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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:12:38 -0700
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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Jakob von Gunten, by Robert Walser</title>
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Jakob von Gunten, by Robert Walser
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Jakob von Gunten
+ Ein Tagebuch
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+Author: Robert Walser
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+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24176]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN ***
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<h1 style="margin-top: 80px;"><span style="letter-spacing: 0.1em;">Jakob von Gunten</span></h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 2.5em;"><big style="font-size: 1.4em; font-weight: bold;">Ein Tagebuch</big><br/>
+von<br/>
+<big style="font-size: 1.6em; font-weight: bold;">Robert Walser</big></p>
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+<hr style="margin-top: 6em; width: 14em; height: 2px; color: black; background-color: black; border: none;"/>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5em; margin-bottom: 6em;"><span style="letter-spacing: 0.2em;">Bruno Cassirer Berlin</span><br/>
+1909</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_1">[1]</a></span>
+Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkr&auml;ften,
+und wir Knaben vom Institut Benjamenta
+werden es zu nichts bringen, d.&nbsp;h., wir
+werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes
+im sp&auml;teren Leben sein. Der Unterricht,
+den wir genie&szlig;en, besteht haupts&auml;chlich darin, uns
+Geduld und Gehorsam einzupr&auml;gen, zwei Eigenschaften,
+die wenig oder gar keinen Erfolg versprechen.
+Innere Erfolge, ja. Doch was hat
+man von solchen? Geben einem innere Errungenschaften
+zu essen? Ich m&ouml;chte gern reich sein, in
+Droschken fahren und Gelder verschwenden. Ich
+habe mit Kraus, meinem Schulkameraden, dar&uuml;ber
+gesprochen, doch er hat nur ver&auml;chtlich die Achsel
+gezuckt und mich nicht eines einzigen Wortes gew&uuml;rdigt.
+Kraus besitzt Grunds&auml;tze, er sitzt fest
+im Sattel, er reitet auf der Zufriedenheit, und
+das ist ein Gaul, den Personen, die galoppieren
+wollen, nicht besteigen m&ouml;gen. Seit ich hier im
+Institut Benjamenta bin, habe ich es bereits
+fertiggebracht, mir zum R&auml;tsel zu werden. Auch
+mich hat eine ganz merkw&uuml;rdige, vorher nie gekannte
+<span class="pagenum"><a name="Page_2">[2]</a></span>
+Zufriedenheit angesteckt. Ich gehorche
+leidlich gut, nicht so gut wie Kraus, der es meisterlich
+versteht, den Befehlen Hals &uuml;ber Kopf dienstfertig
+entgegenzust&uuml;rzen. In einem Punkt gleichen
+wir Sch&uuml;ler, Kraus, Schacht, Schilinski, Fuchs,
+der lange Peter, ich usw., uns alle, n&auml;mlich in
+der vollkommenen Armut und Abh&auml;ngigkeit.
+Klein sind wir, klein bis hinunter zur Nichtsw&uuml;rdigkeit.
+Wer eine Mark Taschengeld hat, wird
+als ein bevorzugter Prinz angesehen. Wer, wie
+ich, Zigaretten raucht, der erregt ob der Verschwendung,
+die er treibt, Besorgnis. Wir tragen
+Uniformen. Nun, dieses Uniformtragen erniedrigt
+und erhebt uns gleichzeitig. Wir sehen wie
+unfreie Leute aus, und das ist m&ouml;glicherweise
+eine Schmach, aber wir sehen auch h&uuml;bsch darin
+aus, und das entfernt uns von der tiefen Schande
+derjenigen Menschen, die in h&ouml;chsteigenen aber
+zerrissenen und schmutzigen Kleidern dahergehen.
+Mir z.&nbsp;B. ist das Tragen der Uniform sehr angenehm,
+weil ich nie recht wu&szlig;te, was ich anziehen
+sollte. Aber auch in dieser Beziehung bin
+ich mir vorl&auml;ufig noch ein R&auml;tsel. Vielleicht steckt
+ein ganz, ganz gemeiner Mensch in mir. Vielleicht
+aber besitze ich aristokratische Adern. Ich
+wei&szlig; es nicht. Aber das Eine wei&szlig; ich bestimmt:
+Ich werde eine reizende, kugelrunde Null im
+sp&auml;teren Leben sein. Ich werde als alter Mann
+<span class="pagenum"><a name="Page_3">[3]</a></span>
+junge, selbstbewu&szlig;te, schlecht erzogene Grobiane
+bedienen m&uuml;ssen, oder ich werde betteln, oder ich
+werde zugrunde gehen.</p>
+
+<p>Wir Eleven oder Z&ouml;glinge haben eigentlich
+sehr wenig zu tun, man gibt uns fast gar keine
+Aufgaben. Wir lernen die Vorschriften, die hier
+herrschen, auswendig. Oder wir lesen in dem
+Buch &raquo;Was bezweckt Benjamenta's Knabenschule?&laquo;
+Kraus studiert au&szlig;erdem noch Franz&ouml;sisch,
+ganz f&uuml;r sich, denn fremde Sprachen oder
+irgend etwas derartiges gibt es gar nicht auf
+unserem Stundenplan. Es gibt nur eine einzige
+Stunde, und die wiederholt sich immer. &raquo;Wie
+hat sich der Knabe zu benehmen?&laquo; Um diese
+Frage herum dreht sich im Grunde genommen
+der ganze Unterricht. Kenntnisse werden uns
+keine beigebracht. Es fehlt eben, wie ich schon
+sagte, an Lehrkr&auml;ften, d.&nbsp;h. die Herren Erzieher
+und Lehrer schlafen, oder sie sind tot, oder nur
+scheintot, oder sie sind versteinert, gleichviel, jedenfalls
+hat man gar nichts von ihnen. An Stelle
+der Lehrer, die aus irgendwelchen sonderbaren
+Gr&uuml;nden tot&auml;hnlich daliegen und schlummern,
+unterrichtet und beherrscht uns eine junge Dame,
+die Schwester des Herrn Institutvorstehers, Fr&auml;ulein
+Lisa Benjamenta. Sie kommt mit einem
+kleinen wei&szlig;en Stab in der Hand in die Schulstube
+<span class="pagenum"><a name="Page_4">[4]</a></span>
+und Schulstunde. Wir stehen alle von den
+Pl&auml;tzen auf, wenn sie erscheint. Hat die Lehrerin
+Platz genommen, so d&uuml;rfen auch wir uns setzen.
+Sie klopft mit dem Stab dreimal kurz und gebieterisch
+hintereinander auf die Tischkante, und
+der Unterricht beginnt. Welch ein Unterricht!
+Doch ich w&uuml;rde l&uuml;gen, wenn ich ihn kurios f&auml;nde.
+Nein, ich finde das, was Fr&auml;ulein Benjamenta
+uns lehrt, beherzigenswert. Es ist wenig, und
+wir wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein
+Geheimnis hinter all diesen Nichtigkeiten und
+L&auml;cherlichkeiten. L&auml;cherlich? Uns Knaben vom
+Institut Benjamenta ist niemals l&auml;cherlich zumut.
+Unsere Gesichter und unsere Manieren sind sehr
+ernsthaft. Sogar Schilinski, der doch noch ein
+vollkommenes Kind ist, lacht sehr selten. Kraus
+lacht nie, oder wenn es ihn hinrei&szlig;t, dann nur
+ganz kurz, und dann ist er zornig, da&szlig; er sich zu
+einem so vorschriftswidrigen Ton hat hinrei&szlig;en
+lassen. Im allgemeinen m&ouml;gen wir Sch&uuml;ler nicht
+lachen, d.&nbsp;h. wir k&ouml;nnen eben kaum noch. Die
+dazu erforderliche Lustigkeit und L&auml;ssigkeit fehlt
+uns. Irre ich mich? Wei&szlig; Gott, manchmal will
+mir mein ganzer hiesiger Aufenthalt wie ein
+unverst&auml;ndlicher Traum vorkommen.</p>
+
+<p>Der j&uuml;ngste und kleinste unter uns Z&ouml;glingen
+ist Heinrich. Man ist diesem jungen Menschen
+<span class="pagenum"><a name="Page_5">[5]</a></span>
+gegen&uuml;ber unwillk&uuml;rlich z&auml;rtlich gesinnt, ohne dabei
+etwas zu denken. Er steht vor den Schaufenstern
+der Kaufleute still, innig in den Anblick
+der Waren und Leckerbissen versunken. Dann
+tritt er gew&ouml;hnlich ein und kauft sich etwas S&uuml;&szlig;es
+f&uuml;r einen Sechser. Heinrich ist noch ganz Kind,
+aber er spricht und benimmt sich schon wie ein erwachsener
+Mensch von guter F&uuml;hrung. Sein
+Haar ist immer ganz tadellos gek&auml;mmt und gescheitelt,
+was gerade mich zur Anerkennung hinrei&szlig;en
+mu&szlig;, da ich in diesem wichtigen Punkt
+sehr liederlich bin. Seine Stimme ist so d&uuml;nn
+wie ein zartes Vogelgezwitscher. Man mu&szlig; unbewu&szlig;t
+den Arm um seine Schulter legen, wenn
+man mit ihm spazieren geht oder mit ihm spricht.
+Er hat die Haltung eines Obersten und ist so klein.
+Er besitzt keinen Charakter, denn er wei&szlig; noch
+gar nicht, was das ist. Gewi&szlig; hat er noch nie
+&uuml;ber das Leben nachgedacht, und wozu? Er ist
+sehr artig, dienstfertig und h&ouml;flich, aber ohne Bewu&szlig;tsein.
+Ja, er ist wie ein Vogel. Das Trauliche
+gelangt an ihm &uuml;berall zum Vorschein. Ein
+Vogel gibt einem die Hand, wenn er sie gibt,
+ein Vogel geht so und steht so. Alles ist unschuldig,
+friedfertig und gl&uuml;cklich an Heinrich. Er
+will Page werden, sagt er. Doch er sagt es ganz
+ohne unfeines Schmachten, und in der Tat, der
+Pagenberuf ist f&uuml;r ihn das durchaus Richtige
+<span class="pagenum"><a name="Page_6">[6]</a></span>
+und Angemessene. Die Zierlichkeit des Benehmens
+und Empfindens strebt irgend wohin, und siehe,
+sie trifft das Rechte. Was wird er f&uuml;r Erfahrungen
+machen? Werden sich an diesen Knaben
+&uuml;berhaupt Erfahrungen und Erkenntnisse heranwagen?
+Werden die rohen Entt&auml;uschungen sich
+nicht genieren, ihn zu beunruhigen, ihn, den &Uuml;berzarten?
+&Uuml;brigens merke ich, da&szlig; er ein wenig
+kalt ist, es ist nichts St&uuml;rmisches und Herausforderndes
+an ihm. Vielleicht wird er vieles,
+vieles, das ihn niederschlagen k&ouml;nnte, gar nicht
+bemerken, und vieles, das ihm seine Sorglosigkeit
+nehmen k&ouml;nnte, gar nicht f&uuml;hlen. Wer wei&szlig;,
+ob ich recht habe. Aber ich stelle jedenfalls sehr,
+sehr gern solche Beobachtungen an. Heinrich ist
+bis zu einer gewissen Grenze verst&auml;ndnislos. Das
+ist sein Gl&uuml;ck, und man mu&szlig; es ihm g&ouml;nnen.
+Wenn er ein Prinz w&auml;re, ich w&uuml;rde der erste sein,
+der das Knie vor ihm beugte und ihm huldigte.
+Schade.</p>
+
+<p>Wie dumm ich mich doch benommen habe, als
+ich hier ankam. Ich entr&uuml;stete mich in erster
+Linie &uuml;ber die &Auml;rmlichkeit des Treppenhauses.
+Nun ja, es ist eben der Treppenaufgang eines
+gew&ouml;hnlichen gro&szlig;st&auml;dtischen Hinterhauses. Dann
+klingelte ich, und ein affen&auml;hnliches Wesen &ouml;ffnete
+mir die T&uuml;re. Es war Kraus. Aber damals
+<span class="pagenum"><a name="Page_7">[7]</a></span>
+hielt ich ihn einfach f&uuml;r einen Affen, w&auml;hrend
+ich ihn heute, um des rein pers&ouml;nlichen Wesens
+willen, das ihn ziert, hoch sch&auml;tze. Ich fragte, ob
+Herr Benjamenta zu sprechen sei. Kraus sagte:
+&raquo;Jawohl, mein Herr,&laquo; und machte eine tiefe,
+dumme Verbeugung vor mir. Diese Verbeugung
+jagte mir einen unheimlichen Schrecken ein, denn
+ich sagte mir sogleich, da&szlig; da irgend etwas nicht
+mit rechten Dingen zugehen m&uuml;sse. Und von da
+an hielt ich die Schule Benjamenta f&uuml;r Schwindel.
+Ich trat zum Vorsteher herein. Wie mu&szlig; ich
+lachen, wenn ich an die nun folgende Szene
+denke. Herr Benjamenta fragte mich, was ich
+wolle. Ich erkl&auml;rte ihm sch&uuml;chtern, da&szlig; ich
+w&uuml;nsche, sein Sch&uuml;ler zu werden. Darauf schwieg
+er und las Zeitungen. Das Bureau, der Herr
+Vorsteher, der vorausgegangene Affe, die T&uuml;re,
+die Art, zu schweigen und Zeitungen zu studieren,
+alles, alles kam mir im h&ouml;chsten Grad verd&auml;chtig,
+verderbenversprechend vor. Pl&ouml;tzlich wurde ich
+nach meinem Namen gefragt und nach meiner
+Herkunft. Jetzt hielt ich mich f&uuml;r verloren, denn
+ich f&uuml;hlte mit einemmal, da&szlig; ich da nicht mehr
+losk&auml;me. Stotternd gab ich Auskunft, ich wagte
+sogar zu betonen, da&szlig; ich aus einem sehr guten
+Hause stamme. Ich sagte unter anderem, mein
+Vater sei Gro&szlig;rat, und ich sei ihm davongelaufen,
+weil ich gef&uuml;rchtet h&auml;tte, von seiner Vortrefflichkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_8">[8]</a></span>
+erstickt zu werden. Wieder schwieg der Vorsteher
+eine Weile. Meine Furcht, betrogen zu
+werden, stieg aufs h&ouml;chste. Ich dachte sogar an
+geheime Ermordung, st&uuml;ckweises Erdrosseln. Da
+fragte mich der Vorsteher mit seiner Gebieterstimme,
+ob ich Geld bei mir h&auml;tte, und ich bejahte.
+&raquo;So gib es her. Rasch!&laquo; befahl er, und
+merkw&uuml;rdig, ich gehorchte augenblicklich, obschon
+mich der Jammer sch&uuml;ttelte. Ich zweifelte nicht
+mehr daran, einem R&auml;uber und Schwindler in
+die H&auml;nde gefallen zu sein, und trotzdem legte ich
+das Schulgeld gehorsam hin. Wie l&auml;cherlich mir
+meine damaligen Empfindungen jetzt doch vorkommen.
+Man strich das Geld ein und schwieg
+wieder. Da fand ich den Heldenmut, sch&uuml;chtern
+um eine Quittung zu ersuchen, doch man gab mir
+folgendes zur Antwort: &raquo;Schlingel wie du erhalten
+keine Quittungen.&laquo; Ich war einer Ohnmacht
+nahe, der Vorsteher klingelte. Sofort st&uuml;rzte
+der dumme Affe Kraus herein. Der dumme Affe?
+O gar nicht. Kraus ist ein lieber, lieber Mensch.
+Ich verstand es nur damals noch nicht besser.
+&raquo;Dies hier ist Jakob, der neue Sch&uuml;ler. F&uuml;hre
+ihn ins Schulzimmer.&laquo; &ndash; Der Vorsteher hatte
+kaum gesprochen, so packte mich Kraus und
+schleppte mich vor das Antlitz der Lehrerin. Wie
+kindisch ist man, wenn man sich f&uuml;rchtet. Es
+gibt kein so schlechtes Benehmen wie das, welches
+<span class="pagenum"><a name="Page_9">[9]</a></span>
+aus dem Mi&szlig;trauen und aus der Unkenntnis
+stammt. So wurde ich Z&ouml;gling.</p>
+
+<p>Mein Schulkamerad Schacht ist ein seltsames
+Wesen. Er tr&auml;umt davon, Musiker zu werden.
+Er sagt mir, er spiele vermittels seiner Einbildungskraft
+wundervoll Geige, und wenn ich seine
+Hand anschaue, glaube ich ihm das. Er lacht
+gern, aber dann versinkt er pl&ouml;tzlich in schmachtende
+Melancholie, die ihm unglaublich gut zu
+Gesicht und K&ouml;rperhaltung steht. Schacht hat ein
+ganz wei&szlig;es Gesicht und lange schmale H&auml;nde,
+die ein Seelenleiden ohne Namen ausdr&uuml;cken.
+Schm&auml;chtig, wie er von K&ouml;rperbau ist, zappelt
+er leicht, es ist ihm schwer, unbeweglich zu stehen
+oder zu sitzen. Er gleicht einem kr&auml;nklichen, eigensinnigen
+M&auml;dchen, er schmollt auch gern, was ihn
+einem jungen, etwas verzogenen weiblichen Wesen
+noch &auml;hnlicher macht. Wir, ich und er, liegen oft
+zusammen in meiner Schlafkammer, auf dem Bett,
+in den Kleidern, ohne die Schuhe auszuziehen,
+und rauchen Zigaretten, was gegen die Vorschriften
+ist. Schacht tut gern das Vorschriften-Kr&auml;nkende,
+und ich, offen gesagt, leider nicht
+minder. Wir erz&auml;hlen uns ganze Geschichten,
+wenn wir so liegen, Geschichten aus dem Leben,
+d.&nbsp;h. Erlebtes, aber noch viel mehr erfundene
+Geschichten, deren Tatsachen aus der Luft gegriffen
+<span class="pagenum"><a name="Page_10">[10]</a></span>
+sind. Dann scheint es um uns her, W&auml;nde
+hinauf und hinunter, leise zu t&ouml;nen. Die enge,
+dunkle Kammer erweitert sich, es erscheinen
+Stra&szlig;en, S&auml;le, St&auml;dte, Schl&ouml;sser, unbekannte
+Menschen und Landschaften, es donnert und lispelt,
+redet und weint usw. Es ist h&uuml;bsch, sich mit
+dem tr&auml;umerisch angehauchten Schacht zu unterhalten.
+Er scheint alles zu verstehen, was man
+ihm sagt, und er selber sagt von Zeit zu Zeit
+etwas Bedeutsames. Und dann klagt er &ouml;fters,
+und das liebe ich an der Unterhaltung. Ich h&ouml;re
+gern klagen. Man kann dann den Sprecher so
+ansehen und tiefes, inniges Mitleid mit ihm haben,
+und Schacht hat etwas Mitleiderweckendes an sich,
+auch ohne, da&szlig; er Betr&uuml;bliches spricht. Wenn
+feinsinnige Unzufriedenheit, d.&nbsp;h. die Sehnsucht
+nach etwas Sch&ouml;nem und Hohem, in irgend einem
+Menschen wohnt, dann hat sie es sich in Schacht
+bequem gemacht. Schacht hat Seele. Wer wei&szlig;,
+vielleicht ist er eine K&uuml;nstlernatur. Er hat mir
+anvertraut, da&szlig; er krank ist, und da es sich um
+ein nicht ganz anst&auml;ndiges Leiden handelt, hat
+er mich dringend gebeten, Schweigen zu beobachten,
+was ich ihm nat&uuml;rlich auf Ehrenwort versprochen
+habe, um ihn zu beruhigen. Ich habe ihn
+dann gebeten, mir den Gegenstand der Erkrankung
+zu zeigen, doch da wurde er ein wenig b&ouml;se und
+kehrte sich gegen die Wand. &raquo;Du bist schamlos,&laquo;
+<span class="pagenum"><a name="Page_11">[11]</a></span>
+sagte er mir. Oft liegen wir beide so, ohne ein
+Wort zu reden. Einmal wagte ich, seine Hand
+leise zu mir zu nehmen, doch er entzog sie mir
+wieder und sagte: &raquo;Was machst du f&uuml;r Dummheiten?
+La&szlig; das.&laquo; &ndash; Schacht bevorzugt den
+Umgang mit mir, das merke ich nicht gerade
+deutlich, aber in solchen Dingen ist Deutlichkeit
+gar nicht n&ouml;tig. Ich habe ihn eigentlich riesig
+gern und sehe ihn als eine Bereicherung meines
+Daseins an. Nat&uuml;rlich sage ich ihm so etwas nie.
+Wir reden Dummheiten miteinander, oft auch
+Ernstes, aber unter Vermeidung gro&szlig;er Worte.
+Sch&ouml;ne Worte sind viel zu langweilig. Ah, an
+den Zusammenk&uuml;nften mit Schacht in der Kammer
+merke ich es: wir Z&ouml;glinge des Instituts Benjamenta
+sind zu einem oft halbtagelangen seltsamen
+M&uuml;&szlig;iggang verurteilt. Wir kauern, sitzen,
+stehen oder liegen immer irgendwo. Ich und
+Schacht z&uuml;nden in der Kammer zu unserem Vergn&uuml;gen
+oft Kerzen an, das ist streng verboten.
+Aber gerade deshalb macht es uns Spa&szlig;, es zu
+tun. Vorschriften hin, Vorschriften her: Kerzen
+brennen so sch&ouml;n, so geheimnisvoll. Und wie sieht
+doch das Gesicht meines Kameraden aus, wenn
+die r&ouml;tliche kleine Flamme es zart beleuchtet.
+Wenn ich Kerzen brennen sehe, komme ich mir
+verm&ouml;gend vor: Im n&auml;chsten Augenblick kommt
+immer der Diener und reicht mir den Pelz. Das
+<span class="pagenum"><a name="Page_12">[12]</a></span>
+ist Unsinn, aber dieser Unsinn hat einen h&uuml;bschen
+Mund und l&auml;chelt. Schacht hat eigentlich grobe
+Gesichtsz&uuml;ge, aber die Bl&auml;sse, die &uuml;ber das Gesicht
+gezogen ist, verfeinert sie. Die Nase ist zu
+gro&szlig;, auch die Ohren. Der Mund ist zugekniffen.
+Manchmal, wenn ich Schacht so ansehe, ist mir,
+als m&uuml;sse es diesem Menschen einmal bitter schlecht
+gehen. Wie liebe ich solche Menschen, die diesen
+wehm&uuml;tigen Eindruck hervorrufen. Ist das
+Bruderliebe? Ja, kann sein.</p>
+
+<p>Am ersten Tag habe ich mich ungeheuer
+zimperlich und mutters&ouml;hnchenhaft benommen.
+Wurde mir da das Zimmer gezeigt, in dem ich
+mit den andern, d.&nbsp;h. mit Kraus, Schacht und
+Schilinski, gemeinsam schlafen sollte. Als vierter
+im Bund gleichsam. Alles war zugegen, die Kameraden,
+der Herr Vorsteher, der mich grimmig anschaute,
+das Fr&auml;ulein. Nun, und da fiel ich dem
+M&auml;dchen einfach zu F&uuml;&szlig;en und rief aus: &raquo;Nein,
+in dem Zimmer zu schlafen ist mir unm&ouml;glich.
+Ich kann da nicht atmen. Lieber will ich auf der
+Stra&szlig;e &uuml;bernachten.&laquo; &ndash; Ich hielt, w&auml;hrend ich
+so sprach, die Beine der jungen Dame fest umschlungen.
+Sie schien &auml;rgerlich zu sein und befahl
+mir aufzustehen. Ich sagte: &raquo;Ich stehe nicht vorher
+auf, bis Sie mir versprochen haben, da&szlig; Sie
+mir einen menschenw&uuml;rdigen Raum zum Schlafen
+<span class="pagenum"><a name="Page_13">[13]</a></span>
+anweisen wollen. Ich bitte Sie, Fr&auml;ulein, ich
+flehe Sie an, tun Sie mich an einen andern Ort,
+meinetwegen in ein Loch, nur nicht hier hinein.
+Hier kann ich nicht sein. Ich will meine Mitsch&uuml;ler
+gewi&szlig; nicht beleidigen, und habe ich es
+schon getan, so tut es mir leid, aber bei drei
+Menschen schlafen, als vierter, und dazu noch in
+solch einem engen Raum? Das geht nicht. Ach,
+Fr&auml;ulein.&laquo; &ndash; Schon l&auml;chelte sie, ich merkte es,
+ich f&uuml;gte daher rasch, mich noch fester an sie schmiegend,
+hinzu: &raquo;Ich will brav sein, ich verspreche
+es Ihnen. Ich will allen Ihren Befehlen zuvorkommen.
+Sie sollen sich nie, nie &uuml;ber mein Benehmen
+zu beklagen haben.&laquo; &ndash; Fr&auml;ulein Benjamenta
+fragte: &raquo;Ist das sicher? Werde ich mich
+nie zu beklagen haben?&laquo; &ndash; &raquo;Nein, gewi&szlig; nicht,
+gn&auml;diges Fr&auml;ulein,&laquo; erwiderte ich. Sie wechselte
+einen bedeutenden Blick mit dem Bruder, dem
+Herrn Vorsteher, und sagte zu mir: &raquo;Steh' vor
+allen Dingen erst vom Boden auf. Pfui. Welch
+ein Flehen und Flattieren. Und dann komm.
+Meinetwegen kannst du auch anderswo schlafen.&laquo;
+Sie f&uuml;hrte mich zu der Kammer, die ich jetzt bewohne,
+zeigte sie mir und fragte: &raquo;Gef&auml;llt dir die
+Kammer?&laquo; &ndash; Ich war so keck, zu sagen: &raquo;Sie
+ist eng. Zu Hause gab's Vorh&auml;nge an den Fenstern.
+Und Sonne schien dort in die Gem&auml;cher.
+Hier ist nur eine schmale Bettstelle und ein Waschgestell.
+<span class="pagenum"><a name="Page_14">[14]</a></span>
+Zu Hause gab es vollst&auml;ndig m&ouml;blierte
+Zimmer. Aber werden Sie nicht b&ouml;se, Fr&auml;ulein
+Benjamenta. Es gef&auml;llt mir, und ich danke Ihnen.
+Zu Hause war es viel feiner, freundlicher und
+eleganter, aber hier ist es auch ganz nett. Entschuldigen
+Sie, da&szlig; ich Ihnen mit Vergleichen
+von zu Hause und mit wei&szlig; der Kuckuck was noch
+alles komme. Ich finde die Kammer aber sehr,
+sehr reizend. Zwar, das Fenster da oben in der
+Mauer ist kaum ein Fenster zu nennen. Und das
+Ganze hat entschieden etwas Ratten- oder Hundelochartiges.
+Aber es gef&auml;llt mir. Und ich bin
+unversch&auml;mt und undankbar, so zu sprechen, nicht
+wahr? Vielleicht w&auml;re es das Beste, mir die
+Kammer, die ich wirklich hoch sch&auml;tze, wieder zu
+nehmen und mir den strikten Befehl zu erteilen,
+bei den andern zu schlafen. Meine Kameraden
+f&uuml;hlen sich sicher beleidigt. Und Sie, Fr&auml;ulein,
+sind b&ouml;se. Ich sehe es. Ich bin sehr traurig
+dar&uuml;ber.&laquo; &ndash; Sie sagte mir: &raquo;Du bist ein dummer
+Junge, und du schweigst jetzt.&laquo; Und doch l&auml;chelte
+sie. Wie dumm das alles war, damals am ersten
+Tag. Ich sch&auml;mte mich, und ich sch&auml;me mich noch
+heute, daran denken zu m&uuml;ssen, wie unziemlich
+ich mich benommen habe. Ich schlief in der ersten
+Nacht sehr unruhig. Ich tr&auml;umte von der
+Lehrerin. Und was die eigene Kammer betrifft,
+so w&auml;re ich es heute ganz zufrieden, wenn ich sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_15">[15]</a></span>
+mit ein oder zwei andern Personen teilen m&uuml;&szlig;te. Man
+ist immer halb irrsinnig, wenn man menschenscheu ist.</p>
+
+<p>Herr Benjamenta ist ein Riese, und wir Z&ouml;glinge
+sind Zwerge gegen diesen Riesen, der stets
+etwas m&uuml;rrisch ist. Als Lenker und Gebieter einer
+Schar von so winzigen, unbedeutenden Gesch&ouml;pfen,
+wie wir Knaben sind, ist er eigentlich auf ganz
+nat&uuml;rliche Weise zur Verdrie&szlig;lichkeit verpflichtet,
+denn das ist doch nie und nimmer eine seinen
+Kr&auml;ften entsprechende Aufgabe: &uuml;ber uns herrschen.
+Nein, Herr Benjamenta k&ouml;nnte ganz
+anderes leisten. Solch ein Herkules kann ja einer
+so kleinlichen &Uuml;bung gegen&uuml;ber, wie die ist, uns
+zu erziehen, gar nicht anders als einschlafen, d.&nbsp;h.
+brummend und gr&uuml;belnd seine Zeitungen lesen.
+An was hat eigentlich der Mann gedacht, als er
+sich entschlo&szlig;, das Institut zu gr&uuml;nden? Er tut
+mir in einem gewissen Sinne weh, und dieses Gef&uuml;hl
+erh&ouml;ht noch den Respekt, den ich vor ihm
+habe. Es gab &uuml;brigens zwischen ihm und mir
+im Anfang meines Hierseins, ich glaube, am
+Morgen des zweiten Tages, eine kleine, aber sehr
+heftige Szene. Ich trat zu ihm ins Kontor, aber
+ich kam nicht dazu, meinen Mund zu &ouml;ffnen. &raquo;Geh'
+wieder hinaus. Versuche, ob es dir m&ouml;glich ist,
+wie ein anst&auml;ndiger Mensch ins Zimmer einzutreten,&laquo;
+sagte er streng. Ich ging hinaus, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_16">[16]</a></span>
+dann klopfte ich an, was ich ganz vergessen hatte.
+&raquo;Herein,&laquo; rief es, und da trat ich ein und blieb
+stehen. &raquo;Wo ist die Verbeugung? Und wie sagt
+man, wenn man zu mir eintritt?&laquo; &ndash; Ich verbeugte
+mich und sagte in k&uuml;mmerlicher Tonart:
+&raquo;Guten Tag, Herr Vorsteher.&laquo; &ndash; Heute bin ich
+schon so gut dressiert, da&szlig; ich dieses &raquo;Guten Tag,
+Herr Vorsteher&laquo; nur so hinausschmettere. Damals
+ha&szlig;te ich diese Art, sich untert&auml;nig und
+h&ouml;flich zu benehmen, ich wu&szlig;te es eben nicht
+besser. Was mir damals l&auml;cherlich und stumpfsinnig
+vorkam, erscheint mir heute schicklich und
+sch&ouml;n. &raquo;Lauter reden, B&ouml;sewicht,&laquo; rief Herr Benjamenta.
+Ich mu&szlig;te den Gru&szlig; &raquo;Guten Tag, Herr
+Vorsteher&laquo; f&uuml;nfmal wiederholen. Erst dann fragte
+er mich, was ich wolle. Ich war w&uuml;tend geworden
+und sagte: &raquo;Man lernt hier gar nichts,
+und ich will nicht hier bleiben. Bitte geben Sie
+mir das Geld zur&uuml;ck, und dann will ich mich
+zum Teufel scheren. Wo sind hier die Lehrer?
+Ist &uuml;berhaupt irgend ein Plan, ein Gedanke da?
+Nichts ist da. Und ich will fort. Niemand, wer es
+auch sei, wird mich hindern, diesen Ort der
+Finsternis und der Umnebelung zu verlassen. Dazu,
+um mich hier von Ihren mehr als albernen
+Vorschriften plagen und verdummen zu lassen,
+komme ich denn doch aus viel zu gutem Hause.
+Zwar, ich will durchaus nicht zu Vater und Mutter
+<span class="pagenum"><a name="Page_17">[17]</a></span>
+zur&uuml;cklaufen, niemals, aber ich will auf die Stra&szlig;e
+gehen und mich als Sklave verkaufen. Es schadet
+durchaus nichts.&laquo; &ndash; Nun hatte ich geredet. Heute
+mu&szlig; ich mich beinahe kr&uuml;mmen vor Lachen, wenn
+ich mir dieses dumme Betragen wieder ins Ged&auml;chtnis
+zur&uuml;ckrufe. Mir war es damals aber
+durchaus heilig ernst zumut. Doch der Herr Vorsteher
+schwieg. Ich war im Begriff, ihm irgend
+eine grobe Beleidigung ins Gesicht zu sagen. Da
+sprach er ruhig: &raquo;Einmal einbezahlte Geldbetr&auml;ge
+werden nicht mehr zur&uuml;ckerstattet. Was deine
+t&ouml;richte Meinung betrifft, du k&ouml;nntest hier nichts
+lernen, so irrst du dich, denn du kannst lernen.
+Lerne vor allen Dingen erst deine Umgebung
+kennen. Deine Kameraden sind es wert, da&szlig; man
+wenigstens den Versuch macht, sich mit ihnen bekannt
+zu machen. Sprich mit ihnen. Ich rate
+dir, sei ruhig. H&uuml;bsch ruhig.&laquo; &ndash; Dieses &raquo;h&uuml;bsch
+ruhig&laquo; sprach er wie in tiefen, mich gar nicht
+betreffenden Gedanken versunken. Er hielt die
+Augen niedergeschlagen, wie um mir zu verstehen
+zu geben, wie gut, wie sanft er es meine. Er
+gab mir deutliche Beweise seiner Gedankenabwesenheit
+und schwieg wieder. Was konnte ich
+machen? Schon befa&szlig;te sich Herr Benjamenta
+wieder mit Zeitunglesen. Es war mir, als ob
+ein furchtbares unverst&auml;ndliches Gewitter mir von
+ferne drohe. Ich verbeugte mich tief, fast bis
+<span class="pagenum"><a name="Page_18">[18]</a></span>
+herab zur Erde, vor demjenigen, der mir gar
+keine Beachtung mehr schenkte, sagte, wie die Vorschriften
+es geboten, &raquo;Adieu, Herr Vorsteher&laquo;,
+klappte die Schuhabs&auml;tze zusammen, stund stramm
+da, machte kehrt, d.&nbsp;h. nein, suchte mit den H&auml;nden
+den T&uuml;rriegel, schaute immer auf das Gesicht des
+Herrn Vorstehers und schob mich, ohne mich umzudrehen,
+wieder zur T&uuml;re hinaus. So endete
+ein Versuch, Revolution zu machen. Seither sind
+keine st&ouml;rrischen Auftritte mehr vorgekommen.
+Mein Gott, und geschlagen bin ich schon worden.
+Er hat mich geschlagen, er, dem ich ein wahrhaft
+gro&szlig;es Herz zumute, und nicht gemuckst habe ich,
+nicht gezwinkert habe ich, und es hat mich nicht
+einmal beleidigt. Nur weh hat es mir getan,
+und nicht um mich selber, sondern um ihn, den
+Herrn Vorsteher. Ich denke eigentlich immer an
+ihn, an beide, an ihn und Fr&auml;ulein, wie sie so
+dahinleben mit uns Knaben. Was tun sie da
+drinnen in der Wohnung immer? Womit sind
+sie besch&auml;ftigt? Sind sie arm? Sind Benjamentas
+arm? Es gibt hier &raquo;innere Gem&auml;cher&laquo;.
+Ich bin bis heute noch nie dort gewesen. Kraus
+wohl, den man bevorzugt, weil er so treu ist.
+Aber Kraus will keine Auskunft &uuml;ber die Beschaffenheit
+der Vorsteherswohnung geben. Er
+glotzt mich nur an, wenn ich ihn &uuml;ber diesen
+Punkt ausfrage, und schweigt. O, Kraus kann
+<span class="pagenum"><a name="Page_19">[19]</a></span>
+wahrhaft schweigen. Wenn ich ein Herr w&auml;re,
+ich n&auml;hme Kraus sogleich in meine Dienste. Aber
+vielleicht dringe ich doch noch einmal in diese
+innern Gem&auml;cher. Und was werden dann meine
+Augen erblicken? Vielleicht gar nichts Besonderes?
+O doch, doch. Ich wei&szlig; es, es gibt hier
+irgendwo wunderbare Dinge.</p>
+
+<p>Eins ist wahr, die Natur fehlt hier. Nun,
+das, was hier ist, ist eben einmal Gro&szlig;stadt. Zu
+Hause gab es &uuml;berall nahe und weite Aussichten.
+Ich glaube, ich h&ouml;rte immer die Singv&ouml;gel in
+den Stra&szlig;en auf und ab zwitschern. Die Quellen
+murmelten immer. Der waldige Berg schaute
+majest&auml;tisch auf die saubere Stadt nieder. Auf
+dem nahegelegenen See fuhr man abends in einer
+Gondel. Felsen und W&auml;lder, H&uuml;gel und Felder
+waren mit ein paar Schritten zu erreichen.
+Stimmen und D&uuml;fte waren immer da. Und die
+Stra&szlig;en der Stadt glichen Gartenwegen, so weich
+und reinlich sahen sie aus. Wei&szlig;e nette H&auml;user
+guckten schelmisch aus gr&uuml;nen G&auml;rten hervor. Man
+sah bekannte Damen, z.&nbsp;B. Frau Haag, innerhalb
+des Gartengitters im Park spazieren. Dumm ist
+das eigentlich, nun, die Natur, der Berg, der See,
+der Flu&szlig;, der sch&auml;umende Wasserfall, das Gr&uuml;n
+und allerlei Ges&auml;nge und Kl&auml;nge waren einem
+eben nahe. Ging man, so spazierte man wie im
+<span class="pagenum"><a name="Page_20">[20]</a></span>
+Himmel, denn man sah &uuml;berall blauen Himmel.
+Stand man still, so konnte man sich gleich niederlegen
+und still in die Luft hinauftr&auml;umen, denn
+es war Gras- oder Moosboden. Und die Tannen,
+die so wundervoll nach w&uuml;rziger Kraft duften.
+Werde ich nie wieder eine Bergtanne sehen? Das
+w&auml;re &uuml;brigens kein Ungl&uuml;ck. Etwas entbehren:
+das hat auch Duft und Kraft. Unser gro&szlig;r&auml;tliches
+Haus hatte keinen Garten, aber das Ganze, was
+einen umgab, war ein h&uuml;bscher, sauberer, s&uuml;&szlig;er
+Garten. Ich will nicht hoffen, da&szlig; ich mich sehne.
+Unsinn. Hier ist es auch sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Obschon es eigentlich an mir noch gar nichts
+Nennenswertes zu schaben gibt, renne ich doch
+von Zeit zu Zeit zum Friseur, nur so des damit
+verbundenen Stra&szlig;enausfluges halber, und lasse
+mich rasieren. Ob ich Schwede sei, fragt mich
+der Friseurgehilfe. Amerikaner? Auch nicht.
+Russe? Nun was denn? Ich liebe es, derartige
+nationalistisch angef&auml;rbte Fragen mit eisernem
+Schweigen zu beantworten und die Leute, die
+mich nach meinen Vaterlandsgef&uuml;hlen fragen, im
+Unklaren zu lassen. Oder ich l&uuml;ge und sage, ich
+sei D&auml;ne. Gewisse Aufrichtigkeiten verletzen und
+langweilen einen nur. Manchmal blitzt die Sonne
+wie verr&uuml;ckt hier in diesen lebhaften Stra&szlig;en.
+Oder es ist alles verregnet, verschleiert, was ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_21">[21]</a></span>
+auch sehr, sehr liebe. Die Leute sind freundlich,
+obgleich ich zuweilen namenlos frech bin. Oft
+sitze ich in der Mittagsstunde m&uuml;&szlig;ig auf einer
+Bank. Die B&auml;ume der Anlage sind ganz farblos.
+Die Bl&auml;tter h&auml;ngen unnat&uuml;rlich bleiern herunter.
+Es ist, als wenn hier manchmal alles aus Blech
+und d&uuml;nnem Eisen sei. Dann st&uuml;rzt wieder Regen
+und netzt das alles. Schirme werden aufgespannt,
+Droschken rollen auf dem Asphalt, Menschen
+eilen, die M&auml;dchen heben die R&ouml;cke. Beine aus
+einem Rock hervorstechen zu sehen, hat etwas eigent&uuml;mlich
+Anheimelndes. So ein weibliches Bein,
+straff bestrumpft, man sieht es nie, und nun sieht
+man es pl&ouml;tzlich. Die Schuhe kleben so sch&ouml;n
+an der Form der sch&ouml;nen weichen F&uuml;&szlig;e. Dann ist
+wieder Sonne. Wind weht ein wenig, und da
+denkt man an zu Hause. Ja, ich denke an Mama.
+Sie wird weinen. Warum schreibe ich ihr nie?
+Ich kann's nicht fassen, gar nicht begreifen, und
+doch kann ich mich nicht entschlie&szlig;en, zu schreiben.
+Das ist es: ich mag nicht Auskunft geben. Es
+ist mir zu dumm. Schade, ich sollte nicht Eltern
+haben, die mich lieben. Ich mag &uuml;berhaupt nicht
+geliebt und begehrt sein. Sie sollen sich daran
+gew&ouml;hnen, keinen Sohn mehr zu haben.</p>
+
+<p>Jemandem, den man nicht kennt und der einen
+gar nichts angeht, einen Dienst erweisen, das ist
+<span class="pagenum"><a name="Page_22">[22]</a></span>
+reizend, das l&auml;&szlig;t in g&ouml;ttlich nebelhafte Paradiese
+blicken. Und dann: im Grunde genommen gehen
+einen alle oder wenigstens fast alle Menschen
+etwas an. Die da an mir vor&uuml;bergehen, die
+gehen mich irgend etwas an, das steht fest.
+&Uuml;brigens ist das schlie&szlig;lich Privatsache. Ich gehe
+da so, die Sonne scheint, da sehe ich pl&ouml;tzlich
+ein H&uuml;ndchen zu meinen F&uuml;&szlig;en winseln. Sogleich
+bemerke ich, da&szlig; sich das Luxustierchen mit den
+kleinen Beinen im Maulkorb verwickelt hat. Es
+kann nicht mehr laufen. Da b&uuml;cke ich mich, und
+dem gro&szlig;en, gro&szlig;en Ungl&uuml;ck ist abgeholfen. Nun
+kommt die Herrin des Hundes heranmarschiert.
+Sie sieht, was los ist und dankt mir. Fl&uuml;chtig
+ziehe ich meinen Hut vor der Dame und gehe
+meiner Wege. Ach, die da hinten denkt jetzt,
+da&szlig; es noch artige junge Menschen in der Welt
+gibt. Gut, dann habe ich den jungen Menschen
+im allgemeinen einen Dienst erwiesen. Und wie
+diese &uuml;brigens ganz unh&uuml;bsche Frau gel&auml;chelt hat.
+&raquo;Danke, mein Herr.&laquo; Ah, zum Herrn hat sie
+mich gemacht. Ja, wenn man sich zu benehmen
+wei&szlig;, ist man ein Herr. Und wem man dankt,
+vor dem hat man Achtung. Wer l&auml;chelt, ist
+h&uuml;bsch. Alle Frauen verdienen Artigkeiten. Jede
+Frau hat etwas Feines. Ich habe schon W&auml;scherinnen
+wie K&ouml;niginnen sich bewegen sehen. Das
+alles ist komisch, o so komisch. Aber wie die
+<span class="pagenum"><a name="Page_23">[23]</a></span>
+Sonne geblitzt hat, und wie ich dann so davongelaufen
+bin! &ndash; N&auml;mlich ins Warenhaus. Ich
+lasse mich dort photographieren, Herr Benjamenta
+will eine Photographie von mir haben. Und
+dann mu&szlig; ich einen kurz abzufassenden, wahrheitsgetreuen
+Lebenslauf schreiben. Dazu geh&ouml;rt
+Papier. Nun, dann habe ich noch das Vergn&uuml;gen,
+extra in einen Papierladen zu treten.</p>
+
+<p>Kamerad Schilinski ist von polnischer Herkunft.
+Er spricht ein h&uuml;bsches, gebrochenes
+Deutsch. Alles Fremdartige klingt nobel, ich wei&szlig;
+nicht, warum. Schilinskis gr&ouml;&szlig;ter Stolz besteht
+in einer elektrisch entz&uuml;ndbaren Krawattennadel,
+die er sich zu verschaffen gewu&szlig;t hat. Auch z&uuml;ndet
+er gern, d.&nbsp;h. mit der gr&ouml;&szlig;ten Vorliebe, Wachsstreichh&ouml;lzchen
+an. Seine Schuhe sind immer
+gl&auml;nzend geputzt. Merkw&uuml;rdig oft sieht man ihn
+seinen Anzug reinigen, seine Stiefel wichsen und
+seine M&uuml;tze b&uuml;rsten. Er schaut sich gern in einem
+billigen Taschenspiegel an. Taschenspiegel besitzen
+wir Sch&uuml;ler &uuml;brigens alle, obschon wir eigentlich
+gar nicht wissen, was Eitelkeit alles bedeutet.
+Schilinski ist schlank von Figur und hat ein sehr
+h&uuml;bsches Gesicht und Lockenhaar, das er nicht
+oft genug w&auml;hrend des Tages k&auml;mmen und pflegen
+kann. Er sagt, er will zu einem Pferdchen. Ein
+Pferd zu striegeln und zu putzen und dann auszufahren,
+<span class="pagenum"><a name="Page_24">[24]</a></span>
+das ist sein Lieblingstraum. Recht
+karg steht es mit seinen Geistesgaben. Er besitzt
+absolut keinen Scharfsinn, und von Feinsinn oder
+dergleichen darf man bei ihm nicht reden. Und
+doch ist er durchaus nicht dumm, beschr&auml;nkt vielleicht,
+aber ich nehme dieses Wort nicht gern in
+den Mund, wenn ich an meine Schulkameraden
+denke. Da&szlig; ich der Gescheiteste unter ihnen bin,
+das ist vielleicht gar nicht einmal so sehr erfreulich.
+Was n&uuml;tzen einem Menschen Gedanken
+und Einf&auml;lle, wenn er, wie ich, das Gef&uuml;hl hat,
+er wisse nichts damit anzustellen? Nun also.
+Nein, nein, ich will hell zu sehen versuchen, aber
+ich mag nicht hochm&uuml;teln, mich nie und nimmer
+&uuml;ber meine Umgebung erhaben f&uuml;hlen. Schilinski
+wird Gl&uuml;ck im Leben haben. Die Frauen werden
+ihn bevorzugen, so sieht er aus, ganz wie der
+zuk&uuml;nftige Liebling der Frauen. Er hat einen
+an etwas Edles erinnernden br&auml;unlichen, &uuml;brigens
+hellen Teint an Gesicht und H&auml;nden, und die
+Augen sind rehhaft sch&uuml;chtern. Es sind reizende
+Augen. Er k&ouml;nnte mit seinem ganzen Wesen ein
+junger Landedelmann sein. Sein Benehmen
+mahnt an ein Landgut, wo st&auml;dtisches und
+b&auml;urisches, feines und grobes Wesen in anmutige
+kr&auml;ftige menschliche Bildung zusammenflie&szlig;en. Er
+geht besonders gern m&uuml;&szlig;ig und schlendert gern
+in den belebtesten Stra&szlig;en herum, wobei ich ihm
+<span class="pagenum"><a name="Page_25">[25]</a></span>
+manchmal Gesellschaft leiste, zum Entsetzen von
+Kraus, der den M&uuml;&szlig;iggang ha&szlig;t, verfolgt und
+verachtet. &raquo;Seid ihr beide schon wieder auf dem
+Vergn&uuml;gen gewesen? He?&laquo;, so empf&auml;ngt uns
+Kraus, wenn wir heimkommen. Von Kraus werde
+ich sehr viel reden m&uuml;ssen. Er ist der Redlichste
+und T&uuml;chtigste unter uns Z&ouml;glingen, und T&uuml;chtigkeit
+und Ehrlichkeit sind ja so unersch&ouml;pfliche und
+unerme&szlig;liche Gebiete. Nichts kann mich so tief
+aufregen wie der Anblick und der Geruch des
+Guten und Rechtschaffenen. Etwas Gemeines und
+B&ouml;ses ist bald ausempfunden, aber aus etwas
+Bravem und Edlem klug zu werden, das ist so
+schwer und doch zugleich so reizvoll. Nein, die
+Laster interessieren mich viel, viel weniger wie
+die Tugenden. Nun werde ich Kraus schildern
+m&uuml;ssen, und davor ist mir direkt bange. Zimperlichkeiten?
+Seit wann? Ich will's nicht
+hoffen.</p>
+
+<p>Ich gehe jetzt jeden Tag ins Warenhaus,
+fragen, ob meine Photographien noch nicht bald
+fertig seien. Ich kann jedesmal mit dem Aufzug
+ins oberste Stockwerk hinauffahren. Ich finde
+das leider nett, und das pa&szlig;t zu meinen vielen
+&uuml;brigen Gedankenlosigkeiten. Wenn ich Lift fahre,
+komme ich mir so recht wie das Kind meiner Zeit
+vor. Ob das andern Menschen auch so geht?
+<span class="pagenum"><a name="Page_26">[26]</a></span>
+Den Lebenslauf habe ich immer noch nicht geschrieben.
+Es geniert mich ein wenig, &uuml;ber meine
+Vergangenheit die schlichte Wahrheit zu sagen.
+Kraus schaut mich von Tag zu Tag vorwurfsvoller
+an. Das pa&szlig;t mir sehr. Liebe Menschen
+sehe ich gern ein wenig w&uuml;tend. Nichts ist mir
+angenehmer, als Menschen, die ich in mein Herz
+geschlossen habe, ein ganz falsches Bild von mir
+zu geben. Das ist vielleicht ungerecht, aber es ist
+k&uuml;hn, also ziemt es sich. &Uuml;brigens geht das bei
+mir ein wenig ins Krankhafte. So z.&nbsp;B. stelle
+ich es mir als unsagbar sch&ouml;n vor, zu sterben,
+im furchtbaren Bewu&szlig;tsein, das Liebste, was ich
+auf der Welt habe, gekr&auml;nkt und mit schlechten
+Meinungen &uuml;ber mich erf&uuml;llt zu haben. Das wird
+niemand verstehen, oder nur der, der im Trotz
+Sch&ouml;nheitsschauer empfinden kann. Elendiglich
+umkommen, um einer Flegelei, einer Dummheit
+willen. Ist das erstrebenswert? Nein, gewi&szlig;
+nicht. Aber das alles sind ja Dummheiten gr&ouml;bster
+Sorte. Es f&auml;llt mir hier etwas ein, und ich sehe
+mich, aus, ich wei&szlig; nicht welchen, Ursachen, gen&ouml;tigt,
+es zu sagen. Ich besa&szlig; vor einer Woche
+oder mehr Tagen an Geld noch zehn Mark. Nun,
+jetzt sind diese zehn Mark verflogen. Eines Tages
+trat ich in ein Restaurant mit Damenbedienung.
