diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:12:37 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:12:37 -0700 |
| commit | de135a0751078f27aa7bdba2159b5b701bed9976 (patch) | |
| tree | 8289dceb078b2ae36153242dbbc686710750c6ce | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 24173-8.txt | 2940 | ||||
| -rw-r--r-- | 24173-8.zip | bin | 0 -> 63438 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 24173-h.zip | bin | 0 -> 66557 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 24173-h/24173-h.htm | 3190 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
7 files changed, 6146 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/24173-8.txt b/24173-8.txt new file mode 100644 index 0000000..63cdb99 --- /dev/null +++ b/24173-8.txt @@ -0,0 +1,2940 @@ +The Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Brennendes Geheimnis + Erzählung + +Author: Stefan Zweig + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24173] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS *** + + + + +Produced by Irma Knoll and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + +BRENNENDES GEHEIMNIS + + +Erzählung + +von + +STEFAN ZWEIG + + + + +Im Insel-Verlag zu Leipzig + +16.-25. Tausend + + + + +Der Partner + + +Die Lokomotive schrie heiser auf: der Semmering war erreicht. Eine +Minute rasteten die schwarzen Wagen im silbrigen Licht der Höhe, warfen +paar bunte Menschen aus, schluckten andere ein, Stimmen gingen geärgert +hin und her, dann schrie vorne wieder die heisere Maschine und riß die +schwarze Kette rasselnd in die Höhle des Tunnels hinab. Rein +ausgespannt, mit klaren, vom nassen Wind reingefegten Hintergründen lag +wieder die hingebreitete Landschaft. + +Einer der Angekommenen, jung, durch gute Kleidung und eine natürliche +Elastizität des Schrittes sympathisch auffallend, nahm den andern rasch +voraus einen Fiaker zum Hotel. Ohne Hast trappten die Pferde den +ansteigenden Weg. Es lag Frühling in der Luft. Jene weißen, unruhigen +Wolken flatterten am Himmel, die nur der Mai und der Juni hat, jene +weißen, selbst noch jungen und flattrigen Gesellen, die spielend über +die blaue Bahn rennen, um sich plötzlich hinter hohen Bergen zu +verstecken, die sich umarmen und fliehen, sich bald wie Taschentücher +zerknüllen, bald in Streifen zerfasern und schließlich im Schabernack +den Bergen weiße Mützen aufsetzen. Unruhe war auch oben im Wind, der die +mageren, noch vom Regen feuchten Bäume so unbändig schüttelte, daß sie +leise in den Gelenken krachten und tausend Tropfen wie Funken von sich +wegsprühten. Manchmal schien auch Duft von Schnee kühl aus den Bergen +herüberzukommen, dann spürte man im Atem etwas, das süß und scharf war +zugleich. Alles in Luft und Erde war Bewegung und gärende Ungeduld. +Leise schnaubend liefen die Pferde den jetzt niedersteigenden Weg, die +Schellen klirrten ihnen weit voraus. + +Im Hotel war der erste Weg des jungen Mannes zu der Liste der anwesenden +Gäste, die er -- bald enttäuscht -- durchflog. »Wozu bin ich eigentlich +hier«, begann es unruhig in ihm zu fragen. »Allein hier auf dem Berg zu +sein, ohne Gesellschaft, ist ärger als das Bureau. Offenbar bin ich zu +früh gekommen oder zu spät. Ich habe nie Glück mit meinem Urlaub. Keinen +einzigen bekannten Namen finde ich unter all den Leuten. Wenn wenigstens +ein paar Frauen da wären, irgendein kleiner, im Notfall sogar argloser +Flirt, um diese Woche nicht gar zu trostlos zu verbringen.« Der junge +Mann, ein Baron von nicht sehr klangvollem österreichischen Beamtenadel, +in der Statthalterei angestellt, hatte sich diesen kleinen Urlaub ohne +jegliches Bedürfnis genommen, eigentlich nur, weil sich alle seine +Kollegen eine Frühjahrswoche durchgesetzt hatten und er die seine dem +Dienst nicht schenken wollte. Er war, obwohl innerer Befähigung nicht +entbehrend, eine durchaus gesellschaftliche Natur, als solche beliebt, +in allen Kreisen gern gesehen und sich seiner Unfähigkeit zur Einsamkeit +voll bewußt. In ihm war keine Neigung, sich selber allein +gegenüberzustehen, und er vermied möglichst diese Begegnungen, weil er +intimere Bekanntschaft mit sich selbst gar nicht wollte. Er wußte, daß +er die Reibfläche von Menschen brauchte, um seine Talente, die Wärme und +den Übermut seines Herzens aufflammen zu lassen, und er allein frostig +und sich selber nutzlos war, wie ein Zündholz in der Schachtel. + +Verstimmt ging er in der leeren Hall auf und ab, bald unschlüssig in den +Zeitungen blätternd, bald wieder im Musikzimmer am Klavier einen Walzer +antastend, bei dem ihm aber der Rhythmus nicht recht in die Finger +sprang. Schließlich setzte er sich verdrossen hin, sah hinaus, wie das +Dunkel langsam niederfiel, der Nebel als Dampf grau aus den Fichten +brach. Eine Stunde zerbröselte er so, nutzlos und nervös. Dann flüchtete +er in den Speisesaal. + +Dort waren erst ein paar Tische besetzt, die er alle mit eiligem Blick +überflog. Vergeblich! Keine Bekannten, nur dort -- er gab lässig einen +Gruß zurück -- ein Trainer, dort wieder ein Gesicht von der Ringstraße +her, sonst nichts. Keine Frau, nichts, was ein auch flüchtiges Abenteuer +versprach. Sein Mißmut wurde ungeduldiger. Er war einer jener jungen +Menschen, deren hübschem Gesicht viel geglückt ist und in denen nun +beständig alles für eine neue Begegnung, ein neues Erlebnis bereit ist, +die immer gespannt sind, sich ins Unbekannte eines Abenteuers zu +schnellen, die nichts überrascht, weil sie alles lauernd berechnet +haben, die nichts Erotisches übersehen, weil schon ihr erster Blick +jeder Frau in das Sinnliche greift, prüfend und ohne Unterschied, ob es +die Gattin ihres Freundes ist oder das Stubenmädchen, das die Türe zu +ihr öffnet. Wenn man solche Menschen mit einer gewissen leichtfertigen +Verächtlichkeit Frauenjäger nennt, so geschieht es, ohne zu wissen, +wieviel beobachtende Wahrheit in dem Worte versteinert ist, denn +tatsächlich, alle leidenschaftlichen Instinkte der Jagd, das Aufspüren, +die Erregtheit und die seelische Grausamkeit flackern in dem rastlosen +Wachsein solcher Menschen. Sie sind beständig auf dem Anstand, immer +bereit und entschlossen, die Spur eines Abenteuers bis hart an den +Abgrund zu verfolgen. Sie sind immer geladen mit Leidenschaft, aber +nicht der des Liebenden, sondern der des Spielers, der kalten, +berechnenden und gefährlichen. Es gibt unter ihnen Beharrliche, denen +weit über die Jugend hinaus das ganze Leben durch diese Erwartung zum +ewigen Abenteuer wird, denen sich der einzelne Tag in hundert kleine, +sinnliche Erlebnisse auflöst -- ein Blick im Vorübergehen, ein +weghuschendes Lächeln, ein im Gegenübersitzen gestreiftes Knie -- und +das Jahr wieder in hundert solcher Tage, für die das sinnliche Erlebnis +ewig fließende, nährende und anfeuernde Quelle des Lebens ist. + +Hier waren keine Partner zu einem Spiele, das übersah der Suchende +sofort. Und keine Gereiztheit ist ärgerlicher als die des Spielers, der +mit den Karten in der Hand im Bewußtsein seiner Überlegenheit vor dem +grünen Tisch sitzt und vergeblich den Partner erwartet. Der Baron rief +nach einer Zeitung. Mürrisch ließ er die Blicke über die Zeilen rinnen, +aber seine Gedanken waren lahm und stolperten wie betrunken den Worten +nach. + +Da hörte er hinter sich ein Kleid rauschen und eine Stimme, leicht +ärgerlich und mit affektiertem Akzent, sagen: »=Mais tais toi donc, +Edgar!=« + +An seinem Tisch knisterte im Vorüberschreiten ein seidenes Kleid, hoch +und üppig schattete eine Gestalt vorbei und hinter ihr in einem +schwarzen Samtanzug ein kleiner, blasser Bub, der ihn neugierig mit dem +Blick anstreifte. Die beiden setzten sich gegenüber an den reservierten +Tisch, das Kind sichtbar um eine Korrektheit bemüht, die der schwarzen +Unruhe in seinen Augen zu widersprechen schien. Die Dame -- und nur auf +sie hatte der junge Baron acht -- war sehr soigniert und mit sichtbarer +Eleganz gekleidet, ein Typus überdies, den er sehr liebte, eine jener +leicht üppigen Jüdinnen im Alter knapp vor der Überreife, offenbar auch +leidenschaftlich, aber erfahren, ihr Temperament hinter einer vornehmen +Melancholie zu verbergen. Er vermochte zunächst noch nicht in ihre Augen +zu sehen und bewunderte nur die schön geschwungene Linie der +Augenbrauen, rein über einer zarten Nase gerundet, die ihre Rasse zwar +verriet, aber durch edle Form das Profil scharf und interessant machte. +Die Haare waren, wie alles Weibliche an diesem vollen Körper, von einer +auffallenden Üppigkeit, ihre Schönheit schien im sichern Selbstgefühl +vieler Bewunderungen satt und prahlerisch geworden zu sein. Sie +bestellte mit sehr leiser Stimme, wies den Buben, der mit der Gabel +spielend klirrte, zurecht -- all dies mit anscheinender Gleichgültigkeit +gegen den vorsichtig anschleichenden Blick des Barons, den sie nicht zu +bemerken schien, während es doch in Wirklichkeit nur seine rege +Wachsamkeit war, die ihr diese gebändigte Sorgfalt aufzwang. + +Das Dunkel im Gesichte des Barons war mit einem Male aufgehellt, +unterirdisch belebend liefen die Nerven hin, strafften die Falten, +rissen die Muskeln auf, daß seine Gestalt aufschnellte und Lichter in +den Augen flackerten. Er war selber den Frauen nicht unähnlich, die erst +die Gegenwart eines Mannes brauchen, um aus sich ihre ganze Gewalt +herauszuholen. Erst ein sinnlicher Reiz spannte seine Energie zu voller +Kraft. Der Jäger in ihm witterte hier eine Beute. Herausfordernd suchte +sein Auge ihrem Blick zu begegnen, der ihn manchmal mit einer +glitzernden Unbestimmtheit des Vorbeisehens kreuzte, nie aber blank eine +klare Antwort bot. Auch um den Mund glaubte er manchmal ein Fließen wie +von beginnendem Lächeln zu spüren, aber all dies war unsicher, und eben +diese Unsicherheit erregte ihn. Das einzige, was ihm versprechend +schien, war dieses stete Vorbeischauen, weil es Widerstand war und +Befangenheit zugleich, und dann die merkwürdig sorgfältige, auf einen +Zuschauer sichtlich eingestellte Art der Konversation mit dem Kinde. +Eben das aufdringlich Vorgehaltene dieser Ruhe bedeutete, das fühlte er, +heimlich ein erstes Beunruhigtsein. Auch er war erregt: das Spiel hatte +begonnen. Er verzögerte sein Diner, hielt diese Frau eine halbe Stunde +fast unablässig mit dem Blick fest, bis er jede Linie ihres Gesichtes +nachgezeichnet, an jede Stelle ihres üppigen Körpers unsichtbar gerührt +hatte. Draußen fiel drückend das Dunkel nieder, die Wälder seufzten in +kindischer Furcht, als jetzt die großen Regenwolken graue Hände nach +ihnen reckten, immer finstrer drängten die Schatten ins Zimmer hinein, +immer mehr schienen die Menschen hier zusammengepreßt durch das +Schweigen. Das Gespräch der Mutter mit ihrem Kinde wurde, das merkte er, +unter der Drohung dieser Stille immer gezwungener, immer künstlicher, +bald, fühlte er, würde es zu Ende sein. Da beschloß er eine Probe. Er +stand als erster auf, ging langsam, mit einem langen Blick auf die +Landschaft an ihr vorbeisehend, zur Türe. Dort zuckte er rasch, als +hätte er etwas vergessen, mit dem Kopf herum. Und ertappte sie, wie sie +ihm lebhaften Blickes nachsah. + +Das reizte ihn. Er wartete in der Hall. Sie kam bald nach, den Buben an +der Hand, blätterte im Vorübergehen unter den Zeitschriften, zeigte dem +Kind ein paar Bilder. Aber als der Baron, wie zufällig, an den Tisch +trat, anscheinend um auch eine Zeitschrift zu suchen, in Wahrheit, um +tiefer in das feuchte Glitzern ihrer Augen zu dringen, vielleicht sogar +ein Gespräch zu beginnen, wandte sie sich weg, klopfte ihrem Sohn leicht +auf die Schulter: »=Viens, Edgar! Au lit!=« und rauschte kühl an ihm +vorbei. + +Ein wenig enttäuscht, sah ihr der Baron nach. Er hatte eigentlich auf +ein Bekanntwerden noch an diesem Abend gerechnet, und diese schroffe Art +enttäuschte ihn. Aber schließlich, in diesem Widerstand war Reiz, und +gerade das Unsichere entzündete seine Begier. Immerhin: er hatte seinen +Partner, und ein Spiel konnte beginnen. + + + + +Rasche Freundschaft + + +Als der Baron am nächsten Morgen in die Hall trat, sah er dort das Kind +der schönen Unbekannten in eifrigem Gespräch mit den beiden Liftboys, +denen es Bilder in einem Buch von Karl May zeigte. Seine Mama war nicht +zugegen, offenbar noch mit der Toilette beschäftigt. Jetzt erst besah +sich der Baron den Buben. Es war ein scheuer, unentwickelter nervöser +Junge von etwa zwölf Jahren mit fahrigen Bewegungen und dunkel +herumjagenden Augen. Er machte, wie Kinder in diesen Jahren so oft, den +Eindruck von Verschrecktheit, gleichsam als ob er eben aus dem Schlaf +gerissen und plötzlich in fremde Umgebung gestellt sei. Sein Gesicht war +nicht unhübsch, aber noch ganz unentschieden, der Kampf des Männlichen +mit dem Kindlichen schien eben erst einsetzen zu wollen, noch war alles +darin nur wie geknetet und noch nicht geformt, nichts in reinen Linien +ausgesprochen, nur blaß und unruhig gemengt. Überdies war er gerade in +jenem unvorteilhaften Alter, wo Kinder nie in ihre Kleider passen, Ärmel +und Hosen schlaff um die mageren Gelenke schlottern und noch keine +innere Eitelkeit sie mahnt, auf ihr Äußeres zu wachen. + +Der Knabe machte hier, unschlüssig herumirrend, einen ziemlich +kläglichen Eindruck. Eigentlich stand er allen im Wege. Bald schob ihn +der Portier beiseite, den er mit allerhand Fragen zu belästigen schien, +bald störte er am Eingang; offenbar fehlte es ihm an freundschaftlichem +Umgang. So suchte er in seinem kindlichen Schwatzbedürfnis sich an die +Bediensteten des Hotels heranzumachen, die ihm, wenn sie gerade Zeit +hatten, antworteten, das Gespräch aber sofort unterbrachen, wenn ein +Erwachsener in Sicht kam oder etwas Vernünftiges getan werden mußte. Der +Baron sah lächelnd und mit Interesse dem unglücklichen Buben zu, der auf +alles mit Neugier schaute und dem alles unfreundlich entwich. Einmal +faßte er einen dieser neugierigen Blicke fest an, aber die schwarzen +Augen krochen sofort ängstlich in sich hinein, sobald er sie auf der +Suche ertappte, und duckten sich hinter gesenkten Lidern. Das amüsierte +den Baron. Der Bub begann ihn zu interessieren, und er fragte sich, ob +ihm dieses Kind, das offenbar nur aus Furcht so scheu war, nicht als +raschester Vermittler einer Annäherung dienen könnte. Immerhin: er +wollte es versuchen. Unauffällig folgte er dem Buben, der eben wieder +zur Türe hinauspendelte und in seinem kindischen Zärtlichkeitsbedürfnis +die rosa Nüstern eines Schimmels liebkoste, bis ihn -- er hatte wirklich +kein Glück -- auch hier der Kutscher ziemlich barsch wegwies. Gekränkt +und gelangweilt stand er jetzt wieder herum mit seinem leeren und ein +wenig traurigen Blick. Da sprach ihn der Baron an. + +»Na, junger Mann, wie gefällts dir da?« setzte er plötzlich ein, bemüht, +die Ansprache möglichst jovial zu halten. + +Das Kind wurde feuerrot und starrte ängstlich auf. Er zog die Hand +irgendwie in Furcht an sich und wand sich hin und her vor Verlegenheit. +Das geschah ihm zum erstenmal, daß ein fremder Herr mit ihm ein Gespräch +begann. + +»Ich danke, gut«, konnte er gerade noch herausstammeln. Das letzte Wort +war schon mehr gewürgt als gesprochen. + +»Das wundert mich,« sagte der Baron lachend, »es ist doch eigentlich ein +fader Ort, besonders für einen jungen Mann, wie du einer bist. Was +treibst du denn den ganzen Tag?« + +Der Bub war noch immer zu sehr verwirrt, um rasch zu antworten. War es +wirklich möglich, daß dieser fremde elegante Herr mit ihm, um den sich +sonst keiner kümmerte, ein Gespräch suchte? Der Gedanke machte ihn scheu +und stolz zugleich. Mühsam raffte er sich zusammen. + +»Ich lese, und dann, wir gehen viel spazieren. Manchmal fahren wir auch +im Wagen, die Mama und ich. Ich soll mich hier erholen, ich war krank. +Ich muß darum auch viel in der Sonne sitzen, hat der Arzt gesagt.« + +Die letzten Worte sagte er schon ziemlich sicher. Kinder sind immer +stolz auf eine Krankheit, weil sie wissen, daß Gefahr sie ihren +Angehörigen doppelt wichtig macht. + +»Ja, die Sonne ist schon gut für junge Herren, wie du einer bist, sie +wird dich schon braun brennen. Aber du solltest doch nicht den ganzen +Tag dasitzen. Ein Bursch wie du sollte herumlaufen, übermütig sein und +auch ein bißchen Unfug anstellen. Mir scheint, du bist zu brav, du +siehst auch so aus wie ein Stubenhocker mit deinem großen dicken Buch +unterm Arm. Wenn ich denke, was ich in deinem Alter für ein Galgenstrick +war, jeden Abend bin ich mit zerrissenen Hosen nach Hause gekommen. Nur +nicht zu brav sein!« + +Unwillkürlich mußte das Kind lächeln, und das nahm ihm die Angst. Es +hätte gern etwas erwidert, aber all dies schien ihm zu frech, zu +selbstbewußt vor diesem lieben fremden Herrn, der so freundlich mit ihm +sprach. Vorlaut war er nie gewesen und immer leicht verlegen, und so kam +er jetzt vor Glück und Scham in die ärgste Verwirrung. Er hätte so gern +das Gespräch fortgesetzt, aber es fiel ihm nichts ein. Glücklicherweise +kam gerade der große gelbe Bernhardiner des Hotels vorbei, schnüffelte +sie beide an und ließ sich willig liebkosen. + +»Hast du Hunde gern?« fragte der Baron. + +»O sehr, meine Großmama hat einen in ihrer Villa in Baden, und wenn wir +dort wohnen, ist er immer den ganzen Tag mit mir. Das ist aber nur im +Sommer, wenn wir dort zu Besuch sind.« + +»Wir haben zu Hause, auf unserem Gut, ich glaube, zwei Dutzend. Wenn du +hier brav bist, kriegst du einen von mir geschenkt. Einen braunen mit +weißen Ohren, einen ganz jungen. Willst du?« + +Das Kind errötete vor Vergnügen. + +»O ja.« + +Es fuhr ihm so heraus, heiß und gierig. Aber gleich hinterher stolperte, +ängstlich und wie erschrocken, das Bedenken. + +»Aber Mama wird es nicht erlauben. Sie sagt, sie duldet keinen Hund zu +Hause. Sie machen zuviel Schererei.« + +Der Baron lächelte. Endlich hielt das Gespräch bei der Mama. + +»Ist die Mama so streng?« + +Das Kind überlegte, blickte eine Sekunde zu ihm auf, gleichsam fragend, +ob man diesem fremden Herrn schon vertrauen dürfe. Die Antwort blieb +vorsichtig: + +»Nein, streng ist die Mama nicht. Jetzt, weil ich krank war, erlaubt sie +mir alles. Vielleicht erlaubt sie mir sogar einen Hund.« + +»Soll ich sie darum bitten?« + +»Ja, bitte tun Sie das«, jubelte der Bub. »Dann wird es die Mama sicher +erlauben. Und wie sieht er aus? Weiße Ohren hat er, nicht wahr? Kann er +apportieren?« + +»Ja, er kann alles.« Der Baron mußte lächeln über die heißen Funken, die +er so rasch aus den Augen des Kindes geschlagen hatte. Mit einem Male +war die anfängliche Befangenheit gebrochen, und die von der Angst +zurückgehaltene Leidenschaftlichkeit sprudelte über. In blitzschneller +Verwandlung war das scheue verängstigte Kind von früher ein +ausgelassener Bub. Wenn nur die Mutter auch so wäre, dachte +unwillkürlich der Baron, so heiß hinter ihrer Angst! Aber schon sprang +der Bub mit zwanzig Fragen an ihm hinauf: + +»Wie heißt der Hund?« + +»Karo.« + +»Karo«, jubelte das Kind. Es mußte irgendwie lachen und jubeln über +jedes Wort, ganz trunken von dem unerwarteten Geschehen, daß sich jemand +seiner in Freundlichkeit angenommen hatte. Der Baron staunte selbst über +seinen raschen Erfolg und beschloß, das heiße Eisen zu schmieden. Er lud +den Knaben ein, mit ihm ein wenig spazieren zu gehen, und der arme Bub, +seit Wochen ausgehungert nach einem geselligen Beisammensein, war von +diesem Vorschlag entzückt. Unbedacht plauderte er alles aus, was ihm +sein neuer Freund mit kleinen, wie zufälligen Fragen entlocken wollte. +Bald wußte der Baron alles über die Familie, vor allem, daß Edgar der +einzige Sohn eines Wiener Advokaten sei, offenbar aus der vermögenden +jüdischen Bourgeoisie. Und durch geschickte Umfragen erkundete er rasch, +daß die Mutter sich über den Aufenthalt am Semmering durchaus nicht +entzückt geäußert und den Mangel an sympathischer Gesellschaft beklagt +habe, ja er glaubte sogar, aus der ausweichenden Art, mit der Edgar die +Frage beantwortete, ob die Mama den Papa sehr gern habe, entnehmen zu +können, daß hier nicht alles zum besten stünde. Beinahe schämte er sich, +wie leicht es ihm wurde, dem arglosen Buben all diese kleinen +Familiengeheimnisse zu entlocken, denn Edgar, ganz stolz, daß irgend +etwas von dem, was er zu erzählen hatte, einen Erwachsenen interessieren +konnte, drängte sein Vertrauen dem neuen Freunde geradezu auf. Sein +kindisches Herz klopfte vor Stolz -- der Baron hatte im Spazierengehen +ihm seinen Arm um die Schulter gelegt --, in solcher Intimität +öffentlich mit einem Erwachsenen gesehen zu werden, und allmählich +vergaß er seine eigene Kindheit, schnatterte frei und ungezwungen wie zu +einem Gleichaltrigen. Edgar war, wie sein Gespräch zeigte, sehr klug, +etwas frühreif wie die meisten kränklichen Kinder, die viel mit +Erwachsenen beisammen waren, und von einer merkwürdig überreizten +Leidenschaft der Zuneigung oder Feindlichkeit. Zu nichts schien er ein +ruhiges Verhältnis zu haben, von jedem Menschen oder Ding sprach er +entweder in Verzückung oder mit einem Hasse, der so heftig war, daß er +sein Gesicht unangenehm verzerrte und es fast bösartig und häßlich +machte. Etwas Wildes und Sprunghaftes, vielleicht noch bedingt durch die +kürzlich überstandene Krankheit, gab seinen Reden fanatisches Feuer, und +es schien, daß sein Linkischsein nur mühsam unterdrückte Angst vor der +eigenen Leidenschaft war. + +Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe Stunde +bloß, und er hatte dieses heiße und unruhig zuckende Herz in der Hand. +Es ist ja so unsäglich leicht, Kinder zu betrügen, diese Arglosen, um +deren Liebe so selten geworben wird. Er brauchte sich selbst nur in die +Vergangenheit zu vergessen, und so natürlich, so ungezwungen wurde ihm +das kindliche Gespräch, daß auch der Bub ihn ganz als seinesgleichen +empfand und nach wenigen Minuten jedes Distanzgefühl verlor. Er war nur +selig von Glück, hier in diesem einsamen Ort plötzlich einen Freund +gefunden zu haben, und welch einen Freund! Vergessen waren sie alle in +Wien, die kleinen Jungen mit ihren dünnen Stimmen, ihrem unerfahrenen +Geschwätz, wie weggeschwemmt waren ihre Bilder von dieser einen neuen +Stunde! Seine ganze schwärmerische Leidenschaft gehörte jetzt diesem +neuen, seinem großen Freunde, und sein Herz dehnte sich vor Stolz, als +dieser ihn jetzt zum Abschied nochmals einlud, morgen vormittags +wiederzukommen, und der neue Freund ihm nun zuwinkte von der Ferne, ganz +wie ein Bruder. Diese Minute war vielleicht die schönste seines Lebens. +Es ist so leicht, Kinder zu betrügen. -- Der Baron lächelte dem +Davonstürmenden nach. Der Vermittler war nun gewonnen. Der Bub würde +jetzt, das wußte er, seine Mutter mit Erzählungen bis zur Erschöpfung +quälen, jedes einzelne Wort wiederholen -- und dabei erinnerte er sich +mit Vergnügen, wie geschickt er einige Komplimente an ihre Adresse +eingeflochten, wie er immer nur von Edgars »schöner Mama« gesprochen +hatte. Es war ausgemachte Sache für ihn, daß der mitteilsame Knabe nicht +früher ruhen würde, ehe er seine Mama und ihn zusammengeführt hätte. Er +selbst brauchte nun keinen Finger zu rühren, um die Distanz zwischen +sich und der schönen Unbekannten zu verringern, konnte nun ruhig träumen +und die Landschaft überschauen, denn er wußte, ein paar heiße +Kinderhände bauten ihm die Brücke zu ihrem Herzen. + + + + +Terzett + + +Der Plan war, wie sich eine Stunde später erwies, vortrefflich und bis +in die letzten Einzelheiten gelungen. Als der junge Baron, mit Absicht +etwas verspätet, den Speisesaal betrat, zuckte Edgar vom Sessel auf, +grüßte eifrig mit einem beglückten Lächeln und winkte ihm zu. +Gleichzeitig zupfte er seine Mutter am Ärmel, sprach hastig und erregt +auf sie ein, mit auffälligen Gesten gegen den Baron hindeutend. Sie +verwies ihm geniert und errötend sein allzu reges Benehmen, konnte es +aber doch nicht vermeiden, einmal hinüberzusehen, um dem Buben seinen +Willen zu tun, was der Baron sofort zum Anlaß einer respektvollen +Verbeugung nahm. Die Bekanntschaft war gemacht. Sie mußte danken, beugte +aber von nun ab das Gesicht tiefer über den Teller und vermied +sorgfältig während des ganzen Diners nochmals hinüberzublicken. Anders +Edgar, der unablässig hinguckte, einmal sogar versuchte +hinüberzusprechen, eine Unstatthaftigkeit, die ihm sofort von seiner +Mutter energisch verwiesen wurde. Nach Tisch wurde ihm bedeutet, daß er +schlafen zu gehen habe, und ein emsiges Wispern begann zwischen ihm und +seiner Mama, dessen Endresultat war, daß es seinen heißen Bitten +verstattet wurde, zum andern Tisch hinüberzugehen und sich bei seinem +Freund zu empfehlen. Der Baron sagte ihm ein paar herzliche Worte, die +wieder die Augen des Kindes zum Flackern brachten, plauderte mit ihm ein +paar Minuten. Plötzlich aber, mit einer geschickten Wendung, drehte er +sich, aufstehend, zum andern Tisch hinüber, beglückwünschte die etwas +verwirrte Nachbarin zu ihrem klugen, aufgeweckten Sohn, rühmte den +Vormittag, den er so vortrefflich mit ihm verbracht hatte -- Edgar stand +dabei, rot vor Freude und Stolz --, und erkundigte sich schließlich nach +seiner Gesundheit so ausführlich und mit so viel Einzelfragen, daß die +Mutter zur Antwort gezwungen war. Und so gerieten sie unaufhaltsam in +ein längeres Gespräch, dem der Bub beglückt und mit einer Art Ehrfurcht +lauschte. Der Baron stellte sich vor und glaubte zu bemerken, daß sein +klingender Name auf die Eitle einen gewissen Eindruck machte. Jedenfalls +war sie von außerordentlicher Zuvorkommenheit gegen ihn, wiewohl sie +sich nichts vergab und sogar frühen Abschied nahm, des Buben halber, wie +sie entschuldigend beifügte. + +Der protestierte heftig, er sei nicht müde und gerne bereit, die ganze +Nacht aufzubleiben. Aber schon hatte seine Mutter dem Baron die Hand +geboten, der sie respektvoll küßte. + +Edgar schlief schlecht in dieser Nacht. Es war eine Wirrnis in ihm von +Glückseligkeit und kindischer Verzweiflung. Denn heute war etwas Neues +in seinem Leben geschehn. Zum ersten Male hatte er in die Schicksale von +Erwachsenen eingegriffen. Er vergaß, schon im Halbtraum, seine eigene +Kindheit und dünkte sich mit einem Male groß. Bisweilen hatte er, einsam +erzogen und oft kränklich, wenig Freunde gehabt. Für all sein +Zärtlichkeitsbedürfnis war niemand dagewesen als die Eltern, die sich +wenig um ihn kümmerten, und die Dienstboten. Und die Gewalt einer Liebe +wird immer falsch bemessen, wenn man sie nur nach ihrem Anlaß wertet und +nicht nach der Spannung, die ihr vorausgeht, jenem hohlen, dunkeln Raum +von Enttäuschung und Einsamkeit, der vor allen großen Ereignissen des +Herzens liegt. Ein überschweres, ein unverbrauchtes Gefühl hatte hier +gewartet und stürzte nun mit ausgebreiteten Armen dem ersten entgegen, +der es zu verdienen schien. Edgar lag im Dunkeln, beglückt und verwirrt, +er wollte lachen und mußte weinen. Denn er liebte diesen Menschen, wie +er nie einen Freund, nie Vater und Mutter und nicht einmal Gott geliebt +hatte. Die ganze unreife Leidenschaft seiner früheren Jahre umklammerte +das Bild dieses Menschen, dessen Namen er vor zwei Stunden noch nicht +gekannt hatte. + +Aber er war doch klug genug, um durch das Unerwartete und Eigenartige +dieser neuen Freundschaft nicht bedrängt zu sein. Was ihn so sehr +verwirrte, war das Gefühl seiner Unwertigkeit, seiner Nichtigkeit. +»Passe ich denn zu ihm, ich, ein kleiner Bub, zwölf Jahre alt, der noch +die Schule vor sich hat, der abends vor allen andern ins Bett geschickt +wird?« quälte er sich ab. »Was kann ich ihm sein, was kann ich ihm +bieten?« Gerade dieses qualvoll empfundene Unvermögen, irgendwie sein +Gefühl zeigen zu können, machte ihn unglücklich. Sonst, wenn er einen +Kameraden liebgewonnen hatte, war es sein Erstes, die paar kleinen +Kostbarkeiten seines Pultes, Briefmarken und Steine, den kindischen +Besitz der Kindheit, mit ihm zu teilen, aber all diese Dinge, die ihm +gestern noch von hoher Bedeutung und seltenem Reiz waren, schienen ihm +mit einem Male entwertet, läppisch und verächtlich. Denn wie konnte er +derlei diesem neuen Freunde bieten, dem er nicht einmal wagen durfte, +das Du zu erwidern; wo war ein Weg, eine Möglichkeit, seine Gefühle zu +verraten? Immer mehr und mehr empfand er die Qual, klein zu sein, etwas +Halbes, Unreifes, ein Kind von zwölf Jahren, und noch nie hatte er so +stürmisch das Kindsein verflucht, so herzlich sich gesehnt, anders +aufzuwachen, so wie er sich träumte: groß und stark, ein Mann, ein +Erwachsener wie die andern. + +In diese unruhigen Gedanken flochten sich rasch die ersten farbigen +Träume von dieser neuen Welt des Mannseins. Edgar schlief endlich mit +einem Lächeln ein, aber doch, die Erinnerung der morgigen Verabredung +unterhöhlte seinen Schlaf. Er schreckte schon um sieben Uhr mit der +Angst auf, zu spät zu kommen. Hastig zog er sich an, begrüßte die +erstaunte Mutter, die ihn sonst nur mit Mühe aus dem Bette bringen +konnte, in ihrem Zimmer und stürmte, ehe sie weitere Fragen stellen +konnte, hinab. Bis neun Uhr trieb er sich ungeduldig umher, vergaß, daß +er frühstücken sollte, einzig besorgt, den Freund für den Spaziergang +nicht lange warten zu lassen. + +Um halb zehn kam endlich der Baron sorglos angeschlendert. Er hatte +natürlich längst die Verabredung vergessen, jetzt aber, da der Knabe +gierig auf ihn losschnellte, mußte er lächeln über soviel Leidenschaft +und zeigte sich bereit, sein Versprechen einzuhalten. Er nahm den Buben +wieder unterm Arm, ging mit dem Strahlenden auf und nieder, nur daß er +sanft, aber nachdrücklich abwehrte, schon jetzt den gemeinsamen +Spaziergang zu beginnen. Er schien auf irgend etwas zu warten, +wenigstens deutete darauf sein nervös die Türen abgreifender Blick. +Plötzlich straffte er sich empor. Edgars Mama war hereingetreten und +kam, den Gruß erwidernd, freundlich auf beide zu. Sie lächelte +zustimmend, als sie von dem beabsichtigten Spaziergang vernahm, den ihr +Edgar als etwas zu Kostbares verschwiegen hatte, ließ sich aber rasch +von der Einladung des Barons zum Mitgehen bestimmen. + +Edgar wurde sofort mürrisch und biß die Lippen. Wie ärgerlich, daß sie +gerade jetzt vorbeikommen mußte! Dieser Spaziergang hatte doch ihm +allein gehört, und wenn er seinen Freund auch der Mama vorgestellt +hatte, so war das nur eine Liebenswürdigkeit von ihm gewesen, aber +teilen wollte er ihn deshalb nicht. Schon regte sich in ihm etwas wie +Eifersucht, als er die Freundlichkeit des Barons zu seiner Mutter +bemerkte. + +Sie gingen dann zu dritt spazieren, und das gefährliche Gefühl seiner +Wichtigkeit und plötzlichen Bedeutsamkeit wurde in dem Kinde noch +genährt durch das auffällige Interesse, das beide ihm widmeten. Edgar +war fast ausschließlich Gegenstand der Konversation, indem sich die +Mutter mit etwas erheuchelter Besorgnis über seine Blässe und Nervosität +aussprach, während der Baron wieder dies lächelnd abwehrte und sich +rühmend über die nette Art seines »Freundes«, wie er ihn nannte, erging. +Es war Edgars schönste Stunde. Er hatte Rechte, die ihm niemals im Laufe +seiner Kindheit zugestanden worden waren. Er durfte mitreden, ohne +sofort zur Ruhe verwiesen zu werden, sogar allerhand vorlaute Wünsche +äußern, die ihm bislang übel aufgenommen worden wären. Und es war nicht +verwunderlich, daß in ihm das trügerische Gefühl üppig wuchernd wuchs, +daß er ein Erwachsener sei. Schon lag die Kindheit in seinen hellen +Träumen hinter ihm, wie ein weggeworfenes, entwachsenes Kleid. + +Mittag saß der Baron, der Einladung der immer freundlicheren Mutter +Edgars folgend, an ihrem Tisch. Aus dem =vis-à-vis= war ein Nebeneinander +geworden, aus der Bekanntschaft eine Freundschaft. Das Terzett war im +Gang, und die drei Stimmen der Frau, des Mannes und des Kindes klangen +rein zusammen. + + + + +Angriff + + +Nun schien es dem ungeduldigen Jäger an der Zeit, sein Wild +anzuschleichen. Das Familiäre, der Dreiklang in dieser Angelegenheit +mißfiel ihm. Es war ja ganz nett, so zu dritt zu plaudern, aber +schließlich, Plaudern war nicht seine Absicht. Und er wußte, daß das +Gesellschaftliche mit dem Maskenspiel seiner Begehrlichkeit das +Erotische zwischen Mann und Frau immer retardiert, den Worten die Glut, +dem Angriff sein Feuer nimmt. Sie sollte über der Konversation nie seine +eigentliche Absicht vergessen, die er -- dessen war er sicher -- von ihr +bereits verstanden wußte. + +Daß sein Bemühen bei dieser Frau nicht vergeblich sein würde, hatte viel +Wahrscheinlichkeiten. Sie war in jenen entscheidenden Jahren, wo eine +Frau zu bereuen beginnt, einem eigentlich nie geliebten Gatten treu +geblieben zu sein, und wo der purpurne Sonnenuntergang ihrer Schönheit +ihr noch eine letzte dringlichste Wahl zwischen dem Mütterlichen und dem +Weiblichen gewährt. Das Leben, das schon längst beantwortet schien, wird +in dieser Minute noch einmal zur Frage, zum letzten Male zittert die +magnetische Nadel des Willens zwischen der Hoffnung auf erotisches +Erleben und der endgültigen Resignation. Eine Frau hat dann die +gefährliche Entscheidung, ihr eigenes Schicksal oder das ihrer Kinder zu +leben, Frau oder Mutter zu sein. Und der Baron, scharfsichtig in diesen +Dingen, glaubte bei ihr gerade dieses gefährliche Schwanken zwischen +Lebensglut und Aufopferung zu bemerken. Sie vergaß beständig im +Gespräch, ihren Gatten zu erwähnen, der offenbar nur ihren äußeren +Bedürfnissen, nicht aber ihren durch vornehme Lebensführung gereizten +Snobismus zu befriedigen schien, und wußte innerlich eigentlich herzlich +wenig von ihrem Kinde. Ein Schatten von Langeweile, als Melancholie in +den dunklen Augen verschleiert, lag über ihrem Leben und verdunkelte +ihre Sinnlichkeit. + +Der Baron beschloß rasch vorzugehen, aber gleichzeitig jeden Anschein +von Eile zu vermeiden. Im Gegenteil, er wollte, wie der Angler den Haken +lockend zurückzieht, dieser neuen Freundschaft seinerseits äußerliche +Gleichgültigkeit entgegensetzen, wollte um sich werben lassen, während +er doch in Wahrheit der Werbende war. Er nahm sich vor, einen gewissen +Hochmut zu outrieren, den Unterschied ihres sozialen Standes scharf +herauszukehren, und der Gedanke reizte ihn, nur durch das Betonen seines +Hochmutes, durch ein Äußeres, durch einen klingenden aristokratischen +Namen und kalte Manieren diesen üppigen, vollen schönen Körper gewinnen +zu können. + +Das heiße Spiel begann ihn schon zu erregen, und darum zwang er sich zur +Vorsicht. Den Nachmittag verblieb er in seinem Zimmer mit dem angenehmen +Bewußtsein, gesucht und vermißt zu werden. Aber diese Abwesenheit wurde +nicht so sehr von ihr bemerkt, gegen die sie eigentlich gezielt war, +sondern gestaltete sich für den armen Buben zur Qual. Edgar fühlte sich +den ganzen Nachmittag unendlich hilflos und verloren; mit der Knaben +eigenen hartnäckigen Treue wartete er die ganzen langen Stunden +unablässig auf seinen Freund. Es wäre ihm wie ein Vergehen gegen die +Freundschaft erschienen, wegzugehen oder irgend etwas allein zu tun. +Unnütz trollte er sich in den Gängen herum, und je später es wurde, um +so mehr füllte sich sein Herz mit Unglück an. In der Unruhe seiner +Phantasie träumte er schon von einem Unfall oder einer unbewußt +zugefügten Beleidigung und war schon nahe daran, zu weinen vor Ungeduld +und Angst. + +Als der Baron dann abends zu Tisch kam, wurde er glänzend empfangen. +Edgar sprang, ohne auf den abmahnenden Ruf seiner Mutter und das +Erstaunen der anderen Leute zu achten, ihm entgegen, umfaßte stürmisch +seine Brust mit den mageren Ärmchen. »Wo waren Sie? Wo sind Sie +gewesen?« rief er hastig. »Wir haben Sie überall gesucht.« Die Mutter +errötete bei dieser unwillkommenen Einbeziehung und sagte ziemlich hart: +»=Sois sage, Edgar! Assieds toi!=« (Sie sprach nämlich immer Französisch +mit ihm, obwohl ihr diese Sprache gar nicht so sehr selbstverständlich +war und sie bei umständlichen Erläuterungen leicht auf Sand geriet.) +Edgar gehorchte, ließ aber nicht ab, den Baron auszufragen. »Aber vergiß +doch nicht, daß der Herr Baron tun kann, was er will. Vielleicht +langweilt ihn unsere Gesellschaft.