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Erster Teil. + + +by Goswin Uphues + + + + +Edition 1 , (January 5, 2008) + + + + + + Der + + Bücherschatz des Lehrers. + + + + Wissenschaftliches Sammelwerk + + zur intellektuellen und materiellen Hebung + + des Lehrerstandes. + + + + Unter Mitwirkung massgebender Fachgelehrter und Schulmänner + + herausgegeben + + von + + K. O. Beetz, + + Schuldirektor in Gotha + + + + Fünfter Band. + + Einführung in die moderne Logik. + + ------------------ + + Osterwieck/Harz. + + Verlag von A. W. Zickfeldt. + + 1901. + + + + + + Einführung in die moderne Logik. + + ------------------ + + Von + + Goswin Uphues + + Professor an der Universität Halle. + + ------------------ + + Erster Teil: + + Grundzüge der Erkenntnistheorie. + + ------------------ + + Osterwieck/Harz. + + Verlag von A. W. Zickfeldt. + + 1901. + + + + + + +VORWORT. + + + ------------------ + +Wer die Entwicklung der philosophischen Forschung der letzten zehn Jahre +mit aufmerksamem Blicke verfolgte, dem konnte es nicht entgehen, dass in +der Auffassung des Verhältnisses von Psychologie und Logik eine Wandlung +eintrat oder sich wenigstens anbahnte. Anfangs hatte es den Anschein, als +ob die Psychologie die Stellung einer ersten und herrschenden Disciplin +erhalten sollte. Das Erkennen und Denken sind doch Bewusstseinsthatsachen +und anderseits Voraussetzungen aller Wissenschaften und somit auch der +Philosophie. Was lag näher, als die Wissenschaft von den +Bewusstseinsthatsachen, die Psychologie, als grundlegende philosophische +Disciplin zu betrachten, ja noch mehr, sie zur Grundlage aller +Wissenschaften zu machen. Allmählich aber brach sich der Gedanke Bahn, +dass vom Erkennen und Denken als Bewusstseinsthatsachen das Erkannte und +Gedachte sorgfältig unterschieden werden müsse und dass die Untersuchung +hierüber eher das Recht in Anspruch nehmen könne als Voraussetzung aller +Wissenschaften und als grundlegende philosophische Disciplin zu gelten. So +trat die Logik an die Stelle der Psychologie; sie nahm wieder, wie ehemals +in der Philosophie, unter den philosophischen Disciplinen die erste Stelle +ein. Aber Hand in Hand damit ging auch eine andere Auffassung der Logik. +Man begnügte sich nicht mehr mit einer Behandlung der blossen Formen des +Denkens, sondern Fragen, die den Inhalt des Denkens und Erkennens, das +Gedachte und Erkannte betreffen, wurden in immer grösserer Zahl in die +Logik hineingezogen. Die Logik wurde aus einer formalen Disciplin, zu der +sie unter dem Einflusse Kants geworden war, in eine erkenntnistheoretische +Disciplin umgestaltet. Das hatte seinen Grund nicht bloss in der +Entwicklung der philosophischen Forschung, sondern wird auch durch die +Natur der Sache gefordert. + +Verstehen wir unter Logik die Wissenschaft vom Denken, so ist doch nicht +alles Denken Gegenstand der Logik, sondern nur das Denken, durch welches +aus dem im Bewusstsein Gegebenen Erkenntnisse werden, das Denken also, das +seinen Zweck im Erkennen hat und ihm als Mittel dient. In der Logik ist +also das Denken dem Erkennen untergeordnet. Die Logik ist in erster Linie +Erkenntnislehre und erst in zweiter Linie Denklehre. _Was heisst Erkennen? +Was können wir erkennen?_ Das sind die Fragen, welche die Logik vor allem +zu beantworten hat. Ihre erste Aufgabe ist, den Begriff des Erkennens nach +seinem Inhalt und Umfang zu bestimmen. + +Aber das Erkennen ist eine Thätigkeit, die sich auf ein Ziel richtet. +Dieses Ziel ist die Wahrheit. Eine solche Thätigkeit setzt die Erkenntnis +des Zieles, seiner Erreichbarkeit und der Normen, die sie zu befolgen hat, +voraus. Was Erkennen heisst, können wir nur bestimmen, wenn wir wissen, +was Wahrheit ist (Definition der Wahrheit), wie wir sie erreichen können +(Kennzeichen der Wahrheit), welche Regeln wir zu diesem Zwecke beobachten +müssen (Gesetze des Erkennens). Die Untersuchungen über den Begriff der +Wahrheit, über das Kennzeichen der Wahrheit und über die Gesetze des +Erkennens, wie ich sie in der vorliegenden Schrift dargestellt habe, +machten seit 1896 den ersten Teil meiner in jedem Sommer gehaltenen +Vorlesungen über Logik aus. Sie erscheinen hier um ein Beträchtliches +vermehrt, nämlich um den ganzen vierten Abschnitt dieser Schrift, der vom +Umfange unsers Wissens handelt. In diesem Abschnitte beantworten wir die +zweite Frage der Erkenntnistheorie: Was können wir erkennen? während die +Untersuchungen über die Definition der Wahrheit, das Kennzeichen der +Wahrheit und die Gesetze des Erkennens, die drei ersten Abschnitte dieser +Schrift umfassend, die erste Frage der Erkenntnistheorie: Was heisst +Erkennen zu beantworten suchen. + +Die Auffassung der Logik als erkenntnistheoretischer Disciplin ist eine +Wendung zum Besseren. Allein rücksichtlich dessen, was Erkenntnistheorie +zu leisten hat und leisten kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Das +Erkennen im gewöhnlichen von allen wissenschaftlichen Forschern mit +Ausnahme einiger Erkenntnistheoretiker angenommenen Sinne hat eine +_metaphysische_ Bedeutung. Die Wahrheit ist ein metaphysischer Begriff. +Was wahr ist, ist nur wahr, weil es für alle Zeit und darum für die +Ewigkeit gilt. Nur darum gilt es auch für alle Denkenden. Wirklich ist +etwas nur, weil es an diesem Ewigkeitscharakter der Wahrheit teilnimmt. +Diesem Begriff der Wahrheit möchten viele um jeden Preis aus dem Wege +gehen, obgleich er in jeder ernstgemeinten Behauptung wiederkehrt und +natürlich von allen wissenschaftlichen Forschern ausser einigen +Erkenntnistheoretikern, wenn auch unbewusst, festgehalten wird. Man greift +zu allerlei Kunststücken, beginnt mit der Umdeutung und endet mit der +Wegdeutung dieses Begriffs -- alles aus Scheu vor der Metaphysik. Man hat +das Gefühl, diese Forscher wandern an einem Abgrunde in beständiger +Furcht, in ihn hineinzufallen. Der Abgrund heisst Metaphysik. Oft werden +sie vom Schwindel ergriffen und fallen wirklich hinein. Der Begriff der +Wahrheit lässt sich eben nicht unterdrücken. Aber alsbald arbeiten sie +sich wieder in die Höhe und setzen ihre gefährliche Wanderung fort. Ihre +mühselige Arbeit macht einen trostlosen Eindruck. Das Ergebnis ist ein +unfruchtbarer Formalismus. + +Kant wollte das Wissen beseitigen, um dem Glauben Raum zu schaffen. Hätte +er diesen Gedanken weiter verfolgt, dann würde er zu einer Würdigung der +geschichtlichen Erkenntnisse gekommen sein, die wir bei dem grossen Denker +vermissen. Denn die Glaubensüberzeugungen gehören zu den geschichtlichen +Erkenntnissen. Für unsere modernen Formalisten hat dieser Gedanke Kants +keinen Wert, sie empfinden ihn als des grossen Kant unwürdig. Folgerichtig +darf man darum auch bei ihnen keine Würdigung der geschichtlichen +Erkenntnisse erwarten. Es scheint oft, als ob sie durch die +Erkenntniskritik nur der vergötterten Naturwissenschaft freie Bahn machen +wollen und als ob diese an die Stelle des realen Inhalts der Philosophie +treten soll. Und doch ist der Erkenntnis- und Bildungswert der +Naturwissenschaft, wie wir zeigen werden, viel geringer als der der +Geschichte. + +Die gegensätzliche Trennung des Erkennens und seines Gegenstandes führte +Kant zu dem Unbegriff des Dinges an sich oder des Gegenstandes, wie er +unerkannterweise ist. Unsere Formalisten möchten dieses caput mortuum der +Kantischen Spekulation am liebsten beseitigen oder durch den +transcendentalen Gegenstand, die Regel der Vorstellungsverknüpfung +ersetzen -- da das Ding an sich nach ihrer Meinung die Grundvoraussetzung +aller Metaphysik bildet. Wäre das der Fall, dann müsste man freilich aller +Metaphysik entsagen. Denn das Ding an sich ist in der That ein ungereimter +Begriff. Aber gerade die Aufrechthaltung der metaphysischen Bedeutung des +Erkennens und sie allein macht, wie wir zeigen werden, die Beseitigung des +Dinges an sich möglich. + +Die Scheu vor der Metaphysik ist noch viel verbreitet; sie ist eine +Nachwirkung der sensualistischen Psychologie und der formalistischen +Logik. Aber die Anzeichen einer Entwicklung des philosophischen Denkens, +die der Metaphysik günstig ist, mehren sich. Viele bekennen sich +rückhaltlos zur Metaphysik und treten mutig für sie ein. Sie möchten +nicht, dass ein formalistischer Logismus die Stelle des sensualistischen +Psychologismus einnähme. Auch der formalistische Logismus kann wie der +sensualistische Psychologismus nur eine vorübergehende Entwicklungsphase +der Philosophie sein. Die Logik bedarf notwendig zu ihrem Unterbaue einer +Auseinandersetzung über die Wahrheit im alten Sinne, und diese +Auseinandersetzung ist ein Zweig der Metaphysik. Das ist die Anschauung, +die wir im ersten Teile unserer Schrift vertreten. + +Die Erkenntnistheorie umfasst die schwierigsten Fragen der Philosophie. +Ihr Verständnis setzt nachdenkliche verinnerlichte Naturen voraus, die +heutzutage nicht allzuhäufig sind. Gewiegte Pädagogen behaupten, dass +manchen im übrigen gut begabten Schülern jede Anlage für Mathematik fehlt. +Mit anscheinend grösserem Rechte kann man sagen, dass fast allen Menschen +mit sehr wenigen Ausnahmen die Anlage für jenen Teil der Philosophie +abgeht. Aber ich bin überzeugt, dass jeder einigermassen Beanlagte bei +entsprechendem Unterrichte ein Verständnis der Mathematik gewinnen kann. +Und was dem Eindringen in jenen schwierigen Teil der Philosophie +hinderlich im Wege steht, sind Lebensgewohnheiten, die durch +Selbsterziehung überwunden werden können und überwunden werden müssen. Wer +fühlt sich nicht angezogen von der Schilderung des wahren Philosophen im +platonischen Theätet? Wer möchte sich von einem Platon nicht gern die +Weihe des Gedankens erteilen lassen? Aus der schwierigsten dieser Fragen, +der Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Wirklichkeit redet der +Geist Platons zu uns. Er hat sie zuerst gestellt, und die Antwort, welche +er gab, ist auch heute noch beachtenswert. + +Ich habe das Buch geschrieben für diejenigen, welche diese schwierigen +Fragen studieren d. h. durchdenken wollen, um sich eine eigene Meinung zu +bilden; nicht für die, welche sich mit einer blossen Kenntnisnahme der in +der Erkenntnistheorie behandelten Fragen begnügen möchten. Kritische +Auseinandersetzungen mit den Anschauungen anderer, diese Schatten für das +Licht der eigenen Gedanken, die seinen Glanz erhöhen sollen, wurden +grundsätzlich vermieden. Sie sind für die blosse Kenntnisnahme nützlich, +für die Vertiefung in die Sache meistens schädlich. + +Hoffentlich dienen dem Zweck dieser Vertiefung das ausführliche +Inhaltsverzeichnis, das die behandelten Thesen der Reihe nach formuliert +und das ebenso ausführliche Namen- und Sachregister, das die erörterten +Grundbegriffe in alphabetischer Folge darstellt. Beide zeigen, wie viel +Gedankenarbeit der Verfasser selbst übernimmt und wieviel er seinen Lesern +zumutet. Die letztere ist nicht geringer als die erstere. Es gibt +Wissenschaften, die man sich nicht aneignen kann ohne selbst an der +Forschungsarbeit teil zu nehmen, das Lernen ist hier bedingt durch das +Mitforschen. Zu diesen Wissenschaften gehört in erster Linie die +Erkenntnistheorie. Es wäre für mich leichter gewesen bei den einzelnen +Fragen länger zu verweilen und ihre Behandlung umfangreicher zu gestalten, +wohl auch bequemer für den Leser. Es lag so nahe zu diesem Zweck die +gewohnte und geläufige Form von Vorlesungen zu wählen, wie ich sie über +diese Fragen oft gehalten habe. Was ich hier biete ist nur ein gedrängter +Auszug aus diesen Vorlesungen, den ich am Schluss derselben zu diktieren +und zur Grundlage von seminaristischen Übungen zu machen pflege. Nach +meinen Erfahrungen regt gerade diese gekürzte Form der Darstellung am +meisten zum Selbstdenken an. Sache des Lesers ist es bei den einzelnen +Gedanken stehen zu bleiben und zu diesem Zweck für die erste +Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis allein, für die wiederholte +Durcharbeitung das Inhaltsverzeichnis und Register zu benutzen. Ich möchte +das auch manchen Fachgenossen empfehlen, namentlich denen, die über eine +mehr als »mittlere Begabung« verfügen. Jedenfalls bin ich dann vor +Missverständnissen geschützt, wie sie in der Philosophie an der +Tagesordnung sind. Ich bemerke noch, dass die Zusammengehörigkeit, der +Grundbegriff meiner 1893 erschienenen Psychologie des Erkennens auch den +Grundbegriff dieser Erkenntnistheorie bildet. + +*Halle*, 14. Juni 1901. + + + + + +INHALTSVERZEICHNIS. + + + *Die Wahrheit und unser Wissen.* + + _Erster Hauptteil._ + + *Die Wahrheit.* + + Erster Abschnitt: *Was ist Wahrheit?* + + Erste Untersuchung. + +Die herkömmliche Definition der Wahrheit 1 + + Was ist »Ding an sich«? Definition der Wahrheit; a) falsche, b) richtige + Auffassung. Erkennen a) nach rationalistischer, b) nach empiristischer + Auffassung. Gegenstand des Erkennens -- die Wahrheit. Inhaltsmerkmal der + Wahrheit, Kennzeichen der Wahrheit. + + Zweite Untersuchung. + +Der überzeitliche Charakter der Wahrheit 3 + + Begriffsurteile. Thatsachenurteile. Auch die Wahrheit der letzteren hat + einen überzeitlichen Charakter. + + Dritte Untersuchung. + +Bedeutung des überzeitlichen Charakters der Wahrheit 4 + + Ewige Bedeutung -- Grund der überzeitlichen Geltung. Nur als Glied der + Gesamtwirklichkeit ist etwas wahr. Spinozas »sub specie aeternitatis«. + Gelten und Existieren, Wahrheit und Wirklichkeit. + + Vierte Untersuchung. + +Nur Eine Wahrheit für alle Denkenden 5 + + Aus der überzeitlichen Geltung folgt die Allgemeingültigkeit für alle + Denkenden. Die Wahrheit kein Produkt der menschlichen Organisation. + Wahrheit kein Ding an sich, untrennbar vom Erkennen a) als Bewusstsein + überhaupt, b) als menschliches Erkennen, dessen Hervortreten in der Zeit + nicht bloss durch seine ewige Bedeutung bedingt ist, sondern auch selbst + eine ewige Bedeutung hat. Die neuentdeckten Wahrheiten darum schon vor + ihrer Entdeckung untrennbar vom menschlichen Erkennen. + + Fünfte Untersuchung. + +Die Wahrheit und das Urteil 6 + + Das Bewusstsein der Wahrheit gleich der Beziehung auf die Objektivität. + Erkennen und Urteil keine Abbildung der Wahrheit, sonst wäre diese Ding + an sich. Im Erkennen besitzen wir die Wahrheit selbst, nicht ihr + Spiegelbild. Mit jedem Urteil treten wir in die ewige, überzeitliche, + unvergängliche, übersinnliche Welt ein und fassen in ihr festen Fuss. + Augustin, Eckhart. Nikolaus von Cues. Platons Ideenwelt das, was wir + Wahrheit nennen. + + Zweiter Abschnitt: *Die Wahrheit und das Wesen der Dinge.* + + Sechste Untersuchung. + +Wesentliche und unwesentliche Merkmale 7 + + Das Wesentliche und das Wesen ist Ziel des Erkennens. Wesentlich nicht + gleich notwendig dem Dinge oder notwendig für seinen Begriff. Die + Merkmale sicher nach ihrem Werte verschieden. Ein Merkmal, das eine + Unterscheidung eines Dinges von allen andern ermöglicht, gehört darum + noch nicht in die Definition des Dinges. Das Notwendige gehört (zum Teil + wenigstens) zum Ausserwesentlichen. + + Siebente Untersuchung. + +Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale? 8 + + Wesentlich nicht gleich allgemein oder konstant. Nicht durch + Generalisation werden die wesentlichen Merkmale gewonnen, obgleich sie + ihre Gewinnung vorbereiten kann, sondern, durch die der Generalisation + vorausgehende Abstraktion. _Ein_ Fall, _Ein_ Beispiel genügt für die + Gewinnung; sie wird vermittelt durch den Blick des Geistes, den nicht + alle besitzen, der der Intuition ähnlich ist und wie diese noch keine + Erkenntnis bildet. + + Achte Untersuchung. + +Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen +(vorstellungsmässigen) abzuleiten 10 + + Sinnenbilder Grundlage alles Erkennens. Sinnenbilder der Ausdehnung und + Bewegung selbst ausgedehnt und bewegt, schon darum verschieden von den + Begriffen der Ausdehnung: Vielheit der gleichzeitigen Teile und + Berührung, der Bewegung: Vielheit der aufeinanderfolgenden Teile und + Übergang. Sinnenbilder Zusammenfassungen von Empfindungen ohne + gegenständlichen Charakter. Wie erhalten die Empfindungen + gegenständlichen Charakter, oder wie werden sie zu Vorstellungen? + Willensdinge -- Substanzen, Ursachen. Das Finden der wesentlichen + Merkmale ein Schaffen; doppelte Funktion desselben: Vereinzelung der + Teile des Ausgedehnten und Bewegten, Zusammenfassung der sich + berührenden und ineinander übergehenden -- beides Voraussetzung der + betreffenden Urteile. Begriff und Sinnenbild von Punkt, Linie, Fläche, + Geist. Auch das negative Urteil setzt den Blick für das, was anders ist, + voraus. + + Neunte Untersuchung. + +Das Wesen der Dinge 14 + + Nicht das Sinnenbild des Kreises, der Ellipse, eher die mathematische + Formel, das Gesetz für beide, weiterhin das Gesetz für ihre Stellung + unter den Kegelschnitten, endlich ihre Stellung in der + Gesamtwirklichkeit -- das Wesen der Ellipse und des Kreises; Wesen und + Wahrheit dasselbe. Wesen nicht unveränderlicher Seinskern. + + Zehnte Untersuchung. + +Der Begriff der Philosophie 15 + + Wesen der Farbe, des Menschen unerkennbar. Trotzdem die Erkenntnis des + Wesens das Ziel des Erkennens. Philosophie Wissenschaft vom Wesen der + Dinge und Wissenschaft der Fragen. Wesen des Erkennens? Wesen der + Erscheinung der Dinge in uns? Wesen der Orts- und Zeitbestimmungen? + Erkennen kein Abbilden. + + Elfte Untersuchung. + +Die Wahrheit das höchste Gut 18 + + Wahrhaft schön, wahrhaft sittlich -- was alle als solches anerkennen + müssen. Unser Begriff von den Dingen zu unterscheiden von dem Begriff, + der ihr Wesen, ihre Stellung in der Gesamtwirklichkeit bestimmt. Für den + ersteren gilt: nicht ohne dass es wahr ist, ist etwas gut und schön, für + den letzteren: dadurch, dass es wahr ist, ist es schön, gut. Wesen und + Wahrheit des Nichtseinsollenden, Scheinbaren? Seine Wirklichkeit nicht + zu bezweifeln. Vielleicht ist es das anmasslich Selbständige. + + _Zweiter Hauptteil._ + + *Unser Wissen.* + + Dritter Abschnitt: *Kennzeichen der Wahrheit.