+Ganz unwiderstehlich zog es mich hinein. Ein
+M&auml;dchen sprang mir entgegen und n&ouml;tigte mich,
+<span class="pagenum"><a name="Page_27">[27]</a></span>
+auf einem Ruhebett Platz zu nehmen. Halb wu&szlig;te
+ich Bescheid, wie das ungef&auml;hr endigen konnte.
+Ich wehrte mich, aber ganz und gar ohne Nachdruck.
+Es war mir alles gleichg&uuml;ltig, und doch
+wieder nicht. Es bereitete mir ein Vergn&uuml;gen
+ohnegleichen, dem M&auml;dchen gegen&uuml;ber den feinen,
+obenherabschauenden Herrn zu spielen. Wir befanden
+uns ganz allein, und nun trieben wir die
+nettesten Dummheiten. Wir tranken. Immer
+lief sie ans B&uuml;ffet, um neue Getr&auml;nke zu holen.
+Sie zeigte mir ihr reizendes Strumpfband, und
+ich liebkoste es mit den Lippen. Ah, ist man dumm.
+Immer stand sie wieder auf und holte Neues
+zum trinken. Und so rasch. Sie wollte eben
+sehr schnell bei dem dummen Jungen ein h&uuml;bsches
+S&uuml;mmchen Geld verdienen. Ich sah das vollkommen
+ein, aber gerade das gefiel mir, da&szlig; sie
+mich f&uuml;r dumm ansah. Solch eine sonderbare
+Verdorbenheit: sich heimlich zu freuen, bemerken
+zu d&uuml;rfen, da&szlig; man ein wenig bestohlen wird.
+Aber wie bezaubernd kam mir alles vor. Rings
+um mich starb alles in fl&ouml;tender, kosender Musik.
+Das M&auml;dchen war Polin, schlank und geschmeidig
+und so entz&uuml;ckend s&uuml;ndhaft. Ich dachte: &raquo;Weg
+sind meine zehn Mark.&laquo; Nun k&uuml;&szlig;te ich sie. Sie
+sagte: &raquo;Sag', was bist du? Du benimmst dich
+wie ein Edelmann.&laquo; Ich konnte gar nicht genug
+den Duft, der von ihr ausstr&ouml;mte, einatmen. Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_28">[28]</a></span>
+bemerkte das und fand das fein. Und in der Tat:
+Was ist man f&uuml;r ein Halunke, wenn man, ohne
+Liebe und Sch&ouml;nheit zu empfinden, an Orte hingeht,
+wo nur das Entz&uuml;cken entschuldigt, was die
+Liederlichkeit unternommen hat? Ich log ihr vor,
+da&szlig; ich Stallbursche sei. Sie sagte: &raquo;O nein, daf&uuml;r
+benimmst du dich viel zu sch&ouml;n. Sag' mir guten
+Tag.&laquo; Und da tat ich ihr das, was man an
+solchen Orten guten Tag sagen nennt, d.&nbsp;h. sie
+setzte es mir lachend und scherzend und mich k&uuml;ssend
+auseinander, und da tat ich es. Eine Minute
+sp&auml;ter befand ich mich auf der abendlichen Stra&szlig;e,
+ausgebrannt bis auf den letzten Pfennig. Wie
+kommt mir das jetzt vor? Ich wei&szlig; es nicht.
+Aber das eine wei&szlig; ich: ich mu&szlig; wieder zu einigem
+wenigen Geld kommen. Aber wie mache ich
+das?</p>
+
+<p>Beinahe jeden fr&uuml;hen Morgen setzt es zwischen
+mir und Kraus ein gefl&uuml;stertes Redegefecht ab.
+Kraus glaubt immer, mich zur Arbeit antreiben
+zu sollen. Vielleicht irrt er sich auch gar nicht,
+wenn er annimmt, da&szlig; ich nicht gern fr&uuml;h aufstehe.
+Ja doch, ich stehe schon ganz gern vom Bett auf,
+aber wiederum finde ich es geradezu k&ouml;stlich, ein
+wenig l&auml;nger liegen zu bleiben, als ich soll. Etwas
+nicht tun sollen, das ist manchmal so reizend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_29">[29]</a></span>
+da&szlig; man nicht anders kann, als es doch tun. Deshalb
+liebe ich ja so von Grund aus jede Art
+Zwang, weil er einem erlaubt, sich auf Gesetzeswidrigkeiten
+zu freuen. Wenn kein Gebot, kein
+Soll herrschte in der Welt, ich w&uuml;rde sterben, verhungern,
+verkr&uuml;ppeln vor Langerweile. Mich soll
+man nur antreiben, zwingen, bevormunden. Ist
+mir durchaus lieb. Zuletzt entscheide doch ich,
+ich allein. Ich reize das stirnrunzelnde Gesetz
+immer ein wenig zum Zorn, nachher bin ich bem&uuml;ht,
+es zu bes&auml;nftigen. Kraus ist der Vertreter
+aller hier im Institut Benjamenta bestehenden
+Vorschriften, folglich fordere ich den besten aller
+Mitsch&uuml;ler best&auml;ndig ein bi&szlig;chen zum Kampf auf.
+Ich zanke so furchtbar gern. Ich w&uuml;rde krank
+werden, wenn ich nicht zanken k&ouml;nnte, und zum
+Zanken und Reizen eignet sich Kraus wundervoll.
+Er hat immer recht: &raquo;Willst du jetzt endlich aufstehen,
+du faules Tuch!&laquo; &ndash; Und ich habe immer
+unrecht: &raquo;Ja, ja, gedulde dich. Ich komme.&laquo; &ndash;
+Wer im Unrecht ist, der ist frech genug, den, der
+im Recht ist, stets zur Geduld aufzufordern. Das
+Rechthaben ist hitzig, das Unrechthaben tr&auml;gt stets
+eine stolze, frivole Gelassenheit zur Schau. Derjenige,
+der es leidenschaftlich gut meint (Kraus),
+unterliegt stets dem (also mir), dem das Gute
+und F&ouml;rderliche nicht gar so ausgesprochen am
+<span class="pagenum"><a name="Page_30">[30]</a></span>
+Herzen liegt. Ich triumphiere, weil ich noch im
+Bett liege, und Kraus zittert vor Zorn, weil er
+immer vergeblich an die T&uuml;re klopfen, poltern
+und sagen mu&szlig;: &raquo;Steh' doch auf, Jakob. Mach'
+endlich. Herrgott, was ist das f&uuml;r ein Faulpelz.&laquo;
+&ndash; Wer z&uuml;rnen kann, ach, ist mir solch ein Mensch
+sympathisch. Kraus z&uuml;rnt bei jeder Gelegenheit.
+Das ist so sch&ouml;n, so humorvoll, so edel. Und wir
+beide passen so gut zueinander. Dem Emp&ouml;rten
+mu&szlig; doch immer der S&uuml;nder gegen&uuml;berstehen, sonst
+fehlte ja etwas. Bin ich dann endlich aufgestanden,
+so tue ich, als st&uuml;nde ich m&uuml;&szlig;ig da. &raquo;Jetzt steht
+er noch da und gafft, der Tropf, statt Hand anzulegen,&laquo;
+sagt er dann. Wie pr&auml;chtig ist so etwas.
+Das Gemurmel eines M&uuml;rrischen finde ich sch&ouml;ner
+als das Murmeln eines Waldbaches, beglitzert
+von der allersch&ouml;nsten Sonntagvormittagsonne.
+Menschen, Menschen, nur Menschen! Ja, ich empfinde
+es lebhaft: ich liebe die Menschen. Ihre
+Torheiten und raschen Gereiztheiten sind mir
+lieber und wertvoller als die feinsten Naturwunder.
+&ndash; Wir Z&ouml;glinge m&uuml;ssen morgens fr&uuml;h,
+bevor die Herrschaften erwachen, Schulstube und
+Kontor aufr&auml;umen. Je zwei Leute besorgen das
+abwechslungsweise. &raquo;Steh' doch auf. Wird's
+bald?&laquo; &ndash; Oder: &raquo;Jetzt h&ouml;rt aber bald die Gen&uuml;gsamkeit
+auf.&laquo; Oder: &raquo;Steh' auf, steh' auf.
+Es ist Zeit. Solltest schon l&auml;ngst den Besen in
+<span class="pagenum"><a name="Page_31">[31]</a></span>
+der Hand haben.&laquo; &ndash; Wie ist das am&uuml;sant. Und
+Kraus, der ewig b&ouml;se Kraus, wie lieb ist er mir.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig; noch einmal ganz zum Anfang zur&uuml;ckkehren,
+zum ersten Tag. In der Unterrichtspause
+sprangen Schacht und Schilinski, die ich damals
+ja noch gar nicht kannte, in die K&uuml;che und brachten,
+auf Teller gelegt, Fr&uuml;hst&uuml;ck in die Schulstube.
+Auch mir wurde etwas zum essen vorgelegt, aber
+ich hatte gar keinen Appetit, ich mochte nichts
+anr&uuml;hren. &raquo;Du mu&szlig;t essen,&laquo; sagte mir Schacht,
+und Kraus f&uuml;gte hinzu: &raquo;Es mu&szlig; alles, was
+da auf dem Teller liegt, sauber aufgegessen werden.
+Hast du verstanden?&laquo; &ndash; Ich erinnere mich noch,
+wie widrig mich diese Redensarten ber&uuml;hrten. Ich
+versuchte zu essen, aber voll Abscheu lie&szlig; ich das
+meiste liegen. Kraus dr&auml;ngte sich an mich heran,
+klopfte mir w&uuml;rdevoll auf die Schulter und sagte:
+&raquo;Neuling, der du hier bist, wisse, da&szlig; die Vorschriften
+gebieten, zu essen, wenn etwas zu essen
+da ist. Du bist hochm&uuml;tig, doch sei nur ruhig,
+der Hochmut wird dir schon vergehen. Kann man
+etwa die butterbestrichenen und wurstbelegten
+St&uuml;cke Brot auf der Stra&szlig;e auflesen? Wie? Sei
+du nur ruhig und warte h&uuml;bsch, vielleicht wirst
+du noch Appetit bekommen. Jedenfalls mu&szlig;t du
+das da aufessen, was hier noch herumliegt, wohlverstanden.
+Es werden im Institut Benjamenta
+<span class="pagenum"><a name="Page_32">[32]</a></span>
+keine E&szlig;reste auf den Tellern geduldet. Vorw&auml;rts,
+i&szlig;. Mach' rasch. Ist das eine sorgenvolle
+und feinseinwollende Bedenklichkeit. Die
+Feinheiten werden dir bald vergehen, glaube es
+mir. Du hast keinen Appetit, willst du mir sagen?
+Ich aber rate dir, Appetit zu haben. Du hast
+nur aus Hochmut keinen, das ist es. Gib her.
+F&uuml;r diesmal will ich dir helfen aufessen, obschon
+es total gegen alle Vorschriften ist. So. Siehst
+du, wie man das essen kann? Und das? Und
+das? Das war ein Kunstst&uuml;ck, kann ich dir sagen.&laquo;
+&ndash; Wie war mir das alles peinlich. Ich empfand
+eine heftige Abneigung gegen die essenden Knaben,
+und heute? Heute esse ich so gut sauber auf wie
+nur irgend einer der Z&ouml;glinge. Ich freue mich
+sogar jedesmal auf das h&uuml;bsch zubereitete, bescheidene
+Essen, und nie im Leben w&uuml;rde es mir
+einfallen, es zu verschm&auml;hen. Ja, ich war eitel
+und hochm&uuml;tig im Anfang, gekr&auml;nkt von ich wei&szlig;
+nicht was, erniedrigt auf ich wei&szlig; gar nicht mehr
+welche Weise. Es war mir eben alles, alles noch
+neu und infolgedessen feindlich, und im &uuml;brigen
+war ich ein ganz hervorragender Dummkopf. Ich
+bin auch heute noch dumm, aber auf feinere,
+freundlichere Art und Weise. Und auf die Art
+und Weise kommt alles an. Es kann einer noch
+so t&ouml;richt und unwissend sein: wenn er sich ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_33">[33]</a></span>
+wenig zu schicken, zu schmiegen und zu bewegen
+wei&szlig;, ist er noch nicht verloren, sondern findet
+seinen Weg durch das Leben vielleicht besser als
+der Kluge und Mit-Wissen-Vollgepackte. Die Art
+und Weise: ja, ja.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Kraus hat es schon sehr schwer im Leben gehabt,
+bevor er hierher gekommen ist. Er und sein
+Vater, der Schiffer ist, sind die Elbe hinauf und
+hinunter gefahren, auf schweren Kohlenk&auml;hnen.
+Er hat schwer, schwer arbeiten m&uuml;ssen, bis er
+dann krank geworden ist. Jetzt will er der Diener,
+der richtige Diener eines Herrn werden, und dazu
+ist er mit all seinen gutherzigen Eigenschaften
+auch wie geboren. Er wird ein ganz wundervoller
+Diener sein, denn nicht nur sein &Auml;u&szlig;eres
+pa&szlig;t zu diesem Beruf der Demut und des Entgegenkommens,
+nein, auch die Seele, die ganze
+Natur, das ganze menschliche Wesen meines Kameraden
+hat etwas im allerbesten Sinn Dienerhaftes.
+Dienen! Wenn nur Kraus einen anst&auml;ndigen
+Herrn bekommt, das w&uuml;nsche ich ihm.
+Gibt es doch Herren oder Herrschaften, kurz, Vorgesetzte,
+die es gar nicht lieben und w&uuml;nschen,
+vollkommen bedient zu werden, die es gar nicht
+verstehen, wirkliche Dienstleistungen in Empfang
+zu nehmen. Kraus hat Stil und geh&ouml;rt unbedingt
+<span class="pagenum"><a name="Page_34">[34]</a></span>
+zu einem Grafen, d.&nbsp;h. ganz, ganz vornehmen
+Herrn. Man mu&szlig; einen Kraus nicht arbeiten
+lassen wie einen gew&ouml;hnlichen Knecht oder Arbeiter.
+Er kann vertreten. Sein Gesicht ist dazu
+geschaffen, irgend einen Ton, eine Manier anzugeben,
+und auf seine Haltung und auf sein Betragen
+kann derjenige stolz sein, der ihn mieten
+wird. Mieten? Ja, so sagt man. Und Kraus
+wird eines Tages an jemanden vermietet, oder
+von irgend jemandem gemietet werden. Und
+darauf freut er sich, und darum lernt er so eifrig
+Franz&ouml;sisch in seinen etwas schwerf&auml;lligen Kopf
+hinein. Etwas ist da, das ihm Kummer macht.
+Er hat sich n&auml;mlich beim Friseur, wie er sagt,
+eine etwas garstige Auszeichnung geholt, einen
+Kranz von r&ouml;tlichen kleinen Pflanzen, kurz gesagt
+Punkten, noch k&uuml;rzer, und ganz unbarmherzig
+gesagt, Pickeln. Nun ja, das ist allerdings &uuml;bel,
+besonders, da er zu einem feinen und wirklich anst&auml;ndigen
+Herrn gehen will. Was ist zu machen?
+Armer Kraus! Mich z.&nbsp;B. w&uuml;rden die Punkte,
+die ihn verunzieren, nicht im mindesten hindern,
+ihn zu k&uuml;ssen, wenn es darauf ank&auml;me. Im Ernst:
+wirklich nicht, denn ich sehe so etwas gar nicht
+mehr, ich sehe es gar nicht, da&szlig; er unsch&ouml;n aussieht.
+Ich sehe seine sch&ouml;ne Seele auf seinem Gesicht,
+und die Seele, das ist das Liebkosenswerte.
+<span class="pagenum"><a name="Page_35">[35]</a></span>
+Aber der zuk&uuml;nftige Herr und Gebieter wird da
+allerdings ganz anders denken, und darum legt
+auch Kraus Salben auf die unfeinen Wunden,
+die ihn verunstalten. Er gebraucht auch &ouml;fters
+den Spiegel, um die Fortschritte der Heilung zu
+beobachten, nicht aus leerer Eitelkeit. Er w&uuml;rde,
+wenn er nicht diesen Makel tr&uuml;ge, nie in den
+Spiegel schauen, denn die Erde kann nichts Uneitleres,
+Unaufgeblaseneres hervorbringen als ihn.
+Herr Benjamenta, der sich f&uuml;r Kraus lebhaft interessiert,
+l&auml;&szlig;t oft nach dem &Uuml;bel und seinem zu erhoffenden
+Verschwinden fragen. Kraus soll ja
+bald einmal ins Leben hinaus- und in Stellung
+treten. Ich f&uuml;rchte mich vor dem Augenblick
+seines Austrittes aus der Schule. Aber es wird
+nicht so rasch gehen. An seinem Gesicht kann er,
+glaube ich, noch ziemlich lange doktoren, was ich
+ja eigentlich durchaus nicht w&uuml;nsche, und doch
+w&uuml;nsche. Es w&uuml;rde mir so viel fehlen, wenn er
+abginge. Er kann noch fr&uuml;h genug zu einem
+Herrn kommen, der seine Qualit&auml;ten nicht zu
+sch&auml;tzen wissen wird, und ich werde fr&uuml;h genug
+einen Menschen, den ich liebe, ohne da&szlig; er es
+wei&szlig;, entbehren m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>An all diesen Zeilen schreibe ich meist abends,
+bei der Lampe, an dem gro&szlig;en Schultisch, an
+<span class="pagenum"><a name="Page_36">[36]</a></span>
+welchem wir Z&ouml;glinge so oft stumpfsinnig oder
+nicht stumpfsinnig sitzen m&uuml;ssen. Kraus ist manchmal
+sehr neugierig und guckt mir &uuml;ber die Achsel.
+Einmal habe ich ihn zurechtgewiesen: &raquo;Aber
+Kraus, bitte sage mir, seit wann bek&uuml;mmerst du
+dich um Sachen, die dich nichts angehen?&laquo; &ndash;
+Er war sehr &auml;rgerlich, wie alle sind, die sich auf
+den heimlichen Pfaden der schleichenden Neugierde
+ertappen lassen. Manchmal sitze ich ganz allein
+bis in die sp&auml;tere Nacht m&uuml;&szlig;ig auf einer Bank
+im &ouml;ffentlichen Park. Die Laternen sind angez&uuml;ndet,
+das grelle elektrische Licht st&uuml;rzt zwischen
+den Bl&auml;ttern der B&auml;ume fl&uuml;ssig und brennend
+nieder. Alles ist hei&szlig; und verspricht fremdartige
+Heimlichkeiten. Leute spazieren hin und her. Es
+fl&uuml;stert zu den versteckten Parkwegen heraus.
+Dann gehe ich heim und finde die T&uuml;re verschlossen.
+&raquo;Schacht,&laquo; rufe ich leise, und der Kamerad
+wirft mir verabredeterma&szlig;en den Schl&uuml;ssel
+auf den Hof hinunter. Ich schleiche auf Fu&szlig;spitzen,
+da das lange Ausbleiben verboten ist, in die
+Kammer und lege mich ins Bett. Und dann
+tr&auml;ume ich. Ich tr&auml;ume oft furchtbare Dinge.
+So tr&auml;umte mir eines Nachts, ich h&auml;tte Mama,
+die Liebe und Ferne, ins Gesicht geschlagen. Wie
+schrie ich da auf und wie j&auml;h erwachte ich. Der
+Schmerz &uuml;ber die Scheu&szlig;lichkeit meines eingebildeten
+Benehmens jagte mich zum Bett heraus.
+<span class="pagenum"><a name="Page_37">[37]</a></span>
+Bei den Ehrfurcht einfl&ouml;&szlig;enden Haaren hatte ich
+die Heilige gerissen und sie zu Boden geworfen.
+O, nicht an so etwas denken. Die Tr&auml;nen schossen
+wie schneidende Strahlen zu den m&uuml;tterlichen
+Augen heraus. Ich erinnere mich noch deutlich,
+wie der Jammer ihr den Mund zerschnitt und
+zerri&szlig;, und wie sie sich im Weh badete, und wie
+dann der Nacken nach hinten zur&uuml;cksank. Aber
+wozu mir diese Bilder von neuem vormalen?
+Morgen werde ich endlich den Lebenslauf
+schreiben m&uuml;ssen, oder ich laufe Gefahr, einen
+b&ouml;sen Vorwurf zu ernten. Abends, gegen neun
+Uhr, singen wir Knaben immer ein kurzes Gutenachtlied.
+Wir stehen im Halbkreis nahe bei der
+T&uuml;re, die in die innern Gem&auml;cher f&uuml;hrt, und
+dann geht die T&uuml;re auf, Fr&auml;ulein Benjamenta
+erscheint auf der Schwelle, ganz in wei&szlig;e, wohlig
+herabfallende Gew&auml;nder gekleidet, sagt uns &raquo;gute
+Nacht, Knaben&laquo;, befiehlt uns, uns schlafen zu
+legen, und ermahnt uns, ruhig zu sein. Dann
+l&ouml;scht Kraus jedesmal die Schulzimmerlampe, und
+von diesem Augenblick an darf kein leisestes Ger&auml;usch
+mehr gemacht werden. Auf den Zehen
+mu&szlig; jeder gehen und sein Bett suchen. Ganz
+merkw&uuml;rdig ist das alles. Und wo schlafen Benjamentas?
+Wie ein Engel sieht das Fr&auml;ulein aus,
+wenn sie uns gute Nacht sagt. Wie verehre ich
+sie. Abends l&auml;&szlig;t sich der Herr Vorsteher &uuml;berhaupt
+<span class="pagenum"><a name="Page_38">[38]</a></span>
+nie blicken. Ob das nun merkw&uuml;rdig ist
+oder nicht, jedenfalls ist es auffallend.</p>
+
+<p>Es scheint, da&szlig; das Institut Benjamenta fr&uuml;her
+mehr Ruf und Zuspruch genossen hat. An einer
+der vier W&auml;nde unseres Schulzimmers h&auml;ngt eine
+gro&szlig;e Photographie, auf der man die Abbildungen
+einer ganzen Anzahl Knaben eines fr&uuml;heren Schuljahrganges
+sehen kann. Unser Schulzimmer ist
+im &uuml;brigen sehr trocken ausstaffiert. Au&szlig;er dem
+l&auml;nglichen Tisch, einigen zehn bis zw&ouml;lf St&uuml;hlen,
+einem gro&szlig;en Wandschrank, einem kleineren
+Nebentisch, einem kleineren zweiten Schrank, einem
+alten Reisekoffer und ein paar anderen geringf&uuml;gigen
+Gegenst&auml;nden enth&auml;lt es kein M&ouml;bel. &Uuml;ber
+der T&uuml;re, die in die geheimnisvolle unbekannte
+Welt der innern Gem&auml;cher f&uuml;hrt, h&auml;ngt als Wandschmuck
+ein ziemlich langweilig aussehender Schutzmannss&auml;bel
+mit dito quer dar&uuml;ber gelegtem
+Futteral. Dar&uuml;ber thront der Helm. Diese Dekoration
+mutet wie eine Zeichnung oder wie ein
+zierlicher Beweis der Vorschriften an, die hier
+gelten. Was mich betrifft, ich m&ouml;chte diese wahrscheinlich
+bei einem alten Tr&ouml;dler erhandelten
+Schmuckst&uuml;cke nicht geschenkt erhalten. Alle vierzehn
+Tage werden S&auml;bel und Helm heruntergenommen,
+um geputzt zu werden, was eine sehr
+nette, obwohl sicher ganz stupide Arbeit genannt
+<span class="pagenum"><a name="Page_39">[39]</a></span>
+werden mu&szlig;. Au&szlig;er diesen Verzierungen h&auml;ngen
+im Schulzimmer noch die Bilder des verstorbenen
+Kaiserpaares. Der alte Kaiser sieht unglaublich
+friedlich aus, und die Kaiserin hat etwas Schlicht-M&uuml;tterliches.
+Oft putzen und waschen wir Z&ouml;glinge
+das Schulzimmer mit Seife und Warmwasser
+aus, da&szlig; nachher alles von Sauberkeit
+duftet und gl&auml;nzt. Alles m&uuml;ssen wir selber
+machen, und jeder von uns hat zu dieser Zimmerm&auml;dchenarbeit
+eine Sch&uuml;rze umgebunden, in
+welchem an die Weiblichkeit gemahnenden Kleidungsst&uuml;ck
+wir alle ohne Ausnahme komisch aussehen.
+Aber es geht lustig zu an solchen Aufr&auml;umetagen.
+Der Fu&szlig;boden wird fr&ouml;hlich poliert,
+die Gegenst&auml;nde, auch die der K&uuml;che, werden blank
+gerieben, wozu es Lappen und Putzpuder in Menge
+gibt, Tisch und St&uuml;hle werden mit Wasser &uuml;bersch&uuml;ttet,
+T&uuml;rklinken werden gl&auml;nzend gemacht,
+Fensterscheiben angehaucht und abgeputzt, jeder
+hat seine kleine Aufgabe, jeder erledigt etwas.
+Wir erinnern an solchen Putz-, Reib- und Waschtagen
+an die m&auml;rchenhaften Heinzelm&auml;nnchen, die,
+wie es bekannt ist, alles Grobe und M&uuml;hselige
+aus reiner &uuml;bernat&uuml;rlicher Herzensg&uuml;te getan
+haben. Was wir Z&ouml;glinge tun, tun wir, weil
+wir m&uuml;ssen, aber warum wir m&uuml;ssen, das wei&szlig;
+keiner von uns recht. Wir gehorchen, ohne zu
+&uuml;berlegen, was aus all dem gedankenlosen Gehorsam
+<span class="pagenum"><a name="Page_40">[40]</a></span>
+noch eines Tages wird, und wir schaffen,
+ohne zu denken, ob es recht und billig ist, da&szlig;
+wir Arbeiten verrichten m&uuml;ssen. An solch einem
+Putztag hat sich mir einmal Tremala, einer der
+Kameraden, der &auml;lteste unter uns allen, mit einem
+h&auml;&szlig;lichen Unfug gen&auml;hert. Er stellte sich leise
+hinter mich und griff mir mit der abscheulichen
+Hand (H&auml;nde, die das tun, sind roh und abscheulich)
+nach dem intimen Glied, in der Absicht,
+mir eine widerliche, an den Kitzel eines Tieres
+grenzende Wohltat zu erweisen. Ich drehe mich
+j&auml;h um und schlage den Verruchten zu Boden.
+Ich bin sonst gar nicht so stark. Tremala ist viel
+st&auml;rker. Aber der Zorn verlieh mir unwiderstehliche
+Kr&auml;fte. Tremala hebt sich empor und wirft
+sich auf mich, da geht die T&uuml;re auf, und Herr
+Benjamenta steht auf der Schwelle derselben.
+&raquo;Jakob, Schlingel!&laquo; ruft er, &raquo;Komm einmal her!&laquo;
+Ich trete zu meinem Vorsteher hin, und er fr&auml;gt
+gar nicht, wer den Streit angefangen habe, sondern
+gibt mir einen Schlag an den Kopf und geht weg.
+Ich will ihm nachlaufen, um es ihm entgegenzubr&uuml;llen,
+wie ungerecht er ist, doch ich beherrsche
+mich, besinne mich, werfe einen Blick &uuml;ber die
+gesamte Knabenschar und gehe wieder an meine
+Arbeit. Mit Tremala rede ich seither kein Wort
+mehr, und auch er weicht mir stets aus, und er
+wei&szlig; warum. Aber ob es ihm leid tut oder dergleichen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_41">[41]</a></span>
+das ist mir vollkommen gleichg&uuml;ltig. Die
+unzarte Angelegenheit ist schon l&auml;ngst, wie soll
+man sagen, vergessen. Tremala ist fr&uuml;her schon
+auf den Meerschiffen gewesen. Er ist ein verdorbener
+Mensch, und es scheint, er freut sich
+seiner sch&auml;ndlichen Anlagen. &Uuml;brigens ist er
+rasend ungebildet, daher interessiert er mich nicht.
+Verschmitzt und zugleich unglaublich dumm: wie
+uninteressant. Aber das Eine hat mir dieser Tremala
+zu erfahren gegeben: man mu&szlig; auf alle m&ouml;glichen
+Angriffe und Kr&auml;nkungen stets ein wenig
+gefa&szlig;t sein.</p>
+
+<p>Oft gehe ich aus, auf die Stra&szlig;e, und da meine
+ich, in einem ganz wild anmutenden M&auml;rchen zu
+leben. Welch ein Geschiebe und Gedr&auml;nge, welch
+ein Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei,
+Gestampf, Gesurr und Gesumme. Und alles so eng
+zusammengepfercht. Dicht neben den R&auml;dern der
+Wagen gehen die Menschen, die Kinder, M&auml;dchen,
+M&auml;nner und eleganten Frauen; Greise und
+Kr&uuml;ppel, und solche, die den Kopf verbunden
+haben, sieht man in der Menge. Und immer neue
+Z&uuml;ge von Menschen und Fuhrwerken. Die Wagen
+der elektrischen Trambahn sehen wie figurenvollgepfropfte
+Schachteln aus. Die Omnibusse humpeln
+wie gro&szlig;e, ungeschlachte K&auml;fer vor&uuml;ber. Dann
+sind Wagen da, die wie fahrende Aussichtst&uuml;rme
+<span class="pagenum"><a name="Page_42">[42]</a></span>
+aussehen. Menschen sitzen auf den hocherhobenen
+Sitzpl&auml;tzen und fahren allem, was unten geht,
+springt und l&auml;uft &uuml;ber den Kopf weg. In die
+vorhandenen Mengen schieben sich neue, und es
+geht, kommt, erscheint und verl&auml;uft sich in einem
+fort. Pferde trampeln. Wundervolle H&uuml;te mit
+Zierfedern nicken aus offenen, schnell vorbeifahrenden
+Herrschaftsdroschken. Ganz Europa sendet
+hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht
+dicht neben Niedrigem und Schlechtem, die Leute
+gehen, man wei&szlig; nicht wohin, und da kommen
+sie wieder, und es sind ganz andere Menschen,
+und man wei&szlig; nicht, woher sie kommen. Man
+meint, es ein wenig erraten zu k&ouml;nnen und freut
+sich &uuml;ber die M&uuml;he, die man sich gibt, es zu entr&auml;tseln.
+Und die Sonne blitzt noch auf dem allem.
+Dem einen begl&auml;nzt sie die Nase, dem andern die
+Fu&szlig;spitze. Spitzen treten an R&ouml;cken zum glitzernden
+und sinnverwirrenden Vorschein. H&uuml;ndchen
+fahren in Wagen, auf dem Scho&szlig; alter, vornehmer
+Frauen, spazieren. Br&uuml;ste prallen einem
+entgegen, in Kleidern und Fassonen eingepre&szlig;te,
+weibliche Br&uuml;ste. Und dann sind wieder die
+dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen
+von m&auml;nnlichen Mundteilen. Und ungeahnte
+Stra&szlig;en denkt man sich, unsichtbare neue und
+ebenso sehr menschenwimmelnde Gegenden. Abends
+<span class="pagenum"><a name="Page_43">[43]</a></span>
+zwischen sechs und acht wimmelt es am grazi&ouml;sesten
+und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die
+beste Gesellschaft. Was ist man eigentlich in dieser
+Flut, in diesem bunten, nicht endenwollenden
+Strom von Menschen? Manchmal sind alle diese
+beweglichen Gesichter r&ouml;tlich angez&auml;rtelt und gemalt
+von untergehenden Abendsonnengluten. Und
+wenn es grau ist und regnet? Dann gehen alle
+diese Figuren, und ich selber mit, wie Traumfiguren
+rasch unter dem tr&uuml;ben Flor dahin, etwas
+suchend, und wie es scheint, fast nie etwas Sch&ouml;nes
+und Rechtes findend. Es sucht hier alles, alles
+sehnt sich nach Reicht&uuml;mern und fabelhaften
+Gl&uuml;cksg&uuml;tern. Hastig geht man. Nein, sie beherrschen
+sich alle, aber die Hast, das Sehnen,
+die Qual und die Unruhe gl&auml;nzen schimmernd zu
+den begehrlichen Augen heraus. Dann ist wieder
+alles ein Baden in der hei&szlig;en, mitt&auml;glichen Sonne.
+Alles scheint zu schlafen, auch die Wagen, die
+Pferde, die R&auml;der, die Ger&auml;usche. Und die Menschen
+blicken so verst&auml;ndnislos. Die hohen, scheinbar
+umst&uuml;rzenden H&auml;user scheinen zu tr&auml;umen.
+M&auml;dchen eilen dahin, Pakete werden getragen.
+Man m&ouml;chte sich jemandem an den Hals werfen.
+Komme ich heim, so sitzt Kraus da und spottet
+mich aus. Ich sage ihm, man m&uuml;sse doch ein
+wenig die Welt kennen lernen. &raquo;Welt kennen
+<span class="pagenum"><a name="Page_44">[44]</a></span>
+lernen?&laquo; sagt er, wie in tiefe Gedanken versunken.
+Und er l&auml;chelt ver&auml;chtlich.</p>
+
+<p>Ungef&auml;hr vierzehn Tage nach meinem Eintritt
+in die Schule ist Hans in unsern R&auml;umen erschienen.
+Hans ist der rechte Bauernjunge, wie
+er in Grimms M&auml;rchenbuch steht. Er kommt
+tief aus Mecklenburg, und er duftet nach blumigen
+&uuml;ppigen Wiesen, nach Kuhstall und Bauernhof.
+Schlank, grob und knochig ist er, und er spricht
+eine wunderliche, gutm&uuml;tig-b&auml;uerische Sprache, die
+mir eigentlich gef&auml;llt, wenn ich mir M&uuml;he gebe,
+die Nasenl&ouml;cher zuzuhalten. Nicht als ob Hans
+etwa &uuml;bel d&uuml;nste und dufte. Und doch tut man
+irgend welche empfindlichen Nasen zu, meinetwegen
+geistige, kulturelle, seelische Nasen, und ganz
+unwillk&uuml;rlich, womit man den guten Hans auch
+gar nicht kr&auml;nken will. Und er merkt so etwas ja
+gar nicht, dazu sieht, horcht und empfindet dieser
+Land-Mensch viel zu gesund und zu schlicht. Etwas
+wie die Erde selber und Erdrinnen- und Kr&uuml;mmungen
+tritt einem entgegen, wenn man sich in
+den Anblick dieses Burschen vertieft, aber zu vertiefen
+braucht man sich gar nicht. Hans fordert
+keinen gedankenvollen Tiefsinn heraus. Er ist
+mir nicht gleichg&uuml;ltig, durchaus nicht, aber, wie
+soll ich sagen, ein wenig fern und leicht. Man
+nimmt ihn ganz leicht, weil er nichts hat, das
+<span class="pagenum"><a name="Page_45">[45]</a></span>
+schwer zu ertragen w&auml;re, weil es Empfindungen
+wachriefe. Der Grimmsche M&auml;rchenbauernjunge.
+Etwas Uralt-Deutsches und Angenehmes, verst&auml;ndlich
+und wesentlich auf den ersten, fl&uuml;chtigen
+Blick. Sehr wert, dem Ding ein guter Kamerad
+zu sein. Hans wird im sp&auml;teren Leben schwer
+arbeiten, ohne zu seufzen. Er wird M&uuml;hen und
+Sorgen und Mi&szlig;geschicke kaum recht wahrnehmen.
+Er strotzt ja von Kraft und Gesundheit. Und
+dazu ist er nicht unh&uuml;bsch. &Uuml;berhaupt: ich mu&szlig;
+bald lachen &uuml;ber mich selber: ich finde an allem
+und in allem irgend etwas Geringf&uuml;gig-H&uuml;bsches.
+Ich mag sie alle so gern leiden, meine Z&ouml;glinge
+da, die Schulkameraden.</p>
+
+<p>Bin ich der geborne Gro&szlig;st&auml;dter? Sehr leicht
+m&ouml;glich. Ich lasse mich fast nie bet&auml;uben oder
+&uuml;berraschen. Etwas unsagbar K&uuml;hles ist trotz der
+Aufregungen, die mich &uuml;berfallen k&ouml;nnen, an mir.
+Ich habe die Provinz in sechs Tagen abgestreift.
+&Uuml;brigens bin ich in einer allerdings ganz, ganz
+kleinen Weltstadt aufgewachsen. Ich habe Stadtwesen
+und -empfinden mit der m&uuml;tterlichen Milch
+eingesogen. Ich sah als Kind johlende, betrunkene
+Arbeiter hin und her taumeln. Die Natur ist
+mir schon als ganz klein als etwas Himmlisch-Entferntes
+vorgekommen. So kann ich die Natur
+entbehren. Mu&szlig; man denn nicht auch Gott entbehren?
+<span class="pagenum"><a name="Page_46">[46]</a></span>
+Das Gute, Reine und Hohe irgend,
+irgendwo versteckt in Nebeln zu wissen und es
+leise, ganz, ganz still zu verehren und anzubeten,
+mit gleichsam total k&uuml;hler und schattenhafter Inbrunst:
+daran bin ich gew&ouml;hnt. Ich sah als Kind
+eines Tages einen im Blut schwimmenden, von
+zahlreichen Messerstichen durchbohrten w&auml;lschen
+Fabrikarbeiter an einer Mauer tot daliegen. Und
+ein anderes Mal, es war zu Ravachols Zeiten,
+hie&szlig; es unter der Jugend, es werden auch bei uns
+bald Bomben geschleudert werden usw. Alte
+Zeiten. Ich wollte von etwas ganz anderem
+sprechen, n&auml;mlich von Kamerad Peter, dem langen
+Peter. Dieser hochaufgeschossene Knabe ist zu
+drollig, er stammt aus Teplitz in B&ouml;hmen und
+kann slawisch und deutsch sprechen. Sein Vater
+ist Schutzmann, und Peter ist in einem Seilergesch&auml;ft
+kaufm&auml;nnisch erzogen worden, er scheint
+aber den Unwissenden, Unbrauchbaren und Ungeratenen
+gespielt zu haben, was ich, ganz f&uuml;r
+mich, sehr niedlich finde. Er sagt, er rede auch
+ungarisch und polnisch, wenn es von ihm verlangt
+werde. Aber hier verlangt kein Mensch so etwas
+von ihm. Was f&uuml;r ausgedehnte Sprachenkenntnisse!
+Peter ist ganz entschieden der D&uuml;mmste
+und Unbeholfenste unter uns Eleven, und das
+belegt und bekr&auml;nzt ihn in meinen unma&szlig;geblichen
+Augen mit Auszeichnungen, denn unglaublich lieb
+<span class="pagenum"><a name="Page_47">[47]</a></span>
+sind mir die Dummen. Ich hasse das alles verstehenwollende,
+mit Wissen und Witz gl&auml;nzende,
+und sich breitmachende Wesen. Verschmitzte und
+gewitzigte Menschen sind mir ein unnennbarer
+Greuel. Wie nett ist doch gerade in diesem Punkt
+Peter. Schon, da&szlig; er so lang ist, zum Mittenentzweibrechen
+lang, ist sch&ouml;n, aber noch viel
+sch&ouml;ner ist die Gutherzigkeit, die ihm best&auml;ndig
+einfl&uuml;stert, er sei Kavalier und habe das Aussehen
+eines edlen und eleganten Verbummelten.
+Zum Kugeln ist das. Er redet immer von erlebten,
+aber sehr wahrscheinlich nicht erlebten
+Abenteuern. Nun, das ist wahr, Peter besitzt
+den feinsten und zierlichsten Spazierstock der Welt.
+Und nun zieht er stets los und geht in den belebtesten
+Stra&szlig;en mit seinem Spazierstock spazieren.
+Ich traf ihn einmal in der F&hellip;stra&szlig;e.
+Die F&hellip;stra&szlig;e ist der entz&uuml;ckende Brennpunkt
+des hiesigen Gro&szlig;stadtweltlebens. Schon aus
+weiter Ferne winkte er mir mit Hand, Kopfnicken
+und Spazierstockschwenken. Dann, wie ich in seiner
+N&auml;he war, schaute er mich v&auml;terlich-sorgenvoll an,
+als h&auml;tte er sagen wollen: &raquo;Was, du auch hier?
+Jakob, Jakob, das ist noch nichts f&uuml;r dich.&laquo; &ndash;
+Und dann verabschiedete er sich wie einer der
+Gro&szlig;en dieses Erdenlebens, wie ein Weltblattredakteur,
+der die hochkostbare Zeit nicht zu verlieren
+hat. Und dann sah ich sein rundes dummes
+<span class="pagenum"><a name="Page_48">[48]</a></span>
+nettes H&uuml;tchen in der Menge anderer K&ouml;pfe und
+H&uuml;te verschwinden. Er tauchte, wie man so sagt,
+in der Masse unter. Peter lernt absolut nichts,
+obgleich er es in so humorvoller Weise n&ouml;tig h&auml;tte,
+und in das Institut Benjamenta ist er scheinbar
+nur deshalb eingetreten, um hier mit k&ouml;stlichen
+Dummheiten zu gl&auml;nzen. Vielleicht wird er hier
+sogar noch um wesentliche Portionen d&uuml;mmer, als
+er war, und warum sollte sich seine Dummheit
+denn eigentlich nicht entfalten d&uuml;rfen? Ich z.&nbsp;B.
+bin &uuml;berzeugt, da&szlig; Peter im Leben unversch&auml;mt
+viel Erfolg davontragen wird, und seltsam: ich
+g&ouml;nne es ihm. Ja, ich gehe noch weiter. Ich
+habe das Gef&uuml;hl, und es ist ein sehr trostreiches,
+prickelndes und angenehmes, da&szlig; ich sp&auml;ter einmal
+solch einen Herrn, Gebieter und Vorgesetzten bekommen
+werde, wie Peter einer sein wird, denn
+solche Dummen, wie er einer ist, sind zum Avancieren,
+Hochkommen, Wohlleben und Befehlen geschaffen,
+und solche in gewissem Sinn Gescheite,
+wie ich, sollen den guten Drang, den sie besitzen,
+im Dienst anderer bl&uuml;hen und entkr&auml;ften lassen.
+Ich, ich werde etwas sehr Niedriges und Kleines
+sein. Die Empfindung, die mir das sagt, gleicht
+einer vollendeten, unantastbaren Tatsache. Mein
+Gott, und ich habe trotzdem so viel, so viel Mut,
+zu leben? Was ist mit mir? Oft habe ich ein
+wenig Angst vor mir, aber nicht lange. Nein,
+<span class="pagenum"><a name="Page_49">[49]</a></span>
+nein, ich vertraue mir. Aber ist das nicht geradezu
+komisch?</p>
+
+<p>F&uuml;r meinen Mitsch&uuml;ler Fuchs habe ich nur
+einen einzigen sprachlichen Ausdruck: Fuchs ist
+schr&auml;g, Fuchs ist schief. Er spricht wie ein mi&szlig;lungener
+Purzelbaum und benimmt sich wie eine
+gro&szlig;e, zu Menschenform zusammengeknetete Unwahrscheinlichkeit.
+Alles an ihm ist unsympathisch,
+daher unbeherzigenswert. &Uuml;ber Fuchs etwas zu
+wissen, das ist Mi&szlig;brauch, unfeiner, st&ouml;render
+&Uuml;berflu&szlig;. Man kennt solche Schlingel nur, um
+sie zu verachten; da man aber &uuml;berhaupt nicht
+gern irgend etwas ver&auml;chtlich finden will, vergi&szlig;t
+oder &uuml;bersieht man das Ding. Ein Ding, ja,
+das ist er. O Gott, mu&szlig; ich heute b&ouml;se reden?
+Fast m&ouml;chte ich mich daf&uuml;r hassen. Fort, zu irgend
+etwas Sch&ouml;nerem. &ndash; Herrn Benjamenta sehe ich
+sehr selten. Zuweilen trete ich in das Bureau
+ein, verbeuge mich bis zur Erde, sage &raquo;guten
+Tag, Herr Vorsteher&laquo; und frage den Herrscher&auml;hnlichen,
+ob ich ausgehen darf. &raquo;Hast du den
+Lebenslauf geschrieben? Wie?&laquo; werde ich gefragt.
+Ich antworte: &raquo;Noch nicht. Aber ich werde es
+tun.&laquo; Herr Benjamenta tritt auf mich zu, d.&nbsp;h.
+bis zum Schalter, an welchem ich stehe, und dr&uuml;ckt
+mir die riesige Faust vor die Nase. &raquo;Du wirst
+p&uuml;nktlich sein, Bursch, oder &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; du wei&szlig;t,
+<span class="pagenum"><a name="Page_50">[50]</a></span>
+was es absetzt.&laquo; &ndash; Ich verstehe ihn, ich verbeuge
+mich wieder und verschwinde. Seltsam, wie viel
+Lust es mir bereitet, Gewaltaus&uuml;bende zu Zornesausbr&uuml;chen
+zu reizen. Sehne ich mich denn
+eigentlich danach, von diesem Herrn Benjamenta
+gez&uuml;chtigt zu werden? Leben in mir frivole Instinkte?
+Alles, alles, selbst das Niedertr&auml;chtigste
+und Unw&uuml;rdigste, ist m&ouml;glich. Nun gut, bald
+werde ich den Lebenslauf ja schreiben. Ich finde
+Herrn Benjamenta geradezu sch&ouml;n. Ein herrlicher
+brauner Bart &ndash; was? Herrlicher brauner Bart?
+Ich bin ein Dummkopf. Nein, am Herrn Vorsteher
+ist nichts sch&ouml;n, nichts herrlich, aber man
+ahnt hinter diesem Menschen schwere Schicksalswege
+und -schl&auml;ge, und dieses Menschliche ist es,
+dieses beinahe G&ouml;ttliche ist es, was ihn sch&ouml;n
+macht. Wahre Menschen und M&auml;nner sind nie
+sichtbar sch&ouml;n. Ein Mann, der einen wirklich
+sch&ouml;nen Bart tr&auml;gt, ist ein Operns&auml;nger oder der
+gutbezahlte Abteilungschef eines Warenhauses.
+Scheinm&auml;nner sind in der Regel sch&ouml;n. Immerhin
+kann es auch Ausnahmen und m&auml;nnliche
+Sch&ouml;nheiten, erf&uuml;llt von T&uuml;chtigkeit, geben. Herrn
+Benjamentas Gesicht und Hand (die ich schon zu
+sp&uuml;ren bekommen habe) haben &Auml;hnlichkeit mit
+knorrigen Wurzeln, mit Wurzeln, die zu irgend
+einer traurigen Stunde schon irgendwelchen unbarmherzigen
+Beilhieben haben widerstehen
+<span class="pagenum"><a name="Page_51">[51]</a></span>
+m&uuml;ssen. W&auml;re ich eine Dame von Noblesse und
+Geist, ich w&uuml;&szlig;te M&auml;nner, wie diesen scheinbar
+so armseligen Institutsvorsteher, unbedingt auszuzeichnen,
+aber wie ich vermute, verkehrt Herr
+Benjamenta gar nicht in der Gesellschaft, die die
+Welt bedeutet. Er sitzt eigentlich immer zu Hause,
+er h&auml;lt sich ohne Zweifel so auf eine Art im
+Verborgenen auf, er verkriecht sich &raquo;in der Einsamkeit&laquo;,
+und in der Tat, schauderhaft einsam
+mu&szlig; dieser sicher edle und kluge Mann dahinleben.
+Irgend welche Ereignisse m&uuml;ssen auf diesen Charakter
+einen tiefen, vielleicht sogar vernichtenden
+Eindruck gemacht haben, aber was wei&szlig; man?
+Ein Eleve des Institutes Benjamenta, was, was
+kann ein solcher wissen? Aber ich forsche
+wenigstens immer. Um zu forschen, sonst um
+nichts anderen willen trete ich &ouml;fters in das
+Kontor und richte so l&auml;ppische Fragen, wie die:
+&raquo;Darf ich ausgehen, Herr Vorsteher?&laquo; an den
+Mann. Ja, dieser Mensch hat es mir angetan,
+er interessiert mich. Auch die Lehrerin erweckt
+mein h&ouml;chstes Interesse. Ja, und deshalb, um
+etwas herauszukriegen aus all diesem Geheimnisvollen,
+reize ich ihn, damit ihm etwas wie eine
+unvorsichtige Bemerkung entfahre. Was schadet
+es mir, wenn er mich schl&auml;gt? Mein Wunsch,
+Erfahrungen zu machen, w&auml;chst zu einer herrischen
+Leidenschaft heran, und der Schmerz, den mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_52">[52]</a></span>
+der Unwille dieses seltsamen Mannes verursacht,
+ist nur klein gegen die bebende Begierde, ihn zu
+verleiten, sich ein wenig mir gegen&uuml;ber auszusprechen.
+O ich tr&auml;ume davon, &ndash; herrlich, herrlich,
+&ndash; dieses Menschen hervorbrechendes Vertrauen
+zu besitzen. Nun, es wird noch lange
+dauern, aber ich glaube, ich glaube, ich bringe es
+fertig, in das Geheimnis der Benjamentas endlich
+noch einzudringen. Geheimnisse lassen einen unertr&auml;glichen
+Zauber vorausahnen, sie duften nach
+etwas ganz, ganz uns&auml;glich Sch&ouml;nem. Wer wei&szlig;,
+wer wei&szlig;. Ah&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.</p>
+
+<p>Ich liebe den L&auml;rm und die fortlaufende Bewegung
+der Gro&szlig;stadt. Was unaufh&ouml;rlich fortl&auml;uft,
+zwingt zur Sitte. Dem Dieb z.&nbsp;B., wenn
+er all die regsamen Menschen sieht, mu&szlig; unwillk&uuml;rlich
+einfallen, was f&uuml;r ein Spitzbube er ist,
+nun, und der fr&ouml;hlich-bewegliche Anblick kann
+Besserung in sein verfallenes, ruinenartiges Wesen
+sch&uuml;tten. Der Prahlhans wird vielleicht etwas bescheidener
+und nachdenklicher, wenn er all die
+Kr&auml;fte, die sich schaffend zeigen, erblickt, und der
+Unschickliche sagt sich m&ouml;glicherweise, wenn ihm
+die Schmiegsamkeit der Vielen ins Auge f&auml;llt, er
+sei doch ein entsetzlicher Wicht, derart auf der
+Breitspurigkeit und Anma&szlig;ung dumm und eitel
+zu thronen. Die Gro&szlig;stadt erzieht, sie bildet, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_53">[53]</a></span>
+zwar durch Beispiele, nicht durch trockene, den
+B&uuml;chern entnommene Lehrs&auml;tze. Es ist nichts Professorales
+da, und das schmeichelt, denn die aufget&uuml;rmte
+Wissensw&uuml;rde entmutigt. Und dann ist
+hier noch so vieles, was f&ouml;rdert, h&auml;lt und hilft.
