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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:12:38 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Jakob von Gunten + Ein Tagebuch + +Author: Robert Walser + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24176] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<h1 style="margin-top: 80px;"><span style="letter-spacing: 0.1em;">Jakob von Gunten</span></h1> + +<p class="center" style="line-height: 2.5em;"><big style="font-size: 1.4em; font-weight: bold;">Ein Tagebuch</big><br/> +von<br/> +<big style="font-size: 1.6em; font-weight: bold;">Robert Walser</big></p> + +<hr style="margin-top: 6em; width: 14em; height: 2px; color: black; background-color: black; border: none;"/> + +<p class="center" style="line-height: 1.5em; margin-bottom: 6em;"><span style="letter-spacing: 0.2em;">Bruno Cassirer Berlin</span><br/> +1909</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_1">[1]</a></span> +Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, +und wir Knaben vom Institut Benjamenta +werden es zu nichts bringen, d. h., wir +werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes +im späteren Leben sein. Der Unterricht, +den wir genießen, besteht hauptsächlich darin, uns +Geduld und Gehorsam einzuprägen, zwei Eigenschaften, +die wenig oder gar keinen Erfolg versprechen. +Innere Erfolge, ja. Doch was hat +man von solchen? Geben einem innere Errungenschaften +zu essen? Ich möchte gern reich sein, in +Droschken fahren und Gelder verschwenden. Ich +habe mit Kraus, meinem Schulkameraden, darüber +gesprochen, doch er hat nur verächtlich die Achsel +gezuckt und mich nicht eines einzigen Wortes gewürdigt. +Kraus besitzt Grundsätze, er sitzt fest +im Sattel, er reitet auf der Zufriedenheit, und +das ist ein Gaul, den Personen, die galoppieren +wollen, nicht besteigen mögen. Seit ich hier im +Institut Benjamenta bin, habe ich es bereits +fertiggebracht, mir zum Rätsel zu werden. Auch +mich hat eine ganz merkwürdige, vorher nie gekannte +<span class="pagenum"><a name="Page_2">[2]</a></span> +Zufriedenheit angesteckt. Ich gehorche +leidlich gut, nicht so gut wie Kraus, der es meisterlich +versteht, den Befehlen Hals über Kopf dienstfertig +entgegenzustürzen. In einem Punkt gleichen +wir Schüler, Kraus, Schacht, Schilinski, Fuchs, +der lange Peter, ich usw., uns alle, nämlich in +der vollkommenen Armut und Abhängigkeit. +Klein sind wir, klein bis hinunter zur Nichtswürdigkeit. +Wer eine Mark Taschengeld hat, wird +als ein bevorzugter Prinz angesehen. Wer, wie +ich, Zigaretten raucht, der erregt ob der Verschwendung, +die er treibt, Besorgnis. Wir tragen +Uniformen. Nun, dieses Uniformtragen erniedrigt +und erhebt uns gleichzeitig. Wir sehen wie +unfreie Leute aus, und das ist möglicherweise +eine Schmach, aber wir sehen auch hübsch darin +aus, und das entfernt uns von der tiefen Schande +derjenigen Menschen, die in höchsteigenen aber +zerrissenen und schmutzigen Kleidern dahergehen. +Mir z. B. ist das Tragen der Uniform sehr angenehm, +weil ich nie recht wußte, was ich anziehen +sollte. Aber auch in dieser Beziehung bin +ich mir vorläufig noch ein Rätsel. Vielleicht steckt +ein ganz, ganz gemeiner Mensch in mir. Vielleicht +aber besitze ich aristokratische Adern. Ich +weiß es nicht. Aber das Eine weiß ich bestimmt: +Ich werde eine reizende, kugelrunde Null im +späteren Leben sein. Ich werde als alter Mann +<span class="pagenum"><a name="Page_3">[3]</a></span> +junge, selbstbewußte, schlecht erzogene Grobiane +bedienen müssen, oder ich werde betteln, oder ich +werde zugrunde gehen.</p> + +<p>Wir Eleven oder Zöglinge haben eigentlich +sehr wenig zu tun, man gibt uns fast gar keine +Aufgaben. Wir lernen die Vorschriften, die hier +herrschen, auswendig. Oder wir lesen in dem +Buch »Was bezweckt Benjamenta's Knabenschule?« +Kraus studiert außerdem noch Französisch, +ganz für sich, denn fremde Sprachen oder +irgend etwas derartiges gibt es gar nicht auf +unserem Stundenplan. Es gibt nur eine einzige +Stunde, und die wiederholt sich immer. »Wie +hat sich der Knabe zu benehmen?« Um diese +Frage herum dreht sich im Grunde genommen +der ganze Unterricht. Kenntnisse werden uns +keine beigebracht. Es fehlt eben, wie ich schon +sagte, an Lehrkräften, d. h. die Herren Erzieher +und Lehrer schlafen, oder sie sind tot, oder nur +scheintot, oder sie sind versteinert, gleichviel, jedenfalls +hat man gar nichts von ihnen. An Stelle +der Lehrer, die aus irgendwelchen sonderbaren +Gründen totähnlich daliegen und schlummern, +unterrichtet und beherrscht uns eine junge Dame, +die Schwester des Herrn Institutvorstehers, Fräulein +Lisa Benjamenta. Sie kommt mit einem +kleinen weißen Stab in der Hand in die Schulstube +<span class="pagenum"><a name="Page_4">[4]</a></span> +und Schulstunde. Wir stehen alle von den +Plätzen auf, wenn sie erscheint. Hat die Lehrerin +Platz genommen, so dürfen auch wir uns setzen. +Sie klopft mit dem Stab dreimal kurz und gebieterisch +hintereinander auf die Tischkante, und +der Unterricht beginnt. Welch ein Unterricht! +Doch ich würde lügen, wenn ich ihn kurios fände. +Nein, ich finde das, was Fräulein Benjamenta +uns lehrt, beherzigenswert. Es ist wenig, und +wir wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein +Geheimnis hinter all diesen Nichtigkeiten und +Lächerlichkeiten. Lächerlich? Uns Knaben vom +Institut Benjamenta ist niemals lächerlich zumut. +Unsere Gesichter und unsere Manieren sind sehr +ernsthaft. Sogar Schilinski, der doch noch ein +vollkommenes Kind ist, lacht sehr selten. Kraus +lacht nie, oder wenn es ihn hinreißt, dann nur +ganz kurz, und dann ist er zornig, daß er sich zu +einem so vorschriftswidrigen Ton hat hinreißen +lassen. Im allgemeinen mögen wir Schüler nicht +lachen, d. h. wir können eben kaum noch. Die +dazu erforderliche Lustigkeit und Lässigkeit fehlt +uns. Irre ich mich? Weiß Gott, manchmal will +mir mein ganzer hiesiger Aufenthalt wie ein +unverständlicher Traum vorkommen.</p> + +<p>Der jüngste und kleinste unter uns Zöglingen +ist Heinrich. Man ist diesem jungen Menschen +<span class="pagenum"><a name="Page_5">[5]</a></span> +gegenüber unwillkürlich zärtlich gesinnt, ohne dabei +etwas zu denken. Er steht vor den Schaufenstern +der Kaufleute still, innig in den Anblick +der Waren und Leckerbissen versunken. Dann +tritt er gewöhnlich ein und kauft sich etwas Süßes +für einen Sechser. Heinrich ist noch ganz Kind, +aber er spricht und benimmt sich schon wie ein erwachsener +Mensch von guter Führung. Sein +Haar ist immer ganz tadellos gekämmt und gescheitelt, +was gerade mich zur Anerkennung hinreißen +muß, da ich in diesem wichtigen Punkt +sehr liederlich bin. Seine Stimme ist so dünn +wie ein zartes Vogelgezwitscher. Man muß unbewußt +den Arm um seine Schulter legen, wenn +man mit ihm spazieren geht oder mit ihm spricht. +Er hat die Haltung eines Obersten und ist so klein. +Er besitzt keinen Charakter, denn er weiß noch +gar nicht, was das ist. Gewiß hat er noch nie +über das Leben nachgedacht, und wozu? Er ist +sehr artig, dienstfertig und höflich, aber ohne Bewußtsein. +Ja, er ist wie ein Vogel. Das Trauliche +gelangt an ihm überall zum Vorschein. Ein +Vogel gibt einem die Hand, wenn er sie gibt, +ein Vogel geht so und steht so. Alles ist unschuldig, +friedfertig und glücklich an Heinrich. Er +will Page werden, sagt er. Doch er sagt es ganz +ohne unfeines Schmachten, und in der Tat, der +Pagenberuf ist für ihn das durchaus Richtige +<span class="pagenum"><a name="Page_6">[6]</a></span> +und Angemessene. Die Zierlichkeit des Benehmens +und Empfindens strebt irgend wohin, und siehe, +sie trifft das Rechte. Was wird er für Erfahrungen +machen? Werden sich an diesen Knaben +überhaupt Erfahrungen und Erkenntnisse heranwagen? +Werden die rohen Enttäuschungen sich +nicht genieren, ihn zu beunruhigen, ihn, den Überzarten? +Übrigens merke ich, daß er ein wenig +kalt ist, es ist nichts Stürmisches und Herausforderndes +an ihm. Vielleicht wird er vieles, +vieles, das ihn niederschlagen könnte, gar nicht +bemerken, und vieles, das ihm seine Sorglosigkeit +nehmen könnte, gar nicht fühlen. Wer weiß, +ob ich recht habe. Aber ich stelle jedenfalls sehr, +sehr gern solche Beobachtungen an. Heinrich ist +bis zu einer gewissen Grenze verständnislos. Das +ist sein Glück, und man muß es ihm gönnen. +Wenn er ein Prinz wäre, ich würde der erste sein, +der das Knie vor ihm beugte und ihm huldigte. +Schade.</p> + +<p>Wie dumm ich mich doch benommen habe, als +ich hier ankam. Ich entrüstete mich in erster +Linie über die Ärmlichkeit des Treppenhauses. +Nun ja, es ist eben der Treppenaufgang eines +gewöhnlichen großstädtischen Hinterhauses. Dann +klingelte ich, und ein affenähnliches Wesen öffnete +mir die Türe. Es war Kraus. Aber damals +<span class="pagenum"><a name="Page_7">[7]</a></span> +hielt ich ihn einfach für einen Affen, während +ich ihn heute, um des rein persönlichen Wesens +willen, das ihn ziert, hoch schätze. Ich fragte, ob +Herr Benjamenta zu sprechen sei. Kraus sagte: +»Jawohl, mein Herr,« und machte eine tiefe, +dumme Verbeugung vor mir. Diese Verbeugung +jagte mir einen unheimlichen Schrecken ein, denn +ich sagte mir sogleich, daß da irgend etwas nicht +mit rechten Dingen zugehen müsse. Und von da +an hielt ich die Schule Benjamenta für Schwindel. +Ich trat zum Vorsteher herein. Wie muß ich +lachen, wenn ich an die nun folgende Szene +denke. Herr Benjamenta fragte mich, was ich +wolle. Ich erklärte ihm schüchtern, daß ich +wünsche, sein Schüler zu werden. Darauf schwieg +er und las Zeitungen. Das Bureau, der Herr +Vorsteher, der vorausgegangene Affe, die Türe, +die Art, zu schweigen und Zeitungen zu studieren, +alles, alles kam mir im höchsten Grad verdächtig, +verderbenversprechend vor. Plötzlich wurde ich +nach meinem Namen gefragt und nach meiner +Herkunft. Jetzt hielt ich mich für verloren, denn +ich fühlte mit einemmal, daß ich da nicht mehr +loskäme. Stotternd gab ich Auskunft, ich wagte +sogar zu betonen, daß ich aus einem sehr guten +Hause stamme. Ich sagte unter anderem, mein +Vater sei Großrat, und ich sei ihm davongelaufen, +weil ich gefürchtet hätte, von seiner Vortrefflichkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_8">[8]</a></span> +erstickt zu werden. Wieder schwieg der Vorsteher +eine Weile. Meine Furcht, betrogen zu +werden, stieg aufs höchste. Ich dachte sogar an +geheime Ermordung, stückweises Erdrosseln. Da +fragte mich der Vorsteher mit seiner Gebieterstimme, +ob ich Geld bei mir hätte, und ich bejahte. +»So gib es her. Rasch!« befahl er, und +merkwürdig, ich gehorchte augenblicklich, obschon +mich der Jammer schüttelte. Ich zweifelte nicht +mehr daran, einem Räuber und Schwindler in +die Hände gefallen zu sein, und trotzdem legte ich +das Schulgeld gehorsam hin. Wie lächerlich mir +meine damaligen Empfindungen jetzt doch vorkommen. +Man strich das Geld ein und schwieg +wieder. Da fand ich den Heldenmut, schüchtern +um eine Quittung zu ersuchen, doch man gab mir +folgendes zur Antwort: »Schlingel wie du erhalten +keine Quittungen.« Ich war einer Ohnmacht +nahe, der Vorsteher klingelte. Sofort stürzte +der dumme Affe Kraus herein. Der dumme Affe? +O gar nicht. Kraus ist ein lieber, lieber Mensch. +Ich verstand es nur damals noch nicht besser. +»Dies hier ist Jakob, der neue Schüler. Führe +ihn ins Schulzimmer.« – Der Vorsteher hatte +kaum gesprochen, so packte mich Kraus und +schleppte mich vor das Antlitz der Lehrerin. Wie +kindisch ist man, wenn man sich fürchtet. Es +gibt kein so schlechtes Benehmen wie das, welches +<span class="pagenum"><a name="Page_9">[9]</a></span> +aus dem Mißtrauen und aus der Unkenntnis +stammt. So wurde ich Zögling.</p> + +<p>Mein Schulkamerad Schacht ist ein seltsames +Wesen. Er träumt davon, Musiker zu werden. +Er sagt mir, er spiele vermittels seiner Einbildungskraft +wundervoll Geige, und wenn ich seine +Hand anschaue, glaube ich ihm das. Er lacht +gern, aber dann versinkt er plötzlich in schmachtende +Melancholie, die ihm unglaublich gut zu +Gesicht und Körperhaltung steht. Schacht hat ein +ganz weißes Gesicht und lange schmale Hände, +die ein Seelenleiden ohne Namen ausdrücken. +Schmächtig, wie er von Körperbau ist, zappelt +er leicht, es ist ihm schwer, unbeweglich zu stehen +oder zu sitzen. Er gleicht einem kränklichen, eigensinnigen +Mädchen, er schmollt auch gern, was ihn +einem jungen, etwas verzogenen weiblichen Wesen +noch ähnlicher macht. Wir, ich und er, liegen oft +zusammen in meiner Schlafkammer, auf dem Bett, +in den Kleidern, ohne die Schuhe auszuziehen, +und rauchen Zigaretten, was gegen die Vorschriften +ist. Schacht tut gern das Vorschriften-Kränkende, +und ich, offen gesagt, leider nicht +minder. Wir erzählen uns ganze Geschichten, +wenn wir so liegen, Geschichten aus dem Leben, +d. h. Erlebtes, aber noch viel mehr erfundene +Geschichten, deren Tatsachen aus der Luft gegriffen +<span class="pagenum"><a name="Page_10">[10]</a></span> +sind. Dann scheint es um uns her, Wände +hinauf und hinunter, leise zu tönen. Die enge, +dunkle Kammer erweitert sich, es erscheinen +Straßen, Säle, Städte, Schlösser, unbekannte +Menschen und Landschaften, es donnert und lispelt, +redet und weint usw. Es ist hübsch, sich mit +dem träumerisch angehauchten Schacht zu unterhalten. +Er scheint alles zu verstehen, was man +ihm sagt, und er selber sagt von Zeit zu Zeit +etwas Bedeutsames. Und dann klagt er öfters, +und das liebe ich an der Unterhaltung. Ich höre +gern klagen. Man kann dann den Sprecher so +ansehen und tiefes, inniges Mitleid mit ihm haben, +und Schacht hat etwas Mitleiderweckendes an sich, +auch ohne, daß er Betrübliches spricht. Wenn +feinsinnige Unzufriedenheit, d. h. die Sehnsucht +nach etwas Schönem und Hohem, in irgend einem +Menschen wohnt, dann hat sie es sich in Schacht +bequem gemacht. Schacht hat Seele. Wer weiß, +vielleicht ist er eine Künstlernatur. Er hat mir +anvertraut, daß er krank ist, und da es sich um +ein nicht ganz anständiges Leiden handelt, hat +er mich dringend gebeten, Schweigen zu beobachten, +was ich ihm natürlich auf Ehrenwort versprochen +habe, um ihn zu beruhigen. Ich habe ihn +dann gebeten, mir den Gegenstand der Erkrankung +zu zeigen, doch da wurde er ein wenig böse und +kehrte sich gegen die Wand. »Du bist schamlos,« +<span class="pagenum"><a name="Page_11">[11]</a></span> +sagte er mir. Oft liegen wir beide so, ohne ein +Wort zu reden. Einmal wagte ich, seine Hand +leise zu mir zu nehmen, doch er entzog sie mir +wieder und sagte: »Was machst du für Dummheiten? +Laß das.« – Schacht bevorzugt den +Umgang mit mir, das merke ich nicht gerade +deutlich, aber in solchen Dingen ist Deutlichkeit +gar nicht nötig. Ich habe ihn eigentlich riesig +gern und sehe ihn als eine Bereicherung meines +Daseins an. Natürlich sage ich ihm so etwas nie. +Wir reden Dummheiten miteinander, oft auch +Ernstes, aber unter Vermeidung großer Worte. +Schöne Worte sind viel zu langweilig. Ah, an +den Zusammenkünften mit Schacht in der Kammer +merke ich es: wir Zöglinge des Instituts Benjamenta +sind zu einem oft halbtagelangen seltsamen +Müßiggang verurteilt. Wir kauern, sitzen, +stehen oder liegen immer irgendwo. Ich und +Schacht zünden in der Kammer zu unserem Vergnügen +oft Kerzen an, das ist streng verboten. +Aber gerade deshalb macht es uns Spaß, es zu +tun. Vorschriften hin, Vorschriften her: Kerzen +brennen so schön, so geheimnisvoll. Und wie sieht +doch das Gesicht meines Kameraden aus, wenn +die rötliche kleine Flamme es zart beleuchtet. +Wenn ich Kerzen brennen sehe, komme ich mir +vermögend vor: Im nächsten Augenblick kommt +immer der Diener und reicht mir den Pelz. Das +<span class="pagenum"><a name="Page_12">[12]</a></span> +ist Unsinn, aber dieser Unsinn hat einen hübschen +Mund und lächelt. Schacht hat eigentlich grobe +Gesichtszüge, aber die Blässe, die über das Gesicht +gezogen ist, verfeinert sie. Die Nase ist zu +groß, auch die Ohren. Der Mund ist zugekniffen. +Manchmal, wenn ich Schacht so ansehe, ist mir, +als müsse es diesem Menschen einmal bitter schlecht +gehen. Wie liebe ich solche Menschen, die diesen +wehmütigen Eindruck hervorrufen. Ist das +Bruderliebe? Ja, kann sein.</p> + +<p>Am ersten Tag habe ich mich ungeheuer +zimperlich und muttersöhnchenhaft benommen. +Wurde mir da das Zimmer gezeigt, in dem ich +mit den andern, d. h. mit Kraus, Schacht und +Schilinski, gemeinsam schlafen sollte. Als vierter +im Bund gleichsam. Alles war zugegen, die Kameraden, +der Herr Vorsteher, der mich grimmig anschaute, +das Fräulein. Nun, und da fiel ich dem +Mädchen einfach zu Füßen und rief aus: »Nein, +in dem Zimmer zu schlafen ist mir unmöglich. +Ich kann da nicht atmen. Lieber will ich auf der +Straße übernachten.« – Ich hielt, während ich +so sprach, die Beine der jungen Dame fest umschlungen. +Sie schien ärgerlich zu sein und befahl +mir aufzustehen. Ich sagte: »Ich stehe nicht vorher +auf, bis Sie mir versprochen haben, daß Sie +mir einen menschenwürdigen Raum zum Schlafen +<span class="pagenum"><a name="Page_13">[13]</a></span> +anweisen wollen. Ich bitte Sie, Fräulein, ich +flehe Sie an, tun Sie mich an einen andern Ort, +meinetwegen in ein Loch, nur nicht hier hinein. +Hier kann ich nicht sein. Ich will meine Mitschüler +gewiß nicht beleidigen, und habe ich es +schon getan, so tut es mir leid, aber bei drei +Menschen schlafen, als vierter, und dazu noch in +solch einem engen Raum? Das geht nicht. Ach, +Fräulein.« – Schon lächelte sie, ich merkte es, +ich fügte daher rasch, mich noch fester an sie schmiegend, +hinzu: »Ich will brav sein, ich verspreche +es Ihnen. Ich will allen Ihren Befehlen zuvorkommen. +Sie sollen sich nie, nie über mein Benehmen +zu beklagen haben.« – Fräulein Benjamenta +fragte: »Ist das sicher? Werde ich mich +nie zu beklagen haben?« – »Nein, gewiß nicht, +gnädiges Fräulein,« erwiderte ich. Sie wechselte +einen bedeutenden Blick mit dem Bruder, dem +Herrn Vorsteher, und sagte zu mir: »Steh' vor +allen Dingen erst vom Boden auf. Pfui. Welch +ein Flehen und Flattieren. Und dann komm. +Meinetwegen kannst du auch anderswo schlafen.« +Sie führte mich zu der Kammer, die ich jetzt bewohne, +zeigte sie mir und fragte: »Gefällt dir die +Kammer?« – Ich war so keck, zu sagen: »Sie +ist eng. Zu Hause gab's Vorhänge an den Fenstern. +Und Sonne schien dort in die Gemächer. +Hier ist nur eine schmale Bettstelle und ein Waschgestell. +<span class="pagenum"><a name="Page_14">[14]</a></span> +Zu Hause gab es vollständig möblierte +Zimmer. Aber werden Sie nicht böse, Fräulein +Benjamenta. Es gefällt mir, und ich danke Ihnen. +Zu Hause war es viel feiner, freundlicher und +eleganter, aber hier ist es auch ganz nett. Entschuldigen +Sie, daß ich Ihnen mit Vergleichen +von zu Hause und mit weiß der Kuckuck was noch +alles komme. Ich finde die Kammer aber sehr, +sehr reizend. Zwar, das Fenster da oben in der +Mauer ist kaum ein Fenster zu nennen. Und das +Ganze hat entschieden etwas Ratten- oder Hundelochartiges. +Aber es gefällt mir. Und ich bin +unverschämt und undankbar, so zu sprechen, nicht +wahr? Vielleicht wäre es das Beste, mir die +Kammer, die ich wirklich hoch schätze, wieder zu +nehmen und mir den strikten Befehl zu erteilen, +bei den andern zu schlafen. Meine Kameraden +fühlen sich sicher beleidigt. Und Sie, Fräulein, +sind böse. Ich sehe es. Ich bin sehr traurig +darüber.« – Sie sagte mir: »Du bist ein dummer +Junge, und du schweigst jetzt.« Und doch lächelte +sie. Wie dumm das alles war, damals am ersten +Tag. Ich schämte mich, und ich schäme mich noch +heute, daran denken zu müssen, wie unziemlich +ich mich benommen habe. Ich schlief in der ersten +Nacht sehr unruhig. Ich träumte von der +Lehrerin. Und was die eigene Kammer betrifft, +so wäre ich es heute ganz zufrieden, wenn ich sie +<span class="pagenum"><a name="Page_15">[15]</a></span> +mit ein oder zwei andern Personen teilen müßte. Man +ist immer halb irrsinnig, wenn man menschenscheu ist.</p> + +<p>Herr Benjamenta ist ein Riese, und wir Zöglinge +sind Zwerge gegen diesen Riesen, der stets +etwas mürrisch ist. Als Lenker und Gebieter einer +Schar von so winzigen, unbedeutenden Geschöpfen, +wie wir Knaben sind, ist er eigentlich auf ganz +natürliche Weise zur Verdrießlichkeit verpflichtet, +denn das ist doch nie und nimmer eine seinen +Kräften entsprechende Aufgabe: über uns herrschen. +Nein, Herr Benjamenta könnte ganz +anderes leisten. Solch ein Herkules kann ja einer +so kleinlichen Übung gegenüber, wie die ist, uns +zu erziehen, gar nicht anders als einschlafen, d. h. +brummend und grübelnd seine Zeitungen lesen. +An was hat eigentlich der Mann gedacht, als er +sich entschloß, das Institut zu gründen? Er tut +mir in einem gewissen Sinne weh, und dieses Gefühl +erhöht noch den Respekt, den ich vor ihm +habe. Es gab übrigens zwischen ihm und mir +im Anfang meines Hierseins, ich glaube, am +Morgen des zweiten Tages, eine kleine, aber sehr +heftige Szene. Ich trat zu ihm ins Kontor, aber +ich kam nicht dazu, meinen Mund zu öffnen. »Geh' +wieder hinaus. Versuche, ob es dir möglich ist, +wie ein anständiger Mensch ins Zimmer einzutreten,« +sagte er streng. Ich ging hinaus, und +<span class="pagenum"><a name="Page_16">[16]</a></span> +dann klopfte ich an, was ich ganz vergessen hatte. +»Herein,« rief es, und da trat ich ein und blieb +stehen. »Wo ist die Verbeugung? Und wie sagt +man, wenn man zu mir eintritt?« – Ich verbeugte +mich und sagte in kümmerlicher Tonart: +»Guten Tag, Herr Vorsteher.« – Heute bin ich +schon so gut dressiert, daß ich dieses »Guten Tag, +Herr Vorsteher« nur so hinausschmettere. Damals +haßte ich diese Art, sich untertänig und +höflich zu benehmen, ich wußte es eben nicht +besser. Was mir damals lächerlich und stumpfsinnig +vorkam, erscheint mir heute schicklich und +schön. »Lauter reden, Bösewicht,« rief Herr Benjamenta. +Ich mußte den Gruß »Guten Tag, Herr +Vorsteher« fünfmal wiederholen. Erst dann fragte +er mich, was ich wolle. Ich war wütend geworden +und sagte: »Man lernt hier gar nichts, +und ich will nicht hier bleiben. Bitte geben Sie +mir das Geld zurück, und dann will ich mich +zum Teufel scheren. Wo sind hier die Lehrer? +Ist überhaupt irgend ein Plan, ein Gedanke da? +Nichts ist da. Und ich will fort. Niemand, wer es +auch sei, wird mich hindern, diesen Ort der +Finsternis und der Umnebelung zu verlassen. Dazu, +um mich hier von Ihren mehr als albernen +Vorschriften plagen und verdummen zu lassen, +komme ich denn doch aus viel zu gutem Hause. +Zwar, ich will durchaus nicht zu Vater und Mutter +<span class="pagenum"><a name="Page_17">[17]</a></span> +zurücklaufen, niemals, aber ich will auf die Straße +gehen und mich als Sklave verkaufen. Es schadet +durchaus nichts.« – Nun hatte ich geredet. Heute +muß ich mich beinahe krümmen vor Lachen, wenn +ich mir dieses dumme Betragen wieder ins Gedächtnis +zurückrufe. Mir war es damals aber +durchaus heilig ernst zumut. Doch der Herr Vorsteher +schwieg. Ich war im Begriff, ihm irgend +eine grobe Beleidigung ins Gesicht zu sagen. Da +sprach er ruhig: »Einmal einbezahlte Geldbeträge +werden nicht mehr zurückerstattet. Was deine +törichte Meinung betrifft, du könntest hier nichts +lernen, so irrst du dich, denn du kannst lernen. +Lerne vor allen Dingen erst deine Umgebung +kennen. Deine Kameraden sind es wert, daß man +wenigstens den Versuch macht, sich mit ihnen bekannt +zu machen. Sprich mit ihnen. Ich rate +dir, sei ruhig. Hübsch ruhig.« – Dieses »hübsch +ruhig« sprach er wie in tiefen, mich gar nicht +betreffenden Gedanken versunken. Er hielt die +Augen niedergeschlagen, wie um mir zu verstehen +zu geben, wie gut, wie sanft er es meine. Er +gab mir deutliche Beweise seiner Gedankenabwesenheit +und schwieg wieder. Was konnte ich +machen? Schon befaßte sich Herr Benjamenta +wieder mit Zeitunglesen. Es war mir, als ob +ein furchtbares unverständliches Gewitter mir von +ferne drohe. Ich verbeugte mich tief, fast bis +<span class="pagenum"><a name="Page_18">[18]</a></span> +herab zur Erde, vor demjenigen, der mir gar +keine Beachtung mehr schenkte, sagte, wie die Vorschriften +es geboten, »Adieu, Herr Vorsteher«, +klappte die Schuhabsätze zusammen, stund stramm +da, machte kehrt, d. h. nein, suchte mit den Händen +den Türriegel, schaute immer auf das Gesicht des +Herrn Vorstehers und schob mich, ohne mich umzudrehen, +wieder zur Türe hinaus. So endete +ein Versuch, Revolution zu machen. Seither sind +keine störrischen Auftritte mehr vorgekommen. +Mein Gott, und geschlagen bin ich schon worden. +Er hat mich geschlagen, er, dem ich ein wahrhaft +großes Herz zumute, und nicht gemuckst habe ich, +nicht gezwinkert habe ich, und es hat mich nicht +einmal beleidigt. Nur weh hat es mir getan, +und nicht um mich selber, sondern um ihn, den +Herrn Vorsteher. Ich denke eigentlich immer an +ihn, an beide, an ihn und Fräulein, wie sie so +dahinleben mit uns Knaben. Was tun sie da +drinnen in der Wohnung immer? Womit sind +sie beschäftigt? Sind sie arm? Sind Benjamentas +arm? Es gibt hier »innere Gemächer«. +Ich bin bis heute noch nie dort gewesen. Kraus +wohl, den man bevorzugt, weil er so treu ist. +Aber Kraus will keine Auskunft über die Beschaffenheit +der Vorsteherswohnung geben. Er +glotzt mich nur an, wenn ich ihn über diesen +Punkt ausfrage, und schweigt. O, Kraus kann +<span class="pagenum"><a name="Page_19">[19]</a></span> +wahrhaft schweigen. Wenn ich ein Herr wäre, +ich nähme Kraus sogleich in meine Dienste. Aber +vielleicht dringe ich doch noch einmal in diese +innern Gemächer. Und was werden dann meine +Augen erblicken? Vielleicht gar nichts Besonderes? +O doch, doch. Ich weiß es, es gibt hier +irgendwo wunderbare Dinge.</p> + +<p>Eins ist wahr, die Natur fehlt hier. Nun, +das, was hier ist, ist eben einmal Großstadt. Zu +Hause gab es überall nahe und weite Aussichten. +Ich glaube, ich hörte immer die Singvögel in +den Straßen auf und ab zwitschern. Die Quellen +murmelten immer. Der waldige Berg schaute +majestätisch auf die saubere Stadt nieder. Auf +dem nahegelegenen See fuhr man abends in einer +Gondel. Felsen und Wälder, Hügel und Felder +waren mit ein paar Schritten zu erreichen. +Stimmen und Düfte waren immer da. Und die +Straßen der Stadt glichen Gartenwegen, so weich +und reinlich sahen sie aus. Weiße nette Häuser +guckten schelmisch aus grünen Gärten hervor. Man +sah bekannte Damen, z. B. Frau Haag, innerhalb +des Gartengitters im Park spazieren. Dumm ist +das eigentlich, nun, die Natur, der Berg, der See, +der Fluß, der schäumende Wasserfall, das Grün +und allerlei Gesänge und Klänge waren einem +eben nahe. Ging man, so spazierte man wie im +<span class="pagenum"><a name="Page_20">[20]</a></span> +Himmel, denn man sah überall blauen Himmel. +Stand man still, so konnte man sich gleich niederlegen +und still in die Luft hinaufträumen, denn +es war Gras- oder Moosboden. Und die Tannen, +die so wundervoll nach würziger Kraft duften. +Werde ich nie wieder eine Bergtanne sehen? Das +wäre übrigens kein Unglück. Etwas entbehren: +das hat auch Duft und Kraft. Unser großrätliches +Haus hatte keinen Garten, aber das Ganze, was +einen umgab, war ein hübscher, sauberer, süßer +Garten. Ich will nicht hoffen, daß ich mich sehne. +Unsinn. Hier ist es auch schön.</p> + +<p>Obschon es eigentlich an mir noch gar nichts +Nennenswertes zu schaben gibt, renne ich doch +von Zeit zu Zeit zum Friseur, nur so des damit +verbundenen Straßenausfluges halber, und lasse +mich rasieren. Ob ich Schwede sei, fragt mich +der Friseurgehilfe. Amerikaner? Auch nicht. +Russe? Nun was denn? Ich liebe es, derartige +nationalistisch angefärbte Fragen mit eisernem +Schweigen zu beantworten und die Leute, die +mich nach meinen Vaterlandsgefühlen fragen, im +Unklaren zu lassen. Oder ich lüge und sage, ich +sei Däne. Gewisse Aufrichtigkeiten verletzen und +langweilen einen nur. Manchmal blitzt die Sonne +wie verrückt hier in diesen lebhaften Straßen. +Oder es ist alles verregnet, verschleiert, was ich +<span class="pagenum"><a name="Page_21">[21]</a></span> +auch sehr, sehr liebe. Die Leute sind freundlich, +obgleich ich zuweilen namenlos frech bin. Oft +sitze ich in der Mittagsstunde müßig auf einer +Bank. Die Bäume der Anlage sind ganz farblos. +Die Blätter hängen unnatürlich bleiern herunter. +Es ist, als wenn hier manchmal alles aus Blech +und dünnem Eisen sei. Dann stürzt wieder Regen +und netzt das alles. Schirme werden aufgespannt, +Droschken rollen auf dem Asphalt, Menschen +eilen, die Mädchen heben die Röcke. Beine aus +einem Rock hervorstechen zu sehen, hat etwas eigentümlich +Anheimelndes. So ein weibliches Bein, +straff bestrumpft, man sieht es nie, und nun sieht +man es plötzlich. Die Schuhe kleben so schön +an der Form der schönen weichen Füße. Dann ist +wieder Sonne. Wind weht ein wenig, und da +denkt man an zu Hause. Ja, ich denke an Mama. +Sie wird weinen. Warum schreibe ich ihr nie? +Ich kann's nicht fassen, gar nicht begreifen, und +doch kann ich mich nicht entschließen, zu schreiben. +Das ist es: ich mag nicht Auskunft geben. Es +ist mir zu dumm. Schade, ich sollte nicht Eltern +haben, die mich lieben. Ich mag überhaupt nicht +geliebt und begehrt sein. Sie sollen sich daran +gewöhnen, keinen Sohn mehr zu haben.</p> + +<p>Jemandem, den man nicht kennt und der einen +gar nichts angeht, einen Dienst erweisen, das ist +<span class="pagenum"><a name="Page_22">[22]</a></span> +reizend, das läßt in göttlich nebelhafte Paradiese +blicken. Und dann: im Grunde genommen gehen +einen alle oder wenigstens fast alle Menschen +etwas an. Die da an mir vorübergehen, die +gehen mich irgend etwas an, das steht fest. +Übrigens ist das schließlich Privatsache. Ich gehe +da so, die Sonne scheint, da sehe ich plötzlich +ein Hündchen zu meinen Füßen winseln. Sogleich +bemerke ich, daß sich das Luxustierchen mit den +kleinen Beinen im Maulkorb verwickelt hat. Es +kann nicht mehr laufen. Da bücke ich mich, und +dem großen, großen Unglück ist abgeholfen. Nun +kommt die Herrin des Hundes heranmarschiert. +Sie sieht, was los ist und dankt mir. Flüchtig +ziehe ich meinen Hut vor der Dame und gehe +meiner Wege. Ach, die da hinten denkt jetzt, +daß es noch artige junge Menschen in der Welt +gibt. Gut, dann habe ich den jungen Menschen +im allgemeinen einen Dienst erwiesen. Und wie +diese übrigens ganz unhübsche Frau gelächelt hat. +»Danke, mein Herr.« Ah, zum Herrn hat sie +mich gemacht. Ja, wenn man sich zu benehmen +weiß, ist man ein Herr. Und wem man dankt, +vor dem hat man Achtung. Wer lächelt, ist +hübsch. Alle Frauen verdienen Artigkeiten. Jede +Frau hat etwas Feines. Ich habe schon Wäscherinnen +wie Königinnen sich bewegen sehen. Das +alles ist komisch, o so komisch. Aber wie die +<span class="pagenum"><a name="Page_23">[23]</a></span> +Sonne geblitzt hat, und wie ich dann so davongelaufen +bin! – Nämlich ins Warenhaus. Ich +lasse mich dort photographieren, Herr Benjamenta +will eine Photographie von mir haben. Und +dann muß ich einen kurz abzufassenden, wahrheitsgetreuen +Lebenslauf schreiben. Dazu gehört +Papier. Nun, dann habe ich noch das Vergnügen, +extra in einen Papierladen zu treten.</p> + +<p>Kamerad Schilinski ist von polnischer Herkunft. +Er spricht ein hübsches, gebrochenes +Deutsch. Alles Fremdartige klingt nobel, ich weiß +nicht, warum. Schilinskis größter Stolz besteht +in einer elektrisch entzündbaren Krawattennadel, +die er sich zu verschaffen gewußt hat. Auch zündet +er gern, d. h. mit der größten Vorliebe, Wachsstreichhölzchen +an. Seine Schuhe sind immer +glänzend geputzt. Merkwürdig oft sieht man ihn +seinen Anzug reinigen, seine Stiefel wichsen und +seine Mütze bürsten. Er schaut sich gern in einem +billigen Taschenspiegel an. Taschenspiegel besitzen +wir Schüler übrigens alle, obschon wir eigentlich +gar nicht wissen, was Eitelkeit alles bedeutet. +Schilinski ist schlank von Figur und hat ein sehr +hübsches Gesicht und Lockenhaar, das er nicht +oft genug während des Tages kämmen und pflegen +kann. Er sagt, er will zu einem Pferdchen. Ein +Pferd zu striegeln und zu putzen und dann auszufahren, +<span class="pagenum"><a name="Page_24">[24]</a></span> +das ist sein Lieblingstraum. Recht +karg steht es mit seinen Geistesgaben. Er besitzt +absolut keinen Scharfsinn, und von Feinsinn oder +dergleichen darf man bei ihm nicht reden. Und +doch ist er durchaus nicht dumm, beschränkt vielleicht, +aber ich nehme dieses Wort nicht gern in +den Mund, wenn ich an meine Schulkameraden +denke. Daß ich der Gescheiteste unter ihnen bin, +das ist vielleicht gar nicht einmal so sehr erfreulich. +Was nützen einem Menschen Gedanken +und Einfälle, wenn er, wie ich, das Gefühl hat, +er wisse nichts damit anzustellen? Nun also. +Nein, nein, ich will hell zu sehen versuchen, aber +ich mag nicht hochmüteln, mich nie und nimmer +über meine Umgebung erhaben fühlen. Schilinski +wird Glück im Leben haben. Die Frauen werden +ihn bevorzugen, so sieht er aus, ganz wie der +zukünftige Liebling der Frauen. Er hat einen +an etwas Edles erinnernden bräunlichen, übrigens +hellen Teint an Gesicht und Händen, und die +Augen sind rehhaft schüchtern. Es sind reizende +Augen. Er könnte mit seinem ganzen Wesen ein +junger Landedelmann sein. Sein Benehmen +mahnt an ein Landgut, wo städtisches und +bäurisches, feines und grobes Wesen in anmutige +kräftige menschliche Bildung zusammenfließen. Er +geht besonders gern müßig und schlendert gern +in den belebtesten Straßen herum, wobei ich ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_25">[25]</a></span> +manchmal Gesellschaft leiste, zum Entsetzen von +Kraus, der den Müßiggang haßt, verfolgt und +verachtet. »Seid ihr beide schon wieder auf dem +Vergnügen gewesen? He?«, so empfängt uns +Kraus, wenn wir heimkommen. Von Kraus werde +ich sehr viel reden müssen. Er ist der Redlichste +und Tüchtigste unter uns Zöglingen, und Tüchtigkeit +und Ehrlichkeit sind ja so unerschöpfliche und +unermeßliche Gebiete. Nichts kann mich so tief +aufregen wie der Anblick und der Geruch des +Guten und Rechtschaffenen. Etwas Gemeines und +Böses ist bald ausempfunden, aber aus etwas +Bravem und Edlem klug zu werden, das ist so +schwer und doch zugleich so reizvoll. Nein, die +Laster interessieren mich viel, viel weniger wie +die Tugenden. Nun werde ich Kraus schildern +müssen, und davor ist mir direkt bange. Zimperlichkeiten? +Seit wann? Ich will's nicht +hoffen.</p> + +<p>Ich gehe jetzt jeden Tag ins Warenhaus, +fragen, ob meine Photographien noch nicht bald +fertig seien. Ich kann jedesmal mit dem Aufzug +ins oberste Stockwerk hinauffahren. Ich finde +das leider nett, und das paßt zu meinen vielen +übrigen Gedankenlosigkeiten. Wenn ich Lift fahre, +komme ich mir so recht wie das Kind meiner Zeit +vor. Ob das andern Menschen auch so geht? +<span class="pagenum"><a name="Page_26">[26]</a></span> +Den Lebenslauf habe ich immer noch nicht geschrieben. +Es geniert mich ein wenig, über meine +Vergangenheit die schlichte Wahrheit zu sagen. +Kraus schaut mich von Tag zu Tag vorwurfsvoller +an. Das paßt mir sehr. Liebe Menschen +sehe ich gern ein wenig wütend. Nichts ist mir +angenehmer, als Menschen, die ich in mein Herz +geschlossen habe, ein ganz falsches Bild von mir +zu geben. Das ist vielleicht ungerecht, aber es ist +kühn, also ziemt es sich. Übrigens geht das bei +mir ein wenig ins Krankhafte. So z. B. stelle +ich es mir als unsagbar schön vor, zu sterben, +im furchtbaren Bewußtsein, das Liebste, was ich +auf der Welt habe, gekränkt und mit schlechten +Meinungen über mich erfüllt zu haben. Das wird +niemand verstehen, oder nur der, der im Trotz +Schönheitsschauer empfinden kann. Elendiglich +umkommen, um einer Flegelei, einer Dummheit +willen. Ist das erstrebenswert? Nein, gewiß +nicht. Aber das alles sind ja Dummheiten gröbster +Sorte. Es fällt mir hier etwas ein, und ich sehe +mich, aus, ich weiß nicht welchen, Ursachen, genötigt, +es zu sagen. Ich besaß vor einer Woche +oder mehr Tagen an Geld noch zehn Mark. Nun, +jetzt sind diese zehn Mark verflogen. Eines Tages +trat ich in ein Restaurant mit Damenbedienung. +Ganz unwiderstehlich zog es mich hinein. Ein +Mädchen sprang mir entgegen und nötigte mich, +<span class="pagenum"><a name="Page_27">[27]</a></span> +auf einem Ruhebett Platz zu nehmen. Halb wußte +ich Bescheid, wie das ungefähr endigen konnte. +Ich wehrte mich, aber ganz und gar ohne Nachdruck. +Es war mir alles gleichgültig, und doch +wieder nicht. Es bereitete mir ein Vergnügen +ohnegleichen, dem Mädchen gegenüber den feinen, +obenherabschauenden Herrn zu spielen. Wir befanden +uns ganz allein, und nun trieben wir die +nettesten Dummheiten. Wir tranken. Immer +lief sie ans Büffet, um neue Getränke zu holen. +Sie zeigte mir ihr reizendes Strumpfband, und +ich liebkoste es mit den Lippen. Ah, ist man dumm. +Immer stand sie wieder auf und holte Neues +zum trinken. Und so rasch. Sie wollte eben +sehr schnell bei dem dummen Jungen ein hübsches +Sümmchen Geld verdienen. Ich sah das vollkommen +ein, aber gerade das gefiel mir, daß sie +mich für dumm ansah. Solch eine sonderbare +Verdorbenheit: sich heimlich zu freuen, bemerken +zu dürfen, daß man ein wenig bestohlen wird. +Aber wie bezaubernd kam mir alles vor. Rings +um mich starb alles in flötender, kosender Musik. +Das Mädchen war Polin, schlank und geschmeidig +und so entzückend sündhaft. Ich dachte: »Weg +sind meine zehn Mark.