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+The Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Brennendes Geheimnis
+ Erzählung
+
+Author: Stefan Zweig
+
+Release Date: January 5, 2008 [EBook #24173]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS ***
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+Produced by Irma Knoll and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+BRENNENDES GEHEIMNIS
+
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+Erzählung
+
+von
+
+STEFAN ZWEIG
+
+
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+16.-25. Tausend
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+Der Partner
+
+
+Die Lokomotive schrie heiser auf: der Semmering war erreicht. Eine
+Minute rasteten die schwarzen Wagen im silbrigen Licht der Höhe, warfen
+paar bunte Menschen aus, schluckten andere ein, Stimmen gingen geärgert
+hin und her, dann schrie vorne wieder die heisere Maschine und riß die
+schwarze Kette rasselnd in die Höhle des Tunnels hinab. Rein
+ausgespannt, mit klaren, vom nassen Wind reingefegten Hintergründen lag
+wieder die hingebreitete Landschaft.
+
+Einer der Angekommenen, jung, durch gute Kleidung und eine natürliche
+Elastizität des Schrittes sympathisch auffallend, nahm den andern rasch
+voraus einen Fiaker zum Hotel. Ohne Hast trappten die Pferde den
+ansteigenden Weg. Es lag Frühling in der Luft. Jene weißen, unruhigen
+Wolken flatterten am Himmel, die nur der Mai und der Juni hat, jene
+weißen, selbst noch jungen und flattrigen Gesellen, die spielend über
+die blaue Bahn rennen, um sich plötzlich hinter hohen Bergen zu
+verstecken, die sich umarmen und fliehen, sich bald wie Taschentücher
+zerknüllen, bald in Streifen zerfasern und schließlich im Schabernack
+den Bergen weiße Mützen aufsetzen. Unruhe war auch oben im Wind, der die
+mageren, noch vom Regen feuchten Bäume so unbändig schüttelte, daß sie
+leise in den Gelenken krachten und tausend Tropfen wie Funken von sich
+wegsprühten. Manchmal schien auch Duft von Schnee kühl aus den Bergen
+herüberzukommen, dann spürte man im Atem etwas, das süß und scharf war
+zugleich. Alles in Luft und Erde war Bewegung und gärende Ungeduld.
+Leise schnaubend liefen die Pferde den jetzt niedersteigenden Weg, die
+Schellen klirrten ihnen weit voraus.
+
+Im Hotel war der erste Weg des jungen Mannes zu der Liste der anwesenden
+Gäste, die er -- bald enttäuscht -- durchflog. »Wozu bin ich eigentlich
+hier«, begann es unruhig in ihm zu fragen. »Allein hier auf dem Berg zu
+sein, ohne Gesellschaft, ist ärger als das Bureau. Offenbar bin ich zu
+früh gekommen oder zu spät. Ich habe nie Glück mit meinem Urlaub. Keinen
+einzigen bekannten Namen finde ich unter all den Leuten. Wenn wenigstens
+ein paar Frauen da wären, irgendein kleiner, im Notfall sogar argloser
+Flirt, um diese Woche nicht gar zu trostlos zu verbringen.« Der junge
+Mann, ein Baron von nicht sehr klangvollem österreichischen Beamtenadel,
+in der Statthalterei angestellt, hatte sich diesen kleinen Urlaub ohne
+jegliches Bedürfnis genommen, eigentlich nur, weil sich alle seine
+Kollegen eine Frühjahrswoche durchgesetzt hatten und er die seine dem
+Dienst nicht schenken wollte. Er war, obwohl innerer Befähigung nicht
+entbehrend, eine durchaus gesellschaftliche Natur, als solche beliebt,
+in allen Kreisen gern gesehen und sich seiner Unfähigkeit zur Einsamkeit
+voll bewußt. In ihm war keine Neigung, sich selber allein
+gegenüberzustehen, und er vermied möglichst diese Begegnungen, weil er
+intimere Bekanntschaft mit sich selbst gar nicht wollte. Er wußte, daß
+er die Reibfläche von Menschen brauchte, um seine Talente, die Wärme und
+den Übermut seines Herzens aufflammen zu lassen, und er allein frostig
+und sich selber nutzlos war, wie ein Zündholz in der Schachtel.
+
+Verstimmt ging er in der leeren Hall auf und ab, bald unschlüssig in den
+Zeitungen blätternd, bald wieder im Musikzimmer am Klavier einen Walzer
+antastend, bei dem ihm aber der Rhythmus nicht recht in die Finger
+sprang. Schließlich setzte er sich verdrossen hin, sah hinaus, wie das
+Dunkel langsam niederfiel, der Nebel als Dampf grau aus den Fichten
+brach. Eine Stunde zerbröselte er so, nutzlos und nervös. Dann flüchtete
+er in den Speisesaal.
+
+Dort waren erst ein paar Tische besetzt, die er alle mit eiligem Blick
+überflog. Vergeblich! Keine Bekannten, nur dort -- er gab lässig einen
+Gruß zurück -- ein Trainer, dort wieder ein Gesicht von der Ringstraße
+her, sonst nichts. Keine Frau, nichts, was ein auch flüchtiges Abenteuer
+versprach. Sein Mißmut wurde ungeduldiger. Er war einer jener jungen
+Menschen, deren hübschem Gesicht viel geglückt ist und in denen nun
+beständig alles für eine neue Begegnung, ein neues Erlebnis bereit ist,
+die immer gespannt sind, sich ins Unbekannte eines Abenteuers zu
+schnellen, die nichts überrascht, weil sie alles lauernd berechnet
+haben, die nichts Erotisches übersehen, weil schon ihr erster Blick
+jeder Frau in das Sinnliche greift, prüfend und ohne Unterschied, ob es
+die Gattin ihres Freundes ist oder das Stubenmädchen, das die Türe zu
+ihr öffnet. Wenn man solche Menschen mit einer gewissen leichtfertigen
+Verächtlichkeit Frauenjäger nennt, so geschieht es, ohne zu wissen,
+wieviel beobachtende Wahrheit in dem Worte versteinert ist, denn
+tatsächlich, alle leidenschaftlichen Instinkte der Jagd, das Aufspüren,
+die Erregtheit und die seelische Grausamkeit flackern in dem rastlosen
+Wachsein solcher Menschen. Sie sind beständig auf dem Anstand, immer
+bereit und entschlossen, die Spur eines Abenteuers bis hart an den
+Abgrund zu verfolgen. Sie sind immer geladen mit Leidenschaft, aber
+nicht der des Liebenden, sondern der des Spielers, der kalten,
+berechnenden und gefährlichen. Es gibt unter ihnen Beharrliche, denen
+weit über die Jugend hinaus das ganze Leben durch diese Erwartung zum
+ewigen Abenteuer wird, denen sich der einzelne Tag in hundert kleine,
+sinnliche Erlebnisse auflöst -- ein Blick im Vorübergehen, ein
+weghuschendes Lächeln, ein im Gegenübersitzen gestreiftes Knie -- und
+das Jahr wieder in hundert solcher Tage, für die das sinnliche Erlebnis
+ewig fließende, nährende und anfeuernde Quelle des Lebens ist.
+
+Hier waren keine Partner zu einem Spiele, das übersah der Suchende
+sofort. Und keine Gereiztheit ist ärgerlicher als die des Spielers, der
+mit den Karten in der Hand im Bewußtsein seiner Überlegenheit vor dem
+grünen Tisch sitzt und vergeblich den Partner erwartet. Der Baron rief
+nach einer Zeitung. Mürrisch ließ er die Blicke über die Zeilen rinnen,
+aber seine Gedanken waren lahm und stolperten wie betrunken den Worten
+nach.
+
+Da hörte er hinter sich ein Kleid rauschen und eine Stimme, leicht
+ärgerlich und mit affektiertem Akzent, sagen: »=Mais tais toi donc,
+Edgar!=«
+
+An seinem Tisch knisterte im Vorüberschreiten ein seidenes Kleid, hoch
+und üppig schattete eine Gestalt vorbei und hinter ihr in einem
+schwarzen Samtanzug ein kleiner, blasser Bub, der ihn neugierig mit dem
+Blick anstreifte. Die beiden setzten sich gegenüber an den reservierten
+Tisch, das Kind sichtbar um eine Korrektheit bemüht, die der schwarzen
+Unruhe in seinen Augen zu widersprechen schien. Die Dame -- und nur auf
+sie hatte der junge Baron acht -- war sehr soigniert und mit sichtbarer
+Eleganz gekleidet, ein Typus überdies, den er sehr liebte, eine jener
+leicht üppigen Jüdinnen im Alter knapp vor der Überreife, offenbar auch
+leidenschaftlich, aber erfahren, ihr Temperament hinter einer vornehmen
+Melancholie zu verbergen. Er vermochte zunächst noch nicht in ihre Augen
+zu sehen und bewunderte nur die schön geschwungene Linie der
+Augenbrauen, rein über einer zarten Nase gerundet, die ihre Rasse zwar
+verriet, aber durch edle Form das Profil scharf und interessant machte.
+Die Haare waren, wie alles Weibliche an diesem vollen Körper, von einer
+auffallenden Üppigkeit, ihre Schönheit schien im sichern Selbstgefühl
+vieler Bewunderungen satt und prahlerisch geworden zu sein. Sie
+bestellte mit sehr leiser Stimme, wies den Buben, der mit der Gabel
+spielend klirrte, zurecht -- all dies mit anscheinender Gleichgültigkeit
+gegen den vorsichtig anschleichenden Blick des Barons, den sie nicht zu
+bemerken schien, während es doch in Wirklichkeit nur seine rege
+Wachsamkeit war, die ihr diese gebändigte Sorgfalt aufzwang.
+
+Das Dunkel im Gesichte des Barons war mit einem Male aufgehellt,
+unterirdisch belebend liefen die Nerven hin, strafften die Falten,
+rissen die Muskeln auf, daß seine Gestalt aufschnellte und Lichter in
+den Augen flackerten. Er war selber den Frauen nicht unähnlich, die erst
+die Gegenwart eines Mannes brauchen, um aus sich ihre ganze Gewalt
+herauszuholen. Erst ein sinnlicher Reiz spannte seine Energie zu voller
+Kraft. Der Jäger in ihm witterte hier eine Beute. Herausfordernd suchte
+sein Auge ihrem Blick zu begegnen, der ihn manchmal mit einer
+glitzernden Unbestimmtheit des Vorbeisehens kreuzte, nie aber blank eine
+klare Antwort bot. Auch um den Mund glaubte er manchmal ein Fließen wie
+von beginnendem Lächeln zu spüren, aber all dies war unsicher, und eben
+diese Unsicherheit erregte ihn. Das einzige, was ihm versprechend
+schien, war dieses stete Vorbeischauen, weil es Widerstand war und
+Befangenheit zugleich, und dann die merkwürdig sorgfältige, auf einen
+Zuschauer sichtlich eingestellte Art der Konversation mit dem Kinde.
+Eben das aufdringlich Vorgehaltene dieser Ruhe bedeutete, das fühlte er,
+heimlich ein erstes Beunruhigtsein. Auch er war erregt: das Spiel hatte
+begonnen. Er verzögerte sein Diner, hielt diese Frau eine halbe Stunde
+fast unablässig mit dem Blick fest, bis er jede Linie ihres Gesichtes
+nachgezeichnet, an jede Stelle ihres üppigen Körpers unsichtbar gerührt
+hatte. Draußen fiel drückend das Dunkel nieder, die Wälder seufzten in
+kindischer Furcht, als jetzt die großen Regenwolken graue Hände nach
+ihnen reckten, immer finstrer drängten die Schatten ins Zimmer hinein,
+immer mehr schienen die Menschen hier zusammengepreßt durch das
+Schweigen. Das Gespräch der Mutter mit ihrem Kinde wurde, das merkte er,
+unter der Drohung dieser Stille immer gezwungener, immer künstlicher,
+bald, fühlte er, würde es zu Ende sein. Da beschloß er eine Probe. Er
+stand als erster auf, ging langsam, mit einem langen Blick auf die
+Landschaft an ihr vorbeisehend, zur Türe. Dort zuckte er rasch, als
+hätte er etwas vergessen, mit dem Kopf herum. Und ertappte sie, wie sie
+ihm lebhaften Blickes nachsah.
+
+Das reizte ihn. Er wartete in der Hall. Sie kam bald nach, den Buben an
+der Hand, blätterte im Vorübergehen unter den Zeitschriften, zeigte dem
+Kind ein paar Bilder. Aber als der Baron, wie zufällig, an den Tisch
+trat, anscheinend um auch eine Zeitschrift zu suchen, in Wahrheit, um
+tiefer in das feuchte Glitzern ihrer Augen zu dringen, vielleicht sogar
+ein Gespräch zu beginnen, wandte sie sich weg, klopfte ihrem Sohn leicht
+auf die Schulter: »=Viens, Edgar! Au lit!=« und rauschte kühl an ihm
+vorbei.
+
+Ein wenig enttäuscht, sah ihr der Baron nach. Er hatte eigentlich auf
+ein Bekanntwerden noch an diesem Abend gerechnet, und diese schroffe Art
+enttäuschte ihn. Aber schließlich, in diesem Widerstand war Reiz, und
+gerade das Unsichere entzündete seine Begier. Immerhin: er hatte seinen
+Partner, und ein Spiel konnte beginnen.
+
+
+
+
+Rasche Freundschaft
+
+
+Als der Baron am nächsten Morgen in die Hall trat, sah er dort das Kind
+der schönen Unbekannten in eifrigem Gespräch mit den beiden Liftboys,
+denen es Bilder in einem Buch von Karl May zeigte. Seine Mama war nicht
+zugegen, offenbar noch mit der Toilette beschäftigt. Jetzt erst besah
+sich der Baron den Buben. Es war ein scheuer, unentwickelter nervöser
+Junge von etwa zwölf Jahren mit fahrigen Bewegungen und dunkel
+herumjagenden Augen. Er machte, wie Kinder in diesen Jahren so oft, den
+Eindruck von Verschrecktheit, gleichsam als ob er eben aus dem Schlaf
+gerissen und plötzlich in fremde Umgebung gestellt sei. Sein Gesicht war
+nicht unhübsch, aber noch ganz unentschieden, der Kampf des Männlichen
+mit dem Kindlichen schien eben erst einsetzen zu wollen, noch war alles
+darin nur wie geknetet und noch nicht geformt, nichts in reinen Linien
+ausgesprochen, nur blaß und unruhig gemengt. Überdies war er gerade in
+jenem unvorteilhaften Alter, wo Kinder nie in ihre Kleider passen, Ärmel
+und Hosen schlaff um die mageren Gelenke schlottern und noch keine
+innere Eitelkeit sie mahnt, auf ihr Äußeres zu wachen.
+
+Der Knabe machte hier, unschlüssig herumirrend, einen ziemlich
+kläglichen Eindruck. Eigentlich stand er allen im Wege. Bald schob ihn
+der Portier beiseite, den er mit allerhand Fragen zu belästigen schien,
+bald störte er am Eingang; offenbar fehlte es ihm an freundschaftlichem
+Umgang. So suchte er in seinem kindlichen Schwatzbedürfnis sich an die
+Bediensteten des Hotels heranzumachen, die ihm, wenn sie gerade Zeit
+hatten, antworteten, das Gespräch aber sofort unterbrachen, wenn ein
+Erwachsener in Sicht kam oder etwas Vernünftiges getan werden mußte. Der
+Baron sah lächelnd und mit Interesse dem unglücklichen Buben zu, der auf
+alles mit Neugier schaute und dem alles unfreundlich entwich. Einmal
+faßte er einen dieser neugierigen Blicke fest an, aber die schwarzen
+Augen krochen sofort ängstlich in sich hinein, sobald er sie auf der
+Suche ertappte, und duckten sich hinter gesenkten Lidern. Das amüsierte
+den Baron. Der Bub begann ihn zu interessieren, und er fragte sich, ob
+ihm dieses Kind, das offenbar nur aus Furcht so scheu war, nicht als
+raschester Vermittler einer Annäherung dienen könnte. Immerhin: er
+wollte es versuchen. Unauffällig folgte er dem Buben, der eben wieder
+zur Türe hinauspendelte und in seinem kindischen Zärtlichkeitsbedürfnis
+die rosa Nüstern eines Schimmels liebkoste, bis ihn -- er hatte wirklich
+kein Glück -- auch hier der Kutscher ziemlich barsch wegwies. Gekränkt
+und gelangweilt stand er jetzt wieder herum mit seinem leeren und ein
+wenig traurigen Blick. Da sprach ihn der Baron an.
+
+»Na, junger Mann, wie gefällts dir da?« setzte er plötzlich ein, bemüht,
+die Ansprache möglichst jovial zu halten.
+
+Das Kind wurde feuerrot und starrte ängstlich auf. Er zog die Hand
+irgendwie in Furcht an sich und wand sich hin und her vor Verlegenheit.
+Das geschah ihm zum erstenmal, daß ein fremder Herr mit ihm ein Gespräch
+begann.
+
+»Ich danke, gut«, konnte er gerade noch herausstammeln. Das letzte Wort
+war schon mehr gewürgt als gesprochen.
+
+»Das wundert mich,« sagte der Baron lachend, »es ist doch eigentlich ein
+fader Ort, besonders für einen jungen Mann, wie du einer bist. Was
+treibst du denn den ganzen Tag?«
+
+Der Bub war noch immer zu sehr verwirrt, um rasch zu antworten. War es
+wirklich möglich, daß dieser fremde elegante Herr mit ihm, um den sich
+sonst keiner kümmerte, ein Gespräch suchte? Der Gedanke machte ihn scheu
+und stolz zugleich. Mühsam raffte er sich zusammen.
+
+»Ich lese, und dann, wir gehen viel spazieren. Manchmal fahren wir auch
+im Wagen, die Mama und ich. Ich soll mich hier erholen, ich war krank.
+Ich muß darum auch viel in der Sonne sitzen, hat der Arzt gesagt.«
+
+Die letzten Worte sagte er schon ziemlich sicher. Kinder sind immer
+stolz auf eine Krankheit, weil sie wissen, daß Gefahr sie ihren
+Angehörigen doppelt wichtig macht.
+
+»Ja, die Sonne ist schon gut für junge Herren, wie du einer bist, sie
+wird dich schon braun brennen. Aber du solltest doch nicht den ganzen
+Tag dasitzen. Ein Bursch wie du sollte herumlaufen, übermütig sein und
+auch ein bißchen Unfug anstellen. Mir scheint, du bist zu brav, du
+siehst auch so aus wie ein Stubenhocker mit deinem großen dicken Buch
+unterm Arm. Wenn ich denke, was ich in deinem Alter für ein Galgenstrick
+war, jeden Abend bin ich mit zerrissenen Hosen nach Hause gekommen. Nur
+nicht zu brav sein!«
+
+Unwillkürlich mußte das Kind lächeln, und das nahm ihm die Angst. Es
+hätte gern etwas erwidert, aber all dies schien ihm zu frech, zu
+selbstbewußt vor diesem lieben fremden Herrn, der so freundlich mit ihm
+sprach. Vorlaut war er nie gewesen und immer leicht verlegen, und so kam
+er jetzt vor Glück und Scham in die ärgste Verwirrung. Er hätte so gern
+das Gespräch fortgesetzt, aber es fiel ihm nichts ein. Glücklicherweise
+kam gerade der große gelbe Bernhardiner des Hotels vorbei, schnüffelte
+sie beide an und ließ sich willig liebkosen.
+
+»Hast du Hunde gern?« fragte der Baron.
+
+»O sehr, meine Großmama hat einen in ihrer Villa in Baden, und wenn wir
+dort wohnen, ist er immer den ganzen Tag mit mir. Das ist aber nur im
+Sommer, wenn wir dort zu Besuch sind.«
+
+»Wir haben zu Hause, auf unserem Gut, ich glaube, zwei Dutzend. Wenn du
+hier brav bist, kriegst du einen von mir geschenkt. Einen braunen mit
+weißen Ohren, einen ganz jungen. Willst du?«
+
+Das Kind errötete vor Vergnügen.
+
+»O ja.«
+
+Es fuhr ihm so heraus, heiß und gierig. Aber gleich hinterher stolperte,
+ängstlich und wie erschrocken, das Bedenken.
+
+»Aber Mama wird es nicht erlauben. Sie sagt, sie duldet keinen Hund zu
+Hause. Sie machen zuviel Schererei.«
+
+Der Baron lächelte. Endlich hielt das Gespräch bei der Mama.
+
+»Ist die Mama so streng?«
+
+Das Kind überlegte, blickte eine Sekunde zu ihm auf, gleichsam fragend,
+ob man diesem fremden Herrn schon vertrauen dürfe. Die Antwort blieb
+vorsichtig:
+
+»Nein, streng ist die Mama nicht. Jetzt, weil ich krank war, erlaubt sie
+mir alles. Vielleicht erlaubt sie mir sogar einen Hund.«
+
+»Soll ich sie darum bitten?«
+
+»Ja, bitte tun Sie das«, jubelte der Bub. »Dann wird es die Mama sicher
+erlauben. Und wie sieht er aus? Weiße Ohren hat er, nicht wahr? Kann er
+apportieren?«
+
+»Ja, er kann alles.« Der Baron mußte lächeln über die heißen Funken, die
+er so rasch aus den Augen des Kindes geschlagen hatte. Mit einem Male
+war die anfängliche Befangenheit gebrochen, und die von der Angst
+zurückgehaltene Leidenschaftlichkeit sprudelte über. In blitzschneller
+Verwandlung war das scheue verängstigte Kind von früher ein
+ausgelassener Bub. Wenn nur die Mutter auch so wäre, dachte
+unwillkürlich der Baron, so heiß hinter ihrer Angst! Aber schon sprang
+der Bub mit zwanzig Fragen an ihm hinauf:
+
+»Wie heißt der Hund?«
+
+»Karo.«
+
+»Karo«, jubelte das Kind. Es mußte irgendwie lachen und jubeln über
+jedes Wort, ganz trunken von dem unerwarteten Geschehen, daß sich jemand
+seiner in Freundlichkeit angenommen hatte. Der Baron staunte selbst über
+seinen raschen Erfolg und beschloß, das heiße Eisen zu schmieden. Er lud
+den Knaben ein, mit ihm ein wenig spazieren zu gehen, und der arme Bub,
+seit Wochen ausgehungert nach einem geselligen Beisammensein, war von
+diesem Vorschlag entzückt. Unbedacht plauderte er alles aus, was ihm
+sein neuer Freund mit kleinen, wie zufälligen Fragen entlocken wollte.