* + + Zwölfte Untersuchung. + +Bestandteile des Erkenntnisvorgangs 19 + + Wesentlich gleich zugehörig, zusammengehörig; Wesen gleich + Zusammengehörigkeit -- Grundbegriff des Erkennens. Das was + zusammengehörig ist, und seine Zusammengehörigkeit zu unterscheiden. Das + Vorgefundene a) Sinnenbilder, b) Vorstellungen Vorstufe des + Erkenntnisvorgangs, Erste Stufe: Erfassung dessen, was zusammengehörig, + was wesentlich durch den Blick des Geistes -- keine Erkenntnis, eine + Abstraktion als Hinsehen, Festhalten, eine schaffende Thätigkeit. Ihr + Ergebnis Einzelgebilde des Denkens, auf Grund deren erst die + Urteilsthätigkeit möglich ist. Zweite Stufe: Einleuchten der + Zusammengehörigkeit kein Zwang, keine Nötigung, -- noch keine + Erkenntnis. Dritte Stufe: Einsicht in die Zusammengehörigkeit, Sehen, + Wahrnehmen derselben, -- eigentliche Erkenntnis. Vierte Stufe der ersten + entsprechend: Gedanklicher Ausdruck der Einsicht im Urteil erzeugt ein + neues Gebilde des Denkens -- eine Verbindung, kein Einzelgebilde. Fünfte + Stufe der zweiten entsprechend: Bewusstsein der Wahrheit, der + Objektivität. Fünfte und zweite Stufe objektiv. Sechste Stufe: + Gewissheit der dritten entsprechend Ausschluss des Zweifels, -- + positiver Zustand. Sechste und dritte Stufe subjektiv. Einleuchten, + nicht die Einsicht Kriterium, gemäss dem wir über wahr und falsch + urteilen. Einsicht das, wodurch wir die Wahrheit erkennen. + + Dreizehnte Untersuchung. + +Gesetze des Erkennens 23 + + Es giebt nur Eine Wahrheit, keine einzelnen Wahrheiten. Entdeckung + dieser Einen Wahrheit nach dem Gesetz der Zusammengehörigkeit, dem + Grundgesetz des Erkennens; (Synthese nicht Analyse). An seine Stelle + treten die Gesetze für die Urteile: erstens Gesetz der Übereinstimmung, + Form eins und vier; zweitens Gesetz des Enthaltenseins, Form fünf und + acht. Drittens Gesetz des Widerspruchs, Form zwei und drei, Form sechs + und sieben -- Gesetze für einzelne Urteile; viertens Gesetz des + ausgeschlossenen Dritten für das Verhältnis zweier Urteile zu einander. + Vier Kategorien: Ding, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung; die Begriffe der + einen Kategorie nicht der einer andern über- oder unterzuordnen. + Verhältnis des Enthaltenseins verschieden von Ding und Eigenschaft, Ding + und Vorgang, von untergeordneter Bedeutung für unser Erkennen. Urteil + setzt Synthese voraus und schliesst diese als bedingenden Bestandteil + ein, mag sein gedanklicher Ausdruck auch als Enthaltensein, Subsumtion, + Analyse erscheinen; der sprachliche Ausdruck erscheint wieder als + Synthese. Die wesentlichen Merkmale nicht einander über- oder + untergeordnet, ausser wenn sie den gleichen Kategorien angehören; nicht + in den Sinnenbildern enthalten. Auch die negativen Merkmale der Dinge + nicht in ihnen enthalten. + + Vierzehnte Untersuchung. + +Gesetze des Erkennens (Fortsetzung) 29 + + Gesetze für das Einzelwirkliche als Subjekt der Urteile -- + Urteilsgesetze: die genannten. Gesetze für den Zusammenhang des + Wirklichen, den wir erschliessen -- Schlussgesetze: das Einheitsgesetz, + das Gesetz der Kausalität oder der Ermöglichung des Anfangenden, das + Gesetz des Grundes. Drei Gedankengänge, die zum Einheitsgesetz führen. + Falsche Formulierung des Gesetzes der Kausalität; es ist verschieden vom + Gesetz der Gleichförmigkeit des Naturlaufs -- Sinn dieses Gesetzes -- + führt nicht auf das Gesetz des Widerspruchs zurück. Gesetz des Grundes, + ein Gesetz des Enthaltenseins in seiner Anwendung auf Urteile. Drei + Formen des Gesetzes des Widerspruchs. Real- und Formalgesetze. Auch das + Gesetz des Widerspruchs kann einen realen, den Fortschritt des Erkennens + bedingenden Charakter haben. + + Fünfzehnte Untersuchung. + +Erkenntnis und blinde Überzeugung 34 + + Erkenntnis hat einen vernünftigen Grund in dem Einleuchten, blinde + Überzeugung beruht auf Gewöhnung, auf Gefühlen, die meist zuerst ein + blindes Urteilen zur Folge haben, an das sich dann die Überzeugung + anschliesst von der Wahrheit des Urteils, ferner oft von der + (angeblichen, vermeintlichen) Einsicht und dem (vermeintlichen) + Einleuchten. Gewissheit nach ihrer negativen Seite ohne Grade, die mit + der Einsicht verbundene Gewissheit auch nach ihrer positiven Seite ohne + Grade, während die Gewissheit, welche den blinden Urteilen folgt, sich + masslos steigern lässt, wie die Gewissheit des Fanatikers zeigt. + Ausserdem: die vermeintliche Einsicht folgt dem Urteil, die wirkliche + geht ihm immer voran. + + Sechzehnte Untersuchung. + +Zulänglichkeit des Kennzeichens der Wahrheit 36 + + Vermeintliche Einsicht und wirkliche Einsicht nicht bloss durch die + steigerungsfähige und nichtsteigerungsfähige Gewissheit und durch ihr + Verhältnis zum Urteil von einander verschieden, die vermeintliche kann + auch durch die wirkliche überwunden werden. Vier mögliche Fälle. Sinn + des Gesetzes der Gleichförmigkeit des Naturlaufs. + + Siebzehnte Untersuchung. + +Einsicht und Denknotwendigkeit 38 + + Einsicht keinerlei Nötigung. Notwendigkeit, Nichtandersseinkönnen oft + nur Folgerung aus der Gewissheit. Das Verhältnis des Enthaltenseins ein + Notwendigkeitsverhältnis; aber dieses Notwendigkeitsverhältnis nicht + Grund unserer Einsicht in die Wahrheit der betreffenden Urteile. + Dasselbe gilt von den Denknotwendigkeiten, die in dem zusammengehörigen + Nichtenthaltenen und in den Unverträglichkeitsverhältnissen bestehen. + Warum es für unser Denken notwendig ist, der Eigenschaft ein + Selbständiges (?), den Veränderungen und Bewegungen ein Veränderliches + und Bewegliches, das beharrt, zu Grunde zu legen -- davon haben wir + keine Einsicht. Dass das System der Wahrheit _notwendig_ einen + Denkenden, das Anfangende _notwendig_ einen Ermöglichungsgrund + voraussetzt, ist nur eine Folgerung aus der Gewissheit, die wir vom + Gesetz der Einheit und der Kausalität haben. + + Achtzehnte Untersuchung. + +Einsicht und Wille 43 + + Widerstreben gegen die erkannte Wahrheit -- letzte Quelle alles + Unsittlichen. Vom Verstandesakte der Einsicht verschieden die Hingabe + des Willens und das Ergriffensein des Gemüts. Beides wichtig für die + sittlichen und religiösen Wahrheiten, die gewohnheitsmässig festgehalten + wieder zu blossen Verstandeseinsichten oder Kopfwahrheiten herabsinken, + von denen das Leben unberührt bleibt. Die Wahrheit Gemeinschaftsgut, + nicht Gut des egoistischen Willens, sittliches Gut, höchstes Gut. + + Vierter Abschnitt: *Umfang unseres Wissens.* + + Neunzehnte Untersuchung. + +Schranken unseres Erkennens 45 + + Unterschied von Kategorien und Prädikabilien, der Kategorie Eigenschaft + und der Prädikabilie Proprietät. Verhältnis der Eigenschaft zum Ding + verglichen mit dem Verhältnis des Anfangenden zum Ermöglichungsgrund. + Das Wesen sicher eine Kategorie, auch das ausserwesentliche Zufällige + und Notwendige gehört doch zum Seienden und ist insofern Kategorie. Wann + Gattung und Art Prädikabilien sind. Verschiedenheit, Gleichheit. Zahl + Prädikabilien, Einheit sicher Kategorie. Die Endlichkeit als seiendes + Nichtsein. Raum und Zeit, die Formalkategorien, Substanz und Kausalität, + die Realkategorien, enthalten Raum und Substanz in der Berührung, Zeit + und Kausalität in dem Übergang, ein dem Denken inkommensurables, von ihm + nicht aufzuhellendes Element. Wo diese Kategorien eine Rolle spielen, da + kann, sofern dieses Element in Frage kommt, von Einsicht und Erkenntnis + keine Rede sein. Was haben Raum und Zeit für eine Bedeutung, da sie + einerseits als Formalkategorien das Sein der Dinge in keiner Weise + vermehren und anderseits doch die Principien der Individuation bilden, + durch die das Wirkliche seine Wirklichkeit erhält, da alles Wirkliche + Einzelwirklichkeit ist? Die Wirklichkeit eine Realkategorie, da sie auf + dem wirklichen Akt der göttlichen Selbstentäusserung beruht, der den + wirklichen Dingen eine Selbständigkeit leiht, die ihnen eigentlich nicht + zukommt. Inwiefern ist das Wahre wirklich? Insofern Gott es nicht bloss + denkt, sondern will? Der Schöpfungsakt ein Akt der Selbstentäusserung. + Symbolische Bedeutung von Raum und Substanz -- scheinbare + Selbständigkeit, Unendlichkeit. Symbolische Bedeutung von Zeit und + Kausalität -- thatsächliche Abhängigkeit, Beschränktheit. Hat die + Negation eine reale Bedeutung? + + Zwanzigste Untersuchung. + +Die Erkenntnis der Aussenwelt 51 + + Keine Erkenntnis der Beschaffenheit der äusseren Dinge möglich. + Psychologische Erklärung der Zusammensetzung der sogenannten + sinnfälligen Wirklichkeit. Ort der Dinge im Raum, wodurch bestimmt. Die + Dinge sind keine blossen Sinnenbilder, Vorstellungen oder fortdauernde + Möglichkeiten von Empfindungen. _Unmittelbare_ Evidenz der Existenz + dieser Dinge, die nicht nach dem Kausalitätsgesetz erschlossen werden + kann. Der Begriff der Ursache spielt in der Wahrnehmung keine Rolle. Die + Naturdinge sind verschieden von Raum und Zeit, von Substanz und + Kausalität, die nur zur Erscheinungsform der Dinge in unserm Bewusstsein + gehören. Sie sind Gedanken Gottes, wie wir nach dem Einheitsgesetz + schliessen. Es giebt keine unmittelbare Evidenz von der Nichtexistenz + solcher Dinge. Beweis für ihre Existenz. Abstrakte Trennung von Leib und + Seele bei Cartesius und in der Psychologie: Empfindungen als blosse + Bewusstseinsvorgänge, Anfangszustände des Bewusstseins. Definition der + Empfindungen ohne körperliche Vorgänge unmöglich. Weder für das + entwickelte Bewusstsein noch für das des Kindes sind sie blosse + Empfindungen. Objektivationstheorie -- Ersatz dafür. Empfindungen nicht + als Empfindungen gegeben, sondern als Erkenntnismittel. Platons + Schwungbrett. Aristoteles: kein Begriff ohne Phantasiebild. Verbindung + unseres Bewusstseins nicht bloss mit unserm Körper, sondern auch mit der + Körperwelt überhaupt. Wie weit reicht unsere Erkenntnis der Körperwelt? + + Einundzwanzigste Untersuchung. + +Über die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins 58 + + Brentano über die äussere und innere Wahrnehmung. Bewusstheit + uneigentliches Wesen. Auf Grund der Reflexion gewinnen wir eine Einsicht + in die wirkliche Beschaffenheit der Bewusstseinsvorgänge. Die + angewendeten Vorstellungen ursprünglich sinnliche, aus dem sinnlichen + Gebiet entlehnte, übertragene, bildliche. Was ist sinnliches Gebiet? + Inwiefern wird dasselbe durch die Empfindungen konstituiert? Nicht + insofern sie Gegenstand der Reflexion sind. Falsch, dass wir von den + Bewusstseinsvorgängen blosse Vorstellungen haben. Übertragung der + sinnlichen Vorstellungen durch den Blick des Geistes für das + Wesentliche, nicht in Urteilen. Methode der Psychologie: Isolierung der + Empfindungen, Isolierung der Bewusstseinsvorgänge. Übergreifender + Charakter der Bewusstseinsvorgänge schon für das Zustandekommen der + Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung notwendig. Einheit des + Bewusstseins. Einsicht in die Zusammengehörigkeit mancher + Bewusstseinsvorgänge, in die Zugehörigkeit zu unserm Bewusstsein. + Erinnerung, was sie ist. Vergleich mit der Wahrnehmung. Warum wir bei + beiden nicht von Einsicht sprechen. Unter welchen Vorbehalten bestehen + auch die Erinnerungen in Einsichten? Einsicht in die Lückenhaftigkeit + unserer Erinnerungen, wodurch ermöglicht? Selbstbewusstsein ist Einsicht + in die Zusammengehörigkeit des Bewusstseins mit unserm Ich. Humes + Irrtum. Was das Ich ist, wissen wir nicht. Leibliches Ich. Ich getrennt + vom Leib d. h. von dem Leibe wie er seinem Wesen nach ist ein + Abstraktum. Einsicht in die Zusammengehörigkeit unserer + Bewusstseinsvorgänge mit unserm Ich. Vergleich der Erkenntnis der + Aussenwelt mit der Erkenntnis unserer eigenen Bewusstseinsvorgänge. Bei + den Bewusstseinsvorgängen fällt die Erscheinung derselben im Bewusstsein + mit dem Wissen, das sie von sich selbst haben, also mit ihnen selbst + zusammen. + + Zweiundzwanzigste Untersuchung. + +Weitere Schranken unseres Erkennens 64 + + Keine Erkenntnis des Wesens der Aussendinge und Bewusstseinsvorgänge, + ihrer Stellung im System der Wahrheit. Die Zahl der blinden + Wissensinhalte unübersehbar gross. Blosse Kenntnisse keine Erkenntnisse + -- Zusammengeratenes nicht Zusammengehörendes. Associative + Wissensinhalte -- alles Namen- und Wortewissen von dieser Art. + Induktionsschluss ergiebt eine auf Einsicht beruhende + Wahrscheinlichkeit. + + Dreiundzwanzigste Untersuchung. + +Die Erkenntnis der Innenwelt anderer 66 + + Nicht durch einen Schluss der Analogie vermittelt, sondern + unmittelbar bei Kindern und Erwachsenen. Ansteckende Wirkung der + Bewusstseinsäusserungen und Bewusstseinszustände. Actio in distans. + Immediatum commercium animarum. Aristoteles, Locke, Pestalozzi als + Zeugen für die Grenzen unserer Erkenntnis anderer. Wesen der + Religiosität: positive Seite der Moral, persönliches Verhältnis. + Selbsterkenntnis inwiefern schwieriger als die Erkenntnis anderer. + Einsichtige Urteile über die sittliche Beschaffenheit anderer möglich. + Verehrungssinn. Worte ungewollte Selbstbeurteilungen. + + Vierundzwanzigste Untersuchung. + +Geschichtliche Erkenntnisse 70 + + Ist Glauben als Fürwahrhalten auf das Zeugnis anderer minderwertig + gegenüber dem Wissen? Mitgeteilte Urteile keine von uns gefällten + Urteile. Äussere Einsicht in die Wahrheit vermittelt durch die Einsicht, + dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will. Statt + Glauben und Wissen zu unterscheiden sprechen wir von Kenntnissen erster + und zweiter Hand. Believe, faith. Glauben im religiösen Sinne. + Kenntnisse zweiter Hand weitaus überwiegend. Begriffs- und + Thatsachenurteile nach ihrem Erkenntniswert. Erkenntniswert der + Naturwissenschaften, der Geschichte. Natur eine gebrochene Einheit, in + der Geschichte haben wir eine wirkliche Vielheit. Das Einzelne in der + Natur hat keinen Eigenwert, nur wertvoll als Exemplar einer Gattung. Vom + Körperlichen als solchem haben wir keine eigentlichen Erkenntnisse, wohl + aber von den Beweggründen und Triebfedern menschlicher Handlungen. Das + Körperliche hat im Geistigen seinen Zweck, das Umgekehrte unmöglich. + Zweckbegriff von den Anhängern der mechanischen Naturauffassung durch + die Entwicklungstheorie wieder eingeführt. Die Zielstrebigkeit des + Aristoteles wird auf die Natur als Ganzes angewendet. Woher die + Anpassung? Aristokratisches Prinzip in der Natur: nicht das Stärkere + siegt der Regel nach, sondern das Vollkommenere. Entwicklung in der + Natur sehr langsam, in der Geschichte augenscheinlich. Fortschritte in + der Geschichte auf intellektuellem und religiösem Gebiete. Herstellung + von Einheiten in Natur und Geschichte wie verschieden! Dort + Mittelpunkte, Systeme des Aussereinanderliegenden, hier bewusste + Einheiten vieler Personen. Persönlichkeiten in der Geschichte Träger von + Ideen, damit Triebkräfte der Entwicklung. Neues in der Entwicklung: ex + nihilo fit nihil. Bedeutung des Individuums in der Geschichte. + + Fünfundzwanzigste Untersuchung. + +Künstlerische und wissenschaftliche Inspiration 77 + + Erfahrung, Vernunft und Offenbarung. Inspiration verschieden von dem + Blick für das Wesentliche, von der schöpferischen Einbildungskraft. + Künstlerindividualität. Intuitionen. Einfallen von Gedanken. + Inspirationen: Zusammengehörigkeiten höherer Art, aufgedrängte, + aufgenötigte Gedanken, Ergänzungen des Blicks für das Wesentliche, -- + noch keine Erkenntnisse. Zwei unverifizierbare Eingebungen über das + Wesen des Körperlichen. Einbildungen und Eingebungen. Letztere stammen + aus dem Reich der Wahrheit, mit dem wir zusammenhängen. Zwei + Erkenntnisquellen als Ausgangspunkte für das Erkennen: a) Erfahrung, aa) + Empfindungen, bb) Bewusstseinsvorgänge, b) Eingebungen. Erkenntnis nur + durch das Denken möglich. + + Sechsundzwanzigste Untersuchung. + +Religiöse Erkenntnisse 82 + + Religion was sie ist. Inspiration von Religion unabtrennbar -- sie giebt + den Philosophen interessierende Weltanschauungen. Religion eine + praktische Angelegenheit, hat bestimmte theoretische Voraussetzungen. + Diese sind nicht darum wahr, weil sie sich bewähren: a) Ausprobieren + unmöglich, b) Wirkungen auch rein psychologisch bei falschen + Voraussetzungen möglich. Religion nicht bloss Sache des Gefühls. Das + intellektuelle Element der Religion, richtig verstanden, nicht bloss + Voraussetzung der Religion sondern ihr Wesen, sofern dieses in ihrer + Wahrheit besteht. Die Wahrheit an sich das höchste Gut. Darum Gott die + Wahrheit. _Für uns_ ist Sittlichkeit ein höheres Gut. Fides quaerens + intellectum. Notitia, fiducia, assensus. Der Inspirierte kann davon eine + Einsicht gewinnen, dass er eine Inspiration empfangen hat. Die + Verkündigung der Inspiration als von Gott stammend -- Offenbarung. + Mittelbare äussere Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung vermittelt + durch die Einsicht, dass der Verkündende die Wahrheit weiss und sagen + will. Massgebend und entscheidend hierfür die sittliche und religiöse + Beschaffenheit des Verkündigers. Äussere Einsicht vom religiösen + Gesichtspunkte aus der inneren vorzuziehen. + + Schluss 87 + + Alle Wahrheit wegen ihrer ewigen Bedeutung -- Metaphysik. Wer diese + leugnet, muss auch die überzeitliche Geltung und damit die + Allgemeingültigkeit der Wahrheit für alle Denkenden leugnen -- er + verfällt dem Skepticismus. a) Empiristischer, b) rationalistischer + Wahrheitsbegriff. Beide setzen den metaphysischen Wahrheitsbegriff + voraus. Nach jenem lässt sich nur entscheiden, was wahrscheinlich ist, + nach diesem nur, was möglicherweise wahr ist. Jener ist nützlich für die + Sicherung unserer Lebenszwecke, dieser für die Verwirklichung eines + Erkenntnisideals. Ein Prüfstein der Wahrheit ist weder der eine noch der + andere. + + ------------------ + +*Druckfehler:* + +Seite 7 Zeile 13 lies statt Unveränderliche *Veränderliche*. + + + + + +DIE WAHRHEIT UND UNSER WISSEN. + + + ------------------ + + + + +Erster Hauptteil. + +Die Wahrheit. + + + ------------------ + + + +Erster Abschnitt. + +Was ist Wahrheit? + + + Erste Untersuchung. + + +Die herkömmliche Definition der Wahrheit. + +Seit Cartesius spielt der Gedanke einer gegensätzlichen Trennung von Leib +und Seele in der Philosophie eine Rolle. In ähnlicher Weise hat seit Kant +der Gedanke einer gegensätzlichen Trennung des Erkennens und seines +Gegenstandes die Philosophen beschäftigt, und zwar verstanden sie unter +Gegenstand das sogenannte Ding an sich oder den Gegenstand, wie er +unerkannter Weise ist. Beide Gedanken sind der Aristotelischen und +mittelalterlichen Philosophie fremd. Der letztere Gedanke führt zu einer +Auffassung der gewöhnlichen Definition der Wahrheit, welche jede +Erkenntnis der Wahrheit unmöglich macht. Nach dieser Definition nämlich, +auf die alle Erörterungen über die Wahrheit vielfach unbewusst und +unfreiwillig zurückkommen, besteht die Wahrheit in der _Übereinstimmung +des Erkennens mit seinem Gegenstande_. Fassen wir hier Gegenstand in +seiner gegensätzlichen Trennung vom Erkennen als das Unerkannte oder so +wie er unerkannter Weise ist, so kann von einer Erkenntnis der Wahrheit +keine Rede mehr sein; denn der Gegenstand kommt uns doch nur innerhalb +unsrer Vorstellungen und Gedanken, also vermittelt durch unser Erkennen, +zum Bewusstsein. Was er abgesehen davon sein mag, darüber wissen wir +nichts. Aber muss in jener Definition der Wahrheit das Wort Gegenstand +notwendig im Sinne des unerkannten Gegenstandes, wie er unerkannter Weise +ist, genommen werden? Wir werden der Absicht der gewöhnlichen Definition +der Wahrheit gerecht, wenn wir den Gegenstand als das betrachten, was vom +Erkennen weder gemacht noch geändert wird und insofern