+ohnmächtigem Grimme; es war, das sah er selbst wohl ein, kein Spaß mehr
+mit diesen deutschen Bauern zu machen, die Erinnerung des Landvolkes an
+den Druck, an den Uebermuth der Franzosen war noch zu neu und lebendig;
+überall mußten dies die Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine
+empfinden, das Landvolk besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen
+Flüchtlingen und Manchen derselben traf blutig die rächende Nemesis.
+
+Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus
+nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg überschritt und längs des mit
+hoher Planke umfriedeten Wiesengartens abwärts, dem Bache der Rodach
+nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm,
+hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn
+es sein müßte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen.
+
+Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an einer
+Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte, kehrte
+er wieder um, – da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde gewachsen und
+vertrat ihm den Weg.
+
+Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit
+der Gier halbverhungerter Menschen über die Speisen und Getränke her,
+die man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein
+Bauernhaufe vor dem Schlosse, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und
+Dreschflegeln.
+
+Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu,
+daß sie nun suchen sollten davonzukommen.
+
+Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den sie erst jetzt
+vermißten. Bald sahen sie ein, daß sie dieser Uebermacht gegenüber den
+Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernschaar verstellte den Flüchtigen
+den Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte sie einen Feldweg
+einzuschlagen, der sich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden
+nach Streifdorf und südwärts zog, und gab ihnen unter deutschen
+Kernflüchen noch eine Strecke weit das Geleite.
+
+Mittlerweile sank die Herbstnacht in das Thal herab; die laut
+plaudernde Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es
+wieder ganz still um das Schloß, ja recht todtenstill, nur die Wellen
+der Rodach unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum.
+
+Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause geschlichen,
+der Verwalter erschrak über seinen Anblick, denn Jener war bleich wie
+der Tod, stöhnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd mit
+gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. – Er mußte
+sogleich zu Bette gebracht werden.
+
+Voll Bestürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp
+unter heftigem Schmerzgestöhn, was sich zwischen ihm und dem
+französischen Hauptmann auf der Wiese hinterm Schloß, dicht am Ufer der
+Rodach, begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den
+abscheulichen Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derselbe
+nicht lebend das Schloß wieder verlassen dürfe, stand sogleich sicher
+vor seiner Seele. So ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg,
+und warf sich mit einer wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein
+kräftiger Mann, wehrte sich verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die
+Rache Riesenstärke; bald war der verruchte Mörder der herrlichen Angés
+völlig in seiner Gewalt, Philipp’s Faustschläge betäubten ihn und obwohl
+es Jenem noch gelang, seinen Angreifer mit einem Stilett tief in der
+rechten Seite zu verwunden, so achtete Philipp dessen doch nicht, und
+auf Berthelmy’s Brust knieend, drückte er ihm so lange die Kehle zu, bis
+derselbe kein Glied mehr regte. Dann schleifte er den Leichnam an den
+Haaren nach der nahen Rodach und warf ihn in den dunkelschäumenden Bach.
+
+Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des
+treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere
+Betrachtung zurückdrängen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach
+dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand
+des Kranken bereits so sehr verschlimmert, daß der Arzt an seinem
+Aufkommen zweifelte. Berthelmy’s Stilett hatte noch einmal, zum
+Letztenmal den Weg zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter
+unsäglichen Schmerzen gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst
+einige Wochen nach seinem Tode fand man die Leiche des von ihm
+erdrosselten Berthelmy in den Weidengebüschen der Rodach auf.
+
+
+
+
+10. Stillleben.
+
+
+Wo bliebe ein irdisches Dasein von den Stürmen des Schicksals unberührt?
+Und wo blühte das Menschenleben, dem alle Hoffnungen sich erfüllten?
+Auch hinter Ludwig und Sophie hatte sich damals, als sie das Schloß von
+Eishausen bezogen, die Welt der Stürme und der herben Geschicke nicht
+völlig abgeschlossen, aber dennoch waren sie glücklich; der Himmel
+verlieh ihnen Mäßigung, jene kleinen Leiden als das Unabwendbare zu
+ertragen, und Tugend, großer Freuden würdig zu sein. So schwanden ihnen
+die Jahre dahin, nur ihre Herzen und deren treuer Liebesbund alterten
+nicht.
+
+Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat
+Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter
+ironischen Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath
+Wippermann, früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der so
+gütig ist, mir zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir
+als neueste Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen
+gefunden hat, über alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner
+mit Madame Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch
+das öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken.
+
+Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrücke nicht, bester
+Ludwig?
+
+Der Graf schlug den Brief auseinander und las: »Seine Erlaucht haben
+sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer
+nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchstihrer
+Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche
+reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.«
+
+Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie.
+
+Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt
+der Eingebung seines Gemüthes und verachtet die Formen des alten
+Herkommens.
+
+Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des Hauses?
+Werden diese ihr volle Gültigkeit zugestehen? fragte Sophie weiter.
+
+Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader
+nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen,
+aber ein hoher Trost ist im Buche aller Bücher enthalten, welcher
+lautet: »Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem
+er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfahen.« Mein Vetter ist
+treu und beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen
+durch trotz aller widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand
+hat ein Recht, ihn zu tadeln, daß er seinem Herzen folgt, daß er der
+Frau, die er wahrhaft liebt, daß er der Mutter seiner Söhne, und dadurch
+den letzteren selbst die Rechte gibt, die ihnen gebühren, die aber ganz
+sicherlich auf das Heftigste werden angefochten und bestritten werden.
+
+Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten
+deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen
+Ländern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du
+selbst hast mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in England
+ungleich vernünftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich
+herrscht für die Herzen mehr edle Freiheit.
+
+Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren
+Zöpfe so lang und unförmlich sind, wie das weiland römische Reich
+selber. Da darfst du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen,
+sondern nur nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit
+und wird es ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein
+reformatorischer Titane von Gott berufen den ganzer Plunder des alten
+sogenannten römischen Rechts mit all’ seinen Pandekten, Institutionen,
+Digesten, Glossen und wie das Zeug weiter heißt, aus Deutschland
+hinausfegt, und an die Stelle der Verdrehung, der wälschen
+Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und Fälschung den Altar des
+einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen Wahrheit errichtet. So
+lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe zu klagen:
+
+ Es erben sich Gesetz’ und Rechte,
+ Wie eine ew’ge Krankheit fort;
+ Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
+ Und rücken sacht von Ort zu Ort.
+ Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage,
+ Weh dir, daß du ein Enkel bist!
+ Vom Rechte, das mit dir geboren ist,
+ Von dem ist leider! nie die Frage.
+
+so lange wird es auch mit unsern Rechtszuständen nicht besser werden.
+Und liegt nicht, um das nächste Beispiel aufzugreifen, selbst für mich
+in diesen Goethe’schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die
+Processe im reichsgräflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rücken
+sie nicht sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher
+im Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im
+Weiterschreiten rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung
+raubt, alle Liebe ertödtet. Ist es nicht naturgemäß und vernünftig, daß
+der Sohn des Vaters Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht
+wandelt diese Vernunft in Unsinn, sie knüpft an tausend Clauseln,
+Formeln und Bedingungen das Erbrecht an, und macht die Söhne der
+reinsten Liebe zu ausgestoßenen, ja durch die Geburt schon im
+Mutterschooße gebrandmarkten Bettlern. »Wohlthat wird Plage.« Weißt du,
+daß Hofrath Brünings mir einen Proceß an den Hals werfen wollte wegen
+des Falken von Kniphausen? Ich sollte mein Recht auf dieses Geschenk der
+Großmutter sonnenklar documentiren, sollte schwören, daß der Falke
+rechtlich mein sei, ich sollte mich vor Gericht stellen, sollte in
+meiner schönen Einsamkeit die ganze Plage der Verhandlungen mit
+Advocaten haben und durch diese Gabe der unvergeßlichen Frau das
+centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe’s empfinden:
+
+ Weh dir, daß du ein Enkel bist!
+
+Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen
+dänischen Spinne zu verstehen gegeben, daß sie ein giftiger Kanker ist,
+und mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht
+verzichte, »das mit mir geboren ist«.
+
+Du wolltest mir längst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten
+mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in
+deiner Familie erblich sind. Nicht, daß ich neugierig darnach fragen
+will, aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen »und doch einmal die
+bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.«
+
+Ich werde dir diese äußerst verwickelten Verhältnisse in gedrängtester
+Kürze mittheilen, meine theuerste Freundin, antwortete Ludwig. Es sind
+sehr viele Schriften darüber vorhanden, und kam jemals in Deutschland
+»ein lautes Geheimniß« wie Calderon eines seiner Stücke nannte, vielfach
+zur Aufführung, so ist es das unseres Hauses. In der Mitte des
+siebzehnten Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton
+Günther, als der letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und
+Delmenhorst. Es war der Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem
+die Erbtochter von Brabant, Marie, ihre Grafschaft Jever schenkte und
+vererbte. Wenn sein Stamm mit ihm ausstarb, so fielen die Güter, welche
+Mannslehen waren – mit Töchtern war das Haus in Ueberfülle gesegnet – an
+das stammverwandte Königshaus Dänemark, und sein Sohn, der mit einem
+deutschen Freifräulein außerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun
+dennoch dieser Sohn ein tüchtiger Mann zu werden verhieß, so verschaffte
+ihm der Vater erst den Adel, dann die Erhebung in den Reichsfreiherrnstand,
+er hieß nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu Varel, und endlich
+erwirkte der treugesinnte Vater ihm sogar die Würde eines Grafen des
+heiligen römischen Reichs mit ausnehmend schönen Begabungen und
+Bevorzugungen, wie sie gar nicht besser zu wünschen waren, zum großen
+Verdruß der Seitenverwandten, der Könige von Dänemark und des
+Herzoghauses von Holstein-Sonderburg und Holstein-Plön, ja sogar das
+Münzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater endlich in seinem
+vierundachtzigsten Jahre starb, so gebot der Sohn, Reichsgraf Anton der
+Erste, über sehr ansehnliche Herrschaften, über die Herrlichkeiten
+Kniphausen und Inhausen, über die Herrlichkeit und das Amt Varel, über
+die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das sind freieigene
+Güter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder Familienfideicommisse.
+Dieser Graf vermählte sich in zweiter Ehe mit der Großmutter meiner
+Großmutter, welche letztere du, liebe Sophie, in Hamburg kennen
+lerntest, starb aber schon acht Monate vor der Geburt seines einzigen
+Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der ersten hatte er nur Töchter,
+welche in die Familien Güldenlöwe, Gödens, Haxthausen, Bielcke und der
+Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, während die gräfliche
+Wittwe in Doorwerth residirte, Dänemark, Holstein und Oldenburg
+verschiedene Ansprüche auf das Erbtheil, bis zu deren abermaligem
+Verdruß der Sohn erschien, und wackere Vormünder diesem seine Rechte
+wahrten; gleichwohl gab es der Verclausulirungen dabei eine Ueberfülle,
+welche dir mitzutheilen, äußerst langweilig und unerquicklich sein
+würde; nur ein Hofrath Brünings und ein Rath Melchers können Honig aus
+dieser Distel saugen! – Leider war auch dem Sohne, der sich zweimal
+vermählte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beschieden und er starb
+ohne Söhne, nur eine einzige Tochter hinterlassend. Diese Tochter war
+meine selige Großmutter, die gütige Pflegerin meiner Jugend, die
+großmüthige Beschirmerin meiner Jünglingsjahre, deren Andenken ich
+dankbar segnen werde, so lange ich noch zu denken und zu segnen vermag.
+Weil die meisten Güter Allode und Familienbesitzthum waren, konnten
+dieselben meiner Großmutter nicht entrissen werden; sie vermählte sich
+mit einem in Holland geborenen, aber aus Deutschland, aus der Pfalz,
+unserer Angés Heimath, abstammenden Edelmann, mit dem sie jedoch nicht
+in glücklicher Ehe lebte, vielmehr sich von ihm trennte und Noth hatte,
+sich gegen Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nächstdem,
+daß auch mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu
+beitrugen, ihr das Leben sauer zu machen. Sie war voll Kenntniß, Wissen,
+Geist und Gelehrsamkeit; sie stand mit den gelehrtesten Männern Europas
+im Briefwechsel, besonders über Alterthums- und Münzkunde, und weilte
+oft lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am französischen Hofe. Am
+Berliner Hofe betrieb sie ihre Angelegenheiten trotz eines Diplomaten,
+und hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendsten Namen jener
+Zeit am Hofe zu Berlin und Potsdam sind erwähnt in einem Bruchstück
+ihres fast ganz verloren gegangenen umfassenden Tagebuches; bald speiste
+sie mit dem König, bald mit der Königin, bald mit dem Prinzen von
+Preußen, oder empfing Besuche hoher Personen, wie des Markgrafen von
+Bayreuth; schon ein flüchtiger Blick in diese Blätter begegnet einer
+Menge Namen von Grafen und Gräfinnen, Ministern, Künstlern, Gelehrten;
+das wirrt durcheinander, wie das Maskengewimmel eines großen Ballsaales.
+Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d’Argenteau, Algarotti,
+Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Knesebeck,
+Nöllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Großmutter
+auch zusammen mit einem nahen Verwandten ihres Gemahls, dem Vater des
+jetzigen Herzogs von Portland, den sie stets Mylord William nennt. Unter
+Anderem schrieb sie: »Tyrconel,« dies war der Name eines Gesandten,
+»jagte mir großen Schrecken ein, daß Frankreich ohnfehlbar gegen mich
+sei, und daß er nichts Gutes voraussehe.« An einer andern Stelle heißt
+es: »Am Hofe der regierenden Königin traf ich den Grafen von
+Bentheim-Steinfurth, der mir gleichfalls einen großen Schrecken
+verursachte. Ich versprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu führen.«
+An einer dritten Stelle schreibt sie: »Voltaire sollte bei mir diniren,
+er mußte aber nach Potsdam zurückkehren und konnte sich nur eine Stunde
+bei mir aufhalten. Kurz darauf besuchte er mich wieder und beruhigte
+mich in Betreff des Königs. Ich schrieb nun selbst und sandte meinen
+Läufer nach Potsdam; am folgenden Tage kam derselbe mit guten
+Nachrichten vom König zurück.« – So war ihr Leben ein außerordentlich
+bewegtes, bis sie sich endlich auf ihre Schlösser zurückzog, und auf
+diesen oder in ihrem Hause zu Hamburg der Wissenschaft lebte. Ihr Enkel,
+der Reichsgraf, dessen Schicksale du ja größtentheils bereits kennst,
+mußte erleben, daß bereits in Folge des Friedens von Campo Formio sein
+Lehensverband zwischen dem Herzogthum Brabant und der Herrschaft
+Kniphausen sich löste, daß der französische König von Holland alle seine
+Besitzungen und Herrschaften in Ostfriesland militärisch besetzte, daß
+der Tilsiter Friede Jever, nachdem Rußland es abgegeben, an Holland
+brachte, und daß Kaiser Napoleon seinem Bruder, dem König von Holland,
+über Varel und Kniphausen die Souveränetätsrechte verlieh, die dem
+rechtmäßigen Gebieter durch dessen Mediatisirung entrissen worden waren.
+In dem Jahre 1811 verschlang das nimmersatte Kaiserreich Alles, wie es
+war, große Lande und kleine Ländchen, Holland, Oldenburg, Varel und
+Kniphausen. Dafür bekam der Graf den Union-Orden, der ihm, nach
+Vereinigung Hollands mit Frankreich, in den Reunion-Orden umgewandelt
+wurde. Der Graf wünschte ganz andere Wiedervereinigungen herbei, als das
+Verhängniß der Napoleonischen Herrschaft ihr Mene Tekel schrieb; allein
+ein gewisses Vorhaben mißglückte ihm; er wurde in Haft genommen und von
+Vandamme mit dem Tode bedroht. Nur der Reunion-Orden war es, der ihn
+rettete und schützte. Gleichwohl wurde er verbannt, und über seine Güter
+die Confiscation verhängt. Erst das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile
+hatte Oldenburg die Herrschaften in Besitz genommen und wollte dem
+Grafen nicht einmal die Rechte eines Mediatisirten zugestehen. Darüber
+entstanden Prozesse, die noch immer schweben und den Grafen der
+Verarmung mehr und mehr zuführen. Wie wunderbare Geheimnisse doch in der
+deutschen Sprache ruhen! Sie sagt nicht: ein Proceß sitzt, steht, liegt,
+nein, sie sagt: er _schwebt_, wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder
+Geier in den Lüften schwebt, und mit scharfem gierigen Auge herab auf
+seine sichere Beute blickt – und zuletzt – da _ruht_ der Proceß, wenn er
+endlich aus ist, wie wir auch ruhen, wenn es aus ist mit uns; mir ahnet
+aber, daß die Processe unseres Hauses eine wahrhaft Ahasverische Natur
+in sich tragen und immerdar _schweben_ werden, gleich bösen
+Nachtgeistern.
+
+Welche traurige Aussicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich,
+daß du, mein Theurer, losgerissen bist von jenem Hause und seinen
+Geschicken!
+
+Ich kann auch froh sein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will
+nichts wissen von Processen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von
+seiner Sara drei Söhne, diese wachsen heran, sein Bruder, Graf Johann
+Carl hat auch drei Söhne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren
+werden die legitime Abkunft der ersteren bestreiten, und wir können noch
+einen Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit
+Schwertern, sondern mit Advocatenfedern, aus den großen Schwebeschwingen
+des vorhin genannten Raubzeugs; Blut wird dabei nicht fließen, aber
+außerordentlich viele Tinte, und diese wird noch fortfließen, wenn
+längst unser Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs
+gelandet ist.
+
+So machte der Graf häufig der Geliebten Mittheilungen aus seiner und
+seiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles ließ sich für sie nicht
+daraus lernen. – Da die Zeit es ihm außerdem vergönnte, so las Ludwig
+sehr viel, und machte sich bewandert in schöner Literatur, Philosophie
+und Geschichte. Auch Physik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzählt, der
+Graf habe sich auch viel mit Meteorologie beschäftigt, wozu des Hauses
+Höhe sich gut eignete; eine Hausapotheke bot jenen Bedarf einfacher
+Mittel in leichten Krankheitsfällen, deren Besitz und Kenntniß dem
+Landbewohner von großem Vortheil ist.
+
+Der unmittelbar nächste Nachbar des Schlosses war der Kammergutspachter,
+und der Graf empfand durch ihn hinlänglich die Wahrheit des
+Dichterwortes:
+
+ Es kann der Beste nicht in Frieden leben
+ Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt.
+
+Wie sich bei Anwesenheit des flüchtigen französischen Hauptmanns und
+seiner Handvoll Leute die rohe Bauernnatur in Verhöhung des Unglücks von
+Seiten dieses Mannes offenbart hatte, so zeigte sich sein Charakter auch
+gegen jeden Andern. Der Geschäftsträger nannte ihn in Briefen an den
+Grafen »Monsieur Grobian«, und der Graf selbst schrieb in einer seiner
+häufigen Beschwerden, daß die Bauern diesen Mann nur den »kleinen
+General« zu nennen pflegten, wahrscheinlich, weil derselbe ein
+absolutistisches Commando auf seiner Pachtung führte. Obschon er von dem
+Bewohner des Schlosses nur Vortheile hatte, und dieser sich gegen ihn
+und die Seinen stets gütig erwies, trat immer auf’s Neue die bäuerische
+Grobheit und Habsucht in unverschämten Forderungen zu Tage. Des Grafen
+Pferde konnten nicht wohl anders in Stallung und Futter gegeben werden,
+als auf dem Gute. Unversehens beliebte es dem Pachter, die reichliche
+Bezahlung dafür noch zu steigern. Da sandte der Graf noch in der Nacht
+zum Schulzen, ließ ihn wecken und rufen, und verkaufte ihm die
+herrlichen Rappen um einen Drittheil ihres Werthes; vielleicht auch
+schon dadurch verstimmt, daß der nach Philipp’s Tode zum Kutscher
+angenommene junge Mensch sich untauglich erwies. Dem Pachter wurde aber
+nach wie vor Stall- und Futtergeld fortgezahlt, damit er fühle, daß
+nicht des Geldes halber die Pferde abgeschafft seien, sondern daß man
+blos seiner Unverschämtheit sich unterzuordnen nicht geneigt gewesen
+sei.
+
+Um sich und Sophien für die Entbehrung der Spazierfahrten zu
+entschädigen, miethete der Graf einen großen Wiesengarten, dicht vor dem
+Schloß, in welchem ein kleiner Beetgarten gelegen war. Zwischen dem
+Schloß und dem Garten rauschte die Rodach hin, von einem langen Steeg
+überbrückt. Hohes Buschwerk von Weiden, Ulmen und Rüstern friedeten
+diesen Wiesengarten ein, durch welchen der Graf einige Wege anlegen
+ließ, damit derselbe ihm und der Freundin künftig zu Spaziergängen
+diene; eine Bretterwand von 8 bis 10 Schuh Höhe wurde neu angelegt, um
+der Außenwelt den Einblick in das schöne Geheimniß dieses friedlichen
+Stilllebens zu wehren.
+
+Dieser Garten nun war die stille Insel, auf welcher in schöner
+Jahreszeit Ludwig und Sophie sich täglich ergingen. Klösterlich
+abgeschlossen gegen die Außenwelt, ganz sich selbst lebend, sich selbst
+genügend, genossen sie die einfache Schönheit dieser ländlichen
+Einsamkeit. Eine Geißblattlaube, von einem Fliederbaum überschattet, bot
+das trauliche Ruheplätzchen, wo sich plaudern und lesen, arbeiten und
+ruhen ließ. Frieden murmelte der Rodach leisere Welle, Frieden
+flüsterten der Weiden silbergraue Blätterzungen, Frieden tönten der
+Aeolsharfe schwellendschwebende Accorde vom hohen Hause in den Garten
+nieder, Frieden sangen die lieblichen Kehlen munterer Vögel, Grasmücken,
+Weidenzeisige, Grünlinge und Bachstelzen. Sophie blieb das schöne Wesen
+ihrer Kindheit und Jugend, von stillem Ernst, dessen Siegel das Leben
+ihr aufdrückte, gleichsam geweiht. Selten nur kamen Nachrichten von
+ihrer Mutter, diese Dame reiste noch in hohen Jahren umher, sie war
+nicht traurig darüber, ihr Geheimniß so fern, so treu bewahrt zu wissen,
+Niemand lebte mehr, der ihr eine Verlegenheit hätte bereiten können,
+außer Ludwig und Sophie, und zu diesen fand Jene nie den Weg. Und so war
+es gut, denn alle Theile waren zufriedengestellt. Was in Sophiens
+Innerem vorging, ob sie sich hinaussehnte in die Welt, ob sie sich als
+eine Gefangene fühlte, ob sie heimlich einer ungenossenen Jugend
+nachweinte? Nur Ludwig war der Vertraute ihrer Seele, keinem andern
+Herzen konnte ihr reiches und schönes Gemüth sich je erschließen, doch
+war ihr, jenes stillen Ernstes ungeachtet, ein kindlich heiterer Sinn
+geblieben und ein tiefes Empfinden.
+
+
+
+
+11. Der Freundin Tod.
+
+
+Friedlich zogen ihnen so die Jahre vorüber, ihre Körper alterten, aber
+die Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen
+glänzte die alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freundschaft am
+Altar ihrer Herzen nährte mit heiliger Hand ihr reines Vestafeuer.
+
+Die Einsiedler im stillen Schloß zu Eishausen berührten die staatlichen
+und politischen Verhältnisse des Landes, das ihnen nun seit einer Reihe
+von fast zwanzig Jahren ein friedliches Asyl geboten hatte, nur wenig,
+doch blieben sie immerhin nicht ganz von dem damals stattfindenden
+Regierungswechsel unberührt; denn zu allernächst wußten sie ja nicht, ob
+unter einer neuen Regierung ihnen das Asyl, das nun nach so manchen
+widerstrebenden Gefühlen, nach so manchem Kampf ihnen lieb geworden,
+belassen werde? Sie wußten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu,
+sondern nicht auch neugierig sein werde. Aber auch von dieser Seite
+wurde die zarteste Rücksicht gegen den Grafen beobachtet. Ein so lange
+Jahre still und unbescholten geführtes Leben und die Wohlthaten, welche
+derselbe nicht nur den Bewohnern von Eishausen, sondern auch den Armen
+der nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entscheidendes Gegengewicht
+gegen jede Verdächtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der
+unbekannte Bewohner des Schlosses zu Eishausen habe schriftlich oder
+persönlich dem neuen Landesherrn sich entdeckt; dies geschah jedoch nie,
+es wurde durchaus keine Enthüllung von Seiten des Grafen verlangt.
+
+Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt sich
+zutrug, während Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben so wenig
+wußten, als im ersten Jahre seiner Anwesenheit. Er hatte die schwere
+Kunst verstanden, die Leute zu nöthigen, ein stilles Geheimniß mitten im
+lauten Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von
+Niemanden geahnet, ein anderes großes Geheimniß, mit dem sich nicht
+eine kleine Stadt oder ein kleines Dorf, sondern mit dem sich ganz
+Deutschland, ja, die halbe Welt beschäftigte, an das Eishäuser Geheimniß
+episodisch heran. Es war Sommer, die Blätter der Weiden rauschten, über
+der Flur lag tiefes Schweigen.
+
+Ludwig und Sophie standen an einem Fenster und blickten nach dem Dorfe
+hinüber; der Klang eines Posthorns erregte ihre Aufmerksamkeit. Bald
+darauf hörten sie das Rasseln eines Wagens, der im Dorfe anhielt.
