summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/24746-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '24746-0.txt')
-rw-r--r--24746-0.txt11389
1 files changed, 11389 insertions, 0 deletions
diff --git a/24746-0.txt b/24746-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..dcd5b7c
--- /dev/null
+++ b/24746-0.txt
@@ -0,0 +1,11389 @@
+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents. Band 2. by Alexander von Humboldt
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.
+
+Author: Alexander von Humboldt
+
+Release Date: , March 3, 2008 [Ebook #24746]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***
+
+
+
+
+
+Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.
+
+
+by Alexander von Humboldt
+
+
+
+
+Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008)
+
+
+
+
+
+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
+
+ Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
+
+ Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
+
+ ------------------
+
+ 1859
+
+ ------------------
+
+ Zweiter Band
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Neuntes Kapitel.
+Zehntes Kapitel.
+Elftes Kapitel.
+Zwölftes Kapitel.
+Dreizehntes Kapitel.
+Vierzehntes Kapitel.
+Fünfzehntes Kapitel.
+Sechzehntes Kapitel.
+Siebzehntes Kapitel.
+Liste explizit genannter Werke
+Anmerkungen des Korrekturlesers
+
+
+
+
+
+
+NEUNTES KAPITEL.
+
+
+ Körperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen.
+
+
+Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich
+keine allgemeinen Betrachtungen über die Stämme der Eingeborenen, welche
+Neu-Andalusien bewohnen, über ihre Sitten, ihre Sprache und ihren
+gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von
+dem wir ausgegangen, möchte ich alles dieß, das für die Geschichte des
+Menschengeschlechts von so großer Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt
+zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen,
+desto mehr wird uns das Interesse für diese Gegenstände, den Erscheinungen
+der physischen Natur gegenüber, in Anspruch nehmen. Der nordöstliche Theil
+des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen
+hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Völkerschaften, die sie bewohnen,
+den Thälern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem nördlichen Ende
+Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Mündung des Lena
+hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht,
+ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck ursprünglicher völliger
+Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten
+der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Völkern, die
+einst auf bedeutend höherer Culturstufe standen, und wie soll man ein
+Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches überhaupt
+vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem
+Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein
+grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was
+sich auf die ursprünglichen Zustände des Menschen und auf die älteste
+Bevölkerung eines Festlandes bezieht, an und für sich der Geschichte
+angehörte, so würden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die
+Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen
+wird, nach der die Wilden aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßene,
+in die Wälder getriebene Stämme sind. Das Wort _‘Barbar’_, das wir von
+Griechen und Römern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen
+versunkenen Horde.
+
+Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden große gesellschaftliche Vereine
+unter den Eingeborenen nur auf dem Rücken der Cordilleren und auf den
+Asien gegenüber liegenden Küsten. Auf den mit Wald bedeckten, von Flüssen
+durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwärts
+ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende
+Völkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten,
+zerstreut gleich den Trümmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob
+uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen
+und die Beobachtung der Körperbildung dazu dienen können, die
+verschiedenen Stämme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu
+verfolgen und ein paar jener Familienzüge aufzufinden, durch die sich die
+ursprüngliche Einheit unseres Geschlechtes verräth.
+
+Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Ländern, deren Gebirge wir
+vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva
+Barcelona, beinahe noch die Hälfte der schwachen Bevölkerung. Ihre
+Kopfzahl läßt sich auf 60,000 schätzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien
+kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenüber der Stärke der Jägervölker in
+Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien
+dagegen hält, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht,
+z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten
+mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner
+als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zählt aber über
+400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in
+Cumana leben nicht alle in den Missionsdörfern; man findet sie zerstreut
+in der Umgegend der Städte, auf den Küsten, wohin sie des Fischfangs wegen
+ziehen, selbst auf den kleinen Höfen in den Llanos oder Savanen. In den
+Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein
+15,000 Indianer, die fast sämmtlich dem Chaymasstamm angehören. Indessen
+sind die Dörfer dort nicht so stark bevölkert, wie in der Provinz
+Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fünf- bis sechshundert, während
+man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu
+indianische Dörfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich
+die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000
+schätzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die
+Guaiqueries auf der Insel Margarita und die große Masse der Guaraunos, die
+auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhängigkeit behauptet haben.
+Diese schätzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; dieß scheint mir aber zu
+viel. Außer den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den
+sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Caño
+Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken
+lassen, gibt es seit dreißig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden
+Indianer mehr.
+
+Ungern brauche ich das Wort _‘wild’_, weil es zwischen dem
+*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder
+unabhängigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die
+Erfahrung häufig widerspricht. In den Wäldern Südamerikas gibt es Stämme
+Eingeborener, die unter Häuptlingen friedlich in Dörfern leben, auf
+ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus
+letzterer ihre Hängematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die
+nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren.
+Die irrige Meinung, als wären sämmtliche nicht unterworfene Eingeborene
+umherziehende Jägervölker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra
+Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europäer; er besteht noch
+jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der
+Wälder, wohin nie ein Missionär den Fuß gesetzt hat. Das verdankt man
+allerdings dem Regiment der Missionen, daß der Eingeborene Anhänglichkeit
+an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewöhnt und ein
+ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in
+dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer völlig
+von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche
+Vorstellungen vom gegenwärtigen Zustand der Völker in Südamerika, wenn man
+einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits
+*heidnisch*, *wild* und *unabhängig* für gleichbedeutend hält. Der
+unterworfene Indianer ist häufig so wenig ein Christ als der unabhängige
+Götzendiener; beide sind völlig vom augenblicklichen Bedürfnis in Anspruch
+genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Maße vollkommene
+Gleichgültigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die
+Natur und ihre Kräfte göttlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst
+gehört dem Kindesalter der Völker an; er kennt noch keine Götzen und keine
+heiligen Orte außer Höhlen, Schluchten und Forsten.
+
+Wenn die unabhängigen Indianer nördlich vom Orinoco und Apure, d. h. von
+den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem
+Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht
+schließen, daß es jetzt in diesen Ländern weniger Eingeborene gibt, als
+zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomäus Las Casas. In meinem Werke
+über Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung
+der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen
+Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race
+ist auf beiden Festländern Amerikas noch über sechs Millionen stark, und
+obgleich unzählige Stämme und Sprachen ausgestorben sind oder sich
+verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß zwischen den
+Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit
+Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend
+zugenommen hat. Zwei caraibische Dörfer in den Missionen von Piritu oder
+am Carony zählen mehr Familien als vier oder fünf Völkerschaften am
+Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustände der unabhängig gebliebenen
+Caraiben an den Quellen des Esquibo und südlich von den Bergen von
+Pacaraimo thun zur Genüge dar, wie sehr auch bei diesem schönen
+Menschenschlag die Bevölkerung der Missionen die Masse der unabhängigen
+und verbündeten Caraiben übersteigt. Uebrigens verhält es sich mit den
+Wilden im heißen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese
+bedürfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die
+Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein
+kleines Stück Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die
+Berührung mit den Weißen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die,
+nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi
+zurückgedrängt, sich den Lebensunterhalt in dem Maaße abgeschnitten sehen,
+in dem man ihr Gebiet beschränkt. In der gemäßigten Zone, in den
+_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Berührung
+mit den europäischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden,
+weil die Berührung dort eine unmittelbare ist.
+
+Im größten Theil von Südamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den
+Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weißen
+breiten sich langsam aus. Die Mönchsorden haben ihre Niederlassungen
+zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer
+gegründet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben
+allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschränkt, aber fast aller Orten
+ist durch sie eine Zunahme der Bevölkerung herbeigeführt worden, wie sie
+beim Nomadenleben der unabhängigen Indianer nicht möglich ist. Im Maaß als
+die Ordensgeistlichen gegen die Wälder vorrücken und den Eingeborenen Land
+abgewinnen, suchen ihrerseits die weißen Ansiedler von der andern Seite
+her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der
+weltliche Arm fortwährend die unterworfenen Indianer dem Mönchsregiment zu
+entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmählich Pfarrer an die
+Stelle der Missionäre. Weiße und Mischlinge lassen sich, begünstigt von
+den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu
+spanischen Dörfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, daß
+sie eine Volkssprache gehabt haben. So rückt die Cultur von der Küste ins
+Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten,
+aber sichern, gleichmäßigen Schrittes.
+
+Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen
+_Govierno de Cumana_ begreift, zählen in ihrer gegenwärtigen Bevölkerung
+mehr als vierzehn Völkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas,
+Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der
+Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas,
+Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn
+Völkerschaften glauben selbst, daß sie ganz verschiedener Abstammung sind.
+Man weiß nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Hütten an der
+Mündung des Orinoco auf Bäumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von
+Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Köpfe. Unter den übrigen
+Völkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf
+den südlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den
+Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf
+dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht
+unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und
+Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, daß sie demselben
+Sprachstamm anzugehören scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe
+verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung
+herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit.
+
+Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben,
+Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Völker zu betrachten.
+Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich
+nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, daß ihre
+Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind
+Küstenvölker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Stämme betrifft,
+die gegenwärtig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben,
+so läßt sich über ihre ursprüngliche Abstammung und ihr Verhältniß zu
+andern, ehemals mächtigeren Völkern schwer etwas aussagen. Die
+Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die
+Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise
+der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen
+von Indianern von Cumana und von der Küste von Paria, als ob die
+Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie
+sogar die Stämme nach ihren Häuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die
+sie bewohnen. Dadurch häuft sich die Zahl der Völkerschaften ins
+Unendliche und werden alle Angaben der Missionäre über die ungleichartigen
+Elemente in der Bevölkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie
+will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener
+Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil
+des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben
+und der Chaymas im südlichen und östlichen? Durch die große
+Uebereinstimmung in der Körperbildung werden Untersuchungen der Art sehr
+schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung völlig
+verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit
+von Sprachen bei Völkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer
+Körperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen
+sprechen körperlich ungemein verschiedene Völker, Lappen, Finnen und
+Esthen, die germanischen Völker und die Hindus, die Perser und die Kurden
+Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die größte Aehnlichkeit mit
+einander haben.
+
+Die Indianer in den Missionen treiben sämmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme
+derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewächse;
+ihre Hütten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung
+ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhältniß zu den
+Missionären und den aus ihrer Mitte gewählten Beamten, Alles ist nach
+Vorschriften geordnet, die überall gelten. Und dennoch -- und dieß ist
+eine höchst merkwürdige Beobachtung in der Geschichte der Völker -- war
+diese große Gleichförmigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die
+individuellen Züge, die Schattirungen, durch welche sich die
+amerikanischen Völkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit
+kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zähes Festhalten an
+den bei jedem Stamm wieder anders gefärbten Sitten und Gebräuchen, das der
+ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrückt. Diesen Charakterzügen
+begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai
+und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische
+Organisation der Eingeborenen, aber die mönchische Zucht leistet ihnen
+wesentlich Vorschub.
+
+Es gibt in den Missionen nur wenige Dörfer, wo die Familien verschiedenen
+Völkerschaften angehören und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so
+verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu
+regieren. Meist haben die Mönche ganze Nationen, oder doch bedeutende
+Stücke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Dörfern
+untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes;
+denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der
+Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben,
+Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthümlichkeiten um so mehr, da
+sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualität des
+Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf
+Gedanken und Empfindung zurück. Durch diesen innigen Verband zwischen
+Sprache, Volkscharakter und Körperbildung erhalten sich die Völker
+einander gegenüber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthümlichkeit, und
+dieß ist eine unerschöpfliche Quelle von Bewegung und Leben in der
+geistigen Welt.
+
+Die Missionäre konnten den Indianern gewisse alte Gebräuche bei der Geburt
+eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten;
+sie konnten es dahin bringen, daß sie sich nicht mehr die Haut bemalten
+oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim großen
+Haufen die abergläubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen
+Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebräuche abzustellen
+und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu
+ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt
+gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in beständigem Kampfe mit
+feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und führt so dem wilden,
+unabhängigen Indianer gegenüber ein einförmigeres, unthätigeres, der
+Entwicklung der Geistes- und Gemüthskraft weniger günstiges Leben. Wenn er
+gutmüthig ist, so kommt dieß nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil
+er gefühlvoll ist und gemüthlich. Wo er außer Verkehr mit den Weißen auch
+all den Gegenständen ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt
+zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle
+seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Bedürfniß bestimmt
+zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist
+ernst, geheimnißvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an
+das Aussehen der Eingeborenen nicht gewöhnt ist, hält ihre Trägheit und
+geistige Starrheit leicht für den Ausdruck der Schwermuth und des
+Tiefsinns.
+
+Ich habe die Charakterzüge des Indianers und die Veränderungen, die sein
+Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um
+den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden
+sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas,
+deren über 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht
+sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte
+des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die
+Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Süd die Caraiben zu Nachbarn.
+Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern
+des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Caño de Caripe. Nach
+der genauen statistischen Aufnahme des Paters Präfekten zählte man im.Jahr
+1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn
+*Missions*dörfer; das älteste ist von 1728, und sie zählten 6433 Einwohner
+in 1465 Haushaltungen; sechzehn Dörfer _de doctrina_; das älteste ist von
+1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien.
+
+Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden;
+die damals noch unabhängigen Caraiben machten Einfälle und brannten ganze
+Dörfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevölkerung
+zurück in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der
+kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weißen. Viele
+Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Sümpfe.
+Vierzehn alte Missionen blieben wüste liegen oder wurden nicht wieder
+aufgebaut.
+
+Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; dieß fällt namentlich auf, wenn
+man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und
+Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen,
+sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die
+Mittelgröße eines Chaymas beträgt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuß 10
+Zoll. Ihr Körper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit,
+die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die
+der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und
+Neugrenadas bis herab zu den heißen Tiefländern am Amazonenstrom. Die
+climatischen Unterschiede äußern keinen Einfluß mehr auf dieselbe; sie ist
+durch organische Verhältnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten
+unabänderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird
+die gleichförmige Hautfarbe röther, dem Kupfer ähnlicher; bei den Chaymas
+dagegen ist sie dunkelbraun und nähert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck
+»kupferfarbige Menschen« zur Bezeichnung der Eingeborenen wäre im
+tropischen Amerika niemals aufgekommen.
+
+Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber
+doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewölbt; daher
+heißt es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schönen
+Weibe, »sie sey fett und habe eine schmale Stirne.« Die Augen der Chaymas
+sind schwarz, tiefliegend und stark in die Länge gezogen; sie sind weder
+so schief gestellt noch so klein wie bei den Völkern mongolischer Race,
+von denen Jornandes sagt, sie haben »vielmehr Punkte als Augen,« _magis
+puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schläfen zu dennoch
+merklich in die Höhe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder
+dunkelbraun, dünn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange
+Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schläfrig niederzuschlagen, gibt dem
+Blick der Weiber etwas Sanftes und läßt das verschleierte Auge kleiner
+erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie überhaupt alle
+Eingeborenen Südamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die
+vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gänzlich
+mangelnden Bart sich der mongolischen Race nähern, so unterscheiden sie
+sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang
+ist, der ganzen Länge nach vorspringt und bei den Naslöchern dicker wird,
+welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Völkern caucasischer
+Race. Der große Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat häufig
+einen gutmüthigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden
+Geschlechtern zwei Furchen von den Naslöchern gegen die Mundwinkel. Das
+Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und
+breit.
+
+Die Zähne sind bei den Chaymas schön und weiß, wie bei allen Menschen von
+einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den
+ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensäften
+und Aetzkalk die Zähne schwarz zu färben; gegenwärtig weiß man nichts mehr
+davon. Die Völkerstämme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den
+Einfällen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her
+geschoben worden, daß die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und
+Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas.
+Ich bezweifle sehr, daß der Brauch des Schwärzens der Zähne, wie Gomara
+behauptet, mit seltsamen Schönheitsbegriffen zusammenhängt(1), oder daß es
+ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die
+Indianer so gut wie nichts; auch die Weißen in den spanischen Colonien,
+wenigstens in den heißen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichförmig
+ist, leiden selten daran. Auf dem Rücken der Cordilleren, in Santa-Fe und
+Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt.
+
+Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Völker, die ich gesehen,
+kleine, schmale Hände. Ihre Füße aber sind groß und die Zehen bleiben
+beweglicher als gewöhnlich. Alle Chaymas sehen einander ähnlich wie nahe
+Verwandte, und diese gleichförmige Bildung, die von den Reisenden so oft
+hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen
+zwischen dem zwanzigsten und fünfzigsten Jahr das Alter nicht durch
+Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfälligkeit des Körpers verräth.
+Tritt man in eine Hütte, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den
+Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach
+meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen
+Momenten, auf den örtlichen Verhältnissen der indianischen Völkerschaften
+und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Völker
+zerfallen in eine Unzahl von Stämmen, die sich tödtlich hassen und niemals
+Ehen unter einander schließen, selbst wenn ihre Mundarten demselben
+Sprachstamme angehören und nur ein kleiner Flußarm oder eine Hügelkette
+ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Stämme sind, desto mehr
+muß sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander
+verbinden, eine gewisse gleichförmige Bildung, ein organischer, recht
+eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhält sich unter
+der Zucht der Missionen, die nur Eine Völkerschaft unter der Obhut haben.
+Die Vereinzelung ist so stark wie früher; Ehen werden nur unter
+Angehörigen derselben Dorfschaft geschlossen. Für diese
+Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Völkerschaft ein
+Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren
+sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Wäldern spanisch gelernt haben,
+einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme
+gehören, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten.
+
+Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren
+Einfluß sich ja auch bei den europäischen Juden, bei den indischen Kasten
+und allen Gebirgsvölkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher
+weniger beachtete. Ich habe schon früher bemerkt, daß es vorzüglich die
+Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht.
+Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie
+als eine, die diesem oder jenem Individuum zukäme. Der wilde Mensch
+verhält sich hierin dem gebildeten gegenüber wie die Thiere einer und
+derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, während die andern in
+der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der
+Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Körperbau und Farbe kommen nur bei
+den Hausthieren häufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Züge
+und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den
+Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in
+einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim
+Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den
+Zügen ab, und die Züge werden desto beweglicher, je häufiger,
+mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in
+den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen
+Bedürfniß bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast mühelos
+befriedigt, führt er ein träges, einförmiges Leben. Unter den
+Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese
+Einförmigkeit, diese Starrheit der Verhältnisse drückt sich auch in den
+Gesichtszügen der Indianer aus.
+
+Unter der Zucht der Mönche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und
+Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Wäldern
+lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemüthsbewegungen
+überläßt, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal
+krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorüber, je
+stärker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am
+Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen,
+aber er hält länger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher
+Entwicklung nicht die Stärke oder die augenblickliche Entfesselung der
+Leidenschaften, was den Zügen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern
+vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in beständiger Berührung mit
+der Außenwelt erhält, Zahl und Maaß unserer Schmerzen und unserer Freuden
+steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurückwirkt.
+Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Züge das belebte Naturreich
+verschönern, so ist auch nicht zu läugnen, daß beide zwar nicht allein
+Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der großen
+Völkerfamilie kommen diese Vorzüge keiner Race in höherem Maaße zu als der
+caucasischen oder europäischen. Nur beim weißen Menschen tritt das Blut
+plötzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der
+Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemüthsbewegungen so bedeutend
+verstärkt. »Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden können?«
+sagt der Europäer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den
+Indianer. Man muß übrigens zugeben, daß diese Starrheit der Züge nicht
+allen Racen mit sehr dunkel gefärbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner
+lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern.
+
+Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine
+Bemerkungen über ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die
+Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen,
+während meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren
+Charakter durchgängig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den
+Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionären
+erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten.
+
+Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Völker in sehr heißen Ländern, eine
+entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen
+Schriftstellern hören wir, daß im nördlichen Europa die Hemden und
+Beinkleider, welche die Missionäre austheilten, nicht wenig zur Bekehrung
+der Heiden beigetragen haben. In der heißen Zone dagegen schämen sich die
+Eingeborenen, wie sie sagen, daß sie Kleider tragen sollen, und sie laufen
+in die Wälder, wenn man sie zu frühe nöthigt, ihr Nacktgehen aufzugeben.
+Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Mönche, Männer und Weiber
+im Innern der Häuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine
+Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Männern
+hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten,
+zwölften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei.
+Das Hemd ist so geschnitten, daß Vorderstück und Rückenstück durch zwei
+schmale Bänder auf der Schulter zusammenhängen. Es kam vor, daß wir
+Eingeborenen außerhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei
+Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm
+trugen. Sie wollten sich lieber auf den bloßen Leib regnen, als ihre
+Kleider naß werden lassen. Die ältesten Weiber versteckten sich dabei
+hinter die Bäume und schlugen ein lautes Gelächter auf, wenn wir an ihnen
+vorüber kamen. Die Missionäre klagen meist, daß Schaam und Gefühl für das
+Anständige bei den jungen Mädchen nicht viel entwickelter seyen als bei
+den Männern. Schon Ferdinand Columbus erzählt, sein Vater habe im Jahr
+1498 auf der Insel Trinidad völlig nackte Weiber angetroffen, während die
+Männer den _‘Guayuco’_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als
+eine Schürze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Küste von Paria
+die Mädchen von den verheiratheten Weibern dadurch, daß sie, wie Cardinal
+Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, daß sie
+einen anders gefärbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den
+Chaymas und allen nackten Völkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur
+zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur
+befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Mädchen heirathen
+häufig mit zwölf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionäre,
+nackt, das heißt ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht
+daran zu erinnern, daß bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen
+und indianischen Dörfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut
+Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener,
+der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den
+ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land
+gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem
+Kopf ackern sah, und er glaubte »in einem armseligen Lande zu seyn, wo
+sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen.«
+
+Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schönheitsbegriffen nicht hübsch;
+indessen haben die jungen Mädchen etwas Sanftes und Wehmüthiges im Blick,
+das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm
+absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zöpfe geflochten. Die Haut
+bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck
+als Hals- und Armbänder aus Muscheln, Vögelknochen und Fruchtkernen.
+Männer und Weiber sind sehr musculös, aber der Körper ist fleischigt mit
+runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, daß mir nie ein Individuum mit
+einer natürlichen Mißbildung aufgestoßen ist; dasselbe gilt von den vielen
+tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fünf
+Jahren gesehen. Dergleichen Mißbildungen sind bei gewissen Racen ungemein
+selten, besonders aber bei Völkern, deren Hautgewebe stark gefärbt ist.
+Ich kann nicht glauben, daß sie allein Folgen höherer Cultur, einer
+weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniß sind. In Europa
+heirathet ein buckligtes oder sehr häßliches Mädchen, wenn sie Vermögen
+hat, und die Kinder erben häufig die Mißbildung der Mutter. Im wilden
+Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts
+einen Mann vermögen, eine Mißbildete oder sehr Kränkliche zum Weibe zu
+nehmen. Hat eine solche das seltene Glück, daß sie das Alter der Reife
+erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man möchte glauben, die Wilden
+seyen alle so wohlgebildet und so kräftig, weil die schwächlichen Kinder
+aus Verwahrlosung frühe wegsterben und nur die kräftigen am Leben bleiben;
+aber dieß kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die
+Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und
+Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren
+Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen
+dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfähigkeit, vom ursprünglichen Typus
+abzuweichen, so müssen wir darin doch wohl großentheils angeborene Anlage
+erblicken, das, worin eben der eigenthümliche Racencharakter besteht. Ich
+sage absichtlich: großentheils, weil ich den Einfluß der Cultur nicht ganz
+ausschließen möchte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weißen, wird
+der Körper durch Luxus und Weichlichkeit geschwächt, und aus diesem Grunde
+waren früher Mißbildungen in Couzco und Tenochtitlan häufiger; aber unter
+den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der größten
+Sitteneinfalt leben, hätte Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten
+aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah.
+
+Die Sitte des frühzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen
+bezeugen, der Zunahme der Bevölkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese
+frühe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heißen
+Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestküste von Amerika, bei den
+Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriäken, wo häufig
+zehnjährige Mädchen Mütter sind. Man kann sich nur wundern, daß die
+Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei
+keiner Race und in keinem Klima verändert.
+
+Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere
+Völker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reißen sie aus;
+aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur
+deßhalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch
+wären die Indianer größtentheils ziemlich bartlos. Ich sage größtentheils,
+denn es gibt Völkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben
+den andern stehen und deßhalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher
+gehören in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die
+Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in
+Südamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne
+sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den dünnen
+Kinnbart auszuraufen, sich häufig rasiren, so wächst der Bart stärker.
+Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Meßdiener lebhaft
+wünschten den Väter Kapuzinern, ihren Missionären und Meistern zu
+gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Maße
+verhaßt, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille
+fließt aus derselben Quelle wie die Vorliebe für abgeflachte Stirnen, die
+an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise
+zu Tage kommt. Den Völkern gilt immer für schön, was ihre eigene
+Körperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da
+ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine
+rothbraune Haut gegeben hat, so hält sich jeder für desto schöner, je
+weniger sein Körper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut
+mit _‘Roucou’_, _‘Chica’_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist.
+
+Die Lebensweise der Chaymas ist höchst einförmig. Sie legen sich
+regelmäßig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb
+fünf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Hängematte.
+Die Weiber sind so frostig, daß ich sie in der Kirche vor Kälte zittern
+sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im
+Innern sind die Hütten der Indianer äußerst sauber. Ihr Bettzeug, ihre
+Schilfmatten, ihre Töpfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und
+Pfeile, Alles befindet sich in der schönsten Ordnung. Männer und Weiber
+baden täglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die
+Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Ländern
+vorzugsweise von den Kleidern herrührt. Außer dem Haus im Dorfe haben sie
+meist auf ihren _‘Conucos’_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht
+einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblättern gedeckte Hütte von
+geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten
+sie sich doch dort auf, so oft sie nur können. Schon oben gedachten wir
+ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben
+in der Wildniß zurückzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten
+ihren Eltern und ziehen vier, fünf Tage in den Wäldern herum, von
+Früchten, von Palmkohl und Wurzeln sich nährend. Wenn man in den Missionen
+reist, sieht man häufig die Dörfer fast ganz leer stehen, weil die
+Einwohner in ihren Gärten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den
+civilisirten Völkern fließt wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben
+moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen
+Unabhängigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur überall auf den
+Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenüber sieht.
+
+Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen
+halbbarbarischen Völkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit fällt
+ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen,
+trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen
+Weg durch das Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere
+saßen nicht selten oben auf dem Bündel. Trotz dieser gesellschaftlichen
+Unterordnung schienen mir die Weiber der südamerikanischen Indianer
+glücklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem
+Mississippi werden überall, wo die Eingeborenen nicht größtentheils von
+der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kürbisse nur von den Weibern gebaut; der
+Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heißen Zone gibt es
+nur sehr wenige Jägervölker, und in den Missionen arbeiten die Männer im
+Felde so gut wie die Weiber.
+
+Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch
+lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weißen nicht
+in Berührung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte
+Indianer zu heißen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrückt,
+_‘latinisirte’_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein
+bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich
+später besucht, am meisten auffiel, das ist, daß es den Indianern so
+ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf
+spanisch auszudrücken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den
+Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie für noch einfältiger halten als
+Kinder, wenn ein Weißer sie über Gegenstände befragt, mit denen sie von
+Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionäre versichern, dieses Stocken
+sey nicht Folge der Schüchternheit; bei den Indianern, die täglich ins
+Haus des Missionärs kommen und bei der öffentlichen Arbeit die Aussicht
+führen, sey es keineswegs natürliche Beschränktheit, sondern nur
+Unvermögen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden
+Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr
+moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu
+verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt,
+Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen,
+Mulatten und Weißen in der Nähe der Städte in Pfarrdörfern wohnen. Ich war
+oft erstaunt, mit welcher Geläufigkeit in Caripe der _‘Alcalde’_, der
+_‘Governador’_, der _‘Sargento mayor’_ stundenlang zu den vor der Kirche
+versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten für die
+Woche, schalten die Trägen, drohten den Unanstelligen. Diese Häuptlinge,
+die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionärs der Gemeinde zur
+Kenntniß bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit
+starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Züge bleiben dabei
+unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch.
+
+Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und
+ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr
+zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausflügen in der Nähe des
+Klosters begleiteten und wir durch die Mönche Fragen an sie richten
+ließen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage
+stellte; und ihre Trägheit und nebenbei auch jene schlaue Höflichkeit, die
+auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, ließ sie nicht selten
+ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten
+schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen
+wollen, können sie vor diesem gefälligen Jasagen sich nicht genug in Acht
+nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe
+stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der
+Höhle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus
+und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu
+besinnen und sagte dann zur Unterstützung meiner Annahme: »Freilich, wie
+wäre auch sonst vorne in der Höhle immer Wasser im Bett?«
+
+Alle Zahlenverhältnisse fassen die Chaymas außerordentlich schwer. Ich
+habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey
+achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an
+den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fünfhundert Jahren
+civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich große Zahlen
+ausdrücken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im
+Verkehr mit den Missionären dazu genöthigt sind, so zählen die fähigsten
+spanisch, aber so, daß man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf
+30 oder 50. In der Chaymassprache zählen dieselben Menschen nicht über 5
+oder 6. Es ist natürlich, daß sie sich vorzugsweise der Worte einer
+Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen
+gelernt haben. Seit die europäischen Gelehrten es der Mühe werth halten,
+den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der
+semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt,
+schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus
+Rechnung der Rohheit der Völker kommt. Man erkennt an, daß fast überall
+die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als
+man nach der Culturlosigkeit der Völker, die sie sprechen, vermuthen
+sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schönsten
+Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen
+hat ein klareres, regelmäßigeres und einfacheres Zahlsystem als das
+Oquichua und das Aztekische, die in den großen Reichen Couzco und Anahuac
+gesprochen wurden. Dürfte man nun sagen, in diesen Sprachen zähle man
+nicht über vier, weil es in den Dörfern, wo sich dieselben unter den armen
+Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen
+gibt, die nicht weiter zählen können? Die seltsame Ansicht, nach der so
+viele Völker Amerikas nur bis zu fünf, zehn oder zwanzig sollen zählen
+können, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wußten, daß die
+Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen
+Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heißt nach den Fingern
+Einer Hand, beider Hände, der Hände und Füße zusammen) einen Abschnitt
+machen, und daß 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fünf eins, zehn
+drei und »Fuß zehn« ausgedrückt werden. Kann man sagen, die Zahlen der
+Europäer gehen nicht über zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe
+von zehn Einheiten beisammen ist?
+
+Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die
+Töchtersprachen des Lateinischen, daß die Jesuiten, welche Alles, was ihre
+Anstalten fördern konnte, aufs Sorgfältigste in Betracht zogen, bei den
+Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr
+regelmäßige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das
+Guarani, einführten. Sie suchten durch diese Sprachen die ärmeren,
+plumperen, im Satzbau nicht so regelmäßigen Mundarten zu verdrängen. Und
+der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener
+Stämme ließen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese
+verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel
+zwischen den Missionären und den Neubekehrten. Mit Unrecht würde man
+glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen
+gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluß zweier
+auf einander eifersüchtiger Gewalten, der Bischöfe und der Statthalter, zu
+entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere
+Gründe, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese
+Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden
+zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch
+die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Ländern
+bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form
+oder doch das Aussehen von Ursprachen.
+
+Wenn es heißt, ein Däne lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter
+Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man
+zunächst, dieß rühre daher, daß alle germanischen Sprachen oder alle
+Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein
+haben; man vergißt, daß es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere
+gibt, die Völker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die
+Sprache ist keineswegs ein Ergebniß willkührlicher Uebereinkunft; der
+Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Möglichkeit der
+Inversionen, Alles ist ein Ausfluß unseres Innern, unserer eigenthümlichen
+Organisation. Im Menschen lebt ein unbewußt thätiges und ordnendes
+Princip, das bei Völkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt
+ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder
+am Meeresufer, die ganze Lebensweise mögen die Laute umwandeln, die
+Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber
+alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen
+unberührt. Die Einflüsse des Klimas und aller äußern Verhältnisse sind ein
+verschwindendes Moment dem gegenüber, was der Racencharakter wirkt, die
+Gesammtheit der dem Menschen eigenthümlichen, sich vererbenden Anlagen.
+
+In Amerika nun -- und dieses Ergebniß der neuesten Forschungen ist für die
+Geschichte unserer Gattung von der höchsten Bedeutung -- in Amerika haben
+vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heißen Ufern dieses
+Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz
+verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein
+ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und
+das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem
+grammatischen Bau die überraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren
+Wurzeln einander um nichts ähnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen
+und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit,
+Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast
+überall in der neuen Welt, daß die Zeitwörter eine ganze Menge Formen und
+Tempora haben, ein künstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder
+durch Flexion der persönlichen Fürwörter, welche die Wortendungen bilden,
+oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhältnisse
+des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder
+leblos, männlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher
+Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil
+amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben
+(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung
+übereinkommen und von den Töchtersprachen des Lateinischen durchaus
+abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine
+amerikanische Sprache als die des europäischen Mutterlandes. In den
+Wäldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen
+sprechen hören. Häufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem
+andern als ihrem eigenen Idiom mit einander.
+
+Hätte man das System der Jesuiten befolgt, so wären bereits weit
+verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am
+Orinoco spräche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Süden und
+Südwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionäre
+könnten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen
+höchst regelmäßig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit,
+und würden so den Eingeborenen, über die sie herrschen, weit näher kommen.
+Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus
+einem Dutzend Völkerschaften bestehen, verschwänden mit der
+Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten würden todte Sprachen;
+aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine
+Individualität und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf
+friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus
+in die neue Welt eingeführt, mit Waffengewalt durchzuführen begonnen.
+
+Wie mag man sich auch wundern, daß die Chaymas, die Caraiben, die Saliven
+oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man
+bedenkt, daß fünf-, sechshundert Indianern Ein Weißer, Ein Missionär
+gegenübersteht, und daß dieser alle Mühe hat, einen Governador, Alcalden
+oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Könnte man statt der Zucht der
+Missionäre die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre
+Sitten sänftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten,
+ohne deßhalb gebildeter zu seyn), könnte man die Weißen, statt sie ferne
+zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben
+lassen, so wären die amerikanischen Sprachen bald von den europäischen
+verdrängt, und die Eingeborenen überkämen mit den letzteren die gewaltige
+Masse neuer Vorstellungen, welche die Früchte der Cultur sind. Dann
+brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder
+das Guarany, einzuführen. Aber nachdem ich mich in den Missionen des
+südlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzüge und die
+Mißbräuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die
+Ansicht aussprechen, daß dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn
+wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern läßt und das als
+Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von bürgerlicher
+Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Römer
+haben in Gallien, in Bätica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft
+schnell auch ihre Sprache eingeführt; aber die eingeborenen Völker dieser
+Länder waren keine Wilde. Sie wohnten in Städten, sie kannten den Gebrauch
+des Geldes, sie hatten bürgerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe
+Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und
+den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in
+unmittelbare Berührung gekommen. Dagegen sehen wir der Einführung der
+Sprachen der Mutterländer überall fast unüberwindliche Hindernisse
+entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder römische Colonien
+auf wirklich barbarischen Küsten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und
+unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem
+civilisirten Menschen gegenüber.
+
+Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das
+Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie
+weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_,
+_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, daß
+diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber
+Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten
+selbst einverleibt sind. Mit Unrecht würde man diese Rauheit des
+Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind
+ursprünglich diesem gemäßigten Klima fremd. Sie sind erst durch die
+Missionäre dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie
+allen Bewohnern heißer Landstriche, die Kälte in Caripe, wie sie es
+nennen, Anfangs sehr zuwider. Während unseres Aufenthalts im
+Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniß von
+Chaymasworten angelegt. Ich weiß wohl, daß der Bau und die grammatischen
+Formen für die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute
+und der Wurzeln, und daß diese Analogie der Laute nicht selten in
+verschiedenen Dialekten derselben Sprache völlig unkenntlich wird; denn
+die Stämme, in welche eine Nation zerfällt, haben häufig für dieselben
+Gegenstände völlig verschiedene Benennungen. So kommt es, daß man sehr
+leicht irre geht, wenn man, die Flexionen außer Augen lassend, nur nach
+den Wurzeln, z. B. nach den Worten für Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei
+Idiome allein wegen der Unähnlichkeit der Laute für völlig verschieden
+erklärt. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden
+gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugänglich ist.
+Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane
+des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben für sich
+kennen. Die Wörterverzeichnisse sind nicht zu vernachläßigen; sie geben
+sogar über den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluß,
+wenn der Reisende Sätze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort
+flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender
+Weise geschieht, die persönlichen und possessiven Fürwörter bezeichnet
+werden.
+
+Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona
+sind gegenwärtig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische.
+Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat
+ihr Wörterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfaßt von den Patres Tauste,
+Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios
+Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im
+siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die
+Missionen gekommen und in den Wäldern zu Grunde gegangen. Wegen der großen
+Feuchtigkeit und der Gefräßigkeit der Insekten lassen sich in diesen
+heißen Ländern Bücher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller
+Vorsichtsmaßregeln sind sie in kurzer Zeit gänzlich verdorben. Nur mit
+großer Mühe konnte ich in den Missionen und Klöstern die Grammatiken
+amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner
+Rückkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu
+Königsberg übermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem
+schönen großen Werk über die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals
+versäumt meine Notizen über die Chaymassprache aus meinem Tagebuch
+abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch
+der Abt Hervas dieser Sprache erwähnen, gebe ich hier kurz das Ergebniß
+meiner Untersuchungen.
+
+Auf dem rechten Ufer des Orinoco, südöstlich von der Mission Encaramada,
+über hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in
+mehrere Dialekte zerfällt. Diese einst sehr mächtige Nation ist auf wenige
+Köpfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den
+Orinoco, durch die großen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine
+noch schwerer zu übersteigende Schranke, durch Völker von caraibischem
+Stämme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen örtlichen
+Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der
+Tamanacusprache. Die ältesten Missionare in Caripe wissen nichts von
+dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast
+nie an das südliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der
+Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache
+dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rückkehr
+nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer
+Grammatik verglich, die ein alter Missionär am Orinoco in Italien drucken
+lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili
+vermuthet, daß die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu
+verwandt seyn müsse.
+
+Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die
+Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die
+Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die
+persönlichen Fürwörter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_,
+ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder
+_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person
+ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu.
+
++---------------------+-----------------+
+| Chaymas | Tamanacu |
++---------------------+-----------------+
+|_Ure_, ich. | _ure._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Tuna_, Wasser. | _Tuna._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Conopo_, Regen. | _Canepo._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Poturu_, Wissen. | _Puturo._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Apoto_, Feuer. | _U-apto._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Je_, Baum. | _Jeje._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Ata_, Haus. | _Aute._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Euya_, dir. | _Auya._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Toya_, ihm. | _Iteuya._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Guane_, Honig. | _Uane._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Nacaramayre_, er | _Nacaramai._ |
+|hat’s gesagt. | |
++---------------------+-----------------+
+|_Piache_, Zauberer, | _Psiache._ |
+|Arzt. | |
++---------------------+-----------------+
+|_Tibin_, eins. | _Obin._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Aco_, zwei. | _Oco._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Oroa_, drei. | _Orua._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Pun_, Fleisch. | _Punu._ |
++---------------------+-----------------+
+|_Pra_, nicht. | _Pra._ |
++---------------------+-----------------+
+
+*Seyn* heißt im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persönliche
+Fürwort *ich* (_u_ von _u-re_), so läßt man des Wohlklangs wegen vor dem
+_u_ ein _g_ hören, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die
+erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte
+durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; »_muerepuec araquapemaz,_«, »
+warum bist du traurig?« wörtlich: »das für traurig du seyn?« »_punpuec
+topuchemaz,_« »du bist fett von Körper;« wörtlich: »Fleisch (_pun_) für
+(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_).« Die zueignenden Fürwörter
+kommen vor das Hauptwort zu stehen: »_upatay,_« »in meinem Hause;«
+wörtlich: »ich Haus in.« Alle Präpositionen wie die Negation _pra_ werden
+nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: »_ipuec,_ mit ihm,«
+wörtlich »er mit;« »_euya,_ zu dir, oder dir zu;« »_epuec charpe guaz_«
+»ich bin lustig mit dir;« wörtlich: »du mit lustig ich seyn;« »_ucarepra,_
+nicht wie ich;« wörtlich: »ich wie nicht;« »_quenpotupra quoguaz_ ich
+kenne ihn nicht;« wörtlich: »ihn kennend nicht ich bin;« »_quenepra
+quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen,« wörtlich: »ihn sehend nicht ich
+bin.« Im Tamanacu sagt man: »_acurivane,_ schön,« und »_acurivanepra,_
+häßlich, nicht schön;« »_uotopra,_ es gibt keinen Fisch,« wörtlich: »Fisch
+nicht;« »_uteripipra,_ ich will nicht gehen;« wörtlich: »ich gehen wollen
+nicht;« und dieß ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen,
+und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit
+dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die
+Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrückt: »_amoyenlenganti,_
+es ist sehr kalt;« »_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt.« In
+ähnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht
+angehängt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B.
+_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen.
+
+Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmäßig ist,
+lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den
+Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloß zur Bildung des
+Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen
+Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwörter angehängt. Diese
+Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Hülfszeitwörter _as_ und
+_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan,
+ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die
+einander unähnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der
+geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau
+der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten,
+offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen.
+
+Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des
+Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses
+bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_
+bezeichnet: »_teure,_ er selbst,« »_teurecon,_ sie selbst;« »_taronocon,_
+die hier;« »_montaonocon,_ die dort,« wenn der Sprechende einen Ort meint,
+an dem er sich selbst befand; »_miyonocon,_ die dort,« wenn er von einem
+Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen
+Adverbe _aqui_ und _alà (allà),_ deren Sinn sich in den Sprachen von
+germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung
+wiedergeben läßt.
+
+Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute
+nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Dieß schien mir um so
+auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Völkern besondere
+Worte für Gott und für Sonne findet. Der Caraibe wirft »_tamoussicabo,_
+den Alten des Himmels,« und »_veyou,_ die Sonne,« nicht zusammen. Sogar
+der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines
+Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heißt die
+Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) während Gott _Vinay Huayna_, der
+ewig Junge, genannt wird.
+
+Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente,
+die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor
+das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persönliche Fürwort. Der
+Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck fällt, geht Allem voran, was sonst
+ausgesagt wird. Der Amerikaner würde sagen: »Freiheit völlige lieben wir,«
+statt: wir lieben völlige Freiheit; »dir nicht glücklich bin ich,« statt:
+mit dir bin ich glücklich. Diese Sätze haben eine gewisse Unmittelbarkeit,
+Bestimmtheit, Bündigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel
+fehlt. Ob wohl diese Völker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst
+überlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen wären? Man
+könnte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Römer in
+ihren bestimmten, klaren, aber etwas schüchternen Töchtersprachen
+umgewandelt worden ist.
+
+Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen,
+fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein
+Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache,
+in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in
+den Worten so häufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_
+weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen
+vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im
+französischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_
+erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu
+_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen
+Mundarten fehlen, so kommt dieß vom innigen Verwandtschaftsverhältniß
+zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher
+Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden
+verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_,
+_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Bürde,
+_pous_, Fuß. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und
+aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani,
+aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Büchse).
+
+Trotz der erwähnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, daß das Chaymas als
+ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano,
+Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und
+die beiden Sprachen scheinen mir höchstens in dem Grade verwandt, wie das
+Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehören derselben Unterabtheilung
+der großen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen
+Sprachen an. Da es für die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maaß gibt,
+so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten
+Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie
+Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch
+und Sanskrit.
+
+Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, daß alle
+Sprachen in zwei große Classen zerfallen, indem die einen, mit
+vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere
+Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, während die andern, plumperen,
+weniger bildungsfähigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln
+roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie für sich braucht, ihre
+eigenthümliche Physiognomie beibehalten. Diese höchst geistreiche
+Auffassung wäre unrichtia, wenn man annähme, es gebe vielsylbige Sprachen
+ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus
+organisch entwickeln, kennen gar keinen äußerlichen Zuwachs durch
+*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon öfters als Agglutination
+oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt für
+Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht ursprünglich Affixe, von
+denen nur ein oder zwei Consonanten übrig geblieben sind. Es ist mit den
+Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz für
+sich, nichts ist dem Andern völlig unähnlich. Je weiter man in ihren
+innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden
+Eigenthümlichkeiten. »Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem
+scharf umrissen scheinen.« [Wilhelm v. Humboldt]
+
+Lassen wir aber auch für die Sprachen keinen durchgreifenden
+Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, daß im
+gegenwärtigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern
+zur äußerlichen Aggregation. Zu den ersteren gehören bekanntlich die
+Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu
+den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder
+Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das
+Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben
+mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation
+oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber
+ein ziemlich entwickeltes Gefühl für Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft
+oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die
+mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhältnisse bezeichnet.
+
+Betrachtet man den eigenthümlichen Bau der amerikanischen Sprachen näher,
+so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete
+Ansicht rührt, daß die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem
+Hebräischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am
+Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hörte ich diesen Gedanken äußern,
+besonders Geistliche, die vom Hebräischen und Baskischen einige
+oberflächliche Kenntniß hatten. Liegen etwa religiöse Rücksichten einer so
+seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas,
+haben etwas leichtgläubige Reisende das Hallelujah der Hebräer singen
+hören, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen
+Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertönen. Ich will
+nicht glauben, daß die Völker des lateinischen Europa Alles hebräisch oder
+baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles,
+was nicht im griechischen oder römischen Styl gehalten war, egyptische
+Denkmäler nannte. Ich glaube vielmehr, daß das grammatische System der
+amerikanischen Sprachen die Missionäre des sechzehnten Jahrhunderts in
+ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Völker der neuen Welt
+bestärkt hat. Einen Beweis hiefür liefert die langweilige Compilation des
+Paters GARCIA: »_Tratad del origen de los indios._« Daß die possessiven
+und persönlichen Fürwörter hinter Substantiven und Zeitwörtern stehen, und
+daß letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthümlichkeiten des
+Hebräischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden
+es nun sehr merkwürdig, daß die amerikanischen Sprachen dieselben Formen
+aufzuweisen haben. Sie wußten nicht, daß die Uebereinstimmung in
+verschiedenen einzelnen Zügen für die gemeinsame Abstammung der Sprachen
+nichts beweist.
+
+Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr
+verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine
+Familienähnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die
+Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente
+auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen
+Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles
+dieß konnte die Täuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen
+es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch
+keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser
+physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und
+dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgängig von einander abweichen.
+*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, wörtlich: wissend nicht
+ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna
+aichi_, er wird nicht tragen, wörtlich: tragend nicht wird seyn;
+_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu;
+_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier;
+_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen;
+_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich
+kehre zurück; _Maypur butkè_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutkè_,
+ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein böser Maypure-Indianer; _aicataje_
+ein böses Weib.
+
+*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, wörtlich: ich liebend ihn bin;
+_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den
+Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen;
+_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges
+kindisches Benehmen.(8)
+
+Diesen Beispielen mögen einige beschreibende Composita folgen, die an die
+Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen
+wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetät des Ausdrucks überraschen.
+*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, wörtlich: Vater (_im-de_) des Honigs
+(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, wörtlich: die Söhne des Fußes; die
+Finger, _amgna-mucuru_, die Söhne der Hand; die Schwämme, _jeje-panari_,
+wörtlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_,
+wörtlich: verästete Wurzeln; die Blätter, _prutpe-jareri_, wörtlich: die
+Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, wörtlich: gerade oder senkrechte
+Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, wörtlich: das Feuer des Donners oder des
+Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, wörtlich: was zum Auge gehört;
+_odotsa_, Getöse der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, wörtlich:
+der lebendige Stein.
+
+Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwörter eine Unzahl Tempora, ein
+doppeltes Präsens, vier Präterita, drei Futura. Diese Häufung ist selbst
+den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des
+Baskischen zählt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des
+Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion
+haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch bloße
+Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren
+sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist
+aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Für sich geben
+diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen.
+Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten
+Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Räderwerk. Man erkennt die
+Künstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es
+ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man könnte sie für
+sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedächte, daß der menschliche
+Geist unverrückt einem einmal erhaltenen Anstoß folgt, daß die Völker nach
+einem ursprünglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen
+erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und daß es Länder gibt, wo
+Sprache, Verfassung, Sitten und Künste seit vielen Jahrhunderten wie
+festgebannt sind.
+
+Die höchste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Völkern
+stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehören. Die
+hauptsächlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein
+natürliches Hinderniß der Culturentwicklung; es geht ihnen großentheils
+die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln
+mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz
+geben. Wir dürfen indessen nicht vergessen, daß ein schon im hohen
+Alterthum hochberühmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer
+Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau
+unwillkürlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein-
+oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder
+Hauptwort angehängt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen,
+haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen für Größe, Neid, Leichtsinn,
+_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit,
+_metrepherpeton_, aus fünf leicht zu unterscheidenden Elementen
+zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes
+(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) böse (_on_). Und
+dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die
+chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an
+einander gerückt sind und sich gar nicht unmittelbar berühren. So viel ist
+gewiß, sind einmal die Völker aus ihrem Schlummer aufgerüttelt und auf die
+Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das
+Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudrücken und Seelenregungen zu
+schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von
+Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen
+Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich übertragen, und
+man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und
+philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere
+Literaturprodukt ins Peruanische übersetzen.
+
+Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der
+Eroberung hat zur natürlichen Folge gehabt, daß nicht wenige amerikanische
+Worte in die spanische Sprache übergegangen sind. Manche dieser Worte
+bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt
+waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung
+(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehören der Sprache der großen
+Antillen au, die früher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hieß.
+Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco
+u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu
+besuchen, hatten sie bereits Worte für die nutzbarsten Gewächse, die auf
+den Antillen, wie auf den Küsten von Cumana und Paria vorkommen. Sie
+behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei,
+durch sie wurden dieselben über ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo
+die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Völkern, die
+von der Existenz der Antillen gar nichts wußten. Manchen Worten, die in
+den spanischen Colonien in täglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen
+mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache,
+_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schürze,
+_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist
+tamanakisch, _Chinchorro_ (Hängematte) und _Tutuma_ (die Frucht der
+_Crescentia Cujete_, oder ein Gefäß für Flüssigkeiten) sind Chaymaswörter.
+
+Ich habe lange bei Betrachtungen über die amerikanischen Sprachen
+verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke
+bespräche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der
+Art sind. Es verhält sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmälern
+halb barbarischer Völker zukommt. Man beschäftigt sich mit ihnen nicht,
+weil sie für sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen können,
+sondern weil die Untersuchung für die Geschichte unseres Geschlechts und
+den Entwicklungsgang unserer Geisteskräfte nicht ohne Belang ist.
+
+Ehe Cortes nach der Landung an der Küste von Mexico seine Schiffe
+verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war
+Europa auf die Länder, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit
+der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man
+die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Dieß fällt
+alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest,
+namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe
+Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen
+Bemerkungen über Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle
+Begeisterung für die großen Entdeckungen eines an außerordentlichen
+Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine nähere Beschreibung der
+Sitten der Völker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier
+(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen
+scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklären, den ich im spanischen
+Amerika häufig habe besprechen hören.
+
+Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die
+Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, daß
+die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten
+Besucher haben am Vorgebirge Paria weiße Menschen mit blonden Haaren
+gesehen? Waren dieß Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und
+ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer
+hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Stämme mit dunklerer
+Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man früher auf der Landenge von
+Panama gefunden? Aber Fälle dieser Mißbildung sind bei der kupferfarbigen
+Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den
+Einwohnern von Paria überhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9)
+beschreiben sie wie Völker germanischen Stammes: sie seyen weiß mit
+blonden Haaren. Ferner sollen sie ähnlich wie Türken gekleidet gewesen
+seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach mündlichen Berichten, die sie
+gesammelt.
+
+Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand
+Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, näher ansehen. Da heißt es
+bloß, »der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria
+und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena
+conversacion_) und weißer gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin
+gesehen.« Damit ist doch wohl nicht gesagt, daß die Pariagotos weiß
+gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kühlen
+Morgen sah der große Mann eine Bestätigung seiner seltsamen Hypothese von
+der unregelmäßigen Krümmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in
+diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in
+der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine
+angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten
+anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit
+den *tartarischen* Völkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des
+breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben.
+
+Gab es aber zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts auf den Küsten von Cumana
+so wenig als jetzt Menschen mit weißlichter Haut, so darf man daraus
+deßhalb nicht schließen, daß bei den Eingeborenen der neuen Welt das
+Hautsystem durchgängig gleichförmig organisirt sey. Wenn man sagt, sie
+seyen alle kupferfarbig, so ist dieß so unrichtig, als wenn man behauptet,
+sie wären nicht so dunkel gefärbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth
+aussetzten oder nicht von der Luft gebräunt würden. Man kann die
+Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur
+einen gehören die Eskimos in Grönland, in Labrador und auf der Nordküste
+der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstraße, der Halbinsel Alaska und
+des Prinz-Williams-Sunds. Der östliche und der westliche Zweig dieser
+Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern
+Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe
+Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich
+sogar, wie in neuerer Zeit außer Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter,
+zu den Bewohnern des nordöstlichen Asiens; denn die Mundart der
+Tschuktschen an der Mündung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die
+Sprache der Eskimos auf der Europa gegenüberliegenden Küste von Amerika.
+Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt
+diese hyperboräische Race nur am Meeresufer. Sie nähren sich von Fischen,
+sind fast durchgängig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind
+lebhaft, beweglich, geschwätzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und
+schwarz; aber (und dieß zeichnet die Race, die ich die
+Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist
+ursprünglich weißlicht. Es ist gewiß, daß die Kinder der Grönländer weiß
+zur Welt kommen; bei manchen erhält sich diese Farbe, und auch bei den
+dunkelsten (den von der Luft am meisten gebräunten) sieht man nicht selten
+das Blut auf den Wangen roth durchschimmern.
+
+Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfaßt alle Völler außer den
+Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluß bis zur Magellanschen Meerenge, von den
+Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und
+Tehuelhets in der südlichen Halbkugel. Die Völker dieses zweiten Zweiges
+sind größer, stärker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen
+hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru,
+in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms,
+im ganzen Strich von Südamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den
+sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei,
+drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Daß die Eingeborenen
+nur von Luft und Sonne gebräunte Weiße seyn möchten, ist einem Spanier in
+Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im
+nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Stämme, bei denen die Kinder weiß
+sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die
+Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Häuptling der Miamis
+Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten
+Körpertheile fast weiß. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und
+nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico
+niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich
+fast beständig in ihren Häusern aufhalten. Westwärts von den Miamis, auf
+der gegenüberliegenden asiatischen Küste, bei den Koluschen und
+Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Mädchen, wenn
+sie angehalten werden sich zu waschen, so weiß wie Europäer. Diese weiße
+Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvölkern in
+Chili zukommen.(11)
+
+Dieß sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr
+verbreiteten Ansicht von der außerordentlichen Gleichförmigkeit der
+Körperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir
+dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu,
+daß die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in
+der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren
+sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstämme zu gruppiren,
+so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschließend zu Werke geht. Wir
+wollten hier darthun, daß, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet,
+mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Stämme vorkommen, bei denen die
+Kinder weiß zur Welt kommen, ohne daß sich, bis zur Zeit der Eroberung
+zurück, darthun ließe, daß sie sich mit Europäern vermischt hätten. Dieser
+Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei
+physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der
+Mexicaner und die weißen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu
+beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heißesten Erdstrich ihr
+Leben lang und bei voller Kraft die weißlichte Hautfarbe der Mestizen
+behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den
+spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen
+unmöglich gemacht.
+
+Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus
+mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Körperbau, als die Farbe. Bei
+den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe
+häufiger als solche nach dem Körperbau. Das Haar der Säugethiere, die
+Federn der Vögel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je
+nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach
+den Hitze- und Kältegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im
+Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen
+guten Beobachtungen geht hervor, daß sich die Hautfarbe wohl beim
+Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen
+Race ändert. Die Eskimos in Grönland und die Lappen sind gebräunt durch
+den Einfluß der Luft, aber ihre Kinder kommen weiß zur Welt. Ob und welche
+Veränderungen die Natur in Zeiträumen hervorbringen mag, gegen welche alle
+geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darüber haben wir nichts zu
+sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt,
+sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Führern hat.
+
+Die Völker mit weißer Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weißen Menschen;
+nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Völker durch die
+übermäßige Sonnengluth geschwärzt oder gebräunt worden. Diese Ansicht, die
+schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch,
+hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was
+Theodectes zweitausend Jahre früher poetisch ausgesprochen: »die Nationen
+tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen.« Wäre die Geschichte
+von schwarzen Völkern geschrieben worden, sie hätten behauptet, was
+neuerdings sogar von Europäern angenommen worden ist, der Mensch sey
+ursprünglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der
+Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen
+gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle
+Färbung in eine hellere übergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind
+Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, beständig
+geworden und haben sich unverändert fortgepflanzt; aber nichts weist
+darauf hin, daß, unter den gegenwärtigen Verhältnissen der menschlichen
+Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe,
+kupferfarbige und weiße, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den
+Einfluß des Klimas, der Nahrung und anderer äußerer Umstände vom
+ursprünglichen Typus bedeutend abweichen.
+
+Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen
+zurückzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen,
+die vier- und fünfmal höher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe
+mich hier vorläufig nur auf das Zeugniß ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah
+die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heißen Küsten von
+Panama, und wiederum in Louisiana, im nördlichen gemäßigten Erdstrich. Er
+hatte den Vortheil, daß er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch
+nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, daß der
+Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so
+broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in
+der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den
+heißen Ufern des Orinoco Indianern mit weißlichter Haut begegnen: _est
+durans originis vis._
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 1 Die Völker, welche die Spanier auf der Küste von Paria antrafen,
+ hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit
+ Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablätter oder
+ Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Küste,
+ nur weiter ostwärts, bei den Guajiros an der Mündung des Rio la
+ Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, führen das Pulver
+ von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als
+ Kapsel dient, am Gürtel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein
+ Handelsartikel, wie früher, nach Gomara, das der Indianer in Paria.
+ In Europa werden die Zähne vom übermäßigen Tabakrauchen gleichfalls
+ gelb und schwarz. Wäre der Schluß richtig, man rauche bei uns, weil
+ man gelbe Zähne schöner finde als weiße?
+
+ 2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4.
+
+ 3 So übertrieben die Griechen bei ihren schönsten Statuen die
+ Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu groß annahmen.
+
+ 4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._
+
+_ 5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heißt ein
+ Spanier, wörtlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier
+ oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen
+ Gegenständen zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum,
+ _jejecne_ Bäume.
+
+ 6 In der Sprache der Incas heißt Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ groß
+ _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, groß _vipulo_.
+ Es sind dieß die einzigen Fälle von Lautähnlichkeit, die man bis
+ jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen
+ völlig verschieden.
+
+ 7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch
+ gebildet, daß man _butkè_ das Ende des Wortes _cujuputkè_, klein,
+ beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_.
+
+ 8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine
+ schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit.
+
+_ 9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis
+ oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi
+ veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara
+ sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Mündung des Flusses
+ Cumana gesehen: »_Las donzellas eran amorosas, desnudas y
+ __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan
+ negros del sol._«
+
+ 10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem
+ Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz für einen
+ Turban angesehen? Daß ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf
+ bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit
+ merkwürdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die
+ Küste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d’Anghiera
+ beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: »_Incolas
+ omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis
+ vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum,
+ insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._« Was soll man
+ aus diesen Völkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel
+ getragen, wie man auf dem Rücken der Anden trägt, und auf einer
+ Küste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen
+ gesehen?
+
+ 11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas
+ am Uruguay glauben, die wie Völker vom Stamme Odins geschildert
+ werden? (Azzara, _Reise._)
+
+ 12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Züge Alexanders scheinen viel
+ dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die große Frage nach dem
+ Einfluß des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden
+ vernommen, daß in Hindostan die Völker im Süden dunkelfarbiger
+ seyen, als im Norden in der Nähe der Gebirge, und sie setzten
+ voraus, daß beide derselben Race angehören.
+
+ 13 »Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den
+ Einfluß von Sonne und Luft dunkler. Ich muß darauf aufmerksam
+ machen, daß weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar
+ verändern, so daß man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und
+ die auf den heißesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen,
+ die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten nördlichen und
+ südlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann.« _Noticias
+ americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden
+ Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwärtig von der
+ Verschiedenheit benachbarter Völker nach Farbe und Gesichtszügen
+ Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des
+ _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem
+ Einfluß des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der
+ gewiß weiß, daß wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts
+ wissen.»Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante
+ originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli
+ corporibus habitum dedit.« _Agricola._ cap. 11
+
+
+
+
+
+ZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewöhnliche
+ Meteore.
+
+
+Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem
+Orinoco und Rio Negro erforderte Zurüstungen aller Art. Wir mußten die
+Instrumente auswählen, die sich auf engen Canoes am leichtesten
+fortbringen ließen; wir mußten uns für eine zehnmonatliche Reise im
+Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Küsten steht, mit Geldmitteln
+versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war,
+so war es mir von großem Belang, daß mir die Beobachtung einer
+Sonnenfinsterniß nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich
+blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schön und heiter
+ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von
+Caracas war für meinen Zweck minder günstig wegen der Dünste, welche die
+nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Länge von Cumana genau bestimmte, so
+hatte ich einen Ausgangspunkt für die chronometrischen Bestimmungen, auf
+die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt,
+um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten.
+
+Fast hätte ein Unfall mich genöthigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben
+oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der
+Sonnenfinsterniß, gingen wir, wie gewöhnlich, am Ufer des Meerbusens, um
+der Kühle zu genießen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an
+diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll beträgt. Es war acht Uhr
+Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war
+bedeckt und bei der Windstille war es unerträglich heiß. Wir gingen über
+den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries.
+Ich hörte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen
+hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Gürtel. Er
+hielt fast über meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten
+keulenförmig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage
+aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging,
+war nicht so glücklich; er hatte den Zambo später bemerkt als ich, und
+erhielt über der Schläfe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir
+waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer
+weiten Ebene an der See. Der Zambo kümmerte sich nicht mehr um mich,
+sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des
+Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeußerste
+erschrocken, da ich meinen Reisegefährten zu Boden stürzen und eine Weile
+bewußtlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der
+Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stürzten auf den Zambo
+zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist,
+oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und
+dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und
+baumartigen Avicennien. Zufällig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunächst
+an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der äußersten Gefahr aus.
+Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen
+Kampfe wären wir sicher verwundet worden, wären nicht biscayische
+Handelsleute, die auf dem Strande Kühlung suchten, uns zu Hülfe gekommen.
+Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang
+wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus
+nachgelaufen, schlüpfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig
+herausholen und ins Gefängniß führen ließ.
+
+Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kräftiger Mann, voll der
+Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem
+Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner
+Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut
+gequetscht und er spürte die Nachwehen mehrere Monate während unseres
+Aufenthaltes in Caracas. Beim Bücken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er
+mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befürchten ließ, daß im
+Schädel etwas ausgetreten seyn möchte. Zum Glück war diese Besorgniß
+ungegründet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden
+nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die rührendste
+Theilnahme. Wir hörten, der Zambo sey aus einem der indianischen Dörfer
+gebürtig, die um den großen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem
+Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem
+Capitän, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Küste
+zurückgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen
+lassen, um die Höhe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns
+auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, daß er, nachdem er einen von
+uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnügen schien? Im
+Verhör waren seine Antworten so verworren und albern, daß wir nicht klug
+aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht
+gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung über die schlechte
+Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns
+eines zu versetzen, nicht widerstehen können, sobald er uns habe
+französisch sprechen hören. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam
+ist, daß die Verhafteten, von denen die Gefängnisse wimmeln, sieben, acht
+Jahre auf ihr Urtheil warten müssen, so hörten wir wenige Tage nach
+unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem
+Schlosse San Antonio entsprungen.
+
+Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am
+28. October um fünf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur
+Beobachtung der Sonnenfinsterniß zu rüsten. Der Himmel war klar und rein.
+Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine
+gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden
+in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schönen
+Tag um so mehr Glück zu wünschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der
+Gewitter, die regelmäßig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
+durch den Meridian in Süd und Südost aufzogen, die Uhren nicht nach
+correspondirenden Höhen hatte richten können. Ein röthlichter Dunst, der
+in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt,
+verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr
+ungewöhnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine
+Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der
+Sonnenfinsterniß vollständig beobachten. Das Ende der Finsterniß war um
+2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniß
+meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna
+und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im
+neunten Jahrgang) veröffentlicht. Dieses Ergebniß wich um nicht weniger
+als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Länge ab, die der Chronometer mir
+ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von
+Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt
+stimmten Sonnenfinsterniß und Chronometer bis auf 10 Secunden überein. Ich
+führe diesen merkwürdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln
+auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen,
+wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstände bei ihren
+einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die
+vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den
+Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle überzeugt,
+hatten mir großes Zutrauen zu Louis Berthoud’s Uhr gegeben, so oft sie
+nicht auf den Maulthieren starken Stößen ausgesetzt war.
+
+Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniß boten sehr auffallende
+atmosphärische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter,
+das heißt in der Jahreszeit des bewölkten Himmels und der kurzen
+Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der
+Nacht ein röthlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten
+einen mehr oder minder dichten Schleier über das blaue Himmelsgewölbe. Der
+Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs größere Feuchtigkeit an, sondern
+ging vielmehr oft von 90° auf 83° zurück. Die Hitze bei Tag war 28--32°,
+also für diesen Strich der heißen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der
+Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die
+Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weiße Wolken im Zenith und
+dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so
+auffallend durchsichtig, daß man noch Sterne der vierten Größe dadurch
+sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, daß es war, als stünde
+die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten
+Streifen, die, wie durch elektrische Abstoßung, in gleichen Abständen
+fortliefen. Es sind dieß dieselben kleinen weißen Dunstmassen, die ich auf
+den Gipfeln der höchsten Anden über mir gesehen, und die in mehreren
+Sprachen *Schäfchen*, _moutons_ heißen. Wenn der röthliche Nebel den
+Himmel leicht überzog, so behielten die Sterne der ersten Größen, die in
+Cumana über 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr
+ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Höhen, wie nach
+einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den
+Hygrometer an der Erdoberfläche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich
+blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen großen
+Theil des Horizonts übersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel
+Anziehendes für mich, bei heiterem Himmel ein großes Sternbild ins Auge zu
+fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstbläschen sich bilden, wie um
+einen Kern anschießen, verschwinden und sich von neuem bilden.
+
+Zwischen dem 28. October und 3. November war der röthlichte Nebel dicker
+als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der
+Thermometer nur auf 26° stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun
+Uhr Abends die Luft abkühlt, ließ sich gar nicht spüren. Die Luft war wie
+in Gluth; der staubigte, ausgedörrte Boden bekam überall Risse. Am
+4. November gegen zwei Uhr Nachmittags hüllten dicke, sehr schwarze Wolken
+die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rückten allmählich bis
+ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an über uns zu donnern, aber ungemein
+hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schläge. Im Moment, wo
+die stärkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten,
+erfolgten zwei Erdstöße, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut
+auf der Straße. Bonpland, der über einen Tisch gebeugt Pflanzen
+untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spürte den Stoß
+sehr stark, obgleich ich in einer Hängematte lag. Die Richtung des Stoßes
+war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Süd. Sklaven,
+die aus einem 18--20 Fuß tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schöpften,
+hörten ein Getöse wie einen starken Kanonenschuß. Das Getöse schien aus
+dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die übrigens
+in allen Ländern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, häufig
+vorkommt.
+
+Einige Minuten vor dem ersten Stoß trat ein heftiger Sturm ein, dem ein
+elektrischer Regen mit großen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die
+Elektricität der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kügelchen
+wichen vier Linien auseinander; die Elektricität wechselte oft zwischen
+positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im nördlichen Europa
+zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm
+folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der
+Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke
+Wolkenschleier zerriß dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne
+erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein
+stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die
+Wolken waren vergoldet und Strahlenbündel in den schönsten
+Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem
+großen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das
+Erdbeben, der Donnerschlag während desselben, der rothe Nebel seit so
+vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniß zugeschrieben.
+
+Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoß, weit schwächer als die
+ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen
+Geräusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewöhnlich, aber
+der Gang der stündlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphärischen H
+Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im
+Moment, wo der Erdstoß eintrat, eben auf dem Minimum der Höhe; es stieg
+wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr
+Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen
+Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der röthlichte Nebel
+so dick, daß ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schönen Hof von
+12 Grad Durchmesser erkennen konnte.
+
+Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana
+durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört worden. Das Volk sieht die
+Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei
+Nacht für sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die
+sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stöße für den andern Tag
+anzeigten. Besonders groß und allgemein wurde die Unruhe, als am
+5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat,
+dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es ließ sich
+kein Stoß spüren. Sturm und Gewitter kamen fünf oder sechs Tage zur selben
+Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die
+Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung
+gemacht, daß scheinbar ganz zufällige atmosphärische Veränderungen
+wochenlang mit erstaunlicher Regelmäßigkeit nach einem gewissen Typus
+eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemäßigten Erdstrich
+vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Häufig sieht
+man nämlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an
+derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung
+fortziehen und sich in derselben Höhe wieder auflösen, bald vor, bald nach
+dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten
+zur selben *wahren Zeit*.
+
+Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um
+so stärkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufällig, von so
+auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine
+wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenförmiger Stoß. Ich hätte
+damals nicht geglaubt, daß ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen
+von Quito und an den Küsten von Peru mich selbst an ziemlich starke
+Bewegungen des Bodens so sehr gewöhnen würde, wie wir in Europa an das
+Donnern gewöhnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran,
+bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebrülle (_bramidos_) das
+immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen
+7--8 Minuten vorher) einen Stoß ankündigte, dessen Stärke nur selten mit
+dem Grad des Getöses im Verhältniß steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner,
+die wissen, daß in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstört worden
+ist, theilt sich bald selbst dem ängstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist
+es nicht so sehr die Besorgniß vor Gefahr, als die eigenthümliche
+Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur
+einen ganz leichten Erdstoß empfindet.
