diff options
Diffstat (limited to '24172.txt')
| -rw-r--r-- | 24172.txt | 5109 |
1 files changed, 5109 insertions, 0 deletions
diff --git a/24172.txt b/24172.txt new file mode 100644 index 0000000..487579c --- /dev/null +++ b/24172.txt @@ -0,0 +1,5109 @@ +The Project Gutenberg EBook of Einfuehrung in die moderne Logik. Erster +Teil. by Goswin Uphues + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Einfuehrung in die moderne Logik. Erster Teil. + +Author: Goswin Uphues + +Release Date: January 5, 2008 [Ebook #24172] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINFUeHRUNG IN DIE MODERNE LOGIK. ERSTER TEIL.*** + + + + + +Einfuehrung in die moderne Logik. Erster Teil. + + +by Goswin Uphues + + + + +Edition 1 , (January 5, 2008) + + + + + + Der + + Buecherschatz des Lehrers. + + + + Wissenschaftliches Sammelwerk + + zur intellektuellen und materiellen Hebung + + des Lehrerstandes. + + + + Unter Mitwirkung massgebender Fachgelehrter und Schulmaenner + + herausgegeben + + von + + K. O. Beetz, + + Schuldirektor in Gotha + + + + Fuenfter Band. + + Einfuehrung in die moderne Logik. + + ------------------ + + Osterwieck/Harz. + + Verlag von A. W. Zickfeldt. + + 1901. + + + + + + Einfuehrung in die moderne Logik. + + ------------------ + + Von + + Goswin Uphues + + Professor an der Universitaet Halle. + + ------------------ + + Erster Teil: + + Grundzuege der Erkenntnistheorie. + + ------------------ + + Osterwieck/Harz. + + Verlag von A. W. Zickfeldt. + + 1901. + + + + + + +VORWORT. + + + ------------------ + +Wer die Entwicklung der philosophischen Forschung der letzten zehn Jahre +mit aufmerksamem Blicke verfolgte, dem konnte es nicht entgehen, dass in +der Auffassung des Verhaeltnisses von Psychologie und Logik eine Wandlung +eintrat oder sich wenigstens anbahnte. Anfangs hatte es den Anschein, als +ob die Psychologie die Stellung einer ersten und herrschenden Disciplin +erhalten sollte. Das Erkennen und Denken sind doch Bewusstseinsthatsachen +und anderseits Voraussetzungen aller Wissenschaften und somit auch der +Philosophie. Was lag naeher, als die Wissenschaft von den +Bewusstseinsthatsachen, die Psychologie, als grundlegende philosophische +Disciplin zu betrachten, ja noch mehr, sie zur Grundlage aller +Wissenschaften zu machen. Allmaehlich aber brach sich der Gedanke Bahn, +dass vom Erkennen und Denken als Bewusstseinsthatsachen das Erkannte und +Gedachte sorgfaeltig unterschieden werden muesse und dass die Untersuchung +hierueber eher das Recht in Anspruch nehmen koenne als Voraussetzung aller +Wissenschaften und als grundlegende philosophische Disciplin zu gelten. So +trat die Logik an die Stelle der Psychologie; sie nahm wieder, wie ehemals +in der Philosophie, unter den philosophischen Disciplinen die erste Stelle +ein. Aber Hand in Hand damit ging auch eine andere Auffassung der Logik. +Man begnuegte sich nicht mehr mit einer Behandlung der blossen Formen des +Denkens, sondern Fragen, die den Inhalt des Denkens und Erkennens, das +Gedachte und Erkannte betreffen, wurden in immer groesserer Zahl in die +Logik hineingezogen. Die Logik wurde aus einer formalen Disciplin, zu der +sie unter dem Einflusse Kants geworden war, in eine erkenntnistheoretische +Disciplin umgestaltet. Das hatte seinen Grund nicht bloss in der +Entwicklung der philosophischen Forschung, sondern wird auch durch die +Natur der Sache gefordert. + +Verstehen wir unter Logik die Wissenschaft vom Denken, so ist doch nicht +alles Denken Gegenstand der Logik, sondern nur das Denken, durch welches +aus dem im Bewusstsein Gegebenen Erkenntnisse werden, das Denken also, das +seinen Zweck im Erkennen hat und ihm als Mittel dient. In der Logik ist +also das Denken dem Erkennen untergeordnet. Die Logik ist in erster Linie +Erkenntnislehre und erst in zweiter Linie Denklehre. _Was heisst Erkennen? +Was koennen wir erkennen?_ Das sind die Fragen, welche die Logik vor allem +zu beantworten hat. Ihre erste Aufgabe ist, den Begriff des Erkennens nach +seinem Inhalt und Umfang zu bestimmen. + +Aber das Erkennen ist eine Thaetigkeit, die sich auf ein Ziel richtet. +Dieses Ziel ist die Wahrheit. Eine solche Thaetigkeit setzt die Erkenntnis +des Zieles, seiner Erreichbarkeit und der Normen, die sie zu befolgen hat, +voraus. Was Erkennen heisst, koennen wir nur bestimmen, wenn wir wissen, +was Wahrheit ist (Definition der Wahrheit), wie wir sie erreichen koennen +(Kennzeichen der Wahrheit), welche Regeln wir zu diesem Zwecke beobachten +muessen (Gesetze des Erkennens). Die Untersuchungen ueber den Begriff der +Wahrheit, ueber das Kennzeichen der Wahrheit und ueber die Gesetze des +Erkennens, wie ich sie in der vorliegenden Schrift dargestellt habe, +machten seit 1896 den ersten Teil meiner in jedem Sommer gehaltenen +Vorlesungen ueber Logik aus. Sie erscheinen hier um ein Betraechtliches +vermehrt, naemlich um den ganzen vierten Abschnitt dieser Schrift, der vom +Umfange unsers Wissens handelt. In diesem Abschnitte beantworten wir die +zweite Frage der Erkenntnistheorie: Was koennen wir erkennen? waehrend die +Untersuchungen ueber die Definition der Wahrheit, das Kennzeichen der +Wahrheit und die Gesetze des Erkennens, die drei ersten Abschnitte dieser +Schrift umfassend, die erste Frage der Erkenntnistheorie: Was heisst +Erkennen zu beantworten suchen. + +Die Auffassung der Logik als erkenntnistheoretischer Disciplin ist eine +Wendung zum Besseren. Allein ruecksichtlich dessen, was Erkenntnistheorie +zu leisten hat und leisten kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Das +Erkennen im gewoehnlichen von allen wissenschaftlichen Forschern mit +Ausnahme einiger Erkenntnistheoretiker angenommenen Sinne hat eine +_metaphysische_ Bedeutung. Die Wahrheit ist ein metaphysischer Begriff. +Was wahr ist, ist nur wahr, weil es fuer alle Zeit und darum fuer die +Ewigkeit gilt. Nur darum gilt es auch fuer alle Denkenden. Wirklich ist +etwas nur, weil es an diesem Ewigkeitscharakter der Wahrheit teilnimmt. +Diesem Begriff der Wahrheit moechten viele um jeden Preis aus dem Wege +gehen, obgleich er in jeder ernstgemeinten Behauptung wiederkehrt und +natuerlich von allen wissenschaftlichen Forschern ausser einigen +Erkenntnistheoretikern, wenn auch unbewusst, festgehalten wird. Man greift +zu allerlei Kunststuecken, beginnt mit der Umdeutung und endet mit der +Wegdeutung dieses Begriffs -- alles aus Scheu vor der Metaphysik. Man hat +das Gefuehl, diese Forscher wandern an einem Abgrunde in bestaendiger +Furcht, in ihn hineinzufallen. Der Abgrund heisst Metaphysik. Oft werden +sie vom Schwindel ergriffen und fallen wirklich hinein. Der Begriff der +Wahrheit laesst sich eben nicht unterdruecken. Aber alsbald arbeiten sie +sich wieder in die Hoehe und setzen ihre gefaehrliche Wanderung fort. Ihre +muehselige Arbeit macht einen trostlosen Eindruck. Das Ergebnis ist ein +unfruchtbarer Formalismus. + +Kant wollte das Wissen beseitigen, um dem Glauben Raum zu schaffen. Haette +er diesen Gedanken weiter verfolgt, dann wuerde er zu einer Wuerdigung der +geschichtlichen Erkenntnisse gekommen sein, die wir bei dem grossen Denker +vermissen. Denn die Glaubensueberzeugungen gehoeren zu den geschichtlichen +Erkenntnissen. Fuer unsere modernen Formalisten hat dieser Gedanke Kants +keinen Wert, sie empfinden ihn als des grossen Kant unwuerdig. Folgerichtig +darf man darum auch bei ihnen keine Wuerdigung der geschichtlichen +Erkenntnisse erwarten. Es scheint oft, als ob sie durch die +Erkenntniskritik nur der vergoetterten Naturwissenschaft freie Bahn machen +wollen und als ob diese an die Stelle des realen Inhalts der Philosophie +treten soll. Und doch ist der Erkenntnis- und Bildungswert der +Naturwissenschaft, wie wir zeigen werden, viel geringer als der der +Geschichte. + +Die gegensaetzliche Trennung des Erkennens und seines Gegenstandes fuehrte +Kant zu dem Unbegriff des Dinges an sich oder des Gegenstandes, wie er +unerkannterweise ist. Unsere Formalisten moechten dieses caput mortuum der +Kantischen Spekulation am liebsten beseitigen oder durch den +transcendentalen Gegenstand, die Regel der Vorstellungsverknuepfung +ersetzen -- da das Ding an sich nach ihrer Meinung die Grundvoraussetzung +aller Metaphysik bildet. Waere das der Fall, dann muesste man freilich aller +Metaphysik entsagen. Denn das Ding an sich ist in der That ein ungereimter +Begriff. Aber gerade die Aufrechthaltung der metaphysischen Bedeutung des +Erkennens und sie allein macht, wie wir zeigen werden, die Beseitigung des +Dinges an sich moeglich. + +Die Scheu vor der Metaphysik ist noch viel verbreitet; sie ist eine +Nachwirkung der sensualistischen Psychologie und der formalistischen +Logik. Aber die Anzeichen einer Entwicklung des philosophischen Denkens, +die der Metaphysik guenstig ist, mehren sich. Viele bekennen sich +rueckhaltlos zur Metaphysik und treten mutig fuer sie ein. Sie moechten +nicht, dass ein formalistischer Logismus die Stelle des sensualistischen +Psychologismus einnaehme. Auch der formalistische Logismus kann wie der +sensualistische Psychologismus nur eine voruebergehende Entwicklungsphase +der Philosophie sein. Die Logik bedarf notwendig zu ihrem Unterbaue einer +Auseinandersetzung ueber die Wahrheit im alten Sinne, und diese +Auseinandersetzung ist ein Zweig der Metaphysik. Das ist die Anschauung, +die wir im ersten Teile unserer Schrift vertreten. + +Die Erkenntnistheorie umfasst die schwierigsten Fragen der Philosophie. +Ihr Verstaendnis setzt nachdenkliche verinnerlichte Naturen voraus, die +heutzutage nicht allzuhaeufig sind. Gewiegte Paedagogen behaupten, dass +manchen im uebrigen gut begabten Schuelern jede Anlage fuer Mathematik fehlt. +Mit anscheinend groesserem Rechte kann man sagen, dass fast allen Menschen +mit sehr wenigen Ausnahmen die Anlage fuer jenen Teil der Philosophie +abgeht. Aber ich bin ueberzeugt, dass jeder einigermassen Beanlagte bei +entsprechendem Unterrichte ein Verstaendnis der Mathematik gewinnen kann. +Und was dem Eindringen in jenen schwierigen Teil der Philosophie +hinderlich im Wege steht, sind Lebensgewohnheiten, die durch +Selbsterziehung ueberwunden werden koennen und ueberwunden werden muessen. Wer +fuehlt sich nicht angezogen von der Schilderung des wahren Philosophen im +platonischen Theaetet? Wer moechte sich von einem Platon nicht gern die +Weihe des Gedankens erteilen lassen? Aus der schwierigsten dieser Fragen, +der Frage nach dem Verhaeltnis von Wahrheit und Wirklichkeit redet der +Geist Platons zu uns. Er hat sie zuerst gestellt, und die Antwort, welche +er gab, ist auch heute noch beachtenswert. + +Ich habe das Buch geschrieben fuer diejenigen, welche diese schwierigen +Fragen studieren d. h. durchdenken wollen, um sich eine eigene Meinung zu +bilden; nicht fuer die, welche sich mit einer blossen Kenntnisnahme der in +der Erkenntnistheorie behandelten Fragen begnuegen moechten. Kritische +Auseinandersetzungen mit den Anschauungen anderer, diese Schatten fuer das +Licht der eigenen Gedanken, die seinen Glanz erhoehen sollen, wurden +grundsaetzlich vermieden. Sie sind fuer die blosse Kenntnisnahme nuetzlich, +fuer die Vertiefung in die Sache meistens schaedlich. + +Hoffentlich dienen dem Zweck dieser Vertiefung das ausfuehrliche +Inhaltsverzeichnis, das die behandelten Thesen der Reihe nach formuliert +und das ebenso ausfuehrliche Namen- und Sachregister, das die eroerterten +Grundbegriffe in alphabetischer Folge darstellt. Beide zeigen, wie viel +Gedankenarbeit der Verfasser selbst uebernimmt und wieviel er seinen Lesern +zumutet. Die letztere ist nicht geringer als die erstere. Es gibt +Wissenschaften, die man sich nicht aneignen kann ohne selbst an der +Forschungsarbeit teil zu nehmen, das Lernen ist hier bedingt durch das +Mitforschen. Zu diesen Wissenschaften gehoert in erster Linie die +Erkenntnistheorie. Es waere fuer mich leichter gewesen bei den einzelnen +Fragen laenger zu verweilen und ihre Behandlung umfangreicher zu gestalten, +wohl auch bequemer fuer den Leser. Es lag so nahe zu diesem Zweck die +gewohnte und gelaeufige Form von Vorlesungen zu waehlen, wie ich sie ueber +diese Fragen oft gehalten habe. Was ich hier biete ist nur ein gedraengter +Auszug aus diesen Vorlesungen, den ich am Schluss derselben zu diktieren +und zur Grundlage von seminaristischen Uebungen zu machen pflege. Nach +meinen Erfahrungen regt gerade diese gekuerzte Form der Darstellung am +meisten zum Selbstdenken an. Sache des Lesers ist es bei den einzelnen +Gedanken stehen zu bleiben und zu diesem Zweck fuer die erste +Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis allein, fuer die wiederholte +Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis und Register zu benutzen. Ich moechte +das auch manchen Fachgenossen empfehlen, namentlich denen, die ueber eine +mehr als "mittlere Begabung" verfuegen. Jedenfalls bin ich dann vor +Missverstaendnissen geschuetzt, wie sie in der Philosophie an der +Tagesordnung sind. Ich bemerke noch, dass die Zusammengehoerigkeit, der +Grundbegriff meiner 1893 erschienenen Psychologie des Erkennens auch den +Grundbegriff dieser Erkenntnistheorie bildet. + +*Halle*, 14. Juni 1901. + + + + + +INHALTSVERZEICHNIS. + + + *Die Wahrheit und unser Wissen.* + + _Erster Hauptteil._ + + *Die Wahrheit.* + + Erster Abschnitt: *Was ist Wahrheit?* + + Erste Untersuchung. + +Die herkoemmliche Definition der Wahrheit 1 + + Was ist "Ding an sich"? Definition der Wahrheit; a) falsche, b) richtige + Auffassung. Erkennen a) nach rationalistischer, b) nach empiristischer + Auffassung. Gegenstand des Erkennens -- die Wahrheit. Inhaltsmerkmal der + Wahrheit, Kennzeichen der Wahrheit. + + Zweite Untersuchung. + +Der ueberzeitliche Charakter der Wahrheit 3 + + Begriffsurteile. Thatsachenurteile. Auch die Wahrheit der letzteren hat + einen ueberzeitlichen Charakter. + + Dritte Untersuchung. + +Bedeutung des ueberzeitlichen Charakters der Wahrheit 4 + + Ewige Bedeutung -- Grund der ueberzeitlichen Geltung. Nur als Glied der + Gesamtwirklichkeit ist etwas wahr. Spinozas "sub specie aeternitatis". + Gelten und Existieren, Wahrheit und Wirklichkeit. + + Vierte Untersuchung. + +Nur Eine Wahrheit fuer alle Denkenden 5 + + Aus der ueberzeitlichen Geltung folgt die Allgemeingueltigkeit fuer alle + Denkenden. Die Wahrheit kein Produkt der menschlichen Organisation. + Wahrheit kein Ding an sich, untrennbar vom Erkennen a) als Bewusstsein + ueberhaupt, b) als menschliches Erkennen, dessen Hervortreten in der Zeit + nicht bloss durch seine ewige Bedeutung bedingt ist, sondern auch selbst + eine ewige Bedeutung hat. Die neuentdeckten Wahrheiten darum schon vor + ihrer Entdeckung untrennbar vom menschlichen Erkennen. + + Fuenfte Untersuchung. + +Die Wahrheit und das Urteil 6 + + Das Bewusstsein der Wahrheit gleich der Beziehung auf die Objektivitaet. + Erkennen und Urteil keine Abbildung der Wahrheit, sonst waere diese Ding + an sich. Im Erkennen besitzen wir die Wahrheit selbst, nicht ihr + Spiegelbild. Mit jedem Urteil treten wir in die ewige, ueberzeitliche, + unvergaengliche, uebersinnliche Welt ein und fassen in ihr festen Fuss. + Augustin, Eckhart. Nikolaus von Cues. Platons Ideenwelt das, was wir + Wahrheit nennen. + + Zweiter Abschnitt: *Die Wahrheit und das Wesen der Dinge.* + + Sechste Untersuchung. + +Wesentliche und unwesentliche Merkmale 7 + + Das Wesentliche und das Wesen ist Ziel des Erkennens. Wesentlich nicht + gleich notwendig dem Dinge oder notwendig fuer seinen Begriff. Die + Merkmale sicher nach ihrem Werte verschieden. Ein Merkmal, das eine + Unterscheidung eines Dinges von allen andern ermoeglicht, gehoert darum + noch nicht in die Definition des Dinges. Das Notwendige gehoert (zum Teil + wenigstens) zum Ausserwesentlichen. + + Siebente Untersuchung. + +Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale? 8 + + Wesentlich nicht gleich allgemein oder konstant. Nicht durch + Generalisation werden die wesentlichen Merkmale gewonnen, obgleich sie + ihre Gewinnung vorbereiten kann, sondern, durch die der Generalisation + vorausgehende Abstraktion. _Ein_ Fall, _Ein_ Beispiel genuegt fuer die + Gewinnung; sie wird vermittelt durch den Blick des Geistes, den nicht + alle besitzen, der der Intuition aehnlich ist und wie diese noch keine + Erkenntnis bildet. + + Achte Untersuchung. + +Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen +(vorstellungsmaessigen) abzuleiten 10 + + Sinnenbilder Grundlage alles Erkennens. Sinnenbilder der Ausdehnung und + Bewegung selbst ausgedehnt und bewegt, schon darum verschieden von den + Begriffen der Ausdehnung: Vielheit der gleichzeitigen Teile und + Beruehrung, der Bewegung: Vielheit der aufeinanderfolgenden Teile und + Uebergang. Sinnenbilder Zusammenfassungen von Empfindungen ohne + gegenstaendlichen Charakter. Wie erhalten die Empfindungen + gegenstaendlichen Charakter, oder wie werden sie zu Vorstellungen? + Willensdinge -- Substanzen, Ursachen. Das Finden der wesentlichen + Merkmale ein Schaffen; doppelte Funktion desselben: Vereinzelung der + Teile des Ausgedehnten und Bewegten, Zusammenfassung der sich + beruehrenden und ineinander uebergehenden -- beides Voraussetzung der + betreffenden Urteile. Begriff und Sinnenbild von Punkt, Linie, Flaeche, + Geist. Auch das negative Urteil setzt den Blick fuer das, was anders ist, + voraus. + + Neunte Untersuchung. + +Das Wesen der Dinge 14 + + Nicht das Sinnenbild des Kreises, der Ellipse, eher die mathematische + Formel, das Gesetz fuer beide, weiterhin das Gesetz fuer ihre Stellung + unter den Kegelschnitten, endlich ihre Stellung in der + Gesamtwirklichkeit -- das Wesen der Ellipse und des Kreises; Wesen und + Wahrheit dasselbe. Wesen nicht unveraenderlicher Seinskern. + + Zehnte Untersuchung. + +Der Begriff der Philosophie 15 + + Wesen der Farbe, des Menschen unerkennbar. Trotzdem die Erkenntnis des + Wesens das Ziel des Erkennens. Philosophie Wissenschaft vom Wesen der + Dinge und Wissenschaft der Fragen. Wesen des Erkennens? Wesen der + Erscheinung der Dinge in uns? Wesen der Orts- und Zeitbestimmungen? + Erkennen kein Abbilden. + + Elfte Untersuchung. + +Die Wahrheit das hoechste Gut 18 + + Wahrhaft schoen, wahrhaft sittlich -- was alle als solches anerkennen + muessen. Unser Begriff von den Dingen zu unterscheiden von dem Begriff, + der ihr Wesen, ihre Stellung in der Gesamtwirklichkeit bestimmt. Fuer den + ersteren gilt: nicht ohne dass es wahr ist, ist etwas gut und schoen, fuer + den letzteren: dadurch, dass es wahr ist, ist es schoen, gut. Wesen und + Wahrheit des Nichtseinsollenden, Scheinbaren? Seine Wirklichkeit nicht + zu bezweifeln. Vielleicht ist es das anmasslich Selbstaendige. + + _Zweiter Hauptteil._ + + *Unser Wissen.* + + Dritter Abschnitt: *Kennzeichen der Wahrheit.* + + Zwoelfte Untersuchung. + +Bestandteile des Erkenntnisvorgangs 19 + + Wesentlich gleich zugehoerig, zusammengehoerig; Wesen gleich + Zusammengehoerigkeit -- Grundbegriff des Erkennens. Das was + zusammengehoerig ist, und seine Zusammengehoerigkeit zu unterscheiden. Das + Vorgefundene a) Sinnenbilder, b) Vorstellungen Vorstufe des + Erkenntnisvorgangs, Erste Stufe: Erfassung dessen, was zusammengehoerig, + was wesentlich durch den Blick des Geistes -- keine Erkenntnis, eine + Abstraktion als Hinsehen, Festhalten, eine schaffende Thaetigkeit. Ihr + Ergebnis Einzelgebilde des Denkens, auf Grund deren erst die + Urteilsthaetigkeit moeglich ist. Zweite Stufe: Einleuchten der + Zusammengehoerigkeit kein Zwang, keine Noetigung, -- noch keine + Erkenntnis. Dritte Stufe: Einsicht in die Zusammengehoerigkeit, Sehen, + Wahrnehmen derselben, -- eigentliche Erkenntnis. Vierte Stufe der ersten + entsprechend: Gedanklicher Ausdruck der Einsicht im Urteil erzeugt ein + neues Gebilde des Denkens -- eine Verbindung, kein Einzelgebilde. Fuenfte + Stufe der zweiten entsprechend: Bewusstsein der Wahrheit, der + Objektivitaet. Fuenfte und zweite Stufe objektiv. Sechste Stufe: + Gewissheit der dritten entsprechend Ausschluss des Zweifels, -- + positiver Zustand. Sechste und dritte Stufe subjektiv. Einleuchten, + nicht die Einsicht Kriterium, gemaess dem wir ueber wahr und falsch + urteilen. Einsicht das, wodurch wir die Wahrheit erkennen. + + Dreizehnte Untersuchung. + +Gesetze des Erkennens 23 + + Es giebt nur Eine Wahrheit, keine einzelnen Wahrheiten. Entdeckung + dieser Einen Wahrheit nach dem Gesetz der Zusammengehoerigkeit, dem + Grundgesetz des Erkennens; (Synthese nicht Analyse). An seine Stelle + treten die Gesetze fuer die Urteile: erstens Gesetz der Uebereinstimmung, + Form eins und vier; zweitens Gesetz des Enthaltenseins, Form fuenf und + acht. Drittens Gesetz des Widerspruchs, Form zwei und drei, Form sechs + und sieben -- Gesetze fuer einzelne Urteile; viertens Gesetz des + ausgeschlossenen Dritten fuer das Verhaeltnis zweier Urteile zu einander. + Vier Kategorien: Ding, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung; die Begriffe der + einen Kategorie nicht der einer andern ueber- oder unterzuordnen. + Verhaeltnis des Enthaltenseins verschieden von Ding und Eigenschaft, Ding + und Vorgang, von untergeordneter Bedeutung fuer unser Erkennen. Urteil + setzt Synthese voraus und schliesst diese als bedingenden Bestandteil + ein, mag sein gedanklicher Ausdruck auch als Enthaltensein, Subsumtion, + Analyse erscheinen; der sprachliche Ausdruck erscheint wieder als + Synthese. Die wesentlichen Merkmale nicht einander ueber- oder + untergeordnet, ausser wenn sie den gleichen Kategorien angehoeren; nicht + in den Sinnenbildern enthalten. Auch die negativen Merkmale der Dinge + nicht in ihnen enthalten. + + Vierzehnte Untersuchung. + +Gesetze des Erkennens (Fortsetzung) 29 + + Gesetze fuer das Einzelwirkliche als Subjekt der Urteile -- + Urteilsgesetze: die genannten. Gesetze fuer den Zusammenhang des + Wirklichen, den wir erschliessen -- Schlussgesetze: das Einheitsgesetz, + das Gesetz der Kausalitaet oder der Ermoeglichung des Anfangenden, das + Gesetz des Grundes. Drei Gedankengaenge, die zum Einheitsgesetz fuehren. + Falsche Formulierung des Gesetzes der Kausalitaet; es ist verschieden vom + Gesetz der Gleichfoermigkeit des Naturlaufs -- Sinn dieses Gesetzes -- + fuehrt nicht auf das Gesetz des Widerspruchs zurueck. Gesetz des Grundes, + ein Gesetz des Enthaltenseins in seiner Anwendung auf Urteile. Drei + Formen des Gesetzes des Widerspruchs. Real- und Formalgesetze. Auch das + Gesetz des Widerspruchs kann einen realen, den Fortschritt des Erkennens + bedingenden Charakter haben. + + Fuenfzehnte Untersuchung. + +Erkenntnis und blinde Ueberzeugung 34 + + Erkenntnis hat einen vernuenftigen Grund in dem Einleuchten, blinde + Ueberzeugung beruht auf Gewoehnung, auf Gefuehlen, die meist zuerst ein + blindes Urteilen zur Folge haben, an das sich dann die Ueberzeugung + anschliesst von der Wahrheit des Urteils, ferner oft von der + (angeblichen, vermeintlichen) Einsicht und dem (vermeintlichen) + Einleuchten. Gewissheit nach ihrer negativen Seite ohne Grade, die mit + der Einsicht verbundene Gewissheit auch nach ihrer positiven Seite ohne + Grade, waehrend die Gewissheit, welche den blinden Urteilen folgt, sich + masslos steigern laesst, wie die Gewissheit des Fanatikers zeigt. + Ausserdem: die vermeintliche Einsicht folgt dem Urteil, die wirkliche + geht ihm immer voran. + + Sechzehnte Untersuchung. + +Zulaenglichkeit des Kennzeichens der Wahrheit 36 + + Vermeintliche Einsicht und wirkliche Einsicht nicht bloss durch die + steigerungsfaehige und nichtsteigerungsfaehige Gewissheit und durch ihr + Verhaeltnis zum Urteil von einander verschieden, die vermeintliche kann + auch durch die wirkliche ueberwunden werden. Vier moegliche Faelle. Sinn + des Gesetzes der Gleichfoermigkeit des Naturlaufs. + + Siebzehnte Untersuchung. + +Einsicht und Denknotwendigkeit 38 + + Einsicht keinerlei Noetigung. Notwendigkeit, Nichtandersseinkoennen oft + nur Folgerung aus der Gewissheit. Das Verhaeltnis des Enthaltenseins ein + Notwendigkeitsverhaeltnis; aber dieses Notwendigkeitsverhaeltnis nicht + Grund unserer Einsicht in die Wahrheit der betreffenden Urteile. + Dasselbe gilt von den Denknotwendigkeiten, die in dem zusammengehoerigen + Nichtenthaltenen und in den Unvertraeglichkeitsverhaeltnissen bestehen. + Warum es fuer unser Denken notwendig ist, der Eigenschaft ein + Selbstaendiges (?), den Veraenderungen und Bewegungen ein Veraenderliches + und Bewegliches, das beharrt, zu Grunde zu legen -- davon haben wir + keine Einsicht. Dass das System der Wahrheit _notwendig_ einen + Denkenden, das Anfangende _notwendig_ einen Ermoeglichungsgrund + voraussetzt, ist nur eine Folgerung aus der Gewissheit, die wir vom + Gesetz der Einheit und der Kausalitaet haben. + + Achtzehnte Untersuchung. + +Einsicht und Wille 43 + + Widerstreben gegen die erkannte Wahrheit -- letzte Quelle alles + Unsittlichen. Vom Verstandesakte der Einsicht verschieden die Hingabe + des Willens und das Ergriffensein des Gemuets. Beides wichtig fuer die + sittlichen und religioesen Wahrheiten, die gewohnheitsmaessig festgehalten + wieder zu blossen Verstandeseinsichten oder Kopfwahrheiten herabsinken, + von denen das Leben unberuehrt bleibt. Die Wahrheit Gemeinschaftsgut, + nicht Gut des egoistischen Willens, sittliches Gut, hoechstes Gut. + + Vierter Abschnitt: *Umfang unseres Wissens.* + + Neunzehnte Untersuchung. + +Schranken unseres Erkennens 45 + + Unterschied von Kategorien und Praedikabilien, der Kategorie Eigenschaft + und der Praedikabilie Proprietaet. Verhaeltnis der Eigenschaft zum Ding + verglichen mit dem Verhaeltnis des Anfangenden zum Ermoeglichungsgrund. + Das Wesen sicher eine Kategorie, auch das ausserwesentliche Zufaellige + und Notwendige gehoert doch zum Seienden und ist insofern Kategorie. Wann + Gattung und Art Praedikabilien sind. Verschiedenheit, Gleichheit. Zahl + Praedikabilien, Einheit sicher Kategorie. Die Endlichkeit als seiendes + Nichtsein. Raum und Zeit, die Formalkategorien, Substanz und Kausalitaet, + die Realkategorien, enthalten Raum und Substanz in der Beruehrung, Zeit + und Kausalitaet in dem Uebergang, ein dem Denken inkommensurables, von ihm + nicht aufzuhellendes Element. Wo diese Kategorien eine Rolle spielen, da + kann, sofern dieses Element in Frage kommt, von Einsicht und Erkenntnis + keine Rede sein. Was haben Raum und Zeit fuer eine Bedeutung, da sie + einerseits als Formalkategorien das Sein der Dinge in keiner Weise + vermehren und anderseits doch die Principien der Individuation bilden, + durch die das Wirkliche seine Wirklichkeit erhaelt, da alles Wirkliche + Einzelwirklichkeit ist? Die Wirklichkeit eine Realkategorie, da sie auf + dem wirklichen Akt der goettlichen Selbstentaeusserung beruht, der den + wirklichen Dingen eine Selbstaendigkeit leiht, die ihnen eigentlich nicht + zukommt. Inwiefern ist das Wahre wirklich? Insofern Gott es nicht bloss + denkt, sondern will? Der Schoepfungsakt ein Akt der Selbstentaeusserung. + Symbolische Bedeutung von Raum und Substanz -- scheinbare + Selbstaendigkeit, Unendlichkeit. Symbolische Bedeutung von Zeit und + Kausalitaet -- thatsaechliche Abhaengigkeit, Beschraenktheit. Hat die + Negation eine reale Bedeutung? + + Zwanzigste Untersuchung. + +Die Erkenntnis der Aussenwelt 51 + + Keine Erkenntnis der Beschaffenheit der aeusseren Dinge moeglich. + Psychologische Erklaerung der Zusammensetzung der sogenannten + sinnfaelligen Wirklichkeit. Ort der Dinge im Raum, wodurch bestimmt. Die + Dinge sind keine blossen Sinnenbilder, Vorstellungen oder fortdauernde + Moeglichkeiten von Empfindungen. _Unmittelbare_ Evidenz der Existenz + dieser Dinge, die nicht nach dem Kausalitaetsgesetz erschlossen werden + kann. Der Begriff der Ursache spielt in der Wahrnehmung keine Rolle. Die + Naturdinge sind verschieden von Raum und Zeit, von Substanz und + Kausalitaet, die nur zur Erscheinungsform der Dinge in unserm Bewusstsein + gehoeren. Sie sind Gedanken Gottes, wie wir nach dem Einheitsgesetz + schliessen. Es giebt keine unmittelbare Evidenz von der Nichtexistenz + solcher Dinge. Beweis fuer ihre Existenz. Abstrakte Trennung von Leib und + Seele bei Cartesius und in der Psychologie: Empfindungen als blosse + Bewusstseinsvorgaenge, Anfangszustaende des Bewusstseins. Definition der + Empfindungen ohne koerperliche Vorgaenge unmoeglich. Weder fuer das + entwickelte Bewusstsein noch fuer das des Kindes sind sie blosse + Empfindungen. Objektivationstheorie -- Ersatz dafuer. Empfindungen nicht + als Empfindungen gegeben, sondern als Erkenntnismittel. Platons + Schwungbrett. Aristoteles: kein Begriff ohne Phantasiebild. Verbindung + unseres Bewusstseins nicht bloss mit unserm Koerper, sondern auch mit der + Koerperwelt ueberhaupt. Wie weit reicht unsere Erkenntnis der Koerperwelt? + + Einundzwanzigste Untersuchung. + +Ueber die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins 58 + + Brentano ueber die aeussere und innere Wahrnehmung. Bewusstheit + uneigentliches Wesen. Auf Grund der Reflexion gewinnen wir eine Einsicht + in die wirkliche Beschaffenheit der Bewusstseinsvorgaenge. Die + angewendeten Vorstellungen urspruenglich sinnliche, aus dem sinnlichen + Gebiet entlehnte, uebertragene, bildliche. Was ist sinnliches Gebiet? + Inwiefern wird dasselbe durch die Empfindungen konstituiert? Nicht + insofern sie Gegenstand der Reflexion sind. Falsch, dass wir von den + Bewusstseinsvorgaengen blosse Vorstellungen haben. Uebertragung der + sinnlichen Vorstellungen durch den Blick des Geistes fuer das + Wesentliche, nicht in Urteilen. Methode der Psychologie: Isolierung der + Empfindungen, Isolierung der Bewusstseinsvorgaenge. Uebergreifender + Charakter der Bewusstseinsvorgaenge schon fuer das Zustandekommen der + Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung notwendig. Einheit des + Bewusstseins. Einsicht in die Zusammengehoerigkeit mancher + Bewusstseinsvorgaenge, in die Zugehoerigkeit zu unserm Bewusstsein. + Erinnerung, was sie ist. Vergleich mit der Wahrnehmung. Warum wir bei + beiden nicht von Einsicht sprechen. Unter welchen Vorbehalten bestehen + auch die Erinnerungen in Einsichten? Einsicht in die Lueckenhaftigkeit + unserer Erinnerungen, wodurch ermoeglicht? Selbstbewusstsein ist Einsicht + in die Zusammengehoerigkeit des Bewusstseins mit unserm Ich. Humes + Irrtum. Was das Ich ist, wissen wir nicht. Leibliches Ich. Ich getrennt + vom Leib d. h. von dem Leibe wie er seinem Wesen nach ist ein + Abstraktum. Einsicht in die Zusammengehoerigkeit unserer + Bewusstseinsvorgaenge mit unserm Ich. Vergleich der Erkenntnis der + Aussenwelt mit der Erkenntnis unserer eigenen Bewusstseinsvorgaenge. Bei + den Bewusstseinsvorgaengen faellt die Erscheinung derselben im Bewusstsein + mit dem Wissen, das sie von sich selbst haben, also mit ihnen selbst + zusammen. + + Zweiundzwanzigste Untersuchung. + +Weitere Schranken unseres Erkennens 64 + + Keine Erkenntnis des Wesens der Aussendinge und Bewusstseinsvorgaenge, + ihrer Stellung im System der Wahrheit. Die Zahl der blinden + Wissensinhalte unuebersehbar gross. Blosse Kenntnisse keine Erkenntnisse + -- Zusammengeratenes nicht Zusammengehoerendes. Associative + Wissensinhalte -- alles Namen- und Wortewissen von dieser Art. + Induktionsschluss ergiebt eine auf Einsicht beruhende + Wahrscheinlichkeit. + + Dreiundzwanzigste Untersuchung. + +Die Erkenntnis der Innenwelt anderer 66 + + Nicht durch einen Schluss der Analogie vermittelt, sondern + unmittelbar bei Kindern und Erwachsenen. Ansteckende Wirkung der + Bewusstseinsaeusserungen und Bewusstseinszustaende. Actio in distans. + Immediatum commercium animarum. Aristoteles, Locke, Pestalozzi als + Zeugen fuer die Grenzen unserer Erkenntnis anderer. Wesen der + Religiositaet: positive Seite der Moral, persoenliches Verhaeltnis. + Selbsterkenntnis inwiefern schwieriger als die Erkenntnis anderer. + Einsichtige Urteile ueber die sittliche Beschaffenheit anderer moeglich. + Verehrungssinn. Worte ungewollte Selbstbeurteilungen. + + Vierundzwanzigste Untersuchung. + +Geschichtliche Erkenntnisse 70 + + Ist Glauben als Fuerwahrhalten auf das Zeugnis anderer minderwertig + gegenueber dem Wissen? Mitgeteilte Urteile keine von uns gefaellten + Urteile. Aeussere Einsicht in die Wahrheit vermittelt durch die Einsicht, + dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will. Statt + Glauben und Wissen zu unterscheiden sprechen wir von Kenntnissen erster + und zweiter Hand. Believe, faith. Glauben im religioesen Sinne. + Kenntnisse zweiter Hand weitaus ueberwiegend. Begriffs- und + Thatsachenurteile nach ihrem Erkenntniswert. Erkenntniswert der + Naturwissenschaften, der Geschichte. Natur eine gebrochene Einheit, in + der Geschichte haben wir eine wirkliche Vielheit. Das Einzelne in der + Natur hat keinen Eigenwert, nur wertvoll als Exemplar einer Gattung. Vom + Koerperlichen als solchem haben wir keine eigentlichen Erkenntnisse, wohl + aber von den Beweggruenden und Triebfedern menschlicher Handlungen. Das + Koerperliche hat im Geistigen seinen Zweck, das Umgekehrte unmoeglich. + Zweckbegriff von den Anhaengern der mechanischen Naturauffassung durch + die Entwicklungstheorie wieder eingefuehrt. Die Zielstrebigkeit des + Aristoteles wird auf die Natur als Ganzes angewendet. Woher die + Anpassung? Aristokratisches Prinzip in der Natur: nicht das Staerkere + siegt der Regel nach, sondern das Vollkommenere. Entwicklung in der + Natur sehr langsam, in der Geschichte augenscheinlich. Fortschritte in + der Geschichte auf intellektuellem und religioesem Gebiete. Herstellung + von Einheiten in Natur und Geschichte wie verschieden! Dort + Mittelpunkte, Systeme des Aussereinanderliegenden, hier bewusste + Einheiten vieler Personen. Persoenlichkeiten in der Geschichte Traeger von + Ideen, damit Triebkraefte der Entwicklung. Neues in der Entwicklung: ex + nihilo fit nihil. Bedeutung des Individuums in der Geschichte. + + Fuenfundzwanzigste Untersuchung. + +Kuenstlerische und wissenschaftliche Inspiration 77 + + Erfahrung, Vernunft und Offenbarung. Inspiration verschieden von dem + Blick fuer das Wesentliche, von der schoepferischen Einbildungskraft. + Kuenstlerindividualitaet. Intuitionen. Einfallen