vom Erkennen +unabhängig ist. Damit steht aber nicht im Widerspruch, wenn wir an einer +unlösbaren Verbindung des Erkennens mit seinem Gegenstande festhalten und +insofern von einer wechselseitigen Abhängigkeit einerseits des Erkennens +vom Gegenstande und anderseits des Gegenstandes vom Erkennen reden. Wenn +das Erkannte auch nicht _durch_ das Erkennen ist, so bleibt doch die +Annahme möglich, dass es nicht _ohne_ das Erkennen sein kann und insofern +von ihm abhängig ist. Ausgeschlossen ist hierbei die rationalistische +Annahme, dass das Erkennen seinen Gegenstand aus sich selbst schöpft; aber +auch die empiristische Annahme ist unrichtig, dass dem Erkennen sein +Gegenstand einfach gegeben wird. Das Gegebene ist noch nicht das Erkannte; +das Erkennen darf den Gegenstand weder erzeugen oder auch nur ändern, noch +kann es ihn als Unerkanntes als Ding an sich erfassen. + +Indes ganz abgesehen davon können wir die Definition, wie sie gewöhnlich +gegeben wird, nicht gebrauchen, schon wegen der Unbestimmtheit und +Vieldeutigkeit des Wortes »Gegenstand«, und es würde daran auch dann +nichts geändert, wenn wir dieses Wort durch das nicht minder unbestimmte +und vieldeutige »Wirklichkeit« ersetzten. _Für uns giebt es nur einen +Gegenstand des Erkennens, und das ist die Wahrheit._ Wir nehmen an, dass +wir die Wahrheit erkennen können, erklären uns aber ausser Stande, von dem +was Wahrheit ist, eine Definition zu geben. Wenn wir aber auch keine +eigentliche Definition von dem Begriff der Wahrheit zu geben vermögen, so +können wir doch wenigstens ein Merkmal dieses Begriffs aufweisen und in +ihm uns seinen Inhalt vergegenwärtigen. Das Merkmal ist freilich kein +letztes Unterscheidungsmerkmal, aber doch ein wesentlicher, wenn nicht der +wesentlichste Bestandteil des Begriffs der Wahrheit. Wir können ferner +auch ein Kennzeichen der Wahrheit angeben, an dem wir Wahrheit und +Falschheit unterscheiden, und damit den Umfang dieses Begriffs bestimmen. +Wie so oft muss auch hier die genauere Bestimmung des Umfangs einen Ersatz +bieten für die unzulängliche Festsetzung des Inhalts. Das Kennzeichen ist +freilich nur ein äusseres, aber als einziges unterscheidendes Kennzeichen +nicht bloss praktisch unentbehrlich, sondern auch von entscheidender +Wichtigkeit. + + + Zweite Untersuchung. + + +Der überzeitliche Charakter der Wahrheit. + +Aus Thatsachen und Gedanken, d. h. aus dem Vorgefundenen und aus unsren +nicht willkürlichen sondern dem Vorgefundenen entsprechenden Zuthaten, +bauen sich die Wissenschaften auf. Wenigstens ist in dem, was wir +Thatsachen nennen, das Vorgefundene das herrschende Element, während in +den Gedanken das Vorgefundene gegen die Zuthaten zurücktritt. Zu den +Gedanken gehören auch die Begriffsurteile oder Begriffssätze wie: weiss +ist nicht schwarz, ein Viereck nicht rund, ein gleichseitiges Dreieck +gleichwinklig, zwei kleiner als drei usw., die das Gebiet der logischen +und mathematischen Wahrheiten umfassen. Sie sind vollkommen wahr, auch +wenn die Glieder, die sie miteinander verbinden, gar nicht existieren; +auch wenn es so etwas wie weiss und schwarz, Viereck und rund, +gleichseitiges und gleichwinkliges Dreieck, zwei und drei in Wirklichkeit +gar nicht giebt, so bleibt doch die in diesen Urteilen ausgedrückte +Beziehung durchaus wahr. Sie ist ewig gültig, ihre Wahrheit hat einen +überzeitlichen Charakter. + +Richtig verstanden gilt das aber von allen Urteilen, die eine Wahrheit zum +Ausdrucke bringen. Die Thatsachen unsres Bewusstseins, von denen nur wir +allein jeder für sich Kenntnis haben können, und alle übrigen Thatsachen +von mehr oder minder langer Dauer -- wie sie z. B. in den Urteilen: ich +freue mich jetzt, oder: die Lampe steht auf dem Tische, ausgedrückt werden +-- können nur wirklich oder wahr sein, wenn dies, dass sie jetzt oder eine +zeitlang bestehen, für alle Zeiten gilt. Alle Wahrheit, auch die +anscheinend nur einen Augenblick oder eine kurze Zeit bestehende, hat +einen überzeitlichen Charakter. Sie hat trotz ihres scheinbar kurzen +Bestandes eine ewige Gültigkeit. Nur darum ist sie Wahrheit. + + + Dritte Untersuchung. + + +Bedeutung des überzeitlichen Charakters der Wahrheit. + +Aber wie ist das möglich? Nur dadurch, dass auch die vergängliche +Thatsache eine ewige Bedeutung hat, aus der sich ihr Hervortreten in der +Zeit erklärt. Nur aus dieser ihrer ewigen Bedeutung, die ihre zeitliche +Existenz bedingt und begründet, folgt notwendigerweise der überzeitliche +Wahrheitscharakter der Thatsache. Eine ewige Bedeutung kann aber der +zeitlichen und vergänglichen einzelnen Thatsache nicht als solcher in +ihrer Vereinzelung sondern nur als Glied eines grösseren über ihre +Zeitlichkeit und Vergänglichkeit hinausgehenden Ganzen zukommen; nur als +Teil der Gesamtwirklichkeit, die als Ganzes wenigstens über die +Zeitlichkeit und Vergänglichkeit ihrer Teile hinausgeht. Schon im +gewöhnlichen Leben sprechen wir bei Thatsachen nur von Wahrheit, wenn sie +in den Zusammenhang des Wirklichen aufgenommen werden können und durch +ihre Stellung in diesem Ganzen eine Bedeutung gewinnen. Dass ein Stein am +Wege liegt, eine Person uns begegnet, nennen wir schwerlich eine Wahrheit, +ausser wenn die Betonung dieses Sachverhalts aus andren Gründen etwa wegen +eines gerichtlichen Verfahrens wichtig ist. Jedenfalls werden wir uns den +Wahrheitscharakter der Thatsachen, der notwendig ein überzeitlicher ist, +nur zum Bewusstsein bringen können, wenn wir sie der zufälligen +Äusserlichkeiten, insbesondere ihrer Vereinzelung zu entkleiden und mit +Spinoza zu reden sub specie aeternitatis zu betrachten suchen. Ob und +inwiefern dies Streben von Erfolg gekrönt ist oder zu inhaltlich +bedeutsamen Erkenntnissen führt, mag fraglich bleiben; aber davon hängt +natürlich die notwendige Überzeitlichkeit des Charakters der Wahrheit +nicht ab. + +Eine Folgerung drängt sich auf: das Gelten steht höher als das Existieren; +das Existieren ist nur möglich durch das Gelten. Mit andren Worten: die +Wahrheit steht höher als die Wirklichkeit und die Wirklichkeit ist nur +Wirklichkeit durch die Wahrheit. Aber was ist Wirklichkeit, abgesehen von +ihrer Wahrheit? + + + Vierte Untersuchung. + + +Nur Eine Wahrheit für alle Denkenden. + +Was für alle Zeit gilt, gilt natürlich auch für alle Denkenden. Es giebt +entweder keine Wahrheit, oder aber sie gilt für alle Denkenden. Die +Wahrheit ist nicht ein Erzeugnis der menschlichen Organisation überhaupt +oder jeder einzelnen menschlichen Organisation insbesondere, sodass sie +nur für die Menschen gälte oder gar für jeden einzelnen Menschen eine +andere und besondere wäre. Alle Erkenntnis hat nur Einen Gegenstand, das +ist die Eine Wahrheit, die für alle Erkennenden dieselbe ist. Damit ist +aber keineswegs gesagt, dass die Wahrheit unabhängig vom Erkennen sei im +Sinne der Transcendenz oder des Dinges an sich. Bei einer solchen +Unabhängigkeit hörte die Wahrheit auf, Gegenstand des Erkennens zu sein. +Die unauflösliche Verbindung der Wahrheit mit dem Erkennen muss +festgehalten werden, wie immer diese Verbindung zu denken ist. Ausserdem +wird man von einer Abhängigkeit der Wahrheit vom göttlichen Denken oder -- +wenn man diesen Ausdruck vorzieht -- vom »Bewusstsein überhaupt« und auch +vom menschlichen Denken reden dürfen, vorausgesetzt, dass das menschliche +Denken, wenn es wahr ist, eins mit dem göttlichen ist. + +Gilt die Wahrheit, auch wenn wir sie nicht erkennen? Gilt das Gesetz der +Gravitation, ehe es Newton entdeckte? Zweifellos! Aber was heisst das +anders, als dass diese Wahrheit, wie alle andren, einen überzeitlichen +Charakter hat, dass sie ewig gilt! Muss man dann aber nicht schliessen, +dass die Wahrheit vorhanden sein kann, ohne unser Erkennen? Wir dürfen +nicht vergessen, dass auch unser Erkennen, wie alle Thatsachen, einen +überzeitlichen Charakter hat. Gewiss, es hat einen Anfang, es erlebt +Veränderungen, gehört also der Zeit an, wie alle zeitlichen Thatsachen. +Aber wir wissen nicht, wie sich später zeigen wird, was es mit der Zeit +auf sich hat, obgleich wir ihr die Bedeutung nicht absprechen. Sicher ist, +dass das Zeitliche vom Ewigen abhängig ist, dass es in seinem Hervortreten +in der Zeit durch das Ewige bedingt und bestimmt ist. Das gilt auch von +unsrem Erkennen. Aber nicht minder sicher ist, dass dieses Hervortreten in +der Zeit auch eine ewige Bedeutung hat, und das verbürgt uns seine +unauflösliche Verbindung mit der Wahrheit, in der allein diese ewige +Bedeutung ihren Grund haben kann. + + + Fünfte Untersuchung. + + +Die Wahrheit und das Urteil. + +In jedem Urteile haben wir ein Bewusstsein der Wahrheit, wenn auch nur +einschliesslich und der Sache nach. Ausdrücklich und der Form nach ist +dies allerdings nur der Fall in dem Urteile: Es ist wahr, dass dies oder +jenes zutrifft! Natürlich handelt es sich hierbei nicht immer um ein +Bewusstsein der wirklichen, sondern oft auch nur der bloss vermeintlichen +Wahrheit. Dieses Bewusstsein geht seinem Sinne nach stets über die +Verbindung der Vorstellungen im Urteile hinaus und weist auf einen +Sachverhalt hin, der in der Verbindung der Vorstellungen zum Ausdrucke +kommen soll, aber von ihr verschieden ist. Wir nennen das die Beziehung +des Urteils auf die Objektivität, und diese ist mit dem in ihm enthaltenen +Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe. + +Wenn man das Urteil Ausdruck eines Sachverhalts nennt und darunter eben +nur diese Beziehung auf die Objektivität oder das Bewusstsein der Wahrheit +versteht, so ist dagegen nichts einzuwenden. Falsch wäre es aber, wenn man +das Wort Ausdruck im Sinne einer Nachbildung des Sachverhalts verstehen +wollte. Das im Urteil sich darstellende Erkennen ist keineswegs eine bloss +müssige Wiederholung der Wirklichkeit, ein blosses Spiegelbild derselben. +Dem Bilde ist es eigentümlich, eine Sache so wiederzugeben, wie sie +unabgebildeter Weise ist. Wäre das Erkennen ein blosses Bild der Wahrheit, +so würde es die Wahrheit wiedergeben, wie sie unerkannter Weise ist. Die +Wahrheit würde zum unerkennbaren Ding an sich. Im Erkennen haben wir nicht +ein blosses Bild der Wahrheit sondern die Wahrheit selbst. Es ahmt sie +nicht nach (homoiosis), sondern nimmt an ihr teil (koinonia), sie ist in +ihr gegenwärtig (parusia). Wir nehmen im Erkennen die Wahrheit selbst in +Besitz, nicht bloss ihr Spiegelbild, ihren Abdruck im Bewusstsein. Davon +überzeugt uns immer wieder die Reflexion auf den Erkenntnisvorgang. + +Wichtig ist, dass wir im Urteile nicht bloss über die in ihm vorhandene +Verbindung der Vorstellungen hinausgehen, sondern mit unsrem Denken oder, +wenn wir auch das falsche Urteil berücksichtigen wollen, wenigstens in +Gedanken in die überzeitliche, ewige Welt, die für alle Denkenden in +gleicher Weise gilt, hineinreichen und mit ihr im Zusammenhange stehen. +Das ist die Bedeutung der Beziehung auf die Objektivität, die mit dem +Bewusstsein der Wahrheit ein und dasselbe ist. Diese überzeitliche, ewige, +für alle Denkenden gleicherweise geltende Welt ist die Welt, das Reich +oder auch die Region, das System der Wahrheit. Jeder Urteilende tritt mit +jedem Urteil in dieses allem sinnlichen Scheine nicht bloss sondern auch +allem Vergänglichen, Veränderlichen so entgegengesetzte Gebiet ein und +fasst in ihm festen Fuss. + +Unsere Darlegung erinnert nicht bloss an Spinoza, der alles sub specie +aeternitatis betrachten will, sondern auch an Augustins veritates aeternae +et immutabiles, die ihren Grund nicht in dem veränderlichen menschlichen +Denken und ebensowenig in den veränderlichen Dingen der Welt sondern nur +in Gott haben können. Sie erinnert ferner an den Satz von Nikolaus von +Cues, der wieder an Eckhart anklingt, dass die ideelle Existenz der Dinge +(in dem Gedanken Gottes) wahrer ist als die in Raum und Zeit erscheinende +körperliche Existenz. Sie erinnert endlich ganz besonders an die +Ideenlehre Platons. Das, was wir Wahrheit nennen, ist in der That eine +Platonische Idee, oder sie umfasst vielmehr die ganze Ideenwelt Platons, +welche die Erscheinungswelt in ihrem Sein bedingt. + + + +Zweiter Abschnitt. + +Die Wahrheit und das Wesen der Dinge. + + + Sechste Untersuchung. + + +Wesentliche und nicht wesentliche Merkmale. + +Das Erkennen ist auf das Wesentliche gerichtet. Sein Ziel ist das Wesen +der Dinge. Das Wesentliche soll im Gegensatz stehen zu dem Zufälligen und +scheint dann als das Notwendige, Unentbehrliche betrachtet zu werden. Es +fragt sich, wem notwendig, wem unentbehrlich? Natürlich dem Begriff des +Dinges (Ding im allgemeinsten Sinne genommen, in dem es auch +Eigenschaften, Vorgänge und Beziehungen umfasst). Allein, fragen wir +weiter, woraus besteht der Begriff? so lautet die Antwort: aus den +wesentlichen Merkmalen. Durch Zurückgreifen auf den Begriff kommen wir in +der Erkenntnis dessen, was unter wesentlich zu verstehen ist, nicht +weiter. + +Jedenfalls setzt die Unterscheidung wesentlicher und zufälliger Merkmale +die Annahme eines Wertunterschieds unter den Merkmalen voraus. Und an +dieser Annahme wird festgehalten werden müssen. Schon wenn wir von der +Gestalt und Grösse der Ausdehnung, von der Höhe und Stärke eines Tones, +von der Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung reden, tritt dieser +Wertunterschied deutlich hervor. Das erstgenannte Merkmal ist das +vorzüglichere, dem das zweite als Eigenschaft untergeordnet wird. Aber +nicht das Umgekehrte gilt. Man kann den Kaukasier nicht definieren als ein +menschliches Weisses, den Menschen nicht als ein zweibeiniges und +zweihändiges oder als ein zweifüssiges ungefiedertes Wesen, wenn gleich +diese Definitionen eine Unterscheidung des Kaukasiers von den andern +Menschentypen und des Menschen von allen andern Dingen ermöglichen. Warum +nicht? Weil die weisse Farbe, die Zweifüssigkeit, Ungefiedertheit keine +wesentlichen Merkmale bilden, das Weiss-Sein ausserdem sich dem +Mensch-Sein nicht überordnen lässt. Die Alten hatten recht, wenn sie im +Anschluss an Porphyrius nicht unterschiedslos alle Merkmale, die einem +Dinge und nur ihm zukommen, in seine Definition aufgenommen wissen +wollten, sondern nur gewisse wertvolle, die sie die wesentlichen nannten. +Auch darin hatten sie recht, wenn sie von den wesentlichen Merkmalen nicht +bloss die zufälligen, wie z. B. die Farbe beim Menschen, unterschieden, +sondern auch die notwendigen, die sogenannten Proprietäten. Was notwendig +zum Wesen des Menschen gehört, wie z. B. die Zweifüssigkeit, ist darum +noch nicht ein Bestandteil dieses Wesens. + + + Siebente Untersuchung. + + +Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale? + +Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass wir weder die einer Reihe von Dingen +gemeinsamen, sogenannten allgemeinen Merkmale, noch die im Laufe der +Entwicklung eines Dinges sich gleichbleibenden sogenannten konstanten +Merkmale mit den wesentlichen verselbigen dürfen. Es bedarf ferner nicht +eines Durchlaufens einer Reihe von gleichen oder ähnlichen Dingen oder der +Entwicklungsphasen ein und desselben Dinges um das Wesentliche an ihnen zu +entdecken. Freilich kann nicht geleugnet werden, dass dieses Verfahren der +Generalisation die Auffindung der wesentlichen Merkmale häufig +unterstützt. Sind die Umstände und Verhältnisse der Gegenstände, um deren +Erkenntnis es sich handelt, sehr verwickelt und schwer überschaubar, so +mag es unentbehrlich sein, aber doch nur für die Ausscheidung der +unwesentlichen Merkmale, nicht unmittelbar für die Auffindung der +wesentlichen. Die Abstraktion ist natürlich früher als die Generalisation, +weil deren Bedingung. Durch die Abstraktion gewinnen wir unter andrem auch +die wesentlichen Merkmale. Eine kleine Menge Wasser genügt dem Chemiker, +die Zusammensetzung des Wassers, alles Wassers aufzuweisen, eine einzige, +beliebig gewählte Dreiecksfigur dem Mathematiker, die Eigenschaften aller +Dreiecke darzuthun. Das bekannte Verfahren der Induktion, bei der von +einer grösseren oder geringeren Zahl von Einzelfällen ausgegangen und aus +ihnen mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit auf einen +allgemeingültigen Sachverhalt geschlossen wird, kommt ebenso wie das +Verfahren der Generalisation nur dann zur Anwendung, wenn die Umstände und +Verhältnisse sehr verwickelt und schwer überschaubar sind. »Die wahre +Methode geht« nach Liebig (von Liebig, Franz Bacon und die Methode der +Naturwissenschaften 1863 S. 47) »vom einzelnen Falle, nicht von vielen +Fällen aus«. Das deutet auch Goethe an, wenn er (W. XXII. S. 264) sagt: +»Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist das Besondere? +Millionen Fälle.