« Diesmal bezog sie sich selber ein, +und der Baron fühlte mit Freude, wie dieser Vorwurf um ein Kompliment +warb. + +Der Jäger in ihm wachte auf. Er war berauscht, erregt, so rasch hier die +richtige Fährte gefunden zu haben, das Wild ganz nahe vor dem Schuß nun +zu fühlen. Seine Augen glänzten, das Blut flog ihm leicht durch die +Adern, die Rede sprudelte ihm, er wußte selbst nicht wie, von den +Lippen. Er war, wie jeder stark erotisch veranlagte Mensch doppelt so +gut, doppelt er selbst, wenn er wußte, daß er Frauen gefiel, so wie +manche Schauspieler erst feurig werden, wenn sie die Hörer, die atmende +Masse vor ihnen ganz im Bann spüren. Er war immer ein guter, mit +sinnlichen Bildern begabter Erzähler gewesen, aber heute -- er trank ein +paar Gläser Champagner dazwischen, den er zu Ehren der neuen +Freundschaft bestellt hatte -- übertraf er sich selbst. Er erzählte von +indischen Jagden, denen er als Gastfreund eines hohen aristokratischen +englischen Freundes beigewohnt hatte, klug dies Thema wählend, weil es +indifferent war und er anderseits spürte, wie alles Exotische und für +sie Unerreichbare diese Frau erregte. Wen er aber damit bezauberte, das +war vor allem Edgar, dessen Augen vor Begeisterung flammten. Er vergaß +zu essen, zu trinken und starrte dem Erzähler die Worte von den Lippen +weg. Nie hatte er gehofft, einen Menschen wirklich zu sehen, der diese +ungeheuren Dinge erlebt hatte, von denen er in seinen Büchern las, die +Tigerjagden, die braunen Menschen, die Hindus und das Dschaggernat, das +furchtbare Rad, das tausend Menschen unter seinen Speichen begrub. +Bisher hatte er nie daran gedacht, daß es solche Menschen wirklich gäbe, +so wenig wie er die Länder der Märchen glaubte, und diese Sekunde +sprengte in ihm irgendein großes Gefühl zum ersten Male auf. Er konnte +den Blick von seinem Freunde nicht wenden, starrte mit gepreßtem Atem +auf die Hände da hart vor ihm, die einen Tiger getötet hatten. Kaum +wagte er etwas zu fragen, und dann klang seine Stimme fieberig erregt. +Seine rasche Phantasie zauberte ihm immer das Bild zu den Erzählungen +herauf, er sah den Freund hoch auf einem Elefanten mit purpurner +Schabracke, braune Männer rechts und links mit kostbaren Turbans und +dann plötzlich den Tiger, der mit seinen gebleckten Zähnen aus dem +Dschungel vorsprang und dem Elefanten die Pranke in den Rüssel schlug. +Jetzt erzählte der Baron noch Interessanteres, wie listig man Elefanten +fing, indem man durch alte, gezähmte Tiere die jungen, wilden und +übermütigen in die Verschläge locken ließ: die Augen des Kindes sprühten +Feuer. Da sagte -- ihm war, als fiele blitzend ein Messer vor ihm +nieder -- die Mama plötzlich, mit einem Blick auf die Uhr: »=Neuf heures! +Au lit!=« + +Edgar wurde blaß vor Schreck. Für alle Kinder ist das +Zu-Bette-geschickt-werden ein furchtbares Wort, weil es für sie die +offenkundigste Demütigung vor den Erwachsenen ist, das Eingeständnis, +das Stigma der Kindheit, des Kleinseins, der kindischen +Schlafbedürftigkeit. Aber wie furchtbar war solche Schmach in diesem +interessantesten Augenblick, da sie ihn solche unerhörte Dinge versäumen +ließ. + +»Nur das eine noch, Mama, das von den Elefanten, nur das laß mich +hören!« + +Er wollte zu betteln beginnen, besann sich aber rasch auf seine neue +Würde als Erwachsener. Einen einzigen Versuch wagte er bloß. Aber seine +Mutter war heute merkwürdig streng. »Nein, es ist schon spät. Geh nur +hinauf! =Sois sage, Edgar.= Ich erzähl dir schon alle die Geschichten des +Herrn Barons genau wieder.« + +Edgar zögerte. Sonst begleitete ihn seine Mutter immer zu Bette. Aber er +wollte nicht betteln vor dem Freunde. Sein kindischer Stolz wollte +diesem kläglichen Abgang noch einen Schein von Freiwilligkeit retten. + +»Aber wirklich, Mama, du erzählst mir alles, alles! Das von den +Elefanten und alles andere!« + +»Ja, mein Kind.« + +»Und sofort! Noch heute!« + +»Ja, ja, aber jetzt geh nur schlafen. Geh!« + +Edgar bewunderte sich selbst, daß es ihm gelang, dem Baron und seiner +Mama die Hand zu reichen, ohne zu erröten, obschon das Schluchzen ihm +schon ganz hoch in der Kehle saß. Der Baron beutelte ihm +freundschaftlich den Schopf, das zwang noch ein Lächeln über sein +gespanntes Gesicht. Aber dann mußte er rasch zur Türe eilen, sonst +hätten sie gesehen, wie ihm die dicken Tränen über die Wangen liefen. + + + + +Die Elefanten + + +Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron bei Tisch, aber +sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden mehr. Eine leise Schwüle, +eine rasch auffliegende Verlegenheit kam in ihr Gespräch, seit der Bub +sie verlassen hatte. Schließlich gingen sie hinüber in die Hall und +setzten sich in eine Ecke. Der Baron war blendender als je, sie selbst +leicht befeuert durch die paar Glas Champagner, und so nahm die +Konversation rasch einen gefährlichen Charakter an. Der Baron war +eigentlich nicht hübsch zu nennen, er war nur jung und blickte sehr +männlich aus seinem dunkelbraunen energischen Bubengesicht mit dem kurz +geschorenen Haar und entzückte sie durch die frischen, fast ungezogenen +Bewegungen. Sie sah ihn gern jetzt von der Nähe und fürchtete auch nicht +mehr seinen Blick. Doch allmählich schlich sich in seine Reden eine +Kühnheit, die sie leicht verwirrte, etwas, das wie Greifen an ihrem +Körper war, ein Betasten und wieder Lassen, irgendein unfaßbar +Begehrliches, das ihr das Blut in die Wangen trieb. Aber dann lachte er +wieder leicht, ungezwungen, knabenhaft, und das gab all den kleinen +Begehrlichkeiten den losen Schein kindlicher Scherze. Manchmal war ihr, +als müßte sie ein Wort schroff zurückweisen, aber kokett von Natur, +wurde sie durch diese kleinen Lüsternheiten nur gereizt, mehr +abzuwarten. Und hingerissen von dem verwegenen Spiel versuchte sie am +Ende sogar, ihm nachzutun. Sie warf kleine, flatternde Versprechungen +auf den Blicken hinüber, gab sich in Worten und Bewegungen schon hin, +duldete sogar sein Heranrücken, die Nähe seiner Stimme, deren Atem sie +manchmal warm und zuckend an den Schultern spürte. Wie alle Spieler +vergaßen sie die Zeit und verloren sich so gänzlich in dem heißen +Gespräch, daß sie erst aufschreckten, als die Hall sich um Mitternacht +abzudunkeln begann. + +Sie sprang sofort empor, dem ersten Erschrecken gehorchend, und fühlte +mit einem Male, wie verwegen weit sie sich vorgewagt hatte. Ihr war +sonst das Spiel mit dem Feuer nicht fremd, aber jetzt spürte ihr +aufgereizter Instinkt, wie nahe dieses Spiel schon dem Ernste war. Mit +Schauern entdeckte sie, daß sie sich nicht mehr ganz sicher fühlte, daß +irgend etwas in ihr zu gleiten begann und sich beängstigend dem Wirbel +zudrehte. Im Kopf wogte alles in einem Wirbel von Angst, von Wein und +heißen Reden, eine dumme, sinnlose Angst überfiel sie, jene Angst, die +sie schon einige Male in ihrem Leben in solchen gefährlichen Sekunden +gekannt hatte, aber nie so schwindelnd und gewalttätig. »Gute Nacht, +gute Nacht. Auf morgen früh«, sagte sie hastig und wollte entlaufen. +Entlaufen nicht ihm so sehr, wie der Gefahr dieser Minute und einer +neuen, fremdartigen Unsicherheit in sich selbst. Aber der Baron hielt +die dargebotene Abschiedshand mit sanfter Gewalt, küßte sie, und nicht +nur in Korrektheit ein einziges Mal, sondern vier- oder fünfmal mit den +Lippen von den feinen Fingerspitzen bis hinauf zum Handgelenk, zitternd, +wobei sie mit einem leichten Frösteln seinen rauhen Schnurrbart über den +Handrücken kitzeln fühlte. Irgendein warmes und beklemmendes Gefühl flog +von dort mit dem Blut durch den ganzen Körper, Angst schoß heiß empor, +hämmerte drohend an die Schläfen, ihr Kopf glühte, die Angst, die +sinnlose Angst zuckte jetzt durch ihren ganzen Körper, und sie entzog +ihm rasch die Hand. + +»Bleiben Sie doch noch«, flüsterte der Baron. Aber schon eilte sie fort +mit einer Ungelenkigkeit der Hast, die ihre Angst und Verwirrung +augenfällig machte. In ihr war jetzt die Erregtheit, die der andere +wollte, sie fühlte, wie alles in ihr verworren war. Die grausam +brennende Angst jagte sie, der Mann hinter ihr möchte ihr folgen und sie +fassen, gleichzeitig aber, noch im Entspringen, spürte sie schon ein +Bedauern, daß er es nicht tat. In dieser Stunde hätte das geschehen +können, was sie seit Jahren unbewußt ersehnte, das Abenteuer, dessen +nahen Hauch sie wollüstig liebte, um ihm bisher immer im letzten +Augenblick zu entweichen, das große und gefährliche, nicht nur der +flüchtige, aufreizende Flirt. Aber der Baron war zu stolz, einer +günstigen Sekunde nachzulaufen. Er war seines Sieges zu gewiß, um diese +Frau räuberisch in einer schwachen, weintrunkenen Minute zu nehmen, im +Gegenteil, den fairen Spieler reizte nur der Kampf und die Hingabe bei +vollem Bewußtsein. Entrinnen konnte sie ihm nicht. Ihr zuckte, das +merkte er, das heiße Gift schon in den Adern. + +Oben auf der Treppe blieb sie stehen, die Hand an das keuchende Herz +gepreßt. Sie mußte ausruhen eine Sekunde. Ihre Nerven versagten. Ein +Seufzer brach aus der Brust, halb Beruhigung, einer Gefahr entronnen zu +sein, halb Bedauern; aber das alles war verworren und wirrte im Blut nur +als leises Schwindligsein weiter. Mit halbgeschlossenen Augen, wie eine +Betrunkene, tappte sie weiter zu ihrer Türe und atmete auf, da sie jetzt +die kühle Klinke faßte. Jetzt empfand sie sich erst in Sicherheit! + +Leise bog sie die Türe ins Zimmer. Und schrak schon zurück in der +nächsten Sekunde. Irgend etwas hatte sich gerührt in dem Zimmer, ganz +rückwärts im Dunkeln. Ihre erregten Nerven zuckten grell, schon wollte +sie um Hilfe schreien, da kam es leise von drinnen, mit ganz +schlaftrunkener Stimme: »Bist du es, Mama?« + +»Um Gottes willen, was machst du da?« Sie stürzte hin zum Diwan, wo +Edgar zusammengeknüllt lag und sich eben vom Schlafe aufraffte. Ihr +erster Gedanke war, das Kind müsse krank sein oder Hilfe bedürftig. + +Aber Edgar sagte, ganz verschlafen noch und mit leisem Vorwurf: »Ich +habe so lange auf dich gewartet, und dann bin ich eingeschlafen.« + +»Warum denn?« + +»Wegen der Elefanten.« + +»Was für Elefanten?« + +Jetzt erst begriff sie. Sie hatte ja dem Kinde versprochen, alles zu +erzählen, heute noch, von der Jagd und den Abenteuern. Und da hatte sich +dieser Bub auf ihr Zimmer geschlichen, dieser einfältige, kindische Bub, +und im sicheren Vertrauen gewartet, bis sie kam, und war darüber +eingeschlafen. Die Extravaganz empörte sie. Oder eigentlich, sie fühlte +Zorn gegen sich selbst, ein leises Raunen von Schuld und Scham, das sie +überschreien wollte. »Geh sofort zu Bett, du ungezogener Fratz«, schrie +sie ihn an. Edgar staunte ihr entgegen. Warum war sie so zornig mit ihm, +er hatte doch nichts getan? Aber diese Verwunderung reizte die schon +Aufgeregte noch mehr. »Geh sofort in dein Zimmer«, schrie sie wütend, +weil sie fühlte, daß sie ihm unrecht tat. Edgar ging ohne ein Wort. Er +war eigentlich furchtbar müde und spürte nur verworren durch den +drückenden Nebel von Schlaf, daß seine Mutter ein Versprechen nicht +gehalten hatte und daß man in irgendeiner Weise gegen ihn schlecht war. +Aber er revoltierte nicht. In ihm war alles stumpf durch die Müdigkeit; +und dann, er ärgerte sich sehr, hier oben eingeschlafen zu sein, statt +wach zu warten. »Ganz wie ein kleines Kind«, sagte er empört zu sich +selber, ehe er wieder in Schlaf fiel. + +Denn seit gestern haßte er seine eigene Kindheit. + + + + +Geplänkel + + +Der Baron hatte schlecht geschlafen. Es ist immer gefährlich, nach einem +abgebrochenen Abenteuer zu Bette zu gehen: eine unruhige, von schwülen +Träumen gefährdete Nacht ließ es ihn bald bereuen, die Minute nicht mit +hartem Griff gepackt zu haben. Als er morgens, noch von Schlaf und +Mißmut umwölkt, hinunterkam, sprang ihm der Knabe aus einem Versteck +entgegen, schloß ihn begeistert in die Arme und begann ihn mit tausend +Fragen zu quälen. Er war glücklich, seinen großen Freund wieder eine +Minute für sich zu haben und nicht mit der Mama teilen zu müssen. Nur +ihm sollte er erzählen, nicht mehr Mama, bestürmte er ihn, denn die +hätte, trotz ihres Versprechens, ihm nichts von all den wunderbaren +Dingen wiedergesagt. Er überschüttete den unangenehm Aufgeschreckten, +der seine Mißlaune nur schlecht verbarg, mit hundert kindischen +Belästigungen. In diese Fragen mengte er überdies stürmische Bezeugungen +seiner Liebe, glückselig, wieder mit dem Langgesuchten und seit +frühmorgens Erwarteten allein zu sein. + +Der Baron antwortete unwirsch. Dieses ewige Auflauern des Kindes, die +Läppischkeit der Fragen, wie überhaupt die unbegehrte Leidenschaft +begann ihn zu langweilen. Er war müde, nun tagaus, tagein mit einem +zwölfjährigen Buben herumzuziehen und mit ihm Unsinn zu schwatzen. Ihm +lag jetzt nur daran, die Mutter allein zu fassen, was eben durch des +Kindes unerwünschte Anwesenheit zum Problem wurde. Ein erstes Unbehagen +vor dieser unvorsichtig geweckten Zärtlichkeit bemächtigte sich seiner, +denn vorläufig sah er keine Möglichkeit, den allzu anhänglichen Freund +loszuwerden. + +Immerhin: es kam auf den Versuch an. Bis zehn Uhr, der Stunde, die er +mit der Mutter zum Spaziergang verabredet hatte, ließ er das eifrige +Gerede des Buben achtlos über sich hinplätschern, warf manchmal einen +Brocken Gespräch hin, um ihn nicht zu beleidigen, durchblätterte aber +gleichzeitig die Zeitung. Endlich, als der Zeiger fast senkrecht stand, +bat er Edgar, wie sich plötzlich erinnernd, für ihn ins andere Hotel +bloß einen Augenblick hinüberzugehen, um dort nachzufragen, ob der Graf +Grundheim, sein Vetter, schon angekommen sei. + +Das arglose Kind, glückselig, endlich einmal seinem Freund mit etwas +dienlich sein zu können, stolz auf seine Würde als Bote, sprang sofort +weg und stürmte so toll den Weg hin, daß die Leute ihm verwundert +nachstarrten. Aber ihm war gelegen, zu zeigen, wie flink er war, wenn +man ihm Botschaften vertraute. Der Graf war, so sagte man ihm dort, noch +nicht eingetroffen, ja zur Stunde gar nicht angemeldet. Diese Nachricht +brachte er in neuerlichem Sturmschritt zurück. Aber in der Halle war der +Baron nicht mehr zu finden. So klopfte er an seine Zimmertür, -- +vergeblich! Beunruhigt rannte er alle Räume ab, das Musikzimmer und das +Kaffeehaus, stürmte aufgeregt zu seiner Mama, um Erkundigungen +einzuziehen: auch sie war fort. Der Portier, an den er sich schließlich +ganz verzweifelt wandte, sagte ihm zu seiner Verblüffung, sie seien +beide vor einigen Minuten gemeinsam weggegangen! + +Edgar wartete geduldig. Seine Arglosigkeit vermutete nichts Böses. Sie +konnten ja nur eine kurze Weile wegbleiben, dessen war er sicher, denn +der Baron brauchte ja seinen Bescheid. Aber die Zeit streckte breit ihre +Stunden, Unruhe schlich sich an ihn heran. Überhaupt, seit dem Tage, da +sich dieser fremde, verführerische Mensch in sein kleines, argloses +Leben gemengt hatte, war das Kind den ganzen Tag angespannt, gehetzt und +verwirrt. In einen so feinen Organismus, wie den der Kinder, drückt jede +Leidenschaft wie in weiches Wachs ihre Spuren. Das nervöse Zittern der +Augenlider trat wieder auf, schon sah er blässer aus. Edgar wartete und +wartete, geduldig zuerst, dann wild erregt und schließlich schon dem +Weinen nah. Aber argwöhnisch war er noch immer nicht. Sein blindes +Vertrauen in diesen wundervollen Freund vermutete ein Mißverständnis, +und geheime Angst quälte ihn, er möchte vielleicht den Auftrag falsch +verstanden haben. + +Wie seltsam aber war erst dies, daß sie jetzt, da sie endlich +zurückkamen, heiter plaudernd blieben und gar keine Verwunderung +bezeigten. Es schien, als hätten sie ihn gar nicht sonderlich vermißt: +»Wir sind dir entgegengegangen, weil wir hofften, dich am Weg zu +treffen, Edi«, sagte der Baron, ohne sich nach dem Auftrag zu +erkundigen. Und als das Kind, ganz erschrocken, sie könnten ihn +vergebens gesucht haben, zu beteuern begann, er sei nur auf dem geraden +Wege der Hochstraße gelaufen, und wissen wollte, welche Richtung sie +gewählt hätten, da schnitt die Mama kurz das Gespräch ab. »Schon gut, +schon gut! Kinder sollen nicht soviel reden.« + +Edgar wurde rot vor Ärger. Das war nun schon das zweite Mal so ein +niederträchtiger Versuch, ihn vor seinem Freund herabzusetzen. Warum tat +sie das, warum versuchte sie immer, ihn als Kind darzustellen, das er +doch -- er war davon überzeugt -- nicht mehr war? Offenbar war sie ihm +neidisch auf seinen Freund und plante, ihn zu sich herüberzuziehen. Ja, +und sicherlich war sie es auch, die den Baron mit Absicht den falschen +Weg geführt hatte. Aber er ließ sich nicht von ihr mißhandeln, das +sollte sie sehen. Er wollte ihr schon Trotz bieten. Und Edgar beschloß, +heute bei Tisch kein Wort mit ihr zu reden, nur mit seinem Freund +allein. + +Doch das wurde ihm hart. Was er am wenigsten erwartet hatte, trat ein: +man bemerkte seinen Trotz nicht. Ja, sogar ihn selber schienen sie nicht +zu sehen, ihn, der doch gestern Mittelpunkt ihres Beisammenseins gewesen +war! Sie sprachen beide über ihn hinweg, scherzten zusammen und lachten, +als ob er unter den Tisch gesunken wäre. Das Blut stieg ihm zu den +Wangen, in der Kehle saß ein Knollen, der ihm den Atem erwürgte. Mit +Schauern wurde er seiner entsetzlichen Machtlosigkeit bewußt. Er sollte +also hier ruhig sitzen und zusehen, wie seine Mutter ihm den Freund +wegnahm, den einzigen Menschen, den er liebte, und sollte sich nicht +wehren können, nicht anders als durch Schweigen? Ihm war, als müßte er +aufstehen und plötzlich mit beiden Fäusten auf den Tisch losschlagen. +Nur damit sie ihn bemerkten. Aber er hielt sich zusammen, legte bloß +Gabel und Messer nieder und rührte keinen Bissen mehr an. Aber auch dies +hartnäckige Fasten merkten sie lange nicht, erst beim letzten Gang fiel +es der Mutter auf, und sie fragte, ob er sich nicht wohl fühle. +Widerlich, dachte er sich, immer denkt sie nur das eine, ob ich nicht +krank bin, sonst ist ihr alles einerlei. Er antwortete kurz, er habe +keine Lust, und damit gab sie sich zufrieden. Nichts, gar nichts erzwang +ihm Beachtung. Der Baron schien ihn vergessen zu haben, wenigstens +richtete er nicht ein einziges Mal das Wort an ihn. Heißer und heißer +quoll es ihm in die Augen, und er mußte die kindische List anwenden, +rasch die Serviette zu heben, ehe es jemand sehen konnte, daß Tränen +über seine Wangen sprangen und ihm salzig die Lippen näßten. Er atmete +auf, wie das Essen zu Ende war. + +Während des Diners hatte seine Mutter eine gemeinsame Wagenfahrt nach +Maria-Schutz vorgeschlagen. Edgar hatte es gehört, die Lippe zwischen +den Zähnen. Nicht eine Minute wollte sie ihn also mehr mit seinem +Freunde allein lassen. Aber sein Haß stieg erst wild auf, als sie ihm +jetzt beim Aufstehen sagte: »Edgar, du wirst noch alles für die Schule +vergessen, du solltest doch einmal zu Hause bleiben, ein bißchen +nachlernen!« Wieder ballte er die kleine Kinderfaust. Immer wollte sie +ihn vor seinem Freund demütigen, immer daran öffentlich erinnern, daß er +noch ein Kind war, daß er in die Schule gehen mußte und nur geduldet +unter Erwachsenen war. Diesmal war ihm die Absicht aber doch zu +durchsichtig. Er gab gar keine Antwort, sondern drehte sich kurzweg um. + +»Aha, wieder beleidigt«, sagte sie lächelnd, und dann zum Baron: »Wäre +das wirklich so arg, wenn er einmal eine Stunde arbeiten möchte?« + +Und da -- im Herzen des Kindes wurde etwas kalt und starr -- sagte der +Baron, er, der sich seinen Freund nannte, er, der ihn als Stubenhocker +verhöhnt hatte: »Na, eine Stunde oder zwei könnten wirklich nicht +schaden.« + +War das ein Einverständnis? Hatten sie sich wirklich beide gegen ihn +verbündet? In dem Blick des Kindes flammte der Zorn. »Mein Papa hat +verboten, daß ich hier lerne, Papa will, daß ich mich hier erhole«, +schleuderte er heraus mit dem ganzen Stolz auf seine Krankheit, +verzweifelt sich an das Wort, an die Autorität seines Vaters +anklammernd. Wie eine Drohung stieß er es heraus. Und was das +merkwürdigste war: das Wort schien tatsächlich in den beiden ein +Mißbehagen zu erwecken. Die Mutter sah weg und trommelte nur nervös mit +den Fingern auf den Tisch. Ein peinliches Schweigen stand breit zwischen +ihnen. »Wie du meinst, Edi«, sagte schließlich der Baron mit einem +erzwungenen Lächeln. »Ich muß ja keine Prüfung machen, ich bin schon +längst bei allen durchgefallen.« + +Aber Edgar lächelte nicht zu dem Scherz, sondern sah ihn nur an mit +einem prüfenden, sehnsüchtig eindringenden Blick, als wollte er ihm bis +in die Seele greifen. Was ging da vor? Etwas war verändert zwischen +ihnen, und das Kind wußte nicht warum. Unruhig ließ es die Augen +wandern. In seinem Herzen hämmerte ein kleiner, hastiger Hammer: der +erste Verdacht. + + + + +Brennendes Geheimnis + + +»Was hat sie so verwandelt?« sann das Kind, das ihnen im rollenden Wagen +gegenübersaß. »Warum sind sie nicht mehr zu mir wie früher? Weshalb +vermeidet Mama immer meinen Blick, wenn ich sie ansehe? Warum sucht er +immer vor mir Witze zu machen und den Hanswurst zu spielen? Beide reden +sie nicht mehr zu mir wie gestern und vorgestern, mir ist beinahe, als +hätten sie andere Gesichter bekommen. Mama hat heute so rote Lippen, sie +muß sie gefärbt haben. Das habe ich nie gesehen an ihr. Und er zieht +immer die Stirne kraus, als sei er beleidigt. Ich habe ihnen doch nichts +getan, kein Wort gesagt, das sie verdrießen konnte? Nein, ich kann nicht +die Ursache sein, denn sie sind selbst zueinander anders wie vordem. Sie +sind so, als ob sie etwas angestellt hätten, das sie sich nicht zu sagen +getrauen. Sie plaudern nicht mehr wie gestern, sie lachen auch nicht, +sie sind befangen, sie verbergen etwas. Irgendein Geheimnis ist zwischen +ihnen, das sie mir nicht verraten wollen. Ein Geheimnis, das ich +ergründen muß um jeden Preis. Ich kenne es schon, es muß dasselbe sein, +vor dem sie mir immer die Türe verschließen, von dem in den Büchern die +Rede ist und in den Opern, wenn die Männer und die Frauen mit +ausgebreiteten Armen gegeneinander singen, sich umfassen und sich +wegstoßen. Es muß irgendwie dasselbe sein, wie das mit meiner +französischen Lehrerin, die sich mit Papa so schlecht vertrug und die +dann weggeschickt wurde. All diese Dinge hängen zusammen, das spüre ich, +aber ich weiß nur nicht, wie. Oh, es zu wissen, endlich zu wissen, +dieses Geheimnis, ihn zu fassen, diesen Schlüssel, der alle Türen +aufschließt, nicht länger mehr Kind sein, vor dem man alles versteckt +und verhehlt, sich nicht mehr hinhalten lassen und betrügen. Jetzt oder +nie! Ich will es ihnen entreißen, dieses furchtbare Geheimnis.« Eine +Falte grub sich in seine Stirne, beinahe alt sah der schmächtige +Zwölfjährige aus, wie er so ernst vor sich hin grübelte, ohne einen +einzigen Blick an die Landschaft zu wenden, die sich in klingenden +Farben rings entfaltete, die Berge im gereinigten Grün ihrer +Nadelwälder, die Täler im noch zarten Glanz des verspäteten Frühlings. +Er sah nur immer die beiden ihm gegenüber im Rücksitz des Wagens an, als +könnte er mit diesen heißen Blicken wie mit einer Angel das Geheimnis +aus den glitzernden Tiefen ihrer Augen herausreißen. Nichts schärft +Intelligenz mehr als ein leidenschaftlicher Verdacht, nichts entfaltet +mehr alle Möglichkeiten eines unreifen Intellekts als eine Fährte, die +ins Dunkel läuft. Manchmal ist es ja nur eine einzige, dünne Tür, die +Kinder von der Welt, die wir die wirkliche nennen, abtrennt, und ein +zufälliger Windhauch weht sie ihnen auf. + +Edgar fühlte sich mit einem Male dem Unbekannten, dem großen Geheimnis +so greifbar nahe wie noch nie, er spürte es knapp vor sich, zwar noch +verschlossen und unenträtselt, aber nah, ganz nah. Das erregte ihn und +gab ihm diesen plötzlichen, feierlichen Ernst. Denn unbewußt ahnte er, +daß er am Rand seiner Kindheit stand. + +Die beiden gegenüber fühlten irgendeinen dumpfen Widerstand vor sich, +ohne zu ahnen, daß er von dem Knaben ausging. Sie fühlten sich eng und +gehemmt zu dritt im Wagen. Die beiden Augen ihnen gegenüber mit ihrer +dunkel in sich flackernden Glut behinderten sie. Sie wagten kaum zu +reden, kaum zu blicken. Zu ihrer vormaligen leichten, gesellschaftlichen +Konversation fanden sie jetzt nicht mehr zurück, schon zu sehr +verstrickt in dem Ton der heißen Vertraulichkeiten, jener gefährlichen +Worte, in denen die schmeichelnde Unzüchtigkeit von heimlichen +Betastungen zittert. Ihr Gespräch stieß immer auf Lücken und Stockungen. +Es blieb stehen, wollte weiter, aber stolperte immer wieder über das +hartnäckige Schweigen des Kindes. + +Besonders für die Mutter war sein verbissenes Schweigen eine Last. Sie +sah ihn vorsichtig von der Seite an und erschrak, als sie plötzlich in +der Art, wie das Kind die Lippen verkniff, zum erstenmal eine +Ähnlichkeit mit ihrem Mann erkannte, wenn er gereizt oder verärgert war. +Der Gedanke war ihr unbehaglich, gerade jetzt an ihren Mann erinnert zu +werden, da sie mit einem Abenteuer Versteck spielen wollte. Wie ein +Gespenst, ein Wächter des Gewissens, doppelt unerträglich hier in der +Enge des Wagens, zehn Zoll gegenüber mit seinen dunkel arbeitenden Augen +und dem Lauern hinter der blassen Stirn, schien ihr das Kind. Da schaute +Edgar plötzlich auf, eine Sekunde lang. Beide senkten sie sofort den +Blick: sie spürten, daß sie sich belauerten, zum erstenmal in ihrem +Leben. Bisher hatten sie einander blind vertraut, jetzt aber war etwas +zwischen Mutter und Kind, zwischen ihr und ihm plötzlich anders +geworden. Zum ersten Male in ihrem Leben begannen sie, sich zu +beobachten, ihre beiden Schicksale voneinander zu trennen, beide schon +mit einem heimlichen Haß gegeneinander, der nur noch zu neu war, als daß +sie sich ihn einzugestehen wagten. + +Alle drei atmeten sie auf, als die Pferde wieder vor dem Hotel hielten. +Es war ein verunglückter Ausflug gewesen, alle fühlten es, und keiner +wagte es zu sagen. Edgar sprang zuerst ab. Seine Mutter entschuldigte +sich mit Kopfschmerzen und ging eilig hinauf. Sie war müde und wollte +allein sein. Edgar und der Baron blieben zurück. Der Baron zahlte dem +Kutscher, sah auf die Uhr und schritt gegen die Hall zu, ohne den Buben +zu beachten. Er ging vorbei an ihm mit seinem feinen, schlanken Rücken, +diesem rhythmisch leichten Wiegegang, der das Kind so bezauberte und den +es gestern schon nachzuahmen versucht hatte. Er ging vorbei, glatt +vorbei. Offenbar hatte er den Knaben vergessen und ließ ihn stehen neben +dem Kutscher, neben den Pferden, als gehörte er nicht zu ihm. + +In Edgar riß irgend etwas entzwei, wie er ihn so vorübergehen sah, ihn, +den er trotz alldem noch immer so abgöttisch liebte. Verzweiflung brach +aus seinem Herzen, als er so vorbeiging, ohne ihn mit dem Mantel zu +streifen, ohne ihm ein Wort zu sagen, der sich doch keiner Schuld bewußt +war. Die mühsam bewahrte Fassung zerriß, die künstlich erhöhte Last der +Würde glitt ihm von den zu schmalen Schultern, er wurde wieder ein Kind, +klein und demütig wie gestern und vordem. Es riß ihn weiter wider seinen +Willen. Mit rasch zitternden Schritten ging er dem Baron nach, trat ihm, +der eben die Treppe hinauf wollte, in den Weg und sagte gepreßt, mit +schwer verhaltenen Tränen: + +»Was habe ich Ihnen getan, daß Sie nicht mehr auf mich achten? Warum +sind Sie jetzt immer so mit mir? Und die Mama auch? Warum wollen Sie +mich immer wegschicken? Bin ich Ihnen lästig, oder habe ich etwas +getan?« + +Der Baron schrak auf. In der Stimme war etwas, das ihn verwirrte und +weich stimmte. Mitleid überkam ihn mit dem arglosen Buben. »Edi, du bist +ein Narr! Ich war nur schlechter Laune heute. Und du bist ein lieber +Bub, den ich wirklich gern hab.« Dabei schüttelte er ihn am Schopf +tüchtig hin und her, aber doch das Gesicht halb abgewendet, um nicht +diese großen, feuchten, flehenden Kinderaugen sehen zu müssen. Die +Komödie, die er spielte, begann ihm peinlich zu werden. Er schämte sich +eigentlich schon, mit der Liebe dieses Kindes so frech gespielt zu +haben, und diese dünne, von unterirdischem Schluchzen geschüttelte +Stimme tat ihm weh. »Geh jetzt hinauf, Edi, heute abend werden wir uns +wieder vertragen, du wirst schon sehen«, sagte er begütigend. + +»Aber Sie dulden nicht, daß mich Mama gleich hinaufschickt. Nicht wahr?« + +»Nein, nein, Edi, ich dulde es nicht«, lächelte der Baron. »Geh nur +jetzt hinauf, ich muß mich anziehen für das Abendessen.« + +Edgar ging, beglückt für den Augenblick. Aber bald begann der Hammer im +Herzen sich wieder zu rühren. Er war um Jahre älter geworden seit +gestern; ein fremder Gast, das Mißtrauen, saß jetzt schon fest in seiner +kindischen Brust. + +Er wartete. Es galt ja die entscheidende Probe. Sie saßen zusammen bei +Tisch. Es wurde neun Uhr, aber die Mutter schickte ihn nicht zu Bett. +Schon wurde er unruhig. Warum ließ sie ihn gerade heute so lange hier +bleiben, sie, die sonst so genau war? Hatte ihr am Ende der Baron seinen +Wunsch und das Gespräch verraten? Brennende Reue überfiel ihn plötzlich, +ihm heute mit seinem vollen vertrauenden Herzen nachgelaufen zu sein. Um +zehn erhob sich plötzlich seine Mutter und nahm Abschied vom Baron. Und +seltsam, auch der schien durch diesen frühen Aufbruch keineswegs +verwundert zu sein, suchte auch nicht, wie sonst immer, sie +zurückzuhalten. Immer heftiger schlug der Hammer in der Brust des +Kindes. + +Nun galt es scharfe Probe. Auch er stellte sich nichtsahnend und folgte +ohne Widerrede seiner Mutter zur Tür. Dort aber zuckte er plötzlich auf +mit den Augen. Und wirklich, er fing in dieser Sekunde einen lächelnden +Blick, der über seinen Kopf von ihr gerade zum Baron hinüberging, einen +Blick des Einverständnisses, irgendeines Geheimnisses. Der Baron hatte +ihn also verraten. Deshalb also der frühe Aufbruch: er sollte heute +eingewiegt werden in Sicherheit, um ihnen morgen nicht mehr im Wege zu +sein. + +»Schuft«, murmelte er. + +»Was meinst du?« fragte die Mutter. + +»Nichts«, stieß er zwischen den Zähnen heraus. Auch er hatte jetzt sein +Geheimnis. Es hieß Haß, grenzenloser Haß gegen beide. + + + + +Schweigen + + +Edgars Unruhe war nun vorbei. Endlich genoß er ein reines, klares +Gefühl: Haß und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewiß war, ihnen im Weg +zu sein, wurde das Zusammensein für ihn zu einer grausam komplizierten +Wollust. Er weidete sich im Gedanken, sie zu stören, ihnen nun endlich +mit der ganzen geballten Kraft seiner Feindseligkeit entgegenzutreten. +Dem Baron wies er zuerst die Zähne. Als der morgens herabkam und ihn im +Vorübergehen herzlich mit einem »Servus, Edi« begrüßte, knurrte Edgar, +der, ohne aufzuschauen, im Fauteuil sitzen blieb, ihm nur ein hartes +»Morgen« zurück. »Ist die Mama schon unten?« Edgar blickte in die +Zeitung: »Ich weiß nicht.« Der Baron stutzte. Was war das auf einmal? +»Schlecht geschlafen, Edi, was?« Ein Scherz sollte wie immer +hinüberhelfen. Aber Edgar warf ihm nur wieder verächtlich ein »Nein« hin +und vertiefte sich neuerdings in die Zeitung. »Dummer Bub«, murmelte der +Baron vor sich hin, zuckte die Achseln und ging weiter. Die Feindschaft +war erklärt. + +Auch gegen seine Mama war Edgar kühl und höflich. Einen ungeschickten +Versuch, ihn auf den Tennisplatz zu schicken, wies er ruhig zurück. Sein +Lächeln, knapp an den Lippen aufgerollt und leise von Erbitterung +gekräuselt, zeigte, daß er sich nicht mehr betrügen lasse. »Ich gehe +lieber mit euch spazieren, Mama«, sagte er mit falscher Freundlichkeit +und blickte ihr in die Augen. Die Antwort war ihr sichtlich ungelegen. +Sie zögerte und schien etwas zu suchen. »Warte hier auf mich«, entschied +sie endlich und ging zum Frühstück. + +Edgar wartete. Aber sein Mißtrauen war rege. Ein unruhiger Instinkt +arbeitete nun zwischen jedem Wort dieser beiden eine geheime feindselige +Absicht heraus. Der Argwohn gab ihm jetzt manchmal eine merkwürdige +Hellsichtigkeit der Entschlüsse. Und statt, wie ihm angewiesen war, in +der Hall zu warten, zog Edgar es vor, sich auf der Straße zu postieren, +wo er nicht nur den einen Hauptausgang, sondern alle Türen überwachen +konnte. Irgend etwas in ihm witterte Betrug. Aber sie sollten ihm nicht +mehr entwischen. Auf der Straße drückte er sich, wie er es in seinen +Indianerbüchern gelernt hatte, hinter einen Holzstoß. Und lachte nur +zufrieden, als er nach etwa einer halben Stunde seine Mutter tatsächlich +aus der Seitentür treten sah, einen Busch prachtvoller Rosen in der Hand +und gefolgt vom Baron, dem Verräter. + +Beide schienen sie sehr übermütig. Atmeten sie schon auf, ihm entgangen +zu sein, allein für ihr Geheimnis? Sie lachten im Gespräch und schickten +sich an, den Waldweg hinabzugehen. + +Jetzt war der Augenblick gekommen. Edgar schlenderte gemächlich, als +hätte ein Zufall ihn hergeführt, hinter dem Holzstoß hervor. Ganz, ganz +gelassen ging er auf sie zu, ließ sich Zeit, sehr viel Zeit, um sich +ausgiebig an ihrer Überraschung zu weiden. Die beiden waren verblüfft +und tauschten einen befremdeten Blick. Langsam, mit gespielter +Selbstverständlichkeit kam das Kind heran und ließ seinen höhnischen +Blick nicht von ihnen. »Ah, da bist du, Edi, wir haben dich schon drin +gesucht«, sagte endlich die Mutter. Wie frech sie lügt, dachte das Kind. +Aber die Lippen blieben hart. Sie hielten das Geheimnis des Hasses +hinter den Zähnen. + +Unschlüssig standen sie alle drei. Einer lauerte auf den andern. »Also +gehen wir«, sagte resigniert die verärgerte Frau und zerpflückte eine +der schönen Rosen. Wieder dieses leichte Zittern um die Nasenflügel, das +bei ihr Zorn verriet. Edgar blieb stehen, als ginge ihn das nichts an, +sah ins Blaue, wartete, bis sie gingen, dann schickte er sich an, ihnen +zu folgen. Der Baron machte noch einen Versuch. »Heute ist +Tennisturnier, hast du das schon einmal gesehen?« Edgar blickte ihn nur +verächtlich an. Er antwortete ihm gar nicht mehr, zog nur die Lippen +krumm, als ob er pfeifen wollte. Das war sein Bescheid. Sein Haß wies +die blanken Zähne. + +Wie ein Alp lastete nun seine unerbetene Gegenwart auf den beiden. +Sträflinge gehen so hinter dem Wärter, mit heimlich geballten Fäusten. +Das Kind tat eigentlich gar nichts und wurde ihnen doch in jeder Minute +mehr unerträglich mit seinen lauernden Blicken, die feucht waren von +verbissenen Tränen, seiner gereizten Mürrischkeit, die alle +Annäherungsversuche wegknurrte. »Geh voraus«, sagte plötzlich wütend die +Mutter, beunruhigt durch sein fortwährendes Lauschen. »Tanz mir nicht +immer vor den Füßen, das macht mich nervös!« Edgar gehorchte, aber immer +nach ein paar Schritten wandte er sich um, blieb wartend stehen, wenn +sie zurückgeblieben waren, sie mit seinem Blick wie der schwarze Pudel +mephistophelisch umkreisend und einspinnend in dieses feurige Netz von +Haß, in dem sie sich unentrinnbar gefangen fühlten. + +Sein böses Schweigen zerriß wie eine Säure ihre gute Laune, sein Blick +vergällte ihnen das Gespräch. Der Baron wagte kein einziges werbendes +Wort mehr, er spürte, mit Zorn, diese Frau ihm wieder entgleiten, ihre +mühsam angefachte Leidenschaftlichkeit jetzt auskühlen in der Furcht vor +diesem lästigen, widerlichen Kind. Immer versuchten sie wieder zu reden, +immer brach ihre Konversation zusammen. Schließlich trotteten sie alle +drei schweigend über den Weg, hörten nur mehr die Bäume flüsternd +gegeneinander schlagen und ihren eigenen verdrossenen Schritt. Das Kind +hatte ihr Gespräch erdrosselt. + +Jetzt war in allen dreien die gereizte Feindseligkeit. Mit Wollust +spürte das verratene Kind, wie sich ihre Wut wehrlos gegen seine +mißachtete Existenz ballte. Mit zwinkernd höhnischem Blick streifte er +ab und zu das verbissene Gesicht des Barons. Er sah, wie der zwischen +den Zähnen Schimpfworte knirschte und an sich halten mußte, um sie nicht +gegen ihn zu speien, merkte zugleich auch mit diabolischer Lust den +aufsteigenden Zorn seiner Mutter, und daß beide nur einen Anlaß +ersehnten, sich auf ihn zu stürzen, ihn wegzuschieben oder unschädlich +zu machen. Aber er bot keine Gelegenheit, sein Haß war in langen Stunden +berechnet und gab sich keine Blößen. »Gehen wir zurück!« sagte plötzlich +die Mutter. Sie fühlte, daß sie nicht länger an sich halten könnte, daß +sie etwas tun müßte, aufschreien zumindest unter dieser Folter. »Wie +schade,« sagte Edgar ruhig, »es ist so schön.« + +Beide merkten, daß das Kind sie verhöhnte. Aber sie wagten nichts zu +sagen, dieser Tyrann hatte in zwei Tagen zu wundervoll gelernt, sich zu +beherrschen. Kein Zucken im Gesicht verriet die schneidende Ironie. Ohne +Wort gingen sie den langen Weg wieder heim. In ihr flackerte die +Erregung noch nach, als sie dann beide allein im Zimmer waren. Sie warf +den Sonnenschirm und ihre Handschuhe ärgerlich weg. Edgar merkte sofort, +daß ihre Nerven erregt waren und nach Entladung verlangten, aber er +wollte einen Ausbruch und blieb mit Absicht im Zimmer, um sie zu reizen. +Sie ging auf und ab, setzte sich wieder hin, ihre Finger trommelten auf +dem Tisch, dann sprang sie wieder auf. »Wie zerrauft du bist, wie +schmutzig du umhergehst! Es ist eine Schande vor den Leuten. Schämst du +dich nicht in deinem Alter?