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+Project Gutenberg's Und die ihr alle meine Brüder seid, by Ida Frohnmeyer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Und die ihr alle meine Brüder seid
+
+Author: Ida Frohnmeyer
+
+Illustrator: Carl F. Nahm
+
+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24175]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID ***
+
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+
+ Und die ihr alle
+ meine Brüder seid
+
+ Erzählungen
+ von
+ Ida Frohnmeyer
+
+ 1.--5. Tausend
+
+
+ Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
+
+ 1920
+
+ Copyright 1920 by _Eugen Salzer_, Heilbronn
+
+ (Gesetzl. Formel für den Schutz des
+ Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika)
+
+ Den Einband zeichnete _Carl F. Nahm_
+
+ Druck der Chr. _Belserschen_ Buchdruckerei in Stuttgart
+
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+Barbara.
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+
+Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten, so daß der mächtige
+Birnbaum gleichermaßen die an der Mauer liegende Gräberreihe, wie auch
+die Gemüsebeete der Frau Pfarrer beschattet. Der Fliederstrauch, dessen
+Blütezeit alljährlich ein beglückendes Wunder der Schönheit ist, reckt
+sich mit seinen reichsten Ästen -- ein wenig zum Kummer des Pfarrherrn
+-- in den stillen Garten hinüber. Dafür klettert aber aus diesem
+breitblättriges Grün in die Höhe, und plötzlich tun sich über der Mauer
+die blaudunkeln Augen der Clematis auf.
+
+Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden, ob ihr die Nachbarschaft
+des Friedhofs nicht unheimlich und drückend sei. Aber sie schüttelt den
+Kopf, und im Herzen denkt sie, daß es demjenigen, der so lange Jahre
+hindurch dicht neben dem stillen Garten gelebt, einmal leichter falle,
+sich in eines der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht, obwohl
+sich einige ihrer Gäste erstaunt, ja beinahe mißbilligend darüber
+äußern, fast allabendlich durch die kleine Pforte, die aus ihrem
+eigenen, mit lachendem Leben gefüllten Garten in den stillen hinüberführt.
+Wenn sie dann zurückkommt, ist ihr Antlitz vielleicht ein wenig blasser,
+aber die Augen haben einen hellen und gütigen Schein, und ihre Schritte
+sind ruhig und kraftvoll.
+
+An einem Sommerabend, der ganz gesättigt war vom Glanz und Duft der
+heißern Stunden, ging die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die
+zwischen den Gräbern laufen.
+
+Sie war nicht allein. Eine jüngere Freundin, von der sie lange Jahre
+getrennt gewesen, ging an ihrer Seite und schaute mit großen, ein wenig
+verträumten Augen über die blumenbunten Gräber. Plötzlich blieb sie an
+einem mit Immergrün bedeckten Hügel stehen und las mit halblauter Stimme
+die Worte:
+
+ Hier müssen doch aufhören die Gottlosen mit Toben;
+ hier ruhen doch, die viel Mühe gehabt haben.
+
+»Was ist das für ein Grab? Steht der Spruch wirklich in der Bibel,
+Anne?«
+
+»Ja. Im Buch Hiob. Nur heißt es dort statt >hier< daselbst, und das ist
+auch der Grund, weshalb mein Mann keine Stellenangabe wünschte. Aber das
+war der alten Schäufele gleichgültig. Sie war schon zufrieden, daß der
+Spruch überhaupt bestehen durfte, und daß sie keinen Namen anzugeben
+brauchte. Sie erzählte mir, sie habe mit dem Maler einen schweren Stand
+gehabt, denn er wollte ihr durchaus den absonderlichen Spruch ausreden
+und zum wenigsten am Fuß des Kreuzes >Auf Wiedersehen< anbringen. Aber
+gerade dies Wort konnte ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.«
+
+»Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst! Wer liegt hier begraben?
+Ich bin sicher, dies Grab hat eine Geschichte.«
+
+»Ja ... Eine schwere Geschichte. Wenn du sie hören willst, so komm'
+hinüber zu dem kleinen Bänkchen. Man sieht von dort gerade auf das Haus,
+wo meine Geschichte den Anfang nimmt.«
+
+Die Freundin schob ihren Arm in den der Pfarrfrau. Sie schritten zu der
+kleinen Bank hinüber, die unter den Zweigen einer Trauerweide steht, und
+setzten sich. Aber Frau Anne begann nicht zu erzählen. Sie hatte die
+Hände ineinander gelegt und starrte mit leidvollen Augen zu dem Haus
+hinüber, das sie der Freundin bezeichnet. Diese aber, da sie den
+Ausdruck in der Pfarrfrau Gesicht gewahrte, wagte keine drängende Frage
+mehr. Ihr war, ein dunkler Schatten lege sich über die sonnenwarme
+Herrlichkeit des Abends. Stieg er wie ein arger Zauber aus jenem Grab
+empor, oder woben ihn Frau Annes dunkle Gedanken?
+
+Da tat diese einen tiefen Atemzug und hob an:
+
+»Ich kann mir noch so gut denken, wie ich Barbara zum erstenmal gesehen.
+Sie war damals acht Jahre alt, ein feines, schlankes Dinglein. Unser
+Annele brachte sie mir, etwa eine Woche nachdem wir hier aufgezogen
+waren, in den Garten und schrie schon von weitem mit triumphierender
+Stimme: >Mutter, da hab' ich eine Freundin!< Ich schaute ihnen mit
+einiger Spannung entgegen, denn das Freundschaftsbedürfnis meiner
+Tochter hatte mich schon etliche Male mit etwas überraschenden Gästen
+bekannt gemacht. Aber diesmal konnte ich die Freude, die aus Anneles
+schwarzen Augen funkelte, wirklich verstehen und teilen. Man mußte das
+Kind auf den ersten Blick liebgewinnen. Kennst du das Bild von Uhde:
+Lasset die Kindlein zu mir kommen?... Inmitten einer Bauernstube, nein,
+eigentlich sieht es mehr wie eine Küche aus, sitzt der Herr Jesus,
+umgeben von einer Schar größerer und kleinerer Kinder. Es sind auch
+Erwachsene dabei. Dicht vor Jesus steht ein kleines Mädchen, ein
+blondes, herzerquickendes Kind, das sein ausgestrecktes Händchen in Jesu
+Hand legt und mit ernsten Augen zu ihm aufschaut. Dies kleine Mädchen
+habe ich in Gedanken immer >das Kind< genannt. Ich meine so: es ist für
+mich die Verkörperung alles dessen, was mich am Kinde wie ein
+holdseliges, ehrfurchtgebietendes Geheimnis berührt. Und an dieses Kind
+gemahnte mich die kleine Barbara.
+
+Sie kam auf mich zu mit einem zaghaften Lächeln in den blauen Augen. Im
+Nacken baumelte ein krummes weißblondes Zöpfchen, über der Stirne
+ringelten sich krause, schimmernde Härchen. Ich konnte nicht anders, ich
+mußte das Kind in meine Arme ziehen. Mein Annele mit ihrem scharfen
+Blick hat mir wohl angesehen, daß ich das Kind nicht nur in die Arme,
+sondern ins Herz schloß. Sie drängte sich plötzlich an mich, gab mir
+einen schallenden Kuß und erklärte in sehr bestimmtem Ton: >Du, Barbara,
+das ist aber _meine_ Mutter! Du mußt Frau Pfarrer sagen.< Die kleine
+Barbara lachte, und nun sah sie womöglich noch liebreizender drein, denn
+zwischen den tiefroten Lippen blitzten gesunde Zähne, und in den runden
+Backen kamen Grübchen zum Vorschein.
+
+Ich ging mit den Kindern ins Haus und war beinahe so eifrig wie mein
+Annele im Vorführen der Puppen und andern Herrlichkeiten. Und ich gewann
+das Kind mit jeder Minute lieber. Es tat so feine, nachdenkliche Fragen,
+es hatte so sorglich zugreifende Händchen, und -- es konnte ein
+Bilderbuch beschauen. So, jetzt lachst du und denkst wohl, das könne ein
+jedes Kind. Keine Rede davon! Wenn ich an Annele oder an ihre Kinder
+denke! Darin gleichen sie alle der Mutter: gibt man ihnen ein Bilderbuch,
+so schlagen sie Seite um Seite so rasch um, daß man meinen könnte,
+darin bestehe das Vergnügen eines Bilderbuchs. Aber die kleine Barbara
+sah sich jedes Bildchen mit andächtigen Augen an. Nichts, nichts
+entging ihr. Und über alles machte sie ihre eigenartigen kleinen
+Bemerkungen.
+
+Einmal schenkte ich ihr ein Bildchen, drauf Schneeglöckchen gemalt
+waren, und sagte dazu: >Um dies Glöcklein zu hören, muß man gar feine
+Ohren haben.< Da nickte die kleine Barbara und sagte: >Ja, ich hab' es
+einmal gehört. Und der liebe Gott hat's auch gehört und der Herr Jesus
+und die Sonne und der Wind und die Blumen.<
+
+Ganz leise und langsam kamen die Worte heraus. Und dazu diese Märchenaugen
+-- ich muß gestehen, es kam etwas wie Neid über mich, wenn ich an Barbaras
+Mutter dachte. Mein Annele war solch praktisches Diesseitsmenschlein.
+Sie hatte nie verträumte Augen, und tat nie eine Äußerung, die mir gezeigt
+hätte, daß ihr Seelchen sich ein eigen klein Wunderreich gebaut. Ich
+fürchtete mich manchmal beinahe, ihr eine Geschichte zu erzählen,
+denn beim geringsten Wunderbaren kam das bezweifelnde oder entrüstete
+Wort: >Aber Mutter, ist das wahr?<
+
+Die kleine Barbara unterbrach mich nie, wenn ich erzählte. Sie konnte
+auch nicht, wie Annele tat, nebenher zeichnen oder sticheln. Sie saß und
+schaute mich unverwandt an, und meine Geschichten wurden mir erst jetzt
+im Spiegel dieser Augen so recht lebendig.
+
+Später habe ich manchmal gedacht, daß es besser gewesen wäre, ich hätte
+die Freude des Kindes am Wunderbaren und Geheimnisvollen nicht so sehr
+genährt. Ich glaubte, sie habe das kleine Freudenlicht in ihrem Alltag
+nötig, und ahnte nicht, daß es zur verzehrenden Flamme werden würde.
+
+Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in Barbaras Elternhaus
+hinüberzugehen. Ich kannte die Leute zwar noch nicht näher, aber ich
+hatte um des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen und glaubte
+damals, daß ein derartiges Blümlein Wunderhold nur einem gehegten
+Gärtlein entsprießen könne.
+
+Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war sie merkwürdig still. Ich
+achtete erst nicht darauf, da ich innerlich stark mit einer Sache
+beschäftigt war. Aber als das Kind auch während ich das Zimmer in
+Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette saß, fiel es mir auf, und
+zugleich kam es mir zum Bewußtsein, daß sie noch kein Wort von ihrem
+Besuch bei Schäufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht. Ich wußte,
+über kurz oder lang würde das Redebächlein schon wieder plätschern. Das
+Annele saß ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen. Zuletzt
+setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein und fragte: >Wollen wir
+jetzt beten?<
+
+Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte: >Ja ... Und weißt du
+auch, für was ich jetzt dem lieben Gott danken will? Gar nicht für den
+schönen Tag, denn es war kein schöner. Aber weil du so eine nette Mutter
+bist, will ich ihm danken. Du hast mich so schön gewaschen und gekämmt
+und hast den Waschtisch so hübsch aufgeräumt, und deine Schürze ist
+sauber, und deine Hände sind weich, und -- und --<
+
+Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar nichts Lobenswertes
+mehr einfallen wollte, wiederholte sie die Worte: >Ich will ihm jetzt
+danken, weil du so eine nette Mutter bist.<
+
+Am nächsten Tag führte ich meinen längst geplanten Besuch beim Nachbar
+Schäufele aus, und nun wurde es mir klar, warum Annele in einen Lobpreis
+meiner Tugenden ausgebrochen war. Das ganze Anwesen bot einen wenig
+einladenden Anblick. Frau Schäufele entschuldigte sich zwar wortreich
+über die augenblickliche Unordnung, aber ich habe, so oft ich auch
+später wiedergekommen bin, nie etwas anderes vorgefunden.
+
+Ein paar größere Kinder machten sich bei meinem Erscheinen eiligst davon,
+nur die kleine Barbara kam auf mich zu und bot mir ein klebriges Händchen.
+Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst, wenn sie zu uns ins
+Pfarrhaus kam, und mein Annele tat dies denn auch Frau Schäufele gleich
+mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und meinte: >Ach, man kann
+nicht immer putzen und waschen und aufräumen, das ist nichts für
+unsereins.< Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine Barbara in dieser
+Richtung zu beeinflussen, und es ist mir dies auch gelungen. Man mochte
+ihr begegnen, wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches,
+ich möchte fast sagen, vornehmes Aussehen.
+
+Die zwei kleinen Mädchen saßen in der Schule nebeneinander, und sie
+verbrachten auch den größten Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele,
+das sich früher so oft ein Brüderlein oder Schwesterlein gewünscht, war
+jetzt ganz befriedigt. Alle ihre Schätze wurden mit Barbara geteilt. Als
+ihr mein Bruder ein Album schenkte, ließ sie mir keine Ruhe, bis ich ein
+gleiches für Barbara kaufte. Am nächsten Tag holten sich die beiden bei
+der alten Maier ein paar rührende Bildchen: Engelsköpfchen,
+Vergißmeinnichtkränze und dergleichen. Die wurden in die Album geklebt,
+und jede schrieb der Freundin einen sinnigen Vers dazu. Was Annele
+geleistet, weiß ich nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete:
+
+ Diesen Album hat man dir gekauft,
+ Anna hat man dich getauft,
+ Dietrich hat man dich genannt,
+ Der Himmel ist dein Vaterland.
+
+Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen drängen sich mir auf,
+wenn ich an die Kinderzeit der beiden denke. Aber ich muß mich eilen,
+sonst bringe ich meine Geschichte nicht zu Ende.
+
+Du kannst dir ja wohl denken, daß sich Barbara zu Hause nicht besonders
+wohl fühlte. Ich meine nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen.
+So zuwider mir beides ist, so muß ich doch zugeben, daß man auch in
+einem schmutzigen Heim strahlend glücklich sein kann. Wir haben eine
+Familie im Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder und Ferkelchen
+und Hühner zusammen entgegen, und die Fenster brauchen keine Vorhänge,
+denn kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind seelenvergnügt,
+du darfst mir's glauben. Aus keinem Haus tönt so viel Lachen und Singen.
+Nur Samstag abend gibt es ein großes Geschrei, weil da die Kinder
+gewaschen werden, und das sind sie halt nicht gewöhnt.
+
+Aus Schäufeles Haus tönte fast alle Tage Geschrei. Die zwei Alten
+lebten in stetem Streit und verführten auch die Kinder dazu. Barbara war
+die Jüngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern ziemlich fremd
+gegenüber, auch den Vater schien sie eher zu fürchten. Aber die Mutter
+ward von ihr geliebt mit einer scheuen, sehnsüchtigen Liebe, die mich
+immer wieder erschütterte. Ich erinnere mich noch so gut an den Ausdruck
+in Barbaras Gesicht, als Annele und ich am Konfirmationssonntag der
+beiden zu Schäufeles hinübergingen. Barbara sah in ihrem feierlichen
+schwarzen Kleid, über das die langen blonden Zöpfe fielen, schon ganz
+jungfräulich drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das noch
+immer seine Puppen betreute und Tränen vergossen hatte über ihr langes
+Kleid.
+
+Frau Schäufeles Stube war dem Festtag zu Ehren gefegt und so dicht mit
+Sand bestreut, daß jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt
+entgegen, und ich mußte mich wundern, wie schmuck sie dreinsah in ihrem
+saubern schwarzen Kleid und der seidenen Schürze.
+
+>Wie rasch die Jahre gehen, Frau Schäufele,< sagte ich. >Nun sind unsere
+kleinen Mädchen demnächst erwachsen.<
+
+Während ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras Gesicht. Sie schaute
+die Mutter an mit großen, bittenden Augen. Da ging es mir durch den
+Sinn, daß dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt, immer
+gehungert hatte. Und ich mußte wieder nachsinnen über eines der größten
+Rätsel unserer rätselvollen Welt: Warum ist es, daß Frauen Kinder zur
+Welt bringen und ihnen doch nicht Mutter sind, während andere, in deren
+Herz das Licht wahrer Mütterlichkeit brennt, nie ein Kind ihr eigen
+nennen dürfen? -- --
+
+Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich die Wege der beiden, die
+bisher so einträchtiglich nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele,
+wie du weißt, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind sich gut in die
+neuen Verhältnisse schickte, kehrte ich nach einigen Wochen beruhigt in
+unser Dörflein zurück. Gleich am nächsten Tag kam Barbara zu mir herüber
+und wollte haarkleinen Bericht von allem Erleben in der Stadt. Ich
+erzählte ihr von Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin,
+von den Mädchen, mit denen sie sich angefreundet. Ich saß über meine
+Näharbeit gebeugt und plauderte des langen und breiten, denn mein Kind
+fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab mir ein wenig das Gefühl seiner
+Nähe. Da drang plötzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und als ich
+erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras tränenüberströmtes Gesicht.
+
+Wir haben dann lange zusammen gesprochen, aber ich konnte das Mädchen
+nicht wirklich trösten. Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz
+all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allmählich Glauben. Aber die
+Angst, Anneles Liebe zu verlieren, war nicht die einzige Not, die sie
+drückte. Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein ganzer Berg
+unruhiger, unzufriedener Gedanken in dem Kinde angesammelt. Warum durfte
+sie nicht so viel Schönes und Neues erleben? Warum mußte sie immer mit
+den zänkischen Eltern zusammen sein? Warum war ein Tag wie der andere
+mit Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit angefüllt? Nie
+würde in ihr Leben etwas Schönes und Wunderbares treten. Auf ewig war
+sie verdammt in diesem abgelegenen Dorf zu sitzen.
+
+Du mußt nicht lächeln über diesen törichten Kinderkummer. Wir Alten, die
+durch schwere Erfahrungen gegangen, meinen oft, der Jungen Leiden wögen
+leicht und trösten sie mit dem weisen Zuspruch, ihre Tränen zu sparen.
+Aber wer kann sagen: diese Sache ist der Tränen und des Kummers wert,
+jene nicht? Barbara litt mit der ganzen starken Leidensfähigkeit ihrer
+jungen Seele. Sie hungerte und sah nirgends Sättigung. Sie breitete ihre
+Flügel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends eine Zuflucht, dahin sie
+hätte fliehen mögen. Und sie sah eine andere, deren Leben sie bisher
+geteilt, all das mühelos ergreifen, wonach ihr Herz schrie.
+
+Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen. Nicht, indem ich ihren
+Kummer für nichtig erklärte; aber ich bat sie, zu bedenken, daß
+tränenvolle Augen nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Schönheit,
+die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr die gleichförmige,
+seelentötende Arbeit so vieler in den Städten und verglich damit die
+ihre in ihrer herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr von
+meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal, seinen Wäldern, Wiesen und
+Feldern. Aber gerade in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts.
+Das Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil ihm das Elternhaus
+keine Heimat bot. Aber ich habe andere gesehen, denen es ähnlich
+ergangen, und die eben aus dieser Not heraus mit um so größerer Liebe
+die Berge und Bäume der Heimat umfaßten.