« Nun küßte ich sie. Sie +sagte: »Sag', was bist du? Du benimmst dich +wie ein Edelmann.« Ich konnte gar nicht genug +den Duft, der von ihr ausströmte, einatmen. Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_28">[28]</a></span> +bemerkte das und fand das fein. Und in der Tat: +Was ist man für ein Halunke, wenn man, ohne +Liebe und Schönheit zu empfinden, an Orte hingeht, +wo nur das Entzücken entschuldigt, was die +Liederlichkeit unternommen hat? Ich log ihr vor, +daß ich Stallbursche sei. Sie sagte: »O nein, dafür +benimmst du dich viel zu schön. Sag' mir guten +Tag.« Und da tat ich ihr das, was man an +solchen Orten guten Tag sagen nennt, d. h. sie +setzte es mir lachend und scherzend und mich küssend +auseinander, und da tat ich es. Eine Minute +später befand ich mich auf der abendlichen Straße, +ausgebrannt bis auf den letzten Pfennig. Wie +kommt mir das jetzt vor? Ich weiß es nicht. +Aber das eine weiß ich: ich muß wieder zu einigem +wenigen Geld kommen. Aber wie mache ich +das?</p> + +<p>Beinahe jeden frühen Morgen setzt es zwischen +mir und Kraus ein geflüstertes Redegefecht ab. +Kraus glaubt immer, mich zur Arbeit antreiben +zu sollen. Vielleicht irrt er sich auch gar nicht, +wenn er annimmt, daß ich nicht gern früh aufstehe. +Ja doch, ich stehe schon ganz gern vom Bett auf, +aber wiederum finde ich es geradezu köstlich, ein +wenig länger liegen zu bleiben, als ich soll. Etwas +nicht tun sollen, das ist manchmal so reizend, +<span class="pagenum"><a name="Page_29">[29]</a></span> +daß man nicht anders kann, als es doch tun. Deshalb +liebe ich ja so von Grund aus jede Art +Zwang, weil er einem erlaubt, sich auf Gesetzeswidrigkeiten +zu freuen. Wenn kein Gebot, kein +Soll herrschte in der Welt, ich würde sterben, verhungern, +verkrüppeln vor Langerweile. Mich soll +man nur antreiben, zwingen, bevormunden. Ist +mir durchaus lieb. Zuletzt entscheide doch ich, +ich allein. Ich reize das stirnrunzelnde Gesetz +immer ein wenig zum Zorn, nachher bin ich bemüht, +es zu besänftigen. Kraus ist der Vertreter +aller hier im Institut Benjamenta bestehenden +Vorschriften, folglich fordere ich den besten aller +Mitschüler beständig ein bißchen zum Kampf auf. +Ich zanke so furchtbar gern. Ich würde krank +werden, wenn ich nicht zanken könnte, und zum +Zanken und Reizen eignet sich Kraus wundervoll. +Er hat immer recht: »Willst du jetzt endlich aufstehen, +du faules Tuch!« – Und ich habe immer +unrecht: »Ja, ja, gedulde dich. Ich komme.« – +Wer im Unrecht ist, der ist frech genug, den, der +im Recht ist, stets zur Geduld aufzufordern. Das +Rechthaben ist hitzig, das Unrechthaben trägt stets +eine stolze, frivole Gelassenheit zur Schau. Derjenige, +der es leidenschaftlich gut meint (Kraus), +unterliegt stets dem (also mir), dem das Gute +und Förderliche nicht gar so ausgesprochen am +<span class="pagenum"><a name="Page_30">[30]</a></span> +Herzen liegt. Ich triumphiere, weil ich noch im +Bett liege, und Kraus zittert vor Zorn, weil er +immer vergeblich an die Türe klopfen, poltern +und sagen muß: »Steh' doch auf, Jakob. Mach' +endlich. Herrgott, was ist das für ein Faulpelz.« +– Wer zürnen kann, ach, ist mir solch ein Mensch +sympathisch. Kraus zürnt bei jeder Gelegenheit. +Das ist so schön, so humorvoll, so edel. Und wir +beide passen so gut zueinander. Dem Empörten +muß doch immer der Sünder gegenüberstehen, sonst +fehlte ja etwas. Bin ich dann endlich aufgestanden, +so tue ich, als stünde ich müßig da. »Jetzt steht +er noch da und gafft, der Tropf, statt Hand anzulegen,« +sagt er dann. Wie prächtig ist so etwas. +Das Gemurmel eines Mürrischen finde ich schöner +als das Murmeln eines Waldbaches, beglitzert +von der allerschönsten Sonntagvormittagsonne. +Menschen, Menschen, nur Menschen! Ja, ich empfinde +es lebhaft: ich liebe die Menschen. Ihre +Torheiten und raschen Gereiztheiten sind mir +lieber und wertvoller als die feinsten Naturwunder. +– Wir Zöglinge müssen morgens früh, +bevor die Herrschaften erwachen, Schulstube und +Kontor aufräumen. Je zwei Leute besorgen das +abwechslungsweise. »Steh' doch auf. Wird's +bald?« – Oder: »Jetzt hört aber bald die Genügsamkeit +auf.« Oder: »Steh' auf, steh' auf. +Es ist Zeit. Solltest schon längst den Besen in +<span class="pagenum"><a name="Page_31">[31]</a></span> +der Hand haben.« – Wie ist das amüsant. Und +Kraus, der ewig böse Kraus, wie lieb ist er mir.</p> + +<p>Ich muß noch einmal ganz zum Anfang zurückkehren, +zum ersten Tag. In der Unterrichtspause +sprangen Schacht und Schilinski, die ich damals +ja noch gar nicht kannte, in die Küche und brachten, +auf Teller gelegt, Frühstück in die Schulstube. +Auch mir wurde etwas zum essen vorgelegt, aber +ich hatte gar keinen Appetit, ich mochte nichts +anrühren. »Du mußt essen,« sagte mir Schacht, +und Kraus fügte hinzu: »Es muß alles, was +da auf dem Teller liegt, sauber aufgegessen werden. +Hast du verstanden?« – Ich erinnere mich noch, +wie widrig mich diese Redensarten berührten. Ich +versuchte zu essen, aber voll Abscheu ließ ich das +meiste liegen. Kraus drängte sich an mich heran, +klopfte mir würdevoll auf die Schulter und sagte: +»Neuling, der du hier bist, wisse, daß die Vorschriften +gebieten, zu essen, wenn etwas zu essen +da ist. Du bist hochmütig, doch sei nur ruhig, +der Hochmut wird dir schon vergehen. Kann man +etwa die butterbestrichenen und wurstbelegten +Stücke Brot auf der Straße auflesen? Wie? Sei +du nur ruhig und warte hübsch, vielleicht wirst +du noch Appetit bekommen. Jedenfalls mußt du +das da aufessen, was hier noch herumliegt, wohlverstanden. +Es werden im Institut Benjamenta +<span class="pagenum"><a name="Page_32">[32]</a></span> +keine Eßreste auf den Tellern geduldet. Vorwärts, +iß. Mach' rasch. Ist das eine sorgenvolle +und feinseinwollende Bedenklichkeit. Die +Feinheiten werden dir bald vergehen, glaube es +mir. Du hast keinen Appetit, willst du mir sagen? +Ich aber rate dir, Appetit zu haben. Du hast +nur aus Hochmut keinen, das ist es. Gib her. +Für diesmal will ich dir helfen aufessen, obschon +es total gegen alle Vorschriften ist. So. Siehst +du, wie man das essen kann? Und das? Und +das? Das war ein Kunststück, kann ich dir sagen.« +– Wie war mir das alles peinlich. Ich empfand +eine heftige Abneigung gegen die essenden Knaben, +und heute? Heute esse ich so gut sauber auf wie +nur irgend einer der Zöglinge. Ich freue mich +sogar jedesmal auf das hübsch zubereitete, bescheidene +Essen, und nie im Leben würde es mir +einfallen, es zu verschmähen. Ja, ich war eitel +und hochmütig im Anfang, gekränkt von ich weiß +nicht was, erniedrigt auf ich weiß gar nicht mehr +welche Weise. Es war mir eben alles, alles noch +neu und infolgedessen feindlich, und im übrigen +war ich ein ganz hervorragender Dummkopf. Ich +bin auch heute noch dumm, aber auf feinere, +freundlichere Art und Weise. Und auf die Art +und Weise kommt alles an. Es kann einer noch +so töricht und unwissend sein: wenn er sich ein +<span class="pagenum"><a name="Page_33">[33]</a></span> +wenig zu schicken, zu schmiegen und zu bewegen +weiß, ist er noch nicht verloren, sondern findet +seinen Weg durch das Leben vielleicht besser als +der Kluge und Mit-Wissen-Vollgepackte. Die Art +und Weise: ja, ja. –</p> + +<p>Kraus hat es schon sehr schwer im Leben gehabt, +bevor er hierher gekommen ist. Er und sein +Vater, der Schiffer ist, sind die Elbe hinauf und +hinunter gefahren, auf schweren Kohlenkähnen. +Er hat schwer, schwer arbeiten müssen, bis er +dann krank geworden ist. Jetzt will er der Diener, +der richtige Diener eines Herrn werden, und dazu +ist er mit all seinen gutherzigen Eigenschaften +auch wie geboren. Er wird ein ganz wundervoller +Diener sein, denn nicht nur sein Äußeres +paßt zu diesem Beruf der Demut und des Entgegenkommens, +nein, auch die Seele, die ganze +Natur, das ganze menschliche Wesen meines Kameraden +hat etwas im allerbesten Sinn Dienerhaftes. +Dienen! Wenn nur Kraus einen anständigen +Herrn bekommt, das wünsche ich ihm. +Gibt es doch Herren oder Herrschaften, kurz, Vorgesetzte, +die es gar nicht lieben und wünschen, +vollkommen bedient zu werden, die es gar nicht +verstehen, wirkliche Dienstleistungen in Empfang +zu nehmen. Kraus hat Stil und gehört unbedingt +<span class="pagenum"><a name="Page_34">[34]</a></span> +zu einem Grafen, d. h. ganz, ganz vornehmen +Herrn. Man muß einen Kraus nicht arbeiten +lassen wie einen gewöhnlichen Knecht oder Arbeiter. +Er kann vertreten. Sein Gesicht ist dazu +geschaffen, irgend einen Ton, eine Manier anzugeben, +und auf seine Haltung und auf sein Betragen +kann derjenige stolz sein, der ihn mieten +wird. Mieten? Ja, so sagt man. Und Kraus +wird eines Tages an jemanden vermietet, oder +von irgend jemandem gemietet werden. Und +darauf freut er sich, und darum lernt er so eifrig +Französisch in seinen etwas schwerfälligen Kopf +hinein. Etwas ist da, das ihm Kummer macht. +Er hat sich nämlich beim Friseur, wie er sagt, +eine etwas garstige Auszeichnung geholt, einen +Kranz von rötlichen kleinen Pflanzen, kurz gesagt +Punkten, noch kürzer, und ganz unbarmherzig +gesagt, Pickeln. Nun ja, das ist allerdings übel, +besonders, da er zu einem feinen und wirklich anständigen +Herrn gehen will. Was ist zu machen? +Armer Kraus! Mich z. B. würden die Punkte, +die ihn verunzieren, nicht im mindesten hindern, +ihn zu küssen, wenn es darauf ankäme. Im Ernst: +wirklich nicht, denn ich sehe so etwas gar nicht +mehr, ich sehe es gar nicht, daß er unschön aussieht. +Ich sehe seine schöne Seele auf seinem Gesicht, +und die Seele, das ist das Liebkosenswerte. +<span class="pagenum"><a name="Page_35">[35]</a></span> +Aber der zukünftige Herr und Gebieter wird da +allerdings ganz anders denken, und darum legt +auch Kraus Salben auf die unfeinen Wunden, +die ihn verunstalten. Er gebraucht auch öfters +den Spiegel, um die Fortschritte der Heilung zu +beobachten, nicht aus leerer Eitelkeit. Er würde, +wenn er nicht diesen Makel trüge, nie in den +Spiegel schauen, denn die Erde kann nichts Uneitleres, +Unaufgeblaseneres hervorbringen als ihn. +Herr Benjamenta, der sich für Kraus lebhaft interessiert, +läßt oft nach dem Übel und seinem zu erhoffenden +Verschwinden fragen. Kraus soll ja +bald einmal ins Leben hinaus- und in Stellung +treten. Ich fürchte mich vor dem Augenblick +seines Austrittes aus der Schule. Aber es wird +nicht so rasch gehen. An seinem Gesicht kann er, +glaube ich, noch ziemlich lange doktoren, was ich +ja eigentlich durchaus nicht wünsche, und doch +wünsche. Es würde mir so viel fehlen, wenn er +abginge. Er kann noch früh genug zu einem +Herrn kommen, der seine Qualitäten nicht zu +schätzen wissen wird, und ich werde früh genug +einen Menschen, den ich liebe, ohne daß er es +weiß, entbehren müssen.</p> + +<p>An all diesen Zeilen schreibe ich meist abends, +bei der Lampe, an dem großen Schultisch, an +<span class="pagenum"><a name="Page_36">[36]</a></span> +welchem wir Zöglinge so oft stumpfsinnig oder +nicht stumpfsinnig sitzen müssen. Kraus ist manchmal +sehr neugierig und guckt mir über die Achsel. +Einmal habe ich ihn zurechtgewiesen: »Aber +Kraus, bitte sage mir, seit wann bekümmerst du +dich um Sachen, die dich nichts angehen?« – +Er war sehr ärgerlich, wie alle sind, die sich auf +den heimlichen Pfaden der schleichenden Neugierde +ertappen lassen. Manchmal sitze ich ganz allein +bis in die spätere Nacht müßig auf einer Bank +im öffentlichen Park. Die Laternen sind angezündet, +das grelle elektrische Licht stürzt zwischen +den Blättern der Bäume flüssig und brennend +nieder. Alles ist heiß und verspricht fremdartige +Heimlichkeiten. Leute spazieren hin und her. Es +flüstert zu den versteckten Parkwegen heraus. +Dann gehe ich heim und finde die Türe verschlossen. +»Schacht,« rufe ich leise, und der Kamerad +wirft mir verabredetermaßen den Schlüssel +auf den Hof hinunter. Ich schleiche auf Fußspitzen, +da das lange Ausbleiben verboten ist, in die +Kammer und lege mich ins Bett. Und dann +träume ich. Ich träume oft furchtbare Dinge. +So träumte mir eines Nachts, ich hätte Mama, +die Liebe und Ferne, ins Gesicht geschlagen. Wie +schrie ich da auf und wie jäh erwachte ich. Der +Schmerz über die Scheußlichkeit meines eingebildeten +Benehmens jagte mich zum Bett heraus. +<span class="pagenum"><a name="Page_37">[37]</a></span> +Bei den Ehrfurcht einflößenden Haaren hatte ich +die Heilige gerissen und sie zu Boden geworfen. +O, nicht an so etwas denken. Die Tränen schossen +wie schneidende Strahlen zu den mütterlichen +Augen heraus. Ich erinnere mich noch deutlich, +wie der Jammer ihr den Mund zerschnitt und +zerriß, und wie sie sich im Weh badete, und wie +dann der Nacken nach hinten zurücksank. Aber +wozu mir diese Bilder von neuem vormalen? +Morgen werde ich endlich den Lebenslauf +schreiben müssen, oder ich laufe Gefahr, einen +bösen Vorwurf zu ernten. Abends, gegen neun +Uhr, singen wir Knaben immer ein kurzes Gutenachtlied. +Wir stehen im Halbkreis nahe bei der +Türe, die in die innern Gemächer führt, und +dann geht die Türe auf, Fräulein Benjamenta +erscheint auf der Schwelle, ganz in weiße, wohlig +herabfallende Gewänder gekleidet, sagt uns »gute +Nacht, Knaben«, befiehlt uns, uns schlafen zu +legen, und ermahnt uns, ruhig zu sein. Dann +löscht Kraus jedesmal die Schulzimmerlampe, und +von diesem Augenblick an darf kein leisestes Geräusch +mehr gemacht werden. Auf den Zehen +muß jeder gehen und sein Bett suchen. Ganz +merkwürdig ist das alles. Und wo schlafen Benjamentas? +Wie ein Engel sieht das Fräulein aus, +wenn sie uns gute Nacht sagt. Wie verehre ich +sie. Abends läßt sich der Herr Vorsteher überhaupt +<span class="pagenum"><a name="Page_38">[38]</a></span> +nie blicken. Ob das nun merkwürdig ist +oder nicht, jedenfalls ist es auffallend.</p> + +<p>Es scheint, daß das Institut Benjamenta früher +mehr Ruf und Zuspruch genossen hat. An einer +der vier Wände unseres Schulzimmers hängt eine +große Photographie, auf der man die Abbildungen +einer ganzen Anzahl Knaben eines früheren Schuljahrganges +sehen kann. Unser Schulzimmer ist +im übrigen sehr trocken ausstaffiert. Außer dem +länglichen Tisch, einigen zehn bis zwölf Stühlen, +einem großen Wandschrank, einem kleineren +Nebentisch, einem kleineren zweiten Schrank, einem +alten Reisekoffer und ein paar anderen geringfügigen +Gegenständen enthält es kein Möbel. Über +der Türe, die in die geheimnisvolle unbekannte +Welt der innern Gemächer führt, hängt als Wandschmuck +ein ziemlich langweilig aussehender Schutzmannssäbel +mit dito quer darüber gelegtem +Futteral. Darüber thront der Helm. Diese Dekoration +mutet wie eine Zeichnung oder wie ein +zierlicher Beweis der Vorschriften an, die hier +gelten. Was mich betrifft, ich möchte diese wahrscheinlich +bei einem alten Trödler erhandelten +Schmuckstücke nicht geschenkt erhalten. Alle vierzehn +Tage werden Säbel und Helm heruntergenommen, +um geputzt zu werden, was eine sehr +nette, obwohl sicher ganz stupide Arbeit genannt +<span class="pagenum"><a name="Page_39">[39]</a></span> +werden muß. Außer diesen Verzierungen hängen +im Schulzimmer noch die Bilder des verstorbenen +Kaiserpaares. Der alte Kaiser sieht unglaublich +friedlich aus, und die Kaiserin hat etwas Schlicht-Mütterliches. +Oft putzen und waschen wir Zöglinge +das Schulzimmer mit Seife und Warmwasser +aus, daß nachher alles von Sauberkeit +duftet und glänzt. Alles müssen wir selber +machen, und jeder von uns hat zu dieser Zimmermädchenarbeit +eine Schürze umgebunden, in +welchem an die Weiblichkeit gemahnenden Kleidungsstück +wir alle ohne Ausnahme komisch aussehen. +Aber es geht lustig zu an solchen Aufräumetagen. +Der Fußboden wird fröhlich poliert, +die Gegenstände, auch die der Küche, werden blank +gerieben, wozu es Lappen und Putzpuder in Menge +gibt, Tisch und Stühle werden mit Wasser überschüttet, +Türklinken werden glänzend gemacht, +Fensterscheiben angehaucht und abgeputzt, jeder +hat seine kleine Aufgabe, jeder erledigt etwas. +Wir erinnern an solchen Putz-, Reib- und Waschtagen +an die märchenhaften Heinzelmännchen, die, +wie es bekannt ist, alles Grobe und Mühselige +aus reiner übernatürlicher Herzensgüte getan +haben. Was wir Zöglinge tun, tun wir, weil +wir müssen, aber warum wir müssen, das weiß +keiner von uns recht. Wir gehorchen, ohne zu +überlegen, was aus all dem gedankenlosen Gehorsam +<span class="pagenum"><a name="Page_40">[40]</a></span> +noch eines Tages wird, und wir schaffen, +ohne zu denken, ob es recht und billig ist, daß +wir Arbeiten verrichten müssen. An solch einem +Putztag hat sich mir einmal Tremala, einer der +Kameraden, der älteste unter uns allen, mit einem +häßlichen Unfug genähert. Er stellte sich leise +hinter mich und griff mir mit der abscheulichen +Hand (Hände, die das tun, sind roh und abscheulich) +nach dem intimen Glied, in der Absicht, +mir eine widerliche, an den Kitzel eines Tieres +grenzende Wohltat zu erweisen. Ich drehe mich +jäh um und schlage den Verruchten zu Boden. +Ich bin sonst gar nicht so stark. Tremala ist viel +stärker. Aber der Zorn verlieh mir unwiderstehliche +Kräfte. Tremala hebt sich empor und wirft +sich auf mich, da geht die Türe auf, und Herr +Benjamenta steht auf der Schwelle derselben. +»Jakob, Schlingel!« ruft er, »Komm einmal her!« +Ich trete zu meinem Vorsteher hin, und er frägt +gar nicht, wer den Streit angefangen habe, sondern +gibt mir einen Schlag an den Kopf und geht weg. +Ich will ihm nachlaufen, um es ihm entgegenzubrüllen, +wie ungerecht er ist, doch ich beherrsche +mich, besinne mich, werfe einen Blick über die +gesamte Knabenschar und gehe wieder an meine +Arbeit. Mit Tremala rede ich seither kein Wort +mehr, und auch er weicht mir stets aus, und er +weiß warum. Aber ob es ihm leid tut oder dergleichen, +<span class="pagenum"><a name="Page_41">[41]</a></span> +das ist mir vollkommen gleichgültig. Die +unzarte Angelegenheit ist schon längst, wie soll +man sagen, vergessen. Tremala ist früher schon +auf den Meerschiffen gewesen. Er ist ein verdorbener +Mensch, und es scheint, er freut sich +seiner schändlichen Anlagen. Übrigens ist er +rasend ungebildet, daher interessiert er mich nicht. +Verschmitzt und zugleich unglaublich dumm: wie +uninteressant. Aber das Eine hat mir dieser Tremala +zu erfahren gegeben: man muß auf alle möglichen +Angriffe und Kränkungen stets ein wenig +gefaßt sein.</p> + +<p>Oft gehe ich aus, auf die Straße, und da meine +ich, in einem ganz wild anmutenden Märchen zu +leben. Welch ein Geschiebe und Gedränge, welch +ein Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei, +Gestampf, Gesurr und Gesumme. Und alles so eng +zusammengepfercht. Dicht neben den Rädern der +Wagen gehen die Menschen, die Kinder, Mädchen, +Männer und eleganten Frauen; Greise und +Krüppel, und solche, die den Kopf verbunden +haben, sieht man in der Menge. Und immer neue +Züge von Menschen und Fuhrwerken. Die Wagen +der elektrischen Trambahn sehen wie figurenvollgepfropfte +Schachteln aus. Die Omnibusse humpeln +wie große, ungeschlachte Käfer vorüber. Dann +sind Wagen da, die wie fahrende Aussichtstürme +<span class="pagenum"><a name="Page_42">[42]</a></span> +aussehen. Menschen sitzen auf den hocherhobenen +Sitzplätzen und fahren allem, was unten geht, +springt und läuft über den Kopf weg. In die +vorhandenen Mengen schieben sich neue, und es +geht, kommt, erscheint und verläuft sich in einem +fort. Pferde trampeln. Wundervolle Hüte mit +Zierfedern nicken aus offenen, schnell vorbeifahrenden +Herrschaftsdroschken. Ganz Europa sendet +hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht +dicht neben Niedrigem und Schlechtem, die Leute +gehen, man weiß nicht wohin, und da kommen +sie wieder, und es sind ganz andere Menschen, +und man weiß nicht, woher sie kommen. Man +meint, es ein wenig erraten zu können und freut +sich über die Mühe, die man sich gibt, es zu enträtseln. +Und die Sonne blitzt noch auf dem allem. +Dem einen beglänzt sie die Nase, dem andern die +Fußspitze. Spitzen treten an Röcken zum glitzernden +und sinnverwirrenden Vorschein. Hündchen +fahren in Wagen, auf dem Schoß alter, vornehmer +Frauen, spazieren. Brüste prallen einem +entgegen, in Kleidern und Fassonen eingepreßte, +weibliche Brüste. Und dann sind wieder die +dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen +von männlichen Mundteilen. Und ungeahnte +Straßen denkt man sich, unsichtbare neue und +ebenso sehr menschenwimmelnde Gegenden. Abends +<span class="pagenum"><a name="Page_43">[43]</a></span> +zwischen sechs und acht wimmelt es am graziösesten +und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die +beste Gesellschaft. Was ist man eigentlich in dieser +Flut, in diesem bunten, nicht endenwollenden +Strom von Menschen? Manchmal sind alle diese +beweglichen Gesichter rötlich angezärtelt und gemalt +von untergehenden Abendsonnengluten. Und +wenn es grau ist und regnet? Dann gehen alle +diese Figuren, und ich selber mit, wie Traumfiguren +rasch unter dem trüben Flor dahin, etwas +suchend, und wie es scheint, fast nie etwas Schönes +und Rechtes findend. Es sucht hier alles, alles +sehnt sich nach Reichtümern und fabelhaften +Glücksgütern. Hastig geht man. Nein, sie beherrschen +sich alle, aber die Hast, das Sehnen, +die Qual und die Unruhe glänzen schimmernd zu +den begehrlichen Augen heraus. Dann ist wieder +alles ein Baden in der heißen, mittäglichen Sonne. +Alles scheint zu schlafen, auch die Wagen, die +Pferde, die Räder, die Geräusche. Und die Menschen +blicken so verständnislos. Die hohen, scheinbar +umstürzenden Häuser scheinen zu träumen. +Mädchen eilen dahin, Pakete werden getragen. +Man möchte sich jemandem an den Hals werfen. +Komme ich heim, so sitzt Kraus da und spottet +mich aus. Ich sage ihm, man müsse doch ein +wenig die Welt kennen lernen. »Welt kennen +<span class="pagenum"><a name="Page_44">[44]</a></span> +lernen?« sagt er, wie in tiefe Gedanken versunken. +Und er lächelt verächtlich.</p> + +<p>Ungefähr vierzehn Tage nach meinem Eintritt +in die Schule ist Hans in unsern Räumen erschienen. +Hans ist der rechte Bauernjunge, wie +er in Grimms Märchenbuch steht. Er kommt +tief aus Mecklenburg, und er duftet nach blumigen +üppigen Wiesen, nach Kuhstall und Bauernhof. +Schlank, grob und knochig ist er, und er spricht +eine wunderliche, gutmütig-bäuerische Sprache, die +mir eigentlich gefällt, wenn ich mir Mühe gebe, +die Nasenlöcher zuzuhalten. Nicht als ob Hans +etwa übel dünste und dufte. Und doch tut man +irgend welche empfindlichen Nasen zu, meinetwegen +geistige, kulturelle, seelische Nasen, und ganz +unwillkürlich, womit man den guten Hans auch +gar nicht kränken will. Und er merkt so etwas ja +gar nicht, dazu sieht, horcht und empfindet dieser +Land-Mensch viel zu gesund und zu schlicht. Etwas +wie die Erde selber und Erdrinnen- und Krümmungen +tritt einem entgegen, wenn man sich in +den Anblick dieses Burschen vertieft, aber zu vertiefen +braucht man sich gar nicht. Hans fordert +keinen gedankenvollen Tiefsinn heraus. Er ist +mir nicht gleichgültig, durchaus nicht, aber, wie +soll ich sagen, ein wenig fern und leicht. Man +nimmt ihn ganz leicht, weil er nichts hat, das +<span class="pagenum"><a name="Page_45">[45]</a></span> +schwer zu ertragen wäre, weil es Empfindungen +wachriefe. Der Grimmsche Märchenbauernjunge. +Etwas Uralt-Deutsches und Angenehmes, verständlich +und wesentlich auf den ersten, flüchtigen +Blick. Sehr wert, dem Ding ein guter Kamerad +zu sein. Hans wird im späteren Leben schwer +arbeiten, ohne zu seufzen. Er wird Mühen und +Sorgen und Mißgeschicke kaum recht wahrnehmen. +Er strotzt ja von Kraft und Gesundheit. Und +dazu ist er nicht unhübsch. Überhaupt: ich muß +bald lachen über mich selber: ich finde an allem +und in allem irgend etwas Geringfügig-Hübsches. +Ich mag sie alle so gern leiden, meine Zöglinge +da, die Schulkameraden.</p> + +<p>Bin ich der geborne Großstädter? Sehr leicht +möglich. Ich lasse mich fast nie betäuben oder +überraschen. Etwas unsagbar Kühles ist trotz der +Aufregungen, die mich überfallen können, an mir. +Ich habe die Provinz in sechs Tagen abgestreift. +Übrigens bin ich in einer allerdings ganz, ganz +kleinen Weltstadt aufgewachsen. Ich habe Stadtwesen +und -empfinden mit der mütterlichen Milch +eingesogen. Ich sah als Kind johlende, betrunkene +Arbeiter hin und her taumeln. Die Natur ist +mir schon als ganz klein als etwas Himmlisch-Entferntes +vorgekommen. So kann ich die Natur +entbehren. Muß man denn nicht auch Gott entbehren? +<span class="pagenum"><a name="Page_46">[46]</a></span> +Das Gute, Reine und Hohe irgend, +irgendwo versteckt in Nebeln zu wissen und es +leise, ganz, ganz still zu verehren und anzubeten, +mit gleichsam total kühler und schattenhafter Inbrunst: +daran bin ich gewöhnt. Ich sah als Kind +eines Tages einen im Blut schwimmenden, von +zahlreichen Messerstichen durchbohrten wälschen +Fabrikarbeiter an einer Mauer tot daliegen. Und +ein anderes Mal, es war zu Ravachols Zeiten, +hieß es unter der Jugend, es werden auch bei uns +bald Bomben geschleudert werden usw. Alte +Zeiten. Ich wollte von etwas ganz anderem +sprechen, nämlich von Kamerad Peter, dem langen +Peter. Dieser hochaufgeschossene Knabe ist zu +drollig, er stammt aus Teplitz in Böhmen und +kann slawisch und deutsch sprechen. Sein Vater +ist Schutzmann, und Peter ist in einem Seilergeschäft +kaufmännisch erzogen worden, er scheint +aber den Unwissenden, Unbrauchbaren und Ungeratenen +gespielt zu haben, was ich, ganz für +mich, sehr niedlich finde. Er sagt, er rede auch +ungarisch und polnisch, wenn es von ihm verlangt +werde. Aber hier verlangt kein Mensch so etwas +von ihm. Was für ausgedehnte Sprachenkenntnisse! +Peter ist ganz entschieden der Dümmste +und Unbeholfenste unter uns Eleven, und das +belegt und bekränzt ihn in meinen unmaßgeblichen +Augen mit Auszeichnungen, denn unglaublich lieb +<span class="pagenum"><a name="Page_47">[47]</a></span> +sind mir die Dummen. Ich hasse das alles verstehenwollende, +mit Wissen und Witz glänzende, +und sich breitmachende Wesen. Verschmitzte und +gewitzigte Menschen sind mir ein unnennbarer +Greuel. Wie nett ist doch gerade in diesem Punkt +Peter. Schon, daß er so lang ist, zum Mittenentzweibrechen +lang, ist schön, aber noch viel +schöner ist die Gutherzigkeit, die ihm beständig +einflüstert, er sei Kavalier und habe das Aussehen +eines edlen und eleganten Verbummelten. +Zum Kugeln ist das. Er redet immer von erlebten, +aber sehr wahrscheinlich nicht erlebten +Abenteuern. Nun, das ist wahr, Peter besitzt +den feinsten und zierlichsten Spazierstock der Welt. +Und nun zieht er stets los und geht in den belebtesten +Straßen mit seinem Spazierstock spazieren. +Ich traf ihn einmal in der F…straße. +Die F…straße ist der entzückende Brennpunkt +des hiesigen Großstadtweltlebens. Schon aus +weiter Ferne winkte er mir mit Hand, Kopfnicken +und Spazierstockschwenken. Dann, wie ich in seiner +Nähe war, schaute er mich väterlich-sorgenvoll an, +als hätte er sagen wollen: »Was, du auch hier? +Jakob, Jakob, das ist noch nichts für dich.« – +Und dann verabschiedete er sich wie einer der +Großen dieses Erdenlebens, wie ein Weltblattredakteur, +der die hochkostbare Zeit nicht zu verlieren +hat. Und dann sah ich sein rundes dummes +<span class="pagenum"><a name="Page_48">[48]</a></span> +nettes Hütchen in der Menge anderer Köpfe und +Hüte verschwinden. Er tauchte, wie man so sagt, +in der Masse unter. Peter lernt absolut nichts, +obgleich er es in so humorvoller Weise nötig hätte, +und in das Institut Benjamenta ist er scheinbar +nur deshalb eingetreten, um hier mit köstlichen +Dummheiten zu glänzen. Vielleicht wird er hier +sogar noch um wesentliche Portionen dümmer, als +er war, und warum sollte sich seine Dummheit +denn eigentlich nicht entfalten dürfen? Ich z. B. +bin überzeugt, daß Peter im Leben unverschämt +viel Erfolg davontragen wird, und seltsam: ich +gönne es ihm. Ja, ich gehe noch weiter. Ich +habe das Gefühl, und es ist ein sehr trostreiches, +prickelndes und angenehmes, daß ich später einmal +solch einen Herrn, Gebieter und Vorgesetzten bekommen +werde, wie Peter einer sein wird, denn +solche Dummen, wie er einer ist, sind zum Avancieren, +Hochkommen, Wohlleben und Befehlen geschaffen, +und solche in gewissem Sinn Gescheite, +wie ich, sollen den guten Drang, den sie besitzen, +im Dienst anderer blühen und entkräften lassen. +Ich, ich werde etwas sehr Niedriges und Kleines +sein. Die Empfindung, die mir das sagt, gleicht +einer vollendeten, unantastbaren Tatsache. Mein +Gott, und ich habe trotzdem so viel, so viel Mut, +zu leben? Was ist mit mir? Oft habe ich ein +wenig Angst vor mir, aber nicht lange. Nein, +<span class="pagenum"><a name="Page_49">[49]</a></span> +nein, ich vertraue mir. Aber ist das nicht geradezu +komisch?</p> + +<p>Für meinen Mitschüler Fuchs habe ich nur +einen einzigen sprachlichen Ausdruck: Fuchs ist +schräg, Fuchs ist schief. Er spricht wie ein mißlungener +Purzelbaum und benimmt sich wie eine +große, zu Menschenform zusammengeknetete Unwahrscheinlichkeit. +Alles an ihm ist unsympathisch, +daher unbeherzigenswert. Über Fuchs etwas zu +wissen, das ist Mißbrauch, unfeiner, störender +Überfluß. Man kennt solche Schlingel nur, um +sie zu verachten; da man aber überhaupt nicht +gern irgend etwas verächtlich finden will, vergißt +oder übersieht man das Ding. Ein Ding, ja, +das ist er. O Gott, muß ich heute böse reden? +Fast möchte ich mich dafür hassen. Fort, zu irgend +etwas Schönerem. – Herrn Benjamenta sehe ich +sehr selten. Zuweilen trete ich in das Bureau +ein, verbeuge mich bis zur Erde, sage »guten +Tag, Herr Vorsteher« und frage den Herrscherähnlichen, +ob ich ausgehen darf. »Hast du den +Lebenslauf geschrieben? Wie?« werde ich gefragt. +Ich antworte: »Noch nicht. Aber ich werde es +tun.« Herr Benjamenta tritt auf mich zu, d. h. +bis zum Schalter, an welchem ich stehe, und drückt +mir die riesige Faust vor die Nase. »Du wirst +pünktlich sein, Bursch, oder – – – du weißt, +<span class="pagenum"><a name="Page_50">[50]</a></span> +was es absetzt.« – Ich verstehe ihn, ich verbeuge +mich wieder und verschwinde. Seltsam, wie viel +Lust es mir bereitet, Gewaltausübende zu Zornesausbrüchen +zu reizen. Sehne ich mich denn +eigentlich danach, von diesem Herrn Benjamenta +gezüchtigt zu werden? Leben in mir frivole Instinkte? +Alles, alles, selbst das Niederträchtigste +und Unwürdigste, ist möglich. Nun gut, bald +werde ich den Lebenslauf ja schreiben. Ich finde +Herrn Benjamenta geradezu schön. Ein herrlicher +brauner Bart – was? Herrlicher brauner Bart? +Ich bin ein Dummkopf. Nein, am Herrn Vorsteher +ist nichts schön, nichts herrlich, aber man +ahnt hinter diesem Menschen schwere Schicksalswege +und -schläge, und dieses Menschliche ist es, +dieses beinahe Göttliche ist es, was ihn schön +macht. Wahre Menschen und Männer sind nie +sichtbar schön. Ein Mann, der einen wirklich +schönen Bart trägt, ist ein Opernsänger oder der +gutbezahlte Abteilungschef eines Warenhauses. +Scheinmänner sind in der Regel schön. Immerhin +kann es auch Ausnahmen und männliche +Schönheiten, erfüllt von Tüchtigkeit, geben. Herrn +Benjamentas Gesicht und Hand (die ich schon zu +spüren bekommen habe) haben Ähnlichkeit mit +knorrigen Wurzeln, mit Wurzeln, die zu irgend +einer traurigen Stunde schon irgendwelchen unbarmherzigen +Beilhieben haben widerstehen +<span class="pagenum"><a name="Page_51">[51]</a></span> +müssen. Wäre ich eine Dame von Noblesse und +Geist, ich wüßte Männer, wie diesen scheinbar +so armseligen Institutsvorsteher, unbedingt auszuzeichnen, +aber wie ich vermute, verkehrt Herr +Benjamenta gar nicht in der Gesellschaft, die die +Welt bedeutet. Er sitzt eigentlich immer zu Hause, +er hält sich ohne Zweifel so auf eine Art im +Verborgenen auf, er verkriecht sich »in der Einsamkeit«, +und in der Tat, schauderhaft einsam +muß dieser sicher edle und kluge Mann dahinleben. +Irgend welche Ereignisse müssen auf diesen Charakter +einen tiefen, vielleicht sogar vernichtenden +Eindruck gemacht haben, aber was weiß man? +Ein Eleve des Institutes Benjamenta, was, was +kann ein solcher wissen? Aber ich forsche +wenigstens immer. Um zu forschen, sonst um +nichts anderen willen trete ich öfters in das +Kontor und richte so läppische Fragen, wie die: +»Darf ich ausgehen, Herr Vorsteher?« an den +Mann. Ja, dieser Mensch hat es mir angetan, +er interessiert mich. Auch die Lehrerin erweckt +mein höchstes Interesse. Ja, und deshalb, um +etwas herauszukriegen aus all diesem Geheimnisvollen, +reize ich ihn, damit ihm etwas wie eine +unvorsichtige Bemerkung entfahre. Was schadet +es mir, wenn er mich schlägt? Mein Wunsch, +Erfahrungen zu machen, wächst zu einer herrischen +Leidenschaft heran, und der Schmerz, den mir +<span class="pagenum"><a name="Page_52">[52]</a></span> +der Unwille dieses seltsamen Mannes verursacht, +ist nur klein gegen die bebende Begierde, ihn zu +verleiten, sich ein wenig mir gegenüber auszusprechen. +O ich träume davon, – herrlich, herrlich, +– dieses Menschen hervorbrechendes Vertrauen +zu besitzen. Nun, es wird noch lange +dauern, aber ich glaube, ich glaube, ich bringe es +fertig, in das Geheimnis der Benjamentas endlich +noch einzudringen. Geheimnisse lassen einen unerträglichen +Zauber vorausahnen, sie duften nach +etwas ganz, ganz unsäglich Schönem. Wer weiß, +wer weiß. Ah – – –.