diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:14:13 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:14:13 -0700 |
| commit | c04e4dc5ee644a927a0e19feaf599c18c2fba11a (patch) | |
| tree | 7d6dc890111b2406e9a631b8556fac0671c2021e /24746-0.txt | |
Diffstat (limited to '24746-0.txt')
| -rw-r--r-- | 24746-0.txt | 11389 |
1 files changed, 11389 insertions, 0 deletions
diff --git a/24746-0.txt b/24746-0.txt new file mode 100644 index 0000000..dcd5b7c --- /dev/null +++ b/24746-0.txt @@ -0,0 +1,11389 @@ +The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des +neuen Continents. Band 2. by Alexander von Humboldt + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. + +Author: Alexander von Humboldt + +Release Date: , March 3, 2008 [Ebook #24746] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.*** + + + + + +Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. + + +by Alexander von Humboldt + + + + +Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008) + + + + + + In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. + + Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. + + Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. + + ------------------ + + 1859 + + ------------------ + + Zweiter Band + + + + + +INHALT + + +Neuntes Kapitel. +Zehntes Kapitel. +Elftes Kapitel. +Zwölftes Kapitel. +Dreizehntes Kapitel. +Vierzehntes Kapitel. +Fünfzehntes Kapitel. +Sechzehntes Kapitel. +Siebzehntes Kapitel. +Liste explizit genannter Werke +Anmerkungen des Korrekturlesers + + + + + + +NEUNTES KAPITEL. + + + Körperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen. + + +Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich +keine allgemeinen Betrachtungen über die Stämme der Eingeborenen, welche +Neu-Andalusien bewohnen, über ihre Sitten, ihre Sprache und ihren +gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von +dem wir ausgegangen, möchte ich alles dieß, das für die Geschichte des +Menschengeschlechts von so großer Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt +zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen, +desto mehr wird uns das Interesse für diese Gegenstände, den Erscheinungen +der physischen Natur gegenüber, in Anspruch nehmen. Der nordöstliche Theil +des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen +hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Völkerschaften, die sie bewohnen, +den Thälern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem nördlichen Ende +Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Mündung des Lena +hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht, +ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck ursprünglicher völliger +Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten +der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Völkern, die +einst auf bedeutend höherer Culturstufe standen, und wie soll man ein +Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches überhaupt +vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem +Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein +grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was +sich auf die ursprünglichen Zustände des Menschen und auf die älteste +Bevölkerung eines Festlandes bezieht, an und für sich der Geschichte +angehörte, so würden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die +Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen +wird, nach der die Wilden aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßene, +in die Wälder getriebene Stämme sind. Das Wort _‘Barbar’_, das wir von +Griechen und Römern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen +versunkenen Horde. + +Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden große gesellschaftliche Vereine +unter den Eingeborenen nur auf dem Rücken der Cordilleren und auf den +Asien gegenüber liegenden Küsten. Auf den mit Wald bedeckten, von Flüssen +durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwärts +ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende +Völkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten, +zerstreut gleich den Trümmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob +uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen +und die Beobachtung der Körperbildung dazu dienen können, die +verschiedenen Stämme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu +verfolgen und ein paar jener Familienzüge aufzufinden, durch die sich die +ursprüngliche Einheit unseres Geschlechtes verräth. + +Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Ländern, deren Gebirge wir +vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva +Barcelona, beinahe noch die Hälfte der schwachen Bevölkerung. Ihre +Kopfzahl läßt sich auf 60,000 schätzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien +kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenüber der Stärke der Jägervölker in +Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien +dagegen hält, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht, +z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten +mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner +als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zählt aber über +400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in +Cumana leben nicht alle in den Missionsdörfern; man findet sie zerstreut +in der Umgegend der Städte, auf den Küsten, wohin sie des Fischfangs wegen +ziehen, selbst auf den kleinen Höfen in den Llanos oder Savanen. In den +Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein +15,000 Indianer, die fast sämmtlich dem Chaymasstamm angehören. Indessen +sind die Dörfer dort nicht so stark bevölkert, wie in der Provinz +Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fünf- bis sechshundert, während +man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu +indianische Dörfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich +die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000 +schätzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die +Guaiqueries auf der Insel Margarita und die große Masse der Guaraunos, die +auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhängigkeit behauptet haben. +Diese schätzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; dieß scheint mir aber zu +viel. Außer den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den +sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Caño +Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken +lassen, gibt es seit dreißig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden +Indianer mehr. + +Ungern brauche ich das Wort _‘wild’_, weil es zwischen dem +*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder +unabhängigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die +Erfahrung häufig widerspricht. In den Wäldern Südamerikas gibt es Stämme +Eingeborener, die unter Häuptlingen friedlich in Dörfern leben, auf +ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus +letzterer ihre Hängematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die +nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren. +Die irrige Meinung, als wären sämmtliche nicht unterworfene Eingeborene +umherziehende Jägervölker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra +Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europäer; er besteht noch +jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der +Wälder, wohin nie ein Missionär den Fuß gesetzt hat. Das verdankt man +allerdings dem Regiment der Missionen, daß der Eingeborene Anhänglichkeit +an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewöhnt und ein +ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in +dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer völlig +von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche +Vorstellungen vom gegenwärtigen Zustand der Völker in Südamerika, wenn man +einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits +*heidnisch*, *wild* und *unabhängig* für gleichbedeutend hält. Der +unterworfene Indianer ist häufig so wenig ein Christ als der unabhängige +Götzendiener; beide sind völlig vom augenblicklichen Bedürfnis in Anspruch +genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Maße vollkommene +Gleichgültigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die +Natur und ihre Kräfte göttlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst +gehört dem Kindesalter der Völker an; er kennt noch keine Götzen und keine +heiligen Orte außer Höhlen, Schluchten und Forsten. + +Wenn die unabhängigen Indianer nördlich vom Orinoco und Apure, d. h. von +den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem +Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht +schließen, daß es jetzt in diesen Ländern weniger Eingeborene gibt, als +zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomäus Las Casas. In meinem Werke +über Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung +der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen +Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race +ist auf beiden Festländern Amerikas noch über sechs Millionen stark, und +obgleich unzählige Stämme und Sprachen ausgestorben sind oder sich +verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß zwischen den +Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit +Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend +zugenommen hat. Zwei caraibische Dörfer in den Missionen von Piritu oder +am Carony zählen mehr Familien als vier oder fünf Völkerschaften am +Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustände der unabhängig gebliebenen +Caraiben an den Quellen des Esquibo und südlich von den Bergen von +Pacaraimo thun zur Genüge dar, wie sehr auch bei diesem schönen +Menschenschlag die Bevölkerung der Missionen die Masse der unabhängigen +und verbündeten Caraiben übersteigt. Uebrigens verhält es sich mit den +Wilden im heißen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese +bedürfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die +Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein +kleines Stück Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die +Berührung mit den Weißen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die, +nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi +zurückgedrängt, sich den Lebensunterhalt in dem Maaße abgeschnitten sehen, +in dem man ihr Gebiet beschränkt. In der gemäßigten Zone, in den +_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Berührung +mit den europäischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden, +weil die Berührung dort eine unmittelbare ist. + +Im größten Theil von Südamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den +Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weißen +breiten sich langsam aus. Die Mönchsorden haben ihre Niederlassungen +zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer +gegründet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben +allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschränkt, aber fast aller Orten +ist durch sie eine Zunahme der Bevölkerung herbeigeführt worden, wie sie +beim Nomadenleben der unabhängigen Indianer nicht möglich ist. Im Maaß als +die Ordensgeistlichen gegen die Wälder vorrücken und den Eingeborenen Land +abgewinnen, suchen ihrerseits die weißen Ansiedler von der andern Seite +her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der +weltliche Arm fortwährend die unterworfenen Indianer dem Mönchsregiment zu +entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmählich Pfarrer an die +Stelle der Missionäre. Weiße und Mischlinge lassen sich, begünstigt von +den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu +spanischen Dörfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, daß +sie eine Volkssprache gehabt haben. So rückt die Cultur von der Küste ins +Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten, +aber sichern, gleichmäßigen Schrittes. + +Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen +_Govierno de Cumana_ begreift, zählen in ihrer gegenwärtigen Bevölkerung +mehr als vierzehn Völkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas, +Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der +Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas, +Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn +Völkerschaften glauben selbst, daß sie ganz verschiedener Abstammung sind. +Man weiß nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Hütten an der +Mündung des Orinoco auf Bäumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von +Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Köpfe. Unter den übrigen +Völkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf +den südlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den +Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf +dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht +unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und +Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, daß sie demselben +Sprachstamm anzugehören scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe +verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung +herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit. + +Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben, +Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Völker zu betrachten. +Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich +nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, daß ihre +Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind +Küstenvölker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Stämme betrifft, +die gegenwärtig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben, +so läßt sich über ihre ursprüngliche Abstammung und ihr Verhältniß zu +andern, ehemals mächtigeren Völkern schwer etwas aussagen. Die +Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die +Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise +der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen +von Indianern von Cumana und von der Küste von Paria, als ob die +Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie +sogar die Stämme nach ihren Häuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die +sie bewohnen. Dadurch häuft sich die Zahl der Völkerschaften ins +Unendliche und werden alle Angaben der Missionäre über die ungleichartigen +Elemente in der Bevölkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie +will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener +Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil +des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben +und der Chaymas im südlichen und östlichen? Durch die große +Uebereinstimmung in der Körperbildung werden Untersuchungen der Art sehr +schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung völlig +verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit +von Sprachen bei Völkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer +Körperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen +sprechen körperlich ungemein verschiedene Völker, Lappen, Finnen und +Esthen, die germanischen Völker und die Hindus, die Perser und die Kurden +Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die größte Aehnlichkeit mit +einander haben. + +Die Indianer in den Missionen treiben sämmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme +derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewächse; +ihre Hütten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung +ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhältniß zu den +Missionären und den aus ihrer Mitte gewählten Beamten, Alles ist nach +Vorschriften geordnet, die überall gelten. Und dennoch -- und dieß ist +eine höchst merkwürdige Beobachtung in der Geschichte der Völker -- war +diese große Gleichförmigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die +individuellen Züge, die Schattirungen, durch welche sich die +amerikanischen Völkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit +kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zähes Festhalten an +den bei jedem Stamm wieder anders gefärbten Sitten und Gebräuchen, das der +ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrückt. Diesen Charakterzügen +begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai +und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische +Organisation der Eingeborenen, aber die mönchische Zucht leistet ihnen +wesentlich Vorschub. + +Es gibt in den Missionen nur wenige Dörfer, wo die Familien verschiedenen +Völkerschaften angehören und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so +verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu +regieren. Meist haben die Mönche ganze Nationen, oder doch bedeutende +Stücke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Dörfern +untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes; +denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der +Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben, +Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthümlichkeiten um so mehr, da +sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualität des +Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf +Gedanken und Empfindung zurück. Durch diesen innigen Verband zwischen +Sprache, Volkscharakter und Körperbildung erhalten sich die Völker +einander gegenüber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthümlichkeit, und +dieß ist eine unerschöpfliche Quelle von Bewegung und Leben in der +geistigen Welt. + +Die Missionäre konnten den Indianern gewisse alte Gebräuche bei der Geburt +eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten; +sie konnten es dahin bringen, daß sie sich nicht mehr die Haut bemalten +oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim großen +Haufen die abergläubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen +Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebräuche abzustellen +und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu +ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt +gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in beständigem Kampfe mit +feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und führt so dem wilden, +unabhängigen Indianer gegenüber ein einförmigeres, unthätigeres, der +Entwicklung der Geistes- und Gemüthskraft weniger günstiges Leben. Wenn er +gutmüthig ist, so kommt dieß nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil +er gefühlvoll ist und gemüthlich. Wo er außer Verkehr mit den Weißen auch +all den Gegenständen ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt +zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle +seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Bedürfniß bestimmt +zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist +ernst, geheimnißvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an +das Aussehen der Eingeborenen nicht gewöhnt ist, hält ihre Trägheit und +geistige Starrheit leicht für den Ausdruck der Schwermuth und des +Tiefsinns. + +Ich habe die Charakterzüge des Indianers und die Veränderungen, die sein +Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um +den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden +sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas, +deren über 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht +sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte +des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die +Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Süd die Caraiben zu Nachbarn. +Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern +des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Caño de Caripe. Nach +der genauen statistischen Aufnahme des Paters Präfekten zählte man im.Jahr +1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn +*Missions*dörfer; das älteste ist von 1728, und sie zählten 6433 Einwohner +in 1465 Haushaltungen; sechzehn Dörfer _de doctrina_; das älteste ist von +1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien. + +Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden; +die damals noch unabhängigen Caraiben machten Einfälle und brannten ganze +Dörfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevölkerung +zurück in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der +kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weißen. Viele +Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Sümpfe. +Vierzehn alte Missionen blieben wüste liegen oder wurden nicht wieder +aufgebaut. + +Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; dieß fällt namentlich auf, wenn +man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und +Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen, +sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die +Mittelgröße eines Chaymas beträgt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuß 10 +Zoll. Ihr Körper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit, +die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die +der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und +Neugrenadas bis herab zu den heißen Tiefländern am Amazonenstrom. Die +climatischen Unterschiede äußern keinen Einfluß mehr auf dieselbe; sie ist +durch organische Verhältnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten +unabänderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird +die gleichförmige Hautfarbe röther, dem Kupfer ähnlicher; bei den Chaymas +dagegen ist sie dunkelbraun und nähert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck +»kupferfarbige Menschen« zur Bezeichnung der Eingeborenen wäre im +tropischen Amerika niemals aufgekommen. + +Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber +doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewölbt; daher +heißt es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schönen +Weibe, »sie sey fett und habe eine schmale Stirne.« Die Augen der Chaymas +sind schwarz, tiefliegend und stark in die Länge gezogen; sie sind weder +so schief gestellt noch so klein wie bei den Völkern mongolischer Race, +von denen Jornandes sagt, sie haben »vielmehr Punkte als Augen,« _magis +puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schläfen zu dennoch +merklich in die Höhe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder +dunkelbraun, dünn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange +Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schläfrig niederzuschlagen, gibt dem +Blick der Weiber etwas Sanftes und läßt das verschleierte Auge kleiner +erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie überhaupt alle +Eingeborenen Südamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die +vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gänzlich +mangelnden Bart sich der mongolischen Race nähern, so unterscheiden sie +sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang +ist, der ganzen Länge nach vorspringt und bei den Naslöchern dicker wird, +welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Völkern caucasischer +Race. Der große Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat häufig +einen gutmüthigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden +Geschlechtern zwei Furchen von den Naslöchern gegen die Mundwinkel. Das +Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und +breit. + +Die Zähne sind bei den Chaymas schön und weiß, wie bei allen Menschen von +einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den +ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensäften +und Aetzkalk die Zähne schwarz zu färben; gegenwärtig weiß man nichts mehr +davon. Die Völkerstämme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den +Einfällen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her +geschoben worden, daß die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und +Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas. +Ich bezweifle sehr, daß der Brauch des Schwärzens der Zähne, wie Gomara +behauptet, mit seltsamen Schönheitsbegriffen zusammenhängt(1), oder daß es +ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die +Indianer so gut wie nichts; auch die Weißen in den spanischen Colonien, +wenigstens in den heißen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichförmig +ist, leiden selten daran. Auf dem Rücken der Cordilleren, in Santa-Fe und +Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt. + +Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Völker, die ich gesehen, +kleine, schmale Hände. Ihre Füße aber sind groß und die Zehen bleiben +beweglicher als gewöhnlich. Alle Chaymas sehen einander ähnlich wie nahe +Verwandte, und diese gleichförmige Bildung, die von den Reisenden so oft +hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen +zwischen dem zwanzigsten und fünfzigsten Jahr das Alter nicht durch +Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfälligkeit des Körpers verräth. +Tritt man in eine Hütte, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den +Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach +meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen +Momenten, auf den örtlichen Verhältnissen der indianischen Völkerschaften +und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Völker +zerfallen in eine Unzahl von Stämmen, die sich tödtlich hassen und niemals +Ehen unter einander schließen, selbst wenn ihre Mundarten demselben +Sprachstamme angehören und nur ein kleiner Flußarm oder eine Hügelkette +ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Stämme sind, desto mehr +muß sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander +verbinden, eine gewisse gleichförmige Bildung, ein organischer, recht +eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhält sich unter +der Zucht der Missionen, die nur Eine Völkerschaft unter der Obhut haben. +Die Vereinzelung ist so stark wie früher; Ehen werden nur unter +Angehörigen derselben Dorfschaft geschlossen. Für diese +Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Völkerschaft ein +Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren +sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Wäldern spanisch gelernt haben, +einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme +gehören, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten. + +Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren +Einfluß sich ja auch bei den europäischen Juden, bei den indischen Kasten +und allen Gebirgsvölkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher +weniger beachtete. Ich habe schon früher bemerkt, daß es vorzüglich die +Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht. +Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie +als eine, die diesem oder jenem Individuum zukäme. Der wilde Mensch +verhält sich hierin dem gebildeten gegenüber wie die Thiere einer und +derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, während die andern in +der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der +Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Körperbau und Farbe kommen nur bei +den Hausthieren häufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Züge +und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den +Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in +einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim +Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den +Zügen ab, und die Züge werden desto beweglicher, je häufiger, +mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in +den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen +Bedürfniß bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast mühelos +befriedigt, führt er ein träges, einförmiges Leben. Unter den +Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese +Einförmigkeit, diese Starrheit der Verhältnisse drückt sich auch in den +Gesichtszügen der Indianer aus. + +Unter der Zucht der Mönche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und +Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Wäldern +lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemüthsbewegungen +überläßt, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal +krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorüber, je +stärker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am +Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen, +aber er hält länger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher +Entwicklung nicht die Stärke oder die augenblickliche Entfesselung der +Leidenschaften, was den Zügen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern +vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in beständiger Berührung mit +der Außenwelt erhält, Zahl und Maaß unserer Schmerzen und unserer Freuden +steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurückwirkt. +Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Züge das belebte Naturreich +verschönern, so ist auch nicht zu läugnen, daß beide zwar nicht allein +Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der großen +Völkerfamilie kommen diese Vorzüge keiner Race in höherem Maaße zu als der +caucasischen oder europäischen. Nur beim weißen Menschen tritt das Blut +plötzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der +Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemüthsbewegungen so bedeutend +verstärkt. »Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden können?« +sagt der Europäer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den +Indianer. Man muß übrigens zugeben, daß diese Starrheit der Züge nicht +allen Racen mit sehr dunkel gefärbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner +lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern. + +Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine +Bemerkungen über ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die +Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen, +während meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren +Charakter durchgängig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den +Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionären +erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten. + +Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Völker in sehr heißen Ländern, eine +entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen +Schriftstellern hören wir, daß im nördlichen Europa die Hemden und +Beinkleider, welche die Missionäre austheilten, nicht wenig zur Bekehrung +der Heiden beigetragen haben. In der heißen Zone dagegen schämen sich die +Eingeborenen, wie sie sagen, daß sie Kleider tragen sollen, und sie laufen +in die Wälder, wenn man sie zu frühe nöthigt, ihr Nacktgehen aufzugeben. +Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Mönche, Männer und Weiber +im Innern der Häuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine +Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Männern +hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten, +zwölften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei. +Das Hemd ist so geschnitten, daß Vorderstück und Rückenstück durch zwei +schmale Bänder auf der Schulter zusammenhängen. Es kam vor, daß wir +Eingeborenen außerhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei +Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm +trugen. Sie wollten sich lieber auf den bloßen Leib regnen, als ihre +Kleider naß werden lassen. Die ältesten Weiber versteckten sich dabei +hinter die Bäume und schlugen ein lautes Gelächter auf, wenn wir an ihnen +vorüber kamen. Die Missionäre klagen meist, daß Schaam und Gefühl für das +Anständige bei den jungen Mädchen nicht viel entwickelter seyen als bei +den Männern. Schon Ferdinand Columbus erzählt, sein Vater habe im Jahr +1498 auf der Insel Trinidad völlig nackte Weiber angetroffen, während die +Männer den _‘Guayuco’_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als +eine Schürze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Küste von Paria +die Mädchen von den verheiratheten Weibern dadurch, daß sie, wie Cardinal +Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, daß sie +einen anders gefärbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den +Chaymas und allen nackten Völkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur +zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur +befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Mädchen heirathen +häufig mit zwölf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionäre, +nackt, das heißt ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht +daran zu erinnern, daß bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen +und indianischen Dörfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut +Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener, +der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den +ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land +gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem +Kopf ackern sah, und er glaubte »in einem armseligen Lande zu seyn, wo +sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen.« + +Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schönheitsbegriffen nicht hübsch; +indessen haben die jungen Mädchen etwas Sanftes und Wehmüthiges im Blick, +das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm +absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zöpfe geflochten. Die Haut +bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck +als Hals- und Armbänder aus Muscheln, Vögelknochen und Fruchtkernen. +Männer und Weiber sind sehr musculös, aber der Körper ist fleischigt mit +runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, daß mir nie ein Individuum mit +einer natürlichen Mißbildung aufgestoßen ist; dasselbe gilt von den vielen +tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fünf +Jahren gesehen. Dergleichen Mißbildungen sind bei gewissen Racen ungemein +selten, besonders aber bei Völkern, deren Hautgewebe stark gefärbt ist. +Ich kann nicht glauben, daß sie allein Folgen höherer Cultur, einer +weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniß sind. In Europa +heirathet ein buckligtes oder sehr häßliches Mädchen, wenn sie Vermögen +hat, und die Kinder erben häufig die Mißbildung der Mutter. Im wilden +Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts +einen Mann vermögen, eine Mißbildete oder sehr Kränkliche zum Weibe zu +nehmen. Hat eine solche das seltene Glück, daß sie das Alter der Reife +erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man möchte glauben, die Wilden +seyen alle so wohlgebildet und so kräftig, weil die schwächlichen Kinder +aus Verwahrlosung frühe wegsterben und nur die kräftigen am Leben bleiben; +aber dieß kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die +Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und +Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren +Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen +dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfähigkeit, vom ursprünglichen Typus +abzuweichen, so müssen wir darin doch wohl großentheils angeborene Anlage +erblicken, das, worin eben der eigenthümliche Racencharakter besteht. Ich +sage absichtlich: großentheils, weil ich den Einfluß der Cultur nicht ganz +ausschließen möchte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weißen, wird +der Körper durch Luxus und Weichlichkeit geschwächt, und aus diesem Grunde +waren früher Mißbildungen in Couzco und Tenochtitlan häufiger; aber unter +den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der größten +Sitteneinfalt leben, hätte Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten +aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah. + +Die Sitte des frühzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen +bezeugen, der Zunahme der Bevölkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese +frühe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heißen +Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestküste von Amerika, bei den +Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriäken, wo häufig +zehnjährige Mädchen Mütter sind. Man kann sich nur wundern, daß die +Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei +keiner Race und in keinem Klima verändert. + +Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere +Völker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reißen sie aus; +aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur +deßhalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch +wären die Indianer größtentheils ziemlich bartlos. Ich sage größtentheils, +denn es gibt Völkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben +den andern stehen und deßhalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher +gehören in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die +Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in +Südamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne +sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den dünnen +Kinnbart auszuraufen, sich häufig rasiren, so wächst der Bart stärker. +Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Meßdiener lebhaft +wünschten den Väter Kapuzinern, ihren Missionären und Meistern zu +gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Maße +verhaßt, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille +fließt aus derselben Quelle wie die Vorliebe für abgeflachte Stirnen, die +an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise +zu Tage kommt. Den Völkern gilt immer für schön, was ihre eigene +Körperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da +ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine +rothbraune Haut gegeben hat, so hält sich jeder für desto schöner, je +weniger sein Körper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut +mit _‘Roucou’_, _‘Chica’_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist. + +Die Lebensweise der Chaymas ist höchst einförmig. Sie legen sich +regelmäßig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb +fünf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Hängematte. +Die Weiber sind so frostig, daß ich sie in der Kirche vor Kälte zittern +sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im +Innern sind die Hütten der Indianer äußerst sauber. Ihr Bettzeug, ihre +Schilfmatten, ihre Töpfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und +Pfeile, Alles befindet sich in der schönsten Ordnung. Männer und Weiber +baden täglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die +Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Ländern +vorzugsweise von den Kleidern herrührt. Außer dem Haus im Dorfe haben sie +meist auf ihren _‘Conucos’_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht +einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblättern gedeckte Hütte von +geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten +sie sich doch dort auf, so oft sie nur können. Schon oben gedachten wir +ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben +in der Wildniß zurückzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten +ihren Eltern und ziehen vier, fünf Tage in den Wäldern herum, von +Früchten, von Palmkohl und Wurzeln sich nährend. Wenn man in den Missionen +reist, sieht man häufig die Dörfer fast ganz leer stehen, weil die +Einwohner in ihren Gärten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den +civilisirten Völkern fließt wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben +moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen +Unabhängigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur überall auf den +Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenüber sieht. + +Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen +halbbarbarischen Völkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit fällt +ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen, +trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen +Weg durch das Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer +gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere +saßen nicht selten oben auf dem Bündel. Trotz dieser gesellschaftlichen +Unterordnung schienen mir die Weiber der südamerikanischen Indianer +glücklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem +Mississippi werden überall, wo die Eingeborenen nicht größtentheils von +der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kürbisse nur von den Weibern gebaut; der +Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heißen Zone gibt es +nur sehr wenige Jägervölker, und in den Missionen arbeiten die Männer im +Felde so gut wie die Weiber. + +Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch +lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weißen nicht +in Berührung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte +Indianer zu heißen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrückt, +_‘latinisirte’_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein +bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich +später besucht, am meisten auffiel, das ist, daß es den Indianern so +ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf +spanisch auszudrücken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den +Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie für noch einfältiger halten als +Kinder, wenn ein Weißer sie über Gegenstände befragt, mit denen sie von +Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionäre versichern, dieses Stocken +sey nicht Folge der Schüchternheit; bei den Indianern, die täglich ins +Haus des Missionärs kommen und bei der öffentlichen Arbeit die Aussicht +führen, sey es keineswegs natürliche Beschränktheit, sondern nur +Unvermögen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden +Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr +moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu +verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt, +Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen, +Mulatten und Weißen in der Nähe der Städte in Pfarrdörfern wohnen. Ich war +oft erstaunt, mit welcher Geläufigkeit in Caripe der _‘Alcalde’_, der +_‘Governador’_, der _‘Sargento mayor’_ stundenlang zu den vor der Kirche +versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten für die +Woche, schalten die Trägen, drohten den Unanstelligen. Diese Häuptlinge, +die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionärs der Gemeinde zur +Kenntniß bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit +starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Züge bleiben dabei +unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch. + +Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und +ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr +zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausflügen in der Nähe des +Klosters begleiteten und wir durch die Mönche Fragen an sie richten +ließen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage +stellte; und ihre Trägheit und nebenbei auch jene schlaue Höflichkeit, die +auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, ließ sie nicht selten +ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten +schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen +wollen, können sie vor diesem gefälligen Jasagen sich nicht genug in Acht +nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe +stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der +Höhle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus +und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu +besinnen und sagte dann zur Unterstützung meiner Annahme: »Freilich, wie +wäre auch sonst vorne in der Höhle immer Wasser im Bett?« + +Alle Zahlenverhältnisse fassen die Chaymas außerordentlich schwer. Ich +habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey +achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an +den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fünfhundert Jahren +civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich große Zahlen +ausdrücken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im +Verkehr mit den Missionären dazu genöthigt sind, so zählen die fähigsten +spanisch, aber so, daß man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf +30 oder 50. In der Chaymassprache zählen dieselben Menschen nicht über 5 +oder 6. Es ist natürlich, daß sie sich vorzugsweise der Worte einer +Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen +gelernt haben. Seit die europäischen Gelehrten es der Mühe werth halten, +den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der +semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt, +schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus +Rechnung der Rohheit der Völker kommt. Man erkennt an, daß fast überall +die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als +man nach der Culturlosigkeit der Völker, die sie sprechen, vermuthen +sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schönsten +Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen +hat ein klareres, regelmäßigeres und einfacheres Zahlsystem als das +Oquichua und das Aztekische, die in den großen Reichen Couzco und Anahuac +gesprochen wurden. Dürfte man nun sagen, in diesen Sprachen zähle man +nicht über vier, weil es in den Dörfern, wo sich dieselben unter den armen +Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen +gibt, die nicht weiter zählen können? Die seltsame Ansicht, nach der so +viele Völker Amerikas nur bis zu fünf, zehn oder zwanzig sollen zählen +können, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wußten, daß die +Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen +Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heißt nach den Fingern +Einer Hand, beider Hände, der Hände und Füße zusammen) einen Abschnitt +machen, und daß 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fünf eins, zehn +drei und »Fuß zehn« ausgedrückt werden. Kann man sagen, die Zahlen der +Europäer gehen nicht über zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe +von zehn Einheiten beisammen ist? + +Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die +Töchtersprachen des Lateinischen, daß die Jesuiten, welche Alles, was ihre +Anstalten fördern konnte, aufs Sorgfältigste in Betracht zogen, bei den +Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr +regelmäßige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das +Guarani, einführten. Sie suchten durch diese Sprachen die ärmeren, +plumperen, im Satzbau nicht so regelmäßigen Mundarten zu verdrängen. Und +der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener +Stämme ließen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese +verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel +zwischen den Missionären und den Neubekehrten. Mit Unrecht würde man +glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen +gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluß zweier +auf einander eifersüchtiger Gewalten, der Bischöfe und der Statthalter, zu +entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere +Gründe, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese +Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden +zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch +die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Ländern +bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form +oder doch das Aussehen von Ursprachen. + +Wenn es heißt, ein Däne lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter +Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man +zunächst, dieß rühre daher, daß alle germanischen Sprachen oder alle +Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein +haben; man vergißt, daß es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere +gibt, die Völker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die +Sprache ist keineswegs ein Ergebniß willkührlicher Uebereinkunft; der +Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Möglichkeit der +Inversionen, Alles ist ein Ausfluß unseres Innern, unserer eigenthümlichen +Organisation. Im Menschen lebt ein unbewußt thätiges und ordnendes +Princip, das bei Völkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt +ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder +am Meeresufer, die ganze Lebensweise mögen die Laute umwandeln, die +Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber +alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen +unberührt. Die Einflüsse des Klimas und aller äußern Verhältnisse sind ein +verschwindendes Moment dem gegenüber, was der Racencharakter wirkt, die +Gesammtheit der dem Menschen eigenthümlichen, sich vererbenden Anlagen. + +In Amerika nun -- und dieses Ergebniß der neuesten Forschungen ist für die +Geschichte unserer Gattung von der höchsten Bedeutung -- in Amerika haben +vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heißen Ufern dieses +Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz +verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein +ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und +das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem +grammatischen Bau die überraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren +Wurzeln einander um nichts ähnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen +und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit, +Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast +überall in der neuen Welt, daß die Zeitwörter eine ganze Menge Formen und +Tempora haben, ein künstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder +durch Flexion der persönlichen Fürwörter, welche die Wortendungen bilden, +oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhältnisse +des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder +leblos, männlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher +Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil +amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben +(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung +übereinkommen und von den Töchtersprachen des Lateinischen durchaus +abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine +amerikanische Sprache als die des europäischen Mutterlandes. In den +Wäldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen +sprechen hören. Häufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem +andern als ihrem eigenen Idiom mit einander. + +Hätte man das System der Jesuiten befolgt, so wären bereits weit +verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am +Orinoco spräche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Süden und +Südwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionäre +könnten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen +höchst regelmäßig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit, +und würden so den Eingeborenen, über die sie herrschen, weit näher kommen. +Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus +einem Dutzend Völkerschaften bestehen, verschwänden mit der +Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten würden todte Sprachen; +aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine +Individualität und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf +friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus +in die neue Welt eingeführt, mit Waffengewalt durchzuführen begonnen. + +Wie mag man sich auch wundern, daß die Chaymas, die Caraiben, die Saliven +oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man +bedenkt, daß fünf-, sechshundert Indianern Ein Weißer, Ein Missionär +gegenübersteht, und daß dieser alle Mühe hat, einen Governador, Alcalden +oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Könnte man statt der Zucht der +Missionäre die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre +Sitten sänftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten, +ohne deßhalb gebildeter zu seyn), könnte man die Weißen, statt sie ferne +zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben +lassen, so wären die amerikanischen Sprachen bald von den europäischen +verdrängt, und die Eingeborenen überkämen mit den letzteren die gewaltige +Masse neuer Vorstellungen, welche die Früchte der Cultur sind. Dann +brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder +das Guarany, einzuführen. Aber nachdem ich mich in den Missionen des +südlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzüge und die +Mißbräuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die +Ansicht aussprechen, daß dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn +wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern läßt und das als +Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von bürgerlicher +Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Römer +haben in Gallien, in Bätica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft +schnell auch ihre Sprache eingeführt; aber die eingeborenen Völker dieser +Länder waren keine Wilde. Sie wohnten in Städten, sie kannten den Gebrauch +des Geldes, sie hatten bürgerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe +Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und +den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in +unmittelbare Berührung gekommen. Dagegen sehen wir der Einführung der +Sprachen der Mutterländer überall fast unüberwindliche Hindernisse +entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder römische Colonien +auf wirklich barbarischen Küsten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und +unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem +civilisirten Menschen gegenüber. + +Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das +Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie +weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_, +_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, daß +diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber +Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten +selbst einverleibt sind. Mit Unrecht würde man diese Rauheit des +Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind +ursprünglich diesem gemäßigten Klima fremd. Sie sind erst durch die +Missionäre dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie +allen Bewohnern heißer Landstriche, die Kälte in Caripe, wie sie es +nennen, Anfangs sehr zuwider. Während unseres Aufenthalts im +Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniß von +Chaymasworten angelegt. Ich weiß wohl, daß der Bau und die grammatischen +Formen für die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute +und der Wurzeln, und daß diese Analogie der Laute nicht selten in +verschiedenen Dialekten derselben Sprache völlig unkenntlich wird; denn +die Stämme, in welche eine Nation zerfällt, haben häufig für dieselben +Gegenstände völlig verschiedene Benennungen. So kommt es, daß man sehr +leicht irre geht, wenn man, die Flexionen außer Augen lassend, nur nach +den Wurzeln, z. B. nach den Worten für Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei +Idiome allein wegen der Unähnlichkeit der Laute für völlig verschieden +erklärt. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden +gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugänglich ist. +Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane +des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben für sich +kennen. Die Wörterverzeichnisse sind nicht zu vernachläßigen; sie geben +sogar über den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluß, +wenn der Reisende Sätze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort +flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender +Weise geschieht, die persönlichen und possessiven Fürwörter bezeichnet +werden. + +Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona +sind gegenwärtig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische. +Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat +ihr Wörterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfaßt von den Patres Tauste, +Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios +Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im +siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die +Missionen gekommen und in den Wäldern zu Grunde gegangen. Wegen der großen +Feuchtigkeit und der Gefräßigkeit der Insekten lassen sich in diesen +heißen Ländern Bücher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller +Vorsichtsmaßregeln sind sie in kurzer Zeit gänzlich verdorben. Nur mit +großer Mühe konnte ich in den Missionen und Klöstern die Grammatiken +amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner +Rückkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu +Königsberg übermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem +schönen großen Werk über die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals +versäumt meine Notizen über die Chaymassprache aus meinem Tagebuch +abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch +der Abt Hervas dieser Sprache erwähnen, gebe ich hier kurz das Ergebniß +meiner Untersuchungen. + +Auf dem rechten Ufer des Orinoco, südöstlich von der Mission Encaramada, +über hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in +mehrere Dialekte zerfällt. Diese einst sehr mächtige Nation ist auf wenige +Köpfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den +Orinoco, durch die großen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine +noch schwerer zu übersteigende Schranke, durch Völker von caraibischem +Stämme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen örtlichen +Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der +Tamanacusprache. Die ältesten Missionare in Caripe wissen nichts von +dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast +nie an das südliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der +Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache +dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rückkehr +nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer +Grammatik verglich, die ein alter Missionär am Orinoco in Italien drucken +lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili +vermuthet, daß die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu +verwandt seyn müsse. + +Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die +Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die +Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die +persönlichen Fürwörter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_, +ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder +_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person +ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu. + ++---------------------+-----------------+ +| Chaymas | Tamanacu | ++---------------------+-----------------+ +|_Ure_, ich. | _ure._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Tuna_, Wasser. | _Tuna._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Conopo_, Regen. | _Canepo._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Poturu_, Wissen. | _Puturo._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Apoto_, Feuer. | _U-apto._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Je_, Baum. | _Jeje._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Ata_, Haus. | _Aute._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Euya_, dir. | _Auya._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Toya_, ihm. | _Iteuya._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Guane_, Honig. | _Uane._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Nacaramayre_, er | _Nacaramai._ | +|hat’s gesagt. | | ++---------------------+-----------------+ +|_Piache_, Zauberer, | _Psiache._ | +|Arzt. | | ++---------------------+-----------------+ +|_Tibin_, eins. | _Obin._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Aco_, zwei. | _Oco._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Oroa_, drei. | _Orua._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Pun_, Fleisch. | _Punu._ | ++---------------------+-----------------+ +|_Pra_, nicht. | _Pra._ | ++---------------------+-----------------+ + +*Seyn* heißt im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persönliche +Fürwort *ich* (_u_ von _u-re_), so läßt man des Wohlklangs wegen vor dem +_u_ ein _g_ hören, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die +erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte +durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; »_muerepuec araquapemaz,_«, » +warum bist du traurig?« wörtlich: »das für traurig du seyn?« »_punpuec +topuchemaz,_« »du bist fett von Körper;« wörtlich: »Fleisch (_pun_) für +(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_).« Die zueignenden Fürwörter +kommen vor das Hauptwort zu stehen: »_upatay,_« »in meinem Hause;« +wörtlich: »ich Haus in.« Alle Präpositionen wie die Negation _pra_ werden +nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: »_ipuec,_ mit ihm,« +wörtlich »er mit;« »_euya,_ zu dir, oder dir zu;« »_epuec charpe guaz_« +»ich bin lustig mit dir;« wörtlich: »du mit lustig ich seyn;« »_ucarepra,_ +nicht wie ich;« wörtlich: »ich wie nicht;« »_quenpotupra quoguaz_ ich +kenne ihn nicht;« wörtlich: »ihn kennend nicht ich bin;« »_quenepra +quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen,« wörtlich: »ihn sehend nicht ich +bin.« Im Tamanacu sagt man: »_acurivane,_ schön,« und »_acurivanepra,_ +häßlich, nicht schön;« »_uotopra,_ es gibt keinen Fisch,« wörtlich: »Fisch +nicht;« »_uteripipra,_ ich will nicht gehen;« wörtlich: »ich gehen wollen +nicht;« und dieß ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen, +und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit +dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die +Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrückt: »_amoyenlenganti,_ +es ist sehr kalt;« »_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt.« In +ähnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht +angehängt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B. +_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen. + +Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmäßig ist, +lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den +Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloß zur Bildung des +Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen +Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwörter angehängt. Diese +Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Hülfszeitwörter _as_ und +_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan, +ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die +einander unähnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der +geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau +der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten, +offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen. + +Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des +Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses +bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_ +bezeichnet: »_teure,_ er selbst,« »_teurecon,_ sie selbst;« »_taronocon,_ +die hier;« »_montaonocon,_ die dort,« wenn der Sprechende einen Ort meint, +an dem er sich selbst befand; »_miyonocon,_ die dort,« wenn er von einem +Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen +Adverbe _aqui_ und _alà (allà),_ deren Sinn sich in den Sprachen von +germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung +wiedergeben läßt. + +Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute +nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Dieß schien mir um so +auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Völkern besondere +Worte für Gott und für Sonne findet. Der Caraibe wirft »_tamoussicabo,_ +den Alten des Himmels,« und »_veyou,_ die Sonne,« nicht zusammen. Sogar +der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines +Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heißt die +Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) während Gott _Vinay Huayna_, der +ewig Junge, genannt wird. + +Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente, +die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor +das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persönliche Fürwort. Der +Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck fällt, geht Allem voran, was sonst +ausgesagt wird. Der Amerikaner würde sagen: »Freiheit völlige lieben wir,« +statt: wir lieben völlige Freiheit; »dir nicht glücklich bin ich,« statt: +mit dir bin ich glücklich. Diese Sätze haben eine gewisse Unmittelbarkeit, +Bestimmtheit, Bündigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel +fehlt. Ob wohl diese Völker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst +überlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen wären? Man +könnte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Römer in +ihren bestimmten, klaren, aber etwas schüchternen Töchtersprachen +umgewandelt worden ist. + +Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen, +fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein +Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache, +in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in +den Worten so häufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_ +weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen +vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im +französischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_ +erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu +_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen +Mundarten fehlen, so kommt dieß vom innigen Verwandtschaftsverhältniß +zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher +Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden +verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_, +_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Bürde, +_pous_, Fuß. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und +aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani, +aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Büchse). + +Trotz der erwähnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, daß das Chaymas als +ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano, +Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und +die beiden Sprachen scheinen mir höchstens in dem Grade verwandt, wie das +Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehören derselben Unterabtheilung +der großen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen +Sprachen an. Da es für die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maaß gibt, +so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten +Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie +Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch +und Sanskrit. + +Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, daß alle +Sprachen in zwei große Classen zerfallen, indem die einen, mit +vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere +Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, während die andern, plumperen, +weniger bildungsfähigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln +roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie für sich braucht, ihre +eigenthümliche Physiognomie beibehalten. Diese höchst geistreiche +Auffassung wäre unrichtia, wenn man annähme, es gebe vielsylbige Sprachen +ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus +organisch entwickeln, kennen gar keinen äußerlichen Zuwachs durch +*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon öfters als Agglutination +oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt für +Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht ursprünglich Affixe, von +denen nur ein oder zwei Consonanten übrig geblieben sind. Es ist mit den +Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz für +sich, nichts ist dem Andern völlig unähnlich. Je weiter man in ihren +innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden +Eigenthümlichkeiten. »Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem +scharf umrissen scheinen.« [Wilhelm v. Humboldt] + +Lassen wir aber auch für die Sprachen keinen durchgreifenden +Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, daß im +gegenwärtigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern +zur äußerlichen Aggregation. Zu den ersteren gehören bekanntlich die +Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu +den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder +Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das +Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben +mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation +oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber +ein ziemlich entwickeltes Gefühl für Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft +oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die +mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhältnisse bezeichnet. + +Betrachtet man den eigenthümlichen Bau der amerikanischen Sprachen näher, +so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete +Ansicht rührt, daß die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem +Hebräischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am +Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hörte ich diesen Gedanken äußern, +besonders Geistliche, die vom Hebräischen und Baskischen einige +oberflächliche Kenntniß hatten. Liegen etwa religiöse Rücksichten einer so +seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas, +haben etwas leichtgläubige Reisende das Hallelujah der Hebräer singen +hören, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen +Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertönen. Ich will +nicht glauben, daß die Völker des lateinischen Europa Alles hebräisch oder +baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles, +was nicht im griechischen oder römischen Styl gehalten war, egyptische +Denkmäler nannte. Ich glaube vielmehr, daß das grammatische System der +amerikanischen Sprachen die Missionäre des sechzehnten Jahrhunderts in +ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Völker der neuen Welt +bestärkt hat. Einen Beweis hiefür liefert die langweilige Compilation des +Paters GARCIA: »_Tratad del origen de los indios._« Daß die possessiven +und persönlichen Fürwörter hinter Substantiven und Zeitwörtern stehen, und +daß letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthümlichkeiten des +Hebräischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden +es nun sehr merkwürdig, daß die amerikanischen Sprachen dieselben Formen +aufzuweisen haben. Sie wußten nicht, daß die Uebereinstimmung in +verschiedenen einzelnen Zügen für die gemeinsame Abstammung der Sprachen +nichts beweist. + +Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr +verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine +Familienähnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die +Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente +auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen +Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles +dieß konnte die Täuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen +es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch +keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser +physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und +dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgängig von einander abweichen. +*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, wörtlich: wissend nicht +ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna +aichi_, er wird nicht tragen, wörtlich: tragend nicht wird seyn; +_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu; +_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier; +_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen; +_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich +kehre zurück; _Maypur butkè_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutkè_, +ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein böser Maypure-Indianer; _aicataje_ +ein böses Weib. + +*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, wörtlich: ich liebend ihn bin; +_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den +Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen; +_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges +kindisches Benehmen.(8) + +Diesen Beispielen mögen einige beschreibende Composita folgen, die an die +Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen +wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetät des Ausdrucks überraschen. +*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, wörtlich: Vater (_im-de_) des Honigs +(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, wörtlich: die Söhne des Fußes; die +Finger, _amgna-mucuru_, die Söhne der Hand; die Schwämme, _jeje-panari_, +wörtlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_, +wörtlich: verästete Wurzeln; die Blätter, _prutpe-jareri_, wörtlich: die +Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, wörtlich: gerade oder senkrechte +Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, wörtlich: das Feuer des Donners oder des +Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, wörtlich: was zum Auge gehört; +_odotsa_, Getöse der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, wörtlich: +der lebendige Stein. + +Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwörter eine Unzahl Tempora, ein +doppeltes Präsens, vier Präterita, drei Futura. Diese Häufung ist selbst +den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des +Baskischen zählt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des +Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion +haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch bloße +Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren +sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist +aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Für sich geben +diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen. +Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten +Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Räderwerk. Man erkennt die +Künstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es +ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man könnte sie für +sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedächte, daß der menschliche +Geist unverrückt einem einmal erhaltenen Anstoß folgt, daß die Völker nach +einem ursprünglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen +erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und daß es Länder gibt, wo +Sprache, Verfassung, Sitten und Künste seit vielen Jahrhunderten wie +festgebannt sind. + +Die höchste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Völkern +stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehören. Die +hauptsächlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein +natürliches Hinderniß der Culturentwicklung; es geht ihnen großentheils +die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln +mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz +geben. Wir dürfen indessen nicht vergessen, daß ein schon im hohen +Alterthum hochberühmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer +Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau +unwillkürlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein- +oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder +Hauptwort angehängt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen, +haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen für Größe, Neid, Leichtsinn, +_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit, +_metrepherpeton_, aus fünf leicht zu unterscheidenden Elementen +zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes +(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) böse (_on_). Und +dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die +chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an +einander gerückt sind und sich gar nicht unmittelbar berühren. So viel ist +gewiß, sind einmal die Völker aus ihrem Schlummer aufgerüttelt und auf die +Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das +Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudrücken und Seelenregungen zu +schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von +Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen +Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich übertragen, und +man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und +philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere +Literaturprodukt ins Peruanische übersetzen. + +Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der +Eroberung hat zur natürlichen Folge gehabt, daß nicht wenige amerikanische +Worte in die spanische Sprache übergegangen sind. Manche dieser Worte +bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt +waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung +(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehören der Sprache der großen +Antillen au, die früher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hieß. +Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco +u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu +besuchen, hatten sie bereits Worte für die nutzbarsten Gewächse, die auf +den Antillen, wie auf den Küsten von Cumana und Paria vorkommen. Sie +behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei, +durch sie wurden dieselben über ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo +die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Völkern, die +von der Existenz der Antillen gar nichts wußten. Manchen Worten, die in +den spanischen Colonien in täglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen +mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache, +_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schürze, +_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist +tamanakisch, _Chinchorro_ (Hängematte) und _Tutuma_ (die Frucht der +_Crescentia Cujete_, oder ein Gefäß für Flüssigkeiten) sind Chaymaswörter. + +Ich habe lange bei Betrachtungen über die amerikanischen Sprachen +verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke +bespräche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der +Art sind. Es verhält sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmälern +halb barbarischer Völker zukommt. Man beschäftigt sich mit ihnen nicht, +weil sie für sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen können, +sondern weil die Untersuchung für die Geschichte unseres Geschlechts und +den Entwicklungsgang unserer Geisteskräfte nicht ohne Belang ist. + +Ehe Cortes nach der Landung an der Küste von Mexico seine Schiffe +verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war +Europa auf die Länder, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit +der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man +die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Dieß fällt +alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest, +namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe +Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen +Bemerkungen über Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle +Begeisterung für die großen Entdeckungen eines an außerordentlichen +Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine nähere Beschreibung der +Sitten der Völker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier +(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen +scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklären, den ich im spanischen +Amerika häufig habe besprechen hören. + +Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die +Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, daß +die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten +Besucher haben am Vorgebirge Paria weiße Menschen mit blonden Haaren +gesehen? Waren dieß Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und +ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer +hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Stämme mit dunklerer +Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man früher auf der Landenge von +Panama gefunden? Aber Fälle dieser Mißbildung sind bei der kupferfarbigen +Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den +Einwohnern von Paria überhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9) +beschreiben sie wie Völker germanischen Stammes: sie seyen weiß mit +blonden Haaren. Ferner sollen sie ähnlich wie Türken gekleidet gewesen +seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach mündlichen Berichten, die sie +gesammelt. + +Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand +Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, näher ansehen. Da heißt es +bloß, »der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria +und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena +conversacion_) und weißer gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin +gesehen.« Damit ist doch wohl nicht gesagt, daß die Pariagotos weiß +gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kühlen +Morgen sah der große Mann eine Bestätigung seiner seltsamen Hypothese von +der unregelmäßigen Krümmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in +diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in +der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine +angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten +anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit +den *tartarischen* Völkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des +breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben. + +Gab es aber zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts auf den Küsten von Cumana +so wenig als jetzt Menschen mit weißlichter Haut, so darf man daraus +deßhalb nicht schließen, daß bei den Eingeborenen der neuen Welt das +Hautsystem durchgängig gleichförmig organisirt sey. Wenn man sagt, sie +seyen alle kupferfarbig, so ist dieß so unrichtig, als wenn man behauptet, +sie wären nicht so dunkel gefärbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth +aussetzten oder nicht von der Luft gebräunt würden. Man kann die +Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur +einen gehören die Eskimos in Grönland, in Labrador und auf der Nordküste +der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstraße, der Halbinsel Alaska und +des Prinz-Williams-Sunds. Der östliche und der westliche Zweig dieser +Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern +Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe +Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich +sogar, wie in neuerer Zeit außer Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter, +zu den Bewohnern des nordöstlichen Asiens; denn die Mundart der +Tschuktschen an der Mündung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die +Sprache der Eskimos auf der Europa gegenüberliegenden Küste von Amerika. +Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt +diese hyperboräische Race nur am Meeresufer. Sie nähren sich von Fischen, +sind fast durchgängig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind +lebhaft, beweglich, geschwätzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und +schwarz; aber (und dieß zeichnet die Race, die ich die +Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist +ursprünglich weißlicht. Es ist gewiß, daß die Kinder der Grönländer weiß +zur Welt kommen; bei manchen erhält sich diese Farbe, und auch bei den +dunkelsten (den von der Luft am meisten gebräunten) sieht man nicht selten +das Blut auf den Wangen roth durchschimmern. + +Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfaßt alle Völler außer den +Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluß bis zur Magellanschen Meerenge, von den +Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und +Tehuelhets in der südlichen Halbkugel. Die Völker dieses zweiten Zweiges +sind größer, stärker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen +hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru, +in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms, +im ganzen Strich von Südamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den +sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei, +drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Daß die Eingeborenen +nur von Luft und Sonne gebräunte Weiße seyn möchten, ist einem Spanier in +Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im +nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Stämme, bei denen die Kinder weiß +sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die +Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Häuptling der Miamis +Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten +Körpertheile fast weiß. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und +nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico +niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich +fast beständig in ihren Häusern aufhalten. Westwärts von den Miamis, auf +der gegenüberliegenden asiatischen Küste, bei den Koluschen und +Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Mädchen, wenn +sie angehalten werden sich zu waschen, so weiß wie Europäer. Diese weiße +Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvölkern in +Chili zukommen.(11) + +Dieß sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr +verbreiteten Ansicht von der außerordentlichen Gleichförmigkeit der +Körperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir +dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu, +daß die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in +der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren +sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstämme zu gruppiren, +so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschließend zu Werke geht. Wir +wollten hier darthun, daß, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet, +mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Stämme vorkommen, bei denen die +Kinder weiß zur Welt kommen, ohne daß sich, bis zur Zeit der Eroberung +zurück, darthun ließe, daß sie sich mit Europäern vermischt hätten. Dieser +Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei +physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der +Mexicaner und die weißen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu +beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heißesten Erdstrich ihr +Leben lang und bei voller Kraft die weißlichte Hautfarbe der Mestizen +behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den +spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen +unmöglich gemacht. + +Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus +mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Körperbau, als die Farbe. Bei +den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe +häufiger als solche nach dem Körperbau. Das Haar der Säugethiere, die +Federn der Vögel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je +nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach +den Hitze- und Kältegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im +Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen +guten Beobachtungen geht hervor, daß sich die Hautfarbe wohl beim +Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen +Race ändert. Die Eskimos in Grönland und die Lappen sind gebräunt durch +den Einfluß der Luft, aber ihre Kinder kommen weiß zur Welt. Ob und welche +Veränderungen die Natur in Zeiträumen hervorbringen mag, gegen welche alle +geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darüber haben wir nichts zu +sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt, +sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Führern hat. + +Die Völker mit weißer Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weißen Menschen; +nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Völker durch die +übermäßige Sonnengluth geschwärzt oder gebräunt worden. Diese Ansicht, die +schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch, +hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was +Theodectes zweitausend Jahre früher poetisch ausgesprochen: »die Nationen +tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen.« Wäre die Geschichte +von schwarzen Völkern geschrieben worden, sie hätten behauptet, was +neuerdings sogar von Europäern angenommen worden ist, der Mensch sey +ursprünglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der +Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen +gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle +Färbung in eine hellere übergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind +Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, beständig +geworden und haben sich unverändert fortgepflanzt; aber nichts weist +darauf hin, daß, unter den gegenwärtigen Verhältnissen der menschlichen +Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe, +kupferfarbige und weiße, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den +Einfluß des Klimas, der Nahrung und anderer äußerer Umstände vom +ursprünglichen Typus bedeutend abweichen. + +Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen +zurückzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen, +die vier- und fünfmal höher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe +mich hier vorläufig nur auf das Zeugniß ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah +die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heißen Küsten von +Panama, und wiederum in Louisiana, im nördlichen gemäßigten Erdstrich. Er +hatte den Vortheil, daß er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch +nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, daß der +Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so +broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in +der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den +heißen Ufern des Orinoco Indianern mit weißlichter Haut begegnen: _est +durans originis vis._ + + ------------------ + + + + + + 1 Die Völker, welche die Spanier auf der Küste von Paria antrafen, + hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit + Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablätter oder + Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Küste, + nur weiter ostwärts, bei den Guajiros an der Mündung des Rio la + Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, führen das Pulver + von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als + Kapsel dient, am Gürtel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein + Handelsartikel, wie früher, nach Gomara, das der Indianer in Paria. + In Europa werden die Zähne vom übermäßigen Tabakrauchen gleichfalls + gelb und schwarz. Wäre der Schluß richtig, man rauche bei uns, weil + man gelbe Zähne schöner finde als weiße? + + 2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4. + + 3 So übertrieben die Griechen bei ihren schönsten Statuen die + Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu groß annahmen. + + 4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._ + +_ 5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heißt ein + Spanier, wörtlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier + oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen + Gegenständen zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum, + _jejecne_ Bäume. + + 6 In der Sprache der Incas heißt Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ groß + _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, groß _vipulo_. + Es sind dieß die einzigen Fälle von Lautähnlichkeit, die man bis + jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen + völlig verschieden. + + 7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch + gebildet, daß man _butkè_ das Ende des Wortes _cujuputkè_, klein, + beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_. + + 8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine + schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit. + +_ 9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis + oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi + veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara + sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Mündung des Flusses + Cumana gesehen: »_Las donzellas eran amorosas, desnudas y + __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan + negros del sol._« + + 10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem + Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz für einen + Turban angesehen? Daß ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf + bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit + merkwürdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die + Küste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d’Anghiera + beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: »_Incolas + omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis + vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum, + insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._« Was soll man + aus diesen Völkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel + getragen, wie man auf dem Rücken der Anden trägt, und auf einer + Küste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen + gesehen? + + 11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas + am Uruguay glauben, die wie Völker vom Stamme Odins geschildert + werden? (Azzara, _Reise._) + + 12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Züge Alexanders scheinen viel + dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die große Frage nach dem + Einfluß des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden + vernommen, daß in Hindostan die Völker im Süden dunkelfarbiger + seyen, als im Norden in der Nähe der Gebirge, und sie setzten + voraus, daß beide derselben Race angehören. + + 13 »Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den + Einfluß von Sonne und Luft dunkler. Ich muß darauf aufmerksam + machen, daß weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar + verändern, so daß man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und + die auf den heißesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen, + die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten nördlichen und + südlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann.« _Noticias + americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden + Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwärtig von der + Verschiedenheit benachbarter Völker nach Farbe und Gesichtszügen + Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des + _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem + Einfluß des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der + gewiß weiß, daß wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts + wissen.»Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante + originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli + corporibus habitum dedit.« _Agricola._ cap. 11 + + + + + +ZEHNTES KAPITEL. + + + Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewöhnliche + Meteore. + + +Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem +Orinoco und Rio Negro erforderte Zurüstungen aller Art. Wir mußten die +Instrumente auswählen, die sich auf engen Canoes am leichtesten +fortbringen ließen; wir mußten uns für eine zehnmonatliche Reise im +Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Küsten steht, mit Geldmitteln +versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war, +so war es mir von großem Belang, daß mir die Beobachtung einer +Sonnenfinsterniß nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich +blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schön und heiter +ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von +Caracas war für meinen Zweck minder günstig wegen der Dünste, welche die +nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Länge von Cumana genau bestimmte, so +hatte ich einen Ausgangspunkt für die chronometrischen Bestimmungen, auf +die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt, +um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten. + +Fast hätte ein Unfall mich genöthigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben +oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der +Sonnenfinsterniß, gingen wir, wie gewöhnlich, am Ufer des Meerbusens, um +der Kühle zu genießen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an +diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll beträgt. Es war acht Uhr +Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war +bedeckt und bei der Windstille war es unerträglich heiß. Wir gingen über +den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries. +Ich hörte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen +hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Gürtel. Er +hielt fast über meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten +keulenförmig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage +aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging, +war nicht so glücklich; er hatte den Zambo später bemerkt als ich, und +erhielt über der Schläfe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir +waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer +weiten Ebene an der See. Der Zambo kümmerte sich nicht mehr um mich, +sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des +Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeußerste +erschrocken, da ich meinen Reisegefährten zu Boden stürzen und eine Weile +bewußtlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der +Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stürzten auf den Zambo +zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist, +oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und +dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und +baumartigen Avicennien. Zufällig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunächst +an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der äußersten Gefahr aus. +Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen +Kampfe wären wir sicher verwundet worden, wären nicht biscayische +Handelsleute, die auf dem Strande Kühlung suchten, uns zu Hülfe gekommen. +Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang +wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus +nachgelaufen, schlüpfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig +herausholen und ins Gefängniß führen ließ. + +Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kräftiger Mann, voll der +Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem +Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner +Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut +gequetscht und er spürte die Nachwehen mehrere Monate während unseres +Aufenthaltes in Caracas. Beim Bücken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er +mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befürchten ließ, daß im +Schädel etwas ausgetreten seyn möchte. Zum Glück war diese Besorgniß +ungegründet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden +nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die rührendste +Theilnahme. Wir hörten, der Zambo sey aus einem der indianischen Dörfer +gebürtig, die um den großen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem +Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem +Capitän, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Küste +zurückgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen +lassen, um die Höhe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns +auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, daß er, nachdem er einen von +uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnügen schien? Im +Verhör waren seine Antworten so verworren und albern, daß wir nicht klug +aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht +gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung über die schlechte +Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns +eines zu versetzen, nicht widerstehen können, sobald er uns habe +französisch sprechen hören. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam +ist, daß die Verhafteten, von denen die Gefängnisse wimmeln, sieben, acht +Jahre auf ihr Urtheil warten müssen, so hörten wir wenige Tage nach +unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem +Schlosse San Antonio entsprungen. + +Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am +28. October um fünf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur +Beobachtung der Sonnenfinsterniß zu rüsten. Der Himmel war klar und rein. +Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine +gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden +in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schönen +Tag um so mehr Glück zu wünschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der +Gewitter, die regelmäßig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne +durch den Meridian in Süd und Südost aufzogen, die Uhren nicht nach +correspondirenden Höhen hatte richten können. Ein röthlichter Dunst, der +in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt, +verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr +ungewöhnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine +Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der +Sonnenfinsterniß vollständig beobachten. Das Ende der Finsterniß war um +2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniß +meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna +und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im +neunten Jahrgang) veröffentlicht. Dieses Ergebniß wich um nicht weniger +als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Länge ab, die der Chronometer mir +ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von +Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt +stimmten Sonnenfinsterniß und Chronometer bis auf 10 Secunden überein. Ich +führe diesen merkwürdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln +auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen, +wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstände bei ihren +einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die +vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den +Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle überzeugt, +hatten mir großes Zutrauen zu Louis Berthoud’s Uhr gegeben, so oft sie +nicht auf den Maulthieren starken Stößen ausgesetzt war. + +Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniß boten sehr auffallende +atmosphärische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter, +das heißt in der Jahreszeit des bewölkten Himmels und der kurzen +Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der +Nacht ein röthlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten +einen mehr oder minder dichten Schleier über das blaue Himmelsgewölbe. Der +Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs größere Feuchtigkeit an, sondern +ging vielmehr oft von 90° auf 83° zurück. Die Hitze bei Tag war 28--32°, +also für diesen Strich der heißen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der +Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die +Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weiße Wolken im Zenith und +dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so +auffallend durchsichtig, daß man noch Sterne der vierten Größe dadurch +sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, daß es war, als stünde +die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten +Streifen, die, wie durch elektrische Abstoßung, in gleichen Abständen +fortliefen. Es sind dieß dieselben kleinen weißen Dunstmassen, die ich auf +den Gipfeln der höchsten Anden über mir gesehen, und die in mehreren +Sprachen *Schäfchen*, _moutons_ heißen. Wenn der röthliche Nebel den +Himmel leicht überzog, so behielten die Sterne der ersten Größen, die in +Cumana über 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr +ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Höhen, wie nach +einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den +Hygrometer an der Erdoberfläche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich +blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen großen +Theil des Horizonts übersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel +Anziehendes für mich, bei heiterem Himmel ein großes Sternbild ins Auge zu +fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstbläschen sich bilden, wie um +einen Kern anschießen, verschwinden und sich von neuem bilden. + +Zwischen dem 28. October und 3. November war der röthlichte Nebel dicker +als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der +Thermometer nur auf 26° stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun +Uhr Abends die Luft abkühlt, ließ sich gar nicht spüren. Die Luft war wie +in Gluth; der staubigte, ausgedörrte Boden bekam überall Risse. Am +4. November gegen zwei Uhr Nachmittags hüllten dicke, sehr schwarze Wolken +die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rückten allmählich bis +ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an über uns zu donnern, aber ungemein +hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schläge. Im Moment, wo +die stärkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten, +erfolgten zwei Erdstöße, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut +auf der Straße. Bonpland, der über einen Tisch gebeugt Pflanzen +untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spürte den Stoß +sehr stark, obgleich ich in einer Hängematte lag. Die Richtung des Stoßes +war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Süd. Sklaven, +die aus einem 18--20 Fuß tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schöpften, +hörten ein Getöse wie einen starken Kanonenschuß. Das Getöse schien aus +dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die übrigens +in allen Ländern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, häufig +vorkommt. + +Einige Minuten vor dem ersten Stoß trat ein heftiger Sturm ein, dem ein +elektrischer Regen mit großen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die +Elektricität der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kügelchen +wichen vier Linien auseinander; die Elektricität wechselte oft zwischen +positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im nördlichen Europa +zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm +folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der +Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke +Wolkenschleier zerriß dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne +erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein +stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die +Wolken waren vergoldet und Strahlenbündel in den schönsten +Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem +großen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das +Erdbeben, der Donnerschlag während desselben, der rothe Nebel seit so +vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniß zugeschrieben. + +Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoß, weit schwächer als die +ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen +Geräusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewöhnlich, aber +der Gang der stündlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphärischen H +Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im +Moment, wo der Erdstoß eintrat, eben auf dem Minimum der Höhe; es stieg +wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr +Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen +Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der röthlichte Nebel +so dick, daß ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schönen Hof von +12 Grad Durchmesser erkennen konnte. + +Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana +durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört worden. Das Volk sieht die +Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei +Nacht für sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die +sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stöße für den andern Tag +anzeigten. Besonders groß und allgemein wurde die Unruhe, als am +5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat, +dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es ließ sich +kein Stoß spüren. Sturm und Gewitter kamen fünf oder sechs Tage zur selben +Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die +Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung +gemacht, daß scheinbar ganz zufällige atmosphärische Veränderungen +wochenlang mit erstaunlicher Regelmäßigkeit nach einem gewissen Typus +eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemäßigten Erdstrich +vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Häufig sieht +man nämlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an +derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung +fortziehen und sich in derselben Höhe wieder auflösen, bald vor, bald nach +dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten +zur selben *wahren Zeit*. + +Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um +so stärkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufällig, von so +auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine +wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenförmiger Stoß. Ich hätte +damals nicht geglaubt, daß ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen +von Quito und an den Küsten von Peru mich selbst an ziemlich starke +Bewegungen des Bodens so sehr gewöhnen würde, wie wir in Europa an das +Donnern gewöhnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran, +bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebrülle (_bramidos_) das +immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen +7--8 Minuten vorher) einen Stoß ankündigte, dessen Stärke nur selten mit +dem Grad des Getöses im Verhältniß steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner, +die wissen, daß in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstört worden +ist, theilt sich bald selbst dem ängstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist +es nicht so sehr die Besorgniß vor Gefahr, als die eigenthümliche +Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur +einen ganz leichten Erdstoß empfindet. + +Von Kindheit auf prägen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein; +das Wasser gilt uns für ein bewegliches Element, die Erde für eine +unbewegliche, träge Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der täglichen +Erfahrung und hängen mit allen unsern Sinneseindrücken zusammen. Läßt sich +ein Erdstoß spüren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir für +unerschütterlich gehalten, so ist eine langjährige Täuschung in einen +Augenblick zerstört. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes +Erwachen; man fühlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine +scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geräusch, man mißtraut +zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuß +gesetzt. Wiederholen sich die Stöße, treten sie mehrere Tage hinter +einander häufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784 +waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewöhnt, unter ihren Füßen +donnern zuhören, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch faßt sehr +schnell wieder Zutrauen, und an den Küsten von Peru gewöhnt man sich am +Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stöße, die +das Fahrzeug von den Wellen erhält. + +Der röthlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog, +hatte seit dem 7. November aufgehört. Die Luft war wieder so rein wie +sonst und das Himmelsgewölbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den +Klimaten eigen ist, wo die Wärme, das Licht und große Gleichförmigkeit der +elektrischen Spannung mit einander die vollständigste Auflösung des +Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum +achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die +Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen. + +Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstärke der schönen +Sterne am südlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See +sorgfältige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie später bei +meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphären +fort. Es war über ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den +Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die +Sterne nahe am Südpol werden meist so oberflächlich und so wenig anhaltend +beobachtet, daß in ihrer Lichtstärke und in ihrer eigenen Bewegung die +größten Veränderungen eintreten können, ohne daß die Astronomen das +Geringste davon erfahren. Ich glaube Veränderungen der Art in den +Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach +einem Mittel aus sehr vielen Schätzungen habe ich die relative Lichtstärke +der großen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius, +Canopus, α des Centauren, Achernar, β des Centauren, Fomalhaut, Rigel, +Procyon, Beteigeuze, ε des großen Hundes, δ des großen Hundes, α des +Kranichs, α des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich +anderswo veröffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je +50--60 Jahren Reisende die Lichtstärke der Sterne von Neuem beobachten und +darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgängen an der Oberfläche der +Himmelskörper oder von ihrem veränderten Abstand von unserem +Planetensystem herrühren. + +Hat man in unsern nördlichen Himmelsstrichen und in der heißen Zone lange +mit denselben Fernröhren beobachtet, so ist man überrascht, wie deutlich +in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren +Schwächung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und +gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man +bessere Instrumente unter den Händen zu haben, so viel deutlicher, so viel +schärfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstände unter den Tropen. So viel +ist sicher, wird einst Südamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten +Cultur, so muß die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen, +sobald man einmal anfängt im trockenen, heißen Klima von Cumana, Coro und +der Insel Margarita den Himmel mit vorzüglichen Werkzeugen zu beobachten. +Des Rückens der Cordilleren erwähne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich +dürre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus, +auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der +Meeresfläche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veränderlich ist. +Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit +fast beständig vorkommt, bietet vollen Ersatz für die hohe Lage und die +verdünnte Luft auf den Plateaus. + +Die Nacht vom 11. zum 12. November war kühl und ausnehmend schön. Gegen +Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost höchst merkwürdige +Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kühle +zu genießen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und +Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung +war sehr regelmäßig von Nord nach Süd; sie füllten ein Stück des Himmels, +das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Süd reichte. Auf einer +Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost über den +Horizont aufsteigen, größere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem +sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Süd niederfallen. +Manche stiegen 40 Grad hoch, alle höher als 25--30 Grad. Der Wind war in +der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war +keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der +Erscheinung kein Stück am Himmel so groß als drei Monddurchmesser, das +nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt hätte. +Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Größen +sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmöglich +eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore ließen 8--10 Grad lange Lichtstreifen +hinter sich zurück, was zwischen den Wendekreisen häufig vorkommt. Die +Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche +Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Größe der +Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die +Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die größten, von +1--1° 13′ Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und ließen +leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_‘trabes’_) hinter sich. Das +Licht der Meteore war weiß, nicht röthlicht, wahrscheinlich weil die Luft +ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter +den Tropen die Sterne erster Größe beim Aufgehen ein auffallend weißeres +Licht als in Europa. + +Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor +vier Uhr aus den Häusern gehen, um die Frühmesse zu hören. Der Anblick der +Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgültig; die ältesten erinnerten +sich, daß dem großen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz ähnliches Phänomen +vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf +den Beinen; sie behaupteten, »das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts +begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurückgekommen, haben sie +schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen.« Sie +versicherten zugleich, auf dieser Küste seyen nach zwei Uhr Morgens +Feuermeteore sehr selten. + +Von vier Uhr an hörte die Erscheinung allmählich auf; Feuerkugeln und +Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine +Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weißen Licht und dem +raschen Hinfahren erkennen. Dieß erscheint nicht so auffallend, wenn ich +daran erinnere, daß im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das +Innere der Häuser durch einen ungeheuer großen Meteorstein stark +erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein +über die Stadt weg. Am 26. September 1800, während unseres zweiten +Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die +Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich +die Sonnenscheibe über den Horizont erhoben, den Planeten mit bloßem Auge +deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewölk, aber Jupiter stand +auf blauem Grunde. Diese Fälle beweisen, wie rein und durchsichtig die +Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist +desto kleiner, je vollständiger der Wasserdunst aufgelöst ist. Dieselbe +Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert +auch die Schwächung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom +Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht. + +Der 12. November war wieder ein sehr heißer Tag und der Hygrometer zeigte +eine für dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der +röthlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch +herauf. Es war das letztemal, daß man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke +hier, daß derselbe unter dem schönen Himmel von Cumana im Allgemeinen so +selten ist, als er in Acapulco auf der Westküste von Mexico häufig +vorkommt. + +Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen +auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so +versäumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns +überall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden +seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner größtentheils im Freien +schlafen, konnte eine so außerordentliche Erscheinung nur da unbemerkt +bleiben, wo sie sich durch bewölkten Himmel der Beobachtung entzog. Der +Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen +der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Fällen des Orinoco und +in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das +Himmelsgewölbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen südwestlich von +Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phänomen mit einem schönen +Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewährt. Einige Geistliche +hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben +nach den nächsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der +Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Höhe. Nach der Lage der Berge +und dichten Wälder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das +kleine Dorf Maroa liegen, mögen die Feuerkugeln noch 20 Grad über dem +Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Südende von spanisch Guyana, im kleinen +Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos +Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in +diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel +das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14) + +Ich wunderte mich sehr über die ungeheure Höhe, in der die Feuerkugeln +gestanden haben mußten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze +von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie +staunte ich aber, als ich bei meiner Rückkehr nach Europa erfuhr, die +selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Längegrade großen Stück +des Erdballs, unter dem Aequator, in Südamerika, in Labrador und in +Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach +Bordeaux fand ich zufällig in den Verhandlungen der pennsylvanischen +Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten +Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder +nach Berlin ging, auf der Göttinger Bibliothek den Bericht der mährischen +Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die +Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana, +die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben +Gegenstand betreffen. + +Ich gebe im Folgenden eine gedrängte Zusammenstellung der Beobachtungen: +1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad über +dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10° 27′ 52″, +Länge 66° 30′), in Porto-Cabello (Breite 10° 6′ 52″, Länge 67° 5′) und an +der Grenze von Brasilien in der Nähe des Aequators unter 70° der Länge vom +Pariser Meridian. 2) In französisch Guyana (Breite 40° 56′, Länge 54° 35′) +»sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden +lang schossen unzählige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten +ein so starkes Licht, daß man die Meteore mit den sprühenden Funkengarben +bei einem Feuerwerk vergleichen konnte.« Für diese Thatsache liegt ein +höchst achtungswerthes Zeugniß vor, das des Grafen Marbois, der damals als +ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhänglichkeit an +verfassungsmäßige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der +Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er +trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet +hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und +81° 50′ der Länge. Er sah am ganzen Himmel »so viel Meteore als Sterne; +sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht +niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff +herabkommen.« Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30° 43′ +der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56° 55′) und +Hoffenthal (Breite 58°,4′), in Grönland zu Lichtenau (Breite 61° 5′) und +Neu-Herrnhut (Breite 64° 14′, Länge 52° 20′) erschraken die Eskimos über +die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Dämmerung nach allen +Himmelsgegenden niederfielen, »und von denen manche einen Schuh breit +waren.« 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstädt bei Weimar, +Zeising (Breite 50° 59′, östliche Länge 9° 1′), am 12. November zwischen 6 +und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige +Sternschnuppen mit sehr weißem Licht. »Kurz darauf erschienen gegen Süd +und Südwest 4--6 Fuß lange, röthliche Lichtstreifen, ähnlich denen einer +Rakete. In der Morgendämmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu +Zeit den Himmel durch weißlichte, in Schlangenlinien am Horizont +hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kälter geworden +und der Barometer war gestiegen.« Sehr wahrscheinlich hätte das Meteor +noch weiter ostwärts in Polen und Rußland gesehen werden können. Ohne die +umständliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstädt +entnommen, hätten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen außerhalb der +Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden. + +Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach +Herrnhut in Grönland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen +Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt dieß für dieselben eine +Höhe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen +gegen Süd und Südwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man könnte +deßhalb glauben, zahllose Aerolithen müßten zwischen Afrika und Südamerika +westwärts von den Inseln des grünen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn. +Wie kommt es aber, daß die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana +verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen +wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer +Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten +angestellten Beobachtungen fehlt. Ich möchte fast glauben, daß die Chaymas +in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen +in Brasilien und die Missionäre in Labrador; immer aber bleibt es +unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir höchst merkwürdig), daß in +der neuen Welt zwischen 46° und 82° der Länge, vom Aequator bis zu 64° der +Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und +Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flächenraum von 921,000 +Quadratmeilen erschienen die Meteore überall gleich glänzend. + +Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit über die +Sternschnuppen und ihre Parallaxen so mühsame Untersuchungen angestellt +haben, betrachten sie als Meteore, die der äußersten Grenze unseres +Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der +leichtesten Wolken(15) angehören. Es sind welche beobachtet worden, die +nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die höchsten scheinen +nicht über 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben häufig über 100 Fuß +Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, daß sie in wenigen +Secunden zwei Meilen zurücklegen. Man hat welche gemessen, die fast +senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen. +Aus diesem sehr merkwürdigen Umstand hat man geschlossen, daß die +Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich +Himmelskörpern durch den Raum gezogen, sich entzünden, wenn sie zufällig +in unsere Atmosphäre gerathen, und zur Erde fallen. + +Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben mögen, so hält es +schwer, sich in einer Region, wo die Luft verdünnter ist als im luftleeren +Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Höhe) das Quecksilber im +Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stünde, sich eine plötzliche Entzündung +zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichförmige Gemisch +der atmosphärischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Höhe, folglich nicht über +die höchste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man könnte annehmen, +bei den frühesten Umwälzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt +ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die +Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen +von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, daß eine oberste, von +den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die +gasförmigen Körper mischen sich und durchdringen einander bei der +geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte hätte sich ein +gleichförmiges Gemisch herstellen müssen, wenn man nicht eine abstoßende +Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Körper +etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugänglichen Regionen +der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts +eigenthümliche luftförmige Flüssigkeiten an, wie will man es erklären, daß +sich nicht die ganze Schicht dieser Flüssigkeiten zumal entzündet, daß +vielmehr Gasausströmungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen? +Wie soll man sich ohne die Bildung von Dünsten, die einer ungleichen +Ladung fähig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer +Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250° unter Null beträgt, und +die so verdünnt ist, daß die Compression durch den elektrischen Schlag so +gut wie keine Wärme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten würden +großentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in +der sie sich bewegen, als Körper mit festem Kern, als *kosmische* (dem +Himmelsraum außerhalb unseres Luftkreises angehörige), nicht als +*tellurische* (nur unserem Planeten angehörige) Erscheinungen betrachten +könnte. + +Hatten die Meteore in Cumana nur die Höhe, in der sich die Sternschnuppen +gewöhnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310 +Meilen aus einander liegen, über dem Horizont gesehen werden. Wie +außerordentlich muß nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen +die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden +lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am +Aequator, in Grönland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht +die scharfsinnige Bemerkung, daß dieselbe Ursache, aus der das Phänomen +häufiger eintritt, auch auf die Größe der Meteore und ihre Lichtstärke +Einfluß äußert. In Europa sieht man in den Nächten, in denen am meisten +Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz +kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch +interessanter. In manchen Monaten zählte Brandes in unserem gemäßigten +Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die +Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter, +so kann man sicher darauf rechnen, daß hinter diesem glänzenden Meteor +viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so +ist es höchst wahrscheinlich, daß dieß mehrere Wochen anhält. In den hohen +Luftregionen, an der äußersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere +sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur +Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten. +Hängt die Periodicität dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der +Atmosphäre ab, oder von etwas, das der Atmosphäre von auswärts zukommt, +während die Erde in der Ekliptik fortrückt? Von alle dem wissen wir gerade +so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras. + +Was die Sternschnuppen für sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner +eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen häufiger zu seyn als in +gemäßigten Landstrichen, über den Festländern und an gewissen Küsten +häufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberfläche des +Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der +Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich +ändert, ihre Einflüsse noch in Höhen äußern, wo ewiger Winter herrscht? +Daß in gewissen Jahreszeiten und über manchen dürren, pflanzenlosen Ebenen +der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf +hinzudeuten, daß dieser Einfluß sich wenigstens bis zur Höhe von 5--600 +Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der +Hochebene der Anden ist vor dreißig Jahren eine ähnliche Erscheinung wie +die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an +Einem Stück des Himmels, über dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in +solcher Menge aufsteigen, daß man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer. +Dieses außerordentliche Schauspiel dauerte über eine Stunde; das Volk lief +auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die +höchsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe +vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, daß das +Feuer am Horizont von Feuermeteoren herrührte, die bis zur Höhe von 12 bis +15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schoßen. + + ------------------ + + + + + + 14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der südlichen Halbkugel in + Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen + hätte. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphäre, der in diesen + westlichen Ländern sehr veränderlich ist, daran Schuld. + + 15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Rücken der Anden in mehr als 2700 + Toisen Meereshöhe über die *Schäfchen* oder kleinen weißen, + gekräuselten Wolken schätzte ich die Höhe derselben zuweilen auf + mehr als [] Toisen über der Küste. + + + + + +ELFTES KAPITEL. + + + Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das + Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas. + + +Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um längs der +Küste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die +Einwohner von Venezuela den größten Theil ihrer Produkte ausführen. Es +sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt währt meist nur 36--40 Stunden. Den +kleinen Küstenfahrzeugen kommen Wind und Strömungen zumal zu gut; letztere +streichen mehr oder minder stark von Ost nach West längs den Küsten von +Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa. +Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so +ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit +allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsblöcke und +einer wuchernden Vegetation zu kämpfen; man muß unter freiem Himmel +schlafen, die Thäler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und über Ströme +setzen, die wegen der Nähe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen +Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende läuft, weil das Land sehr +ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Küstenkette und dem +Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die +von einem ungeheuren Gehölz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus +umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem dürren Boden +und dem Mangel an Regen. + +Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas +nach Cumana zurückgeht und nicht gerne gegen die Strömung fährt. Der +Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen häufig Leute, die +sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen +Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel +gegen diese Fieber ist, wächst in denselben Thälern, am Saume derselben +Wälder, deren Ausdünstungen so gefährlich sind. Der kranke Reisende macht +Halt in einer Hütte, deren Bewohner nichts davon wissen, daß die Bäume, +welche die Thalgründe umher beschatten, das Fieber vertreiben. + +Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir +wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort über die +großen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen +ungeheuren Strom südlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur +Grenze von Brasilien hinauffahren und über die Hauptstadt des spanischen +Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpaß geheißen, +nach Cumana zurückkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen, +wovon wir über zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen würden, +ließ sich unmöglich bestimmen. Auf den Küsten kennt man nur das Stück des +Orinoco nahe an seiner Mündung; mit den Missionen besteht lediglich kein +Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist für die Einwohner von +Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen +bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Süd +fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in +Verbindung; andere halten wegen der großen Sterblichkeit unter den Truppen +Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land südlich von +den Katarakten von Amtes für äußerst ungesund. In einem Lande, wo man so +wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenüber die +Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu +übertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten +mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht +gewöhnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefaßten Entschlusse fest. Wir +konnten auf die Theilnahme und Unterstützung des Statthalters der Provinz, +Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der +Franziscanermönche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen +Herren sind. + +Zum Glück für uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in +Cumana. Dieser junge Mönch war nur ein Laienbruder, aber sehr verständig, +gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Küste +hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen +von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer große Aufregung +herrscht, das Mißfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei übte +eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen +konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern +Orinoco, berüchtigt durch die Unzahl bösartiger Insekten, welche Jahr aus +Jahr ein die Luft erfüllen. Fray Juan Gonzales war mit den Wäldern +zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt. +Eine andere Umwälzung im republikanischen Regiment der Mönche hatte ihn +seit einigen Jahren wieder an die Küste gebracht und er stand bei seinen +Obern in verdienter Achtung. Er bestärkte uns in unserem Verlangen, die +vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns +guten Rath für die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er +selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnügen auf +der Rückreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder +anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte, +übernahm er es gefällig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und +unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen +gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der +uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines +Ordens große Dienste hätte leisten können, kam im Jahr 1801 in einem Sturm +an der afrikanischen Küste ums Leben. + +Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von +denen, die zum Handel an den Küsten und mit den Antillen gebraucht werden. +Sie sind dreißig Fuß lang und haben nicht mehr als drei Fuß Bord über +Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewöhnlich 200 bis 250 Centner. +Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie +ein ungeheures dreieckiges Segel führen, was bei den Windstößen, die aus +den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit +dreißig Jahren kein Beispiel, daß eines dieser Fahrzeuge auf der +Ueberfahrt von Cumana an die Küste von Caracas gesunken wäre. Die +indianischen Schiffer sind so gewandt, daß selbst bei ihren häufigen +Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den dänischen Inseln, die mit +Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehört. Diese +120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Küste mehr +sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne +Beobachtung der Sonnenhöhe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compaß +unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem +Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er +voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom +Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen +und des großen Bären zu finden wußten, und es kam mir vor, als steuerten +sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man +wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel +Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der +Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so glücklich. Wenn sich +die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande nähern, kommen sie gegen Ost gegen +Wind und Strömung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die +Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des +Octanten schwer zu büßen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen, +welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen, +in Sicht bekommen müssen, um ihres Weges gewiß zu seyn. + +Wir fuhren rasch den kleinen Fluß Manzanares hinab, dessen Krümmungen +Cocosbäume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf +dem anstoßenden dürren Strande schimmerten auf den Dornbüschen, die bei +Tag nur staubigte Blätter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend +Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man +wird unter den Tropen des Schauspiels nicht müde, wenn diese hin und her +zuckenden röthlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre +Bilder und die der Sterne am Himmelsgewölbe unter einander wimmeln. + +Wir schieden vom Küstenlande von Cumana, als hätten wir lange da gelebt. +Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach +dem ich mich seit meiner frühesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der +Natur im indischen Klima ist so mächtig und großartig, daß man schon nach +wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In +Europa hat der Nordländer und der Bewohner der Niederung selbst nach +kurzem Besuch eine ähnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von +der köstlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von +der wilden, großartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenäen scheidet. +Ueberall in der gemäßigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt +nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens +haben Familienähnlichkeit mit denen, die unter dem schönen Himmel +Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den +Tiefländern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur. +Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa +mahnt; denn von der Vegetation hängt der Charakter einer Landschaft ab; +sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast +zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und mächtiger +die Eindrücke sind, desto mehr löschen sie frühere Eindrücke aus, und +durch die Stärke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich +auf alle, die mit mehr Sinn für die Schönheiten der Natur als für die +Reize des geselligen Lebens lange in der heißen Zone gelebt haben. Das +erste Land, das ihr Fuß betreten, wie theuer und denkwürdig bleibt es +ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins höchste Alter, regt sich in ihnen +ein dunkles Sehnsuchtsgefühl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein +staubigter Boden stehen noch jetzt weit öfter vor meinem inneren Auge als +alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schönen südlichen Himmel wird +selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die +Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht +allein, sie färbt die Gegenstände, sie umgibt sie mit einem leichten Duft, +der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben +harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und über die Natur eine Ruhe +ausgießt, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen +Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kärglich bewaldeter +Küstenstriche zu begreifen, bedenke man nur, daß von Neapel dem Aequator +zu der Himmel in dem Verhältniß immer schöner wird, wie von der Provence +nach Unteritalien. + +Wir liefen während der Fluth über die Barre, welche der kleine Manzanares +an seiner Mündung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die +Gewässer des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen, +aber der Theil der Milchstraße zwischen den Füßen des Centauren und dem +Sternbild des Schützen schien einen Silberschimmer auf die Meeresfläche zu +werfen. Der weiße Fels, auf dem das Schloß San Antonio steht, tauchte +zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht +lange, so erkannten wir die Küste nur noch an den zerstreuten Lichtern +fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und +das schmerzliche Gefühl, scheiden zu müssen. Vor fünf Monaten hatten wir +dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der +ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit +Zagen den Fuß setzend. Jetzt, da diese Küste unsern Blicken entschwand, +lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt dünkten. Boden, +Gebirgsart, Gewächse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden. + +Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel +Araya zuhielten; dann fuhren wir dreißig Meilen nach West und +West-Süd-West. In der Nähe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und +bis zu den Bergölquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein +belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in +diesem Klima so häufig bietet. Schwärme von Tummlern zogen unserem +Fahrzeug nach. Ihrer fünfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand +von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf +die Wasserfläche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war, +als bräche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm ließ beim +Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurück. Dieß fiel +uns um so mehr auf, da außerdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag +eines Ruders und der Stoß des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken +gaben, so muß man wohl annehmen, daß der starke Lichtschein, der von den +Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herrührte, sondern +auch von der gallertartigen Materie, die ihren Körper überzieht und vom +Stoß der Wellen abgerieben wird. + +Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie +Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und +Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerklüfteten, +kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera +bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land. +Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Trümmer der +alten Küste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West +lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die +sicher eines Tages stark besuchte Häfen werden. Das zerrissene Land, die +zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine große +Umwälzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge +gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom +Gneiß des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht +man in Cumana von den flachen Dächern, und dort zeigen sich an ihnen in +Folge der verschiedenen Temperatur der über einander gelagerten +Luftschichten die sonderbarsten Verrückungen und Luftspiegelungen. Diese +Felsen sind schwerlich über 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht +scheinen sie von sehr bedeutender Höhe. + +Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heißen, so weit von der Stadt +dieses Namens, der Küste der Cumanagotos gegenüber zu finden; aber Caracas +bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen +Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe +hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale +Wasserfäden in der Strömung auf Boracha zu, das größte der Eilande. Da die +Felsen fast senkrecht aufsteigen, so fällt der Meeresgrund steil ab und +auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, daß +sie beinahe ans Land stießen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen, +seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein +erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Wärme durch +Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne über den Horizont stieg, +desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die +Meeresfläche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur +in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese +Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde, +braune, sehr große, schnellfüßige Ziegen mit -- wie unser Steuermann +versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreißig Jahren hatte +sich eine weiße Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc +gebaut. Der Vater überlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein +Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und dieß ward +sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen +verwilderten, nicht so die Kulturgewächse. Der Mais in Amerika, wie der +Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu +erhalten, an den sie seit seinen frühesten Wanderungen gekettet sind. Wohl +wachsen diese nährenden Gräser hin und wieder aus verstreuten Samen auf; +wenn sie sich aber selbst überlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die +Vögel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas +entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; für ein an so einsamem Ort +begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser +Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen +angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach +dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, daß er alle +Verhafteten aufknüpfte, gegen die längst das Todesurtheil gefällt war. Man +sollte kaum glauben, daß es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr +Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Händen diejenigen +abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben. + +Wir verließen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knüpfen, und +ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Mündung +des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen +Inipiricuar lautet. Der Fluß wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis +auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehören zu +der Art, die im Orinoco so häufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so +sehr gleicht, daß man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht +ein, daß ein Thier, dessen Körper in einer Art Panzer steckt, für die +Schärfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta +sah, wie er in seinem kürzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzählt, +auf der Küste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am +Lande leben. Diese Beobachtungen werden für die Geologie von Bedeutung, +seit man in dieser Wissenschaft die Süßwasserbildungen näher ins Auge +faßt, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See- +und Süßwasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen. + +Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt +seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden +größtentheils die Produkte der weiten Steppen ausgeführt, die sich vom +Südabhang der Küstenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind +an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die +Handelsindustrie dieser Länder gründet sich auf den Bedarf der großen und +kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden. +Da die Küsten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von +15--18 Tagereisen gegenüber liegen, so beziehen die Handelsleute in der +Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona, +als daß sie das Wagniß einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur +Mündung des Rio de la Plata übernähmen. Von der schwarzen Bevölkerung von +1,300,000 Köpfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zählt, kommen +auf Cuba allein über 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemüßen, +gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das +gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma führt, ladet 20 bis +30,000 Arobas, deren Handelswerth über 45,000 Piaster beträgt. Barcelona +ist besonders für den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei +Tagen aus den Llanos in den Hafen, während sie wegen der Gebirgskette des +Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den +Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und +1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere +nach den spanischen, englischen und französischen Inseln eingeschifft. Wie +viele aus Burburata, Coro und aus den Mündungen des Guarapiche und Orinoco +ausgeführt werden, weiß ich nicht genau; aber trotz der Einflüsse, durch +welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas +herabgebracht worden ist, müssen, nach meiner Schätzung, diese +unermeßlichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jährlich in +den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster +(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen +3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De +Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt +kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da +er als Agent der französischen Regierung sich fortwährend in der Stadt +Caracas aufhalten mußte, so mögen die Besitzer der *Hatos* bei den +Schätzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben. + +Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines +Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen über dem Meere liegt. Es +ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Süd von einem +weit höheren Berge beherrscht, und Sachverständige behaupten, es könnte +dem Feind, nachdem er zwischen der Mündung des Flusses und dem Morro +gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden +Höhen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht über +die englischen Kreuzer, die längs der Küsten stationirt waren. Zwei +unserer Reisegefährten, Brüder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus +Spanien, wo sie in der königlichen Garde gedient hatten. Es waren sehr +gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem +Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurück. +Ihnen mußte noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica +geführt zu werden. Ich hatte keine Pässe von der Admiralität; aber im +Vertrauen auf den Schutz, den die großbritannische Regierung Reisenden +gewährt, die bloß wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich +nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad +geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Ländern suchte. Die +Antwort, die mir über den Meerbusen von Paria zukam, war sehr +befriedigend. + +Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich +Mondshöhen auf, um die Länge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von +Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr +viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden +aus einander. Ich habe mich über diese Entfernung, über die damals viele +Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der +Magnetnadel fand ich gleich 42°,20; 224 Schwingungen gaben die Intensität +der magnetischen Kraft an. + +Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und +zieht sich gegen Süden zurück; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei +Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser +25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberfläche war 25°,9, +als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu +mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24°,5. Der +Unterschied zeigte sich beständig; er wäre vielleicht bedeutender, wenn +die Strömung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbrächte, +und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhöhung der +Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Bänken, die bei +der Ebbe über Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll über den +mittleren Wasserstand. Ihre Oberfläche ist völlig eben und mit Gras +bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben. +Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball über der +Grasflur zu hängen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen +beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte. +Wenn aber auch in der heißen Zone an tiefen, feuchten Orten Gräser und +Riedgräser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem +Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen, +die nur eben über die Gräser emporragen und sich vom ebenen grünen Grunde +abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den +Tropen ein solcher Trieb in den Gewächsen, daß die kleinsten +dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Sträuchern werden. Man könnte sagen, +die Liliengewächse, die unter den Gräsern wachsen, vertreten unsere +Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie +nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut +aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhältniß +nicht aufkommen, das zwischen den Gewächsen besteht, die bei uns den Rasen +und die Wiese bilden. Die gütige Natur verleiht unter allen Zonen der +Landschaft einen ihr eigenthümlichen Reiz des Schönen. + +Man darf sich nicht wundern, daß fruchtbare Inseln so nahe der Küste +gegenwärtig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die +Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Küsten waren, +gründeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald +die Eingeborenen unterworfen oder südwärts den Savanen zu gedrängt waren, +ließ man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter +Ländereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Lägen +die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel +der Antillen, so wären sie nicht unangebaut geblieben. + +Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der +südlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre +Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren, +sehr gefürchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der +Mündung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still +gewesen, immer unruhiger, je näher wir Cap Codera kamen. Der Einfluß +dieses großen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen +weithin fühlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra hängt +davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt. +Jenseits dieses Caps ist die See beständig so unruhig, daß man nicht mehr +an der Küste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum +Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stürmen weiß. Der Stoß der Wellen +wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefährten litten +sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glück, +nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht über. Bei Sonnenaufgang am +20. November waren wir so weit, daß wir hoffen konnten das Cap in wenigen +Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra +zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort +vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im +kleinen Hafen Higuerote, über den wir schon hinaus waren, vor Anker zu +gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man +Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiß man zum voraus, +wofür sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man mußte nachgeben, +und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in +der Bucht von Higuerote, westwärts von der Mündung des Rio Capaya. + +Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen +Fischern, Mestizen, bewohnte Hütten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die +auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, daß diese Gegend eine der +ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Küste +ist. Die See ist hier so seicht, daß man in der kleinsten Barke nicht +landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Wälder ziehen sich bis +zum Strande herunter, und diesen überzieht ein dichtes Buschwerk von +sogenannten Wurzelträgern, Avicennien, Manschenillbäumen und der neuen Art +der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _‘Romero de la mar’_ heißt. +Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausdünstungen der Wurzelträger oder +Manglebäume, schreibt man es hier, wie überall in beiden Indien, zu, daß +die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein +fader, süßlicher Geruch entgegen, ähnlich dem, den in verlassenen +Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verlöschen anfangen, das mit Schimmel +überzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in +Folge der Reverberation des weißen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk +und den hochgipfligten Waldbäumen hinzog. Da der Boden einen ganz +unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier +sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebäume bald +unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse +Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten +Blätter und die im angeschwemmten Seetang hängenden Weichthiere gleichsam +in Gährung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schädlichen Gase, +die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Küste zeigt +das Seewasser da, wo es mit den Manglebäumen in Berührung kommt, eine +braungelbe Färbung. + +Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein +ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in +Caracas mit dem Aufguß des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der +Aufguß mit heißem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden +Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die +Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den +natürlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben +Eigenschaften. Der Aufguß des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwölf +Tage lang mit atmosphärischer Luft in Berührung gebracht; die Reinheit +derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein +kleiner flockigter, schwärzlichter Bodensatz, aber eine merkbare +Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des +Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei +nachahmen, was in der Natur auf der Küste bei steigender Fluth täglich +vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen +ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff +und Kohlensäure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an. +Endlich ließ ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stöpsel eine bestimmte +Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphärische Luft einwirken. +Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch +kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur +0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem +absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch flüchtigen +Untersuchung war ich der Ansicht, daß die Luft in den Manglegebüschen +durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark +gelb gefärbte Schichte Seewasser, die längs der Küste einen deutlichen +Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie, +auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche +Reisende den eigenthümlichen Geruch unter den Manglebäumen zuschreiben. +Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren +Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen +Strand- und Seegewächsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff +entbunden; ich glaube aber vielmehr, daß Rhizophora, Avicennia und +Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den +sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Sträucher gehören zu den drei +natürlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die +reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, daß +dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nußbäume mit +Gallerte verbunden ist. + +Uebrigens würde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schädliche +Ausdünstungen Verbreiten, wenn es auch aus Bäumen bestände, die an sich +keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo +Manglebäume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und +Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und +im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter über dem Wasser +steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften +sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Stämme, der +Tang, den Wind und Fluth an die Küsten treiben, bleibt an den sich zum +Boden niederneigenden Zweigen hängen. Auf diese Weise, indem sich der +Schlamm zwischen den Wurzeln anhäuft, wird durch die Küstenwälder das +feste Land allgemach vergrößert; aber während sie so der See Boden +abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maaß, als sie +vorrücken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebäume und die andern +Gewächse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden +trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit +Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Stämme bezeichnen nach +Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die +Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen. + +Die Bucht von Higuerote ist sehr günstig gelegen, um das Vorgebirge +Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem +daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch +seine Höhe, die mir nach Höhenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht +über 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West fällt es steil +ab, und man meint an diesen großen Profilen die fallenden Schichten zu +unterscheiden. Die Schichten zunächst bei der Bucht strichen Nord 60° West +und fielen unter 80° nach Nordwest. Am großen Berge Silla und östlich von +Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben, +und daraus scheint hervorzugehen, daß die Urgebirgskette dieser Landenge, +die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez +und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera +wieder auftritt und gegen West als Küstenkette fortstreicht. + +Meinen Reisegefährten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern +unseres kleinen Schiffes so bange, daß sie beschlossen, den Landweg von +Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe führt durch ein wildes, +feuchtes Land, durch die Montana de Capaja nördlich von Caucagua, durch +das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, daß auch +Bonpland diesen Weg wählte, auf dem er trotz des beständigen Regens und +der ausgetretenen Flüsse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst +ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir +zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus +den Augen zu lassen. + +Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr +günstig und wir hatten viele Mühe, um Cap Codera herum zu kommen; die +Wellen waren kurz und brachen sich häufig in einander; es gehörte die +Erschöpfung durch einen furchtbar heißen Tag dazu, um in einem kleinen, +dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu können. Die See ging um so +höher, als der Wind bis nach Mitternacht der Strömung entgegen blies. Der +zwischen den Wendekreisen überall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen +ist an diesen Küsten nur während zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu +spüren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor, +daß die Strömung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon +öfter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die +Strömung, die von West nach Ost ging, nicht bewältigen, obgleich sie den +Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmäßigkeiten ist bis +jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stürmen aus Nordwest im +Golf von Mexico zu, aber diese Stürme sind im Frühjahr weit stärker als im +Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, daß die Strömung nach Osten geht, +bevor der Seewind sich ändert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach +einigen Tagen geht auch der Wind der Strömung nach und bläst beständig aus +West. Während dieser Vorgänge bleiben die kleinen Schwankungen des +Barometers auf und ab in ihrer Regelmäßigleit durchaus ungestört. + +Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwärts vom Cap +Codera dem Curuao gegenüber. Der indianische Steuermann erschrack nicht +wenig, als sich nordwärts in der Entfernung einer Seemeile eine englische +Fregatte blicken ließ. Sie hielt uns wahrscheinlich für eines der +Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles +organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete +Lizenzscheine führten. Sie ließ uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen +schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Küste felsigt und +sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und +malerisch. Wir waren so nahe am Land, daß wir die zerstreuten von +Cocospalmen umgebenen Hütten unterschieden und die Massen von Grün sich +vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge +drei, viertausend Fuß hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite +Schlagschatten über das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und +geschmückt mit frischem Grün daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen +großentheils die tropischen Früchte, die man auf den Märkten von Caracas +in so großer Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich +mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thäler hinauf, die +Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne +fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und +Schatten. + +Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die höchsten Gipfel dieser +Küstenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenäen; es +ist als stiegen die Pyrenäen oder die Alpen, von ihrem Schnee entblöst, +gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die +Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei +Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Hügel mit sanftem Abhang +erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel +Zuckerrohr und die barmherzigen Brüder haben daselbst eine Pflanzung und +200 Sklaven. Die Gegend war früher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man +behauptet, die Luft sey gesünder geworden, seit man um einen Teich, dessen +Ausdünstungen man besonders fürchtete, Bäume gepflanzt hat, so daß das +Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda +läuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von +geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das hübsch +gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra +mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken über einander und in duftiger +Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelförmigen, blendend weißen +Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnußbäume säumen das Ufer und geben ihm +unter dem glühenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit. + +Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um +meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich +empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe +Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehört hatte, sondern über dem Dorfe +Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhöhe, das dem kühlen Luftzug +mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier +Tage früher als meine Reisegefährten, die auf dem Landweg zwischen Capaya +und Curiepe durch die starken Regengüsse und die ausgetretenen Bergwasser +viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht öfters auf dieselben Gegenstände +zurückzukommen, schließe ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des +merkwürdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas führt, alle +Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco +zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat, +sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich +mich auf eine nähere Beschreibung der Gegenstände, die er ausführlich +behandelt hat, nicht ein. + +Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig +und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbänken, vom schlechten +Ankergrund und den Bohrwürmern(18) zumal gefährdet. Das Laden ist mit +großen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann +man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere +einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der +Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie +waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwürdig ist, +sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so häufig sind, nichts +zu fürchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie +die Beobachtung, die ich unter den Tropen häufig an Thieren aus andern +Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe. +In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die +Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, daß die von gewissen Inseln leicht zu +zähmen sind, während Affen derselben Art, die auf dem benachbarten +Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie +sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache +in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, während +die aus einer andern Lache äußerst unerschrocken angreifen. Aus den äußern +Verhältnissen der Oertlichkeiten wäre diese Verschiedenheit in Gemüthsart +und Sitten nicht leicht zu erklären. Mit den Haifischen im Hafen von +Guayra scheint es sich ähnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenüber der +Küste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefährlich +und blutgierig, während sie Badende in den Häfen von Guayra und Santa +Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklärung der +Naturerscheinungen zu vereinfachen, überall zum Wunderbaren, und so glaubt +es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen +ertheilt. + +Guayra ist ganz eigenthümlich gelegen; es läßt sich nur mit Santa Cruz auf +Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem +hochgelegenen Thal von Caracas stürzt fast unmittelbar in die See ab und +die Häuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen +dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener +Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Straßen, +die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf +dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt +und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes, +Trübseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Wäldern bedeckten +Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und +Pflanzenwuchs. Außer Cabo Blanco und den Cocosnußbäumen von Maiquetia, +besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen +Himmelsgewölbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei +Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht für heißer als das von Cumana, +Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwächer ist und durch die +Wärme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt, +die Luft erhitzt wird. Man machte sich übrigens von der Luftbeschassenheit +dieses Ortes und des ganzen benachbarten Küstenlandes eine unrichtige +Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie +angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht +eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Berührung stehende Luft wirkt +auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener +Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds +nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muß aber +doch bemerken, daß ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg +von den Häusern und über 300 Toisen von den Gneißfelsen, mehrere Tage lang +kaum schwache Spuren von positiver Elektricität bemerken konnte, während +in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem +Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkügelchen 1--2 +Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten über +die regelmäßigen täglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der +Luft unter den Tropen, ein Verhältniß, das mit den Schwankungen in der +Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht. + +Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten +thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich +in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz +zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der +Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese +Länder besuchen, ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in +diesem Falle das Zeugniß der Sinne ungemein leicht täuscht, so läßt sich +über die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhältnissen +urtheilen. + +Die vier eben genannten Orte gelten für die heißesten auf dem Küstenstrich +der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon öfters von +uns gemachte Bemerkung zu bestätigen, daß im Allgemeinen nur das lange +Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die übermäßige Hitze oder die +absolute Wärmemenge den Bewohnern der heißen Zone lästig wird. + +Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November +war in Guayra 31°,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29°,3, in +Vera Cruz 28°,7, in der Havana 29°,5. Die täglichen Abweichungen betrugen +zur selben Stunde nicht leicht über 0°,8--1°,4. Während dieser ganzen Zeit +regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Dieß ist der Zeitpunkt, +wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der +Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhört, sobald die Tagestemperatur auf +24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heißesten Monats war in +Guayra etwa 29°,3, in Cumana 29°,1, in Vera Cruz 27°,7, in Cairo, nach +Rouet, 29°,9, in Rom 25°,0. Vom 16. November bis 19. December war die +mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24°,3, bei Nacht 21°,6. Um +diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube +übrigens, daß man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21° +fallen sieht; in Cumana fällt er zuweilen auf 21°,2, in Vera Cruz auf 16°, +in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8° und selbst darunter. Die +mittlere Temperatur des kältesten Monats ist an diesen vier Orten: 23°,2, +26°,8, 21°, 21°,0; in Cairo 13°,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur +ist, nach guten, sorgfältig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefähr +28°,1, in Cumana 27°,7, in Vera Cruz 25°,4, in der Havana 25°,6, in Rio +Janeiro 23°,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28° 28′ der Breite, aber +wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21°,9, in Cairo 22°,4, in +Rom 15°,8.