+
+Ich mußte mich oft besinnen, woher das Kind seinen seltsamen Durst nach
+der Ferne hatte. Die Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal
+gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan. Nur einer aus der
+Familie, ein Großonkel Barbaras, war, vom Goldfieber gepackt, nach
+Amerika ausgewandert und dort verschollen. Ach, er war vielleicht doch
+nicht der einzige gewesen, den eine innere Unruhe umgetrieben. Die
+Kirchenbücher sagen nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom
+Wesen, von den Gedanken ihrer Träger berichten sie nichts.
+
+Barbara schien ihren Kummer allmählich zu verwinden; aber so oft Annele
+in die Ferien kam, lebte er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen,
+daß sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr zu Annele,
+ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn ich die beiden etwa an einem
+Sonntagnachmittag bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann, und
+aus den blauen Augen schaute mich wieder das alte Vertrauen an.
+
+Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen -- ein Jahr zuvor hatte
+Barbara ihren Vater verloren -- brach die Zeit an, die für viele unseres
+Landes so verhängnisvoll geworden. Ich rede von dem Auswanderungsfieber,
+das auch in unserm Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir
+nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht etwa nur die
+Leichtfertigen und die Habenichtse, die eben nichts zu verlieren hatten,
+ließen sich verleiten, nein, auch besonnene Leute, die über eigenen
+Besitz verfügten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich lockend
+und mühelosen Reichtum verheißend vor ihnen lag, versuchen zu müssen.
+Mein Mann war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und Warnen
+erfolglos blieb.
+
+Eine der ersten, die Feuer fing, war natürlich Barbara. Ein eleganter
+junger Mann, mit kecken Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war
+eines Tages erschienen und hatte unseren Mädchen dermaßen vorgeflunkert,
+daß ihrer gleich acht entschlossen waren, sich seiner Leitung
+anzuvertrauen und ihr Glück in Neuyork zu versuchen. In ein paar Monaten
+würden sie dort mehr verdienen als in der Heimat in Jahren, und wer weiß
+-- in dem Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten, konnte es
+ihnen auch glücken, eine Heirat zu machen, die sie plötzlich in die
+Reihe derer stellen würde, die in Seide gehen und in eigener Kutsche
+fahren und haben können, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die Mädchen,
+auch die meisten der Mütter ließen sich durch diese Gedanken betören.
+Barbaras Mutter redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie ließ sie
+einfach gewähren.
+
+Als mir Barbara ihren Entschluß mitteilte, erschrak ich bis ins Herz
+hinein. Nicht das Gefühl der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gefühl, mit
+dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete, beherrschte mich.
+Nein, eine heiße Angst, ein graues Entsetzen überkam mich bei Barbaras
+Worten. Wie habe ich das Mädchen angefleht, von ihrem Vorhaben
+abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen glitten ab an ihrer
+siegessicheren Zuversicht, an ihrer strahlenden Freude, endlich in die
+Weite, in die Freiheit zu kommen.
+
+O über das verblendete Kind!... Nicht in die Freiheit, in die
+allerelendeste Knechtschaft ist sie hineingelaufen. Jener Bursche mit
+den unlautern Augen war ein Mädchenhändler. Die andern, die mit Barbara
+zusammen auswanderten, scheinen schon auf dem Schiff Verdacht geschöpft
+zu haben. Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so ist sie dem
+Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie vollständige Klarheit in diese
+jammervolle Geschichte zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst
+in einem anständigen Haus, denn wir erhielten guten Bericht, und ich
+fing an aufzuatmen und ließ mich nur zu gern Schwarzseherin nennen.
+
+Aber dann folgten lange Monate des Schweigens. Unsere Briefe kamen
+zurück. Alle Nachforschungen, die mein Mann anstellen ließ, blieben
+erfolglos. O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor hatte ich so
+stark empfunden, wie Barbaras Leben mit tausend feinen Fäden an das
+meine gebunden war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit zwei
+Seelen. Die eine ging das verlorene Kind suchen, schaudernd vor den
+Dunkelheiten, die sich ihr ahnend auftaten. Die andere mußte bei dem
+eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe getreten, und das nun
+seiner Mutter bedurfte wie nie zuvor.
+
+Ach, selbst über Anneles Hochzeitstag warf Barbaras Geschick seinen
+dunkeln Schatten. Als ich mein Kind in die Arme schloß, mein reines,
+bräutliches Kind, da sah ich plötzlich neben ihrem Gesicht ein anderes,
+vor dem ich entsetzt die Augen schloß. Und dann in der Kirche, die
+gedrängt voll Menschen war, schaute mich aus der hintersten Frauenbank
+Barbaras Mutter an ... Wie mußte ich mich da schämen! >Die gibt ihr Kind
+schwer her, es drückt ihr schier 's Herz ab!< hörte ich eine Frau hinter
+mir flüstern. Aber ich weinte nicht um mein Kind. Von ihm wußte ich, daß
+es in eine goldene Helle hineinging. Wo aber war Barbara?
+
+Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren, ging ich hierher in
+meinen stillen Garten. Ich mußte allein sein.
+
+Auf diesem Bänkchen bin ich gesessen. Vom Pfarrhaus herüber drangen
+frohe, helle Stimmen, die paßten so gar nicht zu den Stimmen meines
+Herzens.
+
+Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam auf mich zukommen, und
+nun wußte ich mit einem Male, warum ich hierher hatte kommen müssen ...
+Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein Unfaßliches zu hören.
+
+Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber ich konnte mich nicht
+rühren. Ich konnte nicht einmal den Kopf heben, denn ich wußte, im
+nächsten Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick.
+
+Dann saß Frau Schäufele plötzlich neben mir und glättete auf ihren Knien
+einen Zeitungsausschnitt und einen Brief. Ich hörte sie keuchend atmen,
+und nun sprach sie.
+
+>Frau Pfarrer, der Brief ist heute früh gekommen, vom Bäcker Schmid,
+wissen Sie, von dem, der vor einem halben Jahr hinüber ist. Im Brief hat
+er übersetzt, was da in der Zeitung steht. Und er meint -- und er meint,
+es sei --<
+
+Nie, nie in meinem Leben zuvor oder nachher habe ich ein solches Weinen
+gehört. Was ich selbst an Schmerz erlitten, war nichts, war ausgelöscht
+vor diesem Herzeleid. Ach, daß dies Weinen von jenen vernommen worden
+wäre, die an dem Kinde gefrevelt!
+
+Dann drängte die Mutter mich plötzlich: >Lesen Sie, lesen Sie, Frau
+Pfarrer!<
+
+Und ich las. Las die Geschichte, die damals durch alle amerikanischen
+Blätter ging, daß ein deutsches Mädchen einem gewissen Haus im Innern
+Neuyorks entflohen, indem es am Blitzableiter heruntergeglitten war, daß
+es halbtot gefunden und ins deutsche Hospital verbracht worden sei.
+
+Ich weiß nicht mehr, wie lange wir damals beisammen gesessen sind, Frau
+Schäufele und ich. Ich weiß nur, daß es mir, als ich in mein hell
+erleuchtetes Haus eintrat, war, ich käme aus dem Land des Grauens und
+der Verzweiflung geschritten. Ich bat meinen Mann, der mich ahnungslos
+scherzend als >Ausreißerin< empfing, ins Studierzimmer zu kommen und gab
+ihm den an Frau Schäufele gerichteten Brief. Noch in derselben Nacht
+ging ein Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen Hospitals mit
+der Bitte um telegraphische Antwort auf die Frage, die unser Herz und
+Hirn marterte: ist es Barbara?
+
+Es war Barbara. -- -- --
+
+Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um weitere Nachricht über
+Barbaras Zustand. Wir hatten Frau Schäufele gesagt, daß bis zum
+Eintreffen einer Antwort Wochen vergehen könnten, aber sie fragte jeden
+Tag an, ob keine gekommen. Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen
+hungrig flehenden Ausdruck trugen ...
+
+Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab, und als ich ihn zu meinem
+Mann hinauftrug, wußte ich, daß er Unheilvolles enthalte. Hand in Hand
+-- wie hätte ich es sonst wohl ertragen können! -- lasen wir das
+Schreiben des Arztes. O über die Verruchten, die das junge Leben in
+Schmach und Schande gezerrt! -- Barbara war krank. Unheilbar krank an
+Körper und Geist. --
+
+Ich wollte nicht, daß Frau Schäufele die Nachricht bei uns empfange.
+Ich meinte, es müsse ihr Wohltat sein, die schützenden Wände ihres Heims
+um sich zu fühlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen wie ein wundes
+Tier, werde sich scheuen, ihr Gesicht auf der Straße zu zeigen.
+
+So ging ich zu ihr hinüber und setzte mich zu ihr auf die Fensterbank.
+Ich weiß nicht, wie ich es sagte, ich weiß nur, daß, nachdem ich
+gesprochen, eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen. Und ich
+glaubte zu fühlen, wie in diesem eisigen Schweigen alle Liebe, die sich
+in den letzten Monaten in der Mutter geregt, starb.
+
+Ich hielt Frau Schäufeles Hand fest umschlossen und wartete, wartete. --
+Warum schrie sie ihre Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie an
+jenem Abend?
+
+Da plötzlich löste die Frau ihre Hand aus der meinen und richtete sich
+auf. >Frau Pfarrer,< sagte sie und schaute mich mit einem Blick an, den
+ich nie vergessen werde, >Frau Pfarrer, Sie müssen mir helfen, daß ich
+hinüber komme. Ich muß die Barbara heimholen.< -- --
+
+Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen, hatte jetzt das arme, sieche
+erreicht: das Herz der Mutter war erwacht.
+
+Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch als ihr mein Mann mit
+klaren Worten die Schwere ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder
+die Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise. Sie schreckte auch
+nicht zurück vor den Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit ihrer
+Tochter. Für mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie mehr wollte
+ich über einen Menschen das Urteil fällen: so und so ist er und so und
+so bleibt er. War mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf und
+gleichgültig erschienen? Hatte ich ihr nicht gezürnt, weil sie ihre
+Kinder vernachlässigte und ewig in Streit lebte? Und nun brach aus
+diesem Herzen eine Liebesfülle, die mich beschämte und erschütterte.
+
+Sie hatte ihre Liebeskraft bitter nötig, denn das Zusammenleben mit
+Barbara war eine Hölle. Besonders in den ersten Monaten, als das Mädchen
+am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten wichen ihr ja aus. Die
+Kinder fürchteten sich vor den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch
+lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einließen. Ach, und das
+Entsetzlichste war, daß das vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur
+Ruhe kommen wollte. Dann konnte es geschehen, daß auch die Mutter ein
+Grauen anwandelte. Aber immer wieder überwand ihre erbarmende Liebe
+dieses Grauen. Sie wußte sich oft kaum zu helfen, aber sie hätte Barbara
+trotzdem nicht fortgegeben.
+
+Und allmählich schien ihr treues Sorgen und Pflegen doch eine kleine
+Besserung im Zustand der Tochter herbeizuführen. Das wilde
+Umherschweifen hörte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit an
+die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine seltsame Tätigkeit, die ich
+nie ohne Herzweh beobachten konnte. Immer wieder, oft dreimal des Tages,
+machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen. Mit angstvollem Blick
+murmelte sie dabei: >Nicht sauber, wird nie mehr sauber ...<
+
+Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu Besuch. Ich fragte, ob sie
+Barbara besuchen werde, aber sie verneinte unter Tränen. Da bat ich Frau
+Schäufele, lieber nichts von meinen Gästen verlauten zu lassen, denn man
+war nie ganz klar über Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen völliger
+Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien, konnte sie plötzlich
+wieder vernünftig fragen und antworten.
+
+Irgendwie muß Barbara aber doch von unsern Gästen gehört oder sie
+gesehen haben. Ich hatte die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit
+Annele durchs Fenster. Es regnete in Strömen, so daß mir beinahe ein
+wenig vor dem langen Heimweg graute. Da -- eben im letzten Augenblick,
+als der Schaffner die Türen zu schließen begann, kam Barbara
+dahergelaufen. Die Haare hingen ihr klatschnaß ums Gesicht, sie war ohne
+Schirm und Kopftuch. In der Hand hielt sie einen mächtigen buntfarbigen
+Blumenstrauß, und den hob sie nun zu Annele empor mit einem flehenden
+Ausdruck in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die Blumen
+abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon. Wir aber freuten uns unter
+Tränen dieses Aufleuchtens aus einem früheren besseren Sein. -- --
+
+Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog sich Barbara eine
+Erkältung zu. Ein paar Wochen lang lag sie zu Bett, dann schlief sie
+ein, fast plötzlich, ohne Kampf.
+
+Und seltsam! Die gütige Hand des Todes hatte nach wenigen Stunden das
+Antlitz der armen Barbara also gewandelt, daß sie vor uns lag wie in den
+Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir schien es ein tröstlich und
+verheißend Gleichnis, aber Frau Schäufele schüttelte den Kopf. Bis zu
+ihrem Tod hat sich die Mutter mit der Frage gequält, ob ihr Kind wohl
+von Gott angenommen worden. Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen
+bemitleidete, schaute sie mich fast streng an. >Ich hab' mir das selber
+eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab' der Barbara nicht die rechte Liebe
+gegeben, wie sie ein Kind war. Jetzt muß ich nachzahlen. Wir müssen für
+alles zahlen, Frau Pfarrer.<
+
+>Ja,< sagte ich, >für vieles, aber manchmal wird uns auch eine Schuld
+erlassen. Das wollen wir nicht vergessen, Frau Schäufele.< -- --
+
+Sie hat die Barbara nicht lange überlebt. In ihren letzten Wochen sind
+wir uns recht nahe gekommen. Damals haben wir uns oft gefreut an
+Gerhardts schönem Heimwehlied: >Ich bin ein Gast auf Erden<. Aus diesem
+Lied stammen auch die Worte, die ich auf ihr Grab schreiben ließ. -- --
+Sieh', dort drüben an der Mauer liegt sie begraben. Es ist zwar ein
+wenig dunkel geworden, aber man wird den Vers schon noch lesen können.«
+
+Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu dem Grab hinüber. Mit
+stillen Augen lasen sie die Worte:
+
+ Ich wandre meine Straßen,
+ die nach der Heimat führt,
+ da mich ohn' alle Maßen
+ mein Vater trösten wird.
+
+
+
+
+Der Sohn.
+
+
+Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen und sog an den Fingern. Er
+hatte ein langes, runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten
+Anstrengung feuerrot gefärbt war.
+
+Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins Dasein getreten. Wenigstens
+ins sichtbare, denn für Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen
+saß, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten hatte sich all
+sein Denken, so weit es nicht von geschäftlichen Dingen in Anspruch
+genommen war, um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht. Er hatte
+immer gewußt, daß es sich als Junge entpuppen werde. Wenn seine Frau
+einen Zweifel an dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem kleinen
+Mädchen ausgesprochen, war er ungeduldig geworden, und es hatte
+geschehen können, daß er die kleine Frau rauh angelassen.
+
+Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelübde und Vorsätze stiegen in ihm
+auf. Er strich sich mehrmals über den Kopf, der so kahl war wie der
+seines Sohnes und sagte halblaut: »Du wirst sehen, Peter, ich werde
+jetzt immer gut zu ihr sein.«
+
+Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit den Augen. Er hatte
+offenbar kein Verständnis für seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es
+nicht oft vorkam, daß er an einem Arbeitstag untätig auf einem Stuhle
+saß, verfiel in ein tiefes Sinnen, das ihn weiter und weiter in die
+Vergangenheit zurückführte.
+
+... War er das? Ein hübscher Bursche mit welligem Haar und immer
+lachenden Augen. Komm her, du junges, du strahlendes Leben! Laß dich
+umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in den Schoß -- -- hei! so holt
+man sie eben herunter! -- -- Es war doch nicht so leicht gegangen ...
+Man tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, als man in
+bekleisterter Schürze in Buchbinder Bergers Werkstatt stand. Das ging so
+ein paar Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann glänzte doch
+endlich ein Glücksstern auf. Die Meisterstochter ... Elisabeth. Man
+nannte sie meist Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, und
+er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja immer noch ein leidlich
+hübscher Kerl, und die lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern
+lassen. So kam es, daß die niedliche kleine Betty »Peter« sagen lernte,
+und der Arbeiter ward zum jungen Meister.
+
+Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber sein Vater bemerkte es
+nicht. Er durchlebte wieder die ersten Jahre seiner Ehe. Süße, heimliche
+Glücksbilder stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem Gesicht.
+Abende, an denen er versucht hatte, seine junge Frau teilnehmen zu
+lassen an dem, was er in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte
+sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, aber sie ging
+neben ihm mit stummen Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten die
+ersten Gefühle der Enttäuschung.
+
+Elisabeth ... Elisabeth ... Er rief den klingenden Namen nicht mehr oft.
+Betty ließ sich kürzer und herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er
+sich betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, in denen er klar
+sah, daß nicht sie, sondern er sich verändert hatte. Wie süß hatte ihm
+einst ihr Geplauder geklungen! Gerade das, daß sie in lebhaften Worten
+über Alltägliches sprechen konnte, war ihm reizvoll erschienen. Nun
+quälte ihn der nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt,
+daß die kleine Frau beim geringsten Anlaß in Aufregung geriet, später
+verletzte ihn dieser Mangel an Würde.
+
+Peter jun. stieß einen quietschenden Schrei aus. Da öffnete sich eine
+Türe, und die Pflegerin trat herein. »So, so, hat er dich schreien
+lassen!« sagte sie mit vorwurfsvollem Blick auf den träumenden Vater.
+Sie nahm das kleine Bündel aus den Kissen und brachte es in die
+Schlafstube. Peter Niemeyer war damit entlassen und hätte sich wieder
+nach seiner Werkstatt begeben können, aber er blieb sitzen.
+
+Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. Sein Kind ... ja --
+und auch Elisabeths. Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen
+konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant war. Fünfzehn Jahre
+lang hatte er auf dieses Glück gewartet. Fünfzehn Jahre ... konnte man
+sich danach wieder zusammenfinden?
+
+Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und ging nach der Türe,
+durch die die Pflegerin verschwunden. Seine Frau schlief.
+
+Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre müden, noch immer feinen
+Züge. Ein warmes Gefühl wallte in ihm auf. »Elisabeth!« sagte er leise
+und innig und streichelte ihre Hand. Darüber erwachte sie und blickte
+staunend in ihres Mannes bewegtes Gesicht. »Elisabeth! Nun haben wir ja
+endlich das Kind.«
+
+Es war, als überwältigte ihn noch einmal der Jammer der einsamen Jahre,
+den sie nur unklar empfunden. Sie gehörte zu den Frauen, die in ihrem
+stärksten Empfinden Gattin sind. Sie vergötterte ihren Mann. Beinahe
+widerspruchslos stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie kam ihr
+der Gedanke, daß sie ihm nicht nur bewundernd, sondern auch ratend und
+mahnend zur Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde Liebe
+eine Selbstherrlichkeit in ihm großgezogen, die ihn in den Augen anderer
+oft lächerlich erscheinen ließ und ihr selbst manche bittere Stunde
+brachte.
+
+Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn in dem Augenblick, da
+sie ihres Mannes streichelnde Hand verspürte, es sei alles gut geworden
+und werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie
+ihres Mannes Seele nicht kenne, daß sie so stumm vor ihr liege wie die
+ihres neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum Bewußtsein, daß ihr
+dieser Tag in dem hilflosen, unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben,
+so groß und schön, daß ein sehr starker oder sehr leichter Sinn dazu
+gehört, um vor der Verantwortung nicht zu zagen.
+
+ * * * * *
+
+Peter war in den ersten Jahren seines Lebens ein zartes Kind. Wenn Frau
+Elisabeth ihn spazieren fuhr, so brach wohl die eine oder andere der
+Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: »Der ist aber blaß! Sieh nur
+die Adern an den Schläfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.« Und
+dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.