+
+Eine Weile nachher erschien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem
+Schloß führte, ein stattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiserock, sein
+Gesicht, voll und breit und lebhaft geröthet, drückte Wohlwollen aus; er
+nahm den Hut ab, da es sehr warm war, und zeigte, daß er blondes Haar
+hatte, die Augen erschienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein
+junger Mensch von unsicherer Haltung und schwankendem Gange; seine Züge
+hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte Reisemütze,
+und that diese jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die
+Umgebung warf, drückten eine sonderbare Theilnahmlosigkeit aus, während
+die seines älteren Begleiters forschend und fast neugierig umhersahen;
+diese Blicke glitten suchend an allen Fenstern des Schlosses hin, und
+hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben bald
+stehen, bald schritten sie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem
+Schlosse zu.
+
+Soll dieser Besuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche verschleiert
+am Fenster stand, und nur hinter der grünen bemalten Gardine verstohlen
+hinabschaute.
+
+Uns nicht, meine Liebe, aber unserm Geheimniß! antwortete Ludwig. Wenn
+mich nicht Alles trügt, so kenne ich diesen jungen Menschen.
+
+Wie wäre das möglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er scheint mir
+nicht älter als höchstens achtzehn bis zwanzig Jahre zu sein. In diesem
+Zeitraume hast du ja das Schloß nicht verlassen?
+
+Und dennoch sah ich ihn schon, versetzte der Graf, schritt in sein
+Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demselben mit einem Buche zurück,
+dem ein Bild vorangestellt war, welches dem jungen Menschen vollkommen
+glich.
+
+Die Fremden standen noch unten. Der Herr deutete lebhaft sprechend,
+und, wie es den Anschein hatte, fragend, nach verschiedenen Richtungen
+hin. Der junge Mensch folgte jeder dieser Handbewegungen mit seinen
+Blicken, und machte häufig nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den
+Händen entschiedene Bewegungen des Verneinens.
+
+Sieh dir diesen Jüngling recht genau an, sprach Ludwig zur Freundin. Das
+ist ein Mensch, dessen Herkunft noch ungleich geheimnißvoller für die
+Welt ist, als die unsere, er ist das öffentliche Räthsel Deutschlands.
+Sieh, jetzt wenden sie sich, sie gehen wieder, er ist fremd hier,
+gehorsamer Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns für die gütige
+Aufmerksamkeit! Reisen Sie recht glücklich!
+
+Du machst mich sehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit steigendem
+Erstaunen.
+
+Ich durchschaue Alles, gab ihr der Graf lächelnd zur Antwort. Der junge
+Mensch ist der Findling Nürnbergs, dessen Geschichte ich dir erzählte,
+so weit mir dieselbe aus den über ihn erschienenen Schriften bekannt
+geworden ist, es ist Kaspar Hauser.
+
+Das unglückliche Kind grausamer Eltern! rief Sophie bestürzt aus.
+
+Derselbe, sprach Ludwig. Sein Begleiter und Führer war der Gothaische
+Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit
+und breit, das hellsehendste Wächterauge in ganz Deutschland für die
+öffentliche Sicherheit.
+
+Ich denke mir diesen Besuch einfach so: Polizeirath Eberhardt möchte
+längst gern wissen, wer ich bin, wer du bist, seinem Polizeibewußtsein
+ist es unerträglich, daß ein Mensch lebt, dessen Paß nicht jeden
+Augenblick vor aller Augen dargelegt werden kann, daß ein Mensch lebt,
+dessen Herkunft die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann ist ohne
+Zweifel in seinem vollen Rechte, ja ich schätze ihn aus der Ferne sehr
+hoch. Sein Freund ist der berühmte Rechtsgelehrte und Criminalist Anselm
+Feuerbach zu Anspach, der sich Kaspar Hausers auf das Eifrigste
+angenommen hat und noch immer Alles aufbietet, um Spuren der Herkunft
+seines Schützlings aufzufinden. Jedenfalls lenkte Eberhardt jenes Mannes
+Verdacht auch auf uns und dieses Schloß, und daraufhin wurde Ersterem
+der arme Kaspar Hauser anvertraut um zu versuchen, ob nicht beim Anblick
+der hiesigen Oertlichkeiten Jugenderinnerungen im Gemüthe des Jünglings
+wach würden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein
+einsames und stilles Schloß, bewohnt von einem gänzlich von der
+Gesellschaft getrennten Paare, über dessen Herkunft die dichtesten
+Schleier gebreitet sind. Könnte nicht hier jener unglückselige Knabe
+geboren worden, nicht hier sein Kerker gewesen sein? Wehe uns, wenn der
+junge Mensch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieses Ortes mit seiner
+früheren Umgebung getäuscht, Vermuthungen ausgesprochen hätte, unsere
+Ruhe wäre dann auf das Aeußerste bedroht.
+
+Der Himmel sei gepriesen, daß sie wieder fort sind! sprach Sophie und
+suchte des Freundes Besorgnisse zu zerstreuen. –
+
+In das Publikum kamen immer neue Märchen über den geheimnißvollen
+Grafen. Was längst gesichert erschien, Ludwigs völlig ungestörter
+Aufenthalt in Eishausen, das wurde jetzt erst als bedroht angesehen und
+erregte Besorgniß. Die Stadt und die dortige obere Behörde hätte nur
+ungern den Mann aus dem Lande scheiden sehen, der fort und fort durch
+großmüthige Unterstützung der Armen und Nothleidenden sich nützlich und
+wohlwollend erwies, und beschloß deßhalb, dem Grafen ein sichtbares
+Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das
+Ehrenbürgerrecht der vormaligen Residenzstadt Hildburghausen. Es konnte
+nicht fehlen, daß dieses Zeichen dankbarer Würdigung und Hochachtung
+seines Charakters Ludwig tief rührte und innig erfreute, und um so
+lieber blieb er nun in der stillen Häuslichkeit und in dem engen Kreise,
+den nun schon so lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und
+Sophie die traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Bürger
+der Stadt Hildburghausen zu heißen, sondern auch der That nach es zu
+sein, erwarb er käuflich ein Wohnhaus in der Stadtnähe, mit einem an
+dasselbe stoßenden Garten und ließ auch noch einen an diesen
+angrenzenden Wiesengarten von einem dritten Besitzer erkaufen. Bald
+umgab auch dieses Haus der Zauber des Geheimnißvollen; hohe dichte
+Bretterumzäunungen friedigten das neue Besitzthum, Hof und Gärten ein;
+Läden, welche stets verschlossen blieben, verwehrten das Erdgeschoß
+gegen jeden zudringlichen Blick.
+
+Das Haus wurde völlig zur Wohnung eingerichtet und angemessen möblirt,
+auch ein neuer, höchst eleganter Wagen wurde eigens von Frankfurt
+verschrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazierfahrten
+Sophiens und Ludwig’s mit vier Postpferden, welche jedesmal erst von
+Hildburghausen nach Eishausen gebracht werden mußten. Bei diesen Fahrten
+wurde nie die Stadt berührt, indem sich ein Weg, die Mareistraße
+genannt, in ziemlicher Entfernung um dieselbe herumzog, unmittelbar in
+die von Coburg über Rodach kommende und nach der Meiningen oder nach
+Römhild führende Straße einmündete, und zwar ganz in der Nähe des
+Dörfchens Walrabs, das sich in geringer Entfernung von dieser Straße an
+eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in diesem Dorfe erwarb der Graf
+ein Haus, und da sich beim Heimfahren nahe dem Stadtberge oder
+eigentlich an demselben ein umbuschter Berggarten mit Häuschen häufig in
+einem besonders malerischen Lichte zeigte, so wurde auch dieses käuflich
+erworben, um zu schöner Jahreszeit einen Ruheplatz daselbst zu haben.
+Dieser Berggarten bot neben einer der schönsten Aussichten auf die
+freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem stattlichen ehemaligen
+Residenzschloß und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straßen und
+auf die ganze friedliche Landschaft, zugleich mancherlei Schattenstellen
+unter vielen gemischten Holzarten, auch eine zwar nicht lange, doch tief
+schattende Allee niedriger aber stockstämmiger Kastanienbäume, welche
+Ludwig ganz eigenthümlich ansprach, indem es ihm war, als habe er schon
+einmal in dieser Allee gewandelt, aber er konnte sich durchaus nicht
+besinnen, wann und wo er eine ähnliche Oertlichkeit früher gesehen habe.
+
+Obschon der Graf der Außenwelt stets rege Theilnahme widmete, so mußte
+er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf Erden. Ohne
+der früheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in so rascher Folge
+entrissen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verlust nach dem
+andern zu beklagen, deren jeder in seiner Weise unersetzlich für ihn
+war. In des treuen Philipp’s Fußtapfen vermochte schon kein neuer Diener
+einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernster, und es traten ihm nun
+zuweilen auch die Gedanken an das eigene Scheiden nah, als bald nach
+einander der redliche Geschäftsführer und der so äußerst gefällige
+hochgebildete Freund, der Geistliche des Dorfes starb. Als zu
+ungewöhnlicher Frühstunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den
+Tod des wackeren Predigers verkündeten, stimmte ihn dieses Geläute zur
+tiefsten Wehmuth. Eine Thräne glänzte in seinen Augen und bewegt rief
+er aus: Wieder ein Band mit der Welt zerrissen, und wohl das letzte!
+Fast will mich bedünken, als lebe ich zu lang!
+
+Nicht blos, um in Hildburghausen und dessen Weichbild selbst als
+Ehrenbürger Grundbesitz zu haben, hatte der Graf Häuser und Gärten
+käuflich erworben; mit treuer Sorge für die Menschen, die ihr Leben an
+das seine geknüpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht,
+deren Loos sicher zu stellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle
+Genius nahen sollte. Zumal Sophien gegenüber war es eine heilige
+Pflicht, vorsorglich zu handeln, ja ihm selbst konnte der Tag noch
+kommen, wo er freiwillig oder durch Kündigung der Miethe das Schloß
+verließ, dann war es gut, sogleich ein Besitzthum zur Verfügung zu
+haben; war doch ohnehin des Verwunderns darüber kein Ende, daß der
+Bewohner des stillen Schlosses in demselben wohnen blieb und jährlich
+500 Gulden Miethe zahlte, während er ein recht geschmackvoll, obschon
+ohne Luxus eingerichtetes Haus mit großem Garten sein Eigenthum nannte,
+und zumal in nächster Nähe der Stadt, wo für den Verkehr mit der Post,
+mit Kaufleuten, mit dem Geschäftsführer so ungleich größere
+Bequemlichkeiten sich darboten, als auf einem anderthalb Stunden weit
+entlegenen Dorfe. Man hatte damit abermals einen Grund mehr gefunden,
+den Grafen als Sonderling zu bezeichnen, aber unbekümmert um Wohl- oder
+Uebelmeinen der Menge spann sich das Leben im stillen Schlosse
+geräuschlos fort, unbewegt und doch voll innerer Bewegung.
+
+Das Jahr 1830 war schon herangekommen mit seinen wichtigen politischen
+Ereignissen, wie mußten diese die Einsiedler zu Eishausen berühren und
+erschüttern! Abermals brach in Frankreich ein Revolutionssturm los,
+bebte der Boden, brach der Königsthron jenes Grafen von Artois, der als
+Karl X darauf saß, er brach durch die entsetzliche Wucht von vier
+leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zusammen. Es war eine
+Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele
+erschreckte und nachdenklich machte.
+
+Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Eingange, welcher
+theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einsiedlerin
+enthielt, schrieb die Prinzessin: »Wir Alle sind außer uns, alle
+Ereignisse der Politik, welche jetzt die Aufmerksamkeit von ganz Europa
+auf sich lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikanische
+Propaganda ihre Minen, und schon sind deren in Belgien, Polen, in
+Italien und in verschiedenen Theilen Deutschlands gesprungen – alle
+diese Ereignisse, sage ich, werden zurückgedrängt durch eine
+Begebenheit, welche uns zu allernächst auf das Schmerzlichste berührt
+und niederbeugt. Den letzten Stamm des Hauses Condé hat der Tod
+gebrochen, und welch’ ein Tod! – Ein schändlicher, verrätherischer,
+meuchelmörderischer Tod unter der schwärzesten Maske! Am 29. August
+dieses Jahres wurde Herzog Louis Henri Joseph von Bourbon, Prinz von
+Condé, auf seinem Landsitz zu Chantilly am frühen Morgen in seinem
+Schlafzimmer an einem Fensterkreuz erhängt gefunden, und die Schmach
+eines Selbstmordes auf sein unschuldiges Haupt gewälzt. Schmerz und Zorn
+zugleich nehmen mir die Feder aus der Hand – des Herzogs Testament ist
+eröffnet – lachende Erben nehmen das ungeheure Vermögen in Empfang und
+die gerechtesten Ansprüche Anderer werden mit Füßen getreten! – O, meine
+Sophie! Du bleibst, was du bisher gewesen bist, eine arme Waise, meine
+letzte Hoffnung, dir das Glück des Reichthums noch im irdischen Leben
+verschaffen zu können, denn drüben bedürfen wir dessen ja nicht, ist
+zertrümmert, wie Helm und Schild dem Letzten seines Stammes zerbrochen
+in das Grab nachgeworfen wurden!«
+
+Laß doch Alles dahin sein, liebes Kind, sprach Ludwig mit der Ruhe eines
+Weisen zur Freundin, die von dieser Nachricht auf das Tiefste ergriffen
+wurde und in Thränen ausbrach; nur keine Thränen um irdische Habe,
+wahrlich, sie ist so köstlicher Thränen nicht werth, zumal solcher Habe,
+die Andere besaßen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen
+Selbstmord, möchte aber auch Niemanden verdächtigen. Wir leben wieder in
+einer bösen Zeit und können nicht wissen, wie Alles sich gestalten wird.