</p> + +<p>Ich liebe den Lärm und die fortlaufende Bewegung +der Großstadt. Was unaufhörlich fortläuft, +zwingt zur Sitte. Dem Dieb z. B., wenn +er all die regsamen Menschen sieht, muß unwillkürlich +einfallen, was für ein Spitzbube er ist, +nun, und der fröhlich-bewegliche Anblick kann +Besserung in sein verfallenes, ruinenartiges Wesen +schütten. Der Prahlhans wird vielleicht etwas bescheidener +und nachdenklicher, wenn er all die +Kräfte, die sich schaffend zeigen, erblickt, und der +Unschickliche sagt sich möglicherweise, wenn ihm +die Schmiegsamkeit der Vielen ins Auge fällt, er +sei doch ein entsetzlicher Wicht, derart auf der +Breitspurigkeit und Anmaßung dumm und eitel +zu thronen. Die Großstadt erzieht, sie bildet, und +<span class="pagenum"><a name="Page_53">[53]</a></span> +zwar durch Beispiele, nicht durch trockene, den +Büchern entnommene Lehrsätze. Es ist nichts Professorales +da, und das schmeichelt, denn die aufgetürmte +Wissenswürde entmutigt. Und dann ist +hier noch so vieles, was fördert, hält und hilft. +Man kann es kaum sagen. Wie schwer ist es, +Feinem und Gutem lebendigen Ausdruck zu geben. +Man ist hier dem bescheidenen Leben schon dankbar, +man dankt immer ein wenig, indem es einen +treibt, indem man es eilig hat. Wer Zeit zu +verschwenden hat, weiß nicht, was sie bedeutet, +und er ist der natürliche, blöde Undankbare. In +der Großstadt fühlt jeder Laufbursche, daß Zeit +etwas wert ist, und jeder Zeitungsverkäufer will +seine Zeit nicht vertrödeln. Und dann das Traumhafte, +das Malerische und Dichterische! Menschen +eilen und wirken immer an einem vorbei. Nun, +das hat etwas zu bedeuten, das regt an, das +setzt den Geist in einen lebhafteren Schwung. +Während man zaudernd steht, sind schon Hunderte, +ist bereits hunderterlei einem am Kopf und Blick +vorübergegangen, das beweist einem so recht deutlich, +welch ein Versäumer und träger Verschieber +man ist. Man hat es hier allgemein eilig, weil +man jeden Augenblick der Meinung ist, es sei +hübsch, etwas erkämpfen und erhaschen zu gehen. +Das Leben erhält einen reizenderen Atem. Die +Wunden und Schmerzen werden tiefer, die Freude +<span class="pagenum"><a name="Page_54">[54]</a></span> +frohlockt fröhlicher und länger als anderswo, denn +wer sich hier freut, der scheint es stets sauer und +rechtschaffen durch Arbeit und Mühe verdient zu +haben. Dann sind wieder die Gärten, die so still +und verloren hinter den zierlichen Gittern liegen +wie heimliche Winkel in englischen Parklandschaften. +Dicht daneben rauscht und poltert der +geschäftliche Verkehr, als wenn es nie Landschaften +oder Träumereien im Leben gegeben hätte. Die +Eisenbahnzüge donnern über die zitternden +Brücken. Abends glitzern die märchenhaft reichen +und eleganten Schaufenster, und Ströme, +Schlangen und Wellen von Menschen wälzen sich +am ausgestellten, lockenden Industrie-Reichtum +vorbei. Ja, das alles erscheint mir gut und groß. +Man gewinnt, indem man mitten im Gestrudel +und Gesprudel ist. Man empfindet etwas Gutes +an den Beinen, an den Armen und in der Brust, +indem man sich Mühe gibt, sich schicklich und ohne +viel Federlesens durch all den lebendigen Kram +hindurchzuwinden. Am Morgen scheint alles neu +zu leben, und am Abend sinkt alles einer neuen, +nie empfundenen Träumerei in die wildumschlingenden +Arme. Das ist sehr dichterisch. Fräulein +Benjamenta würde mich ganz gehörig zurechtweisen, +wenn sie lesen würde, was ich hier +schreibe. Von Kraus nicht zu reden, der macht +zwischen Dorf und Stadt keinen so leidenschaftlichen +<span class="pagenum"><a name="Page_55">[55]</a></span> +Unterschied. Kraus erblickt erstens Menschen, +zweitens Pflichten und drittens höchstens +noch Ersparnisse, die er zurücklegen wird, wie er +denkt, um sie seiner Mutter zu schicken. Kraus +schreibt immer nach Hause. Er besitzt eine ebenso +einfache wie rein menschliche Bildung. Das Großstadtgetriebe +mit all seinen vielen törichten +glitzernden Versprechungen läßt ihn vollständig +kalt. Welch eine rechtschaffene, zarte, feste Menschenseele.</p> + +<p>Endlich sind meine Photographien fertig geworden. +Ich blicke sehr, sehr energisch in die Welt +hinein auf dem wirklich gut gelungenen Bild. +Kraus will mich ärgern und sagt, ich sehe wie +ein Jude aus. Endlich, endlich lacht er ein wenig. +»Kraus,« sage ich, »bitte, bedenke, auch die Juden +sind Menschen.« Wir zanken über den Wert und +über den Unwert der Juden und unterhalten uns +damit prachtvoll. Ich wundere mich, welche guten +Meinungen er hat. »Die Juden haben alles +Geld,« meint er. Ich nicke dazu, ich bin einverstanden, +und ich sage: »Das Geld macht die +Menschen erst zu Juden. Ein armer Jude ist kein +Jude, und reiche Christen, ich pfeife, das sind +noch die ärgsten Juden.« – Er nickt. Endlich, +endlich einmal habe ich dieses Menschen Beifall +gefunden. Aber er ärgert sich schon wieder und +<span class="pagenum"><a name="Page_56">[56]</a></span> +sagt sehr ernsthaft: »Schwatz' nicht immer. Was +soll das mit den Juden und mit den Christen. +Das gibt es gar nicht. Es gibt liederliche und +brave Menschen. Das ist es. Und was glaubst +du, Jakob? Zu welcher Sorte gehörst du?« – +Und nun unterhalten wir uns erst recht noch +lange. O, Kraus redet sehr gern mit mir, ich +weiß es. Die gute, feine Seele. Er mag es nur +nicht zugeben. Wie liebe ich Menschen, die sich +nicht gern Geständnisse machen. Kraus hat Charakter: +Wie deutlich man das fühlt. – Den +Lebenslauf habe ich allerdings geschrieben, aber +ich habe ihn wieder zerrissen. Fräulein Benjamenta +ermahnte mich gestern, aufmerksamer und +folgsamer zu sein. Ich habe die schönsten Vorstellungen +von Gehorsamkeit und Aufmerksamkeit, +und sonderbar: es entwischt mir. Ich bin tugendhaft +in der Einbildung, aber wenn es darauf ankommt, +Tugenden auszuüben? Wie dann? Nicht +wahr, ja, dann ist es eben etwas ganz anderes, +dann versagt man, dann ist man unwillig. +Übrigens bin ich unhöflich. Ich schwärme sehr +für die Ritterlichkeit und Höflichkeit, wenn es aber +gilt, der Lehrerin vorauszueilen und ihr die Türe +ehrfürchtig zu öffnen, wer ist dann der Flegel, +der am Tisch sitzen bleibt? Und wer springt +wie der Sturmwind, um sich artig zu erweisen? +<span class="pagenum"><a name="Page_57">[57]</a></span> +Ei, Kraus. Kraus ist Ritter von Kopf bis zu Fuß. +Er gehört eigentlich ins Mittelalter, und es ist +sehr schade, daß ihm kein zwölftes Jahrhundert +zur Verfügung steht. Er ist die Treue, der Diensteifer +und das unauffällige, selbstlose Entgegenkommen +selber. Über Frauen hat er kein Urteil, +er verehrt sie bloß. Wer hebt das Fallengelassene +vom Boden auf und reicht es eichhornhaft schnell +dem Fräulein? Wer springt zum Haus hinaus +auf Kommissionen? Wer trägt der Lehrerin die +Markttasche nach? Wer scheuert die Treppe und +Küche, ohne daß man es ihm hat befehlen müssen? +Wer tut das alles und frägt nicht nach Dank? +Wer ist so herrlich, so gewaltig in sich selbst +froh? Wie heißt er? Ah, ich weiß es schon. +Manchmal möchte ich von diesem Kraus gehauen +sein. Aber Menschen wie er, wie könnten sie +hauen. Kraus will nur Rechtes und Gutes. Das +ist durchaus nicht übertrieben gesprochen. Er hat +nie schlechte Absichten. Seine Augen sind erschreckend +gut. Dieser Mensch, was will er eigentlich +in solch einer auf die Phrase, Lüge und Eitelkeit +gestellten und abgerichteten Welt? Sieht man +Kraus an, dann fühlt man unwillkürlich, wie unrettbar +verloren die Bescheidenheit in der Welt ist.</p> + +<p>Ich habe meine Uhr verkauft, um Zigarettentabak +kaufen zu können. Ich kann ohne Uhr, aber +<span class="pagenum"><a name="Page_58">[58]</a></span> +nicht ohne Tabak leben, das ist schändlich, aber +es ist zwingend. Ich muß irgendwie zu ein wenig +Geld gelangen, sonst wird es mir bald an reiner +Wäsche fehlen. Saubere Hemdkragen sind mir +ein Bedürfnis. Das Glück eines Menschen hängt +nicht und hängt doch von solchen Dingen ab. +Glück? Nein. Aber man soll anständig sein. +Reinlichkeit allein ist ein Glück. Ich schwatze. +Wie hasse ich all die treffenden Worte. Heute hat +Fräulein geweint. Warum? Mitten in der +Schulstunde stürzten ihr plötzlich die Tränen aus +den Augen. Das berührt mich seltsam. Jedenfalls +werde ich die Augen offen behalten. Es +macht mir Spaß, auf irgend etwas, was keinen +Ton geben will, zu horchen. Ich passe auf, und +das verschönert das Leben, denn ohne aufpassen +zu müssen, gibt es eigentlich gar kein Leben. +Es ist klar, Fräulein Benjamenta hat einen +Kummer, und es muß ein heftiger Kummer sein, +da sich unsere Lehrerin sonst sehr gut zu beherrschen +weiß. Ich muß Geld haben. Übrigens habe ich +den Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet folgendermaßen:</p> + +<blockquote> +<p class="center">Lebenslauf.</p> +<p>Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn +rechtschaffener Eltern, den und den Tag geboren, +da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das Institut +<span class="pagenum"><a name="Page_59">[59]</a></span> +Benjamenta eingetreten, um sich die paar +Kenntnisse anzueignen, die nötig sind, in irgend +jemandes Dienste zu treten. Ebenderselbe macht +sich durchaus vom Leben keine Hoffnungen. Er +wünscht, streng behandelt zu werden, um zu erfahren, +was es heißt, sich zusammenraffen müssen. +Jakob von Gunten verspricht nicht viel, aber er +nimmt sich vor, sich brav und redlich zu verhalten. +Die von Gunten sind ein altes Geschlecht. In +früheren Zeiten waren sie Krieger, aber die Rauflust +hat nachgelassen, und heute sind sie Großräte +und Handelsleute, und der Jüngste des Hauses, +Gegenstand dieses Berichtes, hat sich entschlossen, +gänzlich von aller hochmütigen Tradition abzufallen. +Er will, daß das Leben ihn erziehe, nicht +erbliche oder irgend adlige Grundsätze. Allerdings +ist er stolz, denn es ist ihm unmöglich, die +angeborne Natur zu verleugnen, aber er versteht +unter Stolz etwas ganz Neues, gewissermaßen der +Zeit, in der er lebt, Entsprechendes. Er hofft, daß +er modern, einigermaßen geschickt zu Dienstleistungen +und nicht ganz dumm und unbrauchbar +ist, aber er lügt, er hofft das nicht nur, sondern +er behauptet und weiß es. Er hat einen Trotzkopf, +in ihm leben eben noch ein wenig die ungebändigten +Geister seiner Vorfahren, doch er bittet, +ihn zu ermahnen, wenn er trotzt, und wenn das +<span class="pagenum"><a name="Page_60">[60]</a></span> +nichts nützt, zu züchtigen, denn dann glaubt er, +nützt es. Im übrigen wird man ihn zu behandeln +wissen müssen. Der Unterzeichnete glaubt, sich +in jede Lage schicken zu können, es ist ihm daher +gleichgültig, was man ihm zu tun befehlen wird, +er ist der festen Überzeugung, daß jede sorgsam +ausgeführte Arbeit für ihn eine größere Ehre sein +wird als das müßig und ängstlich zu Hause Hinter-dem-Ofen-Sitzen. +Ein von Gunten sitzt nicht +hinter dem Ofen. Wenn die Ahnen des gehorsam +Unterzeichneten das ritterliche Schwert geführt +haben, so handelt der Nachkomme traditionell, +wenn er glühend heiß begehrt, sich irgendwie +nützlich zu erweisen. Seine Bescheidenheit kennt +keine Grenzen, wenn man seinem Mut schmeichelt, +und sein Eifer, zu dienen, gleicht seinem Ehrgeiz, +der ihm befiehlt, hinderliche und schädliche Ehrgefühle +zu verachten. Zu Hause hat Immerderselbe +seinen Geschichtslehrer, den ehrenwerten +Herrn Doktor Merz, durchgeprügelt, eine Schandtat, +die er bedauert. Heute sehnt er sich danach, +den Hochmut und die Überhebung, die ihn vielleicht +zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen +Felsen harter Arbeit zerschmettern zu dürfen. Er +ist wortkarg und wird Vertraulichkeiten niemals +ausplaudern. Er glaubt weder an ein Himmelreich +noch an eine Hölle. Die Zufriedenheit desjenigen, +<span class="pagenum"><a name="Page_61">[61]</a></span> +der ihn engagiert, wird sein Himmel, und +das traurige Gegenteil seine vernichtende Hölle +sein, aber er ist überzeugt, daß man mit ihm und +dem, was er leistet, zufrieden sein wird. Dieser +feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu sein, der +er ist.</p> + +<p class="right">Jakob von Gunten.</p> +</blockquote> + +<p>Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher überreicht. +Er hat ihn durchgelesen, ich glaube, sogar +zweimal, und das Schreiben scheint ihm gefallen +zu haben, denn es trat etwas wie ein schimmerndes +Lächeln auf seine Lippen. O gewiß, ich habe +meinen Mann scharf beobachtet. Ein wenig gelächelt +hat er, das ist und bleibt Tatsache. Also +endlich ein Zeichen von etwas Menschlichem. Was +muß man doch für Sprünge machen, Menschen, +denen man die Hände küssen möchte, zu einer nur +ganz flüchtigen freundlichen Regung zu bewegen. +Absichtlich, absichtlich habe ich den Lauf meines +Lebens so stolz und frech geschrieben: »Da lies +es. Wie? Reizt es dich nicht, mir das Ding +ins Gesicht zu schmeißen?« – Das sind meine Gedanken +gewesen. Und da hat er ganz schlau und +fein gelächelt, dieser schlaue und feine Herr Vorsteher, +den ich leider, leider Gottes über alles +verehre. Und ich hab' es bemerkt. Es ist ein +Vorpostengefecht gewonnen. Heute muß ich unbedingt +noch irgend einen Streich verüben. Ich +muß mich sonst kaputtfreuen, kaputtlachen. Aber +<span class="pagenum"><a name="Page_62">[62]</a></span> +Fräulein Vorsteher weint? Was ist das? Warum +bin ich so seltsam glücklich? Bin ich verrückt?</p> + +<p>Ich muß jetzt etwas berichten, was vielleicht +einigen Zweifel erregt. Und doch ist es durchaus +Wahrheit, was ich sage. Es lebt ein Bruder +von mir in dieser gewaltigen Stadt, mein einziger +Bruder, ein meiner Ansicht nach außerordentlicher +Mensch, Johann heißt er, und er ist so etwas wie +ein namhaft bekannter Künstler. Ich weiß um +seine jetzige Stellung in der Welt nichts Bestimmtes, +da ich es vermieden habe, ihn zu besuchen. +Ich werde nicht zu ihm gehen. Begegnen +wir uns zufällig auf der Straße und erkennt er +mich und tritt auf mich zu: schön, dann ist es mir +lieb, seine brüderliche Hand kräftig zu schütteln. +Aber herausfordern werde ich solch ein Begegnen +nie, nie im Leben. Was bin ich, und was ist er? +Was ein Zögling des Institutes Benjamenta ist, +das weiß ich, es liegt auf der Hand. Solch ein +Zögling ist eine gute runde Null, weiter nichts. +Aber was mein Bruder zur Stunde ist, das kann +ich nicht wissen. Er ist vielleicht umgeben von +lauter feinen, gebildeten Menschen und von weiß +Gott was für Formalitäten, und ich respektiere +Formalitäten, deshalb suche ich nicht einen Bruder +auf, wo mir möglicherweise ein soignierter Herr +unter gezwungenem Lächeln entgegentritt. Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_63">[63]</a></span> +kenne ja Johann von Gunten von früher her. +Er ist ein durchaus ebenso kühl abwägender und +berechnender Mensch wie ich und wie alle Gunten, +aber er ist viel älter, und im Altersunterschied +zweier Menschen und Brüder können unübersteigliche +Grenzen liegen. Jedenfalls ließe ich mir +von ihm keine guten Lehren erteilen, und das ist +es gerade, was ich befürchte, das er tun wird, +wenn er mich zu Gesicht bekommt, denn wenn er +mich so arm und unbedeutend vor sich sieht, wird +es ihn, den Gutsituierten, doch ganz sicher reizen, +mich meine niedrige Position von oben herab +leicht fühlen zu lassen, und das würde ich nicht ertragen +können, ich würde den von Guntenschen Stolz +hervorkehren und entschieden grob werden, was +mir hinterher dann doch nur weh täte. Nein, +tausendmal nein. Was? Von meinem Bruder, +vom selben Blut Gnade annehmen? Tut mir sehr +leid. Das ist unmöglich. Ich stelle mir ihn sehr +fein vor, die beste Zigarette der Welt rauchend, +und liegend auf den Kissen und Teppichen der +bürgerlichen Behaglichkeit. Und wie? Ja, es +ist jetzt in mir so etwas Unbürgerliches, so etwas +durchaus Entgegengesetzt-Wohlanständiges, und +vielleicht ruht mein Herr Bruder mitten drinnen +im schönsten, prächtigsten Welt-Anstand. Es ist +beschlossen: wir beide sehen uns nicht, vielleicht +nie! Und das ist auch gar nicht nötig. Nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_64">[64]</a></span> +nötig? Gut, lassen wir das. Ich Schafskopf, +da rede ich wie eine ganze würdevolle Lehrerschaft +per wir. – Um meinen Bruder herum gibt es +sicher das beste, gewählteste Salon-Benehmen. +Merci. O, ich danke. Da werden Frauen sein, +die den Kopf zur Türe herausstrecken und schnippisch +fragen: »Wer ist denn jetzt wieder da? Wie? +Ist es vielleicht ein Bettler?« – Verbindlichsten +Dank für solch einen Empfang. Ich bin zu gut, +um bemitleidet zu werden. Duftende Blumen im +Zimmer! O ich mag gar keine Blumen. Und +gelassenes Weltwesen? – Scheußlich. Ja, gern, +sehr gern sähe ich ihn. Aber wenn ich ihn so sähe, +so sähe im Glanz und im Behagen: futsch wäre +die Empfindung, hier stehe ein Bruder, und ich +würde nur Freude lügen dürfen, und er auch. +Also nicht.</p> + +<p>In der Unterrichtsstunde sitzen wir Schüler, +starr vor uns herblickend, da, unbeweglich. Ich +glaube, man darf sich nicht einmal die persönliche +Nase putzen. Die Hände ruhen auf den Kniescheiben +und sind während des Unterrichtes unsichtbar. +Hände sind die fünffingrigen Beweise der +menschlichen Eitelkeit und Begehrlichkeit, daher +bleiben sie unter dem Tisch hübsch verborgen. +Unsere Schülernasen haben die größte geistige +Ähnlichkeit miteinander, sie scheinen alle mehr +<span class="pagenum"><a name="Page_65">[65]</a></span> +oder weniger nach der Höhe zu streben, wo die +Einsicht in die Wirrnisse des Lebens leuchtend +schwebt. Nasen von Zöglingen sollen stumpf und +gestülpt erscheinen, so verlangen es die Vorschriften, +die an alles denken, und in der Tat, +unsere sämtlichen Riechwerkzeuge sind demütig und +schamhaft gebogen. Sie sind wie von scharfen +Messern kurzgehauen. Unsere Augen blicken stets +ins gedankenvolle Leere, auch das will die Vorschrift. +Eigentlich sollte man gar keine Augen +haben, denn Augen sind frech und neugierig, und +Frechheit und Neugierde sind von fast jedem gesunden +Standpunkt aus verdammenswert. Ziemlich +ergötzlich sind die Ohren von uns Zöglingen. +Sie wagen alle kaum zu horchen vor lauter gespannten +Horchens. Sie zucken immer ein wenig, +als fürchteten sie, von hinten plötzlich mahnend +gezogen und in die Weite und Breite gerissen zu +werden. Arme Ohren das, die derart Angst ausstehen +müssen. Schlägt der Ton eines Rufes oder +Befehls an diese Ohren, so vibrieren und zittern +sie wie Harfen, die berührt und gestört worden +sind. Nun, es kommt ja auch vor, daß Zöglingsohren +gern ein wenig schlafen, und wie werden +sie dann geweckt! Es ist eine Freude. Das +Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er +ist stets gehorsam und devot zugekniffen. Es ist +ja auch nur zu wahr: ein offener Mund ist die +<span class="pagenum"><a name="Page_66">[66]</a></span> +gähnende Tatsache, daß der Besitzer desselben mit +seinen paar Gedanken meist anderswo sich aufhält +als im Bereich und Lustgarten der Aufmerksamkeit. +Ein festgeschlossener Mund deutet auf offene, +gespannte Ohren, daher müssen die Türen da +unten, unter den Nasenflügelfenstern, stets sorgsam +verriegelt bleiben. Ein offener Mund ist ein Maul +ohne weiteres, und das weiß jeder von uns genau. +Lippen dürfen nicht prangen und lüstern blühen +in der bequemen natürlichen Lage, sondern sie +sollen gefalzt und gepreßt sein zum Zeichen energischer +Entsagung und Erwartung. Das tun wir +Schüler alle, wir gehen mit unsern Lippen laut +bestehender Vorschrift sehr hart und grausam um, +und daher sehen wir alle so grimmig wie kommandierende +Wachtmeister aus. Ein Unteroffizier will +die Mienen seiner Soldaten bekanntlich genau so +schnauzig und grimmig haben wie seine, das paßt +ihm, denn er hat Humor in der Regel. Im Ernst: +Gehorchende sehen meist genau aus wie Befehlende. +Ein Diener kann gar nicht anders als die Masken +und Allüren seines Herrn annehmen, um sie gleichsam +treuherzig fortzupflanzen. Unser verehrtes +Fräulein ist ja nun gar kein solcher Feldwebel, +im Gegenteil, sie lächelt sehr oft, ja, sie gestattet +sich manchmal, uns Murmeltiere von vorschriftenbefolgenden +Menschenkindern einfach auszulachen, +aber sie gewärtigt eben, daß wir sie ruhig, und +<span class="pagenum"><a name="Page_67">[67]</a></span> +ohne unsere Mienen zu verändern, lachen lassen, +und das tun wir auch, wir tun so, als hörten wir +den süßen Silberton ihres Gelächters überhaupt +gar nicht. Was sind wir für aparte Käuze. Unser +Haar ist stets sauber und glatt gekämmt und gebürstet, +und jeder hat sich einen geraden Scheitel +in die Welt da oben auf dem Kopf einzuschneiden, +einen Kanal in die tiefschwarze oder blonde Haar-Erde. +So gehört sich's. Scheitel sind nun einmal +auch vorschriftsmäßig. Und daher, weil wir +so reizend frisiert und gescheitelt sind, sehen wir +uns alle eigentlich ähnlich, was für einen Schriftsteller +z. B. zum Totlachen wäre, wenn er uns +besuchte, um uns in unserer Herrlichkeit und +Wenigkeit zu studieren. Mag dieser Herr Schriftsteller +zu Hause bleiben. Windbeutel sind das, +die nur studieren, malen und Beobachtungen anstellen +wollen. Man lebe, dann beobachtet sich's +ganz von selber. Unser Fräulein Benjamenta +würde übrigens solch einen hergewanderten, -geregneten +und -geschneiten Artikelschreiber derart +anherrschen, daß er vor Schreck über die Unfreundlichkeit +des Empfangs zu Boden fiele. Nun, +dann würde die Lehrerin, die es liebt, selbstherrlich +zu verfahren, vielleicht zu uns sagen: +»Geht, helft dem Herrn von der Erde aufstehen.« +Und dann würden wir Zöglinge des Institutes +Benjamenta dem ungebetenen Gast zeigen, wo die +<span class="pagenum"><a name="Page_68">[68]</a></span> +Türe ist. Und das Stück neugierigen Schriftstellertums +würde wieder verschwinden. Nein, das +sind Phantasien. Zu uns kommen Herrschaften, +die uns Knaben engagieren wollen, und nicht +Leute mit Schreibfedern hinter den Ohren.</p> + +<p>Entweder sind die Lehrer unseres Institutes +gar nicht vorhanden, oder sie schlafen noch immer, +oder sie scheinen ihren Beruf vergessen zu haben. +Oder streiken sie vielleicht, weil man ihnen die +Monatslöhne nicht ausbezahlt? Wunderliche Gefühle +ergreifen mich, wenn ich an die armen Eingeschlummerten +und Geistesabwesenden denke. Da +sitzen sie nun, oder kauern an den Wänden eines +extra für die Ruhebedürftigen eingerichteten +Zimmers. Da ist Herr Wächli, der vermeintliche +Naturgeschichtslehrer. Sogar im Schlaf hält er +noch immer seine Tabakspfeife im Mund eingeklemmt. +Schade, er hätte vielleicht besser getan, +Bienenzüchter zu werden. Wie rot sein Kopf +doch ist und wie fett seine ältliche, weichliche Hand. +Und hier nebenan, ist das nicht Herr Blösch, der +sehr geehrte Französischlehrer? Ei ja doch, das +ist er wahrhaftig, und er lügt, wenn er zu schlafen +vorgibt, er ist ein ganz schrecklicher Lügner. Auch +seine Schulstunden sind immer nur eine Lüge und +papierne Maske gewesen. Wie blaß er aussieht, +und wie böse! Er hat ein schlechtes Gesicht, dicke +<span class="pagenum"><a name="Page_69">[69]</a></span> +harte Lippen, grobe unbarmherzige Züge: +»Schläfst du, Blösch?« – Er hört nicht. Er ist +eigentlich widerwärtig. Und das, wer ist denn +das da? Herr Pfarrer Strecker? Der lange, +dürre Herr Pfarrer Strecker, der den Religionsunterricht +erteilt? Zum Teufel, ja er selber ist +es. »Schlafen Sie, Herr Pfarrer? Nun, dann +schlafen Sie. Es schadet nichts, daß Sie schlafen. +Sie versäumen nur Zeit mit Religionsunterrichterteilen. +Religion, sehen Sie, taugt heute nichts +mehr. Der Schlaf ist religiöser als all Ihre +Religion. Wenn man schläft, ist man Gott vielleicht +noch am nächsten. Was meinen Sie?« – +Er hört nicht. Ich will anderswo anklopfen. He, +wer ist denn das hier, der so bequeme Stellungen +wählt? Ist es Merz, Doktor Merz, der die Geschichte +Roms lehrt? Ja, er ist es, ich erkenne +ihn am Spitzbart. »Sie scheinen mir böse zu sein, +Herr Doktor Merz. Nun, schlafen Sie und vergessen +Sie die unpassenden Auftritte, die zwischen +Ihnen und mir vorgefallen sind, zürnen Sie nicht +in Ihren Spitzbart hinein. Übrigens tun Sie +gut, zu schlafen. Die Welt dreht sich seit einiger +Zeit um Geld und nicht mehr um Geschichte. All +die uralten Heldentugenden, die Sie auspacken, +spielen ja, wie Sie selbst wissen werden, längst +keine Rolle mehr. Ich verdanke Ihnen einige +wundervolle Eindrücke. Schlafen Sie wohl.« – +<span class="pagenum"><a name="Page_70">[70]</a></span> +Hier aber, wie ich sehe, scheint sich Herr von +Bergen, der Knabenquäler von Bergen, angesiedelt +zu haben. Tut, als wenn er träume, und +erteilt doch so gern, mit so kitzlich-himmlischer +Vorliebe, »Tatzen«. Oder er kommandiert +»Rumpfbeuge vorwärts«, und dann ist es ihm +solch ein Genuß, aufs Hinterstück des armen +Jungen ein Meerrohrgeschenk anzuflicken. Sehr +elegante Pariser-Erscheinung, aber grausam. – +Und wer ist dieser hier? Progymnasialdirektor +Wyß? Sehr nett. Bei rechtlichen Leuten braucht +man sich nicht lange aufzuhalten. Und wer ist +hier? Bur? Lehrer Bur? »Ich bin entzückt, +Sie zu sehen.« Bur ist der genialste gewesene +Rechenlehrer des Kontinents. Fürs Institut Benjamenta +ist er nur zu freisinnig und zu geistvoll. +Kraus und die andern sind keine Schüler für ihn. +Er ist zu hervorragend und stellt zu hohe Ansprüche. +Hier im Institut existieren keine solchen +überspannten Voraussetzungen. Aber ich träume +wohl von meinen heimatlichen Lehrern? Dort +im Progymnasium gab's Kenntnisse die Menge, +hier gibt es etwas ganz anderes. Uns Zöglinge +hier wird etwas ganz anderes gelehrt.</p> + +<p>Werde ich bald Stellung erhalten? Ich hoffe +es. Meine Photographien und mein Bewerbeschreiben +machen zusammen, wie ich mir einbilde, +<span class="pagenum"><a name="Page_71">[71]</a></span> +einen günstigen Eindruck. Neulich bin ich mit +Schilinski in einen ersten Café-Konzert-Raum getreten. +Wie hat da Schilinski am ganzen Leib +gebebt vor Schüchternheit. Ich benahm mich ungefähr +wie sein liebevoller Vater. Der Kellner +wagte es, indem er uns von unten bis oben +fixierte, uns sitzen zu lassen; da ich ihn aber mit +enorm strenger Miene ersuchte, uns gefälligst zu +bedienen, wurde er sogleich höflich und brachte +uns in hohen, zierlich-geschliffenen Kelchen helles +Bier. Ah, man muß auftreten. Wer sich mit +gemessenem Anstand in die Brust zu werfen weiß, +der wird als Herr behandelt. Man muß +Situationen beherrschen lernen. Ich verstehe es +ausgezeichnet, meinen Kopf, so, als wenn ich über +etwas empört, nein, nur erstaunt wäre, zurückzuwerfen. +Ich blicke um mich her, als wollte ich +sagen: »Was ist das? Wie? Ist man denn +hier toll?« – Das wirkt. Auch habe ich mir ja +im Institut Benjamenta gottlob Haltung angeeignet. +O mir ist manchmal, als hätte ich es in +der Gewalt, mit der Erde und all den Dingen +darauf beliebig spielen zu können. Ich verstehe +mit einemmal das liebliche Wesen der Frauen. +Ihre Koketterien amüsieren mich, und ich erblicke +Tiefsinn in ihren trivialen Bewegungen und +Redensarten. Wenn man sie nicht versteht, wenn +sie eine Tasse zum Mund führen oder den Rock +<span class="pagenum"><a name="Page_72">[72]</a></span> +raffen, so versteht man sie nie. Ihre Seelen +trippeln mit den hochaufgeschweiften Absätzen ihrer +süßen Stiefelchen, und ihr Lächeln ist beiderlei: +eine alberne Angewohnheit und ein Stück Weltgeschichte. +Ihr Hochmut und ihr geringer Verstand +sind reizend, reizender als die Werke der +Klassiker. Oft sind ihre Untugenden das Tugendhafteste +unter der Sonne, und wenn sie erst wütend +werden, und zürnen? Nur Frauen verstehen zu +zürnen. Doch still. Ich denke an Mama. Wie +heilig ist mir das Andenken an die Augenblicke, +wo sie zürnte. Doch ruhig, doch still. Was kann +ein Schüler des Institutes Benjamenta über alles +das wissen?</p> + +<p>Ich habe mich nicht bezwingen können, ich +bin ins Bureau gegangen, habe mich gewohnheitsgemäß +tief verbeugt und habe zu Herrn Benjamenta +folgendes gesprochen: »Ich habe Arme, +Beine und Hände, Herr Benjamenta, und ich +möchte arbeiten, und daher erlaube ich mir, Sie +zu bitten, mir recht bald Arbeit und Geldverdienst +zu verschaffen. Sie haben allerlei Beziehungen, +ich weiß es. Zu Ihnen kommen die allerfeinsten +Herrschaften, Leute, die Kronen auf den Aufschlägen +ihrer Mäntel tragen, Offiziere, die mit +den schneidigen Säbeln rasseln, Damen, deren +Schleppen wie kichernde Wellen daherrauschen, +<span class="pagenum"><a name="Page_73">[73]</a></span> +ältere Frauen mit enorm viel Vermögen, Greise, +die ein halbes Lächeln mit einer Million bezahlen, +Menschen von Stand, aber ohne Geist, Menschen, +die im Automobil vorfahren, mit einem Wort, +Herr Vorsteher, die Welt kommt zu Ihnen.« – +»Hüte dich, frech zu werden,« warnte er mich, +doch ich weiß nicht, ich empfand gar keine Furcht +mehr vor seinen Fäusten, und ich sprach weiter, +die Worte flogen mir nur so heraus: »Verschaffen +Sie mir unbedingt irgend eine anregende Tätigkeit. +Übrigens ist meine Meinung die: eine jede +Tätigkeit ist anregend. Ich habe schon so viel +gelernt bei Ihnen, Herr Vorsteher.« – Er sagte +ruhig: »Du hast noch gar nichts gelernt.« – +Da nahm ich wieder den Faden auf und sagte: +»Gott selbst gebietet mir, ins Leben hinaus zu +treten. Doch was ist Gott? Sie sind mein Gott, +Herr Vorsteher, wenn Sie mir erlauben, Geld +und Achtung verdienen zu gehen.« – Er schwieg +eine Weile, dann sagte er: »Du machst jetzt, daß +du zum Kontor hinauskommst. Augenblicklich.« +– Das ärgerte mich furchtbar. Ich rief laut aus: +»Ich erblicke in Ihnen einen hervorragenden +Menschen, aber ich irre mich, Sie sind gewöhnlich +wie das Zeitalter, in dem Sie leben. Ich werde +auf die Straße gehen und dort irgend einen Menschen +anhalten. Man zwingt mich, zum Verbrecher +zu werden.« – Ich erkannte die Gefahr, in der +<span class="pagenum"><a name="Page_74">[74]</a></span> +ich schwebte. Zugleich mit den Worten, die ich +aussprach, war ich zur Türe gesprungen, und +jetzt schrie ich wütend: »Adieu, Herr Vorsteher,« +und drückte mich mit wunderbarer Geschmeidigkeit +zur Türe hinaus. Im Korridor blieb ich stehen +und lauschte am Schlüsselloch. Es blieb alles +ganz mäuschenstill drinnen im Bureau. Ich ging +ins Schulzimmer und vertiefte mich in die Lektüre +des Buches: »Was bezweckt die Knabenschule?«</p> + +<p>Unser Unterricht besteht aus zwei Teilen, einem +theoretischen und einem praktischen Teil. Aber +beide Abteilungen muten mich auch noch heute +wie ein Traum, wie ein sinnloses und zugleich +sehr sinnreiches Märchen an. Auswendiglernen, +das ist eine unserer Hauptaufgaben. Ich lerne +sehr leicht auswendig, Kraus sehr schwer, daher +ist er immer am Lernen. Die Schwierigkeiten, +die er zu überwinden hat, sind das Geheimnis +seines Fleißes und dessen Lösung. Er hat ein +schwerfälliges Gedächtnis, und doch prägt er sich, +wenn auch mit vieler Mühe, alles fest ein. Das, +was er weiß, ist dann in seinem Kopf sozusagen +in Metall graviert, und er kann es nicht wieder +vergessen. Von Verschwitzen oder dergleichen ist +bei ihm keine Rede. Wo wenig gelehrt wird, da +paßt ein Kraus hin, demnach paßt er ins Institut +Benjamenta vorzüglich. Einer der Grundsätze +<span class="pagenum"><a name="Page_75">[75]</a></span> +unserer Schule lautet: »Wenig aber gründlich«. +Nun, in diesem Prinzip steckt Kraus fest, der +einen etwas harten Schädel mit auf die Welt +bekommen hat. Wenig lernen! Immer wieder +dasselbe! Nach und nach fange auch ich an, zu +begreifen, was für eine große Welt hinter diesen +Worten verborgen ist. Etwas sich in der Tat +fest, fest einprägen, für immer! Ich sehe ein, +wie wichtig, vor allen Dingen, wie gut und wie +würdig das ist. Der praktische oder körperliche +Teil unseres Unterrichtes ist eine Art fortwährend +wiederholtes Turnen oder Tanzen, ganz gleich, +wie man das nennen will. Der Gruß, das Eintreten +in eine Stube, das Benehmen gegenüber +Frauen oder ähnliches wird geübt, und zwar sehr +langfädig, oft langweilig, aber auch hier, wie ich +jetzt merke und empfinde, steckt ein tiefverborgener +Sinn. Uns Zöglinge will man bilden und formen, +wie ich merke, nicht mit Wissenschaften vollpfropfen. +Man erzieht uns, indem man uns +zwingt, die Beschaffenheit unserer eigenen Seele +und unseres eigenen Körpers genau kennen zu +lernen. Man gibt uns deutlich zu verstehen, daß +allein schon der Zwang und die Entbehrungen +bilden, und daß in einer ganz einfachen, gleichsam +dummen Übung mehr Segen und mehr wahrhaftige +Kenntnisse enthalten sind, als im Erlernen +von vielerlei Begriffen und Bedeutungen. Wir +<span class="pagenum"><a name="Page_76">[76]</a></span> +erfassen eines ums andere, und haben wir etwas +erfaßt, so besitzt es uns quasi. Nicht wir besitzen +es, sondern im Gegenteil, was wir scheinbar zu +unserem Besitz gemacht haben, herrscht dann über +uns. Uns prägt man ein, daß es von wohltuender +Wirkung ist, sich an ein festes, sicheres Weniges +anzupassen, d. h. sich an Gesetze und Gebote, die +ein strenges Äußeres vorschreibt, zu gewöhnen und +zu schmiegen. Man will uns vielleicht verdummen, +jedenfalls will man uns klein machen. +Aber man schüchtert uns durchaus nicht etwa ein. +Wir Zöglinge wissen alle, der eine so gut wie der +andere, daß Schüchternheit strafbar ist. Wer +stottert und Furcht zeigt, setzt sich der Verachtung +unseres Fräuleins aus, aber klein sollen wir sein +und wissen sollen wir es, genau wissen, daß wir +nichts Großes sind. Das Gesetz, das befiehlt, +der Zwang, der nötigt, und die vielen unerbittlichen +Vorschriften, die uns die Richtung und den +Geschmack angeben: das ist das Große, und nicht +wir, wir Eleven. Nun, das empfindet jeder, sogar +ich, daß wir nur kleine, arme, abhängige, zu einem +fortwährenden Gehorsam verpflichtete Zwerge sind. +So benehmen wir uns auch: demütig, aber äußerst +zuversichtlich. Wir sind alle ohne Ausnahme ein +wenig energisch, denn die Kleinheit und Not, in +der wir uns befinden, veranlassen uns, fest an +die paar Errungenschaften, die wir gemacht haben, +<span class="pagenum"><a name="Page_77">[77]</a></span> +zu glauben. Unser Glaube an uns ist unsere +Bescheidenheit. Wenn wir an nichts glauben +würden, wüßten wir nicht, wie wenig wir sind. +Immerhin, wir kleinen jungen Menschen sind +irgend etwas. Wir dürfen nicht ausschweifen, +nicht phantasieren, es ist uns verboten, weit zu +blicken, und das stimmt uns zufrieden und macht +uns für jede rasche Arbeit brauchbar. Die Welt +kennen wir sehr schlecht, aber wir werden sie kennen +lernen, denn wir werden dem Leben und seinen +Stürmen ausgesetzt sein. Die Schule Benjamenta +ist das Vorzimmer zu den Wohnräumen und +Prunksälen des ausgedehnten Lebens. Hier lernen +wir Respekt empfinden und so tun, wie diejenigen +tun müssen, die an irgend etwas emporzublicken +haben. Ich z. B. bin ein wenig erhaben über +alles das, gut, um so besser tun mir auch alle +diese Eindrücke. Gerade ich habe nötig, Hochachtung +und zutraulichen Respekt vor den Gegenständen +der Welt fühlen zu lernen, denn wohin +würde ich gelangen, wenn ich das Alter mißachten, +Gott leugnen, Gesetze bespotten und meine jugendliche +Nase schon in alles Erhabene, Wichtige und +Große stecken dürfte? Meiner Ansicht nach krankt +gerade hieran die gegenwärtige junge Generation, +die Zeter und Mordio schreit und nach Papa und +Mama miaut, wenn sie sich Pflichten und Geboten +und Beschränkungen ein wenig beugen soll. +<span class="pagenum"><a name="Page_78">[78]</a></span> +Nein, nein, hier sind Benjamentas meine lieben +leuchtenden Leitsterne, der Herr Bruder sowohl +wie das Fräulein, seine Schwester. Ich werde +mein Lebenlang an sie denken.</p> + +<p>Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, +und zwar im dichtesten Menschengewimmel. Unser +Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet. Es +war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich +sehr nett benommen, und ich wahrscheinlich mich +auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes +Restaurant getreten und haben dort geplaudert. +»Bleib' nur der, der du bist, Bruder,« sprach +Johann zu mir, »fange von tief unten an, das +ist ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen – –« +Ich machte eine leichte, verneinende Handbewegung. +Er fuhr fort: »Denn sieh', oben, da +lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen +nämlich. Versteh' mich recht, lieber Bruder.« – +Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir schon +zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat +ihn, weiterzureden, und er sprach: »Oben, da +herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben +eine Atmosphäre des Genuggetanhabens, und das +hemmt und engt ein. Ich hoffe, du verstehst mich +nicht ganz, denn wenn du mich verstündest, Bruder, +dann wärest du ja eigentlich gräßlich.« – Wir +lachten. O, mit einem Bruder zusammen lachen +<span class="pagenum"><a name="Page_79">[79]</a></span> +zu können, das ist sehr hübsch. Er sagte: »Du +bist jetzt sozusagen eine Null, bester Bruder. Aber +wenn man jung ist, soll man auch eine Null sein, +denn nichts ist so verderblich wie das frühe, das +allzufrühe Irgendetwasbedeuten. Gewiß: dir bedeutest +du etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber +der Welt bist du noch nichts, und das ist fast +ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst +mich nicht ganz, denn wenn du mich vollkommen +verstündest – –« »Wäre ich ja gräßlich,« fiel +ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es +war sehr lustig. Ein merkwürdiges Feuer fing +an, mich zu beseelen. Meine Augen brannten. +Das liebe ich übrigens sehr, wenn's mir so verbrannt +zumut ist. Mein Kopf ist dann ganz rot. +Und Gedanken voll Reinheit und Hoheit pflegen +mich dann zu bestürmen. Johann fuhr fort, er +sagte folgendes: »Bruder, bitte, unterbrich mich +nicht immer. Dein dummes junges Gelächter hat +etwas Ideenerstickendes. Höre. Paß gut auf. +Was ich dir sage, kann dir vielleicht eines Tages +von Nutzen sein. Vor allen Dingen: komme dir +nie verstoßen vor. Verstoßen, Bruder, das gibt +es gar nicht, denn es gibt vielleicht auf dieser Welt +gar, gar nichts redlich Erstrebenswertes. Und +doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar. Aber +damit du nie allzu sehnsüchtig bist: präge dir ein: +nichts, nichts Erstrebenswertes gibt es. Es ist +<span class="pagenum"><a name="Page_80">[80]</a></span> +alles faul. Verstehst du das? Sieh', ich hoffe +immer, du könntest das alles nicht so recht verstehen. +Ich mache mir Sorgen.