« + +Indes, was ist denn das Mittel für die Erfassung des Wesentlichen? Ein +einfacher Blick des Geistes, über den freilich keineswegs jedermann +verfügt. Eine grosse Anzahl selbst von den wissenschaftlichen Forschern +hängen an Einzelheiten, Äusserlichkeiten, dringen nicht ein in den Kern +der Sache, nicht in das, worauf es ankommt. Der Blödsinnige und Dumme +ermangelt dieses Blickes gänzlich. Jener bleibt mit seinem sprunghaften +Denken keinen Augenblick bei derselben Sache, dieser sieht, wie man zu +sagen pflegt, vor lauter Bäumen den Wald nicht. Insbesondere zeigt dies +der Ungebildete durch Heranziehung aller, auch der gleichgültigsten +Nebenumstände bei Darstellungen und Erzählungen. Ihnen allen fehlt der +Blick des Geistes für das Wesentliche. + +Etwas dieser eigentümlichen Funktion des Bewusstseins Ähnliches haben wir +in dem, was man in der Wissenschaft als Aperçu oder Intuition bezeichnet. +Man muss darunter auch einen, wie man sagt, vorausschauenden Blick des +Geistes verstehen, durch den die wissenschaftlichen Ergebnisse, die das +Ende einer längren Gedanken- und Forschungsarbeit bilden und sie zum +Abschlusse bringen, vorweggenommen oder unmittelbar aufgefasst werden. +Freilich ist diese Vorwegnahme oder unmittelbare Auffassung keineswegs +schon eine Erkenntnis. An sie anschliessend nimmt die eigentliche +wissenschaftliche Gedanken- und Forschungsarbeit erst ihren Anfang, +zunächst sozusagen bloss probierend und tastend. Aber dieses eigentliche +wissenschaftliche Verfahren erhält doch durch das im voraus erfasste +Ergebnis seine Richtung und sein Ziel. Ihm liegt die Aufgabe ob, für das +Aperçu oder die Intuition den Beweis zu führen und sie dadurch zu einer +wirklichen Erkenntnis zu erheben. Wir werden bald sehen, dass der Blick +des Geistes, durch den wir die wesentlichen Merkmale gewinnen, darin mit +dem wissenschaftlichen Aperçu und der wissenschaftlichen Intuition +Ähnlichkeit hat, dass wir durch ihn und für sich allein noch keineswegs +Erkenntnisse gewinnen. + + + Achte Untersuchung. + + +Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen +(vorstellungsmässigen) abzuleiten. + +All unsrem Erkennen liegen Sinnenbilder zu Grunde. Auf das in den +Empfindungen gegebene, das Sinnliche, Sinnfällige, muss, sei es zur +Begründung, sei es zur Verdeutlichung unsrer Erkenntnisse, immer +zurückgegriffen werden; zur Verdeutlichung insbesondere dann, wenn es sich +um die Erkenntnis des Nichtsinnlichen, Geistigen handelt. Die +Grundbestandteile dieses Sinnlichen, Sinnfälligen bilden die Sinnenbilder +der Ausdehnung und Bewegung. Von beiden haben wir Tast- und +Gesichtsbilder, auch von der Bewegung (etwa die Berührungsempfindungen von +einem über die Hand kriechenden Sonnenkäfer), denen entsprechende +Gesichtsempfindungen zur Seite gehen. Natürlich sind diese Bilder selbst +ausgedehnt und bewegt und heissen nur uneigentlich Bilder von der +Ausdehnung und Bewegung. Das deutet schon darauf hin, dass wir unter der +Ausdehnung und Bewegung etwas andres verstehen müssen als diese +sogenannten Sinnenbilder. Was wir unter Ausdehnung und Bewegung verstehen, +das zeigen die Worte Ausdehnung und Bewegung an. Diese Worte sind +sozusagen Zeichen für ein in uns vorhandenes ruhendes Wissen, eine +Wissensdisposition, eine Fähigkeit, in Urteilen darzulegen, was Ausdehnung +und Bewegung ist, oder wenigstens jederzeit diese Worte richtig +anzuwenden. Wir wissen, dass die Ausdehnung eine Vielheit gleichzeitiger +einander berührender Teile, die Bewegung eine Vielheit aufeinander +folgender, ineinander übergehender Teile umfasst. Gleichzeitige Vielheit +und Berührung, aufeinander folgende Vielheit und Übergang, das sind die +Bestandteile der Begriffe Ausdehnung und Bewegung, die wesentlichen +(begrifflichen) Merkmale der Ausdehnung und Bewegung. Aber sind diese +Merkmale nicht schon in den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung +vorhanden, nicht in ihnen unmittelbar gegeben, sodass sie sich also von +den sinnfälligen, sinnlichen gar nicht unterscheiden oder höchstens doch +durch eine in Gestalt von Worten vermittelte Umformung aus ihnen +abgeleitet werden könnten? Wenn die Sinnenbilder selbst ausgedehnt und +bewegt sind, so sind diese Merkmale so in ihnen enthalten, wie in jedem +andren Ausgedehnten und Bewegten. Aber um sie zu finden, dazu bedarf es +eben eines Finders, der von den sinnlichen Empfindungen selbst verschieden +ist, eben jenes Blickes des Geistes, dem wir die Gewinnung der +wesentlichen Merkmale zuschreiben. Die Sinnenbilder an und für sich +genommen sind nichts andres als Zusammensetzungen von Empfindungen, die je +den Teilen der Netzhaut und Tasthaut entsprechen. Sie sind Zustände des +Bewusstseins, die noch gar nicht einmal einen gegenständlichen Charakter +haben, noch nicht einmal als Objekte uns gegenübertreten. Unsrem +entwickelten Bewusstsein erscheint freilich ihre Gegenständlichkeit als +etwas Selbstverständliches; aber doch nur darum, weil ihnen der Finder, +der Blick des Geistes, gegenübersteht. + +Wie werden ursprünglich aus den, sagen wir einmal bloss subjektiven +Empfindungen -- an sich genommen sind die Empfindungen ja weder subjektiv +noch objektiv -- Vorstellungen? Wie es scheint auf folgendem Wege. Mit den +Bewegungen unsrer eigenen Glieder sind Willensimpulse verbunden; sie +kehren regelmässig bei den sogenannten willkürlichen Bewegungen wieder und +associieren sich so mit den Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung +dieser Glieder. Wenn nun Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung, mit +denen diese Willensimpulse nicht verbunden sind, in uns auftreten, so wird +das Gedächtnisbild dieser Willensimpulse reproduziert und auch diesen +Sinnenbildern unterlegt. So treten dann diese Sinnenbilder als +Willensdinge den Sinnenbildern, die von vornherein mit den Willensimpulsen +verbunden sind, gegenüber. So erhalten diese erstren Sinnenbilder diesen +letztren gegenüber, wie es scheint, ursprünglich einen gegenständlichen +Charakter, oder, wie wir ohne Gefahr des Missverstandenwerdens besser +sagen, sie werden zu Vorstellungen. Gegenstände im eigentlichen Sinne als +das dem Geiste Gegenüberstehende giebt es für ihn erst auf Grund des +Urteils. + +Wir nannten die Sinnenbilder, mit denen associativ Willensimpulse +verbunden sind -- auch von den Sinnenbildern, mit denen sie ursprünglich +verbunden sind, können wir das Gleiche sagen, -- Willensdinge. Es ist +bekannt, dass die Wilden ebenso wie unsere Kinder und Dichter alles als +belebt und beseelt, alles als mit Gefühl und Willen ausgestattet, +auffassen. Diese Animismus genannte Erscheinung hält natürlich der +fortschreitenden Erfahrung gegenüber nicht Stand. Der geworfene Stein und +die freifliegende Taube werden bald unterschieden. Von dem Willensding +bleibt dann nur übrig, 1. dass es einen Raum ausfüllt, der nicht zugleich +mit ihm von einem andren Dinge eingenommen werden kann -- das Willensding +wird zur Substanz; 2. dass es jedem Eindringen in diesen Raum Widerstand +entgegensetzt, also Einwirkungen ausübt -- das Willensding wird zur +Ursache. Man könnte denken, diese wesentlichen (begrifflichen) Merkmale +der Dinge im engren Sinne seien wieder unmittelbar in den mit +Willensimpulsen verbundenen Sinnenbildern der Sinnendinge gegeben. Aber +auch hier gilt: es bedarf des Finders, des Blickes des Geistes, und erst +dieser schafft, erzeugt, freilich nicht willkürlich, sondern im engen +Anschluss und gemäss dem Sinnenbild, in seiner Thätigkeit von ihm bedingt +und bestimmt, das wesentliche oder begriffliche Merkmal. Das Finden, +Erblicken, auf geistigem Gebiete ist eben nicht ein materielles Aufnehmen +sondern ein Erzeugen, ein Schaffen. Allein, sollte man nicht annehmen +dürfen, dass wir diese begrifflichen Merkmale nur durch die urteilende +Thätigkeit gewinnen? Zumal wir ja die Vielheit der Teile des Ausgedehnten +und der Bewegung anscheinend nur durch Unterscheidung der Teile im Urteile +erhalten. Diese Unterscheidung im Urteil setzt die Erfassung der Teile als +einzelner, sozusagen eine Unterscheidung durch den einfachen Blick des +Geistes voraus. In der durch diese Unterscheidung gegebenen Vereinzelung +sind die Teile im Sinnenbilde der Ausdehnung und Bewegung nicht vorhanden, +sondern können erst durch den Blick des Geistes gewonnen werden. Dasselbe +gilt dann natürlich auch von dem Moment der Berührung und des Übergangs, +den andern begrifflichen oder wesentlichen Merkmalen der Ausdehnung und +Bewegung, in denen die einzelnen Teile zu zweien zusammengefasst werden. +Gewiss kommt in unsrem entwickelten Bewusstsein wie jene Vereinzelung so +auch diese Zusammenfassung im Urteil zum Ausdruck. Aber wie die im Urteil +gegebene Vereinzelung, so setzt auch die in ihm gegebene Zusammenfassung +den einfachen Blick des Geistes, dem wir die Gewinnung der wesentlichen +Merkmale zuschreiben, voraus. Diese durch den einfachen Blick des Geistes +sich vollziehende Vereinzelung und Zusammenfassung erzeugt neue +gedankliche Gebilde im Geiste, eben die wesentlichen, begrifflichen +Merkmale, die wir mit den Worten gleichzeitige, aufeinanderfolgende +Vielheit, Berührung, Übergang bezeichnen und die die Grundlage der +betreffenden unterscheidenden und zusammenfassenden Urteile bilden. + +Wir können nicht zugeben, dass die wesentlichen Merkmale, aus denen der +Begriff nach allgemeiner Annahme besteht, in den Sinnenbildern oder +Vorstellungen in dem hier erklärten Sinne wirklich enthalten sind. In +andren Fällen tritt uns das noch deutlicher entgegen. Wir haben +Sinnenbilder vom Punkt, der keine Ausdehnung hat, von der Linie, die nur +_eine_ Ausdehnung, von der Fläche, die nur zwei Ausdehnungen hat, von +einem luftartigen Gebilde als dem Geiste, der den ausschliessenden +Gegensatz zu allem Körperlichen ausmacht. Es ist einleuchtend, dass die +hier genannten wesentlichen Merkmale des Punktes, der Linie, der Fläche, +des Geistes nur durch Negation des in den betreffenden Sinnenbildern +Enthaltenen gewonnen werden können. Die Negation im eigentlichen Sinne hat +nur im negativen Urteile ihre Stelle, aber diese im negativen Urteil +gegebene Negation setzt den Blick für das, was anders ist, als das, was +negiert wird, voraus. + + + Neunte Untersuchung. + + +Das Wesen der Dinge. + +Aber wir haben immer noch nicht erklärt, was das Wesentliche eigentlich +ist oder worin das Wesen der Dinge besteht. Am einfachsten scheint die +Sache bei den mathematischen Gebilden zu liegen. Das Wesen eines Kreises, +einer Ellipse besteht natürlich nicht in der gezeichneten und von uns +gesehenen Linie, viel eher in der mathematischen Formel, durch welche das +Verhältnis der Linie zu dem einen Mittelpunkt des Kreises und zu den +beiden Mittelpunkten der Ellipse bestimmt wird, in dem Gesetze des Kreises +und der Ellipse. Sicher kommt die mathematische Formel dem Wesen des +Kreises und der Ellipse näher als die gezeichnete und gesehene Linie, die, +um gezeichnet und gesehen zu werden, im Widerspruch mit sich selbst +mehrere Ausdehnungen haben muss. Aber macht die mathematische Formel das +ganze Wesen des Kreises und der Ellipse aus? Sie gehören doch zu den +Kegelschnitten und nehmen innerhalb derselben eine bestimmte, durch neue +Formeln festgelegte Stellung ein. Diese gehört nicht minder zu ihrem +Wesen. Sie sind Linien, und Linien begrenzen Flächen; Flächen begrenzen +Körper, Körper nehmen hinwiederum in der Gesamtheit des Wirklichen eine +Stellung ein, an der auch die Linien teilnehmen. Auch diese Stellung zur +Gesamtheit des Wirklichen gehört zum Wesen des Kreises und der Ellipse, ja +es ist einleuchtend, dass sie ihr eigentliches Wesen bilden muss, da aus +ihr die Einzelstellung dieser mathematischen Gebilde und somit ihre +mathematische Formel sich ergiebt und abgeleitet werden kann. Was vom +Wesen des Kreises und der Ellipse gilt, wird vom Wesen aller Dinge +behauptet werden müssen. Eine rohe Auffassung sieht in diesem Wesen einen +beharrlichen, unveränderlichen Seinskern, an dem sich die mit dem Begriffe +des Dinges verträglichen Veränderungen vollziehen sollen. Einen solchen +unveränderlichen Seinskern giebt es nicht in den Dingen. Die Veränderungen +sind Veränderungen der Dinge, nicht an den Dingen. Man kann sich auch +nicht auf den Begriff des Dinges berufen, um die mit seinem Wesen +verträglichen Veränderungen des Dinges zu gewinnen. Denn der Begriff, der +die wesentlichen Merkmale umfasst, setzt das Wesen des Dinges voraus. Das +unveränderlich sich Gleichbleibende in den Dingen ist ihre Stellung zur +Gesamtheit des Wirklichen. Sie verleiht den Dingen eine überzeitliche +Geltung und eine ewige Bedeutung; in ihr besteht das Wesen der Dinge, und +dieses Wesen ist mit ihrer Wahrheit ein und dasselbe. Wie die Wahrheit, so +ist darum auch das Wesen unveränderlich und ewig. In diesem höchsten Sinne +giebt es von jedem Ding nur Einen Begriff. Er ist der Ausdruck für seine +Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen, oder, wie wir auch sagen +können, für seine Stellung in dem System der Wahrheit. Natürlich ergiebt +sich auch aus der Stellung eines Dinges in der Gesamtheit des Wirklichen, +welche Veränderungen es durchlaufen kann, oder welche Veränderungen für +die Geltendmachung dieser Stellung erforderlich sind. + + + Zehnte Untersuchung. + + +Der Begriff der Philosophie. + +Können wir wirklich für unser Erkennen das Eindringen in das Wesen der +Dinge in diesem Sinne als Aufgabe in Anspruch nehmen? Geht eine solche +Aufgabe nicht über die Kraft des Erkennens hinaus? Gilt das Wesen der +Dinge nicht mit Recht für unerkennbar? Haben wir beispielsweise vom Wesen +der Farbe eine Erkenntnis? Die Physiker sagen, die Farben seien +Ätherschwingungen; die Physiologen nennen sie Empfindungen. Aber weder die +einen noch die andren können uns sagen, was es mit den Ätherschwingungen +und Empfindungen eigentlich auf sich hat, was ihr Wesen ist. Das Wesen der +Farbe würden wir erst dann erkannt haben, wenn wir den ursächlichen +Zusammenhang zwischen den Ätherschwingungen und unsren Empfindungen und +den Zweckzusammenhang zwischen beiden verstanden hätten, wenn wir wüssten, +warum die Ätherschwingungen die Farben erzeugen und wodurch sie das +vermögen. Davon aber sind wir sehr weit entfernt. Wir wissen nicht, wie +die durch die Ätherschwingungen erzeugten Gehirnvorgänge es machen, dass +die von ihnen ganz verschiedenen Farbenempfindungen auftreten, und noch +weniger, warum es der toten und gleichmässigen Ätherschwingungen bedarf, +um die ganze Farbenwelt hervorzuzaubern, die der Kunst der Malerei ihre +Existenz verleiht. Noch weniger können wir das Wesen des Menschen +erkennen. Platon nannte den Körper den Kerker und das Grab der Seele, +moderne Physiologen betrachten das Bewusstsein als ein überflüssiges und +unbequemes Nebenprodukt. Die Frage, warum der den Geist so oft behindernde +Körper mit dem den Körper so oft zum Siechtum verurteilenden Bewusstsein +verbunden ist, wird heutzutage kaum gestellt. Erst die Beantwortung dieser +Frage würde uns Aufklärung über das Wesen des Menschen geben. Aber wenn +wir das Wesen der Dinge gar nicht erkennen können, warum denn von dieser +Erkenntnis reden und von ihr so viel Aufhebens machen? Wir antworten: das +Ziel des Erkennens ist unzweifelhaft das Wesen der Dinge, und wer die +richtige Darstellung vom Erkennen geben will, darf dies sein Ziel nicht +ausser Acht lassen; mag das Erkennen dasselbe auch nur unvollkommen und +annähernd erreichen. Man hat die Philosophie nicht mit Unrecht als die +Wissenschaft vom Wesen der Dinge bezeichnet. Man muss sie folgerichtig +auch als die Wissenschaft der Fragen bestimmen, denn sie steht mitten im +Fragen und kommt aus dem Fragen gar nicht heraus. Aber ist das etwa eine +ihrer unwürdige Bestimmung? Ist die richtig gestellte Frage und das +Bewusstsein, sie nicht beantworten zu können, wirklich wertlos? Jedenfalls +ist diese Bestimmung ehrenvoller für die Philosophie, als wenn man sie, +ihrer gegenwärtigen Lage nicht ganz unangemessen, als die Wissenschaft +charakterisiert, in der jeder eine andere Meinung hat. + +Dass die Philosophie die Wissenschaft der Fragen ist, zeigt sich +besonders, wenn wir den Begriff des Erkennens ins Auge fassen. Man spricht +von Erscheinung im Gegensatz zum Wesen und unterscheidet die Erscheinung +im metaphysischen und erkenntnistheoretischen Sinne. Unter der erstren +sind die Veränderungen der Dinge zu verstehen, die sich natürlich aus +ihrer Stellung in der Gesamtheit des Wirklichen ergeben und darum aus +ihrem Wesen erklären lassen. Unter der letztren sind die Denkvorgänge im +weitesten Sinne des Wortes, die auch und in erster Linie die sinnlichen +Empfindungen umfassen, zu verstehen. Sie vermitteln das Erkennen, und +insofern sie das wirklich oder vermeintlich thun, gelten sie als +Erscheinung der Dinge in uns. Was hat es mit dieser Erscheinung der Dinge +in uns, diesen Denkvorgängen, die das Erkennen vermitteln, auf sich? Was +hat das Erkennen zu bedeuten, was ist sein Wesen? Nur eine blosse +Abspiegelung, eine müssige Wiederholung der Dinge im Bilde? Sind auch die +für unsre Erfassung des Wirklichen so notwendigen Ortsbestimmungen, die +einerseits feste Punkte voraussetzen und anderseits sich doch in lauter +Beziehungen auflösen, und ebenso die Zeitbestimmungen, von denen das +Gleiche gilt, Bilder einer von ihnen unabhängig bestehenden Wirklichkeit? +Dem Bilde ist es eigentümlich, den Gegenstand so wiederzugeben, wie er +unabgebildeterweise ist. Wäre das Erkennen nur ein Bild des Wirklichen, so +würden wir den Begriff des Dinges an sich nicht entbehren können. Um ihn +zu vermeiden, mussten wir eine unauflösliche Verbindung des Erkennens mit +seinem Gegenstande, der Wahrheit annehmen. Aber erst, wenn wir die Art +dieser Verbindung zu bestimmen vermöchten, würden wir das Wesen des +Erkennens erkannt haben, mit ihm auch die Bedeutung der für unsere +Erfassung des Wirklichen so notwendigen Orts- und Zeitbestimmungen. + + + Elfte Untersuchung. + + +Die Wahrheit das höchste Gut. + +Insofern die Philosophie als Wissenschaft vom Wesen der Dinge und vom +System der Wahrheit bezeichnet werden muss, ist sie auch die Wissenschaft +vom höchsten Gute: denn die Wahrheit ist in der That das höchste Gut, +dasjenige, wodurch alles andere Wert erhält. Wertvoll wird etwas nicht +etwa dadurch, dass es der Wahrheit nicht ermangelt, sondern geradezu durch +seine Wahrheit. Dass wir etwas aus sittlichen Gründen thun sollen, dass +etwas schön ist, gilt natürlich nur insoweit, als eben dies Thun-sollen +und das Schön-sein wahr ist. Wie wir gewöhnlich sagen, es gilt nur, wenn +das sittlich Gebotene wahrhaft oder wirklich sittlich, das für schön +erklärte wahrhaft oder wirklich schön ist. Wahrhaft und wirklich gut oder +schön ist etwas nur dann, wenn es dem allgemein für alle Denkenden und für +alle Zeit gültigen, dem in diesem Sinne objektiv gültigen Begriffe des +sittlich Guten und des Schönen entspricht. Mit diesem Begriff würde sich +unser Begriff vom sittlich Guten und Schönen erst decken, wenn wir ihn in +seiner Stellung im System der Wahrheit erkannt hätten. So lange und so +weit dies nicht der Fall ist, bleibt er missverständlich und einseitig; so +lange ist er darum kein unzweideutiger und vor allem kein vollständiger +Ausdruck des wahrhaft und wirklich Guten und Schönen. Für unsren Begriff +des sittlich Guten und des Schönen, sofern er wirklich wesentliche +Merkmale enthält, gilt: nicht ohne ihn giebt es etwas Gutes und Schönes. +Für den Begriff des sittlich Guten und Schönen im System der Wahrheit gilt +hingegen: nur durch ihn ist etwas schön, ist etwas gut. Auch das Gute und +Schöne erhält seine Wahrheit und Wirklichkeit lediglich durch seine +Stellung im System der Wahrheit oder dadurch, dass es in diesem System +eine Stelle hat. Ähnlich wie vom sittlich Guten und Schönen sprechen wir +auch von einem wahren, wirklichen Israeliten, von einem wahren, wirklichen +Menschen, von wahrem, wirklichem Golde u. s. w. Der hier als Massstab +zugrundeliegende Begriff, ein Soll-Begriff oder Idealbegriff, wird in +allen diesen Fällen von uns als etwas Allgemeingültiges geltend gemacht +oder in Anspruch genommen, als etwas, das alle anerkennen müssen, und +weist damit auf den ihm im System der Wahrheit entsprechenden Begriff hin. + +Was wahrhaft und wirklich ist, wird dadurch über die Vergänglichkeit und +Veränderlichkeit hinausgehoben; es ist nicht bloss etwas Scheinbares, +nicht etwas zum Verschwinden Bestimmtes, nicht etwas Nichtseinsollendes. +Aber wenn dem Scheinbaren, dem Nichtseinsollenden auch kein Wert und keine +Wahrheit zukommen soll, so ist es doch nichtsdestoweniger eine +Wirklichkeit. Wie ist das möglich? Auch das Vergängliche und +Veränderliche, worin immer es besteht, ist nur wirklich durch seinen +überzeitlichen Charakter, durch seine ewige Bedeutung. Sollen wir auch dem +bloss Scheinbaren, dem Zufälligen, dem Nichtseinsollenden einen +überzeitlichen Charakter und eine ewige Bedeutung zuschreiben? Wirklich +kann es