+
+Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge
+wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem
+erschütterten. – Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl,
+entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, so Manches stürmt
+jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ängstlich und
+besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie – wenn ich dir entrissen würde.
+
+O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie
+abwehrend.
+
+Wozu verhüllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und
+streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder
+färbt der Herbst die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing,
+hat mich bis zum Kranksein erschüttert. Was ich einst voraussagte, es
+ist geschehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf,
+treten auf zum Kampfe gerüstet, und befehden einander in diesem
+unseligen Jahre mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen
+offen vor das Auge der Welt den Familienzwist, und die Kinder meines
+Vetters Johann Carl nennen die Kinder meines Vetters, des regierenden
+Herrn aus der Ehe mit Sara Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene –
+und so erfüllt sich mir zur Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener
+verhängnißvoller Fluch! Ist das nicht schrecklich? Soll das nicht jedes
+Herz erschüttern? Kaum traute ich meinen Augen, als ich die öffentliche
+Ankündigung dieser Streitschriften in den Zeitungen las. Und du weißt,
+liebe Sophie, was Alles vorherging, wie der regierende Reichsgraf leiden
+mußte, und das gönn’ ich ihm nicht! – Als Wilhelm Gustav Friedrich durch
+die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft und Verbannung befreit war,
+sequestrirte Oldenburg immer noch seine Güter, und es mußte erst ein
+abermaliger Berliner Vergleich zu Stande kommen, zu welchem die
+Großmächte Oesterreich, Preußen und Rußland die helfende Hand boten, daß
+ihm Kniphausen wieder eingeräumt ward, daß er die Regierung mit
+Landeshoheit wieder antreten, manches der früheren Rechte wieder
+zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältnisse, die ja nie
+glänzend waren, sieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt wie eine
+Natter. – Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ältesten Sohne,
+Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutschen Güter abgetreten und
+ist nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines
+großbritannischen General-Majors anständig lebt. Was aus dem Streite
+weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald
+schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die
+Versöhnung! Aber das prophezeie ich, daß diese Zeit spät, sehr spät
+kommen wird und erst dann, wenn ich längst von meinem stillen Schauplatz
+abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen ich
+lebte, längst alle todt sind. Möchte mein so unbesonnener Fluch, der die
+dunkelste That meines Lebens war – ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen!
+– dann mindestens gesühnt sein, wenn ich selbst der Sühnung vor dem
+ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwünschungen über
+seine Lippen gehen lassen, denn es hört sie eine dunkle dämonische Macht
+und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen.
+
+Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm
+in der Nacht so unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt
+aus ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erschien.
+
+Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des Kranken.
+Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie im
+Fieber:
+
+Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin
+geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhältnisse der
+Außenwelt – o wie unglücklich wird sie sein – o wie erbarmungswerth –
+und das ist dann mein Werk, ich Unglückseliger! Ich rang nach dem hohen
+Gute, ich errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem
+Gelübde. Das Gelübde hab’ ich unerschütterlich gehalten, aber meine
+Eigensucht hat nicht daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden
+könnte!
+
+Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen
+Fieberglut, er fühlte sich völlig machtlos und sah im Fieber, wie eine
+hohe, dunkelverhüllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten
+Lilie glich, auf ihre Arme nahm und sie von hinnen trug, weit, weit
+fort. Immer sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen,
+immer weiter und weiter schritt jene Gestalt in eine unermeßliche öde
+Ferne, wurde immer kleiner, endlich war sie so weit, daß sie mit dem
+Dunkel der Ferne verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und
+heller, je weiter sie von ihm weggetragen wurde – endlich war auch sie
+nicht mehr sichtbar, sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner
+Stern.
+
+Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fühlte sich
+der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in
+einen ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das Bett
+hüten. Wie er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande
+war, erhielt der Geschäftsführer einige Zeilen, mit zitternder Hand
+geschrieben, die ihn, was nicht selten geschah, zu einer Unterredung
+nach Eishausen einluden.
+
+Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing,
+welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war sehr
+krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben ist. Ich
+habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre,
+ersetzt. Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngst an mich
+gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen
+Schuldigen – sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde.
+Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gemäß
+ist, doch ohne Weitläufigkeiten; Sie wissen, daß ich diese nun einmal
+nicht liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten,
+Schreiber – nur das nicht!
+
+Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschäftsführer, Eurer Gnaden
+gehorsamst auseinanderzusetzen, daß und wie –
+
+Schriftlich, lieber Herr, schriftlich, wenn ich bitten darf! unterbrach
+ihn Ludwig. Ich bin noch so angegriffen – ich danke Ihnen und bleibe
+Ihnen im voraus verbunden.
+
+Am folgenden Tage schrieb dieser Mann an den Grafen Folgendes: »Nach dem
+gestrigen Besuche, wo Euer Gnaden zum Erstenmale der Dame erwähnten,
+hoffe ich Eurer Gnaden Wünsche richtig zu erkennen. Sie wünschen Ihre
+hier belegenen Besitzungen an eine Dame, deren Namen Hochdieselben noch
+angeben werden, zu übertragen und diese als Eigenthümerin einzusetzen,
+damit diese Dame, bei einer Abreise, oder Abwesenheit, oder dem Ableben
+von Euer Gnaden stets als solche verfügen und handeln kann. Dieses wird
+sich auf das Gültigste und Kürzeste leicht, vielleicht auch ohne die
+persönliche Gegenwart von Gerichtspersonen machen lassen. Ich bin so
+frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden derartigen Verfügung oder
+Cession zu gnädigster Ansicht und Prüfung beizulegen.«
+
+»Die Form der Abtretung der erwähnten Grundstücke an die Dame ist
+dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauftragen, die alten
+Kaufbriefe an die Behörde zurückzugeben und einen neuen auf den Namen
+der Dame ausfertigen zu lassen.«
+
+Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in großer Betroffenheit.
+
+»In Betreff anderweiter Gegenstände ist keine andere gültige Form
+einzurichten, als die, daß Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine
+Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegenwärtig ist und
+sagt: Ich nehme diese Schenkung an.«
+
+»Letzteres hat jedoch nach hiesigen Gesetzen nur Rechtskraft und
+Rechtsgültigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten beträgt. Ueber
+diese Summe hinaus ist die Schenkung nur gültig, wenn sie in Gegenwart
+von Gerichtspersonen geschieht.«
+
+O mein Himmel, wie wäre das möglich! stöhnte der Graf, und seine Hände
+zitterten.
+
+»Meine unmaßgebliche Meinung wäre dahin gerichtet, Hochdieselben wollten
+erlauben, daß ein Assessor des hiesigen Stadtgerichts hinauskommen
+dürfte, vor dem der ganze Actus für jetzt und alle Zukunft binnen drei
+Minuten zu beendigen wäre, indem ich Hochdero gnädige Dispositionen
+schon vorher zu Papier gebracht hätte, Euer Gnaden nur Namen und Daten
+ausfüllten und diese Schrift der Gerichtsperson dann mit den Worten
+übergäben: Dieses ist mein Wille, nehmen Sie denselben zu Protocoll. Das
+Uebrige besorgen dann die Gerichtspersonen in einem andern Zimmer, und
+es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Instrument zu Hochdero
+Unterschrift vorgelegt; dabei werden, dafür stehe ich ein, Assessor und
+Secretair unaufgefordert kein Wort sprechen. Durch diesen Act wird bei
+einem etwaigen Sterbefall die Versiegelung überflüssig gemacht und jeder
+obrigkeitlichen Einmischung in Hochdero beiderseitige Hinterlassenschaft
+vorgebeugt. –«
+
+Diese Schenkung, so weit sie Sophien betraf, gelangte nie zur
+Ausführung, denn Jene kam nicht in den Fall, derselben zu bedürfen.
+
+Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe
+von Jahren blieben sie in ihrer stillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute
+sich, wenn auch bisweilen schwankender, doch im Ganzen guter Gesundheit,
+aber Sophiens zartes Wangenroth, das so ungesehen von der Welt
+verblühte, wie eine schöne Blume im Hochgebirge oder in tiefer
+Waldeinsamkeit, wurde allmälig bleich, immer zarter und durchsichtiger
+wurde ihre Haut, ihre Blicke aber leuchteten in einem noch höheren
+Glanze. Ein leises kurzes Hüsteln – der Anflug einer hohen Röthe auf den
+Wangen – das Alles sagte genug und ließ ahnen, was kommen mußte.
+
+So viel wußte Ludwig aus Büchern, daß hier ärztliche Hülfe nichts mehr
+fromme, daß hier einzig Mittel der Linderung in Anwendung kommen
+könnten, die milden Kräfte der Pflanzenwelt, das isländische Moos, die
+süßen Wurzeln der Quecke und Althea.
+
+So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieser schaurige Monat, der
+das letzte Laub von den Bäumen weht, der der Mutter Erde das Leichentuch
+zu weben beginnt.
+
+Ein unermeßlicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Leben mit all’
+seiner genossenen Süße lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in seiner
+holdesten Gestalt!
+
+Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne
+Qual. Menschen konnten das Weh dieser Trennung nicht ermessen, und
+Menschen waren auch keine Zeugen derselben. Da schluchzte keine weinende
+Dienerschaft auf den Knien, da sprach kein Priester Worte des Trostes,
+wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger weinender,
+alternder Mann, und hatte keinen Trost, nicht für sie, nicht für sich.
+
+Ich sterbe gern, flüsterte Sophie mit matter Stimme. Ich danke dir, mein
+Ludwig! Wie ich soviel, wie ich Alles dir danke – so danke ich dir auch
+noch für deine Treue – in dieser letzten Stunde! – Vergiß deine arme
+Sophie nicht! – Du bleibst nun allein – o tritt wieder hinaus in die
+Welt – begrabe dich nicht länger in der Abgeschiedenheit, denn nur um
+meinetwillen hast du dich in diese Einsamkeit zurückgezogen. – Ich habe
+viel entbehrt, was das Leben andern glücklicheren Menschen bietet, aber
+ich habe dich gehabt, du hast mich reich entschädigt – und wir waren
+glücklich. Alles, was ich habe, gabst du mir – Alles was ich bedurfte,
+warst du mir – noch einmal das altgewohnte Wort: mein Ludwig – ich danke
+dir!
+
+Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Gestalt, die auf
+ihr Ruhebette hingegossen lag, in seinen Armen, er küßte noch ihre
+letzten Thränen an den langen dunkeln Wimpern auf.
+
+Die Stimme versagte der Sterbenden – das reine Herz hörte auf zu
+schlagen, ihr Auge brach. Ludwig küßte seiner Verklärten die brechenden
+Augen zu, hielt sie noch eine Weile in seinen Armen, dann ließ er sie
+sanft in die weichen Kissen niedersinken und stieß einen lauten dumpfen
+Schrei des Schmerzes aus, indem er besinnungslos zu Boden sank. Der Tag
+war der fünfundzwanzigste November. Am vierundzwanzigsten November war
+Ottoline gestorben. Ob sie einander droben begegneten, die beiden guten
+Genien des armen Grafen? –
+
+Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mußte gleichfalls
+geschehen. Ludwig ließ Alles durch die Bedienung und den schnell
+herbeigerufenen Geschäftsführer besorgen und anordnen. Er selbst war
+ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, fast ohne Besinnung. Ach, wie
+marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nöthigen Fragen und
+alle die Anordnungen, die solch ein Trauerfall hervorruft!
+
+Tief versenkt in starres, schmerzliches Hinbrüten saß er da, ganz
+verloren in Erinnerungen an das selige Einst, und jetzt – jetzt fand er
+auch mit Einemmale die Erinnerung wieder an das stille, ihm so heilige
+Grab, und an jene Schattenallee im hochgelegenen Bergeshain, wie er
+letzteren einst im Traume geschaut, in Ottolinens Schloß geschaut, und
+wie er – so wunderbar ihn selbst besaß. – Hier die Klause, dort die
+Grabeszelle! so stand der Gedanke fest in ihm, und so führte er ihn auch
+aus.