+Bald wußte der Baron alles über die Familie, vor allem, daß Edgar der
+einzige Sohn eines Wiener Advokaten sei, offenbar aus der vermögenden
+jüdischen Bourgeoisie. Und durch geschickte Umfragen erkundete er rasch,
+daß die Mutter sich über den Aufenthalt am Semmering durchaus nicht
+entzückt geäußert und den Mangel an sympathischer Gesellschaft beklagt
+habe, ja er glaubte sogar, aus der ausweichenden Art, mit der Edgar die
+Frage beantwortete, ob die Mama den Papa sehr gern habe, entnehmen zu
+können, daß hier nicht alles zum besten stünde. Beinahe schämte er sich,
+wie leicht es ihm wurde, dem arglosen Buben all diese kleinen
+Familiengeheimnisse zu entlocken, denn Edgar, ganz stolz, daß irgend
+etwas von dem, was er zu erzählen hatte, einen Erwachsenen interessieren
+konnte, drängte sein Vertrauen dem neuen Freunde geradezu auf. Sein
+kindisches Herz klopfte vor Stolz -- der Baron hatte im Spazierengehen
+ihm seinen Arm um die Schulter gelegt --, in solcher Intimität
+öffentlich mit einem Erwachsenen gesehen zu werden, und allmählich
+vergaß er seine eigene Kindheit, schnatterte frei und ungezwungen wie zu
+einem Gleichaltrigen. Edgar war, wie sein Gespräch zeigte, sehr klug,
+etwas frühreif wie die meisten kränklichen Kinder, die viel mit
+Erwachsenen beisammen waren, und von einer merkwürdig überreizten
+Leidenschaft der Zuneigung oder Feindlichkeit. Zu nichts schien er ein
+ruhiges Verhältnis zu haben, von jedem Menschen oder Ding sprach er
+entweder in Verzückung oder mit einem Hasse, der so heftig war, daß er
+sein Gesicht unangenehm verzerrte und es fast bösartig und häßlich
+machte. Etwas Wildes und Sprunghaftes, vielleicht noch bedingt durch die
+kürzlich überstandene Krankheit, gab seinen Reden fanatisches Feuer, und
+es schien, daß sein Linkischsein nur mühsam unterdrückte Angst vor der
+eigenen Leidenschaft war.
+
+Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe Stunde
+bloß, und er hatte dieses heiße und unruhig zuckende Herz in der Hand.
+Es ist ja so unsäglich leicht, Kinder zu betrügen, diese Arglosen, um
+deren Liebe so selten geworben wird. Er brauchte sich selbst nur in die
+Vergangenheit zu vergessen, und so natürlich, so ungezwungen wurde ihm
+das kindliche Gespräch, daß auch der Bub ihn ganz als seinesgleichen
+empfand und nach wenigen Minuten jedes Distanzgefühl verlor. Er war nur
+selig von Glück, hier in diesem einsamen Ort plötzlich einen Freund
+gefunden zu haben, und welch einen Freund! Vergessen waren sie alle in
+Wien, die kleinen Jungen mit ihren dünnen Stimmen, ihrem unerfahrenen
+Geschwätz, wie weggeschwemmt waren ihre Bilder von dieser einen neuen
+Stunde! Seine ganze schwärmerische Leidenschaft gehörte jetzt diesem
+neuen, seinem großen Freunde, und sein Herz dehnte sich vor Stolz, als
+dieser ihn jetzt zum Abschied nochmals einlud, morgen vormittags
+wiederzukommen, und der neue Freund ihm nun zuwinkte von der Ferne, ganz
+wie ein Bruder. Diese Minute war vielleicht die schönste seines Lebens.
+Es ist so leicht, Kinder zu betrügen. -- Der Baron lächelte dem
+Davonstürmenden nach. Der Vermittler war nun gewonnen. Der Bub würde
+jetzt, das wußte er, seine Mutter mit Erzählungen bis zur Erschöpfung
+quälen, jedes einzelne Wort wiederholen -- und dabei erinnerte er sich
+mit Vergnügen, wie geschickt er einige Komplimente an ihre Adresse
+eingeflochten, wie er immer nur von Edgars »schöner Mama« gesprochen
+hatte. Es war ausgemachte Sache für ihn, daß der mitteilsame Knabe nicht
+früher ruhen würde, ehe er seine Mama und ihn zusammengeführt hätte. Er
+selbst brauchte nun keinen Finger zu rühren, um die Distanz zwischen
+sich und der schönen Unbekannten zu verringern, konnte nun ruhig träumen
+und die Landschaft überschauen, denn er wußte, ein paar heiße
+Kinderhände bauten ihm die Brücke zu ihrem Herzen.
+
+
+
+
+Terzett
+
+
+Der Plan war, wie sich eine Stunde später erwies, vortrefflich und bis
+in die letzten Einzelheiten gelungen. Als der junge Baron, mit Absicht
+etwas verspätet, den Speisesaal betrat, zuckte Edgar vom Sessel auf,
+grüßte eifrig mit einem beglückten Lächeln und winkte ihm zu.
+Gleichzeitig zupfte er seine Mutter am Ärmel, sprach hastig und erregt
+auf sie ein, mit auffälligen Gesten gegen den Baron hindeutend. Sie
+verwies ihm geniert und errötend sein allzu reges Benehmen, konnte es
+aber doch nicht vermeiden, einmal hinüberzusehen, um dem Buben seinen
+Willen zu tun, was der Baron sofort zum Anlaß einer respektvollen
+Verbeugung nahm. Die Bekanntschaft war gemacht. Sie mußte danken, beugte
+aber von nun ab das Gesicht tiefer über den Teller und vermied
+sorgfältig während des ganzen Diners nochmals hinüberzublicken. Anders
+Edgar, der unablässig hinguckte, einmal sogar versuchte
+hinüberzusprechen, eine Unstatthaftigkeit, die ihm sofort von seiner
+Mutter energisch verwiesen wurde. Nach Tisch wurde ihm bedeutet, daß er
+schlafen zu gehen habe, und ein emsiges Wispern begann zwischen ihm und
+seiner Mama, dessen Endresultat war, daß es seinen heißen Bitten
+verstattet wurde, zum andern Tisch hinüberzugehen und sich bei seinem
+Freund zu empfehlen. Der Baron sagte ihm ein paar herzliche Worte, die
+wieder die Augen des Kindes zum Flackern brachten, plauderte mit ihm ein
+paar Minuten. Plötzlich aber, mit einer geschickten Wendung, drehte er
+sich, aufstehend, zum andern Tisch hinüber, beglückwünschte die etwas
+verwirrte Nachbarin zu ihrem klugen, aufgeweckten Sohn, rühmte den
+Vormittag, den er so vortrefflich mit ihm verbracht hatte -- Edgar stand
+dabei, rot vor Freude und Stolz --, und erkundigte sich schließlich nach
+seiner Gesundheit so ausführlich und mit so viel Einzelfragen, daß die
+Mutter zur Antwort gezwungen war. Und so gerieten sie unaufhaltsam in
+ein längeres Gespräch, dem der Bub beglückt und mit einer Art Ehrfurcht
+lauschte. Der Baron stellte sich vor und glaubte zu bemerken, daß sein
+klingender Name auf die Eitle einen gewissen Eindruck machte. Jedenfalls
+war sie von außerordentlicher Zuvorkommenheit gegen ihn, wiewohl sie
+sich nichts vergab und sogar frühen Abschied nahm, des Buben halber, wie
+sie entschuldigend beifügte.
+
+Der protestierte heftig, er sei nicht müde und gerne bereit, die ganze
+Nacht aufzubleiben. Aber schon hatte seine Mutter dem Baron die Hand
+geboten, der sie respektvoll küßte.
+
+Edgar schlief schlecht in dieser Nacht. Es war eine Wirrnis in ihm von
+Glückseligkeit und kindischer Verzweiflung. Denn heute war etwas Neues
+in seinem Leben geschehn. Zum ersten Male hatte er in die Schicksale von
+Erwachsenen eingegriffen. Er vergaß, schon im Halbtraum, seine eigene
+Kindheit und dünkte sich mit einem Male groß. Bisweilen hatte er, einsam
+erzogen und oft kränklich, wenig Freunde gehabt. Für all sein
+Zärtlichkeitsbedürfnis war niemand dagewesen als die Eltern, die sich
+wenig um ihn kümmerten, und die Dienstboten. Und die Gewalt einer Liebe
+wird immer falsch bemessen, wenn man sie nur nach ihrem Anlaß wertet und
+nicht nach der Spannung, die ihr vorausgeht, jenem hohlen, dunkeln Raum
+von Enttäuschung und Einsamkeit, der vor allen großen Ereignissen des
+Herzens liegt. Ein überschweres, ein unverbrauchtes Gefühl hatte hier
+gewartet und stürzte nun mit ausgebreiteten Armen dem ersten entgegen,
+der es zu verdienen schien. Edgar lag im Dunkeln, beglückt und verwirrt,
+er wollte lachen und mußte weinen. Denn er liebte diesen Menschen, wie
+er nie einen Freund, nie Vater und Mutter und nicht einmal Gott geliebt
+hatte. Die ganze unreife Leidenschaft seiner früheren Jahre umklammerte
+das Bild dieses Menschen, dessen Namen er vor zwei Stunden noch nicht
+gekannt hatte.
+
+Aber er war doch klug genug, um durch das Unerwartete und Eigenartige
+dieser neuen Freundschaft nicht bedrängt zu sein. Was ihn so sehr
+verwirrte, war das Gefühl seiner Unwertigkeit, seiner Nichtigkeit.
+»Passe ich denn zu ihm, ich, ein kleiner Bub, zwölf Jahre alt, der noch
+die Schule vor sich hat, der abends vor allen andern ins Bett geschickt
+wird?« quälte er sich ab. »Was kann ich ihm sein, was kann ich ihm
+bieten?« Gerade dieses qualvoll empfundene Unvermögen, irgendwie sein
+Gefühl zeigen zu können, machte ihn unglücklich. Sonst, wenn er einen
+Kameraden liebgewonnen hatte, war es sein Erstes, die paar kleinen
+Kostbarkeiten seines Pultes, Briefmarken und Steine, den kindischen
+Besitz der Kindheit, mit ihm zu teilen, aber all diese Dinge, die ihm
+gestern noch von hoher Bedeutung und seltenem Reiz waren, schienen ihm
+mit einem Male entwertet, läppisch und verächtlich. Denn wie konnte er
+derlei diesem neuen Freunde bieten, dem er nicht einmal wagen durfte,
+das Du zu erwidern; wo war ein Weg, eine Möglichkeit, seine Gefühle zu
+verraten? Immer mehr und mehr empfand er die Qual, klein zu sein, etwas
+Halbes, Unreifes, ein Kind von zwölf Jahren, und noch nie hatte er so
+stürmisch das Kindsein verflucht, so herzlich sich gesehnt, anders
+aufzuwachen, so wie er sich träumte: groß und stark, ein Mann, ein
+Erwachsener wie die andern.
+
+In diese unruhigen Gedanken flochten sich rasch die ersten farbigen
+Träume von dieser neuen Welt des Mannseins. Edgar schlief endlich mit
+einem Lächeln ein, aber doch, die Erinnerung der morgigen Verabredung
+unterhöhlte seinen Schlaf. Er schreckte schon um sieben Uhr mit der
+Angst auf, zu spät zu kommen. Hastig zog er sich an, begrüßte die
+erstaunte Mutter, die ihn sonst nur mit Mühe aus dem Bette bringen
+konnte, in ihrem Zimmer und stürmte, ehe sie weitere Fragen stellen
+konnte, hinab. Bis neun Uhr trieb er sich ungeduldig umher, vergaß, daß
+er frühstücken sollte, einzig besorgt, den Freund für den Spaziergang
+nicht lange warten zu lassen.
+
+Um halb zehn kam endlich der Baron sorglos angeschlendert. Er hatte
+natürlich längst die Verabredung vergessen, jetzt aber, da der Knabe
+gierig auf ihn losschnellte, mußte er lächeln über soviel Leidenschaft
+und zeigte sich bereit, sein Versprechen einzuhalten. Er nahm den Buben
+wieder unterm Arm, ging mit dem Strahlenden auf und nieder, nur daß er
+sanft, aber nachdrücklich abwehrte, schon jetzt den gemeinsamen
+Spaziergang zu beginnen. Er schien auf irgend etwas zu warten,
+wenigstens deutete darauf sein nervös die Türen abgreifender Blick.
+Plötzlich straffte er sich empor. Edgars Mama war hereingetreten und
+kam, den Gruß erwidernd, freundlich auf beide zu. Sie lächelte
+zustimmend, als sie von dem beabsichtigten Spaziergang vernahm, den ihr
+Edgar als etwas zu Kostbares verschwiegen hatte, ließ sich aber rasch
+von der Einladung des Barons zum Mitgehen bestimmen.
+
+Edgar wurde sofort mürrisch und biß die Lippen. Wie ärgerlich, daß sie
+gerade jetzt vorbeikommen mußte! Dieser Spaziergang hatte doch ihm
+allein gehört, und wenn er seinen Freund auch der Mama vorgestellt
+hatte, so war das nur eine Liebenswürdigkeit von ihm gewesen, aber
+teilen wollte er ihn deshalb nicht. Schon regte sich in ihm etwas wie
+Eifersucht, als er die Freundlichkeit des Barons zu seiner Mutter
+bemerkte.
+
+Sie gingen dann zu dritt spazieren, und das gefährliche Gefühl seiner
+Wichtigkeit und plötzlichen Bedeutsamkeit wurde in dem Kinde noch
+genährt durch das auffällige Interesse, das beide ihm widmeten. Edgar
+war fast ausschließlich Gegenstand der Konversation, indem sich die
+Mutter mit etwas erheuchelter Besorgnis über seine Blässe und Nervosität
+aussprach, während der Baron wieder dies lächelnd abwehrte und sich
+rühmend über die nette Art seines »Freundes«, wie er ihn nannte, erging.
+Es war Edgars schönste Stunde. Er hatte Rechte, die ihm niemals im Laufe
+seiner Kindheit zugestanden worden waren. Er durfte mitreden, ohne
+sofort zur Ruhe verwiesen zu werden, sogar allerhand vorlaute Wünsche
+äußern, die ihm bislang übel aufgenommen worden wären. Und es war nicht
+verwunderlich, daß in ihm das trügerische Gefühl üppig wuchernd wuchs,
+daß er ein Erwachsener sei. Schon lag die Kindheit in seinen hellen
+Träumen hinter ihm, wie ein weggeworfenes, entwachsenes Kleid.
+
+Mittag saß der Baron, der Einladung der immer freundlicheren Mutter
+Edgars folgend, an ihrem Tisch. Aus dem =vis-à-vis= war ein Nebeneinander
+geworden, aus der Bekanntschaft eine Freundschaft. Das Terzett war im
+Gang, und die drei Stimmen der Frau, des Mannes und des Kindes klangen
+rein zusammen.
+
+
+
+
+Angriff
+
+
+Nun schien es dem ungeduldigen Jäger an der Zeit, sein Wild
+anzuschleichen. Das Familiäre, der Dreiklang in dieser Angelegenheit
+mißfiel ihm. Es war ja ganz nett, so zu dritt zu plaudern, aber
+schließlich, Plaudern war nicht seine Absicht. Und er wußte, daß das
+Gesellschaftliche mit dem Maskenspiel seiner Begehrlichkeit das
+Erotische zwischen Mann und Frau immer retardiert, den Worten die Glut,
+dem Angriff sein Feuer nimmt. Sie sollte über der Konversation nie seine
+eigentliche Absicht vergessen, die er -- dessen war er sicher -- von ihr
+bereits verstanden wußte.
+
+Daß sein Bemühen bei dieser Frau nicht vergeblich sein würde, hatte viel
+Wahrscheinlichkeiten. Sie war in jenen entscheidenden Jahren, wo eine
+Frau zu bereuen beginnt, einem eigentlich nie geliebten Gatten treu
+geblieben zu sein, und wo der purpurne Sonnenuntergang ihrer Schönheit
+ihr noch eine letzte dringlichste Wahl zwischen dem Mütterlichen und dem
+Weiblichen gewährt. Das Leben, das schon längst beantwortet schien, wird
+in dieser Minute noch einmal zur Frage, zum letzten Male zittert die
+magnetische Nadel des Willens zwischen der Hoffnung auf erotisches
+Erleben und der endgültigen Resignation. Eine Frau hat dann die
+gefährliche Entscheidung, ihr eigenes Schicksal oder das ihrer Kinder zu
+leben, Frau oder Mutter zu sein. Und der Baron, scharfsichtig in diesen
+Dingen, glaubte bei ihr gerade dieses gefährliche Schwanken zwischen
+Lebensglut und Aufopferung zu bemerken. Sie vergaß beständig im
+Gespräch, ihren Gatten zu erwähnen, der offenbar nur ihren äußeren
+Bedürfnissen, nicht aber ihren durch vornehme Lebensführung gereizten
+Snobismus zu befriedigen schien, und wußte innerlich eigentlich herzlich
+wenig von ihrem Kinde. Ein Schatten von Langeweile, als Melancholie in
+den dunklen Augen verschleiert, lag über ihrem Leben und verdunkelte
+ihre Sinnlichkeit.
+
+Der Baron beschloß rasch vorzugehen, aber gleichzeitig jeden Anschein
+von Eile zu vermeiden. Im Gegenteil, er wollte, wie der Angler den Haken
+lockend zurückzieht, dieser neuen Freundschaft seinerseits äußerliche
+Gleichgültigkeit entgegensetzen, wollte um sich werben lassen, während
+er doch in Wahrheit der Werbende war. Er nahm sich vor, einen gewissen
+Hochmut zu outrieren, den Unterschied ihres sozialen Standes scharf
+herauszukehren, und der Gedanke reizte ihn, nur durch das Betonen seines
+Hochmutes, durch ein Äußeres, durch einen klingenden aristokratischen
+Namen und kalte Manieren diesen üppigen, vollen schönen Körper gewinnen
+zu können.
+
+Das heiße Spiel begann ihn schon zu erregen, und darum zwang er sich zur
+Vorsicht. Den Nachmittag verblieb er in seinem Zimmer mit dem angenehmen
+Bewußtsein, gesucht und vermißt zu werden. Aber diese Abwesenheit wurde
+nicht so sehr von ihr bemerkt, gegen die sie eigentlich gezielt war,
+sondern gestaltete sich für den armen Buben zur Qual. Edgar fühlte sich
+den ganzen Nachmittag unendlich hilflos und verloren; mit der Knaben
+eigenen hartnäckigen Treue wartete er die ganzen langen Stunden
+unablässig auf seinen Freund. Es wäre ihm wie ein Vergehen gegen die
+Freundschaft erschienen, wegzugehen oder irgend etwas allein zu tun.
+Unnütz trollte er sich in den Gängen herum, und je später es wurde, um
+so mehr füllte sich sein Herz mit Unglück an. In der Unruhe seiner
+Phantasie träumte er schon von einem Unfall oder einer unbewußt
+zugefügten Beleidigung und war schon nahe daran, zu weinen vor Ungeduld
+und Angst.
+
+Als der Baron dann abends zu Tisch kam, wurde er glänzend empfangen.
+Edgar sprang, ohne auf den abmahnenden Ruf seiner Mutter und das
+Erstaunen der anderen Leute zu achten, ihm entgegen, umfaßte stürmisch
+seine Brust mit den mageren Ärmchen. »Wo waren Sie? Wo sind Sie
+gewesen?« rief er hastig. »Wir haben Sie überall gesucht.« Die Mutter
+errötete bei dieser unwillkommenen Einbeziehung und sagte ziemlich hart:
+»=Sois sage, Edgar! Assieds toi!=« (Sie sprach nämlich immer Französisch
+mit ihm, obwohl ihr diese Sprache gar nicht so sehr selbstverständlich
+war und sie bei umständlichen Erläuterungen leicht auf Sand geriet.)
+Edgar gehorchte, ließ aber nicht ab, den Baron auszufragen. »Aber vergiß
+doch nicht, daß der Herr Baron tun kann, was er will. Vielleicht
+langweilt ihn unsere Gesellschaft.« Diesmal bezog sie sich selber ein,
+und der Baron fühlte mit Freude, wie dieser Vorwurf um ein Kompliment
+warb.
+
+Der Jäger in ihm wachte auf. Er war berauscht, erregt, so rasch hier die
+richtige Fährte gefunden zu haben, das Wild ganz nahe vor dem Schuß nun
+zu fühlen. Seine Augen glänzten, das Blut flog ihm leicht durch die
+Adern, die Rede sprudelte ihm, er wußte selbst nicht wie, von den
+Lippen. Er war, wie jeder stark erotisch veranlagte Mensch doppelt so
+gut, doppelt er selbst, wenn er wußte, daß er Frauen gefiel, so wie
+manche Schauspieler erst feurig werden, wenn sie die Hörer, die atmende
+Masse vor ihnen ganz im Bann spüren. Er war immer ein guter, mit
+sinnlichen Bildern begabter Erzähler gewesen, aber heute -- er trank ein
+paar Gläser Champagner dazwischen, den er zu Ehren der neuen
+Freundschaft bestellt hatte -- übertraf er sich selbst. Er erzählte von
+indischen Jagden, denen er als Gastfreund eines hohen aristokratischen
+englischen Freundes beigewohnt hatte, klug dies Thema wählend, weil es
+indifferent war und er anderseits spürte, wie alles Exotische und für
+sie Unerreichbare diese Frau erregte. Wen er aber damit bezauberte, das
+war vor allem Edgar, dessen Augen vor Begeisterung flammten. Er vergaß
+zu essen, zu trinken und starrte dem Erzähler die Worte von den Lippen
+weg. Nie hatte er gehofft, einen Menschen wirklich zu sehen, der diese
+ungeheuren Dinge erlebt hatte, von denen er in seinen Büchern las, die
+Tigerjagden, die braunen Menschen, die Hindus und das Dschaggernat, das
+furchtbare Rad, das tausend Menschen unter seinen Speichen begrub.
