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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:12:38 -0700 |
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diff --git a/24175-8.txt b/24175-8.txt new file mode 100644 index 0000000..bd0ddc8 --- /dev/null +++ b/24175-8.txt @@ -0,0 +1,3272 @@ +Project Gutenberg's Und die ihr alle meine Brüder seid, by Ida Frohnmeyer + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Und die ihr alle meine Brüder seid + +Author: Ida Frohnmeyer + +Illustrator: Carl F. Nahm + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24175] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + Und die ihr alle + meine Brüder seid + + Erzählungen + von + Ida Frohnmeyer + + 1.--5. Tausend + + + Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn + + 1920 + + Copyright 1920 by _Eugen Salzer_, Heilbronn + + (Gesetzl. Formel für den Schutz des + Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika) + + Den Einband zeichnete _Carl F. Nahm_ + + Druck der Chr. _Belserschen_ Buchdruckerei in Stuttgart + + + + +Barbara. + + +Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten, so daß der mächtige +Birnbaum gleichermaßen die an der Mauer liegende Gräberreihe, wie auch +die Gemüsebeete der Frau Pfarrer beschattet. Der Fliederstrauch, dessen +Blütezeit alljährlich ein beglückendes Wunder der Schönheit ist, reckt +sich mit seinen reichsten Ästen -- ein wenig zum Kummer des Pfarrherrn +-- in den stillen Garten hinüber. Dafür klettert aber aus diesem +breitblättriges Grün in die Höhe, und plötzlich tun sich über der Mauer +die blaudunkeln Augen der Clematis auf. + +Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden, ob ihr die Nachbarschaft +des Friedhofs nicht unheimlich und drückend sei. Aber sie schüttelt den +Kopf, und im Herzen denkt sie, daß es demjenigen, der so lange Jahre +hindurch dicht neben dem stillen Garten gelebt, einmal leichter falle, +sich in eines der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht, obwohl +sich einige ihrer Gäste erstaunt, ja beinahe mißbilligend darüber +äußern, fast allabendlich durch die kleine Pforte, die aus ihrem +eigenen, mit lachendem Leben gefüllten Garten in den stillen hinüberführt. +Wenn sie dann zurückkommt, ist ihr Antlitz vielleicht ein wenig blasser, +aber die Augen haben einen hellen und gütigen Schein, und ihre Schritte +sind ruhig und kraftvoll. + +An einem Sommerabend, der ganz gesättigt war vom Glanz und Duft der +heißern Stunden, ging die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die +zwischen den Gräbern laufen. + +Sie war nicht allein. Eine jüngere Freundin, von der sie lange Jahre +getrennt gewesen, ging an ihrer Seite und schaute mit großen, ein wenig +verträumten Augen über die blumenbunten Gräber. Plötzlich blieb sie an +einem mit Immergrün bedeckten Hügel stehen und las mit halblauter Stimme +die Worte: + + Hier müssen doch aufhören die Gottlosen mit Toben; + hier ruhen doch, die viel Mühe gehabt haben. + +»Was ist das für ein Grab? Steht der Spruch wirklich in der Bibel, +Anne?« + +»Ja. Im Buch Hiob. Nur heißt es dort statt >hier< daselbst, und das ist +auch der Grund, weshalb mein Mann keine Stellenangabe wünschte. Aber das +war der alten Schäufele gleichgültig. Sie war schon zufrieden, daß der +Spruch überhaupt bestehen durfte, und daß sie keinen Namen anzugeben +brauchte. Sie erzählte mir, sie habe mit dem Maler einen schweren Stand +gehabt, denn er wollte ihr durchaus den absonderlichen Spruch ausreden +und zum wenigsten am Fuß des Kreuzes >Auf Wiedersehen< anbringen. Aber +gerade dies Wort konnte ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.« + +»Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst! Wer liegt hier begraben? +Ich bin sicher, dies Grab hat eine Geschichte.« + +»Ja ... Eine schwere Geschichte. Wenn du sie hören willst, so komm' +hinüber zu dem kleinen Bänkchen. Man sieht von dort gerade auf das Haus, +wo meine Geschichte den Anfang nimmt.« + +Die Freundin schob ihren Arm in den der Pfarrfrau. Sie schritten zu der +kleinen Bank hinüber, die unter den Zweigen einer Trauerweide steht, und +setzten sich. Aber Frau Anne begann nicht zu erzählen. Sie hatte die +Hände ineinander gelegt und starrte mit leidvollen Augen zu dem Haus +hinüber, das sie der Freundin bezeichnet. Diese aber, da sie den +Ausdruck in der Pfarrfrau Gesicht gewahrte, wagte keine drängende Frage +mehr. Ihr war, ein dunkler Schatten lege sich über die sonnenwarme +Herrlichkeit des Abends. Stieg er wie ein arger Zauber aus jenem Grab +empor, oder woben ihn Frau Annes dunkle Gedanken? + +Da tat diese einen tiefen Atemzug und hob an: + +»Ich kann mir noch so gut denken, wie ich Barbara zum erstenmal gesehen. +Sie war damals acht Jahre alt, ein feines, schlankes Dinglein. Unser +Annele brachte sie mir, etwa eine Woche nachdem wir hier aufgezogen +waren, in den Garten und schrie schon von weitem mit triumphierender +Stimme: >Mutter, da hab' ich eine Freundin!< Ich schaute ihnen mit +einiger Spannung entgegen, denn das Freundschaftsbedürfnis meiner +Tochter hatte mich schon etliche Male mit etwas überraschenden Gästen +bekannt gemacht. Aber diesmal konnte ich die Freude, die aus Anneles +schwarzen Augen funkelte, wirklich verstehen und teilen. Man mußte das +Kind auf den ersten Blick liebgewinnen. Kennst du das Bild von Uhde: +Lasset die Kindlein zu mir kommen?... Inmitten einer Bauernstube, nein, +eigentlich sieht es mehr wie eine Küche aus, sitzt der Herr Jesus, +umgeben von einer Schar größerer und kleinerer Kinder. Es sind auch +Erwachsene dabei. Dicht vor Jesus steht ein kleines Mädchen, ein +blondes, herzerquickendes Kind, das sein ausgestrecktes Händchen in Jesu +Hand legt und mit ernsten Augen zu ihm aufschaut. Dies kleine Mädchen +habe ich in Gedanken immer >das Kind< genannt. Ich meine so: es ist für +mich die Verkörperung alles dessen, was mich am Kinde wie ein +holdseliges, ehrfurchtgebietendes Geheimnis berührt. Und an dieses Kind +gemahnte mich die kleine Barbara. + +Sie kam auf mich zu mit einem zaghaften Lächeln in den blauen Augen. Im +Nacken baumelte ein krummes weißblondes Zöpfchen, über der Stirne +ringelten sich krause, schimmernde Härchen. Ich konnte nicht anders, ich +mußte das Kind in meine Arme ziehen. Mein Annele mit ihrem scharfen +Blick hat mir wohl angesehen, daß ich das Kind nicht nur in die Arme, +sondern ins Herz schloß. Sie drängte sich plötzlich an mich, gab mir +einen schallenden Kuß und erklärte in sehr bestimmtem Ton: >Du, Barbara, +das ist aber _meine_ Mutter! Du mußt Frau Pfarrer sagen.< Die kleine +Barbara lachte, und nun sah sie womöglich noch liebreizender drein, denn +zwischen den tiefroten Lippen blitzten gesunde Zähne, und in den runden +Backen kamen Grübchen zum Vorschein. + +Ich ging mit den Kindern ins Haus und war beinahe so eifrig wie mein +Annele im Vorführen der Puppen und andern Herrlichkeiten. Und ich gewann +das Kind mit jeder Minute lieber. Es tat so feine, nachdenkliche Fragen, +es hatte so sorglich zugreifende Händchen, und -- es konnte ein +Bilderbuch beschauen. So, jetzt lachst du und denkst wohl, das könne ein +jedes Kind. Keine Rede davon! Wenn ich an Annele oder an ihre Kinder +denke! Darin gleichen sie alle der Mutter: gibt man ihnen ein Bilderbuch, +so schlagen sie Seite um Seite so rasch um, daß man meinen könnte, +darin bestehe das Vergnügen eines Bilderbuchs. Aber die kleine Barbara +sah sich jedes Bildchen mit andächtigen Augen an. Nichts, nichts +entging ihr. Und über alles machte sie ihre eigenartigen kleinen +Bemerkungen. + +Einmal schenkte ich ihr ein Bildchen, drauf Schneeglöckchen gemalt +waren, und sagte dazu: >Um dies Glöcklein zu hören, muß man gar feine +Ohren haben.< Da nickte die kleine Barbara und sagte: >Ja, ich hab' es +einmal gehört. Und der liebe Gott hat's auch gehört und der Herr Jesus +und die Sonne und der Wind und die Blumen.< + +Ganz leise und langsam kamen die Worte heraus. Und dazu diese Märchenaugen +-- ich muß gestehen, es kam etwas wie Neid über mich, wenn ich an Barbaras +Mutter dachte. Mein Annele war solch praktisches Diesseitsmenschlein. +Sie hatte nie verträumte Augen, und tat nie eine Äußerung, die mir gezeigt +hätte, daß ihr Seelchen sich ein eigen klein Wunderreich gebaut. Ich +fürchtete mich manchmal beinahe, ihr eine Geschichte zu erzählen, +denn beim geringsten Wunderbaren kam das bezweifelnde oder entrüstete +Wort: >Aber Mutter, ist das wahr?< + +Die kleine Barbara unterbrach mich nie, wenn ich erzählte. Sie konnte +auch nicht, wie Annele tat, nebenher zeichnen oder sticheln. Sie saß und +schaute mich unverwandt an, und meine Geschichten wurden mir erst jetzt +im Spiegel dieser Augen so recht lebendig. + +Später habe ich manchmal gedacht, daß es besser gewesen wäre, ich hätte +die Freude des Kindes am Wunderbaren und Geheimnisvollen nicht so sehr +genährt. Ich glaubte, sie habe das kleine Freudenlicht in ihrem Alltag +nötig, und ahnte nicht, daß es zur verzehrenden Flamme werden würde. + +Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in Barbaras Elternhaus +hinüberzugehen. Ich kannte die Leute zwar noch nicht näher, aber ich +hatte um des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen und glaubte +damals, daß ein derartiges Blümlein Wunderhold nur einem gehegten +Gärtlein entsprießen könne. + +Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war sie merkwürdig still. Ich +achtete erst nicht darauf, da ich innerlich stark mit einer Sache +beschäftigt war. Aber als das Kind auch während ich das Zimmer in +Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette saß, fiel es mir auf, und +zugleich kam es mir zum Bewußtsein, daß sie noch kein Wort von ihrem +Besuch bei Schäufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht. Ich wußte, +über kurz oder lang würde das Redebächlein schon wieder plätschern. Das +Annele saß ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen. Zuletzt +setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein und fragte: >Wollen wir +jetzt beten?< + +Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte: >Ja ... Und weißt du +auch, für was ich jetzt dem lieben Gott danken will? Gar nicht für den +schönen Tag, denn es war kein schöner. Aber weil du so eine nette Mutter +bist, will ich ihm danken. Du hast mich so schön gewaschen und gekämmt +und hast den Waschtisch so hübsch aufgeräumt, und deine Schürze ist +sauber, und deine Hände sind weich, und -- und --< + +Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar nichts Lobenswertes +mehr einfallen wollte, wiederholte sie die Worte: >Ich will ihm jetzt +danken, weil du so eine nette Mutter bist.< + +Am nächsten Tag führte ich meinen längst geplanten Besuch beim Nachbar +Schäufele aus, und nun wurde es mir klar, warum Annele in einen Lobpreis +meiner Tugenden ausgebrochen war. Das ganze Anwesen bot einen wenig +einladenden Anblick. Frau Schäufele entschuldigte sich zwar wortreich +über die augenblickliche Unordnung, aber ich habe, so oft ich auch +später wiedergekommen bin, nie etwas anderes vorgefunden. + +Ein paar größere Kinder machten sich bei meinem Erscheinen eiligst davon, +nur die kleine Barbara kam auf mich zu und bot mir ein klebriges Händchen. +Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst, wenn sie zu uns ins +Pfarrhaus kam, und mein Annele tat dies denn auch Frau Schäufele gleich +mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und meinte: >Ach, man kann +nicht immer putzen und waschen und aufräumen, das ist nichts für +unsereins.< Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine Barbara in dieser +Richtung zu beeinflussen, und es ist mir dies auch gelungen. Man mochte +ihr begegnen, wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches, +ich möchte fast sagen, vornehmes Aussehen. + +Die zwei kleinen Mädchen saßen in der Schule nebeneinander, und sie +verbrachten auch den größten Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele, +das sich früher so oft ein Brüderlein oder Schwesterlein gewünscht, war +jetzt ganz befriedigt. Alle ihre Schätze wurden mit Barbara geteilt. Als +ihr mein Bruder ein Album schenkte, ließ sie mir keine Ruhe, bis ich ein +gleiches für Barbara kaufte. Am nächsten Tag holten sich die beiden bei +der alten Maier ein paar rührende Bildchen: Engelsköpfchen, +Vergißmeinnichtkränze und dergleichen. Die wurden in die Album geklebt, +und jede schrieb der Freundin einen sinnigen Vers dazu. Was Annele +geleistet, weiß ich nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete: + + Diesen Album hat man dir gekauft, + Anna hat man dich getauft, + Dietrich hat man dich genannt, + Der Himmel ist dein Vaterland. + +Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen drängen sich mir auf, +wenn ich an die Kinderzeit der beiden denke. Aber ich muß mich eilen, +sonst bringe ich meine Geschichte nicht zu Ende. + +Du kannst dir ja wohl denken, daß sich Barbara zu Hause nicht besonders +wohl fühlte. Ich meine nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen. +So zuwider mir beides ist, so muß ich doch zugeben, daß man auch in +einem schmutzigen Heim strahlend glücklich sein kann. Wir haben eine +Familie im Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder und Ferkelchen +und Hühner zusammen entgegen, und die Fenster brauchen keine Vorhänge, +denn kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind seelenvergnügt, +du darfst mir's glauben. Aus keinem Haus tönt so viel Lachen und Singen. +Nur Samstag abend gibt es ein großes Geschrei, weil da die Kinder +gewaschen werden, und das sind sie halt nicht gewöhnt. + +Aus Schäufeles Haus tönte fast alle Tage Geschrei. Die zwei Alten +lebten in stetem Streit und verführten auch die Kinder dazu. Barbara war +die Jüngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern ziemlich fremd +gegenüber, auch den Vater schien sie eher zu fürchten. Aber die Mutter +ward von ihr geliebt mit einer scheuen, sehnsüchtigen Liebe, die mich +immer wieder erschütterte. Ich erinnere mich noch so gut an den Ausdruck +in Barbaras Gesicht, als Annele und ich am Konfirmationssonntag der +beiden zu Schäufeles hinübergingen. Barbara sah in ihrem feierlichen +schwarzen Kleid, über das die langen blonden Zöpfe fielen, schon ganz +jungfräulich drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das noch +immer seine Puppen betreute und Tränen vergossen hatte über ihr langes +Kleid. + +Frau Schäufeles Stube war dem Festtag zu Ehren gefegt und so dicht mit +Sand bestreut, daß jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt +entgegen, und ich mußte mich wundern, wie schmuck sie dreinsah in ihrem +saubern schwarzen Kleid und der seidenen Schürze. + +>Wie rasch die Jahre gehen, Frau Schäufele,< sagte ich. >Nun sind unsere +kleinen Mädchen demnächst erwachsen.< + +Während ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras Gesicht. Sie schaute +die Mutter an mit großen, bittenden Augen. Da ging es mir durch den +Sinn, daß dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt, immer +gehungert hatte. Und ich mußte wieder nachsinnen über eines der größten +Rätsel unserer rätselvollen Welt: Warum ist es, daß Frauen Kinder zur +Welt bringen und ihnen doch nicht Mutter sind, während andere, in deren +Herz das Licht wahrer Mütterlichkeit brennt, nie ein Kind ihr eigen +nennen dürfen? -- -- + +Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich die Wege der beiden, die +bisher so einträchtiglich nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele, +wie du weißt, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind sich gut in die +neuen Verhältnisse schickte, kehrte ich nach einigen Wochen beruhigt in +unser Dörflein zurück. Gleich am nächsten Tag kam Barbara zu mir herüber +und wollte haarkleinen Bericht von allem Erleben in der Stadt. Ich +erzählte ihr von Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin, +von den Mädchen, mit denen sie sich angefreundet. Ich saß über meine +Näharbeit gebeugt und plauderte des langen und breiten, denn mein Kind +fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab mir ein wenig das Gefühl seiner +Nähe. Da drang plötzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und als ich +erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras tränenüberströmtes Gesicht. + +Wir haben dann lange zusammen gesprochen, aber ich konnte das Mädchen +nicht wirklich trösten. Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz +all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allmählich Glauben. Aber die +Angst, Anneles Liebe zu verlieren, war nicht die einzige Not, die sie +drückte. Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein ganzer Berg +unruhiger, unzufriedener Gedanken in dem Kinde angesammelt. Warum durfte +sie nicht so viel Schönes und Neues erleben? Warum mußte sie immer mit +den zänkischen Eltern zusammen sein? Warum war ein Tag wie der andere +mit Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit angefüllt? Nie +würde in ihr Leben etwas Schönes und Wunderbares treten. Auf ewig war +sie verdammt in diesem abgelegenen Dorf zu sitzen. + +Du mußt nicht lächeln über diesen törichten Kinderkummer. Wir Alten, die +durch schwere Erfahrungen gegangen, meinen oft, der Jungen Leiden wögen +leicht und trösten sie mit dem weisen Zuspruch, ihre Tränen zu sparen. +Aber wer kann sagen: diese Sache ist der Tränen und des Kummers wert, +jene nicht? Barbara litt mit der ganzen starken Leidensfähigkeit ihrer +jungen Seele. Sie hungerte und sah nirgends Sättigung. Sie breitete ihre +Flügel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends eine Zuflucht, dahin sie +hätte fliehen mögen. Und sie sah eine andere, deren Leben sie bisher +geteilt, all das mühelos ergreifen, wonach ihr Herz schrie. + +Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen. Nicht, indem ich ihren +Kummer für nichtig erklärte; aber ich bat sie, zu bedenken, daß +tränenvolle Augen nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Schönheit, +die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr die gleichförmige, +seelentötende Arbeit so vieler in den Städten und verglich damit die +ihre in ihrer herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr von +meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal, seinen Wäldern, Wiesen und +Feldern. Aber gerade in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts. +Das Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil ihm das Elternhaus +keine Heimat bot. Aber ich habe andere gesehen, denen es ähnlich +ergangen, und die eben aus dieser Not heraus mit um so größerer Liebe +die Berge und Bäume der Heimat umfaßten. + +Ich mußte mich oft besinnen, woher das Kind seinen seltsamen Durst nach +der Ferne hatte. Die Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal +gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan. Nur einer aus der +Familie, ein Großonkel Barbaras, war, vom Goldfieber gepackt, nach +Amerika ausgewandert und dort verschollen. Ach, er war vielleicht doch +nicht der einzige gewesen, den eine innere Unruhe umgetrieben. Die +Kirchenbücher sagen nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom +Wesen, von den Gedanken ihrer Träger berichten sie nichts. + +Barbara schien ihren Kummer allmählich zu verwinden; aber so oft Annele +in die Ferien kam, lebte er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen, +daß sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr zu Annele, +ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn ich die beiden etwa an einem +Sonntagnachmittag bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann, und +aus den blauen Augen schaute mich wieder das alte Vertrauen an. + +Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen -- ein Jahr zuvor hatte +Barbara ihren Vater verloren -- brach die Zeit an, die für viele unseres +Landes so verhängnisvoll geworden. Ich rede von dem Auswanderungsfieber, +das auch in unserm Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir +nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht etwa nur die +Leichtfertigen und die Habenichtse, die eben nichts zu verlieren hatten, +ließen sich verleiten, nein, auch besonnene Leute, die über eigenen +Besitz verfügten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich lockend +und mühelosen Reichtum verheißend vor ihnen lag, versuchen zu müssen. +Mein Mann war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und Warnen +erfolglos blieb. + +Eine der ersten, die Feuer fing, war natürlich Barbara. Ein eleganter +junger Mann, mit kecken Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war +eines Tages erschienen und hatte unseren Mädchen dermaßen vorgeflunkert, +daß ihrer gleich acht entschlossen waren, sich seiner Leitung +anzuvertrauen und ihr Glück in Neuyork zu versuchen. In ein paar Monaten +würden sie dort mehr verdienen als in der Heimat in Jahren, und wer weiß +-- in dem Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten, konnte es +ihnen auch glücken, eine Heirat zu machen, die sie plötzlich in die +Reihe derer stellen würde, die in Seide gehen und in eigener Kutsche +fahren und haben können, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die Mädchen, +auch die meisten der Mütter ließen sich durch diese Gedanken betören. +Barbaras Mutter redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie ließ sie +einfach gewähren. + +Als mir Barbara ihren Entschluß mitteilte, erschrak ich bis ins Herz +hinein. Nicht das Gefühl der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gefühl, mit +dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete, beherrschte mich. +Nein, eine heiße Angst, ein graues Entsetzen überkam mich bei Barbaras +Worten. Wie habe ich das Mädchen angefleht, von ihrem Vorhaben +abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen glitten ab an ihrer +siegessicheren Zuversicht, an ihrer strahlenden Freude, endlich in die +Weite, in die Freiheit zu kommen. + +O über das verblendete Kind!... Nicht in die Freiheit, in die +allerelendeste Knechtschaft ist sie hineingelaufen. Jener Bursche mit +den unlautern Augen war ein Mädchenhändler. Die andern, die mit Barbara +zusammen auswanderten, scheinen schon auf dem Schiff Verdacht geschöpft +zu haben. Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so ist sie dem +Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie vollständige Klarheit in diese +jammervolle Geschichte zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst +in einem anständigen Haus, denn wir erhielten guten Bericht, und ich +fing an aufzuatmen und ließ mich nur zu gern Schwarzseherin nennen. + +Aber dann folgten lange Monate des Schweigens. Unsere Briefe kamen +zurück. Alle Nachforschungen, die mein Mann anstellen ließ, blieben +erfolglos. O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor hatte ich so +stark empfunden, wie Barbaras Leben mit tausend feinen Fäden an das +meine gebunden war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit zwei +Seelen. Die eine ging das verlorene Kind suchen, schaudernd vor den +Dunkelheiten, die sich ihr ahnend auftaten. Die andere mußte bei dem +eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe getreten, und das nun +seiner Mutter bedurfte wie nie zuvor. + +Ach, selbst über Anneles Hochzeitstag warf Barbaras Geschick seinen +dunkeln Schatten. Als ich mein Kind in die Arme schloß, mein reines, +bräutliches Kind, da sah ich plötzlich neben ihrem Gesicht ein anderes, +vor dem ich entsetzt die Augen schloß. Und dann in der Kirche, die +gedrängt voll Menschen war, schaute mich aus der hintersten Frauenbank +Barbaras Mutter an ... Wie mußte ich mich da schämen! >Die gibt ihr Kind +schwer her, es drückt ihr schier 's Herz ab!< hörte ich eine Frau hinter +mir flüstern. Aber ich weinte nicht um mein Kind. Von ihm wußte ich, daß +es in eine goldene Helle hineinging. Wo aber war Barbara? + +Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren, ging ich hierher in +meinen stillen Garten. Ich mußte allein sein. + +Auf diesem Bänkchen bin ich gesessen. Vom Pfarrhaus herüber drangen +frohe, helle Stimmen, die paßten so gar nicht zu den Stimmen meines +Herzens. + +Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam auf mich zukommen, und +nun wußte ich mit einem Male, warum ich hierher hatte kommen müssen ... +Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein Unfaßliches zu hören. + +Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber ich konnte mich nicht +rühren. Ich konnte nicht einmal den Kopf heben, denn ich wußte, im +nächsten Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick. + +Dann saß Frau Schäufele plötzlich neben mir und glättete auf ihren Knien +einen Zeitungsausschnitt und einen Brief. Ich hörte sie keuchend atmen, +und nun sprach sie. + +>Frau Pfarrer, der Brief ist heute früh gekommen, vom Bäcker Schmid, +wissen Sie, von dem, der vor einem halben Jahr hinüber ist. Im Brief hat +er übersetzt, was da in der Zeitung steht. Und er meint -- und er meint, +es sei --< + +Nie, nie in meinem Leben zuvor oder nachher habe ich ein solches Weinen +gehört. Was ich selbst an Schmerz erlitten, war nichts, war ausgelöscht +vor diesem Herzeleid. Ach, daß dies Weinen von jenen vernommen worden +wäre, die an dem Kinde gefrevelt! + +Dann drängte die Mutter mich plötzlich: >Lesen Sie, lesen Sie, Frau +Pfarrer!< + +Und ich las. Las die Geschichte, die damals durch alle amerikanischen +Blätter ging, daß ein deutsches Mädchen einem gewissen Haus im Innern +Neuyorks entflohen, indem es am Blitzableiter heruntergeglitten war, daß +es halbtot gefunden und ins deutsche Hospital verbracht worden sei. + +Ich weiß nicht mehr, wie lange wir damals beisammen gesessen sind, Frau +Schäufele und ich. Ich weiß nur, daß es mir, als ich in mein hell +erleuchtetes Haus eintrat, war, ich käme aus dem Land des Grauens und +der Verzweiflung geschritten. Ich bat meinen Mann, der mich ahnungslos +scherzend als >Ausreißerin< empfing, ins Studierzimmer zu kommen und gab +ihm den an Frau Schäufele gerichteten Brief. Noch in derselben Nacht +ging ein Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen Hospitals mit +der Bitte um telegraphische Antwort auf die Frage, die unser Herz und +Hirn marterte: ist es Barbara? + +Es war Barbara. -- -- -- + +Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um weitere Nachricht über +Barbaras Zustand. Wir hatten Frau Schäufele gesagt, daß bis zum +Eintreffen einer Antwort Wochen vergehen könnten, aber sie fragte jeden +Tag an, ob keine gekommen. Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen +hungrig flehenden Ausdruck trugen ... + +Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab, und als ich ihn zu meinem +Mann hinauftrug, wußte ich, daß er Unheilvolles enthalte. Hand in Hand +-- wie hätte ich es sonst wohl ertragen können! -- lasen wir das +Schreiben des Arztes. O über die Verruchten, die das junge Leben in +Schmach und Schande gezerrt! -- Barbara war krank. Unheilbar krank an +Körper und Geist. -- + +Ich wollte nicht, daß Frau Schäufele die Nachricht bei uns empfange. +Ich meinte, es müsse ihr Wohltat sein, die schützenden Wände ihres Heims +um sich zu fühlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen wie ein wundes +Tier, werde sich scheuen, ihr Gesicht auf der Straße zu zeigen. + +So ging ich zu ihr hinüber und setzte mich zu ihr auf die Fensterbank. +Ich weiß nicht, wie ich es sagte, ich weiß nur, daß, nachdem ich +gesprochen, eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen. Und ich +glaubte zu fühlen, wie in diesem eisigen Schweigen alle Liebe, die sich +in den letzten Monaten in der Mutter geregt, starb. + +Ich hielt Frau Schäufeles Hand fest umschlossen und wartete, wartete. -- +Warum schrie sie ihre Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie an +jenem Abend? + +Da plötzlich löste die Frau ihre Hand aus der meinen und richtete sich +auf. >Frau Pfarrer,< sagte sie und schaute mich mit einem Blick an, den +ich nie vergessen werde, >Frau Pfarrer, Sie müssen mir helfen, daß ich +hinüber komme. Ich muß die Barbara heimholen.< -- -- + +Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen, hatte jetzt das arme, sieche +erreicht: das Herz der Mutter war erwacht. + +Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch als ihr mein Mann mit +klaren Worten die Schwere ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder +die Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise. Sie schreckte auch +nicht zurück vor den Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit ihrer +Tochter. Für mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie mehr wollte +ich über einen Menschen das Urteil fällen: so und so ist er und so und +so bleibt er. War mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf und +gleichgültig erschienen? Hatte ich ihr nicht gezürnt, weil sie ihre +Kinder vernachlässigte und ewig in Streit lebte? Und nun brach aus +diesem Herzen eine Liebesfülle, die mich beschämte und erschütterte. + +Sie hatte ihre Liebeskraft bitter nötig, denn das Zusammenleben mit +Barbara war eine Hölle. Besonders in den ersten Monaten, als das Mädchen +am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten wichen ihr ja aus. Die +Kinder fürchteten sich vor den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch +lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einließen. Ach, und das +Entsetzlichste war, daß das vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur +Ruhe kommen wollte. Dann konnte es geschehen, daß auch die Mutter ein +Grauen anwandelte. Aber immer wieder überwand ihre erbarmende Liebe +dieses Grauen. Sie wußte sich oft kaum zu helfen, aber sie hätte Barbara +trotzdem nicht fortgegeben. + +Und allmählich schien ihr treues Sorgen und Pflegen doch eine kleine +Besserung im Zustand der Tochter herbeizuführen. Das wilde +Umherschweifen hörte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit an +die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine seltsame Tätigkeit, die ich +nie ohne Herzweh beobachten konnte. Immer wieder, oft dreimal des Tages, +machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen. Mit angstvollem Blick +murmelte sie dabei: >Nicht sauber, wird nie mehr sauber ...< + +Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu Besuch. Ich fragte, ob sie +Barbara besuchen werde, aber sie verneinte unter Tränen. Da bat ich Frau +Schäufele, lieber nichts von meinen Gästen verlauten zu lassen, denn man +war nie ganz klar über Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen völliger +Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien, konnte sie plötzlich +wieder vernünftig fragen und antworten. + +Irgendwie muß Barbara aber doch von unsern Gästen gehört oder sie +gesehen haben. Ich hatte die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit +Annele durchs Fenster. Es regnete in Strömen, so daß mir beinahe ein +wenig vor dem langen Heimweg graute. Da -- eben im letzten Augenblick, +als der Schaffner die Türen zu schließen begann, kam Barbara +dahergelaufen. Die Haare hingen ihr klatschnaß ums Gesicht, sie war ohne +Schirm und Kopftuch. In der Hand hielt sie einen mächtigen buntfarbigen +Blumenstrauß, und den hob sie nun zu Annele empor mit einem flehenden +Ausdruck in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die Blumen +abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon. Wir aber freuten uns unter +Tränen dieses Aufleuchtens aus einem früheren besseren Sein. -- -- + +Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog sich Barbara eine +Erkältung zu. Ein paar Wochen lang lag sie zu Bett, dann schlief sie +ein, fast plötzlich, ohne Kampf. + +Und seltsam! Die gütige Hand des Todes hatte nach wenigen Stunden das +Antlitz der armen Barbara also gewandelt, daß sie vor uns lag wie in den +Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir schien es ein tröstlich und +verheißend Gleichnis, aber Frau Schäufele schüttelte den Kopf. Bis zu +ihrem Tod hat sich die Mutter mit der Frage gequält, ob ihr Kind wohl +von Gott angenommen worden. Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen +bemitleidete, schaute sie mich fast streng an. >Ich hab' mir das selber +eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab' der Barbara nicht die rechte Liebe +gegeben, wie sie ein Kind war. Jetzt muß ich nachzahlen. Wir müssen für +alles zahlen, Frau Pfarrer.< + +>Ja,< sagte ich, >für vieles, aber manchmal wird uns auch eine Schuld +erlassen. Das wollen wir nicht vergessen, Frau Schäufele.< -- -- + +Sie hat die Barbara nicht lange überlebt. In ihren letzten Wochen sind +wir uns recht nahe gekommen. Damals haben wir uns oft gefreut an +Gerhardts schönem Heimwehlied: >Ich bin ein Gast auf Erden<. Aus diesem +Lied stammen auch die Worte, die ich auf ihr Grab schreiben ließ. -- -- +Sieh', dort drüben an der Mauer liegt sie begraben. Es ist zwar ein +wenig dunkel geworden, aber man wird den Vers schon noch lesen können.« + +Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu dem Grab hinüber. Mit +stillen Augen lasen sie die Worte: + + Ich wandre meine Straßen, + die nach der Heimat führt, + da mich ohn' alle Maßen + mein Vater trösten wird. + + + + +Der Sohn. + + +Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen und sog an den Fingern. Er +hatte ein langes, runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten +Anstrengung feuerrot gefärbt war. + +Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins Dasein getreten. Wenigstens +ins sichtbare, denn für Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen +saß, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten hatte sich all +sein Denken, so weit es nicht von geschäftlichen Dingen in Anspruch +genommen war, um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht. Er hatte +immer gewußt, daß es sich als Junge entpuppen werde. Wenn seine Frau +einen Zweifel an dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem kleinen +Mädchen ausgesprochen, war er ungeduldig geworden, und es hatte +geschehen können, daß er die kleine Frau rauh angelassen. + +Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelübde und Vorsätze stiegen in ihm +auf. Er strich sich mehrmals über den Kopf, der so kahl war wie der +seines Sohnes und sagte halblaut: »Du wirst sehen, Peter, ich werde +jetzt immer gut zu ihr sein.« + +Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit den Augen. Er hatte +offenbar kein Verständnis für seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es +nicht oft vorkam, daß er an einem Arbeitstag untätig auf einem Stuhle +saß, verfiel in ein tiefes Sinnen, das ihn weiter und weiter in die +Vergangenheit zurückführte. + +... War er das? Ein hübscher Bursche mit welligem Haar und immer +lachenden Augen. Komm her, du junges, du strahlendes Leben! Laß dich +umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in den Schoß -- -- hei! so holt +man sie eben herunter! -- -- Es war doch nicht so leicht gegangen ... +Man tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, als man in +bekleisterter Schürze in Buchbinder Bergers Werkstatt stand. Das ging so +ein paar Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann glänzte doch +endlich ein Glücksstern auf. Die Meisterstochter ... Elisabeth. Man +nannte sie meist Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, und +er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja immer noch ein leidlich +hübscher Kerl, und die lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern +lassen. So kam es, daß die niedliche kleine Betty »Peter« sagen lernte, +und der Arbeiter ward zum jungen Meister. + +Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber sein Vater bemerkte es +nicht. Er durchlebte wieder die ersten Jahre seiner Ehe. Süße, heimliche +Glücksbilder stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem Gesicht. +Abende, an denen er versucht hatte, seine junge Frau teilnehmen zu +lassen an dem, was er in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte +sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, aber sie ging +neben ihm mit stummen Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten die +ersten Gefühle der Enttäuschung. + +Elisabeth ... Elisabeth ... Er rief den klingenden Namen nicht mehr oft. +Betty ließ sich kürzer und herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er +sich betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, in denen er klar +sah, daß nicht sie, sondern er sich verändert hatte. Wie süß hatte ihm +einst ihr Geplauder geklungen! Gerade das, daß sie in lebhaften Worten +über Alltägliches sprechen konnte, war ihm reizvoll erschienen. Nun +quälte ihn der nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt, +daß die kleine Frau beim geringsten Anlaß in Aufregung geriet, später +verletzte ihn dieser Mangel an Würde. + +Peter jun. stieß einen quietschenden Schrei aus. Da öffnete sich eine +Türe, und die Pflegerin trat herein. »So, so, hat er dich schreien +lassen!« sagte sie mit vorwurfsvollem Blick auf den träumenden Vater. +Sie nahm das kleine Bündel aus den Kissen und brachte es in die +Schlafstube. Peter Niemeyer war damit entlassen und hätte sich wieder +nach seiner Werkstatt begeben können, aber er blieb sitzen. + +Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. Sein Kind ... ja -- +und auch Elisabeths. Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen +konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant war. Fünfzehn Jahre +lang hatte er auf dieses Glück gewartet. Fünfzehn Jahre ... konnte man +sich danach wieder zusammenfinden? + +Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und ging nach der Türe, +durch die die Pflegerin verschwunden. Seine Frau schlief. + +Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre müden, noch immer feinen +Züge. Ein warmes Gefühl wallte in ihm auf. »Elisabeth!« sagte er leise +und innig und streichelte ihre Hand. Darüber erwachte sie und blickte +staunend in ihres Mannes bewegtes Gesicht. »Elisabeth! Nun haben wir ja +endlich das Kind.« + +Es war, als überwältigte ihn noch einmal der Jammer der einsamen Jahre, +den sie nur unklar empfunden. Sie gehörte zu den Frauen, die in ihrem +stärksten Empfinden Gattin sind. Sie vergötterte ihren Mann. Beinahe +widerspruchslos stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie kam ihr +der Gedanke, daß sie ihm nicht nur bewundernd, sondern auch ratend und +mahnend zur Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde Liebe +eine Selbstherrlichkeit in ihm großgezogen, die ihn in den Augen anderer +oft lächerlich erscheinen ließ und ihr selbst manche bittere Stunde +brachte. + +Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn in dem Augenblick, da +sie ihres Mannes streichelnde Hand verspürte, es sei alles gut geworden +und werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie +ihres Mannes Seele nicht kenne, daß sie so stumm vor ihr liege wie die +ihres neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum Bewußtsein, daß ihr +dieser Tag in dem hilflosen, unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben, +so groß und schön, daß ein sehr starker oder sehr leichter Sinn dazu +gehört, um vor der Verantwortung nicht zu zagen. + + * * * * * + +Peter war in den ersten Jahren seines Lebens ein zartes Kind. Wenn Frau +Elisabeth ihn spazieren fuhr, so brach wohl die eine oder andere der +Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: »Der ist aber blaß! Sieh nur +die Adern an den Schläfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.