« Ohne ein Wort der Gegenrede ging das Kind +hin und kämmte sich. Dieses Schweigen, dieses obstinate kalte Schweigen +mit dem Zittern von Hohn auf den Lippen machte sie rasend. Am liebsten +hätte sie ihn geprügelt. »Geh auf dein Zimmer«, schrie sie ihn an. Sie +konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen. Edgar lächelte und ging. + +Wie sie jetzt beide zitterten vor ihm, wie sie Angst hatten, der Baron +und sie, vor jeder Stunde des Zusammenseins, dem unbarmherzig harten +Griff seiner Augen! Je unbehaglicher sie sich fühlten, in um so satterem +Wohlbehagen beglänzte sich sein Blick, um so herausfordernder wurde +seine Freude. Edgar quälte die Wehrlosen jetzt mit der ganzen, fast noch +tierischen Grausamkeit der Kinder. Der Baron konnte seinen Zorn noch +dämmen, weil er immer hoffte, dem Buben noch einen Streich spielen zu +können, und nur an sein Ziel dachte. Aber sie, die Mutter, verlor immer +wieder die Beherrschung. Für sie war es eine Erleichterung, ihn +anschreien zu können. »Spiel nicht mit der Gabel«, fuhr sie ihn bei +Tisch an. »Du bist ein unerzogener Fratz, verdienst noch gar nicht unter +Erwachsenen zu sitzen.« Edgar lächelte nur immer, lächelte, den Kopf ein +wenig schief zur Seite gelegt. Er wußte, daß dieses Schreien +Verzweiflung war, und empfand Stolz, daß sie sich so verrieten. Er hatte +jetzt einen ganz ruhigen Blick, wie den eines Arztes. Früher wäre er +vielleicht boshaft gewesen, um sie zu ärgern, aber man lernt viel und +rasch im Haß. Jetzt schwieg er nur, schwieg und schwieg, bis sie zu +schreien begann unter dem Druck seines Schweigens. + +Seine Mutter konnte es nicht länger ertragen. Als sie jetzt vom Essen +aufstanden und Edgar wieder mit dieser selbstverständlichen +Anhänglichkeit ihnen folgen wollte, brach es plötzlich los aus ihr. Sie +vergaß alle Rücksicht und spie die Wahrheit aus. Gepeinigt von seiner +schleichenden Gegenwart, bäumte sie sich wie ein von Fliegen gefoltertes +Pferd. »Was rennst du mir immer nach wie ein dreijähriges Kind. Ich will +dich nicht immer in der Nähe haben. Kinder gehören nicht zu Erwachsenen. +Merk dir das! Beschäftige dich doch einmal eine Stunde mit dir selbst. +Lies etwas oder tu, was du willst. Laß mich in Ruh! Du machst mich +nervös mit deinem Herumschleichen, deiner widerlichen Verdrossenheit.« + +Endlich hatte er es ihr entrissen, das Geständnis! Edgar lächelte, +während der Baron und sie jetzt verlegen schienen. Sie wandte sich ab +und wollte weiter, wütend über sich selbst, daß sie ihr Unbehagen dem +Kind eingestanden hatte. Aber Edgar sagte nur kühl: »Papa will nicht, +daß ich allein hier herumgehe. Papa hat mir das Versprechen abgenommen, +daß ich nicht unvorsichtig bin und bei dir bleibe.« + +Er betonte das Wort »Papa«, weil er damals bemerkt hatte, daß es eine +gewisse lähmende Wirkung auf die beiden übte. Auch sein Vater mußte also +irgendwie verstrickt sein in dieses heiße Geheimnis. Papa mußte +irgendeine geheime Macht über die beiden haben, die er nicht kannte, +denn schon die Erwähnung seines Namens schien ihnen Angst und Unbehagen +zu bereiten. Auch diesmal entgegneten sie nichts. Sie streckten die +Waffen. Die Mutter ging voran, der Baron mit ihr. Hinter ihnen kam +Edgar, aber nicht demütig wie ein Diener, sondern hart, streng und +unerbittlich wie ein Wächter. Unsichtbar klirrte er mit der Kette, an +der sie rüttelten und die nicht zu zersprengen war. Der Haß hatte seine +kindische Kraft gestählt, er, der Unwissende, war stärker als sie beide, +denen das Geheimnis die Hände band. + + + + +Die Lügner + + +Aber die Zeit drängte. Der Baron hatte nur mehr wenige Tage, und die +wollten genützt sein. Widerstand gegen die Hartnäckigkeit des gereizten +Kindes war, das fühlten sie, vergeblich, und so griffen sie zum letzten, +zum schmählichsten Ausweg: zur Flucht, nur um für eine oder zwei Stunden +seiner Tyrannei zu entgehen. + +»Gib diese Briefe rekommandiert zur Post«, sagte die Mutter zu Edgar. +Sie standen beide in der Hall, der Baron sprach draußen mit einem +Fiaker. + +Mißtrauisch übernahm Edgar die beiden Briefe. Er hatte bemerkt, daß +früher ein Diener irgendeine Botschaft seiner Mutter übermittelt hatte. +Bereiteten sie am Ende etwas gemeinsam gegen ihn vor? + +Er zögerte. »Wo erwartest du mich?« + +»Hier.« + +»Bestimmt?« + +»Ja.« + +»Daß du aber nicht weggehst! Du wartest also hier in der Hall auf mich, +bis ich zurückkomme?« + +Er sprach im Gefühl seiner Überlegenheit mit seiner Mutter schon +befehlshaberisch. Seit vorgestern hatte sich viel verändert. + +Dann ging er mit den beiden Briefen. An der Tür stieß er mit dem Baron +zusammen. Er sprach ihn an, zum erstenmal seit zwei Tagen. »Ich gebe nur +die zwei Briefe auf. Meine Mama wartet auf mich, bis ich zurückkomme. +Bitte gehen Sie nicht früher fort.« + +Der Baron drückte sich rasch vorbei. »Ja, ja, wir warten schon.« + +Edgar stürmte zum Postamt. Er mußte warten. Ein Herr vor ihm hatte ein +Dutzend langweiliger Fragen. Endlich konnte er sich des Auftrags +entledigen und rannte sofort mit den Rezipissen zurück. Und kam eben +zurecht, um zu sehen, wie seine Mutter und der Baron im Fiaker +davonfuhren. + +Er war starr vor Wut. Fast hätte er sich niedergebückt und ihnen einen +Stein nachgeschleudert. Sie waren ihm also doch entkommen, aber mit +einer wie gemeinen, wie schurkischen Lüge! Daß seine Mutter log, wußte +er seit gestern. Aber daß sie so schamlos sein konnte, ein offenes +Versprechen zu mißachten, das zerriß ihm ein letztes Vertrauen. Er +verstand das ganze Leben nicht mehr, seit er sah, daß die Worte, hinter +denen er die Wirklichkeit vermutet hatte, nur farbige Blasen waren, die +sich blähten und in nichts zersprangen. Aber was für ein furchtbares +Geheimnis mußte das sein, das erwachsene Menschen so weit trieb, ihn, +ein Kind, zu belügen, sich wegzustehlen wie Verbrecher? In den Büchern, +die er gelesen hatte, mordeten und betrogen die Menschen, um Geld zu +gewinnen, oder Macht, oder Königreiche. Was aber war hier die Ursache, +was wollten diese beiden, warum versteckten sie sich vor ihm, was +suchten sie unter hundert Lügen zu verhüllen? Er zermarterte sein +Gehirn. Dunkel spürte er, daß dieses Geheimnis der Riegel der Kindheit +sei, daß, es erobert zu haben, bedeutete, erwachsen zu sein, endlich, +endlich ein Mann. Oh, es zu fassen! Aber er konnte nicht mehr klar +denken. Die Wut, daß sie ihm entkommen waren, verbrannte und verqualmte +ihm den klaren Blick. + +Er lief hinaus in den Wald, gerade konnte er sich noch ins Dunkel +retten, wo ihn niemand sah, und da brach es heraus, in einem Strom +heißer Tränen. »Lügner, Hunde, Betrüger, Schurken« -- er mußte diese +Worte laut herausschreien, sonst wäre er erstickt. Die Wut, die +Ungeduld, der Ärger, die Neugier, die Hilflosigkeit und der Verrat der +letzten Tage, im kindischen Krampf, im Wahn seiner Erwachsenheit +niedergehalten, sprengten jetzt die Brust und wurden Tränen. Es war das +letzte Weinen seiner Kindheit, das letzte wildeste Weinen, zum +letztenmal gab er sich weibisch hin an die Wollust der Tränen. Er weinte +in dieser Stunde fassungsloser Wut alles aus sich heraus, Vertrauen, +Liebe, Gläubigkeit, Respekt -- seine ganze Kindheit. + +Der Knabe, der dann zum Hotel zurückging, war ein anderer. Er war kühl +und handelte vorbedacht. Zunächst ging er in sein Zimmer, wusch +sorgfältig das Gesicht und die Augen, um den beiden nicht den Triumph zu +gönnen, die Spuren seiner Tränen zu sehen. Dann bereitete er die +Abrechnung vor. Und wartete geduldig, ohne jede Unruhe. + +Die Hall war recht gut besucht, als der Wagen mit den beiden Flüchtigen +draußen wieder hielt. Ein paar Herren spielten Schach, andere lasen ihre +Zeitung, die Damen plauderten. Unter ihnen hatte reglos, ein wenig blaß +mit zitternden Blicken das Kind gesessen. Als jetzt seine Mutter und der +Baron zur Türe hereinkamen, ein wenig geniert, ihn so plötzlich zu +sehen, und schon die vorbereitete Ausrede stammeln wollten, trat er +ihnen aufrecht und ruhig entgegen und sagte herausfordernd: »Herr Baron, +ich möchte Ihnen etwas sagen.« + +Dem Baron wurde es unbehaglich. Er kam sich irgendwie ertappt vor. »Ja, +ja, später, gleich!« + +Aber Edgar warf die Stimme hoch und sagte hell und scharf, daß alle +rings es hören konnten: »Ich will aber jetzt mit Ihnen reden. Sie haben +sich niederträchtig benommen. Sie haben mich angelogen. Sie wußten, daß +meine Mama auf mich wartet, und sind ...« + +»Edgar!« schrie die Mutter, die alle Blicke auf sich gerichtet sah, und +stürzte gegen ihn los. + +Aber das Kind kreischte jetzt, da es sah, daß sie seine Worte +überschreien wollten, plötzlich gellend auf: + +»Ich sage es Ihnen nochmals vor allen Leuten. Sie haben infam gelogen, +und das ist gemein, das ist erbärmlich.« + +Der Baron stand blaß, die Leute starrten auf, einige lächelten. + +Die Mutter packte das vor Erregung zitternde Kind: »Komm sofort auf dein +Zimmer, oder ich prügle dich hier vor allen Leuten«, stammelte sie +heiser. + +Edgar aber war schon wieder ruhig. Es tat ihm leid, so leidenschaftlich +gewesen zu sein. Er war unzufrieden mit sich selbst, denn eigentlich +wollte er ja den Baron kühl herausfordern, aber die Wut war wilder +gewesen als sein Wille. Ruhig, ohne Hast wandte er sich zur Treppe. + +»Entschuldigen Sie, Herr Baron, seine Ungezogenheit. Sie wissen ja, er +ist ein nervöses Kind«, stotterte sie noch, verwirrt von den ein wenig +hämischen Blicken der Leute, die sie ringsum anstarrten. Nichts in der +Welt war ihr fürchterlicher als Skandal, und sie wußte, daß sie nun +Haltung bewahren mußte. Statt gleich die Flucht zu ergreifen, ging sie +zuerst zum Portier, fragte nach Briefen und anderen gleichgültigen +Dingen und rauschte dann hinauf, als ob nichts geschehen wäre. Aber +hinter ihr wisperte ein leises Kielwasser von Zischeln und unterdrücktem +Gelächter. + +Unterwegs verlangsamte sich ihr Schritt. Sie war immer ernsten +Situationen gegenüber hilflos und hatte eigentlich Angst vor dieser +Auseinandersetzung. Daß sie schuldig war, konnte sie nicht leugnen, und +dann: sie fürchtete sich vor dem Blick des Kindes, diesem neuen, +fremden, so merkwürdigen Blick, der sie lähmte und unsicher machte. Aus +Furcht beschloß sie, es mit Milde zu versuchen. Denn bei einem Kampf +war, das wußte sie, dieses gereizte Kind jetzt der Stärkere. + +Leise klinkte sie die Türe auf. Der Bub saß da, ruhig und kühl. Die +Augen, die er zu ihr aufhob, waren ganz ohne Angst, verrieten nicht +einmal Neugierde. Er schien sehr sicher zu sein. + +»Edgar,« begann sie möglichst mütterlich, »was ist dir eingefallen? Ich +habe mich geschämt für dich. Wie kann man nur so ungezogen sein, schon +gar als Kind zu einem Erwachsenen! Du wirst dich dann sofort beim Herrn +Baron entschuldigen.« + +Edgar schaute zum Fenster hinaus. Das »Nein« sagte er gleichsam zu den +Bäumen gegenüber. + +Seine Sicherheit begann sie zu befremden. + +»Edgar, was geht denn vor mit dir? Du bist ja ganz anders als sonst? Ich +kenne mich gar nicht mehr in dir aus. Du warst doch sonst immer ein +kluges, artiges Kind, mit dem man reden konnte. Und auf einmal benimmst +du dich so, als sei der Teufel in dich gefahren. Was hast du denn gegen +den Baron? Du hast ihn doch sehr gern gehabt. Er war immer so lieb gegen +dich.« + +»Ja, weil er dich kennen lernen wollte.« + +Ihr wurde unbehaglich. »Unsinn! Was fällt dir ein. Wie kannst du so +etwas denken?« + +Aber da fuhr das Kind auf. + +»Ein Lügner ist er, ein falscher Mensch. Was er tut, ist Berechnung und +Gemeinheit. Er hat dich kennen lernen wollen, deshalb war er freundlich +zu mir und hat mir einen Hund versprochen. Ich weiß nicht, was er dir +versprochen hat und warum er zu dir freundlich ist, aber auch von dir +will er etwas, Mama, ganz bestimmt. Sonst wäre er nicht so höflich und +freundlich. Er ist ein schlechter Mensch. Er lügt. Sieh dir ihn nur +einmal an, wie falsch er immer schaut. Oh, ich hasse ihn, diesen +erbärmlichen Lügner, diesen Schurken ...« + +»Aber Edgar, wie kann man so etwas sagen.« Sie war verwirrt und wußte +nicht zu antworten. In ihr regte sich ein Gefühl, das dem Kind recht +gab. + +»Ja, er ist ein Schurke, das lasse ich mir nicht ausreden. Das mußt du +selbst sehen. Warum hat er denn Angst vor mir? Warum versteckt er sich +vor mir? Weil er weiß, daß ich ihn durchschaue, daß ich ihn kenne, +diesen Schurken!« + +»Wie kann man so etwas sagen, wie kann man so etwas sagen.« Ihr Gehirn +war ausgetrocknet, nur die Lippen stammelten blutlos immer wieder die +beiden Sätze. Sie begann jetzt plötzlich eine furchtbare Angst zu haben +und wußte eigentlich nicht, ob vor dem Baron oder vor dem Kinde. + +Edgar sah, daß seine Mahnung Eindruck machte. Und es verlockte ihn, sie +zu sich herüberzureißen, einen Genossen zu haben im Hasse, in der +Feindschaft gegen ihn. Weich ging er auf seine Mutter zu, umfaßte sie, +und seine Stimme wurde schmeichlerisch vor Erregung. »Mama,« sagte er, +»du mußt es doch selbst bemerkt haben, daß er nichts Gutes will. Er hat +dich ganz anders gemacht. Du bist verändert und nicht ich. Er hat dich +aufgehetzt gegen mich, nur um dich allein zu haben. Sicher will er dich +betrügen. Ich weiß nicht, was er dir versprochen hat. Ich weiß nur, er +wird es nicht halten. Du solltest dich hüten vor ihm. Wer einen belügt, +belügt auch den andern. Er ist ein böser Mensch, dem man nicht trauen +soll.« + +Diese Stimme, weich und fast in Tränen, klang wie aus ihrem eigenen +Herzen. In ihr war seit gestern ein Mißbehagen erwacht, das ihr dasselbe +sagte: eindringlicher und eindringlicher. Aber sie schämte sich, dem +eigenen Kinde recht zu geben. Und rettete sich, wie viele, aus der +Verlegenheit eines überwältigenden Gefühls in die Rauheit des Ausdrucks. +Sie reckte sich auf. + +»Kinder verstehen so etwas nicht. Du hast in solche Sachen nicht +dreinzureden. Du hast dich anständig zu benehmen. Das ist alles.« + +Edgars Gesicht fror wieder kalt ein. »Wie du meinst,« sagte er hart, +»ich habe dich gewarnt.« + +»Also du willst dich nicht entschuldigen?« + +»Nein.« + +Sie standen sich schroff gegenüber. Sie fühlte, es ging um ihre +Autorität. + +»Dann wirst du hier oben speisen. Allein. Und nicht eher an unseren +Tisch kommen, bis du dich entschuldigt hast. Ich werde dich noch +Manieren lehren. Du wirst dich nicht vom Zimmer rühren, bis ich es dir +erlaube. Hast du verstanden?« + +Edgar lächelte. Dieses tückische Lächeln schien schon mit seinen Lippen +verwachsen zu sein. Innerlich war er zornig gegen sich selbst. Wie +töricht von ihm, daß er wieder einmal sein Herz hat entlaufen lassen und +sie, die Lügnerin, noch warnen wollte. + +Die Mutter rauschte hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen. Sie +fürchtete diese schneidenden Augen. Das Kind war ihr unbehaglich +geworden, seit sie fühlte, daß es seine Augen offen hatte und ihr gerade +das sagte, was sie nicht wissen und nicht hören wollte. Schreckhaft war +es ihr, eine innere Stimme, ihr Gewissen, abgelöst von sich selber, als +Kind verkleidet, als ihr eigenes Kind herumgehen und sie warnen, sie +verhöhnen zu sehn. Bisher war dieses Kind neben ihrem Leben gewesen, ein +Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und Vertrautes, manchmal +vielleicht eine Last, aber immer etwas, das in derselben Strömung im +gleichen Takt ihres Lebens lief. Zum erstenmal bäumte das sich heute auf +und trotzte gegen ihren Willen. Etwas wie Haß mischte sich jetzt immer +in die Erinnerung an ihr Kind. + +Aber dennoch: jetzt, da sie die Treppe, ein wenig müde, niederstieg, +klang die kindische Stimme aus ihrer eigenen Brust. »Du solltest dich +hüten vor ihm.« -- Die Mahnung ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Da +glänzte ihr im Vorüberschreiten ein Spiegel entgegen, fragend blickte +sie hinein, tiefer und immer tiefer, bis sich dort die Lippen leise +lächelnd auftaten und sich rundeten wie zu einem gefährlichen Wort. Noch +immer klang von innen die Stimme; aber sie warf die Achseln hoch, als +schüttelte sie all diese unsichtbaren Bedenken von sich ab, gab dem +Spiegel einen hellen Blick, raffte das Kleid und ging hinab mit der +entschlossenen Geste eines Spielers, der sein letztes Goldstück klingend +über den Tisch rollen läßt. + + + + +Spuren im Mondlicht + + +Der Kellner, der Edgar das Essen in seinen Stubenarrest gebracht hatte, +schloß die Türe. Hinter ihm knackte das Schloß. Das Kind fuhr wütend +auf: das war offenbar im Auftrag seiner Mutter geschehen, daß man ihn +einsperrte wie ein bösartiges Tier. Finster rang es sich aus ihm. + +»Was geschieht nun da drunten, während ich hier eingeschlossen bin? Was +mögen die beiden jetzt bereden? Geschieht am Ende jetzt dort das +Geheime, und ich muß es versäumen? Oh, dieses Geheimnis, das ich immer +und überall spüre, wenn ich unter Erwachsenen bin, vor dem sie die Türe +zuschließen in der Nacht, das sie in leises Gespräch versenken, trete +ich unversehens herein, dieses große Geheimnis, das mir jetzt seit Tagen +nahe ist, hart vor den Händen, und das ich noch immer nicht greifen +kann! Was habe ich nicht schon getan, um es zu fassen! Ich habe Papa +damals Bücher aus dem Schreibtisch gestohlen und sie gelesen, und alle +diese merkwürdigen Dinge waren darin, nur daß ich sie nicht verstand. Es +muß irgendwie ein Siegel daran sein, das erst abzulösen ist, um es zu +finden, vielleicht in mir, vielleicht in den anderen. Ich habe das +Dienstmädchen gefragt, sie gebeten, mir diese Stellen in den Büchern zu +erklären, aber sie hat mich ausgelacht. Furchtbar, Kind zu sein, voll +von Neugier, und doch niemand fragen zu dürfen, immer lächerlich zu sein +vor diesen Großen, als ob man etwas Dummes oder Nutzloses wäre. Aber ich +werde es erfahren, ich fühle, ich werde es jetzt bald wissen. Ein Teil +ist schon in meinen Händen, und ich will nicht früher ablassen, ehe ich +das Ganze besitze!« + +Er horchte, ob niemand käme. Ein leichter Wind flog draußen durch die +Bäume und brach den starren Spiegel des Mondlichtes zwischen dem Geäste +in hundert schwanke Splitter. + +»Es kann nichts Gutes sein, was die beiden vorhaben, sonst hätten sie +nicht solche erbärmliche Lügen gesucht, um mich fortzukriegen. Gewiß, +sie lachen jetzt über mich, die Verfluchten, daß sich mich endlich los +sind, aber ich werde zuletzt lachen. Wie dumm von mir, mich hier +einsperren zu lassen, ihnen eine Sekunde Freiheit zu geben, statt an +ihnen zu kleben und jede ihrer Bewegungen zu belauschen. Ich weiß, die +Großen sind ja immer unvorsichtig, und auch sie werden sich verraten. +Sie glauben immer von uns, daß wir noch ganz klein sind und abends immer +schlafen, sie vergessen, daß man sich auch schlafend stellen kann und +lauschen, daß man sich dumm geben kann und sehr klug sein. Jüngst, wie +meine Tante ein Kind bekam, haben sie es lange vorausgewußt und sich nur +vor mir verwundert gestellt, als seien sie überrascht worden. Aber ich +habe es auch gewußt, denn ich habe sie reden gehört, vor Wochen am +Abend, als sie glaubten, ich schliefe. Und so werde ich auch diesmal sie +überraschen, diese Niederträchtigen. Oh, wenn ich durch die Türe spähen +könnte, sie heimlich jetzt beobachten, während sie sich sicher wähnen. +Sollte ich nicht vielleicht läuten jetzt, dann käme das Mädchen, sperrte +die Tür auf und fragte, was ich wollte. Oder ich könnte poltern, könnte +Geschirr zerschlagen, dann sperrte man auch auf. Und in dieser Sekunde +könnte ich hinausschlüpfen und sie belauschen. Aber nein, das will ich +nicht. Niemand soll sehen, wie niederträchtig sie mich behandeln. Ich +bin zu stolz dazu. Morgen will ich es ihnen schon heimzahlen.« + +Unten lachte eine Frauenstimme. Edgar schrak zusammen: das könnte seine +Mutter sein. Die hatte ja Grund zu lachen, ihn zu verhöhnen, den +Kleinen, Hilflosen, hinter dem man den Schlüssel abdrehte, wenn er +lästig war, den man in den Winkel warf wie ein Bündel nasser Kleider. +Vorsichtig beugte er sich zum Fenster hinaus. Nein, sie war es nicht, +sondern fremde, übermütige Mädchen, die einen Burschen neckten. + +Da, in dieser Minute bemerkte er, wie wenig hoch sich eigentlich sein +Fenster über die Erde erhob. Und schon, kaum daß ers merkte, war der +Gedanke da: hinausspringen, jetzt, wo sie sich ganz sicher wähnten, sie +belauschen. Er fieberte vor Freude über seinen Entschluß. Ihm war, als +hielt er damit das große, das funkelnde Geheimnis der Kindheit in den +Händen. »Hinaus, hinaus«, zitterte es in ihm. Gefahr war keine. Menschen +gingen nicht vorüber, und schon sprang er. Es gab ein leises Geräusch +von knirschendem Kies, das keiner vernahm. + +In diesen zwei Tagen war ihm das Beschleichen, das Lauern zur Lust +seines Lebens geworden. Und Wollust fühlte er jetzt gemengt mit einem +leisen Schauer von Angst, als er auf ganz leisen Sohlen um das Hotel +schlich, sorgsam den stark ausstrahlenden Widerschein der Lichter +vermeidend. Zunächst blickte er, die Wange vorsichtig an die Scheiben +pressend, in den Speisesaal. Ihr gewohnter Platz war leer. Er spähte +dann weiter, von Fenster zu Fenster. Ins Hotel selbst wagte er sich +nicht hinein, aus Furcht, er könnte ihnen zwischen den Gängen +unversehens in den Weg laufen. Nirgends waren sie zu finden. Schon +wollte er verzweifeln, da sah er zwei Schatten aus der Türe vorfallen +und -- er zuckte zurück und duckte sich in das Dunkel -- seine Mutter +mit ihrem nun unvermeidlichen Begleiter heraustreten. Gerade war er also +zurecht gekommen. Was sprachen sie? Er konnte es nicht verstehen. Sie +redeten leise, und der Wind rumorte zu unruhig in den Bäumen. Jetzt aber +zog deutlich ein Lachen vorüber, die Stimme seiner Mutter. Es war ein +Lachen, das er an ihr gar nicht kannte, ein seltsam scharfes, wie +gekitzeltes, gereiztes nervöses Lachen, das ihn fremd anmutete und vor +dem er erschrak. Sie lachte. Also konnte es nichts Gefährliches sein, +nicht etwas ganz Großes und Gewaltiges, das man vor ihm verbarg. Edgar +war ein wenig enttäuscht. + +Aber warum verließen sie das Hotel? Wohin gingen sie jetzt allein in der +Nacht? Hoch oben mußten mit riesigen Flügeln Winde dahinstreifen, denn +der Himmel, eben noch rein und mondklar, wurde jetzt dunkel. Schwarze +Tücher, von unsichtbaren Händen geworfen, wickelten manchmal den Mond +ein, und die Nacht wurde dann so undurchdringlich, daß man kaum den Weg +sehen konnte, um bald wieder hell zu glänzen, wenn sich der Mond +befreite. Silber floß kühl über die Landschaft. Geheimnisvoll war dieses +Spiel zwischen Licht und Schatten und aufreizend wie das Spiel einer +Frau mit Blöße und Verhüllungen. Gerade jetzt entkleidete die Landschaft +wieder ihren blanken Leib: Edgar sah schräg über dem Weg die wandelnden +Silhouetten, oder vielmehr die eine, denn so aneinander gepreßt gingen +sie, als drängte sie eine innere Furcht zusammen. Aber wohin gingen sie +jetzt, die beiden? Die Föhren ächzten, es war eine unheimliche +Geschäftigkeit im Wald, als wühlte die wilde Jagd darin. »Ich folge +ihnen,« dachte Edgar, »sie können meinen Schritt nicht hören in diesem +Aufruhr von Wind und Wald.« Und er sprang, indes die unten auf der +breiten, hellen Straße gingen, oben im Gehölz von einem Baum zum anderen +leise weiter, von Schatten zu Schatten. Er folgte ihnen zäh und +unerbittlich, segnete den Wind, der seine Schritte unhörbar machte, und +verfluchte ihn, weil er ihm immer die Worte von drüben wegtrug. Nur +einmal, wenn er hätte ihr Gespräch hören können, war er sicher, das +Geheimnis zu halten. + +Die beiden unten gingen ahnungslos. Sie fühlten sich selig allein in +dieser weiten verwirrten Nacht und verloren sich in ihrer wachsenden +Erregung. Keine Ahnung warnte sie, daß oben im vielverzweigten Dunkel +jedem ihrer Schritte gefolgt wurde und zwei Augen sie mit der ganzen +Kraft von Haß und Neugier umkrallt hielten. + +Plötzlich blieben sie stehen. Auch Edgar hielt sofort inne und preßte +sich enge an einen Baum. Ihn befiel eine stürmische Angst. Wie, wenn sie +jetzt umkehrten und vor ihm das Hotel erreichten, wenn er sich nicht +retten konnte in sein Zimmer und die Mutter es leer fand? Dann war alles +verloren, dann wußten sie, daß er sie heimlich belauerte, und er durfte +nie mehr hoffen, ihnen das Geheimnis zu entreißen. Aber die beiden +zögerten, offenbar in einer Meinungsverschiedenheit. Glücklicherweise +war Mondlicht, und er konnte alles deutlich sehen. Der Baron deutete auf +einen dunklen schmalen Seitenweg, der in das Tal hinabführte, wo das +Mondlicht nicht wie hier auf der Straße einen weiten vollen Strom +rauschte, sondern nur in Tropfen und seltsamen Strahlen durchs Dickicht +sickerte. »Warum will er dort hinab?« zuckte es in Edgar. Seine Mutter +schien »nein« zu sagen, er aber, der andere, sprach ihr zu. Edgar konnte +an der Art seiner Gestikulation merken, wie eindringlich er sprach. +Angst befiel das Kind. Was wollte dieser Mensch von seiner Mutter? Warum +versuchte er, dieser Schurke, sie ins Dunkel zu schleppen? Aus seinen +Büchern, die für ihn die Welt waren, kamen plötzlich lebendige +Erinnerungen von Mord und Entführung, von finsteren Verbrechen. +Sicherlich, er wollte sie ermorden, und dazu hatte er ihn weggehalten, +sie einsam hierher gelockt. Sollte er Hilfe schreien? Mörder! Der Ruf +saß ihm schon ganz oben in der Kehle, aber die Lippen waren vertrocknet +und brachten keinen Laut heraus. Seine Nerven spannten sich vor +Aufregung, kaum konnte er sich gerade halten, erschreckt vor Angst griff +er nach einem Halt -- da knackte ihm ein Zweig unter den Händen. + +Die beiden wandten sich erschreckt um und starrten ins Dunkel. Edgar +blieb stumm an den Baum gelehnt mit angepreßten Armen, den kleinen +Körper tief in den Schatten geduckt. Es blieb Totenstille. Aber doch, +sie schienen erschreckt. »Kehren wir um«, hörte er seine Mutter sagen. +Es klang geängstigt von ihren Lippen. Der Baron, offenbar selbst +beunruhigt, willigte ein. Die beiden gingen langsam und eng aneinander +geschmiegt zurück. Ihre innere Befangenheit war Edgars Glück. Auf allen +vieren, ganz unten im Holz, kroch er, die Hände sich blutig reißend, bis +zur Wendung des Waldes, von dort lief er mit aller Geschwindigkeit, daß +ihm der Atem stockte, bis zum Hotel und da mit ein paar Sprüngen hinauf. +Der Schlüssel, der ihn eingesperrt hatte, steckte glücklicherweise von +außen, er drehte ihn um, stürzte ins Zimmer und schon hin aufs Bett. Ein +paar Minuten mußte er rasten, denn das Herz schlug ungestüm an seine +Brust, wie ein Klöppel an die klingende Glockenwand. + +Dann wagte er sich auf, lehnte am Fenster und wartete, bis sie kamen. Es +dauerte lange. Sie mußten sehr, sehr langsam gegangen sein. Vorsichtig +spähte er aus dem umschatteten Rahmen. Jetzt kamen sie langsam daher, +Mondlicht auf den Kleidern. Gespensterhaft sahen sie aus in diesem +grünen Licht, und wieder überfiel ihn das süße Grauen, ob das wirklich +ein Mörder sei und welch furchtbares Geschehen er durch seine Gegenwart +verhindert hatte. Deutlich sah er in die kreidehellen Gesichter. In dem +seiner Mutter war ein Ausdruck von Verzücktheit, den er an ihr nicht +kannte, er hingegen schien hart und verdrossen. Offenbar, weil ihm seine +Absicht mißlungen war. + +Ganz nahe waren sie schon. Erst knapp vor dem Hotel lösten sich ihre +Gestalten voneinander. Ob sie heraufsehen würden? Nein, keiner blickte +herauf. »Sie haben mich vergessen«, dachte der Knabe mit einem wilden +Ingrimm, mit einem heimlichen Triumph, »aber ich nicht euch. Ihr denkt +wohl, daß ich schlafe oder nicht auf der Welt bin, aber ihr sollt eueren +Irrtum sehen. Jeden Schritt will ich euch überwachen, bis ich ihm, dem +Schurken, das Geheimnis entrissen habe, das furchtbare, das mich nicht +schlafen läßt. Ich werde euer Bündnis schon zerreißen. Ich schlafe +nicht.« + +Langsam traten die beiden in die Türe. Und als sie jetzt, einer hinter +dem anderen, hineingingen, umschlangen sich wieder für eine Sekunde die +fallenden Silhouetten, als einziger schwarzer Streif schwand ihr +Schatten in die erhellte Tür. Dann lag der Platz im Mondlicht wieder +blank vor dem Hause, wie eine weite Wiese von Schnee. + + + + +Der Überfall + + +Edgar trat atmend zurück vom Fenster. Das Grauen schüttelte ihn. Noch +nie war er in seinem Leben ähnlich Geheimnisvollem so nah gewesen. Die +Welt der Aufregungen, der spannenden Abenteuer, jene Welt von Mord und +Betrug aus seinen Büchern war in seiner Anschauung immer dort gewesen, +wo die Märchen waren, hart hinter den Träumen, im Unwirklichen und +Unerreichbaren. Jetzt auf einmal aber schien er mitten hineingeraten in +diese grauenhafte Welt, und sein ganzes Wesen wurde fieberhaft +geschüttelt durch so unverhoffte Begegnung. Wer war dieser Mensch, der +geheimnisvolle, der plötzlich in ihr ruhiges Leben getreten war? War er +wirklich ein Mörder, daß er immer das Entlegene suchte und seine Mutter +hinschleppen wollte, wo es dunkel war? Furchtbares schien bevorzustehen. +Er wußte nicht, was zu tun. Morgen, das war er sicher, wollte er dem +Vater schreiben oder telegraphieren. Aber konnte es nicht noch jetzt +geschehen, heute abend? Noch war ja seine Mutter nicht in ihrem Zimmer, +noch war sie mit diesem verhaßten, fremden Menschen. Zwischen der +inneren Tür und der äußeren, leicht beweglichen Tapetentür war ein +schmaler Zwischenraum, nicht größer als das Innere eines +Kleiderschrankes. Dort in diese Handbreit Dunkel preßte er sich hinein, +um auf ihre Schritte im Gang zu lauern. Denn nicht einen Augenblick, so +hatte er beschlossen, wollte er sie allein lassen. Der Gang lag jetzt um +Mitternacht leer, matt nur beleuchtet von einer einzelnen Flamme. + +Endlich -- die Minuten dehnten sich ihm fürchterlich -- hörte er +behutsame Schritte heraufkommen. Er horchte angestrengt. Es war nicht +ein rasches Losschreiten, wie wenn jemand gerade in sein Zimmer will, +sondern schleifende, zögernde, sehr verlangsamte Schritte, wie einen +unendlich schweren und steilen Weg empor. Dazwischen immer wieder +Geflüster und ein Innehalten. Edgar zitterte vor Erregung. Waren es am +Ende die beiden, blieb er noch immer mit ihr? Das Flüstern war zu +entfernt. Aber die Schritte, wenn auch noch zögernd, kamen immer näher. +Und jetzt hörte er auf einmal die verhaßte Stimme des Barons leise und +heiser etwas sagen, das er nicht verstand, und dann gleich die seiner +Mutter in rascher Abwehr: »Nein, nicht heute! Nein.« + +Edgar zitterte, sie kamen näher, und er mußte alles hören. Jeder +Schritt, so leise er auch war, tat ihm weh in der Brust. Und die Stimme, +wie häßlich schien sie ihm, diese gierig werbende, widerliche Stimme des +Verhaßten! »Seien Sie nicht grausam. Sie waren so schön heute abend.« +Und die andere wieder: »Nein, ich darf nicht, ich kann nicht, lassen Sie +mich los.« + +Es ist so viel Angst in der Stimme seiner Mutter, daß das Kind +erschrickt. Was will er denn noch von ihr? Warum fürchtet sie sich? Sie +sind immer näher gekommen und müssen jetzt schon ganz vor seiner Tür +sein. Knapp hinter ihnen steht er, zitternd und unsichtbar, eine Hand +weit, geschützt nur durch die dünne Scheibe Tuch. Die Stimmen sind jetzt +atemnah. + +»Kommen Sie, Mathilde, kommen Sie!« Wieder hört er seine Mutter stöhnen, +schwächer jetzt, in erlahmendem Widerstand. + +Aber was ist dies? Sie sind ja weiter gegangen im Dunkeln. Seine Mutter +ist nicht in ihr Zimmer, sondern daran vorbeigegangen! Wohin schleppt er +sie? Warum spricht sie nicht mehr? Hat er ihr einen Knebel in den Mund +gestopft, preßt er ihr die Kehle zu? + +Die Gedanken machen ihn wild. Mit zitternder Hand stößt er die Türe eine +Spannweite auf. Jetzt sieht er im dunkelnden Gang die beiden. Der Baron +hat seiner Mutter den Arm um die Hüfte geschlungen und führt sie, die +schon nachzugeben scheint, leise fort. Jetzt macht er halt vor seinem +Zimmer. »Er will sie wegschleppen,« erschrickt das Kind, »jetzt will er +das Furchtbare tun.« + +Ein wilder Ruck, er schlägt die Türe zu und stürzt hinaus, den beiden +nach. Seine Mutter schreit auf, wie jetzt da aus dem Dunkel plötzlich +etwas auf sie losstürzt, scheint in eine Ohnmacht gesunken, vom Baron +nur mühsam gehalten. Der aber fühlt in dieser Sekunde eine kleine, +schwache Faust in seinem Gesicht, die ihm die Lippe hart an die Zähne +schlägt, etwas, was sich katzenhaft an seinen Körper krallt. Er läßt die +Erschreckte los, die rasch entflieht, und schlägt blind, ehe er noch +weiß, gegen wen er sich wehrt, mit der Faust zurück. + +Das Kind weiß, daß es der Schwächere ist, aber es gibt nicht nach. +Endlich, endlich ist der Augenblick da, der lang ersehnte, all die +verratene Liebe, den aufgestapelten Haß leidenschaftlich zu entladen. Er +hämmert mit seinen kleinen Fäusten blind drauflos, die Lippen verbissen +in einer fiebrigen, sinnlosen Gereiztheit. Auch der Baron hat ihn jetzt +erkannt, auch er steckt voll Haß gegen diesen heimlichen Spion, der ihm +die letzten Tage vergällte und das Spiel verdarb; er schlägt derb +zurück, wohin es eben trifft. Edgar stöhnt auf, läßt aber nicht los und +schreit nicht um Hilfe. Sie ringen eine Minute stumm und verbissen in +dem mitternächtigen Gang. Allmählich wird dem Baron das Lächerliche +seines Kampfes mit einem halbwüchsigen Buben bewußt, er packt ihn fest +an, um ihn wegzuschleudern. Aber das Kind, wie es jetzt seine Muskeln +nachlassen spürt und weiß, daß es in der nächsten Sekunde der Besiegte, +der Geprügelte sein wird, schnappt in wilder Wut nach dieser starken, +festen Hand, die ihn im Nacken fassen will. Unwillkürlich stößt der +Gebissene einen dumpfen Schrei aus und läßt frei -- eine Sekunde, die +das Kind benützt, um in sein Zimmer zu flüchten und den Riegel +vorzuschieben. + +Eine Minute nur hat dieser mitternächtige Kampf gedauert. Niemand rechts +und links hat ihn gehört. Alles ist still, alles scheint in Schlaf +ertrunken. Der Baron wischt sich die blutende Hand mit dem Taschentuch, +späht beunruhigt in das Dunkel. Niemand hat gelauscht. Nur oben +flimmert -- ihm dünkt: höhnisch -- ein letztes, unruhiges Licht. + + + + +Gewitter + + +»War das Traum, ein böser, gefährlicher Traum?« fragte sich Edgar am +nächsten Morgen, als er mit versträhntem Haar aus einer Wirrnis von +Angst erwachte. Den Kopf quälte dumpfes Dröhnen, die Gelenke ein +erstarrtes, hölzernes Gefühl, und jetzt, wie er an sich hinabsah, merkte +er erschreckt, daß er noch in den Kleidern stak. Er sprang auf, taumelte +an den Spiegel und schauerte zurück vor seinem eigenen blassen, +verzerrten Gesicht, das über der Stirne zu einem rötlichen Striemen +verschwollen war. Mühsam raffte er seine Gedanken zusammen und erinnerte +sich jetzt beängstigt an alles, an den nächtigen Kampf draußen im Gang, +sein Zurückstürzen ins Zimmer, und daß er dann, zitternd im Fieber, +angezogen und fluchtbereit sich auf das Bett geworfen habe. Dort mußte +er eingeschlafen sein, hinabgestürzt in diesen dumpfen, verhangenen +Schlaf, in dessen Träumen dann all dies noch einmal wiedergekehrt war, +nur anders und noch furchtbarer, mit einem feuchten Geruch von frischem, +fließendem Blut. + +Unten gingen Schritte knirschend über den Kies, Stimmen flogen wie +unsichtbare Vögel herauf, und die Sonne griff tief ins Zimmer hinein. Es +mußte schon spät am Vormittag sein, aber die Uhr, die er erschreckt +befragte, deutete auf Mitternacht, er hatte in seiner Aufregung +vergessen, sie gestern aufzuziehen. Und diese Ungewißheit, irgendwo lose +in der Zeit zu hängen, beunruhigte ihn, verstärkt durch das Gefühl der +Unkenntnis, was eigentlich geschehen war. Er richtete sich rasch +zusammen und ging hinab, Unruhe und ein leises Schuldgefühl im Herzen. + +Im Frühstückszimmer saß seine Mama allein am gewohnten Tisch. Edgar +atmete auf, daß sein Feind nicht zugegen war, daß er sein verhaßtes +Gesicht nicht sehen mußte, in das er gestern im Zorn seine Faust +geschlagen hatte. Und doch, wie er nun an den Tisch herantrat, fühlte er +sich unsicher. + +»Guten Morgen«, grüßte er. + +Seine Mutter antwortete nicht. Sie blickte nicht einmal auf, sondern +betrachtete mit merkwürdig starren Pupillen in der Ferne die Landschaft. +Sie sah sehr blaß aus, hatte die Augen leicht umrändert und um die +Nasenflügel jenes nervöse Zucken, das so verräterisch für ihre Erregung +war. Edgar verbiß die Lippen. Dieses Schweigen verwirrte ihn. Er wußte +eigentlich nicht, ob er den Baron gestern schwer verletzt hatte und ob +sie überhaupt um diesen nächtigen Zusammenstoß wissen konnte. Und diese +Unsicherheit quälte ihn. Aber ihr Gesicht blieb so starr, daß er gar +nicht versuchte, zu ihr aufzublicken, aus Angst, die jetzt gesenkten +Augen möchten plötzlich hinter den verhangenen Lidern aufspringen und +ihn fassen. Er wurde ganz still, wagte nicht einmal, Lärm zu machen, +ganz vorsichtig hob er die Tasse und stellte sie wieder zurück, +verstohlen hinblickend auf die Finger seiner Mutter, die sehr nervös mit +dem Löffel spielten und in ihrer Gekrümmtheit geheimen Zorn zu verraten +schienen. Eine Viertelstunde saß er so in dem schwülen Gefühl der +Erwartung auf etwas, das nicht kam. Kein Wort, kein einziges erlöste +ihn. Und jetzt, da seine Mutter aufstand, noch immer, ohne seine +Gegenwart bemerkt zu haben, wußte er nicht, was er tun sollte: allein +hier beim Tisch sitzen bleiben oder ihr folgen. Schließlich erhob er +sich doch, ging demütig hinter ihr her, die ihn geflissentlich übersah, +und spürte immer dabei, wie lächerlich sein Nachschleichen war. Immer +kleiner machte er seine Schritte, um mehr und mehr hinter ihr +zurückzubleiben, die, ohne ihn zu beachten, in ihr Zimmer ging. Als +Edgar endlich nachkam, stand er vor einer hart geschlossenen Türe. + +Was war geschehen? Er kannte sich nicht mehr aus. Das sichere Bewußtsein +von gestern hatte ihn verlassen. War er am Ende gestern im Unrecht +gewesen mit diesem Überfall? Und bereiteten sie gegen ihn eine Strafe +vor oder eine neue Demütigung? Etwas mußte geschehen, das fühlte er, +etwas Furchtbares mußte sehr bald geschehen. Zwischen ihnen war die +Schwüle eines aufziehenden Gewitters, die elektrische Spannung zweier +geladener Pole, die sich im Blitz erlösen mußte. Und diese Last des +Vorgefühls schleppte er durch vier einsame Stunden mit sich herum, von +Zimmer zu Zimmer, bis sein schmaler Kindernacken niederbrach von +unsichtbarem Gewicht und er mittags, nun schon ganz demütig, an den +Tisch trat. + +»Guten Tag«, sagte er wieder. Er mußte dieses Schweigen zerreißen, +dieses furchtbar drohende, das über ihm als schwarze Wolke hing. + +Wieder antwortete die Mutter nicht, wieder sah sie an ihm vorbei. Und +mit neuem Erschrecken fühlte sich Edgar jetzt einem besonnenen, +geballten Zorn gegenüber, wie er ihn bisher in seinem Leben noch nicht +gekannt hatte. Bisher waren ihre Streitigkeiten immer nur Wutausbrüche +mehr der Nerven als des Gefühls gewesen, rasch verflüchtigt in ein +Lächeln der Begütigung. Diesmal aber hatte er, das wurde ihm deutlich +bewußt, ein wildes Gefühl aus dem untersten Grund ihres Wesens +aufgewühlt, und er erschrak vor dieser unvorsichtig beschworenen Gewalt. +Kaum vermochte er zu essen. In seiner Kehle quoll etwas Trockenes auf, +das ihn zu erwürgen drohte. Seine Mutter schien von alldem nichts zu +merken. Nur jetzt, beim Aufstehen, wandte sie sich wie gelegentlich +zurück und sagte: + +»Komm dann hinauf, Edgar, ich habe mit dir zu reden.