nur durch diesen seinen überzeitlichen Charakter und seine ewige +Bedeutung sein; nur durch sie wird es über den blossen inhaltleeren +Schein, über den blossen sinnlosen Zufall hinausgehoben, wie der Schatten +nur sein kann, indem er sich an die Dinge der Umgebung dessen heftet, von +dem er ausgeht. Das Scheinbare, Nichtseinsollende, Zufällige ist, wie +später klar werden wird, das nicht wahrhaft und wirklich sondern nur +anmasslich und vorgeblich Selbständige, das die geliehene Selbständigkeit +als wirkliche gebraucht und damit zum Schein herabsetzt. + + + + +Zweiter Hauptteil. + +Unser Wissen. + + + ------------------ + + + +Dritter Abschnitt. + +Kennzeichen der Wahrheit. + + + Zwölfte Untersuchung. + + +Die Bestandteile des Erkenntnisvorgangs. + +Was wesentlich ist, ist einem Ding -- das Wort im weitesten Sinne genommen +-- wesentlich, es ist ihm zugehörig und gehört mit ihm zusammen. So führt +der Begriff des Wesentlichen auf den des Zusammengehörigen zurück. Das +zeigt sich insbesondere, wenn wir den alles Wesentliche zusammenfassenden +Begriff des Wesens der Dinge näher betrachten. Die Stellung der Dinge in +der Gesamtheit des Wirklichen, d. h. also ihre Zusammengehörigkeit mit +allem Wirklichen, macht das Wesen der Dinge aus. Die Zusammengehörigkeit +ist der Grundbegriff des Erkennens, in dem uns seine wesentlichste Seite +kund wird; das Wesen der Dinge und ihre Wahrheit ist sein Ziel, aber nur +durch Erfassung des Zusammengehörigen wird es erreicht. + +Das, was zusammengehörig oder wesentlich ist, muss sorgfältig +unterschieden werden von seiner Zusammengehörigkeit oder Wesentlichkeit. +Wir erfassen dasselbe mit einem Blick des Geistes, über den das +entwickelte Bewusstsein verfügt. Es ist vor allem wichtig zu beachten, +dass dieser Blick nicht als eine Erkenntnis betrachtet werden kann. All +unser Erkennen setzt ein Vorgefundenes voraus, nicht als seine Quelle, +sondern als Ausgangspunkt für eine Reihe von Thätigkeiten, die ihm +vorangehen. Diesen Ausgangspunkt, also das Vorgefundene, bilden die +Empfindungen und die aus ihnen zusammengesetzten Sinnenbilder. Auch die +Willensdinge, die durch blosse Association der Sinnenbilder der Ausdehnung +und Bewegung mit den Willensimpulsen entstehen, ferner die ersten +Vorstellungen, die wir von einem uns Gegenüberstehenden gewinnen, gehören, +wie die Sinnenbilder selbst zu den Voraussetzungen des Erkenntnisvorganges +und können insofern dem Vorgefundenen zugerechnet werden. + +Durch den Blick des Geistes, der eine besondere Art der Abstraktion +bildet, gewinnen wir den Begriff oder die wesentlichen Merkmale dieser +Willens- oder Sinnendinge. Natürlich belehrt uns dieser Begriff in keiner +Weise darüber, was den Sinnendingen für die Gesamtheit des Wirklichen für +eine Bedeutung zukommt. Hier zeigt sich insbesondere, dass die vielen +Begriffe, auch wenn sie die wesentlichen Merkmale umfassen, also wirkliche +Begriffe sind, von dem eigentlich einzig und allein diesen Namen +verdienenden Begriff, der die Stellung des Einzelnen im System der +Wahrheit bestimmt, ganz und gar verschieden sind. Zur Gewinnung dieses +Begriffs bedarf es eines sozusagen alles zusammenschauenden Blicks; für +die Gewinnung jener Begriffe genügt der in Gedanken trennende Blick. Diese +in Gedanken sich vollziehende Trennung ist der eigentliche Sinn der +Abstraktion, des lateinischen abstrahere, des griechischen aphaireisthai, +nicht das Absehen, viel eher das Hinsehen und Festhalten des einen, mit +Vernachlässigung und Beiseitesetzung des andren im Denken. Es ist klar, +dass ein solches Trennen, gedankliches Isolieren ein neues gedankliches +Gebilde eben das auf diese Weise Getrennte und Isolierte und zugleich +Festgehaltene erzeugen, erschaffen muss. Die so erzeugten, geschaffenen +Gebilde sind Einzelgebilde des Denkens und als solche im Denken vorhanden, +nicht erst in Urteilen gegeben. Wenn man den Nachdruck auf das Absehen, +Fallenlassen, das leicht als Ausscheiden, Verneinen gefasst werden kann, +legt, so liegt der Gedanke nahe, diese wesentlichen Merkmale seien für uns +nur in negativen Urteilen vorhanden. Aber das widerspricht einerseits der +Selbstbeobachtung, der Reflexion auf das, was wir thun, wenn wir diese +Gebilde festhalten: es ist ein einfaches Hinsehen, Hinblicken, dessen +thatsächlicher Nebenerfolg das Absehen freilich bildet, aber ohne als +besonderer Vorgang hervorzutreten. Anderseits setzen diese negativen +Urteile bereits die Isolierung der wesentlichen und unwesentlichen +Merkmale also eben diese isolierten Gebilde voraus. Durch diese Isolierung +gewinnen wir die wesentlichen Merkmale, die zu dem Sinnen- oder +Willensding gehören: Ausdehnung, Bewegung, Nebeneinander, Nacheinander, +Substanz, Kausalität. Was die Bedeutung dieser Worte ist, können wir +freilich nur in Urteilen angeben; aber daraus folgt nicht, dass wir den +Gedankengehalt dieser Worte auch nur durch Urteile gewinnen. Die Urteile, +in denen wir die Bedeutung dieser Worte darlegen, setzen vielmehr die +entsprechenden Einzelgebilde des Denkens voraus, in denen das in den +Urteilen Verbundene isoliert wird. Diese gedanklichen Einzelgebilde +schafft, erzeugt der Blick des Geistes, aber er entdeckt und findet sie +zugleich. Das, was er findet und entdeckt, ist jedenfalls von dem +Vorgefundenen verschieden, es ist eine Zuthat zu dem Vorgefundenen, die +freilich nicht willkürlich sondern ihm angemessen ist. Mit dieser Zuthat +ist das in der Empfindung Gegebene, das Vorgefundene jedenfalls +überschritten. Sie ist das, was wesentlich ist, das, was zusammengehörig +ist, wesentlich dem Dinge, zusammengehörig mit dem Ding, in dessen Besitz +wir zunächst durch den genannten Blick unseres Geistes gesetzt werden. + +Die zweite über das Vorgefundene hinausgehende Stufe, die aber auch noch +nicht als eigentliche Erkenntnis betrachtet werden kann, besteht darin, +dass sich unsrem Bewusstsein die Wesentlichkeit des Wesentlichen, die +Zusammengehörigkeit des Zusammengehörigen aufdrängt, dass der Gedanke +daran sich als unabweislich darstellt. Das Sichaufdrängen der +Zusammengehörigkeit und Sichalsunabweislichdarstellen darf nicht falsch +verstanden werden. Es ist ein _Einleuchten_ und hat darum mit äusserem +Zwange, der uns die Empfindungen aufdrängt, oder mit innerer Nötigung, die +wir erfahren, wenn uns ein Gedanke verfolgt, nichts zu thun. Es wendet +sich einfach an die Vernunft des Menschen. + +Nun folgt als dritte Stufe die eigentliche Erkenntnis, die in der +_Einsicht_ der Zusammengehörigkeit oder der Wesentlichkeit besteht. +Selbstverständlich ist der sich unabweislich aufdrängende Gedanke oder das +Einleuchten etwas von der Einsicht Verschiedenes. Nur in der Einsicht kann +die Erkenntnis bestehen. An die Einsicht schliesst sich als vierte Stufe +das Urteil an, das sich ganz auf die Einsicht stützt und nur als +gedanklicher Ausdruck der Einsicht aufgefasst werden kann. Als fünfte +Stufe folgt das Bewusstsein von der Objektivität des Urteils oder das +Bewusstsein der Wahrheit des Urteils, das seinen Grund in der zweiten +Stufe, dem Einleuchten der Zusammengehörigkeit hat. Es folgt als sechste +Stufe die Gewissheit, der Gegensatz des Zweifels, der allen Zweifel +ausschliesst und dem Bewusstsein die Festigkeit verleiht, wie der Zweifel +dasselbe ins Schwanken bringt. Es ist nach dem Zeugnis der Reflexion ganz +offenbar, dass die Einsicht, der eigentliche Erkenntnisakt, von ihrem +gedanklichen Ausdruck im Urteil verschieden ist. Weniger deutlich giebt +sich kund, dass von der Einsicht auch der Zustand der Gewissheit und das +Bewusstsein der Wahrheit verschieden ist; aber beide setzen die Erkenntnis +als vollendet voraus und dürfen darum nicht mit der Einsicht verselbigt +werden. + +Das Urteil entspricht dem Finden der wesentlichen Merkmale durch den Blick +des Geistes. Wie durch das letztere ein Einzelgebilde des Denkens erzeugt +wird, so durch das erstere eben jene Urteil genannte Verbindung, sei es +eines Sinnenbildes, sei es eines Einzelgebildes des Denkens mit einem +andren Einzelgebilde, eben dem wesentlichen Merkmal. Wie das Einzelgebilde +des Denkens im Worte seinen Ausdruck findet, so die Urteil genannte +Verbindung im Aussagesatze. Aber sowohl das Einzelgebilde wie diese +Verbindung sind gedanklicher Natur und müssen darum sorgfältig von dem +sprachlichen Ausdrucke unterschieden werden. Der Auffindung des +wesentlichen Merkmales folgt das Einleuchten und die Einsicht, dem Urteil +das Bewusstsein der Wahrheit und die Gewissheit. Auch diese Glieder +entsprechen sich: das Einleuchten dem Bewusstsein der Wahrheit und die +Einsicht der Gewissheit. Es sind Zustände, nicht Schöpfungen des +Bewusstseins, von denen Einleuchten und Bewusstsein der Wahrheit einen +objektiven, Einsicht und Gewissheit einen subjektiven Charakter haben. Das +Kennzeichen der Wahrheit besteht für uns in dem Einleuchten, der zweiten +über das Vorgefundene hinausgehenden Stufe des Erkenntnisvorgangs. Es +liegt nahe -- und das geschieht oft genug -- die Einsicht für das +Kennzeichen der Wahrheit zu halten; wird doch das griechische enargein und +das lateinische evidentia oft genug mit Einsicht wiedergegeben oder die +Einsicht näher als das Einleuchten der Wahrheit erklärt. Natürlich kann +unter dieser Voraussetzung nicht von einem criterium secundum quod ausser +für die nachträgliche Reflexion, sondern nur von einem criterium quo +cognoscitur die Rede sein. Wir verstehen unter dem Kriterium oder +Kennzeichen der Wahrheit nicht diesen subjektiven Zustand der Einsicht +sondern das Einleuchten, Sichaufdrängen der Zusammengehörigkeit, die +Unabweislichkeit des Gedankens derselben, die natürlich etwas Objektives +ist und darum auch die Objektivität des Urteils oder das Bewusstsein +seiner Wahrheit begründen kann. + + + Dreizehnte Untersuchung. + + +Die Gesetze des Erkennens. + +Die Wahrheit, das Ziel des Erkennens ist nicht eine zusammenhanglose Summe +von Teilen sondern ein Ganzes, in dem jeder Teil den andern bedingt und +trägt, kein Chaos sondern ein System, und dieses System ist der Wahrheit +so wesentlich, dass eine einzelne Wahrheit nur Wahrheit ist durch ihren +Zusammenhang mit dem Ganzen. Man kann darum streng genommen nicht von +einer einzelnen Wahrheit sprechen sondern nur von einem Reiche der +Wahrheit. Die verschiedenen zusammengehörigen Wahrheiten als +zusammengehörige, also ihre Zusammengehörigkeit zum Bewusstsein bringen, +so den Zusammenhang aller Wahrheit herstellen, oder besser gesagt die Eine +Wahrheit finden, das ist das Ziel des Erkennens. Die Ableitung und +Erschliessung der einen Wahrheit aus der andren ist nur die Kehrseite +dieses Zieles, seine bloss formale Folgeerscheinung, und von viel +geringerer Bedeutung. + +Das ist freilich ein hohes, ein allzuhohes Ziel. Der Zusammenhang aller +Wahrheit, oder, was dasselbe ist, das Wesen der Dinge zu erkennen, den +Einen Gedanken zu finden, der über alles Licht verbreitet, ist uns bis +jetzt versagt. Wir müssen uns mit einzelnen Strahlen dieses Lichtes +begnügen. Wir kommen nur wenig über die wesentlichen Merkmale der Dinge +hinaus, und wenn wir darunter diejenigen verstehen, von deren +Zugehörigkeit zu den Dingen wir eine Einsicht haben, reichen wir in vielen +Fällen nicht einmal an diese heran. So tritt für unser Denken an die +Stelle des Gesetzes der Zusammengehörigkeit, das uns die Aufgabe stellt, +alle Wahrheiten in ihrer Zusammengehörigkeit und somit als die Eine +Wahrheit zu erfassen, das Gesetz der Übereinstimmung, nach dem sich die +Wahrheit und Falschheit unsrer einzelnen Urteile bestimmt. Wir +unterscheiden vier, beziehungsweise acht Formen dieses Gesetzes, deren +Wahrheit uns unmittelbar einleuchtet. Erstens, das Zugehörige muss +zugesprochen werden. Zweitens, das Zugehörige darf nicht abgesprochen +werden. Drittens, das Nichtzugehörige muss abgesprochen werden. Viertens, +das Nichtzugehörige darf nicht zugesprochen werden. Zu dem Zugehörigen +gehört auch das Enthaltene. Was in einem Subjekt enthalten ist, gehört zu +ihm, aber nicht das Gegenteil gilt: was in einem Subjekt nicht enthalten +ist, kann ganz wohl ihm zugehören. Daraus ergeben sich die vier weiteren +nicht die Zugehörigkeit sondern das Enthaltensein betreffenden Formen. +Fünftens, das Enthaltene muss zugesprochen werden. Sechstens, das +Enthaltene darf nicht abgesprochen werden. Siebentens, das Nichtenthaltene +darf nicht als enthalten zugesprochen werden. Achtens, das Nichtenthaltene +muss als enthalten geleugnet werden. Der Zusatz als enthalten in sieben +und acht ist notwendig, weil auch das Nichtenthaltene zugehörig sein kann. +Was immer zugesprochen oder abgesprochen wird, wird als zugehörig +zugesprochen oder abgesprochen; deshalb bedarf es des Zusatzes als +zugehörig in drei und vier nicht, er ist ohne weiteres in diesen Formen +eingeschlossen. Setzen wir voraus, dass das negative mit dem unendlichen +Urteil: der Mensch ist nicht sterblich -- ist unsterblich; der Kreis ist +nicht rund -- ist nichtrund, dieselbe Bedeutung hat, so ergiebt sich, dass +die Formen zwei und drei und die Formen sechs und sieben dasselbe +ausdrücken. Man kann sie im Gegensatz zu dem Gesetze der Übereinstimmung +als Formen des Gesetzes des Widerspruches bezeichnen, das eigentlich nur +die negative Seite des Gesetzes der Übereinstimmung bildet. Es ist ein +Widerspruch nicht bloss das Nichtenthaltene als enthalten zu behaupten, +wie es die siebente Form, sondern auch das Nichtzugehörige als zugehörig +zu behaupten, wie es die dritte Form verbietet. + +Nicht bloss, was in einem Subjekt enthalten ist, kommt ihm zu, sondern +auch das nicht in ihm Enthaltene, sofern es zu ihm gehört. Würde nur das +erstere ihm zukommen, so gäbe es keinen Fortschritt im Erkennen. Aber +giebt es etwas nicht in einem Subjekt Enthaltenes, das trotzdem zu ihm +gehört? Ohne Zweifel, wenigstens für alle diejenigen, welche Sinnenbild +und Vorstellung von dem Begriff, der die wesentlichen Merkmale umfasst, +unterscheiden und von diesen wesentlichen Merkmalen behaupten, dass sie +nicht in den Sinnenbildern oder Vorstellungen enthalten sind. Fassen wir +unter dieser Voraussetzung das Subjekt unter der Vorstellung auf und legen +ihm ein wesentliches Merkmal bei, oder fassen wir es unter einem +wesentlichen Merkmal auf und legen ihm ein anderes wesentliches Merkmal +bei, so schreiben wir offenbar dem Subjekt etwas zu, das nicht in ihm +enthalten ist. Natürlich kommt dem Subjekt auch das zu, was in ihm +enthalten ist, und so ergiebt sich als besonderer Fall des Gesetzes der +Übereinstimmung das Gesetz des Enthaltenseins, das die Formen fünf bis +acht umfasst. + +Es giebt sehr vieles, was in einem Subjekt nicht enthalten ist und ihm +doch nicht abgesprochen werden darf, vielmehr zugesprochen werden muss. +Freilich liegt es sehr nahe, alle Urteile für analytische oder +Erläuterungsurteile, d. h. auf dem Verhältnis des Enthaltenseins beruhende +Urteile zu halten, wenn man bloss auf den gedanklichen Ausdruck der +Urteile achtet. Allein diesem gedanklichen Ausdruck, der immerhin als +blosse Analyse betrachtet werden mag, liegt eine Synthese zugrunde. Wir +denken, ehe wir urteilen, das Subjekt unter dem Gesichtspunkt des +Prädikats. Die Zusammengehörigkeit beider drängt sich uns auf, wir sehen +sie ein, und nun machen wir sie im Urteil geltend. Das alles sind wahre +Synthesen, sie kehren bei allen Urteilen, die für den Fortschritt unsres +Erkennens von Bedeutung sind, wieder. Fasst man das so unter dem +Gesichtspunkte des Prädikats gedachte Subjekt als eine Einheit auf, so ist +das Urteil natürlich, wie es sich uns in seinem gedanklichen Ausdruck +darstellt, ein bloss analytischer Vorgang. Wäre es _bloss_ dies, dann gäbe +es keinen Fortschritt in unsrem Erkennen, da alles Erkennen sich in +Urteilen vollzieht, oder darin wenigstens seinen gedanklichen Ausdruck +findet. Der Begriff des Enthaltenseins und des analytischen Verfahrens +thut unsrem Erkennen nicht genüge; wir müssen ihn ersetzen durch den der +Zusammengehörigkeit und der Synthese. + +Vom Enthaltensein kann nur bei einander über- oder untergeordneten +Begriffen die Rede sein; der übergeordnete Begriff ist in dem +untergeordneten enthalten. Dieses Verhältnis gilt also nur für die +sogenannten logischen Teile, für die Gattungs- und Artmerkmale, nicht für +die metaphysischen Teile. Geschwindigkeit und Richtung sind nicht in der +Bewegung enthalten, Stärke und Höhe nicht im Tone, sie sind Eigenschaften, +notwendige Eigenschaften von Bewegung und Ton, ohne die beide nicht sein +können, aber nicht Merkmale, die ihnen übergeordnet werden könnten; oder +genauer, die eine Gattung bilden, der Bewegung und Ton untergeordnet sind. +Das Verhältnis des Enthaltenseins ist das Verhältnis des Allgemeinen zum +Besondren. Es ist nicht das einzige, nicht einmal das wichtigste +Verhältnis für unser Erkennen. Die Inhaltsmerkmale oder Constitutive eines +Begriffs sind in ihm wirklich enthalten; sie sind ausser dem letzten +unterscheidenden Merkmale auch Merkmale des höheren, übergeordneten Art- +oder Gattungsbegriffes, und verhalten sich darum zu dem Begriff in der +That wie das Allgemeine zum Besondren. Der Gedanke liegt freilich nahe, +dass dieses Verhältnis, wenn nicht das einzige, so doch das +hauptsächlichste für unser Erkennen bildet. Gilt doch allgemein bei den +Aristotelikern das Prädikat des Urteils als der allgemeinere Begriff und +wird hiernach das Verhältnis von Subjekt und Prädikat als ein +Subsumtionsverhältnis bestimmt. Statt der Baum blüht, sollen wir hiernach +sagen, der Baum ist blühend, oder besser noch, ein blühendes Etwas; statt +der Mensch ist sterblich, der Mensch ist ein sterbliches Wesen. Auf diese +Weise wird freilich das Urteil in das Subsumtionsverhältnis eingespannt. +Aber die Eigentümlichkeit der von diesem Verhältnis verschiedenen +Verhältnisse von Ding und Vorgang, Ding und Eigenschaft werden dabei +unterdrückt und beseitigt. Man muss die vier Kategorien von Begriffen +unterscheiden: Ding, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung. In jeder dieser +Kategorien giebt es über- und untergeordnete Begriffe, aber man kann die +Begriffe der einen Kategorie nicht denen der andren über- oder +unterordnen. Der Vorgang hat das Eigentümliche eines zeitlichen Anfangs, +Verlaufs und Endes, das einer Reihe von Veränderungen eines Veränderlichen +gleichkommt. Die Eigenschaft hat das Eigentümliche eines Unselbständigen +gegenüber einem Selbständigen, das an dessen Sein teilnimmt und ohne +dasselbe nicht vorhanden sein kann. Die Beziehung hat das Eigentümliche, +dass sie zwischen zwei Gliedern besteht und ohne diese Glieder nicht +vorhanden sein kann. Überall handelt es sich hier um Verhältnisse, die vom +Verhältnis des Allgemeinen zum Besondren oder vom Verhältnis des +Enthaltenseins verschieden sind und für unser Erkennen eine