« Und +dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder. + +Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen zum Trotz. Er +kriegte blanke Zähnchen und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an +Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und dann kam der Tag, der +glückselige Tag, wo er in einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters +Werkstatt stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den hohen +Tischen herum, eifrig bunte Papierabfälle sammelnd, die er mit dem +großen Pinsel zusammenkleisterte. Hände und Kleider bekamen dabei ihr +gut Teil ab zum Ärger der Mutter, die ihr Bübchen immer schmuck haben +wollte. Der Vater aber lachte. »Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du +wirst einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten Platz am +Fenster?« -- »Ja, wenn ich groß bin,« sagte Peterchen, »aber --« fügte +er zögernd hinzu: »Mutter soll auch mit dabei sein.« + +Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter Kind, daß er es nicht +ertragen konnte, lange von ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand +er mit einem Rührlöffel in der Hand ernsthaft neben ihr. Er begleitete +sie auf allen Gängen und schlief nur ein, wenn sie an seinem Bettchen +saß. Des Morgens aber erwachte Frau Elisabeth daran, daß vorsichtige +Fingerchen ihre Augenlider in die Höhe zogen, und sie schalt nie, +sondern hob die Decke und ließ den kleinen Ruhestörer unterschlüpfen. +Das ging so heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun zwischen +Mutter und Kind geführt wurde, war eine so leis geflüsterte, daß der +Vater nicht daran erwachte. + +Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die süßeste am Tag. Wie weich und +warm schmiegten sich die jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das +Herzchen so rasch, so rasch ... Sie spielte mit dem dunkeln, lockigen +Haar, das der Junge von ihr geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren +die ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches Kinn gegeben. Aber +sonst glich der Kleine keinem der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild +irgend eines Vorfahren aufbewahrt worden wäre, hätte man darauf die +lange, schmale Nase und die trotzige Stirne gefunden, und auf einem +andern vielleicht die schwarzen Brauen, die über der Nase +zusammenwuchsen. Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. Sie waren +von dunkelm Grau, groß und sanft, und es lag wie ein feiner Schleier +darüber. Aber in der Erregung zerriß der Schleier, und die Augen glühten +und schauten nahezu schwarz. + +Frau Elisabeth erschrak jedesmal darüber. Es packte sie die bange +Ahnung, daß eine Zeit kommen könnte, in der es ihr nicht mehr gelingen +würde, die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese Gedanken von +sich. Noch war das Peterchen klein, und wenn sein Seelchen in Not kam, +schrie es nach ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, nein, +auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, die sie im Verhältnis zu +ihrem Mann empfand, war sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung +verlangte. Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, da +sie die umworbene und gefeierte Betty Berger gewesen und führte diese +Tage in ihren kleinlichen Zänkereien wieder und wieder an. In des Kindes +Augen nun stand sie groß und unantastbar. + +Das späte Mutterglück hatte übrigens ihre Liebe zum Gatten nicht +beeinträchtigt. Der kleine Sohn mußte stets hinter dem Vater +zurücktreten. Das wußten beide, der kleine und der große Peter, und sie +nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen wahr, in das sich beim +kleinen ein unverstandener feiner Schmerz, beim großen ein unbehagliches +Schuldgefühl mischte. + +Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem kleinwinzigen Sohn +gegebenes Wort zu halten. Er wollte gut sein zur Mutter seines Kindes, +und einige Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte wieder wie in +den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit zarter Fürsorge; aber zu einer +inneren Annäherung kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder den +alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, nach Art launischer +Menschen, den einen Tag zu Scherz und Lachen aufgelegt, den andern +reizbar und wortkarg. »Die Kluft zwischen uns ist zu groß, da ist kein +Verstehen möglich,« dachte er mißmutig. + +Ach, da war wohl eine Brücke, die ihn wieder und wieder zu ihr getragen +hätte ... Für Güte und Erbarmen ist keine Kluft zu groß. + + * * * * * + +Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein Ereignis für die ganze +Familie, und jedes nahm es auf und verarbeitete es seiner Art +entsprechend. Dem Vater schien es der erste Schritt zur künftigen +Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr ein bißchen mehr. Zeigte +es sich, daß er einen hellen Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium +schicken. Studieren ... nein, das sollte er nicht. Das Geschäft ging +gut, es durfte nicht in fremde Hände übergehen. Aber abends, da wollten +sie zusammensitzen und lesen und sprechen. O, der Junge mußte nicht +glauben, er, der Alte, sehe nicht über den Kleistertopf hinaus! Er war +auch in guten Schulen gewesen, und überhaupt -- früher wurde viel besser +und gründlicher unterrichtet ... Merk' er sich das, mein Herr Sohn! + +Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese und ähnliche +Gedanken bewegte, fröhlich vor sich hin. Unterdessen saß Frau Elisabeth +im Wohnzimmer und weinte. Sie wußte selbst kaum warum, aber ihr war so +traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes gestorben. Vor einer Stunde +hatte sie das Peterlein zur Schule gebracht. Er war einer der +niedlichsten kleinen Schüler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. Und +er hatte den Lehrer artig gegrüßt und war nicht so blöde, mit dem Finger +im Mund, dagesessen, wie Bäcker Brauns Jüngster. Aber als sich nun die +begleitenden Mütter und Väter und älteren Geschwister zum Gehen +anschickten, war das Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und hatte +sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter geschrien, ohne auf ihre +Trostworte zu achten. Zuletzt hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot +versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen war in die Bank +zurückgekehrt und sie nach Hause. + +Und nun saß sie da und weinte nach dem Kind, und das arme Büblein dachte +wohl im stillen auch nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge +durchzumachen! Und so allein war man mit seinem Kummer, denn dem Mann +durfte man nicht klagen. Er wurde gar leicht ungeduldig. + +Frau Elisabeth schlang die Hände ineinander und schaute durchs Fenster. +Es kam ihr plötzlich in den Sinn, daß sie an die Bereitung der +versprochenen Dampfnudeln gehen müsse, aber sie blieb ruhig sitzen. Es +war so angenehm, in diesen halb traurigen, halb süßen Gedanken zu +schwelgen. »Alle Mütter sind Märtyrerinnen,« ja, das hatte sie einmal +gelesen und sehr merkwürdig gefunden. Aber jetzt verstand sie, o, jetzt +verstand sie ... + +Unten auf der Straße ging eine Nachbarsfrau vorbei. Sie nickte ein-, +zweimal und Frau Elisabeth nickte wieder und führte dabei das +Taschentuch an die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, daß die Freundin +sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute ihr heimlich nach, und da +erlebte sie eine zweite Genugtuung. Die Freundin hatte sich wohl etwas +eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich ein blendend roter +Rocksaum unter dem dunkeln Kleid hervor. Frau Elisabeth lächelte: »So 'ne +Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man eben keinen Geschmack hat ...« + +Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern Gemüts an der +Mehlkiste. + +Das Peterchen kam mit dunkelglühenden Bäckchen nach Hause. »Mutter, die +Schule ist fein!« schrie er schon von weitem. + +Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. Sie hätte ihn lieber ein +bißchen bekümmert, ein bißchen sehnsüchtig erregt gesehen. + +»Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?« fragte sie, das Kind +zärtlich umfangend. + +»Nur ein bißchen. Weißt du, nachher kam das feine Bild von dem +Elefanten. Der ist mal klug, Mutter! Und stark und, und -- gerecht. Ja, +gerecht nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas Böses tut, straft er +einen gleich. Da war mal so ein Schneider, Mutter, -- --« + +»Ja, das kannst du mir nachher erzählen, jetzt gehen wir zum Essen,« +sagte Frau Elisabeth. Sie sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die +feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam ... war Mutter böse? Er war +so froh gewesen, so erfüllt von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die +Geschichte war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser in die +Schneiderstube spritzte! Der stach den Elefanten gewiß nicht zum +zweitenmal in den Rüssel! -- + +Das Peterlein machte einen Sprung, als müsse er sich aus des Schneiders +nasser Stube retten. Da fühlte er sich von seinem Vater ergriffen, in +die Luft gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein schaute +atemlos zu ihm auf: »O Vater, bist du stark! Fast wie ein Elefant! Und +denke dir, so klug ist der und soo -- gerecht. Ich will dir mal was von +einem Schneider erzählen. Willst du's hören?« + +»Aber gewiß!« rief Vater Niemeyer. Das freute ihn, das war ja wie ein +Akkord aus der Zukunftsmusik, die er vorher gespielt. + +Und das Peterlein erzählte, mit Mund und Augen und allen Gliedern. Der +Vater bedauerte und lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter -- +Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinüber -- kniff die Lippen +zusammen, so eng, daß nur noch ein schmaler roter Strich zu sehen war. +Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie wiederauseinandergehen und +liebe Worte sprechen könnten. Wie schade, daß Mutter die Geschichte +nicht gefiel! Vielleicht, wenn er ihr sie später noch einmal erzählte? + +Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen seine Geschichte ein zweites +Mal anzubringen. Aber Frau Elisabeth konnte sich nicht überwinden. Mit +abweisendem Wort schloß sie die plauderfrohen Lippen. Die alte, häßliche +Schule! Was brauchte er so vergnügt von dort herzukommen, wo sie nicht +dabei gewesen. -- »Gönnst du ihm denn seine Freude nicht?« mahnte eine +Stimme ihres Innern. Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen. + +Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stämmige Körperchen. »Du hast +mich lieb, Peterchen? Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb +haben?« Der Kleine drückte das runde Gesicht gegen ihre Wange. »Immer, +immer! Aber --« fügte er zögernd hinzu, »warum darf ich dir nicht +erzählen? Darf ich dir nie, gar nie erzählen, was wir in der Schule +machen?« + +Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jähe Erkenntnis. Wie war sie so +töricht gewesen! In ihrer selbstsüchtigen Liebe hatte sie ihn ja von +sich gestoßen. Mußte sie nicht froh sein, o von Herzen froh und dankbar, +daß er alles zu ihr trug? + +»Freilich darfst du mir erzählen, Peterchen. Jeden Tag, soviel du +willst! Aber für heute ist's genug, sonst bist du morgen müde in der +Schule.« + +Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, und noch während Frau +Elisabeth ordnend im Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in +Schlummer. + + * * * * * + +In den folgenden Monaten geschah es oft, daß der kleine Peter etwas zu +erzählen wußte. Aber nicht immer fand er die Mutter willig, seinen +sprudelnden Berichten zu lauschen. + +Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie nach den Schätzen der Tiefe +geforscht, nie in Qual und Sehnsucht zur Höhe gedrängt hatten, genügte +die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. Sie war nicht +unglücklich gewesen, wenn sie auch zuweilen unter den Launen ihres +Mannes gelitten hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und sie +hatte ein behagliches Heim und konnte hübsche Kleider tragen und +brauchte keine grobe Arbeit zu tun. Aber nun war so vieles anders +geworden. + +Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen allerlei Gedanken zu +arbeiten an. Nicht nur was er in der Schule sah und hörte, nein, auch +alles was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit gierigen Augen und +Händen entgegengenommen und betastet und befragt. + +So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute sein, den man von der +Mutterpflanze gelöst hat. Er trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem +mütterlichen Stamm, nein, direkt aus der feuchten, kühlen Erde, und der +Sonnenschein umfließt ihn inniger und wärmer, da er nun so rank und fein +und klein für sich steht. Er fängt behutsam an, Würzelchen auszustrecken, +und er wagt es und entrollt ein verschämtes, zitterndes Blatt. + +Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das sich, losgelöst von dem +ihren, entwickelte, nicht und betrachtete es mit feindseligen und +argwöhnischen Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die Erkenntnis +durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt hatte. Nein, er durfte ihr +nicht verloren gehen. Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken, +wie damals, als er zu früher Morgenstunde in ihr Bett gekrochen. + +Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und wochenlang gleichgültig +und verständnislos zur Seite gestanden, eine plötzliche Annäherung +suchte, konnte es geschehen, daß Peterlein die Lippen zusammenkniff. Das +feine Seelchen flüchtete sich vor den täppischen Angriffen und schaute +nur scheu und verängstet aus den großen verschleierten Augen. + +Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war nicht ein aus Zartgefühl +geborenes Schweigen. Das hätte dem Peterlein wohl getan und ihm +vielleicht die herben Lippen geöffnet. Er beobachtete die Mutter, wie +sie sich an den Nähtisch setzte, zu Nadel und Faden griff und zu nähen +begann. Und jede Bewegung brachte ihr Gekränktsein zum Ausdruck, laut +und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener Qual. + +Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die Werkstatt hinunter, +denn der Vater nickte ihm meist freundlich zu und schenkte ihm auch hin +und wieder einen Streifen bunten Papiers. + +Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl zu sitzen, der dicht am +Fenster stand. Draußen war nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was +die Aufmerksamkeit der Arbeiter erregt hätte. Aber Peterlein bewunderte +das steil abfallende braunrote Ziegeldach. Es wuchs so viel feines, +samtenes Moos darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte ein +Samtkleid, das drückte er oft verstohlen an die Wange. + +Über das Dach ragte ein alter, klotziger Turm empor. Wie ein rundes, +gutmütiges Gesicht schob sich die Hälfte seines Zifferblattes über den +First empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn gerne leiden, +den alten Turm mit dem breiten Gesicht, und er liebte auch die Zeiger, +die so lustig Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, glitzerte +stundenlang oben in der Sonne, dann versank er, und Peterlein sah ihn +des Abends nie. Der große lief viel schneller. Jetzt war er +verschwunden, aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen geschaukelt, +das Moos auf dem Dach in Gedanken gestreichelt, sich über die vielen, +vielen Bücher gewundert und von der Möglichkeit, sie zu lesen, geträumt +hatte, tauchte er auf der andern Seite auf und war so golden und +blitzend wie zuvor. + +»Was er nur denken mag, wenn er so zum Fenster hinausstarrt,« dachte +Peter Niemeyer sen. Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen. +Aber merkwürdig! es kam ihm keine Erinnerung, die ihm das Bild eines +versonnenen kleinen Buben entgegengehalten hätte. Er sah sich immer in +Bewegung, im Schulhof, auf der Straße, im elterlichen Hause ... turnend, +schreiend, raufend. War sein Junge am Ende kein echter Junge? -- -- An +Kraft fehlte es ihm gewiß nicht. Er hatte breite Schultern, die den +dunkeln Kopf stolz und aufrecht trugen, und daß er Beine hatte, die +ihresgleichen suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater Niemeyer +wieder und wieder beobachten. + +Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen mehr mit sich ins Freie zu +nehmen, womöglich mit andern Kindern zusammen. + +Das Stillesitzen und Träumen verdroß ihn ... aus dem einfachen Grund, +weil es seiner Natur fremd und unverständlich war. Und er wollte den +Jungen für _sich_ heranwachsen sehen. _Sein_ Kamerad, _seine_ Stütze und +Hilfe sollte er werden. Aber hatte er selbst nicht auch geträumt in +jungen Tagen und sich eine heimliche Welt erbaut? O gewiß, aber es waren +lauter klare Dinge gewesen, lebensfähige, starke Gedanken. Sein Junge +aber war versunken in den Anblick eines alten Daches und beobachtete das +Auf und Ab eines Zeigers. Dem mußte beizeiten ein Riegel vorgeschoben +werden. + +So kam es, daß am folgenden Sonntag die drei Niemeyer mit einer +befreundeten, sehr kinderreichen Familie zusammen einen Ausflug machten. +Der nasenähnliche Vorsprung des nächstgelegenen Berges war zum Ziel +ersehen worden. Die Gesellschaft setzte sich in fröhlicher Laune in +Bewegung. Die Luft war klar, der Sonnenschein wärmend, ohne stechend zu +sein. Peterlein sprang mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug +Purzelbäume wie ein gedienter Zirkusclown und ging aus einem Ringkampf, +der mit viel Lachen und Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger +hervor. War das derselbe Junge, der verträumt in einem Winkel zu sitzen +pflegte? Nein, das war ein echter, lebendiger Junge, wie er sein soll. +Vater Niemeyer strahlte. + +Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. Der besiegte Nachbarjunge, +der seinen Groll nicht verwinden konnte, drang plötzlich von hinten auf +Peterlein ein und schlug ihn über den Kopf. + +»Na, hoffentlich haut er ihm eine Tüchtige runter!« dachte Vater +Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein blieb stehen und schaute seinen +Widersacher an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. »Du +bist ja ein Feigling!« sagte er mit seiner hellen Knabenstimme. + +»Was bin ich!« schrie der andere. Er versetzte Peter einen Stoß, der ihn +zu Boden schleuderte; dann hielt er es für geraten, sich hinter seinen +Vater zurückzuziehen. + +Es wäre nicht nötig gewesen. Als Peterlein wieder aufrecht stand, ging +er seines Wegs, ohne sich nur umzublicken. + +Peter Niemeyer ärgerte sich. Hatte der Junge kein Ehrgefühl im Leib? Mit +ein paar raschen Schritten war er an seiner Seite. »Läßt du dir so etwas +gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja auch untergekriegt. Warum hast du +nicht mit ihm gerungen?« + +»Weil er feig ist,« sagte das Kind und hob seinen stolzen, freien Blick. +Die Augen waren unverschleiert und glühend, und Vater Niemeyer wußte +keine Entgegnung. + +Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und nachdem die Aussicht +bewundert und die Namen der zerstreut liegenden Dörfer richtiggestellt +waren, überließen sich die Erwachsenen der Ruhe. + +Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. Es ward still, nur hin und +wieder klang ein vereinzelter heller Schrei, ein seliges Lachen herüber. +Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, und fühlte und trank +den Zauber des Frühlingstages in tiefen Atemzügen. + +Da schrak er jäh empor. Das Weinen eines Kindes, untermischt mit +vielstimmigem Gelächter, war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich +auf. Die Töne kamen näher und näher, und Frau Elisabeth horchte +ängstlich auf. »Es ist unser Peterchen, der weint,« flüsterte sie. + +Da stürzte er auch schon auf sie zu, mitten in ihre ausgestreckten +Arme. »Was hast du denn? Wer hat dir etwas zuleid getan?