+
+Wortkarg, zurückhaltender als je, einsam und allein stand der Graf da.
+Keines Freundes tröstender Zuspruch konnte ihn erreichen, keine
+Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos ließ er geschehen, was nicht zu
+ändern war, todtkrank weilte er beständig in seinem Zimmer, in stummem
+und darum doppelt unsäglichem Schmerz.
+
+Und in diese schmerzliche Stille trat nun die Außenwelt mit ihren
+Ansprüchen, mit ihrer Allwissenheit; die Außenwelt, die da Buch führt
+über Leben und Sterben, über Sein oder Nichtsein. Des Ortes Küster kam,
+vom Geistlichen entsendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verstorbene, die
+lebend nie seiner Kirche bedurft, nie derselben begehrt, mußte in das
+Kirchenbuch mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath
+eingetragen werden! Ludwig war in seinem tiefen Schmerz kaum fähig,
+eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem
+Geburtsort.
+
+Sophie Botta! flüsterte er endlich seufzend. – Und woher? – Aus West –
+Westbachen – Westbacherhof wollte er sagen. – Sophie Botta aus
+Westphalen, schrieb der Küster nieder.
+
+
+
+
+12. Sterben und Erben.
+
+
+Die Schauer der Herbstnacht wehten um den entblätterten Berghain. Stille
+dunkle Gestalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier getrieben,
+denn es war bekannt geworden, daß auf dem Schulersberg, so hieß dieses
+Besitzthum des Grafen, die Dame beigesetzt werden solle, welche eine so
+lange Reihe von Jahren hindurch im Schlosse zu Eishausen gelebt und sich
+den Blicken der Neugier nie, ja selbst nicht einmal der vertrauten
+Dienerschaft entschleiert gezeigt hatte.
+
+Mild berührt vom Friedenskusse des Todesengels lag sie in ihrem Sarge,
+den ein alter Tischler unter Thränen gezimmert hatte. Ein weißes Kleid
+von schwerem kostbarem Atlas umwallte die zarte Gestalt, sie lag da wie
+ein Kind, mit lächelnden Zügen, man sah ihr kein Alter an, sie glich
+aber auch keiner Gestorbenen, sie glich dem Marmorbilde eines Ideals aus
+der Meisterhand eines großen Künstlers. Da war kein Zug von Schmerz und
+keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, sanfter heiliger
+Schlummer.
+
+So lag sie im offenen Sarge, an welchem Ludwig stand mit
+schmerzerfüllter, erschütterter Seele, an welchem er einsam stand – o,
+so unermeßlich einsam! – Er barg manche theure Reliquie unter den
+Todtenkissen, eine Mitgift für das Grab, ein Geschenk für die Verwesung,
+eine Speise für den Moder, zuletzt ein zerbröckelnder Fund für die,
+welche einst, wenn sie es vermögen, die heilige Asche dieser
+Verstorbenen durchwühlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Vaters,
+ihrer ohnlängst verstorbenen Mutter, Locken von Angés, auch manchen
+werthvollen Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was sollte er damit,
+was sollten Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften besaß,
+die nur im Entferntesten Sophiens Geheimniß berührten, barg er
+gleichfalls unter ihrem Gewande. In den gefalteten Händen hielt sie ein
+kleines Kruzifix aus Elfenbein vom höchsten Kunstwerth; das jetzt braune
+Haar, welches einst so reizend blond das Haupt des schönen Kindes
+umwallte, schmückte ein Kranz von weißen Immortellen, befestigt mit
+einer Nadel, die eine große Perle zierte.
+
+Noch einen Blick, einen langen, zärtlichen Blick, noch eine Bewegung des
+Segnens, dann legte Ludwig selbst den Deckel des Sarges über seine
+schöne Todte und wankte zur Klingel.
+
+Dunkele Männergestalten kamen herein, der Graf ging in sein Zimmer
+zurück, unten stand schon Alles bereit, scharrende Pferde, der
+Leichenwagen, Laternenträger, die Todtenfrauen und eine große
+schweigsame Volksmenge.
+
+Langsam rollte der Wagen von dannen, stille Männer und Knaben mit
+Laternen schritten voran und zur Seite, Andere folgten.
+
+Keine Glocke erklang, kein Geistlicher folgte dem Sarge.
+
+Die Novembernacht war still, es begann leise zu schneien. Am Fenster
+stand der Graf und blickte mit thränenlosen Augen dem Schimmer nach, der
+sich seinem Auge erst eine Zeitlang entzog, als der stille Zug durch
+Steinfeld sich bewegte, dann jenseits dieses Dorfes wieder sichtbar
+werdend, mehr und mehr zur Höhe emporstieg. Hoch zogen sich die Lichter,
+es war, als wenn irrende Sterne aufwärts wollten, hinauf zu den
+Brudersternen am ewigen Himmel.
+
+Jetzt wußte es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantasien lag, die
+dunkele Gestalt gewesen war, die seine Lilie ihm entführte, seine helle
+Lilie, die zuletzt zum Steine wurde; droben verschwanden die Lichter
+über die Berghöhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins
+sichtbar – recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuschauen, jetzt
+erlosch auch dieses und war fort, den andern nach. –
+
+Wo der Weg zu Thal sich senkt, an derselben Stelle, die einst den
+Liebenden einen reizenden Fernblick eröffnet und so manchen Traum von
+einer schönen liebverklärten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da
+hoben die Träger den Sarg herab, da ordnete sich der kleine Zug, voran
+und hinter dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, still durch die
+dunkle Nacht, dem Berghain, dem Grabe zu.
+
+Ueber dem Berghaus war die öde, einsame Stätte, wo die Hülle der Tochter
+so hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdische Ruhe finden
+sollte.
+
+Damit nicht noch um ihre Asche die Lügenmäre ihr Gespinnst webe, hatte
+der Graf ausdrücklich geboten, den Sarg vor der Einsenkung noch einmal
+zu öffnen und Allen, die bei derselben zugegen, nun das milde Angesicht
+zu zeigen, das sich so lange Jahre hindurch hinter dichtem Schleier
+verborgen gehalten hatte.
+
+Lautlos standen Alle; da lag sie im Silberglanze, im hellen Schein, die
+marmorbleiche schöne Leiche.
+
+Heimlich schauerte die Nacht. Thränen flossen; leise schloß man den
+Sarg, und nun wurde dieser hinabgesenkt. –
+
+Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er sie nie
+durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich kommen
+mußte, die Einmischung der Behörden.
+
+Es war nicht Alles formell hergegangen bei diesem Begräbniß. Sophiens
+Hülle ruhte schon im kühlen Erdenschooße, als erst Anzeige, und zwar die
+zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der
+geheimnißvollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte
+Bericht von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Auskunft, die sich
+über den Grafen nur wohlwollend äußerte; daß derselbe mit der
+Verstorbenen seit länger denn 30 Jahren ruhig und geschätzt im Lande
+gelebt, daß noch von keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine
+Beschwerde an und gegen ihn erhoben worden sei, daß er viel Vermögen
+habe und sich der Stadt und der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht
+habe, als durch Wohlthun; es seien weder Kinder noch sonst Jemand da,
+die Ansprüche an die Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben
+berechtigt seien. So viel Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um
+schonend und zart behandelt zu werden, und ein Einschreiten der
+Civilbehörde _vor_ des Grafen Tode sei wohl nicht rathsam, zumal
+derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende milde Stiftung für die
+Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung bei seiner
+Eigenthümlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein werde. –
+Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten die
+gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art ließen die
+gewünschte Schonung versagen.
+
+Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen an.
+Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern,
+doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte sich ungern dem eisernen Willen
+des Gesetzes, aber er fügte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war
+krank; der Kammerdiener und eine alte treue Dienerin führten die Herren
+in die Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten,
+daß dieser Nachlaß von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der
+Dienerschaft zugedacht sei.
+
+Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der
+Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mußte der Geschäftsführer
+den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlägerig war, vertreten.
+
+Welch’ ein Inventar! – Ueber siebenzig Oberröcke und Kleider, theils von
+Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen
+Kleiderstoffen, gegen dreißig Shawls und Longshawls, ohne die übrigen
+Halstücher, ebenso viele Hüte nach den neuesten Formen der Mode, und in
+diesem Verhältniß alles Uebrige in staunenswerther Fülle. Schmuck fand
+sich wenig, außer was Sophie als Kind schon besessen, für wen hätte sie
+sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmücken sollen? Sie
+selbst, ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schönste
+Schmuck, wie er aus der Idee des Schöpfers als Meisterwerk
+hervorgegangen war; gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren
+Ringe, Armbänder und dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am
+Meisten überraschend aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge
+baaren Geldes, die in verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit
+Perlen oder mit Fischschuppen gestickten Börsen sich vorfand. Jene
+Ducaten von theurer Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth
+geschenkt, sie waren nicht ausgegeben worden, außerdem fanden sich
+Friedrichsd’or, Kronen-, Species- und einfache Thaler. Der Graf übernahm
+gegen Zahlung der Taxe den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das
+Gericht seiner Dienerschaft aushändigen; die Summe, welche er zahlte,
+wurde beim Gericht hinterlegt, und von einer dringlichen Aufforderung,
+Namen, Stand, Geburtsort und Alter der Verstorbenen ganz genau
+anzugeben, um so mehr Umgang genommen, als der Graf diese Auskunft zu
+geben sich entschieden weigerte und fest erklärte, sofort das Land
+verlassen zu wollen, wenn die Behörde darauf bestehen würde.
+
+Dieselbe begnügte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben.
+
+Nach diesen Stürmen lagerte sich wieder die tiefste Stille über das
+Schloß zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach
+sich oft mit schmerzlicher Rührung Goethe’s Worte vor, die so ganz auf
+ihn, auf seine Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paßten:
+
+ Du versuchst, o Sonne, vergebens
+ Durch die düst’ren Wolken zu scheinen,
+ Der ganze Gewinn meines Lebens
+ Ist, ihren Verlust zu beweinen.
+
+Die Poesie war auch hier wieder die milde Trösterin, die ihm, dem
+Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele
+fächelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise
+auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab.
+
+Fast das einzige geistige Band mit der Außenwelt blieb ein Briefwechsel
+mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach
+Hildburghausen gezogen war, doch so, daß sie jeden empfangenen Brief
+zurückgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedürfniß,
+sich mitzutheilen, ist allzumächtig in der Menschenseele, als daß auch
+der allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im
+Stande wäre.
+
+Aus Ludwig’s wehmuthvollster Zeit ergoß sich seine Klage in den Worten:
+»Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte Ehe; es
+ist mehr: es ist die Zerreißung eines zusammengewachsenen
+Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. – – Ich
+lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen
+meinem Körper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstände meinem
+Geist. Das Haus ist wie verödet.«
+
+Ja, öde war es außer ihm, in ihm. Selbst jene Thiere, welche Sophie
+geliebt hatte, starben ungeachtet sorglichster Pflege schnell nach
+einander; des Pachters Hund, den sie oft aus dem Fenster herab
+gefüttert hatte, heulte einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag
+er todt unter den Fenstern des Schlosses.
+
+Als der Frühling kam, die Auen neu ergrünten, da zog es den Grafen mehr
+denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Einsamkeit. Hier war
+die Stelle, die einst sein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieser
+Traum zur Wahrheit geworden! Gesehen und gehört hatte Ludwig
+lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der
+Heerlager, berghohe Meereswogen, Stürme und ruhige See – hohe Burgen und
+Schlösser, stille Thäler – und zuletzt – die Siedlerklause dort im
+stillen Schloß, hier die dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames
+Grab, und in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles
+Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins –
+all’ sein Glück.
+
+Alles hatte sich erfüllt, Alles – und er stand am Ziele. Sanft elegisch
+war seine Stimmung, und sie fand die verwandten Klänge im stillen Weben
+der Natur, durch deren hellste, sonnigste Lenzespracht doch bisweilen
+Ahnungen wehen, die des Menschen Herz mit Schauern durchrießeln.
+
+Die Neigung zum Wohlthun blieb ihm durch alle Jahre hindurch, die ihm
+noch zu leben vergönnt waren. Mit Geschenken an Arme feierte er Sophiens
+Todestag, mit Geschenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja,
+selbst als Leonardus van der Valck spendete er noch Liebesgaben nach
+verschiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch
+Vincenz Martinus war nicht völlig in den Hintergrund getreten. Eine
+Stelle im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete:
+
+»O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit
+einander Briefe wechseln? Deine letzte geehrte Zuschrift traf mich nicht
+mehr in Amsterdam, ich wohne seit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo
+nach dem deutschen Scherzwort der König David geboren ist, vergleiche
+Psalm 38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbestallter, und bete
+täglich auf das Allerfleißigste zu den lieben Gottesheiligen auch für
+dich, geliebter Leonardus. Neues weiß ich dir aus Amsterdam nicht zu
+melden; daß dein alter Seekapitän Richart Fluit in der That und gegen
+menschliches Vermuthen von seiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen
+Delphin erzielt hat, schrieb ich dir wohl schon vorlängst. Wir dachten
+damals oft an dich, als wir den kleinen Seekönig und Heiden tauften.