+Bisher hatte er nie daran gedacht, daß es solche Menschen wirklich gäbe,
+so wenig wie er die Länder der Märchen glaubte, und diese Sekunde
+sprengte in ihm irgendein großes Gefühl zum ersten Male auf. Er konnte
+den Blick von seinem Freunde nicht wenden, starrte mit gepreßtem Atem
+auf die Hände da hart vor ihm, die einen Tiger getötet hatten. Kaum
+wagte er etwas zu fragen, und dann klang seine Stimme fieberig erregt.
+Seine rasche Phantasie zauberte ihm immer das Bild zu den Erzählungen
+herauf, er sah den Freund hoch auf einem Elefanten mit purpurner
+Schabracke, braune Männer rechts und links mit kostbaren Turbans und
+dann plötzlich den Tiger, der mit seinen gebleckten Zähnen aus dem
+Dschungel vorsprang und dem Elefanten die Pranke in den Rüssel schlug.
+Jetzt erzählte der Baron noch Interessanteres, wie listig man Elefanten
+fing, indem man durch alte, gezähmte Tiere die jungen, wilden und
+übermütigen in die Verschläge locken ließ: die Augen des Kindes sprühten
+Feuer. Da sagte -- ihm war, als fiele blitzend ein Messer vor ihm
+nieder -- die Mama plötzlich, mit einem Blick auf die Uhr: »=Neuf heures!
+Au lit!=«
+
+Edgar wurde blaß vor Schreck. Für alle Kinder ist das
+Zu-Bette-geschickt-werden ein furchtbares Wort, weil es für sie die
+offenkundigste Demütigung vor den Erwachsenen ist, das Eingeständnis,
+das Stigma der Kindheit, des Kleinseins, der kindischen
+Schlafbedürftigkeit. Aber wie furchtbar war solche Schmach in diesem
+interessantesten Augenblick, da sie ihn solche unerhörte Dinge versäumen
+ließ.
+
+»Nur das eine noch, Mama, das von den Elefanten, nur das laß mich
+hören!«
+
+Er wollte zu betteln beginnen, besann sich aber rasch auf seine neue
+Würde als Erwachsener. Einen einzigen Versuch wagte er bloß. Aber seine
+Mutter war heute merkwürdig streng. »Nein, es ist schon spät. Geh nur
+hinauf! =Sois sage, Edgar.= Ich erzähl dir schon alle die Geschichten des
+Herrn Barons genau wieder.«
+
+Edgar zögerte. Sonst begleitete ihn seine Mutter immer zu Bette. Aber er
+wollte nicht betteln vor dem Freunde. Sein kindischer Stolz wollte
+diesem kläglichen Abgang noch einen Schein von Freiwilligkeit retten.
+
+»Aber wirklich, Mama, du erzählst mir alles, alles! Das von den
+Elefanten und alles andere!«
+
+»Ja, mein Kind.«
+
+»Und sofort! Noch heute!«
+
+»Ja, ja, aber jetzt geh nur schlafen. Geh!«
+
+Edgar bewunderte sich selbst, daß es ihm gelang, dem Baron und seiner
+Mama die Hand zu reichen, ohne zu erröten, obschon das Schluchzen ihm
+schon ganz hoch in der Kehle saß. Der Baron beutelte ihm
+freundschaftlich den Schopf, das zwang noch ein Lächeln über sein
+gespanntes Gesicht. Aber dann mußte er rasch zur Türe eilen, sonst
+hätten sie gesehen, wie ihm die dicken Tränen über die Wangen liefen.
+
+
+
+
+Die Elefanten
+
+
+Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron bei Tisch, aber
+sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden mehr. Eine leise Schwüle,
+eine rasch auffliegende Verlegenheit kam in ihr Gespräch, seit der Bub
+sie verlassen hatte. Schließlich gingen sie hinüber in die Hall und
+setzten sich in eine Ecke. Der Baron war blendender als je, sie selbst
+leicht befeuert durch die paar Glas Champagner, und so nahm die
+Konversation rasch einen gefährlichen Charakter an. Der Baron war
+eigentlich nicht hübsch zu nennen, er war nur jung und blickte sehr
+männlich aus seinem dunkelbraunen energischen Bubengesicht mit dem kurz
+geschorenen Haar und entzückte sie durch die frischen, fast ungezogenen
+Bewegungen. Sie sah ihn gern jetzt von der Nähe und fürchtete auch nicht
+mehr seinen Blick. Doch allmählich schlich sich in seine Reden eine
+Kühnheit, die sie leicht verwirrte, etwas, das wie Greifen an ihrem
+Körper war, ein Betasten und wieder Lassen, irgendein unfaßbar
+Begehrliches, das ihr das Blut in die Wangen trieb. Aber dann lachte er
+wieder leicht, ungezwungen, knabenhaft, und das gab all den kleinen
+Begehrlichkeiten den losen Schein kindlicher Scherze. Manchmal war ihr,
+als müßte sie ein Wort schroff zurückweisen, aber kokett von Natur,
+wurde sie durch diese kleinen Lüsternheiten nur gereizt, mehr
+abzuwarten. Und hingerissen von dem verwegenen Spiel versuchte sie am
+Ende sogar, ihm nachzutun. Sie warf kleine, flatternde Versprechungen
+auf den Blicken hinüber, gab sich in Worten und Bewegungen schon hin,
+duldete sogar sein Heranrücken, die Nähe seiner Stimme, deren Atem sie
+manchmal warm und zuckend an den Schultern spürte. Wie alle Spieler
+vergaßen sie die Zeit und verloren sich so gänzlich in dem heißen
+Gespräch, daß sie erst aufschreckten, als die Hall sich um Mitternacht
+abzudunkeln begann.
+
+Sie sprang sofort empor, dem ersten Erschrecken gehorchend, und fühlte
+mit einem Male, wie verwegen weit sie sich vorgewagt hatte. Ihr war
+sonst das Spiel mit dem Feuer nicht fremd, aber jetzt spürte ihr
+aufgereizter Instinkt, wie nahe dieses Spiel schon dem Ernste war. Mit
+Schauern entdeckte sie, daß sie sich nicht mehr ganz sicher fühlte, daß
+irgend etwas in ihr zu gleiten begann und sich beängstigend dem Wirbel
+zudrehte. Im Kopf wogte alles in einem Wirbel von Angst, von Wein und
+heißen Reden, eine dumme, sinnlose Angst überfiel sie, jene Angst, die
+sie schon einige Male in ihrem Leben in solchen gefährlichen Sekunden
+gekannt hatte, aber nie so schwindelnd und gewalttätig. »Gute Nacht,
+gute Nacht. Auf morgen früh«, sagte sie hastig und wollte entlaufen.
+Entlaufen nicht ihm so sehr, wie der Gefahr dieser Minute und einer
+neuen, fremdartigen Unsicherheit in sich selbst. Aber der Baron hielt
+die dargebotene Abschiedshand mit sanfter Gewalt, küßte sie, und nicht
+nur in Korrektheit ein einziges Mal, sondern vier- oder fünfmal mit den
+Lippen von den feinen Fingerspitzen bis hinauf zum Handgelenk, zitternd,
+wobei sie mit einem leichten Frösteln seinen rauhen Schnurrbart über den
+Handrücken kitzeln fühlte. Irgendein warmes und beklemmendes Gefühl flog
+von dort mit dem Blut durch den ganzen Körper, Angst schoß heiß empor,
+hämmerte drohend an die Schläfen, ihr Kopf glühte, die Angst, die
+sinnlose Angst zuckte jetzt durch ihren ganzen Körper, und sie entzog
+ihm rasch die Hand.
+
+»Bleiben Sie doch noch«, flüsterte der Baron. Aber schon eilte sie fort
+mit einer Ungelenkigkeit der Hast, die ihre Angst und Verwirrung
+augenfällig machte. In ihr war jetzt die Erregtheit, die der andere
+wollte, sie fühlte, wie alles in ihr verworren war. Die grausam
+brennende Angst jagte sie, der Mann hinter ihr möchte ihr folgen und sie
+fassen, gleichzeitig aber, noch im Entspringen, spürte sie schon ein
+Bedauern, daß er es nicht tat. In dieser Stunde hätte das geschehen
+können, was sie seit Jahren unbewußt ersehnte, das Abenteuer, dessen
+nahen Hauch sie wollüstig liebte, um ihm bisher immer im letzten
+Augenblick zu entweichen, das große und gefährliche, nicht nur der
+flüchtige, aufreizende Flirt. Aber der Baron war zu stolz, einer
+günstigen Sekunde nachzulaufen. Er war seines Sieges zu gewiß, um diese
+Frau räuberisch in einer schwachen, weintrunkenen Minute zu nehmen, im
+Gegenteil, den fairen Spieler reizte nur der Kampf und die Hingabe bei
+vollem Bewußtsein. Entrinnen konnte sie ihm nicht. Ihr zuckte, das
+merkte er, das heiße Gift schon in den Adern.
+
+Oben auf der Treppe blieb sie stehen, die Hand an das keuchende Herz
+gepreßt. Sie mußte ausruhen eine Sekunde. Ihre Nerven versagten. Ein
+Seufzer brach aus der Brust, halb Beruhigung, einer Gefahr entronnen zu
+sein, halb Bedauern; aber das alles war verworren und wirrte im Blut nur
+als leises Schwindligsein weiter. Mit halbgeschlossenen Augen, wie eine
+Betrunkene, tappte sie weiter zu ihrer Türe und atmete auf, da sie jetzt
+die kühle Klinke faßte. Jetzt empfand sie sich erst in Sicherheit!
+
+Leise bog sie die Türe ins Zimmer. Und schrak schon zurück in der
+nächsten Sekunde. Irgend etwas hatte sich gerührt in dem Zimmer, ganz
+rückwärts im Dunkeln. Ihre erregten Nerven zuckten grell, schon wollte
+sie um Hilfe schreien, da kam es leise von drinnen, mit ganz
+schlaftrunkener Stimme: »Bist du es, Mama?«
+
+»Um Gottes willen, was machst du da?« Sie stürzte hin zum Diwan, wo
+Edgar zusammengeknüllt lag und sich eben vom Schlafe aufraffte. Ihr
+erster Gedanke war, das Kind müsse krank sein oder Hilfe bedürftig.
+
+Aber Edgar sagte, ganz verschlafen noch und mit leisem Vorwurf: »Ich
+habe so lange auf dich gewartet, und dann bin ich eingeschlafen.«
+
+»Warum denn?«
+
+»Wegen der Elefanten.«
+
+»Was für Elefanten?«
+
+Jetzt erst begriff sie. Sie hatte ja dem Kinde versprochen, alles zu
+erzählen, heute noch, von der Jagd und den Abenteuern. Und da hatte sich
+dieser Bub auf ihr Zimmer geschlichen, dieser einfältige, kindische Bub,
+und im sicheren Vertrauen gewartet, bis sie kam, und war darüber
+eingeschlafen. Die Extravaganz empörte sie. Oder eigentlich, sie fühlte
+Zorn gegen sich selbst, ein leises Raunen von Schuld und Scham, das sie
+überschreien wollte. »Geh sofort zu Bett, du ungezogener Fratz«, schrie
+sie ihn an. Edgar staunte ihr entgegen. Warum war sie so zornig mit ihm,
+er hatte doch nichts getan? Aber diese Verwunderung reizte die schon
+Aufgeregte noch mehr. »Geh sofort in dein Zimmer«, schrie sie wütend,
+weil sie fühlte, daß sie ihm unrecht tat. Edgar ging ohne ein Wort. Er
+war eigentlich furchtbar müde und spürte nur verworren durch den
+drückenden Nebel von Schlaf, daß seine Mutter ein Versprechen nicht
+gehalten hatte und daß man in irgendeiner Weise gegen ihn schlecht war.
+Aber er revoltierte nicht. In ihm war alles stumpf durch die Müdigkeit;
+und dann, er ärgerte sich sehr, hier oben eingeschlafen zu sein, statt
+wach zu warten. »Ganz wie ein kleines Kind«, sagte er empört zu sich
+selber, ehe er wieder in Schlaf fiel.
+
+Denn seit gestern haßte er seine eigene Kindheit.
+
+
+
+
+Geplänkel
+
+
+Der Baron hatte schlecht geschlafen. Es ist immer gefährlich, nach einem
+abgebrochenen Abenteuer zu Bette zu gehen: eine unruhige, von schwülen
+Träumen gefährdete Nacht ließ es ihn bald bereuen, die Minute nicht mit
+hartem Griff gepackt zu haben. Als er morgens, noch von Schlaf und
+Mißmut umwölkt, hinunterkam, sprang ihm der Knabe aus einem Versteck
+entgegen, schloß ihn begeistert in die Arme und begann ihn mit tausend
+Fragen zu quälen. Er war glücklich, seinen großen Freund wieder eine
+Minute für sich zu haben und nicht mit der Mama teilen zu müssen. Nur
+ihm sollte er erzählen, nicht mehr Mama, bestürmte er ihn, denn die
+hätte, trotz ihres Versprechens, ihm nichts von all den wunderbaren
+Dingen wiedergesagt. Er überschüttete den unangenehm Aufgeschreckten,
+der seine Mißlaune nur schlecht verbarg, mit hundert kindischen
+Belästigungen. In diese Fragen mengte er überdies stürmische Bezeugungen
+seiner Liebe, glückselig, wieder mit dem Langgesuchten und seit
+frühmorgens Erwarteten allein zu sein.
+
+Der Baron antwortete unwirsch. Dieses ewige Auflauern des Kindes, die
+Läppischkeit der Fragen, wie überhaupt die unbegehrte Leidenschaft
+begann ihn zu langweilen. Er war müde, nun tagaus, tagein mit einem
+zwölfjährigen Buben herumzuziehen und mit ihm Unsinn zu schwatzen. Ihm
+lag jetzt nur daran, die Mutter allein zu fassen, was eben durch des
+Kindes unerwünschte Anwesenheit zum Problem wurde. Ein erstes Unbehagen
+vor dieser unvorsichtig geweckten Zärtlichkeit bemächtigte sich seiner,
+denn vorläufig sah er keine Möglichkeit, den allzu anhänglichen Freund
+loszuwerden.
+
+Immerhin: es kam auf den Versuch an. Bis zehn Uhr, der Stunde, die er
+mit der Mutter zum Spaziergang verabredet hatte, ließ er das eifrige
+Gerede des Buben achtlos über sich hinplätschern, warf manchmal einen
+Brocken Gespräch hin, um ihn nicht zu beleidigen, durchblätterte aber
+gleichzeitig die Zeitung. Endlich, als der Zeiger fast senkrecht stand,
+bat er Edgar, wie sich plötzlich erinnernd, für ihn ins andere Hotel
+bloß einen Augenblick hinüberzugehen, um dort nachzufragen, ob der Graf
+Grundheim, sein Vetter, schon angekommen sei.
+
+Das arglose Kind, glückselig, endlich einmal seinem Freund mit etwas
+dienlich sein zu können, stolz auf seine Würde als Bote, sprang sofort
+weg und stürmte so toll den Weg hin, daß die Leute ihm verwundert
+nachstarrten. Aber ihm war gelegen, zu zeigen, wie flink er war, wenn
+man ihm Botschaften vertraute. Der Graf war, so sagte man ihm dort, noch
+nicht eingetroffen, ja zur Stunde gar nicht angemeldet. Diese Nachricht
+brachte er in neuerlichem Sturmschritt zurück. Aber in der Halle war der
+Baron nicht mehr zu finden. So klopfte er an seine Zimmertür, --
+vergeblich! Beunruhigt rannte er alle Räume ab, das Musikzimmer und das
+Kaffeehaus, stürmte aufgeregt zu seiner Mama, um Erkundigungen
+einzuziehen: auch sie war fort. Der Portier, an den er sich schließlich
+ganz verzweifelt wandte, sagte ihm zu seiner Verblüffung, sie seien
+beide vor einigen Minuten gemeinsam weggegangen!
+
+Edgar wartete geduldig. Seine Arglosigkeit vermutete nichts Böses. Sie
+konnten ja nur eine kurze Weile wegbleiben, dessen war er sicher, denn
+der Baron brauchte ja seinen Bescheid. Aber die Zeit streckte breit ihre
+Stunden, Unruhe schlich sich an ihn heran. Überhaupt, seit dem Tage, da
+sich dieser fremde, verführerische Mensch in sein kleines, argloses
+Leben gemengt hatte, war das Kind den ganzen Tag angespannt, gehetzt und
+verwirrt. In einen so feinen Organismus, wie den der Kinder, drückt jede
+Leidenschaft wie in weiches Wachs ihre Spuren. Das nervöse Zittern der
+Augenlider trat wieder auf, schon sah er blässer aus. Edgar wartete und
+wartete, geduldig zuerst, dann wild erregt und schließlich schon dem
+Weinen nah. Aber argwöhnisch war er noch immer nicht. Sein blindes
+Vertrauen in diesen wundervollen Freund vermutete ein Mißverständnis,
+und geheime Angst quälte ihn, er möchte vielleicht den Auftrag falsch
+verstanden haben.
+
+Wie seltsam aber war erst dies, daß sie jetzt, da sie endlich
+zurückkamen, heiter plaudernd blieben und gar keine Verwunderung
+bezeigten. Es schien, als hätten sie ihn gar nicht sonderlich vermißt:
+»Wir sind dir entgegengegangen, weil wir hofften, dich am Weg zu
+treffen, Edi«, sagte der Baron, ohne sich nach dem Auftrag zu
+erkundigen. Und als das Kind, ganz erschrocken, sie könnten ihn
+vergebens gesucht haben, zu beteuern begann, er sei nur auf dem geraden
+Wege der Hochstraße gelaufen, und wissen wollte, welche Richtung sie
+gewählt hätten, da schnitt die Mama kurz das Gespräch ab. »Schon gut,
+schon gut! Kinder sollen nicht soviel reden.«
+
+Edgar wurde rot vor Ärger. Das war nun schon das zweite Mal so ein
+niederträchtiger Versuch, ihn vor seinem Freund herabzusetzen. Warum tat
+sie das, warum versuchte sie immer, ihn als Kind darzustellen, das er
+doch -- er war davon überzeugt -- nicht mehr war? Offenbar war sie ihm
+neidisch auf seinen Freund und plante, ihn zu sich herüberzuziehen. Ja,
+und sicherlich war sie es auch, die den Baron mit Absicht den falschen
+Weg geführt hatte. Aber er ließ sich nicht von ihr mißhandeln, das
+sollte sie sehen. Er wollte ihr schon Trotz bieten. Und Edgar beschloß,
+heute bei Tisch kein Wort mit ihr zu reden, nur mit seinem Freund
+allein.
+
+Doch das wurde ihm hart. Was er am wenigsten erwartet hatte, trat ein:
+man bemerkte seinen Trotz nicht. Ja, sogar ihn selber schienen sie nicht
+zu sehen, ihn, der doch gestern Mittelpunkt ihres Beisammenseins gewesen
+war! Sie sprachen beide über ihn hinweg, scherzten zusammen und lachten,
+als ob er unter den Tisch gesunken wäre. Das Blut stieg ihm zu den
+Wangen, in der Kehle saß ein Knollen, der ihm den Atem erwürgte. Mit
+Schauern wurde er seiner entsetzlichen Machtlosigkeit bewußt. Er sollte
+also hier ruhig sitzen und zusehen, wie seine Mutter ihm den Freund
+wegnahm, den einzigen Menschen, den er liebte, und sollte sich nicht
+wehren können, nicht anders als durch Schweigen? Ihm war, als müßte er
+aufstehen und plötzlich mit beiden Fäusten auf den Tisch losschlagen.
+Nur damit sie ihn bemerkten. Aber er hielt sich zusammen, legte bloß
+Gabel und Messer nieder und rührte keinen Bissen mehr an. Aber auch dies
+hartnäckige Fasten merkten sie lange nicht, erst beim letzten Gang fiel
+es der Mutter auf, und sie fragte, ob er sich nicht wohl fühle.
+Widerlich, dachte er sich, immer denkt sie nur das eine, ob ich nicht
+krank bin, sonst ist ihr alles einerlei. Er antwortete kurz, er habe
+keine Lust, und damit gab sie sich zufrieden. Nichts, gar nichts erzwang
+ihm Beachtung. Der Baron schien ihn vergessen zu haben, wenigstens
+richtete er nicht ein einziges Mal das Wort an ihn. Heißer und heißer
+quoll es ihm in die Augen, und er mußte die kindische List anwenden,
+rasch die Serviette zu heben, ehe es jemand sehen konnte, daß Tränen
+über seine Wangen sprangen und ihm salzig die Lippen näßten. Er atmete
+auf, wie das Essen zu Ende war.
+
+Während des Diners hatte seine Mutter eine gemeinsame Wagenfahrt nach
+Maria-Schutz vorgeschlagen. Edgar hatte es gehört, die Lippe zwischen
+den Zähnen. Nicht eine Minute wollte sie ihn also mehr mit seinem
+Freunde allein lassen. Aber sein Haß stieg erst wild auf, als sie ihm
+jetzt beim Aufstehen sagte: »Edgar, du wirst noch alles für die Schule
+vergessen, du solltest doch einmal zu Hause bleiben, ein bißchen
+nachlernen!« Wieder ballte er die kleine Kinderfaust. Immer wollte sie
+ihn vor seinem Freund demütigen, immer daran öffentlich erinnern, daß er
+noch ein Kind war, daß er in die Schule gehen mußte und nur geduldet
+unter Erwachsenen war. Diesmal war ihm die Absicht aber doch zu
+durchsichtig. Er gab gar keine Antwort, sondern drehte sich kurzweg um.