« – Ich sagte: +»Leider bin ich zu intelligent, um dich, wie du +hoffst, mißverstehen zu können. Aber sei ohne +Sorgen. Du erschreckst mich durchaus nicht mit +deinen Enthüllungen.« – Wir lächelten uns an. +Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und +Johann, der übrigens sehr elegant aussah, fuhr +fort zu sprechen: »Es gibt ja allerdings einen sogenannten +Fortschritt auf Erden, aber das ist nur +eine der vielen Lügen, die die Geschäftemacher ausstreuen, +damit sie um so frecher und schonungsloser +Geld aus der Menge herauspressen können. +Die Masse, das ist der Sklave von heute, und +der Einzelne ist der Sklave des großartigen +Massengedankens. Es gibt nichts Schönes und +Vortreffliches mehr. Du mußt dir das Schöne und +Gute und Rechtschaffene träumen. Sage mir, verstehst +du zu träumen?« – Ich begnügte mich, mit +dem Kopf zweimal zu nicken und ließ Johann, +indem ich gespannt aufhorchte, fortreden: »Versuche +es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld zu erwerben. +Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst +an allem. Alles, alles ist verdorben, halbiert, +der Zier und der Pracht beraubt. Unsere Städte +verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Klötze +nehmen den Raum ein, den Wohnhäuser und +<span class="pagenum"><a name="Page_81">[81]</a></span> +Fürstenpaläste eingenommen haben. Das Klavier, +lieber Bruder, und das damit verbundene Klimpern! +Konzert und Theater fallen von Stufe zu +Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es +gibt ja allerdings noch so etwas wie eine tonangebende +Gesellschaft, aber sie hat nicht mehr die +Fähigkeit, Töne der Würde und des Feinsinnes +anzuschlagen. Es gibt Bücher – – mit einem +Wort, sei niemals verzagt. Bleib arm und verachtet, +lieber Freund. Auch den Geld-Gedanken +schlage dir weg. Es ist das Schönste und Triumphierendste, +man ist ein ganz armer Teufel. Die +Reichen, Jakob, sind sehr unzufrieden und unglücklich. +Die reichen Leute von heutzutage: sie +haben nichts mehr. Das sind die wahren Verhungerten.« +– Ich nickte wieder. Es ist wahr, +ich sage sehr leicht ja zu allem. Übrigens gefiel +mir und paßte mir, was Johann sagte. Es war +Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun, +und dies beides, Stolz und Trauer, ergibt immer +einen guten Klang. Wieder bestellten wir Bier, +und mein Gegenüber sagte: »Du mußt hoffen und +doch nichts hoffen. Schau empor an etwas, ja +gewiß, denn das ziemt dir, du bist jung, unverschämt +jung, Jakob, aber, gesteh' dir immer, daß +du's verachtest, das, an dem du respektvoll emporschaust. +Du nickst schon wieder? Teufel, was bist +du für ein verständnisvoller Zuhörer. Du bist +<span class="pagenum"><a name="Page_82">[82]</a></span> +geradezu ein Baum, der voll Verständnis behangen +ist. Sei zufrieden, lieber Bruder, strebe, lerne, +tu womöglich irgend jemandem etwas Liebes und +Gutes. Komm', ich muß gehen. Sag', wann +treffen wir uns wieder? Du interessierst mich, +offen gesagt.« – Wir gingen, und draußen auf der +Straße nahmen wir Abschied voneinander. Lange +schaute ich meinem lieben Bruder nach. Ja, er ist +mein Bruder. Wie freut mich das.</p> + +<p>Mein Vater hat Wagen und Pferde und einen +Diener, den alten Fehlmann. Mama hat ihre +eigene Theaterloge. Wie beneiden sie die Frauen +der Stadt mit den achtundzwanzigtausend Einwohnern +darum. Mutter ist eine noch in den +vorgeschrittenen Jahren hübsche, ja schöne Frau. +Ich erinnere mich an ein hellblaues, enganschließendes +Kleid, das sie einmal trug. Sie hielt den +zartweißen Sonnenschirm offen. Die Sonne +schien. Es war prächtiges Frühlingswetter. In +den Straßen duftete es nach Veilchen. Die Menschen +promenierten, und unter dem Grün der Anlage-Bäume +spielte die Stadtmusik Promenadenkonzert. +Wie süß und hell war alles. Ein +Brunnen plätscherte, und Kinder, hell angezogene, +lachten und spielten. Und ein feiner liebkosender +Wind strich mit Düften, Sehnsucht nach Unsagbarem +erweckend, umher. Aus den Fenstern der +<span class="pagenum"><a name="Page_83">[83]</a></span> +Neuquartierplatzhäuser schauten Leute. Mutter +hatte lange hellgelbe Handschuhe an den schmalen +Händen und lieben Armen. Johann war damals +schon in der Fremde. Aber Vater war dabei. +Nein, nie nehme ich je Hilfe (Geld) von den zärtlich +verehrten Eltern an. Mein verletzter Stolz würde +mich aufs Krankenlager werfen, und futsch wären +die Träume von einer selbsterrungenen Lebenslaufbahn, +vernichtet für immer diese mir in der +Brust brennenden Selbsterziehungspläne. Das +ist es ja: um mich quasi selbst zu erziehen, oder +mich auf eine künftige Selbsterziehung vorzubereiten, +deshalb bin ich Zögling dieses Institutes +Benjamenta geworden, denn hier macht man sich +auf irgend etwas Schweres und Düster-Daherkommendes +gefaßt. Und deshalb schreibe ich ja +auch nicht nach Hause, denn schon das Berichterstatten +allein würde mich an mir irre machen, +würde mir den Plan, ganz von unten anzufangen, +vollkommen verleiden. Etwas Großes und Kühnes +muß in aller Verschwiegenheit und Stille geschehen, +sonst verdirbt und verflaut es, und das +Feuer, das schon lebendig erwachte, stirbt wieder. +Ich kenne meinen Geschmack, das genügt. – Ach +so, ja. Ganz recht. Von unserem alten Diener +Fehlmann, der noch lebt und dient, habe ich eine +lustige Geschichte auf Lager. Die Sache ist die: +Fehlmann ließ sich eines Tages ein grobes Verfehlen +<span class="pagenum"><a name="Page_84">[84]</a></span> +zuschulden kommen und sollte entlassen +werden. »Fehlmann,« sagte Mama, »Sie können +gehen. Wir brauchen Sie nicht mehr.« – Da +stürzte der arme Alte, der einen am Krebs gestorbenen +Jungen noch vor kurzer Zeit begraben +hatte (lustig ist das nicht), meiner Mutter zu +Füßen und bat um Gnade, direkt um Gnade. +Der arme Teufel, er hatte Tränen in den alten +Augen. Mama verzeiht ihm, ich erzähle den Auftritt +andern Tags meinen Kameraden, den +Brüdern Weibel, und die lachen mich fürchterlich +aus und verachten mich. Sie entziehen mir ihre +Freundschaft, weil es, wie sie meinen, in unserem +Haus zu royalistisch zugeht. Das Zu-Füßen-fallen +finden sie verdächtig, und sie gehen hin und verleumden +mich und Mama in der abgeschmacktesten +Weise. Wie echte Buben, ja, aber auch wie echte +kleine Republikaner, denen das Waltenlassen persönlicher +und herrschaftlicher Gnade oder Ungnade +ein Greuel und ein Gegenstand des Abscheus ist. +Wie kommt mir das jetzt komisch vor. Und doch, +wie bezeichnend ist dieser kleine Vorfall für den +Lauf der Zeiten. So wie die Buben Weibel, so +urteilt heute eine ganze Welt. Ja, so ist es: man +duldet nichts Herren- oder Damenhaftes mehr. +Es gibt keine Herren mehr, die machen können, +was sie wollen, und es gibt längst keine Herrinnen +mehr. Soll ich darüber traurig sein? Fällt mir +<span class="pagenum"><a name="Page_85">[85]</a></span> +nicht ein. Bin ich verantwortlich für den Geist +des Zeitalters? Ich nehme die Zeit, wie sie ist, +und behalte mir nur vor, im stillen meine Beobachtungen +zu machen. Der gute Fehlmann: ihm, +ihm ist noch auf altväterliche Art verziehen +worden. Tränen der Treue und Anhänglichkeit, +wie schön ist das. –</p> + +<p>Von drei Uhr nachmittags an sind wir Eleven +fast ganz uns selbst überlassen. Niemand kümmert +sich mehr um uns. Vorstehers sind in den innern +Räumen verborgen, und im Schulzimmer herrscht +Öde, eine Öde, die einen beinahe krank macht. +Lärm soll nicht vorkommen. Es darf nur gehuscht +und geschlichen und nur im Flüstertone gesprochen +werden. Schilinski schaut sich im Spiegel, +Schacht schaut zum Fenster hinaus, oder er gestikuliert +mit dem Küchenmädchen von gegenüber, +und Kraus lernt auswendig, indem er Lektionen +vor sich hinmurmelt. Eine Grabesstille herrscht +überall. Der Hof liegt verlassen da wie eine +viereckige Ewigkeit, und ich stehe meist aufrecht und +übe mich, auf einem Bein zu stehen. Oft halte +ich zur Abwechslung den Atem lang an. Auch eine +Übung, und es soll sogar, wie mir einmal ein +Arzt sagte, eine gesundheitfördernde sein. Oder +ich schreibe. Oder ich schließe die unmüden Augen, +um nichts mehr zu sehen. Die Augen vermitteln +<span class="pagenum"><a name="Page_86">[86]</a></span> +Gedanken, und daher schließe ich sie von Zeit zu +Zeit, um nichts denken zu müssen. Wenn man so +da ist und nichts tut, spürt man plötzlich, wie +penibel das Dasein sein kann. Nichtstun und +dennoch Haltung beobachten, das fordert Energie, +der Schaffende hat es leicht dagegen. Wir Zöglinge +sind Meister in dieser Art Anstand. Sonst +fangen die Nichtstuer aus Langeweile etwa an, +ein wenig zu flegeln, zu strampeln, hochaufzugähnen +oder zu seufzen. Das tun wir Eleven +nicht. Wir pressen die Lippen fest und sind unbeweglich. +Über unsern Köpfen schweben immer +die mürrischen Vorschriften. Manchmal, wenn wir +so dasitzen oder dastehen, geht die Türe auf, und +das Fräulein geht langsam, uns sonderbar anschauend, +durchs Schulzimmer. Wie ein Geist +mutet sie mich dann an. Es ist, als wenn da +jemand von weit, weit her käme. »Was macht +ihr, Knaben?« fragt sie dann etwa, wartet aber +gar keine Antwort ab, sondern geht weiter. Wie +schön sie ist. Welch eine üppige Fülle von tiefschwarzen +Haaren. Meist sieht man sie gesenkten +Auges. Sie hat Augen, die sich zum Niederschlagen +herrlich eignen. Ihre Augendeckel (o, +ich beobachte das alles scharf) sind üppig gewölbt +und der raschen Bewegung wundersam fähig. +Diese Augen! Sieht man sie einmal, so blickt +man in etwas Abgrund-Banges und Tiefes +<span class="pagenum"><a name="Page_87">[87]</a></span> +hinein. Diese Augen scheinen in ihrer glänzenden +Schwärze nichts und zugleich alles Unsagbare zu +sagen, so bekannt und so unbekannt zugleich muten +sie an. Die Augenbrauen sind bis zum Zerreißen +dünn und rund darüber gezeichnet und gezogen. +Wer sie betrachtet, fühlt Stiche. Sie sind wie +Mondsicheln an einem krankhaft blassen Abendhimmel, +wie feine, aber um so stechendere Wunden, +innerlich schneidende. Und ihre Wangen! Das +stille Sehnen und Zagen scheint Feste darauf zu +feiern. Unverstandene Zartheit und Zärtlichkeit +weint darauf auf und nieder. Zuweilen erscheint +auf dem schimmernden Schnee dieser Wangen ein +leises bittendes Rot, ein rötliches, schüchternes +Leben, eine Sonne, doch nein, nur der schwache +Abglanz einer solchen. Dann ist es, als lächelten +plötzlich die Wangen, oder als fieberten sie ein +wenig. Wenn man Fräulein Benjamentas +Wangen ansieht, vergeht einem die Lust, weiterzuleben, +denn dann hat man das Gefühl, als +müsse das Leben ein Höllengewimmel voller +schnöder Roheiten sein. Etwas so Zartes läßt +in etwas so Schweres und Bedrohliches fast gebieterisch +blicken. Und ihre Zähne, die man hervorschimmern +sieht, wenn der üppig-gütige Mund +lächelt. Und wenn sie weint. Die Erde, meint +man, müsse aus den Punkten ihres Halts herabstürzen, +aus Scham und aus Weh, sie weinen zu +<span class="pagenum"><a name="Page_88">[88]</a></span> +sehen. Und wenn man sie erst weinen – – hört? +O, dann vergeht man. Neulich hörten wir es, +mitten in der Schulstunde. Wir alle haben gezittert +wie Espenlaub. Ja, wir alle, wir lieben +sie. Sie ist unsere Lehrerin, unser höheres Wesen. +Und sie leidet an etwas, das ist klar. Ist sie krank?</p> + +<p>Fräulein Benjamenta hat mit mir ein paar +Worte gesprochen, in der Küche. Ich wollte gerade in +die Kammer hineingehen, da fragte sie mich, ohne +mich im übrigen eines Blicks zu würdigen: »Wie +geht es dir, Jakob? Geht es dir gut?« Ich nahm +sogleich Achtungstellung an, wie es sich schickt, +und sagte im Ton der Unterwürfigkeit: »O ganz +gewiß, gnädiges Fräulein. Mir kann es nicht +anders als gut gehen.« – Sie lächelte schwach +und fragte: »Wie meinst du das?« – So über die +Schulter fragte sie das. Ich antwortete: »Es +fehlt mir an nichts.« – Sie blickte mich kurz an +und schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Du +kannst gehen, Jakob. Du bist frei. Du brauchst +nicht dazustehen.« – Ich erwies ihr die vorgeschriebene +Ehre, indem ich mich verneigte, und +drückte mich in die Kammer. Es vergingen keine +fünf Minuten, so wurde geklopft. Ich stürzte an +die Türe. Ich kannte das Klopfen. Sie stand +vor mir. »Du, Jakob,« fragte sie, »sage einmal, +wie verträgst du dich mit den Kameraden? Nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_89">[89]</a></span> +wahr, es sind nette Menschen?« – Ich gab zur +Antwort, daß sie mir alle, ohne Ausnahme, +liebens- und achtenswert vorkämen. Die Lehrerin +blinzelte mich mit den schönen Augen listig an +und machte: »Na, na. Und mit Kraus zankst +du dich doch. Ist Zanken bei dir das Zeichen der +Liebe und Achtung?« – Ich erwiderte ohne Zaudern: +»In gewissem Sinne ja, Fräulein. Übrigens +ist dieses Zanken nicht gar so ernst gemeint. Wenn +Kraus Scharfsinn besäße, würde er merken, daß +ich ihn sogar allen andern vorziehe. Ich achte +Kraus sehr, sehr. Es würde mich schmerzen, wenn +Sie mir das nicht glaubten.« – Sie erfaßte +meine Hand und drückte sie leicht und sagte: +»Beruhige dich nur. Sieh' einmal, wie du in +Hitze kommst. Du Hitzkopf. Wenn es so ist, wie +du sagst, so muß ich ja wohl zufrieden mit dir sein. +Ich bin es auch, wenn du fortfährst, artig zu sein. +Ja, das merke dir: Kraus ist ein prachtvoller +Junge, und du kränkst mich, wenn du Kraus unartig +begegnest. Sei nett zu ihm. Ganz ausdrücklich +wünsche ich das. Aber sei nicht traurig. +Sieh' doch, ich mache dir ja keine Vorwürfe. +Welch ein verzogener, verwöhnter Aristokratensohn! +Kraus ist ein so guter Mensch. Nicht wahr, +Kraus ist ein guter Mensch, Jakob?« – Ich +sagte: »Ja.« Nichts weiter als ja, und dann +mußte ich plötzlich ziemlich dumm lachen, ich wußte +<span class="pagenum"><a name="Page_90">[90]</a></span> +gar nicht warum. Sie schüttelte den Kopf und +ging. Warum ich nur habe lachen müssen? Noch +jetzt weiß ich es nicht. Aber die Sache ist +ja auch viel zu unbedeutend. Wann werde ich zu +Geld gelangen? Diese Frage scheint mir bedeutsam. +Das Geld besitzt in meinen Augen gegenwärtig +einen vollkommen idealen Wert. Wenn +ich mir den Klang eines Goldstückes vorstelle, +werde ich beinahe rasend. Ich habe zu essen: +Pfui. Ich möchte reich sein und den Kopf zerschmettert +haben. Ich mag bald überhaupt nichts +mehr essen.</p> + +<p>Wenn ich reich wäre, würde ich keineswegs +um die Erde reisen. Zwar, das wäre ja gar nicht +so übel. Aber ich sehe nichts Berauschendes dahinter, +das Fremde flüchtig kennen zu lernen. +Im allgemeinen würde ich es verschmähen, mich, +wie man so sagt, weiter auszubilden. Mich würde +eher die Tiefe, die Seele, als die Ferne und Weite +locken. Das Naheliegende zu untersuchen würde +mich reizen. Ich kaufte mir auch gar nichts. +Ich würde mir keinen Besitz anschaffen. Elegante +Kleider, feine Wäsche, einen Zylinder, bescheidene +goldene Manschettenknöpfe, lange Lackschuhe, das +wäre ungefähr alles, damit würde ich losziehen. +Kein Haus, keinen Garten, keinen Diener, doch, ja, +einen Diener, einen würdevollen braven Kraus +<span class="pagenum"><a name="Page_91">[91]</a></span> +würde ich mir engagieren. Und nun könnte es +losgehen. Da würde ich im dampfenden Nebel +auf die Straße gehen. Der Winter mit seiner +melancholischen Kälte würde vorzüglich zu meinen +Goldstücken passen. Die Banknoten trüge ich in +der einfachen Brieftasche. Zu Fuß ginge ich einher, +ganz wie gewöhnlich, in der unbewußt-geheimen +Absicht, es mich nicht so sehr merken zu +lassen, wie fürstlich reich ich wäre. Vielleicht würde +es auch schneien. Mir egal, im Gegenteil, mir +sehr recht. Weicher Schneefall zwischen den abendlich +leuchtenden Laternen. Das würde glitzern, +reizend. Nie im Leben würde es mir einfallen, +in eine Droschke zu steigen. Das tun Leute, +die es entweder eilig haben oder nobel tun wollen. +Ich aber würde weiter gar nicht nobel tun wollen, +und eilig hätte ich es schon ganz und gar nicht. +Gedanken würden mir kommen, indem ich so ginge. +Plötzlich würde ich irgend jemanden grüßen, sehr +höflich, und siehe, es wäre ein Mann. Ganz +artig würde ich nun den Mann anschauen, und da +würde ich sehen, daß es ihm schlecht geht. Merken +würde ich das, nicht sehen, so etwas merkt man, +man sähe es kaum, aber an irgend etwas sähe +man es. Nun, und dieser Mann würde mich +fragen, was ich will, und es läge Bildung in der +Frage. Diese Frage wäre ganz sanft und einfach +gestellt worden, und das würde mich erschüttern. +<span class="pagenum"><a name="Page_92">[92]</a></span> +Denn ich wäre ja auf etwas Barsches durchaus +gefaßt gewesen. »Etwas Tief-Wundes muß der +Mann haben,« würde ich mir sogleich sagen, »sonst +wäre er ärgerlich geworden.« – Und dann würde +ich gar nichts, absolut nichts sagen, sondern ich +begnügte mich, ihn mehr und mehr anzuschauen. +Nicht scharf, o nein, ganz einfach, vielleicht sogar +ein wenig fröhlich. Und nun wüßte ich, wer er +wäre. Ich öffnete meine Brieftasche, entnähme ihr +glatt zehntausend Mark in zehn einzelnen Noten +und gäbe diese Summe dem Mann. Darauf würde +ich den Hut ebenso artig wie vorhin lüften, gute +Nacht sagen und gehen. Und es würde fortfahren +zu schneien. Im Gehen würde ich gar nichts mehr +denken, ich könnte nicht, es wäre mir viel zu wohl +zu so etwas. Einem eklig darbenden Künstler, +das wüßte ich ganz bestimmt, hätte ich's gegeben, +das Geld. Ja, das wüßte ich, denn ich würde mich +nicht haben täuschen können. O, eine große, eine +heiße, eine aufrichtige Sorge würde es weniger in +der Welt geben. Nun, und in der folgenden Nacht +würde ich vielleicht auf ganz andere Einfälle +kommen. Jedenfalls reiste ich nicht um die Erde, +sondern ich beginge lieber irgend welche Tollheiten +und Torheiten. So z. B. könnte ich ja auch ein +wahnsinnig reiches und lustbeladenes Gastmahl +geben und Orgien niegesehener Art veranstalten. +Ich wollte es mich Hunderttausend kosten lassen. +<span class="pagenum"><a name="Page_93">[93]</a></span> +Ganz bestimmt müßte das Geld auf sinnverwirrende +Art und Weise verbraucht werden, denn nur +das echt vertane Geld wäre ein schönes Geld – – +gewesen. Und eines Tages würde ich betteln, und +da schiene die Sonne, und ich wäre so froh, über +was, das würde ich gar nicht zu wissen begehren. +Und da käme Mama und fiele mir um den +Hals – –. Nette Träumereien sind das!</p> + +<p>Kraus hat etwas Altes in Gesicht und Wesen, +und dieses Alte, das er ausstrahlt, führt den, der +ihn anschaut, nach Palästina. Abrahams Zeiten +werden auf dem Antlitz meines Mitschülers wieder +lebendig. Das alte patriarchalische Zeitalter mit +seinen mysteriösen Sitten und Landschaftsgegenden +taucht hervor und schaut einen väterlich an. Es +ist mir, als wenn es damals lauter Väter mit +steinalten Gesichtern und langen braunen, verwickelten +Bärten gegeben hätte, was ja natürlich +nur Unsinn ist, und doch ist vielleicht etwas, das +Tatsachen entspricht, an dieser sonst ganz einfältigen +Empfindung. Ja, damals! Schon dieses +Wort: damals: wie elterlich und häuslich mutet +es an. Zu den alt-israelitischen Zeiten durfte es +ruhig noch hin und wieder einen Papa Isaak oder +Abraham geben, er genoß eben Achtung und lebte +seine alten Tage in einem natürlichen Reichtum, +der in Länderbesitz bestand, dahin. Damals wob +<span class="pagenum"><a name="Page_94">[94]</a></span> +um das graue Alter etwas wie Majestät. Greise +waren damals wie Könige, und die gelebten Jahre +bedeuteten dasselbe wie ebensoviele erworbene +Hoheitsrechte. Und wie jung diese Alten blieben. +Sie schufen noch mit hundert Jahren Söhne und +Töchter. Damals gab es noch keine Zahnärzte, +und darum muß man annehmen, daß es damals +überhaupt keine verdorbenen Zähne gab. Und +wie schön ist z. B. Joseph in Ägypten. Kraus +hat etwas von Joseph in Potiphars Haus. Da +ist er als jugendlicher Sklave verkauft worden, +und siehe, man bringt ihn zu einem schwerreichen, +redlichen und feinen Mann. Da ist er nun Haussklave, +aber er hat es ganz schön. Die Gesetze +waren damals vielleicht unhuman, gewiß, aber die +Sitten und Gebräuche und Anschauungen waren +dafür um so zarter und feiner. Heute hätte es +ein Sklave viel schlechter, Gott behüte! Übrigens +gibt es sehr, sehr viele Sklaven mitten unter uns +modernen, hochmütig-fix und fertigen Menschen. +Vielleicht sind wir heutigen Menschen alle so etwas +wie Sklaven, beherrscht von einem ärgerlichen, +peitscheschwingenden, unfeinen Weltgedanken. – +Gut, und da verlangt nun eines Tages die Herrin +des Hauses von Joseph, er solle ihr willig sein. +Wie merkwürdig, daß man solche uralten Treppen- +und Türensachen heute genau noch weiß, daß es +<span class="pagenum"><a name="Page_95">[95]</a></span> +in alle Zeiten, von Mund zu Mund, fortlebt. In +allen Primarschulen wird die Geschichte gelehrt, +und da will man an den Pedanten etwas aussetzen? +Ich verachte die Leute, die die schöne Pedanterie +unterschätzen, das sind durchaus geistlose, +urteilsschwächliche Menschen. Schön, und da +weigert sich Kraus, wollte sagen Joseph. Aber +es könnte ganz gut Kraus sein, denn er hat so +etwas Joseph-in-Ägypten-haftes. »Nein, gnädige +Frau, so etwas tu' ich nicht. Ich bin meinem +Herrn Treue schuldig.« – Da geht nun die +übrigens reizende Frau und verklagt den jungen +Diener, er habe eine Schnödigkeit begangen und +habe seine Gebieterin zu einem Fehltritt verführen +wollen. Aber weiter weiß ich nichts. Merkwürdig, +ich weiß nicht, was jetzt Potiphar sagte und machte. +Den Nil sehe ich aber immer ganz deutlich. Ja, +Kraus könnte so gut Joseph sein wie nur irgend +etwas. Haltung, Gestalt, Gesicht, Frisur und Gebärde +passen unvergleichlich. Sogar seine leider +Gottes immer noch nicht geheilte Hautauszeichnung. +Pickel sind etwas Biblisches, Orientalisches. +Und die Moral, der Charakter, der feste Besitz +keuscher Jünglingstugenden? Wundervoll paßt +das. Joseph in Ägypten muß auch ein kleiner, +sattelfester Pedant gewesen sein, sonst würde er der +lüsternen Frau gehorcht und seinem Herrn die +<span class="pagenum"><a name="Page_96">[96]</a></span> +Treue gebrochen haben. Kraus würde genau wie +sein altägyptisches Ebenbild handeln. Die Hände +würde er beschwörend hochheben und mit halb +flehender, halb strafender Miene sagen: »Nein, +nein, das tue ich nicht« usw.</p> + +<p>Der liebe Kraus. Immer zieht es mich in +Gedanken wieder nach ihm hin. An ihm sieht man +so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet. +Kraus wird später im Leben, wohin er +auch kommen wird, immer als brauchbarer, aber +als ungebildeter Mensch angesehen werden, für +mich aber ist gerade er durchaus gebildet, und zwar +hauptsächlich deshalb, weil er ein festes, gutes +Ganzes darstellt. Man kann gerade ihn eine +menschliche Bildung nennen. Das flattert um +Kraus herum nicht von geflügelten und lispelnden +Kenntnissen, dafür ruht etwas in ihm, und er, +er ruht und beruht auf etwas. Man kann sich +mit der Seele selber auf ihn verlassen. Er wird +nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun, +das vor allen Dingen, dieses Nicht-Schwatzhafte, +nenne ich Bildung. Wer schwatzt, ist ein Betrüger, +er kann ein ganz netter Mensch sein, aber +seine Schwäche, alles, was er gerade denkt, so +herauszuschwatzen, macht ihn zum gemeinen und +schlechten Gesellen. Kraus bewahrt sich, er behält +immer etwas für sich, er glaubt, es nicht nötig +<span class="pagenum"><a name="Page_97">[97]</a></span> +zu haben, so drauf los zu reden, und das wirkt +wie Güte und lebhaftes Schonen. Das nenne ich +Bildung. Kraus ist unliebenswürdig und oft +ziemlich grob gegen Menschen seines Alters und +seines Geschlechtes, und gerade deshalb mag ich +ihn so gern, denn das beweist mir, daß er sich auf +den brutalen und gedankenlosen Verrat nicht versteht. +Er ist treu und anständig gegen alle. Denn +das ist es ja: aus gemeiner Liebenswürdigkeit +pflegt man meist hinzugehen und Ruf und Leben +seines Nachbarn, seines Kameraden, ja seines +Bruders auf die entsetzlichste Weise zu schänden. +Kraus kennt wenig, aber er ist nie, nie gedankenlos, +er unterwirft sich immer gewissen selbstgestellten +Geboten, und das nenne ich Bildung. Was +an einem Menschen liebevoll und gedankenvoll ist, +das ist Bildung. Und dann ist ja noch so vieles. +So von aller und jeder, auch der kleinsten Selbstsucht +entfernt, dagegen aber der Selbstzucht so nah +zu sein, wie Kraus, das ist es, wie ich denke, +was Fräulein Benjamenta veranlaßt hat zu sagen: +»Nicht wahr, Jakob, Kraus ist gut?« – Ja, er +ist gut. Wenn ich diesen Kameraden verliere, +gehen mir Himmelreiche verloren, ich weiß es. +Und ich fürchte mich jetzt fast, ferner mit Kraus +in ausgelassener Weise zu zanken. Ich möchte ihn +nur noch anschauen, immer, immer anschauen, +denn ich werde mich ja später mit seinem Bild +<span class="pagenum"><a name="Page_98">[98]</a></span> +begnügen müssen, da uns beide ja doch das gewaltsame +Leben trennen wird.</p> + +<p>Ich verstehe jetzt auch, warum Kraus keine +äußern Vorzüge, keine körperlichen Zierlichkeiten +besitzt, warum ihn die Natur so zwerghaft zerdrückt +und verunstaltet hat. Sie will irgend etwas +mit ihm, sie hat etwas mit ihm vor, oder sie hat +von Anfang an etwas mit ihm vorgehabt. Dieser +Mensch ist der Natur vielleicht zu rein gewesen, +und deshalb hat sie ihn in einen unansehnlichen, +geringen, unschönen Körper geworfen, um ihn vor +den verderblichen äußern Erfolgen zu bewahren. +Vielleicht ist es auch anders gewesen, und die +Natur ist ärgerlich und boshaft gewesen, als sie +Kraus schuf. Aber wie leid muß es ihr jetzt tun, +ihn stiefmütterlich behandelt zu haben. Und wer +weiß. Vielleicht freut sie sich des anmutlosen +Meisterwerkes, das sie hervorgebracht hat, und +wirklich, sie hätte Ursache, sich zu freuen, denn +dieser ungraziöse Kraus ist schöner als die graziösesten +und schönsten Menschen. Er glänzt nicht +mit Gaben, aber mit dem Schimmer eines guten +und unverdorbenen Herzens, und seine schlechten, +schlichten Manieren sind vielleicht trotz alles Hölzernen, +das ihnen anhaftet, das Schönste, was es +an Bewegung und Manier in der menschlichen +Gesellschaft geben kann. Nein, Erfolg wird Kraus +<span class="pagenum"><a name="Page_99">[99]</a></span> +nie haben, weder bei den Frauen, die ihn trocken +und häßlich finden werden, noch sonst im Weltleben, +das an ihm achtlos vorübergehen wird. +Achtlos? Ja, man wird Kraus nie achten, und +gerade das, daß er, ohne Achtung zu genießen, +dahinleben wird, das ist ja das Wundervolle und +Planvolle, das An-den-Schöpfer-Mahnende. Gott +gibt der Welt einen Kraus, um ihr gleichsam ein +tiefes unauflösbares Rätsel aufzugeben. Nun, und +das Rätsel wird nie begriffen werden, denn siehe: +man gibt sich ja gar nicht einmal Mühe, es zu +lösen, und gerade deshalb ist dieses Kraus-Rätsel +ein so Herrliches und Tiefes: weil niemand begehrt, +es zu lösen, weil überhaupt gar kein lebendiger +Mensch hinter diesem namenlos unscheinbaren +Kraus irgend eine Aufgabe, irgend ein +Rätsel oder eine zartere Bedeutung vermuten wird. +Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein Nichts, ein +Diener. Ungebildet, gut genug gerade, die sauerste +Arbeit zu verrichten, wird er jedermann vorkommen, +und sonderbar: darin, nämlich in diesem Urteil, +wird man sich auch nicht irren, sondern man wird +durchaus recht haben, denn es ist ja wahr: Kraus, +die Bescheidenheit selber, die Krone, der Palast +der Demut, er will ja geringe Arbeiten verrichten, +er kann's und er will's. Er hat nichts anderes im +Sinn, als zu helfen, zu gehorchen und zu dienen, +und das wird man gleich merken und wird ihn +<span class="pagenum"><a name="Page_100">[100]</a></span> +ausnutzen, und darin, daß man ihn ausnutzt, +liegt eine so strahlende, von Güte und Helligkeit +schimmernde, goldene, göttliche Gerechtigkeit. Ja, +Kraus ist ein Bild rechtlichen, ganz, ganz eintönigen, +einsilbigen und eindeutigen Wesens. Niemand +wird die Schlichtheit dieses Menschen verkennen, +und deshalb wird ihn auch niemand achten, +und er wird durchaus erfolglos bleiben. Reizend, +reizend, dreimal reizend finde ich das. O, was +Gott schafft, ist so gnädig, so reizvoll, mit Reizen +und Gedanken über und über behangen. Man wird +denken, das sei sehr überspannt gesprochen. Nun, +das ist, ich muß es gestehen, noch lange nicht das +Überspannteste. Nein, kein Erfolg, kein Ruhm, +keine Liebe werden Kraus je blühen, das ist sehr +gut, denn die Erfolge haben nur die Zerfahrenheit +und einige billige Weltanschauungen zur unabstreifbaren +Begleitschaft. Man spürt es sofort, +wenn Menschen Erfolge und Anerkennung aufzuweisen +haben, sie werden quasi dick von sättigender +Selbstzufriedenheit, und ballonhaft bläst sie die +Kraft der Eitelkeit auf, zum Niewiedererkennen. +Gott behüte einen braven Menschen vor der Anerkennung +der Menge. Macht es ihn nicht schlecht, +so verwirrt und entkräftet es ihn bloß. Dank, +ja. Dank ist etwas ganz Anderes. Doch einem +Kraus wird man nicht einmal danken, und auch +das ist durchaus nicht nötig. Alle zehn Jahre +<span class="pagenum"><a name="Page_101">[101]</a></span> +wird jemand vielleicht einmal zu Kraus sagen: +»Danke, Kraus«, und dann wird er ganz dumm, +gräßlich dumm lächeln. Verliederlichen wird mein +Kraus nie, denn es werden sich ihm immer große, +lieblose Schwierigkeiten entgegenstellen. Ich +glaube, ich, ich bin einer der ganz wenigen, vielleicht +der einzige, oder vielleicht sind es zwei oder +drei Menschen, die wissen werden, was sie an +Kraus besitzen oder besessen haben. Das Fräulein, +ja, die weiß es. Auch Herr Vorsteher vielleicht. +Ja ganz gewiß. Herr Benjamenta ist gewiß tiefblickend +genug, um wissen zu können, was Kraus +wert ist. Ich muß aufhören, heute, mit Schreiben. +Es reißt mich zu sehr hin. Ich verwildere. Und +die Buchstaben flimmern und tanzen mir vor +den Augen.</p> + +<p>Hinter unserm Haus liegt ein alter, verwahrloster +Garten. Wenn ich ihn morgens früh vom +Bureaufenster aus sehe (ich muß mit Kraus zusammen +jeden zweiten Morgen aufräumen), tut +er mir leid, daß er so unbesorgt daliegen muß, +und ich hätte jedesmal Lust, hinunterzugehen und +ihn zu pflegen. Das sind übrigens Sentimentalitäten. +Mag der Teufel die irreführenden Weichseligkeiten +holen. Es gibt bei uns im Institut +Benjamenta noch ganz andere Gärten. In den +wirklichen Garten zu gehen, ist verboten. Kein +<span class="pagenum"><a name="Page_102">[102]</a></span> +Zögling darf ihn betreten, warum eigentlich, weiß +ich nicht. Aber wie gesagt, wir haben einen +andern, vielleicht schöneren Garten als der tatsächliche +ist. In unserem Lehrbuch: »Was bezweckt +die Knabenschule« heißt es auf Seite acht: +»Das gute Betragen ist ein blühender Garten.« +– Also in solchen, in geistigen und empfindlichen +Gärten, dürfen wir Schüler herumspringen. Nicht +übel. Führt sich einer von uns schlecht auf, so +wandelt er wie von selber in einer garstigen, +finstern Hölle. Hält er sich aber brav, so geht er +unwillkürlich zum Lohn zwischen schattigem, +sonnenbetupftem Grün spazieren. Wie verführerisch! +Und es liegt meiner armseligen Knabenmeinung +nach etwas Wahres in dem netten Lehrsatz. +Benimmt sich einer dumm, so muß er sich +schämen und ärgern, und das ist die peinliche Hölle, +in welcher er schwitzt. Ist er dagegen aufmerksam +gewesen und hat er sich geschmeidig benommen, +so nimmt ihn jemand Unsichtbares an der Hand, +etwas Trauliches, Genienhaftes, und das ist der +Garten, die gute Fügung, und er lustwandelt nun +unwillkürlich in traulichen, grünlichen Gefilden. +Darf ein Schüler des Institutes Benjamenta zufrieden +mit sich sein, was selten vorkommt, da +es bei uns von Vorschriften hagelt, blitzt, schneit +und regnet, so duftet es um ihn herum, und das +ist der süße Duft des bescheidenen, aber wacker +<span class="pagenum"><a name="Page_103">[103]</a></span> +erkämpften Lobes. Lobt Fräulein Benjamenta, +dann duftet es, und rügt sie, dann wird es im +Schulzimmer finster. Welch eine sonderbare Welt: +unsere Schule. Ist ein Zögling artig und schicklich +gewesen, so wölbt sich plötzlich über seinem Kopf +irgend etwas, und das ist der blaue, unersetzliche +Himmel über dem eingebildeten Garten. Sind wir +Eleven recht geduldig gewesen, und haben wir uns +in der Anstrengung recht brav aufrecht gehalten, +haben wir, was man warten und ausharren nennt, +können, dann goldet es mit einem Mal vor +unsern etwas ermüdeten Augen, und dann wissen +wir, daß es die himmlische Sonne ist. Dem, der +sich aufrichtig und berechtigt müde fühlt, scheint +die Sonne. Und haben wir uns auf keinen unlauteren +Wünschen zu ertappen brauchen, was +immer so unglücklich macht, so horchen wir: ei, +was ist das? Da singen ja Vögel! Nun, dann +sind es eben die glücklichen, schönbefiederten +kleinen Sänger unseres Gartens gewesen, die da +gesungen und anmutig gelärmt haben. Jetzt sage +man selber: Brauchen wir Zöglinge des Institutes +Benjamenta noch sonstige Gärten, als die, die wir +uns selbst schaffen? Wir sind reiche Herren, wenn +wir uns zierlich und anständig aufführen. Wenn +z. B. ich wünsche, Geld zu besitzen, was leider +nur allzu oft vorkommt, dann sinke ich in die tiefen +Schlünde des hoffnungslosen, wütenden Begehrens, +<span class="pagenum"><a name="Page_104">[104]</a></span> +o, dann leide und schmachte ich, und ich +muß am Erretten zweifeln. Und blicke ich dann +Kraus an, dann erfaßt mich ein tiefes, murmelndes, +quellenhaftes, wundervolles Behagen. +Das ist der friedliche Bescheidenheitsquell, der in +unserem Garten auf und nieder plätschert, und ich +bin dann so glücklich, so gut aufgelegt, so gestimmt +auf das Gute. Ah, und ich sollte Kraus nicht +lieben? Ist einer von uns, d. h. wäre einer von +uns ein Held gewesen, hätte er etwas Mutiges mit +Gefahr seines Lebens vollbracht (so heißt es im +Lehrbuch), so würde er in das marmorne, mit +Wandmalereien geschmückte Säulenhaus treten +dürfen, das im Grün unseres Gartens heimlich +verborgen liegt, und dort würde ihn ein Mund +küssen. Was für ein Mund, das steht nicht im +Lehrbuch. Und wir sind ja doch keine Helden. +Wozu auch! Erstens fehlt uns die Gelegenheit, +uns heroisch zu benehmen, und zweitens, ich weiß +nicht recht, ob z. B. Schilinski oder der lange +Peter für Aufopferungen zu haben wären. Unser +Garten ist auch ohne Küsse, Helden und Säulenpavillons +eine hübsche Einrichtung, glaube ich. +Mich friert es, wenn ich von Helden rede. Da +schweige ich lieber.</p> + +<p>Ich fragte Kraus neulich, ob er nicht auch +von Zeit zu Zeit etwas wie Langeweile empfinde. +<span class="pagenum"><a name="Page_105">[105]</a></span> +Er schaute mich vorwurfsvoll mit zurechtweisenden +Augen an, überlegte ein wenig und sagte: »Langeweile? +Du bist wohl nicht ganz gescheit, Jakob. +Und erlaube mir, dir zu sagen, daß du ebenso naive +wie sündhafte Fragen stellst. Wer wird sich in +der Welt langweilen? Vielleicht du. Ich nicht, +das sage ich dir. Ich lerne hier aus dem Buch +auswendig. Nun? Habe ich da Zeit, mich zu +langweilen? Welch törichte Fragen. Noble Leute +langweilen sich vielleicht, nicht Kraus, und du +langweilst dich, sonst würdest du gar nicht auf den +Gedanken kommen, und würdest gar nicht hierher +zu mir kommen, so etwas zu fragen. Man kann +immer, wenn nicht nach außen, so doch wenigstens +nach innen, ein wenig tätig sein, man kann murmeln, +Jakob. Gewiß wolltest du mich schon oft +auslachen wegen meines Murmelns, aber, höre +und sage mir, weißt du denn, was ich murmle? +Worte, lieber Jakob. Ich murmle und wiederhole +immer Worte. Das ist gesund, kann ich dir +sagen. Verschwinde mit deiner Langeweile. +Langeweile gibt es bei Menschen, die da immer +gewärtigen, es solle von außen her etwas Aufmunterndes +auf sie zutreten. Wo üble Laune, wo +Sehnsucht ist, da ist Langeweile. Geh' nur, belästige +mich nicht, laß mich lernen, geh' du an +irgend ein Stück Aufgabe. Plag' dich an etwas, +dann langweilst du dich gewiß nicht mehr. Und +<span class="pagenum"><a name="Page_106">[106]</a></span> +bitte, vermeide in Zukunft solcherlei einen fast aus +aller Fassung bringende, über und über dumme +Fragen.