(19) + +Aus diesen Beobachtungen geht hervor, daß Guayra einer der heißesten Orte +der Erde ist, daß die Summe der Wärme, welche derselbe im Laufe eines +Jahres erhält, etwas größer ist als in Cumana, daß sich aber in den +Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei +Durchgängen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra +stärker abkühlt. Sollte diese Abkühlung, die weit unbedeutender ist, als +die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht +von der westlicheren Lage von Guayra herrühren? Das Luftmeer, das für den +oberflächlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Strömungen bewegt, +deren Grenzen durch unabänderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur +desselben ändert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Länder +und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken +abtheilen, die sich in einander ergießen, und wovon die unruhigsten (wie +das über dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem +Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluß auf Erkältung und Bewegung der +benachbarten Luftsäulen äußern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im +südwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und +Gegenströmungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma +hin herabdrücken. + +Während meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geißel des gelben +Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die +Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Küste von Caracas weit +weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte +hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, plötzlich an gewissen +unregelmäßig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte +Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome +einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren +meist Menschen, die das anstrengende Geschäft des Holzfällens trieben, zum +Beispiel in den Wäldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am +Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte häufig in +Städten, die für sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europäer in +Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen +worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Küsten von Terra Firma war der +eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen) +und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu +betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa +Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und +beschrieben hat. Die kürzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des +Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man +beklagte sich nur über die drückende Hitze, die einen großen Theil des +Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man +höchstens die Haut- und Augenentzündungen zu befürchten, die fast überall +in der heißen Zone vorkommen und die häufig von Fieberbewegungen und +Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kühlen, aber +äußerst veränderlichen Klima von Caracas das heiße, aber beständige von +Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die +Rede. + +Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern +Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geöffnet. Matrosen aus +kälteren Ländern als Spanien, und daher empfindlicher für die klimatischen +Einflüsse der heißen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das +gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den +spanischen Spitälern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der +Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer +aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf +die Rhede gekommen. Der Capitän der Brigantine stellte solches in Abrede +und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs +eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgängen in Cadix +im Jahr 1800 weiß man, wie schwer es ist, über Fälle ins Reine zu kommen, +die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu +sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren +über das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so +gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen +sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, daß der +Typhus von außen gekommen, die andern, daß er im Lande selbst entstanden. +Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, daß das Austreten des Rio de +la Guayra eine Veränderung der Luftbeschaffenheit herbeigeführt habe. +Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach +sechzigstündigem Regen im Gebirge so furchtbar an, daß es Baumstämme und +ansehnliche Felsblöcke mit sich fortriß. Das Wasser wurde 30--40 Fuß breit +und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken +ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu +urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Häuser wurden von der Fluth +weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr +Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfließen +konnte, sich zufällig geschlossen hatte. Man mußte in die Mauer der See zu +ein Loch schießen; mehr als dreißig Menschen kamen ums Leben und der +Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende +Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewölben des Gefängnisses +mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als prädisponirende +Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben können; +indessen glaube ich, daß das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die +erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir, +des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren +Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigeführt haben. Ich habe das +Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als dürren +Boden und Blöcke von Glimmerschiefer und Gneiß mit eingesprengtem +Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts, +was die Luft hätte verunreinigen können. + +Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa +Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein groß war) hat das +gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wüthete nicht +allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch +unter denen, die fern von der Küste in den Llanos zwischen Calabozo und +Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiß als +Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand würde uns noch mehr auffallen, +wenn wir nicht wüßten, daß sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause +den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in +den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen +am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro +(in 476 Toisen Meereshöhe), wo mit den Eichen ein kühles, köstliches Klima +beginnt, eine unübersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber +nicht leicht über den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas +hinüber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man +darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den +Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine +treffliche Schutzwehr für die Stadt Caracas, die etwas höher liegt als der +Encaro, die aber eine höhere mittlere Temperatur hat als Xalapa. + +Bonplands und meine Beobachtungen über die physischen Verhältnisse der +Städte, welche periodisch von der Geißel des gelben Fiebers heimgesucht +werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue +Vermuthungen über die Veränderungen in der pathogonischen Constitution +mancher Städte zu äußern. Je mehr ich über diesen Gegenstand nachdenke, +desto räthselhafter erscheint mir alles, was auf die gasförmigen Effluvien +Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _‘Keime der Ansteckung’_ +nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kälte +zerstört werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Wänden der +Häuser haften sollen. Wie will man erklären, daß in den achtzehn Jahren +vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von »Vomito« vorkam, +obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europäern und Mexicanern +aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen +überließen, über die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich +war, als sie seit dem Jahr 1800 ist? + +Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck +gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heißen Erdstrichs, der bis +jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele +in kälterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der +amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt +vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist +hier eine Veränderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich +in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform +entwickelt? + +Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in +südlicheren Ländern geborenen Europäern. Theilt er sich durch Ansteckung +mit, so ist es zu verwundern, daß er in den Städten des tropischen +Festlandes keineswegs sich an gewisse Straßen hält, und daß die +unmittelbare Berührung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als +Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein, +namentlich an kühlere, höhere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa, +stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit +an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die prädisponirenden Ursachen, +die sich an der Küste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur +bedeutend ab, so hört die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewöhnlich +auf. Mit Eintritt der heißen Jahreszeit, zuweilen weit früher, fängt sie +wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen +und kein Schiff eingelaufen ist. + +Der amerikanische Typhus scheint auf den Küstenstrich beschränkt, sey es +nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier +die Waaren aufgehäuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen +haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthümliche gasförmige Effluvien +bilden. Das äußere Ansehen der Orte, wo der Typhus wüthet, scheint oft die +Annahme eines örtlichen oder endemischen Ursprungs völlig auszuschließen. +Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen +Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Ländern, deren Klima +früher für sehr gesund galt. Die Fälle von Verschleppung des gelben +Fiebers ins Binnenland sind in der heißen Zone sehr zweideutig; die +Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt +worden seyn. In der gemäßigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus +entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit +vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden +ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach +Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche +nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der prädisponirenden +Ursachen, nach der längeren oder kürzeren Dauer, nach den Graden der +Bösartigkeit muß uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt, +den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein +einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre +1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit +auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat, +ist mit mir der Ansicht, daß der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber +nicht immer. + +Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet, +hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu +übertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von +Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt, +fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar +Tropfen Regen fallen, können der Ursachen der sogenannten schädlichen +Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Straßen von Guayra schienen mir im +Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die +Schlachtbänke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich +zersetzte Tange und Weichthiere anhäufen, aber die benachbarte Küste nach +Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist äußerst +ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und +Caravalleda häufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind +Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge +oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine +mit faulen Dünsten geschwängerte Luft auf die Küste von Guayra. + +Da die Reizbarkeit der Organe bei den nördlichen Völkern so viel stärker +ist als bei den südlichen, so ist nicht zu bezweifeln, daß bei größerer +Handelsfreiheit und stärkerem und innigerem Verkehr zwischen Ländern mit +verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich über die neue Welt verbreiten +wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen +von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, können +möglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der +Lebenskräfte sich ausbilden. Es ist dieß eines der nothwendigen Uebel im +Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wünscht darum +keineswegs die Barbarei zurück; ebensowenig theilt er die Ansicht der +Leute, die dem Verkehr unter den Völkern gerne ein Ende machten, nicht um +die Häfen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem +Eindringen der Aufklärung zu wehren und die Geistesentwicklung +aufzuhalten. + +Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen +Meerbusen führen, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen +Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der großen +Beständigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva +Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befürchten, der Typhus möchte dort +einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs +sehr bösartig aufgetreten ist. Glücklicherweise hat sich die Sterblichkeit +vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der +Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen +Stadien der Krankheit, die Periode der entzündlichen Erscheinungen, und +die der Ataxie oder Schwäche, besser kennt und auseinander hält. Es wäre +sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, daß die neuere Medicin gegen dieses +schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese +Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hört +ziemlich allgemein die Aeußerung, »die Aerzte wissen jetzt den Hergang der +Krankheit befriedigender zu erklären als früher, sie heilen sie aber +keineswegs besser; früher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei, +außer einem Tamarindenaufguß; gegenwärtig führe ein eingreifenderes +Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode.« + +Wer so spricht, weiß nicht ganz, wie man früher auf den Antillen zu Werke +ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, daß zu Anfang des +achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so +ruhig sterben ließen, als man meint. Man tödtete damals nicht durch +übertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und +Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlässe und übermäßiges Purgiren. Die +Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, daß +sie, sehr treuherzig, »gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar +am Krankenbett erschienen.« Gegenwärtig bringt man es in reinlichen, gut +gehaltenen Spitälern dahin, daß von 100 Kranken nur 15--20 und selbst +etwas weniger sterben; aber überall, wo die Kranken zu sehr auf einander +gehäust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Hälfte, wohl gar (wie im +Jahr 1802 bei der französischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile +der Kranken. + +Ich fand die Breite von Guayra 10° 36′ 19″, die Länge 69° 26′ 13″. Die +Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42° 20, die Declination +nach Nordost 4° 30′ 35″; die Intensität der magnetischen Kraft += 237 Schwingungen. + +Geht man an der aus Granit gebauten Küste von Guayra gegen West, so kommt +man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschützte Rhede ist, und +dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die +Schiffe vortrefflich ankern können. Es sind die kleinen Buchten Catia, los +Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata +und Patanebo. Alle diese Häfen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem +man Maulthiere nach Jamaica ausführt, werden gegenwärtig nur von kleinen +Küstenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten +Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter +Blickenden, legen einen großen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich +von Cabo Blanco. Diesen Küstenpunkt untersuchten Bonpland und ich während +unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen +Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich +von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Längst geht man mit +dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte +Straße von Guayra, die beinahe dem Uebergang über den St. Gotthard +gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan könnte der Hafen von Catia, der so +geräumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist +dieser ganze Küstenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbäumen +bewachsen und höchst ungesund. + +Fast nirgends auf der Küste ist es so heiß als in der Nähe von Cabo +Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des +dürren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die übermäßige Einwirkung +des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen für uns. In +Guayra fürchtet man die Insolation und ihren Einfluß auf die +Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber +sich zu zeigen anfängt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres +Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem +Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter +mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdrängen, den er fertig +in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit +einer halben Stunde in bloßem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er +versicherte mich, da ich ein hoher Nordländer sey, müsse ich nach der +Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen +Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Präservativ nehme. Diese +Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da +ich mich längst für acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine +Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich +verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben +haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet. + +Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen +wir die Küste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rückkehr von +den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem +Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000 +Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Pässen in den Alpen, dem +Weg über den St. Gotthard oder den großen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft +in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte +nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von +Caracas liegen möge. Man hatte längst bemerkt, daß es von der Cumbre und +las Vueltas, dem höchsten Punkt der Straße, nach Pastora am Eingang des +Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da +aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu +vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von +Caracas kann man sich von der Höhe desselben unmöglich einen richtigen +Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftströme +abgekühlt, sowie einen großen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel, +welche den hohen Gipfel der Silla einhüllen. Ich habe den Weg von Guayra +nach Caracas mehrere male zu Fuß gemacht und nach zwölf Punkten, deren +Höhe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich +hätte gerne gesehen, daß meine Vermessung durch einen unterrichteten +Reisenden, der nach mir dieses malerische und für den Naturforscher so +interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden wäre; mein +Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen. + +Wenn man zur Zeit der stärksten Hitze die glühende Luft Guayras athmet und +den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, daß +in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine +Bevölkerung von 40,000 Seelen einer Frühlingskühle genießen soll, einer +Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Daß auf diese Weise +verschiedene Klimate einander nahe gerückt sind, kommt in den ganzen +Cordilleren der Anden häufig vor; aber überall, in Mexico, in Quito, in +Peru, in Neu-Grenada muß man weit ins Binnenland reisen, entweder über die +Ebenen oder auf Strömen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die +großen Städte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als +Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstädten des +spanischen Amerika, die mitten in der heißen Zone ein köstlich kühles +Klima haben, liegt Caracas am nächsten an der Küste. Nur drei Meilen in +einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo +der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind +bedeutende Vortheile. + +Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schöner als der von +Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser +unterhalten als die alte Straße, die aus dem Hafen von Vera Cruz am +Südabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote führt. Man braucht mit +guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas +und zum Rückweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fuß Vier bis fünf +Stunden. Man kommt zuerst über einen sehr steilen Felsabhang und über die +Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem großen +Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen über dem Meere liegt. Der Name +»verbrannter Thurm« bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhält, +wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswände und +vollends die dürre Ebene zu den Füßen ausstrahlen, ist drückend zum +Ersticken. Auf diesem Wege und überall, wo man auf starken Abhängen in ein +anderes Klima gelangt, schien mir das Gefühl von gesteigerter Muskelkraft +und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in kühlere Luftschichten über einen +kommt, nicht so stark als umgekehrt die lästige Mattigkeit und +Erschlaffung, die einen befällt, wenn man in die heißen Küstenebenen +hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, daß der Genuß, wenn uns +irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines +neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso. + +Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die +Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten +Straße über den Mont Cenis. Der Salto, »der Sprung,« ist eine Spalte, über +die eine Zugbrücke führt. Auf der Höhe des Bergs sind förmliche Werke +angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19°,3, in +Guayra zur selben Zeit auf 26°,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit +in den spanischen Häfen zugelassen wurden, Fremde häufiger nach Caracas +gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den +Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schönen Lage berühmt. Und +allerdings hat man hier bei unbewölktem Himmel eine prachtvolle Aussicht +über die See und die nahen Küsten. Man hat einen Horizont von mehr als +zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der +Masse Licht, die der weiße, dürre Strand zurückwirft; zu den Füßen liegen +Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die +Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit +überraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen, +die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der +unermeßlichen Meeresfläche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Höhen +bilden Mittelgründe zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen, +und durch eine leicht erklärliche Täuschung wird dadurch die Scenerie +großartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom +Winde gejagten und sich ballenden Wolken Bäume und Wohnungen zum +Vorschein, und die Gegenstände scheinen dann ungleich tiefer unten zu +liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man +sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa) +in derselben Höhe befindet, ist man noch zwölf Meilen von der See +entfernt; man sieht die Küste nur undeutlich, während man auf dem Wege von +Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem +Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf +einen machen muß, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum +erstenmal das Meer und Schiffe sieht. + +Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt, +um die Entfernung derselben von der Küste genauer angeben zu können. Die +Breite ist 10° 33′ 9″; die Länge des Orts schien mir nach dem Chronometer +etwa 2′ 47″ im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser +Höhe die Inclination der Magnetnadel 41°,75, die Intensität der +magnetischen Kraft = 234 Schwingungen. + +Von der Venta, auch _‘Venta grande’_ genannt zum Unterschied von drei oder +vier andern kleinen Wirthshäusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle +zerstört.], geht es noch über 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Dieß ist +beinahe der höchste Punkt der Straße, ich ging aber mit dem Barometer noch +weiter, etwas über die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla. +Da ich keinen Paß hatte (in fünf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der +Landung), so wäre ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden. +Um die alten Soldaten zu besänftigen, übersetzte ich ihnen in spanische +Vares, wie viel Toisen der Posten über dem Meere liegt. Daran schien ihnen +sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen ließen, so verdanke ich es +einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge +seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel höher als +alle Berge in der Provinz Caracas. + +Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa +150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt +Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei +einander liegen, hätten Bonpland und ich gerne ein paar Tage +hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in +einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der +Meeresküste beobachtet; aber die Luft war während unseres Aufenthaltes an +diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besaß ich auch nicht den +dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung +erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen, +empfehlen möchte. + +Als ich zum erstenmal über diese Hochebene nach der Hauptstadt von +Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele +Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen ließen. Es waren Einwohner von +Caracas; sie stritten über den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz +zuvor stattgefunden. Joseph España hatte auf dem Schaffot geendet; sein +Weib schmachtete im Gefängniß, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich +aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der +Gemüther, die Bitterkeit, mit der man über Fragen stritt, über die +Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein +auf. Während man ein Langes und Breites über den Haß der Mulatten gegen +die freien Neger und die Weißen, über den Reichthum der Mönche und die +Mühe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte, +hüllte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen +schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein +Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein +bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern +darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo überall +Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, über politische +Gegenstände zu verhandeln. Diese in der Bergeinöde gesprochenen Worte +machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf +unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten. +In Europa, wo die Völker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten, +steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der +neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwölftausend Fuß Meereshöhe +bewohnt. Die Menschen tragen ihre bürgerlichen Zwiste, wie ihre +kleinlichen, gehässigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Rücken der +Anden, wo die Entdeckung von Erzgängen zur Gründung von Städten geführt +hat, stehen Spielhäuser, und in diesen weiten Einöden, fast über der +Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste höheren Schwung +geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, daß der Hof ein Ordenszeichen +oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glück der Familien gestört. + +Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Südost, nach +dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet, +während die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, überall bewundert +man den großartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine +halbe Stunde über ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses +Stück des Wegs heißt der vielen Krümmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter +oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa, +während der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr +ausschließliches Monopol war, an einem sehr kühlen Ort hatte errichten +lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt +dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebäumen und europäischen +Obstbäumen üppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewöhnlich +Halt bei einer schönen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf +fallenden Gneißschichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die +Temperatur derselben 16°,4, was für eine Höhe von 726 Toisen bedeutend +kühl ist. Dieses klare Wasser müßte denen, die davon trinken, noch kälter +vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemäßigten +Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entspränge. Ich habe +aber die Bemerkung gemacht, daß an diesem, dem Nordabhang des Bergs die +Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest, +sondern nach Südost fallen, was Schuld daran seyn mag, daß die +unterirdischen Gewässer dort keine Quellen bilden können. Von der kleinen +Schlucht Sanchorquiz an geht es beständig abwärts bis zum Kreuz von +Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen über dem Meere steht, und +von da an, bei den Zollhäusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in +die Stadt Caracas. + + ------------------ + + + + + + 16 Die _‘cortex Angosturae’_ unserer Pharmacopöen, die Rinde der + _Bonplandia trifolia_ + + 17 Man bezahlt 120 Piaster für die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot + zur Verfügung hat. + +_ 18 La broma; teredo navalis_, Linné + + 19 In Paris ist das Mittel des heißesten Monats 19--20°, demnach um + 3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kältesten + Monats in Guayra. + + + + + +ZWÖLFTES KAPITEL. + + + Allgemeine Bemerkungen über die Provinzen von Venezuela. -- Ihre + verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima. + + +Die Wichtigkeit einer Hauptstadt hängt nicht allein von ihrer Volkszahl, +von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermaßen richtig zu +beurtheilen, muß man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist, +die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die +Verhältnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einfluß unterworfenen +Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstände +modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen +den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so groß +und die Handelsinteressen sind so zäh, daß sich voraussagen läßt, der +Einfluß der Hauptstädte auf das Land umher, auf die unter den Namen +_‘Reinos’_, _‘Capitanias generales’_, _‘Presidencias’_, _‘Goviernos’_ +verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der +Trennung der Provinzen vom Mutterland überdauern. Man wird nur da Stücke +losreißen und anders verbinden, wo man, mit Mißachtung natürlicher +Grenzen, willkürlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander +verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem +gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru), +verbreitete sie sich von den Küsten ins Binnenland, bald einem großen +Flußthal, bald einer Gebirgskette mit gemäßigtem Klima nach. Sie setzte +sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie +sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder +Königreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen, +geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar berührten. Wüst +liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die +von der europäischen Cultur eroberten Länder. Sie trennen diese +Eroberungen von einander, wie schwer zu übersetzende Meeresarme, und meist +hängen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen. +Die Umrisse der Seeküsten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf +dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation, +undurchdringliche Wälder und bebautes Land an einander stoßen und einander +begrenzen. Weil sie die Zustände der erst in der Bildung begriffenen +Staaten der neuen Welt außer Acht lassen, liefern so viele Geographen so +sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der +spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern +durchaus zusammenhingen. Die Localkenntniß, die ich mir aus eigener +Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang +der großen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die +wüsten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr +oder minder bedeutenden politischen Einfluß, den sie als Regierungs- und +Handelsmittelpunkte äußern, zu schätzen. + +*Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so groß ist +als das heutige Peru und an Flächengehalt dem Königreich Neu-Grenada wenig +nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania +general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heißt, hat gegen +eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfaßt längs den +Küsten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita), +Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die +Provinzen Barinas und Guyana, erstere längs den Flüssen St. Domingo und +Apure, letztere längs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro. +Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht +man, daß sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen. + +Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der +Küstengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des +Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Ströme, die +hindurch laufen, zugänglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Wäldern +ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, könnte man sagen, die +drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen +ein Bild der drei Zustände und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in +den Wäldern am Orinoco das rohe Jägerleben, auf den Savanen oder Llanos +das Hirtenleben, in den hohen Thälern und am Fuß der Küstengebirge das +Leben des Landbauers. Die Missionäre und eine Handvoll Soldaten besetzen +hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen +Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Stärkeren und der +Mißbrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die +Eingeborenen liegen in beständigem blutigem Krieg mit einander und fressen +nicht selten einander auf. Die Mönche suchen sich die Zwistigkeiten unter +den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdörfer zu +vergrößern. Das Militär, das zum Schutz der Mönche daliegt, lebt im Zank +mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald +Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Städter als Naturzustand +preisen, näher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und +Weiden, ist die Nahrung einförmig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind +schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander +liegenden Städten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit +Häuten und Leder gedeckten Häuser, so meint man, sie haben sich auf den +ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs +niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die +Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und +Mensch enger knüpft, herrscht in der dritten Zone, im Küstenstrich, +besonders in den warmen und gemäßigten Thälern der Gebirge am Meer. + +Man könnte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und +portugiesischen Amerika, überall, wo man die allmählige Entwicklung der +Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen +Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und dieß ist für +alle, welche die politischen Zustände der verschiedenen Colonien genau +kennen lernen wollen, von großem Belang, daß die drei Zonen, die Wälder, +die Savanen und das bebaute Land, nicht überall im selben Verhältniß zu +einander stehen, daß sie aber nirgends so regelmäßig vertheilt sind wie im +Königreich Venezuela. Bevölkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen +keineswegs überall von der Küste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und +Quito findet man die stärkste ackerbauende Bevölkerung, die meisten +Städte, die ältesten bürgerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in +den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Königreich Buenos Ayres liegt die +Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen +von Buenos Ayres und der großen Masse ackerbauender Indianer, welche in +den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand +macht, daß sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner +des Binnenlandes und der Küsten sehr verschiedenartig gestalten. + +Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen +erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhängige Staaten von +Vicekönigen oder Generalcapitänen regiert wurden, so muß man mehrere +Punkte zumal ins Auge fassen. Man muß die Theile des spanischen Amerika, +die Asien gegenüber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean +bespült; man muß, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse +der Bevölkerung befindet, ob in der Nähe der Küsten, oder concentrirt im +Innern auf kalten und gemäßigten Hochebenen der Cordilleren; man muß die +numerischen Verhältnisse zwischen den Eingeborenen und den andern +Menschenstämmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europäischen +Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weißen +in jedem Theil der Provinzen angehört. Die andalusischen Canarier in +Venezuela, die _‘Montanneses’_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier +in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum +Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen +Beschäftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Stämme haben in +der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten +zukommt, die rauhe oder sanfte Gemüthsart, die Mäßigkeit oder die +ungezügelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum +einsamen Leben. In Ländern, deren Bevölkerung großen Theils aus Indianern +von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europäern +und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie +einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die +heiße Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das +Mutterland fast entfremdet, mußten sich ganz anders umwandeln, als die +Griechen, welche sich auf den Küsten von Kleinasien oder Italien +niederließen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder +Corinth. Daß der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische +Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstädte auf den +Hochebenen oder in der Nähe der Küsten, durch die Beschäftigung mit dem +Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewöhnung an das Speculiren im +Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich verändert hat, ist unleugbar; +aber überall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht +sich dennoch etwas geltend, was auf die ursprüngliche Stammeseigenheit +zurückweist. + +Betrachtet man die Zustände der Capitanerie von Caracas nach den oben +angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, daß der Ackerbau, die +Hauptmasse der Bevölkerung, die zahlreichen Städte, kurz alles, was durch +höhere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Nähe der Küste findet. +Der Küstenstrich ist über 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der +Antillen bespült, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle +europäischen Nationen Niederlassungen gegründet haben, das an zahlreichen +Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der +Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im östlichen Theil des +tropischen Amerika sehr bedeutenden Einfluß geäußert hat. Die Königreiche +Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst +dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Häfen von +Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Länder +kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Küsten und der Zusammendrängung +der Bevölkerung auf dem Rücken der Cordilleren, mit Fremden wenig in +Berührung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen +der gefährlichen Nordstürme wenig besucht. Die Küsten von Venezuela +dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine +Menge Häfen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land +kommen, und so können sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der +Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den großen +Inseln und selbst mit denen unter dem Wind stärker seyn als durch die +Häfen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo, +nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu +halten. Ist es da zu verwundern, daß bei diesem leichten Handelsverkehr +mit den freien Amerikanern und mit den Völkern des politisch aufgeregten +Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten +Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach +Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen +Einrichtungen zur Aeußerung kommt, gleichmäßig zugenommen haben? + +Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr +ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevölkerung, wo die Spanier bei der +Eroberung ordentliche Regierungen, eine bürgerliche Gesellschaft, alte, +meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien +südlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der +Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevölkerung des bebauten +Landstrichs, wenigstens außerhalb der Missionen, unbeträchtlich. Zur Zeit +großer politischer Zerwürfnisse flößen die Indianer den Weißen und +Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die +Gesammtbevölkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen +schätzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, während sie in +Mexico fast die Hälfte ausmachen. + +Unter den Racen, aus denen die Bevölkerung von Venezuela besteht, ist die +schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Unglücks und mit +Furcht wegen einer möglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der +Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendrängung auf einen kleinen +Flächenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, daß in der ganzen +Capitanerie die Sklaven nur ein Fünfzehntheil der ganzen Bevölkerung +ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weißen +gegenüber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhältniß wie +1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000 +Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das +Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehört, als ein +Binnenmeer mit mehreren Ausgängen, so ist es wichtig, die politischen +Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung +des neuen Continents zwischen Ländern entstehen, die um dasselbe Becken +gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterländer ihre Colonien +abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die +Elemente der Zerwürfnisse sind überall die gleichen, und wie instinktmäßig +bildet sich ein Einverständniß zwischen Menschen derselben Farbe, auch +wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Küsten +wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Küsten von +Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die +Antillen gebildet wird, zählt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen +Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, daß es im +Süden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in großen Massen finden sie +sich nur auf den Nord- und Ostküsten. Es ist dieß gleichsam das +afrikanische Stück dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an +auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgemäß auf die Küsten von +Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestörten Besitz dieser +schönen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstände leicht +unterdrückt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der für die +Unabhängigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende +Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenüberstehenden +Parteien furchtbar, und in verschiedenen Ländern des spanischen Amerika +wurde die allmählige oder plötzliche Aufhebung der Sklaverei verkündigt, +nicht sowohl aus Gefühlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil +man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewöhnten +und für sein eigenes Wohl kämpfenden Menschenschlags versichern wollte. +Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwürdige +Stelle gestoßen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind, +welche die Zunahme der schwarzen Bevölkerung einflößt. Diese Besorgnisse +werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern, +welche durch mildere Sitten, durch die öffentliche Meinung und durch +religiöse Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht, +ihrerseits durch die Gesetzgebung unterstützen. »Die Neger,« sagt Benzoni, +»haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, daß ich im Jahr 1545, als +ich auf Terra Firma (an der Küste von Caracas) war, viele Spanier gesehen +habe, die gar nicht zweifelten, daß jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der +Schwarzen seyn werde.« Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in +Erfüllung gehen und eine europäische Colonie in Amerika sich in einen +afrikanischen Staat verwandeln sehen. + +Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so +ungleich vertheilt, daß auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen, +worunter ein Fünftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und +Barcelona kaum 6000. Um den Einfluß zu würdigen, den die Neger und die +Farbigen auf die öffentliche Ruhe im Allgemeinen äußern, ist es nicht +genug, daß man ihre Kopfzahl kennt, man muß auch ihre Zusammendrängung an +gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in +Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf +einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Küste +und einer Linie, die (12 Meilen von der Küste) über Panaquire, Yare, +Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua läuft. Auf den Llanos, den +weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zählt +man nur 4--5000, die auf den Höfen zerstreut und mit der Hut des Viehs +beschäftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr beträchtlich, denn +die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung +Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet, +die Freiheit nicht versagen, hätte der Sklave auch wegen des besondern +Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Fälle, +daß jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit +schenkt, sind in der Provinz Venezuela häufiger als irgendwo. Kurz bevor +wir die fruchtbaren Thäler von Aragua und den See von Valencia besuchten, +hatte eine Dame im großen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern +aufgegeben, ihre Sklaven, dreißig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergnügen +spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland +und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schönem Lichte +zeigen. + +Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der +weißen Creolen, die ich _‘Hispano-Amerikaner’_(22) nenne, und der in +Europa gebürtigen Weißen zu kennen. Es hält schwer, sich über einen so +kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist +auch in der neuen die Zählung dem Volk ein Gräuel, weil es meint, es sey +dabei auf Erhöhung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die +Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt, +statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Rücksichten +einer argwöhnischen Staatsklugheit. Diese mühsam herzustellenden Ausnahmen +sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die +Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten +und von Zeit zu Zeit genaue Berichte über den zunehmenden Wohlstand der +Colonien verlangten, die Lokalbehörden haben diese guten Absichten in den +seltensten Fällen unterstützt. Nur auf den ausdrücklichen Befehl des +spanischen Hofes wurden den Herausgebern des »_peruanischen Merkurs_« die +vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen überlassen, die dieses Blatt +mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Vicekönig Grafen +Nevillagigedo tadeln hören, weil er ganz Neuspanien kundgethan, daß die +Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700 +nur 2300 Europäer, dagegen über 50,000 Hispano-Amerikaner zählte. Die +Leute, die sich darüber beklagten, betrachteten auch die schöne +Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien +befördert, als eine der gefährlichsten Neuerungen des Grafen Florida +Blanca; sie riethen (glücklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem +Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureißen. +Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszählungen wecke man in den +Colonisten das Bewußtseyn ihrer Stärke! Nur in Zeiten des Unfriedens und +des Bürgerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative +Stärke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben +sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schätzte. + +Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem +Königreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annähernd die Zahl der +weißen Creolen, selbst die der Europäer. Erstere, die Hispano-Amerikaner, +sind in Mexico ein Fünftheil, auf Cuba, nach der genauen Zählung von 1811, +ein Drittheil der Gesammtbevölkerung. Bedenkt man, daß in Mexico +drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den +Zustand der Küsten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weiße im +Verhältniß zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca +wohnen, so läßt sich nicht zweifeln, daß, wenn nicht in der _Capitania +general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhältniß stärker ist als +1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weißen sogar zahlreicher sind als in +Chili, gibt uns für die _Capitania general_ von Caracas eine »Grenzzahl«, +das heißt das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000 +Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevölkerung von 900,000 Seelen +anzunehmen. Innerhalb der weißen Race scheint die Zahl der Europäer (die +Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht über 12,000--15,000 zu +betragen. In Mexico sind ihrer gewiß nicht über 60,000, und nach mehreren +Zusammenstellungen finde ich, daß, sämmtliche spanische Colonien zu 14--15 +Millionen Einwohnern angenommen, höchstens 3 Millionen Creolen und 200,000 +Europäer darunter sind. + +Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmäßigen Erben des Reiches +der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen +mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befürchtungen aller +Weißen auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fühlten so gut wie die +in Europa geborenen Spanier, daß der Kampf ein Racenkampf zwischen dem +rothen und weißen Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der +selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der +europäischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines +Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er änderte sein Verfahren. +Aus einem Aufstand für die Unabhängigkeit wurde ein grausamer Krieg +zwischen den Racen; die Weißen blieben Sieger, es kam ihnen zum +Bewußtseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an faßten sie +das Zahlenverhältniß zwischen der weißen und der indianischen Bevölkerung +in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit +kam es nun dahin, daß die Weißen diese Aufmerksamkeit auf sich selbst +richteten und sich mißtrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste +umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhängigkeit und Freiheit +trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland +Herübergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere +eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von España angezettelten +Aufstand für sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto +schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden +Mißvergnügens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch +strenge Maßregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer +des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert +Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander +gegenüber. + +Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem +Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so +starken Widerstand leisten konnten, und man vergißt, daß in allen Colonien +die europäische Partei nothwendig durch eine große Menge Einheimischer +verstärkt wird. Familienrücksichten, die Liebe zur ungestörten Ruhe, die +Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann, +halten diese ab, sich der Sache der Unabhängigkeit anzuschließen, oder für +die Einführung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhängigen +Repräsentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen +Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment +allgemach weniger drückend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend +mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der +Einführung einer religiösen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der +herrschende Cultus sich unmöglich in seiner Reinheit erhalten könne. +Andere gehören den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch +ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine +wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar +nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft wäre +ihnen lieber, als eine Regierung in den Händen von Amerikanern, die im +Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte +gegründete Verfassung; vor Allem fürchten sie den Verlust der +Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Mühe erworben, und +die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres häuslichen +Glücks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem +Lande vom Ertrag ihrer Grundstücke und genießen der Freiheit, deren sich +ein dünn bevölkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu +erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprüche auf Amt und Würden, und so +fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum +dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin wäre +ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das +alte Colonialwesen, aber diese Wünsche sind gegenüber der Liebe zur Ruhe +und der Gewöhnung an ein träges Leben keineswegs so lebhaft, daß sie sich +deßhalb zu schweren, langwierigen Opfern entschließen sollten. + +Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Ständen entworfenen Skizze +der verschiedenen Färbung der politischen Ansichten in den Colonien habe +ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes +über Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war dieß die +Folge der Gewohnheit, des großen Einflusses einer gewissen Zahl mächtiger +Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen +Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegründete Sicherheit muß +erschüttert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privathaß +eine Weile ruhen läßt und im Gefühl eines gemeinsamen Interesses sich +verbündet, sobald dieses Gefühl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt +und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten +der Einfluß der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert. + +Wir haben oben gesehen, daß die indianische Bevölkerung in den vereinigten +Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind +alle Städte derselben von den spanischen Eroberern gegründet. Diese +konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fußstapfen der alten +Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist +nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstädten des tropischen +Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemäßigten Klimas genießen +[Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten +gelegene. Da die Hauptmasse der Bevölkerung von Venezuela den Küsten nahe +gerückt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben +parallel läuft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico, +Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_ +vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte +abfließen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder +starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den großen Antillen, +die Richtung der Gebirge und den Lauf der großen Flüsse betrachten, um +einzusehen, daß Caracas auf die Länder, deren Hauptstadt es ist, niemals +einen bedeutenden politischen Einfluß haben kann. Der Apure, der Meta, der +Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewässer aus den Llanos +oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana muß nothwendig +einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl +aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea +eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man +dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten +vorzieht. Es ist ein großer Vorzug der Provinzen von Venezuela, daß nicht +ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfließt, wie der von +Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern daß sie eine +Menge ziemlich gleich bevölkerter Städte haben, die eben so viele +Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden. + +Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der +acht Erzbisthümer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die +Bevölkerung war, nach meinen Erkundigungen über die Zahl der Geburten, im +Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu +45,000 an, worunter 12,000 Weiße und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778 +hatte man bereits 30--32,000 geschätzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen +blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766 +hatte die Bevölkerung von Caracas und des schönen Thals, in dem es liegt, +durch eine bösartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt +starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwürdigen Zeitpunkt ist die +Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen +sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu +meiner Zeit seit fünfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, während man +in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit beständig bange hatte, weil +sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage +sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphärischen +Zustände und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende +Periodicität gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen +weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einführung der +segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit +meiner Rückkehr nach Europa hat die Bevölkerung von Caracas beständig +zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das große Erdbeben am 26. März +1812 gegen 12,000 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser begrub. Durch +die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die +Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden +bald wieder eingebracht seyn, wenn das äußerst fruchtbare und +handelsthätige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre +Ruhe genießt und verständig regiert wird. + +Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach +Ost gegen Caurimare und Cuesta d’Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe +Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fließt. Sie liegt 414 +Toisen über dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und +fällt stark von Nord-Nord-West nach Süd-Süd-Ost ab. Um eine richtige +Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, muß man die Richtung der +Küstengebirge und der großen Längenthäler zwischen denselben ins Auge +fassen. Der Guayrefluß entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen +dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhält bei las Ayuntas +nach der Vereinigung der Flüßchen San Pedro und Macarao seinen Namen und +läuft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d’Auyamas und dann nach Süd, um sich +oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige +Fluß von Bedeutung im nördlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er läuft +30 Meilen lang, von denen über drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus +von West nach Ost. Auf diesem Stromstück beträgt nach meinen +barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis +zur Mündung 295 Toisen. Dieser Fluß bildet in der Küstenkette eine Art +Längenthal, während die Gewässer der Llanos, das heißt von fünf +Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Süden nach, +sich in den Orinoco ergießen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklärt +sich die natürliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte +auf verschiedenen Wegen auszuführen. + +Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch +laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen +Bergzug getrennt, über den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen +Savanen von Ocumare über le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen +liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer +liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Süd fast beständig +bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen +Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den nördlichsten und höchsten +Zug der Küstenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa +und Villa de Cura den südlichsten Zug. Wir haben schon öfter bemerkt, daß +die Schichten dieses gewaltigen Küstengebirges fast durchgängig von Südost +nach Südwest streichen und gewöhnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich +daraus, daß die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der +ganzen Kette unabhängig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt +man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der +Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann +Gneiß, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und +Conglomerate mit Seemuscheln. + +Es ist zu bedauern, daß Caracas nicht weiter ostwärts liegt, unterhalb der +Einmündung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal +breit, und wie durch stehendes Gewässer geebnet, ausdehnt. Als Diego de +Losada die Stadt gründete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren +der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los +Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch +nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Küste. +Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals +zwischen zwei schönen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich hätte +anbauen können, wenn man die alten indianischen Bauten hätte wollen liegen +lassen. + +Vom Zollhaus la Pastora über den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach +Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwärts. Nach meinen +barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen über dem Platze +Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe, +letzterer 8 Toisen über dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem großen +Platz, und dieser 32 Toisen über dem Guayrefluß bei la Noria. Trotz des +abschüssigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber +selten. Drei Bäche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und +Caraguata, laufen von Nord nach Süd durch die Stadt; sie haben sehr hohe +Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin +auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die +berühmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio +Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine +Meile weit südwärts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus +dem Gamboa gelten für sehr gesund, weil sie über Sassaparillwurzeln(25) +laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden +können; das Wasser von Valle enthält keinen Kalk, aber etwas mehr +Kohlensäure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Brücke über den +letzteren Fluß ist schön gebaut und belebt von den Spaziergängern, welche +gegen Candelaria zu die Straße von Chacao und Petara aufsuchen. Man zählt +in Caracas acht Kirchen, fünf Klöster und ein Theater, das 15 bis 1800 +Zuschauer faßt. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Männer und Frauen +gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler +und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele +Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus +bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Straßen von +Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten +Winkeln, wie in allen Städten, welche die Spanier in Amerika gegründet. +Die Häuser sind geräumig und höher, als sie in einem Lande, das Erdbeben +ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Plätze Alta +Gracia und San Francisco sehr hübsch: ich sage im Jahr 1800, denn die +furchtbaren Erderschütterungen am 26. März 1812 haben fast die ganze Stadt +zerstört. Sie ersteht langsam aus ihren Trümmern; der Stadttheil la +Trinidad, in dem ich wohnte, ward über den Haufen geworfen, als ob eine +Mine darunter gesprungen wäre. + +Durch das enge Thal und die Nähe der hohen Berge Avila und Silla erhält +die Gegend von Caracas einen ernsten, düstern Anstrich, besonders in der +kühlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind +dann ausnehmend schön; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome +oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de +Avila vor sich. Aber gegen Abend trübt sich die Luft; die Berge umziehen +sich, Wolkenstreifen hängen an ihren immergrünen Seiten und theilen sie +gleichsam in übereinanderliegende Zonen. Allmählich verschmelzen diese +Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen +Thal und verdichtet die leichten Dünste zu großen flockigten Wolken. Diese +Wolken senken sich oft bis über das Kreuz von Guayra herab und man sieht +sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad +fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem +gemäßigten Thale der heißen Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den +mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn. + +Aber dieser düstere, schwermüthige Charakter der Landschaft, dieser +Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist +mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Nächte hell und +ausnehmend schön; die Luft behält fast beständig die den Hochebenen und +hochgelegenen Thälern eigenthümliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so +lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener +Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die +Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schöner Beleuchtung +gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla +erscheinen in Caracas fast unter demselben Höhenwinkel(26) wie der Pic von +Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Hälfte des Bergs ist mit kurzem +Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergrünen Sträucher, die zur +Blüthezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth +schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform +empor. Sie sind völlig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im +gemäßigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, höher, als er wirklich +ist. Mit diesem großartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im +Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene +von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast. + +Man hört das Klima von Caracas oft einen ewigen Frühling nennen, und +dasselbe findet sich überall im tropischen Amerika auf der halben Höhe der +Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen über dem Meer, wenn nicht sehr +breite Thäler und Hochebenen und dürrer Boden die Intensität der +strahlenden Wärme übermäßig steigern. Was läßt sich auch Köstlicheres +denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht +zwischen 16 und 18 Grad hält, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum, +der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben +einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch +Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Bächen +die vier Flüsse desselben. + +Leider ist in diesem so gemäßigten Klima die Witterung sehr unbeständig. +Die Einwohner von Caracas klagen darüber, daß sie an Einem Tage +verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergänge von einer Jahreszeit +zur andern sehr schroff sind. Häufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht +mit einer mittleren Temperatur von 16° ein Tag, an dem der Thermometer im +Schatten acht Stunden lang über 22° steht. Am selben Tage kommen aber +Wärmegrade von 24 und von 18° vor. Dergleichen Schwankungen sind in den +gemäßigten Landstrichen Europas ganz gewöhnlich, in der heißen Zone aber +sind selbst die Europäer so sehr an die Gleichförmigkeit der äußeren Reize +gewöhnt, daß ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In +Cumana und überall in der Niederung ändert sich die Temperatur von 11 Uhr +Morgens bis 11 Uhr Abends gewöhnlich nur um 2--3 Grad. Zudem äußern diese +atmosphärischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus +stärkeren Einfluß, als man nach dem bloßen Thermometerstande glauben +sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten +von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, während der +andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heißt der »Wind von +Catia,« weil er von Catia, westwärts von Cabo Blanco, durch die Schlucht +Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen +Straße und eines neuen Hafens, statt der Straße und des Hafens von Guayra, +erwähnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind, +meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark bläst, +sich in der Quebrada de Tipe fängt. Von den hohen Bergen Aguas Negras +zurückgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des +Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser +schlägt sich auf ihm nieder, im Maaße als er sich abkühlt; der Gipfel der +Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal +dringt. Die Einwohner von Caracas fürchten sich sehr vor ihm; Personen mit +reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche +gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause +gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte während +meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, daß der Wind von Catia +reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich +meinte auch, seine reizende Wirkung möchte eben von dieser Reinheit +herrühren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverläßig. +Der Wind von Petare kommt von Ost und Südost, vom östlichen Ende des +Guayrethals herein und führt die trockenere Luft des Gebirgs und des +Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und läßt den Gipfel der Silla +in seiner ganzen Pracht hervortreten. + +Bekanntlich sind die Veränderungen, welche die Mischung der Luft an einem +gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu +ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die +Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu +unterscheiden, von denen die eine während des Sirocco oder des Catia mit +Luft gefüllt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist +mir jetzt wahrscheinlich, daß der auffallende Effekt des Catia und aller +Luftströmungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem +Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen +Mischungsveränderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von +der ungesunden Seeküste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr +begreiflich, daß Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewöhnt sind, +es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die +Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas +heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die +Berührung mit kälteren Schichten sich abkühlt und einen bedeutenden Theil +ihres Wassers niederschlägt. Diese Unbeständigkeit der Witterung, diese +etwas schroffen Uebergänge von trockener, heller zu feuchter, nebligter +Luft, sind Uebelstände, die Caracas mit der ganzen gemäßigten Region unter +den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshöhe von 4--800 +Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren +liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Beständig +heiterer Himmel einen großen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den +Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Höhen, auf +den weiten Hochebenen, wo die gleichförmige Strahlung des Bodens die +Auflösung der Dunstbläschen zu befördern scheint. Die dazwischen liegende +Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich über der +Erdoberfläche lagern. Unbeständigkeit und viele Nebel bei sehr milder +Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region. + +Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewöhnlich weniger blau als +in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgelöst, und wie +in unserem Klima wird durch die stärkere Zerstreuung des Lichts die Farbe +der Luft geschwächt, indem sich Weiß dem Blau beimischt. Die Intensität +des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis +Januar im Durchschnitt 18, nie über 20 Grad, an den Küsten dagegen 22--25 +Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, daß der Wind von +Petare das Himmelsgewölbe zuweilen auffallend blaß färbt. Am 23. Januar +war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der +heißen Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war +dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald +der starke Wind von Petare nachließ, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad. +Zur See habe ich häufig, wenn auch in geringerem Grade, einen ähnlichen +Einfluß des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel +beobachtet. + +Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so +genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen +darthun zu können, daß sie nicht viel über oder unter 21--22° beträgt. +Nach eigenen Beobachtungen fand ich für die drei sehr kühlen Monate +November, December und Januar als Durchschnitt des täglichen Maximum und +Minimum der Temperatur 20°,2, 20°,1, 20°,2. Nach dem aber, was wir jetzt +über die Vertheilung der Wärme in den verschiedenen Jahreszeiten und in +verschiedenen Meereshöhen wissen, läßt sich annähernd aus der mittleren +Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres +berechnen, ungefähr wie man auf die Höhe eines Gestirns im Meridian aus +Höhen, die außerhalb des Meridians gemessen werden, einen Schluß zieht. +Das Ergebniß, das ich für richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege +gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von +der mittleren Jahrestemperatur nur um 0°,2 ab; in Mexico, also der +gemäßigten Zone schon sehr nahe, beträgt der Unterschied im Maximum 3°. In +Guayra bei Caracas weicht der kälteste Monat vom jährlichen Mittel um 4°,9 +ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia) +durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so +erhält dasselbe dagegen einen größeren Theil des Jahrs hindurch die Ost- +und Südostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach +unmittelbaren Beobachtungen, daß in Guayra und Caracas die Temperatur der +kältesten Monate 23°,2 und 20°,1 beträgt. Diese Unterschiede sind der +Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von +der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome) +und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigeführt wird. + +Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils +in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Nähe der Hauptstadt, +angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten +Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22°, bei Nacht zwischen 16 +und 17°.(27) In der heißen Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei +Tag auf 25--26°, bei Nacht auf 22--23°.(28) Dieß ist der gewöhnliche +Zustand der Atmosphäre, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir +berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere +Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21°,5. Eine solche kommt aber +im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem +36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, daß dieser +Vergleich sich nur auf die Summe von Wärme bezieht, die sich an jedem +Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf’s *Klima*, das +heißt auf die Vertheilung der Wärme unter die verschiedenen Jahreszeiten. + +Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden +lang auf 29° [23,°2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach +Sonnenaufgang schon auf 11° [8°,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in +Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25° und 12°,5. Die +Kälte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter +ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhöhen messen. Der +Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur völligen Dunkelheit erfolgt +so rasch, daß nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt +eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine +nächste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der +gemäßigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichförmiger als +in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied +zwischen den mittleren Temperaturen der wärmsten und der kältesten Monate +17°,3, während derselbe unter der nämlichen Breite beinahe am +Meeresspiegel 20--21° beträgt. Die Kälte nimmt auf unsern Bergen nicht so +rasch zu, wie die Wärme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren näher kommen, +werden wir sehen, daß in der heißen Zone das Klima in den Niederungen +gleichförmiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man +darf keine Orte anführen, wo die Nordwinde einige Monate lang das +Gleichgewicht der Atmosphäre stören) steht der Thermometer das ganze Jahr +zwischen 21 und 35°; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3 +und 22° vor, wenn man, nicht die kältesten und heißesten Tage, sondern +Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der +Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4°; in Quito fand ich +diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus +4--5 Beobachtungen) gleich 7°. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch +und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und +December noch um 5--5°,5 wärmer als die Nächte. Diese Erscheinungen von +nächtlicher Abkühlung mögen auf den ersten Anblick überraschen; sie +modificiren sich durch die Erwärmung der Hochebenen und Gebirge den Tag +über, durch das Spiel der niedergehenden Luftströme, besonders aber durch +die nächtliche Wärmestrahlung in der reinen, trockenen Luft der +Cordilleren. + +In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel. +Die Gewitter kommen immer aus Ost und Südost, von Petare und Valle her. In +den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in +Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat +sogar in noch tieferen Thälern hageln sehen, und diese Erscheinung macht +dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei +uns nicht so selten als im heißen Erdstrich, trotz der häufigen Gewitter, +Hagel unter 300 Toisen Meereshöhe. + +Im kühlen, köstlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die +tropischen Gewächse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch höheren +Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der +trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht +viele, aber ausgezeichnet gute Früchte gibt. In der Blüthezeit des +Strauchs gewährt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der +Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der große _Platano +harton_ sondern die Varietäten Camburi und Dominico,(29) die weniger Wärme +nöthig haben. Die großen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den +Haciendas von Turiamo an der Küste zwischen Burburata und Porto-Cabello. +Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den +Höhen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum +erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm überrascht, +neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Küchenkräuter, Erdbeeren, +Weinreben und fast alle Obstbäume der gemäßigten Zone zu finden. Die +gesuchtesten Pfirsiche und Äpfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang +des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fünf Fuß hoch wird, +ist dort so gemein, daß er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln +und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint, +ehe man Wasser trinkt, müsse man durch Süßigkeiten den Durst reizen. Je +stärker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den +Pflanzungen, die nicht älter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger +stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemüsebau die zerstreuten Apfel- und +Quittenbäume aus den Savanen verdrängt. Der Reisfelder, die man bewässert, +waren früher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser +Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Ländern der heißen Zone, +die Bemerkung gemacht, daß da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der +Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die +ausgezeichnet guten Äpfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei +Caracas auf ungeimpften Stämmen. Kirschbäume gibt es nicht; die +Olivenbäume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind +groß und schön; aber eben wegen des üppigen Wachsthums tragen sie keine +Früchte. + +Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen +Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein günstig ist, so +läßt sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von +Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das äußerst unbeständige +Wetter und die häufige Unterdrückung der Hautausdünstung erzeugen +catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten. +Hat sich der Europäer einmal an die starke Hitze gewöhnt, so bleibt er in +Cumana, in den Thälern von Aragua, überall, wo die Niederung unter den +Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den +Gebirgsländern, wo der gepriesene beständige Frühling herrschen soll. + +Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein +verbreiteten Meinung, daß diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig +von der Küste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Küste +von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung stützt sich auf die Erfahrung der +letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra +herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun, +wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus +ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht überzeugt, daß +der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf +der Küste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische +Verhältnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten könnte. Denn +die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, daß der +Thermometer sich in den heißesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad +[17--20° R] hält. Wenn sich nicht wohl bezweifeln läßt, daß dieser Typhus +in der gemäßigten Zone durch Berührung ansteckend ist, wie sollte man da +sicher seyn, daß er bei großer Bösartigkeit nicht auch in der heißen Zone +in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Küste die +Sommertemperatur die Disposition des Körpers noch steigert? Die Lage von +Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr +Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fünfmal weiter von der See +entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen höher liegt und ihre +mittlere Temperatur 3 Grad weniger beträgt. Im Jahre 1696 weihte ein +Bischof von Venezuela, Diego de Baños, eine Kirche (_ermita_) der heiligen +Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen, +_vomito negro_, erlöst, nachdem es sechzehn Monate gewüthet. Ein Hochamt, +das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist +zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen +Colonien auch die Tage, an denen große Erdbeben stattgefunden, durch +Prozessionen im Gedächtniß erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich +durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen +herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich +festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie +des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und +also die sehr kühle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13 +Grade fällt, überdauert hätte? Sollte der Typhus im hohen Thale von +Caracas älter seyn als in den besuchteren Häfen von Terra Firma? In diesen +war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich, +daß die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der ächte amerikanische +Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern +häufig vor und sind an und für sich so wenig als das Blutspeien für die +schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwärtig in der Havana +und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue +Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, daß der amerikanische Typhus in +Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist +es leider nur zu gewiß, daß diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr +1802 eine Menge junger europäischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke +ist beunruhigend, daß mitten in der heißen Zone ein 450 Toisen hoch, aber +sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer +Seuche schützt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Küste zu +Hause ist. + + ------------------ + + + + + + 20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf + den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist dieß das + Ergebniß von Oltmanns Berechnung, wobei die Veränderungen zu Grunde + gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine + astronomischen Bestimmungen erlitten haben. + + 21 So heißen in Spanien die Bewohner der Gebirge von Santander. + + 22 Nach dem Vorgang von *Anglo-Amerikaner*, welcher Ausdruck in alle + europäischen Sprachen übergegangen ist. In den spanischen Colonien + heißen die in Amerika geborenen Weißen *Spanier*, die wirklichen + Spanier aus dem Mutterland *Europäer*, *Gachupins* oder *Chapetons* + + 23 1567, später als Cumana, Coro, Nueva Barcelona und Caravalleda. + + 24 S. Bd. I. Seite 238. + + 25 In ganz Amerika glaubt man, das Wasser nehme die Eigenschaften der + Gewächse an, in deren Schatten es fließt. So rühmt man an der + Magellanscheu Meerenge das Wasser, das mit den Wurzeln der + _Winterana Canella_ in Berührung kommt. + + 26 Ich fand auf dem Platze Trinidad die scheinbare Höhe der Silla + 11° 12′ 49″. Ihr Abstand beträgt etwa 4500 Toisen. + + 27 Nach Reaumur bei Tag 16°,8--18°, bei Nacht 12°,8-13°,6. + + 28 Nach Reaumur bei Tag 20°--20°,8, bei Nacht 17°,6--18°,4. + + 29 S. Bd. I, S. 80 + + + + + +DREIZEHNTES KAPITEL. + + + Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des + Gipfels der Silla. + + +Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem +großen, fast ganz frei stehenden Hause im höchsten Theil der Stadt. Auf +einer Galerie übersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den +gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen üppiger +Anbau von den finstern Bergwänden umher absticht. Es war in der trockenen +Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zündet man die Savanen und den +Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese großen Brände bringen, +von weitem gesehen, die überraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo +die Savanen längs der aus- und einspringenden Felsgehänge die von den +Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfüllen, nehmen sich die brennenden +Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavaströme aus, die über dem Thale +hängen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht färbt sich röthlich, wenn der +Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzüge ins Thal niedertreibt. +Andere male, und dann ist der Anblick am großartigsten, sind die +Lichtstreifen in dickes Gewölk gehüllt und kommen nur da und dort durch +Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre +Ränder glänzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie +unter den Tropen häufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form +der Berge, durch die Stellung der Abhänge und die Höhe der mit +Alpenkräutern bewachsenen Savanen. Den Tag über jagt der Wind von Petare +von Osten her den Rauch über die Stadt und macht die Luft weniger +durchsichtig. + +Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so +waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern +aller Stände zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen +Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitän der +Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward +mir das Glück zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter +einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu +besuchen, und in diesen sechs Hauptstädten des spanischen Amerika brachten +mich meine Verhältnisse mit Leuten aller Stände in Verbindung; dennoch +erlaube ich mir nicht, mich über die verschiedenen Stufen der Cultur +auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen. +Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise +Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu +classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen läßt. In +Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten +wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr +Sinn für schöne Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige +Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas größere Bildung +hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhältnisse, umfassendere +Ansichten über die Zustände der Colonien und der Mutterländer. Der starke +Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein +Mittelmeer mit mehreren Ausgängen beschrieben, haben auf die +gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schönen Provinzen von +Venezuela gewaltigen Einfluß geäußert. Nirgends sonst im spanischen +Amerika hat die Civilisation eine so europäische Färbung angenommen. Die +Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada +gibt diesen großen Ländern einen eigenthümlichen, man könnte sagen +exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevölkerung glaubt +man sich in der Havana und in Caracas näher bei Cadix und den Vereinigten +Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt. + +Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevölkerung nicht so beweglich +ist als auf den Inseln, haben sich die volksthümlichen Gebräuche mehr +erhalten als in der Havana. Sehr geräuschvolle und sehr mannigfaltige +Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien +empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein +mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie überall, wo eine +große Umwälzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man +könnte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr +sehr zahlreiche, hält fest an den alten Bräuchen und hat die alte +Sitteneinfalt und Mäßigung in Wünschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur +in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer +Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklärung +des Jahrhunderts und hegt sorgfältig, wie einen Theil ihres Erbguts, die +überlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in +der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe für neue +Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich gründlich zu +bilden, wird sie von einem kräftigen, hellblickenden Geiste gezügelt und +gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft ersprießlich. Ich +habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten +und großartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Männer kennen gelernt, die +dieser zweiten Generation angehörten; aber auch andere, die auf alles +Schöne und Achtungswürdige im spanischen Charakter, in der Literatur und +Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalität +einbüßten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe über die +wahren Grundlagen des öffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen +Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der +Corporationsgeist und der Municipalhaß aus dem Mutterland in die Colonien +übergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstädten von +Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprüche der vornehmsten Familien in +Caracas, der sogenannten _‘Mantuanos’_, mit Uebertreibung zu schildern. +Wie sich diese Ansprüche früher geäußert, weiß ich nicht; es schien mir +aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich +vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgängig den +gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weißen alles Verletzende +benommen hätten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine +besteht aus Creolen, deren Vorfahren in jüngster Zeit bedeutende Aemter in +Amerika bekleidet haben; er gründet seine Vorrechte zum Theil auf das +Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch über dem Meere +festhalten zu können, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien +niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine +Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heißt der Spanier, die +bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der +Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehörten den vornehmsten +Familien der pyrenäischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen +haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender +Zug des frühen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe +oben daran erinnert,(30) daß in der Geschichte dieser Zeit der religiösen +und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der großen Anführer mehrere +redliche, schlichte, großmüthige Männer auftraten. Sie eiferten wider die +Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie +verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht +entgehen. Der Name »Conquistadores« ist desto verhaßter geblieben, als die +wenigsten, nachdem sie. friedliche Völker mißhandelt und im Schooße des +Ueberflusses geschwelgt, dafür am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren +Umschlag des Glücks gebüßt haben, der den Haß der Menschen sänftigt und +nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert. + +Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen +zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung nöthigt die privilegirten +Stände ihre Ansprüche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu +lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein +anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter +den Weißen hat sich das Gefühl der Gleichheit aller Gemüther bemächtigt. +Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene +angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewußtseyn, daß man +nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die +Hautfarbe das wahre äußere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in +Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfuß geht, +sagen hören: »Will der reiche weiße Mann weißer seyn als ich?« Da Europa +so große Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, daß +der Satz: jeder Weiße ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den +altadeligen europäischen Familien mit ihren Ansprüchen sehr unbequem ist. +Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner +Biederkeit, seines Fleißes und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten +Volksstamm längst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es +in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der +Halbinsel, so haben die Weißen von diesem Volksstamm nicht wenig dazu +beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut +nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu +bringen. + +Zudem sind die Länder, wo man, auch ohne Repräsentativregierung und ohne +Pairschaft, auf Stammbäume und Geburtsvorzüge so sehr viel hält, +keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten +auftritt. Vergebens sucht man bei den Völkern spanischen Ursprungs das +kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung +im übrigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien +wie im Mutterlande knüpfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und große +Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Ständen. Ja, man +kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich +mit einer gewissen Offenheit und Naivität aussprechen. + +Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn für Bildung; man kennt die +Hauptwerke der französischen und italienischen Literatur, man liebt die +Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknüpft, wie die Pflege aller +schönen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Für +Naturwissenschaften und zeichnende Künste bestehen hier keine großen +Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und +dem patriotischen Eifer der spanischen Bevölkerung verdanken. In einer so +wundervollen, überschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser +Küste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster +fand ich einen ehrwürdigen Alten, der für alle Provinzen von Venezuela den +Kalender berechnete und vom gegenwärtigen Stand der Astronomie einige +richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm höchst merkwürdig, +und eines Morgens kamen uns sämmtliche Franciscaner ins Haus und +verlangten zu unserer großen Ueberraschung einen Inclinationscompaß zu +sehen. In Ländern, die vom vulkanischen Feuer unterhöhlt sind, und in +einem Himmelsstrich, wo die Natur so großartig und dabei so geheimnißvoll +unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische +Erscheinungen, und damit die Neubegier. + +Wenn man daran denkt, daß in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in +kleinen Städten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man +sich, wenn man hört, daß Caracas mit einer Bevölkerung von 40--50,000 +Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch +nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von +ein paar Seiten oder ein bischöfliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der +Personen, denen Lesen ein Bedürfniß ist, sind nicht sehr viele, selbst in +denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten +ist; es wäre aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk +einer argwöhnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch +Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehört, hat sich +durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient +gemacht. Es ist in unserer Zeit gewiß eine auffallende Erscheinung, daß +das kräftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen +Umwälzung eingeführt wird, sondern erst nachher. + +In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der +Aufstandsversuche die große Mehrzahl der Einwohner nur an materielle +Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Dürre, an +den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele +Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt +wären; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben, +der je auf dem Gipfel der Silla gewesen wäre. Die Jäger kommen in den +Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Ländern geht kein Mensch +hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und +ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einförmiges Leben +zwischen seinen vier Wänden gewöhnt, man scheut die Anstrengung und die +raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens +zu genießen, sondern eben nur, um fortzuleben. + +Wir kamen auf unsern Spaziergängen häufig auf zwei Kaffeepflanzungen, +deren Eigenthümer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen +der Silla von Caracas gegenüber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die +schroffen Abhänge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum +voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben würden, +um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Höhenwinkeln, die ich auf unserem +Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch über +dem Meere zu liegen, als der große Platz in der Stadt Quito. Diese +Schätzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des +Thals. Die Berge, welche über großen Städten liegen, erhalten eben dadurch +in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau +gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Höhe zu, die man +nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu +verstoßen. + +Der Generalcapitän Guevara verschaffte uns Führer durch den *Teniente* von +Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der über den Bergkamm an der +westlichen Spitze der Silla vorbei zur Küste führt, etwas bekannt war. +Dieser Weg wird von den Schleichhändlern begangen; aber weder unsere +Führer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die +Schleichhändler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der östlichen +Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Während des ganzen +Decembers war der Berg, dessen Höhenwinkel mich das Spiel der irdischen +Refraction beobachten ließen, nur fünfmal unumwölkt gewesen. Da in dieser +Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns +gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo +die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, über der ersten +gleichförmig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu +gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de +Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht +der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schöne Fälle bildet. Die +Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines +beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen hätten, harrten wir, +Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der +Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus +bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de +temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein böser Stern waltete über +den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen für December und Januar: man +hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt. + +Dieses Mißgeschick machte mir großen Verdruß, und nachdem ich vor +Sonnenaufgang die Intensität der magnetischen Kraft am Fuße des Berges +beobachtet, brachen wir um fünf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere +Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf +schmalem Fußpfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad läuft über +einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel +eines Hügels zu erreichen, der gegen Südwest hin eine Art Vorgebirge der +Silla bildet. Derselbe hängt mit der Masse des Berges selbst durch einen +schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend »die Pforte«, +_Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der +Morgen war schön und kühl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben +zu begünstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14° (11°,2 R.). Nach +dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen über dem Meer, das heißt gegen +80 Toisen höher als die Venta, wo man die prächtige Aussicht auf die Küste +hat. Unsere Führer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs +Stunden brauchen. + +Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser +führte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des großen Berges. Man +blickt zu beiden Seiten in zwei Thäler nieder, die vielmehr dicht +bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen +beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herabläuft; links hat man unter sich +die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewässer am Hofe Gallego +vorbeifließen. Man hört die Wasserfälle rauschen, ohne den Bach zu sehen, +der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen +Feigenbäume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fließt. Nichts +malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewächse große, glänzende, +lederartige Blätter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast +senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen. + +Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man mußte sich stark +vorüber beugen, um vorwärts zu kommen. Der Winkel beträgt häufig 30--32 +Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr +glatt geworden. Gerne hätten wir Fußeisen oder mit Eisen beschlagene +Stöcke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneißfelsen und man kann sich +weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden. +Dieses mehr mühsame als gefährliche Ansteigen wurde den Leuten aus der +Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewöhnt waren, +bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir +entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den +Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing +an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der über +uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in dünnen, +geraden Streifen auf. Es war, als wäre an mehreren Punkten des Waldes +zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese +Dunststreifen zusammen, lösten sich vom Boden ab und streiften, vom +Morgenwind gejagt, als leichtes Gewölk um den runden Gipfel des Gebirgs. + +Dieß war für Bonpland und mich ein untrügliches Zeichen, daß wir bald in +dichten Nebel gehüllt seyn würden. Da wir besorgten, unsere Führer möchten +sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, ließen +wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns +hergehen. Fortwährend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu, +aufwärts. Das vertrauliche Geschwätz der schwarzen Creolen stach +merkwürdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen +von Charipe unsere beständigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich +über die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange +gerüstet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger +Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam, +daß die europäischen Spanier aller Stände an Körperkraft und Muth den +Hispano-Amerikanern denn doch weit überlegen sehen. Er hatte sich mit +weißen Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und +ausgeworfen werden sollten, um den Nachzüglern die einzuschlagende +Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbrüdern +versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um +ganz Caracas zu verkünden, daß ein Unternehmen glücklich zu Ende geführt +worden, das ihm, und ich muß sagen, nur ihm, vom höchsten Belang schien. +Er hatte nicht bedacht, daß seine lange, schwere Kleidung ihm beim +Bergsteigen hinderlich werden müsse. Er hatte lange vor den Creolen den +Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung +und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg +hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an +physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den +wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer +Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorräthe übernommen. Die +Sklaven, die zu uns stoßen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten, +daß sie erst sehr spät anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod +zubrachten. + +Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist +die östliche die höchste, und auf diese sollten wir mit unsern +Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat +der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht, +deren wir bereits erwähnt, läuft von dieser Einsenkung ins Thal von +Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende nähert sie sich der +westlichen Spitze. Man kann dem östlichen Gipfel nur so beikommen, daß man +zuerst westlich von der Schlucht über das Vorgebirge der Puerta gerade auf +den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den +Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat. +Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst +gegebenen, denn die Felsen östlich von der Schlucht sind so steil, daß es +schwer halten dürfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt +über die Puerta gerade auf den östlichen Gipfel zuginge. + +Vom Fuße des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Höhe fanden wir nur +Savanen. Nur zwei kleine Liliengewächse mit gelben Blüthen erheben sich +über den Gräsern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da +erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europäischen +Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie +später auf dem Rücken der Anden, neben den Himbeerbüschen nach einem +Rosenstrauche um. In ganz Südamerika haben wir keine einheimische Rosenart +gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heißen Zone +und das unseres gemäßigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch +scheint der ganzen südlichen Halbkugel diesseits und jenseits des +Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so +glücklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch +zu entdecken. + +Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehüllt und fanden uns dann über die +Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Höhe besteht +kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Händen nach, wenn einen auf +dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fuß +mächtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese +schneeweiße Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich übergab dem +Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es +nicht an Brennmaterial fehlt, läßt sich durch Beimischung feuerbeständiger +Erden das Töpfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die +Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12° (9°,6 R.), bei hellem +Himmel stieg er auf 21°. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht; +aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten +Abhängen fällt es schwer, den Einfluß der strahlenden Wärme +auszuschließen. Wir waren in 940 Toisen Höhe und dennoch sahen wir in +gleicher Höhe ostwärts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen, +sondern ein ganzes Palmenwäldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur +Gattung _Oreodoxa_ gehörig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Höhe +war eine seltsame Erscheinung gegenüber den Weiden [Wildenows _Salix +Humboldtiana_], die im gemäßigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder +wachsen; so sieht man hier Gewächse mit europäischem Typus tiefer als +solche der heißen Zone vorkommen. + +Nach vierstündigem Marsch über die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus +Sträuchern und niedrigen Bäumen, _‘el Pejual’_ genannt, wahrscheinlich +wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewächses mit +wohlriechenden Blättern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde +sanfter und mit unsäglicher Lust untersuchten wir die Gewächse dieser +Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschränktem Raum so schöne +und für die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend +Toisen Meereshöhe stoßen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von +Sträuchern, die durch den Habitus, die gekrümmten Aeste, die harten +Blätter, die großen schönen Purpurblüthen an die Vegetation der *Paramos* +oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt. +Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden, +die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blättern, +die wir schon öfters mit dem Rhododendrum der europäischen Alpen +verglichen haben. + +Wenn auch die Natur in ähnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus +isothermen Parallelen (von gleicher Wärme), sey es auf Hochebenen, deren +Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Länder +übereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch +die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die +auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwürdigsten +in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte, +denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen über +den Ursprung der Dinge sind, das unlösbare Problem, wie sich die +Organismen über die Erde verbreitet, läßt uns dennoch keine Ruhe. Eine +schweizerische Grasart(32) wächst auf den Granitfelsen der Magellanschen +Meerenge. Neuholland hat über vierzig europäische phanerogame +Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewächse, die den gemäßigten +Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gänzlich in dem dazwischen +liegenden Landstrich, das heißt in der äquinoctialen Zone, sowohl auf den +Ebenen als auf dem Rücken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten +Blättern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa +gleichsam abschließt, und von der man lange glaubte, sie gehöre der Insel +eigenthümlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwärts am +beschneiten Gipfel der Pyrenäen vor. Gräser und Riedgräser, die in +Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen +gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an +den heißen Ufern des Orinoco und in der südlichen Halbkugel auf dem Rücken +der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, daß +Gewächse über Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwärtig +vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, daß die +Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau +gleichen, sich in ungleichen Abständen von den Polen und von der +Meeresfläche überall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der +Temperatur einigermaßen überein kommen? Trotz des Einflusses des +Luftdrucks und der stärkeren oder geringeren Schwächung des Lichts auf die +Lebensthätigkeit der Gewächse ist doch die ungleiche Vertheilung der Wärme +unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der +Vegetation anzusehen. + +Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln +gleichmäßig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben +der ältesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des +tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkräuter, +Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer +Physiognomie mit den europäischen verwechseln könnte; sie sind aber alle +specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht +dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe +verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in +den Niederungen des gemäßigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen +unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas +bietet ein auffallendes Beispiel hiefür) sind nicht Arten europäischer +Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heißen Zone herübergekommen, es +treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem +Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten +einander ersetzen. + +Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben, +bis zu den Bergen von Caracas sind es über zweihundert Meilen, und doch +zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen +Bergkette, dieselbe merkwürdige Zusammenstellung von Befarien mit +purpurrothen Blüthen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas +camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blättern, wie sie für die +Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe +charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am +Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die +Küstenkette von Caracas hängt unzweifelhaft (über den Torito, die +Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den +hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der +Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so +niedrig, daß für die oben erwähnten Sträucher aus der Familie der +Ericineen das Klima nicht kühl genug ist. Und wenn auch, wie +wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die +Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten +Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein +Felskamm, der hoch genug wäre, daß diese Gewächse auf ihm nach der Silla +von Caracas hätten wandern können. + +Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der +Erdoberfläche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht +diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen +ausreichenden Erklärungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden +theilt der Länge nach ganz Südamerika in zwei ungleiche Stücke. Am Fuße +dieser Kette, ostwärts und westwärts, fanden wir in großer Anzahl +dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergänge der Cordilleren +sind aber der Art, daß nirgends Gewächse der heißen Zone von den Küsten +der Südsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn können. Wenn, sey +es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines +Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein +Berggipfel zu einer großen Höhe ansteigt, so ist sein Gipfel mit +Alpenkräutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf +andern Bergen mit ähnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise +zeigen sich im Allgemeinen die Gewächse vertheilt und man kann den +Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhältnisse nicht dringend genug +empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich +es keineswegs über mich, befriedigendere dafür aufzustellen. Ich halte +vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, für unlösbar, und +nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie +die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt +hat. + +Man sagt, ein Berg sey so hoch, daß er die Grenze des Rhododendrum und der +Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze +des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus, +daß unter dem Einflusse gewisser Wärmegrade sich nothwendig gewisse +vegetabilische Formen entwickeln müssen. Streng genommen ist nun diese +Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico’s fehlen auf +den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die +Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Höhe findet. Die +Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in +analogen Klimaten können die Arten bedeutend von einander abweichen. + +Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis +beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem +4--7. Grad nördlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der +Silla so wenig bekannt, daß sie sich fast in keinem Herbarium in Europa +fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von +einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der +Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch +verschieden. In der Nähe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden +die Berge bis in die höchsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen +Meereshöhe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie +weit tiefer, in etwas über 1000 Toisen Höhe; die kürzlich in Florida unter +dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria wächst sogar auf niedrigen +Hügeln. So rücken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese +Sträucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator +sie vorkommen. Ebenso wächst die lappländische Alpenrose 8--900 Toisen +tiefer als die der Alpen oder Pyrenäen. Wir wunderten uns, daß wir in den +Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas +einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden. + +Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei +bis vier Fuß hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele +zerbrechliche, fast quirlförmig gestellte Aeste. Die Blätter sind +eiförmig, zugespitzt, an der Unterfläche graugrün und an den Rändern +aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und +hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schönen, +purpurrothen Blüthen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich +und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind. + +Das Rhododendrum der Schweiz wächst, in 800--1100 Toisen Meereshöhe, in +einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2° und -1°, also ähnlich +dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kältesten Monate ++4° und -10°, die wärmsten Monate +12° und 7°. Nach thermometrischen +Beobachtungen in denselben Höhen und unter denselben Parallelen beträgt im +Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich +noch 17--18° und steht der Thermometer in der kühlsten Jahreszeit bei Tag +zwischen 15 und 20°, bei Nacht zwischen 10 und 12°. Beim +St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist +die größte Wärme im August um Mittag (im Schatten) gewöhnlich 12--13°; +Nachts kühlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der +Wärmestrahlung des Bodens auf +1 oder -1°,5 ab. Unter demselben +barometrischen Druck, also in derselben Meereshöhe, aber um dreißig +Breitegrade näher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag +häufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht fällt +dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die +Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehörende +Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshöhe +wachsen; das Ergebniß wäre ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen +hätten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie +liegen. + +Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Blüthen eine +_Hedyotis_ mit Heidekrautblättern, die acht Fuß hoch wird, die _Caparosa_ +ein großes baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem +virginischen identisch scheint, endlich Bärlappenpflanzen und Moose, +welche Felsen und Baumwurzeln überziehen. Am berühmtesten ist aber dieses +Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fuß hohen Strauches aus der Familie +der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*. +Seine lederartigen, gekerbten Blätter und die Spitzen der Zweige sind mit +einer weißen Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart; +die Blüthen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis +therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas +gegenüberliegen. Man mengt zuweilen den »Weihrauch« von der Silla mit den +Blüthen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter +Blüthe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops ähnelt. Die +_Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf, +sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen +ein sehr angenehmes Riechwasser daraus. + +Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schönen harzigten und +wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der +Thermometer sank unter 11°. Es ist dieß eine Temperatur, bei der man in +diesem Himmelsstrich zu frieren anfängt. Tritt man aus dem Gebüsch von +Alpsträuchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stück am +westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal +zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des +üppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht +leicht darauf, daß das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von +einem Gewächs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder +Bananengewächse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder +_Heliconia_; die Blätter sind breit, glänzend; sie wird 14--15 Fuß hoch +und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf +feuchten Gründen im östlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen +mußten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder +Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die +baumartigen Gräser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder +Blüthe noch Frucht des Gewächses. Man ist überrascht, in 1100 Toisen Höhe, +weit über den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren, +einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehöre +ausschließlich den heißen Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso +hohen und noch nördlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf +Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch +vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten. + +Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen +Kräutern immer dem östlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von +Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenriß zu sehen; auf einmal aber waren +wir in dicken Nebel gehüllt und wir konnten uns nur nach dem Compaß +richten; gingen wir aber weiter nordwärts, so liefen wir bei jedem Schritt +Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast +senkrecht 6000 Fuß hoch zum Meer abfällt. Wir mußten Halt machen; und wie +so die Wolken um uns her über den Boden wegzogen, fingen wir an zu +zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die östliche Spitze gelangen +könnten. Glücklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und +den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu +nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, daß der Pater +Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder daß die Sklaven +sich über den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und +fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war +nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein +stillsitzender, studirender Poet sättigen, für Bergsteiger waren sie eine +kärgliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und +waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu +haben. Unsere Führer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus +umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Mühe zurück. + +Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta’schen Elektrometer. +Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedrängten Heliconien stand, erhielt +ich deutliche Spuren von Luftelektricität. Sie wechselte oft zwischen +negativ und positiv und ihre Intensität war jeden Augenblick anders. Diese +Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftströmungen, die den +Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir +untrügliche Zeichen, daß das Wetter sich ändern wollte. Es war erst zwei +Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die +östliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden +Gipfeln herabkommen zu können. Hier wollten wir von den Negern aus den +breiten dünnen Blättern der Heliconia eine Hütte bauen lassen, ein großes +Feuer anzünden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Hälfte unserer +Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven, +sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen. + +Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See +her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12°,5. Es war ohne Zweifel ein +aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhöhte und damit die Dünste +auflöste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden +Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir öffneten den +Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer +kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man +sumpfigte Stellen in bedeutenden Höhen, nicht weil das bewaldete Gebirge +die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkühlung bei Nacht, in Folge +der Wärmestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewächse, der +Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien. +Wir gingen jetzt gerade auf den östlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs +hielt uns nachgerade weniger auf; zwar mußte man immer noch Heliconien +umhauen, aber diese baumartigen Kräuter waren jetzt nicht mehr hoch und +standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon öfter +erwähnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariasträuchern bewachsen. Aber +nicht wegen ihrer Höhe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser +Zone noch um 400 Toisen höher; denn nach andern Gebirgen zu schließen, +befände sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Höhe. Große Bäume +scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur deßhalb zu fehlen, weil +der Boden so dürr und der Seewind so heftig ist, und die Oberfläche, wie +auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt. + +Um auf den höchsten, östlichen Gipfel zu kommen, muß man so nahe als +möglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Küste zu hingehen. +Der Gneiß hatte bisher sein blätteriges Gefüge und seine ursprüngliche +Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in +Granit über. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der +Pyramide. Dieses Stück des Wegs ist keineswegs gefährlich, wenn man nur +prüft, ob die Felsstücke, auf die man den Fuß setzt, fest liegen. Der dem +Gneiß aufgelagerte Granit ist nicht regelmäßig geschichtet, sondern durch +Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden. +Prismatische, einen Fuß breite, zwölf Fuß lange Blöcke ragen schief aus +dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob +ungeheure Balken über dem Abgrund hingen. + +Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren +Himmel. Wir genoßen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich +nach Norden über die See weg, nach Süden in das fruchtbare Thal von +Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur +der Luft war 13°,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshöhe. Man überblickt +eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in große +Tiefen schwindligt wird, muß mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch +seine Höhe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100 +Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenäen; aber er unterscheidet +sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen +die See zu. Die Küste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von +der Spitze der Pyramide auf die Häuser von Caravalleda hinab, so meint +man, in Folge einer öfter erwähnten optischen Täuschung, die Felswand sey +beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der +Neigungswinkel 53°,28′; am Pic von Teneriffa beträgt die Neigung im +Durchschnitt kaum 12° 30′. Ein 6--7000 Fuß hoher Absturz wie an der Silla +von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man +in den Bergen reist, ohne ihre Höhen, ihre Massen und ihre Abhänge zu +messen. Seit man sich in mehreren Ländern Europas von Neuem mit Versuchen +über den Fall der Körper und ihre Abweichung gegen Südost beschäftigt, hat +man in den Schweizer Alpen sich überall vergeblich nach einer senkrechten, +250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc +gegen die _allée blanche_ beträgt keine 45 Grad, obgleich man in den +meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Süd senkrecht +ab. + +Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure nördliche Abhang, trotz seiner +großen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabüsche hängen +an der Felswand. Das kleine südwärts gelegene Thal zwischen den Gipfeln +zieht sich der Meeresküste zu fort; die Alppflanzen füllen diese +Einsenkung aus, ragen über den Kamm des Berges empor und folgen den +Krümmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten müsse +Wasser fließen, und die Vertheilung der Gewächse, die Gruppirung so vieler +unbeweglicher Gegenstände bringt Leben und Bewegung in die Landschaft. + +Es war jetzt sieben Monate, daß wir auf dem Gipfel des Vulkans von +Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdfläche überblickt, so groß als +ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort +sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den +Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt +und verschwamm nicht mit den anstoßenden Luftschichten. Auf der Silla, die +um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den +näher gerückten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen. +Blickten wir über die Meeresfläche weg, die einem Spiegel glich, so fiel +uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhältniß abnahm. Wo die +Gesichtslinie die äußerste Grenze der Fläche streift, verschwamm das +Wasser mit den darüber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas +sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen, +und statt daß man in dieser Höhe eine scharfe Grenze zwischen den beiden +Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst +aufzulösen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich, +nicht an einem einzigen Stück des Horizonts, sondern auf einer Strecke von +mehr als 160 Grad, am Ufer der Südsee, als ich zum erstenmal auf dem +spitzen Fels über dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der höher +ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder +nicht, das hängt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge, +welche der Theil des Oceans empfängt, auf den die Gesichtslinie zuläuft, +und von der Schwächung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang +durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern +Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von +35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunächst der +Oberfläche können das Licht bedeutend schwächen, indem sie die +durchgehenden Strahlen absorbiren. + +Selbst vorausgesetzt, die Refraktion äußere gar keinen Einfluß, sollte man +auf dem Gipfel der Silla bei schönem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila, +Roques und Aves sehen, von denen die nächsten 25 Meilen entfernt sind. Wir +sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil +die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln +zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg +mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die +Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12° 1′ der Breite +gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10° 31′ 5″ der Breite.]. Wenn die +umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschränkten, müßte man von der Silla +die Küste ostwärts bis zum Morro de Piritu, westwärts bis zur Punta del +Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Südwärts, dem +innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von +Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in +der Richtung eines Parallelkreises hinläuft. Hätte dieser Wall eine +Oeffnung, eine Lücke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger +Landes und der Schweiz häufig vorkommen, so genöße man hier des +merkwürdigsten Schauspiels. Man sähe durch die Lücke die Llanos, die +weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Höhe mit dem +Auge des Beobachters aufstiegen, so übersähe man vom selben Punkte zwei +gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont. + +Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die +Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunächstliegenden Häuser, +die Dörfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des +Guayre, einen silberglänzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten +Landes stach angenehm ab vom düstern, wilden Aussehen der umliegenden +Gebirge. + +Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man +kaum, daß kein Bild vergangener Zeiten den Einöden der neuen Welt höheren +Reiz gibt. Ueberall wo in der heißen Zone der von Gebirgen starrende, mit +dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein ursprüngliches Gepräge behalten +hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schöpfung. Weit +entfernt, die Elemente zu bändigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer +Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberfläche seit +Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts +gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen +Ströme, die tobenden Stürme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der +Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie +in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem +cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft +ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Wäldern der +Niederungen oder auf dem Rücken der Cordilleren gelebt, hat man in Ländern +so groß wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Hütten stehen sehen; +so hat eine weite Einöde nichts Schreckendes mehr für die +Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der +nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei +oder die Klagelaute seines Schmerzes hören ließ. + +Wir konnten die günstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher überragt, +nicht lange für unsere Zwecke nützen. Während wir mit dem Fernrohr den +Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von +Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des +Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den +Höhen herauf. Zuerst füllte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben +beleuchtete Wasserdunst war gleichförmig milchweiß gefärbt. Es sah aus, +als stände das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die +schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den +Sklaven, der den großen Ramsdenschen Sextanten trug; ich mußte den Zustand +des Himmels benutzen und entschloß mich, einige Sonnenhöhen mit einem +Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die +Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Längenunterschied +zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem östlichen Gipfel der +Silla scheint kaum größer als 0° 3′ 22″. + +Während ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel +beobachtete, sah ich, daß sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner +als die Honigbiene des nördlichen Europa, auf meine Hände gesetzt hatten. +Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren +trägen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor +Kälte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur +sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht +wahr, daß diese dem neuen Continent eigenthümlichen Bienen gar keine +Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwächer und sie brauchen +denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos +nicht vollkommen überzeugt ist, kann man sich einiger Besorgniß nicht +erwehren. Ich gestehe, daß ich oft während astronomischer Beobachtungen +beinahe die Instrumente hätte fallengelassen, wenn ich spürte, dass mir +Gesicht und Hände voll dieser haarigten Bienen saßen. Unsere Führer +versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen +der Füße reize. Ich fühlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst +zu machen. + +Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je +nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr +schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die +Barometerhöhe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und dieß scheint zu +beweisen, daß der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit über +1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht, +daß auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der nördlichen Grenze der +Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshöhe, meist ein Gegenwind (_vent de +remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften +hatte die Physiker, welche den unglücklichen La Peyrouse begleiteten, +aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu +beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen +sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberfläche bleibt. Die +kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte +Gewölk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Höhe zeigt, wie z. B. die +sogenannten *Schäfchen*, stehen still oder rücken so langsam fort, daß +sich ihre Richtung nicht bestimmen lässt. + +Während der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das +Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Küste. Es war gleich +26°,5 des Saussure’schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe +Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich +ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung +zwischen der Küste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was +aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf +dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten überraschte, war die +anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch +zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc’schen) Fischbeinhygrometer aus dem +Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87° nach +Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen +zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc’sche +Hygrometer ging auf 49 Grad (85° nach Saussure) zurück. Eine halbe Stunde +später hüllte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die nächsten +Gegenstände nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, daß das +Instrument fortwährend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84° +Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13°. Obgleich beim +Fischbeinhygrometer der Sättigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad +ist, sondern bei 84°,5 (99° S.), so schien mir doch dieser Einfluß einer +Wolke auf den Gang des Instrumentes im höchsten Grade auffallend. Der +Nebel dauerte lang genug, daß der Fischbeinstreifen durch Anziehung der +Wassertheilchen sich hätte verlängern können. Unsere Kleider wurden nicht +feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen geübter Reisender versicherte +mich kürzlich, er habe auf der _Montagne pelée_ auf Martinique eine Wolke +ähnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die +Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet, +zumal wenn er nichts versäumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu +vermeiden. Saussure sah während eines heftigen Regengusses, wobei sein +Hygrometer nicht naß wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der +Wolke) auf 84°,7 (48°,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter, +daß die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollständig gesättigt wird, +als daß der Wasserdunst, der den hygroscopischen Körper unmittelbar +berührt, denselben nicht dem Sättigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand +befindet sich Wasserdunst, der nicht naß macht und doch sichtbar ist? Man +muß, glaube ich, annehmen, daß sich eine trockenere Luft mit der, in der +sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und daß die Dunstbläschen, die ein +weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die +glatte Fläche des Fischbeinstreisens nicht naß gemacht haben. Die +durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der +Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt. + +Es wäre unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines +7--8000 Fuß hohen Abhangs länger zu verweilen. Wir gingen wieder vom +Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht +nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu +unserer großen Ueberraschung, später auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha +in der südlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden +[_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im nördlichen Europa +überall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria +odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gesträuche nieder. Während ich die +Moose untersuchte, welche den Gneiß im Grunde zwischen beiden Gipfeln +überziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung ächte Geschiebe, gerollte +Quarzstücke. Man sieht leicht ein, daß das Thal von Caracas einmal ein +Landsee seyn kann, ehe der Guayrefluß gegen Ost bei Caurimare, am Fuß des +Hügels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen +Catia und Cabo Blanco zu geöffnet hatte; aber wie könnte das Wasser je bis +zum Fuß des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenüber +liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, daß das Wasser über sie in +die Llanos hätte abfließen müssen? Die Geschiebe können nicht von höheren +Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Höhe ringsum die Silla überragt. +Soll man annehmen, daß sie mit der ganzen Bergkette. längs des Meeresufers +emporgehoben worden sind? + +Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig +waren. In der Freude über den glücklichen Erfolg unserer Reise dachten wir +nicht daran, daß der Weg abwärts im Finstern über steile, mit kurzem +glattem Rasen bedeckte Abhänge gefährlich seyn könnte. Wegen des Nebels +konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den +Doppelhügel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstände, +die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerückt. Wir +gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu +übernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im +Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den +Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Sträucher. Die +herrlichen Befarien, ihre mit großen Purpurblüthen bedeckten Zweige nahmen +uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen für +Herbarien sammelt, ist man um so wählerischer, je üppiger die Vegetation +ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie +einem nicht so schön vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte. +Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Rücken, so will +es einen fast reuen, daß man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns +so lange im Pejual auf, daß die Nacht uns überraschte, als wir in 900 +Toisen Höhe die Savane betraten. + +Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Dämmerung gibt, sieht man sich +auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterniß versetzt. Der Mond +stand über dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken +bedeckt, die ein heftiger kalter Wind über den Himmel jagte. Die steilen, +mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhänge lagen bald im Schatten, bald +wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgründe, +in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander; +man suchte sich mit den Händen zu halten, um nicht zu fallen und den Berg +hinab zu rollen. Von den Führern, welche unsere Instrumente trugen, fiel +einer um den andern ab, um auf dem Berg zu übernachten. Unter denen, die +bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er +trug einen großen Inclinationscompaß auf dem Kopf und hielt die Last trotz +der ungemeinen Steilheit des Abhangs beständig im Gleichgewicht. Der Nebel +im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir +tief unter uns sahen, täuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien +der Abhang noch gefährlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in +den sechs Stunden, in denen wir beständig abwärts gingen, den Höfen am +Fuße der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hörten ganz deutlich +Menschenstimmen und die schrillen Töne der Guitarren. Der Schall pflanzt +sich von unten nach oben meist so gut fort, daß man in einem Luftballon +bisweilen in 3000 Toisen Höhe die Hunde bellen hört.(38) Erst um zehn Uhr +Abends kamen wir äußerst ermüdet und durstig im Thale an. Wir waren +fünfzehn Stunden lang fast beständig auf den Beinen gewesen; der rauhe +Felsboden und die dürren harten Grasstoppeln hatten uns die Fußsohlen +zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen müssen, weil die Sohlen +zu glatt geworden waren. An Abhängen, wo weder Sträucher, noch holzige +Kräuter wachsen, an denen man sich mit den Händen halten kann, kommt man +barfuß sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, führte man uns von der Puerta +zum Hofe Gallegos über einen Fußpfad, der zu einem Wasserstück, el Tanque +genannt, führt. Man verfehlte den Fußpfad, und auf diesem letzten +Wegstück, wo es am allersteilsten abwärts ging, kamen wir in die Nähe der +Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserfälle erhielt das nächtliche +Bild einen wilden, großartigen Charakter. + +Wir übernachteten am Fuße der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns +durch Fernröhren auf dem östlichen Berggipfel sehen können. Mit Theilnahme +hörte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer +Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der +höchste Pyrenäengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer möchte +sich über eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo +von Denkmälern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale hängt? Kann man +sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit +Jahrhunderten die Höhe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen +wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der +Cordilleren überragt? + + ------------------ + + + + + + 30 S. Bd. 1. Seite 283. + + 31 Diese Worte sind oben Bd. I. Seite 255 erklärt. + +_ 32 Phleum alpinum_ von Brown untersucht. Nach den Beobachtungen dieses + großen Botanikers unterliegt es keinem Zweifel, daß mehrere Pflanzen + beiden Continenten und den gemäßigten Zonen beider Halbkugeln + zugleich angehören. _Potentilla anserina_, _Prunella vulgaris_, + _Scirpus mucronatus_, und _Panicum Crus Galli_ wachsen in + Deutschland, in Neuholland und in Pennsylvanien. + +_ 33 Viola chiranthifolia_ die Bonpland und ich beschrieben haben + (s. Bd. I. Seite 123), ist von Kunth und Leopold von Buch unter den + Alpenpflanzen gefunden worden, die Joseph de Jussieu aus den + Pyrenäen mitgebracht hat. + +_ 34 Rhododendrum laponicum_, _R. caucasicum_, _R. ferrugineum_, _R. + hirsutum_ + +_ 35 Befaria glauca_, _B. ledifolia_ + +_ 36 Befaria aestuans_, _B. resinosa_ + +_ 37 Oden_, Buch I, 31 + + 38 So Gay-Lussac bei seiner Luftfahrt am 16. September 1803. + + 39 Man glaubte früher, die Silla von Caracas sey so ziemlich so hoch + als der Pic von Teneriffa. + + + + + +VIERZEHNTES KAPITEL. + + + Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung + und den vulkanischen Ausbrüchen auf den Antillen. + + +Wir verließen Caracas am 7. Februar in der Abendkühle, um unsere Reise an +den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute +schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen +Bürgerkriegen, die jenen fernen Ländern die Freiheit jetzt brachten, jetzt +wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist +nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenfläche +umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An +derselben Stelle, auf diesem zerklüfteten Boden, erhebt sich allmählich +eine neue Stadt. Die Trümmerhaufen, die Gräber einer zahlreichen +Bevölkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung. + +Die großen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die +allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rückkehr +nach Europa. Ueber die politischen Stürme, über die Veränderungen, welche +in den gesellschaftlichen Zuständen eingetreten, gehe ich hier weg. Die +neueren Völker sind bedacht für ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen +sorgfältig die Geschichte der menschlichen Umwälzungen, und damit die +Geschichte ungezügelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den +Umwälzungen in der äußern Natur ist es anders; man kümmert sich wenig +darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten +bürgerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrüche +wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig +ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem +Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei großen allgemeinen Unfällen, wie +beim Unglück des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die +wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstände +erkennen ließe. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich +an zuverlässiger Kunde über die Erdstöße zusammengebracht, die am 26. Merz +1812 die Stadt Cararas zerstört und in der Provinz Venezuela fast in Einem +Augenblick über zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die +Verbindungen, die ich fortwährend mit Leuten aller Stände unterhalten, +setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen +und Fragen über Punkte an sie zu richten, an deren Aufklärung der +Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur +hat der Reisende die Zeit des Eintritts großer Catastrophen festzustellen, +ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhältnisse zu untersuchen, und +im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich drängender +Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere +Catastrophen verglichen werden mögen. In der unermeßlichen Zeit, welche +die Geschichte der Natur umfaßt, rücken alle Zeitpunkte des Geschehenen +nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn +die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und +überhaupt von keinem großen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den +Vortheil, daß sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA +CONDAMINE bewogen, die denkwürdigen Ausbrüche des Vulkans Cotopaxi [Am 30. +November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von +Quito stattgefunden, in seiner »_Reise zum Aequator_« zu beschreiben. + +Ich glaube dem Beispiel des großen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend +welchem Vorwurf folgen zu dürfen, da die Ereignisse, die ich zu +beschreiben gedenke, für die Theorie von den *vulkanischen Reactionen* +sprechen, das heißt für den Einfluß, den ein *System von Vulkanen* auf +einen weiten Landstrich umher ausübt. + +Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und +Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, daß die am +weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Küsten den verheerenden +Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von +Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, veränderlichen +Klimas, wegen des umzogenen, trübseligen Himmels. Die Bewohner dieses +kühlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr +aus Jahr ein eine erstickend heiße Luft athme und wo der Boden periodisch +von heftigen Erdstößen erschüttert werde. Selbst Gebildete dachten nicht +an die Verwüstung von Riobamba und andern hochgelegenen Städten; sie +wußten nicht, daß die Erschütterung des Kalksteins an der Küste von Cumana +sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt, +und so waren sie der Meinung, daß Caracas sowohl wegen des Baus seines +Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe. +Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei +nächtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, daß +von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden +war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im +Jahr 1811 sollte eine gräßliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und +den Volksglauben über den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei +Grade westlich von Cumana, fünf Grade westlich vom Meridian der +vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Stöße, als man je auf +den Küsten von Paria und Neu-Andalusien gespürt. + +Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang +zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstörung von Cumana am +14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen, +aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch +bei der Verwüstung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der +Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Küste von Cumana reagirt zu haben; +fünfzehn Jahre später wirkte, wie es scheint, ein dem Festland näher +liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas +und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs +in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberfläche, bis zu +welchen die Bewegung sich fortpflanzte. + +Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein beträchtliches Stück der +Erdfläche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von +Neu-Grenada, den Küsten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen +Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Stöße erschüttert, die man +einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zähle hier die +Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, daß auf ungeheure +Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der +Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An +einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels über den +Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu +seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie dieß auch bei den +Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni +bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs +nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstägiger Ausbruch, +durch den die Klippe immer größer und nach und nach 50 Toisen über dem +Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitän Tillard alsbald im +Namen der großbritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte, +hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder +verschlungen zu haben. Es ist dieß das dritte mal, daß bei der Insel +St. Michael unterseeische Vulkane so außerordentliche Erscheinungen +hervorbringen, und als wären die Ausbrüche dieser Vulkane an eine gewisse +Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Flüssigkeiten bis zu +einem bestimmten Grade angehäuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91 +oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, daß trotz der +Nähe keine europäische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und +Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung näher +untersuchen zu lassen, durch welche für die Geschichte der Vulkane und des +Erdballs überhaupt so viel gewonnen werden konnte. + +Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen +Antillen, 800 Meilen südwestwärts von den Azoren gelegen, häufig von +Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 spürte man auf der Insel +St. Vincent, einer der drei Antillen mit thätigen Vulkanen, über +zweihundert Erdstöße. Die Bewegungen beschränkten sich aber nicht auf das +Inselgebiet von Südamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den +Thälern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhörlich. Im Osten +der Alleghanys waren die Schwingungen schwächer als im Westen, in Tennesee +und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getöse begleitet, +das von Südwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little +Prairie, wie beim Salzwerk nördlich von Cincinnati unter dem 34° 45′ der +Breite, spürte man mehrere Monate lang täglich, ja fast stündlich +Erdstöße. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813. +Die Stöße waren Anfangs auf den Süden, auf das untere Mississippithal +beschränkt, schienen sich aber allmählich gegen Norden fortzupflanzen. + +Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese +lange Reihe von Erderschütterungen anhob, im December 1811 spürte man in +der Stadt Caracas den ersten Erdstoß bei stiller, heiterer Luft. Dieses +Zusammentreffen war schwerlich ein zufälliges, denn man muß bedenken, daß, +so weit auch die betreffenden Länder auseinander liegen, die Niederungen +von Louisiana und die Küsten von Venezuela und Cumana demselben Becken, +dem Meere der Antillen angehören. Dieses *Mittelmeer mit mehreren +Ausgängen* ist von Südost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich +früher über die weiten, allmählich 30, 50 und 80 Toisen über das Meer +ansteigenden, aus secundären Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri, +Arcansas und Mississippi durchströmten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus +geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des +Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Südens die +Küstenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und +Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen +die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden +Höhenzüge zwischen den canadischen Seen und den Nebenflüssen des +Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt. +Zwei Reihen thätiger Vulkane fassen es ein: ostwärts auf den kleinen +Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwärts in den +Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und +20. Grad. Bedenkt man, daß das große Erdbeben von Lissabon am 1. November +1755 fast im selben Augenblick an der Küste von Schweden, am Ontariosee +und auf Martinique gespürt wurde, so kann die Annahme nicht zu keck +erscheinen, daß das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis +zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Stöße erschüttert +werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen. + +Auf den Küsten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben +werden häufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in +der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas +die Beobachtung gemacht haben, daß seit dem Jahr 1792 die Regengüsse nicht +so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war +schnell bei der Hand, sowohl die gänzliche Zerstörung von Cumana im Jahr +1799 als die Erdstöße, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto +Cabello und Caracas gespürt, »einer Anhäufung der Elektricität im Innern +der Erde« zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den +Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, daß +zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten +von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit +der Erdoberfläche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die +Vorgänge in großen Tiefen Einfluß zu äußern, und wenn man einen +Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Häufigkeit der +Erdbeben bemerkt haben will, so gründet sich dieß, meiner Meinung nach, +keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der +Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen können zufällig +zusammentreffen. Den auffallend starken Stößen, die man am Mississippi und +Ohio zwei Jahre lang fast beständig spürte, und die im Jahr 1812 mit denen +im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast +gewitterloses Jahr voran, und dieß fiel wieder allgemein auf. Es kann +nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklärung von +Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricität herbeizieht. + +Der Stoß, den man im December 1811 in Caracas spürte, war der einzige, der +der schrecklichen Katastrophe vom 26. März 1812 voranging. Man wußte in +Terra Firma nichts davon, daß einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich +rührte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des +Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in +der Provinz Venezuela große Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in +die Runde war in den fünf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein +Tropfen Regen gefallen. Der 26. März war ein sehr heißer Tag; die Luft war +still, der Himmel unbewölkt. Es war Gründonnerstag, und ein großer Theil +der Bevölkerung in den Kirchen. Nichts verkündete die Schrecken dieses +Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends spürte man den ersten Erdstoß. »Er war so +stark, daß die Kirchenglocken anschlugen, und währte 5--6 Sekunden. +Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, während +dessen der Boden in beständiger Wellenbewegung war, wie eine kochende +Flüssigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorüber, als sich unter dem +Boden ein furchtbares Getöse hören ließ. Es glich dem Rollen des Donners; +es war aber stärker und dauerte länger als der Donner in der Gewitterzeit +unter den Tropen. Diesem Getöse folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden +anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas längere wellenförmige +Bewegung. Die Stöße erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach +Süd, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen +sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas +wurde völlig über den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen +9 und 10,000) wurden unter den Trümmern der Kirchen und Häuser begraben. +Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen +war so groß, daß drei bis viertausend Menschen von den einstürzenden +Gewölben erschlagen wurden. Die Explosion war am stärksten auf der +Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am nächsten +liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die über 150 Fuß hoch +waren und deren Schiff von 10--12 Fuß dicken Pfeilern getragen wurden, +lagen als kaum 5--6 Fuß hohe Trümmerhaufen da. Der Schutt hat sich so +stark gesetzt, daß man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Säulen +findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die nördlich von der +Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag, +verschwand fast völlig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen, +um sich der Procession anzuschließen; es wurde, wenige Mann ausgenommen, +unter den Trümmern des großen Gebäudes begraben. Neun Zehntheile der +schönen Stadt Caracas wurden völlig verwüstet. Die Häuser, die nicht +zusammenstürzten, wie in der Straße San Juan beim Kapuzinerkloster, +erhielten so starke Risse, daß man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im +südlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem großen Platz und +der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas +geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern +stehen.«(41) + +Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Unglücklichen +nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an +Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum +Charfreitag bot ein Bild unsäglichen Jammers und Elends. Die dicke +Staubwolke, welche über den Trümmern schwebte und wie ein Nebel die Luft +verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdstoß war mehr zu +spüren: es war die schönste, stillste Nacht. Der fast volle Mond +beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz +anders aus als auf der mit Trümmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah +Mütter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben +zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten +einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wußte und +die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man drängte sich durch +die Straßen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren. + +Alle Schrecken der großen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und +Riobamba wiederholten sich am Unglückstage des 26. März 1812. »Die unter +den Trümmern begrabenen Verwundeten riefen die Vorübergehenden laut um +Hülfe an, und es wurden auch über zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich +das Mitleid rührender, man kann sagen sinnreicher bethätigt, als hier, wo +es galt, zu den Unglücklichen zu dringen, die man jammern hörte. Es fehlte +völlig an Werkzeugen zum Graben und Wegräumen des Schuttes; man mußte die +noch Lebenden mit den Händen ausgraben. Man brachte die Verwundeten und +die Kranken, die sich aus den Spitälern gerettet, am Ufer des Guayre +unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Bäume. Betten, +Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles +Unentbehrliche lag unter den Trümmern begraben. Es fehlte an Allem, in den +ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends +das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsröhren der Brunnen +zertrümmert und Erdstürze hatten die Quellen verschüttet. Um Wasser zu +bekommen, mußte man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war, +und es fehlte an Gefässen.« + +»Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Pietät, +als bei der Besorgniß vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu +unmöglich war, so viele tausend halb unter den Trümmern steckende Leichen +zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man +errichtete zwischen den Trümmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier +dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer flüchtete das Volk zur Andacht +und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen +hoffte. Die einen traten zu Bittgängen zusammen und sangen Trauerchöre; +andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Straße. Da geschah auch +hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom +4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren +nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche für ihre Verbindung zu +suchen, schloßen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen +sie bis jetzt verläugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs +beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in +Feindschaft gelebt, versöhnten sich im Gefühl des gemeinsamen Unglücks.« +Wenn dieses Gefühl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz für +das Mitleid ausschloß, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur +noch hartherziger und unmenschlicher. In großen Unfällen geht in gemeinen +Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im +Unglück wie bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Natur: nur +auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefühl mehr Wärme, den +Gedanken höheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde. + +»So heftige Stöße, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas über den +Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes +beschränken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich über die +Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Küste entlang, besonders +aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la +Vega, San Felipe und Merida wurden fast gänzlich zerstört. In Guayra und +in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier +bis fünftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und +Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Süd-West den hohen Gebirgen von +Niquitao und Merida zuläuft, scheint das Erdbeben am stärksten gewesen zu +seyn. Man spürte es im Königreich Neu-Grenada von den Ausläufern der hohen +Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom, +180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gneiß und +Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fuß stärker als in der Ebene. +Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und +Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und +nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklärt sich +dieser Unterschied leicht.) In den Thälern von Araguas zwischen Caracas +und der Stadt San Felipe waren die Stöße ganz schwach. Victoria, Maracay, +Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In +Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche +Wassermassen aus, daß sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich +bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro +fühlte man keine Erschütterung, und doch liegt die Stadt an der Küste, +zwischen Städten, die gelitten haben.« Fischer, die den 26. März auf der +Insel Orchila, 30 Meilen nordöstlich von Guayra, zugebracht hatten, +spürten keine Stöße. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung +des Stoßes rühren wahrscheinlich von der eigenthümlichen Lagerung der +Gesteinsschichten her. + +Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas +bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa +Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwärts von +der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die +Erschütterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera; +es ist aber höchst merkwürdig, daß sie an den Küsten von Nueva Barcelona, +Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Küsten eine +Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafür bekannt +sind, daß sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Ließe +sich annehmen, die gänzliche Zerstörung der vier Städte Caracas, Guayra, +San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel +St. Vincent oder in der Nähe ausgegangen, so würde begreiflich, wie die +Bewegung sich von Nordost nach Südwest auf einer Linie, die über die +Eilande los Hermanos bei Blanquilla läuft, fortpflanzen konnte, ohne die +Küsten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu berühren. Ja der Stoß +konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne daß die dazwischen +liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschütterung +empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico häufig bei Erdbeben +vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die +Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck für einen Landstrich, der +an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, »er mache eine +Brücke« (_que hace puente_), wie um anzudeuten, daß die Schwingungen sich +in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen. + +Fünfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der großen Katastrophe blieb der +Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schön und still, und +erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Stöße wieder an, und zwar +begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen +Getöse (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der +Umgegend; da aber Dörfer und Höfe so stark gelitten hatten wie die Stadt, +fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thälern von Aragua +und in den Llanos Obdach. Man spürte oft fünfzehn Schwingungen an Einem +Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die +Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang +wellenförmig auf und ab. In den Gebirgen gab es große Erdfälle; ungeheure +Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese +Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der +Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung +stützt sich auf keine Messung. Wie ich gehört, bildet man sich auch in der +Provinz Quito nach allen großen Erschütterungen ein, der Vulkan Tunguragua +sey niedriger geworden. + +In mehreren aus Anlaß der Zerstörung von Caracas veröffentlichten +Nachrichten wird behauptet, »die Silla sey ein erloschener Vulkan, man +finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das +Gestein sey dort nirgends regelmäßig geschichtet und zeige überall Spuren +des unterirdischen Feuers.« Ja es heißt weiter, »zwölf Jahre vor der +großen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und +physikalischen Untersuchungen erklärt, die Silla sey ein sehr gefährlicher +Nachbar für die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Stöße +von Nordost her kommen müßten.