+
+»Aha, wieder beleidigt«, sagte sie lächelnd, und dann zum Baron: »Wäre
+das wirklich so arg, wenn er einmal eine Stunde arbeiten möchte?«
+
+Und da -- im Herzen des Kindes wurde etwas kalt und starr -- sagte der
+Baron, er, der sich seinen Freund nannte, er, der ihn als Stubenhocker
+verhöhnt hatte: »Na, eine Stunde oder zwei könnten wirklich nicht
+schaden.«
+
+War das ein Einverständnis? Hatten sie sich wirklich beide gegen ihn
+verbündet? In dem Blick des Kindes flammte der Zorn. »Mein Papa hat
+verboten, daß ich hier lerne, Papa will, daß ich mich hier erhole«,
+schleuderte er heraus mit dem ganzen Stolz auf seine Krankheit,
+verzweifelt sich an das Wort, an die Autorität seines Vaters
+anklammernd. Wie eine Drohung stieß er es heraus. Und was das
+merkwürdigste war: das Wort schien tatsächlich in den beiden ein
+Mißbehagen zu erwecken. Die Mutter sah weg und trommelte nur nervös mit
+den Fingern auf den Tisch. Ein peinliches Schweigen stand breit zwischen
+ihnen. »Wie du meinst, Edi«, sagte schließlich der Baron mit einem
+erzwungenen Lächeln. »Ich muß ja keine Prüfung machen, ich bin schon
+längst bei allen durchgefallen.«
+
+Aber Edgar lächelte nicht zu dem Scherz, sondern sah ihn nur an mit
+einem prüfenden, sehnsüchtig eindringenden Blick, als wollte er ihm bis
+in die Seele greifen. Was ging da vor? Etwas war verändert zwischen
+ihnen, und das Kind wußte nicht warum. Unruhig ließ es die Augen
+wandern. In seinem Herzen hämmerte ein kleiner, hastiger Hammer: der
+erste Verdacht.
+
+
+
+
+Brennendes Geheimnis
+
+
+»Was hat sie so verwandelt?« sann das Kind, das ihnen im rollenden Wagen
+gegenübersaß. »Warum sind sie nicht mehr zu mir wie früher? Weshalb
+vermeidet Mama immer meinen Blick, wenn ich sie ansehe? Warum sucht er
+immer vor mir Witze zu machen und den Hanswurst zu spielen? Beide reden
+sie nicht mehr zu mir wie gestern und vorgestern, mir ist beinahe, als
+hätten sie andere Gesichter bekommen. Mama hat heute so rote Lippen, sie
+muß sie gefärbt haben. Das habe ich nie gesehen an ihr. Und er zieht
+immer die Stirne kraus, als sei er beleidigt. Ich habe ihnen doch nichts
+getan, kein Wort gesagt, das sie verdrießen konnte? Nein, ich kann nicht
+die Ursache sein, denn sie sind selbst zueinander anders wie vordem. Sie
+sind so, als ob sie etwas angestellt hätten, das sie sich nicht zu sagen
+getrauen. Sie plaudern nicht mehr wie gestern, sie lachen auch nicht,
+sie sind befangen, sie verbergen etwas. Irgendein Geheimnis ist zwischen
+ihnen, das sie mir nicht verraten wollen. Ein Geheimnis, das ich
+ergründen muß um jeden Preis. Ich kenne es schon, es muß dasselbe sein,
+vor dem sie mir immer die Türe verschließen, von dem in den Büchern die
+Rede ist und in den Opern, wenn die Männer und die Frauen mit
+ausgebreiteten Armen gegeneinander singen, sich umfassen und sich
+wegstoßen. Es muß irgendwie dasselbe sein, wie das mit meiner
+französischen Lehrerin, die sich mit Papa so schlecht vertrug und die
+dann weggeschickt wurde. All diese Dinge hängen zusammen, das spüre ich,
+aber ich weiß nur nicht, wie. Oh, es zu wissen, endlich zu wissen,
+dieses Geheimnis, ihn zu fassen, diesen Schlüssel, der alle Türen
+aufschließt, nicht länger mehr Kind sein, vor dem man alles versteckt
+und verhehlt, sich nicht mehr hinhalten lassen und betrügen. Jetzt oder
+nie! Ich will es ihnen entreißen, dieses furchtbare Geheimnis.« Eine
+Falte grub sich in seine Stirne, beinahe alt sah der schmächtige
+Zwölfjährige aus, wie er so ernst vor sich hin grübelte, ohne einen
+einzigen Blick an die Landschaft zu wenden, die sich in klingenden
+Farben rings entfaltete, die Berge im gereinigten Grün ihrer
+Nadelwälder, die Täler im noch zarten Glanz des verspäteten Frühlings.
+Er sah nur immer die beiden ihm gegenüber im Rücksitz des Wagens an, als
+könnte er mit diesen heißen Blicken wie mit einer Angel das Geheimnis
+aus den glitzernden Tiefen ihrer Augen herausreißen. Nichts schärft
+Intelligenz mehr als ein leidenschaftlicher Verdacht, nichts entfaltet
+mehr alle Möglichkeiten eines unreifen Intellekts als eine Fährte, die
+ins Dunkel läuft. Manchmal ist es ja nur eine einzige, dünne Tür, die
+Kinder von der Welt, die wir die wirkliche nennen, abtrennt, und ein
+zufälliger Windhauch weht sie ihnen auf.
+
+Edgar fühlte sich mit einem Male dem Unbekannten, dem großen Geheimnis
+so greifbar nahe wie noch nie, er spürte es knapp vor sich, zwar noch
+verschlossen und unenträtselt, aber nah, ganz nah. Das erregte ihn und
+gab ihm diesen plötzlichen, feierlichen Ernst. Denn unbewußt ahnte er,
+daß er am Rand seiner Kindheit stand.
+
+Die beiden gegenüber fühlten irgendeinen dumpfen Widerstand vor sich,
+ohne zu ahnen, daß er von dem Knaben ausging. Sie fühlten sich eng und
+gehemmt zu dritt im Wagen. Die beiden Augen ihnen gegenüber mit ihrer
+dunkel in sich flackernden Glut behinderten sie. Sie wagten kaum zu
+reden, kaum zu blicken. Zu ihrer vormaligen leichten, gesellschaftlichen
+Konversation fanden sie jetzt nicht mehr zurück, schon zu sehr
+verstrickt in dem Ton der heißen Vertraulichkeiten, jener gefährlichen
+Worte, in denen die schmeichelnde Unzüchtigkeit von heimlichen
+Betastungen zittert. Ihr Gespräch stieß immer auf Lücken und Stockungen.
+Es blieb stehen, wollte weiter, aber stolperte immer wieder über das
+hartnäckige Schweigen des Kindes.
+
+Besonders für die Mutter war sein verbissenes Schweigen eine Last. Sie
+sah ihn vorsichtig von der Seite an und erschrak, als sie plötzlich in
+der Art, wie das Kind die Lippen verkniff, zum erstenmal eine
+Ähnlichkeit mit ihrem Mann erkannte, wenn er gereizt oder verärgert war.
+Der Gedanke war ihr unbehaglich, gerade jetzt an ihren Mann erinnert zu
+werden, da sie mit einem Abenteuer Versteck spielen wollte. Wie ein
+Gespenst, ein Wächter des Gewissens, doppelt unerträglich hier in der
+Enge des Wagens, zehn Zoll gegenüber mit seinen dunkel arbeitenden Augen
+und dem Lauern hinter der blassen Stirn, schien ihr das Kind. Da schaute
+Edgar plötzlich auf, eine Sekunde lang. Beide senkten sie sofort den
+Blick: sie spürten, daß sie sich belauerten, zum erstenmal in ihrem
+Leben. Bisher hatten sie einander blind vertraut, jetzt aber war etwas
+zwischen Mutter und Kind, zwischen ihr und ihm plötzlich anders
+geworden. Zum ersten Male in ihrem Leben begannen sie, sich zu
+beobachten, ihre beiden Schicksale voneinander zu trennen, beide schon
+mit einem heimlichen Haß gegeneinander, der nur noch zu neu war, als daß
+sie sich ihn einzugestehen wagten.
+
+Alle drei atmeten sie auf, als die Pferde wieder vor dem Hotel hielten.
+Es war ein verunglückter Ausflug gewesen, alle fühlten es, und keiner
+wagte es zu sagen. Edgar sprang zuerst ab. Seine Mutter entschuldigte
+sich mit Kopfschmerzen und ging eilig hinauf. Sie war müde und wollte
+allein sein. Edgar und der Baron blieben zurück. Der Baron zahlte dem
+Kutscher, sah auf die Uhr und schritt gegen die Hall zu, ohne den Buben
+zu beachten. Er ging vorbei an ihm mit seinem feinen, schlanken Rücken,
+diesem rhythmisch leichten Wiegegang, der das Kind so bezauberte und den
+es gestern schon nachzuahmen versucht hatte. Er ging vorbei, glatt
+vorbei. Offenbar hatte er den Knaben vergessen und ließ ihn stehen neben
+dem Kutscher, neben den Pferden, als gehörte er nicht zu ihm.
+
+In Edgar riß irgend etwas entzwei, wie er ihn so vorübergehen sah, ihn,
+den er trotz alldem noch immer so abgöttisch liebte. Verzweiflung brach
+aus seinem Herzen, als er so vorbeiging, ohne ihn mit dem Mantel zu
+streifen, ohne ihm ein Wort zu sagen, der sich doch keiner Schuld bewußt
+war. Die mühsam bewahrte Fassung zerriß, die künstlich erhöhte Last der
+Würde glitt ihm von den zu schmalen Schultern, er wurde wieder ein Kind,
+klein und demütig wie gestern und vordem. Es riß ihn weiter wider seinen
+Willen. Mit rasch zitternden Schritten ging er dem Baron nach, trat ihm,
+der eben die Treppe hinauf wollte, in den Weg und sagte gepreßt, mit
+schwer verhaltenen Tränen:
+
+»Was habe ich Ihnen getan, daß Sie nicht mehr auf mich achten? Warum
+sind Sie jetzt immer so mit mir? Und die Mama auch? Warum wollen Sie
+mich immer wegschicken? Bin ich Ihnen lästig, oder habe ich etwas
+getan?«
+
+Der Baron schrak auf. In der Stimme war etwas, das ihn verwirrte und
+weich stimmte. Mitleid überkam ihn mit dem arglosen Buben. »Edi, du bist
+ein Narr! Ich war nur schlechter Laune heute. Und du bist ein lieber
+Bub, den ich wirklich gern hab.« Dabei schüttelte er ihn am Schopf
+tüchtig hin und her, aber doch das Gesicht halb abgewendet, um nicht
+diese großen, feuchten, flehenden Kinderaugen sehen zu müssen. Die
+Komödie, die er spielte, begann ihm peinlich zu werden. Er schämte sich
+eigentlich schon, mit der Liebe dieses Kindes so frech gespielt zu
+haben, und diese dünne, von unterirdischem Schluchzen geschüttelte
+Stimme tat ihm weh. »Geh jetzt hinauf, Edi, heute abend werden wir uns
+wieder vertragen, du wirst schon sehen«, sagte er begütigend.
+
+»Aber Sie dulden nicht, daß mich Mama gleich hinaufschickt. Nicht wahr?«
+
+»Nein, nein, Edi, ich dulde es nicht«, lächelte der Baron. »Geh nur
+jetzt hinauf, ich muß mich anziehen für das Abendessen.«
+
+Edgar ging, beglückt für den Augenblick. Aber bald begann der Hammer im
+Herzen sich wieder zu rühren. Er war um Jahre älter geworden seit
+gestern; ein fremder Gast, das Mißtrauen, saß jetzt schon fest in seiner
+kindischen Brust.
+
+Er wartete. Es galt ja die entscheidende Probe. Sie saßen zusammen bei
+Tisch. Es wurde neun Uhr, aber die Mutter schickte ihn nicht zu Bett.
+Schon wurde er unruhig. Warum ließ sie ihn gerade heute so lange hier
+bleiben, sie, die sonst so genau war? Hatte ihr am Ende der Baron seinen
+Wunsch und das Gespräch verraten? Brennende Reue überfiel ihn plötzlich,
+ihm heute mit seinem vollen vertrauenden Herzen nachgelaufen zu sein. Um
+zehn erhob sich plötzlich seine Mutter und nahm Abschied vom Baron. Und
+seltsam, auch der schien durch diesen frühen Aufbruch keineswegs
+verwundert zu sein, suchte auch nicht, wie sonst immer, sie
+zurückzuhalten. Immer heftiger schlug der Hammer in der Brust des
+Kindes.
+
+Nun galt es scharfe Probe. Auch er stellte sich nichtsahnend und folgte
+ohne Widerrede seiner Mutter zur Tür. Dort aber zuckte er plötzlich auf
+mit den Augen. Und wirklich, er fing in dieser Sekunde einen lächelnden
+Blick, der über seinen Kopf von ihr gerade zum Baron hinüberging, einen
+Blick des Einverständnisses, irgendeines Geheimnisses. Der Baron hatte
+ihn also verraten. Deshalb also der frühe Aufbruch: er sollte heute
+eingewiegt werden in Sicherheit, um ihnen morgen nicht mehr im Wege zu
+sein.
+
+»Schuft«, murmelte er.
+
+»Was meinst du?« fragte die Mutter.
+
+»Nichts«, stieß er zwischen den Zähnen heraus. Auch er hatte jetzt sein
+Geheimnis. Es hieß Haß, grenzenloser Haß gegen beide.
+
+
+
+
+Schweigen
+
+
+Edgars Unruhe war nun vorbei. Endlich genoß er ein reines, klares
+Gefühl: Haß und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewiß war, ihnen im Weg
+zu sein, wurde das Zusammensein für ihn zu einer grausam komplizierten
+Wollust. Er weidete sich im Gedanken, sie zu stören, ihnen nun endlich
+mit der ganzen geballten Kraft seiner Feindseligkeit entgegenzutreten.
+Dem Baron wies er zuerst die Zähne. Als der morgens herabkam und ihn im
+Vorübergehen herzlich mit einem »Servus, Edi« begrüßte, knurrte Edgar,
+der, ohne aufzuschauen, im Fauteuil sitzen blieb, ihm nur ein hartes
+»Morgen« zurück. »Ist die Mama schon unten?« Edgar blickte in die
+Zeitung: »Ich weiß nicht.« Der Baron stutzte. Was war das auf einmal?
+»Schlecht geschlafen, Edi, was?« Ein Scherz sollte wie immer
+hinüberhelfen. Aber Edgar warf ihm nur wieder verächtlich ein »Nein« hin
+und vertiefte sich neuerdings in die Zeitung. »Dummer Bub«, murmelte der
+Baron vor sich hin, zuckte die Achseln und ging weiter. Die Feindschaft
+war erklärt.
+
+Auch gegen seine Mama war Edgar kühl und höflich. Einen ungeschickten
+Versuch, ihn auf den Tennisplatz zu schicken, wies er ruhig zurück. Sein
+Lächeln, knapp an den Lippen aufgerollt und leise von Erbitterung
+gekräuselt, zeigte, daß er sich nicht mehr betrügen lasse. »Ich gehe
+lieber mit euch spazieren, Mama«, sagte er mit falscher Freundlichkeit
+und blickte ihr in die Augen. Die Antwort war ihr sichtlich ungelegen.
+Sie zögerte und schien etwas zu suchen. »Warte hier auf mich«, entschied
+sie endlich und ging zum Frühstück.
+
+Edgar wartete. Aber sein Mißtrauen war rege. Ein unruhiger Instinkt
+arbeitete nun zwischen jedem Wort dieser beiden eine geheime feindselige
+Absicht heraus. Der Argwohn gab ihm jetzt manchmal eine merkwürdige
+Hellsichtigkeit der Entschlüsse. Und statt, wie ihm angewiesen war, in
+der Hall zu warten, zog Edgar es vor, sich auf der Straße zu postieren,
+wo er nicht nur den einen Hauptausgang, sondern alle Türen überwachen
+konnte. Irgend etwas in ihm witterte Betrug. Aber sie sollten ihm nicht
+mehr entwischen. Auf der Straße drückte er sich, wie er es in seinen
+Indianerbüchern gelernt hatte, hinter einen Holzstoß. Und lachte nur
+zufrieden, als er nach etwa einer halben Stunde seine Mutter tatsächlich
+aus der Seitentür treten sah, einen Busch prachtvoller Rosen in der Hand
+und gefolgt vom Baron, dem Verräter.
+
+Beide schienen sie sehr übermütig. Atmeten sie schon auf, ihm entgangen
+zu sein, allein für ihr Geheimnis? Sie lachten im Gespräch und schickten
+sich an, den Waldweg hinabzugehen.
+
+Jetzt war der Augenblick gekommen. Edgar schlenderte gemächlich, als
+hätte ein Zufall ihn hergeführt, hinter dem Holzstoß hervor. Ganz, ganz
+gelassen ging er auf sie zu, ließ sich Zeit, sehr viel Zeit, um sich
+ausgiebig an ihrer Überraschung zu weiden. Die beiden waren verblüfft
+und tauschten einen befremdeten Blick. Langsam, mit gespielter
+Selbstverständlichkeit kam das Kind heran und ließ seinen höhnischen
+Blick nicht von ihnen. »Ah, da bist du, Edi, wir haben dich schon drin
+gesucht«, sagte endlich die Mutter. Wie frech sie lügt, dachte das Kind.
+Aber die Lippen blieben hart. Sie hielten das Geheimnis des Hasses
+hinter den Zähnen.
+
+Unschlüssig standen sie alle drei. Einer lauerte auf den andern. »Also
+gehen wir«, sagte resigniert die verärgerte Frau und zerpflückte eine
+der schönen Rosen. Wieder dieses leichte Zittern um die Nasenflügel, das
+bei ihr Zorn verriet. Edgar blieb stehen, als ginge ihn das nichts an,
+sah ins Blaue, wartete, bis sie gingen, dann schickte er sich an, ihnen
+zu folgen. Der Baron machte noch einen Versuch. »Heute ist
+Tennisturnier, hast du das schon einmal gesehen?« Edgar blickte ihn nur
+verächtlich an. Er antwortete ihm gar nicht mehr, zog nur die Lippen
+krumm, als ob er pfeifen wollte. Das war sein Bescheid. Sein Haß wies
+die blanken Zähne.
+
+Wie ein Alp lastete nun seine unerbetene Gegenwart auf den beiden.
+Sträflinge gehen so hinter dem Wärter, mit heimlich geballten Fäusten.
+Das Kind tat eigentlich gar nichts und wurde ihnen doch in jeder Minute
+mehr unerträglich mit seinen lauernden Blicken, die feucht waren von
+verbissenen Tränen, seiner gereizten Mürrischkeit, die alle
+Annäherungsversuche wegknurrte. »Geh voraus«, sagte plötzlich wütend die
+Mutter, beunruhigt durch sein fortwährendes Lauschen. »Tanz mir nicht
+immer vor den Füßen, das macht mich nervös!« Edgar gehorchte, aber immer
+nach ein paar Schritten wandte er sich um, blieb wartend stehen, wenn
+sie zurückgeblieben waren, sie mit seinem Blick wie der schwarze Pudel
+mephistophelisch umkreisend und einspinnend in dieses feurige Netz von
+Haß, in dem sie sich unentrinnbar gefangen fühlten.
+
+Sein böses Schweigen zerriß wie eine Säure ihre gute Laune, sein Blick
+vergällte ihnen das Gespräch. Der Baron wagte kein einziges werbendes
+Wort mehr, er spürte, mit Zorn, diese Frau ihm wieder entgleiten, ihre
+mühsam angefachte Leidenschaftlichkeit jetzt auskühlen in der Furcht vor
+diesem lästigen, widerlichen Kind. Immer versuchten sie wieder zu reden,
+immer brach ihre Konversation zusammen. Schließlich trotteten sie alle
+drei schweigend über den Weg, hörten nur mehr die Bäume flüsternd
+gegeneinander schlagen und ihren eigenen verdrossenen Schritt. Das Kind
+hatte ihr Gespräch erdrosselt.
+
+Jetzt war in allen dreien die gereizte Feindseligkeit. Mit Wollust
+spürte das verratene Kind, wie sich ihre Wut wehrlos gegen seine
+mißachtete Existenz ballte. Mit zwinkernd höhnischem Blick streifte er
+ab und zu das verbissene Gesicht des Barons. Er sah, wie der zwischen
+den Zähnen Schimpfworte knirschte und an sich halten mußte, um sie nicht
+gegen ihn zu speien, merkte zugleich auch mit diabolischer Lust den
+aufsteigenden Zorn seiner Mutter, und daß beide nur einen Anlaß
+ersehnten, sich auf ihn zu stürzen, ihn wegzuschieben oder unschädlich
+zu machen. Aber er bot keine Gelegenheit, sein Haß war in langen Stunden
+berechnet und gab sich keine Blößen. »Gehen wir zurück!« sagte plötzlich
+die Mutter. Sie fühlte, daß sie nicht länger an sich halten könnte, daß
+sie etwas tun müßte, aufschreien zumindest unter dieser Folter. »Wie
+schade,« sagte Edgar ruhig, »es ist so schön.«
+
+Beide merkten, daß das Kind sie verhöhnte. Aber sie wagten nichts zu
+sagen, dieser Tyrann hatte in zwei Tagen zu wundervoll gelernt, sich zu
+beherrschen. Kein Zucken im Gesicht verriet die schneidende Ironie. Ohne
+Wort gingen sie den langen Weg wieder heim. In ihr flackerte die
+Erregung noch nach, als sie dann beide allein im Zimmer waren. Sie warf
+den Sonnenschirm und ihre Handschuhe ärgerlich weg. Edgar merkte sofort,
+daß ihre Nerven erregt waren und nach Entladung verlangten, aber er
+wollte einen Ausbruch und blieb mit Absicht im Zimmer, um sie zu reizen.