+
+Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen zum Trotz. Er
+kriegte blanke Zähnchen und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an
+Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und dann kam der Tag, der
+glückselige Tag, wo er in einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters
+Werkstatt stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den hohen
+Tischen herum, eifrig bunte Papierabfälle sammelnd, die er mit dem
+großen Pinsel zusammenkleisterte. Hände und Kleider bekamen dabei ihr
+gut Teil ab zum Ärger der Mutter, die ihr Bübchen immer schmuck haben
+wollte. Der Vater aber lachte. »Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du
+wirst einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten Platz am
+Fenster?« -- »Ja, wenn ich groß bin,« sagte Peterchen, »aber --« fügte
+er zögernd hinzu: »Mutter soll auch mit dabei sein.«
+
+Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter Kind, daß er es nicht
+ertragen konnte, lange von ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand
+er mit einem Rührlöffel in der Hand ernsthaft neben ihr. Er begleitete
+sie auf allen Gängen und schlief nur ein, wenn sie an seinem Bettchen
+saß. Des Morgens aber erwachte Frau Elisabeth daran, daß vorsichtige
+Fingerchen ihre Augenlider in die Höhe zogen, und sie schalt nie,
+sondern hob die Decke und ließ den kleinen Ruhestörer unterschlüpfen.
+Das ging so heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun zwischen
+Mutter und Kind geführt wurde, war eine so leis geflüsterte, daß der
+Vater nicht daran erwachte.
+
+Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die süßeste am Tag. Wie weich und
+warm schmiegten sich die jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das
+Herzchen so rasch, so rasch ... Sie spielte mit dem dunkeln, lockigen
+Haar, das der Junge von ihr geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren
+die ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches Kinn gegeben. Aber
+sonst glich der Kleine keinem der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild
+irgend eines Vorfahren aufbewahrt worden wäre, hätte man darauf die
+lange, schmale Nase und die trotzige Stirne gefunden, und auf einem
+andern vielleicht die schwarzen Brauen, die über der Nase
+zusammenwuchsen. Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. Sie waren
+von dunkelm Grau, groß und sanft, und es lag wie ein feiner Schleier
+darüber. Aber in der Erregung zerriß der Schleier, und die Augen glühten
+und schauten nahezu schwarz.
+
+Frau Elisabeth erschrak jedesmal darüber. Es packte sie die bange
+Ahnung, daß eine Zeit kommen könnte, in der es ihr nicht mehr gelingen
+würde, die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese Gedanken von
+sich. Noch war das Peterchen klein, und wenn sein Seelchen in Not kam,
+schrie es nach ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, nein,
+auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, die sie im Verhältnis zu
+ihrem Mann empfand, war sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung
+verlangte. Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, da
+sie die umworbene und gefeierte Betty Berger gewesen und führte diese
+Tage in ihren kleinlichen Zänkereien wieder und wieder an. In des Kindes
+Augen nun stand sie groß und unantastbar.
+
+Das späte Mutterglück hatte übrigens ihre Liebe zum Gatten nicht
+beeinträchtigt. Der kleine Sohn mußte stets hinter dem Vater
+zurücktreten. Das wußten beide, der kleine und der große Peter, und sie
+nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen wahr, in das sich beim
+kleinen ein unverstandener feiner Schmerz, beim großen ein unbehagliches
+Schuldgefühl mischte.
+
+Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem kleinwinzigen Sohn
+gegebenes Wort zu halten. Er wollte gut sein zur Mutter seines Kindes,
+und einige Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte wieder wie in
+den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit zarter Fürsorge; aber zu einer
+inneren Annäherung kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder den
+alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, nach Art launischer
+Menschen, den einen Tag zu Scherz und Lachen aufgelegt, den andern
+reizbar und wortkarg. »Die Kluft zwischen uns ist zu groß, da ist kein
+Verstehen möglich,« dachte er mißmutig.
+
+Ach, da war wohl eine Brücke, die ihn wieder und wieder zu ihr getragen
+hätte ... Für Güte und Erbarmen ist keine Kluft zu groß.
+
+ * * * * *
+
+Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein Ereignis für die ganze
+Familie, und jedes nahm es auf und verarbeitete es seiner Art
+entsprechend. Dem Vater schien es der erste Schritt zur künftigen
+Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr ein bißchen mehr. Zeigte
+es sich, daß er einen hellen Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium
+schicken. Studieren ... nein, das sollte er nicht. Das Geschäft ging
+gut, es durfte nicht in fremde Hände übergehen. Aber abends, da wollten
+sie zusammensitzen und lesen und sprechen. O, der Junge mußte nicht
+glauben, er, der Alte, sehe nicht über den Kleistertopf hinaus! Er war
+auch in guten Schulen gewesen, und überhaupt -- früher wurde viel besser
+und gründlicher unterrichtet ... Merk' er sich das, mein Herr Sohn!
+
+Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese und ähnliche
+Gedanken bewegte, fröhlich vor sich hin. Unterdessen saß Frau Elisabeth
+im Wohnzimmer und weinte. Sie wußte selbst kaum warum, aber ihr war so
+traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes gestorben. Vor einer Stunde
+hatte sie das Peterlein zur Schule gebracht. Er war einer der
+niedlichsten kleinen Schüler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. Und
+er hatte den Lehrer artig gegrüßt und war nicht so blöde, mit dem Finger
+im Mund, dagesessen, wie Bäcker Brauns Jüngster. Aber als sich nun die
+begleitenden Mütter und Väter und älteren Geschwister zum Gehen
+anschickten, war das Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und hatte
+sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter geschrien, ohne auf ihre
+Trostworte zu achten. Zuletzt hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot
+versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen war in die Bank
+zurückgekehrt und sie nach Hause.
+
+Und nun saß sie da und weinte nach dem Kind, und das arme Büblein dachte
+wohl im stillen auch nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge
+durchzumachen! Und so allein war man mit seinem Kummer, denn dem Mann
+durfte man nicht klagen. Er wurde gar leicht ungeduldig.
+
+Frau Elisabeth schlang die Hände ineinander und schaute durchs Fenster.
+Es kam ihr plötzlich in den Sinn, daß sie an die Bereitung der
+versprochenen Dampfnudeln gehen müsse, aber sie blieb ruhig sitzen. Es
+war so angenehm, in diesen halb traurigen, halb süßen Gedanken zu
+schwelgen. »Alle Mütter sind Märtyrerinnen,« ja, das hatte sie einmal
+gelesen und sehr merkwürdig gefunden. Aber jetzt verstand sie, o, jetzt
+verstand sie ...
+
+Unten auf der Straße ging eine Nachbarsfrau vorbei. Sie nickte ein-,
+zweimal und Frau Elisabeth nickte wieder und führte dabei das
+Taschentuch an die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, daß die Freundin
+sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute ihr heimlich nach, und da
+erlebte sie eine zweite Genugtuung. Die Freundin hatte sich wohl etwas
+eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich ein blendend roter
+Rocksaum unter dem dunkeln Kleid hervor. Frau Elisabeth lächelte: »So 'ne
+Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man eben keinen Geschmack hat ...«
+
+Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern Gemüts an der
+Mehlkiste.
+
+Das Peterchen kam mit dunkelglühenden Bäckchen nach Hause. »Mutter, die
+Schule ist fein!« schrie er schon von weitem.
+
+Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. Sie hätte ihn lieber ein
+bißchen bekümmert, ein bißchen sehnsüchtig erregt gesehen.
+
+»Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?« fragte sie, das Kind
+zärtlich umfangend.
+
+»Nur ein bißchen. Weißt du, nachher kam das feine Bild von dem
+Elefanten. Der ist mal klug, Mutter! Und stark und, und -- gerecht. Ja,
+gerecht nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas Böses tut, straft er
+einen gleich. Da war mal so ein Schneider, Mutter, -- --«
+
+»Ja, das kannst du mir nachher erzählen, jetzt gehen wir zum Essen,«
+sagte Frau Elisabeth. Sie sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die
+feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam ... war Mutter böse? Er war
+so froh gewesen, so erfüllt von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die
+Geschichte war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser in die
+Schneiderstube spritzte! Der stach den Elefanten gewiß nicht zum
+zweitenmal in den Rüssel! --
+
+Das Peterlein machte einen Sprung, als müsse er sich aus des Schneiders
+nasser Stube retten. Da fühlte er sich von seinem Vater ergriffen, in
+die Luft gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein schaute
+atemlos zu ihm auf: »O Vater, bist du stark! Fast wie ein Elefant! Und
+denke dir, so klug ist der und soo -- gerecht. Ich will dir mal was von
+einem Schneider erzählen. Willst du's hören?«
+
+»Aber gewiß!« rief Vater Niemeyer. Das freute ihn, das war ja wie ein
+Akkord aus der Zukunftsmusik, die er vorher gespielt.
+
+Und das Peterlein erzählte, mit Mund und Augen und allen Gliedern. Der
+Vater bedauerte und lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter --
+Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinüber -- kniff die Lippen
+zusammen, so eng, daß nur noch ein schmaler roter Strich zu sehen war.
+Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie wiederauseinandergehen und
+liebe Worte sprechen könnten. Wie schade, daß Mutter die Geschichte
+nicht gefiel! Vielleicht, wenn er ihr sie später noch einmal erzählte?
+
+Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen seine Geschichte ein zweites
+Mal anzubringen. Aber Frau Elisabeth konnte sich nicht überwinden. Mit
+abweisendem Wort schloß sie die plauderfrohen Lippen. Die alte, häßliche
+Schule! Was brauchte er so vergnügt von dort herzukommen, wo sie nicht
+dabei gewesen. -- »Gönnst du ihm denn seine Freude nicht?« mahnte eine
+Stimme ihres Innern. Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.
+
+Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stämmige Körperchen. »Du hast
+mich lieb, Peterchen? Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb
+haben?« Der Kleine drückte das runde Gesicht gegen ihre Wange. »Immer,
+immer! Aber --« fügte er zögernd hinzu, »warum darf ich dir nicht
+erzählen? Darf ich dir nie, gar nie erzählen, was wir in der Schule
+machen?«
+
+Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jähe Erkenntnis. Wie war sie so
+töricht gewesen! In ihrer selbstsüchtigen Liebe hatte sie ihn ja von
+sich gestoßen. Mußte sie nicht froh sein, o von Herzen froh und dankbar,
+daß er alles zu ihr trug?
+
+»Freilich darfst du mir erzählen, Peterchen. Jeden Tag, soviel du
+willst! Aber für heute ist's genug, sonst bist du morgen müde in der
+Schule.«
+
+Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, und noch während Frau
+Elisabeth ordnend im Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in
+Schlummer.
+
+ * * * * *
+
+In den folgenden Monaten geschah es oft, daß der kleine Peter etwas zu
+erzählen wußte. Aber nicht immer fand er die Mutter willig, seinen
+sprudelnden Berichten zu lauschen.
+
+Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie nach den Schätzen der Tiefe
+geforscht, nie in Qual und Sehnsucht zur Höhe gedrängt hatten, genügte
+die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. Sie war nicht
+unglücklich gewesen, wenn sie auch zuweilen unter den Launen ihres
+Mannes gelitten hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und sie
+hatte ein behagliches Heim und konnte hübsche Kleider tragen und
+brauchte keine grobe Arbeit zu tun. Aber nun war so vieles anders
+geworden.
+
+Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen allerlei Gedanken zu
+arbeiten an. Nicht nur was er in der Schule sah und hörte, nein, auch
+alles was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit gierigen Augen und
+Händen entgegengenommen und betastet und befragt.
+
+So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute sein, den man von der
+Mutterpflanze gelöst hat. Er trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem
+mütterlichen Stamm, nein, direkt aus der feuchten, kühlen Erde, und der
+Sonnenschein umfließt ihn inniger und wärmer, da er nun so rank und fein
+und klein für sich steht. Er fängt behutsam an, Würzelchen auszustrecken,
+und er wagt es und entrollt ein verschämtes, zitterndes Blatt.
+
+Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das sich, losgelöst von dem
+ihren, entwickelte, nicht und betrachtete es mit feindseligen und
+argwöhnischen Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die Erkenntnis
+durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt hatte. Nein, er durfte ihr
+nicht verloren gehen. Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken,
+wie damals, als er zu früher Morgenstunde in ihr Bett gekrochen.
+
+Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und wochenlang gleichgültig
+und verständnislos zur Seite gestanden, eine plötzliche Annäherung
+suchte, konnte es geschehen, daß Peterlein die Lippen zusammenkniff. Das
+feine Seelchen flüchtete sich vor den täppischen Angriffen und schaute
+nur scheu und verängstet aus den großen verschleierten Augen.
+
+Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war nicht ein aus Zartgefühl
+geborenes Schweigen. Das hätte dem Peterlein wohl getan und ihm
+vielleicht die herben Lippen geöffnet. Er beobachtete die Mutter, wie
+sie sich an den Nähtisch setzte, zu Nadel und Faden griff und zu nähen
+begann. Und jede Bewegung brachte ihr Gekränktsein zum Ausdruck, laut
+und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener Qual.
+
+Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die Werkstatt hinunter,
+denn der Vater nickte ihm meist freundlich zu und schenkte ihm auch hin
+und wieder einen Streifen bunten Papiers.
+
+Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl zu sitzen, der dicht am
+Fenster stand. Draußen war nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was
+die Aufmerksamkeit der Arbeiter erregt hätte. Aber Peterlein bewunderte
+das steil abfallende braunrote Ziegeldach. Es wuchs so viel feines,
+samtenes Moos darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte ein
+Samtkleid, das drückte er oft verstohlen an die Wange.
+
+Über das Dach ragte ein alter, klotziger Turm empor. Wie ein rundes,
+gutmütiges Gesicht schob sich die Hälfte seines Zifferblattes über den
+First empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn gerne leiden,
+den alten Turm mit dem breiten Gesicht, und er liebte auch die Zeiger,
+die so lustig Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, glitzerte
+stundenlang oben in der Sonne, dann versank er, und Peterlein sah ihn
+des Abends nie. Der große lief viel schneller. Jetzt war er
+verschwunden, aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen geschaukelt,
+das Moos auf dem Dach in Gedanken gestreichelt, sich über die vielen,
+vielen Bücher gewundert und von der Möglichkeit, sie zu lesen, geträumt
+hatte, tauchte er auf der andern Seite auf und war so golden und
+blitzend wie zuvor.
+
+»Was er nur denken mag, wenn er so zum Fenster hinausstarrt,« dachte
+Peter Niemeyer sen. Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen.
+Aber merkwürdig! es kam ihm keine Erinnerung, die ihm das Bild eines
+versonnenen kleinen Buben entgegengehalten hätte. Er sah sich immer in
+Bewegung, im Schulhof, auf der Straße, im elterlichen Hause ... turnend,
+schreiend, raufend. War sein Junge am Ende kein echter Junge? -- -- An
+Kraft fehlte es ihm gewiß nicht. Er hatte breite Schultern, die den
+dunkeln Kopf stolz und aufrecht trugen, und daß er Beine hatte, die
+ihresgleichen suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater Niemeyer
+wieder und wieder beobachten.
+
+Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen mehr mit sich ins Freie zu
+nehmen, womöglich mit andern Kindern zusammen.
+
+Das Stillesitzen und Träumen verdroß ihn ... aus dem einfachen Grund,
+weil es seiner Natur fremd und unverständlich war. Und er wollte den
+Jungen für _sich_ heranwachsen sehen. _Sein_ Kamerad, _seine_ Stütze und
+Hilfe sollte er werden. Aber hatte er selbst nicht auch geträumt in
+jungen Tagen und sich eine heimliche Welt erbaut? O gewiß, aber es waren
+lauter klare Dinge gewesen, lebensfähige, starke Gedanken. Sein Junge
+aber war versunken in den Anblick eines alten Daches und beobachtete das
+Auf und Ab eines Zeigers. Dem mußte beizeiten ein Riegel vorgeschoben
+werden.
+
+So kam es, daß am folgenden Sonntag die drei Niemeyer mit einer
+befreundeten, sehr kinderreichen Familie zusammen einen Ausflug machten.
+Der nasenähnliche Vorsprung des nächstgelegenen Berges war zum Ziel
+ersehen worden. Die Gesellschaft setzte sich in fröhlicher Laune in
+Bewegung. Die Luft war klar, der Sonnenschein wärmend, ohne stechend zu
+sein. Peterlein sprang mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug
+Purzelbäume wie ein gedienter Zirkusclown und ging aus einem Ringkampf,
+der mit viel Lachen und Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger
+hervor. War das derselbe Junge, der verträumt in einem Winkel zu sitzen
+pflegte? Nein, das war ein echter, lebendiger Junge, wie er sein soll.
+Vater Niemeyer strahlte.
+
+Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. Der besiegte Nachbarjunge,
+der seinen Groll nicht verwinden konnte, drang plötzlich von hinten auf
+Peterlein ein und schlug ihn über den Kopf.
+
+»Na, hoffentlich haut er ihm eine Tüchtige runter!« dachte Vater
+Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein blieb stehen und schaute seinen
+Widersacher an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. »Du
+bist ja ein Feigling!« sagte er mit seiner hellen Knabenstimme.
+
+»Was bin ich!« schrie der andere. Er versetzte Peter einen Stoß, der ihn
+zu Boden schleuderte; dann hielt er es für geraten, sich hinter seinen
+Vater zurückzuziehen.
+
+Es wäre nicht nötig gewesen. Als Peterlein wieder aufrecht stand, ging
+er seines Wegs, ohne sich nur umzublicken.
+
+Peter Niemeyer ärgerte sich. Hatte der Junge kein Ehrgefühl im Leib? Mit
+ein paar raschen Schritten war er an seiner Seite. »Läßt du dir so etwas
+gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja auch untergekriegt. Warum hast du
+nicht mit ihm gerungen?«
+
+»Weil er feig ist,« sagte das Kind und hob seinen stolzen, freien Blick.
+Die Augen waren unverschleiert und glühend, und Vater Niemeyer wußte
+keine Entgegnung.
+
+Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und nachdem die Aussicht
+bewundert und die Namen der zerstreut liegenden Dörfer richtiggestellt
+waren, überließen sich die Erwachsenen der Ruhe.
+
+Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. Es ward still, nur hin und
+wieder klang ein vereinzelter heller Schrei, ein seliges Lachen herüber.
+Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, und fühlte und trank
+den Zauber des Frühlingstages in tiefen Atemzügen.
+
+Da schrak er jäh empor. Das Weinen eines Kindes, untermischt mit
+vielstimmigem Gelächter, war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich
+auf. Die Töne kamen näher und näher, und Frau Elisabeth horchte
+ängstlich auf. »Es ist unser Peterchen, der weint,« flüsterte sie.
+
+Da stürzte er auch schon auf sie zu, mitten in ihre ausgestreckten
+Arme. »Was hast du denn? Wer hat dir etwas zuleid getan?« fragte sie
+wieder und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen nicht sprechen,
+und die andern Kinder mußten berichten. Das Peterlein sei ganz für sich
+gegangen, sie hätten ihn lange gesucht und endlich vor einem großen
+Stein gefunden. Den habe er immerzu betrachtet. Da sei eines von ihnen
+zum Spaß daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen zu
+weinen und sei davongelaufen und sie alle hinterdrein.
+
+Vater Niemeyer war ernstlich böse. »Deswegen weint man doch nicht.
+Schäme dich, Peter!«
+
+Frau Elisabeth fühlte Mitleid mit dem zuckenden Körperchen, das in ihrem
+Schoß lag. Er hatte sich zu ihr geflüchtet. Das tat wohl. Sie beugte
+sich ein wenig herab und flüsterte: »Sei nun wieder still, Peterlein!