« Es kommt selten vor, daß Physiker sich +wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte +es aber für Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der +Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten. + +Ueberall wo der Boden Monate lang fortwährend erschüttert worden, wie auf +Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808, +ist man darauf gefaßt, einen Vulkan sich öffnen zu sehen. Man vergißt, daß +man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberfläche +zu suchen hat; daß, nach zuverlässigen Aussagen, die Schwingungen sich +fast im selben Moment tausend Meilen weit über die tiefsten Meere weg +fortpflanzen; daß die größten Zerstörungen nicht am Fuß thätiger Vulkane, +sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten +vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der +Umgegend von Caracas sind keineswegs stärker zerbrochen oder +unregelmäßiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und überall, wo +Urgebirge rasch zu bedeutender Höhe ansteigen; ich habe daselbst weder +Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden, +kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu +äußern, die Silla und der Cerro de Avila seyen für die Hauptstadt +gefährliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von +Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, während +meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem großen Erdbeben in +Quito scheine am östlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu +seyn, daß man besorgen müsse, mit der Zeit dürfte die Provinz Venezuela +starke Erderschütterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land +lange von Erdstößen heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe +neue Verbindungen mit benachbarten Ländern herzustellen, und die in der +Richtung der Silla nordöstlich von der Stadt gelegenen Vulkane der +Antillen seyen vielleicht Luftlöcher, durch welche bei einem Ausbruch die +elastischen Flüssigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Küsten +des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf +die Kenntniß der Oertlichkeiten und auf bloße Analogien gründen, und einer +durch den Lauf der Naturereignisse bestätigten Vorhersagung ist ein großer +Unterschied. + +Während man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der +Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdstöße spürte, wurde man am +30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den +Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch +ein unterirdisches Getöse erschreckt, das wiederholten Salven aus +Geschützen vom größten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es +war von keinen Stößen begleitet, und, was sehr merkwürdig ist, es war auf +der Küste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es +komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen +unterirdischen Donner zu denken, daß man in Caracas wie in Calabozo +militärische Maßregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu +setzen, da der Feind mit seinem groben Geschütz anzurücken schien. Beim +Uebergang über den Apure unterhalb Orivante, beim Einfluß des Rio Rula, +hörte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die »Kanonenschüsse« +eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra +nördlich von der Küstenkette gehört. + +Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches +Getöse erschreckt wurden, erfolgte ein großer Ausbruch des Vulkans auf der +Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem +Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im +Mai 1811 häufige Erdstöße verkündeten, daß sich das vulkanische Feuer +entweder von Neuem entzündet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen +habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der +Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am +30. floß die Lava über den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die +See. Das Getöse beim Ausbruch glich »abwechselnd Salven aus dem schwersten +Geschütz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe +schien weit stärker auf offener See, weit weg von der Insel, als im +Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans.« + +Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einfluß des Rula sind es +in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden +demnach in einer Entfernung gehört gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses +Phänomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden +anschließen, beweist, wie viel größer die unterirdische Wirkungssphäre +eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Veränderungen, die er an +der Erdoberfläche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der +neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hört, +gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu +uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte +selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrüche des Vulkans von +St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie +eine ungeheuer große Kanone, so müßte der Schall im umgekehrten Verhältniß +der Entfernung stärker werden; aber die Beobachtung zeigt, daß dieß nicht +der Fall ist. Noch mehr: in der Südsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die +Küste von Mexico, fuhren Bonpland und ich über Striche, wo alle Matrosen +an Bord über ein dumpfes Geräusch erschracken, das aus der Tiefe des +Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand +wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem +Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi +zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger +als 145 Meilen, und doch hörte man während der großen Ausbrüche jenes +Vulkans in Honda ein unterirdisches Getöse, das man für Geschützsalven +hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Gerücht, Carthagena werde von den +Engländern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der +Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr über dem Becken +von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500 +Toisen mehr Meereshöhe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die +colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan, +zahllose Thäler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umständen +läßt sich nicht annehmen, daß der Ton durch die Luft oder durch die +obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und daß er von da ausgegangen +sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man muß es +wahrscheinlich finden, daß der hochgelegene Theil des Königreichs Quito +und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane +sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von +Süd nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm über 600 +Quadratmeilen Oberfläche hat. Auf diesem Gewölbe, auf diesem +aufgetriebenen Erdstück stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der +Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es +im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens +sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser +Gipfel aus. Die ausgefüllten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane; +wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein- +oder zweimal auswerfen, so läßt sich doch annehmen, daß das unterirdische +Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in beständiger +Thätigkeit ist. + +Nordwärts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei +andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von +Popayan. Daß diese Systeme unter sich zusammenhängen, geht unzweifelhaft +aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von +der gänzlichen Zerstörung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November +1796 an stieß der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses +Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsäule aus. Die +Mündungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem +westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsäule drei Monate lang so hoch +über den Gebirgskamm empor, daß die Einwohner der Stadt Pasto sie +fortwährend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer großen Ueberraschung +sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne daß man +einen Erdstoß spürte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter +gegen Süd zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar +(Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstört, furchtbarer +als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser +Ereignisse läßt wohl keinen Zweifel darüber, daß die Dämpfe, welche der +Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Mündungen oder _‘ventanillas’_ +ausstieß, am Druck elastischer Flüssigkeiten theilnahmen, welche den Boden +des Königreichs Peru erschütterten und in wenigen Augenblicken dreißig bis +vierzigtausend Menschen das Leben kosteten. + +Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklären, +um darzuthun, daß die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der +Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschüttern kann, mußte ich mich auf +die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit +vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schlüsse bauen, +und wo auf dem Erdball fände man großartigere und mannigfaltigere +vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen +Bergkette, in dem Lande, wo die Natur über jeden Berggipfel und jedes Thal +die Fülle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden +Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die +Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschätzen, so stellt sich die +vulkanische Wirksamkeit an der gegenwärtigen Erdoberfläche weder als sehr +gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit +erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je früher wir den +Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und +dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die +der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in +Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir +sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als +die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermöge ihres Zusammenhangs +in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschüttern. Das Studium der +Vulkane zerfällt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein +mineralogische, beschäftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das +unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der +Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und +Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so +zugängliche und auch mehr vernachlässigte Theil hat es mit den +gegenseitigen physikalischen Verhältnissen der Vulkane zu thun, mit dem +Einfluß, den die Systeme auf einander ausüben, mit dem Zusammenhang +zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Stößen, welche den +Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung +erschüttern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die +verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thätigkeit genau verzeichnet, +ferner die Richtung, Ausdehnung und Stärke der Erschütterungen, ihr +allmäliges Vorrücken in Landstrichen, die sie früher nicht erreicht +hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem +unterirdischen Getöse, das so stark ist, daß die Bewohner der Anden es +ausdrucksvoll *unterirdisches Gebrülle* und *unterirdischen Donner* +(_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehören dem +Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal +ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt, +die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Großartigkeit +und Gewaltsamkeit weit über das Maß unserer Vorstellungen hinausgeht. + +Man hat sich lange darauf beschränkt, die Geschichte der Natur nach den +alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmälern zu studiren; aber +wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen +Umwälzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben +und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der +jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschränktem Raum, +stürmische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefaßt, über +die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten können. Im Innern +des Erdballs hausen die geheimnißvollen Kräfte, deren Wirkungen an der +Oberfläche zu Tage kommen, als Ausbrüche von Dämpfen, glühenden Schlacken, +neuen vulkanischen Gesteinen und heißen Quellen, als Auftreibungen zu +Inseln und Bergen, als Erschütterungen, die sich so schnell wie der +elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den +man Monate lang, und ohne Erschütterung des Bodens, in großen Entfernungen +von thätigen Vulkanen hört. + +Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevölkerung zunehmen werden, je +fleißiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf +den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird, +desto mehr muß der Zusammenhang zwischen Ausbrüchen und Erdbeben, welche +den Ausbrüchen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung +werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die +ungeheure Höhe von 2500 Toisen und darüber erreichen, bieten dem +Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrüche sind +merkwürdig scharf bezeichnet. Dreißig, vierzig Jahre lang werfen sie keine +Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode +habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des +Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke +entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen +dieses kleinen Vulkans gewöhnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter +einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die +Schlackenauswürfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdstoß verspürt, +stärker gewesen sind. Auf dem Rücken der Cordilleren hat Alles einen +bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft +zehnjährige Ruhe. Unter diesen Umständen wird es leicht, Epochen zu +verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit +zusammenfallen. + +Die Zerstörung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen +darauf hin, daß die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den +Erschütterungen, welche die Küsten von Terra Firma erleiden, im +Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es häufig vor, daß die Stöße, welche +man im vulkanischen Archipel spürt, sich weder nach der Insel Trinidad, +noch nach den Küsten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese +Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen +Antillen selbst beschränken sich die Erschütterungen oft auf eine einzige +Insel. Der große Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte +in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hörte, wie in +Venezuela, starke Schläge, aber der Boden blieb ruhig. + +Diese Donnerschläge, die nicht mit dem rollenden Geräusch zu verwechseln +sind, das überall auch ganz schwachen Erdstößen vorausgeht, hört man an +den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und +Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater +Morello erzählt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getöse +zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinböllern (_pedreros_) daß es +gewesen sey, als würde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October +1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien +verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in +Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des +Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschütterungen in einer ganz +granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie +von heftigen Donnerschlägen begleitet waren. Am Paurari erfolgten große +Bergstürze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco. +Die wellenförmigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war +gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschütterungen, welche die +Küsten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man +sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Wäldern leben und kein anderes +Obdach haben als Hütten aus Rohr und Palmblättern, fürchten sich nicht vor +den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber +darüber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die +Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem +Wasser ans Ufer. Näher bei der See, wo die Erdstöße sehr häufig sind, +fürchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern +als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres. + +Alles weist darauf hin, daß im Innern des Erdballs nie schlummernde Kräfte +walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich +gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des +Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer +Flüssigkeiten für uns in Dunkel gehüllt sind, desto größere Aufforderung +hat der Physiker, den Zusammenhang näher zu beobachten, der zwischen +diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in +sehr gleichförmiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen +Beziehungen und Verhältnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt +betrachtet, wenn man sie über ein großes Stück der Erdoberfläche durch die +verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken +aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine +lokale Ursachen haben könnten, wie Schichten von Schwefelkiesen und +brennende Steinkohlenflöze. + +Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschütterungen +beschäftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit +erleidet, und die unermeßlichen Jammer über ein Land bringen, das die +Natur mit ihren köstlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe +herrscht in der obern Atmosphäre, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu +brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen +Atmosphäre*, in diesem Gemisch elastischer Flüssigkeiten, deren gewaltsame +Bewegungen wir an der Erdoberfläche empfinden, rollt häufig der Donner. +Wir haben von der Zerstörung so vieler volkreichen Städte erzählt und +damit das höchste Maß menschlichen Elends geschildert. Ein für seine +Unabhängigkeit kämpfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung +und allen Lebensbedürfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut +es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Trümmern ihrer +Häuser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefühl des +Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Bürgern zu befestigen, +untergräbt es vollends; die äußern Uebel steigern noch die Zwietracht, und +der Anblick eines mit Thränen und Blut getränkten Bodens beschwichtigt +nicht den Grimm der siegreichen Partei. + +Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, läßt man die +Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als +in den Vereinigten Staaten das große Unglück von Caracas bekannt wurde, +beschloß der zu Washington versammelte Congreß einstimmig, fünf Schiffe +mit Mehl zur Vertheilung unter die Dürftigsten an die Küste von Venezuela +zu senden. Diese großmüthige Unterstützung ward mit dem lebhaftesten Danke +aufgenommen, und dieser feierliche Beschluß eines freien Volks, dieser +Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur +des alten Europa in jüngster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat, +erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das +auf immer die Völker des gedoppelten Amerikas verknüpfen soll. + + ------------------ + + + + + + 40 Z. B. die nächtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das + große Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr + 1778. Andere sehr starke Erdstöße kamen vor in den Jahren 1641, 1703 + und 1802. + + 41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_. + (Manuscript) + + 42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenförmigen und stoßenden + Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare + Katastrophe vom 26. März 1812 herbeiführten, wurde von den einen auf + 50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschätzt. + + + + + +FÜNFZEHNTES KAPITEL. + + + Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. -- + Victoria. -- Thäler von Aragua. + + +Der kürzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco hätte uns über die +südliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von +Ocumare, und über die Steppen oder Llanos von Orituco geführt, worauf wir +uns bei Cabruta, an der Einmündung des Rio Guarico, hätten einschiffen +müssen; aber auf diesem geraden Wege hätten wir unsere Absicht nicht +erreicht, die dahin ging, den schönsten und kultivirtesten Theil der +Provinz, die Thäler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich +der Küste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem +Einfluß in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der +Gestaltung und den natürlichen Schätzen des Bodens bekannt machen will, +richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das +die zu bereisenden Länder bieten. Diese entscheidende Rücksicht führte uns +in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die +fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und über die ungeheuren Steppen von +Calabozo nach San Fernando am Apure im östlichen Theil der Provinz +Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Süd und am +Ende Ost-Süd-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7° 36′ 23″ in +den Orinoco zu gelangen. + +Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Längen durch +Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, mußte +nothwendig die Lage beider Städte genau und durch absolute Beobachtungen +ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in +Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der +nördliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10° 30′ 50″ der Breite und +69° 25′ 0″ der Länge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar +1800 außerhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4° 38′ 45″ gegen +Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universität +4° 39′ 15″, also um 26′ stärker als in Cumana. Die Inclination der Nadel +war 42° 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensität der +magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in +Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden: +sie sind das Ergebniß dreimonatlicher Arbeit. + +Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verließen, die seitdem durch +ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, übernachteten wir am Fuße +der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Südwest schließen. Wir zogen am +rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schönen, zum +Theil in den Fels gehauenen Straße. Man kommt durch la Vega und Carapa. +Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht +bewachsenen Hügelzug ab. Zerstreute Häuser, von Dattelbäumen umgeben, +deuten auf günstige Verhältnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe +Bergkette trennt den kleinen Guayrefluß vom Thale *de la Pascua*,(43) das +in der Geschichte des Landes eine große Rolle spielt, und von den alten +Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwärts nach Carapa +hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine +gewaltige, gegen das Meer jäh abstürzende Kuppel darstellt. Dieser runde +Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die +einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gneiß und Glimmerschiefer, die +der Landschaft Charakter geben; die übrigen Höhen sind sehr einförmig und +langweilig. + +Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgärten voll blühender Pfirsichbäume. +Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge +Pfirsiche, Quitten und anderes europäisches Obst auf den Markt in Caracas. +Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal über den Guayre. Der +Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Straße zu bauen, thäte man +vielleicht besser, dem Fluß ein anderes Bett anzuweisen, der durch +Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Krümmung +bildet eine größere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht +gleichgültig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme +des Strichs zwischen der See und der Küstenbergkette von Mariara und +Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im +Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche. +Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber +die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80° geneigt +und fallen meist nach Nordwest, so daß die Wasser entweder im Gebirg +versinken oder nicht südlich, sondern nördlich an den Küstengebirgen von +Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus, +daß die Gneiß- und Glimmerschieferschichten gegen Süd ausgerichtet sind, +scheint sich mir größtentheils die große Dürre des Küstenstrichs zu +erklären. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei +Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der +Kaffeebaum können nur da gedeihen, wo Wasser fließt, mit dem man während +der großen Dürre künstlich bewässern kann. Die ersten Ansiedler haben +unvorsichtigerweise die Wälder niedergeschlagen. Auf einem steinigten +Boden, wo Felsen ringsum Wärme strahlen, ist die Verdunstung ungemein +stark. Die Berge an der Küste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West +vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die +feuchte Küstenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See +aufliegen und am meisten Wasser ausgelöst haben, nicht ins innere Land +kommen. Es gibt wenige Lücken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von +Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Längenthäler +hinaufführen. Da ist kein großes Flußbett, kein Meerbusen, durch die der +Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung +Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die +Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Bäume im Januar und Februar die +Blätter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig +wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit +entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich nähert. Nur die +Gewächse mit glänzenden, stark lederartigen Blättern halten die Dürre aus. +Unter dem schönen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast +winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Grün erscheint +wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein +anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die großen Wälder im +Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schützen ihn vor der +verzehrenden Sonnengluth. + +Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das +Flußufer ist mit *Lata* bewachsen, der schönen Grasart mit zweizeiligen +Blättern, die gegen dreißig Fuß hoch wird und die wir unter dem Namen +Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Hütte stehen +ungeheure Stämme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien, +Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die +benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales +von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las +Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten +Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhäuten am Bodens. In jedem Gemach +waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof +brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die +lärmende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen +des bewölkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond +kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war trübselig +einförmig, alle Hügel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem +kleinen Kanal, der über 70 Fuß hoch das Wasser des Rio San Pedro in den +Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden +der Hacienda nur 50 Toisen über dem Bett des Guayre bei Noria in der Nähe +von Caracas. + +Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht +sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen +geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit +dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im +Allgemeinen einen Begriff zu machen, genügt die Angabe, daß die ganze +Provinz Caracas zur Zeit ihrer höchsten Blüthe vor den Revolutionskriegen +bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten +von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, muß desto +bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Bürger, Don +Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Küste +von Terra Firma gemacht hatte. Die schönsten Kaffeepflanzungen sind jetzt +in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten +Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von +den drei letztgenannten, ostwärts von Caracas gelegenen Orten ist von +vorzüglicher Güte; aber die Sträucher tragen dort weniger, was man der +hohen Lage und dem kühlen Klima zuschreibt. Die großen Pflanzungen in der +Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in +guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die +Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804 +10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die +Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana +sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener für die Colonisten so +unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch über zwei +Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in +den englischen Magazinen. + +Die große Vorliebe, die man in dieser Provinz für den Kaffeebau hat, rührt +zum Theil daher, daß die Bohne sich viele Jahre hält, während der Cacao, +trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen +verdirbt. Während der langen Kriege zwischen den europäischen Mächten, wo +das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schützen, +mußte sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht +schnell abgesetzt werden muß und bei dem man alle politischen und +Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas +nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen +Pflanzen, die zufällig unter den tragenden Bäumen aufwachsen; man läßt +vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem +Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblättern fünf Tage +lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen +Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der +Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande +gewöhnlich 5300 Bäume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen. +Ein solches Grundstück kostet, wenn es sich bewässern läßt, im nördlichen +Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blüht erst im zweiten Jahr +und die Blüthe währt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine +Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr +ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejäteten und bewässerten +Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Bäume, +die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur +1--1½ Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist +schon größer als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Blüthezeit +fällt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewächs, +eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten großen +Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000 +Stämmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse +organischen Stoffs, und man muß sich wundern, daß man nie versucht hat +Alkohol daraus zu gewinnen. + +Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der +Colonialwaaren und die Auswanderung der französischen Pflanzer den ersten +Anlaß zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und +Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs bloß +das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, daß die französischen +Antillen nichts mehr ausführten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die +Bevölkerung und bei veränderter Lebensweise der Luxus bei den europäischen +Völkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 führte St. Domingo gegen 76 +Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war +die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist +nicht so mühsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter +dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich +ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba, +Surinam, Demerary, Barbice, Curaçao, Venezuela und der Insel Java weit +mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen. + +Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa übersteigt jetzt 106 +Millionen Pfund französischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5 +Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus +Arabien und Java, so ergibt sich, daß der Gesammtverbrauch von Europa im +Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen +Untersuchungen über die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine +geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der +Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus +China in den letzten fünfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil stärker +geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana könnte Thee +so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in +Stockwerken über einander, und dieser neue Culturzweig würde eben so gut +gedeihen, wie in der südlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer +Regierung, die großsinnig die Industrie und die religiöse Duldung in ihren +Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo’s Glaubenssätze zumal +eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam +und auf den Antillen die ersten Kaffeebäume gepflanzt wurden, und bereits +hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen +Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet. + +Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um über den Higuerote zu +gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Längenthälern von +Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Flüsse San +Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, über das Wasser gegangen +waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo +ein paar einzelne Häuser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur +Stadt Caracas, gegen Süd bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und +waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach +ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshöhe, also fast so hoch +als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich höher als 17--18° +[13°,6--14°,4 Reaumur]. Die Straße über diese Berge ist sehr belebt; jeden +Augenblick begegnet man langen Zügen von Maulthieren und Ochsen; es ist +die große Straße von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thäler von +Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gneiß gehauen. Ein mit +Glimmerblättern gemengter Thon bedeckt drei Fuß hoch das Gestein. Im +Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein +Morast. Abwärts von der Ebene von Buonavista, etwa fünfzig Toisen gegen +Südost, kommt man an eine starke Quelle im Gneiß, die mehrere Fälle +bildet, welche die üppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle +hinunter ist so steil, daß man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fuß +hoch wird, mit der Hand berühren kann. Die Felsen ringsum sind mit +Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schießt +im Schatten von Heliconien hin und entblößt die Wurzeln der Plumeria, des +Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen +heimgesuchte Ort gewährt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea, +von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, trägt +oft vier bis fünfhundert purpurrothe Blüthen in einem einzigen Strauße. +Jede Blüthe hat fast immer 11 Staubfäden, und das prachtvolle Gewächs, +dessen Stamm 50--60 Fuß hoch wächst, wird selten, weil sein Holz eine sehr +gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und +Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden +zwischen Bäumen, deren Hierseyn bekundet, wie kühl das Klima in diesen +Bergen ist. Dahin gehören die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die +_Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schönen Region der Baumfarn +(_region de los helechos_) eigenthümlichen Gewächsen erheben sich in den +Lichtungen hie und da Palmbäume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia +mit silberfarbigen Blättern, deren dünner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie +verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, daß ein so schöner +Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn +Kronblätter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das +Zellgewebe im Innern zerstören, scheinen das Wachsthum des Baums zu +hemmen. Wir hatten in diesen kühlen Bergen von Higuerote schon einmal +botanisirt, im December, als wir den Generalcapitän Guevara auf dem +Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles +de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar +Stämme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schönen Farbe berühmtes Holz +einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von +Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_. + +Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Südwest zum kleinen Dorfe +San Pedro herunter (Höhe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo +mehrere kleine Thäler zusammenstoßen, und fast 300 Toisen tiefer als die +Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln +und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut. +Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht +angestellte Hispano-Europäer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr +verschieden. Vom Marsche ermüdet, brachen sie in Klagen und Verwünschungen +aus über das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben +müßten. Wir dagegen konnten die wilde Schönheit der Gegend, die +Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug rühmen. + +Das Thal von San Pedro mit dem Flüßchen dieses Namens trennt zwei große +Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen +West wieder aufwärts über die kleinen Höfe las Lagunetas und Garavatos. Es +sind dieß nur einzelne Häuser, die als Herbergen dienen; die +Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetränk, *Guarapo*, gegohrenen +Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Straße hin und her +ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar +gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der +oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas öffneten wir +den Barometer und fanden, daß wir hier in derselben Höhe waren wie auf +Buonaviste, kaum 10 Toisen höher. + +Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einförmig. +Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und +des Tuy ist über 25 Quadratmeilen groß. Es gibt darin sein einziges +elendes Dorf, los Teques, südöstlich von San Pedro. Der Boden ist wie +durchfurcht von unzähligen kleinen Thälern, und die kleinsten, neben +einander herlaufenden münden unter rechtem Winkel in die größeren aus. Die +Berggipfel sind eben so einförmig wie die Thalschluchten; nirgends eine +pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang. +Nach meiner Ansicht rührt das fast durchgängig flache, wellenförmige +Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der +Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneißes, als vielmehr davon, +daß das Wasser lange darüber gestanden und die Strömungen ihre Wirkungen +geäußert haben. Die Kalkberge von Cumana, nördlich vom Turimiquiri, zeigen +dieselbe Bildung. + +Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche +Abhang der Berggruppe los Teques heißt las Cocuyzas; er ist mit zwei +Pflanzen mit Agaveblättern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de +Cocuy* bewachsen. Letzterer gehört zur Gattung Yucca (unsere _Yucca +acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein +gebrannt, auch habe ich die jungen Blätter essen sehen. Aus den Fasern der +ausgewachsenen Blätter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat +man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein +reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Dörfern, unter denen welche +sind, die in Europa Städte hießen. Von Ost nach West, auf einer Strecke +von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay, +die zusammen über 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der +östliche Ausläufer der Thäler von Aragua zu betrachten, die sich von +Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fuß der Berge las +Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim +Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen über dem +Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, läuft Anfangs +gegen West, wendet sich dann nach Süd und Ost längs der hohen Savanen von +Ocumare, nimmt die Gewässer des Thals von Caracas auf und fällt unter dem +Winde des Cap Codera ins Meer. + +Wir waren schon lange an eine mäßige Temperatur gewöhnt, und so kamen uns +die Ebenen am Tuy sehr heiß vor, und doch stand der Thermometer bei Tag +zwischen elf Uhr Morgens und fünf Uhr Abends nur auf 23--24°. Die Nächte +waren köstlich kühl, da die Lufttemperatur bis auf 17°,5′ [14° Reaumur] +sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto stärker schienen die Wohlgerüche der +Blumen die Luft zu erfüllen. Aus allen heraus erkannten wir den köstlichen +Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Blüthe +8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy wächst. Wir verlebten zwei +höchst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der +Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Rußland gewesen war. Als +Zögling und Günstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten +von Caracas, wollte er sich, als der berühmte Staatsmann ins Ministerium +getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz +fürchtete Manterolas Einfluß und ließ ihn im Hafen verhaften, und als der +Befehl von Hof anlangte, der die eigenmächtige Verhaftung aufhob, war der +Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es hält schwer, auf 1500 Meilen, von +der südamerikanischen Küste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht +eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen. + +Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine hübsche Zuckerplantage. Der Boden +ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlängelt sich +durch Gründe, die mit Bananen und einem kleinen Gehölz von _Hura +crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbäumen mit +Nymphäenblättern bewachsen sind. Das Flußbett besteht aus Quarzgeschieben, +und ich wüßte nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das +crystallhelle Wasser behält selbst bei Tag die Temperatur von 18°,6. Das +ist sehr kühl für dieses Klima und für eine Meereshöhe von 300 Toisen, +aber der Fluß entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des +Eigenthümers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Hügel und ringsum stehen +die Hütten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst für ihren +Unterhalt. Wie überall in den Thälern von Aragua weist man ihnen ein +kleines Grundstück an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen +freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Hühner, +zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr rühmt, wie gut sie es haben, wie im +nördlichen Europa die gnädigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern +rühmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger +einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich fürchtete Zeuge einer der +Prügelscenen sein zu müssen, die einem überall, wo die Sklaverei herrscht, +das Landleben verbittern; glücklicherweise wurden die Schwarzen menschlich +behandelt. + +Auf dieser Pflanzung, wie überall in der Provinz Venezuela, unterscheidet +man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das +creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat +ein dunkleres Blatt, einen dünneren Stengel und die Knoten stehen näher +bei einander; es ist dieß das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf +Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingeführt wurde. Die +zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Grün aus; der Stengel ist +höher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verräth üppigeres Wachsthum. +Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville +brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an +auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der +Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die +Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden +Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein +Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel +und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres +ist für die Antillen von großem Werth, da die Pflanzer dort wegen der +Ausrodung der Wälder schon lange die Kessel mit ausgepreßtem Rohr heizen +müssen. Ohne dieses neue Gewächs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf +dem Festland des spanischen Amerika und die Einführung des indischen und +Javazuckers, hätten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstörung +der dortigen großen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen +Einfluß auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geäußert. Nach Caracas +kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta +und San Gil im Königreich Neu-Grenada. Gegenwärtig, nach +fünfundzwanzigjährigem Anbau, ist die Besorgniß verschwunden, die man +Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr möchte allmählig +ausarten und so dünn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist, +so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr, +_Caña de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu +Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut. +Es hat purpurfarbige, sehr breite Blätter; in der Provinz Caracas +verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder +mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstücken laufen Hecken aus einer gewaltig +großen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blättern. +Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Wässerungskanal +gespeist werden sollte. Der Eigenthümer hatte für das Unternehmen 7000 +Piaster an Baukosten und 4000 für die Processe mit seinen Nachbarn +ausgegeben. Während die Sachwalter sich über einen Kanal stritten, der +erst zur Hälfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache +überhaupt ausführbar seh. Ich vermaß das Terrain mittelst eines +Probirglases auf einem künstlichen Horizont und fand, daß das Wehr acht +Fuß zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen +Colonien für Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen +angelegt waren! + +Das Tuythal hat sein »Goldbergwerk«, wie fast jeder von Europäern +bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr +1780 habe man hier fremde Goldwäscher Goldkörner sammeln sehen, und die +Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Wäscherei angelegt. Der +Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und +siehe, man fand in seinem Nachlaß ein Wamms mit goldenen Knöpfen, und nach +der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die +Schürfung durch einen Erdfall verschüttet worden war. So bestimmt ich auch +erklärte, nach dem bloßen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen +in der Richtung des Ganges, könne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut +worden sey -- es half nichts, ich mußte den Bitten meiner Wirthe +nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen +Bezirk tagtäglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schooße der +Erde gräbt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das +Gold, das der Fleiß des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden +Klima gesegneten Boden erntet. + +Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im nördlichen Zuge der +Küstengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_ +genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den +Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses +ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie überall, wo die Höhen in die +Wolkenregion reichen und die Wasserdünste auf ihrem Zug von der See her +freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Grün, das uns in +den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den +Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Bäume im Winter ihre +Blätter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, fällt +einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so +trocken, daß der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40° steht. +Weit ab vom Fluß sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges +Pfeffergewächs das entblätterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung +ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum +erreicht; sie rührt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, daß »die +Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heißen Erdstrich herüber +wirken.« Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewächse +bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Blätter- und +Blüthenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten +sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen +Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen +Bäume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu +treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in +der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmählich feuchter, wenn +sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blässer und hoch oben in +der Luft sammeln sich leichte, gleichförmig verbreitete Dünste. In diese +Jahreszeit fällt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein +Frühling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48) +Winters Anfang verkündigt und auf die Sommerhitze folgt. + +In der _Quebrada Seca_ wurde früher Indigo gebaut; da aber der +dichtbewachsene Boden nicht so viel Wärme abgeben kann, als die +Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung +wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter +man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am +nördlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der über die +fallenden Gneißschichten niederstürzt; man arbeitete hier an einer +Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene führen sollte; ohne Bewässerung +ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft möglich. +Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, über dem Hause +des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, hätte +umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertrümmern müssen, so +hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefällt, daß er zwischen +ungeheure Feigenbäume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter +rollen konnte. Wir maßen den gefüllten Baum: der Wipfel war abgebrannt, +und doch maß der Stamm noch 154 Fuß; er hatte an der Wurzel 8 Fuß +Durchmesser und am obern Ende 4 Fuß 2 Zoll. + +Unsern Führern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Bäume +sind, und sie trieben uns vorwärts, dem »Goldbergwerk« zu. Wir wandten uns +nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am +Abhang eines Hügels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den +Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz +verändert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits +wuchsen große Bäume auf dem Fleck, wo die Goldwäscher vor zwanzig Jahren +gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, daß sich hier im +Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen, +goldhaltige Gänge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagerstätte +bauwürdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto +seltener, je reicher es ist? Um uns für unsere Anstrengung zu +entschädigen, botanisirten wir lange im dichten Wald über dem Hato, wo +Cedrela, Brownea und Feigenbäume mit Nymphäenblättern in Menge wachsen. +Die Stämme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen +bedeckt, die meist erst im April blühen. Auch hier fielen uns wieder die +Holzauswüchse auf, die in der Gestalt von Gräten oder Rippen den Stamm der +amerikanischen Feigenbäume bis zwanzig Fuß über dem Boden so ungemein dick +machen. Ich habe Bäume gesehen, die über der Wurzel 22½ Fuß Durchmesser +hatten. Diese Holzgräten trennen sich zuweilen acht Schuh über dem Boden +vom Stamm und verwandeln sich in walzenförmige, zwei Schuh dicke Wurzeln, +und da sieht es aus, als würde der Baum von Strebepfeilern gestützt. +Dieses Gerüstwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die +Seitenwurzeln schlängeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fuß vom +Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums +hervorquellen und sofort, da er der Lebensthätigkeit der Organe entzogen +ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von +Zellen und Gefäßen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen +Riesenbäumen der heißen Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem +fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fuß hoch aufsteigt und wieder +zum Boden rückfließt, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter +dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens +bergen! + +Ich benützte die hellen Nächte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte +des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei +Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39′ 14″ Länge; nach +dem Chronometer fand ich 4h 39′ 10″. Dieß waren die letzten Bedeckungen, +die ich bis zu meiner Rückkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben +wurde das östliche Ende der Thäler von Aragua und der Fuß der Berge las +Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhöhen von Canopus fand ich +die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10° 16′ 55″, am +10. Februar 10° 16′ 34″. Trotz der großen Trockenheit der Luft flimmerten +die Sterne bis zu 80 Grad Höhe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt +und jetzt vielleicht das Ende der schönen Jahreszeit verkündete. Die +Inclination der Magnetnadel war 41° 60′, und 228 Schwingungen in 10 +Minuten Zeit gaben die Intensität der magnetischen Kraft an. Die +Abweichung der Nadel war 4° 30′ gegen Nordost. + +Während meines Aufenthalts in den Thälern des Tuy und von Aragua zeigte +sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es +unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends +gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand +fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten +nach Sonnenuntergang, ohne daß der klare Himmel sich getrübt hätte. Schon +La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen, +wie schön sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl +weil es weniger geneigt ist, als wegen der großen Reinheit der Luft. Man +müßte es auch auffallend finden, daß nicht lange vor Childrey und Dominic +Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die +gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und +Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wüßte, wie wenig sie bis +zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kümmerten, was nicht +unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte. + +So glänzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es +doch noch weit schöner auf dem Rücken der Cordilleren von Mexico, am Ufer +des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshöhe. Auf dieser Hochebene geht +der Delucsche Hygrometer auf 150 zurück, und bei einem Luftdruck von 21 +Zoll 8 Linien ist die Schwächung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf +den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60 +Grad über den Horizont herauf. Die Milchstraße erschien blaß neben dem +Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Wölkchen gegen +West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen. + +Ich muß hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in +meinem an Ort und Stelle geführten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet. +Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach +je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwächer, jetzt wieder stärker. Bald +war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstraße im +Schützen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im +Innern, weit von den Rändern. Während dieser Schwankungen des +Zodiacallichts zeigte der Hygrometer große Trockenheit an. Die Sterne +vierter und fünfter Größe erschienen dem bloßen Auge fortwährend in +derselben Lichtstärke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen, +und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeinträchtigen. In +andern Jahren, in der südlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe +Stunde, ehe es verschwand, stärker werden. Nach Dominic Cassini sollte +»das Zodiacallicht in manchen Jahren schwächer und dann wieder so stark +werden wie Anfangs.« Er glaubte, dieser allmähliche Lichtwechsel »hänge +mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe +periodisch Flecken und Fackeln erscheinen;« aber der ausgezeichnete +Beobachter erwähnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger +Minuten erfolgenden Wechsel in der Stärke des Zodiacallichtes, wie ich +denselben unter den Tropen öfters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich +sehe man in den Monaten Februar und März ziemlich oft mit dem +Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte* +nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont +verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, daß in den von mir +beobachteten Fällen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der +Wechsel in der Lichtstärke erfolgte in bedeutenden Höhen, das Licht war +weiß, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter +den Tropen so selten sichtbar, daß ich in fünf Jahren, so oft ich auch im +Freien lag und das Himmelsgewölbe anhaltend und sehr aufmerksam +betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte. + +Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des +Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so möchte ich glauben, +daß diese Veränderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen +Vorgängen in der Atmosphäre abhängen. Zuweilen, in ganz heitern Nächten, +suchte ich das Zodiacallicht vergebens, während es Tags zuvor sich im +größten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, daß Emanationen, die +das weiße Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen +Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwächer sind? Die +Untersuchungen über den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit +die Mathematiker uns bewiesen haben, daß uns die wahre Ursache der +Erscheinung unbekannt ist. Der berühmte Verfasser der _mecanique céleste_ +hat dargethan, daß die Sonnenatmosphäre nicht einmal bis zur Merkursbahn +reichen kann, und daß sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen +könnte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben muß. Es lassen +sich zudem über das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie +über das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es +direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter +die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen +wichtigen Punkt zu erledigen. + +Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola +auf. Der Weg führt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war kühl +und feucht, und die Luft durchwürzt vom köstlichen Geruch des _Pancratium +undulatum_ und anderer großer Liliengewächse. Man kommt durch das hübsche +Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthätigen +Muttergottesbildes berühmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe +der Familie Monteras Halt. Eine über hundert Jahre alte Negerin saß vor +einer kleinen Hütte aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine +Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. »Ich +halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_)«, sagte ihr Enkel; »die Wärme +erhält sie am Leben.« Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die +Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Völker mit dunkler Haut, +die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heißen +Zone ein hohes, glückliches Alter. Ich habe anderswo von einem +eingeborenen Peruaner erzählt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90 +Jahre verheirathet gewesen war. + +Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter +Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen. +Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die +Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schönen Thälern +von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besaßen, und sie +wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Wälder +am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe +Cultur Schönes und Gutes bietet. + +Der Weg von Mamon nach Victoria läuft nach Süd und Südwest. Den Tuy, der +am Fuß der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren +wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu +seyn. Die Kalktuffhügel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber +senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse +deuten das alte Seegestade an. Das östliche Ende des Thals ist dürr und +nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten +Gebirge nicht benützt, aber in der Nähe der Stadt betritt man ein gut +bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur für +ein Dorf (_pueblo_) galt. + +Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schönen Gebäuden, einer Kirche mit +dorischen Säulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich +nicht leicht als Dorf denken. Längst hatten die Einwohner von Victoria den +spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen +Cabildo, einen Gemeinderath, wählen zu dürfen. Das spanische Ministerium +willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition +Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der +Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Hütten den vornehmen Titel +_Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen +nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Bürger seyn; +aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie +ausgeartet. Die Leute, welche die unumschränkte Gewalt in Händen haben, +könnten so leicht den Einfluß von ein paar mächtigen Familien ihren +Zwecken dienstbar machen; statt dessen fürchten sie den sogenannten +Unabhängigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskörper +gelähmt und kraftlos bleiben, als daß sie Mittelpunkte der Regsamkeit +aufkommen ließen, die sich ihrem Einfluß entziehen, als daß sie der +lokalen Lebensthätigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub +leisteten, nur weil diese Thätigkeit vielmehr vom Volk als von der +obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die +Municipalverfassung vom Hose klugerweise begünstigt. Mächtige Männer, die +bei der Eroberung eine Rolle gespielt, gründeten Städte und bildeten die +ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehörigen +des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals +Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht +so argwöhnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland +wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer +Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der +Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen +des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich, +mißtrauisch, ausschließend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem +Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weißen eine +Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung für Indien nichts gewußt +hatte. Allmählich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einfluß +der Gemeinden herabgedrückt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und +17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das +Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof für gefährliche +Hemmnisse der königlichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Dörfer +trotz der Zunahme ihrer Bevölkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das +Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, daß die neueren +Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch +sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_ +die Artikel von den Verhältnissen der nach Amerika übersiedelten Spanier, +von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderäthe +nachliest. + +Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein +ganz eigenthümlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen +Meereshöhe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee- +und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast +nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europäischen +Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico +wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Höhe der Weizenbau stark +betrieben, und nur selten geht er über 400 Toisen herab. Wir werden bald +sehen, daß, wenn man Lagen von verschiedener Höhe mit einander vergleicht, +der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der +mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide +bauen kann, hängt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der +Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit +fällt, ob der Wind fortwährend aus Ost bläst oder von Norden her kalte +Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang +Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend örtlichen +Verhältnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs +als die Vertheilung derselben Wärmemenge auf verschiedene Jahreszeiten +bedingen. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß das europäische +Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Ländern +mit einer mittleren Wärme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo +die Sommertemperatur über 9--10 Grad beträgt. Man kennt das *Minimum* von +Wärme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; über das *Maximum*, +das diese sonst so zähen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen. +Wir wissen nicht einmal, welche Verhältnisse zusammenwirken, um unter den +Tropen den Getreidebau in sehr geringen Höhen möglich zu machen. Victoria +und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man säet +ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fünfundsiebzigsten Tag. +Das Korn ist groß, weiß und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist dünner, +nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen. +Bei Victoria erträgt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen, +also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den nördlichen +Ländern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, während der Boden von +Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fünfte +bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen trägt. Trotz dieser +Fruchtbarkeit des Bodens und des günstigen Klimas ist der Zuckerbau in den +Thälern von Aragua einträglicher als der Getreidebau. + +Durch Victoria läuft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy, +sondern in den Rio Aragua ergießt, woraus hervorgeht, daß dieses schöne +Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken +des Sees von Valencia gehört, zu einem System von Binnenflüssen, die mit +der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio +Calanchas heißt _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht +man Waaren ausgestellt, und die Straßen bestehen aus Budenreihen, Zwei +Handelsstraßen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello +und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_ +genannt. Es sind im Verhältniß mehr Weiße hier als in Caracas. Wir +besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr +schöne Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thäler von Aragua, +ein weites, mit Gärten, Bauland, Stücken Wald, Höfen und Weilern bedecktes +Gelände. Gegen Süd und Südost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die +hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen +die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere +Bergkette streicht nach West längs des Sees von Valencia fort bis Villa de +Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist +steil und fortwährend in den leichten Dunst gehüllt, der in heißen Ländern +ferne Gegenstände stark blau färbt und die Umrisse keineswegs verwischt, +sondern sie nur stärker hervortreten läßt. In dieser innern Kette sollen +die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des +11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10° 13′ 35″, die Inclination +der Magnetnadel 40°,80, die Intensität der magnetischen Kraft gleich 236 +Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4°,40 nach +Nordost. + +Wir zogen langsam weiter über die Dörfer San Matheo, Turmero und Maracay +auf die Hacienda de Cura, eine schöne Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir +erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmählig weiter; zu +beiden Seiten desselben stehen Hügel von Kalktuff, den man hier zu Lande +_tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche +gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit +Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir +verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswürdigen und gebildeten +Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen +Büchersammlung steht auf einer Anhöhe und ist mit Kaffe- und +Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebüsch von Balsambäumen +(_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Kühlung und Schatten. Mit reger +Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Häuser, die von +Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten begünstigen in +den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den +übrigen europäischen Nationen. + +San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Dörfer, wo Alles den größten +Wohlstand verräth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von +Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und +die letzten Mühlen mit wagerechten Wasserrädern. Man rechnete bei der +bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als wäre dieß noch +ein mäßiger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preußen und Polen mehr +ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide +arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher. +Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die +Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, weiß man, +daß nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt +als auf den Nordküsten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada, +Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen +Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche +der »Vegetationscyclus« des Getreides fällt, so findet(50) man für drei +Sommermonate im nördlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in +Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Höhe, +14--25 Grad. + +Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thälern von Aragua +und im Innern von Cuba beweisen zur Genüge, daß Zunahme der Wärme die +Ernte des Weizens und der andern nährenden Gräser nicht beeinträchtigt, +wenn nicht mit der hohen Temperatur übermäßige Trockenheit oder +Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die +scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an +der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, daß +ostwärts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_, +diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, während westlich von +der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen +Höhe, die Vegetation noch so üppig ist, daß der Weizen keine Aehren +ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europäische +Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt für zu heiß +oder zu feucht dafür hält. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier +waren noch nicht so an den Mais gewöhnt, man hielt noch fester an den +europäischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen +werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Sämereien aller +Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach +falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die +Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte +Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang +im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die +Küstenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der +Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend +der Stadt Tocuyo werden jährlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls +ausgeführt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas +mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, daß +dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine große Bedeutung erlangen +wird. Die gemäßigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine +eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshöhe ist nicht so +bedeutend, daß die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter fänden, +Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwärtig bezieht Caracas sein Mehl +entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der +Herstellung der öffentlichen Ruhe auch für den Gewerbfleiß bessere Zeiten +kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro +eine Straße gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl +aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen. + +Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwährend +durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der +regelmäßigen Bauart der Dörfer erkennt man, daß alle den Mönchen und den +Missionen den Ursprung verdanken. Die Straßen sind gerade, unter einander +parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem großen +viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero +ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen überladenes +Gebäude. Seit die Missionäre den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weißen +Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden +nach und nach als besondere Race, das heißt sie werden in der Gesammtmasse +der Bevölkerung durch die Mestizen und die Zambos repräsentirt, deren +Anzahl fortwährend zunimmt. Indessen habe ich in den Thälern von Aragua +noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind +sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die +Chaymas; ihr Auge verräth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge +der Stammverschiedenheit als der höheren Civilisation ist. Sie arbeiten, +wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie +arbeiten, rührig und fleißig; was sie aber in zwei Monaten verdient, +verschwenden sie in einer Woche für geistige Getränke in den Schenken, +deren leider von Tag zu Tag mehr werden. + +In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es +den Leuten an, daß diese Thäler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen +Friedens genossen hatten. Der Generalcapitän wollte das Militärwesen +wieder in Schwung bringen und hatte große Uebungen angeordnet. Da hatte in +einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer +gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht müde, uns zu +schildern, wie gefährlich ein solches Manöver sey. »Rings um ihn seyen +Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier +Stunden in der Sonne stehen müssen, und seine Sklaven haben ihm nicht +einmal einen Sonnenschirm über den Kopf halten dürfen.« Wie rasch doch die +scheinbar friedfertigsten Völker sich an den Krieg gewöhnen! Ich lächelte +damals über eine Hasenfüßigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit +kundgab, und zwölf Jahre darauf wurden diese selben Thäler von Aragua, die +friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defilé von Cabrera und +die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten, +hartnäckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des +Mutterlandes. + +Südlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und +trennt zwei schöne Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere +gehört der Familie des Grafen Tovar, der überall in der Provinz +Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt. +Nördlich von Turmero, in der Küstencordillere, erhebt sich ein +Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von +Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach +West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den +reichen Cacaopflanzungen auf dem Küstenstrich bei Choroni, Turiamo und +Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen +ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im +Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Häfen an der +Küste führt. + +Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am +Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Hügel, wie ein grün +bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Hügel, noch ein +Klumpen dicht beisammen stehender Bäume, sondern ein einziger Baum, der +berühmte _‘Zamang de Guayre’_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren +Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fuß im +Umfang bilden. Der Zamang ist eine schöne Mimosenart, deren gewundene +Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm +vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen +Gewölbe. Der Stamm ist nur sechzig Fuß hoch und hat neun Fuß Durchmesser, +seine Schönheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste +breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich überall +dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fuß abstehen. Der Umriß der Krone +ist so regelmäßig, daß ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und +186 Fuß lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit +ganz entblättert; an einer andern Stelle standen noch Blätter und Blüthen +neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere +Schmarotzergewächse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde +derselben. Die Bewohner dieser Thäler, besonders die Indianer, halten den +Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden +haben mögen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet, +ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst verändert. +Dieser Zamang muß zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei +Orotava. Der Anblick alter Bäume hat etwas Großartiges, Imponirendes; die +Beschädigung dieser Naturdenkmäler wird daher auch in Ländern, denen es an +Kunstdenkmälern fehlt, streng bestraft. Wir hörten mit Vergnügen, der +gegenwärtige Eigenthümer des Zamang habe einen Pächter, der es gewagt, +einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur +Verhandlung und der Pächter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei +Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren +Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so +groß. + +Je näher man gegen Cura und Guacara am nördlichen Ufer des Sees kommt, +desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zählt in den +Thälern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten +Landstrich über 52,000 Einwohner. Dieß gibt auf die Quadratmeile 2000 +Seelen, also beinahe so viel wie in den bevölkertsten Theilen Frankreichs. +Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war früher, als der Indigobau +in höchster Blüthe stand, der Hauptort für diesen Zweig der +Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zählte man daselbst bei einer Bevölkerung +von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Häuser sind alle +von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbäume, deren Krone über die Gebäude +emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch +bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im +Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar höher geschätzt. +Seit 1772 schloß sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist +wieder älter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich +auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe, +aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit +Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige +Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in +Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr +als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der +außerordentlichen Ertragsfähigkeit des Bodens in den spanischen Colonien, +wenn man einem sagt, daß der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen +Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fünf +Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jährlich vier bis +fünftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und +der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn. + +Der Anil erschöpft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander +baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt +der Boden für ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwährend +abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch +die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die +ostindische Compagnie verkauft jetzt in London über 5,500,000 Pfund +Indigo, während sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000 +Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathälern abnahm, einen +desto größeren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den +heißen Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberührte Boden am Rio Tachira +ein äußerst farbreiches Produkt in Menge liefert. + +Wir kamen sehr spät nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen +hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere +Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere +Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon +tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fühlt immer wieder das +Bedürfniß es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land +der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbfleiß und Handel +Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben. +Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswürdigsten Herzlichkeit +auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfältig alles, +was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro +Gonzales, war in Handelsgeschäften auf der Reise, und seine junge Frau +genoß seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war außer sich vor Vergnügen, als +sie hörte, daß wir auf dem Rückweg vom Rio Negro an den Orinoco nach +Angostura kommen würden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er +erfahren, daß ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Ländern gelten, +wie bei den Alten, wandernde Gäste für die sichersten Boten. Es gibt +Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, daß Privatleute durch sie +selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir +aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf +gesehen, am Morgen mußten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem +Vater Zug für Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Bücher und +Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, »auf einer langen +Reise und bei so vielen anderweitigen Geschäften könnten wir leicht +vergessen, was für Augen ihr Kind habe.