+Unsere Muhme Carolina Petronella, geborene Lippert, welche sich an den
+Brauereibesitzer Wirix verheirathet hatte, ist nun auch schon lange eine
+#»bedroefde weduwe«#. Du rühmtest mir einstmals den sinn- und
+deutungsvollen Reichthum der deutschen Sprache gegenüber der unsrigen.
+Nenne mir doch in der deutschen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin
+sich der Schmerz und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen
+Frau so ausgeprägt zeigte, wie im Worte #Weduwe!# das ist: #wee te wee!#
+Weh zu Weh! – Unsere anderen Muhmen, Cornelia’s Schwestern, Helena und
+Christina, können leider noch nicht in den traurigen Fall kommen,
+betrübte Wittwen zu werden, dieweil sie noch immer ledigen Standes sind.
+Ich habe ihnen dringend gerathen, in ein Kloster zu gehen, aber sie
+wollen nicht.«
+
+»Helena Maria und Christina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn
+sie neben einander gehen, muß ich immer an die Säulen des Herkules
+denken, oder an ein römisches Jugum, nur Schade, daß Niemand Neigung
+trägt, seinen Nacken jemals unter diese antike Reliquien zu beugen, noch
+viel weniger, sie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter – dir darf
+ich es sagen – ich habe niemals viel auf Reliquiendienst gegeben. Dabei
+fallen mir alle meine alten Sünden – nicht doch, wollte sagen: meine
+alten Tanten in Bochlio, zu Herzberg und zu Dahme ein, die sich
+vordessen auf deines wohlseligen Herrn Vaters Erbtheil spitzten, aber
+vergeblich. Jene deutschen Falken, die für ihr Leben gern Valcken sein
+möchten, warten auch auf deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den
+Gefallen, bald zu sterben, sondern laß’ sie zappeln!«
+
+»Ach, Leonarde! die Welt ist verderbt, ich sehne mich nach Ruhe. Ich
+habe das ewige Predigen, Beichtehören, Messelesen und was d’rum und
+d’ran hängt, von ganzem Herzen satt. Kein glücklicherer Mensch auf Erden
+als ein Pastor emeritus. Das Loos eines gutpensionirten Emeriti scheint
+mir viel beneidenswerther, als das eines Eremitä. Ach, wer doch schon
+ein Emeritus wäre! Nun ich hoffe, in einigen Jahren mich melden zu
+dürfen; hoffentlich bleibe ich noch so lange frisch und kräftig, daß ich
+mein Pensiönchen mit Behagen verzehren kann. Der heiligen Ottilia werde
+ich nichts mehr zuwenden, sie hat sich undankbar gegen mich erzeigt, ich
+nehme wahr, daß das Licht meiner Augen leidet. Nun lebe wohl, Leonarde;
+sei und bleibe du der Eremita, und hilf mir zu allen heiligen
+Einsiedlern beten, daß ich baldigst als ein wohlverdienter Emeritus mich
+nennen darf deinen unwandelbaren Vetter und Freund
+
+ Vincentius Martinus van der Valck,
+ Pastor an Sanct Agatha in Leiden.
+
+Ludwigs trüber Ernst stimmte schlecht zu diesem ungeistlichen Humor,
+doch konnte er sich eines wehmüthigen Lächelns nicht enthalten, wenn er
+daran dachte, was Alles nach seinem Dahinscheiden mit seinem Nachlaß
+vorgenommen werden würde, und wie und wohin er Manches bergen solle.
+Denn das war sein entschiedener und fester Wille, daß er die Spuren
+seines Daseins vernichten wolle, daß er die Hülle, unter der er hier so
+lange Jahre verborgen gelebt, nicht heben, den Schleier nicht lüften
+wolle. Der abgeschmackte Name, mit dem alle Welt ihn nannte, war ihm
+lieb geworden, weil er den wahren Namen verbergen half; keine Seele von
+allen den tausend Neugierigen dachte an das Ei des Columbus, dachte je
+daran, einen einzigen falschen Buchstaben wegzuwerfen und den richtigen
+einzusetzen, gleich einem Zahn zum Zerbeißen der Nuß des Geheimnisses.
+
+Es war für ihn eine eigenthümliche schmerzliche Beschäftigung, die
+Sonderung seiner Briefschaften vorzunehmen; es that ihm weh, so manches
+theure Blatt den Flammen zu opfern, aber es mußte geschehen, denn
+ungelöst sollte das Räthsel seines Lebens bleiben. Die Menschen, sprach
+er einst in einer solchen stillen Opferstunde vor sich hin: glauben
+Alles, was sie glauben wollen, und nie das, was sie glauben sollen. Wenn
+ich todt bin, werden sie dennoch nicht müde werden, ihre Fabeln über den
+Grafen Vavel fortzuspinnen, und sollte ja in Zukunft irgend Einem
+vergönnt sein, den Nachkommen zu sagen, wer und woher ich war, so werden
+sie es ihm doch nicht glauben.
+
+Sorglich ordnete Ludwig alle Papiere, die von Leonardus herrührten, wie
+jene Briefe von Angés an seinen liebsten Freund. Die Briefe jedoch,
+welche Leonardus und Angés an ihn geschrieben hatten, vernichtete er.
+
+Oefter als früher nöthigte ihn jetzt Krankheit, bisweilen nach einem
+Arzte zu senden. Dieser verständige Mann zeigte sich menschlich
+theilnehmend, nicht neugierig, und so geschah es, daß es wohl zuweilen
+im Laufe rascher und geistvoller Gespräche schien, als wolle der Graf
+sich ihm mittheilen, doch häufig unterbrach er sich dann plötzlich
+selbst und sprang schnell auf einen andern Gegenstand über.
+
+Das Alter macht geschwätzig, ich merke, daß ich in die Jahre komme,
+äußerte er sich einst bei einem solchen Besuche, da er den Arzt im Bette
+liegend empfangen mußte. Ich werde mittheilsam, das ist ein Zeichen
+meines herannahenden Todes; denn wenn es mit dem Menschen abwärts geht,
+ändern sich in ihm Neigungen und Gewohnheiten. Daher das Sprichwort,
+wenn ein als geizig bekannter und vertrauter Mann anfängt zu
+verschenken: es ist vor seinem Tode.
+
+Sie haben sich allzusehr zurückgezogen, Herr Graf! sprach der Arzt. Es
+war nicht gut, nicht heilsam. Der Mensch gehört zum Menschen, auch der
+Geistreichste kann sich nicht immer selbst genügen: ja, er wird leicht
+durch fortgesetztes Absperren von der Menschenwelt einseitig, schroff
+und heftig.
+
+Sie mögen Recht haben, Herr Doctor! erwiederte der Graf. Ich taugte aber
+nicht unter die Menschen, ich bin eine reizbare Natur, von Jugend auf
+heftig geartet, vielleicht Folge eines Mangels an richtiger Erziehung.
+Meine ganze Jugendzeit verfloß in einsamen Schlössern, und da sah ich
+wenig von der Welt. Als ich in dieselbe eintrat, fand ich die Zeit zu
+bewegt, die Elemente zu gährend, so daß ich nicht zur Klarheit über mich
+selbst gelangen konnte. Ich ward in eine Strömung hineingerissen;
+eigenthümliche Verhältnisse schlangen Bande um mich, denen ich mich
+nicht entringen konnte und nicht wollte; sonst habe ich zu andern Zeiten
+wohl gezeigt, daß der Mensch kann, was er will, wenn er will, was er
+kann.
+
+Gewiß reisten Euer Gnaden viel? fragte der Arzt.
+
+Nun ja, ich sah Einiges von fremden Ländern, zum Beispiel von Holland,
+Frankreich, England, Deutschland und Rußland, weiter kam ich nicht.
+
+Nach einer Weile sagte der Arzt: Ihr Leben, Herr Graf, war gewiß ein
+vielfach bewegtes, und die lesende Welt würde es Ihnen Dank wissen, wenn
+Sie derselben Ihre Memoiren überliefern oder sie ihr doch dermaleinst
+hinterlassen wollten.
+
+Mein Dermaleinst liegt gar nicht mehr so fern, Herr Ober-Medicinalrath!
+_Memoiren_ sagen Sie? Nichts. Eine Sammlung von Küchenzetteln, das sind
+meine Memoiren.
+
+Küchenzettel? fragte der Arzt verwundert.
+
+Nun, könnte ich nicht ein gelernter Koch sein? fragte der Graf mit
+Ironie zurück. Entweder habe ich mir selbst gekocht, oder ich habe mir
+kochen lassen, es gibt keinen Mittelweg. Meinen Sie nicht, Herr Doctor,
+daß Küchenzettel ein schöneres Album bilden könnten, wie Recepte?
+Jedenfalls stehen sie vor diesen in erster Reihe, denn die Recepte
+entstehen meist nur, um das zu corrigiren, was die Küchenzettel
+verdorben haben.
+
+Sie scherzen, um abzulenken, Herr Graf! entgegnete der Arzt. Ich
+beabsichtige nicht, Ihnen Geheimnisse zu entlocken.
+
+Ein solches Bemühen würde auch das Vergeblichste von der Welt sein,
+versetzte Ludwig. Ich habe den Leuten das Räthsel nicht aufgegeben, um
+es in einer schwachen Stunde selbst zu lösen. Der schmerzlichste
+Verlust, den ich erlitt, machte mein Gemüth nur noch verschlossener,
+mein Schweigen nur um so tiefer. Gern hätte ich, als meine unvergeßliche
+Freundin dem Grabe – nicht zuwelkte, sondern zublühte, Sie rufen lassen,
+Herr Medicinalrath, aber sie wollte es nicht, und sie war ja die Herrin,
+meine angebetete Herrin, und über Alles, was mein war. Sie wollte es
+nicht, sie wollte von Ihnen nicht das Opfer.
+
+Das Opfer des Schweigens? fiel der Arzt dem Grafen in das Wort. Ein
+solches Opfer wird dem Manne meines Standes nicht schwer. Schweigen ist
+unsere erste Pflicht.
+
+Wohl jedem Ihrer Collegen, der so denkt! stimmte ihm Ludwig bei: und der
+anvertraute Geheimnisse treu im Busen bewahrt. Aber ich meine,
+angenehmer, leichter und froher lebe sich’s doch, wenn ein Mensch keine
+Geheimnisse zu bewahren hat und von solchen unbelastet bleibt? Meinen
+Sie nicht auch so?
+
+Der Arzt lächelte und schwieg; sein heller Geist verstand den Wink sehr
+gut. – Ludwig sprach weiter: Ich sollte, und gewiß ist das auch Ihre
+Meinung, eigentlich darauf bedacht nehmen, mein Haus zu bestellen. Ich
+sollte, was man so nennt, testiren, nicht wahr? Vor Notaren und
+Actuaren, vor Zeugen und Zöpfen? Aber das fällt mir nicht ein! Wenn ich
+meine Augen schließe, so hören meine Geldquellen auf zu fließen, das
+ist längst so geordnet. Meine Dienerschaft wird nicht unbedacht bleiben,
+verspricht sie sich aber goldene Berge und Crösusschätze, so ist sie im
+Irrthum. Was ich in der Nähe der Stadt besitze, das Haus, die Gärten,
+das Haus in Walrabs, der Berggarten mit meinem theuren Grabe, das ich
+gepflegt wissen will neben dem meinen, soll Alles in treue Dienerhände
+fallen. Zu meiner hiesigen Verlassenschaft werden sich lachende Erben
+melden, Einer davon besonders wird am Meisten lachen, er ist ein
+geistlicher Herr katholischen Glaubens.
+
+Sie sind katholisch? entfuhr dem Munde des Arztes die Frage.
+
+Ludwig lächelte. Wer fragt danach? Ich bin, der ich bin, und bin, der
+ich nicht bin.