+
+Von Kindheit auf prägen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein;
+das Wasser gilt uns für ein bewegliches Element, die Erde für eine
+unbewegliche, träge Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der täglichen
+Erfahrung und hängen mit allen unsern Sinneseindrücken zusammen. Läßt sich
+ein Erdstoß spüren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir für
+unerschütterlich gehalten, so ist eine langjährige Täuschung in einen
+Augenblick zerstört. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes
+Erwachen; man fühlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine
+scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geräusch, man mißtraut
+zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuß
+gesetzt. Wiederholen sich die Stöße, treten sie mehrere Tage hinter
+einander häufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784
+waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewöhnt, unter ihren Füßen
+donnern zuhören, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch faßt sehr
+schnell wieder Zutrauen, und an den Küsten von Peru gewöhnt man sich am
+Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stöße, die
+das Fahrzeug von den Wellen erhält.
+
+Der röthlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog,
+hatte seit dem 7. November aufgehört. Die Luft war wieder so rein wie
+sonst und das Himmelsgewölbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den
+Klimaten eigen ist, wo die Wärme, das Licht und große Gleichförmigkeit der
+elektrischen Spannung mit einander die vollständigste Auflösung des
+Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum
+achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die
+Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen.
+
+Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstärke der schönen
+Sterne am südlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See
+sorgfältige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie später bei
+meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphären
+fort. Es war über ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den
+Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die
+Sterne nahe am Südpol werden meist so oberflächlich und so wenig anhaltend
+beobachtet, daß in ihrer Lichtstärke und in ihrer eigenen Bewegung die
+größten Veränderungen eintreten können, ohne daß die Astronomen das
+Geringste davon erfahren. Ich glaube Veränderungen der Art in den
+Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach
+einem Mittel aus sehr vielen Schätzungen habe ich die relative Lichtstärke
+der großen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius,
+Canopus, α des Centauren, Achernar, β des Centauren, Fomalhaut, Rigel,
+Procyon, Beteigeuze, ε des großen Hundes, δ des großen Hundes, α des
+Kranichs, α des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich
+anderswo veröffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je
+50--60 Jahren Reisende die Lichtstärke der Sterne von Neuem beobachten und
+darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgängen an der Oberfläche der
+Himmelskörper oder von ihrem veränderten Abstand von unserem
+Planetensystem herrühren.
+
+Hat man in unsern nördlichen Himmelsstrichen und in der heißen Zone lange
+mit denselben Fernröhren beobachtet, so ist man überrascht, wie deutlich
+in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren
+Schwächung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und
+gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man
+bessere Instrumente unter den Händen zu haben, so viel deutlicher, so viel
+schärfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstände unter den Tropen. So viel
+ist sicher, wird einst Südamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten
+Cultur, so muß die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen,
+sobald man einmal anfängt im trockenen, heißen Klima von Cumana, Coro und
+der Insel Margarita den Himmel mit vorzüglichen Werkzeugen zu beobachten.
+Des Rückens der Cordilleren erwähne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich
+dürre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus,
+auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der
+Meeresfläche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veränderlich ist.
+Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit
+fast beständig vorkommt, bietet vollen Ersatz für die hohe Lage und die
+verdünnte Luft auf den Plateaus.
+
+Die Nacht vom 11. zum 12. November war kühl und ausnehmend schön. Gegen
+Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost höchst merkwürdige
+Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kühle
+zu genießen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und
+Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung
+war sehr regelmäßig von Nord nach Süd; sie füllten ein Stück des Himmels,
+das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Süd reichte. Auf einer
+Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost über den
+Horizont aufsteigen, größere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem
+sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Süd niederfallen.
+Manche stiegen 40 Grad hoch, alle höher als 25--30 Grad. Der Wind war in
+der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war
+keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der
+Erscheinung kein Stück am Himmel so groß als drei Monddurchmesser, das
+nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt hätte.
+Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Größen
+sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmöglich
+eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore ließen 8--10 Grad lange Lichtstreifen
+hinter sich zurück, was zwischen den Wendekreisen häufig vorkommt. Die
+Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche
+Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Größe der
+Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die
+Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die größten, von
+1--1° 13′ Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und ließen
+leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_‘trabes’_) hinter sich. Das
+Licht der Meteore war weiß, nicht röthlicht, wahrscheinlich weil die Luft
+ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter
+den Tropen die Sterne erster Größe beim Aufgehen ein auffallend weißeres
+Licht als in Europa.
+
+Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor
+vier Uhr aus den Häusern gehen, um die Frühmesse zu hören. Der Anblick der
+Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgültig; die ältesten erinnerten
+sich, daß dem großen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz ähnliches Phänomen
+vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf
+den Beinen; sie behaupteten, »das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts
+begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurückgekommen, haben sie
+schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen.« Sie
+versicherten zugleich, auf dieser Küste seyen nach zwei Uhr Morgens
+Feuermeteore sehr selten.
+
+Von vier Uhr an hörte die Erscheinung allmählich auf; Feuerkugeln und
+Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine
+Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weißen Licht und dem
+raschen Hinfahren erkennen. Dieß erscheint nicht so auffallend, wenn ich
+daran erinnere, daß im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das
+Innere der Häuser durch einen ungeheuer großen Meteorstein stark
+erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein
+über die Stadt weg. Am 26. September 1800, während unseres zweiten
+Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die
+Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich
+die Sonnenscheibe über den Horizont erhoben, den Planeten mit bloßem Auge
+deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewölk, aber Jupiter stand
+auf blauem Grunde. Diese Fälle beweisen, wie rein und durchsichtig die
+Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist
+desto kleiner, je vollständiger der Wasserdunst aufgelöst ist. Dieselbe
+Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert
+auch die Schwächung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom
+Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht.
+
+Der 12. November war wieder ein sehr heißer Tag und der Hygrometer zeigte
+eine für dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der
+röthlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch
+herauf. Es war das letztemal, daß man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke
+hier, daß derselbe unter dem schönen Himmel von Cumana im Allgemeinen so
+selten ist, als er in Acapulco auf der Westküste von Mexico häufig
+vorkommt.
+
+Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen
+auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so
+versäumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns
+überall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden
+seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner größtentheils im Freien
+schlafen, konnte eine so außerordentliche Erscheinung nur da unbemerkt
+bleiben, wo sie sich durch bewölkten Himmel der Beobachtung entzog. Der
+Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen
+der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Fällen des Orinoco und
+in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das
+Himmelsgewölbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen südwestlich von
+Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phänomen mit einem schönen
+Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewährt. Einige Geistliche
+hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben
+nach den nächsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der
+Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Höhe. Nach der Lage der Berge
+und dichten Wälder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das
+kleine Dorf Maroa liegen, mögen die Feuerkugeln noch 20 Grad über dem
+Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Südende von spanisch Guyana, im kleinen
+Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos
+Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in
+diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel
+das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14)
+
+Ich wunderte mich sehr über die ungeheure Höhe, in der die Feuerkugeln
+gestanden haben mußten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze
+von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie
+staunte ich aber, als ich bei meiner Rückkehr nach Europa erfuhr, die
+selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Längegrade großen Stück
+des Erdballs, unter dem Aequator, in Südamerika, in Labrador und in
+Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach
+Bordeaux fand ich zufällig in den Verhandlungen der pennsylvanischen
+Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten
+Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder
+nach Berlin ging, auf der Göttinger Bibliothek den Bericht der mährischen
+Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die
+Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana,
+die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben
+Gegenstand betreffen.
+
+Ich gebe im Folgenden eine gedrängte Zusammenstellung der Beobachtungen:
+1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad über
+dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10° 27′ 52″,
+Länge 66° 30′), in Porto-Cabello (Breite 10° 6′ 52″, Länge 67° 5′) und an
+der Grenze von Brasilien in der Nähe des Aequators unter 70° der Länge vom
+Pariser Meridian. 2) In französisch Guyana (Breite 40° 56′, Länge 54° 35′)
+»sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden
+lang schossen unzählige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten
+ein so starkes Licht, daß man die Meteore mit den sprühenden Funkengarben
+bei einem Feuerwerk vergleichen konnte.« Für diese Thatsache liegt ein
+höchst achtungswerthes Zeugniß vor, das des Grafen Marbois, der damals als
+ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhänglichkeit an
+verfassungsmäßige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der
+Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er
+trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet
+hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und
+81° 50′ der Länge. Er sah am ganzen Himmel »so viel Meteore als Sterne;
+sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht
+niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff
+herabkommen.« Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30° 43′
+der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56° 55′) und
+Hoffenthal (Breite 58°,4′), in Grönland zu Lichtenau (Breite 61° 5′) und
+Neu-Herrnhut (Breite 64° 14′, Länge 52° 20′) erschraken die Eskimos über
+die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Dämmerung nach allen
+Himmelsgegenden niederfielen, »und von denen manche einen Schuh breit
+waren.« 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstädt bei Weimar,
+Zeising (Breite 50° 59′, östliche Länge 9° 1′), am 12. November zwischen 6
+und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige
+Sternschnuppen mit sehr weißem Licht. »Kurz darauf erschienen gegen Süd
+und Südwest 4--6 Fuß lange, röthliche Lichtstreifen, ähnlich denen einer
+Rakete. In der Morgendämmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu
+Zeit den Himmel durch weißlichte, in Schlangenlinien am Horizont
+hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kälter geworden
+und der Barometer war gestiegen.« Sehr wahrscheinlich hätte das Meteor
+noch weiter ostwärts in Polen und Rußland gesehen werden können. Ohne die
+umständliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstädt
+entnommen, hätten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen außerhalb der
+Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden.
+
+Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach
+Herrnhut in Grönland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen
+Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt dieß für dieselben eine
+Höhe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen
+gegen Süd und Südwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man könnte
+deßhalb glauben, zahllose Aerolithen müßten zwischen Afrika und Südamerika
+westwärts von den Inseln des grünen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn.
+Wie kommt es aber, daß die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana
+verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen
+wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer
+Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten
+angestellten Beobachtungen fehlt. Ich möchte fast glauben, daß die Chaymas
+in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen
+in Brasilien und die Missionäre in Labrador; immer aber bleibt es
+unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir höchst merkwürdig), daß in
+der neuen Welt zwischen 46° und 82° der Länge, vom Aequator bis zu 64° der
+Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und
+Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flächenraum von 921,000
+Quadratmeilen erschienen die Meteore überall gleich glänzend.
+
+Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit über die
+Sternschnuppen und ihre Parallaxen so mühsame Untersuchungen angestellt
+haben, betrachten sie als Meteore, die der äußersten Grenze unseres
+Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der
+leichtesten Wolken(15) angehören. Es sind welche beobachtet worden, die
+nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die höchsten scheinen
+nicht über 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben häufig über 100 Fuß
+Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, daß sie in wenigen
+Secunden zwei Meilen zurücklegen. Man hat welche gemessen, die fast
+senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen.
+Aus diesem sehr merkwürdigen Umstand hat man geschlossen, daß die
+Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich
+Himmelskörpern durch den Raum gezogen, sich entzünden, wenn sie zufällig
+in unsere Atmosphäre gerathen, und zur Erde fallen.
+
+Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben mögen, so hält es
+schwer, sich in einer Region, wo die Luft verdünnter ist als im luftleeren
+Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Höhe) das Quecksilber im
+Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stünde, sich eine plötzliche Entzündung
+zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichförmige Gemisch
+der atmosphärischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Höhe, folglich nicht über
+die höchste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man könnte annehmen,
+bei den frühesten Umwälzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt
+ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die
+Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen
+von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, daß eine oberste, von
+den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die
+gasförmigen Körper mischen sich und durchdringen einander bei der
+geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte hätte sich ein
+gleichförmiges Gemisch herstellen müssen, wenn man nicht eine abstoßende
+Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Körper
+etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugänglichen Regionen
+der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts
+eigenthümliche luftförmige Flüssigkeiten an, wie will man es erklären, daß
+sich nicht die ganze Schicht dieser Flüssigkeiten zumal entzündet, daß
+vielmehr Gasausströmungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen?
+Wie soll man sich ohne die Bildung von Dünsten, die einer ungleichen
+Ladung fähig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer
+Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250° unter Null beträgt, und
+die so verdünnt ist, daß die Compression durch den elektrischen Schlag so
+gut wie keine Wärme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten würden
+großentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in
+der sie sich bewegen, als Körper mit festem Kern, als *kosmische* (dem
+Himmelsraum außerhalb unseres Luftkreises angehörige), nicht als
+*tellurische* (nur unserem Planeten angehörige) Erscheinungen betrachten
+könnte.
+
+Hatten die Meteore in Cumana nur die Höhe, in der sich die Sternschnuppen
+gewöhnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310
+Meilen aus einander liegen, über dem Horizont gesehen werden. Wie
+außerordentlich muß nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen
+die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden
+lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am
+Aequator, in Grönland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht
+die scharfsinnige Bemerkung, daß dieselbe Ursache, aus der das Phänomen
+häufiger eintritt, auch auf die Größe der Meteore und ihre Lichtstärke
+Einfluß äußert. In Europa sieht man in den Nächten, in denen am meisten
+Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz
+kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch
+interessanter. In manchen Monaten zählte Brandes in unserem gemäßigten
+Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die
+Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter,
+so kann man sicher darauf rechnen, daß hinter diesem glänzenden Meteor
+viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so
+ist es höchst wahrscheinlich, daß dieß mehrere Wochen anhält. In den hohen
+Luftregionen, an der äußersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere
+sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur
+Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten.
+Hängt die Periodicität dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der
+Atmosphäre ab, oder von etwas, das der Atmosphäre von auswärts zukommt,
+während die Erde in der Ekliptik fortrückt? Von alle dem wissen wir gerade
+so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras.
+
+Was die Sternschnuppen für sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner
+eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen häufiger zu seyn als in
+gemäßigten Landstrichen, über den Festländern und an gewissen Küsten
+häufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberfläche des
+Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der
+Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich
+ändert, ihre Einflüsse noch in Höhen äußern, wo ewiger Winter herrscht?
+Daß in gewissen Jahreszeiten und über manchen dürren, pflanzenlosen Ebenen
+der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf
+hinzudeuten, daß dieser Einfluß sich wenigstens bis zur Höhe von 5--600
+Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der
+Hochebene der Anden ist vor dreißig Jahren eine ähnliche Erscheinung wie
+die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an
+Einem Stück des Himmels, über dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in
+solcher Menge aufsteigen, daß man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer.
+Dieses außerordentliche Schauspiel dauerte über eine Stunde; das Volk lief
+auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die
+höchsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe
+vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, daß das
+Feuer am Horizont von Feuermeteoren herrührte, die bis zur Höhe von 12 bis
+15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schoßen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der südlichen Halbkugel in
+ Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen
+ hätte. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphäre, der in diesen
+ westlichen Ländern sehr veränderlich ist, daran Schuld.
+
+ 15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Rücken der Anden in mehr als 2700
+ Toisen Meereshöhe über die *Schäfchen* oder kleinen weißen,
+ gekräuselten Wolken schätzte ich die Höhe derselben zuweilen auf
+ mehr als [] Toisen über der Küste.
+
+
+
+
+
+ELFTES KAPITEL.
+
+
+ Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das
+ Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas.
+
+
+Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um längs der
+Küste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die
+Einwohner von Venezuela den größten Theil ihrer Produkte ausführen. Es
+sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt währt meist nur 36--40 Stunden. Den
+kleinen Küstenfahrzeugen kommen Wind und Strömungen zumal zu gut; letztere
+streichen mehr oder minder stark von Ost nach West längs den Küsten von
+Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa.
+Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so
+ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit
+allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsblöcke und
+einer wuchernden Vegetation zu kämpfen; man muß unter freiem Himmel
+schlafen, die Thäler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und über Ströme
+setzen, die wegen der Nähe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen
+Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende läuft, weil das Land sehr
+ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Küstenkette und dem
+Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die
+von einem ungeheuren Gehölz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus
+umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem dürren Boden
+und dem Mangel an Regen.
+
+Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas
+nach Cumana zurückgeht und nicht gerne gegen die Strömung fährt. Der
+Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen häufig Leute, die
+sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen
+Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel
+gegen diese Fieber ist, wächst in denselben Thälern, am Saume derselben
+Wälder, deren Ausdünstungen so gefährlich sind. Der kranke Reisende macht
+Halt in einer Hütte, deren Bewohner nichts davon wissen, daß die Bäume,
+welche die Thalgründe umher beschatten, das Fieber vertreiben.
+
+Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir
+wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort über die
+großen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen
+ungeheuren Strom südlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur
+Grenze von Brasilien hinauffahren und über die Hauptstadt des spanischen
+Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpaß geheißen,
+nach Cumana zurückkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen,
+wovon wir über zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen würden,
+ließ sich unmöglich bestimmen. Auf den Küsten kennt man nur das Stück des
+Orinoco nahe an seiner Mündung; mit den Missionen besteht lediglich kein
+Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist für die Einwohner von
+Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen
+bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Süd
+fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in
+Verbindung; andere halten wegen der großen Sterblichkeit unter den Truppen
+Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land südlich von
+den Katarakten von Amtes für äußerst ungesund. In einem Lande, wo man so
+wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenüber die
+Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu
+übertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten
+mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht
+gewöhnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefaßten Entschlusse fest. Wir
+konnten auf die Theilnahme und Unterstützung des Statthalters der Provinz,
+Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der
+Franziscanermönche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen
+Herren sind.
+
+Zum Glück für uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in
+Cumana. Dieser junge Mönch war nur ein Laienbruder, aber sehr verständig,
+gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Küste
+hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen
+von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer große Aufregung
+herrscht, das Mißfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei übte
+eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen
+konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern
+Orinoco, berüchtigt durch die Unzahl bösartiger Insekten, welche Jahr aus
+Jahr ein die Luft erfüllen. Fray Juan Gonzales war mit den Wäldern
+zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt.
+Eine andere Umwälzung im republikanischen Regiment der Mönche hatte ihn
+seit einigen Jahren wieder an die Küste gebracht und er stand bei seinen
+Obern in verdienter Achtung. Er bestärkte uns in unserem Verlangen, die
+vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns
+guten Rath für die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er
+selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnügen auf
+der Rückreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder
+anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte,
+übernahm er es gefällig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und
+unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen
+gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der
+uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines
+Ordens große Dienste hätte leisten können, kam im Jahr 1801 in einem Sturm
+an der afrikanischen Küste ums Leben.
+
+Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von
+denen, die zum Handel an den Küsten und mit den Antillen gebraucht werden.
+Sie sind dreißig Fuß lang und haben nicht mehr als drei Fuß Bord über
+Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewöhnlich 200 bis 250 Centner.
+Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie
+ein ungeheures dreieckiges Segel führen, was bei den Windstößen, die aus
+den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit
+dreißig Jahren kein Beispiel, daß eines dieser Fahrzeuge auf der
+Ueberfahrt von Cumana an die Küste von Caracas gesunken wäre. Die
+indianischen Schiffer sind so gewandt, daß selbst bei ihren häufigen
+Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den dänischen Inseln, die mit
+Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehört. Diese
+120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Küste mehr
+sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne
+Beobachtung der Sonnenhöhe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compaß
+unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem
+Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er
+voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom
+Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen
+und des großen Bären zu finden wußten, und es kam mir vor, als steuerten
+sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man
+wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel
+Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der
+Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so glücklich. Wenn sich
+die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande nähern, kommen sie gegen Ost gegen
+Wind und Strömung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die
+Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des
+Octanten schwer zu büßen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen,
+welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen,
+in Sicht bekommen müssen, um ihres Weges gewiß zu seyn.
+
+Wir fuhren rasch den kleinen Fluß Manzanares hinab, dessen Krümmungen
+Cocosbäume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf
+dem anstoßenden dürren Strande schimmerten auf den Dornbüschen, die bei
+Tag nur staubigte Blätter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend
+Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man
+wird unter den Tropen des Schauspiels nicht müde, wenn diese hin und her
+zuckenden röthlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre
+Bilder und die der Sterne am Himmelsgewölbe unter einander wimmeln.
+
+Wir schieden vom Küstenlande von Cumana, als hätten wir lange da gelebt.
+Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach
+dem ich mich seit meiner frühesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der
+Natur im indischen Klima ist so mächtig und großartig, daß man schon nach
+wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In
+Europa hat der Nordländer und der Bewohner der Niederung selbst nach
+kurzem Besuch eine ähnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von
+der köstlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von
+der wilden, großartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenäen scheidet.
+Ueberall in der gemäßigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt
+nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens
+haben Familienähnlichkeit mit denen, die unter dem schönen Himmel
+Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den
+Tiefländern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur.
+Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa
+mahnt; denn von der Vegetation hängt der Charakter einer Landschaft ab;
+sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast
+zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und mächtiger
+die Eindrücke sind, desto mehr löschen sie frühere Eindrücke aus, und
+durch die Stärke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich
+auf alle, die mit mehr Sinn für die Schönheiten der Natur als für die
+Reize des geselligen Lebens lange in der heißen Zone gelebt haben. Das
+erste Land, das ihr Fuß betreten, wie theuer und denkwürdig bleibt es
+ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins höchste Alter, regt sich in ihnen
+ein dunkles Sehnsuchtsgefühl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein
+staubigter Boden stehen noch jetzt weit öfter vor meinem inneren Auge als
+alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schönen südlichen Himmel wird
+selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die
+Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht
+allein, sie färbt die Gegenstände, sie umgibt sie mit einem leichten Duft,
+der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben
+harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und über die Natur eine Ruhe
+ausgießt, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen
+Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kärglich bewaldeter
+Küstenstriche zu begreifen, bedenke man nur, daß von Neapel dem Aequator
+zu der Himmel in dem Verhältniß immer schöner wird, wie von der Provence
+nach Unteritalien.
+
+Wir liefen während der Fluth über die Barre, welche der kleine Manzanares
+an seiner Mündung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die
+Gewässer des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen,
+aber der Theil der Milchstraße zwischen den Füßen des Centauren und dem
+Sternbild des Schützen schien einen Silberschimmer auf die Meeresfläche zu
+werfen. Der weiße Fels, auf dem das Schloß San Antonio steht, tauchte
+zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht
+lange, so erkannten wir die Küste nur noch an den zerstreuten Lichtern
+fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und
+das schmerzliche Gefühl, scheiden zu müssen. Vor fünf Monaten hatten wir
+dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der
+ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit
+Zagen den Fuß setzend. Jetzt, da diese Küste unsern Blicken entschwand,
+lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt dünkten. Boden,
+Gebirgsart, Gewächse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden.
+
+Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel
+Araya zuhielten; dann fuhren wir dreißig Meilen nach West und
+West-Süd-West. In der Nähe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und
+bis zu den Bergölquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein
+belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in
+diesem Klima so häufig bietet. Schwärme von Tummlern zogen unserem
+Fahrzeug nach. Ihrer fünfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand
+von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf
+die Wasserfläche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war,
+als bräche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm ließ beim
+Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurück. Dieß fiel
+uns um so mehr auf, da außerdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag
+eines Ruders und der Stoß des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken
+gaben, so muß man wohl annehmen, daß der starke Lichtschein, der von den
+Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herrührte, sondern
+auch von der gallertartigen Materie, die ihren Körper überzieht und vom
+Stoß der Wellen abgerieben wird.
+
+Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie
+Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und
+Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerklüfteten,
+kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera
+bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land.
+Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Trümmer der
+alten Küste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West
+lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die
+sicher eines Tages stark besuchte Häfen werden. Das zerrissene Land, die
+zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine große
+Umwälzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge
+gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom
+Gneiß des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht
+man in Cumana von den flachen Dächern, und dort zeigen sich an ihnen in
+Folge der verschiedenen Temperatur der über einander gelagerten
+Luftschichten die sonderbarsten Verrückungen und Luftspiegelungen. Diese
+Felsen sind schwerlich über 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht
+scheinen sie von sehr bedeutender Höhe.
+
+Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heißen, so weit von der Stadt
+dieses Namens, der Küste der Cumanagotos gegenüber zu finden; aber Caracas
+bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen
+Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe
+hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale
+Wasserfäden in der Strömung auf Boracha zu, das größte der Eilande. Da die
+Felsen fast senkrecht aufsteigen, so fällt der Meeresgrund steil ab und
+auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, daß
+sie beinahe ans Land stießen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen,
+seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein
+erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Wärme durch
+Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne über den Horizont stieg,
+desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die
+Meeresfläche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur
+in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese
+Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde,
+braune, sehr große, schnellfüßige Ziegen mit -- wie unser Steuermann
+versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreißig Jahren hatte
+sich eine weiße Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc
+gebaut. Der Vater überlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein
+Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und dieß ward
+sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen
+verwilderten, nicht so die Kulturgewächse. Der Mais in Amerika, wie der
+Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu
+erhalten, an den sie seit seinen frühesten Wanderungen gekettet sind. Wohl
+wachsen diese nährenden Gräser hin und wieder aus verstreuten Samen auf;
+wenn sie sich aber selbst überlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die
+Vögel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas
+entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; für ein an so einsamem Ort
+begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser
+Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen
+angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach
+dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, daß er alle
+Verhafteten aufknüpfte, gegen die längst das Todesurtheil gefällt war. Man
+sollte kaum glauben, daß es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr
+Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Händen diejenigen
+abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben.
+
+Wir verließen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knüpfen, und
+ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Mündung
+des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen
+Inipiricuar lautet. Der Fluß wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis
+auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehören zu
+der Art, die im Orinoco so häufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so
+sehr gleicht, daß man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht
+ein, daß ein Thier, dessen Körper in einer Art Panzer steckt, für die
+Schärfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta
+sah, wie er in seinem kürzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzählt,
+auf der Küste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am
+Lande leben. Diese Beobachtungen werden für die Geologie von Bedeutung,
+seit man in dieser Wissenschaft die Süßwasserbildungen näher ins Auge
+faßt, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See-
+und Süßwasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen.
+
+Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt
+seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden
+größtentheils die Produkte der weiten Steppen ausgeführt, die sich vom
+Südabhang der Küstenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind
+an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die
+Handelsindustrie dieser Länder gründet sich auf den Bedarf der großen und
+kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden.
+Da die Küsten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von
+15--18 Tagereisen gegenüber liegen, so beziehen die Handelsleute in der
+Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona,
+als daß sie das Wagniß einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur
+Mündung des Rio de la Plata übernähmen. Von der schwarzen Bevölkerung von
+1,300,000 Köpfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zählt, kommen
+auf Cuba allein über 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemüßen,
+gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das
+gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma führt, ladet 20 bis
+30,000 Arobas, deren Handelswerth über 45,000 Piaster beträgt. Barcelona
+ist besonders für den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei
+Tagen aus den Llanos in den Hafen, während sie wegen der Gebirgskette des
+Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den
+Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und
+1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere
+nach den spanischen, englischen und französischen Inseln eingeschifft. Wie
+viele aus Burburata, Coro und aus den Mündungen des Guarapiche und Orinoco
+ausgeführt werden, weiß ich nicht genau; aber trotz der Einflüsse, durch
+welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas
+herabgebracht worden ist, müssen, nach meiner Schätzung, diese
+unermeßlichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jährlich in
+den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster
+(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen
+3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De
+Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt
+kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da
+er als Agent der französischen Regierung sich fortwährend in der Stadt
+Caracas aufhalten mußte, so mögen die Besitzer der *Hatos* bei den
+Schätzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben.
+
+Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines
+Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen über dem Meere liegt. Es
+ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Süd von einem
+weit höheren Berge beherrscht, und Sachverständige behaupten, es könnte
+dem Feind, nachdem er zwischen der Mündung des Flusses und dem Morro
+gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden
+Höhen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht über
+die englischen Kreuzer, die längs der Küsten stationirt waren. Zwei
+unserer Reisegefährten, Brüder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus
+Spanien, wo sie in der königlichen Garde gedient hatten. Es waren sehr
+gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem
+Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurück.
+Ihnen mußte noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica
+geführt zu werden. Ich hatte keine Pässe von der Admiralität; aber im
+Vertrauen auf den Schutz, den die großbritannische Regierung Reisenden
+gewährt, die bloß wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich
+nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad
+geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Ländern suchte. Die
+Antwort, die mir über den Meerbusen von Paria zukam, war sehr
+befriedigend.
+
+Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich
+Mondshöhen auf, um die Länge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von
+Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr
+viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden
+aus einander. Ich habe mich über diese Entfernung, über die damals viele
+Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der
+Magnetnadel fand ich gleich 42°,20; 224 Schwingungen gaben die Intensität
+der magnetischen Kraft an.
+
+Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und
+zieht sich gegen Süden zurück; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei
+Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser
+25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberfläche war 25°,9,
+als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu
+mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24°,5. Der
+Unterschied zeigte sich beständig; er wäre vielleicht bedeutender, wenn
+die Strömung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbrächte,
+und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhöhung der
+Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Bänken, die bei
+der Ebbe über Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll über den
+mittleren Wasserstand. Ihre Oberfläche ist völlig eben und mit Gras
+bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben.
+Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball über der
+Grasflur zu hängen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen
+beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte.
+Wenn aber auch in der heißen Zone an tiefen, feuchten Orten Gräser und
+Riedgräser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem
+Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen,
+die nur eben über die Gräser emporragen und sich vom ebenen grünen Grunde
+abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den
+Tropen ein solcher Trieb in den Gewächsen, daß die kleinsten
+dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Sträuchern werden. Man könnte sagen,
+die Liliengewächse, die unter den Gräsern wachsen, vertreten unsere
+Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie
+nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut
+aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhältniß
+nicht aufkommen, das zwischen den Gewächsen besteht, die bei uns den Rasen
+und die Wiese bilden. Die gütige Natur verleiht unter allen Zonen der
+Landschaft einen ihr eigenthümlichen Reiz des Schönen.
+
+Man darf sich nicht wundern, daß fruchtbare Inseln so nahe der Küste
+gegenwärtig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die
+Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Küsten waren,
+gründeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald
+die Eingeborenen unterworfen oder südwärts den Savanen zu gedrängt waren,
+ließ man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter
+Ländereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Lägen
+die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel
+der Antillen, so wären sie nicht unangebaut geblieben.
+
+Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der
+südlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre
+Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren,
+sehr gefürchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der
+Mündung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still
+gewesen, immer unruhiger, je näher wir Cap Codera kamen. Der Einfluß
+dieses großen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen
+weithin fühlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra hängt
+davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt.
+Jenseits dieses Caps ist die See beständig so unruhig, daß man nicht mehr
+an der Küste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum
+Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stürmen weiß. Der Stoß der Wellen
+wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefährten litten
+sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glück,
+nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht über. Bei Sonnenaufgang am
+20. November waren wir so weit, daß wir hoffen konnten das Cap in wenigen
+Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra
+zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort
+vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im
+kleinen Hafen Higuerote, über den wir schon hinaus waren, vor Anker zu
+gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man
+Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiß man zum voraus,
+wofür sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man mußte nachgeben,
+und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in
+der Bucht von Higuerote, westwärts von der Mündung des Rio Capaya.
+
+Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen
+Fischern, Mestizen, bewohnte Hütten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die
+auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, daß diese Gegend eine der
+ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Küste
+ist. Die See ist hier so seicht, daß man in der kleinsten Barke nicht
+landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Wälder ziehen sich bis
+zum Strande herunter, und diesen überzieht ein dichtes Buschwerk von
+sogenannten Wurzelträgern, Avicennien, Manschenillbäumen und der neuen Art
+der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _‘Romero de la mar’_ heißt.
+Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausdünstungen der Wurzelträger oder
+Manglebäume, schreibt man es hier, wie überall in beiden Indien, zu, daß
+die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein
+fader, süßlicher Geruch entgegen, ähnlich dem, den in verlassenen
+Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verlöschen anfangen, das mit Schimmel
+überzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in
+Folge der Reverberation des weißen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk
+und den hochgipfligten Waldbäumen hinzog. Da der Boden einen ganz
+unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier
+sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebäume bald
+unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse
+Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten
+Blätter und die im angeschwemmten Seetang hängenden Weichthiere gleichsam
+in Gährung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schädlichen Gase,
+die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Küste zeigt
+das Seewasser da, wo es mit den Manglebäumen in Berührung kommt, eine
+braungelbe Färbung.
+
+Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein
+ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in
+Caracas mit dem Aufguß des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der
+Aufguß mit heißem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden
+Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die
+Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den
+natürlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben
+Eigenschaften. Der Aufguß des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwölf
+Tage lang mit atmosphärischer Luft in Berührung gebracht; die Reinheit
+derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein
+kleiner flockigter, schwärzlichter Bodensatz, aber eine merkbare
+Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des
+Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei
+nachahmen, was in der Natur auf der Küste bei steigender Fluth täglich
+vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen
+ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff
+und Kohlensäure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an.
+Endlich ließ ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stöpsel eine bestimmte
+Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphärische Luft einwirken.
+Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch
+kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur
+0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem
+absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch flüchtigen
+Untersuchung war ich der Ansicht, daß die Luft in den Manglegebüschen
+durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark
+gelb gefärbte Schichte Seewasser, die längs der Küste einen deutlichen
+Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie,
+auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche
+Reisende den eigenthümlichen Geruch unter den Manglebäumen zuschreiben.
+Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren
+Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen
+Strand- und Seegewächsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff
+entbunden; ich glaube aber vielmehr, daß Rhizophora, Avicennia und
+Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den
+sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Sträucher gehören zu den drei
+natürlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die
+reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, daß
+dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nußbäume mit
+Gallerte verbunden ist.
+
+Uebrigens würde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schädliche
+Ausdünstungen Verbreiten, wenn es auch aus Bäumen bestände, die an sich
+keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo
+Manglebäume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und
+Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und
+im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter über dem Wasser
+steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften
+sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Stämme, der
+Tang, den Wind und Fluth an die Küsten treiben, bleibt an den sich zum
+Boden niederneigenden Zweigen hängen. Auf diese Weise, indem sich der
+Schlamm zwischen den Wurzeln anhäuft, wird durch die Küstenwälder das
+feste Land allgemach vergrößert; aber während sie so der See Boden
+abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maaß, als sie
+vorrücken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebäume und die andern
+Gewächse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden
+trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit
+Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Stämme bezeichnen nach
+Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die
+Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen.
+
+Die Bucht von Higuerote ist sehr günstig gelegen, um das Vorgebirge
+Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem
+daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch
+seine Höhe, die mir nach Höhenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht
+über 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West fällt es steil
+ab, und man meint an diesen großen Profilen die fallenden Schichten zu
+unterscheiden. Die Schichten zunächst bei der Bucht strichen Nord 60° West
+und fielen unter 80° nach Nordwest. Am großen Berge Silla und östlich von
+Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben,
+und daraus scheint hervorzugehen, daß die Urgebirgskette dieser Landenge,
+die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez
+und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera
+wieder auftritt und gegen West als Küstenkette fortstreicht.
+
+Meinen Reisegefährten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern
+unseres kleinen Schiffes so bange, daß sie beschlossen, den Landweg von
+Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe führt durch ein wildes,
+feuchtes Land, durch die Montana de Capaja nördlich von Caucagua, durch
+das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, daß auch
+Bonpland diesen Weg wählte, auf dem er trotz des beständigen Regens und
+der ausgetretenen Flüsse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst
+ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir
+zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus
+den Augen zu lassen.
+
+Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr
+günstig und wir hatten viele Mühe, um Cap Codera herum zu kommen; die
+Wellen waren kurz und brachen sich häufig in einander; es gehörte die
+Erschöpfung durch einen furchtbar heißen Tag dazu, um in einem kleinen,
+dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu können. Die See ging um so
+höher, als der Wind bis nach Mitternacht der Strömung entgegen blies. Der
+zwischen den Wendekreisen überall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen
+ist an diesen Küsten nur während zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu
+spüren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor,
+daß die Strömung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon
+öfter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die
+Strömung, die von West nach Ost ging, nicht bewältigen, obgleich sie den
+Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmäßigkeiten ist bis
+jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stürmen aus Nordwest im
+Golf von Mexico zu, aber diese Stürme sind im Frühjahr weit stärker als im
+Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, daß die Strömung nach Osten geht,
+bevor der Seewind sich ändert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach
+einigen Tagen geht auch der Wind der Strömung nach und bläst beständig aus
+West. Während dieser Vorgänge bleiben die kleinen Schwankungen des
+Barometers auf und ab in ihrer Regelmäßigleit durchaus ungestört.
+
+Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwärts vom Cap
+Codera dem Curuao gegenüber. Der indianische Steuermann erschrack nicht
+wenig, als sich nordwärts in der Entfernung einer Seemeile eine englische
+Fregatte blicken ließ. Sie hielt uns wahrscheinlich für eines der
+Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles
+organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete
+Lizenzscheine führten. Sie ließ uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen
+schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Küste felsigt und
+sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und
+malerisch. Wir waren so nahe am Land, daß wir die zerstreuten von
+Cocospalmen umgebenen Hütten unterschieden und die Massen von Grün sich
+vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge
+drei, viertausend Fuß hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite
+Schlagschatten über das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und
+geschmückt mit frischem Grün daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen
+großentheils die tropischen Früchte, die man auf den Märkten von Caracas
+in so großer Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich
+mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thäler hinauf, die
+Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne
+fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und
+Schatten.
+
+Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die höchsten Gipfel dieser
+Küstenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenäen; es
+ist als stiegen die Pyrenäen oder die Alpen, von ihrem Schnee entblöst,
+gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die
+Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei
+Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Hügel mit sanftem Abhang
+erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel
+Zuckerrohr und die barmherzigen Brüder haben daselbst eine Pflanzung und
+200 Sklaven. Die Gegend war früher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man
+behauptet, die Luft sey gesünder geworden, seit man um einen Teich, dessen
+Ausdünstungen man besonders fürchtete, Bäume gepflanzt hat, so daß das
+Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda
+läuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von
+geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das hübsch
+gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra
+mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken über einander und in duftiger
+Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelförmigen, blendend weißen
+Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnußbäume säumen das Ufer und geben ihm
+unter dem glühenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit.
+
+Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um
+meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich
+empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe
+Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehört hatte, sondern über dem Dorfe
+Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhöhe, das dem kühlen Luftzug
+mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier
+Tage früher als meine Reisegefährten, die auf dem Landweg zwischen Capaya
+und Curiepe durch die starken Regengüsse und die ausgetretenen Bergwasser
+viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht öfters auf dieselben Gegenstände
+zurückzukommen, schließe ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des
+merkwürdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas führt, alle
+Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco
+zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat,
+sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich
+mich auf eine nähere Beschreibung der Gegenstände, die er ausführlich
+behandelt hat, nicht ein.
+
+Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig
+und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbänken, vom schlechten
+Ankergrund und den Bohrwürmern(18) zumal gefährdet. Das Laden ist mit
+großen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann
+man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere
+einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der
+Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie
+waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwürdig ist,
+sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so häufig sind, nichts
+zu fürchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie
+die Beobachtung, die ich unter den Tropen häufig an Thieren aus andern
+Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe.
+In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die
+Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, daß die von gewissen Inseln leicht zu
+zähmen sind, während Affen derselben Art, die auf dem benachbarten
+Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie
+sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache
+in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, während
+die aus einer andern Lache äußerst unerschrocken angreifen. Aus den äußern
+Verhältnissen der Oertlichkeiten wäre diese Verschiedenheit in Gemüthsart
+und Sitten nicht leicht zu erklären. Mit den Haifischen im Hafen von
+Guayra scheint es sich ähnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenüber der
+Küste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefährlich
+und blutgierig, während sie Badende in den Häfen von Guayra und Santa
+Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklärung der
+Naturerscheinungen zu vereinfachen, überall zum Wunderbaren, und so glaubt
+es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen
+ertheilt.
+
+Guayra ist ganz eigenthümlich gelegen; es läßt sich nur mit Santa Cruz auf
+Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem
+hochgelegenen Thal von Caracas stürzt fast unmittelbar in die See ab und
+die Häuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen
+dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener
+Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Straßen,
+die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf
+dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt
+und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes,
+Trübseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Wäldern bedeckten
+Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und
+Pflanzenwuchs. Außer Cabo Blanco und den Cocosnußbäumen von Maiquetia,
+besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen
+Himmelsgewölbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei
+Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht für heißer als das von Cumana,
+Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwächer ist und durch die
+Wärme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt,
+die Luft erhitzt wird. Man machte sich übrigens von der Luftbeschassenheit
+dieses Ortes und des ganzen benachbarten Küstenlandes eine unrichtige
+Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie
+angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht
+eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Berührung stehende Luft wirkt
+auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener
+Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds
+nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muß aber
+doch bemerken, daß ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg
+von den Häusern und über 300 Toisen von den Gneißfelsen, mehrere Tage lang
+kaum schwache Spuren von positiver Elektricität bemerken konnte, während
+in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem
+Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkügelchen 1--2
+Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten über
+die regelmäßigen täglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der
+Luft unter den Tropen, ein Verhältniß, das mit den Schwankungen in der
+Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht.
+
+Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten
+thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich
+in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz
+zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der
+Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese
+Länder besuchen, ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in
+diesem Falle das Zeugniß der Sinne ungemein leicht täuscht, so läßt sich
+über die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhältnissen
+urtheilen.
+
+Die vier eben genannten Orte gelten für die heißesten auf dem Küstenstrich
+der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon öfters von
+uns gemachte Bemerkung zu bestätigen, daß im Allgemeinen nur das lange
+Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die übermäßige Hitze oder die
+absolute Wärmemenge den Bewohnern der heißen Zone lästig wird.
+
+Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November
+war in Guayra 31°,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29°,3, in
+Vera Cruz 28°,7, in der Havana 29°,5. Die täglichen Abweichungen betrugen
+zur selben Stunde nicht leicht über 0°,8--1°,4. Während dieser ganzen Zeit
+regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Dieß ist der Zeitpunkt,
+wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der
+Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhört, sobald die Tagestemperatur auf
+24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heißesten Monats war in
+Guayra etwa 29°,3, in Cumana 29°,1, in Vera Cruz 27°,7, in Cairo, nach
+Rouet, 29°,9, in Rom 25°,0. Vom 16. November bis 19. December war die
+mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24°,3, bei Nacht 21°,6. Um
+diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube
+übrigens, daß man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21°
+fallen sieht; in Cumana fällt er zuweilen auf 21°,2, in Vera Cruz auf 16°,
+in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8° und selbst darunter. Die
+mittlere Temperatur des kältesten Monats ist an diesen vier Orten: 23°,2,
+26°,8, 21°, 21°,0; in Cairo 13°,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur
+ist, nach guten, sorgfältig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefähr
+28°,1, in Cumana 27°,7, in Vera Cruz 25°,4, in der Havana 25°,6, in Rio
+Janeiro 23°,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28° 28′ der Breite, aber
+wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21°,9, in Cairo 22°,4, in
+Rom 15°,8.(19)
+
+Aus diesen Beobachtungen geht hervor, daß Guayra einer der heißesten Orte
+der Erde ist, daß die Summe der Wärme, welche derselbe im Laufe eines
+Jahres erhält, etwas größer ist als in Cumana, daß sich aber in den
+Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei
+Durchgängen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra
+stärker abkühlt. Sollte diese Abkühlung, die weit unbedeutender ist, als
+die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht
+von der westlicheren Lage von Guayra herrühren? Das Luftmeer, das für den
+oberflächlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Strömungen bewegt,
+deren Grenzen durch unabänderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur
+desselben ändert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Länder
+und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken
+abtheilen, die sich in einander ergießen, und wovon die unruhigsten (wie
+das über dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem
+Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluß auf Erkältung und Bewegung der
+benachbarten Luftsäulen äußern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im
+südwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und
+Gegenströmungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma
+hin herabdrücken.
+
+Während meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geißel des gelben
+Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die
+Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Küste von Caracas weit
+weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte
+hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, plötzlich an gewissen
+unregelmäßig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte
+Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome
+einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren
+meist Menschen, die das anstrengende Geschäft des Holzfällens trieben, zum
+Beispiel in den Wäldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am
+Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte häufig in
+Städten, die für sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europäer in
+Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen
+worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Küsten von Terra Firma war der
+eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen)
+und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu
+betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa
+Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und
+beschrieben hat. Die kürzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des
+Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man
+beklagte sich nur über die drückende Hitze, die einen großen Theil des
+Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man
+höchstens die Haut- und Augenentzündungen zu befürchten, die fast überall
+in der heißen Zone vorkommen und die häufig von Fieberbewegungen und
+Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kühlen, aber
+äußerst veränderlichen Klima von Caracas das heiße, aber beständige von
+Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die
+Rede.
+
+Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern
+Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geöffnet. Matrosen aus
+kälteren Ländern als Spanien, und daher empfindlicher für die klimatischen
+Einflüsse der heißen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das
+gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den
+spanischen Spitälern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der
+Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer
+aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf
+die Rhede gekommen. Der Capitän der Brigantine stellte solches in Abrede
+und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs
+eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgängen in Cadix
+im Jahr 1800 weiß man, wie schwer es ist, über Fälle ins Reine zu kommen,
+die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu
+sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren
+über das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so
+gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen
+sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, daß der
+Typhus von außen gekommen, die andern, daß er im Lande selbst entstanden.
+Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, daß das Austreten des Rio de
+la Guayra eine Veränderung der Luftbeschaffenheit herbeigeführt habe.
+Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach
+sechzigstündigem Regen im Gebirge so furchtbar an, daß es Baumstämme und
+ansehnliche Felsblöcke mit sich fortriß. Das Wasser wurde 30--40 Fuß breit
+und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken
+ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu
+urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Häuser wurden von der Fluth
+weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr
+Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfließen
+konnte, sich zufällig geschlossen hatte. Man mußte in die Mauer der See zu
+ein Loch schießen; mehr als dreißig Menschen kamen ums Leben und der
+Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende
+Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewölben des Gefängnisses
+mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als prädisponirende
+Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben können;
+indessen glaube ich, daß das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die
+erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir,
+des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren
+Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigeführt haben. Ich habe das
+Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als dürren
+Boden und Blöcke von Glimmerschiefer und Gneiß mit eingesprengtem
+Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts,
+was die Luft hätte verunreinigen können.
+
+Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa
+Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein groß war) hat das
+gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wüthete nicht
+allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch
+unter denen, die fern von der Küste in den Llanos zwischen Calabozo und
+Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiß als
+Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand würde uns noch mehr auffallen,
+wenn wir nicht wüßten, daß sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause
+den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in
+den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen
+am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro
+(in 476 Toisen Meereshöhe), wo mit den Eichen ein kühles, köstliches Klima
+beginnt, eine unübersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber
+nicht leicht über den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas
+hinüber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man
+darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den
+Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine
+treffliche Schutzwehr für die Stadt Caracas, die etwas höher liegt als der
+Encaro, die aber eine höhere mittlere Temperatur hat als Xalapa.
+
+Bonplands und meine Beobachtungen über die physischen Verhältnisse der
+Städte, welche periodisch von der Geißel des gelben Fiebers heimgesucht
+werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue
+Vermuthungen über die Veränderungen in der pathogonischen Constitution
+mancher Städte zu äußern. Je mehr ich über diesen Gegenstand nachdenke,
+desto räthselhafter erscheint mir alles, was auf die gasförmigen Effluvien
+Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _‘Keime der Ansteckung’_
+nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kälte
+zerstört werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Wänden der
+Häuser haften sollen. Wie will man erklären, daß in den achtzehn Jahren
+vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von »Vomito« vorkam,
+obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europäern und Mexicanern
+aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen
+überließen, über die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich
+war, als sie seit dem Jahr 1800 ist?
+
+Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck
+gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heißen Erdstrichs, der bis
+jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele
+in kälterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der
+amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt
+vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist
+hier eine Veränderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich
+in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform
+entwickelt?
+
+Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in
+südlicheren Ländern geborenen Europäern. Theilt er sich durch Ansteckung
+mit, so ist es zu verwundern, daß er in den Städten des tropischen
+Festlandes keineswegs sich an gewisse Straßen hält, und daß die
+unmittelbare Berührung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als
+Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein,
+namentlich an kühlere, höhere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa,
+stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit
+an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die prädisponirenden Ursachen,
+die sich an der Küste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur
+bedeutend ab, so hört die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewöhnlich
+auf. Mit Eintritt der heißen Jahreszeit, zuweilen weit früher, fängt sie
+wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen
+und kein Schiff eingelaufen ist.
+
+Der amerikanische Typhus scheint auf den Küstenstrich beschränkt, sey es
+nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier
+die Waaren aufgehäuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen
+haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthümliche gasförmige Effluvien
+bilden. Das äußere Ansehen der Orte, wo der Typhus wüthet, scheint oft die
+Annahme eines örtlichen oder endemischen Ursprungs völlig auszuschließen.
+Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen
+Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Ländern, deren Klima
+früher für sehr gesund galt. Die Fälle von Verschleppung des gelben
+Fiebers ins Binnenland sind in der heißen Zone sehr zweideutig; die
+Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt
+worden seyn. In der gemäßigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus
+entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit
+vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden
+ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach
+Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche
+nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der prädisponirenden
+Ursachen, nach der längeren oder kürzeren Dauer, nach den Graden der
+Bösartigkeit muß uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt,
+den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein
+einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre
+1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit
+auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat,
+ist mit mir der Ansicht, daß der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber
+nicht immer.
+
+Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet,
+hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu
+übertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von
+Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt,
+fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar
+Tropfen Regen fallen, können der Ursachen der sogenannten schädlichen
+Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Straßen von Guayra schienen mir im
+Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die
+Schlachtbänke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich
+zersetzte Tange und Weichthiere anhäufen, aber die benachbarte Küste nach
+Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist äußerst
+ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und
+Caravalleda häufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind
+Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge
+oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine
+mit faulen Dünsten geschwängerte Luft auf die Küste von Guayra.
+
+Da die Reizbarkeit der Organe bei den nördlichen Völkern so viel stärker
+ist als bei den südlichen, so ist nicht zu bezweifeln, daß bei größerer
+Handelsfreiheit und stärkerem und innigerem Verkehr zwischen Ländern mit
+verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich über die neue Welt verbreiten
+wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen
+von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, können
+möglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der
+Lebenskräfte sich ausbilden. Es ist dieß eines der nothwendigen Uebel im
+Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wünscht darum
+keineswegs die Barbarei zurück; ebensowenig theilt er die Ansicht der
+Leute, die dem Verkehr unter den Völkern gerne ein Ende machten, nicht um
+die Häfen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem
+Eindringen der Aufklärung zu wehren und die Geistesentwicklung
+aufzuhalten.
+
+Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen
+Meerbusen führen, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen
+Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der großen
+Beständigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva
+Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befürchten, der Typhus möchte dort
+einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs
+sehr bösartig aufgetreten ist. Glücklicherweise hat sich die Sterblichkeit
+vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der
+Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen
+Stadien der Krankheit, die Periode der entzündlichen Erscheinungen, und
+die der Ataxie oder Schwäche, besser kennt und auseinander hält. Es wäre
+sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, daß die neuere Medicin gegen dieses
+schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese
+Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hört
+ziemlich allgemein die Aeußerung, »die Aerzte wissen jetzt den Hergang der
+Krankheit befriedigender zu erklären als früher, sie heilen sie aber
+keineswegs besser; früher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei,
+außer einem Tamarindenaufguß; gegenwärtig führe ein eingreifenderes
+Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode.«
+
+Wer so spricht, weiß nicht ganz, wie man früher auf den Antillen zu Werke
+ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, daß zu Anfang des
+achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so
+ruhig sterben ließen, als man meint. Man tödtete damals nicht durch
+übertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und
+Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlässe und übermäßiges Purgiren. Die
+Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, daß
+sie, sehr treuherzig, »gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar
+am Krankenbett erschienen.« Gegenwärtig bringt man es in reinlichen, gut
+gehaltenen Spitälern dahin, daß von 100 Kranken nur 15--20 und selbst
+etwas weniger sterben; aber überall, wo die Kranken zu sehr auf einander
+gehäust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Hälfte, wohl gar (wie im
+Jahr 1802 bei der französischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile
+der Kranken.
+
+Ich fand die Breite von Guayra 10° 36′ 19″, die Länge 69° 26′ 13″. Die
+Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42° 20, die Declination
+nach Nordost 4° 30′ 35″; die Intensität der magnetischen Kraft
+= 237 Schwingungen.
+
+Geht man an der aus Granit gebauten Küste von Guayra gegen West, so kommt
+man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschützte Rhede ist, und
+dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die
+Schiffe vortrefflich ankern können. Es sind die kleinen Buchten Catia, los
+Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata
+und Patanebo. Alle diese Häfen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem
+man Maulthiere nach Jamaica ausführt, werden gegenwärtig nur von kleinen
+Küstenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten
+Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter
+Blickenden, legen einen großen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich
+von Cabo Blanco. Diesen Küstenpunkt untersuchten Bonpland und ich während
+unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen
+Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich
+von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Längst geht man mit
+dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte
+Straße von Guayra, die beinahe dem Uebergang über den St. Gotthard
+gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan könnte der Hafen von Catia, der so
+geräumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist
+dieser ganze Küstenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbäumen
+bewachsen und höchst ungesund.
+
+Fast nirgends auf der Küste ist es so heiß als in der Nähe von Cabo
+Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des
+dürren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die übermäßige Einwirkung
+des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen für uns. In
+Guayra fürchtet man die Insolation und ihren Einfluß auf die
+Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber
+sich zu zeigen anfängt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres
+Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem
+Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter
+mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdrängen, den er fertig
+in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit
+einer halben Stunde in bloßem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er
+versicherte mich, da ich ein hoher Nordländer sey, müsse ich nach der
+Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen
+Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Präservativ nehme. Diese
+Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da
+ich mich längst für acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine
+Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich
+verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben
+haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet.
+
+Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen
+wir die Küste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rückkehr von
+den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem
+Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000
+Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Pässen in den Alpen, dem
+Weg über den St. Gotthard oder den großen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft
+in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte
+nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von
+Caracas liegen möge. Man hatte längst bemerkt, daß es von der Cumbre und
+las Vueltas, dem höchsten Punkt der Straße, nach Pastora am Eingang des
+Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da
+aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu
+vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von
+Caracas kann man sich von der Höhe desselben unmöglich einen richtigen
+Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftströme
+abgekühlt, sowie einen großen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel,
+welche den hohen Gipfel der Silla einhüllen. Ich habe den Weg von Guayra
+nach Caracas mehrere male zu Fuß gemacht und nach zwölf Punkten, deren
+Höhe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich
+hätte gerne gesehen, daß meine Vermessung durch einen unterrichteten
+Reisenden, der nach mir dieses malerische und für den Naturforscher so
+interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden wäre; mein
+Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen.
+
+Wenn man zur Zeit der stärksten Hitze die glühende Luft Guayras athmet und
+den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, daß
+in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine
+Bevölkerung von 40,000 Seelen einer Frühlingskühle genießen soll, einer
+Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Daß auf diese Weise
+verschiedene Klimate einander nahe gerückt sind, kommt in den ganzen
+Cordilleren der Anden häufig vor; aber überall, in Mexico, in Quito, in
+Peru, in Neu-Grenada muß man weit ins Binnenland reisen, entweder über die
+Ebenen oder auf Strömen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die
+großen Städte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als
+Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstädten des
+spanischen Amerika, die mitten in der heißen Zone ein köstlich kühles
+Klima haben, liegt Caracas am nächsten an der Küste. Nur drei Meilen in
+einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo
+der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind
+bedeutende Vortheile.
+
+Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schöner als der von
+Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser
+unterhalten als die alte Straße, die aus dem Hafen von Vera Cruz am
+Südabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote führt. Man braucht mit
+guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas
+und zum Rückweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fuß Vier bis fünf
+Stunden. Man kommt zuerst über einen sehr steilen Felsabhang und über die
+Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem großen
+Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen über dem Meere liegt. Der Name
+»verbrannter Thurm« bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhält,
+wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswände und
+vollends die dürre Ebene zu den Füßen ausstrahlen, ist drückend zum
+Ersticken. Auf diesem Wege und überall, wo man auf starken Abhängen in ein
+anderes Klima gelangt, schien mir das Gefühl von gesteigerter Muskelkraft
+und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in kühlere Luftschichten über einen
+kommt, nicht so stark als umgekehrt die lästige Mattigkeit und
+Erschlaffung, die einen befällt, wenn man in die heißen Küstenebenen
+hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, daß der Genuß, wenn uns
+irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines
+neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso.
+
+Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die
+Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten
+Straße über den Mont Cenis. Der Salto, »der Sprung,« ist eine Spalte, über
+die eine Zugbrücke führt. Auf der Höhe des Bergs sind förmliche Werke
+angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19°,3, in
+Guayra zur selben Zeit auf 26°,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit
+in den spanischen Häfen zugelassen wurden, Fremde häufiger nach Caracas
+gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den
+Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schönen Lage berühmt. Und
+allerdings hat man hier bei unbewölktem Himmel eine prachtvolle Aussicht
+über die See und die nahen Küsten. Man hat einen Horizont von mehr als
+zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der
+Masse Licht, die der weiße, dürre Strand zurückwirft; zu den Füßen liegen
+Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die
+Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit
+überraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen,
+die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der
+unermeßlichen Meeresfläche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Höhen
+bilden Mittelgründe zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen,
+und durch eine leicht erklärliche Täuschung wird dadurch die Scenerie
+großartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom
+Winde gejagten und sich ballenden Wolken Bäume und Wohnungen zum
+Vorschein, und die Gegenstände scheinen dann ungleich tiefer unten zu
+liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man
+sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa)
+in derselben Höhe befindet, ist man noch zwölf Meilen von der See
+entfernt; man sieht die Küste nur undeutlich, während man auf dem Wege von
+Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem
+Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf
+einen machen muß, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum
+erstenmal das Meer und Schiffe sieht.
+
+Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt,
+um die Entfernung derselben von der Küste genauer angeben zu können. Die
+Breite ist 10° 33′ 9″; die Länge des Orts schien mir nach dem Chronometer
+etwa 2′ 47″ im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser
+Höhe die Inclination der Magnetnadel 41°,75, die Intensität der
+magnetischen Kraft = 234 Schwingungen.
+
+Von der Venta, auch _‘Venta grande’_ genannt zum Unterschied von drei oder
+vier andern kleinen Wirthshäusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle
+zerstört.], geht es noch über 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Dieß ist
+beinahe der höchste Punkt der Straße, ich ging aber mit dem Barometer noch
+weiter, etwas über die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla.
+Da ich keinen Paß hatte (in fünf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der
+Landung), so wäre ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden.
+Um die alten Soldaten zu besänftigen, übersetzte ich ihnen in spanische
+Vares, wie viel Toisen der Posten über dem Meere liegt. Daran schien ihnen
+sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen ließen, so verdanke ich es
+einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge
+seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel höher als
+alle Berge in der Provinz Caracas.
+
+Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa
+150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt
+Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei
+einander liegen, hätten Bonpland und ich gerne ein paar Tage
+hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in
+einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der
+Meeresküste beobachtet; aber die Luft war während unseres Aufenthaltes an
+diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besaß ich auch nicht den
+dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung
+erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen,
+empfehlen möchte.
+
+Als ich zum erstenmal über diese Hochebene nach der Hauptstadt von
+Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele
+Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen ließen. Es waren Einwohner von
+Caracas; sie stritten über den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz
+zuvor stattgefunden. Joseph España hatte auf dem Schaffot geendet; sein
+Weib schmachtete im Gefängniß, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich
+aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der
+Gemüther, die Bitterkeit, mit der man über Fragen stritt, über die
+Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein
+auf. Während man ein Langes und Breites über den Haß der Mulatten gegen
+die freien Neger und die Weißen, über den Reichthum der Mönche und die
+Mühe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte,
+hüllte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen
+schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein
+Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein
+bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern
+darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo überall
+Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, über politische
+Gegenstände zu verhandeln. Diese in der Bergeinöde gesprochenen Worte
+machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf
+unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten.
+In Europa, wo die Völker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten,
+steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der
+neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwölftausend Fuß Meereshöhe
+bewohnt. Die Menschen tragen ihre bürgerlichen Zwiste, wie ihre
+kleinlichen, gehässigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Rücken der
+Anden, wo die Entdeckung von Erzgängen zur Gründung von Städten geführt
+hat, stehen Spielhäuser, und in diesen weiten Einöden, fast über der
+Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste höheren Schwung
+geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, daß der Hof ein Ordenszeichen
+oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glück der Familien gestört.
+
+Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Südost, nach
+dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet,
+während die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, überall bewundert
+man den großartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine
+halbe Stunde über ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses
+Stück des Wegs heißt der vielen Krümmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter
+oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa,
+während der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr
+ausschließliches Monopol war, an einem sehr kühlen Ort hatte errichten
+lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt
+dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebäumen und europäischen
+Obstbäumen üppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewöhnlich
+Halt bei einer schönen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf
+fallenden Gneißschichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die
+Temperatur derselben 16°,4, was für eine Höhe von 726 Toisen bedeutend
+kühl ist. Dieses klare Wasser müßte denen, die davon trinken, noch kälter
+vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemäßigten
+Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entspränge. Ich habe
+aber die Bemerkung gemacht, daß an diesem, dem Nordabhang des Bergs die
+Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest,
+sondern nach Südost fallen, was Schuld daran seyn mag, daß die
+unterirdischen Gewässer dort keine Quellen bilden können. Von der kleinen
+Schlucht Sanchorquiz an geht es beständig abwärts bis zum Kreuz von
+Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen über dem Meere steht, und
+von da an, bei den Zollhäusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in
+die Stadt Caracas.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 16 Die _‘cortex Angosturae’_ unserer Pharmacopöen, die Rinde der
+ _Bonplandia trifolia_
+
+ 17 Man bezahlt 120 Piaster für die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot
+ zur Verfügung hat.
+
+_ 18 La broma; teredo navalis_, Linné
+
+ 19 In Paris ist das Mittel des heißesten Monats 19--20°, demnach um
+ 3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kältesten
+ Monats in Guayra.
+
+
+
+
+
+ZWÖLFTES KAPITEL.
+
+
+ Allgemeine Bemerkungen über die Provinzen von Venezuela. -- Ihre
+ verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima.
+
+
+Die Wichtigkeit einer Hauptstadt hängt nicht allein von ihrer Volkszahl,
+von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermaßen richtig zu
+beurtheilen, muß man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist,
+die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die
+Verhältnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einfluß unterworfenen
+Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstände
+modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen
+den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so groß
+und die Handelsinteressen sind so zäh, daß sich voraussagen läßt, der
+Einfluß der Hauptstädte auf das Land umher, auf die unter den Namen
+_‘Reinos’_, _‘Capitanias generales’_, _‘Presidencias’_, _‘Goviernos’_
+verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der
+Trennung der Provinzen vom Mutterland überdauern. Man wird nur da Stücke
+losreißen und anders verbinden, wo man, mit Mißachtung natürlicher
+Grenzen, willkürlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander
+verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem
+gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru),
+verbreitete sie sich von den Küsten ins Binnenland, bald einem großen
+Flußthal, bald einer Gebirgskette mit gemäßigtem Klima nach. Sie setzte
+sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie
+sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder
+Königreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen,
+geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar berührten. Wüst
+liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die
+von der europäischen Cultur eroberten Länder. Sie trennen diese
+Eroberungen von einander, wie schwer zu übersetzende Meeresarme, und meist
+hängen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen.
+Die Umrisse der Seeküsten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf
+dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation,
+undurchdringliche Wälder und bebautes Land an einander stoßen und einander
+begrenzen. Weil sie die Zustände der erst in der Bildung begriffenen
+Staaten der neuen Welt außer Acht lassen, liefern so viele Geographen so
+sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der
+spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern
+durchaus zusammenhingen. Die Localkenntniß, die ich mir aus eigener
+Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang
+der großen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die
+wüsten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr
+oder minder bedeutenden politischen Einfluß, den sie als Regierungs- und
+Handelsmittelpunkte äußern, zu schätzen.
+
+*Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so groß ist
+als das heutige Peru und an Flächengehalt dem Königreich Neu-Grenada wenig
+nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania
+general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heißt, hat gegen
+eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfaßt längs den
+Küsten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita),
+Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die
+Provinzen Barinas und Guyana, erstere längs den Flüssen St. Domingo und
+Apure, letztere längs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro.
+Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht
+man, daß sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen.
+
+Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der
+Küstengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des
+Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Ströme, die
+hindurch laufen, zugänglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Wäldern
+ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, könnte man sagen, die
+drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen
+ein Bild der drei Zustände und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in
+den Wäldern am Orinoco das rohe Jägerleben, auf den Savanen oder Llanos
+das Hirtenleben, in den hohen Thälern und am Fuß der Küstengebirge das
+Leben des Landbauers. Die Missionäre und eine Handvoll Soldaten besetzen
+hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen
+Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Stärkeren und der
+Mißbrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die
+Eingeborenen liegen in beständigem blutigem Krieg mit einander und fressen
+nicht selten einander auf. Die Mönche suchen sich die Zwistigkeiten unter
+den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdörfer zu
+vergrößern. Das Militär, das zum Schutz der Mönche daliegt, lebt im Zank
+mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald
+Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Städter als Naturzustand
+preisen, näher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und
+Weiden, ist die Nahrung einförmig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind
+schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander
+liegenden Städten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit
+Häuten und Leder gedeckten Häuser, so meint man, sie haben sich auf den
+ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs
+niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die
+Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und
+Mensch enger knüpft, herrscht in der dritten Zone, im Küstenstrich,
+besonders in den warmen und gemäßigten Thälern der Gebirge am Meer.
+
+Man könnte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und
+portugiesischen Amerika, überall, wo man die allmählige Entwicklung der
+Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen
+Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und dieß ist für
+alle, welche die politischen Zustände der verschiedenen Colonien genau
+kennen lernen wollen, von großem Belang, daß die drei Zonen, die Wälder,
+die Savanen und das bebaute Land, nicht überall im selben Verhältniß zu
+einander stehen, daß sie aber nirgends so regelmäßig vertheilt sind wie im
+Königreich Venezuela. Bevölkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen
+keineswegs überall von der Küste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und
+Quito findet man die stärkste ackerbauende Bevölkerung, die meisten
+Städte, die ältesten bürgerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in
+den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Königreich Buenos Ayres liegt die
+Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen
+von Buenos Ayres und der großen Masse ackerbauender Indianer, welche in
+den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand
+macht, daß sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner
+des Binnenlandes und der Küsten sehr verschiedenartig gestalten.
+
+Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen
+erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhängige Staaten von
+Vicekönigen oder Generalcapitänen regiert wurden, so muß man mehrere
+Punkte zumal ins Auge fassen. Man muß die Theile des spanischen Amerika,
+die Asien gegenüber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean
+bespült; man muß, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse
+der Bevölkerung befindet, ob in der Nähe der Küsten, oder concentrirt im
+Innern auf kalten und gemäßigten Hochebenen der Cordilleren; man muß die
+numerischen Verhältnisse zwischen den Eingeborenen und den andern
+Menschenstämmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europäischen
+Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weißen
+in jedem Theil der Provinzen angehört. Die andalusischen Canarier in
+Venezuela, die _‘Montanneses’_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier
+in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum
+Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen
+Beschäftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Stämme haben in
+der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten
+zukommt, die rauhe oder sanfte Gemüthsart, die Mäßigkeit oder die
+ungezügelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum
+einsamen Leben. In Ländern, deren Bevölkerung großen Theils aus Indianern
+von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europäern
+und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie
+einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die
+heiße Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das
+Mutterland fast entfremdet, mußten sich ganz anders umwandeln, als die
+Griechen, welche sich auf den Küsten von Kleinasien oder Italien
+niederließen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder
+Corinth. Daß der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische
+Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstädte auf den
+Hochebenen oder in der Nähe der Küsten, durch die Beschäftigung mit dem
+Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewöhnung an das Speculiren im
+Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich verändert hat, ist unleugbar;
+aber überall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht
+sich dennoch etwas geltend, was auf die ursprüngliche Stammeseigenheit
+zurückweist.
+
+Betrachtet man die Zustände der Capitanerie von Caracas nach den oben
+angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, daß der Ackerbau, die
+Hauptmasse der Bevölkerung, die zahlreichen Städte, kurz alles, was durch
+höhere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Nähe der Küste findet.
+Der Küstenstrich ist über 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der
+Antillen bespült, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle
+europäischen Nationen Niederlassungen gegründet haben, das an zahlreichen
+Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der
+Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im östlichen Theil des
+tropischen Amerika sehr bedeutenden Einfluß geäußert hat. Die Königreiche
+Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst
+dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Häfen von
+Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Länder
+kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Küsten und der Zusammendrängung
+der Bevölkerung auf dem Rücken der Cordilleren, mit Fremden wenig in
+Berührung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen
+der gefährlichen Nordstürme wenig besucht. Die Küsten von Venezuela
+dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine
+Menge Häfen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land
+kommen, und so können sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der
+Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den großen
+Inseln und selbst mit denen unter dem Wind stärker seyn als durch die
+Häfen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo,
+nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu
+halten. Ist es da zu verwundern, daß bei diesem leichten Handelsverkehr
+mit den freien Amerikanern und mit den Völkern des politisch aufgeregten
+Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten
+Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach
+Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen
+Einrichtungen zur Aeußerung kommt, gleichmäßig zugenommen haben?