« Wie liebenswürdig ist solche +Gastfreundschaft! wie köstlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja +auch ein Charakterzug früherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung +ist! + +Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen +Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Küste +läuft ein Ast südwärts in die Ebene hinaus; es ist dieß das Vorgebirge +*Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen würde, wenn +nicht ein schmaler Paß zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera +hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine +traurige Berühmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um +diesen Paß, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchführt. +Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren +war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwährend sinkt. +Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage äußerst angenehm zu, und +zwar in einem kleinen Hause in einem Gebüsch, weil im Hause auf der +schönen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den +Sklaven in diesen Thälern häufig vorkommende Hautkrankheit. + +Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal, +schliefen dreimal und aßen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser +des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes, +sehr kühles, köstliches Bad im Schatten von Ceibabäumen und großen +Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon +del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor +Insektenstichen zu fürchten, wohl aber vor den kleinen röthlichen Haaren +an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem +vom Winde zugeführt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend +_picapica_ nennt, sich an den Körper hängen, so verursachen sie ein sehr +heftiges Jucken: man kühlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie rühren. + +Bei Cura sahen wir die sämmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen, +Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um +mehr Areal für den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die +Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, daß die +Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild wächst. Wir fanden +8--10 Fuß hohe Sträucher, mit Bignonien und andern holzigten +Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus +Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jährlich +kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Häfen der _Capitania general_ stieg +sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf +mehr als 22,000 Centner. Es ist dieß fast die Hälfte dessen, was der ganze +Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thälern von Aragua +ist von guter Qualität; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt +für besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen. +Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen +Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die +großen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jährlich. Bedenkt man, daß in +den Vereinigten Staaten, also außerhalb der Tropen, in einem +unbeständigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima, +die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815) +von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht +leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Maßstab dieser +Handelszweig sich entwickeln muß, wenn einmal in den vereinigten Provinzen +von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der +Gewerbfleiß nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwärtigen +Verhältnissen erzeugen nach Brasilien die Küsten von holländisch Guyana, +der Meerbusen von Cariaco, die Thäler von Aragua und die Provinzen +Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Südamerika. + +Während unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausflüge auf die +Felseninseln im See von Valencia, zu den heißen Quellen von Mariara und +auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefährlicher +Pfad führt an den Hafen Turiamo und zu den berühmten Cacaopflanzungen an +der Küste. Auf allen diesen Ausflügen sahen wir uns angenehm überrascht +nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das +Wachsthum einer freien Bevölkerung, die fleißig, an Arbeit gewöhnt und zu +arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu können. Ueberall hatten +kleine Landbauer, Weiße und Mulatten, zerstreute Höfe angelegt. Unser +Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einkünfte hat, besaß mehr Land, als er +urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thälern von Aragua unter arme +Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, daß sich um +seine großen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen +bald für sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der +Ernte ihm als Tagelöhner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle +Ziel, die Negersklaverei im Lande allmählig auszurotten, und er hegte die +doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger nöthig zu +machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Pächter zu werden. +Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Ländereien bei +Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstücke +zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika +kam, fand er daselbst schöne Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30 +bis 40 Häusern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben. +Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie +Neger. Mehrere große Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem +Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling beträgt zehn Piaster auf die +Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Pächter +sind oft in Bedrängniß und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise +ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschüsse reicher +Nachbarn geräth der Schuldner in eine Abhängigkeit, in Folge deren er +seine Dienste als Taglöhner öfter anbieten muß. Der Taglohn ist nicht so +hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thälern von Aragua und in den +Llanos einem freien Tagelöhner vier bis fünf Piaster monatlich, neben der +Kost, die beim Ueberfluß an Fleisch und Gemüse sehr wenig ausmacht. Gerne +verbreite ich mich hier über den Landbau in den Colonien, weil solche +Angaben den Europäern darthun, was aufgeklärten Colonisten längst nicht +mehr zweifelhaft ist, daß das Festland des spanischen Amerika durch freie +Hände Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und daß die +unglücklichen Sklaven Bauern, Pächter und Grundbesitzer werden können. + + ------------------ + + + + + + 43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada, + nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den + Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst + zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt + Caracas gründete. + + 44 S. Bd. II, Seite 150. + + 45 S. Humboldt, _Essay politique sur le Méxique._ T. II, pag. 435. + + 46 S. Bd. I, Seite 294. + + 47 An der Uhr in der Hauptkirche von Caracas trug ein 5 Linien dicker + Maqueystrick seit 15 Jahren ein Gewicht von 350 Pfund. + +* 48 Winter* heißt die Zeit im Jahr, wo es am meisten regnet, daher in + Terra Firma die mit der Winter-Tag-und Nachtgleiche beginnende + Jahreszeit Sommer genannt wird und man alle Tage sagen hört, im + Gebirge sey es Winter, wahrend es in den benachbarten Niederungen + Sommer ist. + + 49 Mairan ist dieselbe Erscheinung in Europa aufgefallen. + + 50 Die mittlere Sommertemperatur ist in Schottland (bei Edinburgh unter + dem 56. Grad der Breite) dieselbe wie auf den Hochebenen von + Neu-Grenada, wo in 1400 Toisen Meereshöhe und unter dem vierten Grad + der Breite so viel Getreide gebaut wird. Auf der andern Seite + entspricht die mittlere Temperatur der Thäler von Aragua (10° 15′ + der Breite) und aller nicht sehr hoch gelegenen Ebenen in der heißen + Zone der *Sommertemperatur* von Neapel und Sicilien (39° 40′ der + Breite). Die obigen Zahlen bezeichnen die Lage der *isotheren* (der + Linien der gleichen Sommerwärme), nicht der *isothermen* Linien (der + Linien der gleichen Jahreswärme). Hinsichtlich der Wärmemenge, + welche ein Punkt der Erdoberfläche im Lauf eines ganzen Jahres + empfängt, entsprechen die mittleren Temperaturen der Thäler von + Aragua und der Hochebenen von Neu-Grenada in 300--1400 Toifen + Meereshöhe den mittleren Temperaturen der Küsten unter dem + 23--45. Grad der Breite. + + + + + +SECHZEHNTES KAPITEL. + + + Der See von Valencia. -- Die beißen Quellen von Mariara. -- Die + Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Küste von Porto Cabello + hinab. + + +Die Thäler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit +wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen +Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Höhe in der Mitte liegt. Nordwärts +trennt die Sierra Mariara sie von der Meeresküste, gegen Süden dient ihnen +die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die glühende Luft +der Steppen. Hügelzüge, hoch genug, um den Lauf der Gewässer zu bestimmen, +schließen das Becken gegen Ost und West wie Querdämme. Diese Hügel liegen +zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua +und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthümlichen Gestaltung +des Bodens bilden die Gewässer der Thäler von Aragua ein System für sich +und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergießen +sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee, +unterliegen hier dem mächtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich +gleichsam in der Luft. Durch diese Flüsse und Seen wird die Fruchtbarkeit +des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thälern bedingt. Schon +der Augenschein und eine halbhundertjährige Erfahrung zeigen, daß der +Wasserstand sich nicht gleich bleibt, daß das Gleichgewicht zwischen der +Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestört ist. Da der See 1000 +Fuß über den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fuß über dem Meere +liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abfluß oder +versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel +fortwährend sinkt, so meinte man, der See könnte völlig eintrocknen. Das +Zusammentreffen so auffallender Naturverhältnisse mußte mich auf diese +Thäler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der +liebliche Eindruck fleißigen Anbaus und der Künste einer erwachenden +Cultur sich vereinigen. + +Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist größer als +der Neuenburger See in der Schweiz; im Umriß aber hat er Aehnlichkeit mit +dem Genfer See, der auch fast gleich hoch über dem Meere liegt. Da in den +Thälern von Aragua der Boden nach Süd und West fällt, so liegt der Theil +des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunächst der südlichen +Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von +Ocumare zustreicht. Die einander gegenüberliegenden Ufer des Sees stechen +auffallend von einander ab. Das südliche ist wüste, kahl, fast gar nicht +bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einförmiges +Ansehen; das nördliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen +Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und +andern immer blühenden Sträuchern eingefaßte Wege laufen über die Ebene +und verbinden die zerstreuten Höfe. Jedes Haus ist von Bäumen umgeben. Der +Ceiba mit großen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Blüthen, +deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthümlichen +Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben +sticht wirkungsvoll vom eintönigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der +trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst über dem glühenden Boden +schwebt, wird das Grün und die Fruchtbarkeit durch künstliche Bewässerung +unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage; +ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren +nackten, zerklüfteten Wänden wachsen einige Saftpflanzen und bilden +Dammerde für kommende Jahrhunderte. Häufig ist oben auf diesen einzeln +stehenden Hügeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blättern +aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren +dürren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer +steilen Küste. An der Gestaltung dieser Höhen erräth man, was sie früher +waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fuß +der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und +die Küstenbergkette bespülten, waren diese Felshügel Untiefen oder +Eilande. + +Diese Züge eines reichen Gemäldes, dieser Contrast zwischen den beiden +Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des +Waadtlands, wo der überall angebaute, überall fruchtbare Boden dem +Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Mühen sicher lohnt, während das +savoyische Ufer gegenüber ein gebirgigtes, halb wüstes Land ist. In jenen +fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen +Natur, gedachte ich mit Lust der hinreißenden Beschreibungen, zu denen der +Genfer See und die Felsen von Meillerie einen großen Schriftsteller +begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur +in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung +unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr +Schärfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft +genug sagen: unter jedem Himmelsstriche trägt die Natur, sey sie wild oder +vom Menschen gezähmt, lieblich oder großartig, ihren eigenen Stempel. Die +Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig, +gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie +hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz +zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Größe und äußere +Formverhältnisse können eigentlich verglichen werden; man kann den +riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserfälle der +Pyrenäen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche +vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich förderlich seyn +mögen, erfährt man wenig vom Naturcharakter des gemäßigten und des heißen +Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem großen Walde, am Fuß mit +ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Größe, was uns +mit dem heimlichen Gefühle der Bewunderung erfüllt. Was zu unserem Gemüthe +spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft, +entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschönheiten +recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem +Charakter gar nicht vergleichen; man würde fürchten sich selbst im Genuß +zu stören. + +Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer +malerischen Reize im Lande berühmt; das Becken bietet verschiedene +Erscheinungen, deren Aufklärung für die Naturforschung und für den +Wohlstand der Bevölkerung von gleich großem Interesse ist. Aus welchen +Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwärtig rascher als vor +Jahrhunderten? Läßt sich annehmen, daß das Gleichgewicht zwischen dem +Zufluß und dem Abgang sich über kurz oder lang wieder herstellt, oder ist +zu besorgen, daß der See ganz eingeht? + +Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva +Valencia und Guigue ist der See gegenwärtig von Cagua bis Guayos 10 Meilen +oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten +an der Einmündung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, beträgt +sie nirgends über 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die +Maaße, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als +die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man könnte meinen, um das +Verhältniß der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die +gegenwärtige Größe des Sees mit der zu vergleichen, welche alte +Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 veröffentlichten +»_Geschichte der Provinz Venezuela_,« angeben. Dieser Geschichtschreiber +läßt in seinem hochtrabenden Styl »dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso +cuerpo de la laguna de Valencia_«, 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er +berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund +mehr, und große schwimmende Inseln bedecken die Seefläche, die fortwährend +von den Winden aufgerührt werde. Unmöglich läßt sich auf Schätzungen +Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_ +ausgedrückt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550 +Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch +die Thäler von Aragua gekommen seyn muß, Beachtung, daß er behauptet, die +Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See +erbaut worden, und daß sich bei ihm die Länge des Sees zur Breite verhält +wie 7 zu 3. Gegenwärtig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener +Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb +Meilen angeschlagen hätte, und die Länge des Seebeckens verhält sich zur +Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens +zwischen Valencia und Guigue, die Hügel, die auf der Ebene östlich vom +Caño de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla +de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heißen, beweisen +zur Genüge, daß seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurückgewichen ist. +Was die Veränderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir +nicht sehr wahrscheinlich, daß er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur +Hälfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von +Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Süd rascher +steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermaßen gegen diese Annahme. + +Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewässer zur +Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in +welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden. + +Wenn man die Flußthäler und die Seebecken genau betrachtet, findet man +überall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand läugnet wohl +jetzt mehr, daß unsere Flüsse und Seen in sehr bedeutendem Maaße +abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch +darauf hin, daß dieser große Wechsel in der Vertheilung der Gewässer vor +aller Geschichte eingetreten ist, und daß sich seit mehreren Jahrtausenden +bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der +Zuflüsse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits +hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestört ist, thut man gut, +sich umzusehen, ob solches nicht von rein örtlichen Verhältnissen und aus +jüngster Zeit herrührt, ehe man eine beständige Abnahme des Wassers +annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren +der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische +Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugniß einiger beredten +Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, hätte man in der +Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis für den +Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand. +Um darzuthun, daß Amerika später als Asien und Europa aus dem Wasser +emporgestiegen, hätte man wohl auch den See von Tacarigua angeführt, als +eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch +unausgesetzte allmälige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, daß +in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fuß des Gebirges Cocuysa bis zum +Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der +Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand. +Ueberall läßt die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte +Ufer eines Alpsees, ähnlich den Steiermärker und Tyroler Seen, erkennen. +Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch +sind, kommen in 3 bis 4 Fuß dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero +und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings, +daß das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafür vor, daß +es seit jener weit entlegenen Zeit fortwährend abgenommen habe. Die Thäler +von Aragua gehören zu den Strichen von Venezuela, die am frühesten +bevölkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte +Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen, +die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevölkerung die +weiße noch weit überwog und das Seeufer schwächer bewohnt war, eben nicht +bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreißig +Jahren fällt es Jedermann in die Augen, daß dieses große Wasserbecken von +selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die früher unter Wasser +standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und +Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Hütte baut, sieht man +das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim +Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen +anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden +bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und +die Cabrera südöstlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in +Gestalt zerstreuter Hügel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt, +liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die +merkwürdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem +Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des +Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir +besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem +Gesträuch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen über dem jetzigen +Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier +abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten +Spuren vom allmäligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung +wird von der Bevölkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen +drei neue Inseln östlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie +die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los +nuevos Peñones_ oder _las Aparecidas_ heißen, bilden eine Art Untiefen mit +völlig ebener Oberfläche- Sie waren im Jahr 1800 bereits über einen Fuß +höher als der mittlere Wasserstand. + +Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia, +gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems +von Flüssen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die +meisten dieser Gewässer können nur Bäche heißen; es sind ihrer zwölf bis +vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet, +und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug, +durch den eben so viel abfließe, als die Bäche hereinbringen. Die einen +lassen diesen Abzug mit Höhlen, die in großer Tiefe liegen sollen, in +Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fließe durch einen +schiefen Canal in das Meer. Dergleichen kühne Hypothesen über den +Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die +Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen +ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen +nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der +neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hört man von unterirdischen +Schlünden und Canälen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen über +und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut +man auch weiß, daß Flüssigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung +stehen, sich in dasselbe Niveau setzen. + +Einerseits die Verringerung der Masse der Zuflüsse, die seit einem halben +Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Wälder, der Urbarmachung der Ebenen +und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des +Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die +Abnahme des Sees von Valencia zur Genüge erklären. Ich theile nicht die +Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Länder besucht hat,(53) der +zufolge man »zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik« einen +unterirdischen Abfluß soll annehmen müssen. Fällt man die Bäume, welche +Gipfel und Abhänge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden +Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und +Wassermangel. Die Bäume sind vermöge des Wesens ihrer Ausdünstung und der +Strahlung ihrer Blätter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwährend mit +einer kühlen, dunstigen Lufthülle umgeben; sie äußern wesentlichen Einfluß +auf die Fülle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat, +die in der Luft verbreiteten Wasserdünste anziehen, sondern weil sie den +Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schützen und damit +die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstört man die Wälder, wie +die europäischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast +thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flußbetten +liegen einen Theil des Jahres über trocken, und werden zu reißenden +Strömen, so oft im Gebirge starker Regen fällt. Da mit dem Holzwuchs auch +Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im +Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmälige Sickerung +die Bäche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken +Regenniederschläge die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort +und verursacht plötzliches Austreten der Gewässer, welche nun die Felder +verwüsten. Daraus geht hervor, daß das Verheeren der Wälder, der Mangel an +fortwährend fließenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind, +die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Länder in entgegengesetzten +Hemisphären, die Lombardei am Fuße der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen +dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende +Beweise für die Richtigkeit dieses Satzes. + +Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die +Thäler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Große Bäume aus der Familie +der Mimosen, Ceiba- und Feigenbäume beschatteten die Ufer des Sees und +verbreiteten Kühlung. Die damals nur sehr dünn bevölkerte Ebene war voll +Strauchwerk, bedeckt mit umgestürzten Baumstämmen und +Schmarotzergewächsen, mit dichtem Rasenfilz überzogen, und gab somit die +strahlende Wärme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben +deßhalb gegen die Sonnengluth nicht geschützte Boden. Mit der Ausrodung +der Bäume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus +nahmen die Quellen und alle natürlichen Zuflüsse des Sees von Jahr zu Jahr +ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure +Wassermassen durch die Verdunstung in der heißen Zone aufgesogen werden, +und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist, +wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftströmungen +auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir +haben schon oben erwähnt, daß die Wärme, welche das ganze Jahr in Cura, +Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der stärksten +Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur +der Luft in den Thälern von Aragua ist ungefähr 25°,5 [20°,4 Reaumur]; die +hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir für den Monat Februar im +Durchschnitt aus Tag und Nacht 71°,4 am Haarhygrometer. Da die Worte: +große Trockenheit oder große Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben, +und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken +nennt, in Europa für feucht gälte, so kann man über diese klimatischen +Verhältnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone +vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht +regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr +viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der +Luft gleich 86°, entsprechend der mittleren Temperatur von 27°,7. Rechnet +man die Regenmonate ein, das heißt schätzt man den Unterschied zwischen +der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs, +wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so +ergibt sich für die Thäler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von +höchstens 74°, bei einer Temperatur von 25°,5. In dieser warmen und doch +gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge +verdunsteten Wassers. Nach der Dalton’schen Theorie berechnet sich die +Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwähnten Umständen in einer +Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in +vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemäßigten Zone, z. B. für Paris, +die mittlere Temperatur zu 10°,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82° an, +so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und +eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses +unzuverlässigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer +Beobachtung halten, so bedenke man, daß in Paris und Montmorency von +Sedileau und Cotte die jährliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1 +Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im südlichen Frankreich haben +zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, daß der Canal von +Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, über Abzug des Betrags der +Versickerung, jährlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen +Sümpfen hat de Prony ungefähr das gleiche Ergebniß erhalten. Aus allen +diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer +mittleren Temperatur von 10°,5 und 16° ergibt sich eine mittlere +Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heißen Zone, z. B. auf den +Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal +stärker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit stärker mit +Feuchtigkeit geschwängert ist als in den Thälern von Aragua, sah ich oft +in zwölf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter +Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber +das eben Angeführte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein groß die Masse +des Wasserdunstes seyn muß, der aus dem See von Valencia und auf dem +Gebiet aufsteigt, dessen Gewässer sich in den See ergießen. Ich werde +Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurückzukommen: in einem +Werke, das die großen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen +zur Anschauung bringt, muß auch der Versuch gemacht werden, das Problem +von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdämpfe +unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshöhen zu lösen. + +Das Maaß der Verdunstung hängt von einer Menge örtlicher Verhältnisse ab: +von der stärkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der +Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der +Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Großen aber wird die Verdunstung +nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung +der in der Luft enthaltenen Dämpfe, durch den Widerstand, den die Luft, je +nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der +Verbreitung der Dämpfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem +gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der +Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesättigten Zustand +aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthält. Es +folgt daraus, daß (wie schon d’Aubuisson bemerkt, der meine +hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heißen +Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur +glauben sollte, weil in den heißen Himmelsstrichen die Luft gewöhnlich +sehr feucht ist. + +Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thälern von Aragua kommen die +Flüßchen, die sich in den See von Valencia ergießen, in den sechs Monaten +nach December als Zuflüsse nicht mehr in Betracht. Im untern Stück ihres +Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer +sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewässern. Noch mehr: ein +ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fuß +des _la Galera_ genannten Hügelzugs entspringt, ergoß sich früher in den +See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de +Cambury aufgenommen. Der Fluß lief damals von Süd nach Nord. Zu Ende des +siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf +den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Geländes ein neues Bett zu +graben. Er leitete den Fluß ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewässerung +seines Grundstücks und ließ ihn dann gegen Süd, dem Abhang der Llanos +nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Süd nimmt der +Rio Pao drei andere Bäche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua, +und ergießt sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine +nicht uninteressante Erscheinung, daß in Folge der eigenthümlichen +Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Südwest der Rio Pao +sich vom kleinen *inneren Flußsystem*, dem er ursprünglich angehörte, +trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit +dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand +geschah, thut die Natur häufig selbst entweder durch allmähliche +Anschwemmung oder durch die Zerrüttung des Bodens in Folge starker +Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Flüsse im +Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen +laufen, sich einen Weg zur Meeresküste bahnen. So viel ist wenigstens +sicher, daß es auf beiden Continenten innere Flußsysteme gibt, die man als +*noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur +bei Hochgewässer oder beständig durch Gabelung unter sich zusammenhängen. + +Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, daß, wenn in +der Regenzeit der _Caño grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von +Guigue überschwemmt, das Wasser dieses Caño und das des Sees von Valencia +in den Rio Pao selbst zurücklaufen, so daß dieses Flüßchen, statt dem See +Wasser zuzuführen, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas +Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen +den großen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete +Bergkette angeben. Bei Hochgewässer stehen die Flüsse, die den Seen, und +die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man +fährt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie +auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Fälle scheinen mir von +Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen. + +Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so +wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten +konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll fällt, ein großer, mit +fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken +gelegt. Im Maaße, als der See sich zurückzieht, rückt der Landbau gegen +das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, für die +Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten +zehn Jahren, in denen ganz Amerika an großer Trockenheit litt, +ungewöhnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthümern im Land, statt +die jeweiligen Krümmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst +Granitsäulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren +Wasserstand beobachten könnte. Der Marques del Toro will die Sache +ausführen und auf Gneißgrund, der im See häufig vorkommt, auf dem schönen +Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen. + +Unmöglich läßt sich im voraus bestimmen, in welchem Maaße dieses +Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht +zwischen dem Zufluß einerseits und der Verdunstung und Einsickerung +andererseits völlig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See +werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegründet. Wenn in Folge +starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklärten Ursachen zehn nasse +Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit +Wald bedeckten, wenn große Bäume das Seeufer und die Thäler beschatteten, +so würde im Gegentheil das Wasser steigen und den schönen Pflanzungen, die +gegenwärtig das Seebecken säumen, gefährlich werden. + +Während in den Thälern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See +möchte ganz eingehen, die andern, er möchte wieder zum verlassenen Gestade +heraufkommen, hört man in Caracas alles Ernstes die Frage erörtern, ob man +nicht, um mehr Boden für den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal +dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht +zu läugnen, daß solches möglich wäre, namentlich wenn man Canäle unter dem +Boden, Stollen anlegte. Dem allmähligen Rücktritt des Wassers verdankt das +herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa +Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und +Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick +bezweifeln, daß nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die +ungeheure Dunstmasse, welche Tag für Tag von der Wasserfläche in die Luft +aufsteigt, wären die Thäler von Aragua so trocken und dürr, wie die Berge +umher. + +Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie +man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Dieß ist das +Ergebniß der sorgfältigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei. +Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so daß, obgleich +sie in hohen Thälern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des +Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, daß der Boden des Sees von +Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat. +Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der +Landspitze Caña Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenüber; im +Ganzen aber ist der südliche Theil des Sees tiefer als der nördliche. Es +ist nicht zu vergessen, daß jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der +südliche Theil des Beckens aber doch am nächsten bei einer steil +abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, daß auch das Meer bei +einer hohen, senkrechten Felsküste meist am tiefsten ist. + +Die Temperatur des Sees an der Wasserfläche war während meines Aufenthalts +in den Thälern von Aragua im Februar beständig 23°--23°,7, also etwas +geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der +Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Wärme entzieht, oder weil die +Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer großen Wassermasse +nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Bäche aufnimmt, die aus +kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern +konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40 +Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit +dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der +Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor, +daß zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshöhe von 190--274 +Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150 +Fuß Tiefe beständig eine Temperatur von 4°,3 bis 6° zeigen; aber diese +Versuche sind noch niemals auf Seen in der heißen Zone wiederholt worden. +In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer mächtig. Im +Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberfläche, daß die +Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fuß Tiefe um einen Grad abnahm, also +achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der +Luft. In der gemäßigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt +und weit drunter sinkt, muß der Boden eines Sees, wäre er auch nicht von +Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen +enthalten, die im Winter an der Oberfläche das Maximum ihrer Dichtigkeit +(zwischen 3°,4 und 4°,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken +sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0°,5 sinken aber keineswegs +unter die Schicht mit 4° Temperatur, sondern finden das hydrostatische +Gleichgewicht nur über derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn +sich ihre Temperatur durch die Berührung mit weniger kalten Schichten um +3--4 Grad erhöht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben +Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so fände man in sehr +tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhängen, +*welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren +Temperatur dem Maximum der Erkaltung über dem Frierpunkt, der jährlich die +umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich käme. Nach +dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, daß auf den Ebenen der +heißen Zone und in nicht hochgelegenen Thälern, deren mittlere Wärme 25°,5 +bis 27° beträgt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22° Temperatur +haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden +Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7°, das also um 12--13° kälter ist +als das Minimum der Luftwärme über dem Meer, so ist diese Erscheinung, +nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafür, daß eine Meeresströmung in +der Tiefe die Gewässer von den Polen zum Aequator führt. Wir lassen hier +das schwierige Problem unerörtert, wie unter den Tropen und in der +gemäßigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen, +diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekühlten Wasserschichten auf die +Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie +diese Schichten, deren ursprüngliche Temperatur unter den Tropen 27°, am +Genfer See 10° beträgt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden +der Seen und des tropischen Oceans zurückwirken? Diese Fragen sind von der +höchsten Wichtigkeit sowohl für die Lebensprocesse der Thiere, die +gewöhnlich auf dem Boden des süßen und des Salzwassers leben, als für die +Theorie von der Vertheilung der Wärme in Ländern, die von großen, tiefen +Meeren umgeben sind. + +Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische +Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der +Landschaft erhöhen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den +Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fünfzehn Inseln, die in drei Gruppen +zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserdünste, die +aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die größte, 2000 Toisen lange, der +Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten. +Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See +dünkt ihnen unermeßlich groß, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas +Fische. Eine Rohrhütte, ein paar Hängematten aus Baumwolle, die nebenan +wächst, ein großer Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht +des Tutuma zum Wasserschöpfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte +Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr hübsche Tochter. Unser +Führer erzählte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwöhnisch +gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden wäre. Tags +zuvor waren Jäger auf der Insel gewesen; die Nacht überraschte sie und sie +wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo +zurückfahren. Darüber entstand große Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang +die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen +Boden nicht weit von der Hütte steht. Er selbst legte sich unter den Baum +und ließ die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jäger abgezogen +waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch +argwöhnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge. + +Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit +weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der +Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Bächen in den +See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll +lang, 3½ Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina +des Gronovius. Sie hat große, silberglänzende, grün geränderte Schuppen; +sie ist sehr gefräßig und läßt andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer +versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft +nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie +habhaft werden, um es näher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fuß +lang und gilt für unschädlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt +kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht +man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage +liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die +eigentlichen Monitors gehören nur der alten Welt an), noch Sebas +*Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt. +Reisende mögen nach uns darüber entscheiden, ich bemerke nur noch, als +ziemlich auffallend, daß es im See von Valencia und im ganzen kleinen +Flußgebiet desselben keine großen Kaimans gibt, während dieses gefährliche +Thier wenige Meilen davon in den Gewässern, die in den Apure und Orinoco, +oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer +laufen, sehr häufig ist. + +Die Insel Chamberg ist durch ihre Höhe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fuß +hoher Gneißfels mit zwei sattelförmig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des +Felsen ist kahl: kaum daß ein paar Clusiastämme mit großen weißen Blüthen +darauf wachsen, aber die Aussicht über den See und die üppigen Fluren der +anstoßenden Thäler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende +von Wasservögeln, Reiher, Flamingos und Wildenten über den See ziehen, um +auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsgürtel am Horizont in +Feuer steht. Wie schon erwähnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein +frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den +Gipfeln der Bergkette wächst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die +öfters über tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie +wenn Lavaströme aus dem Bergkamm quöllen; Wenn man so an einem herrlichen +tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Kühle genießt, +betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das +Bild der rothen Feuer rings am Horizont. + +Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen, +kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst +nirgends gefunden. Hieher gehören die See-Melonenbäume (_Papaya de la +laguna_) und die Liebesäpfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem +_Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr +schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, überall in +den Thälern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel +Cura und auf Cabo Blanco sehr häufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim +gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Hälfte +kleiner und völlig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll +im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die +leeren Zwischenräume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die +Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein süß; ich weiß nicht, ob es +eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat. + +Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn +bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist. +Das von Gebüschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen +Liliengewächsen geschmückte Gestade erinnert durch den Typus der +Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europäischen Seen. Man findet +hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fuß hohe Teichkolben, die +man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Sümpfe kaum unterscheiden +kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewächsen +der neuen Welt eigenthümliche Arten. Wie viele Pflanzen von der +Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind +früher wegen der großen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit +Gewächsen der nördlichen gemäßigten Zone zusammengeworfen worden! + +Die Bewohner der Thäler von Aragua fragen häufig, warum das südliche Ufer +des Sees, besonders aber der südwestliche Strich desselben gegen las +Aguacates, im Ganzen stärker bewachsen ist und ein frischeres Grün hat als +das nördliche. Im Februar sahen wir viele entblätterte Bäume bei der +Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, während südöstlich von Valencia +Alles bereits darauf deutete, daß die Regenzeit bevorstand. Nach meiner +Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Süden +abweicht, die Hügel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze +ausgebrannt, während dem südlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch +die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugeführt wird, +die sich über dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem südlichen +Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schönsten Tabaksfelder in der ganzen +Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera +fundacion_. Nach dem drückenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der +Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der +Provinz Caracas nur in den Thälern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa) +und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag beläuft sich auf +5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, daß sie gegen +230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas +könnte vermöge ihrer Größe und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie +Cuba, sämmtliche europäischen Märkte, versorgen; aber unter den +gegenwärtigen Verhältnissen erhält sie im Gegentheil durch den +Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und +Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem +Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den +Fortschritt des Landbaus lähmt, den natürlichen Reichthum des Landes +schmälert und sich vergeblich abmüht, Länder abzusperren, durch welche +dieselben Flüsse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich +verwischen. + +Unter den Zuflüssen des Sees von Valencia entspringen einige aus heißen +Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen +kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Küstencordillere zu Tag, +bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordöstlich von der +Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia +nach Porto Cabello. Nur die heißen Wasser von Mariara und las Trincheras +konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen. +Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge +von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters, +das aus senkrecht abfallenden Felswänden besteht, über denen sich +Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters +führt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den +beiden Flügeln derselben heißt der östliche *el Chaparro*, der westliche +*las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie +bestehen aus einem sehr grobkörnigen, fast porphyrartigen Granit, in dem +die gelblich-weißen Feldspathkrystalle über anderthalb Zoll lang sind; der +Glimmer ist ziemlich selten darin und von schönem Silberglanz. Nichts +malerischer und großartiger als der Anblick dieses halb grüngewachsenens +Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem +Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch +senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als +ständen Basaltsäulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit stürzt eine +bedeutende Wassermasse über diese steilen Abhänge herunter. Die Berge, die +sich östlich an die Teufelsmauer anschließen, sind lange nicht so hoch und +bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gneiß und granithaltigem +Glimmerschiefer. + +In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordöstlich von +Mariara, liegt die Schlucht der heißen Wasser, _Quebrada de aguas +calientes_. Sie streicht nach Nord 75° West und enthält mehrere kleine +Tümpel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhängen, nur 8 Zoll, +die drei untern 2--3 Fuß Durchmesser haben; ihre Tiefe beträgt zwischen 3 +und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist +56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind +heißer als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhöhe nicht mehr +als 7--8 Zoll beträgt. Die heißen Wasser laufen zu einem kleinen Bache +zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreißig Fuß weiter unten nur 48° +Temperatur zeigt. Während der größten Trockenheit (in dieser Zeit +besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heißen Wassers nur ein +Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend +größer. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Wärme nimmt ab, denn +die Temperatur der heißen Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab +zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in +geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern läßt sich +nur ganz nahe bei den Quellen spüren. Nur in einem der Tümpel, in dem mit +56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in +ziemlich regelmäßigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, daß die +Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und daß +man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umrühren +des Bodens mit einem Stock nicht merklich verändern kann. Diese Stellen +entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Löchern oder Spalten im Gneiß; +auch sieht man, wenn über einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich +auch über den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas +anzuzünden, weder die kleinen Mengen in den an der Fläche des heißen +Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche über +den Quellen gesammelt, wobei mir übel wurde, nicht sowohl vom Geruch des +Gases als von der übermäßigen Hitze in der Schlucht. Ist das +Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensäure oder mit atmosphärischer +Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so häufig es auch bei +heißen Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barège). Das in der Röhre eines +Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschüttelt +worden. Auf den kleinen Tümpeln schwimmt ein feines Schwefelhäutchen, das +sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff +der Luft niederschlägt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit +Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man +das Wasser von Mariara in einem offenen Gefäß erkalten läßt, ohne Zweifel +weil die Quantität des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht +erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Auflösung von salpetersaurem +Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es +je einige Salze enthält, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure +Bittererde, so können sie nur in sehr geringer Quantität darin seyn. Da +wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so füllten wir nur zwei +Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch +des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), über Porto Cabello und Havana, an +Furcroy und Vauquelin nach Paris. Daß Wasser, die unmittelbar aus dem +Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwürdigsten +Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das +Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen +oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Rührt es von +Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her, +die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthält? + +In der Schlucht der heißen Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern +mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine +häutige, die Luftblasen enthält, und eine mit parallelen Fasern +[_Conferva_?]. Erstere hat große Aehnlichkeit mit der _Ulva +labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europäischen warmen Quellen +vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_] +Büsche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des +Bodens noch weit höher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe +der Gewächse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man +findet Frösche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind +und den Tod gefunden haben. + +Südlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt, +kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger +Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser läuft, liegt +sechs Toisen höher als die eben beschriebenen Trichter. Der Thermometer +stieg in der Spalte nur auf 42°. Das Wasser sammelt sich in einem mit +großen Bäumen umgebenen, fast kreisrunden, 15 bis 18 Fuß weiten und 3 Fuß +tiefen Becken. In dieses Bad werfen sich die unglücklichen Sklaven, wenn +sie gegen Sonnenuntergang, mit Staub bedeckt, ihr Tagewerk auf den +benachbarten Indigo- und Zuckerfeldern vollbracht haben. Obgleich das +Wasser des *Baño* gewöhnlich 10--14 Grad wärmer ist als die Luft, nennen +es die Schwarzen doch erfrischend, weil in der heißen Zone Alles so heißt, +was die Kräfte herstellt, die Nervenaufregung beschwichtigt oder überhaupt +ein Gefühl von Wohlbehagen gibt. Wir selbst erprobten die heilsame Wirkung +dieses Bades. Wir ließen unsere Hängematten an die Bäume, die das +Wasserbecken beschatten, binden und verweilten einen ganzen Tag an diesem +herrlichen Platz, wo es sehr viele Pflanzen gibt. In der Nähe des Baño de +Mariara fanden wir den *Volador* oder Gyrocarpus. Die Flügelfrüchte dieses +großen Baumes fliegen wie Federbälle, wenn sie sich vom Fruchtstiele +trennen. Wenn wir die Aeste des Volador schüttelten, wimmelte es in der +Luft von diesen Früchten und ihr gleichzeitiges Niederfallen gewährte den +merkwürdigsten Anblick. Die zwei häutigen gestreiften Flügel sind so +gebogen, daß die Luft beim Niederfallen unter einem Winkel von 45 Grad +gegen sie drückt. Glücklicherweise waren die Früchte, die wir auflasen, +reif. Wir schickten welche nach Europa und sie keimten in den Gärten zu +Berlin, Paris und Malmaison. Die vielen Voladorpflanzen, die man jetzt in +den Gewächshäusern sieht, kommen alle von dem einzigen Baum der Art, der +bei Mariara steht. Die geographische Vertheilung der verschiedenen Arten +von Gyrocarpus, den Brown zu den Laurineen rechnet, ist eine sehr +auffallende. Jacquin sah eine Art bei Carthagena das Indias; eine andere +Art, die auf den Bergen an der Küste von Coromandel wächst, hat Roxburgh +beschrieben; eine dritte und vierte kommen in der südlichen Halbkugel auf +den Küsten von Neuholland vor. + +Während wir nach dem Bade uns, nach Landessitte, halb in ein Tuch +gewickelt, von der Sonne trocknen ließen, trat ein kleiner Mulatte zu uns. +Nachdem er uns freundlich gegrüßt, hielt er uns eine lange Rede über die +Kraft der Wasser von Mariara, über die vielen Kranken, die sie seit +einigen Jahren besuchten, über die günstige Lage der Quellen zwischen zwei +Städten, Valencia und Caracas, wo das Sittenverderbniß mit jedem Tage +ärger werde. Er zeigte uns sein Haus, eine kleine offene Hütte aus +Palmblättern, in einer Einzäunung, ganz nahe bei, an einem Bach, der in +das Bad läuft. Er versicherte uns, wir finden daselbst alle möglichen +Bequemlichkeiten, Nägel, unsere Hängematten zu befestigen, Ochsenhäute, um +auf Rohrbänken zu schlafen, irdene mit immer frischem Wasser, und was uns +nach dem Bad am besten bekommen werde, *Iguanas*, große Eidechsen, deren +Fleisch für eine erfrischende Speise gilt. Wir ersahen aus diesem Vortrag, +daß der arme Mann uns für Kranke hielt, die sich an der Quelle einrichten +wollten. Er nannte sich »Wasserinspektor und *Pulpero*(57) des Platzes.« +Auch hatte seine Zuvorkommenheit gegen uns ein Ende, als er erfuhr, daß +wir bloß aus Neugierde da waren, oder, wie man in den Colonien, dem wahren +Schlaraffenlande, sagt, »_para ver, no mas_« (um zu sehen, weiter nichts). + +Man gebraucht das Wasser von Mariara mit Erfolg gegen rheumatische +Geschwülste, alte Geschwüre und gegen die schreckliche Hautkrankheit, +Bubas genannt, die nicht immer syphilitischen Ursprungs ist. Da die +Quellen nur sehr wenig Schwefelwasserstoff enthalten, muß man da baden, wo +sie zu Tage kommen. Weiterhin überrieselt man mit dem Wasser die +Indigofelder. Der reiche Besitzer von Mariara, Don Domingo Tovar, ging +damit um, ein Badehaus zu bauen und eine Anstalt einzurichten, wo +Wohlhabende etwas mehr fanden als Eidechsenfleisch zum Essen und Häute auf +Bänken zum Ruhen. + +Am 21. Februar Abends brachen wir von der schönen Hacienda de Cura nach +Guacara und Nueva Valencia auf. Wegen der schrecklichen Hitze bei Tage +reisten wir lieber bei Nacht. Wir kamen durch den Weiler Punta Zamuro am +Fuß der hohen Berge las Viruelas. Am Wege stehen große Zamangs oder +Mimosen, deren Stamm 60 Fuß hoch wird. Die fast wagerechten Aeste +derselben stoßen auf mehr als 150 Fuß Entfernung zusammen. Nirgends habe +ich ein schöneres, dichteres Laubdach gesehen. Die Nacht war dunkel; die +Teufelsmauer und ihre gezackten Felsen tauchten zuweilen in der Ferne auf, +beleuchtet vom Schein der brennenden Savanen oder in röthliche Rauchwolken +gehüllt. Wo das Gebüsch am dichtesten war, scheuten unsere Pferde ob dem +Geschrei eines Thiers, das hinter uns her zu kommen schien. Es war ein +großer Tiger, der sich seit drei Jahren in diesen Bergen umtrieb und den +Nachstellungen der kühnsten Jäger entgangen war. Er schleppte Pferde und +Maulthiere sogar aus Einzäunungen fort; da es ihm aber nicht an Nahrung +fehlte, hatte er noch nie Menschen angefallen. Der Neger, der uns führte, +erhob ein wildes Geschrei, um den Tiger zu verscheuchen, was natürlich +nicht gelang. Der Jaguar streicht, wie der europäische Wolf, den Reisenden +nach, auch wenn er sie nicht anfallen will; der Wolf thut dieß auf freiem +Feld, auf offenen Landstrecken, der Jaguar schleicht am Wege hin und zeigt +sich nur von Zeit zu Zeit im Gebüsch. + +Den dreiundzwanzigsten brachten wir im Hause des Marques del Toro im Dorfe +Guacara, einer sehr starken indianischen Gemeinde, zu. Die Eingeborenen, +deren Corregidor, Don Pedro Peñalver, ein sehr gebildeter Mann war, sind +ziemlich wohlhabend. Sie hatten eben bei der Audiencia einen Proceß +gewonnen, der ihnen die Ländereien wieder zusprach, welche die Weißen +ihnen streitig gemacht. Eine Allee von Carolinenbäumen führt von Guacara +nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dieses prachtvolle Gewächs, das +eine der vornehmsten Zierden der Gewächshäuser in Schönbrunn ist.(58) +Mocundo ist eine reiche Zuckerpflanzung der Familie Toto. Man findet hier +sogar, was in diesem Lande so selten ist, »den Luxus des Ackerbaus,« einen +Garten, künstliche Gehölze und am Wasser auf einem Gneißfels ein Lusthaus +mit einem *Mirador* oder Belvedere. Man hat da eine herrliche Aussicht auf +das westliche Stück des Sees, auf die Gebirge ringsum und auf einen +Palmenwald zwischen Guacara und Nueva Valencia. Die Zuckerfelder mit dem +lichten Grün des jungen Rohrs erscheinen wie ein weiter Wiesgrund. Alles +trägt den Stempel des Ueberflusses, aber die das Land bauen, müssen ihre +Freiheit daran setzen. In Mocundo baut man mit 230 Negern 77 Tablones oder +*Stücke* Zuckerrohr, deren jedes 10,000 Quadrat-Varas(59) mißt und +jährlich einen Reinertrag von 200--240 Piastern gibt. Man setzt die +Stecklinge des creolischen und des otaheitischen Zuckerrohrs im April, bei +ersterem je 4, bei letzterem 5 Schuh von einander. Das Rohr braucht 14 +Monate zur Reife. Es blüht im Oktober, wenn der Setzling kräftig ist, man +kappt aber die Spitze, ehe die Rispe sich entwickelt. Bei allen +Monocotyledonen (beim Maguey, der in Mexico wegen des *Pulque* gebaut +wird, bei der Weinpalme und dem Zuckerrohr) erhalten die Säfte durch die +Blüthe eine andere Mischung. Die Zuckerfabrikation ist in Terra Firma sehr +mangelhaft, weil man nur für den Verbrauch im Lande fabricirt und man für +den Absatz im Großen sich lieber an den sogenannten *Papelon* als an +raffinirten und Rohzucker hält. Dieser Papelon ist ein unreiner, +braungelber Zucker in ganz kleinen Hüten. Er ist mit Melasse und +schleimigten Stoffen verunreinigt. Der ärmste Mann ißt Papelon, wie man in +Europa Käse ißt; man hält ihn allgemein für nahrhaft. Mit Wasser gegohren +gibt er den *Guarapo*, das Lieblingsgetränk des Volks. Zum Auslaugen des +Rohrsafts bedient man sich, statt des Kalks, des unterkohlensauren Kalis. +Man nimmt dazu vorzugsweise die Asche des *Bucare*, der _Erythrina +corallodendron_. + +Das Zuckerrohr ist sehr spät, wahrscheinlich erst zu Ende des sechzehnten +Jahrhunderts, von den Antillen in die Thäler von Aragua gekommen. Man +kannte es seit den ältesten Zeiten in Indien, in China und auf allen +Inseln des stillen Meeres; in Chorasan und in Persien wurde es schon im +fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Gewinnung festen Zuckers +gebaut. Die Araber brachten das Rohr, das für die Bewohner heißer und +gemäßigter Länder von so großem Werthe ist, an die Küsten des Mittelmeers. +Im Jahr 1306 wurde es auf Sicilien noch nicht gebaut, aber auf Cypern, +Rhodus und in Morea war es bereits verbreitet; hundert Jahre darauf war es +ein werthvoller Besitz Calabriens, Siciliens und der spanischen Küsten. +Von Sicilien verpflanzte der Infant Henriquez das Zuckerrohr nach Madera, +von Madera kam es auf die Canarien, wo es ganz unbekannt war; denn die +_Ferulae_ von denen Juba spricht (_quae expressae liquorem fundunt potui +jucundum_) sind Euphorbien, _Tabayba dulce_, und kein Zuckerrohr, wie man +neuerdings behauptet hat. Nicht lange, so waren zehn Zuckermühlen +(_ingenios de azucar_ auf der großen Canaria, auf Palma und auf Teneriffa +zwischen Adexe, Icod und Garachico. Man brauchte Neger zum Bau, und ihre +Nachkommen leben noch in den Höhlen von Tiraxana auf der großen Canaria. +Seit das Zuckerrohr auf die Antillen verpflanzt worden ist, und seit die +neue Welt den glückseligen Inseln den Mais geschenkt, hat der Anbau dieser +Grasart auf Teneriffa und der großen Canaria den Zuckerbau verdrängt. +Jetzt wird dieser nur noch auf Palma bei Argual und Taxacorte getrieben +und liefert kaum 1000 Centner Zucker im Jahr. Das canarische Rohr, das +Aiguilon nach St. Domingo brachte, wurde dort seit 1517 oder den sechs, +sieben folgenden Jahren unter der Herrschaft der Hieronymiter-Mönche +gebaut. Von Anfang an wurden Neger dazu verwendet, und schon 1519 stellte +man, gerade wie heutzutage, der Regierung vor, »die Antillen wären +verloren und müßten wüste liegen bleiben, wenn man nicht alle Jahre +Sklaven von der Küste von Guinea herüberbrächte.« + +Seit einigen Jahren haben sich der Anbau und die Fabrikation des Zuckers +in Terra Firma bedeutend verbessert, und da auf Jamaica das Raffiniren +gesetzlich verboten ist, so glaubt man auf die Aussicht von raffinirtem +Zucker in die englischen Colonien auf dem Wege des Schleichhandels rechnen +zu können. Aber der Verbrauch in den Provinzen von Venezuela an Papelon +und an Rohzucker zu Chocolate und Zuckerbäckerei (_dulces_) ist so groß, +daß die Ausfuhr bis jetzt gar nicht in Betracht kam. Die schönsten +Zuckerpflanzungen sind in den Thälern von Aragua und des Tuy, bei Pao de +Zarete, zwischen Victoria und San Sebastiano, bei Guatire, Guarenas und +Caurimare. Wie das Zuckerrohr zuerst von den Canarien in die neue Welt +kam, so stehen noch jetzt meist Canarier oder *Islengos* den großen +Pflanzungen vor und geben beim Anbau und beim Raffiniren die Anleitung. +Dieser innige Verkehr mit den canarischen Inseln und ihren Bewohnern hat +auch zur Einführung der Kameele in die Provinzen von Venezuela Anlaß +gegeben. Der Marques del Toro ließ ihrer drei von Lancerota kommen. Die +Transportkosten waren sehr bedeutend, weil die Thiere auf den Kauffahrern +sehr viel Raum einnehmen und sie sehr viel süßes Wasser bedürfen, da die +lange Ueberfahrt sie stark angreift. Ein Kameel, für das man nur dreißig +Piaster bezahlt, hatte nach der Ankunft auf der Küste von Caracas acht- +bis neunhundert Piaster gekostet. Wir sahen diese Thiere in Mocundo; von +vieren waren schon drei in Amerika geworfen. Zwei waren vom Biß des Coral, +einer giftigen Schlange, die am See sehr häufig ist, zu Grunde gegangen. +Man braucht bis jetzt diese Kameele nur, um das Zuckerrohr in die Mühlen +zu schaffen. Die männlichen Thiere, die stärker sind als die weiblichen, +tragen 40--50 Arrobas. Ein reicher Gutsbesitzer in der Provinz-Barinas +wollte, aufgemuntert durch den Vorgang des Marques del Toro, 15,000 +Piaster aufwenden und auf einmal 14 bis 15 Kameele von den canarischen +Inseln kommen lassen. Solche Unternehmungen sind um so lobenswerther, da +man diese Lastthiere zum Waarentransport durch die glühend heißen Ebenen +am Casanare, Apure und bei Calabozo benützen will, die in der trockenen +Jahreszeit den afrikanischen Wüsten gleichen. Ich habe anderwärts +bemerkt,(60) wie sehr zu wünschen wäre, daß die Eroberer schon zu Anfang +des sechzehnten Jahrhunderts, wie Rindvieh, Pferde und Maulthiere, so auch +Kameele nach Amerika verpflanzt hätten. Ueberall wo in unbewohnten Ländern +sehr große Strecken zurückzulegen sind, wo sich keine Kanäle anlegen +lassen, weil sie zu viele Schleußen erforderten (wie auf der Landenge von +Panama, auf der Hochebene von Mexico, in den Wüsten zwischen dem +Königreich Quito und Peru, und zwischen Peru und Chili), wären Kameele für +den Handelsverkehr im Innern von der höchsten Bedeutung. Man muß sich um +so mehr wundern, daß die Regierung nicht gleich nach der Eroberung die +Einführung des Thiers aufgemuntert hat, da noch lange nach der +Unterwerfung von Grenada das Kameel, das Lieblingsthier der Mauren, im +südlichen Spanien sehr häufig war. Ein Biscayer, Juan de Reinaga, hatte +auf seine Kosten einige Kameele nach Peru gebracht. Pater Acosta sah sie +gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts am Fuße der Anden; da sie aber +schlecht gepflegt wurden, pflanzten sie sich spärlich fort und starben +bald aus. In diesen Zeiten der Unterdrückung und des Elends, die man als +die Zeiten des spanischen Ruhmes schildert, vermietheten die Encomenderos +den Reisenden Indianer wie Lastthiere. Man trieb sie zu Hunderten +zusammen, um Waaren über die Cordilleren zu schleppen, oder um die Heere +auf ihren Eroberungs- und Raubzügen zu begleiten. Die Eingeborenen +unterzogen sich diesem Dienst um so geduldiger, da sie, beim fast völligen +Mangel an Hausthieren, schon seit langer Zeit von ihren eigenen +Häuptlingen, wenn auch nicht so unmenschlich, dazu angehalten worden +waren. Die von Juan de Reinaga versuchte Einführung der Kameele brachte +die Encomenderos, die nicht gesetzlich, aber faktisch die Grundherrn der +indianischen Dörfer waren, gewaltig in Aufruhr. Es ist nicht zu +verwundern, daß der Hof den Beschwerden dieser Herrn Gehör gab; aber durch +diese Maaßregel ging Amerika eines Mittels verlustig, das mehr als irgend +etwas den Verkehr im Innern und den Waarenaustausch erleichtern konnte. +Jetzt, da seit Carls III. Regierung die Indianer unter einem milderen +Regimente stehen, und alle Zweige des einheimischen Gewerbfleißes sich +freier entwickeln können, sollte die Einführung der Kameele im Großen, und +von der Regierung selbst versucht werden. Würden einige hundert dieser +nützlichen Thiere auf dem ungeheuren Areal von Amerika in heißen, +trockenen Gegenden angesiedelt, so würde sich der günstige Einfluß auf den +allgemeinen Wohlstand schon in wenigen Jahren merkbar machen. Provinzen, +die durch Steppen getrennt sind, wären von Stunde an einander näher +gerückt; manche Waaren aus dem Innern würden an den Küsten wohlfeiler, und +durch die Vermehrung der Kameele, zumal der *Hedjines*, der *Schiffe der +Wüste*, käme ein ganz anderes Leben in den Gewerbfleiß und den Handel der +neuen Welt. + +Am zweiundzwanzigsten Abends brachen wir von Mocundo auf und gingenüber +los Guayos nach Nueva Valencia. Man kommt durch einen kleinen Palmenwald, +dessen Bäume nach dem Habitus und der Bildung der fächerförmigen Blätter +dem _Chamaerops humilis_ an der Küste der Berberei gleichen. Der Stamm +wird indessen 24, zuweilen sogar 30 Fuß hoch. Es ist wahrscheinlich eine +neue Art der Gattung _Corypha_; die Palme heißt im Lande _Palma de +Sombrero_ weil man aus den Blattstielen Hüte, ähnlich unsern Strohhüten +flicht. Das Palmengehölz, wo die dürren Blätter beim geringsten Luftzug +rasseln, die auf der Ebene weidenden Kameele, das Wallen der Dünste auf +einem vom Sonnenstrahl glühenden Boden, geben der Landschaft ein +afrikanisches Gepräge. Je näher man an der Stadt und über das westliche +Ende des Sees hinaus kommt, desto dürrer wird der Boden. Es ist ein ganz +ebener, vom Wasser verlassener Thonboden. Die benachbarten Hügel, _Morros +de Valencia_ genannt, bestehen aus weißem Tuff, einer ganz neuen Bildung, +die unmittelbar auf dem Gneiß aufliegt. Sie kommt bei Victoria und an +verschiedenen andern Punkten längs der Küstengebirgskette wieder zum +Vorschein. Die weiße Farbe dieses Tuffs, von dem die Sonnenstrahlen +abprallen, trägt viel zur drückenden Hitze bei, die hier herrscht. Alles +ist wüst und öde, kaum sieht man an den Ufern des Rio de Valencia hie und +da einen Cacaostamm; sonst ist die Ebene kahl, pflanzenlos. Diese +anscheinende Unfruchtbarkeit schreibt man hier, wie überall in den Thälern +von Aragua, dem Indigobau zu, der den Boden stärker erschöpft (_cansa_) +als irgend ein Gewächs. Es ware interessant, sich nach den wahren +physischen Ursachen dieser Erscheinung umzusehen, über die man, wie ja +auch über die Wirkung der Brache und der Wechselwirthschaft, noch lange +nicht im Reinen ist. Ich beschränke mich auf die allgemeine Bemerkung, daß +man unter den Tropen desto häufiger über die zunehmende Unfruchtbarkeit +des Baulandes klagen hört, je näher man sich der Zeit der ersten +Urbarmachung befindet. In einem Erdstrich, wo fast kein Gras wächst, wo +jedes Gewächs einen holzigten Stengel hat und gleich zum Busch aufschießt, +ist der unangebrochene Boden fortwährend von hohen Bäumen oder von +Buschwerk beschattet. Unter diesen dichten Schatten erhält er sich überall +frisch und feucht. So üppig der Pflanzenwuchs unter den Tropen erscheint, +so ist doch die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln auf einem nicht +angebauten Boden geringer, während auf dem mit Indigo, Zuckerrohr oder +Manioc angepflanzten Lande die Gewächse weit dichter bei einander stehen. +Die Bäume und Gebüsche mit ihrer Fülle von Zweigen und Laub ziehen, ihre +Nahrung zum großen Theil aus der umgebenden Luft, und die Fruchtbarkeit +des jungfräulichen Bodens nimmt zu durch die Zersetzung des +vegetabilischen Stoffs, der sich fortwährend auf demselben aufhäuft. Ganz +anders bei den mit Indigo oder andern krautartigen Gewächsen bepflanzten +Feldern. Die Sonnenstrahlen fallen frei auf den Boden und zerstören durch +die rasche Verbrennung der Kohlenwasserstoff- und anderer oxydirbaren +Verbindungen die Keime der Fruchtbarkeit. Diese Wirkungen fallen den +Colonisten desto mehr auf, da sie in einem noch nicht lange bewohnten +Lande die Fruchtbarkeit eines seit Jahrtausenden unberührten Bodens mit +dem Ertrag der bebauten Felder vergleichen können. In Bezug auf den Ertrag +des Ackerbaus sind gegenwärtig die spanischen Colonien auf dem Festland +und die großen Inseln Portorico und Cuba gegen die kleinen Antillen +bedeutend im Vortheil; Erstere haben vermöge ihrer Größe, der +mannigfaltigen Bodenbildung und der verhältnißmäßig geringen Bevölkerung +noch ganz den Typus eines unberührten Bodens, während man auf Barbados, +Tabago, Santa Lucia, auf den Jungfraueninseln und im französischen Antheil +von St. Domingo nachgerade spürt, daß lange fortgesetzter Anbau den Boden +erschöpft. Wenn man in den Thälern von Aragua die Indigofelder, statt sie +aufzugeben und brach liegen zu lassen, nicht mit Getreide, sondern mit +andern nährenden und Futterkräutern anpflanzte, wenn man dazu vorzugsweise +Gewächse aus verschiedenen Familien nähme, und solche, die mit breiten +Blättern den Boden beschatten, so würden allmälig die Felder verbessert +und ihnen ihre frühere Fruchtbarkeit zum Theil wieder gegeben werden. + +Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen ansehnlichen Flächenraum ein; aber +die Bevölkerung ist kaum sechs- bis siebentausend Seelen stark. Die +Straßen sind sehr breit, der Markt (_plaza mayor_) ist übermäßig groß, und +da die Häuser sehr niedrig sind, ist das Mißverhältniß zwischen der +Bevölkerung und der Ausdehnung der Stadt noch auffallender als in Caracas. +Viele Weiße von europäischer Abstammung, besonders die ärmsten, ziehen aus +ihren Häusern und leben den größten Theil des Jahrs auf ihren kleinen +Indigo- oder Baumwollenpflanzungen. Dort wagen sie es mit eigenen Händen +zu arbeiten, während ihnen dieß, nach dem im Lande herrschenden +eingewurzelten Vorurtheil, in der Stadt zur Schande gereichte. Der +Gewerbfleiß fängt im allgemeinen an sich zu regen, und der Baumwollenbau +hat bedeutend zugenommen, seit dem Handel von Porto Cabello neue +Freiheiten ertheilt worden sind und dieser Hafen als Haupthafen, als +_puerto mayor_ den unmittelbar aus dem Mutterlande kommenden Schiffen +offen steht. + +Nueva Valencia wurde im Jahr 1555 unter Villacindas Statthalterschaft von +Alonzo Diaz Moreno gegründet, und ist also zwölf Jahre älter als Caracas. +Wir haben schon früher bemerkt, daß in Venezuela die spanische Bevölkerung +von West nach Ost vorgerückt ist. Valencia war anfangs nur eine zu +Burburata gehörige Gemeinde, aber letztere Stadt ist jetzt nur noch ein +Platz, wo Maulthiere eingeschifft werden. Man bedauert, und vielleicht mit +Recht, daß Valencia nicht die Hauptstadt des Landes geworden ist. Ihre +Lage auf einer Ebene, am Ufer eines Sees würde an die von Mexico erinnern. +Wenn man bedenkt, wie bequem man durch die Thäler von Aragua in die Llanos +und an die Nebenflüsse des Orinoco gelangt, wenn man sich überzeugt, daß +sich durch den Rio Pao und die Portugueza eine Schifffahrtverbindung im +innern Lande bis zur Mündung des Orinoco, zum Cassiquiare und dem +Amazonenstrom herstellen ließe, so sieht man ein, daß die Hauptstadt der +ausgedehnten Provinzen von Venezuela in der Nähe des prächtigen Hafens von +Porto Cabello, unter einem reinen, heitern Himmel besser läge, als bei der +schlecht geschützten Rhede von Guayra, in einem gemäßigten, aber das ganze +Jahr nebligten Thale. So nahe beim Königreich Neu-Grenada, mitten inne +zwischen den getreidereichen Gebieten von Victoria und Barquesimeto, hätte +die Stadt Valencia gedeihen müssen; sie konnte aber nicht gegen Caracas +aufkommen, das ihr zwei Jahrhunderte lang einen bedeutenden Theil der +Einwohner entzogen hat. Die Mantuanosfamilien lebten lieber in der +Hauptstadt als in einer Provinzialstadt. + +Wer nicht weiß, von welcher Unmasse von Ameisen alle Länder in der heißen +Zone heimgesucht sind, macht sich keinen Begriff von den Zerstörungen +dieser Insekten und von den Bodensenkungen, die von ihnen herrühren. Sie +sind im Boden, auf dem Valencia steht, in so ungeheurer Menge, daß die +Gänge, die sie graben, unterirdischen Kanälen gleichen, in der Regenzeit +sich mit Wasser füllen und den Gebäuden sehr gefährlich werden. Man hat +hier nicht zu den sonderbaren Mitteln gegriffen, die man zu Anfang des +sechzehnten Jahrhunderts auf St. Domingo anwendete, als Ameisenschwärme +die schönen Ebenen von la Vega und die reichen Besitzungen des Ordens des +h. Franciscus verheerten. Nachdem die Mönche vergebens die Ameisenlarven +verbrannt und es mit Räucherungen versucht hatten, gaben sie den Leuten +den Rath, einen Heiligen herauszuloosen, der als _Abagado contra los +Hormigas_ dienen sollte. Die Ehre ward dem heiligen Saturnin zu Theil, und +als man das erstemal das Fest des Heiligen beging, verschwanden die +Ameisen. Seit den Zeiten der Eroberung hat der Unglauben gewaltige +Fortschritte gemacht, und nur auf dem Rücken der Cordilleren fand ich eine +kleine Capelle, in der, der Inschrift zufolge, für die Vernichtung der +*Termiten* gebetet werden sollte. + +Valencia hat einige geschichtliche Erinnerungen aufzuweisen, sie sind +aber, wie Alles, was die Colonien betrifft, nicht sehr alt und beziehen +sich entweder auf bürgerliche Zwiste oder auf blutige Gefechte mit den +Wilden. Lopez de Aguirre, dessen Frevelthaten und Abenteuer eine der +dramatischsten Episoden in der Geschichte der Eroberung bilden, zog im +Jahr 1561 aus Peru über den Amazonenstrom auf die Insel Margarita und von +dort über den Hafen von Burburata in die Thaler von Aragua. Als er in +Valencia eingezogen, die stolz den Namen einer *königlichen Stadt*, _Villa +de el Rey_, führt, verkündigte er die Unabhängigkeit des Landes und die +Absetzung Philipps II. Die Einwohner flüchteten sich auf die Inseln im See +und nahmen zu größerer Sicherheit alle Boote am Ufer mit. In Folge dieser +Kriegslist konnte Aguirre seine Grausamkeiten nur an seinen eigenen Leuten +verüben. In Valencia schrieb er den berüchtigten Brief an den König von +Spanien, der ein entsetzlich wahres Bild von den Sitten des Kriegsvolks im +sechzehnten Jahrhundert gibt. Der Tyrann (so heißt Aguirre beim Volk noch +jetzt) prahlt unter einander mit seinen Schandthaten und mit seiner +Frömmigkeit; er ertheilt dem Könige Rathschläge hinsichtlich der Regierung +der Colonien und der Einrichtung der Missionen. Mitten unter wilden +Indianern, auf der Fahrt auf einem großen Süßwassermeer, wie er den +Amazonenstrom nennt, »fühlt er große Besorgniß ob der Ketzereien Martin +Luthers und der wachsenden Macht der Abtrünnigen in Europa.« Lopez de +Aguirre wurde, nachdem die Seinigen von ihm abgefallen, in Barquesimeto +erschlagen. Als es mit ihm zu Ende ging, stieß er seiner einzigen Tochter +den Dolch in die Brust, »um ihr die Schande zu ersparen, bei den Spaniern +die Tochter eines Verräthers zu heißen.