+Sie ging auf und ab, setzte sich wieder hin, ihre Finger trommelten auf
+dem Tisch, dann sprang sie wieder auf. »Wie zerrauft du bist, wie
+schmutzig du umhergehst! Es ist eine Schande vor den Leuten. Schämst du
+dich nicht in deinem Alter?« Ohne ein Wort der Gegenrede ging das Kind
+hin und kämmte sich. Dieses Schweigen, dieses obstinate kalte Schweigen
+mit dem Zittern von Hohn auf den Lippen machte sie rasend. Am liebsten
+hätte sie ihn geprügelt. »Geh auf dein Zimmer«, schrie sie ihn an. Sie
+konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen. Edgar lächelte und ging.
+
+Wie sie jetzt beide zitterten vor ihm, wie sie Angst hatten, der Baron
+und sie, vor jeder Stunde des Zusammenseins, dem unbarmherzig harten
+Griff seiner Augen! Je unbehaglicher sie sich fühlten, in um so satterem
+Wohlbehagen beglänzte sich sein Blick, um so herausfordernder wurde
+seine Freude. Edgar quälte die Wehrlosen jetzt mit der ganzen, fast noch
+tierischen Grausamkeit der Kinder. Der Baron konnte seinen Zorn noch
+dämmen, weil er immer hoffte, dem Buben noch einen Streich spielen zu
+können, und nur an sein Ziel dachte. Aber sie, die Mutter, verlor immer
+wieder die Beherrschung. Für sie war es eine Erleichterung, ihn
+anschreien zu können. »Spiel nicht mit der Gabel«, fuhr sie ihn bei
+Tisch an. »Du bist ein unerzogener Fratz, verdienst noch gar nicht unter
+Erwachsenen zu sitzen.« Edgar lächelte nur immer, lächelte, den Kopf ein
+wenig schief zur Seite gelegt. Er wußte, daß dieses Schreien
+Verzweiflung war, und empfand Stolz, daß sie sich so verrieten. Er hatte
+jetzt einen ganz ruhigen Blick, wie den eines Arztes. Früher wäre er
+vielleicht boshaft gewesen, um sie zu ärgern, aber man lernt viel und
+rasch im Haß. Jetzt schwieg er nur, schwieg und schwieg, bis sie zu
+schreien begann unter dem Druck seines Schweigens.
+
+Seine Mutter konnte es nicht länger ertragen. Als sie jetzt vom Essen
+aufstanden und Edgar wieder mit dieser selbstverständlichen
+Anhänglichkeit ihnen folgen wollte, brach es plötzlich los aus ihr. Sie
+vergaß alle Rücksicht und spie die Wahrheit aus. Gepeinigt von seiner
+schleichenden Gegenwart, bäumte sie sich wie ein von Fliegen gefoltertes
+Pferd. »Was rennst du mir immer nach wie ein dreijähriges Kind. Ich will
+dich nicht immer in der Nähe haben. Kinder gehören nicht zu Erwachsenen.
+Merk dir das! Beschäftige dich doch einmal eine Stunde mit dir selbst.
+Lies etwas oder tu, was du willst. Laß mich in Ruh! Du machst mich
+nervös mit deinem Herumschleichen, deiner widerlichen Verdrossenheit.«
+
+Endlich hatte er es ihr entrissen, das Geständnis! Edgar lächelte,
+während der Baron und sie jetzt verlegen schienen. Sie wandte sich ab
+und wollte weiter, wütend über sich selbst, daß sie ihr Unbehagen dem
+Kind eingestanden hatte. Aber Edgar sagte nur kühl: »Papa will nicht,
+daß ich allein hier herumgehe. Papa hat mir das Versprechen abgenommen,
+daß ich nicht unvorsichtig bin und bei dir bleibe.«
+
+Er betonte das Wort »Papa«, weil er damals bemerkt hatte, daß es eine
+gewisse lähmende Wirkung auf die beiden übte. Auch sein Vater mußte also
+irgendwie verstrickt sein in dieses heiße Geheimnis. Papa mußte
+irgendeine geheime Macht über die beiden haben, die er nicht kannte,
+denn schon die Erwähnung seines Namens schien ihnen Angst und Unbehagen
+zu bereiten. Auch diesmal entgegneten sie nichts. Sie streckten die
+Waffen. Die Mutter ging voran, der Baron mit ihr. Hinter ihnen kam
+Edgar, aber nicht demütig wie ein Diener, sondern hart, streng und
+unerbittlich wie ein Wächter. Unsichtbar klirrte er mit der Kette, an
+der sie rüttelten und die nicht zu zersprengen war. Der Haß hatte seine
+kindische Kraft gestählt, er, der Unwissende, war stärker als sie beide,
+denen das Geheimnis die Hände band.
+
+
+
+
+Die Lügner
+
+
+Aber die Zeit drängte. Der Baron hatte nur mehr wenige Tage, und die
+wollten genützt sein. Widerstand gegen die Hartnäckigkeit des gereizten
+Kindes war, das fühlten sie, vergeblich, und so griffen sie zum letzten,
+zum schmählichsten Ausweg: zur Flucht, nur um für eine oder zwei Stunden
+seiner Tyrannei zu entgehen.
+
+»Gib diese Briefe rekommandiert zur Post«, sagte die Mutter zu Edgar.
+Sie standen beide in der Hall, der Baron sprach draußen mit einem
+Fiaker.
+
+Mißtrauisch übernahm Edgar die beiden Briefe. Er hatte bemerkt, daß
+früher ein Diener irgendeine Botschaft seiner Mutter übermittelt hatte.
+Bereiteten sie am Ende etwas gemeinsam gegen ihn vor?
+
+Er zögerte. »Wo erwartest du mich?«
+
+»Hier.«
+
+»Bestimmt?«
+
+»Ja.«
+
+»Daß du aber nicht weggehst! Du wartest also hier in der Hall auf mich,
+bis ich zurückkomme?«
+
+Er sprach im Gefühl seiner Überlegenheit mit seiner Mutter schon
+befehlshaberisch. Seit vorgestern hatte sich viel verändert.
+
+Dann ging er mit den beiden Briefen. An der Tür stieß er mit dem Baron
+zusammen. Er sprach ihn an, zum erstenmal seit zwei Tagen. »Ich gebe nur
+die zwei Briefe auf. Meine Mama wartet auf mich, bis ich zurückkomme.
+Bitte gehen Sie nicht früher fort.«
+
+Der Baron drückte sich rasch vorbei. »Ja, ja, wir warten schon.«
+
+Edgar stürmte zum Postamt. Er mußte warten. Ein Herr vor ihm hatte ein
+Dutzend langweiliger Fragen. Endlich konnte er sich des Auftrags
+entledigen und rannte sofort mit den Rezipissen zurück. Und kam eben
+zurecht, um zu sehen, wie seine Mutter und der Baron im Fiaker
+davonfuhren.
+
+Er war starr vor Wut. Fast hätte er sich niedergebückt und ihnen einen
+Stein nachgeschleudert. Sie waren ihm also doch entkommen, aber mit
+einer wie gemeinen, wie schurkischen Lüge! Daß seine Mutter log, wußte
+er seit gestern. Aber daß sie so schamlos sein konnte, ein offenes
+Versprechen zu mißachten, das zerriß ihm ein letztes Vertrauen. Er
+verstand das ganze Leben nicht mehr, seit er sah, daß die Worte, hinter
+denen er die Wirklichkeit vermutet hatte, nur farbige Blasen waren, die
+sich blähten und in nichts zersprangen. Aber was für ein furchtbares
+Geheimnis mußte das sein, das erwachsene Menschen so weit trieb, ihn,
+ein Kind, zu belügen, sich wegzustehlen wie Verbrecher? In den Büchern,
+die er gelesen hatte, mordeten und betrogen die Menschen, um Geld zu
+gewinnen, oder Macht, oder Königreiche. Was aber war hier die Ursache,
+was wollten diese beiden, warum versteckten sie sich vor ihm, was
+suchten sie unter hundert Lügen zu verhüllen? Er zermarterte sein
+Gehirn. Dunkel spürte er, daß dieses Geheimnis der Riegel der Kindheit
+sei, daß, es erobert zu haben, bedeutete, erwachsen zu sein, endlich,
+endlich ein Mann. Oh, es zu fassen! Aber er konnte nicht mehr klar
+denken. Die Wut, daß sie ihm entkommen waren, verbrannte und verqualmte
+ihm den klaren Blick.
+
+Er lief hinaus in den Wald, gerade konnte er sich noch ins Dunkel
+retten, wo ihn niemand sah, und da brach es heraus, in einem Strom
+heißer Tränen. »Lügner, Hunde, Betrüger, Schurken« -- er mußte diese
+Worte laut herausschreien, sonst wäre er erstickt. Die Wut, die
+Ungeduld, der Ärger, die Neugier, die Hilflosigkeit und der Verrat der
+letzten Tage, im kindischen Krampf, im Wahn seiner Erwachsenheit
+niedergehalten, sprengten jetzt die Brust und wurden Tränen. Es war das
+letzte Weinen seiner Kindheit, das letzte wildeste Weinen, zum
+letztenmal gab er sich weibisch hin an die Wollust der Tränen. Er weinte
+in dieser Stunde fassungsloser Wut alles aus sich heraus, Vertrauen,
+Liebe, Gläubigkeit, Respekt -- seine ganze Kindheit.
+
+Der Knabe, der dann zum Hotel zurückging, war ein anderer. Er war kühl
+und handelte vorbedacht. Zunächst ging er in sein Zimmer, wusch
+sorgfältig das Gesicht und die Augen, um den beiden nicht den Triumph zu
+gönnen, die Spuren seiner Tränen zu sehen. Dann bereitete er die
+Abrechnung vor. Und wartete geduldig, ohne jede Unruhe.
+
+Die Hall war recht gut besucht, als der Wagen mit den beiden Flüchtigen
+draußen wieder hielt. Ein paar Herren spielten Schach, andere lasen ihre
+Zeitung, die Damen plauderten. Unter ihnen hatte reglos, ein wenig blaß
+mit zitternden Blicken das Kind gesessen. Als jetzt seine Mutter und der
+Baron zur Türe hereinkamen, ein wenig geniert, ihn so plötzlich zu
+sehen, und schon die vorbereitete Ausrede stammeln wollten, trat er
+ihnen aufrecht und ruhig entgegen und sagte herausfordernd: »Herr Baron,
+ich möchte Ihnen etwas sagen.«
+
+Dem Baron wurde es unbehaglich. Er kam sich irgendwie ertappt vor. »Ja,
+ja, später, gleich!«
+
+Aber Edgar warf die Stimme hoch und sagte hell und scharf, daß alle
+rings es hören konnten: »Ich will aber jetzt mit Ihnen reden. Sie haben
+sich niederträchtig benommen. Sie haben mich angelogen. Sie wußten, daß
+meine Mama auf mich wartet, und sind ...«
+
+»Edgar!« schrie die Mutter, die alle Blicke auf sich gerichtet sah, und
+stürzte gegen ihn los.
+
+Aber das Kind kreischte jetzt, da es sah, daß sie seine Worte
+überschreien wollten, plötzlich gellend auf:
+
+»Ich sage es Ihnen nochmals vor allen Leuten. Sie haben infam gelogen,
+und das ist gemein, das ist erbärmlich.«
+
+Der Baron stand blaß, die Leute starrten auf, einige lächelten.
+
+Die Mutter packte das vor Erregung zitternde Kind: »Komm sofort auf dein
+Zimmer, oder ich prügle dich hier vor allen Leuten«, stammelte sie
+heiser.
+
+Edgar aber war schon wieder ruhig. Es tat ihm leid, so leidenschaftlich
+gewesen zu sein. Er war unzufrieden mit sich selbst, denn eigentlich
+wollte er ja den Baron kühl herausfordern, aber die Wut war wilder
+gewesen als sein Wille. Ruhig, ohne Hast wandte er sich zur Treppe.
+
+»Entschuldigen Sie, Herr Baron, seine Ungezogenheit. Sie wissen ja, er
+ist ein nervöses Kind«, stotterte sie noch, verwirrt von den ein wenig
+hämischen Blicken der Leute, die sie ringsum anstarrten. Nichts in der
+Welt war ihr fürchterlicher als Skandal, und sie wußte, daß sie nun
+Haltung bewahren mußte. Statt gleich die Flucht zu ergreifen, ging sie
+zuerst zum Portier, fragte nach Briefen und anderen gleichgültigen
+Dingen und rauschte dann hinauf, als ob nichts geschehen wäre. Aber
+hinter ihr wisperte ein leises Kielwasser von Zischeln und unterdrücktem
+Gelächter.
+
+Unterwegs verlangsamte sich ihr Schritt. Sie war immer ernsten
+Situationen gegenüber hilflos und hatte eigentlich Angst vor dieser
+Auseinandersetzung. Daß sie schuldig war, konnte sie nicht leugnen, und
+dann: sie fürchtete sich vor dem Blick des Kindes, diesem neuen,
+fremden, so merkwürdigen Blick, der sie lähmte und unsicher machte. Aus
+Furcht beschloß sie, es mit Milde zu versuchen. Denn bei einem Kampf
+war, das wußte sie, dieses gereizte Kind jetzt der Stärkere.
+
+Leise klinkte sie die Türe auf. Der Bub saß da, ruhig und kühl. Die
+Augen, die er zu ihr aufhob, waren ganz ohne Angst, verrieten nicht
+einmal Neugierde. Er schien sehr sicher zu sein.
+
+»Edgar,« begann sie möglichst mütterlich, »was ist dir eingefallen? Ich
+habe mich geschämt für dich. Wie kann man nur so ungezogen sein, schon
+gar als Kind zu einem Erwachsenen! Du wirst dich dann sofort beim Herrn
+Baron entschuldigen.«
+
+Edgar schaute zum Fenster hinaus. Das »Nein« sagte er gleichsam zu den
+Bäumen gegenüber.
+
+Seine Sicherheit begann sie zu befremden.
+
+»Edgar, was geht denn vor mit dir? Du bist ja ganz anders als sonst? Ich
+kenne mich gar nicht mehr in dir aus. Du warst doch sonst immer ein
+kluges, artiges Kind, mit dem man reden konnte. Und auf einmal benimmst
+du dich so, als sei der Teufel in dich gefahren. Was hast du denn gegen
+den Baron? Du hast ihn doch sehr gern gehabt. Er war immer so lieb gegen
+dich.«
+
+»Ja, weil er dich kennen lernen wollte.«
+
+Ihr wurde unbehaglich. »Unsinn! Was fällt dir ein. Wie kannst du so
+etwas denken?«
+
+Aber da fuhr das Kind auf.
+
+»Ein Lügner ist er, ein falscher Mensch. Was er tut, ist Berechnung und
+Gemeinheit. Er hat dich kennen lernen wollen, deshalb war er freundlich
+zu mir und hat mir einen Hund versprochen. Ich weiß nicht, was er dir
+versprochen hat und warum er zu dir freundlich ist, aber auch von dir
+will er etwas, Mama, ganz bestimmt. Sonst wäre er nicht so höflich und
+freundlich. Er ist ein schlechter Mensch. Er lügt. Sieh dir ihn nur
+einmal an, wie falsch er immer schaut. Oh, ich hasse ihn, diesen
+erbärmlichen Lügner, diesen Schurken ...«
+
+»Aber Edgar, wie kann man so etwas sagen.« Sie war verwirrt und wußte
+nicht zu antworten. In ihr regte sich ein Gefühl, das dem Kind recht
+gab.
+
+»Ja, er ist ein Schurke, das lasse ich mir nicht ausreden. Das mußt du
+selbst sehen. Warum hat er denn Angst vor mir? Warum versteckt er sich
+vor mir? Weil er weiß, daß ich ihn durchschaue, daß ich ihn kenne,
+diesen Schurken!«
+
+»Wie kann man so etwas sagen, wie kann man so etwas sagen.« Ihr Gehirn
+war ausgetrocknet, nur die Lippen stammelten blutlos immer wieder die
+beiden Sätze. Sie begann jetzt plötzlich eine furchtbare Angst zu haben
+und wußte eigentlich nicht, ob vor dem Baron oder vor dem Kinde.
+
+Edgar sah, daß seine Mahnung Eindruck machte. Und es verlockte ihn, sie
+zu sich herüberzureißen, einen Genossen zu haben im Hasse, in der
+Feindschaft gegen ihn. Weich ging er auf seine Mutter zu, umfaßte sie,
+und seine Stimme wurde schmeichlerisch vor Erregung. »Mama,« sagte er,
+»du mußt es doch selbst bemerkt haben, daß er nichts Gutes will. Er hat
+dich ganz anders gemacht. Du bist verändert und nicht ich. Er hat dich
+aufgehetzt gegen mich, nur um dich allein zu haben. Sicher will er dich
+betrügen. Ich weiß nicht, was er dir versprochen hat. Ich weiß nur, er
+wird es nicht halten. Du solltest dich hüten vor ihm. Wer einen belügt,
+belügt auch den andern. Er ist ein böser Mensch, dem man nicht trauen
+soll.«
+
+Diese Stimme, weich und fast in Tränen, klang wie aus ihrem eigenen
+Herzen. In ihr war seit gestern ein Mißbehagen erwacht, das ihr dasselbe
+sagte: eindringlicher und eindringlicher. Aber sie schämte sich, dem
+eigenen Kinde recht zu geben. Und rettete sich, wie viele, aus der
+Verlegenheit eines überwältigenden Gefühls in die Rauheit des Ausdrucks.
+Sie reckte sich auf.
+
+»Kinder verstehen so etwas nicht. Du hast in solche Sachen nicht
+dreinzureden. Du hast dich anständig zu benehmen. Das ist alles.«
+
+Edgars Gesicht fror wieder kalt ein. »Wie du meinst,« sagte er hart,
+»ich habe dich gewarnt.«
+
+»Also du willst dich nicht entschuldigen?«
+
+»Nein.«
+
+Sie standen sich schroff gegenüber. Sie fühlte, es ging um ihre
+Autorität.
+
+»Dann wirst du hier oben speisen. Allein. Und nicht eher an unseren
+Tisch kommen, bis du dich entschuldigt hast. Ich werde dich noch
+Manieren lehren. Du wirst dich nicht vom Zimmer rühren, bis ich es dir
+erlaube. Hast du verstanden?«
+
+Edgar lächelte. Dieses tückische Lächeln schien schon mit seinen Lippen
+verwachsen zu sein. Innerlich war er zornig gegen sich selbst. Wie
+töricht von ihm, daß er wieder einmal sein Herz hat entlaufen lassen und
+sie, die Lügnerin, noch warnen wollte.
+
+Die Mutter rauschte hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen. Sie
+fürchtete diese schneidenden Augen. Das Kind war ihr unbehaglich
+geworden, seit sie fühlte, daß es seine Augen offen hatte und ihr gerade
+das sagte, was sie nicht wissen und nicht hören wollte. Schreckhaft war
+es ihr, eine innere Stimme, ihr Gewissen, abgelöst von sich selber, als
+Kind verkleidet, als ihr eigenes Kind herumgehen und sie warnen, sie
+verhöhnen zu sehn. Bisher war dieses Kind neben ihrem Leben gewesen, ein
+Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und Vertrautes, manchmal
+vielleicht eine Last, aber immer etwas, das in derselben Strömung im
+gleichen Takt ihres Lebens lief. Zum erstenmal bäumte das sich heute auf
+und trotzte gegen ihren Willen. Etwas wie Haß mischte sich jetzt immer
+in die Erinnerung an ihr Kind.
+
+Aber dennoch: jetzt, da sie die Treppe, ein wenig müde, niederstieg,
+klang die kindische Stimme aus ihrer eigenen Brust. »Du solltest dich
+hüten vor ihm.« -- Die Mahnung ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Da
+glänzte ihr im Vorüberschreiten ein Spiegel entgegen, fragend blickte
+sie hinein, tiefer und immer tiefer, bis sich dort die Lippen leise
+lächelnd auftaten und sich rundeten wie zu einem gefährlichen Wort. Noch
+immer klang von innen die Stimme; aber sie warf die Achseln hoch, als
+schüttelte sie all diese unsichtbaren Bedenken von sich ab, gab dem
+Spiegel einen hellen Blick, raffte das Kleid und ging hinab mit der
+entschlossenen Geste eines Spielers, der sein letztes Goldstück klingend
+über den Tisch rollen läßt.
+
+
+
+
+Spuren im Mondlicht
+
+
+Der Kellner, der Edgar das Essen in seinen Stubenarrest gebracht hatte,
+schloß die Türe. Hinter ihm knackte das Schloß. Das Kind fuhr wütend
+auf: das war offenbar im Auftrag seiner Mutter geschehen, daß man ihn
+einsperrte wie ein bösartiges Tier. Finster rang es sich aus ihm.
+
+»Was geschieht nun da drunten, während ich hier eingeschlossen bin? Was
+mögen die beiden jetzt bereden? Geschieht am Ende jetzt dort das
+Geheime, und ich muß es versäumen? Oh, dieses Geheimnis, das ich immer
+und überall spüre, wenn ich unter Erwachsenen bin, vor dem sie die Türe
+zuschließen in der Nacht, das sie in leises Gespräch versenken, trete
+ich unversehens herein, dieses große Geheimnis, das mir jetzt seit Tagen
+nahe ist, hart vor den Händen, und das ich noch immer nicht greifen
+kann! Was habe ich nicht schon getan, um es zu fassen! Ich habe Papa
+damals Bücher aus dem Schreibtisch gestohlen und sie gelesen, und alle
+diese merkwürdigen Dinge waren darin, nur daß ich sie nicht verstand. Es
+muß irgendwie ein Siegel daran sein, das erst abzulösen ist, um es zu
+finden, vielleicht in mir, vielleicht in den anderen. Ich habe das
+Dienstmädchen gefragt, sie gebeten, mir diese Stellen in den Büchern zu
+erklären, aber sie hat mich ausgelacht. Furchtbar, Kind zu sein, voll
+von Neugier, und doch niemand fragen zu dürfen, immer lächerlich zu sein
+vor diesen Großen, als ob man etwas Dummes oder Nutzloses wäre. Aber ich
+werde es erfahren, ich fühle, ich werde es jetzt bald wissen. Ein Teil
+ist schon in meinen Händen, und ich will nicht früher ablassen, ehe ich
+das Ganze besitze!«
+
+Er horchte, ob niemand käme. Ein leichter Wind flog draußen durch die
+Bäume und brach den starren Spiegel des Mondlichtes zwischen dem Geäste
+in hundert schwanke Splitter.