« + +Es klang nicht drohend, aber doch so eisig kalt, daß Edgar die Worte +schauernd fühlte, als hätte man ihm eine eiserne Kette plötzlich um den +Hals gelegt. Sein Trotz war zertreten. Schweigend, wie ein geprügelter +Hund, folgte er ihr hinauf in das Zimmer. + +Sie verlängerte ihm die Qual, indem sie einige Minuten schwieg. Minuten, +in denen er die Uhr schlagen hörte und draußen ein Kind lachen und in +sich selbst das Herz an die Brust hämmern. Aber auch in ihr mußte eine +große Unsicherheit sein, denn sie sah ihn nicht an, während sie jetzt zu +ihm sprach, sondern wandte ihm den Rücken. + +»Ich will nicht mehr über dein Betragen von gestern reden. Es war +unerhört, und ich schäme mich jetzt, wenn ich daran denke. Du hast dir +die Folgen selber zuzuschreiben. Ich will dir jetzt nur sagen, es war +das letztemal, daß du allein unter Erwachsenen sein durftest. Ich habe +eben an deinen Papa geschrieben, daß du einen Hofmeister bekommst oder +in ein Pensionat geschickt wirst, um Manieren zu lernen. Ich werde mich +nicht mehr mit dir ärgern.« + +Edgar stand mit gesenktem Kopf da. Er spürte, daß dies nur eine +Einleitung, eine Drohung war, und wartete beunruhigt auf das +Eigentliche. + +»Du wirst dich jetzt sofort beim Baron entschuldigen.« + +Edgar zuckte auf, aber sie ließ sich nicht unterbrechen. + +»Der Baron ist heute abgereist, und du wirst ihm einen Brief schreiben, +den ich dir diktieren werde.« + +Edgar rührte sich wieder, aber seine Mutter war fest. + +»Keine Widerrede. Da ist Papier und Tinte, setze dich hin.« + +Edgar sah auf. Ihre Augen waren gehärtet von einem unbeugsamen +Entschluß. So hatte er seine Mutter nie gekannt, so hart und gelassen. +Furcht überkam ihn. Er setzte sich hin, nahm die Feder, duckte aber das +Gesicht tief auf den Tisch. + +»Oben das Datum. Hast du? Vor der Überschrift eine Zeile leer lassen. +So! Sehr geehrter Herr Baron! Rufzeichen. Wieder eine Zeile freilassen. +Ich erfahre soeben zu meinem Bedauern -- hast du? -- zu meinem Bedauern, +daß Sie den Semmering schon verlassen haben, -- Semmering mit zwei m -- +und so muß ich brieflich tun, was ich persönlich beabsichtigt hatte, +nämlich -- etwas rascher, es muß nicht kalligraphiert sein! -- Sie um +Entschuldigung bitten für mein gestriges Betragen. Wie Ihnen meine Mama +gesagt haben wird, bin ich noch Rekonvaleszent von einer schweren +Erkrankung und sehr reizbar. Ich sehe dann oft Dinge, die übertrieben +sind und die ich im nächsten Augenblick bereue ...« + +Der gekrümmte Rücken über dem Tisch schnellte auf. Edgar drehte sich um: +sein Trotz war wieder wach. + +»Das schreibe ich nicht, das ist nicht wahr!« + +»Edgar!« + +Sie drohte mit der Stimme. + +»Es ist nicht wahr. Ich habe nichts getan, was ich zu bereuen habe. Ich +habe nichts Schlechtes getan, wofür ich mich zu entschuldigen hätte. Ich +bin dir nur zu Hilfe gekommen, wie du gerufen hast!« + +Ihre Lippen wurden blutlos, die Nasenflügel spannten sich. + +»Ich habe um Hilfe gerufen? Du bist toll!« + +Edgar wurde zornig, mit einem Ruck sprang er auf. + +»Ja, du hast um Hilfe gerufen, da draußen im Gang, gestern nacht, wie er +dich angefaßt hat. 'Lassen Sie mich, lassen Sie mich', hast du gerufen. +So laut, daß ichs bis ins Zimmer hinein gehört habe.« + +»Du lügst, ich war nie mit dem Baron im Gang hier. Er hat mich nur bis +zur Treppe begleitet ...« + +In Edgar stockte das Herz bei dieser kühnen Lüge. Die Stimme verschlug +sich ihm, er starrte sie an mit gläsernen Augensternen. + +»Du ... warst nicht ... im Gang? Und er ... er hat dich nicht gehalten? +Nicht mit Gewalt herumgefaßt?« + +Sie lachte. Ein kaltes, trockenes Lachen. + +»Du hast geträumt.« + +Das war zuviel für das Kind. Er wußte jetzt ja schon, daß die +Erwachsenen logen, daß sie kleine, kecke Ausreden hatten, Lügen, die +durch enge Maschen schlüpften, und listige Zweideutigkeiten. Aber dies +freche, kalte Ableugnen, Stirn gegen Stirn, machte ihn rasend. + +»Und da diese Striemen habe ich auch geträumt?« + +»Wer weiß, mit wem du dich herumgeschlagen hast. Aber ich brauche ja mit +dir keine Diskussion zu führen, du hast zu parieren, und damit Schluß. +Setze dich hin und schreib!« + +Sie war sehr blaß und suchte mit letzter Kraft ihre Anspannung aufrecht +zu halten. + +Aber in Edgar brach irgendwie etwas jetzt zusammen, irgendeine letzte +Flamme von Gläubigkeit. Daß man die Wahrheit so einfach mit dem Fuß +ausstampfen konnte wie ein brennendes Zündholz, das ging ihm nicht ein. +Eisig zogs sich in ihm zusammen, alles wurde spitz, boshaft, ungefaßt, +was er sagte: + +»So, das habe ich geträumt? Das im Gang und den Striemen da? Und daß ihr +beide gestern dort im Mondschein promeniert seid, und daß er dich den +Weg hinabführen wollte, das vielleicht auch? Glaubst du, ich lasse mich +einsperren im Zimmer wie ein kleines Kind! Nein, ich bin nicht so dumm, +wie ihr glaubt. Ich weiß, was ich weiß.« + +Frech starrte er ihr in das Gesicht, und das brach ihre Kraft: das +Gesicht ihres eigenen Kindes zu sehen, knapp vor sich und verzerrt von +Haß. Ungestüm brach ihr Zorn heraus. + +»Vorwärts, du wirst sofort schreiben! Oder ...« + +»Oder was ...?« Herausfordernd frech war jetzt seine Stimme geworden. + +»Oder ich prügel dich wie ein kleines Kind.« + +Edgar trat einen Schritt näher, höhnisch, und lachte nur. + +Da fuhr ihm schon ihre Hand ins Gesicht. Edgar schrie auf. Und wie ein +Ertrinkender, der mit den Händen um sich schlägt, nur ein dumpfes +Brausen in den Ohren, rotes Flirren vor den Augen, so hieb er blind mit +den Fäusten zurück. Er spürte, daß er in etwas Weiches schlug, jetzt +gegen das Gesicht, hörte einen Schrei ... + +Dieser Schrei brachte ihn zu sich. Plötzlich sah er sich selbst, und das +Ungeheure wurde ihm bewußt: daß er seine Mutter schlug. Eine Angst +überfiel ihn, Scham und Entsetzen, das ungestüme Bedürfnis, jetzt weg zu +sein, in den Boden zu sinken, fort zu sein, fort, nur nicht mehr unter +diesen Blicken. Er stürzte zur Türe und die Treppe rasch hinab, durch +das Haus auf die Straße, fort, nur fort, als hetzte hinter ihm eine +rasende Meute. + + + + +Erste Einsicht + + +Weiter drunten am Weg blieb er endlich stehen. Er mußte sich an einem +Baum festhalten, so sehr zitterten seine Glieder in Angst und Erregung, +so röchelnd brach ihm der Atem aus der überhetzten Brust. Hinter ihm war +das Grauen vor der eigenen Tat gerannt, nun faßte es seine Kehle und +schüttelte ihn wie im Fieber hin und her. Was sollte er jetzt tun? Wohin +fliehen? Denn hier schon, mitten im nahen Wald, eine Viertelstunde nur +vom Haus, wo er wohnte, befiel ihn das Gefühl der Verlassenheit. Alles +schien anders, feindlicher, gehässiger, seit er allein und ohne Hilfe +war. Die Bäume, die gestern ihn noch brüderlich umrauscht hatten, +ballten sich mit einem Male finster wie eine Drohung. Um wieviel aber +mußte all dies, was noch vor ihm war, fremder und unbekannter sein? +Dieses Alleinsein gegen die große, unbekannte Welt machte das Kind +schwindelig. Nein, er konnte es noch nicht ertragen, noch nicht allein +ertragen. Aber zu wem sollte er fliehen? Vor seinem Vater hatte er +Angst, der war leicht erregbar, unzugänglich und würde ihn sofort +zurückschicken. Zurück aber wollte er nicht, eher noch in die +gefährliche Fremdheit des Unbekannten hinein; ihm war, als könnte er nie +mehr das Gesicht seiner Mutter sehen, ohne zu denken, daß er mit der +Faust hineingeschlagen hatte. + +Da fiel ihm seine Großmutter ein, diese alte, gute, freundliche Frau, +die ihn von Kindheit an verzärtelt hatte, immer sein Schutz gewesen war, +wenn ihm zu Hause eine Züchtigung, ein Unrecht drohte. Bei ihr in Baden +wollte er sich verstecken, bis der erste Zorn vorüber war, wollte dort +einen Brief an die Eltern schreiben und sich entschuldigen. In dieser +Viertelstunde war er schon so gedemütigt, bloß durch den Gedanken, +allein mit seinen unerfahrenen Händen in der Welt zu stehen, daß er +seinen Stolz verwünschte, diesen dummen Stolz, den ihm ein fremder +Mensch mit einer Lüge ins Blut gejagt hatte. Er wollte ja nichts sein +als das Kind von vordem, gehorsam, geduldig ohne die Anmaßung, deren +lächerliche Übertriebenheit er jetzt fühlte. + +Aber wie hinkommen nach Baden? Wie stundenweit das Land überfliegen? +Hastig griff er in sein kleines, ledernes Portemonnaie, das er immer bei +sich trug. Gott sei dank, da blinkte es noch, das neue, goldene +Zwanzigkronenstück, das ihm zum Geburtstag geschenkt worden war. Nie +hatte er sich entschließen können, es auszugeben. Aber fast täglich +hatte er nachgesehen, ob es noch da sei, sich an seinem Anblick +geweidet, daran reich gefühlt und dann immer die Münze in dankbarer +Zärtlichkeit mit seinem Taschentuch blank geputzt, bis sie funkelte wie +eine kleine Sonne. Aber -- der jähe Gedanke erschreckte ihn -- würde das +genügen? Er war so oft schon in seinem Leben mit der Bahn gefahren, ohne +daran auch nur zu denken, daß man dafür bezahlen mußte oder schon gar, +wieviel das kosten könnte, ob eine Krone oder hundert. Zum ersten Male +spürte er, daß es da Tatsachen des Lebens gab, an die er nie gedacht +hatte, daß all die vielen Dinge, die ihn umringten, die er zwischen den +Fingern gehabt und mit denen er gespielt hatte, irgendwie mit einem +eigenen Wert gefüllt waren, einem besonderen Gewicht. Er, der sich noch +vor einer Stunde allwissend dünkte, war, das spürte er jetzt, an tausend +Geheimnissen und Fragen achtlos vorbeigegangen und schämte sich, daß +seine arme Weisheit schon über die erste Stufe ins Leben hinein +stolperte. Immer verzagter wurde er, immer kleiner waren seine +unsicheren Schritte bis hinab zur Station. Wie oft hatte er geträumt von +dieser Flucht, gedacht, ins Leben hinauszustürmen, Kaiser zu werden oder +König, Soldat oder Dichter, und nun sah er zaghaft auf das kleine helle +Haus hin, und dachte nur einzig daran, ob die zwanzig Kronen ausreichen +würden, ihn bis zu seiner Großmutter zu bringen. Die Schienen glänzten +weit ins Land hinaus, der Bahnhof war leer und verlassen. Schüchtern +schlich sich Edgar an die Kasse hin und flüsterte, damit niemand anderer +ihn hören könnte, wieviel eine Karte nach Baden koste. Ein verwundertes +Gesicht sah hinter dem dunklen Verschlag heraus, zwei Augen lächelten +hinter den Brillen auf das zaghafte Kind: + +»Eine ganze Karte?« + +»Ja«, stammelte Edgar. Aber ganz ohne Stolz, mehr in Angst, es möchte +zuviel kosten. + +»Sechs Kronen!« + +»Bitte!« + +Erleichtert schob er das blanke, vielgeliebte Stück hin, Geld klirrte +zurück, und Edgar fühlte sich mit einem Male wieder unsäglich reich, +nun, da er das braune Stück Pappe in der Hand hatte, das ihm die +Freiheit verbürgte, und in seiner Tasche die gedämpfte Musik von Silber +klang. + +Der Zug sollte in zwanzig Minuten eintreffen, belehrte ihn der Fahrplan. +Edgar drückte sich in eine Ecke. Ein paar Leute standen auf dem Perron, +unbeschäftigt und ohne Gedanken. Aber dem Beunruhigten war, als sähen +alle nur ihn an, als wunderten sich alle, daß so ein Kind schon allein +fahre, als wäre ihm die Flucht und das Verbrechen an die Stirne +geheftet. Er atmete auf, als endlich von ferne der Zug zum ersten Male +heulte und dann heranbrauste. Der Zug, der ihn in die Welt tragen +sollte. Beim Einsteigen erst bemerkte er, daß seine Karte für die dritte +Klasse galt. Bisher war er nur immer erster Klasse gefahren, und +wiederum fühlte er, daß hier etwas verändert sei, daß es +Verschiedenheiten gab, die ihm entgangen waren. Andere Leute hatte er zu +Nachbarn wie bisher. Ein paar italienische Arbeiter mit harten Händen +und rauhen Stimmen, Spaten und Schaufel in den Händen, saßen gerade +gegenüber und blickten mit dumpfen, trostlosen Augen vor sich hin. Sie +mußten offenbar schwer am Weg gearbeitet haben, denn einige von ihnen +waren müde und schliefen im ratternden Zug, an das harte und schmutzige +Holz gelehnt, mit offenem Munde. Sie hatten gearbeitet, um Geld zu +verdienen, dachte Edgar, konnte sich aber nicht denken, wieviel es +gewesen sein mochte; er fühlte aber wiederum, daß Geld eine Sache war, +die man nicht immer hatte, sondern die irgendwie erworben werden mußte. +Zum erstenmal kam ihm jetzt zum Bewußtsein, daß er eine Atmosphäre von +Wohlbehagen selbstverständlich gewohnt war und daß rechts und links von +seinem Leben Abgründe tief ins Dunkel hineinklafften, an die sein Blick +nie gerührt hatte. Mit einem Male bemerkte er, daß es Berufe gab und +Bestimmungen, daß rings um sein Leben Geheimnisse geschart waren, nah +zum Greifen und doch nie beachtet. Edgar lernte viel von dieser einen +Stunde, seit er allein stand, er begann vieles zu sehn aus diesem engen +Abteil mit den Fenstern ins Freie. Und leise begann in seiner dunklen +Angst etwas aufzublühen, das noch nicht Glück war, aber doch schon ein +Staunen vor der Mannigfaltigkeit des Lebens. Er war geflüchtet aus Angst +und Feigheit, das empfand er in jeder Sekunde, aber doch zum ersten Male +hatte er selbständig gehandelt, etwas erlebt von dem Wirklichen, an dem +er bisher vorbeigegangen war. Zum ersten Male war er vielleicht der +Mutter und dem Vater selbst Geheimnis geworden, wie ihm bislang die +Welt. Mit anderen Blicken sah er aus dem Fenster. Und es war ihm, als ob +er zum ersten Male alles Wirkliche sähe, als ob ein Schleier von den +Dingen gefallen sei und sie ihm nun alles zeigten, das Innere ihrer +Absicht, den geheimen Nerv ihrer Tätigkeit. Häuser flogen vorbei wie vom +Wind weggerissen, und er mußte an die Menschen denken, die drinnen +wohnten, ob sie reich seien oder arm, glücklich oder unglücklich, ob sie +auch die Sehnsucht hatten wie er, alles zu wissen, und ob vielleicht +Kinder dort seien, die auch nur mit den Dingen bisher gespielt hatten +wie er selbst. Die Bahnwächter, die mit wehenden Fahnen am Weg standen, +schienen ihm zum ersten Male nicht, wie bisher, lose Puppen und totes +Spielzeug, Dinge, hingestellt von gleichgültigem Zufall, sondern er +verstand, daß das ihr Schicksal war, ihr Kampf gegen das Leben. Immer +rascher rollten die Räder, nun ließen die runden Serpentinen den Zug zum +Tale niedersteigen, immer sanfter wurden die Berge, immer ferner, schon +war die Ebene erreicht. Einmal noch sah er zurück, da waren sie schon +blau und schattenhaft, weit und unerreichbar, und ihm war, als läge +dort, wo sie langsam in dem nebligen Himmel sich lösten, seine eigene +Kindheit. + + + + +Verwirrende Finsternis + + +Aber dann in Baden, als der Zug hielt und Edgar sich allein auf dem +Perron befand, wo schon die Lichter entflammt waren, die Signale grün +und rot in die Ferne glänzten, verband sich unversehens mit diesem +bunten Anblick eine plötzliche Bangnis vor der nahen Nacht. Bei Tag +hatte er sich noch sicher gefühlt, denn ringsum waren ja Menschen, man +konnte sich ausruhen, auf eine Bank setzen oder vor den Läden in die +Fenster starren. Wie aber würde er dies ertragen können, wenn die +Menschen sich wieder in die Häuser verloren, jeder ein Bett hatte, ein +Gespräch und dann eine beruhigte Nacht, während er im Gefühl seiner +Schuld allein herumirren mußte, in einer fremden Einsamkeit. Oh, nur +bald ein Dach über sich haben, nicht eine Minute mehr unter freiem +fremden Himmel stehen, das war sein einziges klares Gefühl. + +Hastig ging er den wohlbekannten Weg, ohne nach rechts und links zu +blicken, bis er endlich vor die Villa kam, die seine Großmutter +bewohnte. Sie lag schön an einer breiten Straße, aber nicht frei den +Blicken dargeboten, sondern hinter Ranken und Efeu eines wohlbehüteten +Gartens, ein Glanz hinter einer Wolke von Grün, ein weißes, altväterisch +freundliches Haus. Edgar spähte durch das Gitter wie ein Fremder. Innen +regte sich nichts, die Fenster waren verschlossen, offenbar waren alle +mit Gästen rückwärts im Garten. Schon berührte er die kühle Klinke, als +ein Seltsames geschah: mit einem Male schien ihm das, was er sich jetzt +seit zwei Stunden so leicht, so selbstverständlich gedacht hatte, +unmöglich. Wie sollte er eintreten, wie sie begrüßen, wie diese Fragen +ertragen und wie beantworten? Wie diesen ersten Blick aushalten, wenn er +berichten mußte, daß er heimlich seiner Mutter entflohen sei? Und wie +gar das Ungeheuerliche seiner Tat erklären, die er selbst schon nicht +mehr begriff! Innen ging jetzt eine Tür. Mit einem Male befiel ihn eine +törichte Angst, es möchte jemand kommen, und er lief weiter, ohne zu +wissen wohin. + +Vor dem Kurpark hielt er an, weil er dort Dunkel sah und keine Menschen +vermutete. Dort konnte er sich vielleicht niedersetzen und endlich, +endlich ruhig denken, ausruhen und über sein Schicksal klar werden. +Schüchtern trat er ein. Vorne brannten ein paar Laternen und gaben den +noch jungen Blättern einen gespenstigen Wasserglanz von durchsichtigem +Grün; weiter rückwärts aber, wo er den Hügel niedersteigen mußte, lag +alles wie eine einzige, dumpfe, schwarze, gärende Masse in der wirren +Finsternis einer verfrühten Frühlingsnacht. Edgar schlich scheu an den +paar Menschen vorbei, die hier unter dem Lichtkreis der Laternen +plaudernd oder lesend saßen: er wollte allein sein. Aber auch droben in +der schattenden Finsternis der unbeleuchteten Gänge war keine Ruhe. +Alles war da erfüllt von einem leisen, lichtscheuen Rieseln und Reden, +das vielfach gemischt war mit dem Atem des Windes zwischen den biegsamen +Blättern, dem Schlürfen ferner Schritte, dem Flüstern verhaltener +Stimmen, mit irgendeinem wollüstigen, seufzenden, angstvoll stöhnenden +Getön, das von Menschen und Tieren und der unruhig schlafenden Natur +gleichzeitig ausgehen mochte. Es war eine gefährliche Unruhe, eine +geduckte, versteckte und beängstigende rätselhafte, die hier atmete, +irgendein unterirdisches Wühlen im Wald, das vielleicht nur mit dem +Frühling zusammenhing, das ratlose Kind aber seltsam verängstigte. + +Er preßte sich ganz klein auf eine Bank hin in dieses abgründige Dunkel +und versuchte nun zu überlegen, was er zu Hause erzählen sollte. Aber +die Gedanken glitten ihm glitschig weg, ehe er sie fassen konnte, gegen +seinen eigenen Willen mußte er immer nur lauschen und lauschen auf das +gedämpfte Tönen, die mystischen Stimmen des Dunkels. Wie furchtbar diese +Finsternis war, wie verwirrend und doch wie geheimnisvoll schön! Waren +es Tiere oder Menschen oder nur die gespenstige Hand des Windes, die all +dieses Rauschen und Knistern, dieses Surren und Locken ineinanderwebte? +Er lauschte. Es war der Wind, der unruhig durch die Bäume schlich, +aber -- jetzt sah er es deutlich -- auch Menschen, verschlungene Paare, +die von unten, von der hellen Stadt heraufkamen und die Finsternis mit +ihrer rätselhaften Gegenwart belebten. Was wollten sie? Er konnte es +nicht begreifen. Sie sprachen nicht miteinander, denn er hörte keine +Stimmen, nur die Schritte knirschten unruhig im Kies, und hie und da sah +er in der Lichtung ihre Gestalten flüchtig wie Schatten vorüberschweben, +immer aber so in eins verschlungen, wie er damals seine Mutter mit dem +Baron gesehen hatte. Dieses Geheimnis, das große, funkelnde und +verhängnisvolle, es war also auch hier. Immer näher hörte er jetzt +Schritte herankommen und nun auch ein gedämpftes Lachen. Angst befiel +ihn, die Nahenden möchten ihn hier finden, und noch tiefer ins Dunkel +drückte er sich hinein. Aber die beiden, die jetzt durch die +undurchdringliche Finsternis den Weg herauftasteten, sahen ihn nicht. +Verschlungen gingen sie vorbei, schon atmete Edgar auf, da stockte +plötzlich ihr Schritt, knapp vor seiner Bank. Sie preßten die Gesichter +aneinander, Edgar konnte nichts deutlich sehen, er hörte nur, wie ein +Stöhnen aus dem Munde der Frau brach, der Mann heiße, wahnsinnige Worte +stammelte, und irgendein schwüles Vorgefühl durchdrang seine Angst mit +einem wollüstigen Schauer. Eine Minute blieben sie so, dann knirschte +wieder der Kies unter ihren weiterwandernden Schritten, die dann bald in +der Finsternis verklangen. + +Edgar schauerte zusammen. Das Blut stürzte ihm jetzt wieder in die Adern +zurück, heißer und wärmer als zuvor. Und mit einem Male fühlte er sich +unerträglich einsam in dieser verwirrenden Finsternis, urmächtig kam das +Bedürfnis über ihn nach irgendeiner befreundeten Stimme, einer Umarmung, +nach einem hellen Zimmer, nach Menschen, die er liebte. Ihm war, als +wäre die ganze ratlose Dunkelheit dieser wirren Nacht nun in ihn +gesunken und zersprenge ihm die Brust. + +Er sprang auf. Nur heim, heim, irgendwo zu Hause sein im warmen, im +hellen Zimmer, in irgendeinem Zusammenhang mit Menschen. Was konnte ihm +denn geschehen? Sollte man ihn schlagen und beschimpfen, er fürchtete +nichts mehr, seit er dieses Dunkel gespürt hatte und die Angst vor der +Einsamkeit. + +Es trieb ihn vorwärts, ohne daß er sich spürte, und plötzlich stand er +neuerdings vor der Villa, die Hand wieder an der kühlen Klinke. Er sah, +wie jetzt die Fenster erleuchtet durch das Grün glimmerten, sah in +Gedanken hinter jeder hellen Scheibe den vertrauten Raum mit seinen +Menschen darin. Schon dieses Nahsein gab ihm Glück, schon dieses erste, +beruhigende Gefühl, daß er nah sei zu Menschen, von denen er sich +geliebt wußte. Und wenn er noch zögerte, so war es nur, um dieses +Vorgefühl inniger zu genießen. + +Da schrie hinter ihm eine Stimme mit gellem Erschrecken: + +»Edgar, da ist er ja!« + +Das Dienstmädchen seiner Großmama hatte ihn gesehen, stürzte auf ihn los +und faßte ihn bei der Hand. Die Türe wurde innen aufgerissen, bellend +sprang ein Hund an ihm empor, aus dem Hause kam man mit Lichtern, er +hörte Stimmen mit Jubel und Schreck rufen, einen freudigen Tumult von +Schreien und Schritten, die sich näherten, Gestalten, die er jetzt +erkannte. Vorerst seine Großmutter mit ausgestrecktem Arm und hinter +ihr -- er glaubte zu träumen -- seine Mutter. Mit verweinten Augen, +zitternd und verschüchtert, stand er selbst inmitten dieses heißen +Ausbruchs überschwenglicher Gefühle, unschlüssig, was er tun, was er +sagen sollte, und selber unklar, was er fühlte: Angst oder Glück. + + + + +Der letzte Traum + + +Das war so geschehen: Man hatte ihn hier längst schon gesucht und +erwartet. Seine Mutter, trotz ihres Zornes erschreckt durch das rasende +Wegstürzen des erregten Kindes, hatte ihn auf dem Semmering suchen +lassen. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher +Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen +drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Dort stellte man rasch fest, daß Edgar +eine Karte nach Baden genommen hatte, und sie fuhr, ohne zu zögern, ihm +sofort nach. Telegramme nach Baden und Wien an seinen Vater liefen ihr +voran, Aufregung verbreitend, und seit zwei Stunden war alles in +Bewegung nach dem Flüchtigen. + +Jetzt hielten sie ihn fest, aber ohne Gewalt. In einem unterdrückten +Triumph wurde er hineingeführt ins Zimmer, aber wie seltsam war ihm +dies, daß er alle die harten Vorwürfe, die sie ihm sagten, nicht spürte, +weil er in ihren Augen doch die Freude und die Liebe sah. Und sogar +dieser Schein, dieser geheuchelte Ärger dauerte nur einen Augenblick. +Dann umarmte ihn wieder die Großmutter mit Tränen, niemand sprach mehr +von seiner Schuld, und er fühlte sich von einer wundervollen Fürsorge +umringt. Da zog ihm das Mädchen den Rock aus und brachte ihm einen +wärmeren, da fragte ihn die Großmutter, ob er nicht Hunger habe oder +irgend etwas wollte, sie fragten und quälten ihn mit zärtlicher +Besorgnis, und wie sie seine Befangenheit sahen, fragten sie nicht mehr. +Wollüstig empfand er das so mißachtete und doch entbehrte Gefühl wieder, +ganz Kind zu sein, und Scham befiel ihn über die Anmaßung der letzten +Tage, all dies entbehren zu wollen, es einzutauschen für die trügerische +Lust einer eigenen Einsamkeit. + +Nebenan klingelte das Telephon. Er hörte die Stimme seiner Mutter, hörte +einzelne Worte: »Edgar ... zurück ... herkommen ... letzter Zug«, und +wunderte sich, daß sie ihn nicht wild angefahren hatte, nur umfaßt mit +so merkwürdig verhaltenem Blick. Immer wilder wurde die Reue in ihm, und +am liebsten hätte er sich hier all der Sorgfalt seiner Großmutter und +seiner Tante entwunden und wäre hineingegangen, sie um Verzeihung zu +bitten, ihr ganz in Demut, ganz allein zu sagen, er wolle wieder Kind +sein und gehorchen. Aber als er jetzt leise aufstand, sagte die +Großmutter leise erschreckt: + +»Wohin willst du?« + +Da stand er beschämt. Sie hatten schon Angst für ihn, wenn er sich +regte. Er hatte sie alle verschreckt, nun fürchteten sie, er wolle +wieder entfliehen. Wie würden sie begreifen können, daß niemand mehr +diese Flucht bereute als er selbst! + +Der Tisch war gedeckt, und man brachte ihm ein eiliges Abendessen. Die +Großmutter saß bei ihm und wandte keinen Blick. Sie und die Tante und +das Mädchen schlossen ihn in einen stillen Kreis, und er fühlte sich von +dieser Wärme wundersam beruhigt. Nur daß seine Mutter nicht ins Zimmer +trat, machte ihn wirr. Wenn sie hätte ahnen können, wie demütig er war, +sie wäre bestimmt gekommen! + +Da ratterte draußen ein Wagen und hielt vor dem Haus. Die anderen +schreckten so sehr auf, daß auch Edgar unruhig wurde. Die Großmutter +ging hinaus, Stimmen flogen laut hin und her durch das Dunkel, und auf +einmal wußte er, daß sein Vater gekommen war. Scheu merkte Edgar, daß er +jetzt wieder allein im Zimmer stand, und selbst dieses kleine Alleinsein +verwirrte ihn. Sein Vater war streng, war der einzige, den er wirklich +fürchtete. Edgar horchte hinaus, sein Vater schien erregt zu sein, er +sprach laut und geärgert. Dazwischen klangen begütigend die Stimmen +seiner Großmutter und der Mutter, offenbar wollten sie ihn milder +stimmen. Aber die Stimme blieb hart, hart wie die Schritte, die jetzt +herankamen, näher und näher, nun schon im Nebenzimmer waren, knapp vor +der Türe, die jetzt aufgerissen wurde. + +Sein Vater war sehr groß. Und unsäglich klein fühlte sich jetzt Edgar +vor ihm, wie er eintrat, nervös und anscheinend wirklich im Zorn. + +»Was ist dir eingefallen, du Kerl, davonzulaufen? Wie kannst du deine +Mutter so erschrecken?« + +Seine Stimme war zornig und in den Händen eine wilde Bewegung. Hinter +ihm war mit leisem Schritt jetzt die Mutter hereingetreten. Ihr Gesicht +war verschattet. + +Edgar antwortete nicht. Er hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu +müssen, aber doch, wie sollte er das erzählen, daß man ihn betrogen +hatte und geschlagen? Würde er es verstehen? + +»Nun, kannst du nicht reden? Was war los? Du kannst es ruhig sagen! War +dir etwas nicht recht? Man muß doch einen Grund haben, wenn man +davonläuft! Hat dir jemand etwas zuleide getan?« Edgar zögerte. Die +Erinnerung machte ihn wieder zornig, schon wollte er anklagen. Da sah +er -- und sein Herz stand still dabei -- wie seine Mutter hinter dem +Rücken des Vaters eine sonderbare Bewegung machte. Eine Bewegung, die er +erst nicht verstand. Aber jetzt sah sie ihn an, in ihren Augen war eine +flehende Bitte. Und leise, ganz leise hob sie den Finger zum Mund im +Zeichen des Schweigens. + +Da brach, das Kind fühlte es, plötzlich etwas Warmes, eine ungeheure +wilde Beglückung durch seinen ganzen Körper. Er verstand, daß sie ihm +das Geheimnis zu hüten gab, daß auf seinen kleinen Kinderlippen ein +Schicksal lag. Und wilder, jauchzender Stolz erfüllte ihn, daß sie ihm +vertraute, jäh überkam ihn ein Opfermut, ein Wille, seine eigene Schuld +noch zu vergrößern, um zu zeigen, wie sehr er schon Mann war. Er raffte +sich zusammen: + +»Nein, nein ... es war gar kein Anlaß. Mama war sehr gut zu mir, aber +ich war ungezogen, ich habe mich schlecht benommen ... und da ... da bin +ich davongelaufen, weil ich mich gefürchtet habe.« + +Sein Vater sah ihn verdutzt an. Er hatte alles erwartet, nur nicht +dieses Geständnis. Sein Zorn war entwaffnet. + +»Na, wenn es dir leid tut, dann ists schon gut. Dann will ich heute +nichts mehr darüber reden. Ich glaube, du wirst es dir ein anderes Mal +doch überlegen! Daß so etwas nicht mehr vorkommt.« + +Er blieb stehen und sah ihn an. Seine Stimme wurde jetzt milder. + +»Wie blaß du aussiehst. Aber mir scheint, du bist schon wieder größer +geworden. Ich hoffe, du wirst solche Kindereien nicht mehr tun; du bist +ja wirklich kein Bub mehr und könntest schon vernünftig sein!« + +Edgar blickte die ganze Zeit über nur auf seine Mutter. Ihm war, als +funkelte etwas in ihren Augen. Oder war dies nur der Widerschein der +Flamme? Nein, es glänzte dort feucht und hell, und ein Lächeln war um +ihren Mund, das ihm Dank sagte. Man schickte ihn jetzt zu Bett, aber er +war nicht traurig darüber, daß sie ihn allein ließen. Er hatte ja so +viel zu überdenken, so viel Buntes und Reiches. All der Schmerz der +letzten Tage verging in dem gewaltigen Gefühl des ersten Erlebnisses, er +fühlte sich glücklich in einem geheimnisvollen Vorgefühl künftiger +Geschehnisse. Draußen rauschten im Dunkel die Bäume in der verfinsterten +Nacht, aber er kannte kein Bangen mehr. Er hatte alle Ungeduld vor dem +Leben verloren, seit er wußte, wie reich es war. Ihm war, als hätte er +es zum erstenmal heute nackt gesehen, nicht mehr verhüllt von tausend +Lügen der Kindheit, sondern in seiner ganzen wollüstigen, gefährlichen +Schönheit. Er hatte nie gedacht, daß Tage so voll gepreßt sein konnten +vom vielfältigen Übergang des Schmerzes und der Lust, und der Gedanke +beglückte ihn, daß noch viele solche Tage ihm bevorständen, ein ganzes +Leben warte, ihm sein Geheimnis zu entschleiern. Eine erste Ahnung der +Vielfältigkeit des Lebens hatte ihn überkommen, zum ersten Male glaubte +er das Wesen der Menschen verstanden zu haben, daß sie einander +brauchten, selbst wenn sie sich feindlich schienen, und daß es sehr süß +sei, von ihnen geliebt zu werden. Er war unfähig, an irgend etwas oder +irgend jemanden mit Haß zu denken, er bereute nichts, und selbst für den +Baron, den Verführer, seinen bittersten Feind, fand er ein neues Gefühl +der Dankbarkeit, weil er ihm die Tür aufgetan hatte zu dieser Welt der +ersten Gefühle. + +Das alles war sehr süß und schmeichlerisch nun im Dunkel zu denken, +leise schon verworren mit Bildern aus Träumen, und beinahe war es schon +Schlaf. Da war ihm, als ob plötzlich die Türe ginge und leise etwas +käme. Er glaubte sich nicht recht, war auch schon zu schlafbefangen, um +die Augen aufzutun. Da spürte er atmend über sich ein Gesicht weich, +warm und mild das seine streifen, und wußte, daß seine Mutter es war, +die ihn jetzt küßte und ihm mit der Hand übers Haar fuhr. Er fühlte die +Küsse und fühlte die Tränen, sanft die Liebkosung erwidernd, und nahm es +nur als Versöhnung, als Dankbarkeit für sein Schweigen. Erst später, +viele Jahre später, erkannte er in diesen stummen Tränen ein Gelöbnis +der alternden Frau, daß sie von nun ab nur ihm, nur ihrem Kinde gehören +wollte, eine Absage an das Abenteuer, ein Abschied von allen eigenen +Begehrlichkeiten. Er wußte nicht, daß auch sie ihm dankbar war, aus +einem unfruchtbaren Abenteuer gerettet zu sein und ihm nun mit dieser +Umarmung die bitter-süße Last der Liebe für sein zukünftiges Leben wie +ein Erbe überließ. All dies verstand das Kind von damals nicht, aber es +fühlte, daß es sehr beseligend sei, so geliebt zu sein, und daß es durch +diese Liebe schon verstrickt war mit dem großen Geheimnis der Welt. + +Als sie dann die Hand von ihm ließ, die Lippen sich den seinen entwanden +und die leise Gestalt entrauschte, blieb noch ein Warmes zurück, ein +Hauch über seinen Lippen. Und schmeichlerisch flog ihn Sehnsucht an, oft +noch solche weiche Lippen zu spüren und so zärtlich umschlungen zu +werden, aber dieses ahnungsvolle Vorgefühl des so ersehnten Geheimnisses +war schon umwölkt vom Schatten des Schlafes. Noch einmal zogen all die +Bilder der letzten Stunden farbig vorbei, noch einmal blätterte sich das +Buch seiner Jugend verlockend auf. Dann schlief das Kind ein, und es +begann der tiefere Traum seines Lebens. + + + + +Druck von M. Lindenbaum & Co. in Amsterdam + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: + +Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet. + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, Orthographie und +Interpunktion aber sonst wie im Original belassen.] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS *** + +***** This file should be named 24173-8.txt or 24173-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24173/ + +Produced by Irma Knoll and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/24173-8.zip b/24173-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6199b6d --- /dev/null +++ b/24173-8.zip diff --git a/24173-h.zip b/24173-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e014843 --- /dev/null +++ b/24173-h.zip diff --git a/24173-h/24173-h.htm b/24173-h/24173-h.htm new file mode 100644 index 0000000..3fecbf1 --- /dev/null +++ b/24173-h/24173-h.htm @@ -0,0 +1,3190 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + + h1 { + font-size: xx-large; + font-weight: normal; + letter-spacing: 0.35ex; + margin-bottom: 1.5em; + } + + h2 { + font-style: normal; + margin-top: 3.5em; + margin-bottom: 2em; + font-size: large; + letter-spacing: 0.35ex; + } + + p.subtitle, p.publisher { + font-size: medium; + font-weight: normal; + letter-spacing: 0.35ex; + text-align: center; + + } + + p.author { + font-size: large; + letter-spacing: 0.35ex; + text-align: center; + margin-bottom: 3.5em; + } + + p.edition { + text-align: center; + font-size: medium; + } + + + p.printinfo { + text-align: center; + letter-spacing: 0.35ex; + font-size: small; + margin-top: 3.5em; + } + + body { + margin-left: 20%; + margin-right: 20%; + } + + + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding-bottom: 1em; + padding-right: 1em; + padding-top: 1em; + padding-left: 1em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(90%,90%,90%); + color: black; + font-size: smaller; + } + + .center { text-align: center; } + + em.antiqua { + font-family: "Courier New", monospace; + font-size: smaller; + font-style: normal; + } + + p.dropcap:first-letter { + float: left; + clear: left; + margin: 0.05em 0.08em 0.0em 0.0em; + padding: 0; + font-size: 220%; } + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Brennendes Geheimnis + Erzählung + +Author: Stefan Zweig + +Release Date: January 5, 2008 [EBook #24173] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS *** + + + + +Produced by Irma Knoll and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<!-- Page 1 --> +<h1>Brennendes Geheimnis</h1> + + +<p class="subtitle">Erzählung</p> + +<p class="center">von</p> + +<p class="author">Stefan Zweig</p> + + + +<!-- Page 2 --> +<p class="publisher">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p> + +<p class="edition">16.–25. Tausend<br /> </p> + + + +<!