+Man kann es kaum sagen. Wie schwer ist es,
+Feinem und Gutem lebendigen Ausdruck zu geben.
+Man ist hier dem bescheidenen Leben schon dankbar,
+man dankt immer ein wenig, indem es einen
+treibt, indem man es eilig hat. Wer Zeit zu
+verschwenden hat, wei&szlig; nicht, was sie bedeutet,
+und er ist der nat&uuml;rliche, bl&ouml;de Undankbare. In
+der Gro&szlig;stadt f&uuml;hlt jeder Laufbursche, da&szlig; Zeit
+etwas wert ist, und jeder Zeitungsverk&auml;ufer will
+seine Zeit nicht vertr&ouml;deln. Und dann das Traumhafte,
+das Malerische und Dichterische! Menschen
+eilen und wirken immer an einem vorbei. Nun,
+das hat etwas zu bedeuten, das regt an, das
+setzt den Geist in einen lebhafteren Schwung.
+W&auml;hrend man zaudernd steht, sind schon Hunderte,
+ist bereits hunderterlei einem am Kopf und Blick
+vor&uuml;bergegangen, das beweist einem so recht deutlich,
+welch ein Vers&auml;umer und tr&auml;ger Verschieber
+man ist. Man hat es hier allgemein eilig, weil
+man jeden Augenblick der Meinung ist, es sei
+h&uuml;bsch, etwas erk&auml;mpfen und erhaschen zu gehen.
+Das Leben erh&auml;lt einen reizenderen Atem. Die
+Wunden und Schmerzen werden tiefer, die Freude
+<span class="pagenum"><a name="Page_54">[54]</a></span>
+frohlockt fr&ouml;hlicher und l&auml;nger als anderswo, denn
+wer sich hier freut, der scheint es stets sauer und
+rechtschaffen durch Arbeit und M&uuml;he verdient zu
+haben. Dann sind wieder die G&auml;rten, die so still
+und verloren hinter den zierlichen Gittern liegen
+wie heimliche Winkel in englischen Parklandschaften.
+Dicht daneben rauscht und poltert der
+gesch&auml;ftliche Verkehr, als wenn es nie Landschaften
+oder Tr&auml;umereien im Leben gegeben h&auml;tte. Die
+Eisenbahnz&uuml;ge donnern &uuml;ber die zitternden
+Br&uuml;cken. Abends glitzern die m&auml;rchenhaft reichen
+und eleganten Schaufenster, und Str&ouml;me,
+Schlangen und Wellen von Menschen w&auml;lzen sich
+am ausgestellten, lockenden Industrie-Reichtum
+vorbei. Ja, das alles erscheint mir gut und gro&szlig;.
+Man gewinnt, indem man mitten im Gestrudel
+und Gesprudel ist. Man empfindet etwas Gutes
+an den Beinen, an den Armen und in der Brust,
+indem man sich M&uuml;he gibt, sich schicklich und ohne
+viel Federlesens durch all den lebendigen Kram
+hindurchzuwinden. Am Morgen scheint alles neu
+zu leben, und am Abend sinkt alles einer neuen,
+nie empfundenen Tr&auml;umerei in die wildumschlingenden
+Arme. Das ist sehr dichterisch. Fr&auml;ulein
+Benjamenta w&uuml;rde mich ganz geh&ouml;rig zurechtweisen,
+wenn sie lesen w&uuml;rde, was ich hier
+schreibe. Von Kraus nicht zu reden, der macht
+zwischen Dorf und Stadt keinen so leidenschaftlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_55">[55]</a></span>
+Unterschied. Kraus erblickt erstens Menschen,
+zweitens Pflichten und drittens h&ouml;chstens
+noch Ersparnisse, die er zur&uuml;cklegen wird, wie er
+denkt, um sie seiner Mutter zu schicken. Kraus
+schreibt immer nach Hause. Er besitzt eine ebenso
+einfache wie rein menschliche Bildung. Das Gro&szlig;stadtgetriebe
+mit all seinen vielen t&ouml;richten
+glitzernden Versprechungen l&auml;&szlig;t ihn vollst&auml;ndig
+kalt. Welch eine rechtschaffene, zarte, feste Menschenseele.</p>
+
+<p>Endlich sind meine Photographien fertig geworden.
+Ich blicke sehr, sehr energisch in die Welt
+hinein auf dem wirklich gut gelungenen Bild.
+Kraus will mich &auml;rgern und sagt, ich sehe wie
+ein Jude aus. Endlich, endlich lacht er ein wenig.
+&raquo;Kraus,&laquo; sage ich, &raquo;bitte, bedenke, auch die Juden
+sind Menschen.&laquo; Wir zanken &uuml;ber den Wert und
+&uuml;ber den Unwert der Juden und unterhalten uns
+damit prachtvoll. Ich wundere mich, welche guten
+Meinungen er hat. &raquo;Die Juden haben alles
+Geld,&laquo; meint er. Ich nicke dazu, ich bin einverstanden,
+und ich sage: &raquo;Das Geld macht die
+Menschen erst zu Juden. Ein armer Jude ist kein
+Jude, und reiche Christen, ich pfeife, das sind
+noch die &auml;rgsten Juden.&laquo; &ndash; Er nickt. Endlich,
+endlich einmal habe ich dieses Menschen Beifall
+gefunden. Aber er &auml;rgert sich schon wieder und
+<span class="pagenum"><a name="Page_56">[56]</a></span>
+sagt sehr ernsthaft: &raquo;Schwatz' nicht immer. Was
+soll das mit den Juden und mit den Christen.
+Das gibt es gar nicht. Es gibt liederliche und
+brave Menschen. Das ist es. Und was glaubst
+du, Jakob? Zu welcher Sorte geh&ouml;rst du?&laquo; &ndash;
+Und nun unterhalten wir uns erst recht noch
+lange. O, Kraus redet sehr gern mit mir, ich
+wei&szlig; es. Die gute, feine Seele. Er mag es nur
+nicht zugeben. Wie liebe ich Menschen, die sich
+nicht gern Gest&auml;ndnisse machen. Kraus hat Charakter:
+Wie deutlich man das f&uuml;hlt. &ndash; Den
+Lebenslauf habe ich allerdings geschrieben, aber
+ich habe ihn wieder zerrissen. Fr&auml;ulein Benjamenta
+ermahnte mich gestern, aufmerksamer und
+folgsamer zu sein. Ich habe die sch&ouml;nsten Vorstellungen
+von Gehorsamkeit und Aufmerksamkeit,
+und sonderbar: es entwischt mir. Ich bin tugendhaft
+in der Einbildung, aber wenn es darauf ankommt,
+Tugenden auszu&uuml;ben? Wie dann? Nicht
+wahr, ja, dann ist es eben etwas ganz anderes,
+dann versagt man, dann ist man unwillig.
+&Uuml;brigens bin ich unh&ouml;flich. Ich schw&auml;rme sehr
+f&uuml;r die Ritterlichkeit und H&ouml;flichkeit, wenn es aber
+gilt, der Lehrerin vorauszueilen und ihr die T&uuml;re
+ehrf&uuml;rchtig zu &ouml;ffnen, wer ist dann der Flegel,
+der am Tisch sitzen bleibt? Und wer springt
+wie der Sturmwind, um sich artig zu erweisen?
+<span class="pagenum"><a name="Page_57">[57]</a></span>
+Ei, Kraus. Kraus ist Ritter von Kopf bis zu Fu&szlig;.
+Er geh&ouml;rt eigentlich ins Mittelalter, und es ist
+sehr schade, da&szlig; ihm kein zw&ouml;lftes Jahrhundert
+zur Verf&uuml;gung steht. Er ist die Treue, der Diensteifer
+und das unauff&auml;llige, selbstlose Entgegenkommen
+selber. &Uuml;ber Frauen hat er kein Urteil,
+er verehrt sie blo&szlig;. Wer hebt das Fallengelassene
+vom Boden auf und reicht es eichhornhaft schnell
+dem Fr&auml;ulein? Wer springt zum Haus hinaus
+auf Kommissionen? Wer tr&auml;gt der Lehrerin die
+Markttasche nach? Wer scheuert die Treppe und
+K&uuml;che, ohne da&szlig; man es ihm hat befehlen m&uuml;ssen?
+Wer tut das alles und fr&auml;gt nicht nach Dank?
+Wer ist so herrlich, so gewaltig in sich selbst
+froh? Wie hei&szlig;t er? Ah, ich wei&szlig; es schon.
+Manchmal m&ouml;chte ich von diesem Kraus gehauen
+sein. Aber Menschen wie er, wie k&ouml;nnten sie
+hauen. Kraus will nur Rechtes und Gutes. Das
+ist durchaus nicht &uuml;bertrieben gesprochen. Er hat
+nie schlechte Absichten. Seine Augen sind erschreckend
+gut. Dieser Mensch, was will er eigentlich
+in solch einer auf die Phrase, L&uuml;ge und Eitelkeit
+gestellten und abgerichteten Welt? Sieht man
+Kraus an, dann f&uuml;hlt man unwillk&uuml;rlich, wie unrettbar
+verloren die Bescheidenheit in der Welt ist.</p>
+
+<p>Ich habe meine Uhr verkauft, um Zigarettentabak
+kaufen zu k&ouml;nnen. Ich kann ohne Uhr, aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_58">[58]</a></span>
+nicht ohne Tabak leben, das ist sch&auml;ndlich, aber
+es ist zwingend. Ich mu&szlig; irgendwie zu ein wenig
+Geld gelangen, sonst wird es mir bald an reiner
+W&auml;sche fehlen. Saubere Hemdkragen sind mir
+ein Bed&uuml;rfnis. Das Gl&uuml;ck eines Menschen h&auml;ngt
+nicht und h&auml;ngt doch von solchen Dingen ab.
+Gl&uuml;ck? Nein. Aber man soll anst&auml;ndig sein.
+Reinlichkeit allein ist ein Gl&uuml;ck. Ich schwatze.
+Wie hasse ich all die treffenden Worte. Heute hat
+Fr&auml;ulein geweint. Warum? Mitten in der
+Schulstunde st&uuml;rzten ihr pl&ouml;tzlich die Tr&auml;nen aus
+den Augen. Das ber&uuml;hrt mich seltsam. Jedenfalls
+werde ich die Augen offen behalten. Es
+macht mir Spa&szlig;, auf irgend etwas, was keinen
+Ton geben will, zu horchen. Ich passe auf, und
+das versch&ouml;nert das Leben, denn ohne aufpassen
+zu m&uuml;ssen, gibt es eigentlich gar kein Leben.
+Es ist klar, Fr&auml;ulein Benjamenta hat einen
+Kummer, und es mu&szlig; ein heftiger Kummer sein,
+da sich unsere Lehrerin sonst sehr gut zu beherrschen
+wei&szlig;. Ich mu&szlig; Geld haben. &Uuml;brigens habe ich
+den Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet folgenderma&szlig;en:</p>
+
+<blockquote>
+<p class="center">Lebenslauf.</p>
+<p>Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn
+rechtschaffener Eltern, den und den Tag geboren,
+da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das Institut
+<span class="pagenum"><a name="Page_59">[59]</a></span>
+Benjamenta eingetreten, um sich die paar
+Kenntnisse anzueignen, die n&ouml;tig sind, in irgend
+jemandes Dienste zu treten. Ebenderselbe macht
+sich durchaus vom Leben keine Hoffnungen. Er
+w&uuml;nscht, streng behandelt zu werden, um zu erfahren,
+was es hei&szlig;t, sich zusammenraffen m&uuml;ssen.
+Jakob von Gunten verspricht nicht viel, aber er
+nimmt sich vor, sich brav und redlich zu verhalten.
+Die von Gunten sind ein altes Geschlecht. In
+fr&uuml;heren Zeiten waren sie Krieger, aber die Rauflust
+hat nachgelassen, und heute sind sie Gro&szlig;r&auml;te
+und Handelsleute, und der J&uuml;ngste des Hauses,
+Gegenstand dieses Berichtes, hat sich entschlossen,
+g&auml;nzlich von aller hochm&uuml;tigen Tradition abzufallen.
+Er will, da&szlig; das Leben ihn erziehe, nicht
+erbliche oder irgend adlige Grunds&auml;tze. Allerdings
+ist er stolz, denn es ist ihm unm&ouml;glich, die
+angeborne Natur zu verleugnen, aber er versteht
+unter Stolz etwas ganz Neues, gewisserma&szlig;en der
+Zeit, in der er lebt, Entsprechendes. Er hofft, da&szlig;
+er modern, einigerma&szlig;en geschickt zu Dienstleistungen
+und nicht ganz dumm und unbrauchbar
+ist, aber er l&uuml;gt, er hofft das nicht nur, sondern
+er behauptet und wei&szlig; es. Er hat einen Trotzkopf,
+in ihm leben eben noch ein wenig die ungeb&auml;ndigten
+Geister seiner Vorfahren, doch er bittet,
+ihn zu ermahnen, wenn er trotzt, und wenn das
+<span class="pagenum"><a name="Page_60">[60]</a></span>
+nichts n&uuml;tzt, zu z&uuml;chtigen, denn dann glaubt er,
+n&uuml;tzt es. Im &uuml;brigen wird man ihn zu behandeln
+wissen m&uuml;ssen. Der Unterzeichnete glaubt, sich
+in jede Lage schicken zu k&ouml;nnen, es ist ihm daher
+gleichg&uuml;ltig, was man ihm zu tun befehlen wird,
+er ist der festen &Uuml;berzeugung, da&szlig; jede sorgsam
+ausgef&uuml;hrte Arbeit f&uuml;r ihn eine gr&ouml;&szlig;ere Ehre sein
+wird als das m&uuml;&szlig;ig und &auml;ngstlich zu Hause Hinter-dem-Ofen-Sitzen.
+Ein von Gunten sitzt nicht
+hinter dem Ofen. Wenn die Ahnen des gehorsam
+Unterzeichneten das ritterliche Schwert gef&uuml;hrt
+haben, so handelt der Nachkomme traditionell,
+wenn er gl&uuml;hend hei&szlig; begehrt, sich irgendwie
+n&uuml;tzlich zu erweisen. Seine Bescheidenheit kennt
+keine Grenzen, wenn man seinem Mut schmeichelt,
+und sein Eifer, zu dienen, gleicht seinem Ehrgeiz,
+der ihm befiehlt, hinderliche und sch&auml;dliche Ehrgef&uuml;hle
+zu verachten. Zu Hause hat Immerderselbe
+seinen Geschichtslehrer, den ehrenwerten
+Herrn Doktor Merz, durchgepr&uuml;gelt, eine Schandtat,
+die er bedauert. Heute sehnt er sich danach,
+den Hochmut und die &Uuml;berhebung, die ihn vielleicht
+zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen
+Felsen harter Arbeit zerschmettern zu d&uuml;rfen. Er
+ist wortkarg und wird Vertraulichkeiten niemals
+ausplaudern. Er glaubt weder an ein Himmelreich
+noch an eine H&ouml;lle. Die Zufriedenheit desjenigen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_61">[61]</a></span>
+der ihn engagiert, wird sein Himmel, und
+das traurige Gegenteil seine vernichtende H&ouml;lle
+sein, aber er ist &uuml;berzeugt, da&szlig; man mit ihm und
+dem, was er leistet, zufrieden sein wird. Dieser
+feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu sein, der
+er ist.</p>
+
+<p class="right">Jakob von Gunten.</p>
+</blockquote>
+
+<p>Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher &uuml;berreicht.
+Er hat ihn durchgelesen, ich glaube, sogar
+zweimal, und das Schreiben scheint ihm gefallen
+zu haben, denn es trat etwas wie ein schimmerndes
+L&auml;cheln auf seine Lippen. O gewi&szlig;, ich habe
+meinen Mann scharf beobachtet. Ein wenig gel&auml;chelt
+hat er, das ist und bleibt Tatsache. Also
+endlich ein Zeichen von etwas Menschlichem. Was
+mu&szlig; man doch f&uuml;r Spr&uuml;nge machen, Menschen,
+denen man die H&auml;nde k&uuml;ssen m&ouml;chte, zu einer nur
+ganz fl&uuml;chtigen freundlichen Regung zu bewegen.
+Absichtlich, absichtlich habe ich den Lauf meines
+Lebens so stolz und frech geschrieben: &raquo;Da lies
+es. Wie? Reizt es dich nicht, mir das Ding
+ins Gesicht zu schmei&szlig;en?&laquo; &ndash; Das sind meine Gedanken
+gewesen. Und da hat er ganz schlau und
+fein gel&auml;chelt, dieser schlaue und feine Herr Vorsteher,
+den ich leider, leider Gottes &uuml;ber alles
+verehre. Und ich hab' es bemerkt. Es ist ein
+Vorpostengefecht gewonnen. Heute mu&szlig; ich unbedingt
+noch irgend einen Streich ver&uuml;ben. Ich
+mu&szlig; mich sonst kaputtfreuen, kaputtlachen. Aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_62">[62]</a></span>
+Fr&auml;ulein Vorsteher weint? Was ist das? Warum
+bin ich so seltsam gl&uuml;cklich? Bin ich verr&uuml;ckt?</p>
+
+<p>Ich mu&szlig; jetzt etwas berichten, was vielleicht
+einigen Zweifel erregt. Und doch ist es durchaus
+Wahrheit, was ich sage. Es lebt ein Bruder
+von mir in dieser gewaltigen Stadt, mein einziger
+Bruder, ein meiner Ansicht nach au&szlig;erordentlicher
+Mensch, Johann hei&szlig;t er, und er ist so etwas wie
+ein namhaft bekannter K&uuml;nstler. Ich wei&szlig; um
+seine jetzige Stellung in der Welt nichts Bestimmtes,
+da ich es vermieden habe, ihn zu besuchen.
+Ich werde nicht zu ihm gehen. Begegnen
+wir uns zuf&auml;llig auf der Stra&szlig;e und erkennt er
+mich und tritt auf mich zu: sch&ouml;n, dann ist es mir
+lieb, seine br&uuml;derliche Hand kr&auml;ftig zu sch&uuml;tteln.
+Aber herausfordern werde ich solch ein Begegnen
+nie, nie im Leben. Was bin ich, und was ist er?
+Was ein Z&ouml;gling des Institutes Benjamenta ist,
+das wei&szlig; ich, es liegt auf der Hand. Solch ein
+Z&ouml;gling ist eine gute runde Null, weiter nichts.
+Aber was mein Bruder zur Stunde ist, das kann
+ich nicht wissen. Er ist vielleicht umgeben von
+lauter feinen, gebildeten Menschen und von wei&szlig;
+Gott was f&uuml;r Formalit&auml;ten, und ich respektiere
+Formalit&auml;ten, deshalb suche ich nicht einen Bruder
+auf, wo mir m&ouml;glicherweise ein soignierter Herr
+unter gezwungenem L&auml;cheln entgegentritt. Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_63">[63]</a></span>
+kenne ja Johann von Gunten von fr&uuml;her her.
+Er ist ein durchaus ebenso k&uuml;hl abw&auml;gender und
+berechnender Mensch wie ich und wie alle Gunten,
+aber er ist viel &auml;lter, und im Altersunterschied
+zweier Menschen und Br&uuml;der k&ouml;nnen un&uuml;bersteigliche
+Grenzen liegen. Jedenfalls lie&szlig;e ich mir
+von ihm keine guten Lehren erteilen, und das ist
+es gerade, was ich bef&uuml;rchte, das er tun wird,
+wenn er mich zu Gesicht bekommt, denn wenn er
+mich so arm und unbedeutend vor sich sieht, wird
+es ihn, den Gutsituierten, doch ganz sicher reizen,
+mich meine niedrige Position von oben herab
+leicht f&uuml;hlen zu lassen, und das w&uuml;rde ich nicht ertragen
+k&ouml;nnen, ich w&uuml;rde den von Guntenschen Stolz
+hervorkehren und entschieden grob werden, was
+mir hinterher dann doch nur weh t&auml;te. Nein,
+tausendmal nein. Was? Von meinem Bruder,
+vom selben Blut Gnade annehmen? Tut mir sehr
+leid. Das ist unm&ouml;glich. Ich stelle mir ihn sehr
+fein vor, die beste Zigarette der Welt rauchend,
+und liegend auf den Kissen und Teppichen der
+b&uuml;rgerlichen Behaglichkeit. Und wie? Ja, es
+ist jetzt in mir so etwas Unb&uuml;rgerliches, so etwas
+durchaus Entgegengesetzt-Wohlanst&auml;ndiges, und
+vielleicht ruht mein Herr Bruder mitten drinnen
+im sch&ouml;nsten, pr&auml;chtigsten Welt-Anstand. Es ist
+beschlossen: wir beide sehen uns nicht, vielleicht
+nie! Und das ist auch gar nicht n&ouml;tig. Nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_64">[64]</a></span>
+n&ouml;tig? Gut, lassen wir das. Ich Schafskopf,
+da rede ich wie eine ganze w&uuml;rdevolle Lehrerschaft
+per wir. &ndash; Um meinen Bruder herum gibt es
+sicher das beste, gew&auml;hlteste Salon-Benehmen.
+Merci. O, ich danke. Da werden Frauen sein,
+die den Kopf zur T&uuml;re herausstrecken und schnippisch
+fragen: &raquo;Wer ist denn jetzt wieder da? Wie?
+Ist es vielleicht ein Bettler?&laquo; &ndash; Verbindlichsten
+Dank f&uuml;r solch einen Empfang. Ich bin zu gut,
+um bemitleidet zu werden. Duftende Blumen im
+Zimmer! O ich mag gar keine Blumen. Und
+gelassenes Weltwesen? &ndash; Scheu&szlig;lich. Ja, gern,
+sehr gern s&auml;he ich ihn. Aber wenn ich ihn so s&auml;he,
+so s&auml;he im Glanz und im Behagen: futsch w&auml;re
+die Empfindung, hier stehe ein Bruder, und ich
+w&uuml;rde nur Freude l&uuml;gen d&uuml;rfen, und er auch.
+Also nicht.</p>
+
+<p>In der Unterrichtsstunde sitzen wir Sch&uuml;ler,
+starr vor uns herblickend, da, unbeweglich. Ich
+glaube, man darf sich nicht einmal die pers&ouml;nliche
+Nase putzen. Die H&auml;nde ruhen auf den Kniescheiben
+und sind w&auml;hrend des Unterrichtes unsichtbar.
+H&auml;nde sind die f&uuml;nffingrigen Beweise der
+menschlichen Eitelkeit und Begehrlichkeit, daher
+bleiben sie unter dem Tisch h&uuml;bsch verborgen.
+Unsere Sch&uuml;lernasen haben die gr&ouml;&szlig;te geistige
+&Auml;hnlichkeit miteinander, sie scheinen alle mehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_65">[65]</a></span>
+oder weniger nach der H&ouml;he zu streben, wo die
+Einsicht in die Wirrnisse des Lebens leuchtend
+schwebt. Nasen von Z&ouml;glingen sollen stumpf und
+gest&uuml;lpt erscheinen, so verlangen es die Vorschriften,
+die an alles denken, und in der Tat,
+unsere s&auml;mtlichen Riechwerkzeuge sind dem&uuml;tig und
+schamhaft gebogen. Sie sind wie von scharfen
+Messern kurzgehauen. Unsere Augen blicken stets
+ins gedankenvolle Leere, auch das will die Vorschrift.
+Eigentlich sollte man gar keine Augen
+haben, denn Augen sind frech und neugierig, und
+Frechheit und Neugierde sind von fast jedem gesunden
+Standpunkt aus verdammenswert. Ziemlich
+erg&ouml;tzlich sind die Ohren von uns Z&ouml;glingen.
+Sie wagen alle kaum zu horchen vor lauter gespannten
+Horchens. Sie zucken immer ein wenig,
+als f&uuml;rchteten sie, von hinten pl&ouml;tzlich mahnend
+gezogen und in die Weite und Breite gerissen zu
+werden. Arme Ohren das, die derart Angst ausstehen
+m&uuml;ssen. Schl&auml;gt der Ton eines Rufes oder
+Befehls an diese Ohren, so vibrieren und zittern
+sie wie Harfen, die ber&uuml;hrt und gest&ouml;rt worden
+sind. Nun, es kommt ja auch vor, da&szlig; Z&ouml;glingsohren
+gern ein wenig schlafen, und wie werden
+sie dann geweckt! Es ist eine Freude. Das
+Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er
+ist stets gehorsam und devot zugekniffen. Es ist
+ja auch nur zu wahr: ein offener Mund ist die
+<span class="pagenum"><a name="Page_66">[66]</a></span>
+g&auml;hnende Tatsache, da&szlig; der Besitzer desselben mit
+seinen paar Gedanken meist anderswo sich aufh&auml;lt
+als im Bereich und Lustgarten der Aufmerksamkeit.
+Ein festgeschlossener Mund deutet auf offene,
+gespannte Ohren, daher m&uuml;ssen die T&uuml;ren da
+unten, unter den Nasenfl&uuml;gelfenstern, stets sorgsam
+verriegelt bleiben. Ein offener Mund ist ein Maul
+ohne weiteres, und das wei&szlig; jeder von uns genau.
+Lippen d&uuml;rfen nicht prangen und l&uuml;stern bl&uuml;hen
+in der bequemen nat&uuml;rlichen Lage, sondern sie
+sollen gefalzt und gepre&szlig;t sein zum Zeichen energischer
+Entsagung und Erwartung. Das tun wir
+Sch&uuml;ler alle, wir gehen mit unsern Lippen laut
+bestehender Vorschrift sehr hart und grausam um,
+und daher sehen wir alle so grimmig wie kommandierende
+Wachtmeister aus. Ein Unteroffizier will
+die Mienen seiner Soldaten bekanntlich genau so
+schnauzig und grimmig haben wie seine, das pa&szlig;t
+ihm, denn er hat Humor in der Regel. Im Ernst:
+Gehorchende sehen meist genau aus wie Befehlende.
+Ein Diener kann gar nicht anders als die Masken
+und All&uuml;ren seines Herrn annehmen, um sie gleichsam
+treuherzig fortzupflanzen. Unser verehrtes
+Fr&auml;ulein ist ja nun gar kein solcher Feldwebel,
+im Gegenteil, sie l&auml;chelt sehr oft, ja, sie gestattet
+sich manchmal, uns Murmeltiere von vorschriftenbefolgenden
+Menschenkindern einfach auszulachen,
+aber sie gew&auml;rtigt eben, da&szlig; wir sie ruhig, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_67">[67]</a></span>
+ohne unsere Mienen zu ver&auml;ndern, lachen lassen,
+und das tun wir auch, wir tun so, als h&ouml;rten wir
+den s&uuml;&szlig;en Silberton ihres Gel&auml;chters &uuml;berhaupt
+gar nicht. Was sind wir f&uuml;r aparte K&auml;uze. Unser
+Haar ist stets sauber und glatt gek&auml;mmt und geb&uuml;rstet,
+und jeder hat sich einen geraden Scheitel
+in die Welt da oben auf dem Kopf einzuschneiden,
+einen Kanal in die tiefschwarze oder blonde Haar-Erde.
+So geh&ouml;rt sich's. Scheitel sind nun einmal
+auch vorschriftsm&auml;&szlig;ig. Und daher, weil wir
+so reizend frisiert und gescheitelt sind, sehen wir
+uns alle eigentlich &auml;hnlich, was f&uuml;r einen Schriftsteller
+z.&nbsp;B. zum Totlachen w&auml;re, wenn er uns
+besuchte, um uns in unserer Herrlichkeit und
+Wenigkeit zu studieren. Mag dieser Herr Schriftsteller
+zu Hause bleiben. Windbeutel sind das,
+die nur studieren, malen und Beobachtungen anstellen
+wollen. Man lebe, dann beobachtet sich's
+ganz von selber. Unser Fr&auml;ulein Benjamenta
+w&uuml;rde &uuml;brigens solch einen hergewanderten, -geregneten
+und -geschneiten Artikelschreiber derart
+anherrschen, da&szlig; er vor Schreck &uuml;ber die Unfreundlichkeit
+des Empfangs zu Boden fiele. Nun,
+dann w&uuml;rde die Lehrerin, die es liebt, selbstherrlich
+zu verfahren, vielleicht zu uns sagen:
+&raquo;Geht, helft dem Herrn von der Erde aufstehen.&laquo;
+Und dann w&uuml;rden wir Z&ouml;glinge des Institutes
+Benjamenta dem ungebetenen Gast zeigen, wo die
+<span class="pagenum"><a name="Page_68">[68]</a></span>
+T&uuml;re ist. Und das St&uuml;ck neugierigen Schriftstellertums
+w&uuml;rde wieder verschwinden. Nein, das
+sind Phantasien. Zu uns kommen Herrschaften,
+die uns Knaben engagieren wollen, und nicht
+Leute mit Schreibfedern hinter den Ohren.</p>
+
+<p>Entweder sind die Lehrer unseres Institutes
+gar nicht vorhanden, oder sie schlafen noch immer,
+oder sie scheinen ihren Beruf vergessen zu haben.
+Oder streiken sie vielleicht, weil man ihnen die
+Monatsl&ouml;hne nicht ausbezahlt? Wunderliche Gef&uuml;hle
+ergreifen mich, wenn ich an die armen Eingeschlummerten
+und Geistesabwesenden denke. Da
+sitzen sie nun, oder kauern an den W&auml;nden eines
+extra f&uuml;r die Ruhebed&uuml;rftigen eingerichteten
+Zimmers. Da ist Herr W&auml;chli, der vermeintliche
+Naturgeschichtslehrer. Sogar im Schlaf h&auml;lt er
+noch immer seine Tabakspfeife im Mund eingeklemmt.
+Schade, er h&auml;tte vielleicht besser getan,
+Bienenz&uuml;chter zu werden. Wie rot sein Kopf
+doch ist und wie fett seine &auml;ltliche, weichliche Hand.
+Und hier nebenan, ist das nicht Herr Bl&ouml;sch, der
+sehr geehrte Franz&ouml;sischlehrer? Ei ja doch, das
+ist er wahrhaftig, und er l&uuml;gt, wenn er zu schlafen
+vorgibt, er ist ein ganz schrecklicher L&uuml;gner. Auch
+seine Schulstunden sind immer nur eine L&uuml;ge und
+papierne Maske gewesen. Wie bla&szlig; er aussieht,
+und wie b&ouml;se! Er hat ein schlechtes Gesicht, dicke
+<span class="pagenum"><a name="Page_69">[69]</a></span>
+harte Lippen, grobe unbarmherzige Z&uuml;ge:
+&raquo;Schl&auml;fst du, Bl&ouml;sch?&laquo; &ndash; Er h&ouml;rt nicht. Er ist
+eigentlich widerw&auml;rtig. Und das, wer ist denn
+das da? Herr Pfarrer Strecker? Der lange,
+d&uuml;rre Herr Pfarrer Strecker, der den Religionsunterricht
+erteilt? Zum Teufel, ja er selber ist
+es. &raquo;Schlafen Sie, Herr Pfarrer? Nun, dann
+schlafen Sie. Es schadet nichts, da&szlig; Sie schlafen.
+Sie vers&auml;umen nur Zeit mit Religionsunterrichterteilen.
+Religion, sehen Sie, taugt heute nichts
+mehr. Der Schlaf ist religi&ouml;ser als all Ihre
+Religion. Wenn man schl&auml;ft, ist man Gott vielleicht
+noch am n&auml;chsten. Was meinen Sie?&laquo; &ndash;
+Er h&ouml;rt nicht. Ich will anderswo anklopfen. He,
+wer ist denn das hier, der so bequeme Stellungen
+w&auml;hlt? Ist es Merz, Doktor Merz, der die Geschichte
+Roms lehrt? Ja, er ist es, ich erkenne
+ihn am Spitzbart. &raquo;Sie scheinen mir b&ouml;se zu sein,
+Herr Doktor Merz. Nun, schlafen Sie und vergessen
+Sie die unpassenden Auftritte, die zwischen
+Ihnen und mir vorgefallen sind, z&uuml;rnen Sie nicht
+in Ihren Spitzbart hinein. &Uuml;brigens tun Sie
+gut, zu schlafen. Die Welt dreht sich seit einiger
+Zeit um Geld und nicht mehr um Geschichte. All
+die uralten Heldentugenden, die Sie auspacken,
+spielen ja, wie Sie selbst wissen werden, l&auml;ngst
+keine Rolle mehr. Ich verdanke Ihnen einige
+wundervolle Eindr&uuml;cke. Schlafen Sie wohl.&laquo; &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_70">[70]</a></span>
+Hier aber, wie ich sehe, scheint sich Herr von
+Bergen, der Knabenqu&auml;ler von Bergen, angesiedelt
+zu haben. Tut, als wenn er tr&auml;ume, und
+erteilt doch so gern, mit so kitzlich-himmlischer
+Vorliebe, &raquo;Tatzen&laquo;. Oder er kommandiert
+&raquo;Rumpfbeuge vorw&auml;rts&laquo;, und dann ist es ihm
+solch ein Genu&szlig;, aufs Hinterst&uuml;ck des armen
+Jungen ein Meerrohrgeschenk anzuflicken. Sehr
+elegante Pariser-Erscheinung, aber grausam. &ndash;
+Und wer ist dieser hier? Progymnasialdirektor
+Wy&szlig;? Sehr nett. Bei rechtlichen Leuten braucht
+man sich nicht lange aufzuhalten. Und wer ist
+hier? Bur? Lehrer Bur? &raquo;Ich bin entz&uuml;ckt,
+Sie zu sehen.&laquo; Bur ist der genialste gewesene
+Rechenlehrer des Kontinents. F&uuml;rs Institut Benjamenta
+ist er nur zu freisinnig und zu geistvoll.
+Kraus und die andern sind keine Sch&uuml;ler f&uuml;r ihn.
+Er ist zu hervorragend und stellt zu hohe Anspr&uuml;che.
+Hier im Institut existieren keine solchen
+&uuml;berspannten Voraussetzungen. Aber ich tr&auml;ume
+wohl von meinen heimatlichen Lehrern? Dort
+im Progymnasium gab's Kenntnisse die Menge,
+hier gibt es etwas ganz anderes. Uns Z&ouml;glinge
+hier wird etwas ganz anderes gelehrt.</p>
+
+<p>Werde ich bald Stellung erhalten? Ich hoffe
+es. Meine Photographien und mein Bewerbeschreiben
+machen zusammen, wie ich mir einbilde,
+<span class="pagenum"><a name="Page_71">[71]</a></span>
+einen g&uuml;nstigen Eindruck. Neulich bin ich mit
+Schilinski in einen ersten Caf&eacute;-Konzert-Raum getreten.
+Wie hat da Schilinski am ganzen Leib
+gebebt vor Sch&uuml;chternheit. Ich benahm mich ungef&auml;hr
+wie sein liebevoller Vater. Der Kellner
+wagte es, indem er uns von unten bis oben
+fixierte, uns sitzen zu lassen; da ich ihn aber mit
+enorm strenger Miene ersuchte, uns gef&auml;lligst zu
+bedienen, wurde er sogleich h&ouml;flich und brachte
+uns in hohen, zierlich-geschliffenen Kelchen helles
+Bier. Ah, man mu&szlig; auftreten. Wer sich mit
+gemessenem Anstand in die Brust zu werfen wei&szlig;,
+der wird als Herr behandelt. Man mu&szlig;
+Situationen beherrschen lernen. Ich verstehe es
+ausgezeichnet, meinen Kopf, so, als wenn ich &uuml;ber
+etwas emp&ouml;rt, nein, nur erstaunt w&auml;re, zur&uuml;ckzuwerfen.
+Ich blicke um mich her, als wollte ich
+sagen: &raquo;Was ist das? Wie? Ist man denn
+hier toll?&laquo; &ndash; Das wirkt. Auch habe ich mir ja
+im Institut Benjamenta gottlob Haltung angeeignet.
+O mir ist manchmal, als h&auml;tte ich es in
+der Gewalt, mit der Erde und all den Dingen
+darauf beliebig spielen zu k&ouml;nnen. Ich verstehe
+mit einemmal das liebliche Wesen der Frauen.
+Ihre Koketterien am&uuml;sieren mich, und ich erblicke
+Tiefsinn in ihren trivialen Bewegungen und
+Redensarten. Wenn man sie nicht versteht, wenn
+sie eine Tasse zum Mund f&uuml;hren oder den Rock
+<span class="pagenum"><a name="Page_72">[72]</a></span>
+raffen, so versteht man sie nie. Ihre Seelen
+trippeln mit den hochaufgeschweiften Abs&auml;tzen ihrer
+s&uuml;&szlig;en Stiefelchen, und ihr L&auml;cheln ist beiderlei:
+eine alberne Angewohnheit und ein St&uuml;ck Weltgeschichte.
+Ihr Hochmut und ihr geringer Verstand
+sind reizend, reizender als die Werke der
+Klassiker. Oft sind ihre Untugenden das Tugendhafteste
+unter der Sonne, und wenn sie erst w&uuml;tend
+werden, und z&uuml;rnen? Nur Frauen verstehen zu
+z&uuml;rnen. Doch still. Ich denke an Mama. Wie
+heilig ist mir das Andenken an die Augenblicke,
+wo sie z&uuml;rnte. Doch ruhig, doch still. Was kann
+ein Sch&uuml;ler des Institutes Benjamenta &uuml;ber alles
+das wissen?</p>
+
+<p>Ich habe mich nicht bezwingen k&ouml;nnen, ich
+bin ins Bureau gegangen, habe mich gewohnheitsgem&auml;&szlig;
+tief verbeugt und habe zu Herrn Benjamenta
+folgendes gesprochen: &raquo;Ich habe Arme,
+Beine und H&auml;nde, Herr Benjamenta, und ich
+m&ouml;chte arbeiten, und daher erlaube ich mir, Sie
+zu bitten, mir recht bald Arbeit und Geldverdienst
+zu verschaffen. Sie haben allerlei Beziehungen,
+ich wei&szlig; es. Zu Ihnen kommen die allerfeinsten
+Herrschaften, Leute, die Kronen auf den Aufschl&auml;gen
+ihrer M&auml;ntel tragen, Offiziere, die mit
+den schneidigen S&auml;beln rasseln, Damen, deren
+Schleppen wie kichernde Wellen daherrauschen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_73">[73]</a></span>
+&auml;ltere Frauen mit enorm viel Verm&ouml;gen, Greise,
+die ein halbes L&auml;cheln mit einer Million bezahlen,
+Menschen von Stand, aber ohne Geist, Menschen,
+die im Automobil vorfahren, mit einem Wort,
+Herr Vorsteher, die Welt kommt zu Ihnen.&laquo; &ndash;
+&raquo;H&uuml;te dich, frech zu werden,&laquo; warnte er mich,
+doch ich wei&szlig; nicht, ich empfand gar keine Furcht
+mehr vor seinen F&auml;usten, und ich sprach weiter,
+die Worte flogen mir nur so heraus: &raquo;Verschaffen
+Sie mir unbedingt irgend eine anregende T&auml;tigkeit.
+&Uuml;brigens ist meine Meinung die: eine jede
+T&auml;tigkeit ist anregend. Ich habe schon so viel
+gelernt bei Ihnen, Herr Vorsteher.&laquo; &ndash; Er sagte
+ruhig: &raquo;Du hast noch gar nichts gelernt.&laquo; &ndash;
+Da nahm ich wieder den Faden auf und sagte:
+&raquo;Gott selbst gebietet mir, ins Leben hinaus zu
+treten. Doch was ist Gott? Sie sind mein Gott,
+Herr Vorsteher, wenn Sie mir erlauben, Geld
+und Achtung verdienen zu gehen.&laquo; &ndash; Er schwieg
+eine Weile, dann sagte er: &raquo;Du machst jetzt, da&szlig;
+du zum Kontor hinauskommst. Augenblicklich.&laquo;
+&ndash; Das &auml;rgerte mich furchtbar. Ich rief laut aus:
+&raquo;Ich erblicke in Ihnen einen hervorragenden
+Menschen, aber ich irre mich, Sie sind gew&ouml;hnlich
+wie das Zeitalter, in dem Sie leben. Ich werde
+auf die Stra&szlig;e gehen und dort irgend einen Menschen
+anhalten. Man zwingt mich, zum Verbrecher
+zu werden.&laquo; &ndash; Ich erkannte die Gefahr, in der
+<span class="pagenum"><a name="Page_74">[74]</a></span>
+ich schwebte. Zugleich mit den Worten, die ich
+aussprach, war ich zur T&uuml;re gesprungen, und
+jetzt schrie ich w&uuml;tend: &raquo;Adieu, Herr Vorsteher,&laquo;
+und dr&uuml;ckte mich mit wunderbarer Geschmeidigkeit
+zur T&uuml;re hinaus. Im Korridor blieb ich stehen
+und lauschte am Schl&uuml;sselloch. Es blieb alles
+ganz m&auml;uschenstill drinnen im Bureau. Ich ging
+ins Schulzimmer und vertiefte mich in die Lekt&uuml;re
+des Buches: &raquo;Was bezweckt die Knabenschule?&laquo;</p>
+
+<p>Unser Unterricht besteht aus zwei Teilen, einem
+theoretischen und einem praktischen Teil. Aber
+beide Abteilungen muten mich auch noch heute
+wie ein Traum, wie ein sinnloses und zugleich
+sehr sinnreiches M&auml;rchen an. Auswendiglernen,
+das ist eine unserer Hauptaufgaben. Ich lerne
+sehr leicht auswendig, Kraus sehr schwer, daher
+ist er immer am Lernen. Die Schwierigkeiten,
+die er zu &uuml;berwinden hat, sind das Geheimnis
+seines Flei&szlig;es und dessen L&ouml;sung. Er hat ein
+schwerf&auml;lliges Ged&auml;chtnis, und doch pr&auml;gt er sich,
+wenn auch mit vieler M&uuml;he, alles fest ein. Das,
+was er wei&szlig;, ist dann in seinem Kopf sozusagen
+in Metall graviert, und er kann es nicht wieder
+vergessen. Von Verschwitzen oder dergleichen ist
+bei ihm keine Rede. Wo wenig gelehrt wird, da
+pa&szlig;t ein Kraus hin, demnach pa&szlig;t er ins Institut
+Benjamenta vorz&uuml;glich. Einer der Grunds&auml;tze
+<span class="pagenum"><a name="Page_75">[75]</a></span>
+unserer Schule lautet: &raquo;Wenig aber gr&uuml;ndlich&laquo;.
+Nun, in diesem Prinzip steckt Kraus fest, der
+einen etwas harten Sch&auml;del mit auf die Welt
+bekommen hat. Wenig lernen! Immer wieder
+dasselbe! Nach und nach fange auch ich an, zu
+begreifen, was f&uuml;r eine gro&szlig;e Welt hinter diesen
+Worten verborgen ist. Etwas sich in der Tat
+fest, fest einpr&auml;gen, f&uuml;r immer! Ich sehe ein,
+wie wichtig, vor allen Dingen, wie gut und wie
+w&uuml;rdig das ist. Der praktische oder k&ouml;rperliche
+Teil unseres Unterrichtes ist eine Art fortw&auml;hrend
+wiederholtes Turnen oder Tanzen, ganz gleich,
+wie man das nennen will. Der Gru&szlig;, das Eintreten
+in eine Stube, das Benehmen gegen&uuml;ber
+Frauen oder &auml;hnliches wird ge&uuml;bt, und zwar sehr
+langf&auml;dig, oft langweilig, aber auch hier, wie ich
+jetzt merke und empfinde, steckt ein tiefverborgener
+Sinn. Uns Z&ouml;glinge will man bilden und formen,
+wie ich merke, nicht mit Wissenschaften vollpfropfen.
+Man erzieht uns, indem man uns
+zwingt, die Beschaffenheit unserer eigenen Seele
+und unseres eigenen K&ouml;rpers genau kennen zu
+lernen. Man gibt uns deutlich zu verstehen, da&szlig;
+allein schon der Zwang und die Entbehrungen
+bilden, und da&szlig; in einer ganz einfachen, gleichsam
+dummen &Uuml;bung mehr Segen und mehr wahrhaftige
+Kenntnisse enthalten sind, als im Erlernen
+von vielerlei Begriffen und Bedeutungen. Wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_76">[76]</a></span>
+erfassen eines ums andere, und haben wir etwas
+erfa&szlig;t, so besitzt es uns quasi. Nicht wir besitzen
+es, sondern im Gegenteil, was wir scheinbar zu
+unserem Besitz gemacht haben, herrscht dann &uuml;ber
+uns. Uns pr&auml;gt man ein, da&szlig; es von wohltuender
+Wirkung ist, sich an ein festes, sicheres Weniges
+anzupassen, d.&nbsp;h. sich an Gesetze und Gebote, die
+ein strenges &Auml;u&szlig;eres vorschreibt, zu gew&ouml;hnen und
+zu schmiegen. Man will uns vielleicht verdummen,
+jedenfalls will man uns klein machen.
+Aber man sch&uuml;chtert uns durchaus nicht etwa ein.
+Wir Z&ouml;glinge wissen alle, der eine so gut wie der
+andere, da&szlig; Sch&uuml;chternheit strafbar ist. Wer
+stottert und Furcht zeigt, setzt sich der Verachtung
+unseres Fr&auml;uleins aus, aber klein sollen wir sein
+und wissen sollen wir es, genau wissen, da&szlig; wir
+nichts Gro&szlig;es sind. Das Gesetz, das befiehlt,
+der Zwang, der n&ouml;tigt, und die vielen unerbittlichen
+Vorschriften, die uns die Richtung und den
+Geschmack angeben: das ist das Gro&szlig;e, und nicht
+wir, wir Eleven. Nun, das empfindet jeder, sogar
+ich, da&szlig; wir nur kleine, arme, abh&auml;ngige, zu einem
+fortw&auml;hrenden Gehorsam verpflichtete Zwerge sind.
+So benehmen wir uns auch: dem&uuml;tig, aber &auml;u&szlig;erst
+zuversichtlich. Wir sind alle ohne Ausnahme ein
+wenig energisch, denn die Kleinheit und Not, in
+der wir uns befinden, veranlassen uns, fest an
+die paar Errungenschaften, die wir gemacht haben,
+<span class="pagenum"><a name="Page_77">[77]</a></span>
+zu glauben. Unser Glaube an uns ist unsere
+Bescheidenheit. Wenn wir an nichts glauben
+w&uuml;rden, w&uuml;&szlig;ten wir nicht, wie wenig wir sind.
+Immerhin, wir kleinen jungen Menschen sind
+irgend etwas. Wir d&uuml;rfen nicht ausschweifen,
+nicht phantasieren, es ist uns verboten, weit zu
+blicken, und das stimmt uns zufrieden und macht
+uns f&uuml;r jede rasche Arbeit brauchbar. Die Welt
+kennen wir sehr schlecht, aber wir werden sie kennen
+lernen, denn wir werden dem Leben und seinen
+St&uuml;rmen ausgesetzt sein. Die Schule Benjamenta
+ist das Vorzimmer zu den Wohnr&auml;umen und
+Prunks&auml;len des ausgedehnten Lebens. Hier lernen
+wir Respekt empfinden und so tun, wie diejenigen
+tun m&uuml;ssen, die an irgend etwas emporzublicken
+haben. Ich z.&nbsp;B. bin ein wenig erhaben &uuml;ber
+alles das, gut, um so besser tun mir auch alle
+diese Eindr&uuml;cke. Gerade ich habe n&ouml;tig, Hochachtung
+und zutraulichen Respekt vor den Gegenst&auml;nden
+der Welt f&uuml;hlen zu lernen, denn wohin
+w&uuml;rde ich gelangen, wenn ich das Alter mi&szlig;achten,
+Gott leugnen, Gesetze bespotten und meine jugendliche
+Nase schon in alles Erhabene, Wichtige und
+Gro&szlig;e stecken d&uuml;rfte? Meiner Ansicht nach krankt
+gerade hieran die gegenw&auml;rtige junge Generation,
+die Zeter und Mordio schreit und nach Papa und
+Mama miaut, wenn sie sich Pflichten und Geboten
+und Beschr&auml;nkungen ein wenig beugen soll.
+<span class="pagenum"><a name="Page_78">[78]</a></span>
+Nein, nein, hier sind Benjamentas meine lieben
+leuchtenden Leitsterne, der Herr Bruder sowohl
+wie das Fr&auml;ulein, seine Schwester. Ich werde
+mein Lebenlang an sie denken.</p>
+
+<p>Ich bin meinem Bruder Johann begegnet,
+und zwar im dichtesten Menschengewimmel. Unser
+Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet. Es
+war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich
+sehr nett benommen, und ich wahrscheinlich mich
+auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes
+Restaurant getreten und haben dort geplaudert.
+&raquo;Bleib' nur der, der du bist, Bruder,&laquo; sprach
+Johann zu mir, &raquo;fange von tief unten an, das
+ist ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;
+Ich machte eine leichte, verneinende Handbewegung.
+Er fuhr fort: &raquo;Denn sieh', oben, da
+lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen
+n&auml;mlich. Versteh' mich recht, lieber Bruder.&laquo; &ndash;
+Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir schon
+zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat
+ihn, weiterzureden, und er sprach: &raquo;Oben, da
+herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben
+eine Atmosph&auml;re des Genuggetanhabens, und das
+hemmt und engt ein. Ich hoffe, du verstehst mich
+nicht ganz, denn wenn du mich verst&uuml;ndest, Bruder,
+dann w&auml;rest du ja eigentlich gr&auml;&szlig;lich.&laquo; &ndash; Wir
+lachten. O, mit einem Bruder zusammen lachen
+<span class="pagenum"><a name="Page_79">[79]</a></span>
+zu k&ouml;nnen, das ist sehr h&uuml;bsch. Er sagte: &raquo;Du
+bist jetzt sozusagen eine Null, bester Bruder. Aber
+wenn man jung ist, soll man auch eine Null sein,
+denn nichts ist so verderblich wie das fr&uuml;he, das
+allzufr&uuml;he Irgendetwasbedeuten. Gewi&szlig;: dir bedeutest
+du etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber
+der Welt bist du noch nichts, und das ist fast
+ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst
+mich nicht ganz, denn wenn du mich vollkommen
+verst&uuml;ndest&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo; &raquo;W&auml;re ich ja gr&auml;&szlig;lich,&laquo; fiel
+ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es
+war sehr lustig. Ein merkw&uuml;rdiges Feuer fing
+an, mich zu beseelen. Meine Augen brannten.
+Das liebe ich &uuml;brigens sehr, wenn's mir so verbrannt
+zumut ist. Mein Kopf ist dann ganz rot.