+
+Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr
+ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevölkerung, wo die Spanier bei der
+Eroberung ordentliche Regierungen, eine bürgerliche Gesellschaft, alte,
+meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien
+südlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der
+Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevölkerung des bebauten
+Landstrichs, wenigstens außerhalb der Missionen, unbeträchtlich. Zur Zeit
+großer politischer Zerwürfnisse flößen die Indianer den Weißen und
+Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die
+Gesammtbevölkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen
+schätzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, während sie in
+Mexico fast die Hälfte ausmachen.
+
+Unter den Racen, aus denen die Bevölkerung von Venezuela besteht, ist die
+schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Unglücks und mit
+Furcht wegen einer möglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der
+Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendrängung auf einen kleinen
+Flächenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, daß in der ganzen
+Capitanerie die Sklaven nur ein Fünfzehntheil der ganzen Bevölkerung
+ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weißen
+gegenüber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhältniß wie
+1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000
+Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das
+Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehört, als ein
+Binnenmeer mit mehreren Ausgängen, so ist es wichtig, die politischen
+Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung
+des neuen Continents zwischen Ländern entstehen, die um dasselbe Becken
+gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterländer ihre Colonien
+abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die
+Elemente der Zerwürfnisse sind überall die gleichen, und wie instinktmäßig
+bildet sich ein Einverständniß zwischen Menschen derselben Farbe, auch
+wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Küsten
+wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Küsten von
+Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die
+Antillen gebildet wird, zählt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen
+Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, daß es im
+Süden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in großen Massen finden sie
+sich nur auf den Nord- und Ostküsten. Es ist dieß gleichsam das
+afrikanische Stück dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an
+auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgemäß auf die Küsten von
+Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestörten Besitz dieser
+schönen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstände leicht
+unterdrückt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der für die
+Unabhängigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende
+Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenüberstehenden
+Parteien furchtbar, und in verschiedenen Ländern des spanischen Amerika
+wurde die allmählige oder plötzliche Aufhebung der Sklaverei verkündigt,
+nicht sowohl aus Gefühlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil
+man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewöhnten
+und für sein eigenes Wohl kämpfenden Menschenschlags versichern wollte.
+Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwürdige
+Stelle gestoßen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind,
+welche die Zunahme der schwarzen Bevölkerung einflößt. Diese Besorgnisse
+werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern,
+welche durch mildere Sitten, durch die öffentliche Meinung und durch
+religiöse Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht,
+ihrerseits durch die Gesetzgebung unterstützen. »Die Neger,« sagt Benzoni,
+»haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, daß ich im Jahr 1545, als
+ich auf Terra Firma (an der Küste von Caracas) war, viele Spanier gesehen
+habe, die gar nicht zweifelten, daß jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der
+Schwarzen seyn werde.« Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in
+Erfüllung gehen und eine europäische Colonie in Amerika sich in einen
+afrikanischen Staat verwandeln sehen.
+
+Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so
+ungleich vertheilt, daß auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen,
+worunter ein Fünftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und
+Barcelona kaum 6000. Um den Einfluß zu würdigen, den die Neger und die
+Farbigen auf die öffentliche Ruhe im Allgemeinen äußern, ist es nicht
+genug, daß man ihre Kopfzahl kennt, man muß auch ihre Zusammendrängung an
+gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in
+Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf
+einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Küste
+und einer Linie, die (12 Meilen von der Küste) über Panaquire, Yare,
+Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua läuft. Auf den Llanos, den
+weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zählt
+man nur 4--5000, die auf den Höfen zerstreut und mit der Hut des Viehs
+beschäftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr beträchtlich, denn
+die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung
+Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet,
+die Freiheit nicht versagen, hätte der Sklave auch wegen des besondern
+Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Fälle,
+daß jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit
+schenkt, sind in der Provinz Venezuela häufiger als irgendwo. Kurz bevor
+wir die fruchtbaren Thäler von Aragua und den See von Valencia besuchten,
+hatte eine Dame im großen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern
+aufgegeben, ihre Sklaven, dreißig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergnügen
+spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland
+und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schönem Lichte
+zeigen.
+
+Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der
+weißen Creolen, die ich _‘Hispano-Amerikaner’_(22) nenne, und der in
+Europa gebürtigen Weißen zu kennen. Es hält schwer, sich über einen so
+kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist
+auch in der neuen die Zählung dem Volk ein Gräuel, weil es meint, es sey
+dabei auf Erhöhung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die
+Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt,
+statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Rücksichten
+einer argwöhnischen Staatsklugheit. Diese mühsam herzustellenden Ausnahmen
+sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die
+Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten
+und von Zeit zu Zeit genaue Berichte über den zunehmenden Wohlstand der
+Colonien verlangten, die Lokalbehörden haben diese guten Absichten in den
+seltensten Fällen unterstützt. Nur auf den ausdrücklichen Befehl des
+spanischen Hofes wurden den Herausgebern des »_peruanischen Merkurs_« die
+vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen überlassen, die dieses Blatt
+mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Vicekönig Grafen
+Nevillagigedo tadeln hören, weil er ganz Neuspanien kundgethan, daß die
+Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700
+nur 2300 Europäer, dagegen über 50,000 Hispano-Amerikaner zählte. Die
+Leute, die sich darüber beklagten, betrachteten auch die schöne
+Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien
+befördert, als eine der gefährlichsten Neuerungen des Grafen Florida
+Blanca; sie riethen (glücklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem
+Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureißen.
+Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszählungen wecke man in den
+Colonisten das Bewußtseyn ihrer Stärke! Nur in Zeiten des Unfriedens und
+des Bürgerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative
+Stärke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben
+sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schätzte.
+
+Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem
+Königreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annähernd die Zahl der
+weißen Creolen, selbst die der Europäer. Erstere, die Hispano-Amerikaner,
+sind in Mexico ein Fünftheil, auf Cuba, nach der genauen Zählung von 1811,
+ein Drittheil der Gesammtbevölkerung. Bedenkt man, daß in Mexico
+drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den
+Zustand der Küsten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weiße im
+Verhältniß zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca
+wohnen, so läßt sich nicht zweifeln, daß, wenn nicht in der _Capitania
+general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhältniß stärker ist als
+1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weißen sogar zahlreicher sind als in
+Chili, gibt uns für die _Capitania general_ von Caracas eine »Grenzzahl«,
+das heißt das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000
+Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevölkerung von 900,000 Seelen
+anzunehmen. Innerhalb der weißen Race scheint die Zahl der Europäer (die
+Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht über 12,000--15,000 zu
+betragen. In Mexico sind ihrer gewiß nicht über 60,000, und nach mehreren
+Zusammenstellungen finde ich, daß, sämmtliche spanische Colonien zu 14--15
+Millionen Einwohnern angenommen, höchstens 3 Millionen Creolen und 200,000
+Europäer darunter sind.
+
+Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmäßigen Erben des Reiches
+der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen
+mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befürchtungen aller
+Weißen auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fühlten so gut wie die
+in Europa geborenen Spanier, daß der Kampf ein Racenkampf zwischen dem
+rothen und weißen Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der
+selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der
+europäischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines
+Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er änderte sein Verfahren.
+Aus einem Aufstand für die Unabhängigkeit wurde ein grausamer Krieg
+zwischen den Racen; die Weißen blieben Sieger, es kam ihnen zum
+Bewußtseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an faßten sie
+das Zahlenverhältniß zwischen der weißen und der indianischen Bevölkerung
+in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit
+kam es nun dahin, daß die Weißen diese Aufmerksamkeit auf sich selbst
+richteten und sich mißtrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste
+umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhängigkeit und Freiheit
+trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland
+Herübergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere
+eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von España angezettelten
+Aufstand für sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto
+schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden
+Mißvergnügens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch
+strenge Maßregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer
+des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert
+Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander
+gegenüber.
+
+Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem
+Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so
+starken Widerstand leisten konnten, und man vergißt, daß in allen Colonien
+die europäische Partei nothwendig durch eine große Menge Einheimischer
+verstärkt wird. Familienrücksichten, die Liebe zur ungestörten Ruhe, die
+Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann,
+halten diese ab, sich der Sache der Unabhängigkeit anzuschließen, oder für
+die Einführung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhängigen
+Repräsentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen
+Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment
+allgemach weniger drückend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend
+mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der
+Einführung einer religiösen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der
+herrschende Cultus sich unmöglich in seiner Reinheit erhalten könne.
+Andere gehören den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch
+ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine
+wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar
+nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft wäre
+ihnen lieber, als eine Regierung in den Händen von Amerikanern, die im
+Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte
+gegründete Verfassung; vor Allem fürchten sie den Verlust der
+Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Mühe erworben, und
+die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres häuslichen
+Glücks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem
+Lande vom Ertrag ihrer Grundstücke und genießen der Freiheit, deren sich
+ein dünn bevölkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu
+erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprüche auf Amt und Würden, und so
+fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum
+dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin wäre
+ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das
+alte Colonialwesen, aber diese Wünsche sind gegenüber der Liebe zur Ruhe
+und der Gewöhnung an ein träges Leben keineswegs so lebhaft, daß sie sich
+deßhalb zu schweren, langwierigen Opfern entschließen sollten.
+
+Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Ständen entworfenen Skizze
+der verschiedenen Färbung der politischen Ansichten in den Colonien habe
+ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes
+über Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war dieß die
+Folge der Gewohnheit, des großen Einflusses einer gewissen Zahl mächtiger
+Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen
+Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegründete Sicherheit muß
+erschüttert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privathaß
+eine Weile ruhen läßt und im Gefühl eines gemeinsamen Interesses sich
+verbündet, sobald dieses Gefühl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt
+und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten
+der Einfluß der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert.
+
+Wir haben oben gesehen, daß die indianische Bevölkerung in den vereinigten
+Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind
+alle Städte derselben von den spanischen Eroberern gegründet. Diese
+konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fußstapfen der alten
+Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist
+nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstädten des tropischen
+Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemäßigten Klimas genießen
+[Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten
+gelegene. Da die Hauptmasse der Bevölkerung von Venezuela den Küsten nahe
+gerückt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben
+parallel läuft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico,
+Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_
+vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte
+abfließen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder
+starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den großen Antillen,
+die Richtung der Gebirge und den Lauf der großen Flüsse betrachten, um
+einzusehen, daß Caracas auf die Länder, deren Hauptstadt es ist, niemals
+einen bedeutenden politischen Einfluß haben kann. Der Apure, der Meta, der
+Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewässer aus den Llanos
+oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana muß nothwendig
+einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl
+aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea
+eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man
+dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten
+vorzieht. Es ist ein großer Vorzug der Provinzen von Venezuela, daß nicht
+ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfließt, wie der von
+Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern daß sie eine
+Menge ziemlich gleich bevölkerter Städte haben, die eben so viele
+Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden.
+
+Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der
+acht Erzbisthümer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die
+Bevölkerung war, nach meinen Erkundigungen über die Zahl der Geburten, im
+Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu
+45,000 an, worunter 12,000 Weiße und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778
+hatte man bereits 30--32,000 geschätzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen
+blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766
+hatte die Bevölkerung von Caracas und des schönen Thals, in dem es liegt,
+durch eine bösartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt
+starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwürdigen Zeitpunkt ist die
+Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen
+sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu
+meiner Zeit seit fünfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, während man
+in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit beständig bange hatte, weil
+sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage
+sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphärischen
+Zustände und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende
+Periodicität gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen
+weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einführung der
+segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit
+meiner Rückkehr nach Europa hat die Bevölkerung von Caracas beständig
+zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das große Erdbeben am 26. März
+1812 gegen 12,000 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser begrub. Durch
+die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die
+Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden
+bald wieder eingebracht seyn, wenn das äußerst fruchtbare und
+handelsthätige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre
+Ruhe genießt und verständig regiert wird.
+
+Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach
+Ost gegen Caurimare und Cuesta d’Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe
+Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fließt. Sie liegt 414
+Toisen über dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und
+fällt stark von Nord-Nord-West nach Süd-Süd-Ost ab. Um eine richtige
+Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, muß man die Richtung der
+Küstengebirge und der großen Längenthäler zwischen denselben ins Auge
+fassen. Der Guayrefluß entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen
+dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhält bei las Ayuntas
+nach der Vereinigung der Flüßchen San Pedro und Macarao seinen Namen und
+läuft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d’Auyamas und dann nach Süd, um sich
+oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige
+Fluß von Bedeutung im nördlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er läuft
+30 Meilen lang, von denen über drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus
+von West nach Ost. Auf diesem Stromstück beträgt nach meinen
+barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis
+zur Mündung 295 Toisen. Dieser Fluß bildet in der Küstenkette eine Art
+Längenthal, während die Gewässer der Llanos, das heißt von fünf
+Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Süden nach,
+sich in den Orinoco ergießen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklärt
+sich die natürliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte
+auf verschiedenen Wegen auszuführen.
+
+Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch
+laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen
+Bergzug getrennt, über den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen
+Savanen von Ocumare über le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen
+liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer
+liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Süd fast beständig
+bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen
+Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den nördlichsten und höchsten
+Zug der Küstenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa
+und Villa de Cura den südlichsten Zug. Wir haben schon öfter bemerkt, daß
+die Schichten dieses gewaltigen Küstengebirges fast durchgängig von Südost
+nach Südwest streichen und gewöhnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich
+daraus, daß die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der
+ganzen Kette unabhängig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt
+man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der
+Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann
+Gneiß, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und
+Conglomerate mit Seemuscheln.
+
+Es ist zu bedauern, daß Caracas nicht weiter ostwärts liegt, unterhalb der
+Einmündung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal
+breit, und wie durch stehendes Gewässer geebnet, ausdehnt. Als Diego de
+Losada die Stadt gründete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren
+der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los
+Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch
+nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Küste.
+Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals
+zwischen zwei schönen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich hätte
+anbauen können, wenn man die alten indianischen Bauten hätte wollen liegen
+lassen.
+
+Vom Zollhaus la Pastora über den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach
+Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwärts. Nach meinen
+barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen über dem Platze
+Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe,
+letzterer 8 Toisen über dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem großen
+Platz, und dieser 32 Toisen über dem Guayrefluß bei la Noria. Trotz des
+abschüssigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber
+selten. Drei Bäche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und
+Caraguata, laufen von Nord nach Süd durch die Stadt; sie haben sehr hohe
+Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin
+auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die
+berühmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio
+Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine
+Meile weit südwärts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus
+dem Gamboa gelten für sehr gesund, weil sie über Sassaparillwurzeln(25)
+laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden
+können; das Wasser von Valle enthält keinen Kalk, aber etwas mehr
+Kohlensäure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Brücke über den
+letzteren Fluß ist schön gebaut und belebt von den Spaziergängern, welche
+gegen Candelaria zu die Straße von Chacao und Petara aufsuchen. Man zählt
+in Caracas acht Kirchen, fünf Klöster und ein Theater, das 15 bis 1800
+Zuschauer faßt. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Männer und Frauen
+gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler
+und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele
+Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus
+bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Straßen von
+Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten
+Winkeln, wie in allen Städten, welche die Spanier in Amerika gegründet.
+Die Häuser sind geräumig und höher, als sie in einem Lande, das Erdbeben
+ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Plätze Alta
+Gracia und San Francisco sehr hübsch: ich sage im Jahr 1800, denn die
+furchtbaren Erderschütterungen am 26. März 1812 haben fast die ganze Stadt
+zerstört. Sie ersteht langsam aus ihren Trümmern; der Stadttheil la
+Trinidad, in dem ich wohnte, ward über den Haufen geworfen, als ob eine
+Mine darunter gesprungen wäre.
+
+Durch das enge Thal und die Nähe der hohen Berge Avila und Silla erhält
+die Gegend von Caracas einen ernsten, düstern Anstrich, besonders in der
+kühlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind
+dann ausnehmend schön; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome
+oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de
+Avila vor sich. Aber gegen Abend trübt sich die Luft; die Berge umziehen
+sich, Wolkenstreifen hängen an ihren immergrünen Seiten und theilen sie
+gleichsam in übereinanderliegende Zonen. Allmählich verschmelzen diese
+Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen
+Thal und verdichtet die leichten Dünste zu großen flockigten Wolken. Diese
+Wolken senken sich oft bis über das Kreuz von Guayra herab und man sieht
+sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad
+fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem
+gemäßigten Thale der heißen Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den
+mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn.
+
+Aber dieser düstere, schwermüthige Charakter der Landschaft, dieser
+Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist
+mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Nächte hell und
+ausnehmend schön; die Luft behält fast beständig die den Hochebenen und
+hochgelegenen Thälern eigenthümliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so
+lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener
+Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die
+Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schöner Beleuchtung
+gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla
+erscheinen in Caracas fast unter demselben Höhenwinkel(26) wie der Pic von
+Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Hälfte des Bergs ist mit kurzem
+Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergrünen Sträucher, die zur
+Blüthezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth
+schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform
+empor. Sie sind völlig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im
+gemäßigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, höher, als er wirklich
+ist. Mit diesem großartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im
+Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene
+von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast.
+
+Man hört das Klima von Caracas oft einen ewigen Frühling nennen, und
+dasselbe findet sich überall im tropischen Amerika auf der halben Höhe der
+Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen über dem Meer, wenn nicht sehr
+breite Thäler und Hochebenen und dürrer Boden die Intensität der
+strahlenden Wärme übermäßig steigern. Was läßt sich auch Köstlicheres
+denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht
+zwischen 16 und 18 Grad hält, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum,
+der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben
+einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch
+Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Bächen
+die vier Flüsse desselben.
+
+Leider ist in diesem so gemäßigten Klima die Witterung sehr unbeständig.
+Die Einwohner von Caracas klagen darüber, daß sie an Einem Tage
+verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergänge von einer Jahreszeit
+zur andern sehr schroff sind. Häufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht
+mit einer mittleren Temperatur von 16° ein Tag, an dem der Thermometer im
+Schatten acht Stunden lang über 22° steht. Am selben Tage kommen aber
+Wärmegrade von 24 und von 18° vor. Dergleichen Schwankungen sind in den
+gemäßigten Landstrichen Europas ganz gewöhnlich, in der heißen Zone aber
+sind selbst die Europäer so sehr an die Gleichförmigkeit der äußeren Reize
+gewöhnt, daß ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In
+Cumana und überall in der Niederung ändert sich die Temperatur von 11 Uhr
+Morgens bis 11 Uhr Abends gewöhnlich nur um 2--3 Grad. Zudem äußern diese
+atmosphärischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus
+stärkeren Einfluß, als man nach dem bloßen Thermometerstande glauben
+sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten
+von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, während der
+andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heißt der »Wind von
+Catia,« weil er von Catia, westwärts von Cabo Blanco, durch die Schlucht
+Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen
+Straße und eines neuen Hafens, statt der Straße und des Hafens von Guayra,
+erwähnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind,
+meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark bläst,
+sich in der Quebrada de Tipe fängt. Von den hohen Bergen Aguas Negras
+zurückgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des
+Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser
+schlägt sich auf ihm nieder, im Maaße als er sich abkühlt; der Gipfel der
+Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal
+dringt. Die Einwohner von Caracas fürchten sich sehr vor ihm; Personen mit
+reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche
+gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause
+gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte während
+meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, daß der Wind von Catia
+reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich
+meinte auch, seine reizende Wirkung möchte eben von dieser Reinheit
+herrühren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverläßig.
+Der Wind von Petare kommt von Ost und Südost, vom östlichen Ende des
+Guayrethals herein und führt die trockenere Luft des Gebirgs und des
+Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und läßt den Gipfel der Silla
+in seiner ganzen Pracht hervortreten.
+
+Bekanntlich sind die Veränderungen, welche die Mischung der Luft an einem
+gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu
+ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die
+Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu
+unterscheiden, von denen die eine während des Sirocco oder des Catia mit
+Luft gefüllt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist
+mir jetzt wahrscheinlich, daß der auffallende Effekt des Catia und aller
+Luftströmungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem
+Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen
+Mischungsveränderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von
+der ungesunden Seeküste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr
+begreiflich, daß Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewöhnt sind,
+es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die
+Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas
+heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die
+Berührung mit kälteren Schichten sich abkühlt und einen bedeutenden Theil
+ihres Wassers niederschlägt. Diese Unbeständigkeit der Witterung, diese
+etwas schroffen Uebergänge von trockener, heller zu feuchter, nebligter
+Luft, sind Uebelstände, die Caracas mit der ganzen gemäßigten Region unter
+den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshöhe von 4--800
+Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren
+liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Beständig
+heiterer Himmel einen großen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den
+Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Höhen, auf
+den weiten Hochebenen, wo die gleichförmige Strahlung des Bodens die
+Auflösung der Dunstbläschen zu befördern scheint. Die dazwischen liegende
+Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich über der
+Erdoberfläche lagern. Unbeständigkeit und viele Nebel bei sehr milder
+Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region.
+
+Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewöhnlich weniger blau als
+in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgelöst, und wie
+in unserem Klima wird durch die stärkere Zerstreuung des Lichts die Farbe
+der Luft geschwächt, indem sich Weiß dem Blau beimischt. Die Intensität
+des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis
+Januar im Durchschnitt 18, nie über 20 Grad, an den Küsten dagegen 22--25
+Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, daß der Wind von
+Petare das Himmelsgewölbe zuweilen auffallend blaß färbt. Am 23. Januar
+war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der
+heißen Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war
+dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald
+der starke Wind von Petare nachließ, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad.
+Zur See habe ich häufig, wenn auch in geringerem Grade, einen ähnlichen
+Einfluß des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel
+beobachtet.
+
+Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so
+genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen
+darthun zu können, daß sie nicht viel über oder unter 21--22° beträgt.
+Nach eigenen Beobachtungen fand ich für die drei sehr kühlen Monate
+November, December und Januar als Durchschnitt des täglichen Maximum und
+Minimum der Temperatur 20°,2, 20°,1, 20°,2. Nach dem aber, was wir jetzt
+über die Vertheilung der Wärme in den verschiedenen Jahreszeiten und in
+verschiedenen Meereshöhen wissen, läßt sich annähernd aus der mittleren
+Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres
+berechnen, ungefähr wie man auf die Höhe eines Gestirns im Meridian aus
+Höhen, die außerhalb des Meridians gemessen werden, einen Schluß zieht.
+Das Ergebniß, das ich für richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege
+gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von
+der mittleren Jahrestemperatur nur um 0°,2 ab; in Mexico, also der
+gemäßigten Zone schon sehr nahe, beträgt der Unterschied im Maximum 3°. In
+Guayra bei Caracas weicht der kälteste Monat vom jährlichen Mittel um 4°,9
+ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia)
+durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so
+erhält dasselbe dagegen einen größeren Theil des Jahrs hindurch die Ost-
+und Südostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach
+unmittelbaren Beobachtungen, daß in Guayra und Caracas die Temperatur der
+kältesten Monate 23°,2 und 20°,1 beträgt. Diese Unterschiede sind der
+Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von
+der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome)
+und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigeführt wird.
+
+Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils
+in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Nähe der Hauptstadt,
+angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten
+Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22°, bei Nacht zwischen 16
+und 17°.(27) In der heißen Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei
+Tag auf 25--26°, bei Nacht auf 22--23°.(28) Dieß ist der gewöhnliche
+Zustand der Atmosphäre, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir
+berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere
+Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21°,5. Eine solche kommt aber
+im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem
+36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, daß dieser
+Vergleich sich nur auf die Summe von Wärme bezieht, die sich an jedem
+Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf’s *Klima*, das
+heißt auf die Vertheilung der Wärme unter die verschiedenen Jahreszeiten.
+
+Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden
+lang auf 29° [23,°2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach
+Sonnenaufgang schon auf 11° [8°,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in
+Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25° und 12°,5. Die
+Kälte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter
+ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhöhen messen. Der
+Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur völligen Dunkelheit erfolgt
+so rasch, daß nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt
+eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine
+nächste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der
+gemäßigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichförmiger als
+in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied
+zwischen den mittleren Temperaturen der wärmsten und der kältesten Monate
+17°,3, während derselbe unter der nämlichen Breite beinahe am
+Meeresspiegel 20--21° beträgt. Die Kälte nimmt auf unsern Bergen nicht so
+rasch zu, wie die Wärme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren näher kommen,
+werden wir sehen, daß in der heißen Zone das Klima in den Niederungen
+gleichförmiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man
+darf keine Orte anführen, wo die Nordwinde einige Monate lang das
+Gleichgewicht der Atmosphäre stören) steht der Thermometer das ganze Jahr
+zwischen 21 und 35°; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3
+und 22° vor, wenn man, nicht die kältesten und heißesten Tage, sondern
+Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der
+Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4°; in Quito fand ich
+diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus
+4--5 Beobachtungen) gleich 7°. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch
+und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und
+December noch um 5--5°,5 wärmer als die Nächte. Diese Erscheinungen von
+nächtlicher Abkühlung mögen auf den ersten Anblick überraschen; sie
+modificiren sich durch die Erwärmung der Hochebenen und Gebirge den Tag
+über, durch das Spiel der niedergehenden Luftströme, besonders aber durch
+die nächtliche Wärmestrahlung in der reinen, trockenen Luft der
+Cordilleren.
+
+In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel.
+Die Gewitter kommen immer aus Ost und Südost, von Petare und Valle her. In
+den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in
+Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat
+sogar in noch tieferen Thälern hageln sehen, und diese Erscheinung macht
+dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei
+uns nicht so selten als im heißen Erdstrich, trotz der häufigen Gewitter,
+Hagel unter 300 Toisen Meereshöhe.
+
+Im kühlen, köstlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die
+tropischen Gewächse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch höheren
+Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der
+trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht
+viele, aber ausgezeichnet gute Früchte gibt. In der Blüthezeit des
+Strauchs gewährt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der
+Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der große _Platano
+harton_ sondern die Varietäten Camburi und Dominico,(29) die weniger Wärme
+nöthig haben. Die großen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den
+Haciendas von Turiamo an der Küste zwischen Burburata und Porto-Cabello.
+Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den
+Höhen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum
+erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm überrascht,
+neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Küchenkräuter, Erdbeeren,
+Weinreben und fast alle Obstbäume der gemäßigten Zone zu finden. Die
+gesuchtesten Pfirsiche und Äpfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang
+des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fünf Fuß hoch wird,
+ist dort so gemein, daß er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln
+und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint,
+ehe man Wasser trinkt, müsse man durch Süßigkeiten den Durst reizen. Je
+stärker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den
+Pflanzungen, die nicht älter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger
+stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemüsebau die zerstreuten Apfel- und
+Quittenbäume aus den Savanen verdrängt. Der Reisfelder, die man bewässert,
+waren früher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser
+Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Ländern der heißen Zone,
+die Bemerkung gemacht, daß da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der
+Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die
+ausgezeichnet guten Äpfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei
+Caracas auf ungeimpften Stämmen. Kirschbäume gibt es nicht; die
+Olivenbäume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind
+groß und schön; aber eben wegen des üppigen Wachsthums tragen sie keine
+Früchte.
+
+Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen
+Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein günstig ist, so
+läßt sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von
+Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das äußerst unbeständige
+Wetter und die häufige Unterdrückung der Hautausdünstung erzeugen
+catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten.
+Hat sich der Europäer einmal an die starke Hitze gewöhnt, so bleibt er in
+Cumana, in den Thälern von Aragua, überall, wo die Niederung unter den
+Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den
+Gebirgsländern, wo der gepriesene beständige Frühling herrschen soll.
+
+Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein
+verbreiteten Meinung, daß diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig
+von der Küste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Küste
+von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung stützt sich auf die Erfahrung der
+letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra
+herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun,
+wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus
+ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht überzeugt, daß
+der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf
+der Küste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische
+Verhältnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten könnte. Denn
+die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, daß der
+Thermometer sich in den heißesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad
+[17--20° R] hält. Wenn sich nicht wohl bezweifeln läßt, daß dieser Typhus
+in der gemäßigten Zone durch Berührung ansteckend ist, wie sollte man da
+sicher seyn, daß er bei großer Bösartigkeit nicht auch in der heißen Zone
+in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Küste die
+Sommertemperatur die Disposition des Körpers noch steigert? Die Lage von
+Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr
+Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fünfmal weiter von der See
+entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen höher liegt und ihre
+mittlere Temperatur 3 Grad weniger beträgt. Im Jahre 1696 weihte ein
+Bischof von Venezuela, Diego de Baños, eine Kirche (_ermita_) der heiligen
+Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen,
+_vomito negro_, erlöst, nachdem es sechzehn Monate gewüthet. Ein Hochamt,
+das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist
+zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen
+Colonien auch die Tage, an denen große Erdbeben stattgefunden, durch
+Prozessionen im Gedächtniß erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich
+durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen
+herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich
+festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie
+des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und
+also die sehr kühle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13
+Grade fällt, überdauert hätte? Sollte der Typhus im hohen Thale von
+Caracas älter seyn als in den besuchteren Häfen von Terra Firma? In diesen
+war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich,
+daß die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der ächte amerikanische
+Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern
+häufig vor und sind an und für sich so wenig als das Blutspeien für die
+schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwärtig in der Havana
+und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue
+Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, daß der amerikanische Typhus in
+Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist
+es leider nur zu gewiß, daß diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr
+1802 eine Menge junger europäischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke
+ist beunruhigend, daß mitten in der heißen Zone ein 450 Toisen hoch, aber
+sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer
+Seuche schützt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Küste zu
+Hause ist.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf
+ den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist dieß das
+ Ergebniß von Oltmanns Berechnung, wobei die Veränderungen zu Grunde
+ gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine
+ astronomischen Bestimmungen erlitten haben.
+
+ 21 So heißen in Spanien die Bewohner der Gebirge von Santander.
+
+ 22 Nach dem Vorgang von *Anglo-Amerikaner*, welcher Ausdruck in alle
+ europäischen Sprachen übergegangen ist. In den spanischen Colonien
+ heißen die in Amerika geborenen Weißen *Spanier*, die wirklichen
+ Spanier aus dem Mutterland *Europäer*, *Gachupins* oder *Chapetons*
+
+ 23 1567, später als Cumana, Coro, Nueva Barcelona und Caravalleda.
+
+ 24 S. Bd. I. Seite 238.
+
+ 25 In ganz Amerika glaubt man, das Wasser nehme die Eigenschaften der
+ Gewächse an, in deren Schatten es fließt. So rühmt man an der
+ Magellanscheu Meerenge das Wasser, das mit den Wurzeln der
+ _Winterana Canella_ in Berührung kommt.
+
+ 26 Ich fand auf dem Platze Trinidad die scheinbare Höhe der Silla
+ 11° 12′ 49″. Ihr Abstand beträgt etwa 4500 Toisen.
+
+ 27 Nach Reaumur bei Tag 16°,8--18°, bei Nacht 12°,8-13°,6.
+
+ 28 Nach Reaumur bei Tag 20°--20°,8, bei Nacht 17°,6--18°,4.
+
+ 29 S. Bd. I, S. 80
+
+
+
+
+
+DREIZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des
+ Gipfels der Silla.
+
+
+Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem
+großen, fast ganz frei stehenden Hause im höchsten Theil der Stadt. Auf
+einer Galerie übersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den
+gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen üppiger
+Anbau von den finstern Bergwänden umher absticht. Es war in der trockenen
+Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zündet man die Savanen und den
+Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese großen Brände bringen,
+von weitem gesehen, die überraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo
+die Savanen längs der aus- und einspringenden Felsgehänge die von den
+Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfüllen, nehmen sich die brennenden
+Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavaströme aus, die über dem Thale
+hängen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht färbt sich röthlich, wenn der
+Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzüge ins Thal niedertreibt.
+Andere male, und dann ist der Anblick am großartigsten, sind die
+Lichtstreifen in dickes Gewölk gehüllt und kommen nur da und dort durch
+Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre
+Ränder glänzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie
+unter den Tropen häufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form
+der Berge, durch die Stellung der Abhänge und die Höhe der mit
+Alpenkräutern bewachsenen Savanen. Den Tag über jagt der Wind von Petare
+von Osten her den Rauch über die Stadt und macht die Luft weniger
+durchsichtig.
+
+Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so
+waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern
+aller Stände zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen
+Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitän der
+Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward
+mir das Glück zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter
+einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu
+besuchen, und in diesen sechs Hauptstädten des spanischen Amerika brachten
+mich meine Verhältnisse mit Leuten aller Stände in Verbindung; dennoch
+erlaube ich mir nicht, mich über die verschiedenen Stufen der Cultur
+auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen.
+Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise
+Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu
+classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen läßt. In
+Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten
+wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr
+Sinn für schöne Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige
+Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas größere Bildung
+hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhältnisse, umfassendere
+Ansichten über die Zustände der Colonien und der Mutterländer. Der starke
+Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein
+Mittelmeer mit mehreren Ausgängen beschrieben, haben auf die
+gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schönen Provinzen von
+Venezuela gewaltigen Einfluß geäußert. Nirgends sonst im spanischen
+Amerika hat die Civilisation eine so europäische Färbung angenommen. Die
+Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada
+gibt diesen großen Ländern einen eigenthümlichen, man könnte sagen
+exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevölkerung glaubt
+man sich in der Havana und in Caracas näher bei Cadix und den Vereinigten
+Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt.
+
+Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevölkerung nicht so beweglich
+ist als auf den Inseln, haben sich die volksthümlichen Gebräuche mehr
+erhalten als in der Havana. Sehr geräuschvolle und sehr mannigfaltige
+Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien
+empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein
+mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie überall, wo eine
+große Umwälzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man
+könnte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr
+sehr zahlreiche, hält fest an den alten Bräuchen und hat die alte
+Sitteneinfalt und Mäßigung in Wünschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur
+in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer
+Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklärung
+des Jahrhunderts und hegt sorgfältig, wie einen Theil ihres Erbguts, die
+überlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in
+der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe für neue
+Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich gründlich zu
+bilden, wird sie von einem kräftigen, hellblickenden Geiste gezügelt und
+gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft ersprießlich. Ich
+habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten
+und großartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Männer kennen gelernt, die
+dieser zweiten Generation angehörten; aber auch andere, die auf alles
+Schöne und Achtungswürdige im spanischen Charakter, in der Literatur und
+Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalität
+einbüßten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe über die
+wahren Grundlagen des öffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen
+Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der
+Corporationsgeist und der Municipalhaß aus dem Mutterland in die Colonien
+übergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstädten von
+Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprüche der vornehmsten Familien in
+Caracas, der sogenannten _‘Mantuanos’_, mit Uebertreibung zu schildern.
+Wie sich diese Ansprüche früher geäußert, weiß ich nicht; es schien mir
+aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich
+vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgängig den
+gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weißen alles Verletzende
+benommen hätten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine
+besteht aus Creolen, deren Vorfahren in jüngster Zeit bedeutende Aemter in
+Amerika bekleidet haben; er gründet seine Vorrechte zum Theil auf das
+Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch über dem Meere
+festhalten zu können, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien
+niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine
+Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heißt der Spanier, die
+bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der
+Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehörten den vornehmsten
+Familien der pyrenäischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen
+haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender
+Zug des frühen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe
+oben daran erinnert,(30) daß in der Geschichte dieser Zeit der religiösen
+und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der großen Anführer mehrere
+redliche, schlichte, großmüthige Männer auftraten. Sie eiferten wider die
+Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie
+verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht
+entgehen. Der Name »Conquistadores« ist desto verhaßter geblieben, als die
+wenigsten, nachdem sie. friedliche Völker mißhandelt und im Schooße des
+Ueberflusses geschwelgt, dafür am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren
+Umschlag des Glücks gebüßt haben, der den Haß der Menschen sänftigt und
+nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert.
+
+Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen
+zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung nöthigt die privilegirten
+Stände ihre Ansprüche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu
+lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein
+anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter
+den Weißen hat sich das Gefühl der Gleichheit aller Gemüther bemächtigt.
+Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene
+angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewußtseyn, daß man
+nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die
+Hautfarbe das wahre äußere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in
+Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfuß geht,
+sagen hören: »Will der reiche weiße Mann weißer seyn als ich?« Da Europa
+so große Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, daß
+der Satz: jeder Weiße ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den
+altadeligen europäischen Familien mit ihren Ansprüchen sehr unbequem ist.
+Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner
+Biederkeit, seines Fleißes und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten
+Volksstamm längst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es
+in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der
+Halbinsel, so haben die Weißen von diesem Volksstamm nicht wenig dazu
+beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut
+nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu
+bringen.
+
+Zudem sind die Länder, wo man, auch ohne Repräsentativregierung und ohne
+Pairschaft, auf Stammbäume und Geburtsvorzüge so sehr viel hält,
+keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten
+auftritt. Vergebens sucht man bei den Völkern spanischen Ursprungs das
+kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung
+im übrigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien
+wie im Mutterlande knüpfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und große
+Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Ständen. Ja, man
+kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich
+mit einer gewissen Offenheit und Naivität aussprechen.
+
+Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn für Bildung; man kennt die
+Hauptwerke der französischen und italienischen Literatur, man liebt die
+Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknüpft, wie die Pflege aller
+schönen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Für
+Naturwissenschaften und zeichnende Künste bestehen hier keine großen
+Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und
+dem patriotischen Eifer der spanischen Bevölkerung verdanken. In einer so
+wundervollen, überschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser
+Küste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster
+fand ich einen ehrwürdigen Alten, der für alle Provinzen von Venezuela den
+Kalender berechnete und vom gegenwärtigen Stand der Astronomie einige
+richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm höchst merkwürdig,
+und eines Morgens kamen uns sämmtliche Franciscaner ins Haus und
+verlangten zu unserer großen Ueberraschung einen Inclinationscompaß zu
+sehen. In Ländern, die vom vulkanischen Feuer unterhöhlt sind, und in
+einem Himmelsstrich, wo die Natur so großartig und dabei so geheimnißvoll
+unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische
+Erscheinungen, und damit die Neubegier.
+
+Wenn man daran denkt, daß in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in
+kleinen Städten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man
+sich, wenn man hört, daß Caracas mit einer Bevölkerung von 40--50,000
+Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch
+nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von
+ein paar Seiten oder ein bischöfliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der
+Personen, denen Lesen ein Bedürfniß ist, sind nicht sehr viele, selbst in
+denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten
+ist; es wäre aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk
+einer argwöhnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch
+Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehört, hat sich
+durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient
+gemacht. Es ist in unserer Zeit gewiß eine auffallende Erscheinung, daß
+das kräftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen
+Umwälzung eingeführt wird, sondern erst nachher.
+
+In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der
+Aufstandsversuche die große Mehrzahl der Einwohner nur an materielle
+Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Dürre, an
+den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele
+Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt
+wären; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben,
+der je auf dem Gipfel der Silla gewesen wäre. Die Jäger kommen in den
+Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Ländern geht kein Mensch
+hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und
+ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einförmiges Leben
+zwischen seinen vier Wänden gewöhnt, man scheut die Anstrengung und die
+raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens
+zu genießen, sondern eben nur, um fortzuleben.
+
+Wir kamen auf unsern Spaziergängen häufig auf zwei Kaffeepflanzungen,
+deren Eigenthümer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen
+der Silla von Caracas gegenüber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die
+schroffen Abhänge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum
+voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben würden,
+um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Höhenwinkeln, die ich auf unserem
+Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch über
+dem Meere zu liegen, als der große Platz in der Stadt Quito. Diese
+Schätzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des
+Thals. Die Berge, welche über großen Städten liegen, erhalten eben dadurch
+in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau
+gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Höhe zu, die man
+nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu
+verstoßen.
+
+Der Generalcapitän Guevara verschaffte uns Führer durch den *Teniente* von
+Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der über den Bergkamm an der
+westlichen Spitze der Silla vorbei zur Küste führt, etwas bekannt war.
+Dieser Weg wird von den Schleichhändlern begangen; aber weder unsere
+Führer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die
+Schleichhändler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der östlichen
+Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Während des ganzen
+Decembers war der Berg, dessen Höhenwinkel mich das Spiel der irdischen
+Refraction beobachten ließen, nur fünfmal unumwölkt gewesen. Da in dieser
+Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns
+gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo
+die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, über der ersten
+gleichförmig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu
+gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de
+Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht
+der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schöne Fälle bildet. Die
+Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines
+beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen hätten, harrten wir,
+Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der
+Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus
+bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de
+temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein böser Stern waltete über
+den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen für December und Januar: man
+hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt.
+
+Dieses Mißgeschick machte mir großen Verdruß, und nachdem ich vor
+Sonnenaufgang die Intensität der magnetischen Kraft am Fuße des Berges
+beobachtet, brachen wir um fünf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere
+Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf
+schmalem Fußpfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad läuft über
+einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel
+eines Hügels zu erreichen, der gegen Südwest hin eine Art Vorgebirge der
+Silla bildet. Derselbe hängt mit der Masse des Berges selbst durch einen
+schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend »die Pforte«,
+_Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der
+Morgen war schön und kühl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben
+zu begünstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14° (11°,2 R.). Nach
+dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen über dem Meer, das heißt gegen
+80 Toisen höher als die Venta, wo man die prächtige Aussicht auf die Küste
+hat. Unsere Führer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs
+Stunden brauchen.
+
+Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser
+führte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des großen Berges. Man
+blickt zu beiden Seiten in zwei Thäler nieder, die vielmehr dicht
+bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen
+beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herabläuft; links hat man unter sich
+die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewässer am Hofe Gallego
+vorbeifließen. Man hört die Wasserfälle rauschen, ohne den Bach zu sehen,
+der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen
+Feigenbäume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fließt. Nichts
+malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewächse große, glänzende,
+lederartige Blätter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast
+senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen.
+
+Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man mußte sich stark
+vorüber beugen, um vorwärts zu kommen. Der Winkel beträgt häufig 30--32
+Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr
+glatt geworden. Gerne hätten wir Fußeisen oder mit Eisen beschlagene
+Stöcke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneißfelsen und man kann sich
+weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden.
+Dieses mehr mühsame als gefährliche Ansteigen wurde den Leuten aus der
+Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewöhnt waren,
+bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir
+entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den
+Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing
+an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der über
+uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in dünnen,
+geraden Streifen auf. Es war, als wäre an mehreren Punkten des Waldes
+zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese
+Dunststreifen zusammen, lösten sich vom Boden ab und streiften, vom
+Morgenwind gejagt, als leichtes Gewölk um den runden Gipfel des Gebirgs.
+
+Dieß war für Bonpland und mich ein untrügliches Zeichen, daß wir bald in
+dichten Nebel gehüllt seyn würden. Da wir besorgten, unsere Führer möchten
+sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, ließen
+wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns
+hergehen. Fortwährend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu,
+aufwärts. Das vertrauliche Geschwätz der schwarzen Creolen stach
+merkwürdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen
+von Charipe unsere beständigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich
+über die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange
+gerüstet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger
+Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam,
+daß die europäischen Spanier aller Stände an Körperkraft und Muth den
+Hispano-Amerikanern denn doch weit überlegen sehen. Er hatte sich mit
+weißen Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und
+ausgeworfen werden sollten, um den Nachzüglern die einzuschlagende
+Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbrüdern
+versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um
+ganz Caracas zu verkünden, daß ein Unternehmen glücklich zu Ende geführt
+worden, das ihm, und ich muß sagen, nur ihm, vom höchsten Belang schien.
+Er hatte nicht bedacht, daß seine lange, schwere Kleidung ihm beim
+Bergsteigen hinderlich werden müsse. Er hatte lange vor den Creolen den
+Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung
+und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg
+hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an
+physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den
+wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer
+Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorräthe übernommen. Die
+Sklaven, die zu uns stoßen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten,
+daß sie erst sehr spät anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod
+zubrachten.
+
+Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist
+die östliche die höchste, und auf diese sollten wir mit unsern
+Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat
+der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht,
+deren wir bereits erwähnt, läuft von dieser Einsenkung ins Thal von
+Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende nähert sie sich der
+westlichen Spitze. Man kann dem östlichen Gipfel nur so beikommen, daß man
+zuerst westlich von der Schlucht über das Vorgebirge der Puerta gerade auf
+den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den
+Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat.
+Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst
+gegebenen, denn die Felsen östlich von der Schlucht sind so steil, daß es
+schwer halten dürfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt
+über die Puerta gerade auf den östlichen Gipfel zuginge.
+
+Vom Fuße des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Höhe fanden wir nur
+Savanen. Nur zwei kleine Liliengewächse mit gelben Blüthen erheben sich
+über den Gräsern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da
+erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europäischen
+Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie
+später auf dem Rücken der Anden, neben den Himbeerbüschen nach einem
+Rosenstrauche um. In ganz Südamerika haben wir keine einheimische Rosenart
+gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heißen Zone
+und das unseres gemäßigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch
+scheint der ganzen südlichen Halbkugel diesseits und jenseits des
+Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so
+glücklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch
+zu entdecken.
+
+Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehüllt und fanden uns dann über die
+Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Höhe besteht
+kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Händen nach, wenn einen auf
+dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fuß
+mächtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese
+schneeweiße Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich übergab dem
+Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es
+nicht an Brennmaterial fehlt, läßt sich durch Beimischung feuerbeständiger
+Erden das Töpfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die
+Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12° (9°,6 R.), bei hellem
+Himmel stieg er auf 21°. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht;
+aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten
+Abhängen fällt es schwer, den Einfluß der strahlenden Wärme
+auszuschließen. Wir waren in 940 Toisen Höhe und dennoch sahen wir in
+gleicher Höhe ostwärts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen,
+sondern ein ganzes Palmenwäldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur
+Gattung _Oreodoxa_ gehörig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Höhe
+war eine seltsame Erscheinung gegenüber den Weiden [Wildenows _Salix
+Humboldtiana_], die im gemäßigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder
+wachsen; so sieht man hier Gewächse mit europäischem Typus tiefer als
+solche der heißen Zone vorkommen.
+
+Nach vierstündigem Marsch über die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus
+Sträuchern und niedrigen Bäumen, _‘el Pejual’_ genannt, wahrscheinlich
+wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewächses mit
+wohlriechenden Blättern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde
+sanfter und mit unsäglicher Lust untersuchten wir die Gewächse dieser
+Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschränktem Raum so schöne
+und für die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend
+Toisen Meereshöhe stoßen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von
+Sträuchern, die durch den Habitus, die gekrümmten Aeste, die harten
+Blätter, die großen schönen Purpurblüthen an die Vegetation der *Paramos*
+oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt.
+Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden,
+die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blättern,
+die wir schon öfters mit dem Rhododendrum der europäischen Alpen
+verglichen haben.
+
+Wenn auch die Natur in ähnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus
+isothermen Parallelen (von gleicher Wärme), sey es auf Hochebenen, deren
+Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Länder
+übereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch
+die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die
+auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwürdigsten
+in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte,
+denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen über
+den Ursprung der Dinge sind, das unlösbare Problem, wie sich die
+Organismen über die Erde verbreitet, läßt uns dennoch keine Ruhe. Eine
+schweizerische Grasart(32) wächst auf den Granitfelsen der Magellanschen
+Meerenge. Neuholland hat über vierzig europäische phanerogame
+Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewächse, die den gemäßigten
+Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gänzlich in dem dazwischen
+liegenden Landstrich, das heißt in der äquinoctialen Zone, sowohl auf den
+Ebenen als auf dem Rücken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten
+Blättern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa
+gleichsam abschließt, und von der man lange glaubte, sie gehöre der Insel
+eigenthümlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwärts am
+beschneiten Gipfel der Pyrenäen vor. Gräser und Riedgräser, die in
+Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen
+gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an
+den heißen Ufern des Orinoco und in der südlichen Halbkugel auf dem Rücken
+der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, daß
+Gewächse über Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwärtig
+vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, daß die
+Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau
+gleichen, sich in ungleichen Abständen von den Polen und von der
+Meeresfläche überall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der
+Temperatur einigermaßen überein kommen? Trotz des Einflusses des
+Luftdrucks und der stärkeren oder geringeren Schwächung des Lichts auf die
+Lebensthätigkeit der Gewächse ist doch die ungleiche Vertheilung der Wärme
+unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der
+Vegetation anzusehen.
+
+Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln
+gleichmäßig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben
+der ältesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des
+tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkräuter,
+Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer
+Physiognomie mit den europäischen verwechseln könnte; sie sind aber alle
+specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht
+dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe
+verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in
+den Niederungen des gemäßigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen
+unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas
+bietet ein auffallendes Beispiel hiefür) sind nicht Arten europäischer
+Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heißen Zone herübergekommen, es
+treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem
+Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten
+einander ersetzen.
+
+Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben,
+bis zu den Bergen von Caracas sind es über zweihundert Meilen, und doch
+zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen
+Bergkette, dieselbe merkwürdige Zusammenstellung von Befarien mit
+purpurrothen Blüthen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas
+camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blättern, wie sie für die
+Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe
+charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am
+Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die
+Küstenkette von Caracas hängt unzweifelhaft (über den Torito, die
+Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den
+hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der
+Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so
+niedrig, daß für die oben erwähnten Sträucher aus der Familie der
+Ericineen das Klima nicht kühl genug ist. Und wenn auch, wie
+wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die
+Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten
+Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein
+Felskamm, der hoch genug wäre, daß diese Gewächse auf ihm nach der Silla
+von Caracas hätten wandern können.
+
+Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der
+Erdoberfläche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht
+diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen
+ausreichenden Erklärungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden
+theilt der Länge nach ganz Südamerika in zwei ungleiche Stücke. Am Fuße
+dieser Kette, ostwärts und westwärts, fanden wir in großer Anzahl
+dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergänge der Cordilleren
+sind aber der Art, daß nirgends Gewächse der heißen Zone von den Küsten
+der Südsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn können. Wenn, sey
+es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines
+Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein
+Berggipfel zu einer großen Höhe ansteigt, so ist sein Gipfel mit
+Alpenkräutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf
+andern Bergen mit ähnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise
+zeigen sich im Allgemeinen die Gewächse vertheilt und man kann den
+Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhältnisse nicht dringend genug
+empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich
+es keineswegs über mich, befriedigendere dafür aufzustellen. Ich halte
+vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, für unlösbar, und
+nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie
+die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt
+hat.
+
+Man sagt, ein Berg sey so hoch, daß er die Grenze des Rhododendrum und der
+Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze
+des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus,
+daß unter dem Einflusse gewisser Wärmegrade sich nothwendig gewisse
+vegetabilische Formen entwickeln müssen. Streng genommen ist nun diese
+Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico’s fehlen auf
+den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die
+Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Höhe findet. Die
+Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in
+analogen Klimaten können die Arten bedeutend von einander abweichen.
+
+Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis
+beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem
+4--7. Grad nördlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der
+Silla so wenig bekannt, daß sie sich fast in keinem Herbarium in Europa
+fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von
+einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der
+Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch
+verschieden. In der Nähe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden
+die Berge bis in die höchsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen
+Meereshöhe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie
+weit tiefer, in etwas über 1000 Toisen Höhe; die kürzlich in Florida unter
+dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria wächst sogar auf niedrigen
+Hügeln. So rücken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese
+Sträucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator
+sie vorkommen. Ebenso wächst die lappländische Alpenrose 8--900 Toisen
+tiefer als die der Alpen oder Pyrenäen. Wir wunderten uns, daß wir in den
+Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas
+einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden.
+
+Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei
+bis vier Fuß hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele
+zerbrechliche, fast quirlförmig gestellte Aeste. Die Blätter sind
+eiförmig, zugespitzt, an der Unterfläche graugrün und an den Rändern
+aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und
+hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schönen,
+purpurrothen Blüthen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich
+und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind.
+
+Das Rhododendrum der Schweiz wächst, in 800--1100 Toisen Meereshöhe, in
+einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2° und -1°, also ähnlich
+dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kältesten Monate
++4° und -10°, die wärmsten Monate +12° und 7°. Nach thermometrischen
+Beobachtungen in denselben Höhen und unter denselben Parallelen beträgt im
+Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich
+noch 17--18° und steht der Thermometer in der kühlsten Jahreszeit bei Tag
+zwischen 15 und 20°, bei Nacht zwischen 10 und 12°. Beim
+St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist
+die größte Wärme im August um Mittag (im Schatten) gewöhnlich 12--13°;
+Nachts kühlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der
+Wärmestrahlung des Bodens auf +1 oder -1°,5 ab. Unter demselben
+barometrischen Druck, also in derselben Meereshöhe, aber um dreißig
+Breitegrade näher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag
+häufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht fällt
+dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die
+Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehörende
+Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshöhe
+wachsen; das Ergebniß wäre ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen
+hätten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie
+liegen.
+
+Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Blüthen eine
+_Hedyotis_ mit Heidekrautblättern, die acht Fuß hoch wird, die _Caparosa_
+ein großes baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem
+virginischen identisch scheint, endlich Bärlappenpflanzen und Moose,
+welche Felsen und Baumwurzeln überziehen. Am berühmtesten ist aber dieses
+Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fuß hohen Strauches aus der Familie
+der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*.
+Seine lederartigen, gekerbten Blätter und die Spitzen der Zweige sind mit
+einer weißen Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart;
+die Blüthen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis
+therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas
+gegenüberliegen. Man mengt zuweilen den »Weihrauch« von der Silla mit den
+Blüthen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter
+Blüthe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops ähnelt. Die
+_Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf,
+sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen
+ein sehr angenehmes Riechwasser daraus.
+
+Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schönen harzigten und
+wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der
+Thermometer sank unter 11°. Es ist dieß eine Temperatur, bei der man in
+diesem Himmelsstrich zu frieren anfängt. Tritt man aus dem Gebüsch von
+Alpsträuchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stück am
+westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal
+zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des
+üppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht
+leicht darauf, daß das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von
+einem Gewächs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder
+Bananengewächse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder
+_Heliconia_; die Blätter sind breit, glänzend; sie wird 14--15 Fuß hoch
+und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf
+feuchten Gründen im östlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen
+mußten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder
+Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die
+baumartigen Gräser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder
+Blüthe noch Frucht des Gewächses. Man ist überrascht, in 1100 Toisen Höhe,
+weit über den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren,
+einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehöre
+ausschließlich den heißen Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso
+hohen und noch nördlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf
+Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch
+vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten.
+
+Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen
+Kräutern immer dem östlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von
+Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenriß zu sehen; auf einmal aber waren
+wir in dicken Nebel gehüllt und wir konnten uns nur nach dem Compaß
+richten; gingen wir aber weiter nordwärts, so liefen wir bei jedem Schritt
+Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast
+senkrecht 6000 Fuß hoch zum Meer abfällt. Wir mußten Halt machen; und wie
+so die Wolken um uns her über den Boden wegzogen, fingen wir an zu
+zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die östliche Spitze gelangen
+könnten. Glücklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und
+den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu
+nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, daß der Pater
+Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder daß die Sklaven
+sich über den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und
+fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war
+nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein
+stillsitzender, studirender Poet sättigen, für Bergsteiger waren sie eine
+kärgliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und
+waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu
+haben. Unsere Führer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus
+umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Mühe zurück.
+
+Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta’schen Elektrometer.
+Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedrängten Heliconien stand, erhielt
+ich deutliche Spuren von Luftelektricität. Sie wechselte oft zwischen
+negativ und positiv und ihre Intensität war jeden Augenblick anders. Diese
+Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftströmungen, die den
+Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir
+untrügliche Zeichen, daß das Wetter sich ändern wollte. Es war erst zwei
+Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die
+östliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden
+Gipfeln herabkommen zu können. Hier wollten wir von den Negern aus den
+breiten dünnen Blättern der Heliconia eine Hütte bauen lassen, ein großes
+Feuer anzünden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Hälfte unserer
+Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven,
+sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen.
+
+Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See
+her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12°,5. Es war ohne Zweifel ein
+aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhöhte und damit die Dünste
+auflöste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden
+Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir öffneten den
+Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer
+kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man
+sumpfigte Stellen in bedeutenden Höhen, nicht weil das bewaldete Gebirge
+die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkühlung bei Nacht, in Folge
+der Wärmestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewächse, der
+Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien.
+Wir gingen jetzt gerade auf den östlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs
+hielt uns nachgerade weniger auf; zwar mußte man immer noch Heliconien
+umhauen, aber diese baumartigen Kräuter waren jetzt nicht mehr hoch und
+standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon öfter
+erwähnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariasträuchern bewachsen. Aber
+nicht wegen ihrer Höhe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser
+Zone noch um 400 Toisen höher; denn nach andern Gebirgen zu schließen,
+befände sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Höhe. Große Bäume
+scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur deßhalb zu fehlen, weil
+der Boden so dürr und der Seewind so heftig ist, und die Oberfläche, wie
+auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt.
+
+Um auf den höchsten, östlichen Gipfel zu kommen, muß man so nahe als
+möglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Küste zu hingehen.
+Der Gneiß hatte bisher sein blätteriges Gefüge und seine ursprüngliche
+Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in
+Granit über. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der
+Pyramide. Dieses Stück des Wegs ist keineswegs gefährlich, wenn man nur
+prüft, ob die Felsstücke, auf die man den Fuß setzt, fest liegen. Der dem
+Gneiß aufgelagerte Granit ist nicht regelmäßig geschichtet, sondern durch
+Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden.
+Prismatische, einen Fuß breite, zwölf Fuß lange Blöcke ragen schief aus
+dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob
+ungeheure Balken über dem Abgrund hingen.
+
+Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren
+Himmel. Wir genoßen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich
+nach Norden über die See weg, nach Süden in das fruchtbare Thal von
+Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur
+der Luft war 13°,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshöhe. Man überblickt
+eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in große
+Tiefen schwindligt wird, muß mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch
+seine Höhe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100
+Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenäen; aber er unterscheidet
+sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen
+die See zu. Die Küste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von
+der Spitze der Pyramide auf die Häuser von Caravalleda hinab, so meint
+man, in Folge einer öfter erwähnten optischen Täuschung, die Felswand sey
+beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der
+Neigungswinkel 53°,28′; am Pic von Teneriffa beträgt die Neigung im
+Durchschnitt kaum 12° 30′. Ein 6--7000 Fuß hoher Absturz wie an der Silla
+von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man
+in den Bergen reist, ohne ihre Höhen, ihre Massen und ihre Abhänge zu
+messen. Seit man sich in mehreren Ländern Europas von Neuem mit Versuchen
+über den Fall der Körper und ihre Abweichung gegen Südost beschäftigt, hat
+man in den Schweizer Alpen sich überall vergeblich nach einer senkrechten,
+250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc
+gegen die _allée blanche_ beträgt keine 45 Grad, obgleich man in den
+meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Süd senkrecht
+ab.
+
+Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure nördliche Abhang, trotz seiner
+großen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabüsche hängen
+an der Felswand. Das kleine südwärts gelegene Thal zwischen den Gipfeln
+zieht sich der Meeresküste zu fort; die Alppflanzen füllen diese
+Einsenkung aus, ragen über den Kamm des Berges empor und folgen den
+Krümmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten müsse
+Wasser fließen, und die Vertheilung der Gewächse, die Gruppirung so vieler
+unbeweglicher Gegenstände bringt Leben und Bewegung in die Landschaft.
+
+Es war jetzt sieben Monate, daß wir auf dem Gipfel des Vulkans von
+Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdfläche überblickt, so groß als
+ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort
+sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den
+Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt
+und verschwamm nicht mit den anstoßenden Luftschichten. Auf der Silla, die
+um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den
+näher gerückten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen.
+Blickten wir über die Meeresfläche weg, die einem Spiegel glich, so fiel
+uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhältniß abnahm. Wo die
+Gesichtslinie die äußerste Grenze der Fläche streift, verschwamm das
+Wasser mit den darüber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas
+sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen,
+und statt daß man in dieser Höhe eine scharfe Grenze zwischen den beiden
+Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst
+aufzulösen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich,
+nicht an einem einzigen Stück des Horizonts, sondern auf einer Strecke von
+mehr als 160 Grad, am Ufer der Südsee, als ich zum erstenmal auf dem
+spitzen Fels über dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der höher
+ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder
+nicht, das hängt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge,
+welche der Theil des Oceans empfängt, auf den die Gesichtslinie zuläuft,
+und von der Schwächung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang
+durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern
+Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von
+35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunächst der
+Oberfläche können das Licht bedeutend schwächen, indem sie die
+durchgehenden Strahlen absorbiren.
+
+Selbst vorausgesetzt, die Refraktion äußere gar keinen Einfluß, sollte man
+auf dem Gipfel der Silla bei schönem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila,
+Roques und Aves sehen, von denen die nächsten 25 Meilen entfernt sind. Wir
+sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil
+die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln
+zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg
+mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die
+Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12° 1′ der Breite
+gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10° 31′ 5″ der Breite.]. Wenn die
+umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschränkten, müßte man von der Silla
+die Küste ostwärts bis zum Morro de Piritu, westwärts bis zur Punta del
+Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Südwärts, dem
+innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von
+Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in
+der Richtung eines Parallelkreises hinläuft. Hätte dieser Wall eine
+Oeffnung, eine Lücke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger
+Landes und der Schweiz häufig vorkommen, so genöße man hier des
+merkwürdigsten Schauspiels. Man sähe durch die Lücke die Llanos, die
+weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Höhe mit dem
+Auge des Beobachters aufstiegen, so übersähe man vom selben Punkte zwei
+gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont.
+
+Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die
+Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunächstliegenden Häuser,
+die Dörfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des
+Guayre, einen silberglänzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten
+Landes stach angenehm ab vom düstern, wilden Aussehen der umliegenden
+Gebirge.
+
+Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man
+kaum, daß kein Bild vergangener Zeiten den Einöden der neuen Welt höheren
+Reiz gibt. Ueberall wo in der heißen Zone der von Gebirgen starrende, mit
+dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein ursprüngliches Gepräge behalten
+hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schöpfung. Weit
+entfernt, die Elemente zu bändigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer
+Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberfläche seit
+Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts
+gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen
+Ströme, die tobenden Stürme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der
+Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie
+in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem
+cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft
+ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Wäldern der
+Niederungen oder auf dem Rücken der Cordilleren gelebt, hat man in Ländern
+so groß wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Hütten stehen sehen;
+so hat eine weite Einöde nichts Schreckendes mehr für die
+Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der
+nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei
+oder die Klagelaute seines Schmerzes hören ließ.
+
+Wir konnten die günstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher überragt,
+nicht lange für unsere Zwecke nützen. Während wir mit dem Fernrohr den
+Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von
+Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des
+Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den
+Höhen herauf. Zuerst füllte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben
+beleuchtete Wasserdunst war gleichförmig milchweiß gefärbt. Es sah aus,
+als stände das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die
+schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den
+Sklaven, der den großen Ramsdenschen Sextanten trug; ich mußte den Zustand
+des Himmels benutzen und entschloß mich, einige Sonnenhöhen mit einem
+Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die
+Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Längenunterschied
+zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem östlichen Gipfel der
+Silla scheint kaum größer als 0° 3′ 22″.
+
+Während ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel
+beobachtete, sah ich, daß sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner
+als die Honigbiene des nördlichen Europa, auf meine Hände gesetzt hatten.
+Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren
+trägen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor
+Kälte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur
+sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht
+wahr, daß diese dem neuen Continent eigenthümlichen Bienen gar keine
+Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwächer und sie brauchen
+denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos
+nicht vollkommen überzeugt ist, kann man sich einiger Besorgniß nicht
+erwehren. Ich gestehe, daß ich oft während astronomischer Beobachtungen
+beinahe die Instrumente hätte fallengelassen, wenn ich spürte, dass mir
+Gesicht und Hände voll dieser haarigten Bienen saßen. Unsere Führer
+versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen
+der Füße reize. Ich fühlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst
+zu machen.
+
+Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je
+nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr
+schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die
+Barometerhöhe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und dieß scheint zu
+beweisen, daß der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit über
+1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht,
+daß auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der nördlichen Grenze der
+Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshöhe, meist ein Gegenwind (_vent de
+remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften
+hatte die Physiker, welche den unglücklichen La Peyrouse begleiteten,
+aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu
+beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen
+sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberfläche bleibt. Die
+kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte
+Gewölk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Höhe zeigt, wie z. B. die
+sogenannten *Schäfchen*, stehen still oder rücken so langsam fort, daß
+sich ihre Richtung nicht bestimmen lässt.
+
+Während der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das
+Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Küste. Es war gleich
+26°,5 des Saussure’schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe
+Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich
+ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung
+zwischen der Küste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was
+aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf
+dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten überraschte, war die
+anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch
+zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc’schen) Fischbeinhygrometer aus dem
+Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87° nach
+Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen
+zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc’sche
+Hygrometer ging auf 49 Grad (85° nach Saussure) zurück. Eine halbe Stunde
+später hüllte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die nächsten
+Gegenstände nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, daß das
+Instrument fortwährend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84°
+Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13°. Obgleich beim
+Fischbeinhygrometer der Sättigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad
+ist, sondern bei 84°,5 (99° S.), so schien mir doch dieser Einfluß einer
+Wolke auf den Gang des Instrumentes im höchsten Grade auffallend. Der
+Nebel dauerte lang genug, daß der Fischbeinstreifen durch Anziehung der
+Wassertheilchen sich hätte verlängern können. Unsere Kleider wurden nicht
+feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen geübter Reisender versicherte
+mich kürzlich, er habe auf der _Montagne pelée_ auf Martinique eine Wolke
+ähnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die
+Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet,
+zumal wenn er nichts versäumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu
+vermeiden. Saussure sah während eines heftigen Regengusses, wobei sein
+Hygrometer nicht naß wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der
+Wolke) auf 84°,7 (48°,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter,
+daß die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollständig gesättigt wird,
+als daß der Wasserdunst, der den hygroscopischen Körper unmittelbar
+berührt, denselben nicht dem Sättigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand
+befindet sich Wasserdunst, der nicht naß macht und doch sichtbar ist? Man
+muß, glaube ich, annehmen, daß sich eine trockenere Luft mit der, in der
+sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und daß die Dunstbläschen, die ein
+weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die
+glatte Fläche des Fischbeinstreisens nicht naß gemacht haben. Die
+durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der
+Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt.
+
+Es wäre unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines
+7--8000 Fuß hohen Abhangs länger zu verweilen. Wir gingen wieder vom
+Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht
+nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu
+unserer großen Ueberraschung, später auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha
+in der südlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden
+[_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im nördlichen Europa
+überall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria
+odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gesträuche nieder. Während ich die
+Moose untersuchte, welche den Gneiß im Grunde zwischen beiden Gipfeln
+überziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung ächte Geschiebe, gerollte
+Quarzstücke. Man sieht leicht ein, daß das Thal von Caracas einmal ein
+Landsee seyn kann, ehe der Guayrefluß gegen Ost bei Caurimare, am Fuß des
+Hügels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen
+Catia und Cabo Blanco zu geöffnet hatte; aber wie könnte das Wasser je bis
+zum Fuß des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenüber
+liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, daß das Wasser über sie in
+die Llanos hätte abfließen müssen? Die Geschiebe können nicht von höheren
+Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Höhe ringsum die Silla überragt.
+Soll man annehmen, daß sie mit der ganzen Bergkette. längs des Meeresufers
+emporgehoben worden sind?
+
+Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig
+waren. In der Freude über den glücklichen Erfolg unserer Reise dachten wir
+nicht daran, daß der Weg abwärts im Finstern über steile, mit kurzem
+glattem Rasen bedeckte Abhänge gefährlich seyn könnte. Wegen des Nebels
+konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den
+Doppelhügel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstände,
+die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerückt. Wir
+gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu
+übernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im
+Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den
+Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Sträucher. Die
+herrlichen Befarien, ihre mit großen Purpurblüthen bedeckten Zweige nahmen
+uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen für
+Herbarien sammelt, ist man um so wählerischer, je üppiger die Vegetation
+ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie
+einem nicht so schön vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte.
+Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Rücken, so will
+es einen fast reuen, daß man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns
+so lange im Pejual auf, daß die Nacht uns überraschte, als wir in 900
+Toisen Höhe die Savane betraten.
+
+Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Dämmerung gibt, sieht man sich
+auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterniß versetzt. Der Mond
+stand über dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken
+bedeckt, die ein heftiger kalter Wind über den Himmel jagte. Die steilen,
+mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhänge lagen bald im Schatten, bald
+wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgründe,
+in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander;
+man suchte sich mit den Händen zu halten, um nicht zu fallen und den Berg
+hinab zu rollen. Von den Führern, welche unsere Instrumente trugen, fiel
+einer um den andern ab, um auf dem Berg zu übernachten. Unter denen, die
+bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er
+trug einen großen Inclinationscompaß auf dem Kopf und hielt die Last trotz
+der ungemeinen Steilheit des Abhangs beständig im Gleichgewicht. Der Nebel
+im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir
+tief unter uns sahen, täuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien
+der Abhang noch gefährlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in
+den sechs Stunden, in denen wir beständig abwärts gingen, den Höfen am
+Fuße der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hörten ganz deutlich
+Menschenstimmen und die schrillen Töne der Guitarren. Der Schall pflanzt
+sich von unten nach oben meist so gut fort, daß man in einem Luftballon
+bisweilen in 3000 Toisen Höhe die Hunde bellen hört.(38) Erst um zehn Uhr
+Abends kamen wir äußerst ermüdet und durstig im Thale an. Wir waren
+fünfzehn Stunden lang fast beständig auf den Beinen gewesen; der rauhe
+Felsboden und die dürren harten Grasstoppeln hatten uns die Fußsohlen
+zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen müssen, weil die Sohlen
+zu glatt geworden waren. An Abhängen, wo weder Sträucher, noch holzige
+Kräuter wachsen, an denen man sich mit den Händen halten kann, kommt man
+barfuß sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, führte man uns von der Puerta
+zum Hofe Gallegos über einen Fußpfad, der zu einem Wasserstück, el Tanque
+genannt, führt. Man verfehlte den Fußpfad, und auf diesem letzten
+Wegstück, wo es am allersteilsten abwärts ging, kamen wir in die Nähe der
+Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserfälle erhielt das nächtliche
+Bild einen wilden, großartigen Charakter.