-- Page 3 --> +<h2>Der Partner</h2> + + +<p class="dropcap">Die Lokomotive schrie heiser auf: der Semmering war erreicht. +Eine Minute rasteten die schwarzen Wagen im silbrigen Licht +der Höhe, warfen paar bunte Menschen aus, schluckten andere ein, +Stimmen gingen geärgert hin und her, dann schrie vorne wieder die +heisere Maschine und riß die schwarze Kette rasselnd in die Höhle +des Tunnels hinab. Rein ausgespannt, mit klaren, vom nassen Wind +reingefegten Hintergründen lag wieder die hingebreitete Landschaft.</p> + +<p>Einer der Angekommenen, jung, durch gute Kleidung und eine natürliche +Elastizität des Schrittes sympathisch auffallend, nahm den +andern rasch voraus einen Fiaker zum Hotel. Ohne Hast trappten +die Pferde den ansteigenden Weg. Es lag Frühling in der Luft. +Jene weißen, unruhigen Wolken flatterten am Himmel, die nur der +Mai und der Juni hat, jene weißen, selbst noch jungen und flattrigen +Gesellen, die spielend über die blaue Bahn rennen, um sich +plötzlich hinter hohen Bergen zu verstecken, die sich umarmen und +fliehen, sich bald wie Taschentücher zerknüllen, bald in Streifen zerfasern +und schließlich im Schabernack den Bergen weiße Mützen +aufsetzen. Unruhe war auch oben im Wind, der die mageren, noch +vom Regen feuchten Bäume so unbändig schüttelte, daß sie leise in +den Gelenken krachten und tausend Tropfen wie Funken von sich +wegsprühten. Manchmal schien auch Duft von Schnee kühl aus den +Bergen herüberzukommen, dann spürte man im Atem etwas, das +süß und scharf war zugleich. Alles in Luft und Erde war Bewegung +und gärende Ungeduld. Leise schnaubend liefen die Pferde den jetzt +niedersteigenden Weg, die Schellen klirrten ihnen weit voraus.</p> + +<p>Im Hotel war der erste Weg des jungen Mannes zu der Liste der +anwesenden Gäste, die er – bald enttäuscht – durchflog. „Wozu bin +ich eigentlich hier“, begann es unruhig in ihm zu fragen. „Allein <!-- Page 4 --> +hier auf dem Berg zu sein, ohne Gesellschaft, ist ärger als das Bureau. +Offenbar bin ich zu früh gekommen oder zu spät. Ich habe nie Glück +mit meinem Urlaub. Keinen einzigen bekannten Namen finde ich +unter all den Leuten. Wenn wenigstens ein paar Frauen da wären, +irgendein kleiner, im Notfall sogar argloser Flirt, um diese Woche +nicht gar zu trostlos zu verbringen.“ Der junge Mann, ein Baron +von nicht sehr klangvollem österreichischen Beamtenadel, in der +Statthalterei angestellt, hatte sich diesen kleinen Urlaub ohne jegliches +Bedürfnis genommen, eigentlich nur, weil sich alle seine Kollegen +eine Frühjahrswoche durchgesetzt hatten und er die seine dem +Dienst nicht schenken wollte. Er war, obwohl innerer Befähigung +nicht entbehrend, eine durchaus gesellschaftliche Natur, als solche +beliebt, in allen Kreisen gern gesehen und sich seiner Unfähigkeit zur +Einsamkeit voll bewußt. In ihm war keine Neigung, sich selber +allein gegenüberzustehen, und er vermied möglichst diese Begegnungen, +weil er intimere Bekanntschaft mit sich selbst gar nicht +wollte. Er wußte, daß er die Reibfläche von Menschen brauchte, um +seine Talente, die Wärme und den Übermut seines Herzens aufflammen +zu lassen, und er allein frostig und sich selber nutzlos war, +wie ein Zündholz in der Schachtel.</p> + +<p>Verstimmt ging er in der leeren Hall auf und ab, bald unschlüssig +in den Zeitungen blätternd, bald wieder im Musikzimmer am Klavier +einen Walzer antastend, bei dem ihm aber der Rhythmus nicht +recht in die Finger sprang. Schließlich setzte er sich verdrossen hin, +sah hinaus, wie das Dunkel langsam niederfiel, der Nebel als Dampf +grau aus den Fichten brach. Eine Stunde zerbröselte er so, nutzlos +und nervös. Dann flüchtete er in den Speisesaal.</p> + +<p>Dort waren erst ein paar Tische besetzt, die er alle mit eiligem Blick +überflog. Vergeblich! Keine Bekannten, nur dort – er gab lässig einen +Gruß zurück – ein Trainer, dort wieder ein Gesicht von der Ringstraße<!-- Page 5 --> +her, sonst nichts. Keine Frau, nichts, was ein auch flüchtiges +Abenteuer versprach. Sein Mißmut wurde ungeduldiger. Er war +einer jener jungen Menschen, deren hübschem Gesicht viel geglückt +ist und in denen nun beständig alles für eine neue Begegnung, ein +neues Erlebnis bereit ist, die immer gespannt sind, sich ins Unbekannte +eines Abenteuers zu schnellen, die nichts überrascht, weil sie +alles lauernd berechnet haben, die nichts Erotisches übersehen, weil +schon ihr erster Blick jeder Frau in das Sinnliche greift, prüfend +und ohne Unterschied, ob es die Gattin ihres Freundes ist oder das +Stubenmädchen, das die Türe zu ihr öffnet. Wenn man solche Menschen +mit einer gewissen leichtfertigen Verächtlichkeit Frauenjäger +nennt, so geschieht es, ohne zu wissen, wieviel beobachtende Wahrheit +in dem Worte versteinert ist, denn tatsächlich, alle leidenschaftlichen +Instinkte der Jagd, das Aufspüren, die Erregtheit und die +seelische Grausamkeit flackern in dem rastlosen Wachsein solcher +Menschen. Sie sind beständig auf dem Anstand, immer bereit und +entschlossen, die Spur eines Abenteuers bis hart an den Abgrund +zu verfolgen. Sie sind immer geladen mit Leidenschaft, aber nicht +der des Liebenden, sondern der des Spielers, der kalten, berechnenden +und gefährlichen. Es gibt unter ihnen Beharrliche, denen weit +über die Jugend hinaus das ganze Leben durch diese Erwartung +zum ewigen Abenteuer wird, denen sich der einzelne Tag in hundert +kleine, sinnliche Erlebnisse auflöst – ein Blick im Vorübergehen, ein +weghuschendes Lächeln, ein im Gegenübersitzen gestreiftes Knie – +und das Jahr wieder in hundert solcher Tage, für die das sinnliche +Erlebnis ewig fließende, nährende und anfeuernde Quelle des +Lebens ist.</p> + +<p>Hier waren keine Partner zu einem Spiele, das übersah der Suchende +sofort. Und keine Gereiztheit ist ärgerlicher als die des +Spielers, der mit den Karten in der Hand im Bewußtsein seiner<!-- Page 6 --> +Überlegenheit vor dem grünen Tisch sitzt und vergeblich den Partner +erwartet. Der Baron rief nach einer Zeitung. Mürrisch ließ er die +Blicke über die Zeilen rinnen, aber seine Gedanken waren lahm und +stolperten wie betrunken den Worten nach.</p> + +<p>Da hörte er hinter sich ein Kleid rauschen und eine Stimme, leicht +ärgerlich und mit affektiertem Akzent, sagen: „<em class="antiqua">Mais tais toi donc, +Edgar!</em>“</p> + +<p>An seinem Tisch knisterte im Vorüberschreiten ein seidenes Kleid, +hoch und üppig schattete eine Gestalt vorbei und hinter ihr in einem +schwarzen Samtanzug ein kleiner, blasser Bub, der ihn neugierig +mit dem Blick anstreifte. Die beiden setzten sich gegenüber an den +reservierten Tisch, das Kind sichtbar um eine Korrektheit bemüht, +die der schwarzen Unruhe in seinen Augen zu widersprechen schien. +Die Dame – und nur auf sie hatte der junge Baron acht – war sehr +soigniert und mit sichtbarer Eleganz gekleidet, ein Typus überdies, +den er sehr liebte, eine jener leicht üppigen Jüdinnen im Alter knapp +vor der Überreife, offenbar auch leidenschaftlich, aber erfahren, ihr +Temperament hinter einer vornehmen Melancholie zu verbergen. +Er vermochte zunächst noch nicht in ihre Augen zu sehen und bewunderte +nur die schön geschwungene Linie der Augenbrauen, rein +über einer zarten Nase gerundet, die ihre Rasse zwar verriet, aber +durch edle Form das Profil scharf und interessant machte. Die +Haare waren, wie alles Weibliche an diesem vollen Körper, von +einer auffallenden Üppigkeit, ihre Schönheit schien im sichern Selbstgefühl +vieler Bewunderungen satt und prahlerisch geworden zu sein. +Sie bestellte mit sehr leiser Stimme, wies den Buben, der mit der +Gabel spielend klirrte, zurecht – all dies mit anscheinender Gleichgültigkeit +gegen den vorsichtig anschleichenden Blick des Barons, den +sie nicht zu bemerken schien, während es doch in Wirklichkeit nur seine +rege Wachsamkeit war, die ihr diese gebändigte Sorgfalt aufzwang.</p> + +<!-- Page 7 --> +<p>Das Dunkel im Gesichte des Barons war mit einem Male aufgehellt, +unterirdisch belebend liefen die Nerven hin, strafften die +Falten, rissen die Muskeln auf, daß seine Gestalt aufschnellte und +Lichter in den Augen flackerten. Er war selber den Frauen nicht unähnlich, +die erst die Gegenwart eines Mannes brauchen, um aus +sich ihre ganze Gewalt herauszuholen. Erst ein sinnlicher Reiz +spannte seine Energie zu voller Kraft. Der Jäger in ihm witterte +hier eine Beute. Herausfordernd suchte sein Auge ihrem Blick zu +begegnen, der ihn manchmal mit einer glitzernden Unbestimmtheit +des Vorbeisehens kreuzte, nie aber blank eine klare Antwort bot. +Auch um den Mund glaubte er manchmal ein Fließen wie von beginnendem +Lächeln zu spüren, aber all dies war unsicher, und eben +diese Unsicherheit erregte ihn. Das einzige, was ihm versprechend +schien, war dieses stete Vorbeischauen, weil es Widerstand war und +Befangenheit zugleich, und dann die merkwürdig sorgfältige, auf +einen Zuschauer sichtlich eingestellte Art der Konversation mit dem +Kinde. Eben das aufdringlich Vorgehaltene dieser Ruhe bedeutete, +das fühlte er, heimlich ein erstes Beunruhigtsein. Auch er war erregt: +das Spiel hatte begonnen. Er verzögerte sein Diner, hielt +diese Frau eine halbe Stunde fast unablässig mit dem Blick fest, bis +er jede Linie ihres Gesichtes nachgezeichnet, an jede Stelle ihres +üppigen Körpers unsichtbar gerührt hatte. Draußen fiel drückend +das Dunkel nieder, die Wälder seufzten in kindischer Furcht, als jetzt +die großen Regenwolken graue Hände nach ihnen reckten, immer +finstrer drängten die Schatten ins Zimmer hinein, immer mehr +schienen die Menschen hier zusammengepreßt durch das Schweigen. +Das Gespräch der Mutter mit ihrem Kinde wurde, das merkte er, +unter der Drohung dieser Stille immer gezwungener, immer künstlicher, +bald, fühlte er, würde es zu Ende sein. Da beschloß er eine +Probe. Er stand als erster auf, ging langsam, mit einem langen<!-- Page 8 --> +Blick auf die Landschaft an ihr vorbeisehend, zur Türe. Dort zuckte +er rasch, als hätte er etwas vergessen, mit dem Kopf herum. Und +ertappte sie, wie sie ihm lebhaften Blickes nachsah.</p> + +<p>Das reizte ihn. Er wartete in der Hall. Sie kam bald nach, den +Buben an der Hand, blätterte im Vorübergehen unter den Zeitschriften, +zeigte dem Kind ein paar Bilder. Aber als der Baron, wie +zufällig, an den Tisch trat, anscheinend um auch eine Zeitschrift zu +suchen, in Wahrheit, um tiefer in das feuchte Glitzern ihrer Augen +zu dringen, vielleicht sogar ein Gespräch zu beginnen, wandte sie sich +weg, klopfte ihrem Sohn leicht auf die Schulter: „<em class="antiqua">Viens, Edgar! +Au lit!</em>“ und rauschte kühl an ihm vorbei.</p> + +<p>Ein wenig enttäuscht, sah ihr der Baron nach. Er hatte eigentlich +auf ein Bekanntwerden noch an diesem Abend gerechnet, und diese +schroffe Art enttäuschte ihn. Aber schließlich, in diesem Widerstand +war Reiz, und gerade das Unsichere entzündete seine Begier. Immerhin: +er hatte seinen Partner, und ein Spiel konnte beginnen.</p> + + + + +<h2>Rasche Freundschaft</h2> + + +<p class="dropcap">Als der Baron am nächsten Morgen in die Hall trat, sah er dort +das Kind der schönen Unbekannten in eifrigem Gespräch mit +den beiden Liftboys, denen es Bilder in einem Buch von Karl May +zeigte. Seine Mama war nicht zugegen, offenbar noch mit der +Toilette beschäftigt. Jetzt erst besah sich der Baron den Buben. Es +war ein scheuer, unentwickelter nervöser Junge von etwa zwölf +Jahren mit fahrigen Bewegungen und dunkel herumjagenden Augen. +Er machte, wie Kinder in diesen Jahren so oft, den Eindruck von +Verschrecktheit, gleichsam als ob er eben aus dem Schlaf gerissen +und plötzlich in fremde Umgebung gestellt sei. Sein Gesicht war nicht +unhübsch, aber noch ganz unentschieden, der Kampf des Männlichen<!-- Page 9 --> +mit dem Kindlichen schien eben erst einsetzen zu wollen, noch war +alles darin nur wie geknetet und noch nicht geformt, nichts in reinen +Linien ausgesprochen, nur blaß und unruhig gemengt. Überdies war +er gerade in jenem unvorteilhaften Alter, wo Kinder nie in ihre +Kleider passen, Ärmel und Hosen schlaff um die mageren Gelenke +schlottern und noch keine innere Eitelkeit sie mahnt, auf ihr Äußeres +zu wachen.</p> + +<p>Der Knabe machte hier, unschlüssig herumirrend, einen ziemlich +kläglichen Eindruck. Eigentlich stand er allen im Wege. Bald schob +ihn der Portier beiseite, den er mit allerhand Fragen zu belästigen +schien, bald störte er am Eingang; offenbar fehlte es ihm an freundschaftlichem +Umgang. So suchte er in seinem kindlichen Schwatzbedürfnis +sich an die Bediensteten des Hotels heranzumachen, die +ihm, wenn sie gerade Zeit hatten, antworteten, das Gespräch aber +sofort unterbrachen, wenn ein Erwachsener in Sicht kam oder etwas +Vernünftiges getan werden mußte. Der Baron sah lächelnd und +mit Interesse dem unglücklichen Buben zu, der auf alles mit Neugier +schaute und dem alles unfreundlich entwich. Einmal faßte er einen +dieser neugierigen Blicke fest an, aber die schwarzen Augen krochen +sofort ängstlich in sich hinein, sobald er sie auf der Suche ertappte, +und duckten sich hinter gesenkten Lidern. Das amüsierte den Baron. +Der Bub begann ihn zu interessieren, und er fragte sich, ob ihm +dieses Kind, das offenbar nur aus Furcht so scheu war, nicht als +raschester Vermittler einer Annäherung dienen könnte. Immerhin: +er wollte es versuchen. Unauffällig folgte er dem Buben, der eben +wieder zur Türe hinauspendelte und in seinem kindischen Zärtlichkeitsbedürfnis +die rosa Nüstern eines Schimmels liebkoste, bis ihn – +er hatte wirklich kein Glück – auch hier der Kutscher ziemlich barsch wegwies. +Gekränkt und gelangweilt stand er jetzt wieder herum mit seinem +leeren und ein wenig traurigen Blick. Da sprach ihn der Baron an.</p> + +<!-- Page 10 --> +<p>„Na, junger Mann, wie gefällts dir da?“ setzte er plötzlich ein, bemüht, +die Ansprache möglichst jovial zu halten.</p> + +<p>Das Kind wurde feuerrot und starrte ängstlich auf. Er zog die Hand +irgendwie in Furcht an sich und wand sich hin und her vor Verlegenheit. +Das geschah ihm zum erstenmal, daß ein fremder Herr mit +ihm ein Gespräch begann.</p> + +<p>„Ich danke, gut“, konnte er gerade noch herausstammeln. Das letzte +Wort war schon mehr gewürgt als gesprochen.</p> + +<p>„Das wundert mich,“ sagte der Baron lachend, „es ist doch eigentlich +ein fader Ort, besonders für einen jungen Mann, wie du einer +bist. Was treibst du denn den ganzen Tag?“</p> + +<p>Der Bub war noch immer zu sehr verwirrt, um rasch zu antworten. +War es wirklich möglich, daß dieser fremde elegante Herr mit ihm, +um den sich sonst keiner kümmerte, ein Gespräch suchte? Der Gedanke +machte ihn scheu und stolz zugleich. Mühsam raffte er sich +zusammen.</p> + +<p>„Ich lese, und dann, wir gehen viel spazieren. Manchmal fahren +wir auch im Wagen, die Mama und ich. Ich soll mich hier erholen, +ich war krank. Ich muß darum auch viel in der Sonne sitzen, hat +der Arzt gesagt.“</p> + +<p>Die letzten Worte sagte er schon ziemlich sicher. Kinder sind immer +stolz auf eine Krankheit, weil sie wissen, daß Gefahr sie ihren Angehörigen +doppelt wichtig macht.</p> + +<p>„Ja, die Sonne ist schon gut für junge Herren, wie du einer bist, +sie wird dich schon braun brennen. Aber du solltest doch nicht den +ganzen Tag dasitzen. Ein Bursch wie du sollte herumlaufen, übermütig +sein und auch ein bißchen Unfug anstellen. Mir scheint, du +bist zu brav, du siehst auch so aus wie ein Stubenhocker mit +deinem großen dicken Buch unterm Arm. Wenn ich denke, was +ich in deinem Alter für ein Galgenstrick war, jeden Abend bin<!-- Page 11 --> +ich mit zerrissenen Hosen nach Hause gekommen. Nur nicht zu +brav sein!“</p> + +<p>Unwillkürlich mußte das Kind lächeln, und das nahm ihm die Angst. +Es hätte gern etwas erwidert, aber all dies schien ihm zu frech, zu +selbstbewußt vor diesem lieben fremden Herrn, der so freundlich mit +ihm sprach. Vorlaut war er nie gewesen und immer leicht verlegen, +und so kam er jetzt vor Glück und Scham in die ärgste Verwirrung. +Er hätte so gern das Gespräch fortgesetzt, aber es fiel ihm nichts ein. +Glücklicherweise kam gerade der große gelbe Bernhardiner des Hotels +vorbei, schnüffelte sie beide an und ließ sich willig liebkosen.</p> + +<p>„Hast du Hunde gern?“ fragte der Baron.</p> + +<p>„O sehr, meine Großmama hat einen in ihrer Villa in Baden, und +wenn wir dort wohnen, ist er immer den ganzen Tag mit mir. Das +ist aber nur im Sommer, wenn wir dort zu Besuch sind.“</p> + +<p>„Wir haben zu Hause, auf unserem Gut, ich glaube, zwei Dutzend. +Wenn du hier brav bist, kriegst du einen von mir geschenkt. Einen +braunen mit weißen Ohren, einen ganz jungen. Willst du?“</p> + +<p>Das Kind errötete vor Vergnügen.</p> + +<p>„O ja.“</p> + +<p>Es fuhr ihm so heraus, heiß und gierig. Aber gleich hinterher stolperte, +ängstlich und wie erschrocken, das Bedenken.</p> + +<p>„Aber Mama wird es nicht erlauben. Sie sagt, sie duldet keinen +Hund zu Hause. Sie machen zuviel Schererei.“</p> + +<p>Der Baron lächelte. Endlich hielt das Gespräch bei der Mama.</p> + +<p>„Ist die Mama so streng?“</p> + +<p>Das Kind überlegte, blickte eine Sekunde zu ihm auf, gleichsam +fragend, ob man diesem fremden Herrn schon vertrauen dürfe. Die +Antwort blieb vorsichtig:</p> + +<p>„Nein, streng ist die Mama nicht. Jetzt, weil ich krank war, erlaubt +sie mir alles. Vielleicht erlaubt sie mir sogar einen Hund.“</p> + +<!-- Page 12 --> +<p>„Soll ich sie darum bitten?“</p> + +<p>„Ja, bitte tun Sie das“, jubelte der Bub. „Dann wird es die Mama +sicher erlauben. Und wie sieht er aus? Weiße Ohren hat er, nicht +wahr? Kann er apportieren?“</p> + +<p>„Ja, er kann alles.“ Der Baron mußte lächeln über die heißen +Funken, die er so rasch aus den Augen des Kindes geschlagen hatte. +Mit einem Male war die anfängliche Befangenheit gebrochen, und +die von der Angst zurückgehaltene Leidenschaftlichkeit sprudelte über. +In blitzschneller Verwandlung war das scheue verängstigte Kind +von früher ein ausgelassener Bub. Wenn nur die Mutter auch so +wäre, dachte unwillkürlich der Baron, so heiß hinter ihrer Angst! +Aber schon sprang der Bub mit zwanzig Fragen an ihm hinauf:</p> + +<p>„Wie heißt der Hund?“</p> + +<p>„Karo.“</p> + +<p>„Karo“, jubelte das Kind. Es mußte irgendwie lachen und jubeln +über jedes Wort, ganz trunken von dem unerwarteten Geschehen, +daß sich jemand seiner in Freundlichkeit angenommen hatte. Der +Baron staunte selbst über seinen raschen Erfolg und beschloß, das +heiße Eisen zu schmieden. Er lud den Knaben ein, mit ihm ein wenig +spazieren zu gehen, und der arme Bub, seit Wochen ausgehungert +nach einem geselligen Beisammensein, war von diesem Vorschlag +entzückt. Unbedacht plauderte er alles aus, was ihm sein neuer +Freund mit kleinen, wie zufälligen Fragen entlocken wollte. Bald +wußte der Baron alles über die Familie, vor allem, daß Edgar der +einzige Sohn eines Wiener Advokaten sei, offenbar aus der vermögenden +jüdischen Bourgeoisie. Und durch geschickte Umfragen erkundete +er rasch, daß die Mutter sich über den Aufenthalt am Semmering +durchaus nicht entzückt geäußert und den Mangel an sympathischer +Gesellschaft beklagt habe, ja er glaubte sogar, aus der ausweichenden +Art, mit der Edgar die Frage beantwortete, ob die Mama<!-- Page 13 --> +den Papa sehr gern habe, entnehmen zu können, daß hier nicht alles +zum besten stünde. Beinahe schämte er sich, wie leicht es ihm wurde, +dem arglosen Buben all diese kleinen Familiengeheimnisse zu entlocken, +denn Edgar, ganz stolz, daß irgend etwas von dem, was er +zu erzählen hatte, einen Erwachsenen interessieren konnte, drängte +sein Vertrauen dem neuen Freunde geradezu auf. Sein kindisches +Herz klopfte vor Stolz – der Baron hatte im Spazierengehen ihm +seinen Arm um die Schulter gelegt –, in solcher Intimität öffentlich +mit einem Erwachsenen gesehen zu werden, und allmählich vergaß +er seine eigene Kindheit, schnatterte frei und ungezwungen wie zu +einem Gleichaltrigen. Edgar war, wie sein Gespräch zeigte, sehr +klug, etwas frühreif wie die meisten kränklichen Kinder, die viel mit +Erwachsenen beisammen waren, und von einer merkwürdig überreizten +Leidenschaft der Zuneigung oder Feindlichkeit. Zu nichts schien +er ein ruhiges Verhältnis zu haben, von jedem Menschen oder Ding +sprach er entweder in Verzückung oder mit einem Hasse, der so heftig +war, daß er sein Gesicht unangenehm verzerrte und es fast bösartig +und häßlich machte. Etwas Wildes und Sprunghaftes, vielleicht +noch bedingt durch die kürzlich überstandene Krankheit, gab seinen +Reden fanatisches Feuer, und es schien, daß sein Linkischsein nur +mühsam unterdrückte Angst vor der eigenen Leidenschaft war.</p> + +<p>Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe +Stunde bloß, und er hatte dieses heiße und unruhig zuckende Herz +in der Hand. Es ist ja so unsäglich leicht, Kinder zu betrügen, diese +Arglosen, um deren Liebe so selten geworben wird. Er brauchte sich +selbst nur in die Vergangenheit zu vergessen, und so natürlich, so +ungezwungen wurde ihm das kindliche Gespräch, daß auch der Bub +ihn ganz als seinesgleichen empfand und nach wenigen Minuten +jedes Distanzgefühl verlor. Er war nur selig von Glück, hier in +diesem einsamen Ort plötzlich einen Freund gefunden zu haben, und<!-- Page 14 --> +welch einen Freund! Vergessen waren sie alle in Wien, die kleinen +Jungen mit ihren dünnen Stimmen, ihrem unerfahrenen Geschwätz, +wie weggeschwemmt waren ihre Bilder von dieser einen neuen +Stunde! Seine ganze schwärmerische Leidenschaft gehörte jetzt diesem +neuen, seinem großen Freunde, und sein Herz dehnte sich vor Stolz, +als dieser ihn jetzt zum Abschied nochmals einlud, morgen vormittags +wiederzukommen, und der neue Freund ihm nun zuwinkte +von der Ferne, ganz wie ein Bruder. Diese Minute war vielleicht +die schönste seines Lebens. Es ist so leicht, Kinder zu betrügen. – +Der Baron lächelte dem Davonstürmenden nach. Der Vermittler +war nun gewonnen. Der Bub würde jetzt, das wußte er, seine +Mutter mit Erzählungen bis zur Erschöpfung quälen, jedes einzelne +Wort wiederholen – und dabei erinnerte er sich mit Vergnügen, wie +geschickt er einige Komplimente an ihre Adresse eingeflochten, wie er +immer nur von Edgars „schöner Mama“ gesprochen hatte. Es war +ausgemachte Sache für ihn, daß der mitteilsame Knabe nicht früher +ruhen würde, ehe er seine Mama und ihn zusammengeführt hätte. +Er selbst brauchte nun keinen Finger zu rühren, um die Distanz +zwischen sich und der schönen Unbekannten zu verringern, konnte +nun ruhig träumen und die Landschaft überschauen, denn er wußte, +ein paar heiße Kinderhände bauten ihm die Brücke zu ihrem Herzen.</p> + + + + +<h2>Terzett</h2> + + +<p class="dropcap">Der Plan war, wie sich eine Stunde später erwies, vortrefflich und +bis in die letzten Einzelheiten gelungen. Als der junge Baron, +mit Absicht etwas verspätet, den Speisesaal betrat, zuckte Edgar vom +Sessel auf, grüßte eifrig mit einem beglückten Lächeln und winkte +ihm zu. Gleichzeitig zupfte er seine Mutter am Ärmel, sprach hastig +und erregt auf sie ein, mit auffälligen Gesten gegen den Baron hindeutend.<!-- Page 15 --> +Sie verwies ihm geniert und errötend sein allzu reges Benehmen, +konnte es aber doch nicht vermeiden, einmal hinüberzusehen, +um dem Buben seinen Willen zu tun, was der Baron sofort zum +Anlaß einer respektvollen Verbeugung nahm. Die Bekanntschaft +war gemacht. Sie mußte danken, beugte aber von nun ab das Gesicht +tiefer über den Teller und vermied sorgfältig während des ganzen +Diners nochmals hinüberzublicken. Anders Edgar, der unablässig +hinguckte, einmal sogar versuchte hinüberzusprechen, eine Unstatthaftigkeit, +die ihm sofort von seiner Mutter energisch verwiesen +wurde. Nach Tisch wurde ihm bedeutet, daß er schlafen zu gehen +habe, und ein emsiges Wispern begann zwischen ihm und seiner +Mama, dessen Endresultat war, daß es seinen heißen Bitten verstattet +wurde, zum andern Tisch hinüberzugehen und sich bei seinem +Freund zu empfehlen. Der Baron sagte ihm ein paar herzliche Worte, +die wieder die Augen des Kindes zum Flackern brachten, plauderte +mit ihm ein paar Minuten. Plötzlich aber, mit einer geschickten +Wendung, drehte er sich, aufstehend, zum andern Tisch hinüber, beglückwünschte +die etwas verwirrte Nachbarin zu ihrem klugen, aufgeweckten +Sohn, rühmte den Vormittag, den er so vortrefflich mit +ihm verbracht hatte – Edgar stand dabei, rot vor Freude und Stolz –, +und erkundigte sich schließlich nach seiner Gesundheit so ausführlich +und mit so viel Einzelfragen, daß die Mutter zur Antwort gezwungen +war. Und so gerieten sie unaufhaltsam in ein längeres +Gespräch, dem der Bub beglückt und mit einer Art Ehrfurcht lauschte. +Der Baron stellte sich vor und glaubte zu bemerken, daß sein klingender +Name auf die Eitle einen gewissen Eindruck machte. Jedenfalls +war sie von außerordentlicher Zuvorkommenheit gegen ihn, +wiewohl sie sich nichts vergab und sogar frühen Abschied nahm, des +Buben halber, wie sie entschuldigend beifügte.</p> + +<p>Der protestierte heftig, er sei nicht müde und gerne bereit, die ganze<!-- Page 16 --> +Nacht aufzubleiben. Aber schon hatte seine Mutter dem Baron die +Hand geboten, der sie respektvoll küßte.</p> + +<p>Edgar schlief schlecht in dieser Nacht. Es war eine Wirrnis in ihm +von Glückseligkeit und kindischer Verzweiflung. Denn heute war +etwas Neues in seinem Leben geschehn. Zum ersten Male hatte er +in die Schicksale von Erwachsenen eingegriffen. Er vergaß, schon +im Halbtraum, seine eigene Kindheit und dünkte sich mit einem +Male groß. Bisweilen hatte er, einsam erzogen und oft kränklich, +wenig Freunde gehabt. Für all sein Zärtlichkeitsbedürfnis war niemand +dagewesen als die Eltern, die sich wenig um ihn kümmerten, +und die Dienstboten. Und die Gewalt einer Liebe wird immer falsch +bemessen, wenn man sie nur nach ihrem Anlaß wertet und nicht +nach der Spannung, die ihr vorausgeht, jenem hohlen, dunkeln +Raum von Enttäuschung und Einsamkeit, der vor allen großen Ereignissen +des Herzens liegt. Ein überschweres, ein unverbrauchtes +Gefühl hatte hier gewartet und stürzte nun mit ausgebreiteten Armen +dem ersten entgegen, der es zu verdienen schien. Edgar lag im +Dunkeln, beglückt und verwirrt, er wollte lachen und mußte weinen. +Denn er liebte diesen Menschen, wie er nie einen Freund, nie Vater +und Mutter und nicht einmal Gott geliebt hatte. Die ganze unreife +Leidenschaft seiner früheren Jahre umklammerte das Bild dieses +Menschen, dessen Namen er vor zwei Stunden noch nicht gekannt +hatte.</p> + +<p>Aber er war doch klug genug, um durch das Unerwartete und Eigenartige +dieser neuen Freundschaft nicht bedrängt zu sein. Was ihn so +sehr verwirrte, war das Gefühl seiner Unwertigkeit, seiner Nichtigkeit. +„Passe ich denn zu ihm, ich, ein kleiner Bub, zwölf Jahre +alt, der noch die Schule vor sich hat, der abends vor allen andern +ins Bett geschickt wird?“ quälte er sich ab. „Was kann ich ihm sein, +was kann ich ihm bieten?“ Gerade dieses qualvoll empfundene<!-- Page 17 --> +Unvermögen, irgendwie sein Gefühl zeigen zu können, machte ihn +unglücklich. Sonst, wenn er einen Kameraden liebgewonnen hatte, +war es sein Erstes, die paar kleinen Kostbarkeiten seines Pultes, +Briefmarken und Steine, den kindischen Besitz der Kindheit, mit +ihm zu teilen, aber all diese Dinge, die ihm gestern noch von hoher +Bedeutung und seltenem Reiz waren, schienen ihm mit einem Male +entwertet, läppisch und verächtlich. Denn wie konnte er derlei diesem +neuen Freunde bieten, dem er nicht einmal wagen durfte, das Du +zu erwidern; wo war ein Weg, eine Möglichkeit, seine Gefühle zu +verraten? Immer mehr und mehr empfand er die Qual, klein zu +sein, etwas Halbes, Unreifes, ein Kind von zwölf Jahren, und noch +nie hatte er so stürmisch das Kindsein verflucht, so herzlich sich gesehnt, +anders aufzuwachen, so wie er sich träumte: groß und stark, +ein Mann, ein Erwachsener wie die andern.</p> + +<p>In diese unruhigen Gedanken flochten sich rasch die ersten farbigen +Träume von dieser neuen Welt des Mannseins. Edgar schlief endlich +mit einem Lächeln ein, aber doch, die Erinnerung der morgigen +Verabredung unterhöhlte seinen Schlaf. Er schreckte schon um sieben +Uhr mit der Angst auf, zu spät zu kommen. Hastig zog er sich an, +begrüßte die erstaunte Mutter, die ihn sonst nur mit Mühe aus dem +Bette bringen konnte, in ihrem Zimmer und stürmte, ehe sie weitere +Fragen stellen konnte, hinab. Bis neun Uhr trieb er sich ungeduldig +umher, vergaß, daß er frühstücken sollte, einzig besorgt, den Freund +für den Spaziergang nicht lange warten zu lassen.</p> + +<p>Um halb zehn kam endlich der Baron sorglos angeschlendert. Er +hatte natürlich längst die Verabredung vergessen, jetzt aber, da der +Knabe gierig auf ihn losschnellte, mußte er lächeln über soviel +Leidenschaft und zeigte sich bereit, sein Versprechen einzuhalten. Er +nahm den Buben wieder unterm Arm, ging mit dem Strahlenden +auf und nieder, nur daß er sanft, aber nachdrücklich abwehrte, schon<!-- Page 18 --> +jetzt den gemeinsamen Spaziergang zu beginnen. Er schien auf +irgend etwas zu warten, wenigstens deutete darauf sein nervös die +Türen abgreifender Blick. Plötzlich straffte er sich empor. Edgars +Mama war hereingetreten und kam, den Gruß erwidernd, freundlich +auf beide zu. Sie lächelte zustimmend, als sie von dem beabsichtigten +Spaziergang vernahm, den ihr Edgar als etwas zu Kostbares verschwiegen +hatte, ließ sich aber rasch von der Einladung des Barons +zum Mitgehen bestimmen.</p> + +<p>Edgar wurde sofort mürrisch und biß die Lippen. Wie ärgerlich, daß +sie gerade jetzt vorbeikommen mußte! Dieser Spaziergang hatte doch +ihm allein gehört, und wenn er seinen Freund auch der Mama vorgestellt +hatte, so war das nur eine Liebenswürdigkeit von ihm gewesen, +aber teilen wollte er ihn deshalb nicht. Schon regte sich in +ihm etwas wie Eifersucht, als er die Freundlichkeit des Barons zu +seiner Mutter bemerkte.</p> + +<p>Sie gingen dann zu dritt spazieren, und das gefährliche Gefühl +seiner Wichtigkeit und plötzlichen Bedeutsamkeit wurde in dem Kinde +noch genährt durch das auffällige Interesse, das beide ihm widmeten. +Edgar war fast ausschließlich Gegenstand der Konversation, +indem sich die Mutter mit etwas erheuchelter Besorgnis über seine +Blässe und Nervosität aussprach, während der Baron wieder dies +lächelnd abwehrte und sich rühmend über die nette Art seines +„Freundes“, wie er ihn nannte, erging. Es war Edgars schönste +Stunde. Er hatte Rechte, die ihm niemals im Laufe seiner Kindheit +zugestanden worden waren. Er durfte mitreden, ohne sofort zur Ruhe +verwiesen zu werden, sogar allerhand vorlaute Wünsche äußern, die +ihm bislang übel aufgenommen worden wären. Und es war nicht verwunderlich, +daß in ihm das trügerische Gefühl üppig wuchernd wuchs, +daß er ein Erwachsener sei. Schon lag die Kindheit in seinen hellen +Träumen hinter ihm, wie ein weggeworfenes, entwachsenes Kleid.</p> + +<!-- Page 19 --> +<p>Mittag saß der Baron, der Einladung der immer freundlicheren +Mutter Edgars folgend, an ihrem Tisch. Aus dem <em class="antiqua">vis-à-vis</em> war ein +Nebeneinander geworden, aus der Bekanntschaft eine Freundschaft. +Das Terzett war im Gang, und die drei Stimmen der Frau, des +Mannes und des Kindes klangen rein zusammen.</p> + + + + +<h2>Angriff</h2> + + +<p class="dropcap">Nun schien es dem ungeduldigen Jäger an der Zeit, sein Wild anzuschleichen. +Das Familiäre, der Dreiklang in dieser Angelegenheit +mißfiel ihm. Es war ja ganz nett, so zu dritt zu plaudern, +aber schließlich, Plaudern war nicht seine Absicht. Und er wußte, daß +das Gesellschaftliche mit dem Maskenspiel seiner Begehrlichkeit das +Erotische zwischen Mann und Frau immer retardiert, den Worten +die Glut, dem Angriff sein Feuer nimmt. Sie sollte über der Konversation +nie seine eigentliche Absicht vergessen, die er – dessen war +er sicher – von ihr bereits verstanden wußte.</p> + +<p>Daß sein Bemühen bei dieser Frau nicht vergeblich sein würde, +hatte viel Wahrscheinlichkeiten. Sie war in jenen entscheidenden +Jahren, wo eine Frau zu bereuen beginnt, einem eigentlich nie geliebten +Gatten treu geblieben zu sein, und wo der purpurne Sonnenuntergang +ihrer Schönheit ihr noch eine letzte dringlichste Wahl +zwischen dem Mütterlichen und dem Weiblichen gewährt. Das Leben, +das schon längst beantwortet schien, wird in dieser Minute noch +einmal zur Frage, zum letzten Male zittert die magnetische Nadel +des Willens zwischen der Hoffnung auf erotisches Erleben und der +endgültigen Resignation. Eine Frau hat dann die gefährliche Entscheidung, +ihr eigenes Schicksal oder das ihrer Kinder zu leben, Frau +oder Mutter zu sein. Und der Baron, scharfsichtig in diesen Dingen, +glaubte bei ihr gerade dieses gefährliche Schwanken zwischen Lebensglut<!-- Page 20 --> +und Aufopferung zu bemerken. Sie vergaß beständig im Gespräch, +ihren Gatten zu erwähnen, der offenbar nur ihren äußeren +Bedürfnissen, nicht aber ihren durch vornehme Lebensführung gereizten +Snobismus zu befriedigen schien, und wußte innerlich eigentlich +herzlich wenig von ihrem Kinde. Ein Schatten von Langeweile, +als Melancholie in den dunklen Augen verschleiert, lag über ihrem +Leben und verdunkelte ihre Sinnlichkeit.</p> + +<p>Der Baron beschloß rasch vorzugehen, aber gleichzeitig jeden Anschein +von Eile zu vermeiden. Im Gegenteil, er wollte, wie der +Angler den Haken lockend zurückzieht, dieser neuen Freundschaft +seinerseits äußerliche Gleichgültigkeit entgegensetzen, wollte um sich +werben lassen, während er doch in Wahrheit der Werbende war. Er +nahm sich vor, einen gewissen Hochmut zu outrieren, den Unterschied +ihres sozialen Standes scharf herauszukehren, und der Gedanke +reizte ihn, nur durch das Betonen seines Hochmutes, durch ein +Äußeres, durch einen klingenden aristokratischen Namen und kalte +Manieren diesen üppigen, vollen schönen Körper gewinnen zu +können.</p> + +<p>Das heiße Spiel begann ihn schon zu erregen, und darum zwang er +sich zur Vorsicht. Den Nachmittag verblieb er in seinem Zimmer +mit dem angenehmen Bewußtsein, gesucht und vermißt zu werden. +Aber diese Abwesenheit wurde nicht so sehr von ihr bemerkt, gegen +die sie eigentlich gezielt war, sondern gestaltete sich für den armen +Buben zur Qual. Edgar fühlte sich den ganzen Nachmittag unendlich +hilflos und verloren; mit der Knaben eigenen hartnäckigen +Treue wartete er die ganzen langen Stunden unablässig auf seinen +Freund. Es wäre ihm wie ein Vergehen gegen die Freundschaft erschienen, +wegzugehen oder irgend etwas allein zu tun. Unnütz trollte +er sich in den Gängen herum, und je später es wurde, um so mehr +füllte sich sein Herz mit Unglück an. In der Unruhe seiner Phantasie<!-- Page 21 --> +träumte er schon von einem Unfall oder einer unbewußt zugefügten +Beleidigung und war schon nahe daran, zu weinen vor Ungeduld +und Angst.</p> + +<p>Als der Baron dann abends zu Tisch kam, wurde er glänzend empfangen. +Edgar sprang, ohne auf den abmahnenden Ruf seiner Mutter +und das Erstaunen der anderen Leute zu achten, ihm entgegen, umfaßte +stürmisch seine Brust mit den mageren Ärmchen. „Wo waren +Sie? Wo sind Sie gewesen?“ rief er hastig. „Wir haben Sie überall +gesucht.“ Die Mutter errötete bei dieser unwillkommenen Einbeziehung +und sagte ziemlich hart: „<em class="antiqua">Sois sage, Edgar! Assieds toi!</em>“ +(Sie sprach nämlich immer Französisch mit ihm, obwohl ihr diese +Sprache gar nicht so sehr selbstverständlich war und sie bei umständlichen +Erläuterungen leicht auf Sand geriet.) Edgar gehorchte, ließ +aber nicht ab, den Baron auszufragen. „Aber vergiß doch nicht, daß +der Herr Baron tun kann, was er will. Vielleicht langweilt ihn +unsere Gesellschaft.“ Diesmal bezog sie sich selber ein, und der Baron +fühlte mit Freude, wie dieser Vorwurf um ein Kompliment warb.</p> + +<p>Der Jäger in ihm wachte auf. Er war berauscht, erregt, so rasch +hier die richtige Fährte gefunden zu haben, das Wild ganz nahe vor +dem Schuß nun zu fühlen. Seine Augen glänzten, das Blut flog +ihm leicht durch die Adern, die Rede sprudelte ihm, er wußte selbst +nicht wie, von den Lippen. Er war, wie jeder stark erotisch veranlagte +Mensch doppelt so gut, doppelt er selbst, wenn er wußte, daß +er Frauen gefiel, so wie manche Schauspieler erst feurig werden, +wenn sie die Hörer, die atmende Masse vor ihnen ganz im Bann +spüren. Er war immer ein guter, mit sinnlichen Bildern begabter +Erzähler gewesen, aber heute – er trank ein paar Gläser Champagner +dazwischen, den er zu Ehren der neuen Freundschaft bestellt +hatte – übertraf er sich selbst. Er erzählte von indischen Jagden, denen +er als Gastfreund eines hohen aristokratischen englischen Freundes<!