von Gedanken. + Inspirationen: Zusammengehoerigkeiten hoeherer Art, aufgedraengte, + aufgenoetigte Gedanken, Ergaenzungen des Blicks fuer das Wesentliche, -- + noch keine Erkenntnisse. Zwei unverifizierbare Eingebungen ueber das + Wesen des Koerperlichen. Einbildungen und Eingebungen. Letztere stammen + aus dem Reich der Wahrheit, mit dem wir zusammenhaengen. Zwei + Erkenntnisquellen als Ausgangspunkte fuer das Erkennen: a) Erfahrung, aa) + Empfindungen, bb) Bewusstseinsvorgaenge, b) Eingebungen. Erkenntnis nur + durch das Denken moeglich. + + Sechsundzwanzigste Untersuchung. + +Religioese Erkenntnisse 82 + + Religion was sie ist. Inspiration von Religion unabtrennbar -- sie giebt + den Philosophen interessierende Weltanschauungen. Religion eine + praktische Angelegenheit, hat bestimmte theoretische Voraussetzungen. + Diese sind nicht darum wahr, weil sie sich bewaehren: a) Ausprobieren + unmoeglich, b) Wirkungen auch rein psychologisch bei falschen + Voraussetzungen moeglich. Religion nicht bloss Sache des Gefuehls. Das + intellektuelle Element der Religion, richtig verstanden, nicht bloss + Voraussetzung der Religion sondern ihr Wesen, sofern dieses in ihrer + Wahrheit besteht. Die Wahrheit an sich das hoechste Gut. Darum Gott die + Wahrheit. _Fuer uns_ ist Sittlichkeit ein hoeheres Gut. Fides quaerens + intellectum. Notitia, fiducia, assensus. Der Inspirierte kann davon eine + Einsicht gewinnen, dass er eine Inspiration empfangen hat. Die + Verkuendigung der Inspiration als von Gott stammend -- Offenbarung. + Mittelbare aeussere Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung vermittelt + durch die Einsicht, dass der Verkuendende die Wahrheit weiss und sagen + will. Massgebend und entscheidend hierfuer die sittliche und religioese + Beschaffenheit des Verkuendigers. Aeussere Einsicht vom religioesen + Gesichtspunkte aus der inneren vorzuziehen. + + Schluss 87 + + Alle Wahrheit wegen ihrer ewigen Bedeutung -- Metaphysik. Wer diese + leugnet, muss auch die ueberzeitliche Geltung und damit die + Allgemeingueltigkeit der Wahrheit fuer alle Denkenden leugnen -- er + verfaellt dem Skepticismus. a) Empiristischer, b) rationalistischer + Wahrheitsbegriff. Beide setzen den metaphysischen Wahrheitsbegriff + voraus. Nach jenem laesst sich nur entscheiden, was wahrscheinlich ist, + nach diesem nur, was moeglicherweise wahr ist. Jener ist nuetzlich fuer die + Sicherung unserer Lebenszwecke, dieser fuer die Verwirklichung eines + Erkenntnisideals. Ein Pruefstein der Wahrheit ist weder der eine noch der + andere. + + ------------------ + +*Druckfehler:* + +Seite 7 Zeile 13 lies statt Unveraenderliche *Veraenderliche*. + + + + + +DIE WAHRHEIT UND UNSER WISSEN. + + + ------------------ + + + + +Erster Hauptteil. + +Die Wahrheit. + + + ------------------ + + + +Erster Abschnitt. + +Was ist Wahrheit? + + + Erste Untersuchung. + + +Die herkoemmliche Definition der Wahrheit. + +Seit Cartesius spielt der Gedanke einer gegensaetzlichen Trennung von Leib +und Seele in der Philosophie eine Rolle. In aehnlicher Weise hat seit Kant +der Gedanke einer gegensaetzlichen Trennung des Erkennens und seines +Gegenstandes die Philosophen beschaeftigt, und zwar verstanden sie unter +Gegenstand das sogenannte Ding an sich oder den Gegenstand, wie er +unerkannter Weise ist. Beide Gedanken sind der Aristotelischen und +mittelalterlichen Philosophie fremd. Der letztere Gedanke fuehrt zu einer +Auffassung der gewoehnlichen Definition der Wahrheit, welche jede +Erkenntnis der Wahrheit unmoeglich macht. Nach dieser Definition naemlich, +auf die alle Eroerterungen ueber die Wahrheit vielfach unbewusst und +unfreiwillig zurueckkommen, besteht die Wahrheit in der _Uebereinstimmung +des Erkennens mit seinem Gegenstande_. Fassen wir hier Gegenstand in +seiner gegensaetzlichen Trennung vom Erkennen als das Unerkannte oder so +wie er unerkannter Weise ist, so kann von einer Erkenntnis der Wahrheit +keine Rede mehr sein; denn der Gegenstand kommt uns doch nur innerhalb +unsrer Vorstellungen und Gedanken, also vermittelt durch unser Erkennen, +zum Bewusstsein. Was er abgesehen davon sein mag, darueber wissen wir +nichts. Aber muss in jener Definition der Wahrheit das Wort Gegenstand +notwendig im Sinne des unerkannten Gegenstandes, wie er unerkannter Weise +ist, genommen werden? Wir werden der Absicht der gewoehnlichen Definition +der Wahrheit gerecht, wenn wir den Gegenstand als das betrachten, was vom +Erkennen weder gemacht noch geaendert wird und insofern vom Erkennen +unabhaengig ist. Damit steht aber nicht im Widerspruch, wenn wir an einer +unloesbaren Verbindung des Erkennens mit seinem Gegenstande festhalten und +insofern von einer wechselseitigen Abhaengigkeit einerseits des Erkennens +vom Gegenstande und anderseits des Gegenstandes vom Erkennen reden. Wenn +das Erkannte auch nicht _durch_ das Erkennen ist, so bleibt doch die +Annahme moeglich, dass es nicht _ohne_ das Erkennen sein kann und insofern +von ihm abhaengig ist. Ausgeschlossen ist hierbei die rationalistische +Annahme, dass das Erkennen seinen Gegenstand aus sich selbst schoepft; aber +auch die empiristische Annahme ist unrichtig, dass dem Erkennen sein +Gegenstand einfach gegeben wird. Das Gegebene ist noch nicht das Erkannte; +das Erkennen darf den Gegenstand weder erzeugen oder auch nur aendern, noch +kann es ihn als Unerkanntes als Ding an sich erfassen. + +Indes ganz abgesehen davon koennen wir die Definition, wie sie gewoehnlich +gegeben wird, nicht gebrauchen, schon wegen der Unbestimmtheit und +Vieldeutigkeit des Wortes "Gegenstand", und es wuerde daran auch dann +nichts geaendert, wenn wir dieses Wort durch das nicht minder unbestimmte +und vieldeutige "Wirklichkeit" ersetzten. _Fuer uns giebt es nur einen +Gegenstand des Erkennens, und das ist die Wahrheit._ Wir nehmen an, dass +wir die Wahrheit erkennen koennen, erklaeren uns aber ausser Stande, von dem +was Wahrheit ist, eine Definition zu geben. Wenn wir aber auch keine +eigentliche Definition von dem Begriff der Wahrheit zu geben vermoegen, so +koennen wir doch wenigstens ein Merkmal dieses Begriffs aufweisen und in +ihm uns seinen Inhalt vergegenwaertigen. Das Merkmal ist freilich kein +letztes Unterscheidungsmerkmal, aber doch ein wesentlicher, wenn nicht der +wesentlichste Bestandteil des Begriffs der Wahrheit. Wir koennen ferner +auch ein Kennzeichen der Wahrheit angeben, an dem wir Wahrheit und +Falschheit unterscheiden, und damit den Umfang dieses Begriffs bestimmen. +Wie so oft muss auch hier die genauere Bestimmung des Umfangs einen Ersatz +bieten fuer die unzulaengliche Festsetzung des Inhalts. Das Kennzeichen ist +freilich nur ein aeusseres, aber als einziges unterscheidendes Kennzeichen +nicht bloss praktisch unentbehrlich, sondern auch von entscheidender +Wichtigkeit. + + + Zweite Untersuchung. + + +Der ueberzeitliche Charakter der Wahrheit. + +Aus Thatsachen und Gedanken, d. h. aus dem Vorgefundenen und aus unsren +nicht willkuerlichen sondern dem Vorgefundenen entsprechenden Zuthaten, +bauen sich die Wissenschaften auf. Wenigstens ist in dem, was wir +Thatsachen nennen, das Vorgefundene das herrschende Element, waehrend in +den Gedanken das Vorgefundene gegen die Zuthaten zuruecktritt. Zu den +Gedanken gehoeren auch die Begriffsurteile oder Begriffssaetze wie: weiss +ist nicht schwarz, ein Viereck nicht rund, ein gleichseitiges Dreieck +gleichwinklig, zwei kleiner als drei usw., die das Gebiet der logischen +und mathematischen Wahrheiten umfassen. Sie sind vollkommen wahr, auch +wenn die Glieder, die sie miteinander verbinden, gar nicht existieren; +auch wenn es so etwas wie weiss und schwarz, Viereck und rund, +gleichseitiges und gleichwinkliges Dreieck, zwei und drei in Wirklichkeit +gar nicht giebt, so bleibt doch die in diesen Urteilen ausgedrueckte +Beziehung durchaus wahr. Sie ist ewig gueltig, ihre Wahrheit hat einen +ueberzeitlichen Charakter. + +Richtig verstanden gilt das aber von allen Urteilen, die eine Wahrheit zum +Ausdrucke bringen. Die Thatsachen unsres Bewusstseins, von denen nur wir +allein jeder fuer sich Kenntnis haben koennen, und alle uebrigen Thatsachen +von mehr oder minder langer Dauer -- wie sie z. B. in den Urteilen: ich +freue mich jetzt, oder: die Lampe steht auf dem Tische, ausgedrueckt werden +-- koennen nur wirklich oder wahr sein, wenn dies, dass sie jetzt oder eine +zeitlang bestehen, fuer alle Zeiten gilt. Alle Wahrheit, auch die +anscheinend nur einen Augenblick oder eine kurze Zeit bestehende, hat +einen ueberzeitlichen Charakter. Sie hat trotz ihres scheinbar kurzen +Bestandes eine ewige Gueltigkeit. Nur darum ist sie Wahrheit. + + + Dritte Untersuchung. + + +Bedeutung des ueberzeitlichen Charakters der Wahrheit. + +Aber wie ist das moeglich? Nur dadurch, dass auch die vergaengliche +Thatsache eine ewige Bedeutung hat, aus der sich ihr Hervortreten in der +Zeit erklaert. Nur aus dieser ihrer ewigen Bedeutung, die ihre zeitliche +Existenz bedingt und begruendet, folgt notwendigerweise der ueberzeitliche +Wahrheitscharakter der Thatsache. Eine ewige Bedeutung kann aber der +zeitlichen und vergaenglichen einzelnen Thatsache nicht als solcher in +ihrer Vereinzelung sondern nur als Glied eines groesseren ueber ihre +Zeitlichkeit und Vergaenglichkeit hinausgehenden Ganzen zukommen; nur als +Teil der Gesamtwirklichkeit, die als Ganzes wenigstens ueber die +Zeitlichkeit und Vergaenglichkeit ihrer Teile hinausgeht. Schon im +gewoehnlichen Leben sprechen wir bei Thatsachen nur von Wahrheit, wenn sie +in den Zusammenhang des Wirklichen aufgenommen werden koennen und durch +ihre Stellung in diesem Ganzen eine Bedeutung gewinnen. Dass ein Stein am +Wege liegt, eine Person uns begegnet, nennen wir schwerlich eine Wahrheit, +ausser wenn die Betonung dieses Sachverhalts aus andren Gruenden etwa wegen +eines gerichtlichen Verfahrens wichtig ist. Jedenfalls werden wir uns den +Wahrheitscharakter der Thatsachen, der notwendig ein ueberzeitlicher ist, +nur zum Bewusstsein bringen koennen, wenn wir sie der zufaelligen +Aeusserlichkeiten, insbesondere ihrer Vereinzelung zu entkleiden und mit +Spinoza zu reden sub specie aeternitatis zu betrachten suchen. Ob und +inwiefern dies Streben von Erfolg gekroent ist oder zu inhaltlich +bedeutsamen Erkenntnissen fuehrt, mag fraglich bleiben; aber davon haengt +natuerlich die notwendige Ueberzeitlichkeit des Charakters der Wahrheit +nicht ab. + +Eine Folgerung draengt sich auf: das Gelten steht hoeher als das Existieren; +das Existieren ist nur moeglich durch das Gelten. Mit andren Worten: die +Wahrheit steht hoeher als die Wirklichkeit und die Wirklichkeit ist nur +Wirklichkeit durch die Wahrheit. Aber was ist Wirklichkeit, abgesehen von +ihrer Wahrheit? + + + Vierte Untersuchung. + + +Nur Eine Wahrheit fuer alle Denkenden. + +Was fuer alle Zeit gilt, gilt natuerlich auch fuer alle Denkenden. Es giebt +entweder keine Wahrheit, oder aber sie gilt fuer alle Denkenden. Die +Wahrheit ist nicht ein Erzeugnis der menschlichen Organisation ueberhaupt +oder jeder einzelnen menschlichen Organisation insbesondere, sodass sie +nur fuer die Menschen gaelte oder gar fuer jeden einzelnen Menschen eine +andere und besondere waere. Alle Erkenntnis hat nur Einen Gegenstand, das +ist die Eine Wahrheit, die fuer alle Erkennenden dieselbe ist. Damit ist +aber keineswegs gesagt, dass die Wahrheit unabhaengig vom Erkennen sei im +Sinne der Transcendenz oder des Dinges an sich. Bei einer solchen +Unabhaengigkeit hoerte die Wahrheit auf, Gegenstand des Erkennens zu sein. +Die unaufloesliche Verbindung der Wahrheit mit dem Erkennen muss +festgehalten werden, wie immer diese Verbindung zu denken ist. Ausserdem +wird man von einer Abhaengigkeit der Wahrheit vom goettlichen Denken oder -- +wenn man diesen Ausdruck vorzieht -- vom "Bewusstsein ueberhaupt" und auch +vom menschlichen Denken reden duerfen, vorausgesetzt, dass das menschliche +Denken, wenn es wahr ist, eins mit dem goettlichen ist. + +Gilt die Wahrheit, auch wenn wir sie nicht erkennen? Gilt das Gesetz der +Gravitation, ehe es Newton entdeckte? Zweifellos! Aber was heisst das +anders, als dass diese Wahrheit, wie alle andren, einen ueberzeitlichen +Charakter hat, dass sie ewig gilt! Muss man dann aber nicht schliessen, +dass die Wahrheit vorhanden sein kann, ohne unser Erkennen? Wir duerfen +nicht vergessen, dass auch unser Erkennen, wie alle Thatsachen, einen +ueberzeitlichen Charakter hat. Gewiss, es hat einen Anfang, es erlebt +Veraenderungen, gehoert also der Zeit an, wie alle zeitlichen Thatsachen. +Aber wir wissen nicht, wie sich spaeter zeigen wird, was es mit der Zeit +auf sich hat, obgleich wir ihr die Bedeutung nicht absprechen. Sicher ist, +dass das Zeitliche vom Ewigen abhaengig ist, dass es in seinem Hervortreten +in der Zeit durch das Ewige bedingt und bestimmt ist. Das gilt auch von +unsrem Erkennen. Aber nicht minder sicher ist, dass dieses Hervortreten in +der Zeit auch eine ewige Bedeutung hat, und das verbuergt uns seine +unaufloesliche Verbindung mit der Wahrheit, in der allein diese ewige +Bedeutung ihren Grund haben kann. + + + Fuenfte Untersuchung. + + +Die Wahrheit und das Urteil. + +In jedem Urteile haben wir ein Bewusstsein der Wahrheit, wenn auch nur +einschliesslich und der Sache nach. Ausdruecklich und der Form nach ist +dies allerdings nur der Fall in dem Urteile: Es ist wahr, dass dies oder +jenes zutrifft! Natuerlich handelt es sich hierbei nicht immer um ein +Bewusstsein der wirklichen, sondern oft auch nur der bloss vermeintlichen +Wahrheit. Dieses Bewusstsein geht seinem Sinne nach stets ueber die +Verbindung der Vorstellungen im Urteile hinaus und weist auf einen +Sachverhalt hin, der in der Verbindung der Vorstellungen zum Ausdrucke +kommen soll, aber von ihr verschieden ist. Wir nennen das die Beziehung +des Urteils auf die Objektivitaet, und diese ist mit dem in ihm enthaltenen +Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe. + +Wenn man das Urteil Ausdruck eines Sachverhalts nennt und darunter eben +nur diese Beziehung auf die Objektivitaet oder das Bewusstsein der Wahrheit +versteht, so ist dagegen nichts einzuwenden. Falsch waere es aber, wenn man +das Wort Ausdruck im Sinne einer Nachbildung des Sachverhalts verstehen +wollte. Das im Urteil sich darstellende Erkennen ist keineswegs eine bloss +muessige Wiederholung der Wirklichkeit, ein blosses Spiegelbild derselben. +Dem Bilde ist es eigentuemlich, eine Sache so wiederzugeben, wie sie +unabgebildeter Weise ist. Waere das Erkennen ein blosses Bild der Wahrheit, +so wuerde es die Wahrheit wiedergeben, wie sie unerkannter Weise ist. Die +Wahrheit wuerde zum unerkennbaren Ding an sich. Im Erkennen haben wir nicht +ein blosses Bild der Wahrheit sondern die Wahrheit selbst. Es ahmt sie +nicht nach (homoiosis), sondern nimmt an ihr teil (koinonia), sie ist in +ihr gegenwaertig (parusia). Wir nehmen im Erkennen die Wahrheit selbst in +Besitz, nicht bloss ihr Spiegelbild, ihren Abdruck im Bewusstsein. Davon +ueberzeugt uns immer wieder die Reflexion auf den Erkenntnisvorgang. + +Wichtig ist, dass wir im Urteile nicht bloss ueber die in ihm vorhandene +Verbindung der Vorstellungen hinausgehen, sondern mit unsrem Denken oder, +wenn wir auch das falsche Urteil beruecksichtigen wollen, wenigstens in +Gedanken in die ueberzeitliche, ewige Welt, die fuer alle Denkenden in +gleicher Weise gilt, hineinreichen und mit ihr im Zusammenhange stehen. +Das ist die Bedeutung der Beziehung auf die Objektivitaet, die mit dem +Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe ist. Diese ueberzeitliche, ewige, +fuer alle Denkenden gleicherweise geltende Welt ist die Welt, das Reich +oder auch die Region, das System der Wahrheit. Jeder Urteilende tritt mit +jedem Urteil in dieses allem sinnlichen Scheine nicht bloss sondern auch +allem Vergaenglichen, Veraenderlichen so entgegengesetzte Gebiet ein und +fasst in ihm festen Fuss. + +Unsere Darlegung erinnert nicht bloss an Spinoza, der alles sub specie +aeternitatis betrachten will, sondern auch an Augustins veritates aeternae +et immutabiles, die ihren Grund nicht in dem veraenderlichen menschlichen +Denken und ebensowenig in den veraenderlichen Dingen der Welt sondern nur +in Gott haben koennen. Sie erinnert ferner an den Satz von Nikolaus von +Cues, der wieder an Eckhart anklingt, dass die ideelle Existenz der Dinge +(in dem Gedanken Gottes) wahrer ist als die in Raum und Zeit erscheinende +koerperliche Existenz. Sie erinnert endlich ganz besonders an die +Ideenlehre Platons. Das, was wir Wahrheit nennen, ist in der That eine +Platonische Idee, oder sie umfasst vielmehr die ganze Ideenwelt Platons, +welche die Erscheinungswelt in ihrem Sein bedingt. + + + +Zweiter Abschnitt. + +Die Wahrheit und das Wesen der Dinge. + + + Sechste Untersuchung. + + +Wesentliche und nicht wesentliche Merkmale. + +Das Erkennen ist auf das Wesentliche gerichtet. Sein Ziel ist das Wesen +der Dinge. Das Wesentliche soll im Gegensatz stehen zu dem Zufaelligen und +scheint dann als das Notwendige, Unentbehrliche betrachtet zu werden. Es +fragt sich, wem notwendig, wem unentbehrlich? Natuerlich dem Begriff des +Dinges (Ding im allgemeinsten Sinne genommen, in dem es auch +Eigenschaften, Vorgaenge und Beziehungen umfasst). Allein, fragen wir +weiter, woraus besteht der Begriff? so lautet die Antwort: aus den +wesentlichen Merkmalen. Durch Zurueckgreifen auf den Begriff kommen wir in +der Erkenntnis dessen, was unter wesentlich zu verstehen ist, nicht +weiter. + +Jedenfalls setzt die Unterscheidung wesentlicher und zufaelliger Merkmale +die Annahme eines Wertunterschieds unter den Merkmalen voraus. Und an +dieser Annahme wird festgehalten werden muessen. Schon wenn wir von der +Gestalt und Groesse der Ausdehnung, von der Hoehe und Staerke eines Tones, +von der Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung reden, tritt dieser +Wertunterschied deutlich hervor. Das erstgenannte Merkmal ist das +vorzueglichere, dem das zweite als Eigenschaft untergeordnet wird. Aber +nicht das Umgekehrte gilt. Man kann den Kaukasier nicht definieren als ein +menschliches Weisses, den Menschen nicht als ein zweibeiniges und +zweihaendiges oder als ein zweifuessiges ungefiedertes Wesen, wenn gleich +diese Definitionen eine Unterscheidung des Kaukasiers von den andern +Menschentypen und des Menschen von allen andern Dingen ermoeglichen. Warum +nicht? Weil die weisse Farbe, die Zweifuessigkeit, Ungefiedertheit keine +wesentlichen Merkmale bilden, das Weiss-Sein ausserdem sich dem +Mensch-Sein nicht ueberordnen laesst. Die Alten hatten recht, wenn sie im +Anschluss an Porphyrius nicht unterschiedslos alle Merkmale, die einem +Dinge und nur ihm zukommen, in seine Definition aufgenommen wissen +wollten, sondern nur gewisse wertvolle, die sie die wesentlichen nannten. +Auch darin hatten sie recht, wenn sie von den wesentlichen Merkmalen nicht +bloss die zufaelligen, wie z. B. die Farbe beim Menschen, unterschieden, +sondern auch die notwendigen, die sogenannten Proprietaeten. Was notwendig +zum Wesen des Menschen gehoert, wie z. B. die Zweifuessigkeit, ist darum +noch nicht ein Bestandteil dieses Wesens. + + + Siebente Untersuchung. + + +Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale? + +Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass wir weder die einer Reihe von Dingen +gemeinsamen, sogenannten allgemeinen Merkmale, noch die im Laufe der +Entwicklung eines Dinges sich gleichbleibenden sogenannten konstanten +Merkmale mit den wesentlichen verselbigen duerfen. Es bedarf ferner nicht +eines Durchlaufens einer Reihe von gleichen oder aehnlichen Dingen oder der +Entwicklungsphasen ein und desselben Dinges um das Wesentliche an ihnen zu +entdecken. Freilich kann nicht geleugnet werden, dass dieses Verfahren der +Generalisation die Auffindung der wesentlichen Merkmale haeufig +unterstuetzt. Sind die Umstaende und Verhaeltnisse der Gegenstaende, um deren +Erkenntnis es sich handelt, sehr verwickelt und schwer ueberschaubar, so +mag es unentbehrlich sein, aber doch nur fuer die Ausscheidung der +unwesentlichen Merkmale, nicht unmittelbar fuer die Auffindung der +wesentlichen. Die Abstraktion ist natuerlich frueher als die Generalisation, +weil deren Bedingung. Durch die Abstraktion gewinnen wir unter andrem auch +die wesentlichen Merkmale. Eine kleine Menge Wasser genuegt dem Chemiker, +die Zusammensetzung des Wassers, alles Wassers aufzuweisen, eine einzige, +beliebig gewaehlte Dreiecksfigur dem Mathematiker, die Eigenschaften aller +Dreiecke darzuthun. Das bekannte Verfahren der Induktion, bei der von +einer groesseren oder geringeren Zahl von Einzelfaellen ausgegangen und aus +ihnen mit groesserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit auf einen +allgemeingueltigen Sachverhalt geschlossen wird, kommt ebenso wie das +Verfahren der Generalisation nur dann zur Anwendung, wenn die Umstaende und +Verhaeltnisse sehr verwickelt und schwer ueberschaubar sind. "Die wahre +Methode geht" nach Liebig (von Liebig, Franz Bacon und die Methode der +Naturwissenschaften 1863 S. 47) "vom einzelnen Falle, nicht von vielen +Faellen aus". Das deutet auch Goethe an, wenn er (W. XXII. S. 264) sagt: +"Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist das Besondere? +Millionen Faelle." + +Indes, was ist denn das Mittel fuer die Erfassung des Wesentlichen? Ein +einfacher Blick des Geistes, ueber den freilich keineswegs jedermann +verfuegt. Eine grosse Anzahl selbst von den wissenschaftlichen Forschern +haengen an Einzelheiten, Aeusserlichkeiten, dringen nicht ein in den Kern +der Sache, nicht in das, worauf es ankommt. Der Bloedsinnige und Dumme +ermangelt dieses Blickes gaenzlich. Jener bleibt mit seinem sprunghaften +Denken keinen Augenblick bei derselben Sache, dieser sieht, wie man zu +sagen pflegt, vor lauter Baeumen den Wald nicht. Insbesondere zeigt dies +der Ungebildete durch Heranziehung aller, auch der gleichgueltigsten +Nebenumstaende bei Darstellungen und Erzaehlungen. Ihnen allen fehlt der +Blick des Geistes fuer das Wesentliche. + +Etwas dieser eigentuemlichen Funktion des Bewusstseins Aehnliches haben wir +in dem, was man in der Wissenschaft als Apercu oder Intuition bezeichnet. +Man muss darunter auch einen, wie man sagt, vorausschauenden Blick des +Geistes verstehen, durch den die wissenschaftlichen Ergebnisse, die das +Ende einer laengren Gedanken- und Forschungsarbeit bilden und sie zum +Abschlusse bringen, vorweggenommen oder unmittelbar aufgefasst werden. +Freilich ist diese Vorwegnahme oder unmittelbare Auffassung keineswegs +schon eine Erkenntnis. An sie anschliessend nimmt die eigentliche +wissenschaftliche Gedanken- und Forschungsarbeit erst ihren Anfang, +zunaechst sozusagen bloss probierend und tastend. Aber dieses eigentliche +wissenschaftliche Verfahren erhaelt doch durch das im voraus erfasste +Ergebnis seine Richtung und sein Ziel. Ihm liegt die Aufgabe ob, fuer das +Apercu oder die Intuition den Beweis zu fuehren und sie dadurch zu einer +wirklichen Erkenntnis zu erheben. Wir werden bald sehen, dass der Blick +des Geistes, durch den wir die wesentlichen Merkmale gewinnen, darin mit +dem wissenschaftlichen Apercu und der wissenschaftlichen Intuition +Aehnlichkeit hat, dass wir durch ihn und fuer sich allein noch keineswegs +Erkenntnisse gewinnen. + + + Achte Untersuchung. + + +Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen +(vorstellungsmaessigen) abzuleiten. + +All unsrem Erkennen liegen Sinnenbilder zu Grunde. Auf das in den +Empfindungen gegebene, das Sinnliche, Sinnfaellige, muss, sei es zur +Begruendung, sei es zur Verdeutlichung unsrer Erkenntnisse, immer +zurueckgegriffen werden; zur Verdeutlichung insbesondere dann, wenn es sich +um die Erkenntnis des Nichtsinnlichen, Geistigen handelt. Die +Grundbestandteile dieses Sinnlichen, Sinnfaelligen bilden die Sinnenbilder +der Ausdehnung und Bewegung. Von beiden haben wir Tast- und +Gesichtsbilder, auch von der Bewegung (etwa die Beruehrungsempfindungen von +einem ueber die Hand kriechenden Sonnenkaefer), denen entsprechende +Gesichtsempfindungen zur Seite gehen. Natuerlich sind diese Bilder selbst +ausgedehnt und bewegt und heissen nur uneigentlich Bilder von der +Ausdehnung und Bewegung. Das deutet schon darauf hin, dass wir unter der +Ausdehnung und Bewegung etwas andres verstehen muessen als diese +sogenannten Sinnenbilder. Was wir unter Ausdehnung und Bewegung verstehen, +das zeigen die Worte Ausdehnung und Bewegung an. Diese Worte sind +sozusagen Zeichen fuer ein in uns vorhandenes ruhendes Wissen, eine +Wissensdisposition, eine Faehigkeit, in Urteilen darzulegen, was Ausdehnung +und Bewegung ist, oder wenigstens jederzeit diese Worte richtig +anzuwenden. Wir wissen, dass die Ausdehnung eine Vielheit gleichzeitiger +einander beruehrender Teile, die Bewegung eine Vielheit aufeinander +folgender, ineinander uebergehender Teile umfasst. Gleichzeitige Vielheit +und Beruehrung, aufeinander folgende Vielheit und Uebergang, das sind die +Bestandteile der Begriffe Ausdehnung und Bewegung, die wesentlichen +(begrifflichen) Merkmale der Ausdehnung und Bewegung. Aber sind diese +Merkmale nicht schon in den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung +vorhanden, nicht in ihnen unmittelbar gegeben, sodass sie sich also von +den sinnfaelligen, sinnlichen gar nicht unterscheiden oder hoechstens doch +durch eine in Gestalt von Worten vermittelte Umformung aus ihnen +abgeleitet werden koennten? Wenn die Sinnenbilder selbst ausgedehnt und +bewegt sind, so sind diese Merkmale so in ihnen enthalten, wie in jedem +andren Ausgedehnten und Bewegten. Aber um sie zu finden, dazu bedarf es +eben eines Finders, der von den sinnlichen Empfindungen selbst verschieden +ist, eben jenes Blickes des Geistes, dem wir die Gewinnung der +wesentlichen Merkmale zuschreiben. Die Sinnenbilder an und fuer sich +genommen sind nichts andres als Zusammensetzungen von Empfindungen, die je +den Teilen der Netzhaut und Tasthaut entsprechen. Sie sind Zustaende des +Bewusstseins, die noch gar nicht einmal einen gegenstaendlichen Charakter +haben, noch nicht einmal als Objekte uns gegenuebertreten. Unsrem +entwickelten Bewusstsein erscheint freilich ihre Gegenstaendlichkeit als +etwas Selbstverstaendliches; aber doch nur darum, weil ihnen der Finder, +der Blick des Geistes, gegenuebersteht. + +Wie werden urspruenglich aus den, sagen wir einmal bloss subjektiven +Empfindungen -- an sich genommen sind die Empfindungen ja weder subjektiv +noch objektiv -- Vorstellungen? Wie es scheint auf folgendem Wege. Mit den +Bewegungen unsrer eigenen Glieder sind Willensimpulse verbunden; sie +kehren regelmaessig bei den sogenannten willkuerlichen Bewegungen wieder und +associieren sich so mit den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung +dieser Glieder. Wenn nun Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung, mit +denen diese Willensimpulse nicht verbunden sind, in uns auftreten, so wird +das Gedaechtnisbild dieser Willensimpulse reproduziert und auch diesen +Sinnenbildern unterlegt. So treten dann diese Sinnenbilder als +Willensdinge den Sinnenbildern, die von vornherein mit den Willensimpulsen +verbunden sind, gegenueber. So erhalten diese erstren Sinnenbilder diesen +letztren gegenueber, wie es scheint, urspruenglich einen gegenstaendlichen +Charakter, oder, wie wir ohne Gefahr des Missverstandenwerdens besser +sagen, sie werden zu Vorstellungen. Gegenstaende im eigentlichen Sinne als +das dem Geiste Gegenueberstehende giebt es fuer ihn erst auf Grund des +Urteils. + +Wir nannten die Sinnenbilder, mit denen associativ Willensimpulse +verbunden sind -- auch von den Sinnenbildern, mit denen sie urspruenglich +verbunden sind, koennen wir das Gleiche sagen, -- Willensdinge. Es ist +bekannt, dass die Wilden ebenso wie unsere Kinder und Dichter alles als +belebt und beseelt, alles als mit Gefuehl und Willen ausgestattet, +auffassen. Diese Animismus genannte Erscheinung haelt natuerlich der +fortschreitenden Erfahrung gegenueber nicht Stand. Der geworfene Stein und +die freifliegende Taube werden bald unterschieden. Von dem Willensding +bleibt dann nur uebrig, 1. dass es einen Raum ausfuellt, der nicht zugleich +mit ihm von einem andren Dinge eingenommen werden kann -- das Willensding +wird zur Substanz; 2. dass es jedem Eindringen in diesen Raum Widerstand +entgegensetzt, also Einwirkungen ausuebt -- das Willensding wird zur +Ursache. Man koennte denken, diese wesentlichen (begrifflichen) Merkmale +der Dinge im engren Sinne seien wieder unmittelbar in den mit +Willensimpulsen verbundenen Sinnenbildern der Sinnendinge gegeben. Aber +auch hier gilt: es bedarf des Finders, des Blickes des Geistes, und erst +dieser schafft, erzeugt, freilich nicht willkuerlich, sondern im engen +Anschluss und gemaess dem Sinnenbild, in seiner Thaetigkeit von ihm bedingt +und bestimmt, das wesentliche oder begriffliche Merkmal. Das Finden, +Erblicken, auf geistigem Gebiete ist eben nicht ein materielles Aufnehmen +sondern ein Erzeugen, ein Schaffen. Allein, sollte man nicht annehmen +duerfen, dass wir diese begrifflichen Merkmale nur durch die urteilende +Thaetigkeit gewinnen? Zumal wir ja die Vielheit der Teile des Ausgedehnten +und der Bewegung anscheinend nur durch Unterscheidung der Teile im Urteile +erhalten. Diese Unterscheidung im Urteil setzt die Erfassung der Teile als +einzelner, sozusagen eine Unterscheidung durch den einfachen Blick des +Geistes voraus. In der durch diese Unterscheidung gegebenen Vereinzelung +sind die Teile im Sinnenbilde der Ausdehnung und Bewegung nicht vorhanden, +sondern koennen erst durch den Blick des Geistes gewonnen werden. Dasselbe +gilt dann natuerlich auch von dem Moment der Beruehrung und des Uebergangs, +den andern begrifflichen oder wesentlichen Merkmalen der Ausdehnung und +Bewegung, in denen die einzelnen Teile zu zweien zusammengefasst werden. +Gewiss kommt in unsrem entwickelten Bewusstsein wie jene Vereinzelung so +auch diese Zusammenfassung im Urteil zum Ausdruck. Aber wie die im Urteil +gegebene Vereinzelung, so setzt auch die in ihm gegebene Zusammenfassung +den einfachen Blick des Geistes, dem wir die Gewinnung der wesentlichen +Merkmale zuschreiben, voraus. Diese durch den einfachen Blick des Geistes +sich vollziehende Vereinzelung und Zusammenfassung erzeugt neue +gedankliche Gebilde im Geiste, eben die wesentlichen, begrifflichen +Merkmale, die wir mit den Worten gleichzeitige, aufeinanderfolgende +Vielheit, Beruehrung, Uebergang bezeichnen und die die Grundlage der +betreffenden unterscheidenden und zusammenfassenden Urteile bilden. + +Wir koennen nicht zugeben, dass die wesentlichen Merkmale, aus denen der +Begriff nach allgemeiner Annahme besteht, in den Sinnenbildern oder +Vorstellungen in dem hier erklaerten Sinne wirklich enthalten sind. In +andren Faellen tritt uns das noch deutlicher entgegen. Wir haben +Sinnenbilder vom Punkt, der keine Ausdehnung hat, von der Linie, die nur +_eine_ Ausdehnung, von der Flaeche, die nur zwei Ausdehnungen hat, von +einem luftartigen Gebilde als dem Geiste, der den ausschliessenden +Gegensatz zu allem Koerperlichen ausmacht. Es ist einleuchtend, dass die +hier genannten wesentlichen Merkmale des Punktes, der Linie, der Flaeche, +des Geistes nur durch Negation des in den betreffenden Sinnenbildern +Enthaltenen gewonnen werden koennen. Die Negation im eigentlichen Sinne hat +nur im negativen Urteile ihre Stelle, aber diese im negativen Urteil +gegebene Negation setzt den Blick fuer das, was anders ist, als das, was +negiert wird, voraus. + + + Neunte Untersuchung. + + +Das Wesen der Dinge. + +Aber wir haben immer noch nicht erklaert, was das Wesentliche eigentlich +ist oder worin das Wesen der Dinge besteht. Am einfachsten scheint die +Sache bei den mathematischen Gebilden zu liegen. Das Wesen eines Kreises, +einer Ellipse besteht natuerlich nicht in der gezeichneten und von uns +gesehenen Linie, viel eher in der mathematischen Formel, durch welche das +Verhaeltnis der Linie zu dem einen Mittelpunkt des Kreises und zu den +beiden Mittelpunkten der Ellipse bestimmt wird, in dem Gesetze des Kreises +und der Ellipse. Sicher kommt die mathematische Formel dem Wesen des +Kreises und der Ellipse naeher als die gezeichnete und gesehene Linie, die, +um gezeichnet und gesehen zu werden, im Widerspruch mit sich selbst +mehrere Ausdehnungen haben muss. Aber macht die mathematische Formel das +ganze Wesen des Kreises und der Ellipse aus? Sie gehoeren doch zu den +Kegelschnitten und nehmen innerhalb derselben eine bestimmte, durch neue +Formeln festgelegte Stellung ein. Diese gehoert nicht minder zu ihrem +Wesen. Sie sind Linien, und Linien begrenzen Flaechen; Flaechen begrenzen +Koerper, Koerper nehmen hinwiederum in der Gesamtheit des Wirklichen eine +Stellung ein, an der auch die Linien teilnehmen. Auch diese Stellung zur +Gesamtheit des Wirklichen gehoert zum Wesen des Kreises und der Ellipse, ja +es ist einleuchtend, dass sie ihr eigentliches Wesen bilden muss, da aus +ihr die Einzelstellung dieser mathematischen Gebilde und somit ihre +mathematische Formel sich ergiebt und abgeleitet werden kann. Was vom +Wesen des Kreises und der Ellipse gilt, wird vom Wesen aller Dinge +behauptet werden muessen. Eine rohe Auffassung sieht in diesem Wesen einen +beharrlichen, unveraenderlichen Seinskern, an dem sich die mit dem Begriffe +des Dinges vertraeglichen Veraenderungen vollziehen sollen. Einen solchen +unveraenderlichen Seinskern giebt es nicht in den Dingen. Die Veraenderungen +sind Veraenderungen der Dinge, nicht an den Dingen. Man kann sich auch +nicht auf den Begriff des Dinges berufen, um die mit seinem Wesen +vertraeglichen Veraenderungen des Dinges zu gewinnen. Denn der Begriff, der +die wesentlichen Merkmale umfasst, setzt das Wesen des Dinges voraus. Das +unveraenderlich sich Gleichbleibende in den Dingen ist ihre Stellung zur +Gesamtheit des Wirklichen. Sie verleiht den Dingen eine ueberzeitliche +Geltung und eine ewige Bedeutung; in ihr besteht das Wesen der Dinge, und +dieses Wesen ist mit ihrer