« fragte sie +wieder und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen nicht sprechen, +und die andern Kinder mußten berichten. Das Peterlein sei ganz für sich +gegangen, sie hätten ihn lange gesucht und endlich vor einem großen +Stein gefunden. Den habe er immerzu betrachtet. Da sei eines von ihnen +zum Spaß daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen zu +weinen und sei davongelaufen und sie alle hinterdrein. + +Vater Niemeyer war ernstlich böse. »Deswegen weint man doch nicht. +Schäme dich, Peter!« + +Frau Elisabeth fühlte Mitleid mit dem zuckenden Körperchen, das in ihrem +Schoß lag. Er hatte sich zu ihr geflüchtet. Das tat wohl. Sie beugte +sich ein wenig herab und flüsterte: »Sei nun wieder still, Peterlein! +Sieh, die andern sind so vergnügt. Warum hat dich denn der dumme Stein +so betrübt?« + +Peterchen hob sein verweintes Gesicht. »Ach Mutter, es war ein kleiner +Wald, eine wunderschöne kleine Welt darauf!« + +»Wirklich!« sagte Frau Elisabeth und vertilgte mit dem Taschentuch die +Tränenspuren in ihres Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was für ein +absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr unbehaglich bei dem +Gedanken. Wie mochte das später werden? Nun zählte er erst acht Jahre +und war ihr schon halb entglitten. + +Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem Mann hinüber; aber Peter +Niemeyer, der die Klage seines Jungen um die zertretene kleine Welt +gehört, lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirne. + + * * * * * + +Der Sommer brachte für Peterlein etwas Wunderbares. Er durfte mit der +Mutter in die Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er brachte Frau +und Kind zur Bahn und plauderte bis zuletzt lebhaft und fröhlich mit +ihnen. Er hielt die Hand seiner Frau lange in der seinen und tätschelte +seines Buben blasse Wangen. + +»Nun geht nur tüchtig spazieren da oben und holt euch rote Backen! Und, +Peterlein -- -- -- fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!« + +»Wie ist es da?« + +»O, schön! Aber wenn man hinunterpurzelt, merkt man davon nichts.« + +»Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?« + +»Bewahr' mich der Himmel! Junge, was denkst du nur! Aber an einer +gestanden bin ich mehr als einmal!« + +»Wie sieht das aus, Vater?« drängte das Kind. »Ist es ein tiefes, +schwarzes Loch?« + +»Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz ... Es glänzt so +schönes Eis herauf. Ganz blankes, grünes Eis, Peterchen. Und unten +rieselt und gluckst etwas -- -- ein Gletscherbächlein ... aber es klingt +oft eigentümlich -- -- wie -- wie --« + +»... wie wenn etwas weint,« vollendete ein leises Stimmlein. + +»Warum meinst du das?« fragte der große Peter lächelnd. + +»Weil ich es einmal gehört habe, im Wald, weißt du, bei dem kleinen +schwarzen See. Da muß das Bächlein hinein und deshalb weint es.« + +»Na, hör' mal, Peterchen!« begann Frau Elisabeth, aber ihr Mann legte +eine beschwichtigende Hand auf ihren Arm. + +Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge von ihm. Es war ihm, als +höre er wieder ein paar Takte aus seiner Zukunftsmusik ... War er nicht +auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und Wiesen strich, stehen +geblieben, um etwas von den Tönen zu erlauschen, die Wind und Bach und +Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der Freude, hatte ihm daraus +geklungen. Und das Peterchen hörte ein Weinen ... Also doch nicht ganz +dasselbe, nein, nicht ganz. + +Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter Niemeyer aufsteigen, aber er +zwang sie nieder. + +»Ich hörte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte sagen, das +Gletscherbächlein mache Musik. Ganz feine, silberne Töne hört man.« + +»Ja ... da singt jemand,« nickte das Kind. Es saß und schlenkerte mit +den Beinen und schaute aus weichen, verträumten Augen. + +Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit drängte. Er mußte eiligen +Abschied nehmen. Dann setzten sich die Räder in Bewegung, und das +Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo das Bächlein unter +schimmerndem Eis kleine Lieder singt. + +Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu sehen. Da waren die +Telegraphendrähte. Lange Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur +in der Höhe des Fensters, aber das genügte ihnen nicht. Hinauf, hinauf! +schienen sie zu schwirren. Und sie fingen an zu steigen -- -- rascher -- +rascher! Wohin! wohin? Da -- -- eine böse lange Stange stand in ihrem +Weg und riß sie alle herunter -- o so tief! Konnten sie nun nicht mehr +fliegen? Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie sanken, sanken, und +jede böse Stange machte sie tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an +tapfern Drähten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der dunkle Schatten +sie heruntergezerrt hatte, aufs neue in die Höhe, immer wieder, immer +wieder -- -- bis -- -- Ja, mit einem Mal waren sie ganz weg, und die +Eisenbahn fuhr dicht an einem See vorbei, so dicht, daß man glauben +konnte, die Räder liefen im Wasser. Es schimmerten blanke Steine und +weiches, bewegliches Gras, und da -- ja, da war ein Fisch, ein +wirklicher, lebendiger Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen +durchfuhr. + +Dann mußte man durch einen dunkeln Tunnel fahren. Das war nicht hübsch. +Aber nachher ... + +Das Peterlein saß ganz still, aber es öffnete die Augen weit und trank +die Schönheit, die sich vor ihm aufgetan. + +Und der Glanz der sonnbeschienenen weißen Berge, die geheimnisdunkle +Pracht der Wälder, der Duft und die Freude, die von den blumigen Matten +aufstiegen, sanken durch die dürstenden Augen tief auf den Grund seiner +stillen, wartenden Seele. + + * * * * * + +Peterlein fühlte sich schon nach wenigen Tagen in dem kleinen Bergnest +so heimisch, als habe er immer in dem braunen Häuschen gewohnt. Wie war +es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf einen Stuhl stellte, so +konnte er mit der Hand die Decke berühren, und wenn er Eile hatte, ins +Freie zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles neu und +furchtbar interessant, z. B. die vielen Menschen, die mit ihm und Mutter +zusammen an einem Tisch aßen. Er kannte die wenigsten, denn gleich nach +Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre Behausungen. Da der Gasthof +selbst nur wenige Gäste beherbergen konnte, waren die meisten in den +nächstgelegenen Häuschen untergebracht. + +Peterlein war immer unter den ersten, die dem Ruf der Tischglocke Folge +leisteten. Dann stand er am Fenster und beobachtete die Gäste, die sich +von allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof näherten. Bei +Regenwetter war es besonders hübsch. Da konnte man glauben, eine Schar +Pilze wandere langsam und bedächtig auf den schmalen Weglein. + +Frau Elisabeth fühlte sich fremd und eingeschüchtert. Daran war in erster +Linie ihr Tischnachbar schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, der +erst vor kurzem aus Indien zurückgekehrt war und noch immer in seligen +Erinnerungen schwelgte. Beinahe täglich unterhielt er Frau Elisabeth mit +Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als bekannt voraussetzte. +Völlig zur Verzweiflung aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags +mit feurigen Worten die vom Mondlicht übergossene Tadsch Mahal +schilderte. Frau Elisabeth lauschte mit krampfhaft festgehaltenem +liebenswürdigem Lächeln, während sie innerlich stöhnte: »Mein Gott, wenn +ich nur wüßte, von was er spricht.« + +Sie ließ die Worte halb betäubt über sich ergehen und empfahl sich so +schnell es irgend anging. Ach, warum hatte sie nicht darauf gehört, wenn +ihr Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum Selbstlesen anpries! +Zwar, von Indien hatte er ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit +Bestimmtheit zu erinnern. Aber -- eine andere Sache hatte ihm immer so +am Herzen gelegen. Beinahe jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert, +die Gemälde im Museum anzusehen. »Denn, wirklich, Betty, es ist eine +Schande, wenn ein Kind unserer Stadt nicht die Bilder ihrer zwei +weltberühmten Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz und kommen +weit her, ihn zu sehen. Du kannst dich nicht einmal zu den paar +Schritten entschließen. Warst du überhaupt schon dort?« + +Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! »Na ja, als junges Mädchen +war ich mal dort. Es hat mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da +waren so merkwürdige Wesen ... Frauen mit Fischschwänzen und Männer, +halb Mensch, halb Pferd. -- -- Ach, und so ein schreckliches Bild war +da. Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir nachts geträumt. -- -- +Und die Frau mit den Kindern -- das soll doch so ein schönes Bild sein +-- gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl ganz nett, aber die Frau +hat trübe Augen, und das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen hätte.« + +Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren Peter sen. und jun. +allein ins Museum gegangen. Sie hatte nachher das Kind über die Bilder +befragt, aber es hatte nicht viel zu antworten gewußt. Ein Kindchen habe +er gesehen, so eines, wie sie im Wasser wohnen. Das habe ein Fischlein +fangen wollen, da sei es ausgerutscht, und »nun macht es so, sieh, +Mutter, so!« + +Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, dann hatte er +plötzlich ein Tuch ergriffen, es eng um die Schultern gezogen und mit +abgewandtem Gesicht gesagt: »Sieh, Mutter, so steht der Mann und wartet +und wartet. Warum wartet er, Mutter? Da ist ein großes Wasser und vorne +ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat keine Kleider, nur ein +ganz dünnes Tuch. Das glitzert sehr schön. Und sie wartet auch. Warum, +Mutter? Vielleicht, daß sich der Mann mal umwenden soll? Ich glaube, sie +will ihm etwas vorspielen. Aber warum wartet der Mann und schaut immer +auf das Wasser?« + +»Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu fahren.« + +»Ist er da nicht zu Hause? O, du weißt's nicht gewiß, Mutter?... Ich +glaube doch, aber er möchte mal weg, um zu sehen, was über dem großen +Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf das Schiff.« + +Hatte der Professor nicht zum Schluß von diesem Bild gesprochen? Gewiß! +Wenn sie nicht aufgestanden wäre, hätte er sie darüber ausgefragt. +»... denn gnädige Frau müssen es natürlich aufs genaueste kennen.« Ach, +wie konnte sie nur diesem schrecklichen alten Herrn entrinnen! + +Frau Elisabeth war während dieser Gedanken einen Waldweg gegangen, der +zu einer einsamen kleinen Höhe führte. Peterlein lief singend +hintendrein. Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf eine der +leerstehenden Ruhebänke niedergelassen hatte. Er lehnte sich an sie, und +sie schlang den Arm um ihn und fühlte unter ihrer Hand das vom Springen +erregte Herzchen pochen. + +»Mein Peterchen,« flüsterte sie, und drückte die Lippen in sein Haar. + +Er schob sich enger an sie heran. Da ließ eine Elster in der Nähe ihr +häßliches Krächzen hören, und Peterlein riß sich los. + +»Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie schön schwarz und weiß ... Mutter, +wie heißt der Vogel?« + +»Na, wie heißt er denn!« Frau Elisabeth sagte es ein wenig ungeduldig. +Was brauchte Peter so laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der +andern Bank gewiß die Frage gehört und wartete mit dem Jungen zusammen +auf eine Antwort ... Und sie wußte ja den Namen des dummen Vogels nicht! +Was sollte sie nur machen? + +Ihr war, über das Gesicht der fremden Dame gleite ein feines Lächeln. + +»Peterchen!« rief Frau Elisabeth, »komm mal flink her!« + +Als das Kind näher trat, flüsterte sie hastig: »Es fällt mir jetzt +gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's so etwas wie ein Rabe.« + +»Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!« + +Peterchen stand vor ihr, die Hände auf dem Rücken, und betrachtete sie +vorwurfsvoll. Plötzlich sagte er: »Hast du den Namen wirklich mal +gewußt? Oder, oder ... weißt du, Mutter, heute -- -- am Essen -- -- das +hast du auch nicht gewußt ... weißt du, das weiße Haus, von dem der alte +Mann erzählte. Da hast du bloß so getan -- --« + +Frau Elisabeth saß da, über und über errötend. Einen Augenblick war +ihr, die ganze Bergkette senke sich, als wolle sie ihr eine spöttische +Verbeugung machen. Die Fremde mußte jedes Wort gehört haben. Peterleins +Stimme war so durchdringend hell, und die halb vorwurfsvoll, halb +trotzig gesprochenen Worte hatten sehr deutlich geklungen. + +Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und sagte ärgerlich: »Du bist +ein ungezogenes Kind, Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter. Ich +habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen dies oder jenes nicht +recht.« + +»Ja -- aber ... Eltern sind doch auch manchmal unartig, Mutter. Nicht?« + +Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an. Er erwiderte ihren Blick, +nicht trotzig, nur harmlos erstaunt. + +Was sollte sie nur antworten? + +Da -- mitten in das Schweigen hinein -- klang ein Lachen, ein herzliches, +befreiendes Lachen. Die fremde Dame war aufgestanden und näherte sich +den beiden. + +»Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Großen alle sind auch manchmal +unartig. Aber -- -- das kannst du mir glauben -- wir strengen uns +tüchtig an, es nicht zu sein ... Darf ich?« + +Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die bereitwillig zur Seite +rückte. Die Fremde setzte sich. + +»Wie heißt du denn, kleiner Mann?« wandte sie sich an Peter, und dann +begann sie mit ihm zu plaudern. + +»Weißt du, Mutter,« meinte Peter später, »sie fragte so hübsche Sachen. +Nicht: wie alt bist du, und in welche Klasse gehst du, und hast du schon +viele Tatzen gekriegt.« + +»Ja, was fragte sie denn?« + +»O, Mutter, hast du es nicht gehört? Du saßest doch dabei. Sie fragte, +ob ich die kleine Eidechse mal gesehen, die unten am Mäuerchen wohnt. +Und -- Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie findet sie gar nicht +langweilig wie du. Sie hat gestern abend den großen Bären auch gesehen. +Hast du denn gar nicht zugehört?« + +Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie hatte eigentlich nur die +Fremde beobachtet, das ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Züge durch +einen unendlich gütigen, innerlich frohen Ausdruck verschönt wurden. + +Ein Gesicht, das keine Maske trug. + +Ein Gesicht, das jeden zu grüßen schien. + +Wenn man dies Gesicht ansah, wußte man, diese Frau denkt immer in erster +Linie: wie kann ich dir helfen?... wie kann ich dir wohl tun? + +Und deshalb war sie auch herübergekommen und hatte Peters Frage +beantwortet, die ihr so ungeheuerlich erschienen. + +Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? Warum? + +Ach, sie war so bestürzt gewesen, so bestürzt. Sie hatte geglaubt, in +Peterleins Augen stehe sie fleckenlos da, und sie hatte auch geglaubt, +das müsse so sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten -- +mußte da nicht jeder Respekt verschwinden? -- -- Freilich, die Fehler +waren da. Die ließen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. War es da +nicht klüger, die Worte der fremden Frau nachzusprechen?... »Nicht nur +klüger, auch tapferer und ehrlicher,« flüsterte eine heimliche Stimme in +Frau Elisabeths Herzen. Sie mußte plötzlich an ihren Vater denken. Der +war ein aufrechter Mann gewesen. Hart und streng manchmal, aber doch in +erster Linie gegen sich selbst. Da gab es kein Bemänteln einer Schuld. +Er war ein hitziger Mann gewesen und konnte in der Aufregung manches +Wort sagen, das ihn nachher in der Seele brannte. Dann leistete er +Abbitte, auch wenn es sich nur um ein Kind oder den jüngsten Lehrbuben +handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? Nein, nein ... Frau +Elisabeth wußte plötzlich, daß ihr der Vater nie größer erschienen war, +als in einem solchen Augenblick. + +Sie wußte noch etwas. Sie wußte, daß er, heute bei Tisch, nicht mit ihr +zufrieden gewesen wäre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach +gesagt, sie wisse nichts von diesem -- diesem Ding? + +Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr das Blut in die Wangen +trieb. »Kinder, gesteht doch ruhig ein, daß ihr etwas nicht wißt! Das +ist keine Schande. Und wenn's auch eine wäre, denn es kommt ja vor, daß +man etwas wissen sollte -- na, da muß man eben die kleine Beschämung +tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!« + +Die einsame Höhe war ein zauberkräftiger Fleck Erde. Noch nie hatte +Frau Elisabeth so tief Einkehr bei sich gehalten wie an diesem +Nachmittag. Das bekam auch Peter zu spüren. Er ging auf dem Nachhauseweg +zwischen den beiden Frauen und merkte auf ihr Reden, und seine feinen +Ohren hörten mehr als Frau Elisabeth ahnte. + +Am Abend, als er in dem großen Bett lag, setzte sich die Mutter neben +ihn und schaute schweigend durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit +erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter? + +»Peterchen,« sagte sie leise und ein wenig stockend, »es ist wahr, ich +habe den Herrn Professor heute nicht verstanden. Es war dumm, daß ich +das nicht sagte. Und den Vogelnamen weiß ich schon lange nicht mehr. +Vielleicht habe ich ihn einmal in der Schule gelernt ... Und es ist auch +wahr, was die freundliche Dame heute sagte, daß -- daß wir Großen auch +unsre Fehler haben. Aber sieh, Peterchen, bei manchen merkt man doch +kaum etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch immer so gut und +lieb zu dir, und nun hat er uns hier heraufgeschickt, wo wir's so schön +haben, während er immer arbeiten muß ... Und Vater weiß so viel, alle +sagen, wie klug er sei --« + +Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. Das Kind hing plötzlich an +ihrem Hals und küßte sie, küßte sie ... o, diese durstigen Lippen! -- +Und dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen aus, daß die +Mutter sich keinen Rat wußte. + +»Kind, Kind, was ist dir nur!« flüsterte sie halb erschrocken, halb +beseligt. + +Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, noch nie die heißen +kleinen Hände nach ihr gegriffen, als griffen sie tief, tief in ihr +Herz. + +»Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!« schluchzte das +Peterlein. »Du gehörst mir, Mutter, sag, daß du mir gehörst!« + +»Aber gewiß, Kind, gewiß! So -- so ... Nun will ich dir ein bißchen +singen, und dann schläft mein Peterchen schön ein.« + +Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. Dann hielt sie seine +Hand und sang und sah, wie die wilden Augen sanft und ruhig wurden und +sich müde schlossen. + + * * * * * + +Von diesem Tage an fühlte sich Frau Elisabeth weniger unbehaglich. +Irgend etwas sagte ihr, daß diese Fremde ein innerlich reicher Mensch +sei, und daß sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben. + +Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie hörte aus all dem oft so +nichtigen und eitlen Wortschwall etwas heraus, das ihr des Hörens und +Antwortens wert schien. So ging sie manche Stunde, die sie lieber in der +Stille verlebt hätte, mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen +spazieren. Daß das Kind dabei war, erleichterte ihr das Opfer. + +Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, in einem großen +Wirkungskreis gestanden. Tagtäglich waren Bilder des Elends, der Sünde +vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte und fordernde +Hände hatten nach ihr gegriffen. Und ihr großes, reiches Herz hatte all +das Elend mit inbrünstigem Erbarmen umschlossen. Dann plötzlich war sie +zusammengebrochen. Es war kaum zu glauben gewesen. Jedermann in ihrer +Umgebung hatte sich gegen die Erkenntnis gesträubt, und sie selbst hatte +hart mit dem müden Herzen gekämpft. Bis sie wußte: ich muß fliehen, aus +allem heraus, sonst kann ich das Leben nicht mehr ertragen. Sie war in +die Berge gereist mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu kriechen +und sich daraus durch niemand und nichts vertreiben zu lassen. Aber an +jenem Nachmittag, als Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie +antworten müssen. Es war nicht anders gegangen. + +Das Kind erschloß sich ihr täglich mehr, und sie empfand seine +stürmische Liebe als köstliches Geschenk. Die ihre äußerte sich selten +in Worten oder Gebärden. Ihr war, Frau Elisabeth könnte dies nicht wohl +ertragen. + +Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher Innigkeit ... so, wie +man etwas Feines und Holdseliges liebt, das man in täppischen Händen +weiß. Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, wie es drin üppig +blühte und wucherte, und sie wußte, daß hier eines verständigen Gärtners +Hand walten sollte ... »Armer, kleiner Peter!« dachte sie, wenn in diese +Gedanken hinein Frau Elisabeths Worte drangen. + + * * * * * + +Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben Tage ab. Beide waren +froh, in den alten Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch Peter +freute sich nach Kinderart der Veränderung. Er freute sich besonders +darauf, dem Vater die schönen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen +gesammelt. Aber als er von der »Tante« Abschied nehmen sollte, riß er +die Augen weit auf und starrte der Davongehenden nach. + +Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes fröhliches Wort auf +den Lippen ... Und konnte es nicht aussprechen. Sie wußte, nie würde sie +diese entsetzten Augen vergessen können. + +Das aber ahnte sie nicht, daß ihr Bild durch lange Monate hindurch wie +ein köstlicher Schatz in Peterleins Herzen gehütet wurde. -- -- + +Der Vater freute sich an den mitgebrachten Steinen, bis er eines Tages +entdeckte, daß Peterlein wieder seine »sonderbaren Sachen« damit treibe. +An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen. Fein +säuberlich eingewickelt war jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen, +und nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine Gruben gesteckt. + +Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er mit einem glückseligen, +zärtlichen Gemurmel begleitete, daß er des Vaters Schritte nicht hörte. +Erst als die barsche Frage: »Was treibst du da?« an sein Ohr drang, +fuhr er empor. Er verstand nicht, warum der Vater so streng aussah, +aber es schüchterte ihn ein, und er sagte ängstlich: »Es sind so liebe +Steine ... ich mache ihnen allen Bettchen.« + +»Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht mit Steinen. Jetzt wirfst du +auf der Stelle den ganzen Plunder weg. Dort -- -- auf den Kehrichthaufen +hinunter.« + +All die lieben Steine wegwerfen?... Der kleine Peter betrachtete den +großen fragend, immer noch halb verträumt. Dann kam der Befehl zum +zweitenmal, und er begriff. + +Dunkelrot färbte sich sein Gesicht, schwarz und drohend blitzten die +Augen, aber er bückte sich und sammelte die Steine in seine Schürze. +Dann ging er zum Zaun hinüber und warf die Steine auf den +Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die Qual möglichst lange +auskosten. Einmal hielt er inne. Einer der Steine war auf ein Stück +Eisen gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins scharfe Augen an der +glatten Bruchfläche etwas zu entdecken geglaubt. Aber er machte keine +Bemerkung darüber. Er warf die Steine hinunter, einen nach dem andern, +und schielte zu Zeiten nach dem Vater hinüber, der ihm ruhig zusah. + +»So ... nun kannst du mit mir in die Werkstatt kommen. Du darfst +zusehen, und vielleicht darfst du auch etwas helfen.« + +Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich. Du lieber Himmel! Er war +ja kein Wüterich, kein Spielverderber. Er wollte den Jungen gern froh +wissen, aber auf eine vernünftige Weise. Für derartige Dinge war er nun +einfach zu groß. + +Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten keine Bemerkung. Er +hielt die Augen eigensinnig gesenkt und benützte die erste Gelegenheit, +aus der Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den Garten zurück, +kletterte über den Zaun und war mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen. +Wo war nur der zersprungene Stein? Da -- Peterlein bückte sich und +unterdrückte einen Jubelruf. »Ein Schmetterling! Ein ganz schöner +Schmetterling!« murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger den feinen +Linien der Versteinerung nach. »O, das soll er nicht sehen, der Böse!« + +Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder hinauf, lief durch den +Garten und ins Haus. Dort ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein +Versteck wollte ihm gut genug erscheinen für seinen herrlichen Stein. + +Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen zu schieben. +Frau Elisabeth entdeckte natürlich den verborgenen Schatz, als sie +Peterleins Kissen zurechtschüttelte. Da lernte sie denn die ganze +Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige Anklagen gegen den +»bösen« Vater, der ihm seine Steine genommen. + +Die Mutter schalt. »Was fällt dir ein, so von deinem Vater zu sprechen, +du unartiger Bub! Die großen Leute wissen viel besser, was für die +kleinen paßt, als diese selbst. Weißt du noch, gestern? Da hat Vater dir +verboten, mit dem Messer zu spielen, und wie du's doch getan, hast du +dich geschnitten. Na, nun siehst du's.« + +Peterlein saß aufrecht im Bett und dachte nach. Dann meinte er langsam: +»Aber, Mutter, das ist doch nicht dasselbe. Mit dem Messer -- -- ja, da +hat der Vater gewußt, daß es nicht paßt ... und -- und ich bin unartig +gewesen ... Aber warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann man sich +doch nicht schneiden ... Es waren so liebe Steinchen, Mutter, und ich +hatte ihnen so schöne Bettchen gemacht.« + +»Nun höre mal auf mit den dummen Steinen und geh' schlafen!« + +Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war ihr ja die Handlungsweise ihres +Mannes auch unverständlich. Warum ließ er denn dem Kind die Freude +nicht? Aber ihn darüber befragen -- -- nein, das wagte sie nicht. Und +der Junge sollte nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdrücken +und sich seinem Vater anzupassen. + +Sie ging ohne Gutenachtkuß, und Peterlein rief sie nicht zurück. Er saß +noch immer in seinem Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War das +nicht alles schon oft so geschehen?... Was denn?... Das mit den Steinen? +-- -- Das war ja unmöglich. Nein, aber das, das so weh tat, so furchtbar +weh ... das -- -- ja, nun wußte er's ... Die Mutter liebte ihren kleinen +Peter lange nicht so, lange nicht so -- wie sie den Vater liebte. + +Peterlein ließ den Kopf schwer ins Kissen fallen. Den Stein gegen die +Wange gedrückt, starrte er in das dämmrige Zimmer. Er hätte gerne +geweint, um den Druck im Hals los zu werden. Aber wenn man ihn gehört +hätte? + +Seine Gedanken gingen auf die Suche nach etwas Tröstlichem, und da +fanden sie den Stein. Der wunderschöne Schmetterling ... Wer hatte ihn +da hineingezeichnet?... Natürlich der liebe Gott. Der hatte ja alles +gemacht, die Berge und das Moos und die Bäume und die Steine. Aber daß +er so geschickt wäre und auch noch innen in die Steine etwas zeichnen +könnte -- nein, das hätte Peterlein nie gedacht. Aber nun wußte er auch, +was er werden wollte. Wenn er groß war, wollte er weit fort wandern, +immer weiter, und schöne Steine finden und schöne Vögel und schöne +Blumen ... + +Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief er. Sie versuchte, den +Stein aus seiner Hand zu lösen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger +hielten ihn krampfhaft umschlossen. + + * * * * * + +Es kam in den nächsten Jahren wieder und wieder vor, daß Peter des +Älteren und Peter des Jüngeren Anschauungen im Widerspruch standen. Der +Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit aus, über die sich der +Vater lustig machte. Er tat es besonders dann, wenn ihm schien, sein +Sohn stürze sich wieder in der alten ungesunden Weise auf eine Sache, +auf die er selbst nicht viel hielt. Es reizte ihn, daß der Junge +hartnäckig an seinen Gedanken festhielt, und so kam es zu häßlichen +Auftritten, die meist damit endeten, daß der Ältere dem Jüngeren ein +paar sausende Hiebe versetzte. + +Diese Auftritte drückten auf das feine Gemüt des Knaben. Nicht allein +der Schläge wegen, obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein, +schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines Vaters sehen, die +ungerechten, oft grausamen Worte hören zu müssen. + +Die Mutter griff in diese Kämpfe meist nur mit einem beschwörenden +»Peter, sei doch still!« ein, das dem Jüngeren galt. Nachher pflegte sie +ihn mit Vorwürfen zu überschütten und verteidigte des Vaters Auftreten +mit Worten, deren Unlogik Peter reizte und zu spöttischen Antworten +trieb. Er wußte, daß eine maßlose Heftigkeit, durch gekränkte Eitelkeit +hervorgerufen, nun und nimmer »heiliger Vaterzorn« genannt werden kann. +Daß die Mutter es dennoch tat und oft, wie der Junge fühlte, gegen ihr +besseres Wissen, erfüllte ihn mit Trotz und machte ihn blind gegen das +eigene Unrecht, das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte Notwehr +erschien. + +Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter diesen Verhältnissen litt, +sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie sie ihrem Mann näher gebracht +hatten. Als er merkte, daß sein Sohn ihm mit den Jahren fremder ward und +es ihm nicht gelingen wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen, +wandte er sich in seiner Enttäuschung ihr zu, bei der er stets +Zustimmung und Bewunderung gefunden und die ihn jetzt aus einem +verstehenden Mitleid heraus doppelt warm umfing. + +Der junge Peter sah es mit Staunen, und er war geneigt, in seinen +Gedanken von dieser Liebe verächtlich zu denken. + +Nach einem Auftritt gingen sich Vater und Sohn tagelang aus dem Weg, +kaum, daß bei den Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, bis +sich die Bitterkeit allmählich verlor und man zur Tagesordnung überging. +Nie kam es zu einer herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zäh an +seinen Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern den ersten +Schritt. + +Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht nach einer +friedevollen, stillen Umgebung, nach Menschen, die seine Sprache redeten +und verstünden. Er wußte, daß er anders war als Vater und Mutter, aber +er sah darin nicht das Trennende. Warum sollen sich die Menschen nicht +mit hellen Stimmen rufen, mit frohen Blicken grüßen können, auch wenn +sie auf getrennten Wegen wandern?... Es muß sie nur ein jeder mit warmen +Gedanken an den Nachbar gehen. + +In der Schule war Peter ein Durchschnittsschüler. Nur im Aufsatz +zeichnete er sich aus, d. h. wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer +hatte die Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen Sätzen +abzutun, um der Phantasie der Kinder möglichst weiten Spielraum zu +lassen. Auf diese Weise heimste er manche dürftige Leistung, aber auch +manches warm und lebensvoll Geschaute ein. Er behandelte mit Vorliebe +Zeiten und Menschen vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen +folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstörte Klöster, Städte, +deren einst stolze Namen verklungen sind ... in Peters Gedanken +erstanden sie im alten Glanz. Scharfäugig trotzen die Burgen auf +verwegener Höhe, üppig und ehrfurchtgebietend liegen die Klöster in +waldigen Tälern, und in den alten Städten flutet Leben. Da sind Häuser, +die mit schön gemeißelten Erkern und kunstvoll gearbeiteten Türen +prunken. Wer ging da hinein und trug Lachen und Sonne in die dämmerigen +Stuben?... Und wer saß am Brunnenrand, während das Mondlicht in +silbernen Tropfen über die Dächer rieselte, und hatte eine Laute im Arm +und sang, so schön, so schön ... Überall öffneten sich die Fenster, und +da und dort gab eine Türe eine lauschende Gestalt frei ... Und wer fuhr +in einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, der ganz mit Rosen +bekränzt war?... Immer neue Gesichter drängen heran, edle und +abstoßende, geistvolle und leere, angstvolle und harte ... Was wollen +sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der Schatten kaum erwehren. Ihm +ist, ein jeder bitte ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! Laß +mich noch einmal schluchzen und lachen, noch einmal Qual und Freude +trinken ... + +»Niemeyer, Sie haben ja über das alte St. Gallen die reinste Novelle +geschrieben,« sagte Lehrer Röder, als er Peter sein Heft zurückgab. »Ist +das wirklich alles in Ihrem Kopf gewachsen?« + +»Ja!« antwortete Peter und machte ein schuldbewußtes Gesicht. + +Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das Schreiben des Aufsatzes +gemacht. Die Tage, die er vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren +in ihm aufgestanden, mit zwingenden und drängenden Bildern. Er schritt +wieder durch die Bibliothek und neigte sich über die Kästen, die die +alten Evangelienbücher bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe Schriftzüge, +Blätter und Blumengewinde, die die heiligen Worte umrahmen, dazwischen +Maria mit dem Kind ... Wessen Hände haben dies alles erschaffen in +langen, einsamen Stunden?... Und wer hat das dorngekrönte Haupt +gezeichnet, das in einen schlichten Rahmen gefaßt in einer Ecke hängt? +Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung zu sein, +aber dann entdeckt man, daß die Dornenkrone, daß Haupt- und Barthaar aus +winzig kleinen Buchstaben bestehen, die sich für scharfe Augen zu +einzelnen Worten formen, und man findet die kleine Schrift, die besagt, +daß »in diesen figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn Jesu +Christi geschrieben«. + +Draußen sinkt der Abend, und die Dämmerung füllt die alte Bibliothek. +Das ist die Stunde der Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen +langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen Schritten durch den +hohen Raum. Sie neigen sich über Tische und sind mit Federkiel und +Pinsel beschäftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte ein heißes Herz +schlägt, ein Herz, das zu Gottes und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen +möchte, drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen könnte. Er kann ihr +nicht Gestalt geben, wie der und jener Bruder, in glühenden Farben oder +in jubelnden Tönen ... Da nimmt er ein Blatt Papier und zeichnet in +zarten Linien das heilige Haupt, und danach schreibt er die ganze +leidvolle Geschichte des Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und +Barthaar des Antlitzes. Es geschieht »von freyer hand mit bloser feder +und dinten«, und die Augen werden müde und brennend dabei ... Ach, was +bedeutet der Schmerz gegenüber der brennenden Sehnsucht seines Herzens! + +Die Schatten umringen Peter. Aber er muß sich aus ihrer Mitte lösen, +wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen sein will, und dann steht er +verstört und fremd im Straßengewühl und starrt in modern erleuchtete +Fensterläden. -- + +Alle diese Bilder waren beim Schreiben des Aufsatzes in Peter +aufgestiegen und hatten die gewünschte Beschreibung der ersten Jahre des +Klosters verdrängt. Mit beklommenem Gewissen hatte er sein Heft +abgegeben. War er diesmal nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen +Pfad? + +Aber als der Lehrer die Bemerkung über die Novelle machte, ruhte sein +Blick nicht ungütig auf Peter. Er winkte ihn am Schluß der Stunde zu +sich her und sagte: »Das Thema haben Sie ja gänzlich außer acht +gelassen, Niemeyer. Aber -- im übrigen gefällt mir die Sache ... Lesen +Sie viel?« + +Peter bejahte und sah wieder schuldbewußt drein. Er mußte daran denken, +wie oft die Schulaufgaben einer spannenden Geschichte wegen zu kurz +gekommen waren. + +»Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?« + +»Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und Karl May.« + +Herr Röder sah einen Augenblick verdutzt drein, dann brach er in ein +frohes Lachen aus. + +»Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den Conrad Ferdinand und Karl May! +Aber nun sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen verlogenen +Indianergeschichten?« + +Peter dachte nach und erwiderte zögernd: »Ich glaube das, daß die Kerle +so tapfer sind, und daß sie so viel Neues entdecken ... Das möchte ich +auch einmal -- -- reisen -- weit weg, in Länder, in denen noch nie +jemand gewesen ist ...« + +»Da müssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die Erde ist nahezu entdeckt! +Übrigens, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei +und sehen Sie sich einmal Sven Hedins Bücher an. Da finden Sie Tapferkeit +und finden Neuland, und ich denke, darüber wird Ihnen der Geschmack an +Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad Ferdinand dürfen Sie behalten.« + +Als Peter den ersten Band von »Transhimalaya« nach Hause trug, begegnete +ihm sein Vater im Hausflur. Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen. Er +ahnte, daß er etwas Köstliches in Händen halte, und, wie immer, wenn ihn +etwas Frohes bewegte, drängte es ihn zur Aussprache. + +»Vater, ich habe ein feines Buch! Herr Röder hat es mir geliehen ... +Kennst du es? >Transhimalaya< von Sven Hedin.« + +»Den Titel kenne ich.« + +»Willst du es auch lesen, Vater? Es muß sehr fein sein. Herr Röder ist +ganz begeistert. Ich kann es ja vielleicht am Abend vorlesen?« + +»Ach, laß nur! Das wird für Mutter nicht sehr unterhaltend sein, und ich +weiß auch nicht, ob es mich sehr interessieren würde. Freue dich nur +allein daran -- das verstehst du ja ausgezeichnet.« + +Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und ging nach seinem Zimmer. + +Der alte Peter aber blieb stehen und hatte plötzlich eine Vision des +kleinen Peterleins, wie es ihm am ersten Schultag eine Geschichte +erzählte. Hatte er ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut an +des Kindes Freude? Warum heute nicht? War ihm denn sein Kind, sein eigen +Kind, nicht mehr lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn +zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulöschen? + +Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in Peter Niemeyers Hirn. Es +geschah nicht oft, daß er ihnen Gehör gab. In diesem Augenblick aber war +ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein ... Für dich haben wolltest du +ihn, für dich allein. Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und Hingabe +deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem schenktest du Gehör. Das war +keine große Anstrengung. Aber später, als der Bub anders ward, als du es +wünschtest, gingst du zu Werk wie ein Tölpel. Knicken wolltest du, was +sich da in fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht paßte. ... Dein +Kind -- -- jawohl. Aber zugleich ein Menschenkind für sich, dessen +Eigenart du hättest feinfühlig erkunden und pflegen sollen ... Aber du +warst zu bequem, zu eigensinnig, zu -- arm dazu ... + +Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das war ja nicht zum Aushalten. +Man meinte es ja gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen gewiß nicht +die Freude rauben. Nein, -- -- meinetwegen konnte man sich ja für das +Buch interessieren. + +Er tat es wenige Tage später bei Tisch, als ihm auffiel, wie wortkarg +Peter dasaß. »Na, wie ist's mit dem Buch? Gefällt es dir?