+
+Wir übernachteten am Fuße der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns
+durch Fernröhren auf dem östlichen Berggipfel sehen können. Mit Theilnahme
+hörte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer
+Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der
+höchste Pyrenäengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer möchte
+sich über eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo
+von Denkmälern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale hängt? Kann man
+sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit
+Jahrhunderten die Höhe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen
+wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der
+Cordilleren überragt?
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 30 S. Bd. 1. Seite 283.
+
+ 31 Diese Worte sind oben Bd. I. Seite 255 erklärt.
+
+_ 32 Phleum alpinum_ von Brown untersucht. Nach den Beobachtungen dieses
+ großen Botanikers unterliegt es keinem Zweifel, daß mehrere Pflanzen
+ beiden Continenten und den gemäßigten Zonen beider Halbkugeln
+ zugleich angehören. _Potentilla anserina_, _Prunella vulgaris_,
+ _Scirpus mucronatus_, und _Panicum Crus Galli_ wachsen in
+ Deutschland, in Neuholland und in Pennsylvanien.
+
+_ 33 Viola chiranthifolia_ die Bonpland und ich beschrieben haben
+ (s. Bd. I. Seite 123), ist von Kunth und Leopold von Buch unter den
+ Alpenpflanzen gefunden worden, die Joseph de Jussieu aus den
+ Pyrenäen mitgebracht hat.
+
+_ 34 Rhododendrum laponicum_, _R. caucasicum_, _R. ferrugineum_, _R.
+ hirsutum_
+
+_ 35 Befaria glauca_, _B. ledifolia_
+
+_ 36 Befaria aestuans_, _B. resinosa_
+
+_ 37 Oden_, Buch I, 31
+
+ 38 So Gay-Lussac bei seiner Luftfahrt am 16. September 1803.
+
+ 39 Man glaubte früher, die Silla von Caracas sey so ziemlich so hoch
+ als der Pic von Teneriffa.
+
+
+
+
+
+VIERZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung
+ und den vulkanischen Ausbrüchen auf den Antillen.
+
+
+Wir verließen Caracas am 7. Februar in der Abendkühle, um unsere Reise an
+den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute
+schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen
+Bürgerkriegen, die jenen fernen Ländern die Freiheit jetzt brachten, jetzt
+wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist
+nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenfläche
+umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An
+derselben Stelle, auf diesem zerklüfteten Boden, erhebt sich allmählich
+eine neue Stadt. Die Trümmerhaufen, die Gräber einer zahlreichen
+Bevölkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung.
+
+Die großen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die
+allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rückkehr
+nach Europa. Ueber die politischen Stürme, über die Veränderungen, welche
+in den gesellschaftlichen Zuständen eingetreten, gehe ich hier weg. Die
+neueren Völker sind bedacht für ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen
+sorgfältig die Geschichte der menschlichen Umwälzungen, und damit die
+Geschichte ungezügelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den
+Umwälzungen in der äußern Natur ist es anders; man kümmert sich wenig
+darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten
+bürgerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrüche
+wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig
+ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem
+Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei großen allgemeinen Unfällen, wie
+beim Unglück des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die
+wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstände
+erkennen ließe. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich
+an zuverlässiger Kunde über die Erdstöße zusammengebracht, die am 26. Merz
+1812 die Stadt Cararas zerstört und in der Provinz Venezuela fast in Einem
+Augenblick über zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die
+Verbindungen, die ich fortwährend mit Leuten aller Stände unterhalten,
+setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen
+und Fragen über Punkte an sie zu richten, an deren Aufklärung der
+Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur
+hat der Reisende die Zeit des Eintritts großer Catastrophen festzustellen,
+ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhältnisse zu untersuchen, und
+im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich drängender
+Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere
+Catastrophen verglichen werden mögen. In der unermeßlichen Zeit, welche
+die Geschichte der Natur umfaßt, rücken alle Zeitpunkte des Geschehenen
+nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn
+die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und
+überhaupt von keinem großen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den
+Vortheil, daß sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA
+CONDAMINE bewogen, die denkwürdigen Ausbrüche des Vulkans Cotopaxi [Am 30.
+November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von
+Quito stattgefunden, in seiner »_Reise zum Aequator_« zu beschreiben.
+
+Ich glaube dem Beispiel des großen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend
+welchem Vorwurf folgen zu dürfen, da die Ereignisse, die ich zu
+beschreiben gedenke, für die Theorie von den *vulkanischen Reactionen*
+sprechen, das heißt für den Einfluß, den ein *System von Vulkanen* auf
+einen weiten Landstrich umher ausübt.
+
+Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und
+Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, daß die am
+weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Küsten den verheerenden
+Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von
+Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, veränderlichen
+Klimas, wegen des umzogenen, trübseligen Himmels. Die Bewohner dieses
+kühlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr
+aus Jahr ein eine erstickend heiße Luft athme und wo der Boden periodisch
+von heftigen Erdstößen erschüttert werde. Selbst Gebildete dachten nicht
+an die Verwüstung von Riobamba und andern hochgelegenen Städten; sie
+wußten nicht, daß die Erschütterung des Kalksteins an der Küste von Cumana
+sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt,
+und so waren sie der Meinung, daß Caracas sowohl wegen des Baus seines
+Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe.
+Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei
+nächtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, daß
+von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden
+war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im
+Jahr 1811 sollte eine gräßliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und
+den Volksglauben über den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei
+Grade westlich von Cumana, fünf Grade westlich vom Meridian der
+vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Stöße, als man je auf
+den Küsten von Paria und Neu-Andalusien gespürt.
+
+Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang
+zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstörung von Cumana am
+14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen,
+aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch
+bei der Verwüstung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der
+Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Küste von Cumana reagirt zu haben;
+fünfzehn Jahre später wirkte, wie es scheint, ein dem Festland näher
+liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas
+und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs
+in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberfläche, bis zu
+welchen die Bewegung sich fortpflanzte.
+
+Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein beträchtliches Stück der
+Erdfläche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von
+Neu-Grenada, den Küsten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen
+Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Stöße erschüttert, die man
+einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zähle hier die
+Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, daß auf ungeheure
+Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der
+Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An
+einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels über den
+Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu
+seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie dieß auch bei den
+Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni
+bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs
+nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstägiger Ausbruch,
+durch den die Klippe immer größer und nach und nach 50 Toisen über dem
+Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitän Tillard alsbald im
+Namen der großbritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte,
+hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder
+verschlungen zu haben. Es ist dieß das dritte mal, daß bei der Insel
+St. Michael unterseeische Vulkane so außerordentliche Erscheinungen
+hervorbringen, und als wären die Ausbrüche dieser Vulkane an eine gewisse
+Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Flüssigkeiten bis zu
+einem bestimmten Grade angehäuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91
+oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, daß trotz der
+Nähe keine europäische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und
+Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung näher
+untersuchen zu lassen, durch welche für die Geschichte der Vulkane und des
+Erdballs überhaupt so viel gewonnen werden konnte.
+
+Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen
+Antillen, 800 Meilen südwestwärts von den Azoren gelegen, häufig von
+Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 spürte man auf der Insel
+St. Vincent, einer der drei Antillen mit thätigen Vulkanen, über
+zweihundert Erdstöße. Die Bewegungen beschränkten sich aber nicht auf das
+Inselgebiet von Südamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den
+Thälern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhörlich. Im Osten
+der Alleghanys waren die Schwingungen schwächer als im Westen, in Tennesee
+und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getöse begleitet,
+das von Südwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little
+Prairie, wie beim Salzwerk nördlich von Cincinnati unter dem 34° 45′ der
+Breite, spürte man mehrere Monate lang täglich, ja fast stündlich
+Erdstöße. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813.
+Die Stöße waren Anfangs auf den Süden, auf das untere Mississippithal
+beschränkt, schienen sich aber allmählich gegen Norden fortzupflanzen.
+
+Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese
+lange Reihe von Erderschütterungen anhob, im December 1811 spürte man in
+der Stadt Caracas den ersten Erdstoß bei stiller, heiterer Luft. Dieses
+Zusammentreffen war schwerlich ein zufälliges, denn man muß bedenken, daß,
+so weit auch die betreffenden Länder auseinander liegen, die Niederungen
+von Louisiana und die Küsten von Venezuela und Cumana demselben Becken,
+dem Meere der Antillen angehören. Dieses *Mittelmeer mit mehreren
+Ausgängen* ist von Südost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich
+früher über die weiten, allmählich 30, 50 und 80 Toisen über das Meer
+ansteigenden, aus secundären Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri,
+Arcansas und Mississippi durchströmten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus
+geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des
+Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Südens die
+Küstenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und
+Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen
+die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden
+Höhenzüge zwischen den canadischen Seen und den Nebenflüssen des
+Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt.
+Zwei Reihen thätiger Vulkane fassen es ein: ostwärts auf den kleinen
+Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwärts in den
+Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und
+20. Grad. Bedenkt man, daß das große Erdbeben von Lissabon am 1. November
+1755 fast im selben Augenblick an der Küste von Schweden, am Ontariosee
+und auf Martinique gespürt wurde, so kann die Annahme nicht zu keck
+erscheinen, daß das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis
+zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Stöße erschüttert
+werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen.
+
+Auf den Küsten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben
+werden häufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in
+der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas
+die Beobachtung gemacht haben, daß seit dem Jahr 1792 die Regengüsse nicht
+so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war
+schnell bei der Hand, sowohl die gänzliche Zerstörung von Cumana im Jahr
+1799 als die Erdstöße, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto
+Cabello und Caracas gespürt, »einer Anhäufung der Elektricität im Innern
+der Erde« zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den
+Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, daß
+zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten
+von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit
+der Erdoberfläche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die
+Vorgänge in großen Tiefen Einfluß zu äußern, und wenn man einen
+Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Häufigkeit der
+Erdbeben bemerkt haben will, so gründet sich dieß, meiner Meinung nach,
+keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der
+Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen können zufällig
+zusammentreffen. Den auffallend starken Stößen, die man am Mississippi und
+Ohio zwei Jahre lang fast beständig spürte, und die im Jahr 1812 mit denen
+im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast
+gewitterloses Jahr voran, und dieß fiel wieder allgemein auf. Es kann
+nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklärung von
+Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricität herbeizieht.
+
+Der Stoß, den man im December 1811 in Caracas spürte, war der einzige, der
+der schrecklichen Katastrophe vom 26. März 1812 voranging. Man wußte in
+Terra Firma nichts davon, daß einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich
+rührte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des
+Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in
+der Provinz Venezuela große Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in
+die Runde war in den fünf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein
+Tropfen Regen gefallen. Der 26. März war ein sehr heißer Tag; die Luft war
+still, der Himmel unbewölkt. Es war Gründonnerstag, und ein großer Theil
+der Bevölkerung in den Kirchen. Nichts verkündete die Schrecken dieses
+Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends spürte man den ersten Erdstoß. »Er war so
+stark, daß die Kirchenglocken anschlugen, und währte 5--6 Sekunden.
+Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, während
+dessen der Boden in beständiger Wellenbewegung war, wie eine kochende
+Flüssigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorüber, als sich unter dem
+Boden ein furchtbares Getöse hören ließ. Es glich dem Rollen des Donners;
+es war aber stärker und dauerte länger als der Donner in der Gewitterzeit
+unter den Tropen. Diesem Getöse folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden
+anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas längere wellenförmige
+Bewegung. Die Stöße erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach
+Süd, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen
+sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas
+wurde völlig über den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen
+9 und 10,000) wurden unter den Trümmern der Kirchen und Häuser begraben.
+Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen
+war so groß, daß drei bis viertausend Menschen von den einstürzenden
+Gewölben erschlagen wurden. Die Explosion war am stärksten auf der
+Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am nächsten
+liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die über 150 Fuß hoch
+waren und deren Schiff von 10--12 Fuß dicken Pfeilern getragen wurden,
+lagen als kaum 5--6 Fuß hohe Trümmerhaufen da. Der Schutt hat sich so
+stark gesetzt, daß man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Säulen
+findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die nördlich von der
+Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag,
+verschwand fast völlig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen,
+um sich der Procession anzuschließen; es wurde, wenige Mann ausgenommen,
+unter den Trümmern des großen Gebäudes begraben. Neun Zehntheile der
+schönen Stadt Caracas wurden völlig verwüstet. Die Häuser, die nicht
+zusammenstürzten, wie in der Straße San Juan beim Kapuzinerkloster,
+erhielten so starke Risse, daß man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im
+südlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem großen Platz und
+der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas
+geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern
+stehen.«(41)
+
+Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Unglücklichen
+nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an
+Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum
+Charfreitag bot ein Bild unsäglichen Jammers und Elends. Die dicke
+Staubwolke, welche über den Trümmern schwebte und wie ein Nebel die Luft
+verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdstoß war mehr zu
+spüren: es war die schönste, stillste Nacht. Der fast volle Mond
+beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz
+anders aus als auf der mit Trümmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah
+Mütter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben
+zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten
+einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wußte und
+die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man drängte sich durch
+die Straßen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren.
+
+Alle Schrecken der großen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und
+Riobamba wiederholten sich am Unglückstage des 26. März 1812. »Die unter
+den Trümmern begrabenen Verwundeten riefen die Vorübergehenden laut um
+Hülfe an, und es wurden auch über zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich
+das Mitleid rührender, man kann sagen sinnreicher bethätigt, als hier, wo
+es galt, zu den Unglücklichen zu dringen, die man jammern hörte. Es fehlte
+völlig an Werkzeugen zum Graben und Wegräumen des Schuttes; man mußte die
+noch Lebenden mit den Händen ausgraben. Man brachte die Verwundeten und
+die Kranken, die sich aus den Spitälern gerettet, am Ufer des Guayre
+unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Bäume. Betten,
+Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles
+Unentbehrliche lag unter den Trümmern begraben. Es fehlte an Allem, in den
+ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends
+das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsröhren der Brunnen
+zertrümmert und Erdstürze hatten die Quellen verschüttet. Um Wasser zu
+bekommen, mußte man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war,
+und es fehlte an Gefässen.«
+
+»Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Pietät,
+als bei der Besorgniß vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu
+unmöglich war, so viele tausend halb unter den Trümmern steckende Leichen
+zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man
+errichtete zwischen den Trümmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier
+dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer flüchtete das Volk zur Andacht
+und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen
+hoffte. Die einen traten zu Bittgängen zusammen und sangen Trauerchöre;
+andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Straße. Da geschah auch
+hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom
+4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren
+nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche für ihre Verbindung zu
+suchen, schloßen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen
+sie bis jetzt verläugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs
+beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in
+Feindschaft gelebt, versöhnten sich im Gefühl des gemeinsamen Unglücks.«
+Wenn dieses Gefühl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz für
+das Mitleid ausschloß, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur
+noch hartherziger und unmenschlicher. In großen Unfällen geht in gemeinen
+Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im
+Unglück wie bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Natur: nur
+auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefühl mehr Wärme, den
+Gedanken höheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde.
+
+»So heftige Stöße, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas über den
+Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes
+beschränken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich über die
+Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Küste entlang, besonders
+aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la
+Vega, San Felipe und Merida wurden fast gänzlich zerstört. In Guayra und
+in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier
+bis fünftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und
+Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Süd-West den hohen Gebirgen von
+Niquitao und Merida zuläuft, scheint das Erdbeben am stärksten gewesen zu
+seyn. Man spürte es im Königreich Neu-Grenada von den Ausläufern der hohen
+Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom,
+180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gneiß und
+Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fuß stärker als in der Ebene.
+Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und
+Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und
+nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklärt sich
+dieser Unterschied leicht.) In den Thälern von Araguas zwischen Caracas
+und der Stadt San Felipe waren die Stöße ganz schwach. Victoria, Maracay,
+Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In
+Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche
+Wassermassen aus, daß sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich
+bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro
+fühlte man keine Erschütterung, und doch liegt die Stadt an der Küste,
+zwischen Städten, die gelitten haben.« Fischer, die den 26. März auf der
+Insel Orchila, 30 Meilen nordöstlich von Guayra, zugebracht hatten,
+spürten keine Stöße. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung
+des Stoßes rühren wahrscheinlich von der eigenthümlichen Lagerung der
+Gesteinsschichten her.
+
+Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas
+bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa
+Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwärts von
+der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die
+Erschütterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera;
+es ist aber höchst merkwürdig, daß sie an den Küsten von Nueva Barcelona,
+Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Küsten eine
+Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafür bekannt
+sind, daß sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Ließe
+sich annehmen, die gänzliche Zerstörung der vier Städte Caracas, Guayra,
+San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel
+St. Vincent oder in der Nähe ausgegangen, so würde begreiflich, wie die
+Bewegung sich von Nordost nach Südwest auf einer Linie, die über die
+Eilande los Hermanos bei Blanquilla läuft, fortpflanzen konnte, ohne die
+Küsten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu berühren. Ja der Stoß
+konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne daß die dazwischen
+liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschütterung
+empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico häufig bei Erdbeben
+vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die
+Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck für einen Landstrich, der
+an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, »er mache eine
+Brücke« (_que hace puente_), wie um anzudeuten, daß die Schwingungen sich
+in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen.
+
+Fünfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der großen Katastrophe blieb der
+Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schön und still, und
+erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Stöße wieder an, und zwar
+begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen
+Getöse (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der
+Umgegend; da aber Dörfer und Höfe so stark gelitten hatten wie die Stadt,
+fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thälern von Aragua
+und in den Llanos Obdach. Man spürte oft fünfzehn Schwingungen an Einem
+Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die
+Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang
+wellenförmig auf und ab. In den Gebirgen gab es große Erdfälle; ungeheure
+Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese
+Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der
+Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung
+stützt sich auf keine Messung. Wie ich gehört, bildet man sich auch in der
+Provinz Quito nach allen großen Erschütterungen ein, der Vulkan Tunguragua
+sey niedriger geworden.
+
+In mehreren aus Anlaß der Zerstörung von Caracas veröffentlichten
+Nachrichten wird behauptet, »die Silla sey ein erloschener Vulkan, man
+finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das
+Gestein sey dort nirgends regelmäßig geschichtet und zeige überall Spuren
+des unterirdischen Feuers.« Ja es heißt weiter, »zwölf Jahre vor der
+großen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und
+physikalischen Untersuchungen erklärt, die Silla sey ein sehr gefährlicher
+Nachbar für die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Stöße
+von Nordost her kommen müßten.« Es kommt selten vor, daß Physiker sich
+wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte
+es aber für Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der
+Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten.
+
+Ueberall wo der Boden Monate lang fortwährend erschüttert worden, wie auf
+Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808,
+ist man darauf gefaßt, einen Vulkan sich öffnen zu sehen. Man vergißt, daß
+man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberfläche
+zu suchen hat; daß, nach zuverlässigen Aussagen, die Schwingungen sich
+fast im selben Moment tausend Meilen weit über die tiefsten Meere weg
+fortpflanzen; daß die größten Zerstörungen nicht am Fuß thätiger Vulkane,
+sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten
+vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der
+Umgegend von Caracas sind keineswegs stärker zerbrochen oder
+unregelmäßiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und überall, wo
+Urgebirge rasch zu bedeutender Höhe ansteigen; ich habe daselbst weder
+Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden,
+kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu
+äußern, die Silla und der Cerro de Avila seyen für die Hauptstadt
+gefährliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von
+Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, während
+meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem großen Erdbeben in
+Quito scheine am östlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu
+seyn, daß man besorgen müsse, mit der Zeit dürfte die Provinz Venezuela
+starke Erderschütterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land
+lange von Erdstößen heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe
+neue Verbindungen mit benachbarten Ländern herzustellen, und die in der
+Richtung der Silla nordöstlich von der Stadt gelegenen Vulkane der
+Antillen seyen vielleicht Luftlöcher, durch welche bei einem Ausbruch die
+elastischen Flüssigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Küsten
+des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf
+die Kenntniß der Oertlichkeiten und auf bloße Analogien gründen, und einer
+durch den Lauf der Naturereignisse bestätigten Vorhersagung ist ein großer
+Unterschied.
+
+Während man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der
+Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdstöße spürte, wurde man am
+30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den
+Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch
+ein unterirdisches Getöse erschreckt, das wiederholten Salven aus
+Geschützen vom größten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es
+war von keinen Stößen begleitet, und, was sehr merkwürdig ist, es war auf
+der Küste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es
+komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen
+unterirdischen Donner zu denken, daß man in Caracas wie in Calabozo
+militärische Maßregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu
+setzen, da der Feind mit seinem groben Geschütz anzurücken schien. Beim
+Uebergang über den Apure unterhalb Orivante, beim Einfluß des Rio Rula,
+hörte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die »Kanonenschüsse«
+eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra
+nördlich von der Küstenkette gehört.
+
+Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches
+Getöse erschreckt wurden, erfolgte ein großer Ausbruch des Vulkans auf der
+Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem
+Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im
+Mai 1811 häufige Erdstöße verkündeten, daß sich das vulkanische Feuer
+entweder von Neuem entzündet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen
+habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der
+Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am
+30. floß die Lava über den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die
+See. Das Getöse beim Ausbruch glich »abwechselnd Salven aus dem schwersten
+Geschütz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe
+schien weit stärker auf offener See, weit weg von der Insel, als im
+Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans.«
+
+Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einfluß des Rula sind es
+in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden
+demnach in einer Entfernung gehört gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses
+Phänomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden
+anschließen, beweist, wie viel größer die unterirdische Wirkungssphäre
+eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Veränderungen, die er an
+der Erdoberfläche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der
+neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hört,
+gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu
+uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte
+selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrüche des Vulkans von
+St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie
+eine ungeheuer große Kanone, so müßte der Schall im umgekehrten Verhältniß
+der Entfernung stärker werden; aber die Beobachtung zeigt, daß dieß nicht
+der Fall ist. Noch mehr: in der Südsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die
+Küste von Mexico, fuhren Bonpland und ich über Striche, wo alle Matrosen
+an Bord über ein dumpfes Geräusch erschracken, das aus der Tiefe des
+Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand
+wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem
+Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi
+zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger
+als 145 Meilen, und doch hörte man während der großen Ausbrüche jenes
+Vulkans in Honda ein unterirdisches Getöse, das man für Geschützsalven
+hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Gerücht, Carthagena werde von den
+Engländern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der
+Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr über dem Becken
+von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500
+Toisen mehr Meereshöhe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die
+colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan,
+zahllose Thäler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umständen
+läßt sich nicht annehmen, daß der Ton durch die Luft oder durch die
+obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und daß er von da ausgegangen
+sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man muß es
+wahrscheinlich finden, daß der hochgelegene Theil des Königreichs Quito
+und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane
+sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von
+Süd nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm über 600
+Quadratmeilen Oberfläche hat. Auf diesem Gewölbe, auf diesem
+aufgetriebenen Erdstück stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der
+Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es
+im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens
+sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser
+Gipfel aus. Die ausgefüllten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane;
+wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein-
+oder zweimal auswerfen, so läßt sich doch annehmen, daß das unterirdische
+Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in beständiger
+Thätigkeit ist.
+
+Nordwärts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei
+andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von
+Popayan. Daß diese Systeme unter sich zusammenhängen, geht unzweifelhaft
+aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von
+der gänzlichen Zerstörung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November
+1796 an stieß der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses
+Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsäule aus. Die
+Mündungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem
+westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsäule drei Monate lang so hoch
+über den Gebirgskamm empor, daß die Einwohner der Stadt Pasto sie
+fortwährend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer großen Ueberraschung
+sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne daß man
+einen Erdstoß spürte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter
+gegen Süd zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar
+(Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstört, furchtbarer
+als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser
+Ereignisse läßt wohl keinen Zweifel darüber, daß die Dämpfe, welche der
+Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Mündungen oder _‘ventanillas’_
+ausstieß, am Druck elastischer Flüssigkeiten theilnahmen, welche den Boden
+des Königreichs Peru erschütterten und in wenigen Augenblicken dreißig bis
+vierzigtausend Menschen das Leben kosteten.
+
+Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklären,
+um darzuthun, daß die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der
+Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschüttern kann, mußte ich mich auf
+die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit
+vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schlüsse bauen,
+und wo auf dem Erdball fände man großartigere und mannigfaltigere
+vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen
+Bergkette, in dem Lande, wo die Natur über jeden Berggipfel und jedes Thal
+die Fülle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden
+Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die
+Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschätzen, so stellt sich die
+vulkanische Wirksamkeit an der gegenwärtigen Erdoberfläche weder als sehr
+gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit
+erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je früher wir den
+Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und
+dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die
+der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in
+Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir
+sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als
+die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermöge ihres Zusammenhangs
+in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschüttern. Das Studium der
+Vulkane zerfällt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein
+mineralogische, beschäftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das
+unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der
+Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und
+Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so
+zugängliche und auch mehr vernachlässigte Theil hat es mit den
+gegenseitigen physikalischen Verhältnissen der Vulkane zu thun, mit dem
+Einfluß, den die Systeme auf einander ausüben, mit dem Zusammenhang
+zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Stößen, welche den
+Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung
+erschüttern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die
+verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thätigkeit genau verzeichnet,
+ferner die Richtung, Ausdehnung und Stärke der Erschütterungen, ihr
+allmäliges Vorrücken in Landstrichen, die sie früher nicht erreicht
+hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem
+unterirdischen Getöse, das so stark ist, daß die Bewohner der Anden es
+ausdrucksvoll *unterirdisches Gebrülle* und *unterirdischen Donner*
+(_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehören dem
+Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal
+ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt,
+die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Großartigkeit
+und Gewaltsamkeit weit über das Maß unserer Vorstellungen hinausgeht.
+
+Man hat sich lange darauf beschränkt, die Geschichte der Natur nach den
+alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmälern zu studiren; aber
+wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen
+Umwälzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben
+und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der
+jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschränktem Raum,
+stürmische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefaßt, über
+die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten können. Im Innern
+des Erdballs hausen die geheimnißvollen Kräfte, deren Wirkungen an der
+Oberfläche zu Tage kommen, als Ausbrüche von Dämpfen, glühenden Schlacken,
+neuen vulkanischen Gesteinen und heißen Quellen, als Auftreibungen zu
+Inseln und Bergen, als Erschütterungen, die sich so schnell wie der
+elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den
+man Monate lang, und ohne Erschütterung des Bodens, in großen Entfernungen
+von thätigen Vulkanen hört.
+
+Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevölkerung zunehmen werden, je
+fleißiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf
+den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird,
+desto mehr muß der Zusammenhang zwischen Ausbrüchen und Erdbeben, welche
+den Ausbrüchen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung
+werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die
+ungeheure Höhe von 2500 Toisen und darüber erreichen, bieten dem
+Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrüche sind
+merkwürdig scharf bezeichnet. Dreißig, vierzig Jahre lang werfen sie keine
+Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode
+habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des
+Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke
+entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen
+dieses kleinen Vulkans gewöhnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter
+einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die
+Schlackenauswürfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdstoß verspürt,
+stärker gewesen sind. Auf dem Rücken der Cordilleren hat Alles einen
+bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft
+zehnjährige Ruhe. Unter diesen Umständen wird es leicht, Epochen zu
+verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit
+zusammenfallen.
+
+Die Zerstörung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen
+darauf hin, daß die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den
+Erschütterungen, welche die Küsten von Terra Firma erleiden, im
+Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es häufig vor, daß die Stöße, welche
+man im vulkanischen Archipel spürt, sich weder nach der Insel Trinidad,
+noch nach den Küsten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese
+Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen
+Antillen selbst beschränken sich die Erschütterungen oft auf eine einzige
+Insel. Der große Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte
+in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hörte, wie in
+Venezuela, starke Schläge, aber der Boden blieb ruhig.
+
+Diese Donnerschläge, die nicht mit dem rollenden Geräusch zu verwechseln
+sind, das überall auch ganz schwachen Erdstößen vorausgeht, hört man an
+den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und
+Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater
+Morello erzählt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getöse
+zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinböllern (_pedreros_) daß es
+gewesen sey, als würde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October
+1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien
+verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in
+Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des
+Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschütterungen in einer ganz
+granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie
+von heftigen Donnerschlägen begleitet waren. Am Paurari erfolgten große
+Bergstürze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco.
+Die wellenförmigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war
+gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschütterungen, welche die
+Küsten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man
+sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Wäldern leben und kein anderes
+Obdach haben als Hütten aus Rohr und Palmblättern, fürchten sich nicht vor
+den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber
+darüber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die
+Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem
+Wasser ans Ufer. Näher bei der See, wo die Erdstöße sehr häufig sind,
+fürchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern
+als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres.
+
+Alles weist darauf hin, daß im Innern des Erdballs nie schlummernde Kräfte
+walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich
+gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des
+Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer
+Flüssigkeiten für uns in Dunkel gehüllt sind, desto größere Aufforderung
+hat der Physiker, den Zusammenhang näher zu beobachten, der zwischen
+diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in
+sehr gleichförmiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen
+Beziehungen und Verhältnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt
+betrachtet, wenn man sie über ein großes Stück der Erdoberfläche durch die
+verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken
+aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine
+lokale Ursachen haben könnten, wie Schichten von Schwefelkiesen und
+brennende Steinkohlenflöze.
+
+Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschütterungen
+beschäftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit
+erleidet, und die unermeßlichen Jammer über ein Land bringen, das die
+Natur mit ihren köstlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe
+herrscht in der obern Atmosphäre, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu
+brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen
+Atmosphäre*, in diesem Gemisch elastischer Flüssigkeiten, deren gewaltsame
+Bewegungen wir an der Erdoberfläche empfinden, rollt häufig der Donner.
+Wir haben von der Zerstörung so vieler volkreichen Städte erzählt und
+damit das höchste Maß menschlichen Elends geschildert. Ein für seine
+Unabhängigkeit kämpfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung
+und allen Lebensbedürfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut
+es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Trümmern ihrer
+Häuser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefühl des
+Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Bürgern zu befestigen,
+untergräbt es vollends; die äußern Uebel steigern noch die Zwietracht, und
+der Anblick eines mit Thränen und Blut getränkten Bodens beschwichtigt
+nicht den Grimm der siegreichen Partei.
+
+Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, läßt man die
+Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als
+in den Vereinigten Staaten das große Unglück von Caracas bekannt wurde,
+beschloß der zu Washington versammelte Congreß einstimmig, fünf Schiffe
+mit Mehl zur Vertheilung unter die Dürftigsten an die Küste von Venezuela
+zu senden. Diese großmüthige Unterstützung ward mit dem lebhaftesten Danke
+aufgenommen, und dieser feierliche Beschluß eines freien Volks, dieser
+Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur
+des alten Europa in jüngster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat,
+erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das
+auf immer die Völker des gedoppelten Amerikas verknüpfen soll.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 40 Z. B. die nächtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das
+ große Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr
+ 1778. Andere sehr starke Erdstöße kamen vor in den Jahren 1641, 1703
+ und 1802.
+
+ 41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_.
+ (Manuscript)
+
+ 42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenförmigen und stoßenden
+ Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare
+ Katastrophe vom 26. März 1812 herbeiführten, wurde von den einen auf
+ 50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschätzt.
+
+
+
+
+
+FÜNFZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. --
+ Victoria. -- Thäler von Aragua.
+
+
+Der kürzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco hätte uns über die
+südliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von
+Ocumare, und über die Steppen oder Llanos von Orituco geführt, worauf wir
+uns bei Cabruta, an der Einmündung des Rio Guarico, hätten einschiffen
+müssen; aber auf diesem geraden Wege hätten wir unsere Absicht nicht
+erreicht, die dahin ging, den schönsten und kultivirtesten Theil der
+Provinz, die Thäler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich
+der Küste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem
+Einfluß in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der
+Gestaltung und den natürlichen Schätzen des Bodens bekannt machen will,
+richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das
+die zu bereisenden Länder bieten. Diese entscheidende Rücksicht führte uns
+in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die
+fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und über die ungeheuren Steppen von
+Calabozo nach San Fernando am Apure im östlichen Theil der Provinz
+Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Süd und am
+Ende Ost-Süd-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7° 36′ 23″ in
+den Orinoco zu gelangen.
+
+Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Längen durch
+Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, mußte
+nothwendig die Lage beider Städte genau und durch absolute Beobachtungen
+ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in
+Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der
+nördliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10° 30′ 50″ der Breite und
+69° 25′ 0″ der Länge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar
+1800 außerhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4° 38′ 45″ gegen
+Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universität
+4° 39′ 15″, also um 26′ stärker als in Cumana. Die Inclination der Nadel
+war 42° 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensität der
+magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in
+Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden:
+sie sind das Ergebniß dreimonatlicher Arbeit.
+
+Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verließen, die seitdem durch
+ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, übernachteten wir am Fuße
+der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Südwest schließen. Wir zogen am
+rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schönen, zum
+Theil in den Fels gehauenen Straße. Man kommt durch la Vega und Carapa.
+Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht
+bewachsenen Hügelzug ab. Zerstreute Häuser, von Dattelbäumen umgeben,
+deuten auf günstige Verhältnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe
+Bergkette trennt den kleinen Guayrefluß vom Thale *de la Pascua*,(43) das
+in der Geschichte des Landes eine große Rolle spielt, und von den alten
+Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwärts nach Carapa
+hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine
+gewaltige, gegen das Meer jäh abstürzende Kuppel darstellt. Dieser runde
+Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die
+einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gneiß und Glimmerschiefer, die
+der Landschaft Charakter geben; die übrigen Höhen sind sehr einförmig und
+langweilig.
+
+Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgärten voll blühender Pfirsichbäume.
+Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge
+Pfirsiche, Quitten und anderes europäisches Obst auf den Markt in Caracas.
+Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal über den Guayre. Der
+Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Straße zu bauen, thäte man
+vielleicht besser, dem Fluß ein anderes Bett anzuweisen, der durch
+Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Krümmung
+bildet eine größere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht
+gleichgültig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme
+des Strichs zwischen der See und der Küstenbergkette von Mariara und
+Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im
+Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche.
+Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber
+die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80° geneigt
+und fallen meist nach Nordwest, so daß die Wasser entweder im Gebirg
+versinken oder nicht südlich, sondern nördlich an den Küstengebirgen von
+Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus,
+daß die Gneiß- und Glimmerschieferschichten gegen Süd ausgerichtet sind,
+scheint sich mir größtentheils die große Dürre des Küstenstrichs zu
+erklären. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei
+Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der
+Kaffeebaum können nur da gedeihen, wo Wasser fließt, mit dem man während
+der großen Dürre künstlich bewässern kann. Die ersten Ansiedler haben
+unvorsichtigerweise die Wälder niedergeschlagen. Auf einem steinigten
+Boden, wo Felsen ringsum Wärme strahlen, ist die Verdunstung ungemein
+stark. Die Berge an der Küste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West
+vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die
+feuchte Küstenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See
+aufliegen und am meisten Wasser ausgelöst haben, nicht ins innere Land
+kommen. Es gibt wenige Lücken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von
+Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Längenthäler
+hinaufführen. Da ist kein großes Flußbett, kein Meerbusen, durch die der
+Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung
+Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die
+Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Bäume im Januar und Februar die
+Blätter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig
+wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit
+entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich nähert. Nur die
+Gewächse mit glänzenden, stark lederartigen Blättern halten die Dürre aus.
+Unter dem schönen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast
+winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Grün erscheint
+wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein
+anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die großen Wälder im
+Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schützen ihn vor der
+verzehrenden Sonnengluth.
+
+Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das
+Flußufer ist mit *Lata* bewachsen, der schönen Grasart mit zweizeiligen
+Blättern, die gegen dreißig Fuß hoch wird und die wir unter dem Namen
+Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Hütte stehen
+ungeheure Stämme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien,
+Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die
+benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales
+von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las
+Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten
+Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhäuten am Bodens. In jedem Gemach
+waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof
+brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die
+lärmende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen
+des bewölkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond
+kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war trübselig
+einförmig, alle Hügel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem
+kleinen Kanal, der über 70 Fuß hoch das Wasser des Rio San Pedro in den
+Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden
+der Hacienda nur 50 Toisen über dem Bett des Guayre bei Noria in der Nähe
+von Caracas.
+
+Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht
+sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen
+geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit
+dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im
+Allgemeinen einen Begriff zu machen, genügt die Angabe, daß die ganze
+Provinz Caracas zur Zeit ihrer höchsten Blüthe vor den Revolutionskriegen
+bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten
+von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, muß desto
+bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Bürger, Don
+Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Küste
+von Terra Firma gemacht hatte. Die schönsten Kaffeepflanzungen sind jetzt
+in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten
+Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von
+den drei letztgenannten, ostwärts von Caracas gelegenen Orten ist von
+vorzüglicher Güte; aber die Sträucher tragen dort weniger, was man der
+hohen Lage und dem kühlen Klima zuschreibt. Die großen Pflanzungen in der
+Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in
+guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die
+Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804
+10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die
+Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana
+sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener für die Colonisten so
+unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch über zwei
+Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in
+den englischen Magazinen.
+
+Die große Vorliebe, die man in dieser Provinz für den Kaffeebau hat, rührt
+zum Theil daher, daß die Bohne sich viele Jahre hält, während der Cacao,
+trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen
+verdirbt. Während der langen Kriege zwischen den europäischen Mächten, wo
+das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schützen,
+mußte sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht
+schnell abgesetzt werden muß und bei dem man alle politischen und
+Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas
+nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen
+Pflanzen, die zufällig unter den tragenden Bäumen aufwachsen; man läßt
+vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem
+Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblättern fünf Tage
+lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen
+Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der
+Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande
+gewöhnlich 5300 Bäume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen.
+Ein solches Grundstück kostet, wenn es sich bewässern läßt, im nördlichen
+Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blüht erst im zweiten Jahr
+und die Blüthe währt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine
+Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr
+ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejäteten und bewässerten
+Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Bäume,
+die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur
+1--1½ Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist
+schon größer als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Blüthezeit
+fällt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewächs,
+eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten großen
+Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000
+Stämmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse
+organischen Stoffs, und man muß sich wundern, daß man nie versucht hat
+Alkohol daraus zu gewinnen.
+
+Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der
+Colonialwaaren und die Auswanderung der französischen Pflanzer den ersten
+Anlaß zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und
+Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs bloß
+das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, daß die französischen
+Antillen nichts mehr ausführten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die
+Bevölkerung und bei veränderter Lebensweise der Luxus bei den europäischen
+Völkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 führte St. Domingo gegen 76
+Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war
+die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist
+nicht so mühsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter
+dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich
+ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba,
+Surinam, Demerary, Barbice, Curaçao, Venezuela und der Insel Java weit
+mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen.
+
+Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa übersteigt jetzt 106
+Millionen Pfund französischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5
+Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus
+Arabien und Java, so ergibt sich, daß der Gesammtverbrauch von Europa im
+Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen
+Untersuchungen über die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine
+geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der
+Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus
+China in den letzten fünfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil stärker
+geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana könnte Thee
+so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in
+Stockwerken über einander, und dieser neue Culturzweig würde eben so gut
+gedeihen, wie in der südlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer
+Regierung, die großsinnig die Industrie und die religiöse Duldung in ihren
+Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo’s Glaubenssätze zumal
+eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam
+und auf den Antillen die ersten Kaffeebäume gepflanzt wurden, und bereits
+hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen
+Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet.
+
+Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um über den Higuerote zu
+gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Längenthälern von
+Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Flüsse San
+Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, über das Wasser gegangen
+waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo
+ein paar einzelne Häuser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur
+Stadt Caracas, gegen Süd bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und
+waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach
+ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshöhe, also fast so hoch
+als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich höher als 17--18°
+[13°,6--14°,4 Reaumur]. Die Straße über diese Berge ist sehr belebt; jeden
+Augenblick begegnet man langen Zügen von Maulthieren und Ochsen; es ist
+die große Straße von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thäler von
+Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gneiß gehauen. Ein mit
+Glimmerblättern gemengter Thon bedeckt drei Fuß hoch das Gestein. Im
+Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein
+Morast. Abwärts von der Ebene von Buonavista, etwa fünfzig Toisen gegen
+Südost, kommt man an eine starke Quelle im Gneiß, die mehrere Fälle
+bildet, welche die üppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle
+hinunter ist so steil, daß man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fuß
+hoch wird, mit der Hand berühren kann. Die Felsen ringsum sind mit
+Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schießt
+im Schatten von Heliconien hin und entblößt die Wurzeln der Plumeria, des
+Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen
+heimgesuchte Ort gewährt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea,
+von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, trägt
+oft vier bis fünfhundert purpurrothe Blüthen in einem einzigen Strauße.
+Jede Blüthe hat fast immer 11 Staubfäden, und das prachtvolle Gewächs,
+dessen Stamm 50--60 Fuß hoch wächst, wird selten, weil sein Holz eine sehr
+gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und
+Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden
+zwischen Bäumen, deren Hierseyn bekundet, wie kühl das Klima in diesen
+Bergen ist. Dahin gehören die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die
+_Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schönen Region der Baumfarn
+(_region de los helechos_) eigenthümlichen Gewächsen erheben sich in den
+Lichtungen hie und da Palmbäume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia
+mit silberfarbigen Blättern, deren dünner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie
+verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, daß ein so schöner
+Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn
+Kronblätter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das
+Zellgewebe im Innern zerstören, scheinen das Wachsthum des Baums zu
+hemmen. Wir hatten in diesen kühlen Bergen von Higuerote schon einmal
+botanisirt, im December, als wir den Generalcapitän Guevara auf dem
+Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles
+de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar
+Stämme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schönen Farbe berühmtes Holz
+einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von
+Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_.
+
+Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Südwest zum kleinen Dorfe
+San Pedro herunter (Höhe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo
+mehrere kleine Thäler zusammenstoßen, und fast 300 Toisen tiefer als die
+Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln
+und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut.
+Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht
+angestellte Hispano-Europäer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr
+verschieden. Vom Marsche ermüdet, brachen sie in Klagen und Verwünschungen
+aus über das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben
+müßten. Wir dagegen konnten die wilde Schönheit der Gegend, die
+Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug rühmen.
+
+Das Thal von San Pedro mit dem Flüßchen dieses Namens trennt zwei große
+Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen
+West wieder aufwärts über die kleinen Höfe las Lagunetas und Garavatos. Es
+sind dieß nur einzelne Häuser, die als Herbergen dienen; die
+Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetränk, *Guarapo*, gegohrenen
+Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Straße hin und her
+ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar
+gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der
+oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas öffneten wir
+den Barometer und fanden, daß wir hier in derselben Höhe waren wie auf
+Buonaviste, kaum 10 Toisen höher.
+
+Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einförmig.
+Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und
+des Tuy ist über 25 Quadratmeilen groß. Es gibt darin sein einziges
+elendes Dorf, los Teques, südöstlich von San Pedro. Der Boden ist wie
+durchfurcht von unzähligen kleinen Thälern, und die kleinsten, neben
+einander herlaufenden münden unter rechtem Winkel in die größeren aus. Die
+Berggipfel sind eben so einförmig wie die Thalschluchten; nirgends eine
+pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang.
+Nach meiner Ansicht rührt das fast durchgängig flache, wellenförmige
+Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der
+Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneißes, als vielmehr davon,
+daß das Wasser lange darüber gestanden und die Strömungen ihre Wirkungen
+geäußert haben. Die Kalkberge von Cumana, nördlich vom Turimiquiri, zeigen
+dieselbe Bildung.
+
+Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche
+Abhang der Berggruppe los Teques heißt las Cocuyzas; er ist mit zwei
+Pflanzen mit Agaveblättern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de
+Cocuy* bewachsen. Letzterer gehört zur Gattung Yucca (unsere _Yucca
+acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein
+gebrannt, auch habe ich die jungen Blätter essen sehen. Aus den Fasern der
+ausgewachsenen Blätter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat
+man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein
+reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Dörfern, unter denen welche
+sind, die in Europa Städte hießen. Von Ost nach West, auf einer Strecke
+von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay,
+die zusammen über 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der
+östliche Ausläufer der Thäler von Aragua zu betrachten, die sich von
+Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fuß der Berge las
+Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim
+Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen über dem
+Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, läuft Anfangs
+gegen West, wendet sich dann nach Süd und Ost längs der hohen Savanen von
+Ocumare, nimmt die Gewässer des Thals von Caracas auf und fällt unter dem
+Winde des Cap Codera ins Meer.
+
+Wir waren schon lange an eine mäßige Temperatur gewöhnt, und so kamen uns
+die Ebenen am Tuy sehr heiß vor, und doch stand der Thermometer bei Tag
+zwischen elf Uhr Morgens und fünf Uhr Abends nur auf 23--24°. Die Nächte
+waren köstlich kühl, da die Lufttemperatur bis auf 17°,5′ [14° Reaumur]
+sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto stärker schienen die Wohlgerüche der
+Blumen die Luft zu erfüllen. Aus allen heraus erkannten wir den köstlichen
+Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Blüthe
+8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy wächst. Wir verlebten zwei
+höchst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der
+Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Rußland gewesen war. Als
+Zögling und Günstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten
+von Caracas, wollte er sich, als der berühmte Staatsmann ins Ministerium
+getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz
+fürchtete Manterolas Einfluß und ließ ihn im Hafen verhaften, und als der
+Befehl von Hof anlangte, der die eigenmächtige Verhaftung aufhob, war der
+Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es hält schwer, auf 1500 Meilen, von
+der südamerikanischen Küste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht
+eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen.
+
+Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine hübsche Zuckerplantage. Der Boden
+ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlängelt sich
+durch Gründe, die mit Bananen und einem kleinen Gehölz von _Hura
+crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbäumen mit
+Nymphäenblättern bewachsen sind. Das Flußbett besteht aus Quarzgeschieben,
+und ich wüßte nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das
+crystallhelle Wasser behält selbst bei Tag die Temperatur von 18°,6. Das
+ist sehr kühl für dieses Klima und für eine Meereshöhe von 300 Toisen,
+aber der Fluß entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des
+Eigenthümers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Hügel und ringsum stehen
+die Hütten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst für ihren
+Unterhalt. Wie überall in den Thälern von Aragua weist man ihnen ein
+kleines Grundstück an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen
+freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Hühner,
+zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr rühmt, wie gut sie es haben, wie im
+nördlichen Europa die gnädigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern
+rühmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger
+einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich fürchtete Zeuge einer der
+Prügelscenen sein zu müssen, die einem überall, wo die Sklaverei herrscht,
+das Landleben verbittern; glücklicherweise wurden die Schwarzen menschlich
+behandelt.
+
+Auf dieser Pflanzung, wie überall in der Provinz Venezuela, unterscheidet
+man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das
+creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat
+ein dunkleres Blatt, einen dünneren Stengel und die Knoten stehen näher
+bei einander; es ist dieß das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf
+Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingeführt wurde. Die
+zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Grün aus; der Stengel ist
+höher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verräth üppigeres Wachsthum.
+Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville
+brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an
+auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der
+Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die
+Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden
+Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein
+Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel
+und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres
+ist für die Antillen von großem Werth, da die Pflanzer dort wegen der
+Ausrodung der Wälder schon lange die Kessel mit ausgepreßtem Rohr heizen
+müssen. Ohne dieses neue Gewächs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf
+dem Festland des spanischen Amerika und die Einführung des indischen und
+Javazuckers, hätten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstörung
+der dortigen großen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen
+Einfluß auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geäußert. Nach Caracas
+kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta
+und San Gil im Königreich Neu-Grenada. Gegenwärtig, nach
+fünfundzwanzigjährigem Anbau, ist die Besorgniß verschwunden, die man
+Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr möchte allmählig
+ausarten und so dünn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist,
+so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr,
+_Caña de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu
+Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut.
+Es hat purpurfarbige, sehr breite Blätter; in der Provinz Caracas
+verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder
+mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstücken laufen Hecken aus einer gewaltig
+großen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blättern.
+Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Wässerungskanal
+gespeist werden sollte. Der Eigenthümer hatte für das Unternehmen 7000
+Piaster an Baukosten und 4000 für die Processe mit seinen Nachbarn
+ausgegeben. Während die Sachwalter sich über einen Kanal stritten, der
+erst zur Hälfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache
+überhaupt ausführbar seh. Ich vermaß das Terrain mittelst eines
+Probirglases auf einem künstlichen Horizont und fand, daß das Wehr acht
+Fuß zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen
+Colonien für Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen
+angelegt waren!
+
+Das Tuythal hat sein »Goldbergwerk«, wie fast jeder von Europäern
+bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr
+1780 habe man hier fremde Goldwäscher Goldkörner sammeln sehen, und die
+Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Wäscherei angelegt. Der
+Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und
+siehe, man fand in seinem Nachlaß ein Wamms mit goldenen Knöpfen, und nach
+der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die
+Schürfung durch einen Erdfall verschüttet worden war. So bestimmt ich auch
+erklärte, nach dem bloßen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen
+in der Richtung des Ganges, könne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut
+worden sey -- es half nichts, ich mußte den Bitten meiner Wirthe
+nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen
+Bezirk tagtäglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schooße der
+Erde gräbt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das
+Gold, das der Fleiß des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden
+Klima gesegneten Boden erntet.
+
+Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im nördlichen Zuge der
+Küstengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_
+genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den
+Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses
+ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie überall, wo die Höhen in die
+Wolkenregion reichen und die Wasserdünste auf ihrem Zug von der See her
+freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Grün, das uns in
+den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den
+Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Bäume im Winter ihre
+Blätter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, fällt
+einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so
+trocken, daß der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40° steht.
+Weit ab vom Fluß sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges
+Pfeffergewächs das entblätterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung
+ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum
+erreicht; sie rührt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, daß »die
+Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heißen Erdstrich herüber
+wirken.« Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewächse
+bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Blätter- und
+Blüthenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten
+sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen
+Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen
+Bäume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu
+treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in
+der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmählich feuchter, wenn
+sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blässer und hoch oben in
+der Luft sammeln sich leichte, gleichförmig verbreitete Dünste. In diese
+Jahreszeit fällt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein
+Frühling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48)
+Winters Anfang verkündigt und auf die Sommerhitze folgt.
+
+In der _Quebrada Seca_ wurde früher Indigo gebaut; da aber der
+dichtbewachsene Boden nicht so viel Wärme abgeben kann, als die
+Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung
+wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter
+man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am
+nördlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der über die
+fallenden Gneißschichten niederstürzt; man arbeitete hier an einer
+Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene führen sollte; ohne Bewässerung
+ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft möglich.
+Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, über dem Hause
+des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, hätte
+umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertrümmern müssen, so
+hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefällt, daß er zwischen
+ungeheure Feigenbäume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter
+rollen konnte. Wir maßen den gefüllten Baum: der Wipfel war abgebrannt,
+und doch maß der Stamm noch 154 Fuß; er hatte an der Wurzel 8 Fuß
+Durchmesser und am obern Ende 4 Fuß 2 Zoll.
+
+Unsern Führern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Bäume
+sind, und sie trieben uns vorwärts, dem »Goldbergwerk« zu. Wir wandten uns
+nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am
+Abhang eines Hügels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den
+Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz
+verändert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits
+wuchsen große Bäume auf dem Fleck, wo die Goldwäscher vor zwanzig Jahren
+gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, daß sich hier im
+Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen,
+goldhaltige Gänge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagerstätte
+bauwürdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto
+seltener, je reicher es ist? Um uns für unsere Anstrengung zu
+entschädigen, botanisirten wir lange im dichten Wald über dem Hato, wo
+Cedrela, Brownea und Feigenbäume mit Nymphäenblättern in Menge wachsen.
+Die Stämme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen
+bedeckt, die meist erst im April blühen. Auch hier fielen uns wieder die
+Holzauswüchse auf, die in der Gestalt von Gräten oder Rippen den Stamm der
+amerikanischen Feigenbäume bis zwanzig Fuß über dem Boden so ungemein dick
+machen. Ich habe Bäume gesehen, die über der Wurzel 22½ Fuß Durchmesser
+hatten. Diese Holzgräten trennen sich zuweilen acht Schuh über dem Boden
+vom Stamm und verwandeln sich in walzenförmige, zwei Schuh dicke Wurzeln,
+und da sieht es aus, als würde der Baum von Strebepfeilern gestützt.
+Dieses Gerüstwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die
+Seitenwurzeln schlängeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fuß vom
+Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums
+hervorquellen und sofort, da er der Lebensthätigkeit der Organe entzogen
+ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von
+Zellen und Gefäßen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen
+Riesenbäumen der heißen Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem
+fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fuß hoch aufsteigt und wieder
+zum Boden rückfließt, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter
+dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens
+bergen!
+
+Ich benützte die hellen Nächte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte
+des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei
+Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39′ 14″ Länge; nach
+dem Chronometer fand ich 4h 39′ 10″. Dieß waren die letzten Bedeckungen,
+die ich bis zu meiner Rückkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben
+wurde das östliche Ende der Thäler von Aragua und der Fuß der Berge las
+Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhöhen von Canopus fand ich
+die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10° 16′ 55″, am
+10. Februar 10° 16′ 34″. Trotz der großen Trockenheit der Luft flimmerten
+die Sterne bis zu 80 Grad Höhe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt
+und jetzt vielleicht das Ende der schönen Jahreszeit verkündete. Die
+Inclination der Magnetnadel war 41° 60′, und 228 Schwingungen in 10
+Minuten Zeit gaben die Intensität der magnetischen Kraft an. Die
+Abweichung der Nadel war 4° 30′ gegen Nordost.
+
+Während meines Aufenthalts in den Thälern des Tuy und von Aragua zeigte
+sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es
+unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends
+gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand
+fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten
+nach Sonnenuntergang, ohne daß der klare Himmel sich getrübt hätte. Schon
+La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen,
+wie schön sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl
+weil es weniger geneigt ist, als wegen der großen Reinheit der Luft. Man
+müßte es auch auffallend finden, daß nicht lange vor Childrey und Dominic
+Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die
+gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und
+Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wüßte, wie wenig sie bis
+zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kümmerten, was nicht
+unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte.
+
+So glänzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es
+doch noch weit schöner auf dem Rücken der Cordilleren von Mexico, am Ufer
+des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshöhe. Auf dieser Hochebene geht
+der Delucsche Hygrometer auf 150 zurück, und bei einem Luftdruck von 21
+Zoll 8 Linien ist die Schwächung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf
+den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60
+Grad über den Horizont herauf. Die Milchstraße erschien blaß neben dem
+Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Wölkchen gegen
+West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen.
+
+Ich muß hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in
+meinem an Ort und Stelle geführten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet.
+Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach
+je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwächer, jetzt wieder stärker. Bald
+war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstraße im
+Schützen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im
+Innern, weit von den Rändern. Während dieser Schwankungen des
+Zodiacallichts zeigte der Hygrometer große Trockenheit an. Die Sterne
+vierter und fünfter Größe erschienen dem bloßen Auge fortwährend in
+derselben Lichtstärke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen,
+und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeinträchtigen. In
+andern Jahren, in der südlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe
+Stunde, ehe es verschwand, stärker werden. Nach Dominic Cassini sollte
+»das Zodiacallicht in manchen Jahren schwächer und dann wieder so stark
+werden wie Anfangs.« Er glaubte, dieser allmähliche Lichtwechsel »hänge
+mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe
+periodisch Flecken und Fackeln erscheinen;« aber der ausgezeichnete
+Beobachter erwähnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger
+Minuten erfolgenden Wechsel in der Stärke des Zodiacallichtes, wie ich
+denselben unter den Tropen öfters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich
+sehe man in den Monaten Februar und März ziemlich oft mit dem
+Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte*
+nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont
+verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, daß in den von mir
+beobachteten Fällen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der
+Wechsel in der Lichtstärke erfolgte in bedeutenden Höhen, das Licht war
+weiß, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter
+den Tropen so selten sichtbar, daß ich in fünf Jahren, so oft ich auch im
+Freien lag und das Himmelsgewölbe anhaltend und sehr aufmerksam
+betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte.
+
+Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des
+Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so möchte ich glauben,
+daß diese Veränderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen
+Vorgängen in der Atmosphäre abhängen. Zuweilen, in ganz heitern Nächten,
+suchte ich das Zodiacallicht vergebens, während es Tags zuvor sich im
+größten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, daß Emanationen, die
+das weiße Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen
+Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwächer sind? Die
+Untersuchungen über den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit
+die Mathematiker uns bewiesen haben, daß uns die wahre Ursache der
+Erscheinung unbekannt ist. Der berühmte Verfasser der _mecanique céleste_
+hat dargethan, daß die Sonnenatmosphäre nicht einmal bis zur Merkursbahn
+reichen kann, und daß sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen
+könnte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben muß. Es lassen
+sich zudem über das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie
+über das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es
+direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter
+die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen
+wichtigen Punkt zu erledigen.
+
+Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola
+auf. Der Weg führt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war kühl
+und feucht, und die Luft durchwürzt vom köstlichen Geruch des _Pancratium
+undulatum_ und anderer großer Liliengewächse. Man kommt durch das hübsche
+Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthätigen
+Muttergottesbildes berühmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe
+der Familie Monteras Halt. Eine über hundert Jahre alte Negerin saß vor
+einer kleinen Hütte aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine
+Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. »Ich
+halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_)«, sagte ihr Enkel; »die Wärme
+erhält sie am Leben.« Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die
+Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Völker mit dunkler Haut,
+die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heißen
+Zone ein hohes, glückliches Alter. Ich habe anderswo von einem
+eingeborenen Peruaner erzählt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90
+Jahre verheirathet gewesen war.
+
+Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter
+Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen.
+Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die
+Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schönen Thälern
+von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besaßen, und sie
+wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Wälder
+am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe
+Cultur Schönes und Gutes bietet.
+
+Der Weg von Mamon nach Victoria läuft nach Süd und Südwest. Den Tuy, der
+am Fuß der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren
+wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu
+seyn. Die Kalktuffhügel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber
+senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse
+deuten das alte Seegestade an. Das östliche Ende des Thals ist dürr und
+nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten
+Gebirge nicht benützt, aber in der Nähe der Stadt betritt man ein gut
+bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur für
+ein Dorf (_pueblo_) galt.
+
+Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schönen Gebäuden, einer Kirche mit
+dorischen Säulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich
+nicht leicht als Dorf denken. Längst hatten die Einwohner von Victoria den
+spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen
+Cabildo, einen Gemeinderath, wählen zu dürfen. Das spanische Ministerium
+willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition
+Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der
+Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Hütten den vornehmen Titel
+_Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen
+nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Bürger seyn;
+aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie
+ausgeartet. Die Leute, welche die unumschränkte Gewalt in Händen haben,
+könnten so leicht den Einfluß von ein paar mächtigen Familien ihren
+Zwecken dienstbar machen; statt dessen fürchten sie den sogenannten
+Unabhängigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskörper
+gelähmt und kraftlos bleiben, als daß sie Mittelpunkte der Regsamkeit
+aufkommen ließen, die sich ihrem Einfluß entziehen, als daß sie der
+lokalen Lebensthätigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub
+leisteten, nur weil diese Thätigkeit vielmehr vom Volk als von der
+obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die
+Municipalverfassung vom Hose klugerweise begünstigt. Mächtige Männer, die
+bei der Eroberung eine Rolle gespielt, gründeten Städte und bildeten die
+ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehörigen
+des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals
+Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht
+so argwöhnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland
+wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer
+Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der
+Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen
+des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich,
+mißtrauisch, ausschließend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem
+Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weißen eine
+Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung für Indien nichts gewußt
+hatte. Allmählich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einfluß
+der Gemeinden herabgedrückt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und
+17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das
+Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof für gefährliche
+Hemmnisse der königlichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Dörfer
+trotz der Zunahme ihrer Bevölkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das
+Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, daß die neueren
+Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch
+sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_
+die Artikel von den Verhältnissen der nach Amerika übersiedelten Spanier,
+von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderäthe
+nachliest.
+
+Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein
+ganz eigenthümlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen
+Meereshöhe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee-
+und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast
+nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europäischen
+Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico
+wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Höhe der Weizenbau stark
+betrieben, und nur selten geht er über 400 Toisen herab. Wir werden bald
+sehen, daß, wenn man Lagen von verschiedener Höhe mit einander vergleicht,
+der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der
+mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide
+bauen kann, hängt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der
+Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit
+fällt, ob der Wind fortwährend aus Ost bläst oder von Norden her kalte
+Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang
+Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend örtlichen
+Verhältnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs
+als die Vertheilung derselben Wärmemenge auf verschiedene Jahreszeiten
+bedingen. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß das europäische
+Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Ländern
+mit einer mittleren Wärme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo
+die Sommertemperatur über 9--10 Grad beträgt. Man kennt das *Minimum* von
+Wärme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; über das *Maximum*,
+das diese sonst so zähen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen.
+Wir wissen nicht einmal, welche Verhältnisse zusammenwirken, um unter den
+Tropen den Getreidebau in sehr geringen Höhen möglich zu machen. Victoria
+und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man säet
+ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fünfundsiebzigsten Tag.
+Das Korn ist groß, weiß und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist dünner,
+nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen.
+Bei Victoria erträgt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen,
+also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den nördlichen
+Ländern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, während der Boden von
+Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fünfte
+bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen trägt. Trotz dieser
+Fruchtbarkeit des Bodens und des günstigen Klimas ist der Zuckerbau in den
+Thälern von Aragua einträglicher als der Getreidebau.
+
+Durch Victoria läuft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy,
+sondern in den Rio Aragua ergießt, woraus hervorgeht, daß dieses schöne
+Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken
+des Sees von Valencia gehört, zu einem System von Binnenflüssen, die mit
+der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio
+Calanchas heißt _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht
+man Waaren ausgestellt, und die Straßen bestehen aus Budenreihen, Zwei
+Handelsstraßen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello
+und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_
+genannt. Es sind im Verhältniß mehr Weiße hier als in Caracas. Wir
+besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr
+schöne Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thäler von Aragua,
+ein weites, mit Gärten, Bauland, Stücken Wald, Höfen und Weilern bedecktes
+Gelände. Gegen Süd und Südost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die
+hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen
+die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere
+Bergkette streicht nach West längs des Sees von Valencia fort bis Villa de
+Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist
+steil und fortwährend in den leichten Dunst gehüllt, der in heißen Ländern
+ferne Gegenstände stark blau färbt und die Umrisse keineswegs verwischt,
+sondern sie nur stärker hervortreten läßt. In dieser innern Kette sollen
+die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des
+11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10° 13′ 35″, die Inclination
+der Magnetnadel 40°,80, die Intensität der magnetischen Kraft gleich 236
+Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4°,40 nach
+Nordost.
+
+Wir zogen langsam weiter über die Dörfer San Matheo, Turmero und Maracay
+auf die Hacienda de Cura, eine schöne Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir
+erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmählig weiter; zu
+beiden Seiten desselben stehen Hügel von Kalktuff, den man hier zu Lande
+_tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche
+gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit
+Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir
+verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswürdigen und gebildeten
+Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen
+Büchersammlung steht auf einer Anhöhe und ist mit Kaffe- und
+Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebüsch von Balsambäumen
+(_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Kühlung und Schatten. Mit reger
+Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Häuser, die von
+Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten begünstigen in
+den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den
+übrigen europäischen Nationen.
+
+San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Dörfer, wo Alles den größten
+Wohlstand verräth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von
+Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und
+die letzten Mühlen mit wagerechten Wasserrädern. Man rechnete bei der
+bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als wäre dieß noch
+ein mäßiger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preußen und Polen mehr
+ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide
+arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher.
+Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die
+Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, weiß man,
+daß nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt
+als auf den Nordküsten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada,
+Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen
+Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche
+der »Vegetationscyclus« des Getreides fällt, so findet(50) man für drei
+Sommermonate im nördlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in
+Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Höhe,
+14--25 Grad.
+
+Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thälern von Aragua
+und im Innern von Cuba beweisen zur Genüge, daß Zunahme der Wärme die
+Ernte des Weizens und der andern nährenden Gräser nicht beeinträchtigt,
+wenn nicht mit der hohen Temperatur übermäßige Trockenheit oder
+Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die
+scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an
+der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, daß
+ostwärts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_,
+diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, während westlich von
+der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen
+Höhe, die Vegetation noch so üppig ist, daß der Weizen keine Aehren
+ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europäische
+Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt für zu heiß
+oder zu feucht dafür hält. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier
+waren noch nicht so an den Mais gewöhnt, man hielt noch fester an den
+europäischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen
+werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Sämereien aller
+Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach
+falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die
+Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte
+Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang
+im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die
+Küstenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der
+Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend
+der Stadt Tocuyo werden jährlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls
+ausgeführt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas
+mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, daß
+dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine große Bedeutung erlangen
+wird. Die gemäßigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine
+eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshöhe ist nicht so
+bedeutend, daß die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter fänden,
+Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwärtig bezieht Caracas sein Mehl
+entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der
+Herstellung der öffentlichen Ruhe auch für den Gewerbfleiß bessere Zeiten
+kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro
+eine Straße gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl
+aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen.
+
+Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwährend
+durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der
+regelmäßigen Bauart der Dörfer erkennt man, daß alle den Mönchen und den
+Missionen den Ursprung verdanken. Die Straßen sind gerade, unter einander
+parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem großen
+viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero
+ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen überladenes
+Gebäude. Seit die Missionäre den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weißen
+Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden
+nach und nach als besondere Race, das heißt sie werden in der Gesammtmasse
+der Bevölkerung durch die Mestizen und die Zambos repräsentirt, deren
+Anzahl fortwährend zunimmt. Indessen habe ich in den Thälern von Aragua
+noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind
+sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die
+Chaymas; ihr Auge verräth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge
+der Stammverschiedenheit als der höheren Civilisation ist. Sie arbeiten,
+wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie
+arbeiten, rührig und fleißig; was sie aber in zwei Monaten verdient,
+verschwenden sie in einer Woche für geistige Getränke in den Schenken,
+deren leider von Tag zu Tag mehr werden.
+
+In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es
+den Leuten an, daß diese Thäler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen
+Friedens genossen hatten. Der Generalcapitän wollte das Militärwesen
+wieder in Schwung bringen und hatte große Uebungen angeordnet. Da hatte in
+einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer
+gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht müde, uns zu
+schildern, wie gefährlich ein solches Manöver sey. »Rings um ihn seyen
+Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier
+Stunden in der Sonne stehen müssen, und seine Sklaven haben ihm nicht
+einmal einen Sonnenschirm über den Kopf halten dürfen.« Wie rasch doch die
+scheinbar friedfertigsten Völker sich an den Krieg gewöhnen! Ich lächelte
+damals über eine Hasenfüßigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit
+kundgab, und zwölf Jahre darauf wurden diese selben Thäler von Aragua, die
+friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defilé von Cabrera und
+die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten,
+hartnäckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des
+Mutterlandes.
+
+Südlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und
+trennt zwei schöne Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere
+gehört der Familie des Grafen Tovar, der überall in der Provinz
+Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt.
+Nördlich von Turmero, in der Küstencordillere, erhebt sich ein
+Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von
+Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach
+West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den
+reichen Cacaopflanzungen auf dem Küstenstrich bei Choroni, Turiamo und
+Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen
+ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im
+Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Häfen an der
+Küste führt.
+
+Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am
+Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Hügel, wie ein grün
+bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Hügel, noch ein
+Klumpen dicht beisammen stehender Bäume, sondern ein einziger Baum, der
+berühmte _‘Zamang de Guayre’_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren
+Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fuß im
+Umfang bilden. Der Zamang ist eine schöne Mimosenart, deren gewundene
+Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm
+vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen
+Gewölbe. Der Stamm ist nur sechzig Fuß hoch und hat neun Fuß Durchmesser,
+seine Schönheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste
+breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich überall
+dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fuß abstehen. Der Umriß der Krone
+ist so regelmäßig, daß ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und
+186 Fuß lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit
+ganz entblättert; an einer andern Stelle standen noch Blätter und Blüthen
+neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere
+Schmarotzergewächse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde
+derselben. Die Bewohner dieser Thäler, besonders die Indianer, halten den
+Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden
+haben mögen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet,
+ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst verändert.
+Dieser Zamang muß zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei
+Orotava. Der Anblick alter Bäume hat etwas Großartiges, Imponirendes; die
+Beschädigung dieser Naturdenkmäler wird daher auch in Ländern, denen es an
+Kunstdenkmälern fehlt, streng bestraft. Wir hörten mit Vergnügen, der
+gegenwärtige Eigenthümer des Zamang habe einen Pächter, der es gewagt,
+einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur
+Verhandlung und der Pächter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei
+Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren
+Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so
+groß.
+
+Je näher man gegen Cura und Guacara am nördlichen Ufer des Sees kommt,
+desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zählt in den
+Thälern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten
+Landstrich über 52,000 Einwohner. Dieß gibt auf die Quadratmeile 2000
+Seelen, also beinahe so viel wie in den bevölkertsten Theilen Frankreichs.
+Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war früher, als der Indigobau
+in höchster Blüthe stand, der Hauptort für diesen Zweig der
+Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zählte man daselbst bei einer Bevölkerung
+von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Häuser sind alle
+von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbäume, deren Krone über die Gebäude
+emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch
+bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im
+Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar höher geschätzt.
+Seit 1772 schloß sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist
+wieder älter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich
+auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe,
+aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit
+Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige
+Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in
+Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr
+als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der
+außerordentlichen Ertragsfähigkeit des Bodens in den spanischen Colonien,
+wenn man einem sagt, daß der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen
+Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fünf
+Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jährlich vier bis
+fünftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und
+der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn.
+
+Der Anil erschöpft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander
+baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt
+der Boden für ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwährend
+abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch
+die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die
+ostindische Compagnie verkauft jetzt in London über 5,500,000 Pfund
+Indigo, während sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000
+Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathälern abnahm, einen
+desto größeren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den
+heißen Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberührte Boden am Rio Tachira
+ein äußerst farbreiches Produkt in Menge liefert.