Wahrheit ein und dasselbe. Wie die Wahrheit, so +ist darum auch das Wesen unveraenderlich und ewig. In diesem hoechsten Sinne +giebt es von jedem Ding nur Einen Begriff. Er ist der Ausdruck fuer seine +Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen, oder, wie wir auch sagen +koennen, fuer seine Stellung in dem System der Wahrheit. Natuerlich ergiebt +sich auch aus der Stellung eines Dinges in der Gesamtheit des Wirklichen, +welche Veraenderungen es durchlaufen kann, oder welche Veraenderungen fuer +die Geltendmachung dieser Stellung erforderlich sind. + + + Zehnte Untersuchung. + + +Der Begriff der Philosophie. + +Koennen wir wirklich fuer unser Erkennen das Eindringen in das Wesen der +Dinge in diesem Sinne als Aufgabe in Anspruch nehmen? Geht eine solche +Aufgabe nicht ueber die Kraft des Erkennens hinaus? Gilt das Wesen der +Dinge nicht mit Recht fuer unerkennbar? Haben wir beispielsweise vom Wesen +der Farbe eine Erkenntnis? Die Physiker sagen, die Farben seien +Aetherschwingungen; die Physiologen nennen sie Empfindungen. Aber weder die +einen noch die andren koennen uns sagen, was es mit den Aetherschwingungen +und Empfindungen eigentlich auf sich hat, was ihr Wesen ist. Das Wesen der +Farbe wuerden wir erst dann erkannt haben, wenn wir den ursaechlichen +Zusammenhang zwischen den Aetherschwingungen und unsren Empfindungen und +den Zweckzusammenhang zwischen beiden verstanden haetten, wenn wir wuessten, +warum die Aetherschwingungen die Farben erzeugen und wodurch sie das +vermoegen. Davon aber sind wir sehr weit entfernt. Wir wissen nicht, wie +die durch die Aetherschwingungen erzeugten Gehirnvorgaenge es machen, dass +die von ihnen ganz verschiedenen Farbenempfindungen auftreten, und noch +weniger, warum es der toten und gleichmaessigen Aetherschwingungen bedarf, +um die ganze Farbenwelt hervorzuzaubern, die der Kunst der Malerei ihre +Existenz verleiht. Noch weniger koennen wir das Wesen des Menschen +erkennen. Platon nannte den Koerper den Kerker und das Grab der Seele, +moderne Physiologen betrachten das Bewusstsein als ein ueberfluessiges und +unbequemes Nebenprodukt. Die Frage, warum der den Geist so oft behindernde +Koerper mit dem den Koerper so oft zum Siechtum verurteilenden Bewusstsein +verbunden ist, wird heutzutage kaum gestellt. Erst die Beantwortung dieser +Frage wuerde uns Aufklaerung ueber das Wesen des Menschen geben. Aber wenn +wir das Wesen der Dinge gar nicht erkennen koennen, warum denn von dieser +Erkenntnis reden und von ihr so viel Aufhebens machen? Wir antworten: das +Ziel des Erkennens ist unzweifelhaft das Wesen der Dinge, und wer die +richtige Darstellung vom Erkennen geben will, darf dies sein Ziel nicht +ausser Acht lassen; mag das Erkennen dasselbe auch nur unvollkommen und +annaehernd erreichen. Man hat die Philosophie nicht mit Unrecht als die +Wissenschaft vom Wesen der Dinge bezeichnet. Man muss sie folgerichtig +auch als die Wissenschaft der Fragen bestimmen, denn sie steht mitten im +Fragen und kommt aus dem Fragen gar nicht heraus. Aber ist das etwa eine +ihrer unwuerdige Bestimmung? Ist die richtig gestellte Frage und das +Bewusstsein, sie nicht beantworten zu koennen, wirklich wertlos? Jedenfalls +ist diese Bestimmung ehrenvoller fuer die Philosophie, als wenn man sie, +ihrer gegenwaertigen Lage nicht ganz unangemessen, als die Wissenschaft +charakterisiert, in der jeder eine andere Meinung hat. + +Dass die Philosophie die Wissenschaft der Fragen ist, zeigt sich +besonders, wenn wir den Begriff des Erkennens ins Auge fassen. Man spricht +von Erscheinung im Gegensatz zum Wesen und unterscheidet die Erscheinung +im metaphysischen und erkenntnistheoretischen Sinne. Unter der erstren +sind die Veraenderungen der Dinge zu verstehen, die sich natuerlich aus +ihrer Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen ergeben und darum aus +ihrem Wesen erklaeren lassen. Unter der letztren sind die Denkvorgaenge im +weitesten Sinne des Wortes, die auch und in erster Linie die sinnlichen +Empfindungen umfassen, zu verstehen. Sie vermitteln das Erkennen, und +insofern sie das wirklich oder vermeintlich thun, gelten sie als +Erscheinung der Dinge in uns. Was hat es mit dieser Erscheinung der Dinge +in uns, diesen Denkvorgaengen, die das Erkennen vermitteln, auf sich? Was +hat das Erkennen zu bedeuten, was ist sein Wesen? Nur eine blosse +Abspiegelung, eine muessige Wiederholung der Dinge im Bilde? Sind auch die +fuer unsre Erfassung des Wirklichen so notwendigen Ortsbestimmungen, die +einerseits feste Punkte voraussetzen und anderseits sich doch in lauter +Beziehungen aufloesen, und ebenso die Zeitbestimmungen, von denen das +Gleiche gilt, Bilder einer von ihnen unabhaengig bestehenden Wirklichkeit? +Dem Bilde ist es eigentuemlich, den Gegenstand so wiederzugeben, wie er +unabgebildeterweise ist. Waere das Erkennen nur ein Bild des Wirklichen, so +wuerden wir den Begriff des Dinges an sich nicht entbehren koennen. Um ihn +zu vermeiden, mussten wir eine unaufloesliche Verbindung des Erkennens mit +seinem Gegenstande, der Wahrheit annehmen. Aber erst, wenn wir die Art +dieser Verbindung zu bestimmen vermoechten, wuerden wir das Wesen des +Erkennens erkannt haben, mit ihm auch die Bedeutung der fuer unsere +Erfassung des Wirklichen so notwendigen Orts- und Zeitbestimmungen. + + + Elfte Untersuchung. + + +Die Wahrheit das hoechste Gut. + +Insofern die Philosophie als Wissenschaft vom Wesen der Dinge und vom +System der Wahrheit bezeichnet werden muss, ist sie auch die Wissenschaft +vom hoechsten Gute: denn die Wahrheit ist in der That das hoechste Gut, +dasjenige, wodurch alles andere Wert erhaelt. Wertvoll wird etwas nicht +etwa dadurch, dass es der Wahrheit nicht ermangelt, sondern geradezu durch +seine Wahrheit. Dass wir etwas aus sittlichen Gruenden thun sollen, dass +etwas schoen ist, gilt natuerlich nur insoweit, als eben dies Thun-sollen +und das Schoen-sein wahr ist. Wie wir gewoehnlich sagen, es gilt nur, wenn +das sittlich Gebotene wahrhaft oder wirklich sittlich, das fuer schoen +erklaerte wahrhaft oder wirklich schoen ist. Wahrhaft und wirklich gut oder +schoen ist etwas nur dann, wenn es dem allgemein fuer alle Denkenden und fuer +alle Zeit gueltigen, dem in diesem Sinne objektiv gueltigen Begriffe des +sittlich Guten und des Schoenen entspricht. Mit diesem Begriff wuerde sich +unser Begriff vom sittlich Guten und Schoenen erst decken, wenn wir ihn in +seiner Stellung im System der Wahrheit erkannt haetten. So lange und so +weit dies nicht der Fall ist, bleibt er missverstaendlich und einseitig; so +lange ist er darum kein unzweideutiger und vor allem kein vollstaendiger +Ausdruck des wahrhaft und wirklich Guten und Schoenen. Fuer unsren Begriff +des sittlich Guten und des Schoenen, sofern er wirklich wesentliche +Merkmale enthaelt, gilt: nicht ohne ihn giebt es etwas Gutes und Schoenes. +Fuer den Begriff des sittlich Guten und Schoenen im System der Wahrheit gilt +hingegen: nur durch ihn ist etwas schoen, ist etwas gut. Auch das Gute und +Schoene erhaelt seine Wahrheit und Wirklichkeit lediglich durch seine +Stellung im System der Wahrheit oder dadurch, dass es in diesem System +eine Stelle hat. Aehnlich wie vom sittlich Guten und Schoenen sprechen wir +auch von einem wahren, wirklichen Israeliten, von einem wahren, wirklichen +Menschen, von wahrem, wirklichem Golde u. s. w. Der hier als Massstab +zugrundeliegende Begriff, ein Soll-Begriff oder Idealbegriff, wird in +allen diesen Faellen von uns als etwas Allgemeingueltiges geltend gemacht +oder in Anspruch genommen, als etwas, das alle anerkennen muessen, und +weist damit auf den ihm im System der Wahrheit entsprechenden Begriff hin. + +Was wahrhaft und wirklich ist, wird dadurch ueber die Vergaenglichkeit und +Veraenderlichkeit hinausgehoben; es ist nicht bloss etwas Scheinbares, +nicht etwas zum Verschwinden Bestimmtes, nicht etwas Nichtseinsollendes. +Aber wenn dem Scheinbaren, dem Nichtseinsollenden auch kein Wert und keine +Wahrheit zukommen soll, so ist es doch nichtsdestoweniger eine +Wirklichkeit. Wie ist das moeglich? Auch das Vergaengliche und +Veraenderliche, worin immer es besteht, ist nur wirklich durch seinen +ueberzeitlichen Charakter, durch seine ewige Bedeutung. Sollen wir auch dem +bloss Scheinbaren, dem Zufaelligen, dem Nichtseinsollenden einen +ueberzeitlichen Charakter und eine ewige Bedeutung zuschreiben? Wirklich +kann es nur durch diesen seinen ueberzeitlichen Charakter und seine ewige +Bedeutung sein; nur durch sie wird es ueber den blossen inhaltleeren +Schein, ueber den blossen sinnlosen Zufall hinausgehoben, wie der Schatten +nur sein kann, indem er sich an die Dinge der Umgebung dessen heftet, von +dem er ausgeht. Das Scheinbare, Nichtseinsollende, Zufaellige ist, wie +spaeter klar werden wird, das nicht wahrhaft und wirklich sondern nur +anmasslich und vorgeblich Selbstaendige, das die geliehene Selbstaendigkeit +als wirkliche gebraucht und damit zum Schein herabsetzt. + + + + +Zweiter Hauptteil. + +Unser Wissen. + + + ------------------ + + + +Dritter Abschnitt. + +Kennzeichen der Wahrheit. + + + Zwoelfte Untersuchung. + + +Die Bestandteile des Erkenntnisvorgangs. + +Was wesentlich ist, ist einem Ding -- das Wort im weitesten Sinne genommen +-- wesentlich, es ist ihm zugehoerig und gehoert mit ihm zusammen. So fuehrt +der Begriff des Wesentlichen auf den des Zusammengehoerigen zurueck. Das +zeigt sich insbesondere, wenn wir den alles Wesentliche zusammenfassenden +Begriff des Wesens der Dinge naeher betrachten. Die Stellung der Dinge in +der Gesamtheit des Wirklichen, d. h. also ihre Zusammengehoerigkeit mit +allem Wirklichen, macht das Wesen der Dinge aus. Die Zusammengehoerigkeit +ist der Grundbegriff des Erkennens, in dem uns seine wesentlichste Seite +kund wird; das Wesen der Dinge und ihre Wahrheit ist sein Ziel, aber nur +durch Erfassung des Zusammengehoerigen wird es erreicht. + +Das, was zusammengehoerig oder wesentlich ist, muss sorgfaeltig +unterschieden werden von seiner Zusammengehoerigkeit oder Wesentlichkeit. +Wir erfassen dasselbe mit einem Blick des Geistes, ueber den das +entwickelte Bewusstsein verfuegt. Es ist vor allem wichtig zu beachten, +dass dieser Blick nicht als eine Erkenntnis betrachtet werden kann. All +unser Erkennen setzt ein Vorgefundenes voraus, nicht als seine Quelle, +sondern als Ausgangspunkt fuer eine Reihe von Thaetigkeiten, die ihm +vorangehen. Diesen Ausgangspunkt, also das Vorgefundene, bilden die +Empfindungen und die aus ihnen zusammengesetzten Sinnenbilder. Auch die +Willensdinge, die durch blosse Association der Sinnenbilder der Ausdehnung +und Bewegung mit den Willensimpulsen entstehen, ferner die ersten +Vorstellungen, die wir von einem uns Gegenueberstehenden gewinnen, gehoeren, +wie die Sinnenbilder selbst zu den Voraussetzungen des Erkenntnisvorganges +und koennen insofern dem Vorgefundenen zugerechnet werden. + +Durch den Blick des Geistes, der eine besondere Art der Abstraktion +bildet, gewinnen wir den Begriff oder die wesentlichen Merkmale dieser +Willens- oder Sinnendinge. Natuerlich belehrt uns dieser Begriff in keiner +Weise darueber, was den Sinnendingen fuer die Gesamtheit des Wirklichen fuer +eine Bedeutung zukommt. Hier zeigt sich insbesondere, dass die vielen +Begriffe, auch wenn sie die wesentlichen Merkmale umfassen, also wirkliche +Begriffe sind, von dem eigentlich einzig und allein diesen Namen +verdienenden Begriff, der die Stellung des Einzelnen im System der +Wahrheit bestimmt, ganz und gar verschieden sind. Zur Gewinnung dieses +Begriffs bedarf es eines sozusagen alles zusammenschauenden Blicks; fuer +die Gewinnung jener Begriffe genuegt der in Gedanken trennende Blick. Diese +in Gedanken sich vollziehende Trennung ist der eigentliche Sinn der +Abstraktion, des lateinischen abstrahere, des griechischen aphaireisthai, +nicht das Absehen, viel eher das Hinsehen und Festhalten des einen, mit +Vernachlaessigung und Beiseitesetzung des andren im Denken. Es ist klar, +dass ein solches Trennen, gedankliches Isolieren ein neues gedankliches +Gebilde eben das auf diese Weise Getrennte und Isolierte und zugleich +Festgehaltene erzeugen, erschaffen muss. Die so erzeugten, geschaffenen +Gebilde sind Einzelgebilde des Denkens und als solche im Denken vorhanden, +nicht erst in Urteilen gegeben. Wenn man den Nachdruck auf das Absehen, +Fallenlassen, das leicht als Ausscheiden, Verneinen gefasst werden kann, +legt, so liegt der Gedanke nahe, diese wesentlichen Merkmale seien fuer uns +nur in negativen Urteilen vorhanden. Aber das widerspricht einerseits der +Selbstbeobachtung, der Reflexion auf das, was wir thun, wenn wir diese +Gebilde festhalten: es ist ein einfaches Hinsehen, Hinblicken, dessen +thatsaechlicher Nebenerfolg das Absehen freilich bildet, aber ohne als +besonderer Vorgang hervorzutreten. Anderseits setzen diese negativen +Urteile bereits die Isolierung der wesentlichen und unwesentlichen +Merkmale also eben diese isolierten Gebilde voraus. Durch diese Isolierung +gewinnen wir die wesentlichen Merkmale, die zu dem Sinnen- oder +Willensding gehoeren: Ausdehnung, Bewegung, Nebeneinander, Nacheinander, +Substanz, Kausalitaet. Was die Bedeutung dieser Worte ist, koennen wir +freilich nur in Urteilen angeben; aber daraus folgt nicht, dass wir den +Gedankengehalt dieser Worte auch nur durch Urteile gewinnen. Die Urteile, +in denen wir die Bedeutung dieser Worte darlegen, setzen vielmehr die +entsprechenden Einzelgebilde des Denkens voraus, in denen das in den +Urteilen Verbundene isoliert wird. Diese gedanklichen Einzelgebilde +schafft, erzeugt der Blick des Geistes, aber er entdeckt und findet sie +zugleich. Das, was er findet und entdeckt, ist jedenfalls von dem +Vorgefundenen verschieden, es ist eine Zuthat zu dem Vorgefundenen, die +freilich nicht willkuerlich sondern ihm angemessen ist. Mit dieser Zuthat +ist das in der Empfindung Gegebene, das Vorgefundene jedenfalls +ueberschritten. Sie ist das, was wesentlich ist, das, was zusammengehoerig +ist, wesentlich dem Dinge, zusammengehoerig mit dem Ding, in dessen Besitz +wir zunaechst durch den genannten Blick unseres Geistes gesetzt werden. + +Die zweite ueber das Vorgefundene hinausgehende Stufe, die aber auch noch +nicht als eigentliche Erkenntnis betrachtet werden kann, besteht darin, +dass sich unsrem Bewusstsein die Wesentlichkeit des Wesentlichen, die +Zusammengehoerigkeit des Zusammengehoerigen aufdraengt, dass der Gedanke +daran sich als unabweislich darstellt. Das Sichaufdraengen der +Zusammengehoerigkeit und Sichalsunabweislichdarstellen darf nicht falsch +verstanden werden. Es ist ein _Einleuchten_ und hat darum mit aeusserem +Zwange, der uns die Empfindungen aufdraengt, oder mit innerer Noetigung, die +wir erfahren, wenn uns ein Gedanke verfolgt, nichts zu thun. Es wendet +sich einfach an die Vernunft des Menschen. + +Nun folgt als dritte Stufe die eigentliche Erkenntnis, die in der +_Einsicht_ der Zusammengehoerigkeit oder der Wesentlichkeit besteht. +Selbstverstaendlich ist der sich unabweislich aufdraengende Gedanke oder das +Einleuchten etwas von der Einsicht Verschiedenes. Nur in der Einsicht kann +die Erkenntnis bestehen. An die Einsicht schliesst sich als vierte Stufe +das Urteil an, das sich ganz auf die Einsicht stuetzt und nur als +gedanklicher Ausdruck der Einsicht aufgefasst werden kann. Als fuenfte +Stufe folgt das Bewusstsein von der Objektivitaet des Urteils oder das +Bewusstsein der Wahrheit des Urteils, das seinen Grund in der zweiten +Stufe, dem Einleuchten der Zusammengehoerigkeit hat. Es folgt als sechste +Stufe die Gewissheit, der Gegensatz des Zweifels, der allen Zweifel +ausschliesst und dem Bewusstsein die Festigkeit verleiht, wie der Zweifel +dasselbe ins Schwanken bringt. Es ist nach dem Zeugnis der Reflexion ganz +offenbar, dass die Einsicht, der eigentliche Erkenntnisakt, von ihrem +gedanklichen Ausdruck im Urteil verschieden ist. Weniger deutlich giebt +sich kund, dass von der Einsicht auch der Zustand der Gewissheit und das +Bewusstsein der Wahrheit verschieden ist; aber beide setzen die Erkenntnis +als vollendet voraus und duerfen darum nicht mit der Einsicht verselbigt +werden. + +Das Urteil entspricht dem Finden der wesentlichen Merkmale durch den Blick +des Geistes. Wie durch das letztere ein Einzelgebilde des Denkens erzeugt +wird, so durch das erstere eben jene Urteil genannte Verbindung, sei es +eines Sinnenbildes, sei es eines Einzelgebildes des Denkens mit einem +andren Einzelgebilde, eben dem wesentlichen Merkmal. Wie das Einzelgebilde +des Denkens im Worte seinen Ausdruck findet, so die Urteil genannte +Verbindung im Aussagesatze. Aber sowohl das Einzelgebilde wie diese +Verbindung sind gedanklicher Natur und muessen darum sorgfaeltig von dem +sprachlichen Ausdrucke unterschieden werden. Der Auffindung des +wesentlichen Merkmales folgt das Einleuchten und die Einsicht, dem Urteil +das Bewusstsein der Wahrheit und die Gewissheit. Auch diese Glieder +entsprechen sich: das Einleuchten dem Bewusstsein der Wahrheit und die +Einsicht der Gewissheit. Es sind Zustaende, nicht Schoepfungen des +Bewusstseins, von denen Einleuchten und Bewusstsein der Wahrheit einen +objektiven, Einsicht und Gewissheit einen subjektiven Charakter haben. Das +Kennzeichen der Wahrheit besteht fuer uns in dem Einleuchten, der zweiten +ueber das Vorgefundene hinausgehenden Stufe des Erkenntnisvorgangs. Es +liegt nahe -- und das geschieht oft genug -- die Einsicht fuer das +Kennzeichen der Wahrheit zu halten; wird doch das griechische enargein und +das lateinische evidentia oft genug mit Einsicht wiedergegeben oder die +Einsicht naeher als das Einleuchten der Wahrheit erklaert. Natuerlich kann +unter dieser Voraussetzung nicht von einem criterium secundum quod ausser +fuer die nachtraegliche Reflexion, sondern nur von einem criterium quo +cognoscitur die Rede sein. Wir verstehen unter dem Kriterium oder +Kennzeichen der Wahrheit nicht diesen subjektiven Zustand der Einsicht +sondern das Einleuchten, Sichaufdraengen der Zusammengehoerigkeit, die +Unabweislichkeit des Gedankens derselben, die natuerlich etwas Objektives +ist und darum auch die Objektivitaet des Urteils oder das Bewusstsein +seiner Wahrheit begruenden kann. + + + Dreizehnte Untersuchung. + + +Die Gesetze des Erkennens. + +Die Wahrheit, das Ziel des Erkennens ist nicht eine zusammenhanglose Summe +von Teilen sondern ein Ganzes, in dem jeder Teil den andern bedingt und +traegt, kein Chaos sondern ein System, und dieses System ist der Wahrheit +so wesentlich, dass eine einzelne Wahrheit nur Wahrheit ist durch ihren +Zusammenhang mit dem Ganzen. Man kann darum streng genommen nicht von +einer einzelnen Wahrheit sprechen sondern nur von einem Reiche der +Wahrheit. Die verschiedenen zusammengehoerigen Wahrheiten als +zusammengehoerige, also ihre Zusammengehoerigkeit zum Bewusstsein bringen, +so den Zusammenhang aller Wahrheit herstellen, oder besser gesagt die Eine +Wahrheit finden, das ist das Ziel des Erkennens. Die Ableitung und +Erschliessung der einen Wahrheit aus der andren ist nur die Kehrseite +dieses Zieles, seine bloss formale Folgeerscheinung, und von viel +geringerer Bedeutung. + +Das ist freilich ein hohes, ein allzuhohes Ziel. Der Zusammenhang aller +Wahrheit, oder, was dasselbe ist, das Wesen der Dinge zu erkennen, den +Einen Gedanken zu finden, der ueber alles Licht verbreitet, ist uns bis +jetzt versagt. Wir muessen uns mit einzelnen Strahlen dieses Lichtes +begnuegen. Wir kommen nur wenig ueber die wesentlichen Merkmale der Dinge +hinaus, und wenn wir darunter diejenigen verstehen, von deren +Zugehoerigkeit zu den Dingen wir eine Einsicht haben, reichen wir in vielen +Faellen nicht einmal an diese heran. So tritt fuer unser Denken an die +Stelle des Gesetzes der Zusammengehoerigkeit, das uns die Aufgabe stellt, +alle Wahrheiten in ihrer Zusammengehoerigkeit und somit als die Eine +Wahrheit zu erfassen, das Gesetz der Uebereinstimmung, nach dem sich die +Wahrheit und Falschheit unsrer einzelnen Urteile bestimmt. Wir +unterscheiden vier, beziehungsweise acht Formen dieses Gesetzes, deren +Wahrheit uns unmittelbar einleuchtet. Erstens, das Zugehoerige muss +zugesprochen werden. Zweitens, das Zugehoerige darf nicht abgesprochen +werden. Drittens, das Nichtzugehoerige muss abgesprochen werden. Viertens, +das Nichtzugehoerige darf nicht zugesprochen werden. Zu dem Zugehoerigen +gehoert auch das Enthaltene. Was in einem Subjekt enthalten ist, gehoert zu +ihm, aber nicht das Gegenteil gilt: was in einem Subjekt nicht enthalten +ist, kann ganz wohl ihm zugehoeren. Daraus ergeben sich die vier weiteren +nicht die Zugehoerigkeit sondern das Enthaltensein betreffenden Formen. +Fuenftens, das Enthaltene muss zugesprochen werden. Sechstens, das +Enthaltene darf nicht abgesprochen werden. Siebentens, das Nichtenthaltene +darf nicht als enthalten zugesprochen werden. Achtens, das Nichtenthaltene +muss als enthalten geleugnet werden. Der Zusatz als enthalten in sieben +und acht ist notwendig, weil auch das Nichtenthaltene zugehoerig sein kann. +Was immer zugesprochen oder abgesprochen wird, wird als zugehoerig +zugesprochen oder abgesprochen; deshalb bedarf es des Zusatzes als +zugehoerig in drei und vier nicht, er ist ohne weiteres in diesen Formen +eingeschlossen. Setzen wir voraus, dass das negative mit dem unendlichen +Urteil: der Mensch ist nicht sterblich -- ist unsterblich; der Kreis ist +nicht rund -- ist nichtrund, dieselbe Bedeutung hat, so ergiebt sich, dass +die Formen zwei und drei und die Formen sechs und sieben dasselbe +ausdruecken. Man kann sie im Gegensatz zu dem Gesetze der Uebereinstimmung +als Formen des Gesetzes des Widerspruches bezeichnen, das eigentlich nur +die negative Seite des Gesetzes der Uebereinstimmung bildet. Es ist ein +Widerspruch nicht bloss das Nichtenthaltene als enthalten zu behaupten, +wie es die siebente Form, sondern auch das Nichtzugehoerige als zugehoerig +zu behaupten, wie es die dritte Form verbietet. + +Nicht bloss, was in einem Subjekt enthalten ist, kommt ihm zu, sondern +auch das nicht in ihm Enthaltene, sofern es zu ihm gehoert. Wuerde nur das +erstere ihm zukommen, so gaebe es keinen Fortschritt im Erkennen. Aber +giebt es etwas nicht in einem Subjekt Enthaltenes, das trotzdem zu ihm +gehoert? Ohne Zweifel, wenigstens fuer alle diejenigen, welche Sinnenbild +und Vorstellung von dem Begriff, der die wesentlichen Merkmale umfasst, +unterscheiden und von diesen wesentlichen Merkmalen behaupten, dass sie +nicht in den Sinnenbildern oder Vorstellungen enthalten sind. Fassen wir +unter dieser Voraussetzung das Subjekt unter der Vorstellung auf und legen +ihm ein wesentliches Merkmal bei, oder fassen wir es unter einem +wesentlichen Merkmal auf und legen ihm ein anderes wesentliches Merkmal +bei, so schreiben wir offenbar dem Subjekt etwas zu, das nicht in ihm +enthalten ist. Natuerlich kommt dem Subjekt auch das zu, was in ihm +enthalten ist, und so ergiebt sich als besonderer Fall des Gesetzes der +Uebereinstimmung das Gesetz des Enthaltenseins, das die Formen fuenf bis +acht umfasst. + +Es giebt sehr vieles, was in einem Subjekt nicht enthalten ist und ihm +doch nicht abgesprochen werden darf, vielmehr zugesprochen werden muss. +Freilich liegt es sehr nahe, alle Urteile fuer analytische oder +Erlaeuterungsurteile, d. h. auf dem Verhaeltnis des Enthaltenseins beruhende +Urteile zu halten, wenn man bloss auf den gedanklichen Ausdruck der +Urteile achtet. Allein diesem gedanklichen Ausdruck, der immerhin als +blosse Analyse betrachtet werden mag, liegt eine Synthese zugrunde. Wir +denken, ehe wir urteilen, das Subjekt unter dem Gesichtspunkt des +Praedikats. Die Zusammengehoerigkeit beider draengt sich uns auf, wir sehen +sie ein, und nun machen wir sie im Urteil geltend. Das alles sind wahre +Synthesen, sie kehren bei allen Urteilen, die fuer den Fortschritt unsres +Erkennens von Bedeutung sind, wieder. Fasst man das so unter dem +Gesichtspunkte des Praedikats gedachte Subjekt als eine Einheit auf, so ist +das Urteil natuerlich, wie es sich uns in seinem gedanklichen Ausdruck +darstellt, ein bloss analytischer Vorgang. Waere es _bloss_ dies, dann gaebe +es keinen Fortschritt in unsrem Erkennen, da alles Erkennen sich in +Urteilen vollzieht, oder darin wenigstens seinen gedanklichen Ausdruck +findet. Der Begriff des Enthaltenseins und des analytischen Verfahrens +thut unsrem Erkennen nicht genuege; wir muessen ihn ersetzen durch den der +Zusammengehoerigkeit und der Synthese. + +Vom Enthaltensein kann nur bei einander ueber- oder untergeordneten +Begriffen die Rede sein; der uebergeordnete Begriff ist in dem +untergeordneten enthalten. Dieses Verhaeltnis gilt also nur fuer die +sogenannten logischen Teile, fuer die Gattungs- und Artmerkmale, nicht fuer +die metaphysischen Teile. Geschwindigkeit und Richtung sind nicht in der +Bewegung enthalten, Staerke und Hoehe nicht im Tone, sie sind Eigenschaften, +notwendige Eigenschaften von Bewegung und Ton, ohne die beide nicht sein +koennen, aber nicht Merkmale, die ihnen uebergeordnet werden koennten; oder +genauer, die eine Gattung bilden, der Bewegung und Ton untergeordnet sind. +Das Verhaeltnis des Enthaltenseins ist das Verhaeltnis des Allgemeinen zum +Besondren. Es ist nicht das einzige, nicht einmal das wichtigste +Verhaeltnis fuer unser Erkennen. Die Inhaltsmerkmale oder Constitutive eines +Begriffs sind in ihm wirklich enthalten; sie sind ausser dem letzten +unterscheidenden Merkmale auch Merkmale des hoeheren, uebergeordneten Art- +oder Gattungsbegriffes, und verhalten sich darum zu dem Begriff in der +That wie das Allgemeine zum Besondren. Der Gedanke liegt freilich nahe, +dass dieses Verhaeltnis, wenn nicht das einzige, so doch das +hauptsaechlichste fuer unser Erkennen bildet. Gilt doch allgemein bei den +Aristotelikern das Praedikat des Urteils als der allgemeinere Begriff und +wird hiernach das Verhaeltnis von Subjekt und Praedikat als ein +Subsumtionsverhaeltnis bestimmt. Statt der Baum blueht, sollen wir hiernach +sagen, der Baum ist bluehend, oder besser noch, ein bluehendes Etwas; statt +der Mensch ist sterblich, der Mensch ist ein sterbliches Wesen. Auf diese +Weise wird freilich das Urteil in das Subsumtionsverhaeltnis eingespannt. +Aber die Eigentuemlichkeit der von diesem Verhaeltnis verschiedenen +Verhaeltnisse von Ding und Vorgang, Ding und Eigenschaft werden dabei +unterdrueckt und beseitigt. Man muss die vier Kategorien von Begriffen +unterscheiden: Ding, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung. In jeder dieser +Kategorien giebt es ueber- und untergeordnete Begriffe, aber man kann die +Begriffe der einen Kategorie nicht denen der andren ueber- oder +unterordnen. Der Vorgang hat das Eigentuemliche eines zeitlichen Anfangs, +Verlaufs und Endes, das einer Reihe von Veraenderungen eines Veraenderlichen +gleichkommt. Die Eigenschaft hat das Eigentuemliche eines Unselbstaendigen +gegenueber einem Selbstaendigen, das an dessen Sein teilnimmt und ohne +dasselbe nicht vorhanden sein kann. Die Beziehung hat das Eigentuemliche, +dass sie zwischen zwei Gliedern besteht und ohne diese Glieder nicht +vorhanden sein kann. Ueberall handelt es sich hier um Verhaeltnisse, die vom +Verhaeltnis des Allgemeinen zum Besondren oder vom Verhaeltnis des +Enthaltenseins verschieden sind und fuer unser Erkennen eine viel +wichtigere Rolle spielen. Die Eigenschaft ist das Endglied des +Substanzverhaeltnisses, der Vorgang das Mittelglied des +Ursachverhaeltnisses, die Beziehung das, was die Zusammenfassung der +einzelnen Wahrheiten zu dem System oder Reiche der Einen Wahrheit +ermoeglicht. + +Die einzige Moeglichkeit, alles auf das Verhaeltnis des Enthaltenseins +zurueckzufuehren, besteht darin, dass man auch die sogenannten negativen +Merkmale als in den Dingen enthalten oder als Inhaltsmerkmale derselben +betrachtet. Dann ist in jedem Gegenstande alles Aussagbare enthalten. +Allein negative Merkmale setzen negative Urteile voraus und haben nur in +ihnen Halt und Bestand. Durch diese negativen Urteile werden sie aber +gerade von den betreffenden Gegenstaenden ausgeschlossen. Man muesste also +das Ausgeschlossene als eingeschlossen, d. h. das, was nicht zum Inhalt +gehoert, als zum Inhalt gehoerend, oder das, was nicht Bestandteil des +Inhalts ist, als Bestandteil des Inhalts betrachten, wollte man die +negativen Merkmale fuer Inhaltsmerkmale erklaeren. Heutzutage, wo wir so +stark sind in dem Voraussehen der Konsequenzen im praktischen Leben sowohl +wie in der Wissenschaft, dass wir darueber die Prinzipien kaum noch +beachten oder ununtersucht auf sich beruhen lassen, ist es nicht zu +verwundern, dass alles zur Analyse draengt und von Synthese nichts wissen +will. Aber der Natur und dem Wesen des Erkennens geschieht damit nicht +genuege. Das ist es, was wir betonen moechten. + +Das Gesetz der Uebereinstimmung, des Enthaltenseins und des Widerspruchs +sind Gesetze fuer die Einzelurteile, aber auch die einzigen Gesetze, nach +denen die Wahrheit und Falschheit der Einzelurteile bestimmt werden kann. +Sie sind in allen ihren Formen, jede fuer sich genommen, unmittelbar +einleuchtend. Das gewoehnlich aufgestellte Gesetz des ausgeschlossenen +Dritten ist nicht Gesetz fuer ein Einzelurteil sondern nur fuer das +Verhaeltnis zweier Urteile zu einander. Es lautet: Wenn von zwei Urteilen +eins dasselbe bejaht, was das andere verneint, -- so ist notwendig eins +von beiden wahr, sie koennen nicht beide falsch sein, die Wahrheit ist +nicht ein Drittes, von Bejahung und Verneinung nicht Betroffenes; -- sie +koennen nicht beide wahr sein, eins von beiden ist falsch, auch die +Falschheit ist nicht ein Drittes, weder in der Bejahung noch in der +Verneinung Ausgedruecktes. Nach diesem Gesetze folgt aus der Wahrheit von +eins die Falschheit des Gegenteils von zwei, aus der Falschheit des +Gegenteils von zwei die Wahrheit von zwei; und dasselbe gilt von drei und +vier, von fuenf und sechs, von sieben und acht. Eigentlich heisst das +Gesetz nur: zwischen Bejahen und Verneinen giebt es kein Mittleres; +Bejahen und Verneinen sind ausschliessende Gegensaetze. Dass sie es sind, +kommt uns bei einem Vergleiche von eins und zwei, drei und vier, fuenf und +sechs, sieben und acht zum Bewusstsein. Aber auch nur hier, wo es sich um +das Einzelwirkliche handelt. + + + Vierzehnte Untersuchung + + +Gesetze des Erkennens. (Fortsetzung.) + +Giebt es keine weiteren Gesetze des Erkennens? Die genannten Gesetze sind +eigentlich nur Gesetze fuer das Einzelwirkliche; sie geben Bestimmungen +ueber das, was zu ihnen gehoert oder nicht zu ihnen gehoert. Sofern dieses +Einzelwirkliche das Subjekt der Urteile bildet, sind sie Gesetze der +Urteile. Aber das Einzelwirkliche ist Glied der Gesamtwirklichkeit, und +diese seine Stellung zur Gesamtwirklichkeit macht sein eigentliches Wesen +aus. Es muss auch Gesetze fuer den Zusammenhang alles Wirklichen geben, den +wir auf dem Wege des Schlusses erkennen. Diese Gesetze sind darum Gesetze +des Schlusses. Es sind drei Gesetze: das Gesetz der Einheit, das Gesetz +der Kausalitaet und das Gesetz des Grundes. Es ist eine alte Rede vom +Einheitsstreben unserer Vernunft. Aber Einheit ist nicht Einerleiheit, +nicht Dieselbheit, sogern das auch der Analytiker annaehme. Die rein +aeusserlichen Orts- und Zeitbestimmungen, deren wir zur Unterscheidung des +Einzelwirklichen von einander beduerfen, setzen feste Punkte in Raum und +Zeit voraus, die dann aber sofort sich in lauter Beziehungen aufloesen. +Beziehungen ohne Beziehungsglieder sind undenkbar. Also muss ein ueber +allen Zeit- und Raumbestimmungen stehendes Sein angenommen werden, das +diesen Beziehungen Halt und Bestand giebt. Unser Bewusstsein, das +ebenfalls dem Fluss der Zeit angehoert, kann dieses Sein nicht ausmachen. +Man kann sich auch nicht darauf berufen, dass Raum und Zeit etwa nur +Formen unserer Anschauung sind. Das mag sein, eine Bedeutung fuer die Welt +der Wirklichkeit kommt ihnen unzweifelhaft zu, moegen wir dieselbe kennen +oder nicht. Zu dem gleichen Ergebnis fuehrte schon den Aristoteles die +Bewegung, die er als eine anfangslose betrachtete. Nehmen wir eine +rueckwaerts sich erstreckende unendliche Zahl von Bewegungsgliedern an, von +denen das nachfolgende Glied immer von dem vorausgehenden abhaengt, so +haben wir lauter abhaengige Glieder; die unendliche Reihe ist so lange ohne +Halt und Bestand, als wir nicht ein ueber ihr stehendes Unbewegtes, den +unbewegten Beweger des Aristoteles annehmen, in dem die Bewegung ihren +Grund hat, ohne dass er an ihr teilnimmt. Wir betonten frueher, dass es +keine Einzelwahrheit giebt und demnach auch strenggenommen keine einzelnen +Wesen, da alles mit einander im Zusammenhang steht, und das Eine in dem +Andern seine Stuetze und seine Begruendung findet. Das Reich der Wahrheit +ist ein Ganzes, keine Summe von Teilen, kein wirres Durcheinander, sondern +eine nach Gruenden geordnete oder besser durch einen +Begruendungszusammenhang gegliederte Einheit. Jede Wahrheit hat ihren +objektiven Grund, auch die unmittelbar einleuchtenden Thatsachen und +Prinzipien, fuer die wir einen Beweis nicht fuehren koennen und die in sofern +_subjektiv_ fuer uns _grundlos_ sind. Man koennte sich das Reich der +Wahrheit nun als ein System von Gliedern denken, die sich gegenseitig +stuetzen und tragen. Allein die Beziehung zur Erkenntnis ist der Wahrheit +wesentlich. Die Wahrheiten sind keine Dinge an sich, die wir so erkennen, +wie sie unerkannter Weise sind. Ihr Einheitspunkt ist darum das ihnen +allen gemeinsame goettliche Erkennen oder Denken, an dem unser Erkennen +teilnimmt. In ihm haben sie ihren letzten _objektiven Grund_, ganz +verschieden von dem subjektiven Grund unserer Einsicht. In diesen +Gedankengaengen von den Zeit- und Ortsbestimmungen zu dem ueber Zeit und Ort +Erhabenen, von der Bewegung zu dem unbewegten Beweger, von dem System der +Wahrheiten zu dem Erkennenden und Denkenden, in dem es seinen Grund hat, +macht sich das Einheitsgesetz unseres Denkens geltend. Es lautet: Das +System der Wahrheit setzt einen