« + +Peter nickte, aber er erzählte nichts. Wie konnte er seinem Vater davon +sprechen, was dies Buch für ihn bedeute. Neuland ... Neuland ... Herr +Röder hatte recht gehabt. Und nun wußte er, was seines Lebens Inhalt +werden sollte. In fremden Landen den Geheimnissen nachspüren, die in +Felsen und Wäldern, auf dem Grund einsamer Seen schlummern. Wenn er auch +nicht mehr der erste sein würde, der ein unbekanntes Zauberland betritt, +in den Fußstapfen eines Tapfern wandeln ist auch etwas Großes, und +Entdeckerfreude, das merkte Peter, blieb auch so noch übergenug. + +Eine große Sehnsucht füllte und weitete sein ganzes Denken. Die Bilder +der Zukunft, die er sich bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft +so greifbar vor ihm, daß es ihn mit hilflosem Erstaunen erfüllte, wenn +er sich, durch irgend ein Geräusch erwachend, im Straßengewühl fand, +nachdem er eben noch über einsame Höhen geritten, einen langen Zug +fremdländischer Menschen und Tiere hinter sich. + +In der Schule warf er sich mit fröhlichem Eifer auf seine Studien. Denn +auch was an praktischen Fähigkeiten in Peter geschlummert, war +aufgewacht, und er sagte sich mit großer Nüchternheit, daß er zur +Erfüllung seiner stolzen Pläne vor allem Geld brauche. Das mußte er sich +verschaffen, er selbst, denn auf die Unterstützung seines Vaters konnte +er kaum rechnen. Überhaupt der Vater ... Würde er zugeben, daß sein Sohn +studiere, noch dazu Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm +auseinandersetzte, daß es für junge Stein- und Pflanzenkundige in +überseeischen Ländern glänzende Stellungen gebe. Riesensummen wurden +genannt, und Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. O, er wollte +sparen, keinen Rappen unnötig ausgeben! Dann mußte es doch möglich sein, +nach Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu können. + +Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln Äußerungen seiner Mutter +gegenüber. Er erkundigte sich auch, wie das Geschäft gehe und ob es etwa +leicht einen Käufer fände. Frau Elisabeth fühlte sich durch solche +Fragen, die ihr Vorboten neuer Kämpfe schienen, verwirrt und verletzt. +Daß auch Peter gar keine Liebe fühlte für die Arbeit, die schon sein +Urgroßvater in Händen gehabt. Ach, wie war dieses Kind aus der Art +geschlagen, innerlich und äußerlich. + +Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend wußte, auf sein Zimmer +und betrachtete lange das herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war +Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet werden. Er war doch +eigentlich noch ein halbes Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein +Gesicht merkwürdig alt und beinahe streng. Daran mochten die finstern +Augenbrauen, die über der Nase zusammenliefen, Schuld tragen. Frau +Elisabeth beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes die feinen +Linien ... Das sollte doch nicht sein in einem so jungen Gesicht ... Und +sie rühren nicht her vom vielen Lachen. Peter lacht selten ... +Peterlein, Peterlein -- -- wo ist all das Glück geblieben, das mir +deine ersten Jahre geschenkt? + +Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths Mund. Peter bewegte sich, +richtete weitaufgerissene Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter, +drehte sich zur Seite und murmelte: »Durch, durch! Man muß -- --« + +Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten ging sie nach der Türe. + + * * * * * + +»Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir einen Gruß sagen.« + +Peter blieb am Fuß des langen Treppengäßchens, das zur elterlichen +Wohnung hinaufführte, stehen und schaute der Rufenden entgegen. Sie war +ein feingliedriges Mädchen mit langen lichten Zöpfen, die beim Springen +lustig tanzten. Bei Peter angelangt, sprudelte sie rasch hervor: »Das +kannst du nicht erraten, von wem ich dich grüßen soll! Oder doch -- +probier's einmal!« + +Während die beiden langsam die Stufen erstiegen, begann ein lustiges +Raten und Verneinen. Alle gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder, +Lehrer und Mitschüler, zuletzt in einer launigen Anwandlung Namen +hochgestellter Personen, wurden von Peter vorgebracht. Alles ohne +Erfolg. Das Mädchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, der +unwillkürlich zur Freude mitriß. Sie sprach sehr lebhaft und mit +blitzenden Augen. Nie hatte Peter frohere Augen gesehen und überhaupt +wollte ihm mit einem Male dünken, noch nie so schöne, tiefblaue. Sie +standen in einem Gesicht, das zu schmal und unentwickelt war, um hübsch +zu wirken. Aber die Haut war weiß und rosig und so durchsichtig zart, +daß man sah, wie das Blut kam und ging ... bei einer schnellen Erregung +dunkelrote Wangen ... bei plötzlichem Erschrecken ein schneeblasses +Antlitz. Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe täglich mit +dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete sie nun mit einem Gefühl, +als sähe er sie zum erstenmal. + +Wie war das so fein und schmal, das da auf leichten Füßen neben ihm +schritt und mit seinem glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu +verwandeln schien ... in einen Sonnentag, in dessen Bläue selige Lerchen +steigen. + +Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne daß es Peter gelungen +wäre, den Namen zu erfahren. »Wir können ja morgen wieder zusammen heim; +vielleicht bist du da gescheiter,« sagte Ruth mit einer hoheitsvollen +Miene, die in merkwürdigem Gegensatz zu ihrem Kindergesicht stand, Peter +aber sehr reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die Hoheit in +lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann aber schüttelte er sehr energisch +den Kopf. Er kannte die Lästermäuler der männlichen und der weiblichen +Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit Ruth auf dem Schulweg +gesehen zu werden, dann hatte die Geschichte ihren Namen weg. + +»Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, da können wir weiter +raten,« schlug Peter vor. + +»Ja, aber erst um sieben. Vorher muß ich üben.« + +»Erst um sieben! Um halb acht Uhr muß ich zu Hause sein. Kannst du das +Üben nicht abkürzen?« + +»Ich kann schon, aber -- -- ich mag nicht,« kam es etwas zögernd von +Ruths Lippen. + +»Spielst du so gerne? Was spielst du denn?« + +»Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich will dir ein Geheimnis +sagen, aber du mußt mir versprechen, daß du es keinem Menschen auf der +ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?... Also ... ich will eine +Künstlerin werden. Ich will immer, immer Musik um mich haben. Aber sie +wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natürlich. Vielleicht darf ich +auch nicht. Dann muß ich es eben bleiben lassen ... Mutter sagt, es kann +auch _so_ noch schön werden, und das glaube ich auch.« + +»Unsinn, Ruth! Man läßt doch etwas nicht bleiben, von dem man weiß: ich +muß es haben. Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.« + +Ruth sah einen Augenblick kläglich drein, und Peter mußte, in das +schmale Kindergesicht blickend, selbst über seine Worte lächeln. Es war, +als hätte er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen eine Mauer zu +stürmen. Nur gut, daß _er_ breite, starke Schultern hatte. + +»Wie alt bist du eigentlich, Ruth?« fragte er, in die Türe tretend. + +»Vierzehn. Weißt du, an Silvester wurde ich vierzehn. Und du?« + +»Ich bin eben sechzehn geworden.« -- + +Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. Ruths Mutter begrüßte +ihn. »Nett, daß du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, du +wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit du so ein großer Bub +geworden. Und ich fand es eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre +so gute Kameraden gewesen. Aber freilich -- jetzt hast du eben genug an +deinen Freunden.« + +»Ich habe keinen Freund,« sagte Peter nachdenklich, »und ich weiß +eigentlich nicht, warum ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe ... Wir +hatten so viele Aufgaben, und -- -- ich lese viel.« + +Ruths Mutter lachte. »Na, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jetzt +geh nur zu Ruth hinauf. Sie übt in ihrem Zimmer.« + +Peter ging durch den langen, immer dämmrigen Flur eine mächtig gebaute +Treppe hinauf, auf deren breitem Geländer er hundertmal abgerutscht war. +Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe angelangt, setzte er +sich, wenige Schritte von Ruths Zimmertüre entfernt. + +Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich monotone Übung. Ein-, +zweimal griff sie daneben, und Peter hörte ein ungeduldiges »So paß' +doch mal auf!« + +»Nun hat sie gewiß ganz rote Backen, wenn sie sich ärgert,« dachte Peter +und lächelte. + +Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, hörte er ein +befriedigtes »So«. Und nun begann ein anderes Spiel. + +Eine feine, sehnsüchtige Melodie kam dahergeglitten, warb und flehte ... +und brach ab in einem jammervollen Schluchzen. + +Peter lauschte atemlos. _So_ also konnte Ruth spielen. Ach, dann würde +wohl auch ihr Traum vom Künstlertum in Erfüllung gehen ... Warum nur +stimmte ihn das so traurig? + +Horch, nun begann wieder das Spiel. + +Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, und dazwischen klang ein +seliges Lachen. Aber es wurde immer wieder erstickt von dem Schweren ... +Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, all das Leidvolle, +Beengende zurückdrängend. Wie es sich wiegte in der Luft, im +Sonnenschein! Wie es stieg -- -- höher und höher und endlich verklang in +einem letzten, unendlich zarten Triller. + +Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein paar energische Doppelgriffe, +und nun spielte Ruth eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen +strömten daher ... Peter kannte die Worte, die er vor kurzem im +Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Einige der Verse hatten ihn tief +ergriffen, und auch jetzt wieder füllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfürchtige +Stimmung. Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht +gebücket dienen ... Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, +aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller +Wunder, ich senk' mich in dich hinunter. + +Ruths Zimmertüre ward plötzlich geöffnet. Helles Licht ergoß sich auf +die dunkle Treppe, so daß Peter einen Augenblick die Hände vors Gesicht +legte. + +»Hast du schon lange hier gesessen?« fragte Ruth. Nun mußte Peter sie +ansehen. Sie lehnte am Türpfosten, die Geige im Arm, und hatte ein +blasses, ganz ernsthaftes Gesicht. + +»Es war so schön, Ruth! Komm, setze dich hierher zu mir. Bist du mir +böse, weil ich zugehört habe? Ich habe Musik auch gern.« + +»Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch gern. Deshalb darfst du +zuhören. Leuten, die Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag, +spiel' ich nichts vor.« + +»O Ruth! Wie wird es dir ergehen!« lachte Peter. »Eine Künstlerin muß +allen vorspielen, ob sie sie leiden mag oder nicht.« + +»Ach, weißt du, dann denke ich eben an einen Menschen, den ich lieb +habe, und spiele dem alles vor. Aber nun sollst du raten.« + +Peter war so erstaunt über diese plötzliche Aufforderung, daß er das +Mädchen ein paar Augenblicke wortlos betrachtete. Sie saß jetzt auch auf +der Treppe, die Hände um die Knie geschlungen, und sie sah nun wieder +aus wie am Morgen, ein unbekümmertes kleines Schulmädel, dem die +Necklust aus den Augen sprühte. + +Sie mochte sein Schweigen für Ratlosigkeit halten, denn sie fuhr fort, +ihn mit aufmunternden Worten auf die rechte Spur zu leiten. + +»Du mußt viel weiter zurückdenken, Peter. Wie du noch klein warst, hast +du sie gesehen ... Wie du einmal in den Bergen warst ... So -- jetzt +ist's aber leicht.« + +Nun war Peter völlig bei der Sache. Er war schon ein paarmal in den +Bergen gewesen, aber als kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so +weit zurück -- -- und wie lag es so schön und grüßte herüber ... »Die +Tante! Ist es die fremde Tante?« + +»Ja, die ist's!« jubelte Ruth. »Tante Trude! Du weißt doch, daß sie eine +Norddeutsche ist? Na, Mutter und sie waren zusammen in Pension in der +französischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, und nachher, wie +Mutter heiratete, ist sie Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter +geschrieben, sie möge doch einmal kommen, weil Rudolf konfirmiert wird. +Ich glaube, sie hatten sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die +Tante hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt Mutter. Ja, +und nun hat sie geantwortet und hat gefragt, ob wir nicht einen Peter +Niemeyer kennen, der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn wir nun +doch schon ein paar Jahre in der Nähe vom Totengäßchen wohnten, müßten +wir dich sicher kennen. Und dann schreibt sie, ihr hättet euch so lieb +gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und sie lasse dich grüßen. +Kannst du dich noch an sie erinnern?« + +»Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr freundlich zu mir und +hat mir manchmal geholfen. Aber ihr Gesicht -- -- nein, daran kann ich +mich nicht mehr erinnern.« + +»Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der Welt, und das stehe auch +in ihrem Gesicht. Weißt du, sie arbeitet den ganzen Tag für andere, +immer nur für andere, und denkt an sich nur so im letzten Augenblickchen. +Mutter sagt, die kriegt mal einen guten Platz im Himmel ... Peter!« + +»Ruth?« Peter ist wirklich gespannt, was nun kommen wird. Das +Gesichtchen, das aus dem Dämmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das +er noch nicht kennt. Warm und froh und ein bißchen sehnsüchtig schauen +die großen Augen, die ein so treuer Spiegel des beweglichen Geistchens +sind. + +»Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel geträumt, d. h. nur einmal war +es der Himmel selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg dahin. Es war +ein sehr schlimmer Weg, Peter. Weißt du, mit schrecklich viel Steinen +und so großen Löchern, daß ich manchmal nicht wußte, wie hinüberkommen. +Es waren viele, viele Kinder bei mir, und ich glaube, auch ein paar +große Leute. Das weiß ich nicht mehr so recht ... Ja, und wie wir so +gingen, sahen wir ein großes, langes Haus. Darin mußten tausend Lichter +brennen, denn aus allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, Peter, +gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter Graben -- -- ich konnte +einfach nicht hinüber, ich fürchtete mich. Und ich war so traurig, denn +eine Menge Kinder gingen hinüber und gingen in das Haus hinein. Und da +kam auf einmal ein Mann und nahm meine Hand ... Ach, und da war ich so +froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der Mann sprach zu mir. Ich +weiß nicht mehr, was er sagte. Ich wußte es schon nicht mehr, wie ich +aufwachte. Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepaßt. Ich dachte immer: +nie hast du eine so freundliche Stimme gehört, nie hat dich jemand so +geführt ... Ich war damals noch ein bißchen klein, Peter, es sind schon +ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen wir nach dem Haus, und es ging +die Türe auf, und da war ein so großes Licht, daß ich es nicht ertragen +konnte -- -- und ich wachte auf, und da war mein ganzes Zimmer voll +Sonntagssonne und die Glocken läuteten ... War das nicht ein schöner +Traum, Peter?« + +»Ja,« sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, »das war ein schöner +Traum. Und wer, glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?« + +»O, Peter! Hast du es nicht gespürt? Das war doch der Herr Jesus. Ich +habe es gleich gewußt. Weißt du, nachher, wie ich ganz traurig war, daß +ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, habe ich gedacht, +vielleicht hat er gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Das hätte +er doch gut sagen können, nicht, Peter?« + +»Freilich, ja. Und was hast du sonst noch geträumt?« + +»O, der andere Traum war vom Himmel selbst. Aber da war er kein Haus. +Nein, eine große Wiese in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen +die weißen Berge, und davor war ein großer Stuhl, und da saß der liebe +Gott. Er hatte einen mächtig langen Mantel an, der lag ganz breit auf +der Wiese. Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar standen ganz nahe +bei ihm. Aber ich hatte auch ein feines Plätzchen, Peter! Und das Feine +war, daß mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich saß in einem Zipfel +von Gottes Mantel. Ich war ganz versteckt, und ich war so vergnügt. Aber +nun solltest du gewiß gehen, Peter.« + +»Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?« + +»O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir sind doch keine großen +Leute. Die fragen sich solche Sachen.« + +»Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme ich morgen wieder. Übrigens +-- kommt die Tante Trude eigentlich?« + +»Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns allen so schrecklich leid. Und +sie hat geschrieben, sie hätte uns alle so gern kennen gelernt, und wir +sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein bißchen. Aber die +andern wollen nicht. Nur Rudolf natürlich. Der muß sich doch auch +bedanken. Aber Willy sagt, Briefe seien etwas Gräßliches, und Hans sagt, +da habe er Gescheiteres zu tun. Und wie ich sagte, ich wolle schreiben, +da sagten sie: Ja tu's nur, für ein Mädchen paßt das viel besser. Aber +nun genier' ich mich doch ein bißchen, so allein. Oder -- -- Peter, +könntest du nicht schreiben? Sie kennt dich ja sogar besser als uns. +Willst du nicht?« + +»Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute Nacht, Ruth.« + +»Gute Nacht, Peter.« + + * * * * * + +»... Als einen im Grund unerfreulichen Burschen meinst du dich +vorstellen zu müssen. Da muß ich dir denn doch verraten, daß der Peter, +der zu mir gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen +unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und das Sonnenkind Ruth +zusammen haben mir einen sehr schönen Abend geschenkt, und ich hoffe +ernstlich, es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.« + +Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief wieder und wieder. Es war, +als strecke sich ihm eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich, komm' +zu mir, ich verstehe dich. Und er freute sich, daß er Ruths Drängen +nachgegeben und geschrieben hatte. + +Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die häufigen Besuche im +Nachbarhaus hatten Anlaß zu allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und +sie hatte ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur Peter an dem +magern kleinen Ding Schönes finden könne. Peter, der Ältere, hatte +gelacht und gemeint: »Na, Betty, das ist nun ein Punkt, über den sich +ewig streiten läßt. Dem einen gefallen dralle Backen, und dem andern +gefällt so ein schmales Gesichtchen. Übrigens finde ich sie ein ganz +nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur froh, daß Peter nicht auf +irgend ein albernes, kokettes Mädchen verfallen ist.« + +Frau Elisabeth merkte, daß sie in dieser Angelegenheit bei ihrem Mann +keine Unterstützung finden werde. »Er wird eben auch so gewesen sein,« +dachte sie ärgerlich, aber allmählich gewöhnte sie sich an Peters +Freundschaft, und wenn sie auch kein gutes, verständnisvolles Wort dafür +fand, so unterdrückte sie wenigstens die schlimmen. + +Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun fand ihre Entrüstung ein +Echo. Peter Niemeyer tadelte die Schreiberei als überspannt und +lächerlich; Frau Elisabeth fühlte sich in ihren mütterlichen Rechten +angegriffen. Eifersüchtige und aufreizende Bemerkungen flogen hinüber +und wurden mit trotzigen und höhnischen beantwortet. + +Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen Augen am Fenster +lehnte, trat Frau Elisabeth zu ihm. + +»Mein lieber Bub,« sagte sie und legte den Arm um ihn, »nun laß dir noch +einmal in aller Liebe etwas sagen.« + +Peter entzog sich jäh ihrer Umarmung. Er haßte diese Art von +Liebesbezeugung, die immer die Einleitung zu Vorwürfen bildete und ihn +von vornherein in eine rebellische Stimmung versetzte. Er hatte dies +schon mit dürren Worten ausgesprochen, ohne eine Änderung +herbeizuführen. Denn Frau Elisabeth gefiel sich in dieser mütterlichen +Rolle, und sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem Gatten +klagen: »Ich habe so freundlich angefangen, aber er läßt sich ja gar +nichts sagen ...