+
+Wir kamen sehr spät nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen
+hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere
+Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere
+Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon
+tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fühlt immer wieder das
+Bedürfniß es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land
+der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbfleiß und Handel
+Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben.
+Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswürdigsten Herzlichkeit
+auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfältig alles,
+was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro
+Gonzales, war in Handelsgeschäften auf der Reise, und seine junge Frau
+genoß seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war außer sich vor Vergnügen, als
+sie hörte, daß wir auf dem Rückweg vom Rio Negro an den Orinoco nach
+Angostura kommen würden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er
+erfahren, daß ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Ländern gelten,
+wie bei den Alten, wandernde Gäste für die sichersten Boten. Es gibt
+Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, daß Privatleute durch sie
+selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir
+aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf
+gesehen, am Morgen mußten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem
+Vater Zug für Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Bücher und
+Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, »auf einer langen
+Reise und bei so vielen anderweitigen Geschäften könnten wir leicht
+vergessen, was für Augen ihr Kind habe.« Wie liebenswürdig ist solche
+Gastfreundschaft! wie köstlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja
+auch ein Charakterzug früherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung
+ist!
+
+Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen
+Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Küste
+läuft ein Ast südwärts in die Ebene hinaus; es ist dieß das Vorgebirge
+*Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen würde, wenn
+nicht ein schmaler Paß zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera
+hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine
+traurige Berühmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um
+diesen Paß, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchführt.
+Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren
+war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwährend sinkt.
+Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage äußerst angenehm zu, und
+zwar in einem kleinen Hause in einem Gebüsch, weil im Hause auf der
+schönen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den
+Sklaven in diesen Thälern häufig vorkommende Hautkrankheit.
+
+Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal,
+schliefen dreimal und aßen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser
+des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes,
+sehr kühles, köstliches Bad im Schatten von Ceibabäumen und großen
+Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon
+del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor
+Insektenstichen zu fürchten, wohl aber vor den kleinen röthlichen Haaren
+an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem
+vom Winde zugeführt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend
+_picapica_ nennt, sich an den Körper hängen, so verursachen sie ein sehr
+heftiges Jucken: man kühlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie rühren.
+
+Bei Cura sahen wir die sämmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen,
+Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um
+mehr Areal für den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die
+Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, daß die
+Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild wächst. Wir fanden
+8--10 Fuß hohe Sträucher, mit Bignonien und andern holzigten
+Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus
+Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jährlich
+kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Häfen der _Capitania general_ stieg
+sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf
+mehr als 22,000 Centner. Es ist dieß fast die Hälfte dessen, was der ganze
+Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thälern von Aragua
+ist von guter Qualität; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt
+für besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen.
+Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen
+Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die
+großen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jährlich. Bedenkt man, daß in
+den Vereinigten Staaten, also außerhalb der Tropen, in einem
+unbeständigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima,
+die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815)
+von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht
+leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Maßstab dieser
+Handelszweig sich entwickeln muß, wenn einmal in den vereinigten Provinzen
+von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der
+Gewerbfleiß nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwärtigen
+Verhältnissen erzeugen nach Brasilien die Küsten von holländisch Guyana,
+der Meerbusen von Cariaco, die Thäler von Aragua und die Provinzen
+Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Südamerika.
+
+Während unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausflüge auf die
+Felseninseln im See von Valencia, zu den heißen Quellen von Mariara und
+auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefährlicher
+Pfad führt an den Hafen Turiamo und zu den berühmten Cacaopflanzungen an
+der Küste. Auf allen diesen Ausflügen sahen wir uns angenehm überrascht
+nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das
+Wachsthum einer freien Bevölkerung, die fleißig, an Arbeit gewöhnt und zu
+arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu können. Ueberall hatten
+kleine Landbauer, Weiße und Mulatten, zerstreute Höfe angelegt. Unser
+Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einkünfte hat, besaß mehr Land, als er
+urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thälern von Aragua unter arme
+Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, daß sich um
+seine großen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen
+bald für sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der
+Ernte ihm als Tagelöhner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle
+Ziel, die Negersklaverei im Lande allmählig auszurotten, und er hegte die
+doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger nöthig zu
+machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Pächter zu werden.
+Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Ländereien bei
+Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstücke
+zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika
+kam, fand er daselbst schöne Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30
+bis 40 Häusern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben.
+Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie
+Neger. Mehrere große Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem
+Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling beträgt zehn Piaster auf die
+Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Pächter
+sind oft in Bedrängniß und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise
+ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschüsse reicher
+Nachbarn geräth der Schuldner in eine Abhängigkeit, in Folge deren er
+seine Dienste als Taglöhner öfter anbieten muß. Der Taglohn ist nicht so
+hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thälern von Aragua und in den
+Llanos einem freien Tagelöhner vier bis fünf Piaster monatlich, neben der
+Kost, die beim Ueberfluß an Fleisch und Gemüse sehr wenig ausmacht. Gerne
+verbreite ich mich hier über den Landbau in den Colonien, weil solche
+Angaben den Europäern darthun, was aufgeklärten Colonisten längst nicht
+mehr zweifelhaft ist, daß das Festland des spanischen Amerika durch freie
+Hände Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und daß die
+unglücklichen Sklaven Bauern, Pächter und Grundbesitzer werden können.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada,
+ nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den
+ Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst
+ zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt
+ Caracas gründete.
+
+ 44 S. Bd. II, Seite 150.
+
+ 45 S. Humboldt, _Essay politique sur le Méxique._ T. II, pag. 435.
+
+ 46 S. Bd. I, Seite 294.
+
+ 47 An der Uhr in der Hauptkirche von Caracas trug ein 5 Linien dicker
+ Maqueystrick seit 15 Jahren ein Gewicht von 350 Pfund.
+
+* 48 Winter* heißt die Zeit im Jahr, wo es am meisten regnet, daher in
+ Terra Firma die mit der Winter-Tag-und Nachtgleiche beginnende
+ Jahreszeit Sommer genannt wird und man alle Tage sagen hört, im
+ Gebirge sey es Winter, wahrend es in den benachbarten Niederungen
+ Sommer ist.
+
+ 49 Mairan ist dieselbe Erscheinung in Europa aufgefallen.
+
+ 50 Die mittlere Sommertemperatur ist in Schottland (bei Edinburgh unter
+ dem 56. Grad der Breite) dieselbe wie auf den Hochebenen von
+ Neu-Grenada, wo in 1400 Toisen Meereshöhe und unter dem vierten Grad
+ der Breite so viel Getreide gebaut wird. Auf der andern Seite
+ entspricht die mittlere Temperatur der Thäler von Aragua (10° 15′
+ der Breite) und aller nicht sehr hoch gelegenen Ebenen in der heißen
+ Zone der *Sommertemperatur* von Neapel und Sicilien (39° 40′ der
+ Breite). Die obigen Zahlen bezeichnen die Lage der *isotheren* (der
+ Linien der gleichen Sommerwärme), nicht der *isothermen* Linien (der
+ Linien der gleichen Jahreswärme). Hinsichtlich der Wärmemenge,
+ welche ein Punkt der Erdoberfläche im Lauf eines ganzen Jahres
+ empfängt, entsprechen die mittleren Temperaturen der Thäler von
+ Aragua und der Hochebenen von Neu-Grenada in 300--1400 Toifen
+ Meereshöhe den mittleren Temperaturen der Küsten unter dem
+ 23--45. Grad der Breite.
+
+
+
+
+
+SECHZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Der See von Valencia. -- Die beißen Quellen von Mariara. -- Die
+ Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Küste von Porto Cabello
+ hinab.
+
+
+Die Thäler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit
+wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen
+Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Höhe in der Mitte liegt. Nordwärts
+trennt die Sierra Mariara sie von der Meeresküste, gegen Süden dient ihnen
+die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die glühende Luft
+der Steppen. Hügelzüge, hoch genug, um den Lauf der Gewässer zu bestimmen,
+schließen das Becken gegen Ost und West wie Querdämme. Diese Hügel liegen
+zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua
+und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthümlichen Gestaltung
+des Bodens bilden die Gewässer der Thäler von Aragua ein System für sich
+und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergießen
+sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee,
+unterliegen hier dem mächtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich
+gleichsam in der Luft. Durch diese Flüsse und Seen wird die Fruchtbarkeit
+des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thälern bedingt. Schon
+der Augenschein und eine halbhundertjährige Erfahrung zeigen, daß der
+Wasserstand sich nicht gleich bleibt, daß das Gleichgewicht zwischen der
+Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestört ist. Da der See 1000
+Fuß über den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fuß über dem Meere
+liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abfluß oder
+versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel
+fortwährend sinkt, so meinte man, der See könnte völlig eintrocknen. Das
+Zusammentreffen so auffallender Naturverhältnisse mußte mich auf diese
+Thäler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der
+liebliche Eindruck fleißigen Anbaus und der Künste einer erwachenden
+Cultur sich vereinigen.
+
+Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist größer als
+der Neuenburger See in der Schweiz; im Umriß aber hat er Aehnlichkeit mit
+dem Genfer See, der auch fast gleich hoch über dem Meere liegt. Da in den
+Thälern von Aragua der Boden nach Süd und West fällt, so liegt der Theil
+des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunächst der südlichen
+Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von
+Ocumare zustreicht. Die einander gegenüberliegenden Ufer des Sees stechen
+auffallend von einander ab. Das südliche ist wüste, kahl, fast gar nicht
+bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einförmiges
+Ansehen; das nördliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen
+Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und
+andern immer blühenden Sträuchern eingefaßte Wege laufen über die Ebene
+und verbinden die zerstreuten Höfe. Jedes Haus ist von Bäumen umgeben. Der
+Ceiba mit großen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Blüthen,
+deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthümlichen
+Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben
+sticht wirkungsvoll vom eintönigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der
+trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst über dem glühenden Boden
+schwebt, wird das Grün und die Fruchtbarkeit durch künstliche Bewässerung
+unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage;
+ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren
+nackten, zerklüfteten Wänden wachsen einige Saftpflanzen und bilden
+Dammerde für kommende Jahrhunderte. Häufig ist oben auf diesen einzeln
+stehenden Hügeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blättern
+aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren
+dürren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer
+steilen Küste. An der Gestaltung dieser Höhen erräth man, was sie früher
+waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fuß
+der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und
+die Küstenbergkette bespülten, waren diese Felshügel Untiefen oder
+Eilande.
+
+Diese Züge eines reichen Gemäldes, dieser Contrast zwischen den beiden
+Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des
+Waadtlands, wo der überall angebaute, überall fruchtbare Boden dem
+Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Mühen sicher lohnt, während das
+savoyische Ufer gegenüber ein gebirgigtes, halb wüstes Land ist. In jenen
+fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen
+Natur, gedachte ich mit Lust der hinreißenden Beschreibungen, zu denen der
+Genfer See und die Felsen von Meillerie einen großen Schriftsteller
+begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur
+in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung
+unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr
+Schärfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft
+genug sagen: unter jedem Himmelsstriche trägt die Natur, sey sie wild oder
+vom Menschen gezähmt, lieblich oder großartig, ihren eigenen Stempel. Die
+Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig,
+gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie
+hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz
+zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Größe und äußere
+Formverhältnisse können eigentlich verglichen werden; man kann den
+riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserfälle der
+Pyrenäen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche
+vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich förderlich seyn
+mögen, erfährt man wenig vom Naturcharakter des gemäßigten und des heißen
+Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem großen Walde, am Fuß mit
+ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Größe, was uns
+mit dem heimlichen Gefühle der Bewunderung erfüllt. Was zu unserem Gemüthe
+spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft,
+entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschönheiten
+recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem
+Charakter gar nicht vergleichen; man würde fürchten sich selbst im Genuß
+zu stören.
+
+Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer
+malerischen Reize im Lande berühmt; das Becken bietet verschiedene
+Erscheinungen, deren Aufklärung für die Naturforschung und für den
+Wohlstand der Bevölkerung von gleich großem Interesse ist. Aus welchen
+Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwärtig rascher als vor
+Jahrhunderten? Läßt sich annehmen, daß das Gleichgewicht zwischen dem
+Zufluß und dem Abgang sich über kurz oder lang wieder herstellt, oder ist
+zu besorgen, daß der See ganz eingeht?
+
+Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva
+Valencia und Guigue ist der See gegenwärtig von Cagua bis Guayos 10 Meilen
+oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten
+an der Einmündung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, beträgt
+sie nirgends über 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die
+Maaße, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als
+die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man könnte meinen, um das
+Verhältniß der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die
+gegenwärtige Größe des Sees mit der zu vergleichen, welche alte
+Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 veröffentlichten
+»_Geschichte der Provinz Venezuela_,« angeben. Dieser Geschichtschreiber
+läßt in seinem hochtrabenden Styl »dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso
+cuerpo de la laguna de Valencia_«, 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er
+berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund
+mehr, und große schwimmende Inseln bedecken die Seefläche, die fortwährend
+von den Winden aufgerührt werde. Unmöglich läßt sich auf Schätzungen
+Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_
+ausgedrückt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550
+Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch
+die Thäler von Aragua gekommen seyn muß, Beachtung, daß er behauptet, die
+Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See
+erbaut worden, und daß sich bei ihm die Länge des Sees zur Breite verhält
+wie 7 zu 3. Gegenwärtig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener
+Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb
+Meilen angeschlagen hätte, und die Länge des Seebeckens verhält sich zur
+Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens
+zwischen Valencia und Guigue, die Hügel, die auf der Ebene östlich vom
+Caño de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla
+de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heißen, beweisen
+zur Genüge, daß seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurückgewichen ist.
+Was die Veränderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir
+nicht sehr wahrscheinlich, daß er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur
+Hälfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von
+Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Süd rascher
+steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermaßen gegen diese Annahme.
+
+Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewässer zur
+Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in
+welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden.
+
+Wenn man die Flußthäler und die Seebecken genau betrachtet, findet man
+überall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand läugnet wohl
+jetzt mehr, daß unsere Flüsse und Seen in sehr bedeutendem Maaße
+abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch
+darauf hin, daß dieser große Wechsel in der Vertheilung der Gewässer vor
+aller Geschichte eingetreten ist, und daß sich seit mehreren Jahrtausenden
+bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der
+Zuflüsse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits
+hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestört ist, thut man gut,
+sich umzusehen, ob solches nicht von rein örtlichen Verhältnissen und aus
+jüngster Zeit herrührt, ehe man eine beständige Abnahme des Wassers
+annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren
+der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische
+Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugniß einiger beredten
+Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, hätte man in der
+Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis für den
+Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand.
+Um darzuthun, daß Amerika später als Asien und Europa aus dem Wasser
+emporgestiegen, hätte man wohl auch den See von Tacarigua angeführt, als
+eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch
+unausgesetzte allmälige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, daß
+in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fuß des Gebirges Cocuysa bis zum
+Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der
+Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand.
+Ueberall läßt die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte
+Ufer eines Alpsees, ähnlich den Steiermärker und Tyroler Seen, erkennen.
+Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch
+sind, kommen in 3 bis 4 Fuß dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero
+und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings,
+daß das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafür vor, daß
+es seit jener weit entlegenen Zeit fortwährend abgenommen habe. Die Thäler
+von Aragua gehören zu den Strichen von Venezuela, die am frühesten
+bevölkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte
+Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen,
+die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevölkerung die
+weiße noch weit überwog und das Seeufer schwächer bewohnt war, eben nicht
+bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreißig
+Jahren fällt es Jedermann in die Augen, daß dieses große Wasserbecken von
+selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die früher unter Wasser
+standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und
+Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Hütte baut, sieht man
+das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim
+Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen
+anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden
+bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und
+die Cabrera südöstlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in
+Gestalt zerstreuter Hügel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt,
+liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die
+merkwürdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem
+Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des
+Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir
+besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem
+Gesträuch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen über dem jetzigen
+Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier
+abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten
+Spuren vom allmäligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung
+wird von der Bevölkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen
+drei neue Inseln östlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie
+die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los
+nuevos Peñones_ oder _las Aparecidas_ heißen, bilden eine Art Untiefen mit
+völlig ebener Oberfläche- Sie waren im Jahr 1800 bereits über einen Fuß
+höher als der mittlere Wasserstand.
+
+Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia,
+gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems
+von Flüssen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die
+meisten dieser Gewässer können nur Bäche heißen; es sind ihrer zwölf bis
+vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet,
+und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug,
+durch den eben so viel abfließe, als die Bäche hereinbringen. Die einen
+lassen diesen Abzug mit Höhlen, die in großer Tiefe liegen sollen, in
+Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fließe durch einen
+schiefen Canal in das Meer. Dergleichen kühne Hypothesen über den
+Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die
+Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen
+ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen
+nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der
+neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hört man von unterirdischen
+Schlünden und Canälen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen über
+und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut
+man auch weiß, daß Flüssigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung
+stehen, sich in dasselbe Niveau setzen.
+
+Einerseits die Verringerung der Masse der Zuflüsse, die seit einem halben
+Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Wälder, der Urbarmachung der Ebenen
+und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des
+Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die
+Abnahme des Sees von Valencia zur Genüge erklären. Ich theile nicht die
+Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Länder besucht hat,(53) der
+zufolge man »zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik« einen
+unterirdischen Abfluß soll annehmen müssen. Fällt man die Bäume, welche
+Gipfel und Abhänge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden
+Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und
+Wassermangel. Die Bäume sind vermöge des Wesens ihrer Ausdünstung und der
+Strahlung ihrer Blätter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwährend mit
+einer kühlen, dunstigen Lufthülle umgeben; sie äußern wesentlichen Einfluß
+auf die Fülle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat,
+die in der Luft verbreiteten Wasserdünste anziehen, sondern weil sie den
+Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schützen und damit
+die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstört man die Wälder, wie
+die europäischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast
+thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flußbetten
+liegen einen Theil des Jahres über trocken, und werden zu reißenden
+Strömen, so oft im Gebirge starker Regen fällt. Da mit dem Holzwuchs auch
+Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im
+Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmälige Sickerung
+die Bäche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken
+Regenniederschläge die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort
+und verursacht plötzliches Austreten der Gewässer, welche nun die Felder
+verwüsten. Daraus geht hervor, daß das Verheeren der Wälder, der Mangel an
+fortwährend fließenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind,
+die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Länder in entgegengesetzten
+Hemisphären, die Lombardei am Fuße der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen
+dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende
+Beweise für die Richtigkeit dieses Satzes.
+
+Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die
+Thäler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Große Bäume aus der Familie
+der Mimosen, Ceiba- und Feigenbäume beschatteten die Ufer des Sees und
+verbreiteten Kühlung. Die damals nur sehr dünn bevölkerte Ebene war voll
+Strauchwerk, bedeckt mit umgestürzten Baumstämmen und
+Schmarotzergewächsen, mit dichtem Rasenfilz überzogen, und gab somit die
+strahlende Wärme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben
+deßhalb gegen die Sonnengluth nicht geschützte Boden. Mit der Ausrodung
+der Bäume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus
+nahmen die Quellen und alle natürlichen Zuflüsse des Sees von Jahr zu Jahr
+ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure
+Wassermassen durch die Verdunstung in der heißen Zone aufgesogen werden,
+und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist,
+wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftströmungen
+auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir
+haben schon oben erwähnt, daß die Wärme, welche das ganze Jahr in Cura,
+Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der stärksten
+Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur
+der Luft in den Thälern von Aragua ist ungefähr 25°,5 [20°,4 Reaumur]; die
+hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir für den Monat Februar im
+Durchschnitt aus Tag und Nacht 71°,4 am Haarhygrometer. Da die Worte:
+große Trockenheit oder große Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben,
+und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken
+nennt, in Europa für feucht gälte, so kann man über diese klimatischen
+Verhältnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone
+vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht
+regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr
+viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der
+Luft gleich 86°, entsprechend der mittleren Temperatur von 27°,7. Rechnet
+man die Regenmonate ein, das heißt schätzt man den Unterschied zwischen
+der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs,
+wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so
+ergibt sich für die Thäler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von
+höchstens 74°, bei einer Temperatur von 25°,5. In dieser warmen und doch
+gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge
+verdunsteten Wassers. Nach der Dalton’schen Theorie berechnet sich die
+Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwähnten Umständen in einer
+Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in
+vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemäßigten Zone, z. B. für Paris,
+die mittlere Temperatur zu 10°,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82° an,
+so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und
+eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses
+unzuverlässigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer
+Beobachtung halten, so bedenke man, daß in Paris und Montmorency von
+Sedileau und Cotte die jährliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1
+Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im südlichen Frankreich haben
+zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, daß der Canal von
+Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, über Abzug des Betrags der
+Versickerung, jährlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen
+Sümpfen hat de Prony ungefähr das gleiche Ergebniß erhalten. Aus allen
+diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer
+mittleren Temperatur von 10°,5 und 16° ergibt sich eine mittlere
+Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heißen Zone, z. B. auf den
+Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal
+stärker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit stärker mit
+Feuchtigkeit geschwängert ist als in den Thälern von Aragua, sah ich oft
+in zwölf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter
+Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber
+das eben Angeführte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein groß die Masse
+des Wasserdunstes seyn muß, der aus dem See von Valencia und auf dem
+Gebiet aufsteigt, dessen Gewässer sich in den See ergießen. Ich werde
+Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurückzukommen: in einem
+Werke, das die großen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen
+zur Anschauung bringt, muß auch der Versuch gemacht werden, das Problem
+von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdämpfe
+unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshöhen zu lösen.
+
+Das Maaß der Verdunstung hängt von einer Menge örtlicher Verhältnisse ab:
+von der stärkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der
+Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der
+Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Großen aber wird die Verdunstung
+nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung
+der in der Luft enthaltenen Dämpfe, durch den Widerstand, den die Luft, je
+nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der
+Verbreitung der Dämpfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem
+gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der
+Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesättigten Zustand
+aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthält. Es
+folgt daraus, daß (wie schon d’Aubuisson bemerkt, der meine
+hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heißen
+Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur
+glauben sollte, weil in den heißen Himmelsstrichen die Luft gewöhnlich
+sehr feucht ist.
+
+Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thälern von Aragua kommen die
+Flüßchen, die sich in den See von Valencia ergießen, in den sechs Monaten
+nach December als Zuflüsse nicht mehr in Betracht. Im untern Stück ihres
+Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer
+sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewässern. Noch mehr: ein
+ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fuß
+des _la Galera_ genannten Hügelzugs entspringt, ergoß sich früher in den
+See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de
+Cambury aufgenommen. Der Fluß lief damals von Süd nach Nord. Zu Ende des
+siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf
+den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Geländes ein neues Bett zu
+graben. Er leitete den Fluß ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewässerung
+seines Grundstücks und ließ ihn dann gegen Süd, dem Abhang der Llanos
+nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Süd nimmt der
+Rio Pao drei andere Bäche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua,
+und ergießt sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine
+nicht uninteressante Erscheinung, daß in Folge der eigenthümlichen
+Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Südwest der Rio Pao
+sich vom kleinen *inneren Flußsystem*, dem er ursprünglich angehörte,
+trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit
+dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand
+geschah, thut die Natur häufig selbst entweder durch allmähliche
+Anschwemmung oder durch die Zerrüttung des Bodens in Folge starker
+Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Flüsse im
+Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen
+laufen, sich einen Weg zur Meeresküste bahnen. So viel ist wenigstens
+sicher, daß es auf beiden Continenten innere Flußsysteme gibt, die man als
+*noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur
+bei Hochgewässer oder beständig durch Gabelung unter sich zusammenhängen.
+
+Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, daß, wenn in
+der Regenzeit der _Caño grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von
+Guigue überschwemmt, das Wasser dieses Caño und das des Sees von Valencia
+in den Rio Pao selbst zurücklaufen, so daß dieses Flüßchen, statt dem See
+Wasser zuzuführen, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas
+Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen
+den großen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete
+Bergkette angeben. Bei Hochgewässer stehen die Flüsse, die den Seen, und
+die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man
+fährt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie
+auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Fälle scheinen mir von
+Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen.
+
+Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so
+wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten
+konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll fällt, ein großer, mit
+fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken
+gelegt. Im Maaße, als der See sich zurückzieht, rückt der Landbau gegen
+das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, für die
+Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten
+zehn Jahren, in denen ganz Amerika an großer Trockenheit litt,
+ungewöhnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthümern im Land, statt
+die jeweiligen Krümmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst
+Granitsäulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren
+Wasserstand beobachten könnte. Der Marques del Toro will die Sache
+ausführen und auf Gneißgrund, der im See häufig vorkommt, auf dem schönen
+Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen.
+
+Unmöglich läßt sich im voraus bestimmen, in welchem Maaße dieses
+Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht
+zwischen dem Zufluß einerseits und der Verdunstung und Einsickerung
+andererseits völlig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See
+werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegründet. Wenn in Folge
+starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklärten Ursachen zehn nasse
+Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit
+Wald bedeckten, wenn große Bäume das Seeufer und die Thäler beschatteten,
+so würde im Gegentheil das Wasser steigen und den schönen Pflanzungen, die
+gegenwärtig das Seebecken säumen, gefährlich werden.
+
+Während in den Thälern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See
+möchte ganz eingehen, die andern, er möchte wieder zum verlassenen Gestade
+heraufkommen, hört man in Caracas alles Ernstes die Frage erörtern, ob man
+nicht, um mehr Boden für den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal
+dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht
+zu läugnen, daß solches möglich wäre, namentlich wenn man Canäle unter dem
+Boden, Stollen anlegte. Dem allmähligen Rücktritt des Wassers verdankt das
+herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa
+Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und
+Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick
+bezweifeln, daß nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die
+ungeheure Dunstmasse, welche Tag für Tag von der Wasserfläche in die Luft
+aufsteigt, wären die Thäler von Aragua so trocken und dürr, wie die Berge
+umher.
+
+Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie
+man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Dieß ist das
+Ergebniß der sorgfältigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei.
+Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so daß, obgleich
+sie in hohen Thälern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des
+Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, daß der Boden des Sees von
+Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat.
+Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der
+Landspitze Caña Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenüber; im
+Ganzen aber ist der südliche Theil des Sees tiefer als der nördliche. Es
+ist nicht zu vergessen, daß jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der
+südliche Theil des Beckens aber doch am nächsten bei einer steil
+abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, daß auch das Meer bei
+einer hohen, senkrechten Felsküste meist am tiefsten ist.
+
+Die Temperatur des Sees an der Wasserfläche war während meines Aufenthalts
+in den Thälern von Aragua im Februar beständig 23°--23°,7, also etwas
+geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der
+Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Wärme entzieht, oder weil die
+Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer großen Wassermasse
+nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Bäche aufnimmt, die aus
+kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern
+konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40
+Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit
+dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der
+Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor,
+daß zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshöhe von 190--274
+Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150
+Fuß Tiefe beständig eine Temperatur von 4°,3 bis 6° zeigen; aber diese
+Versuche sind noch niemals auf Seen in der heißen Zone wiederholt worden.
+In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer mächtig. Im
+Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberfläche, daß die
+Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fuß Tiefe um einen Grad abnahm, also
+achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der
+Luft. In der gemäßigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt
+und weit drunter sinkt, muß der Boden eines Sees, wäre er auch nicht von
+Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen
+enthalten, die im Winter an der Oberfläche das Maximum ihrer Dichtigkeit
+(zwischen 3°,4 und 4°,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken
+sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0°,5 sinken aber keineswegs
+unter die Schicht mit 4° Temperatur, sondern finden das hydrostatische
+Gleichgewicht nur über derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn
+sich ihre Temperatur durch die Berührung mit weniger kalten Schichten um
+3--4 Grad erhöht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben
+Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so fände man in sehr
+tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhängen,
+*welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren
+Temperatur dem Maximum der Erkaltung über dem Frierpunkt, der jährlich die
+umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich käme. Nach
+dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, daß auf den Ebenen der
+heißen Zone und in nicht hochgelegenen Thälern, deren mittlere Wärme 25°,5
+bis 27° beträgt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22° Temperatur
+haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden
+Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7°, das also um 12--13° kälter ist
+als das Minimum der Luftwärme über dem Meer, so ist diese Erscheinung,
+nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafür, daß eine Meeresströmung in
+der Tiefe die Gewässer von den Polen zum Aequator führt. Wir lassen hier
+das schwierige Problem unerörtert, wie unter den Tropen und in der
+gemäßigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen,
+diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekühlten Wasserschichten auf die
+Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie
+diese Schichten, deren ursprüngliche Temperatur unter den Tropen 27°, am
+Genfer See 10° beträgt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden
+der Seen und des tropischen Oceans zurückwirken? Diese Fragen sind von der
+höchsten Wichtigkeit sowohl für die Lebensprocesse der Thiere, die
+gewöhnlich auf dem Boden des süßen und des Salzwassers leben, als für die
+Theorie von der Vertheilung der Wärme in Ländern, die von großen, tiefen
+Meeren umgeben sind.
+
+Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische
+Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der
+Landschaft erhöhen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den
+Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fünfzehn Inseln, die in drei Gruppen
+zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserdünste, die
+aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die größte, 2000 Toisen lange, der
+Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten.
+Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See
+dünkt ihnen unermeßlich groß, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas
+Fische. Eine Rohrhütte, ein paar Hängematten aus Baumwolle, die nebenan
+wächst, ein großer Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht
+des Tutuma zum Wasserschöpfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte
+Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr hübsche Tochter. Unser
+Führer erzählte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwöhnisch
+gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden wäre. Tags
+zuvor waren Jäger auf der Insel gewesen; die Nacht überraschte sie und sie
+wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo
+zurückfahren. Darüber entstand große Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang
+die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen
+Boden nicht weit von der Hütte steht. Er selbst legte sich unter den Baum
+und ließ die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jäger abgezogen
+waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch
+argwöhnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge.
+
+Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit
+weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der
+Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Bächen in den
+See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll
+lang, 3½ Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina
+des Gronovius. Sie hat große, silberglänzende, grün geränderte Schuppen;
+sie ist sehr gefräßig und läßt andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer
+versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft
+nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie
+habhaft werden, um es näher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fuß
+lang und gilt für unschädlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt
+kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht
+man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage
+liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die
+eigentlichen Monitors gehören nur der alten Welt an), noch Sebas
+*Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt.
+Reisende mögen nach uns darüber entscheiden, ich bemerke nur noch, als
+ziemlich auffallend, daß es im See von Valencia und im ganzen kleinen
+Flußgebiet desselben keine großen Kaimans gibt, während dieses gefährliche
+Thier wenige Meilen davon in den Gewässern, die in den Apure und Orinoco,
+oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer
+laufen, sehr häufig ist.
+
+Die Insel Chamberg ist durch ihre Höhe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fuß
+hoher Gneißfels mit zwei sattelförmig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des
+Felsen ist kahl: kaum daß ein paar Clusiastämme mit großen weißen Blüthen
+darauf wachsen, aber die Aussicht über den See und die üppigen Fluren der
+anstoßenden Thäler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende
+von Wasservögeln, Reiher, Flamingos und Wildenten über den See ziehen, um
+auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsgürtel am Horizont in
+Feuer steht. Wie schon erwähnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein
+frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den
+Gipfeln der Bergkette wächst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die
+öfters über tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie
+wenn Lavaströme aus dem Bergkamm quöllen; Wenn man so an einem herrlichen
+tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Kühle genießt,
+betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das
+Bild der rothen Feuer rings am Horizont.
+
+Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen,
+kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst
+nirgends gefunden. Hieher gehören die See-Melonenbäume (_Papaya de la
+laguna_) und die Liebesäpfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem
+_Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr
+schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, überall in
+den Thälern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel
+Cura und auf Cabo Blanco sehr häufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim
+gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Hälfte
+kleiner und völlig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll
+im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die
+leeren Zwischenräume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die
+Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein süß; ich weiß nicht, ob es
+eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat.
+
+Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn
+bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist.
+Das von Gebüschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen
+Liliengewächsen geschmückte Gestade erinnert durch den Typus der
+Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europäischen Seen. Man findet
+hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fuß hohe Teichkolben, die
+man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Sümpfe kaum unterscheiden
+kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewächsen
+der neuen Welt eigenthümliche Arten. Wie viele Pflanzen von der
+Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind
+früher wegen der großen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit
+Gewächsen der nördlichen gemäßigten Zone zusammengeworfen worden!
+
+Die Bewohner der Thäler von Aragua fragen häufig, warum das südliche Ufer
+des Sees, besonders aber der südwestliche Strich desselben gegen las
+Aguacates, im Ganzen stärker bewachsen ist und ein frischeres Grün hat als
+das nördliche. Im Februar sahen wir viele entblätterte Bäume bei der
+Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, während südöstlich von Valencia
+Alles bereits darauf deutete, daß die Regenzeit bevorstand. Nach meiner
+Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Süden
+abweicht, die Hügel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze
+ausgebrannt, während dem südlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch
+die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugeführt wird,
+die sich über dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem südlichen
+Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schönsten Tabaksfelder in der ganzen
+Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera
+fundacion_. Nach dem drückenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der
+Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der
+Provinz Caracas nur in den Thälern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa)
+und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag beläuft sich auf
+5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, daß sie gegen
+230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas
+könnte vermöge ihrer Größe und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie
+Cuba, sämmtliche europäischen Märkte, versorgen; aber unter den
+gegenwärtigen Verhältnissen erhält sie im Gegentheil durch den
+Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und
+Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem
+Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den
+Fortschritt des Landbaus lähmt, den natürlichen Reichthum des Landes
+schmälert und sich vergeblich abmüht, Länder abzusperren, durch welche
+dieselben Flüsse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich
+verwischen.
+
+Unter den Zuflüssen des Sees von Valencia entspringen einige aus heißen
+Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen
+kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Küstencordillere zu Tag,
+bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordöstlich von der
+Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia
+nach Porto Cabello. Nur die heißen Wasser von Mariara und las Trincheras
+konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen.
+Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge
+von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters,
+das aus senkrecht abfallenden Felswänden besteht, über denen sich
+Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters
+führt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den
+beiden Flügeln derselben heißt der östliche *el Chaparro*, der westliche
+*las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie
+bestehen aus einem sehr grobkörnigen, fast porphyrartigen Granit, in dem
+die gelblich-weißen Feldspathkrystalle über anderthalb Zoll lang sind; der
+Glimmer ist ziemlich selten darin und von schönem Silberglanz. Nichts
+malerischer und großartiger als der Anblick dieses halb grüngewachsenens
+Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem
+Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch
+senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als
+ständen Basaltsäulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit stürzt eine
+bedeutende Wassermasse über diese steilen Abhänge herunter. Die Berge, die
+sich östlich an die Teufelsmauer anschließen, sind lange nicht so hoch und
+bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gneiß und granithaltigem
+Glimmerschiefer.
+
+In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordöstlich von
+Mariara, liegt die Schlucht der heißen Wasser, _Quebrada de aguas
+calientes_. Sie streicht nach Nord 75° West und enthält mehrere kleine
+Tümpel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhängen, nur 8 Zoll,
+die drei untern 2--3 Fuß Durchmesser haben; ihre Tiefe beträgt zwischen 3
+und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist
+56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind
+heißer als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhöhe nicht mehr
+als 7--8 Zoll beträgt. Die heißen Wasser laufen zu einem kleinen Bache
+zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreißig Fuß weiter unten nur 48°
+Temperatur zeigt. Während der größten Trockenheit (in dieser Zeit
+besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heißen Wassers nur ein
+Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend
+größer. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Wärme nimmt ab, denn
+die Temperatur der heißen Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab
+zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in
+geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern läßt sich
+nur ganz nahe bei den Quellen spüren. Nur in einem der Tümpel, in dem mit
+56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in
+ziemlich regelmäßigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, daß die
+Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und daß
+man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umrühren
+des Bodens mit einem Stock nicht merklich verändern kann. Diese Stellen
+entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Löchern oder Spalten im Gneiß;
+auch sieht man, wenn über einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich
+auch über den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas
+anzuzünden, weder die kleinen Mengen in den an der Fläche des heißen
+Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche über
+den Quellen gesammelt, wobei mir übel wurde, nicht sowohl vom Geruch des
+Gases als von der übermäßigen Hitze in der Schlucht. Ist das
+Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensäure oder mit atmosphärischer
+Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so häufig es auch bei
+heißen Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barège). Das in der Röhre eines
+Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschüttelt
+worden. Auf den kleinen Tümpeln schwimmt ein feines Schwefelhäutchen, das
+sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff
+der Luft niederschlägt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit
+Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man
+das Wasser von Mariara in einem offenen Gefäß erkalten läßt, ohne Zweifel
+weil die Quantität des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht
+erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Auflösung von salpetersaurem
+Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es
+je einige Salze enthält, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure
+Bittererde, so können sie nur in sehr geringer Quantität darin seyn. Da
+wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so füllten wir nur zwei
+Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch
+des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), über Porto Cabello und Havana, an
+Furcroy und Vauquelin nach Paris. Daß Wasser, die unmittelbar aus dem
+Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwürdigsten
+Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das
+Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen
+oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Rührt es von
+Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her,
+die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthält?
+
+In der Schlucht der heißen Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern
+mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine
+häutige, die Luftblasen enthält, und eine mit parallelen Fasern
+[_Conferva_?]. Erstere hat große Aehnlichkeit mit der _Ulva
+labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europäischen warmen Quellen
+vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_]
+Büsche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des
+Bodens noch weit höher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe
+der Gewächse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man
+findet Frösche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind
+und den Tod gefunden haben.
+
+Südlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt,
+kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger
+Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser läuft, liegt
+sechs Toisen höher als die eben beschriebenen Trichter. Der Thermometer
+stieg in der Spalte nur auf 42°. Das Wasser sammelt sich in einem mit
+großen Bäumen umgebenen, fast kreisrunden, 15 bis 18 Fuß weiten und 3 Fuß
+tiefen Becken. In dieses Bad werfen sich die unglücklichen Sklaven, wenn
+sie gegen Sonnenuntergang, mit Staub bedeckt, ihr Tagewerk auf den
+benachbarten Indigo- und Zuckerfeldern vollbracht haben. Obgleich das
+Wasser des *Baño* gewöhnlich 10--14 Grad wärmer ist als die Luft, nennen
+es die Schwarzen doch erfrischend, weil in der heißen Zone Alles so heißt,
+was die Kräfte herstellt, die Nervenaufregung beschwichtigt oder überhaupt
+ein Gefühl von Wohlbehagen gibt. Wir selbst erprobten die heilsame Wirkung
+dieses Bades. Wir ließen unsere Hängematten an die Bäume, die das
+Wasserbecken beschatten, binden und verweilten einen ganzen Tag an diesem
+herrlichen Platz, wo es sehr viele Pflanzen gibt. In der Nähe des Baño de
+Mariara fanden wir den *Volador* oder Gyrocarpus. Die Flügelfrüchte dieses
+großen Baumes fliegen wie Federbälle, wenn sie sich vom Fruchtstiele
+trennen. Wenn wir die Aeste des Volador schüttelten, wimmelte es in der
+Luft von diesen Früchten und ihr gleichzeitiges Niederfallen gewährte den
+merkwürdigsten Anblick. Die zwei häutigen gestreiften Flügel sind so
+gebogen, daß die Luft beim Niederfallen unter einem Winkel von 45 Grad
+gegen sie drückt. Glücklicherweise waren die Früchte, die wir auflasen,
+reif. Wir schickten welche nach Europa und sie keimten in den Gärten zu
+Berlin, Paris und Malmaison. Die vielen Voladorpflanzen, die man jetzt in
+den Gewächshäusern sieht, kommen alle von dem einzigen Baum der Art, der
+bei Mariara steht. Die geographische Vertheilung der verschiedenen Arten
+von Gyrocarpus, den Brown zu den Laurineen rechnet, ist eine sehr
+auffallende. Jacquin sah eine Art bei Carthagena das Indias; eine andere
+Art, die auf den Bergen an der Küste von Coromandel wächst, hat Roxburgh
+beschrieben; eine dritte und vierte kommen in der südlichen Halbkugel auf
+den Küsten von Neuholland vor.
+
+Während wir nach dem Bade uns, nach Landessitte, halb in ein Tuch
+gewickelt, von der Sonne trocknen ließen, trat ein kleiner Mulatte zu uns.
+Nachdem er uns freundlich gegrüßt, hielt er uns eine lange Rede über die
+Kraft der Wasser von Mariara, über die vielen Kranken, die sie seit
+einigen Jahren besuchten, über die günstige Lage der Quellen zwischen zwei
+Städten, Valencia und Caracas, wo das Sittenverderbniß mit jedem Tage
+ärger werde. Er zeigte uns sein Haus, eine kleine offene Hütte aus
+Palmblättern, in einer Einzäunung, ganz nahe bei, an einem Bach, der in
+das Bad läuft. Er versicherte uns, wir finden daselbst alle möglichen
+Bequemlichkeiten, Nägel, unsere Hängematten zu befestigen, Ochsenhäute, um
+auf Rohrbänken zu schlafen, irdene mit immer frischem Wasser, und was uns
+nach dem Bad am besten bekommen werde, *Iguanas*, große Eidechsen, deren
+Fleisch für eine erfrischende Speise gilt. Wir ersahen aus diesem Vortrag,
+daß der arme Mann uns für Kranke hielt, die sich an der Quelle einrichten
+wollten. Er nannte sich »Wasserinspektor und *Pulpero*(57) des Platzes.«
+Auch hatte seine Zuvorkommenheit gegen uns ein Ende, als er erfuhr, daß
+wir bloß aus Neugierde da waren, oder, wie man in den Colonien, dem wahren
+Schlaraffenlande, sagt, »_para ver, no mas_« (um zu sehen, weiter nichts).
+
+Man gebraucht das Wasser von Mariara mit Erfolg gegen rheumatische
+Geschwülste, alte Geschwüre und gegen die schreckliche Hautkrankheit,
+Bubas genannt, die nicht immer syphilitischen Ursprungs ist. Da die
+Quellen nur sehr wenig Schwefelwasserstoff enthalten, muß man da baden, wo
+sie zu Tage kommen. Weiterhin überrieselt man mit dem Wasser die
+Indigofelder. Der reiche Besitzer von Mariara, Don Domingo Tovar, ging
+damit um, ein Badehaus zu bauen und eine Anstalt einzurichten, wo
+Wohlhabende etwas mehr fanden als Eidechsenfleisch zum Essen und Häute auf
+Bänken zum Ruhen.
+
+Am 21. Februar Abends brachen wir von der schönen Hacienda de Cura nach
+Guacara und Nueva Valencia auf. Wegen der schrecklichen Hitze bei Tage
+reisten wir lieber bei Nacht. Wir kamen durch den Weiler Punta Zamuro am
+Fuß der hohen Berge las Viruelas. Am Wege stehen große Zamangs oder
+Mimosen, deren Stamm 60 Fuß hoch wird. Die fast wagerechten Aeste
+derselben stoßen auf mehr als 150 Fuß Entfernung zusammen. Nirgends habe
+ich ein schöneres, dichteres Laubdach gesehen. Die Nacht war dunkel; die
+Teufelsmauer und ihre gezackten Felsen tauchten zuweilen in der Ferne auf,
+beleuchtet vom Schein der brennenden Savanen oder in röthliche Rauchwolken
+gehüllt. Wo das Gebüsch am dichtesten war, scheuten unsere Pferde ob dem
+Geschrei eines Thiers, das hinter uns her zu kommen schien. Es war ein
+großer Tiger, der sich seit drei Jahren in diesen Bergen umtrieb und den
+Nachstellungen der kühnsten Jäger entgangen war. Er schleppte Pferde und
+Maulthiere sogar aus Einzäunungen fort; da es ihm aber nicht an Nahrung
+fehlte, hatte er noch nie Menschen angefallen. Der Neger, der uns führte,
+erhob ein wildes Geschrei, um den Tiger zu verscheuchen, was natürlich
+nicht gelang. Der Jaguar streicht, wie der europäische Wolf, den Reisenden
+nach, auch wenn er sie nicht anfallen will; der Wolf thut dieß auf freiem
+Feld, auf offenen Landstrecken, der Jaguar schleicht am Wege hin und zeigt
+sich nur von Zeit zu Zeit im Gebüsch.
+
+Den dreiundzwanzigsten brachten wir im Hause des Marques del Toro im Dorfe
+Guacara, einer sehr starken indianischen Gemeinde, zu. Die Eingeborenen,
+deren Corregidor, Don Pedro Peñalver, ein sehr gebildeter Mann war, sind
+ziemlich wohlhabend. Sie hatten eben bei der Audiencia einen Proceß
+gewonnen, der ihnen die Ländereien wieder zusprach, welche die Weißen
+ihnen streitig gemacht. Eine Allee von Carolinenbäumen führt von Guacara
+nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dieses prachtvolle Gewächs, das
+eine der vornehmsten Zierden der Gewächshäuser in Schönbrunn ist.(58)
+Mocundo ist eine reiche Zuckerpflanzung der Familie Toto. Man findet hier
+sogar, was in diesem Lande so selten ist, »den Luxus des Ackerbaus,« einen
+Garten, künstliche Gehölze und am Wasser auf einem Gneißfels ein Lusthaus
+mit einem *Mirador* oder Belvedere. Man hat da eine herrliche Aussicht auf
+das westliche Stück des Sees, auf die Gebirge ringsum und auf einen
+Palmenwald zwischen Guacara und Nueva Valencia. Die Zuckerfelder mit dem
+lichten Grün des jungen Rohrs erscheinen wie ein weiter Wiesgrund. Alles
+trägt den Stempel des Ueberflusses, aber die das Land bauen, müssen ihre
+Freiheit daran setzen. In Mocundo baut man mit 230 Negern 77 Tablones oder
+*Stücke* Zuckerrohr, deren jedes 10,000 Quadrat-Varas(59) mißt und
+jährlich einen Reinertrag von 200--240 Piastern gibt. Man setzt die
+Stecklinge des creolischen und des otaheitischen Zuckerrohrs im April, bei
+ersterem je 4, bei letzterem 5 Schuh von einander. Das Rohr braucht 14
+Monate zur Reife. Es blüht im Oktober, wenn der Setzling kräftig ist, man
+kappt aber die Spitze, ehe die Rispe sich entwickelt. Bei allen
+Monocotyledonen (beim Maguey, der in Mexico wegen des *Pulque* gebaut
+wird, bei der Weinpalme und dem Zuckerrohr) erhalten die Säfte durch die
+Blüthe eine andere Mischung. Die Zuckerfabrikation ist in Terra Firma sehr
+mangelhaft, weil man nur für den Verbrauch im Lande fabricirt und man für
+den Absatz im Großen sich lieber an den sogenannten *Papelon* als an
+raffinirten und Rohzucker hält. Dieser Papelon ist ein unreiner,
+braungelber Zucker in ganz kleinen Hüten. Er ist mit Melasse und
+schleimigten Stoffen verunreinigt. Der ärmste Mann ißt Papelon, wie man in
+Europa Käse ißt; man hält ihn allgemein für nahrhaft. Mit Wasser gegohren
+gibt er den *Guarapo*, das Lieblingsgetränk des Volks. Zum Auslaugen des
+Rohrsafts bedient man sich, statt des Kalks, des unterkohlensauren Kalis.
+Man nimmt dazu vorzugsweise die Asche des *Bucare*, der _Erythrina
+corallodendron_.
+
+Das Zuckerrohr ist sehr spät, wahrscheinlich erst zu Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts, von den Antillen in die Thäler von Aragua gekommen. Man
+kannte es seit den ältesten Zeiten in Indien, in China und auf allen
+Inseln des stillen Meeres; in Chorasan und in Persien wurde es schon im
+fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Gewinnung festen Zuckers
+gebaut. Die Araber brachten das Rohr, das für die Bewohner heißer und
+gemäßigter Länder von so großem Werthe ist, an die Küsten des Mittelmeers.
+Im Jahr 1306 wurde es auf Sicilien noch nicht gebaut, aber auf Cypern,
+Rhodus und in Morea war es bereits verbreitet; hundert Jahre darauf war es
+ein werthvoller Besitz Calabriens, Siciliens und der spanischen Küsten.
+Von Sicilien verpflanzte der Infant Henriquez das Zuckerrohr nach Madera,
+von Madera kam es auf die Canarien, wo es ganz unbekannt war; denn die
+_Ferulae_ von denen Juba spricht (_quae expressae liquorem fundunt potui
+jucundum_) sind Euphorbien, _Tabayba dulce_, und kein Zuckerrohr, wie man
+neuerdings behauptet hat. Nicht lange, so waren zehn Zuckermühlen
+(_ingenios de azucar_ auf der großen Canaria, auf Palma und auf Teneriffa
+zwischen Adexe, Icod und Garachico. Man brauchte Neger zum Bau, und ihre
+Nachkommen leben noch in den Höhlen von Tiraxana auf der großen Canaria.
+Seit das Zuckerrohr auf die Antillen verpflanzt worden ist, und seit die
+neue Welt den glückseligen Inseln den Mais geschenkt, hat der Anbau dieser
+Grasart auf Teneriffa und der großen Canaria den Zuckerbau verdrängt.
+Jetzt wird dieser nur noch auf Palma bei Argual und Taxacorte getrieben
+und liefert kaum 1000 Centner Zucker im Jahr. Das canarische Rohr, das
+Aiguilon nach St. Domingo brachte, wurde dort seit 1517 oder den sechs,
+sieben folgenden Jahren unter der Herrschaft der Hieronymiter-Mönche
+gebaut. Von Anfang an wurden Neger dazu verwendet, und schon 1519 stellte
+man, gerade wie heutzutage, der Regierung vor, »die Antillen wären
+verloren und müßten wüste liegen bleiben, wenn man nicht alle Jahre
+Sklaven von der Küste von Guinea herüberbrächte.«
+
+Seit einigen Jahren haben sich der Anbau und die Fabrikation des Zuckers
+in Terra Firma bedeutend verbessert, und da auf Jamaica das Raffiniren
+gesetzlich verboten ist, so glaubt man auf die Aussicht von raffinirtem
+Zucker in die englischen Colonien auf dem Wege des Schleichhandels rechnen
+zu können. Aber der Verbrauch in den Provinzen von Venezuela an Papelon
+und an Rohzucker zu Chocolate und Zuckerbäckerei (_dulces_) ist so groß,
+daß die Ausfuhr bis jetzt gar nicht in Betracht kam. Die schönsten
+Zuckerpflanzungen sind in den Thälern von Aragua und des Tuy, bei Pao de
+Zarete, zwischen Victoria und San Sebastiano, bei Guatire, Guarenas und
+Caurimare. Wie das Zuckerrohr zuerst von den Canarien in die neue Welt
+kam, so stehen noch jetzt meist Canarier oder *Islengos* den großen
+Pflanzungen vor und geben beim Anbau und beim Raffiniren die Anleitung.
+Dieser innige Verkehr mit den canarischen Inseln und ihren Bewohnern hat
+auch zur Einführung der Kameele in die Provinzen von Venezuela Anlaß
+gegeben. Der Marques del Toro ließ ihrer drei von Lancerota kommen. Die
+Transportkosten waren sehr bedeutend, weil die Thiere auf den Kauffahrern
+sehr viel Raum einnehmen und sie sehr viel süßes Wasser bedürfen, da die
+lange Ueberfahrt sie stark angreift. Ein Kameel, für das man nur dreißig
+Piaster bezahlt, hatte nach der Ankunft auf der Küste von Caracas acht-
+bis neunhundert Piaster gekostet. Wir sahen diese Thiere in Mocundo; von
+vieren waren schon drei in Amerika geworfen. Zwei waren vom Biß des Coral,
+einer giftigen Schlange, die am See sehr häufig ist, zu Grunde gegangen.
+Man braucht bis jetzt diese Kameele nur, um das Zuckerrohr in die Mühlen
+zu schaffen. Die männlichen Thiere, die stärker sind als die weiblichen,
+tragen 40--50 Arrobas. Ein reicher Gutsbesitzer in der Provinz-Barinas
+wollte, aufgemuntert durch den Vorgang des Marques del Toro, 15,000
+Piaster aufwenden und auf einmal 14 bis 15 Kameele von den canarischen
+Inseln kommen lassen. Solche Unternehmungen sind um so lobenswerther, da
+man diese Lastthiere zum Waarentransport durch die glühend heißen Ebenen
+am Casanare, Apure und bei Calabozo benützen will, die in der trockenen
+Jahreszeit den afrikanischen Wüsten gleichen. Ich habe anderwärts
+bemerkt,(60) wie sehr zu wünschen wäre, daß die Eroberer schon zu Anfang
+des sechzehnten Jahrhunderts, wie Rindvieh, Pferde und Maulthiere, so auch
+Kameele nach Amerika verpflanzt hätten. Ueberall wo in unbewohnten Ländern
+sehr große Strecken zurückzulegen sind, wo sich keine Kanäle anlegen
+lassen, weil sie zu viele Schleußen erforderten (wie auf der Landenge von
+Panama, auf der Hochebene von Mexico, in den Wüsten zwischen dem
+Königreich Quito und Peru, und zwischen Peru und Chili), wären Kameele für
+den Handelsverkehr im Innern von der höchsten Bedeutung. Man muß sich um
+so mehr wundern, daß die Regierung nicht gleich nach der Eroberung die
+Einführung des Thiers aufgemuntert hat, da noch lange nach der
+Unterwerfung von Grenada das Kameel, das Lieblingsthier der Mauren, im
+südlichen Spanien sehr häufig war. Ein Biscayer, Juan de Reinaga, hatte
+auf seine Kosten einige Kameele nach Peru gebracht. Pater Acosta sah sie
+gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts am Fuße der Anden; da sie aber
+schlecht gepflegt wurden, pflanzten sie sich spärlich fort und starben
+bald aus. In diesen Zeiten der Unterdrückung und des Elends, die man als
+die Zeiten des spanischen Ruhmes schildert, vermietheten die Encomenderos
+den Reisenden Indianer wie Lastthiere. Man trieb sie zu Hunderten
+zusammen, um Waaren über die Cordilleren zu schleppen, oder um die Heere
+auf ihren Eroberungs- und Raubzügen zu begleiten. Die Eingeborenen
+unterzogen sich diesem Dienst um so geduldiger, da sie, beim fast völligen
+Mangel an Hausthieren, schon seit langer Zeit von ihren eigenen
+Häuptlingen, wenn auch nicht so unmenschlich, dazu angehalten worden
+waren. Die von Juan de Reinaga versuchte Einführung der Kameele brachte
+die Encomenderos, die nicht gesetzlich, aber faktisch die Grundherrn der
+indianischen Dörfer waren, gewaltig in Aufruhr. Es ist nicht zu
+verwundern, daß der Hof den Beschwerden dieser Herrn Gehör gab; aber durch
+diese Maaßregel ging Amerika eines Mittels verlustig, das mehr als irgend
+etwas den Verkehr im Innern und den Waarenaustausch erleichtern konnte.
+Jetzt, da seit Carls III. Regierung die Indianer unter einem milderen
+Regimente stehen, und alle Zweige des einheimischen Gewerbfleißes sich
+freier entwickeln können, sollte die Einführung der Kameele im Großen, und
+von der Regierung selbst versucht werden. Würden einige hundert dieser
+nützlichen Thiere auf dem ungeheuren Areal von Amerika in heißen,
+trockenen Gegenden angesiedelt, so würde sich der günstige Einfluß auf den
+allgemeinen Wohlstand schon in wenigen Jahren merkbar machen. Provinzen,
+die durch Steppen getrennt sind, wären von Stunde an einander näher
+gerückt; manche Waaren aus dem Innern würden an den Küsten wohlfeiler, und
+durch die Vermehrung der Kameele, zumal der *Hedjines*, der *Schiffe der
+Wüste*, käme ein ganz anderes Leben in den Gewerbfleiß und den Handel der
+neuen Welt.
+
+Am zweiundzwanzigsten Abends brachen wir von Mocundo auf und gingenüber
+los Guayos nach Nueva Valencia. Man kommt durch einen kleinen Palmenwald,
+dessen Bäume nach dem Habitus und der Bildung der fächerförmigen Blätter
+dem _Chamaerops humilis_ an der Küste der Berberei gleichen. Der Stamm
+wird indessen 24, zuweilen sogar 30 Fuß hoch. Es ist wahrscheinlich eine
+neue Art der Gattung _Corypha_; die Palme heißt im Lande _Palma de
+Sombrero_ weil man aus den Blattstielen Hüte, ähnlich unsern Strohhüten
+flicht. Das Palmengehölz, wo die dürren Blätter beim geringsten Luftzug
+rasseln, die auf der Ebene weidenden Kameele, das Wallen der Dünste auf
+einem vom Sonnenstrahl glühenden Boden, geben der Landschaft ein
+afrikanisches Gepräge. Je näher man an der Stadt und über das westliche
+Ende des Sees hinaus kommt, desto dürrer wird der Boden. Es ist ein ganz
+ebener, vom Wasser verlassener Thonboden. Die benachbarten Hügel, _Morros
+de Valencia_ genannt, bestehen aus weißem Tuff, einer ganz neuen Bildung,
+die unmittelbar auf dem Gneiß aufliegt. Sie kommt bei Victoria und an
+verschiedenen andern Punkten längs der Küstengebirgskette wieder zum
+Vorschein. Die weiße Farbe dieses Tuffs, von dem die Sonnenstrahlen
+abprallen, trägt viel zur drückenden Hitze bei, die hier herrscht. Alles
+ist wüst und öde, kaum sieht man an den Ufern des Rio de Valencia hie und
+da einen Cacaostamm; sonst ist die Ebene kahl, pflanzenlos. Diese
+anscheinende Unfruchtbarkeit schreibt man hier, wie überall in den Thälern
+von Aragua, dem Indigobau zu, der den Boden stärker erschöpft (_cansa_)
+als irgend ein Gewächs. Es ware interessant, sich nach den wahren
+physischen Ursachen dieser Erscheinung umzusehen, über die man, wie ja
+auch über die Wirkung der Brache und der Wechselwirthschaft, noch lange
+nicht im Reinen ist. Ich beschränke mich auf die allgemeine Bemerkung, daß
+man unter den Tropen desto häufiger über die zunehmende Unfruchtbarkeit
+des Baulandes klagen hört, je näher man sich der Zeit der ersten
+Urbarmachung befindet. In einem Erdstrich, wo fast kein Gras wächst, wo
+jedes Gewächs einen holzigten Stengel hat und gleich zum Busch aufschießt,
+ist der unangebrochene Boden fortwährend von hohen Bäumen oder von
+Buschwerk beschattet. Unter diesen dichten Schatten erhält er sich überall
+frisch und feucht. So üppig der Pflanzenwuchs unter den Tropen erscheint,
+so ist doch die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln auf einem nicht
+angebauten Boden geringer, während auf dem mit Indigo, Zuckerrohr oder
+Manioc angepflanzten Lande die Gewächse weit dichter bei einander stehen.
+Die Bäume und Gebüsche mit ihrer Fülle von Zweigen und Laub ziehen, ihre
+Nahrung zum großen Theil aus der umgebenden Luft, und die Fruchtbarkeit
+des jungfräulichen Bodens nimmt zu durch die Zersetzung des
+vegetabilischen Stoffs, der sich fortwährend auf demselben aufhäuft. Ganz
+anders bei den mit Indigo oder andern krautartigen Gewächsen bepflanzten
+Feldern. Die Sonnenstrahlen fallen frei auf den Boden und zerstören durch
+die rasche Verbrennung der Kohlenwasserstoff- und anderer oxydirbaren
+Verbindungen die Keime der Fruchtbarkeit. Diese Wirkungen fallen den
+Colonisten desto mehr auf, da sie in einem noch nicht lange bewohnten
+Lande die Fruchtbarkeit eines seit Jahrtausenden unberührten Bodens mit
+dem Ertrag der bebauten Felder vergleichen können. In Bezug auf den Ertrag
+des Ackerbaus sind gegenwärtig die spanischen Colonien auf dem Festland
+und die großen Inseln Portorico und Cuba gegen die kleinen Antillen
+bedeutend im Vortheil; Erstere haben vermöge ihrer Größe, der
+mannigfaltigen Bodenbildung und der verhältnißmäßig geringen Bevölkerung
+noch ganz den Typus eines unberührten Bodens, während man auf Barbados,
+Tabago, Santa Lucia, auf den Jungfraueninseln und im französischen Antheil
+von St. Domingo nachgerade spürt, daß lange fortgesetzter Anbau den Boden
+erschöpft. Wenn man in den Thälern von Aragua die Indigofelder, statt sie
+aufzugeben und brach liegen zu lassen, nicht mit Getreide, sondern mit
+andern nährenden und Futterkräutern anpflanzte, wenn man dazu vorzugsweise
+Gewächse aus verschiedenen Familien nähme, und solche, die mit breiten
+Blättern den Boden beschatten, so würden allmälig die Felder verbessert
+und ihnen ihre frühere Fruchtbarkeit zum Theil wieder gegeben werden.
+
+Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen ansehnlichen Flächenraum ein; aber
+die Bevölkerung ist kaum sechs- bis siebentausend Seelen stark. Die
+Straßen sind sehr breit, der Markt (_plaza mayor_) ist übermäßig groß, und
+da die Häuser sehr niedrig sind, ist das Mißverhältniß zwischen der
+Bevölkerung und der Ausdehnung der Stadt noch auffallender als in Caracas.
+Viele Weiße von europäischer Abstammung, besonders die ärmsten, ziehen aus
+ihren Häusern und leben den größten Theil des Jahrs auf ihren kleinen
+Indigo- oder Baumwollenpflanzungen. Dort wagen sie es mit eigenen Händen
+zu arbeiten, während ihnen dieß, nach dem im Lande herrschenden
+eingewurzelten Vorurtheil, in der Stadt zur Schande gereichte. Der
+Gewerbfleiß fängt im allgemeinen an sich zu regen, und der Baumwollenbau
+hat bedeutend zugenommen, seit dem Handel von Porto Cabello neue
+Freiheiten ertheilt worden sind und dieser Hafen als Haupthafen, als
+_puerto mayor_ den unmittelbar aus dem Mutterlande kommenden Schiffen
+offen steht.
+
+Nueva Valencia wurde im Jahr 1555 unter Villacindas Statthalterschaft von
+Alonzo Diaz Moreno gegründet, und ist also zwölf Jahre älter als Caracas.
+Wir haben schon früher bemerkt, daß in Venezuela die spanische Bevölkerung
+von West nach Ost vorgerückt ist. Valencia war anfangs nur eine zu
+Burburata gehörige Gemeinde, aber letztere Stadt ist jetzt nur noch ein
+Platz, wo Maulthiere eingeschifft werden. Man bedauert, und vielleicht mit
+Recht, daß Valencia nicht die Hauptstadt des Landes geworden ist. Ihre
+Lage auf einer Ebene, am Ufer eines Sees würde an die von Mexico erinnern.
+Wenn man bedenkt, wie bequem man durch die Thäler von Aragua in die Llanos
+und an die Nebenflüsse des Orinoco gelangt, wenn man sich überzeugt, daß
+sich durch den Rio Pao und die Portugueza eine Schifffahrtverbindung im
+innern Lande bis zur Mündung des Orinoco, zum Cassiquiare und dem
+Amazonenstrom herstellen ließe, so sieht man ein, daß die Hauptstadt der
+ausgedehnten Provinzen von Venezuela in der Nähe des prächtigen Hafens von
+Porto Cabello, unter einem reinen, heitern Himmel besser läge, als bei der
+schlecht geschützten Rhede von Guayra, in einem gemäßigten, aber das ganze
+Jahr nebligten Thale. So nahe beim Königreich Neu-Grenada, mitten inne
+zwischen den getreidereichen Gebieten von Victoria und Barquesimeto, hätte
+die Stadt Valencia gedeihen müssen; sie konnte aber nicht gegen Caracas
+aufkommen, das ihr zwei Jahrhunderte lang einen bedeutenden Theil der
+Einwohner entzogen hat. Die Mantuanosfamilien lebten lieber in der
+Hauptstadt als in einer Provinzialstadt.
+
+Wer nicht weiß, von welcher Unmasse von Ameisen alle Länder in der heißen
+Zone heimgesucht sind, macht sich keinen Begriff von den Zerstörungen
+dieser Insekten und von den Bodensenkungen, die von ihnen herrühren. Sie
+sind im Boden, auf dem Valencia steht, in so ungeheurer Menge, daß die
+Gänge, die sie graben, unterirdischen Kanälen gleichen, in der Regenzeit
+sich mit Wasser füllen und den Gebäuden sehr gefährlich werden. Man hat
+hier nicht zu den sonderbaren Mitteln gegriffen, die man zu Anfang des
+sechzehnten Jahrhunderts auf St. Domingo anwendete, als Ameisenschwärme
+die schönen Ebenen von la Vega und die reichen Besitzungen des Ordens des
+h. Franciscus verheerten. Nachdem die Mönche vergebens die Ameisenlarven
+verbrannt und es mit Räucherungen versucht hatten, gaben sie den Leuten
+den Rath, einen Heiligen herauszuloosen, der als _Abagado contra los
+Hormigas_ dienen sollte. Die Ehre ward dem heiligen Saturnin zu Theil, und
+als man das erstemal das Fest des Heiligen beging, verschwanden die
+Ameisen. Seit den Zeiten der Eroberung hat der Unglauben gewaltige
+Fortschritte gemacht, und nur auf dem Rücken der Cordilleren fand ich eine
+kleine Capelle, in der, der Inschrift zufolge, für die Vernichtung der
+*Termiten* gebetet werden sollte.
+
+Valencia hat einige geschichtliche Erinnerungen aufzuweisen, sie sind
+aber, wie Alles, was die Colonien betrifft, nicht sehr alt und beziehen
+sich entweder auf bürgerliche Zwiste oder auf blutige Gefechte mit den
+Wilden. Lopez de Aguirre, dessen Frevelthaten und Abenteuer eine der
+dramatischsten Episoden in der Geschichte der Eroberung bilden, zog im
+Jahr 1561 aus Peru über den Amazonenstrom auf die Insel Margarita und von
+dort über den Hafen von Burburata in die Thaler von Aragua. Als er in
+Valencia eingezogen, die stolz den Namen einer *königlichen Stadt*, _Villa
+de el Rey_, führt, verkündigte er die Unabhängigkeit des Landes und die
+Absetzung Philipps II. Die Einwohner flüchteten sich auf die Inseln im See
+und nahmen zu größerer Sicherheit alle Boote am Ufer mit. In Folge dieser
+Kriegslist konnte Aguirre seine Grausamkeiten nur an seinen eigenen Leuten
+verüben. In Valencia schrieb er den berüchtigten Brief an den König von
+Spanien, der ein entsetzlich wahres Bild von den Sitten des Kriegsvolks im
+sechzehnten Jahrhundert gibt. Der Tyrann (so heißt Aguirre beim Volk noch
+jetzt) prahlt unter einander mit seinen Schandthaten und mit seiner
+Frömmigkeit; er ertheilt dem Könige Rathschläge hinsichtlich der Regierung
+der Colonien und der Einrichtung der Missionen. Mitten unter wilden
+Indianern, auf der Fahrt auf einem großen Süßwassermeer, wie er den
+Amazonenstrom nennt, »fühlt er große Besorgniß ob der Ketzereien Martin
+Luthers und der wachsenden Macht der Abtrünnigen in Europa.« Lopez de
+Aguirre wurde, nachdem die Seinigen von ihm abgefallen, in Barquesimeto
+erschlagen. Als es mit ihm zu Ende ging, stieß er seiner einzigen Tochter
+den Dolch in die Brust, »um ihr die Schande zu ersparen, bei den Spaniern
+die Tochter eines Verräthers zu heißen.« »Die Seele des Tyrannen« -- so
+glauben die Eingeborenen -- geht in den Savanen um in Gestalt einer
+Flamme, die entweicht, wenn ein Mensch auf sie zugeht.
+
+Das zweite geschichtliche Ereigniß, das sich an Valencia knüpft, ist der
+Einfall der Caraiben vom Orinoco her in den Jahren 1578 und 1580. Diese
+Horde von Menschenfressern zog am Guarico herauf und über die Llanos
+herüber. Sie wurde vom tapfern Garci-Gonzalez, einem der Capitäne, deren
+Namen noch jetzt in diesen Provinzen in hohen Ehren steht, glücklich
+zurückgeschlagen. Mit Befriedigung denkt man daran, daß die Nachkommen
+derselben Caraiben jetzt als friedliche Ackerbauer in den Missionen leben,
+und daß kein wilder Volksstamm in Guyana es mehr wagt, über die Ebenen
+zwischen der Waldregion und dem angebauten Lande herüberzukommen.
+
+Die Küstencordillere ist von mehreren Schluchten durchschnitten, die
+durchgängig von Südost nach Nordwest streichen. Dieß wiederholt sich von
+der Quebrada de Tocume zwischen Petarez und Caracas bis Porto Cabello. Es
+ist als wäre aller Orten der Stoß von Südost gekommen, und die Erscheinung
+ist um so auffallender, da die Gneiß- und Glimmerschieferschichten in der
+Küstencordillere meist von Südwest nach Nordost streichen. Die meisten
+dieser Schluchten schneiden in den Südabhang der Berge ein, gehen aber
+nicht ganz durch; nur im Meridian von Nueva Valencia befindet sich eine
+Oeffnung (_Abra_), durch die man zur Küste hinunter gelangt und durch die
+jeden Abend ein sehr erfrischender Seewind in die Thäler von Aragua
+heraufkommt. Der Wind stellt sich regelmäßig zwei bis drei Stunden nach
+Sonnenuntergang ein.