+
+Mit dieser apokalyptischen Wendung schnitt der Graf die fernere
+Unterredung ab, und indem er in ein ernstes Nachsinnen versank, ward ihm
+so recht die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, das so
+tausendfach vergebliche Ringen und Streben, Mühen und Abquälen der
+Menschen in innerster Seele klar. – Dort lag das Tagebuch der Ahnfrau
+seines Hauses, der gebornen Herzogin de la Tremouille; er griff
+mechanisch nach demselben und sprach, indem er es aufschlug,
+gedankenvoll vor sich hin: Wie sich doch die Kettenglieder der Lebenden
+aneinander reihen von uralten Zeiten her. Welche Stofffülle! Und so ganz
+begraben, so ganz vergessen zu sein! – Auch hier ist geschildert, was
+sich ewig erneut im steten Wechsel und im Laufe der Jahrhunderte, der
+Herzen unruhvolles Klopfen, der Liebe Kampf und Ringen. Meine Großmutter
+gab mir dies Buch – und ich – habe keinen Enkel, dem ich es hinterlassen
+könnte. Die Großmutter meiner Großmutter schrieb dies Buch, und diese
+erzählte nun wieder von _ihrer_ Großmutter. Welch’ eine Kette von
+Lebenden, die alle zum ewigen Schlummer sich niederlegten! – Wie beginnt
+die alte Dame?
+
+»Die kurze Dauer des menschlichen Lebens und die Ungewißheit der Zeit
+des Todes hat mich den Entschluß fassen lassen, meinen Lebenslauf
+aufzuzeichnen, weil derselbe ungewöhnlich genug gewesen ist, so daß ich
+in ihm sichtlich die wunderbare Leitung Gottes erkannt habe, welche
+Alles zu meiner eigenen Genugthuung gewandt hat.«
+
+Ja, ja – die Ungewißheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor sich
+hin. Selten kommen die Menschen zeitig zu den rechten Entschlüssen.
+Diese Frau hat es über sich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein
+gerechter; sie schrieb, was sie schrieb, für einen geliebten Sohn. Für
+wen sollte ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichnen?
+
+»Ich beginne dies,« schrieb sie: »im Jahre 1682, im einunddreißigsten
+meines Lebens, im ersten des deinigen.«
+
+»Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der neuen
+Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde im
+Schlosse[15] von Herrn Chabrolle am 12. März getauft und Charlotte
+Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouverneur von Thouars, vertrat meinen
+Pathen, welcher der Landgraf Wilhelm VI. von Hessen, Bruder meiner Frau
+Mutter, Emilie von Hessen war, außerdem waren Herr von Turenne, Herr
+Landgraf Friedrich von Hessen (Oheim des regierenden Landgrafen), und
+Graf Moritz von Nassau meine männlichen Pathen; meine Pathinnen waren
+die Frau Herzogin von Zweibrücken, Aebtissin von Herfort, die Gräfin
+Charlotte von Derby[16], geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau
+Herzogin Eleonore Dorothea zu Sachsen-Weimar, die Frau Kurfürstin
+Charlotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen,
+und Mademoiselle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner
+Großmutter, der Frau Landgräfin Amalie Elisabeth, Gemahlin des
+regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen-Cassel.«
+
+ [Fußnote 15: Thouars an der Thoye hat ein schönes Bergschloß,
+ die ehemalige Residenz der Herzoge de la Tremouille.]
+
+ [Fußnote 16: Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton
+ enthaupteten Jakob Stanislaus, Grafen von Derby.]
+
+Welch ein Kranz glorreicher und strahlender Namen um die Wiege eines
+kleinen Mädchens! rief Ludwig aus. Ist mir doch als erblickte ich meine
+gute Großmutter, die so bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor
+mir, und hörte sie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauses
+verkünden! Wie oft mag sie mit stillem Vergnügen über diesem
+interessanten Buche gesessen haben!
+
+»Meine Frau Mutter ließ mich im Schlosse bei der Herzogin meiner
+Großmutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und für meine
+Erziehung und meine Bedürfnisse zu sorgen versprach, was sie auch mit
+der äußersten Zärtlichkeit fast dreizehn Jahre lang that, und mich
+gründlich verzog. Ich wurde ein so halsstarriges und eigensinniges Kind,
+daß eine minder geduldige und zärtliche Dame, als es meine Großmutter
+für mich war, meine Unarten gewiß nicht ertragen haben würde.«
+
+Es geht ein eigenthümlicher Grundzug durch die Generationen, sprach
+Ludwig, als er dies gelesen hatte. Häufig tritt zwischen Großeltern und
+Enkeln mehr Aehnlichkeit der Gesichtsbildung, ja selbst des Charakters,
+als zwischen Eltern und Kindern hervor, auch häufig mehr Liebe der
+Großeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als diesen von den Eltern zu
+Theil wird. So wäre zuletzt die oft halsstarrige Festigkeit und Härte im
+Charakter meiner guten Großmutter zum Theil nur ein Erbe der ihrigen
+gewesen? Welch’ ein eigenthümlicher Reiz liegt in diesem alten Buche –
+ein so langes, vielbewegtes Leben, – es wäre ein Unrecht von mir, dieses
+Buch, so wie jene Tagebuchbruchstücke meiner Großmutter der Vernichtung
+Preis zu geben – aber wem soll ich sie anvertrauen? Meinen Vetter
+Wilhelm Gustav Friedrich deckt seit 1835 die Gruft, William, der
+Vice-Admiral, starb schon 1813. Ihre Kinder kenne ich nicht, stehe ihnen
+fern, bin ihnen fremd, wer weiß, ob Eines von ihnen durch diese Gabe
+erfreut würde! Auch für Leonardus Erben kann sie nicht den mindesten
+Werth haben, diese Holländer wären im Stande, Häringe in die Papiere zu
+wickeln, welche die Geschichten einst glühender Herzen enthalten! – Der
+Einzige, Vincentius Martinus, der vielleicht diese Blätter würdigte,
+leidet an Gesichtsschwäche, die heilige Ottilia rächt sich an ihrem
+Kirchlein, weil er ihr, wie ich große Ursache zu glauben habe, meine
+ansehnliche Schenkung entzogen und sie für sich selber behalten hat. Da
+würden diese altfranzösisch geschriebenen Blätter ihm nur Mühe machen,
+sie zu entziffern. Am Besten, ich überlasse es ganz dem Zufall, daß
+dieser sie in eine Hand bringe, die sie dereinst zu schätzen und zu
+übersetzen weiß.
+
+Ludwig blätterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden
+enthielt er noch, eine reiche Stofffülle für Geschichte damaligen
+Hoflebens und persönlicher Verhältnisse der weitverzweigten
+Verwandtschaft des alten reichsgräflichen Geschlechts, endlich legte er
+das Buch zur Seite und sagte, sonderbar bewegt: Es ist ein Grabstein.
+
+Auch sein Ziel war nahe, näher als er selbst glaubte; gleichwohl
+versäumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten
+war, die Briefe der Großmutter, die Briefe und die Schenkungsurkunde
+Georginens, seine früheren Reisepässe, ein Flammenopfer nach dem
+anderen; ferner Leonardus’ Testament und Schenkungen, alle Quittungen,
+alle Danksagungen. – Alter Adrianus van der Valck! sprach er sinnend:
+Du, der mich rechnen lehrte, was sagst du zu meinem Rechnungsabschluß?
+Subtraction! Der Tod zieht mir das Leben ab, das ist das Facit meiner
+Rechnung.
+
+Eines Tages wollte er noch schreiben, aber die Hand versagte ihm den
+Dienst. Der jüngere Diener ward herbeigerufen, der Herr wollte dictiren,
+aber er vermochte es nicht, er fühlte sich zu schwach dazu, und murmelte
+nur: O weh! daß ich doch zu keinem Entschluß kommen kann! Nun denn – mag
+es sein!
+
+Noch einige unzusammenhängende Phantasien von Testamenten – von einer
+Dame, die aus weiter Ferne kommen werde – von einem Bruder, der ermordet
+worden – von einer Schwester, die ihm entgegenstrahle – von Engeln, die
+seiner harrten – und die Seele Ludwig’s löste sich leise los vom
+Erdenstaube. Er war »auf dem Sopha« – wie die Acten lauteten »sanft
+eingeschlafen.«
+
+Der Tod des geheimnißvollen Grafen war ein Ereigniß, das lange Stadt und
+Land bewegte und allgemein die Neugier auf’s Höchste spannte. Nun
+endlich mußte doch Alles offenbar werden! Gegen Erwarten ward aber
+Nichts offenbar. Die Gerichte kamen, versiegelten, öffneten und
+inventirten den Nachlaß.
+
+Es fand sich kein Testament. Die Dienerschaft erzählte, daß ihr
+entschlafener Herr stets den Wunsch ausgesprochen habe, in seinem Berge
+neben jenem Grabe beerdigt zu werden, das sein Theuerstes barg, denn in
+der Schenkungsurkunde des Berggartens an den Einen der Diener stand die
+Bedingung: »Das oder die Gräber in dem geschenkten Garten stets zu
+pflegen und zu bewachen.«
+
+Ludwig wurde nicht neben Sophien zur Erde bestattet. Ein ausgemauertes
+Grab zu Eishausen nahm die sterbliche Hülle des Dunkelgrafen auf.
+Eingedenk der großen Wohlthaten, die er ihr erzeigt, ging die ganze
+Dorfgemeinde mit zu Grabe. Von Hildburghausen her nahte ein stiller
+Zug, die Waisenkinder mit ihrem Lehrer an der Spitze, deren Wohlthäter
+Ludwig gewesen war. Neben dem vormaligen Ortsgeistlichen wurde er
+eingesenkt, dessen Hügel ein Denkstein schmückt, den Therese, Bayerns
+Königin, diesem ihrem einstigen Lehrer hatte errichten lassen. Dankbar
+hob der jetzige Geistliche in der Grabrede die Verdienste des edeln
+menschenfreundlichen Verstorbenen hervor.
+
+In den nun vom Gericht durchsuchten Papieren Ludwig’s fanden sich
+zunächst der Briefwechsel mit seinem Agenten zu Hildburghausen, die
+quittirten Rechnungen und diejenigen Documente, welche den Verstorbenen
+fast zweifellos zum Leonardus Cornelius van der Valck stempelten, und
+den Namen eines Grafen oder Barons Varel oder Versay als nur angenommen
+erscheinen ließen. Es fand sich auch etwas Geld, nämlich an 300 Stück
+Doppellouisd’or, eine Rolle einfache, gegen 200 holländische Ducaten
+einschließlich einiger anderer Goldstücke, 576 Kronenthaler, 577
+preußische Thaler, und über 150 Gulden sonstige Silbermünze, eine
+Totalsumme von mehr als 10,000 Gulden baar. Aufschlüsse über die
+Verhältnisse des Verstorbenen fanden sich, wie die Acten aussagen, nicht
+vor. Im Inventar befand sich ein silbernes Petschaft mit einem
+Lapislazuli-Stein, in welchem drei Lilien unter einer Krone eingegraben
+waren; reiches Silberzeug, sechs Uhren, nicht weniger als sieben
+Thermometer, drei Barometer. Unter der reichhaltigen Rubrik des
+Kapitels: Insgemein stand auch trocken und klanglos: Nummer 112 »eine
+Windharfe« – verstimmte Saiten! –
+
+Da kein Testament und keine Erbnehmer vorhanden waren, so erfolgten nun
+von Seiten der Gerichte Edictalladungen auswärtiger Erbberechtigten, in
+vielen deutschen und hauptsächlich rheinischen, sowie holländischen
+Zeitungen, in denen ausgesprochen war, daß »fast ohne Zweifel«, wie aus
+den Papieren hervorgehe, der Verstorbene Leonardus Cornelius van der
+Valck geheißen habe, denn Leonardus’ Taufzeugniß war vorhanden; auch daß
+er fast bis an seinen Tod mit seinen Verwandten in Amsterdam in
+Briefwechsel gestanden habe. Auch der Dame wurde in diesen Vorladungen
+gedacht und einer Reihe Briefe aus Mans, Angés Barthelmy, geb. Daniels
+unterzeichnet, »ohne Zweifel« an den Verstorbenen gerichtet, und die
+Annahme zulassend, daß die Verfasserin der Briefe mit der im Schlosse
+zu Eishausen verstorbenen Dame »vielleicht identisch« gewesen sein
+könne.
+
+Es erschienen nun ein Anwalt aus Amsterdam und ein Notar aus dem Haag,
+überreichten Vollmachten, Pässe und den Stammbaum des Herrn Pastor
+Vincentius Martinus van der Valck zu Leiden, der verwittweten Frau
+Cornelia Petronella Adriana Wirix, geborenen Lippert, jetzt wohnhaft zu
+Weerd (Wörden), ingleichen der Fräulein Helena Maria und Christina
+Theodora Lippert, und bestellten zur Geltendmachung ihrer
+Rechtsansprüche einen Hildburghäuser Anwalt; sie legten auch die
+Taufzeugnisse von Vincentius Martinus Vater und Mutter, wie von den
+Eltern benannter Damen in bester Form verbrieft und besiegelt vor und
+eine Urkunde, kraft deren Vincentius Martinus van der Valck, römisch
+katholischer Pastor emeritus, für sich und seine Muhmen die Beauftragten
+an seiner Stelle zu handeln bevollmächtigte; bald flogen auch noch
+andere »Falken« in Briefen herbei, um an der schönen Erbschaft Theil zu
+nehmen; die Herzberger, die Bocholder, die von Dahme, zum Theil mit
+Beweismitteln, die manche Heiterkeit erregten, allein das Gericht sprach
+die Erbschaft und mit vollem Recht, dem lustigen Emeritus in Leiden und
+seinen alten Muhmen zu und soll derselbe, wie die von ihm nach der Hand
+abgesandten holländischen Bevollmächtigten, welche kamen, um die
+Erbschaft zu erheben, versicherten, in seiner jocosen Weise dankbar
+ausgerufen haben: Nun ist mein Leiden zu nichte gemacht!