-- Page 22 --> +beigewohnt hatte, klug dies Thema wählend, weil es indifferent war +und er anderseits spürte, wie alles Exotische und für sie Unerreichbare +diese Frau erregte. Wen er aber damit bezauberte, das war +vor allem Edgar, dessen Augen vor Begeisterung flammten. Er vergaß +zu essen, zu trinken und starrte dem Erzähler die Worte von den +Lippen weg. Nie hatte er gehofft, einen Menschen wirklich zu sehen, +der diese ungeheuren Dinge erlebt hatte, von denen er in seinen +Büchern las, die Tigerjagden, die braunen Menschen, die Hindus +und das Dschaggernat, das furchtbare Rad, das tausend Menschen +unter seinen Speichen begrub. Bisher hatte er nie daran gedacht, +daß es solche Menschen wirklich gäbe, so wenig wie er die Länder +der Märchen glaubte, und diese Sekunde sprengte in ihm irgendein +großes Gefühl zum ersten Male auf. Er konnte den Blick von seinem +Freunde nicht wenden, starrte mit gepreßtem Atem auf die Hände +da hart vor ihm, die einen Tiger getötet hatten. Kaum wagte er +etwas zu fragen, und dann klang seine Stimme fieberig erregt. Seine +rasche Phantasie zauberte ihm immer das Bild zu den Erzählungen +herauf, er sah den Freund hoch auf einem Elefanten mit purpurner +Schabracke, braune Männer rechts und links mit kostbaren Turbans +und dann plötzlich den Tiger, der mit seinen gebleckten Zähnen +aus dem Dschungel vorsprang und dem Elefanten die Pranke in +den Rüssel schlug. Jetzt erzählte der Baron noch Interessanteres, +wie listig man Elefanten fing, indem man durch alte, gezähmte +Tiere die jungen, wilden und übermütigen in die Verschläge locken +ließ: die Augen des Kindes sprühten Feuer. Da sagte – ihm war, +als fiele blitzend ein Messer vor ihm nieder – die Mama plötzlich, +mit einem Blick auf die Uhr: „<em class="antiqua">Neuf heures! Au lit!</em>“</p> + +<p>Edgar wurde blaß vor Schreck. Für alle Kinder ist das Zu-Bette-geschickt-werden +ein furchtbares Wort, weil es für sie die offenkundigste +Demütigung vor den Erwachsenen ist, das Eingeständnis,<!-- Page 23 --> +das Stigma der Kindheit, des Kleinseins, der kindischen Schlafbedürftigkeit. +Aber wie furchtbar war solche Schmach in diesem +interessantesten Augenblick, da sie ihn solche unerhörte Dinge versäumen +ließ.</p> + +<p>„Nur das eine noch, Mama, das von den Elefanten, nur das laß +mich hören!“</p> + +<p>Er wollte zu betteln beginnen, besann sich aber rasch auf seine neue +Würde als Erwachsener. Einen einzigen Versuch wagte er bloß. +Aber seine Mutter war heute merkwürdig streng. „Nein, es ist schon +spät. Geh nur hinauf! <em class="antiqua">Sois sage, Edgar.</em> Ich erzähl dir schon alle +die Geschichten des Herrn Barons genau wieder.“</p> + +<p>Edgar zögerte. Sonst begleitete ihn seine Mutter immer zu Bette. +Aber er wollte nicht betteln vor dem Freunde. Sein kindischer Stolz +wollte diesem kläglichen Abgang noch einen Schein von Freiwilligkeit +retten.</p> + +<p>„Aber wirklich, Mama, du erzählst mir alles, alles! Das von den +Elefanten und alles andere!“</p> + +<p>„Ja, mein Kind.“</p> + +<p>„Und sofort! Noch heute!“</p> + +<p>„Ja, ja, aber jetzt geh nur schlafen. Geh!“</p> + +<p>Edgar bewunderte sich selbst, daß es ihm gelang, dem Baron und +seiner Mama die Hand zu reichen, ohne zu erröten, obschon das +Schluchzen ihm schon ganz hoch in der Kehle saß. Der Baron +beutelte ihm freundschaftlich den Schopf, das zwang noch ein Lächeln +über sein gespanntes Gesicht. Aber dann mußte er rasch zur Türe +eilen, sonst hätten sie gesehen, wie ihm die dicken Tränen über die +Wangen liefen.</p> + +<!-- Page 24 --> +<h2>Die Elefanten</h2> + + +<p class="dropcap">Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron bei +Tisch, aber sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden mehr. +Eine leise Schwüle, eine rasch auffliegende Verlegenheit kam in ihr +Gespräch, seit der Bub sie verlassen hatte. Schließlich gingen sie hinüber +in die Hall und setzten sich in eine Ecke. Der Baron war blendender +als je, sie selbst leicht befeuert durch die paar Glas Champagner, +und so nahm die Konversation rasch einen gefährlichen Charakter an. +Der Baron war eigentlich nicht hübsch zu nennen, er war nur jung +und blickte sehr männlich aus seinem dunkelbraunen energischen +Bubengesicht mit dem kurz geschorenen Haar und entzückte sie durch +die frischen, fast ungezogenen Bewegungen. Sie sah ihn gern jetzt von +der Nähe und fürchtete auch nicht mehr seinen Blick. Doch allmählich +schlich sich in seine Reden eine Kühnheit, die sie leicht verwirrte, +etwas, das wie Greifen an ihrem Körper war, ein Betasten und +wieder Lassen, irgendein unfaßbar Begehrliches, das ihr das Blut +in die Wangen trieb. Aber dann lachte er wieder leicht, ungezwungen, +knabenhaft, und das gab all den kleinen Begehrlichkeiten den losen +Schein kindlicher Scherze. Manchmal war ihr, als müßte sie ein +Wort schroff zurückweisen, aber kokett von Natur, wurde sie durch +diese kleinen Lüsternheiten nur gereizt, mehr abzuwarten. Und hingerissen +von dem verwegenen Spiel versuchte sie am Ende sogar, ihm +nachzutun. Sie warf kleine, flatternde Versprechungen auf den +Blicken hinüber, gab sich in Worten und Bewegungen schon hin, +duldete sogar sein Heranrücken, die Nähe seiner Stimme, deren Atem +sie manchmal warm und zuckend an den Schultern spürte. Wie alle +Spieler vergaßen sie die Zeit und verloren sich so gänzlich in dem +heißen Gespräch, daß sie erst aufschreckten, als die Hall sich um +Mitternacht abzudunkeln begann.</p> + +<!-- Page 25 --> +<p>Sie sprang sofort empor, dem ersten Erschrecken gehorchend, und +fühlte mit einem Male, wie verwegen weit sie sich vorgewagt hatte. +Ihr war sonst das Spiel mit dem Feuer nicht fremd, aber jetzt +spürte ihr aufgereizter Instinkt, wie nahe dieses Spiel schon dem +Ernste war. Mit Schauern entdeckte sie, daß sie sich nicht mehr ganz +sicher fühlte, daß irgend etwas in ihr zu gleiten begann und sich beängstigend +dem Wirbel zudrehte. Im Kopf wogte alles in einem +Wirbel von Angst, von Wein und heißen Reden, eine dumme, sinnlose +Angst überfiel sie, jene Angst, die sie schon einige Male in ihrem +Leben in solchen gefährlichen Sekunden gekannt hatte, aber nie so +schwindelnd und gewalttätig. „Gute Nacht, gute Nacht. Auf morgen +früh“, sagte sie hastig und wollte entlaufen. Entlaufen nicht ihm so +sehr, wie der Gefahr dieser Minute und einer neuen, fremdartigen +Unsicherheit in sich selbst. Aber der Baron hielt die dargebotene +Abschiedshand mit sanfter Gewalt, küßte sie, und nicht nur in +Korrektheit ein einziges Mal, sondern vier- oder fünfmal mit den +Lippen von den feinen Fingerspitzen bis hinauf zum Handgelenk, +zitternd, wobei sie mit einem leichten Frösteln seinen rauhen Schnurrbart +über den Handrücken kitzeln fühlte. Irgendein warmes und beklemmendes +Gefühl flog von dort mit dem Blut durch den ganzen +Körper, Angst schoß heiß empor, hämmerte drohend an die Schläfen, +ihr Kopf glühte, die Angst, die sinnlose Angst zuckte jetzt durch ihren +ganzen Körper, und sie entzog ihm rasch die Hand.</p> + +<p>„Bleiben Sie doch noch“, flüsterte der Baron. Aber schon eilte sie +fort mit einer Ungelenkigkeit der Hast, die ihre Angst und Verwirrung +augenfällig machte. In ihr war jetzt die Erregtheit, die der +andere wollte, sie fühlte, wie alles in ihr verworren war. Die grausam +brennende Angst jagte sie, der Mann hinter ihr möchte ihr +folgen und sie fassen, gleichzeitig aber, noch im Entspringen, spürte +sie schon ein Bedauern, daß er es nicht tat. In dieser Stunde hätte<!-- Page 26 --> +das geschehen können, was sie seit Jahren unbewußt ersehnte, das +Abenteuer, dessen nahen Hauch sie wollüstig liebte, um ihm bisher +immer im letzten Augenblick zu entweichen, das große und gefährliche, +nicht nur der flüchtige, aufreizende Flirt. Aber der Baron war +zu stolz, einer günstigen Sekunde nachzulaufen. Er war seines Sieges +zu gewiß, um diese Frau räuberisch in einer schwachen, weintrunkenen +Minute zu nehmen, im Gegenteil, den fairen Spieler reizte nur der +Kampf und die Hingabe bei vollem Bewußtsein. Entrinnen konnte +sie ihm nicht. Ihr zuckte, das merkte er, das heiße Gift schon in den +Adern.</p> + +<p>Oben auf der Treppe blieb sie stehen, die Hand an das keuchende +Herz gepreßt. Sie mußte ausruhen eine Sekunde. Ihre Nerven versagten. +Ein Seufzer brach aus der Brust, halb Beruhigung, einer +Gefahr entronnen zu sein, halb Bedauern; aber das alles war verworren +und wirrte im Blut nur als leises Schwindligsein weiter. +Mit halbgeschlossenen Augen, wie eine Betrunkene, tappte sie weiter +zu ihrer Türe und atmete auf, da sie jetzt die kühle Klinke faßte. +Jetzt empfand sie sich erst in Sicherheit!</p> + +<p>Leise bog sie die Türe ins Zimmer. Und schrak schon zurück in der +nächsten Sekunde. Irgend etwas hatte sich gerührt in dem Zimmer, +ganz rückwärts im Dunkeln. Ihre erregten Nerven zuckten grell, +schon wollte sie um Hilfe schreien, da kam es leise von drinnen, mit +ganz schlaftrunkener Stimme: „Bist du es, Mama?“</p> + +<p>„Um Gottes willen, was machst du da?“ Sie stürzte hin zum Diwan, +wo Edgar zusammengeknüllt lag und sich eben vom Schlafe aufraffte. +Ihr erster Gedanke war, das Kind müsse krank sein oder Hilfe +bedürftig.</p> + +<p>Aber Edgar sagte, ganz verschlafen noch und mit leisem Vorwurf: +„Ich habe so lange auf dich gewartet, und dann bin ich eingeschlafen.“</p> + +<!-- Page 27 --> +<p>„Warum denn?“</p> + +<p>„Wegen der Elefanten.“</p> + +<p>„Was für Elefanten?“</p> + +<p>Jetzt erst begriff sie. Sie hatte ja dem Kinde versprochen, alles zu +erzählen, heute noch, von der Jagd und den Abenteuern. Und da +hatte sich dieser Bub auf ihr Zimmer geschlichen, dieser einfältige, +kindische Bub, und im sicheren Vertrauen gewartet, bis sie kam, und +war darüber eingeschlafen. Die Extravaganz empörte sie. Oder +eigentlich, sie fühlte Zorn gegen sich selbst, ein leises Raunen von +Schuld und Scham, das sie überschreien wollte. „Geh sofort zu Bett, +du ungezogener Fratz“, schrie sie ihn an. Edgar staunte ihr entgegen. +Warum war sie so zornig mit ihm, er hatte doch nichts getan? +Aber diese Verwunderung reizte die schon Aufgeregte noch +mehr. „Geh sofort in dein Zimmer“, schrie sie wütend, weil sie fühlte, +daß sie ihm unrecht tat. Edgar ging ohne ein Wort. Er war eigentlich +furchtbar müde und spürte nur verworren durch den drückenden +Nebel von Schlaf, daß seine Mutter ein Versprechen nicht gehalten +hatte und daß man in irgendeiner Weise gegen ihn schlecht war. +Aber er revoltierte nicht. In ihm war alles stumpf durch die Müdigkeit; +und dann, er ärgerte sich sehr, hier oben eingeschlafen zu sein, +statt wach zu warten. „Ganz wie ein kleines Kind“, sagte er empört +zu sich selber, ehe er wieder in Schlaf fiel.</p> + +<p>Denn seit gestern haßte er seine eigene Kindheit.</p> + + + +<h2>Geplänkel</h2> + + +<p class="dropcap">Der Baron hatte schlecht geschlafen. Es ist immer gefährlich, nach +einem abgebrochenen Abenteuer zu Bette zu gehen: eine unruhige, +von schwülen Träumen gefährdete Nacht ließ es ihn bald +bereuen, die Minute nicht mit hartem Griff gepackt zu haben. Als er<!-- Page 28 --> +morgens, noch von Schlaf und Mißmut umwölkt, hinunterkam, +sprang ihm der Knabe aus einem Versteck entgegen, schloß ihn begeistert +in die Arme und begann ihn mit tausend Fragen zu quälen. +Er war glücklich, seinen großen Freund wieder eine Minute für sich +zu haben und nicht mit der Mama teilen zu müssen. Nur ihm sollte +er erzählen, nicht mehr Mama, bestürmte er ihn, denn die hätte, trotz +ihres Versprechens, ihm nichts von all den wunderbaren Dingen +wiedergesagt. Er überschüttete den unangenehm Aufgeschreckten, +der seine Mißlaune nur schlecht verbarg, mit hundert kindischen +Belästigungen. In diese Fragen mengte er überdies stürmische Bezeugungen +seiner Liebe, glückselig, wieder mit dem Langgesuchten und +seit frühmorgens Erwarteten allein zu sein.</p> + +<p>Der Baron antwortete unwirsch. Dieses ewige Auflauern des +Kindes, die Läppischkeit der Fragen, wie überhaupt die unbegehrte +Leidenschaft begann ihn zu langweilen. Er war müde, nun tagaus, +tagein mit einem zwölfjährigen Buben herumzuziehen und mit ihm +Unsinn zu schwatzen. Ihm lag jetzt nur daran, die Mutter allein zu +fassen, was eben durch des Kindes unerwünschte Anwesenheit zum +Problem wurde. Ein erstes Unbehagen vor dieser unvorsichtig geweckten +Zärtlichkeit bemächtigte sich seiner, denn vorläufig sah er +keine Möglichkeit, den allzu anhänglichen Freund loszuwerden.</p> + +<p>Immerhin: es kam auf den Versuch an. Bis zehn Uhr, der Stunde, +die er mit der Mutter zum Spaziergang verabredet hatte, ließ er +das eifrige Gerede des Buben achtlos über sich hinplätschern, warf +manchmal einen Brocken Gespräch hin, um ihn nicht zu beleidigen, +durchblätterte aber gleichzeitig die Zeitung. Endlich, als der Zeiger +fast senkrecht stand, bat er Edgar, wie sich plötzlich erinnernd, für +ihn ins andere Hotel bloß einen Augenblick hinüberzugehen, um dort +nachzufragen, ob der Graf Grundheim, sein Vetter, schon angekommen +sei.</p> + +<!-- Page 29 --> +<p>Das arglose Kind, glückselig, endlich einmal seinem Freund mit +etwas dienlich sein zu können, stolz auf seine Würde als Bote, +sprang sofort weg und stürmte so toll den Weg hin, daß die Leute +ihm verwundert nachstarrten. Aber ihm war gelegen, zu zeigen, wie +flink er war, wenn man ihm Botschaften vertraute. Der Graf war, +so sagte man ihm dort, noch nicht eingetroffen, ja zur Stunde gar +nicht angemeldet. Diese Nachricht brachte er in neuerlichem Sturmschritt +zurück. Aber in der Halle war der Baron nicht mehr zu finden. +So klopfte er an seine Zimmertür, – vergeblich! Beunruhigt rannte +er alle Räume ab, das Musikzimmer und das Kaffeehaus, stürmte +aufgeregt zu seiner Mama, um Erkundigungen einzuziehen: auch +sie war fort. Der Portier, an den er sich schließlich ganz verzweifelt +wandte, sagte ihm zu seiner Verblüffung, sie seien beide vor einigen +Minuten gemeinsam weggegangen!</p> + +<p>Edgar wartete geduldig. Seine Arglosigkeit vermutete nichts Böses. +Sie konnten ja nur eine kurze Weile wegbleiben, dessen war er +sicher, denn der Baron brauchte ja seinen Bescheid. Aber die Zeit +streckte breit ihre Stunden, Unruhe schlich sich an ihn heran. Überhaupt, +seit dem Tage, da sich dieser fremde, verführerische Mensch in +sein kleines, argloses Leben gemengt hatte, war das Kind den ganzen +Tag angespannt, gehetzt und verwirrt. In einen so feinen Organismus, +wie den der Kinder, drückt jede Leidenschaft wie in weiches +Wachs ihre Spuren. Das nervöse Zittern der Augenlider trat wieder +auf, schon sah er blässer aus. Edgar wartete und wartete, geduldig +zuerst, dann wild erregt und schließlich schon dem Weinen nah. Aber +argwöhnisch war er noch immer nicht. Sein blindes Vertrauen in +diesen wundervollen Freund vermutete ein Mißverständnis, und geheime +Angst quälte ihn, er möchte vielleicht den Auftrag falsch verstanden +haben.</p> + +<p>Wie seltsam aber war erst dies, daß sie jetzt, da sie endlich zurückkamen,<!-- Page 30 --> +heiter plaudernd blieben und gar keine Verwunderung bezeigten. +Es schien, als hätten sie ihn gar nicht sonderlich vermißt: +„Wir sind dir entgegengegangen, weil wir hofften, dich am Weg zu +treffen, Edi“, sagte der Baron, ohne sich nach dem Auftrag zu erkundigen. +Und als das Kind, ganz erschrocken, sie könnten ihn vergebens +gesucht haben, zu beteuern begann, er sei nur auf dem geraden +Wege der Hochstraße gelaufen, und wissen wollte, welche Richtung +sie gewählt hätten, da schnitt die Mama kurz das Gespräch ab. +„Schon gut, schon gut! Kinder sollen nicht soviel reden.“</p> + +<p>Edgar wurde rot vor Ärger. Das war nun schon das zweite Mal +so ein niederträchtiger Versuch, ihn vor seinem Freund herabzusetzen. +Warum tat sie das, warum versuchte sie immer, ihn als Kind darzustellen, +das er doch – er war davon überzeugt – nicht mehr war? +Offenbar war sie ihm neidisch auf seinen Freund und plante, ihn zu +sich herüberzuziehen. Ja, und sicherlich war sie es auch, die den +Baron mit Absicht den falschen Weg geführt hatte. Aber er ließ sich +nicht von ihr mißhandeln, das sollte sie sehen. Er wollte ihr schon +Trotz bieten. Und Edgar beschloß, heute bei Tisch kein Wort mit ihr +zu reden, nur mit seinem Freund allein.</p> + +<p>Doch das wurde ihm hart. Was er am wenigsten erwartet hatte, +trat ein: man bemerkte seinen Trotz nicht. Ja, sogar ihn selber +schienen sie nicht zu sehen, ihn, der doch gestern Mittelpunkt ihres +Beisammenseins gewesen war! Sie sprachen beide über ihn hinweg, +scherzten zusammen und lachten, als ob er unter den Tisch gesunken +wäre. Das Blut stieg ihm zu den Wangen, in der Kehle saß ein +Knollen, der ihm den Atem erwürgte. Mit Schauern wurde er seiner +entsetzlichen Machtlosigkeit bewußt. Er sollte also hier ruhig sitzen +und zusehen, wie seine Mutter ihm den Freund wegnahm, den einzigen +Menschen, den er liebte, und sollte sich nicht wehren können, +nicht anders als durch Schweigen? Ihm war, als müßte er aufstehen<!-- Page 31 --> +und plötzlich mit beiden Fäusten auf den Tisch losschlagen. +Nur damit sie ihn bemerkten. Aber er hielt sich zusammen, legte +bloß Gabel und Messer nieder und rührte keinen Bissen mehr an. +Aber auch dies hartnäckige Fasten merkten sie lange nicht, erst beim +letzten Gang fiel es der Mutter auf, und sie fragte, ob er sich nicht +wohl fühle. Widerlich, dachte er sich, immer denkt sie nur das eine, +ob ich nicht krank bin, sonst ist ihr alles einerlei. Er antwortete kurz, +er habe keine Lust, und damit gab sie sich zufrieden. Nichts, gar +nichts erzwang ihm Beachtung. Der Baron schien ihn vergessen zu +haben, wenigstens richtete er nicht ein einziges Mal das Wort an +ihn. Heißer und heißer quoll es ihm in die Augen, und er mußte die +kindische List anwenden, rasch die Serviette zu heben, ehe es jemand +sehen konnte, daß Tränen über seine Wangen sprangen und ihm +salzig die Lippen näßten. Er atmete auf, wie das Essen zu Ende war.</p> + +<p>Während des Diners hatte seine Mutter eine gemeinsame Wagenfahrt +nach Maria-Schutz vorgeschlagen. Edgar hatte es gehört, die +Lippe zwischen den Zähnen. Nicht eine Minute wollte sie ihn also +mehr mit seinem Freunde allein lassen. Aber sein Haß stieg erst wild +auf, als sie ihm jetzt beim Aufstehen sagte: „Edgar, du wirst noch +alles für die Schule vergessen, du solltest doch einmal zu Hause +bleiben, ein bißchen nachlernen!“ Wieder ballte er die kleine Kinderfaust. +Immer wollte sie ihn vor seinem Freund demütigen, immer +daran öffentlich erinnern, daß er noch ein Kind war, daß er in die +Schule gehen mußte und nur geduldet unter Erwachsenen war. Diesmal +war ihm die Absicht aber doch zu durchsichtig. Er gab gar keine +Antwort, sondern drehte sich kurzweg um.</p> + +<p>„Aha, wieder beleidigt“, sagte sie lächelnd, und dann zum Baron: +„Wäre das wirklich so arg, wenn er einmal eine Stunde arbeiten +möchte?“</p> + +<p>Und da – im Herzen des Kindes wurde etwas kalt und starr – sagte<!-- Page 32 --> +der Baron, er, der sich seinen Freund nannte, er, der ihn als Stubenhocker +verhöhnt hatte: „Na, eine Stunde oder zwei könnten wirklich +nicht schaden.“</p> + +<p>War das ein Einverständnis? Hatten sie sich wirklich beide gegen +ihn verbündet? In dem Blick des Kindes flammte der Zorn. „Mein +Papa hat verboten, daß ich hier lerne, Papa will, daß ich mich hier +erhole“, schleuderte er heraus mit dem ganzen Stolz auf seine Krankheit, +verzweifelt sich an das Wort, an die Autorität seines Vaters +anklammernd. Wie eine Drohung stieß er es heraus. Und was das +merkwürdigste war: das Wort schien tatsächlich in den beiden ein +Mißbehagen zu erwecken. Die Mutter sah weg und trommelte nur +nervös mit den Fingern auf den Tisch. Ein peinliches Schweigen +stand breit zwischen ihnen. „Wie du meinst, Edi“, sagte schließlich +der Baron mit einem erzwungenen Lächeln. „Ich muß ja keine +Prüfung machen, ich bin schon längst bei allen durchgefallen.“</p> + +<p>Aber Edgar lächelte nicht zu dem Scherz, sondern sah ihn nur an +mit einem prüfenden, sehnsüchtig eindringenden Blick, als wollte er +ihm bis in die Seele greifen. Was ging da vor? Etwas war verändert +zwischen ihnen, und das Kind wußte nicht warum. Unruhig +ließ es die Augen wandern. In seinem Herzen hämmerte ein kleiner, +hastiger Hammer: der erste Verdacht.</p> + + + + +<h2>Brennendes Geheimnis</h2> + + +<p class="dropcap">Was hat sie so verwandelt?“ sann das Kind, das ihnen im rollenden +Wagen gegenübersaß. „Warum sind sie nicht mehr zu +mir wie früher? Weshalb vermeidet Mama immer meinen Blick, +wenn ich sie ansehe? Warum sucht er immer vor mir Witze zu +machen und den Hanswurst zu spielen? Beide reden sie nicht mehr +zu mir wie gestern und vorgestern, mir ist beinahe, als hätten sie<!-- Page 33 --> +andere Gesichter bekommen. Mama hat heute so rote Lippen, sie muß +sie gefärbt haben. Das habe ich nie gesehen an ihr. Und er zieht +immer die Stirne kraus, als sei er beleidigt. Ich habe ihnen doch +nichts getan, kein Wort gesagt, das sie verdrießen konnte? Nein, ich +kann nicht die Ursache sein, denn sie sind selbst zueinander anders wie +vordem. Sie sind so, als ob sie etwas angestellt hätten, das sie sich +nicht zu sagen getrauen. Sie plaudern nicht mehr wie gestern, sie +lachen auch nicht, sie sind befangen, sie verbergen etwas. Irgendein +Geheimnis ist zwischen ihnen, das sie mir nicht verraten wollen. +Ein Geheimnis, das ich ergründen muß um jeden Preis. Ich kenne +es schon, es muß dasselbe sein, vor dem sie mir immer die Türe verschließen, +von dem in den Büchern die Rede ist und in den Opern, +wenn die Männer und die Frauen mit ausgebreiteten Armen gegeneinander +singen, sich umfassen und sich wegstoßen. Es muß irgendwie +dasselbe sein, wie das mit meiner französischen Lehrerin, die sich +mit Papa so schlecht vertrug und die dann weggeschickt wurde. All +diese Dinge hängen zusammen, das spüre ich, aber ich weiß nur nicht, +wie. Oh, es zu wissen, endlich zu wissen, dieses Geheimnis, ihn zu +fassen, diesen Schlüssel, der alle Türen aufschließt, nicht länger mehr +Kind sein, vor dem man alles versteckt und verhehlt, sich nicht mehr +hinhalten lassen und betrügen. Jetzt oder nie! Ich will es ihnen +entreißen, dieses furchtbare Geheimnis.“ Eine Falte grub sich in +seine Stirne, beinahe alt sah der schmächtige Zwölfjährige aus, wie +er so ernst vor sich hin grübelte, ohne einen einzigen Blick an die +Landschaft zu wenden, die sich in klingenden Farben rings entfaltete, +die Berge im gereinigten Grün ihrer Nadelwälder, die Täler im +noch zarten Glanz des verspäteten Frühlings. Er sah nur immer +die beiden ihm gegenüber im Rücksitz des Wagens an, als könnte er +mit diesen heißen Blicken wie mit einer Angel das Geheimnis aus +den glitzernden Tiefen ihrer Augen herausreißen. Nichts schärft<!-- Page 34 --> +Intelligenz mehr als ein leidenschaftlicher Verdacht, nichts entfaltet +mehr alle Möglichkeiten eines unreifen Intellekts als eine Fährte, +die ins Dunkel läuft. Manchmal ist es ja nur eine einzige, dünne +Tür, die Kinder von der Welt, die wir die wirkliche nennen, abtrennt, +und ein zufälliger Windhauch weht sie ihnen auf.</p> + +<p>Edgar fühlte sich mit einem Male dem Unbekannten, dem großen +Geheimnis so greifbar nahe wie noch nie, er spürte es knapp vor +sich, zwar noch verschlossen und unenträtselt, aber nah, ganz nah. +Das erregte ihn und gab ihm diesen plötzlichen, feierlichen Ernst. +Denn unbewußt ahnte er, daß er am Rand seiner Kindheit stand.</p> + +<p>Die beiden gegenüber fühlten irgendeinen dumpfen Widerstand vor +sich, ohne zu ahnen, daß er von dem Knaben ausging. Sie fühlten +sich eng und gehemmt zu dritt im Wagen. Die beiden Augen ihnen +gegenüber mit ihrer dunkel in sich flackernden Glut behinderten sie. +Sie wagten kaum zu reden, kaum zu blicken. Zu ihrer vormaligen +leichten, gesellschaftlichen Konversation fanden sie jetzt nicht mehr +zurück, schon zu sehr verstrickt in dem Ton der heißen Vertraulichkeiten, +jener gefährlichen Worte, in denen die schmeichelnde Unzüchtigkeit +von heimlichen Betastungen zittert. Ihr Gespräch stieß +immer auf Lücken und Stockungen. Es blieb stehen, wollte weiter, +aber stolperte immer wieder über das hartnäckige Schweigen des +Kindes.</p> + +<p>Besonders für die Mutter war sein verbissenes Schweigen eine Last. +Sie sah ihn vorsichtig von der Seite an und erschrak, als sie plötzlich +in der Art, wie das Kind die Lippen verkniff, zum erstenmal +eine Ähnlichkeit mit ihrem Mann erkannte, wenn er gereizt oder +verärgert war. Der Gedanke war ihr unbehaglich, gerade jetzt an +ihren Mann erinnert zu werden, da sie mit einem Abenteuer Versteck +spielen wollte. Wie ein Gespenst, ein Wächter des Gewissens, doppelt +unerträglich hier in der Enge des Wagens, zehn Zoll gegenüber mit<!-- Page 35 --> +seinen dunkel arbeitenden Augen und dem Lauern hinter der blassen +Stirn, schien ihr das Kind. Da schaute Edgar plötzlich auf, eine +Sekunde lang. Beide senkten sie sofort den Blick: sie spürten, daß +sie sich belauerten, zum erstenmal in ihrem Leben. Bisher hatten sie +einander blind vertraut, jetzt aber war etwas zwischen Mutter und +Kind, zwischen ihr und ihm plötzlich anders geworden. Zum ersten +Male in ihrem Leben begannen sie, sich zu beobachten, ihre beiden +Schicksale voneinander zu trennen, beide schon mit einem heimlichen +Haß gegeneinander, der nur noch zu neu war, als daß sie sich ihn +einzugestehen wagten.</p> + +<p>Alle drei atmeten sie auf, als die Pferde wieder vor dem Hotel hielten. +Es war ein verunglückter Ausflug gewesen, alle fühlten es, und +keiner wagte es zu sagen. Edgar sprang zuerst ab. Seine Mutter +entschuldigte sich mit Kopfschmerzen und ging eilig hinauf. Sie war +müde und wollte allein sein. Edgar und der Baron blieben zurück. +Der Baron zahlte dem Kutscher, sah auf die Uhr und schritt gegen +die Hall zu, ohne den Buben zu beachten. Er ging vorbei an ihm +mit seinem feinen, schlanken Rücken, diesem rhythmisch leichten +Wiegegang, der das Kind so bezauberte und den es gestern schon +nachzuahmen versucht hatte. Er ging vorbei, glatt vorbei. Offenbar +hatte er den Knaben vergessen und ließ ihn stehen neben dem Kutscher, +neben den Pferden, als gehörte er nicht zu ihm.</p> + +<p>In Edgar riß irgend etwas entzwei, wie er ihn so vorübergehen sah, +ihn, den er trotz alldem noch immer so abgöttisch liebte. Verzweiflung +brach aus seinem Herzen, als er so vorbeiging, ohne ihn mit dem +Mantel zu streifen, ohne ihm ein Wort zu sagen, der sich doch keiner +Schuld bewußt war. Die mühsam bewahrte Fassung zerriß, die +künstlich erhöhte Last der Würde glitt ihm von den zu schmalen +Schultern, er wurde wieder ein Kind, klein und demütig wie gestern +und vordem. Es riß ihn weiter wider seinen Willen. Mit rasch<!-- Page 36 --> +zitternden Schritten ging er dem Baron nach, trat ihm, der eben +die Treppe hinauf wollte, in den Weg und sagte gepreßt, mit schwer +verhaltenen Tränen:</p> + +<p>„Was habe ich Ihnen getan, daß Sie nicht mehr auf mich achten? +Warum sind Sie jetzt immer so mit mir? Und die Mama auch? +Warum wollen Sie mich immer wegschicken? Bin ich Ihnen lästig, +oder habe ich etwas getan?“</p> + +<p>Der Baron schrak auf. In der Stimme war etwas, das ihn verwirrte +und weich stimmte. Mitleid überkam ihn mit dem arglosen +Buben. „Edi, du bist ein Narr! Ich war nur schlechter Laune heute. +Und du bist ein lieber Bub, den ich wirklich gern hab.“ Dabei schüttelte +er ihn am Schopf tüchtig hin und her, aber doch das Gesicht +halb abgewendet, um nicht diese großen, feuchten, flehenden Kinderaugen +sehen zu müssen. Die Komödie, die er spielte, begann ihm +peinlich zu werden. Er schämte sich eigentlich schon, mit der Liebe +dieses Kindes so frech gespielt zu haben, und diese dünne, von unterirdischem +Schluchzen geschüttelte Stimme tat ihm weh. „Geh jetzt +hinauf, Edi, heute abend werden wir uns wieder vertragen, du wirst +schon sehen“, sagte er begütigend.</p> + +<p>„Aber Sie dulden nicht, daß mich Mama gleich hinaufschickt. Nicht +wahr?“</p> + +<p>„Nein, nein, Edi, ich dulde es nicht“, lächelte der Baron. „Geh nur +jetzt hinauf, ich muß mich anziehen für das Abendessen.“</p> + +<p>Edgar ging, beglückt für den Augenblick. Aber bald begann der +Hammer im Herzen sich wieder zu rühren. Er war um Jahre älter +geworden seit gestern; ein fremder Gast, das Mißtrauen, saß jetzt +schon fest in seiner kindischen Brust.</p> + +<p>Er wartete. Es galt ja die entscheidende Probe. Sie saßen zusammen +bei Tisch. Es wurde neun Uhr, aber die Mutter schickte ihn nicht zu +Bett. Schon wurde er unruhig. Warum ließ sie ihn gerade heute<!-- Page 37 --> +so lange hier bleiben, sie, die sonst so genau war? Hatte ihr am Ende +der Baron seinen Wunsch und das Gespräch verraten? Brennende +Reue überfiel ihn plötzlich, ihm heute mit seinem vollen vertrauenden +Herzen nachgelaufen zu sein. Um zehn erhob sich plötzlich seine +Mutter und nahm Abschied vom Baron. Und seltsam, auch der +schien durch diesen frühen Aufbruch keineswegs verwundert zu sein, +suchte auch nicht, wie sonst immer, sie zurückzuhalten. Immer heftiger +schlug der Hammer in der Brust des Kindes.</p> + +<p>Nun galt es scharfe Probe. Auch er stellte sich nichtsahnend und +folgte ohne Widerrede seiner Mutter zur Tür. Dort aber zuckte er +plötzlich auf mit den Augen. Und wirklich, er fing in dieser Sekunde +einen lächelnden Blick, der über seinen Kopf von ihr gerade zum +Baron hinüberging, einen Blick des Einverständnisses, irgendeines +Geheimnisses. Der Baron hatte ihn also verraten. Deshalb also +der frühe Aufbruch: er sollte heute eingewiegt werden in Sicherheit, +um ihnen morgen nicht mehr im Wege zu sein.</p> + +<p>„Schuft“, murmelte er.</p> + +<p>„Was meinst du?“ fragte die Mutter.</p> + +<p>„Nichts“, stieß er zwischen den Zähnen heraus. Auch er hatte jetzt +sein Geheimnis. Es hieß Haß, grenzenloser Haß gegen beide.</p> + + + + +<h2>Schweigen</h2> + + +<p class="dropcap">Edgars Unruhe war nun vorbei. Endlich genoß er ein reines, +klares Gefühl: Haß und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewiß +war, ihnen im Weg zu sein, wurde das Zusammensein für ihn zu einer +grausam komplizierten Wollust. Er weidete sich im Gedanken, sie zu +stören, ihnen nun endlich mit der ganzen geballten Kraft seiner Feindseligkeit +entgegenzutreten. Dem Baron wies er zuerst die Zähne. Als +der morgens herabkam und ihn im Vorübergehen herzlich mit einem<!-- Page 38 --> +„Servus, Edi“ begrüßte, knurrte Edgar, der, ohne aufzuschauen, im +Fauteuil sitzen blieb, ihm nur ein hartes „Morgen“ zurück. „Ist die +Mama schon unten?“ Edgar blickte in die Zeitung: „Ich weiß nicht.“ +Der Baron stutzte. Was war das auf einmal? „Schlecht geschlafen, +Edi, was?“ Ein Scherz sollte wie immer hinüberhelfen. Aber Edgar +warf ihm nur wieder verächtlich ein „Nein“ hin und vertiefte sich neuerdings +in die Zeitung. „Dummer Bub“, murmelte der Baron vor sich +hin, zuckte die Achseln und ging weiter. Die Feindschaft war erklärt.</p> + +<p>Auch gegen seine Mama war Edgar kühl und höflich. Einen ungeschickten +Versuch, ihn auf den Tennisplatz zu schicken, wies er +ruhig zurück. Sein Lächeln, knapp an den Lippen aufgerollt und +leise von Erbitterung gekräuselt, zeigte, daß er sich nicht mehr betrügen +lasse. „Ich gehe lieber mit euch spazieren, Mama“, sagte er +mit falscher Freundlichkeit und blickte ihr in die Augen. Die Antwort +war ihr sichtlich ungelegen. Sie zögerte und schien etwas zu +suchen. „Warte hier auf mich“, entschied sie endlich und ging zum +Frühstück.</p> + +<p>Edgar wartete. Aber sein Mißtrauen war rege. Ein unruhiger +Instinkt arbeitete nun zwischen jedem Wort dieser beiden eine geheime +feindselige Absicht heraus. Der Argwohn gab ihm jetzt manchmal +eine merkwürdige Hellsichtigkeit der Entschlüsse. Und statt, wie +ihm angewiesen war, in der Hall zu warten, zog Edgar es vor, sich +auf der Straße zu postieren, wo er nicht nur den einen Hauptausgang, +sondern alle Türen überwachen konnte. Irgend etwas in ihm +witterte Betrug. Aber sie sollten ihm nicht mehr entwischen. Auf +der Straße drückte er sich, wie er es in seinen Indianerbüchern gelernt +hatte, hinter einen Holzstoß. Und lachte nur zufrieden, als er +nach etwa einer halben Stunde seine Mutter tatsächlich aus der +Seitentür treten sah, einen Busch prachtvoller Rosen in der Hand +und gefolgt vom Baron, dem Verräter.</p> + +<!-- Page 39 --> +<p>Beide schienen sie sehr übermütig. Atmeten sie schon auf, ihm entgangen +zu sein, allein für ihr Geheimnis? Sie lachten im Gespräch +und schickten sich an, den Waldweg hinabzugehen.</p> + +<p>Jetzt war der Augenblick gekommen. Edgar schlenderte gemächlich, +als hätte ein Zufall ihn hergeführt, hinter dem Holzstoß hervor. +Ganz, ganz gelassen ging er auf sie zu, ließ sich Zeit, sehr viel Zeit, +um sich ausgiebig an ihrer Überraschung zu weiden. Die beiden +waren verblüfft und tauschten einen befremdeten Blick. Langsam, mit +gespielter Selbstverständlichkeit kam das Kind heran und ließ seinen +höhnischen Blick nicht von ihnen. „Ah, da bist du, Edi, wir haben +dich schon drin gesucht“, sagte endlich die Mutter. Wie frech sie lügt, +dachte das Kind. Aber die Lippen blieben hart. Sie hielten das Geheimnis +des Hasses hinter den Zähnen.</p> + +<p>Unschlüssig standen sie alle drei. Einer lauerte auf den andern. „Also +gehen wir“, sagte resigniert die verärgerte Frau und zerpflückte eine +der schönen Rosen. Wieder dieses leichte Zittern um die Nasenflügel, +das bei ihr Zorn verriet. Edgar blieb stehen, als ginge ihn das nichts +an, sah ins Blaue, wartete, bis sie gingen, dann schickte er sich an, +ihnen zu folgen. Der Baron machte noch einen Versuch. „Heute ist +Tennisturnier, hast du das schon einmal gesehen?“ Edgar blickte ihn +nur verächtlich an. Er antwortete ihm gar nicht mehr, zog nur die +Lippen krumm, als ob er pfeifen wollte. Das war sein Bescheid. +Sein Haß wies die blanken Zähne.</p> + +<p>Wie ein Alp lastete nun seine unerbetene Gegenwart auf den beiden. +Sträflinge gehen so hinter dem Wärter, mit heimlich geballten +Fäusten. Das Kind tat eigentlich gar nichts und wurde ihnen doch +in jeder Minute mehr unerträglich mit seinen lauernden Blicken, die +feucht waren von verbissenen Tränen, seiner gereizten Mürrischkeit, +die alle Annäherungsversuche wegknurrte. „Geh voraus“, sagte +plötzlich wütend die Mutter, beunruhigt durch sein fortwährendes<!-- Page 40 --> +Lauschen. „Tanz mir nicht immer vor den Füßen, das macht mich +nervös!“ Edgar gehorchte, aber immer nach ein paar Schritten +wandte er sich um, blieb wartend stehen, wenn sie zurückgeblieben +waren, sie mit seinem Blick wie der schwarze Pudel mephistophelisch +umkreisend und einspinnend in dieses feurige Netz von Haß, in dem +sie sich unentrinnbar gefangen fühlten.</p> + +<p>Sein böses Schweigen zerriß wie eine Säure ihre gute Laune, sein +Blick vergällte ihnen das Gespräch. Der Baron wagte kein einziges +werbendes Wort mehr, er spürte, mit Zorn, diese Frau ihm wieder +entgleiten, ihre mühsam angefachte Leidenschaftlichkeit jetzt auskühlen +in der Furcht vor diesem lästigen, widerlichen Kind. Immer +versuchten sie wieder zu reden, immer brach ihre Konversation zusammen. +Schließlich trotteten sie alle drei schweigend über den Weg, +hörten nur mehr die Bäume flüsternd gegeneinander schlagen und +ihren eigenen verdrossenen Schritt. Das Kind hatte ihr Gespräch +erdrosselt.</p> + +<p>Jetzt war in allen dreien die gereizte Feindseligkeit. Mit Wollust +spürte das verratene Kind, wie sich ihre Wut wehrlos gegen seine +mißachtete Existenz ballte. Mit zwinkernd höhnischem Blick streifte +er ab und zu das verbissene Gesicht des Barons. Er sah, wie der +zwischen den Zähnen Schimpfworte knirschte und an sich halten +mußte, um sie nicht gegen ihn zu speien, merkte zugleich auch mit +diabolischer Lust den aufsteigenden Zorn seiner Mutter, und daß +beide nur einen Anlaß ersehnten, sich auf ihn zu stürzen, ihn wegzuschieben +oder unschädlich zu machen. Aber er bot keine Gelegenheit, +sein Haß war in langen Stunden berechnet und gab sich keine Blößen. +„Gehen wir zurück!“ sagte plötzlich die Mutter. Sie fühlte, daß sie +nicht länger an sich halten könnte, daß sie etwas tun müßte, aufschreien +zumindest unter dieser Folter. „Wie schade,“ sagte Edgar +ruhig, „es ist so schön.“</p> + +<!-- Page 41 --> +<p>Beide merkten, daß das Kind sie verhöhnte. Aber sie wagten nichts +zu sagen, dieser Tyrann hatte in zwei Tagen zu wundervoll gelernt, +sich zu beherrschen. Kein Zucken im Gesicht verriet die schneidende +Ironie. Ohne Wort gingen sie den langen Weg wieder heim. In ihr +flackerte die Erregung noch nach, als sie dann beide allein im Zimmer +waren. Sie warf den Sonnenschirm und ihre Handschuhe ärgerlich +weg. Edgar merkte sofort, daß ihre Nerven erregt waren und nach +Entladung verlangten, aber er wollte einen Ausbruch und blieb mit +Absicht im Zimmer, um sie zu reizen. Sie ging auf und ab, setzte +sich wieder hin, ihre Finger trommelten auf dem Tisch, dann sprang +sie wieder auf. „Wie zerrauft du bist, wie schmutzig du umhergehst! +Es ist eine Schande vor den Leuten. Schämst du dich nicht in deinem +Alter?