viel +wichtigere Rolle spielen. Die Eigenschaft ist das Endglied des +Substanzverhältnisses, der Vorgang das Mittelglied des +Ursachverhältnisses, die Beziehung das, was die Zusammenfassung der +einzelnen Wahrheiten zu dem System oder Reiche der Einen Wahrheit +ermöglicht. + +Die einzige Möglichkeit, alles auf das Verhältnis des Enthaltenseins +zurückzuführen, besteht darin, dass man auch die sogenannten negativen +Merkmale als in den Dingen enthalten oder als Inhaltsmerkmale derselben +betrachtet. Dann ist in jedem Gegenstande alles Aussagbare enthalten. +Allein negative Merkmale setzen negative Urteile voraus und haben nur in +ihnen Halt und Bestand. Durch diese negativen Urteile werden sie aber +gerade von den betreffenden Gegenständen ausgeschlossen. Man müsste also +das Ausgeschlossene als eingeschlossen, d. h. das, was nicht zum Inhalt +gehört, als zum Inhalt gehörend, oder das, was nicht Bestandteil des +Inhalts ist, als Bestandteil des Inhalts betrachten, wollte man die +negativen Merkmale für Inhaltsmerkmale erklären. Heutzutage, wo wir so +stark sind in dem Voraussehen der Konsequenzen im praktischen Leben sowohl +wie in der Wissenschaft, dass wir darüber die Prinzipien kaum noch +beachten oder ununtersucht auf sich beruhen lassen, ist es nicht zu +verwundern, dass alles zur Analyse drängt und von Synthese nichts wissen +will. Aber der Natur und dem Wesen des Erkennens geschieht damit nicht +genüge. Das ist es, was wir betonen möchten. + +Das Gesetz der Übereinstimmung, des Enthaltenseins und des Widerspruchs +sind Gesetze für die Einzelurteile, aber auch die einzigen Gesetze, nach +denen die Wahrheit und Falschheit der Einzelurteile bestimmt werden kann. +Sie sind in allen ihren Formen, jede für sich genommen, unmittelbar +einleuchtend. Das gewöhnlich aufgestellte Gesetz des ausgeschlossenen +Dritten ist nicht Gesetz für ein Einzelurteil sondern nur für das +Verhältnis zweier Urteile zu einander. Es lautet: Wenn von zwei Urteilen +eins dasselbe bejaht, was das andere verneint, -- so ist notwendig eins +von beiden wahr, sie können nicht beide falsch sein, die Wahrheit ist +nicht ein Drittes, von Bejahung und Verneinung nicht Betroffenes; -- sie +können nicht beide wahr sein, eins von beiden ist falsch, auch die +Falschheit ist nicht ein Drittes, weder in der Bejahung noch in der +Verneinung Ausgedrücktes. Nach diesem Gesetze folgt aus der Wahrheit von +eins die Falschheit des Gegenteils von zwei, aus der Falschheit des +Gegenteils von zwei die Wahrheit von zwei; und dasselbe gilt von drei und +vier, von fünf und sechs, von sieben und acht. Eigentlich heisst das +Gesetz nur: zwischen Bejahen und Verneinen giebt es kein Mittleres; +Bejahen und Verneinen sind ausschliessende Gegensätze. Dass sie es sind, +kommt uns bei einem Vergleiche von eins und zwei, drei und vier, fünf und +sechs, sieben und acht zum Bewusstsein. Aber auch nur hier, wo es sich um +das Einzelwirkliche handelt. + + + Vierzehnte Untersuchung + + +Gesetze des Erkennens. (Fortsetzung.) + +Giebt es keine weiteren Gesetze des Erkennens? Die genannten Gesetze sind +eigentlich nur Gesetze für das Einzelwirkliche; sie geben Bestimmungen +über das, was zu ihnen gehört oder nicht zu ihnen gehört. Sofern dieses +Einzelwirkliche das Subjekt der Urteile bildet, sind sie Gesetze der +Urteile. Aber das Einzelwirkliche ist Glied der Gesamtwirklichkeit, und +diese seine Stellung zur Gesamtwirklichkeit macht sein eigentliches Wesen +aus. Es muss auch Gesetze für den Zusammenhang alles Wirklichen geben, den +wir auf dem Wege des Schlusses erkennen. Diese Gesetze sind darum Gesetze +des Schlusses. Es sind drei Gesetze: das Gesetz der Einheit, das Gesetz +der Kausalität und das Gesetz des Grundes. Es ist eine alte Rede vom +Einheitsstreben unserer Vernunft. Aber Einheit ist nicht Einerleiheit, +nicht Dieselbheit, sogern das auch der Analytiker annähme. Die rein +äusserlichen Orts- und Zeitbestimmungen, deren wir zur Unterscheidung des +Einzelwirklichen von einander bedürfen, setzen feste Punkte in Raum und +Zeit voraus, die dann aber sofort sich in lauter Beziehungen auflösen. +Beziehungen ohne Beziehungsglieder sind undenkbar. Also muss ein über +allen Zeit- und Raumbestimmungen stehendes Sein angenommen werden, das +diesen Beziehungen Halt und Bestand giebt. Unser Bewusstsein, das +ebenfalls dem Fluss der Zeit angehört, kann dieses Sein nicht ausmachen. +Man kann sich auch nicht darauf berufen, dass Raum und Zeit etwa nur +Formen unserer Anschauung sind. Das mag sein, eine Bedeutung für die Welt +der Wirklichkeit kommt ihnen unzweifelhaft zu, mögen wir dieselbe kennen +oder nicht. Zu dem gleichen Ergebnis führte schon den Aristoteles die +Bewegung, die er als eine anfangslose betrachtete. Nehmen wir eine +rückwärts sich erstreckende unendliche Zahl von Bewegungsgliedern an, von +denen das nachfolgende Glied immer von dem vorausgehenden abhängt, so +haben wir lauter abhängige Glieder; die unendliche Reihe ist so lange ohne +Halt und Bestand, als wir nicht ein über ihr stehendes Unbewegtes, den +unbewegten Beweger des Aristoteles annehmen, in dem die Bewegung ihren +Grund hat, ohne dass er an ihr teilnimmt. Wir betonten früher, dass es +keine Einzelwahrheit giebt und demnach auch strenggenommen keine einzelnen +Wesen, da alles mit einander im Zusammenhang steht, und das Eine in dem +Andern seine Stütze und seine Begründung findet. Das Reich der Wahrheit +ist ein Ganzes, keine Summe von Teilen, kein wirres Durcheinander, sondern +eine nach Gründen geordnete oder besser durch einen +Begründungszusammenhang gegliederte Einheit. Jede Wahrheit hat ihren +objektiven Grund, auch die unmittelbar einleuchtenden Thatsachen und +Prinzipien, für die wir einen Beweis nicht führen können und die in sofern +_subjektiv_ für uns _grundlos_ sind. Man könnte sich das Reich der +Wahrheit nun als ein System von Gliedern denken, die sich gegenseitig +stützen und tragen. Allein die Beziehung zur Erkenntnis ist der Wahrheit +wesentlich. Die Wahrheiten sind keine Dinge an sich, die wir so erkennen, +wie sie unerkannter Weise sind. Ihr Einheitspunkt ist darum das ihnen +allen gemeinsame göttliche Erkennen oder Denken, an dem unser Erkennen +teilnimmt. In ihm haben sie ihren letzten _objektiven Grund_, ganz +verschieden von dem subjektiven Grund unserer Einsicht. In diesen +Gedankengängen von den Zeit- und Ortsbestimmungen zu dem über Zeit und Ort +Erhabenen, von der Bewegung zu dem unbewegten Beweger, von dem System der +Wahrheiten zu dem Erkennenden und Denkenden, in dem es seinen Grund hat, +macht sich das Einheitsgesetz unseres Denkens geltend. Es lautet: Das +System der Wahrheit setzt einen Erkennenden voraus, in dem es seine +Einheit hat. + +Als weiteres Gesetz unseres Erkennens bezeichnen wir das Gesetz der +Kausalität: Was anfängt zu existieren, setzt ein Anderes voraus, das bei +seinem Anfange schon vorhanden ist und diesen Anfang ermöglicht -- Gesetz +der Ermöglichung. Das Gesetz der Kausalität verhält sich ähnlich zum +Einheitsgesetz wie das des Widerspruchs zum Gesetz der Übereinstimmung. +Wie das Gesetz des Widerspruchs zum Gesetze der Übereinstimmung +hinüberleitet, so das Gesetz der Kausalität zum Einheitsgesetz. Meistens +müssen wir uns mit der Wegräumung des Unwesentlichen begnügen, und dazu +verhilft uns das Gesetz des Widerspruchs immer, auch wenn wir nicht im +stande sind, das Wesentliche oder eigentliche Wesen der Dinge zu erkennen. +Meistens müssen wir uns auch zufrieden geben mit der Herstellung des +Kausalzusammenhangs der Dinge mittels des Kausalitätsgesetzes. Und diese +Herstellung gelingt uns fast immer, wenn wir auch die Stellung der Dinge +in der Gesamtheit des Wirklichen nach dem Einheitsgesetz nicht zu erkennen +vermögen. Falsch ist die Formel des Gesetzes: Was anfängt zu existieren, +setzt ein Anderes voraus, aus dem es notwendig hervorgeht. Diese Formel +schiebt das Gesetz der Kausalität in das Gesetz des Grundes hinein, die +Wirkung wird dadurch zur blossen logischen Folge herabgesetzt. Was immer +unter dem causari verstanden werden mag, es ist verschieden von sequi. Das +Gesetz der Kausalität in der von uns gegebenen Form ist unmittelbar +evident. Es leuchtet uns unabweislich ein, dass kein Ding sich den Anfang +seines Seins selbst geben kann, sondern eines Andern bedarf, das diesen +Anfang ermöglicht, obgleich die erstere Annahme keineswegs einen +Widerspruch einschliesst. Sicher wäre es widersprechend, wenn man annehmen +wollte, ein Ding könne freilich nicht selbst seinen Anfang ermöglichen, +und doch leugnete, dass dazu etwas von ihm Verschiedenes schon bei seinem +Anfange Vorhandenes notwendig sei. Aber bedarf es einer Ermöglichung des +Anfangs? Darüber sagt uns das Gesetz des Widerspruchs nichts. Das Gesetz +der Kausalität bejaht die Frage, und diese Bejahung drückt seinen +eigentlichen Sinn aus. Natürlich ist das Gesetz der Kausalität auch ganz +etwas andres, als das von der Gleichförmigkeit des Naturlaufs, das auf +induktivem Wege gewonnen wird, und als das viel weniger gesicherte +Seitenstück desselben, dass alle Denkenden unter gleichen Umständen +gleiche Urteile fällen. Das Gesetz von der Gleichförmigkeit des Naturlaufs +ist nur eine Zusammenfassung unserer Erfahrungen von der Qualität der +Ursachen oder Ermöglichungsgründe, worüber uns natürlich nur die Erfahrung +und nicht das ganz allgemeine Gesetz der Kausalität oder Ermöglichung +belehren kann. Von Evidenz kann bei dem Gesetze der Gleichförmigkeit keine +Rede sein. + +Als letztes Gesetz erwähnen wir das Gesetz des Grundes. Es lautet: Bei +Bejahung des Grundes muss auch die Folge bejaht werden, und bei Verneinung +der Folge muss auch der Grund verneint werden. Da eine Folge verschiedene +Gründe haben kann, so gilt wenigstens nicht allgemein die Umkehrung des +ersten Teiles des Gesetzes: Bei Bejahung der Folge muss auch der Grund +bejaht werden. Da die Folge im Grunde enthalten ist, so gilt natürlich +immer: Wenn die Folge, das Enthaltene, nicht vorhanden ist, so ist auch +der Grund, das die Folge notwendig Enthaltende, nicht vorhanden. Es +handelt sich hier offenbar lediglich um das Verhältnis des Enthaltenseins. +Das Gesetz des Grundes ist nichts andres, als das Gesetz des +Enthaltenseins in seiner Anwendung auf zwei oder mehrere Urteile, die sich +wie Grund und Folge verhalten. Natürlich kann das Gesetz des Grundes +ebensowenig wie das des Enthaltenseins zu einer Erweiterung unserer +Erkenntnisse dienen und hat deshalb, wie dieses letztere, einen bloss +formalen Charakter. + +Wenn wir das in einem Subjekt Enthaltene von ihm leugnen, das in einem +bejahten Urteil enthaltene andere Urteil leugnen, oder auch trotz der +Verneinung des enthaltenen Urteils das enthaltende bejahen, so verstossen +wir nicht bloss gegen das Gesetz des Enthaltenseins und gegen das Gesetz +des Grundes sondern auch gegen das Gesetz des Widerspruchs: wir +widersprechen uns selbst. Insofern kann man die Form, welche wir, die +Verneinung zu Hülfe nehmend, dem Gesetze des Grundes geben können: Bei +Bejahung des Grundes darf nicht die Folge verneint und bei Verneinung der +Folge nicht der Grund bejaht werden, als dritte Form des Gesetzes des +Widerspruchs bezeichnen. Das, was wir als erste Form des Gesetzes des +Widerspruchs bezeichnen können: Das Nichtzugehörige nicht zusprechen oder +als zugehörig bejahen, ist natürlich von etwas anderer Art als die dem +Verhältnis des Enthaltenseins entsprechende zweite und dritte Form des +Gesetzes. Wer gegen diese zweite und dritte Form verstösst, widerspricht +sich selbst, wer hingegen gegen die erste Form verstösst, legt bloss einem +Subjekt ein nicht zu ihm gehörendes Prädikat bei, das im Subjekt nicht +enthalten ist, ihm also auch nicht widerspricht. Aber er legt doch ein +nicht zugehörendes Prädikat als zugehörend bei und begeht in sofern einen +Widerspruch. + +Das Gesetz der Übereinstimmung, das Einheitsgesetz und das Gesetz der +Kausalität sind Realgesetze, die den Fortschritt unsres Denkens +ermöglichen und begründen, müssen darum als Gesetze des Erkennens im +strengen Sinne bezeichnet werden; das Gesetz des Enthaltenseins und das +Gesetz des Grundes sind Formalgesetze, nach denen der Inhalt der +gewonnenen Erkenntnis zergliedert wird, also eigentlich Denkgesetze. Indes +auch durch Verneinung des Nichtzugehörigen und ebenso auch durch +Verneinung des Nichtenthaltenen findet entschieden ein Fortschritt des +Erkennens statt. Insofern kann auch das Gesetz des Widerspruchs eine reale +Bedeutung haben. + + + Fünfzehnte Untersuchung. + + +Erkenntnis und blinde Überzeugung. + +Wir unterschieden den Blick, der die zusammengehörigen Merkmale entdeckt; +das Sichaufdrängen oder Einleuchten der Zusammengehörigkeit; das Sehen, +Wahrnehmen dieser Zusammengehörigkeit oder die Einsicht in dieselbe, worin +der eigentliche Erkenntnisakt besteht; den gedanklichen Ausdruck der +Zusammengehörigkeit im Urteil; das Bewusstsein der Objektivität oder +Wahrheit des Urteils, das dem Einleuchten oder Sichaufdrängen der +Zusammengehörigkeit entspricht; endlich die Überzeugung von der Wahrheit +oder Gültigkeit des Urteils, die zur Gewissheit wird, wenn sie jeden +Zweifel ausschliesst. Die thörichte Frage, ob das Ding so ist, wie wir es +mit den leiblichen Augen sehen, stellen wir nicht, auch nicht die, ob ein +solches Ding existiert, sondern die andere, was das Ding seinem Wesen, +seiner Wahrheit nach ist. Das hängt natürlich von seiner Stellung in der +Gesamtheit des Wirklichen ab und kann nur mit dem Auge des Geistes gesehen +werden. + +Das auf Einsicht beruhende Urteil und die auf Einsicht beruhende +Überzeugung haben natürlich, wie die Einsicht selbst, in dem Einleuchten +der Zusammengehörigkeit einen vernünftigen sie vollkommen rechtfertigenden +Grund, der aber, wie wir sehen werden, keineswegs zwingend ist. Einsicht +darf nicht mit Denknotwendigkeit verwechselt werden. Allein Urteil und +Überzeugung können auch ohne vernünftigen Grund eintreten. Wir sprechen +dann von blindem Urteil, blinder Überzeugung. Natürlich hat auch das +blinde Urteil und die blinde Überzeugung einen Grund, nur keinen +zureichenden, wirklich rechtfertigenden Grund. Ihr Grund besteht in den +Gefühlen des Gefallens und Missfallens, der Abneigung und Zuneigung, in +der durch die Meinung anderer, zu der auch die öffentliche Meinung gehört, +entstehenden Gewöhnung, in den von dort her rührenden Vorurteilen der +Familie, des Standes, der Nation, der Konfession, des Berufs, in der +Erziehung, in ererbten und erworbenen Gehirndispositionen, endlich im +Egoismus und Lebenstrieb, der sich im Wettbewerb und im Kampfe ums Dasein +kundgiebt. Aus allen diesen Gründen entsteht zunächst ein blindes +Urteilen, oder gedankliches Behaupten, das, wenn es oft genug wiederholt +wird, eine blinde Überzeugung zur Folge hat, die freilich auch unmittelbar +aus diesen Gründen, insbesondere aus den Gefühlen der Abneigung und +Zuneigung, des Gefallens und Missfallens, dann aus dem Egoismus und +Lebenstriebe hervorgehen kann. Diesem blinden Urteilen und Überzeugtsein +folgt dann das vermeintliche Sehen, Wahrnehmen der Zusammengehörigkeit, +die vermeintliche Einsicht in dieselbe, die natürlich keine Erkenntnis +ist, weil sie des vernünftigen Grundes, auf dem alle Erkenntnis beruht, +ermangelt. Die Erkenntnis ist wirkliche, nicht bloss vermeintliche +Einsicht in die Zusammengehörigkeit und beruht auf dem Einleuchten dieser +Zusammengehörigkeit. Diese wirkliche Einsicht geht immer dem Urteil, der +gedanklich behaupteten Zusammengehörigkeit, voran und unterscheidet sich +dadurch wesentlich von der vermeintlichen Einsicht. Wie solche blinden +Urteile und Überzeugungen des vernünftigen, sie rechtfertigenden Grundes +ermangeln, der nur in dem Einleuchten der Wahrheit bestehen kann, so +ermangeln sie damit auch des Kennzeichens der Wahrheit, das eben in diesem +Einleuchten besteht. Wenn sie wahr sind, so sind sie doch nur zufälliger +Weise wahr; eine Bürgschaft für ihre Wahrheit bieten sie in keiner Weise. + +Mit der in der Einsicht bestehenden Erkenntnis ist immer eine Gewissheit +verbunden, sie ist von derselben unabtrennbar. Unter Gewissheit aber +verstehen wir eine Überzeugung, die jeden Zweifel ausschliesst. So lange +wir zweifeln, hin- und herschwanken, oder auch die Gründe für oder gegen +eine Sache abwägen, erkennen wir nicht. Wenn wir aber sagen: das ist +zweifelhaft, entweder weil gar keine Gründe dafür sprechen, oder weil die +Gründe, die dafür sprechen, nicht durchschlagend sind; wenn wir ferner +sagen: das ist wahrscheinlich oder das ist unwahrscheinlich, weil mehr +oder weniger Gründe für eine Sache sprechen als für ihr Gegenteil, so ist +das eine Erkenntnis; wir sagen so, weil wir es einsehen. Eine +wahrscheinliche oder zweifelhafte Einsicht giebt es nicht, sondern nur +eine Einsicht, dass etwas wahrscheinlich oder zweifelhaft ist. Die +Einsicht ist eben immer mit der Gewissheit verbunden und von ihr +unabtrennbar, aber auch die blinde Überzeugung kann jeden Zweifel +ausschliessen und so zur Gewissheit werden. Von dieser Art ist +unzweifelhaft die Überzeugung des Fanatikers oder desjenigen, der +blindlings einem Andern in rückhaltloser, unbedingter Weise vertraut. Ihre +Überzeugung schliesst sicher jeden Zweifel aus und muss darum als +Gewissheit bezeichnet werden. Freilich ist das eine blinde Gewissheit, die +von der auf Einsicht beruhenden und von ihr unabtrennbaren Gewissheit +verschieden ist. Offenbar hat die Gewissheit, insofern sie jeden Zweifel +ausschliesst, also nach ihrer negativen Seite, keine Grade; nach ihrer +positiven Seite hat sie allerdings, wenigstens als blinde Gewissheit, +ebenso wie die blinde Überzeugung, Grade. Die blinde Gewissheit kann nicht +als ein Maximum der blinden Überzeugung betrachtet werden, sondern ist +durch die Leidenschaftlichkeit des Blindglaubenden einer Steigerung bis +ins Unermessliche fähig. Anders scheint es mit der auf Einsicht beruhenden +Gewissheit zu sein. Die Einsicht hat natürlich keine Grade, sie ist +entweder vorhanden oder nicht vorhanden. Ein Mehr oder Minder giebt es +hier nicht. Dasselbe scheint auch von der mit der Einsicht verbundenen +Gewissheit zu gelten. Sie ist nicht bloss nach ihrer negativen sondern +auch nach ihrer positiven Seite ohne Grade. + + + Sechzehnte Untersuchung. + + +Zulänglichkeit des Kennzeichens der Wahrheit. + +Es ist keine Frage, dass es ein vermeintliches Einleuchten giebt, dass wir +oft glauben, die Zusammengehörigkeit leuchte uns ein und doch hinterher +bekennen müssen, dass wir uns getäuscht haben. Wir wechseln nicht bloss +unsere Ansichten sondern auch unsere Einsichten, verwerfen eine frühere +Einsicht als bloss vermeintlich und setzen eine andere möglicherweise +wieder vermeintliche an ihre Stelle. Alles auf Grund des, sei es +wirklichen, sei es vermeintlichen