+
+Die Beauftragten aus Amsterdam trugen das reiche Erbe von dannen, sie
+verschmähten einen Haufen Maculatur und altes Papier, was auf dem Boden
+lag, und einige Scripturen, die zufällig dazu gekommen waren. Es war
+noch eine reichhaltige Briefsammlung, die zufällig unberührt geblieben
+war, das alte Tagebuch und das jüngere Tagebuchbruchstück lagen auch
+darunter. Es ist zu wünschen, daß alles Benutzbare davon nicht in
+allzuschlimme Hände gefallen sein möge.
+
+Der Vorhang fiel, das Lebensdrama im stillen Schloß des Dunkelgrafen war
+zu Ende gespielt.
+
+Wem vergönnt ist, durch Eishausen zu reisen und dort einen kleinen
+Aufenthalt zu machen, der besuche das Gasthaus und frage dort nach dem
+Grafen; da wird er hören, wie Ludwig’s Andenken noch immer in hohen
+Ehren gehalten wird.
+
+»Um den Mann sind viele Thränen geweint worden – der Mann hat unser
+Dorf sehr glücklich gemacht – solch’ ein Mann kommt niemals wieder!« das
+sind die einfachen Reden der schlichten Landleute.
+
+Schön und würdig hatte Ludwig seine Sendung erfüllt. Was die Großmutter
+einst beim Abschied segnend zu ihm gesprochen, es war an ihm zur
+Wahrheit geworden. Er ging durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung
+und ging rein aus ihnen hervor; er ehrte Gottes Gebote und liebte die
+Menschen. Er war mildthätig und barmherzig und vergalt Kränkungen nur
+mit Wohlthaten – darum dauert in dem stillen Kreise, in den er eintrat,
+sein Name im Segen fort von Geschlecht zu Geschlecht.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1854 als Band III in »Deutsche Bibliothek – Sammlung
+auserlesener Original-Romane« erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Kleinere Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 010: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig -> siebzehnhundert
+S. 011: Siebentes begehrt -> Siebentens
+S. 013: noch widrigerere Kämpfe -> widrigere
+S. 025: angstschweistreibender Pillen -> angstschweißtreibender
+S. 029: Herrn von Göthe -> Goethe
+S. 037: Paris, Straße Vaurigard -> Vaugirard
+S. 041: [vereinheitlicht] reichhaltigen Tagbüchern -> Tagebüchern
+S. 079: des Hauses van der Valk -> Valck
+S. 085: tn einem großen Bogen -> in
+S. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig -> fünfundzwanzig
+S. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, -> Talmont, Theil hat,
+S. 109: Vater hat das Alles so beohlen -> befohlen
+S. 110: [vereinheitlicht] was will das bischen Flitter sagen -> Bischen
+S. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig -> siebenzehnhundertsiebenundvierzig
+S. 129: entblös’ten Armen -> entblößten Armen
+S. 132: Feierlich stieg Robespiere -> Robespierre
+S. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß -> Louvre
+S. 134: laßt siel iegen vorn. -> sie liegen
+S. 137: setzte Wind hinzu -> Windt
+S. 140: [Komma entfernt] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen.
+S. 148: [Komma ergänzt] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
+S. 160: sein rohe Benehmen -> rohes
+S. 168: [Ausrufezeichen ergänzt] immer mehr! rief der Erbherr.
+S. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells -> des Kastells
+S. 177: [Anführungszeichen ergänzt] meinen Knochen einen Höllenschmerz.«
+S. 194: [Punkt ergänzt] Louise, der Tochter des Königs
+S. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe -> Inhalt
+S. 203: Nicht uninterressant -> uninteressant
+S. 212: [Punkt ergänzt] in den alten Sprachen.
+S. 214: Leonardus Reitknecht -> Leonardus’
+S. 214: [vereinheitlicht] Unterwegs peitschte der Postillion -> Postillon
+S. 221: [Punkt ergänzt] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
+S. 222: [Komma entfernt] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
+S. 223: [Anführungszeichen ergänzt] »Seeluft! Seeluft!
+S. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick -> Augenblick
+S. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham -> Hamm
+S. 238: verfehlte Willam nicht -> William
+S. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe -> einstweilen
+S. 245: [Punkt ergänzt] mein Bruder, mein Ludovicus.
+S. 250: General-Gouverneuers von Indien -> Gouverneurs
+S. 265: besprochen worden von den Freuden -> Freunden
+S. 270: malade imaginair -> malade imaginaire
+S. 279: sprach Gräfin Linden. -> Lynden.
+S. 293: [vereinheitlicht] auf Angés Leben einwirkte -> Angés’ Leben
+S. 293: [vereinheitlicht] Es war Angés Hand -> Angés’ Hand
+S. 295: [Punkt korrigiert] Schwester Windt’s, entlud, -> entlud.
+S. 295: [Komma korrigiert] weder diesen. noch den anderen -> diesen, noch
+S. 303: gegen die Batatavische Republik -> Batavische
+S. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst -> hältst
+S. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig -> Niemandem
+S. 306: Cornelius van der Valk -> Valck
+S. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht -> klein- und
+S. 314: [Anführungszeichen ergänzt] freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
+S. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog -> Hollandinus
+S. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte -> Hautpoule
+S. 321: 25000 Mann stark -> 25,000
+S. 322: [Komma entfernt] Schinken, Würste, die -> Würste die
+S. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt -> Großbritannien
+S. 326: [Punkt korrigiert] Wunderbar! rief Ludwig! -> Ludwig.
+S. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten -> zurückzureiten
+S. 332: [Fragezeichen korrigiert] ganz einsam zu werden. -> werden?
+S. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht -> Kammerrath
+S. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg -> Straßburg
+S. 368: [Punkt korrigiert] und nicht glauben wollte, -> wollte.
+S. 373: in dem Gedanken, das -> daß
+S. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung -> sah
+S. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald -> zu thun, bald
+S. 382: wer hätte das gedacht -> Wer
+S. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren -> L. C. v. d. V.
+S. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo -> Sarskoe-Selo
+S. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte -> Buxton
+S. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las -> entsiegelte es, las
+S. 423: [vereinheitlicht] die Söhne der Reichgräfin -> Reichsgräfin
+S. 425: [Anführungszeichen ergänzt] »Dieser Gedanke schnitt mir wie
+S. 429: er brachte keinen Störung -> keine
+S. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus -> Vincentius
+S. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe -> Gewissensehe
+S. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön -> Holstein
+S. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete -> wozu
+S. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde -> Aeolsharfe
+S. 447: [vereinheitlicht] von Coburg über Rodoch kommende -> Rodach
+S. 450: sequestrirte Oldenbnrg -> Oldenburg
+S. 454: o trit wieder hinaus in die Welt -> tritt
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+Kursivschrift: /kursiv Antiqua/
+
+Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 47, 397)]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1854 as volume III in “Deutsche Bibliothek –
+Sammlung auserlesener Original-Romane”. Minor spelling inconsistencies
+have been maintained. The table below lists all corrections applied to
+the original text.
+
+p. 010: im Jahre siebenhundert und vierundfünfzig -> siebzehnhundert
+p. 011: Siebentes begehrt -> Siebentens
+p. 013: noch widrigerere Kämpfe -> widrigere
+p. 025: angstschweistreibender Pillen -> angstschweißtreibender
+p. 029: Herrn von Göthe -> Goethe
+p. 037: Paris, Straße Vaurigard -> Vaugirard
+p. 041: [normalized] reichhaltigen Tagbüchern -> Tagebüchern
+p. 079: des Hauses van der Valk -> Valck
+p. 085: tn einem großen Bogen -> in
+p. 101: die Theilhaber an den fünfund zwanzig -> fünfundzwanzig
+p. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, -> Talmont, Theil hat,
+p. 109: Vater hat das Alles so beohlen -> befohlen
+p. 110: [normalized] was will das bischen Flitter sagen -> Bischen
+p. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig -> siebenzehnhundertsiebenundvierzig
+p. 129: entblös’ten Armen -> entblößten Armen
+p. 132: Feierlich stieg Robespiere -> Robespierre
+p. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschloß -> Louvre
+p. 134: laßt siel iegen vorn. -> sie liegen
+p. 137: setzte Wind hinzu -> Windt
+p. 140: [extra comma] Schößlinge buntblühender, Stauden wachsen.
+p. 148: [added comma] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
+p. 160: sein rohe Benehmen -> rohes
+p. 168: [added exclamation mark] immer mehr! rief der Erbherr.
+p. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells -> des Kastells
+p. 177: [added closing quotes] meinen Knochen einen Höllenschmerz.«
+p. 194: [added comma] Louise, der Tochter des Königs
+p. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe -> Inhalt
+p. 203: Nicht uninterressant -> uninteressant
+p. 212: [added period] in den alten Sprachen.
+p. 214: Leonardus Reitknecht -> Leonardus’
+p. 214: [normalized] Unterwegs peitschte der Postillion -> Postillon
+p. 221: [added comma] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
+p. 222: [extra comma] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
+p. 223: [added opening quote] »Seeluft! Seeluft!
+p. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick -> Augenblick
+p. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham -> Hamm
+p. 238: verfehlte Willam nicht -> William
+p. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe -> einstweilen
+p. 245: [added period] mein Bruder, mein Ludovicus.
+p. 250: General-Gouverneuers von Indien -> Gouverneurs
+p. 265: besprochen worden von den Freuden -> Freunden
+p. 270: malade imaginair -> malade imaginaire
+p. 279: sprach Gräfin Linden. -> Lynden.
+p. 293: [normalized] auf Angés Leben einwirkte -> Angés’ Leben
+p. 293: [normalized] Es war Angés Hand -> Angés’ Hand
+p. 295: [fixed period] Schwester Windt’s, entlud, -> entlud.
+p. 295: [fixed comma] weder diesen. noch den anderen -> diesen, noch
+p. 303: gegen die Batatavische Republik -> Batavische
+p. 304: wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hälst -> hältst
+p. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig -> Niemandem
+p. 306: Cornelius van der Valk -> Valck
+p. 312: der klein und spießbürgerlichen Klatschsucht -> klein- und
+p. 314: [added closing quotes] freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«
+p. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog -> Hollandinus
+p. 320: Dem Volke d’Hauptpoule’s folgte -> Hautpoule
+p. 321: 25000 Mann stark -> 25,000
+p. 322: [extra comma] Schinken, Würste, die -> Würste die
+p. 325: Ernst August von Großbrittannien und Windt -> Großbritannien
+p. 326: [fixed period] Wunderbar! rief Ludwig! -> Ludwig.
+p. 327: gebot seinem Diener zurückzureitten -> zurückzureiten
+p. 332: [fixed question mark] ganz einsam zu werden. -> werden?
+p. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht -> Kammerrath
+p. 360: vormaliger Fürstbischof von Strasburg -> Straßburg
+p. 368: [fixed period] und nicht glauben wollte, -> wollte.
+p. 373: in dem Gedanken, das -> daß
+p. 374: sahe der Graf zu seiner Bestürzung -> sah
+p. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald -> zu thun, bald
+p. 382: wer hätte das gedacht -> Wer
+p. 387: die Buchstaben L. C. V. d. V. eingegraben waren -> L. C. v. d. V.
+p. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo -> Sarskoe-Selo
+p. 410: Als ich die Bäder von Burton gebrauchte -> Buxton
+p. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las -> entsiegelte es, las
+p. 423: [normalized] die Söhne der Reichgräfin -> Reichsgräfin
+p. 425: [added opening quotes] »Dieser Gedanke schnitt mir wie
+p. 429: er brachte keinen Störung -> keine
+p. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus -> Vincentius
+p. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe -> Gewissensehe
+p. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Plön -> Holstein
+p. 440: wazu des Hauses Höhe sich gut eignete -> wozu
+p. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde -> Aeolsharfe
+p. 447: [normalized] von Coburg über Rodoch kommende -> Rodach
+p. 450: sequestrirte Oldenbnrg -> Oldenburg
+p. 454: o trit wieder hinaus in die Welt -> tritt
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+Italics: /Antiqua italics/
+
+The ligature for “etc.” has been replaced by etc. (p. 47, 397)]
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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