+Sieh, die andern sind so vergnügt. Warum hat dich denn der dumme Stein
+so betrübt?«
+
+Peterchen hob sein verweintes Gesicht. »Ach Mutter, es war ein kleiner
+Wald, eine wunderschöne kleine Welt darauf!«
+
+»Wirklich!« sagte Frau Elisabeth und vertilgte mit dem Taschentuch die
+Tränenspuren in ihres Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was für ein
+absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr unbehaglich bei dem
+Gedanken. Wie mochte das später werden? Nun zählte er erst acht Jahre
+und war ihr schon halb entglitten.
+
+Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem Mann hinüber; aber Peter
+Niemeyer, der die Klage seines Jungen um die zertretene kleine Welt
+gehört, lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirne.
+
+ * * * * *
+
+Der Sommer brachte für Peterlein etwas Wunderbares. Er durfte mit der
+Mutter in die Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er brachte Frau
+und Kind zur Bahn und plauderte bis zuletzt lebhaft und fröhlich mit
+ihnen. Er hielt die Hand seiner Frau lange in der seinen und tätschelte
+seines Buben blasse Wangen.
+
+»Nun geht nur tüchtig spazieren da oben und holt euch rote Backen! Und,
+Peterlein -- -- -- fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!«
+
+»Wie ist es da?«
+
+»O, schön! Aber wenn man hinunterpurzelt, merkt man davon nichts.«
+
+»Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?«
+
+»Bewahr' mich der Himmel! Junge, was denkst du nur! Aber an einer
+gestanden bin ich mehr als einmal!«
+
+»Wie sieht das aus, Vater?« drängte das Kind. »Ist es ein tiefes,
+schwarzes Loch?«
+
+»Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz ... Es glänzt so
+schönes Eis herauf. Ganz blankes, grünes Eis, Peterchen. Und unten
+rieselt und gluckst etwas -- -- ein Gletscherbächlein ... aber es klingt
+oft eigentümlich -- -- wie -- wie --«
+
+»... wie wenn etwas weint,« vollendete ein leises Stimmlein.
+
+»Warum meinst du das?« fragte der große Peter lächelnd.
+
+»Weil ich es einmal gehört habe, im Wald, weißt du, bei dem kleinen
+schwarzen See. Da muß das Bächlein hinein und deshalb weint es.«
+
+»Na, hör' mal, Peterchen!« begann Frau Elisabeth, aber ihr Mann legte
+eine beschwichtigende Hand auf ihren Arm.
+
+Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge von ihm. Es war ihm, als
+höre er wieder ein paar Takte aus seiner Zukunftsmusik ... War er nicht
+auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und Wiesen strich, stehen
+geblieben, um etwas von den Tönen zu erlauschen, die Wind und Bach und
+Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der Freude, hatte ihm daraus
+geklungen. Und das Peterchen hörte ein Weinen ... Also doch nicht ganz
+dasselbe, nein, nicht ganz.
+
+Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter Niemeyer aufsteigen, aber er
+zwang sie nieder.
+
+»Ich hörte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte sagen, das
+Gletscherbächlein mache Musik. Ganz feine, silberne Töne hört man.«
+
+»Ja ... da singt jemand,« nickte das Kind. Es saß und schlenkerte mit
+den Beinen und schaute aus weichen, verträumten Augen.
+
+Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit drängte. Er mußte eiligen
+Abschied nehmen. Dann setzten sich die Räder in Bewegung, und das
+Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo das Bächlein unter
+schimmerndem Eis kleine Lieder singt.
+
+Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu sehen. Da waren die
+Telegraphendrähte. Lange Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur
+in der Höhe des Fensters, aber das genügte ihnen nicht. Hinauf, hinauf!
+schienen sie zu schwirren. Und sie fingen an zu steigen -- -- rascher --
+rascher! Wohin! wohin? Da -- -- eine böse lange Stange stand in ihrem
+Weg und riß sie alle herunter -- o so tief! Konnten sie nun nicht mehr
+fliegen? Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie sanken, sanken, und
+jede böse Stange machte sie tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an
+tapfern Drähten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der dunkle Schatten
+sie heruntergezerrt hatte, aufs neue in die Höhe, immer wieder, immer
+wieder -- -- bis -- -- Ja, mit einem Mal waren sie ganz weg, und die
+Eisenbahn fuhr dicht an einem See vorbei, so dicht, daß man glauben
+konnte, die Räder liefen im Wasser. Es schimmerten blanke Steine und
+weiches, bewegliches Gras, und da -- ja, da war ein Fisch, ein
+wirklicher, lebendiger Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen
+durchfuhr.
+
+Dann mußte man durch einen dunkeln Tunnel fahren. Das war nicht hübsch.
+Aber nachher ...
+
+Das Peterlein saß ganz still, aber es öffnete die Augen weit und trank
+die Schönheit, die sich vor ihm aufgetan.
+
+Und der Glanz der sonnbeschienenen weißen Berge, die geheimnisdunkle
+Pracht der Wälder, der Duft und die Freude, die von den blumigen Matten
+aufstiegen, sanken durch die dürstenden Augen tief auf den Grund seiner
+stillen, wartenden Seele.
+
+ * * * * *
+
+Peterlein fühlte sich schon nach wenigen Tagen in dem kleinen Bergnest
+so heimisch, als habe er immer in dem braunen Häuschen gewohnt. Wie war
+es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf einen Stuhl stellte, so
+konnte er mit der Hand die Decke berühren, und wenn er Eile hatte, ins
+Freie zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles neu und
+furchtbar interessant, z. B. die vielen Menschen, die mit ihm und Mutter
+zusammen an einem Tisch aßen. Er kannte die wenigsten, denn gleich nach
+Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre Behausungen. Da der Gasthof
+selbst nur wenige Gäste beherbergen konnte, waren die meisten in den
+nächstgelegenen Häuschen untergebracht.
+
+Peterlein war immer unter den ersten, die dem Ruf der Tischglocke Folge
+leisteten. Dann stand er am Fenster und beobachtete die Gäste, die sich
+von allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof näherten. Bei
+Regenwetter war es besonders hübsch. Da konnte man glauben, eine Schar
+Pilze wandere langsam und bedächtig auf den schmalen Weglein.
+
+Frau Elisabeth fühlte sich fremd und eingeschüchtert. Daran war in erster
+Linie ihr Tischnachbar schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, der
+erst vor kurzem aus Indien zurückgekehrt war und noch immer in seligen
+Erinnerungen schwelgte. Beinahe täglich unterhielt er Frau Elisabeth mit
+Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als bekannt voraussetzte.
+Völlig zur Verzweiflung aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags
+mit feurigen Worten die vom Mondlicht übergossene Tadsch Mahal
+schilderte. Frau Elisabeth lauschte mit krampfhaft festgehaltenem
+liebenswürdigem Lächeln, während sie innerlich stöhnte: »Mein Gott, wenn
+ich nur wüßte, von was er spricht.«
+
+Sie ließ die Worte halb betäubt über sich ergehen und empfahl sich so
+schnell es irgend anging. Ach, warum hatte sie nicht darauf gehört, wenn
+ihr Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum Selbstlesen anpries!
+Zwar, von Indien hatte er ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit
+Bestimmtheit zu erinnern. Aber -- eine andere Sache hatte ihm immer so
+am Herzen gelegen. Beinahe jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert,
+die Gemälde im Museum anzusehen. »Denn, wirklich, Betty, es ist eine
+Schande, wenn ein Kind unserer Stadt nicht die Bilder ihrer zwei
+weltberühmten Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz und kommen
+weit her, ihn zu sehen. Du kannst dich nicht einmal zu den paar
+Schritten entschließen. Warst du überhaupt schon dort?«
+
+Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! »Na ja, als junges Mädchen
+war ich mal dort. Es hat mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da
+waren so merkwürdige Wesen ... Frauen mit Fischschwänzen und Männer,
+halb Mensch, halb Pferd. -- -- Ach, und so ein schreckliches Bild war
+da. Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir nachts geträumt. -- --
+Und die Frau mit den Kindern -- das soll doch so ein schönes Bild sein
+-- gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl ganz nett, aber die Frau
+hat trübe Augen, und das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen hätte.«
+
+Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren Peter sen. und jun.
+allein ins Museum gegangen. Sie hatte nachher das Kind über die Bilder
+befragt, aber es hatte nicht viel zu antworten gewußt. Ein Kindchen habe
+er gesehen, so eines, wie sie im Wasser wohnen. Das habe ein Fischlein
+fangen wollen, da sei es ausgerutscht, und »nun macht es so, sieh,
+Mutter, so!«
+
+Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, dann hatte er
+plötzlich ein Tuch ergriffen, es eng um die Schultern gezogen und mit
+abgewandtem Gesicht gesagt: »Sieh, Mutter, so steht der Mann und wartet
+und wartet. Warum wartet er, Mutter? Da ist ein großes Wasser und vorne
+ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat keine Kleider, nur ein
+ganz dünnes Tuch. Das glitzert sehr schön. Und sie wartet auch. Warum,
+Mutter? Vielleicht, daß sich der Mann mal umwenden soll? Ich glaube, sie
+will ihm etwas vorspielen. Aber warum wartet der Mann und schaut immer
+auf das Wasser?«
+
+»Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu fahren.«
+
+»Ist er da nicht zu Hause? O, du weißt's nicht gewiß, Mutter?... Ich
+glaube doch, aber er möchte mal weg, um zu sehen, was über dem großen
+Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf das Schiff.«
+
+Hatte der Professor nicht zum Schluß von diesem Bild gesprochen? Gewiß!
+Wenn sie nicht aufgestanden wäre, hätte er sie darüber ausgefragt.
+»... denn gnädige Frau müssen es natürlich aufs genaueste kennen.« Ach,
+wie konnte sie nur diesem schrecklichen alten Herrn entrinnen!
+
+Frau Elisabeth war während dieser Gedanken einen Waldweg gegangen, der
+zu einer einsamen kleinen Höhe führte. Peterlein lief singend
+hintendrein. Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf eine der
+leerstehenden Ruhebänke niedergelassen hatte. Er lehnte sich an sie, und
+sie schlang den Arm um ihn und fühlte unter ihrer Hand das vom Springen
+erregte Herzchen pochen.
+
+»Mein Peterchen,« flüsterte sie, und drückte die Lippen in sein Haar.
+
+Er schob sich enger an sie heran. Da ließ eine Elster in der Nähe ihr
+häßliches Krächzen hören, und Peterlein riß sich los.
+
+»Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie schön schwarz und weiß ... Mutter,
+wie heißt der Vogel?«
+
+»Na, wie heißt er denn!« Frau Elisabeth sagte es ein wenig ungeduldig.
+Was brauchte Peter so laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der
+andern Bank gewiß die Frage gehört und wartete mit dem Jungen zusammen
+auf eine Antwort ... Und sie wußte ja den Namen des dummen Vogels nicht!
+Was sollte sie nur machen?
+
+Ihr war, über das Gesicht der fremden Dame gleite ein feines Lächeln.
+
+»Peterchen!« rief Frau Elisabeth, »komm mal flink her!«
+
+Als das Kind näher trat, flüsterte sie hastig: »Es fällt mir jetzt
+gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's so etwas wie ein Rabe.«
+
+»Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!«
+
+Peterchen stand vor ihr, die Hände auf dem Rücken, und betrachtete sie
+vorwurfsvoll. Plötzlich sagte er: »Hast du den Namen wirklich mal
+gewußt? Oder, oder ... weißt du, Mutter, heute -- -- am Essen -- -- das
+hast du auch nicht gewußt ... weißt du, das weiße Haus, von dem der alte
+Mann erzählte. Da hast du bloß so getan -- --«
+
+Frau Elisabeth saß da, über und über errötend. Einen Augenblick war
+ihr, die ganze Bergkette senke sich, als wolle sie ihr eine spöttische
+Verbeugung machen. Die Fremde mußte jedes Wort gehört haben. Peterleins
+Stimme war so durchdringend hell, und die halb vorwurfsvoll, halb
+trotzig gesprochenen Worte hatten sehr deutlich geklungen.
+
+Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und sagte ärgerlich: »Du bist
+ein ungezogenes Kind, Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter. Ich
+habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen dies oder jenes nicht
+recht.«
+
+»Ja -- aber ... Eltern sind doch auch manchmal unartig, Mutter. Nicht?«
+
+Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an. Er erwiderte ihren Blick,
+nicht trotzig, nur harmlos erstaunt.
+
+Was sollte sie nur antworten?
+
+Da -- mitten in das Schweigen hinein -- klang ein Lachen, ein herzliches,
+befreiendes Lachen. Die fremde Dame war aufgestanden und näherte sich
+den beiden.
+
+»Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Großen alle sind auch manchmal
+unartig. Aber -- -- das kannst du mir glauben -- wir strengen uns
+tüchtig an, es nicht zu sein ... Darf ich?«
+
+Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die bereitwillig zur Seite
+rückte. Die Fremde setzte sich.
+
+»Wie heißt du denn, kleiner Mann?« wandte sie sich an Peter, und dann
+begann sie mit ihm zu plaudern.
+
+»Weißt du, Mutter,« meinte Peter später, »sie fragte so hübsche Sachen.
+Nicht: wie alt bist du, und in welche Klasse gehst du, und hast du schon
+viele Tatzen gekriegt.«
+
+»Ja, was fragte sie denn?«
+
+»O, Mutter, hast du es nicht gehört? Du saßest doch dabei. Sie fragte,
+ob ich die kleine Eidechse mal gesehen, die unten am Mäuerchen wohnt.
+Und -- Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie findet sie gar nicht
+langweilig wie du. Sie hat gestern abend den großen Bären auch gesehen.
+Hast du denn gar nicht zugehört?«
+
+Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie hatte eigentlich nur die
+Fremde beobachtet, das ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Züge durch
+einen unendlich gütigen, innerlich frohen Ausdruck verschönt wurden.
+
+Ein Gesicht, das keine Maske trug.
+
+Ein Gesicht, das jeden zu grüßen schien.
+
+Wenn man dies Gesicht ansah, wußte man, diese Frau denkt immer in erster
+Linie: wie kann ich dir helfen?... wie kann ich dir wohl tun?
+
+Und deshalb war sie auch herübergekommen und hatte Peters Frage
+beantwortet, die ihr so ungeheuerlich erschienen.
+
+Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? Warum?
+
+Ach, sie war so bestürzt gewesen, so bestürzt. Sie hatte geglaubt, in
+Peterleins Augen stehe sie fleckenlos da, und sie hatte auch geglaubt,
+das müsse so sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten --
+mußte da nicht jeder Respekt verschwinden? -- -- Freilich, die Fehler
+waren da. Die ließen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. War es da
+nicht klüger, die Worte der fremden Frau nachzusprechen?... »Nicht nur
+klüger, auch tapferer und ehrlicher,« flüsterte eine heimliche Stimme in
+Frau Elisabeths Herzen. Sie mußte plötzlich an ihren Vater denken. Der
+war ein aufrechter Mann gewesen. Hart und streng manchmal, aber doch in
+erster Linie gegen sich selbst. Da gab es kein Bemänteln einer Schuld.
+Er war ein hitziger Mann gewesen und konnte in der Aufregung manches
+Wort sagen, das ihn nachher in der Seele brannte. Dann leistete er
+Abbitte, auch wenn es sich nur um ein Kind oder den jüngsten Lehrbuben
+handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? Nein, nein ... Frau
+Elisabeth wußte plötzlich, daß ihr der Vater nie größer erschienen war,
+als in einem solchen Augenblick.
+
+Sie wußte noch etwas. Sie wußte, daß er, heute bei Tisch, nicht mit ihr
+zufrieden gewesen wäre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach
+gesagt, sie wisse nichts von diesem -- diesem Ding?
+
+Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr das Blut in die Wangen
+trieb. »Kinder, gesteht doch ruhig ein, daß ihr etwas nicht wißt! Das
+ist keine Schande. Und wenn's auch eine wäre, denn es kommt ja vor, daß
+man etwas wissen sollte -- na, da muß man eben die kleine Beschämung
+tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!«
+
+Die einsame Höhe war ein zauberkräftiger Fleck Erde. Noch nie hatte
+Frau Elisabeth so tief Einkehr bei sich gehalten wie an diesem
+Nachmittag. Das bekam auch Peter zu spüren. Er ging auf dem Nachhauseweg
+zwischen den beiden Frauen und merkte auf ihr Reden, und seine feinen
+Ohren hörten mehr als Frau Elisabeth ahnte.
+
+Am Abend, als er in dem großen Bett lag, setzte sich die Mutter neben
+ihn und schaute schweigend durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit
+erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?
+
+»Peterchen,« sagte sie leise und ein wenig stockend, »es ist wahr, ich
+habe den Herrn Professor heute nicht verstanden. Es war dumm, daß ich
+das nicht sagte. Und den Vogelnamen weiß ich schon lange nicht mehr.
+Vielleicht habe ich ihn einmal in der Schule gelernt ... Und es ist auch
+wahr, was die freundliche Dame heute sagte, daß -- daß wir Großen auch
+unsre Fehler haben. Aber sieh, Peterchen, bei manchen merkt man doch
+kaum etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch immer so gut und
+lieb zu dir, und nun hat er uns hier heraufgeschickt, wo wir's so schön
+haben, während er immer arbeiten muß ... Und Vater weiß so viel, alle
+sagen, wie klug er sei --«
+
+Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. Das Kind hing plötzlich an
+ihrem Hals und küßte sie, küßte sie ... o, diese durstigen Lippen! --
+Und dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen aus, daß die
+Mutter sich keinen Rat wußte.
+
+»Kind, Kind, was ist dir nur!« flüsterte sie halb erschrocken, halb
+beseligt.
+
+Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, noch nie die heißen
+kleinen Hände nach ihr gegriffen, als griffen sie tief, tief in ihr
+Herz.
+
+»Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!« schluchzte das
+Peterlein. »Du gehörst mir, Mutter, sag, daß du mir gehörst!«
+
+»Aber gewiß, Kind, gewiß! So -- so ... Nun will ich dir ein bißchen
+singen, und dann schläft mein Peterchen schön ein.«
+
+Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. Dann hielt sie seine
+Hand und sang und sah, wie die wilden Augen sanft und ruhig wurden und
+sich müde schlossen.
+
+ * * * * *
+
+Von diesem Tage an fühlte sich Frau Elisabeth weniger unbehaglich.
+Irgend etwas sagte ihr, daß diese Fremde ein innerlich reicher Mensch
+sei, und daß sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.
+
+Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie hörte aus all dem oft so
+nichtigen und eitlen Wortschwall etwas heraus, das ihr des Hörens und
+Antwortens wert schien. So ging sie manche Stunde, die sie lieber in der
+Stille verlebt hätte, mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen
+spazieren. Daß das Kind dabei war, erleichterte ihr das Opfer.
+
+Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, in einem großen
+Wirkungskreis gestanden. Tagtäglich waren Bilder des Elends, der Sünde
+vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte und fordernde
+Hände hatten nach ihr gegriffen. Und ihr großes, reiches Herz hatte all
+das Elend mit inbrünstigem Erbarmen umschlossen. Dann plötzlich war sie
+zusammengebrochen. Es war kaum zu glauben gewesen. Jedermann in ihrer
+Umgebung hatte sich gegen die Erkenntnis gesträubt, und sie selbst hatte
+hart mit dem müden Herzen gekämpft. Bis sie wußte: ich muß fliehen, aus
+allem heraus, sonst kann ich das Leben nicht mehr ertragen. Sie war in
+die Berge gereist mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu kriechen
+und sich daraus durch niemand und nichts vertreiben zu lassen. Aber an
+jenem Nachmittag, als Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie
+antworten müssen. Es war nicht anders gegangen.