+Und Gedanken voll Reinheit und Hoheit pflegen
+mich dann zu best&uuml;rmen. Johann fuhr fort, er
+sagte folgendes: &raquo;Bruder, bitte, unterbrich mich
+nicht immer. Dein dummes junges Gel&auml;chter hat
+etwas Ideenerstickendes. H&ouml;re. Pa&szlig; gut auf.
+Was ich dir sage, kann dir vielleicht eines Tages
+von Nutzen sein. Vor allen Dingen: komme dir
+nie versto&szlig;en vor. Versto&szlig;en, Bruder, das gibt
+es gar nicht, denn es gibt vielleicht auf dieser Welt
+gar, gar nichts redlich Erstrebenswertes. Und
+doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar. Aber
+damit du nie allzu sehns&uuml;chtig bist: pr&auml;ge dir ein:
+nichts, nichts Erstrebenswertes gibt es. Es ist
+<span class="pagenum"><a name="Page_80">[80]</a></span>
+alles faul. Verstehst du das? Sieh', ich hoffe
+immer, du k&ouml;nntest das alles nicht so recht verstehen.
+Ich mache mir Sorgen.&laquo; &ndash; Ich sagte:
+&raquo;Leider bin ich zu intelligent, um dich, wie du
+hoffst, mi&szlig;verstehen zu k&ouml;nnen. Aber sei ohne
+Sorgen. Du erschreckst mich durchaus nicht mit
+deinen Enth&uuml;llungen.&laquo; &ndash; Wir l&auml;chelten uns an.
+Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und
+Johann, der &uuml;brigens sehr elegant aussah, fuhr
+fort zu sprechen: &raquo;Es gibt ja allerdings einen sogenannten
+Fortschritt auf Erden, aber das ist nur
+eine der vielen L&uuml;gen, die die Gesch&auml;ftemacher ausstreuen,
+damit sie um so frecher und schonungsloser
+Geld aus der Menge herauspressen k&ouml;nnen.
+Die Masse, das ist der Sklave von heute, und
+der Einzelne ist der Sklave des gro&szlig;artigen
+Massengedankens. Es gibt nichts Sch&ouml;nes und
+Vortreffliches mehr. Du mu&szlig;t dir das Sch&ouml;ne und
+Gute und Rechtschaffene tr&auml;umen. Sage mir, verstehst
+du zu tr&auml;umen?&laquo; &ndash; Ich begn&uuml;gte mich, mit
+dem Kopf zweimal zu nicken und lie&szlig; Johann,
+indem ich gespannt aufhorchte, fortreden: &raquo;Versuche
+es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld zu erwerben.
+Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst
+an allem. Alles, alles ist verdorben, halbiert,
+der Zier und der Pracht beraubt. Unsere St&auml;dte
+verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Kl&ouml;tze
+nehmen den Raum ein, den Wohnh&auml;user und
+<span class="pagenum"><a name="Page_81">[81]</a></span>
+F&uuml;rstenpal&auml;ste eingenommen haben. Das Klavier,
+lieber Bruder, und das damit verbundene Klimpern!
+Konzert und Theater fallen von Stufe zu
+Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es
+gibt ja allerdings noch so etwas wie eine tonangebende
+Gesellschaft, aber sie hat nicht mehr die
+F&auml;higkeit, T&ouml;ne der W&uuml;rde und des Feinsinnes
+anzuschlagen. Es gibt B&uuml;cher &ndash;&nbsp;&ndash; mit einem
+Wort, sei niemals verzagt. Bleib arm und verachtet,
+lieber Freund. Auch den Geld-Gedanken
+schlage dir weg. Es ist das Sch&ouml;nste und Triumphierendste,
+man ist ein ganz armer Teufel. Die
+Reichen, Jakob, sind sehr unzufrieden und ungl&uuml;cklich.
+Die reichen Leute von heutzutage: sie
+haben nichts mehr. Das sind die wahren Verhungerten.&laquo;
+&ndash; Ich nickte wieder. Es ist wahr,
+ich sage sehr leicht ja zu allem. &Uuml;brigens gefiel
+mir und pa&szlig;te mir, was Johann sagte. Es war
+Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun,
+und dies beides, Stolz und Trauer, ergibt immer
+einen guten Klang. Wieder bestellten wir Bier,
+und mein Gegen&uuml;ber sagte: &raquo;Du mu&szlig;t hoffen und
+doch nichts hoffen. Schau empor an etwas, ja
+gewi&szlig;, denn das ziemt dir, du bist jung, unversch&auml;mt
+jung, Jakob, aber, gesteh' dir immer, da&szlig;
+du's verachtest, das, an dem du respektvoll emporschaust.
+Du nickst schon wieder? Teufel, was bist
+du f&uuml;r ein verst&auml;ndnisvoller Zuh&ouml;rer. Du bist
+<span class="pagenum"><a name="Page_82">[82]</a></span>
+geradezu ein Baum, der voll Verst&auml;ndnis behangen
+ist. Sei zufrieden, lieber Bruder, strebe, lerne,
+tu wom&ouml;glich irgend jemandem etwas Liebes und
+Gutes. Komm', ich mu&szlig; gehen. Sag', wann
+treffen wir uns wieder? Du interessierst mich,
+offen gesagt.&laquo; &ndash; Wir gingen, und drau&szlig;en auf der
+Stra&szlig;e nahmen wir Abschied voneinander. Lange
+schaute ich meinem lieben Bruder nach. Ja, er ist
+mein Bruder. Wie freut mich das.</p>
+
+<p>Mein Vater hat Wagen und Pferde und einen
+Diener, den alten Fehlmann. Mama hat ihre
+eigene Theaterloge. Wie beneiden sie die Frauen
+der Stadt mit den achtundzwanzigtausend Einwohnern
+darum. Mutter ist eine noch in den
+vorgeschrittenen Jahren h&uuml;bsche, ja sch&ouml;ne Frau.
+Ich erinnere mich an ein hellblaues, enganschlie&szlig;endes
+Kleid, das sie einmal trug. Sie hielt den
+zartwei&szlig;en Sonnenschirm offen. Die Sonne
+schien. Es war pr&auml;chtiges Fr&uuml;hlingswetter. In
+den Stra&szlig;en duftete es nach Veilchen. Die Menschen
+promenierten, und unter dem Gr&uuml;n der Anlage-B&auml;ume
+spielte die Stadtmusik Promenadenkonzert.
+Wie s&uuml;&szlig; und hell war alles. Ein
+Brunnen pl&auml;tscherte, und Kinder, hell angezogene,
+lachten und spielten. Und ein feiner liebkosender
+Wind strich mit D&uuml;ften, Sehnsucht nach Unsagbarem
+erweckend, umher. Aus den Fenstern der
+<span class="pagenum"><a name="Page_83">[83]</a></span>
+Neuquartierplatzh&auml;user schauten Leute. Mutter
+hatte lange hellgelbe Handschuhe an den schmalen
+H&auml;nden und lieben Armen. Johann war damals
+schon in der Fremde. Aber Vater war dabei.
+Nein, nie nehme ich je Hilfe (Geld) von den z&auml;rtlich
+verehrten Eltern an. Mein verletzter Stolz w&uuml;rde
+mich aufs Krankenlager werfen, und futsch w&auml;ren
+die Tr&auml;ume von einer selbsterrungenen Lebenslaufbahn,
+vernichtet f&uuml;r immer diese mir in der
+Brust brennenden Selbsterziehungspl&auml;ne. Das
+ist es ja: um mich quasi selbst zu erziehen, oder
+mich auf eine k&uuml;nftige Selbsterziehung vorzubereiten,
+deshalb bin ich Z&ouml;gling dieses Institutes
+Benjamenta geworden, denn hier macht man sich
+auf irgend etwas Schweres und D&uuml;ster-Daherkommendes
+gefa&szlig;t. Und deshalb schreibe ich ja
+auch nicht nach Hause, denn schon das Berichterstatten
+allein w&uuml;rde mich an mir irre machen,
+w&uuml;rde mir den Plan, ganz von unten anzufangen,
+vollkommen verleiden. Etwas Gro&szlig;es und K&uuml;hnes
+mu&szlig; in aller Verschwiegenheit und Stille geschehen,
+sonst verdirbt und verflaut es, und das
+Feuer, das schon lebendig erwachte, stirbt wieder.
+Ich kenne meinen Geschmack, das gen&uuml;gt. &ndash; Ach
+so, ja. Ganz recht. Von unserem alten Diener
+Fehlmann, der noch lebt und dient, habe ich eine
+lustige Geschichte auf Lager. Die Sache ist die:
+Fehlmann lie&szlig; sich eines Tages ein grobes Verfehlen
+<span class="pagenum"><a name="Page_84">[84]</a></span>
+zuschulden kommen und sollte entlassen
+werden. &raquo;Fehlmann,&laquo; sagte Mama, &raquo;Sie k&ouml;nnen
+gehen. Wir brauchen Sie nicht mehr.&laquo; &ndash; Da
+st&uuml;rzte der arme Alte, der einen am Krebs gestorbenen
+Jungen noch vor kurzer Zeit begraben
+hatte (lustig ist das nicht), meiner Mutter zu
+F&uuml;&szlig;en und bat um Gnade, direkt um Gnade.
+Der arme Teufel, er hatte Tr&auml;nen in den alten
+Augen. Mama verzeiht ihm, ich erz&auml;hle den Auftritt
+andern Tags meinen Kameraden, den
+Br&uuml;dern Weibel, und die lachen mich f&uuml;rchterlich
+aus und verachten mich. Sie entziehen mir ihre
+Freundschaft, weil es, wie sie meinen, in unserem
+Haus zu royalistisch zugeht. Das Zu-F&uuml;&szlig;en-fallen
+finden sie verd&auml;chtig, und sie gehen hin und verleumden
+mich und Mama in der abgeschmacktesten
+Weise. Wie echte Buben, ja, aber auch wie echte
+kleine Republikaner, denen das Waltenlassen pers&ouml;nlicher
+und herrschaftlicher Gnade oder Ungnade
+ein Greuel und ein Gegenstand des Abscheus ist.
+Wie kommt mir das jetzt komisch vor. Und doch,
+wie bezeichnend ist dieser kleine Vorfall f&uuml;r den
+Lauf der Zeiten. So wie die Buben Weibel, so
+urteilt heute eine ganze Welt. Ja, so ist es: man
+duldet nichts Herren- oder Damenhaftes mehr.
+Es gibt keine Herren mehr, die machen k&ouml;nnen,
+was sie wollen, und es gibt l&auml;ngst keine Herrinnen
+mehr. Soll ich dar&uuml;ber traurig sein? F&auml;llt mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_85">[85]</a></span>
+nicht ein. Bin ich verantwortlich f&uuml;r den Geist
+des Zeitalters? Ich nehme die Zeit, wie sie ist,
+und behalte mir nur vor, im stillen meine Beobachtungen
+zu machen. Der gute Fehlmann: ihm,
+ihm ist noch auf altv&auml;terliche Art verziehen
+worden. Tr&auml;nen der Treue und Anh&auml;nglichkeit,
+wie sch&ouml;n ist das.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Von drei Uhr nachmittags an sind wir Eleven
+fast ganz uns selbst &uuml;berlassen. Niemand k&uuml;mmert
+sich mehr um uns. Vorstehers sind in den innern
+R&auml;umen verborgen, und im Schulzimmer herrscht
+&Ouml;de, eine &Ouml;de, die einen beinahe krank macht.
+L&auml;rm soll nicht vorkommen. Es darf nur gehuscht
+und geschlichen und nur im Fl&uuml;stertone gesprochen
+werden. Schilinski schaut sich im Spiegel,
+Schacht schaut zum Fenster hinaus, oder er gestikuliert
+mit dem K&uuml;chenm&auml;dchen von gegen&uuml;ber,
+und Kraus lernt auswendig, indem er Lektionen
+vor sich hinmurmelt. Eine Grabesstille herrscht
+&uuml;berall. Der Hof liegt verlassen da wie eine
+viereckige Ewigkeit, und ich stehe meist aufrecht und
+&uuml;be mich, auf einem Bein zu stehen. Oft halte
+ich zur Abwechslung den Atem lang an. Auch eine
+&Uuml;bung, und es soll sogar, wie mir einmal ein
+Arzt sagte, eine gesundheitf&ouml;rdernde sein. Oder
+ich schreibe. Oder ich schlie&szlig;e die unm&uuml;den Augen,
+um nichts mehr zu sehen. Die Augen vermitteln
+<span class="pagenum"><a name="Page_86">[86]</a></span>
+Gedanken, und daher schlie&szlig;e ich sie von Zeit zu
+Zeit, um nichts denken zu m&uuml;ssen. Wenn man so
+da ist und nichts tut, sp&uuml;rt man pl&ouml;tzlich, wie
+penibel das Dasein sein kann. Nichtstun und
+dennoch Haltung beobachten, das fordert Energie,
+der Schaffende hat es leicht dagegen. Wir Z&ouml;glinge
+sind Meister in dieser Art Anstand. Sonst
+fangen die Nichtstuer aus Langeweile etwa an,
+ein wenig zu flegeln, zu strampeln, hochaufzug&auml;hnen
+oder zu seufzen. Das tun wir Eleven
+nicht. Wir pressen die Lippen fest und sind unbeweglich.
+&Uuml;ber unsern K&ouml;pfen schweben immer
+die m&uuml;rrischen Vorschriften. Manchmal, wenn wir
+so dasitzen oder dastehen, geht die T&uuml;re auf, und
+das Fr&auml;ulein geht langsam, uns sonderbar anschauend,
+durchs Schulzimmer. Wie ein Geist
+mutet sie mich dann an. Es ist, als wenn da
+jemand von weit, weit her k&auml;me. &raquo;Was macht
+ihr, Knaben?&laquo; fragt sie dann etwa, wartet aber
+gar keine Antwort ab, sondern geht weiter. Wie
+sch&ouml;n sie ist. Welch eine &uuml;ppige F&uuml;lle von tiefschwarzen
+Haaren. Meist sieht man sie gesenkten
+Auges. Sie hat Augen, die sich zum Niederschlagen
+herrlich eignen. Ihre Augendeckel (o,
+ich beobachte das alles scharf) sind &uuml;ppig gew&ouml;lbt
+und der raschen Bewegung wundersam f&auml;hig.
+Diese Augen! Sieht man sie einmal, so blickt
+man in etwas Abgrund-Banges und Tiefes
+<span class="pagenum"><a name="Page_87">[87]</a></span>
+hinein. Diese Augen scheinen in ihrer gl&auml;nzenden
+Schw&auml;rze nichts und zugleich alles Unsagbare zu
+sagen, so bekannt und so unbekannt zugleich muten
+sie an. Die Augenbrauen sind bis zum Zerrei&szlig;en
+d&uuml;nn und rund dar&uuml;ber gezeichnet und gezogen.
+Wer sie betrachtet, f&uuml;hlt Stiche. Sie sind wie
+Mondsicheln an einem krankhaft blassen Abendhimmel,
+wie feine, aber um so stechendere Wunden,
+innerlich schneidende. Und ihre Wangen! Das
+stille Sehnen und Zagen scheint Feste darauf zu
+feiern. Unverstandene Zartheit und Z&auml;rtlichkeit
+weint darauf auf und nieder. Zuweilen erscheint
+auf dem schimmernden Schnee dieser Wangen ein
+leises bittendes Rot, ein r&ouml;tliches, sch&uuml;chternes
+Leben, eine Sonne, doch nein, nur der schwache
+Abglanz einer solchen. Dann ist es, als l&auml;chelten
+pl&ouml;tzlich die Wangen, oder als fieberten sie ein
+wenig. Wenn man Fr&auml;ulein Benjamentas
+Wangen ansieht, vergeht einem die Lust, weiterzuleben,
+denn dann hat man das Gef&uuml;hl, als
+m&uuml;sse das Leben ein H&ouml;llengewimmel voller
+schn&ouml;der Roheiten sein. Etwas so Zartes l&auml;&szlig;t
+in etwas so Schweres und Bedrohliches fast gebieterisch
+blicken. Und ihre Z&auml;hne, die man hervorschimmern
+sieht, wenn der &uuml;ppig-g&uuml;tige Mund
+l&auml;chelt. Und wenn sie weint. Die Erde, meint
+man, m&uuml;sse aus den Punkten ihres Halts herabst&uuml;rzen,
+aus Scham und aus Weh, sie weinen zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_88">[88]</a></span>
+sehen. Und wenn man sie erst weinen &ndash;&nbsp;&ndash; h&ouml;rt?
+O, dann vergeht man. Neulich h&ouml;rten wir es,
+mitten in der Schulstunde. Wir alle haben gezittert
+wie Espenlaub. Ja, wir alle, wir lieben
+sie. Sie ist unsere Lehrerin, unser h&ouml;heres Wesen.
+Und sie leidet an etwas, das ist klar. Ist sie krank?</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Benjamenta hat mit mir ein paar
+Worte gesprochen, in der K&uuml;che. Ich wollte gerade in
+die Kammer hineingehen, da fragte sie mich, ohne
+mich im &uuml;brigen eines Blicks zu w&uuml;rdigen: &raquo;Wie
+geht es dir, Jakob? Geht es dir gut?&laquo; Ich nahm
+sogleich Achtungstellung an, wie es sich schickt,
+und sagte im Ton der Unterw&uuml;rfigkeit: &raquo;O ganz
+gewi&szlig;, gn&auml;diges Fr&auml;ulein. Mir kann es nicht
+anders als gut gehen.&laquo; &ndash; Sie l&auml;chelte schwach
+und fragte: &raquo;Wie meinst du das?&laquo; &ndash; So &uuml;ber die
+Schulter fragte sie das. Ich antwortete: &raquo;Es
+fehlt mir an nichts.&laquo; &ndash; Sie blickte mich kurz an
+und schwieg. Nach einer Weile sagte sie: &raquo;Du
+kannst gehen, Jakob. Du bist frei. Du brauchst
+nicht dazustehen.&laquo; &ndash; Ich erwies ihr die vorgeschriebene
+Ehre, indem ich mich verneigte, und
+dr&uuml;ckte mich in die Kammer. Es vergingen keine
+f&uuml;nf Minuten, so wurde geklopft. Ich st&uuml;rzte an
+die T&uuml;re. Ich kannte das Klopfen. Sie stand
+vor mir. &raquo;Du, Jakob,&laquo; fragte sie, &raquo;sage einmal,
+wie vertr&auml;gst du dich mit den Kameraden? Nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_89">[89]</a></span>
+wahr, es sind nette Menschen?&laquo; &ndash; Ich gab zur
+Antwort, da&szlig; sie mir alle, ohne Ausnahme,
+liebens- und achtenswert vork&auml;men. Die Lehrerin
+blinzelte mich mit den sch&ouml;nen Augen listig an
+und machte: &raquo;Na, na. Und mit Kraus zankst
+du dich doch. Ist Zanken bei dir das Zeichen der
+Liebe und Achtung?&laquo; &ndash; Ich erwiderte ohne Zaudern:
+&raquo;In gewissem Sinne ja, Fr&auml;ulein. &Uuml;brigens
+ist dieses Zanken nicht gar so ernst gemeint. Wenn
+Kraus Scharfsinn bes&auml;&szlig;e, w&uuml;rde er merken, da&szlig;
+ich ihn sogar allen andern vorziehe. Ich achte
+Kraus sehr, sehr. Es w&uuml;rde mich schmerzen, wenn
+Sie mir das nicht glaubten.&laquo; &ndash; Sie erfa&szlig;te
+meine Hand und dr&uuml;ckte sie leicht und sagte:
+&raquo;Beruhige dich nur. Sieh' einmal, wie du in
+Hitze kommst. Du Hitzkopf. Wenn es so ist, wie
+du sagst, so mu&szlig; ich ja wohl zufrieden mit dir sein.
+Ich bin es auch, wenn du fortf&auml;hrst, artig zu sein.
+Ja, das merke dir: Kraus ist ein prachtvoller
+Junge, und du kr&auml;nkst mich, wenn du Kraus unartig
+begegnest. Sei nett zu ihm. Ganz ausdr&uuml;cklich
+w&uuml;nsche ich das. Aber sei nicht traurig.
+Sieh' doch, ich mache dir ja keine Vorw&uuml;rfe.
+Welch ein verzogener, verw&ouml;hnter Aristokratensohn!
+Kraus ist ein so guter Mensch. Nicht wahr,
+Kraus ist ein guter Mensch, Jakob?&laquo; &ndash; Ich
+sagte: &raquo;Ja.&laquo; Nichts weiter als ja, und dann
+mu&szlig;te ich pl&ouml;tzlich ziemlich dumm lachen, ich wu&szlig;te
+<span class="pagenum"><a name="Page_90">[90]</a></span>
+gar nicht warum. Sie sch&uuml;ttelte den Kopf und
+ging. Warum ich nur habe lachen m&uuml;ssen? Noch
+jetzt wei&szlig; ich es nicht. Aber die Sache ist
+ja auch viel zu unbedeutend. Wann werde ich zu
+Geld gelangen? Diese Frage scheint mir bedeutsam.
+Das Geld besitzt in meinen Augen gegenw&auml;rtig
+einen vollkommen idealen Wert. Wenn
+ich mir den Klang eines Goldst&uuml;ckes vorstelle,
+werde ich beinahe rasend. Ich habe zu essen:
+Pfui. Ich m&ouml;chte reich sein und den Kopf zerschmettert
+haben. Ich mag bald &uuml;berhaupt nichts
+mehr essen.</p>
+
+<p>Wenn ich reich w&auml;re, w&uuml;rde ich keineswegs
+um die Erde reisen. Zwar, das w&auml;re ja gar nicht
+so &uuml;bel. Aber ich sehe nichts Berauschendes dahinter,
+das Fremde fl&uuml;chtig kennen zu lernen.
+Im allgemeinen w&uuml;rde ich es verschm&auml;hen, mich,
+wie man so sagt, weiter auszubilden. Mich w&uuml;rde
+eher die Tiefe, die Seele, als die Ferne und Weite
+locken. Das Naheliegende zu untersuchen w&uuml;rde
+mich reizen. Ich kaufte mir auch gar nichts.
+Ich w&uuml;rde mir keinen Besitz anschaffen. Elegante
+Kleider, feine W&auml;sche, einen Zylinder, bescheidene
+goldene Manschettenkn&ouml;pfe, lange Lackschuhe, das
+w&auml;re ungef&auml;hr alles, damit w&uuml;rde ich losziehen.
+Kein Haus, keinen Garten, keinen Diener, doch, ja,
+einen Diener, einen w&uuml;rdevollen braven Kraus
+<span class="pagenum"><a name="Page_91">[91]</a></span>
+w&uuml;rde ich mir engagieren. Und nun k&ouml;nnte es
+losgehen. Da w&uuml;rde ich im dampfenden Nebel
+auf die Stra&szlig;e gehen. Der Winter mit seiner
+melancholischen K&auml;lte w&uuml;rde vorz&uuml;glich zu meinen
+Goldst&uuml;cken passen. Die Banknoten tr&uuml;ge ich in
+der einfachen Brieftasche. Zu Fu&szlig; ginge ich einher,
+ganz wie gew&ouml;hnlich, in der unbewu&szlig;t-geheimen
+Absicht, es mich nicht so sehr merken zu
+lassen, wie f&uuml;rstlich reich ich w&auml;re. Vielleicht w&uuml;rde
+es auch schneien. Mir egal, im Gegenteil, mir
+sehr recht. Weicher Schneefall zwischen den abendlich
+leuchtenden Laternen. Das w&uuml;rde glitzern,
+reizend. Nie im Leben w&uuml;rde es mir einfallen,
+in eine Droschke zu steigen. Das tun Leute,
+die es entweder eilig haben oder nobel tun wollen.
+Ich aber w&uuml;rde weiter gar nicht nobel tun wollen,
+und eilig h&auml;tte ich es schon ganz und gar nicht.
+Gedanken w&uuml;rden mir kommen, indem ich so ginge.
+Pl&ouml;tzlich w&uuml;rde ich irgend jemanden gr&uuml;&szlig;en, sehr
+h&ouml;flich, und siehe, es w&auml;re ein Mann. Ganz
+artig w&uuml;rde ich nun den Mann anschauen, und da
+w&uuml;rde ich sehen, da&szlig; es ihm schlecht geht. Merken
+w&uuml;rde ich das, nicht sehen, so etwas merkt man,
+man s&auml;he es kaum, aber an irgend etwas s&auml;he
+man es. Nun, und dieser Mann w&uuml;rde mich
+fragen, was ich will, und es l&auml;ge Bildung in der
+Frage. Diese Frage w&auml;re ganz sanft und einfach
+gestellt worden, und das w&uuml;rde mich ersch&uuml;ttern.
+<span class="pagenum"><a name="Page_92">[92]</a></span>
+Denn ich w&auml;re ja auf etwas Barsches durchaus
+gefa&szlig;t gewesen. &raquo;Etwas Tief-Wundes mu&szlig; der
+Mann haben,&laquo; w&uuml;rde ich mir sogleich sagen, &raquo;sonst
+w&auml;re er &auml;rgerlich geworden.&laquo; &ndash; Und dann w&uuml;rde
+ich gar nichts, absolut nichts sagen, sondern ich
+begn&uuml;gte mich, ihn mehr und mehr anzuschauen.
+Nicht scharf, o nein, ganz einfach, vielleicht sogar
+ein wenig fr&ouml;hlich. Und nun w&uuml;&szlig;te ich, wer er
+w&auml;re. Ich &ouml;ffnete meine Brieftasche, entn&auml;hme ihr
+glatt zehntausend Mark in zehn einzelnen Noten
+und g&auml;be diese Summe dem Mann. Darauf w&uuml;rde
+ich den Hut ebenso artig wie vorhin l&uuml;ften, gute
+Nacht sagen und gehen. Und es w&uuml;rde fortfahren
+zu schneien. Im Gehen w&uuml;rde ich gar nichts mehr
+denken, ich k&ouml;nnte nicht, es w&auml;re mir viel zu wohl
+zu so etwas. Einem eklig darbenden K&uuml;nstler,
+das w&uuml;&szlig;te ich ganz bestimmt, h&auml;tte ich's gegeben,
+das Geld. Ja, das w&uuml;&szlig;te ich, denn ich w&uuml;rde mich
+nicht haben t&auml;uschen k&ouml;nnen. O, eine gro&szlig;e, eine
+hei&szlig;e, eine aufrichtige Sorge w&uuml;rde es weniger in
+der Welt geben. Nun, und in der folgenden Nacht
+w&uuml;rde ich vielleicht auf ganz andere Einf&auml;lle
+kommen. Jedenfalls reiste ich nicht um die Erde,
+sondern ich beginge lieber irgend welche Tollheiten
+und Torheiten. So z.&nbsp;B. k&ouml;nnte ich ja auch ein
+wahnsinnig reiches und lustbeladenes Gastmahl
+geben und Orgien niegesehener Art veranstalten.
+Ich wollte es mich Hunderttausend kosten lassen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_93">[93]</a></span>
+Ganz bestimmt m&uuml;&szlig;te das Geld auf sinnverwirrende
+Art und Weise verbraucht werden, denn nur
+das echt vertane Geld w&auml;re ein sch&ouml;nes Geld &ndash;&nbsp;&ndash;
+gewesen. Und eines Tages w&uuml;rde ich betteln, und
+da schiene die Sonne, und ich w&auml;re so froh, &uuml;ber
+was, das w&uuml;rde ich gar nicht zu wissen begehren.
+Und da k&auml;me Mama und fiele mir um den
+Hals&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;. Nette Tr&auml;umereien sind das!</p>
+
+<p>Kraus hat etwas Altes in Gesicht und Wesen,
+und dieses Alte, das er ausstrahlt, f&uuml;hrt den, der
+ihn anschaut, nach Pal&auml;stina. Abrahams Zeiten
+werden auf dem Antlitz meines Mitsch&uuml;lers wieder
+lebendig. Das alte patriarchalische Zeitalter mit
+seinen mysteri&ouml;sen Sitten und Landschaftsgegenden
+taucht hervor und schaut einen v&auml;terlich an. Es
+ist mir, als wenn es damals lauter V&auml;ter mit
+steinalten Gesichtern und langen braunen, verwickelten
+B&auml;rten gegeben h&auml;tte, was ja nat&uuml;rlich
+nur Unsinn ist, und doch ist vielleicht etwas, das
+Tatsachen entspricht, an dieser sonst ganz einf&auml;ltigen
+Empfindung. Ja, damals! Schon dieses
+Wort: damals: wie elterlich und h&auml;uslich mutet
+es an. Zu den alt-israelitischen Zeiten durfte es
+ruhig noch hin und wieder einen Papa Isaak oder
+Abraham geben, er geno&szlig; eben Achtung und lebte
+seine alten Tage in einem nat&uuml;rlichen Reichtum,
+der in L&auml;nderbesitz bestand, dahin. Damals wob
+<span class="pagenum"><a name="Page_94">[94]</a></span>
+um das graue Alter etwas wie Majest&auml;t. Greise
+waren damals wie K&ouml;nige, und die gelebten Jahre
+bedeuteten dasselbe wie ebensoviele erworbene
+Hoheitsrechte. Und wie jung diese Alten blieben.
+Sie schufen noch mit hundert Jahren S&ouml;hne und
+T&ouml;chter. Damals gab es noch keine Zahn&auml;rzte,
+und darum mu&szlig; man annehmen, da&szlig; es damals
+&uuml;berhaupt keine verdorbenen Z&auml;hne gab. Und
+wie sch&ouml;n ist z.&nbsp;B. Joseph in &Auml;gypten. Kraus
+hat etwas von Joseph in Potiphars Haus. Da
+ist er als jugendlicher Sklave verkauft worden,
+und siehe, man bringt ihn zu einem schwerreichen,
+redlichen und feinen Mann. Da ist er nun Haussklave,
+aber er hat es ganz sch&ouml;n. Die Gesetze
+waren damals vielleicht unhuman, gewi&szlig;, aber die
+Sitten und Gebr&auml;uche und Anschauungen waren
+daf&uuml;r um so zarter und feiner. Heute h&auml;tte es
+ein Sklave viel schlechter, Gott beh&uuml;te! &Uuml;brigens
+gibt es sehr, sehr viele Sklaven mitten unter uns
+modernen, hochm&uuml;tig-fix und fertigen Menschen.
+Vielleicht sind wir heutigen Menschen alle so etwas
+wie Sklaven, beherrscht von einem &auml;rgerlichen,
+peitscheschwingenden, unfeinen Weltgedanken. &ndash;
+Gut, und da verlangt nun eines Tages die Herrin
+des Hauses von Joseph, er solle ihr willig sein.
+Wie merkw&uuml;rdig, da&szlig; man solche uralten Treppen-
+und T&uuml;rensachen heute genau noch wei&szlig;, da&szlig; es
+<span class="pagenum"><a name="Page_95">[95]</a></span>
+in alle Zeiten, von Mund zu Mund, fortlebt. In
+allen Primarschulen wird die Geschichte gelehrt,
+und da will man an den Pedanten etwas aussetzen?
+Ich verachte die Leute, die die sch&ouml;ne Pedanterie
+untersch&auml;tzen, das sind durchaus geistlose,
+urteilsschw&auml;chliche Menschen. Sch&ouml;n, und da
+weigert sich Kraus, wollte sagen Joseph. Aber
+es k&ouml;nnte ganz gut Kraus sein, denn er hat so
+etwas Joseph-in-&Auml;gypten-haftes. &raquo;Nein, gn&auml;dige
+Frau, so etwas tu' ich nicht. Ich bin meinem
+Herrn Treue schuldig.&laquo; &ndash; Da geht nun die
+&uuml;brigens reizende Frau und verklagt den jungen
+Diener, er habe eine Schn&ouml;digkeit begangen und
+habe seine Gebieterin zu einem Fehltritt verf&uuml;hren
+wollen. Aber weiter wei&szlig; ich nichts. Merkw&uuml;rdig,
+ich wei&szlig; nicht, was jetzt Potiphar sagte und machte.
+Den Nil sehe ich aber immer ganz deutlich. Ja,
+Kraus k&ouml;nnte so gut Joseph sein wie nur irgend
+etwas. Haltung, Gestalt, Gesicht, Frisur und Geb&auml;rde
+passen unvergleichlich. Sogar seine leider
+Gottes immer noch nicht geheilte Hautauszeichnung.
+Pickel sind etwas Biblisches, Orientalisches.
+Und die Moral, der Charakter, der feste Besitz
+keuscher J&uuml;nglingstugenden? Wundervoll pa&szlig;t
+das. Joseph in &Auml;gypten mu&szlig; auch ein kleiner,
+sattelfester Pedant gewesen sein, sonst w&uuml;rde er der
+l&uuml;sternen Frau gehorcht und seinem Herrn die
+<span class="pagenum"><a name="Page_96">[96]</a></span>
+Treue gebrochen haben. Kraus w&uuml;rde genau wie
+sein alt&auml;gyptisches Ebenbild handeln. Die H&auml;nde
+w&uuml;rde er beschw&ouml;rend hochheben und mit halb
+flehender, halb strafender Miene sagen: &raquo;Nein,
+nein, das tue ich nicht&laquo; usw.</p>
+
+<p>Der liebe Kraus. Immer zieht es mich in
+Gedanken wieder nach ihm hin. An ihm sieht man
+so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet.
+Kraus wird sp&auml;ter im Leben, wohin er
+auch kommen wird, immer als brauchbarer, aber
+als ungebildeter Mensch angesehen werden, f&uuml;r
+mich aber ist gerade er durchaus gebildet, und zwar
+haupts&auml;chlich deshalb, weil er ein festes, gutes
+Ganzes darstellt. Man kann gerade ihn eine
+menschliche Bildung nennen. Das flattert um
+Kraus herum nicht von gefl&uuml;gelten und lispelnden
+Kenntnissen, daf&uuml;r ruht etwas in ihm, und er,
+er ruht und beruht auf etwas. Man kann sich
+mit der Seele selber auf ihn verlassen. Er wird
+nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun,
+das vor allen Dingen, dieses Nicht-Schwatzhafte,
+nenne ich Bildung. Wer schwatzt, ist ein Betr&uuml;ger,
+er kann ein ganz netter Mensch sein, aber
+seine Schw&auml;che, alles, was er gerade denkt, so
+herauszuschwatzen, macht ihn zum gemeinen und
+schlechten Gesellen. Kraus bewahrt sich, er beh&auml;lt
+immer etwas f&uuml;r sich, er glaubt, es nicht n&ouml;tig
+<span class="pagenum"><a name="Page_97">[97]</a></span>
+zu haben, so drauf los zu reden, und das wirkt
+wie G&uuml;te und lebhaftes Schonen. Das nenne ich
+Bildung. Kraus ist unliebensw&uuml;rdig und oft
+ziemlich grob gegen Menschen seines Alters und
+seines Geschlechtes, und gerade deshalb mag ich
+ihn so gern, denn das beweist mir, da&szlig; er sich auf
+den brutalen und gedankenlosen Verrat nicht versteht.
+Er ist treu und anst&auml;ndig gegen alle. Denn
+das ist es ja: aus gemeiner Liebensw&uuml;rdigkeit
+pflegt man meist hinzugehen und Ruf und Leben
+seines Nachbarn, seines Kameraden, ja seines
+Bruders auf die entsetzlichste Weise zu sch&auml;nden.
+Kraus kennt wenig, aber er ist nie, nie gedankenlos,
+er unterwirft sich immer gewissen selbstgestellten
+Geboten, und das nenne ich Bildung. Was
+an einem Menschen liebevoll und gedankenvoll ist,
+das ist Bildung. Und dann ist ja noch so vieles.
+So von aller und jeder, auch der kleinsten Selbstsucht
+entfernt, dagegen aber der Selbstzucht so nah
+zu sein, wie Kraus, das ist es, wie ich denke,
+was Fr&auml;ulein Benjamenta veranla&szlig;t hat zu sagen:
+&raquo;Nicht wahr, Jakob, Kraus ist gut?&laquo; &ndash; Ja, er
+ist gut. Wenn ich diesen Kameraden verliere,
+gehen mir Himmelreiche verloren, ich wei&szlig; es.
+Und ich f&uuml;rchte mich jetzt fast, ferner mit Kraus
+in ausgelassener Weise zu zanken. Ich m&ouml;chte ihn
+nur noch anschauen, immer, immer anschauen,
+denn ich werde mich ja sp&auml;ter mit seinem Bild
+<span class="pagenum"><a name="Page_98">[98]</a></span>
+begn&uuml;gen m&uuml;ssen, da uns beide ja doch das gewaltsame
+Leben trennen wird.</p>
+
+<p>Ich verstehe jetzt auch, warum Kraus keine
+&auml;u&szlig;ern Vorz&uuml;ge, keine k&ouml;rperlichen Zierlichkeiten
+besitzt, warum ihn die Natur so zwerghaft zerdr&uuml;ckt
+und verunstaltet hat. Sie will irgend etwas
+mit ihm, sie hat etwas mit ihm vor, oder sie hat
+von Anfang an etwas mit ihm vorgehabt. Dieser
+Mensch ist der Natur vielleicht zu rein gewesen,
+und deshalb hat sie ihn in einen unansehnlichen,
+geringen, unsch&ouml;nen K&ouml;rper geworfen, um ihn vor
+den verderblichen &auml;u&szlig;ern Erfolgen zu bewahren.
+Vielleicht ist es auch anders gewesen, und die
+Natur ist &auml;rgerlich und boshaft gewesen, als sie
+Kraus schuf. Aber wie leid mu&szlig; es ihr jetzt tun,
+ihn stiefm&uuml;tterlich behandelt zu haben. Und wer
+wei&szlig;. Vielleicht freut sie sich des anmutlosen
+Meisterwerkes, das sie hervorgebracht hat, und
+wirklich, sie h&auml;tte Ursache, sich zu freuen, denn
+dieser ungrazi&ouml;se Kraus ist sch&ouml;ner als die grazi&ouml;sesten
+und sch&ouml;nsten Menschen. Er gl&auml;nzt nicht
+mit Gaben, aber mit dem Schimmer eines guten
+und unverdorbenen Herzens, und seine schlechten,
+schlichten Manieren sind vielleicht trotz alles H&ouml;lzernen,
+das ihnen anhaftet, das Sch&ouml;nste, was es
+an Bewegung und Manier in der menschlichen
+Gesellschaft geben kann. Nein, Erfolg wird Kraus
+<span class="pagenum"><a name="Page_99">[99]</a></span>
+nie haben, weder bei den Frauen, die ihn trocken
+und h&auml;&szlig;lich finden werden, noch sonst im Weltleben,
+das an ihm achtlos vor&uuml;bergehen wird.
+Achtlos? Ja, man wird Kraus nie achten, und
+gerade das, da&szlig; er, ohne Achtung zu genie&szlig;en,
+dahinleben wird, das ist ja das Wundervolle und
+Planvolle, das An-den-Sch&ouml;pfer-Mahnende. Gott
+gibt der Welt einen Kraus, um ihr gleichsam ein
+tiefes unaufl&ouml;sbares R&auml;tsel aufzugeben. Nun, und
+das R&auml;tsel wird nie begriffen werden, denn siehe:
+man gibt sich ja gar nicht einmal M&uuml;he, es zu
+l&ouml;sen, und gerade deshalb ist dieses Kraus-R&auml;tsel
+ein so Herrliches und Tiefes: weil niemand begehrt,
+es zu l&ouml;sen, weil &uuml;berhaupt gar kein lebendiger
+Mensch hinter diesem namenlos unscheinbaren
+Kraus irgend eine Aufgabe, irgend ein
+R&auml;tsel oder eine zartere Bedeutung vermuten wird.
+Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein Nichts, ein
+Diener. Ungebildet, gut genug gerade, die sauerste
+Arbeit zu verrichten, wird er jedermann vorkommen,
+und sonderbar: darin, n&auml;mlich in diesem Urteil,
+wird man sich auch nicht irren, sondern man wird
+durchaus recht haben, denn es ist ja wahr: Kraus,
+die Bescheidenheit selber, die Krone, der Palast
+der Demut, er will ja geringe Arbeiten verrichten,
+er kann's und er will's. Er hat nichts anderes im
+Sinn, als zu helfen, zu gehorchen und zu dienen,
+und das wird man gleich merken und wird ihn
+<span class="pagenum"><a name="Page_100">[100]</a></span>
+ausnutzen, und darin, da&szlig; man ihn ausnutzt,
+liegt eine so strahlende, von G&uuml;te und Helligkeit
+schimmernde, goldene, g&ouml;ttliche Gerechtigkeit. Ja,
+Kraus ist ein Bild rechtlichen, ganz, ganz eint&ouml;nigen,
+einsilbigen und eindeutigen Wesens. Niemand
+wird die Schlichtheit dieses Menschen verkennen,
+und deshalb wird ihn auch niemand achten,
+und er wird durchaus erfolglos bleiben. Reizend,
+reizend, dreimal reizend finde ich das. O, was
+Gott schafft, ist so gn&auml;dig, so reizvoll, mit Reizen
+und Gedanken &uuml;ber und &uuml;ber behangen. Man wird
+denken, das sei sehr &uuml;berspannt gesprochen. Nun,
+das ist, ich mu&szlig; es gestehen, noch lange nicht das
+&Uuml;berspannteste. Nein, kein Erfolg, kein Ruhm,
+keine Liebe werden Kraus je bl&uuml;hen, das ist sehr
+gut, denn die Erfolge haben nur die Zerfahrenheit
+und einige billige Weltanschauungen zur unabstreifbaren
+Begleitschaft. Man sp&uuml;rt es sofort,
+wenn Menschen Erfolge und Anerkennung aufzuweisen
+haben, sie werden quasi dick von s&auml;ttigender
+Selbstzufriedenheit, und ballonhaft bl&auml;st sie die
+Kraft der Eitelkeit auf, zum Niewiedererkennen.
+Gott beh&uuml;te einen braven Menschen vor der Anerkennung
+der Menge. Macht es ihn nicht schlecht,
+so verwirrt und entkr&auml;ftet es ihn blo&szlig;. Dank,
+ja. Dank ist etwas ganz Anderes. Doch einem
+Kraus wird man nicht einmal danken, und auch
+das ist durchaus nicht n&ouml;tig. Alle zehn Jahre
+<span class="pagenum"><a name="Page_101">[101]</a></span>
+wird jemand vielleicht einmal zu Kraus sagen:
+&raquo;Danke, Kraus&laquo;, und dann wird er ganz dumm,
+gr&auml;&szlig;lich dumm l&auml;cheln. Verliederlichen wird mein
+Kraus nie, denn es werden sich ihm immer gro&szlig;e,
+lieblose Schwierigkeiten entgegenstellen. Ich
+glaube, ich, ich bin einer der ganz wenigen, vielleicht
+der einzige, oder vielleicht sind es zwei oder
+drei Menschen, die wissen werden, was sie an
+Kraus besitzen oder besessen haben. Das Fr&auml;ulein,
+ja, die wei&szlig; es. Auch Herr Vorsteher vielleicht.
+Ja ganz gewi&szlig;. Herr Benjamenta ist gewi&szlig; tiefblickend
+genug, um wissen zu k&ouml;nnen, was Kraus
+wert ist. Ich mu&szlig; aufh&ouml;ren, heute, mit Schreiben.
+Es rei&szlig;t mich zu sehr hin. Ich verwildere. Und
+die Buchstaben flimmern und tanzen mir vor
+den Augen.</p>
+
+<p>Hinter unserm Haus liegt ein alter, verwahrloster
+Garten. Wenn ich ihn morgens fr&uuml;h vom
+Bureaufenster aus sehe (ich mu&szlig; mit Kraus zusammen
+jeden zweiten Morgen aufr&auml;umen), tut
+er mir leid, da&szlig; er so unbesorgt daliegen mu&szlig;,
+und ich h&auml;tte jedesmal Lust, hinunterzugehen und
+ihn zu pflegen. Das sind &uuml;brigens Sentimentalit&auml;ten.
+Mag der Teufel die irref&uuml;hrenden Weichseligkeiten
+holen. Es gibt bei uns im Institut
+Benjamenta noch ganz andere G&auml;rten. In den
+wirklichen Garten zu gehen, ist verboten. Kein
+<span class="pagenum"><a name="Page_102">[102]</a></span>
+Z&ouml;gling darf ihn betreten, warum eigentlich, wei&szlig;
+ich nicht. Aber wie gesagt, wir haben einen
+andern, vielleicht sch&ouml;neren Garten als der tats&auml;chliche
+ist. In unserem Lehrbuch: &raquo;Was bezweckt
+die Knabenschule&laquo; hei&szlig;t es auf Seite acht:
+&raquo;Das gute Betragen ist ein bl&uuml;hender Garten.&laquo;
+&ndash; Also in solchen, in geistigen und empfindlichen
+G&auml;rten, d&uuml;rfen wir Sch&uuml;ler herumspringen. Nicht
+&uuml;bel. F&uuml;hrt sich einer von uns schlecht auf, so
+wandelt er wie von selber in einer garstigen,
+finstern H&ouml;lle. H&auml;lt er sich aber brav, so geht er
+unwillk&uuml;rlich zum Lohn zwischen schattigem,
+sonnenbetupftem Gr&uuml;n spazieren. Wie verf&uuml;hrerisch!
+Und es liegt meiner armseligen Knabenmeinung
+nach etwas Wahres in dem netten Lehrsatz.
+Benimmt sich einer dumm, so mu&szlig; er sich
+sch&auml;men und &auml;rgern, und das ist die peinliche H&ouml;lle,
+in welcher er schwitzt. Ist er dagegen aufmerksam
+gewesen und hat er sich geschmeidig benommen,
+so nimmt ihn jemand Unsichtbares an der Hand,
+etwas Trauliches, Genienhaftes, und das ist der
+Garten, die gute F&uuml;gung, und er lustwandelt nun
+unwillk&uuml;rlich in traulichen, gr&uuml;nlichen Gefilden.
+Darf ein Sch&uuml;ler des Institutes Benjamenta zufrieden
+mit sich sein, was selten vorkommt, da
+es bei uns von Vorschriften hagelt, blitzt, schneit
+und regnet, so duftet es um ihn herum, und das
+ist der s&uuml;&szlig;e Duft des bescheidenen, aber wacker
+<span class="pagenum"><a name="Page_103">[103]</a></span>
+erk&auml;mpften Lobes. Lobt Fr&auml;ulein Benjamenta,
+dann duftet es, und r&uuml;gt sie, dann wird es im
+Schulzimmer finster. Welch eine sonderbare Welt:
+unsere Schule. Ist ein Z&ouml;gling artig und schicklich
+gewesen, so w&ouml;lbt sich pl&ouml;tzlich &uuml;ber seinem Kopf
+irgend etwas, und das ist der blaue, unersetzliche
+Himmel &uuml;ber dem eingebildeten Garten. Sind wir
+Eleven recht geduldig gewesen, und haben wir uns
+in der Anstrengung recht brav aufrecht gehalten,
+haben wir, was man warten und ausharren nennt,
+k&ouml;nnen, dann goldet es mit einem Mal vor
+unsern etwas erm&uuml;deten Augen, und dann wissen
+wir, da&szlig; es die himmlische Sonne ist. Dem, der
+sich aufrichtig und berechtigt m&uuml;de f&uuml;hlt, scheint
+die Sonne. Und haben wir uns auf keinen unlauteren
+W&uuml;nschen zu ertappen brauchen, was
+immer so ungl&uuml;cklich macht, so horchen wir: ei,
+was ist das? Da singen ja V&ouml;gel! Nun, dann
+sind es eben die gl&uuml;cklichen, sch&ouml;nbefiederten
+kleinen S&auml;nger unseres Gartens gewesen, die da
+gesungen und anmutig gel&auml;rmt haben. Jetzt sage
+man selber: Brauchen wir Z&ouml;glinge des Institutes
+Benjamenta noch sonstige G&auml;rten, als die, die wir
+uns selbst schaffen? Wir sind reiche Herren, wenn
+wir uns zierlich und anst&auml;ndig auff&uuml;hren. Wenn
+z.&nbsp;B. ich w&uuml;nsche, Geld zu besitzen, was leider
+nur allzu oft vorkommt, dann sinke ich in die tiefen
+Schl&uuml;nde des hoffnungslosen, w&uuml;tenden Begehrens,
+<span class="pagenum"><a name="Page_104">[104]</a></span>
+o, dann leide und schmachte ich, und ich
+mu&szlig; am Erretten zweifeln. Und blicke ich dann
+Kraus an, dann erfa&szlig;t mich ein tiefes, murmelndes,
+quellenhaftes, wundervolles Behagen.
+Das ist der friedliche Bescheidenheitsquell, der in
+unserem Garten auf und nieder pl&auml;tschert, und ich
+bin dann so gl&uuml;cklich, so gut aufgelegt, so gestimmt
+auf das Gute. Ah, und ich sollte Kraus nicht
+lieben? Ist einer von uns, d.&nbsp;h. w&auml;re einer von
+uns ein Held gewesen, h&auml;tte er etwas Mutiges mit
+Gefahr seines Lebens vollbracht (so hei&szlig;t es im
+Lehrbuch), so w&uuml;rde er in das marmorne, mit
+Wandmalereien geschm&uuml;ckte S&auml;ulenhaus treten
+d&uuml;rfen, das im Gr&uuml;n unseres Gartens heimlich
+verborgen liegt, und dort w&uuml;rde ihn ein Mund
+k&uuml;ssen. Was f&uuml;r ein Mund, das steht nicht im
+Lehrbuch. Und wir sind ja doch keine Helden.
+Wozu auch! Erstens fehlt uns die Gelegenheit,
+uns heroisch zu benehmen, und zweitens, ich wei&szlig;
+nicht recht, ob z.&nbsp;B. Schilinski oder der lange
+Peter f&uuml;r Aufopferungen zu haben w&auml;ren. Unser
+Garten ist auch ohne K&uuml;sse, Helden und S&auml;ulenpavillons
+eine h&uuml;bsche Einrichtung, glaube ich.
+Mich friert es, wenn ich von Helden rede. Da
+schweige ich lieber.</p>
+
+<p>Ich fragte Kraus neulich, ob er nicht auch
+von Zeit zu Zeit etwas wie Langeweile empfinde.
+<span class="pagenum"><a name="Page_105">[105]</a></span>
+Er schaute mich vorwurfsvoll mit zurechtweisenden
+Augen an, &uuml;berlegte ein wenig und sagte: &raquo;Langeweile?
+Du bist wohl nicht ganz gescheit, Jakob.