Einleuchtens. Wie kann da dieses +Einleuchten noch als massgebendes und entscheidendes Kennzeichen der +Wahrheit betrachtet werden? Wir haben schon gezeigt, dass die mit Einsicht +verbundene Gewissheit von andrer Art ist als die ohne Einsicht. Was von +der Gewissheit gilt, die ohne Einsicht eintritt, muss natürlich auch von +der Gewissheit behauptet werden, die sich mit der vermeintlichen Einsicht +verbindet. Da sich nun immer mit der vermeintlichen Einsicht ebenso wie +mit der wirklichen eine Gewissheit verbindet, so können wir beide schon +durch die Art der mit ihnen verbundenen Gewissheit unterscheiden. Aber +auch abgesehen von diesem Unterschiede zwischen der vermeintlichen und +wirklichen Einsicht können wir uns der ersteren erwehren und ihr gegenüber +die letztere zur Geltung bringen. Der vermeintlichen und wirklichen +Einsicht entspricht das vermeintliche und wirkliche Einleuchten oder +Evidentsein eines Sachverhaltes. Es kann nun irgend etwas mittelbar oder +unmittelbar einleuchtend sein. Alle des Beweises bedürftigen Sätze sind, +wenn sie bewiesen sind, mittelbar einleuchtend; unmittelbar einleuchtend +ist nach unsrer Auffassung nicht bloss das Gesetz des Widerspruchs, +sondern auch das der Ermöglichung oder Kausalität. + +Nehmen wir nun an, dass ein Satz in mittelbarer Weise einleuchtend zu sein +scheint, so können wir, wenn sein Gegenteil mittelbar einleuchtend gemacht +werden kann, einen Beweis hierfür erbringen und dadurch den Schein des +Einleuchtens beseitigen. Mag aber das Gegenteil des Satzes auch eines +Beweises nicht fähig sein, in jedem Falle sind wir im stande, den Beweis, +der für den in mittelbarer Weise scheinbar einleuchtenden Satz geführt +wird, zu prüfen und, falls sich hierbei ein Fehler ergiebt, durch diese +Prüfung den Schein des Einleuchtens zu zerstören. Nehmen wir ferner an, +dass ein Satz in unmittelbarer Weise einleuchtend zu sein scheint, so +können wir für das Gegenteil einen Beweis zu führen suchen und dadurch den +Schein des Einleuchtens entfernen. Es bleibt noch ein Fall als möglich +übrig. Ein Satz könnte unmittelbar einleuchtend scheinen und sein +Gegenteil auch nur unmittelbar einleuchten, sodass wir also keinen Beweis +für dasselbe zu führen im Stande sind. Hier stehen nun freilich Ja und +Nein einander gegenüber, und eine Entscheidung ist unmöglich. Aber dieser +vierte Fall ist in der Geschichte der Philosophie nicht vorgekommen. +Heraklit und Hegel haben das Gesetz des Widerspruchs geleugnet, aber ihr +Recht zu dieser Leugnung durch einen Beweis darzuthun gesucht. In neuester +Zeit hat man das Gesetz der Kausalität nicht eigentlich geleugnet aber +doch bezweifelt, dass es unmittelbar einleuchtend sei. Aber auch diesen +Zweifel sucht man zu begründen, indem man dem Gesetze der Kausalität das +Gesetz von der Gleichförmigkeit des Naturlaufs, das nur auf einer +Induktion beruht, substituiert -- eine Zusammenfassung unsrer Erfahrungen +über die Qualität der zu bestimmten Wirkungen gehörenden Ursachen. Solche +Gedankengänge, die das unmittelbare Einleuchten gewisser Sätze bestreiten, +kommen natürlich im wirklichen Leben nicht vor. Man ist hier eher geneigt, +das unmittelbare Einleuchten gewisser dem sinnlichen Schein oder einer +unberechtigten Verallgemeinerung zu liebe aufgestellter Sätze zu +behaupten, wie z. B. das unmittelbare Einleuchten des Satzes, dass die +Sonne still steht. Hier ist es ein Leichtes, durch den Beweis des +Gegenteils den Schein des unmittelbaren Einleuchtens zu zerstören. + +Es ergiebt sich, dass wir dem unleugbaren Vorkommen einer vermeintlichen +Einsicht und eines vermeintlichen Einleuchtens nicht ratlos +gegenüberstehen und uns hierdurch in der Annahme des Einleuchtens der +Zusammengehörigkeit als eines zuverlässigen und entscheidenden +Kennzeichens der Wahrheit nicht irre machen lassen dürfen. Wir können +nicht bloss die wirkliche Einsicht von der vermeintlichen an bestimmten +Merkmalen unterscheiden, wir können auch die entstehende vermeintliche +Einsicht überwinden, und zwar durch die wirkliche Einsicht. + + + Siebzehnte Untersuchung. + + +Einsicht und Denknotwendigkeit. + +Die Einsicht oder Erkenntnis beruht, wie wir sahen, auf einem +vernünftigen, zureichenden, sie völlig rechtfertigenden Grunde. Es ist +aber zu beachten wichtig, dass dieser Grund nicht zwingend wirkt. Einsicht +hat nichts mit äusserem Zwange oder innerer Nötigung gemein; sie kann +darum auch keineswegs mit Denknotwendigkeit verselbigt werden. Allerdings +kommt in unsren Schlussfolgerungen aus der Einsicht häufig so etwas wie +Denknotwendigkeit zum Ausdruck. Wir sagen: es kann nicht anders sein, es +muss so sein. Wir sagen das nicht bloss, wenn es sich um begriffliche, +sondern auch, wenn es sich um bloss thatsächliche Wahrheiten handelt. Wenn +wir sie einsehen, so erscheint uns das Gegenteil ausgeschlossen, also +unmöglich. Woher kommt das? Offenbar lediglich von der mit der Einsicht +verbundenen Gewissheit. Wir sind gewiss, das heisst, aller Zweifel und +damit auch die Möglichkeit, dass es anders sein könnte, die Möglichkeit +des Gegenteils ist ausgeschlossen. So sagen wir denn eben wegen dieser +Gewissheit: so muss es sein. Soll das etwa heissen, dass zwischen den +zusammengehörigen Gliedern, deren Zusammengehörigkeit wir einsehen, ein +Notwendigkeitszusammenhang besteht? Sicherlich nicht. Denn sonst dürften +wir nicht in gleicher Weise reden, wenn es sich um bloss thatsächliche +Wahrheiten handelt, bei denen offenbar die Annahme eines +Notwendigkeitszusammenhangs ausgeschlossen ist. Indes könnte immerhin die +Einsicht überall da mit der Denknotwendigkeit verselbigt werden müssen, wo +ein solcher Notwendigkeitszusammenhang des Zusammengehörigen vorliegt. Das +bedarf einer nähern Untersuchung. + +Es fragt sich, ob bei allen begrifflichen Sätzen eine solche +Denknotwendigkeit vorhanden ist, und weiterhin, ob dort, wo sie vorhanden, +die Denknotwendigkeit mit der Einsicht ein und dasselbe ist. In den +Gesetzen des Erkennens und Denkens kommt anscheinend überall eine +Denknotwendigkeit zum Ausdrucke. Gesetz der Übereinstimmung: Das +Zugehörige _muss_ zugesprochen, _darf nicht_ abgesprochen, das +Nichtzugehörige _darf nicht_ zugesprochen, _muss_ abgesprochen werden. Das +Gesetz des Enthaltenseins: Das Enthaltene _muss_ zugesprochen, _darf +nicht_ abgesprochen, das Nichtenthaltene _darf nicht_ als enthalten +zugesprochen, _muss_ abgesprochen werden. Das Gesetz der Einheit: Das +System der Wahrheit setzt _notwendig_ einen Denkenden voraus. Das Gesetz +der Ermöglichung: Was anfängt, zu existieren, setzt _notwendig_ ein +Anderes voraus, das bei seinem Anfange schon vorhanden ist und diesen +ermöglicht. Das Gesetz des Grundes: Aus der Wahrheit des Grundes ergiebt +sich _notwendig_ die Wahrheit der Folge, aus der Falschheit der Folge die +Falschheit des Grundes. Das »muss«, »darf nicht«, »notwendig« drückt hier +zunächst auch nichts anderes als die Gewissheit aus, die jeden Zweifel und +damit die Möglichkeit des Andersseinkönnens ausschliesst. Aber es verhält +sich doch bei diesen Gesetzen mit der Notwendigkeit nicht gleichmässig. +Ein Notwendigkeitsverhältnis zwischen dem Ding und dem von ihm Ausgesagten +liegt unzweifelhaft vor, wenn das Ausgesagte in dem Dinge enthalten ist. +Natürlich ebenso, wenn es sich nicht um Dinge sondern um Urteile handelt, +wenn nach dem Gesetze des Grundes aus der Wahrheit des den Grund bildenden +Urteils die Wahrheit des die Folge ausdrückenden Urteils und wenn aus der +Falschheit des die Folge ausdrückenden Urteils die Falschheit des den +Grund bildenden Urteils erschlossen wird. In diesen beiden Fällen, +allgemeiner: in Urteilen, wo es sich um ein Enthaltensein handelt, mag man +von einer Denknotwendigkeit reden, aber man darf eben nur dies mit dem +Enthaltensein gegebene Notwendigkeitsverhältnis darunter verstehen. Wir +sind durch nichts äusserlich gezwungen oder innerlich genötigt, das in +einem Dinge Enthaltene von ihm auszusagen oder aus einem Urteil als dem +Grunde ein anderes als seine Folge abzuleiten. Wir sehen freilich mit +einer allen Zweifel ausschliessenden Gewissheit ein, dass das Urteil, in +dem wir das in einem Ding Enthaltene von ihm aussagen, notwendig wahr sein +muss, ebenso, dass das Urteil wahr sein muss, das sich als Folge aus einem +andren Urteil als seinem Grunde ergiebt. Aber wiederum ist zu beachten +wichtig, dass diese Einsicht in die Wahrheit der Urteile mit der im +Enthaltensein gegebenen Denknotwendigkeit nichts zu thun hat, von ihr ganz +und gar verschieden ist und sich in keiner Weise auf sie stützt. Es +ergiebt sich, dass, wenn auch in Bezug auf das Enthaltensein von +Denknotwendigkeit geredet werden kann, diese Denknotwendigkeit doch nicht +mit der Einsicht verwechselt oder verselbigt werden darf. + +Auch in Bezug auf das zusammengehörige Nichtenthaltene kann von +Denknotwendigkeiten geredet werden. Man hat von jeher unterschieden +zwischen den Proprietäten oder wahren Eigenschaften, die nicht als +Merkmale im Ding enthalten sind und ihm doch notwendig zukommen, und +zwischen den Accidentien, die ihm zukommen können. Richtung und +Geschwindigkeit sind für die Bewegung, Stärke und Höhe für den Ton solche +Eigenschaften, aber die bestimmte Richtung und Geschwindigkeit, die +bestimmte Stärke und Höhe sind nicht notwendig. Ohne jene Eigenschaften +kann Bewegung und Ton gar nicht vorhanden sein, wohl aber ohne diese +Bestimmtheiten. Die Zugehörigkeit ist hier Denknotwendigkeit. Aber es ist +zu beachten wichtig: nicht weil es denknotwendig ist, betrachten wir +dieses Zugehörige als zugehörig, sondern nur darum, weil uns die +Zugehörigkeit einleuchtet und wir sie einsehen. Jede Eigenschaft setzt +ferner ein Selbständiges, jede Bewegung, jede Veränderung ein Bewegliches, +ein Veränderliches, ein Beharrliches voraus. Wir können das nicht anders +denken; also wiederum eine Denknotwendigkeit innerhalb des Zugehörigen, +Nichtenthaltenen. Es scheint, als wenn dieser Denknotwendigkeit gar keine +Einsicht entspricht. Wir sehen ein, dass und warum das Enthaltensein +denknotwendig ist; aber wir sehen nicht ein, warum wir in unsrem Denken +für die Eigenschaft ein Selbständiges, für die Bewegung ein Bewegliches, +für die Veränderung ein Veränderliches voraussetzen müssen. Wir können nur +sagen, die Einrichtung unsres Denkens bringt das so mit sich. Die Röte hat +doch ihren eigenen Inhalt, ebenso die Bewegung, ebenso die Veränderung. +Warum setzt sie etwas voraus, das rot ist, sich bewegt, sich verändert? +Hier scheint bloss ein blindes Müssen vorhanden zu sein, das auf einer +Einrichtung, auf einem Mechanismus unsres Denkorganismus beruht. Es +scheint nicht unwichtig zu beachten, dass keine Denknotwendigkeit besteht, +jedes Selbständige mit Eigenschaften auszustatten oder jedem Beharrlichen +eine Bewegung oder Veränderung zuzuschreiben. Wenn wir einem +Selbständigen, einem Dinge eine Eigenschaft zuschreiben, ihm Bewegung oder +Veränderung beilegen, so geschieht das, weil uns die betreffenden +Zusammengehörigkeiten einleuchten. + +Auch bezüglich des Nichtenthaltenen und Nichtzugehörigen giebt es +Denknotwendigkeiten, die wir als Unverträglichkeitsverhältnisse +bezeichnen. Sie sind überall dort vorhanden, wo von einem Subjekt ein +Prädikat notwendig ausgeschlossen ist. Das gilt von allen Prädikaten, die +das kontradiktorische Gegenteil des Subjekts ausdrücken. Es gilt ferner +von allen Dingen -- das Wort im engern Sinne genommen -- unter einander. +Da sie ein Eigensein haben und einander gegenüber selbständig sind, können +sie nicht von einander ausgesagt werden. Bei vielen Prädikaten macht sich +in ihrem Verhältnis zu einander diese Unverträglichkeit geltend, die nur +die Kehrseite der Notwendigkeit ist. Sie können nicht zugleich von +demselben Subjekt ausgesagt werden; so: Bejahen und Verneinen desselben +Gegenstands, Wollen und Widerstreben in Bezug auf denselben Gegenstand, +die sogenannten konträren Gegensätze arm und reich, jung und alt, gross +und klein, schwarz und weiss usw. Dass wir diese Prädikate als +unverträglich miteinander oder mit dem Subjekt erkennen, hat seinen Grund +natürlich lediglich in dem Einleuchten der Unverträglichkeit, nicht in der +mit ihr gegebenen Denknotwendigkeit, sodass also auch hier +Denknotwendigkeit und Einsicht als etwas ganz Verschiedenes erscheint. + +Es fragt sich, ob nicht eine Denknotwendigkeit in dem Einheitsgesetz und +dem Gesetz der Kausalität vorliegt, und weiterhin, ob nicht diese +Denknotwendigkeit mit der Einsicht als ein und dasselbe gesetzt werden +muss. Zunächst ist einleuchtend, dass es sich für uns nicht darum handeln +kann, zu entscheiden, ob zwischen dem Denkenden und dem System der +Wahrheit, zwischen dem den Anfang irgendwie Ermöglichenden und dem +Anfangenden ein Notwendigkeitszusammenhang besteht, sondern lediglich +darum, ob er von dem Einheits- und Kausalitätsgesetz gefordert wird und in +diesen Gesetzen zum Ausdrucke kommt. Beides wird nun geleugnet werden +müssen. In dem Einheitsgesetz (das System der Wahrheit setzt einen +Denkenden voraus, der alle Wahrheit erkennt) und in dem Gesetz der +Kausalität (das Anfangende setzt ein anderes schon Bestehendes voraus, das +seinen Anfang ermöglicht) ist von einem Notwendigkeitsverhältnis zwischen +dem Denkenden und dem System der Wahrheit, zwischen dem den Anfang +Ermöglichenden und dem Anfangenden in keiner Weise die Rede; ein solches +Notwendigkeitsverhältnis wird darum auch von diesen Gesetzen nicht +gefordert. Nur insofern kommt auch in diesen Gesetzen ein +Notwendigkeitsverhältnis zum Ausdruck, als das System der Wahrheit +notwendig einen Erkennenden, und das Anfangende notwendig einen +Ermöglichungsgrund voraussetzt. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dieses +Notwendigkeitsverhältnis als eine Denknotwendigkeit zu bezeichnen; aber +wiederum gilt, dass diese Denknotwendigkeit nicht der Grund unsrer +Einsicht in die Wahrheit dieser Gesetze ist, dass vielmehr dieser Grund, +wie überall so auch hier, nur das Einleuchten der Zusammengehörigkeit sein +kann. Auch hier sind also Denknotwendigkeit und Einsicht ganz und gar +verschieden. + + + Achtzehnte Untersuchung. + + +Einsicht und Wille. + +Da mit der Einsicht keinerlei Zwang oder innere Nötigung für uns verbunden +ist, so sind wir im Stande uns derselben zu entziehen, wenn sie unsren +Neigungen nicht entspricht, wie viele Erfahrungen unseres Lebens uns +bestätigen. Das Widerstreben gegen die erkannte Wahrheit ist eine leider +nur zu häufig vorkommende Thatsache. Wir können unsren Blick von dem +Sichaufdrängen und Einleuchten der Zusammengehörigkeit ablenken und auf +etwas andres richten, uns dadurch die eintretende Einsicht aus dem Sinne +schlagen, in den Hintergrund drängen, verdunkeln und sogar ganz +beseitigen, um uns einem entgegengesetzten, blinden Dafürhalten, das +unsren Neigungen besser entspricht, hinzugeben. Aber auch wenn dies nicht +der Fall ist, bleibt die Einsicht und das ihr folgende Urteil oft ein +blosser Verstandesakt, selbst vorausgesetzt, dass entgegengesetzte +Interessen vorhanden sind aber keinen Einfluss ausüben, weil der Wille +nicht widerstrebt. Ganz verschieden von diesen Verstandesakten ist die +Liebe zur Wahrheit, die sich in der Hingabe und Unterwerfung des Willens +unter die Wahrheit und in dem Ergriffen- und Unterjochtwerden des Gemütes +von der Wahrheit kundthut und der Vertiefung in die Wahrheit, insbesondere +in ihren überzeitlichen Charakter, zu folgen pflegt. Es ist klar, dass die +Wahrheitserkenntnis erst durch diese Mitbeteiligung des Willens und Gemüts +eine Bedeutung für unser inneres Leben erhält. Die Anerkennung der +erkannten Wahrheit, das Festhalten an ihr trotz entgegengesetzter Neigung +ist eine strenge sittliche Pflicht, ja die höchste sittliche Pflicht, denn +alles Unsittliche hat seine letzte Wurzel und Quelle in dem Widerstreben +gegen die erkannte Wahrheit, was schon in dem blossen Sichabwenden und +Unbeachtetlassen der eben aufleuchtenden Einsicht sich kundgiebt. Die +erkannte Wahrheit ist ein sittliches Gut, nicht ein Gut des egoistischen +Willens sondern ein Gut des Gemeinschaftswillens; ja sie ist das Gut der +Güter, das höchste Gut, denn alle andren Güter erhalten nur durch sie +ihren Wert. Die Wahrheitsliebe ist Pflicht jedes Menschen, die glühende +Liebe zur Wahrheit ist die Tugend des wissenschaftlichen Forschers. Das +Wort Kants vom guten Willen gilt im höchsten Sinne von der Wahrheit: Das +einzige, was nicht bloss in der Welt der wollenden Wesen, wie der gute +Wille, sondern überhaupt um seiner selbst willen gut ist, ist die +Wahrheit, denn alles andere ist nur gut durch sie. Das gilt von allen +Wahrheiten. Einer besondren Beachtung bedürfen die sittlichen und +religiösen Wahrheiten, die Wahrheiten, welche, allgemeiner gesprochen, +unser praktisches Verhalten und unsre persönlichen Beziehungen regeln. Sie +müssen natürlich den Willen in ganz andrer Weise beeinflussen und das +Gemüt in Anspruch nehmen und doch bleiben gerade sie häufig lediglich +blosse Kopfwahrheiten. Die mit ihnen verbundene Einsicht ist natürlich +auch ein Verstandesakt. Sitte und Gewohnheit bringen es mit sich, dass man +ihnen die Anerkennung im Denken und Reden nicht versagt. Diese Anerkennung +wird als etwas Selbstverständliches betrachtet. Aber sie ist auch +lediglich eine Anerkennung des Verstandes, die diesen Wahrheiten in +gedankenloser Weise entgegengebracht wird, ohne dass der Wille und das +Herz davon irgendwie berührt werden, selbst wenn das Leben des +Anerkennenden den Wahrheiten durchaus widerspricht. Der Widerspruch +zwischen den Gewohnheiten des Lebens, wie sie im Handeln sich kundgeben +und zwischen der ebenfalls im Denken und Reden zur Gewohnheit gewordenen +Anerkennung kommt gar nicht mehr zum Bewusstsein. Die Gewohnheit auf +beiden Seiten lässt eine Reflexion gar nicht aufkommen und alles als +selbstverständlich erscheinen. Das ist die Lage der meisten Menschen, die +im Reden und Denken an der ihnen anerzogenen Moral und Religion +festhalten, obgleich die Grundsätze dieser Moral und Religion auf ihre +Gesinnung, ihr Leben und Handeln gar keinen Einfluss ausüben. Ihre Moral +und Religion ist lediglich zur Kopfwahrheit geworden. Wie oft werden +Grundsätze im Denken und Reden als selbstverständlich anerkannt und doch +im Leben und Handeln ohne weiteres, wir müssen sagen gedankenlos, +unbewusst, mit Füssen getreten. Wer verurteilt in seinem Denken und Reden +nicht den Egoismus, und wer zieht das zuerst deutlich, dann immer weniger +deutlich, zuletzt gar nicht mehr als minderwertig erkannte eigene Ich +nicht dem fremden vor? + + + +Vierter Abschnitt. + +Umfang unsres Wissens. + + + Neunzehnte Untersuchung. + + +Schranken unsres Erkennens. + +Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Gegenstand und das Ziel des +Erkennens nichts