+
+Das Kind erschloß sich ihr täglich mehr, und sie empfand seine
+stürmische Liebe als köstliches Geschenk. Die ihre äußerte sich selten
+in Worten oder Gebärden. Ihr war, Frau Elisabeth könnte dies nicht wohl
+ertragen.
+
+Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher Innigkeit ... so, wie
+man etwas Feines und Holdseliges liebt, das man in täppischen Händen
+weiß. Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, wie es drin üppig
+blühte und wucherte, und sie wußte, daß hier eines verständigen Gärtners
+Hand walten sollte ... »Armer, kleiner Peter!« dachte sie, wenn in diese
+Gedanken hinein Frau Elisabeths Worte drangen.
+
+ * * * * *
+
+Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben Tage ab. Beide waren
+froh, in den alten Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch Peter
+freute sich nach Kinderart der Veränderung. Er freute sich besonders
+darauf, dem Vater die schönen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen
+gesammelt. Aber als er von der »Tante« Abschied nehmen sollte, riß er
+die Augen weit auf und starrte der Davongehenden nach.
+
+Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes fröhliches Wort auf
+den Lippen ... Und konnte es nicht aussprechen. Sie wußte, nie würde sie
+diese entsetzten Augen vergessen können.
+
+Das aber ahnte sie nicht, daß ihr Bild durch lange Monate hindurch wie
+ein köstlicher Schatz in Peterleins Herzen gehütet wurde. -- --
+
+Der Vater freute sich an den mitgebrachten Steinen, bis er eines Tages
+entdeckte, daß Peterlein wieder seine »sonderbaren Sachen« damit treibe.
+An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen. Fein
+säuberlich eingewickelt war jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen,
+und nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine Gruben gesteckt.
+
+Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er mit einem glückseligen,
+zärtlichen Gemurmel begleitete, daß er des Vaters Schritte nicht hörte.
+Erst als die barsche Frage: »Was treibst du da?« an sein Ohr drang,
+fuhr er empor. Er verstand nicht, warum der Vater so streng aussah,
+aber es schüchterte ihn ein, und er sagte ängstlich: »Es sind so liebe
+Steine ... ich mache ihnen allen Bettchen.«
+
+»Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht mit Steinen. Jetzt wirfst du
+auf der Stelle den ganzen Plunder weg. Dort -- -- auf den Kehrichthaufen
+hinunter.«
+
+All die lieben Steine wegwerfen?... Der kleine Peter betrachtete den
+großen fragend, immer noch halb verträumt. Dann kam der Befehl zum
+zweitenmal, und er begriff.
+
+Dunkelrot färbte sich sein Gesicht, schwarz und drohend blitzten die
+Augen, aber er bückte sich und sammelte die Steine in seine Schürze.
+Dann ging er zum Zaun hinüber und warf die Steine auf den
+Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die Qual möglichst lange
+auskosten. Einmal hielt er inne. Einer der Steine war auf ein Stück
+Eisen gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins scharfe Augen an der
+glatten Bruchfläche etwas zu entdecken geglaubt. Aber er machte keine
+Bemerkung darüber. Er warf die Steine hinunter, einen nach dem andern,
+und schielte zu Zeiten nach dem Vater hinüber, der ihm ruhig zusah.
+
+»So ... nun kannst du mit mir in die Werkstatt kommen. Du darfst
+zusehen, und vielleicht darfst du auch etwas helfen.«
+
+Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich. Du lieber Himmel! Er war
+ja kein Wüterich, kein Spielverderber. Er wollte den Jungen gern froh
+wissen, aber auf eine vernünftige Weise. Für derartige Dinge war er nun
+einfach zu groß.
+
+Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten keine Bemerkung. Er
+hielt die Augen eigensinnig gesenkt und benützte die erste Gelegenheit,
+aus der Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den Garten zurück,
+kletterte über den Zaun und war mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen.
+Wo war nur der zersprungene Stein? Da -- Peterlein bückte sich und
+unterdrückte einen Jubelruf. »Ein Schmetterling! Ein ganz schöner
+Schmetterling!« murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger den feinen
+Linien der Versteinerung nach. »O, das soll er nicht sehen, der Böse!«
+
+Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder hinauf, lief durch den
+Garten und ins Haus. Dort ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein
+Versteck wollte ihm gut genug erscheinen für seinen herrlichen Stein.
+
+Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen zu schieben.
+Frau Elisabeth entdeckte natürlich den verborgenen Schatz, als sie
+Peterleins Kissen zurechtschüttelte. Da lernte sie denn die ganze
+Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige Anklagen gegen den
+»bösen« Vater, der ihm seine Steine genommen.
+
+Die Mutter schalt. »Was fällt dir ein, so von deinem Vater zu sprechen,
+du unartiger Bub! Die großen Leute wissen viel besser, was für die
+kleinen paßt, als diese selbst. Weißt du noch, gestern? Da hat Vater dir
+verboten, mit dem Messer zu spielen, und wie du's doch getan, hast du
+dich geschnitten. Na, nun siehst du's.«
+
+Peterlein saß aufrecht im Bett und dachte nach. Dann meinte er langsam:
+»Aber, Mutter, das ist doch nicht dasselbe. Mit dem Messer -- -- ja, da
+hat der Vater gewußt, daß es nicht paßt ... und -- und ich bin unartig
+gewesen ... Aber warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann man sich
+doch nicht schneiden ... Es waren so liebe Steinchen, Mutter, und ich
+hatte ihnen so schöne Bettchen gemacht.«
+
+»Nun höre mal auf mit den dummen Steinen und geh' schlafen!«
+
+Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war ihr ja die Handlungsweise ihres
+Mannes auch unverständlich. Warum ließ er denn dem Kind die Freude
+nicht? Aber ihn darüber befragen -- -- nein, das wagte sie nicht. Und
+der Junge sollte nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdrücken
+und sich seinem Vater anzupassen.
+
+Sie ging ohne Gutenachtkuß, und Peterlein rief sie nicht zurück. Er saß
+noch immer in seinem Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War das
+nicht alles schon oft so geschehen?... Was denn?... Das mit den Steinen?
+-- -- Das war ja unmöglich. Nein, aber das, das so weh tat, so furchtbar
+weh ... das -- -- ja, nun wußte er's ... Die Mutter liebte ihren kleinen
+Peter lange nicht so, lange nicht so -- wie sie den Vater liebte.
+
+Peterlein ließ den Kopf schwer ins Kissen fallen. Den Stein gegen die
+Wange gedrückt, starrte er in das dämmrige Zimmer. Er hätte gerne
+geweint, um den Druck im Hals los zu werden. Aber wenn man ihn gehört
+hätte?
+
+Seine Gedanken gingen auf die Suche nach etwas Tröstlichem, und da
+fanden sie den Stein. Der wunderschöne Schmetterling ... Wer hatte ihn
+da hineingezeichnet?... Natürlich der liebe Gott. Der hatte ja alles
+gemacht, die Berge und das Moos und die Bäume und die Steine. Aber daß
+er so geschickt wäre und auch noch innen in die Steine etwas zeichnen
+könnte -- nein, das hätte Peterlein nie gedacht. Aber nun wußte er auch,
+was er werden wollte. Wenn er groß war, wollte er weit fort wandern,
+immer weiter, und schöne Steine finden und schöne Vögel und schöne
+Blumen ...
+
+Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief er. Sie versuchte, den
+Stein aus seiner Hand zu lösen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger
+hielten ihn krampfhaft umschlossen.
+
+ * * * * *
+
+Es kam in den nächsten Jahren wieder und wieder vor, daß Peter des
+Älteren und Peter des Jüngeren Anschauungen im Widerspruch standen. Der
+Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit aus, über die sich der
+Vater lustig machte. Er tat es besonders dann, wenn ihm schien, sein
+Sohn stürze sich wieder in der alten ungesunden Weise auf eine Sache,
+auf die er selbst nicht viel hielt. Es reizte ihn, daß der Junge
+hartnäckig an seinen Gedanken festhielt, und so kam es zu häßlichen
+Auftritten, die meist damit endeten, daß der Ältere dem Jüngeren ein
+paar sausende Hiebe versetzte.
+
+Diese Auftritte drückten auf das feine Gemüt des Knaben. Nicht allein
+der Schläge wegen, obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein,
+schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines Vaters sehen, die
+ungerechten, oft grausamen Worte hören zu müssen.
+
+Die Mutter griff in diese Kämpfe meist nur mit einem beschwörenden
+»Peter, sei doch still!« ein, das dem Jüngeren galt. Nachher pflegte sie
+ihn mit Vorwürfen zu überschütten und verteidigte des Vaters Auftreten
+mit Worten, deren Unlogik Peter reizte und zu spöttischen Antworten
+trieb. Er wußte, daß eine maßlose Heftigkeit, durch gekränkte Eitelkeit
+hervorgerufen, nun und nimmer »heiliger Vaterzorn« genannt werden kann.
+Daß die Mutter es dennoch tat und oft, wie der Junge fühlte, gegen ihr
+besseres Wissen, erfüllte ihn mit Trotz und machte ihn blind gegen das
+eigene Unrecht, das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte Notwehr
+erschien.
+
+Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter diesen Verhältnissen litt,
+sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie sie ihrem Mann näher gebracht
+hatten. Als er merkte, daß sein Sohn ihm mit den Jahren fremder ward und
+es ihm nicht gelingen wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen,
+wandte er sich in seiner Enttäuschung ihr zu, bei der er stets
+Zustimmung und Bewunderung gefunden und die ihn jetzt aus einem
+verstehenden Mitleid heraus doppelt warm umfing.
+
+Der junge Peter sah es mit Staunen, und er war geneigt, in seinen
+Gedanken von dieser Liebe verächtlich zu denken.
+
+Nach einem Auftritt gingen sich Vater und Sohn tagelang aus dem Weg,
+kaum, daß bei den Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, bis
+sich die Bitterkeit allmählich verlor und man zur Tagesordnung überging.
+Nie kam es zu einer herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zäh an
+seinen Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern den ersten
+Schritt.
+
+Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht nach einer
+friedevollen, stillen Umgebung, nach Menschen, die seine Sprache redeten
+und verstünden. Er wußte, daß er anders war als Vater und Mutter, aber
+er sah darin nicht das Trennende. Warum sollen sich die Menschen nicht
+mit hellen Stimmen rufen, mit frohen Blicken grüßen können, auch wenn
+sie auf getrennten Wegen wandern?... Es muß sie nur ein jeder mit warmen
+Gedanken an den Nachbar gehen.
+
+In der Schule war Peter ein Durchschnittsschüler. Nur im Aufsatz
+zeichnete er sich aus, d. h. wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer
+hatte die Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen Sätzen
+abzutun, um der Phantasie der Kinder möglichst weiten Spielraum zu
+lassen. Auf diese Weise heimste er manche dürftige Leistung, aber auch
+manches warm und lebensvoll Geschaute ein. Er behandelte mit Vorliebe
+Zeiten und Menschen vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen
+folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstörte Klöster, Städte,
+deren einst stolze Namen verklungen sind ... in Peters Gedanken
+erstanden sie im alten Glanz. Scharfäugig trotzen die Burgen auf
+verwegener Höhe, üppig und ehrfurchtgebietend liegen die Klöster in
+waldigen Tälern, und in den alten Städten flutet Leben. Da sind Häuser,
+die mit schön gemeißelten Erkern und kunstvoll gearbeiteten Türen
+prunken. Wer ging da hinein und trug Lachen und Sonne in die dämmerigen
+Stuben?... Und wer saß am Brunnenrand, während das Mondlicht in
+silbernen Tropfen über die Dächer rieselte, und hatte eine Laute im Arm
+und sang, so schön, so schön ... Überall öffneten sich die Fenster, und
+da und dort gab eine Türe eine lauschende Gestalt frei ... Und wer fuhr
+in einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, der ganz mit Rosen
+bekränzt war?... Immer neue Gesichter drängen heran, edle und
+abstoßende, geistvolle und leere, angstvolle und harte ... Was wollen
+sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der Schatten kaum erwehren. Ihm
+ist, ein jeder bitte ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! Laß
+mich noch einmal schluchzen und lachen, noch einmal Qual und Freude
+trinken ...
+
+»Niemeyer, Sie haben ja über das alte St. Gallen die reinste Novelle
+geschrieben,« sagte Lehrer Röder, als er Peter sein Heft zurückgab. »Ist
+das wirklich alles in Ihrem Kopf gewachsen?«
+
+»Ja!« antwortete Peter und machte ein schuldbewußtes Gesicht.
+
+Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das Schreiben des Aufsatzes
+gemacht. Die Tage, die er vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren
+in ihm aufgestanden, mit zwingenden und drängenden Bildern. Er schritt
+wieder durch die Bibliothek und neigte sich über die Kästen, die die
+alten Evangelienbücher bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe Schriftzüge,
+Blätter und Blumengewinde, die die heiligen Worte umrahmen, dazwischen
+Maria mit dem Kind ... Wessen Hände haben dies alles erschaffen in
+langen, einsamen Stunden?... Und wer hat das dorngekrönte Haupt
+gezeichnet, das in einen schlichten Rahmen gefaßt in einer Ecke hängt?
+Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung zu sein,
+aber dann entdeckt man, daß die Dornenkrone, daß Haupt- und Barthaar aus
+winzig kleinen Buchstaben bestehen, die sich für scharfe Augen zu
+einzelnen Worten formen, und man findet die kleine Schrift, die besagt,
+daß »in diesen figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn Jesu
+Christi geschrieben«.
+
+Draußen sinkt der Abend, und die Dämmerung füllt die alte Bibliothek.
+Das ist die Stunde der Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen
+langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen Schritten durch den
+hohen Raum. Sie neigen sich über Tische und sind mit Federkiel und
+Pinsel beschäftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte ein heißes Herz
+schlägt, ein Herz, das zu Gottes und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen
+möchte, drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen könnte. Er kann ihr
+nicht Gestalt geben, wie der und jener Bruder, in glühenden Farben oder
+in jubelnden Tönen ... Da nimmt er ein Blatt Papier und zeichnet in
+zarten Linien das heilige Haupt, und danach schreibt er die ganze
+leidvolle Geschichte des Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und
+Barthaar des Antlitzes. Es geschieht »von freyer hand mit bloser feder
+und dinten«, und die Augen werden müde und brennend dabei ... Ach, was
+bedeutet der Schmerz gegenüber der brennenden Sehnsucht seines Herzens!
+
+Die Schatten umringen Peter. Aber er muß sich aus ihrer Mitte lösen,
+wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen sein will, und dann steht er
+verstört und fremd im Straßengewühl und starrt in modern erleuchtete
+Fensterläden. --
+
+Alle diese Bilder waren beim Schreiben des Aufsatzes in Peter
+aufgestiegen und hatten die gewünschte Beschreibung der ersten Jahre des
+Klosters verdrängt. Mit beklommenem Gewissen hatte er sein Heft
+abgegeben. War er diesmal nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen
+Pfad?
+
+Aber als der Lehrer die Bemerkung über die Novelle machte, ruhte sein
+Blick nicht ungütig auf Peter. Er winkte ihn am Schluß der Stunde zu
+sich her und sagte: »Das Thema haben Sie ja gänzlich außer acht
+gelassen, Niemeyer. Aber -- im übrigen gefällt mir die Sache ... Lesen
+Sie viel?«
+
+Peter bejahte und sah wieder schuldbewußt drein. Er mußte daran denken,
+wie oft die Schulaufgaben einer spannenden Geschichte wegen zu kurz
+gekommen waren.
+
+»Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?«
+
+»Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und Karl May.«
+
+Herr Röder sah einen Augenblick verdutzt drein, dann brach er in ein
+frohes Lachen aus.
+
+»Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den Conrad Ferdinand und Karl May!
+Aber nun sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen verlogenen
+Indianergeschichten?«
+
+Peter dachte nach und erwiderte zögernd: »Ich glaube das, daß die Kerle
+so tapfer sind, und daß sie so viel Neues entdecken ... Das möchte ich
+auch einmal -- -- reisen -- weit weg, in Länder, in denen noch nie
+jemand gewesen ist ...«
+
+»Da müssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die Erde ist nahezu entdeckt!
+Übrigens, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei
+und sehen Sie sich einmal Sven Hedins Bücher an. Da finden Sie Tapferkeit
+und finden Neuland, und ich denke, darüber wird Ihnen der Geschmack an
+Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad Ferdinand dürfen Sie behalten.«
+
+Als Peter den ersten Band von »Transhimalaya« nach Hause trug, begegnete
+ihm sein Vater im Hausflur. Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen. Er
+ahnte, daß er etwas Köstliches in Händen halte, und, wie immer, wenn ihn
+etwas Frohes bewegte, drängte es ihn zur Aussprache.
+
+»Vater, ich habe ein feines Buch! Herr Röder hat es mir geliehen ...
+Kennst du es? >Transhimalaya< von Sven Hedin.«
+
+»Den Titel kenne ich.«
+
+»Willst du es auch lesen, Vater? Es muß sehr fein sein. Herr Röder ist
+ganz begeistert. Ich kann es ja vielleicht am Abend vorlesen?«
+
+»Ach, laß nur! Das wird für Mutter nicht sehr unterhaltend sein, und ich
+weiß auch nicht, ob es mich sehr interessieren würde. Freue dich nur
+allein daran -- das verstehst du ja ausgezeichnet.«
+
+Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und ging nach seinem Zimmer.
+
+Der alte Peter aber blieb stehen und hatte plötzlich eine Vision des
+kleinen Peterleins, wie es ihm am ersten Schultag eine Geschichte
+erzählte. Hatte er ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut an
+des Kindes Freude? Warum heute nicht? War ihm denn sein Kind, sein eigen
+Kind, nicht mehr lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn
+zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulöschen?
+
+Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in Peter Niemeyers Hirn. Es
+geschah nicht oft, daß er ihnen Gehör gab. In diesem Augenblick aber war
+ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein ... Für dich haben wolltest du
+ihn, für dich allein. Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und Hingabe
+deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem schenktest du Gehör. Das war
+keine große Anstrengung. Aber später, als der Bub anders ward, als du es
+wünschtest, gingst du zu Werk wie ein Tölpel. Knicken wolltest du, was
+sich da in fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht paßte. ... Dein
+Kind -- -- jawohl. Aber zugleich ein Menschenkind für sich, dessen
+Eigenart du hättest feinfühlig erkunden und pflegen sollen ... Aber du
+warst zu bequem, zu eigensinnig, zu -- arm dazu ...
+
+Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das war ja nicht zum Aushalten.
+Man meinte es ja gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen gewiß nicht
+die Freude rauben. Nein, -- -- meinetwegen konnte man sich ja für das
+Buch interessieren.
+
+Er tat es wenige Tage später bei Tisch, als ihm auffiel, wie wortkarg
+Peter dasaß. »Na, wie ist's mit dem Buch? Gefällt es dir?«
+
+Peter nickte, aber er erzählte nichts. Wie konnte er seinem Vater davon
+sprechen, was dies Buch für ihn bedeute. Neuland ... Neuland ... Herr
+Röder hatte recht gehabt. Und nun wußte er, was seines Lebens Inhalt
+werden sollte. In fremden Landen den Geheimnissen nachspüren, die in
+Felsen und Wäldern, auf dem Grund einsamer Seen schlummern. Wenn er auch
+nicht mehr der erste sein würde, der ein unbekanntes Zauberland betritt,
+in den Fußstapfen eines Tapfern wandeln ist auch etwas Großes, und
+Entdeckerfreude, das merkte Peter, blieb auch so noch übergenug.