+Und erlaube mir, dir zu sagen, da&szlig; du ebenso naive
+wie s&uuml;ndhafte Fragen stellst. Wer wird sich in
+der Welt langweilen? Vielleicht du. Ich nicht,
+das sage ich dir. Ich lerne hier aus dem Buch
+auswendig. Nun? Habe ich da Zeit, mich zu
+langweilen? Welch t&ouml;richte Fragen. Noble Leute
+langweilen sich vielleicht, nicht Kraus, und du
+langweilst dich, sonst w&uuml;rdest du gar nicht auf den
+Gedanken kommen, und w&uuml;rdest gar nicht hierher
+zu mir kommen, so etwas zu fragen. Man kann
+immer, wenn nicht nach au&szlig;en, so doch wenigstens
+nach innen, ein wenig t&auml;tig sein, man kann murmeln,
+Jakob. Gewi&szlig; wolltest du mich schon oft
+auslachen wegen meines Murmelns, aber, h&ouml;re
+und sage mir, wei&szlig;t du denn, was ich murmle?
+Worte, lieber Jakob. Ich murmle und wiederhole
+immer Worte. Das ist gesund, kann ich dir
+sagen. Verschwinde mit deiner Langeweile.
+Langeweile gibt es bei Menschen, die da immer
+gew&auml;rtigen, es solle von au&szlig;en her etwas Aufmunterndes
+auf sie zutreten. Wo &uuml;ble Laune, wo
+Sehnsucht ist, da ist Langeweile. Geh' nur, bel&auml;stige
+mich nicht, la&szlig; mich lernen, geh' du an
+irgend ein St&uuml;ck Aufgabe. Plag' dich an etwas,
+dann langweilst du dich gewi&szlig; nicht mehr. Und
+<span class="pagenum"><a name="Page_106">[106]</a></span>
+bitte, vermeide in Zukunft solcherlei einen fast aus
+aller Fassung bringende, &uuml;ber und &uuml;ber dumme
+Fragen.&laquo; &ndash; Ich fragte: &raquo;Hast du jetzt ausgeredet,
+Kraus?&laquo; und lachte. Doch er blickte mich nur ganz
+mitleidig an. Nein, Kraus kann sich nie, nie
+langweilen. Ich wu&szlig;te das ja zur Gen&uuml;ge, ich
+habe ihn nur wieder einmal reizen wollen. Wie
+unsch&ouml;n ist das von mir, und wie leer. Ich mu&szlig;
+mich entschieden bessern. Wie schlecht das ist,
+Kraus immer &auml;ffen und &auml;rgern zu wollen. Und
+doch: wie reizend. Seine Vorw&uuml;rfe klingen so
+lustig. Es ist etwas so Vater-Abraham-m&auml;&szlig;iges
+in seinen Ermahnungen.</p>
+
+<p>Was hat mir doch vor ein paar Tagen Furchtbares
+getr&auml;umt. Ich war im Traum ein ganz
+schlechter, schlechter Mensch geworden, wodurch,
+das wollte sich mir nicht offenbaren. Roh war
+ich vom Wirbel bis zur Sohle, ein aufgedonnertes,
+unbeholfenes, grausames St&uuml;ck Menschenfleisch.
+Ich war dick, es ging mir scheinbar ganz gl&auml;nzend.
+Ringe blitzten an den Fingern meiner unf&ouml;rmigen
+H&auml;nde, und ich besa&szlig; einen Bauch, an dem zentnerschwere,
+fleischige W&uuml;rde nachl&auml;ssig herabhing. Ich
+f&uuml;hlte so recht, da&szlig; ich befehlen und Launen
+losschie&szlig;en durfte. Neben mir, auf einem reichbesetzten
+Tisch, prangten die Gegenst&auml;nde einer
+nicht zu befriedigenden E&szlig;- und Trinkbegierde,
+<span class="pagenum"><a name="Page_107">[107]</a></span>
+Wein- und Lik&ouml;rflaschen, und die auserlesensten
+kalten Gerichte. Ich konnte nur zulangen, und
+das tat ich von Zeit zu Zeit. An den Messern
+und Gabeln klebten die Tr&auml;nen zugrunde gerichteter
+Gegner, und mit den Gl&auml;sern klangen die
+Seufzer vieler armer Leute, aber die Tr&auml;nenspuren
+reizten mich nur zum Lachen, w&auml;hrend mir
+die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ert&ouml;nten.
+Ich brauchte Tafelmusik und ich hatte sie. Anscheinend
+hatte ich sehr, sehr gute Gesch&auml;fte auf
+Kosten des Wohlergehens anderer gemacht, und
+das freute mich in alle Ged&auml;rme hinein. O, o,
+wie mich doch das Bewu&szlig;tsein, einigen Mitmenschen
+den Boden unter den F&uuml;&szlig;en weggezogen
+zu haben, erlabte! Und ich griff zur Klingel
+und schellte. Ein alter Mann trat herein, pardon,
+kroch herein, es war die Lebensweisheit, und sie
+kroch an meine Stiefel heran, um sie zu k&uuml;ssen.
+Und ich erlaubte dem entw&uuml;rdigten Wesen das.
+Man denke: die Erfahrung, der gute edle Grundsatz:
+er leckte mir die F&uuml;&szlig;e. Das nenne ich Reichtum.
+Weil es mir grad so einfiel, klingelte ich
+wieder, denn es juckte mich, ich wei&szlig; nicht mehr,
+wo, nach sinnreicher Abwechslung, und es erschien
+ein halbw&uuml;chsiges M&auml;dchen, ein wahrer Leckerbissen
+f&uuml;r mich W&uuml;stling. Kindliche Unschuld, so
+nannte sie sich, und begann, die Peitsche, die neben
+mir lag, fl&uuml;chtig mit dem Auge streifend, mich
+<span class="pagenum"><a name="Page_108">[108]</a></span>
+zu k&uuml;ssen, was mich unglaublich auffrischte. Die
+Angst und die fr&uuml;hzeitige Verdorbenheit flatterten
+in den sch&ouml;nen rehgleichen Augen des Kindes. Als ich
+genug hatte, klingelte ich wieder, und es trat auf:
+der Lebensernst, ein sch&ouml;ner, schlanker, junger,
+aber armer Mensch. Es war einer meiner Lakaien,
+und ich befahl ihm stirnrunzelnd, mir das Ding
+da, wie hie&szlig; es schon, nun ja, hab' ich's endlich,
+mir die Lust zur Arbeit hereinzuf&uuml;hren. Bald
+darauf trat der Eifer herein, und ich machte mir
+das Vergn&uuml;gen, ihm, dem Voll-Menschen, dem
+prachtvoll gebauten Arbeitsmann, eins mit der
+Peitsche &uuml;berzuknallen, mitten ins ruhig wartende
+Gesicht, zum rein Kaputtlachen. Und das Streben,
+das urw&uuml;chsige Schaffen, es lie&szlig; sich's gefallen.
+Nun allerdings lud ich es mit einer tr&auml;gen,
+g&ouml;nnerhaften Handbewegung zum Glas Wein ein,
+und das dumme Luder schl&uuml;rfte den Schandwein.
+&raquo;Geh', sei f&uuml;r mich t&auml;tig,&laquo; sagte ich, und es ging.
+Nun kam die Tugend, eine weibliche Gestalt von
+f&uuml;r jeden Nicht-ganz-Hartgefrorenen &uuml;berw&auml;ltigender
+Sch&ouml;nheit, weinend herein. Ich nahm sie
+auf meinen Scho&szlig; und trieb Unsinn mit ihr. Als
+ich ihr den unaussprechlichen Schatz geraubt hatte,
+das Ideal, jagte ich sie h&ouml;hnisch hinaus, und,
+nun pfiff ich, und es erschien Gott selber. Ich
+schrie: &raquo;Was? Auch du?&laquo; Und erwachte schwei&szlig;triefend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_109">[109]</a></span>
+&ndash; wie froh war ich doch, da&szlig; es nur ein
+b&ouml;ser Traum war. Mein Gott, ich darf noch
+hoffen, es werde noch eines Tages etwas aus mir.
+Wie im Traum doch alles an die Grenze des
+Wahnsinns streift. Kraus w&uuml;rde mich sch&ouml;n anglotzen,
+wenn ich ihm das erz&auml;hlte.</p>
+
+<p>Die Art, wie wir Fr&auml;ulein verehren, ist doch
+eigentlich komisch. Aber ich z.&nbsp;B. bin sehr f&uuml;rs
+Komische, es enth&auml;lt unbedingt Zauber. Um acht
+beginnt immer der Unterricht. Nun, da sitzen
+wir Z&ouml;glinge schon zehn Minuten vorher voll
+Spannung und Erwartung an unsern Pl&auml;tzen und
+schauen unbeweglich nach der T&uuml;re, in welcher die
+Vorgesetzte erscheinen soll. Auch f&uuml;r diese Art
+von vorauseilender Respektsbezeugung haben wir
+exakte Vorschriften. Es gilt als Gesetz, nach derjenigen
+hinzuhorchen, ob sie bald komme, die dann
+und dann bestimmt eintreten wird. Wir Sch&uuml;ler
+sollen uns echt dummejungenhaft zehn Minuten
+lang auf das Aufstehen von unsern Pl&auml;tzen vorbereiten.
+Eine kleine Entehrung liegt in all diesen
+kleinlichen Forderungen, die eigentlich l&auml;cherlich
+sind, aber uns soll nichts an unserer pers&ouml;nlichen,
+sondern uns soll alles an der Ehre des Institutes
+Benjamenta gelegen sein, und das ist wahrscheinlich
+auch das Richtigste, denn hat ein Sch&uuml;ler
+<span class="pagenum"><a name="Page_110">[110]</a></span>
+Ehre? Keine Rede. Recht bevormundet und gezwiebelt
+zu werden, das h&ouml;chstens kann eine Ehre
+f&uuml;r uns sein. Gedrillt werden ist f&uuml;r Z&ouml;glinge
+ehrenhaft, sonnenklar ist das. Aber wir rebellieren
+auch gar nicht. W&uuml;rde uns nie einfallen. Wir
+haben, zusammengerechnet, ja so wenig Gedanken.
+Ich habe vielleicht noch die meisten Gedanken,
+leicht m&ouml;glich ist das, aber ich verachte im Grunde
+genommen mein ganzes Denkverm&ouml;gen. Ich
+sch&auml;tze nur Erfahrungen, und die sind in der Regel
+von allem Denken und Vergleichen vollkommen
+unabh&auml;ngig. So sch&auml;tze ich an mir, wie ich eine
+T&uuml;re &ouml;ffne. Im T&uuml;r&ouml;ffnen liegt mehr verborgenes
+Leben als in einer Frage. Nun ja, es regt eben
+alles zum Fragen und Vergleichen und Erinnern
+an. Gewi&szlig; mu&szlig; man auch denken, sehr sogar.
+Aber sich f&uuml;gen, das ist viel, viel feiner als denken.
+Denkt man, so str&auml;ubt man sich, und das ist immer
+so h&auml;&szlig;lich und Sachen-verderbend. Die Denker,
+wenn sie nur w&uuml;&szlig;ten, wieviel sie verderben. Einer,
+der geflissentlich nicht denkt, tut irgend etwas,
+nun, und das ist n&ouml;tiger. Zehntausende von K&ouml;pfen
+arbeiten in der Welt &uuml;berfl&uuml;ssig. Sonnen-sonnenklar
+ist das. Der Lebensmut geht den Menschengeschlechtern
+verloren mit all dem Abhandeln und
+Erfassen und Wissen. Wenn z.&nbsp;B. ein Z&ouml;gling
+des Institutes Benjamenta nicht wei&szlig;, da&szlig; er
+<span class="pagenum"><a name="Page_111">[111]</a></span>
+artig ist, dann ist er es. Wei&szlig; er es, dann ist
+seine ganze unbewu&szlig;te Zier und Artigkeit weg, und
+er begeht irgend einen Fehler. Ich laufe gern
+Treppen hinunter. Welch ein Geschw&auml;tz.</p>
+
+<p>Es ist h&uuml;bsch, bis zu einem gewissen Grad
+wohlhabend zu sein und seine weltlichen Verh&auml;ltnisse
+ein wenig geordnet zu haben. Ich bin in der
+Wohnung meines Bruders Johann gewesen, und
+ich mu&szlig; sagen, sie hat mich angenehm &uuml;berrascht,
+sie ist geradezu Alt-Von Guntensch eingerichtet.
+Schon da&szlig; der Fu&szlig;boden ganz mit einem weichen,
+mattblauen Teppich belegt und bedeckt ist, hat mir
+au&szlig;erordentlich imponiert. &Uuml;berall in den Zimmern
+herrscht Geschmack, doch nicht auff&auml;lliger
+Geschmack, sondern nur bestimmte, feine Wahl.
+Die M&ouml;bel sind anmutig verteilt, das mutet gleich
+beim Eintritt in die Wohnung wie ein h&ouml;flicher,
+zarter Gru&szlig; an. Spiegel sind an den W&auml;nden.
+Es ist sogar ein ganz gro&szlig;er Spiegel da, der vom
+Boden bis an die Decke hinaufreicht. Die einzelnen
+Gegenst&auml;nde sind alt und doch nicht, elegant
+und doch nicht, reich und doch nicht. Es ist W&auml;rme
+und Sorgfalt in den R&auml;umen, das f&uuml;hlt man,
+und das ist angenehm. Ein freier sorglicher Wille
+hat die Spiegel aufgeh&auml;ngt und dem zierlich geschweiften
+Ruhebett seinen Platz angewiesen. Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_112">[112]</a></span>
+m&uuml;&szlig;te kein von Gunten sein, wenn ich das nicht
+merkte. Sauber und staubfrei ist alles, und doch
+gl&auml;nzt das alles eigentlich nicht, sondern es blickt
+einen alles ruhig und heiter an. Nichts will
+scharf in die Augen stechen. Nur das zusammenh&auml;ngende
+Ganze hat einen vielbedeutenden, liebevollen
+Ausdruck. Eine sch&ouml;ne schwarze Katze lag
+auf einem dunkelroten Pl&uuml;schsessel, wie die schw&auml;rzliche
+weiche Behaglichkeit, eingebettet in Rot. Sehr
+h&uuml;bsch. W&auml;re ich Maler, so w&uuml;rde ich die Traulichkeit
+solch eines Tierbildes malen. Der Bruder kam
+mir sehr freundlich entgegen, und wir stunden
+einander gegen&uuml;ber wie wohlabgemessene Weltleute,
+die wissen, was in der Schicklichkeit f&uuml;r ein
+Vergn&uuml;gen liegen kann. Wir plauderten. Da
+kam ein gro&szlig;er, schlanker, schneewei&szlig;er Hund auf
+uns zugesprungen, in anmutigen, Freude ausdr&uuml;ckenden
+S&auml;tzen. Nun, ich streichelte das Tier
+nat&uuml;rlich. Alles ist sch&ouml;n an der Wohnung
+Johanns. Er hat alle einzelnen Gegenst&auml;nde und
+St&uuml;cke mit Liebe und M&uuml;he in Alth&auml;ndlerl&auml;den
+aufgest&ouml;bert, bis er das Wohnlichste und Anmutigste
+zusammenhatte. Mit dem Einfachen hat
+er verstanden, etwas in bescheidenen Grenzen Vollkommenes
+zu schaffen, derart, da&szlig; in seiner Wohnung
+das Taugliche und N&uuml;tzliche sich mit dem
+Sch&ouml;nen und Grazi&ouml;sen wie zu einem Stuben-Gem&auml;lde
+verbindet. Bald darauf, indem wir so dasa&szlig;en,
+<span class="pagenum"><a name="Page_113">[113]</a></span>
+erschien eine junge Frau, welcher Johann
+mich vorstellte. Wir tranken sp&auml;ter Tee und waren
+sehr heiter. Die Katze miaute nach Milch, und
+der gro&szlig;e sch&ouml;ne Hund wollte von dem Geb&auml;ck zu
+essen haben, das auf dem Teetisch lag. Beider
+Tiere W&uuml;nsche wurden dann auch befriedigt. Es
+wurde Abend, und ich mu&szlig;te nach Hause gehen.</p>
+
+<p>Man lernt hier im Institut Benjamenta Verluste
+empfinden und ertragen, und das ist meiner
+Meinung nach ein K&ouml;nnen, eine &Uuml;bung, ohne die
+der Mensch, mag er noch so bedeutend sein, stets
+ein gro&szlig;es Kind, eine Art weinerlicher Schreihals
+bleiben wird. Wir Z&ouml;glinge hoffen nichts, ja, es
+ist uns streng untersagt, Lebenshoffnungen in der
+Brust zu hegen, und doch sind wir vollkommen
+ruhig und heiter. Wie mag das kommen? F&uuml;hlen
+wir &uuml;ber unsern glattgek&auml;mmten K&ouml;pfen etwas wie
+Schutzengel hin und her schweben? Ich kann es
+nicht sagen. Vielleicht sind wir heiter und sorgenlos
+aus Beschr&auml;nktheit. Auch m&ouml;glich. Aber ist
+deshalb die Heiterkeit und Frische unserer Herzen
+weniger wert? Sind wir &uuml;berhaupt dumm? Wir
+vibrieren. Unbewu&szlig;t oder bewu&szlig;t nehmen wir auf
+vieles ein wenig Bedacht, sind da und dort mit
+den Geistern, und die Empfindungen schicken wir
+nach allen m&ouml;glichen Windrichtungen aus, Erfahrungen
+und Beobachtungen einsammelnd. Uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_114">[114]</a></span>
+tr&ouml;stet so vieles, weil wir im allgemeinen sehr
+eifrige, sucherische Leute sind, und weil wir uns
+selber wenig sch&auml;tzen. Wer sich selbst sehr sch&auml;tzt,
+ist vor Entmutigungen und Herabw&uuml;rdigungen nie
+sicher, denn stets begegnet dem selbstbewu&szlig;ten
+Menschen etwas Bewu&szlig;tseinfeindliches. Und doch
+sind wir Sch&uuml;ler durchaus nicht ohne W&uuml;rde,
+aber es ist eine sehr, sehr bewegungsf&auml;hige, kleine,
+bieg- und schmiegsame W&uuml;rde. &Uuml;brigens legen
+wir sie an und ab je nach Erfordernissen. Sind
+wir Produkte einer h&ouml;heren Kultur, oder sind wir
+Naturkinder? Auch das kann ich nicht sagen.
+Das eine wei&szlig; ich bestimmt: wir warten! Das
+ist unser Wert. Ja, wir warten, und wir horchen
+gleichsam ins Leben hinaus, in diese Ebene hinaus,
+die man Welt nennt, aufs Meer mit seinen
+St&uuml;rmen hinaus. Fuchs ist &uuml;brigens ausgetreten.
+Mir ist das sehr lieb. Ich wu&szlig;te mit diesem
+Menschen nichts anzufangen.</p>
+
+<p>Ich habe mit Herrn Benjamenta gesprochen,
+d.&nbsp;h. er hat mit mir gesprochen. &raquo;Jakob,&laquo; sagte
+er zu mir, &raquo;sage mir, findest du nicht, da&szlig; das
+Leben, das du hier f&uuml;hrst, karg ist, karg? Was?
+Ich m&ouml;chte gern deine Meinung wissen. Sprich
+offen.&laquo; &ndash; Ich zog es vor, zu schweigen, doch
+nicht aus Trotz. Der Trotz ist mir l&auml;ngst vergangen.
+Aber ich schwieg, und zwar ungef&auml;hr so,
+<span class="pagenum"><a name="Page_115">[115]</a></span>
+als wenn ich h&auml;tte sagen wollen: &raquo;Mein Herr,
+gestatten Sie mir, zu schweigen. Auf eine solche
+Frage k&ouml;nnte ich h&ouml;chstenfalles etwas Unziemliches
+sagen.&laquo; &ndash; Herr Benjamenta schaute mich aufmerksam
+an, und ich glaubte, er verstehe mein
+Schweigen. Es war auch tats&auml;chlich so, denn er
+l&auml;chelte pl&ouml;tzlich und sagte: &raquo;Nicht wahr, Jakob,
+du wunderst dich ein wenig, wie wir hier im Institut
+so tr&auml;ge, so gleichsam geistesabwesend dahinleben?
+Ist es so? Ist dir das aufgefallen?
+Doch ich will dich durchaus nicht zu unversch&auml;mten
+Antworten verleiten. Ich mu&szlig; dir ein Gest&auml;ndnis
+machen, Jakob. H&ouml;re, ich halte dich f&uuml;r einen
+klugen, anst&auml;ndigen jungen Menschen. Jetzt,
+bitte, werde frech. Und ich f&uuml;hle mich veranla&szlig;t,
+dir noch etwas anderes zu gestehen: ich, dein
+Vorsteher, ich meine es gut mit dir. Und noch
+ein drittes Gest&auml;ndnis: Ich habe eine seltsame,
+eine ganz eigent&uuml;mliche, jetzt nicht mehr zu beherrschende
+Vorliebe f&uuml;r dich gewonnen. Du wirst
+jetzt mir gegen&uuml;ber recht frech sein, nicht wahr,
+Jakob? Nicht wahr, junger Mensch, jetzt, nachdem
+ich mir vor dir eine Bl&ouml;&szlig;e gegeben habe,
+wirst du's wagen, mich mit Wegwerfung zu behandeln?
+Und du wirst jetzt trotzen? Ist es so,
+sage, ist es so?&laquo; &ndash; Wir beide, der b&auml;rtige Mann
+und ich, der Junge, schauten einander in die
+Augen. Es glich einem innerlichen Wettkampf.
+<span class="pagenum"><a name="Page_116">[116]</a></span>
+Schon wollte ich den Mund &ouml;ffnen und irgend
+etwas Unterw&uuml;rfiges sagen, doch ich vermochte
+mich zu beherrschen und schwieg. Und nun bemerkte
+ich, da&szlig; der riesenhaft gebaute Herr Vorsteher
+leise, leise zitterte. Von diesem Augenblick
+an war etwas Bindendes zwischen uns getreten,
+das f&uuml;hlte ich, ja, ich f&uuml;hlte es nicht nur, ich
+wu&szlig;te es sogar. &raquo;Herr Benjamenta achtet mich,&laquo;
+sagte ich mir, und infolge dieser wie ein Blitz auf
+mich niederstrahlenden Erkenntnis fand ich es f&uuml;r
+schicklich, ja sogar f&uuml;r geboten, zu schweigen. Wehe
+mir, wenn ich ein einziges Wort gesagt h&auml;tte.
+Ein einziges Wort w&uuml;rde mich zum unbedeutsamen
+kleinen Eleven erniedrigt haben, und soeben hatte
+ich doch eine ganz unz&ouml;glinghafte, menschliche H&ouml;he
+erklommen. Das alles empfand ich tief, und wie
+ich jetzt wei&szlig;, habe ich mich in jenem Moment
+ganz richtig benommen. Der Vorsteher, der dicht
+zu mir getreten war, sagte dann folgendes: &raquo;Es
+ist etwas Bedeutendes an dir, Jakob.&laquo; &ndash; Er hielt
+inne, und ich f&uuml;hlte sogleich, warum. Er wollte
+ohne Zweifel sehen, wie ich mich jetzt ben&auml;hme.
+Ich merkte das, und daher verzog ich auch nicht
+eine einzige Muskel meines Gesichtes, sondern
+schaute starr, wie gedankenlos, vor mich hin. Dann
+schauten wir uns wieder an. Ich blickte meinen
+Herrn Vorsteher streng und hart an. Ich heuchelte
+irgend welche K&auml;lte, irgend welche Oberfl&auml;chlichkeit,
+<span class="pagenum"><a name="Page_117">[117]</a></span>
+w&auml;hrend ich doch am liebsten h&auml;tte in sein Gesicht
+lachen m&ouml;gen, vor Freude. Aber ich sah es zu
+gleicher Zeit: er war zufrieden mit meiner Haltung,
+und er sagte endlich: &raquo;Mein Junge, geh'
+wieder an deine Arbeit. Besch&auml;ftige dich mit
+etwas. Oder geh' dich mit Kraus unterhalten.
+Geh'.&laquo; &ndash; Ich verbeugte mich tief, ganz gewohnheitsgem&auml;&szlig;,
+und entfernte mich. Drau&szlig;en im
+Korridor blieb ich wieder, wie schon einmal fr&uuml;her,
+eigentlich auch ganz gewohnheitsgem&auml;&szlig;, stehen und
+horchte durchs Schl&uuml;sselloch, ob sich da drinnen
+etwas rege. Aber es war alles still. Ich mu&szlig;te
+leise und gl&uuml;cklich lachen, ganz dumm lachen, und
+dann ging ich ins Schulzimmer, wo ich Kraus im
+Halbdunkel, scheinbar von einem br&auml;unlichen Lichtstrahl
+umflossen, sitzen sah. Ich blieb lange stehen.
+Tats&auml;chlich, lange stund ich so, denn ich konnte
+etwas, irgend etwas, nicht ganz begreifen. Es
+war mir, als sei ich zu Hause. Nein, es war mir,
+als sei ich noch nicht geboren, als schw&auml;mme ich
+in etwas Vor-Geb&uuml;rtigem. Es wurde mir hei&szlig;
+und meerhaft-undeutlich vor den Augen. Ich ging
+zu Kraus und sagte ihm: &raquo;Du, Kraus, ich habe
+dich lieb.&laquo; &ndash; Er knurrte, was das f&uuml;r Redensarten
+seien. Rasch zog ich mich in meine Kammer
+zur&uuml;ck. &ndash; Und jetzt? Sind wir Freunde? Sind
+Herr Benjamenta und ich Freunde? Jedenfalls
+besteht zwischen uns beiden ein Verh&auml;ltnis, aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_118">[118]</a></span>
+was f&uuml;r eins? Ich verbiete mir, mir das erkl&auml;ren
+zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter bleiben.
+Fort mit den Gedanken.</p>
+
+<p>Noch immer habe ich keine Stelle. Herr Benjamenta
+sagt mir, er bem&uuml;he sich. In ganz
+schroffem Gebieterton sagt er das und f&uuml;gt hinzu:
+&raquo;Wie? Ungeduldig? Kommt alles. Warte!&laquo;
+&ndash; Von Kraus hei&szlig;t es unter den Z&ouml;glingen, da&szlig;
+er vielleicht bald abgehe. Abgehen, das ist ein so
+berufshaft-komischer Ausdruck. Kraus geht bald
+fort? Hoffentlich sind das nur leere Ger&uuml;chte,
+Institut-Sensationen. Es gibt auch unter uns
+Z&ouml;glingen etwas wie einen aus Luft und Nichts
+herausgegriffenen Zeitungenklatsch. Die Welten,
+merke ich, sind &uuml;berall dieselben. Ich bin &uuml;brigens
+wieder bei meinem Bruder Johann von Gunten
+gewesen, und dieser Mensch hat den Mut gehabt,
+mich unter Leute zu f&uuml;hren. Ich habe am Tisch
+reicher Leute gegessen, und ich werde die Art und
+Weise, wie ich mich benommen habe, nie vergessen.
+Einen alten, aber immerhin feierlichen Gehrock
+habe ich angehabt. Gehr&ouml;cke machen alt und gewichtig.
+Nun, und da habe ich getan wie ein
+Mann von j&auml;hrlich zwanzigtausend Mark Einkommen,
+mindestens. Ich habe mit Leuten geredet,
+die mir den R&uuml;cken gedreht h&auml;tten, wenn
+sie h&auml;tten ahnen k&ouml;nnen, wer ich bin. Frauen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_119">[119]</a></span>
+die mich total verachten w&uuml;rden, wenn ich ihnen
+sagte, ich sei nur Z&ouml;gling, haben mir zugel&auml;chelt
+und mir gleichsam Kurage zugewunken. Und ich
+bin verbl&uuml;fft gewesen &uuml;ber meinen Appetit. Wie
+gelassen man doch an fremden reichen Tischen zugreift.
+Ich sah, wie es alle machten, und ich machte
+es talentvoll nach. Wie gemein ist das. Ich empfinde
+etwas wie Scham dar&uuml;ber, dort, n&auml;mlich in
+jenen Kreisen, ein fr&ouml;hliches E&szlig;- und Trinkgesicht
+gezeigt zu haben. Von feiner Sitte habe ich
+wenig bemerkt. Dagegen merkte ich, da&szlig; man mich
+als sch&uuml;chternen Jungen empfunden hat, w&auml;hrend
+ich doch (in meinen Augen) platzte vor Frechheit.
+Johann benimmt sich gut in Gesellschaft. Er besitzt
+die leichte angenehme Fasson eines Menschen,
+der etwas gilt, und der das auch wei&szlig;. Sein Betragen
+ist f&uuml;r die Augen, die es betrachten, ein
+Labsal. Rede ich zu gut von Johann? O nein.
+Ich bin durchaus nicht verliebt in meinen Bruder,
+aber ich bem&uuml;he mich, ihn zu sehen, ganz, nicht
+nur halb. Vielleicht ist das allerdings Liebe.
+Meinetwegen. Sehr sch&ouml;n war es auch im
+Theater, doch ich will mich dar&uuml;ber nicht weiter
+verbreiten. Den feinen Rock habe ich dann wieder
+abgestreift. O, es ist h&uuml;bsch, in eines gesch&auml;tzten
+Menschen Kleidern zu gehen und herumzuschwirren.
+Ja, schwirren! Das ist es. Man zirpt
+und schwirrt so herum, dort, in den Kreisen der
+<span class="pagenum"><a name="Page_120">[120]</a></span>
+Gebildeten. Dann bin ich wieder ins Institut
+gekrochen und in meinen Z&ouml;glingsanzug. Ich bin
+gern hier, ich f&uuml;hle es, und ich werde mich dummerweise
+sp&auml;ter wahrscheinlich nach Benjamentas zur&uuml;cksehnen,
+sp&auml;ter, wenn ich etwas Gro&szlig;es geworden
+bin, doch ich werde ja nie, nie irgend
+etwas Gro&szlig;es, und ich zittere vor eigent&uuml;mlicher
+Genugtuung, da&szlig; ich das zum voraus bestimmt
+wei&szlig;. Ein Schlag wird mich eines Tages treffen,
+so ein recht vernichtender Schlag, und dann wird
+alles, werden alle diese Wirrnisse, diese Sehnsucht,
+diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und Undankbarkeit,
+diese L&uuml;gen und Selbstbetruge, dies
+Wissen-Meinen und dies Doch-nie-etwas-Wissen
+zu Ende sein. Doch ich w&uuml;nsche zu leben, gleichviel
+wie.</p>
+
+<p>Etwas mir Unverst&auml;ndliches ist vorgefallen.
+Vielleicht hat es auch gar nichts zu bedeuten. Ich
+bin sehr wenig geneigt, mich von Mysterien bew&auml;ltigen
+zu lassen. Ich sa&szlig;, es war schon halb
+Nacht, ganz allein in der Schulstube. Pl&ouml;tzlich
+stand Fr&auml;ulein Benjamenta hinter mir. Ich hatte
+sie nicht eintreten geh&ouml;rt, sie mu&szlig;te also ganz
+leise die T&uuml;re ge&ouml;ffnet haben. Sie fragte mich,
+was ich da mache, doch in einem Ton, da&szlig; ich gar
+nicht zu antworten brauchte. Sie sagte sozusagen,
+indem sie fragte, sie wisse es schon. Da gibt
+<span class="pagenum"><a name="Page_121">[121]</a></span>
+man nat&uuml;rlich keine Antwort mehr. Sie legte,
+wie wenn sie m&uuml;de gewesen w&auml;re und der St&uuml;tze
+bedurft h&auml;tte, die Hand auf meine Achsel. Da
+f&uuml;hlte ich so recht, da&szlig; ich ihr geh&ouml;rte, d.&nbsp;h. ihr
+geh&ouml;rte? &ndash; Ja, einfach so ihr angeh&ouml;rte. Ich
+bin immer mi&szlig;trauisch gegen&uuml;ber Empfindungen.
+Aber da&szlig; ich da ihr, dem Fr&auml;ulein, quasi geh&ouml;rte,
+das war wahr empfunden. Wir geh&ouml;rten zusammen.
+Nat&uuml;rlich mit Unterschied. Doch wir
+stunden uns mit einmal sehr nahe. Immer, immer
+aber mit Unterschied. Ich hasse es geradezu, so
+gar wenig oder keine Unterschiede zu empfinden.
+Darin, da&szlig; Fr&auml;ulein Benjamenta und ich zwei
+sehr verschieden geartete und gestellte Wesen waren,
+das zu sp&uuml;ren, darin lag f&uuml;r mich ein Gl&uuml;ck.
+Ich verachte es im &uuml;brigen, mich zu bel&uuml;gen. Die
+Auszeichnungen und Vorteile, die nicht ganz, ganz
+echt sind, betrachte ich als meine Feinde. Es war
+da also ein gro&szlig;er Unterschied. Ja, was ist denn
+das? Komme ich &uuml;ber gewisse Unterschiede nicht
+hinaus? Doch da sagte das Fr&auml;ulein pl&ouml;tzlich:
+&raquo;Komm' mit. Steh' auf und komm'. Ich will dir
+etwas zeigen.&laquo; &ndash; Wir gingen zusammen. Vor
+unseren Augen, wenigstens vor den meinigen (vor
+ihren vielleicht nicht), lag alles in ein undurchdringliches
+Dunkel geh&uuml;llt. &raquo;Das sind die innern
+Gem&auml;cher,&laquo; dachte ich, und ich t&auml;uschte mich auch
+nicht. Es verhielt sich so, und meine liebe Lehrerin
+<span class="pagenum"><a name="Page_122">[122]</a></span>
+schien entschlossen zu sein, mir eine bisher verborgen
+gewesene Welt zu zeigen. Doch ich mu&szlig;
+Atem sch&ouml;pfen.</p>
+
+<p>Es war, wie gesagt, zuerst ganz dunkel. Das
+Fr&auml;ulein nahm mich bei der Hand und sagte in
+freundlicher Tonart: &raquo;Siehe, Jakob, so wird es
+dunkel um dich sein. Und da wird dich jemand
+dann an der Hand f&uuml;hren. Und du wirst froh
+dar&uuml;ber sein und zum erstenmal tiefe Dankbarkeit
+empfinden. Sei nicht mi&szlig;gestimmt. Es
+kommen auch Helligkeiten.&laquo; &ndash; Kaum hatte sie das
+gesagt, so brannte uns ein wei&szlig;es, blendendes
+Licht entgegen. Ein Tor zeigte sich, und wir
+gingen, sie voran, ich dicht hinter ihr, durch die
+&Ouml;ffnung hindurch, ins herrliche Licht-Feuer hinein.
+Ich hatte noch nie etwas so Glanzvolles und Vielsagendes
+gesehen, daher war ich auch wie bet&auml;ubt.
+Das Fr&auml;ulein sprach l&auml;chelnd, noch freundlicher
+wie vorher: &raquo;Blendet dich das Licht? Dann
+strenge dich an, es zu ertragen. Es bedeutet
+Freude, und man mu&szlig; sie zu empfinden und zu
+ertragen wissen. Du kannst meinetwegen auch
+denken, es bedeute dein zuk&uuml;nftiges Gl&uuml;ck, doch
+sieh', was geschieht da? Es schwindet. Das Licht
+zerf&auml;llt. Also, Jakob, sollst du kein langes, kein
+anhaltendes Gl&uuml;ck haben. Schmerzt dich meine
+Aufrichtigkeit? Nicht doch. Komm' weiter. Wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_123">[123]</a></span>
+m&uuml;ssen uns ein wenig beeilen, denn noch manche
+Erscheinung soll durchwandert und durchzittert
+werden. Sag', Jakob, verstehst du auch meine
+Worte? Doch schweig'. Du darfst hier nicht reden.
+Glaubst du, da&szlig; ich etwa eine Zauberin sei? Nein,
+ich bin keine Zauberin. Gewi&szlig;, ein ganz klein
+wenig zu zaubern, zu verf&uuml;hren, das verstehe
+ich schon. Jedes M&auml;dchen versteht das. Doch
+komm' jetzt.&laquo; &ndash; Mit diesen Worten &ouml;ffnete das
+verehrte M&auml;dchen eine Bodenlucke, wobei ich ihr
+helfen mu&szlig;te, und wir stiegen zusammen, sie immer
+voran, in einen tiefgelegenen Keller hinunter. Zuletzt,
+als die steinernen Stufen aufh&ouml;rten, traten
+wir auf feuchte weiche Erde. Es war mir, als bef&auml;nden
+wir uns in der Mitte der Erdkugel, so
+tief und einsam kam es mir vor. Wir schritten
+einen langen, finstern Gang entlang, Fr&auml;ulein
+Benjamenta sagte: &raquo;Wir sind jetzt in den Gew&ouml;lben
+und G&auml;ngen der Armut und Entbehrung,
+und da du, lieber Jakob, wahrscheinlich dein Lebenlang
+arm bleibst, so versuche bitte schon jetzt, dich
+an die Finsternis und an den kalten, schneidenden
+Geruch, die hier herrschen, ein wenig zu gew&ouml;hnen.
+Erschrick nicht und sei ja nicht b&ouml;se. Gott ist auch
+hier, er ist &uuml;berall. Man mu&szlig; die Notwendigkeit
+lieben und pflegen lernen. K&uuml;sse die nasse Kellererde,
+ich bitte dich, ja, tu' es. Damit lieferst du
+den sinnlichen Beweis deiner willigen Unterwerfung
+<span class="pagenum"><a name="Page_124">[124]</a></span>
+in die Schwere und in die Tr&uuml;bnis, die
+dein Leben, wie es scheint, zum gr&ouml;&szlig;ten Teil ausmachen
+werden.&laquo; &ndash; Ich gehorchte ihr, warf mich
+zur kalten Erde nieder und k&uuml;&szlig;te sie voller Inbrunst,
+wobei mich ein unnennbarer kalter und
+zugleich hei&szlig;er Schauer durchrann. Wir gingen
+weiter. Ah, diese G&auml;nge des Not-Leidens und
+der furchtbaren Entsagung schienen mir endlos,
+und sie waren es vielleicht auch. Die Sekunden
+waren wie ganze Lebensl&auml;ufe, und die Minuten
+nahmen die Gr&ouml;&szlig;e von leidvollen Jahrhunderten
+an. Genug, endlich langten wir an einer tr&uuml;bseligen
+Mauer an, Fr&auml;ulein sagte: &raquo;Geh' und
+liebkose die Mauer. Es ist die Sorgenwand. Sie
+wird stets vor deinen Blicken aufgerichtet sein,
+und du bist unklug, wenn du sie hassest. Ei, man
+mu&szlig; das Starre, das Unvers&ouml;hnliche eben zu erweichen
+versuchen. Geh' und probier' es.&laquo; &ndash; Ich
+trat rasch, wie in leidenschaftlicher Eile, zur Mauer
+heran und warf mich ihr an die Brust. Ja, an
+die steinerne Brust, und sagte ihr einige gute,
+beinahe scherzende Worte. Und sie blieb, wie zu
+erwarten war, unbeweglich. Ich spielte Kom&ouml;die,
+schon meiner Lehrerin zulieb, gewi&szlig;, und doch
+war es wiederum nichts weniger als Kom&ouml;die,
+was ich tat. Und doch l&auml;chelten wir beide, sie, die
+Meisterin sowohl, wie ich, ihr unreifer Sch&uuml;ler.
+&raquo;Komm',&laquo; sagte sie, &raquo;wir wollen uns jetzt ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_125">[125]</a></span>
+wenig Freiheit, ein wenig Bewegung g&ouml;nnen.&laquo; &ndash;
+Und damit ber&uuml;hrte sie mit dem kleinen wei&szlig;en
+bekannten Herrin-Stab die Mauer, und weg war
+der ganze garstige Keller, und wir befanden uns
+auf einer glatten, offenen, schlanken Eis- oder
+Glasbahn. Wir schwebten dahin wie auf wunderbaren
+Schlittschuhen, und zugleich tanzten wir,
+denn die Bahn hob und senkte sich unter uns wie
+eine Welle. Es war entz&uuml;ckend. Ich hatte nie
+so etwas gesehen, und ich rief vor lauter Freude:
+&raquo;Wie herrlich.&laquo; &ndash; Und &uuml;ber uns schimmerten die
+Sterne in einem sonderbarerweise ganz bla&szlig;blauen
+und doch dunklen Himmel, und der Mond starrte,
+&uuml;berirdisch leuchtend, auf uns Eisl&auml;ufer herab.
+&raquo;Das ist die Freiheit,&laquo; sagte die Lehrerin, &raquo;sie
+ist etwas Winterliches, Nicht-lange-zu-Ertragendes.
+Man mu&szlig; sich immer, so wie wir es hier tun,
+bewegen, man mu&szlig; tanzen in der Freiheit. Sie
+ist kalt und sch&ouml;n. Verliebe dich nur nicht in sie.
+Das w&uuml;rde dich nachher nur traurig machen, denn
+nur momentelang, nicht l&auml;nger, h&auml;lt man sich
+in den Gegenden der Freiheit auf. Bereits sind
+wir etwas zu lang hier. Sieh', wie die wundervolle
+Bahn, auf der wir schweben, langsam sich
+wieder aufl&ouml;st. Jetzt kannst du die Freiheit sterben
+sehen, wenn du die Augen aufmachst. Im sp&auml;teren
+Leben wird dir dieser herzbeklemmende Anblick
+noch oft zuteil werden.&laquo; &ndash; Kaum hatte sie ausgesprochen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_126">[126]</a></span>
+so sanken wir von der erklommenen
+H&ouml;he und Lustigkeit in etwas M&uuml;des und Trauliches
+hinunter, es war ein kleines, mit raffiniertem
+Wohlbehagen ganz gef&uuml;ttertes und erf&uuml;lltes,
+k&ouml;stlich nach Tr&auml;umereien duftendes, reich
+mit allerhand l&uuml;sternen Szenen und Bildern tapeziertes
+Ruhe-Gemach. Es war ein geradezu gem&auml;chliches
+Gemach. Oft schon hatte ich von richtigen
+Gem&auml;chern getr&auml;umt. Hier befand ich mich
+nun in einem solchen. Musik rieselte an den
+bunten W&auml;nden wie Anmutsschnee herunter, man
+sah es direkt musizieren, die T&ouml;ne glichen einem
+bezaubernden Schneegest&ouml;ber. &raquo;Hier,&laquo; sagte das
+Fr&auml;ulein, &raquo;kannst du ruhen. Sage dir selber,
+wie lange.&laquo; &ndash; Wir l&auml;chelten beide &uuml;ber diese
+r&auml;tselhaften Worte, und obgleich mich ein unsagbar
+zartes Bangen beschlich, z&ouml;gerte ich nicht,
+es mir in dem Lustgemach auf einem der Teppiche,
+die da vor mir lagen, bequem zu machen. Eine
+Zigarette von selten gutem Geschmack flog mir von
+oben herab in den unwillk&uuml;rlich ge&ouml;ffneten Mund,
+und ich rauchte. Ein Roman schwirrte herbei, mir
+gerade in die H&auml;nde, und ich konnte ungest&ouml;rt
+darin lesen. &raquo;Das ist nichts f&uuml;r dich. Lies nicht
+in solchen B&uuml;chern. Steh' auf. Komm' lieber.
+Die Weichlichkeit verf&uuml;hrt zur Gedankenlosigkeit
+und Grausamkeit. H&ouml;rst du, wie es zornig einherdonnert
+und -rollt? Das ist das Ungemach.
+<span class="pagenum"><a name="Page_127">[127]</a></span>
+Du hast jetzt in einem Gemach Ruhe genossen.
+Nun wird das Ungemach &uuml;ber dich herabregnen
+und Zweifel und Unruhe werden dich durchn&auml;ssen.
+Komm'. Man mu&szlig; tapfer ins Unvermeidliche
+hineingehen.&laquo; &ndash; So sprach die Lehrerin, und kaum
+hatte sie zu Ende gesprochen, da schwamm ich in
+einem dickfl&uuml;ssigen, h&ouml;chst unangenehmen Strom
+von Zweifel. Durch und durch entmutigt, wagte
+ich gar nicht, mich umzuschauen, ob sie noch neben
+mir sei. Nein, die Lehrerin, die Hervorzauberin
+all dieser Erscheinungen und Zust&auml;nde, war verschwunden.
+Ich schwamm ganz allein. Ich wollte
+schreien, aber das Wasser drohte mir in den Mund
+zu laufen. O dieses Ungemach. Ich weinte, und
+ich bereute bitter, mich der l&uuml;sternen Bequemlichkeit
+hingegeben zu haben. Da pl&ouml;tzlich sa&szlig; ich
+wieder im Institut Benjamenta, in der dunkelnden
+Schulstube, und Fr&auml;ulein Benjamenta stand noch
+hinter mir, und sie streichelte mir die Wangen,
+aber nicht so, als wenn sie mich, sondern, als
+wenn sie sich selber tr&ouml;sten m&uuml;sse. &raquo;Sie ist ungl&uuml;cklich,&laquo;
+dachte ich. Da kamen Kraus, Schacht
+und Schilinski von einem gemeinsamen Ausgang
+zur&uuml;ck. Rasch zog das M&auml;dchen die Hand von mir
+weg und ging in die K&uuml;che, um das Abendbrot
+zuzubereiten. Tr&auml;umte ich? Aber wozu mich
+fragen, wenn es jetzt doch ans Abendessen geht?
+Es gibt Zeiten, wo ich entsetzlich gern esse. Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_128">[128]</a></span>
+kann dann in die d&uuml;mmsten Speisen hineinbei&szlig;en
+wie ein hungriger Handwerksbursche, ich lebe dann
+wie in einem M&auml;rchen und nicht mehr als Kulturmensch
+in einem Kulturzeitalter.</p>
+
+<p>Sehr am&uuml;sant sind manchmal unsere Turn-
+und Tanzstunden. Geschick zeigen zu m&uuml;ssen, das
+ist nicht ohne Gefahr. Wie kann man sich doch
+blamieren. Zwar, wir Z&ouml;glinge lachen uns nicht
+aus. Nicht? O doch. Man lacht mit den Ohren,
+wenn man mit dem Mund nicht lachen darf. Und
+mit den Augen. Die Augen lachen so gern. Und
+den Augen Vorschriften zu machen, das ist zwar
+ganz gut m&ouml;glich, aber doch ziemlich schwer. So
+z.&nbsp;B. darf hier nicht geblinzelt werden, blinzeln ist
+sp&ouml;ttisch und daher zu vermeiden, aber man blinzelt
+halt doch manchmal. So ganz die Natur zu
+unterdr&uuml;cken, das geht eben doch nicht. Und doch
+geht's. Aber hat man sich auch die Natur total
+abgew&ouml;hnt, es bleibt immer ein Hauch, ein Rest
+&uuml;brig, das zeigt sich immer. Der lange Peter
+z.&nbsp;B. kann sich die h&ouml;chsteigene, pers&ouml;nliche Natur
+sehr schlecht abgew&ouml;hnen. Manchmal, wenn er
+tanzen, sich grazi&ouml;s bewegen und erweisen soll,
+besteht er g&auml;nzlich aus Holz, und das Holz ist bei
+Peter eben Naturanlage, gleichsam Gottesgeschenk.
+O wie mu&szlig; man doch &uuml;ber ein Klafter Holz, wenn
+es in Form eines langen Menschen erscheint,
+<span class="pagenum"><a name="Page_129">[129]</a></span>
+lachen, so pr&auml;chtig in die Brust hineinlachen. Ein
+Gel&auml;chter ist das reine Gegenteil von einem St&uuml;ck
+Holz, es ist etwas Entz&uuml;ndendes, etwas, was da
+in einem drinnen Streichh&ouml;lzer anz&uuml;ndet. Streichh&ouml;lzer
+kichern, genau wie ein unterdr&uuml;cktes Gel&auml;chter.
+Ich mag mich sehr, sehr gern am Herausschallen
+des Lachens verhindern lassen. Das
+kitzelt so wunderbar: es nicht loslassen zu d&uuml;rfen,
+was doch so gern herausschie&szlig;en m&ouml;chte. Was
+nicht sein darf, was in mich hinab mu&szlig;, ist mir
+lieb. Es wird dadurch peinlicher, aber zugleich
+wertvoller, dieses Unterdr&uuml;ckte. Ja ja, ich gestehe,
+ich bin gern unterdr&uuml;ckt. Zwar. Nein, nicht
+immer zwar. Herr Zwar soll mir abmarschieren.
+Was ich sagen wollte: etwas nicht tun d&uuml;rfen,
+hei&szlig;t, es irgendwo anders doppelt tun. Nichts ist
+fader als eine gleichg&uuml;ltige, rasche, billige Erlaubnis.
+Ich verdiene, erfahre gern alles, und
+z.&nbsp;B. ein Lachen bedarf auch der Durch-Erfahrung.
+Wenn ich innerlich zerspringe vor Lachen, wenn
+ich kaum noch wei&szlig;, wo ich all das zischende Pulver
+hintun soll, dann wei&szlig; ich, was Lachen ist, dann
+habe ich am l&auml;cherigsten gelacht, dann habe ich
+eine vollkommene Vorstellung dessen gehabt, was
+mich ersch&uuml;tterte. Ich mu&szlig; demnach unbedingt
+annehmen und es als feste &Uuml;berzeugung aufbewahren,
+da&szlig; Vorschriften das Dasein versilbern,
+vielleicht sogar vergolden, mit einem Wort reizvoll
+<span class="pagenum"><a name="Page_130">[130]</a></span>
+machen. Denn wie mit dem verbotenen reizenden
+Lachen ist es doch sicher mit fast allen
+andern Dingen und Gel&uuml;sten ebenfalls. Nicht
+weinen d&uuml;rfen z.&nbsp;B., nun, das vergr&ouml;&szlig;ert das
+Weinen. Liebe entbehren, ja, das hei&szlig;t lieben.
+Wenn ich nicht lieben soll, liebe ich zehnfach. Alles
+Verbotene lebt auf hundertfache Art und Weise;
+also lebt nur lebendiger, was tot sein sollte. Wie
+im Kleinen, so ist es im Gro&szlig;en. Recht h&uuml;bsch,
+recht allt&auml;glich gesagt, aber im Allt&auml;glichen ruhen
+die wahren Wahrheiten. Ich schwatze wieder ein
+wenig, nicht wahr? Geb' es gern zu, da&szlig; ich
+schwatze, denn mit etwas m&uuml;ssen doch Zeilen ausgef&uuml;llt
+werden. Wie entz&uuml;ckend, wie entz&uuml;ckend
+sind verbotene Fr&uuml;chte.</p>
+
+<p>Vielleicht schwebt jetzt zwischen Herrn Benjamenta
+und mir etwas wie eine beiden Teilen sichtbare,
+verbotene Frucht. Doch wir beide dr&uuml;cken
+uns nicht deutlich aus. Wir scheuen vor der
+offenen Sprache zur&uuml;ck, und das ist gewi&szlig; nur zu
+billigen. Mir z.&nbsp;B. ist eigentlich die Freundlichkeit
+der Behandlung unsympathisch. Ich rede im allgemeinen.