« – Ich fragte: »Hast du jetzt ausgeredet, +Kraus?« und lachte. Doch er blickte mich nur ganz +mitleidig an. Nein, Kraus kann sich nie, nie +langweilen. Ich wußte das ja zur Genüge, ich +habe ihn nur wieder einmal reizen wollen. Wie +unschön ist das von mir, und wie leer. Ich muß +mich entschieden bessern. Wie schlecht das ist, +Kraus immer äffen und ärgern zu wollen. Und +doch: wie reizend. Seine Vorwürfe klingen so +lustig. Es ist etwas so Vater-Abraham-mäßiges +in seinen Ermahnungen.</p> + +<p>Was hat mir doch vor ein paar Tagen Furchtbares +geträumt. Ich war im Traum ein ganz +schlechter, schlechter Mensch geworden, wodurch, +das wollte sich mir nicht offenbaren. Roh war +ich vom Wirbel bis zur Sohle, ein aufgedonnertes, +unbeholfenes, grausames Stück Menschenfleisch. +Ich war dick, es ging mir scheinbar ganz glänzend. +Ringe blitzten an den Fingern meiner unförmigen +Hände, und ich besaß einen Bauch, an dem zentnerschwere, +fleischige Würde nachlässig herabhing. Ich +fühlte so recht, daß ich befehlen und Launen +losschießen durfte. Neben mir, auf einem reichbesetzten +Tisch, prangten die Gegenstände einer +nicht zu befriedigenden Eß- und Trinkbegierde, +<span class="pagenum"><a name="Page_107">[107]</a></span> +Wein- und Likörflaschen, und die auserlesensten +kalten Gerichte. Ich konnte nur zulangen, und +das tat ich von Zeit zu Zeit. An den Messern +und Gabeln klebten die Tränen zugrunde gerichteter +Gegner, und mit den Gläsern klangen die +Seufzer vieler armer Leute, aber die Tränenspuren +reizten mich nur zum Lachen, während mir +die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ertönten. +Ich brauchte Tafelmusik und ich hatte sie. Anscheinend +hatte ich sehr, sehr gute Geschäfte auf +Kosten des Wohlergehens anderer gemacht, und +das freute mich in alle Gedärme hinein. O, o, +wie mich doch das Bewußtsein, einigen Mitmenschen +den Boden unter den Füßen weggezogen +zu haben, erlabte! Und ich griff zur Klingel +und schellte. Ein alter Mann trat herein, pardon, +kroch herein, es war die Lebensweisheit, und sie +kroch an meine Stiefel heran, um sie zu küssen. +Und ich erlaubte dem entwürdigten Wesen das. +Man denke: die Erfahrung, der gute edle Grundsatz: +er leckte mir die Füße. Das nenne ich Reichtum. +Weil es mir grad so einfiel, klingelte ich +wieder, denn es juckte mich, ich weiß nicht mehr, +wo, nach sinnreicher Abwechslung, und es erschien +ein halbwüchsiges Mädchen, ein wahrer Leckerbissen +für mich Wüstling. Kindliche Unschuld, so +nannte sie sich, und begann, die Peitsche, die neben +mir lag, flüchtig mit dem Auge streifend, mich +<span class="pagenum"><a name="Page_108">[108]</a></span> +zu küssen, was mich unglaublich auffrischte. Die +Angst und die frühzeitige Verdorbenheit flatterten +in den schönen rehgleichen Augen des Kindes. Als ich +genug hatte, klingelte ich wieder, und es trat auf: +der Lebensernst, ein schöner, schlanker, junger, +aber armer Mensch. Es war einer meiner Lakaien, +und ich befahl ihm stirnrunzelnd, mir das Ding +da, wie hieß es schon, nun ja, hab' ich's endlich, +mir die Lust zur Arbeit hereinzuführen. Bald +darauf trat der Eifer herein, und ich machte mir +das Vergnügen, ihm, dem Voll-Menschen, dem +prachtvoll gebauten Arbeitsmann, eins mit der +Peitsche überzuknallen, mitten ins ruhig wartende +Gesicht, zum rein Kaputtlachen. Und das Streben, +das urwüchsige Schaffen, es ließ sich's gefallen. +Nun allerdings lud ich es mit einer trägen, +gönnerhaften Handbewegung zum Glas Wein ein, +und das dumme Luder schlürfte den Schandwein. +»Geh', sei für mich tätig,« sagte ich, und es ging. +Nun kam die Tugend, eine weibliche Gestalt von +für jeden Nicht-ganz-Hartgefrorenen überwältigender +Schönheit, weinend herein. Ich nahm sie +auf meinen Schoß und trieb Unsinn mit ihr. Als +ich ihr den unaussprechlichen Schatz geraubt hatte, +das Ideal, jagte ich sie höhnisch hinaus, und, +nun pfiff ich, und es erschien Gott selber. Ich +schrie: »Was? Auch du?« Und erwachte schweißtriefend, +<span class="pagenum"><a name="Page_109">[109]</a></span> +– wie froh war ich doch, daß es nur ein +böser Traum war. Mein Gott, ich darf noch +hoffen, es werde noch eines Tages etwas aus mir. +Wie im Traum doch alles an die Grenze des +Wahnsinns streift. Kraus würde mich schön anglotzen, +wenn ich ihm das erzählte.</p> + +<p>Die Art, wie wir Fräulein verehren, ist doch +eigentlich komisch. Aber ich z. B. bin sehr fürs +Komische, es enthält unbedingt Zauber. Um acht +beginnt immer der Unterricht. Nun, da sitzen +wir Zöglinge schon zehn Minuten vorher voll +Spannung und Erwartung an unsern Plätzen und +schauen unbeweglich nach der Türe, in welcher die +Vorgesetzte erscheinen soll. Auch für diese Art +von vorauseilender Respektsbezeugung haben wir +exakte Vorschriften. Es gilt als Gesetz, nach derjenigen +hinzuhorchen, ob sie bald komme, die dann +und dann bestimmt eintreten wird. Wir Schüler +sollen uns echt dummejungenhaft zehn Minuten +lang auf das Aufstehen von unsern Plätzen vorbereiten. +Eine kleine Entehrung liegt in all diesen +kleinlichen Forderungen, die eigentlich lächerlich +sind, aber uns soll nichts an unserer persönlichen, +sondern uns soll alles an der Ehre des Institutes +Benjamenta gelegen sein, und das ist wahrscheinlich +auch das Richtigste, denn hat ein Schüler +<span class="pagenum"><a name="Page_110">[110]</a></span> +Ehre? Keine Rede. Recht bevormundet und gezwiebelt +zu werden, das höchstens kann eine Ehre +für uns sein. Gedrillt werden ist für Zöglinge +ehrenhaft, sonnenklar ist das. Aber wir rebellieren +auch gar nicht. Würde uns nie einfallen. Wir +haben, zusammengerechnet, ja so wenig Gedanken. +Ich habe vielleicht noch die meisten Gedanken, +leicht möglich ist das, aber ich verachte im Grunde +genommen mein ganzes Denkvermögen. Ich +schätze nur Erfahrungen, und die sind in der Regel +von allem Denken und Vergleichen vollkommen +unabhängig. So schätze ich an mir, wie ich eine +Türe öffne. Im Türöffnen liegt mehr verborgenes +Leben als in einer Frage. Nun ja, es regt eben +alles zum Fragen und Vergleichen und Erinnern +an. Gewiß muß man auch denken, sehr sogar. +Aber sich fügen, das ist viel, viel feiner als denken. +Denkt man, so sträubt man sich, und das ist immer +so häßlich und Sachen-verderbend. Die Denker, +wenn sie nur wüßten, wieviel sie verderben. Einer, +der geflissentlich nicht denkt, tut irgend etwas, +nun, und das ist nötiger. Zehntausende von Köpfen +arbeiten in der Welt überflüssig. Sonnen-sonnenklar +ist das. Der Lebensmut geht den Menschengeschlechtern +verloren mit all dem Abhandeln und +Erfassen und Wissen. Wenn z. B. ein Zögling +des Institutes Benjamenta nicht weiß, daß er +<span class="pagenum"><a name="Page_111">[111]</a></span> +artig ist, dann ist er es. Weiß er es, dann ist +seine ganze unbewußte Zier und Artigkeit weg, und +er begeht irgend einen Fehler. Ich laufe gern +Treppen hinunter. Welch ein Geschwätz.</p> + +<p>Es ist hübsch, bis zu einem gewissen Grad +wohlhabend zu sein und seine weltlichen Verhältnisse +ein wenig geordnet zu haben. Ich bin in der +Wohnung meines Bruders Johann gewesen, und +ich muß sagen, sie hat mich angenehm überrascht, +sie ist geradezu Alt-Von Guntensch eingerichtet. +Schon daß der Fußboden ganz mit einem weichen, +mattblauen Teppich belegt und bedeckt ist, hat mir +außerordentlich imponiert. Überall in den Zimmern +herrscht Geschmack, doch nicht auffälliger +Geschmack, sondern nur bestimmte, feine Wahl. +Die Möbel sind anmutig verteilt, das mutet gleich +beim Eintritt in die Wohnung wie ein höflicher, +zarter Gruß an. Spiegel sind an den Wänden. +Es ist sogar ein ganz großer Spiegel da, der vom +Boden bis an die Decke hinaufreicht. Die einzelnen +Gegenstände sind alt und doch nicht, elegant +und doch nicht, reich und doch nicht. Es ist Wärme +und Sorgfalt in den Räumen, das fühlt man, +und das ist angenehm. Ein freier sorglicher Wille +hat die Spiegel aufgehängt und dem zierlich geschweiften +Ruhebett seinen Platz angewiesen. Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_112">[112]</a></span> +müßte kein von Gunten sein, wenn ich das nicht +merkte. Sauber und staubfrei ist alles, und doch +glänzt das alles eigentlich nicht, sondern es blickt +einen alles ruhig und heiter an. Nichts will +scharf in die Augen stechen. Nur das zusammenhängende +Ganze hat einen vielbedeutenden, liebevollen +Ausdruck. Eine schöne schwarze Katze lag +auf einem dunkelroten Plüschsessel, wie die schwärzliche +weiche Behaglichkeit, eingebettet in Rot. Sehr +hübsch. Wäre ich Maler, so würde ich die Traulichkeit +solch eines Tierbildes malen. Der Bruder kam +mir sehr freundlich entgegen, und wir stunden +einander gegenüber wie wohlabgemessene Weltleute, +die wissen, was in der Schicklichkeit für ein +Vergnügen liegen kann. Wir plauderten. Da +kam ein großer, schlanker, schneeweißer Hund auf +uns zugesprungen, in anmutigen, Freude ausdrückenden +Sätzen. Nun, ich streichelte das Tier +natürlich. Alles ist schön an der Wohnung +Johanns. Er hat alle einzelnen Gegenstände und +Stücke mit Liebe und Mühe in Althändlerläden +aufgestöbert, bis er das Wohnlichste und Anmutigste +zusammenhatte. Mit dem Einfachen hat +er verstanden, etwas in bescheidenen Grenzen Vollkommenes +zu schaffen, derart, daß in seiner Wohnung +das Taugliche und Nützliche sich mit dem +Schönen und Graziösen wie zu einem Stuben-Gemälde +verbindet. Bald darauf, indem wir so dasaßen, +<span class="pagenum"><a name="Page_113">[113]</a></span> +erschien eine junge Frau, welcher Johann +mich vorstellte. Wir tranken später Tee und waren +sehr heiter. Die Katze miaute nach Milch, und +der große schöne Hund wollte von dem Gebäck zu +essen haben, das auf dem Teetisch lag. Beider +Tiere Wünsche wurden dann auch befriedigt. Es +wurde Abend, und ich mußte nach Hause gehen.</p> + +<p>Man lernt hier im Institut Benjamenta Verluste +empfinden und ertragen, und das ist meiner +Meinung nach ein Können, eine Übung, ohne die +der Mensch, mag er noch so bedeutend sein, stets +ein großes Kind, eine Art weinerlicher Schreihals +bleiben wird. Wir Zöglinge hoffen nichts, ja, es +ist uns streng untersagt, Lebenshoffnungen in der +Brust zu hegen, und doch sind wir vollkommen +ruhig und heiter. Wie mag das kommen? Fühlen +wir über unsern glattgekämmten Köpfen etwas wie +Schutzengel hin und her schweben? Ich kann es +nicht sagen. Vielleicht sind wir heiter und sorgenlos +aus Beschränktheit. Auch möglich. Aber ist +deshalb die Heiterkeit und Frische unserer Herzen +weniger wert? Sind wir überhaupt dumm? Wir +vibrieren. Unbewußt oder bewußt nehmen wir auf +vieles ein wenig Bedacht, sind da und dort mit +den Geistern, und die Empfindungen schicken wir +nach allen möglichen Windrichtungen aus, Erfahrungen +und Beobachtungen einsammelnd. Uns +<span class="pagenum"><a name="Page_114">[114]</a></span> +tröstet so vieles, weil wir im allgemeinen sehr +eifrige, sucherische Leute sind, und weil wir uns +selber wenig schätzen. Wer sich selbst sehr schätzt, +ist vor Entmutigungen und Herabwürdigungen nie +sicher, denn stets begegnet dem selbstbewußten +Menschen etwas Bewußtseinfeindliches. Und doch +sind wir Schüler durchaus nicht ohne Würde, +aber es ist eine sehr, sehr bewegungsfähige, kleine, +bieg- und schmiegsame Würde. Übrigens legen +wir sie an und ab je nach Erfordernissen. Sind +wir Produkte einer höheren Kultur, oder sind wir +Naturkinder? Auch das kann ich nicht sagen. +Das eine weiß ich bestimmt: wir warten! Das +ist unser Wert. Ja, wir warten, und wir horchen +gleichsam ins Leben hinaus, in diese Ebene hinaus, +die man Welt nennt, aufs Meer mit seinen +Stürmen hinaus. Fuchs ist übrigens ausgetreten. +Mir ist das sehr lieb. Ich wußte mit diesem +Menschen nichts anzufangen.</p> + +<p>Ich habe mit Herrn Benjamenta gesprochen, +d. h. er hat mit mir gesprochen. »Jakob,« sagte +er zu mir, »sage mir, findest du nicht, daß das +Leben, das du hier führst, karg ist, karg? Was? +Ich möchte gern deine Meinung wissen. Sprich +offen.« – Ich zog es vor, zu schweigen, doch +nicht aus Trotz. Der Trotz ist mir längst vergangen. +Aber ich schwieg, und zwar ungefähr so, +<span class="pagenum"><a name="Page_115">[115]</a></span> +als wenn ich hätte sagen wollen: »Mein Herr, +gestatten Sie mir, zu schweigen. Auf eine solche +Frage könnte ich höchstenfalles etwas Unziemliches +sagen.« – Herr Benjamenta schaute mich aufmerksam +an, und ich glaubte, er verstehe mein +Schweigen. Es war auch tatsächlich so, denn er +lächelte plötzlich und sagte: »Nicht wahr, Jakob, +du wunderst dich ein wenig, wie wir hier im Institut +so träge, so gleichsam geistesabwesend dahinleben? +Ist es so? Ist dir das aufgefallen? +Doch ich will dich durchaus nicht zu unverschämten +Antworten verleiten. Ich muß dir ein Geständnis +machen, Jakob. Höre, ich halte dich für einen +klugen, anständigen jungen Menschen. Jetzt, +bitte, werde frech. Und ich fühle mich veranlaßt, +dir noch etwas anderes zu gestehen: ich, dein +Vorsteher, ich meine es gut mit dir. Und noch +ein drittes Geständnis: Ich habe eine seltsame, +eine ganz eigentümliche, jetzt nicht mehr zu beherrschende +Vorliebe für dich gewonnen. Du wirst +jetzt mir gegenüber recht frech sein, nicht wahr, +Jakob? Nicht wahr, junger Mensch, jetzt, nachdem +ich mir vor dir eine Blöße gegeben habe, +wirst du's wagen, mich mit Wegwerfung zu behandeln? +Und du wirst jetzt trotzen? Ist es so, +sage, ist es so?« – Wir beide, der bärtige Mann +und ich, der Junge, schauten einander in die +Augen. Es glich einem innerlichen Wettkampf. +<span class="pagenum"><a name="Page_116">[116]</a></span> +Schon wollte ich den Mund öffnen und irgend +etwas Unterwürfiges sagen, doch ich vermochte +mich zu beherrschen und schwieg. Und nun bemerkte +ich, daß der riesenhaft gebaute Herr Vorsteher +leise, leise zitterte. Von diesem Augenblick +an war etwas Bindendes zwischen uns getreten, +das fühlte ich, ja, ich fühlte es nicht nur, ich +wußte es sogar. »Herr Benjamenta achtet mich,« +sagte ich mir, und infolge dieser wie ein Blitz auf +mich niederstrahlenden Erkenntnis fand ich es für +schicklich, ja sogar für geboten, zu schweigen. Wehe +mir, wenn ich ein einziges Wort gesagt hätte. +Ein einziges Wort würde mich zum unbedeutsamen +kleinen Eleven erniedrigt haben, und soeben hatte +ich doch eine ganz unzöglinghafte, menschliche Höhe +erklommen. Das alles empfand ich tief, und wie +ich jetzt weiß, habe ich mich in jenem Moment +ganz richtig benommen. Der Vorsteher, der dicht +zu mir getreten war, sagte dann folgendes: »Es +ist etwas Bedeutendes an dir, Jakob.« – Er hielt +inne, und ich fühlte sogleich, warum. Er wollte +ohne Zweifel sehen, wie ich mich jetzt benähme. +Ich merkte das, und daher verzog ich auch nicht +eine einzige Muskel meines Gesichtes, sondern +schaute starr, wie gedankenlos, vor mich hin. Dann +schauten wir uns wieder an. Ich blickte meinen +Herrn Vorsteher streng und hart an. Ich heuchelte +irgend welche Kälte, irgend welche Oberflächlichkeit, +<span class="pagenum"><a name="Page_117">[117]</a></span> +während ich doch am liebsten hätte in sein Gesicht +lachen mögen, vor Freude. Aber ich sah es zu +gleicher Zeit: er war zufrieden mit meiner Haltung, +und er sagte endlich: »Mein Junge, geh' +wieder an deine Arbeit. Beschäftige dich mit +etwas. Oder geh' dich mit Kraus unterhalten. +Geh'.« – Ich verbeugte mich tief, ganz gewohnheitsgemäß, +und entfernte mich. Draußen im +Korridor blieb ich wieder, wie schon einmal früher, +eigentlich auch ganz gewohnheitsgemäß, stehen und +horchte durchs Schlüsselloch, ob sich da drinnen +etwas rege. Aber es war alles still. Ich mußte +leise und glücklich lachen, ganz dumm lachen, und +dann ging ich ins Schulzimmer, wo ich Kraus im +Halbdunkel, scheinbar von einem bräunlichen Lichtstrahl +umflossen, sitzen sah. Ich blieb lange stehen. +Tatsächlich, lange stund ich so, denn ich konnte +etwas, irgend etwas, nicht ganz begreifen. Es +war mir, als sei ich zu Hause. Nein, es war mir, +als sei ich noch nicht geboren, als schwämme ich +in etwas Vor-Gebürtigem. Es wurde mir heiß +und meerhaft-undeutlich vor den Augen. Ich ging +zu Kraus und sagte ihm: »Du, Kraus, ich habe +dich lieb.« – Er knurrte, was das für Redensarten +seien. Rasch zog ich mich in meine Kammer +zurück. – Und jetzt? Sind wir Freunde? Sind +Herr Benjamenta und ich Freunde? Jedenfalls +besteht zwischen uns beiden ein Verhältnis, aber +<span class="pagenum"><a name="Page_118">[118]</a></span> +was für eins? Ich verbiete mir, mir das erklären +zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter bleiben. +Fort mit den Gedanken.</p> + +<p>Noch immer habe ich keine Stelle. Herr Benjamenta +sagt mir, er bemühe sich. In ganz +schroffem Gebieterton sagt er das und fügt hinzu: +»Wie? Ungeduldig? Kommt alles. Warte!« +– Von Kraus heißt es unter den Zöglingen, daß +er vielleicht bald abgehe. Abgehen, das ist ein so +berufshaft-komischer Ausdruck. Kraus geht bald +fort? Hoffentlich sind das nur leere Gerüchte, +Institut-Sensationen. Es gibt auch unter uns +Zöglingen etwas wie einen aus Luft und Nichts +herausgegriffenen Zeitungenklatsch. Die Welten, +merke ich, sind überall dieselben. Ich bin übrigens +wieder bei meinem Bruder Johann von Gunten +gewesen, und dieser Mensch hat den Mut gehabt, +mich unter Leute zu führen. Ich habe am Tisch +reicher Leute gegessen, und ich werde die Art und +Weise, wie ich mich benommen habe, nie vergessen. +Einen alten, aber immerhin feierlichen Gehrock +habe ich angehabt. Gehröcke machen alt und gewichtig. +Nun, und da habe ich getan wie ein +Mann von jährlich zwanzigtausend Mark Einkommen, +mindestens. Ich habe mit Leuten geredet, +die mir den Rücken gedreht hätten, wenn +sie hätten ahnen können, wer ich bin. Frauen, +<span class="pagenum"><a name="Page_119">[119]</a></span> +die mich total verachten würden, wenn ich ihnen +sagte, ich sei nur Zögling, haben mir zugelächelt +und mir gleichsam Kurage zugewunken. Und ich +bin verblüfft gewesen über meinen Appetit. Wie +gelassen man doch an fremden reichen Tischen zugreift. +Ich sah, wie es alle machten, und ich machte +es talentvoll nach. Wie gemein ist das. Ich empfinde +etwas wie Scham darüber, dort, nämlich in +jenen Kreisen, ein fröhliches Eß- und Trinkgesicht +gezeigt zu haben. Von feiner Sitte habe ich +wenig bemerkt. Dagegen merkte ich, daß man mich +als schüchternen Jungen empfunden hat, während +ich doch (in meinen Augen) platzte vor Frechheit. +Johann benimmt sich gut in Gesellschaft. Er besitzt +die leichte angenehme Fasson eines Menschen, +der etwas gilt, und der das auch weiß. Sein Betragen +ist für die Augen, die es betrachten, ein +Labsal. Rede ich zu gut von Johann? O nein. +Ich bin durchaus nicht verliebt in meinen Bruder, +aber ich bemühe mich, ihn zu sehen, ganz, nicht +nur halb. Vielleicht ist das allerdings Liebe. +Meinetwegen. Sehr schön war es auch im +Theater, doch ich will mich darüber nicht weiter +verbreiten. Den feinen Rock habe ich dann wieder +abgestreift. O, es ist hübsch, in eines geschätzten +Menschen Kleidern zu gehen und herumzuschwirren. +Ja, schwirren! Das ist es. Man zirpt +und schwirrt so herum, dort, in den Kreisen der +<span class="pagenum"><a name="Page_120">[120]</a></span> +Gebildeten. Dann bin ich wieder ins Institut +gekrochen und in meinen Zöglingsanzug. Ich bin +gern hier, ich fühle es, und ich werde mich dummerweise +später wahrscheinlich nach Benjamentas zurücksehnen, +später, wenn ich etwas Großes geworden +bin, doch ich werde ja nie, nie irgend +etwas Großes, und ich zittere vor eigentümlicher +Genugtuung, daß ich das zum voraus bestimmt +weiß. Ein Schlag wird mich eines Tages treffen, +so ein recht vernichtender Schlag, und dann wird +alles, werden alle diese Wirrnisse, diese Sehnsucht, +diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und Undankbarkeit, +diese Lügen und Selbstbetruge, dies +Wissen-Meinen und dies Doch-nie-etwas-Wissen +zu Ende sein. Doch ich wünsche zu leben, gleichviel +wie.</p> + +<p>Etwas mir Unverständliches ist vorgefallen. +Vielleicht hat es auch gar nichts zu bedeuten. Ich +bin sehr wenig geneigt, mich von Mysterien bewältigen +zu lassen. Ich saß, es war schon halb +Nacht, ganz allein in der Schulstube. Plötzlich +stand Fräulein Benjamenta hinter mir. Ich hatte +sie nicht eintreten gehört, sie mußte also ganz +leise die Türe geöffnet haben. Sie fragte mich, +was ich da mache, doch in einem Ton, daß ich gar +nicht zu antworten brauchte. Sie sagte sozusagen, +indem sie fragte, sie wisse es schon. Da gibt +<span class="pagenum"><a name="Page_121">[121]</a></span> +man natürlich keine Antwort mehr. Sie legte, +wie wenn sie müde gewesen wäre und der Stütze +bedurft hätte, die Hand auf meine Achsel. Da +fühlte ich so recht, daß ich ihr gehörte, d. h. ihr +gehörte? – Ja, einfach so ihr angehörte. Ich +bin immer mißtrauisch gegenüber Empfindungen. +Aber daß ich da ihr, dem Fräulein, quasi gehörte, +das war wahr empfunden. Wir gehörten zusammen. +Natürlich mit Unterschied. Doch wir +stunden uns mit einmal sehr nahe. Immer, immer +aber mit Unterschied. Ich hasse es geradezu, so +gar wenig oder keine Unterschiede zu empfinden. +Darin, daß Fräulein Benjamenta und ich zwei +sehr verschieden geartete und gestellte Wesen waren, +das zu spüren, darin lag für mich ein Glück. +Ich verachte es im übrigen, mich zu belügen. Die +Auszeichnungen und Vorteile, die nicht ganz, ganz +echt sind, betrachte ich als meine Feinde. Es war +da also ein großer Unterschied. Ja, was ist denn +das? Komme ich über gewisse Unterschiede nicht +hinaus? Doch da sagte das Fräulein plötzlich: +»Komm' mit. Steh' auf und komm'. Ich will dir +etwas zeigen.« – Wir gingen zusammen. Vor +unseren Augen, wenigstens vor den meinigen (vor +ihren vielleicht nicht), lag alles in ein undurchdringliches +Dunkel gehüllt. »Das sind die innern +Gemächer,« dachte ich, und ich täuschte mich auch +nicht. Es verhielt sich so, und meine liebe Lehrerin +<span class="pagenum"><a name="Page_122">[122]</a></span> +schien entschlossen zu sein, mir eine bisher verborgen +gewesene Welt zu zeigen. Doch ich muß +Atem schöpfen.</p> + +<p>Es war, wie gesagt, zuerst ganz dunkel. Das +Fräulein nahm mich bei der Hand und sagte in +freundlicher Tonart: »Siehe, Jakob, so wird es +dunkel um dich sein. Und da wird dich jemand +dann an der Hand führen. Und du wirst froh +darüber sein und zum erstenmal tiefe Dankbarkeit +empfinden. Sei nicht mißgestimmt. Es +kommen auch Helligkeiten.« – Kaum hatte sie das +gesagt, so brannte uns ein weißes, blendendes +Licht entgegen. Ein Tor zeigte sich, und wir +gingen, sie voran, ich dicht hinter ihr, durch die +Öffnung hindurch, ins herrliche Licht-Feuer hinein. +Ich hatte noch nie etwas so Glanzvolles und Vielsagendes +gesehen, daher war ich auch wie betäubt. +Das Fräulein sprach lächelnd, noch freundlicher +wie vorher: »Blendet dich das Licht? Dann +strenge dich an, es zu ertragen. Es bedeutet +Freude, und man muß sie zu empfinden und zu +ertragen wissen. Du kannst meinetwegen auch +denken, es bedeute dein zukünftiges Glück, doch +sieh', was geschieht da? Es schwindet. Das Licht +zerfällt. Also, Jakob, sollst du kein langes, kein +anhaltendes Glück haben. Schmerzt dich meine +Aufrichtigkeit? Nicht doch. Komm' weiter. Wir +<span class="pagenum"><a name="Page_123">[123]</a></span> +müssen uns ein wenig beeilen, denn noch manche +Erscheinung soll durchwandert und durchzittert +werden. Sag', Jakob, verstehst du auch meine +Worte? Doch schweig'. Du darfst hier nicht reden. +Glaubst du, daß ich etwa eine Zauberin sei? Nein, +ich bin keine Zauberin. Gewiß, ein ganz klein +wenig zu zaubern, zu verführen, das verstehe +ich schon. Jedes Mädchen versteht das. Doch +komm' jetzt.« – Mit diesen Worten öffnete das +verehrte Mädchen eine Bodenlucke, wobei ich ihr +helfen mußte, und wir stiegen zusammen, sie immer +voran, in einen tiefgelegenen Keller hinunter. Zuletzt, +als die steinernen Stufen aufhörten, traten +wir auf feuchte weiche Erde. Es war mir, als befänden +wir uns in der Mitte der Erdkugel, so +tief und einsam kam es mir vor. Wir schritten +einen langen, finstern Gang entlang, Fräulein +Benjamenta sagte: »Wir sind jetzt in den Gewölben +und Gängen der Armut und Entbehrung, +und da du, lieber Jakob, wahrscheinlich dein Lebenlang +arm bleibst, so versuche bitte schon jetzt, dich +an die Finsternis und an den kalten, schneidenden +Geruch, die hier herrschen, ein wenig zu gewöhnen. +Erschrick nicht und sei ja nicht böse. Gott ist auch +hier, er ist überall. Man muß die Notwendigkeit +lieben und pflegen lernen. Küsse die nasse Kellererde, +ich bitte dich, ja, tu' es. Damit lieferst du +den sinnlichen Beweis deiner willigen Unterwerfung +<span class="pagenum"><a name="Page_124">[124]</a></span> +in die Schwere und in die Trübnis, die +dein Leben, wie es scheint, zum größten Teil ausmachen +werden.« – Ich gehorchte ihr, warf mich +zur kalten Erde nieder und küßte sie voller Inbrunst, +wobei mich ein unnennbarer kalter und +zugleich heißer Schauer durchrann. Wir gingen +weiter. Ah, diese Gänge des Not-Leidens und +der furchtbaren Entsagung schienen mir endlos, +und sie waren es vielleicht auch. Die Sekunden +waren wie ganze Lebensläufe, und die Minuten +nahmen die Größe von leidvollen Jahrhunderten +an. Genug, endlich langten wir an einer trübseligen +Mauer an, Fräulein sagte: »Geh' und +liebkose die Mauer. Es ist die Sorgenwand. Sie +wird stets vor deinen Blicken aufgerichtet sein, +und du bist unklug, wenn du sie hassest. Ei, man +muß das Starre, das Unversöhnliche eben zu erweichen +versuchen. Geh' und probier' es.« – Ich +trat rasch, wie in leidenschaftlicher Eile, zur Mauer +heran und warf mich ihr an die Brust. Ja, an +die steinerne Brust, und sagte ihr einige gute, +beinahe scherzende Worte. Und sie blieb, wie zu +erwarten war, unbeweglich. Ich spielte Komödie, +schon meiner Lehrerin zulieb, gewiß, und doch +war es wiederum nichts weniger als Komödie, +was ich tat. Und doch lächelten wir beide, sie, die +Meisterin sowohl, wie ich, ihr unreifer Schüler. +»Komm',« sagte sie, »wir wollen uns jetzt ein +<span class="pagenum"><a name="Page_125">[125]</a></span> +wenig Freiheit, ein wenig Bewegung gönnen.« – +Und damit berührte sie mit dem kleinen weißen +bekannten Herrin-Stab die Mauer, und weg war +der ganze garstige Keller, und wir befanden uns +auf einer glatten, offenen, schlanken Eis- oder +Glasbahn. Wir schwebten dahin wie auf wunderbaren +Schlittschuhen, und zugleich tanzten wir, +denn die Bahn hob und senkte sich unter uns wie +eine Welle. Es war entzückend. Ich hatte nie +so etwas gesehen, und ich rief vor lauter Freude: +»Wie herrlich.« – Und über uns schimmerten die +Sterne in einem sonderbarerweise ganz blaßblauen +und doch dunklen Himmel, und der Mond starrte, +überirdisch leuchtend, auf uns Eisläufer herab. +»Das ist die Freiheit,« sagte die Lehrerin, »sie +ist etwas Winterliches, Nicht-lange-zu-Ertragendes. +Man muß sich immer, so wie wir es hier tun, +bewegen, man muß tanzen in der Freiheit. Sie +ist kalt und schön. Verliebe dich nur nicht in sie. +Das würde dich nachher nur traurig machen, denn +nur momentelang, nicht länger, hält man sich +in den Gegenden der Freiheit auf. Bereits sind +wir etwas zu lang hier. Sieh', wie die wundervolle +Bahn, auf der wir schweben, langsam sich +wieder auflöst. Jetzt kannst du die Freiheit sterben +sehen, wenn du die Augen aufmachst. Im späteren +Leben wird dir dieser herzbeklemmende Anblick +noch oft zuteil werden.« – Kaum hatte sie ausgesprochen, +<span class="pagenum"><a name="Page_126">[126]</a></span> +so sanken wir von der erklommenen +Höhe und Lustigkeit in etwas Müdes und Trauliches +hinunter, es war ein kleines, mit raffiniertem +Wohlbehagen ganz gefüttertes und erfülltes, +köstlich nach Träumereien duftendes, reich +mit allerhand lüsternen Szenen und Bildern tapeziertes +Ruhe-Gemach. Es war ein geradezu gemächliches +Gemach. Oft schon hatte ich von richtigen +Gemächern geträumt. Hier befand ich mich +nun in einem solchen. Musik rieselte an den +bunten Wänden wie Anmutsschnee herunter, man +sah es direkt musizieren, die Töne glichen einem +bezaubernden Schneegestöber. »Hier,« sagte das +Fräulein, »kannst du ruhen. Sage dir selber, +wie lange.« – Wir lächelten beide über diese +rätselhaften Worte, und obgleich mich ein unsagbar +zartes Bangen beschlich, zögerte ich nicht, +es mir in dem Lustgemach auf einem der Teppiche, +die da vor mir lagen, bequem zu machen. Eine +Zigarette von selten gutem Geschmack flog mir von +oben herab in den unwillkürlich geöffneten Mund, +und ich rauchte. Ein Roman schwirrte herbei, mir +gerade in die Hände, und ich konnte ungestört +darin lesen. »Das ist nichts für dich. Lies nicht +in solchen Büchern. Steh' auf. Komm' lieber. +Die Weichlichkeit verführt zur Gedankenlosigkeit +und Grausamkeit. Hörst du, wie es zornig einherdonnert +und -rollt? Das ist das Ungemach. +<span class="pagenum"><a name="Page_127">[127]</a></span> +Du hast jetzt in einem Gemach Ruhe genossen. +Nun wird das Ungemach über dich herabregnen +und Zweifel und Unruhe werden dich durchnässen. +Komm'. Man muß tapfer ins Unvermeidliche +hineingehen.« – So sprach die Lehrerin, und kaum +hatte sie zu Ende gesprochen, da schwamm ich in +einem dickflüssigen, höchst unangenehmen Strom +von Zweifel. Durch und durch entmutigt, wagte +ich gar nicht, mich umzuschauen, ob sie noch neben +mir sei. Nein, die Lehrerin, die Hervorzauberin +all dieser Erscheinungen und Zustände, war verschwunden. +Ich schwamm ganz allein. Ich wollte +schreien, aber das Wasser drohte mir in den Mund +zu laufen. O dieses Ungemach. Ich weinte, und +ich bereute bitter, mich der lüsternen Bequemlichkeit +hingegeben zu haben. Da plötzlich saß ich +wieder im Institut Benjamenta, in der dunkelnden +Schulstube, und Fräulein Benjamenta stand noch +hinter mir, und sie streichelte mir die Wangen, +aber nicht so, als wenn sie mich, sondern, als +wenn sie sich selber trösten müsse. »Sie ist unglücklich,« +dachte ich. Da kamen Kraus, Schacht +und Schilinski von einem gemeinsamen Ausgang +zurück. Rasch zog das Mädchen die Hand von mir +weg und ging in die Küche, um das Abendbrot +zuzubereiten. Träumte ich? Aber wozu mich +fragen, wenn es jetzt doch ans Abendessen geht? +Es gibt Zeiten, wo ich entsetzlich gern esse. Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_128">[128]</a></span> +kann dann in die dümmsten Speisen hineinbeißen +wie ein hungriger Handwerksbursche, ich lebe dann +wie in einem Märchen und nicht mehr als Kulturmensch +in einem Kulturzeitalter.</p> + +<p>Sehr amüsant sind manchmal unsere Turn- +und Tanzstunden. Geschick zeigen zu müssen, das +ist nicht ohne Gefahr. Wie kann man sich doch +blamieren. Zwar, wir Zöglinge lachen uns nicht +aus. Nicht? O doch. Man lacht mit den Ohren, +wenn man mit dem Mund nicht lachen darf. Und +mit den Augen. Die Augen lachen so gern. Und +den Augen Vorschriften zu machen, das ist zwar +ganz gut möglich, aber doch ziemlich schwer. So +z. B. darf hier nicht geblinzelt werden, blinzeln ist +spöttisch und daher zu vermeiden, aber man blinzelt +halt doch manchmal. So ganz die Natur zu +unterdrücken, das geht eben doch nicht. Und doch +geht's. Aber hat man sich auch die Natur total +abgewöhnt, es bleibt immer ein Hauch, ein Rest +übrig, das zeigt sich immer. Der lange Peter +z. B. kann sich die höchsteigene, persönliche Natur +sehr schlecht abgewöhnen. Manchmal, wenn er +tanzen, sich graziös bewegen und erweisen soll, +besteht er gänzlich aus Holz, und das Holz ist bei +Peter eben Naturanlage, gleichsam Gottesgeschenk. +O wie muß man doch über ein Klafter Holz, wenn +es in Form eines langen Menschen erscheint, +<span class="pagenum"><a name="Page_129">[129]</a></span> +lachen, so prächtig in die Brust hineinlachen. Ein +Gelächter ist das reine Gegenteil von einem Stück +Holz, es ist etwas Entzündendes, etwas, was da +in einem drinnen Streichhölzer anzündet. Streichhölzer +kichern, genau wie ein unterdrücktes Gelächter. +Ich mag mich sehr, sehr gern am Herausschallen +des Lachens verhindern lassen. Das +kitzelt so wunderbar: es nicht loslassen zu dürfen, +was doch so gern herausschießen möchte. Was +nicht sein darf, was in mich hinab muß, ist mir +lieb. Es wird dadurch peinlicher, aber zugleich +wertvoller, dieses Unterdrückte. Ja ja, ich gestehe, +ich bin gern unterdrückt. Zwar. Nein, nicht +immer zwar. Herr Zwar soll mir abmarschieren. +Was ich sagen wollte: etwas nicht tun dürfen, +heißt, es irgendwo anders doppelt tun. Nichts ist +fader als eine gleichgültige, rasche, billige Erlaubnis. +Ich verdiene, erfahre gern alles, und +z. B. ein Lachen bedarf auch der Durch-Erfahrung. +Wenn ich innerlich zerspringe vor Lachen, wenn +ich kaum noch weiß, wo ich all das zischende Pulver +hintun soll, dann weiß ich, was Lachen ist, dann +habe ich am lächerigsten gelacht, dann habe ich +eine vollkommene Vorstellung dessen gehabt, was +mich erschütterte. Ich muß demnach unbedingt +annehmen und es als feste Überzeugung aufbewahren, +daß Vorschriften das Dasein versilbern, +vielleicht sogar vergolden, mit einem Wort reizvoll +<span class="pagenum"><a name="Page_130">[130]</a></span> +machen. Denn wie mit dem verbotenen reizenden +Lachen ist es doch sicher mit fast allen +andern Dingen und Gelüsten ebenfalls. Nicht +weinen dürfen z. B., nun, das vergrößert das +Weinen. Liebe entbehren, ja, das heißt lieben. +Wenn ich nicht lieben soll, liebe ich zehnfach. Alles +Verbotene lebt auf hundertfache Art und Weise; +also lebt nur lebendiger, was tot sein sollte. Wie +im Kleinen, so ist es im Großen. Recht hübsch, +recht alltäglich gesagt, aber im Alltäglichen ruhen +die wahren Wahrheiten. Ich schwatze wieder ein +wenig, nicht wahr? Geb' es gern zu, daß ich +schwatze, denn mit etwas müssen doch Zeilen ausgefüllt +werden. Wie entzückend, wie entzückend +sind verbotene Früchte.</p> + +<p>Vielleicht schwebt jetzt zwischen Herrn Benjamenta +und mir etwas wie eine beiden Teilen sichtbare, +verbotene Frucht. Doch wir beide drücken +uns nicht deutlich aus. Wir scheuen vor der +offenen Sprache zurück, und das ist gewiß nur zu +billigen. Mir z. B. ist eigentlich die Freundlichkeit +der Behandlung unsympathisch. Ich rede im allgemeinen. +Gewisse Leute, die mir zugetan sind, +sind mir zuwider, ich kann das hier nicht nachdrücklich +genug betonen. Natürlich finde auch ich +an der Milde, am Herzlichen Geschmack. Wer +könnte so roh sein, alle Vertraulichkeit, alles wärmere +<span class="pagenum"><a name="Page_131">[131]</a></span> +Wesen gänzlich zu verabscheuen. Aber ich +hüte mich stets, nahezutreten, und ich weiß nicht, +ich muß darin Talent besitzen, jemanden von der +Unklugheit gewisser Annäherungen stumm zu überzeugen, +wenigstens halte ich es für schwierig, sich +in mein Vertrauen zu stehlen. Und meine Wärme +ist mir kostbar, sehr kostbar, und derjenige, der +sie besitzen will, muß äußerst vorsichtig vorgehen, +und das will nun Herr Vorsteher. Dieser Herr +Benjamenta will, wie es scheint, mein Herz besitzen +und Freundschaft mit mir schließen. Vorläufig +behandle ich ihn aber eisig kalt, und wer +weiß: ich will vielleicht gar nichts von ihm wissen.