+
+Durch diese *Abra*, über den Hof Barbula und durch einen östlichen Zweig
+der Schlucht baut man eine neue Straße von Valencia nach Porto Cabello.
+Sie wird so kurz, daß man nur vier Stunden in den Hafen braucht und man in
+Einem Tage vom Hafen in die Thäler von Aragua und wieder zurück kann. Um
+diesen Weg kennen zu lernen, gingen wir am sechs und zwanzigsten Februar
+Abends nach dem Hofe Barbula, in Gesellschaft der Eigenthümer, der
+liebenswürdigen Familie Arambary.
+
+Am sieben und zwanzigsten Morgens besuchten wir die heißen Quellen bei der
+Trinchera, drei Meilen von Valencia. Die Schlucht ist sehr breit und es
+geht vom Ufer des Sees bis zur Küste fast beständig abwärts. Trinchera
+heißt der Ort nach den kleinen Erdwerken, welche französische Flibustiers
+angelegt, als sie im Jahre 1677 die Stadt Valencia plünderten. Die heißen
+Quellen, und dieß ist geologisch nicht uninteressant, entspringen nicht
+südlich von den Bergen, wie die von Mariara, Onoto und am Brigantin; sie
+kommen vielmehr in der Bergkette selbst, fast am Nordabhang, zu Tag. Sie
+sind weit stärker als alle, die wir bisher gesehen, und bilden einen Bach,
+der in der trockensten Jahreszeit zwei Fuß tief und achtzehn breit ist.
+Die Temperatur des Wassers war, sehr genau gemessen, 90°,3. Nach den
+Quellen von Urijino in Japan, die reines Wasser seyn und eine Temperatur
+von 100° haben sollen, scheint das Wasser von la Trinchera de Porto
+Cabello das heißeste, das man überhaupt kennt. Wir frühstückten bei der
+Quelle. Eier waren im heißen Wasser in weniger als vier Minuten gar. Das
+stark schwefelwasserstoffhaltige Wasser entspringt auf dem Gipfel eines
+Hügels, der sich 150 Fuß über die Sohle der Schlucht erhebt und von
+Süd-Süd-Ost nach Nord-Nord-West streicht. Das Gestein, aus dem die Quelle
+kommt, ist ein ächter grobkörniger Granit, ähnlich dem der Teufelsmauer in
+den Bergen von Mariara. Ueberall wo das Wasser an der Luft verdunstet,
+bildet es Niederschläge und Incrustationen von kohlensaurem Kalk. Es geht
+vielleicht durch Schichten von Urkalk, der im Glimmerschiefer und Gneiß an
+der Küste von Caracas so häufig vorkommt. Die Ueppigkeit der Vegetation um
+das Becken überraschte uns. Mimosen mit zartem, gefiedertem Laub, Clusien
+und Feigenbäume haben ihre Wurzeln in den Boden eines Wasserstücks
+getrieben, dessen Temperatur 85° betrug. Ihre Aeste stehen nur zwei, drei
+Zoll über dem Wasserspiegel. Obgleich das Laub der Mimosen beständig vom
+heißen Wasserdampf befeuchtet wird, ist es doch sehr schön grün. Ein Arum
+mit holzigtem Stengel und pfeilförmigen Blättern wuchs sogar mitten in
+einer Lache von 70° Temperatur. Dieselben Pflanzenarten kommen anderswo in
+diesem Gebirge an Bächen vor, in denen der Thermometer nicht auf 18°
+steigt. Noch mehr, vierzig Fuß von der Stelle, wo die 90° heißen Quellen
+entspringen, finden sich auch ganz kalte. Beide Gewässer laufen eine
+Strecke weit neben einander fort, und die Eingebornen zeigten uns, wie man
+sich, wenn man zwischen beiden Bächen ein Loch in den Boden gräbt, ein Bad
+von beliebiger Temperatur verschaffen kann. Es ist auffallend, wie in den
+heißesten und in den kältesten Erdstrichen der gemeine Mann gleich sehr
+die Wärme liebt. Bei der Einführung des Christenthums in Island wollte
+sich das Volk nur in den warmen Quellen am Hella taufen lassen, und in der
+heißen Zone, im Tiefland und auf den Cordilleren, laufen die Eingeborenen
+von allen Seiten den warmen Quellen zu. Die Kranken, die nach Trinchera
+kommen, um Dampfbäder zu brauchen, errichten über der Quelle eine Art
+Gitterwerk aus Baumzweigen und ganz dünnem Rohr. Sie legen sich nackt auf
+dieses Gitter, das, wie mir schien, nichts weniger als fest und nicht ohne
+Gefahr zu besteigen ist. Der _Rio de aguas calientes_ läuft nach Nordost
+und wird in der Nahe der Küste zu einem ziemlich ansehnlichen Fluß, in dem
+große Krokodile leben, und der durch sein Austreten den Uferstrich
+ungesund machen hilft.
+
+Wir gingen immer rechts am warmen Wasser nach Porto Cabello hinunter. Der
+Weg ist ungemein malerisch. Das Wasser stürzt über die Felsbänke nieder,
+und es ist als hätte man die Fülle der Neuß vom Gotthard herab vor sich;
+aber welch ein Contrast, was die Kraft und Ueppigkeit des Pflanzenwuchses
+betrifft! Zwischen blühenden Gesträuchen, aus Bignonien und Melastomen
+erheben sich majestätisch die weißen Stämme der Cecropia. Sie gehen erst
+aus, wenn man nur noch in 100 Toisen Meereshöhe ist. Bis hieher reicht
+auch eine kleine stachligte Palme, deren zarte, gefiederte Blätter an den
+Rändern wie gekräuselt erscheinen. Sie ist in diesem Gebirge sehr häufig;
+da wir aber weder Blüthe noch Frucht gesehen haben, wissen wir nicht, ob
+es die *Piritupalme* der Caraiben oder Jacquins _Cocos aculeata_ ist.
+
+Je näher wir der Küste kamen, desto drückender wurde die Hitze. Ein
+röthlicher Dunst umzog den Horizont; die Sonne war am Untergehen, aber der
+Seewind wehte noch nicht. Wir ruhten in den einzeln stehenden Höfen aus,
+die unter dem Namen *Cambury* und *Haus des Canariers* (_Casa del
+Isleñgo_) bekannt sind. Der _Rio de aguas calientes_, an dem wir hinzogen,
+wurde immer tiefer. Am Ufer lag ein todtes Krokodil; es war über neun Fuß
+lang. Wir hätten gerne seine Zähne und seine Mundhöhle untersucht; aber es
+lag schon mehrere Wochen in der Sonne und stank so furchtbar, daß wir
+dieses Vorhaben aufgeben und wieder zu Pferde steigen mußten. Ist man im
+Niveau des Meeres angelangt, so wendet sich der Weg ostwärts und läuft
+über einen dürren anderthalb Meilen breiten Strand, ähnlich dem bei
+Cumana. Man sieht hin und wieder eine Fackeldistel, ein Sesuvium, ein paar
+Stämme _Coccoloba uvifera_ und längs der Küste wachsen Avicennien und
+Wurzelträger. Wir wateten durch den Guayguazo und den Rio Estevan, die, da
+sie sehr oft austreten, große Lachen stehenden Wassers bilden. Auf dieser
+weiten Ebene erheben sich wie Klippen kleine Felsen aus Mäandriten,
+Madreporiten und andern Corallen. Man könnte in denselben einen Beweis
+sehen, daß sich die See noch nicht sehr lange von hier zurückgezogen; aber
+diese Massen von Polypengehäusen sind nur Bruchstücke, in eine Breccie mit
+kalkigtem Bindemittel eingebacken. Ich sage in eine Breecie, denn man darf
+die weißen frischen Coralliten dieser sehr jungen Formation an der Küste
+nicht mit den Coralliten verwechseln, die im Uebergangsgebirge, in der
+Grauwacke und im schwarzen Kalkstein eingeschlossen vorkommen. Wir
+wunderten uns nicht wenig, daß wir an diesem völlig unbewohnten Ort einen
+starken, in voller Blüthe stehenden Stamm der _Parkinsonia aculeata_
+antrafen. Nach unsern botanischen Werken gehört der Baum der neuen Welt
+an; aber in fünf Jahren haben wir ihn nur zweimal wild gesehen, hier auf
+der Ebene am Rio Guayguaza und in den Llanos von Cumana, dreißig Meilen
+von der Küste, bei Villa del Pao; Letzterer Ort konnte noch dazu leicht
+ein alter *Conuco* oder eingehegtes Baufeld seyn. Sonst überall auf dem
+Festland von Amerika sahen wir die Parkinsonia, wie die Plumeria, nur in
+den Gärten der Indianer.
+
+Ich kam zu rechter Zeit nach Porto Cabello, um einige Höhen des Canopus
+nahe am Meridian aufnehmen zu können; aber diese Beobachtungen, wie die am
+acht und zwanzigsten Februar aufgenommenen correspondirenden Sonnenhöhen,
+sind nicht sehr zuverläßig. Ich bemerkte zu spät, daß sich das
+Diopterlineal eines Troughtonschen Sextanten ein wenig verschoben hatte.
+Es war ein Dosensextant von zwei Zoll Halbmesser, dessen Gebrauch übrigens
+den Reisenden sehr zu empfehlen ist. Ich brauchte denselben sonst meist
+nur zu geodätischen Ausnahmen im Canoe auf Flüssen. In Porto Cabello wie
+in Guayra streitet man darüber, ob der Hafen ostwärts oder westwärts von
+der Stadt liegt, mit der derselbe den stärksten Verkehr hat. Die Einwohner
+glauben, Porto Cabello liege Nord-Nord-West von Nueva Valencia. Aus meinen
+Beobachtungen ergibt sich allerdings für jenen Ort eine Länge von 3--4
+Minuten im Bogen weiter nach West. Nach Fidalgo läge er ostwärts.
+
+Wir wurden im Hause eines französischen Arztes, Juliac, der sich in
+Montpellier tüchtig gebildet hatte, mit größter Zuvorkommenheit
+aufgenommen. In seinem kleinen Hause befanden sich Sammlungen mancherlei
+Art, die aber alle den Reisenden interessiren konnten:
+schönwissenschaftliche und naturgeschichtliche Bücher, meteorologische
+Notizen, Bälge von Jaguars und großen Wasserschlangen, lebendige Thiere,
+Affen, Gürtelthiere, Vögel. Unser Hausherr war Oberwundarzt am königlichen
+Hospital in Porto Cabello, und im Lande wegen seiner tiefeingehenden
+Beobachtungen über das gelbe Fieber Vortheilhaft bekannt. Er hatte in
+sieben Jahren 600--800 von dieser schrecklichen Krankheit Befallene in das
+Spital aufnehmen sehen; er war Zeuge der Verheerungen, welche die Seuche
+im Jahr 1793 auf der Flotte des Admirals Ariztizabal angerichtet. Die
+Flotte verlor fast ein Dritttheil ihrer Bemannung, weil die Matrosen fast
+sämmtlich nicht acclimatisirte Europäer waren und frei mit dem Lande
+verkehrten. Juliac hatte früher, wie in Terra Firma und auf den Inseln
+gebräuchlich ist, die Kranken mit Blutlassen, gelinde abführenden Mitteln
+und säuerlichen Getränken behandelt. Bei diesem Verfahren denkt man nicht
+daran die Kräfte durch Reizmittel zu heben; man will beruhigen und
+steigert nur die Schwäche und Entkräftung. In den Spitälern, wo die
+Kranken dicht beisammen lagen, starben damals von den weißen Creolen 33
+Procent, von den frisch angekommenen Europäern 63 Procent. Seit man das
+alte herabstimmende Verfahren aufgegeben hatte und Reizmittel anwendete,
+Opium, Benzoe, weingeistige Getränke, hatte die Sterblichkeit bedeutend
+abgenommen. Man glaubte, sie betrage nunmehr nur 20 Procent bei Europäern
+und 10 bei Creolen, selbst dann, wenn sich schwarzes Erbrechen und
+Blutungen aus der Nase, den Ohren und dem Zahnfleisch einstellen und so
+die Krankheit in hohem Grade bösartig erscheint. Ich berichte genau, was
+mir damals als allgemeines Ergebniß der Beobachtungen mitgetheilt wurde;
+man darf aber, denke ich, bei solchen Zahlenzusammenstellungen nicht
+vergessen, daß, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung, die Epidemien
+mehrerer auf einander folgenden Jahre von einander abweichen, und daß man
+bei der Wahl zwischen stärkenden und herabstimmenden Mitteln (wenn je ein
+absoluter Unterschied zwischen beiden besteht) die verschiedenen Stadien
+der Krankheit zu unterscheiden hat.
+
+Die Hitze ist in Porto Cabello nicht so stark als in Guayra. Der Seewind
+ist stärker, häufiger, regelmäßiger; auch lehnen sich die Häuser nicht an
+Felsen, die bei Tag die Sonnenstrahlen absorbiren und bei Nacht die Wärme
+wieder von sich geben. Die Luft kann zwischen der Küste und den Bergen von
+Ilaria freier circuliren. Der Grund der Ungesundheit der Luft ist im
+Strande zu suchen, der sich westwärts, so weit das Auge reicht, gegen die
+_Punta de Tucacos_ beim schönen Hafen von Chichiribiche fortzieht. Dort
+befinden sich die Salzwerke und dort herrschen bei Eintritt der Regenzeit
+die dreitägigen Wechselfieber, die leicht in atactische Fieber übergehen.
+Man hat die interessante Bemerkung gemacht, daß die Mestizen, die in den
+Salzwerken arbeiten, dunkelfarbiger sind und eine gelbere Haut bekommen,
+wenn sie mehrere Jahre hinter einander an diesen Fiebern gelitten haben,
+welche die *Küstenkrankheit* heißen. Die Bewohner dieses Strandes, arme
+Fischer, behaupten, nicht daher, daß das Seewasser das Land überschwemme
+und wieder abfließe, sey der mit Wurzelträgern bewachsene Boden so
+ungesund, das Verderbniß der Luft rühre vielmehr vom süßen Wasser her, von
+den Ueberschwemmungen des Rio Guayguaza und des Rio Estevan, die in den
+Monaten October und November so plötzlich und so stark austreten. Die Ufer
+des Rio Estevan sind bewohnbarer geworden, seit man daselbst kleine Mais-
+und Pisangpflanzungen angelegt und durch Erhöhung und Befestigung des
+Bodens dem Fluß ein engeres Bett angewiesen hat. Man geht damit um, dem
+Estevan eine andere Mündung zu graben und dadurch die Umgegend von Porto
+Cabello gesünder zu machen. Ein Kanal soll das Wasser an den Küstenstrich
+leiten, der der Insel Guayguaza gegenüberliegt.
+
+Die Salzwerke von Porto Cabello gleichen so ziemlich denen auf der
+Halbinsel Araya bei Cumana. Indessen ist die Erde, die man auslaugt, indem
+man das Regenwasser in kleinen Becken sammelt, nicht so salzhaltig. Man
+fragt hier wie in Cumana, ob der Boden mit Salztheilchen geschwängert sey,
+weil er seit Jahrhunderten zeitweise unter Meerwasser gestanden, das an
+der Sonne verdunstet, oder ob das Salz im Boden enthalten sey wie in einem
+sehr armen Steinsalzwerk. Ich hatte nicht Zeit, den Strand hier so genau
+zu untersuchen wie die Halbinsel Araya; läuft übrigens der Streit nicht
+auf die höchst einfache Frage hinaus, ob das Salz von neuen oder aber von
+uralten Ueberschwemmungen herrührt? Da die Arbeit in den Salzwerken von
+Porto Cabello sehr ungesund ist, geben sich nur die ärmsten Leute dazu
+her. Sie bringen das Salz an Ort und Stelle in kleine Magazine und
+verkaufen es dann in den Niederlagen in der Stadt.
+
+Während unseres Aufenthaltes in Porto Cabello lief die Strömung an der
+Küste, die sonst gewöhnlich nach West geht, von West nach Ost. Diese
+*Strömung nach oben* (_corriente por arriba_), von der bereits die Rede
+war, kommt zwei bis drei Monate im Jahr, vom September bis November,
+häufig vor. Man glaubt, sie trete ein, wenn zwischen Jamaica und dem Cap
+San Antonio auf Cuba Nord-Westwinde geweht haben.
+
+Die militärische Vertheidigung der Küsten von Terra Firma stützt sich auf
+sechs Punkte, das Schloß San Antonio bei Cumana, den Morro bei Nueva
+Barcelona, die Werke (mit 134 Geschützen) bei Guayra, Porto Cabello, das
+Fort San Carlos an der Ausmündung des Sees Maracaybo, und Carthagena. Nach
+Carthagena ist Porto Cabello der wichtigste feste Platz; die Stadt ist
+ganz neu und der Hafen einer der schönsten in beiden Welten. Die Lage ist
+so günstig, daß die Kunst fast nichts hinzuzuthun hatte. Eine Erdzunge
+läuft Anfangs gegen Nord und dann nach West. Die westliche Spitze
+derselben liegt einer Reihe von Inseln gegenüber, die durch Brücken
+verbunden und so nahe bei einander sind, daß man sie für eine zweite
+Landzunge halten kann. Diese Inseln bestehen sämmtlich aus Kalkbreccien
+von sehr neuer Bildung, ähnlich der an der Küste von Cumana und am Schloß
+Araya. Es ist ein Conglomerat von Madreporen und andern
+Corallenbruchstücken, die durch ein kalkigtes Bindemittel und Sandkörner
+verkittet sind. Wir hatten dasselbe Conglomerat bereits am Rio Guayguaza
+gesehen. In Folge der eigenthümlichen Bildung des Landes stellt sich der
+Hafen als ein Becken oder als eine innere Lagune dar, an deren südlichem
+Ende eine Menge mit Manglebäumen bewachsener Eilande liegen. Daß der
+Hafeneingang gegen West liegt, trägt viel zur Ruhe des Wassers bei. Es
+kann nur Ein Fahrzeug auf einmal einlaufen, aber die größten Linienschiffe
+können dicht am Lande ankern, um Wasser einzunehmen. Die einzige Gefahr
+beim Einlaufen bieten die Riffe bei Punta Brava, denen gegenüber eine
+Batterie von acht Geschützen steht. Gegen West und Südwest erblickt man
+das Fort, ein regelmäßiges Fünfeck mit fünf Bastionen, die Batterie beim
+Riff und die Werke um die alte Stadt, welche auf einer Insel liegt, die
+ein verschobenes Viereck bildet. Ueber eine Brücke und das befestigte Thor
+der Estacada gelangt man aus der alten Stadt in die neue, welche bereits
+größer ist als jene, aber dennoch nur als Vorstadt gilt. Zu hinterst läuft
+das Hafenbecken oder die Lagune um diese Vorstadt herum gegen Südwest, und
+hier ist der Boden sumpfigt, voll stehenden, stinkenden Wassers. Die Stadt
+hat gegenwärtig gegen 9000 Einwohner. Sie verdankt ihre Entstehung dem
+Schleichhandel, der sich hier einnistete, weil die im Jahr 1549 gegründete
+Stadt Burburata in der Nähe lag. Erst unter dem Regiment der Biscayer und
+der Compagnie von Guipuzcoa wurde Porto Cabello, das bis dahin ein Weiler
+gewesen, eine wohlbefestigte Stadt. Von Guayra, das nicht sowohl ein Hafen
+als eine schlechte offene Rhede ist, bringt man die Schiffe nach Porto
+Cabello, um sie ausbessern und kalfatern zu lassen.
+
+Der Hafen wird vorzugsweise durch die tief gelegenen Batterien auf der
+Landzunge Punta Brava und auf dem Riff vertheidigt, und diese Wahrheit
+wurde verkannt, als man auf den Bergen, welche die Vorstadt gegen Süd
+beherrschen, mit großen Kosten ein neues Fort, den Mirador (Belvedere) de
+Solano baute. Dieses Werk, eine Viertelstunde vom Hafen, liegt 400--500
+Fuß über dem Meer. Die Baukosten betrugen jährlich und viele Jahre lang
+20--30,000 Piaster. Der Generalcapitän von Caracas, Guevara Vasconzelos,
+war mit den besten spanischen Ingenieurs der Ansicht, der Mirador, auf dem
+zu meiner Zeit erst sechzehn Geschütze standen, sey für die Vertheidigung
+des Platzes nur von geringer Bedeutung, und ließ den Bau einstellen. Eine
+lange Erfahrung hat bewiesen, daß sehr hoch gelegene Batterien, wenn auch
+sehr schwere Stücke darin stehen, die Rhede lange nicht so wirksam
+bestreichen, als tief am Strand oder auf Dämmen halb im Wasser liegende
+Batterien mit Geschützen von geringerem Kaliber. Wir fanden den Platz
+Porto Cabello in einem keineswegs befriedigenden Vertheidigungszustand.
+Die Werke am Hafen und der Stadtwall mit etwa sechzig Geschützen erfordern
+eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann, und es waren nicht 600 da. Es war
+auch eine königliche Fregatte, die an der Einfahrt des Hafens vor Anker
+lag, bei Nacht von den Kanonierschaluppen eines englischen Kriegsschiffe
+angegriffen und weggenommen worden. Die Blokade begünstigte vielmehr den
+Schleichhandel, als daß sie ihn hinderte, und man sah deutlich, daß in
+Porto Cabello die Bevölkerung in der Zunahme, der Gewerbfleiß im
+Aufschwung begriffen waren. Am stärksten ist der gesetzwidrige Verkehr mit
+den Inseln Curacao und Jamaica. Man führt über 10,000 Maulthiere jährlich
+aus. Es ist nicht uninteressant, die Thiere einschiffen zu sehen. Man
+wirft sie mit der Schlinge nieder und zieht sie an Bord mittelst einer
+Vorrichtung gleich einem Krahn. Aus dem Schiffe stehen sie in zwei Reihen
+und können sich beim Schlingern und Stampfen kaum auf den Beinen halten.
+Um sie zu schrecken und fügsamer zu machen, wird fast fortwährend Tag und
+Nacht die Trommel gerührt. Man kann sich denken, wie sanft ein Passagier
+ruht, der den Muth hat, sich auf einer solchen mit Maulthieren beladenen
+Goelette nach Jamaica einzuschiffen.
+
+Wir verließen Porto Cabello am ersten Merz mit Sonnenaufgang. Mit
+Verwunderung sahen wir die Masse von Kähnen, welche Früchte zu Markt
+brachten. Es mahnte mich an einen schönen Morgen in Venedig. Vom Meere aus
+gesehen, liegt die Stadt im Ganzen freundlich und angenehm da. Dicht
+bewachsene Berge, über denen Gipfel aufsteigen, die man nach ihren
+Umrissen der Trappformation zuschreiben könnte, bilden den Hintergrund der
+Landschaft. In der Nähe der Küste ist alles nackt, weiß, stark beleuchtet,
+die Bergwand dagegen mit dicht belaubten Bäumen bedeckt, die ihre
+gewaltigen Schatten über braunes steinigtes Erdreich werfen. Vor der Stadt
+besahen wir die eben fertig gewordene Wasserleitung. Sie ist 5000 Varas
+lang und führt in einer Rinne das Wasser des Rio Estevan in die Stadt.
+Dieses Werk hat 30,000 Piaster gekostet, das Wasser springt aber auch in
+allen Straßen.
+
+Wir gingen von Porto Cabello in die Thäler von Aragua zurück und hielten
+wieder auf der Pflanzung Barbula an, über welche die neue Straße nach
+Valencia geführt wird. Wir hatten schon seit mehreren Wochen von einem
+Baume sprechen hören, dessen Saft eine nährende Milch ist. Man nennt ihn
+den *Kuhbaum* und man versicherte uns, die Neger auf dem Hofe trinken viel
+von dieser vegetabilischen Milch und halten sie für ein gesundes
+Nahrungsmittel. Da alle milchigten Pflanzensäfte scharf, bitter und mehr
+oder weniger giftig sind, so schien uns diese Behauptung sehr sonderbar;
+aber die Erfahrung lehrte uns während unseres Aufenthalts in Barbula, daß,
+was man uns von den Eigenschaften des _Palo de __ Vaca_ erzählt hatte,
+nicht übertrieben war. Der schöne Baum hat den Habitus des _Chrysophyllum
+cainito_ oder Sternapfelbaums; die länglichten, zugespitzten,
+lederartigen, abwechselnden Blätter haben unten vorspringende, parallele
+Seitenrippen und werden zehn Zoll lang. Die Blüthe bekamen wir nicht zu
+sehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthält eine, bisweilen zwei
+Nüsse. Macht man Einschnitte in den Stamm des Kuhbaums, so fließt sehr
+reichlich eine klebrigte, ziemlich dicke Milch aus, die durchaus nichts
+Scharfes hat und sehr angenehm wie Balsam riecht. Man reichte uns welche
+in den Früchten des Tutumo oder Flaschenbaums. Wir tranken Abends vor
+Schlafengehen und früh Morgens viel davon, ohne irgend eine nachtheilige
+Wirkung. Nur die Klebrigkeit macht diese Milch etwas unangenehm. Die Neger
+und die Freien, die auf den Pflanzungen arbeiten, tunken sie mit Mais- und
+Maniocbrod, *Arepa* und *Cassave*, aus. Der Verwalter des Hofs versicherte
+uns, die Neger legen in der Zeit, wo der Palo de Vaca ihnen am meisten
+Milch gibt, sichtbar zu. Bei freiem Zutritt der Luft zieht der Saft an der
+Oberfläche, vielleicht durch Absorption des Sauerstoffs der Luft, Häute
+einer stark animalisirten, gelblichen, faserigen, dem Käsestoff ähnlichen
+Substanz. Nimmt man diese Häute von der übrigen wässerigen Flüssigkeit ab,
+so zeigen sie sich elastisch wie Cautschuc, in der Folge aber faulen sie
+unter denselben Erscheinungen wie die Gallerte. Das Volk nennt den
+Klumpen, der sich an der Luft absetzt, *Käse*; der Klumpen wird nach fünf,
+sechs Tagen sauer, wie ich an den kleinen Stücken bemerkte, die ich nach
+Nueva Valencia mitgebracht. In einer verschlossenen Flasche setzte sich in
+der Milch etwas Gerinsel zu Boden, und sie wurde keineswegs übelriechend,
+sondern behielt ihren Balsamgeruch. Mit kaltem Wasser vermischt gerann der
+frische Saft nur sehr wenig, aber die klebrigten Häute setzten sich ab,
+sobald ich denselben mit Salpetersäure in Berührung brachte. Wir schickten
+Fourcroys in Paris zwei Flaschen dieser Milch. In der einen war sie im
+natürlichen Zustand, in der andern mit einer gewissen Menge kohlensauren
+Natrons versetzt. Der französische Consul auf der Insel St. Thomas
+übernahm die Beförderung.
+
+Dieser merkwürdige Baum scheint der Küstencordillere, besonders von
+Barbula bis zum See Maracaybo, eigenthümlich. Beim Dorf San Mateo und nach
+Bredemayer, dessen Reisen die schönen Gewächshäuser von Schönbrunn und
+Wien so sehr bereichert haben, im Thal von Caucagua, drei Meilen von
+Caracas, stehen auch einige Stämme. Dieser Naturforscher fand, wie wir,
+die vegetabilische Milch des _Palo de Vaca_ angenehm von Geschmack und von
+aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, der den
+nährenden Saft gibt, *Milchbaum, *_Arbol del leche_. Sie wollen an der
+Dicke und Farbe des Laubs die Bäume erkennen, die am meisten Saft geben,
+wie der Hirte nach äußern Merkmalen eine gute Milchkuh herausfindet. Kein
+Botaniker kannte bis jetzt dieses Gewächs, dessen Fructificationsorgane
+man sich leicht wird verschaffen können. Nach Kunth scheint der Baum zu
+der Familie der Sapoteen zu gehören. Erst lange nach meiner Rückkehr nach
+Europa fand ich in des Holländers Laet Beschreibung von Westindien eine
+Stelle, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. »In der Provinz
+Cumana,« sagt Laet, gibt es Bäume, deren Saft geronnener Milch gleicht und
+ein *gesundes Nahrungsmittel* abgibt.«
+
+Ich gestehe, von den vielen merkwürdigen Erscheinungen, die mir im Verlauf
+meiner Reise zu Gesicht gekommen, haben wenige auf meine Einbildungskraft
+einen stärkeren Eindruck gemacht als der Anblick des Kuhbaums. Alles was
+sich auf die Milch oder auf die Getreidearten bezieht, hat ein Interesse
+für uns, das sich nicht auf die physikalische Kenntniß der Gegenstände
+beschränkt, sondern einem andern Kreise von Vorstellungen und Empfindungen
+angehört. Wir vermögen uns kaum vorzustellen, wie das Menschengeschlecht
+bestehen könnte ohne mehligte Stoffe, ohne den nährenden Saft in der
+Mutterbrust, der auf den langen Schwächezustand des Kindes berechnet ist.
+Das Stärkmehl des Getreides, das bei so vielen alten und neueren Völkern
+ein Gegenstand religiöser Verehrung ist, kommt in den Samen und den
+Wurzeln der Gewächse vor; die nährende Milch dagegen erscheint uns als ein
+ausschließliches Produkt der thierischen Organisation. Diesen Eindruck
+erhalten wir von Kindheit auf, und daher denn auch das Erstaunen, womit
+wir den eben beschriebenen Baum betrachten. Was uns hier so gewaltig
+ergreift, sind nicht prachtvolle Wälderschatten, majestätisch
+dahinziehende Ströme, von ewigem Eis starrende Gebirge: ein paar Tropfen
+Pflanzensaft führen uns die ganze Macht und Fülle der Natur vor das innere
+Auge. An der kahlen Felswand wächst ein Baum mit trockenen, lederartigen
+Blättern; seine dicken holzigten Wurzeln dringen kaum in das Gestein.
+Mehrere Monate im Jahr netzt kein Regen sein Laub; die Zweige scheinen
+vertrocknet, abgestorben; bohrt man aber den Stamm an, so fließt eine
+süße, nahrhafte Milch heraus. Bei Sonnenaufgang strömt die vegetabilische
+Quelle am reichlichsten; dann kommen von allen Seiten die Schwarzen und
+die Eingeborenen mit großen Näpfen herbei und fangen die Milch auf, die
+sofort an der Oberfläche gelb und dick wird. Die einen trinken die Näpfe
+unter dem Baum selbst aus, andere bringen sie ihren Kindern. Es ist, als
+sähe man einen Hirten, der die Milch seiner Heerde unter die Seinigen
+vertheilt.
+
+Ich habe den Eindruck geschildert, den der Kuhbaum auf die
+Einbildungskraft des Reisenden macht, wenn er ihn zum erstenmale sieht.
+Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt, daß die physischen Eigenschaften
+der thierischen und der vegetabilischen Stoffe im engsten Zusammenhang
+stehen; aber sie benimmt dem Gegenstand, der uns in Erstaunen setzte, den
+Anstrich des Wunderbaren, sie entkleidet ihn wohl auch zum Theil seines
+Reizes. Nichts steht für sich allein da; chemische Grundstoffe, die, wie
+man glaubte, nur den Thieren zukommen, finden sich in den Gewächsen
+gleichfalls. Ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.
+
+Lange bevor die Chemie im Blüthenstaub, im Eiweiß der Blätter und im
+weißlichen Anflug unserer Pflaumen und Trauben kleine Wachstheilchen
+entdeckte, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindiu Kerzen aus der
+dicken Wachsschicht, welche den Stamm einer Palme überzieht [_Ceroxylon
+andicola_]. Vor wenigen Jahren wurde in Europa das _Caseum_, der
+Grundstoff des Käses, in der Mandelmilch entdeckt; aber seit Jahrhunderten
+gilt in den Gebirgen an der Küste von Venezuela die Milch eines Baumes und
+der Käse, der sich in dieser vegetabilischen Milch absondert, für ein
+gesundes Nahrungsmittel. Woher rührt dieser seltsame Gang in der
+Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie konnte das Volk in der einen Halbkugel
+auf etwas kommen, was in der andern dem Scharfblick der Scheidekünstler,
+die doch gewöhnt sind die Natur zu befragen und sie auf ihrem
+geheimnißvollen Gang zu belauschen, so lange entgangen ist? Daher, daß
+einige wenige Elemente und verschiedenartig zusammengesetzte Grundstoffe
+in mehreren Pflanzenfamilien vorkommen; daher, daß die Gattungen und Arten
+dieser natürlichen Familien nicht über die tropischen und die kalten und
+gemäßigten Himmelsstriche gleich vertheilt sind; daher, daß Völker, die
+fast ganz von Pflanzenstoffen leben, vom Bedürfniß getrieben, mehligte
+nährende Stoffe überall finden, wo sie nur die Natur im Pflanzensaft, in
+Rinden, Wurzeln oder Früchten niedergelegt hat. Das Stärkmehl, das sich am
+reinsten in den Getreidekörnern findet, ist in den Wurzeln der Arumarten,
+der _Tacca pinnatifida_ und der _Jatropha Manihot_ mit einem scharfen,
+zuweilen selbst giftigen Saft verbunden. Der amerikanische Wilde, wie der
+auf den Inseln der Südsee, hat das Satzmehl durch Auspressen und Trennen
+vom Safte *aussüßen* gelernt. In der Pflanzenmilch und den milchigten
+Emulsionen sind äußerst nahrhafte Stoffe, Eiweiß, Käsestoff und Zucker mit
+Cautschuc und ätzenden schädlichen Materien, wie Morphium und Blausäure,
+verbunden. Dergleichen Mischungen sind nicht nur nach den Familien,
+sondern sogar bei den Arten derselben Gattung verschieden. Bald ist es das
+Morphium oder der narkotische Grundstoff, was der Pflanzenmilch ihre
+vorwiegende Eigenschaft gibt, wie bei manchen Mohnarten, bald das
+Cautschuc, wie bei der _Hevea_ und _Castilloa_ bald Eiweiß und Käsestoff,
+wie beim Melonenbaum und Kuhbaum.
+
+Die milchigten Gewächse gehören vorzugsweise den drei Familien der
+Euphorbien, der Urticeen und der Apocyneen an, und da ein Blick auf die
+Vertheilung der Pflanzenbildungen über den Erdball zeigt, daß diese drei
+Familien(61) in den Niederungen der Tropenländer durch die zahlreichsten
+Arten vertreten sind, so müssen wir daraus schließen, daß eine sehr hohe
+Temperatur zur Bildung von Cautschuc, Eiweiß und Käsestoff beiträgt. Der
+Saft des Palo de Vaca ist ohne Zweifel das auffallendste Beispiel, daß
+nicht immer ein scharfer, schädlicher Stoff mit dem Eiweiß, dem Käsestoff
+und dem Cautschuc verbunden ist; indessen kannte man in den Gattungen
+Euphorbia und Asclepias, die sonst durch ihre ätzenden Eigenschaften
+bekannt sind, Arten, die einen milden, unschädlichen Saft haben. Hieher
+gehört der _Tubayba dulce_ der canarischen Inseln, von dem schon oben die
+Rede war [_Euphorbia balsamifera_], und _Asclepias lactifera_ auf Ceylan.
+Wie Burman erzählt, bedient man sich dort, in Ermanglung der Kuhmilch, der
+Milch der so letztgenannten Pflanze und kocht mit den Blättern derselben
+die Speisen, die man sonst mit thierischer Milch zubereitet. Es ist zu
+erwarten, daß ein Reisender, dem die gründlichsten Kenntnisse in der
+Chemie zu Gebot stehen, John Davy, bei seinem Aufenthalt auf Ceylan diesen
+Punkt ins Reine bringen wird; denn, wie Decandolle richtig bemerkt, es
+wäre möglich, daß die Eingeborenen nur den Saft der jungen Pflanze
+benützten, so lange der scharfe Stoff noch nicht entwickelt ist. Wirklich
+werden in manchen Ländern die jungen Sprossen der Apocyneen gegessen.
+
+Ich habe mit dieser Zusammenstellung den Versuch gemacht, die Milchsäfte
+der Gewächse und der milchigten Emulsionen, welche die Früchte der
+Mandelarten und der Palmen geben, unter einen allgemeineren Gesichtspunkt
+zu bringen. Es möge mir gestattet seyn, diesen Betrachtungen die
+Ergebnisse einiger Versuche anzureihen, die ich während meines Aufenthalts
+in den Thälern von Aragua mit dem Safte der _Carica Papaya_ angestellt,
+obgleich es mir fast ganz an Reagentien fehlte. Derselbe Saft ist seitdem
+von Vauquelin untersucht worden. Der berühmte Chemiker hat darin richtig
+das Eiweiß und den käseartigen Stoff erkannt; er vergleicht den Milchsaft
+mit reinem stark animalisirten Stoff, mit dem thierischen Blut; es stand
+ihm aber nur gegohrener Saft und ein übelriechendes Gerinsel zu Gebot, das
+sich auf der Ueberfahrt von Isle de France nach Havre gebildet hatte. Er
+spricht den Wunsch aus, ein Reisender möchte den Saft des Melonenbaums
+frisch, wie er aus dem Stengel oder der Frucht fließt, untersuchen können.
+
+Je jünger die Frucht des Melonenbaums ist, desto mehr Milch gibt sie; man
+findet sie bereits im kaum befruchteten Keim. Je reifer die Frucht wird,
+desto mehr nimmt die Milch ab und desto wässeriger wird sie; man findet
+dann weniger vom thierischen Stoff darin, der durch Säuren und durch
+Absorption des Sauerstoffs der Luft gerinnt. Da die ganze Frucht
+klebrig(62) ist, so könnte man annehmen, je mehr sie wachse, desto mehr
+lagere sich der gerinnbare Stoff in den Organen ab und bilde zum Theil das
+Mark oder die fleischigte Substanz. Tröpfelt man mit vier Theilen Wasser
+verdünnte Salpetersäure in die ausgepreßte Milch einer ganz jungen Frucht,
+so zeigt sich eine höchst merkwürdige Erscheinung. In der Mitte eines
+jeden Tropfens bildet sich ein gallertartiges, grau gestreiftes Häutchen.
+Diese Streifen sind nichts anderes als der Stoff, der wässeriger geworden,
+weil die Säure ihm den Eiweißstoff entzogen hat. Zu gleicher Zeit werden
+die Häutchen in der Mitte undurchsichtig und eigelb. Sie vergrößern sich,
+indem divergirende Fasern sich zu verlängern scheinen. Die Flüssigkeit
+sieht Anfangs aus wie ein Achat mit milchigten Wolken, und man meint
+organische Häute unter seinen Augen sich bilden zu sehen. Wenn sich das
+Gerinsel über die ganze Masse verbreitet, verschwinden die gelben Flecke
+wieder. Rührt man sie um, so wird sie krümelich, wie weicher Käse. Die
+gelbe Farbe erscheint wieder, wenn man ein paar Tropfen Salpetersäure
+zusetzt. Die Säure wirkt hier wie die Berührung des Sauerstoffs der Luft
+bei 27--35 Grad; denn das weiße Gerinsel wird in ein paar Minuten gelb,
+wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelb in
+Braun über, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff frei wird im Verhältniß,
+als der Wasserstoff, an den er gebunden war, verbrennt. Das durch die
+Säure gebildete Gerinsel wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den
+ich gleichfalls bemerkte, als ich Muskelfleisch und Pilze (Morcheln) mit
+Salpetersäure behandelte. Nach Hatchetts schönen Versuchen kann man
+annehmen, daß das Eiweiß zum Theil in Gallerte übergeht. Wirft man das
+frisch bereitete Gerinsel vom Melonenbaum in Wasser, so wird es weich,
+löst sich theilweise auf und färbt das Wasser gelblich. Alsbald schlägt
+sich eine zitternde Gallerte, ähnlich dem Stärkmehl, daraus nieder. Dieß
+ist besonders auffallend, wenn das Wasser, das man dazu nimmt, auf 40--60°
+erwärmt ist. Je mehr man Wasser zugießt, desto fester wird die Gallerte.
+Sie bleibt lange weiß und wird nur gelb, wenn man etwas Salpetersäure
+darauf tröpfelt. Nach dem Vorgang FOURCROYs und VAUQUELINs bei ihren
+Versuchen mit dem Saft der Hevea, setzte ich der Milch des Melonenbaums
+eine Auflösung von kohlensaurem Natron bei. Es bildet sich kein Klumpen,
+auch wenn man reines Wasser dem Gemisch von Milch und alkalischer
+Auflösung zugießt. Die Häute kommen erst zum Vorschein, wenn man durch
+Zusatz einer Säure das Alkali neutralisirt und die Säure im Ueberschuß
+ist. Ebenso sah ich das durch Salpetersäure, Citronensaft oder heißes
+Wasser gebildete Gerinsel verschwinden, wenn ich eine Lösung von
+kohlensaurem Natron zugoß. Der Saft wird wieder milchigt und flüssig, wie
+er ursprünglich war. Dieser Versuch gelingt aber nur mit frisch gebildetem
+Gerinsel.
+
+Vergleicht man die Milchsäfte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der
+Hevea, so zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den Säften,
+die viel Käsestoff enthalten, und denen, in welchen das Cautschuc
+vorherrscht. Alles weiße, frisch bereitete Cautschuc, sowie die
+wasserdichten Mäntel, die man im spanischen Amerika fabricirt und die aus
+einer Schicht des Milchsafts der Hevea zwischen zwei Leinwandstücken
+bestehen, haben einen thierischen, ekligen Geruch, der darauf hinzuweisen
+scheint, daß das Cautschuc beim Gerinnen den Käsestoff an sich reißt, der
+vielleicht nur ein modificirter Eiweißstoff ist.
+
+Die Frucht des Brodfruchtbaums ist so wenig Brod, als die Bananen vor
+ihrer Reise oder die stärkemehlreichen Wurzelknollen der _Dioscorea_, des
+_Convolvulus Batatas_ und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums dagegen
+enthält den Käsestoff gerade wie die Milch der Säugethiere. Aus
+allgemeinem Gesichtspunkte können wir mit Gay-Lussac das Cautschuc als den
+öligten Theil, als die Butter der vegetabilischen Milch betrachten. Die
+beiden Grundstoffe Eiweiß und Fett sind in den Organen der verschiedenen
+Thierarten und in den Pflanzen mit Milchsaft in verschiedenen
+Verhältnissen enthalten. Bei letzteren sind sie meist mit andern, beim
+Genuß schädlichen Stoffen verbunden, die sich aber vielleicht auf
+chemischem Wege trennen ließen. Eine Pflanzenmilch wird nahrhaft, wenn
+keine scharfen, narkotischen Stoffe mehr darin sind und statt des
+Cautschucs der Käsestoff darin überwiegt.
+
+Ist der Palo de Vaca für uns ein Bild der unermeßlichen Segensfülle der
+Natur im heißen Erdstrich, so mahnt er uns auch an die zahlreichen
+Quellen, aus denen unter diesem herrlichen Himmel die träge Sorglosigkeit
+des Menschen fließt. Mungo Park hat uns mit dem *Butterbaum* in Bambarra
+bekannt gemacht, der, wie Decandolle vermuthet, zu der Familie der
+Sapoteen gehört, wie unser Kuhbaum. Die Bananenbäume, die Sagobäume, die
+Mauritien am Orinoco sind *Brodbäume* so gut wie die Rima der Südsee. Die
+Früchte der Crescentia und Lecythis dienen zu Gefäßen; die Blumenscheiden
+mancher Palmen und Baumrinden geben Kopfbedeckungen und Kleider ohne Nath.
+Die Knoten oder vielmehr die innern Fächer im Stamm der Bambus geben
+Leitern und erleichtern auf tausenderlei Art den Bau einer Hütte, die
+Herstellung von Stühlen, Bettstellen und anderem Geräthe, das die
+werthvolle Habe des Wilden bildet. Bei einer üppigen Vegetation mit so
+unendlich mannigfaltigen Produkten bedarf es dringender Beweggründe, soll
+der Mensch sich der Arbeit ergeben, sich aus seinem Halbschlummer
+aufrütteln, seine Geistesfähigkeiten entwickeln.
+
+In Barbula baut man Cacao und Baumwolle. Wir fanden daselbst, eine
+Seltenheit in diesem Lande, zwei große Maschinen mit Cylindern zum Trennen
+der Baumwolle von den Samen; die eine wird von einem Wasserrad, die andere
+durch einen Göpel und durch Maulthiere getrieben. Der Verwalter des Hofes,
+der dieselben gebaut, war aus Merida. Er kannte den Weg von Nueva Valencia
+über Guanare und Misagual nach Barinas, und von dort durch die Schlucht
+Callejones zum Paramo der Mucuchies und den mit ewigem Schnee bedeckten
+Gebirgen von Merida. Seine Angaben, wie viel Zeit wir von Valencia über
+Barinas in die Sierra Nevada, und von da über den Hafen von Torunos und
+den Rio Santo Domingo nach San Fernando am Apure brauchen würden, wurden
+uns vom größten Nutzen. Man hat in Europa keinen Begriff davon, wie schwer
+es hält, genaue Erkundigung in einem Lande einzuziehen, wo der Verkehr so
+gering ist, und man die Entfernungen gerne zu gering angibt oder
+übertreibt, je nachdem man den Reisenden aufmuntern oder von seinem
+Vorhaben abbringen möchte. Bei der Abreise von Caracas hatte ich dem
+Intendanten der Provinz Gelder übergeben; die mir von den königlichen
+Schatzbeamten in Barinas ausbezahlt werden sollten. Ich hatte beschlossen,
+das westliche Ende der Cordilleren von Neu-Grenada, wo sie in die Paramos
+von Timotes und Niquitao auslaufen, zu besuchen. Ich hörte nun in Barbula,
+bei diesem Abstecher würden wir fünf und dreißig Tage später an den
+Orinoco gelangen. Diese Verzögerung erschien uns um so bedeutender, da man
+vermuthete, die Regenzeit werde früher als gewöhnlich eintreten. Wir
+durften hoffen, in der Folge sehr viele mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge
+in Quito, Peru und Mexico besuchen zu können, und es schien mir desto
+gerathener, den Ausflug in die Gebirge von Merida aufzugeben, da wir
+besorgen mußten, dabei unsern eigentlichen Reisezweck zu verfehlen, der
+darin bestand, den Punkt, wo sich der Orinoco mit dem Rio Negro und dem
+Amazonenstrom verbindet, durch astronomische Beobachtungen festzustellen.
+Wir gingen daher von Barbula nach Guacara zurück, um uns von der
+achtungswürdigen Familie des Marques del Toro zu verabschieden und noch
+drei Tage am Ufer des Sees zu verweilen.
+
+Es war Fastnacht und der Jubel allgemein. Die Lustbarkeiten, _de carnes
+tollendas_ genannt, arteten zuweilen ein wenig ins Rohe aus. Die einen
+führen einen mit Wasser beladenen Esel herum, und wo ein Fenster offen
+ist, begießen sie das Zimmer mit einer Spritze; andere haben Düten voll
+Haare der Picapica oder _Dolichos pruriens_ in der Hand und blasen das
+Haar, das auf der Haut ein heftiges Jucken verursacht, den Vorübergehenden
+ins Gesicht.
+
+Von Guacara gingen wir nach Nueva Valencia zurück. Wir trafen da einige
+französische Ausgewanderte, die einzigen, die wir in fünf Jahren in den
+spanischen Colonien gesehen. Trotz der Blutsverwandtschaft zwischen den
+königlichen Familien von Frankreich und Spanien durften sich nicht einmal
+die französischen Priester in diesen Theil der neuen Welt flüchten, wo der
+Mensch so leicht Unterhalt und Obdach findet. Jenseits des Oceans boten
+allein die Vereinigten Staaten dem Unglück eine Zufluchtsstätte. Eine
+Regierung, die stark, weil frei, und vertrauensvoll, weil gerecht ist,
+brauchte sich nicht zu scheuen die Verbannten aufzunehmen.
+
+Wir haben früher versucht über den Zustand des Indigo-, des Baumwollen-
+und Zuckerbaus in der Provinz Caracas einige bestimmte Angaben zu machen.
+Ehe wir die Thäler von Aragua und die benachbarten Küsten verlassen, haben
+wir uns nur noch mit den Cacaopflanzungen zu beschäftigen, die von jeher
+für die Hauptquelle des Wohlstandes dieser Gegenden galten. Die Provinz
+Caracas (nicht die _Capitania general_, also mit Ausschluß der Pflanzungen
+in Cumana, in der Provinz Barcelona, in Maracaybo, in Barinas und im
+spanischen Guyana) erzeugte am Schluß des achtzehnten Jahrhunderts
+jährlich 150,000 Fanegas, von denen 30,000 in der Provinz und 100,000 in
+Spanien verzehrt wurden. Nimmt man die Fanega, nach dem Marktpreis zu
+Cadix, nur zu 25 Piastern an, so beträgt der Gesammtwerth der Cacaoausfuhr
+aus den sechs Häfen der _Capitania general_ von Caracas 4,800,000 Piaster.
+
+Der Cacaobaum wächst gegenwärtig in den Wäldern von Terra Firma nördlich
+vom Orinoco nirgends wild; erst jenseits der Fälle von Atures und Maypures
+trafen wir ihn nach und nach an. Besonders häufig wächst er an den Ufern
+des Ventuari und am obern Orinoco zwischen dem Padamo und dem Gehette. Daß
+der Cacaobaum in Südamerika nordwärts vom sechsten Breitegrad so selten
+wild vorkommt, ist für die Pflanzengeographie sehr interessant und war
+bisher wenig bekannt. Die Erscheinung ist um so auffallender, da man nach
+dem jährlichen Ertrag der Ernten auf den Cacaopflanzungen in Cumana, Nueva
+Barcelona, Venezuela, Barinas und Maracaybo über 16 Millionen Bäume in
+vollem Ertrag rechnet. Der wilde Cacaobaum hat sehr viele Aeste und sein
+Laub ist dicht und dunkel. Er trägt eine sehr kleine Frucht, ähnlich der
+Spielart, welche die alten Mexicaner *Tlalcacahuatl* nannten. In die
+Conucos der Indianer am Cassiquiare und Rio Negro versetzt, behält der
+wilde Baum mehrere Generationen die Kraft des vegetativen Lebens, die ihn
+vom vierten Jahr an tragbar macht, während in der Provinz Caracas die
+Ernten erst mit dem sechsten, siebenten oder achten Jahr beginnen. Sie
+treten im Binnenlande später ein als an den Küsten: und im Thal von Guapo.
+Wir fanden am Orinoco keinen Volksstamm, der aus der Bohne des Cacaobaums
+ein Getränk bereitete. Die Wilden saugen das Mark der Hülse aus und werfen
+die Samen weg, daher man dieselben oft in Menge auf ihren Lagerplätzen
+findet. Wenn auch an der Küste der *Chorote*, ein ganz schwacher
+Cacaoaufguß, für ein uraltes Getränke gilt, so gibt es doch keinen
+geschichtlichen Beweis dafür, daß die Eingeborenen von Venezuela vor der
+Ankunft der Spanier den Chocolat oder irgend eine Zubereitung des Cacao
+gekannt haben. Wahrscheinlicher scheint mir, daß man in Caracas den
+Cacaobaum nach dem Vorbild von Mexico und Guatimala angebaut hat, und daß
+die in Terra Firma angesiedelten Spanier die Behandlung des Baums, der
+jung im Schatten der Erythrina und des Bananenbaums aufwächst, die
+Bereitung der *Chocolate*-tafeln und den Gebrauch des Getränks dieses
+Namens durch den Verkehr mit Mexico, Guatimala und Nicaragua gelernt
+haben, drei Länder, deren Einwohner von toltekischem und aztekischem
+Stamme sind.
+
+Bis zum sechzehnten Jahrhundert weichen die Reisenden in ihren Urtheilen
+über den Chocolat sehr von einander ab. BENZONI sagt in seiner derben
+Sprache, es sey ein Getränk vielmehr »da porci, che da huomini.« Der
+Jesuit ACOSTA versichert, die Spanier in Amerika lieben den Chocolat mit
+närrischer Leidenschaft, man müsse aber an »das schwarze Gebräue« gewöhnt
+seyn, wenn einem nicht schon beim Anblick des Schaums, der wie die Hefe
+über einer gährenden Flüssigkeit stehe, übel werden solle. Er bemerkt
+weiter: »Der Cacao ist ein Aberglauben der Mexicaner, wie der Coca ein
+Aberglauben der Peruaner.« Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung der
+Frau von SEVIGNE hinsichtlich des Gebrauchs des Kaffees. HERNAN CORTEZ und
+sein Page, der _gentilhombre del gran Conquistador_, dessen
+Denkwürdigkeiten RAMUSIO bekannt gemacht hat, rühmen dagegen den Chocolat
+nicht nur als ein angenehmes Getränk, selbst wenn er kalt bereitet
+wird,(63) sondern besonders als nahrhaft. »Wer eine Tasse davon getrunken
+hat,« sagt der Page des Hernan Cortez, »kann ohne weitere Nahrung eine
+ganze Tagereise machen, besonders in sehr heißen Ländern; denn der
+Chocolat ist seinem Wesen nach *kalt* und *erfrischend*.« Letztere
+Behauptung möchten wir nicht unterschreiben; wir werden aber bei unserer
+Fahrt auf dem Orinoco und bei unsern Reisen hoch an den Cordilleren hinauf
+bald Gelegenheit finden, die vortrefflichen Eigenschaften des Chocolats zu
+rühmen. Er ist gleich leicht mit sich zu führen und als Nahrungsmittel zu
+verwenden und enthält in kleinem Raum viel nährenden und reizenden Stoff.
+Man sagt mit Recht, in Afrika helfen Reis, Gummi und Sheabutter dem
+Menschen durch die Wüsten. In der neuen Welt haben Chocolat und Maismehl
+ihm die Hochebenen der Anden und ungeheure unbewohnte Wälder zugänglich
+gemacht.
+
+Die Cacaoernte ist ungemein veränderlich. Der Baum treibt mit solcher
+Kraft, daß sogar aus den holzigten Wurzeln, wo die Erde sie nicht bedeckt,
+Blüthen sprießen. Er leidet von den Nordostwinden, wenn sie auch die
+Temperatur nur um wenige Grade herabdrücken. Auch die Regen, welche nach
+der Regenzeit in den Wintermonaten vom December bis März unregelmäßig
+eintreten, schaden dem Cacaobaum bedeutend. Es kommt nicht selten vor, daß
+der Eigenthümer einer Pflanzung von 50,000 Stämmen in einer Stunde für
+vier bis fünftausend Piaster Cacao einbüßt. Große Feuchtigkeit ist dem
+Baum nur förderlich, wenn sie allmählig zunimmt und lange ohne
+Unterbrechung anhält. Wenn in der trockenen Jahreszeit die Blätter und die
+unreife Frucht in einen starken Regenguß kommen, so löst sich die Frucht
+vom Stiel. Die Gefäße, welche das Wasser einsaugen, scheinen durch
+Ueberschwellung zu bersten. Ist nun die Cacaoernte äußerst unsicher, weil
+der Baum gegen schlimme Witterung so empfindlich ist und so viele Würmer,
+Insekten, Vögel, Säugethiere [Papageien, Affen, Agoutis, Eichhörner,
+Hirsche.] die Schote fressen, hat dieser Culturzweig den Nachtheil, daß
+dabei der neue Pflanzer der Früchte seiner Arbeit erst nach acht bis zehn
+Jahren genießt und daß das Produkt schwer aufzubewahren ist, so ist
+dagegen nicht zu übersehen, daß die Cacaopflanzungen weniger Sklaven
+erfordern als die meisten andern Culturen. Dieser Umstand ist von großer
+Bedeutung in einem Zeitpunkt, wo sämmtliche Völker Europas den
+großherzigen Entschluß gefaßt haben, dem Negerhandel ein Ende zu machen.
+Ein Sklave versieht tausend Stämme, die im jährlichen Durchschnitt 12
+Fanegas Cacao tragen können. Auf Cuba gibt allerdings eine *große*
+Zuckerpflanzung mit 300 Schwarzen im Jahr durchschnittlich 40,000 Arrobas
+Zucker, welche, die Kiste(64) zu 40 Piastern, 100,000 Piaster werth sind,
+und in den Provinzen von Venezuela producirt man für 100,000 Piaster oder
+4000 Fanegas Cacao, die Fanega zu 25 Piastern, auch nur mit 300--350
+Sklaven. Die 200,000 Kisten Zucker mit 3,200,000 Arrobas, welche Cuba von
+1812--1814 jährlich ausgeführt hat, haben einen Werth von 8 Millionen
+Piastern und könnten mit 24,000 Sklaven hergestellt werden, *wenn die
+Insel lauter große Pflanzungen hätte*; aber dieser Annahme widerspricht
+der Zustand der Colonie und die Natur der Dinge. Die Insel Cuba verwendete
+im Jahr 1811 nur zur Feldarbeit 143,000 Sklaven, während die _Capitania
+general_ von Caracas, die jährlich 200,000 Fanegas Cacao oder für 5
+Millionen Piaster producirt, wenn auch nicht ausführt, in Stadt und Land
+nicht mehr als 60,000 Sklaven hat. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß
+diese Verhältnisse sich mit den Zucker- und Cacaopreisen ändern.
+
+Die schönsten Cacaopflanzungen in der Provinz Caracas sind an der Küste
+zwischen Caravalleda und der Mündung des Rio Tocuyo, in den Thälern von
+Caucagua, Capaya, Curiepe und Guapo; ferner in den Thälern von Cupira,
+zwischen Cap Codera und Cap Unare, bei Aroa, Barquesimeto, Guigue und
+Uritucu. Der Cacao, der an den Ufern des Urituru am Rande der Llanos, im
+Gerichtsbezirk San Sebastiano de los Reyos wächst, gilt für den besten;
+dann kommen die von Guigue, Caucagua, Capaya und Cupira. Auf dem
+Handelsplatz Cadix hat der Cacao von Caracas den ersten Rang gleich nach
+dem von Socomusco. Er steht meist um 30--40 Procent höher im Preis als der
+Cacao von Guayaquil.
+
+Erst seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts munterten die Holländer,
+im ruhigen Besitz der Insel Curaçao, durch den Schleichhandel den Landbau
+an den benachbarten Küsten auf, und erst seitdem wurde der Cacao für die
+Provinz Caracas ein Ausfuhrartikel. Was in dieser Gegend vorging, ehe im
+Jahr 1728 die Gesellschaft der Biscayer aus Guipuzcoa sich daselbst
+niederließ, wissen wir nicht. Wir besitzen lediglich keine genauen
+statistischen Angaben und wissen nur, daß zu Anfang des achtzehnten
+Jahrhunderts aus Caracas kaum 30,000 Fanegas jährlich ausgeführt wurden.
+Im Jahr 1797 war die Ausfuhr, nach den Zollregistern von Guayra, den
+Schleichhandel nicht gerechnet, 70,832 Fanegas. Wegen des Schmuggels nach
+Trinidad und den andern Antillen darf man kecklich ein Viertheil oder
+Fünftheil weiter rechnen. Ich glaube annehmen zu können, daß von
+1800--1806, also im letzten Zeitpunkt, wo in den spanischen Colonien noch
+innere Ruhe herrschte, der jährliche Ertrag der Cacaopflanzungen in der
+ganzen _Capitania general_ von Caracas sich wenigstens auf 193,000 Fanegas
+belief.
+
+Die Ernten, deren jährlich zwei stattfinden, im Juni und im December,
+fallen sehr verschieden aus, doch nicht in dem Maaße wie die Oliven- und
+Weinernten in Europa. Von jenen 193,000 Fanegas fließen 145,000 theils
+über die Häfen der Halbinsel, theils durch den Schleichhandel nach Europa
+ab. Ich glaube beweisen zu können (und diese Schätzungen beruhen auf
+zahlreichen einzelnen Angaben), daß Europa beim gegenwärtigen Stande
+seiner Civilisation verzehrt:
+
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| 23 Mill. Pfd. | Cacao zu 120 Fr. den Ctr. | 27,600,000 | Frs. |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| 32 Mill. Pfd. | Thee zu 4 Fr. das Pfund | 128,000,000 | " |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+|140 Mill. Pfd. | Kaffee zu 114 Fr. den Ctr. | 159,600,000 | " |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+|450 Mill. Pfd. | Zucker zu 54 Fr. den Ctr. | 243,000,000 | " |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| | | ------------ | |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+| | | 558,200,000 | Frs. |
++---------------+-----------------------------+--------------+-------+
+
+Von diesen vier Erzeugnissen, die seit zwei bis drei Jahrhunderten die
+vornehmsten Artikel im Handel und der Produktion der Colonien geworden
+sind, gehört der erste ausschließlich Amerika, der zweite ausschließlich
+Asien an. Ich sage ausschließlich, denn die Cacaoausfuhr der Philippinen
+ist bis jetzt so unbedeutend, wie die Versuche, die man in Brasilien, auf
+Trinidad und Jamaica mit dem Theebau gemacht hat. Die vereinigten
+Provinzen von Caracas liefern zwei Drittheile des Cacaos, der im
+westlichen und südlichen Europa verzehrt wird. Dieß ist um so
+bemerkenswerther, als es der gemeinen Annahme widerspricht; aber die
+Cacaosorten von Caracas, Maracaybo und Cumana sind nicht alle von
+derselben Qualität. Der Graf CASA-VALENCIA schätzt den Verbrauch Spaniens
+nur auf 6--7 Millionen Pfund, der ABBÉ HERVAS auf 9 Millionen. Wer lange
+in Spanien, Italien und Frankreich gelebt hat, muß die Bemerkung gemacht
+haben, daß nur im ersteren Lande Chocolat auch von den untersten
+Volksklassen stark getrunken wird, und wird es schwerlich glaublich
+finden, daß Spanien nur ein Drittheil des in Europa eingeführten Cacao
+verzehren soll.
+
+Die letzten Kriege haben für den Cacaohandel in Caracas weit
+verderblichere Folgen gehabt als in Guayaquil. Wegen des Preisaufschlags
+ist in Europa weniger Cacao von der theuersten Sorte verzehrt worden.
+Früher machte man in Spanien die gewöhnliche Chocolate aus einem Viertheil
+Cacao von Caracas und drei Viertheilen Cacao von Guayaquil; jetzt nahm man
+letzteren allein. Dabei ist zu bemerken, daß viel geringer Cacao, wie der
+vom Marañon, vom Rio Negro, von Honduras und von der Insel Santa Lucia, im
+Handel Cacao von Guayaquil heißt. Aus letzterem Hafen werden nicht über
+60,000 Fanegas ausgeführt, zwei Drittheile weniger als aus den Häfen der
+_Capitania general_ von Caracas.
+
+Wenn auch die Cacaopflanzungen in den Provinzen Cumana, Barcelona und
+Maracaybo sich in dem Maaße vermehrt haben, in dem sie in der Provinz
+Caracas eingegangen sind, so glaubt man doch, daß dieser alte Culturzweig
+im Ganzen allmählig abnimmt. In vielen Gegenden verdrängen der Kaffeebaum
+und die Baumwollenstaude den Cacaobaum, der für die Ungeduld des
+Landbauers viel zu spät trägt. Man behauptet auch, die neuen Pflanzungen
+geben weniger Ertrag als die alten. Die Bäume werden nicht mehr so kräftig
+und tragen später und nicht so reichlich Früchte. Auch soll der Boden
+erschöpft seyn; aber nach unserer Ansicht ist vielmehr durch die
+Entwicklung des Landbaus und das Urbarmachen des Landes die
+Luftbeschaffenheit eine andere geworden. Ueber einem unberührten, mit Wald
+bewachsenen Boden schwängert sich die Luft mit Feuchtigkeit und den
+Gasgemengen, die den Pflanzenwuchs befördern und sich bei der Zersetzung
+organischer Stoffe bilden. Ist ein Land lange Zeit angebaut gewesen, so
+wird das Verhältniß zwischen Sauerstoff und Stickstoff durchaus keins
+anderes; die Grundbestandtheile der Luft bleiben dieselben; aber jene
+binären und tertiären Verbindungen von Kohlenstoff, Stickstoff und
+Wasserstoff, die sich aus einem unberührten Boden entwickeln und für eine
+Hauptquelle der Fruchtbarkeit gelten, sind ihr nicht mehr beigemischt. Die
+reinere, weniger mit Miasmen und fremdartigen Effluvien beladene Luft wird
+zugleich trockener und die Spannung des Wasserdampfs nimmt merkbar ab. Auf
+längst urbar gemachtem und somit zum Cacaobau wenig geeignetem Boden,
+z. B. auf den Antillen, ist die Frucht beinahe so klein wie beim wilden
+Cacaobaum. An den Ufern des obern Orinoco, wenn man über die Llanos
+hinüber ist, betritt man, wie schon bemerkt, die wahre Heimath des
+Cacaobaums, und hier findet man dichte Wälder, wo auf unberührtem Boden,
+in beständig feuchter Luft die Stämme mit dem vierten Jahr reiche Ernten
+geben. Auf nicht erschöpftem Boden ist die Frucht durch die Cultur überall
+größer und weniger bitter geworden, sie reift aber auch später.
+
+Sieht man nun den Ertrag an Cacao in Terra Firma allmählig abnehmen, so
+fragt man sich, ob in Spanien, in Italien und im übrigen Europa auch der
+Verbrauch im selben Verhältniß abnehmen, oder ob nicht vielmehr in Folge
+des Eingehens der Cacaopflanzungen die Preise so hoch steigen werden, daß
+der Landbauer zu neuen Anstrengungen aufgemuntert wird? Letzteres ist die
+herrschende Ansicht bei allen, die in Caracas die Abnahme eines so alten
+und so einträglichen Handelszweiges bedauern. Wenn einmal die Cultur
+weiter gegen die feuchten Wälder im Binnenlande vorrückt, an die Ufer des
+Orinoco und des Amazonenstromes, oder in die Thäler am Ostabhang der
+Anden, so finden die neuen Ansiedler einen Boden und eine Luft, wie sie
+beide dem Cacaobau angemessen sind.
+
+Bekanntlich scheuen die Spanier im Allgemeinen den Zusatz von Vanille zum
+Cacao, weil dieselbe die Nerven reize. Daher wird auch die Frucht dieser
+schönen Orchisart in der Provinz Caracas fast gar nicht beachtet. Man
+könnte sie auf der feuchten, fieberreichen Küste zwischen Porto Cabello
+und Ocumare in Menge sammeln, besonders aber in Turiamo, wo die Früchte
+des _Epidendrum Vanilla_ elf bis zwölf Zoll lang werden. Die Engländer und
+Angloamerikaner suchen häufig im Hafen von Guayra Vanille zu kaufen, und
+die Handelsleute können sie nur mit Mühe in kleinen Quantitäten
+auftreiben. In den Thälern, die sich von der Küstenbergkette zum Meer der
+Antillen herabziehen, in der Provinz Truxillo, wie in den Missionen in
+Guyana bei den Fällen des Orinoco könnte man sehr viel Vanille sammeln,
+und der Ertrag wäre noch reichlicher, wenn man, wie die Mexicaner thun,
+die Pflanze von Zeit zu Zeit von den Lianen säuberte, die sie umschlingen
+und ersticken.
+
+Bei der Schilderung des gegenwärtigen Zustandes der Cacaopflanzungen in
+den Provinzen von Venezuela, bei den Bemerkungen über den Zusammenhang
+zwischen dem Ertrag der Pflanzungen und der Feuchtigkeit und Gesundheit
+der Luft, haben wir der warmen, fruchtbaren Thäler der Küstencordillere
+erwähnt. In seiner westlichen Erstreckung, dem See Maracaybo zu, zeigt
+dieser Landstrich eine sehr interessante mannigfaltige Terrainbildung. Ich
+stelle am Ende dieses Kapitels zusammen, was ich über die Beschaffenheit
+des Bodens und den Metallreichthum in den Bezirken Aroas, Barquesimeto und
+Carora habe in Erfahrung bringen können.
+
+Von der Sierra Nevada von Merida und den *Paramos* von Niquitao, Bocono
+und las Rosas an,(65) wo der kostbare Chinabaum wächst, senkt sich die
+östliche Cordillere von Neu-Grenada so rasch, daß sie zwischen dem 9. und
+10. Breitegrad nur noch eine Kette kleiner Berge bildet, an die sich im
+Nordost der Altar und der Torito anschließen und die die Nebenflüsse des
+Rio Apure und des Orinoco von den zahlreichen Gewässern scheiden, die
+entweder in das Meer der Antillen oder in den See Maracaybo fallen. Auf
+dieser Wasserscheide stehen die Städte Nirgua, San Felipe el Fuerte,
+Barquesimeto und Tocuyo. In den drei ersteren ist es sehr heiß, in Tocuyo
+dagegen bedeutend kühl, und man hört mit Ueberraschung, daß unter einem so
+herrlichen Himmel die Menschen große Neigung zum Selbstmord haben. Gegen
+Süden erhebt sich der Boden, denn Truxillo, der See Urao, aus dem man
+kohlensaures Natron gewinnt, und la Grita, ostwärts von der Cordillere,
+liegen schon in 400--500 Toisen Höhe.
+
+Beobachtet man, in welchem constanten Verhältnisse die Urgebirgsschichten
+der Küstencordillere fallen, so sieht man sich auf eine der Ursachen
+hingewiesen, welche den Landstrich zwischen der Cordillere und dem Meer so
+ungemein feucht machen. Die Schichten fallen meist nach Nordwest, so daß
+die Gewässer nach dieser Richtung über die Gesteinsbänke laufen und, wie
+schon oben bemerkt, die Menge Bäche und Flüsse bilden, deren
+Ueberschwemmungen vom Cap Codera bis zum See Maracaybo das Land so
+ungesund machen.