+
+»Es kann nichts Gutes sein, was die beiden vorhaben, sonst hätten sie
+nicht solche erbärmliche Lügen gesucht, um mich fortzukriegen. Gewiß,
+sie lachen jetzt über mich, die Verfluchten, daß sich mich endlich los
+sind, aber ich werde zuletzt lachen. Wie dumm von mir, mich hier
+einsperren zu lassen, ihnen eine Sekunde Freiheit zu geben, statt an
+ihnen zu kleben und jede ihrer Bewegungen zu belauschen. Ich weiß, die
+Großen sind ja immer unvorsichtig, und auch sie werden sich verraten.
+Sie glauben immer von uns, daß wir noch ganz klein sind und abends immer
+schlafen, sie vergessen, daß man sich auch schlafend stellen kann und
+lauschen, daß man sich dumm geben kann und sehr klug sein. Jüngst, wie
+meine Tante ein Kind bekam, haben sie es lange vorausgewußt und sich nur
+vor mir verwundert gestellt, als seien sie überrascht worden. Aber ich
+habe es auch gewußt, denn ich habe sie reden gehört, vor Wochen am
+Abend, als sie glaubten, ich schliefe. Und so werde ich auch diesmal sie
+überraschen, diese Niederträchtigen. Oh, wenn ich durch die Türe spähen
+könnte, sie heimlich jetzt beobachten, während sie sich sicher wähnen.
+Sollte ich nicht vielleicht läuten jetzt, dann käme das Mädchen, sperrte
+die Tür auf und fragte, was ich wollte. Oder ich könnte poltern, könnte
+Geschirr zerschlagen, dann sperrte man auch auf. Und in dieser Sekunde
+könnte ich hinausschlüpfen und sie belauschen. Aber nein, das will ich
+nicht. Niemand soll sehen, wie niederträchtig sie mich behandeln. Ich
+bin zu stolz dazu. Morgen will ich es ihnen schon heimzahlen.«
+
+Unten lachte eine Frauenstimme. Edgar schrak zusammen: das könnte seine
+Mutter sein. Die hatte ja Grund zu lachen, ihn zu verhöhnen, den
+Kleinen, Hilflosen, hinter dem man den Schlüssel abdrehte, wenn er
+lästig war, den man in den Winkel warf wie ein Bündel nasser Kleider.
+Vorsichtig beugte er sich zum Fenster hinaus. Nein, sie war es nicht,
+sondern fremde, übermütige Mädchen, die einen Burschen neckten.
+
+Da, in dieser Minute bemerkte er, wie wenig hoch sich eigentlich sein
+Fenster über die Erde erhob. Und schon, kaum daß ers merkte, war der
+Gedanke da: hinausspringen, jetzt, wo sie sich ganz sicher wähnten, sie
+belauschen. Er fieberte vor Freude über seinen Entschluß. Ihm war, als
+hielt er damit das große, das funkelnde Geheimnis der Kindheit in den
+Händen. »Hinaus, hinaus«, zitterte es in ihm. Gefahr war keine. Menschen
+gingen nicht vorüber, und schon sprang er. Es gab ein leises Geräusch
+von knirschendem Kies, das keiner vernahm.
+
+In diesen zwei Tagen war ihm das Beschleichen, das Lauern zur Lust
+seines Lebens geworden. Und Wollust fühlte er jetzt gemengt mit einem
+leisen Schauer von Angst, als er auf ganz leisen Sohlen um das Hotel
+schlich, sorgsam den stark ausstrahlenden Widerschein der Lichter
+vermeidend. Zunächst blickte er, die Wange vorsichtig an die Scheiben
+pressend, in den Speisesaal. Ihr gewohnter Platz war leer. Er spähte
+dann weiter, von Fenster zu Fenster. Ins Hotel selbst wagte er sich
+nicht hinein, aus Furcht, er könnte ihnen zwischen den Gängen
+unversehens in den Weg laufen. Nirgends waren sie zu finden. Schon
+wollte er verzweifeln, da sah er zwei Schatten aus der Türe vorfallen
+und -- er zuckte zurück und duckte sich in das Dunkel -- seine Mutter
+mit ihrem nun unvermeidlichen Begleiter heraustreten. Gerade war er also
+zurecht gekommen. Was sprachen sie? Er konnte es nicht verstehen. Sie
+redeten leise, und der Wind rumorte zu unruhig in den Bäumen. Jetzt aber
+zog deutlich ein Lachen vorüber, die Stimme seiner Mutter. Es war ein
+Lachen, das er an ihr gar nicht kannte, ein seltsam scharfes, wie
+gekitzeltes, gereiztes nervöses Lachen, das ihn fremd anmutete und vor
+dem er erschrak. Sie lachte. Also konnte es nichts Gefährliches sein,
+nicht etwas ganz Großes und Gewaltiges, das man vor ihm verbarg. Edgar
+war ein wenig enttäuscht.
+
+Aber warum verließen sie das Hotel? Wohin gingen sie jetzt allein in der
+Nacht? Hoch oben mußten mit riesigen Flügeln Winde dahinstreifen, denn
+der Himmel, eben noch rein und mondklar, wurde jetzt dunkel. Schwarze
+Tücher, von unsichtbaren Händen geworfen, wickelten manchmal den Mond
+ein, und die Nacht wurde dann so undurchdringlich, daß man kaum den Weg
+sehen konnte, um bald wieder hell zu glänzen, wenn sich der Mond
+befreite. Silber floß kühl über die Landschaft. Geheimnisvoll war dieses
+Spiel zwischen Licht und Schatten und aufreizend wie das Spiel einer
+Frau mit Blöße und Verhüllungen. Gerade jetzt entkleidete die Landschaft
+wieder ihren blanken Leib: Edgar sah schräg über dem Weg die wandelnden
+Silhouetten, oder vielmehr die eine, denn so aneinander gepreßt gingen
+sie, als drängte sie eine innere Furcht zusammen. Aber wohin gingen sie
+jetzt, die beiden? Die Föhren ächzten, es war eine unheimliche
+Geschäftigkeit im Wald, als wühlte die wilde Jagd darin. »Ich folge
+ihnen,« dachte Edgar, »sie können meinen Schritt nicht hören in diesem
+Aufruhr von Wind und Wald.« Und er sprang, indes die unten auf der
+breiten, hellen Straße gingen, oben im Gehölz von einem Baum zum anderen
+leise weiter, von Schatten zu Schatten. Er folgte ihnen zäh und
+unerbittlich, segnete den Wind, der seine Schritte unhörbar machte, und
+verfluchte ihn, weil er ihm immer die Worte von drüben wegtrug. Nur
+einmal, wenn er hätte ihr Gespräch hören können, war er sicher, das
+Geheimnis zu halten.
+
+Die beiden unten gingen ahnungslos. Sie fühlten sich selig allein in
+dieser weiten verwirrten Nacht und verloren sich in ihrer wachsenden
+Erregung. Keine Ahnung warnte sie, daß oben im vielverzweigten Dunkel
+jedem ihrer Schritte gefolgt wurde und zwei Augen sie mit der ganzen
+Kraft von Haß und Neugier umkrallt hielten.
+
+Plötzlich blieben sie stehen. Auch Edgar hielt sofort inne und preßte
+sich enge an einen Baum. Ihn befiel eine stürmische Angst. Wie, wenn sie
+jetzt umkehrten und vor ihm das Hotel erreichten, wenn er sich nicht
+retten konnte in sein Zimmer und die Mutter es leer fand? Dann war alles
+verloren, dann wußten sie, daß er sie heimlich belauerte, und er durfte
+nie mehr hoffen, ihnen das Geheimnis zu entreißen. Aber die beiden
+zögerten, offenbar in einer Meinungsverschiedenheit. Glücklicherweise
+war Mondlicht, und er konnte alles deutlich sehen. Der Baron deutete auf
+einen dunklen schmalen Seitenweg, der in das Tal hinabführte, wo das
+Mondlicht nicht wie hier auf der Straße einen weiten vollen Strom
+rauschte, sondern nur in Tropfen und seltsamen Strahlen durchs Dickicht
+sickerte. »Warum will er dort hinab?« zuckte es in Edgar. Seine Mutter
+schien »nein« zu sagen, er aber, der andere, sprach ihr zu. Edgar konnte
+an der Art seiner Gestikulation merken, wie eindringlich er sprach.
+Angst befiel das Kind. Was wollte dieser Mensch von seiner Mutter? Warum
+versuchte er, dieser Schurke, sie ins Dunkel zu schleppen? Aus seinen
+Büchern, die für ihn die Welt waren, kamen plötzlich lebendige
+Erinnerungen von Mord und Entführung, von finsteren Verbrechen.
+Sicherlich, er wollte sie ermorden, und dazu hatte er ihn weggehalten,
+sie einsam hierher gelockt. Sollte er Hilfe schreien? Mörder! Der Ruf
+saß ihm schon ganz oben in der Kehle, aber die Lippen waren vertrocknet
+und brachten keinen Laut heraus. Seine Nerven spannten sich vor
+Aufregung, kaum konnte er sich gerade halten, erschreckt vor Angst griff
+er nach einem Halt -- da knackte ihm ein Zweig unter den Händen.
+
+Die beiden wandten sich erschreckt um und starrten ins Dunkel. Edgar
+blieb stumm an den Baum gelehnt mit angepreßten Armen, den kleinen
+Körper tief in den Schatten geduckt. Es blieb Totenstille. Aber doch,
+sie schienen erschreckt. »Kehren wir um«, hörte er seine Mutter sagen.
+Es klang geängstigt von ihren Lippen. Der Baron, offenbar selbst
+beunruhigt, willigte ein. Die beiden gingen langsam und eng aneinander
+geschmiegt zurück. Ihre innere Befangenheit war Edgars Glück. Auf allen
+vieren, ganz unten im Holz, kroch er, die Hände sich blutig reißend, bis
+zur Wendung des Waldes, von dort lief er mit aller Geschwindigkeit, daß
+ihm der Atem stockte, bis zum Hotel und da mit ein paar Sprüngen hinauf.
+Der Schlüssel, der ihn eingesperrt hatte, steckte glücklicherweise von
+außen, er drehte ihn um, stürzte ins Zimmer und schon hin aufs Bett. Ein
+paar Minuten mußte er rasten, denn das Herz schlug ungestüm an seine
+Brust, wie ein Klöppel an die klingende Glockenwand.
+
+Dann wagte er sich auf, lehnte am Fenster und wartete, bis sie kamen. Es
+dauerte lange. Sie mußten sehr, sehr langsam gegangen sein. Vorsichtig
+spähte er aus dem umschatteten Rahmen. Jetzt kamen sie langsam daher,
+Mondlicht auf den Kleidern. Gespensterhaft sahen sie aus in diesem
+grünen Licht, und wieder überfiel ihn das süße Grauen, ob das wirklich
+ein Mörder sei und welch furchtbares Geschehen er durch seine Gegenwart
+verhindert hatte. Deutlich sah er in die kreidehellen Gesichter. In dem
+seiner Mutter war ein Ausdruck von Verzücktheit, den er an ihr nicht
+kannte, er hingegen schien hart und verdrossen. Offenbar, weil ihm seine
+Absicht mißlungen war.
+
+Ganz nahe waren sie schon. Erst knapp vor dem Hotel lösten sich ihre
+Gestalten voneinander. Ob sie heraufsehen würden? Nein, keiner blickte
+herauf. »Sie haben mich vergessen«, dachte der Knabe mit einem wilden
+Ingrimm, mit einem heimlichen Triumph, »aber ich nicht euch. Ihr denkt
+wohl, daß ich schlafe oder nicht auf der Welt bin, aber ihr sollt eueren
+Irrtum sehen. Jeden Schritt will ich euch überwachen, bis ich ihm, dem
+Schurken, das Geheimnis entrissen habe, das furchtbare, das mich nicht
+schlafen läßt. Ich werde euer Bündnis schon zerreißen. Ich schlafe
+nicht.«
+
+Langsam traten die beiden in die Türe. Und als sie jetzt, einer hinter
+dem anderen, hineingingen, umschlangen sich wieder für eine Sekunde die
+fallenden Silhouetten, als einziger schwarzer Streif schwand ihr
+Schatten in die erhellte Tür. Dann lag der Platz im Mondlicht wieder
+blank vor dem Hause, wie eine weite Wiese von Schnee.
+
+
+
+
+Der Überfall
+
+
+Edgar trat atmend zurück vom Fenster. Das Grauen schüttelte ihn. Noch
+nie war er in seinem Leben ähnlich Geheimnisvollem so nah gewesen. Die
+Welt der Aufregungen, der spannenden Abenteuer, jene Welt von Mord und
+Betrug aus seinen Büchern war in seiner Anschauung immer dort gewesen,
+wo die Märchen waren, hart hinter den Träumen, im Unwirklichen und
+Unerreichbaren. Jetzt auf einmal aber schien er mitten hineingeraten in
+diese grauenhafte Welt, und sein ganzes Wesen wurde fieberhaft
+geschüttelt durch so unverhoffte Begegnung. Wer war dieser Mensch, der
+geheimnisvolle, der plötzlich in ihr ruhiges Leben getreten war? War er
+wirklich ein Mörder, daß er immer das Entlegene suchte und seine Mutter
+hinschleppen wollte, wo es dunkel war? Furchtbares schien bevorzustehen.
+Er wußte nicht, was zu tun. Morgen, das war er sicher, wollte er dem
+Vater schreiben oder telegraphieren. Aber konnte es nicht noch jetzt
+geschehen, heute abend? Noch war ja seine Mutter nicht in ihrem Zimmer,
+noch war sie mit diesem verhaßten, fremden Menschen. Zwischen der
+inneren Tür und der äußeren, leicht beweglichen Tapetentür war ein
+schmaler Zwischenraum, nicht größer als das Innere eines
+Kleiderschrankes. Dort in diese Handbreit Dunkel preßte er sich hinein,
+um auf ihre Schritte im Gang zu lauern. Denn nicht einen Augenblick, so
+hatte er beschlossen, wollte er sie allein lassen. Der Gang lag jetzt um
+Mitternacht leer, matt nur beleuchtet von einer einzelnen Flamme.
+
+Endlich -- die Minuten dehnten sich ihm fürchterlich -- hörte er
+behutsame Schritte heraufkommen. Er horchte angestrengt. Es war nicht
+ein rasches Losschreiten, wie wenn jemand gerade in sein Zimmer will,
+sondern schleifende, zögernde, sehr verlangsamte Schritte, wie einen
+unendlich schweren und steilen Weg empor. Dazwischen immer wieder
+Geflüster und ein Innehalten. Edgar zitterte vor Erregung. Waren es am
+Ende die beiden, blieb er noch immer mit ihr? Das Flüstern war zu
+entfernt. Aber die Schritte, wenn auch noch zögernd, kamen immer näher.
+Und jetzt hörte er auf einmal die verhaßte Stimme des Barons leise und
+heiser etwas sagen, das er nicht verstand, und dann gleich die seiner
+Mutter in rascher Abwehr: »Nein, nicht heute! Nein.«
+
+Edgar zitterte, sie kamen näher, und er mußte alles hören. Jeder
+Schritt, so leise er auch war, tat ihm weh in der Brust. Und die Stimme,
+wie häßlich schien sie ihm, diese gierig werbende, widerliche Stimme des
+Verhaßten! »Seien Sie nicht grausam. Sie waren so schön heute abend.«
+Und die andere wieder: »Nein, ich darf nicht, ich kann nicht, lassen Sie
+mich los.«
+
+Es ist so viel Angst in der Stimme seiner Mutter, daß das Kind
+erschrickt. Was will er denn noch von ihr? Warum fürchtet sie sich? Sie
+sind immer näher gekommen und müssen jetzt schon ganz vor seiner Tür
+sein. Knapp hinter ihnen steht er, zitternd und unsichtbar, eine Hand
+weit, geschützt nur durch die dünne Scheibe Tuch. Die Stimmen sind jetzt
+atemnah.
+
+»Kommen Sie, Mathilde, kommen Sie!« Wieder hört er seine Mutter stöhnen,
+schwächer jetzt, in erlahmendem Widerstand.
+
+Aber was ist dies? Sie sind ja weiter gegangen im Dunkeln. Seine Mutter
+ist nicht in ihr Zimmer, sondern daran vorbeigegangen! Wohin schleppt er
+sie? Warum spricht sie nicht mehr? Hat er ihr einen Knebel in den Mund
+gestopft, preßt er ihr die Kehle zu?
+
+Die Gedanken machen ihn wild. Mit zitternder Hand stößt er die Türe eine
+Spannweite auf. Jetzt sieht er im dunkelnden Gang die beiden. Der Baron
+hat seiner Mutter den Arm um die Hüfte geschlungen und führt sie, die
+schon nachzugeben scheint, leise fort. Jetzt macht er halt vor seinem
+Zimmer. »Er will sie wegschleppen,« erschrickt das Kind, »jetzt will er
+das Furchtbare tun.«
+
+Ein wilder Ruck, er schlägt die Türe zu und stürzt hinaus, den beiden
+nach. Seine Mutter schreit auf, wie jetzt da aus dem Dunkel plötzlich
+etwas auf sie losstürzt, scheint in eine Ohnmacht gesunken, vom Baron
+nur mühsam gehalten. Der aber fühlt in dieser Sekunde eine kleine,
+schwache Faust in seinem Gesicht, die ihm die Lippe hart an die Zähne
+schlägt, etwas, was sich katzenhaft an seinen Körper krallt. Er läßt die
+Erschreckte los, die rasch entflieht, und schlägt blind, ehe er noch
+weiß, gegen wen er sich wehrt, mit der Faust zurück.
+
+Das Kind weiß, daß es der Schwächere ist, aber es gibt nicht nach.
+Endlich, endlich ist der Augenblick da, der lang ersehnte, all die
+verratene Liebe, den aufgestapelten Haß leidenschaftlich zu entladen. Er
+hämmert mit seinen kleinen Fäusten blind drauflos, die Lippen verbissen
+in einer fiebrigen, sinnlosen Gereiztheit. Auch der Baron hat ihn jetzt
+erkannt, auch er steckt voll Haß gegen diesen heimlichen Spion, der ihm
+die letzten Tage vergällte und das Spiel verdarb; er schlägt derb
+zurück, wohin es eben trifft. Edgar stöhnt auf, läßt aber nicht los und
+schreit nicht um Hilfe. Sie ringen eine Minute stumm und verbissen in
+dem mitternächtigen Gang. Allmählich wird dem Baron das Lächerliche
+seines Kampfes mit einem halbwüchsigen Buben bewußt, er packt ihn fest
+an, um ihn wegzuschleudern. Aber das Kind, wie es jetzt seine Muskeln
+nachlassen spürt und weiß, daß es in der nächsten Sekunde der Besiegte,
+der Geprügelte sein wird, schnappt in wilder Wut nach dieser starken,
+festen Hand, die ihn im Nacken fassen will. Unwillkürlich stößt der
+Gebissene einen dumpfen Schrei aus und läßt frei -- eine Sekunde, die
+das Kind benützt, um in sein Zimmer zu flüchten und den Riegel
+vorzuschieben.
+
+Eine Minute nur hat dieser mitternächtige Kampf gedauert. Niemand rechts
+und links hat ihn gehört. Alles ist still, alles scheint in Schlaf
+ertrunken. Der Baron wischt sich die blutende Hand mit dem Taschentuch,
+späht beunruhigt in das Dunkel. Niemand hat gelauscht. Nur oben
+flimmert -- ihm dünkt: höhnisch -- ein letztes, unruhiges Licht.
+
+
+
+
+Gewitter
+
+
+»War das Traum, ein böser, gefährlicher Traum?« fragte sich Edgar am
+nächsten Morgen, als er mit versträhntem Haar aus einer Wirrnis von
+Angst erwachte. Den Kopf quälte dumpfes Dröhnen, die Gelenke ein
+erstarrtes, hölzernes Gefühl, und jetzt, wie er an sich hinabsah, merkte
+er erschreckt, daß er noch in den Kleidern stak. Er sprang auf, taumelte
+an den Spiegel und schauerte zurück vor seinem eigenen blassen,
+verzerrten Gesicht, das über der Stirne zu einem rötlichen Striemen
+verschwollen war. Mühsam raffte er seine Gedanken zusammen und erinnerte
+sich jetzt beängstigt an alles, an den nächtigen Kampf draußen im Gang,
+sein Zurückstürzen ins Zimmer, und daß er dann, zitternd im Fieber,
+angezogen und fluchtbereit sich auf das Bett geworfen habe. Dort mußte
+er eingeschlafen sein, hinabgestürzt in diesen dumpfen, verhangenen
+Schlaf, in dessen Träumen dann all dies noch einmal wiedergekehrt war,
+nur anders und noch furchtbarer, mit einem feuchten Geruch von frischem,
+fließendem Blut.
+
+Unten gingen Schritte knirschend über den Kies, Stimmen flogen wie
+unsichtbare Vögel herauf, und die Sonne griff tief ins Zimmer hinein. Es
+mußte schon spät am Vormittag sein, aber die Uhr, die er erschreckt
+befragte, deutete auf Mitternacht, er hatte in seiner Aufregung
+vergessen, sie gestern aufzuziehen. Und diese Ungewißheit, irgendwo lose
+in der Zeit zu hängen, beunruhigte ihn, verstärkt durch das Gefühl der
+Unkenntnis, was eigentlich geschehen war. Er richtete sich rasch
+zusammen und ging hinab, Unruhe und ein leises Schuldgefühl im Herzen.