« + +Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurück. Sie setzte sich an +ihren Nähtisch, brach in ein scheltendes Klagen aus über Peters +Undankbarkeit, allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und +Absonderlichkeit. »Wozu willst du denn nach Halle schreiben? Die Person +geht dich doch gar nichts an. Was soll denn die ganze Geschichte +bedeuten?« + +Peter, der mit gekünstelter Gleichmütigkeit zugehört und nur bei dem +Wort »Person« einen bösen Blick auf die Mutter geworfen, trat plötzlich +dicht an sie heran. Langsam und schwer atmend stieß er hervor: »Warum +ich schreibe? Vielleicht könnte es sein, weil ich auch einmal jemand +brauche, der mich versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als +Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten spricht, sondern +wirklich eine Mutter ist.« + +Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach in Tränen aus und +schluchzte, Peter werde einmal an ihrem Grab Buße tun, und ob er denn +gar nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort ging Peter +pfeifend aus dem Zimmer; aber in seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er +saß und brütete vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines +Gesicht häßlich verzerrten. + +Dann, als habe ihn ein lichter Geist berührt, glätteten sich seine +Züge. Ganz plötzlich, in wirrer Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung +an die letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht. + +Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die Jünger, als sie mit Jesu +gingen, zurückblieben und ins Streiten gerieten. + +Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, daß es ihm ist, als +rollten die Jahrhunderte zurück in einer einzigen großen Bewegung -- -- +und er ist mitten unter ihnen, ist einer von denen, die hinter Jesu +gehen. Ein schmaler Weg durch hohes Korn ... eine Gestalt ... sie wendet +sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen ihn zwei tiefe Augen ... Vorbei. +Peter sitzt wieder in seiner Stube und fühlt sich erbärmlich und klein. + + * * * * * + +Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu auf der Gitarre, und +Peter weiß eigentlich nicht, was er mehr liebt, die Geige oder Ruths +Stimme. Das Geigenspiel ist vielleicht schöner, ja unbedingt schöner, +aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht und innig, glücklich und +lachend. Nur wenn sie ernste Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann +kann Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen. + +»Heute weiß ich ein neues Lied, Peter. Ein wunderschönes. Paß' einmal +auf. Ich habe es unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so viele +Verse -- ich habe mir nur die zwei ersten und den letzten gemerkt: + + Jungfräulein, soll ich mit euch geh'n + in euren Rosengarten? + Da, wo die roten Röslein steh'n, + die feinen und die zarten, + und auch ein Baum, der blühet + und seine Läublein wiegt, + und auch ein kühler Brunnen, + der grad darunter liegt. + + In meinen Garten kannst du nicht + an diesem Morgen früh; + den Gartenschlüssel find'st du nicht, + er ist verborgen hie. + Er liegt so wohl verschlossen, + er liegt in guter Hut -- + Der Knab' 'darf feiner Lehre, + der mir den Gart'n auftut. + + Dort hoch auf jenem Berge, + da steht ein Mühlenrad. + Das mahlet nichts als Liebe, + die Nacht bis an den Tag. + Die Mühle ist zerbrochen, + die Liebe hat ein End' -- + So segn' dich Gott, mein feines Lieb, + jetzt fahr' ich ins Elend. + +Gefällt es dir nicht, Peter? Du bist so still.« + +»Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst du das nicht? Nun muß er +wandern, immer weiter weg von dem wunderschönen Garten. Wie heißt es +doch?... und auch ein Baum, der blühet und seine Läublein wiegt ...« + +»Und auch ein kühler Brunnen, der grad darunter liegt,« summte Ruth. +Sie betrachtete ihren Kameraden mit scheuen Augen. »Vielleicht hat sie +ihm doch einmal aufgemacht, später, weißt du, wie er wieder gekommen +ist.« + +»Glaubst du, er sei wieder gekommen, Ruth?« + +»O ja, ganz gewiß. Und dann gingen sie hinein und da war noch immer der +kühle Brunnen ...« + +»Und dann, Ruth?« + +»Und dann setzten sie sich und horchten auf das Rauschen, und vielleicht +schien auch die Sonne ins Wasser. Das mag ich so gern, wenn alle Tropfen +glitzern.« + +»Und dann, Ruth?« + +»Wie komisch du fragst, Peter! Jetzt weiß ich nichts mehr. Sag doch du +weiter.« + +»Nein. Wenn du nichts weißt, weiß ich auch nichts. Aber nun sing' mir +das Lied noch einmal.« + +Und Ruth sang, und Peter ging nach Hause und hatte Kopf und Herz voll +schwermütiger Klänge und Worte. »Der Knab' 'darf feiner Lehre, der mir +den Gart'n auftut ...« + +An diesem Abend schrieb Peter seine ersten Verse. Und während er +schrieb, war es ihm, als hätte er den Schlüssel gefunden zu jenem +Rosengarten, war es ihm, als ginge das Jungfräulein neben ihm auf +leichten Sohlen und habe Ruths lichtes Haar und Ruths strahlende Augen. +Aber als er die Verse später durchlas, erschrak er. + +War es möglich, daß das, was ihm eine helle Lohe geschienen, ein paar +armselig glimmende Funken waren? + +Er wußte noch nicht, daß unser Innigstes und Größtes, das in unendlich +seligen und in unendlich schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner +ganzen Schöne und Wärme ans Licht treten kann. Ein blasses Schattenbild +... ein verlorener Nachklang ... + +Und doch können wir dem geheimnisvollen, drängenden Rieseln nicht wehren +und hoffen immer aufs neue, es werde der starke, singende Quell der +Schönheit hervorbrechen. + + * * * * * + +Der Tag der Einsegnung ging vorüber, und nun fehlten nur noch drei +Wochen bis zum Abschluß des Schuljahrs. Peter mußte sich zum Sprechen +entschließen, denn die Eltern schienen es als eine ganz +selbstverständliche Sache anzusehen, daß er der Schule Lebewohl sagen +und ins Geschäft eintreten werde. Die letzte Zeit war äußerlich eine +friedliche gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte Frau Elisabeth eine +jener Stunden erlebt, in denen ihre kleine Seele über sich selbst +hinauswuchs. Die Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die Eltern +als an die Kinder wendete, trafen sie ins Herz, und sie ging aus der +Kirche voll guter Vorsätze. Sie wollte versuchen, in innigere Fühlung +mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte lernen, zu ihm zu +stehen. Auch seinem Vater gegenüber? Dieser Gedanke war peinlich und +unbequem, und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. »In der letzten +Zeit ging es ja so gut,« redete sie sich tröstlich zu. »Wer weiß, wenn +sie einmal im Geschäft beisammen sind, lernen sie sich besser +verstehen.« + +Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den älteren, denn wenn er sich auch +zu Zeiten einredete, seines Kindes Entfremdung lasse ihn gleichgültig, +im Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht nach seinem +Besitz. -- + +»Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der Lehre beginnen?« fragte +Vater Niemeyer eines Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in +heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit freundlichem Ausdruck +in des Jungen Gesicht. + +Peter ward dunkelrot. Er fühlte, daß seine Antwort einen Sturm +entfesseln werde. + +Das Zarte und Nachgiebige in ihm flüsterte: füge dich! Aber die junge +Willens- und Lebenskraft reckte sich mächtig und ließ ihn beinahe rauh +hervorstoßen: »Ich kann kein Buchbinder werden. Ich will lieber in der +Schule bleiben. Ich möchte das Maturitätsexamen machen.« + +»So!« erwiderte Peter Niemeyer und legte die Zeitung auf den Tisch. »So +-- -- mein Herr Sohn! Und seit wann hat man sich das in den Kopf +gesetzt?« + +Seine Stimme klang hart, und ein drohender Blick flog zu dem Buben +hinüber. Peter schwieg und schaute starr geradeaus. + +Erst auf seines Vaters ungeduldiges »wird's bald!« antwortete er in +gequältem, beinahe flehendem Ton: »Schon lange!... Ich wollte es dir +immer sagen, aber -- --« + +»Was aber?« + +»Ich dachte, du werdest es nicht gerne hören.« + +»Na, da hast du allerdings recht gedacht! Was glaubst du eigentlich?... +Jahr um Jahr schufte ich mich ab und glaube die ganze Zeit, du werdest +einmal das Geschäft übernehmen, und nun kommst du mir mit solchen +Geschichten ... Maturität!... + +Und nachher? Studieren wirst du ja auch wohl wollen? Auf was hat sich +denn die Neigung des gnädigen Herrn gerichtet? Weiß er das vielleicht?« + +Peter zuckte zusammen und tat plötzlich einen Schritt vorwärts. Frau +Elisabeth faltete erschrocken die Hände. Mein Gott, was würde nun +losbrechen! Sie sah ihres Mannes höhnisches Gesicht und ihres Sohnes +lodernde Augen. + +»Peter!« mahnte sie eindringlich. Sie wußten beide, welcher gemeint war, +und der Junge antwortete ihrem Ruf mit einem spöttischen Lächeln. Dann +richtete er den Blick auf den Vater und sagte: »O ja, der gnädige Herr +weiß auch dies. Er möchte Naturwissenschaften studieren.« + +»Naturwissenschaften!« Peter Niemeyer sprach das Wort aus, als habe +sich sein Sohn zu einer unehrlichen Hantierung bekannt. »Das gibt's +nicht. Dazu gebe ich mein Geld nicht her. Ich bin der Vater und du der +Sohn, und du hast zu gehorchen. Verstanden?« + +Frau Elisabeth hatte sich erhoben und war auf den Jungen zugetreten. +»Sei still, Peter! Sei still! Versündige dich nicht! Denke dran, es ist +dein Vater!« flehte sie. + +Aber Peter schob sie beiseite. Sein trotziges junges Gesicht glühte im +Zorn. + +»Nein, jetzt rede ich einmal!« schrie er. »Mein Vater bist du -- -- ja! +Aber was für einer? Wann hast du dich um mich gekümmert, um mich +selbst?... Gehorchen, gehorchen ... den Mund halten zu allem, was der +Vater sagt, ob es richtig ist oder nicht ... Keine eigene Meinung haben +dürfen. Nur immer zustimmen, immer loben und gutheißen ... Ist das ein +Vater!« + +Peter Niemeyer sprang auf. Er würde seinem Sohn die geballte Faust vor +die Brust gestoßen haben, hätte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend +entgegengeworfen. »Er ist außer sich, er weiß nicht, was er sagt,« +schluchzte sie. »Geh fort, Peter! Geh auf dein Zimmer!« + +»Ja, fort aus meinen Augen!« + +Peter Niemeyer löste sich aus der Umklammerung seiner Frau und schritt +schwer atmend im Zimmer auf und ab. Er schalt in maßlosen Ausdrücken auf +den ungeratenen Sohn, aber er wartete vergeblich darauf, daß ihm Frau +Elisabeth wie gewöhnlich beistimme. + +Sie saß in der Sofaecke, beinahe regungslos, und horchte mit allen +Sinnen nach oben. Was mochte er tun? Brütete er über finsteren Gedanken +oder konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein über seine +zertretene kleine Welt ... Ob die scheltenden Worte nicht zu ihm +drangen?... Also studieren wollte er. Naturwissenschaften ... Ach, und +dann wohl Reisen machen in fremde Länder, wie jener Sven Hedin, von dem +er so oft gesprochen ... Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche +Gedanken kommen! + +»Und diese Sprache seinem Vater gegenüber!« grollte Peter Niemeyer. »Du +sagst wohl, er sei außer sich gewesen. Das soll er eben nicht sein, wenn +er mit mir spricht. Zudem, was habe ich denn gesagt oder getan, was ihn +so außer sich bringen konnte? Weil ich seinen kindischen Wünschen nicht +nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen. Das Leben faßt einen hart +an.« + +O gewiß, das Leben ist hart. Und deshalb sollen wir es auch werden? Wäre +es nicht besser, wir versuchten uns die weichen Kinderhände zu bewahren +... Eine Kinderhand ... Schmal und fein ruht sie in unserer harten Hand +... Und ist doch so stark und mächtig, eben weil sie weich und linde +ist, vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverständlich in Gottes +Vaterhand ruht. + +Horch, nun geht die Türe in Peters Zimmer. Man hört seine Schritte auf +der Treppe, im Hausflur, dann das Öffnen und Schließen der Haustüre. +Wohin will er so spät? Der Zeiger nähert sich der elften Stunde. + +Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken an. Dieser hielt einen +Augenblick im Gehen inne, als er sagte: »Ach, laß ihn laufen! Die +frische Luft kann ihm nur gut tun. Du bist übrigens seltsam besorgt um +ihn heute abend, Elisabeth. Was ist nur in dich gefahren?« + +Ja, was? Ein grelles Licht, eine jähe Erkenntnis, ein Wachrütteln aller +Sinne ... Frau Elisabeth findet keines dieser Worte. Sie fühlt sich nur +jämmerlich klein und ohnmächtig ihrem Mann gegenüber; sie fürchtet sich, +ja, sie zittert davor, ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und +muß es doch sagen! + +»Peter!« beginnt sie leise. »Ich will den Bub gewiß nicht rechtfertigen. +Er hat sich zu schlimmen Worten hinreißen lassen. Aber, Peter, vielleicht +hat er recht. Vielleicht hast du -- -- ach, ich meine uns beide ... +vielleicht haben wir uns nie richtig um ihn gekümmert. Ach, und nun +rennt er in die Nacht hinaus, so im Jammer. Du weißt ja nicht, wie er +sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und heiß ... Und wie er weinen +konnte! Peter, ich muß ihm nach. Ich kann nicht anders.« + +Sie wartete keine Antwort ab. Sie riß die Türe auf und stand schon unten +an der Treppe, als sie ihres Mannes Stimme hörte: »Elisabeth! Betty! Ich +bitte dich! Dieser Skandal ...« + +Frau Elisabeth schloß die Türe hinter sich. Skandal! Mochten die Leute +denken, was sie wollten! Übrigens, das Gäßchen war menschenleer. + +Sie merkte erst jetzt, daß ein zarter Regen niederrieselte. Der Himmel +war undurchdringlich finster, und der Wind, der eben aufzuwachen schien, +blies kalt. Sie eilte die Stufen des Gäßchens hinab und blickte nach +allen Seiten. Ganz in der Ferne ging eine Gestalt, die Peter sein +konnte. Ach, wie war er schon so weit! + +Frau Elisabeth hastete vorwärts. Sie durfte ihn nicht aus den Augen +verlieren. Wenn er bei einer Straßenbiegung verschwand, durchzuckte sie +jedesmal eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur langsam näher. Peter +schritt mächtig aus. + +Nun bog er in die Straße ein, die in gerader Linie auf die Brücke führt. +Frau Elisabeth lief. Das Blut pochte ihr in Hals und Schläfen. Sie zitterte +am ganzen Körper, aber die Angst riß sie vorwärts. Gottlob, nun war sie +um die Ecke! Die Straße war menschenleer, aber dort -- auf der Brücke +bewegten sich ein paar Gestalten. Die würden doch helfen, wenn -- -- -- + +Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht haben, als er stehen +blieb. Er legte die Arme auf die steinerne Brüstung und seinen +fiebernden Kopf darauf. + +Aus der Tiefe weht es kühl herauf. Schwarz und in eiliger Flucht, als +trügen sie ein unseliges Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die +Bogenlampen der Brücke und ein hellerleuchtetes Gasthaus am Ufer werfen +in das schwarze Wasser ihr bißchen silbernes Licht, das zitternd +ertrinkt. + +So würden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen Wellen ... Aber man würde +ihnen ihr Geheimnis zu entreißen suchen, und man würde ihn finden. -- -- + +Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er in Nacht und Tod. Hinauf, +hinauf zu allen Sternen und Sonnen ... Leben will er -- -- Leben ... + +Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief gestanden, den er am +Vorabend der Konfirmation erhalten? »Du willst große Reisen machen, +Peter. Nun, eine Reise hast du ja längst angetreten, die große +Lebensreise, die uns auch Neuland auftut. Nie geahnte Täler des Leids +und Jammers und Höhen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende +erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise, Peter, du und ich und all +die andern. Kennst du den alten Vers? + + Unser Leben gleicht der Reise + eines Wandrers in der Nacht; + jeder hat in seinem Gleise + etwas, das ihm Kummer macht. + +Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht. Nicht wahr, Peter?« + +Ruth, Ruth ... liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist Freude ... holde Freude ... + +Etwas Großes, Warmes quillt in Peters Herzen auf und daneben etwas +Tapferes, beinahe Frohmütiges. Das Wort seiner kleinen Weggefährtin +kommt ihm in den Sinn. »Es kann auch _so_ schön werden.« Schön beim +Büchereinbinden, Ruth? Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Schönes in uns +tragen. Und das hast du ja ... Wer weiß, Peter, vielleicht kriegst du +noch in anderer Weise mit Büchern zu tun ... + +Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von Peter entfernt. Aber sie +starrt nicht ins Wasser hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem +Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen Fluten der Selbstanklage +und Reue zu versinken. Was ist sie für eine Mutter gewesen! Ohne Mut, +ohne Selbstüberwindung ... sie hat die Dinge gleiten lassen. Und nun muß +sie hier stehen in Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter +ausstrecken, darf nur ihre heißen, verworrenen Gedanken zu ihm schicken +... Wird er denn ewig da stehen bleiben? + +Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich mächtig und wendete sich und +stand seiner Mutter gegenüber. Sie schauten sich an, und jedes suchte in +des andern Gesicht zu lesen. + +Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz voller Not und Bitte war, +und sie sah mit Staunen und Dankbarkeit, daß über dem seinen eine tiefe +und ernste Ruhe lag. + +Da faßte sie Mut. Sie trat auf ihn zu. »Peter,« flüsterte sie, und es +war ein Schluchzen in ihrer Stimme, »laß uns neu anfangen. Ich will zu +dir stehen, wo ich es für recht halte, auch wenn -- -- auch wenn es mir +schwer fällt ... Wenn du nur wieder Vertrauen zu mir -- zu uns haben +könntest, Peter!« + +Da tat Peter, was sie beide überraschte. Er bückte sich und küßte die +Hand seiner Mutter, die sich ihm bittend entgegengestreckt. + +Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten kein Wort und fühlten +nur, wie eines das andere in liebevolle und sorgliche Gedanken hüllte. +Und es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit. + +»Ich habe ihn noch nicht gewonnen,« dachte die Mutter. »Und es wird mir +auch nicht gelingen, wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bekämpfe +und mich in ihn hinein zu fühlen suche. Und vielleicht gelingt es mir +auch dann nicht, denn er ist ein seltsames Menschenkind ... Vielleicht +auch kommen die beiden nie zusammen ... Aber diese Stunde kann er nie +vergessen, das las ich in seinen Augen. Nie mehr werden wir uns ganz +verlieren.« + +Peter aber hat das Gefühl, als müsse er der kleinen Mutter an seiner +Seite emporhelfen, sie tragen und stützen. Er weiß, trotz ihrer +Versicherung, mit schmerzlicher Gewißheit, daß sie nicht immer zu ihm +stehen wird. Er weiß, daß ihre Seele wieder und wieder versinken wird im +Alltag, aber er weiß auch, daß sie zu Zeiten ihre Flügel spürt und +ausbreitet ... + +Es kann auch _so_ schön werden ... + + + + +Das rote Buch. + + +Ich hatte es längst vergessen gehabt. + +Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, das zu gesegneter +Stunde des Weges kommt, und plötzlich öffnet sich zu seinen Füßen die +Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten ein Schatz empor, der +lange Jahre in der tiefsten Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer +Stunde geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung das rote Buch +emporgetaucht und mit ihm eine längst versunkene Welt, die voller Fragen +und Wunder, voller Grauen und Süße gewesen. + +Und plötzlich war Tante Ursula vor mich getreten, so klar und deutlich, +daß ich für einen Augenblick meine ganze Umgebung vergaß. Sie saß, wie +ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt das schmale, +zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern flimmerte das weiche Haar, das +in so wunderschöner Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hände hielten +ein Strickzeug -- ich meinte tatsächlich das leise Klappern der Nadeln +zu hören. Aber dann verschwand das Bild so schnell wie es gekommen, denn +mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche ab und fragte: »Sie +sind wohl müde?