+
+Eine große Sehnsucht füllte und weitete sein ganzes Denken. Die Bilder
+der Zukunft, die er sich bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft
+so greifbar vor ihm, daß es ihn mit hilflosem Erstaunen erfüllte, wenn
+er sich, durch irgend ein Geräusch erwachend, im Straßengewühl fand,
+nachdem er eben noch über einsame Höhen geritten, einen langen Zug
+fremdländischer Menschen und Tiere hinter sich.
+
+In der Schule warf er sich mit fröhlichem Eifer auf seine Studien. Denn
+auch was an praktischen Fähigkeiten in Peter geschlummert, war
+aufgewacht, und er sagte sich mit großer Nüchternheit, daß er zur
+Erfüllung seiner stolzen Pläne vor allem Geld brauche. Das mußte er sich
+verschaffen, er selbst, denn auf die Unterstützung seines Vaters konnte
+er kaum rechnen. Überhaupt der Vater ... Würde er zugeben, daß sein Sohn
+studiere, noch dazu Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm
+auseinandersetzte, daß es für junge Stein- und Pflanzenkundige in
+überseeischen Ländern glänzende Stellungen gebe. Riesensummen wurden
+genannt, und Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. O, er wollte
+sparen, keinen Rappen unnötig ausgeben! Dann mußte es doch möglich sein,
+nach Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu können.
+
+Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln Äußerungen seiner Mutter
+gegenüber. Er erkundigte sich auch, wie das Geschäft gehe und ob es etwa
+leicht einen Käufer fände. Frau Elisabeth fühlte sich durch solche
+Fragen, die ihr Vorboten neuer Kämpfe schienen, verwirrt und verletzt.
+Daß auch Peter gar keine Liebe fühlte für die Arbeit, die schon sein
+Urgroßvater in Händen gehabt. Ach, wie war dieses Kind aus der Art
+geschlagen, innerlich und äußerlich.
+
+Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend wußte, auf sein Zimmer
+und betrachtete lange das herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war
+Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet werden. Er war doch
+eigentlich noch ein halbes Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein
+Gesicht merkwürdig alt und beinahe streng. Daran mochten die finstern
+Augenbrauen, die über der Nase zusammenliefen, Schuld tragen. Frau
+Elisabeth beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes die feinen
+Linien ... Das sollte doch nicht sein in einem so jungen Gesicht ... Und
+sie rühren nicht her vom vielen Lachen. Peter lacht selten ...
+Peterlein, Peterlein -- -- wo ist all das Glück geblieben, das mir
+deine ersten Jahre geschenkt?
+
+Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths Mund. Peter bewegte sich,
+richtete weitaufgerissene Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter,
+drehte sich zur Seite und murmelte: »Durch, durch! Man muß -- --«
+
+Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten ging sie nach der Türe.
+
+ * * * * *
+
+»Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir einen Gruß sagen.«
+
+Peter blieb am Fuß des langen Treppengäßchens, das zur elterlichen
+Wohnung hinaufführte, stehen und schaute der Rufenden entgegen. Sie war
+ein feingliedriges Mädchen mit langen lichten Zöpfen, die beim Springen
+lustig tanzten. Bei Peter angelangt, sprudelte sie rasch hervor: »Das
+kannst du nicht erraten, von wem ich dich grüßen soll! Oder doch --
+probier's einmal!«
+
+Während die beiden langsam die Stufen erstiegen, begann ein lustiges
+Raten und Verneinen. Alle gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder,
+Lehrer und Mitschüler, zuletzt in einer launigen Anwandlung Namen
+hochgestellter Personen, wurden von Peter vorgebracht. Alles ohne
+Erfolg. Das Mädchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, der
+unwillkürlich zur Freude mitriß. Sie sprach sehr lebhaft und mit
+blitzenden Augen. Nie hatte Peter frohere Augen gesehen und überhaupt
+wollte ihm mit einem Male dünken, noch nie so schöne, tiefblaue. Sie
+standen in einem Gesicht, das zu schmal und unentwickelt war, um hübsch
+zu wirken. Aber die Haut war weiß und rosig und so durchsichtig zart,
+daß man sah, wie das Blut kam und ging ... bei einer schnellen Erregung
+dunkelrote Wangen ... bei plötzlichem Erschrecken ein schneeblasses
+Antlitz. Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe täglich mit
+dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete sie nun mit einem Gefühl,
+als sähe er sie zum erstenmal.
+
+Wie war das so fein und schmal, das da auf leichten Füßen neben ihm
+schritt und mit seinem glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu
+verwandeln schien ... in einen Sonnentag, in dessen Bläue selige Lerchen
+steigen.
+
+Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne daß es Peter gelungen
+wäre, den Namen zu erfahren. »Wir können ja morgen wieder zusammen heim;
+vielleicht bist du da gescheiter,« sagte Ruth mit einer hoheitsvollen
+Miene, die in merkwürdigem Gegensatz zu ihrem Kindergesicht stand, Peter
+aber sehr reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die Hoheit in
+lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann aber schüttelte er sehr energisch
+den Kopf. Er kannte die Lästermäuler der männlichen und der weiblichen
+Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit Ruth auf dem Schulweg
+gesehen zu werden, dann hatte die Geschichte ihren Namen weg.
+
+»Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, da können wir weiter
+raten,« schlug Peter vor.
+
+»Ja, aber erst um sieben. Vorher muß ich üben.«
+
+»Erst um sieben! Um halb acht Uhr muß ich zu Hause sein. Kannst du das
+Üben nicht abkürzen?«
+
+»Ich kann schon, aber -- -- ich mag nicht,« kam es etwas zögernd von
+Ruths Lippen.
+
+»Spielst du so gerne? Was spielst du denn?«
+
+»Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich will dir ein Geheimnis
+sagen, aber du mußt mir versprechen, daß du es keinem Menschen auf der
+ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?... Also ... ich will eine
+Künstlerin werden. Ich will immer, immer Musik um mich haben. Aber sie
+wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natürlich. Vielleicht darf ich
+auch nicht. Dann muß ich es eben bleiben lassen ... Mutter sagt, es kann
+auch _so_ noch schön werden, und das glaube ich auch.«
+
+»Unsinn, Ruth! Man läßt doch etwas nicht bleiben, von dem man weiß: ich
+muß es haben. Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.«
+
+Ruth sah einen Augenblick kläglich drein, und Peter mußte, in das
+schmale Kindergesicht blickend, selbst über seine Worte lächeln. Es war,
+als hätte er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen eine Mauer zu
+stürmen. Nur gut, daß _er_ breite, starke Schultern hatte.
+
+»Wie alt bist du eigentlich, Ruth?« fragte er, in die Türe tretend.
+
+»Vierzehn. Weißt du, an Silvester wurde ich vierzehn. Und du?«
+
+»Ich bin eben sechzehn geworden.« --
+
+Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. Ruths Mutter begrüßte
+ihn. »Nett, daß du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, du
+wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit du so ein großer Bub
+geworden. Und ich fand es eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre
+so gute Kameraden gewesen. Aber freilich -- jetzt hast du eben genug an
+deinen Freunden.«
+
+»Ich habe keinen Freund,« sagte Peter nachdenklich, »und ich weiß
+eigentlich nicht, warum ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe ... Wir
+hatten so viele Aufgaben, und -- -- ich lese viel.«
+
+Ruths Mutter lachte. »Na, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jetzt
+geh nur zu Ruth hinauf. Sie übt in ihrem Zimmer.«
+
+Peter ging durch den langen, immer dämmrigen Flur eine mächtig gebaute
+Treppe hinauf, auf deren breitem Geländer er hundertmal abgerutscht war.
+Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe angelangt, setzte er
+sich, wenige Schritte von Ruths Zimmertüre entfernt.
+
+Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich monotone Übung. Ein-,
+zweimal griff sie daneben, und Peter hörte ein ungeduldiges »So paß'
+doch mal auf!«
+
+»Nun hat sie gewiß ganz rote Backen, wenn sie sich ärgert,« dachte Peter
+und lächelte.
+
+Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, hörte er ein
+befriedigtes »So«. Und nun begann ein anderes Spiel.
+
+Eine feine, sehnsüchtige Melodie kam dahergeglitten, warb und flehte ...
+und brach ab in einem jammervollen Schluchzen.
+
+Peter lauschte atemlos. _So_ also konnte Ruth spielen. Ach, dann würde
+wohl auch ihr Traum vom Künstlertum in Erfüllung gehen ... Warum nur
+stimmte ihn das so traurig?
+
+Horch, nun begann wieder das Spiel.
+
+Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, und dazwischen klang ein
+seliges Lachen. Aber es wurde immer wieder erstickt von dem Schweren ...
+Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, all das Leidvolle,
+Beengende zurückdrängend. Wie es sich wiegte in der Luft, im
+Sonnenschein! Wie es stieg -- -- höher und höher und endlich verklang in
+einem letzten, unendlich zarten Triller.
+
+Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein paar energische Doppelgriffe,
+und nun spielte Ruth eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen
+strömten daher ... Peter kannte die Worte, die er vor kurzem im
+Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Einige der Verse hatten ihn tief
+ergriffen, und auch jetzt wieder füllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfürchtige
+Stimmung. Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht
+gebücket dienen ... Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben,
+aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller
+Wunder, ich senk' mich in dich hinunter.
+
+Ruths Zimmertüre ward plötzlich geöffnet. Helles Licht ergoß sich auf
+die dunkle Treppe, so daß Peter einen Augenblick die Hände vors Gesicht
+legte.
+
+»Hast du schon lange hier gesessen?« fragte Ruth. Nun mußte Peter sie
+ansehen. Sie lehnte am Türpfosten, die Geige im Arm, und hatte ein
+blasses, ganz ernsthaftes Gesicht.
+
+»Es war so schön, Ruth! Komm, setze dich hierher zu mir. Bist du mir
+böse, weil ich zugehört habe? Ich habe Musik auch gern.«
+
+»Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch gern. Deshalb darfst du
+zuhören. Leuten, die Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag,
+spiel' ich nichts vor.«
+
+»O Ruth! Wie wird es dir ergehen!« lachte Peter. »Eine Künstlerin muß
+allen vorspielen, ob sie sie leiden mag oder nicht.«
+
+»Ach, weißt du, dann denke ich eben an einen Menschen, den ich lieb
+habe, und spiele dem alles vor. Aber nun sollst du raten.«
+
+Peter war so erstaunt über diese plötzliche Aufforderung, daß er das
+Mädchen ein paar Augenblicke wortlos betrachtete. Sie saß jetzt auch auf
+der Treppe, die Hände um die Knie geschlungen, und sie sah nun wieder
+aus wie am Morgen, ein unbekümmertes kleines Schulmädel, dem die
+Necklust aus den Augen sprühte.
+
+Sie mochte sein Schweigen für Ratlosigkeit halten, denn sie fuhr fort,
+ihn mit aufmunternden Worten auf die rechte Spur zu leiten.
+
+»Du mußt viel weiter zurückdenken, Peter. Wie du noch klein warst, hast
+du sie gesehen ... Wie du einmal in den Bergen warst ... So -- jetzt
+ist's aber leicht.«
+
+Nun war Peter völlig bei der Sache. Er war schon ein paarmal in den
+Bergen gewesen, aber als kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so
+weit zurück -- -- und wie lag es so schön und grüßte herüber ... »Die
+Tante! Ist es die fremde Tante?«
+
+»Ja, die ist's!« jubelte Ruth. »Tante Trude! Du weißt doch, daß sie eine
+Norddeutsche ist? Na, Mutter und sie waren zusammen in Pension in der
+französischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, und nachher, wie
+Mutter heiratete, ist sie Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter
+geschrieben, sie möge doch einmal kommen, weil Rudolf konfirmiert wird.
+Ich glaube, sie hatten sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die
+Tante hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt Mutter. Ja,
+und nun hat sie geantwortet und hat gefragt, ob wir nicht einen Peter
+Niemeyer kennen, der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn wir nun
+doch schon ein paar Jahre in der Nähe vom Totengäßchen wohnten, müßten
+wir dich sicher kennen. Und dann schreibt sie, ihr hättet euch so lieb
+gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und sie lasse dich grüßen.
+Kannst du dich noch an sie erinnern?«
+
+»Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr freundlich zu mir und
+hat mir manchmal geholfen. Aber ihr Gesicht -- -- nein, daran kann ich
+mich nicht mehr erinnern.«
+
+»Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der Welt, und das stehe auch
+in ihrem Gesicht. Weißt du, sie arbeitet den ganzen Tag für andere,
+immer nur für andere, und denkt an sich nur so im letzten Augenblickchen.
+Mutter sagt, die kriegt mal einen guten Platz im Himmel ... Peter!«
+
+»Ruth?« Peter ist wirklich gespannt, was nun kommen wird. Das
+Gesichtchen, das aus dem Dämmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das
+er noch nicht kennt. Warm und froh und ein bißchen sehnsüchtig schauen
+die großen Augen, die ein so treuer Spiegel des beweglichen Geistchens
+sind.
+
+»Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel geträumt, d. h. nur einmal war
+es der Himmel selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg dahin. Es war
+ein sehr schlimmer Weg, Peter. Weißt du, mit schrecklich viel Steinen
+und so großen Löchern, daß ich manchmal nicht wußte, wie hinüberkommen.
+Es waren viele, viele Kinder bei mir, und ich glaube, auch ein paar
+große Leute. Das weiß ich nicht mehr so recht ... Ja, und wie wir so
+gingen, sahen wir ein großes, langes Haus. Darin mußten tausend Lichter
+brennen, denn aus allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, Peter,
+gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter Graben -- -- ich konnte
+einfach nicht hinüber, ich fürchtete mich. Und ich war so traurig, denn
+eine Menge Kinder gingen hinüber und gingen in das Haus hinein. Und da
+kam auf einmal ein Mann und nahm meine Hand ... Ach, und da war ich so
+froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der Mann sprach zu mir. Ich
+weiß nicht mehr, was er sagte. Ich wußte es schon nicht mehr, wie ich
+aufwachte. Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepaßt. Ich dachte immer:
+nie hast du eine so freundliche Stimme gehört, nie hat dich jemand so
+geführt ... Ich war damals noch ein bißchen klein, Peter, es sind schon
+ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen wir nach dem Haus, und es ging
+die Türe auf, und da war ein so großes Licht, daß ich es nicht ertragen
+konnte -- -- und ich wachte auf, und da war mein ganzes Zimmer voll
+Sonntagssonne und die Glocken läuteten ... War das nicht ein schöner
+Traum, Peter?«
+
+»Ja,« sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, »das war ein schöner
+Traum. Und wer, glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?«
+
+»O, Peter! Hast du es nicht gespürt? Das war doch der Herr Jesus. Ich
+habe es gleich gewußt. Weißt du, nachher, wie ich ganz traurig war, daß
+ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, habe ich gedacht,
+vielleicht hat er gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Das hätte
+er doch gut sagen können, nicht, Peter?«
+
+»Freilich, ja. Und was hast du sonst noch geträumt?«
+
+»O, der andere Traum war vom Himmel selbst. Aber da war er kein Haus.
+Nein, eine große Wiese in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen
+die weißen Berge, und davor war ein großer Stuhl, und da saß der liebe
+Gott. Er hatte einen mächtig langen Mantel an, der lag ganz breit auf
+der Wiese. Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar standen ganz nahe
+bei ihm. Aber ich hatte auch ein feines Plätzchen, Peter! Und das Feine
+war, daß mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich saß in einem Zipfel
+von Gottes Mantel. Ich war ganz versteckt, und ich war so vergnügt. Aber
+nun solltest du gewiß gehen, Peter.«
+
+»Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?«
+
+»O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir sind doch keine großen
+Leute. Die fragen sich solche Sachen.«
+
+»Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme ich morgen wieder. Übrigens
+-- kommt die Tante Trude eigentlich?«
+
+»Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns allen so schrecklich leid. Und
+sie hat geschrieben, sie hätte uns alle so gern kennen gelernt, und wir
+sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein bißchen. Aber die
+andern wollen nicht. Nur Rudolf natürlich. Der muß sich doch auch
+bedanken. Aber Willy sagt, Briefe seien etwas Gräßliches, und Hans sagt,
+da habe er Gescheiteres zu tun. Und wie ich sagte, ich wolle schreiben,
+da sagten sie: Ja tu's nur, für ein Mädchen paßt das viel besser. Aber
+nun genier' ich mich doch ein bißchen, so allein. Oder -- -- Peter,
+könntest du nicht schreiben? Sie kennt dich ja sogar besser als uns.
+Willst du nicht?«
+
+»Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute Nacht, Ruth.«
+
+»Gute Nacht, Peter.«
+
+ * * * * *
+
+»... Als einen im Grund unerfreulichen Burschen meinst du dich
+vorstellen zu müssen. Da muß ich dir denn doch verraten, daß der Peter,
+der zu mir gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen
+unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und das Sonnenkind Ruth
+zusammen haben mir einen sehr schönen Abend geschenkt, und ich hoffe
+ernstlich, es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.«
+
+Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief wieder und wieder. Es war,
+als strecke sich ihm eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich, komm'
+zu mir, ich verstehe dich. Und er freute sich, daß er Ruths Drängen
+nachgegeben und geschrieben hatte.
+
+Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die häufigen Besuche im
+Nachbarhaus hatten Anlaß zu allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und
+sie hatte ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur Peter an dem
+magern kleinen Ding Schönes finden könne. Peter, der Ältere, hatte
+gelacht und gemeint: »Na, Betty, das ist nun ein Punkt, über den sich
+ewig streiten läßt. Dem einen gefallen dralle Backen, und dem andern
+gefällt so ein schmales Gesichtchen. Übrigens finde ich sie ein ganz
+nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur froh, daß Peter nicht auf
+irgend ein albernes, kokettes Mädchen verfallen ist.«
+
+Frau Elisabeth merkte, daß sie in dieser Angelegenheit bei ihrem Mann
+keine Unterstützung finden werde. »Er wird eben auch so gewesen sein,«
+dachte sie ärgerlich, aber allmählich gewöhnte sie sich an Peters
+Freundschaft, und wenn sie auch kein gutes, verständnisvolles Wort dafür
+fand, so unterdrückte sie wenigstens die schlimmen.
+
+Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun fand ihre Entrüstung ein
+Echo. Peter Niemeyer tadelte die Schreiberei als überspannt und
+lächerlich; Frau Elisabeth fühlte sich in ihren mütterlichen Rechten
+angegriffen. Eifersüchtige und aufreizende Bemerkungen flogen hinüber
+und wurden mit trotzigen und höhnischen beantwortet.
+
+Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen Augen am Fenster
+lehnte, trat Frau Elisabeth zu ihm.
+
+»Mein lieber Bub,« sagte sie und legte den Arm um ihn, »nun laß dir noch
+einmal in aller Liebe etwas sagen.«
+
+Peter entzog sich jäh ihrer Umarmung. Er haßte diese Art von
+Liebesbezeugung, die immer die Einleitung zu Vorwürfen bildete und ihn
+von vornherein in eine rebellische Stimmung versetzte. Er hatte dies
+schon mit dürren Worten ausgesprochen, ohne eine Änderung
+herbeizuführen. Denn Frau Elisabeth gefiel sich in dieser mütterlichen
+Rolle, und sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem Gatten
+klagen: »Ich habe so freundlich angefangen, aber er läßt sich ja gar
+nichts sagen ...«
+
+Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurück. Sie setzte sich an
+ihren Nähtisch, brach in ein scheltendes Klagen aus über Peters
+Undankbarkeit, allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und
+Absonderlichkeit. »Wozu willst du denn nach Halle schreiben? Die Person
+geht dich doch gar nichts an. Was soll denn die ganze Geschichte
+bedeuten?«
+
+Peter, der mit gekünstelter Gleichmütigkeit zugehört und nur bei dem
+Wort »Person« einen bösen Blick auf die Mutter geworfen, trat plötzlich
+dicht an sie heran. Langsam und schwer atmend stieß er hervor: »Warum
+ich schreibe? Vielleicht könnte es sein, weil ich auch einmal jemand
+brauche, der mich versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als
+Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten spricht, sondern
+wirklich eine Mutter ist.«
+
+Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach in Tränen aus und
+schluchzte, Peter werde einmal an ihrem Grab Buße tun, und ob er denn
+gar nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort ging Peter
+pfeifend aus dem Zimmer; aber in seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er
+saß und brütete vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines
+Gesicht häßlich verzerrten.