+
+Im Frühstückszimmer saß seine Mama allein am gewohnten Tisch. Edgar
+atmete auf, daß sein Feind nicht zugegen war, daß er sein verhaßtes
+Gesicht nicht sehen mußte, in das er gestern im Zorn seine Faust
+geschlagen hatte. Und doch, wie er nun an den Tisch herantrat, fühlte er
+sich unsicher.
+
+»Guten Morgen«, grüßte er.
+
+Seine Mutter antwortete nicht. Sie blickte nicht einmal auf, sondern
+betrachtete mit merkwürdig starren Pupillen in der Ferne die Landschaft.
+Sie sah sehr blaß aus, hatte die Augen leicht umrändert und um die
+Nasenflügel jenes nervöse Zucken, das so verräterisch für ihre Erregung
+war. Edgar verbiß die Lippen. Dieses Schweigen verwirrte ihn. Er wußte
+eigentlich nicht, ob er den Baron gestern schwer verletzt hatte und ob
+sie überhaupt um diesen nächtigen Zusammenstoß wissen konnte. Und diese
+Unsicherheit quälte ihn. Aber ihr Gesicht blieb so starr, daß er gar
+nicht versuchte, zu ihr aufzublicken, aus Angst, die jetzt gesenkten
+Augen möchten plötzlich hinter den verhangenen Lidern aufspringen und
+ihn fassen. Er wurde ganz still, wagte nicht einmal, Lärm zu machen,
+ganz vorsichtig hob er die Tasse und stellte sie wieder zurück,
+verstohlen hinblickend auf die Finger seiner Mutter, die sehr nervös mit
+dem Löffel spielten und in ihrer Gekrümmtheit geheimen Zorn zu verraten
+schienen. Eine Viertelstunde saß er so in dem schwülen Gefühl der
+Erwartung auf etwas, das nicht kam. Kein Wort, kein einziges erlöste
+ihn. Und jetzt, da seine Mutter aufstand, noch immer, ohne seine
+Gegenwart bemerkt zu haben, wußte er nicht, was er tun sollte: allein
+hier beim Tisch sitzen bleiben oder ihr folgen. Schließlich erhob er
+sich doch, ging demütig hinter ihr her, die ihn geflissentlich übersah,
+und spürte immer dabei, wie lächerlich sein Nachschleichen war. Immer
+kleiner machte er seine Schritte, um mehr und mehr hinter ihr
+zurückzubleiben, die, ohne ihn zu beachten, in ihr Zimmer ging. Als
+Edgar endlich nachkam, stand er vor einer hart geschlossenen Türe.
+
+Was war geschehen? Er kannte sich nicht mehr aus. Das sichere Bewußtsein
+von gestern hatte ihn verlassen. War er am Ende gestern im Unrecht
+gewesen mit diesem Überfall? Und bereiteten sie gegen ihn eine Strafe
+vor oder eine neue Demütigung? Etwas mußte geschehen, das fühlte er,
+etwas Furchtbares mußte sehr bald geschehen. Zwischen ihnen war die
+Schwüle eines aufziehenden Gewitters, die elektrische Spannung zweier
+geladener Pole, die sich im Blitz erlösen mußte. Und diese Last des
+Vorgefühls schleppte er durch vier einsame Stunden mit sich herum, von
+Zimmer zu Zimmer, bis sein schmaler Kindernacken niederbrach von
+unsichtbarem Gewicht und er mittags, nun schon ganz demütig, an den
+Tisch trat.
+
+»Guten Tag«, sagte er wieder. Er mußte dieses Schweigen zerreißen,
+dieses furchtbar drohende, das über ihm als schwarze Wolke hing.
+
+Wieder antwortete die Mutter nicht, wieder sah sie an ihm vorbei. Und
+mit neuem Erschrecken fühlte sich Edgar jetzt einem besonnenen,
+geballten Zorn gegenüber, wie er ihn bisher in seinem Leben noch nicht
+gekannt hatte. Bisher waren ihre Streitigkeiten immer nur Wutausbrüche
+mehr der Nerven als des Gefühls gewesen, rasch verflüchtigt in ein
+Lächeln der Begütigung. Diesmal aber hatte er, das wurde ihm deutlich
+bewußt, ein wildes Gefühl aus dem untersten Grund ihres Wesens
+aufgewühlt, und er erschrak vor dieser unvorsichtig beschworenen Gewalt.
+Kaum vermochte er zu essen. In seiner Kehle quoll etwas Trockenes auf,
+das ihn zu erwürgen drohte. Seine Mutter schien von alldem nichts zu
+merken. Nur jetzt, beim Aufstehen, wandte sie sich wie gelegentlich
+zurück und sagte:
+
+»Komm dann hinauf, Edgar, ich habe mit dir zu reden.«
+
+Es klang nicht drohend, aber doch so eisig kalt, daß Edgar die Worte
+schauernd fühlte, als hätte man ihm eine eiserne Kette plötzlich um den
+Hals gelegt. Sein Trotz war zertreten. Schweigend, wie ein geprügelter
+Hund, folgte er ihr hinauf in das Zimmer.
+
+Sie verlängerte ihm die Qual, indem sie einige Minuten schwieg. Minuten,
+in denen er die Uhr schlagen hörte und draußen ein Kind lachen und in
+sich selbst das Herz an die Brust hämmern. Aber auch in ihr mußte eine
+große Unsicherheit sein, denn sie sah ihn nicht an, während sie jetzt zu
+ihm sprach, sondern wandte ihm den Rücken.
+
+»Ich will nicht mehr über dein Betragen von gestern reden. Es war
+unerhört, und ich schäme mich jetzt, wenn ich daran denke. Du hast dir
+die Folgen selber zuzuschreiben. Ich will dir jetzt nur sagen, es war
+das letztemal, daß du allein unter Erwachsenen sein durftest. Ich habe
+eben an deinen Papa geschrieben, daß du einen Hofmeister bekommst oder
+in ein Pensionat geschickt wirst, um Manieren zu lernen. Ich werde mich
+nicht mehr mit dir ärgern.«
+
+Edgar stand mit gesenktem Kopf da. Er spürte, daß dies nur eine
+Einleitung, eine Drohung war, und wartete beunruhigt auf das
+Eigentliche.
+
+»Du wirst dich jetzt sofort beim Baron entschuldigen.«
+
+Edgar zuckte auf, aber sie ließ sich nicht unterbrechen.
+
+»Der Baron ist heute abgereist, und du wirst ihm einen Brief schreiben,
+den ich dir diktieren werde.«
+
+Edgar rührte sich wieder, aber seine Mutter war fest.
+
+»Keine Widerrede. Da ist Papier und Tinte, setze dich hin.«
+
+Edgar sah auf. Ihre Augen waren gehärtet von einem unbeugsamen
+Entschluß. So hatte er seine Mutter nie gekannt, so hart und gelassen.
+Furcht überkam ihn. Er setzte sich hin, nahm die Feder, duckte aber das
+Gesicht tief auf den Tisch.
+
+»Oben das Datum. Hast du? Vor der Überschrift eine Zeile leer lassen.
+So! Sehr geehrter Herr Baron! Rufzeichen. Wieder eine Zeile freilassen.
+Ich erfahre soeben zu meinem Bedauern -- hast du? -- zu meinem Bedauern,
+daß Sie den Semmering schon verlassen haben, -- Semmering mit zwei m --
+und so muß ich brieflich tun, was ich persönlich beabsichtigt hatte,
+nämlich -- etwas rascher, es muß nicht kalligraphiert sein! -- Sie um
+Entschuldigung bitten für mein gestriges Betragen. Wie Ihnen meine Mama
+gesagt haben wird, bin ich noch Rekonvaleszent von einer schweren
+Erkrankung und sehr reizbar. Ich sehe dann oft Dinge, die übertrieben
+sind und die ich im nächsten Augenblick bereue ...«
+
+Der gekrümmte Rücken über dem Tisch schnellte auf. Edgar drehte sich um:
+sein Trotz war wieder wach.
+
+»Das schreibe ich nicht, das ist nicht wahr!«
+
+»Edgar!«
+
+Sie drohte mit der Stimme.
+
+»Es ist nicht wahr. Ich habe nichts getan, was ich zu bereuen habe. Ich
+habe nichts Schlechtes getan, wofür ich mich zu entschuldigen hätte. Ich
+bin dir nur zu Hilfe gekommen, wie du gerufen hast!«
+
+Ihre Lippen wurden blutlos, die Nasenflügel spannten sich.
+
+»Ich habe um Hilfe gerufen? Du bist toll!«
+
+Edgar wurde zornig, mit einem Ruck sprang er auf.
+
+»Ja, du hast um Hilfe gerufen, da draußen im Gang, gestern nacht, wie er
+dich angefaßt hat. 'Lassen Sie mich, lassen Sie mich', hast du gerufen.
+So laut, daß ichs bis ins Zimmer hinein gehört habe.«
+
+»Du lügst, ich war nie mit dem Baron im Gang hier. Er hat mich nur bis
+zur Treppe begleitet ...«
+
+In Edgar stockte das Herz bei dieser kühnen Lüge. Die Stimme verschlug
+sich ihm, er starrte sie an mit gläsernen Augensternen.
+
+»Du ... warst nicht ... im Gang? Und er ... er hat dich nicht gehalten?
+Nicht mit Gewalt herumgefaßt?«
+
+Sie lachte. Ein kaltes, trockenes Lachen.
+
+»Du hast geträumt.«
+
+Das war zuviel für das Kind. Er wußte jetzt ja schon, daß die
+Erwachsenen logen, daß sie kleine, kecke Ausreden hatten, Lügen, die
+durch enge Maschen schlüpften, und listige Zweideutigkeiten. Aber dies
+freche, kalte Ableugnen, Stirn gegen Stirn, machte ihn rasend.
+
+»Und da diese Striemen habe ich auch geträumt?«
+
+»Wer weiß, mit wem du dich herumgeschlagen hast. Aber ich brauche ja mit
+dir keine Diskussion zu führen, du hast zu parieren, und damit Schluß.
+Setze dich hin und schreib!«
+
+Sie war sehr blaß und suchte mit letzter Kraft ihre Anspannung aufrecht
+zu halten.
+
+Aber in Edgar brach irgendwie etwas jetzt zusammen, irgendeine letzte
+Flamme von Gläubigkeit. Daß man die Wahrheit so einfach mit dem Fuß
+ausstampfen konnte wie ein brennendes Zündholz, das ging ihm nicht ein.
+Eisig zogs sich in ihm zusammen, alles wurde spitz, boshaft, ungefaßt,
+was er sagte:
+
+»So, das habe ich geträumt? Das im Gang und den Striemen da? Und daß ihr
+beide gestern dort im Mondschein promeniert seid, und daß er dich den
+Weg hinabführen wollte, das vielleicht auch? Glaubst du, ich lasse mich
+einsperren im Zimmer wie ein kleines Kind! Nein, ich bin nicht so dumm,
+wie ihr glaubt. Ich weiß, was ich weiß.«
+
+Frech starrte er ihr in das Gesicht, und das brach ihre Kraft: das
+Gesicht ihres eigenen Kindes zu sehen, knapp vor sich und verzerrt von
+Haß. Ungestüm brach ihr Zorn heraus.
+
+»Vorwärts, du wirst sofort schreiben! Oder ...«
+
+»Oder was ...?« Herausfordernd frech war jetzt seine Stimme geworden.
+
+»Oder ich prügel dich wie ein kleines Kind.«
+
+Edgar trat einen Schritt näher, höhnisch, und lachte nur.
+
+Da fuhr ihm schon ihre Hand ins Gesicht. Edgar schrie auf. Und wie ein
+Ertrinkender, der mit den Händen um sich schlägt, nur ein dumpfes
+Brausen in den Ohren, rotes Flirren vor den Augen, so hieb er blind mit
+den Fäusten zurück. Er spürte, daß er in etwas Weiches schlug, jetzt
+gegen das Gesicht, hörte einen Schrei ...
+
+Dieser Schrei brachte ihn zu sich. Plötzlich sah er sich selbst, und das
+Ungeheure wurde ihm bewußt: daß er seine Mutter schlug. Eine Angst
+überfiel ihn, Scham und Entsetzen, das ungestüme Bedürfnis, jetzt weg zu
+sein, in den Boden zu sinken, fort zu sein, fort, nur nicht mehr unter
+diesen Blicken. Er stürzte zur Türe und die Treppe rasch hinab, durch
+das Haus auf die Straße, fort, nur fort, als hetzte hinter ihm eine
+rasende Meute.
+
+
+
+
+Erste Einsicht
+
+
+Weiter drunten am Weg blieb er endlich stehen. Er mußte sich an einem
+Baum festhalten, so sehr zitterten seine Glieder in Angst und Erregung,
+so röchelnd brach ihm der Atem aus der überhetzten Brust. Hinter ihm war
+das Grauen vor der eigenen Tat gerannt, nun faßte es seine Kehle und
+schüttelte ihn wie im Fieber hin und her. Was sollte er jetzt tun? Wohin
+fliehen? Denn hier schon, mitten im nahen Wald, eine Viertelstunde nur
+vom Haus, wo er wohnte, befiel ihn das Gefühl der Verlassenheit. Alles
+schien anders, feindlicher, gehässiger, seit er allein und ohne Hilfe
+war. Die Bäume, die gestern ihn noch brüderlich umrauscht hatten,
+ballten sich mit einem Male finster wie eine Drohung. Um wieviel aber
+mußte all dies, was noch vor ihm war, fremder und unbekannter sein?
+Dieses Alleinsein gegen die große, unbekannte Welt machte das Kind
+schwindelig. Nein, er konnte es noch nicht ertragen, noch nicht allein
+ertragen. Aber zu wem sollte er fliehen? Vor seinem Vater hatte er
+Angst, der war leicht erregbar, unzugänglich und würde ihn sofort
+zurückschicken. Zurück aber wollte er nicht, eher noch in die
+gefährliche Fremdheit des Unbekannten hinein; ihm war, als könnte er nie
+mehr das Gesicht seiner Mutter sehen, ohne zu denken, daß er mit der
+Faust hineingeschlagen hatte.
+
+Da fiel ihm seine Großmutter ein, diese alte, gute, freundliche Frau,
+die ihn von Kindheit an verzärtelt hatte, immer sein Schutz gewesen war,
+wenn ihm zu Hause eine Züchtigung, ein Unrecht drohte. Bei ihr in Baden
+wollte er sich verstecken, bis der erste Zorn vorüber war, wollte dort
+einen Brief an die Eltern schreiben und sich entschuldigen. In dieser
+Viertelstunde war er schon so gedemütigt, bloß durch den Gedanken,
+allein mit seinen unerfahrenen Händen in der Welt zu stehen, daß er
+seinen Stolz verwünschte, diesen dummen Stolz, den ihm ein fremder
+Mensch mit einer Lüge ins Blut gejagt hatte. Er wollte ja nichts sein
+als das Kind von vordem, gehorsam, geduldig ohne die Anmaßung, deren
+lächerliche Übertriebenheit er jetzt fühlte.
+
+Aber wie hinkommen nach Baden? Wie stundenweit das Land überfliegen?
+Hastig griff er in sein kleines, ledernes Portemonnaie, das er immer bei
+sich trug. Gott sei dank, da blinkte es noch, das neue, goldene
+Zwanzigkronenstück, das ihm zum Geburtstag geschenkt worden war. Nie
+hatte er sich entschließen können, es auszugeben. Aber fast täglich
+hatte er nachgesehen, ob es noch da sei, sich an seinem Anblick
+geweidet, daran reich gefühlt und dann immer die Münze in dankbarer
+Zärtlichkeit mit seinem Taschentuch blank geputzt, bis sie funkelte wie
+eine kleine Sonne. Aber -- der jähe Gedanke erschreckte ihn -- würde das
+genügen? Er war so oft schon in seinem Leben mit der Bahn gefahren, ohne
+daran auch nur zu denken, daß man dafür bezahlen mußte oder schon gar,
+wieviel das kosten könnte, ob eine Krone oder hundert. Zum ersten Male
+spürte er, daß es da Tatsachen des Lebens gab, an die er nie gedacht
+hatte, daß all die vielen Dinge, die ihn umringten, die er zwischen den
+Fingern gehabt und mit denen er gespielt hatte, irgendwie mit einem
+eigenen Wert gefüllt waren, einem besonderen Gewicht. Er, der sich noch
+vor einer Stunde allwissend dünkte, war, das spürte er jetzt, an tausend
+Geheimnissen und Fragen achtlos vorbeigegangen und schämte sich, daß
+seine arme Weisheit schon über die erste Stufe ins Leben hinein
+stolperte. Immer verzagter wurde er, immer kleiner waren seine
+unsicheren Schritte bis hinab zur Station. Wie oft hatte er geträumt von
+dieser Flucht, gedacht, ins Leben hinauszustürmen, Kaiser zu werden oder
+König, Soldat oder Dichter, und nun sah er zaghaft auf das kleine helle
+Haus hin, und dachte nur einzig daran, ob die zwanzig Kronen ausreichen
+würden, ihn bis zu seiner Großmutter zu bringen. Die Schienen glänzten
+weit ins Land hinaus, der Bahnhof war leer und verlassen. Schüchtern
+schlich sich Edgar an die Kasse hin und flüsterte, damit niemand anderer
+ihn hören könnte, wieviel eine Karte nach Baden koste. Ein verwundertes
+Gesicht sah hinter dem dunklen Verschlag heraus, zwei Augen lächelten
+hinter den Brillen auf das zaghafte Kind:
+
+»Eine ganze Karte?«
+
+»Ja«, stammelte Edgar. Aber ganz ohne Stolz, mehr in Angst, es möchte
+zuviel kosten.
+
+»Sechs Kronen!«
+
+»Bitte!«
+
+Erleichtert schob er das blanke, vielgeliebte Stück hin, Geld klirrte
+zurück, und Edgar fühlte sich mit einem Male wieder unsäglich reich,
+nun, da er das braune Stück Pappe in der Hand hatte, das ihm die
+Freiheit verbürgte, und in seiner Tasche die gedämpfte Musik von Silber
+klang.
+
+Der Zug sollte in zwanzig Minuten eintreffen, belehrte ihn der Fahrplan.
+Edgar drückte sich in eine Ecke. Ein paar Leute standen auf dem Perron,
+unbeschäftigt und ohne Gedanken. Aber dem Beunruhigten war, als sähen
+alle nur ihn an, als wunderten sich alle, daß so ein Kind schon allein
+fahre, als wäre ihm die Flucht und das Verbrechen an die Stirne
+geheftet. Er atmete auf, als endlich von ferne der Zug zum ersten Male
+heulte und dann heranbrauste. Der Zug, der ihn in die Welt tragen
+sollte. Beim Einsteigen erst bemerkte er, daß seine Karte für die dritte
+Klasse galt. Bisher war er nur immer erster Klasse gefahren, und
+wiederum fühlte er, daß hier etwas verändert sei, daß es
+Verschiedenheiten gab, die ihm entgangen waren. Andere Leute hatte er zu
+Nachbarn wie bisher. Ein paar italienische Arbeiter mit harten Händen
+und rauhen Stimmen, Spaten und Schaufel in den Händen, saßen gerade
+gegenüber und blickten mit dumpfen, trostlosen Augen vor sich hin. Sie
+mußten offenbar schwer am Weg gearbeitet haben, denn einige von ihnen
+waren müde und schliefen im ratternden Zug, an das harte und schmutzige
+Holz gelehnt, mit offenem Munde. Sie hatten gearbeitet, um Geld zu
+verdienen, dachte Edgar, konnte sich aber nicht denken, wieviel es
+gewesen sein mochte; er fühlte aber wiederum, daß Geld eine Sache war,
+die man nicht immer hatte, sondern die irgendwie erworben werden mußte.
+Zum erstenmal kam ihm jetzt zum Bewußtsein, daß er eine Atmosphäre von
+Wohlbehagen selbstverständlich gewohnt war und daß rechts und links von
+seinem Leben Abgründe tief ins Dunkel hineinklafften, an die sein Blick
+nie gerührt hatte. Mit einem Male bemerkte er, daß es Berufe gab und
+Bestimmungen, daß rings um sein Leben Geheimnisse geschart waren, nah
+zum Greifen und doch nie beachtet. Edgar lernte viel von dieser einen
+Stunde, seit er allein stand, er begann vieles zu sehn aus diesem engen
+Abteil mit den Fenstern ins Freie. Und leise begann in seiner dunklen
+Angst etwas aufzublühen, das noch nicht Glück war, aber doch schon ein
+Staunen vor der Mannigfaltigkeit des Lebens. Er war geflüchtet aus Angst
+und Feigheit, das empfand er in jeder Sekunde, aber doch zum ersten Male
+hatte er selbständig gehandelt, etwas erlebt von dem Wirklichen, an dem
+er bisher vorbeigegangen war. Zum ersten Male war er vielleicht der
+Mutter und dem Vater selbst Geheimnis geworden, wie ihm bislang die
+Welt. Mit anderen Blicken sah er aus dem Fenster. Und es war ihm, als ob
+er zum ersten Male alles Wirkliche sähe, als ob ein Schleier von den
+Dingen gefallen sei und sie ihm nun alles zeigten, das Innere ihrer
+Absicht, den geheimen Nerv ihrer Tätigkeit. Häuser flogen vorbei wie vom
+Wind weggerissen, und er mußte an die Menschen denken, die drinnen
+wohnten, ob sie reich seien oder arm, glücklich oder unglücklich, ob sie
+auch die Sehnsucht hatten wie er, alles zu wissen, und ob vielleicht
+Kinder dort seien, die auch nur mit den Dingen bisher gespielt hatten
+wie er selbst. Die Bahnwächter, die mit wehenden Fahnen am Weg standen,
+schienen ihm zum ersten Male nicht, wie bisher, lose Puppen und totes
+Spielzeug, Dinge, hingestellt von gleichgültigem Zufall, sondern er
+verstand, daß das ihr Schicksal war, ihr Kampf gegen das Leben. Immer
+rascher rollten die Räder, nun ließen die runden Serpentinen den Zug zum
+Tale niedersteigen, immer sanfter wurden die Berge, immer ferner, schon
+war die Ebene erreicht. Einmal noch sah er zurück, da waren sie schon
+blau und schattenhaft, weit und unerreichbar, und ihm war, als läge
+dort, wo sie langsam in dem nebligen Himmel sich lösten, seine eigene
+Kindheit.