“ Ohne ein Wort der Gegenrede ging das Kind hin und +kämmte sich. Dieses Schweigen, dieses obstinate kalte Schweigen +mit dem Zittern von Hohn auf den Lippen machte sie rasend. Am +liebsten hätte sie ihn geprügelt. „Geh auf dein Zimmer“, schrie sie +ihn an. Sie konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen. Edgar +lächelte und ging.</p> + +<p>Wie sie jetzt beide zitterten vor ihm, wie sie Angst hatten, der Baron +und sie, vor jeder Stunde des Zusammenseins, dem unbarmherzig +harten Griff seiner Augen! Je unbehaglicher sie sich fühlten, in um +so satterem Wohlbehagen beglänzte sich sein Blick, um so herausfordernder +wurde seine Freude. Edgar quälte die Wehrlosen jetzt +mit der ganzen, fast noch tierischen Grausamkeit der Kinder. Der +Baron konnte seinen Zorn noch dämmen, weil er immer hoffte, dem +Buben noch einen Streich spielen zu können, und nur an sein Ziel +dachte. Aber sie, die Mutter, verlor immer wieder die Beherrschung. +Für sie war es eine Erleichterung, ihn anschreien zu können. „Spiel +nicht mit der Gabel“, fuhr sie ihn bei Tisch an. „Du bist ein unerzogener +Fratz, verdienst noch gar nicht unter Erwachsenen zu sitzen.“<!-- Page 42 --> +Edgar lächelte nur immer, lächelte, den Kopf ein wenig schief zur +Seite gelegt. Er wußte, daß dieses Schreien Verzweiflung war, und +empfand Stolz, daß sie sich so verrieten. Er hatte jetzt einen ganz +ruhigen Blick, wie den eines Arztes. Früher wäre er vielleicht boshaft +gewesen, um sie zu ärgern, aber man lernt viel und rasch im +Haß. Jetzt schwieg er nur, schwieg und schwieg, bis sie zu schreien +begann unter dem Druck seines Schweigens.</p> + +<p>Seine Mutter konnte es nicht länger ertragen. Als sie jetzt vom +Essen aufstanden und Edgar wieder mit dieser selbstverständlichen Anhänglichkeit +ihnen folgen wollte, brach es plötzlich los aus ihr. Sie +vergaß alle Rücksicht und spie die Wahrheit aus. Gepeinigt von +seiner schleichenden Gegenwart, bäumte sie sich wie ein von Fliegen gefoltertes +Pferd. „Was rennst du mir immer nach wie ein dreijähriges +Kind. Ich will dich nicht immer in der Nähe haben. Kinder gehören +nicht zu Erwachsenen. Merk dir das! Beschäftige dich doch einmal +eine Stunde mit dir selbst. Lies etwas oder tu, was du willst. Laß +mich in Ruh! Du machst mich nervös mit deinem Herumschleichen, +deiner widerlichen Verdrossenheit.“</p> + +<p>Endlich hatte er es ihr entrissen, das Geständnis! Edgar lächelte, +während der Baron und sie jetzt verlegen schienen. Sie wandte sich +ab und wollte weiter, wütend über sich selbst, daß sie ihr Unbehagen +dem Kind eingestanden hatte. Aber Edgar sagte nur kühl: „Papa +will nicht, daß ich allein hier herumgehe. Papa hat mir das Versprechen +abgenommen, daß ich nicht unvorsichtig bin und bei dir +bleibe.“</p> + +<p>Er betonte das Wort „Papa“, weil er damals bemerkt hatte, daß es +eine gewisse lähmende Wirkung auf die beiden übte. Auch sein Vater +mußte also irgendwie verstrickt sein in dieses heiße Geheimnis. Papa +mußte irgendeine geheime Macht über die beiden haben, die er nicht +kannte, denn schon die Erwähnung seines Namens schien ihnen<!-- Page 43 --> +Angst und Unbehagen zu bereiten. Auch diesmal entgegneten sie +nichts. Sie streckten die Waffen. Die Mutter ging voran, der Baron +mit ihr. Hinter ihnen kam Edgar, aber nicht demütig wie ein Diener, +sondern hart, streng und unerbittlich wie ein Wächter. Unsichtbar +klirrte er mit der Kette, an der sie rüttelten und die nicht zu zersprengen +war. Der Haß hatte seine kindische Kraft gestählt, er, der +Unwissende, war stärker als sie beide, denen das Geheimnis die Hände +band.</p> + + + + +<h2>Die Lügner</h2> + + +<p class="dropcap">Aber die Zeit drängte. Der Baron hatte nur mehr wenige Tage, +und die wollten genützt sein. Widerstand gegen die Hartnäckigkeit +des gereizten Kindes war, das fühlten sie, vergeblich, und so +griffen sie zum letzten, zum schmählichsten Ausweg: zur Flucht, nur +um für eine oder zwei Stunden seiner Tyrannei zu entgehen.</p> + +<p>„Gib diese Briefe rekommandiert zur Post“, sagte die Mutter zu +Edgar. Sie standen beide in der Hall, der Baron sprach draußen mit +einem Fiaker.</p> + +<p>Mißtrauisch übernahm Edgar die beiden Briefe. Er hatte bemerkt, +daß früher ein Diener irgendeine Botschaft seiner Mutter übermittelt +hatte. Bereiteten sie am Ende etwas gemeinsam gegen +ihn vor?</p> + +<p>Er zögerte. „Wo erwartest du mich?“</p> + +<p>„Hier.“</p> + +<p>„Bestimmt?“</p> + +<p>„Ja.“</p> + +<p>„Daß du aber nicht weggehst! Du wartest also hier in der Hall auf +mich, bis ich zurückkomme?“</p> + +<p>Er sprach im Gefühl seiner Überlegenheit mit seiner Mutter schon +befehlshaberisch. Seit vorgestern hatte sich viel verändert.</p> + +<!-- Page 44 --> +<p>Dann ging er mit den beiden Briefen. An der Tür stieß er mit dem +Baron zusammen. Er sprach ihn an, zum erstenmal seit zwei Tagen. +„Ich gebe nur die zwei Briefe auf. Meine Mama wartet auf mich, +bis ich zurückkomme. Bitte gehen Sie nicht früher fort.“</p> + +<p>Der Baron drückte sich rasch vorbei. „Ja, ja, wir warten schon.“</p> + +<p>Edgar stürmte zum Postamt. Er mußte warten. Ein Herr vor ihm +hatte ein Dutzend langweiliger Fragen. Endlich konnte er sich des +Auftrags entledigen und rannte sofort mit den Rezipissen zurück. +Und kam eben zurecht, um zu sehen, wie seine Mutter und der Baron +im Fiaker davonfuhren.</p> + +<p>Er war starr vor Wut. Fast hätte er sich niedergebückt und ihnen +einen Stein nachgeschleudert. Sie waren ihm also doch entkommen, +aber mit einer wie gemeinen, wie schurkischen Lüge! Daß seine +Mutter log, wußte er seit gestern. Aber daß sie so schamlos sein +konnte, ein offenes Versprechen zu mißachten, das zerriß ihm ein +letztes Vertrauen. Er verstand das ganze Leben nicht mehr, seit er +sah, daß die Worte, hinter denen er die Wirklichkeit vermutet hatte, +nur farbige Blasen waren, die sich blähten und in nichts zersprangen. +Aber was für ein furchtbares Geheimnis mußte das sein, das erwachsene +Menschen so weit trieb, ihn, ein Kind, zu belügen, sich +wegzustehlen wie Verbrecher? In den Büchern, die er gelesen +hatte, mordeten und betrogen die Menschen, um Geld zu gewinnen, +oder Macht, oder Königreiche. Was aber war hier die Ursache, +was wollten diese beiden, warum versteckten sie sich vor ihm, was +suchten sie unter hundert Lügen zu verhüllen? Er zermarterte +sein Gehirn. Dunkel spürte er, daß dieses Geheimnis der Riegel der +Kindheit sei, daß, es erobert zu haben, bedeutete, erwachsen zu sein, +endlich, endlich ein Mann. Oh, es zu fassen! Aber er konnte nicht +mehr klar denken. Die Wut, daß sie ihm entkommen waren, verbrannte +und verqualmte ihm den klaren Blick.</p> + +<!-- Page 45 --> +<p>Er lief hinaus in den Wald, gerade konnte er sich noch ins Dunkel +retten, wo ihn niemand sah, und da brach es heraus, in einem +Strom heißer Tränen. „Lügner, Hunde, Betrüger, Schurken“ – er +mußte diese Worte laut herausschreien, sonst wäre er erstickt. Die +Wut, die Ungeduld, der Ärger, die Neugier, die Hilflosigkeit und der +Verrat der letzten Tage, im kindischen Krampf, im Wahn seiner Erwachsenheit +niedergehalten, sprengten jetzt die Brust und wurden +Tränen. Es war das letzte Weinen seiner Kindheit, das letzte wildeste +Weinen, zum letztenmal gab er sich weibisch hin an die Wollust +der Tränen. Er weinte in dieser Stunde fassungsloser Wut alles +aus sich heraus, Vertrauen, Liebe, Gläubigkeit, Respekt – seine ganze +Kindheit.</p> + +<p>Der Knabe, der dann zum Hotel zurückging, war ein anderer. Er +war kühl und handelte vorbedacht. Zunächst ging er in sein Zimmer, +wusch sorgfältig das Gesicht und die Augen, um den beiden nicht +den Triumph zu gönnen, die Spuren seiner Tränen zu sehen. Dann +bereitete er die Abrechnung vor. Und wartete geduldig, ohne jede +Unruhe.</p> + +<p>Die Hall war recht gut besucht, als der Wagen mit den beiden +Flüchtigen draußen wieder hielt. Ein paar Herren spielten Schach, +andere lasen ihre Zeitung, die Damen plauderten. Unter ihnen hatte +reglos, ein wenig blaß mit zitternden Blicken das Kind gesessen. +Als jetzt seine Mutter und der Baron zur Türe hereinkamen, ein +wenig geniert, ihn so plötzlich zu sehen, und schon die vorbereitete +Ausrede stammeln wollten, trat er ihnen aufrecht und ruhig entgegen +und sagte herausfordernd: „Herr Baron, ich möchte Ihnen +etwas sagen.“</p> + +<p>Dem Baron wurde es unbehaglich. Er kam sich irgendwie ertappt +vor. „Ja, ja, später, gleich!“</p> + +<p>Aber Edgar warf die Stimme hoch und sagte hell und scharf, daß<!-- Page 46 --> +alle rings es hören konnten: „Ich will aber jetzt mit Ihnen reden. +Sie haben sich niederträchtig benommen. Sie haben mich angelogen. +Sie wußten, daß meine Mama auf mich wartet, und sind …“</p> + +<p>„Edgar!“ schrie die Mutter, die alle Blicke auf sich gerichtet sah, und +stürzte gegen ihn los.</p> + +<p>Aber das Kind kreischte jetzt, da es sah, daß sie seine Worte überschreien +wollten, plötzlich gellend auf:</p> + +<p>„Ich sage es Ihnen nochmals vor allen Leuten. Sie haben infam +gelogen, und das ist gemein, das ist erbärmlich.“</p> + +<p>Der Baron stand blaß, die Leute starrten auf, einige lächelten.</p> + +<p>Die Mutter packte das vor Erregung zitternde Kind: „Komm sofort +auf dein Zimmer, oder ich prügle dich hier vor allen Leuten“, stammelte +sie heiser.</p> + +<p>Edgar aber war schon wieder ruhig. Es tat ihm leid, so leidenschaftlich +gewesen zu sein. Er war unzufrieden mit sich selbst, denn eigentlich +wollte er ja den Baron kühl herausfordern, aber die Wut war +wilder gewesen als sein Wille. Ruhig, ohne Hast wandte er sich zur +Treppe.</p> + +<p>„Entschuldigen Sie, Herr Baron, seine Ungezogenheit. Sie wissen +ja, er ist ein nervöses Kind“, stotterte sie noch, verwirrt von den ein +wenig hämischen Blicken der Leute, die sie ringsum anstarrten. Nichts +in der Welt war ihr fürchterlicher als Skandal, und sie wußte, daß +sie nun Haltung bewahren mußte. Statt gleich die Flucht zu ergreifen, +ging sie zuerst zum Portier, fragte nach Briefen und anderen +gleichgültigen Dingen und rauschte dann hinauf, als ob +nichts geschehen wäre. Aber hinter ihr wisperte ein leises Kielwasser +von Zischeln und unterdrücktem Gelächter.</p> + +<p>Unterwegs verlangsamte sich ihr Schritt. Sie war immer ernsten +Situationen gegenüber hilflos und hatte eigentlich Angst vor dieser +Auseinandersetzung. Daß sie schuldig war, konnte sie nicht leugnen,<!-- Page 47 --> +und dann: sie fürchtete sich vor dem Blick des Kindes, diesem neuen, +fremden, so merkwürdigen Blick, der sie lähmte und unsicher machte. +Aus Furcht beschloß sie, es mit Milde zu versuchen. Denn bei einem +Kampf war, das wußte sie, dieses gereizte Kind jetzt der Stärkere.</p> + +<p>Leise klinkte sie die Türe auf. Der Bub saß da, ruhig und kühl. Die +Augen, die er zu ihr aufhob, waren ganz ohne Angst, verrieten nicht +einmal Neugierde. Er schien sehr sicher zu sein.</p> + +<p>„Edgar,“ begann sie möglichst mütterlich, „was ist dir eingefallen? +Ich habe mich geschämt für dich. Wie kann man nur so ungezogen +sein, schon gar als Kind zu einem Erwachsenen! Du wirst dich dann +sofort beim Herrn Baron entschuldigen.“</p> + +<p>Edgar schaute zum Fenster hinaus. Das „Nein“ sagte er gleichsam +zu den Bäumen gegenüber.</p> + +<p>Seine Sicherheit begann sie zu befremden.</p> + +<p>„Edgar, was geht denn vor mit dir? Du bist ja ganz anders als +sonst? Ich kenne mich gar nicht mehr in dir aus. Du warst doch +sonst immer ein kluges, artiges Kind, mit dem man reden konnte. +Und auf einmal benimmst du dich so, als sei der Teufel in dich gefahren. +Was hast du denn gegen den Baron? Du hast ihn doch sehr +gern gehabt. Er war immer so lieb gegen dich.“</p> + +<p>„Ja, weil er dich kennen lernen wollte.“</p> + +<p>Ihr wurde unbehaglich. „Unsinn! Was fällt dir ein. Wie kannst +du so etwas denken?“</p> + +<p>Aber da fuhr das Kind auf.</p> + +<p>„Ein Lügner ist er, ein falscher Mensch. Was er tut, ist Berechnung +und Gemeinheit. Er hat dich kennen lernen wollen, deshalb war er +freundlich zu mir und hat mir einen Hund versprochen. Ich weiß +nicht, was er dir versprochen hat und warum er zu dir freundlich +ist, aber auch von dir will er etwas, Mama, ganz bestimmt. +Sonst wäre er nicht so höflich und freundlich. Er ist ein schlechter<!-- Page 48 --> +Mensch. Er lügt. Sieh dir ihn nur einmal an, wie falsch er immer +schaut. Oh, ich hasse ihn, diesen erbärmlichen Lügner, diesen +Schurken …“</p> + +<p>„Aber Edgar, wie kann man so etwas sagen.“ Sie war verwirrt +und wußte nicht zu antworten. In ihr regte sich ein Gefühl, das +dem Kind recht gab.</p> + +<p>„Ja, er ist ein Schurke, das lasse ich mir nicht ausreden. Das mußt +du selbst sehen. Warum hat er denn Angst vor mir? Warum versteckt +er sich vor mir? Weil er weiß, daß ich ihn durchschaue, daß ich +ihn kenne, diesen Schurken!“</p> + +<p>„Wie kann man so etwas sagen, wie kann man so etwas sagen.“ +Ihr Gehirn war ausgetrocknet, nur die Lippen stammelten blutlos +immer wieder die beiden Sätze. Sie begann jetzt plötzlich eine furchtbare +Angst zu haben und wußte eigentlich nicht, ob vor dem Baron +oder vor dem Kinde.</p> + +<p>Edgar sah, daß seine Mahnung Eindruck machte. Und es verlockte +ihn, sie zu sich herüberzureißen, einen Genossen zu haben im Hasse, +in der Feindschaft gegen ihn. Weich ging er auf seine Mutter zu, +umfaßte sie, und seine Stimme wurde schmeichlerisch vor Erregung. +„Mama,“ sagte er, „du mußt es doch selbst bemerkt haben, daß er +nichts Gutes will. Er hat dich ganz anders gemacht. Du bist verändert +und nicht ich. Er hat dich aufgehetzt gegen mich, nur um dich +allein zu haben. Sicher will er dich betrügen. Ich weiß nicht, was +er dir versprochen hat. Ich weiß nur, er wird es nicht halten. Du +solltest dich hüten vor ihm. Wer einen belügt, belügt auch den andern. +Er ist ein böser Mensch, dem man nicht trauen soll.“</p> + +<p>Diese Stimme, weich und fast in Tränen, klang wie aus ihrem +eigenen Herzen. In ihr war seit gestern ein Mißbehagen erwacht, +das ihr dasselbe sagte: eindringlicher und eindringlicher. Aber sie +schämte sich, dem eigenen Kinde recht zu geben. Und rettete sich, wie<!-- Page 49 --> +viele, aus der Verlegenheit eines überwältigenden Gefühls in die +Rauheit des Ausdrucks. Sie reckte sich auf.</p> + +<p>„Kinder verstehen so etwas nicht. Du hast in solche Sachen nicht +dreinzureden. Du hast dich anständig zu benehmen. Das ist alles.“</p> + +<p>Edgars Gesicht fror wieder kalt ein. „Wie du meinst,“ sagte er hart, +„ich habe dich gewarnt.“</p> + +<p>„Also du willst dich nicht entschuldigen?“</p> + +<p>„Nein.“</p> + +<p>Sie standen sich schroff gegenüber. Sie fühlte, es ging um ihre +Autorität.</p> + +<p>„Dann wirst du hier oben speisen. Allein. Und nicht eher an unseren +Tisch kommen, bis du dich entschuldigt hast. Ich werde dich noch +Manieren lehren. Du wirst dich nicht vom Zimmer rühren, bis ich +es dir erlaube. Hast du verstanden?“</p> + +<p>Edgar lächelte. Dieses tückische Lächeln schien schon mit seinen +Lippen verwachsen zu sein. Innerlich war er zornig gegen sich selbst. +Wie töricht von ihm, daß er wieder einmal sein Herz hat entlaufen +lassen und sie, die Lügnerin, noch warnen wollte.</p> + +<p>Die Mutter rauschte hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen. Sie +fürchtete diese schneidenden Augen. Das Kind war ihr unbehaglich +geworden, seit sie fühlte, daß es seine Augen offen hatte und ihr gerade +das sagte, was sie nicht wissen und nicht hören wollte. Schreckhaft +war es ihr, eine innere Stimme, ihr Gewissen, abgelöst von sich +selber, als Kind verkleidet, als ihr eigenes Kind herumgehen und sie +warnen, sie verhöhnen zu sehn. Bisher war dieses Kind neben ihrem +Leben gewesen, ein Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und +Vertrautes, manchmal vielleicht eine Last, aber immer etwas, das in +derselben Strömung im gleichen Takt ihres Lebens lief. Zum erstenmal +bäumte das sich heute auf und trotzte gegen ihren Willen. Etwas +wie Haß mischte sich jetzt immer in die Erinnerung an ihr Kind.</p> + +<!-- Page 50 --> +<p>Aber dennoch: jetzt, da sie die Treppe, ein wenig müde, niederstieg, +klang die kindische Stimme aus ihrer eigenen Brust. „Du +solltest dich hüten vor ihm.“ – Die Mahnung ließ sich nicht zum +Schweigen bringen. Da glänzte ihr im Vorüberschreiten ein Spiegel +entgegen, fragend blickte sie hinein, tiefer und immer tiefer, bis sich +dort die Lippen leise lächelnd auftaten und sich rundeten wie zu einem +gefährlichen Wort. Noch immer klang von innen die Stimme; aber +sie warf die Achseln hoch, als schüttelte sie all diese unsichtbaren Bedenken +von sich ab, gab dem Spiegel einen hellen Blick, raffte das +Kleid und ging hinab mit der entschlossenen Geste eines Spielers, +der sein letztes Goldstück klingend über den Tisch rollen läßt.</p> + + + + +<h2>Spuren im Mondlicht</h2> + + +<p class="dropcap">Der Kellner, der Edgar das Essen in seinen Stubenarrest gebracht +hatte, schloß die Türe. Hinter ihm knackte das Schloß. Das +Kind fuhr wütend auf: das war offenbar im Auftrag seiner Mutter +geschehen, daß man ihn einsperrte wie ein bösartiges Tier. Finster +rang es sich aus ihm.</p> + +<p>„Was geschieht nun da drunten, während ich hier eingeschlossen bin? +Was mögen die beiden jetzt bereden? Geschieht am Ende jetzt dort +das Geheime, und ich muß es versäumen? Oh, dieses Geheimnis, +das ich immer und überall spüre, wenn ich unter Erwachsenen bin, +vor dem sie die Türe zuschließen in der Nacht, das sie in leises Gespräch +versenken, trete ich unversehens herein, dieses große Geheimnis, +das mir jetzt seit Tagen nahe ist, hart vor den Händen, und das ich +noch immer nicht greifen kann! Was habe ich nicht schon getan, um +es zu fassen! Ich habe Papa damals Bücher aus dem Schreibtisch +gestohlen und sie gelesen, und alle diese merkwürdigen Dinge waren +darin, nur daß ich sie nicht verstand. Es muß irgendwie ein Siegel<!-- Page 51 --> +daran sein, das erst abzulösen ist, um es zu finden, vielleicht in mir, +vielleicht in den anderen. Ich habe das Dienstmädchen gefragt, sie +gebeten, mir diese Stellen in den Büchern zu erklären, aber sie hat +mich ausgelacht. Furchtbar, Kind zu sein, voll von Neugier, und +doch niemand fragen zu dürfen, immer lächerlich zu sein vor diesen +Großen, als ob man etwas Dummes oder Nutzloses wäre. Aber ich +werde es erfahren, ich fühle, ich werde es jetzt bald wissen. Ein Teil +ist schon in meinen Händen, und ich will nicht früher ablassen, ehe +ich das Ganze besitze!“</p> + +<p>Er horchte, ob niemand käme. Ein leichter Wind flog draußen durch +die Bäume und brach den starren Spiegel des Mondlichtes zwischen +dem Geäste in hundert schwanke Splitter.</p> + +<p>„Es kann nichts Gutes sein, was die beiden vorhaben, sonst hätten +sie nicht solche erbärmliche Lügen gesucht, um mich fortzukriegen. +Gewiß, sie lachen jetzt über mich, die Verfluchten, daß sich mich endlich +los sind, aber ich werde zuletzt lachen. Wie dumm von mir, mich hier +einsperren zu lassen, ihnen eine Sekunde Freiheit zu geben, statt an +ihnen zu kleben und jede ihrer Bewegungen zu belauschen. Ich weiß, +die Großen sind ja immer unvorsichtig, und auch sie werden sich verraten. +Sie glauben immer von uns, daß wir noch ganz klein sind und +abends immer schlafen, sie vergessen, daß man sich auch schlafend +stellen kann und lauschen, daß man sich dumm geben kann und sehr +klug sein. Jüngst, wie meine Tante ein Kind bekam, haben sie es +lange vorausgewußt und sich nur vor mir verwundert gestellt, als +seien sie überrascht worden. Aber ich habe es auch gewußt, denn ich +habe sie reden gehört, vor Wochen am Abend, als sie glaubten, ich +schliefe. Und so werde ich auch diesmal sie überraschen, diese Niederträchtigen. +Oh, wenn ich durch die Türe spähen könnte, sie heimlich +jetzt beobachten, während sie sich sicher wähnen. Sollte ich nicht vielleicht +läuten jetzt, dann käme das Mädchen, sperrte die Tür auf und<!-- Page 52 --> +fragte, was ich wollte. Oder ich könnte poltern, könnte Geschirr zerschlagen, +dann sperrte man auch auf. Und in dieser Sekunde könnte +ich hinausschlüpfen und sie belauschen. Aber nein, das will ich nicht. +Niemand soll sehen, wie niederträchtig sie mich behandeln. Ich bin +zu stolz dazu. Morgen will ich es ihnen schon heimzahlen.“</p> + +<p>Unten lachte eine Frauenstimme. Edgar schrak zusammen: das könnte +seine Mutter sein. Die hatte ja Grund zu lachen, ihn zu verhöhnen, +den Kleinen, Hilflosen, hinter dem man den Schlüssel abdrehte, +wenn er lästig war, den man in den Winkel warf wie ein Bündel +nasser Kleider. Vorsichtig beugte er sich zum Fenster hinaus. Nein, +sie war es nicht, sondern fremde, übermütige Mädchen, die einen +Burschen neckten.</p> + +<p>Da, in dieser Minute bemerkte er, wie wenig hoch sich eigentlich sein +Fenster über die Erde erhob. Und schon, kaum daß ers merkte, war +der Gedanke da: hinausspringen, jetzt, wo sie sich ganz sicher wähnten, +sie belauschen. Er fieberte vor Freude über seinen Entschluß. Ihm +war, als hielt er damit das große, das funkelnde Geheimnis der +Kindheit in den Händen. „Hinaus, hinaus“, zitterte es in ihm. +Gefahr war keine. Menschen gingen nicht vorüber, und schon sprang +er. Es gab ein leises Geräusch von knirschendem Kies, das keiner +vernahm.</p> + +<p>In diesen zwei Tagen war ihm das Beschleichen, das Lauern zur +Lust seines Lebens geworden. Und Wollust fühlte er jetzt gemengt +mit einem leisen Schauer von Angst, als er auf ganz leisen Sohlen +um das Hotel schlich, sorgsam den stark ausstrahlenden Widerschein +der Lichter vermeidend. Zunächst blickte er, die Wange vorsichtig an +die Scheiben pressend, in den Speisesaal. Ihr gewohnter Platz war +leer. Er spähte dann weiter, von Fenster zu Fenster. Ins Hotel +selbst wagte er sich nicht hinein, aus Furcht, er könnte ihnen zwischen +den Gängen unversehens in den Weg laufen. Nirgends waren sie<!-- Page 53 --> +zu finden. Schon wollte er verzweifeln, da sah er zwei Schatten aus +der Türe vorfallen und – er zuckte zurück und duckte sich in das +Dunkel – seine Mutter mit ihrem nun unvermeidlichen Begleiter +heraustreten. Gerade war er also zurecht gekommen. Was sprachen +sie? Er konnte es nicht verstehen. Sie redeten leise, und der Wind +rumorte zu unruhig in den Bäumen. Jetzt aber zog deutlich ein +Lachen vorüber, die Stimme seiner Mutter. Es war ein Lachen, das +er an ihr gar nicht kannte, ein seltsam scharfes, wie gekitzeltes, +gereiztes nervöses Lachen, das ihn fremd anmutete und vor dem er +erschrak. Sie lachte. Also konnte es nichts Gefährliches sein, nicht +etwas ganz Großes und Gewaltiges, das man vor ihm verbarg. +Edgar war ein wenig enttäuscht.</p> + +<p>Aber warum verließen sie das Hotel? Wohin gingen sie jetzt allein +in der Nacht? Hoch oben mußten mit riesigen Flügeln Winde dahinstreifen, +denn der Himmel, eben noch rein und mondklar, wurde jetzt +dunkel. Schwarze Tücher, von unsichtbaren Händen geworfen, +wickelten manchmal den Mond ein, und die Nacht wurde dann so +undurchdringlich, daß man kaum den Weg sehen konnte, um bald +wieder hell zu glänzen, wenn sich der Mond befreite. Silber floß kühl +über die Landschaft. Geheimnisvoll war dieses Spiel zwischen Licht +und Schatten und aufreizend wie das Spiel einer Frau mit Blöße +und Verhüllungen. Gerade jetzt entkleidete die Landschaft wieder +ihren blanken Leib: Edgar sah schräg über dem Weg die wandelnden +Silhouetten, oder vielmehr die eine, denn so aneinander gepreßt +gingen sie, als drängte sie eine innere Furcht zusammen. Aber wohin +gingen sie jetzt, die beiden? Die Föhren ächzten, es war eine +unheimliche Geschäftigkeit im Wald, als wühlte die wilde Jagd +darin. „Ich folge ihnen,“ dachte Edgar, „sie können meinen Schritt +nicht hören in diesem Aufruhr von Wind und Wald.“ Und er sprang, +indes die unten auf der breiten, hellen Straße gingen, oben im Gehölz<!-- Page 54 --> +von einem Baum zum anderen leise weiter, von Schatten zu +Schatten. Er folgte ihnen zäh und unerbittlich, segnete den Wind, +der seine Schritte unhörbar machte, und verfluchte ihn, weil er ihm +immer die Worte von drüben wegtrug. Nur einmal, wenn er hätte +ihr Gespräch hören können, war er sicher, das Geheimnis zu halten.</p> + +<p>Die beiden unten gingen ahnungslos. Sie fühlten sich selig allein +in dieser weiten verwirrten Nacht und verloren sich in ihrer wachsenden +Erregung. Keine Ahnung warnte sie, daß oben im vielverzweigten +Dunkel jedem ihrer Schritte gefolgt wurde und zwei Augen +sie mit der ganzen Kraft von Haß und Neugier umkrallt hielten.</p> + +<p>Plötzlich blieben sie stehen. Auch Edgar hielt sofort inne und preßte +sich enge an einen Baum. Ihn befiel eine stürmische Angst. Wie, +wenn sie jetzt umkehrten und vor ihm das Hotel erreichten, wenn er +sich nicht retten konnte in sein Zimmer und die Mutter es leer fand? +Dann war alles verloren, dann wußten sie, daß er sie heimlich belauerte, +und er durfte nie mehr hoffen, ihnen das Geheimnis zu entreißen. +Aber die beiden zögerten, offenbar in einer Meinungsverschiedenheit. +Glücklicherweise war Mondlicht, und er konnte alles +deutlich sehen. Der Baron deutete auf einen dunklen schmalen Seitenweg, +der in das Tal hinabführte, wo das Mondlicht nicht wie hier +auf der Straße einen weiten vollen Strom rauschte, sondern nur in +Tropfen und seltsamen Strahlen durchs Dickicht sickerte. „Warum +will er dort hinab?“ zuckte es in Edgar. Seine Mutter schien „nein“ +zu sagen, er aber, der andere, sprach ihr zu. Edgar konnte an der +Art seiner Gestikulation merken, wie eindringlich er sprach. Angst +befiel das Kind. Was wollte dieser Mensch von seiner Mutter? +Warum versuchte er, dieser Schurke, sie ins Dunkel zu schleppen? +Aus seinen Büchern, die für ihn die Welt waren, kamen plötzlich +lebendige Erinnerungen von Mord und Entführung, von finsteren +Verbrechen. Sicherlich, er wollte sie ermorden, und dazu hatte er<!-- Page 55 --> +ihn weggehalten, sie einsam hierher gelockt. Sollte er Hilfe schreien? +Mörder! Der Ruf saß ihm schon ganz oben in der Kehle, aber die +Lippen waren vertrocknet und brachten keinen Laut heraus. Seine +Nerven spannten sich vor Aufregung, kaum konnte er sich gerade +halten, erschreckt vor Angst griff er nach einem Halt – da knackte +ihm ein Zweig unter den Händen.</p> + +<p>Die beiden wandten sich erschreckt um und starrten ins Dunkel. +Edgar blieb stumm an den Baum gelehnt mit angepreßten Armen, +den kleinen Körper tief in den Schatten geduckt. Es blieb Totenstille. +Aber doch, sie schienen erschreckt. „Kehren wir um“, hörte er seine +Mutter sagen. Es klang geängstigt von ihren Lippen. Der Baron, +offenbar selbst beunruhigt, willigte ein. Die beiden gingen langsam +und eng aneinander geschmiegt zurück. Ihre innere Befangenheit +war Edgars Glück. Auf allen vieren, ganz unten im Holz, kroch er, +die Hände sich blutig reißend, bis zur Wendung des Waldes, von +dort lief er mit aller Geschwindigkeit, daß ihm der Atem stockte, bis +zum Hotel und da mit ein paar Sprüngen hinauf. Der Schlüssel, +der ihn eingesperrt hatte, steckte glücklicherweise von außen, er drehte +ihn um, stürzte ins Zimmer und schon hin aufs Bett. Ein paar +Minuten mußte er rasten, denn das Herz schlug ungestüm an seine +Brust, wie ein Klöppel an die klingende Glockenwand.</p> + +<p>Dann wagte er sich auf, lehnte am Fenster und wartete, bis sie +kamen. Es dauerte lange. Sie mußten sehr, sehr langsam gegangen +sein. Vorsichtig spähte er aus dem umschatteten Rahmen. Jetzt +kamen sie langsam daher, Mondlicht auf den Kleidern. Gespensterhaft +sahen sie aus in diesem grünen Licht, und wieder überfiel ihn +das süße Grauen, ob das wirklich ein Mörder sei und welch furchtbares +Geschehen er durch seine Gegenwart verhindert hatte. Deutlich +sah er in die kreidehellen Gesichter. In dem seiner Mutter war +ein Ausdruck von Verzücktheit, den er an ihr nicht kannte, er hingegen<!-- Page 56 --> +schien hart und verdrossen. Offenbar, weil ihm seine Absicht +mißlungen war.</p> + +<p>Ganz nahe waren sie schon. Erst knapp vor dem Hotel lösten sich +ihre Gestalten voneinander. Ob sie heraufsehen würden? Nein, keiner +blickte herauf. „Sie haben mich vergessen“, dachte der Knabe mit +einem wilden Ingrimm, mit einem heimlichen Triumph, „aber ich +nicht euch. Ihr denkt wohl, daß ich schlafe oder nicht auf der Welt +bin, aber ihr sollt eueren Irrtum sehen. Jeden Schritt will ich euch +überwachen, bis ich ihm, dem Schurken, das Geheimnis entrissen +habe, das furchtbare, das mich nicht schlafen läßt. Ich werde euer +Bündnis schon zerreißen. Ich schlafe nicht.“</p> + +<p>Langsam traten die beiden in die Türe. Und als sie jetzt, einer hinter +dem anderen, hineingingen, umschlangen sich wieder für eine Sekunde +die fallenden Silhouetten, als einziger schwarzer Streif schwand +ihr Schatten in die erhellte Tür. Dann lag der Platz im Mondlicht +wieder blank vor dem Hause, wie eine weite Wiese von Schnee.</p> + + + + +<h2>Der Überfall</h2> + + +<p class="dropcap">Edgar trat atmend zurück vom Fenster. Das Grauen schüttelte ihn. +Noch nie war er in seinem Leben ähnlich Geheimnisvollem so +nah gewesen. Die Welt der Aufregungen, der spannenden Abenteuer, +jene Welt von Mord und Betrug aus seinen Büchern war in seiner +Anschauung immer dort gewesen, wo die Märchen waren, hart hinter +den Träumen, im Unwirklichen und Unerreichbaren. Jetzt auf einmal +aber schien er mitten hineingeraten in diese grauenhafte Welt, +und sein ganzes Wesen wurde fieberhaft geschüttelt durch so unverhoffte +Begegnung. Wer war dieser Mensch, der geheimnisvolle, der +plötzlich in ihr ruhiges Leben getreten war? War er wirklich ein +Mörder, daß er immer das Entlegene suchte und seine Mutter hinschleppen<!-- Page 57 --> +wollte, wo es dunkel war? Furchtbares schien bevorzustehen. +Er wußte nicht, was zu tun. Morgen, das war er sicher, +wollte er dem Vater schreiben oder telegraphieren. Aber konnte es +nicht noch jetzt geschehen, heute abend? Noch war ja seine Mutter +nicht in ihrem Zimmer, noch war sie mit diesem verhaßten, fremden +Menschen. Zwischen der inneren Tür und der äußeren, leicht beweglichen +Tapetentür war ein schmaler Zwischenraum, nicht größer +als das Innere eines Kleiderschrankes. Dort in diese Handbreit +Dunkel preßte er sich hinein, um auf ihre Schritte im Gang zu lauern. +Denn nicht einen Augenblick, so hatte er beschlossen, wollte er sie +allein lassen. Der Gang lag jetzt um Mitternacht leer, matt nur beleuchtet +von einer einzelnen Flamme.</p> + +<p>Endlich – die Minuten dehnten sich ihm fürchterlich – hörte er behutsame +Schritte heraufkommen. Er horchte angestrengt. Es war +nicht ein rasches Losschreiten, wie wenn jemand gerade in sein Zimmer +will, sondern schleifende, zögernde, sehr verlangsamte Schritte, wie +einen unendlich schweren und steilen Weg empor. Dazwischen immer +wieder Geflüster und ein Innehalten. Edgar zitterte vor Erregung. +Waren es am Ende die beiden, blieb er noch immer mit ihr? Das +Flüstern war zu entfernt. Aber die Schritte, wenn auch noch zögernd, +kamen immer näher. Und jetzt hörte er auf einmal die verhaßte +Stimme des Barons leise und heiser etwas sagen, das er nicht verstand, +und dann gleich die seiner Mutter in rascher Abwehr: „Nein, +nicht heute! Nein.“</p> + +<p>Edgar zitterte, sie kamen näher, und er mußte alles hören. Jeder +Schritt, so leise er auch war, tat ihm weh in der Brust. Und die +Stimme, wie häßlich schien sie ihm, diese gierig werbende, widerliche +Stimme des Verhaßten! „Seien Sie nicht grausam. Sie +waren so schön heute abend.“ Und die andere wieder: „Nein, ich +darf nicht, ich kann nicht, lassen Sie mich los.“</p> + +<!-- Page 58 --> +<p>Es ist so viel Angst in der Stimme seiner Mutter, daß das Kind +erschrickt. Was will er denn noch von ihr? Warum fürchtet sie sich? +Sie sind immer näher gekommen und müssen jetzt schon ganz vor +seiner Tür sein. Knapp hinter ihnen steht er, zitternd und unsichtbar, +eine Hand weit, geschützt nur durch die dünne Scheibe Tuch. +Die Stimmen sind jetzt atemnah.</p> + +<p>„Kommen Sie, Mathilde, kommen Sie!“ Wieder hört er seine Mutter +stöhnen, schwächer jetzt, in erlahmendem Widerstand.</p> + +<p>Aber was ist dies? Sie sind ja weiter gegangen im Dunkeln. Seine +Mutter ist nicht in ihr Zimmer, sondern daran vorbeigegangen! +Wohin schleppt er sie? Warum spricht sie nicht mehr? Hat er ihr +einen Knebel in den Mund gestopft, preßt er ihr die Kehle zu?</p> + +<p>Die Gedanken machen ihn wild. Mit zitternder Hand stößt er die +Türe eine Spannweite auf. Jetzt sieht er im dunkelnden Gang die +beiden. Der Baron hat seiner Mutter den Arm um die Hüfte geschlungen +und führt sie, die schon nachzugeben scheint, leise fort. +Jetzt macht er halt vor seinem Zimmer. „Er will sie wegschleppen,“ +erschrickt das Kind, „jetzt will er das Furchtbare tun.“</p> + +<p>Ein wilder Ruck, er schlägt die Türe zu und stürzt hinaus, den beiden +nach. Seine Mutter schreit auf, wie jetzt da aus dem Dunkel plötzlich +etwas auf sie losstürzt, scheint in eine Ohnmacht gesunken, vom +Baron nur mühsam gehalten. Der aber fühlt in dieser Sekunde +eine kleine, schwache Faust in seinem Gesicht, die ihm die Lippe hart +an die Zähne schlägt, etwas, was sich katzenhaft an seinen Körper +krallt. Er läßt die Erschreckte los, die rasch entflieht, und schlägt +blind, ehe er noch weiß, gegen wen er sich wehrt, mit der Faust zurück.</p> + +<p>Das Kind weiß, daß es der Schwächere ist, aber es gibt nicht nach. +Endlich, endlich ist der Augenblick da, der lang ersehnte, all die verratene +Liebe, den aufgestapelten Haß leidenschaftlich zu entladen. Er +hämmert mit seinen kleinen Fäusten blind drauflos, die Lippen<!-- Page 59 --> +verbissen in einer fiebrigen, sinnlosen Gereiztheit. Auch der Baron +hat ihn jetzt erkannt, auch er steckt voll Haß gegen diesen heimlichen +Spion, der ihm die letzten Tage vergällte und das Spiel verdarb; er +schlägt derb zurück, wohin es eben trifft. Edgar stöhnt auf, läßt aber +nicht los und schreit nicht um Hilfe. Sie ringen eine Minute stumm +und verbissen in dem mitternächtigen Gang. Allmählich wird dem +Baron das Lächerliche seines Kampfes mit einem halbwüchsigen +Buben bewußt, er packt ihn fest an, um ihn wegzuschleudern. Aber +das Kind, wie es jetzt seine Muskeln nachlassen spürt und weiß, daß +es in der nächsten Sekunde der Besiegte, der Geprügelte sein wird, +schnappt in wilder Wut nach dieser starken, festen Hand, die ihn im +Nacken fassen will. Unwillkürlich stößt der Gebissene einen dumpfen +Schrei aus und läßt frei – eine Sekunde, die das Kind benützt, um +in sein Zimmer zu flüchten und den Riegel vorzuschieben.</p> + +<p>Eine Minute nur hat dieser mitternächtige Kampf gedauert. Niemand +rechts und links hat ihn gehört. Alles ist still, alles scheint in +Schlaf ertrunken. Der Baron wischt sich die blutende Hand mit dem +Taschentuch, späht beunruhigt in das Dunkel. Niemand hat gelauscht. +Nur oben flimmert – ihm dünkt: höhnisch – ein letztes, unruhiges +Licht.</p> + + + + +<h2>Gewitter</h2> + + +<p class="dropcap">War das Traum, ein böser, gefährlicher Traum?“ fragte sich +Edgar am nächsten Morgen, als er mit versträhntem Haar +aus einer Wirrnis von Angst erwachte. Den Kopf quälte dumpfes +Dröhnen, die Gelenke ein erstarrtes, hölzernes Gefühl, und jetzt, wie +er an sich hinabsah, merkte er erschreckt, daß er noch in den Kleidern +stak. Er sprang auf, taumelte an den Spiegel und schauerte zurück +vor seinem eigenen blassen, verzerrten Gesicht, das über der Stirne +zu einem rötlichen Striemen verschwollen war. Mühsam raffte er<!-- Page 60 --> +seine Gedanken zusammen und erinnerte sich jetzt beängstigt an alles, +an den nächtigen Kampf draußen im Gang, sein Zurückstürzen ins +Zimmer, und daß er dann, zitternd im Fieber, angezogen und fluchtbereit +sich auf das Bett geworfen habe. Dort mußte er eingeschlafen +sein, hinabgestürzt in diesen dumpfen, verhangenen Schlaf, in dessen +Träumen dann all dies noch einmal wiedergekehrt war, nur anders +und noch furchtbarer, mit einem feuchten Geruch von frischem, +fließendem Blut.</p> + +<p>Unten gingen Schritte knirschend über den Kies, Stimmen flogen +wie unsichtbare Vögel herauf, und die Sonne griff tief ins Zimmer +hinein. Es mußte schon spät am Vormittag sein, aber die Uhr, die +er erschreckt befragte, deutete auf Mitternacht, er hatte in seiner Aufregung +vergessen, sie gestern aufzuziehen. Und diese Ungewißheit, +irgendwo lose in der Zeit zu hängen, beunruhigte ihn, verstärkt durch +das Gefühl der Unkenntnis, was eigentlich geschehen war. Er richtete +sich rasch zusammen und ging hinab, Unruhe und ein leises Schuldgefühl +im Herzen.</p> + +<p>Im Frühstückszimmer saß seine Mama allein am gewohnten Tisch. +Edgar atmete auf, daß sein Feind nicht zugegen war, daß er sein verhaßtes +Gesicht nicht sehen mußte, in das er gestern im Zorn seine +Faust geschlagen hatte. Und doch, wie er nun an den Tisch herantrat, +fühlte er sich unsicher.</p> + +<p>„Guten Morgen“, grüßte er.