+
+Dann, als habe ihn ein lichter Geist berührt, glätteten sich seine
+Züge. Ganz plötzlich, in wirrer Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung
+an die letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.
+
+Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die Jünger, als sie mit Jesu
+gingen, zurückblieben und ins Streiten gerieten.
+
+Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, daß es ihm ist, als
+rollten die Jahrhunderte zurück in einer einzigen großen Bewegung -- --
+und er ist mitten unter ihnen, ist einer von denen, die hinter Jesu
+gehen. Ein schmaler Weg durch hohes Korn ... eine Gestalt ... sie wendet
+sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen ihn zwei tiefe Augen ... Vorbei.
+Peter sitzt wieder in seiner Stube und fühlt sich erbärmlich und klein.
+
+ * * * * *
+
+Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu auf der Gitarre, und
+Peter weiß eigentlich nicht, was er mehr liebt, die Geige oder Ruths
+Stimme. Das Geigenspiel ist vielleicht schöner, ja unbedingt schöner,
+aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht und innig, glücklich und
+lachend. Nur wenn sie ernste Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann
+kann Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.
+
+»Heute weiß ich ein neues Lied, Peter. Ein wunderschönes. Paß' einmal
+auf. Ich habe es unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so viele
+Verse -- ich habe mir nur die zwei ersten und den letzten gemerkt:
+
+ Jungfräulein, soll ich mit euch geh'n
+ in euren Rosengarten?
+ Da, wo die roten Röslein steh'n,
+ die feinen und die zarten,
+ und auch ein Baum, der blühet
+ und seine Läublein wiegt,
+ und auch ein kühler Brunnen,
+ der grad darunter liegt.
+
+ In meinen Garten kannst du nicht
+ an diesem Morgen früh;
+ den Gartenschlüssel find'st du nicht,
+ er ist verborgen hie.
+ Er liegt so wohl verschlossen,
+ er liegt in guter Hut --
+ Der Knab' 'darf feiner Lehre,
+ der mir den Gart'n auftut.
+
+ Dort hoch auf jenem Berge,
+ da steht ein Mühlenrad.
+ Das mahlet nichts als Liebe,
+ die Nacht bis an den Tag.
+ Die Mühle ist zerbrochen,
+ die Liebe hat ein End' --
+ So segn' dich Gott, mein feines Lieb,
+ jetzt fahr' ich ins Elend.
+
+Gefällt es dir nicht, Peter? Du bist so still.«
+
+»Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst du das nicht? Nun muß er
+wandern, immer weiter weg von dem wunderschönen Garten. Wie heißt es
+doch?... und auch ein Baum, der blühet und seine Läublein wiegt ...«
+
+»Und auch ein kühler Brunnen, der grad darunter liegt,« summte Ruth.
+Sie betrachtete ihren Kameraden mit scheuen Augen. »Vielleicht hat sie
+ihm doch einmal aufgemacht, später, weißt du, wie er wieder gekommen
+ist.«
+
+»Glaubst du, er sei wieder gekommen, Ruth?«
+
+»O ja, ganz gewiß. Und dann gingen sie hinein und da war noch immer der
+kühle Brunnen ...«
+
+»Und dann, Ruth?«
+
+»Und dann setzten sie sich und horchten auf das Rauschen, und vielleicht
+schien auch die Sonne ins Wasser. Das mag ich so gern, wenn alle Tropfen
+glitzern.«
+
+»Und dann, Ruth?«
+
+»Wie komisch du fragst, Peter! Jetzt weiß ich nichts mehr. Sag doch du
+weiter.«
+
+»Nein. Wenn du nichts weißt, weiß ich auch nichts. Aber nun sing' mir
+das Lied noch einmal.«
+
+Und Ruth sang, und Peter ging nach Hause und hatte Kopf und Herz voll
+schwermütiger Klänge und Worte. »Der Knab' 'darf feiner Lehre, der mir
+den Gart'n auftut ...«
+
+An diesem Abend schrieb Peter seine ersten Verse. Und während er
+schrieb, war es ihm, als hätte er den Schlüssel gefunden zu jenem
+Rosengarten, war es ihm, als ginge das Jungfräulein neben ihm auf
+leichten Sohlen und habe Ruths lichtes Haar und Ruths strahlende Augen.
+Aber als er die Verse später durchlas, erschrak er.
+
+War es möglich, daß das, was ihm eine helle Lohe geschienen, ein paar
+armselig glimmende Funken waren?
+
+Er wußte noch nicht, daß unser Innigstes und Größtes, das in unendlich
+seligen und in unendlich schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner
+ganzen Schöne und Wärme ans Licht treten kann. Ein blasses Schattenbild
+... ein verlorener Nachklang ...
+
+Und doch können wir dem geheimnisvollen, drängenden Rieseln nicht wehren
+und hoffen immer aufs neue, es werde der starke, singende Quell der
+Schönheit hervorbrechen.
+
+ * * * * *
+
+Der Tag der Einsegnung ging vorüber, und nun fehlten nur noch drei
+Wochen bis zum Abschluß des Schuljahrs. Peter mußte sich zum Sprechen
+entschließen, denn die Eltern schienen es als eine ganz
+selbstverständliche Sache anzusehen, daß er der Schule Lebewohl sagen
+und ins Geschäft eintreten werde. Die letzte Zeit war äußerlich eine
+friedliche gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte Frau Elisabeth eine
+jener Stunden erlebt, in denen ihre kleine Seele über sich selbst
+hinauswuchs. Die Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die Eltern
+als an die Kinder wendete, trafen sie ins Herz, und sie ging aus der
+Kirche voll guter Vorsätze. Sie wollte versuchen, in innigere Fühlung
+mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte lernen, zu ihm zu
+stehen. Auch seinem Vater gegenüber? Dieser Gedanke war peinlich und
+unbequem, und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. »In der letzten
+Zeit ging es ja so gut,« redete sie sich tröstlich zu. »Wer weiß, wenn
+sie einmal im Geschäft beisammen sind, lernen sie sich besser
+verstehen.«
+
+Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den älteren, denn wenn er sich auch
+zu Zeiten einredete, seines Kindes Entfremdung lasse ihn gleichgültig,
+im Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht nach seinem
+Besitz. --
+
+»Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der Lehre beginnen?« fragte
+Vater Niemeyer eines Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in
+heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit freundlichem Ausdruck
+in des Jungen Gesicht.
+
+Peter ward dunkelrot. Er fühlte, daß seine Antwort einen Sturm
+entfesseln werde.
+
+Das Zarte und Nachgiebige in ihm flüsterte: füge dich! Aber die junge
+Willens- und Lebenskraft reckte sich mächtig und ließ ihn beinahe rauh
+hervorstoßen: »Ich kann kein Buchbinder werden. Ich will lieber in der
+Schule bleiben. Ich möchte das Maturitätsexamen machen.«
+
+»So!« erwiderte Peter Niemeyer und legte die Zeitung auf den Tisch. »So
+-- -- mein Herr Sohn! Und seit wann hat man sich das in den Kopf
+gesetzt?«
+
+Seine Stimme klang hart, und ein drohender Blick flog zu dem Buben
+hinüber. Peter schwieg und schaute starr geradeaus.
+
+Erst auf seines Vaters ungeduldiges »wird's bald!« antwortete er in
+gequältem, beinahe flehendem Ton: »Schon lange!... Ich wollte es dir
+immer sagen, aber -- --«
+
+»Was aber?«
+
+»Ich dachte, du werdest es nicht gerne hören.«
+
+»Na, da hast du allerdings recht gedacht! Was glaubst du eigentlich?...
+Jahr um Jahr schufte ich mich ab und glaube die ganze Zeit, du werdest
+einmal das Geschäft übernehmen, und nun kommst du mir mit solchen
+Geschichten ... Maturität!...
+
+Und nachher? Studieren wirst du ja auch wohl wollen? Auf was hat sich
+denn die Neigung des gnädigen Herrn gerichtet? Weiß er das vielleicht?«
+
+Peter zuckte zusammen und tat plötzlich einen Schritt vorwärts. Frau
+Elisabeth faltete erschrocken die Hände. Mein Gott, was würde nun
+losbrechen! Sie sah ihres Mannes höhnisches Gesicht und ihres Sohnes
+lodernde Augen.
+
+»Peter!« mahnte sie eindringlich. Sie wußten beide, welcher gemeint war,
+und der Junge antwortete ihrem Ruf mit einem spöttischen Lächeln. Dann
+richtete er den Blick auf den Vater und sagte: »O ja, der gnädige Herr
+weiß auch dies. Er möchte Naturwissenschaften studieren.«
+
+»Naturwissenschaften!« Peter Niemeyer sprach das Wort aus, als habe
+sich sein Sohn zu einer unehrlichen Hantierung bekannt. »Das gibt's
+nicht. Dazu gebe ich mein Geld nicht her. Ich bin der Vater und du der
+Sohn, und du hast zu gehorchen. Verstanden?«
+
+Frau Elisabeth hatte sich erhoben und war auf den Jungen zugetreten.
+»Sei still, Peter! Sei still! Versündige dich nicht! Denke dran, es ist
+dein Vater!« flehte sie.
+
+Aber Peter schob sie beiseite. Sein trotziges junges Gesicht glühte im
+Zorn.
+
+»Nein, jetzt rede ich einmal!« schrie er. »Mein Vater bist du -- -- ja!
+Aber was für einer? Wann hast du dich um mich gekümmert, um mich
+selbst?... Gehorchen, gehorchen ... den Mund halten zu allem, was der
+Vater sagt, ob es richtig ist oder nicht ... Keine eigene Meinung haben
+dürfen. Nur immer zustimmen, immer loben und gutheißen ... Ist das ein
+Vater!«
+
+Peter Niemeyer sprang auf. Er würde seinem Sohn die geballte Faust vor
+die Brust gestoßen haben, hätte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend
+entgegengeworfen. »Er ist außer sich, er weiß nicht, was er sagt,«
+schluchzte sie. »Geh fort, Peter! Geh auf dein Zimmer!«
+
+»Ja, fort aus meinen Augen!«
+
+Peter Niemeyer löste sich aus der Umklammerung seiner Frau und schritt
+schwer atmend im Zimmer auf und ab. Er schalt in maßlosen Ausdrücken auf
+den ungeratenen Sohn, aber er wartete vergeblich darauf, daß ihm Frau
+Elisabeth wie gewöhnlich beistimme.
+
+Sie saß in der Sofaecke, beinahe regungslos, und horchte mit allen
+Sinnen nach oben. Was mochte er tun? Brütete er über finsteren Gedanken
+oder konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein über seine
+zertretene kleine Welt ... Ob die scheltenden Worte nicht zu ihm
+drangen?... Also studieren wollte er. Naturwissenschaften ... Ach, und
+dann wohl Reisen machen in fremde Länder, wie jener Sven Hedin, von dem
+er so oft gesprochen ... Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche
+Gedanken kommen!
+
+»Und diese Sprache seinem Vater gegenüber!« grollte Peter Niemeyer. »Du
+sagst wohl, er sei außer sich gewesen. Das soll er eben nicht sein, wenn
+er mit mir spricht. Zudem, was habe ich denn gesagt oder getan, was ihn
+so außer sich bringen konnte? Weil ich seinen kindischen Wünschen nicht
+nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen. Das Leben faßt einen hart
+an.«
+
+O gewiß, das Leben ist hart. Und deshalb sollen wir es auch werden? Wäre
+es nicht besser, wir versuchten uns die weichen Kinderhände zu bewahren
+... Eine Kinderhand ... Schmal und fein ruht sie in unserer harten Hand
+... Und ist doch so stark und mächtig, eben weil sie weich und linde
+ist, vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverständlich in Gottes
+Vaterhand ruht.
+
+Horch, nun geht die Türe in Peters Zimmer. Man hört seine Schritte auf
+der Treppe, im Hausflur, dann das Öffnen und Schließen der Haustüre.
+Wohin will er so spät? Der Zeiger nähert sich der elften Stunde.
+
+Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken an. Dieser hielt einen
+Augenblick im Gehen inne, als er sagte: »Ach, laß ihn laufen! Die
+frische Luft kann ihm nur gut tun. Du bist übrigens seltsam besorgt um
+ihn heute abend, Elisabeth. Was ist nur in dich gefahren?«
+
+Ja, was? Ein grelles Licht, eine jähe Erkenntnis, ein Wachrütteln aller
+Sinne ... Frau Elisabeth findet keines dieser Worte. Sie fühlt sich nur
+jämmerlich klein und ohnmächtig ihrem Mann gegenüber; sie fürchtet sich,
+ja, sie zittert davor, ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und
+muß es doch sagen!
+
+»Peter!« beginnt sie leise. »Ich will den Bub gewiß nicht rechtfertigen.
+Er hat sich zu schlimmen Worten hinreißen lassen. Aber, Peter, vielleicht
+hat er recht. Vielleicht hast du -- -- ach, ich meine uns beide ...
+vielleicht haben wir uns nie richtig um ihn gekümmert. Ach, und nun
+rennt er in die Nacht hinaus, so im Jammer. Du weißt ja nicht, wie er
+sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und heiß ... Und wie er weinen
+konnte! Peter, ich muß ihm nach. Ich kann nicht anders.«
+
+Sie wartete keine Antwort ab. Sie riß die Türe auf und stand schon unten
+an der Treppe, als sie ihres Mannes Stimme hörte: »Elisabeth! Betty! Ich
+bitte dich! Dieser Skandal ...«
+
+Frau Elisabeth schloß die Türe hinter sich. Skandal! Mochten die Leute
+denken, was sie wollten! Übrigens, das Gäßchen war menschenleer.
+
+Sie merkte erst jetzt, daß ein zarter Regen niederrieselte. Der Himmel
+war undurchdringlich finster, und der Wind, der eben aufzuwachen schien,
+blies kalt. Sie eilte die Stufen des Gäßchens hinab und blickte nach
+allen Seiten. Ganz in der Ferne ging eine Gestalt, die Peter sein
+konnte. Ach, wie war er schon so weit!
+
+Frau Elisabeth hastete vorwärts. Sie durfte ihn nicht aus den Augen
+verlieren. Wenn er bei einer Straßenbiegung verschwand, durchzuckte sie
+jedesmal eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur langsam näher. Peter
+schritt mächtig aus.
+
+Nun bog er in die Straße ein, die in gerader Linie auf die Brücke führt.
+Frau Elisabeth lief. Das Blut pochte ihr in Hals und Schläfen. Sie zitterte
+am ganzen Körper, aber die Angst riß sie vorwärts. Gottlob, nun war sie
+um die Ecke! Die Straße war menschenleer, aber dort -- auf der Brücke
+bewegten sich ein paar Gestalten. Die würden doch helfen, wenn -- -- --
+
+Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht haben, als er stehen
+blieb. Er legte die Arme auf die steinerne Brüstung und seinen
+fiebernden Kopf darauf.
+
+Aus der Tiefe weht es kühl herauf. Schwarz und in eiliger Flucht, als
+trügen sie ein unseliges Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die
+Bogenlampen der Brücke und ein hellerleuchtetes Gasthaus am Ufer werfen
+in das schwarze Wasser ihr bißchen silbernes Licht, das zitternd
+ertrinkt.
+
+So würden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen Wellen ... Aber man würde
+ihnen ihr Geheimnis zu entreißen suchen, und man würde ihn finden. -- --
+
+Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er in Nacht und Tod. Hinauf,
+hinauf zu allen Sternen und Sonnen ... Leben will er -- -- Leben ...
+
+Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief gestanden, den er am
+Vorabend der Konfirmation erhalten? »Du willst große Reisen machen,
+Peter. Nun, eine Reise hast du ja längst angetreten, die große
+Lebensreise, die uns auch Neuland auftut. Nie geahnte Täler des Leids
+und Jammers und Höhen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende
+erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise, Peter, du und ich und all
+die andern. Kennst du den alten Vers?
+
+ Unser Leben gleicht der Reise
+ eines Wandrers in der Nacht;
+ jeder hat in seinem Gleise
+ etwas, das ihm Kummer macht.
+
+Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht. Nicht wahr, Peter?«
+
+Ruth, Ruth ... liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist Freude ... holde Freude ...
+
+Etwas Großes, Warmes quillt in Peters Herzen auf und daneben etwas
+Tapferes, beinahe Frohmütiges. Das Wort seiner kleinen Weggefährtin
+kommt ihm in den Sinn. »Es kann auch _so_ schön werden.« Schön beim
+Büchereinbinden, Ruth? Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Schönes in uns
+tragen. Und das hast du ja ... Wer weiß, Peter, vielleicht kriegst du
+noch in anderer Weise mit Büchern zu tun ...
+
+Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von Peter entfernt. Aber sie
+starrt nicht ins Wasser hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem
+Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen Fluten der Selbstanklage
+und Reue zu versinken. Was ist sie für eine Mutter gewesen! Ohne Mut,
+ohne Selbstüberwindung ... sie hat die Dinge gleiten lassen. Und nun muß
+sie hier stehen in Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter
+ausstrecken, darf nur ihre heißen, verworrenen Gedanken zu ihm schicken
+... Wird er denn ewig da stehen bleiben?
+
+Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich mächtig und wendete sich und
+stand seiner Mutter gegenüber. Sie schauten sich an, und jedes suchte in
+des andern Gesicht zu lesen.
+
+Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz voller Not und Bitte war,
+und sie sah mit Staunen und Dankbarkeit, daß über dem seinen eine tiefe
+und ernste Ruhe lag.
+
+Da faßte sie Mut. Sie trat auf ihn zu. »Peter,« flüsterte sie, und es
+war ein Schluchzen in ihrer Stimme, »laß uns neu anfangen. Ich will zu
+dir stehen, wo ich es für recht halte, auch wenn -- -- auch wenn es mir
+schwer fällt ... Wenn du nur wieder Vertrauen zu mir -- zu uns haben
+könntest, Peter!«
+
+Da tat Peter, was sie beide überraschte. Er bückte sich und küßte die
+Hand seiner Mutter, die sich ihm bittend entgegengestreckt.
+
+Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten kein Wort und fühlten
+nur, wie eines das andere in liebevolle und sorgliche Gedanken hüllte.
+Und es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit.
+
+»Ich habe ihn noch nicht gewonnen,« dachte die Mutter. »Und es wird mir
+auch nicht gelingen, wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bekämpfe
+und mich in ihn hinein zu fühlen suche. Und vielleicht gelingt es mir
+auch dann nicht, denn er ist ein seltsames Menschenkind ... Vielleicht
+auch kommen die beiden nie zusammen ... Aber diese Stunde kann er nie
+vergessen, das las ich in seinen Augen. Nie mehr werden wir uns ganz
+verlieren.«
+
+Peter aber hat das Gefühl, als müsse er der kleinen Mutter an seiner
+Seite emporhelfen, sie tragen und stützen. Er weiß, trotz ihrer
+Versicherung, mit schmerzlicher Gewißheit, daß sie nicht immer zu ihm
+stehen wird. Er weiß, daß ihre Seele wieder und wieder versinken wird im
+Alltag, aber er weiß auch, daß sie zu Zeiten ihre Flügel spürt und
+ausbreitet ...