Erkennenden voraus, in dem es seine +Einheit hat. + +Als weiteres Gesetz unseres Erkennens bezeichnen wir das Gesetz der +Kausalitaet: Was anfaengt zu existieren, setzt ein Anderes voraus, das bei +seinem Anfange schon vorhanden ist und diesen Anfang ermoeglicht -- Gesetz +der Ermoeglichung. Das Gesetz der Kausalitaet verhaelt sich aehnlich zum +Einheitsgesetz wie das des Widerspruchs zum Gesetz der Uebereinstimmung. +Wie das Gesetz des Widerspruchs zum Gesetze der Uebereinstimmung +hinueberleitet, so das Gesetz der Kausalitaet zum Einheitsgesetz. Meistens +muessen wir uns mit der Wegraeumung des Unwesentlichen begnuegen, und dazu +verhilft uns das Gesetz des Widerspruchs immer, auch wenn wir nicht im +stande sind, das Wesentliche oder eigentliche Wesen der Dinge zu erkennen. +Meistens muessen wir uns auch zufrieden geben mit der Herstellung des +Kausalzusammenhangs der Dinge mittels des Kausalitaetsgesetzes. Und diese +Herstellung gelingt uns fast immer, wenn wir auch die Stellung der Dinge +in der Gesamtheit des Wirklichen nach dem Einheitsgesetz nicht zu erkennen +vermoegen. Falsch ist die Formel des Gesetzes: Was anfaengt zu existieren, +setzt ein Anderes voraus, aus dem es notwendig hervorgeht. Diese Formel +schiebt das Gesetz der Kausalitaet in das Gesetz des Grundes hinein, die +Wirkung wird dadurch zur blossen logischen Folge herabgesetzt. Was immer +unter dem causari verstanden werden mag, es ist verschieden von sequi. Das +Gesetz der Kausalitaet in der von uns gegebenen Form ist unmittelbar +evident. Es leuchtet uns unabweislich ein, dass kein Ding sich den Anfang +seines Seins selbst geben kann, sondern eines Andern bedarf, das diesen +Anfang ermoeglicht, obgleich die erstere Annahme keineswegs einen +Widerspruch einschliesst. Sicher waere es widersprechend, wenn man annehmen +wollte, ein Ding koenne freilich nicht selbst seinen Anfang ermoeglichen, +und doch leugnete, dass dazu etwas von ihm Verschiedenes schon bei seinem +Anfange Vorhandenes notwendig sei. Aber bedarf es einer Ermoeglichung des +Anfangs? Darueber sagt uns das Gesetz des Widerspruchs nichts. Das Gesetz +der Kausalitaet bejaht die Frage, und diese Bejahung drueckt seinen +eigentlichen Sinn aus. Natuerlich ist das Gesetz der Kausalitaet auch ganz +etwas andres, als das von der Gleichfoermigkeit des Naturlaufs, das auf +induktivem Wege gewonnen wird, und als das viel weniger gesicherte +Seitenstueck desselben, dass alle Denkenden unter gleichen Umstaenden +gleiche Urteile faellen. Das Gesetz von der Gleichfoermigkeit des Naturlaufs +ist nur eine Zusammenfassung unserer Erfahrungen von der Qualitaet der +Ursachen oder Ermoeglichungsgruende, worueber uns natuerlich nur die Erfahrung +und nicht das ganz allgemeine Gesetz der Kausalitaet oder Ermoeglichung +belehren kann. Von Evidenz kann bei dem Gesetze der Gleichfoermigkeit keine +Rede sein. + +Als letztes Gesetz erwaehnen wir das Gesetz des Grundes. Es lautet: Bei +Bejahung des Grundes muss auch die Folge bejaht werden, und bei Verneinung +der Folge muss auch der Grund verneint werden. Da eine Folge verschiedene +Gruende haben kann, so gilt wenigstens nicht allgemein die Umkehrung des +ersten Teiles des Gesetzes: Bei Bejahung der Folge muss auch der Grund +bejaht werden. Da die Folge im Grunde enthalten ist, so gilt natuerlich +immer: Wenn die Folge, das Enthaltene, nicht vorhanden ist, so ist auch +der Grund, das die Folge notwendig Enthaltende, nicht vorhanden. Es +handelt sich hier offenbar lediglich um das Verhaeltnis des Enthaltenseins. +Das Gesetz des Grundes ist nichts andres, als das Gesetz des +Enthaltenseins in seiner Anwendung auf zwei oder mehrere Urteile, die sich +wie Grund und Folge verhalten. Natuerlich kann das Gesetz des Grundes +ebensowenig wie das des Enthaltenseins zu einer Erweiterung unserer +Erkenntnisse dienen und hat deshalb, wie dieses letztere, einen bloss +formalen Charakter. + +Wenn wir das in einem Subjekt Enthaltene von ihm leugnen, das in einem +bejahten Urteil enthaltene andere Urteil leugnen, oder auch trotz der +Verneinung des enthaltenen Urteils das enthaltende bejahen, so verstossen +wir nicht bloss gegen das Gesetz des Enthaltenseins und gegen das Gesetz +des Grundes sondern auch gegen das Gesetz des Widerspruchs: wir +widersprechen uns selbst. Insofern kann man die Form, welche wir, die +Verneinung zu Huelfe nehmend, dem Gesetze des Grundes geben koennen: Bei +Bejahung des Grundes darf nicht die Folge verneint und bei Verneinung der +Folge nicht der Grund bejaht werden, als dritte Form des Gesetzes des +Widerspruchs bezeichnen. Das, was wir als erste Form des Gesetzes des +Widerspruchs bezeichnen koennen: Das Nichtzugehoerige nicht zusprechen oder +als zugehoerig bejahen, ist natuerlich von etwas anderer Art als die dem +Verhaeltnis des Enthaltenseins entsprechende zweite und dritte Form des +Gesetzes. Wer gegen diese zweite und dritte Form verstoesst, widerspricht +sich selbst, wer hingegen gegen die erste Form verstoesst, legt bloss einem +Subjekt ein nicht zu ihm gehoerendes Praedikat bei, das im Subjekt nicht +enthalten ist, ihm also auch nicht widerspricht. Aber er legt doch ein +nicht zugehoerendes Praedikat als zugehoerend bei und begeht in sofern einen +Widerspruch. + +Das Gesetz der Uebereinstimmung, das Einheitsgesetz und das Gesetz der +Kausalitaet sind Realgesetze, die den Fortschritt unsres Denkens +ermoeglichen und begruenden, muessen darum als Gesetze des Erkennens im +strengen Sinne bezeichnet werden; das Gesetz des Enthaltenseins und das +Gesetz des Grundes sind Formalgesetze, nach denen der Inhalt der +gewonnenen Erkenntnis zergliedert wird, also eigentlich Denkgesetze. Indes +auch durch Verneinung des Nichtzugehoerigen und ebenso auch durch +Verneinung des Nichtenthaltenen findet entschieden ein Fortschritt des +Erkennens statt. Insofern kann auch das Gesetz des Widerspruchs eine reale +Bedeutung haben. + + + Fuenfzehnte Untersuchung. + + +Erkenntnis und blinde Ueberzeugung. + +Wir unterschieden den Blick, der die zusammengehoerigen Merkmale entdeckt; +das Sichaufdraengen oder Einleuchten der Zusammengehoerigkeit; das Sehen, +Wahrnehmen dieser Zusammengehoerigkeit oder die Einsicht in dieselbe, worin +der eigentliche Erkenntnisakt besteht; den gedanklichen Ausdruck der +Zusammengehoerigkeit im Urteil; das Bewusstsein der Objektivitaet oder +Wahrheit des Urteils, das dem Einleuchten oder Sichaufdraengen der +Zusammengehoerigkeit entspricht; endlich die Ueberzeugung von der Wahrheit +oder Gueltigkeit des Urteils, die zur Gewissheit wird, wenn sie jeden +Zweifel ausschliesst. Die thoerichte Frage, ob das Ding so ist, wie wir es +mit den leiblichen Augen sehen, stellen wir nicht, auch nicht die, ob ein +solches Ding existiert, sondern die andere, was das Ding seinem Wesen, +seiner Wahrheit nach ist. Das haengt natuerlich von seiner Stellung in der +Gesamtheit des Wirklichen ab und kann nur mit dem Auge des Geistes gesehen +werden. + +Das auf Einsicht beruhende Urteil und die auf Einsicht beruhende +Ueberzeugung haben natuerlich, wie die Einsicht selbst, in dem Einleuchten +der Zusammengehoerigkeit einen vernuenftigen sie vollkommen rechtfertigenden +Grund, der aber, wie wir sehen werden, keineswegs zwingend ist. Einsicht +darf nicht mit Denknotwendigkeit verwechselt werden. Allein Urteil und +Ueberzeugung koennen auch ohne vernuenftigen Grund eintreten. Wir sprechen +dann von blindem Urteil, blinder Ueberzeugung. Natuerlich hat auch das +blinde Urteil und die blinde Ueberzeugung einen Grund, nur keinen +zureichenden, wirklich rechtfertigenden Grund. Ihr Grund besteht in den +Gefuehlen des Gefallens und Missfallens, der Abneigung und Zuneigung, in +der durch die Meinung anderer, zu der auch die oeffentliche Meinung gehoert, +entstehenden Gewoehnung, in den von dort her ruehrenden Vorurteilen der +Familie, des Standes, der Nation, der Konfession, des Berufs, in der +Erziehung, in ererbten und erworbenen Gehirndispositionen, endlich im +Egoismus und Lebenstrieb, der sich im Wettbewerb und im Kampfe ums Dasein +kundgiebt. Aus allen diesen Gruenden entsteht zunaechst ein blindes +Urteilen, oder gedankliches Behaupten, das, wenn es oft genug wiederholt +wird, eine blinde Ueberzeugung zur Folge hat, die freilich auch unmittelbar +aus diesen Gruenden, insbesondere aus den Gefuehlen der Abneigung und +Zuneigung, des Gefallens und Missfallens, dann aus dem Egoismus und +Lebenstriebe hervorgehen kann. Diesem blinden Urteilen und Ueberzeugtsein +folgt dann das vermeintliche Sehen, Wahrnehmen der Zusammengehoerigkeit, +die vermeintliche Einsicht in dieselbe, die natuerlich keine Erkenntnis +ist, weil sie des vernuenftigen Grundes, auf dem alle Erkenntnis beruht, +ermangelt. Die Erkenntnis ist wirkliche, nicht bloss vermeintliche +Einsicht in die Zusammengehoerigkeit und beruht auf dem Einleuchten dieser +Zusammengehoerigkeit. Diese wirkliche Einsicht geht immer dem Urteil, der +gedanklich behaupteten Zusammengehoerigkeit, voran und unterscheidet sich +dadurch wesentlich von der vermeintlichen Einsicht. Wie solche blinden +Urteile und Ueberzeugungen des vernuenftigen, sie rechtfertigenden Grundes +ermangeln, der nur in dem Einleuchten der Wahrheit bestehen kann, so +ermangeln sie damit auch des Kennzeichens der Wahrheit, das eben in diesem +Einleuchten besteht. Wenn sie wahr sind, so sind sie doch nur zufaelliger +Weise wahr; eine Buergschaft fuer ihre Wahrheit bieten sie in keiner Weise. + +Mit der in der Einsicht bestehenden Erkenntnis ist immer eine Gewissheit +verbunden, sie ist von derselben unabtrennbar. Unter Gewissheit aber +verstehen wir eine Ueberzeugung, die jeden Zweifel ausschliesst. So lange +wir zweifeln, hin- und herschwanken, oder auch die Gruende fuer oder gegen +eine Sache abwaegen, erkennen wir nicht. Wenn wir aber sagen: das ist +zweifelhaft, entweder weil gar keine Gruende dafuer sprechen, oder weil die +Gruende, die dafuer sprechen, nicht durchschlagend sind; wenn wir ferner +sagen: das ist wahrscheinlich oder das ist unwahrscheinlich, weil mehr +oder weniger Gruende fuer eine Sache sprechen als fuer ihr Gegenteil, so ist +das eine Erkenntnis; wir sagen so, weil wir es einsehen. Eine +wahrscheinliche oder zweifelhafte Einsicht giebt es nicht, sondern nur +eine Einsicht, dass etwas wahrscheinlich oder zweifelhaft ist. Die +Einsicht ist eben immer mit der Gewissheit verbunden und von ihr +unabtrennbar, aber auch die blinde Ueberzeugung kann jeden Zweifel +ausschliessen und so zur Gewissheit werden. Von dieser Art ist +unzweifelhaft die Ueberzeugung des Fanatikers oder desjenigen, der +blindlings einem Andern in rueckhaltloser, unbedingter Weise vertraut. Ihre +Ueberzeugung schliesst sicher jeden Zweifel aus und muss darum als +Gewissheit bezeichnet werden. Freilich ist das eine blinde Gewissheit, die +von der auf Einsicht beruhenden und von ihr unabtrennbaren Gewissheit +verschieden ist. Offenbar hat die Gewissheit, insofern sie jeden Zweifel +ausschliesst, also nach ihrer negativen Seite, keine Grade; nach ihrer +positiven Seite hat sie allerdings, wenigstens als blinde Gewissheit, +ebenso wie die blinde Ueberzeugung, Grade. Die blinde Gewissheit kann nicht +als ein Maximum der blinden Ueberzeugung betrachtet werden, sondern ist +durch die Leidenschaftlichkeit des Blindglaubenden einer Steigerung bis +ins Unermessliche faehig. Anders scheint es mit der auf Einsicht beruhenden +Gewissheit zu sein. Die Einsicht hat natuerlich keine Grade, sie ist +entweder vorhanden oder nicht vorhanden. Ein Mehr oder Minder giebt es +hier nicht. Dasselbe scheint auch von der mit der Einsicht verbundenen +Gewissheit zu gelten. Sie ist nicht bloss nach ihrer negativen sondern +auch nach ihrer positiven Seite ohne Grade. + + + Sechzehnte Untersuchung. + + +Zulaenglichkeit des Kennzeichens der Wahrheit. + +Es ist keine Frage, dass es ein vermeintliches Einleuchten giebt, dass wir +oft glauben, die Zusammengehoerigkeit leuchte uns ein und doch hinterher +bekennen muessen, dass wir uns getaeuscht haben. Wir wechseln nicht bloss +unsere Ansichten sondern auch unsere Einsichten, verwerfen eine fruehere +Einsicht als bloss vermeintlich und setzen eine andere moeglicherweise +wieder vermeintliche an ihre Stelle. Alles auf Grund des, sei es +wirklichen, sei es vermeintlichen Einleuchtens. Wie kann da dieses +Einleuchten noch als massgebendes und entscheidendes Kennzeichen der +Wahrheit betrachtet werden? Wir haben schon gezeigt, dass die mit Einsicht +verbundene Gewissheit von andrer Art ist als die ohne Einsicht. Was von +der Gewissheit gilt, die ohne Einsicht eintritt, muss natuerlich auch von +der Gewissheit behauptet werden, die sich mit der vermeintlichen Einsicht +verbindet. Da sich nun immer mit der vermeintlichen Einsicht ebenso wie +mit der wirklichen eine Gewissheit verbindet, so koennen wir beide schon +durch die Art der mit ihnen verbundenen Gewissheit unterscheiden. Aber +auch abgesehen von diesem Unterschiede zwischen der vermeintlichen und +wirklichen Einsicht koennen wir uns der ersteren erwehren und ihr gegenueber +die letztere zur Geltung bringen. Der vermeintlichen und wirklichen +Einsicht entspricht das vermeintliche und wirkliche Einleuchten oder +Evidentsein eines Sachverhaltes. Es kann nun irgend etwas mittelbar oder +unmittelbar einleuchtend sein. Alle des Beweises beduerftigen Saetze sind, +wenn sie bewiesen sind, mittelbar einleuchtend; unmittelbar einleuchtend +ist nach unsrer Auffassung nicht bloss das Gesetz des Widerspruchs, +sondern auch das der Ermoeglichung oder Kausalitaet. + +Nehmen wir nun an, dass ein Satz in mittelbarer Weise einleuchtend zu sein +scheint, so koennen wir, wenn sein Gegenteil mittelbar einleuchtend gemacht +werden kann, einen Beweis hierfuer erbringen und dadurch den Schein des +Einleuchtens beseitigen. Mag aber das Gegenteil des Satzes auch eines +Beweises nicht faehig sein, in jedem Falle sind wir im stande, den Beweis, +der fuer den in mittelbarer Weise scheinbar einleuchtenden Satz gefuehrt +wird, zu pruefen und, falls sich hierbei ein Fehler ergiebt, durch diese +Pruefung den Schein des Einleuchtens zu zerstoeren. Nehmen wir ferner an, +dass ein Satz in unmittelbarer Weise einleuchtend zu sein scheint, so +koennen wir fuer das Gegenteil einen Beweis zu fuehren suchen und dadurch den +Schein des Einleuchtens entfernen. Es bleibt noch ein Fall als moeglich +uebrig. Ein Satz koennte unmittelbar einleuchtend scheinen und sein +Gegenteil auch nur unmittelbar einleuchten, sodass wir also keinen Beweis +fuer dasselbe zu fuehren im Stande sind. Hier stehen nun freilich Ja und +Nein einander gegenueber, und eine Entscheidung ist unmoeglich. Aber dieser +vierte Fall ist in der Geschichte der Philosophie nicht vorgekommen. +Heraklit und Hegel haben das Gesetz des Widerspruchs geleugnet, aber ihr +Recht zu dieser Leugnung durch einen Beweis darzuthun gesucht. In neuester +Zeit hat man das Gesetz der Kausalitaet nicht eigentlich geleugnet aber +doch bezweifelt, dass es unmittelbar einleuchtend sei. Aber auch diesen +Zweifel sucht man zu begruenden, indem man dem Gesetze der Kausalitaet das +Gesetz von der Gleichfoermigkeit des Naturlaufs, das nur auf einer +Induktion beruht, substituiert -- eine Zusammenfassung unsrer Erfahrungen +ueber die Qualitaet der zu bestimmten Wirkungen gehoerenden Ursachen. Solche +Gedankengaenge, die das unmittelbare Einleuchten gewisser Saetze bestreiten, +kommen natuerlich im wirklichen Leben nicht vor. Man ist hier eher geneigt, +das unmittelbare Einleuchten gewisser dem sinnlichen Schein oder einer +unberechtigten Verallgemeinerung zu liebe aufgestellter Saetze zu +behaupten, wie z. B. das unmittelbare Einleuchten des Satzes, dass die +Sonne still steht. Hier ist es ein Leichtes, durch den Beweis des +Gegenteils den Schein des unmittelbaren Einleuchtens zu zerstoeren. + +Es ergiebt sich, dass wir dem unleugbaren Vorkommen einer vermeintlichen +Einsicht und eines vermeintlichen Einleuchtens nicht ratlos +gegenueberstehen und uns hierdurch in der Annahme des Einleuchtens der +Zusammengehoerigkeit als eines zuverlaessigen und entscheidenden +Kennzeichens der Wahrheit nicht irre machen lassen duerfen. Wir koennen +nicht bloss die wirkliche Einsicht von der vermeintlichen an bestimmten +Merkmalen unterscheiden, wir koennen auch die entstehende vermeintliche +Einsicht ueberwinden, und zwar durch die wirkliche Einsicht. + + + Siebzehnte Untersuchung. + + +Einsicht und Denknotwendigkeit. + +Die Einsicht oder Erkenntnis beruht, wie wir sahen, auf einem +vernuenftigen, zureichenden, sie voellig rechtfertigenden Grunde. Es ist +aber zu beachten wichtig, dass dieser Grund nicht zwingend wirkt. Einsicht +hat nichts mit aeusserem Zwange oder innerer Noetigung gemein; sie kann +darum auch keineswegs mit Denknotwendigkeit verselbigt werden. Allerdings +kommt in unsren Schlussfolgerungen aus der Einsicht haeufig so etwas wie +Denknotwendigkeit zum Ausdruck. Wir sagen: es kann nicht anders sein, es +muss so sein. Wir sagen das nicht bloss, wenn es sich um begriffliche, +sondern auch, wenn es sich um bloss thatsaechliche Wahrheiten handelt. Wenn +wir sie einsehen, so erscheint uns das Gegenteil ausgeschlossen, also +unmoeglich. Woher kommt das? Offenbar lediglich von der mit der Einsicht +verbundenen Gewissheit. Wir sind gewiss, das heisst, aller Zweifel und +damit auch die Moeglichkeit, dass es anders sein koennte, die Moeglichkeit +des Gegenteils ist ausgeschlossen. So sagen wir denn eben wegen dieser +Gewissheit: so muss es sein. Soll das etwa heissen, dass zwischen den +zusammengehoerigen Gliedern, deren Zusammengehoerigkeit wir einsehen, ein +Notwendigkeitszusammenhang besteht? Sicherlich nicht. Denn sonst duerften +wir nicht in gleicher Weise reden, wenn es sich um bloss thatsaechliche +Wahrheiten handelt, bei denen offenbar die Annahme eines +Notwendigkeitszusammenhangs ausgeschlossen ist. Indes koennte immerhin die +Einsicht ueberall da mit der Denknotwendigkeit verselbigt werden muessen, wo +ein solcher Notwendigkeitszusammenhang des Zusammengehoerigen vorliegt. Das +bedarf einer naehern Untersuchung. + +Es fragt sich, ob bei allen begrifflichen Saetzen eine solche +Denknotwendigkeit vorhanden ist, und weiterhin, ob dort, wo sie vorhanden, +die Denknotwendigkeit mit der Einsicht ein und dasselbe ist. In den +Gesetzen des Erkennens und Denkens kommt anscheinend ueberall eine +Denknotwendigkeit zum Ausdrucke. Gesetz der Uebereinstimmung: Das +Zugehoerige _muss_ zugesprochen, _darf nicht_ abgesprochen, das +Nichtzugehoerige _darf nicht_ zugesprochen, _muss_ abgesprochen werden. Das +Gesetz des Enthaltenseins: Das Enthaltene _muss_ zugesprochen, _darf +nicht_ abgesprochen, das Nichtenthaltene _darf nicht_ als enthalten +zugesprochen, _muss_ abgesprochen werden. Das Gesetz der Einheit: Das +System der Wahrheit setzt _notwendig_ einen Denkenden voraus. Das Gesetz +der Ermoeglichung: Was anfaengt, zu existieren, setzt _notwendig_ ein +Anderes voraus, das bei seinem Anfange schon vorhanden ist und diesen +ermoeglicht. Das Gesetz des Grundes: Aus der Wahrheit des Grundes ergiebt +sich _notwendig_ die Wahrheit der Folge, aus der Falschheit der Folge die +Falschheit des Grundes. Das "muss", "darf nicht", "notwendig" drueckt hier +zunaechst auch nichts anderes als die Gewissheit aus, die jeden Zweifel und +damit die Moeglichkeit des Andersseinkoennens ausschliesst. Aber es verhaelt +sich doch bei diesen Gesetzen mit der Notwendigkeit nicht gleichmaessig. +Ein Notwendigkeitsverhaeltnis zwischen dem Ding und dem von ihm Ausgesagten +liegt unzweifelhaft vor, wenn das Ausgesagte in dem Dinge enthalten ist. +Natuerlich ebenso, wenn es sich nicht um Dinge sondern um Urteile handelt, +wenn nach dem Gesetze des Grundes aus der Wahrheit des den Grund bildenden +Urteils die Wahrheit des die Folge ausdrueckenden Urteils und wenn aus der +Falschheit des die Folge ausdrueckenden Urteils die Falschheit des den +Grund bildenden Urteils erschlossen wird. In diesen beiden Faellen, +allgemeiner: in Urteilen, wo es sich um ein Enthaltensein handelt, mag man +von einer Denknotwendigkeit reden, aber man darf eben nur dies mit dem +Enthaltensein gegebene Notwendigkeitsverhaeltnis darunter verstehen. Wir +sind durch nichts aeusserlich gezwungen oder innerlich genoetigt, das in +einem Dinge Enthaltene von ihm auszusagen oder aus einem Urteil als dem +Grunde ein anderes als seine Folge abzuleiten. Wir sehen freilich mit +einer allen Zweifel ausschliessenden Gewissheit ein, dass das Urteil, in +dem wir das in einem Ding Enthaltene von ihm aussagen, notwendig wahr sein +muss, ebenso, dass das Urteil wahr sein muss, das sich als Folge aus einem +andren Urteil als seinem Grunde ergiebt. Aber wiederum ist zu beachten +wichtig, dass diese Einsicht in die Wahrheit der Urteile mit der im +Enthaltensein gegebenen Denknotwendigkeit nichts zu thun hat, von ihr ganz +und gar verschieden ist und sich in keiner Weise auf sie stuetzt. Es +ergiebt sich, dass, wenn auch in Bezug auf das Enthaltensein von +Denknotwendigkeit geredet werden kann, diese Denknotwendigkeit doch nicht +mit der Einsicht verwechselt oder verselbigt werden darf. + +Auch in Bezug auf das zusammengehoerige Nichtenthaltene kann von +Denknotwendigkeiten geredet werden. Man hat von jeher unterschieden +zwischen den Proprietaeten oder wahren Eigenschaften, die nicht als +Merkmale im Ding enthalten sind und ihm doch notwendig zukommen, und +zwischen den Accidentien, die ihm zukommen koennen. Richtung und +Geschwindigkeit sind fuer die Bewegung, Staerke und Hoehe fuer den Ton solche +Eigenschaften, aber die bestimmte Richtung und Geschwindigkeit, die +bestimmte Staerke und Hoehe sind nicht notwendig. Ohne jene Eigenschaften +kann Bewegung und Ton gar nicht vorhanden sein, wohl aber ohne diese +Bestimmtheiten. Die Zugehoerigkeit ist hier Denknotwendigkeit. Aber es ist +zu beachten wichtig: nicht weil es denknotwendig ist, betrachten wir +dieses Zugehoerige als zugehoerig, sondern nur darum, weil uns die +Zugehoerigkeit einleuchtet und wir sie einsehen. Jede Eigenschaft setzt +ferner ein Selbstaendiges, jede Bewegung, jede Veraenderung ein Bewegliches, +ein Veraenderliches, ein Beharrliches voraus. Wir koennen das nicht anders +denken; also wiederum eine Denknotwendigkeit innerhalb des Zugehoerigen, +Nichtenthaltenen. Es scheint, als wenn dieser Denknotwendigkeit gar keine +Einsicht entspricht. Wir sehen ein, dass und warum das Enthaltensein +denknotwendig ist; aber wir sehen nicht ein, warum wir in unsrem Denken +fuer die Eigenschaft ein Selbstaendiges, fuer die Bewegung ein Bewegliches, +fuer die Veraenderung ein Veraenderliches voraussetzen muessen. Wir koennen nur +sagen, die Einrichtung unsres Denkens bringt das so mit sich. Die Roete hat +doch ihren eigenen Inhalt, ebenso die Bewegung, ebenso die Veraenderung. +Warum setzt sie etwas voraus, das rot ist, sich bewegt, sich veraendert? +Hier scheint bloss ein blindes Muessen vorhanden zu sein, das auf einer +Einrichtung, auf einem Mechanismus unsres Denkorganismus beruht. Es +scheint nicht unwichtig zu beachten, dass keine Denknotwendigkeit besteht, +jedes Selbstaendige mit Eigenschaften auszustatten oder jedem Beharrlichen +eine Bewegung oder Veraenderung zuzuschreiben. Wenn wir einem +Selbstaendigen, einem Dinge eine Eigenschaft zuschreiben, ihm Bewegung oder +Veraenderung beilegen, so geschieht das, weil uns die betreffenden +Zusammengehoerigkeiten einleuchten. + +Auch bezueglich des Nichtenthaltenen und Nichtzugehoerigen giebt es +Denknotwendigkeiten, die wir als Unvertraeglichkeitsverhaeltnisse +bezeichnen. Sie sind ueberall dort vorhanden, wo von einem Subjekt ein +Praedikat notwendig ausgeschlossen ist. Das gilt von allen Praedikaten, die +das kontradiktorische Gegenteil des Subjekts ausdruecken. Es gilt ferner +von allen Dingen -- das Wort im engern Sinne genommen -- unter einander. +Da sie ein Eigensein haben und einander gegenueber selbstaendig sind, koennen +sie nicht von einander ausgesagt werden. Bei vielen Praedikaten macht sich +in ihrem Verhaeltnis zu einander diese Unvertraeglichkeit geltend, die nur +die Kehrseite der Notwendigkeit ist. Sie koennen nicht zugleich von +demselben Subjekt ausgesagt werden; so: Bejahen und Verneinen desselben +Gegenstands, Wollen und Widerstreben in Bezug auf denselben Gegenstand, +die sogenannten kontraeren Gegensaetze arm und reich, jung und alt, gross +und klein, schwarz und weiss usw. Dass wir diese Praedikate als +unvertraeglich miteinander oder mit dem Subjekt erkennen, hat seinen Grund +natuerlich lediglich in dem Einleuchten der Unvertraeglichkeit, nicht in der +mit ihr gegebenen Denknotwendigkeit, sodass also auch hier +Denknotwendigkeit und Einsicht als etwas ganz Verschiedenes erscheint. + +Es fragt sich, ob nicht eine Denknotwendigkeit in dem Einheitsgesetz und +dem Gesetz der Kausalitaet vorliegt, und weiterhin, ob nicht diese +Denknotwendigkeit mit der Einsicht als ein und dasselbe gesetzt werden +muss. Zunaechst ist einleuchtend, dass es sich fuer uns nicht darum handeln +kann, zu entscheiden, ob zwischen dem Denkenden und dem System der +Wahrheit, zwischen dem den Anfang irgendwie Ermoeglichenden und dem +Anfangenden ein Notwendigkeitszusammenhang besteht, sondern lediglich +darum, ob er von dem Einheits- und Kausalitaetsgesetz gefordert wird und in +diesen Gesetzen zum Ausdrucke kommt. Beides wird nun geleugnet werden +muessen. In dem Einheitsgesetz (das System der Wahrheit setzt einen +Denkenden voraus, der alle Wahrheit erkennt) und in dem Gesetz der +Kausalitaet (das Anfangende setzt ein anderes schon Bestehendes voraus, das +seinen Anfang ermoeglicht) ist von einem Notwendigkeitsverhaeltnis zwischen +dem Denkenden und dem System der Wahrheit, zwischen dem den Anfang +Ermoeglichenden und dem Anfangenden in keiner Weise die Rede; ein solches +Notwendigkeitsverhaeltnis wird darum auch von diesen Gesetzen nicht +gefordert. Nur insofern kommt auch in diesen Gesetzen ein +Notwendigkeitsverhaeltnis zum Ausdruck, als das System der Wahrheit +notwendig einen Erkennenden, und das Anfangende notwendig einen +Ermoeglichungsgrund voraussetzt. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dieses +Notwendigkeitsverhaeltnis als eine Denknotwendigkeit zu bezeichnen; aber +wiederum gilt, dass diese Denknotwendigkeit nicht der Grund unsrer +Einsicht in die Wahrheit dieser Gesetze ist, dass vielmehr dieser Grund, +wie ueberall so auch hier, nur das Einleuchten der Zusammengehoerigkeit sein +kann. Auch hier sind also Denknotwendigkeit und Einsicht ganz und gar +verschieden. + + + Achtzehnte Untersuchung. + + +Einsicht und Wille. + +Da mit der Einsicht keinerlei Zwang oder innere Noetigung fuer uns verbunden +ist, so sind wir im Stande uns derselben zu entziehen, wenn sie unsren +Neigungen nicht entspricht, wie viele Erfahrungen unseres Lebens uns +bestaetigen. Das Widerstreben gegen die erkannte Wahrheit ist eine leider +nur zu haeufig vorkommende Thatsache. Wir koennen unsren Blick von dem +Sichaufdraengen und Einleuchten der Zusammengehoerigkeit ablenken und auf +etwas andres richten, uns dadurch die eintretende Einsicht aus dem Sinne +schlagen, in den Hintergrund draengen, verdunkeln und sogar ganz +beseitigen, um uns einem entgegengesetzten, blinden Dafuerhalten, das +unsren Neigungen besser entspricht, hinzugeben. Aber auch wenn dies nicht +der Fall ist, bleibt die Einsicht und das ihr folgende Urteil oft ein +blosser Verstandesakt, selbst vorausgesetzt, dass entgegengesetzte +Interessen vorhanden sind aber keinen Einfluss ausueben, weil der Wille +nicht widerstrebt. Ganz verschieden von diesen Verstandesakten ist die +Liebe zur Wahrheit, die sich in der Hingabe und Unterwerfung des Willens +unter die Wahrheit und in dem Ergriffen- und Unterjochtwerden des Gemuetes +von der Wahrheit kundthut und der Vertiefung in die Wahrheit, insbesondere +in ihren ueberzeitlichen Charakter, zu folgen pflegt. Es ist klar, dass die +Wahrheitserkenntnis erst durch diese Mitbeteiligung des Willens und Gemuets +eine Bedeutung fuer unser inneres Leben erhaelt. Die Anerkennung der +erkannten Wahrheit, das Festhalten an ihr trotz entgegengesetzter Neigung +ist eine strenge sittliche Pflicht, ja die hoechste sittliche Pflicht, denn +alles Unsittliche hat seine letzte Wurzel und Quelle in dem Widerstreben +gegen die erkannte Wahrheit, was schon in dem blossen Sichabwenden und +Unbeachtetlassen der eben aufleuchtenden Einsicht sich kundgiebt. Die +erkannte Wahrheit ist ein sittliches Gut, nicht ein Gut des egoistischen +Willens sondern ein Gut des Gemeinschaftswillens; ja sie ist das Gut der +Gueter, das hoechste Gut, denn alle andren Gueter erhalten nur durch sie +ihren Wert. Die Wahrheitsliebe ist Pflicht jedes Menschen, die gluehende +Liebe zur Wahrheit ist die Tugend des wissenschaftlichen Forschers. Das +Wort Kants vom guten Willen gilt im hoechsten Sinne von der Wahrheit: Das +einzige, was nicht bloss in der Welt der wollenden Wesen, wie der gute +Wille, sondern ueberhaupt um seiner selbst willen gut ist, ist die +Wahrheit, denn alles andere ist nur gut durch sie. Das gilt von allen +Wahrheiten. Einer besondren Beachtung beduerfen die sittlichen und +religioesen Wahrheiten, die Wahrheiten, welche, allgemeiner gesprochen, +unser praktisches Verhalten und unsre persoenlichen Beziehungen regeln. Sie +muessen natuerlich den Willen in ganz andrer Weise beeinflussen und das +Gemuet in Anspruch nehmen und doch bleiben gerade sie haeufig lediglich +blosse Kopfwahrheiten. Die mit ihnen verbundene Einsicht ist natuerlich +auch ein Verstandesakt. Sitte und Gewohnheit bringen es mit sich, dass man +ihnen die Anerkennung im Denken und Reden nicht versagt. Diese Anerkennung +wird als etwas Selbstverstaendliches betrachtet. Aber sie ist auch +lediglich eine Anerkennung des Verstandes, die diesen Wahrheiten in +gedankenloser Weise entgegengebracht wird, ohne dass der Wille und das +Herz davon irgendwie beruehrt werden, selbst wenn das Leben des +Anerkennenden den Wahrheiten durchaus widerspricht. Der Widerspruch +zwischen den Gewohnheiten des Lebens, wie sie im Handeln sich kundgeben +und zwischen der ebenfalls im Denken und Reden zur Gewohnheit gewordenen +Anerkennung kommt gar nicht mehr zum Bewusstsein. Die Gewohnheit auf +beiden Seiten laesst eine Reflexion gar nicht aufkommen und alles als +selbstverstaendlich erscheinen. Das ist die Lage der meisten Menschen, die +im Reden und Denken an der ihnen anerzogenen Moral und Religion +festhalten, obgleich die Grundsaetze dieser Moral und Religion auf ihre +Gesinnung, ihr Leben und Handeln gar keinen Einfluss ausueben. Ihre Moral +und Religion ist lediglich zur Kopfwahrheit geworden. Wie oft werden +Grundsaetze im Denken und Reden als selbstverstaendlich anerkannt und doch +im Leben und Handeln ohne weiteres, wir muessen sagen gedankenlos, +unbewusst, mit Fuessen getreten. Wer verurteilt in seinem Denken und Reden +nicht den Egoismus, und wer zieht das zuerst deutlich, dann immer weniger +deutlich, zuletzt gar nicht mehr als minderwertig erkannte eigene Ich +nicht dem fremden vor? + + + +Vierter Abschnitt. + +Umfang unsres Wissens. + + + Neunzehnte Untersuchung. + + +Schranken unsres Erkennens. + +Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Gegenstand und das Ziel des +Erkennens nichts andres sein kann als die Wahrheit in ihrem ueberzeitlichen +Charakter, der allein ihre Allgemeingueltigkeit fuer alle Denkenden +verbuergt. Aber es fragt sich, ob die thatsaechliche Beschaffenheit der +Erkenntnisvorgaenge dieser Aufgabe in jeder Hinsicht angemessen ist und +gerecht wird. Um diese Frage zu beantworten, gehen wir von der seit +Aristoteles und dem Neuplatoniker Porphyrius ueblichen Unterscheidung +zwischen den Praedikabilien und Praedikamenten oder Kategorien aus. Unter +Praedikabilien verstehen wir hoechste Aussagen ueber Begriffe, unter +Praedikamenten oder Kategorien hoechste Aussagen ueber das Seiende. Man zaehlt +nach Porphyrius fuenf Praedikabilien: Gattung, Art, Differenz, das +Notwendige (Proprietaet), das Zufaellige (Accidenz), die wesentlichen +Merkmale, welche in Gattung, Art und Differenz vorhanden sind, von den +ausserwesentlichen notwendigen oder zufaelligen unterscheidend; ferner nach +Aristoteles zehn Kategorien: Substanz, Eigenschaften, Groesse, Beziehung, +Ort, Zeitpunkt, Lage, Thun, Leiden, Zustand. + +Die notwendigen Merkmale oder Proprietaeten sollen also etwas anderes als +die Eigenschaften sein. Die Eigenschaft kann sowohl Proprietaet als +Accidenz sein, sie kann dem Ding sowohl notwendig als zufaellig zukommen. +Z. B. ist die weisse Farbe und das Kranksein eine Eigenschaft gewisser +Menschen, aber doch nur ein Accidenz. Es gehoert zum Wesen der Eigenschaft, +dass sie nicht ohne ein Selbstaendiges sein kann, dessen Eigenschaft sie +ist, dass sie ein Selbstaendiges notwendig voraussetzt: aber darum ist sie +noch nicht notwendig fuer dieses Selbstaendige. Das gilt nur von der +Proprietaet. So setzt auch das Anfangende einen Ermoeglichungsgrund +notwendig voraus, geht aber darum noch keineswegs aus diesem +Ermoeglichungsgrund notwendig hervor oder ist mit ihm notwendig verbunden. +Die Proprietaet gehoert, wie das Accidenz, zum Ausserwesentlichen; die +Eigenschaft kann sowohl zum Wesentlichen als Ausserwesentlichen gehoeren. +Man sieht, die Unterscheidung von Proprietaet und Eigenschaft laesst sich +zur Not aufrecht erhalten und durchfuehren. Aber warum sollen die +Proprietaeten, warum soll ueberhaupt das Ausserwesentliche nur eine Aussage +ueber Begriffe enthalten? Gehoert das Ausserwesentliche nicht auch zum +Seienden? Gattung und Art sind offenbar Praedikabilien, wenn man sie +einfach nach dem Verhaeltnis des Allgemeinen und Besondern ins Auge fasst. +Aber die Alten haben mit Recht Gattung und Art nicht bloss nach diesem +Verhaeltnis bestimmt, sondern fuer beide nur die wesentlichen Merkmale in +Anspruch genommen und die ausserwesentlichen auf Proprietaet und Accidenz +verteilt. Ist aber nun das Wesentliche und weiterhin das Wesen ein blosses +Praedikabile? und nicht vielmehr eine Kategorie? Ja, die Kategorie der +Kategorien? Das Seiende ist doch eben