« + +Nein, natürlich war ich nicht müde. Meine Gedanken waren nur +ungehörigerweise ein wenig abgeirrt. Und aufs neue wandte ich meine +ganze Aufmerksamkeit dem Kreise plaudernder und rauchender Menschen zu, +in deren Mitte mich dieser Abend geführt. + +Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends als ich in meinem +mondlichtgefüllten Zimmer saß, tat ich die Tore meiner Seele weit auf, +um all den Geistern Einlaß zu gewähren, die lachend und drohend dem +roten Buch entstiegen. + +Wie war es nur gekommen, daß ich seiner gedacht? Ach ja, der Hausherr +hatte ein altes Buch gezeigt, in dessen Besitz er durch einen +glücklichen Zufall geraten. In Schweinsleder war es gebunden. Den +bräunlichen, mit schnörkeligen Buchstaben bedeckten Blättern entstieg +ein modriges Düftlein, aber die illustrierenden Holzschnitte atmeten +Leben, ein köstliches, triumphierendes, trotz der Tränen lachendes +Leben. + +Ich hatte das Buch durchblättert mit einem Gefühl, das seltsam gemischt +war aus Ehrfurcht und Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und plötzlich +wußte ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, nicht nur einmal, +hundertmal, unzählige Male ... Und siehe da! das rote Buch war lebendig +geworden, und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen Augenblick +gesehen. + +Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, daß ich keines vom +andern lösen kann. Und als drittes gehört dazu die kleine Stube, in der +Tante Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgültigen +Selbstverständlichkeit betrat, mit der ich in unsere Zimmer ging. Die +gute Stube zwar, ja, die betrat ich auch nicht selbstverständlich. Aber +ich haßte sie geradezu. Das Sofa und die Lehnstühle und all die +blankpolierten Tische und Schränke sahen so unendlich hochmütig auf das +kleine Mädchen herab. Im ganzen großen Zimmer war kein Plätzchen, das +einem zugerufen hätte: hier kannst du für dich sitzen und spielen und +träumen. Es gab darin nur einen Anziehungspunkt, und der ging von dem +Glasschrank aus, in dem schön geordnet hundert seltsame Dinge lagen und +standen: Spangen aus farbigem Glas und Ketten aus glänzenden Münzen, +hölzerne Näpfe und Töpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren +zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehüllt, und daneben aus +tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. Und mitten drin erhob sich ein +weißes Märchenschloß mit Türmen und Pfeilern, von Palmen überschattet. +Das ganze, unglaublich leichte Gebilde war aus Pflanzenmark geschnitten +und schien mir von allem Wunderbaren das Köstlichste zu sein. Einmal, +als meine Mutter den Schrank säuberte, hatte ich es in vor Seligkeit +zitternden Händen gehalten. Das hatte mir zwar einen Klapps eingetragen, +den ich aber im Übermaß meiner Freude kaum spürte. Ich ärgerte mich nur +über die dumm und hämisch glotzenden Möbel, die meine Demütigung +mitangesehen, und dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und stieg +die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf. + +Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt gewesen und geschmerzt +hatte. Da oben gab es keinen Spott und keine Schläge, keine Mahnreden +und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen oder sehr +rebellischen Gedanken die Treppe hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht +mehr alle in Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von mir +abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe stand und den +Apfelgeruch atmete, der den kleinen Vorplatz erfüllte. Und wenn ich +geklopft hatte und, das »Herein« erwartend, die Klinke ergriff, war mir +schon ganz froh zumute. + +Freilich, es gab auch schwere Fälle. Da saß dann auf der Treppenstufe +ein kleines Mädchen, das sich sehnlichst in das Friedensreich +hineinwünschte und es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz +eingehüllt war in böse, anklagende Gedanken. Aber mit einem Male tat +sich eine Türe auf, daß der dämmerige Vorplatz voller Licht wurde, und +Tante Ursulas Stimme sagte: »Du, Vroneli, wir haben so lange nicht mehr +das rote Buch beschaut. Komm' doch herein, ich habe es schon +heruntergeholt.« + +Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein in Tante Ursulas +Stube, und alles war wieder gut, was verkehrt und schlecht gewesen. + +Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte immer Zeit. Und ihr +ganzes Zimmer war voller Köstlichkeiten, die ich wieder und wieder +bestaunte, und über die wir uns immer aufs neue unterhielten. Alle +Alltagsgeräte, die drunten bei uns nüchtern und seelenlos dreinsahen, +hatten hier oben ein Gesicht, erzählten eine Geschichte, und ich war +fest überzeugt, daß dies einzig und allein von Tante Ursulas Einfluß +herrühre. Der »Ofentapper« drohte als große schwarze Hand hinter dem +Ofen hervor, die Zündhölzer kamen in einem Schlitten angefahren. Auf dem +Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze Raben, die trugen goldene Kronen +auf dem Kopf, und aus dem Fußschemel blühten Rosen und Vergißmeinnicht. +Auf dem Rouleau war ein See, drauf schwammen weiße Schwäne, deren einer +sicher das häßliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber war Tante +Ursulas Lampenschirm. Eine ganze Stadt sah man da mit hellerleuchteten +Fenstern. Einige Häuser hatten grüne oder rote, andere goldgelbe +Scheiben. Es war wunderschön, rund um den Tisch zu gehen und sich +auszumalen, wer in den Häusern wohnen und was er dort treiben könnte. + +Tante Ursulas Stube war die behaglichste der Welt. Ich habe wenigstens +seither keine finden können, die ihr gleichgekommen wäre. Es lag ja +nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Möbel, nicht an der +Übereinstimmung der Farben und Bilder, nicht an den Blumen und Büchern +-- dies alles habe ich später wiedergefunden. Aber den köstlichen +Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt erfüllte, ihn habe ich mit +Tante Ursula verloren. + +Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich nicht sagen. Es wird +ja wohl einen Titel, einen Verfasser und Verleger gehabt haben -- all +dies hat mich damals nicht interessiert. Der Name »rotes Buch« rührte +von der leuchtend roten Einbanddecke her. + +Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. Und mehr kann man +wahrlich nicht von einem Buch verlangen. Vorne drin war das Bild vom +breiten und schmalen Weg. Wir beide hätten es ein wenig anders gemalt, +denn der schmale Weg sah denn doch gar zu freudenarm und düster drein. +Und es seien doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen Wege, +auf denen die Freude blühe. + +Auch konnten wir nicht glauben, daß ihn nur so wenige Menschen gefunden, +während sie sich auf dem breiten Weg drängten. »Weißt du, Herzkind,« +sagte Tante Ursula, »man hätte überhaupt statt des einen schmalen Weges +viele schmale Weglein machen sollen, die alle zu Gottes Haus hinführen. +Schmal sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst können wir nicht +in uns hineinhorchen, und doch hören wir dort am deutlichsten die +Stimme, die uns den rechten Weg zeigt.« -- + +Von den Tieren wußte das rote Buch eine Menge zu erzählen, ja, es war +darin geradezu unerschöpflich, denn Tante Ursula entdeckte immer wieder +etwas, das sie noch nie zuvor gelesen. + +So kam es, daß ich keinem Tierlein ein Leides tun konnte und wenn ich +ein totes fand, es mit Tränen in die Erde bettete. Aber näher als die +Tierwelt stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach mit ihnen, in +leisestem Flüsterton, denn dies schien mir die Sprache der Blumen zu +sein. + +Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden Geschichte zu lauschen. +Königskerzen ... die waren erstmals aus der Erde emporgestiegen und +hatten stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges gestanden, als das +verratene Königskind aus der Heimat wandern mußte. Rittersporn ... der +muß die goldenen Ähren schützen und steht darum am Ackerrand. Aber die +rote Mohnblume hat sich zu ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in +die Sonne und freut sich, daß der liebe Gott sie also geschaffen. + +Schwertlilie ... sie hat die seltsamste Geschichte von allen. Ich konnte +mich lange, lange lautlos dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus +ihren wundersam gebogenen Blättern, der herrlichen Farbe, dem starken +Duft zu strömen schien. So weiß ich nicht, ob ich ihr Märchen aus ihr +selbst oder aus dem roten Buch gehört. + +... Einmal stand im Wald hoch über den rauschenden Bäumen eine Burg. +Drin lebte mitten unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters +Töchterlein. Die war holdselig wie ein junges Bäumlein, über dem der +erste Blütenschnee liegt, und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes. +Doch schöner noch als die Rosen ihrer Wangen blühten die Gedanken ihres +Herzens. + +Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen bis hinab zum jüngsten +Knechtlein liebten sie, wie sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der +kleinen Kapelle liebten. + +Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der bog sein Knie vor der +Holden und bat sie, ihm zu folgen nach seiner Väter Burg als sein +trautes Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die Hochzeit sollte +gefeiert werden. Aber in der Nacht vor dem Fest brach ein Feind in die +Burg ein, überwältigte die schlafenden Mannen, und bald loderte weithin +sichtbar eine steile Flamme empor. Dem jungen Ritter war es jedoch +gelungen, mit der Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene +schützende Burg zu bringen. Aber als der Morgen graute, sahen sich die +beiden, die, um Ausschau zu halten, auf einen kleinen Hügel gestiegen, +rings von den Feinden umzingelt. »Mein die herrliche Beute!« rief einer +der Verfolger und teilte mit starken Armen die Büsche, um rascher zur +Höhe zu gelangen. Da schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen +Heiligen um Beistand, während der Ritter sein breites Schwert aus der +Scheide riß, daß es weithin einen blitzenden Schein warf. + +Immer näher rückten die Verfolger. Da -- mit einem Male blieben sie +stehen wie gebannt. Wo waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch +hatten sie da oben gestanden, sie in einem blaßfarbenen Gewand, über das +silberhelles Haar floß, er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun, +wo waren sie hingeraten? + +Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden nirgends ein +Versteck, darein sich die beiden hätten bergen können. Enttäuscht und +mißmutig gingen sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und +nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut, langsam zur +Höhe. Und da er sie erreicht, erblickte er, warm beschienen vom Licht +der Sonne, eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen. + +Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen Duft gehüllt. Ihr +Kelch war geschlossen, als hüte sie ein seliges Geheimnis, und war doch +geöffnet, als biete sie allen das Wunder ihrer zartgeäderten bläulichen +Blätter ... + +Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich diese wundersame +Blume nicht dem Frauenbild, das er vor kurzem hier oben geschaut? Glich +sie nicht dem Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug? + +Da gewahrte er plötzlich rings um die Blume hohe grüne Blätter. Die +sahen drein wie spitze, drohend gezückte Schwerter. Der Ritter trat +zurück. + +»Nimmer wird meine Hand dich berühren, Schwert -- Lilie du! Hat nicht +ein Wunder dich geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?« -- + +Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten Farben gemalte Bilder, +von einem Kranz tanzender Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: die +grüne, die silberne und die goldene Hochzeit. + +Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das über eine +Frühlingswiese schritt, gefolgt von einem fröhlich durcheinanderwogenden +Zug festlicher Menschen. + +Auf dem zweiten Bild lachte eine schön geschmückte und reich besetzte +Tafel. Die Gäste hatten sich eben erhoben und scharten sich, jeder ein +hohes, blitzendes Glas in der Hand, um ein älteres, zufrieden lächelndes +Paar. + +Auf dem dritten Bild saß ein altes Paar, auf einem niedern Kanapee +aneinandergelehnt, und schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster +glitt ein Sonnenstrahl just über die weißen Häupter hin und ließ sie +silbern aufleuchten. + +Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder falsch. Dies Bild sollte +silberne Hochzeit heißen. Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den +Gläsern glänzte, wo die Frauen goldene Ketten trugen und die Braut gar +ein goldenschimmerndes Kleid -- das mochte den Namen goldene Hochzeit +tragen. + +Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir beschaute, trug ich ihr meine +Ansicht vor. Sie lächelte, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte: +»Manchmal hat ja mein Kind ganz gute Einfälle. Aber diesmal, nein +diesmal hast du doch nicht recht. Erst silbern, dann golden.« + +Ich stützte meine Hände auf ihr Knie. »Tante Ursula, warum sagt man grün +und silbern und golden?« + +»Warum? Man könnte es sich vielleicht so denken ... Am ersten +Hochzeitstag, wenn die Welt wie lauter Frühling dreinsieht, da schenkt +der liebe Gott dem jungen Paar ein wunderschönes zartes, frischgrünes +Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, daß es nicht verdorrt und kein +Blättlein verloren geht.« + +»Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein immer grün bleiben? Weißt +du, im Winter --« + +»Nein, grün bleibt das Zweiglein nicht, das ist nicht möglich. Aber höre +nur weiter. Wenn das junge Paar das Zweiglein sorglich hütet, dann +geschieht etwas Wunderbares damit: es wird immer glänzender, und am +silbernen Hochzeitstag -- ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das +Paar in den Händen hält.« + +»Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes Zweiglein geworden?« + +»Von den Sonnenstrahlen, die es berührten, Herzkind, und von den lieben +Blicken, die drüber gingen und -- ja, auch von den Tränen, die drauf +fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' mir's nur, es ist so.« + +»Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit dem Zweiglein?« + +»Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes wird? Ja, das ist +viel schwerer, denn, weißt du, wenn die Menschen älter werden, werden +sie oft auch müder und kälter und härter. Das Zweiglein kann aber nur +unter ganz guten und ganz warmen Augen zu einem goldenen werden ... Ach, +eigentlich kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur am +Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.« + +»Ich auch, Tante Ursula, ich auch?« + +»Du auch, Herzkind, ganz gewiß. Wenn du ein wenig älter bist, wirst du +es sehen, und dann sieh zu, daß du es sorglich hütest.« -- + +Eine Geschichte handelte von dem Manne, der zur Himmelspforte wanderte. +Er zog die Glocke, und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen +nach seinem Begehr. Da bat der Mann um ein Schloß, um Dienerschaft und +um ein weiches Bett, um gut Essen und Trinken -- genau um das, was er +all die Jahre auf Erden gerne gehabt hätte, und um das er die Reichen +immer beneidet hatte. Und er kriegte das Schloß und kriegte alle Tage +Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach kandierte Früchte und +Backwerk. Aber nach einigen Wochen war ihm alles entleidet. + +Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus und ließ ihn zu sich +bitten. Und als der heilige Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und +höhnte: »Das ist mir ein schöner Himmel, wo man's vor Langeweile kaum +aushält!« + +»Wer redet denn vom Himmel?« sagte der heilige Petrus. »Guter Freund, du +bist nicht im Himmel, du bist in der Hölle. Schau' nur durchs Fenster.« + +Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber schlich mit schlotternden +Knien ans Fenster und schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts. +Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten und vorn, oben und +unten -- überall war dieselbe dicke Finsternis. Da zog der Mann die +Vorhänge zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte Augen, +tausend tote, schwarze Augen, die glotzten auch durch die Vorhänge. + +Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu sehnen. Nicht nach dem +künstlichen, das in seinen Zimmern brannte, nein, dieses haßte er, wie +er die Finsternis vor seinen Fenstern haßte. Er wanderte ruhelos in +seinem Schloß umher und suchte, suchte nach einem Lichtfunken. Da geriet +er einmal in ein Dachkämmerchen, das hatte hoch oben ein kleines +Fenster. + +»Ach, dies Guckloch wird mir so wenig nützen wie alle die andern,« +seufzte der Mann. Aber er reckte sich doch auf die Zehen, um durch die +kleine Scheibe zu spähen, und da stieß er einen Schrei aus, denn er sah +Licht, Licht! Zwar war es nur ein schmaler Streifen, der durch eine +Türritze quoll. Aber der Mann glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu +haben. Er starrte wie gebannt auf den Lichtstreifen und vergaß darüber +sein Schloß und sein weiches Bett, vergaß seine Dienerschaft und Essen +und Trinken. Nur wenn ihn sein mühsam gereckter Körper gar zu sehr +schmerzte, setzte er sich auf eine Kiste, die im Dachkämmerchen stand. +Aber er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem Lichtstreifen +war zu groß. + +Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie sich die Ritze ein wenig +vergrößerte ... der Lichterstrahl wurde breiter und goldener und warf +einen blassen Widerschein in das Kämmerchen. In dem Glanze aber sah der +Mann selige Gestalten wandeln. Er hörte Klänge, die waren von so +leuchtender Schöne, daß sich seine Augen mit Tränen füllten. Und wie das +Licht immer breiter und goldener quoll, erkannte der Mann, daß er in den +Himmel blicke. -- + +Hier schloß die Geschichte in dem roten Buch, und ich war das erste Mal, +als sie mir Tante Ursula vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula +lächelte nur und sagte: »Die Geschichte geht nur hier im Buch zu Ende, +Vroneli. Du mußt gar nicht traurig sein, denn nun erzählen wir sie uns +weiter, du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu einem guten +Ende. Denn das kannst du dir doch denken: wer so sehnsüchtig nach dem +Lichte schaut, der hat auch einmal hineinwandeln dürfen. Das weiß ich +ganz gewiß. Und heute nacht will ich ein wenig drüber nachdenken und es +dir morgen sagen.« + +Ich wischte mir die letzten Tränen von den Backen und sagte: »Ja ... +vielleicht ist das Licht auf einmal eine Brücke geworden, und dann hat +er darauf hinübergehen können. Aber das kleine Fenster -- da war er wohl +zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster gekommen, Tante Ursula?« + +»Ich sage dir's morgen,« tröstete Tante Ursula. »Es kommt alles zu einem +guten Ende, ganz gewiß.« + +So habe ich auch dieses aus dem roten Buch gelernt, daß man nicht ob des +sichtbaren Endes, das eine Geschichte hat, verzweifeln muß, sondern sich +des verborgenen guten Endes getrösten darf, das von einem »morgen« +enthüllt werden wird. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Und die ihr alle meine Brüder seid, by +Ida Frohnmeyer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRÜDER SEID *** + +***** This file should be named 24175-8.txt or 24175-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24175/ + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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