</p> + +<p>»Du bist jung,« sagt Herr Vorsteher zu mir, +»du strotzest von Lebensaussichten. Wart' mal, +habe ich da etwas sagen wollen und es jetzt vergessen? +Du mußt wissen, Jakob, ich habe dir eine +Menge Dinge zu sagen, und da kann man das +Schönste und Tiefste, eh' man bis drei gezählt +hat, vergessen. Und du schaust drein, siehst du, +wie das gute, frische Gedächtnis selber, während +meines schon altet. Mein Kopf, Jakob, ist am +Sterben. Entschuldige, wenn ich etwas zu weich, +zu vertraulich rede. Ich muß einfach lachen. Da +bitte ich dich, mich zu entschuldigen, während ich +dich durchprügeln könnte, wenn ich es für nötig +fände. Wie hart mich deine jungen Augen anblicken. +<span class="pagenum"><a name="Page_132">[132]</a></span> +Ei, ei, und ich könnte dich da an die Wand +werfen, daß dir Hören und Sehen für immer +vergingen. Ich weiß es gar nicht, wie es hat +kommen können, daß ich mich dir gegenüber so +aller Vorgesetztengewalt entkleidet habe. Du lachst +mich wohl heimlich aus. Leise gesagt: Hüte dich +da. Du mußt wissen, mich packen Wildheiten an, +und ehe ich mich verhindern kann, sind alle meine +Besinnungen geschwunden. O mein kleiner +Bursch, nein, fürchte dich nicht. Es ist ja so +gänzlich, so gänzlich unmöglich, dir etwas zuleide +zu tun, aber sage, was wollte ich dich doch fragen. +Sage, du fürchtest dich wohl gar nicht ein bißchen? +Und jung bist du und hast Hoffnungen, und jetzt +wirst du ja wohl bald in eine dir ziemende Stellung +kommen? Nicht? Ja eben, das ist es. Ja, das +ist es, was mir leid tut, denn denke dir, manchmal +ist mir, als seiest du mein junger Bruder oder +sonst etwas Natürlich-Nahes, so verwandt kommst +du mir, kommen mir deine Gebärden, die Sprache, +der Mund, alles, nun, mit einem Wort, du, mir +vor. Ich bin ein abgesetzter König. Du lächelst? +Ich finde es einfach köstlich, weißt du, daß dir +jetzt gerade, wo ich von abgesetzten, ihrer Throne +enthobenen Königen spreche, ein Lächeln, solch ein +spitzbübisches Lächeln entflieht. Du hast Verstand, +Jakob. O, man kann sich mit dir so hübsch unterhalten. +Es ist prickelnd reizvoll, sich dir gegenüber +<span class="pagenum"><a name="Page_133">[133]</a></span> +ein wenig schwach und weicher, als gewöhnlich, +zu benehmen. Ja, du forderst geradezu +heraus zu Fahrlässigkeiten, zur Lockerung, zur +Preisgabe der Würde. Man mutet dir, glaubst +du das, Edelsinn zu, und da reizt es einen ganz +mächtig, sich vor dir in schönen, wohltuenden Erklärungen +und Geständnissen zu verlieren, so z. B. +ich, dein Herr, vor dir, meinem jungen armen +Wurm, den ich, wenn's mich gelüstete, zermalmen +könnte. Gib mir die Hand. So. Laß mich dir +sagen, daß du es verstanden hast, mir Respekt vor +dir abzunötigen. Ich achte dich hoch, und – ich +– darf – es dir sagen. Und nun habe ich eine +Bitte an dich: willst du mein Freund, mein kleiner +Vertrauter sein? Ich bitte dich, sei es. Doch ich +will dir Zeit lassen, das alles zu bedenken, du +darfst gehen. Bitte, geh', laß mich allein.« – +So spricht zu mir mein Herr Vorsteher, der Mann, +der, wie er selber sagt, mich zermalmen kann, +sobald er nur will. Ich verbeuge mich jetzt nicht +mehr vor ihm, es würde ihm weh tun. Was er +da nur von abgesetzten Königen gesprochen hat? +Ich werde über diese ganze Sache keine Gedanken +verlieren, wie er mir anempfiehlt, sondern ich +werde einfach fortfahren, Form zu bewahren. +Jedenfalls heißt es aufpassen. Er spricht von +Wildheit? Nun, ich muß sagen, das ist sehr +ungemütlich. Zum an der Wand zerquetscht zu +<span class="pagenum"><a name="Page_134">[134]</a></span> +werden, dazu bin ich mir denn doch zu gut. Ob +ich es dem Fräulein sage? O pfui, nicht doch. Ich +habe Mut genug, über etwas Seltsames Schweigen +zu bewahren, und Verstand genug, mit etwas +Zweifelhaftem allein fertig zu werden. Vielleicht +ist Herr Benjamenta verrückt. Jedenfalls gleicht +er dem Löwen, ich aber der Maus. Nette Zustände +sind das, die sich da jetzt im Institut eingeschlichen +haben. Nur niemandem etwas sagen. +Eine verschwiegene Angelegenheit ist manchmal +schon eine gewonnene. Das alles sind Dummheiten. +Basta.</p> + +<p>Was ich manchmal für Einbildungen habe! +Es grenzt beinahe an das Absurde. Mit einem +Mal, ohne daß ich es habe verhindern können, +war ich Kriegsoberst geworden, so ums Jahr 1400 +herum, nein, etwas später, zur Zeit der mailändischen +Feldzüge. Ich und meine Herren Offiziere, +wir tafelten. Es war nach einer gewonnenen +Schlacht, und unser Ruhm mußte sich in den +nächsten Tagen durch ganz Europa verbreiten. +Wir tranken und waren lustig. Nicht etwa in +einem Zimmer hielten wir Tafel, nein, auf freiem +Feld. Die Sonne war eben am Untergehen, +da wurde vor meine Augen, deren Strahl +Schlachtenangriff und -sieg bedeutete, eine Kreatur +<span class="pagenum"><a name="Page_135">[135]</a></span> +geführt, ein ganz armer Teufel, ein ertappter +Verräter. Der unglückliche Mensch schaute zitternd +zu Boden, wohl wissend, daß er nicht das Recht +hatte, den Feldherrn anzuschauen. Ich sah ihn +an, ganz leicht, dann schaute ich diejenigen ebenso +leicht und schnell an, die ihn hergeführt hatten, +dann widmete ich mich dem volleingeschenkten Glas +Wein, das vor mir stand, und diese drei Bewegungen +bedeuteten: »Geht. Und henkt ihn.« +Sogleich ergriffen ihn die Leute, doch da schrie +der Verruchte wie verzweifelt, noch mehr, wie zerrissen, +zum voraus zerrissen von tausend entsetzlichen +Martertoden. Meine Ohren hatten in +den Gefechten und Kämpfen, die mein Leben erfüllten, +schon allerlei Töne gehört, und meine +Augen waren an den Anblick des Furchtbaren +und Jammervollen mehr wie gewöhnt, doch merkwürdig, +das konnte ich nicht ertragen. Wieder +drehte ich mich nach dem Verdammten um, außerdem +winkte ich meinen Soldaten. »Laßt ihn +laufen,« sagte ich, das Glas an der Lippe, um +es kurz zu machen. Da geschah etwas ebenso +Ergreifendes wie Widerwärtiges. Der Mann, dem +ich das Leben geschenkt hatte, das Verbrecher- und +Verräterleben, stürzte wie unsinnig zu meinen +Füßen und küßte den Staub meiner Schuhe. Ich +stieß ihn weg. Ich war von Ekel und Grauen +<span class="pagenum"><a name="Page_136">[136]</a></span> +erfaßt worden. Mich berührte die Gewalt, die +ich ausübte, die Macht, mit der ich frei spielen +konnte, wie der Sturmwind mit Blättern, peinlich, +ich lachte daher und befahl dem Menschen, sich +zu entfernen. Er hatte beinahe den Verstand verloren. +Eine tierische Freude brach sich ihm durch +Augen und Mund Bahn, er lallte Dank, Dank +und kroch weg. Wir andern ergaben uns bis in +die Nacht hinein einem ausgelassenen Gesöffe und +Gelage, und am frühen Morgen, noch immer saßen +wir bei der Tafel, empfing ich mit einer Würde, +einer Hoheit, die selbst mir beinahe ein Lächeln +abnötigte, den Gesandten des Papstes. Ich war +der Held, der Herr des Tages. Von meiner Laune, +meiner Zufriedenheit hing der Frieden von halb +Europa ab. Doch ich spielte den diplomatischen +Herren gegenüber den Dummen, den Guten, es +paßte mir so, ich war etwas ermüdet, mich begehrte, +in die Heimat zurückzukehren. Ich ließ mir die +Vorteile, die mir der Krieg zuerteilte, wieder abnehmen. +Natürlich bin ich später in den Grafenstand +erhoben worden, dann habe ich geheiratet, +und jetzt bin ich so tief gesunken, daß es mich gar +nicht geniert, ein niedriger, kleiner Eleve des Institutes +Benjamenta zu sein und Kameraden zu +haben wie Kraus, Schacht, Hans und Schilinski. +Man muß mich nackt auf die kalte Straße werfen, +dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der allesumfassende +<span class="pagenum"><a name="Page_137">[137]</a></span> +Herrgott. Es ist Zeit, daß ich die +Feder aus der Hand lege.</p> + +<p>Für so Kleine und Niedrige, wie wir Zöglinge +sind, gibt es nichts Komisches. Der Entwürdigte +nimmt alles ernst, aber auch alles leicht, beinahe +frivol. Mir kommt unsere Tanz-, Anstands- und +Turnstunde wie das öffentliche, wichtige, große +Leben selber vor, und dann verwandelt sich vor +meinen Augen die Schulstube in ein herrschaftliches +Zimmer, in eine Straße voller Menschenverkehr, +in ein Schloß mit alten, langen Korridoren, +in eine Amtsstube, in ein Gelehrtenkabinett, +in einen Damen-Empfangsraum, je nachdem, in +alles Mögliche. Wir müssen eintreten, grüßen, +uns verneigen, sprechen, eingebildete Geschäfte oder +Aufträge erledigen, Bestellungen ausrichten, dann +plötzlich sitzen wir bei Tisch und essen auf hauptstädtische +Manier, und Diener bedienen uns. +Schacht, oder vielleicht gar Kraus, stellt eine hocharistokratische +Dame vor, und ich übernehme es, +sie zu unterhalten. Wir sind dann alle Kavaliere, +der lange Peter nicht ausgenommen, der sich ja +sowieso stets als Kavalier fühlt. Dann tanzen wir. +Wir hüpfen umher, verfolgt von den lächelnden +Blicken der Lehrerin, und plötzlich rennen wir +einem Verwundeten zu Hilfe. Er ist auf der +Straße überfahren worden. Wir schenken scheinbaren +<span class="pagenum"><a name="Page_138">[138]</a></span> +Bettlern irgend eine Kleinigkeit, schreiben +Briefe, brüllen unsern Burschen an, gehen in die +Versammlung, suchen Orte auf, wo man französisch +spricht, üben uns im Hutabnehmen, sprechen +von Jagd, Finanzen und Kunst, küssen Damen, die +wir uns gewogen wissen wollen, untertänig die +gnädig ausgestreckten fünf hübschen Finger, +bummeln als Bummler, schlürfen Kaffee, essen +Schinken in Burgunder, schlafen in eingebildeten +Betten, stehen ebenso scheinbar wieder des Morgens +in aller Frühe auf, sagen: »Guten Tag, +Herr Amtsrichter,« prügeln uns, denn das kommt +ja im Leben oft auch vor, und tun eben alles, +was im Leben vorkommt. Sind wir müde von +all den Dummheiten, so klopft Fräulein mit dem +Stab gegen eine Kante und sagt: »Allons, vorwärts, +Jungens. Arbeiten!« – Dann wird wieder +gearbeitet. Wir treiben uns im Zimmer umher +wie Wespen. Man kann das gar nicht recht schildern, +und sind wir wieder ermattet, so ruft die +Lehrerin: »Wie? Ist euch das öffentliche Leben +so rasch verleidet? Macht, macht. Zeigt, wie das +Leben ist. Es ist leicht, aber man muß munter +sein, sonst wird man vom Leben zertreten.« – +Und frisch geht es wieder los. Wir reisen, wobei +unsere Bedienten Dummheiten machen. Wir sitzen +in Bibliotheken und studieren. Wir sind Soldaten, +echte Rekruten, und müssen liegen und schießen. +<span class="pagenum"><a name="Page_139">[139]</a></span> +Wir treten in Kaufläden, um zu kaufen, in Badeanstalten, +um zu baden, in Kirchen, um zu beten: +»Gott, führe uns nicht in Versuchung.« Und +im nächsten Augenblick sitzen wir mitten in der +gröbsten Verfehlung und sündigen. »Hört auf. +Genug für heute,« sagt dann, wenn es Zeit ist, +das Fräulein. Dann ist das Leben erloschen, +und der Traum, den man menschliches Leben +nennt, nimmt eine andere Richtung. Meist gehe +ich dann auf eine halbe Stunde spazieren. Ein +Mädchen begegnet mir immer in der Anlage, wo +ich auf einer Bank sitze. Sie scheint Verkäuferin +zu sein. Sie biegt jedesmal den Kopf nach mir +um und sieht mich lang an. Sie schmachtet zu +sehr. Übrigens hält sie mich für einen Herrn mit +monatlichem Salär. Ich sehe so gut, nach etwas +so Rechtem aus. Sie irrt sich, und ich ignoriere +sie daher.</p> + +<p>Dann und wann spielen wir auch Theater, +und zwar Lustspiel, das ins Possenhafte ausartet, +bis uns die Lehrerin einen Wink erteilt, aufzuhören: +Die Mutter: »Ich kann Ihnen meine +Tochter nicht zur Frau geben. Sie sind zu arm.« +Der Held: »Armut ist keine Schande.« – Die +Mutter: »Papperlappa, Redensarten. Was haben +Sie denn für Aussichten?« – Die Liebhaberin: +»Mama, ich muß Sie bei aller Verehrung, die +<span class="pagenum"><a name="Page_140">[140]</a></span> +ich für Sie empfinde, bitten, höflicher mit dem +Mann, den ich liebe, zu reden.« – Mutter: +»Schweig! Eines Tages wirst du mir danken, +daß ich ihn mit unnachsichtlicher Strenge behandelt +habe. – Mein Herr, sagen Sie, wo haben Sie +denn eigentlich studiert?« – Der Held (er ist +Pole und wird von Schilinski dargestellt): +»Gnädige Frau, ich bin aus dem Institut Benjamenta +hervorgegangen. Verzeihen Sie den +Stolz, mit dem ich das sage.« – Die Tochter: +»Ach, Mama, sehen Sie doch, wie er sich benimmt. +Welche feinen Manieren.« – Mutter (streng): +»Schweig von Manieren. Auf aristokratisches Benehmen +kommt es doch längst nicht mehr an. +Sie, mein Herr, bitte, sagen Sie mir gefälligst: +Was haben Sie denn dort im Institut Bagnamenta +gelernt?« – Der Held: »Verzeihen Sie: Benjamenta, +nicht Bagnamenta, heißt die Lehranstalt. +Was ich gelernt habe? Nun allerdings, ich muß +sagen, ich habe dort sehr wenig gelernt. Aber es +kommt doch heutzutage gar nicht mehr aufs viele +Wissen an. Das müssen Sie selbst zugeben.« – +Die Tochter: »Hören Sie, liebe Mama?« – Die +Mutter: »Schweig' mir, du Mißratene, vom Anhören +oder gar Ernstnehmen solch eines Geschwätzes. +Mein hübsch aussehender junger Herr, +Sie würden mir einen Gefallen erweisen, wenn +Sie sich auf Nimmerwiedersehen entfernen +<span class="pagenum"><a name="Page_141">[141]</a></span> +wollten.« – Der Held: »Was wagt man mir da +zu bieten? – Nun, sei es. Adieu, ich gehe.« – +Er tritt ab usw. usw. Der Inhalt unserer kleinen +Dramen nimmt stets Bezug auf die Schule und +auf die Zöglinge. Ein Zögling erlebt allerhand +bunt durcheinandergeworfene Schicksale, gute und +schlechte. Er hat Erfolg in der Welt oder äußersten +Mißerfolg. Das Ende des Stückes ist immer die +Verherrlichung und Versinnbildlichung bescheidenen +Dienens. Das Glück dient: das ist die +Moral unserer dramatischen Literatur. Unser +Fräulein pflegt während der Darstellungen die +Zuschauerwelt zu spielen. Sie sitzt gleichsam in +einer Loge und blickt durch das Augenglas auf die +Bühne, d. h. auf uns Spielende. Kraus ist der +schlechteste Schauspieler. So etwas liegt ihm gar +nicht. Am besten spielt entschieden der lange +Peter. Auch Heinrich ist reizend auf der Bühne.</p> + +<p>Ich habe die etwas beleidigende Empfindung, +als wenn ich in der Welt immer zu essen haben +werde. Ich bin gesund, und ich werde es bleiben, +und man wird mich stets zu irgend etwas brauchen +können. Ich werde meinem Staat, meiner Gemeinde +nie zur Last fallen. Das zu denken, d. h. +zu denken, daß man als ein niedriger Mensch sein +tägliches Brot zu essen haben wird, würde mich +tief verwunden, wenn ich noch der frühere Jakob +<span class="pagenum"><a name="Page_142">[142]</a></span> +von Gunten wäre, wenn ich noch der Abkömmling, +der Sproß meines Hauses wäre, aber ich bin ja +ein ganz, ganz anderer geworden, ein gewöhnlicher +Mensch bin ich geworden, und daß ich gewöhnlich +geworden bin, das verdanke ich Benjamentas, +und das erfüllt mich mit einer unnennbaren, +vom Tau der Zufriedenheit glänzenden +und tropfenden Zuversicht. Ich habe den Stolz, +die Ehren-Arten gewechselt. Wie komme ich dazu, +so jung schon so zu entarten? Aber ist das Entartung? +In gewisser Hinsicht ja, andernteils ist +es Erhaltung der Art. Ich bleibe vielleicht als +irgendwo im Leben verlorner und verschollener +Mensch ein echterer, stolzerer Gunten, als wenn +ich, auf den Stammbaum pochend, zu Hause verdürbe, +entherzte und verknöcherte. Nun, mag das +sein, wie es sein will. Ich habe Wahl getroffen, +und dabei bleibt es. In mir lebt eine sonderbare +Energie, das Leben von Grund auf kennen zu +lernen, und eine unbezwingliche Lust, Menschen +und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir offenbaren. +Hier fällt mir Herr Benjamenta ein. Aber ich +will an etwas anderes denken, d. h. ich mag an +nichts mehr denken.</p> + +<p>Ich habe eine Anzahl Menschen kennen gelernt, +durch Johanns Freundlichkeit. Es sind +Künstler darunter, und es scheinen nette Menschen +<span class="pagenum"><a name="Page_143">[143]</a></span> +zu sein. Nun, was kann man sagen bei so flüchtiger +Berührung. Eigentlich gleichen sich die +Leute, die sich bemühen, Erfolg in der Welt zu +haben, furchtbar. Es haben Alle dieselben Gesichter. +Eigentlich nicht, und doch. Alle sind einander +ähnlich in einer gewissen, rasch dahinsausenden +Liebenswürdigkeit, und ich glaube, das ist +das Bangen, das diese Leute empfinden. Sie +behandeln Menschen und Gegenstände rasch +herunter, nur damit sie gleich wieder das Neue, +das ebenfalls Aufmerksamkeit zu fordern scheint, +erledigen können. Sie verachten niemanden, diese +guten Leute, und doch, vielleicht verachten sie alles, +aber das dürfen sie nicht zeigen, und zwar deshalb +nicht, weil sie fürchten, plötzlich etwa eine Unvorsichtigkeit +zu begehen. Sie sind liebenswürdig +aus Weltschmerz und nett aus Bangen. Und dann +will ja jeder Achtung vor sich selber haben. Diese +Leute sind Kavaliere. Und sie scheinen sich nie +ganz wohl zu befinden. Wer kann sich wohl befinden, +wer auf die Achtungsbezeugungen und +Auszeichnungen der Welt Wert legt? Und dann, +glaube ich, fühlen diese Menschen, da sie doch einmal +Gesellschafts- und durchaus keine Naturmenschen +mehr sind, stets den Nachfolger hinter +sich. Jeder spürt den unheimlichen Überrumpler, +den heimlichen Dieb, der mit irgend einer neuen +Begabung dahergeschlichen kommt, um Schädigungen +<span class="pagenum"><a name="Page_144">[144]</a></span> +und Herabsetzungen aller Art um sich +herum zu verbreiten, und deshalb ist in diesen +Menschenkreisen der ganz Neu-Auftretende immer +der Gesuchteste und Bevorzugteste, und wehe den +Älteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent +oder Naturgenie irgendwie auszeichnet. Ich drücke +mich übrigens etwas zu einfach aus. Es ist da +noch etwas ganz anderes. Es herrscht unter diesen +Kreisen der fortschrittlichen Bildung eine kaum +zu übersehende und mißzuverstehende Müdigkeit. +Nicht die formelle Blasiertheit etwa des Adels +von Abstammung, nein, eine wahrhafte, eine ganz +wahre, auf höherer und lebhafterer Empfindung +beruhende Müdigkeit, die Müdigkeit des gesunden-ungesunden +Menschen. Sie sind alle gebildet, aber +achten sie einander? Sie sind, wenn sie ehrlich +nachdenken, zufrieden mit ihren Weltstellungen, +aber sind sie auch zufrieden? Übrigens gibt es +reiche Menschen unter ihnen. Von denen rede ich +hier nicht, denn das Geld, das ein Mann besitzt, +zwingt zu ganz andern, ganz neuen Voraussetzungen +zu der Beurteilung solch eines Mannes. +Doch es sind alles höfliche und in ihrer Art bedeutende +Menschen, und meinem Bruder muß ich +sehr, sehr dankbar sein, daß er mich ein Stück Welt +hat kennen lernen lassen. Man liebt es jetzt schon, +mich dort, nämlich in jenen Kreisen, den kleinen +von Gunten zu nennen, zum Unterschied von +<span class="pagenum"><a name="Page_145">[145]</a></span> +Johann, den sie den großen von Gunten getauft +haben. Das sind Späße, die Welt liebt eben +Späße. Ich nicht, aber das alles ist ja so unbedeutend. +Ich fühle, wie wenig mich das angeht, +was man Welt nennt, und wie mir groß und hinreißend +vorkommt, das, was ich Welt nenne, ganz +im stillen. Mein Bruder hat sich indes Mühe +gegeben, mich unter Menschen zu führen, und es +ist Pflicht für mich, mir viel daraus zu machen. +Und es ist ja auch viel. Mir ist alles, sogar das +Kleinste, viel. Ein paar Menschen vollkommen +kennen zu lernen, dazu bedürfte es eines Menschenlebens. +Das sind nun wieder Benjamentasche +Grundsätze, und wie unähnlich sind Benjamentas +dem, was Welt bedeutet. Ich will schlafen gehen.</p> + +<p>Ich vergesse nie, daß ich ein Abkömmling bin, +der nun von unten, von ganz unten anfängt, ohne +doch die Eigenschaften, die nötig sind, emporzugelangen, +zu besitzen. Vielleicht, ja. Es ist +alles möglich, aber ich glaube nicht an die eitlen +Stunden, in denen ich mir Glück, verbunden mit +Glanz, vorspiegle. Ich habe gar keine Emporkömmlingstugenden. +Ich bin manchmal frech, +aber nur aus Laune. Der Emporkömmling aber +ist von einer permanenten bescheiden-tuenden +Frechheit, oder von einer frechen, fortwährend +frechen Unbedeutendheitsgebärde. Und es gibt +<span class="pagenum"><a name="Page_146">[146]</a></span> +viele Emporkömmlinge, und was sie errungen +haben, das halten sie stupide fest, und das ist ausgezeichnet. +Sie können auch nervös sein, ungehalten, +verdrießlich und »all der Dinge« müde, +aber der Überdruß dringt nicht tief beim wahrhaften +Emporkömmling. Emporkömmlinge sind +Herren, und solch einem Herrn, einem vielleicht +etwas protzigen Herrn, werde ich Abkömmling, +oder was ich sonst bin, dienen, und ehrenhaft +dienen, treu, verläßlich, fest, ganz gedankenlos, +ganz unerpicht auf persönliche Vorteile, denn nur +so, nämlich ganz anständig, werde ich überhaupt +jemandem dienen können, und jetzt merke ich, daß +ich Verwandtes mit Kraus habe, und ich schäme +mich beinahe ein wenig. Nie und nimmer erreicht +man mit Empfindungen, wie die sind, mit +denen ich der Welt gegenüberstehe, je Großes, es +sei denn, man pfeife aufs glitzernde Große und +nenne das groß, was ganz grau, still, hart und +niedrig ist. Ja, dienen werde ich, und Verpflichtungen, +deren Erfüllung nichts weniger als schimmert, +werde ich immer und immer übernehmen, +immer wieder, und ich werde kreuzdumm vor +Seligkeit erröten, wenn man mir leichthin Dank +sagt. Dumm ist das, aber durchaus wahr, und +ich bin nicht fähig, über diese Wahrnehmung +traurig zu sein. Ich muß es bekennen: ich bin +nie traurig, ich fühle mich nie, nie vereinsamt, +<span class="pagenum"><a name="Page_147">[147]</a></span> +und auch das ist dumm, denn mit der Sentimentalität, +mit dem, was man den Schrei nennt, +macht man die besten, die emporkömmlichsten und +bekömmlichsten Geschäfte. Aber ich bedanke mich +für die Mühseligkeiten, für die unfeinen Anstrengungen, +auf solche Art zu Ehre und Ansehen +zu gelangen. Zu Hause, bei Vater und Mutter, +duftete es alle Wände entlang nach Takt. Nun +gut, das meine ich nur so. Es war vornehm bei +uns zu Hause. Und so hell. Der ganze Haushalt +glich einem graziösen, gütigen Lächeln. Mama +ist ja so fein. Schon gut. Also Abkömmling und +verurteilt, zu dienen und die Person sechsten +Ranges im Weltleben zu spielen. Meiner Ansicht +nach paßt das, denn, o wie sagte doch Johann: +»Die Mächtigen, das sind die Verhungerten.« – +Ich glaube so etwas nicht gern. Und hab' ich es +überhaupt nötig, mich trösten zu lassen? Kann +man einen Jakob von Gunten trösten? So lange +ich gesunde Glieder habe, ist das ausgeschlossen.</p> + +<p>Wenn ich will, wenn ich es mir befehle, kann +ich alles verehren, sogar das schlechte Benehmen, +aber es muß von Gold strotzen. Die üblen Manieren +müssen Zwanzigmarkstücke hinter sich fallen +lassen, dann verneige ich mich vor, sogar noch +hinter ihnen. Herr Benjamenta ist übrigens auch +dieser Meinung. Er sagt, es sei unrichtig, das +<span class="pagenum"><a name="Page_148">[148]</a></span> +Geld und den Vorteil, die aus unschönen Händen +kommen, zu verachten. Ein Eleve des Institutes +Benjamenta soll das Meiste eben achten, nicht verachten. +– Zu was anderem. Turnen, das ist +schön. Ich liebe es leidenschaftlich, und ich bin +selbstverständlich ein guter Turner. Mit einem +edlen Menschen Freundschaft schließen und +Turnen, das sind wohl zwei der schönsten Sachen, +die es auf der Welt gibt. Tanzen, und einen +Menschen finden, der mir Achtung entlockt, ist +mir ein und dasselbe. Ich bewege so gern die +Geister und Glieder. Nur allein Beinschwingen, +ist das doch hübsch! Turnen ist auch dumm, es +führt auch zu nichts. Muß denn eigentlich alles, +was ich liebe und bevorzuge, zu nichts führen? +Aber horch! Was ist das? Man ruft mich. Ich +muß abbrechen.</p> + +<p>»Strebst du auch noch aufrichtig, Jakob?« +fragte mich die Lehrerin. Es war gegen Abend. +Es war irgendwo etwas Rötliches, wie ein Abglanz +von einem gewaltig-schönen Sonnenuntergang. +Wir stunden an meiner Kammertüre. Ich hatte +eben eintreten und mich meinen Ahnungen so +ein wenig überlassen wollen. »Fräulein Benjamenta,« +sagte ich, »zweifeln Sie am Ernst und +an der Ehrlichkeit meines Strebens? Bin ich ein +Schwindler, ein Gaukler in Ihren hochverehrten +<span class="pagenum"><a name="Page_149">[149]</a></span> +Augen?« – Ich glaube, ich blickte geradezu tragisch, +als ich das sagte. Sie wandte mir ihr +schönes Gesicht zu und sagte: »Bewahre, aber bewahre. +Du bist ein netter Junge. Heftig bist +du, aber du bist mir lieb, recht, anständig und angenehm. +Bist du zufrieden? He? Was? Du +bringst auch dein Bett immer noch hübsch jeden +Morgen in Ordnung? Nicht? Und den Vorschriften +allen gehorchst du wohl auch schon längst +nicht mehr? Auch nicht? Oder doch? O du bist +ein ganz braver Mensch, ich glaube es. Und man +kann dich nicht genug mit Lobeserhebungen überschütten. +Nicht genug. Ganze Eimer voll schmeichelnder +Lobsprüche, denke, ganze Kübel und +Kannen voll. Mit dem Besen muß man sie zusammenwischen, +die vielen anerkennenden schönen +Worte, die dein Betragen betreffen. Nein, Jakob, +jetzt ganz im Ernst, höre. Ich muß dir etwas +ins Ohr sagen. Magst du's hören, oder willst +du jetzt lieber da hinein in deine Kammer +schlüpfen?« – »Sprechen Sie, gnädiges Fräulein. +Ich höre,« sagte ich voll angstvoller Erwartung. +Die Lehrerin schauderte plötzlich jählings +zusammen. Sie faßte sich aber rasch und +sagte: »Ich gehe, Jakob, ich gehe. Es geht mit +mir. Doch ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht +ein anderes Mal. Ja? Ja, nicht wahr, vielleicht +morgen, oder in acht Tagen erst. Es ist dann +<span class="pagenum"><a name="Page_150">[150]</a></span> +noch immer Zeit genug, es dir zu sagen. Sage +mir, Jakob, hast du mich ein wenig lieb? Bedeute +ich deiner Brust, deinem jungen Herzen +irgend etwas?« – Sie stand mit wütend zusammengekniffenen +Lippen vor mir da. Ich beugte +mich schnell auf ihre Hand, die unsagbar wehmütig +an ihrem Gewand herabhing, hinunter und +küßte sie. Ich war so glücklich, es ihr so sagen +zu dürfen, was ich für sie immer empfunden hatte. +»Schätzest du mich?« fragte sie mit ganz hoher, +nach der Höhe zu schon fast erstickter, gestorbener +Stimme. Ich sagte: »Wie können Sie zweifeln? +Ich bin unglücklich.« – Aber mich empörte es, +daß ich fast weinen mußte. Ich ließ ihre Hand +schroff fahren und nahm respektvolle Haltung an. +Und sie ging, indem sie mich beinahe bittend anschaute. +– Wie hat sich hier im einst so herrischen +Institut Benjamenta alles verändert! Es +schrumpft alles zusammen, die Übungen, der +Schneid, die Vorschriften. Lebe ich in einem +Toten- oder in einem überirdischen Freuden- und +Wonnenhause? Etwas ist los, aber ich fasse es +noch nicht.</p> + +<p>Ich wagte es, Kraus gegenüber eine Bemerkung +über Benjamentas fallen zu lassen. Es mute +mich, sagte ich, wie eine Trübung des Glanzes an, +den das Institut immer besessen habe. Was das +<span class="pagenum"><a name="Page_151">[151]</a></span> +sei? Ob Kraus vielleicht etwas wisse? – Er +wurde ärgerlich und sprach: »Mensch, du bist wohl +schwanger mit albernen Einbildungen. Was für +Ideen. Schaff du. Mach du, dann fällt dir nichts +Auffallendes auf. Dieser Schnüffler. Will sich in +Meinungen und Ansichten hineinschnüffeln. Geh' +mir aus den Augen. Ich kann dich bald überhaupt +nicht mehr ansehen.« – »Seit wann bist du +grob?« sagte ich, doch ich zog es vor, ihn in Ruhe +zu lassen. – Im Laufe des Tages hatte ich Gelegenheit, +mich mit Fräulein Benjamenta über +Kraus zu unterhalten. Sie sagte mir: »Ja, Kraus +ist gar nicht wie andere Menschen. Er sitzt da, +bis man seiner bedarf, ruft man ihn, dann kommt +er in Bewegung und kommt herbeigesprungen. +Von solchen Menschen, wie er einer ist, macht +man kein Rühmens und Aufhebens. Man rühmt +Kraus eigentlich nie, und kaum ist man ihm +dankbar. Man verlangt nur von ihm: Tu' das, +und dann wieder: Tu' dies. Und man spürt +kaum, daß man, und wie vollkommen, bedient +worden ist, so vollkommen ist man bedient worden. +Die Person Kraus ist gar nichts, nur der Schaffer, +der Ausüber Kraus ist etwas, aber der macht sich +gar nicht bemerkbar. Z. B. dich, Jakob, lobt man, +es macht einem Freude, dir wohl zu tun. Für +Kraus hat man kein Wort, keine Neigung übrig. +Du bist ganz liederlich, Jakob, gegenüber Kraus. +<span class="pagenum"><a name="Page_152">[152]</a></span> +Doch du bist der Nettere. Anders sage ich es dir +nicht, denn das würdest du nicht verstehen. Und +Kraus verläßt uns jetzt bald. Das ist ein Verlust, +Jakob, o das ist ein Verlust. Wenn kein +Kraus mehr da ist, wer ist dann noch da? Du, +ja. Das ist ja eigentlich wahr, und du bist mir +jetzt böse, nicht wahr. Ja, du bist mir böse, weil +ich betrübt bin, daß Kraus weggeht. Bist du +eifersüchtig?« – »Nicht doch. Auch ich bedaure +lebhaft, daß Kraus uns verläßt,« sagte ich. Ich +sprach mit Absicht sehr förmlich. Auch mir war +es weh zumut geworden, doch ich fand es passend, +ein wenig Kälte zu zeigen. Später versuchte ich, +mit Kraus ins Gespräch zu kommen, aber er verhielt +sich unglaublich ablehnend. Finster saß er +am Tisch und sprach zu niemandem ein Wort. +Auch er empfindet, daß irgend etwas hier nicht +gut geht, er sagt nur nichts, nur sich sagt er es.</p> + +<p>Oft habe ich die Empfindung von einer großen +innern Niederlage. Dann stelle ich mich mitten in +der Stube auf und treibe Unfug, übrigens ganz +kindischen Unfug. Ich setze Kraus' Mütze auf +meinen Kopf, oder ein volles Glas Wasser usw. +Oder Hans ist da. Mit Hans kann man gemeinschaftlich +Hüte auf Köpfe hinauflancieren, daß sie +oben sitzen und kleben bleiben. Wie verachtet uns +Kraus jedesmal dafür. Schacht ist in Stellung +<span class="pagenum"><a name="Page_153">[153]</a></span> +gewesen, drei Tage, aber er ist wieder zurückgekehrt, +voll Mißmut und allerhand zornigen, +schmerzlichen Ausflüchten. Habe ich es nicht früh +schon gesagt, daß es Schacht draußen in der Welt +übel ergehen wird? Er wird immer in Ämter, +Aufgaben und Stellungen hineinzappeln, und es +wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er +habe zu schwer arbeiten müssen, und er erzählt +von listigen, boshaften, faulen Halb-Vorgesetzten, +die es gleich bei seinem Antritt unternommen +hätten, ihn mit ungebührlichen Pflichten schalkhaft +zu überhäufen und ihn zu Boden zu quälen und +zu übervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht. +Nur zu willig, d. h. ich halte für absolut wahr, +was er sagt, denn kränklichen, empfindsamen +Leuten gegenüber ist die Welt ja so unbegreiflich +roh, gebieterisch, launisch und grausam. Nun, +Schacht wird vorläufig wieder hier bleiben. Ein +wenig ausgelacht haben wir ihn, als er ankam, +das muß auch sein, Schacht ist ein junger Mensch, +und er darf schließlich auch nicht der Meinung sein, +für ihn gäbe es besondere Stufen, Vorteile, Handhaben +und Rücksichten. Er hat jetzt eine erste +Enttäuschung erlebt, und ich bin überzeugt, daß +er zwanzig Enttäuschungen hintereinander erleben +wird. Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist +überhaupt für gewisse Personen nur eine Kette +von Entmutigungen und schreckenerregenden bösen +<span class="pagenum"><a name="Page_154">[154]</a></span> +Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden, +leidenden Abneigung geboren. Er +möchte anerkennen und willkommen heißen, aber +er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose +tritt ihm zehnfach hart und unmitleidvoll +entgegen, er empfindet es eben schärfer. Armer +Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien +schwelgen und sich in gütige, weiche, sorgenlose +Dinge betten können. Für ihn sollte es heimliches +Plätschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn +sollten blasse zarte Abendhimmelwolken tragen in +das Reich: »Ach, wie ist mir?« – Seine Hände +taugen zu leichten Gebärden, nicht zur Arbeit. +Vor ihm sollten Winde wehen, und hinter ihm +sollten süße freundliche Stimmen flüstern. Seine +Augen sollten selig geschlossen bleiben dürfen, und +Schacht sollte wieder ruhig einschlummern dürfen, +wenn er des Morgens in den warmen, lüsternen +Kissen erwachte. Für ihn gibt es im Grunde genommen +keine ziemliche Tätigkeit, denn jede Beschäftigung +ist für ihn, der so aussieht, unziemlich, +widernatürlich und unpassend. Ich bin der reine +grobknochige Knecht gegen Schacht. Ah, zerschmettert +wird er werden, und eines Tages wird +er im Krankenhaus verenden, oder er wird, verdorben +an Leib und Seele, in einem von unsern +modernen Gefängnissen schmachten. Jetzt drückt +er sich so in den Ecken der Schulstube herum, +<span class="pagenum"><a name="Page_155">[155]</a></span> +schämt sich und zittert vor dem ihm widerwärtigen, +unbekannten Zukünftigen. Das Fräulein sieht ihn +besorgt an, doch ist sie jetzt vom eigentümlichen +Eigenen viel zu sehr in Anspruch genommen, als +daß sie sich sehr um Schacht bekümmern könnte. +Übrigens könnte sie ihm nicht helfen. Ein Gott +müßte und könnte das vielleicht tun, doch es gibt +keine Götter, nur einen Einzigen, und der ist zu +erhaben zur Hilfe. Zu helfen und zu erleichtern, +das würde dem Allmächtigen gar nicht ziemen, +so fühle ich wenigstens.</p> + +<p>Fräulein Benjamenta spricht nun jeden Tag +ein paar Worte mit mir, sei es in der Küche, sei's +in der manchmal ganz stillen und vereinsamten +Schulstube. Kraus tut, als wenn er noch ein Jahrzehnt +gewärtigte, hier im Institut zu verbleiben. +Er lernt seine Lektionen trocken und unverdrossen, +ja doch, eigentlich verdrossen, aber verdrossen hat +er ja immer ausgesehen, das will nichts zu bedeuten +haben. Dieser Mensch ist keiner Voreiligkeit, +keiner Ungeduld fähig. »Abwarten,« so steht +es ihm auf der ruhigen Stirn beinahe hoheitsvoll +geschrieben. Ja, Fräulein sagte das auch schon +einmal, sie sagte, Kraus besitze Hoheit, und das +ist wahr, die Unscheinbarkeit seines Wesens hat +etwas Unsichtbar-Herrscherartiges. Zu meinem +Fräulein wagte ich gestern zu sagen: »Wenn ich +<span class="pagenum"><a name="Page_156">[156]</a></span> +Ihnen nur ein einziges, nur ein verschwindend +kleines einziges Mal selbstbewußter gegenübergetreten +bin, als ganz befangen von Gefühlen und +Fesseln der lautersten Ehrfurcht, so will ich mich +hassen, verfolgen, an Stricken aufhängen, mit +Giften tötendster Art vergiften, mit Messern, +gleichviel was für welchen, mir den Hals abschneiden. +Nein, es ist ganz unmöglich, Fräulein. +Ich konnte Sie nie verletzen. Schon Ihre +Augen. Wie sind sie mir immer der Befehl und +das unantastbare schöne Gebot gewesen. Nein, +nein, ich lüge nicht. Ihr Erscheinen an der Türe! +Ich habe hier nie einen Himmel nötig gehabt, nie +Mond, Sonne und Sterne. Sie, ja Sie sind mir +die höhere Erscheinung gewesen. Ich rede wahr, +Fräulein, und ich muß annehmen, daß Sie empfinden, +wie fern von aller, aller Schmeichelei diese +Worte sind. Ich hasse alles zukünftige Wohlergehen, +ich verabscheue das Leben. Ja, ja. Und +doch muß ich bald auch, wie Kraus, austreten, +ins hassenswerte Leben hinaus. Sie sind mir +die körperliche Gesundheit gewesen. Habe ich in +einem Buch gelesen, so waren Sie es, nicht das +Buch, Sie waren das Buch. Doch, doch. Oft +habe ich mich unartig benommen. Ein paarmal +mußten Sie mich vor dem Hochmut, der mich +fressen und unter Trümmer unschicklicher Einbildungen +<span class="pagenum"><a name="Page_157">[157]</a></span> +begraben wollte, warnen. Wie sank er da, +wie blitzschnell. Wie habe ich dem gelauscht, was +das Fräulein Benjamenta sprach. Sie lächeln? +Ja, das Lächeln, es ist mir immer ein Antrieb zum +Guten, Tapfern und Wahren gewesen. Wie sind +Sie stets gut zu mir gewesen. Viel, viel zu gut +zu mir Trotzkopf. Und an Ihrem Anblick herunter +stürzten meine vielen Fehler, um Verzeihung +flehend, herunter, zu Ihren Füßen. Nein, ich +mag nicht in das Leben, nicht in die Welt hinaustreten. +Ich verachte alles Zukünftige. Wenn Sie +in die Stube eintraten, war ich froh, dann schalt +ich mich stets einen Dummkopf. Oft habe ich Sie, +denken Sie sich, ja, ich muß es gestehen, im geheimen +der Würde und der Größe berauben wollen, +aber ich fand in all meinem zusammengepeitschten +Geist kein Wort, nicht ein einziges kleines Wort +der Schmähung und Schmälerung dessen, was ich +ein wenig verletzen wollte. Und die Strafe war +jedesmal meine Reue und Unruhe. Ja, immer, +Fräulein, immer habe ich Sie verehren müssen. +Sind Sie ungehalten, daß ich so spreche? Ich, +ich bin froh, daß ich so spreche.« – Sie schaute mich +blinzelnd an und lächelte. Sie spottete ein wenig, +war aber doch ganz zufrieden. Außerdem, das +merkte ich, war sie in Gedanken mit etwas Fernabliegendem +beschäftigt. Sie war wie geistesabwesend, +<span class="pagenum"><a name="Page_158">[158]</a></span> +und daher, einzig daher habe ich ja auch +nur so zu sprechen gewagt. Ich werde mich hüten, +es wieder zu tun.