nur ein Seiendes dadurch, dass es +ein Wesen, eine Wahrheit hat. + +Verschiedenheit und Gleichheit sind sicher unmittelbar nur Aussagen ueber +unsre Begriffe, keine Kategorien, ebensowenig das Nichtseiende, die +Negation des einen vom andern; Mensch als Nicht-Pflanze z. B. Demnach kann +auch die Zahl keine Kategorie sein; sie ist der Gattung verwandt und wie +diese Zusammenfassung niederer Einheiten zu einer hoeheren Einheit; nur +dass bei der Gattung in dieser hoeheren Einheit die niedern fuer das +Bewusstsein verschwinden, waehrend sie bei der Zahl im Bewusstsein +festgehalten werden. Aber wie steht es mit der Einheit im hoechsten Sinne? +Ist sie auch keine Kategorie? Sicher ist sie eine Kategorie. Nur dadurch, +dass das Seiende ein Teil der Einen Wahrheit ist und an ihr teilnimmt, ist +es ein Seiendes; die Einheit wie das Wesen, wie die Wahrheit selbst ist in +der That die hoechste Kategorie; sie ist von Wahrheit und Wesen nicht zu +trennen, so wenig wie das Wesen von der Wahrheit und die Wahrheit vom +Seienden. + +Es mag angemessen sein, das fuer ein Ding Notwendige und das ihm Zufaellige +zu unterscheiden; aber wichtiger ist die Frage, ob etwas darum, weil es +zufaellig ist, weniger zum Seienden gehoert. Zufaellig ist dem Menschen das +Kranksein, das Krueppelhaftsein, wohl auch die Farbe, die schwarze, gelbe, +rote Haut; aber sind diese Eigenschaften darum weniger seiend, weil sie +zufaellig sind? Was hat es mit dem Zufaelligen ueberhaupt in Hinsicht des +Seins auf sich? Fragen wir endlich, ist die Wirklichkeit eine Kategorie? +Auch die nichtseinsollende Wirklichkeit? Sicherlich wird man diese Frage +bejahen muessen! Wir kommen auf den ersten Teil derselben zurueck. Wie steht +es mit der Negation, die als Negation des Nichtzugehoerigen, +Nichtenthaltenen fuer den Fortschritt unsres Erkennens von so grosser +Wichtigkeit ist? Hat sie eine reale Bedeutung? Wenn man sagt, das eine ist +bloss nichtseiend mit Bezug auf das andere, nicht aber an sich, so +vergisst man, dass das Nichtsein des andern die Beschraenktheit, die +Endlichkeit des einen, gleichsam das im einen selbst vorhandene Nichtsein +voraussetzt. Was hat es mit diesem anscheinend seienden Nichtsein auf +sich? + +Wie die Praedikabilien von dem Gedanken des Enthaltenseins, von dem +Verhaeltnis des Allgemeinen zum Besondren beherrscht sind, so tritt fuer die +Tafel der Kategorien die sinnliche, sinnfaellige Wirklichkeit (Substanz, +Groesse, Ort, Lage) in den Vordergrund. Das entspricht in gewisser Hinsicht +der thatsaechlichen Beschaffenheit unsrer Erkenntnisvorgaenge, aber in +keiner Weise dem Zwecke derselben. Je mehr wir uns von der sinnfaelligen +Wirklichkeit entfernen, desto inhaltleerer wird anscheinend unser Denken. +Wir haben immer weniger Anlass, mit der Negation zu unterscheiden und zu +trennen. Das Verhaeltnis des Enthaltenseins tritt in den Vordergrund, das +Denken ist sozusagen in dasselbe eingespannt, die Einheit wird zur +Einerleiheit, das Wesen zum inhaltsleeren Allgemeinen; selbst die Wahrheit +kommt auf das Enthaltensein zurueck (immanenter Wahrheitsbegriff). Und doch +hat das Verhaeltnis des Enthaltenseins fuer unser Erkennen nur eine +untergeordnete Bedeutung. Die sogenannte sinnfaellige Wirklichkeit kann, +wie wir noch sehen werden, nur die Bedeutung eines Erkenntnismittels +haben, das wohl die Richtung des Erkennens, aber nicht sein Ziel bestimmt. +In dieser thatsaechlichen Beschaffenheit unsrer Erkenntnisvorgaenge liegt +offenbar eine Schranke fuer das seinem Ziele zustrebende Erkennen. + +Als weitere Schranken unsres Erkennens lehrt eine eingehende Betrachtung +die Kategorien des Raumes, der Zeit, der Substanz und Kausalitaet kennen, +die in unsrem Erkennen die groesste Rolle spielen. Vergleichen wir das +System der Wahrheit, wie es unsrem Erkennen gegeben wird oder +entgegentritt, einem Gebaeude, in dem wir das Gerueste oder Fachwerk von der +ausfuellenden Masse, einem Gewebe, in dem wir die Kette von dem Einschlag +unterscheiden, so koennen Raum, Zeit, Substanz und Kausalitaet als das +Gerueste oder Fachwerk fuer das Gebaeude der Wahrheit oder als die Kette fuer +das Gewebe, das sie bildet, bezeichnet werden. + +Die Kategorien Raum und Zeit setzen die Sinnenbilder der Ausdehnung und +Bewegung voraus, gehen aber weit ueber diese Sinnenbilder hinaus; sie +bestehen in einer begrifflichen Bearbeitung derselben, die nicht etwa +bloss das in ihnen Enthaltene wiedergiebt, sondern auch das fuer das Denken +ihnen Zugehoerige hinzufuegt. Aber in dieser begrifflichen Bearbeitung +steckt ebenso wie in den entsprechenden Sinnenbildern ein irrationales +oder dem Denken inkommensurables Element. Es ist fuer Ausdehnung und Raum +die Beruehrung der Teile, welche das den beiden wesentliche Nebeneinander +ausschliesst; es ist fuer Bewegung und Zeit der Uebergang, der das der +Bewegung und Zeit wesentliche Nacheinander ausschliesst. Zwischen zwei +nebeneinander liegenden Orten giebt es keinen dritten, beiden gemeinsamen; +zwischen zwei auf einander folgenden Zeitpunkten keinen dritten, beiden +gemeinsamen. Und doch setzt das die Beruehrung und der Uebergang voraus, +wenn wir mit dem Denken zu erfassen suchen, was sie besagen. Die +Kategorien der Substanz und Kausalitaet verlangen, dass dem Sinnenbild des +Ausgedehnten und Bewegten der der innern Erfahrung entstammende +Willensimpuls in associativer Weise unterlegt wird. Dadurch entstehen aus +dem Ausgedehnten die den Raum ausfuellenden und damit Widerstand +entgegensetzenden Dinge -- neue, umfassendere Sinnenbilder, deren +begriffliche Bearbeitung die Begriffe der Substanz und Kausalitaet ergiebt. +Auch diese enthalten das irrationale, dem Denken inkommensurable Element +in verstaerktem, verdoppeltem Masse. Die Beruehrung wird fuer die Substanz +zur Quelle des Nebeneinander, trotzdem sie eigentlich das Nebeneinander +ausschliesst. Der Uebergang wird fuer die Kausalitaet zur Quelle des +Nacheinander, trotzdem der Uebergang das Nacheinander ausschliesst. + +Natuerlich sind die Begriffe von Raum und Zeit, von Substanz und Kausalitaet +nicht etwa bloss umgeformte Sinnenbilder oder sinnliche Empfindungen, sie +sind das Erzeugnis einer begrifflichen Bearbeitung und gehen insofern weit +ueber das sinnliche Gebiet hinaus; aber in ihnen bleibt ein aus der +Empfindung stammendes, fuer das Denken nicht aufzuhellendes, +undurchsichtiges Element. Trotzdem schon in den Sinnenbildern der +Ausdehnung und Bewegung und mehr noch in den umfassenderen Sinnenbildern, +die aus ihnen durch associative Verknuepfung mit dem Willensimpuls +entstehen, am meisten aber in der begrifflichen Bearbeitung dieser +Sinnenbilder der synthetische Charakter unsres Erkennens zum Ausdrucke +kommt, kann doch in allen unsren Erkenntnissen, in denen diese +Sinnenbilder und die aus ihnen durch begriffliche Bearbeitung gewonnenen +Kategorien der Zeit, des Raumes, der Substanz und Kausalitaet eine Rolle +spielen, von einem Einleuchten des Zusammengehoerigen und von einer +Einsicht in dasselbe keine Rede sein; ausser insofern wir von dem in den +Sinnenbildern enthaltenen und in diesen Kategorien wiederkehrenden +irrationalen Element absehen. Sehen wir von diesem irrationalen Element +ab, so bleibt uns eine blosse Mannigfaltigkeit in Raum und Zeit uebrig, +ueber die wir, was das Verhaeltnis und die Zusammenordnung der Teile angeht, +einleuchtende und einsichtige Urteile zu faellen im Stande sind. + +In den Gesetzen des Erkennens und Denkens, die wir als einleuchtend und +einsichtig betrachten, haben wir von den Vorstellungen Substanz und +Kausalitaet natuerlich keinen Gebrauch machen koennen. Das Gesetz der +Uebereinstimmung spricht von Dingen, aber in ganz allgemeinem Sinne, wonach +Eigenschaften, Vorgaenge, Beziehungen auch als Dinge gelten koennen; nicht +aber im Sinne der Substanzvorstellung. Im Gesetze der Kausalitaet haben wir +nur von der Ermoeglichung des Anfangs reden koennen, nicht von der +Kausalitaet im Sinne der Ursachvorstellung als hervorbringender Ursache. +Dass etwas in einem bestimmten Zeitpunkte anfaengt, hat fuer uns keine +groessere Schwierigkeit zu denken, als dass es in einem bestimmten +Zeitpunkte oder an einem bestimmten Orte vorhanden ist. Man koennte in dem +Einheitsgesetze unsres Erkennens den Einen Erkennenden als Traeger und +Erzeuger des ueberzeitlichen, natuerlich auch ueberraeumlichen Systemes aller +Wahrheit auffassen; aber es ist einleuchtend, dass das Wort Traeger in +diesem Falle nicht im Sinne der Substanzvorstellung und das Wort Erzeuger +nicht im Sinne der Ursachvorstellung gedacht wird. + +Raum und Zeit bieten der Erkenntnis freilich noch eine andere +Schwierigkeit. Sie verhalten sich voellig gleichgueltig gegen den Inhalt, +passen sich jedem Inhalte an, vermehren den Inhalt in keiner Weise und +bilden insofern einen Gegensatz zu Substanz und Kausalitaet. Man kann sie +deshalb als Formalkategorien, Substanz und Kausalitaet im Gegensatz zu +ihnen als Realkategorien bezeichnen. Die Frage nach der Bedeutung von Raum +und Zeit fuer den Inhalt ist darum eine unabweisliche, um so mehr, da nur +durch sie die Individualisierung der Dinge und Vorgaenge moeglich ist. Sie +sind die Prinzipien der Individuation, durch die allein fuer unser Denken +die Dinge aus der Sphaere der unbestimmten und darum bloss gedanklichen +Allgemeinheit herausgehoben und zu Wirklichkeiten gestempelt werden, die +nur Einzelwirklichkeiten sein koennen. Was haben Raum und Zeit im Reiche +der Wahrheit fuer eine Bedeutung, wie unterscheiden sich Wahrheit und +Wirklichkeit? das ist die fuer das Erkennen schwierige, vielleicht +unloesbare, jedenfalls noch nicht geloeste Frage. Sagen wir, das Wahre ist +wirklich, insofern es vom goettlichen Wesen nicht bloss gedacht sondern +auch gewollt wird, Raum und Substanz sind der symbolische Ausdruck fuer die +scheinbare Selbstaendigkeit der Dinge ihm gegenueber, Zeit und Kausalitaet +der symbolische Ausdruck fuer die voellige Abhaengigkeit der Dinge von ihm, +so sind das jedenfalls viel zu allgemeine Antworten, um als genuegend +gelten zu koennen, obgleich sie eine ganze Weltanschauung und vielleicht +die einzig moegliche enthalten. Natuerlich muss das Weltwirkliche sich in +voelliger Abhaengigkeit von Gott befinden. Der Willensakt, dem es seinen +Ursprung verdankt, kann ihm nur eine scheinbare, keine wirkliche +Selbstaendigkeit verleihen. Wo gaebe es in der Welt auch etwas wirklich +voellig Selbstaendiges? Es giebt kein gottfremdes, ihm nicht gehoerendes Sein +-- ein solches wuerde ja eine Schranke fuer Gott, ein zweiter Gott sein. +Unter dieser Voraussetzung ist jener goettliche Wille nur als +Selbstentsagung, Selbstentaeusserung, Selbstverzicht Gottes zu denken, +durch welche den Dingen der Welt eine Selbstaendigkeit geliehen wird, die +ihnen eigentlich nicht zukommt. Diese geliehene Selbstaendigkeit kommt in +Raum und Substanz, hingegen die wirkliche Unselbstaendigkeit, die +unbeschadet jener besteht, in Zeit und Kausalitaet zum Ausdruck. Hiernach +ist die Wirklichkeit nicht wie Raum und Zeit eine Formalkategorie, was man +wegen des Zusammenhangs der Entstehung unserer Erkenntnis der Wirklichkeit +mit den Kategorien von Raum und Zeit erwarten sollte. Sie beruht auf dem +wirklichen Akte der Selbstentsagung und Selbstentaeusserung Gottes, dessen +Ergebnis, die geliehene Selbstaendigkeit, nicht als etwas bloss Scheinbares +betrachtet werden kann. Die auf ihren Wirklichkeitssinn pochenden +Philosophen der Gegenwart werden diese Gedanken fuer uebersteigend oder gar +verstiegen halten, das ist ebenso leicht als ueberfluessig. Wuenschenswert +waere, dass sie endlich erklaerten, worin denn nach ihrer Meinung die +Wirklichkeit im Unterschied von der Wahrheit bestehe und ob Raum und Zeit +bloss fuer das Zustandekommen unserer Erkenntnis der Wirklichkeit oder auch +fuer diese selbst eine Bedeutung haben. + + + Zwanzigste Untersuchung. + + +Die Erkenntnis der Aussenwelt. + +Wenn wir die Entstehung und Zusammensetzung unsrer Vorstellungen der +Weltdinge und ihrer Ordnung in Raum und Zeit ins Auge fassen, wie sie nach +dem gesicherten Ergebnis der Psychologie notwendig gedacht werden muss, so +koennen wir keinen Augenblick darueber zweifeln, dass wir von der +Beschaffenheit dieser Dinge keine Erkenntnis haben. Die Annahme, dass die +Dinge so sind, wie wir sie wahrnehmen, beruht offenbar auf einer bloss +vermeintlichen, durch die Psychologie voellig beseitigten Einsicht. Fuer den +Kenner der Psychologie ist die Frage, ob die Dinge so sind, wie wir sie +sehen, einfach ungereimt. Jeder hat sein besonderes, eigenes Gesichtsbild +von den Dingen, und dieses besteht aus den Gesichtsempfindungen und den +mit ihnen associierten Tastempfindungen: seine Stelle im Raum wird +bestimmt durch die fuer das Zustandekommen dieser Tastempfindungen +erforderlichen Muskelempfindungen der Arm- und Beinexkursionen. Zu einem +uns gegenueberstehenden sogenannten Gegenstande wird das Ding durch die von +unsren Bewegungen hergenommene und dem bewegten Gesichtsbilde zu Grunde +gelegte Willensenergie, die allmaehlich verblasst und als Restbestand das +den Raum ausfuellende und Widerstand entgegensetzende Ding uebrig laesst. +Wenn wir die Dinge so wahrnehmen sollen, wie sie sind, dann muss diese +ihre Beschaffenheit in blossen Empfindungen bestehen, und die Dinge koennen +nichts als Vorstellungen sein. Allein niemand versteht unter den Dingen +blosse Komplexe von Empfindungen oder Vorstellungen, auch nicht +fortdauernde (unter gleichen Umstaenden immer wiederkehrende) Moeglichkeiten +von Empfindungen; ganz abgesehen davon, dass diese Moeglichkeiten als reale +Moeglichkeiten gedacht werden muessen und so einen Ermoeglichungsgrund der +Empfindungen voraussetzen. Alle denken unter den Dingen etwas von den +Empfindungen und Vorstellungen Verschiedenes. + +Muessen wir also auf die Erkenntnis der Beschaffenheit der Dinge +verzichten, so fragt sich, ob wir nicht wenigstens die Existenz von +Dingen, die uns unter der Huelle von Empfindungen bewusst werden, erkennen +koennen. Davon nun, dass von uns verschiedene, durch die Empfindungen und +Vorstellungen uns gegebene und unsrem Bewusstsein gegenwaertige Dinge +existieren, davon haben wir eine unmittelbare Einsicht. Die +Zusammengehoerigkeit dieser Empfindungen und Vorstellungen mit einem von +uns verschiedenen Sein oder Etwas leuchtet uns unmittelbar ein. Die +Einsicht davon laesst sich nicht wegdisputieren; sie bleibt bestehen, auch +wenn die anfaengliche Einsicht, dass wir die Beschaffenheit der Dinge +erkennen, beseitigt oder als eine bloss vermeintliche Einsicht erkannt +ist. + +Es ist wichtig zu beachten, dass die Einsicht eine unmittelbare ist und +die Zusammengehoerigkeit uns unmittelbar einleuchtet. Sie ist nicht +vermittelt durch die Einsicht, die wir vom Gesetz der Kausalitaet haben. +Wir schliessen nicht daraus, dass die Empfindungen ohne unser Zuthun in +uns entstehen, auf etwas von uns Verschiedenes, das ihren Anfang +ermoeglicht. Gegen diesen Schluss ist mit Recht eingewendet worden, dass +die Empfindungen moeglicherweise aus uns entstehen koennten, ohne dass wir +darum wuessten. Unsre Erkenntnis von den Dingen der Aussenwelt, sofern es +sich um ihre Existenz handelt, ist eine streng unmittelbare; von dem +Bewusstsein einer Ursache, eines Anfangs und einer Ermoeglichung des +Anfangs ist in ihr nichts zu entdecken, wie das schon oft hervorgehoben +worden ist. Fuer die Nichtexistenz der Dinge in dem Sinne, in dem wir sie +verstehen, ist eine unmittelbare Evidenz nie in Anspruch genommen worden, +kann auch, so viel ich sehe, in Zukunft nicht in Anspruch genommen werden. +Sie sind natuerlich verschieden von den Empfindungskomplexen, den +Willensdingen, von ihrer Substanz und Kausalitaet, deren Entstehung und +Zusammensetzung uns die Psychologie mit durchsichtiger Klarheit kennen +lehrt. Sie koennen Gedanken sein und sind nach unsrer Auffassung Gedanken +Gottes, oder wenn man lieber will, des Bewusstseins ueberhaupt (Berkeley, +Rehmke), also nicht Gedanken unsres oder meines individuellen +Bewusstseins. Sie sind nicht Dinge an sich, die wir erkennen, wie sie +unerkannterweise sind, sondern ein von Ewigkeit und vor uns Gedachtes, und +unsre Erkenntnis derselben ist nur ein Nachdenken eines Vorhergedachten. +Giebt es keine unmittelbare Evidenz der Nichtexistenz der Dinge in diesem +Sinne, so ist der seltene Fall, wo sich Evidenz und Evidenz wie Ja und +Nein gegenueber stehen, also ausgeschlossen, der einzige Fall, in dem wir +uns auf eine Evidenz nicht berufen koennten. Fuer die Nichtexistenz von +Dingen in unsrem Sinne scheint auch kein Beweis gefuehrt werden zu koennen. +Positivisten wie Stuart Mill, welche sich auf die fortdauernde Moeglichkeit +der Empfindungen, aus denen sich das Vorstellungsbild der Dinge ergiebt, +zurueckziehen, muessen diese Moeglichkeit als reale fassen und beduerfen daher +fuer sie eines Ermoeglichungsgrundes, den sie nur in den Dingen in unsrem +Sinne finden koennen. Idealisten wie Berkeley, Rehmke koennen gegen die +Annahme von Dingen als Gedanken Gottes oder des Bewusstseins ueberhaupt von +ihrem Standpunkte aus keinen Beweis zu erbringen versuchen. + +Hingegen koennen wir unsere Annahme von solchen Dingen, die wir durch +unmittelbare Einsicht gewinnen, auch noch durch einen Beweis stuetzen. Seit +Cartesius ist in der Philosophie die abstrakte Trennung von Leib und +Seele, von Koerperwelt und Bewusstsein, die von ihm aus bloss methodischen +Gruenden eingefuehrt wurde, zu einer gewohnheitsmaessigen Annahme geworden, +ueber deren Recht oder Unrecht kaum noch reflektiert wird. Aristoteles und +den mittelalterlichen Philosophen war diese Annahme voellig fremd. Auch +unsere Psychologie setzt die abstrakte Trennung von Leib und Seele als +selbstverstaendlich voraus, sie geht darum von den Empfindungen als den +Anfangszustaenden des Bewusstseins aus und legt auf Grund derselben und im +Anschluss an sie den reichen Inhalt des Bewusstseinslebens dar. Das bietet +methodische Vorteile und ist insofern nicht zu verwerfen. Allein schon +eine Definition der Empfindung ist unmoeglich ohne Zuhilfenahme +koerperlicher Vorgaenge, der Sinnesreize und Gehirnerregungen. Ausserdem +wird niemand bestreiten, dass das Kind von Empfindungen als +Bewusstseinsvorgaengen noch nichts weiss. In unsrem entwickelten +Bewusstseinsleben treten ferner die Empfindungen nie als Empfindungen, als +Bewusstseinsvorgaenge auf. Man hat deshalb gesagt, sie seien uns nicht als +Empfindungen sondern als objektivierte Vorstellungen gegeben. Was heisst +das? Werden Empfindungen je objektiviert und dadurch zu Vorstellungen? Die +Theorie der Objektivation und Projektion ist veranlasst durch die Farben, +die Empfindungen sind und doch von uns in der Ferne als den Dingen +anhaftend gesehen werden. Allein mit den Farbenempfindungen sind +entsprechende Tastempfindungen associiert, die wir nur haben koennen, wenn +wir den Gegenstand beruehren. Es ist darum begreiflich, dass wir beim Sehen +des Gegenstandes uns in Gedanken an seinen Ort versetzen und ihn nun +unmittelbar, wie mit den Tastempfindungen so auch mit den +Gesichtsempfindungen der Farben umkleiden (hierin liegt der Grund, wie bei +der Eroerterung ueber die Erinnerung deutlich werden wird, warum wir bei der +aeussern Wahrnehmung nicht leicht von einer Einsicht reden). Wir wuerden +nicht von objektivierten oder gar projizierten Empfindungen als dem +unmittelbar Gegebenen reden, sondern vorziehen zu sagen, dass uns die +Empfindungen nicht als Empfindungen urspruenglich gegeben sind sondern als +Erkenntnismittel. + +Auf einer gewissen Stufe des entwickelten Bewusstseins hoeren schon beim +unmuendigen Kinde die Empfindungen auf unverstandene Zustaende zu sein. Es +erhebt sich der auf das Wesen der Dinge und die Wahrheit gerichtete Blick +des Geistes, durchdringt die sinnliche Huelle der Empfindungen, die in +jedem andere und besondere sind, und erfasst das fuer alle Zeit und darum +auch fuer alle Denkenden den Empfindungen irgend entsprechende, jedenfalls +mit ihnen zusammengehoerende Sein und Etwas, d. h. das fuer alle Zeit und +fuer alle Denkenden gueltige Wesen der Dinge in der unbestimmten Weise, wie +es eben dem Begriffe des Seins und Etwas entspricht. Natuerlich bleibt die +Empfindung das Kleid, die Huelle dieses unbestimmten Seins und Etwas, der +Stuetzpunkt, das Schwungbrett, um mit Platon zu reden, fuer diesen Blick des +Geistes, das er nicht entbehren kann. Empfindungen als +Bewusstseinsvorgaenge sind Abstraktionen, als Erkenntnismittel fuer die +Aussenwelt sind sie das urspruenglich Gegebene. Aber auch fuer die hoechsten +Begriffe koennen wir dieses Erkenntnismittel, wie Aristoteles zuerst sieht, +nicht entbehren. Kein Begriff ohne Phantasiebild -- dieser Satz stammt von +ihm. Er will sagen: kein Begriff ohne wieder auflebende Empfindungen, die +als Erkenntnismittel funktionieren. Dem Blick des Geistes, der das den +Empfindungen entsprechende Sein findet oder entdeckt, folgt das +Einleuchten der Zusammengehoerigkeit und diesem die Einsicht in die +Zusammengehoerigkeit. Aber nur von dem ganz unbestimmten Sein und Etwas der +Dinge, das freilich fuer alle Zeit und fuer alle Denkenden gilt, giebt uns +diese Einsicht Kunde, nicht von seiner Beschaffenheit. Etwas Naeheres von +seiner Beschaffenheit, freilich noch unbestimmt genug, erfahren wir nach +dem Einheitsgesetz unsres Erkennens, nach dem alle Wahrheit und damit +alles Wesen der Dinge Gedanke Gottes ist. Hiernach muss dann auch das mit +den Empfindungen zusammengehoerende Sein und Etwas als Gedanke Gottes +gefasst werden. Davon haben wir dann eine mittelbare, eine durch das +Einheitsgesetz vermittelte Erkenntnis. + +Wir gehen bei unsrer Beweisfuehrung davon aus, dass nicht bloss unser Leib +sondern auch die Koerperwelt mit unsrem Bewusstsein eine Einheit bilden. +Denn nur unter dieser Voraussetzung scheint eine unmittelbare Erkenntnis +der Koerperwelt aus den Empfindungen und durch sie, wenn auch nur ganz +unbestimmt, als eines Etwas oder Seienden moeglich zu sein. Aber besteht +jene Annahme zu recht? Koennen wir wirklich nicht bloss von einer Einheit +unsres Leibes, sondern auch der Koerperwelt mit unsrem Bewusstsein reden? +Zunaechst unterscheidet das Kind seinen eigenen Leib noch nicht von fremden +Koerpern. Erst die Schmerzgefuehle, welche mit den Angriffen auf den Leib +verbunden sind, machen ihm klar, dass es sich mit dem eigenen Koerper +anders verhaelt als mit fremden Koerpern. Dann steht doch auch der eigene +Koerper mit der ganzen Koerperwelt in einer auf bestaendigem Austausch +beruhenden Verbindung; sie bilden mit einander eine unaufloesliche Einheit, +in dem es kein Leeres und keine Spruenge giebt. (Horror vacui. Natura non +facit saltus.) Natuerlich leugnen wir nicht, dass das Verhaeltnis des +Bewusstseins zu dem, was wir unsren Leib nennen, ein andres ist als zu den +fremden Koerpern. Aber erstens ist dies Verhaeltnis uns unbekannt; zweitens +ist es nicht zu allen Teilen des eigenen Leibes das gleiche, scheint zu +vielen Teilen desselben vielmehr kein engeres zu sein wie zu der uebrigen +Koerperwelt; drittens endlich ist dieses Verhaeltnis, was die Erkenntnis des +eigenen und der fremden Koerper angeht, sicher das gleiche, und bloss in +dieser Hinsicht kommt dieses Verhaeltnis fuer uns hier in Betracht. + +Wir fragen endlich, wie weit denn unsre Einsicht bezueglich der Aussenwelt +reicht? Wir antworten: genau so weit, als unsere wirkliche Erkenntnis; +denn diese ist mit der Einsicht ein und dasselbe. Natuerlich gehoert Raum +und Zeit, Substanz und Ursache, nicht minder aber auch Materie und Kraft, +in denen die gleichen irrationalen, dem Denken inkommensurabeln, durch +dasselbe nicht aufzuhellenden Elemente enthalten sind, bloss zu der +Erscheinung der Welt in unsrem Bewusstsein. Abgesehen von den Urteilen +ueber das in diesen Formen Verbundene giebt es keinerlei Einsicht von +ihnen, was natuerlich nicht hindert, dass wir von dem in diesen Formen +Gegebenen, unter ihnen Erfassten eine Einsicht haben. Sehen wir aber von +dieser Erscheinung der Aussenwelt in uns ab, so bleibt kaum etwas anderes +uebrig, als ein unbestimmtes Seiendes, das freilich im Gegensatz zu dieser +Erscheinung objektiv fuer alle Zeit und fuer alle Denkenden gueltig ist, und +in diesem Sinne existiert. Giebt es eine Vielheit von Dingen in der +Aussenwelt, die wir freilich nur nach den sinnfaelligen Eigenschaften ihrer +Erscheinung unterscheiden koennen? Wir werden behaupten muessen, dass wir +davon eine einsichtige Erkenntnis haben, sofern es sich um die grossen +Himmelskoerper einschliesslich unsrer Erde und um die kleinen Menschen-, +Tier- und Pflanzenkoerper handelt, auch bezueglich der Atome der Physiker, +bezueglich der Aggregatzustaende Luft, Wasser, Erde, ferner der Berge, +Fluesse, Thaeler, Meere. Aber was diese vielen Dinge der Natur sind, die wir +nur nach ihrer Erscheinung im Bewusstsein bestimmen und unterscheiden +koennen, insbesondere, wodurch sie sich in Wirklichkeit unterscheiden, +wissen wir nicht. Die Vielheit stellt sich uns ferner als eine gebrochene +Einheit dar. Natuerlich haben wir auch von den Ergebnissen der +beschreibenden Naturwissenschaften, sofern sie wirklich wissenschaftliche +Ergebnisse sind, einsichtige Erkenntnisse, bei denen freilich immer +vorbehalten bleibt, was es mit den Koerpern, von denen sie handeln, +eigentlich auf sich hat, was sie abgesehen von ihrer Erscheinung in unsrem +Bewusstsein sein moegen. Das Gleiche gilt von den Ergebnissen der Chemie, +Astronomie, Physik, Mechanik und zwar in um so hoeherem Grade, je weiter +wir uns in diesen Wissenschaften von den verwickelten Verhaeltnissen des +Einzelwirklichen entfernen, jemehr wir von ihnen abstrahieren. Bis an die +aeusserste Grenze der Abstraktion gehen wir in der Geometrie und +Arithmetik, und daher ruehrt die durchsichtige Klarheit der Saetze dieser +Wissenschaften. Bei der Geometrie bleibt freilich noch der Raum und die +Ausdehnung mit dem in ihnen enthaltenen irrationalen Elemente gleichsam +als Hindernis einer vollkommen uneingeschraenkten Einsicht bestehen, die +wir erst fuer die Saetze der Arithmetik, bei der auch dieses Hindernis in +Fortfall kommt, in Anspruch nehmen koennen. + + + Einundzwanzigste Untersuchung. + + +Ueber die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins. + +Die Erkenntnis der Aussenwelt ist, wie wir sehen, ueberall durch +unueberschreitbare Schranken eingeengt. Wenn wir von der Existenz der Dinge +und Vorgaenge der Aussenwelt und ebenso der Beziehungen zwischen ihnen auch +eine wirkliche, in der Einsicht bestehende Erkenntnis haben, so bleibt uns +die naehere Beschaffenheit dieser Dinge und ebenso der Vorgaenge doch +verborgen. Wir koennen sie nur nach ihrer Erscheinung in unsrem Bewusstsein +naeher bestimmen, und diese mag fuer ihre Unterscheidung ausreichen, kann +uns aber ueber ihre Beschaffenheit keine Belehrung geben. Der Aussenwelt +steht die Innenwelt unsres Bewusstseins gegenueber. Koennen wir von dieser +Einsichten, Erkenntnisse gewinnen, die umfassender und vertiefter sind, +wie manchmal behauptet wird? Von einer Reihe von Forschern, die sich an +Brentano anschliessen, wird angenommen, dass wir Einsichten ueberhaupt nur +von den Gegenstaenden der innern Wahrnehmung, also von der eigenen +Innenwelt haben koennen, nicht aber von den Gegenstaenden der aeussern +Wahrnehmung, also von der Aussenwelt, sofern sie Gegenstand der aeussern +Wahrnehmung ist. + +Jedenfalls ist jeder Bewusstseinsvorgang durch das Merkmal der Bewusstheit +charakterisiert, das man als ein Wissen des Bewusstseinsvorganges um sich +selbst bezeichnen kann. Jeder hat sich selbst zu seinem Inhalte. In diesem +Sinne kann man sagen: jede Vorstellung stellt etwas vor, mag sie richtig +sein oder nicht, und das ist der nicht von ihr verschiedene Inhalt. Dieses +Wissen des Bewusstseinsvorganges um sich selbst muss natuerlich immer wahr +sein: in ihm kann es keinen Irrtum, keine Falschheit geben. Aber es ist +kein eigentliches Wissen, kein namentliches, vorstellungsmaessiges, +begriffliches Wissen. Wir gewinnen durch dasselbe noch keine +Vorstellungen, Begriffe von den Bewusstseinsvorgaengen. Dieses +uneigentliche Wissen ist keine Einsicht, keine Erkenntnis. Aber wir koennen +ueber die Bewusstseinsvorgaenge reflektieren und diese Reflexion, selbst ein +Bewusstseinsvorgang, ist von den Bewusstseinsvorgaengen, die ihren +Gegenstand bilden, verschieden. Durch die Reflexion nun gewinnen wir +zweifellos nicht bloss von der Existenz sondern auch von der +Beschaffenheit der Bewusstseinsvorgaenge eine Einsicht, eine Erkenntnis. +Wir stehen ihnen nicht ratlos gegenueber wie den Dingen und Vorgaengen der +Natur oder muessen uns mit einer ganz unbestimmten Erkenntnis derselben +begnuegen. Wir wissen, was es mit ihnen auf sich hat, wodurch sie sich von +einander unterscheiden auf Grund von Merkmalen, die wir in den +Bewusstseinsvorgaengen selbst finden. Allerdings sind alle unsere +Vorstellungen, die wir von den Bewusstseinsvorgaengen haben, aus dem +sinnlichen Gebiete entlehnte, uebertragene, urspruenglich also sinnliche und +mit Bezug auf die Bewusstseinsvorgaenge nur bildliche Vorstellungen. Wir +beduerfen dieser Kruecken der sinnlichen Vorstellungen bei jedem Schritte, +den unser Denken thut und koennen ihrer nirgends entraten, auch nicht, wenn +es sich um die Erkenntnis unserer Bewusstseinsvorgaenge handelt. Aber wir +wissen sehr wohl zwischen dem urspruenglichen und uebertragenen Sinne dieser +Vorstellungen, z. B. der Vorstellung Vorstellen, zu unterscheiden und +geben ihnen unwillkuerlich bei der Uebertragung auf die Bewusstseinsvorgaenge +eine diesen entsprechende andere Bedeutung. Hier kommt das mit jedem +Bewusstseinsvorgang verbundene, uneigentliche Wissen des +Bewusstseinsvorgangs um sich selbst zur Geltung und verhindert eine +Herabziehung der Bewusstseinsvorgaenge in das sinnliche Gebiet. Die +Empfindungen, insofern sie Erkenntnismittel der Aussenwelt sind und als +solche immer unter Mitwirkung der Sinnesorgane, sei es der aeussern, sei es +bloss der innern, der Gehirnerregungen, funktionieren, gehoeren dem +sinnlichen Gebiete an, ja sie konstituieren dasselbe. Insofern wir aber +bei der Reflexion ueber die Empfindungen von dieser ihrer koerperlichen +Seite absehen, bilden sie, wie alle Bewusstseinsvorgaenge, einen Gegensatz +wie zu allem Koerperlichen, so auch zu allem Sinnlichen. Es ist unrichtig +zu sagen, dass wir von den Bewusstseinsvorgaengen nur Vorstellungen haben +und nicht wissen, was diesen Vorstellungen eigentlich entspricht; von +unsren gegenwaertigen Gefuehlen, gegenwaertigen Wollungen und gar von unsren +gegenwaertigen Vorstellungen sollen wir blosse Vorstellungen haben. Es +leuchtet unmittelbar ein, dass diese Annahme falsch ist, abgesehen von den +widersinnigen Konsequenzen, zu denen sie fuehrt. Muessten wir ja dann auch +von den Vorstellungen unsrer Bewusstseinsvorgaenge nur Vorstellungen haben +und von diesen Vorstellungen wieder nur Vorstellungen und so fort ohne +Ende. Man koennte denken, die Uebertragung der aus dem sinnlichen Gebiete +entlehnten Vorstellungen auf die Bewusstseinsvorgaenge koenne nur in +Urteilen geschehen. Allein diese Urteile setzen das Einleuchten der +Zusammengehoerigkeit der Bewusstseinsvorgaenge mit den Vorstellungen und die +Einsicht in diese Zusammengehoerigkeit voraus, die Uebertragung geht also, +wie der Einsicht und dem Einleuchten, so auch dem Urteil voran, und wir +werden sie dem Blick des Geistes zuschreiben muessen, dem wir die +wesentlichen Merkmale verdanken. + +Man kann die Bewusstseinsvorgaenge isolieren, wie wir das thun, wenn wir +sie durch uebertragene Vorstellungen naeher bestimmen. Das ist ein +abstraktes Verfahren, welches zu diesem Zwecke angewendet werden kann und +in der Psychologie gute Dienste thut. Aber man darf nicht glauben, dass +die Bewusstseinsvorgaenge in Wirklichkeit auch isoliert von einander sind. +Sie liegen nicht nebeneinander wie die Atome eines Koerpers, haben vielmehr +einen uebergreifenden, die gleichzeitigen und sogar auch die vorangehenden +Bewusstseinsvorgaenge mit umfassenden Charakter. Ohne dieses Uebergreifen +ist das Zustandekommen des Sinnenbildes der Ausdehnung, in dem die +gleichzeitigen Empfindungen, und des Sinnenbildes der Bewegung, in dem die +aufeinanderfolgenden Empfindungen in bewusster Weise zusammenhaengen oder +einen bewussten Zusammenhang bilden, nicht zu erklaeren. Die den einzelnen +Bewusstseinsvorgaengen eigentuemliche Bewusstheit oder das Wissen um sich +selbst greift hier auch auf die andern gleichzeitigen oder vorausgehenden +und nachfolgenden Empfindungen hinueber. Das, was wir Einheit des +Bewusstseins nennen, vermoege deren wir von _unsrem_ Bewusstsein reden und +dieses den fremden Bewusstseinen gegenueberstellen, hat hierin seinen +Grund. Es ist zu beachten wichtig, dass wir nicht bloss eine wirkliche +Einsicht und Erkenntnis von der Existenz und Beschaffenheit der +Bewusstseinsvorgaenge haben, sondern ebenso auch von ihrer Zugehoerigkeit zu +unsrem Bewusstsein, oder dass sie unsere Bewusstseinsvorgaenge sind. Auch +von dem besonderen Zusammenhange zwischen Vorstellungen und Gefuehlen, +Gefuehlen und Wollungen, zwischen Ueberlegung, Entschluss, Vorsatz, +Ausfuehrung -- mag uns die Art dieses Zusammenhangs auch dunkel bleiben -- +haben wir eine Einsicht, eine wirkliche Erkenntnis, also wenigstens davon, +dass dieser Zusammenhang besteht. Wir wissen, was wir beabsichtigen, und +wann wir ohne Absicht handeln und darum fuer den Erfolg unserer Handlungen +entweder gar nicht oder nicht voellig verantwortlich sind, und dieses +Wissen beruht auf einer Einsicht und Erkenntnis. Das Gefuehl der Reue und +der Verantwortung und ihr Gegenteil hat darin seinen Grund. + +Giebt es auf Einsicht beruhende Erinnerungen, sind Erinnerungen wirkliche +Erkenntnisse? Zweifellos koennen sie das sein und sind es in Wirklichkeit +oft genug. Eigentlich koennen wir uns nicht an Dinge und Vorgaenge, sondern +nur an unsere Wahrnehmung der Dinge und Vorgaenge erinnern. Die Erinnerung +ist ein Wissen der Zusammengehoerigkeit eines vergangenen +Bewusstseinsvorganges