+
+Neben den Gewässern, die in der Richtung nach Nordost an die Küste von
+Porto Cabello und zur Punta de Hicacos herabkommen, sind die bedeutendsten
+der Tocuyo, der Aroa und der Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche die Luft
+verpesten, waren die Thäler des Aroa und des Yaracuy vielleicht stärker
+bevölkert als die Thäler von Aragua. Durch die schiffbaren Flüsse hatten
+jene sogar den Vortheil, daß sie ihre eigenen Zucker- und Cacaoernten, wie
+die Produkte der benachbarten Bezirke, den Weizen von Quibor, das Vieh von
+Monai und das Kupfer von Aroa, leichter ausführen könnten. Die Gruben, wo
+man dieses Kupfer gewinnt, liegen in einem Seitenthal, das in das Aroathal
+mündet und nicht so heiß und ungesund ist als die Thalschluchten naher am
+Meer. In diesen letzteren haben die Indianer Goldwäschereien, und im
+Gebirge kommen dort reiche Kupfererze vor, die man noch nicht auszubeuten
+versucht hat. Die alten, längst in Abgang gekommenen Gruben von Aroa
+wurden auf den Betrieb Don Antonios Henriquez, den wir in San Fernando am
+Apure trafen, wieder aufgenommen. Nach den Notizen, die er mir gegeben,
+scheint die Lagerstätte des Erzes eine Art Stockwerk zu seyn, das aus
+mehreren kleinen Gängen besteht, die sich nach allen Richtungen kreuzen.
+Das Stockwerk ist stellenweise zwei bis drei Toisen dick. Der Gruben sind
+drei, und in allen wird von Sklaven gearbeitet. Die größte, die Biscayna,
+hat nur dreißig Bergleute, und die Gesammtzahl der mit der Förderung und
+dem Schmelzen des Erzes beschäftigten Sklaven beträgt nur 60--70. Da der
+Schacht nur dreißig Toisen tief ist, so können, der Wasser wegen, die
+reichsten Strecken des Stockwerks, die darunter liegen, nicht abgebaut
+werden. Man hat bis jetzt nicht daran gedacht, Schöpfräder aufzustellen.
+Die Gesammtausbeute an gediegenem Kupfer beträgt jährlich 1200--1500
+Centner. Das Kupfer, in Cadix als Caracaskupfer bekannt, ist ausgezeichnet
+gut; man zieht es sogar dem schwedischen und dem Kupfer von Coquimbo in
+Chili vor. Das Kupfer von Aroa wird zum Theil an Ort und Stelle zum
+Glockenguß verwendet. In neuester Zeit ist zwischen Aroa und Nirgua bei
+Guanita im Berge San Pablo einiges Silbererz entdeckt worden. Goldkörner
+kommen überall im Gebirgslande zwischen dem Rio Yaracuy, der Stadt San
+Felipe, Nirgua und Barquesimeto vor, besonders aber im Flusse Santa Cruz,
+in dem die indianischen Goldwäscher zuweilen Geschiebe von vier bis fünf
+Piastern Werth finden. Kommen im anstehenden Glimmerschiefer- und
+Gneißgestein wirkliche Gänge vor, oder ist das Gold auch hier, wie im
+Granit von Guadarama in Spanien und im Fichtelgebirg in Franken, durch die
+ganze Gebirgsart zerstreut? Das durchsickernde Wasser mag die zerstreuten
+Goldblättchen zusammenschwemmen, und in diesem Fall wären alle
+Bergbauversuche fruchtlos. In der _Savana de la Miel_ bei der Stadt
+Barquesimeto hat man im schwarzen, glänzenden, dem Bergpech (_Ampélite_)
+ähnlichen Schiefer einen Schacht niedergetrieben. Die Mineralien, die man
+daraus zu Tage gefördert, und die man mir nach Caracas geschickt, waren
+Quarz, *nicht goldhaltige* Schwefelkiese und in Nadeln mit Seidenglanz
+crystallisirtes kohlensaures Blei.
+
+In der ersten Zeit nach der Eroberung begann man trotz der Einfälle des
+kriegerischen Stammes der Giraharas die Gruben von Nirgua und Buria
+auszubeuten. Im selben Bezirk veranlaßte im Jahr 1553 die Menge der
+Negersklaven einen Vorfall, der, so wenig er an sich zu bedeuten hatte,
+dadurch interessant wird, daß er mit den Ereignissen, die sich unter
+unsern Augen auf St. Domingo begeben haben, Aehnlichkeit hat. Ein
+Negersklave stiftete unter den Grubenarbeitern von San Felipe de Buria
+einen Aufstand an, zog sich in die Wälder und gründete mit zweihundert
+Genossen einen Flecken, in dem er zum König ausgerufen wurde. Miguel, der
+neue König, liebte Prunk und Feierlichkeit; sein Weib *Guiomar* ließ er
+Königin nennen; er ernannte, wie OVIEDO erzählt, Minister, Staatsräthe,
+Beamte der _Casa real_, sogar einen schwarzen Bischof. Nicht lange, so war
+er keck genug, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Barquesimeto
+anzugreifen; er wurde aber von Diego de Losada zurückgeschlagen und kam im
+Handgemenge um. Diesem afrikanischen Königreich folgte in Nirgua ein
+Freistaat der *Zambos*, das heißt der Abkömmlinge von Negern und
+Indianern. Der ganze Gemeinderath, der *Cabildo*, besteht aus Farbigen,
+die der KÖNIG VON SPANIEN als seine »lieben und getreuen Unterthanen, die
+Zambos von Nirgua,« anredete. Nur wenige weiße Familien mögen in einem
+Lande leben, wo ein mit ihren Ansprüchen so wenig verträgliches Regiment
+herrscht, und die kleine Stadt heißt spottweise _la republica de Zambos y
+Mulatos_. Es ist eben so unklug, die Regierung einer einzelnen Kaste zu
+überlassen, als sie ihrer natürlichen Rechte zu berauben und ihr dadurch
+eine Einzelnstellung zu geben.
+
+Wenn in den wegen ihres vortrefflichen Bauholzes berühmten Thälern des
+Aroa, Yaracuy und Tocuyo der üppige Pflanzenwuchs und die große
+Feuchtigkeit der Luft so viele Fieber erzeugen, so verhält es sich mit den
+Savanen oder Llanos von Monaï und Caroro ganz anders. Diese Llanos sind
+durch das Gebirgsland von Tocuyo und Nirgua von den großen *Ebenen an der
+Portugueza und bei Calabozo* getrennt. Dürre Savanen, auf denen Miasmen
+herrschen, sind eine sehr auffallende Erscheinung. Sumpfboden kommt
+daselbst keiner vor, wohl aber mehrere Erscheinungen, die auf die
+Entbindung von Wasserstoffgas hindeuten.(66) Wenn man Reisende, welche mit
+den brennbaren Schwaden unbekannt sind, in die Höhle _del Serrito de
+Monaï_ führt, so erschreckt man sie durch Anzünden des Gasgemenges, das
+sich im obern Theil der Höhle fortwährend ansammelt. Soll man annehmen,
+daß die ungesunde Luft hier dieselbe Quelle hat, wie auf der Ebene
+zwischen Tivoli und Rom, Entwicklung von Schwefelwasserstoff?(67)
+Vielleicht äußert auch das Gebirgsland neben den Llanos von Monaï einen
+ungünstigen Einfluß auf die anstoßenden Ebenen. Südostwinde mögen die
+faulen Effluvien herführen, die sich aus der Schlucht Villegas und Sienega
+de Cabra zwischen Carora und Carache entwickeln. Ich stelle absichtlich
+Alles zusammen, was auf die Ungesundheit der Luft Bezug haben mag; denn
+auf einem so dunkeln Gebiete kann man nur durch Vergleichung zahlreicher
+Beobachtungen hoffen das wahre Sachverhältniß zu ermitteln.
+
+Die dürren und doch so fieberreichen Savanen zwischen Barquesimeto und dem
+östlichen Ufer des Sees Maracaybo sind zum Theil mit Fackeldisteln
+bewachsen; aber die gute Bergcochenille, die unter dem unbestimmten Namen
+_Grana de Carora_ bekannt ist, kommt aus einem gemäßigteren Landstrich
+zwischen Carora und Truxillo, besonders aber aus dem Thal des Rio Mucuju,
+östlich von Merida. Die Einwohner geben sich mit diesem im Handel so stark
+gesuchten Produkt gar nicht ab.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+_ 51 Carnes tollendas;_ _Bombax hibiscifolius_
+
+ 52 Da einigermaßen richtige Begriffe über die astronomische Lage und
+ die Entfernungen der Orte in den spanischen Colonien zuerst und
+ lange Zeit allein durch Seeleute sich verbreiteten, so wurde in
+ Mexico und in Südamerika ursprünglich die _legua nautica_ von 6650
+ Varas oder 2854 Toisen (20 Meilen auf den Grad) eingeführt; aber
+ diese »Seemeile« wurde allmälig um die Hälfte oder um ein Drittheil
+ verkürzt, weil man in den Hochgebirgen, wie auf den dürren, heißen
+ Ebenen sehr langsam reist. Das Volk rechnet unmittelbar nur nach der
+ Zeit und schließt aus der Zeit, nach willkürlichen Voraussetzungen,
+ auf die Länge der zurückgelegten Strecke.
+
+ 53 DEPONS, in seiner »_Reise nach Terra Firma_«: »Bei der unbedeutenden
+ Oberfläche des Sees (er mißt übrigens 106,500,000 Quadrattoisen)
+ läßt sich unmöglich annehmen, daß die Verdunstung allein, so stark
+ sie auch unter den Tropen seyn mag, so viel Wasser wegschaffen kann,
+ als die Flüsse hereinbringen.« In der Folge scheint aber der
+ Verfasser selbst wieder »diese geheime Ursache, die Hypothese von
+ einem Abzugsloch« aufzugeben.
+
+ 54 KARL RITTER, _Erdkunde_ Bd. I.
+
+ 55 S. Bd. I. Seite 316.
+
+ 56 Auf dem alten Continent kommen in Portugal und am Cantal in den
+ Pyrenäen eben so reine Wasser aus dem Granit. Die Pisciarelli des
+ Agnanosees in Italien sind 93° heiß. Sind etwa diese reinen Wasser
+ verdichtete Dämpfe?
+
+ 57 Eigenthümer einer _Pulperia_ einer kleinen Bude, in der man Eßwaaren
+ und Getränke feil hat.
+
+ 58 Sämmtliche _Carolinea princeps_ in Schönbrunn stammen aus Samen, die
+ Bose und Bredemeyer von Einem ungeheuer dicken Baum bei Chacao,
+ östlich von Caracas, genommen.
+
+ 59 Ein Tablon, gleich 1849 Quadrat-Toisen, entspricht etwa 1-1/5
+ Morgen.
+
+_ 60 Essai politique sur la nouvelle Espagne_ T. I. p. 23, T. II. p.
+ 689.
+
+ 61 Nach diesen drei großen Familien kommen die _Papaveraceae_,
+ _Chicoraceae_, _Lobeliaceae_, _Campanulaceae_, _Sapoteae_ und
+ _Cucurbitaceae_. Die Blausäure ist der Gruppe der _Rosaceae
+ amygdalaceae_ eigenthümlich. Bei den Monocotyledonen kommt kein
+ Milchsaft vor, aber die Fruchthülle der Palmen, die so süße und
+ angenehme Emulsionen gibt, enthält ohne Zweifel Käsestoff. Was ist
+ die Milch der Pilze?
+
+ 62 Diese Klebrigkeit bemerkt man auch an der frischen Milch des
+ Kuhbaums. Sie rührt ohne Zweifel daher, daß das Cautschuc sich noch
+ nicht abgesetzt hat und Eine Masse mit dem Eiweiß und dem Käsestoff
+ bildet, wie in der thierischen Milch die Butter und der Käsestoff.
+ Der Saft eines Gewächses aus der Familie der Euphorbien, des _Sapium
+ aucuparia_ der auch Cautschuc enthält, ist so klebrig, daß man
+ Papagaien damit fängt.
+
+ 63 Der Pater GILI hat aus zwei Stellen bei TORQUEMADA (_Monarquia
+ Indiana_) bündig dargethan, daß die Mexicaner den Aufguß *kalt*
+ machten, und daß erst die Spanier den Brauch einführten, die
+ Cacaomasse im Wasser zu sieden.
+
+ 64 Eine Kiste (_caxa_) wiegt 15½--16 Arrobas, die Arroba zu 23
+ spanischen Pfunden.
+
+ 65 Wir wissen aus dem Munde vieler reisenden Mönche, daß der kleine
+ *Paramo de las Rosas*, der in mehr als 1600 Toisen Meereshöhe zu
+ liegen scheint, mit Rosmarin und rothen und weißen europäischen
+ Rosen, die hier verwildert sind, bewachsen ist. Man pflückt die
+ Rosen, um bei Kirchenfesten die Altäre in den benachbarten Dörfern
+ damit zu schmücken. Durch welchen Zufall ist unsere
+ hundertblätterige Rose hier verwildert, da wir sie doch in den Anden
+ von Quito und Peru nirgends angetroffen haben? Ist es auch wirklich
+ unsere Gartenrose? (S. Bd. II. Seite 174).
+
+ 66 Was ist die unter dem Namen _Farol_ (Laterne) _de Maracaybo_
+ bekannte Lichterscheinung, die man jede Nacht auf der See wie im
+ innern Lande sieht, z. B. in Merida, wo PALACIOS dieselbe zwei Jahre
+ lang beobachtet hat? Der Umstand, daß man das Licht über 40 Meilen
+ weit sieht, hat zu der Vermuthung geführt, es könnte daher rühren,
+ daß in einer Bergschlucht sich jeden Tag ein Gewitter entlade. Man
+ soll auch donnern hören, wenn man dem *Farol* nahe kommt. Andere
+ sprechen in unbestimmtem Ausdruck von einem Luftvulkan; aus
+ asphalthaltigem Erdreich, ähnlich dem bei Mena, sollen brennbare
+ Dünste aufsteigen und daher beständig sichtbar seyn. Der Ort, wo
+ sich die Erscheinung zeigt, ist ein unbewohntes Gebirgsland am Rio
+ Catatumbo, nicht weit von seiner Vereinigung mit dem Rio Sulia. Der
+ Farol liegt fast ganz im Meridian der Einfahrt (_boca_) in den See
+ von Maracaybo, so daß die Steuerleute sich nach ihm richten, wie
+ nach einem Leuchtfeuer.
+
+ 67 DON CARLOS DE POZO fand in diesem Bezirk, _Quebrada de Moroturo_
+ eine Schichte schwarzer Thonerde, welche stark abfärbt, stark nach
+ Schwefel riecht und sich von selbst entzündet, wenn man sie, leicht
+ befeuchtet, lange den Strahlen der tropischen Sonne aussetzt; diese
+ schlammigte Materie verpufft sehr heftig.
+
+
+
+
+
+SIEBZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Gebirge zwischen den Thälern von Aragua und den Llanos von
+ Caracas. -- Villa de Cura. -- Parapara. -- Llanos oder Steppen. --
+ Calabozo.
+
+
+Die Bergkette, welche den See von Tacarigua oder Valencia im Süden
+begrenzt, bildet gleichsam das nördliche Ufer des großen Beckens der
+Llanos oder Savanen von Caracas. Aus den Thälern von Aragua kommt man in
+die Savanen über die Berge von Guigue und Tucutunemo. Aus einer
+bevölkerten, durch Anbau geschmückten Landschaft gelangt man in eine weite
+Einöde. An Felsen und schattige Thäler gewöhnt, sieht der Reisende mit
+Befremden diese baumlosen Savanen vor sich, diese unermeßlichen Ebenen,
+die gegen den Horizont aufzusteigen scheinen.
+
+Ehe ich die Llanos oder die Region der Weiden schildere, beschreibe ich
+kürzlich unsern Weg von Nueva Valencia durch Villa de Cura und San Juan
+zum kleinen, am Eingang der Steppen gelegenen Dorfe Ortiz. Am 6. März, vor
+Sonnenaufgang, verließen wir die Thäler von Aragua. Wir zogen durch eine
+gut angebaute Ebene, längs dem südwestlichen Gestade des Sees von
+Valencia, über einen Boden, von dem sich die Gewässer des Sees
+zurückgezogen. Die Fruchtbarkeit des mit Calebassen, Wassermelonen und
+Bananen bedeckten Landes setzte uns in Erstaunen. Den Aufgang der Sonne
+verkündete der ferne Lärm der Brüllaffen. Vor einer Baumgruppe, mitten in
+der Ebene zwischen den ehemaligen Eilanden Don Pedro und Negra, gewahrten
+wir zahlreiche Banden der schon oben beschriebenen _Simia ursina_
+(_Araguate_), die wie in Procession äußerst langsam von Baum zu Baum
+zogen. Hinter einem männlichen Thier kamen viele weibliche, deren mehrere
+ihre Jungen auf den Schultern trugen. Die Brüllaffen, welche in
+verschiedenen Strichen Amerikas in großen Gesellschaften leben, sind
+vielfach beschrieben. In der Lebensweise kommen sie alle überein, es sind
+aber nicht überall dieselben Arten. Wahrhaft erstaunlich ist die
+Einförmigkeit in den Bewegungen dieser Affen. So oft die Zweige
+benachbarter Bäume nicht zusammenreichen, hängt sich das Männchen an der
+Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theil seines
+Schwanzes auf, läßt den Körper frei schweben und schwingt denselben hin
+und her, bis es den nächsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht sofort
+an derselben Stelle dieselbe Bewegung. ULLOA und viele gut unterrichtete
+Reisende behaupten, die Marimondas [_Simia Belzebuth_], Araguaten und
+andere Affen mit Wickelschwänzen bilden eine Art Kette, wenn sie von einem
+Flußufer zum andern gelangen wollen; ich brauche kaum zu bemerken, daß
+eine solche Behauptung sehr weit geht. Wir haben in fünf Jahren
+Gelegenheit gehabt, Tausende dieser Thiere zu beobachten, und eben deßhalb
+glaubten wir nicht an Geschichten, die vielleicht nur von Europäern
+erfunden sind, wenn auch die Indianer in den Missionen sie nachsagen, als
+ob es Ueberlieferungen ihrer Väter wären. Auch der roheste Mensch findet
+einen Genuß darin, durch Berichte von den Wundern seines Landes den
+Fremden in Erstaunen zu setzen. Er will selbst gesehen haben, was nach
+seiner Vorstellung Andere gesehen haben könnten. Jeder Wilde ist ein
+Jäger, und die Geschichten der Jäger werden desto phantastischer, je höher
+die Thiere, von deren Listen sie zu erzählen wissen, in geistiger
+Beziehung wirklich stehen. Dieß ist die Quelle der Mährchen, welche in
+beiden Hemisphären vom Fuchs und vom Affen, vom Raben und vom Condor der
+Anden im Schwange gehen.
+
+Die Araguaten sollen, wenn sie von indianischen Jägern verfolgt werden,
+zuweilen ihre Jungen im Stiche lassen, um sich auf der Flucht zu
+erleichtern. Man will gesehen haben, wie Affenmütter das Junge von der
+Schulter rissen und es vom Baum warfen. Ich glaube aber, man hat hier eine
+rein zufällige Bewegung für eine absichtliche genommen. Die Indianer sehen
+gewisse Affengeschlechter mit Abneigung oder mit Vorliebe an; den
+Viuditas, den Titis, überhaupt allen kleinen Sagoins sind sie gewogen,
+während die Araguaten wegen ihres trübseligen Aeußern und ihres
+einförmigen Gebrülls gehaßt und dazu verleumdet werden. Wenn ich darüber
+nachdachte, durch welche Ursachen die Fortpflanzung des Schalls durch die
+Luft zur Nachtzeit befördert werden mag, schien es mir nicht unwichtig,
+genau zu bestimmen, in welchem Abstand. namentlich bei nasser, stürmischer
+Witterung, das Geheul eines Trupps Araguaten zu vernehmen ist. Ich glaube
+gefunden zu haben, daß man es noch in 800 Toisen Entfernung hört. Die
+Affen mit ihren vier Händen können keine Streifzüge in die Llanos machen,
+und mitten auf den weiten, mit Gras bewachsenen Ebenen unterscheidet man
+leicht eine vereinzelte Baumgruppe, die von Brüllaffen bewohnt ist und von
+welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder
+sich davon entfernt, so mißt man das Maximum des Abstandes, in dem das
+Geheul noch vernehmbar ist. Diese Abstände schienen mir einigemale bei
+Nacht um ein Drittheil größer, namentlich bei bedecktem Himmel und sehr
+warmem, feuchtem Wetter.
+
+Die Indianer versichern, wenn die Araguaten den Wald mit ihrem Geheul
+erfüllen, so haben sie immer einen Vorsänger. Die Bemerkung ist nicht
+unrichtig. Man hört meistens, lange fort, eine einzelne stärkere Stimme,
+worauf eine andere von verschiedenem Tonfall sie ablöst. Denselben
+Nachahmungstrieb bemerken wir zuweilen auch bei uns bei den Fröschen, und
+fast bei allen Thieren, die in Gesellschaft leben und sich hören lassen.
+Noch mehr, die Missionäre versichern, wenn bei den Araguaten ein Weibchen
+im Begriffe sey zu werfen, so unterbreche der Chor sein Geheul, bis das
+Junge zur Welt gekommen sey. Ob etwas Wahres hieran ist, habe ich nicht
+selbst ausmachen können, ganz grundlos scheint es aber allerdings nicht zu
+seyn. Ich habe beobachtet, daß das Geheul einige Minuten aufhört, so oft
+ein ungewöhnlicher Vorfall, zum Beispiel das Aechzen eines verwundeten
+Araguate, die Aufmerksamkeit des Trupps in Anspruch nimmt. Unsere Führer
+versicherten uns allen Ernstes, ein bewährtes Heilmittel gegen kurzen
+Athem sey, aus der knöchernen Trommel am Zungenbein des Araguate zu
+trinken. »Da dieses Thier eine so außerordentlich starke Stimme hat, so
+muß dem Wasser, das man in seinen Kehlkopf gießt, nothwendig die Kraft
+zukommen, Krankheiten der Lungen zu heilen.« Dieß ist Volksphysik, die
+nicht selten an die der Alten erinnert.
+
+Wir übernachteten im Dorfe Guigue, dessen Breite ich durch Beobachtungen
+des Canopus gleich 10° 4′ 11″ fand. Dieses Dorf auf trefflich angebautem
+Boden liegt nur tausend Toisen vom See Tacarigua. Wir wohnten bei einem
+alten Sergeanten, aus Murcia gebürtig, einem höchst originellen Mann. Um
+uns zu beweisen, daß er bei den Jesuiten erzogen worden, sagte er uns die
+Geschichte von der Erschaffung der Welt lateinisch her. Er kannte die
+Namen August, Tiber, und Diocletian. Bei der angenehmen Nachtkühle in
+einem Bananengehege beschäftigte er sich lebhaft mit Allem, was am Hof der
+römischen Kaiser vorgefallen war. Er bat uns dringend um Mittel gegen die
+Gicht, die ihn grausam plagte. »Ich weiß wohl,« sagte er, »daß ein *Zambo*
+aus Valencia, ein gewaltiger »Curioso,« mich heilen kann; aber der Zambo
+macht auf eine Behandlung Anspruch, die einem Menschen von seiner Farbe
+nicht gebührt, und so bleibe ich lieber, wie ich bin.«
+
+Von Guigue an führt der Weg aufwärts zur Bergkette, welche im Süden des
+Sees gegen Guacimo und la Palma hinstreicht. Von einem Plateau herab, das
+320 Toisen hoch liegt, sahen wir zum letztenmale die Thäler von Aragua.
+Der Gneiß kam zu Tage; er zeigte dieselbe Streichung der Schichten,
+denselben Fall nach Nordwest. Quarzadern im Gneiß sind goldhaltig; eine
+benachbarte Schlucht heißt daher Quebrada del Oro. Seltsamerweise begegnet
+man auf jedem Schritt dem vornehmen Namen »Goldschlucht« in einem Lande,
+wo ein einziges Kupferbergwerk im Betrieb ist. Wir legten fünf Meilen bis
+zum Dorfe Maria Magdalena zurück, und weitere zwei zur Villa de Cura. Es
+war Sonntag. Im Dorfe Maria Magdalena waren die Einwohner vor der Kirche
+versammelt. Man wollte unsere Maulthiertreiber zwingen anzuhalten und die
+Messe zu hören. Wir ergaben uns darein; aber nach langem Wortwechsel
+setzten die Maulthiertreiber ihren Weg fort. Ich bemerke hier, daß dieß
+das einzigemal war, wo wir einen Streit solcher Art bekamen. Man macht
+sich in Europa ganz falsche Begriffe von der Unduldsamkeit und selbst vom
+Glaubenseifer der spanischen Colonisten.
+
+San Luis de Cura, oder, wie es gemeiniglich heißt, Villa de Cura liegt in
+einem sehr dürren Thale, das von Nordwest nach Südost streicht und nach
+meinen barometrischen Beobachtungen eine Meereshöhe von 266 Toisen hat.
+Außer einigen Fruchtbäumen hat das Land fast gar keinen Pflanzenwuchs. Das
+Plateau ist desto dürrer, da mehrere Gewässer -- ein ziemlich seltener
+Fall im Urgebirge -- sich auf Spalten im Boden verlieren. Der Rio de las
+Minas, nordwärts von Villa de Cura, verschwindet im Gestein, kommt wieder
+zu Tage und wird noch einmal unterirdisch, ohne den See von Valencia zu
+erreichen, auf den er zuläuft. Cura gleicht vielmehr einem Dorfe als einer
+Stadt. Die Bevölkerung beträgt nicht mehr als 4000 Seelen, aber wir fanden
+daselbst mehrere Leute von bedeutender geistiger Bildung. Wir wohnten bei
+einer Familie, welche nach der Revolution von Caracas i. J. 1797 von der
+Regierung verfolgt worden war. Einer der Söhne war nach langer
+Gefangenschaft nach der Havana gebracht worden, wo er in einem festen
+Schlosse saß. Wie freute sich die Mutter, als sie hörte, daß wir auf dem
+Rückweg vom Orinoco nach der Havana kommen würden! Sie übergab mir fünf
+Piaster, »all ihr Erspartes.« Gern hätte ich sie ihr zurückgegeben, aber
+wie hätte ich mich nicht scheuen sollen, ihr Zartgefühl zu verletzen,
+einer Mutter wehe zu thun, die in den Entbehrungen, die sie sich
+auferlegt, sich glücklich fühlt! Die ganze Gesellschaft der Stadt fand
+sich Abends zusammen, um in einem Guckkasten die Ansichten der großen
+europäischen Städte zu bewundern. Wir bekamen die Tuilerien zu sehen und
+das Standbild des großen Kurfürsten in Berlin. Es ist ein eigenes Gefühl,
+seine Vaterstadt, zweitausend Meilen von ihr entfernt, in einem Guckkasten
+zu erblicken.
+
+Ein Apotheker, der durch den unseligen Hang zu bergmännischen
+Unternehmungen heruntergekommen war, begleitete uns zum Serro de Chacao,
+der an goldhaltigen Kiesen sehr reich ist. Der Weg läuft immer am
+südlichen Abhang der Küstencordillere hinab, in welcher die Ebenen von
+Aragua ein Längenthal bilden. Die Nacht des 11. brachten wir zum Theil im
+Dorfe San Juan zu, bekannt wegen seiner warmen Quellen und der sonderbaren
+Gestalt zweier benachbarten Berge, der sogenannten *Morros de San Juan*.
+Diese Kuppen bilden steile Gipfel, die sich auf einer Felsmauer von sehr
+breiter Basis erheben. Die Mauer fällt steil ab und gleicht der
+*Teufelsmauer*, die um einen Strich des Harzgebirges herläuft. Diese
+Kuppen sieht man sehr weit in den Llanos, sie machen starken Eindruck auf
+die Einbildungskraft der Bewohner der Ebenen, die an gar keine Unebenheit
+des Bodens gewöhnt sind, und so kommt es, daß ihre Höhe im Lande gewaltig
+überschätzt wird. Sie sollten, wie man uns gesagt, mitten in den Steppen
+liegen, während sie sich am nördlichen Saume derselben befinden, weit
+jenseits einer Hügelkette, die la Galera heißt. Nach Winkeln, die im
+Abstand von zwei Seemeilen genommen worden, erheben sich die Kuppen nicht
+mehr als 156 Toisen über dem Dorf San Juan und 350 über dem Meer. Die
+warmen Quellen entspringen am Fuß der Kuppen, die aus Uebergangskalkstein
+bestehen; sie sind mit Schwefelwasserstoff geschwängert, wie die Wasser
+von Mariara, und bilden einen kleinen Teich oder eine Lagune, in der ich
+den Thermometer nur auf 31°,3 steigen sah.
+
+In der Nacht vom 9. zum 10. März fand ich durch sehr befriedigende
+Sternbeobachtungen die Breite von Villa de Cura 10°, 2′ 47″. Die
+spanischen Officiere, welche im Jahr 1755 bei der Grenzexpedition mit
+astronomischen Instrumenten an den Orinoco gekommen sind, können zu Cura
+nicht beobachtet haben, denn die Karte von CAULIN und die von CRUZ
+OLMEDILLA setzen diese Stadt einen Viertelsgrad zu weit südwärts.
+
+Villa de Cura ist im Lande berühmt wegen eines wunderthätigen
+Marienbildes, das Nuestra Sennora de los Valencianos genannt wird. Dieses
+Bild, das um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von einem Indianer in
+einer Schlucht gefunden wurde, gab Anlaß zu einem Rechtshandel zwischen
+den Städten Cura und San Sebastiano de los Reyes. Die Geistlichen der
+letzteren Stadt behaupteten, die h. Jungfrau sey zuerst in ihrem Sprengel
+erschienen. Der Bischof von Caracas, dem langen ärgerlichen Streite ein
+Ende zu machen, ließ das Bild in das bischöfliche Archiv schaffen und
+behielt es daselbst dreißig Jahre unter Siegel: es wurde den Einwohnern
+von Cura erst i. J. 1802 zurückgegeben. DEPONS gibt umständliche Nachricht
+von diesem seltsamen Handel.
+
+Nachdem wir im kleinen Fluß St. Juan aus einem Bette von basaltischem
+Grünstein, in frischem, klarem Wasser gebadet, setzten wir um zwei Uhr in
+der Nacht unsern Weg über Ortiz und Parapara nach *Mesa de Paja* fort. Die
+Llanos waren damals durch Raubgesindel unsicher, weßhalb sich mehrere
+Reisende an uns anschlossen, so daß wir eine Art Caravane bildeten. Sechs
+bis sieben Stunden lang ging es fortwährend abwärts; wir kamen am Cerro de
+Flores vorbei, wo die Straße zum großen Dorfe San Jose de Tisnao abgeht.
+An den Höfen Luque und Juncalito vorüber gelangt man in die Gründe, die
+wegen des schlechten Wegs und der blauen Farbe der Schiefer Malpasso und
+Piedras Azules heißen. Wir standen hier auf dem alten Gestade des großen
+Beckens der Steppen, auf einem geologisch interessanten Boden.
+
+Der südliche Abhang der Küstencordillere ist ziemlich steil, da die
+Steppen nach meinen barometrischen Messungen tausend Fuß tiefer liegen als
+der Boden des Beckens von Aragua. Vom weiten Plateau von Villa de Cura
+kamen wir herab an das Ufer des Rio Tucutunemo, der sich ins
+Serpentingestein ein von Ost nach West streichendes Längenthal gegraben
+hat, ungefähr im Niveau von la Victoria. Von da führte uns ein Querthal
+über die Dörfer Parapara und Ortiz in die Llanos. Dieses Thal streicht im
+Ganzen von Nord nach Süd und verengt sich an mehreren Stellen. Becken mit
+völlig wagrechtem Boden stehen durch schmale, abschüssige Schluchten mit
+einander in Verbindung. Es waren dieß einst ohne Zweifel kleine Seen, und
+durch Aufstauung der Gewässer oder durch eine noch gewaltsamere
+Katastrophe sind die Dämme zwischen den Wasserbecken durchbrochen worden.
+Diese Erscheinung kommt gleichzeitig in beiden Continenten vor, überall wo
+Längenthäler Pässe über die Anden, die Alpen, die Pyrenäen bilden.(68)
+Wahrscheinlich rührt die ruinenhafte Gestalt der Kappen von San Juan und
+San Sebastiano von den gewaltigen Schwemmungen her, die beim Ausbruch der
+Gewässer gegen die Llanos erfolgten.
+
+Bei der *Mesa de Paja*, unter dem 9. Grad der Breite, betraten wir das
+Becken der Llanos. Die Sonne stand beinahe im Zenith; der Boden zeigte
+überall, wo er von Vegetation entblöst war, eine Temperatur von 48--50°.
+In der Höhe, in der wir uns auf unsern Maulthieren befanden, war kein
+Lufthauch zu spüren; aber in dieser scheinbaren Ruhe erhoben sich
+fortwährend kleine Staubwirbel in Folge der Luftströmungen, die dicht am
+Boden durch die Temperaturunterschiede zwischen dem nackten Sand und den
+mit Gras bewachsenen Flecken hervorgebracht werden. Diese »Sandwinde«
+steigern die erstickende Hitze der Luft. Jedes Quarzkorn, weil es wärmer
+ist als die umgebende Luft, strahlt ringsum Wärme aus, und es hält schwer
+die Lufttemperatur zu beobachten, ohne daß Sandtheilchen gegen die Kugel
+des Thermometers getrieben werden. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel
+anzusteigen, und die weite unermeßliche Einöde stellte sich unsern Blicken
+als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar. Da die Dunstmassen in
+der Luft ungleich vertheilt waren, und die Temperaturabnahme in den
+übereinandergelagerten Luftschichtens keine gleichförmige ist, so zeigte
+sich der Horizont in gewissen Richtungen hell und scharf begrenzt, in
+andern wellenförmig auf- und abgebogen und wie gestreift. Erde und Himmel
+schmolzen dort in einander. Durch den trockenen Nebel und die
+Dunstschichten gewahrte man in der Ferne Stämme von Palmbäumen. Ihrer
+grünenden Wipfel beraubt, erschienen diese Stämme wie Schiffsmasten, die
+am Horizont auftauchen.
+
+Der einförmige Anblick dieser Steppen hat etwas Großartiges, aber auch
+etwas Trauriges und Niederschlagendes. Es ist als ob die ganze Natur
+erstarrt wäre; kaum daß hin und wieder der Schatten einer kleinen Wolke,
+die durchs Zenith eilend die nahende Regenzeit verkündet, auf die Savane
+fällt. Der erste Anblick der Llanos überrascht vielleicht nicht weniger
+als der der Andeskette. Alle Gebirgsländer, welches auch die absolute Höhe
+ihrer höchsten Gipfel seyn mag, haben eine gemeinsame Physiognomie; aber
+nur schwer gewöhnt man sich an den Anblick der Llanos von Venezuela und
+Casanare, der Pampas von Buenos Ayres und Chaco, die beständig, zwanzig,
+dreißig Tagereisen lang, ein Bild der Meeresfläche bieten. Ich kannte die
+Ebenen oder Llanos der spanischen Mancha und die Heiden (_ericeta_), die
+sich von den Grenzen Jütlands durch Lüneburg und Westphalen bis nach
+Belgien hinein erstrecken. Letztere sind wahre Steppen, von denen der
+Mensch seit Jahrhunderten nur kleine Strecken kulturfähig zu machen im
+Stande war; aber die Ebenen im Westen und Norden von Europa geben nur ein
+schwaches Bild von den unermeßlichen Llanos in Südamerika. Im Südosten
+unseres Continents, in Ungarn zwischen der Donau und der Theiß, in Rußland
+zwischen dem Dnieper, dem Don und der Wolga treten die ausgedehnten
+Weideländer auf, die durch langen Aufenthalt der Wasser geebnet scheinen
+und ringsum den Horizont begrenzen. Wo ich die ungarischen Ebenen bereist
+habe, an den Grenzen Deutschlands zwischen Preßburg und Oedenburg,
+beschäftigen sie die Einbildungskraft des Reisenden durch das fortwährende
+Spiel der Luftspiegelung; aber ihre weiteste Erstreckung ist ostwärts
+zwischen Czegled, Debreczin und Tittel. Es ist ein grünes Meer mit zwei
+Ausgängen, dem einen bei Gran und Weitzen, dem andern zwischen Belgrad und
+Widdin.
+
+Man glaubte die verschiedenen Welttheile zu charakterisiren, indem man
+sagte, Europa habe *Heiden*, Asien *Steppen*, Afrika *Wüsten*, Amerika
+*Savanen*; aber man stellt damit Gegensätze auf, die weder in der Natur
+der Sachen, noch im Geiste der Sprachen gegründet sind. Die asiatischen
+Steppen sind keineswegs überall mit Salzpflanzen bedeckt; in den Savanen
+von Venezuela kommen neben den Gräsern kleine krautartige Mimosen,
+Schotengewächse und andere Dicotyledonen vor. Die Ebenen der Songarei, die
+zwischen Don und Wolga, die ungarischen *Puszten* sind wahre Savanen,
+Weideländer mit reichem Graswuchs, während auf den Savanen ost- und
+westwärts von den Rocky-Mountains und von Neu-Mexico Chenopodien mit einem
+Gehalt von kohlensaurem und salzsauren Natrum vorkommen. Asien hat ächte
+pflanzenlose Wüsten, in Arabien, in der Gobi, in Persien. Seit man die
+Wüsten im Innern Afrika’s, was man so lange unter dem allgemeinen Namen
+Sahara begriffen, näher kennen gelernt hat, weiß man, daß es im Osten
+dieses Continents, wie in Arabien, Savanen und Weideländer gibt, die von
+nackten, dürren Landstrichen umgeben sind. Letztere, mit losem Gestein
+bedeckte, ganz pflanzenlose Wüsten, fehlen nun aber der neuen Welt fast
+ganz. Ich habe dergleichen nur im niedern Strich von Peru, zwischen
+Amotape und Coquimbo, am Gestade der Südsee gesehen. Die Spanier nennen
+sie nicht Llanos, sondern _desiertos_ von Sechura und Atacamez. Diese
+Einöde ist nicht breit, aber 440 Meilen lang. Die Gebirgsart kommt überall
+durch den Flugsand zu Tag. Es fällt niemals ein Tropfen Regen, und wie in
+der Sahara nördlich von Tombuctu sindet sich in der peruanischen Wüste bei
+Huaura eine reiche Steinsalzgrube. Ueberall sonst in der neuen Welt gibt
+es öde, weil unbewohnte Flächen, aber keine eigentlichen Wüsten.
+
+Dieselben Erscheinungen wiederholen sich in den entlegensten Landstrichen,
+und statt diese weiten baumlosen Ebenen nach den Pflanzen zu
+unterscheiden, die auf ihnen vorkommen, unterscheidet man wohl am
+einfachsten zwischen *Wüsten* und *Steppen* oder *Savanen*, zwischen
+nackten Landstrichen ohne Spur von Pflanzenwuchs und Landstrichen, die mit
+Gräsern oder kleinen Gewächsen aus der Classe der Dicotyledonen bedeckt
+sind. In manchen Werken heißen die amerikanischen Savanen, namentlich die
+der gemäßigten Zone, *Wiesen* (Prairien); aber diese Bezeichnung paßt, wie
+mir dünkt, schlecht auf Weiden, die oft sehr dürr, wenn auch mit 4 bis 5
+Fuß hohen Kräutern bedeckt sind. Die amerikanischen Llanos oder Pampas
+sind wahre *Steppen*. Sie sind in der Regenzeit schön begrünt, aber in der
+trockensten Jahreszeit bekommen sie das Ansehen von Wüsten. Das Kraut
+zerfällt zu Staub, der Boden berstet, das Krokodil und die großen
+Schlangen liegen begraben im ausgedörrten Schlamm, bis die ersten
+Regengüsse im Frühjahr sie aus der langen Erstarrung wecken. Diese
+Erscheinungen kommen auf dürren Landstrichen von 50--60 Quadratmeilen
+überall vor, wo keine Gewässer durch die Savane strömen; denn am Ufer der
+Bäche und der kleinen Stücke stehenden Wassers stößt der Reisende von Zeit
+zu Zeit selbst in der dürrsten Jahreszeit auf Gebüsche der Mauritia, einer
+Palmenart, deren fächerförmige Blätter beständig glänzend grün sind.
+
+Die asiatischen Steppen liegen alle außerhalb der Wendekreise und bilden
+sehr hohe Plateaus. Auch Amerika hat auf dem Rücken der Gebirge von
+Mexico, Peru und Quito Savanen von bedeutender Ausdehnung, aber seine
+ausgedehntesten Steppen, die Llanos von Cumana, Caracas und Meta, erheben
+sich nur sehr wenig über dem Meeresspiegel und fallen alle in die
+Aequinoctialzone. Diese Umstände ertheilen ihnen einen eigenthümlichen
+Charakter. Die Seen ohne Abfluß, die kleinen Flußsysteme, die sich im Sand
+verlieren oder durch die Gebirgsart durchseigen, wie sie den Steppen im
+östlichen Asien und den persischen Wüsten eigen sind, kommen hier nicht
+vor. Die amerikanischen Llanos fallen gegen Ost und Süd und ihre
+strömenden Gewässer laufen in den Orinoco.
+
+Nach dem Lauf dieser Flüsse hatte ich früher geglaubt, daß die Ebenen
+Plateaus bilden müßten, die mindestens 100 bis 150 Toisen über dem Meer
+gelegen wären. Ich dachte mir, auch die Wüsten im inneren Afrika müßten
+beträchtlich hoch liegen und stufenweise von den Küsten bis ins Innere des
+großen Continents über einander aufsteigen. Bis jetzt ist noch kein
+Barometer in die Sahara gekommen. Was aber die amerikanischen Llanos
+betrifft, so zeigen die Barometerhöhen, die ich zu Calabozo, zu Villa del
+Pao und an der Mündung des Meta beobachtet, daß sie nicht mehr als 40 bis
+50 Toisen über dem Meeresspiegel liegen. Die Flüsse haben einen sehr
+schwachen, oft kaum merklichen Fall. So kommt es, daß beim geringsten
+Wind, und wenn der Orinoco anschwillt, die Flüsse, die in ihn fallen,
+rückwärts gedrängt werden. Im Rio Arauca bemerkt man häufig diese Strömung
+*nach oben*. Die Indianer glauben einen ganzen Tag lang abwärts zu
+schiffen, während sie von der Mündung gegen die Quellen fahren. Zwischen
+den abwärtsströmenden und den aufwärtsströmenden Gewässern bleibt eine
+bedeutende Wassermasse still stehen, in der sich durch
+Gleichgewichtsstörung Wirbel bilden, die den Fahrzeugen gefährlich werden.
+
+Der eigenthümlichste Zug der Savanen oder Steppen Südamerikas ist die
+völlige Abwesenheit aller Erhöhungen, die vollkommen wagerechte Lage des
+ganzen Bodens. Die spanischen Eroberer, die zuerst von Coro her an die
+Ufer des Apure vordrangen, haben sie daher auch weder Wüsten, noch
+Savanen, noch Prairien genannt, sondern Ebenen, _los Llanos_. Auf dreißig
+Quadratmeilen zeigt der Boden oft keine fußhohe Unebenheit. Diese
+Aehnlichkeit mit der Meeresfläche drängt sich der Einbildungskraft
+besonders da auf, wo die Ebenen gar keine Palmen tragen, und wo man von
+den Bergen an der Küste und vom Orinoco so weit weg ist, daß man dieselben
+nicht sieht, wie in der Mesa de Pavones. Dort könnte man sich versucht
+fühlen, mit einem Reflexionsinstrument Sonnenhöhen aufzunehmen, wenn nicht
+der *Land-Horizont*, in Folge des wechselnden Spiels der Refractionen,
+beständig in Nebel gehüllt wäre. Diese Ebenheit des Bodens ist noch
+vollständiger unter dem Meridian von Calabozo als gegen Ost zwischen Cari,
+Villa del Pao und Nueva Barcelona; aber sie herrscht ohne Unterbrechung
+von den Mündungen des Orinoco bis zur Villa de Araure und Ospinos, auf
+einem *Parallel* von 180 Meilen, und von San Carlos bis zu den Savanen am
+Caqueta aus, einem *Meridian* von 200 Meilen. Sie vor Allem ist
+charakteristisch für den neuen Continent, so wie für die asiatischen
+Steppen zwischen dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtisch und dem
+Obi. Dagegen zeigen die Wüsten im inneren Afrika, in Arabien, Syrien und
+Persien, die Cobi und die Casna viele Bodenunebenheiten, Hügelreihen,
+wasserlose Schluchten und festes Gestein, das aus dem Sand hervorragt.
+
+Trotz der scheinbaren Gleichförmigkeit ihrer Fläche finden sich indessen
+in den Llanos zweierlei Unebenheiten, die dem aufmerksamen Beobachter
+nicht entgehen. Die erste Art nennt man _bancos_; es sind wahre Bänke,
+Untiefen im Steppenbecken, zerbrochene Schichten von festem Sandstein oder
+Kalkstein, die 4 bis 5 Fuß höher liegen als die übrige Ebene. Diese Bänke
+sind zuweilen drei bis vier Meilen lang; sie sind vollkommen eben und
+wagerecht und man bemerkt ihr Vorhandenseyn überhaupt nur dann, wenn man
+ihre Ränder vor sich hat. Die zweite Unebenheit läßt sich nur durch
+geodätische oder barometrische Messungen oder am Lauf der Flüsse erkennen;
+sie heißt Mesa. Es sind dieß kleine Plateaus, oder vielmehr convexe
+Erhöhungen, die unmerklich zu einigen Toisen Höhe ansteigen. Dergleichen
+sind ostwärts in der Provinz Cumana, im Norden von Villa de la Merced und
+Candelaria, die *Mesas Amana, Guanipa und Jonoro*, die von Südwest nach
+Nordost streichen und trotz ihrer unbedeutenden Höhe die Wasser zwischen
+dem Orinoco und der Nordküste von Terra firma scheiden. Nur die sanfte
+Wölbung der Savane bildet die Wasserscheide; hier sind die _divortia
+aquarum_,(69) wie in Polen, wo fern von den Karpathen die Wasserscheide
+zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere in der Ebene selbst liegt.
+Die Geographen setzen da, wo eine Wasserscheide ist, immer Bergzüge
+voraus, und so sieht man denn auch auf den Karten dergleichen um die
+Quellen des Rio Neveri, des Unare, des Guarapiche und des Pao
+eingezeichnet. Dieß erinnert an die mongolischen Priester, die nach einem
+alten abergläubischen Brauch an allen Stellen, wo die Wasser nach
+entgegengesetzten Seiten fließen, *Obos* oder kleine Steinhaufen
+errichten.
+
+Das ewige Einerlei der Llanos, die große Seltenheit von bewohnten Plätzen,
+die Beschwerden der Reise unter einem glühenden Himmel und bei
+stauberfüllter Luft, die Aussicht auf den Horizont, der beständig vor
+einem zurückzuweichen scheint, die vereinzelten Palmstämme, deren einer
+aussieht wie der andere, und die man gar nicht erreichen zu können meint,
+weil man sie mit andern Stämmen verwechselt, die nach einander am
+Gesichtskreis auftauchen -- all dieß zusammen macht, daß einem die Steppen
+noch weit größer vorkommen, als sie wirklich sind. Die Pflanzer am
+Südabhang des Küstengebirges sehen die Steppen grenzenlos, gleich einem
+grünen Ocean gegen Süd sich ausdehnen. Sie wissen, daß man vom Delta des
+Orinoco bis in die Provinz Barinas und von dort über die Flüsse Meta,
+Guaviare und Caguan, Anfangs von Ost nach West, sodann von Nordost nach
+Nordwest, 380 Meilen weit in den Steppen fortziehen kann, bis über den
+Aequator hinaus an den Fuß der Anden von Pasto. Sie kennen nach den
+Berichten der Reisenden die Pampas von Buenos Ayres, die gleichfalls mit
+feinem Gras bewachsene, baumlose Llanos sind und von verwilderten Rindern
+und Pferden wimmeln. Sie sind, nach Anleitung unserer meisten Karten von
+Amerika, der Meinung, der Continent habe nur Eine Bergkette, die der
+Anden, die von Süd nach Nord läuft, und nach einem unbestimmten
+systematischen Begriff lassen sie alle Ebenen vom Orinoco und vom Apure an
+bis zum Rio de la Plata und der Magellan’schen Meerenge untereinander
+zusammenhängen.
+
+Ich entwerfe im Folgenden ein möglichst klares und gedrängtes Bild vom
+allgemeinen Bau eines Festlandes, dessen Endpunkte, unter so verschiedenen
+Klimaten sie auch liegen, in mehreren Zügen mit einander übereinkommen. Um
+den Umriß und die Grenzen der Ebenen richtig aufzufassen, muß man die
+Bergketten kennen, welche den Uferrand derselben bilden. Von der
+Küstencordillere, deren höchster Gipfel die Silla bei Caracas ist, und die
+durch den Paramo de las Rosas mit dem Nevado von Merida und den Anden von
+Neu-Grenada zusammenhängt, haben wir bereits gesprochen. Eine zweite
+Bergkette, oder vielmehr ein minder hoher, aber weit breiterer Bergstock
+läuft zwischen dem 3. und 7. Parallelkreise von den Mündungen des Guaviare
+und Meta zu den Quellen des Orinoco, Marony und Esquibo, gegen das
+holländische und französische Guyana zu. Ich nenne diese Kette die
+*Cordillere der Parime* oder der großen Fälle des Orinoco; man kann sie
+250 Meilen weit verfolgen, es ist aber nicht sowohl eine Kette, als ein
+Haufen granitischer Berge, zwischen denen kleine Ebenen liegen und die
+nicht überall Reihen bilden. Der Bergstock der Parime verschmälert sich
+bedeutend zwischen den Quellen des Orinoco und den Bergen von Demerary zu
+den Sierras von Quimiropaca und Pacaraimo, welche die Wasserscheide bilden
+zwischen dem Carony und dem Rio Parime oder Rio de Aguas blancas. Dieß ist
+der Schauplatz der Unternehmungen, um den Dorado aufzusuchen und die große
+Stadt Manoa, das Tombuctu der neuen Welt. Die Cordillere der Parime hängt
+mit den Anden von Neu-Grenada nicht zusammen; sie sind durch einen 80
+Meilen breiten Zwischenraum getrennt. Dächte man sich, dieselbe sey hier
+durch eine große Erdumwälzung zerstört worden, was übrigens gar nicht
+wahrscheinlich ist, so müßte man annehmen, sie sey einst von den Anden
+zwischen Santa Fe de Bogota und Pamplona abgegangen. Diese Bemerkung mag
+dazu dienen, die geographische Lage dieser Cordillere, die bis jetzt sehr
+wenig bekannt geworden, dem Leser besser einzuprägen. -- Eine dritte
+Bergkette verbindet unter dem 16. und 18. Grad südl. Breite (über Santa
+Cruz de la Sierra, die Serranias von Aguapehy und die vielberufenen Campos
+dos Parecis) die peruanischen Anden mit den Gebirgen Brasiliens. Dieß ist
+die *Cordillere von Chiquitos*, die in der Capitania von Minas Geraes
+breiter wird und die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom und dem La
+Plata bildet, nicht nur im innern Lande, im Meridian von Villa Boa,
+sondern bis wenige Meilen von der Küste, zwischen Rio Janeiro und Bahia.
+
+Diese drei Querketten oder vielmehr diese drei *Bergstöcke*, welche
+innerhalb der Grenzen der heißen Zone von West nach Ost streichen, sind
+durch völlig ebene Landstriche getrennt, *die Ebenen von Caracas* oder am
+untern Orinoco, *die Ebenen des Amazonenstroms* und des Rio Negro, *die
+Ebenen von Buenos Ayres* oder des La Plata. Ich brauche nicht den Ausdruck
+*Thäler*, weil der untere Orinoco und der Amazonenstrom keineswegs in
+einem Thale fließen, sondern nur in einer weiten Ebene eine kleine Rinne
+bilden. Die beiden Becken an den beiden Enden Südamerikas sind Savanen
+oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze
+Jahr die tropischen Regen fallen, ist fast durchgängig ein ungeheurer
+Wald, in dem es keinen andern Pfad gibt als die Flüsse. Wegen des
+kräftigen Pflanzenwuchses, der den Boden überzieht, fällt hier die
+Ebenheit desselben weniger auf, und nur die Becken von Caracas und La
+Plata nennt man *Ebenen*. In der Sprache der Colonisten heißen die drei
+eben beschriebenen Becken: die *Llanos* von Barinas und Caracas, die
+*Bosques* oder *Selvas* (Wälder) des Amazonenstromes, und die *Pampas* von
+Buenos Ayres. Der Wald bedeckt nicht nur größtentheils die *Ebenen des
+Amazonenstroms* von der Cordillere von Chiquitos bis zu der der Parime, er
+überzieht auch diese beiden Bergketten, welche selten die Höhe der
+Pyrenäen erreichen. Deßhalb sind die weiten Ebenen des Amazonenstromes,
+des Madeira und Rio Negro nicht so scharf begrenzt wie die *Llanos* von
+Caracas und die *Pampas* von Buenos Ayres. Da die *Waldregion* Ebenen und
+Gebirge zugleich begreift, so erstreckt sie sich vom 18° südlicher bis zum
+7 und 8° nördlicher Breite, und umfaßt gegen 120,000 Quadratmeilen. Dieser
+Wald des südlichen Amerika, denn im Grunde ist es nur Einer, ist sechsmal
+größer als Frankreich; die Europäer kennen ihn nur an den Ufern einiger
+Flüsse, die ihn durchströmen, und er hat Lichtungen, deren Umfang mit dem
+des Forstes im Verhältniß steht. Wir werden bald an sumpfigen Savanen
+zwischen dem obern Orinoco, dem Conorichite und Cassiquiare, unter dem 3.
+und 4. Grad der Breite, vorüberkommen. Unter demselben Parallelkreise
+liegen andere Lichtungen oder _Savanas limpias_(70) zwischen den Quellen
+des Mao und des Rio de Aguas blancas, südlich von der Sierra Pacaraima.
+Diese letzteren Savanen sind von Caraiben und nomadischen Macusis bewohnt;
+sie ziehen sich bis nahe an die Grenzen des holländischen und
+französischen Guyana fort.
+
+Wir haben die geologischen Verhältnisse von Südamerika geschildert; heben
+wir jetzt die Hauptzüge heraus. Den Westküsten entlang läuft eine
+ungeheure Gebirgsmauer, reich an edlen Metallen überall, wo das
+vulkanische Feuer sich nicht durch den ewigen Schnee Bahn gebrochen: dieß
+ist die *Cordillere der Anden*. Gipfel von Trappporphyr steigen hier zu
+mehr als 3300 Toisen Höhe auf, und die mittlere Höhe der Kette beträgt
+1850 Toisen. Sie streicht in der Richtung eines Meridians fort und schickt
+in jeder Halbkugel, unter dem 10. Grad nördlicher und unter dem 16. und
+18. Grad südlicher Breite einen Seitenzweig ab. Der erstere dieser Zweige,
+die Küstencordillere von Caracas, ist minder breit und bildet eine
+eigentliche Kette. Der zweite, die Cordillere von Chiquitos und an den
+Quellen des Guapore, ist sehr reich an Gold und breitet sich ostwärts, in
+Brasilien, zu weiten Plateaus mit gemäßigtem Klima aus. Zwischen diesen
+beiden, mit den Anden zusammenhängenden Querketten liegt vom 3. zum 7.
+Grad nördlicher Breite eine abgesonderte Gruppe granitischer Berge, die
+gleichfalls parallel mit dem Aequator, jedoch nicht über den 71. Grad der
+Länge fortstreicht, dort gegen Westen rasch abbricht und mit den Anden von
+Neu-Grenada nicht zusammenhängt. Diese drei Querketten haben keine
+thätigen Vulkane; wir wissen aber nicht, ob auch die südlichste, gleich
+den beiden andern, keinen Trachyt oder Trappporphyr hat. Keiner ihrer
+Gipfel erreicht die Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Höhe der
+Cordillere der Parime und der Küstencordillere von Caracas beträgt nicht
+ganz 600 Toisen, wobei übrigens manche Gipfel sich doch 1400 Toisen über
+das Meer erheben. Zwischen den drei Querketten liegen Ebenen, die
+sämmtlich gegen West geschlossen, gegen Ost und Südost offen sind. Bedenkt
+man ihre so unbedeutende Höhe über dem Meer, so fühlt man sich versucht,
+sie als *Golfe* zu betrachten, die in der Richtung des Rotationsstroms
+fortstreichen. Wenn in Folge einer ungewöhnlichen Anziehung die Gewässer
+des atlantischen Meers an der Mündung des Orinoco um fünfzig Toisen, an
+der Mündung des Amazonenstroms um zweihundert Toisen stiegen, so würde die
+Fluth mehr als die Hälfte von Südamerika bedecken. Der Ostabhang oder der
+Fuß der Anden, der jetzt sechshundert Meilen von den Küsten Brasiliens
+abliegt, wäre ein von der See bespültes Ufer. Diese Betrachtung gründet
+sich auf eine barometrische Messung in der Provinz Jaen de Bracamoros, wo
+der Amazonenstrom aus den Cordilleren herauskommt. Ich habe gefunden, daß
+dort der ungeheure Strom bei mittlerem Wasserstand nur 194 Toisen über dem
+gegenwärtigen Spiegel des atlantischen Meeres liegt. Und diese in der
+Mitte gelegenen waldbedeckten Ebenen liegen noch fünfmal höher als die
+grasbewachsenen Pampas von Buenos Ayres und die Llanos von Caracas und am
+Meta.
+
+Diese Llanos, welche das Becken des untern Orinoco bilden und die wir
+zweimal im selben Jahr, in den Monaten März und Juli, durchzogen haben,
+hängen zusammen mit dem Becken des Amazonenstroms und des Rio Negro, das
+einerseits durch die Cordillere von Chiquitos, andererseits durch die
+Gebirge der Parime begrenzt ist. Dieser Zusammenhang vermittelt sich durch
+die Lücke zwischen den letzteren und den Anden von Neu-Grenada. Der Boden
+in seinem Anblick erinnert hier, nur daß der Maaßstab ein weit größerer
+ist, an die lombardischen Ebenen, die sich auch nur 50 bis 60 Toisen über
+das Meer erheben und einmal von der Brenta nach Turin von Ost nach West,
+dann von Turin nach Coni von Nord nach Süd streichen. Wenn andere
+geologische Thatsachen uns berechtigten, die drei großen Ebenen am untern
+Orinoco, am Amazonenstrom und am Rio de la Plata als alte Seebecken zu
+betrachten, so ließen sich die Ebenen am Rio Vichada und am Meta als ein
+Kanal ansehen, durch den die Wasser des oberen Sees, des auf den Ebenen
+des Amazonenstroms, in das tiefere Becken, in die Llanos von Caracas,
+durchgebrochen wären und dabei die Cordillere der Parime von der der Anden
+getrennt hätten. Dieser Kanal ist eine Art Land-Meerenge (_détroit
+terrestre_). Der durchaus ebene Boden zwischen dem Guaviare, dem Meta und
+Apure zeigt keine Spur von gewaltsamem Einbruch der Gewässer; aber am Rand
+der Cordillere der Parime, zwischen dem 4. und 7. Grad der Breite, hat
+sich der Orinoco, der von seiner Quelle bis zur Einmündung des Guaviare
+westwärts fließt, auf seinem Lauf von Süd nach Nord durch das Gestein
+einen Weg gebrochen. Alle großen Katarakte liegen, wie wir bald sehen
+werden, auf dieser Strecke. Aber mit der Einmündung des Apure, dort, wo im
+so niedrig gelegenen Lande der Abhang gegen Nord mit dem Gegenhang nach
+Südost zusammentrifft, das heißt mit der Böschung der Ebenen, die
+unmerklich gegen die Gebirge von Caracas *ansteigen*, macht der Fluß
+wieder eine Biegung und strömt sofort ostwärts. Ich glaubte den Leser
+schon hier auf diese sonderbaren Windungen des Orinoco aufmerksam machen
+zu müssen, weil er mit seinem Lauf, als zwei Becken zumal angehörend,
+selbst auf den mangelhaftesten Karten gewissermaßen die Richtung des
+Theils der Ebenen bezeichnet, der zwischen die Anden von Neu-Grenada und
+den westlichen Saum der Gebirge der Parime eingeschoben ist.
+
+Die Llanos oder Steppen am untern Orinoco und am Meta führen, gleich den
+afrikanischen Wüsten, in ihren verschiedenen Strichen verschiedene Namen.
+Von den Boccas del Dragon an folgen von Ost nach West auf einander: die
+Llanos von Cumana, von Barcelona und von Caracas oder Venezuela. Wo die
+Steppen vom 8. Breitegrad an, zwischen dem 70. und 73. Grad der Länge,
+sich nach Süd und Süd-Süd-West wenden, kommen von Nord nach Süd die Llanos
+von Barinas, Casanare, Meta, Guaviare, Caguan und Caqueta. In den Ebenen
+von Barinas kommen einige nicht sehr bedeutende Denkmäler vor, die auf ein
+nicht mehr vorhandenes Volk deuten. Man findet zwischen Mijagual und dem
+Caño de la Hacha wahre Grabhügel, dort zu Lande _Serillos de los Indios_
+genannt. Es sind kegelförmige Erhöhungen, aus Erde von Menschenhand
+aufgeführt, und sie bergen ohne Zweifel menschliche Gebeine, wie die
+Grabhügel in den asiatischen Steppen. Ferner beim Hato de la Calzada,
+zwischen Barinas und Caragua, sieht man eine hübsche Straße, fünf Meilen
+lang, vor der Eroberung, in sehr alter Zeit von den Eingeborenen angelegt.
+Es ist ein Erddamm, fünfzehn Fuß hoch, der über eine häufig überschwemmte
+Ebene führt. Hatten sich etwa civilisirtere Völker von den Gebirgen von
+Truxillo und Merida über die Ebenen am Rio Apure verbreitet? Die heutigen
+Indianer zwischen diesem Fluß und dem Meta sind viel zu versunken, um an
+die Errichtung von Kunststraßen oder Grabhügeln zu denken.
+
+Ich habe den Flächenraum dieser Llanos von der Caqueta bis zum Apure und
+vom Apure zum Delta des Orinoco auf 17,000 Quadratmeilen (20 auf den Grad)
+berechnet. Der von Nord nach Süd sich erstreckende Theil ist beinahe
+doppelt so groß als der von Ost nach West zwischen dem untern Orinoco und
+der Küstencordillere von Caracas streichende. Die *Pampas* nord- und
+nordwestwärts von Buenos Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, Jujuy
+und Tucuman, sind ungefähr eben so groß als die Llanos; aber die Pampas
+setzen sich noch 18 Grad weiter nach Süden fort, und sie erstrecken sich
+über einen so weiten Landstrich, daß am einen Saume Palmen wachsen,
+während der andere, eben so niedrig gelegene und ebene, mit ewigem Eis
+bedeckt ist.
+
+Die amerikanischen Llanos sind da, wo sie parallel mit dem Aequator
+streichen, viermal schmäler als die große afrikanische Wüste. Dieser
+Umstand ist von großer Bedeutung in einem Landstrich, wo die Richtung der
+Winde beständig von Ost nach West geht. Je weiter Ebenen in dieser
+Richtung sich erstrecken, desto heißer ist ihr Klima. Das große
+afrikanische Sandmeer hängt über Yemen mit Gedrosia und Beludschistan bis
+ans rechte Ufer des Indus zusammen; und in Folge der Winde, die über die
+ostwärts gelegenen Wüsten weggegangen sind, ist das Becken des rothen
+Meers, in der Mitte von Ebenen, welche auf allen Punkten Wärme strahlen,
+eine der heißesten Gegenden des Erdballs. Der unglückliche Capitän Tuckey
+berichtet, daß der hunderttheilige Thermometer sich dort fast immer bei
+Nacht auf 34°, bei Tag auf 40 bis 44° hält. Wie wir bald sehen werden,
+haben wir selbst im westlichsten Theil der Steppen von Caracas die
+Temperatur der Luft, im Schatten und vom Boden entfernt, selten über 37°
+gefunden.
+
+An diese physikalischen Betrachtungen über die Steppen der neuen Welt
+knüpfen sich andere, höhere, solche, die sich auf die Geschichte unserer
+Gattung beziehen. Das große afrikanische Sandmeer, die wasserlosen Wüsten
+sind nur von Caravanen besucht, die bis zu 50 Tagen brauchen, sie zu
+durchziehen. Die Sahara trennt die Völker von Negerbildung von den Stämmen
+der Araber und Berbern und ist nur in den Oasen bewohnt. Weiden hat sie
+nur im östlichen Striche, wo als Wirkung der Passatwinde die Sandschicht
+weniger dick ist, so daß die Quellen zu Tage brechen können. Die Steppen
+Amerikas sind nicht so breit, nicht so glühend heiß, sie werden von
+herrlichen Strömen befruchtet und sind so dem Verkehr der Völker weit
+weniger hinderlich. Die *Llanos* trennen die Küstencordillere von Caracas
+und die Anden von Neu-Grenada von der Waldregion, von jener Hyläa(71) des
+Orinoco, die schon bei der Entdeckung Amerikas von Völkern bewohnt war,
+welche auf einer weit tieferen Stufe der Cultur standen, als die Bewohner
+der Küsten und vor allen des Gebirgslands der Cordilleren. Indessen waren
+die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Cultur, als sie
+gegenwärtig für die in den Wäldern lebenden Horden eine Schutzmauer der
+Freiheit sind. Sie haben die Völker am untern Orinoco nicht abgehalten,
+die kleinen Flüsse hinaufzufahren und nach Nord und West Einfälle ins Land
+zu machen. Hätte es die mannigfaltige Verbreitung der Thiergeschlechter
+über die Erde mit sich gebracht, daß das Hirtenleben in der neuen Welt
+bestehen konnte; hätten vor der Ankunft der Spanier auf den Llanos und
+Pampas so zahlreiche Heerden von Rindern und Pferden geweidet wie jetzt,
+so wäre Columbus das Menschengeschlecht hier in ganz anderer Verfassung
+entgegengetreten. Hirten-Völker, die von Milch und Käse leben, wahre
+Nomaden hätten diese weiten, mit einander zusammenhängenden Ebenen
+durchzogen. In der trockenen Jahreszeit und selbst zur Zeit der
+Ueberschwemmungen hätten sie den Besitz der Weiden einander streitig
+gemacht, sie hätten einander unterjocht, und vereint durch das gemeinsame
+Band der Sitten, der Sprache und der Gottesverehrung, sich zu der Stufe
+von Halbcultur erhoben, die uns bei den Völkern mongolischen und
+tartarischen Stammes überraschend entgegentritt. Dann hätte Amerika,
+gleich dem mittleren Asien, seine Eroberer gehabt, welche aus den Ebenen
+zum Plateau der Cordilleren hinauf stiegen, dem umherschweifenden Leben
+entsagten, die cultivirten Völker von Peru und Neu-Grenada unterjochten,
+den Thron der Incas und des Zaque(72) umstürzten und an die Stelle des
+Despotismus, wie er aus der Theokratie fließt, den Despotismus setzten,
+wie ihn das patriarchalische Regiment der Hirtenvölker mit sich bringt.
+Die Menschheit der neuen Welt hat diese großen moralischen und politischen
+Wechsel nicht durchgemacht, und zwar weil die Steppen, obgleich
+fruchtbarer als die asiatischen, ohne Heerden waren, weil keines der
+Thiere, die reichliche Milch geben, den Ebenen Südamerikas eigenthümlich
+ist, und weil in der Entwicklung amerikanischer Cultur das Mittelglied
+zwischen Jägervölkern und ackerbauenden Völkern fehlte.
+
+Die hier mitgetheilten allgemeinen Bemerkungen über die Ebenen des neuen
+Continents und ihre Eigenthümlichkeiten gegenüber den Wüsten Afrikas und
+den fruchtbaren Steppen Asiens schienen mir geeignet, den Bericht einer
+Reise durch so einförmige Landstriche anziehender zu machen. Jetzt aber
+mag mich der Leser auf unserem Wege von den vulkanischen Bergen von
+Parapara und dem nördlichen Saum der Llanos zu den Ufern des Apure in der
+Provinz Barinas begleiten.
+
+Nachdem wir zwei Nächte zu Pferde gewesen und vergeblich unter Gebüsch von
+Murichipalmen Schutz gegen die Sonnengluth gesucht hatten, kamen wir vor
+Nacht zum kleinen Hofe »_el Cayman_« auch la Guadalupe genannt. Es ist
+dieß ein _Hato de ganado_, das heißt ein einsames Haus in der Steppe,
+umher ein paar kleine mit Rohr und Häuten bedeckte Hütten. Das Vieh,
+Rinder, Pferde, Maulthiere, ist nicht eingepfercht; es läuft frei auf
+einem Flächenraum von mehreren Quadratmeilen. Nirgends ist eine Umzäunung.
+Männer, bis zum Gürtel nackt und mit einer Lanze bewaffnet, streifen zu
+Pferd über die Savanen, um die Heerden im Auge zu behalten,
+zurückzutreiben, was sich zu weit von den Weiden des Hofes verläuft, mit
+dem glühenden Eisen zu zeichnen, was noch nicht den Stempel des
+Eigenthümers trägt. Diese Farbigen, _Peones llaneros_ genannt, sind zum
+Theil Freie oder Freigelassene, zum Theil Sklaven. Nirgends ist der Mensch
+so anhaltend dem sengenden Strahl der tropischen Sonne ausgesetzt. Sie
+nähren sich von luftdürrem, schwach gesalzenem Fleisch; selbst ihre Pferde
+fressen es zuweilen. Sie sind beständig im Sattel und meinen nicht den
+unbedeutendsten Gang zu Fuß machen zu können. Wir trafen im Hof einen
+alten Negersklaven, der in der Abwesenheit des Herrn das Regiment führte.