+Gewisse Leute, die mir zugetan sind,
+sind mir zuwider, ich kann das hier nicht nachdr&uuml;cklich
+genug betonen. Nat&uuml;rlich finde auch ich
+an der Milde, am Herzlichen Geschmack. Wer
+k&ouml;nnte so roh sein, alle Vertraulichkeit, alles w&auml;rmere
+<span class="pagenum"><a name="Page_131">[131]</a></span>
+Wesen g&auml;nzlich zu verabscheuen. Aber ich
+h&uuml;te mich stets, nahezutreten, und ich wei&szlig; nicht,
+ich mu&szlig; darin Talent besitzen, jemanden von der
+Unklugheit gewisser Ann&auml;herungen stumm zu &uuml;berzeugen,
+wenigstens halte ich es f&uuml;r schwierig, sich
+in mein Vertrauen zu stehlen. Und meine W&auml;rme
+ist mir kostbar, sehr kostbar, und derjenige, der
+sie besitzen will, mu&szlig; &auml;u&szlig;erst vorsichtig vorgehen,
+und das will nun Herr Vorsteher. Dieser Herr
+Benjamenta will, wie es scheint, mein Herz besitzen
+und Freundschaft mit mir schlie&szlig;en. Vorl&auml;ufig
+behandle ich ihn aber eisig kalt, und wer
+wei&szlig;: ich will vielleicht gar nichts von ihm wissen.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist jung,&laquo; sagt Herr Vorsteher zu mir,
+&raquo;du strotzest von Lebensaussichten. Wart' mal,
+habe ich da etwas sagen wollen und es jetzt vergessen?
+Du mu&szlig;t wissen, Jakob, ich habe dir eine
+Menge Dinge zu sagen, und da kann man das
+Sch&ouml;nste und Tiefste, eh' man bis drei gez&auml;hlt
+hat, vergessen. Und du schaust drein, siehst du,
+wie das gute, frische Ged&auml;chtnis selber, w&auml;hrend
+meines schon altet. Mein Kopf, Jakob, ist am
+Sterben. Entschuldige, wenn ich etwas zu weich,
+zu vertraulich rede. Ich mu&szlig; einfach lachen. Da
+bitte ich dich, mich zu entschuldigen, w&auml;hrend ich
+dich durchpr&uuml;geln k&ouml;nnte, wenn ich es f&uuml;r n&ouml;tig
+f&auml;nde. Wie hart mich deine jungen Augen anblicken.
+<span class="pagenum"><a name="Page_132">[132]</a></span>
+Ei, ei, und ich k&ouml;nnte dich da an die Wand
+werfen, da&szlig; dir H&ouml;ren und Sehen f&uuml;r immer
+vergingen. Ich wei&szlig; es gar nicht, wie es hat
+kommen k&ouml;nnen, da&szlig; ich mich dir gegen&uuml;ber so
+aller Vorgesetztengewalt entkleidet habe. Du lachst
+mich wohl heimlich aus. Leise gesagt: H&uuml;te dich
+da. Du mu&szlig;t wissen, mich packen Wildheiten an,
+und ehe ich mich verhindern kann, sind alle meine
+Besinnungen geschwunden. O mein kleiner
+Bursch, nein, f&uuml;rchte dich nicht. Es ist ja so
+g&auml;nzlich, so g&auml;nzlich unm&ouml;glich, dir etwas zuleide
+zu tun, aber sage, was wollte ich dich doch fragen.
+Sage, du f&uuml;rchtest dich wohl gar nicht ein bi&szlig;chen?
+Und jung bist du und hast Hoffnungen, und jetzt
+wirst du ja wohl bald in eine dir ziemende Stellung
+kommen? Nicht? Ja eben, das ist es. Ja, das
+ist es, was mir leid tut, denn denke dir, manchmal
+ist mir, als seiest du mein junger Bruder oder
+sonst etwas Nat&uuml;rlich-Nahes, so verwandt kommst
+du mir, kommen mir deine Geb&auml;rden, die Sprache,
+der Mund, alles, nun, mit einem Wort, du, mir
+vor. Ich bin ein abgesetzter K&ouml;nig. Du l&auml;chelst?
+Ich finde es einfach k&ouml;stlich, wei&szlig;t du, da&szlig; dir
+jetzt gerade, wo ich von abgesetzten, ihrer Throne
+enthobenen K&ouml;nigen spreche, ein L&auml;cheln, solch ein
+spitzb&uuml;bisches L&auml;cheln entflieht. Du hast Verstand,
+Jakob. O, man kann sich mit dir so h&uuml;bsch unterhalten.
+Es ist prickelnd reizvoll, sich dir gegen&uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="Page_133">[133]</a></span>
+ein wenig schwach und weicher, als gew&ouml;hnlich,
+zu benehmen. Ja, du forderst geradezu
+heraus zu Fahrl&auml;ssigkeiten, zur Lockerung, zur
+Preisgabe der W&uuml;rde. Man mutet dir, glaubst
+du das, Edelsinn zu, und da reizt es einen ganz
+m&auml;chtig, sich vor dir in sch&ouml;nen, wohltuenden Erkl&auml;rungen
+und Gest&auml;ndnissen zu verlieren, so z.&nbsp;B.
+ich, dein Herr, vor dir, meinem jungen armen
+Wurm, den ich, wenn's mich gel&uuml;stete, zermalmen
+k&ouml;nnte. Gib mir die Hand. So. La&szlig; mich dir
+sagen, da&szlig; du es verstanden hast, mir Respekt vor
+dir abzun&ouml;tigen. Ich achte dich hoch, und &ndash; ich
+&ndash; darf &ndash; es dir sagen. Und nun habe ich eine
+Bitte an dich: willst du mein Freund, mein kleiner
+Vertrauter sein? Ich bitte dich, sei es. Doch ich
+will dir Zeit lassen, das alles zu bedenken, du
+darfst gehen. Bitte, geh', la&szlig; mich allein.&laquo; &ndash;
+So spricht zu mir mein Herr Vorsteher, der Mann,
+der, wie er selber sagt, mich zermalmen kann,
+sobald er nur will. Ich verbeuge mich jetzt nicht
+mehr vor ihm, es w&uuml;rde ihm weh tun. Was er
+da nur von abgesetzten K&ouml;nigen gesprochen hat?
+Ich werde &uuml;ber diese ganze Sache keine Gedanken
+verlieren, wie er mir anempfiehlt, sondern ich
+werde einfach fortfahren, Form zu bewahren.
+Jedenfalls hei&szlig;t es aufpassen. Er spricht von
+Wildheit? Nun, ich mu&szlig; sagen, das ist sehr
+ungem&uuml;tlich. Zum an der Wand zerquetscht zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_134">[134]</a></span>
+werden, dazu bin ich mir denn doch zu gut. Ob
+ich es dem Fr&auml;ulein sage? O pfui, nicht doch. Ich
+habe Mut genug, &uuml;ber etwas Seltsames Schweigen
+zu bewahren, und Verstand genug, mit etwas
+Zweifelhaftem allein fertig zu werden. Vielleicht
+ist Herr Benjamenta verr&uuml;ckt. Jedenfalls gleicht
+er dem L&ouml;wen, ich aber der Maus. Nette Zust&auml;nde
+sind das, die sich da jetzt im Institut eingeschlichen
+haben. Nur niemandem etwas sagen.
+Eine verschwiegene Angelegenheit ist manchmal
+schon eine gewonnene. Das alles sind Dummheiten.
+Basta.</p>
+
+<p>Was ich manchmal f&uuml;r Einbildungen habe!
+Es grenzt beinahe an das Absurde. Mit einem
+Mal, ohne da&szlig; ich es habe verhindern k&ouml;nnen,
+war ich Kriegsoberst geworden, so ums Jahr 1400
+herum, nein, etwas sp&auml;ter, zur Zeit der mail&auml;ndischen
+Feldz&uuml;ge. Ich und meine Herren Offiziere,
+wir tafelten. Es war nach einer gewonnenen
+Schlacht, und unser Ruhm mu&szlig;te sich in den
+n&auml;chsten Tagen durch ganz Europa verbreiten.
+Wir tranken und waren lustig. Nicht etwa in
+einem Zimmer hielten wir Tafel, nein, auf freiem
+Feld. Die Sonne war eben am Untergehen,
+da wurde vor meine Augen, deren Strahl
+Schlachtenangriff und -sieg bedeutete, eine Kreatur
+<span class="pagenum"><a name="Page_135">[135]</a></span>
+gef&uuml;hrt, ein ganz armer Teufel, ein ertappter
+Verr&auml;ter. Der ungl&uuml;ckliche Mensch schaute zitternd
+zu Boden, wohl wissend, da&szlig; er nicht das Recht
+hatte, den Feldherrn anzuschauen. Ich sah ihn
+an, ganz leicht, dann schaute ich diejenigen ebenso
+leicht und schnell an, die ihn hergef&uuml;hrt hatten,
+dann widmete ich mich dem volleingeschenkten Glas
+Wein, das vor mir stand, und diese drei Bewegungen
+bedeuteten: &raquo;Geht. Und henkt ihn.&laquo;
+Sogleich ergriffen ihn die Leute, doch da schrie
+der Verruchte wie verzweifelt, noch mehr, wie zerrissen,
+zum voraus zerrissen von tausend entsetzlichen
+Martertoden. Meine Ohren hatten in
+den Gefechten und K&auml;mpfen, die mein Leben erf&uuml;llten,
+schon allerlei T&ouml;ne geh&ouml;rt, und meine
+Augen waren an den Anblick des Furchtbaren
+und Jammervollen mehr wie gew&ouml;hnt, doch merkw&uuml;rdig,
+das konnte ich nicht ertragen. Wieder
+drehte ich mich nach dem Verdammten um, au&szlig;erdem
+winkte ich meinen Soldaten. &raquo;La&szlig;t ihn
+laufen,&laquo; sagte ich, das Glas an der Lippe, um
+es kurz zu machen. Da geschah etwas ebenso
+Ergreifendes wie Widerw&auml;rtiges. Der Mann, dem
+ich das Leben geschenkt hatte, das Verbrecher- und
+Verr&auml;terleben, st&uuml;rzte wie unsinnig zu meinen
+F&uuml;&szlig;en und k&uuml;&szlig;te den Staub meiner Schuhe. Ich
+stie&szlig; ihn weg. Ich war von Ekel und Grauen
+<span class="pagenum"><a name="Page_136">[136]</a></span>
+erfa&szlig;t worden. Mich ber&uuml;hrte die Gewalt, die
+ich aus&uuml;bte, die Macht, mit der ich frei spielen
+konnte, wie der Sturmwind mit Bl&auml;ttern, peinlich,
+ich lachte daher und befahl dem Menschen, sich
+zu entfernen. Er hatte beinahe den Verstand verloren.
+Eine tierische Freude brach sich ihm durch
+Augen und Mund Bahn, er lallte Dank, Dank
+und kroch weg. Wir andern ergaben uns bis in
+die Nacht hinein einem ausgelassenen Ges&ouml;ffe und
+Gelage, und am fr&uuml;hen Morgen, noch immer sa&szlig;en
+wir bei der Tafel, empfing ich mit einer W&uuml;rde,
+einer Hoheit, die selbst mir beinahe ein L&auml;cheln
+abn&ouml;tigte, den Gesandten des Papstes. Ich war
+der Held, der Herr des Tages. Von meiner Laune,
+meiner Zufriedenheit hing der Frieden von halb
+Europa ab. Doch ich spielte den diplomatischen
+Herren gegen&uuml;ber den Dummen, den Guten, es
+pa&szlig;te mir so, ich war etwas erm&uuml;det, mich begehrte,
+in die Heimat zur&uuml;ckzukehren. Ich lie&szlig; mir die
+Vorteile, die mir der Krieg zuerteilte, wieder abnehmen.
+Nat&uuml;rlich bin ich sp&auml;ter in den Grafenstand
+erhoben worden, dann habe ich geheiratet,
+und jetzt bin ich so tief gesunken, da&szlig; es mich gar
+nicht geniert, ein niedriger, kleiner Eleve des Institutes
+Benjamenta zu sein und Kameraden zu
+haben wie Kraus, Schacht, Hans und Schilinski.
+Man mu&szlig; mich nackt auf die kalte Stra&szlig;e werfen,
+dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der allesumfassende
+<span class="pagenum"><a name="Page_137">[137]</a></span>
+Herrgott. Es ist Zeit, da&szlig; ich die
+Feder aus der Hand lege.</p>
+
+<p>F&uuml;r so Kleine und Niedrige, wie wir Z&ouml;glinge
+sind, gibt es nichts Komisches. Der Entw&uuml;rdigte
+nimmt alles ernst, aber auch alles leicht, beinahe
+frivol. Mir kommt unsere Tanz-, Anstands- und
+Turnstunde wie das &ouml;ffentliche, wichtige, gro&szlig;e
+Leben selber vor, und dann verwandelt sich vor
+meinen Augen die Schulstube in ein herrschaftliches
+Zimmer, in eine Stra&szlig;e voller Menschenverkehr,
+in ein Schlo&szlig; mit alten, langen Korridoren,
+in eine Amtsstube, in ein Gelehrtenkabinett,
+in einen Damen-Empfangsraum, je nachdem, in
+alles M&ouml;gliche. Wir m&uuml;ssen eintreten, gr&uuml;&szlig;en,
+uns verneigen, sprechen, eingebildete Gesch&auml;fte oder
+Auftr&auml;ge erledigen, Bestellungen ausrichten, dann
+pl&ouml;tzlich sitzen wir bei Tisch und essen auf hauptst&auml;dtische
+Manier, und Diener bedienen uns.
+Schacht, oder vielleicht gar Kraus, stellt eine hocharistokratische
+Dame vor, und ich &uuml;bernehme es,
+sie zu unterhalten. Wir sind dann alle Kavaliere,
+der lange Peter nicht ausgenommen, der sich ja
+sowieso stets als Kavalier f&uuml;hlt. Dann tanzen wir.
+Wir h&uuml;pfen umher, verfolgt von den l&auml;chelnden
+Blicken der Lehrerin, und pl&ouml;tzlich rennen wir
+einem Verwundeten zu Hilfe. Er ist auf der
+Stra&szlig;e &uuml;berfahren worden. Wir schenken scheinbaren
+<span class="pagenum"><a name="Page_138">[138]</a></span>
+Bettlern irgend eine Kleinigkeit, schreiben
+Briefe, br&uuml;llen unsern Burschen an, gehen in die
+Versammlung, suchen Orte auf, wo man franz&ouml;sisch
+spricht, &uuml;ben uns im Hutabnehmen, sprechen
+von Jagd, Finanzen und Kunst, k&uuml;ssen Damen, die
+wir uns gewogen wissen wollen, untert&auml;nig die
+gn&auml;dig ausgestreckten f&uuml;nf h&uuml;bschen Finger,
+bummeln als Bummler, schl&uuml;rfen Kaffee, essen
+Schinken in Burgunder, schlafen in eingebildeten
+Betten, stehen ebenso scheinbar wieder des Morgens
+in aller Fr&uuml;he auf, sagen: &raquo;Guten Tag,
+Herr Amtsrichter,&laquo; pr&uuml;geln uns, denn das kommt
+ja im Leben oft auch vor, und tun eben alles,
+was im Leben vorkommt. Sind wir m&uuml;de von
+all den Dummheiten, so klopft Fr&auml;ulein mit dem
+Stab gegen eine Kante und sagt: &raquo;Allons, vorw&auml;rts,
+Jungens. Arbeiten!&laquo; &ndash; Dann wird wieder
+gearbeitet. Wir treiben uns im Zimmer umher
+wie Wespen. Man kann das gar nicht recht schildern,
+und sind wir wieder ermattet, so ruft die
+Lehrerin: &raquo;Wie? Ist euch das &ouml;ffentliche Leben
+so rasch verleidet? Macht, macht. Zeigt, wie das
+Leben ist. Es ist leicht, aber man mu&szlig; munter
+sein, sonst wird man vom Leben zertreten.&laquo; &ndash;
+Und frisch geht es wieder los. Wir reisen, wobei
+unsere Bedienten Dummheiten machen. Wir sitzen
+in Bibliotheken und studieren. Wir sind Soldaten,
+echte Rekruten, und m&uuml;ssen liegen und schie&szlig;en.
+<span class="pagenum"><a name="Page_139">[139]</a></span>
+Wir treten in Kaufl&auml;den, um zu kaufen, in Badeanstalten,
+um zu baden, in Kirchen, um zu beten:
+&raquo;Gott, f&uuml;hre uns nicht in Versuchung.&laquo; Und
+im n&auml;chsten Augenblick sitzen wir mitten in der
+gr&ouml;bsten Verfehlung und s&uuml;ndigen. &raquo;H&ouml;rt auf.
+Genug f&uuml;r heute,&laquo; sagt dann, wenn es Zeit ist,
+das Fr&auml;ulein. Dann ist das Leben erloschen,
+und der Traum, den man menschliches Leben
+nennt, nimmt eine andere Richtung. Meist gehe
+ich dann auf eine halbe Stunde spazieren. Ein
+M&auml;dchen begegnet mir immer in der Anlage, wo
+ich auf einer Bank sitze. Sie scheint Verk&auml;uferin
+zu sein. Sie biegt jedesmal den Kopf nach mir
+um und sieht mich lang an. Sie schmachtet zu
+sehr. &Uuml;brigens h&auml;lt sie mich f&uuml;r einen Herrn mit
+monatlichem Sal&auml;r. Ich sehe so gut, nach etwas
+so Rechtem aus. Sie irrt sich, und ich ignoriere
+sie daher.</p>
+
+<p>Dann und wann spielen wir auch Theater,
+und zwar Lustspiel, das ins Possenhafte ausartet,
+bis uns die Lehrerin einen Wink erteilt, aufzuh&ouml;ren:
+Die Mutter: &raquo;Ich kann Ihnen meine
+Tochter nicht zur Frau geben. Sie sind zu arm.&laquo;
+Der Held: &raquo;Armut ist keine Schande.&laquo; &ndash; Die
+Mutter: &raquo;Papperlappa, Redensarten. Was haben
+Sie denn f&uuml;r Aussichten?&laquo; &ndash; Die Liebhaberin:
+&raquo;Mama, ich mu&szlig; Sie bei aller Verehrung, die
+<span class="pagenum"><a name="Page_140">[140]</a></span>
+ich f&uuml;r Sie empfinde, bitten, h&ouml;flicher mit dem
+Mann, den ich liebe, zu reden.&laquo; &ndash; Mutter:
+&raquo;Schweig! Eines Tages wirst du mir danken,
+da&szlig; ich ihn mit unnachsichtlicher Strenge behandelt
+habe. &ndash; Mein Herr, sagen Sie, wo haben Sie
+denn eigentlich studiert?&laquo; &ndash; Der Held (er ist
+Pole und wird von Schilinski dargestellt):
+&raquo;Gn&auml;dige Frau, ich bin aus dem Institut Benjamenta
+hervorgegangen. Verzeihen Sie den
+Stolz, mit dem ich das sage.&laquo; &ndash; Die Tochter:
+&raquo;Ach, Mama, sehen Sie doch, wie er sich benimmt.
+Welche feinen Manieren.&laquo; &ndash; Mutter (streng):
+&raquo;Schweig von Manieren. Auf aristokratisches Benehmen
+kommt es doch l&auml;ngst nicht mehr an.
+Sie, mein Herr, bitte, sagen Sie mir gef&auml;lligst:
+Was haben Sie denn dort im Institut Bagnamenta
+gelernt?&laquo; &ndash; Der Held: &raquo;Verzeihen Sie: Benjamenta,
+nicht Bagnamenta, hei&szlig;t die Lehranstalt.
+Was ich gelernt habe? Nun allerdings, ich mu&szlig;
+sagen, ich habe dort sehr wenig gelernt. Aber es
+kommt doch heutzutage gar nicht mehr aufs viele
+Wissen an. Das m&uuml;ssen Sie selbst zugeben.&laquo; &ndash;
+Die Tochter: &raquo;H&ouml;ren Sie, liebe Mama?&laquo; &ndash; Die
+Mutter: &raquo;Schweig' mir, du Mi&szlig;ratene, vom Anh&ouml;ren
+oder gar Ernstnehmen solch eines Geschw&auml;tzes.
+Mein h&uuml;bsch aussehender junger Herr,
+Sie w&uuml;rden mir einen Gefallen erweisen, wenn
+Sie sich auf Nimmerwiedersehen entfernen
+<span class="pagenum"><a name="Page_141">[141]</a></span>
+wollten.&laquo; &ndash; Der Held: &raquo;Was wagt man mir da
+zu bieten? &ndash; Nun, sei es. Adieu, ich gehe.&laquo; &ndash;
+Er tritt ab usw. usw. Der Inhalt unserer kleinen
+Dramen nimmt stets Bezug auf die Schule und
+auf die Z&ouml;glinge. Ein Z&ouml;gling erlebt allerhand
+bunt durcheinandergeworfene Schicksale, gute und
+schlechte. Er hat Erfolg in der Welt oder &auml;u&szlig;ersten
+Mi&szlig;erfolg. Das Ende des St&uuml;ckes ist immer die
+Verherrlichung und Versinnbildlichung bescheidenen
+Dienens. Das Gl&uuml;ck dient: das ist die
+Moral unserer dramatischen Literatur. Unser
+Fr&auml;ulein pflegt w&auml;hrend der Darstellungen die
+Zuschauerwelt zu spielen. Sie sitzt gleichsam in
+einer Loge und blickt durch das Augenglas auf die
+B&uuml;hne, d.&nbsp;h. auf uns Spielende. Kraus ist der
+schlechteste Schauspieler. So etwas liegt ihm gar
+nicht. Am besten spielt entschieden der lange
+Peter. Auch Heinrich ist reizend auf der B&uuml;hne.</p>
+
+<p>Ich habe die etwas beleidigende Empfindung,
+als wenn ich in der Welt immer zu essen haben
+werde. Ich bin gesund, und ich werde es bleiben,
+und man wird mich stets zu irgend etwas brauchen
+k&ouml;nnen. Ich werde meinem Staat, meiner Gemeinde
+nie zur Last fallen. Das zu denken, d.&nbsp;h.
+zu denken, da&szlig; man als ein niedriger Mensch sein
+t&auml;gliches Brot zu essen haben wird, w&uuml;rde mich
+tief verwunden, wenn ich noch der fr&uuml;here Jakob
+<span class="pagenum"><a name="Page_142">[142]</a></span>
+von Gunten w&auml;re, wenn ich noch der Abk&ouml;mmling,
+der Spro&szlig; meines Hauses w&auml;re, aber ich bin ja
+ein ganz, ganz anderer geworden, ein gew&ouml;hnlicher
+Mensch bin ich geworden, und da&szlig; ich gew&ouml;hnlich
+geworden bin, das verdanke ich Benjamentas,
+und das erf&uuml;llt mich mit einer unnennbaren,
+vom Tau der Zufriedenheit gl&auml;nzenden
+und tropfenden Zuversicht. Ich habe den Stolz,
+die Ehren-Arten gewechselt. Wie komme ich dazu,
+so jung schon so zu entarten? Aber ist das Entartung?
+In gewisser Hinsicht ja, andernteils ist
+es Erhaltung der Art. Ich bleibe vielleicht als
+irgendwo im Leben verlorner und verschollener
+Mensch ein echterer, stolzerer Gunten, als wenn
+ich, auf den Stammbaum pochend, zu Hause verd&uuml;rbe,
+entherzte und verkn&ouml;cherte. Nun, mag das
+sein, wie es sein will. Ich habe Wahl getroffen,
+und dabei bleibt es. In mir lebt eine sonderbare
+Energie, das Leben von Grund auf kennen zu
+lernen, und eine unbezwingliche Lust, Menschen
+und Dinge zu stacheln, da&szlig; sie sich mir offenbaren.
+Hier f&auml;llt mir Herr Benjamenta ein. Aber ich
+will an etwas anderes denken, d.&nbsp;h. ich mag an
+nichts mehr denken.</p>
+
+<p>Ich habe eine Anzahl Menschen kennen gelernt,
+durch Johanns Freundlichkeit. Es sind
+K&uuml;nstler darunter, und es scheinen nette Menschen
+<span class="pagenum"><a name="Page_143">[143]</a></span>
+zu sein. Nun, was kann man sagen bei so fl&uuml;chtiger
+Ber&uuml;hrung. Eigentlich gleichen sich die
+Leute, die sich bem&uuml;hen, Erfolg in der Welt zu
+haben, furchtbar. Es haben Alle dieselben Gesichter.
+Eigentlich nicht, und doch. Alle sind einander
+&auml;hnlich in einer gewissen, rasch dahinsausenden
+Liebensw&uuml;rdigkeit, und ich glaube, das ist
+das Bangen, das diese Leute empfinden. Sie
+behandeln Menschen und Gegenst&auml;nde rasch
+herunter, nur damit sie gleich wieder das Neue,
+das ebenfalls Aufmerksamkeit zu fordern scheint,
+erledigen k&ouml;nnen. Sie verachten niemanden, diese
+guten Leute, und doch, vielleicht verachten sie alles,
+aber das d&uuml;rfen sie nicht zeigen, und zwar deshalb
+nicht, weil sie f&uuml;rchten, pl&ouml;tzlich etwa eine Unvorsichtigkeit
+zu begehen. Sie sind liebensw&uuml;rdig
+aus Weltschmerz und nett aus Bangen. Und dann
+will ja jeder Achtung vor sich selber haben. Diese
+Leute sind Kavaliere. Und sie scheinen sich nie
+ganz wohl zu befinden. Wer kann sich wohl befinden,
+wer auf die Achtungsbezeugungen und
+Auszeichnungen der Welt Wert legt? Und dann,
+glaube ich, f&uuml;hlen diese Menschen, da sie doch einmal
+Gesellschafts- und durchaus keine Naturmenschen
+mehr sind, stets den Nachfolger hinter
+sich. Jeder sp&uuml;rt den unheimlichen &Uuml;berrumpler,
+den heimlichen Dieb, der mit irgend einer neuen
+Begabung dahergeschlichen kommt, um Sch&auml;digungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_144">[144]</a></span>
+und Herabsetzungen aller Art um sich
+herum zu verbreiten, und deshalb ist in diesen
+Menschenkreisen der ganz Neu-Auftretende immer
+der Gesuchteste und Bevorzugteste, und wehe den
+&Auml;lteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent
+oder Naturgenie irgendwie auszeichnet. Ich dr&uuml;cke
+mich &uuml;brigens etwas zu einfach aus. Es ist da
+noch etwas ganz anderes. Es herrscht unter diesen
+Kreisen der fortschrittlichen Bildung eine kaum
+zu &uuml;bersehende und mi&szlig;zuverstehende M&uuml;digkeit.
+Nicht die formelle Blasiertheit etwa des Adels
+von Abstammung, nein, eine wahrhafte, eine ganz
+wahre, auf h&ouml;herer und lebhafterer Empfindung
+beruhende M&uuml;digkeit, die M&uuml;digkeit des gesunden-ungesunden
+Menschen. Sie sind alle gebildet, aber
+achten sie einander? Sie sind, wenn sie ehrlich
+nachdenken, zufrieden mit ihren Weltstellungen,
+aber sind sie auch zufrieden? &Uuml;brigens gibt es
+reiche Menschen unter ihnen. Von denen rede ich
+hier nicht, denn das Geld, das ein Mann besitzt,
+zwingt zu ganz andern, ganz neuen Voraussetzungen
+zu der Beurteilung solch eines Mannes.
+Doch es sind alles h&ouml;fliche und in ihrer Art bedeutende
+Menschen, und meinem Bruder mu&szlig; ich
+sehr, sehr dankbar sein, da&szlig; er mich ein St&uuml;ck Welt
+hat kennen lernen lassen. Man liebt es jetzt schon,
+mich dort, n&auml;mlich in jenen Kreisen, den kleinen
+von Gunten zu nennen, zum Unterschied von
+<span class="pagenum"><a name="Page_145">[145]</a></span>
+Johann, den sie den gro&szlig;en von Gunten getauft
+haben. Das sind Sp&auml;&szlig;e, die Welt liebt eben
+Sp&auml;&szlig;e. Ich nicht, aber das alles ist ja so unbedeutend.
+Ich f&uuml;hle, wie wenig mich das angeht,
+was man Welt nennt, und wie mir gro&szlig; und hinrei&szlig;end
+vorkommt, das, was ich Welt nenne, ganz
+im stillen. Mein Bruder hat sich indes M&uuml;he
+gegeben, mich unter Menschen zu f&uuml;hren, und es
+ist Pflicht f&uuml;r mich, mir viel daraus zu machen.
+Und es ist ja auch viel. Mir ist alles, sogar das
+Kleinste, viel. Ein paar Menschen vollkommen
+kennen zu lernen, dazu bed&uuml;rfte es eines Menschenlebens.
+Das sind nun wieder Benjamentasche
+Grunds&auml;tze, und wie un&auml;hnlich sind Benjamentas
+dem, was Welt bedeutet. Ich will schlafen gehen.</p>
+
+<p>Ich vergesse nie, da&szlig; ich ein Abk&ouml;mmling bin,
+der nun von unten, von ganz unten anf&auml;ngt, ohne
+doch die Eigenschaften, die n&ouml;tig sind, emporzugelangen,
+zu besitzen. Vielleicht, ja. Es ist
+alles m&ouml;glich, aber ich glaube nicht an die eitlen
+Stunden, in denen ich mir Gl&uuml;ck, verbunden mit
+Glanz, vorspiegle. Ich habe gar keine Empork&ouml;mmlingstugenden.
+Ich bin manchmal frech,
+aber nur aus Laune. Der Empork&ouml;mmling aber
+ist von einer permanenten bescheiden-tuenden
+Frechheit, oder von einer frechen, fortw&auml;hrend
+frechen Unbedeutendheitsgeb&auml;rde. Und es gibt
+<span class="pagenum"><a name="Page_146">[146]</a></span>
+viele Empork&ouml;mmlinge, und was sie errungen
+haben, das halten sie stupide fest, und das ist ausgezeichnet.
+Sie k&ouml;nnen auch nerv&ouml;s sein, ungehalten,
+verdrie&szlig;lich und &raquo;all der Dinge&laquo; m&uuml;de,
+aber der &Uuml;berdru&szlig; dringt nicht tief beim wahrhaften
+Empork&ouml;mmling. Empork&ouml;mmlinge sind
+Herren, und solch einem Herrn, einem vielleicht
+etwas protzigen Herrn, werde ich Abk&ouml;mmling,
+oder was ich sonst bin, dienen, und ehrenhaft
+dienen, treu, verl&auml;&szlig;lich, fest, ganz gedankenlos,
+ganz unerpicht auf pers&ouml;nliche Vorteile, denn nur
+so, n&auml;mlich ganz anst&auml;ndig, werde ich &uuml;berhaupt
+jemandem dienen k&ouml;nnen, und jetzt merke ich, da&szlig;
+ich Verwandtes mit Kraus habe, und ich sch&auml;me
+mich beinahe ein wenig. Nie und nimmer erreicht
+man mit Empfindungen, wie die sind, mit
+denen ich der Welt gegen&uuml;berstehe, je Gro&szlig;es, es
+sei denn, man pfeife aufs glitzernde Gro&szlig;e und
+nenne das gro&szlig;, was ganz grau, still, hart und
+niedrig ist. Ja, dienen werde ich, und Verpflichtungen,
+deren Erf&uuml;llung nichts weniger als schimmert,
+werde ich immer und immer &uuml;bernehmen,
+immer wieder, und ich werde kreuzdumm vor
+Seligkeit err&ouml;ten, wenn man mir leichthin Dank
+sagt. Dumm ist das, aber durchaus wahr, und
+ich bin nicht f&auml;hig, &uuml;ber diese Wahrnehmung
+traurig zu sein. Ich mu&szlig; es bekennen: ich bin
+nie traurig, ich f&uuml;hle mich nie, nie vereinsamt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_147">[147]</a></span>
+und auch das ist dumm, denn mit der Sentimentalit&auml;t,
+mit dem, was man den Schrei nennt,
+macht man die besten, die empork&ouml;mmlichsten und
+bek&ouml;mmlichsten Gesch&auml;fte. Aber ich bedanke mich
+f&uuml;r die M&uuml;hseligkeiten, f&uuml;r die unfeinen Anstrengungen,
+auf solche Art zu Ehre und Ansehen
+zu gelangen. Zu Hause, bei Vater und Mutter,
+duftete es alle W&auml;nde entlang nach Takt. Nun
+gut, das meine ich nur so. Es war vornehm bei
+uns zu Hause. Und so hell. Der ganze Haushalt
+glich einem grazi&ouml;sen, g&uuml;tigen L&auml;cheln. Mama
+ist ja so fein. Schon gut. Also Abk&ouml;mmling und
+verurteilt, zu dienen und die Person sechsten
+Ranges im Weltleben zu spielen. Meiner Ansicht
+nach pa&szlig;t das, denn, o wie sagte doch Johann:
+&raquo;Die M&auml;chtigen, das sind die Verhungerten.&laquo; &ndash;
+Ich glaube so etwas nicht gern. Und hab' ich es
+&uuml;berhaupt n&ouml;tig, mich tr&ouml;sten zu lassen? Kann
+man einen Jakob von Gunten tr&ouml;sten? So lange
+ich gesunde Glieder habe, ist das ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Wenn ich will, wenn ich es mir befehle, kann
+ich alles verehren, sogar das schlechte Benehmen,
+aber es mu&szlig; von Gold strotzen. Die &uuml;blen Manieren
+m&uuml;ssen Zwanzigmarkst&uuml;cke hinter sich fallen
+lassen, dann verneige ich mich vor, sogar noch
+hinter ihnen. Herr Benjamenta ist &uuml;brigens auch
+dieser Meinung. Er sagt, es sei unrichtig, das
+<span class="pagenum"><a name="Page_148">[148]</a></span>
+Geld und den Vorteil, die aus unsch&ouml;nen H&auml;nden
+kommen, zu verachten. Ein Eleve des Institutes
+Benjamenta soll das Meiste eben achten, nicht verachten.
+&ndash; Zu was anderem. Turnen, das ist
+sch&ouml;n. Ich liebe es leidenschaftlich, und ich bin
+selbstverst&auml;ndlich ein guter Turner. Mit einem
+edlen Menschen Freundschaft schlie&szlig;en und
+Turnen, das sind wohl zwei der sch&ouml;nsten Sachen,
+die es auf der Welt gibt. Tanzen, und einen
+Menschen finden, der mir Achtung entlockt, ist
+mir ein und dasselbe. Ich bewege so gern die
+Geister und Glieder. Nur allein Beinschwingen,
+ist das doch h&uuml;bsch! Turnen ist auch dumm, es
+f&uuml;hrt auch zu nichts. Mu&szlig; denn eigentlich alles,
+was ich liebe und bevorzuge, zu nichts f&uuml;hren?
+Aber horch! Was ist das? Man ruft mich. Ich
+mu&szlig; abbrechen.</p>
+
+<p>&raquo;Strebst du auch noch aufrichtig, Jakob?&laquo;
+fragte mich die Lehrerin. Es war gegen Abend.
+Es war irgendwo etwas R&ouml;tliches, wie ein Abglanz
+von einem gewaltig-sch&ouml;nen Sonnenuntergang.
+Wir stunden an meiner Kammert&uuml;re. Ich hatte
+eben eintreten und mich meinen Ahnungen so
+ein wenig &uuml;berlassen wollen. &raquo;Fr&auml;ulein Benjamenta,&laquo;
+sagte ich, &raquo;zweifeln Sie am Ernst und
+an der Ehrlichkeit meines Strebens? Bin ich ein
+Schwindler, ein Gaukler in Ihren hochverehrten
+<span class="pagenum"><a name="Page_149">[149]</a></span>
+Augen?&laquo; &ndash; Ich glaube, ich blickte geradezu tragisch,
+als ich das sagte. Sie wandte mir ihr
+sch&ouml;nes Gesicht zu und sagte: &raquo;Bewahre, aber bewahre.
+Du bist ein netter Junge. Heftig bist
+du, aber du bist mir lieb, recht, anst&auml;ndig und angenehm.
+Bist du zufrieden? He? Was? Du
+bringst auch dein Bett immer noch h&uuml;bsch jeden
+Morgen in Ordnung? Nicht? Und den Vorschriften
+allen gehorchst du wohl auch schon l&auml;ngst
+nicht mehr? Auch nicht? Oder doch? O du bist
+ein ganz braver Mensch, ich glaube es. Und man
+kann dich nicht genug mit Lobeserhebungen &uuml;bersch&uuml;tten.
+Nicht genug. Ganze Eimer voll schmeichelnder
+Lobspr&uuml;che, denke, ganze K&uuml;bel und
+Kannen voll. Mit dem Besen mu&szlig; man sie zusammenwischen,
+die vielen anerkennenden sch&ouml;nen
+Worte, die dein Betragen betreffen. Nein, Jakob,
+jetzt ganz im Ernst, h&ouml;re. Ich mu&szlig; dir etwas
+ins Ohr sagen. Magst du's h&ouml;ren, oder willst
+du jetzt lieber da hinein in deine Kammer
+schl&uuml;pfen?&laquo; &ndash; &raquo;Sprechen Sie, gn&auml;diges Fr&auml;ulein.
+Ich h&ouml;re,&laquo; sagte ich voll angstvoller Erwartung.
+Die Lehrerin schauderte pl&ouml;tzlich j&auml;hlings
+zusammen. Sie fa&szlig;te sich aber rasch und
+sagte: &raquo;Ich gehe, Jakob, ich gehe. Es geht mit
+mir. Doch ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht
+ein anderes Mal. Ja? Ja, nicht wahr, vielleicht
+morgen, oder in acht Tagen erst. Es ist dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_150">[150]</a></span>
+noch immer Zeit genug, es dir zu sagen. Sage
+mir, Jakob, hast du mich ein wenig lieb? Bedeute
+ich deiner Brust, deinem jungen Herzen
+irgend etwas?&laquo; &ndash; Sie stand mit w&uuml;tend zusammengekniffenen
+Lippen vor mir da. Ich beugte
+mich schnell auf ihre Hand, die unsagbar wehm&uuml;tig
+an ihrem Gewand herabhing, hinunter und
+k&uuml;&szlig;te sie. Ich war so gl&uuml;cklich, es ihr so sagen
+zu d&uuml;rfen, was ich f&uuml;r sie immer empfunden hatte.
+&raquo;Sch&auml;tzest du mich?&laquo; fragte sie mit ganz hoher,
+nach der H&ouml;he zu schon fast erstickter, gestorbener
+Stimme. Ich sagte: &raquo;Wie k&ouml;nnen Sie zweifeln?
+Ich bin ungl&uuml;cklich.&laquo; &ndash; Aber mich emp&ouml;rte es,
+da&szlig; ich fast weinen mu&szlig;te. Ich lie&szlig; ihre Hand
+schroff fahren und nahm respektvolle Haltung an.
+Und sie ging, indem sie mich beinahe bittend anschaute.
+&ndash; Wie hat sich hier im einst so herrischen
+Institut Benjamenta alles ver&auml;ndert! Es
+schrumpft alles zusammen, die &Uuml;bungen, der
+Schneid, die Vorschriften. Lebe ich in einem
+Toten- oder in einem &uuml;berirdischen Freuden- und
+Wonnenhause? Etwas ist los, aber ich fasse es
+noch nicht.</p>
+
+<p>Ich wagte es, Kraus gegen&uuml;ber eine Bemerkung
+&uuml;ber Benjamentas fallen zu lassen. Es mute
+mich, sagte ich, wie eine Tr&uuml;bung des Glanzes an,
+den das Institut immer besessen habe. Was das
+<span class="pagenum"><a name="Page_151">[151]</a></span>
+sei? Ob Kraus vielleicht etwas wisse? &ndash; Er
+wurde &auml;rgerlich und sprach: &raquo;Mensch, du bist wohl
+schwanger mit albernen Einbildungen. Was f&uuml;r
+Ideen. Schaff du. Mach du, dann f&auml;llt dir nichts
+Auffallendes auf. Dieser Schn&uuml;ffler. Will sich in
+Meinungen und Ansichten hineinschn&uuml;ffeln. Geh'
+mir aus den Augen. Ich kann dich bald &uuml;berhaupt
+nicht mehr ansehen.&laquo; &ndash; &raquo;Seit wann bist du
+grob?&laquo; sagte ich, doch ich zog es vor, ihn in Ruhe
+zu lassen. &ndash; Im Laufe des Tages hatte ich Gelegenheit,
+mich mit Fr&auml;ulein Benjamenta &uuml;ber
+Kraus zu unterhalten. Sie sagte mir: &raquo;Ja, Kraus
+ist gar nicht wie andere Menschen. Er sitzt da,
+bis man seiner bedarf, ruft man ihn, dann kommt
+er in Bewegung und kommt herbeigesprungen.
+Von solchen Menschen, wie er einer ist, macht
+man kein R&uuml;hmens und Aufhebens. Man r&uuml;hmt
+Kraus eigentlich nie, und kaum ist man ihm
+dankbar. Man verlangt nur von ihm: Tu' das,
+und dann wieder: Tu' dies. Und man sp&uuml;rt
+kaum, da&szlig; man, und wie vollkommen, bedient
+worden ist, so vollkommen ist man bedient worden.
+Die Person Kraus ist gar nichts, nur der Schaffer,
+der Aus&uuml;ber Kraus ist etwas, aber der macht sich
+gar nicht bemerkbar. Z.&nbsp;B. dich, Jakob, lobt man,
+es macht einem Freude, dir wohl zu tun. F&uuml;r
+Kraus hat man kein Wort, keine Neigung &uuml;brig.
+Du bist ganz liederlich, Jakob, gegen&uuml;ber Kraus.
+<span class="pagenum"><a name="Page_152">[152]</a></span>
+Doch du bist der Nettere. Anders sage ich es dir
+nicht, denn das w&uuml;rdest du nicht verstehen. Und
+Kraus verl&auml;&szlig;t uns jetzt bald. Das ist ein Verlust,
+Jakob, o das ist ein Verlust. Wenn kein
+Kraus mehr da ist, wer ist dann noch da? Du,
+ja. Das ist ja eigentlich wahr, und du bist mir
+jetzt b&ouml;se, nicht wahr. Ja, du bist mir b&ouml;se, weil
+ich betr&uuml;bt bin, da&szlig; Kraus weggeht. Bist du
+eifers&uuml;chtig?&laquo; &ndash; &raquo;Nicht doch. Auch ich bedaure
+lebhaft, da&szlig; Kraus uns verl&auml;&szlig;t,&laquo; sagte ich. Ich
+sprach mit Absicht sehr f&ouml;rmlich. Auch mir war
+es weh zumut geworden, doch ich fand es passend,
+ein wenig K&auml;lte zu zeigen. Sp&auml;ter versuchte ich,
+mit Kraus ins Gespr&auml;ch zu kommen, aber er verhielt
+sich unglaublich ablehnend. Finster sa&szlig; er
+am Tisch und sprach zu niemandem ein Wort.
+Auch er empfindet, da&szlig; irgend etwas hier nicht
+gut geht, er sagt nur nichts, nur sich sagt er es.</p>
+
+<p>Oft habe ich die Empfindung von einer gro&szlig;en
+innern Niederlage. Dann stelle ich mich mitten in
+der Stube auf und treibe Unfug, &uuml;brigens ganz
+kindischen Unfug. Ich setze Kraus' M&uuml;tze auf
+meinen Kopf, oder ein volles Glas Wasser usw.
+Oder Hans ist da. Mit Hans kann man gemeinschaftlich
+H&uuml;te auf K&ouml;pfe hinauflancieren, da&szlig; sie
+oben sitzen und kleben bleiben. Wie verachtet uns
+Kraus jedesmal daf&uuml;r. Schacht ist in Stellung
+<span class="pagenum"><a name="Page_153">[153]</a></span>
+gewesen, drei Tage, aber er ist wieder zur&uuml;ckgekehrt,
+voll Mi&szlig;mut und allerhand zornigen,
+schmerzlichen Ausfl&uuml;chten. Habe ich es nicht fr&uuml;h
+schon gesagt, da&szlig; es Schacht drau&szlig;en in der Welt
+&uuml;bel ergehen wird? Er wird immer in &Auml;mter,
+Aufgaben und Stellungen hineinzappeln, und es
+wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er
+habe zu schwer arbeiten m&uuml;ssen, und er erz&auml;hlt
+von listigen, boshaften, faulen Halb-Vorgesetzten,
+die es gleich bei seinem Antritt unternommen
+h&auml;tten, ihn mit ungeb&uuml;hrlichen Pflichten schalkhaft
+zu &uuml;berh&auml;ufen und ihn zu Boden zu qu&auml;len und
+zu &uuml;bervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht.
+Nur zu willig, d.&nbsp;h. ich halte f&uuml;r absolut wahr,
+was er sagt, denn kr&auml;nklichen, empfindsamen
+Leuten gegen&uuml;ber ist die Welt ja so unbegreiflich
+roh, gebieterisch, launisch und grausam. Nun,
+Schacht wird vorl&auml;ufig wieder hier bleiben. Ein
+wenig ausgelacht haben wir ihn, als er ankam,
+das mu&szlig; auch sein, Schacht ist ein junger Mensch,
+und er darf schlie&szlig;lich auch nicht der Meinung sein,
+f&uuml;r ihn g&auml;be es besondere Stufen, Vorteile, Handhaben
+und R&uuml;cksichten. Er hat jetzt eine erste
+Entt&auml;uschung erlebt, und ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig;
+er zwanzig Entt&auml;uschungen hintereinander erleben
+wird. Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist
+&uuml;berhaupt f&uuml;r gewisse Personen nur eine Kette
+von Entmutigungen und schreckenerregenden b&ouml;sen
+<span class="pagenum"><a name="Page_154">[154]</a></span>
+Eindr&uuml;cken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden,
+leidenden Abneigung geboren. Er
+m&ouml;chte anerkennen und willkommen hei&szlig;en, aber
+er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose
+tritt ihm zehnfach hart und unmitleidvoll
+entgegen, er empfindet es eben sch&auml;rfer. Armer
+Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien
+schwelgen und sich in g&uuml;tige, weiche, sorgenlose
+Dinge betten k&ouml;nnen. F&uuml;r ihn sollte es heimliches
+Pl&auml;tschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn
+sollten blasse zarte Abendhimmelwolken tragen in
+das Reich: &raquo;Ach, wie ist mir?&laquo; &ndash; Seine H&auml;nde
+taugen zu leichten Geb&auml;rden, nicht zur Arbeit.
+Vor ihm sollten Winde wehen, und hinter ihm
+sollten s&uuml;&szlig;e freundliche Stimmen fl&uuml;stern. Seine
+Augen sollten selig geschlossen bleiben d&uuml;rfen, und
+Schacht sollte wieder ruhig einschlummern d&uuml;rfen,
+wenn er des Morgens in den warmen, l&uuml;sternen
+Kissen erwachte. F&uuml;r ihn gibt es im Grunde genommen
+keine ziemliche T&auml;tigkeit, denn jede Besch&auml;ftigung
+ist f&uuml;r ihn, der so aussieht, unziemlich,
+widernat&uuml;rlich und unpassend. Ich bin der reine
+grobknochige Knecht gegen Schacht. Ah, zerschmettert
+wird er werden, und eines Tages wird
+er im Krankenhaus verenden, oder er wird, verdorben
+an Leib und Seele, in einem von unsern
+modernen Gef&auml;ngnissen schmachten. Jetzt dr&uuml;ckt
+er sich so in den Ecken der Schulstube herum,
+<span class="pagenum"><a name="Page_155">[155]</a></span>
+sch&auml;mt sich und zittert vor dem ihm widerw&auml;rtigen,
+unbekannten Zuk&uuml;nftigen. Das Fr&auml;ulein sieht ihn
+besorgt an, doch ist sie jetzt vom eigent&uuml;mlichen
+Eigenen viel zu sehr in Anspruch genommen, als
+da&szlig; sie sich sehr um Schacht bek&uuml;mmern k&ouml;nnte.
+&Uuml;brigens k&ouml;nnte sie ihm nicht helfen. Ein Gott
+m&uuml;&szlig;te und k&ouml;nnte das vielleicht tun, doch es gibt
+keine G&ouml;tter, nur einen Einzigen, und der ist zu
+erhaben zur Hilfe. Zu helfen und zu erleichtern,
+das w&uuml;rde dem Allm&auml;chtigen gar nicht ziemen,
+so f&uuml;hle ich wenigstens.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Benjamenta spricht nun jeden Tag
+ein paar Worte mit mir, sei es in der K&uuml;che, sei's
+in der manchmal ganz stillen und vereinsamten
+Schulstube. Kraus tut, als wenn er noch ein Jahrzehnt
+gew&auml;rtigte, hier im Institut zu verbleiben.
+Er lernt seine Lektionen trocken und unverdrossen,
+ja doch, eigentlich verdrossen, aber verdrossen hat
+er ja immer ausgesehen, das will nichts zu bedeuten
+haben. Dieser Mensch ist keiner Voreiligkeit,
+keiner Ungeduld f&auml;hig. &raquo;Abwarten,&laquo; so steht
+es ihm auf der ruhigen Stirn beinahe hoheitsvoll
+geschrieben. Ja, Fr&auml;ulein sagte das auch schon
+einmal, sie sagte, Kraus besitze Hoheit, und das
+ist wahr, die Unscheinbarkeit seines Wesens hat
+etwas Unsichtbar-Herrscherartiges. Zu meinem
+Fr&auml;ulein wagte ich gestern zu sagen: &raquo;Wenn ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_156">[156]</a></span>
+Ihnen nur ein einziges, nur ein verschwindend
+kleines einziges Mal selbstbewu&szlig;ter gegen&uuml;bergetreten
+bin, als ganz befangen von Gef&uuml;hlen und
+Fesseln der lautersten Ehrfurcht, so will ich mich
+hassen, verfolgen, an Stricken aufh&auml;ngen, mit
+Giften t&ouml;tendster Art vergiften, mit Messern,
+gleichviel was f&uuml;r welchen, mir den Hals abschneiden.
+Nein, es ist ganz unm&ouml;glich, Fr&auml;ulein.
+Ich konnte Sie nie verletzen. Schon Ihre
+Augen. Wie sind sie mir immer der Befehl und
+das unantastbare sch&ouml;ne Gebot gewesen. Nein,
+nein, ich l&uuml;ge nicht. Ihr Erscheinen an der T&uuml;re!