« »Die Seele des Tyrannen« -- so +glauben die Eingeborenen -- geht in den Savanen um in Gestalt einer +Flamme, die entweicht, wenn ein Mensch auf sie zugeht. + +Das zweite geschichtliche Ereigniß, das sich an Valencia knüpft, ist der +Einfall der Caraiben vom Orinoco her in den Jahren 1578 und 1580. Diese +Horde von Menschenfressern zog am Guarico herauf und über die Llanos +herüber. Sie wurde vom tapfern Garci-Gonzalez, einem der Capitäne, deren +Namen noch jetzt in diesen Provinzen in hohen Ehren steht, glücklich +zurückgeschlagen. Mit Befriedigung denkt man daran, daß die Nachkommen +derselben Caraiben jetzt als friedliche Ackerbauer in den Missionen leben, +und daß kein wilder Volksstamm in Guyana es mehr wagt, über die Ebenen +zwischen der Waldregion und dem angebauten Lande herüberzukommen. + +Die Küstencordillere ist von mehreren Schluchten durchschnitten, die +durchgängig von Südost nach Nordwest streichen. Dieß wiederholt sich von +der Quebrada de Tocume zwischen Petarez und Caracas bis Porto Cabello. Es +ist als wäre aller Orten der Stoß von Südost gekommen, und die Erscheinung +ist um so auffallender, da die Gneiß- und Glimmerschieferschichten in der +Küstencordillere meist von Südwest nach Nordost streichen. Die meisten +dieser Schluchten schneiden in den Südabhang der Berge ein, gehen aber +nicht ganz durch; nur im Meridian von Nueva Valencia befindet sich eine +Oeffnung (_Abra_), durch die man zur Küste hinunter gelangt und durch die +jeden Abend ein sehr erfrischender Seewind in die Thäler von Aragua +heraufkommt. Der Wind stellt sich regelmäßig zwei bis drei Stunden nach +Sonnenuntergang ein. + +Durch diese *Abra*, über den Hof Barbula und durch einen östlichen Zweig +der Schlucht baut man eine neue Straße von Valencia nach Porto Cabello. +Sie wird so kurz, daß man nur vier Stunden in den Hafen braucht und man in +Einem Tage vom Hafen in die Thäler von Aragua und wieder zurück kann. Um +diesen Weg kennen zu lernen, gingen wir am sechs und zwanzigsten Februar +Abends nach dem Hofe Barbula, in Gesellschaft der Eigenthümer, der +liebenswürdigen Familie Arambary. + +Am sieben und zwanzigsten Morgens besuchten wir die heißen Quellen bei der +Trinchera, drei Meilen von Valencia. Die Schlucht ist sehr breit und es +geht vom Ufer des Sees bis zur Küste fast beständig abwärts. Trinchera +heißt der Ort nach den kleinen Erdwerken, welche französische Flibustiers +angelegt, als sie im Jahre 1677 die Stadt Valencia plünderten. Die heißen +Quellen, und dieß ist geologisch nicht uninteressant, entspringen nicht +südlich von den Bergen, wie die von Mariara, Onoto und am Brigantin; sie +kommen vielmehr in der Bergkette selbst, fast am Nordabhang, zu Tag. Sie +sind weit stärker als alle, die wir bisher gesehen, und bilden einen Bach, +der in der trockensten Jahreszeit zwei Fuß tief und achtzehn breit ist. +Die Temperatur des Wassers war, sehr genau gemessen, 90°,3. Nach den +Quellen von Urijino in Japan, die reines Wasser seyn und eine Temperatur +von 100° haben sollen, scheint das Wasser von la Trinchera de Porto +Cabello das heißeste, das man überhaupt kennt. Wir frühstückten bei der +Quelle. Eier waren im heißen Wasser in weniger als vier Minuten gar. Das +stark schwefelwasserstoffhaltige Wasser entspringt auf dem Gipfel eines +Hügels, der sich 150 Fuß über die Sohle der Schlucht erhebt und von +Süd-Süd-Ost nach Nord-Nord-West streicht. Das Gestein, aus dem die Quelle +kommt, ist ein ächter grobkörniger Granit, ähnlich dem der Teufelsmauer in +den Bergen von Mariara. Ueberall wo das Wasser an der Luft verdunstet, +bildet es Niederschläge und Incrustationen von kohlensaurem Kalk. Es geht +vielleicht durch Schichten von Urkalk, der im Glimmerschiefer und Gneiß an +der Küste von Caracas so häufig vorkommt. Die Ueppigkeit der Vegetation um +das Becken überraschte uns. Mimosen mit zartem, gefiedertem Laub, Clusien +und Feigenbäume haben ihre Wurzeln in den Boden eines Wasserstücks +getrieben, dessen Temperatur 85° betrug. Ihre Aeste stehen nur zwei, drei +Zoll über dem Wasserspiegel. Obgleich das Laub der Mimosen beständig vom +heißen Wasserdampf befeuchtet wird, ist es doch sehr schön grün. Ein Arum +mit holzigtem Stengel und pfeilförmigen Blättern wuchs sogar mitten in +einer Lache von 70° Temperatur. Dieselben Pflanzenarten kommen anderswo in +diesem Gebirge an Bächen vor, in denen der Thermometer nicht auf 18° +steigt. Noch mehr, vierzig Fuß von der Stelle, wo die 90° heißen Quellen +entspringen, finden sich auch ganz kalte. Beide Gewässer laufen eine +Strecke weit neben einander fort, und die Eingebornen zeigten uns, wie man +sich, wenn man zwischen beiden Bächen ein Loch in den Boden gräbt, ein Bad +von beliebiger Temperatur verschaffen kann. Es ist auffallend, wie in den +heißesten und in den kältesten Erdstrichen der gemeine Mann gleich sehr +die Wärme liebt. Bei der Einführung des Christenthums in Island wollte +sich das Volk nur in den warmen Quellen am Hella taufen lassen, und in der +heißen Zone, im Tiefland und auf den Cordilleren, laufen die Eingeborenen +von allen Seiten den warmen Quellen zu. Die Kranken, die nach Trinchera +kommen, um Dampfbäder zu brauchen, errichten über der Quelle eine Art +Gitterwerk aus Baumzweigen und ganz dünnem Rohr. Sie legen sich nackt auf +dieses Gitter, das, wie mir schien, nichts weniger als fest und nicht ohne +Gefahr zu besteigen ist. Der _Rio de aguas calientes_ läuft nach Nordost +und wird in der Nahe der Küste zu einem ziemlich ansehnlichen Fluß, in dem +große Krokodile leben, und der durch sein Austreten den Uferstrich +ungesund machen hilft. + +Wir gingen immer rechts am warmen Wasser nach Porto Cabello hinunter. Der +Weg ist ungemein malerisch. Das Wasser stürzt über die Felsbänke nieder, +und es ist als hätte man die Fülle der Neuß vom Gotthard herab vor sich; +aber welch ein Contrast, was die Kraft und Ueppigkeit des Pflanzenwuchses +betrifft! Zwischen blühenden Gesträuchen, aus Bignonien und Melastomen +erheben sich majestätisch die weißen Stämme der Cecropia. Sie gehen erst +aus, wenn man nur noch in 100 Toisen Meereshöhe ist. Bis hieher reicht +auch eine kleine stachligte Palme, deren zarte, gefiederte Blätter an den +Rändern wie gekräuselt erscheinen. Sie ist in diesem Gebirge sehr häufig; +da wir aber weder Blüthe noch Frucht gesehen haben, wissen wir nicht, ob +es die *Piritupalme* der Caraiben oder Jacquins _Cocos aculeata_ ist. + +Je näher wir der Küste kamen, desto drückender wurde die Hitze. Ein +röthlicher Dunst umzog den Horizont; die Sonne war am Untergehen, aber der +Seewind wehte noch nicht. Wir ruhten in den einzeln stehenden Höfen aus, +die unter dem Namen *Cambury* und *Haus des Canariers* (_Casa del +Isleñgo_) bekannt sind. Der _Rio de aguas calientes_, an dem wir hinzogen, +wurde immer tiefer. Am Ufer lag ein todtes Krokodil; es war über neun Fuß +lang. Wir hätten gerne seine Zähne und seine Mundhöhle untersucht; aber es +lag schon mehrere Wochen in der Sonne und stank so furchtbar, daß wir +dieses Vorhaben aufgeben und wieder zu Pferde steigen mußten. Ist man im +Niveau des Meeres angelangt, so wendet sich der Weg ostwärts und läuft +über einen dürren anderthalb Meilen breiten Strand, ähnlich dem bei +Cumana. Man sieht hin und wieder eine Fackeldistel, ein Sesuvium, ein paar +Stämme _Coccoloba uvifera_ und längs der Küste wachsen Avicennien und +Wurzelträger. Wir wateten durch den Guayguazo und den Rio Estevan, die, da +sie sehr oft austreten, große Lachen stehenden Wassers bilden. Auf dieser +weiten Ebene erheben sich wie Klippen kleine Felsen aus Mäandriten, +Madreporiten und andern Corallen. Man könnte in denselben einen Beweis +sehen, daß sich die See noch nicht sehr lange von hier zurückgezogen; aber +diese Massen von Polypengehäusen sind nur Bruchstücke, in eine Breccie mit +kalkigtem Bindemittel eingebacken. Ich sage in eine Breecie, denn man darf +die weißen frischen Coralliten dieser sehr jungen Formation an der Küste +nicht mit den Coralliten verwechseln, die im Uebergangsgebirge, in der +Grauwacke und im schwarzen Kalkstein eingeschlossen vorkommen. Wir +wunderten uns nicht wenig, daß wir an diesem völlig unbewohnten Ort einen +starken, in voller Blüthe stehenden Stamm der _Parkinsonia aculeata_ +antrafen. Nach unsern botanischen Werken gehört der Baum der neuen Welt +an; aber in fünf Jahren haben wir ihn nur zweimal wild gesehen, hier auf +der Ebene am Rio Guayguaza und in den Llanos von Cumana, dreißig Meilen +von der Küste, bei Villa del Pao; Letzterer Ort konnte noch dazu leicht +ein alter *Conuco* oder eingehegtes Baufeld seyn. Sonst überall auf dem +Festland von Amerika sahen wir die Parkinsonia, wie die Plumeria, nur in +den Gärten der Indianer. + +Ich kam zu rechter Zeit nach Porto Cabello, um einige Höhen des Canopus +nahe am Meridian aufnehmen zu können; aber diese Beobachtungen, wie die am +acht und zwanzigsten Februar aufgenommenen correspondirenden Sonnenhöhen, +sind nicht sehr zuverläßig. Ich bemerkte zu spät, daß sich das +Diopterlineal eines Troughtonschen Sextanten ein wenig verschoben hatte. +Es war ein Dosensextant von zwei Zoll Halbmesser, dessen Gebrauch übrigens +den Reisenden sehr zu empfehlen ist. Ich brauchte denselben sonst meist +nur zu geodätischen Ausnahmen im Canoe auf Flüssen. In Porto Cabello wie +in Guayra streitet man darüber, ob der Hafen ostwärts oder westwärts von +der Stadt liegt, mit der derselbe den stärksten Verkehr hat. Die Einwohner +glauben, Porto Cabello liege Nord-Nord-West von Nueva Valencia. Aus meinen +Beobachtungen ergibt sich allerdings für jenen Ort eine Länge von 3--4 +Minuten im Bogen weiter nach West. Nach Fidalgo läge er ostwärts. + +Wir wurden im Hause eines französischen Arztes, Juliac, der sich in +Montpellier tüchtig gebildet hatte, mit größter Zuvorkommenheit +aufgenommen. In seinem kleinen Hause befanden sich Sammlungen mancherlei +Art, die aber alle den Reisenden interessiren konnten: +schönwissenschaftliche und naturgeschichtliche Bücher, meteorologische +Notizen, Bälge von Jaguars und großen Wasserschlangen, lebendige Thiere, +Affen, Gürtelthiere, Vögel. Unser Hausherr war Oberwundarzt am königlichen +Hospital in Porto Cabello, und im Lande wegen seiner tiefeingehenden +Beobachtungen über das gelbe Fieber Vortheilhaft bekannt. Er hatte in +sieben Jahren 600--800 von dieser schrecklichen Krankheit Befallene in das +Spital aufnehmen sehen; er war Zeuge der Verheerungen, welche die Seuche +im Jahr 1793 auf der Flotte des Admirals Ariztizabal angerichtet. Die +Flotte verlor fast ein Dritttheil ihrer Bemannung, weil die Matrosen fast +sämmtlich nicht acclimatisirte Europäer waren und frei mit dem Lande +verkehrten. Juliac hatte früher, wie in Terra Firma und auf den Inseln +gebräuchlich ist, die Kranken mit Blutlassen, gelinde abführenden Mitteln +und säuerlichen Getränken behandelt. Bei diesem Verfahren denkt man nicht +daran die Kräfte durch Reizmittel zu heben; man will beruhigen und +steigert nur die Schwäche und Entkräftung. In den Spitälern, wo die +Kranken dicht beisammen lagen, starben damals von den weißen Creolen 33 +Procent, von den frisch angekommenen Europäern 63 Procent. Seit man das +alte herabstimmende Verfahren aufgegeben hatte und Reizmittel anwendete, +Opium, Benzoe, weingeistige Getränke, hatte die Sterblichkeit bedeutend +abgenommen. Man glaubte, sie betrage nunmehr nur 20 Procent bei Europäern +und 10 bei Creolen, selbst dann, wenn sich schwarzes Erbrechen und +Blutungen aus der Nase, den Ohren und dem Zahnfleisch einstellen und so +die Krankheit in hohem Grade bösartig erscheint. Ich berichte genau, was +mir damals als allgemeines Ergebniß der Beobachtungen mitgetheilt wurde; +man darf aber, denke ich, bei solchen Zahlenzusammenstellungen nicht +vergessen, daß, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung, die Epidemien +mehrerer auf einander folgenden Jahre von einander abweichen, und daß man +bei der Wahl zwischen stärkenden und herabstimmenden Mitteln (wenn je ein +absoluter Unterschied zwischen beiden besteht) die verschiedenen Stadien +der Krankheit zu unterscheiden hat. + +Die Hitze ist in Porto Cabello nicht so stark als in Guayra. Der Seewind +ist stärker, häufiger, regelmäßiger; auch lehnen sich die Häuser nicht an +Felsen, die bei Tag die Sonnenstrahlen absorbiren und bei Nacht die Wärme +wieder von sich geben. Die Luft kann zwischen der Küste und den Bergen von +Ilaria freier circuliren. Der Grund der Ungesundheit der Luft ist im +Strande zu suchen, der sich westwärts, so weit das Auge reicht, gegen die +_Punta de Tucacos_ beim schönen Hafen von Chichiribiche fortzieht. Dort +befinden sich die Salzwerke und dort herrschen bei Eintritt der Regenzeit +die dreitägigen Wechselfieber, die leicht in atactische Fieber übergehen. +Man hat die interessante Bemerkung gemacht, daß die Mestizen, die in den +Salzwerken arbeiten, dunkelfarbiger sind und eine gelbere Haut bekommen, +wenn sie mehrere Jahre hinter einander an diesen Fiebern gelitten haben, +welche die *Küstenkrankheit* heißen. Die Bewohner dieses Strandes, arme +Fischer, behaupten, nicht daher, daß das Seewasser das Land überschwemme +und wieder abfließe, sey der mit Wurzelträgern bewachsene Boden so +ungesund, das Verderbniß der Luft rühre vielmehr vom süßen Wasser her, von +den Ueberschwemmungen des Rio Guayguaza und des Rio Estevan, die in den +Monaten October und November so plötzlich und so stark austreten. Die Ufer +des Rio Estevan sind bewohnbarer geworden, seit man daselbst kleine Mais- +und Pisangpflanzungen angelegt und durch Erhöhung und Befestigung des +Bodens dem Fluß ein engeres Bett angewiesen hat. Man geht damit um, dem +Estevan eine andere Mündung zu graben und dadurch die Umgegend von Porto +Cabello gesünder zu machen. Ein Kanal soll das Wasser an den Küstenstrich +leiten, der der Insel Guayguaza gegenüberliegt. + +Die Salzwerke von Porto Cabello gleichen so ziemlich denen auf der +Halbinsel Araya bei Cumana. Indessen ist die Erde, die man auslaugt, indem +man das Regenwasser in kleinen Becken sammelt, nicht so salzhaltig. Man +fragt hier wie in Cumana, ob der Boden mit Salztheilchen geschwängert sey, +weil er seit Jahrhunderten zeitweise unter Meerwasser gestanden, das an +der Sonne verdunstet, oder ob das Salz im Boden enthalten sey wie in einem +sehr armen Steinsalzwerk. Ich hatte nicht Zeit, den Strand hier so genau +zu untersuchen wie die Halbinsel Araya; läuft übrigens der Streit nicht +auf die höchst einfache Frage hinaus, ob das Salz von neuen oder aber von +uralten Ueberschwemmungen herrührt? Da die Arbeit in den Salzwerken von +Porto Cabello sehr ungesund ist, geben sich nur die ärmsten Leute dazu +her. Sie bringen das Salz an Ort und Stelle in kleine Magazine und +verkaufen es dann in den Niederlagen in der Stadt. + +Während unseres Aufenthaltes in Porto Cabello lief die Strömung an der +Küste, die sonst gewöhnlich nach West geht, von West nach Ost. Diese +*Strömung nach oben* (_corriente por arriba_), von der bereits die Rede +war, kommt zwei bis drei Monate im Jahr, vom September bis November, +häufig vor. Man glaubt, sie trete ein, wenn zwischen Jamaica und dem Cap +San Antonio auf Cuba Nord-Westwinde geweht haben. + +Die militärische Vertheidigung der Küsten von Terra Firma stützt sich auf +sechs Punkte, das Schloß San Antonio bei Cumana, den Morro bei Nueva +Barcelona, die Werke (mit 134 Geschützen) bei Guayra, Porto Cabello, das +Fort San Carlos an der Ausmündung des Sees Maracaybo, und Carthagena. Nach +Carthagena ist Porto Cabello der wichtigste feste Platz; die Stadt ist +ganz neu und der Hafen einer der schönsten in beiden Welten. Die Lage ist +so günstig, daß die Kunst fast nichts hinzuzuthun hatte. Eine Erdzunge +läuft Anfangs gegen Nord und dann nach West. Die westliche Spitze +derselben liegt einer Reihe von Inseln gegenüber, die durch Brücken +verbunden und so nahe bei einander sind, daß man sie für eine zweite +Landzunge halten kann. Diese Inseln bestehen sämmtlich aus Kalkbreccien +von sehr neuer Bildung, ähnlich der an der Küste von Cumana und am Schloß +Araya. Es ist ein Conglomerat von Madreporen und andern +Corallenbruchstücken, die durch ein kalkigtes Bindemittel und Sandkörner +verkittet sind. Wir hatten dasselbe Conglomerat bereits am Rio Guayguaza +gesehen. In Folge der eigenthümlichen Bildung des Landes stellt sich der +Hafen als ein Becken oder als eine innere Lagune dar, an deren südlichem +Ende eine Menge mit Manglebäumen bewachsener Eilande liegen. Daß der +Hafeneingang gegen West liegt, trägt viel zur Ruhe des Wassers bei. Es +kann nur Ein Fahrzeug auf einmal einlaufen, aber die größten Linienschiffe +können dicht am Lande ankern, um Wasser einzunehmen. Die einzige Gefahr +beim Einlaufen bieten die Riffe bei Punta Brava, denen gegenüber eine +Batterie von acht Geschützen steht. Gegen West und Südwest erblickt man +das Fort, ein regelmäßiges Fünfeck mit fünf Bastionen, die Batterie beim +Riff und die Werke um die alte Stadt, welche auf einer Insel liegt, die +ein verschobenes Viereck bildet. Ueber eine Brücke und das befestigte Thor +der Estacada gelangt man aus der alten Stadt in die neue, welche bereits +größer ist als jene, aber dennoch nur als Vorstadt gilt. Zu hinterst läuft +das Hafenbecken oder die Lagune um diese Vorstadt herum gegen Südwest, und +hier ist der Boden sumpfigt, voll stehenden, stinkenden Wassers. Die Stadt +hat gegenwärtig gegen 9000 Einwohner. Sie verdankt ihre Entstehung dem +Schleichhandel, der sich hier einnistete, weil die im Jahr 1549 gegründete +Stadt Burburata in der Nähe lag. Erst unter dem Regiment der Biscayer und +der Compagnie von Guipuzcoa wurde Porto Cabello, das bis dahin ein Weiler +gewesen, eine wohlbefestigte Stadt. Von Guayra, das nicht sowohl ein Hafen +als eine schlechte offene Rhede ist, bringt man die Schiffe nach Porto +Cabello, um sie ausbessern und kalfatern zu lassen. + +Der Hafen wird vorzugsweise durch die tief gelegenen Batterien auf der +Landzunge Punta Brava und auf dem Riff vertheidigt, und diese Wahrheit +wurde verkannt, als man auf den Bergen, welche die Vorstadt gegen Süd +beherrschen, mit großen Kosten ein neues Fort, den Mirador (Belvedere) de +Solano baute. Dieses Werk, eine Viertelstunde vom Hafen, liegt 400--500 +Fuß über dem Meer. Die Baukosten betrugen jährlich und viele Jahre lang +20--30,000 Piaster. Der Generalcapitän von Caracas, Guevara Vasconzelos, +war mit den besten spanischen Ingenieurs der Ansicht, der Mirador, auf dem +zu meiner Zeit erst sechzehn Geschütze standen, sey für die Vertheidigung +des Platzes nur von geringer Bedeutung, und ließ den Bau einstellen. Eine +lange Erfahrung hat bewiesen, daß sehr hoch gelegene Batterien, wenn auch +sehr schwere Stücke darin stehen, die Rhede lange nicht so wirksam +bestreichen, als tief am Strand oder auf Dämmen halb im Wasser liegende +Batterien mit Geschützen von geringerem Kaliber. Wir fanden den Platz +Porto Cabello in einem keineswegs befriedigenden Vertheidigungszustand. +Die Werke am Hafen und der Stadtwall mit etwa sechzig Geschützen erfordern +eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann, und es waren nicht 600 da. Es war +auch eine königliche Fregatte, die an der Einfahrt des Hafens vor Anker +lag, bei Nacht von den Kanonierschaluppen eines englischen Kriegsschiffe +angegriffen und weggenommen worden. Die Blokade begünstigte vielmehr den +Schleichhandel, als daß sie ihn hinderte, und man sah deutlich, daß in +Porto Cabello die Bevölkerung in der Zunahme, der Gewerbfleiß im +Aufschwung begriffen waren. Am stärksten ist der gesetzwidrige Verkehr mit +den Inseln Curacao und Jamaica. Man führt über 10,000 Maulthiere jährlich +aus. Es ist nicht uninteressant, die Thiere einschiffen zu sehen. Man +wirft sie mit der Schlinge nieder und zieht sie an Bord mittelst einer +Vorrichtung gleich einem Krahn. Aus dem Schiffe stehen sie in zwei Reihen +und können sich beim Schlingern und Stampfen kaum auf den Beinen halten. +Um sie zu schrecken und fügsamer zu machen, wird fast fortwährend Tag und +Nacht die Trommel gerührt. Man kann sich denken, wie sanft ein Passagier +ruht, der den Muth hat, sich auf einer solchen mit Maulthieren beladenen +Goelette nach Jamaica einzuschiffen. + +Wir verließen Porto Cabello am ersten Merz mit Sonnenaufgang. Mit +Verwunderung sahen wir die Masse von Kähnen, welche Früchte zu Markt +brachten. Es mahnte mich an einen schönen Morgen in Venedig. Vom Meere aus +gesehen, liegt die Stadt im Ganzen freundlich und angenehm da. Dicht +bewachsene Berge, über denen Gipfel aufsteigen, die man nach ihren +Umrissen der Trappformation zuschreiben könnte, bilden den Hintergrund der +Landschaft. In der Nähe der Küste ist alles nackt, weiß, stark beleuchtet, +die Bergwand dagegen mit dicht belaubten Bäumen bedeckt, die ihre +gewaltigen Schatten über braunes steinigtes Erdreich werfen. Vor der Stadt +besahen wir die eben fertig gewordene Wasserleitung. Sie ist 5000 Varas +lang und führt in einer Rinne das Wasser des Rio Estevan in die Stadt. +Dieses Werk hat 30,000 Piaster gekostet, das Wasser springt aber auch in +allen Straßen. + +Wir gingen von Porto Cabello in die Thäler von Aragua zurück und hielten +wieder auf der Pflanzung Barbula an, über welche die neue Straße nach +Valencia geführt wird. Wir hatten schon seit mehreren Wochen von einem +Baume sprechen hören, dessen Saft eine nährende Milch ist. Man nennt ihn +den *Kuhbaum* und man versicherte uns, die Neger auf dem Hofe trinken viel +von dieser vegetabilischen Milch und halten sie für ein gesundes +Nahrungsmittel. Da alle milchigten Pflanzensäfte scharf, bitter und mehr +oder weniger giftig sind, so schien uns diese Behauptung sehr sonderbar; +aber die Erfahrung lehrte uns während unseres Aufenthalts in Barbula, daß, +was man uns von den Eigenschaften des _Palo de __ Vaca_ erzählt hatte, +nicht übertrieben war. Der schöne Baum hat den Habitus des _Chrysophyllum +cainito_ oder Sternapfelbaums; die länglichten, zugespitzten, +lederartigen, abwechselnden Blätter haben unten vorspringende, parallele +Seitenrippen und werden zehn Zoll lang. Die Blüthe bekamen wir nicht zu +sehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthält eine, bisweilen zwei +Nüsse. Macht man Einschnitte in den Stamm des Kuhbaums, so fließt sehr +reichlich eine klebrigte, ziemlich dicke Milch aus, die durchaus nichts +Scharfes hat und sehr angenehm wie Balsam riecht. Man reichte uns welche +in den Früchten des Tutumo oder Flaschenbaums. Wir tranken Abends vor +Schlafengehen und früh Morgens viel davon, ohne irgend eine nachtheilige +Wirkung. Nur die Klebrigkeit macht diese Milch etwas unangenehm. Die Neger +und die Freien, die auf den Pflanzungen arbeiten, tunken sie mit Mais- und +Maniocbrod, *Arepa* und *Cassave*, aus. Der Verwalter des Hofs versicherte +uns, die Neger legen in der Zeit, wo der Palo de Vaca ihnen am meisten +Milch gibt, sichtbar zu. Bei freiem Zutritt der Luft zieht der Saft an der +Oberfläche, vielleicht durch Absorption des Sauerstoffs der Luft, Häute +einer stark animalisirten, gelblichen, faserigen, dem Käsestoff ähnlichen +Substanz. Nimmt man diese Häute von der übrigen wässerigen Flüssigkeit ab, +so zeigen sie sich elastisch wie Cautschuc, in der Folge aber faulen sie +unter denselben Erscheinungen wie die Gallerte. Das Volk nennt den +Klumpen, der sich an der Luft absetzt, *Käse*; der Klumpen wird nach fünf, +sechs Tagen sauer, wie ich an den kleinen Stücken bemerkte, die ich nach +Nueva Valencia mitgebracht. In einer verschlossenen Flasche setzte sich in +der Milch etwas Gerinsel zu Boden, und sie wurde keineswegs übelriechend, +sondern behielt ihren Balsamgeruch. Mit kaltem Wasser vermischt gerann der +frische Saft nur sehr wenig, aber die klebrigten Häute setzten sich ab, +sobald ich denselben mit Salpetersäure in Berührung brachte. Wir schickten +Fourcroys in Paris zwei Flaschen dieser Milch. In der einen war sie im +natürlichen Zustand, in der andern mit einer gewissen Menge kohlensauren +Natrons versetzt. Der französische Consul auf der Insel St. Thomas +übernahm die Beförderung. + +Dieser merkwürdige Baum scheint der Küstencordillere, besonders von +Barbula bis zum See Maracaybo, eigenthümlich. Beim Dorf San Mateo und nach +Bredemayer, dessen Reisen die schönen Gewächshäuser von Schönbrunn und +Wien so sehr bereichert haben, im Thal von Caucagua, drei Meilen von +Caracas, stehen auch einige Stämme. Dieser Naturforscher fand, wie wir, +die vegetabilische Milch des _Palo de Vaca_ angenehm von Geschmack und von +aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, der den +nährenden Saft gibt, *Milchbaum, *_Arbol del leche_. Sie wollen an der +Dicke und Farbe des Laubs die Bäume erkennen, die am meisten Saft geben, +wie der Hirte nach äußern Merkmalen eine gute Milchkuh herausfindet. Kein +Botaniker kannte bis jetzt dieses Gewächs, dessen Fructificationsorgane +man sich leicht wird verschaffen können. Nach Kunth scheint der Baum zu +der Familie der Sapoteen zu gehören. Erst lange nach meiner Rückkehr nach +Europa fand ich in des Holländers Laet Beschreibung von Westindien eine +Stelle, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. »In der Provinz +Cumana,« sagt Laet, gibt es Bäume, deren Saft geronnener Milch gleicht und +ein *gesundes Nahrungsmittel* abgibt.« + +Ich gestehe, von den vielen merkwürdigen Erscheinungen, die mir im Verlauf +meiner Reise zu Gesicht gekommen, haben wenige auf meine Einbildungskraft +einen stärkeren Eindruck gemacht als der Anblick des Kuhbaums. Alles was +sich auf die Milch oder auf die Getreidearten bezieht, hat ein Interesse +für uns, das sich nicht auf die physikalische Kenntniß der Gegenstände +beschränkt, sondern einem andern Kreise von Vorstellungen und Empfindungen +angehört. Wir vermögen uns kaum vorzustellen, wie das Menschengeschlecht +bestehen könnte ohne mehligte Stoffe, ohne den nährenden Saft in der +Mutterbrust, der auf den langen Schwächezustand des Kindes berechnet ist. +Das Stärkmehl des Getreides, das bei so vielen alten und neueren Völkern +ein Gegenstand religiöser Verehrung ist, kommt in den Samen und den +Wurzeln der Gewächse vor; die nährende Milch dagegen erscheint uns als ein +ausschließliches Produkt der thierischen Organisation. Diesen Eindruck +erhalten wir von Kindheit auf, und daher denn auch das Erstaunen, womit +wir den eben beschriebenen Baum betrachten. Was uns hier so gewaltig +ergreift, sind nicht prachtvolle Wälderschatten, majestätisch +dahinziehende Ströme, von ewigem Eis starrende Gebirge: ein paar Tropfen +Pflanzensaft führen uns die ganze Macht und Fülle der Natur vor das innere +Auge. An der kahlen Felswand wächst ein Baum mit trockenen, lederartigen +Blättern; seine dicken holzigten Wurzeln dringen kaum in das Gestein. +Mehrere Monate im Jahr netzt kein Regen sein Laub; die Zweige scheinen +vertrocknet, abgestorben; bohrt man aber den Stamm an, so fließt eine +süße, nahrhafte Milch heraus. Bei Sonnenaufgang strömt die vegetabilische +Quelle am reichlichsten; dann kommen von allen Seiten die Schwarzen und +die Eingeborenen mit großen Näpfen herbei und fangen die Milch auf, die +sofort an der Oberfläche gelb und dick wird. Die einen trinken die Näpfe +unter dem Baum selbst aus, andere bringen sie ihren Kindern. Es ist, als +sähe man einen Hirten, der die Milch seiner Heerde unter die Seinigen +vertheilt. + +Ich habe den Eindruck geschildert, den der Kuhbaum auf die +Einbildungskraft des Reisenden macht, wenn er ihn zum erstenmale sieht. +Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt, daß die physischen Eigenschaften +der thierischen und der vegetabilischen Stoffe im engsten Zusammenhang +stehen; aber sie benimmt dem Gegenstand, der uns in Erstaunen setzte, den +Anstrich des Wunderbaren, sie entkleidet ihn wohl auch zum Theil seines +Reizes. Nichts steht für sich allein da; chemische Grundstoffe, die, wie +man glaubte, nur den Thieren zukommen, finden sich in den Gewächsen +gleichfalls. Ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur. + +Lange bevor die Chemie im Blüthenstaub, im Eiweiß der Blätter und im +weißlichen Anflug unserer Pflaumen und Trauben kleine Wachstheilchen +entdeckte, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindiu Kerzen aus der +dicken Wachsschicht, welche den Stamm einer Palme überzieht [_Ceroxylon +andicola_]. Vor wenigen Jahren wurde in Europa das _Caseum_, der +Grundstoff des Käses, in der Mandelmilch entdeckt; aber seit Jahrhunderten +gilt in den Gebirgen an der Küste von Venezuela die Milch eines Baumes und +der Käse, der sich in dieser vegetabilischen Milch absondert, für ein +gesundes Nahrungsmittel. Woher rührt dieser seltsame Gang in der +Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie konnte das Volk in der einen Halbkugel +auf etwas kommen, was in der andern dem Scharfblick der Scheidekünstler, +die doch gewöhnt sind die Natur zu befragen und sie auf ihrem +geheimnißvollen Gang zu belauschen, so lange entgangen ist? Daher, daß +einige wenige Elemente und verschiedenartig zusammengesetzte Grundstoffe +in mehreren Pflanzenfamilien vorkommen; daher, daß die Gattungen und Arten +dieser natürlichen Familien nicht über die tropischen und die kalten und +gemäßigten Himmelsstriche gleich vertheilt sind; daher, daß Völker, die +fast ganz von Pflanzenstoffen leben, vom Bedürfniß getrieben, mehligte +nährende Stoffe überall finden, wo sie nur die Natur im Pflanzensaft, in +Rinden, Wurzeln oder Früchten niedergelegt hat. Das Stärkmehl, das sich am +reinsten in den Getreidekörnern findet, ist in den Wurzeln der Arumarten, +der _Tacca pinnatifida_ und der _Jatropha Manihot_ mit einem scharfen, +zuweilen selbst giftigen Saft verbunden. Der amerikanische Wilde, wie der +auf den Inseln der Südsee, hat das Satzmehl durch Auspressen und Trennen +vom Safte *aussüßen* gelernt. In der Pflanzenmilch und den milchigten +Emulsionen sind äußerst nahrhafte Stoffe, Eiweiß, Käsestoff und Zucker mit +Cautschuc und ätzenden schädlichen Materien, wie Morphium und Blausäure, +verbunden. Dergleichen Mischungen sind nicht nur nach den Familien, +sondern sogar bei den Arten derselben Gattung verschieden. Bald ist es das +Morphium oder der narkotische Grundstoff, was der Pflanzenmilch ihre +vorwiegende Eigenschaft gibt, wie bei manchen Mohnarten, bald das +Cautschuc, wie bei der _Hevea_ und _Castilloa_ bald Eiweiß und Käsestoff, +wie beim Melonenbaum und Kuhbaum. + +Die milchigten Gewächse gehören vorzugsweise den drei Familien der +Euphorbien, der Urticeen und der Apocyneen an, und da ein Blick auf die +Vertheilung der Pflanzenbildungen über den Erdball zeigt, daß diese drei +Familien(61) in den Niederungen der Tropenländer durch die zahlreichsten +Arten vertreten sind, so müssen wir daraus schließen, daß eine sehr hohe +Temperatur zur Bildung von Cautschuc, Eiweiß und Käsestoff beiträgt. Der +Saft des Palo de Vaca ist ohne Zweifel das auffallendste Beispiel, daß +nicht immer ein scharfer, schädlicher Stoff mit dem Eiweiß, dem Käsestoff +und dem Cautschuc verbunden ist; indessen kannte man in den Gattungen +Euphorbia und Asclepias, die sonst durch ihre ätzenden Eigenschaften +bekannt sind, Arten, die einen milden, unschädlichen Saft haben. Hieher +gehört der _Tubayba dulce_ der canarischen Inseln, von dem schon oben die +Rede war [_Euphorbia balsamifera_], und _Asclepias lactifera_ auf Ceylan. +Wie Burman erzählt, bedient man sich dort, in Ermanglung der Kuhmilch, der +Milch der so letztgenannten Pflanze und kocht mit den Blättern derselben +die Speisen, die man sonst mit thierischer Milch zubereitet. Es ist zu +erwarten, daß ein Reisender, dem die gründlichsten Kenntnisse in der +Chemie zu Gebot stehen, John Davy, bei seinem Aufenthalt auf Ceylan diesen +Punkt ins Reine bringen wird; denn, wie Decandolle richtig bemerkt, es +wäre möglich, daß die Eingeborenen nur den Saft der jungen Pflanze +benützten, so lange der scharfe Stoff noch nicht entwickelt ist. Wirklich +werden in manchen Ländern die jungen Sprossen der Apocyneen gegessen. + +Ich habe mit dieser Zusammenstellung den Versuch gemacht, die Milchsäfte +der Gewächse und der milchigten Emulsionen, welche die Früchte der +Mandelarten und der Palmen geben, unter einen allgemeineren Gesichtspunkt +zu bringen. Es möge mir gestattet seyn, diesen Betrachtungen die +Ergebnisse einiger Versuche anzureihen, die ich während meines Aufenthalts +in den Thälern von Aragua mit dem Safte der _Carica Papaya_ angestellt, +obgleich es mir fast ganz an Reagentien fehlte. Derselbe Saft ist seitdem +von Vauquelin untersucht worden. Der berühmte Chemiker hat darin richtig +das Eiweiß und den käseartigen Stoff erkannt; er vergleicht den Milchsaft +mit reinem stark animalisirten Stoff, mit dem thierischen Blut; es stand +ihm aber nur gegohrener Saft und ein übelriechendes Gerinsel zu Gebot, das +sich auf der Ueberfahrt von Isle de France nach Havre gebildet hatte. Er +spricht den Wunsch aus, ein Reisender möchte den Saft des Melonenbaums +frisch, wie er aus dem Stengel oder der Frucht fließt, untersuchen können. + +Je jünger die Frucht des Melonenbaums ist, desto mehr Milch gibt sie; man +findet sie bereits im kaum befruchteten Keim. Je reifer die Frucht wird, +desto mehr nimmt die Milch ab und desto wässeriger wird sie; man findet +dann weniger vom thierischen Stoff darin, der durch Säuren und durch +Absorption des Sauerstoffs der Luft gerinnt. Da die ganze Frucht +klebrig(62) ist, so könnte man annehmen, je mehr sie wachse, desto mehr +lagere sich der gerinnbare Stoff in den Organen ab und bilde zum Theil das +Mark oder die fleischigte Substanz. Tröpfelt man mit vier Theilen Wasser +verdünnte Salpetersäure in die ausgepreßte Milch einer ganz jungen Frucht, +so zeigt sich eine höchst merkwürdige Erscheinung. In der Mitte eines +jeden Tropfens bildet sich ein gallertartiges, grau gestreiftes Häutchen. +Diese Streifen sind nichts anderes als der Stoff, der wässeriger geworden, +weil die Säure ihm den Eiweißstoff entzogen hat. Zu gleicher Zeit werden +die Häutchen in der Mitte undurchsichtig und eigelb. Sie vergrößern sich, +indem divergirende Fasern sich zu verlängern scheinen. Die Flüssigkeit +sieht Anfangs aus wie ein Achat mit milchigten Wolken, und man meint +organische Häute unter seinen Augen sich bilden zu sehen. Wenn sich das +Gerinsel über die ganze Masse verbreitet, verschwinden die gelben Flecke +wieder. Rührt man sie um, so wird sie krümelich, wie weicher Käse. Die +gelbe Farbe erscheint wieder, wenn man ein paar Tropfen Salpetersäure +zusetzt. Die Säure wirkt hier wie die Berührung des Sauerstoffs der Luft +bei 27--35 Grad; denn das weiße Gerinsel wird in ein paar Minuten gelb, +wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelb in +Braun über, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff frei wird im Verhältniß, +als der Wasserstoff, an den er gebunden war, verbrennt. Das durch die +Säure gebildete Gerinsel wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den +ich gleichfalls bemerkte, als ich Muskelfleisch und Pilze (Morcheln) mit +Salpetersäure behandelte. Nach Hatchetts schönen Versuchen kann man +annehmen, daß das Eiweiß zum Theil in Gallerte übergeht. Wirft man das +frisch bereitete Gerinsel vom Melonenbaum in Wasser, so wird es weich, +löst sich theilweise auf und färbt das Wasser gelblich. Alsbald schlägt +sich eine zitternde Gallerte, ähnlich dem Stärkmehl, daraus nieder. Dieß +ist besonders auffallend, wenn das Wasser, das man dazu nimmt, auf 40--60° +erwärmt ist. Je mehr man Wasser zugießt, desto fester wird die Gallerte. +Sie bleibt lange weiß und wird nur gelb, wenn man etwas Salpetersäure +darauf tröpfelt. Nach dem Vorgang FOURCROYs und VAUQUELINs bei ihren +Versuchen mit dem Saft der Hevea, setzte ich der Milch des Melonenbaums +eine Auflösung von kohlensaurem Natron bei. Es bildet sich kein Klumpen, +auch wenn man reines Wasser dem Gemisch von Milch und alkalischer +Auflösung zugießt. Die Häute kommen erst zum Vorschein, wenn man durch +Zusatz einer Säure das Alkali neutralisirt und die Säure im Ueberschuß +ist. Ebenso sah ich das durch Salpetersäure, Citronensaft oder heißes +Wasser gebildete Gerinsel verschwinden, wenn ich eine Lösung von +kohlensaurem Natron zugoß. Der Saft wird wieder milchigt und flüssig, wie +er ursprünglich war. Dieser Versuch gelingt aber nur mit frisch gebildetem +Gerinsel. + +Vergleicht man die Milchsäfte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der +Hevea, so zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den Säften, +die viel Käsestoff enthalten, und denen, in welchen das Cautschuc +vorherrscht. Alles weiße, frisch bereitete Cautschuc, sowie die +wasserdichten Mäntel, die man im spanischen Amerika fabricirt und die aus +einer Schicht des Milchsafts der Hevea zwischen zwei Leinwandstücken +bestehen, haben einen thierischen, ekligen Geruch, der darauf hinzuweisen +scheint, daß das Cautschuc beim Gerinnen den Käsestoff an sich reißt, der +vielleicht nur ein modificirter Eiweißstoff ist. + +Die Frucht des Brodfruchtbaums ist so wenig Brod, als die Bananen vor +ihrer Reise oder die stärkemehlreichen Wurzelknollen der _Dioscorea_, des +_Convolvulus Batatas_ und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums dagegen +enthält den Käsestoff gerade wie die Milch der Säugethiere. Aus +allgemeinem Gesichtspunkte können wir mit Gay-Lussac das Cautschuc als den +öligten Theil, als die Butter der vegetabilischen Milch betrachten. Die +beiden Grundstoffe Eiweiß und Fett sind in den Organen der verschiedenen +Thierarten und in den Pflanzen mit Milchsaft in verschiedenen +Verhältnissen enthalten. Bei letzteren sind sie meist mit andern, beim +Genuß schädlichen Stoffen verbunden, die sich aber vielleicht auf +chemischem Wege trennen ließen. Eine Pflanzenmilch wird nahrhaft, wenn +keine scharfen, narkotischen Stoffe mehr darin sind und statt des +Cautschucs der Käsestoff darin überwiegt. + +Ist der Palo de Vaca für uns ein Bild der unermeßlichen Segensfülle der +Natur im heißen Erdstrich, so mahnt er uns auch an die zahlreichen +Quellen, aus denen unter diesem herrlichen Himmel die träge Sorglosigkeit +des Menschen fließt. Mungo Park hat uns mit dem *Butterbaum* in Bambarra +bekannt gemacht, der, wie Decandolle vermuthet, zu der Familie der +Sapoteen gehört, wie unser Kuhbaum. Die Bananenbäume, die Sagobäume, die +Mauritien am Orinoco sind *Brodbäume* so gut wie die Rima der Südsee. Die +Früchte der Crescentia und Lecythis dienen zu Gefäßen; die Blumenscheiden +mancher Palmen und Baumrinden geben Kopfbedeckungen und Kleider ohne Nath. +Die Knoten oder vielmehr die innern Fächer im Stamm der Bambus geben +Leitern und erleichtern auf tausenderlei Art den Bau einer Hütte, die +Herstellung von Stühlen, Bettstellen und anderem Geräthe, das die +werthvolle Habe des Wilden bildet. Bei einer üppigen Vegetation mit so +unendlich mannigfaltigen Produkten bedarf es dringender Beweggründe, soll +der Mensch sich der Arbeit ergeben, sich aus seinem Halbschlummer +aufrütteln, seine Geistesfähigkeiten entwickeln. + +In Barbula baut man Cacao und Baumwolle. Wir fanden daselbst, eine +Seltenheit in diesem Lande, zwei große Maschinen mit Cylindern zum Trennen +der Baumwolle von den Samen; die eine wird von einem Wasserrad, die andere +durch einen Göpel und durch Maulthiere getrieben. Der Verwalter des Hofes, +der dieselben gebaut, war aus Merida. Er kannte den Weg von Nueva Valencia +über Guanare und Misagual nach Barinas, und von dort durch die Schlucht +Callejones zum Paramo der Mucuchies und den mit ewigem Schnee bedeckten +Gebirgen von Merida. Seine Angaben, wie viel Zeit wir von Valencia über +Barinas in die Sierra Nevada, und von da über den Hafen von Torunos und +den Rio Santo Domingo nach San Fernando am Apure brauchen würden, wurden +uns vom größten Nutzen. Man hat in Europa keinen Begriff davon, wie schwer +es hält, genaue Erkundigung in einem Lande einzuziehen, wo der Verkehr so +gering ist, und man die Entfernungen gerne zu gering angibt oder +übertreibt, je nachdem man den Reisenden aufmuntern oder von seinem +Vorhaben abbringen möchte. Bei der Abreise von Caracas hatte ich dem +Intendanten der Provinz Gelder übergeben; die mir von den königlichen +Schatzbeamten in Barinas ausbezahlt werden sollten. Ich hatte beschlossen, +das westliche Ende der Cordilleren von Neu-Grenada, wo sie in die Paramos +von Timotes und Niquitao auslaufen, zu besuchen. Ich hörte nun in Barbula, +bei diesem Abstecher würden wir fünf und dreißig Tage später an den +Orinoco gelangen. Diese Verzögerung erschien uns um so bedeutender, da man +vermuthete, die Regenzeit werde früher als gewöhnlich eintreten. Wir +durften hoffen, in der Folge sehr viele mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge +in Quito, Peru und Mexico besuchen zu können, und es schien mir desto +gerathener, den Ausflug in die Gebirge von Merida aufzugeben, da wir +besorgen mußten, dabei unsern eigentlichen Reisezweck zu verfehlen, der +darin bestand, den Punkt, wo sich der Orinoco mit dem Rio Negro und dem +Amazonenstrom verbindet, durch astronomische Beobachtungen festzustellen. +Wir gingen daher von Barbula nach Guacara zurück, um uns von der +achtungswürdigen Familie des Marques del Toro zu verabschieden und noch +drei Tage am Ufer des Sees zu verweilen. + +Es war Fastnacht und der Jubel allgemein. Die Lustbarkeiten, _de carnes +tollendas_ genannt, arteten zuweilen ein wenig ins Rohe aus. Die einen +führen einen mit Wasser beladenen Esel herum, und wo ein Fenster offen +ist, begießen sie das Zimmer mit einer Spritze; andere haben Düten voll +Haare der Picapica oder _Dolichos pruriens_ in der Hand und blasen das +Haar, das auf der Haut ein heftiges Jucken verursacht, den Vorübergehenden +ins Gesicht. + +Von Guacara gingen wir nach Nueva Valencia zurück. Wir trafen da einige +französische Ausgewanderte, die einzigen, die wir in fünf Jahren in den +spanischen Colonien gesehen. Trotz der Blutsverwandtschaft zwischen den +königlichen Familien von Frankreich und Spanien durften sich nicht einmal +die französischen Priester in diesen Theil der neuen Welt flüchten, wo der +Mensch so leicht Unterhalt und Obdach findet. Jenseits des Oceans boten +allein die Vereinigten Staaten dem Unglück eine Zufluchtsstätte. Eine +Regierung, die stark, weil frei, und vertrauensvoll, weil gerecht ist, +brauchte sich nicht zu scheuen die Verbannten aufzunehmen. + +Wir haben früher versucht über den Zustand des Indigo-, des Baumwollen- +und Zuckerbaus in der Provinz Caracas einige bestimmte Angaben zu machen. +Ehe wir die Thäler von Aragua und die benachbarten Küsten verlassen, haben +wir uns nur noch mit den Cacaopflanzungen zu beschäftigen, die von jeher +für die Hauptquelle des Wohlstandes dieser Gegenden galten. Die Provinz +Caracas (nicht die _Capitania general_, also mit Ausschluß der Pflanzungen +in Cumana, in der Provinz Barcelona, in Maracaybo, in Barinas und im +spanischen Guyana) erzeugte am Schluß des achtzehnten Jahrhunderts +jährlich 150,000 Fanegas, von denen 30,000 in der Provinz und 100,000 in +Spanien verzehrt wurden. Nimmt man die Fanega, nach dem Marktpreis zu +Cadix, nur zu 25 Piastern an, so beträgt der Gesammtwerth der Cacaoausfuhr +aus den sechs Häfen der _Capitania general_ von Caracas 4,800,000 Piaster. + +Der Cacaobaum wächst gegenwärtig in den Wäldern von Terra Firma nördlich +vom Orinoco nirgends wild; erst jenseits der Fälle von Atures und Maypures +trafen wir ihn nach und nach an. Besonders häufig wächst er an den Ufern +des Ventuari und am obern Orinoco zwischen dem Padamo und dem Gehette. Daß +der Cacaobaum in Südamerika nordwärts vom sechsten Breitegrad so selten +wild vorkommt, ist für die Pflanzengeographie sehr interessant und war +bisher wenig bekannt. Die Erscheinung ist um so auffallender, da man nach +dem jährlichen Ertrag der Ernten auf den Cacaopflanzungen in Cumana, Nueva +Barcelona, Venezuela, Barinas und Maracaybo über 16 Millionen Bäume in +vollem Ertrag rechnet. Der wilde Cacaobaum hat sehr viele Aeste und sein +Laub ist dicht und dunkel. Er trägt eine sehr kleine Frucht, ähnlich der +Spielart, welche die alten Mexicaner *Tlalcacahuatl* nannten. In die +Conucos der Indianer am Cassiquiare und Rio Negro versetzt, behält der +wilde Baum mehrere Generationen die Kraft des vegetativen Lebens, die ihn +vom vierten Jahr an tragbar macht, während in der Provinz Caracas die +Ernten erst mit dem sechsten, siebenten oder achten Jahr beginnen. Sie +treten im Binnenlande später ein als an den Küsten: und im Thal von Guapo. +Wir fanden am Orinoco keinen Volksstamm, der aus der Bohne des Cacaobaums +ein Getränk bereitete. Die Wilden saugen das Mark der Hülse aus und werfen +die Samen weg, daher man dieselben oft in Menge auf ihren Lagerplätzen +findet. Wenn auch an der Küste der *Chorote*, ein ganz schwacher +Cacaoaufguß, für ein uraltes Getränke gilt, so gibt es doch keinen +geschichtlichen Beweis dafür, daß die Eingeborenen von Venezuela vor der +Ankunft der Spanier den Chocolat oder irgend eine Zubereitung des Cacao +gekannt haben. Wahrscheinlicher scheint mir, daß man in Caracas den +Cacaobaum nach dem Vorbild von Mexico und Guatimala angebaut hat, und daß +die in Terra Firma angesiedelten Spanier die Behandlung des Baums, der +jung im Schatten der Erythrina und des Bananenbaums aufwächst, die +Bereitung der *Chocolate*-tafeln und den Gebrauch des Getränks dieses +Namens durch den Verkehr mit Mexico, Guatimala und Nicaragua gelernt +haben, drei Länder, deren Einwohner von toltekischem und aztekischem +Stamme sind. + +Bis zum sechzehnten Jahrhundert weichen die Reisenden in ihren Urtheilen +über den Chocolat sehr von einander ab. BENZONI sagt in seiner derben +Sprache, es sey ein Getränk vielmehr »da porci, che da huomini.« Der +Jesuit ACOSTA versichert, die Spanier in Amerika lieben den Chocolat mit +närrischer Leidenschaft, man müsse aber an »das schwarze Gebräue« gewöhnt +seyn, wenn einem nicht schon beim Anblick des Schaums, der wie die Hefe +über einer gährenden Flüssigkeit stehe, übel werden solle. Er bemerkt +weiter: »Der Cacao ist ein Aberglauben der Mexicaner, wie der Coca ein +Aberglauben der Peruaner.« Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung der +Frau von SEVIGNE hinsichtlich des Gebrauchs des Kaffees. HERNAN CORTEZ und +sein Page, der _gentilhombre del gran Conquistador_, dessen +Denkwürdigkeiten RAMUSIO bekannt gemacht hat, rühmen dagegen den Chocolat +nicht nur als ein angenehmes Getränk, selbst wenn er kalt bereitet +wird,(63) sondern besonders als nahrhaft. »Wer eine Tasse davon getrunken +hat,« sagt der Page des Hernan Cortez, »kann ohne weitere Nahrung eine +ganze Tagereise machen, besonders in sehr heißen Ländern; denn der +Chocolat ist seinem Wesen nach *kalt* und *erfrischend*.« Letztere +Behauptung möchten wir nicht unterschreiben; wir werden aber bei unserer +Fahrt auf dem Orinoco und bei unsern Reisen hoch an den Cordilleren hinauf +bald Gelegenheit finden, die vortrefflichen Eigenschaften des Chocolats zu +rühmen. Er ist gleich leicht mit sich zu führen und als Nahrungsmittel zu +verwenden und enthält in kleinem Raum viel nährenden und reizenden Stoff. +Man sagt mit Recht, in Afrika helfen Reis, Gummi und Sheabutter dem +Menschen durch die Wüsten. In der neuen Welt haben Chocolat und Maismehl +ihm die Hochebenen der Anden und ungeheure unbewohnte Wälder zugänglich +gemacht. + +Die Cacaoernte ist ungemein veränderlich. Der Baum treibt mit solcher +Kraft, daß sogar aus den holzigten Wurzeln, wo die Erde sie nicht bedeckt, +Blüthen sprießen. Er leidet von den Nordostwinden, wenn sie auch die +Temperatur nur um wenige Grade herabdrücken. Auch die Regen, welche nach +der Regenzeit in den Wintermonaten vom December bis März unregelmäßig +eintreten, schaden dem Cacaobaum bedeutend. Es kommt nicht selten vor, daß +der Eigenthümer einer Pflanzung von 50,000 Stämmen in einer Stunde für +vier bis fünftausend Piaster Cacao einbüßt. Große Feuchtigkeit ist dem +Baum nur förderlich, wenn sie allmählig zunimmt und lange ohne +Unterbrechung anhält. Wenn in der trockenen Jahreszeit die Blätter und die +unreife Frucht in einen starken Regenguß kommen, so löst sich die Frucht +vom Stiel. Die Gefäße, welche das Wasser einsaugen, scheinen durch +Ueberschwellung zu bersten. Ist nun die Cacaoernte äußerst unsicher, weil +der Baum gegen schlimme Witterung so empfindlich ist und so viele Würmer, +Insekten, Vögel, Säugethiere [Papageien, Affen, Agoutis, Eichhörner, +Hirsche.] die Schote fressen, hat dieser Culturzweig den Nachtheil, daß +dabei der neue Pflanzer der Früchte seiner Arbeit erst nach acht bis zehn +Jahren genießt und daß das Produkt schwer aufzubewahren ist, so ist +dagegen nicht zu übersehen, daß die Cacaopflanzungen weniger Sklaven +erfordern als die meisten andern Culturen. Dieser Umstand ist von großer +Bedeutung in einem Zeitpunkt, wo sämmtliche Völker Europas den +großherzigen Entschluß gefaßt haben, dem Negerhandel ein Ende zu machen. +Ein Sklave versieht tausend Stämme, die im jährlichen Durchschnitt 12 +Fanegas Cacao tragen können. Auf Cuba gibt allerdings eine *große* +Zuckerpflanzung mit 300 Schwarzen im Jahr durchschnittlich 40,000 Arrobas +Zucker, welche, die Kiste(64) zu 40 Piastern, 100,000 Piaster werth sind, +und in den Provinzen von Venezuela producirt man für 100,000 Piaster oder +4000 Fanegas Cacao, die Fanega zu 25 Piastern, auch nur mit 300--350 +Sklaven. Die 200,000 Kisten Zucker mit 3,200,000 Arrobas, welche Cuba von +1812--1814 jährlich ausgeführt hat, haben einen Werth von 8 Millionen +Piastern und könnten mit 24,000 Sklaven hergestellt werden, *wenn die +Insel lauter große Pflanzungen hätte*; aber dieser Annahme widerspricht +der Zustand der Colonie und die Natur der Dinge. Die Insel Cuba verwendete +im Jahr 1811 nur zur Feldarbeit 143,000 Sklaven, während die _Capitania +general_ von Caracas, die jährlich 200,000 Fanegas Cacao oder für 5 +Millionen Piaster producirt, wenn auch nicht ausführt, in Stadt und Land +nicht mehr als 60,000 Sklaven hat. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß +diese Verhältnisse sich mit den Zucker- und Cacaopreisen ändern. + +Die schönsten Cacaopflanzungen in der Provinz Caracas sind an der Küste +zwischen Caravalleda und der Mündung des Rio Tocuyo, in den Thälern von +Caucagua, Capaya, Curiepe und Guapo; ferner in den Thälern von Cupira, +zwischen Cap Codera und Cap Unare, bei Aroa, Barquesimeto, Guigue und +Uritucu. Der Cacao, der an den Ufern des Urituru am Rande der Llanos, im +Gerichtsbezirk San Sebastiano de los Reyos wächst, gilt für den besten; +dann kommen die von Guigue, Caucagua, Capaya und Cupira. Auf dem +Handelsplatz Cadix hat der Cacao von Caracas den ersten Rang gleich nach +dem von Socomusco. Er steht meist um 30--40 Procent höher im Preis als der +Cacao von Guayaquil. + +Erst seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts munterten die Holländer, +im ruhigen Besitz der Insel Curaçao, durch den Schleichhandel den Landbau +an den benachbarten Küsten auf, und erst seitdem wurde der Cacao für die +Provinz Caracas ein Ausfuhrartikel. Was in dieser Gegend vorging, ehe im +Jahr 1728 die Gesellschaft der Biscayer aus Guipuzcoa sich daselbst +niederließ, wissen wir nicht. Wir besitzen lediglich keine genauen +statistischen Angaben und wissen nur, daß zu Anfang des achtzehnten +Jahrhunderts aus Caracas kaum 30,000 Fanegas jährlich ausgeführt wurden. +Im Jahr 1797 war die Ausfuhr, nach den Zollregistern von Guayra, den +Schleichhandel nicht gerechnet, 70,832 Fanegas. Wegen des Schmuggels nach +Trinidad und den andern Antillen darf man kecklich ein Viertheil oder +Fünftheil weiter rechnen. Ich glaube annehmen zu können, daß von +1800--1806, also im letzten Zeitpunkt, wo in den spanischen Colonien noch +innere Ruhe herrschte, der jährliche Ertrag der Cacaopflanzungen in der +ganzen _Capitania general_ von Caracas sich wenigstens auf 193,000 Fanegas +belief. + +Die Ernten, deren jährlich zwei stattfinden, im Juni und im December, +fallen sehr verschieden aus, doch nicht in dem Maaße wie die Oliven- und +Weinernten in Europa. Von jenen 193,000 Fanegas fließen 145,000 theils +über die Häfen der Halbinsel, theils durch den Schleichhandel nach Europa +ab. Ich glaube beweisen zu können (und diese Schätzungen beruhen auf +zahlreichen einzelnen Angaben), daß Europa beim gegenwärtigen Stande +seiner Civilisation verzehrt: + ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| 23 Mill. Pfd. | Cacao zu 120 Fr. den Ctr. | 27,600,000 | Frs. | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| 32 Mill. Pfd. | Thee zu 4 Fr. das Pfund | 128,000,000 | " | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +|140 Mill. Pfd. | Kaffee zu 114 Fr. den Ctr. | 159,600,000 | " | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +|450 Mill. Pfd. | Zucker zu 54 Fr. den Ctr. | 243,000,000 | " | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| | | ------------ | | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ +| | | 558,200,000 | Frs. | ++---------------+-----------------------------+--------------+-------+ + +Von diesen vier Erzeugnissen, die seit zwei bis drei Jahrhunderten die +vornehmsten Artikel im Handel und der Produktion der Colonien geworden +sind, gehört der erste ausschließlich Amerika, der zweite ausschließlich +Asien an. Ich sage ausschließlich, denn die Cacaoausfuhr der Philippinen +ist bis jetzt so unbedeutend, wie die Versuche, die man in Brasilien, auf +Trinidad und Jamaica mit dem Theebau gemacht hat. Die vereinigten +Provinzen von Caracas liefern zwei Drittheile des Cacaos, der im +westlichen und südlichen Europa verzehrt wird. Dieß ist um so +bemerkenswerther, als es der gemeinen Annahme widerspricht; aber die +Cacaosorten von Caracas, Maracaybo und Cumana sind nicht alle von +derselben Qualität. Der Graf CASA-VALENCIA schätzt den Verbrauch Spaniens +nur auf 6--7 Millionen Pfund, der ABBÉ HERVAS auf 9 Millionen. Wer lange +in Spanien, Italien und Frankreich gelebt hat, muß die Bemerkung gemacht +haben, daß nur im ersteren Lande Chocolat auch von den untersten +Volksklassen stark getrunken wird, und wird es schwerlich glaublich +finden, daß Spanien nur ein Drittheil des in Europa eingeführten Cacao +verzehren soll. + +Die letzten Kriege haben für den Cacaohandel in Caracas weit +verderblichere Folgen gehabt als in Guayaquil. Wegen des Preisaufschlags +ist in Europa weniger Cacao von der theuersten Sorte verzehrt worden. +Früher machte man in Spanien die gewöhnliche Chocolate aus einem Viertheil +Cacao von Caracas und drei Viertheilen Cacao von Guayaquil; jetzt nahm man +letzteren allein. Dabei ist zu bemerken, daß viel geringer Cacao, wie der +vom Marañon, vom Rio Negro, von Honduras und von der Insel Santa Lucia, im +Handel Cacao von Guayaquil heißt. Aus letzterem Hafen werden nicht über +60,000 Fanegas ausgeführt, zwei Drittheile weniger als aus den Häfen der +_Capitania general_ von Caracas. + +Wenn auch die Cacaopflanzungen in den Provinzen Cumana, Barcelona und +Maracaybo sich in dem Maaße vermehrt haben, in dem sie in der Provinz +Caracas eingegangen sind, so glaubt man doch, daß dieser alte Culturzweig +im Ganzen allmählig abnimmt. In vielen Gegenden verdrängen der Kaffeebaum +und die Baumwollenstaude den Cacaobaum, der für die Ungeduld des +Landbauers viel zu spät trägt. Man behauptet auch, die neuen Pflanzungen +geben weniger Ertrag als die alten. Die Bäume werden nicht mehr so kräftig +und tragen später und nicht so reichlich Früchte. Auch soll der Boden +erschöpft seyn; aber nach unserer Ansicht ist vielmehr durch die +Entwicklung des Landbaus und das Urbarmachen des Landes die +Luftbeschaffenheit eine andere geworden. Ueber einem unberührten, mit Wald +bewachsenen Boden schwängert sich die Luft mit Feuchtigkeit und den +Gasgemengen, die den Pflanzenwuchs befördern und sich bei der Zersetzung +organischer Stoffe bilden. Ist ein Land lange Zeit angebaut gewesen, so +wird das Verhältniß zwischen Sauerstoff und Stickstoff durchaus keins +anderes; die Grundbestandtheile der Luft bleiben dieselben; aber jene +binären und tertiären Verbindungen von Kohlenstoff, Stickstoff und +Wasserstoff, die sich aus einem unberührten Boden entwickeln und für eine +Hauptquelle der Fruchtbarkeit gelten, sind ihr nicht mehr beigemischt. Die +reinere, weniger mit Miasmen und fremdartigen Effluvien beladene Luft wird +zugleich trockener und die Spannung des Wasserdampfs nimmt merkbar ab. Auf +längst urbar gemachtem und somit zum Cacaobau wenig geeignetem Boden, +z. B. auf den Antillen, ist die Frucht beinahe so klein wie beim wilden +Cacaobaum. An den Ufern des obern Orinoco, wenn man über die Llanos +hinüber ist, betritt man, wie schon bemerkt, die wahre Heimath des +Cacaobaums, und hier findet man dichte Wälder, wo auf unberührtem Boden, +in beständig feuchter Luft die Stämme mit dem vierten Jahr reiche Ernten +geben. Auf nicht erschöpftem Boden ist die Frucht durch die Cultur überall +größer und weniger bitter geworden, sie reift aber auch später. + +Sieht man nun den Ertrag an Cacao in Terra Firma allmählig abnehmen, so +fragt man sich, ob in Spanien, in Italien und im übrigen Europa auch der +Verbrauch im selben Verhältniß abnehmen, oder ob nicht vielmehr in Folge +des Eingehens der Cacaopflanzungen die Preise so hoch steigen werden, daß +der Landbauer zu neuen Anstrengungen aufgemuntert wird? Letzteres ist die +herrschende Ansicht bei allen, die in Caracas die Abnahme eines so alten +und so einträglichen Handelszweiges bedauern. Wenn einmal die Cultur +weiter gegen die feuchten Wälder im Binnenlande vorrückt, an die Ufer des +Orinoco und des Amazonenstromes, oder in die Thäler am Ostabhang der +Anden, so finden die neuen Ansiedler einen Boden und eine Luft, wie sie +beide dem Cacaobau angemessen sind. + +Bekanntlich scheuen die Spanier im Allgemeinen den Zusatz von Vanille zum +Cacao, weil dieselbe die Nerven reize. Daher wird auch die Frucht dieser +schönen Orchisart in der Provinz Caracas fast gar nicht beachtet. Man +könnte sie auf der feuchten, fieberreichen Küste zwischen Porto Cabello +und Ocumare in Menge sammeln, besonders aber in Turiamo, wo die Früchte +des _Epidendrum Vanilla_ elf bis zwölf Zoll lang werden. Die Engländer und +Angloamerikaner suchen häufig im Hafen von Guayra Vanille zu kaufen, und +die Handelsleute können sie nur mit Mühe in kleinen Quantitäten +auftreiben. In den Thälern, die sich von der Küstenbergkette zum Meer der +Antillen herabziehen, in der Provinz Truxillo, wie in den Missionen in +Guyana bei den Fällen des Orinoco könnte man sehr viel Vanille sammeln, +und der Ertrag wäre noch reichlicher, wenn man, wie die Mexicaner thun, +die Pflanze von Zeit zu Zeit von den Lianen säuberte, die sie umschlingen +und ersticken. + +Bei der Schilderung des gegenwärtigen Zustandes der Cacaopflanzungen in +den Provinzen von Venezuela, bei den Bemerkungen über den Zusammenhang +zwischen dem Ertrag der Pflanzungen und der Feuchtigkeit und Gesundheit +der Luft, haben wir der warmen, fruchtbaren Thäler der Küstencordillere +erwähnt. In seiner westlichen Erstreckung, dem See Maracaybo zu, zeigt +dieser Landstrich eine sehr interessante mannigfaltige Terrainbildung. Ich +stelle am Ende dieses Kapitels zusammen, was ich über die Beschaffenheit +des Bodens und den Metallreichthum in den Bezirken Aroas, Barquesimeto und +Carora habe in Erfahrung bringen können. + +Von der Sierra Nevada von Merida und den *Paramos* von Niquitao, Bocono +und las Rosas an,(65) wo der kostbare Chinabaum wächst, senkt sich die +östliche Cordillere von Neu-Grenada so rasch, daß sie zwischen dem 9. und +10. Breitegrad nur noch eine Kette kleiner Berge bildet, an die sich im +Nordost der Altar und der Torito anschließen und die die Nebenflüsse des +Rio Apure und des Orinoco von den zahlreichen Gewässern scheiden, die +entweder in das Meer der Antillen oder in den See Maracaybo fallen. Auf +dieser Wasserscheide stehen die Städte Nirgua, San Felipe el Fuerte, +Barquesimeto und Tocuyo. In den drei ersteren ist es sehr heiß, in Tocuyo +dagegen bedeutend kühl, und man hört mit Ueberraschung, daß unter einem so +herrlichen Himmel die Menschen große Neigung zum Selbstmord haben. Gegen +Süden erhebt sich der Boden, denn Truxillo, der See Urao, aus dem man +kohlensaures Natron gewinnt, und la Grita, ostwärts von der Cordillere, +liegen schon in 400--500 Toisen Höhe. + +Beobachtet man, in welchem constanten Verhältnisse die Urgebirgsschichten +der Küstencordillere fallen, so sieht man sich auf eine der Ursachen +hingewiesen, welche den Landstrich zwischen der Cordillere und dem Meer so +ungemein feucht machen. Die Schichten fallen meist nach Nordwest, so daß +die Gewässer nach dieser Richtung über die Gesteinsbänke laufen und, wie +schon oben bemerkt, die Menge Bäche und Flüsse bilden, deren +Ueberschwemmungen vom Cap Codera bis zum See Maracaybo das Land so +ungesund machen. + +Neben den Gewässern, die in der Richtung nach Nordost an die Küste von +Porto Cabello und zur Punta de Hicacos herabkommen, sind die bedeutendsten +der Tocuyo, der Aroa und der Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche die Luft +verpesten, waren die Thäler des Aroa und des Yaracuy vielleicht stärker +bevölkert als die Thäler von Aragua. Durch die schiffbaren Flüsse hatten +jene sogar den Vortheil, daß sie ihre eigenen Zucker- und Cacaoernten, wie +die Produkte der benachbarten Bezirke, den Weizen von Quibor, das Vieh von +Monai und das Kupfer von Aroa, leichter ausführen könnten. Die Gruben, wo +man dieses Kupfer gewinnt, liegen in einem Seitenthal, das in das Aroathal +mündet und nicht so heiß und ungesund ist als die Thalschluchten naher am +Meer. In diesen letzteren haben die Indianer Goldwäschereien, und im +Gebirge kommen dort reiche Kupfererze vor, die man noch nicht auszubeuten +versucht hat. Die alten, längst in Abgang gekommenen Gruben von Aroa +wurden auf den Betrieb Don Antonios Henriquez, den wir in San Fernando am +Apure trafen, wieder aufgenommen. Nach den Notizen, die er mir gegeben, +scheint die Lagerstätte des Erzes eine Art Stockwerk zu seyn, das aus +mehreren kleinen Gängen besteht, die sich nach allen Richtungen kreuzen. +Das Stockwerk ist stellenweise zwei bis drei Toisen dick. Der Gruben sind +drei, und in allen wird von Sklaven gearbeitet. Die größte, die Biscayna, +hat nur dreißig Bergleute, und die Gesammtzahl der mit der Förderung und +dem Schmelzen des Erzes beschäftigten Sklaven beträgt nur 60--70. Da der +Schacht nur dreißig Toisen tief ist, so können, der Wasser wegen, die +reichsten Strecken des Stockwerks, die darunter liegen, nicht abgebaut +werden. Man hat bis jetzt nicht daran gedacht, Schöpfräder aufzustellen. +Die Gesammtausbeute an gediegenem Kupfer beträgt jährlich 1200--1500 +Centner. Das Kupfer, in Cadix als Caracaskupfer bekannt, ist ausgezeichnet +gut; man zieht es sogar dem schwedischen und dem Kupfer von Coquimbo in +Chili vor. Das Kupfer von Aroa wird zum Theil an Ort und Stelle zum +Glockenguß verwendet. In neuester Zeit ist zwischen Aroa und Nirgua bei +Guanita im Berge San Pablo einiges Silbererz entdeckt worden. Goldkörner +kommen überall im Gebirgslande zwischen dem Rio Yaracuy, der Stadt San +Felipe, Nirgua und Barquesimeto vor, besonders aber im Flusse Santa Cruz, +in dem die indianischen Goldwäscher zuweilen Geschiebe von vier bis fünf +Piastern Werth finden. Kommen im anstehenden Glimmerschiefer- und +Gneißgestein wirkliche Gänge vor, oder ist das Gold auch hier, wie im +Granit von Guadarama in Spanien und im Fichtelgebirg in Franken, durch die +ganze Gebirgsart zerstreut? Das durchsickernde Wasser mag die zerstreuten +Goldblättchen zusammenschwemmen, und in diesem Fall wären alle +Bergbauversuche fruchtlos. In der _Savana de la Miel_ bei der Stadt +Barquesimeto hat man im schwarzen, glänzenden, dem Bergpech (_Ampélite_) +ähnlichen Schiefer einen Schacht niedergetrieben. Die Mineralien, die man +daraus zu Tage gefördert, und die man mir nach Caracas geschickt, waren +Quarz, *nicht goldhaltige* Schwefelkiese und in Nadeln mit Seidenglanz +crystallisirtes kohlensaures Blei. + +In der ersten Zeit nach der Eroberung begann man trotz der Einfälle des +kriegerischen Stammes der Giraharas die Gruben von Nirgua und Buria +auszubeuten. Im selben Bezirk veranlaßte im Jahr 1553 die Menge der +Negersklaven einen Vorfall, der, so wenig er an sich zu bedeuten hatte, +dadurch interessant wird, daß er mit den Ereignissen, die sich unter +unsern Augen auf St. Domingo begeben haben, Aehnlichkeit hat. Ein +Negersklave stiftete unter den Grubenarbeitern von San Felipe de Buria +einen Aufstand an, zog sich in die Wälder und gründete mit zweihundert +Genossen einen Flecken, in dem er zum König ausgerufen wurde. Miguel, der +neue König, liebte Prunk und Feierlichkeit; sein Weib *Guiomar* ließ er +Königin nennen; er ernannte, wie OVIEDO erzählt, Minister, Staatsräthe, +Beamte der _Casa real_, sogar einen schwarzen Bischof. Nicht lange, so war +er keck genug, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Barquesimeto +anzugreifen; er wurde aber von Diego de Losada zurückgeschlagen und kam im +Handgemenge um. Diesem afrikanischen Königreich folgte in Nirgua ein +Freistaat der *Zambos*, das heißt der Abkömmlinge von Negern und +Indianern. Der ganze Gemeinderath, der *Cabildo*, besteht aus Farbigen, +die der KÖNIG VON SPANIEN als seine »lieben und getreuen Unterthanen, die +Zambos von Nirgua,« anredete. Nur wenige weiße Familien mögen in einem +Lande leben, wo ein mit ihren Ansprüchen so wenig verträgliches Regiment +herrscht, und die kleine Stadt heißt spottweise _la republica de Zambos y +Mulatos_. Es ist eben so unklug, die Regierung einer einzelnen Kaste zu +überlassen, als sie ihrer natürlichen Rechte zu berauben und ihr dadurch +eine Einzelnstellung zu geben. + +Wenn in den wegen ihres vortrefflichen Bauholzes berühmten Thälern des +Aroa, Yaracuy und Tocuyo der üppige Pflanzenwuchs und die große +Feuchtigkeit der Luft so viele Fieber erzeugen, so verhält es sich mit den +Savanen oder Llanos von Monaï und Caroro ganz anders. Diese Llanos sind +durch das Gebirgsland von Tocuyo und Nirgua von den großen *Ebenen an der +Portugueza und bei Calabozo* getrennt. Dürre Savanen, auf denen Miasmen +herrschen, sind eine sehr auffallende Erscheinung. Sumpfboden kommt +daselbst keiner vor, wohl aber mehrere Erscheinungen, die auf die +Entbindung von Wasserstoffgas hindeuten.(66) Wenn man Reisende, welche mit +den brennbaren Schwaden unbekannt sind, in die Höhle _del Serrito de +Monaï_ führt, so erschreckt man sie durch Anzünden des Gasgemenges, das +sich im obern Theil der Höhle fortwährend ansammelt. Soll man annehmen, +daß die ungesunde Luft hier dieselbe Quelle hat, wie auf der Ebene +zwischen Tivoli und Rom, Entwicklung von Schwefelwasserstoff?(67) +Vielleicht äußert auch das Gebirgsland neben den Llanos von Monaï einen +ungünstigen Einfluß auf die anstoßenden Ebenen. Südostwinde mögen die +faulen Effluvien herführen, die sich aus der Schlucht Villegas und Sienega +de Cabra zwischen Carora und Carache entwickeln. Ich stelle absichtlich +Alles zusammen, was auf die Ungesundheit der Luft Bezug haben mag; denn +auf einem so dunkeln Gebiete kann man nur durch Vergleichung zahlreicher +Beobachtungen hoffen das wahre Sachverhältniß zu ermitteln. + +Die dürren und doch so fieberreichen Savanen zwischen Barquesimeto und dem +östlichen Ufer des Sees Maracaybo sind zum Theil mit Fackeldisteln +bewachsen; aber die gute Bergcochenille, die unter dem unbestimmten Namen +_Grana de Carora_ bekannt ist, kommt aus einem gemäßigteren Landstrich +zwischen Carora und Truxillo, besonders aber aus dem Thal des Rio Mucuju, +östlich von Merida. Die Einwohner geben sich mit diesem im Handel so stark +gesuchten Produkt gar nicht ab. + + ------------------ + + + + + +_ 51 Carnes tollendas;_ _Bombax hibiscifolius_ + + 52 Da einigermaßen richtige Begriffe über die astronomische Lage und + die Entfernungen der Orte in den spanischen Colonien zuerst und + lange Zeit allein durch Seeleute sich verbreiteten, so wurde in + Mexico und in Südamerika ursprünglich die _legua nautica_ von 6650 + Varas oder 2854 Toisen (20 Meilen auf den Grad) eingeführt; aber + diese »Seemeile« wurde allmälig um die Hälfte oder um ein Drittheil + verkürzt, weil man in den Hochgebirgen, wie auf den dürren, heißen + Ebenen sehr langsam reist. Das Volk rechnet unmittelbar nur nach der + Zeit und schließt aus der Zeit, nach willkürlichen Voraussetzungen, + auf die Länge der zurückgelegten Strecke. + + 53 DEPONS, in seiner »_Reise nach Terra Firma_«: »Bei der unbedeutenden + Oberfläche des Sees (er mißt übrigens 106,500,000 Quadrattoisen) + läßt sich unmöglich annehmen, daß die Verdunstung allein, so stark + sie auch unter den Tropen seyn mag, so viel Wasser wegschaffen kann, + als die Flüsse hereinbringen.« In der Folge scheint aber der + Verfasser selbst wieder »diese geheime Ursache, die Hypothese von + einem Abzugsloch« aufzugeben. + + 54 KARL RITTER, _Erdkunde_ Bd. I. + + 55 S. Bd. I. Seite 316. + + 56 Auf dem alten Continent kommen in Portugal und am Cantal in den + Pyrenäen eben so reine Wasser aus dem Granit. Die Pisciarelli des + Agnanosees in Italien sind 93° heiß. Sind etwa diese reinen Wasser + verdichtete Dämpfe? + + 57 Eigenthümer einer _Pulperia_ einer kleinen Bude, in der man Eßwaaren + und Getränke feil hat. + + 58 Sämmtliche _Carolinea princeps_ in Schönbrunn stammen aus Samen, die + Bose und Bredemeyer von Einem ungeheuer dicken Baum bei Chacao, + östlich von Caracas, genommen. + + 59 Ein Tablon, gleich 1849 Quadrat-Toisen, entspricht etwa 1-1/5 + Morgen. + +_ 60 Essai politique sur la nouvelle Espagne_ T. I. p. 23, T. II. p. + 689. + + 61 Nach diesen drei großen Familien kommen die _Papaveraceae_, + _Chicoraceae_, _Lobeliaceae_, _Campanulaceae_, _Sapoteae_ und + _Cucurbitaceae_. Die Blausäure ist der Gruppe der _Rosaceae + amygdalaceae_ eigenthümlich. Bei den Monocotyledonen kommt kein + Milchsaft vor, aber die Fruchthülle der Palmen, die so süße und + angenehme Emulsionen gibt, enthält ohne Zweifel Käsestoff. Was ist + die Milch der Pilze? + + 62 Diese Klebrigkeit bemerkt man auch an der frischen Milch des + Kuhbaums. Sie rührt ohne Zweifel daher, daß das Cautschuc sich noch + nicht abgesetzt hat und Eine Masse mit dem Eiweiß und dem Käsestoff + bildet, wie in der thierischen Milch die Butter und der Käsestoff. + Der Saft eines Gewächses aus der Familie der Euphorbien, des _Sapium + aucuparia_ der auch Cautschuc enthält, ist so klebrig, daß man + Papagaien damit fängt. + + 63 Der Pater GILI hat aus zwei Stellen bei TORQUEMADA (_Monarquia + Indiana_) bündig dargethan, daß die Mexicaner den Aufguß *kalt* + machten, und daß erst die Spanier den Brauch einführten, die + Cacaomasse im Wasser zu sieden. + + 64 Eine Kiste (_caxa_) wiegt 15½--16 Arrobas, die Arroba zu 23 + spanischen Pfunden. + + 65 Wir wissen aus dem Munde vieler reisenden Mönche, daß der kleine + *Paramo de las Rosas*, der in mehr als 1600 Toisen Meereshöhe zu + liegen scheint, mit Rosmarin und rothen und weißen europäischen + Rosen, die hier verwildert sind, bewachsen ist. Man pflückt die + Rosen, um bei Kirchenfesten die Altäre in den benachbarten Dörfern + damit zu schmücken. Durch welchen Zufall ist unsere + hundertblätterige Rose hier verwildert, da wir sie doch in den Anden + von Quito und Peru nirgends angetroffen haben? Ist es auch wirklich + unsere Gartenrose? (S. Bd. II. Seite 174). + + 66 Was ist die unter dem Namen _Farol_ (Laterne) _de Maracaybo_ + bekannte Lichterscheinung, die man jede Nacht auf der See wie im + innern Lande sieht, z. B. in Merida, wo PALACIOS dieselbe zwei Jahre + lang beobachtet hat? Der Umstand, daß man das Licht über 40 Meilen + weit sieht, hat zu der Vermuthung geführt, es könnte daher rühren, + daß in einer Bergschlucht sich jeden Tag ein Gewitter entlade. Man + soll auch donnern hören, wenn man dem *Farol* nahe kommt. Andere + sprechen in unbestimmtem Ausdruck von einem Luftvulkan; aus + asphalthaltigem Erdreich, ähnlich dem bei Mena, sollen brennbare + Dünste aufsteigen und daher beständig sichtbar seyn. Der Ort, wo + sich die Erscheinung zeigt, ist ein unbewohntes Gebirgsland am Rio + Catatumbo, nicht weit von seiner Vereinigung mit dem Rio Sulia. Der + Farol liegt fast ganz im Meridian der Einfahrt (_boca_) in den See + von Maracaybo, so daß die Steuerleute sich nach ihm richten, wie + nach einem Leuchtfeuer. + + 67 DON CARLOS DE POZO fand in diesem Bezirk, _Quebrada de Moroturo_ + eine Schichte schwarzer Thonerde, welche stark abfärbt, stark nach + Schwefel riecht und sich von selbst entzündet, wenn man sie, leicht + befeuchtet, lange den Strahlen der tropischen Sonne aussetzt; diese + schlammigte Materie verpufft sehr heftig. + + + + + +SIEBZEHNTES KAPITEL. + + + Gebirge zwischen den Thälern von Aragua und den Llanos von + Caracas. -- Villa de Cura. -- Parapara. -- Llanos oder Steppen. -- + Calabozo. + + +Die Bergkette, welche den See von Tacarigua oder Valencia im Süden +begrenzt, bildet gleichsam das nördliche Ufer des großen Beckens der +Llanos oder Savanen von Caracas. Aus den Thälern von Aragua kommt man in +die Savanen über die Berge von Guigue und Tucutunemo. Aus einer +bevölkerten, durch Anbau geschmückten Landschaft gelangt man in eine weite +Einöde. An Felsen und schattige Thäler gewöhnt, sieht der Reisende mit +Befremden diese baumlosen Savanen vor sich, diese unermeßlichen Ebenen, +die gegen den Horizont aufzusteigen scheinen. + +Ehe ich die Llanos oder die Region der Weiden schildere, beschreibe ich +kürzlich unsern Weg von Nueva Valencia durch Villa de Cura und San Juan +zum kleinen, am Eingang der Steppen gelegenen Dorfe Ortiz. Am 6. März, vor +Sonnenaufgang, verließen wir die Thäler von Aragua. Wir zogen durch eine +gut angebaute Ebene, längs dem südwestlichen Gestade des Sees von +Valencia, über einen Boden, von dem sich die Gewässer des Sees +zurückgezogen. Die Fruchtbarkeit des mit Calebassen, Wassermelonen und +Bananen bedeckten Landes setzte uns in Erstaunen. Den Aufgang der Sonne +verkündete der ferne Lärm der Brüllaffen. Vor einer Baumgruppe, mitten in +der Ebene zwischen den ehemaligen Eilanden Don Pedro und Negra, gewahrten +wir zahlreiche Banden der schon oben beschriebenen _Simia ursina_ +(_Araguate_), die wie in Procession äußerst langsam von Baum zu Baum +zogen. Hinter einem männlichen Thier kamen viele weibliche, deren mehrere +ihre Jungen auf den Schultern trugen. Die Brüllaffen, welche in +verschiedenen Strichen Amerikas in großen Gesellschaften leben, sind +vielfach beschrieben. In der Lebensweise kommen sie alle überein, es sind +aber nicht überall dieselben Arten. Wahrhaft erstaunlich ist die +Einförmigkeit in den Bewegungen dieser Affen. So oft die Zweige +benachbarter Bäume nicht zusammenreichen, hängt sich das Männchen an der +Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theil seines +Schwanzes auf, läßt den Körper frei schweben und schwingt denselben hin +und her, bis es den nächsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht sofort +an derselben Stelle dieselbe Bewegung. ULLOA und viele gut unterrichtete +Reisende behaupten, die Marimondas [_Simia Belzebuth_], Araguaten und +andere Affen mit Wickelschwänzen bilden eine Art Kette, wenn sie von einem +Flußufer zum andern gelangen wollen; ich brauche kaum zu bemerken, daß +eine solche Behauptung sehr weit geht. Wir haben in fünf Jahren +Gelegenheit gehabt, Tausende dieser Thiere zu beobachten, und eben deßhalb +glaubten wir nicht an Geschichten, die vielleicht nur von Europäern +erfunden sind, wenn auch die Indianer in den Missionen sie nachsagen, als +ob es Ueberlieferungen ihrer Väter wären. Auch der roheste Mensch findet +einen Genuß darin, durch Berichte von den Wundern seines Landes den +Fremden in Erstaunen zu setzen. Er will selbst gesehen haben, was nach +seiner Vorstellung Andere gesehen haben könnten. Jeder Wilde ist ein +Jäger, und die Geschichten der Jäger werden desto phantastischer, je höher +die Thiere, von deren Listen sie zu erzählen wissen, in geistiger +Beziehung wirklich stehen. Dieß ist die Quelle der Mährchen, welche in +beiden Hemisphären vom Fuchs und vom Affen, vom Raben und vom Condor der +Anden im Schwange gehen. + +Die Araguaten sollen, wenn sie von indianischen Jägern verfolgt werden, +zuweilen ihre Jungen im Stiche lassen, um sich auf der Flucht zu +erleichtern. Man will gesehen haben, wie Affenmütter das Junge von der +Schulter rissen und es vom Baum warfen. Ich glaube aber, man hat hier eine +rein zufällige Bewegung für eine absichtliche genommen. Die Indianer sehen +gewisse Affengeschlechter mit Abneigung oder mit Vorliebe an; den +Viuditas, den Titis, überhaupt allen kleinen Sagoins sind sie gewogen, +während die Araguaten wegen ihres trübseligen Aeußern und ihres +einförmigen Gebrülls gehaßt und dazu verleumdet werden. Wenn ich darüber +nachdachte, durch welche Ursachen die Fortpflanzung des Schalls durch die +Luft zur Nachtzeit befördert werden mag, schien es mir nicht unwichtig, +genau zu bestimmen, in welchem Abstand. namentlich bei nasser, stürmischer +Witterung, das Geheul eines Trupps Araguaten zu vernehmen ist. Ich glaube +gefunden zu haben, daß man es noch in 800 Toisen Entfernung hört. Die +Affen mit ihren vier Händen können keine Streifzüge in die Llanos machen, +und mitten auf den weiten, mit Gras bewachsenen Ebenen unterscheidet man +leicht eine vereinzelte Baumgruppe, die von Brüllaffen bewohnt ist und von +welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder +sich davon entfernt, so mißt man das Maximum des Abstandes, in dem das +Geheul noch vernehmbar ist. Diese Abstände schienen mir einigemale bei +Nacht um ein Drittheil größer, namentlich bei bedecktem Himmel und sehr +warmem, feuchtem Wetter. + +Die Indianer versichern, wenn die Araguaten den Wald mit ihrem Geheul +erfüllen, so haben sie immer einen Vorsänger. Die Bemerkung ist nicht +unrichtig. Man hört meistens, lange fort, eine einzelne stärkere Stimme, +worauf eine andere von verschiedenem Tonfall sie ablöst. Denselben +Nachahmungstrieb bemerken wir zuweilen auch bei uns bei den Fröschen, und +fast bei allen Thieren, die in Gesellschaft leben und sich hören lassen. +Noch mehr, die Missionäre versichern, wenn bei den Araguaten ein Weibchen +im Begriffe sey zu werfen, so unterbreche der Chor sein Geheul, bis das +Junge zur Welt gekommen sey. Ob etwas Wahres hieran ist, habe ich nicht +selbst ausmachen können, ganz grundlos scheint es aber allerdings nicht zu +seyn. Ich habe beobachtet, daß das Geheul einige Minuten aufhört, so oft +ein ungewöhnlicher Vorfall, zum Beispiel das Aechzen eines verwundeten +Araguate, die Aufmerksamkeit des Trupps in Anspruch nimmt. Unsere Führer +versicherten uns allen Ernstes, ein bewährtes Heilmittel gegen kurzen +Athem sey, aus der knöchernen Trommel am Zungenbein des Araguate zu +trinken. »Da dieses Thier eine so außerordentlich starke Stimme hat, so +muß dem Wasser, das man in seinen Kehlkopf gießt, nothwendig die Kraft +zukommen, Krankheiten der Lungen zu heilen.« Dieß ist Volksphysik, die +nicht selten an die der Alten erinnert. + +Wir übernachteten im Dorfe Guigue, dessen Breite ich durch Beobachtungen +des Canopus gleich 10° 4′ 11″ fand. Dieses Dorf auf trefflich angebautem +Boden liegt nur tausend Toisen vom See Tacarigua. Wir wohnten bei einem +alten Sergeanten, aus Murcia gebürtig, einem höchst originellen Mann. Um +uns zu beweisen, daß er bei den Jesuiten erzogen worden, sagte er uns die +Geschichte von der Erschaffung der Welt lateinisch her. Er kannte die +Namen August, Tiber, und Diocletian. Bei der angenehmen Nachtkühle in +einem Bananengehege beschäftigte er sich lebhaft mit Allem, was am Hof der +römischen Kaiser vorgefallen war. Er bat uns dringend um Mittel gegen die +Gicht, die ihn grausam plagte. »Ich weiß wohl,« sagte er, »daß ein *Zambo* +aus Valencia, ein gewaltiger »Curioso,« mich heilen kann; aber der Zambo +macht auf eine Behandlung Anspruch, die einem Menschen von seiner Farbe +nicht gebührt, und so bleibe ich lieber, wie ich bin.« + +Von Guigue an führt der Weg aufwärts zur Bergkette, welche im Süden des +Sees gegen Guacimo und la Palma hinstreicht. Von einem Plateau herab, das +320 Toisen hoch liegt, sahen wir zum letztenmale die Thäler von Aragua. +Der Gneiß kam zu Tage; er zeigte dieselbe Streichung der Schichten, +denselben Fall nach Nordwest. Quarzadern im Gneiß sind goldhaltig; eine +benachbarte Schlucht heißt daher Quebrada del Oro. Seltsamerweise begegnet +man auf jedem Schritt dem vornehmen Namen »Goldschlucht« in einem Lande, +wo ein einziges Kupferbergwerk im Betrieb ist. Wir legten fünf Meilen bis +zum Dorfe Maria Magdalena zurück, und weitere zwei zur Villa de Cura. Es +war Sonntag. Im Dorfe Maria Magdalena waren die Einwohner vor der Kirche +versammelt. Man wollte unsere Maulthiertreiber zwingen anzuhalten und die +Messe zu hören. Wir ergaben uns darein; aber nach langem Wortwechsel +setzten die Maulthiertreiber ihren Weg fort. Ich bemerke hier, daß dieß +das einzigemal war, wo wir einen Streit solcher Art bekamen. Man macht +sich in Europa ganz falsche Begriffe von der Unduldsamkeit und selbst vom +Glaubenseifer der spanischen Colonisten. + +San Luis de Cura, oder, wie es gemeiniglich heißt, Villa de Cura liegt in +einem sehr dürren Thale, das von Nordwest nach Südost streicht und nach +meinen barometrischen Beobachtungen eine Meereshöhe von 266 Toisen hat. +Außer einigen Fruchtbäumen hat das Land fast gar keinen Pflanzenwuchs. Das +Plateau ist desto dürrer, da mehrere Gewässer -- ein ziemlich seltener +Fall im Urgebirge -- sich auf Spalten im Boden verlieren. Der Rio de las +Minas, nordwärts von Villa de Cura, verschwindet im Gestein, kommt wieder +zu Tage und wird noch einmal unterirdisch, ohne den See von Valencia zu +erreichen, auf den er zuläuft. Cura gleicht vielmehr einem Dorfe als einer +Stadt. Die Bevölkerung beträgt nicht mehr als 4000 Seelen, aber wir fanden +daselbst mehrere Leute von bedeutender geistiger Bildung. Wir wohnten bei +einer Familie, welche nach der Revolution von Caracas i. J. 1797 von der +Regierung verfolgt worden war. Einer der Söhne war nach langer +Gefangenschaft nach der Havana gebracht worden, wo er in einem festen +Schlosse saß. Wie freute sich die Mutter, als sie hörte, daß wir auf dem +Rückweg vom Orinoco nach der Havana kommen würden! Sie übergab mir fünf +Piaster, »all ihr Erspartes.« Gern hätte ich sie ihr zurückgegeben, aber +wie hätte ich mich nicht scheuen sollen, ihr Zartgefühl zu verletzen, +einer Mutter wehe zu thun, die in den Entbehrungen, die sie sich +auferlegt, sich glücklich fühlt! Die ganze Gesellschaft der Stadt fand +sich Abends zusammen, um in einem Guckkasten die Ansichten der großen +europäischen Städte zu bewundern. Wir bekamen die Tuilerien zu sehen und +das Standbild des großen Kurfürsten in Berlin. Es ist ein eigenes Gefühl, +seine Vaterstadt, zweitausend Meilen von ihr entfernt, in einem Guckkasten +zu erblicken. + +Ein Apotheker, der durch den unseligen Hang zu bergmännischen +Unternehmungen heruntergekommen war, begleitete uns zum Serro de Chacao, +der an goldhaltigen Kiesen sehr reich ist. Der Weg läuft immer am +südlichen Abhang der Küstencordillere hinab, in welcher die Ebenen von +Aragua ein Längenthal bilden. Die Nacht des 11. brachten wir zum Theil im +Dorfe San Juan zu, bekannt wegen seiner warmen Quellen und der sonderbaren +Gestalt zweier benachbarten Berge, der sogenannten *Morros de San Juan*. +Diese Kuppen bilden steile Gipfel, die sich auf einer Felsmauer von sehr +breiter Basis erheben. Die Mauer fällt steil ab und gleicht der +*Teufelsmauer*, die um einen Strich des Harzgebirges herläuft. Diese +Kuppen sieht man sehr weit in den Llanos, sie machen starken Eindruck auf +die Einbildungskraft der Bewohner der Ebenen, die an gar keine Unebenheit +des Bodens gewöhnt sind, und so kommt es, daß ihre Höhe im Lande gewaltig +überschätzt wird. Sie sollten, wie man uns gesagt, mitten in den Steppen +liegen, während sie sich am nördlichen Saume derselben befinden, weit +jenseits einer Hügelkette, die la Galera heißt. Nach Winkeln, die im +Abstand von zwei Seemeilen genommen worden, erheben sich die Kuppen nicht +mehr als 156 Toisen über dem Dorf San Juan und 350 über dem Meer. Die +warmen Quellen entspringen am Fuß der Kuppen, die aus Uebergangskalkstein +bestehen; sie sind mit Schwefelwasserstoff geschwängert, wie die Wasser +von Mariara, und bilden einen kleinen Teich oder eine Lagune, in der ich +den Thermometer nur auf 31°,3 steigen sah. + +In der Nacht vom 9. zum 10. März fand ich durch sehr befriedigende +Sternbeobachtungen die Breite von Villa de Cura 10°, 2′ 47″. Die +spanischen Officiere, welche im Jahr 1755 bei der Grenzexpedition mit +astronomischen Instrumenten an den Orinoco gekommen sind, können zu Cura +nicht beobachtet haben, denn die Karte von CAULIN und die von CRUZ +OLMEDILLA setzen diese Stadt einen Viertelsgrad zu weit südwärts. + +Villa de Cura ist im Lande berühmt wegen eines wunderthätigen +Marienbildes, das Nuestra Sennora de los Valencianos genannt wird. Dieses +Bild, das um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von einem Indianer in +einer Schlucht gefunden wurde, gab Anlaß zu einem Rechtshandel zwischen +den Städten Cura und San Sebastiano de los Reyes. Die Geistlichen der +letzteren Stadt behaupteten, die h. Jungfrau sey zuerst in ihrem Sprengel +erschienen. Der Bischof von Caracas, dem langen ärgerlichen Streite ein +Ende zu machen, ließ das Bild in das bischöfliche Archiv schaffen und +behielt es daselbst dreißig Jahre unter Siegel: es wurde den Einwohnern +von Cura erst i. J. 1802 zurückgegeben. DEPONS gibt umständliche Nachricht +von diesem seltsamen Handel. + +Nachdem wir im kleinen Fluß St. Juan aus einem Bette von basaltischem +Grünstein, in frischem, klarem Wasser gebadet, setzten wir um zwei Uhr in +der Nacht unsern Weg über Ortiz und Parapara nach *Mesa de Paja* fort. Die +Llanos waren damals durch Raubgesindel unsicher, weßhalb sich mehrere +Reisende an uns anschlossen, so daß wir eine Art Caravane bildeten. Sechs +bis sieben Stunden lang ging es fortwährend abwärts; wir kamen am Cerro de +Flores vorbei, wo die Straße zum großen Dorfe San Jose de Tisnao abgeht. +An den Höfen Luque und Juncalito vorüber gelangt man in die Gründe, die +wegen des schlechten Wegs und der blauen Farbe der Schiefer Malpasso und +Piedras Azules heißen. Wir standen hier auf dem alten Gestade des großen +Beckens der Steppen, auf einem geologisch interessanten Boden. + +Der südliche Abhang der Küstencordillere ist ziemlich steil, da die +Steppen nach meinen barometrischen Messungen tausend Fuß tiefer liegen als +der Boden des Beckens von Aragua. Vom weiten Plateau von Villa de Cura +kamen wir herab an das Ufer des Rio Tucutunemo, der sich ins +Serpentingestein ein von Ost nach West streichendes Längenthal gegraben +hat, ungefähr im Niveau von la Victoria. Von da führte uns ein Querthal +über die Dörfer Parapara und Ortiz in die Llanos. Dieses Thal streicht im +Ganzen von Nord nach Süd und verengt sich an mehreren Stellen. Becken mit +völlig wagrechtem Boden stehen durch schmale, abschüssige Schluchten mit +einander in Verbindung. Es waren dieß einst ohne Zweifel kleine Seen, und +durch Aufstauung der Gewässer oder durch eine noch gewaltsamere +Katastrophe sind die Dämme zwischen den Wasserbecken durchbrochen worden. +Diese Erscheinung kommt gleichzeitig in beiden Continenten vor, überall wo +Längenthäler Pässe über die Anden, die Alpen, die Pyrenäen bilden.(68) +Wahrscheinlich rührt die ruinenhafte Gestalt der Kappen von San Juan und +San Sebastiano von den gewaltigen Schwemmungen her, die beim Ausbruch der +Gewässer gegen die Llanos erfolgten. + +Bei der *Mesa de Paja*, unter dem 9. Grad der Breite, betraten wir das +Becken der Llanos. Die Sonne stand beinahe im Zenith; der Boden zeigte +überall, wo er von Vegetation entblöst war, eine Temperatur von 48--50°. +In der Höhe, in der wir uns auf unsern Maulthieren befanden, war kein +Lufthauch zu spüren; aber in dieser scheinbaren Ruhe erhoben sich +fortwährend kleine Staubwirbel in Folge der Luftströmungen, die dicht am +Boden durch die Temperaturunterschiede zwischen dem nackten Sand und den +mit Gras bewachsenen Flecken hervorgebracht werden. Diese »Sandwinde« +steigern die erstickende Hitze der Luft. Jedes Quarzkorn, weil es wärmer +ist als die umgebende Luft, strahlt ringsum Wärme aus, und es hält schwer +die Lufttemperatur zu beobachten, ohne daß Sandtheilchen gegen die Kugel +des Thermometers getrieben werden. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel +anzusteigen, und die weite unermeßliche Einöde stellte sich unsern Blicken +als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar. Da die Dunstmassen in +der Luft ungleich vertheilt waren, und die Temperaturabnahme in den +übereinandergelagerten Luftschichtens keine gleichförmige ist, so zeigte +sich der Horizont in gewissen Richtungen hell und scharf begrenzt, in +andern wellenförmig auf- und abgebogen und wie gestreift. Erde und Himmel +schmolzen dort in einander. Durch den trockenen Nebel und die +Dunstschichten gewahrte man in der Ferne Stämme von Palmbäumen. Ihrer +grünenden Wipfel beraubt, erschienen diese Stämme wie Schiffsmasten, die +am Horizont auftauchen. + +Der einförmige Anblick dieser Steppen hat etwas Großartiges, aber auch +etwas Trauriges und Niederschlagendes. Es ist als ob die ganze Natur +erstarrt wäre; kaum daß hin und wieder der Schatten einer kleinen Wolke, +die durchs Zenith eilend die nahende Regenzeit verkündet, auf die Savane +fällt. Der erste Anblick der Llanos überrascht vielleicht nicht weniger +als der der Andeskette. Alle Gebirgsländer, welches auch die absolute Höhe +ihrer höchsten Gipfel seyn mag, haben eine gemeinsame Physiognomie; aber +nur schwer gewöhnt man sich an den Anblick der Llanos von Venezuela und +Casanare, der Pampas von Buenos Ayres und Chaco, die beständig, zwanzig, +dreißig Tagereisen lang, ein Bild der Meeresfläche bieten. Ich kannte die +Ebenen oder Llanos der spanischen Mancha und die Heiden (_ericeta_), die +sich von den Grenzen Jütlands durch Lüneburg und Westphalen bis nach +Belgien hinein erstrecken. Letztere sind wahre Steppen, von denen der +Mensch seit Jahrhunderten nur kleine Strecken kulturfähig zu machen im +Stande war; aber die Ebenen im Westen und Norden von Europa geben nur ein +schwaches Bild von den unermeßlichen Llanos in Südamerika. Im Südosten +unseres Continents, in Ungarn zwischen der Donau und der Theiß, in Rußland +zwischen dem Dnieper, dem Don und der Wolga treten die ausgedehnten +Weideländer auf, die durch langen Aufenthalt der Wasser geebnet scheinen +und ringsum den Horizont begrenzen. Wo ich die ungarischen Ebenen bereist +habe, an den Grenzen Deutschlands zwischen Preßburg und Oedenburg, +beschäftigen sie die Einbildungskraft des Reisenden durch das fortwährende +Spiel der Luftspiegelung; aber ihre weiteste Erstreckung ist ostwärts +zwischen Czegled, Debreczin und Tittel. Es ist ein grünes Meer mit zwei +Ausgängen, dem einen bei Gran und Weitzen, dem andern zwischen Belgrad und +Widdin. + +Man glaubte die verschiedenen Welttheile zu charakterisiren, indem man +sagte, Europa habe *Heiden*, Asien *Steppen*, Afrika *Wüsten*, Amerika +*Savanen*; aber man stellt damit Gegensätze auf, die weder in der Natur +der Sachen, noch im Geiste der Sprachen gegründet sind. Die asiatischen +Steppen sind keineswegs überall mit Salzpflanzen bedeckt; in den Savanen +von Venezuela kommen neben den Gräsern kleine krautartige Mimosen, +Schotengewächse und andere Dicotyledonen vor. Die Ebenen der Songarei, die +zwischen Don und Wolga, die ungarischen *Puszten* sind wahre Savanen, +Weideländer mit reichem Graswuchs, während auf den Savanen ost- und +westwärts von den Rocky-Mountains und von Neu-Mexico Chenopodien mit einem +Gehalt von kohlensaurem und salzsauren Natrum vorkommen. Asien hat ächte +pflanzenlose Wüsten, in Arabien, in der Gobi, in Persien. Seit man die +Wüsten im Innern Afrika’s, was man so lange unter dem allgemeinen Namen +Sahara begriffen, näher kennen gelernt hat, weiß man, daß es im Osten +dieses Continents, wie in Arabien, Savanen und Weideländer gibt, die von +nackten, dürren Landstrichen umgeben sind. Letztere, mit losem Gestein +bedeckte, ganz pflanzenlose Wüsten, fehlen nun aber der neuen Welt fast +ganz. Ich habe dergleichen nur im niedern Strich von Peru, zwischen +Amotape und Coquimbo, am Gestade der Südsee gesehen. Die Spanier nennen +sie nicht Llanos, sondern _desiertos_ von Sechura und Atacamez. Diese +Einöde ist nicht breit, aber 440 Meilen lang. Die Gebirgsart kommt überall +durch den Flugsand zu Tag. Es fällt niemals ein Tropfen Regen, und wie in +der Sahara nördlich von Tombuctu sindet sich in der peruanischen Wüste bei +Huaura eine reiche Steinsalzgrube. Ueberall sonst in der neuen Welt gibt +es öde, weil unbewohnte Flächen, aber keine eigentlichen Wüsten. + +Dieselben Erscheinungen wiederholen sich in den entlegensten Landstrichen, +und statt diese weiten baumlosen Ebenen nach den Pflanzen zu +unterscheiden, die auf ihnen vorkommen, unterscheidet man wohl am +einfachsten zwischen *Wüsten* und *Steppen* oder *Savanen*, zwischen +nackten Landstrichen ohne Spur von Pflanzenwuchs und Landstrichen, die mit +Gräsern oder kleinen Gewächsen aus der Classe der Dicotyledonen bedeckt +sind. In manchen Werken heißen die amerikanischen Savanen, namentlich die +der gemäßigten Zone, *Wiesen* (Prairien); aber diese Bezeichnung paßt, wie +mir dünkt, schlecht auf Weiden, die oft sehr dürr, wenn auch mit 4 bis 5 +Fuß hohen Kräutern bedeckt sind. Die amerikanischen Llanos oder Pampas +sind wahre *Steppen*. Sie sind in der Regenzeit schön begrünt, aber in der +trockensten Jahreszeit bekommen sie das Ansehen von Wüsten. Das Kraut +zerfällt zu Staub, der Boden berstet, das Krokodil und die großen +Schlangen liegen begraben im ausgedörrten Schlamm, bis die ersten +Regengüsse im Frühjahr sie aus der langen Erstarrung wecken. Diese +Erscheinungen kommen auf dürren Landstrichen von 50--60 Quadratmeilen +überall vor, wo keine Gewässer durch die Savane strömen; denn am Ufer der +Bäche und der kleinen Stücke stehenden Wassers stößt der Reisende von Zeit +zu Zeit selbst in der dürrsten Jahreszeit auf Gebüsche der Mauritia, einer +Palmenart, deren fächerförmige Blätter beständig glänzend grün sind. + +Die asiatischen Steppen liegen alle außerhalb der Wendekreise und bilden +sehr hohe Plateaus. Auch Amerika hat auf dem Rücken der Gebirge von +Mexico, Peru und Quito Savanen von bedeutender Ausdehnung, aber seine +ausgedehntesten Steppen, die Llanos von Cumana, Caracas und Meta, erheben +sich nur sehr wenig über dem Meeresspiegel und fallen alle in die +Aequinoctialzone. Diese Umstände ertheilen ihnen einen eigenthümlichen +Charakter. Die Seen ohne Abfluß, die kleinen Flußsysteme, die sich im Sand +verlieren oder durch die Gebirgsart durchseigen, wie sie den Steppen im +östlichen Asien und den persischen Wüsten eigen sind, kommen hier nicht +vor. Die amerikanischen Llanos fallen gegen Ost und Süd und ihre +strömenden Gewässer laufen in den Orinoco. + +Nach dem Lauf dieser Flüsse hatte ich früher geglaubt, daß die Ebenen +Plateaus bilden müßten, die mindestens 100 bis 150 Toisen über dem Meer +gelegen wären. Ich dachte mir, auch die Wüsten im inneren Afrika müßten +beträchtlich hoch liegen und stufenweise von den Küsten bis ins Innere des +großen Continents über einander aufsteigen. Bis jetzt ist noch kein +Barometer in die Sahara gekommen. Was aber die amerikanischen Llanos +betrifft, so zeigen die Barometerhöhen, die ich zu Calabozo, zu Villa del +Pao und an der Mündung des Meta beobachtet, daß sie nicht mehr als 40 bis +50 Toisen über dem Meeresspiegel liegen. Die Flüsse haben einen sehr +schwachen, oft kaum merklichen Fall. So kommt es, daß beim geringsten +Wind, und wenn der Orinoco anschwillt, die Flüsse, die in ihn fallen, +rückwärts gedrängt werden. Im Rio Arauca bemerkt man häufig diese Strömung +*nach oben*. Die Indianer glauben einen ganzen Tag lang abwärts zu +schiffen, während sie von der Mündung gegen die Quellen fahren. Zwischen +den abwärtsströmenden und den aufwärtsströmenden Gewässern bleibt eine +bedeutende Wassermasse still stehen, in der sich durch +Gleichgewichtsstörung Wirbel bilden, die den Fahrzeugen gefährlich werden. + +Der eigenthümlichste Zug der Savanen oder Steppen Südamerikas ist die +völlige Abwesenheit aller Erhöhungen, die vollkommen wagerechte Lage des +ganzen Bodens. Die spanischen Eroberer, die zuerst von Coro her an die +Ufer des Apure vordrangen, haben sie daher auch weder Wüsten, noch +Savanen, noch Prairien genannt, sondern Ebenen, _los Llanos_. Auf dreißig +Quadratmeilen zeigt der Boden oft keine fußhohe Unebenheit. Diese +Aehnlichkeit mit der Meeresfläche drängt sich der Einbildungskraft +besonders da auf, wo die Ebenen gar keine Palmen tragen, und wo man von +den Bergen an der Küste und vom Orinoco so weit weg ist, daß man dieselben +nicht sieht, wie in der Mesa de Pavones. Dort könnte man sich versucht +fühlen, mit einem Reflexionsinstrument Sonnenhöhen aufzunehmen, wenn nicht +der *Land-Horizont*, in Folge des wechselnden Spiels der Refractionen, +beständig in Nebel gehüllt wäre. Diese Ebenheit des Bodens ist noch +vollständiger unter dem Meridian von Calabozo als gegen Ost zwischen Cari, +Villa del Pao und Nueva Barcelona; aber sie herrscht ohne Unterbrechung +von den Mündungen des Orinoco bis zur Villa de Araure und Ospinos, auf +einem *Parallel* von 180 Meilen, und von San Carlos bis zu den Savanen am +Caqueta aus, einem *Meridian* von 200 Meilen. Sie vor Allem ist +charakteristisch für den neuen Continent, so wie für die asiatischen +Steppen zwischen dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtisch und dem +Obi. Dagegen zeigen die Wüsten im inneren Afrika, in Arabien, Syrien und +Persien, die Cobi und die Casna viele Bodenunebenheiten, Hügelreihen, +wasserlose Schluchten und festes Gestein, das aus dem Sand hervorragt. + +Trotz der scheinbaren Gleichförmigkeit ihrer Fläche finden sich indessen +in den Llanos zweierlei Unebenheiten, die dem aufmerksamen Beobachter +nicht entgehen. Die erste Art nennt man _bancos_; es sind wahre Bänke, +Untiefen im Steppenbecken, zerbrochene Schichten von festem Sandstein oder +Kalkstein, die 4 bis 5 Fuß höher liegen als die übrige Ebene. Diese Bänke +sind zuweilen drei bis vier Meilen lang; sie sind vollkommen eben und +wagerecht und man bemerkt ihr Vorhandenseyn überhaupt nur dann, wenn man +ihre Ränder vor sich hat. Die zweite Unebenheit läßt sich nur durch +geodätische oder barometrische Messungen oder am Lauf der Flüsse erkennen; +sie heißt Mesa. Es sind dieß kleine Plateaus, oder vielmehr convexe +Erhöhungen, die unmerklich zu einigen Toisen Höhe ansteigen. Dergleichen +sind ostwärts in der Provinz Cumana, im Norden von Villa de la Merced und +Candelaria, die *Mesas Amana, Guanipa und Jonoro*, die von Südwest nach +Nordost streichen und trotz ihrer unbedeutenden Höhe die Wasser zwischen +dem Orinoco und der Nordküste von Terra firma scheiden. Nur die sanfte +Wölbung der Savane bildet die Wasserscheide; hier sind die _divortia +aquarum_,(69) wie in Polen, wo fern von den Karpathen die Wasserscheide +zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere in der Ebene selbst liegt. +Die Geographen setzen da, wo eine Wasserscheide ist, immer Bergzüge +voraus, und so sieht man denn auch auf den Karten dergleichen um die +Quellen des Rio Neveri, des Unare, des Guarapiche und des Pao +eingezeichnet. Dieß erinnert an die mongolischen Priester, die nach einem +alten abergläubischen Brauch an allen Stellen, wo die Wasser nach +entgegengesetzten Seiten fließen, *Obos* oder kleine Steinhaufen +errichten. + +Das ewige Einerlei der Llanos, die große Seltenheit von bewohnten Plätzen, +die Beschwerden der Reise unter einem glühenden Himmel und bei +stauberfüllter Luft, die Aussicht auf den Horizont, der beständig vor +einem zurückzuweichen scheint, die vereinzelten Palmstämme, deren einer +aussieht wie der andere, und die man gar nicht erreichen zu können meint, +weil man sie mit andern Stämmen verwechselt, die nach einander am +Gesichtskreis auftauchen -- all dieß zusammen macht, daß einem die Steppen +noch weit größer vorkommen, als sie wirklich sind. Die Pflanzer am +Südabhang des Küstengebirges sehen die Steppen grenzenlos, gleich einem +grünen Ocean gegen Süd sich ausdehnen. Sie wissen, daß man vom Delta des +Orinoco bis in die Provinz Barinas und von dort über die Flüsse Meta, +Guaviare und Caguan, Anfangs von Ost nach West, sodann von Nordost nach +Nordwest, 380 Meilen weit in den Steppen fortziehen kann, bis über den +Aequator hinaus an den Fuß der Anden von Pasto. Sie kennen nach den +Berichten der Reisenden die Pampas von Buenos Ayres, die gleichfalls mit +feinem Gras bewachsene, baumlose Llanos sind und von verwilderten Rindern +und Pferden wimmeln. Sie sind, nach Anleitung unserer meisten Karten von +Amerika, der Meinung, der Continent habe nur Eine Bergkette, die der +Anden, die von Süd nach Nord läuft, und nach einem unbestimmten +systematischen Begriff lassen sie alle Ebenen vom Orinoco und vom Apure an +bis zum Rio de la Plata und der Magellan’schen Meerenge untereinander +zusammenhängen. + +Ich entwerfe im Folgenden ein möglichst klares und gedrängtes Bild vom +allgemeinen Bau eines Festlandes, dessen Endpunkte, unter so verschiedenen +Klimaten sie auch liegen, in mehreren Zügen mit einander übereinkommen. Um +den Umriß und die Grenzen der Ebenen richtig aufzufassen, muß man die +Bergketten kennen, welche den Uferrand derselben bilden. Von der +Küstencordillere, deren höchster Gipfel die Silla bei Caracas ist, und die +durch den Paramo de las Rosas mit dem Nevado von Merida und den Anden von +Neu-Grenada zusammenhängt, haben wir bereits gesprochen. Eine zweite +Bergkette, oder vielmehr ein minder hoher, aber weit breiterer Bergstock +läuft zwischen dem 3. und 7. Parallelkreise von den Mündungen des Guaviare +und Meta zu den Quellen des Orinoco, Marony und Esquibo, gegen das +holländische und französische Guyana zu. Ich nenne diese Kette die +*Cordillere der Parime* oder der großen Fälle des Orinoco; man kann sie +250 Meilen weit verfolgen, es ist aber nicht sowohl eine Kette, als ein +Haufen granitischer Berge, zwischen denen kleine Ebenen liegen und die +nicht überall Reihen bilden. Der Bergstock der Parime verschmälert sich +bedeutend zwischen den Quellen des Orinoco und den Bergen von Demerary zu +den Sierras von Quimiropaca und Pacaraimo, welche die Wasserscheide bilden +zwischen dem Carony und dem Rio Parime oder Rio de Aguas blancas. Dieß ist +der Schauplatz der Unternehmungen, um den Dorado aufzusuchen und die große +Stadt Manoa, das Tombuctu der neuen Welt. Die Cordillere der Parime hängt +mit den Anden von Neu-Grenada nicht zusammen; sie sind durch einen 80 +Meilen breiten Zwischenraum getrennt. Dächte man sich, dieselbe sey hier +durch eine große Erdumwälzung zerstört worden, was übrigens gar nicht +wahrscheinlich ist, so müßte man annehmen, sie sey einst von den Anden +zwischen Santa Fe de Bogota und Pamplona abgegangen. Diese Bemerkung mag +dazu dienen, die geographische Lage dieser Cordillere, die bis jetzt sehr +wenig bekannt geworden, dem Leser besser einzuprägen. -- Eine dritte +Bergkette verbindet unter dem 16. und 18. Grad südl. Breite (über Santa +Cruz de la Sierra, die Serranias von Aguapehy und die vielberufenen Campos +dos Parecis) die peruanischen Anden mit den Gebirgen Brasiliens. Dieß ist +die *Cordillere von Chiquitos*, die in der Capitania von Minas Geraes +breiter wird und die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom und dem La +Plata bildet, nicht nur im innern Lande, im Meridian von Villa Boa, +sondern bis wenige Meilen von der Küste, zwischen Rio Janeiro und Bahia. + +Diese drei Querketten oder vielmehr diese drei *Bergstöcke*, welche +innerhalb der Grenzen der heißen Zone von West nach Ost streichen, sind +durch völlig ebene Landstriche getrennt, *die Ebenen von Caracas* oder am +untern Orinoco, *die Ebenen des Amazonenstroms* und des Rio Negro, *die +Ebenen von Buenos Ayres* oder des La Plata. Ich brauche nicht den Ausdruck +*Thäler*, weil der untere Orinoco und der Amazonenstrom keineswegs in +einem Thale fließen, sondern nur in einer weiten Ebene eine kleine Rinne +bilden. Die beiden Becken an den beiden Enden Südamerikas sind Savanen +oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze +Jahr die tropischen Regen fallen, ist fast durchgängig ein ungeheurer +Wald, in dem es keinen andern Pfad gibt als die Flüsse. Wegen des +kräftigen Pflanzenwuchses, der den Boden überzieht, fällt hier die +Ebenheit desselben weniger auf, und nur die Becken von Caracas und La +Plata nennt man *Ebenen*. In der Sprache der Colonisten heißen die drei +eben beschriebenen Becken: die *Llanos* von Barinas und Caracas, die +*Bosques* oder *Selvas* (Wälder) des Amazonenstromes, und die *Pampas* von +Buenos Ayres. Der Wald bedeckt nicht nur größtentheils die *Ebenen des +Amazonenstroms* von der Cordillere von Chiquitos bis zu der der Parime, er +überzieht auch diese beiden Bergketten, welche selten die Höhe der +Pyrenäen erreichen. Deßhalb sind die weiten Ebenen des Amazonenstromes, +des Madeira und Rio Negro nicht so scharf begrenzt wie die *Llanos* von +Caracas und die *Pampas* von Buenos Ayres. Da die *Waldregion* Ebenen und +Gebirge zugleich begreift, so erstreckt sie sich vom 18° südlicher bis zum +7 und 8° nördlicher Breite, und umfaßt gegen 120,000 Quadratmeilen. Dieser +Wald des südlichen Amerika, denn im Grunde ist es nur Einer, ist sechsmal +größer als Frankreich; die Europäer kennen ihn nur an den Ufern einiger +Flüsse, die ihn durchströmen, und er hat Lichtungen, deren Umfang mit dem +des Forstes im Verhältniß steht. Wir werden bald an sumpfigen Savanen +zwischen dem obern Orinoco, dem Conorichite und Cassiquiare, unter dem 3. +und 4. Grad der Breite, vorüberkommen. Unter demselben Parallelkreise +liegen andere Lichtungen oder _Savanas limpias_(70) zwischen den Quellen +des Mao und des Rio de Aguas blancas, südlich von der Sierra Pacaraima. +Diese letzteren Savanen sind von Caraiben und nomadischen Macusis bewohnt; +sie ziehen sich bis nahe an die Grenzen des holländischen und +französischen Guyana fort. + +Wir haben die geologischen Verhältnisse von Südamerika geschildert; heben +wir jetzt die Hauptzüge heraus. Den Westküsten entlang läuft eine +ungeheure Gebirgsmauer, reich an edlen Metallen überall, wo das +vulkanische Feuer sich nicht durch den ewigen Schnee Bahn gebrochen: dieß +ist die *Cordillere der Anden*. Gipfel von Trappporphyr steigen hier zu +mehr als 3300 Toisen Höhe auf, und die mittlere Höhe der Kette beträgt +1850 Toisen. Sie streicht in der Richtung eines Meridians fort und schickt +in jeder Halbkugel, unter dem 10. Grad nördlicher und unter dem 16. und +18. Grad südlicher Breite einen Seitenzweig ab. Der erstere dieser Zweige, +die Küstencordillere von Caracas, ist minder breit und bildet eine +eigentliche Kette. Der zweite, die Cordillere von Chiquitos und an den +Quellen des Guapore, ist sehr reich an Gold und breitet sich ostwärts, in +Brasilien, zu weiten Plateaus mit gemäßigtem Klima aus. Zwischen diesen +beiden, mit den Anden zusammenhängenden Querketten liegt vom 3. zum 7. +Grad nördlicher Breite eine abgesonderte Gruppe granitischer Berge, die +gleichfalls parallel mit dem Aequator, jedoch nicht über den 71. Grad der +Länge fortstreicht, dort gegen Westen rasch abbricht und mit den Anden von +Neu-Grenada nicht zusammenhängt. Diese drei Querketten haben keine +thätigen Vulkane; wir wissen aber nicht, ob auch die südlichste, gleich +den beiden andern, keinen Trachyt oder Trappporphyr hat. Keiner ihrer +Gipfel erreicht die Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Höhe der +Cordillere der Parime und der Küstencordillere von Caracas beträgt nicht +ganz 600 Toisen, wobei übrigens manche Gipfel sich doch 1400 Toisen über +das Meer erheben. Zwischen den drei Querketten liegen Ebenen, die +sämmtlich gegen West geschlossen, gegen Ost und Südost offen sind. Bedenkt +man ihre so unbedeutende Höhe über dem Meer, so fühlt man sich versucht, +sie als *Golfe* zu betrachten, die in der Richtung des Rotationsstroms +fortstreichen. Wenn in Folge einer ungewöhnlichen Anziehung die Gewässer +des atlantischen Meers an der Mündung des Orinoco um fünfzig Toisen, an +der Mündung des Amazonenstroms um zweihundert Toisen stiegen, so würde die +Fluth mehr als die Hälfte von Südamerika bedecken. Der Ostabhang oder der +Fuß der Anden, der jetzt sechshundert Meilen von den Küsten Brasiliens +abliegt, wäre ein von der See bespültes Ufer. Diese Betrachtung gründet +sich auf eine barometrische Messung in der Provinz Jaen de Bracamoros, wo +der Amazonenstrom aus den Cordilleren herauskommt. Ich habe gefunden, daß +dort der ungeheure Strom bei mittlerem Wasserstand nur 194 Toisen über dem +gegenwärtigen Spiegel des atlantischen Meeres liegt. Und diese in der +Mitte gelegenen waldbedeckten Ebenen liegen noch fünfmal höher als die +grasbewachsenen Pampas von Buenos Ayres und die Llanos von Caracas und am +Meta. + +Diese Llanos, welche das Becken des untern Orinoco bilden und die wir +zweimal im selben Jahr, in den Monaten März und Juli, durchzogen haben, +hängen zusammen mit dem Becken des Amazonenstroms und des Rio Negro, das +einerseits durch die Cordillere von Chiquitos, andererseits durch die +Gebirge der Parime begrenzt ist. Dieser Zusammenhang vermittelt sich durch +die Lücke zwischen den letzteren und den Anden von Neu-Grenada. Der Boden +in seinem Anblick erinnert hier, nur daß der Maaßstab ein weit größerer +ist, an die lombardischen Ebenen, die sich auch nur 50 bis 60 Toisen über +das Meer erheben und einmal von der Brenta nach Turin von Ost nach West, +dann von Turin nach Coni von Nord nach Süd streichen. Wenn andere +geologische Thatsachen uns berechtigten, die drei großen Ebenen am untern +Orinoco, am Amazonenstrom und am Rio de la Plata als alte Seebecken zu +betrachten, so ließen sich die Ebenen am Rio Vichada und am Meta als ein +Kanal ansehen, durch den die Wasser des oberen Sees, des auf den Ebenen +des Amazonenstroms, in das tiefere Becken, in die Llanos von Caracas, +durchgebrochen wären und dabei die Cordillere der Parime von der der Anden +getrennt hätten. Dieser Kanal ist eine Art Land-Meerenge (_détroit +terrestre_). Der durchaus ebene Boden zwischen dem Guaviare, dem Meta und +Apure zeigt keine Spur von gewaltsamem Einbruch der Gewässer; aber am Rand +der Cordillere der Parime, zwischen dem 4. und 7. Grad der Breite, hat +sich der Orinoco, der von seiner Quelle bis zur Einmündung des Guaviare +westwärts fließt, auf seinem Lauf von Süd nach Nord durch das Gestein +einen Weg gebrochen. Alle großen Katarakte liegen, wie wir bald sehen +werden, auf dieser Strecke. Aber mit der Einmündung des Apure, dort, wo im +so niedrig gelegenen Lande der Abhang gegen Nord mit dem Gegenhang nach +Südost zusammentrifft, das heißt mit der Böschung der Ebenen, die +unmerklich gegen die Gebirge von Caracas *ansteigen*, macht der Fluß +wieder eine Biegung und strömt sofort ostwärts. Ich glaubte den Leser +schon hier auf diese sonderbaren Windungen des Orinoco aufmerksam machen +zu müssen, weil er mit seinem Lauf, als zwei Becken zumal angehörend, +selbst auf den mangelhaftesten Karten gewissermaßen die Richtung des +Theils der Ebenen bezeichnet, der zwischen die Anden von Neu-Grenada und +den westlichen Saum der Gebirge der Parime eingeschoben ist. + +Die Llanos oder Steppen am untern Orinoco und am Meta führen, gleich den +afrikanischen Wüsten, in ihren verschiedenen Strichen verschiedene Namen. +Von den Boccas del Dragon an folgen von Ost nach West auf einander: die +Llanos von Cumana, von Barcelona und von Caracas oder Venezuela. Wo die +Steppen vom 8. Breitegrad an, zwischen dem 70. und 73. Grad der Länge, +sich nach Süd und Süd-Süd-West wenden, kommen von Nord nach Süd die Llanos +von Barinas, Casanare, Meta, Guaviare, Caguan und Caqueta. In den Ebenen +von Barinas kommen einige nicht sehr bedeutende Denkmäler vor, die auf ein +nicht mehr vorhandenes Volk deuten. Man findet zwischen Mijagual und dem +Caño de la Hacha wahre Grabhügel, dort zu Lande _Serillos de los Indios_ +genannt. Es sind kegelförmige Erhöhungen, aus Erde von Menschenhand +aufgeführt, und sie bergen ohne Zweifel menschliche Gebeine, wie die +Grabhügel in den asiatischen Steppen. Ferner beim Hato de la Calzada, +zwischen Barinas und Caragua, sieht man eine hübsche Straße, fünf Meilen +lang, vor der Eroberung, in sehr alter Zeit von den Eingeborenen angelegt. +Es ist ein Erddamm, fünfzehn Fuß hoch, der über eine häufig überschwemmte +Ebene führt. Hatten sich etwa civilisirtere Völker von den Gebirgen von +Truxillo und Merida über die Ebenen am Rio Apure verbreitet? Die heutigen +Indianer zwischen diesem Fluß und dem Meta sind viel zu versunken, um an +die Errichtung von Kunststraßen oder Grabhügeln zu denken. + +Ich habe den Flächenraum dieser Llanos von der Caqueta bis zum Apure und +vom Apure zum Delta des Orinoco auf 17,000 Quadratmeilen (20 auf den Grad) +berechnet. Der von Nord nach Süd sich erstreckende Theil ist beinahe +doppelt so groß als der von Ost nach West zwischen dem untern Orinoco und +der Küstencordillere von Caracas streichende. Die *Pampas* nord- und +nordwestwärts von Buenos Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, Jujuy +und Tucuman, sind ungefähr eben so groß als die Llanos; aber die Pampas +setzen sich noch 18 Grad weiter nach Süden fort, und sie erstrecken sich +über einen so weiten Landstrich, daß am einen Saume Palmen wachsen, +während der andere, eben so niedrig gelegene und ebene, mit ewigem Eis +bedeckt ist. + +Die amerikanischen Llanos sind da, wo sie parallel mit dem Aequator +streichen, viermal schmäler als die große afrikanische Wüste. Dieser +Umstand ist von großer Bedeutung in einem Landstrich, wo die Richtung der +Winde beständig von Ost nach West geht. Je weiter Ebenen in dieser +Richtung sich erstrecken, desto heißer ist ihr Klima. Das große +afrikanische Sandmeer hängt über Yemen mit Gedrosia und Beludschistan bis +ans rechte Ufer des Indus zusammen; und in Folge der Winde, die über die +ostwärts gelegenen Wüsten weggegangen sind, ist das Becken des rothen +Meers, in der Mitte von Ebenen, welche auf allen Punkten Wärme strahlen, +eine der heißesten Gegenden des Erdballs. Der unglückliche Capitän Tuckey +berichtet, daß der hunderttheilige Thermometer sich dort fast immer bei +Nacht auf 34°, bei Tag auf 40 bis 44° hält. Wie wir bald sehen werden, +haben wir selbst im westlichsten Theil der Steppen von Caracas die +Temperatur der Luft, im Schatten und vom Boden entfernt, selten über 37° +gefunden. + +An diese physikalischen Betrachtungen über die Steppen der neuen Welt +knüpfen sich andere, höhere, solche, die sich auf die Geschichte unserer +Gattung beziehen. Das große afrikanische Sandmeer, die wasserlosen Wüsten +sind nur von Caravanen besucht, die bis zu 50 Tagen brauchen, sie zu +durchziehen. Die Sahara trennt die Völker von Negerbildung von den Stämmen +der Araber und Berbern und ist nur in den Oasen bewohnt. Weiden hat sie +nur im östlichen Striche, wo als Wirkung der Passatwinde die Sandschicht +weniger dick ist, so daß die Quellen zu Tage brechen können. Die Steppen +Amerikas sind nicht so breit, nicht so glühend heiß, sie werden von +herrlichen Strömen befruchtet und sind so dem Verkehr der Völker weit +weniger hinderlich. Die *Llanos* trennen die Küstencordillere von Caracas +und die Anden von Neu-Grenada von der Waldregion, von jener Hyläa(71) des +Orinoco, die schon bei der Entdeckung Amerikas von Völkern bewohnt war, +welche auf einer weit tieferen Stufe der Cultur standen, als die Bewohner +der Küsten und vor allen des Gebirgslands der Cordilleren. Indessen waren +die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Cultur, als sie +gegenwärtig für die in den Wäldern lebenden Horden eine Schutzmauer der +Freiheit sind. Sie haben die Völker am untern Orinoco nicht abgehalten, +die kleinen Flüsse hinaufzufahren und nach Nord und West Einfälle ins Land +zu machen. Hätte es die mannigfaltige Verbreitung der Thiergeschlechter +über die Erde mit sich gebracht, daß das Hirtenleben in der neuen Welt +bestehen konnte; hätten vor der Ankunft der Spanier auf den Llanos und +Pampas so zahlreiche Heerden von Rindern und Pferden geweidet wie jetzt, +so wäre Columbus das Menschengeschlecht hier in ganz anderer Verfassung +entgegengetreten. Hirten-Völker, die von Milch und Käse leben, wahre +Nomaden hätten diese weiten, mit einander zusammenhängenden Ebenen +durchzogen. In der trockenen Jahreszeit und selbst zur Zeit der +Ueberschwemmungen hätten sie den Besitz der Weiden einander streitig +gemacht, sie hätten einander unterjocht, und vereint durch das gemeinsame +Band der Sitten, der Sprache und der Gottesverehrung, sich zu der Stufe +von Halbcultur erhoben, die uns bei den Völkern mongolischen und +tartarischen Stammes überraschend entgegentritt. Dann hätte Amerika, +gleich dem mittleren Asien, seine Eroberer gehabt, welche aus den Ebenen +zum Plateau der Cordilleren hinauf stiegen, dem umherschweifenden Leben +entsagten, die cultivirten Völker von Peru und Neu-Grenada unterjochten, +den Thron der Incas und des Zaque(72) umstürzten und an die Stelle des +Despotismus, wie er aus der Theokratie fließt, den Despotismus setzten, +wie ihn das patriarchalische Regiment der Hirtenvölker mit sich bringt. +Die Menschheit der neuen Welt hat diese großen moralischen und politischen +Wechsel nicht durchgemacht, und zwar weil die Steppen, obgleich +fruchtbarer als die asiatischen, ohne Heerden waren, weil keines der +Thiere, die reichliche Milch geben, den Ebenen Südamerikas eigenthümlich +ist, und weil in der Entwicklung amerikanischer Cultur das Mittelglied +zwischen Jägervölkern und ackerbauenden Völkern fehlte. + +Die hier mitgetheilten allgemeinen Bemerkungen über die Ebenen des neuen +Continents und ihre Eigenthümlichkeiten gegenüber den Wüsten Afrikas und +den fruchtbaren Steppen Asiens schienen mir geeignet, den Bericht einer +Reise durch so einförmige Landstriche anziehender zu machen. Jetzt aber +mag mich der Leser auf unserem Wege von den vulkanischen Bergen von +Parapara und dem nördlichen Saum der Llanos zu den Ufern des Apure in der +Provinz Barinas begleiten. + +Nachdem wir zwei Nächte zu Pferde gewesen und vergeblich unter Gebüsch von +Murichipalmen Schutz gegen die Sonnengluth gesucht hatten, kamen wir vor +Nacht zum kleinen Hofe »_el Cayman_« auch la Guadalupe genannt. Es ist +dieß ein _Hato de ganado_, das heißt ein einsames Haus in der Steppe, +umher ein paar kleine mit Rohr und Häuten bedeckte Hütten. Das Vieh, +Rinder, Pferde, Maulthiere, ist nicht eingepfercht; es läuft frei auf +einem Flächenraum von mehreren Quadratmeilen. Nirgends ist eine Umzäunung. +Männer, bis zum Gürtel nackt und mit einer Lanze bewaffnet, streifen zu +Pferd über die Savanen, um die Heerden im Auge zu behalten, +zurückzutreiben, was sich zu weit von den Weiden des Hofes verläuft, mit +dem glühenden Eisen zu zeichnen, was noch nicht den Stempel des +Eigenthümers trägt. Diese Farbigen, _Peones llaneros_ genannt, sind zum +Theil Freie oder Freigelassene, zum Theil Sklaven. Nirgends ist der Mensch +so anhaltend dem sengenden Strahl der tropischen Sonne ausgesetzt. Sie +nähren sich von luftdürrem, schwach gesalzenem Fleisch; selbst ihre Pferde +fressen es zuweilen. Sie sind beständig im Sattel und meinen nicht den +unbedeutendsten Gang zu Fuß machen zu können. Wir trafen im Hof einen +alten Negersklaven, der in der Abwesenheit des Herrn das Regiment führte. +Heerden von mehreren tausend Kühen sollten in der Steppe weiden; trotzdem +baten wir vergeblich um einen Topf Milch. Man reichte uns in +Tutumofrüchten gelbes, schlammigtes, stinkendes Wasser: es war aus einem +Sumpf in der Nähe geschöpft. Die Bewohner der Llanos sind so träg, daß sie +gar keine Brunnen graben, obgleich man wohl weiß, daß sich fast +allenthalben in zehn Fuß Tiefe gute Quellen in einer Schicht von +Conglomerat oder rothem Sandstein finden. Nachdem man die eine Hälfte des +Jahres durch die Ueberschwemmungen gelitten, erwägt man in der andern +geduldig den peinlichsten Wassermangel. Der alte Neger rieth uns, das +Gefäß mit einem Stück Leinwand zu bedecken und so gleichsam durch ein +Filtrum zu trinken, damit uns der üble Geruch nicht belästigte und wir vom +feinen, gelblichten Thon, der im Wasser suspendirt ist, nicht so viel zu +verschlucken hätten. Wir ahnten nicht, daß wir von nun an Monate lang auf +dieses Hülfsmittel angewiesen seyn würden. Auch das Wasser des Orinoco hat +sehr viele erdigte Bestandtheile; es ist sogar stinkend, wo in +Flußschlingen todte Krokodile auf den Sandbänken liegen oder halb im +Schlamm stecken. + +Kaum war abgepackt und unsere Instrumente aufgestellt, so ließ man unsere +Maulthiere laufen und, wie es dort heißt, »Wasser in der Savane suchen.« +Rings um den Hof sind kleine Teiche; die Thiere finden sie, geleitet von +ihrem Instinkt, von den Mauritia-Gebüschen, die hie und da zu sehen sind, +und von der feuchten Kühlung, die ihnen in einer Atmosphäre, die uns ganz +still und regungslos erscheint, von kleinen Luftströmen zugeführt wird. +Sind die Wasserlachen zu weit entfernt und die Knechte im Hof zu faul, um +die Thiere zu diesen natürlichen Tränken zu führen, so sperrt man sie +fünf, sechs Stunden lang in einen recht heißen Stall, bevor man sie laufen +läßt. Der heftige Durst steigert dann ihren Scharfsinn, indem er gleichsam +ihre Sinne und ihren Instinkt schärft. So wie man den Stall öffnet, sieht +man Pferde und Maulthiere, die letzteren besonders, vor deren Spürkraft +die Intelligenz der Pferde zurückstehen muß, in die Savane hinausjagen. +Den Schwanz hoch gehoben, den Kopf zurückgeworfen, laufen sie gegen den +Wind und halten zuweilen an, wie um den Raum auszukundschaften; sie +richten sich dabei weniger nach den Eindrücken des Gesichts als nach denen +des Geruchs, und endlich verkündet anhaltendes Wiehern, daß sich in der +Richtung ihres Laufs Wasser findet. In den Llanos geborene Pferde, die +sich lange in umherschweifenden Rudeln frei getummelt haben, sind in allen +diesen Bewegungen rascher und kommen dabei leichter zum Ziele als solche, +die von der Küste herkommen und von zahmen Pferden abstammen. Bei den +meisten Thieren, wie beim Menschen, vermindert sich die Schärfe der Sinne +durch lange Unterwürfigkeit und durch die Gewöhnungen, wie feste Wohnsitze +und die Fortschritte der Cultur sie mit sich bringen. + +Wir gingen unsern Maulthieren nach, um zu einer der Lachen zu gelangen, +aus denen man das trübe Wasser schöpft, das unsern Durst so übel gelöscht +hatte. Wir waren mit Staub bedeckt, verbrannt vom Sandwind, der die Haut +noch mehr angreift als die Sonnenstrahlen. Wir sehnten uns nach einem Bad, +fanden aber nur ein großes Stück stehenden Wassers, mit Palmen umgeben. +Das Wasser war trüb, aber zu unserer großen Verwunderung etwas kühler als +die Luft. Auf unserer langen Reise gewöhnt, zu baden, so oft sich +Gelegenheit dazu bot, oft mehrmals des Tages, besannen wir uns nicht lange +und sprangen in den Teich. Kaum war das behagliche Gefühl der Kühlung über +uns gekommen, als ein Geräusch am entgegengesetzten Ufer uns schnell +wieder aus dem Wasser trieb. Es war ein Krokodil, das sich in den Schlamm +grub. Es wäre unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit an diesem sumpfigten Ort +zu verweilen. + +Wir waren nur eine Viertelmeile vom Hof entfernt, wir gingen aber über +eine Stunde und kamen nicht hin. Wir wurden zu spät gewahr, daß wir eine +falsche Richtung eingeschlagen. Wir hatten bei Anbruch der Nacht, noch ehe +die Sterne sichtbar wurden, den Hof verlassen und waren auf Gerathewohl in +der Ebene fortgegangen. Wir hatten, wie immer, einen Compaß bei uns; auch +konnten wir uns nach der Stellung des Canopus und des südlichen Kreuzes +leicht orientiren; aber all dieß half uns zu nichts, weil wir nicht gewiß +wußten, ob wir vom Hof weg nach Ost oder nach Süd gegangen waren. Wir +wollten an unsern Badeplatz zurück und gingen wieder drei Viertelstunden, +ohne den Teich zu finden. Oft meinten wir Feuer am Horizont zu sehen; es +waren aufgehende Sterne, deren Bild durch die Dünste vergrößert wurde. +Nachdem wir lange in der Savane umhergeirrt, beschlossen wir, unter einem +Palmbaume, an einem recht trockenen, mit kurzem Gras bewachsenen Ort uns +niederzusetzen; denn frisch angekommene Europäer fürchten sich immer mehr +vor den Wasserschlangen als vor den Jaguars. Wir durften nicht hoffen, daß +unsere Führer, deren träge Gleichgültigkeit uns wohl bekannt war, uns in +der Savane suchen würden, bevor sie ihre Lebensmittel zubereitet und +abgespeist hätten. Je bedenklicher unsere Lage war, desto freudiger +überraschte uns ferner Hufschlag, der auf uns zukam. Es war ein mit einer +Lanze bewaffneter Indianer, der vom »_Rodeo_« zurückkam, das heißt von der +Streife, durch die man das Vieh auf einen bestimmten Raum zusammentreibt. +Beim Anblick zweier Weißen, die verirrt seyn wollten, dachte er zuerst an +irgend eine böse List von unserer Seite, und es kostete uns Mühe, ihm +Vertrauen einzuflößen. Endlich ließ er sich willig finden, uns zum Hof zu +führen, ritt aber dabei in seinem kurzen Trott weiter. Unsere Führer +versicherten, »sie hätten bereits angefangen besorgt um uns zu werden,« +und diese Besorgnis; zu rechtfertigen, zählten sie eine Menge Leute her, +die, in den Llanos verirrt, im Zustand völliger Erschöpfung gefunden +worden. Die Gefahr kann begreiflich nur dann sehr groß seyn, wenn man weit +von jedem Wohnplatz abkommt, oder wenn man, wie es in den letzten Jahren +vorgekommen ist, von Räubern geplündert und an Leib und Händen an einen +Palmstamm gebunden wird. + +Um von der Hitze am Tage weniger zu leiden, brachen wir schon um 2 Uhr in +der Nacht auf und hofften vor Mittag *Calabozo* zu erreichen, eine kleine +Stadt mit lebhaftem Handel, die mitten in den Llanos liegt. Das Bild der +Landschaft ist immer dasselbe. Der Mond schien nicht, aber die großen +Haufen von Nebelsternen, die den südlichen Himmel schmücken, beleuchteten +im Niedergang einen Theil des Land-Horizonts. Das erhabene Schauspiel des +Sternengewölbes in seiner ganzen unermeßlichen Ausdehnung, der frische +Luftzug, der bei Nacht über die Ebene streicht, das Wogen des Grases, +überall wo es eine gewisse Höhe erreicht -- Alles erinnerte uns an die +hohe See. Vollends stark wurde die Täuschung (man kann es nicht oft genug +sagen), als die Sonnenscheibe am Horizont erschien, ihr Bild durch die +Strahlenbrechung sich verdoppelte, ihre Abplattung nach kurzer Frist +verschwand, und sie nun rasch gerade zum Zenith aufstieg. + +Sonnenaufgang ist auch in den Ebenen der kühlste Zeitpunkt am Tage; aber +dieser Temperaturwechsel macht keinen bedeutenden Eindruck auf die Organe. +Wir sahen den Thermometer meist nicht unter 27°,5 [22° Reaumur] fallen, +während bei Acapulco in Mexico auf gleichfalls sehr tiefem Boden die +Temperatur um Mittag oft 32°, bei Sonnenaufgang 17--18° beträgt. In den +Llanos absorbirt die ebene, bei Tag niemals beschattete Fläche so viel +Wärme, daß Erde und Luft, trotz der nächtlichen Strahlung gegen einen +wolkenlosen Himmel, von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang sich nicht +merkbar abkühlen können. In Calabozo war im März die Temperatur bei Tag +31--32°,5, bei Nacht 28--29°. Die mittlere Temperatur dieses Monats, der +nicht der heißeste im Jahr ist, mag etwa 30°,6 seyn, eine ungeheure Hitze +für ein Land unter den Tropen, wo Tage und Nächte fast immer gleich lang +sind. In Cairo ist die mittlere Temperatur des heißesten Monats nur 29°,9, +in Madras 31°,8, und zu Abushär im persischen Meerbusen, von wo Reihen von +Beobachtungen vorliegen, 34°; aber die mittleren Temperaturen des ganzen +Jahres sind in Madras und Abushär niedriger als in Calabozo. Obgleich ein +Theil der Llanos, gleich den fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen +Flüssen durchströmt wird, und ganz dürre Striche von Land umgeben sind, +das in der Regenzeit unter Wasser steht, so ist die Luft dennoch im +Allgemeinen äußerst trocken. Delucs Hygrometer zeigte bei Tag 34°, bei +Nacht 36°. + +Wie die Sonne zum Zenith aufstieg und die Erde und die über einander +gelagerten Luftschichten verschiedene Temperaturen annahmen, zeigte sich +das Phänomen der *Luftspiegelung* mit seinen mannichfaltigen Abänderungen. +Es ist dieß in allen Zonen eine ganz gewöhnliche Erscheinung, und ich +erwähne hier derselben nur, weil wir Halt machten, um die Breite des +Luftraumes zwischen dem Horizont und dem aufgezogenen Bilde mit einiger +Genauigkeit zu messen. Das Bild war immer hinaufgezogen, *aber nicht +verkehrt*. Die kleinen, über die Bodenfläche wegstreichenden Luftströme +hatten eine so veränderliche Temperatur, daß in einer Heerde wilder Ochsen +manche mit den Beinen in der Luft zu schweben schienen, während andere auf +dem Boden standen. Der Luftstrich war, je nach der Entfernung des Thiers, +3--4 Minuten breit. Wo Gebüsche der Mauritiapalme in langen Streifen +hinliefen, schwebten die Enden dieser grünen Streifen in der Luft, wie die +Vorgebirge, die zu Cumana lange Gegenstand meiner Beobachtungen +gewesen.(73) Ein unterrichteter Mann versicherte uns, er habe zwischen +Calabozo und Urituru das verkehrte Bild eines Thieres gesehen, ohne +direktes Bild. Niebuhr hat in Arabien etwas Aehnliches beobachtet. Oefters +meinten wir am Horizont Grabhügel und Thürme zu erblicken, die von Zeit zu +Zeit verschwanden, ohne daß wir die wahre Gestalt der Gegenstände +auszumitteln vermochten. Es waren wohl Erdhaufen, kleine Erhöhungen, +jenseits des gewöhnlichen Gesichtskreises gelegen. Ich spreche nicht von +den pflanzenlosen Flächen, die sich als weite Seen mit wogender Oberfläche +darstellten. Wegen dieser Erscheinung, die am frühesten beobachtet worden +ist, heißt die Luftspiegelung im Sanscrit ausdrucksvoll die *Sehnsucht +(der Durst) der Antilope*. Die häufigen Anspielungen der indischen, +persischen und arabischen Dichter auf diese magischen Wirkungen der +irdischen Strahlenbrechung sprechen uns ungemein an. Die Griechen und +Römer waren fast gar nicht bekannt damit. Stolz begnügt mit dem Reichthum +ihres Bodens und der Milde ihres Klimas hatten sie wenig Sinn für eine +solche Poesie der Wüste. Die Geburtsstätte derselben ist Asien; den +Dichtern des Orients wurde sie durch die natürliche Beschaffenheit ihrer +Länder an die Hand gegeben; der Anblick der weiten Einöden, die sich +gleich Meeresarmen und Buchten zwischen Länder eindrängen, welche die +Natur mit überschwenglicher Fruchtbarkeit geschmückt, wurde für sie zu +einer Quelle der Begeisterung. + +Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das Vieh, das sich bei Nacht +längs der Teiche oder unter Murichi- und Rhopalabüschen gelagert hatte, +sammelte sich zu Heerden, und die Einöde bevölkerte sich mit Pferden, +Maulthieren und Rindern, die hier nicht gerade als wilde, wohl aber als +freie Thiere leben, ohne festen Wohnplatz, der Pflege und des Schutzes des +Menschen leicht entbehrend. In diesen heißen Landstrichen sind die Stiere, +obgleich von spanischer Race wie die auf den kalten Plateaus von Quito, +von sanfterem Temperament. Der Reisende läuft nie Gefahr, angefallen und +verfolgt zu werden, was uns bei unsern Wanderungen auf dem Rücken der +Cordilleren oft begegnet ist. Dort ist das Klima rauh, zu heftigen Stürmen +geneigt, die Landschaft hat einen wilderen Charakter und das Futter ist +nicht so reichlich. In der Nähe von Calabozo sahen wir Heerden von Rehen +friedlich unter Pferden und Rindern weiden. Sie heißen *Matacani*; ihr +Fleisch ist sehr gut. Sie sind etwas größer als unsere Rehe und gleichen +Damhirschen mit sehr glattem, fahlbraunem, weiß getupftem Fell. Ihre +Geweihe schienen mir einfache Spieße. Sie waren fast gar nicht scheu, und +in Rudeln von 30--40 Stück bemerkten wir mehrere ganz weiße. Diese +Spielart kommt bei den großen Hirschen in den kalten Landstrichen der +Anden häufig vor; in diesen tiefen, heißen Ebenen mußten wir sie +auffallend finden. Ich habe seitdem gehört, daß selbst beim Jaguar in den +heißen Landstrichen von Paraguay zuweilen *Albinos* vorkommen, mit so +gleichförmig weißem Fell, daß man die Flecken oder Ringe nur im Reflex der +Sonne bemerkt. Die Matacanis oder kleinen Damhirsche sind so häufig in den +Llanos, daß ihre Häute einen Handelsartikel abgeben könnten. Ein gewandter +Jäger könnte über zwanzig im Tage schießen. Aber die Einwohner sind so +träge, daß man sich oft gar nicht die Mühe nimmt, dem Thier die Haut +abzuziehen. Ebenso ist es mit der Jagd auf den Jaguar oder großem +amerikanischen Tiger. Ein Jaguarfell, für das man in den Steppen von +Barinas nur einen Piaster bezahlt, kostet in Cadix vier bis fünf Piaster. + +Die Steppen, die wir durchzogen, sind hauptsächlich mit Gräsern bewachsen, +mit Killingia, Cenchrus, Paspalum. Diese Gräser waren in dieser Jahreszeit +bei Calabozo und St. Geronimo del Pirital kaum 9 bis 10 Zoll hoch. An den +Flüssen Apure und Portuguesa wachsen sie bis 4 Fuß hoch, so daß der Jaguar +sich darin verstecken und die Pferde und Maulthiere in der Ebene +überfallen kann. Unter die Gräser mischen sich einige Dicotyledonen, wie +Turnera, Malvenarten, und was sehr auffallend ist, kleine Mimosen mit +reizbaren Blättern, von den Spaniern _Dormideras_ genannt. Derselbe +Rinderstamm, der in Spanien mit Klee und Esper gemästet wird, findet hier +ein treffliches Futter an den krautartigen Sensitiven. Die Weiden, wo +diese Sensitiven besonders häufig vorkommen, werden theurer als andere +verkauft. Im Osten, in den Llanos von Cari und Barcelona, sieht man Cypura +und Craniolaria mit der schönen weißen, 6--8 Zoll langen Blüthe sich +einzeln über die Gräser erheben. Am fettesten sind die Weiden nicht nur an +den Flüssen, welche häufig austreten, sondern überall, wo die Palmen +dichter stehen. Ganz baumlose Flecke sind die unfruchtbarsten, und es wäre +wohl vergebliche Mühe, sie anbauen zu wollen. Dieser Unterschied kann +nicht daher rühren, daß die Palmen Schatten geben und den Boden von der +Sonne weniger ausdörren lassen. In den Wäldern am Orinoco habe ich +allerdings Bäume aus dieser Familie mit dicht belaubten Kronen gesehen; +aber am Palmbaum der Llanos, der Palmade de Cobija [Dachpalme, _Corypha +tectorum_], ist der Schatten eben nicht sehr zu rühmen. Diese Palme hat +sehr kleine, gefaltete, handförmige Blätter, gleich denen des Chamärops, +und die untern sind immer vertrocknet. Es befremdete uns, daß fast alle +diese Coryphastämme gleich groß waren, 20 bis 24 Fuß hoch, bei 8 bis 10 +Zoll Durchmesser unten am Stamm. Nur wenige Palmenarten bringt die Natur +in so ungeheuren Mengen hervor. Unter Tausenden mit olivenförmigen +Früchten beladenen Stämmen fanden wir etwa ein Hundert ohne Früchte. +Sollten unter den Stämmen mit hermaphroditischer Blüthe einige mit +einhäusigen Blüthen vorkommen? Die Llaneros, die Bewohner der Ebenen, +schreiben allen diesen Bäumen von unbedeutender Höhe ein Alter von +mehreren Jahrhunderten zu. Ihr Wachsthum ist fast unmerklich, nach +zwanzig, dreißig Jahren fällt es kaum auf. Die Palma de Cobija liefert +übrigens ein treffliches Bauholz. Es ist so hart, daß man nur mit Mühe +einen Nagel einschlägt. Die fächerförmig gefalteten Blätter dienen zum +Decken der zerstreuten Hütten in den Llanos, und diese Dächer halten über +20 Jahre aus. Man befestigt die Blätter dadurch, daß man die Enden der +Blattstiele umbiegt, nachdem man dieselben zwischen zwei Steinen +geschlagen, damit sie sich biegen, ohne zu brechen. + +Außer den einzelnen Stämmen dieser Palme findet man hie und da in der +Steppe Gruppen von Palmen, wahre Gebüsche (_Palmares_), wo sich zur +Corypha ein Baum aus der Familie der Proteaceen gesellt, den die +Eingebornen _Chaparro_ nennen, eine neue Art _Rhopala_ mit harten, +rasselnden Blättern. Die kleineren Rhopalagebüsche heißen _Chaparrales_ +und man kann sich leicht denken, daß in einer weiten Ebene, wo nur zwei +oder drei Baumarten wachsen, der Chaparro, der Schatten gibt, für ein sehr +werthvolles Gewächs gilt. Der Corypha ist in den Llanos von Caracas von +der Mesa de Paja bis an den Guayaval verbreitet; weiter nach Nord und +Nordwest, am Guanare und San Carlos, tritt eine andere Art derselben +Gattung mit gleichfalls handförmigen, aber größeren Blättern an seine +Stelle. Sie heißt _Palma real de los Llanos_. Südlich vom Guayaval +herrschen andere Palmen, namentlich der *Piritu* mit gefiederten Blättern +und der *Murichi* (Moriche), den Pater GUMILLA als _arbol de la vida_ so +hoch preist. Es ist dieß der Sagobaum Amerikas; er liefert »victum et +amictum«(74) Mehl, Wein, Faden zum Verfertigen der Hängematten, Körbe, +Netze und Kleider. Seine tannenzapfenförmigen, mit Schuppen bedeckten +Früchte gleichen ganz denen des _Calamus Rotang_; sie schmecken etwas wie +Apfel; reif sind sie innen gelb, außen roth. Die Brüllaffen sind sehr +lüstern darnach, und die Völkerschaft der Guaranos, deren Existenz fast +ganz an die Murichipalme geknüpft ist, bereitet daraus ein gegohrenes, +säuerliches, sehr erfrischendes Getränk. Diese Palme mit großen, +glänzenden, fächerförmig gefalteten Blättern bleibt auch in der dürrsten +Jahreszeit lebhaft grün. Schon ihr Anblick gibt das Gefühl angenehmer +Kühlung, und die mit ihren schuppigen Früchten behangene Murichipalme +bildet einen auffallenden Contrast mit der trübseligen Palma de Cobija, +deren Laub immer grau und mit Staub bedeckt ist. Die Llaneros glauben, +ersterer Baum ziehe die Feuchtigkeit der Luft an sich, und deßhalb finde +man in einer gewissen Tiefe immer Wasser um seinen Stamm, wenn man den +Boden ausgräbt. Man verwechselt hier Wirkung und Ursache. Der Murichi +wächst vorzugsweise an feuchten Stellen, und richtiger sagte man, das +Wasser ziehe den Baum an. Es ist eine ähnliche Schlußfolge, wenn die +Eingeborenen am Orinoco behaupten, die großen Schlangen helfen einen +Landstrich feucht erhalten. Ein alter Indianer in Javita sagte uns mit +großer Wichtigkeit: »Vergeblich sucht man Wasserschlangen, wo es keine +Sümpfe gibt; denn es sammelt sich kein Wasser, wenn man die Schlangen, die +es anziehen, unvorsichtigerweise umbringt.« + +Auf dem Wege über die Mesa bei Calabozo litten wir sehr von der Hitze. Die +Temperatur der Luft stieg merkbar, so oft der Wind zu wehen anfing. Die +Luft war voll Staub, und während der Windstöße stieg der Thermometer auf +40 bis 41°. Wir kamen nur langsam vorwärts, denn es wäre gefährlich +gewesen, die Maulthiere, die unsere Instrumente trugen, dahinten zu +lassen. Unsere Führer gaben uns den Rath, Rhopalablätter in unsere Hüte zu +stecken, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Haare und Scheitel zu +mildern. Wir fühlten uns durch dieses Mittel erleichtert, und wir fanden +es besonders dann ausgezeichnet, wenn man Blätter von Pothos oder einer +andern Arumart haben kann. + +Bei der Wanderung durch diese glühenden Ebenen drängt sich einem von +selbst die Frage auf, ob sie von jeher in diesem Zustand dagelegen, oder +ob sie durch eine Naturumwälzung ihres Pflanzenwuchses beraubt worden? Die +gegenwärtige Humusschicht ist allerdings sehr dünn. Die Eingeborenen sind +der Meinung, die _Palmares_ und _Chaparrales_ (die kleinen Gebüsche von +Palmen und Rhopala) seyen vor der Ankunft der Spanier häufiger und größer +gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit verwilderten Hausthieren +bevölkert sind, zündet man häufig die Savane an, um die Weide zu +verbessern. Mit den Gräsern werden dabei zufällig auch die zerstreuten +Baumgruppen zerstört. Die Ebenen waren ohne Zweifel im fünfzehnten +Jahrhundert nicht so kahl wie gegenwärtig; indessen schon die ersten +Eroberer, die von Coro herkamen, beschreiben sie als Savanen, in denen man +nichts sieht als Himmel und Rasen, im Allgemeinen baumlos und beschwerlich +zu durchziehen, wegen der Wärmestrahlung des Bodens. Warum erstreckt sich +der mächtige Wald am Orinoco nicht weiter nordwärts auf dem linken Ufer +des Flusses? Warum überzieht er nicht den weiten Landstrich bis zur +Küstencordillere, da dieser doch von zahlreichen Gewässern befruchtet +wird? Diese Frage hängt genau zusammen mit der ganzen Geschichte unseres +Planeten. Ueberläßt man sich geologischen Träumen, denkt man sich, die +amerikanischen Steppen und die Wüste Sahara seyen durch einen Einbruch des +Meeres ihres ganzen Pflanzenwuchses beraubt worden, oder aber, sie seyen +ursprünglich der Boden von Binnenseen gewesen, so leuchtet ein, daß sogar +in Jahrtausenden Bäume und Gebüsche vom Saume der Wälder, vom Uferrand der +kahlen oder mit Rasen bedeckten Ebenen nicht bis zur Mitte derselben +vordringen und einen so ungeheuern Landstrich mit ihrem Schattendach +überwölben konnten. Der Ursprung kahler, von Wäldern umschlossener Savanen +ist noch schwerer zu erklären, als die Thatsache, daß Wälder und Savanen, +gerade wie Festländer und Meere, in ihren alten Grenzen verharren. + +In *Calabozo* wurden wir im Hause des Verwalters der _Real Hacienda_, Don +Miguel Cousin, aufs gastfreundlichste aufgenommen. Die Stadt, zwischen den +Flüssen Guarico und Uritucu gelegen, hatte damals nur 5000 Einwohner, aber +ihr Wohlstand war sichtbar im Steigen. Der Reichthum der meisten Einwohner +besteht in Heerden, die von Pächtern besorgt werden, von sogenannten +_Hateros_, von _Hato_, was im Spanischen ein Haus oder einen Hof im +Weideland bedeutet. Die über die Llanos zerstreute Bevölkerung drängt sich +an gewissen Punkten, namentlich in der Nähe der Städte enger zusammen, und +so hat Calabozo in seiner Umgebung bereits fünf Dörfer oder Missionen. Man +berechnet das Vieh, das auf den Weiden in der Nähe der Stadt läuft, auf +98,000 Stücke. Die Heerden auf den Llanos von Caracas, Barcelona, Cumana +und des spanischen Guyana sind sehr schwer genau zu schätzen. DEPONS, der +sich länger als ich in Caracas aufgehalten hat, und dessen statistische +Angaben im Ganzen genau sind, rechnet auf den weiten Ebenen von den +Mündungen des Orinoco bis zum See Maracaybo 1,200,000 Rinder, 180,000 +Pferde und 90,000 Maulthiere. Den Ertrag der Heerden schätzt er auf 5 +Millionen Franken, wobei neben der Ausfuhr auch der Werth der im Lande +consumirten Häute in Anschlag gebracht ist. In den Pampas von Buenos Ayres +sollen 12 Millionen Rinder und 3 Millionen Pferde laufen, ungerechnet das +Vieh, das für herrenlos gilt. + +Ich lasse mich nicht auf solche allgemeine Schätzungen ein, die der Natur +der Sache nach sehr unzuverlässig sind; ich bemerke nur, daß die Besitzer +der großen Hatos in den Llanos von Caracas selbst gar nicht wissen, wie +viel Stücke Vieh sie besitzen. Sie wissen nur, wie viele junge Thiere +jährlich mit dem Buchstaben oder der Figur, wodurch die Heerden sich +unterscheiden, gezeichnet werden. Die reichsten Viehbesitzer zeichnen +gegen 14,000 Stücke im Jahr und verkaufen 5 bis 6000. Nach den officiellen +Angaben belief sich die Ausfuhr an Häuten aus der ganzen _Capitania +general_ jährlich nur nach den Antillen auf 174,000 Rindshäute und 11,500 +Ziegenhäute. Bedenkt man nun, daß diese Angaben sich nur auf die +Zollregister gründen, in denen vom Schleichhandel mit Häuten keine Rede +ist, so möchte man glauben, daß das Hornvieh auf den Llanos vom Carony und +dem Guarapiche bis zum See Maracaybo zu 1,200,000 Stück viel zu niedrig +angeschlagen ist. Der einzige Hafen von Guayra hat nach den Zollregistern +von 1789--1792 jährlich 70--80,000 Häute ausgeführt, wovon kaum ein +Fünftheil nach Spanien. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts belief sich +nach Don FELIX D’AZZARA die Ausfuhr von Buenos Ayres auf 800,000 Häute. +Man zieht in der Halbinsel die Häute von Caracas denen von Buenos Ayres +vor, weil letztere in Folge des weiteren Transports beim Gerben 12 Procent +Abgang haben. Der südliche Strich der Savanen, gemeiniglich _Llanos de +arriba_ genannt, ist ausnehmend reich an Maulthieren und Rindvieh; da aber +die Weiden dort im Ganzen minder gut sind, muß man die Thiere auf andere +Ebenen treiben, um sie vor dem Verkauf fett zu machen. Die Llanos von +Monaï und alle _Llanos de abaxo_ haben weniger Heerden, aber die Weiden +sind dort so fett, daß sie vortreffliches Fleisch für den Bedarf der Küste +liefern. Die Maulthiere, die erst im fünften Jahre zum Dienste taugen, und +dann _Mulas de saca_ heißen, werden schon an Ort und Stelle für 14--18 +Piaster verkauft. Im Ausfuhrhafen gelten sie 25 Piaster, und auf den +Antillen steigt ihr Preis oft auf 60--80 Piaster. Die Pferde der Llanos +stammen von der schönen spanischen Race und sind nicht groß. Sie sind +meist einfarbig, dunkelbraun, wie die meisten wilden Thiere. Bald dem +Wassermangel, bald Ueberschwemmungen, dem Stich der Insekten, dem Biß +großer Fledermäuse ausgesetzt, führen sie ein geplagtes, ruheloses Leben. +Wenn sie einige Monate unter menschlicher Pflege gewesen sind, entwickeln +sich ihre guten Eigenschaften und kommen zu Tag. Ein wildes Pferd gilt in +den Pampas von Buenos Ayres ½--1 Piaster, in den Llanos von Caracas 2--3 +Piaster; aber der Preis des Pferdes steigt, sobald es gezähmt und zum +Ackerbau tüchtig ist. Schafe gibt es keine; Schafheerden haben wir nur auf +dem Plateau der Provinz Quito gesehen. + +Die Rindvieh-Hatos haben in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt durch +Banden von Landstreichern, die durch die Steppen streifen und das Vieh +tödten, nur um die Haut zu verkaufen. Diese Räuberei hat um sich +gegriffen, seit der Handel mit dem untern Orinoco blühender geworden ist. +Ein halbes Jahrhundert lang waren die Ufer dieses großen Stromes von der +Einmündung des Apure bis Angostura nur den Missionären bekannt. Vieh wurde +nur aus den Häfen der Nordküste, aus Cumana, Barcelona, Burburata und +Porto Cabello ausgeführt. In neuester Zeit ist diese Abhängigkeit von der +Küste weit geringer geworden. Der südliche Strich der Ebenen ist in +starken Verkehr mit dem untern Orinoco getreten, und dieser Handel ist +desto lebhafter, da sich die Verbote dabei leicht umgehen lassen. + +Die größten Heerden in den Llanos besitzen die Hatos Merecure, La Cruz, +Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische Vieh ist von Coro und Tocuyo +in die Ebenen gekommen. Die Geschichte bewahrt den Namen des Colonisten, +der zuerst den glücklichen Gedanken hatte, diese Grasfluren zu bevölkern, +auf denen damals nur Damhirsche und eine große Aguti-Art, _Cavia Capybara_ +im Lande *Chiguire* genannt, weideten. Christoval Rodriguez schickte ums +Jahr 1548 das erste Hornvieh in die Llanos. Er wohnte in der Stadt Tocuyo +und hatte lange in Neu-Grenada gelebt. + +Wenn man von der »unzählbaren Menge« von Hornvieh, Pferden und Maulthieren +auf den amerikanischen Ebenen sprechen hört, so vergißt man gewöhnlich, +daß es im civilisirten Europa bei ackerbauenden Völkern auf viel kleinerer +Bodenfläche gleich ungeheure Mengen gibt. Frankreich hat nach PEUCHET 6 +Millionen Stück Hornvieh, wovon 3,500,000 Ochsen zum Ackerbau verwendet +werden. In der österreichischen Monarchie schätzt Lichtenstern 13,400,000 +Ochsen, Kühe und Kälber. Paris allein verzehrt jährlich 155,000 Stück +Rindvieh; nach Deutschland werden alle Jahre aus Ungarn 150,000 Ochsen +eingeführt. Die Hausthiere in nicht starken Heerden gelten bei +ackerbauenden Völkern als ein untergeordneter Gegenstand des +Nationalreichthums. Sie wirken auch weit weniger auf die Einbildungskraft +als die umherschweifenden Rudel von Rindern und Pferden, die einzige +Bevölkerung der unangebauten Steppen der neuen Welt. Cultur und +bürgerliche Ordnung wirken in gleichem Maaße auf die Vermehrung der +menschlichen Bevölkerung und auf die Vervielfältigung der dem Menschen +nützlichen Thiere. + +Wir fanden in Calabozo, mitten in den Llanos, eine Elektrisirmaschine mit +großen Scheiben, Elektrophoren, Batterien, Elektrometern, kurz einen +Apparat, fast so vollständig, als unsere Physiker in Europa sie besitzen. +Und all dieß war nicht in den Vereinigten Staaten gekauft, es war das Werk +eines Mannes, der nie ein Instrument gesehen, der Niemanden zu Rathe +ziehen konnte, der die elektrischen Erscheinungen nur aus der Schrift des +SIGAUD DE LA FOND und aus FRANKLINs Denkwürdigkeiten kannte. Carlos del +Pozo -- so heißt der achtungswürdige, sinnreiche Mann -- hatte zuerst aus +großen Glasgefäßen, an denen er die Hälse abschnitt, Cylindermaschinen +gebaut. Erst seit einigen Jahren hatte er sich aus Philadelphia zwei +Glasplatten verschafft, um eine Scheibenmaschine bauen und somit +bedeutendere elektrische Wirkungen hervorbringen zu können. Man kann sich +vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten Pozo zu kämpfen hatte, seit die +ersten Schriften über Elektricität ihm in die Hände gefallen waren, und er +den kühnen Entschluß faßte, Alles, was er in den Büchern beschrieben fand, +mit Kopf und Hand nachzumachen und herzustellen. Bisher hatte er sich bei +seinen Experimenten nur am Erstaunen und der Bewunderung von ganz rohen +Menschen ergötzt, die nie über die Wüste der Llanos hinausgekommen waren. +Unser Aufenthalt in Calabozo verschaffte ihm einen ganz neuen Genuß. Er +mußte natürlich Werth auf das Urtheil zweier Reisenden legen, die seine +Apparate mit den europäischen vergleichen konnten. Ich hatte verschiedene +Elektrometer bei mir, mit Stroh, mit Korkkügelchen, mit Goldplättchen, +auch eine kleine Leidner Flasche, die nach der Methode von INGENHOUSS +durch Reibung geladen wurde und mir zu physiologischen Versuchen diente. +Pozo war außer sich vor Freude, als er zum erstenmal Instrumente sah, die +er nicht selbst verfertigt, und die den seinigen nachgemacht schienen. Wir +zeigten ihm auch die Wirkungen des Contakts heterogener Metalle auf die +Nerven des Frosches. Die Namen Galvani und Volta waren in diesen weiten +Einöden noch nicht gehört worden. + +Was nach den elektrischen Apparaten von der gewandten Hand eines +sinnreichen Einwohners der Llanos uns in Calabozo am meisten beschäftigte, +das waren die Zitteraale, die lebendige elektrische Apparate sind. Mit der +Begeisterung, die zum Forschen treibt, aber der richtigen Auffassung des +Erforschten hinderlich wird, hatte ich mich seit Jahren täglich mit den +Erscheinungen der galvanischen Elektricität beschäftigt; ich hatte, indem +ich Metallscheiben aufeinander legte und Stücke Muskelfleisch oder andere +feuchte Substanzen dazwischen brachte, mir unbewußt, ächte *Säulen* +aufgebaut, und so war es natürlich, daß ich mich seit unserer Ankunft in +Cumana eifrig nach elektrischen Aalen umsah. Man hatte uns mehrmals welche +versprochen, wir hatten uns aber immer getäuscht gesehen. Je weiter von +der Küste weg, desto werthloser wird das Geld, und wie soll man über das +unerschütterliche Phlegma des Volkes Herr werden, wo der Stachel der +Gewinnsucht fehlt? + +Die Spanier begreifen unter dem Namen _tembladores_ (Zitterer) alle +elektrischen Fische. Es gibt welche im antillischen Meer an den Küsten von +Cumana. Die Guayqueries, die gewandtesten und fleißigsten Fischer in jener +Gegend, brachten uns einen Fisch, der, wie sie sagten, ihnen die Hände +starr machte. Dieser Fisch geht im kleinen Flusse Manzanares aufwärts. Es +war eine neue Art _Raja_ mit kaum sichtbaren Seitenflecken, dem +Zitterrochen Galvanis ziemlich ähnlich. Die Zitterrochen haben ein +elektrisches Organ, das wegen der Durchsichtigkeit der Haut schon außen +sichtbar ist, und bilden eine eigene Gattung oder doch eine Untergattung +der eigentlichen Rochen. Der cumanische Zitterrochen war sehr munter, +seine Muskelbewegungen sehr kräftig, dennoch waren die elektrischen +Schläge, die wir von ihm erhielten, äußerst schwach. Sie wurden stärker, +wenn wir das Thier mittelst der Berührung von Zink und Gold galvanisirten. +Andere Tembladores, ächte Gymnoten oder Zitteraale, kommen im Rio +Colorado, im Guarapiche und verschiedenen kleinen Bächen in den Missionen +der Chaymas-Indianer vor. Auch in den großen amerikanischen Flüssen, im +Orinoco, im Amazonenstrom, im Meta sind sie häufig, aber wegen der starken +Strömung und des tiefen Wassers schwer zu fangen. Die Indianer fühlen weit +häufiger ihre elektrischen Schläge beim Schwimmen, und Baden im Fluß, als +daß sie dieselben zu sehen bekommen. In den Llanos, besonders in der Nähe +von Calabozo, zwischen den Höfen Morichal und den Missionen _de arriba_ +und _de abaxo_ sind die Gymnoten in den Stücken stehenden Wassers und in +den Zuflüssen des Orinoco (im Rio Guarico, in den Caños Rastro, Berito und +Paloma) sehr häufig. Wir wollten zuerst in unserem Hause zu Calabozo +unsere Versuche anstellen; aber die Furcht vor den Schlägen des Gymnotus +ist im Volk so übertrieben, daß wir in den ersten drei Tagen keinen +bekommen konnten, obgleich sie sehr leicht zu fangen sind und wir den +Indianern zwei Piaster für jeden recht großen und starken Fisch +versprochen hatten. Diese Scheu der Indianer ist um so sonderbarer, als +sie von einem nach ihrer Behauptung ganz zuverlässigen Mittel gar keinen +Gebrauch machen. Sie versichern die Weißen, so oft man sie über die +Schläge der Tembladores befragt, man könne sie ungestraft berühren, wenn +man dabei Tabak kaue. Dieses Mährchen vom Einfluß des Tabaks auf die +thierische Elektricität ist auf dem Continent von Südamerika so weit +verbreitet, als unter den Matrosen der Glaube, daß Knoblauch und Unschlitt +auf die Magnetnadel wirken. + +Des langen Wartens müde, und nachdem ein lebender, aber sehr erschöpfter +Gymnotus, den wir bekommen, uns sehr zweifelhafte Resultate geliefert, +gingen wir nach dem Caño de Bera, um unsere Versuche im Freien, +unmittelbar am Wasser anzustellen. Wir brachen am 19. März in der Frühe +nach dem kleinen Dorf Rastro _de abaxo_ auf, und von dort führten uns +Indianer zu einem Bach, der in der dürren Jahreszeit ein schlammigtes +Wasserbecken bildet, um das schöne Bäume stehen, Clusia, Amyris, Mimosen +mit wohlriechenden Blüthen. Mit Netzen sind die Gymnoten sehr schwer zu +fangen, weil der ausnehmend bewegliche Fisch sich gleich den Schlangen in +den Schlamm eingräbt. Die Wurzeln der _Piscidia Erythrina_ der _Jacquinia +armillaris_ und einiger Arten von _Phyllanthus_ haben die Eigenschaft, daß +sie, in einen Teich geworfen, die Thiere darin berauschen oder betäuben: +dieses Mittel, den sogenannten *Barbasco*, wollten wir nicht anwenden, da +die Gymnoten dadurch geschwächt worden wären. Da sagten die Indianer, sie +wollen *mit Pferden fischen*, _embarbascar con cavallos_ [Wörtlich: mit +Pferden die Fische einschläfern oder betäuben]. Wir hatten keinen Begriff +von einer so seltsamen Fischerei; aber nicht lange, so kamen unsere Führer +aus der Savane zurück, wo sie ungezähmte Pferde und Maulthiere +zusammengetrieben. Sie brachten ihrer etwa dreißig und jagten sie ins +Wasser. + +Der ungewohnte Lärm vom Stampfen der Rosse treibt die Fische aus dem +Schlamm hervor und reizt sie zum Angriff. Die schwärzlicht und gelb +gefärbten, großen Wasserschlangen gleichenden Aale schwimmen auf der +Wasserfläche hin und drängen sich unter den Bauch der Pferde und +Maulthiere. Der Kampf zwischen so ganz verschieden organisirten Thieren +gibt das malerischste Bild. Die Indianer mit Harpunen und langen, dünnen +Rohrstäben stellen sich in dichter Reihe um den Teich; einige besteigen +die Bäume, deren Zweige sich wagerecht über die Wasserfläche breiten. +Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchen sie die +Pferde zurück, wenn sie sich aufs Ufer flüchten wollen. Die Aale, betäubt +vom Lärm, vertheidigen sich durch wiederholte Schläge ihrer elektrischen +Batterien. Lange scheint es, als solle ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere +Pferde erliegen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten +Organe allerwärts getroffen werden; betäubt von den starken, +unaufhörlichen Schlägen, sinken sie unter. Andere, schnaubend, mit +gesträubter Mähne, wilde Angst im starren Auge, raffen sich wieder auf und +suchen dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen; sie werden von den +Indiern ins Wasser zurückgetrieben. Einige aber entgehen der regen +Wachsamkeit der Fischer; sie gewinnen das Ufer, straucheln aber bei jedem +Schritt und werfen sich in den Sand, zum Tod erschöpft, mit von den +elektrischen Schlägen der Gymnoten erstarrten Gliedern. + +Ehe fünf Minuten vergingen, waren zwei Pferde ertrunken; Der fünf Fuß +lange Aal drängt sich dem Pferd an den Bauch und gibt ihm nach der ganzen +Länge seines elektrischen Organs einen Schlag; das Herz, die Eingeweide +und der _plexus coeliacus_ der Abdominalnerven werden dadurch zumal +betroffen. Derselbe Fisch wirkt so begreiflicherweise weit stärker auf ein +Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit einer Extremität +berührt. Die Pferde werden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur +betäubt; sie ertrinken, weil sie sich nicht aufraffen können, so lange der +Kampf zwischen den andern Pferden und den Gymnoten fortdauert. + +Wir meinten nicht anders, als alle Thiere, die man zu dieser Fischerei +gebraucht, müßten nach einander zu Grunde gehen. Aber allmählich nimmt die +Hitze des ungleichen Kampfes ab und die erschöpften Gymnoten zerstreuen +sich. Sie bedürfen jetzt langer Ruhe(75) und reichlicher Nahrung, um den +erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Maulthiere +und Pferde verriethen weniger Angst, ihre Mähne sträubte sich nicht mehr, +ihr Auge blickte ruhiger. Die Gymnoten kamen scheu ans Ufer des Teichs +geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken +befestigten Harpunen. Wenn die Stricke recht trocken sind, so fühlen die +Indianer beim Herausziehen des Fisches an die Luft keine Schläge. In +wenigen Minuten hatten wir fünf große Aale, die meisten nur leicht +verletzt. Auf dieselbe Weise wurden Abends noch andere gefangen. + +Die Gewässer, in denen sich die Zitteraale gewöhnlich aufhalten, haben +eine Temperatur von 26--27°. Ihre elektrische Kraft soll in kälterem +Wasser abnehmen, und es ist, wie bereits ein berühmter Physiker bemerkt +hat, überhaupt merkwürdig, daß die Thiere mit elektrischen Organen, deren +Wirkungen dem Menschen fühlbar werden, nicht in der Luft leben, sondern in +einer die Elektricität leitenden Flüssigkeit. Der Gymnotus ist der größte +elektrische Fisch; ich habe welche gemessen, die fünf Fuß und fünf Fuß +drei Zoll lang waren; die Indianer wollten noch größere gesehen haben. Ein +drei Fuß zehn Zoll langer Fisch wog zehn Pfund. Der Querdurchmesser des +Körpers (die kahnförmig verlängerte Afterflosse abgerechnet) betrug drei +Zoll fünf Linien. Die Gymnoten aus dem Cerro de Vera sind hübsch +olivengrün. Der Untertheil des Kopfes ist röthlich gelb. Zwei Reihen +kleiner gelber Flecken laufen symmetrisch über den Rücken vom Kopf bis zum +Schwanzende. Jeder Fleck umschließt einen Ausführungskanal; die Haut des +Thieres ist auch beständig mit einem Schleim bedeckt, der, wie Volta +gezeigt hat, die Elektricität 20--30mal besser leitet als reines Wasser. +Es ist überhaupt merkwürdig, daß keiner der elektrischen Fische, die bis +jetzt in verschiedenen Welttheilen entdeckt worden, mit Schuppen bedeckt +ist. + +Den ersten Schlägen eines sehr großen, stark gereizten Gymnotus würde man +sich nicht ohne Gefahr aussetzen. Bekommt man zufällig einen Schlag, bevor +der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung erschöpft ist, so sind +Schmerz und Betäubung so heftig, daß man sich von der Art der Empfindung +gar keine Rechenschaft geben kann. Ich erinnere mich nicht, je durch die +Entladung einer großen Leidner Flasche eine so furchtbare Erschütterung +erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Füße auf +einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich +empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen +Gelenken. Will man den ziemlich auffallenden Unterschied zwischen der +Wirkung der Volta’schen Säule und der elektrischen Fische genau +beobachten, so muß man diese berühren, wenn sie sehr erschöpft sind. Die +Zitterrochen und die Zitteraale verursachen dann ein Sehnenhüpfen vom +Glied an, das die elektrischen Organe berührt, bis zum Ellbogen. Man +glaubt bei jedem Schlag innerlich eine Schwingung zu empfinden, die zwei, +drei Secunden anhält und der eine schmerzhafte Betäubung folgt. In der +ausdrucksvollen Sprache der Tamanacos heißt daher der Temblador *Arimna*, +das heißt, »der die Bewegung raubt.« + +Die Empfindung bei schwachen Schlägen des Gymnotus schien mir große +Aehnlichkeit zu haben mit dem schmerzlichen Zucken, das ich fühlte, wenn +auf den wunden Stellen, die ich auf meinem Rücken durch spanische Fliegen +hervorgebracht, zwei heterogene Metalle sich berührten.(76) Dieser +Unterschied zwischen der Empfindung, welche der Schlag des elektrischen +Fisches, und der, welche eine Säule oder schwach geladene Leidner Flasche +hervorbringt, ist allen Beobachtern aufgefallen; derselbe widerspricht +indessen keineswegs der Annahme, daß die Elektricität und die galvanische +Wirkung der Fische dem Wesen nach eins sind. Die Elektricität kann +beidemal dieselbe seyn, sie mag sich aber verschieden äußern in Folge des +Baus der elektrischen Organe, der Intensität des elektrischen Fluidums, +der Schnelligkeit des Stroms oder einer eigenthümlichen Wirkungsweise. In +holländisch Guyana, zum Beispiel zu Demerary, galten früher die Zitteraale +als ein Heilmittel gegen Lähmungen. Zur Zeit, wo die europäischen Aerzte +von der Anwendung der Elektricität Großes erwarteten, gab ein Wundarzt in +Essequibo, Namens VAN DER LOTT, in Holland eine Abhandlung über die +Heilkräfte des Zitteraals heraus. Solche »elektrische Curen« kommen bei +den Wilden Amerika’s wie bei den Griechen vor. SCRIBONIUS LARGUS, GALENUS +und DIOSCORIDES berichten uns, daß der Zitterrochen Kopfweh, Migräne und +Gicht heile. In den spanischen Colonien, die ich durchreist, habe ich von +dieser Heilmethode nichts gehört; aber soviel ist gewiß, daß Bonpland und +ich, nachdem wir vier Stunden lang an Gymnoten experimentirt, bis zum +andern Tag Muskelschwäche, Schmerz in den Gelenken, allgemeine Uebligkeit +empfanden, eine Folge der heftigen Reizung des Nervensystems. + +Während die Gymnoten für die europäischen Naturforscher Gegenstände der +Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den +Eingebornen gefürchtet und gehaßt. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings +nicht übel, aber der Körper besteht zum größten Theil aus dem elektrischen +Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man +sondert es daher auch sorgfältig vom Uebrigen ab. Zudem schreibt man es +vorzüglich den Gymnoten zu, daß die Fische in den Sümpfen und Teichen der +Llanos so selten sind. Sie tödten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und +die Indianer erzählten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge +Krokodile und Zitteraale zugleich fange, so sey an letzteren nie eine +Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen, Krokodile lähmen, bevor diese +ihnen etwas anhaben können. Alle Bewohner des Wassers fliehen die +Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkröten und Frösche suchen +Sümpfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu mußte man einer +Straße eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Fluß +so vermehrt hatten, daß sie alle Jahre eine Menge Maulthiere, die belastet +durch den Fluß wateten, umbrachten. + +Am 24. März verließen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem +Aufenthalt und unsern Versuchen über einen so wichtigen physiologischen +Gegenstand. Ich hatte überdieß gute Sternbeobachtungen machen können und +zu meiner Ueberraschung gefunden, daß die Angaben der Karten auch hier um +einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte Niemand an +diesem Ort beobachtet, und wie denn die Geographen gewöhnlich die +Distanzen von der Küste dem Binnenlande zu zu groß annehmen, so hatten sie +auch hier alle Punkte zu weit nach Süden gerückt. + +Auf dem Wege durch den südlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden +staubiger, pflanzenloser, durch die lange Dürre zerrissener. Die Palmen +verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu +Sonnenuntergang auf 34--35°. Je ruhiger die Luft in 8--10 Fuß Höhe schien, +desto dichter wurden wir von den Staubwirbeln eingehüllt, welche von den +kleinen, am Boden, hinstreichenden Luftströmungen erzeugt werden. Gegen 4 +Uhr Abends fanden wir in der Savane ein junges indianisches Mädchen. Sie +lag auf dem Rücken, war ganz nackt und schien nicht über 12--13 Jahre alt. +Sie war von Ermüdung und Durst erschöpft, Augen, Nase, Mund voll Staub, +der Athem röchelnd; sie konnte uns keine Antwort geben. Neben ihr lag ein +umgeworfener Krug, halb voll Sand. Zum Glück hatten wir ein Maulthier bei +uns, das Wasser trug. Wir brachten das Mädchen zu sich, indem wir ihr das +Gesicht wuschen und ihr einige Tropfen Wein aufdrangen. Sie war Anfangs +erschrocken über die vielen Leute um sie her, aber sie beruhigte sich nach +und nach und sprach mit unsern Führern. Sie meinte, dem Stand der Sonne +nach müsse sie mehrere Stunden betäubt dagelegen haben. Sie war nicht dazu +zu bringen, eines unserer Lastthiere zu besteigen. Sie wollte nicht nach +Uritucu zurück; sie hatte in einem Hofe in der Nähe gedient und war von +ihrer Herrschaft verstoßen worden, weil sie in Folge einer langen +Krankheit nicht mehr soviel leisten konnte als zuvor. Unsere Drohungen und +Bitten fruchteten nichts; für Leiden unempfindlich, wie ihre ganze Race, +in die Gegenwart versunken ohne Bangen vor künftiger Gefahr, beharrte sie +auf ihrem Entschluß, in eine der indianischen Missionen um die Stadt +Calabozo her zu gehen. Wir schütteten den Sand aus ihrem Krug und füllten +ihn mit Wasser. Noch ehe wir wieder zu Pferd waren, setzte sie ihren Weg +in der Steppe fort. Bald entzog sie eine Staubwolke unsern Blicken. + +In der Nacht durchwateten wir den Rio Uritucu, in dem zahlreiche, +auffallend wilde Krokodile hausen. Man warnte uns, unsere Hunde nicht am +Fluß saufen zu lassen, weil es gar nicht selten vorkomme, daß die +Krokodile im Uritucu aus dem Wasser gehen und die Hunde aufs Ufer +verfolgen. Solche Keckheit fällt desto mehr auf, da sechs Meilen von da, +im Rio Tisnao, die Krokodile ziemlich schüchtern und unschädlich sind. Die +Sitten der Thiere einer und derselben Art zeigen Abweichungen nach +örtlichen Einflüssen, die sehr schwer aufzuklären sind. Man zeigte uns +eine Hütte oder vielmehr eine Art Schuppen, wo unser Wirth in Calabozo, +Don Miguel Cousin, einen höchst merkwürdigen Auftritt erlebt hatte. Er +schlief mit einem Freunde auf einer mit Leder überzogenen Bank, da wird er +früh Morgens durch heftige Stöße und einen furchtbaren Lärm aufgeschreckt. +Erdschollen werden in die Hütte geschleudert. Nicht lange, so kommt ein +junges 2--3 Fuß langes Krokodil unter der Schlafstätte hervor, fährt auf +einen Hund los, der auf der Thürschwelle lag, verfehlt ihn im ungestümen +Lauf, eilt dem Ufer zu und entkommt in den Fluß. Man untersuchte den Boden +unter der Barbacoa oder Lagerstätte, und da war denn der Hergang des +seltsamen Abenteuers bald klar. Man fand die Erde weit hinab aufgewühlt; +es war vertrockneter Schlamm, in dem das Krokodil im *Sommerschlaf* +gelegen hatte, in welchen Zustand manche Individuen dieser Thierart +während der dürren Jahreszeit in den Llanos verfallen. Der Lärm von +Menschen und Pferden, vielleicht auch der Geruch des Hundes hatten es +aufgeweckt. Die Hütte lag an einem Teich und stand einen Theil des Jahres +unter Wasser; so war das Krokodil ohne Zweifel, als die Savane +überschwemmt wurde, durch dasselbe Loch hineingekommen, durch das es Don +Miguel herauskommen sah. Häufig finden die Indianer ungeheure Boa’s, von +ihnen Uji oder Wasserschlangen genannt, im selben Zustand der Erstarrung. +Man muß sie, sagt man, reizen oder mit Wasser begießen, um sie zu +erwecken. Man tödtet die Boa’s und hängt sie in einen Bach, um durch die +Fäulniß die sehnigten Theile der Rückenmuskeln zu gewinnen, aus denen man +in Calabozo vortreffliche Guitarrensaiten macht, die weit besser sind als +die aus den Därmen der Brüllaffen. + +Wir sehen somit, daß in den Llanos Trockenheit und Hitze auf Thiere und +Gewächse gleich dem Frost wirken. Außerhalb der Tropen werfen die Bäume in +sehr trockener Luft ihre Blätter ab. Die Reptilien, besonders Krokodile +und Boa’s, verlassen vermöge ihres trägen Naturels die Lachen, wo sie beim +Austreten der Flüsse Wasser gefunden haben, nicht leicht wieder. Je mehr +nun diese Wasserstücke eintrocknen, desto tiefer graben sich die Thiere in +den Schlamm ein, der Feuchtigkeit nach, die bei ihnen Haut und Decken +schmiegsam erhält. In diesem Zustand der Ruhe kommt die Erstarrung über +sie; sie werden wohl dabei von der äußern Luft nicht ganz abgesperrt, und +so gering auch der Zutritt derselben seyn mag, er reicht hin, den +Athmungsprozeß bei einer Eidechse zu unterhalten, die ausnehmend große +Lungensäcke hat, die keine Muskelbewegungen vornimmt und bei der fast alle +Lebensverrichtungen stocken. Die Temperatur des vertrockneten, dem +Sonnenstrahl ausgesetzten Schlammes beträgt im Mittel wahrscheinlich mehr +als 40°. Als es im nördlichen Egypten, wo im kühlsten Monat die Temperatur +nicht unter 13°,4 sinkt, noch Krokodile gab, wurden diese häufig von der +Kälte betäubt. Sie waren einem *Winterschlaf* unterworfen, gleich unsern +Fröschen, Salamandern, Uferschwalben und Murmelthieren. Wenn die +Erstarrung im Winter bei Thieren mit warmem Blut, wie bei solchen mit +kaltem vorkommt, so kann man sich eben nicht wundern, daß in beiden +Klassen auch Fälle von *Sommerschlaf* vorkommen. Gleich den Krokodilen in +Südamerika liegen die Tenrecs oder Igel auf Madagascar mitten in der +heißen Zone drei Monate des Jahres in Erstarrung. + +Am 25. März kamen wir über den ebensten Strich der Steppen von Caracas, +die *Mesa de Pavones*. Die Corypha- und Murichepalme fehlen hier ganz. +Soweit das Auge reicht, gewahrt man keinen Gegenstand, der auch nur +fünfzehn Zoll hoch wäre. Die Luft war rein und der Himmel tief blau, aber +den Horizont säumte ein blasser, gelblicher Schein, der ohne Zweifel von +der Menge des in der Luft schwebenden Sandes herrührte. Wir trafen große +Heerden, und bei ihnen Schaaren schwarzer Vögel mit olivenfarbigem Glanz +von der Gattung _Crotophoga_ die dem Vieh nachgehen. Wir sahen sie häufig +den Kühen auf dem Rücken sitzen und Bremsen und andere Insekten suchen. +Gleich mehreren Vögeln dieser Einöde scheuen sie so wenig vor dem +Menschen, daß Kinder sie oft mit der Hand fangen. In den Thälern von +Aragua, wo sie sehr häufig sind, setzten sie sich am hellen Tag auf unsere +Hängematten, während wir darin lagen. + +Zwischen Calabozo, Uritucu und der Mesa de Pavones kann man überall, wo +der Boden von Menschenhand wenige Fuß tief ausgegraben ist, die +geologischen Verhältnisse der Llanos beobachten. Ein rother Sandstein(77) +(altes Conglomerat) streicht über mehrere tausend Quadratmeilen weg. Wir +fanden ihn später wieder in den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am +östlichen Saum der Provinz Jaen de Bracamoros. Diese ungeheure Verbreitung +des rothen Sandsteins auf den tiefgelegenen Landstrichen ostwärts von den +Anden ist eine der auffallendsten geologischen Erscheinungen, die ich +unter den Tropen beobachtet. + +Nachdem wir in den öden Savanen der Mesa de Pavones lange ohne die Spur +eines Pfades umhergeirrt, sahen wir zu unserer freudigen Ueberraschung +einen einsamen Hof vor uns, den _Hato de alta Gracia_ der von Gärten und +kleinen Teichen mit klarem Wasser umgeben ist. Hecken von *Azedarac* +liefen um Gruppen von *Icaquesbäumen*, die voll Früchten hingen. Eine +Strecke weiter übernachteten wir beim kleinen Dorfe San Geronymo del +Guayaval, das Missionäre vom Kapuzinerorden gegründet haben. Es liegt am +Ufer des Rio Guarico, der in den Apure fällt. Ich besuchte den +Geistlichen, der in der Kirche wohnen mußte, weil noch kein Priesterhaus +gebaut war. Der junge Mann nahm uns aufs zuvorkommendste auf und gab uns +über Alles die verlangte Auskunft. Sein Dorf, oder, um den officiellen +Ausdruck der Mönche zu gebrauchen, seine *Mission*, war nicht leicht zu +regieren. Der Stifter, der keinen Anstand genommen, auf seine Rechnung +eine *Pulperia* zu errichten, das heißt sogar in der Kirche Bananen und +Guarapo zu verkaufen, war auch bei Aufnahme der Colonisten nicht ekel +gewesen. Viele Landstreicher aus den Llanos hatten sich in Guayaval +niedergelassen, weil die Einwohner einer Mission dem weltlichen Arm +entrückt sind. Hier wie in Neu-Holland kann man erst in der zweiten oder +dritten Generation auf gute Colonisten rechnen. + +Wir setzten über den Rio Guarico und übernachteten in den Savanen südlich +vom Guayaval. Ungeheure Fledermäuse, wahrscheinlich von der Sippe der +Phyllostomen, flatterten, wie gewöhnlich, einen guten Theil der Nacht über +unsern Hängematten. Man meint jeden Augenblick, sie wollen sich einem ins +Gesicht einkrallen. Am frühen Morgen setzten wir unsern Weg über tiefe, +häufig unter Wasser stehende Landstriche fort. In der Regenzeit kann man +zwischen dem Guarico und dem Apure im Kahn fahren, wie auf einem See. Es +begleitete uns ein Mann, der alle Höfe (Hatos) in den Llanos besucht +hatte, um Pferde zu kaufen. Er hatte für tausend Pferde 2200 Piaster +gegeben.(78) Man bezahlt natürlich desto weniger, je bedeutender der Kauf +ist. Am 27. März langten wir in der Villa de San Fernando, dem Hauptort +der Missionen der Kapuziner in der Provinz Barinas, an. Damit waren wir am +Ziel unserer Reise über die Ebenen, denn die drei Monate April, Mai und +Juni brachten wir auf den Strömen zu. + + ------------------ + + + + + + 68 Ich erinnere die Reisenden an den Weg vom Ursernthal zum + Gotthardshospiz und von da nach Airolo. + + 69 LIVIUS, _L. 38_, c. 75 + + 70 Offene baumlose Savanen, _limpias de arboles_ + + 71 Yλαίη. HERODOT, _Melpomene_. + + 72 Der Zaque war das weltliche Oberhaupt von Cundinamarca. Er theilte + die oberste Gewalt mit dem Hohenpriester (Lama) von Iraca. + + 73 Band I, Seite 216 + + 74 PLINIUS, _L. XII_, c. VII. + + 75 Die Indianer versichern, wenn man Pferde zwei Tage hinter einander + in einer Lache laufen lasse, in der es sehr viele Gymnoten gibt, + gehe am zweiten Tag kein Pferd mehr zu Grunde. + + 76 HUMBOLDTs _Versuche über die gereizte Muskelfaser_. Vol. 1. p. + 323--329. + + 77 Rothes Todtliegendes, oder ältester Flötzsandstein der Freiberger + Schule. + + 78 In den Llanos von Calabozo und am Guayaval kostet ein junger Stier + von zwei bis drei Jahren einen Piaster. Ist er verschnitten (in sehr + heißen Ländern eine ziemlich gefährliche Operation), so ist er 5 bis + 6 Piaster werth. Eine an der Sonne getrocknete Ochsenhaut gilt 2½ + Silberrealen (1 Peso = 8 Realen); ein Huhn 2 Realen; ein Schaf, in + Barquesimeto und Truxillo, denn ostwärts von diesen Städten gibt es + keine, 3 Realen. Da diese Preise sich nothwendig verändern werden, + je mehr die Bevölkerung in den spanischen Colonien zunimmt, so + schien es mir nicht unwichtig, hier Angaben niederzulegen, die + künftig bei nationalökonomischen Untersuchungen als Anhaltspunkte + dienen können. + + + + + + +LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE + + +Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt. + +BARROW, SIR JOHN. _A Voyage to Cochinchina in the Years 1792 and 1793._ +(1806) +DELPECHE. _Sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812._ +GARCÍA, GREGORIO. _Origen de los indios del nuevo mundo._ (1607) +HERODOT. _Melpomene._ +HORAZ. _Oden._ +HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essay politique sur le Méxique._ +HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essai politique sur le royaume de la nouvelle +Espagne._ +HUMBOLDT, ALEXANDER. _Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser : +nebst Vermuthungen über den chemischen Process des Lebens in der Thier- +und Pflanzenwelt._ (1797) +LA CONDAMINE, CHARLES MARIE DE. _Journal du voyage fait par ordre du Roi, +à l’Équateur servant d’introduction historique à la Mesure des trois +premiers degrés du Méridien._ (1751) +LIVIUS. _L. 38._ +OVIEDO Y BAÑOS, JOSÉ DE. _Historia de la conquista y población de la +Provincia de Venezuela._ _Geschichte der Provinz Venezuela._ (1723) +PLINIUS. _L. XII._ +DE PONS, FRANÇOIS RAYMOND JOSEPH. _Reise in den oestlichen Theil von +Terrafirma in Sued-Amerika : unternommen in den Jahren 1801, 1802, 1803 +und 1804 / von Depons. Aus d. Franz. übers. von Chr. Weyland._ (1808) +RITTER, KARL. _Erdkunde._ Bd. I. +TACITUS. _Agricola._ +TACITUS. _Germania._ +TORQUEMADA, JUAN DE. _Monarchia Indiana. Los veintiún libros rituales i +monarchia indiana con el origen y guerras de los Indios Occidentales, de +sus poblaciones, descubrimientos, conquista, conversión y otras cosas +maravillosas de la misma tierra._ (1615) +ULLOA, ANTONIO DE. _ Noticias americanas: entretenimientos +físico-históricos sobre la América Meridional, y la Septentrional +oriental: comparacion general de los territorios, climas y producciones en +las tres especies vegetal, animal y mineral; con una relacion particular +de los Indios de aquellos paises, sus costumbres y usos, de las +petrificaciones de cuerpos marinos, y de las antigüedades. Con un discurso +sobre el idioma, y conjeturas sobre el modo con que pasáron los primeros +pobladores._ (1792) + + + + + +ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS + + +Vom Korrekturleser wurden mehrere Änderungen am Originaltext vorgenommen. +Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes +ändern, wurden im Text belassen. + +Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden +geänderten Fassung. + + + +Ausdrucks überraschen. Tumanacu: Wespe, uane-imu, wörtlich: Vater +Ausdrucks überraschen. Tamanacu: Wespe, uane-imu, wörtlich: Vater + +stieg wieder bis eilf Uhr Abends +stieg wieder bis elf Uhr Abends + +des Centauren, Achernar, ß des Centauren, Fomahault +des Centauren, Achernar, ß des Centauren, Fomalhaut + +darnach, und die Völkerschaft der Guaraons, deren Existenz +darnach, und die Völkerschaft der Guaranos, deren Existenz + +Governador, Alcaden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! +Governador, Alcalden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! + +Sterculia und Coccololoba excoriata bewachsenen Boden +Sterculia und Coccoloba excoriata bewachsenen Boden + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.*** + + + + +CREDITS + + +2008 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + R. Stephan + + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 24746-0.txt or 24746-0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/7/4/24746/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. If you do not charge anything for copies of +this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given away +-- you may do practically *anything* with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +*Please read this before you distribute or use this work.* + +To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase Project Gutenberg), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™ +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + +Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works + + +1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this +agreement, you must cease using and return or destroy all copies of +Project Gutenberg™ electronic works in your possession. If you paid a fee +for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work +and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may +obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set +forth in paragraph 1.E.8. + + +1.B. + + +Project Gutenberg is a registered trademark. It may only be used on or +associated in any way with an electronic work by people who agree to be +bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can +do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying +with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are +a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you +follow the terms of this agreement and help preserve free future access to +Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below. + + +1.C. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (the Foundation or +PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an individual +work is in the public domain in the United States and you are located in +the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, +distributing, performing, displaying or creating derivative works based on +the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of +course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of +promoting free access to electronic works by freely sharing Project +Gutenberg™ works in compliance with the terms of this agreement for +keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can +easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you +share it without charge with others. + + +1.D. + + +The copyright laws of the place where you are located also govern what you +can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant +state of change. If you are outside the United States, check the laws of +your country in addition to the terms of this agreement before +downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating +derivative works based on this work or any other Project Gutenberg™ work. +The Foundation makes no representations concerning the copyright status of +any work in any country outside the United States. + + +1.E. + + +Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + + +1.E.1. + + +The following sentence, with active links to, or other immediate access +to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever +any copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase +Project Gutenberg appears, or with which the phrase Project Gutenberg is +associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or +distributed: + + + This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with + almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away + or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License + included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org + + +1.E.2. + + +If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the +public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with +permission of the copyright holder), the work can be copied and +distributed to anyone in the United States without paying any fees or +charges. If you are redistributing or providing access to a work with the +phrase Project Gutenberg associated with or appearing on the work, you +must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 +or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™ +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.3. + + +If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the +permission of the copyright holder, your use and distribution must comply +with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed +by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project +Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the +copyright holder found at the beginning of this work. + + +1.E.4. + + +Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License +terms from this work, or any files containing a part of this work or any +other work associated with Project Gutenberg™. + + +1.E.5. + + +Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic +work, or any part of this electronic work, without prominently displaying +the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate +access to the full terms of the Project Gutenberg™ License. + + +1.E.6. + + +You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, +marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word +processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than +Plain Vanilla ASCII or other format used in the official version posted on +the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you +must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a +means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of +the work in its original Plain Vanilla ASCII or other form. Any alternate +format must include the full Project Gutenberg™ License as specified in +paragraph 1.E.1. + + +1.E.7. + + +Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, +copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply +with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.8. + + +You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or +distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that + + - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to + the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to + donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 + days following each date on which you prepare (or are legally + required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments + should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, + Information about donations to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation. + + You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License. + You must require such a user to return or destroy all copies of the + works possessed in a physical medium and discontinue all use of and + all access to other copies of Project Gutenberg™ works. + + You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + + You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg™ works. + + +1.E.9. + + +If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic +work or group of works on different terms than are set forth in this +agreement, you must obtain permission in writing from both the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the +Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in +Section 3 below. + + +1.F. + + +1.F.1. + + +Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to +identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain +works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these +efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they +may be stored, may contain Defects, such as, but not limited to, +incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright +or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk +or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot +be read by your equipment. + + +1.F.2. + + +LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the Right of +Replacement or Refund described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™ +trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™ +electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for +damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE +NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH +OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE +FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT +WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, +PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY +OF SUCH DAMAGE. + + +1.F.3. + + +LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this +electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund +of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to +the person you received the work from. If you received the work on a +physical medium, you must return the medium with your written explanation. +The person or entity that provided you with the defective work may elect +to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the +work electronically, the person or entity providing it to you may choose +to give you a second opportunity to receive the work electronically in +lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a +refund in writing without further opportunities to fix the problem. + + +1.F.4. + + +Except for the limited right of replacement or refund set forth in +paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + + +1.F.5. + + +Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the +exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or +limitation set forth in this agreement violates the law of the state +applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make +the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state +law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement +shall not void the remaining provisions. + + +1.F.6. + + +INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark +owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of +Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and +any volunteers associated with the production, promotion and distribution +of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs +and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from +any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of +this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect +you cause. + + + +Section 2. + + + Information about the Mission of Project Gutenberg™ + + +Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic +works in formats readable by the widest variety of computers including +obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring +that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation’s web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + +Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are +particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United States. +Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable +effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these +requirements. We do not solicit donations in locations where we have not +received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or +determine the status of compliance for any particular state visit +http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we have +not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against +accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us +with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make any +statements concerning tax treatment of donations received from outside the +United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods +and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including +checks, online payments and credit card donations. To donate, please +visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + + +Section 5. + + + General Information About Project Gutenberg™ electronic works. + + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + + http://www.gutenberg.org + + +This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how +to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, +how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email +newsletter to hear about new eBooks. + + + + + + +***FINIS*** +
\ No newline at end of file |