</p> + +<p>Es geht mich ja gar nichts an, gewiß, aber +es fällt mir auf, daß keine neuen Schüler ins +Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr Benjamenta +in der Umwelt als Erzieher genießt oder +genossen hat, im Abnehmen oder gar im Verschwinden +sein? Das wäre traurig. Doch vielleicht +ist das alles nur meine überreizte Empfindung. +Ich bin hier ein wenig nervös geworden, +wenn man eine gewisse Spannung und zugleich +Mattigkeit der Beobachtungskräfte so nennen darf. +Es ist hier alles so zart, und man steht wie in der +bloßen Luft, nicht wie auf festem Boden. Und +dann dieses immerwährende Gefaßt- und Bewußtsein, +auch das macht es vielleicht aus. Leicht +möglich. Man wartet hier immer auf etwas, +nun, das schwächt doch schließlich. Und wieder verbietet +man sich streng das Horchen und Warten, +weil das unzulässig ist. Nun, auch das nimmt +Kräfte in Anspruch. Oft steht das Fräulein am +Fenster und sieht lange hinaus, als lebe sie schon +anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde +und Natürliche, was hier webt: wir alle, +Herrschaft sowohl wie Elevenschaft, wir leben beinahe +schon anderswo. Es ist, als wenn wir nur +<span class="pagenum"><a name="Page_159">[159]</a></span> +noch vorübergehend hier atmeten, äßen, schliefen +und wach stünden und Unterricht erteilten und genössen. +Etwas wie treibende, schonungslose +Energie schlägt hier rauschend die Flügel zusammen. +Horchen wir alle hier auf das Spätere? +auf irgend welches Nachherige? Auch möglich. +Und was dann, wenn wir jetzigen Zöglinge alle +ausgetreten sind und doch keine neuen mehr +kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas +arm und verlassen? Wenn ich mir das ausmale, +werde ich krank, einfach krank. Nein, niemals, +niemals. Das, das wird nicht sein dürfen. Und +doch wird es sein müssen. Sein müssen?</p> + +<p>Rüstig sein heißt, sich nicht lange besinnen, +sondern rasch und ruhig hineingehen in das, was +erfüllt werden soll. Naß werden von den Regengüssen +des Bemühens, hart und stark werden an +den Stößen und Reibungen dessen, was die Notwendigkeit +fordert. Ich hasse solche klugen Redensarten. +Ich wollte an etwas ganz anderes denken. +Aha, ich habe es, es betrifft Herrn Benjamenta. +Ich war wieder bei ihm im Bureau. Ich necke +ihn immer wegen der zu erlangenden, baldigen +Anstellung. So frug ich ihn auch diesmal wieder, +wie's denn jetzt sei, ob ich gewärtigen dürfe usw. +Er wollte wütend werden. O, er will auch jetzt +immer noch wütend werden, und ich bin stets sehr +<span class="pagenum"><a name="Page_160">[160]</a></span> +kühn, wenn ich ihn reize. Ganz laut, barsch und +unverschämt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz +verlegen, er fing sogar an, sich hinter den großen +Ohren zu reiben. Er hat natürlich nicht das, +was man große Ohren zu nennen pflegt, seine +Ohren sind verhältnismäßig durchaus nicht zu +groß, nur ist eben alles groß an dem Mann, +folglich auch seine Ohren. Schließlich trat er auf +mich zu, lachte mich merkwürdig gutmütig an und +sprach: »In die Arbeit hinaus willst du treten, +Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber noch. +Hier ist es doch für dich und deinesgleichen ganz +schön. Oder nicht? Zögere du noch ein wenig. +Ich möchte dir sogar anraten, ein wenig schlendrianisch, +vergeßlich und gedankenträge zu werden. +Denn siehst du, das, was man Untugenden nennt, +das spielt im Dasein des Menschen eine so große +Rolle, das ist so wichtig, fast möchte ich sagen, +notwendig. Wenn Untugenden und Fehler nicht +wären, es würde der Welt an Wärme, Reiz und +Reichtum fehlen. Die Hälfte der Welt, und vielleicht +die im Grunde schönere, würde mit den +Lässigkeiten und Schwächen dahinsterben. Nein, +sei du träge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht, +sei so, wie du bist und hier wurdest, aber spiele, +bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst du? +Sagst du ja? Mich würde es freuen, dich ein +wenig den Träumereien verfallen zu sehen. Hänge +<span class="pagenum"><a name="Page_161">[161]</a></span> +den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betrübt, nicht +wahr? Denn du bist mir fast ein wenig zu voll +von Willen, zu voll von Charakter. Und stolz +bist du, Jakob! Was denkst du dir eigentlich? +Meinst du, in der offenen Welt Großes erreichen, +erringen zu können? Zu müssen? Hast du ernstliche +Absichten auf etwas Bedeutungsvolles? Fast +machst du mir – leider – diesen etwas gewaltsamen +Eindruck. Oder dann willst du vielleicht, +vielleicht wie zum Trotz, ganz klein bleiben? Auch +das mute ich dir zu. Du bist ein bißchen zu +festlich, zu heftig, zu triumphatorisch aufgelegt. +Doch das alles ist ja so gleichgültig, du bleibst +noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe +ich noch lange nichts derartiges. Weißt +du, mich verlangt, dich noch zu haben. Kaum +besitze ich dich Burschen, so willst du fortrennen? +Das gibt es nicht. Langweile dich hier im Institut +so gut als du eben kannst. O, kleiner Welteroberer, +in der Welt, draußen in der Welt erst, +im Beruf, im Streben, im Erringen, da, da werden +dir Meere von Langeweile, Öde und Vereinsamung +entgegengähnen. Bleib' du hier. Sehne du dich +noch ein Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch +eine Seligkeit, welch eine Größe im Sehnen, also +im Warten, liegt. Also warte. Laß es dich +immerhin innerlich drängen. Aber nicht zu sehr. +Höre, mich würde dein Weggehen schmerzen, es +<span class="pagenum"><a name="Page_162">[162]</a></span> +würde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare, +beibringen, es würde mich fast töten. Töten? Ich +muß dich bitten, mich auszulachen, aber fest. Lach' +mich ganz unverschämt aus, Jakob. Ich erlaube +es dir. Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich +ich dir zukünftig noch zu gestatten und zu verbieten? +Ich, der ich dich soeben davon überzeugt +habe, daß ich fast, fast abhängig von dir bin? +Mich schaudert's, mich empört und beglückt es +zu gleicher Zeit, Jakob, was ich da angestellt habe. +Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen. +Doch das fassest du nicht. Geh'. Marsch. Mach' +daß du hinauskommst. Ungezogener, wisse, daß +ich noch strafen kann. Fürchte dich.« – Nun, da +hatte ich es, er war eben mit einmal wieder wütend +geworden. Rasch verschwand ich aus seinen finster +mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen, +das! Die des Herrn Vorstehers. Ich muß hier +bemerken, daß ich im Verduften aus einem Lokal +eine unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin +förmlich zum Kontor hinausgeflogen, nein, +hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr +mir sagte: »Fürchte dich.« O ja, man muß sich +schon zuweilen vor ihm fürchten. Ich würde es +unanständig finden, wenn ich keine Furcht kennte, +denn dann hätte ich ja auch gar keinen Mut, der +doch nichts anderes ist als das Furchtüberwindende. +Wieder horchte ich draußen im Korridor +<span class="pagenum"><a name="Page_163">[163]</a></span> +am Schlüsselloch, und wieder blieb es ganz +still. Ich streckte sogar ganz läppisch und echt +zöglinghaft die Zunge heraus, und dann mußte +ich lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht. +Natürlich ganz leise. Es war das denkbar +echteste unterdrückte Gelächter. Wenn ich so lache, +nun, dann steht nichts mehr über mir. Dann +bin ich etwas an Umfassen und Beherrschen nicht +zu Überbietendes. Ich bin in solchen Momenten +einfach groß.</p> + +<p>Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta, +noch habe ich die hier geltenden Satzungen +zu fürchten, noch wird Unterricht erteilt, Fragen +werden gestellt und beantwortet, noch fliegen wir +alle auf Kommando, noch immer klopft morgens +früh Kraus mit seinem ärgerlichen »Steh' auf, +Jakob« und mit seinem zornig gebogenen Finger +an meine Kammertüre, noch sagen wir Zöglinge: +»Guten Tag, Fräulein,« wenn sie erscheint, und: +»Gute Nacht«, wenn sie abends sich zurückzieht. +Wir stecken noch immer in den eisernen Klauen der +zahlreichen Vorschriften und ergehen uns immer +noch in lehrhaften, eintönigen Wiederholungen. +Ich bin übrigens jetzt endlich in den wirklichen +innern Gemächern gewesen, und ich muß sagen, es +existieren gar keine. Zwei Zimmer sind da, aber +diese beiden Räume sehen nach nichts Gemachartigem +<span class="pagenum"><a name="Page_164">[164]</a></span> +aus. Sie sind möbliert wie die Sparsamkeit +und Gewöhnlichkeit selber, und sie enthalten +durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie +bin ich nur auf die wahnsinnige Idee gekommen, +daß Benjamentas in Gemächern wohnen? Oder +träumte ich, und habe ich jetzt ausgeträumt? Es +sind allerdings Goldfische da, und Kraus und ich +müssen das Bassin, in welchem diese Tiere +schwimmen und leben, regelmäßig entleeren, +säubern und mit frischem Wasser auffüllen. Ist +das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes? Goldfische +können in jeder preußischen mittleren +Beamtenfamilie vorkommen, und an Beamtenfamilien +klebt nichts Unverständliches und Absonderliches. +Wunderbar! Und ich habe so felsenfest +an die innern Gemächer geglaubt. Ich dachte, +es müsse da hinter der Türe, durch welche das +Fräulein stets aus- und eingeht, von schloßartigen +Zimmern und Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene +Wendeltreppen und breite steinerne, +teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist +hinter der einfachen Türe. Auch eine uralte +Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange +heitere, mattenbedeckte Korridore zogen sich in +meiner Phantasie von einem Ende des »Gebäudes« +zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und +Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung +von schönen, aber unzuverlässigen Einbildungen +<span class="pagenum"><a name="Page_165">[165]</a></span> +gründen. Kapital, scheint mir, ist genug +da, an Fonds wird es nicht fehlen, und Abnehmer +solcher Papiere kommen überall vor, wo der Gedanke +und Glaube ans Schöne noch nicht ganz +ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht alles +vor. Einen Park natürlich. Ohne Park kann ich +doch gar nicht existieren. Ebenso eine Kapelle, +aber merkwürdigerweise keine romantisch-ruinenhafte, +sondern eine sauber renovierte, ein kleines +protestantisches Gotteshaus. Der Pfarrer saß am +Frühstückstisch. Und was noch alles. Man +dinierte, man veranstaltete Jagden. Man tanzte +abends im Rittersaal, an dessen hohen dunkelhölzernen +Wänden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes +hingen. Was für eines Geschlechtes? +Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es +nicht sagen. Nun, ich bereue tief, derart geträumt +und gedichtet zu haben. Schnee fliegen sah ich +auch, nämlich in den Schloßhof. Es waren nasse, +große Schneeflocken, und es war morgens früh, +immer war es dunkle, winterliche Frühe. Ach, +und etwas ganz Schönes, eine Halle, ja, eine +Halle sah ich. Reizend! Drei edle vornehme +Greisinnen saßen beim kichernden, knisternden +Kaminfeuer. Sie häkelten. Welch eine Phantasie, +nicht weiter zu sehen als bis dort, wo +gestrickt und gehäkelt wird. Aber mich berauschte +eben gerade das. Wenn ich Feinde hätte, würden +<span class="pagenum"><a name="Page_166">[166]</a></span> +sie sagen, das sei krankhaft, und sie würden Grund +zu haben glauben, mich zu verabscheuen samt der +lieben traulichen Häkelei. Dann gab es wieder +ein wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von +silbernen Leuchtern herabstrahlten. Die Tafelfreude +glitzerte, blendete und plauderte. Ich stellte +mir das wahrhaft schön vor. Und Frauen, was +für Frauen. Die eine sah einer veritablen Prinzessin +ähnlich, und sie war es auch. Ein Engländer +war auch da. Wie die weiblichen Kleider +rauschten, wie die Brüste, die nackten, auf und +nieder wogten! Das Eßzimmer war von Parfüms +wie von schlangenhaften Linien durchzogen. +Die Pracht vereinigte sich mit der Sittsamkeit, +der gute Ton mit dem Genuß, die Freude mit der +Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der +Geburt. Dann schwamm das wieder, und es kam +anderes, Neues. Ja, die inneren Gemächer, sie +lebten, und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden. +Die karge Wirklichkeit: was ist sie doch manchmal +für ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit denen sie +nachher nichts anzufangen weiß. Es macht ihr +eben einmal, wie es scheint, Spaß, Wehmut zu +verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder +sehr lieb, schätzens-, sehr schätzenswert. Sie bildet.</p> + +<p>Heinrich und Schilinski sind ausgetreten. +Hand geschüttelt und adieu gesagt. Und fort. +<span class="pagenum"><a name="Page_167">[167]</a></span> +Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz +die Abschiede sind. Man will etwas sagen, hat +aber gerade das Passende vergessen, und so sagt +man nichts oder irgend eine Dummheit. Abschiednehmen +und -geben ist greulich. In solchen +Momenten rüttelt es am Menschenleben, und man +fühlt lebhaft, wie nichts man ist. Rasche Abschiede +sind unliebevoll, und lange sind unerträglich. Was +tut man? Nun, man sagt dann eben etwas Einfältiges. +– Fräulein Benjamenta sagte mir etwas +sehr Sonderbares. »Jakob,« sagte sie, »ich sterbe. +Erschrick nicht. Laß mich zu dir ganz ruhig reden. +Sag', warum bist du nur so mein Vertrauter geworden? +Ich habe dich gleich von Anfang an, +als du hier eintratest, für nett gehalten, für zart. +Bitte, mach' keine falsch-aufrichtigen Einwendungen. +Du bist eitel. Bist du eitel? Höre, ja, +es geht zu Ende mit mir. Kannst du schweigen? +Du mußt nämlich schweigen über das, was du +jetzt erfährst. Vor allen Dingen darf dein Herr +Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen, präge dir +das fest ein. Doch ich bin vollkommen ruhig, +und du bist es auch, ich sehe es, und du wirst +Wort halten und deinen Mund halten können, +ich weiß es. Es nagt an mir, und ich sinke in +etwas hinein, und ich weiß, was das ist. Das +ist so traurig, mein lieber junger Freund, so +traurig. Ich mute dir Stärke zu, nicht wahr, +<span class="pagenum"><a name="Page_168">[168]</a></span> +Jakob? Aber ich weiß es ja grad, daß du stark +bist. Du hast Herz. Kraus würde mich nicht zu +Ende anhören können. Ich finde es so hübsch, daß +du nicht weinst. O es würde mich widerlich berühren, +wenn jetzt schon, jetzt schon deine Augen +feucht würden. Das alles hat noch Zeit. Und +du horchst so schön. Du hörst meine elende Geschichte +an wie etwas Kleines, Feines und Gewöhnliches, +wie etwas, das einfach nur Aufmerksamkeit +heischt, weiter nichts, und so horchst du. +Du kannst dich ganz riesig gut benehmen, wenn +du dir recht Mühe gibst. Freilich, hochmütig bist +du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen +Ton jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was für ein +Wort) steht dicht hinter mir. Sieh', so, wie ich +jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen +kalten scheußlichen Atem an, und ich sinke, sinke +vor diesem Atem. Die Brust preßt es mir ab. +Habe ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das +traurig für dich? Ein wenig, nicht wahr. Doch +du mußt das alles jetzt noch vergessen, hast du +gehört? Vergessen! Ich komme wieder zu dir, +so wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir +geht. Nicht wahr, du wirst es zu vergessen suchen. +Doch komm' her. Laß mich dir die Stirne berühren. +Du bist brav.« – Sie zog mich ganz +leicht an sich und drückte mir so etwas wie Hauch +auf die Stirne. Von Berühren, wie sie sagte, +<span class="pagenum"><a name="Page_169">[169]</a></span> +war gar keine Rede. Dann entfernte sie sich still +und überließ mich meinen Gedanken. Gedanken? +I wo. Ich dachte wieder einmal daran, daß mir +Geld mangle. Das war mein Gedanke. So bin +ich, so roh und so gedankenlos. Und dann ist +die Sache ja die: herzliche Erschütterungen senken +etwas wie Eiseskälte in meine Seele hinein. Unmittelbar +zur Trauer veranlaßt, entschlüpft mir +die Trauer-Empfindung vollständig. Ich lüge +nicht gern. Überhaupt mir gegenüber lügen: was +hätte das für einen Sinn? Ich lüge wo anders, +aber nicht hier, vor mir selber. Nein, weiß der +Kuckuck, da lebe ich, und Fräulein Benjamenta +sagt so etwas Entsetzliches, und ich, der ich sie +anbete, weiß nichts von Tränen? Ich bin gemein, +das ist es. Doch halt. Zu sehr heruntermachen +will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig, +und deshalb – –. Lügen sind das, lauter Lügen. +Ich habe das ja alles eigentlich gewußt. Gewußt? +Das ist wieder eine Lüge. Es ist mir nicht möglich, +mir die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche +ich Fräulein und schweige über diese Geschichte. +Ihr gehorchen dürfen! So lange ich ihr gehorche, +ist sie am Leben. –</p> + +<p>Angenommen, ich wäre Soldat (und ich bin +meiner Natur nach ein ausgezeichneter Soldat), +gemeiner Fußsoldat, und ich diente unter Napoleons +<span class="pagenum"><a name="Page_170">[170]</a></span> +Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab +nach Rußland. Mit meinen Kameraden stünde +ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und +die vielen gemeinsam begangenen rohen Taten +verbänden uns wie zu etwas zusammenhängend +Eisernem. Grimmig würden wir vor uns herstarren. +Ja, der Grimm, der unbewußte, stumpfe +Zorn, der verbände uns. Und wir marschierten, +immer das Gewehr umgehängt. In den Städten, +durch die wir zögen, würde uns eine müßige, +schlaffe, durch den Tritt unserer Füße entmoralisierte +Menschenmenge begaffen. Aber dann würde +es keine Städte mehr geben, oder nur noch ganz +selten, sondern unabsehbare Länderstrecken würden +sich vor unsern Augen und Beinen nach dem +dünnen Horizont hinschleichen. Das Land kröche +und schliche förmlich. Und nun würde der Schnee +kommen und uns einschneien, aber immer würden +wir weitermarschieren. Die Beine, das wäre jetzt +alles. Stundenlang würde mein Blick zur nassen +Erde gesenkt sein. Ich würde Muße haben zur +Reue, zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer +würde ich Schritt halten, Beine hin und her +werfen und vorwärtsmarschieren. Übrigens gliche +unser Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin +und wieder erschien in weiter, weiter Ferne ein +äffender Höhenzug, dünn wie die Kante eines +Taschenmessers, eine Art Wald. Und da würden +<span class="pagenum"><a name="Page_171">[171]</a></span> +wir wissen, daß jenseits dieses Waldes, an dessen +Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich +weitere endlose Ebenen ausdehnten. Von Zeit +zu Zeit fielen Schüsse. Bei diesen vereinzelten +Tönen würden wir uns an das erinnern, was +käme, an die Schlacht, die da eines Tages geschlagen +werden würde. Und wir marschierten. +Die Offiziere würden mit traurigen Mienen umherreiten, +Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie +gejagt von ahnungsvollem Entsetzen, am Zug +vorüber. Man würde an den Kaiser, an den Feldherrn +denken, nur ganz dunkel, aber immerhin, +man würde ihn sich vorstellen, und das gewährte +Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose +kleine, aber furchtbare Unterbrechungen +hemmten für kurze Zeiten den Marsch. Doch +das würde man kaum merken, sondern marschierte +weiter. Dann kämen mir die Erinnerungen, nicht +deutliche, und doch überdeutliche. Sie würden mir +am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen +Beute, sie würden mich ins Heimatlich-Trauliche +versetzen, an den goldenen, von zarten +Nebeln bekränzten, rundlichen Rebhügel. Ich +würde Kuhglocken schallen und ans Gemüt schlagen +hören. Ein liebkosender Himmel böge sich wasserfarbig +und tonreich über mir. Der Schmerz würde +mich beinahe verrückt machen, doch ich marschierte +weiter. Meine Kameraden zur linken und zur +<span class="pagenum"><a name="Page_172">[172]</a></span> +rechten Hand, der Vorder- und der Hintermann, +das bedeutete alles. Das Bein würde arbeiten +wie eine alte, aber immer noch gefügige Maschine. +Brennende Dörfer würden den Augen ein täglich +wiederholter, schon ganz uninteressanter Anblick +sein, und über Grausamkeiten unmenschlicher Art +würde man sich nicht wundern. Da fiele eines +Abends, in der immer bitterer werdenden Kälte, +mein Kamerad, er könnte ja Tscharner heißen, zu +Boden. Ich würde ihm aufhelfen wollen, aber: +»Liegen lassen!« würde der Offizier befehlen. Und +man marschierte weiter. Dann, eines Mittags, +sähen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch er +würde lächeln, er würde uns bezaubern. Ja, +diesem Menschen fiele es nicht ein, seine Soldaten +durch eine düstere Miene zu entnerven und zu +entmutigen. Siegesgewiß, zum voraus schon zukünftige +Schlachten gewonnen, marschierten wir in +dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen +Märschen, würde es endlich zum Schlagen +kommen, und es ist möglich, daß ich am Leben +bliebe und wieder weitermarschierte. »Jetzt geht +es nach Moskau, du!« würde einer in unserer +Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich weiß nicht +was für Gründen darauf, ihm zu antworten. Ich +wäre nur noch der kleine Bestandteil an der +Maschine einer großen Unternehmung, kein Mensch +mehr. Ich wüßte nichts mehr von Eltern, nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_173">[173]</a></span> +von Verwandten, Liedern, persönlichen Qualen +oder Hoffnungen, nichts vom heimatlichen Sinn +und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und +Geduld würde mich zu einem festen, undurchdringlichen, +fast ganz inhaltlosen Körper-Klumpen gemacht +haben. Und so ginge es weiter, nach +Moskau zu. Ich würde das Leben nicht verfluchen, +dazu wäre es längst zu fluchwürdig geworden, +kein Weh mehr empfinden, das Weh mit +all seinen jähen Zuckungen würde ich längst ausempfunden +und fertigempfunden haben. Das ungefähr, +glaube ich, hieße Soldat unter Napoleon +sein.</p> + +<p>»Du bist mir ein Rechter, du!« sagte Kraus +zu mir, eigentlich ganz ungerechtfertigt, »du gehörst +zu denen, die sich, so wertlos sie sein mögen, +über gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich +weiß es schon, schweig' nur. Du willst in mir +einen sauren Pädagogen und Rechthaber erblickt +haben. Geh' mir. Und was fühlst du denn, du +und deinesgleichen, Prahlhanse, was ihr seid, was +ernst-sein und achtsam-sein eigentlich sagen will. +Du bildest dir auf deine springerische und tänzerische +Leichtfertigkeit ganz gewiß, und mit ohne +Zweifel ebenso viel Recht, nicht wahr, Königreiche +ein? Du Tänzer, o ich durchschaue dich. Immer +lachen über das Richtige und Ziemliche, das kannst +<span class="pagenum"><a name="Page_174">[174]</a></span> +du, das verstehst du vortrefflich, ja, ja, darin seid +ihr, du und deine Stammesbrüder, Meister. Aber +gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter, +Blitz und Donner und Schicksalsschläge, +gewiß noch nicht abgeschafft worden. Wegen eurer +Grazie, ihr Künstler, was ihr doch seid, bieten +sich dem Schaffenden, überhaupt Lebendigen, gewiß +nicht plötzlich weniger Schwierigkeiten. Lerne +du auswendig, das, was dir als Lektion vorschweben +sollte, statt mir zeigen zu wollen, daß +du auf mich herablachen kannst. Ist das ein +Herrchen! Es will mir dartun, daß es sich brüsten +kann, wenn es ihm paßt. Laß dir sagen, daß +Kraus solche armseligen Schauspielereien einfach +verachtet. Mach' etwas! Man kann dir das nicht +dutzendmal genug auf die hochmütige Nase binden. +Weißt du was, Jakob, Herr des Daseins: laß mich +in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich bin überzeugt, +es fallen dir welche vor die Füße, und du +wirst sie nur aufzulesen brauchen. Alles schmeichelt +euch ja, alles kommt euch entgegen, euch Besenbinder. +Was? Du hast die Hände noch in der +Tasche? Zwar, ich begreife es. Wem gebratene +Tauben in den Mund fliegen, warum sollte der +sich noch je überhaupt Mühe geben, so auszusehen +wie einer, auf den eine Tat, eine Arbeit, eine +händefordernde Anstrengung hinzutreten könnte? +Bitte, gähne noch ein wenig. Es macht sich dann +<span class="pagenum"><a name="Page_175">[175]</a></span> +besser. So siehst du zu gefaßt, zu beherrscht, zu +bescheiden aus. Oder willst du mir ein paar Vorschriften +erteilen? Tu's nur. Ich bin sehr gespannt. +Ach, mach' daß du wegkommst. An +deiner albernen Gegenwart werde ich sonst noch +ganz und gar an mir selbst irre, du altes – – – +ich hätte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet +einen zu sündhaften Ausdrücken, der Ärgerniserreger, +was er ist. Mach' dich unsichtbar oder +beschäftige dich mit etwas. Und allen Anstand +verlierst du auch, ja du, vor Vorstehers. Ich hab's +schon gesehen. Aber wozu rede ich mit einem +Lachbenzen? Gestehe, daß du ganz nett wärest, +wenn du kein Narr wärst. Wenn du mir das gestehst, +will ich dir um den Hals fallen.« – »O +Kraus, liebster aller Menschen,« sagte ich, »du +höhnst, du spottest? Kann das Kraus? Ist das +möglich?« – Ich lachte hell auf und schlenderte +in meine Kammer. Bald ist hier im Institut +Benjamenta alles überhaupt nur noch ein Schlendern. +Es sieht hier aus, als wenn so etwas wie +»die Tage gezählt« wären. Aber man irrt sich. +Vielleicht irrt sich auch Fräulein Benjamenta. +Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns +vielleicht alle.</p> + +<p>Ich bin jetzt ein Krösus. Zwar, was das +schätzenswerte Geld anbetrifft – – still, nicht von +<span class="pagenum"><a name="Page_176">[176]</a></span> +Geldern reden. Ich führe ein sonderbares Doppelleben, +ein geregeltes und ein ungeregeltes, ein +kontrolliertes und ein unkontrollierbares, ein einfaches +und ein höchst kompliziertes. Was will +Herr Benjamenta sagen, wenn er bekennt, noch +nie einen Menschen geliebt zu haben? Was hat +es zu bedeuten, daß er mir, seinem Eleven und +Sklaven, das sagt? Nun ja, Eleven sind Sklaven, +junge, den Zweigen und Stämmen entrissene, dem +unbarmherzigen Sturmwind überlieferte, übrigens +schon ein wenig gelbliche Blätter. Ist Herr Benjamenta +ein Sturmwind? Sehr wohl denkbar, +denn ich habe ja schon oft Gelegenheit gehabt, +das Brausen und Zürnen und dunkle Sichentladen +dieses Sturmwindes zu spüren. Und dann ist er +ja so allmächtig, und ich Zögling, wie winzig bin +ich. Still, nicht von Allmacht reden. Man irrt +sich stets, wenn man große Worte in den Mund +nimmt. Herr Benjamenta ist der Erschütterung +und Schwäche so fähig, so sehr fähig, daß es beinahe +zum Lachen, vielleicht sogar zum Grinsen ist. +Ich glaube, alles, alles ist schwach, alles muß wie +Würmer zittern. Nun ja, und diese Erleuchtung, +diese Gewißheit macht mich zum Krösus, d. h. +zum Kraus. Kraus liebt und haßt nichts, daher +ist er ein Krösus, es grenzt etwas in ihm ans Unanfechtbare. +Wie ein Felsen ist er, und das Leben, +die stürmische Welle, zerspritzt sich an seinen +<span class="pagenum"><a name="Page_177">[177]</a></span> +Tugenden. Seine Natur, sein Wesen ist ganz voll +behangen von Tugenden. Man kann ihn kaum +lieben, von hassen schon gar keine Rede. Das +Hübsche, Anziehende mag man gern, und daher +ist auch das Schöne und Hübsche der Gefahr des +Gefressenwerdens oder Mißbrauchtwerdens in so +hohem Maße ausgesetzt. An Kraus heran wagen +sich keine verzehrenden, fressenden Lebens-Zärtlichkeiten. +Wie verloren eigentlich, aber doch, wie +fest, wie unnahbar steht er da. Wie ein Halbgott. +Doch das versteht niemand, und auch ich – – – +manchmal rede und denke ich geradezu über den +eigenen Verstand. Ich hätte daher vielleicht +Pfarrer, Anführer einer religiösen Sekte oder +Strömung werden sollen. Nun, das kann ich +ja noch. Ich kann noch alles Mögliche aus mir +machen. Aber Benjamenta? – Ich weiß es genau, +er wird mir jetzt bald einmal seine Lebensgeschichte +erzählen. Es wird ihn drängen zu Offenheiten, +zu Erzählungen. Sehr wahrscheinlich. Und merkwürdig: +manchmal ist mir, als wenn ich mich von +diesem Mann, diesem Riesen, nie trennen sollte, +nie mehr, als ob wir beide in Eines verschmolzen +wären. Aber man irrt sich ja immer. Gefaßt, +einigermaßen gefaßt sein, das will ich. Auch nicht +zu sehr, nein. Zu sehr gefaßt sein hieße zu frech +sein. Wozu Bedeutsames im Leben gewärtigen? +Muß das sein? Ich bin ja etwas so Kleines. +<span class="pagenum"><a name="Page_178">[178]</a></span> +Daran, daran halte ich ungebunden fest, daran, +daß ich klein, klein und nichtswürdig bin. Und +Fräulein Benjamenta? Wird sie wirklich sterben? +An das wage ich nicht zu denken, und ich darf +auch nicht. Ein höheres Empfinden verbietet es +mir. Nein, ich bin kein Krösus. Und was das +Doppelleben betrifft, so führt jedermann eigentlich +ein solches. Wozu sich da brüsten? Ach, all diese +Gedanken, all dieses sonderbare Sehnen, dieses +Suchen, dieses Hände-Ausstrecken nach einer Bedeutung. +Mag es träumen, mag es schlafen. Ich +lasse es einfach nun kommen. Mag es kommen.</p> + +<p>Ich schreibe in fliegender Hast. Ich bebe am +ganzen Körper. Es flackert vor meinen Augen +wie auf und ab tanzende Irrlichter. Etwas +Furchtbares ist geschehen, scheint geschehen, kaum +bin ich meiner selber und dessen bewußt, was +vorfiel. Herr Benjamenta hat einen Anfall gehabt +und hat mich – erwürgen wollen. Ist das +wahr? O weh, alle meine Gedankenkräfte +schwinden, und ich kann mir nicht sagen, ob alles +das wahr ist, was da vorging. Aber ich merke +an der Zerrüttung, die mich beherrscht, daß es +wahr ist. Der Vorsteher kam in eine unbeschreibliche +Wut hinein. Er glich einem Simson, jenem +Mann aus der Geschichte Palästinas, der an den +Säulen eines hohen, menschenerfüllten Hauses +<span class="pagenum"><a name="Page_179">[179]</a></span> +rüttelte, bis der festliche, lüsterne Palast, bis der +steinerne Triumph, bis die Bosheit zusammenstürzte. +Zwar hier, d. h. vor kaum einer Stunde, +war ja durchaus keine Bosheit, keine Niedertracht +umzuwerfen, und Säulen und Pfeiler gab es ebenfalls +keine, aber es sah doch so aus, genau so, +und ich geriet in eine nie vorher gekannte, hasenartige, +schreckliche Angst hinein. Ja, ein Hase +war ich, und in der Tat, ich hatte auch Ursache +zur hasenartigen Flucht, sonst wäre es mir sicher +elend ergangen. Ich entschlüpfte mit, ich kann es +nicht anders sagen, wunderbarer Behendigkeit +seinen zusammenschnürenden Fäusten, und ich +glaube, ich habe ihn, den großen Herrn Benjamenta, +den Riesen Goliath, sogar in den Finger +gebissen. Vielleicht rettete der rasche, energische +Biß mir das Leben, denn es ist leicht möglich, +daß der Schmerz, den die Wunde ihm beibrachte, +ihn plötzlich wieder an Art und Weise, an Vernunft +und Menschlichkeit erinnerte, derart, daß ich +einer groben Verletzung des zöglinghaften Anstandes +möglicherweise das Leben zu verdanken +habe. Gewiß, die Gefahr, erdrückt zu werden, +lag nahe, aber, wie ist das alles gekommen, wie +war das alles möglich? Gleich einem Rasenden +hat er sich auf mich gestürzt. Geworfen hat er +sich mit seinem mächtigen Körper auf mich wie ein +dunkles Stück verrückt gewordenen Jähzornes; wie +<span class="pagenum"><a name="Page_180">[180]</a></span> +eine Meerwelle kam es auf mich zu, um mich zu +zerschmettern an den harten Wasserwänden. Ich +fable da von Wasser. Das ist Unsinn, gewiß, +aber ich bin eben noch ganz benommen, ganz verwirrt +und erschüttert. »Was machen Sie da, +verehrter, lieber Herr Vorsteher? He?« schrie ich +aus und rannte wie besessen zur Bureautüre +hinaus. Und da horchte ich wieder. So wie ich +mit heiler Haut im Korridor stand, schob ich, +allerdings zitternd mit all meinen Gliedern, mein +Ohr ans Schlüsselloch und horchte. Da hörte ich's +leise lachen. Ich stürzte hierher an den Schultisch, +und hier bin ich, und ich weiß nicht, ob ich +das geträumt, oder ob ich das tatsächlich erlebt +habe. Nein, nein, es ist, es ist Tatsache. Wenn +doch nur Kraus käme. Mir ist doch ein wenig +bange. Wie nett wäre es, wenn der gute Kraus +käme und mir wieder ein wenig, wie schon so oft, +die Leviten läse. Ich möchte ein wenig ausgeschimpft, +abgekanzelt, verknurrt und verdonnert +werden, das würde mir unsagbar wohltun. Bin +ich ein Kind? –</p> + +<p>Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, +glaube ich zuversichtlich, wird an mir immer etwas +Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so +gewachsen, älter geworden, aber das Wesen blieb. +Ich finde an dummen Streichen noch ebenso viel +<span class="pagenum"><a name="Page_181">[181]</a></span> +Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es ja, +ich habe eigentlich nie dumme Streiche gemacht. +Meinem Bruder habe ich ganz früh einmal ein +Loch in den Kopf geschlagen. Das war ein Geschehnis, +kein dummer Streich. Gewiß, Dummheiten +und Jungenhaftigkeiten gab es die Menge, +aber der Gedanke interessierte mich immer mehr +als die Sache selber. Ich habe früh begonnen, +überall, selbst in den dummen Streichen, Tiefes +herauszuempfinden. Ich entwickle mich nicht. Das +ist ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde +ich nie Äste und Zweige ausbreiten. Eines Tages +wird von meinem Wesen und Beginnen irgend ein +Duft ausgehen, ich werde Blüte sein und ein +wenig, wie zu meinem eigenen Vergnügen, duften, +und dann werde ich den Kopf, den Kraus einen +dummen, hochmütigen Trotzkopf nennt, neigen. +Die Arme und Beine werden mir seltsam erschlaffen, +der Geist, der Stolz, der Charakter, +alles, alles wird brechen und welken, und ich werde +tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse +Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig +Jahre so dahinleben und -sterben. Ich werde alt +werden. Doch ich habe kein Bangen vor mir. Ich +flöße mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere +ja mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, +und es läßt mich ganz kalt. O in Wärme kommen! +Wie herrlich! Ich werde immer wieder in Wärme +<span class="pagenum"><a name="Page_182">[182]</a></span> +kommen können, denn mich wird niemals etwas +Persönliches, Selbstisches am Warmwerden, am +Entflammen und am Teilnehmen verhindern. Wie +glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens- +und Sehenswertes zu erblicken vermag. Klein +sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine +Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo +Macht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, +die mich bevorzugten, zerschlagen, und +mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, +nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern +Regionen atmen.</p> + +<p>Ich gehe durchaus mit den Vorschriften, die +hier – immer noch – gelten, einig, wenn sie +befehlen, daß die Augen des Zöglings und Lebenslehrlings +glänzen müssen vor Munterkeit und +gutem Willen. Ja, Augen müssen Festigkeit der +Seele ausstrahlen. Ich verachte Tränen, und doch +habe ich geweint. Allerdings mehr innerlich, aber +das ist vielleicht gerade das Schauderhafteste. +Fräulein Benjamenta sagte zu mir: »Jakob, ich +sterbe, weil ich keine Liebe gefunden habe. Das +Herz, das kein Würdiger zu besitzen, zu verwunden +begehrt hat, es stirbt jetzt. Ich sage dir adieu, +Jakob, schon jetzt. Ihr Knaben, Kraus, du und +die andern, ihr werdet dann ein Lied singen am +Bett, in dem ich liegen werde. Klagen werdet ihr, +<span class="pagenum"><a name="Page_183">[183]</a></span> +leise klagen. Und jeder von euch, ich weiß es, +wird eine frische, vielleicht gar vom Naturtau noch +feuchte Blume auf das Laken legen. Laß mich +dich, junges Menschenherz, ganz ins geschwisterliche, +ins lächelnde Vertrauen ziehen. Ja, dir, +Jakob, etwas anzuvertrauen, das ist so natürlich, +denn man meint, du, der du so aussiehst wie jetzt, +du müßtest für alles und jedes, selbst für das +Unsagbare und Unhörbare, ein Ohr, eine horchende +Brust, ein Auge, eine Seele und ein mitleidendes, +mitempfindendes Verständnis haben. +Ich gehe am Unverständnis derjenigen, die mich +hätten sehen und fassen sollen, am Wahn der +Vorsichtigen und Klugen, und an der Lieblosigkeit +des Zauderns und des Nicht-recht-mögens +zugrunde. Man glaubte mich eines Tages zu +lieben, und mich zu haben zu wünschen, doch man +zauderte, man ließ mich stehen, und auch ich +zauderte, aber ich bin ja ein Mädchen, ich mußte +zaudern, ich durfte und sollte es. Ah, wie hat +mich die Untreue betrogen, wie haben mich Leerheit +und Fühllosigkeit eines Herzens gepeinigt, +an das ich glaubte, weil ich glaubte, es sei voll +von echten, drängenden Gefühlen. Etwas, das +überlegen und unterscheiden kann, ist kein Gefühl. +Ich spreche zu dir von dem Mann, an den anmutige +süße Träume mich glauben, unbedenklich +glauben hießen. Ich kann dir nicht alles sagen. +<span class="pagenum"><a name="Page_184">[184]</a></span> +Laß mich lieber schweigen. O das Vernichtende, +das mich tötet, Jakob. Die Trostlosigkeiten alle, +die mich brechen! – Doch genug. Sage, hast du +mich lieb, wie junge Brüder Schwestern lieb +haben? Schon gut. Jakob, nicht wahr, es ist +alles ganz gut, so wie es ist? Nein, nicht wahr, +wir beide, wir wollen nicht grollen, nicht zweifeln? +Und nicht wahr, nie wieder irgend etwas zu begehren +haben, ist schön? Oder nicht? Ja, ja +doch. Das ist schön. Komm' und laß mich dich +küssen, ein einziges unschuldiges Mal. Sei weich. +Ich weiß, du weinst nicht gern, aber jetzt laß uns +ein wenig zusammen weinen. Und ganz still jetzt, +ganz still.