+Ich habe hier nie einen Himmel n&ouml;tig gehabt, nie
+Mond, Sonne und Sterne. Sie, ja Sie sind mir
+die h&ouml;here Erscheinung gewesen. Ich rede wahr,
+Fr&auml;ulein, und ich mu&szlig; annehmen, da&szlig; Sie empfinden,
+wie fern von aller, aller Schmeichelei diese
+Worte sind. Ich hasse alles zuk&uuml;nftige Wohlergehen,
+ich verabscheue das Leben. Ja, ja. Und
+doch mu&szlig; ich bald auch, wie Kraus, austreten,
+ins hassenswerte Leben hinaus. Sie sind mir
+die k&ouml;rperliche Gesundheit gewesen. Habe ich in
+einem Buch gelesen, so waren Sie es, nicht das
+Buch, Sie waren das Buch. Doch, doch. Oft
+habe ich mich unartig benommen. Ein paarmal
+mu&szlig;ten Sie mich vor dem Hochmut, der mich
+fressen und unter Tr&uuml;mmer unschicklicher Einbildungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_157">[157]</a></span>
+begraben wollte, warnen. Wie sank er da,
+wie blitzschnell. Wie habe ich dem gelauscht, was
+das Fr&auml;ulein Benjamenta sprach. Sie l&auml;cheln?
+Ja, das L&auml;cheln, es ist mir immer ein Antrieb zum
+Guten, Tapfern und Wahren gewesen. Wie sind
+Sie stets gut zu mir gewesen. Viel, viel zu gut
+zu mir Trotzkopf. Und an Ihrem Anblick herunter
+st&uuml;rzten meine vielen Fehler, um Verzeihung
+flehend, herunter, zu Ihren F&uuml;&szlig;en. Nein, ich
+mag nicht in das Leben, nicht in die Welt hinaustreten.
+Ich verachte alles Zuk&uuml;nftige. Wenn Sie
+in die Stube eintraten, war ich froh, dann schalt
+ich mich stets einen Dummkopf. Oft habe ich Sie,
+denken Sie sich, ja, ich mu&szlig; es gestehen, im geheimen
+der W&uuml;rde und der Gr&ouml;&szlig;e berauben wollen,
+aber ich fand in all meinem zusammengepeitschten
+Geist kein Wort, nicht ein einziges kleines Wort
+der Schm&auml;hung und Schm&auml;lerung dessen, was ich
+ein wenig verletzen wollte. Und die Strafe war
+jedesmal meine Reue und Unruhe. Ja, immer,
+Fr&auml;ulein, immer habe ich Sie verehren m&uuml;ssen.
+Sind Sie ungehalten, da&szlig; ich so spreche? Ich,
+ich bin froh, da&szlig; ich so spreche.&laquo; &ndash; Sie schaute mich
+blinzelnd an und l&auml;chelte. Sie spottete ein wenig,
+war aber doch ganz zufrieden. Au&szlig;erdem, das
+merkte ich, war sie in Gedanken mit etwas Fernabliegendem
+besch&auml;ftigt. Sie war wie geistesabwesend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_158">[158]</a></span>
+und daher, einzig daher habe ich ja auch
+nur so zu sprechen gewagt. Ich werde mich h&uuml;ten,
+es wieder zu tun.</p>
+
+<p>Es geht mich ja gar nichts an, gewi&szlig;, aber
+es f&auml;llt mir auf, da&szlig; keine neuen Sch&uuml;ler ins
+Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr Benjamenta
+in der Umwelt als Erzieher genie&szlig;t oder
+genossen hat, im Abnehmen oder gar im Verschwinden
+sein? Das w&auml;re traurig. Doch vielleicht
+ist das alles nur meine &uuml;berreizte Empfindung.
+Ich bin hier ein wenig nerv&ouml;s geworden,
+wenn man eine gewisse Spannung und zugleich
+Mattigkeit der Beobachtungskr&auml;fte so nennen darf.
+Es ist hier alles so zart, und man steht wie in der
+blo&szlig;en Luft, nicht wie auf festem Boden. Und
+dann dieses immerw&auml;hrende Gefa&szlig;t- und Bewu&szlig;tsein,
+auch das macht es vielleicht aus. Leicht
+m&ouml;glich. Man wartet hier immer auf etwas,
+nun, das schw&auml;cht doch schlie&szlig;lich. Und wieder verbietet
+man sich streng das Horchen und Warten,
+weil das unzul&auml;ssig ist. Nun, auch das nimmt
+Kr&auml;fte in Anspruch. Oft steht das Fr&auml;ulein am
+Fenster und sieht lange hinaus, als lebe sie schon
+anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde
+und Nat&uuml;rliche, was hier webt: wir alle,
+Herrschaft sowohl wie Elevenschaft, wir leben beinahe
+schon anderswo. Es ist, als wenn wir nur
+<span class="pagenum"><a name="Page_159">[159]</a></span>
+noch vor&uuml;bergehend hier atmeten, &auml;&szlig;en, schliefen
+und wach st&uuml;nden und Unterricht erteilten und gen&ouml;ssen.
+Etwas wie treibende, schonungslose
+Energie schl&auml;gt hier rauschend die Fl&uuml;gel zusammen.
+Horchen wir alle hier auf das Sp&auml;tere?
+auf irgend welches Nachherige? Auch m&ouml;glich.
+Und was dann, wenn wir jetzigen Z&ouml;glinge alle
+ausgetreten sind und doch keine neuen mehr
+kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas
+arm und verlassen? Wenn ich mir das ausmale,
+werde ich krank, einfach krank. Nein, niemals,
+niemals. Das, das wird nicht sein d&uuml;rfen. Und
+doch wird es sein m&uuml;ssen. Sein m&uuml;ssen?</p>
+
+<p>R&uuml;stig sein hei&szlig;t, sich nicht lange besinnen,
+sondern rasch und ruhig hineingehen in das, was
+erf&uuml;llt werden soll. Na&szlig; werden von den Regeng&uuml;ssen
+des Bem&uuml;hens, hart und stark werden an
+den St&ouml;&szlig;en und Reibungen dessen, was die Notwendigkeit
+fordert. Ich hasse solche klugen Redensarten.
+Ich wollte an etwas ganz anderes denken.
+Aha, ich habe es, es betrifft Herrn Benjamenta.
+Ich war wieder bei ihm im Bureau. Ich necke
+ihn immer wegen der zu erlangenden, baldigen
+Anstellung. So frug ich ihn auch diesmal wieder,
+wie's denn jetzt sei, ob ich gew&auml;rtigen d&uuml;rfe usw.
+Er wollte w&uuml;tend werden. O, er will auch jetzt
+immer noch w&uuml;tend werden, und ich bin stets sehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_160">[160]</a></span>
+k&uuml;hn, wenn ich ihn reize. Ganz laut, barsch und
+unversch&auml;mt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz
+verlegen, er fing sogar an, sich hinter den gro&szlig;en
+Ohren zu reiben. Er hat nat&uuml;rlich nicht das,
+was man gro&szlig;e Ohren zu nennen pflegt, seine
+Ohren sind verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig durchaus nicht zu
+gro&szlig;, nur ist eben alles gro&szlig; an dem Mann,
+folglich auch seine Ohren. Schlie&szlig;lich trat er auf
+mich zu, lachte mich merkw&uuml;rdig gutm&uuml;tig an und
+sprach: &raquo;In die Arbeit hinaus willst du treten,
+Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber noch.
+Hier ist es doch f&uuml;r dich und deinesgleichen ganz
+sch&ouml;n. Oder nicht? Z&ouml;gere du noch ein wenig.
+Ich m&ouml;chte dir sogar anraten, ein wenig schlendrianisch,
+verge&szlig;lich und gedankentr&auml;ge zu werden.
+Denn siehst du, das, was man Untugenden nennt,
+das spielt im Dasein des Menschen eine so gro&szlig;e
+Rolle, das ist so wichtig, fast m&ouml;chte ich sagen,
+notwendig. Wenn Untugenden und Fehler nicht
+w&auml;ren, es w&uuml;rde der Welt an W&auml;rme, Reiz und
+Reichtum fehlen. Die H&auml;lfte der Welt, und vielleicht
+die im Grunde sch&ouml;nere, w&uuml;rde mit den
+L&auml;ssigkeiten und Schw&auml;chen dahinsterben. Nein,
+sei du tr&auml;ge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht,
+sei so, wie du bist und hier wurdest, aber spiele,
+bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst du?
+Sagst du ja? Mich w&uuml;rde es freuen, dich ein
+wenig den Tr&auml;umereien verfallen zu sehen. H&auml;nge
+<span class="pagenum"><a name="Page_161">[161]</a></span>
+den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betr&uuml;bt, nicht
+wahr? Denn du bist mir fast ein wenig zu voll
+von Willen, zu voll von Charakter. Und stolz
+bist du, Jakob! Was denkst du dir eigentlich?
+Meinst du, in der offenen Welt Gro&szlig;es erreichen,
+erringen zu k&ouml;nnen? Zu m&uuml;ssen? Hast du ernstliche
+Absichten auf etwas Bedeutungsvolles? Fast
+machst du mir &ndash; leider &ndash; diesen etwas gewaltsamen
+Eindruck. Oder dann willst du vielleicht,
+vielleicht wie zum Trotz, ganz klein bleiben? Auch
+das mute ich dir zu. Du bist ein bi&szlig;chen zu
+festlich, zu heftig, zu triumphatorisch aufgelegt.
+Doch das alles ist ja so gleichg&uuml;ltig, du bleibst
+noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe
+ich noch lange nichts derartiges. Wei&szlig;t
+du, mich verlangt, dich noch zu haben. Kaum
+besitze ich dich Burschen, so willst du fortrennen?
+Das gibt es nicht. Langweile dich hier im Institut
+so gut als du eben kannst. O, kleiner Welteroberer,
+in der Welt, drau&szlig;en in der Welt erst,
+im Beruf, im Streben, im Erringen, da, da werden
+dir Meere von Langeweile, &Ouml;de und Vereinsamung
+entgegeng&auml;hnen. Bleib' du hier. Sehne du dich
+noch ein Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch
+eine Seligkeit, welch eine Gr&ouml;&szlig;e im Sehnen, also
+im Warten, liegt. Also warte. La&szlig; es dich
+immerhin innerlich dr&auml;ngen. Aber nicht zu sehr.
+H&ouml;re, mich w&uuml;rde dein Weggehen schmerzen, es
+<span class="pagenum"><a name="Page_162">[162]</a></span>
+w&uuml;rde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare,
+beibringen, es w&uuml;rde mich fast t&ouml;ten. T&ouml;ten? Ich
+mu&szlig; dich bitten, mich auszulachen, aber fest. Lach'
+mich ganz unversch&auml;mt aus, Jakob. Ich erlaube
+es dir. Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich
+ich dir zuk&uuml;nftig noch zu gestatten und zu verbieten?
+Ich, der ich dich soeben davon &uuml;berzeugt
+habe, da&szlig; ich fast, fast abh&auml;ngig von dir bin?
+Mich schaudert's, mich emp&ouml;rt und begl&uuml;ckt es
+zu gleicher Zeit, Jakob, was ich da angestellt habe.
+Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen.
+Doch das fassest du nicht. Geh'. Marsch. Mach'
+da&szlig; du hinauskommst. Ungezogener, wisse, da&szlig;
+ich noch strafen kann. F&uuml;rchte dich.&laquo; &ndash; Nun, da
+hatte ich es, er war eben mit einmal wieder w&uuml;tend
+geworden. Rasch verschwand ich aus seinen finster
+mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen,
+das! Die des Herrn Vorstehers. Ich mu&szlig; hier
+bemerken, da&szlig; ich im Verduften aus einem Lokal
+eine unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin
+f&ouml;rmlich zum Kontor hinausgeflogen, nein,
+hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr
+mir sagte: &raquo;F&uuml;rchte dich.&laquo; O ja, man mu&szlig; sich
+schon zuweilen vor ihm f&uuml;rchten. Ich w&uuml;rde es
+unanst&auml;ndig finden, wenn ich keine Furcht kennte,
+denn dann h&auml;tte ich ja auch gar keinen Mut, der
+doch nichts anderes ist als das Furcht&uuml;berwindende.
+Wieder horchte ich drau&szlig;en im Korridor
+<span class="pagenum"><a name="Page_163">[163]</a></span>
+am Schl&uuml;sselloch, und wieder blieb es ganz
+still. Ich streckte sogar ganz l&auml;ppisch und echt
+z&ouml;glinghaft die Zunge heraus, und dann mu&szlig;te
+ich lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht.
+Nat&uuml;rlich ganz leise. Es war das denkbar
+echteste unterdr&uuml;ckte Gel&auml;chter. Wenn ich so lache,
+nun, dann steht nichts mehr &uuml;ber mir. Dann
+bin ich etwas an Umfassen und Beherrschen nicht
+zu &Uuml;berbietendes. Ich bin in solchen Momenten
+einfach gro&szlig;.</p>
+
+<p>Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta,
+noch habe ich die hier geltenden Satzungen
+zu f&uuml;rchten, noch wird Unterricht erteilt, Fragen
+werden gestellt und beantwortet, noch fliegen wir
+alle auf Kommando, noch immer klopft morgens
+fr&uuml;h Kraus mit seinem &auml;rgerlichen &raquo;Steh' auf,
+Jakob&laquo; und mit seinem zornig gebogenen Finger
+an meine Kammert&uuml;re, noch sagen wir Z&ouml;glinge:
+&raquo;Guten Tag, Fr&auml;ulein,&laquo; wenn sie erscheint, und:
+&raquo;Gute Nacht&laquo;, wenn sie abends sich zur&uuml;ckzieht.
+Wir stecken noch immer in den eisernen Klauen der
+zahlreichen Vorschriften und ergehen uns immer
+noch in lehrhaften, eint&ouml;nigen Wiederholungen.
+Ich bin &uuml;brigens jetzt endlich in den wirklichen
+innern Gem&auml;chern gewesen, und ich mu&szlig; sagen, es
+existieren gar keine. Zwei Zimmer sind da, aber
+diese beiden R&auml;ume sehen nach nichts Gemachartigem
+<span class="pagenum"><a name="Page_164">[164]</a></span>
+aus. Sie sind m&ouml;bliert wie die Sparsamkeit
+und Gew&ouml;hnlichkeit selber, und sie enthalten
+durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie
+bin ich nur auf die wahnsinnige Idee gekommen,
+da&szlig; Benjamentas in Gem&auml;chern wohnen? Oder
+tr&auml;umte ich, und habe ich jetzt ausgetr&auml;umt? Es
+sind allerdings Goldfische da, und Kraus und ich
+m&uuml;ssen das Bassin, in welchem diese Tiere
+schwimmen und leben, regelm&auml;&szlig;ig entleeren,
+s&auml;ubern und mit frischem Wasser auff&uuml;llen. Ist
+das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes? Goldfische
+k&ouml;nnen in jeder preu&szlig;ischen mittleren
+Beamtenfamilie vorkommen, und an Beamtenfamilien
+klebt nichts Unverst&auml;ndliches und Absonderliches.
+Wunderbar! Und ich habe so felsenfest
+an die innern Gem&auml;cher geglaubt. Ich dachte,
+es m&uuml;sse da hinter der T&uuml;re, durch welche das
+Fr&auml;ulein stets aus- und eingeht, von schlo&szlig;artigen
+Zimmern und Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene
+Wendeltreppen und breite steinerne,
+teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist
+hinter der einfachen T&uuml;re. Auch eine uralte
+Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange
+heitere, mattenbedeckte Korridore zogen sich in
+meiner Phantasie von einem Ende des &raquo;Geb&auml;udes&laquo;
+zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und
+Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung
+von sch&ouml;nen, aber unzuverl&auml;ssigen Einbildungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_165">[165]</a></span>
+gr&uuml;nden. Kapital, scheint mir, ist genug
+da, an Fonds wird es nicht fehlen, und Abnehmer
+solcher Papiere kommen &uuml;berall vor, wo der Gedanke
+und Glaube ans Sch&ouml;ne noch nicht ganz
+ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht alles
+vor. Einen Park nat&uuml;rlich. Ohne Park kann ich
+doch gar nicht existieren. Ebenso eine Kapelle,
+aber merkw&uuml;rdigerweise keine romantisch-ruinenhafte,
+sondern eine sauber renovierte, ein kleines
+protestantisches Gotteshaus. Der Pfarrer sa&szlig; am
+Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch. Und was noch alles. Man
+dinierte, man veranstaltete Jagden. Man tanzte
+abends im Rittersaal, an dessen hohen dunkelh&ouml;lzernen
+W&auml;nden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes
+hingen. Was f&uuml;r eines Geschlechtes?
+Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es
+nicht sagen. Nun, ich bereue tief, derart getr&auml;umt
+und gedichtet zu haben. Schnee fliegen sah ich
+auch, n&auml;mlich in den Schlo&szlig;hof. Es waren nasse,
+gro&szlig;e Schneeflocken, und es war morgens fr&uuml;h,
+immer war es dunkle, winterliche Fr&uuml;he. Ach,
+und etwas ganz Sch&ouml;nes, eine Halle, ja, eine
+Halle sah ich. Reizend! Drei edle vornehme
+Greisinnen sa&szlig;en beim kichernden, knisternden
+Kaminfeuer. Sie h&auml;kelten. Welch eine Phantasie,
+nicht weiter zu sehen als bis dort, wo
+gestrickt und geh&auml;kelt wird. Aber mich berauschte
+eben gerade das. Wenn ich Feinde h&auml;tte, w&uuml;rden
+<span class="pagenum"><a name="Page_166">[166]</a></span>
+sie sagen, das sei krankhaft, und sie w&uuml;rden Grund
+zu haben glauben, mich zu verabscheuen samt der
+lieben traulichen H&auml;kelei. Dann gab es wieder
+ein wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von
+silbernen Leuchtern herabstrahlten. Die Tafelfreude
+glitzerte, blendete und plauderte. Ich stellte
+mir das wahrhaft sch&ouml;n vor. Und Frauen, was
+f&uuml;r Frauen. Die eine sah einer veritablen Prinzessin
+&auml;hnlich, und sie war es auch. Ein Engl&auml;nder
+war auch da. Wie die weiblichen Kleider
+rauschten, wie die Br&uuml;ste, die nackten, auf und
+nieder wogten! Das E&szlig;zimmer war von Parf&uuml;ms
+wie von schlangenhaften Linien durchzogen.
+Die Pracht vereinigte sich mit der Sittsamkeit,
+der gute Ton mit dem Genu&szlig;, die Freude mit der
+Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der
+Geburt. Dann schwamm das wieder, und es kam
+anderes, Neues. Ja, die inneren Gem&auml;cher, sie
+lebten, und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden.
+Die karge Wirklichkeit: was ist sie doch manchmal
+f&uuml;r ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit denen sie
+nachher nichts anzufangen wei&szlig;. Es macht ihr
+eben einmal, wie es scheint, Spa&szlig;, Wehmut zu
+verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder
+sehr lieb, sch&auml;tzens-, sehr sch&auml;tzenswert. Sie bildet.</p>
+
+<p>Heinrich und Schilinski sind ausgetreten.
+Hand gesch&uuml;ttelt und adieu gesagt. Und fort.
+<span class="pagenum"><a name="Page_167">[167]</a></span>
+Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz
+die Abschiede sind. Man will etwas sagen, hat
+aber gerade das Passende vergessen, und so sagt
+man nichts oder irgend eine Dummheit. Abschiednehmen
+und -geben ist greulich. In solchen
+Momenten r&uuml;ttelt es am Menschenleben, und man
+f&uuml;hlt lebhaft, wie nichts man ist. Rasche Abschiede
+sind unliebevoll, und lange sind unertr&auml;glich. Was
+tut man? Nun, man sagt dann eben etwas Einf&auml;ltiges.
+&ndash; Fr&auml;ulein Benjamenta sagte mir etwas
+sehr Sonderbares. &raquo;Jakob,&laquo; sagte sie, &raquo;ich sterbe.
+Erschrick nicht. La&szlig; mich zu dir ganz ruhig reden.
+Sag', warum bist du nur so mein Vertrauter geworden?
+Ich habe dich gleich von Anfang an,
+als du hier eintratest, f&uuml;r nett gehalten, f&uuml;r zart.
+Bitte, mach' keine falsch-aufrichtigen Einwendungen.
+Du bist eitel. Bist du eitel? H&ouml;re, ja,
+es geht zu Ende mit mir. Kannst du schweigen?
+Du mu&szlig;t n&auml;mlich schweigen &uuml;ber das, was du
+jetzt erf&auml;hrst. Vor allen Dingen darf dein Herr
+Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen, pr&auml;ge dir
+das fest ein. Doch ich bin vollkommen ruhig,
+und du bist es auch, ich sehe es, und du wirst
+Wort halten und deinen Mund halten k&ouml;nnen,
+ich wei&szlig; es. Es nagt an mir, und ich sinke in
+etwas hinein, und ich wei&szlig;, was das ist. Das
+ist so traurig, mein lieber junger Freund, so
+traurig. Ich mute dir St&auml;rke zu, nicht wahr,
+<span class="pagenum"><a name="Page_168">[168]</a></span>
+Jakob? Aber ich wei&szlig; es ja grad, da&szlig; du stark
+bist. Du hast Herz. Kraus w&uuml;rde mich nicht zu
+Ende anh&ouml;ren k&ouml;nnen. Ich finde es so h&uuml;bsch, da&szlig;
+du nicht weinst. O es w&uuml;rde mich widerlich ber&uuml;hren,
+wenn jetzt schon, jetzt schon deine Augen
+feucht w&uuml;rden. Das alles hat noch Zeit. Und
+du horchst so sch&ouml;n. Du h&ouml;rst meine elende Geschichte
+an wie etwas Kleines, Feines und Gew&ouml;hnliches,
+wie etwas, das einfach nur Aufmerksamkeit
+heischt, weiter nichts, und so horchst du.
+Du kannst dich ganz riesig gut benehmen, wenn
+du dir recht M&uuml;he gibst. Freilich, hochm&uuml;tig bist
+du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen
+Ton jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was f&uuml;r ein
+Wort) steht dicht hinter mir. Sieh', so, wie ich
+jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen
+kalten scheu&szlig;lichen Atem an, und ich sinke, sinke
+vor diesem Atem. Die Brust pre&szlig;t es mir ab.
+Habe ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das
+traurig f&uuml;r dich? Ein wenig, nicht wahr. Doch
+du mu&szlig;t das alles jetzt noch vergessen, hast du
+geh&ouml;rt? Vergessen! Ich komme wieder zu dir,
+so wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir
+geht. Nicht wahr, du wirst es zu vergessen suchen.
+Doch komm' her. La&szlig; mich dir die Stirne ber&uuml;hren.
+Du bist brav.&laquo; &ndash; Sie zog mich ganz
+leicht an sich und dr&uuml;ckte mir so etwas wie Hauch
+auf die Stirne. Von Ber&uuml;hren, wie sie sagte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_169">[169]</a></span>
+war gar keine Rede. Dann entfernte sie sich still
+und &uuml;berlie&szlig; mich meinen Gedanken. Gedanken?
+I wo. Ich dachte wieder einmal daran, da&szlig; mir
+Geld mangle. Das war mein Gedanke. So bin
+ich, so roh und so gedankenlos. Und dann ist
+die Sache ja die: herzliche Ersch&uuml;tterungen senken
+etwas wie Eisesk&auml;lte in meine Seele hinein. Unmittelbar
+zur Trauer veranla&szlig;t, entschl&uuml;pft mir
+die Trauer-Empfindung vollst&auml;ndig. Ich l&uuml;ge
+nicht gern. &Uuml;berhaupt mir gegen&uuml;ber l&uuml;gen: was
+h&auml;tte das f&uuml;r einen Sinn? Ich l&uuml;ge wo anders,
+aber nicht hier, vor mir selber. Nein, wei&szlig; der
+Kuckuck, da lebe ich, und Fr&auml;ulein Benjamenta
+sagt so etwas Entsetzliches, und ich, der ich sie
+anbete, wei&szlig; nichts von Tr&auml;nen? Ich bin gemein,
+das ist es. Doch halt. Zu sehr heruntermachen
+will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig,
+und deshalb&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;. L&uuml;gen sind das, lauter L&uuml;gen.
+Ich habe das ja alles eigentlich gewu&szlig;t. Gewu&szlig;t?
+Das ist wieder eine L&uuml;ge. Es ist mir nicht m&ouml;glich,
+mir die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche
+ich Fr&auml;ulein und schweige &uuml;ber diese Geschichte.
+Ihr gehorchen d&uuml;rfen! So lange ich ihr gehorche,
+ist sie am Leben.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Angenommen, ich w&auml;re Soldat (und ich bin
+meiner Natur nach ein ausgezeichneter Soldat),
+gemeiner Fu&szlig;soldat, und ich diente unter Napoleons
+<span class="pagenum"><a name="Page_170">[170]</a></span>
+Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab
+nach Ru&szlig;land. Mit meinen Kameraden st&uuml;nde
+ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und
+die vielen gemeinsam begangenen rohen Taten
+verb&auml;nden uns wie zu etwas zusammenh&auml;ngend
+Eisernem. Grimmig w&uuml;rden wir vor uns herstarren.
+Ja, der Grimm, der unbewu&szlig;te, stumpfe
+Zorn, der verb&auml;nde uns. Und wir marschierten,
+immer das Gewehr umgeh&auml;ngt. In den St&auml;dten,
+durch die wir z&ouml;gen, w&uuml;rde uns eine m&uuml;&szlig;ige,
+schlaffe, durch den Tritt unserer F&uuml;&szlig;e entmoralisierte
+Menschenmenge begaffen. Aber dann w&uuml;rde
+es keine St&auml;dte mehr geben, oder nur noch ganz
+selten, sondern unabsehbare L&auml;nderstrecken w&uuml;rden
+sich vor unsern Augen und Beinen nach dem
+d&uuml;nnen Horizont hinschleichen. Das Land kr&ouml;che
+und schliche f&ouml;rmlich. Und nun w&uuml;rde der Schnee
+kommen und uns einschneien, aber immer w&uuml;rden
+wir weitermarschieren. Die Beine, das w&auml;re jetzt
+alles. Stundenlang w&uuml;rde mein Blick zur nassen
+Erde gesenkt sein. Ich w&uuml;rde Mu&szlig;e haben zur
+Reue, zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer
+w&uuml;rde ich Schritt halten, Beine hin und her
+werfen und vorw&auml;rtsmarschieren. &Uuml;brigens gliche
+unser Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin
+und wieder erschien in weiter, weiter Ferne ein
+&auml;ffender H&ouml;henzug, d&uuml;nn wie die Kante eines
+Taschenmessers, eine Art Wald. Und da w&uuml;rden
+<span class="pagenum"><a name="Page_171">[171]</a></span>
+wir wissen, da&szlig; jenseits dieses Waldes, an dessen
+Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich
+weitere endlose Ebenen ausdehnten. Von Zeit
+zu Zeit fielen Sch&uuml;sse. Bei diesen vereinzelten
+T&ouml;nen w&uuml;rden wir uns an das erinnern, was
+k&auml;me, an die Schlacht, die da eines Tages geschlagen
+werden w&uuml;rde. Und wir marschierten.
+Die Offiziere w&uuml;rden mit traurigen Mienen umherreiten,
+Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie
+gejagt von ahnungsvollem Entsetzen, am Zug
+vor&uuml;ber. Man w&uuml;rde an den Kaiser, an den Feldherrn
+denken, nur ganz dunkel, aber immerhin,
+man w&uuml;rde ihn sich vorstellen, und das gew&auml;hrte
+Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose
+kleine, aber furchtbare Unterbrechungen
+hemmten f&uuml;r kurze Zeiten den Marsch. Doch
+das w&uuml;rde man kaum merken, sondern marschierte
+weiter. Dann k&auml;men mir die Erinnerungen, nicht
+deutliche, und doch &uuml;berdeutliche. Sie w&uuml;rden mir
+am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen
+Beute, sie w&uuml;rden mich ins Heimatlich-Trauliche
+versetzen, an den goldenen, von zarten
+Nebeln bekr&auml;nzten, rundlichen Rebh&uuml;gel. Ich
+w&uuml;rde Kuhglocken schallen und ans Gem&uuml;t schlagen
+h&ouml;ren. Ein liebkosender Himmel b&ouml;ge sich wasserfarbig
+und tonreich &uuml;ber mir. Der Schmerz w&uuml;rde
+mich beinahe verr&uuml;ckt machen, doch ich marschierte
+weiter. Meine Kameraden zur linken und zur
+<span class="pagenum"><a name="Page_172">[172]</a></span>
+rechten Hand, der Vorder- und der Hintermann,
+das bedeutete alles. Das Bein w&uuml;rde arbeiten
+wie eine alte, aber immer noch gef&uuml;gige Maschine.
+Brennende D&ouml;rfer w&uuml;rden den Augen ein t&auml;glich
+wiederholter, schon ganz uninteressanter Anblick
+sein, und &uuml;ber Grausamkeiten unmenschlicher Art
+w&uuml;rde man sich nicht wundern. Da fiele eines
+Abends, in der immer bitterer werdenden K&auml;lte,
+mein Kamerad, er k&ouml;nnte ja Tscharner hei&szlig;en, zu
+Boden. Ich w&uuml;rde ihm aufhelfen wollen, aber:
+&raquo;Liegen lassen!&laquo; w&uuml;rde der Offizier befehlen. Und
+man marschierte weiter. Dann, eines Mittags,
+s&auml;hen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch er
+w&uuml;rde l&auml;cheln, er w&uuml;rde uns bezaubern. Ja,
+diesem Menschen fiele es nicht ein, seine Soldaten
+durch eine d&uuml;stere Miene zu entnerven und zu
+entmutigen. Siegesgewi&szlig;, zum voraus schon zuk&uuml;nftige
+Schlachten gewonnen, marschierten wir in
+dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen
+M&auml;rschen, w&uuml;rde es endlich zum Schlagen
+kommen, und es ist m&ouml;glich, da&szlig; ich am Leben
+bliebe und wieder weitermarschierte. &raquo;Jetzt geht
+es nach Moskau, du!&laquo; w&uuml;rde einer in unserer
+Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich wei&szlig; nicht
+was f&uuml;r Gr&uuml;nden darauf, ihm zu antworten. Ich
+w&auml;re nur noch der kleine Bestandteil an der
+Maschine einer gro&szlig;en Unternehmung, kein Mensch
+mehr. Ich w&uuml;&szlig;te nichts mehr von Eltern, nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_173">[173]</a></span>
+von Verwandten, Liedern, pers&ouml;nlichen Qualen
+oder Hoffnungen, nichts vom heimatlichen Sinn
+und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und
+Geduld w&uuml;rde mich zu einem festen, undurchdringlichen,
+fast ganz inhaltlosen K&ouml;rper-Klumpen gemacht
+haben. Und so ginge es weiter, nach
+Moskau zu. Ich w&uuml;rde das Leben nicht verfluchen,
+dazu w&auml;re es l&auml;ngst zu fluchw&uuml;rdig geworden,
+kein Weh mehr empfinden, das Weh mit
+all seinen j&auml;hen Zuckungen w&uuml;rde ich l&auml;ngst ausempfunden
+und fertigempfunden haben. Das ungef&auml;hr,
+glaube ich, hie&szlig;e Soldat unter Napoleon
+sein.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist mir ein Rechter, du!&laquo; sagte Kraus
+zu mir, eigentlich ganz ungerechtfertigt, &raquo;du geh&ouml;rst
+zu denen, die sich, so wertlos sie sein m&ouml;gen,
+&uuml;ber gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich
+wei&szlig; es schon, schweig' nur. Du willst in mir
+einen sauren P&auml;dagogen und Rechthaber erblickt
+haben. Geh' mir. Und was f&uuml;hlst du denn, du
+und deinesgleichen, Prahlhanse, was ihr seid, was
+ernst-sein und achtsam-sein eigentlich sagen will.
+Du bildest dir auf deine springerische und t&auml;nzerische
+Leichtfertigkeit ganz gewi&szlig;, und mit ohne
+Zweifel ebenso viel Recht, nicht wahr, K&ouml;nigreiche
+ein? Du T&auml;nzer, o ich durchschaue dich. Immer
+lachen &uuml;ber das Richtige und Ziemliche, das kannst
+<span class="pagenum"><a name="Page_174">[174]</a></span>
+du, das verstehst du vortrefflich, ja, ja, darin seid
+ihr, du und deine Stammesbr&uuml;der, Meister. Aber
+gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter,
+Blitz und Donner und Schicksalsschl&auml;ge,
+gewi&szlig; noch nicht abgeschafft worden. Wegen eurer
+Grazie, ihr K&uuml;nstler, was ihr doch seid, bieten
+sich dem Schaffenden, &uuml;berhaupt Lebendigen, gewi&szlig;
+nicht pl&ouml;tzlich weniger Schwierigkeiten. Lerne
+du auswendig, das, was dir als Lektion vorschweben
+sollte, statt mir zeigen zu wollen, da&szlig;
+du auf mich herablachen kannst. Ist das ein
+Herrchen! Es will mir dartun, da&szlig; es sich br&uuml;sten
+kann, wenn es ihm pa&szlig;t. La&szlig; dir sagen, da&szlig;
+Kraus solche armseligen Schauspielereien einfach
+verachtet. Mach' etwas! Man kann dir das nicht
+dutzendmal genug auf die hochm&uuml;tige Nase binden.
+Wei&szlig;t du was, Jakob, Herr des Daseins: la&szlig; mich
+in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich bin &uuml;berzeugt,
+es fallen dir welche vor die F&uuml;&szlig;e, und du
+wirst sie nur aufzulesen brauchen. Alles schmeichelt
+euch ja, alles kommt euch entgegen, euch Besenbinder.
+Was? Du hast die H&auml;nde noch in der
+Tasche? Zwar, ich begreife es. Wem gebratene
+Tauben in den Mund fliegen, warum sollte der
+sich noch je &uuml;berhaupt M&uuml;he geben, so auszusehen
+wie einer, auf den eine Tat, eine Arbeit, eine
+h&auml;ndefordernde Anstrengung hinzutreten k&ouml;nnte?
+Bitte, g&auml;hne noch ein wenig. Es macht sich dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_175">[175]</a></span>
+besser. So siehst du zu gefa&szlig;t, zu beherrscht, zu
+bescheiden aus. Oder willst du mir ein paar Vorschriften
+erteilen? Tu's nur. Ich bin sehr gespannt.
+Ach, mach' da&szlig; du wegkommst. An
+deiner albernen Gegenwart werde ich sonst noch
+ganz und gar an mir selbst irre, du altes &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+ich h&auml;tte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet
+einen zu s&uuml;ndhaften Ausdr&uuml;cken, der &Auml;rgerniserreger,
+was er ist. Mach' dich unsichtbar oder
+besch&auml;ftige dich mit etwas. Und allen Anstand
+verlierst du auch, ja du, vor Vorstehers. Ich hab's
+schon gesehen. Aber wozu rede ich mit einem
+Lachbenzen? Gestehe, da&szlig; du ganz nett w&auml;rest,
+wenn du kein Narr w&auml;rst. Wenn du mir das gestehst,
+will ich dir um den Hals fallen.&laquo; &ndash; &raquo;O
+Kraus, liebster aller Menschen,&laquo; sagte ich, &raquo;du
+h&ouml;hnst, du spottest? Kann das Kraus? Ist das
+m&ouml;glich?&laquo; &ndash; Ich lachte hell auf und schlenderte
+in meine Kammer. Bald ist hier im Institut
+Benjamenta alles &uuml;berhaupt nur noch ein Schlendern.
+Es sieht hier aus, als wenn so etwas wie
+&raquo;die Tage gez&auml;hlt&laquo; w&auml;ren. Aber man irrt sich.
+Vielleicht irrt sich auch Fr&auml;ulein Benjamenta.
+Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns
+vielleicht alle.</p>
+
+<p>Ich bin jetzt ein Kr&ouml;sus. Zwar, was das
+sch&auml;tzenswerte Geld anbetrifft &ndash;&nbsp;&ndash; still, nicht von
+<span class="pagenum"><a name="Page_176">[176]</a></span>
+Geldern reden. Ich f&uuml;hre ein sonderbares Doppelleben,
+ein geregeltes und ein ungeregeltes, ein
+kontrolliertes und ein unkontrollierbares, ein einfaches
+und ein h&ouml;chst kompliziertes. Was will
+Herr Benjamenta sagen, wenn er bekennt, noch
+nie einen Menschen geliebt zu haben? Was hat
+es zu bedeuten, da&szlig; er mir, seinem Eleven und
+Sklaven, das sagt? Nun ja, Eleven sind Sklaven,
+junge, den Zweigen und St&auml;mmen entrissene, dem
+unbarmherzigen Sturmwind &uuml;berlieferte, &uuml;brigens
+schon ein wenig gelbliche Bl&auml;tter. Ist Herr Benjamenta
+ein Sturmwind? Sehr wohl denkbar,
+denn ich habe ja schon oft Gelegenheit gehabt,
+das Brausen und Z&uuml;rnen und dunkle Sichentladen
+dieses Sturmwindes zu sp&uuml;ren. Und dann ist er
+ja so allm&auml;chtig, und ich Z&ouml;gling, wie winzig bin
+ich. Still, nicht von Allmacht reden. Man irrt
+sich stets, wenn man gro&szlig;e Worte in den Mund
+nimmt. Herr Benjamenta ist der Ersch&uuml;tterung
+und Schw&auml;che so f&auml;hig, so sehr f&auml;hig, da&szlig; es beinahe
+zum Lachen, vielleicht sogar zum Grinsen ist.
+Ich glaube, alles, alles ist schwach, alles mu&szlig; wie
+W&uuml;rmer zittern. Nun ja, und diese Erleuchtung,
+diese Gewi&szlig;heit macht mich zum Kr&ouml;sus, d.&nbsp;h.
+zum Kraus. Kraus liebt und ha&szlig;t nichts, daher
+ist er ein Kr&ouml;sus, es grenzt etwas in ihm ans Unanfechtbare.
+Wie ein Felsen ist er, und das Leben,
+die st&uuml;rmische Welle, zerspritzt sich an seinen
+<span class="pagenum"><a name="Page_177">[177]</a></span>
+Tugenden. Seine Natur, sein Wesen ist ganz voll
+behangen von Tugenden. Man kann ihn kaum
+lieben, von hassen schon gar keine Rede. Das
+H&uuml;bsche, Anziehende mag man gern, und daher
+ist auch das Sch&ouml;ne und H&uuml;bsche der Gefahr des
+Gefressenwerdens oder Mi&szlig;brauchtwerdens in so
+hohem Ma&szlig;e ausgesetzt. An Kraus heran wagen
+sich keine verzehrenden, fressenden Lebens-Z&auml;rtlichkeiten.
+Wie verloren eigentlich, aber doch, wie
+fest, wie unnahbar steht er da. Wie ein Halbgott.
+Doch das versteht niemand, und auch ich &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+manchmal rede und denke ich geradezu &uuml;ber den
+eigenen Verstand. Ich h&auml;tte daher vielleicht
+Pfarrer, Anf&uuml;hrer einer religi&ouml;sen Sekte oder
+Str&ouml;mung werden sollen. Nun, das kann ich
+ja noch. Ich kann noch alles M&ouml;gliche aus mir
+machen. Aber Benjamenta? &ndash; Ich wei&szlig; es genau,
+er wird mir jetzt bald einmal seine Lebensgeschichte
+erz&auml;hlen. Es wird ihn dr&auml;ngen zu Offenheiten,
+zu Erz&auml;hlungen. Sehr wahrscheinlich. Und merkw&uuml;rdig:
+manchmal ist mir, als wenn ich mich von
+diesem Mann, diesem Riesen, nie trennen sollte,
+nie mehr, als ob wir beide in Eines verschmolzen
+w&auml;ren. Aber man irrt sich ja immer. Gefa&szlig;t,
+einigerma&szlig;en gefa&szlig;t sein, das will ich. Auch nicht
+zu sehr, nein. Zu sehr gefa&szlig;t sein hie&szlig;e zu frech
+sein. Wozu Bedeutsames im Leben gew&auml;rtigen?
+Mu&szlig; das sein? Ich bin ja etwas so Kleines.
+<span class="pagenum"><a name="Page_178">[178]</a></span>
+Daran, daran halte ich ungebunden fest, daran,
+da&szlig; ich klein, klein und nichtsw&uuml;rdig bin. Und
+Fr&auml;ulein Benjamenta? Wird sie wirklich sterben?
+An das wage ich nicht zu denken, und ich darf
+auch nicht. Ein h&ouml;heres Empfinden verbietet es
+mir. Nein, ich bin kein Kr&ouml;sus. Und was das
+Doppelleben betrifft, so f&uuml;hrt jedermann eigentlich
+ein solches. Wozu sich da br&uuml;sten? Ach, all diese
+Gedanken, all dieses sonderbare Sehnen, dieses
+Suchen, dieses H&auml;nde-Ausstrecken nach einer Bedeutung.
+Mag es tr&auml;umen, mag es schlafen. Ich
+lasse es einfach nun kommen. Mag es kommen.</p>
+
+<p>Ich schreibe in fliegender Hast. Ich bebe am
+ganzen K&ouml;rper. Es flackert vor meinen Augen
+wie auf und ab tanzende Irrlichter. Etwas
+Furchtbares ist geschehen, scheint geschehen, kaum
+bin ich meiner selber und dessen bewu&szlig;t, was
+vorfiel. Herr Benjamenta hat einen Anfall gehabt
+und hat mich &ndash; erw&uuml;rgen wollen. Ist das
+wahr? O weh, alle meine Gedankenkr&auml;fte
+schwinden, und ich kann mir nicht sagen, ob alles
+das wahr ist, was da vorging. Aber ich merke
+an der Zerr&uuml;ttung, die mich beherrscht, da&szlig; es
+wahr ist. Der Vorsteher kam in eine unbeschreibliche
+Wut hinein. Er glich einem Simson, jenem
+Mann aus der Geschichte Pal&auml;stinas, der an den
+S&auml;ulen eines hohen, menschenerf&uuml;llten Hauses
+<span class="pagenum"><a name="Page_179">[179]</a></span>
+r&uuml;ttelte, bis der festliche, l&uuml;sterne Palast, bis der
+steinerne Triumph, bis die Bosheit zusammenst&uuml;rzte.
+Zwar hier, d.&nbsp;h. vor kaum einer Stunde,
+war ja durchaus keine Bosheit, keine Niedertracht
+umzuwerfen, und S&auml;ulen und Pfeiler gab es ebenfalls
+keine, aber es sah doch so aus, genau so,
+und ich geriet in eine nie vorher gekannte, hasenartige,
+schreckliche Angst hinein. Ja, ein Hase
+war ich, und in der Tat, ich hatte auch Ursache
+zur hasenartigen Flucht, sonst w&auml;re es mir sicher
+elend ergangen. Ich entschl&uuml;pfte mit, ich kann es
+nicht anders sagen, wunderbarer Behendigkeit
+seinen zusammenschn&uuml;renden F&auml;usten, und ich
+glaube, ich habe ihn, den gro&szlig;en Herrn Benjamenta,
+den Riesen Goliath, sogar in den Finger
+gebissen. Vielleicht rettete der rasche, energische
+Bi&szlig; mir das Leben, denn es ist leicht m&ouml;glich,
+da&szlig; der Schmerz, den die Wunde ihm beibrachte,
+ihn pl&ouml;tzlich wieder an Art und Weise, an Vernunft
+und Menschlichkeit erinnerte, derart, da&szlig; ich
+einer groben Verletzung des z&ouml;glinghaften Anstandes
+m&ouml;glicherweise das Leben zu verdanken
+habe. Gewi&szlig;, die Gefahr, erdr&uuml;ckt zu werden,
+lag nahe, aber, wie ist das alles gekommen, wie
+war das alles m&ouml;glich? Gleich einem Rasenden
+hat er sich auf mich gest&uuml;rzt. Geworfen hat er
+sich mit seinem m&auml;chtigen K&ouml;rper auf mich wie ein
+dunkles St&uuml;ck verr&uuml;ckt gewordenen J&auml;hzornes; wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_180">[180]</a></span>
+eine Meerwelle kam es auf mich zu, um mich zu
+zerschmettern an den harten Wasserw&auml;nden. Ich
+fable da von Wasser. Das ist Unsinn, gewi&szlig;,
+aber ich bin eben noch ganz benommen, ganz verwirrt
+und ersch&uuml;ttert. &raquo;Was machen Sie da,
+verehrter, lieber Herr Vorsteher? He?&laquo; schrie ich
+aus und rannte wie besessen zur Bureaut&uuml;re
+hinaus. Und da horchte ich wieder. So wie ich
+mit heiler Haut im Korridor stand, schob ich,
+allerdings zitternd mit all meinen Gliedern, mein
+Ohr ans Schl&uuml;sselloch und horchte. Da h&ouml;rte ich's
+leise lachen. Ich st&uuml;rzte hierher an den Schultisch,
+und hier bin ich, und ich wei&szlig; nicht, ob ich
+das getr&auml;umt, oder ob ich das tats&auml;chlich erlebt
+habe. Nein, nein, es ist, es ist Tatsache. Wenn
+doch nur Kraus k&auml;me. Mir ist doch ein wenig
+bange. Wie nett w&auml;re es, wenn der gute Kraus
+k&auml;me und mir wieder ein wenig, wie schon so oft,
+die Leviten l&auml;se. Ich m&ouml;chte ein wenig ausgeschimpft,
+abgekanzelt, verknurrt und verdonnert
+werden, das w&uuml;rde mir unsagbar wohltun. Bin
+ich ein Kind?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb,
+glaube ich zuversichtlich, wird an mir immer etwas
+Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so
+gewachsen, &auml;lter geworden, aber das Wesen blieb.
+Ich finde an dummen Streichen noch ebenso viel
+<span class="pagenum"><a name="Page_181">[181]</a></span>
+Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es ja,
+ich habe eigentlich nie dumme Streiche gemacht.
+Meinem Bruder habe ich ganz fr&uuml;h einmal ein
+Loch in den Kopf geschlagen. Das war ein Geschehnis,
+kein dummer Streich. Gewi&szlig;, Dummheiten
+und Jungenhaftigkeiten gab es die Menge,
+aber der Gedanke interessierte mich immer mehr
+als die Sache selber. Ich habe fr&uuml;h begonnen,
+&uuml;berall, selbst in den dummen Streichen, Tiefes
+herauszuempfinden. Ich entwickle mich nicht. Das
+ist ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde
+ich nie &Auml;ste und Zweige ausbreiten. Eines Tages
+wird von meinem Wesen und Beginnen irgend ein
+Duft ausgehen, ich werde Bl&uuml;te sein und ein
+wenig, wie zu meinem eigenen Vergn&uuml;gen, duften,
+und dann werde ich den Kopf, den Kraus einen
+dummen, hochm&uuml;tigen Trotzkopf nennt, neigen.
+Die Arme und Beine werden mir seltsam erschlaffen,
+der Geist, der Stolz, der Charakter,
+alles, alles wird brechen und welken, und ich werde
+tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse
+Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig
+Jahre so dahinleben und -sterben. Ich werde alt
+werden. Doch ich habe kein Bangen vor mir. Ich
+fl&ouml;&szlig;e mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere
+ja mein Ich gar nicht, ich sehe es blo&szlig;,
+und es l&auml;&szlig;t mich ganz kalt. O in W&auml;rme kommen!
+Wie herrlich! Ich werde immer wieder in W&auml;rme
+<span class="pagenum"><a name="Page_182">[182]</a></span>
+kommen k&ouml;nnen, denn mich wird niemals etwas
+Pers&ouml;nliches, Selbstisches am Warmwerden, am
+Entflammen und am Teilnehmen verhindern. Wie
+gl&uuml;cklich bin ich, da&szlig; ich in mir nichts Achtens-
+und Sehenswertes zu erblicken vermag. Klein
+sein und bleiben. Und h&ouml;be und tr&uuml;ge mich eine
+Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo
+Macht und Einflu&szlig; gebieten, ich w&uuml;rde die Verh&auml;ltnisse,
+die mich bevorzugten, zerschlagen, und
+mich selber w&uuml;rde ich hinabwerfen ins niedrige,
+nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern
+Regionen atmen.</p>
+
+<p>Ich gehe durchaus mit den Vorschriften, die
+hier &ndash; immer noch &ndash; gelten, einig, wenn sie
+befehlen, da&szlig; die Augen des Z&ouml;glings und Lebenslehrlings
+gl&auml;nzen m&uuml;ssen vor Munterkeit und
+gutem Willen. Ja, Augen m&uuml;ssen Festigkeit der
+Seele ausstrahlen. Ich verachte Tr&auml;nen, und doch
+habe ich geweint. Allerdings mehr innerlich, aber
+das ist vielleicht gerade das Schauderhafteste.
+Fr&auml;ulein Benjamenta sagte zu mir: &raquo;Jakob, ich
+sterbe, weil ich keine Liebe gefunden habe. Das
+Herz, das kein W&uuml;rdiger zu besitzen, zu verwunden
+begehrt hat, es stirbt jetzt. Ich sage dir adieu,
+Jakob, schon jetzt. Ihr Knaben, Kraus, du und
+die andern, ihr werdet dann ein Lied singen am
+Bett, in dem ich liegen werde. Klagen werdet ihr,
+<span class="pagenum"><a name="Page_183">[183]</a></span>
+leise klagen. Und jeder von euch, ich wei&szlig; es,
+wird eine frische, vielleicht gar vom Naturtau noch
+feuchte Blume auf das Laken legen. La&szlig; mich
+dich, junges Menschenherz, ganz ins geschwisterliche,
+ins l&auml;chelnde Vertrauen ziehen. Ja, dir,
+Jakob, etwas anzuvertrauen, das ist so nat&uuml;rlich,
+denn man meint, du, der du so aussiehst wie jetzt,
+du m&uuml;&szlig;test f&uuml;r alles und jedes, selbst f&uuml;r das
+Unsagbare und Unh&ouml;rbare, ein Ohr, eine horchende
+Brust, ein Auge, eine Seele und ein mitleidendes,
+mitempfindendes Verst&auml;ndnis haben.
+Ich gehe am Unverst&auml;ndnis derjenigen, die mich
+h&auml;tten sehen und fassen sollen, am Wahn der
+Vorsichtigen und Klugen, und an der Lieblosigkeit
+des Zauderns und des Nicht-recht-m&ouml;gens
+zugrunde. Man glaubte mich eines Tages zu
+lieben, und mich zu haben zu w&uuml;nschen, doch man
+zauderte, man lie&szlig; mich stehen, und auch ich
+zauderte, aber ich bin ja ein M&auml;dchen, ich mu&szlig;te
+zaudern, ich durfte und sollte es. Ah, wie hat
+mich die Untreue betrogen, wie haben mich Leerheit
+und F&uuml;hllosigkeit eines Herzens gepeinigt,
+an das ich glaubte, weil ich glaubte, es sei voll
+von echten, dr&auml;ngenden Gef&uuml;hlen. Etwas, das
+&uuml;berlegen und unterscheiden kann, ist kein Gef&uuml;hl.