+
+Es kann auch _so_ schön werden ...
+
+
+
+
+Das rote Buch.
+
+
+Ich hatte es längst vergessen gehabt.
+
+Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, das zu gesegneter
+Stunde des Weges kommt, und plötzlich öffnet sich zu seinen Füßen die
+Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten ein Schatz empor, der
+lange Jahre in der tiefsten Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer
+Stunde geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung das rote Buch
+emporgetaucht und mit ihm eine längst versunkene Welt, die voller Fragen
+und Wunder, voller Grauen und Süße gewesen.
+
+Und plötzlich war Tante Ursula vor mich getreten, so klar und deutlich,
+daß ich für einen Augenblick meine ganze Umgebung vergaß. Sie saß, wie
+ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt das schmale,
+zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern flimmerte das weiche Haar, das
+in so wunderschöner Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hände hielten
+ein Strickzeug -- ich meinte tatsächlich das leise Klappern der Nadeln
+zu hören. Aber dann verschwand das Bild so schnell wie es gekommen, denn
+mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche ab und fragte: »Sie
+sind wohl müde?«
+
+Nein, natürlich war ich nicht müde. Meine Gedanken waren nur
+ungehörigerweise ein wenig abgeirrt. Und aufs neue wandte ich meine
+ganze Aufmerksamkeit dem Kreise plaudernder und rauchender Menschen zu,
+in deren Mitte mich dieser Abend geführt.
+
+Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends als ich in meinem
+mondlichtgefüllten Zimmer saß, tat ich die Tore meiner Seele weit auf,
+um all den Geistern Einlaß zu gewähren, die lachend und drohend dem
+roten Buch entstiegen.
+
+Wie war es nur gekommen, daß ich seiner gedacht? Ach ja, der Hausherr
+hatte ein altes Buch gezeigt, in dessen Besitz er durch einen
+glücklichen Zufall geraten. In Schweinsleder war es gebunden. Den
+bräunlichen, mit schnörkeligen Buchstaben bedeckten Blättern entstieg
+ein modriges Düftlein, aber die illustrierenden Holzschnitte atmeten
+Leben, ein köstliches, triumphierendes, trotz der Tränen lachendes
+Leben.
+
+Ich hatte das Buch durchblättert mit einem Gefühl, das seltsam gemischt
+war aus Ehrfurcht und Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und plötzlich
+wußte ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, nicht nur einmal,
+hundertmal, unzählige Male ... Und siehe da! das rote Buch war lebendig
+geworden, und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen Augenblick
+gesehen.
+
+Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, daß ich keines vom
+andern lösen kann. Und als drittes gehört dazu die kleine Stube, in der
+Tante Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgültigen
+Selbstverständlichkeit betrat, mit der ich in unsere Zimmer ging. Die
+gute Stube zwar, ja, die betrat ich auch nicht selbstverständlich. Aber
+ich haßte sie geradezu. Das Sofa und die Lehnstühle und all die
+blankpolierten Tische und Schränke sahen so unendlich hochmütig auf das
+kleine Mädchen herab. Im ganzen großen Zimmer war kein Plätzchen, das
+einem zugerufen hätte: hier kannst du für dich sitzen und spielen und
+träumen. Es gab darin nur einen Anziehungspunkt, und der ging von dem
+Glasschrank aus, in dem schön geordnet hundert seltsame Dinge lagen und
+standen: Spangen aus farbigem Glas und Ketten aus glänzenden Münzen,
+hölzerne Näpfe und Töpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren
+zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehüllt, und daneben aus
+tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. Und mitten drin erhob sich ein
+weißes Märchenschloß mit Türmen und Pfeilern, von Palmen überschattet.
+Das ganze, unglaublich leichte Gebilde war aus Pflanzenmark geschnitten
+und schien mir von allem Wunderbaren das Köstlichste zu sein. Einmal,
+als meine Mutter den Schrank säuberte, hatte ich es in vor Seligkeit
+zitternden Händen gehalten. Das hatte mir zwar einen Klapps eingetragen,
+den ich aber im Übermaß meiner Freude kaum spürte. Ich ärgerte mich nur
+über die dumm und hämisch glotzenden Möbel, die meine Demütigung
+mitangesehen, und dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und stieg
+die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.
+
+Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt gewesen und geschmerzt
+hatte. Da oben gab es keinen Spott und keine Schläge, keine Mahnreden
+und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen oder sehr
+rebellischen Gedanken die Treppe hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht
+mehr alle in Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von mir
+abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe stand und den
+Apfelgeruch atmete, der den kleinen Vorplatz erfüllte. Und wenn ich
+geklopft hatte und, das »Herein« erwartend, die Klinke ergriff, war mir
+schon ganz froh zumute.
+
+Freilich, es gab auch schwere Fälle. Da saß dann auf der Treppenstufe
+ein kleines Mädchen, das sich sehnlichst in das Friedensreich
+hineinwünschte und es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz
+eingehüllt war in böse, anklagende Gedanken. Aber mit einem Male tat
+sich eine Türe auf, daß der dämmerige Vorplatz voller Licht wurde, und
+Tante Ursulas Stimme sagte: »Du, Vroneli, wir haben so lange nicht mehr
+das rote Buch beschaut. Komm' doch herein, ich habe es schon
+heruntergeholt.«
+
+Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein in Tante Ursulas
+Stube, und alles war wieder gut, was verkehrt und schlecht gewesen.
+
+Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte immer Zeit. Und ihr
+ganzes Zimmer war voller Köstlichkeiten, die ich wieder und wieder
+bestaunte, und über die wir uns immer aufs neue unterhielten. Alle
+Alltagsgeräte, die drunten bei uns nüchtern und seelenlos dreinsahen,
+hatten hier oben ein Gesicht, erzählten eine Geschichte, und ich war
+fest überzeugt, daß dies einzig und allein von Tante Ursulas Einfluß
+herrühre. Der »Ofentapper« drohte als große schwarze Hand hinter dem
+Ofen hervor, die Zündhölzer kamen in einem Schlitten angefahren. Auf dem
+Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze Raben, die trugen goldene Kronen
+auf dem Kopf, und aus dem Fußschemel blühten Rosen und Vergißmeinnicht.
+Auf dem Rouleau war ein See, drauf schwammen weiße Schwäne, deren einer
+sicher das häßliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber war Tante
+Ursulas Lampenschirm. Eine ganze Stadt sah man da mit hellerleuchteten
+Fenstern. Einige Häuser hatten grüne oder rote, andere goldgelbe
+Scheiben. Es war wunderschön, rund um den Tisch zu gehen und sich
+auszumalen, wer in den Häusern wohnen und was er dort treiben könnte.
+
+Tante Ursulas Stube war die behaglichste der Welt. Ich habe wenigstens
+seither keine finden können, die ihr gleichgekommen wäre. Es lag ja
+nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Möbel, nicht an der
+Übereinstimmung der Farben und Bilder, nicht an den Blumen und Büchern
+-- dies alles habe ich später wiedergefunden. Aber den köstlichen
+Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt erfüllte, ihn habe ich mit
+Tante Ursula verloren.
+
+Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich nicht sagen. Es wird
+ja wohl einen Titel, einen Verfasser und Verleger gehabt haben -- all
+dies hat mich damals nicht interessiert. Der Name »rotes Buch« rührte
+von der leuchtend roten Einbanddecke her.
+
+Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. Und mehr kann man
+wahrlich nicht von einem Buch verlangen. Vorne drin war das Bild vom
+breiten und schmalen Weg. Wir beide hätten es ein wenig anders gemalt,
+denn der schmale Weg sah denn doch gar zu freudenarm und düster drein.
+Und es seien doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen Wege,
+auf denen die Freude blühe.
+
+Auch konnten wir nicht glauben, daß ihn nur so wenige Menschen gefunden,
+während sie sich auf dem breiten Weg drängten. »Weißt du, Herzkind,«
+sagte Tante Ursula, »man hätte überhaupt statt des einen schmalen Weges
+viele schmale Weglein machen sollen, die alle zu Gottes Haus hinführen.
+Schmal sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst können wir nicht
+in uns hineinhorchen, und doch hören wir dort am deutlichsten die
+Stimme, die uns den rechten Weg zeigt.« --
+
+Von den Tieren wußte das rote Buch eine Menge zu erzählen, ja, es war
+darin geradezu unerschöpflich, denn Tante Ursula entdeckte immer wieder
+etwas, das sie noch nie zuvor gelesen.
+
+So kam es, daß ich keinem Tierlein ein Leides tun konnte und wenn ich
+ein totes fand, es mit Tränen in die Erde bettete. Aber näher als die
+Tierwelt stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach mit ihnen, in
+leisestem Flüsterton, denn dies schien mir die Sprache der Blumen zu
+sein.
+
+Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden Geschichte zu lauschen.
+Königskerzen ... die waren erstmals aus der Erde emporgestiegen und
+hatten stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges gestanden, als das
+verratene Königskind aus der Heimat wandern mußte. Rittersporn ... der
+muß die goldenen Ähren schützen und steht darum am Ackerrand. Aber die
+rote Mohnblume hat sich zu ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in
+die Sonne und freut sich, daß der liebe Gott sie also geschaffen.
+
+Schwertlilie ... sie hat die seltsamste Geschichte von allen. Ich konnte
+mich lange, lange lautlos dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus
+ihren wundersam gebogenen Blättern, der herrlichen Farbe, dem starken
+Duft zu strömen schien. So weiß ich nicht, ob ich ihr Märchen aus ihr
+selbst oder aus dem roten Buch gehört.
+
+... Einmal stand im Wald hoch über den rauschenden Bäumen eine Burg.
+Drin lebte mitten unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters
+Töchterlein. Die war holdselig wie ein junges Bäumlein, über dem der
+erste Blütenschnee liegt, und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes.
+Doch schöner noch als die Rosen ihrer Wangen blühten die Gedanken ihres
+Herzens.
+
+Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen bis hinab zum jüngsten
+Knechtlein liebten sie, wie sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der
+kleinen Kapelle liebten.
+
+Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der bog sein Knie vor der
+Holden und bat sie, ihm zu folgen nach seiner Väter Burg als sein
+trautes Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die Hochzeit sollte
+gefeiert werden. Aber in der Nacht vor dem Fest brach ein Feind in die
+Burg ein, überwältigte die schlafenden Mannen, und bald loderte weithin
+sichtbar eine steile Flamme empor. Dem jungen Ritter war es jedoch
+gelungen, mit der Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene
+schützende Burg zu bringen. Aber als der Morgen graute, sahen sich die
+beiden, die, um Ausschau zu halten, auf einen kleinen Hügel gestiegen,
+rings von den Feinden umzingelt. »Mein die herrliche Beute!« rief einer
+der Verfolger und teilte mit starken Armen die Büsche, um rascher zur
+Höhe zu gelangen. Da schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen
+Heiligen um Beistand, während der Ritter sein breites Schwert aus der
+Scheide riß, daß es weithin einen blitzenden Schein warf.
+
+Immer näher rückten die Verfolger. Da -- mit einem Male blieben sie
+stehen wie gebannt. Wo waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch
+hatten sie da oben gestanden, sie in einem blaßfarbenen Gewand, über das
+silberhelles Haar floß, er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun,
+wo waren sie hingeraten?
+
+Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden nirgends ein
+Versteck, darein sich die beiden hätten bergen können. Enttäuscht und
+mißmutig gingen sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und
+nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut, langsam zur
+Höhe. Und da er sie erreicht, erblickte er, warm beschienen vom Licht
+der Sonne, eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.
+
+Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen Duft gehüllt. Ihr
+Kelch war geschlossen, als hüte sie ein seliges Geheimnis, und war doch
+geöffnet, als biete sie allen das Wunder ihrer zartgeäderten bläulichen
+Blätter ...
+
+Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich diese wundersame
+Blume nicht dem Frauenbild, das er vor kurzem hier oben geschaut? Glich
+sie nicht dem Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?
+
+Da gewahrte er plötzlich rings um die Blume hohe grüne Blätter. Die
+sahen drein wie spitze, drohend gezückte Schwerter. Der Ritter trat
+zurück.
+
+»Nimmer wird meine Hand dich berühren, Schwert -- Lilie du! Hat nicht
+ein Wunder dich geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?« --
+
+Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten Farben gemalte Bilder,
+von einem Kranz tanzender Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: die
+grüne, die silberne und die goldene Hochzeit.
+
+Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das über eine
+Frühlingswiese schritt, gefolgt von einem fröhlich durcheinanderwogenden
+Zug festlicher Menschen.
+
+Auf dem zweiten Bild lachte eine schön geschmückte und reich besetzte
+Tafel. Die Gäste hatten sich eben erhoben und scharten sich, jeder ein
+hohes, blitzendes Glas in der Hand, um ein älteres, zufrieden lächelndes
+Paar.
+
+Auf dem dritten Bild saß ein altes Paar, auf einem niedern Kanapee
+aneinandergelehnt, und schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster
+glitt ein Sonnenstrahl just über die weißen Häupter hin und ließ sie
+silbern aufleuchten.
+
+Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder falsch. Dies Bild sollte
+silberne Hochzeit heißen. Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den
+Gläsern glänzte, wo die Frauen goldene Ketten trugen und die Braut gar
+ein goldenschimmerndes Kleid -- das mochte den Namen goldene Hochzeit
+tragen.
+
+Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir beschaute, trug ich ihr meine
+Ansicht vor. Sie lächelte, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte:
+»Manchmal hat ja mein Kind ganz gute Einfälle. Aber diesmal, nein
+diesmal hast du doch nicht recht. Erst silbern, dann golden.«
+
+Ich stützte meine Hände auf ihr Knie. »Tante Ursula, warum sagt man grün
+und silbern und golden?«
+
+»Warum? Man könnte es sich vielleicht so denken ... Am ersten
+Hochzeitstag, wenn die Welt wie lauter Frühling dreinsieht, da schenkt
+der liebe Gott dem jungen Paar ein wunderschönes zartes, frischgrünes
+Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, daß es nicht verdorrt und kein
+Blättlein verloren geht.«
+
+»Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein immer grün bleiben? Weißt
+du, im Winter --«
+
+»Nein, grün bleibt das Zweiglein nicht, das ist nicht möglich. Aber höre
+nur weiter. Wenn das junge Paar das Zweiglein sorglich hütet, dann
+geschieht etwas Wunderbares damit: es wird immer glänzender, und am
+silbernen Hochzeitstag -- ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das
+Paar in den Händen hält.«
+
+»Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes Zweiglein geworden?«
+
+»Von den Sonnenstrahlen, die es berührten, Herzkind, und von den lieben
+Blicken, die drüber gingen und -- ja, auch von den Tränen, die drauf
+fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' mir's nur, es ist so.«
+
+»Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit dem Zweiglein?«
+
+»Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes wird? Ja, das ist
+viel schwerer, denn, weißt du, wenn die Menschen älter werden, werden
+sie oft auch müder und kälter und härter. Das Zweiglein kann aber nur
+unter ganz guten und ganz warmen Augen zu einem goldenen werden ... Ach,
+eigentlich kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur am
+Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.«
+
+»Ich auch, Tante Ursula, ich auch?«
+
+»Du auch, Herzkind, ganz gewiß. Wenn du ein wenig älter bist, wirst du
+es sehen, und dann sieh zu, daß du es sorglich hütest.« --
+
+Eine Geschichte handelte von dem Manne, der zur Himmelspforte wanderte.
+Er zog die Glocke, und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen
+nach seinem Begehr. Da bat der Mann um ein Schloß, um Dienerschaft und
+um ein weiches Bett, um gut Essen und Trinken -- genau um das, was er
+all die Jahre auf Erden gerne gehabt hätte, und um das er die Reichen
+immer beneidet hatte. Und er kriegte das Schloß und kriegte alle Tage
+Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach kandierte Früchte und
+Backwerk. Aber nach einigen Wochen war ihm alles entleidet.
+
+Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus und ließ ihn zu sich
+bitten. Und als der heilige Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und
+höhnte: »Das ist mir ein schöner Himmel, wo man's vor Langeweile kaum
+aushält!«
+
+»Wer redet denn vom Himmel?« sagte der heilige Petrus. »Guter Freund, du
+bist nicht im Himmel, du bist in der Hölle. Schau' nur durchs Fenster.«
+
+Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber schlich mit schlotternden
+Knien ans Fenster und schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts.
+Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten und vorn, oben und
+unten -- überall war dieselbe dicke Finsternis. Da zog der Mann die
+Vorhänge zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte Augen,
+tausend tote, schwarze Augen, die glotzten auch durch die Vorhänge.
+
+Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu sehnen. Nicht nach dem
+künstlichen, das in seinen Zimmern brannte, nein, dieses haßte er, wie
+er die Finsternis vor seinen Fenstern haßte. Er wanderte ruhelos in
+seinem Schloß umher und suchte, suchte nach einem Lichtfunken. Da geriet
+er einmal in ein Dachkämmerchen, das hatte hoch oben ein kleines
+Fenster.
+
+»Ach, dies Guckloch wird mir so wenig nützen wie alle die andern,«
+seufzte der Mann. Aber er reckte sich doch auf die Zehen, um durch die
+kleine Scheibe zu spähen, und da stieß er einen Schrei aus, denn er sah
+Licht, Licht! Zwar war es nur ein schmaler Streifen, der durch eine
+Türritze quoll. Aber der Mann glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu
+haben. Er starrte wie gebannt auf den Lichtstreifen und vergaß darüber
+sein Schloß und sein weiches Bett, vergaß seine Dienerschaft und Essen
+und Trinken. Nur wenn ihn sein mühsam gereckter Körper gar zu sehr
+schmerzte, setzte er sich auf eine Kiste, die im Dachkämmerchen stand.
+Aber er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem Lichtstreifen
+war zu groß.
+
+Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie sich die Ritze ein wenig
+vergrößerte ... der Lichterstrahl wurde breiter und goldener und warf
+einen blassen Widerschein in das Kämmerchen. In dem Glanze aber sah der
+Mann selige Gestalten wandeln. Er hörte Klänge, die waren von so
+leuchtender Schöne, daß sich seine Augen mit Tränen füllten. Und wie das
+Licht immer breiter und goldener quoll, erkannte der Mann, daß er in den
+Himmel blicke. --
+
+Hier schloß die Geschichte in dem roten Buch, und ich war das erste Mal,
+als sie mir Tante Ursula vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula
+lächelte nur und sagte: »Die Geschichte geht nur hier im Buch zu Ende,
+Vroneli. Du mußt gar nicht traurig sein, denn nun erzählen wir sie uns
+weiter, du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu einem guten
+Ende. Denn das kannst du dir doch denken: wer so sehnsüchtig nach dem
+Lichte schaut, der hat auch einmal hineinwandeln dürfen. Das weiß ich
+ganz gewiß. Und heute nacht will ich ein wenig drüber nachdenken und es
+dir morgen sagen.«
+
+Ich wischte mir die letzten Tränen von den Backen und sagte: »Ja ...
+vielleicht ist das Licht auf einmal eine Brücke geworden, und dann hat
+er darauf hinübergehen können. Aber das kleine Fenster -- da war er wohl
+zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster gekommen, Tante Ursula?«
+
+»Ich sage dir's morgen,« tröstete Tante Ursula. »Es kommt alles zu einem
+guten Ende, ganz gewiß.«
+
+So habe ich auch dieses aus dem roten Buch gelernt, daß man nicht ob des
+sichtbaren Endes, das eine Geschichte hat, verzweifeln muß, sondern sich
+des verborgenen guten Endes getrösten darf, das von einem »morgen«
+enthüllt werden wird.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Und die ihr alle meine Brüder seid, by
+Ida Frohnmeyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID ***
+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.