+Heerden von mehreren tausend Kühen sollten in der Steppe weiden; trotzdem
+baten wir vergeblich um einen Topf Milch. Man reichte uns in
+Tutumofrüchten gelbes, schlammigtes, stinkendes Wasser: es war aus einem
+Sumpf in der Nähe geschöpft. Die Bewohner der Llanos sind so träg, daß sie
+gar keine Brunnen graben, obgleich man wohl weiß, daß sich fast
+allenthalben in zehn Fuß Tiefe gute Quellen in einer Schicht von
+Conglomerat oder rothem Sandstein finden. Nachdem man die eine Hälfte des
+Jahres durch die Ueberschwemmungen gelitten, erwägt man in der andern
+geduldig den peinlichsten Wassermangel. Der alte Neger rieth uns, das
+Gefäß mit einem Stück Leinwand zu bedecken und so gleichsam durch ein
+Filtrum zu trinken, damit uns der üble Geruch nicht belästigte und wir vom
+feinen, gelblichten Thon, der im Wasser suspendirt ist, nicht so viel zu
+verschlucken hätten. Wir ahnten nicht, daß wir von nun an Monate lang auf
+dieses Hülfsmittel angewiesen seyn würden. Auch das Wasser des Orinoco hat
+sehr viele erdigte Bestandtheile; es ist sogar stinkend, wo in
+Flußschlingen todte Krokodile auf den Sandbänken liegen oder halb im
+Schlamm stecken.
+
+Kaum war abgepackt und unsere Instrumente aufgestellt, so ließ man unsere
+Maulthiere laufen und, wie es dort heißt, »Wasser in der Savane suchen.«
+Rings um den Hof sind kleine Teiche; die Thiere finden sie, geleitet von
+ihrem Instinkt, von den Mauritia-Gebüschen, die hie und da zu sehen sind,
+und von der feuchten Kühlung, die ihnen in einer Atmosphäre, die uns ganz
+still und regungslos erscheint, von kleinen Luftströmen zugeführt wird.
+Sind die Wasserlachen zu weit entfernt und die Knechte im Hof zu faul, um
+die Thiere zu diesen natürlichen Tränken zu führen, so sperrt man sie
+fünf, sechs Stunden lang in einen recht heißen Stall, bevor man sie laufen
+läßt. Der heftige Durst steigert dann ihren Scharfsinn, indem er gleichsam
+ihre Sinne und ihren Instinkt schärft. So wie man den Stall öffnet, sieht
+man Pferde und Maulthiere, die letzteren besonders, vor deren Spürkraft
+die Intelligenz der Pferde zurückstehen muß, in die Savane hinausjagen.
+Den Schwanz hoch gehoben, den Kopf zurückgeworfen, laufen sie gegen den
+Wind und halten zuweilen an, wie um den Raum auszukundschaften; sie
+richten sich dabei weniger nach den Eindrücken des Gesichts als nach denen
+des Geruchs, und endlich verkündet anhaltendes Wiehern, daß sich in der
+Richtung ihres Laufs Wasser findet. In den Llanos geborene Pferde, die
+sich lange in umherschweifenden Rudeln frei getummelt haben, sind in allen
+diesen Bewegungen rascher und kommen dabei leichter zum Ziele als solche,
+die von der Küste herkommen und von zahmen Pferden abstammen. Bei den
+meisten Thieren, wie beim Menschen, vermindert sich die Schärfe der Sinne
+durch lange Unterwürfigkeit und durch die Gewöhnungen, wie feste Wohnsitze
+und die Fortschritte der Cultur sie mit sich bringen.
+
+Wir gingen unsern Maulthieren nach, um zu einer der Lachen zu gelangen,
+aus denen man das trübe Wasser schöpft, das unsern Durst so übel gelöscht
+hatte. Wir waren mit Staub bedeckt, verbrannt vom Sandwind, der die Haut
+noch mehr angreift als die Sonnenstrahlen. Wir sehnten uns nach einem Bad,
+fanden aber nur ein großes Stück stehenden Wassers, mit Palmen umgeben.
+Das Wasser war trüb, aber zu unserer großen Verwunderung etwas kühler als
+die Luft. Auf unserer langen Reise gewöhnt, zu baden, so oft sich
+Gelegenheit dazu bot, oft mehrmals des Tages, besannen wir uns nicht lange
+und sprangen in den Teich. Kaum war das behagliche Gefühl der Kühlung über
+uns gekommen, als ein Geräusch am entgegengesetzten Ufer uns schnell
+wieder aus dem Wasser trieb. Es war ein Krokodil, das sich in den Schlamm
+grub. Es wäre unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit an diesem sumpfigten Ort
+zu verweilen.
+
+Wir waren nur eine Viertelmeile vom Hof entfernt, wir gingen aber über
+eine Stunde und kamen nicht hin. Wir wurden zu spät gewahr, daß wir eine
+falsche Richtung eingeschlagen. Wir hatten bei Anbruch der Nacht, noch ehe
+die Sterne sichtbar wurden, den Hof verlassen und waren auf Gerathewohl in
+der Ebene fortgegangen. Wir hatten, wie immer, einen Compaß bei uns; auch
+konnten wir uns nach der Stellung des Canopus und des südlichen Kreuzes
+leicht orientiren; aber all dieß half uns zu nichts, weil wir nicht gewiß
+wußten, ob wir vom Hof weg nach Ost oder nach Süd gegangen waren. Wir
+wollten an unsern Badeplatz zurück und gingen wieder drei Viertelstunden,
+ohne den Teich zu finden. Oft meinten wir Feuer am Horizont zu sehen; es
+waren aufgehende Sterne, deren Bild durch die Dünste vergrößert wurde.
+Nachdem wir lange in der Savane umhergeirrt, beschlossen wir, unter einem
+Palmbaume, an einem recht trockenen, mit kurzem Gras bewachsenen Ort uns
+niederzusetzen; denn frisch angekommene Europäer fürchten sich immer mehr
+vor den Wasserschlangen als vor den Jaguars. Wir durften nicht hoffen, daß
+unsere Führer, deren träge Gleichgültigkeit uns wohl bekannt war, uns in
+der Savane suchen würden, bevor sie ihre Lebensmittel zubereitet und
+abgespeist hätten. Je bedenklicher unsere Lage war, desto freudiger
+überraschte uns ferner Hufschlag, der auf uns zukam. Es war ein mit einer
+Lanze bewaffneter Indianer, der vom »_Rodeo_« zurückkam, das heißt von der
+Streife, durch die man das Vieh auf einen bestimmten Raum zusammentreibt.
+Beim Anblick zweier Weißen, die verirrt seyn wollten, dachte er zuerst an
+irgend eine böse List von unserer Seite, und es kostete uns Mühe, ihm
+Vertrauen einzuflößen. Endlich ließ er sich willig finden, uns zum Hof zu
+führen, ritt aber dabei in seinem kurzen Trott weiter. Unsere Führer
+versicherten, »sie hätten bereits angefangen besorgt um uns zu werden,«
+und diese Besorgnis; zu rechtfertigen, zählten sie eine Menge Leute her,
+die, in den Llanos verirrt, im Zustand völliger Erschöpfung gefunden
+worden. Die Gefahr kann begreiflich nur dann sehr groß seyn, wenn man weit
+von jedem Wohnplatz abkommt, oder wenn man, wie es in den letzten Jahren
+vorgekommen ist, von Räubern geplündert und an Leib und Händen an einen
+Palmstamm gebunden wird.
+
+Um von der Hitze am Tage weniger zu leiden, brachen wir schon um 2 Uhr in
+der Nacht auf und hofften vor Mittag *Calabozo* zu erreichen, eine kleine
+Stadt mit lebhaftem Handel, die mitten in den Llanos liegt. Das Bild der
+Landschaft ist immer dasselbe. Der Mond schien nicht, aber die großen
+Haufen von Nebelsternen, die den südlichen Himmel schmücken, beleuchteten
+im Niedergang einen Theil des Land-Horizonts. Das erhabene Schauspiel des
+Sternengewölbes in seiner ganzen unermeßlichen Ausdehnung, der frische
+Luftzug, der bei Nacht über die Ebene streicht, das Wogen des Grases,
+überall wo es eine gewisse Höhe erreicht -- Alles erinnerte uns an die
+hohe See. Vollends stark wurde die Täuschung (man kann es nicht oft genug
+sagen), als die Sonnenscheibe am Horizont erschien, ihr Bild durch die
+Strahlenbrechung sich verdoppelte, ihre Abplattung nach kurzer Frist
+verschwand, und sie nun rasch gerade zum Zenith aufstieg.
+
+Sonnenaufgang ist auch in den Ebenen der kühlste Zeitpunkt am Tage; aber
+dieser Temperaturwechsel macht keinen bedeutenden Eindruck auf die Organe.
+Wir sahen den Thermometer meist nicht unter 27°,5 [22° Reaumur] fallen,
+während bei Acapulco in Mexico auf gleichfalls sehr tiefem Boden die
+Temperatur um Mittag oft 32°, bei Sonnenaufgang 17--18° beträgt. In den
+Llanos absorbirt die ebene, bei Tag niemals beschattete Fläche so viel
+Wärme, daß Erde und Luft, trotz der nächtlichen Strahlung gegen einen
+wolkenlosen Himmel, von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang sich nicht
+merkbar abkühlen können. In Calabozo war im März die Temperatur bei Tag
+31--32°,5, bei Nacht 28--29°. Die mittlere Temperatur dieses Monats, der
+nicht der heißeste im Jahr ist, mag etwa 30°,6 seyn, eine ungeheure Hitze
+für ein Land unter den Tropen, wo Tage und Nächte fast immer gleich lang
+sind. In Cairo ist die mittlere Temperatur des heißesten Monats nur 29°,9,
+in Madras 31°,8, und zu Abushär im persischen Meerbusen, von wo Reihen von
+Beobachtungen vorliegen, 34°; aber die mittleren Temperaturen des ganzen
+Jahres sind in Madras und Abushär niedriger als in Calabozo. Obgleich ein
+Theil der Llanos, gleich den fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen
+Flüssen durchströmt wird, und ganz dürre Striche von Land umgeben sind,
+das in der Regenzeit unter Wasser steht, so ist die Luft dennoch im
+Allgemeinen äußerst trocken. Delucs Hygrometer zeigte bei Tag 34°, bei
+Nacht 36°.
+
+Wie die Sonne zum Zenith aufstieg und die Erde und die über einander
+gelagerten Luftschichten verschiedene Temperaturen annahmen, zeigte sich
+das Phänomen der *Luftspiegelung* mit seinen mannichfaltigen Abänderungen.
+Es ist dieß in allen Zonen eine ganz gewöhnliche Erscheinung, und ich
+erwähne hier derselben nur, weil wir Halt machten, um die Breite des
+Luftraumes zwischen dem Horizont und dem aufgezogenen Bilde mit einiger
+Genauigkeit zu messen. Das Bild war immer hinaufgezogen, *aber nicht
+verkehrt*. Die kleinen, über die Bodenfläche wegstreichenden Luftströme
+hatten eine so veränderliche Temperatur, daß in einer Heerde wilder Ochsen
+manche mit den Beinen in der Luft zu schweben schienen, während andere auf
+dem Boden standen. Der Luftstrich war, je nach der Entfernung des Thiers,
+3--4 Minuten breit. Wo Gebüsche der Mauritiapalme in langen Streifen
+hinliefen, schwebten die Enden dieser grünen Streifen in der Luft, wie die
+Vorgebirge, die zu Cumana lange Gegenstand meiner Beobachtungen
+gewesen.(73) Ein unterrichteter Mann versicherte uns, er habe zwischen
+Calabozo und Urituru das verkehrte Bild eines Thieres gesehen, ohne
+direktes Bild. Niebuhr hat in Arabien etwas Aehnliches beobachtet. Oefters
+meinten wir am Horizont Grabhügel und Thürme zu erblicken, die von Zeit zu
+Zeit verschwanden, ohne daß wir die wahre Gestalt der Gegenstände
+auszumitteln vermochten. Es waren wohl Erdhaufen, kleine Erhöhungen,
+jenseits des gewöhnlichen Gesichtskreises gelegen. Ich spreche nicht von
+den pflanzenlosen Flächen, die sich als weite Seen mit wogender Oberfläche
+darstellten. Wegen dieser Erscheinung, die am frühesten beobachtet worden
+ist, heißt die Luftspiegelung im Sanscrit ausdrucksvoll die *Sehnsucht
+(der Durst) der Antilope*. Die häufigen Anspielungen der indischen,
+persischen und arabischen Dichter auf diese magischen Wirkungen der
+irdischen Strahlenbrechung sprechen uns ungemein an. Die Griechen und
+Römer waren fast gar nicht bekannt damit. Stolz begnügt mit dem Reichthum
+ihres Bodens und der Milde ihres Klimas hatten sie wenig Sinn für eine
+solche Poesie der Wüste. Die Geburtsstätte derselben ist Asien; den
+Dichtern des Orients wurde sie durch die natürliche Beschaffenheit ihrer
+Länder an die Hand gegeben; der Anblick der weiten Einöden, die sich
+gleich Meeresarmen und Buchten zwischen Länder eindrängen, welche die
+Natur mit überschwenglicher Fruchtbarkeit geschmückt, wurde für sie zu
+einer Quelle der Begeisterung.
+
+Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das Vieh, das sich bei Nacht
+längs der Teiche oder unter Murichi- und Rhopalabüschen gelagert hatte,
+sammelte sich zu Heerden, und die Einöde bevölkerte sich mit Pferden,
+Maulthieren und Rindern, die hier nicht gerade als wilde, wohl aber als
+freie Thiere leben, ohne festen Wohnplatz, der Pflege und des Schutzes des
+Menschen leicht entbehrend. In diesen heißen Landstrichen sind die Stiere,
+obgleich von spanischer Race wie die auf den kalten Plateaus von Quito,
+von sanfterem Temperament. Der Reisende läuft nie Gefahr, angefallen und
+verfolgt zu werden, was uns bei unsern Wanderungen auf dem Rücken der
+Cordilleren oft begegnet ist. Dort ist das Klima rauh, zu heftigen Stürmen
+geneigt, die Landschaft hat einen wilderen Charakter und das Futter ist
+nicht so reichlich. In der Nähe von Calabozo sahen wir Heerden von Rehen
+friedlich unter Pferden und Rindern weiden. Sie heißen *Matacani*; ihr
+Fleisch ist sehr gut. Sie sind etwas größer als unsere Rehe und gleichen
+Damhirschen mit sehr glattem, fahlbraunem, weiß getupftem Fell. Ihre
+Geweihe schienen mir einfache Spieße. Sie waren fast gar nicht scheu, und
+in Rudeln von 30--40 Stück bemerkten wir mehrere ganz weiße. Diese
+Spielart kommt bei den großen Hirschen in den kalten Landstrichen der
+Anden häufig vor; in diesen tiefen, heißen Ebenen mußten wir sie
+auffallend finden. Ich habe seitdem gehört, daß selbst beim Jaguar in den
+heißen Landstrichen von Paraguay zuweilen *Albinos* vorkommen, mit so
+gleichförmig weißem Fell, daß man die Flecken oder Ringe nur im Reflex der
+Sonne bemerkt. Die Matacanis oder kleinen Damhirsche sind so häufig in den
+Llanos, daß ihre Häute einen Handelsartikel abgeben könnten. Ein gewandter
+Jäger könnte über zwanzig im Tage schießen. Aber die Einwohner sind so
+träge, daß man sich oft gar nicht die Mühe nimmt, dem Thier die Haut
+abzuziehen. Ebenso ist es mit der Jagd auf den Jaguar oder großem
+amerikanischen Tiger. Ein Jaguarfell, für das man in den Steppen von
+Barinas nur einen Piaster bezahlt, kostet in Cadix vier bis fünf Piaster.
+
+Die Steppen, die wir durchzogen, sind hauptsächlich mit Gräsern bewachsen,
+mit Killingia, Cenchrus, Paspalum. Diese Gräser waren in dieser Jahreszeit
+bei Calabozo und St. Geronimo del Pirital kaum 9 bis 10 Zoll hoch. An den
+Flüssen Apure und Portuguesa wachsen sie bis 4 Fuß hoch, so daß der Jaguar
+sich darin verstecken und die Pferde und Maulthiere in der Ebene
+überfallen kann. Unter die Gräser mischen sich einige Dicotyledonen, wie
+Turnera, Malvenarten, und was sehr auffallend ist, kleine Mimosen mit
+reizbaren Blättern, von den Spaniern _Dormideras_ genannt. Derselbe
+Rinderstamm, der in Spanien mit Klee und Esper gemästet wird, findet hier
+ein treffliches Futter an den krautartigen Sensitiven. Die Weiden, wo
+diese Sensitiven besonders häufig vorkommen, werden theurer als andere
+verkauft. Im Osten, in den Llanos von Cari und Barcelona, sieht man Cypura
+und Craniolaria mit der schönen weißen, 6--8 Zoll langen Blüthe sich
+einzeln über die Gräser erheben. Am fettesten sind die Weiden nicht nur an
+den Flüssen, welche häufig austreten, sondern überall, wo die Palmen
+dichter stehen. Ganz baumlose Flecke sind die unfruchtbarsten, und es wäre
+wohl vergebliche Mühe, sie anbauen zu wollen. Dieser Unterschied kann
+nicht daher rühren, daß die Palmen Schatten geben und den Boden von der
+Sonne weniger ausdörren lassen. In den Wäldern am Orinoco habe ich
+allerdings Bäume aus dieser Familie mit dicht belaubten Kronen gesehen;
+aber am Palmbaum der Llanos, der Palmade de Cobija [Dachpalme, _Corypha
+tectorum_], ist der Schatten eben nicht sehr zu rühmen. Diese Palme hat
+sehr kleine, gefaltete, handförmige Blätter, gleich denen des Chamärops,
+und die untern sind immer vertrocknet. Es befremdete uns, daß fast alle
+diese Coryphastämme gleich groß waren, 20 bis 24 Fuß hoch, bei 8 bis 10
+Zoll Durchmesser unten am Stamm. Nur wenige Palmenarten bringt die Natur
+in so ungeheuren Mengen hervor. Unter Tausenden mit olivenförmigen
+Früchten beladenen Stämmen fanden wir etwa ein Hundert ohne Früchte.
+Sollten unter den Stämmen mit hermaphroditischer Blüthe einige mit
+einhäusigen Blüthen vorkommen? Die Llaneros, die Bewohner der Ebenen,
+schreiben allen diesen Bäumen von unbedeutender Höhe ein Alter von
+mehreren Jahrhunderten zu. Ihr Wachsthum ist fast unmerklich, nach
+zwanzig, dreißig Jahren fällt es kaum auf. Die Palma de Cobija liefert
+übrigens ein treffliches Bauholz. Es ist so hart, daß man nur mit Mühe
+einen Nagel einschlägt. Die fächerförmig gefalteten Blätter dienen zum
+Decken der zerstreuten Hütten in den Llanos, und diese Dächer halten über
+20 Jahre aus. Man befestigt die Blätter dadurch, daß man die Enden der
+Blattstiele umbiegt, nachdem man dieselben zwischen zwei Steinen
+geschlagen, damit sie sich biegen, ohne zu brechen.
+
+Außer den einzelnen Stämmen dieser Palme findet man hie und da in der
+Steppe Gruppen von Palmen, wahre Gebüsche (_Palmares_), wo sich zur
+Corypha ein Baum aus der Familie der Proteaceen gesellt, den die
+Eingebornen _Chaparro_ nennen, eine neue Art _Rhopala_ mit harten,
+rasselnden Blättern. Die kleineren Rhopalagebüsche heißen _Chaparrales_
+und man kann sich leicht denken, daß in einer weiten Ebene, wo nur zwei
+oder drei Baumarten wachsen, der Chaparro, der Schatten gibt, für ein sehr
+werthvolles Gewächs gilt. Der Corypha ist in den Llanos von Caracas von
+der Mesa de Paja bis an den Guayaval verbreitet; weiter nach Nord und
+Nordwest, am Guanare und San Carlos, tritt eine andere Art derselben
+Gattung mit gleichfalls handförmigen, aber größeren Blättern an seine
+Stelle. Sie heißt _Palma real de los Llanos_. Südlich vom Guayaval
+herrschen andere Palmen, namentlich der *Piritu* mit gefiederten Blättern
+und der *Murichi* (Moriche), den Pater GUMILLA als _arbol de la vida_ so
+hoch preist. Es ist dieß der Sagobaum Amerikas; er liefert »victum et
+amictum«(74) Mehl, Wein, Faden zum Verfertigen der Hängematten, Körbe,
+Netze und Kleider. Seine tannenzapfenförmigen, mit Schuppen bedeckten
+Früchte gleichen ganz denen des _Calamus Rotang_; sie schmecken etwas wie
+Apfel; reif sind sie innen gelb, außen roth. Die Brüllaffen sind sehr
+lüstern darnach, und die Völkerschaft der Guaranos, deren Existenz fast
+ganz an die Murichipalme geknüpft ist, bereitet daraus ein gegohrenes,
+säuerliches, sehr erfrischendes Getränk. Diese Palme mit großen,
+glänzenden, fächerförmig gefalteten Blättern bleibt auch in der dürrsten
+Jahreszeit lebhaft grün. Schon ihr Anblick gibt das Gefühl angenehmer
+Kühlung, und die mit ihren schuppigen Früchten behangene Murichipalme
+bildet einen auffallenden Contrast mit der trübseligen Palma de Cobija,
+deren Laub immer grau und mit Staub bedeckt ist. Die Llaneros glauben,
+ersterer Baum ziehe die Feuchtigkeit der Luft an sich, und deßhalb finde
+man in einer gewissen Tiefe immer Wasser um seinen Stamm, wenn man den
+Boden ausgräbt. Man verwechselt hier Wirkung und Ursache. Der Murichi
+wächst vorzugsweise an feuchten Stellen, und richtiger sagte man, das
+Wasser ziehe den Baum an. Es ist eine ähnliche Schlußfolge, wenn die
+Eingeborenen am Orinoco behaupten, die großen Schlangen helfen einen
+Landstrich feucht erhalten. Ein alter Indianer in Javita sagte uns mit
+großer Wichtigkeit: »Vergeblich sucht man Wasserschlangen, wo es keine
+Sümpfe gibt; denn es sammelt sich kein Wasser, wenn man die Schlangen, die
+es anziehen, unvorsichtigerweise umbringt.«
+
+Auf dem Wege über die Mesa bei Calabozo litten wir sehr von der Hitze. Die
+Temperatur der Luft stieg merkbar, so oft der Wind zu wehen anfing. Die
+Luft war voll Staub, und während der Windstöße stieg der Thermometer auf
+40 bis 41°. Wir kamen nur langsam vorwärts, denn es wäre gefährlich
+gewesen, die Maulthiere, die unsere Instrumente trugen, dahinten zu
+lassen. Unsere Führer gaben uns den Rath, Rhopalablätter in unsere Hüte zu
+stecken, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Haare und Scheitel zu
+mildern. Wir fühlten uns durch dieses Mittel erleichtert, und wir fanden
+es besonders dann ausgezeichnet, wenn man Blätter von Pothos oder einer
+andern Arumart haben kann.
+
+Bei der Wanderung durch diese glühenden Ebenen drängt sich einem von
+selbst die Frage auf, ob sie von jeher in diesem Zustand dagelegen, oder
+ob sie durch eine Naturumwälzung ihres Pflanzenwuchses beraubt worden? Die
+gegenwärtige Humusschicht ist allerdings sehr dünn. Die Eingeborenen sind
+der Meinung, die _Palmares_ und _Chaparrales_ (die kleinen Gebüsche von
+Palmen und Rhopala) seyen vor der Ankunft der Spanier häufiger und größer
+gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit verwilderten Hausthieren
+bevölkert sind, zündet man häufig die Savane an, um die Weide zu
+verbessern. Mit den Gräsern werden dabei zufällig auch die zerstreuten
+Baumgruppen zerstört. Die Ebenen waren ohne Zweifel im fünfzehnten
+Jahrhundert nicht so kahl wie gegenwärtig; indessen schon die ersten
+Eroberer, die von Coro herkamen, beschreiben sie als Savanen, in denen man
+nichts sieht als Himmel und Rasen, im Allgemeinen baumlos und beschwerlich
+zu durchziehen, wegen der Wärmestrahlung des Bodens. Warum erstreckt sich
+der mächtige Wald am Orinoco nicht weiter nordwärts auf dem linken Ufer
+des Flusses? Warum überzieht er nicht den weiten Landstrich bis zur
+Küstencordillere, da dieser doch von zahlreichen Gewässern befruchtet
+wird? Diese Frage hängt genau zusammen mit der ganzen Geschichte unseres
+Planeten. Ueberläßt man sich geologischen Träumen, denkt man sich, die
+amerikanischen Steppen und die Wüste Sahara seyen durch einen Einbruch des
+Meeres ihres ganzen Pflanzenwuchses beraubt worden, oder aber, sie seyen
+ursprünglich der Boden von Binnenseen gewesen, so leuchtet ein, daß sogar
+in Jahrtausenden Bäume und Gebüsche vom Saume der Wälder, vom Uferrand der
+kahlen oder mit Rasen bedeckten Ebenen nicht bis zur Mitte derselben
+vordringen und einen so ungeheuern Landstrich mit ihrem Schattendach
+überwölben konnten. Der Ursprung kahler, von Wäldern umschlossener Savanen
+ist noch schwerer zu erklären, als die Thatsache, daß Wälder und Savanen,
+gerade wie Festländer und Meere, in ihren alten Grenzen verharren.
+
+In *Calabozo* wurden wir im Hause des Verwalters der _Real Hacienda_, Don
+Miguel Cousin, aufs gastfreundlichste aufgenommen. Die Stadt, zwischen den
+Flüssen Guarico und Uritucu gelegen, hatte damals nur 5000 Einwohner, aber
+ihr Wohlstand war sichtbar im Steigen. Der Reichthum der meisten Einwohner
+besteht in Heerden, die von Pächtern besorgt werden, von sogenannten
+_Hateros_, von _Hato_, was im Spanischen ein Haus oder einen Hof im
+Weideland bedeutet. Die über die Llanos zerstreute Bevölkerung drängt sich
+an gewissen Punkten, namentlich in der Nähe der Städte enger zusammen, und
+so hat Calabozo in seiner Umgebung bereits fünf Dörfer oder Missionen. Man
+berechnet das Vieh, das auf den Weiden in der Nähe der Stadt läuft, auf
+98,000 Stücke. Die Heerden auf den Llanos von Caracas, Barcelona, Cumana
+und des spanischen Guyana sind sehr schwer genau zu schätzen. DEPONS, der
+sich länger als ich in Caracas aufgehalten hat, und dessen statistische
+Angaben im Ganzen genau sind, rechnet auf den weiten Ebenen von den
+Mündungen des Orinoco bis zum See Maracaybo 1,200,000 Rinder, 180,000
+Pferde und 90,000 Maulthiere. Den Ertrag der Heerden schätzt er auf 5
+Millionen Franken, wobei neben der Ausfuhr auch der Werth der im Lande
+consumirten Häute in Anschlag gebracht ist. In den Pampas von Buenos Ayres
+sollen 12 Millionen Rinder und 3 Millionen Pferde laufen, ungerechnet das
+Vieh, das für herrenlos gilt.
+
+Ich lasse mich nicht auf solche allgemeine Schätzungen ein, die der Natur
+der Sache nach sehr unzuverlässig sind; ich bemerke nur, daß die Besitzer
+der großen Hatos in den Llanos von Caracas selbst gar nicht wissen, wie
+viel Stücke Vieh sie besitzen. Sie wissen nur, wie viele junge Thiere
+jährlich mit dem Buchstaben oder der Figur, wodurch die Heerden sich
+unterscheiden, gezeichnet werden. Die reichsten Viehbesitzer zeichnen
+gegen 14,000 Stücke im Jahr und verkaufen 5 bis 6000. Nach den officiellen
+Angaben belief sich die Ausfuhr an Häuten aus der ganzen _Capitania
+general_ jährlich nur nach den Antillen auf 174,000 Rindshäute und 11,500
+Ziegenhäute. Bedenkt man nun, daß diese Angaben sich nur auf die
+Zollregister gründen, in denen vom Schleichhandel mit Häuten keine Rede
+ist, so möchte man glauben, daß das Hornvieh auf den Llanos vom Carony und
+dem Guarapiche bis zum See Maracaybo zu 1,200,000 Stück viel zu niedrig
+angeschlagen ist. Der einzige Hafen von Guayra hat nach den Zollregistern
+von 1789--1792 jährlich 70--80,000 Häute ausgeführt, wovon kaum ein
+Fünftheil nach Spanien. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts belief sich
+nach Don FELIX D’AZZARA die Ausfuhr von Buenos Ayres auf 800,000 Häute.
+Man zieht in der Halbinsel die Häute von Caracas denen von Buenos Ayres
+vor, weil letztere in Folge des weiteren Transports beim Gerben 12 Procent
+Abgang haben. Der südliche Strich der Savanen, gemeiniglich _Llanos de
+arriba_ genannt, ist ausnehmend reich an Maulthieren und Rindvieh; da aber
+die Weiden dort im Ganzen minder gut sind, muß man die Thiere auf andere
+Ebenen treiben, um sie vor dem Verkauf fett zu machen. Die Llanos von
+Monaï und alle _Llanos de abaxo_ haben weniger Heerden, aber die Weiden
+sind dort so fett, daß sie vortreffliches Fleisch für den Bedarf der Küste
+liefern. Die Maulthiere, die erst im fünften Jahre zum Dienste taugen, und
+dann _Mulas de saca_ heißen, werden schon an Ort und Stelle für 14--18
+Piaster verkauft. Im Ausfuhrhafen gelten sie 25 Piaster, und auf den
+Antillen steigt ihr Preis oft auf 60--80 Piaster. Die Pferde der Llanos
+stammen von der schönen spanischen Race und sind nicht groß. Sie sind
+meist einfarbig, dunkelbraun, wie die meisten wilden Thiere. Bald dem
+Wassermangel, bald Ueberschwemmungen, dem Stich der Insekten, dem Biß
+großer Fledermäuse ausgesetzt, führen sie ein geplagtes, ruheloses Leben.
+Wenn sie einige Monate unter menschlicher Pflege gewesen sind, entwickeln
+sich ihre guten Eigenschaften und kommen zu Tag. Ein wildes Pferd gilt in
+den Pampas von Buenos Ayres ½--1 Piaster, in den Llanos von Caracas 2--3
+Piaster; aber der Preis des Pferdes steigt, sobald es gezähmt und zum
+Ackerbau tüchtig ist. Schafe gibt es keine; Schafheerden haben wir nur auf
+dem Plateau der Provinz Quito gesehen.
+
+Die Rindvieh-Hatos haben in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt durch
+Banden von Landstreichern, die durch die Steppen streifen und das Vieh
+tödten, nur um die Haut zu verkaufen. Diese Räuberei hat um sich
+gegriffen, seit der Handel mit dem untern Orinoco blühender geworden ist.
+Ein halbes Jahrhundert lang waren die Ufer dieses großen Stromes von der
+Einmündung des Apure bis Angostura nur den Missionären bekannt. Vieh wurde
+nur aus den Häfen der Nordküste, aus Cumana, Barcelona, Burburata und
+Porto Cabello ausgeführt. In neuester Zeit ist diese Abhängigkeit von der
+Küste weit geringer geworden. Der südliche Strich der Ebenen ist in
+starken Verkehr mit dem untern Orinoco getreten, und dieser Handel ist
+desto lebhafter, da sich die Verbote dabei leicht umgehen lassen.
+
+Die größten Heerden in den Llanos besitzen die Hatos Merecure, La Cruz,
+Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische Vieh ist von Coro und Tocuyo
+in die Ebenen gekommen. Die Geschichte bewahrt den Namen des Colonisten,
+der zuerst den glücklichen Gedanken hatte, diese Grasfluren zu bevölkern,
+auf denen damals nur Damhirsche und eine große Aguti-Art, _Cavia Capybara_
+im Lande *Chiguire* genannt, weideten. Christoval Rodriguez schickte ums
+Jahr 1548 das erste Hornvieh in die Llanos. Er wohnte in der Stadt Tocuyo
+und hatte lange in Neu-Grenada gelebt.
+
+Wenn man von der »unzählbaren Menge« von Hornvieh, Pferden und Maulthieren
+auf den amerikanischen Ebenen sprechen hört, so vergißt man gewöhnlich,
+daß es im civilisirten Europa bei ackerbauenden Völkern auf viel kleinerer
+Bodenfläche gleich ungeheure Mengen gibt. Frankreich hat nach PEUCHET 6
+Millionen Stück Hornvieh, wovon 3,500,000 Ochsen zum Ackerbau verwendet
+werden. In der österreichischen Monarchie schätzt Lichtenstern 13,400,000
+Ochsen, Kühe und Kälber. Paris allein verzehrt jährlich 155,000 Stück
+Rindvieh; nach Deutschland werden alle Jahre aus Ungarn 150,000 Ochsen
+eingeführt. Die Hausthiere in nicht starken Heerden gelten bei
+ackerbauenden Völkern als ein untergeordneter Gegenstand des
+Nationalreichthums. Sie wirken auch weit weniger auf die Einbildungskraft
+als die umherschweifenden Rudel von Rindern und Pferden, die einzige
+Bevölkerung der unangebauten Steppen der neuen Welt. Cultur und
+bürgerliche Ordnung wirken in gleichem Maaße auf die Vermehrung der
+menschlichen Bevölkerung und auf die Vervielfältigung der dem Menschen
+nützlichen Thiere.
+
+Wir fanden in Calabozo, mitten in den Llanos, eine Elektrisirmaschine mit
+großen Scheiben, Elektrophoren, Batterien, Elektrometern, kurz einen
+Apparat, fast so vollständig, als unsere Physiker in Europa sie besitzen.
+Und all dieß war nicht in den Vereinigten Staaten gekauft, es war das Werk
+eines Mannes, der nie ein Instrument gesehen, der Niemanden zu Rathe
+ziehen konnte, der die elektrischen Erscheinungen nur aus der Schrift des
+SIGAUD DE LA FOND und aus FRANKLINs Denkwürdigkeiten kannte. Carlos del
+Pozo -- so heißt der achtungswürdige, sinnreiche Mann -- hatte zuerst aus
+großen Glasgefäßen, an denen er die Hälse abschnitt, Cylindermaschinen
+gebaut. Erst seit einigen Jahren hatte er sich aus Philadelphia zwei
+Glasplatten verschafft, um eine Scheibenmaschine bauen und somit
+bedeutendere elektrische Wirkungen hervorbringen zu können. Man kann sich
+vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten Pozo zu kämpfen hatte, seit die
+ersten Schriften über Elektricität ihm in die Hände gefallen waren, und er
+den kühnen Entschluß faßte, Alles, was er in den Büchern beschrieben fand,
+mit Kopf und Hand nachzumachen und herzustellen. Bisher hatte er sich bei
+seinen Experimenten nur am Erstaunen und der Bewunderung von ganz rohen
+Menschen ergötzt, die nie über die Wüste der Llanos hinausgekommen waren.
+Unser Aufenthalt in Calabozo verschaffte ihm einen ganz neuen Genuß. Er
+mußte natürlich Werth auf das Urtheil zweier Reisenden legen, die seine
+Apparate mit den europäischen vergleichen konnten. Ich hatte verschiedene
+Elektrometer bei mir, mit Stroh, mit Korkkügelchen, mit Goldplättchen,
+auch eine kleine Leidner Flasche, die nach der Methode von INGENHOUSS
+durch Reibung geladen wurde und mir zu physiologischen Versuchen diente.
+Pozo war außer sich vor Freude, als er zum erstenmal Instrumente sah, die
+er nicht selbst verfertigt, und die den seinigen nachgemacht schienen. Wir
+zeigten ihm auch die Wirkungen des Contakts heterogener Metalle auf die
+Nerven des Frosches. Die Namen Galvani und Volta waren in diesen weiten
+Einöden noch nicht gehört worden.
+
+Was nach den elektrischen Apparaten von der gewandten Hand eines
+sinnreichen Einwohners der Llanos uns in Calabozo am meisten beschäftigte,
+das waren die Zitteraale, die lebendige elektrische Apparate sind. Mit der
+Begeisterung, die zum Forschen treibt, aber der richtigen Auffassung des
+Erforschten hinderlich wird, hatte ich mich seit Jahren täglich mit den
+Erscheinungen der galvanischen Elektricität beschäftigt; ich hatte, indem
+ich Metallscheiben aufeinander legte und Stücke Muskelfleisch oder andere
+feuchte Substanzen dazwischen brachte, mir unbewußt, ächte *Säulen*
+aufgebaut, und so war es natürlich, daß ich mich seit unserer Ankunft in
+Cumana eifrig nach elektrischen Aalen umsah. Man hatte uns mehrmals welche
+versprochen, wir hatten uns aber immer getäuscht gesehen. Je weiter von
+der Küste weg, desto werthloser wird das Geld, und wie soll man über das
+unerschütterliche Phlegma des Volkes Herr werden, wo der Stachel der
+Gewinnsucht fehlt?
+
+Die Spanier begreifen unter dem Namen _tembladores_ (Zitterer) alle
+elektrischen Fische. Es gibt welche im antillischen Meer an den Küsten von
+Cumana. Die Guayqueries, die gewandtesten und fleißigsten Fischer in jener
+Gegend, brachten uns einen Fisch, der, wie sie sagten, ihnen die Hände
+starr machte. Dieser Fisch geht im kleinen Flusse Manzanares aufwärts. Es
+war eine neue Art _Raja_ mit kaum sichtbaren Seitenflecken, dem
+Zitterrochen Galvanis ziemlich ähnlich. Die Zitterrochen haben ein
+elektrisches Organ, das wegen der Durchsichtigkeit der Haut schon außen
+sichtbar ist, und bilden eine eigene Gattung oder doch eine Untergattung
+der eigentlichen Rochen. Der cumanische Zitterrochen war sehr munter,
+seine Muskelbewegungen sehr kräftig, dennoch waren die elektrischen
+Schläge, die wir von ihm erhielten, äußerst schwach. Sie wurden stärker,
+wenn wir das Thier mittelst der Berührung von Zink und Gold galvanisirten.
+Andere Tembladores, ächte Gymnoten oder Zitteraale, kommen im Rio
+Colorado, im Guarapiche und verschiedenen kleinen Bächen in den Missionen
+der Chaymas-Indianer vor. Auch in den großen amerikanischen Flüssen, im
+Orinoco, im Amazonenstrom, im Meta sind sie häufig, aber wegen der starken
+Strömung und des tiefen Wassers schwer zu fangen. Die Indianer fühlen weit
+häufiger ihre elektrischen Schläge beim Schwimmen, und Baden im Fluß, als
+daß sie dieselben zu sehen bekommen. In den Llanos, besonders in der Nähe
+von Calabozo, zwischen den Höfen Morichal und den Missionen _de arriba_
+und _de abaxo_ sind die Gymnoten in den Stücken stehenden Wassers und in
+den Zuflüssen des Orinoco (im Rio Guarico, in den Caños Rastro, Berito und
+Paloma) sehr häufig. Wir wollten zuerst in unserem Hause zu Calabozo
+unsere Versuche anstellen; aber die Furcht vor den Schlägen des Gymnotus
+ist im Volk so übertrieben, daß wir in den ersten drei Tagen keinen
+bekommen konnten, obgleich sie sehr leicht zu fangen sind und wir den
+Indianern zwei Piaster für jeden recht großen und starken Fisch
+versprochen hatten. Diese Scheu der Indianer ist um so sonderbarer, als
+sie von einem nach ihrer Behauptung ganz zuverlässigen Mittel gar keinen
+Gebrauch machen. Sie versichern die Weißen, so oft man sie über die
+Schläge der Tembladores befragt, man könne sie ungestraft berühren, wenn
+man dabei Tabak kaue. Dieses Mährchen vom Einfluß des Tabaks auf die
+thierische Elektricität ist auf dem Continent von Südamerika so weit
+verbreitet, als unter den Matrosen der Glaube, daß Knoblauch und Unschlitt
+auf die Magnetnadel wirken.
+
+Des langen Wartens müde, und nachdem ein lebender, aber sehr erschöpfter
+Gymnotus, den wir bekommen, uns sehr zweifelhafte Resultate geliefert,
+gingen wir nach dem Caño de Bera, um unsere Versuche im Freien,
+unmittelbar am Wasser anzustellen. Wir brachen am 19. März in der Frühe
+nach dem kleinen Dorf Rastro _de abaxo_ auf, und von dort führten uns
+Indianer zu einem Bach, der in der dürren Jahreszeit ein schlammigtes
+Wasserbecken bildet, um das schöne Bäume stehen, Clusia, Amyris, Mimosen
+mit wohlriechenden Blüthen. Mit Netzen sind die Gymnoten sehr schwer zu
+fangen, weil der ausnehmend bewegliche Fisch sich gleich den Schlangen in
+den Schlamm eingräbt. Die Wurzeln der _Piscidia Erythrina_ der _Jacquinia
+armillaris_ und einiger Arten von _Phyllanthus_ haben die Eigenschaft, daß
+sie, in einen Teich geworfen, die Thiere darin berauschen oder betäuben:
+dieses Mittel, den sogenannten *Barbasco*, wollten wir nicht anwenden, da
+die Gymnoten dadurch geschwächt worden wären. Da sagten die Indianer, sie
+wollen *mit Pferden fischen*, _embarbascar con cavallos_ [Wörtlich: mit
+Pferden die Fische einschläfern oder betäuben]. Wir hatten keinen Begriff
+von einer so seltsamen Fischerei; aber nicht lange, so kamen unsere Führer
+aus der Savane zurück, wo sie ungezähmte Pferde und Maulthiere
+zusammengetrieben. Sie brachten ihrer etwa dreißig und jagten sie ins
+Wasser.
+
+Der ungewohnte Lärm vom Stampfen der Rosse treibt die Fische aus dem
+Schlamm hervor und reizt sie zum Angriff. Die schwärzlicht und gelb
+gefärbten, großen Wasserschlangen gleichenden Aale schwimmen auf der
+Wasserfläche hin und drängen sich unter den Bauch der Pferde und
+Maulthiere. Der Kampf zwischen so ganz verschieden organisirten Thieren
+gibt das malerischste Bild. Die Indianer mit Harpunen und langen, dünnen
+Rohrstäben stellen sich in dichter Reihe um den Teich; einige besteigen
+die Bäume, deren Zweige sich wagerecht über die Wasserfläche breiten.
+Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchen sie die
+Pferde zurück, wenn sie sich aufs Ufer flüchten wollen. Die Aale, betäubt
+vom Lärm, vertheidigen sich durch wiederholte Schläge ihrer elektrischen
+Batterien. Lange scheint es, als solle ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere
+Pferde erliegen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten
+Organe allerwärts getroffen werden; betäubt von den starken,
+unaufhörlichen Schlägen, sinken sie unter. Andere, schnaubend, mit
+gesträubter Mähne, wilde Angst im starren Auge, raffen sich wieder auf und
+suchen dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen; sie werden von den
+Indiern ins Wasser zurückgetrieben. Einige aber entgehen der regen
+Wachsamkeit der Fischer; sie gewinnen das Ufer, straucheln aber bei jedem
+Schritt und werfen sich in den Sand, zum Tod erschöpft, mit von den
+elektrischen Schlägen der Gymnoten erstarrten Gliedern.
+
+Ehe fünf Minuten vergingen, waren zwei Pferde ertrunken; Der fünf Fuß
+lange Aal drängt sich dem Pferd an den Bauch und gibt ihm nach der ganzen
+Länge seines elektrischen Organs einen Schlag; das Herz, die Eingeweide
+und der _plexus coeliacus_ der Abdominalnerven werden dadurch zumal
+betroffen. Derselbe Fisch wirkt so begreiflicherweise weit stärker auf ein
+Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit einer Extremität
+berührt. Die Pferde werden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur
+betäubt; sie ertrinken, weil sie sich nicht aufraffen können, so lange der
+Kampf zwischen den andern Pferden und den Gymnoten fortdauert.
+
+Wir meinten nicht anders, als alle Thiere, die man zu dieser Fischerei
+gebraucht, müßten nach einander zu Grunde gehen. Aber allmählich nimmt die
+Hitze des ungleichen Kampfes ab und die erschöpften Gymnoten zerstreuen
+sich. Sie bedürfen jetzt langer Ruhe(75) und reichlicher Nahrung, um den
+erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Maulthiere
+und Pferde verriethen weniger Angst, ihre Mähne sträubte sich nicht mehr,
+ihr Auge blickte ruhiger. Die Gymnoten kamen scheu ans Ufer des Teichs
+geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken
+befestigten Harpunen. Wenn die Stricke recht trocken sind, so fühlen die
+Indianer beim Herausziehen des Fisches an die Luft keine Schläge. In
+wenigen Minuten hatten wir fünf große Aale, die meisten nur leicht
+verletzt. Auf dieselbe Weise wurden Abends noch andere gefangen.
+
+Die Gewässer, in denen sich die Zitteraale gewöhnlich aufhalten, haben
+eine Temperatur von 26--27°. Ihre elektrische Kraft soll in kälterem
+Wasser abnehmen, und es ist, wie bereits ein berühmter Physiker bemerkt
+hat, überhaupt merkwürdig, daß die Thiere mit elektrischen Organen, deren
+Wirkungen dem Menschen fühlbar werden, nicht in der Luft leben, sondern in
+einer die Elektricität leitenden Flüssigkeit. Der Gymnotus ist der größte
+elektrische Fisch; ich habe welche gemessen, die fünf Fuß und fünf Fuß
+drei Zoll lang waren; die Indianer wollten noch größere gesehen haben. Ein
+drei Fuß zehn Zoll langer Fisch wog zehn Pfund. Der Querdurchmesser des
+Körpers (die kahnförmig verlängerte Afterflosse abgerechnet) betrug drei
+Zoll fünf Linien. Die Gymnoten aus dem Cerro de Vera sind hübsch
+olivengrün. Der Untertheil des Kopfes ist röthlich gelb. Zwei Reihen
+kleiner gelber Flecken laufen symmetrisch über den Rücken vom Kopf bis zum
+Schwanzende. Jeder Fleck umschließt einen Ausführungskanal; die Haut des
+Thieres ist auch beständig mit einem Schleim bedeckt, der, wie Volta
+gezeigt hat, die Elektricität 20--30mal besser leitet als reines Wasser.
+Es ist überhaupt merkwürdig, daß keiner der elektrischen Fische, die bis
+jetzt in verschiedenen Welttheilen entdeckt worden, mit Schuppen bedeckt
+ist.
+
+Den ersten Schlägen eines sehr großen, stark gereizten Gymnotus würde man
+sich nicht ohne Gefahr aussetzen. Bekommt man zufällig einen Schlag, bevor
+der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung erschöpft ist, so sind
+Schmerz und Betäubung so heftig, daß man sich von der Art der Empfindung
+gar keine Rechenschaft geben kann. Ich erinnere mich nicht, je durch die
+Entladung einer großen Leidner Flasche eine so furchtbare Erschütterung
+erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Füße auf
+einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich
+empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen
+Gelenken. Will man den ziemlich auffallenden Unterschied zwischen der
+Wirkung der Volta’schen Säule und der elektrischen Fische genau
+beobachten, so muß man diese berühren, wenn sie sehr erschöpft sind. Die
+Zitterrochen und die Zitteraale verursachen dann ein Sehnenhüpfen vom
+Glied an, das die elektrischen Organe berührt, bis zum Ellbogen. Man
+glaubt bei jedem Schlag innerlich eine Schwingung zu empfinden, die zwei,
+drei Secunden anhält und der eine schmerzhafte Betäubung folgt. In der
+ausdrucksvollen Sprache der Tamanacos heißt daher der Temblador *Arimna*,
+das heißt, »der die Bewegung raubt.«
+
+Die Empfindung bei schwachen Schlägen des Gymnotus schien mir große
+Aehnlichkeit zu haben mit dem schmerzlichen Zucken, das ich fühlte, wenn
+auf den wunden Stellen, die ich auf meinem Rücken durch spanische Fliegen
+hervorgebracht, zwei heterogene Metalle sich berührten.(76) Dieser
+Unterschied zwischen der Empfindung, welche der Schlag des elektrischen
+Fisches, und der, welche eine Säule oder schwach geladene Leidner Flasche
+hervorbringt, ist allen Beobachtern aufgefallen; derselbe widerspricht
+indessen keineswegs der Annahme, daß die Elektricität und die galvanische
+Wirkung der Fische dem Wesen nach eins sind. Die Elektricität kann
+beidemal dieselbe seyn, sie mag sich aber verschieden äußern in Folge des
+Baus der elektrischen Organe, der Intensität des elektrischen Fluidums,
+der Schnelligkeit des Stroms oder einer eigenthümlichen Wirkungsweise. In
+holländisch Guyana, zum Beispiel zu Demerary, galten früher die Zitteraale
+als ein Heilmittel gegen Lähmungen. Zur Zeit, wo die europäischen Aerzte
+von der Anwendung der Elektricität Großes erwarteten, gab ein Wundarzt in
+Essequibo, Namens VAN DER LOTT, in Holland eine Abhandlung über die
+Heilkräfte des Zitteraals heraus. Solche »elektrische Curen« kommen bei
+den Wilden Amerika’s wie bei den Griechen vor. SCRIBONIUS LARGUS, GALENUS
+und DIOSCORIDES berichten uns, daß der Zitterrochen Kopfweh, Migräne und
+Gicht heile. In den spanischen Colonien, die ich durchreist, habe ich von
+dieser Heilmethode nichts gehört; aber soviel ist gewiß, daß Bonpland und
+ich, nachdem wir vier Stunden lang an Gymnoten experimentirt, bis zum
+andern Tag Muskelschwäche, Schmerz in den Gelenken, allgemeine Uebligkeit
+empfanden, eine Folge der heftigen Reizung des Nervensystems.
+
+Während die Gymnoten für die europäischen Naturforscher Gegenstände der
+Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den
+Eingebornen gefürchtet und gehaßt. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings
+nicht übel, aber der Körper besteht zum größten Theil aus dem elektrischen
+Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man
+sondert es daher auch sorgfältig vom Uebrigen ab. Zudem schreibt man es
+vorzüglich den Gymnoten zu, daß die Fische in den Sümpfen und Teichen der
+Llanos so selten sind. Sie tödten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und
+die Indianer erzählten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge
+Krokodile und Zitteraale zugleich fange, so sey an letzteren nie eine
+Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen, Krokodile lähmen, bevor diese
+ihnen etwas anhaben können. Alle Bewohner des Wassers fliehen die
+Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkröten und Frösche suchen
+Sümpfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu mußte man einer
+Straße eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Fluß
+so vermehrt hatten, daß sie alle Jahre eine Menge Maulthiere, die belastet
+durch den Fluß wateten, umbrachten.
+
+Am 24. März verließen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem
+Aufenthalt und unsern Versuchen über einen so wichtigen physiologischen
+Gegenstand. Ich hatte überdieß gute Sternbeobachtungen machen können und
+zu meiner Ueberraschung gefunden, daß die Angaben der Karten auch hier um
+einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte Niemand an
+diesem Ort beobachtet, und wie denn die Geographen gewöhnlich die
+Distanzen von der Küste dem Binnenlande zu zu groß annehmen, so hatten sie
+auch hier alle Punkte zu weit nach Süden gerückt.
+
+Auf dem Wege durch den südlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden
+staubiger, pflanzenloser, durch die lange Dürre zerrissener. Die Palmen
+verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu
+Sonnenuntergang auf 34--35°. Je ruhiger die Luft in 8--10 Fuß Höhe schien,
+desto dichter wurden wir von den Staubwirbeln eingehüllt, welche von den
+kleinen, am Boden, hinstreichenden Luftströmungen erzeugt werden. Gegen 4
+Uhr Abends fanden wir in der Savane ein junges indianisches Mädchen. Sie
+lag auf dem Rücken, war ganz nackt und schien nicht über 12--13 Jahre alt.
+Sie war von Ermüdung und Durst erschöpft, Augen, Nase, Mund voll Staub,
+der Athem röchelnd; sie konnte uns keine Antwort geben. Neben ihr lag ein
+umgeworfener Krug, halb voll Sand. Zum Glück hatten wir ein Maulthier bei
+uns, das Wasser trug. Wir brachten das Mädchen zu sich, indem wir ihr das
+Gesicht wuschen und ihr einige Tropfen Wein aufdrangen. Sie war Anfangs
+erschrocken über die vielen Leute um sie her, aber sie beruhigte sich nach
+und nach und sprach mit unsern Führern. Sie meinte, dem Stand der Sonne
+nach müsse sie mehrere Stunden betäubt dagelegen haben. Sie war nicht dazu
+zu bringen, eines unserer Lastthiere zu besteigen. Sie wollte nicht nach
+Uritucu zurück; sie hatte in einem Hofe in der Nähe gedient und war von
+ihrer Herrschaft verstoßen worden, weil sie in Folge einer langen
+Krankheit nicht mehr soviel leisten konnte als zuvor. Unsere Drohungen und
+Bitten fruchteten nichts; für Leiden unempfindlich, wie ihre ganze Race,
+in die Gegenwart versunken ohne Bangen vor künftiger Gefahr, beharrte sie
+auf ihrem Entschluß, in eine der indianischen Missionen um die Stadt
+Calabozo her zu gehen. Wir schütteten den Sand aus ihrem Krug und füllten
+ihn mit Wasser. Noch ehe wir wieder zu Pferd waren, setzte sie ihren Weg
+in der Steppe fort. Bald entzog sie eine Staubwolke unsern Blicken.
+
+In der Nacht durchwateten wir den Rio Uritucu, in dem zahlreiche,
+auffallend wilde Krokodile hausen. Man warnte uns, unsere Hunde nicht am
+Fluß saufen zu lassen, weil es gar nicht selten vorkomme, daß die
+Krokodile im Uritucu aus dem Wasser gehen und die Hunde aufs Ufer
+verfolgen. Solche Keckheit fällt desto mehr auf, da sechs Meilen von da,
+im Rio Tisnao, die Krokodile ziemlich schüchtern und unschädlich sind. Die
+Sitten der Thiere einer und derselben Art zeigen Abweichungen nach
+örtlichen Einflüssen, die sehr schwer aufzuklären sind. Man zeigte uns
+eine Hütte oder vielmehr eine Art Schuppen, wo unser Wirth in Calabozo,
+Don Miguel Cousin, einen höchst merkwürdigen Auftritt erlebt hatte. Er
+schlief mit einem Freunde auf einer mit Leder überzogenen Bank, da wird er
+früh Morgens durch heftige Stöße und einen furchtbaren Lärm aufgeschreckt.
+Erdschollen werden in die Hütte geschleudert. Nicht lange, so kommt ein
+junges 2--3 Fuß langes Krokodil unter der Schlafstätte hervor, fährt auf
+einen Hund los, der auf der Thürschwelle lag, verfehlt ihn im ungestümen
+Lauf, eilt dem Ufer zu und entkommt in den Fluß. Man untersuchte den Boden
+unter der Barbacoa oder Lagerstätte, und da war denn der Hergang des
+seltsamen Abenteuers bald klar. Man fand die Erde weit hinab aufgewühlt;
+es war vertrockneter Schlamm, in dem das Krokodil im *Sommerschlaf*
+gelegen hatte, in welchen Zustand manche Individuen dieser Thierart
+während der dürren Jahreszeit in den Llanos verfallen. Der Lärm von
+Menschen und Pferden, vielleicht auch der Geruch des Hundes hatten es
+aufgeweckt. Die Hütte lag an einem Teich und stand einen Theil des Jahres
+unter Wasser; so war das Krokodil ohne Zweifel, als die Savane
+überschwemmt wurde, durch dasselbe Loch hineingekommen, durch das es Don
+Miguel herauskommen sah. Häufig finden die Indianer ungeheure Boa’s, von
+ihnen Uji oder Wasserschlangen genannt, im selben Zustand der Erstarrung.
+Man muß sie, sagt man, reizen oder mit Wasser begießen, um sie zu
+erwecken. Man tödtet die Boa’s und hängt sie in einen Bach, um durch die
+Fäulniß die sehnigten Theile der Rückenmuskeln zu gewinnen, aus denen man
+in Calabozo vortreffliche Guitarrensaiten macht, die weit besser sind als
+die aus den Därmen der Brüllaffen.
+
+Wir sehen somit, daß in den Llanos Trockenheit und Hitze auf Thiere und
+Gewächse gleich dem Frost wirken. Außerhalb der Tropen werfen die Bäume in
+sehr trockener Luft ihre Blätter ab. Die Reptilien, besonders Krokodile
+und Boa’s, verlassen vermöge ihres trägen Naturels die Lachen, wo sie beim
+Austreten der Flüsse Wasser gefunden haben, nicht leicht wieder. Je mehr
+nun diese Wasserstücke eintrocknen, desto tiefer graben sich die Thiere in
+den Schlamm ein, der Feuchtigkeit nach, die bei ihnen Haut und Decken
+schmiegsam erhält. In diesem Zustand der Ruhe kommt die Erstarrung über
+sie; sie werden wohl dabei von der äußern Luft nicht ganz abgesperrt, und
+so gering auch der Zutritt derselben seyn mag, er reicht hin, den
+Athmungsprozeß bei einer Eidechse zu unterhalten, die ausnehmend große
+Lungensäcke hat, die keine Muskelbewegungen vornimmt und bei der fast alle
+Lebensverrichtungen stocken. Die Temperatur des vertrockneten, dem
+Sonnenstrahl ausgesetzten Schlammes beträgt im Mittel wahrscheinlich mehr
+als 40°. Als es im nördlichen Egypten, wo im kühlsten Monat die Temperatur
+nicht unter 13°,4 sinkt, noch Krokodile gab, wurden diese häufig von der
+Kälte betäubt. Sie waren einem *Winterschlaf* unterworfen, gleich unsern
+Fröschen, Salamandern, Uferschwalben und Murmelthieren. Wenn die
+Erstarrung im Winter bei Thieren mit warmem Blut, wie bei solchen mit
+kaltem vorkommt, so kann man sich eben nicht wundern, daß in beiden
+Klassen auch Fälle von *Sommerschlaf* vorkommen. Gleich den Krokodilen in
+Südamerika liegen die Tenrecs oder Igel auf Madagascar mitten in der
+heißen Zone drei Monate des Jahres in Erstarrung.
+
+Am 25. März kamen wir über den ebensten Strich der Steppen von Caracas,
+die *Mesa de Pavones*. Die Corypha- und Murichepalme fehlen hier ganz.
+Soweit das Auge reicht, gewahrt man keinen Gegenstand, der auch nur
+fünfzehn Zoll hoch wäre. Die Luft war rein und der Himmel tief blau, aber
+den Horizont säumte ein blasser, gelblicher Schein, der ohne Zweifel von
+der Menge des in der Luft schwebenden Sandes herrührte. Wir trafen große
+Heerden, und bei ihnen Schaaren schwarzer Vögel mit olivenfarbigem Glanz
+von der Gattung _Crotophoga_ die dem Vieh nachgehen. Wir sahen sie häufig
+den Kühen auf dem Rücken sitzen und Bremsen und andere Insekten suchen.
+Gleich mehreren Vögeln dieser Einöde scheuen sie so wenig vor dem
+Menschen, daß Kinder sie oft mit der Hand fangen. In den Thälern von
+Aragua, wo sie sehr häufig sind, setzten sie sich am hellen Tag auf unsere
+Hängematten, während wir darin lagen.
+
+Zwischen Calabozo, Uritucu und der Mesa de Pavones kann man überall, wo
+der Boden von Menschenhand wenige Fuß tief ausgegraben ist, die
+geologischen Verhältnisse der Llanos beobachten. Ein rother Sandstein(77)
+(altes Conglomerat) streicht über mehrere tausend Quadratmeilen weg. Wir
+fanden ihn später wieder in den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am
+östlichen Saum der Provinz Jaen de Bracamoros. Diese ungeheure Verbreitung
+des rothen Sandsteins auf den tiefgelegenen Landstrichen ostwärts von den
+Anden ist eine der auffallendsten geologischen Erscheinungen, die ich
+unter den Tropen beobachtet.
+
+Nachdem wir in den öden Savanen der Mesa de Pavones lange ohne die Spur
+eines Pfades umhergeirrt, sahen wir zu unserer freudigen Ueberraschung
+einen einsamen Hof vor uns, den _Hato de alta Gracia_ der von Gärten und
+kleinen Teichen mit klarem Wasser umgeben ist. Hecken von *Azedarac*
+liefen um Gruppen von *Icaquesbäumen*, die voll Früchten hingen. Eine
+Strecke weiter übernachteten wir beim kleinen Dorfe San Geronymo del
+Guayaval, das Missionäre vom Kapuzinerorden gegründet haben. Es liegt am
+Ufer des Rio Guarico, der in den Apure fällt. Ich besuchte den
+Geistlichen, der in der Kirche wohnen mußte, weil noch kein Priesterhaus
+gebaut war. Der junge Mann nahm uns aufs zuvorkommendste auf und gab uns
+über Alles die verlangte Auskunft. Sein Dorf, oder, um den officiellen
+Ausdruck der Mönche zu gebrauchen, seine *Mission*, war nicht leicht zu
+regieren. Der Stifter, der keinen Anstand genommen, auf seine Rechnung
+eine *Pulperia* zu errichten, das heißt sogar in der Kirche Bananen und
+Guarapo zu verkaufen, war auch bei Aufnahme der Colonisten nicht ekel
+gewesen. Viele Landstreicher aus den Llanos hatten sich in Guayaval
+niedergelassen, weil die Einwohner einer Mission dem weltlichen Arm
+entrückt sind. Hier wie in Neu-Holland kann man erst in der zweiten oder
+dritten Generation auf gute Colonisten rechnen.
+
+Wir setzten über den Rio Guarico und übernachteten in den Savanen südlich
+vom Guayaval. Ungeheure Fledermäuse, wahrscheinlich von der Sippe der
+Phyllostomen, flatterten, wie gewöhnlich, einen guten Theil der Nacht über
+unsern Hängematten. Man meint jeden Augenblick, sie wollen sich einem ins
+Gesicht einkrallen. Am frühen Morgen setzten wir unsern Weg über tiefe,
+häufig unter Wasser stehende Landstriche fort. In der Regenzeit kann man
+zwischen dem Guarico und dem Apure im Kahn fahren, wie auf einem See. Es
+begleitete uns ein Mann, der alle Höfe (Hatos) in den Llanos besucht
+hatte, um Pferde zu kaufen. Er hatte für tausend Pferde 2200 Piaster
+gegeben.(78) Man bezahlt natürlich desto weniger, je bedeutender der Kauf
+ist. Am 27. März langten wir in der Villa de San Fernando, dem Hauptort
+der Missionen der Kapuziner in der Provinz Barinas, an. Damit waren wir am
+Ziel unserer Reise über die Ebenen, denn die drei Monate April, Mai und
+Juni brachten wir auf den Strömen zu.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 68 Ich erinnere die Reisenden an den Weg vom Ursernthal zum
+ Gotthardshospiz und von da nach Airolo.
+
+ 69 LIVIUS, _L. 38_, c. 75
+
+ 70 Offene baumlose Savanen, _limpias de arboles_
+
+ 71 Yλαίη. HERODOT, _Melpomene_.
+
+ 72 Der Zaque war das weltliche Oberhaupt von Cundinamarca. Er theilte
+ die oberste Gewalt mit dem Hohenpriester (Lama) von Iraca.
+
+ 73 Band I, Seite 216
+
+ 74 PLINIUS, _L. XII_, c. VII.
+
+ 75 Die Indianer versichern, wenn man Pferde zwei Tage hinter einander
+ in einer Lache laufen lasse, in der es sehr viele Gymnoten gibt,
+ gehe am zweiten Tag kein Pferd mehr zu Grunde.
+
+ 76 HUMBOLDTs _Versuche über die gereizte Muskelfaser_. Vol. 1. p.
+ 323--329.
+
+ 77 Rothes Todtliegendes, oder ältester Flötzsandstein der Freiberger
+ Schule.
+
+ 78 In den Llanos von Calabozo und am Guayaval kostet ein junger Stier
+ von zwei bis drei Jahren einen Piaster. Ist er verschnitten (in sehr
+ heißen Ländern eine ziemlich gefährliche Operation), so ist er 5 bis
+ 6 Piaster werth. Eine an der Sonne getrocknete Ochsenhaut gilt 2½
+ Silberrealen (1 Peso = 8 Realen); ein Huhn 2 Realen; ein Schaf, in
+ Barquesimeto und Truxillo, denn ostwärts von diesen Städten gibt es
+ keine, 3 Realen. Da diese Preise sich nothwendig verändern werden,
+ je mehr die Bevölkerung in den spanischen Colonien zunimmt, so
+ schien es mir nicht unwichtig, hier Angaben niederzulegen, die
+ künftig bei nationalökonomischen Untersuchungen als Anhaltspunkte
+ dienen können.
+
+
+
+
+
+
+LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE
+
+
+Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.
+
+BARROW, SIR JOHN. _A Voyage to Cochinchina in the Years 1792 and 1793._
+(1806)
+DELPECHE. _Sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812._
+GARCÍA, GREGORIO. _Origen de los indios del nuevo mundo._ (1607)
+HERODOT. _Melpomene._
+HORAZ. _Oden._
+HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essay politique sur le Méxique._
+HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essai politique sur le royaume de la nouvelle
+Espagne._
+HUMBOLDT, ALEXANDER. _Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser :
+nebst Vermuthungen über den chemischen Process des Lebens in der Thier-
+und Pflanzenwelt._ (1797)
+LA CONDAMINE, CHARLES MARIE DE. _Journal du voyage fait par ordre du Roi,
+à l’Équateur servant d’introduction historique à la Mesure des trois
+premiers degrés du Méridien._ (1751)
+LIVIUS. _L. 38._
+OVIEDO Y BAÑOS, JOSÉ DE. _Historia de la conquista y población de la
+Provincia de Venezuela._ _Geschichte der Provinz Venezuela._ (1723)
+PLINIUS. _L. XII._
+DE PONS, FRANÇOIS RAYMOND JOSEPH. _Reise in den oestlichen Theil von
+Terrafirma in Sued-Amerika : unternommen in den Jahren 1801, 1802, 1803
+und 1804 / von Depons. Aus d. Franz. übers. von Chr. Weyland._ (1808)
+RITTER, KARL. _Erdkunde._ Bd. I.
+TACITUS. _Agricola._
+TACITUS. _Germania._
+TORQUEMADA, JUAN DE. _Monarchia Indiana. Los veintiún libros rituales i
+monarchia indiana con el origen y guerras de los Indios Occidentales, de
+sus poblaciones, descubrimientos, conquista, conversión y otras cosas
+maravillosas de la misma tierra._ (1615)
+ULLOA, ANTONIO DE. _ Noticias americanas: entretenimientos
+físico-históricos sobre la América Meridional, y la Septentrional
+oriental: comparacion general de los territorios, climas y producciones en
+las tres especies vegetal, animal y mineral; con una relacion particular
+de los Indios de aquellos paises, sus costumbres y usos, de las
+petrificaciones de cuerpos marinos, y de las antigüedades. Con un discurso
+sobre el idioma, y conjeturas sobre el modo con que pasáron los primeros
+pobladores._ (1792)
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS
+
+
+Vom Korrekturleser wurden mehrere Änderungen am Originaltext vorgenommen.
+Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
+ändern, wurden im Text belassen.
+
+Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
+geänderten Fassung.
+
+
+
+Ausdrucks überraschen. Tumanacu: Wespe, uane-imu, wörtlich: Vater
+Ausdrucks überraschen. Tamanacu: Wespe, uane-imu, wörtlich: Vater
+
+stieg wieder bis eilf Uhr Abends
+stieg wieder bis elf Uhr Abends
+
+des Centauren, Achernar, ß des Centauren, Fomahault
+des Centauren, Achernar, ß des Centauren, Fomalhaut
+
+darnach, und die Völkerschaft der Guaraons, deren Existenz
+darnach, und die Völkerschaft der Guaranos, deren Existenz
+
+Governador, Alcaden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!
+Governador, Alcalden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!
+
+Sterculia und Coccololoba excoriata bewachsenen Boden
+Sterculia und Coccoloba excoriata bewachsenen Boden
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***
+
+
+
+
+CREDITS
+
+
+2008
+
+ Project Gutenberg TEI edition 01
+ R. Stephan
+
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 24746-0.txt or 24746-0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/7/4/24746/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically *anything* with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+*Please read this before you distribute or use this work.*
+
+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase Project Gutenberg),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+
+Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
+
+
+Project Gutenberg is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (the Foundation or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg™ works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you
+share it without charge with others.
+
+
+1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
+downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg™ work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase
+Project Gutenberg appears, or with which the phrase Project Gutenberg is
+associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase Project Gutenberg associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
+
+1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
+
+
+1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than
+Plain Vanilla ASCII or other format used in the official version posted on
+the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you
+must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a
+means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of
+the work in its original Plain Vanilla ASCII or other form. Any alternate
+format must include the full Project Gutenberg™ License as specified in
+paragraph 1.E.1.
+
+
+1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.
+
+ You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg™ works.
+
+ You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+1.F.
+
+
+1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain Defects, such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the Right of
+Replacement or Refund described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+
+Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+
+Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file