+Ich spreche zu dir von dem Mann, an den anmutige
+s&uuml;&szlig;e Tr&auml;ume mich glauben, unbedenklich
+glauben hie&szlig;en. Ich kann dir nicht alles sagen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_184">[184]</a></span>
+La&szlig; mich lieber schweigen. O das Vernichtende,
+das mich t&ouml;tet, Jakob. Die Trostlosigkeiten alle,
+die mich brechen! &ndash; Doch genug. Sage, hast du
+mich lieb, wie junge Br&uuml;der Schwestern lieb
+haben? Schon gut. Jakob, nicht wahr, es ist
+alles ganz gut, so wie es ist? Nein, nicht wahr,
+wir beide, wir wollen nicht grollen, nicht zweifeln?
+Und nicht wahr, nie wieder irgend etwas zu begehren
+haben, ist sch&ouml;n? Oder nicht? Ja, ja
+doch. Das ist sch&ouml;n. Komm' und la&szlig; mich dich
+k&uuml;ssen, ein einziges unschuldiges Mal. Sei weich.
+Ich wei&szlig;, du weinst nicht gern, aber jetzt la&szlig; uns
+ein wenig zusammen weinen. Und ganz still jetzt,
+ganz still.&laquo; Sie f&uuml;gte nichts mehr hinzu. Es
+war, als wenn sie vieles noch h&auml;tte sagen wollen,
+doch als wenn sie f&uuml;r ihre Empfindungen keine
+Worte mehr f&auml;nde. Drau&szlig;en im Hof schneite
+es in nassen gro&szlig;en Flocken. Das erinnerte mich
+an den Schlo&szlig;hof, an die innern Gem&auml;cher, wo es
+ebenfalls in nassen gro&szlig;en Flocken geschneit hatte.
+Die innern Gem&auml;cher! Und ich dachte mir immer,
+Fr&auml;ulein Benjamenta sei die Herrin dieser innern
+Gem&auml;cher. Ich habe sie mir immer als zarte
+Prinzessin gedacht. Und jetzt? Fr&auml;ulein Benjamenta
+ist ein leidender feiner weiblicher Mensch.
+Keine Prinzessin. Sie wird also eines Tages da
+drinnen im Bett liegen. Der Mund wird starr
+<span class="pagenum"><a name="Page_185">[185]</a></span>
+sein, und um die leblose Stirne werden sich die
+Haare tr&uuml;gerisch kr&auml;useln. Doch wozu sich das
+ausmalen? Jetzt gehe ich zum Vorsteher. Er
+hat mir sagen lassen, ich solle zu ihm kommen.
+Auf der einen Seite eine M&auml;dchenklage und
+-leiche, auf der andern Seite ihr Bruder, der
+noch gar nicht gelebt zu haben scheint. Ja, Benjamenta
+kommt mir wie ein ausgehungerter, eingesperrter
+Tiger vor. Und wie? Ich, ich begebe
+mich in den g&auml;hnenden Rachen hinein? Nur
+hinein! Mag er seinen Mut k&uuml;hlen an einem
+wehrlosen Z&ouml;gling. Ich stehe ihm zur Verf&uuml;gung.
+Ich f&uuml;rchte ihn, und zugleich ist etwas in mir,
+das ihn auslacht. Au&szlig;erdem ist er mir ja noch
+die Erz&auml;hlung seiner Lebensgeschichte schuldig. Er
+hat mir das fest versprochen, und ich werde ihn
+daran zu erinnern wissen. Ja, so kommt er mir
+vor: noch gar nicht gelebt hat er. Will er sich
+jetzt etwa an mir ausleben? Nennt er etwa gar
+Verbrechenaus&uuml;ben Ausleben? Das w&auml;re dumm,
+sehr dumm, und gef&auml;hrlich. Aber es zwingt mich!
+Ich mu&szlig; zu diesem Menschen hineingehen. Eine
+Seelengewalt, die ich nicht verstehe, n&ouml;tigt mich,
+ihn immer wieder von neuem aushorchen, ausforschen
+zu gehen. Mag mich der Vorsteher fressen,
+mit andern Worten, mir Leid und Schmach antun.
+Jedenfalls bin ich dann an etwas Gro&szlig;herzigem
+<span class="pagenum"><a name="Page_186">[186]</a></span>
+zugrunde gegangen. Hinein jetzt ins Kontor. Die
+arme Lehrerin!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ein wenig ver&auml;chtlich, mu&szlig; ich sagen, sonst
+aber ganz zutraulich (ja, eben deshalb so zutraulich,
+weil ver&auml;chtlich), klopfte mir der Vorsteher
+mit der Hand auf die Schulter und lachte
+mich mit seinem breiten aber wohlgeformten Mund
+an. Die Z&auml;hne kamen dabei zum Vorschein. &raquo;Herr
+Vorsteher,&laquo; sagte ich unglaublich zornig, &raquo;ich mu&szlig;
+bitten, mich mit etwas weniger kr&auml;nkender Freundlichkeit
+zu behandeln. Noch bin ich Ihr Z&ouml;gling.
+Im &uuml;brigen verzichte ich, und das nicht ausdr&uuml;cklich
+genug, auf Gnaden. Seien Sie einem
+Lumpen gegen&uuml;ber herablassend und g&uuml;tig. Mein
+Name ist Jakob von Gunten, und das ist ein zwar
+junger, aber trotzdem seiner W&uuml;rde bewu&szlig;ter
+Mensch. Ich bin nicht zu entschuldigen, das sehe
+ich, aber auch nicht zu beleidigen, das verhindere
+ich.&laquo; &ndash; Und mit diesen geradezu l&auml;cherlich anma&szlig;enden
+Worten, mit diesen so wenig ins gegenw&auml;rtige
+Zeitalter passenden Worten stie&szlig; ich die
+Hand des Herrn Vorstehers zur&uuml;ck. Darauf lachte
+Herr Benjamenta noch fr&ouml;hlicher und sagte: &raquo;Ich
+mu&szlig; mich einfach halten, ich mu&szlig; dich anlachen,
+Jakob, und ich mu&szlig; mich halten, da&szlig; ich dich nicht
+k&uuml;sse, du prachtvoller Bursche.&laquo; &ndash; Ich rief aus:
+&raquo;Mich k&uuml;ssen? Sind Sie verr&uuml;ckt geworden, Herr
+<span class="pagenum"><a name="Page_187">[187]</a></span>
+Vorsteher? Ich will nicht hoffen.&laquo; &ndash; Ich staunte
+selber &uuml;ber die Ungeniertheit, mit der ich das
+sagte, und ich trat, wie um einem Hieb auszuweichen,
+unwillk&uuml;rlich einen Schritt zur&uuml;ck. Herr
+Benjamenta aber, die G&uuml;te und Schonung selber,
+sagte mit vor seltsamer Genugtuung bebenden
+Lippen: &raquo;Junge, Knabe, du bist k&ouml;stlich. Mit
+dir zusammen in W&uuml;sten oder auf Eisbergen im
+n&ouml;rdlichen Meere zu leben, das w&uuml;rde mich locken.
+Komm' her. Ei, der Teufel, f&uuml;rchte dich doch,
+bitte, nicht vor mir. Nichts tu' ich dir. Was
+k&ouml;nnte, was verm&ouml;chte ich dir denn anzutun?
+Dich wertvoll und selten empfinden, sieh, das
+mu&szlig; ich, das tu' ich, aber davor brauchst du doch
+keine Angst zu haben. Im &uuml;brigen, Jakob, und
+jetzt ganz ernsthaft gesagt, h&ouml;re: Willst du ganz,
+ganz bei mir bleiben? Du verstehst das nicht
+recht, also la&szlig; dir das ruhig auseinandersetzen.
+Hier geht es zu Ende, verstehst du das?&laquo; &ndash;
+Ich platzte dumm heraus mit den Worten: &raquo;Ah,
+Herr Vorsteher, meine Ahnungen!&laquo; &ndash; Er lachte
+von neuem und sprach: &raquo;Sieh da, geahnt hast
+du es schon, da&szlig; das Institut Benjamenta gleichsam
+heute noch lebt und morgen nicht mehr.
+Ja, so kann man sagen. Du bist der letzte Sch&uuml;ler
+gewesen. Ich nehme keine Z&ouml;glinge mehr an.
+Blick' mich an. Mich freut es so m&auml;chtig, verstehst
+du, da&szlig; ich dich, den jungen Jakob, noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_188">[188]</a></span>
+habe kennen lernen d&uuml;rfen, einen so rechtgearteten
+Menschen, bevor ich hier zuschlie&szlig;e f&uuml;r immer.
+Und nun frage ich dich, Schelm, der du mich mit
+so eigenartigen fr&ouml;hlichen Ketten fesselst, willst du
+mit mir gehen, wollen wir zusammenbleiben, zusammen
+irgend etwas anfangen, etwas unternehmen,
+wagen, schaffen, wollen wir beide, du
+der Kleine, ich der Gro&szlig;e, zusammen versuchen,
+wie wir das Leben bestehen? Bitte, antworte sogleich.&laquo;
+&ndash; Ich erwiderte: &raquo;Meiner Ansicht nach
+hat die Beantwortung dieser Frage noch Zeit,
+Herr Vorsteher. Aber was Sie sagen, interessiert
+mich, und ich werde mir die Sache, etwa bis
+morgen, &uuml;berlegen. Doch glaube ich, da&szlig; ich mit
+ja antworten werde.&laquo; &ndash; Herr Benjamenta konnte
+sich, wie es schien, nicht enthalten, zu sagen:
+&raquo;Du bist entz&uuml;ckend.&laquo; &ndash; Nach einer Pause nahm er
+das Wort wieder und sagte: &raquo;Denn schau', mit
+dir lie&szlig;e sich so etwas wie eine Gefahr, wie ein
+k&uuml;hnes, abenteuerliches, entdeckerisches Unternehmen
+bestehen. Aber es kann ruhig auch irgend
+etwas Feines und Sittsames sein, das wir machen
+k&ouml;nnen. Du bist von beiderlei Blut, von zartem
+und unerschrockenem. Mit dir vereint wagt man
+entweder etwas Mutiges oder etwas sehr Delikates.&laquo;
+&ndash; &raquo;Herr Vorsteher,&laquo; sagte ich, &raquo;schmeicheln
+Sie mir nicht, das ist garstig und erregt Verdacht.
+Und dann halt! Wo ist die Geschichte
+<span class="pagenum"><a name="Page_189">[189]</a></span>
+Ihrer Vergangenheit, die Sie mir zu erz&auml;hlen
+versprochen haben, wie Sie sich wohl noch erinnern
+werden?&laquo; &ndash; In diesem Augenblick ri&szlig; jemand
+die T&uuml;re auf. Kraus, er war es, st&uuml;rzte atemlos,
+ganz bla&szlig; im Gesicht, und unf&auml;hig, die Meldung,
+die er offenbar auf den Lippen hatte, vorzutragen,
+ins Zimmer herein. Er machte nur eine hastige
+Geste, wir sollten kommen. Wir alle drei traten
+in die dunkelnde Schulstube. Was wir hier sahen,
+machte uns erstarren.</p>
+
+<p>Am Boden lag das entseelte Fr&auml;ulein. Der
+Vorsteher ergriff ihre Hand, lie&szlig; sie aber, wie von
+Schlangen gebissen, fahren und schauderte, von
+Entsetzen gepackt, zur&uuml;ck. Dann kam er wieder
+in die N&auml;he der Toten, schaute sie an, entfernte
+sich wieder, um gleich wieder heranzutreten. Kraus
+kniete zu ihren F&uuml;&szlig;en. Ich hielt den Kopf der
+Lehrerin in beiden H&auml;nden, damit er den harten
+Boden nicht zu ber&uuml;hren brauchte. Die Augen
+standen noch offen, nicht sehr weit, sondern gleichsam
+blinzelnd. Herr Benjamenta schlo&szlig; sie. Auch
+er kniete am Boden. Wir alle drei sprachen kein
+Wort, aber wir waren nicht in &raquo;tiefe Gedanken
+versunken&laquo;. Wenigstens ich konnte an nichts Ausgepr&auml;gtes
+denken. Aber ich war ganz ruhig. Ich
+kam mir sogar, so eitel das auch klingt, gut und
+sch&ouml;n vor. Ich h&ouml;rte von irgend woher ein ganz
+<span class="pagenum"><a name="Page_190">[190]</a></span>
+d&uuml;nnes Geriesel von Melodien. Linien und
+Strahlen bogen sich vor meinen Augen hin und
+her. &raquo;Ergreift sie,&laquo; sagte leise Herr Vorsteher,
+&raquo;kommt. Tragt sie ins Wohnzimmer. Sachte,
+sachte, o sachte anfassen. Sorgsam, Kraus. Um
+Gotteswillen, nicht so rauh. Jakob, gib acht,
+ja? Nicht irgendwo ansto&szlig;en. Ich will euch
+helfen. Ganz langsam vorw&auml;rts. So. Und einer
+strecke die Hand aus und &ouml;ffne die T&uuml;re. So, so.
+Es geht. Nur sorgf&auml;ltig.&laquo; &ndash; Er sprach meiner
+Ansicht nach &uuml;berfl&uuml;ssige Worte. Wir trugen
+Fr&auml;ulein Lisa Benjamenta aufs Bett, dessen Decke
+der Vorsteher rasch wegri&szlig;, und nun lag sie da,
+wie sie es mir zum voraus gleichsam angek&uuml;ndigt
+hatte. Und dann kamen die Schulkameraden, und
+alle sahen es, und dann standen wir alle so da, am
+Bett. Herr Vorsteher gab uns einen verst&auml;ndlichen
+Wink, und wir Eleven und Knaben fingen an,
+im Chor ged&auml;mpft zu singen. Das war die Klage,
+die das M&auml;dchen gew&uuml;nscht hatte zu vernehmen,
+wenn sie auf dem Lager l&auml;ge. Und jetzt, so bildete
+ich es mir ein, vernahm sie den leisen Gesang.
+Es war uns, glaube ich, allen, als w&auml;re es Unterrichtsstunde,
+und wir s&auml;ngen auf Befehl der
+Lehrerin, der wir immer so rasch gehorchten. Als
+das Lied zu Ende gesungen war, trat Kraus aus
+dem Halbkreis, den wir gebildet hatten, vor und
+sprach, ein wenig langsam, aber um so eindringlicher,
+<span class="pagenum"><a name="Page_191">[191]</a></span>
+folgendes: &raquo;Schlafe, ruhe s&uuml;&szlig;, verehrtes
+Fr&auml;ulein. (Er sprach sie, die Tote, mit du an.
+Mir gefiel das.) Entwunden bist du den Schwierigkeiten,
+entfesselt vom Bangen, befreit von den
+Sorgen und Schicksalen der Erde. Wir haben dir
+am Bett gesungen, Verehrte, wie du es befahlst.
+Sind wir, deine Z&ouml;glinge, nun verlassen? So
+scheint es, so ist es. Doch du, Fr&uuml;hgestorbene,
+wirst unsern Ged&auml;chtnissen nie, nie entschwinden.
+Du wirst am Leben bleiben in unsern Herzen.
+Wir, deine Knaben, die du gemeistert und beherrscht
+hast, wir werden uns im flatterhaften
+und m&uuml;hevollen Leben, Gewinn und Unterkommen
+suchend, zerstreuen, so, da&szlig; vielleicht alle alle
+nie wieder finden und sehen. Aber wir alle werden
+an dich denken, Erzieherin, denn die Gedanken,
+die du uns eingepr&auml;gt, die Lehren und Kenntnisse,
+die du in uns befestigt hast, werden uns immer an
+dich, die Sch&ouml;pferin des Guten, was in uns ist,
+erinnern. Ganz von selber. Essen wir, so wird
+uns die Gabel sagen, wie du w&uuml;nschtest, da&szlig; wir
+sie f&uuml;hren und handhaben sollen, und wir werden
+anst&auml;ndig zu Tisch sitzen, und das Bewu&szlig;tsein,
+da&szlig; wir das tun, wird uns an dich zur&uuml;ckdenken
+machen. In uns herrschest, gebietest, lebst, erziehst
+und fragst und t&ouml;nst du weiter. Irgend
+einer von uns Z&ouml;glingen, der es etwas weiter als
+der andere im Leben bringt, wird vielleicht seinen
+<span class="pagenum"><a name="Page_192">[192]</a></span>
+zur&uuml;ckgebliebenen &auml;rmeren Kameraden, wenn er
+ihn antrifft, nicht mehr kennen wollen. Gewi&szlig;.
+Doch dann denkt er unwillk&uuml;rlich ans Institut
+Benjamenta zur&uuml;ck und an die Herrin, und er wird
+sich sch&auml;men, deine Grunds&auml;tze so rasch und so hochm&uuml;tig
+verleugnet und vergessen zu haben. Und er
+wird dem Kameraden, dem Bruder, dem Menschen
+ohne alle &Uuml;berlegung die Hand zum Gru&szlig; reichen.
+Was lehrtest du uns, Verblichene? Du sagtest uns
+stets, wir sollten bescheiden und willig bleiben.
+Ah, das werden wir nie vergessen, so wenig wie
+wir die liebe Person, die es ausgesprochen hat,
+werden &uuml;berwinden und vergessen k&ouml;nnen. Schlaf'
+wohl, du Verehrte. Tr&auml;ume! Sch&ouml;ne Einbildungen
+m&ouml;gen dich fl&uuml;sternd umschweben. Die
+Treue, die gl&uuml;cklich ist, dir nahe zu sein, beuge
+ihr Knie vor dir, und die dankbare Anh&auml;nglichkeit
+und das erinnerungsl&uuml;sterne, z&auml;rtliche Nie-Vergessen-K&ouml;nnen
+streuen Bl&uuml;ten, Zweige, Blumen
+und Worte der Liebe dir um Stirne und H&auml;nde.
+Wir, deine Z&ouml;glinge, wir wollen jetzt noch eines
+singen, und dann haben wir die Gewi&szlig;heit, da&szlig;
+wir an deinem Totenlager, das uns das Lustlager
+frohen und hingebungsvollen Gedenkens sein
+wird, gebetet haben. So lehrtest ja du uns beten.
+Du sagtest: Singen sei Beten. Und du wirst uns
+h&ouml;ren, und wir werden uns einbilden, du l&auml;cheltest.
+Uns will es die Herzen zerschneiden, dich hier
+<span class="pagenum"><a name="Page_193">[193]</a></span>
+liegen zu sehen, dich, deren Bewegungen uns vorgekommen
+sind wie dem Durstigen frisches, belebendes
+Quellwasser. Ja, schmerzvoll ist das.
+Doch wir beherrschen uns, und gewi&szlig; w&uuml;nschtest
+auch du das. So sind wir gefa&szlig;t. So gehorchen
+wir dir und singen.&laquo; &ndash; Kraus trat vom Lager
+zu uns zur&uuml;ck und wir sangen noch ein Lied, das
+ebenso leise dahin- und daherklang wie das erste.
+Dann traten wir, einer hinter dem andern, ans
+Bett, und jeder dr&uuml;ckte einen Ku&szlig; auf die Hand
+des toten M&auml;dchens. Und jeder von den Eleven
+sprach etwas. Hans sagte: &raquo;Ich will es Schilinski
+erz&auml;hlen. Und Heinrich mu&szlig; es auch wissen.&laquo; &ndash;
+Schacht meinte: &raquo;Lebe wohl, du warst immer so
+gut.&laquo; Peter: &raquo;Ich will deine Gebote befolgen.&laquo;
+Dann traten wir in die Schulstube zur&uuml;ck, indem
+wir den Bruder bei der Schwester, den Vorsteher
+bei der Vorsteherin, den Lebendigen bei der Toten,
+den Einsamen bei der Einsamen, den Schmerzgebeugten
+bei der Vollendeten, Herrn Benjamenta
+bei Fr&auml;ulein Benjamenta allein lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Ich habe von Kraus Abschied nehmen m&uuml;ssen.
+Kraus ist gegangen. Ein Licht, eine Sonne ist
+geschwunden. Mir ist es, als wenn es von jetzt
+ab in der Welt und Umwelt nur noch Abend sein
+k&ouml;nnte. Bevor eine Sonne untertaucht, wirft sie
+noch r&ouml;tliche Strahlen &uuml;ber die dunkelnde Gegenwart,
+<span class="pagenum"><a name="Page_194">[194]</a></span>
+&auml;hnlich Kraus. Er hat mich, bevor er
+ging, rasch noch einmal ausgescholten, und der
+ganze veritable Kraus ist dabei noch ein letztes
+Mal zum leuchtenden Vorschein gekommen.
+&raquo;Adieu, Jakob, bessere dich, &auml;ndere dich,&laquo; sagte er
+zu mir, indem er mir, beinahe &auml;rgerlich dar&uuml;ber,
+da&szlig; er es tun mu&szlig;te, die Hand reichte. &raquo;Ich gehe
+jetzt fort, in die Welt, in den Dienst. Das wirst
+auch du hoffentlich bald tun m&uuml;ssen. Schaden wird
+es dir sicher nicht. Ich w&uuml;nsche dir Hiebe auf
+deinen Unverstand hinauf. Man soll dich t&uuml;chtig
+bei den ungezogenen Ohren nehmen. Lache nur
+nicht noch beim Abschied. &Uuml;brigens ziemte dir
+das. Und wer wei&szlig;, vielleicht sind die Verh&auml;ltnisse
+dieser Welt so t&ouml;richt, da&szlig; sie dich in die H&ouml;he
+heben. Dann kannst du in der Unversch&auml;mtheit,
+im Trotz, in der &Uuml;berhebung und in der l&auml;chelnden
+Tr&auml;gheit, in Spott und allen m&ouml;glichen Sorten
+Unarten ruhig und frech fortfahren und sorgenlos
+bleiben, was du bist. Dann kannst du dich br&uuml;sten
+bis zum Zersprengen, mit all dem, was du dir
+hier im Institut Benjamenta nicht hast abgew&ouml;hnen
+wollen. Aber ich hoffe, da&szlig; Sorgen
+und M&uuml;hen dich in ihre harte, untugendenzerschmetternde
+Schule nehmen. Sieh', Kraus spricht
+hart. Und doch meine ich es vielleicht besser mit
+dir Bruder Lustig, als die, die dir Gl&uuml;ck in den
+Scho&szlig; und ins offene Maul w&uuml;nschen w&uuml;rden.
+<span class="pagenum"><a name="Page_195">[195]</a></span>
+Arbeite mehr, w&uuml;nsche weniger, und noch etwas:
+bitte vergi&szlig; mich ganz. Ich w&uuml;rde mich nur
+&auml;rgern, wenn ich d&auml;chte, du habest f&uuml;r mich irgend
+einen abgelegten alten, sch&auml;bigen, solch einen t&auml;nzelnden
+Komm' ich heute nicht-komm' ich morgen-Gedanken
+&uuml;brig. Nein, B&uuml;rschchen, merke dir's,
+Kraus braucht keinen von deinen von Guntenschen
+Sp&auml;&szlig;en.&laquo; &ndash; &raquo;Liebloser, lieber Mensch,&laquo; rief ich
+voller banger Abschiedsahnungen und -empfindungen
+aus. Und ich wollte ihn umarmen. Doch
+er verhinderte das auf die einfachste Art der Welt,
+indem er sich rasch, und f&uuml;r immer, entfernte.
+&raquo;Heute noch ein Institut Benjamenta und morgen
+keines mehr,&laquo; sprach ich laut zu mir selber. Ich
+trat zu Herrn Vorsteher herein. Es war mir, als
+wenn die Welt einen gl&uuml;hend-z&uuml;ndend-klaffenden
+Ri&szlig; von einer r&auml;umlichen M&ouml;glichkeit bis zur
+entgegengesetzten andern bekommen h&auml;tte. Mit
+Kraus war die H&auml;lfte des Lebens gegangen. &raquo;Von
+jetzt ab ein anderes Leben!&laquo; murmelte ich. Es
+ist &uuml;brigens ganz einfach: ich war betr&uuml;bt und ein
+wenig best&uuml;rzt. Wozu sich in gro&szlig;en Worten ergehen?
+Vor dem Vorsteher verneigte ich mich
+f&ouml;rmlicher als je, und es erschien mir schicklich,
+&raquo;guten Tag, Herr Vorsteher&laquo; zu sagen. &raquo;Bist
+du toll, alter Junge?&laquo; rief er. Er kam mir entgegen
+und w&uuml;rde mich umarmt haben, aber ich
+verhinderte das, indem ich ihm einen Schlag auf
+<span class="pagenum"><a name="Page_196">[196]</a></span>
+den ausgestreckten Arm versetzte. &raquo;Kraus ist gegangen,&laquo;
+sagte ich tiefernst. Wir schwiegen und
+begn&uuml;gten uns, uns ziemlich lange anzuschauen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe,&laquo; sagte dann Herr Benjamenta in
+ruhigem, m&auml;nnlichem Ton, &raquo;den andern allen,
+deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft.
+Nur noch wir drei, du, ich und sie, die da drinnen
+auf dem Bett liegt, bleiben noch hier. Die Tote
+(warum nicht ruhig &uuml;ber die Toten reden? Sie
+leben ja. Nicht wahr?), sie wird morgen abgeholt
+werden. Das ist ein h&auml;&szlig;licher, aber notwendiger
+Gedanke. Heute sind wir drei noch zusammen.
+Und wir werden die Nacht &uuml;ber wach
+bleiben. Wir beide werden reden an ihrem Lager.
+Und wenn ich nun so denke, wie du da eines Tages
+mit der Bitte, Forderung und Frage anlangtest,
+in die Schule aufgenommen zu werden, packt mich
+eine unerh&ouml;rte Lebens- und Lachlust. Ich bin
+&uuml;ber Vierzig. Ist das alt? Es war alt, doch
+jetzt, wie du so da bist, Jakob, bedeutet es gr&uuml;nende
+und kr&auml;ftig knospende Jugend, dieses Vierziger-Alter.
+Mit dir, du Gem&uuml;t von einem Jungen,
+ist frisches, ist &uuml;berhaupt erst Leben &uuml;ber mich und
+in mich hineingekommen. Ich habe hier, siehst du,
+hier im Bureau, schon verzweifelt, bin hier schon
+ganz eingetrocknet, habe mich hier geradezu begraben.
+Ich ha&szlig;te, ha&szlig;te, ha&szlig;te die Welt. Unsagbar
+<span class="pagenum"><a name="Page_197">[197]</a></span>
+ist von mir alles dies Wesen, Bewegen und
+Leben geha&szlig;t und gemieden worden. Da tratest
+du ein, frisch, dumm, unartig, frech und bl&uuml;hend,
+duftend von unverdorbenen Empfindungen, und
+ganz nat&uuml;rlich schnauzte ich dich m&auml;chtig an, aber
+ich wu&szlig;te es, so wie ich dich nur sah, da&szlig; du ein
+Prachtbursche seiest, mir, wie es mir vorkam, vom
+Himmel heruntergeflogen, von einem alleswissenden
+Gott mir gesandt und geschenkt. Ja, dich
+brauchte ich gerade, und ich l&auml;chelte immer
+heimlich, wenn du von Zeit zu Zeit zu mir eintratest,
+um mich mit deinen reizenden Frechheiten
+und Grobheiten, die mir wie gutgelungene Gem&auml;lde
+erschienen, zu bel&auml;stigen. O nein, zu bet&ouml;ren.
+Ruhig, Benjamenta, ruhig. &ndash; Hast du
+es, sage mir das, nie bemerkt, da&szlig; wir Zwei
+Freunde waren? Doch still. Und wenn ich dann
+so meine W&uuml;rde vor dir bewahrte, o dann h&auml;tte ich
+sie zerrei&szlig;en m&ouml;gen, zerrei&szlig;en in Fetzen. Wie
+rasend f&ouml;rmlich du dich sogar heute noch vor mir
+verbeugt hast! Doch h&ouml;re, wie ist es eigentlich
+nur mit dem Wutanfall von neulich? Habe ich
+dir wehtun wollen? Wollte ich mir selber einen
+t&ouml;dlichen Streich versetzen? Vielleicht wei&szlig;t du
+es, Jakob? Ja? Dann, bitte, kl&auml;re mich sofort auf.
+Sofort, hast du verstanden! Wie ist mir? Wie?
+Was sagst du?&laquo; &ndash; &raquo;Ich wei&szlig; es nicht. Ich hielt
+Sie f&uuml;r wahnsinnig, Herr Vorsteher,&laquo; sagte ich.
+<span class="pagenum"><a name="Page_198">[198]</a></span>
+Es &uuml;berlief mich kalt angesichts der &uuml;berstr&ouml;menden
+Z&auml;rtlichkeit und Lebenslust, die aus den Augen
+des Mannes hervorbrachen. Wir schwiegen eine
+Weile. Pl&ouml;tzlich kam mir der Einfall, Herrn Benjamenta
+an die Geschichte seines Lebens zu erinnern.
+Das war sehr gut. Das konnte ihn
+unter Umst&auml;nden zerstreuen, ihn von m&ouml;rderischen
+neuen Anf&auml;llen abhalten. Ich war in diesem
+Moment fest &uuml;berzeugt, da&szlig; ich mich in den Krallen
+eines halb-Verstandlosen bef&auml;nde, und ich sagte
+daher rasch, indem mir der Schwei&szlig; &uuml;ber die
+Stirne herabrann: &raquo;Ja, Ihre Geschichte, Herr
+Vorsteher? Wie ist es damit? Wissen Sie, da&szlig;
+ich Andeutungen verabscheue? Sie haben mir
+dunkel angedeutet, da&szlig; Sie ein entthronter Herrscher
+seien. Nun wohlan. Bitte, dr&uuml;cken Sie sich
+deutlich aus. Ich bin sehr gespannt.&laquo; &ndash; Er
+kraute sich ganz verlegen hinter dem Ohr. Dann
+wurde er pl&ouml;tzlich geradezu b&ouml;se, kleinlich b&ouml;se, und
+er herrschte mich im Feldwebelston an: &raquo;Abtreten.
+Mich allein lassen!&laquo; &ndash; Nun, ich lie&szlig; mir das
+nicht zweimal sagen, sondern verschwand augenblicklich.
+Sch&auml;mte er sich, gr&auml;mte er sich um irgend
+etwas, dieser K&ouml;nig Benjamenta, dieser L&ouml;we im
+K&auml;fig? Jedenfalls war ich wieder einmal recht
+froh, drau&szlig;en im Korridor stehen und lauschen
+zu k&ouml;nnen. Es herrschte Totenstille. Ich ging in
+die Kammer, z&uuml;ndete einen Kerzenstumpf an und
+<span class="pagenum"><a name="Page_199">[199]</a></span>
+vertiefte mich in den Anblick des Bildes von
+Mama, das ich stets sorgsam aufbewahrt hatte.
+Sp&auml;ter klopfte es an die T&uuml;re. Es war der Vorsteher,
+er war ganz schwarz angezogen. &raquo;Komm,&laquo;
+befahl er mit eiserner Strenge. Wir gingen ins
+Wohnzimmer, um bei der Entschlafenen zu wachen.
+Herr Benjamenta wies mir mit einer leichten
+Handbewegung meinen Platz an. Wir setzten uns.
+Gottlob, ich sp&uuml;rte wenigstens gar keine k&ouml;rperliche
+M&uuml;digkeit. Das war mir sehr lieb. Das Gesicht
+der Toten war sch&ouml;n geblieben, ja, es schien sogar
+noch anmutiger geworden zu sein, und noch etwas:
+von Moment zu Moment schien immer mehr
+Sch&ouml;nheit, R&uuml;hrung und Anmut darauf niederzufallen.
+Etwas wie l&auml;chelnde Vergebung jeder
+Art Fehltrittes schien im Wohnzimmer zu schweben
+und leise zu t&ouml;nen. Es zirpte so. Und es war auf
+so helle, lichte Art ernst in der Stube. Nichts,
+nichts Unheimliches. Mir wurde es sch&ouml;n zumut,
+denn schon das allein, da&szlig; ich hier wachte, lie&szlig;
+mich die Ruhe, die in einer stillen Pflichterf&uuml;llung
+liegt, angenehm empfinden.</p>
+
+<p>&raquo;Sp&auml;ter, Jakob,&laquo; ergriff der Vorsteher das
+Wort, indem wir so sa&szlig;en, &raquo;sp&auml;ter erz&auml;hle ich dir
+alles. Wir werden ja doch zusammenbleiben. Ich
+glaube ganz fest, sogar felsenfest an deine Zustimmung.
+Du wirst morgen, wenn ich dich nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_200">[200]</a></span>
+deinen Entscheidungen frage, nicht nein sagen, das
+wei&szlig; ich. F&uuml;r heute mu&szlig; ich dir sagen, da&szlig; ich
+kein wirklicher abgesetzter K&ouml;nig bin, ich meinte,
+ich sagte dir das nur so, des Bildes halber. Wohl
+aber gab es Zeiten, wo dieser Benjamenta, der hier
+neben dir sitzt, sich als Herr, als Eroberer und
+als K&ouml;nig f&uuml;hlte, wo das Leben vor mir zum
+Erfassen dalag, wo alle meine Sinne an Zukunft
+und an Gr&ouml;&szlig;e glaubten, wo meine Schritte mich
+elastisch dahin wie &uuml;ber teppich&auml;hnliche Wiesen und
+Beg&uuml;nstigungen trugen, wo ich besa&szlig;, was ich
+anschaute, geno&szlig;, an was ich nur fl&uuml;chtig dachte,
+wo alles bereit war, mich mit Befriedigung zu
+kr&ouml;nen, mit Erfolgen und Errungenschaften mich
+zu salben, wo ich K&ouml;nig war, ohne es kaum zu
+ahnen, gro&szlig;, ohne da&szlig; ich n&ouml;tig hatte, mir eine
+bewu&szlig;te Rechenschaft davon abzulegen. In diesem
+Sinne, Jakob, bin ich hoch gewesen, d.&nbsp;h. einfach
+jung und vielversprechend, und in diesem Sinne
+geschah die Entf&uuml;rstung und Entthronung. Ich
+st&uuml;rzte. Und ich zweifelte an mir und an allem.
+Wenn man verzweifelt und trauert, lieber Jakob,
+ist man so jammervoll klein, und immer mehr
+Kleinheiten werfen sich &uuml;ber einen, gefr&auml;&szlig;igem,
+raschem Ungeziefer gleich, das uns fri&szlig;t, ganz
+langsam, das uns ganz langsam zu ersticken, zu
+entmenschen versteht. Also das mit dem K&ouml;nig
+war eine Phrase. Ich bitte dich, kleiner Zuh&ouml;rer,
+<span class="pagenum"><a name="Page_201">[201]</a></span>
+um Entschuldigung, wenn ich dich an Szepter und
+Purpurmantel habe glauben machen. Doch glaube
+ich, da&szlig; du es eigentlich wu&szlig;test, wie es mit diesen
+gestammelten und geseufzten K&ouml;nigreichen im
+Grunde gemeint war. Nicht wahr, ein wenig
+gem&uuml;tlicher komme ich dir jetzt vor? Jetzt, da ich
+kein K&ouml;nig mehr bin? Denn das gibst du doch
+selbst zu, da&szlig; solche Herrscher, wenn sie gen&ouml;tigt
+sind, Unterricht usw. zu erteilen und Institute zu
+er&ouml;ffnen, gewi&szlig; unheimliche Patrone w&auml;ren.
+Nein, nein, ich war nur zukunftsstolz und -froh:
+das sind meine L&auml;ndereien und k&ouml;niglichen Eink&uuml;nfte
+gewesen. Dann war ich lange, lange Jahre
+entmutigt und entw&uuml;rdigt. Und nun bin ich
+wieder, d.&nbsp;h. fange an, wieder ich selber zu sein,
+und es ist mir, als h&auml;tte ich eine Million geerbt,
+ach was, Million geerbt, nein, es ist mir, als
+w&auml;re ich &ndash;&nbsp;&ndash; zum Herrscher erhoben und gekr&ouml;nt
+worden. Allerdings kommen mir immer wieder
+die dunklen, grauenhaft dunklen Stunden, wo mir
+alles schwarz vor den Augen und hassenswert
+vor dem gleichsam, versteh' mich, verbrannten und
+verkohlten Gem&uuml;t wird, und in solchen Stunden
+zwingt es mich, zu zerrei&szlig;en, zu t&ouml;ten. O meine
+Seele, du, w&uuml;rdest du, trotzdem du das nun wei&szlig;t,
+bei mir bleiben? K&ouml;nntest du dich, vielleicht aus
+einfacher menschlicher Neigung zu mir, oder aus
+irgend einer andern dir zusagenden Empfindung,
+<span class="pagenum"><a name="Page_202">[202]</a></span>
+dazu entschlie&szlig;en, der Gefahr, die dir mit dem
+Zusammensein mit mir Unmenschen droht, zu
+trotzen? Kannst du hohen Herzens trotzen? Bist
+du solch ein Trotzkopf? Und nimmst du das
+alles nicht &uuml;bel? &Uuml;bel? Ach was, Dummheiten.
+&Uuml;brigens wei&szlig; ich es ja, Jakob, da&szlig; wir zusammen
+leben werden. Es ist entschieden. Wozu dich noch
+fragen? Siehe, ich kenne doch ja meinen fr&uuml;heren
+Z&ouml;gling. Jetzt, Jakob, bist du nicht mehr mein
+Z&ouml;gling. Ich will nicht mehr bilden und lehren,
+sondern ich will leben und lebend etwas w&auml;lzen,
+etwas tragen, etwas schaffen. O, es l&auml;&szlig;t sich so
+herrlich, so herrlich leiden mit solch einem Herzen
+von Kameraden. Ich besitze, was ich besitzen
+wollte, und drum ist mir, k&ouml;nnte ich alles, ertr&uuml;ge
+und litte ich fr&ouml;hlich alles. Kein Gedanke, kein
+Wort mehr. Bitte, schweige. Du sagst mir morgen,
+nachdem man mir dieses Leben da, das da auf
+dem Bett liegt, weggetragen hat, nachdem ich
+die rein &auml;u&szlig;erliche Feierlichkeit habe abstreifen
+d&uuml;rfen und in eine innerliche habe umwandeln
+d&uuml;rfen, deine Meinung. Du sagst ja, oder du
+sagst nein. Wisse, du bist ja jetzt vollkommen
+frei. Du kannst sagen und tun, was dir beliebt.&laquo;
+&ndash; Ich sagte ganz leise, zitternd vor Verlangen,
+diesen mir etwas allzu zuversichtlichen Menschen
+ein wenig zu erschrecken: &raquo;Aber der Brotkorb,
+Herr Vorsteher? Den andern verschaffen Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_203">[203]</a></span>
+Unterkommen, und gerade mir nicht? Das finde
+ich seltsam. Das ist nicht recht. Und ich bestehe
+darauf. Es ist Ihre Pflicht, mir einen ordentlichen
+Arbeitsposten zu vermitteln. Ich will unbedingt
+in Stellung und Amt gehen.&laquo; &ndash; Ah, er zuckte
+zusammen. Er erschrak. Wie mu&szlig;te ich innerlich
+kichern. Teufeleien sind doch das Netteste am
+Leben. Herr Benjamenta sagte traurig: &raquo;Du hast
+recht. Es ziemt sich, dir auf Grund deines Abgangszeugnisses
+eine Stelle zu verschaffen. Gewi&szlig;,
+du hast vollkommen recht. Nur dachte ich,
+nur &ndash; dachte ich &ndash;&nbsp;&ndash;, du machtest eine
+Ausnahme.&laquo; &ndash; Ich rief wie in z&uuml;ndender Entr&uuml;stung:
+&raquo;Ausnahme? Ich mache keine Ausnahmen.
+Niemals. Das schickt sich nicht f&uuml;r den
+Sohn eines Gro&szlig;rates. Meine Bescheidenheit,
+meine Geburt, alles, was ich empfinde, verbietet
+mir, mehr zu wollen, als was meine Schulgenossen
+bekommen haben.&laquo; &ndash; Von da an sprach ich
+kein Wort mehr. Mir gefiel es, Herrn Benjamenta
+einer sichtbaren, f&uuml;r mich schmeichelhaften
+Unruhe zu &uuml;berlassen. Den Rest der Nacht verbrachten
+wir schweigend.</p>
+
+<p>Aber w&auml;hrend ich so sa&szlig; und wachte, &uuml;berfiel
+mich doch der Schlaf. Zwar nicht lang, eine
+halbe Stunde, oder vielleicht noch etwas l&auml;nger,
+war ich der Wirklichkeit entr&uuml;ckt. Mir tr&auml;umte (der
+<span class="pagenum"><a name="Page_204">[204]</a></span>
+Traum scho&szlig; von der H&ouml;he, ich erinnere mich,
+gewaltsam, mich mit Strahlen &uuml;berwerfend, auf
+mich nieder), ich bef&auml;nde mich auf einer Bergmatte.
+Sie war ganz dunkelsamtgr&uuml;n. Und sie
+war mit Blumen wie mit blumenhaft gebildeten
+und geformten K&uuml;ssen bestickt und besetzt. Bald
+erschienen mir die K&uuml;sse wie Sterne, bald wieder
+wie Blumen. Es war Natur und doch keine,
+Bildnis und K&ouml;rper zugleich. Ein wunderbar
+sch&ouml;nes M&auml;dchen lag auf der Matte. Ich wollte
+mir einreden, es sei die Lehrerin, doch sagte ich
+mir rasch: &raquo;Nein, das kann es nicht. Wir haben
+keine Lehrerin mehr.&laquo; Nun, dann war es halt
+jemand anderes, und ich sah f&ouml;rmlich, wie ich mich
+tr&ouml;stete, und ich h&ouml;rte den Trost. Es sagte deutlich:
+&raquo;Ah bah, la&szlig; das Deuten.&laquo; &ndash; Das M&auml;dchen
+war schwellend und gl&auml;nzend nackt. An dem einen
+der sch&ouml;nen Beine hing ein Band, das im Wind,
+der das Ganze liebkoste, leise flatterte. Mir schien,
+als wehe, als flattere der ganze spiegelblanke s&uuml;&szlig;e
+Traum. Wie war ich gl&uuml;cklich. Ganz fl&uuml;chtig
+dachte ich an &raquo;diesen Menschen&laquo;. Nat&uuml;rlich war
+es Herr Vorsteher, an den ich so dachte. Pl&ouml;tzlich
+sah ich ihn, er war hoch zu Ro&szlig; und war bekleidet
+mit einer schimmernd schwarzen, edlen,
+ernsten R&uuml;stung. Das lange Schwert hing an
+seiner Seite herunter, und das Pferd wieherte
+kampflustig. &raquo;Ei, sieh da! Der Vorsteher zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_205">[205]</a></span>
+Pferd',&laquo; dachte ich, und ich schrie, so laut ich
+konnte, da&szlig; es in den Schluchten und Kl&uuml;ften
+ringsum widerhallte: &raquo;Ich bin zu einem Entschlu&szlig;
+gekommen.&laquo; &ndash; Doch er h&ouml;rte mich nicht.
+Qualvoll schrie ich: &raquo;Heda, Herr Vorsteher, h&ouml;ren
+Sie.&laquo; Nein, er wandte mir den R&uuml;cken. Sein
+Blick war in die Ferne, ins Leben hinab- und
+hinausgerichtet. Und nicht einmal den Kopf bog
+er nach mir. Mir scheinbar zuliebe rollte jetzt
+der Traum, als wenn er ein Wagen gewesen w&auml;re,
+St&uuml;ck um St&uuml;ck weiter, und da befanden wir uns,
+ich und &raquo;dieser Mensch&laquo;, nat&uuml;rlich niemand anders
+als Herr Benjamenta, mitten in der W&uuml;ste. Wir
+wanderten und trieben mit den W&uuml;stenbewohnern
+Handel, und wir waren ganz eigent&uuml;mlich belebt
+von einer k&uuml;hlen, ich m&ouml;chte sagen, gro&szlig;artigen
+Zufriedenheit. Es sah so aus, als wenn wir beide
+dem, was man europ&auml;ische Kultur nennt, f&uuml;r
+immer, oder wenigstens f&uuml;r sehr, sehr lange Zeit
+entschwunden gewesen seien. &raquo;Aha,&laquo; dachte ich
+unwillk&uuml;rlich, und wie mir schien, ziemlich dumm:
+&raquo;Das war es also, das!&laquo; &ndash; Aber was es war,
+was ich da dachte, konnte ich nicht entr&auml;tseln.
+Wir wanderten weiter. Da erschien ein Haufe
+von uns feindlich gesinnten Menschen, wir aber
+zerstreuten ihn, ohne da&szlig; ich eigentlich sah, wie
+das zuging. Die Erdgegenden schossen mit den
+Wandertagen blitzartig vor&uuml;ber. Ich empfand die
+<span class="pagenum"><a name="Page_206">[206]</a></span>
+Erfahrung von ganzen vor&uuml;berwinkenden, langen,
+schwer zu ertragen gewesenen Jahrzehnten. Wie
+war doch das eigent&uuml;mlich. Die einzelnen Wochen
+sahen sich an wie kleine, glitzernde Steinchen. Es
+war l&auml;cherlich und herrlich zugleich. &raquo;Der Kultur
+entr&uuml;cken, Jakob. Wei&szlig;t du, das ist famos,&laquo; sagte
+von Zeit zu Zeit der Vorsteher, der wie ein
+Araber aussah. Wir ritten auf Kamelen. Und
+die Sitten, die wir sahen, entz&uuml;ckten uns. Es
+war etwas Unverst&auml;ndlich-Mildes und Zartes in
+den Bewegungen der L&auml;nder. Ja, mir war es,
+als marschierten, nein eher, als fl&ouml;gen die L&auml;nder.
+Das Meer zog sich majest&auml;tisch dahin wie eine
+gro&szlig;e blaue nasse Welt von Gedanken. Bald
+h&ouml;rte ich V&ouml;gel schwirren, bald Tiere br&uuml;llen,
+bald B&auml;ume &uuml;ber mir rauschen. &raquo;Also bist du nun
+doch mitgekommen. Ich wu&szlig;te es ja,&laquo; sagte Herr
+Benjamenta, den die Indier zum F&uuml;rsten erhoben
+hatten. Wie toll! So grauenhaft &uuml;berspannt es
+ist: Tatsache war, da&szlig; wir in Indien Revolution
+machten. Und scheinbar gl&uuml;ckte uns der Streich.
+Es war so k&ouml;stlich zu leben, das f&uuml;hlte ich in
+allen Gliedern. Das Leben prangte vor unsern
+weitausschauenden Blicken wie ein Baum mit
+Zweigen und &Auml;sten. Und wie stunden wir fest.
+Und durch Gefahren und Erkenntnisse wateten wir
+wie in eiskaltem, aber unserer Hitze wohltuendem
+Flu&szlig;wasser. Ich war immer der Knappe, und der
+<span class="pagenum"><a name="Page_207">[207]</a></span>
+Vorsteher war der Ritter. &raquo;Schon gut,&laquo; dachte
+ich mit einmal. Und wie ich das dachte, erwachte
+ich und schaute mich im Wohnzimmer um.
+Herr Benjamenta war ebenfalls eingeschlafen. Ich
+weckte ihn, indem ich ihm sagte: &raquo;Wie k&ouml;nnen
+Sie einschlafen, Herr Vorsteher. Doch erlauben
+Sie mir, Ihnen zu sagen, da&szlig; ich mich entschlossen
+habe, mit Ihnen zu gehen, wohin Sie wollen.&laquo;
+&ndash; Wir gaben einander die Hand, und das bedeutete
+viel.</p>
+
+<p style="margin-bottom: 80px;">Ich packe. Ja, wir beide, der Vorsteher und
+ich, wir sind mit Packen, mit richtigem Zusammenpacken,
+Abbrechen, Aufr&auml;umen, Auseinanderzerren,
+Schieben und R&uuml;cken besch&auml;ftigt. Wir
+werden reisen. Schon gut. Mir pa&szlig;t dieser
+Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum.
+Ich f&uuml;hle, da&szlig; das Leben Wallungen verlangt,
+nicht &Uuml;berlegungen. Meinem Bruder werde ich
+heute Adieu sagen. Ich werde hier nichts hinterlassen.
+Mich bindet nichts, verpflichtet nichts, zu
+sagen: &raquo;Wie w&auml;r's, wenn ich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo; Nein, es
+gibt nichts mehr zu w&auml;ren und zu wennen. Fr&auml;ulein
+Benjamenta liegt unter der Erde. Die Eleven,
+meine Kameraden, sind zerstoben in allerlei
+&Auml;mtern. Und wenn ich zerschelle und verderbe,
+was bricht und verdirbt dann? Eine Null. Ich
+einzelner Mensch bin nur eine Null. Aber weg
+<span class="pagenum"><a name="Page_208">[208]</a></span>
+jetzt mit der Feder. Weg jetzt mit dem Gedankenleben.
+Ich gehe mit Herrn Benjamenta in die
+W&uuml;ste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis
+nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes
+wollen und tun und nachts schlafen und tr&auml;umen
+l&auml;&szlig;t. Ach was. Jetzt will ich an gar nichts mehr
+denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird
+mit mir sein. Was brauche ich da an ihn zu
+denken? Gott geht mit den Gedankenlosen. Nun
+denn adieu, Institut Benjamenta.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Jakob von Gunten, by Robert Walser
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN ***
+
+***** This file should be named 24176-h.htm or 24176-h.zip *****
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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index 0000000..84aa027
--- /dev/null
+++ b/24176-h/images/cap-s.png
Binary files differ
diff --git a/24176-h/images/cap-t.png b/24176-h/images/cap-t.png
new file mode 100644
index 0000000..d21c3fc
--- /dev/null
+++ b/24176-h/images/cap-t.png
Binary files differ
diff --git a/24176-h/images/cap-w.png b/24176-h/images/cap-w.png
new file mode 100644
index 0000000..d727ab1
--- /dev/null
+++ b/24176-h/images/cap-w.png
Binary files differ
diff --git a/24176-h/images/cap-y.png b/24176-h/images/cap-y.png
new file mode 100644
index 0000000..0f3fc32
--- /dev/null
+++ b/24176-h/images/cap-y.png
Binary files differ
diff --git a/24176-h/images/logo.png b/24176-h/images/logo.png
new file mode 100644
index 0000000..4f74575
--- /dev/null
+++ b/24176-h/images/logo.png
Binary files differ