mit dem gegenwaertigen, daher seiner Zugehoerigkeit zu +unsrem Bewusstsein. Dass uns diese Eigentuemlichkeit der Erinnerung bei der +Erinnerung selbst weniger zum Bewusstsein kommt, hat seinen Grund darin, +dass wir bei den Erinnerungen uns ganz in die Zeit des vergangenen +Vorgangs versetzen und mit unsrem Denken nur bei ihm verweilen; aehnlich +wie wir bei der Wahrnehmung uns an den Ort des Gegenstandes versetzen. Das +ist auch der Grund, warum wir nicht leicht von einer Einsicht sprechen +weder bei der Erinnerung noch bei der Wahrnehmung. Die Einsicht setzt +immer zwei Glieder voraus, deren Zusammengehoerigkeit uns einleuchtet. Bei +dieser Versetzung in die Zeit des erinnerten und an den Ort des +wahrgenommenen Gegenstandes scheint aber immer nur ein Glied vorhanden zu +sein. Kommen wir aber auf dem Wege der Reflexion dazu, die Erscheinung des +Dinges in unsrem Bewusstsein von dem wahrgenommenen Dinge selbst oder den +gegenwaertigen Erinnerungsakt von dem vergangenen erinnerten +Bewusstseinsvorgang zu unterscheiden, so leuchtet uns die +Zusammengehoerigkeit beider ein, und wir begreifen, dass wir auch bei der +Wahrnehmung und Erinnerung von einer Einsicht sprechen muessen. Sehen wir +unter dieser Voraussetzung ab von der Bedeutung der Zeit, der +Vergangenheit in ihrem Verhaeltnis zur Gegenwart, die wir nicht kennen, +sehen wir ferner ab von Ausdehnung, Bewegung, Raum, Substanz, die nur die +Erscheinung der Dinge und Vorgaenge im Bewusstsein ausmachen koennen (falls +bei der Erinnerung auch aeussere Dinge und Vorgaenge, sofern sie +wahrgenommen wurden, in Frage kommen), so kann es keinem Zweifel +unterliegen, dass es Erinnerungen giebt, die in einer Einsicht oder +wirklichen Erkenntnis bestehen. Die ganz klaren und deutlichen sind von +dieser Art. Wer kann leugnen, dass er eine auf Einsicht beruhende +Gewissheit davon hat, heute Morgen aufgestanden zu sein, einen Spaziergang +gemacht zu haben, auf demselben jemand getroffen oder gesprochen zu haben, +von Kummer erfuellt gewesen zu sein beim Tode eines Angehoerigen, beim +Verlust eines Vermoegens usw.? Sogar darueber, ob unsere Erinnerung ungenau, +lueckenhaft, verschwommen ist, koennen wir unter Umstaenden eine auf Einsicht +beruhende Gewissheit haben. Ist das Gedaechtnisbild von einem frueheren +Bewusstseinsvorgang von dieser Beschaffenheit, so werden die mit dem +frueheren Bewusstseinsvorgang verbundenen Gefuehle auch nur zum Teil in +lueckenhafter, verwischter Weise wieder aufleben. Das hat eine Spannung, +ein Unbehagen zur Folge, worin wir etwa den psychologischen +Anknuepfungspunkt fuer das Einleuchten der Nichtzusammengehoerigkeit, (die in +diesem Falle als Nichtangemessenheit bestimmt werden muss) des +Gedaechtnisbildes mit dem Bewusstseinsvorgang erblicken koennen, der die +Einsicht in diese Nichtzusammengehoerigkeit folgt. + +So sicher es aber auch ist, dass wir Erinnerungen haben, die in Einsichten +bestehen und also wirkliche Erkenntnisse sind, so sind die bei der +Erinnerung gewonnenen Einsichten doch mancherlei Einschraenkungen +unterworfen, und wir muessen ihnen gegenueber mancherlei Vorbehalte machen. +Noch mehr ist das der Fall, wenn wir von der Erkenntnis unseres Ich +sprechen. Wie jeder Bewusstseinsvorgang ein Wissen, freilich ein +uneigentliches Wissen von sich selbst hat, das wir seine Bewusstheit +nennen, so hat auch das, was wir unser Ich, unser Selbst nennen, ein +Bewusstsein von sich. Wir haben ein Ich-Bewusstsein, ein +Selbst-Bewusstsein, die Zusammengehoerigkeit unsres Ich, unsres Selbst mit +diesem Bewusstsein von sich leuchtet uns unmittelbar ein; davon haben wir +eine Einsicht, eine Erkenntnis, eine unmittelbare Einsicht, die jeden +Zweifel ausschliesst. Wenn Hume behauptet, dass er in sich jederzeit nur +ein Buendel von Vorstellungen findet, so hat er eben vergessen, dass dazu +ein Vorfinder, eben das Ich, erforderlich ist. Aber was ist dieses Ich, +dieses Selbst? Das ist eine andere Frage. Und hier fehlt uns offenbar die +Einsicht oder Erkenntnis. Sicher ist es nicht unser Koerper oder einer +seiner Teile, die Augen, die Ohren, die wir, auch abgesehen von ihrer +Erscheinung in unsrem Bewusstsein, unterscheiden muessen, obgleich das Wort +Ich lange Zeit hindurch von unsren Kindern und von vielen Erwachsenen ihr +Leben hindurch nur oder fast nur von ihrem Leibe verstanden wird, also von +dem leiblichen Ich; obgleich ferner das Ich von dem, was dem Leibe, +abgesehen von seiner Erscheinung im Bewusstsein, entspricht, nicht +getrennt werden kann, soll es nicht zu einem blossen Abstraktum werden. +Ohne dieses, dem sinnlich erscheinenden Leib Entsprechende ist ja kein +Bewusstsein denkbar, und ohne Annahme des Bewusstseins koennen wir auch von +keinem Ich reden. Sicher ist es ferner keine Substanz, die nur zur +Erscheinungsform der koerperlichen Dinge gehoeren kann. Auch mit dem +Selbst-Bewusstsein oder Ich-Bewusstsein, das nur sein Merkmal bildet, kann +das Ich und Selbst nicht verselbigt werden. Es ist der Ausdruck fuer die +Zusammengehoerigkeit der Bewusstseinsvorgaenge zu Einem Bewusstsein, aber +doch kein blosses Wort; vielleicht ist es das Band dieser +Zusammengehoerigkeit, das sich ebenso zu der Gesamtheit der +Bewusstseinsvorgaenge verhaelt wie der Eine Denkende zum Reich der Wahrheit. +Hier sind wir auf blosse Vermutungen angewiesen, es fehlt uns jede +Einsicht und damit die wirkliche Erkenntnis. Wenn wir urteilen: ich freue +mich, ich bin traurig, ich stelle mir vor, so haben wir zweifellos eine +Einsicht und wirkliche Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit unsrer +Bewusstseinsvorgaenge mit dem Ich- oder Selbstbewusstsein, von ihrer +Zugehoerigkeit zu unsrem Bewusstsein, diese leuchtet uns unmittelbar ein. +Aber vorbehalten bleibt, was es mit dem Ich und Selbst auf sich hat. + +Wir sehen, nicht bloss fuer die Erkenntnis der Aussenwelt, auch fuer die +Erkenntnis unsrer eignen Innenwelt giebt es unuebersteigliche oder +wenigstens bis jetzt nicht ueberwundene Schranken; auch hier muessen wir +Vorbehalte machen, wenn wir von Einsicht und wirklicher Erkenntnis reden +wollen. Freilich besteht, was die Erkenntnis der Aussenwelt und die unsrer +eigenen Innenwelt angeht, ein wesentlicher Unterschied. Sehen wir vom Ich +ab, so wissen wir doch, was wir unter Haenden haben, wenn wir uns mit den +Bewusstseinsvorgaengen beschaeftigen; wir kennen ihre Merkmale und koennen +sie danach von einander unterscheiden, waehrend wir von den Dingen und +Vorgaengen der Natur in der That nicht wissen, was sie sind, und sie +lediglich nach ihrer Erscheinung in unsrem Bewusstsein von einander +unterscheiden koennen. Bei den Bewusstseinsvorgaengen faellt natuerlich ihre +Erscheinung im Bewusstsein mit ihnen selbst zusammen. Denn diese ihre +Erscheinung im Bewusstsein ist nichts anderes als das mit ihnen verbundene +Wissen von sich selbst, das wir ihre Bewusstheit nennen. Die Reflexion ist +nur eine Wiederholung dieses mit jedem Bewusstseinsvorgange verbundenen +Wissens von sich selbst. + + + Zweiundzwanzigste Untersuchung. + + +Weitere Schranken unseres Erkennens. + +Eine Schranke unsrer Erkenntnis, der Innen- und Aussenwelt, haben wir +bisher absichtlich unerwaehnt gelassen. Wir erkennen das Wesen der Dinge +und Vorgaenge der Natur wie der Vorgaenge unsres Bewusstseins, ihre +Wahrheit, erst dann, wenn wir ihre Stellung in dem System aller Wahrheit +erfasst haben. Davon sind wir aber mit all den eroerterten Einsichten und +Erkenntnissen noch weit entfernt. Wir gewinnen mit ihnen sozusagen nur die +Glieder dieses Systems. Ueber ihren Zusammenhang innerhalb desselben, auf +den doch alles ankommt, bleiben wir voellig im Dunkeln. Das ist die letzte, +hoechste, eine allgemeine Schranke unserer Erkenntnis, die sowohl fuer die +Erkenntnis der Aussenwelt wie fuer die Erkenntnis der Innenwelt gilt. +Weitere, naeher liegende, ebenfalls allgemeine Schranken unsrer Erkenntnis +beduerfen einer besondren Eroerterung. + +Wir bezeichnen gewoehnlich als unser Wissen alles das, von dem wir eine +Gewissheit haben. Die Gewissheit verbindet sich aber auch oft genug mit +einem blinden Dafuerhalten und ist in diesem Falle ohne vernuenftigen Grund. +Wenn wir die zahlreichen Quellen des blinden Dafuerhaltens ins Auge fassen, +wenn wir insbesondere erwaegen, wie oft unsre Zuneigungen und Abneigungen, +unsre Interessen auf unsre Ueberzeugungen einen massgebenden und +bestimmenden Einfluss ausueben, wie oft nach dem Sprichwort der Wunsch der +Vater des Gedankens ist, werden wir kaum zweifeln koennen, dass die Zahl +der auf blindem Dafuerhalten beruhenden und darum des Charakters der +Vernuenftigkeit entbehrenden Wissensinhalte sehr gross ist und kaum +ueberschaetzt werden kann. Diese Wissensinhalte koennen natuerlich nicht als +Erkenntnisse im eigentlichen Sinne gelten. + +Von den Erkenntnissen im eigentlichen Sinne muessen ferner die sogenannten +Kenntnisse, die auf einer blossen Kenntnisnahme, auf einem blossen +Kennenlernen beruhen, sorgfaeltig unterschieden werden. Sie bilden die +unuebersehbar grosse Gruppe der associativen Wissensinhalte, bei denen +ebenfalls in keiner Weise von einer Einsicht die Rede sein kann. Wir haben +Gesichtsempfindungen von den Dingen; mit ihnen zusammen treten die +Gehoersempfindungen oder Gehoersvorstellungen von den auf diese Dinge +angewendeten Worten auf; sie associieren sich mit den ersteren und werden +gelegentlich, wenn sich die Gesichtsempfindungen wiederholen, +reproduziert. Wir sagen dann, das Ding heisst so und so. Das ist natuerlich +ein lediglich associatives Wissen, ohne alle Einsicht. Alles Namen- und +Wortwissen in der eigenen und fremden Sprache, alle Benennungsurteile sind +von dieser Art, da die Namen und Worte nur willkuerliche Zeichen sind fuer +das, was sie bedeuten. Nicht bloss mit den Worten steht es so, es ist +vielfach nicht anders mit den Sachen. Wie selten haben wir +verhaeltnismaessig eine Einsicht in den Zusammenhang der Teile, aus denen +wir die Dinge zusammensetzen, der Eigenschaften, die wir ihnen beilegen, +des Geschehens in Natur und Geschichte, wenigstens wenn wir ueber die +naechsten Zusammenhaenge bei diesem Geschehen hinausgehen wollen. Die +Wissenschaft stellt sich die Aufgabe, diese Zusammenhaenge darzulegen, +oder, was dasselbe ist, die Gesetze fuer dieselben zu finden. Aber wie weit +ist sie von der Loesung dieser ihrer Aufgabe entfernt. Sehr oft haben diese +Zusammenhaenge fuer uns nur den Charakter des zufaellig Verbundenen oder des +Zusammengeratenen, von dem es nur ein associatives Wissen geben kann, weil +das Bewusstsein der Zusammengehoerigkeit und damit die Einsicht fehlt. + +Es ist endlich klar, wenn wir auf Grund einer geringeren oder groesseren +Zahl von Einzelfaellen einen allgemeinen Satz aufstellen, wenn wir mit +andren Worten einen Induktionsschluss ziehen, so hat dieser Satz, je nach +der Zahl der Faelle, eine groessere oder geringere Wahrscheinlichkeit, aber +von dieser Wahrscheinlichkeit haben wir doch eine Einsicht, eine wirkliche +Erkenntnis, eine Einsicht in seine Wahrscheinlichkeit. + + + Dreiundzwanzigste Untersuchung. + + +Erkenntnis der Innenwelt andrer. + +Wir haben gesehen, wie wir zur Erkenntnis unserer eigenen Innenwelt +gelangen und welche Schranken fuer diese Erkenntnis vorhanden sind. Aber +wie steht es mit unserer Erkenntnis der Innenwelt andrer? Haben wir eine +auf Einsicht beruhende wirkliche Erkenntnis von fremden Bewusstseinen? +Allgemein wird jetzt angenommen, dass diese Erkenntnisse, wenn es +wirkliche Erkenntnisse sind, auf dem Wege des Analogieschlusses zustande +kommen. Mit unsren Bewusstseinsvorgaengen sind Ausdrucksbewegungen, z. B. +Lachen und Weinen mit Freude und Trauer, ausserdem Mienen, Gebaerden als +Zeichen bestimmter Gefuehle, Worte als Zeichen bestimmter Gedanken +verbunden. Nehmen wir diese nun an andren wahr, so schliessen wir, dass +auch bei ihnen die gleichen Bewusstseinsvorgaenge vorhanden sein muessen. +Sollte wirklich alle Erkenntnis fremder Bewusstseine auf diesem Wege +zustande kommen? Sollte beispielsweise das Kind die Freude, die Trauer, +den Zorn und Unwillen der Mutter, ihre Liebe, ihren Beifall nur auf diesem +Wege kennen lernen? Ist das Kind, wenn es anfaengt in dieser Weise in das +Bewusstsein der Mutter Blicke zu thun, wohl imstande, die mit seinen +Bewusstseinsvorgaengen verbundenen Ausdrucksbewegungen, insbesondere seine +mit ihnen verbundenen Mienen, die fast ausschliesslich in Betracht kommen, +genau zu kennen, um sie mit den Mienen der Mutter vergleichen und daraus +bei der Mutter auf aehnliche Bewusstseinsvorgaenge schliessen zu koennen? Das +scheint den Beobachtungen, die wir am Kinde machen koennen, durchaus zu +widersprechen. Aber auch soweit wir Erwachsene fremde Bewusstseine +erkennen, spielt dieser schwerfaellige Analogieschluss, wie die Reflexion +deutlich lehrt, keine Rolle. Unsre Erkenntnis der fremden Bewusstseine +giebt sich uns als eine unmittelbare kund und, wie es scheint, kann sie +auch beim Kinde keine andere sein. + +Aber wie ist das moeglich? Der blosse Anblick der Bewegung eines andren, +z. B. beim Stossen einer Billardkugel, beim Springen ueber einen Graben, +erzeugt in uns, wenn nicht die gleiche Bewegung, so doch den Ansatz dazu. +Aehnlich kann man beobachten, dass die Gefuehlsaeusserungen eine ansteckende +Wirkung ausueben. Begegnen wir finstern Mienen, so verduestert sich auch +unwillkuerlich unsere eigene Miene. Wo alles lacht, muessen auch wir lachen; +wo alles weint, koennen wir uns des Weinens nicht enthalten, und wenn wir +auch nicht wirklich mitlachen oder mitweinen sollten, so werden wir doch +froehlich oder traurig gestimmt. So lange wir Kinder sind und noch nicht +gelernt haben, unsren Gefuehlsaeusserungen Zuegel anzulegen, werden wir nicht +bloss froehlich mit den Froehlichen und traurig mit den Traurigen; wir +lachen wirklich mit den einen und weinen mit den andren. Das ist die +Regel. Natuerlich giebt es Ausnahmen, bei Kindern sowohl als bei +Erwachsenen, wenn sie sehr egoistische, sehr gefuehllose Naturen sind. Das +Merkwuerdige hierbei ist nur, dass die ansteckende Wirkung nicht bloss bei +den Gefuehlsaeusserungen stehen bleibt, sondern sofort auch, und wie es +wenigstens bei den Erwachsenen scheint, mit groesserer Sicherheit auf die +Gefuehle selbst uebergeht. Nehmen wir nun an, dass wir von unsren +Mitmenschen nach ihrer leiblichen Erscheinung bereits eine Erkenntnis +gewonnen haben, ist es dann nicht natuerlich, dass wir in diesen uns +aufgedraengten Gefuehlen und sonstigen Bewusstseinsvorgaengen ihre eigenen +erblicken, dass die Zusammengehoerigkeit dieser ihrer Bewusstseinsvorgaenge +mit ihrer leiblichen Erscheinung sich uns aufdraengt, uns unmittelbar +einleuchtet und wir so eine unmittelbare Einsicht, eine unmittelbare +wirkliche Erkenntnis von dieser Zusammengehoerigkeit und damit von den +fremden Bewusstseinen gewinnen? So erklaert sich denn die allbekannte +Erscheinung von der unwillkuerlich in unsren Kindern auftretenden Abneigung +gegen Personen, die Kinder nicht leiden koennen oder die von schlechter +Gemuetsart sind. Das Gefuehl der Abneigung gegen Kinder, gegen alle Menschen +ueberhaupt, teilt sich den Kindern mit, und in diesem Gefuehle lesen sie +gleichsam unmittelbar in der Seele des andren und sehen, was in ihr +vorgeht. Ich brauche nicht zu bemerken, dass diese Erscheinung zu den +Erfahrungen gehoert, die wir taeglich an uns selbst machen koennen und die +somit als eine allgemein menschliche Erscheinung betrachtet werden muss, +mithin auch fuer das Leben der Erwachsenen gilt. Die Unmittelbarkeit der +Erkenntnis der fremden Bewusstseine hat im Grunde nichts Auffaelliges. Das +Gegenteil ist nur scheinbar natuerlicher; der Raum, der uns anscheinend von +dem fremden Bewusstsein trennt, gehoert selbstverstaendlich nur unserer +Vorstellung an. Eine actio in distans, Einwirkung aus der Ferne muss nach +dem jetzigen Stande der Naturwissenschaft sogar fuer die Koerperwelt +angenommen werden, wenigstens so lange, als noch nicht nachgewiesen ist, +dass die Gravitation zu ihrer Wirkung Zeit braucht; bis jetzt gilt diese +Wirkung als eine unzeitliche oder zeitlose. Von der actio in distans der +Koerper bis zum immediatum commercium animarum ist nur ein Schritt. + +Freilich hat die Erkenntnis anderer, insbesondere ihres Innern, auch ihre +Schranken. Schon Aristoteles und Locke sagen, dass wir nicht wissen +koennen, ob die Empfindungen etwa von rot und gruen, die wir beim Anblick +von Blut und Gras haben, bei andren die gleichen und nicht vielmehr die +umgekehrten sind, so dass ihnen beim Gras die Empfindung gegenwaertig ist, +die wir beim Blut haben, und umgekehrt. Da wir alle von Jugend an gelernt +haben, das Gras gruen und das Blut rot zu nennen, so wuerden natuerlich die +sprachlichen Bezeichnungen die gleichen bleiben. Da ferner fuer unsre +Erkenntnis andrer, so unmittelbar sie ist, doch ihre Gefuehlsaeusserungen +massgebend sind, so muss natuerlich immer vorausgesetzt werden, dass diese +Gefuehlsaeusserungen natuerliche sind und nicht etwa kuenstlich zum Zweck der +Verstellung oder der schauspielerischen Darstellung hervorgebracht werden. +Pestalozzi betont, dass darueber, ob eine Handlung aus selbstlosen oder +selbstsuechtigen Motiven hervorgeht, ob sie mit andren Worten sittlich oder +unsittlich ist, nur jeder bei sich selbst urteilen kann. Natuerlich gilt +das Gleiche auch davon, ob neben dem negativen Moment der Selbstlosigkeit +auch das positive Moment der rueckhaltlosen Hingabe an Gott, des +persoenlichen Verhaeltnisses zu ihm, worin das Wesen der Religiositaet +besteht, fuer das Zustandekommen der Handlung bestimmend war. Obgleich sich +das nun nicht bestreiten laesst, so ist doch anderseits auch nicht zu +leugnen, dass wir auf Grund von Erfahrungen, die wir an uns und an andren +machen, andren mehr Vertrauen schenken koennen und muessen als uns selbst, +andere fuer ehrlicher, uneigennuetziger, hingebender, opferwilliger halten +muessen als uns selbst. In Bezug auf mich selbst bin ich doch eben wegen +meiner Eigenliebe, die zum Selbstbeschoenigen und Selbstbetruegen fuehrt, +viel mehr der Taeuschung ausgesetzt, als in Bezug auf andere. Abgesehen +davon ist das in Wort und That vorliegende Leben des Einzelnen ebenso +Ausdruck seines Innern wie die Gefuehlsaeusserungen, und wenn wir hier das +Natuerliche, Nichtkuenstliche und Nichtverstellte von seinem Gegenteil +unterscheiden koennen, muss das auch dort gelten. Ist aber dies der Fall, +dann kann sich mit der Erkenntnis der Lebensfuehrung des Einzelnen, wie sie +sich aeusserlich kundgiebt, auch die Vorstellung der Sittlichkeit, der +Religiositaet verbinden und die Zugehoerigkeit dieser innern Vorzuege zu ihr +uns einleuchten, sodass wir nun auch von diesem Leben nach seiner innern +sittlich religioesen Seite eine Einsicht und wirkliche Erkenntnis haben +koennen. Oft macht das Leben eines Menschen auf uns einen so +ueberwaeltigenden Eindruck, dass wir bezueglich der Lauterkeit und Reinheit +seiner Gesinnung eine durch nichts zu erschuetternde Ueberzeugung gewinnen +und uns sagen muessen und wirklich sagen, dass, wenn hier keine Einsicht +vorhanden ist, es ueberhaupt keine Einsicht giebt. Es ist merkwuerdig, dass +die solchen seltenen Menschen Nahestehenden und mit ihnen Umgehenden trotz +der entgegengesetzten Erfahrung, die sie an sich selbst und an andren +machen, in diesem ihre Einsicht betreffenden Urteil uebereinstimmen, auch +wenn der sogenannte Verehrungssinn in ihnen wenig oder gar nicht +entwickelt ist. Natuerlich sind wir bei dieser auf Einsicht +zurueckzufuehrenden Erkenntnis des Innern andrer auch auf ihre Worte als +ungewollte und unbeabsichtigte Selbstbeurteilungen angewiesen, also auch +auf die Mitteilungen andrer. Ob und inwiefern wir bezueglich der +Mitteilungen andrer auch von wirklichen Erkenntnissen oder Einsichten +reden koennen, darueber bedarf es einer besondren Untersuchung, der wir den +Titel Geschichtliche Erkenntnisse geben, da die geschichtlichen +Mitteilungen unter den Mitteilungen andrer die erste Stelle einnehmen. + + + Vierundzwanzigste Untersuchung. + + +Geschichtliche Erkenntnisse. + +Den Mitteilungen andrer gegenueber sind wir gewohnt, von einem Dafuerhalten +zu reden, das wir mit dem geringschaetzigen Namen Glauben bezeichnen und +insofern dem Wissen als etwas Minderwertiges gegenueberstellen. Wir +vergessen dabei gewoehnlich, dass unser ganzes Gerichtsverfahren, auch wenn +es sich bei ihm um Leben und Tod handelt, auf Zeugenaussagen, also auf +einem Glauben in diesem Sinne beruht, und dass das Leben in der Familie, +in der Gesellschaft, im Staate, jeder Verkehr mit unsresgleichen ohne ihn +unmoeglich wuerde. Sicher ist, dass blosse Mitteilungen an sich genommen +keine Einsichten sind, wenigstens nicht fuer diejenigen, denen die +Mitteilungen gemacht werden. Mitgeteilte Urteile sind zunaechst noch keine +von uns gefaellten Urteile, bei denen die Zugehoerigkeit des Praedikates zum +Subjekt uns einleuchtet. Aber wir haben gesehen, wie unuebersehbar gross +die Wissensinhalte sind, die wir uns selbst verdanken und bei denen +ebenfalls von einem solchen Einleuchten keine Rede sein kann. Wir +bezeichneten diese Wissensinhalte als Kenntnisse und unterschieden sie von +den Erkenntnissen. Mit diesen Kenntnissen stehen die Mitteilungen zunaechst +auf einer Stufe. Aber ebenso wie die blossen Kenntnisse koennen auch sie +unter Umstaenden zu Einsichten oder Erkenntnissen erhoben werden. Es ist +also insofern kein Grund vorhanden, sie den Wissensinhalten gegenueber, die +wir uns selbst verdanken und die blosse Kenntnisse sind, fuer minderwertig +zu halten. + +Sicher ist ferner, dass wir bezueglich der mitgeteilten Urteile sehr haeufig +nicht zu einer unmittelbaren Einsicht in die Zusammengehoerigkeit des +Praedikats mit dem Subjekte gelangen koennen, uns vielmehr mit der Einsicht, +dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will, begnuegen +muessen, und dass wir erst hieraus auf die Zusammengehoerigkeit des +Praedikats mit dem Subjekte schliessen koennen. Aber auch von den +Wissensinhalten, die wir uns selbst verdanken und die zunaechst blosse +Kenntnisse sind, gilt, dass wir sehr oft nur eine mittelbare Einsicht von +ihnen gewinnen und sie nur durch diese mittelbare Einsicht zu eigentlichen +Erkenntnissen erheben koennen. Wenn wir eine wirkliche Einsicht gewinnen, +ist es in der That nicht von Bedeutung, ob dieselbe mittelbar oder +unmittelbar ist, ebenso wenig, ob sie eine aeussere ist, vermittelt durch +Einsicht in die Faehigkeiten und Gesinnungen der Mitteilenden, oder eine +innere, vermittelt durch Einsicht in Saetze, die von selbst einleuchten. +Auch die aeussere mittelbare Einsicht fuehrt in letzter Instanz auf Saetze +zurueck, die durch sich selbst einleuchtend sind. Ich moechte deshalb +vorschlagen, die im Deutschen (im Englischen hat sowohl believe +dafuerhalten, als faith Glauben im religioesen Sinne eine ganz andere +Bedeutung) uebliche Unterscheidung des Glaubens von dem Wissen fallen zu +lassen und an ihre Stelle die andere von Wissensinhalten, die wir uns +selbst und die wir andren verdanken, zu setzen. Es ist dies die bei den +Englaendern uebliche Unterscheidung zwischen Kenntnissen erster und zweiter +Hand. Das Wort Glaube bleibt besser wie das englische faith auf seine +religioese Bedeutung beschraenkt. + +Ueberblicken wir nun einmal das unermesslich grosse Gebiet der +Wissensinhalte, die wir andren verdanken, oder der Kenntnisse zweiter +Hand, gegenueber der kleinen Zahl von Wissensinhalten, die wir uns selbst +verdanken, oder der Kenntnisse erster Hand, und erwaegen wir die +Konsequenzen, zu denen es fuehrt, wenn wir die erstren als minderwertig +gegenueber den letztren betrachten wollen! Man bedenke, die ganze +Geschichte, die Geographie fremder Laender und Voelker, die wir nicht selbst +gesehen, die Reisebeschreibungen und Naturbeschreibungen von Gegenstaenden +und Dingen, die wir nicht selbst erforschten, die Geschichte der +Wissenschaften, auch die Lehren der Biologie, Chemie und Physik, selbst +der Mathematik, die wir nicht nachgeprueft haben -- und welcher Fachmann +waere im Stande, alles vor ihm Erforschte nachzupruefen? -- alles das sind +Kenntnisse zweiter Hand, deren Wahrheit wir nur mittelbar erkennen, sofern +wir auf sie aus der Einsicht, dass die uns diese Kenntnisse Mitteilenden +die Wahrheit wussten und auch sagen wollten, schliessen. Koennen wir diese +saemtlichen Wissensinhalte, weil wir sie der Mitteilung andrer verdanken, +fuer minderwertiger halten als die geringe Zahl der durch eigene Thaetigkeit +gewonnenen Wissensinhalte, die doch groesstenteils auch nur Kenntnisse sind +und insofern mit ihnen auf einer Stufe stehen? Oder doch fuer +minderwertiger als diejenigen unter ihnen, welche eigentliche Erkenntnisse +sind, insbesondere als die Begriffsurteile der Arithmetik, der Logik, der +Metaphysik und die diesen Begriffsurteilen sich naehernden, freilich nicht +ohne Vorbehalt als Erkenntnisse zu betrachtenden allgemeinen Lehrsaetze der +Geometrie, Astronomie, Physik, Mechanik? Wegen der allgemeinen +Anwendbarkeit der Begriffsurteile und dieser sich ihnen naehernden +Lehrsaetze ist ihr Nutzen fuer den Aufbau der Wissenschaften nicht hoch +genug anzuschlagen, und insofern moegen sie hoeherwertig sein als die +einfachen Thatsachenurteile. Aber der Erkenntniswert der Begriffsurteile +ist offenbar nicht groesser als der der Thatsachenurteile. Hier wie dort +besteht er in dem Einleuchten der Zusammengehoerigkeit und der Einsicht in +dieselbe, was beides bei Thatsachen ebensowohl vorhanden sein kann als bei +Begriffen. Ausserdem hat die Wahrheit der Thatsachenurteile ebenso einen +ueberzeitlichen Charakter wie die Wahrheit der Begriffsurteile. Die meisten +der auf Mitteilung beruhenden Urteile, ausser denen, die zu den +erklaerenden Naturwissenschaften und zur Mathematik gehoeren, sind solche +Thatsachenurteile; die geschichtlichen Wissenschaften bestehen fast +lediglich aus ihnen. + +Es ist wichtig zu beachten, dass den geschichtlichen Thatsachen, die wir +saemtlich der Mitteilung andrer verdanken, kein geringerer, im Gegenteil +sicher ein hoeherer Erkenntniswert zukommt als, ganz allgemein gesprochen, +den Wissensinhalten der Naturwissenschaften, von denen wir viele durch +unsere eigene Beobachtung gewinnen und die wir, wenn sie durch Beobachtung +andrer gewonnen wurden, nachpruefen koennen, die ferner wegen ihrer +groesseren Einfachheit eher die Herstellung gesetzlicher, den +Begriffsurteilen sich naehernder Zusammenhaenge ermoeglichen. Wir haben +gesehen, dass sich uns die Natur als eine gebrochene Einheit, nicht als +eine wahre Vielheit darstellt; damit haengt zusammen, dass das Einzelne in +der Natur nur als Beispiel einer Gattung und Art und nicht als solches +Bedeutung hat. Den Botaniker interessiert dieses bestimmte Exemplar einer +viola tricolor nur als Beispiel der Art. Ganz anders in der Geschichte. +Die geschichtlichen Personen bilden eine wirkliche Vielheit. Jede einzelne +hat ihren Wert, ist sozusagen eine Gattung, eine Art fuer sich. Eben darum +stellen die geschichtlichen Thatsachen dem Erkennen eine viel schwerer zu +bewaeltigende Aufgabe als die Naturthatsachen; sie bieten dem Erkennen zu +gleicher Zeit aber auch einen Reichtum und eine Lebensfuelle, hinter der +die reichste und lebensvollste Ausstattung der Naturgestalten +zurueckbleibt. Die Geschichte ist die Quelle von Gedanken, welche uns der +Loesung des Raetsels des Weltgeschehens naeher bringen, waehrend die Natur +unsren Fragen gegenueber verstummt. Von dem Koerperlichen, dem eigentlichen +Gegenstande der Naturwissenschaft, wissen wir strenggenommen nicht, was es +ist; von den Triebfedern und Beweggruenden menschlicher Handlungen, die +sich uns als die Hebel der geschichtlichen Entwicklung darstellen, haben +wir eine eigentliche, in einer Einsicht bestehende Erkenntnis. Ausserdem +ist das Koerperliche sicher dem fuer die Geschichte massgebenden und +bestimmenden Geistigen untergeordnet und hat in ihm seinen Zweck. Was +haben beispielsweise die freilich bloss hypothetisch angenommenen +Aetherschwingungen und die wirklich zu konstatierenden Luftschwingungen +sonst fuer einen Zweck, als in unserem Bewusstsein die Farben und die Toene +zu erzeugen und damit den Kuensten der Malerei und Musik zur Geburt zu +verhelfen? Es giebt einen der Natur innewohnenden Zweckzusammenhang, der +in der Ermoeglichung und Herausbildung des Bewusstseins, vor allem des +menschlichen Bewusstseins, seine Spitze hat und in ihm, wie es scheint, +seinen Abschluss findet. Es scheint nicht richtig, die Natur als Gegensatz +zum Geiste zu betrachten; vielmehr stellt sie sich uns dar als eine +Stufenleiter zum Geiste, der uns nicht bloss in unsrem Bewusstsein sondern +mehr noch in der Geschichte offenbar wird. Man koennte sagen, die Natur +oder Koerperwelt sei fuer uns, die wir allein das Bewusstsein seiner +Beschaffenheit nach kennen, das Nichtbewusstsein, also Gegensatz des +Bewusstseins. Allein das ist nur ein andrer Ausdruck fuer unser +Nichtwissen. Eher kann man sagen, das Niedere sei um des Hoeheren willen, +also in letzter Instanz alles fuer das Bewusstsein da. Herausbildung des +Nervensystems als Bedingung der Empfindung, des Bewegungssystems als +Werkzeug des Willens -- das scheint der ganze Zweck des tierischen und +menschlichen Koerpers zu sein. Wofuer waere die Farbenpracht, der +Formenreichtum der Pflanzenwelt, wenn nicht fuer das sehende Auge? + +Oder soll etwa das Bewusstsein seinen Zweck in der Natur haben und ihr als +Mittel dienen? Allein die Natur geht die Jahrtausende hindurch ihren +unabaenderlichen Gang nach ehernen Gesetzen, die das Bewusstsein entdecken +und dann sich dienstbar machen, aber nicht im geringsten aendern kann. Das +Antlitz des Weltalls und der Erde bleibt das gleiche Jahrtausende +hindurch, ohne von dem Bewusstsein einen aendernden Einfluss zu erfahren. +Die Benutzung der Naturgesetze zu seinen, naemlich des Menschen Zwecken, +das sich Dienstbarmachen und Beherrschen der Natur, das Zwingen derselben +zum Gehorsam im Experiment kraft dieser Gesetze ist ferner unerklaerbar, +wenn das Bewusstsein der Natur wie das Mittel dem Zweck untergeordnet oder +um der Natur willen vorhanden waere. + +Es bleibt noch eine dritte Moeglichkeit, naemlich mit der mechanischen +Naturauffassung den Zweckbegriff ganz zu eliminieren. Allein die Anhaenger +dieser Auffassung koennen der Entwicklungshypothese nicht entbehren und +fuehren mit ihr gleichsam durch eine Hinterthuer den Zweckbegriff wieder in +die Wissenschaft ein. Die Entwicklungshypothese verlegt die +Zielstrebigkeit, die Aristoteles zur Ermoeglichung der Selbstentfaltung und +Selbstentwicklung fuer jedes einzelne Naturding in Anspruch nahm, in das +Ganze der Natur. Das Niedere ist nach ihr dem Hoeheren untergeordnet und +dient ihm als Mittel zum Zwecke. Man sucht freilich die Zweckmaessigkeit +mechanisch zu erklaeren. Nur was seiner Umgebung angepasst und fuer den +Verkehr mit ihr eingerichtet ist, soll daseinsberechtigt und lebensfaehig +sein. Woher kommt die Anpassung und Einrichtung? Es passt sich selbst an, +richtet sich selbst ein; vermoege seines Selbsterhaltungstriebes kommt es +zur Selbstentfaltung und Selbstentwicklung. Das ist eben das, was +Aristoteles Zielstrebigkeit nennt. Man sagt, das Staerkere erhaelt sich, +weil es besser fuer den Kampf ums Dasein ausgeruestet ist. Aber das gilt +nicht eigentlich vom Staerkeren, sondern vom feiner Organisierten, vom +Empfaenglicheren, Reizbareren, also von dem Vollkommneren. Dieses ist das +Staerkere. Mit andren Worten, die Entwicklung zum Vollkommneren, die +Zielstrebigkeit setzt sich durch, haelt sich aufrecht. Der Geruchssinn des +Parfumeriefabrikanten, der Geschmackssinn des Gourmands, der Gehoerssinn +des Musikdirigenten, der Gesichtssinn des Mikroskopikers wird durch die +infolge der Uebung und Gewoehnung wiederholt auftretenden und einander +weckenden Empfindungen feiner, zarter, fuer Unterschiede empfaenglicher, +keineswegs aber groeber, staerker. Waere das letztere der Fall, dann liesse +sich durch Summierung der wiederauflebenden Empfindungen alles sehr leicht +erklaeren, rein mechanisch; alle Vervollkommnung waere nur ein +Staerkerwerden. Aber es ist anders in der Natur; man kann von einem +aristokratischen Prinzip als dem herrschenden, in letzter Instanz +ausschlaggebenden reden. Das Bessere, das Vollkommnere gewinnt im +Allgemeinen den Sieg, das Staerkere nur ausnahmsweise. Dem gegenueber +versagt die mechanische Erklaerung. Dass sich das Bessere, Vollkommnere +durchsetzt und erhaelt, scheint ohne Zielstrebigkeit nicht erklaert werden +zu koennen. + +Die fortschreitende Entwicklung der Natur ist nicht zu leugnen. Sie +vollzieht sich durch Zusammenfassung des Nebeneinanderliegenden, +Getrennten zur Einheit, durch Bildung kleinerer Ganzen, z. B. der +Himmelskoerper im Weltenraum, der Krystalle, Pflanzen, Tiere auf der Erde, +und innerhalb dieser letztern durch Herstellung von Mittelpunkten zuerst +und dann von Systemen, die das kleine Ganze beherrschen: Ernaehrungs-, +Nerven-, Bewegungssystem. Aber wie langsam geht diese Entwicklung vor +sich, ihr Alter zaehlt nach Jahrmilliarden! Die eigentliche Staette +unablaessiger, augenscheinlicher, fortschreitender Entwicklung ist die +Geschichte. Insofern kann man sie als die an Intensitaet freilich alles +Vorausgehende hinter sich lassende Fortsetzung der Natur bezeichnen. Auch +in ihr handelt es sich um Herausbildung von Einheiten; aber diese +Einheiten sind nicht Zusammenfassungen neben- und aussereinanderliegender +Teile, sondern Einheiten, die in einem Bewusstsein von sich selbst, an dem +alle ihre Glieder teilnehmen, bestehen: Volk, Staat, Gesellschaft, Nation. +Einheiten ferner im strengen Sinne, naemlich geistige Einheiten, +Persoenlichkeiten, welche die eigentlichen Traeger der geschichtlichen +Entwicklung bilden. Sie sind Traeger von Ideen, welche die Massen bewegen. +Darin liegt ihre Bedeutung. Die Geschichte bewaehrt sich gerade durch diese +in ihr hervortretenden, in den Persoenlichkeiten verkoerperten Ideen als +fortschreitende Entwicklung. Die