+
+
+
+
+Verwirrende Finsternis
+
+
+Aber dann in Baden, als der Zug hielt und Edgar sich allein auf dem
+Perron befand, wo schon die Lichter entflammt waren, die Signale grün
+und rot in die Ferne glänzten, verband sich unversehens mit diesem
+bunten Anblick eine plötzliche Bangnis vor der nahen Nacht. Bei Tag
+hatte er sich noch sicher gefühlt, denn ringsum waren ja Menschen, man
+konnte sich ausruhen, auf eine Bank setzen oder vor den Läden in die
+Fenster starren. Wie aber würde er dies ertragen können, wenn die
+Menschen sich wieder in die Häuser verloren, jeder ein Bett hatte, ein
+Gespräch und dann eine beruhigte Nacht, während er im Gefühl seiner
+Schuld allein herumirren mußte, in einer fremden Einsamkeit. Oh, nur
+bald ein Dach über sich haben, nicht eine Minute mehr unter freiem
+fremden Himmel stehen, das war sein einziges klares Gefühl.
+
+Hastig ging er den wohlbekannten Weg, ohne nach rechts und links zu
+blicken, bis er endlich vor die Villa kam, die seine Großmutter
+bewohnte. Sie lag schön an einer breiten Straße, aber nicht frei den
+Blicken dargeboten, sondern hinter Ranken und Efeu eines wohlbehüteten
+Gartens, ein Glanz hinter einer Wolke von Grün, ein weißes, altväterisch
+freundliches Haus. Edgar spähte durch das Gitter wie ein Fremder. Innen
+regte sich nichts, die Fenster waren verschlossen, offenbar waren alle
+mit Gästen rückwärts im Garten. Schon berührte er die kühle Klinke, als
+ein Seltsames geschah: mit einem Male schien ihm das, was er sich jetzt
+seit zwei Stunden so leicht, so selbstverständlich gedacht hatte,
+unmöglich. Wie sollte er eintreten, wie sie begrüßen, wie diese Fragen
+ertragen und wie beantworten? Wie diesen ersten Blick aushalten, wenn er
+berichten mußte, daß er heimlich seiner Mutter entflohen sei? Und wie
+gar das Ungeheuerliche seiner Tat erklären, die er selbst schon nicht
+mehr begriff! Innen ging jetzt eine Tür. Mit einem Male befiel ihn eine
+törichte Angst, es möchte jemand kommen, und er lief weiter, ohne zu
+wissen wohin.
+
+Vor dem Kurpark hielt er an, weil er dort Dunkel sah und keine Menschen
+vermutete. Dort konnte er sich vielleicht niedersetzen und endlich,
+endlich ruhig denken, ausruhen und über sein Schicksal klar werden.
+Schüchtern trat er ein. Vorne brannten ein paar Laternen und gaben den
+noch jungen Blättern einen gespenstigen Wasserglanz von durchsichtigem
+Grün; weiter rückwärts aber, wo er den Hügel niedersteigen mußte, lag
+alles wie eine einzige, dumpfe, schwarze, gärende Masse in der wirren
+Finsternis einer verfrühten Frühlingsnacht. Edgar schlich scheu an den
+paar Menschen vorbei, die hier unter dem Lichtkreis der Laternen
+plaudernd oder lesend saßen: er wollte allein sein. Aber auch droben in
+der schattenden Finsternis der unbeleuchteten Gänge war keine Ruhe.
+Alles war da erfüllt von einem leisen, lichtscheuen Rieseln und Reden,
+das vielfach gemischt war mit dem Atem des Windes zwischen den biegsamen
+Blättern, dem Schlürfen ferner Schritte, dem Flüstern verhaltener
+Stimmen, mit irgendeinem wollüstigen, seufzenden, angstvoll stöhnenden
+Getön, das von Menschen und Tieren und der unruhig schlafenden Natur
+gleichzeitig ausgehen mochte. Es war eine gefährliche Unruhe, eine
+geduckte, versteckte und beängstigende rätselhafte, die hier atmete,
+irgendein unterirdisches Wühlen im Wald, das vielleicht nur mit dem
+Frühling zusammenhing, das ratlose Kind aber seltsam verängstigte.
+
+Er preßte sich ganz klein auf eine Bank hin in dieses abgründige Dunkel
+und versuchte nun zu überlegen, was er zu Hause erzählen sollte. Aber
+die Gedanken glitten ihm glitschig weg, ehe er sie fassen konnte, gegen
+seinen eigenen Willen mußte er immer nur lauschen und lauschen auf das
+gedämpfte Tönen, die mystischen Stimmen des Dunkels. Wie furchtbar diese
+Finsternis war, wie verwirrend und doch wie geheimnisvoll schön! Waren
+es Tiere oder Menschen oder nur die gespenstige Hand des Windes, die all
+dieses Rauschen und Knistern, dieses Surren und Locken ineinanderwebte?
+Er lauschte. Es war der Wind, der unruhig durch die Bäume schlich,
+aber -- jetzt sah er es deutlich -- auch Menschen, verschlungene Paare,
+die von unten, von der hellen Stadt heraufkamen und die Finsternis mit
+ihrer rätselhaften Gegenwart belebten. Was wollten sie? Er konnte es
+nicht begreifen. Sie sprachen nicht miteinander, denn er hörte keine
+Stimmen, nur die Schritte knirschten unruhig im Kies, und hie und da sah
+er in der Lichtung ihre Gestalten flüchtig wie Schatten vorüberschweben,
+immer aber so in eins verschlungen, wie er damals seine Mutter mit dem
+Baron gesehen hatte. Dieses Geheimnis, das große, funkelnde und
+verhängnisvolle, es war also auch hier. Immer näher hörte er jetzt
+Schritte herankommen und nun auch ein gedämpftes Lachen. Angst befiel
+ihn, die Nahenden möchten ihn hier finden, und noch tiefer ins Dunkel
+drückte er sich hinein. Aber die beiden, die jetzt durch die
+undurchdringliche Finsternis den Weg herauftasteten, sahen ihn nicht.
+Verschlungen gingen sie vorbei, schon atmete Edgar auf, da stockte
+plötzlich ihr Schritt, knapp vor seiner Bank. Sie preßten die Gesichter
+aneinander, Edgar konnte nichts deutlich sehen, er hörte nur, wie ein
+Stöhnen aus dem Munde der Frau brach, der Mann heiße, wahnsinnige Worte
+stammelte, und irgendein schwüles Vorgefühl durchdrang seine Angst mit
+einem wollüstigen Schauer. Eine Minute blieben sie so, dann knirschte
+wieder der Kies unter ihren weiterwandernden Schritten, die dann bald in
+der Finsternis verklangen.
+
+Edgar schauerte zusammen. Das Blut stürzte ihm jetzt wieder in die Adern
+zurück, heißer und wärmer als zuvor. Und mit einem Male fühlte er sich
+unerträglich einsam in dieser verwirrenden Finsternis, urmächtig kam das
+Bedürfnis über ihn nach irgendeiner befreundeten Stimme, einer Umarmung,
+nach einem hellen Zimmer, nach Menschen, die er liebte. Ihm war, als
+wäre die ganze ratlose Dunkelheit dieser wirren Nacht nun in ihn
+gesunken und zersprenge ihm die Brust.
+
+Er sprang auf. Nur heim, heim, irgendwo zu Hause sein im warmen, im
+hellen Zimmer, in irgendeinem Zusammenhang mit Menschen. Was konnte ihm
+denn geschehen? Sollte man ihn schlagen und beschimpfen, er fürchtete
+nichts mehr, seit er dieses Dunkel gespürt hatte und die Angst vor der
+Einsamkeit.
+
+Es trieb ihn vorwärts, ohne daß er sich spürte, und plötzlich stand er
+neuerdings vor der Villa, die Hand wieder an der kühlen Klinke. Er sah,
+wie jetzt die Fenster erleuchtet durch das Grün glimmerten, sah in
+Gedanken hinter jeder hellen Scheibe den vertrauten Raum mit seinen
+Menschen darin. Schon dieses Nahsein gab ihm Glück, schon dieses erste,
+beruhigende Gefühl, daß er nah sei zu Menschen, von denen er sich
+geliebt wußte. Und wenn er noch zögerte, so war es nur, um dieses
+Vorgefühl inniger zu genießen.
+
+Da schrie hinter ihm eine Stimme mit gellem Erschrecken:
+
+»Edgar, da ist er ja!«
+
+Das Dienstmädchen seiner Großmama hatte ihn gesehen, stürzte auf ihn los
+und faßte ihn bei der Hand. Die Türe wurde innen aufgerissen, bellend
+sprang ein Hund an ihm empor, aus dem Hause kam man mit Lichtern, er
+hörte Stimmen mit Jubel und Schreck rufen, einen freudigen Tumult von
+Schreien und Schritten, die sich näherten, Gestalten, die er jetzt
+erkannte. Vorerst seine Großmutter mit ausgestrecktem Arm und hinter
+ihr -- er glaubte zu träumen -- seine Mutter. Mit verweinten Augen,
+zitternd und verschüchtert, stand er selbst inmitten dieses heißen
+Ausbruchs überschwenglicher Gefühle, unschlüssig, was er tun, was er
+sagen sollte, und selber unklar, was er fühlte: Angst oder Glück.
+
+
+
+
+Der letzte Traum
+
+
+Das war so geschehen: Man hatte ihn hier längst schon gesucht und
+erwartet. Seine Mutter, trotz ihres Zornes erschreckt durch das rasende
+Wegstürzen des erregten Kindes, hatte ihn auf dem Semmering suchen
+lassen. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher
+Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen
+drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Dort stellte man rasch fest, daß Edgar
+eine Karte nach Baden genommen hatte, und sie fuhr, ohne zu zögern, ihm
+sofort nach. Telegramme nach Baden und Wien an seinen Vater liefen ihr
+voran, Aufregung verbreitend, und seit zwei Stunden war alles in
+Bewegung nach dem Flüchtigen.
+
+Jetzt hielten sie ihn fest, aber ohne Gewalt. In einem unterdrückten
+Triumph wurde er hineingeführt ins Zimmer, aber wie seltsam war ihm
+dies, daß er alle die harten Vorwürfe, die sie ihm sagten, nicht spürte,
+weil er in ihren Augen doch die Freude und die Liebe sah. Und sogar
+dieser Schein, dieser geheuchelte Ärger dauerte nur einen Augenblick.
+Dann umarmte ihn wieder die Großmutter mit Tränen, niemand sprach mehr
+von seiner Schuld, und er fühlte sich von einer wundervollen Fürsorge
+umringt. Da zog ihm das Mädchen den Rock aus und brachte ihm einen
+wärmeren, da fragte ihn die Großmutter, ob er nicht Hunger habe oder
+irgend etwas wollte, sie fragten und quälten ihn mit zärtlicher
+Besorgnis, und wie sie seine Befangenheit sahen, fragten sie nicht mehr.
+Wollüstig empfand er das so mißachtete und doch entbehrte Gefühl wieder,
+ganz Kind zu sein, und Scham befiel ihn über die Anmaßung der letzten
+Tage, all dies entbehren zu wollen, es einzutauschen für die trügerische
+Lust einer eigenen Einsamkeit.
+
+Nebenan klingelte das Telephon. Er hörte die Stimme seiner Mutter, hörte
+einzelne Worte: »Edgar ... zurück ... herkommen ... letzter Zug«, und
+wunderte sich, daß sie ihn nicht wild angefahren hatte, nur umfaßt mit
+so merkwürdig verhaltenem Blick. Immer wilder wurde die Reue in ihm, und
+am liebsten hätte er sich hier all der Sorgfalt seiner Großmutter und
+seiner Tante entwunden und wäre hineingegangen, sie um Verzeihung zu
+bitten, ihr ganz in Demut, ganz allein zu sagen, er wolle wieder Kind
+sein und gehorchen. Aber als er jetzt leise aufstand, sagte die
+Großmutter leise erschreckt:
+
+»Wohin willst du?«
+
+Da stand er beschämt. Sie hatten schon Angst für ihn, wenn er sich
+regte. Er hatte sie alle verschreckt, nun fürchteten sie, er wolle
+wieder entfliehen. Wie würden sie begreifen können, daß niemand mehr
+diese Flucht bereute als er selbst!
+
+Der Tisch war gedeckt, und man brachte ihm ein eiliges Abendessen. Die
+Großmutter saß bei ihm und wandte keinen Blick. Sie und die Tante und
+das Mädchen schlossen ihn in einen stillen Kreis, und er fühlte sich von
+dieser Wärme wundersam beruhigt. Nur daß seine Mutter nicht ins Zimmer
+trat, machte ihn wirr. Wenn sie hätte ahnen können, wie demütig er war,
+sie wäre bestimmt gekommen!
+
+Da ratterte draußen ein Wagen und hielt vor dem Haus. Die anderen
+schreckten so sehr auf, daß auch Edgar unruhig wurde. Die Großmutter
+ging hinaus, Stimmen flogen laut hin und her durch das Dunkel, und auf
+einmal wußte er, daß sein Vater gekommen war. Scheu merkte Edgar, daß er
+jetzt wieder allein im Zimmer stand, und selbst dieses kleine Alleinsein
+verwirrte ihn. Sein Vater war streng, war der einzige, den er wirklich
+fürchtete. Edgar horchte hinaus, sein Vater schien erregt zu sein, er
+sprach laut und geärgert. Dazwischen klangen begütigend die Stimmen
+seiner Großmutter und der Mutter, offenbar wollten sie ihn milder
+stimmen. Aber die Stimme blieb hart, hart wie die Schritte, die jetzt
+herankamen, näher und näher, nun schon im Nebenzimmer waren, knapp vor
+der Türe, die jetzt aufgerissen wurde.
+
+Sein Vater war sehr groß. Und unsäglich klein fühlte sich jetzt Edgar
+vor ihm, wie er eintrat, nervös und anscheinend wirklich im Zorn.
+
+»Was ist dir eingefallen, du Kerl, davonzulaufen? Wie kannst du deine
+Mutter so erschrecken?«
+
+Seine Stimme war zornig und in den Händen eine wilde Bewegung. Hinter
+ihm war mit leisem Schritt jetzt die Mutter hereingetreten. Ihr Gesicht
+war verschattet.
+
+Edgar antwortete nicht. Er hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu
+müssen, aber doch, wie sollte er das erzählen, daß man ihn betrogen
+hatte und geschlagen? Würde er es verstehen?
+
+»Nun, kannst du nicht reden? Was war los? Du kannst es ruhig sagen! War
+dir etwas nicht recht? Man muß doch einen Grund haben, wenn man
+davonläuft! Hat dir jemand etwas zuleide getan?« Edgar zögerte. Die
+Erinnerung machte ihn wieder zornig, schon wollte er anklagen. Da sah
+er -- und sein Herz stand still dabei -- wie seine Mutter hinter dem
+Rücken des Vaters eine sonderbare Bewegung machte. Eine Bewegung, die er
+erst nicht verstand. Aber jetzt sah sie ihn an, in ihren Augen war eine
+flehende Bitte. Und leise, ganz leise hob sie den Finger zum Mund im
+Zeichen des Schweigens.
+
+Da brach, das Kind fühlte es, plötzlich etwas Warmes, eine ungeheure
+wilde Beglückung durch seinen ganzen Körper. Er verstand, daß sie ihm
+das Geheimnis zu hüten gab, daß auf seinen kleinen Kinderlippen ein
+Schicksal lag. Und wilder, jauchzender Stolz erfüllte ihn, daß sie ihm
+vertraute, jäh überkam ihn ein Opfermut, ein Wille, seine eigene Schuld
+noch zu vergrößern, um zu zeigen, wie sehr er schon Mann war. Er raffte
+sich zusammen:
+
+»Nein, nein ... es war gar kein Anlaß. Mama war sehr gut zu mir, aber
+ich war ungezogen, ich habe mich schlecht benommen ... und da ... da bin
+ich davongelaufen, weil ich mich gefürchtet habe.«
+
+Sein Vater sah ihn verdutzt an. Er hatte alles erwartet, nur nicht
+dieses Geständnis. Sein Zorn war entwaffnet.
+
+»Na, wenn es dir leid tut, dann ists schon gut. Dann will ich heute
+nichts mehr darüber reden. Ich glaube, du wirst es dir ein anderes Mal
+doch überlegen! Daß so etwas nicht mehr vorkommt.«
+
+Er blieb stehen und sah ihn an. Seine Stimme wurde jetzt milder.
+
+»Wie blaß du aussiehst. Aber mir scheint, du bist schon wieder größer
+geworden. Ich hoffe, du wirst solche Kindereien nicht mehr tun; du bist
+ja wirklich kein Bub mehr und könntest schon vernünftig sein!«
+
+Edgar blickte die ganze Zeit über nur auf seine Mutter. Ihm war, als
+funkelte etwas in ihren Augen. Oder war dies nur der Widerschein der
+Flamme? Nein, es glänzte dort feucht und hell, und ein Lächeln war um
+ihren Mund, das ihm Dank sagte. Man schickte ihn jetzt zu Bett, aber er
+war nicht traurig darüber, daß sie ihn allein ließen. Er hatte ja so
+viel zu überdenken, so viel Buntes und Reiches. All der Schmerz der
+letzten Tage verging in dem gewaltigen Gefühl des ersten Erlebnisses, er
+fühlte sich glücklich in einem geheimnisvollen Vorgefühl künftiger
+Geschehnisse. Draußen rauschten im Dunkel die Bäume in der verfinsterten
+Nacht, aber er kannte kein Bangen mehr. Er hatte alle Ungeduld vor dem
+Leben verloren, seit er wußte, wie reich es war. Ihm war, als hätte er
+es zum erstenmal heute nackt gesehen, nicht mehr verhüllt von tausend
+Lügen der Kindheit, sondern in seiner ganzen wollüstigen, gefährlichen
+Schönheit. Er hatte nie gedacht, daß Tage so voll gepreßt sein konnten
+vom vielfältigen Übergang des Schmerzes und der Lust, und der Gedanke
+beglückte ihn, daß noch viele solche Tage ihm bevorständen, ein ganzes
+Leben warte, ihm sein Geheimnis zu entschleiern. Eine erste Ahnung der
+Vielfältigkeit des Lebens hatte ihn überkommen, zum ersten Male glaubte
+er das Wesen der Menschen verstanden zu haben, daß sie einander
+brauchten, selbst wenn sie sich feindlich schienen, und daß es sehr süß
+sei, von ihnen geliebt zu werden. Er war unfähig, an irgend etwas oder
+irgend jemanden mit Haß zu denken, er bereute nichts, und selbst für den
+Baron, den Verführer, seinen bittersten Feind, fand er ein neues Gefühl
+der Dankbarkeit, weil er ihm die Tür aufgetan hatte zu dieser Welt der
+ersten Gefühle.
+
+Das alles war sehr süß und schmeichlerisch nun im Dunkel zu denken,
+leise schon verworren mit Bildern aus Träumen, und beinahe war es schon
+Schlaf. Da war ihm, als ob plötzlich die Türe ginge und leise etwas
+käme. Er glaubte sich nicht recht, war auch schon zu schlafbefangen, um
+die Augen aufzutun. Da spürte er atmend über sich ein Gesicht weich,
+warm und mild das seine streifen, und wußte, daß seine Mutter es war,
+die ihn jetzt küßte und ihm mit der Hand übers Haar fuhr. Er fühlte die
+Küsse und fühlte die Tränen, sanft die Liebkosung erwidernd, und nahm es
+nur als Versöhnung, als Dankbarkeit für sein Schweigen. Erst später,
+viele Jahre später, erkannte er in diesen stummen Tränen ein Gelöbnis
+der alternden Frau, daß sie von nun ab nur ihm, nur ihrem Kinde gehören
+wollte, eine Absage an das Abenteuer, ein Abschied von allen eigenen
+Begehrlichkeiten. Er wußte nicht, daß auch sie ihm dankbar war, aus
+einem unfruchtbaren Abenteuer gerettet zu sein und ihm nun mit dieser
+Umarmung die bitter-süße Last der Liebe für sein zukünftiges Leben wie
+ein Erbe überließ. All dies verstand das Kind von damals nicht, aber es
+fühlte, daß es sehr beseligend sei, so geliebt zu sein, und daß es durch
+diese Liebe schon verstrickt war mit dem großen Geheimnis der Welt.
+
+Als sie dann die Hand von ihm ließ, die Lippen sich den seinen entwanden
+und die leise Gestalt entrauschte, blieb noch ein Warmes zurück, ein
+Hauch über seinen Lippen. Und schmeichlerisch flog ihn Sehnsucht an, oft
+noch solche weiche Lippen zu spüren und so zärtlich umschlungen zu
+werden, aber dieses ahnungsvolle Vorgefühl des so ersehnten Geheimnisses
+war schon umwölkt vom Schatten des Schlafes. Noch einmal zogen all die
+Bilder der letzten Stunden farbig vorbei, noch einmal blätterte sich das
+Buch seiner Jugend verlockend auf. Dann schlief das Kind ein, und es
+begann der tiefere Traum seines Lebens.
+
+
+
+
+Druck von M. Lindenbaum & Co. in Amsterdam
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription:
+
+Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, Orthographie und
+Interpunktion aber sonst wie im Original belassen.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS ***
+
+***** This file should be named 24173-8.txt or 24173-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/1/7/24173/
+
+Produced by Irma Knoll and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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