« Sie fügte nichts mehr hinzu. Es +war, als wenn sie vieles noch hätte sagen wollen, +doch als wenn sie für ihre Empfindungen keine +Worte mehr fände. Draußen im Hof schneite +es in nassen großen Flocken. Das erinnerte mich +an den Schloßhof, an die innern Gemächer, wo es +ebenfalls in nassen großen Flocken geschneit hatte. +Die innern Gemächer! Und ich dachte mir immer, +Fräulein Benjamenta sei die Herrin dieser innern +Gemächer. Ich habe sie mir immer als zarte +Prinzessin gedacht. Und jetzt? Fräulein Benjamenta +ist ein leidender feiner weiblicher Mensch. +Keine Prinzessin. Sie wird also eines Tages da +drinnen im Bett liegen. Der Mund wird starr +<span class="pagenum"><a name="Page_185">[185]</a></span> +sein, und um die leblose Stirne werden sich die +Haare trügerisch kräuseln. Doch wozu sich das +ausmalen? Jetzt gehe ich zum Vorsteher. Er +hat mir sagen lassen, ich solle zu ihm kommen. +Auf der einen Seite eine Mädchenklage und +-leiche, auf der andern Seite ihr Bruder, der +noch gar nicht gelebt zu haben scheint. Ja, Benjamenta +kommt mir wie ein ausgehungerter, eingesperrter +Tiger vor. Und wie? Ich, ich begebe +mich in den gähnenden Rachen hinein? Nur +hinein! Mag er seinen Mut kühlen an einem +wehrlosen Zögling. Ich stehe ihm zur Verfügung. +Ich fürchte ihn, und zugleich ist etwas in mir, +das ihn auslacht. Außerdem ist er mir ja noch +die Erzählung seiner Lebensgeschichte schuldig. Er +hat mir das fest versprochen, und ich werde ihn +daran zu erinnern wissen. Ja, so kommt er mir +vor: noch gar nicht gelebt hat er. Will er sich +jetzt etwa an mir ausleben? Nennt er etwa gar +Verbrechenausüben Ausleben? Das wäre dumm, +sehr dumm, und gefährlich. Aber es zwingt mich! +Ich muß zu diesem Menschen hineingehen. Eine +Seelengewalt, die ich nicht verstehe, nötigt mich, +ihn immer wieder von neuem aushorchen, ausforschen +zu gehen. Mag mich der Vorsteher fressen, +mit andern Worten, mir Leid und Schmach antun. +Jedenfalls bin ich dann an etwas Großherzigem +<span class="pagenum"><a name="Page_186">[186]</a></span> +zugrunde gegangen. Hinein jetzt ins Kontor. Die +arme Lehrerin! –</p> + +<p>Ein wenig verächtlich, muß ich sagen, sonst +aber ganz zutraulich (ja, eben deshalb so zutraulich, +weil verächtlich), klopfte mir der Vorsteher +mit der Hand auf die Schulter und lachte +mich mit seinem breiten aber wohlgeformten Mund +an. Die Zähne kamen dabei zum Vorschein. »Herr +Vorsteher,« sagte ich unglaublich zornig, »ich muß +bitten, mich mit etwas weniger kränkender Freundlichkeit +zu behandeln. Noch bin ich Ihr Zögling. +Im übrigen verzichte ich, und das nicht ausdrücklich +genug, auf Gnaden. Seien Sie einem +Lumpen gegenüber herablassend und gütig. Mein +Name ist Jakob von Gunten, und das ist ein zwar +junger, aber trotzdem seiner Würde bewußter +Mensch. Ich bin nicht zu entschuldigen, das sehe +ich, aber auch nicht zu beleidigen, das verhindere +ich.« – Und mit diesen geradezu lächerlich anmaßenden +Worten, mit diesen so wenig ins gegenwärtige +Zeitalter passenden Worten stieß ich die +Hand des Herrn Vorstehers zurück. Darauf lachte +Herr Benjamenta noch fröhlicher und sagte: »Ich +muß mich einfach halten, ich muß dich anlachen, +Jakob, und ich muß mich halten, daß ich dich nicht +küsse, du prachtvoller Bursche.« – Ich rief aus: +»Mich küssen? Sind Sie verrückt geworden, Herr +<span class="pagenum"><a name="Page_187">[187]</a></span> +Vorsteher? Ich will nicht hoffen.« – Ich staunte +selber über die Ungeniertheit, mit der ich das +sagte, und ich trat, wie um einem Hieb auszuweichen, +unwillkürlich einen Schritt zurück. Herr +Benjamenta aber, die Güte und Schonung selber, +sagte mit vor seltsamer Genugtuung bebenden +Lippen: »Junge, Knabe, du bist köstlich. Mit +dir zusammen in Wüsten oder auf Eisbergen im +nördlichen Meere zu leben, das würde mich locken. +Komm' her. Ei, der Teufel, fürchte dich doch, +bitte, nicht vor mir. Nichts tu' ich dir. Was +könnte, was vermöchte ich dir denn anzutun? +Dich wertvoll und selten empfinden, sieh, das +muß ich, das tu' ich, aber davor brauchst du doch +keine Angst zu haben. Im übrigen, Jakob, und +jetzt ganz ernsthaft gesagt, höre: Willst du ganz, +ganz bei mir bleiben? Du verstehst das nicht +recht, also laß dir das ruhig auseinandersetzen. +Hier geht es zu Ende, verstehst du das?« – +Ich platzte dumm heraus mit den Worten: »Ah, +Herr Vorsteher, meine Ahnungen!« – Er lachte +von neuem und sprach: »Sieh da, geahnt hast +du es schon, daß das Institut Benjamenta gleichsam +heute noch lebt und morgen nicht mehr. +Ja, so kann man sagen. Du bist der letzte Schüler +gewesen. Ich nehme keine Zöglinge mehr an. +Blick' mich an. Mich freut es so mächtig, verstehst +du, daß ich dich, den jungen Jakob, noch +<span class="pagenum"><a name="Page_188">[188]</a></span> +habe kennen lernen dürfen, einen so rechtgearteten +Menschen, bevor ich hier zuschließe für immer. +Und nun frage ich dich, Schelm, der du mich mit +so eigenartigen fröhlichen Ketten fesselst, willst du +mit mir gehen, wollen wir zusammenbleiben, zusammen +irgend etwas anfangen, etwas unternehmen, +wagen, schaffen, wollen wir beide, du +der Kleine, ich der Große, zusammen versuchen, +wie wir das Leben bestehen? Bitte, antworte sogleich.« +– Ich erwiderte: »Meiner Ansicht nach +hat die Beantwortung dieser Frage noch Zeit, +Herr Vorsteher. Aber was Sie sagen, interessiert +mich, und ich werde mir die Sache, etwa bis +morgen, überlegen. Doch glaube ich, daß ich mit +ja antworten werde.« – Herr Benjamenta konnte +sich, wie es schien, nicht enthalten, zu sagen: +»Du bist entzückend.« – Nach einer Pause nahm er +das Wort wieder und sagte: »Denn schau', mit +dir ließe sich so etwas wie eine Gefahr, wie ein +kühnes, abenteuerliches, entdeckerisches Unternehmen +bestehen. Aber es kann ruhig auch irgend +etwas Feines und Sittsames sein, das wir machen +können. Du bist von beiderlei Blut, von zartem +und unerschrockenem. Mit dir vereint wagt man +entweder etwas Mutiges oder etwas sehr Delikates.« +– »Herr Vorsteher,« sagte ich, »schmeicheln +Sie mir nicht, das ist garstig und erregt Verdacht. +Und dann halt! Wo ist die Geschichte +<span class="pagenum"><a name="Page_189">[189]</a></span> +Ihrer Vergangenheit, die Sie mir zu erzählen +versprochen haben, wie Sie sich wohl noch erinnern +werden?« – In diesem Augenblick riß jemand +die Türe auf. Kraus, er war es, stürzte atemlos, +ganz blaß im Gesicht, und unfähig, die Meldung, +die er offenbar auf den Lippen hatte, vorzutragen, +ins Zimmer herein. Er machte nur eine hastige +Geste, wir sollten kommen. Wir alle drei traten +in die dunkelnde Schulstube. Was wir hier sahen, +machte uns erstarren.</p> + +<p>Am Boden lag das entseelte Fräulein. Der +Vorsteher ergriff ihre Hand, ließ sie aber, wie von +Schlangen gebissen, fahren und schauderte, von +Entsetzen gepackt, zurück. Dann kam er wieder +in die Nähe der Toten, schaute sie an, entfernte +sich wieder, um gleich wieder heranzutreten. Kraus +kniete zu ihren Füßen. Ich hielt den Kopf der +Lehrerin in beiden Händen, damit er den harten +Boden nicht zu berühren brauchte. Die Augen +standen noch offen, nicht sehr weit, sondern gleichsam +blinzelnd. Herr Benjamenta schloß sie. Auch +er kniete am Boden. Wir alle drei sprachen kein +Wort, aber wir waren nicht in »tiefe Gedanken +versunken«. Wenigstens ich konnte an nichts Ausgeprägtes +denken. Aber ich war ganz ruhig. Ich +kam mir sogar, so eitel das auch klingt, gut und +schön vor. Ich hörte von irgend woher ein ganz +<span class="pagenum"><a name="Page_190">[190]</a></span> +dünnes Geriesel von Melodien. Linien und +Strahlen bogen sich vor meinen Augen hin und +her. »Ergreift sie,« sagte leise Herr Vorsteher, +»kommt. Tragt sie ins Wohnzimmer. Sachte, +sachte, o sachte anfassen. Sorgsam, Kraus. Um +Gotteswillen, nicht so rauh. Jakob, gib acht, +ja? Nicht irgendwo anstoßen. Ich will euch +helfen. Ganz langsam vorwärts. So. Und einer +strecke die Hand aus und öffne die Türe. So, so. +Es geht. Nur sorgfältig.« – Er sprach meiner +Ansicht nach überflüssige Worte. Wir trugen +Fräulein Lisa Benjamenta aufs Bett, dessen Decke +der Vorsteher rasch wegriß, und nun lag sie da, +wie sie es mir zum voraus gleichsam angekündigt +hatte. Und dann kamen die Schulkameraden, und +alle sahen es, und dann standen wir alle so da, am +Bett. Herr Vorsteher gab uns einen verständlichen +Wink, und wir Eleven und Knaben fingen an, +im Chor gedämpft zu singen. Das war die Klage, +die das Mädchen gewünscht hatte zu vernehmen, +wenn sie auf dem Lager läge. Und jetzt, so bildete +ich es mir ein, vernahm sie den leisen Gesang. +Es war uns, glaube ich, allen, als wäre es Unterrichtsstunde, +und wir sängen auf Befehl der +Lehrerin, der wir immer so rasch gehorchten. Als +das Lied zu Ende gesungen war, trat Kraus aus +dem Halbkreis, den wir gebildet hatten, vor und +sprach, ein wenig langsam, aber um so eindringlicher, +<span class="pagenum"><a name="Page_191">[191]</a></span> +folgendes: »Schlafe, ruhe süß, verehrtes +Fräulein. (Er sprach sie, die Tote, mit du an. +Mir gefiel das.) Entwunden bist du den Schwierigkeiten, +entfesselt vom Bangen, befreit von den +Sorgen und Schicksalen der Erde. Wir haben dir +am Bett gesungen, Verehrte, wie du es befahlst. +Sind wir, deine Zöglinge, nun verlassen? So +scheint es, so ist es. Doch du, Frühgestorbene, +wirst unsern Gedächtnissen nie, nie entschwinden. +Du wirst am Leben bleiben in unsern Herzen. +Wir, deine Knaben, die du gemeistert und beherrscht +hast, wir werden uns im flatterhaften +und mühevollen Leben, Gewinn und Unterkommen +suchend, zerstreuen, so, daß vielleicht alle alle +nie wieder finden und sehen. Aber wir alle werden +an dich denken, Erzieherin, denn die Gedanken, +die du uns eingeprägt, die Lehren und Kenntnisse, +die du in uns befestigt hast, werden uns immer an +dich, die Schöpferin des Guten, was in uns ist, +erinnern. Ganz von selber. Essen wir, so wird +uns die Gabel sagen, wie du wünschtest, daß wir +sie führen und handhaben sollen, und wir werden +anständig zu Tisch sitzen, und das Bewußtsein, +daß wir das tun, wird uns an dich zurückdenken +machen. In uns herrschest, gebietest, lebst, erziehst +und fragst und tönst du weiter. Irgend +einer von uns Zöglingen, der es etwas weiter als +der andere im Leben bringt, wird vielleicht seinen +<span class="pagenum"><a name="Page_192">[192]</a></span> +zurückgebliebenen ärmeren Kameraden, wenn er +ihn antrifft, nicht mehr kennen wollen. Gewiß. +Doch dann denkt er unwillkürlich ans Institut +Benjamenta zurück und an die Herrin, und er wird +sich schämen, deine Grundsätze so rasch und so hochmütig +verleugnet und vergessen zu haben. Und er +wird dem Kameraden, dem Bruder, dem Menschen +ohne alle Überlegung die Hand zum Gruß reichen. +Was lehrtest du uns, Verblichene? Du sagtest uns +stets, wir sollten bescheiden und willig bleiben. +Ah, das werden wir nie vergessen, so wenig wie +wir die liebe Person, die es ausgesprochen hat, +werden überwinden und vergessen können. Schlaf' +wohl, du Verehrte. Träume! Schöne Einbildungen +mögen dich flüsternd umschweben. Die +Treue, die glücklich ist, dir nahe zu sein, beuge +ihr Knie vor dir, und die dankbare Anhänglichkeit +und das erinnerungslüsterne, zärtliche Nie-Vergessen-Können +streuen Blüten, Zweige, Blumen +und Worte der Liebe dir um Stirne und Hände. +Wir, deine Zöglinge, wir wollen jetzt noch eines +singen, und dann haben wir die Gewißheit, daß +wir an deinem Totenlager, das uns das Lustlager +frohen und hingebungsvollen Gedenkens sein +wird, gebetet haben. So lehrtest ja du uns beten. +Du sagtest: Singen sei Beten. Und du wirst uns +hören, und wir werden uns einbilden, du lächeltest. +Uns will es die Herzen zerschneiden, dich hier +<span class="pagenum"><a name="Page_193">[193]</a></span> +liegen zu sehen, dich, deren Bewegungen uns vorgekommen +sind wie dem Durstigen frisches, belebendes +Quellwasser. Ja, schmerzvoll ist das. +Doch wir beherrschen uns, und gewiß wünschtest +auch du das. So sind wir gefaßt. So gehorchen +wir dir und singen.« – Kraus trat vom Lager +zu uns zurück und wir sangen noch ein Lied, das +ebenso leise dahin- und daherklang wie das erste. +Dann traten wir, einer hinter dem andern, ans +Bett, und jeder drückte einen Kuß auf die Hand +des toten Mädchens. Und jeder von den Eleven +sprach etwas. Hans sagte: »Ich will es Schilinski +erzählen. Und Heinrich muß es auch wissen.« – +Schacht meinte: »Lebe wohl, du warst immer so +gut.« Peter: »Ich will deine Gebote befolgen.« +Dann traten wir in die Schulstube zurück, indem +wir den Bruder bei der Schwester, den Vorsteher +bei der Vorsteherin, den Lebendigen bei der Toten, +den Einsamen bei der Einsamen, den Schmerzgebeugten +bei der Vollendeten, Herrn Benjamenta +bei Fräulein Benjamenta allein ließen.</p> + +<p>Ich habe von Kraus Abschied nehmen müssen. +Kraus ist gegangen. Ein Licht, eine Sonne ist +geschwunden. Mir ist es, als wenn es von jetzt +ab in der Welt und Umwelt nur noch Abend sein +könnte. Bevor eine Sonne untertaucht, wirft sie +noch rötliche Strahlen über die dunkelnde Gegenwart, +<span class="pagenum"><a name="Page_194">[194]</a></span> +ähnlich Kraus. Er hat mich, bevor er +ging, rasch noch einmal ausgescholten, und der +ganze veritable Kraus ist dabei noch ein letztes +Mal zum leuchtenden Vorschein gekommen. +»Adieu, Jakob, bessere dich, ändere dich,« sagte er +zu mir, indem er mir, beinahe ärgerlich darüber, +daß er es tun mußte, die Hand reichte. »Ich gehe +jetzt fort, in die Welt, in den Dienst. Das wirst +auch du hoffentlich bald tun müssen. Schaden wird +es dir sicher nicht. Ich wünsche dir Hiebe auf +deinen Unverstand hinauf. Man soll dich tüchtig +bei den ungezogenen Ohren nehmen. Lache nur +nicht noch beim Abschied. Übrigens ziemte dir +das. Und wer weiß, vielleicht sind die Verhältnisse +dieser Welt so töricht, daß sie dich in die Höhe +heben. Dann kannst du in der Unverschämtheit, +im Trotz, in der Überhebung und in der lächelnden +Trägheit, in Spott und allen möglichen Sorten +Unarten ruhig und frech fortfahren und sorgenlos +bleiben, was du bist. Dann kannst du dich brüsten +bis zum Zersprengen, mit all dem, was du dir +hier im Institut Benjamenta nicht hast abgewöhnen +wollen. Aber ich hoffe, daß Sorgen +und Mühen dich in ihre harte, untugendenzerschmetternde +Schule nehmen. Sieh', Kraus spricht +hart. Und doch meine ich es vielleicht besser mit +dir Bruder Lustig, als die, die dir Glück in den +Schoß und ins offene Maul wünschen würden. +<span class="pagenum"><a name="Page_195">[195]</a></span> +Arbeite mehr, wünsche weniger, und noch etwas: +bitte vergiß mich ganz. Ich würde mich nur +ärgern, wenn ich dächte, du habest für mich irgend +einen abgelegten alten, schäbigen, solch einen tänzelnden +Komm' ich heute nicht-komm' ich morgen-Gedanken +übrig. Nein, Bürschchen, merke dir's, +Kraus braucht keinen von deinen von Guntenschen +Späßen.« – »Liebloser, lieber Mensch,« rief ich +voller banger Abschiedsahnungen und -empfindungen +aus. Und ich wollte ihn umarmen. Doch +er verhinderte das auf die einfachste Art der Welt, +indem er sich rasch, und für immer, entfernte. +»Heute noch ein Institut Benjamenta und morgen +keines mehr,« sprach ich laut zu mir selber. Ich +trat zu Herrn Vorsteher herein. Es war mir, als +wenn die Welt einen glühend-zündend-klaffenden +Riß von einer räumlichen Möglichkeit bis zur +entgegengesetzten andern bekommen hätte. Mit +Kraus war die Hälfte des Lebens gegangen. »Von +jetzt ab ein anderes Leben!« murmelte ich. Es +ist übrigens ganz einfach: ich war betrübt und ein +wenig bestürzt. Wozu sich in großen Worten ergehen? +Vor dem Vorsteher verneigte ich mich +förmlicher als je, und es erschien mir schicklich, +»guten Tag, Herr Vorsteher« zu sagen. »Bist +du toll, alter Junge?« rief er. Er kam mir entgegen +und würde mich umarmt haben, aber ich +verhinderte das, indem ich ihm einen Schlag auf +<span class="pagenum"><a name="Page_196">[196]</a></span> +den ausgestreckten Arm versetzte. »Kraus ist gegangen,« +sagte ich tiefernst. Wir schwiegen und +begnügten uns, uns ziemlich lange anzuschauen.</p> + +<p>»Ich habe,« sagte dann Herr Benjamenta in +ruhigem, männlichem Ton, »den andern allen, +deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft. +Nur noch wir drei, du, ich und sie, die da drinnen +auf dem Bett liegt, bleiben noch hier. Die Tote +(warum nicht ruhig über die Toten reden? Sie +leben ja. Nicht wahr?), sie wird morgen abgeholt +werden. Das ist ein häßlicher, aber notwendiger +Gedanke. Heute sind wir drei noch zusammen. +Und wir werden die Nacht über wach +bleiben. Wir beide werden reden an ihrem Lager. +Und wenn ich nun so denke, wie du da eines Tages +mit der Bitte, Forderung und Frage anlangtest, +in die Schule aufgenommen zu werden, packt mich +eine unerhörte Lebens- und Lachlust. Ich bin +über Vierzig. Ist das alt? Es war alt, doch +jetzt, wie du so da bist, Jakob, bedeutet es grünende +und kräftig knospende Jugend, dieses Vierziger-Alter. +Mit dir, du Gemüt von einem Jungen, +ist frisches, ist überhaupt erst Leben über mich und +in mich hineingekommen. Ich habe hier, siehst du, +hier im Bureau, schon verzweifelt, bin hier schon +ganz eingetrocknet, habe mich hier geradezu begraben. +Ich haßte, haßte, haßte die Welt. Unsagbar +<span class="pagenum"><a name="Page_197">[197]</a></span> +ist von mir alles dies Wesen, Bewegen und +Leben gehaßt und gemieden worden. Da tratest +du ein, frisch, dumm, unartig, frech und blühend, +duftend von unverdorbenen Empfindungen, und +ganz natürlich schnauzte ich dich mächtig an, aber +ich wußte es, so wie ich dich nur sah, daß du ein +Prachtbursche seiest, mir, wie es mir vorkam, vom +Himmel heruntergeflogen, von einem alleswissenden +Gott mir gesandt und geschenkt. Ja, dich +brauchte ich gerade, und ich lächelte immer +heimlich, wenn du von Zeit zu Zeit zu mir eintratest, +um mich mit deinen reizenden Frechheiten +und Grobheiten, die mir wie gutgelungene Gemälde +erschienen, zu belästigen. O nein, zu betören. +Ruhig, Benjamenta, ruhig. – Hast du +es, sage mir das, nie bemerkt, daß wir Zwei +Freunde waren? Doch still. Und wenn ich dann +so meine Würde vor dir bewahrte, o dann hätte ich +sie zerreißen mögen, zerreißen in Fetzen. Wie +rasend förmlich du dich sogar heute noch vor mir +verbeugt hast! Doch höre, wie ist es eigentlich +nur mit dem Wutanfall von neulich? Habe ich +dir wehtun wollen? Wollte ich mir selber einen +tödlichen Streich versetzen? Vielleicht weißt du +es, Jakob? Ja? Dann, bitte, kläre mich sofort auf. +Sofort, hast du verstanden! Wie ist mir? Wie? +Was sagst du?« – »Ich weiß es nicht. Ich hielt +Sie für wahnsinnig, Herr Vorsteher,« sagte ich. +<span class="pagenum"><a name="Page_198">[198]</a></span> +Es überlief mich kalt angesichts der überströmenden +Zärtlichkeit und Lebenslust, die aus den Augen +des Mannes hervorbrachen. Wir schwiegen eine +Weile. Plötzlich kam mir der Einfall, Herrn Benjamenta +an die Geschichte seines Lebens zu erinnern. +Das war sehr gut. Das konnte ihn +unter Umständen zerstreuen, ihn von mörderischen +neuen Anfällen abhalten. Ich war in diesem +Moment fest überzeugt, daß ich mich in den Krallen +eines halb-Verstandlosen befände, und ich sagte +daher rasch, indem mir der Schweiß über die +Stirne herabrann: »Ja, Ihre Geschichte, Herr +Vorsteher? Wie ist es damit? Wissen Sie, daß +ich Andeutungen verabscheue? Sie haben mir +dunkel angedeutet, daß Sie ein entthronter Herrscher +seien. Nun wohlan. Bitte, drücken Sie sich +deutlich aus. Ich bin sehr gespannt.« – Er +kraute sich ganz verlegen hinter dem Ohr. Dann +wurde er plötzlich geradezu böse, kleinlich böse, und +er herrschte mich im Feldwebelston an: »Abtreten. +Mich allein lassen!« – Nun, ich ließ mir das +nicht zweimal sagen, sondern verschwand augenblicklich. +Schämte er sich, grämte er sich um irgend +etwas, dieser König Benjamenta, dieser Löwe im +Käfig? Jedenfalls war ich wieder einmal recht +froh, draußen im Korridor stehen und lauschen +zu können. Es herrschte Totenstille. Ich ging in +die Kammer, zündete einen Kerzenstumpf an und +<span class="pagenum"><a name="Page_199">[199]</a></span> +vertiefte mich in den Anblick des Bildes von +Mama, das ich stets sorgsam aufbewahrt hatte. +Später klopfte es an die Türe. Es war der Vorsteher, +er war ganz schwarz angezogen. »Komm,« +befahl er mit eiserner Strenge. Wir gingen ins +Wohnzimmer, um bei der Entschlafenen zu wachen. +Herr Benjamenta wies mir mit einer leichten +Handbewegung meinen Platz an. Wir setzten uns. +Gottlob, ich spürte wenigstens gar keine körperliche +Müdigkeit. Das war mir sehr lieb. Das Gesicht +der Toten war schön geblieben, ja, es schien sogar +noch anmutiger geworden zu sein, und noch etwas: +von Moment zu Moment schien immer mehr +Schönheit, Rührung und Anmut darauf niederzufallen. +Etwas wie lächelnde Vergebung jeder +Art Fehltrittes schien im Wohnzimmer zu schweben +und leise zu tönen. Es zirpte so. Und es war auf +so helle, lichte Art ernst in der Stube. Nichts, +nichts Unheimliches. Mir wurde es schön zumut, +denn schon das allein, daß ich hier wachte, ließ +mich die Ruhe, die in einer stillen Pflichterfüllung +liegt, angenehm empfinden.</p> + +<p>»Später, Jakob,« ergriff der Vorsteher das +Wort, indem wir so saßen, »später erzähle ich dir +alles. Wir werden ja doch zusammenbleiben. Ich +glaube ganz fest, sogar felsenfest an deine Zustimmung. +Du wirst morgen, wenn ich dich nach +<span class="pagenum"><a name="Page_200">[200]</a></span> +deinen Entscheidungen frage, nicht nein sagen, das +weiß ich. Für heute muß ich dir sagen, daß ich +kein wirklicher abgesetzter König bin, ich meinte, +ich sagte dir das nur so, des Bildes halber. Wohl +aber gab es Zeiten, wo dieser Benjamenta, der hier +neben dir sitzt, sich als Herr, als Eroberer und +als König fühlte, wo das Leben vor mir zum +Erfassen dalag, wo alle meine Sinne an Zukunft +und an Größe glaubten, wo meine Schritte mich +elastisch dahin wie über teppichähnliche Wiesen und +Begünstigungen trugen, wo ich besaß, was ich +anschaute, genoß, an was ich nur flüchtig dachte, +wo alles bereit war, mich mit Befriedigung zu +krönen, mit Erfolgen und Errungenschaften mich +zu salben, wo ich König war, ohne es kaum zu +ahnen, groß, ohne daß ich nötig hatte, mir eine +bewußte Rechenschaft davon abzulegen. In diesem +Sinne, Jakob, bin ich hoch gewesen, d. h. einfach +jung und vielversprechend, und in diesem Sinne +geschah die Entfürstung und Entthronung. Ich +stürzte. Und ich zweifelte an mir und an allem. +Wenn man verzweifelt und trauert, lieber Jakob, +ist man so jammervoll klein, und immer mehr +Kleinheiten werfen sich über einen, gefräßigem, +raschem Ungeziefer gleich, das uns frißt, ganz +langsam, das uns ganz langsam zu ersticken, zu +entmenschen versteht. Also das mit dem König +war eine Phrase. Ich bitte dich, kleiner Zuhörer, +<span class="pagenum"><a name="Page_201">[201]</a></span> +um Entschuldigung, wenn ich dich an Szepter und +Purpurmantel habe glauben machen. Doch glaube +ich, daß du es eigentlich wußtest, wie es mit diesen +gestammelten und geseufzten Königreichen im +Grunde gemeint war. Nicht wahr, ein wenig +gemütlicher komme ich dir jetzt vor? Jetzt, da ich +kein König mehr bin? Denn das gibst du doch +selbst zu, daß solche Herrscher, wenn sie genötigt +sind, Unterricht usw. zu erteilen und Institute zu +eröffnen, gewiß unheimliche Patrone wären. +Nein, nein, ich war nur zukunftsstolz und -froh: +das sind meine Ländereien und königlichen Einkünfte +gewesen. Dann war ich lange, lange Jahre +entmutigt und entwürdigt. Und nun bin ich +wieder, d. h. fange an, wieder ich selber zu sein, +und es ist mir, als hätte ich eine Million geerbt, +ach was, Million geerbt, nein, es ist mir, als +wäre ich – – zum Herrscher erhoben und gekrönt +worden. Allerdings kommen mir immer wieder +die dunklen, grauenhaft dunklen Stunden, wo mir +alles schwarz vor den Augen und hassenswert +vor dem gleichsam, versteh' mich, verbrannten und +verkohlten Gemüt wird, und in solchen Stunden +zwingt es mich, zu zerreißen, zu töten. O meine +Seele, du, würdest du, trotzdem du das nun weißt, +bei mir bleiben? Könntest du dich, vielleicht aus +einfacher menschlicher Neigung zu mir, oder aus +irgend einer andern dir zusagenden Empfindung, +<span class="pagenum"><a name="Page_202">[202]</a></span> +dazu entschließen, der Gefahr, die dir mit dem +Zusammensein mit mir Unmenschen droht, zu +trotzen? Kannst du hohen Herzens trotzen? Bist +du solch ein Trotzkopf? Und nimmst du das +alles nicht übel? Übel? Ach was, Dummheiten. +Übrigens weiß ich es ja, Jakob, daß wir zusammen +leben werden. Es ist entschieden. Wozu dich noch +fragen? Siehe, ich kenne doch ja meinen früheren +Zögling. Jetzt, Jakob, bist du nicht mehr mein +Zögling. Ich will nicht mehr bilden und lehren, +sondern ich will leben und lebend etwas wälzen, +etwas tragen, etwas schaffen. O, es läßt sich so +herrlich, so herrlich leiden mit solch einem Herzen +von Kameraden. Ich besitze, was ich besitzen +wollte, und drum ist mir, könnte ich alles, ertrüge +und litte ich fröhlich alles. Kein Gedanke, kein +Wort mehr. Bitte, schweige. Du sagst mir morgen, +nachdem man mir dieses Leben da, das da auf +dem Bett liegt, weggetragen hat, nachdem ich +die rein äußerliche Feierlichkeit habe abstreifen +dürfen und in eine innerliche habe umwandeln +dürfen, deine Meinung. Du sagst ja, oder du +sagst nein. Wisse, du bist ja jetzt vollkommen +frei. Du kannst sagen und tun, was dir beliebt.« +– Ich sagte ganz leise, zitternd vor Verlangen, +diesen mir etwas allzu zuversichtlichen Menschen +ein wenig zu erschrecken: »Aber der Brotkorb, +Herr Vorsteher? Den andern verschaffen Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_203">[203]</a></span> +Unterkommen, und gerade mir nicht? Das finde +ich seltsam. Das ist nicht recht. Und ich bestehe +darauf. Es ist Ihre Pflicht, mir einen ordentlichen +Arbeitsposten zu vermitteln. Ich will unbedingt +in Stellung und Amt gehen.« – Ah, er zuckte +zusammen. Er erschrak. Wie mußte ich innerlich +kichern. Teufeleien sind doch das Netteste am +Leben. Herr Benjamenta sagte traurig: »Du hast +recht. Es ziemt sich, dir auf Grund deines Abgangszeugnisses +eine Stelle zu verschaffen. Gewiß, +du hast vollkommen recht. Nur dachte ich, +nur – dachte ich – –, du machtest eine +Ausnahme.« – Ich rief wie in zündender Entrüstung: +»Ausnahme? Ich mache keine Ausnahmen. +Niemals. Das schickt sich nicht für den +Sohn eines Großrates. Meine Bescheidenheit, +meine Geburt, alles, was ich empfinde, verbietet +mir, mehr zu wollen, als was meine Schulgenossen +bekommen haben.« – Von da an sprach ich +kein Wort mehr. Mir gefiel es, Herrn Benjamenta +einer sichtbaren, für mich schmeichelhaften +Unruhe zu überlassen. Den Rest der Nacht verbrachten +wir schweigend.</p> + +<p>Aber während ich so saß und wachte, überfiel +mich doch der Schlaf. Zwar nicht lang, eine +halbe Stunde, oder vielleicht noch etwas länger, +war ich der Wirklichkeit entrückt. Mir träumte (der +<span class="pagenum"><a name="Page_204">[204]</a></span> +Traum schoß von der Höhe, ich erinnere mich, +gewaltsam, mich mit Strahlen überwerfend, auf +mich nieder), ich befände mich auf einer Bergmatte. +Sie war ganz dunkelsamtgrün. Und sie +war mit Blumen wie mit blumenhaft gebildeten +und geformten Küssen bestickt und besetzt. Bald +erschienen mir die Küsse wie Sterne, bald wieder +wie Blumen. Es war Natur und doch keine, +Bildnis und Körper zugleich. Ein wunderbar +schönes Mädchen lag auf der Matte. Ich wollte +mir einreden, es sei die Lehrerin, doch sagte ich +mir rasch: »Nein, das kann es nicht. Wir haben +keine Lehrerin mehr.« Nun, dann war es halt +jemand anderes, und ich sah förmlich, wie ich mich +tröstete, und ich hörte den Trost. Es sagte deutlich: +»Ah bah, laß das Deuten.« – Das Mädchen +war schwellend und glänzend nackt. An dem einen +der schönen Beine hing ein Band, das im Wind, +der das Ganze liebkoste, leise flatterte. Mir schien, +als wehe, als flattere der ganze spiegelblanke süße +Traum. Wie war ich glücklich. Ganz flüchtig +dachte ich an »diesen Menschen«. Natürlich war +es Herr Vorsteher, an den ich so dachte. Plötzlich +sah ich ihn, er war hoch zu Roß und war bekleidet +mit einer schimmernd schwarzen, edlen, +ernsten Rüstung. Das lange Schwert hing an +seiner Seite herunter, und das Pferd wieherte +kampflustig. »Ei, sieh da! Der Vorsteher zu +<span class="pagenum"><a name="Page_205">[205]</a></span> +Pferd',« dachte ich, und ich schrie, so laut ich +konnte, daß es in den Schluchten und Klüften +ringsum widerhallte: »Ich bin zu einem Entschluß +gekommen.« – Doch er hörte mich nicht. +Qualvoll schrie ich: »Heda, Herr Vorsteher, hören +Sie.« Nein, er wandte mir den Rücken. Sein +Blick war in die Ferne, ins Leben hinab- und +hinausgerichtet. Und nicht einmal den Kopf bog +er nach mir. Mir scheinbar zuliebe rollte jetzt +der Traum, als wenn er ein Wagen gewesen wäre, +Stück um Stück weiter, und da befanden wir uns, +ich und »dieser Mensch«, natürlich niemand anders +als Herr Benjamenta, mitten in der Wüste. Wir +wanderten und trieben mit den Wüstenbewohnern +Handel, und wir waren ganz eigentümlich belebt +von einer kühlen, ich möchte sagen, großartigen +Zufriedenheit. Es sah so aus, als wenn wir beide +dem, was man europäische Kultur nennt, für +immer, oder wenigstens für sehr, sehr lange Zeit +entschwunden gewesen seien. »Aha,« dachte ich +unwillkürlich, und wie mir schien, ziemlich dumm: +»Das war es also, das!« – Aber was es war, +was ich da dachte, konnte ich nicht enträtseln. +Wir wanderten weiter. Da erschien ein Haufe +von uns feindlich gesinnten Menschen, wir aber +zerstreuten ihn, ohne daß ich eigentlich sah, wie +das zuging. Die Erdgegenden schossen mit den +Wandertagen blitzartig vorüber. Ich empfand die +<span class="pagenum"><a name="Page_206">[206]</a></span> +Erfahrung von ganzen vorüberwinkenden, langen, +schwer zu ertragen gewesenen Jahrzehnten. Wie +war doch das eigentümlich. Die einzelnen Wochen +sahen sich an wie kleine, glitzernde Steinchen. Es +war lächerlich und herrlich zugleich. »Der Kultur +entrücken, Jakob. Weißt du, das ist famos,« sagte +von Zeit zu Zeit der Vorsteher, der wie ein +Araber aussah. Wir ritten auf Kamelen. Und +die Sitten, die wir sahen, entzückten uns. Es +war etwas Unverständlich-Mildes und Zartes in +den Bewegungen der Länder. Ja, mir war es, +als marschierten, nein eher, als flögen die Länder. +Das Meer zog sich majestätisch dahin wie eine +große blaue nasse Welt von Gedanken. Bald +hörte ich Vögel schwirren, bald Tiere brüllen, +bald Bäume über mir rauschen. »Also bist du nun +doch mitgekommen. Ich wußte es ja,« sagte Herr +Benjamenta, den die Indier zum Fürsten erhoben +hatten. Wie toll! So grauenhaft überspannt es +ist: Tatsache war, daß wir in Indien Revolution +machten. Und scheinbar glückte uns der Streich. +Es war so köstlich zu leben, das fühlte ich in +allen Gliedern. Das Leben prangte vor unsern +weitausschauenden Blicken wie ein Baum mit +Zweigen und Ästen. Und wie stunden wir fest. +Und durch Gefahren und Erkenntnisse wateten wir +wie in eiskaltem, aber unserer Hitze wohltuendem +Flußwasser. Ich war immer der Knappe, und der +<span class="pagenum"><a name="Page_207">[207]</a></span> +Vorsteher war der Ritter. »Schon gut,« dachte +ich mit einmal. Und wie ich das dachte, erwachte +ich und schaute mich im Wohnzimmer um. +Herr Benjamenta war ebenfalls eingeschlafen. Ich +weckte ihn, indem ich ihm sagte: »Wie können +Sie einschlafen, Herr Vorsteher. Doch erlauben +Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich mich entschlossen +habe, mit Ihnen zu gehen, wohin Sie wollen.« +– Wir gaben einander die Hand, und das bedeutete +viel.</p> + +<p style="margin-bottom: 80px;">Ich packe. Ja, wir beide, der Vorsteher und +ich, wir sind mit Packen, mit richtigem Zusammenpacken, +Abbrechen, Aufräumen, Auseinanderzerren, +Schieben und Rücken beschäftigt. Wir +werden reisen. Schon gut. Mir paßt dieser +Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. +Ich fühle, daß das Leben Wallungen verlangt, +nicht Überlegungen. Meinem Bruder werde ich +heute Adieu sagen. Ich werde hier nichts hinterlassen. +Mich bindet nichts, verpflichtet nichts, zu +sagen: »Wie wär's, wenn ich – –« Nein, es +gibt nichts mehr zu wären und zu wennen. Fräulein +Benjamenta liegt unter der Erde. Die Eleven, +meine Kameraden, sind zerstoben in allerlei +Ämtern. Und wenn ich zerschelle und verderbe, +was bricht und verdirbt dann? Eine Null. Ich +einzelner Mensch bin nur eine Null. Aber weg +<span class="pagenum"><a name="Page_208">[208]</a></span> +jetzt mit der Feder. Weg jetzt mit dem Gedankenleben. +Ich gehe mit Herrn Benjamenta in die +Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis +nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes +wollen und tun und nachts schlafen und träumen +läßt. Ach was. Jetzt will ich an gar nichts mehr +denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird +mit mir sein. Was brauche ich da an ihn zu +denken? Gott geht mit den Gedankenlosen. Nun +denn adieu, Institut Benjamenta.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Jakob von Gunten, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JAKOB VON GUNTEN *** + +***** This file should be named 24176-h.htm or 24176-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24176/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/24176-h/images/cap-a.png b/24176-h/images/cap-a.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4842605 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-a.png diff --git a/24176-h/images/cap-b.png b/24176-h/images/cap-b.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b81a9a6 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-b.png diff --git a/24176-h/images/cap-c.png b/24176-h/images/cap-c.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0362a55 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-c.png diff --git a/24176-h/images/cap-f.png b/24176-h/images/cap-f.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..658f22c --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-f.png diff --git a/24176-h/images/cap-i.png b/24176-h/images/cap-i.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dbc7580 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-i.png diff --git a/24176-h/images/cap-k.png b/24176-h/images/cap-k.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bc3fe8e --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-k.png diff --git a/24176-h/images/cap-l.png b/24176-h/images/cap-l.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..019bff9 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-l.png diff --git a/24176-h/images/cap-n.png b/24176-h/images/cap-n.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dcee7c5 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-n.png diff --git a/24176-h/images/cap-o.png b/24176-h/images/cap-o.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..70a51c5 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-o.png diff --git a/24176-h/images/cap-s.png b/24176-h/images/cap-s.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..84aa027 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-s.png diff --git a/24176-h/images/cap-t.png b/24176-h/images/cap-t.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d21c3fc --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-t.png diff --git a/24176-h/images/cap-w.png b/24176-h/images/cap-w.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d727ab1 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-w.png diff --git a/24176-h/images/cap-y.png b/24176-h/images/cap-y.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0f3fc32 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/cap-y.png diff --git a/24176-h/images/logo.png b/24176-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4f74575 --- /dev/null +++ b/24176-h/images/logo.png |