Frage, ob es einen Fortschritt in der +Geschichte giebt, sollte darum von rechtswegen gar nicht gestellt werden. +Fuer die Wissenschaft und Religion hat man ihn nicht leugnen koennen; +zeitweilige Rueckschritte sind nur Anlaeufe zu kraeftiger Erhebung. Man wird +hienach nicht bestreiten koennen, dass die Geschichte einen viel +bedeutsameren und gehaltreicheren Erkenntnisgegenstand ausmacht als die +Natur. Es giebt ohne Zweifel in der fortschreitenden Entwicklung der Natur +etwas Neues, das aus den vorausgehenden Faktoren nicht erklaert werden +kann, -- das Organische gegenueber dem Unorganischen ist, wie das Tier +gegenueber der Pflanze, ein solches Neues -- wenn man nicht etwa den Satz +ex nihilo fit nihil zu leugnen versucht. Das gilt in noch viel hoeherem +Grade von der Geschichte. Hier ist das Neue an das Individuum gebunden, +und die Bedeutung des Individuums bedingt und bestimmt den geschichtlichen +Fortschritt. + + + Fuenfundzwanzigste Untersuchung. + + +Kuenstlerische und wissenschaftliche Inspiration. + +Es giebt eine alte Unterscheidung von drei Erkenntnisquellen: Erfahrung, +Vernunft und Offenbarung. Man begegnet ihr heute nicht mehr. Sie gilt fuer +veraltet. Indes hat sie doch ihr gutes Recht. Die Redeweise: es war mir +oder kam ueber mich wie eine Offenbarung, wird nicht selten gebraucht, und +viele werden gestehen muessen, dass sie so etwas wirklich erlebt haben. Man +spricht allgemein von einer kuenstlerischen Inspiration. Die schoepferische +Einbildungskraft ist etwas andres. Worin liegt der Unterschied? Was ist +unter dieser Inspiration, Eingebung, die als Offenbarung bezeichnet werden +muss, zu verstehen? + +Es bedarf eines Blickes des Geistes, um das Wesentliche von dem +Unwesentlichen in den Dingen unterscheiden, um die Merkmale ihres +Begriffes auffinden und entdecken zu koennen. Nicht jeder verfuegt ueber +diesen Blick. Viele bleiben an dem Aeusserlichen und Nebensaechlichen mit +ihrem Denken haften. Wir sagen dann, sie koennen nicht denken. Wie sie des +eigentuemlichen Erlebnisses, das wir als Einsicht bezeichnen, ermangeln und +sich kaum ueber die Stufe des bloss associativen Wissens erheben, so fehlt +ihnen auch der Blick des Geistes, durch den allein das Wesentliche erfasst +werden kann. Eines solchen Blickes bedarf es nun auch, um den Gedanken zu +erfassen, der in einem Kunstwerke ausgedrueckt ist. Aber fuer den Kuenstler +selbst, der den Gedanken in dem Stoffe verwirklicht, genuegt dieser Blick +nicht. Ihm muss der Gedanke _gegeben_ werden. Und das geschieht eben durch +die Eingebung oder Inspiration. Sie ist, wie ersichtlich, von dem Blicke +des Geistes, durch den wir das Wesen, den Kern der Sache erfassen, +verschieden. Dieser Blick orientiert sich an der aeussern Erscheinung des +Wesens, er ist durch sie bedingt und wird durch sie bestimmt, obgleich er +sozusagen durch sie hindurchdringt und ueber sie hinausgeht. Die +Inspiration oder Eingebung hingegen ist ein objektiver Zustand, der ohne +unser Zuthun zustande kommt, dem gegenueber wir uns leidend verhalten. Sie +setzt natuerlich in uns eine Empfaenglichkeit voraus, die mannigfach +vermittelt ist; ihre Auffassung haengt darum von einer bestimmten +Entwicklung des Bewusstseins ab. Man kann die Inspiration mit dem +Einleuchten der Zusammengehoerigkeit vergleichen und muss dann die +Auffassung der Inspiration mit der Einsicht zusammenstellen. Auch bei der +Eingebung handelt es sich um Zusammenhaenge, um Zusammengehoerigkeiten, +freilich andrer, hoeherer Art als bei dem Einleuchten, wie sie +beispielsweise das Motto der Goetheschen Iphigenie darstellt: Alles +irdische Gebrechen suehnet reine Menschlichkeit. In der schaffenden +Thaetigkeit des Kuenstlers nun spielt vor allem die Inspiration oder +Eingebung eine Rolle, sie macht sich die Phantasie des Kuenstlers dienstbar +und laesst sie an seiner Schoepferkraft teilnehmen. Die so schoepferisch +gewordene Phantasie schaltet und waltet mit ihrem sinnlichen Stoff gemaess +der Eingebung, ihn formend und gestaltend. + +Natuerlich sagen wir nicht, dass alle Ideen, die unsren Kunstwerken +zugrunde liegen oder die in ihnen verkoerpert sind, auf einer Eingebung +beruhen. Oft ist das Kunstwerk ja nur eine Darstellung des in Erfahrung +und Geschichte Gegebenen, freilich so, wie es sich im Geiste des Kuenstlers +spiegelt, wie es seiner Auffassung entspricht. Diese Spiegelung oder +Auffassung haengt natuerlich, wie die Auswahl der darzustellenden +Gegenstaende, von der Individualitaet des Kuenstlers ab. Man wird +demgegenueber schwerlich von einer auf Eingebung beruhenden Idee reden +koennen, wenn man nicht etwa fuer diese Individualitaet, wie ueberhaupt fuer +die Bedeutung des Individuums in der Geschichte etwas der Eingebung +Analoges in Anspruch nehmen will, das nicht bloss Gedanken im menschlichen +Bewusstsein sondern Wirklichkeiten erzeugt. Abgesehen davon wird man nicht +leugnen koennen, dass vielen Kunstwerken, insbesondere Werken der redenden +Kunst, Ideen zugrunde liegen, die auf einer Eingebung beruhen, die mit +andren Worten aus dem in Erfahrung und Geschichte Gegebenen nicht erklaert +werden koennen. Das Motto der Goetheschen Iphigenie ist unzweifelhaft eine +solche Idee, wenn auch fuer Goethe diese Idee keine eigentliche Eingebung +war, sondern dem reichen Schatze der Eingebungen entnommen wurde, die in +der christlichen Religion gegeben sind und deren Mittelpunkt eben diese +Idee bildet. + +Koennen wir auch von einer wissenschaftlichen Inspiration reden? Ohne +Zweifel muessen wir es! Wird das Forschungsergebnis, zu dem man nur muehsam +durch langwierige Arbeit gelangt, nicht meistens schon mit +vorausschauendem Blicke vorweggenommen, und ist nicht dieser +vorausschauende, das Ergebnis vorwegnehmende Blick der Ansporn, der uns +zur Forschungsarbeit draengt, und das Licht, das uns hierbei leitet? Alle +grossen wissenschaftlichen Entdeckungen, wie alle Entdeckungen ueberhaupt, +scheinen so auf urspruenglichen Intuitionen zu beruhen, die vielfach +Eingebungen sind. Das Ergebnis wird oft erst auf sehr verwickelten und +verschlungenen Wegen gewonnen, und doch steht es uns von Anfang an +deutlich vor der Seele. Wie ist das zu erklaeren, wenn das Ergebnis nicht +eine Eingebung, Inspiration ist? Wir sprechen davon, dass uns Gedanken +einfallen, wodurch der Fortschritt im Denken vielfach bedingt ist. Oft +sind das freilich nur Reminiscenzen aus der Lektuere, aus den Gespraechen +mit andren, oft nur mehr oder minder berechtigte Verallgemeinerungen, oft +blosse Associationen. Aber wir wissen auch, dass das keineswegs immer der +Fall ist. Nicht selten tritt uns ein Gedanke, der gleichsam aus der +verborgenen Tiefe unsres Innern auftaucht, als etwas durchaus Neues +entgegen, fuer das wir in unsrem bisherigen Geistesleben vergebens nach +Anknuepfungspunkten suchen. Solche Gedanken werden wir doch Eingebungen +nennen muessen. Das Ergreifen, Erfassen derselben im Bewusstsein ist von +dem Blicke fuer das Wesentliche, der durch die Erscheinung der Dinge und +Vorgaenge im Bewusstsein bedingt und bestimmt ist, verschieden. Solche +Gedanken draengen sich uns auf, werden uns so aufgenoetigt, wie wir von den +Empfindungen sagen, dass sie uns aufgedraengt, aufgenoetigt werden. Von +unsrem Bewusstsein scheinen sie nicht hervorgerufen oder erzeugt zu +werden; aus ihm scheinen sie nicht hervorzugehen oder zu entstehen, +vielleicht aus den uns selbst verborgenen Tiefen unseres Wesens. Durch +dieses Sichaufdraengen und Sichaufnoetigen, das die auf Eingebung beruhenden +Gedanken mit den Empfindungen gemein haben, unterscheiden sie sich +insbesondere von dem Wesentlichen, das wir durch einen einfachen Blick des +Geistes erfassen, bei dem von einer innren Noetigung, einem innren Zwange +nichts zu verspueren ist. + +Natuerlich bilden auch die eingegebenen Gedanken Zusammenhaenge, +Zusammengehoerigkeiten, sie treten in der Form von Urteilen auf; aber das +Einleuchten dieser Zusammengehoerigkeit und das mit ihr verbundene +Einsehen, der Blick fuer das Wesentliche verbindet sich nicht ohne weiteres +mit den eingegebenen Gedanken, ist auch grundverschieden von dem +Sichaufdraengen, das die eingegebenen Gedanken wie die Empfindungen +charakterisiert. Wie bei dem Blicke des Geistes fuer das Wesentliche, so +ist auch bei dem ihm folgenden Einleuchten und Einsehen der +Zusammengehoerigkeit von irgendwelcher Noetigung, irgendwelchem Zwange +nichts zu entdecken. Die auf Eingebung beruhenden Gedanken stellen sich +meistens dann ein, wenn der Blick fuer das Wesentliche versagt, sodass ihr +Aufleuchten gleichsam einen Ersatz, eine Ergaenzung fuer diesen Blick +bildet. Wir kennen das Wesen des Koerperlichen nicht, koennen es vielmehr +nur nach seiner Erscheinung in unsrem Bewusstsein charakterisieren und +naeher bestimmen. Wenn man das Koerperliche fuer den Gegensatz des Geistigen +erklaert, so geschieht das auf Grund einer Eingebung in unsrem Sinne; der +Erfahrung folgend wuerde es eher als eine Stufenleiter zum Geistigen hin +betrachtet werden muessen. Aber auch diese Betrachtung findet in der +Erfahrung keine ausreichende Stuetze und muss insofern ebenfalls als +Eingebung bezeichnet werden. Natuerlich sind solche Eingebungen keine +Erkenntnisse; es kommt darauf an, sie zu verifizieren. Die +wissenschaftliche Arbeit hat in ihnen wohl einen Ansporn und ein Licht, +aber sie beginnt erst mit der Eingebung und muss so lange fortgesetzt +werden, bis die Zusammengehoerigkeit der Eingebung mit dem Wirklichen +einleuchtet und eingesehen wird. Dann erst wird die Eingebung zur +Erkenntnis. + +Der Ausdruck Eingebung ist insofern ein vorlaeufiger. Zu einer wirklichen, +von der Einbildung sich unterscheidenden Eingebung wird ein Gedanke erst +dadurch, dass wir ihn zu einer wirklichen Erkenntnis erheben. Von den +beiden Gedanken ueber das Wesen des Koerperlichen, die wir erwaehnten, +scheint sicher zu sein, dass sie zu wirklichen Erkenntnissen nicht erhoben +werden koennen. Nach dem ersteren Gedanken, der die Natur als Gegensatz zum +Bewusstsein fasst, muesste man die Natur etwa als Schranke des +Bewusstseins, als symbolischen Ausdruck seiner Endlichkeit auffassen, dem +sich dann die scheinbar unendliche Ausdehnung der Natur im Raume als +symbolischer Ausdruck ihrer vorgeblichen Unendlichkeit zur Seite stellt. +Nach dem letzteren Gedanken muesste man etwa annehmen, dass die Natur in +einer stufenweisen Entwicklung allmaehlich zu einem geistigen Dasein +verklaert wuerde, wie es die Anschauung des neuen Testamentes ist oder zu +sein scheint. Aber was in beiden Faellen die Wirklichkeit der Natur +eigentlich sein soll, bleibt voellig dunkel. + +Wenn wir an dem wirklichen Bestehen von Eingebungen nicht zweifeln koennen, +so fragt es sich, woher sie kommen. Wir haben gesehen, dass das Wesen der +Dinge in ihrer Wahrheit besteht und dass sie nur dadurch, dass sie wahr +sind, wirklich sein koennen. Ihre Wahrheit ist Bedingung ihrer Wirklichkeit +und ihr gegenueber das Massgebende und Entscheidende. Alle Dinge haengen so +mit dem Reiche der Wahrheit, mit dem System der Wahrheit zusammen -- eine +einzelne Wahrheit giebt es streng genommen nicht -- sind von ihm +durchdrungen oder in dasselbe eingegliedert. Das gilt natuerlich auch von +unsrem Bewusstsein, von unsrem Erkennen und allen dasselbe vorbereitenden +Vorgaengen. Sie sind aufs engste mit dem Reiche oder System der Wahrheit +verbunden, und aus dieser Verbindung erklaert es sich, dass scheinbar +unvermittelt in uns Gedanken auftreten oder, wie wir gewoehnlich sagen, uns +eingegeben werden. + +Es giebt sicher zwei Erkenntnisquellen, das Wort im weitesten Sinne +genommen: nicht Quellen, aus denen wir die Erkenntnisse schoepfen, sondern +Ausgangspunkte, zwei verschiedene Ausgangspunkte fuer unser Erkennen, die +dasselbe bedingen und seinem Inhalte nach bestimmen. Das sind einerseits +die Empfindungen als Erkenntnismittel der Aussenwelt und die +Bewusstseinsvorgaenge als Erkenntnismittel der Innenwelt, beide zusammen +das ausmachend, was wir als Erfahrung bezeichnen koennen, wenn wir darunter +eben den Ausgangspunkt fuer das Erkennen verstehen. Diesen stehen +anderseits die Eingebungen gegenueber. Die Erkenntnis ist natuerlich von +beiden verschieden. Sie ist Sache des Denkens, der Vernunft, und besteht +weder in einer blossen Umformung der Empfindungen, wie Condillac und die +Sensualisten meinen, noch in einer blossen Umformung der +Bewusstseinsvorgaenge. Dass uns die Eingebungen, die nur dem +hochentwickelten Bewusstsein zuteilwerden koennen, in den an die Erfahrung +sich anschliessenden Formen des Denkens gegeben werden, hindert natuerlich +nicht, sie als Ausgangspunkt fuer das Erkennen in dem eroerterten Sinne zu +betrachten. + + + Sechsundzwanzigste Untersuchung. + + +Religioese Erkenntnisse. + +Nimmt man an, dass es kuenstlerische und wissenschaftliche Inspirationen +giebt, so wird man auch den religioesen Inspirationen seine Anerkennung +nicht versagen koennen. Die Religion ist, ganz allgemein gefasst, das +Bewusstsein von der Verbindung des Menschen mit Gott und ein auf Grund +dieses Bewusstseins eingeleiteter Verkehr des Menschen mit Gott, der in +der rueckhaltlosen Hingabe des Willens, der Person, des ganzen Wesens an +Gott seinen Grund hat und in einer persoenlichen Beziehung zu Gott besteht. +Wird nun unter Gott, wie es in der Religion der Fall ist, das ueber der +Welt der Erscheinungen erhabene Wesen verstanden, in dem alles wirkliche +Sein und alle Wahrheit ihren Grund hat, so ist begreiflich, dass gerade +auf religioesem Gebiete die Inspirationen die groesste Rolle spielen. Sie +sind von der Religion ihrem wahren Wesen nach unabtrennbar. Das kann man +nur leugnen, wenn man dieses Wesen voellig verkennt oder in sein Gegenteil +verkehrt. In allen weltbewegenden Religionen treten Seher, Propheten auf, +die sich solcher von Gott empfangener Inspirationen ruehmen. Sofern sie +eine neue religioese Bewegung herbeifuehren, nennen wir sie Gruender, Stifter +der Religionen oder Verbesserer, Reformatoren. Der Inhalt ihrer +Inspirationen sind keineswegs, nicht einmal groesstenteils, Zukunftsbilder, +sondern die ganze Natur und Menschenwelt umspannende Gedanken, die ueber +das eigentliche Wesen und die Wahrheit der Dinge, d. h. ueber ihre Stellung +und Bedeutung fuer die Gesamtheit des Wirklichen oder im System der +Wahrheit Licht verbreiten. Sie haben deshalb zu allen Zeiten das lebhafte +Interesse des Philosophen geweckt, dem es um die Erkenntnis des Wesens und +der Wahrheit der Dinge zu thun ist. + +Allerdings sind diese Gedanken in erster Linie praktischer Natur, denn die +Religion ist zunaechst eine praktische, das Gefuehl und den Willen angehende +Angelegenheit. Aber sie schliessen die umfassendsten und bestimmtesten +theoretischen Voraussetzungen ein, ohne die sie Halt und Bestand verlieren +und bei deren Veraenderung sie selbst voellig veraendert werden. Und diese +theoretischen Voraussetzungen sind nicht etwa darum wahr, weil sie sich +praktisch fuer das Gefuehl und den Willen bewaehren. Der Wert der Praxis +liegt gerade darin, dass diese Voraussetzungen wahr sind. Wie alles in der +Welt, so erhaelt auch sie ihren Wert nur durch die Wahrheit, die sie +natuerlich nicht verbuergen und garantieren kann. Es ist eine den +Religionsbegriff verflachende und entleerende Auffassung, wenn man +erklaert, die Religion bestehe in blossen Gefuehlen, und wenn man sie in +diesem Sinne mit Gesinnungen verselbigt. Als ob Gesinnungen ohne +theoretische Grundlagen denkbar waeren! Gewiss, das Wesen der Religion, ihr +Herz und ihre Seele besteht nicht in theoretischen Anschauungen, nicht in +Lehren, sondern in der persoenlichen Hingabe der Menschen an Gott, in dem +Opfer seiner selbst. Aber wie verschieden ist doch die stoische Hingabe an +den Weltlauf, die auch von den Stoikern als Gehorsam gegen Gott bezeichnet +wird, und die christliche Ergebung in den Willen Gottes! Worin liegt die +Verschiedenheit? Nun darin, weil die diesen Gesinnungen zugrunde liegende +Lehre eine andere ist. Heilswahrheiten sind nicht wahr, weil sie uns Heil +bringen, sondern weil sie wahr sind, deshalb bringen sie uns Heil. Der +Glaube als rueckhaltlose Hingabe an Gott setzt die Erkenntnis Gottes als +der rueckhaltlosen Hingabe an uns voraus. Er soll den Frieden des Innern +und die Kraft zum sittlichen Handeln bringen. Aber man kann nicht auf +Probe glauben, abgesehen davon, dass das keine rueckhaltlose Hingabe waere. +Mit andren Worten: die Erkenntnis, auf der der Glaube beruht und die uns +seine Wirkung verbuergt, ist nicht um dieser Wirkung willen wahr, und der +diese Erkenntnisse einschliessende Glaube erhaelt nicht durch diese seine +Wirkung seine Wahrheit. Dass der Glaube seine Wahrheit nicht erhaelt durch +seine Wirkungen, geht schon daraus hervor, dass die Wirkungen rein +psychologisch auch eintreten, wenn der Glaube falsch ist, d. h. wenn die +in ihm enthaltene Annahme, also das intellektuelle Element in ihm, nicht +wahr ist. Ohne dieses intellektuelle Element, dass Gott ist, dass er die +Liebe ist, kommt kein Glaube zustande, ohne dasselbe kann er keinen +Augenblick bestehen. Ist es nicht wahr, so ist er Trug, Taeuschung, +Einbildung, also voellig wertlos, trotz seiner guten Wirkungen. + +Aber hat das intellektuelle Element, von dessen Wahrheit wir reden, in der +Religion nur Bedeutung als Voraussetzung, als bedingender Bestandteil? +Muss man nicht vielmehr sagen, die Wahrheit sei das Einzige, was um seiner +selbst willen geschaetzt werden muesse, alles andere koenne nur darum +geschaetzt werden, weil es wahr ist (nur weil es wahr ist, ist es ja auch +wirklich)? Wir sprechen von wahrer, wirklicher Liebe, von wahrer, +wirklicher Sittlichkeit, von wahrem, wirklichem Menschsein und meinen +damit eine Liebe, wie sie sein soll, eine Sittlichkeit, wie sie sein soll, +einen Menschen, wie er sein soll. Das ist natuerlich Wahrheit in andrem +Sinne; Wahrheit als Uebereinstimmung mit einem Ideal. Aber im hoechsten +Sinne ist Liebe, Sittlichkeit, Mensch nur wahr, insofern sie eine Stellung +in der Gesamtheit des Wirklichen haben, die durch das System der Wahrheit +bestimmt wird, also als Glieder des Reiches der Wahrheit -- nur insofern +haben sie eine ewige Bedeutung und einen unvergaenglichen Wert. Insofern +ist dann die Wahrheit alles in allem, das einzige, das wahrhaft hoechste +Gut. Dieser hoechste Sinn der Wahrheit muss auch fuer die Religion gelten. +Als einzelne Wahrheit oder Teilwahrheit ist sie blosse Voraussetzung, +bedingender Bestandteil der Religion; als Wahrheit im hoechsten Sinn ist +sie auch fuer die Religion alles. Was Voraussetzung, bedingender +Bestandteil und insofern Anfang fuer Glaube, Liebe, Sittlichkeit, Religion +ist, dass muss auch das Ende, das hoechste Ziel sein. In diesem hoechsten +Sinne wird in der christlichen Religion Gott als die Wahrheit bezeichnet +und die Erkenntnis mit dem ewigen Leben verselbigt, oder das ewige Leben +auf die Erkenntnis zurueckgefuehrt. "Das ist das ewige Leben, das sie Dich +erkennen und den Du gesandt hast, Jesum Christum." In diesem hoechsten +Sinne des Wortes Wahrheit wird dann auch in der christlichen Religion +alles auf Gott, den Koenig im Reiche der Wahrheit, bezogen, alles sub +specie aeternitatis betrachtet, alles nach seiner ewigen Bedeutung im +Gegensatze zu dem vergaenglichen Scheine ins Auge gefasst und gewertet. In +diesem hoechsten Sinne des Wortes Wahrheit endlich wird alle Wahrheit in +der christlichen Religion als auf Eingebung, Inspiration, Offenbarung +beruhend betrachtet. + +Fuer die Erkenntnis der Wahrheit in diesem hoechsten Sinne gilt dann +freilich auch wieder Glaube, Liebe und Sittlichkeit als Bedingung. "Wer +meine Worte haelt und danach thut, der wird erkennen, dass sie wahr sind". +Insofern muss zugestanden werden, dass die Wahrheit wohl an sich, nicht +aber fuer uns das hoechste Gut ist. Fuer uns ist die Sittlichkeit ein hoeheres +Gut als die Wahrheit und hinwiederum die Seligkeit, der Friede, ein +hoeheres Gut als die Sittlichkeit. Denn nur wenn wir die Seligkeit oder den +Frieden erlangt haben, koennen wir sittlich leben, und das sittliche Leben +hinwiederum ist Bedingung der Erkenntnis der Wahrheit im vollen Sinne des +Wortes. Insofern gilt der Primat des Willens, nicht der Primat des +Intellekts; insofern koennen wir auch die beiden letzten Glieder der fuer +das Zustandekommen des Glaubens wichtigen Reihe notitia assensus +(Einsicht) fiducia umkehren und sagen notitia fiducia assensus, was +uebrigens auf den alten Satz von der fides quaerens intellectum +hinauskommt. + +Man unterscheidet Eingebung und Offenbarung. Eingebungen, Inspirationen +werden einem Einzelnen zuteil, und wenn dieser sie andren mitteilt als von +Gott stammend oder auf Inspiration beruhend, so werden sie Offenbarungen +genannt. Kann der, dem die Eingebung zuteil wird, diese wirklich als +Eingebung erkennen? Will man das bezueglich der kuenstlerischen und +wissenschaftlichen Eingebungen nicht leugnen, so ist kein Grund vorhanden, +es fuer die religioesen Eingebungen zu bestreiten. Dass der religioes +Inspirierte seine Eingebungen auf Gott zurueckfuehrt, spricht nicht dagegen. +Gott ist ihm der Koenig und Herrscher im Reiche der Wahrheit, und vom +Glaeubigen wie von dem Kuenstler und Gelehrten gilt, dass er sein ganzes +Sein und Wesen von diesem Reiche der Wahrheit zu Lehen traegt und nur als +Glied dieses Reiches ein Sein und Wesen besitzt. Wie alle Dinge, so stehen +auch die bevorzugten Menschen, die Kuenstler, Gelehrten und religioes +Inspirierten unter dem unmittelbaren Einflusse dieses Reiches und werden +von ihm unmittelbar beruehrt. Warum sollten sie nicht eine Einsicht und +darum eine wirkliche Erkenntnis davon gewinnen koennen, dass ein in ihnen +auftauchender Gedanke nicht das Ergebnis ihres Nachdenkens, noch weniger +das Endglied einer rein mechanisch sich vollziehenden Association, sondern +etwas wirklich Neues ist, das nur jenem geheimnisvollen Reiche der +Wahrheit entstammen kann, das wir um des ueberzeitlichen Charakters aller +Wahrheit willen annehmen mussten? + +Koennen auch diejenigen, denen die Eingebung als von Gott stammend +verkuendigt wird, eine Einsicht davon gewinnen, dass sie wahr ist, koennen +sie mit andren Worten eine Einsicht davon gewinnen, dass der Verkuendende +die Wahrheit sagen kann und sagen will? Denn diese Einsicht ist der +einzige Weg, auf dem wir uns von der Wahrheit einer Mitteilung durch +andre, sofern sie eben eine Mitteilung ist und bleibt, ueberzeugen koennen. +Massgebend hierfuer und entscheidend ist einzig und allein der Eindruck der +Persoenlichkeit des Verkuendigers nach seiner sittlichen und religioesen +Seite. Es giebt und gab zu allen Zeiten Persoenlichkeiten, die in beider +Hinsicht einen ueberwaeltigenden Eindruck auf uns ausueben, solange wir uns +gegen solche Eindruecke nicht verhaertet und abgestumpft haben, wie wir ja +auch gegenueber dem Eindrucke der Wahrheit, dem Einleuchten oder der +Evidenz blind und gleichgueltig werden koennen. Wenn wir jenen +ueberwaeltigenden Eindruck erfahren, dann ist es einfach konsequent, +jedenfalls einzig vernuenftig, dass wir ihren auf Religion und Sittlichkeit +sich beziehenden Aussagen rueckhaltlosen Glauben schenken oder sie auf +Grund dieser mittelbaren Einsicht fuer wahr halten -- was auch immer +geschieht, wenn nicht die eigenen Neigungen und Interessen jenen Aussagen +widerstreiten. Ob wir unmittelbar von der Wahrheit dieser Aussagen eine +Einsicht oder Erkenntnis gewinnen koennen, ist eine andere Frage, die aber +fuer den Religioesen nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Jener +ueberwaeltigende Eindruck wird bei ihm ein Ergriffensein des Gemuets und +Sichunterwerfen des Willens zur unmittelbaren Folge haben, das eine +Verstaerkung durch die unmittelbare Einsicht in die Wahrheit jener Aussagen +schwerlich und nie, sehr haeufig und leicht aber eine Abschwaechung erfaehrt, +da die unmittelbare Einsicht in die Wahrheit selbst die Gefahr mit sich +bringt, die Wahrheit zu einer blossen Verstandes- oder Kopfwahrheit +herabzusetzen. Darum begnuegt sich der Religioese gern und freudig mit der +aeusseren Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung, die sich darauf stuetzt, +dass der die Offenbarung Verkuendigende die Wahrheit sagen konnte und sagen +wollte. + +*Schluss.* + +Man wird sagen, unsere Darlegung sei Metaphysik. Gewiss mit Recht! Wir +kennen keine andren Wahrheiten als die einen ueberzeitlichen Charakter +haben, und Wahrheit in diesem Sinne ist Metaphysik, auch wenn man sie +durch ihre unloesbare Verbindung mit dem Erkennen davor schuetzt, Ding an +sich zu sein. Wer die Metaphysik in diesem Sinne leugnet, fuer den giebt es +keine Wahrheit mehr. Er ist unrettbar dem Skepticismus verfallen. Oder +nicht? Man sagt, Wahrnehmungen, die sich bewaehren, sind wahr, wie die +Wahrnehmung, dass Digitalis den Puls herabsetzt, Chinin Fieber beseitigt. +Oder Wahrnehmungen, die sich als Teil einem widerspruchslosen System von +Saetzen einordnen lassen, sind wahr. In beiden Faellen werden aus den +Wahrnehmungen Erfahrungen. Das erstere ist die empiristische +Wahrheitstheorie, das letztere die rationalistische. Aber es fragt sich, +woher wir wissen, dass etwas sich bewaehrt, das etwas sich einem +widerspruchslosen System von Saetzen einordnen laesst. Doch nur daraus, dass +es uns einleuchtet und wir es einsehen. Was immer uns aber einleuchtet und +was immer wir einsehen, das leuchtet uns ein, oder das sehen wir ein als +eine Wahrheit, die fuer alle Zeiten und darum auch fuer alle Denkenden gilt. +Das Sichbewaehrende ist, wie alles induktiv Erschlossene, nur +wahrscheinlich, das Widerspruchslose nur moeglicherweise wahr. Oft wenn die +Verhaeltnisse einfach ueberschaubar sind, haben wir schon bei der einzelnen +Wahrnehmung eine Einsicht in die Wahrheit. Wir erkennen z. B. sofort, dass +der gluehende Ofen verbrennt, dass Wasser aus Wasser- und Sauerstoff +besteht; ebenso dass gleichseitige Dreiecke gleiche Winkel haben, dass +Peripheriewinkel die Haelfte der Centriwinkel ausmachen. Dort bedarf es nur +Einer Wahrnehmung, hier nur einer beliebig gewaehlten Figur. Das Probieren, +Versuchen der Wiederholung einer Wahrnehmung oder ihrer Einordnung in ein +System hat seinen Wert: die Wiederholung, um unsere Lebenszwecke zu +sichern und zu foerdern, die Einordnung, um ein Erkenntnisideal zu +verwirklichen; aber beides ist kein Pruefstein der Wahrheit. + + + + + +NAMEN- UND SACHREGISTER. + + +*A.* + +*Abhaengigkeit* voellige aller Dinge von Gott S. 51. + +*Absehen* nicht das Wesen der Abstraktion S. 21, -- von dem in den +Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung und den entsprechenden +Kategorien enthaltenen irrationalen Element S. 49, 57--58. + +*Abstraktion*, worin sie besteht S. 21--22, -- geht der Generalisation +voran, durch sie gewinnen wir unter anderm auch die wesentlichen Merkmale +S. 9, -- sie schafft neue Einzelgebilde des Denkens, ist verschieden von +den negativen Urteilen S. 21--22. + +*actio in distans* S. 68. + +*Allgemein* nicht dasselbe mit wesentlich S. 8. + +*Allgemeingueltigkeit* Folge der ueberzeitlichen Geltung S. V, 5. + +*Analyse und analytisches Verfahren* nur die Kehrseite des Zieles des +Erkennens, seine bloss formale Folgeerscheinung S. 24, -- thut dem +Erkennen, nicht Genuege S. 27, 29; warum man alle Urteile fuer analytische +halten koennte S. 26 und 27. + +*Analogieschluss*, ob notwendig fuer die Erkenntnis fremder Bewusstseine +S. 67. + +*Animismus* S. 12. + +*Ansteckende Wirkung* der Gefuehlsaeusserungen und Gefuehle S. 67--68. + +*Anerkennen* der erkannten Wahrheit Pflicht S. 43--44. + +*Anfang* und Vorhandensein in der Zeit S. 50. + +*Apercu* und Intuition, inwiefern dem Blick fuer das Wesentliche aehnlich +S. 10, -- inwiefern von ihm verschieden S. 80. + +*Aphaireisthai*, *abstrahere* s. *Abstraktion*. + +*Aristokratisches Prinzip* in der Natur: das Vollkommnere nicht das +Staerkere siegt S. 75--76. + +*Aristoteles* gegen die Trennung des Erkennens vom Gegenstand S. 1, -- +gegen die Trennung von Leib und Seele S. 54, -- seine Kategorienlehre, in +der das sinnfaellige Wirkliche die erste Rolle spielt S. 45, 47, -- +unbewegter Beweger S. 30, -- kein Begriff ohne Phantasievorstellung S. 55, +59. + +*Aristoteliker*: Praedikat der allgemeinere Begriff S. 27. + +*Art*, inwiefern sie zu den Praedikabilien gehoert S. 46. + +*Assensus*, inwiefern ihm die fiducia vorangeht S. 85. + +*Associatives Wissen* S. 65. + +*Association* der Willensimpulse mit den Sinnenbildern S. 12. + +*Aufgenoetigt*, *aufgedraengt*, Empfindungen, Gedanken, auch Eingebungen; +aber nicht das Einleuchten, die Einsicht S. 22, 38, 78, 80. + +*Augustins* veritates aeternae S. 7. + +*Ausdehnung*, Sinnenbild und Begriff derselben S. 11, irrationales Element +in der Ausdehnung S. 48. + +*Aussenwelt*, was darunter nicht zu verstehen ist S. 52, 57; wir haben von +ihrer Existenz, nicht von ihrer Beschaffenheit eine unmittelbare Einsicht +S. 53; warum wir bezueglich der Aussenwelt nicht leicht von einer Einsicht +sprechen S. 61, 62 und 55; sie steht mit unserm Bewusstsein in +untrennbarem Zusammenhang S. 56 und 63. + +*Ausgangspunkte* zwei verschiedene fuer unser Erkennen, Erkenntnismittel +nicht eigentliche Erkenntnisquellen S. 81--82. + +*Ausserwesentlich* das Zufaellige, das Notwendige zum Teil, ob es zum +Seienden gehoert oder nicht S. 46. + +*B.* + +*Bacon* und die Methode der Naturwissenschaften S. 9. + +*Bedeutung* der ueberzeitlichen Geltung der Wahrheit S. 4, -- von Raum und +Zeit fuer das Reich der Wahrheit S. 30, 50, -- der Zeit S. 5, 62. + +*Begriff* von Ausdehnung und Bewegung verschieden von den entsprechenden +Sinnenbildern und Vorstellungen S. 11--12, -- von Punkt, Linie, Flaeche, +Geist desgleichen S. 14; -- umfasst die wesentlichen Merkmale S. 21, 7--8, +-- umfasst nicht alle Merkmale, die einem Ding und nur ihm zukommen S. 8, +46, -- der Religion S. 69, 82; -- der Philosophie S. 15--17. Der _Eine_ +Begriff, welcher die Stellung der Dinge im System der Wahrheit bestimmt, +und unsere Begriffe S. 15, 18, 21. + +*Begriffsworte* enthalten eine Wissensdisposition, die betreffenden +Urteile faellen zu koennen S. 11. + +*Believe* Dafuerhalten, S. 71. + +*Berkeley* ueber die Dinge als Gedanken Gottes S. 53, 54. + +*Beruehrung* enthaelt ein irrationales Element a) als Bestandteil der +Ausdehnung, b) als Bestandteil der Substanz S. 48--49. + +*Beschraenktheit* als seiendes Nichtsein S. 47. + +*Bewegung*, Sinnenbild und Begriff derselben S. 11; irrationales Element +in der Bewegung S. 48. + +*Beweis* fuer die Existenz der Aussenwelt S. 54--56. + +*Bewusstheit* Wissen des Bewusstseinsvorgangs um sich selbst S. 58, -- +uneigentliches, nicht namentliches, nicht begriffliches Wissen, keine +Einsicht oder Erkenntnis S. 59, -- hat einen uebergreifenden Charakter +S. 60--61, -- analog dem Bewusstsein des Ich und Selbst von sich S. 63, -- +ist die Erscheinung der Bewusstseinsvorgaenge im Bewusstsein, die sich in +der Reflexion wiederholt S. 64, -- kommt bei der Uebertragung der +sinnlichen Vorstellungen auf die Bewusstseinsvorgaenge zur Geltung S. 59. + +*Bewusstsein* der Wahrheit S. 6; unser Bewusstsein und die fremden +Bewusstseine S. 61; Ich- und Selbstbewusstsein S. 63. + +*Beziehung* auf die Objektivitaet gleich Bewusstsein der Wahrheit S. 6--7, +-- setzt zwei Glieder voraus S. 28, -- eine Kategorie S. 28. + +*Bild*, was ihm eigentuemlich ist S. 17. + +*Bildliche* Vorstellungen S. 59. + +*Blick des Geistes fuer das Wesentliche*, eine Abstraktion (s. d.) S. 9; -- +schafft, erzeugt ein neues Gebilde des Denkens, ist Voraussetzung der +Urteile der zergliedernden, der verbindenden, der negativen S. 13, 21, 14, +-- vermittelt die Uebertragung der sinnlichen Vorstellungen auf die +Bewusstseinsvorgaenge S. 60, -- erste Stufe des Erkenntnisvorgangs, noch +keine Erkenntnis S. 20, 21; doppelte Funktion dieses Blickes: +Vereinzelung, Zusammenfassung, Trennen, Zusammenschauen S. 13, 21. + +*Blinde* Ueberzeugung, worauf sie sich gruendet S. 34, -- Gewissheit, +wodurch von der einsichtigen verschieden S. 36, -- Wissensinhalte sehr +zahlreich S. 65, 25. + +*Brentano* ueber aeussere und innere Wahrnehmung S. 58. + +*C.* + +*Caput mortuum* das Ding an sich, ein toter Punkt S. VI. + +*Cartesius* Trennung von Leib und Seele S. 1, 54. + +*Causari* hervorgebracht werden, verschieden von sequi folgen S. 32. + +*Christliche* Ergebung und stoischer Gehorsam S. 83, -- Religion, +Mittelpunkt derselben S. 79; inwiefern sie Gott als die Wahrheit erklaert +S. 85. + +*Commercium immediatum animarum* unmittelbare, gegenseitige Beeinflussung +der Bewusstseine S. 68. + +*Condillac* S. 82. + +*Criterium quo cognoscitur* -- das, wodurch wir erkennen, die Einsicht, +Kennzeichen der Wahrheit im uneigentlichen Sinne S. 24. + +*Criterium secundum quod cognoscitur* -- das, gemaess dem wir erkennen, das +Einleuchten Kennzeichen der Wahrheiten im eigentlichen Sinne S. 24. + +*Cues* Nikolaus v., ideelle Existenz der Dinge wahrer als die +zeitraeumliche S. 7. + +*D.* + +*Definition* der Empfindung unmoeglich ohne Zuhuelfenahme koerperlicher +Vorgaenge S. 54, -- der Wahrheit gewoehnliche, a) falsche Auffassung b) +richtige Auffassung S. 1, 2. Was gehoert in die Definition? S. 8. + +*Denken*, inwiefern Gegenstand der Logik S. IV. + +*Denkgesetze* Formalgesetze: das Gesetz des Enthaltenseins und des Grundes +S. 33. + +*Denknotwendigkeit* oft nur Folgerung aus der Gewissheit S. 39, -- in +keinem Falle Grund unserer Einsicht in die Wahrheit S. 40, 41, 42. + +*Descartes* s. Cartesius. + +*Ding an sich* ein ungereimter Begriff S. VI, -- fuehrt zu einer Auffassung +der Definition der Wahrheit, die alle Erkenntnis unmoeglich macht S. 1, die +Wahrheit nicht Ding an sich S. 5, 6, 31. + +*Dinge im Allgemeinen* S. 50. + +*E.