</p> + +<p>Seine Mutter antwortete nicht. Sie blickte nicht einmal auf, sondern +betrachtete mit merkwürdig starren Pupillen in der Ferne die Landschaft. +Sie sah sehr blaß aus, hatte die Augen leicht umrändert und +um die Nasenflügel jenes nervöse Zucken, das so verräterisch für ihre +Erregung war. Edgar verbiß die Lippen. Dieses Schweigen verwirrte +ihn. Er wußte eigentlich nicht, ob er den Baron gestern schwer +verletzt hatte und ob sie überhaupt um diesen nächtigen Zusammenstoß<!-- Page 61 --> +wissen konnte. Und diese Unsicherheit quälte ihn. Aber ihr Gesicht +blieb so starr, daß er gar nicht versuchte, zu ihr aufzublicken, +aus Angst, die jetzt gesenkten Augen möchten plötzlich hinter den verhangenen +Lidern aufspringen und ihn fassen. Er wurde ganz still, +wagte nicht einmal, Lärm zu machen, ganz vorsichtig hob er die +Tasse und stellte sie wieder zurück, verstohlen hinblickend auf die +Finger seiner Mutter, die sehr nervös mit dem Löffel spielten und +in ihrer Gekrümmtheit geheimen Zorn zu verraten schienen. Eine +Viertelstunde saß er so in dem schwülen Gefühl der Erwartung auf +etwas, das nicht kam. Kein Wort, kein einziges erlöste ihn. Und +jetzt, da seine Mutter aufstand, noch immer, ohne seine Gegenwart +bemerkt zu haben, wußte er nicht, was er tun sollte: allein hier beim +Tisch sitzen bleiben oder ihr folgen. Schließlich erhob er sich doch, +ging demütig hinter ihr her, die ihn geflissentlich übersah, und spürte +immer dabei, wie lächerlich sein Nachschleichen war. Immer kleiner +machte er seine Schritte, um mehr und mehr hinter ihr zurückzubleiben, +die, ohne ihn zu beachten, in ihr Zimmer ging. Als Edgar +endlich nachkam, stand er vor einer hart geschlossenen Türe.</p> + +<p>Was war geschehen? Er kannte sich nicht mehr aus. Das sichere +Bewußtsein von gestern hatte ihn verlassen. War er am Ende gestern +im Unrecht gewesen mit diesem Überfall? Und bereiteten sie gegen ihn +eine Strafe vor oder eine neue Demütigung? Etwas mußte geschehen, +das fühlte er, etwas Furchtbares mußte sehr bald geschehen. +Zwischen ihnen war die Schwüle eines aufziehenden Gewitters, die +elektrische Spannung zweier geladener Pole, die sich im Blitz erlösen +mußte. Und diese Last des Vorgefühls schleppte er durch vier einsame +Stunden mit sich herum, von Zimmer zu Zimmer, bis sein +schmaler Kindernacken niederbrach von unsichtbarem Gewicht und +er mittags, nun schon ganz demütig, an den Tisch trat.</p> + +<p>„Guten Tag“, sagte er wieder. Er mußte dieses Schweigen zerreißen,<!-- Page 62 --> +dieses furchtbar drohende, das über ihm als schwarze +Wolke hing.</p> + +<p>Wieder antwortete die Mutter nicht, wieder sah sie an ihm vorbei. +Und mit neuem Erschrecken fühlte sich Edgar jetzt einem besonnenen, +geballten Zorn gegenüber, wie er ihn bisher in seinem Leben noch +nicht gekannt hatte. Bisher waren ihre Streitigkeiten immer nur +Wutausbrüche mehr der Nerven als des Gefühls gewesen, rasch +verflüchtigt in ein Lächeln der Begütigung. Diesmal aber hatte er, +das wurde ihm deutlich bewußt, ein wildes Gefühl aus dem untersten +Grund ihres Wesens aufgewühlt, und er erschrak vor dieser unvorsichtig +beschworenen Gewalt. Kaum vermochte er zu essen. In seiner +Kehle quoll etwas Trockenes auf, das ihn zu erwürgen drohte. Seine +Mutter schien von alldem nichts zu merken. Nur jetzt, beim Aufstehen, +wandte sie sich wie gelegentlich zurück und sagte:</p> + +<p>„Komm dann hinauf, Edgar, ich habe mit dir zu reden.“</p> + +<p>Es klang nicht drohend, aber doch so eisig kalt, daß Edgar die Worte +schauernd fühlte, als hätte man ihm eine eiserne Kette plötzlich um +den Hals gelegt. Sein Trotz war zertreten. Schweigend, wie ein geprügelter +Hund, folgte er ihr hinauf in das Zimmer.</p> + +<p>Sie verlängerte ihm die Qual, indem sie einige Minuten schwieg. +Minuten, in denen er die Uhr schlagen hörte und draußen ein Kind +lachen und in sich selbst das Herz an die Brust hämmern. Aber +auch in ihr mußte eine große Unsicherheit sein, denn sie sah ihn +nicht an, während sie jetzt zu ihm sprach, sondern wandte ihm den +Rücken.</p> + +<p>„Ich will nicht mehr über dein Betragen von gestern reden. Es war +unerhört, und ich schäme mich jetzt, wenn ich daran denke. Du hast +dir die Folgen selber zuzuschreiben. Ich will dir jetzt nur sagen, es +war das letztemal, daß du allein unter Erwachsenen sein durftest. +Ich habe eben an deinen Papa geschrieben, daß du einen Hofmeister<!-- Page 63 --> +bekommst oder in ein Pensionat geschickt wirst, um Manieren zu +lernen. Ich werde mich nicht mehr mit dir ärgern.“</p> + +<p>Edgar stand mit gesenktem Kopf da. Er spürte, daß dies nur eine +Einleitung, eine Drohung war, und wartete beunruhigt auf das +Eigentliche.</p> + +<p>„Du wirst dich jetzt sofort beim Baron entschuldigen.“</p> + +<p>Edgar zuckte auf, aber sie ließ sich nicht unterbrechen.</p> + +<p>„Der Baron ist heute abgereist, und du wirst ihm einen Brief +schreiben, den ich dir diktieren werde.“</p> + +<p>Edgar rührte sich wieder, aber seine Mutter war fest.</p> + +<p>„Keine Widerrede. Da ist Papier und Tinte, setze dich hin.“</p> + +<p>Edgar sah auf. Ihre Augen waren gehärtet von einem unbeugsamen +Entschluß. So hatte er seine Mutter nie gekannt, so hart und gelassen. +Furcht überkam ihn. Er setzte sich hin, nahm die Feder, duckte +aber das Gesicht tief auf den Tisch.</p> + +<p>„Oben das Datum. Hast du? Vor der Überschrift eine Zeile leer +lassen. So! Sehr geehrter Herr Baron! Rufzeichen. Wieder eine +Zeile freilassen. Ich erfahre soeben zu meinem Bedauern – hast du? – +zu meinem Bedauern, daß Sie den Semmering schon verlassen haben, +– Semmering mit zwei m – und so muß ich brieflich tun, was ich +persönlich beabsichtigt hatte, nämlich – etwas rascher, es muß nicht +kalligraphiert sein! – Sie um Entschuldigung bitten für mein gestriges +Betragen. Wie Ihnen meine Mama gesagt haben wird, bin ich noch +Rekonvaleszent von einer schweren Erkrankung und sehr reizbar. +Ich sehe dann oft Dinge, die übertrieben sind und die ich im +nächsten Augenblick bereue …“</p> + +<p>Der gekrümmte Rücken über dem Tisch schnellte auf. Edgar drehte +sich um: sein Trotz war wieder wach.</p> + +<p>„Das schreibe ich nicht, das ist nicht wahr!“</p> + +<p>„Edgar!“</p> + +<!-- Page 64 --> +<p>Sie drohte mit der Stimme.</p> + +<p>„Es ist nicht wahr. Ich habe nichts getan, was ich zu bereuen habe. +Ich habe nichts Schlechtes getan, wofür ich mich zu entschuldigen +hätte. Ich bin dir nur zu Hilfe gekommen, wie du gerufen hast!“</p> + +<p>Ihre Lippen wurden blutlos, die Nasenflügel spannten sich.</p> + +<p>„Ich habe um Hilfe gerufen? Du bist toll!“</p> + +<p>Edgar wurde zornig, mit einem Ruck sprang er auf.</p> + +<p>„Ja, du hast um Hilfe gerufen, da draußen im Gang, gestern nacht, +wie er dich angefaßt hat. ‚Lassen Sie mich, lassen Sie mich‘, hast du +gerufen. So laut, daß ichs bis ins Zimmer hinein gehört habe.“</p> + +<p>„Du lügst, ich war nie mit dem Baron im Gang hier. Er hat mich +nur bis zur Treppe begleitet …“</p> + +<p>In Edgar stockte das Herz bei dieser kühnen Lüge. Die Stimme verschlug +sich ihm, er starrte sie an mit gläsernen Augensternen.</p> + +<p>„Du … warst nicht … im Gang? Und er … er hat dich nicht +gehalten? Nicht mit Gewalt herumgefaßt?“</p> + +<p>Sie lachte. Ein kaltes, trockenes Lachen.</p> + +<p>„Du hast geträumt.“</p> + +<p>Das war zuviel für das Kind. Er wußte jetzt ja schon, daß die Erwachsenen +logen, daß sie kleine, kecke Ausreden hatten, Lügen, die +durch enge Maschen schlüpften, und listige Zweideutigkeiten. Aber +dies freche, kalte Ableugnen, Stirn gegen Stirn, machte ihn rasend.</p> + +<p>„Und da diese Striemen habe ich auch geträumt?“</p> + +<p>„Wer weiß, mit wem du dich herumgeschlagen hast. Aber ich brauche +ja mit dir keine Diskussion zu führen, du hast zu parieren, und damit +Schluß. Setze dich hin und schreib!“</p> + +<p>Sie war sehr blaß und suchte mit letzter Kraft ihre Anspannung +aufrecht zu halten.</p> + +<p>Aber in Edgar brach irgendwie etwas jetzt zusammen, irgendeine +letzte Flamme von Gläubigkeit. Daß man die Wahrheit so einfach<!-- Page 65 --> +mit dem Fuß ausstampfen konnte wie ein brennendes Zündholz, das +ging ihm nicht ein. Eisig zogs sich in ihm zusammen, alles wurde +spitz, boshaft, ungefaßt, was er sagte:</p> + +<p>„So, das habe ich geträumt? Das im Gang und den Striemen da? +Und daß ihr beide gestern dort im Mondschein promeniert seid, und +daß er dich den Weg hinabführen wollte, das vielleicht auch? Glaubst +du, ich lasse mich einsperren im Zimmer wie ein kleines Kind! Nein, +ich bin nicht so dumm, wie ihr glaubt. Ich weiß, was ich weiß.“</p> + +<p>Frech starrte er ihr in das Gesicht, und das brach ihre Kraft: das +Gesicht ihres eigenen Kindes zu sehen, knapp vor sich und verzerrt +von Haß. Ungestüm brach ihr Zorn heraus.</p> + +<p>„Vorwärts, du wirst sofort schreiben! Oder …“</p> + +<p>„Oder was …?“ Herausfordernd frech war jetzt seine Stimme geworden.</p> + +<p>„Oder ich prügel dich wie ein kleines Kind.“</p> + +<p>Edgar trat einen Schritt näher, höhnisch, und lachte nur.</p> + +<p>Da fuhr ihm schon ihre Hand ins Gesicht. Edgar schrie auf. Und +wie ein Ertrinkender, der mit den Händen um sich schlägt, nur ein +dumpfes Brausen in den Ohren, rotes Flirren vor den Augen, so +hieb er blind mit den Fäusten zurück. Er spürte, daß er in etwas +Weiches schlug, jetzt gegen das Gesicht, hörte einen Schrei …</p> + +<p>Dieser Schrei brachte ihn zu sich. Plötzlich sah er sich selbst, und +das Ungeheure wurde ihm bewußt: daß er seine Mutter schlug. +Eine Angst überfiel ihn, Scham und Entsetzen, das ungestüme Bedürfnis, +jetzt weg zu sein, in den Boden zu sinken, fort zu sein, fort, +nur nicht mehr unter diesen Blicken. Er stürzte zur Türe und die +Treppe rasch hinab, durch das Haus auf die Straße, fort, nur fort, +als hetzte hinter ihm eine rasende Meute.</p> + + + + +<!-- Page 66 --> +<h2>Erste Einsicht</h2> + + +<p class="dropcap">Weiter drunten am Weg blieb er endlich stehen. Er mußte sich an +einem Baum festhalten, so sehr zitterten seine Glieder in Angst +und Erregung, so röchelnd brach ihm der Atem aus der überhetzten +Brust. Hinter ihm war das Grauen vor der eigenen Tat gerannt, nun +faßte es seine Kehle und schüttelte ihn wie im Fieber hin und her. +Was sollte er jetzt tun? Wohin fliehen? Denn hier schon, mitten im +nahen Wald, eine Viertelstunde nur vom Haus, wo er wohnte, befiel +ihn das Gefühl der Verlassenheit. Alles schien anders, feindlicher, +gehässiger, seit er allein und ohne Hilfe war. Die Bäume, die gestern +ihn noch brüderlich umrauscht hatten, ballten sich mit einem Male +finster wie eine Drohung. Um wieviel aber mußte all dies, was +noch vor ihm war, fremder und unbekannter sein? Dieses Alleinsein +gegen die große, unbekannte Welt machte das Kind schwindelig. +Nein, er konnte es noch nicht ertragen, noch nicht allein ertragen. +Aber zu wem sollte er fliehen? Vor seinem Vater hatte er Angst, +der war leicht erregbar, unzugänglich und würde ihn sofort zurückschicken. +Zurück aber wollte er nicht, eher noch in die gefährliche +Fremdheit des Unbekannten hinein; ihm war, als könnte er nie +mehr das Gesicht seiner Mutter sehen, ohne zu denken, daß er mit +der Faust hineingeschlagen hatte.</p> + +<p>Da fiel ihm seine Großmutter ein, diese alte, gute, freundliche Frau, +die ihn von Kindheit an verzärtelt hatte, immer sein Schutz gewesen +war, wenn ihm zu Hause eine Züchtigung, ein Unrecht drohte. Bei +ihr in Baden wollte er sich verstecken, bis der erste Zorn vorüber war, +wollte dort einen Brief an die Eltern schreiben und sich entschuldigen. +In dieser Viertelstunde war er schon so gedemütigt, bloß durch den +Gedanken, allein mit seinen unerfahrenen Händen in der Welt zu +stehen, daß er seinen Stolz verwünschte, diesen dummen Stolz, den<!-- Page 67 --> +ihm ein fremder Mensch mit einer Lüge ins Blut gejagt hatte. Er +wollte ja nichts sein als das Kind von vordem, gehorsam, geduldig +ohne die Anmaßung, deren lächerliche Übertriebenheit er jetzt fühlte.</p> + +<p>Aber wie hinkommen nach Baden? Wie stundenweit das Land überfliegen? +Hastig griff er in sein kleines, ledernes Portemonnaie, das +er immer bei sich trug. Gott sei dank, da blinkte es noch, das neue, +goldene Zwanzigkronenstück, das ihm zum Geburtstag geschenkt +worden war. Nie hatte er sich entschließen können, es auszugeben. +Aber fast täglich hatte er nachgesehen, ob es noch da sei, sich an +seinem Anblick geweidet, daran reich gefühlt und dann immer die +Münze in dankbarer Zärtlichkeit mit seinem Taschentuch blank geputzt, +bis sie funkelte wie eine kleine Sonne. Aber – der jähe Gedanke +erschreckte ihn – würde das genügen? Er war so oft schon in +seinem Leben mit der Bahn gefahren, ohne daran auch nur zu denken, +daß man dafür bezahlen mußte oder schon gar, wieviel das kosten +könnte, ob eine Krone oder hundert. Zum ersten Male spürte er, +daß es da Tatsachen des Lebens gab, an die er nie gedacht hatte, daß +all die vielen Dinge, die ihn umringten, die er zwischen den Fingern +gehabt und mit denen er gespielt hatte, irgendwie mit einem eigenen +Wert gefüllt waren, einem besonderen Gewicht. Er, der sich noch vor +einer Stunde allwissend dünkte, war, das spürte er jetzt, an tausend +Geheimnissen und Fragen achtlos vorbeigegangen und schämte sich, +daß seine arme Weisheit schon über die erste Stufe ins Leben hinein +stolperte. Immer verzagter wurde er, immer kleiner waren seine +unsicheren Schritte bis hinab zur Station. Wie oft hatte er geträumt +von dieser Flucht, gedacht, ins Leben hinauszustürmen, Kaiser +zu werden oder König, Soldat oder Dichter, und nun sah er zaghaft +auf das kleine helle Haus hin, und dachte nur einzig daran, ob die +zwanzig Kronen ausreichen würden, ihn bis zu seiner Großmutter +zu bringen. Die Schienen glänzten weit ins Land hinaus, der Bahnhof<!-- Page 68 --> +war leer und verlassen. Schüchtern schlich sich Edgar an die +Kasse hin und flüsterte, damit niemand anderer ihn hören könnte, +wieviel eine Karte nach Baden koste. Ein verwundertes Gesicht sah +hinter dem dunklen Verschlag heraus, zwei Augen lächelten hinter +den Brillen auf das zaghafte Kind:</p> + +<p>„Eine ganze Karte?“</p> + +<p>„Ja“, stammelte Edgar. Aber ganz ohne Stolz, mehr in Angst, es +möchte zuviel kosten.</p> + +<p>„Sechs Kronen!“</p> + +<p>„Bitte!“</p> + +<p>Erleichtert schob er das blanke, vielgeliebte Stück hin, Geld klirrte +zurück, und Edgar fühlte sich mit einem Male wieder unsäglich reich, +nun, da er das braune Stück Pappe in der Hand hatte, das ihm die +Freiheit verbürgte, und in seiner Tasche die gedämpfte Musik von +Silber klang.</p> + +<p>Der Zug sollte in zwanzig Minuten eintreffen, belehrte ihn der Fahrplan. +Edgar drückte sich in eine Ecke. Ein paar Leute standen auf +dem Perron, unbeschäftigt und ohne Gedanken. Aber dem Beunruhigten +war, als sähen alle nur ihn an, als wunderten sich alle, +daß so ein Kind schon allein fahre, als wäre ihm die Flucht und das +Verbrechen an die Stirne geheftet. Er atmete auf, als endlich von +ferne der Zug zum ersten Male heulte und dann heranbrauste. Der +Zug, der ihn in die Welt tragen sollte. Beim Einsteigen erst bemerkte +er, daß seine Karte für die dritte Klasse galt. Bisher war er nur +immer erster Klasse gefahren, und wiederum fühlte er, daß hier +etwas verändert sei, daß es Verschiedenheiten gab, die ihm entgangen +waren. Andere Leute hatte er zu Nachbarn wie bisher. Ein paar +italienische Arbeiter mit harten Händen und rauhen Stimmen, +Spaten und Schaufel in den Händen, saßen gerade gegenüber und +blickten mit dumpfen, trostlosen Augen vor sich hin. Sie mußten<!-- Page 69 --> +offenbar schwer am Weg gearbeitet haben, denn einige von ihnen +waren müde und schliefen im ratternden Zug, an das harte und +schmutzige Holz gelehnt, mit offenem Munde. Sie hatten gearbeitet, +um Geld zu verdienen, dachte Edgar, konnte sich aber nicht denken, +wieviel es gewesen sein mochte; er fühlte aber wiederum, daß Geld +eine Sache war, die man nicht immer hatte, sondern die irgendwie +erworben werden mußte. Zum erstenmal kam ihm jetzt zum Bewußtsein, +daß er eine Atmosphäre von Wohlbehagen selbstverständlich +gewohnt war und daß rechts und links von seinem Leben Abgründe +tief ins Dunkel hineinklafften, an die sein Blick nie gerührt +hatte. Mit einem Male bemerkte er, daß es Berufe gab und Bestimmungen, +daß rings um sein Leben Geheimnisse geschart waren, +nah zum Greifen und doch nie beachtet. Edgar lernte viel von dieser +einen Stunde, seit er allein stand, er begann vieles zu sehn aus +diesem engen Abteil mit den Fenstern ins Freie. Und leise begann +in seiner dunklen Angst etwas aufzublühen, das noch nicht Glück +war, aber doch schon ein Staunen vor der Mannigfaltigkeit des +Lebens. Er war geflüchtet aus Angst und Feigheit, das empfand er +in jeder Sekunde, aber doch zum ersten Male hatte er selbständig +gehandelt, etwas erlebt von dem Wirklichen, an dem er bisher vorbeigegangen +war. Zum ersten Male war er vielleicht der Mutter +und dem Vater selbst Geheimnis geworden, wie ihm bislang die +Welt. Mit anderen Blicken sah er aus dem Fenster. Und es war +ihm, als ob er zum ersten Male alles Wirkliche sähe, als ob ein +Schleier von den Dingen gefallen sei und sie ihm nun alles zeigten, +das Innere ihrer Absicht, den geheimen Nerv ihrer Tätigkeit. Häuser +flogen vorbei wie vom Wind weggerissen, und er mußte an die Menschen +denken, die drinnen wohnten, ob sie reich seien oder arm, glücklich +oder unglücklich, ob sie auch die Sehnsucht hatten wie er, alles +zu wissen, und ob vielleicht Kinder dort seien, die auch nur mit den<!-- Page 70 --> +Dingen bisher gespielt hatten wie er selbst. Die Bahnwächter, die +mit wehenden Fahnen am Weg standen, schienen ihm zum ersten +Male nicht, wie bisher, lose Puppen und totes Spielzeug, Dinge, +hingestellt von gleichgültigem Zufall, sondern er verstand, daß das +ihr Schicksal war, ihr Kampf gegen das Leben. Immer rascher rollten +die Räder, nun ließen die runden Serpentinen den Zug zum Tale +niedersteigen, immer sanfter wurden die Berge, immer ferner, schon +war die Ebene erreicht. Einmal noch sah er zurück, da waren sie +schon blau und schattenhaft, weit und unerreichbar, und ihm war, +als läge dort, wo sie langsam in dem nebligen Himmel sich lösten, +seine eigene Kindheit.</p> + + + + +<h2>Verwirrende Finsternis</h2> + + +<p class="dropcap">Aber dann in Baden, als der Zug hielt und Edgar sich allein auf +dem Perron befand, wo schon die Lichter entflammt waren, die +Signale grün und rot in die Ferne glänzten, verband sich unversehens +mit diesem bunten Anblick eine plötzliche Bangnis vor der nahen +Nacht. Bei Tag hatte er sich noch sicher gefühlt, denn ringsum waren +ja Menschen, man konnte sich ausruhen, auf eine Bank setzen oder +vor den Läden in die Fenster starren. Wie aber würde er dies ertragen +können, wenn die Menschen sich wieder in die Häuser verloren, +jeder ein Bett hatte, ein Gespräch und dann eine beruhigte +Nacht, während er im Gefühl seiner Schuld allein herumirren +mußte, in einer fremden Einsamkeit. Oh, nur bald ein Dach über +sich haben, nicht eine Minute mehr unter freiem fremden Himmel +stehen, das war sein einziges klares Gefühl.</p> + +<p>Hastig ging er den wohlbekannten Weg, ohne nach rechts und links +zu blicken, bis er endlich vor die Villa kam, die seine Großmutter +bewohnte. Sie lag schön an einer breiten Straße, aber nicht frei den<!-- Page 71 --> +Blicken dargeboten, sondern hinter Ranken und Efeu eines wohlbehüteten +Gartens, ein Glanz hinter einer Wolke von Grün, ein +weißes, altväterisch freundliches Haus. Edgar spähte durch das +Gitter wie ein Fremder. Innen regte sich nichts, die Fenster waren +verschlossen, offenbar waren alle mit Gästen rückwärts im Garten. +Schon berührte er die kühle Klinke, als ein Seltsames geschah: mit +einem Male schien ihm das, was er sich jetzt seit zwei Stunden so +leicht, so selbstverständlich gedacht hatte, unmöglich. Wie sollte er +eintreten, wie sie begrüßen, wie diese Fragen ertragen und wie beantworten? +Wie diesen ersten Blick aushalten, wenn er berichten +mußte, daß er heimlich seiner Mutter entflohen sei? Und wie gar +das Ungeheuerliche seiner Tat erklären, die er selbst schon nicht mehr +begriff! Innen ging jetzt eine Tür. Mit einem Male befiel ihn eine +törichte Angst, es möchte jemand kommen, und er lief weiter, ohne +zu wissen wohin.</p> + +<p>Vor dem Kurpark hielt er an, weil er dort Dunkel sah und keine +Menschen vermutete. Dort konnte er sich vielleicht niedersetzen und +endlich, endlich ruhig denken, ausruhen und über sein Schicksal klar +werden. Schüchtern trat er ein. Vorne brannten ein paar Laternen +und gaben den noch jungen Blättern einen gespenstigen Wasserglanz +von durchsichtigem Grün; weiter rückwärts aber, wo er den Hügel +niedersteigen mußte, lag alles wie eine einzige, dumpfe, schwarze, +gärende Masse in der wirren Finsternis einer verfrühten Frühlingsnacht. +Edgar schlich scheu an den paar Menschen vorbei, die hier +unter dem Lichtkreis der Laternen plaudernd oder lesend saßen: er +wollte allein sein. Aber auch droben in der schattenden Finsternis +der unbeleuchteten Gänge war keine Ruhe. Alles war da erfüllt von +einem leisen, lichtscheuen Rieseln und Reden, das vielfach gemischt +war mit dem Atem des Windes zwischen den biegsamen Blättern, +dem Schlürfen ferner Schritte, dem Flüstern verhaltener Stimmen,<!-- Page 72 --> +mit irgendeinem wollüstigen, seufzenden, angstvoll stöhnenden Getön, +das von Menschen und Tieren und der unruhig schlafenden Natur +gleichzeitig ausgehen mochte. Es war eine gefährliche Unruhe, eine +geduckte, versteckte und beängstigende rätselhafte, die hier atmete, +irgendein unterirdisches Wühlen im Wald, das vielleicht nur mit +dem Frühling zusammenhing, das ratlose Kind aber seltsam verängstigte.</p> + +<p>Er preßte sich ganz klein auf eine Bank hin in dieses abgründige +Dunkel und versuchte nun zu überlegen, was er zu Hause erzählen +sollte. Aber die Gedanken glitten ihm glitschig weg, ehe er sie fassen +konnte, gegen seinen eigenen Willen mußte er immer nur lauschen +und lauschen auf das gedämpfte Tönen, die mystischen Stimmen des +Dunkels. Wie furchtbar diese Finsternis war, wie verwirrend und +doch wie geheimnisvoll schön! Waren es Tiere oder Menschen oder +nur die gespenstige Hand des Windes, die all dieses Rauschen und +Knistern, dieses Surren und Locken ineinanderwebte? Er lauschte. +Es war der Wind, der unruhig durch die Bäume schlich, aber – jetzt +sah er es deutlich – auch Menschen, verschlungene Paare, die von +unten, von der hellen Stadt heraufkamen und die Finsternis mit +ihrer rätselhaften Gegenwart belebten. Was wollten sie? Er konnte +es nicht begreifen. Sie sprachen nicht miteinander, denn er hörte +keine Stimmen, nur die Schritte knirschten unruhig im Kies, und +hie und da sah er in der Lichtung ihre Gestalten flüchtig wie Schatten +vorüberschweben, immer aber so in eins verschlungen, wie er damals +seine Mutter mit dem Baron gesehen hatte. Dieses Geheimnis, das +große, funkelnde und verhängnisvolle, es war also auch hier. Immer +näher hörte er jetzt Schritte herankommen und nun auch ein gedämpftes +Lachen. Angst befiel ihn, die Nahenden möchten ihn hier +finden, und noch tiefer ins Dunkel drückte er sich hinein. Aber die +beiden, die jetzt durch die undurchdringliche Finsternis den Weg<!-- Page 73 --> +herauftasteten, sahen ihn nicht. Verschlungen gingen sie vorbei, schon +atmete Edgar auf, da stockte plötzlich ihr Schritt, knapp vor seiner +Bank. Sie preßten die Gesichter aneinander, Edgar konnte nichts +deutlich sehen, er hörte nur, wie ein Stöhnen aus dem Munde der +Frau brach, der Mann heiße, wahnsinnige Worte stammelte, und +irgendein schwüles Vorgefühl durchdrang seine Angst mit einem +wollüstigen Schauer. Eine Minute blieben sie so, dann knirschte +wieder der Kies unter ihren weiterwandernden Schritten, die dann +bald in der Finsternis verklangen.</p> + +<p>Edgar schauerte zusammen. Das Blut stürzte ihm jetzt wieder in +die Adern zurück, heißer und wärmer als zuvor. Und mit einem +Male fühlte er sich unerträglich einsam in dieser verwirrenden Finsternis, +urmächtig kam das Bedürfnis über ihn nach irgendeiner +befreundeten Stimme, einer Umarmung, nach einem hellen Zimmer, +nach Menschen, die er liebte. Ihm war, als wäre die ganze ratlose +Dunkelheit dieser wirren Nacht nun in ihn gesunken und zersprenge +ihm die Brust.</p> + +<p>Er sprang auf. Nur heim, heim, irgendwo zu Hause sein im warmen, +im hellen Zimmer, in irgendeinem Zusammenhang mit Menschen. +Was konnte ihm denn geschehen? Sollte man ihn schlagen und beschimpfen, +er fürchtete nichts mehr, seit er dieses Dunkel gespürt +hatte und die Angst vor der Einsamkeit.</p> + +<p>Es trieb ihn vorwärts, ohne daß er sich spürte, und plötzlich stand +er neuerdings vor der Villa, die Hand wieder an der kühlen Klinke. +Er sah, wie jetzt die Fenster erleuchtet durch das Grün glimmerten, +sah in Gedanken hinter jeder hellen Scheibe den vertrauten Raum +mit seinen Menschen darin. Schon dieses Nahsein gab ihm Glück, +schon dieses erste, beruhigende Gefühl, daß er nah sei zu Menschen, +von denen er sich geliebt wußte. Und wenn er noch zögerte, so war +es nur, um dieses Vorgefühl inniger zu genießen.</p> + +<!-- Page 74 --> +<p>Da schrie hinter ihm eine Stimme mit gellem Erschrecken:</p> + +<p>„Edgar, da ist er ja!“</p> + +<p>Das Dienstmädchen seiner Großmama hatte ihn gesehen, stürzte auf +ihn los und faßte ihn bei der Hand. Die Türe wurde innen aufgerissen, +bellend sprang ein Hund an ihm empor, aus dem Hause kam +man mit Lichtern, er hörte Stimmen mit Jubel und Schreck rufen, +einen freudigen Tumult von Schreien und Schritten, die sich näherten, +Gestalten, die er jetzt erkannte. Vorerst seine Großmutter mit ausgestrecktem +Arm und hinter ihr – er glaubte zu träumen – seine +Mutter. Mit verweinten Augen, zitternd und verschüchtert, stand er +selbst inmitten dieses heißen Ausbruchs überschwenglicher Gefühle, +unschlüssig, was er tun, was er sagen sollte, und selber unklar, was +er fühlte: Angst oder Glück.</p> + + + + +<h2>Der letzte Traum</h2> + + +<p class="dropcap">Das war so geschehen: Man hatte ihn hier längst schon gesucht +und erwartet. Seine Mutter, trotz ihres Zornes erschreckt durch +das rasende Wegstürzen des erregten Kindes, hatte ihn auf dem Semmering +suchen lassen. Schon war alles in furchtbarster Aufregung +und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht +brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. +Dort stellte man rasch fest, daß Edgar eine Karte nach Baden genommen +hatte, und sie fuhr, ohne zu zögern, ihm sofort nach. Telegramme +nach Baden und Wien an seinen Vater liefen ihr voran, +Aufregung verbreitend, und seit zwei Stunden war alles in Bewegung +nach dem Flüchtigen.</p> + +<p>Jetzt hielten sie ihn fest, aber ohne Gewalt. In einem unterdrückten +Triumph wurde er hineingeführt ins Zimmer, aber wie seltsam war +ihm dies, daß er alle die harten Vorwürfe, die sie ihm sagten, nicht<!-- Page 75 --> +spürte, weil er in ihren Augen doch die Freude und die Liebe sah. +Und sogar dieser Schein, dieser geheuchelte Ärger dauerte nur einen +Augenblick. Dann umarmte ihn wieder die Großmutter mit Tränen, +niemand sprach mehr von seiner Schuld, und er fühlte sich von einer +wundervollen Fürsorge umringt. Da zog ihm das Mädchen den +Rock aus und brachte ihm einen wärmeren, da fragte ihn die Großmutter, +ob er nicht Hunger habe oder irgend etwas wollte, sie fragten +und quälten ihn mit zärtlicher Besorgnis, und wie sie seine Befangenheit +sahen, fragten sie nicht mehr. Wollüstig empfand er das +so mißachtete und doch entbehrte Gefühl wieder, ganz Kind zu sein, +und Scham befiel ihn über die Anmaßung der letzten Tage, all dies +entbehren zu wollen, es einzutauschen für die trügerische Lust einer +eigenen Einsamkeit.</p> + +<p>Nebenan klingelte das Telephon. Er hörte die Stimme seiner Mutter, +hörte einzelne Worte: „Edgar … zurück … herkommen … letzter +Zug“, und wunderte sich, daß sie ihn nicht wild angefahren hatte, +nur umfaßt mit so merkwürdig verhaltenem Blick. Immer wilder +wurde die Reue in ihm, und am liebsten hätte er sich hier all der +Sorgfalt seiner Großmutter und seiner Tante entwunden und wäre +hineingegangen, sie um Verzeihung zu bitten, ihr ganz in Demut, +ganz allein zu sagen, er wolle wieder Kind sein und gehorchen. Aber +als er jetzt leise aufstand, sagte die Großmutter leise erschreckt:</p> + +<p>„Wohin willst du?“</p> + +<p>Da stand er beschämt. Sie hatten schon Angst für ihn, wenn er sich +regte. Er hatte sie alle verschreckt, nun fürchteten sie, er wolle wieder +entfliehen. Wie würden sie begreifen können, daß niemand mehr +diese Flucht bereute als er selbst!</p> + +<p>Der Tisch war gedeckt, und man brachte ihm ein eiliges Abendessen. +Die Großmutter saß bei ihm und wandte keinen Blick. Sie und die +Tante und das Mädchen schlossen ihn in einen stillen Kreis, und er<!-- Page 76 --> +fühlte sich von dieser Wärme wundersam beruhigt. Nur daß seine +Mutter nicht ins Zimmer trat, machte ihn wirr. Wenn sie hätte +ahnen können, wie demütig er war, sie wäre bestimmt gekommen!</p> + +<p>Da ratterte draußen ein Wagen und hielt vor dem Haus. Die +anderen schreckten so sehr auf, daß auch Edgar unruhig wurde. Die +Großmutter ging hinaus, Stimmen flogen laut hin und her durch +das Dunkel, und auf einmal wußte er, daß sein Vater gekommen +war. Scheu merkte Edgar, daß er jetzt wieder allein im Zimmer +stand, und selbst dieses kleine Alleinsein verwirrte ihn. Sein Vater +war streng, war der einzige, den er wirklich fürchtete. Edgar horchte +hinaus, sein Vater schien erregt zu sein, er sprach laut und geärgert. +Dazwischen klangen begütigend die Stimmen seiner Großmutter +und der Mutter, offenbar wollten sie ihn milder stimmen. Aber die +Stimme blieb hart, hart wie die Schritte, die jetzt herankamen, näher +und näher, nun schon im Nebenzimmer waren, knapp vor der Türe, +die jetzt aufgerissen wurde.</p> + +<p>Sein Vater war sehr groß. Und unsäglich klein fühlte sich jetzt Edgar +vor ihm, wie er eintrat, nervös und anscheinend wirklich im Zorn.</p> + +<p>„Was ist dir eingefallen, du Kerl, davonzulaufen? Wie kannst du +deine Mutter so erschrecken?“</p> + +<p>Seine Stimme war zornig und in den Händen eine wilde Bewegung. +Hinter ihm war mit leisem Schritt jetzt die Mutter hereingetreten. +Ihr Gesicht war verschattet.</p> + +<p>Edgar antwortete nicht. Er hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu +müssen, aber doch, wie sollte er das erzählen, daß man ihn betrogen +hatte und geschlagen? Würde er es verstehen?</p> + +<p>„Nun, kannst du nicht reden? Was war los? Du kannst es ruhig +sagen! War dir etwas nicht recht? Man muß doch einen Grund +haben, wenn man davonläuft! Hat dir jemand etwas zuleide getan?“ +Edgar zögerte. Die Erinnerung machte ihn wieder zornig, schon wollte<!-- Page 77 --> +er anklagen. Da sah er – und sein Herz stand still dabei – wie seine +Mutter hinter dem Rücken des Vaters eine sonderbare Bewegung +machte. Eine Bewegung, die er erst nicht verstand. Aber jetzt sah sie +ihn an, in ihren Augen war eine flehende Bitte. Und leise, ganz +leise hob sie den Finger zum Mund im Zeichen des Schweigens.</p> + +<p>Da brach, das Kind fühlte es, plötzlich etwas Warmes, eine ungeheure +wilde Beglückung durch seinen ganzen Körper. Er verstand, daß +sie ihm das Geheimnis zu hüten gab, daß auf seinen kleinen Kinderlippen +ein Schicksal lag. Und wilder, jauchzender Stolz erfüllte ihn, +daß sie ihm vertraute, jäh überkam ihn ein Opfermut, ein Wille, +seine eigene Schuld noch zu vergrößern, um zu zeigen, wie sehr er +schon Mann war. Er raffte sich zusammen:</p> + +<p>„Nein, nein … es war gar kein Anlaß. Mama war sehr gut zu mir, +aber ich war ungezogen, ich habe mich schlecht benommen … und +da … da bin ich davongelaufen, weil ich mich gefürchtet habe.“</p> + +<p>Sein Vater sah ihn verdutzt an. Er hatte alles erwartet, nur nicht +dieses Geständnis. Sein Zorn war entwaffnet.</p> + +<p>„Na, wenn es dir leid tut, dann ists schon gut. Dann will ich heute +nichts mehr darüber reden. Ich glaube, du wirst es dir ein anderes +Mal doch überlegen! Daß so etwas nicht mehr vorkommt.“</p> + +<p>Er blieb stehen und sah ihn an. Seine Stimme wurde jetzt milder.</p> + +<p>„Wie blaß du aussiehst. Aber mir scheint, du bist schon wieder +größer geworden. Ich hoffe, du wirst solche Kindereien nicht mehr +tun; du bist ja wirklich kein Bub mehr und könntest schon vernünftig +sein!“</p> + +<p>Edgar blickte die ganze Zeit über nur auf seine Mutter. Ihm war, +als funkelte etwas in ihren Augen. Oder war dies nur der Widerschein +der Flamme? Nein, es glänzte dort feucht und hell, und ein +Lächeln war um ihren Mund, das ihm Dank sagte. Man schickte +ihn jetzt zu Bett, aber er war nicht traurig darüber, daß sie ihn allein<!-- Page 78 --> +ließen. Er hatte ja so viel zu überdenken, so viel Buntes und Reiches. +All der Schmerz der letzten Tage verging in dem gewaltigen Gefühl +des ersten Erlebnisses, er fühlte sich glücklich in einem geheimnisvollen +Vorgefühl künftiger Geschehnisse. Draußen rauschten im +Dunkel die Bäume in der verfinsterten Nacht, aber er kannte kein +Bangen mehr. Er hatte alle Ungeduld vor dem Leben verloren, seit +er wußte, wie reich es war. Ihm war, als hätte er es zum erstenmal +heute nackt gesehen, nicht mehr verhüllt von tausend Lügen der Kindheit, +sondern in seiner ganzen wollüstigen, gefährlichen Schönheit. +Er hatte nie gedacht, daß Tage so voll gepreßt sein konnten vom +vielfältigen Übergang des Schmerzes und der Lust, und der Gedanke +beglückte ihn, daß noch viele solche Tage ihm bevorständen, ein ganzes +Leben warte, ihm sein Geheimnis zu entschleiern. Eine erste Ahnung +der Vielfältigkeit des Lebens hatte ihn überkommen, zum ersten +Male glaubte er das Wesen der Menschen verstanden zu haben, daß +sie einander brauchten, selbst wenn sie sich feindlich schienen, und daß +es sehr süß sei, von ihnen geliebt zu werden. Er war unfähig, an +irgend etwas oder irgend jemanden mit Haß zu denken, er bereute +nichts, und selbst für den Baron, den Verführer, seinen bittersten +Feind, fand er ein neues Gefühl der Dankbarkeit, weil er ihm die +Tür aufgetan hatte zu dieser Welt der ersten Gefühle.</p> + +<p>Das alles war sehr süß und schmeichlerisch nun im Dunkel zu +denken, leise schon verworren mit Bildern aus Träumen, und beinahe +war es schon Schlaf. Da war ihm, als ob plötzlich die Türe +ginge und leise etwas käme. Er glaubte sich nicht recht, war auch +schon zu schlafbefangen, um die Augen aufzutun. Da spürte er +atmend über sich ein Gesicht weich, warm und mild das seine streifen, +und wußte, daß seine Mutter es war, die ihn jetzt küßte und ihm mit +der Hand übers Haar fuhr. Er fühlte die Küsse und fühlte die +Tränen, sanft die Liebkosung erwidernd, und nahm es nur als Versöhnung,<!-- Page 79 --> +als Dankbarkeit für sein Schweigen. Erst später, viele +Jahre später, erkannte er in diesen stummen Tränen ein Gelöbnis +der alternden Frau, daß sie von nun ab nur ihm, nur ihrem Kinde +gehören wollte, eine Absage an das Abenteuer, ein Abschied von allen +eigenen Begehrlichkeiten. Er wußte nicht, daß auch sie ihm dankbar +war, aus einem unfruchtbaren Abenteuer gerettet zu sein und ihm +nun mit dieser Umarmung die bitter-süße Last der Liebe für sein zukünftiges +Leben wie ein Erbe überließ. All dies verstand das Kind +von damals nicht, aber es fühlte, daß es sehr beseligend sei, so geliebt +zu sein, und daß es durch diese Liebe schon verstrickt war mit +dem großen Geheimnis der Welt.</p> + +<p>Als sie dann die Hand von ihm ließ, die Lippen sich den seinen entwanden +und die leise Gestalt entrauschte, blieb noch ein Warmes +zurück, ein Hauch über seinen Lippen. Und schmeichlerisch flog ihn +Sehnsucht an, oft noch solche weiche Lippen zu spüren und so zärtlich +umschlungen zu werden, aber dieses ahnungsvolle Vorgefühl +des so ersehnten Geheimnisses war schon umwölkt vom Schatten des +Schlafes. Noch einmal zogen all die Bilder der letzten Stunden +farbig vorbei, noch einmal blätterte sich das Buch seiner Jugend +verlockend auf. Dann schlief das Kind ein, und es begann der tiefere +Traum seines Lebens.</p> + + + + +<p class="printinfo">Druck von M. Lindenbaum & Co. in Amsterdam</p> + + +<div class="note"> +<b>Anmerkung zur Transkription:</b> + +<p>Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, Orthographie und +Interpunktion aber sonst wie im Original belassen.</p> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS *** + +***** This file should be named 24173-h.htm or 24173-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24173/ + +Produced by Irma Knoll and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..4c913d3 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #24173 (https://www.gutenberg.org/ebooks/24173) |