* + +*Eckhart* S. 7. + +*Eigenschaft*, das Eigentuemliche derselben S. 28, warum sie ein +Selbststaendiges voraussetzt S. 41, und Proprietaet S. 46. + +*Einbildung* und Eingebung S. 81. + +*Einbildungskraft* schoepferische verschieden von Eingebung S. 77, 78. + +*Eingebung* verglichen mit dem Einleuchten, dem Blick fuer das Wesentliche, +der Einsicht S. 10, 78, 80, -- noch kein Erkennen, vielmehr Ausgangspunkt +(zweiter) fuer das Erkennen S. 81, 82, wann Gedanken Eingebungen sind +S. 79, 81, worin die Eingebungen ihren Grund haben S. 81. + +*Einheit* Gesetz der Einheit S. 30, 31, -- Kategorie S. 47; -- gebrochene +in der Natur S. 57, 73 -- des Bewusstseins S. 61. + +*Einleuchten* und *Einsicht*, Verschiedenheit beider S. 22, 23, 24, +Einleuchten keinerlei Zwang S. 22, 34, 38, 43, 80, -- verglichen mit +Inspiration und Auffassen der Inspiration S. 78, -- wirklich oder bloss +vermeintlich S. 35, 36, 37, 38; Schein des Einleuchtens, wie beseitigt +S. 37; Einleuchten unmittelbar oder mittelbar S. 37, 38. Einsicht innere +und aeussere S. 71, 87. Einleuchten keine Erkenntnis, Grund der Erkenntnis +S. 22, 34, 38, Einleuchten Massstab, Kennzeichen der Wahrheit; das, nach +dem wir ueber Wahrheit und Falschheit urteilen S. 24. + +*Einsicht* Erkenntnis S. 23, Sehen, Wahrnehmen der Zusammengehoerigkeit +S. 34, -- verschieden von Urteil, Bewusstsein der Wahrheit, Gewissheit +S. 23, keine wahrscheinliche oder zweifelhafte Einsicht moeglich S. 35, 36 +-- hat keine Grade S. 36, -- unmittelbare in die Existenz der Aussenwelt +S. 53 -- in die religioes-sittliche Beschaffenheit eines Andern S. 70, +diese der Grund, dass wir seinen Aussagen ueber Religion und Sittlichkeit +Glauben schenken S. 87, -- subjektiv wie die Gewissheit S. 23; inwiefern +kann die unmittelbare Einsicht grundlos, inwiefern der Grund der Einsicht, +das Einleuchten, als subjektiv bezeichnet werden? S. 31, die vorausgehende +Einsicht fuer die nachfolgende Reflexion eigentliches Kennzeichen der +Wahrheit (criterium secundum quod), Einsicht an sich genommen nur +uneigentlich sogenanntes Kennzeichen der Wahrheit (criterium quo) S. 24. + +*Einzelwirklichkeit* -- Gegensatz Gesamtwirklichkeit S. 4, Gesamtheit des +Wirklichen S. 15. Gesetze fuer das Einzelwirkliche; auch das Gesetz des +ausgeschlossenen Dritten gilt nur fuer das Einzelwirkliche S. 29. + +*Empfindungen* a) als Gegenstand der Reflexion S. 60, b) als +Erkenntnismittel S. 55, 59, c) isoliert vom Koerper bei Cartesius und in +der Psychologie S. 54, Definition der Empfindungen S. 54. + +*Enargein* Einleuchten S. 24. + +*Einzelgebilde* des Denkens, die wesentlichen Merkmale S. 13, -- ueberhaupt +das durch Abstraktion Geschaffene S. 21; das Urteil kein Einzelgebilde, +vom Denken geschaffene Verbindung S. 23. + +*Enthaltensein*, Gesetz des Enthaltenseins fuer Begriffe S. 26; Gesetz des +Enthaltenseins fuer Urteile -- das Gesetz des Grundes S. 32; im +Enthaltensein eine Denknotwendigkeit vorhanden S. 40. + +*Entwicklung* fortschreitende in der Natur S. 76, 81, 74. + +*Entwicklungstheorie* fuehrt den Zweckbegriff wieder ein S. 75. + +*Erfahrung* Ausgangspunkt des Erkennens a) die Empfindungen als +Erkenntnismittel der Aussenwelt, b) die Bewusstseinsvorgaenge als +Erkenntnismittel der Innenwelt, -- keine Erkenntnis S. 82. + +*Erinnerung*, was sie ist S. 61; warum wir bei ihr nicht leicht von +Einsicht reden S. 61--62, unter welchen Vorbehalten es einsichtige +Erinnerungen gibt S. 62. + +*Erkennen* hat eine metaphysische Bedeutung S. V, VI; a) empiristischer +Begriff, b) rationalistischer Begriff des Erkennens S. 2, -- Lehre vom +Erkennen erster Teil der Logik, Lehre vom Denken zweiter Teil S. IV; das +Erkennen und die Wahrheit S. IV, 2; die Wahrheit unabtrennbar vom Erkennen +S. VI, 2, 5, 31, -- nicht Abdruck, Spiegelbild, muessige Wiederholung der +Wirklichkeit, besitzt die Wirklichkeit selbst S. 6, 17. Erkennen gleich +Einsicht verschieden vom Urteil S. 23, 6. + +*Erkenntnisideal* S. 88 + +*Erkenntnismittel* S. 55, 82. + +*Erkenntniswert* der Naturwissenschaften und Geschichte S. VI, 73, 76, -- +der Begriffs- und Thatsachenurteile S. 72. + +*Erklaerung* mechanische der Natur, wann moeglich? S. 75, -- psychologische +der Entstehung und Zusammensetzung unserer Vorstellungen der Weltdinge +S. 52, 12. + +*Ermoeglichung* der Empfindungen S. 52, Gesetz der Ermoeglichung S. 32. + +*Evidenz evidentia* Einleuchten S. 24. + +*Ewigkeitscharakter* der Wahrheit S. V, 4. + +*Existenz* der Aussenwelt unmittelbar erkannt S. 53, -- des Ich +desgleichen; keine Erkenntnis seiner Beschaffenheit S. 63--64. + +*F.* + +*Faith* Glaube in religioesem Sinne S. 71. + +*Fiducia* religioeser Glaube, der dem assensus der Zustimmung des +Verstandes oder dem einsichtigen Urteil vorangeht, ein und dasselbe mit + +*Fides* quaerens intellectum religioeser Glaube, der die einsichtige +Erkenntnis erstrebt d. h. die mit ihr verbundene aeussere Einsicht durch +die innere zu ergaenzen sucht S. 85. + +*Farbe*, Wesen der Farbe S. 16, unsere Auffassung der Farben Grund der +Objektivationstheorie S. 54, 55. + +*Formalgesetze* Denkgesetze, das des Enthaltenseins und des Grundes S. 33. + +*Formalkategorien* Raum und Zeit S. 50. + +*Formen* (3) des Gesetzes des Widerspruchs S. 33. + +*Formulierung* falsche des Kausalitaetsgesetzes S. 31--32. + +*Fragen*, ihr Wert S. 16--17, Philosophie Wissenschaft der Fragen S. 16, +-- ob die Dinge so sind, wie wir sie wahrnehmen, thoericht, ungereimt +S. 34, 52. + +*G.* + +*Gattung*, wann Proprietaet S. 46, 8, verglichen mit der Zahl S. 46. + +*Gebiet* das sinnliche konstituiert von den Empfindungen, inwiefern? +S. 59. + +*Gedanken* aufgedraengte S. 80, 22, -- Gottes die Dinge der Welt S. 53, 54, +56. + +*Gefuehle* Grund der blinden Ueberzeugung S. 34; die Religion besteht nicht +in blossen Gefuehlen S. 83. + +*Gegenstand* Unbestimmtheit des Wortes S. 2; einziger Gegenstand des +Erkennens die Wahrheit S. 2; im eigentlichen Sinne giebt es nur auf Grund +des Urteils Gegenstaende S. 12. + +*Gegenstaendlicher* Charakter der Vorstellungen, wie kommt er zu Stande +S. 12. + +*Geist*, Blick des Geistes S. 9, 13--14, 20--21, 60; -- und Koerper S. 16, +Begriff und Sinnenbild des Geistes S. 14. + +*Gelten* mehr als Existieren S. 4, vergl. ideelle Existenz in Gott wahrer +als zeitraeumliche Existenz S. 7. + +*Gemuet*, Ergriffensein des Gemuets von der Wahrheit S. 43, 87. + +*Generalisation* S. 8--9. + +*Geschichte*, Erkenntniswert der Geschichte S. VI, 73, 76, Bedeutung des +Individuums in der Geschichte S. 73, 77, Fortschritt in der Geschichte +S. 76, Gedanken in der Geschichte S. 73, 76. + +*Gesamtheit des Wirklichen* s. *Einzelwirklichkeit*. + +*Gesetze* als Ausdruck des Wesens der Dinge S. 14; -- des Erkennens: +Grundgesetz, Urteilsgesetze S. 25 u. 29, Schlussgesetze S. 30 ff., Gesetz +der Gleichfoermigkeit des Naturlaufs S. 38. + +*Gewissheit* einsichtige und blinde, ihr Unterschied S. 35--36. + +*Glaube* in religioesem Sinne S. 84, 71, 72; als Fuerwahrhalten der +Mitteilungen andrer S. 70. + +*Glaubensueberzeugungen* geschichtliche Erkenntnisse S. V, Kant ueber +Glauben S. V. + +*Gleichheit* und Verschiedenheit Praedikabilien S. 46. + +*Goethe* ueber das Allgemeine und Besondere S. 9; Motto seiner Iphigenie +S. 78, 79. + +*Gravitation* zeitlos S. 68, Gesetz der -- S. 5 + +*Gott* als Bewusstsein ueberhaupt S. 5, 53, -- der Eine Erkennende vom +System der Wahrheit vorausgesetzt S. 30--31, 85, seinem Wesen nach +Selbstentaeusserung, rueckhaltlose Hingabe S. 51, 84. + +*Grund*, Gesetz des Grundes S. 32--33; subjektiver, objektiver Grund der +Wahrheit S. 30--31, 7. + +*Gut*, die Wahrheit an sich das hoechste Gut S. 18, 44, 84--85, nicht fuer +uns S. 85, ein sittliches Gut, ein Gemeinschaftsgut S. 44. + +*H.* + +*Hegel* und die Evidenz des Gesetzes des Widerspruchs S. 38. + +*Heraklit* und die Evidenz des Gesetzes des Widerspruchs S. 38. + +*Homoiosis* Veraehnlichung S. 6. + +*Horror vacui* kein leerer Raum S. 56. + +*Humes* Irrtum ueber das Ich S. 63. + +*I.* + +*Ich*, inwiefern erkennbar S. 63--64. + +*Ideal* der Erkenntnis S. 88. + +*Ideelle Existenz* wahrer als zeitraeumliche S. 7. + +*Ideen*, Persoenlichkeiten in der Geschichte, ihre Traeger S. 76. + +*Ideenwelt* Platons dasselbe mit dem System der Wahrheit S. 7. + +*Immediatum commercium animarum* s. *Commercium*. + +*Inhaltsmerkmal* der Wahrheit S. 2; die negativen Begriffe keine +Inhaltsmerkmale S. 28. + +*Induktion* S. 9, 66. + +*Individualitaet* des Kuenstlers S. 78. + +*Individuation* Prinzip der -- S. 50. + +*Intellectus* s. *Fides quaerens intellectum*. + +*Irrational* vom Erkennen nicht aufzuhellen S. 48. + +*Inkommensurabel* vom Erkennen nicht aufzuhellen S. 48. + +*Intuitionen* s. *Apercu*. + +*Inspirationen* s. *Eingebung*. + +*Isolierung* der Teile des Ausgedehnten und Bewegten durch die Abstraktion +S. 13, 21, der Empfindungen und koerperlichen Vorgaenge S. 54, der +Bewusstseinsvorgaenge S. 60. + +*K.* + +*Kant* ueber Glauben und Wissen S. V, sein Einfluss auf die Logik S. I; +Trennung des Gegenstandes vom Erkennen -- Ding an sich S. VI und S. 1, -- +vom guten Willen S. 44. + +*Kategorien* des Aristoteles S. 45, -- vier: Ding, Eigenschaft, Vorgang, +Beziehung S. 28, Formalkategorien: Raum und Zeit; Realkategorien: Substanz +und Kausalitaet S. 50, Wesen und Einheit sind Kategorien S. 46--47; +Wirklichkeit eine Realkategorie S. 51. + +*Kausalitaet* Verursachung; Ursprung des Begriffs S. 12--13, 49, Ursache +und Vorgang S. 28, Gesetz der Kausalitaet S. 31--32; irrationales Element +S. 49; -- die Ermoeglichung nicht hervorbringende Ursache S. 31, 50, -- als +symbolischer Ausdruck fuer die voellige Abhaengigkeit der Dinge von Gott +S. 51. Siehe *Substanz*. + +*Kausalzusammenhang* S. 31. + +*Kenntnisnahme* verschieden von Erkennen S. 65. + +*Kenntnisse* keine Erkenntnisse S. 65--66, 71, -- erster und zweiter Hand +S. 72. + +*Kennzeichen* der Wahrheit S. IV, 3, nicht die Einsicht sondern das +Einleuchten S. 24. + +*Kinder* Erfahrungen an -- S. 67, -- unmuendige S. 55, wodurch belehrt ueber +den Unterschied des eigenen von fremden Koerpern S. 56. + +*Koinonia* Teilnahme an einer Sache S. 6. + +*Kopfwahrheit* S. 45, 87. + +*Koerperwelt*, unser Bewusstsein unabtrennbar mit ihr verbunden S. 56, 63, +doppelte Auffassung ihres Wesens S. 74, 81, dreifache Auffassung ihres +Verhaeltnisses zum Geiste S. 74--75. + +*Konstante* Merkmale S. 9. + +*Kraft* enthaelt wie die Zeit und Kausalitaet ein irrationales Element, +gehoert darum nur zur Erscheinung der Welt im Bewusstsein S. 57. + +*L.* + +*Leben* das ewige eine Erkenntnis S. 85. + +*Leib* und Seele untrennbar S. 1, 54, vergl. S. 63. + +*Locke* u. Aristoteles ueber die Schranken unserer Erkenntnis des +Innenlebens anderer S. 69. + +*Logik* als Denklehre in erster Linie Erkenntnislehre S. IV, -- formale u. +erkenntnistheoretische S. III--IV. + +*Logismus* formalistischer S. VI. + +*Lueckenhaftigkeit* der Erinnerung, wie erkannt S. 62. + +*M.* + +*Materie* siehe *Kraft*. + +*Mathematik*, ob fuer alle verstaendlich S. VII, warum und inwiefern ihre +Lehrsaetze durch- (ein-)sichtige Klarheit besitzen S. 58, 49. + +*Mensch*, Begriff des Menschen S. 8, Wesen des Menschen S. 16. + +*Merkmale*, Wertunterschiede unter den Merkmalen S. 8, -- wesentliche und +unwesentliche S. 6--7, 46, -- begriffliche und sinnfaellige S. 10 ff. + +*Metaphysik* vermeintliche Grundvoraussetzung das Ding an sich S. VI, +Scheu vor der Metaphysik S. VI, Begriff der Wahrheit ist Metaphysik S. 87. + +*Metaphysische Bedeutung* des Erkennens S. VI. + +*Methode psychologische*, Isolierung der Empfindungen vom Koerper S. 54, +der Bewusstseinsvorgaenge von einander S. 60. + +*Mill, Stuart* S. 54, 52. + +*Mittelalterliche* Philosophie S. 1, 54. + +*Mitgeteilte* Urteile keine selbstgefaellten S. 70--71. + +*Mitte* zwischen Bejahen und Verneinen ausgeschlossen fuer das +Einzelwirkliche S. 29. + +*N.* + +*Nacheinander* in der Zeit ausgeschlossen durch den Uebergang S. 48. + +*Namenwissen* blosse Kenntnis S. 65--66. + +*Namentliches* begriffliches Wissen eigentliches Wissen S. 59. + +*Natur* Wissenschaft der Natur S. 57--58, Erkenntniswert geringer als der +der Geschichte S. VI, 73, 76, Auffassung der Natur mechanische S. 75, +Auffassung der Natur doppelte unverifizierbare S. 74, 81. + +*Natura non facit saltus* keine Spruenge in der Natur S. 56. + +*Nebeneinander*, ausgeschlossen durch die Beruehrung S. 48. + +*Neues* in Natur und Geschichte S. 77. + +*Newtons* Gravitationsgesetz S. 5. + +*Negation* nur im Urteil moeglich, setzt aber den Blick fuer das, was anders +ist, voraus S. 14, 28. + +*Nichtsein* wirkliches S. 47. + +*Nichtseinsollendes* ob wirklich S. 19, 47. + +*Nihil.* *Ex nihilo fit nihil.* Aus Nichts wird Nichts S. 77. + +*Noetigung* keinerlei -- beim Einleuchten und der Einsicht. S. 22, 34, 38, +80. + +*Notwendigkeit des Denkens* scheinbare als Folge der Gewissheit. S. 39, +42--43 wirkliche einsichtige im Verhaeltnis des Enthaltenseins S. 40, +wirkliche einsichtige in den Unvertraeglichkeitsverhaeltnissen S. 41--42, +wirkliche einsichtslose S. 41. + +*O.* + +*Objektiver* Grund aller Wahrheit S. 31. + +*Objektivationstheorie*, Grund derselben S. 54, Ersatz derselben S. 55. + +*Offenbarung* im allgemeinen Sinne die Inspiration mit einschliessend +S. 77, im Unterschied von der Inspiration S. 85--86. + +*Ort* der Dinge, Ursprung des Bewusstseins derselben S. 52. + +*Ortsbestimmung* loest alles in Beziehungen auf, setzt darum ein +Unraeumliches voraus S. 30. Prinzip der Individuation S. 50. + +*P.* + +*Parusia* Gegenwart S. 6. + +*Pestalozzi* ueber die Schranken unserer Erkenntnis des Innern anderer +S. 69. + +*Phantasie* schoepferische des Kuenstlers S. 78. + +*Phantasiebild* als Begleiter der Begriffe S. 55, 59. + +*Persoenliches Verhaeltnis* das Wesen der Religiositaet S. 69. + +*Persoenlichkeiten* in der Geschichte als Traeger der Ideen S. 76. + +*Philosophie* Wissenschaft vom Wesen der Dinge, Wissenschaft der Fragen +S. 16. + +*Prinzip* aristokratisches in der Natur S. 76, -- der Individuation S. 50. + +*Platons* Theaetet S. VII, Ideenlehre S. 7, Ansicht vom Koerper S. 16, 55. + +*Psychologische Methode* Isolierung der Empfindungen vom Koerper S. 51, der +Bewusstseinsvorgaenge von einander S. 60. + +*Primat des Intellekts, des Willens* S. 85. + +*Probe* auf Probe glauben in religioesem Sinne unmoeglich S. 84. + +*Porphyrius* ueber die Praedikabilien S. 45. + +*Proprietaet* und Eigenschaft S. 46. + +*R.* + +*Rationalistischer* Begriff des Erkennens S. 2, der Wahrheit S. 88. + +*Raum* als Kategorie S. 48, als Begriff S. 49, Formalkategorie, Prinzip +der Individuation S. 50, symbolischer Ausdruck der scheinbaren +Selbststaendigkeit der Dinge, der Unendlichkeit S. 51, 81, enthaelt ein +irrationales Element, gehoert darum nur zur Erscheinung der Welt in unserm +Bewusstsein S. 57. + +*Realgesetze* S. 33--34. + +*Realkategorien* S. 50. + +*Rehmke* S. 53, 54. + +*Religion*, positive Seite der Moral S. 69, ihr Wesen S. 82, 83, ihre +doppelte Wirkung S. 84, vergl. S. 85, Bedeutung der Erkenntnis in der +Religion S. 84--85. + +*Reflexion* verschieden von dem Bewusstheit genannten Wissen S. 59, +Wiederholung desselben S. 64, Empfindung als Gegenstand der Reflexion +S. 60. + +*S.* + +*Scheinbar*, inwiefern das Scheinbare wirklich S. 19, die geliehene +Selbststaendigkeit verschieden von der anmasslichen nicht etwas bloss +Scheinbares S. 51, 19, scheinbare Selbststaendigkeit, Symbol derselben +S. 51, 81. + +*Schoepfung* Akt der Selbstentaeusserung S. 51. + +*Schranken* unuebersteigliche oder noch nicht ueberwundene fuer die +Erkenntnis der Aussenwelt und unserer eigenen Innenwelt S. 64, fuer die +Erkenntnis der Innenwelt anderer S. 69. + +*Schluss* der Analogie S. 67, der Induktion S. 66, 9. + +*Selbstbewusstsein* unmittelbare Einsicht in die Zusammengehoerigkeit der +Bewusstseinsvorgaenge, die wir unsere nennen, mit dem Ich oder Selbst, +S. 63, 61. + +*Selbsterkenntnis* S. 69. + +*Selbstentaeusserung* s. *Schoepfung*. + +*Seligkeit* als Friede, Voraussetzung der Sittlichkeit S. 85, 84. + +*Sensualisten* S. 82, VI. + +*Sinnfaellige* Wirklichkeit S. 48, -- Eigenschaften S. 57. + +*Sinnliches* Gebiet, wodurch konstituiert S. 59--60, sinnliche Merkmale +S. 10. + +*Sinnenbilder*, was sie sind S. 11; die Grundbestandteile des Sinnlichen, +Sinnfaelligen, die Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung S. 10--11, +einfache Sinnenbilder die genannten, aus ihnen entstehen erweiterte, neue, +umfassendere S. 49, Sinnenbilder und Vorstellungen S. 11--12, Sinnenbilder +und Begriffe S. 49. + +*Sittlichkeit* in dem negativen Moment der Selbstlosigkeit bestehend, das +einer Ergaenzung bedarf S. 69, Kraft zum sittlichen Handeln S. 84; +inwiefern fuer uns ein hoeheres Gut als die Wahrheit S. 85. + +*Skepticismus* -- Folge der Leugnung des metaphysischen Charakters der +Wahrheit S. 87. + +*Spinoza* S. 4, 7. + +*Stoiker* S. 83. + +*Stoische Hingabe* S. 83. + +*Stufen*, Vorstufen und Stufen als Bestandteile des Erkenntnisvorgangs +S. 20, 21, S. 21--23. + +*Subjektiv* grundlos was unmittelbar einleuchtet, hat einen objektiven +Grund S. 31. + +*Subjekt* der Urteile das Einzelwirkliche S. 29, -- Sinnenbilder oder +Vorstellungen und wesentliche Merkmale S. 26. + +*Substanz* entsteht aus dem Willensding S. 12, setzt ein umfassenderes +Sinnenbild als die Ausdehnung voraus S. 49, begriffliche Bearbeitung, +Begriff der Substanz S. 13, 49, enthaelt das irrationale Element in +verdoppeltem Masse S. 49, gehoert darum nur zur Erscheinung der Welt in +unserm Bewusstsein S. 57, symbolischer Ausdruck fuer die scheinbare +Selbstaendigkeit der Dinge S. 51. + +*Synthese* Ziel des Erkennens, nicht Analyse S. 27, 29, 24. + +*Symbolischer Ausdruck* fuer die scheinbare Selbstaendigkeit der Dinge Raum +und Substanz, fuer ihre voellige Abhaengigkeit Zeit und Kausalitaet S. 51, 81. + +*System* der Wahrheit wesentlich S. 30, 24, 15, 4. + +*T.* + +*Thatsachen*, Urteile ueber Thatsachen ueberzeitlich S. 4, -- und Gedanken, +S. 3. + +*Trennung* abstrakte von Leib und Seele, Gegenstand und Erkennen S. VI, +VIII, 1, 54, Abstraktion ein Trennen, Isolieren S. 21, 13. + +*U.* + +*Uebereinstimmung*, Gesetz der -- S. 25. + +*Uebergreifender Charakter* der Bewusstheit, warum notwendig, S. 60, 61. + +*Uebertragung* der sinnlichen Vorstellungen auf geistige Vorgaenge wie +vermittelt? S. 59, 60. + +*Ueberzeugung*, blinde, ihr Grund S. 34--35, auch als Gewissheit von der +einsichtigen Gewissheit verschieden S. 36. + +*Unerkennbarkeit* des Wesens der Dinge S. 16, 24--25. + +*Untrennbarkeit* der Seele vom Leibe (seinem Wesen nach), des Gegenstandes +vom Erkennen S. VI, 1, 2, 5, 6, 31, 54. + +*Unvertraeglichkeitsverhaeltnisse* S. 41--42. + +*Urteil* gedankliches Gebilde, Verbindung von gedanklichen Einzelgebilden +S. 23, sein gedanklicher Ausdruck eine Analyse, schliesst bei allen +synthetischen, nicht auf dem Enthaltensein beruhenden Urteilen eine +Synthese als bedingenden Bestandteil ein, sprachlicher Ausdruck wieder +Synthese S. 26--27. + +*V.* + +*Verkuendiger* der Offenbarung, kann die Eingebung als solche erkennen +S. 86, 79, wann glaubwuerdig S. 86--87, 69--70. + +*Verstandesakt* die Einsicht S. 43, 87. + +*Vorgefundenes* Grundelement der Thatsachen S. 3, von doppelter Art: +Sinnenbilder und Vorstellungen S. 20--21. + +*Vorstellungen*, wie werden aus den Empfindungen Vorstellungen? S. 11--12, +sinnliche und uebertragene S. 59, 60, keine blossen Vorstellungen von den +Bewusstseinsvorgaengen S. 60. + +*W.* + +*Wahrheit*, metaphysischer immanenter empiristischer, rationalistischer +Wahrheitsbegriff S. V, 48, 87--88, keine einzelne Wahrheit S. 81, 24, 20, +4, Wahrheit und Wirklichkeit S. 86, 84, 81, 19, 5--6, 4, V, Wahrheit und +Wesen der Dinge S. 15, Wahrheit an sich hoechstes Gut S. 18, 85, Wahrheit +kein Ding an sich S. 2, 5, 6, 31, 81. + +*Wahrscheinlichkeit* der Saetze der Induktion S. 66, das einzige, was die +empiristische Wahrheitstheorie verbuergt S. 88, keine wahrscheinliche +Einsicht sondern nur Einsicht in die Wahrscheinlichkeit S. 35--37. + +*Wesen* s. *Wahrheit* -- der Religiositaet S. 69, -- der Farbe, -- des +Menschen S. 16, -- der Religion S. 83. + +*Wesentliche* s. *Blick fuer das Wesentliche*; -- Merkmale der Sinnenbilder +noch keine Erkenntnis des Wesens S. 21; ob immer mit Einsicht verbunden? +S. 25. + +*Wirklichkeit*, ganz und gar abhaengig von der Wahrheit S. V, 4, 5--6, 19, +81, 84, 86, Sinnfaellige Wirklichkeit S. 48, Wirklichkeit Realkategorie +S. 51, Was ist Wirklichkeit? S. 51, 4, VII. + +*Wissen*, Wissens-Disposition S. 11, -- uneigentliches nicht namentliches, +nicht begriffliches S. 59, Namenwissen S. 65--66, -- associatives S. 65, +Wissen und Glauben S. 70--71. + +*Wissenschaft*, Naturwissenschaft S. VI, beschreibende S. 57, erklaerende +S. 73, Geschichtswissenschaft S. 72--73. + +*Wissenschaftliche* Inspiration S. 79--81. + +*Z.* + +*Zeit* vergl. *Raum*, -- symbolischer Ausdruck der thatsaechlichen +Abhaengigkeit und Beschraenktheit S. 51, Zeitlichkeit des +Erkenntnisvorganges S. 5--6. + +*Ziel* des Erkennens, Synthese nicht Analyse S. 24. + +*Zielstrebigkeit* in der Natur S. 75. + +*Zulaenglichkeit* des Kennzeichens der Wahrheit S. 3, 36--38. + +*Zusammengehoerigkeit* S. VIII, 24, 20, 22, siehe *Einleuchten* und +*Einsicht*. + +*Zweckzusammenhang* in der Natur S. 74. + + A. W. Zickfeldt Osterwieck Harz + + + + + + +ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER + + +Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Aenderungen +am Originaltext vorgenommen. + +Seite 7 Zeile 13 lies statt Unveraenderliche *Veraenderliche* (Diese +Anmerkung erscheint im Original auf Seite XVIII und wurde in der +Gutenberg-Fassung beruecksichtigt). + +Auf den (Original-)Seiten XIII, 75, 90 und 91 wurden die Anfangsbuchstaben +'Ue' zu 'Ue' komprimiert. + +Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden +geaenderten Fassung. + + + +sondern auch allem Vergaenglichen, Unveraenderlichen so entgegengesetzte +sondern auch allem Vergaenglichen, Veraenderlichen so entgegengesetzte + +nicht enbehren koennen. Um ihn zu vermeiden, mussten wir +nicht entbehren koennen. Um ihn zu vermeiden, mussten wir + +einer vermeinlichen Einsicht und eines vermeintlichen Einleuchtens +einer vermeintlichen Einsicht und eines vermeintlichen Einleuchtens + +ein solcher Notwendigkeitszusammenhang des Zusammengegehoerigen +ein solcher Notwendigkeitszusammenhang des Zusammengehoerigen + +reden, aber man darf eben nur dies mit dem Enthaltensein gegegebene +reden, aber man darf eben nur dies mit dem Enthaltensein gegebene + +auch zum Seienden? Gattung und Art sind oftenbar Praedikabilien, +auch zum Seienden? Gattung und Art sind offenbar Praedikabilien, + +Bakon und die Methode der Naturwissenschaften S. 9. +Bacon und die Methode der Naturwissenschaften S. 9. + +Subjektiv grundlos was ummittelbar +Subjektiv grundlos was unmittelbar + +ohne dass wir darum wuessten. Unsre Erkenntniss von den Dingen +ohne dass wir darum wuessten. Unsre Erkenntnis von den Dingen + +Persoenliches Verhaeltnis das Wesen der Religioesitaet S. 69. +Persoenliches Verhaeltnis das Wesen der Religiositaet S. 69. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINFUeHRUNG IN DIE MODERNE LOGIK. ERSTER TEIL.*** + + + +CREDITS + + +January 5, 2008 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Juliet Sutherland, Ralf Stephan, and the Online Distributed + Proofreading Team at <http://www.pgdp.net/>. + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 24172.txt or 24172.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/1/7/24172/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. If you do not charge anything for copies of +this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given away +-- you may do practically *anything* with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +*Please read this before you distribute or use this work.* + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + +Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + +1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this +agreement, you must cease using and return or destroy all copies of +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee +for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work +and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may +obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set +forth in paragraph 1.E.8. + + +1.B. + + +"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or +associated in any way with an electronic work by people who agree to be +bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can +do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying +with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are +a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you +follow the terms of this agreement and help preserve free future access to +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below. + + +1.C. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or +PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an individual +work is in the public domain in the United States and you are located in +the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, +distributing, performing, displaying or creating derivative works based on +the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of +course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of +promoting free access to electronic works by freely sharing Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for +keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can +easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you +share it without charge with others. + + +1.D. + + +The copyright laws of the place where you are located also govern what you +can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant +state of change. If you are outside the United States, check the laws of +your country in addition to the terms of this agreement before +downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating +derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work. +The Foundation makes no representations concerning the copyright status of +any work in any country outside the United States. + + +1.E. + + +Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + + +1.E.1. + + +The following sentence, with active links to, or other immediate access +to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever +any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase +"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg" +is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or +distributed: + + + This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with + almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away + or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License + included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org + + +1.E.2. + + +If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the +public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with +permission of the copyright holder), the work can be copied and +distributed to anyone in the United States without paying any fees or +charges. If you are redistributing or providing access to a work with the +phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you +must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 +or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.3. + + +If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the +permission of the copyright holder, your use and distribution must comply +with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed +by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the +copyright holder found at the beginning of this work. + + +1.E.4. + + +Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License +terms from this work, or any files containing a part of this work or any +other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}. + + +1.E.5. + + +Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic +work, or any part of this electronic work, without prominently displaying +the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate +access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License. + + +1.E.6. + + +You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, +marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word +processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted +on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form. +Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as +specified in paragraph 1.E.1. + + +1.E.7. + + +Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, +copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply +with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.8. + + +You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that + + - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to + the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to + donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 + days following each date on which you prepare (or are legally + required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments + should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, + "Information about donations to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation." + + You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License. + You must require such a user to return or destroy all copies of the + works possessed in a physical medium and discontinue all use of and + all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works. + + You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + + You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works. + + +1.E.9. + + +If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic +work or group of works on different terms than are set forth in this +agreement, you must obtain permission in writing from both the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in +Section 3 below. + + +1.F. + + +1.F.1. + + +Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to +identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain +works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these +efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they +may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to, +incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright +or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk +or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot +be read by your equipment. + + +1.F.2. + + +LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of +Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for +damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE +NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH +OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE +FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT +WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, +PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY +OF SUCH DAMAGE. + + +1.F.3. + + +LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this +electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund +of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to +the person you received the work from. If you received the work on a +physical medium, you must return the medium with your written explanation. +The person or entity that provided you with the defective work may elect +to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the +work electronically, the person or entity providing it to you may choose +to give you a second opportunity to receive the work electronically in +lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a +refund in writing without further opportunities to fix the problem. + + +1.F.4. + + +Except for the limited right of replacement or refund set forth in +paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + + +1.F.5. + + +Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the +exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or +limitation set forth in this agreement violates the law of the state +applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make +the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state +law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement +shall not void the remaining provisions. + + +1.F.6. + + +INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark +owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and +any volunteers associated with the production, promotion and distribution +of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs +and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from +any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of +this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect +you cause. + + +Section 2. + + + Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic +works in formats readable by the widest variety of computers including +obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are +particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United States. +Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable +effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these +requirements. We do not solicit donations in locations where we have not +received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or +determine the status of compliance for any particular state visit +http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we have +not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against +accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us +with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make any +statements concerning tax treatment of donations received from outside the +United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods +and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including +checks, online payments and credit card donations. To donate, please +visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. + + + General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. + + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + + http://www.gutenberg.org + + +This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how +to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, +how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email +newsletter to hear about new eBooks. + + + + + + +***FINIS*** +
\ No newline at end of file |