andres sein kann als die Wahrheit in ihrem überzeitlichen +Charakter, der allein ihre Allgemeingültigkeit für alle Denkenden +verbürgt. Aber es fragt sich, ob die thatsächliche Beschaffenheit der +Erkenntnisvorgänge dieser Aufgabe in jeder Hinsicht angemessen ist und +gerecht wird. Um diese Frage zu beantworten, gehen wir von der seit +Aristoteles und dem Neuplatoniker Porphyrius üblichen Unterscheidung +zwischen den Prädikabilien und Prädikamenten oder Kategorien aus. Unter +Prädikabilien verstehen wir höchste Aussagen über Begriffe, unter +Prädikamenten oder Kategorien höchste Aussagen über das Seiende. Man zählt +nach Porphyrius fünf Prädikabilien: Gattung, Art, Differenz, das +Notwendige (Proprietät), das Zufällige (Accidenz), die wesentlichen +Merkmale, welche in Gattung, Art und Differenz vorhanden sind, von den +ausserwesentlichen notwendigen oder zufälligen unterscheidend; ferner nach +Aristoteles zehn Kategorien: Substanz, Eigenschaften, Grösse, Beziehung, +Ort, Zeitpunkt, Lage, Thun, Leiden, Zustand. + +Die notwendigen Merkmale oder Proprietäten sollen also etwas anderes als +die Eigenschaften sein. Die Eigenschaft kann sowohl Proprietät als +Accidenz sein, sie kann dem Ding sowohl notwendig als zufällig zukommen. +Z. B. ist die weisse Farbe und das Kranksein eine Eigenschaft gewisser +Menschen, aber doch nur ein Accidenz. Es gehört zum Wesen der Eigenschaft, +dass sie nicht ohne ein Selbständiges sein kann, dessen Eigenschaft sie +ist, dass sie ein Selbständiges notwendig voraussetzt: aber darum ist sie +noch nicht notwendig für dieses Selbständige. Das gilt nur von der +Proprietät. So setzt auch das Anfangende einen Ermöglichungsgrund +notwendig voraus, geht aber darum noch keineswegs aus diesem +Ermöglichungsgrund notwendig hervor oder ist mit ihm notwendig verbunden. +Die Proprietät gehört, wie das Accidenz, zum Ausserwesentlichen; die +Eigenschaft kann sowohl zum Wesentlichen als Ausserwesentlichen gehören. +Man sieht, die Unterscheidung von Proprietät und Eigenschaft lässt sich +zur Not aufrecht erhalten und durchführen. Aber warum sollen die +Proprietäten, warum soll überhaupt das Ausserwesentliche nur eine Aussage +über Begriffe enthalten? Gehört das Ausserwesentliche nicht auch zum +Seienden? Gattung und Art sind offenbar Prädikabilien, wenn man sie +einfach nach dem Verhältnis des Allgemeinen und Besondern ins Auge fasst. +Aber die Alten haben mit Recht Gattung und Art nicht bloss nach diesem +Verhältnis bestimmt, sondern für beide nur die wesentlichen Merkmale in +Anspruch genommen und die ausserwesentlichen auf Proprietät und Accidenz +verteilt. Ist aber nun das Wesentliche und weiterhin das Wesen ein blosses +Prädikabile? und nicht vielmehr eine Kategorie? Ja, die Kategorie der +Kategorien? Das Seiende ist doch eben nur ein Seiendes dadurch, dass es +ein Wesen, eine Wahrheit hat. + +Verschiedenheit und Gleichheit sind sicher unmittelbar nur Aussagen über +unsre Begriffe, keine Kategorien, ebensowenig das Nichtseiende, die +Negation des einen vom andern; Mensch als Nicht-Pflanze z. B. Demnach kann +auch die Zahl keine Kategorie sein; sie ist der Gattung verwandt und wie +diese Zusammenfassung niederer Einheiten zu einer höheren Einheit; nur +dass bei der Gattung in dieser höheren Einheit die niedern für das +Bewusstsein verschwinden, während sie bei der Zahl im Bewusstsein +festgehalten werden. Aber wie steht es mit der Einheit im höchsten Sinne? +Ist sie auch keine Kategorie? Sicher ist sie eine Kategorie. Nur dadurch, +dass das Seiende ein Teil der Einen Wahrheit ist und an ihr teilnimmt, ist +es ein Seiendes; die Einheit wie das Wesen, wie die Wahrheit selbst ist in +der That die höchste Kategorie; sie ist von Wahrheit und Wesen nicht zu +trennen, so wenig wie das Wesen von der Wahrheit und die Wahrheit vom +Seienden. + +Es mag angemessen sein, das für ein Ding Notwendige und das ihm Zufällige +zu unterscheiden; aber wichtiger ist die Frage, ob etwas darum, weil es +zufällig ist, weniger zum Seienden gehört. Zufällig ist dem Menschen das +Kranksein, das Krüppelhaftsein, wohl auch die Farbe, die schwarze, gelbe, +rote Haut; aber sind diese Eigenschaften darum weniger seiend, weil sie +zufällig sind? Was hat es mit dem Zufälligen überhaupt in Hinsicht des +Seins auf sich? Fragen wir endlich, ist die Wirklichkeit eine Kategorie? +Auch die nichtseinsollende Wirklichkeit? Sicherlich wird man diese Frage +bejahen müssen! Wir kommen auf den ersten Teil derselben zurück. Wie steht +es mit der Negation, die als Negation des Nichtzugehörigen, +Nichtenthaltenen für den Fortschritt unsres Erkennens von so grosser +Wichtigkeit ist? Hat sie eine reale Bedeutung? Wenn man sagt, das eine ist +bloss nichtseiend mit Bezug auf das andere, nicht aber an sich, so +vergisst man, dass das Nichtsein des andern die Beschränktheit, die +Endlichkeit des einen, gleichsam das im einen selbst vorhandene Nichtsein +voraussetzt. Was hat es mit diesem anscheinend seienden Nichtsein auf +sich? + +Wie die Prädikabilien von dem Gedanken des Enthaltenseins, von dem +Verhältnis des Allgemeinen zum Besondren beherrscht sind, so tritt für die +Tafel der Kategorien die sinnliche, sinnfällige Wirklichkeit (Substanz, +Grösse, Ort, Lage) in den Vordergrund. Das entspricht in gewisser Hinsicht +der thatsächlichen Beschaffenheit unsrer Erkenntnisvorgänge, aber in +keiner Weise dem Zwecke derselben. Je mehr wir uns von der sinnfälligen +Wirklichkeit entfernen, desto inhaltleerer wird anscheinend unser Denken. +Wir haben immer weniger Anlass, mit der Negation zu unterscheiden und zu +trennen. Das Verhältnis des Enthaltenseins tritt in den Vordergrund, das +Denken ist sozusagen in dasselbe eingespannt, die Einheit wird zur +Einerleiheit, das Wesen zum inhaltsleeren Allgemeinen; selbst die Wahrheit +kommt auf das Enthaltensein zurück (immanenter Wahrheitsbegriff). Und doch +hat das Verhältnis des Enthaltenseins für unser Erkennen nur eine +untergeordnete Bedeutung. Die sogenannte sinnfällige Wirklichkeit kann, +wie wir noch sehen werden, nur die Bedeutung eines Erkenntnismittels +haben, das wohl die Richtung des Erkennens, aber nicht sein Ziel bestimmt. +In dieser thatsächlichen Beschaffenheit unsrer Erkenntnisvorgänge liegt +offenbar eine Schranke für das seinem Ziele zustrebende Erkennen. + +Als weitere Schranken unsres Erkennens lehrt eine eingehende Betrachtung +die Kategorien des Raumes, der Zeit, der Substanz und Kausalität kennen, +die in unsrem Erkennen die grösste Rolle spielen. Vergleichen wir das +System der Wahrheit, wie es unsrem Erkennen gegeben wird oder +entgegentritt, einem Gebäude, in dem wir das Gerüste oder Fachwerk von der +ausfüllenden Masse, einem Gewebe, in dem wir die Kette von dem Einschlag +unterscheiden, so können Raum, Zeit, Substanz und Kausalität als das +Gerüste oder Fachwerk für das Gebäude der Wahrheit oder als die Kette für +das Gewebe, das sie bildet, bezeichnet werden. + +Die Kategorien Raum und Zeit setzen die Sinnenbilder der Ausdehnung und +Bewegung voraus, gehen aber weit über diese Sinnenbilder hinaus; sie +bestehen in einer begrifflichen Bearbeitung derselben, die nicht etwa +bloss das in ihnen Enthaltene wiedergiebt, sondern auch das für das Denken +ihnen Zugehörige hinzufügt. Aber in dieser begrifflichen Bearbeitung +steckt ebenso wie in den entsprechenden Sinnenbildern ein irrationales +oder dem Denken inkommensurables Element. Es ist für Ausdehnung und Raum +die Berührung der Teile, welche das den beiden wesentliche Nebeneinander +ausschliesst; es ist für Bewegung und Zeit der Übergang, der das der +Bewegung und Zeit wesentliche Nacheinander ausschliesst. Zwischen zwei +nebeneinander liegenden Orten giebt es keinen dritten, beiden gemeinsamen; +zwischen zwei auf einander folgenden Zeitpunkten keinen dritten, beiden +gemeinsamen. Und doch setzt das die Berührung und der Übergang voraus, +wenn wir mit dem Denken zu erfassen suchen, was sie besagen. Die +Kategorien der Substanz und Kausalität verlangen, dass dem Sinnenbild des +Ausgedehnten und Bewegten der der innern Erfahrung entstammende +Willensimpuls in associativer Weise unterlegt wird. Dadurch entstehen aus +dem Ausgedehnten die den Raum ausfüllenden und damit Widerstand +entgegensetzenden Dinge -- neue, umfassendere Sinnenbilder, deren +begriffliche Bearbeitung die Begriffe der Substanz und Kausalität ergiebt. +Auch diese enthalten das irrationale, dem Denken inkommensurable Element +in verstärktem, verdoppeltem Masse. Die Berührung wird für die Substanz +zur Quelle des Nebeneinander, trotzdem sie eigentlich das Nebeneinander +ausschliesst. Der Übergang wird für die Kausalität zur Quelle des +Nacheinander, trotzdem der Übergang das Nacheinander ausschliesst. + +Natürlich sind die Begriffe von Raum und Zeit, von Substanz und Kausalität +nicht etwa bloss umgeformte Sinnenbilder oder sinnliche Empfindungen, sie +sind das Erzeugnis einer begrifflichen Bearbeitung und gehen insofern weit +über das sinnliche Gebiet hinaus; aber in ihnen bleibt ein aus der +Empfindung stammendes, für das Denken nicht aufzuhellendes, +undurchsichtiges Element. Trotzdem schon in den Sinnenbildern der +Ausdehnung und Bewegung und mehr noch in den umfassenderen Sinnenbildern, +die aus ihnen durch associative Verknüpfung mit dem Willensimpuls +entstehen, am meisten aber in der begrifflichen Bearbeitung dieser +Sinnenbilder der synthetische Charakter unsres Erkennens zum Ausdrucke +kommt, kann doch in allen unsren Erkenntnissen, in denen diese +Sinnenbilder und die aus ihnen durch begriffliche Bearbeitung gewonnenen +Kategorien der Zeit, des Raumes, der Substanz und Kausalität eine Rolle +spielen, von einem Einleuchten des Zusammengehörigen und von einer +Einsicht in dasselbe keine Rede sein; ausser insofern wir von dem in den +Sinnenbildern enthaltenen und in diesen Kategorien wiederkehrenden +irrationalen Element absehen. Sehen wir von diesem irrationalen Element +ab, so bleibt uns eine blosse Mannigfaltigkeit in Raum und Zeit übrig, +über die wir, was das Verhältnis und die Zusammenordnung der Teile angeht, +einleuchtende und einsichtige Urteile zu fällen im Stande sind. + +In den Gesetzen des Erkennens und Denkens, die wir als einleuchtend und +einsichtig betrachten, haben wir von den Vorstellungen Substanz und +Kausalität natürlich keinen Gebrauch machen können. Das Gesetz der +Übereinstimmung spricht von Dingen, aber in ganz allgemeinem Sinne, wonach +Eigenschaften, Vorgänge, Beziehungen auch als Dinge gelten können; nicht +aber im Sinne der Substanzvorstellung. Im Gesetze der Kausalität haben wir +nur von der Ermöglichung des Anfangs reden können, nicht von der +Kausalität im Sinne der Ursachvorstellung als hervorbringender Ursache. +Dass etwas in einem bestimmten Zeitpunkte anfängt, hat für uns keine +grössere Schwierigkeit zu denken, als dass es in einem bestimmten +Zeitpunkte oder an einem bestimmten Orte vorhanden ist. Man könnte in dem +Einheitsgesetze unsres Erkennens den Einen Erkennenden als Träger und +Erzeuger des überzeitlichen, natürlich auch überräumlichen Systemes aller +Wahrheit auffassen; aber es ist einleuchtend, dass das Wort Träger in +diesem Falle nicht im Sinne der Substanzvorstellung und das Wort Erzeuger +nicht im Sinne der Ursachvorstellung gedacht wird. + +Raum und Zeit bieten der Erkenntnis freilich noch eine andere +Schwierigkeit. Sie verhalten sich völlig gleichgültig gegen den Inhalt, +passen sich jedem Inhalte an, vermehren den Inhalt in keiner Weise und +bilden insofern einen Gegensatz zu Substanz und Kausalität. Man kann sie +deshalb als Formalkategorien, Substanz und Kausalität im Gegensatz zu +ihnen als Realkategorien bezeichnen. Die Frage nach der Bedeutung von Raum +und Zeit für den Inhalt ist darum eine unabweisliche, um so mehr, da nur +durch sie die Individualisierung der Dinge und Vorgänge möglich ist. Sie +sind die Prinzipien der Individuation, durch die allein für unser Denken +die Dinge aus der Sphäre der unbestimmten und darum bloss gedanklichen +Allgemeinheit herausgehoben und zu Wirklichkeiten gestempelt werden, die +nur Einzelwirklichkeiten sein können. Was haben Raum und Zeit im Reiche +der Wahrheit für eine Bedeutung, wie unterscheiden sich Wahrheit und +Wirklichkeit? das ist die für das Erkennen schwierige, vielleicht +unlösbare, jedenfalls noch nicht gelöste Frage. Sagen wir, das Wahre ist +wirklich, insofern es vom göttlichen Wesen nicht bloss gedacht sondern +auch gewollt wird, Raum und Substanz sind der symbolische Ausdruck für die +scheinbare Selbständigkeit der Dinge ihm gegenüber, Zeit und Kausalität +der symbolische Ausdruck für die völlige Abhängigkeit der Dinge von ihm, +so sind das jedenfalls viel zu allgemeine Antworten, um als genügend +gelten zu können, obgleich sie eine ganze Weltanschauung und vielleicht +die einzig mögliche enthalten. Natürlich muss das Weltwirkliche sich in +völliger Abhängigkeit von Gott befinden. Der Willensakt, dem es seinen +Ursprung verdankt, kann ihm nur eine scheinbare, keine wirkliche +Selbständigkeit verleihen. Wo gäbe es in der Welt auch etwas wirklich +völlig Selbständiges? Es giebt kein gottfremdes, ihm nicht gehörendes Sein +-- ein solches würde ja eine Schranke für Gott, ein zweiter Gott sein. +Unter dieser Voraussetzung ist jener göttliche Wille nur als +Selbstentsagung, Selbstentäusserung, Selbstverzicht Gottes zu denken, +durch welche den Dingen der Welt eine Selbständigkeit geliehen wird, die +ihnen eigentlich nicht zukommt. Diese geliehene Selbständigkeit kommt in +Raum und Substanz, hingegen die wirkliche Unselbständigkeit, die +unbeschadet jener besteht, in Zeit und Kausalität zum Ausdruck. Hiernach +ist die Wirklichkeit nicht wie Raum und Zeit eine Formalkategorie, was man +wegen des Zusammenhangs der Entstehung unserer Erkenntnis der Wirklichkeit +mit den Kategorien von Raum und Zeit erwarten sollte. Sie beruht auf dem +wirklichen Akte der Selbstentsagung und Selbstentäusserung Gottes, dessen +Ergebnis, die geliehene Selbständigkeit, nicht als etwas bloss Scheinbares +betrachtet werden kann. Die auf ihren Wirklichkeitssinn pochenden +Philosophen der Gegenwart werden diese Gedanken für übersteigend oder gar +verstiegen halten, das ist ebenso leicht als überflüssig. Wünschenswert +wäre, dass sie endlich erklärten, worin denn nach ihrer Meinung die +Wirklichkeit im Unterschied von der Wahrheit bestehe und ob Raum und Zeit +bloss für das Zustandekommen unserer Erkenntnis der Wirklichkeit oder auch +für diese selbst eine Bedeutung haben. + + + Zwanzigste Untersuchung. + + +Die Erkenntnis der Aussenwelt. + +Wenn wir die Entstehung und Zusammensetzung unsrer Vorstellungen der +Weltdinge und ihrer Ordnung in Raum und Zeit ins Auge fassen, wie sie nach +dem gesicherten Ergebnis der Psychologie notwendig gedacht werden muss, so +können wir keinen Augenblick darüber zweifeln, dass wir von der +Beschaffenheit dieser Dinge keine Erkenntnis haben. Die Annahme, dass die +Dinge so sind, wie wir sie wahrnehmen, beruht offenbar auf einer bloss +vermeintlichen, durch die Psychologie völlig beseitigten Einsicht. Für den +Kenner der Psychologie ist die Frage, ob die Dinge so sind, wie wir sie +sehen, einfach ungereimt. Jeder hat sein besonderes, eigenes Gesichtsbild +von den Dingen, und dieses besteht aus den Gesichtsempfindungen und den +mit ihnen associierten Tastempfindungen: seine Stelle im Raum wird +bestimmt durch die für das Zustandekommen dieser Tastempfindungen +erforderlichen Muskelempfindungen der Arm- und Beinexkursionen. Zu einem +uns gegenüberstehenden sogenannten Gegenstande wird das Ding durch die von +unsren Bewegungen hergenommene und dem bewegten Gesichtsbilde zu Grunde +gelegte Willensenergie, die allmählich verblasst und als Restbestand das +den Raum ausfüllende und Widerstand entgegensetzende Ding übrig lässt. +Wenn wir die Dinge so wahrnehmen sollen, wie sie sind, dann muss diese +ihre Beschaffenheit in blossen Empfindungen bestehen, und die Dinge können +nichts als Vorstellungen sein. Allein niemand versteht unter den Dingen +blosse Komplexe von Empfindungen oder Vorstellungen, auch nicht +fortdauernde (unter gleichen Umständen immer wiederkehrende) Möglichkeiten +von Empfindungen; ganz abgesehen davon, dass diese Möglichkeiten als reale +Möglichkeiten gedacht werden müssen und so einen Ermöglichungsgrund der +Empfindungen voraussetzen. Alle denken unter den Dingen etwas von den +Empfindungen und Vorstellungen Verschiedenes. + +Müssen wir also auf die Erkenntnis der Beschaffenheit der Dinge +verzichten, so fragt sich, ob wir nicht wenigstens die Existenz von +Dingen, die uns unter der Hülle von Empfindungen bewusst werden, erkennen +können. Davon nun, dass von uns verschiedene, durch die Empfindungen und +Vorstellungen uns gegebene und unsrem Bewusstsein gegenwärtige Dinge +existieren, davon haben wir eine unmittelbare Einsicht. Die +Zusammengehörigkeit dieser Empfindungen und Vorstellungen mit einem von +uns verschiedenen Sein oder Etwas leuchtet uns unmittelbar ein. Die +Einsicht davon lässt sich nicht wegdisputieren; sie bleibt bestehen, auch +wenn die anfängliche Einsicht, dass wir die Beschaffenheit der Dinge +erkennen, beseitigt oder als eine bloss vermeintliche Einsicht erkannt +ist. + +Es ist wichtig zu beachten, dass die Einsicht eine unmittelbare ist und +die Zusammengehörigkeit uns unmittelbar einleuchtet. Sie ist nicht +vermittelt durch die Einsicht, die wir vom Gesetz der Kausalität haben. +Wir schliessen nicht daraus, dass die Empfindungen ohne unser Zuthun in +uns entstehen, auf etwas von uns Verschiedenes, das ihren Anfang +ermöglicht. Gegen diesen Schluss ist mit Recht eingewendet worden, dass +die Empfindungen möglicherweise aus uns entstehen könnten, ohne dass wir +darum wüssten. Unsre Erkenntnis von den Dingen der Aussenwelt, sofern es +sich um ihre Existenz handelt, ist eine streng unmittelbare; von dem +Bewusstsein einer Ursache, eines Anfangs und einer Ermöglichung des +Anfangs ist in ihr nichts zu entdecken, wie das schon oft hervorgehoben +worden ist. Für die Nichtexistenz der Dinge in dem Sinne, in dem wir sie +verstehen, ist eine unmittelbare Evidenz nie in Anspruch genommen worden, +kann auch, so viel ich sehe, in Zukunft nicht in Anspruch genommen werden. +Sie sind natürlich verschieden von den Empfindungskomplexen, den +Willensdingen, von ihrer Substanz und Kausalität, deren Entstehung und +Zusammensetzung uns die Psychologie mit durchsichtiger Klarheit kennen +lehrt. Sie können Gedanken sein und sind nach unsrer Auffassung Gedanken +Gottes, oder wenn man lieber will, des Bewusstseins überhaupt (Berkeley, +Rehmke), also nicht Gedanken unsres oder meines individuellen +Bewusstseins. Sie sind nicht Dinge an sich, die wir erkennen, wie sie +unerkannterweise sind, sondern ein von Ewigkeit und vor uns Gedachtes, und +unsre Erkenntnis derselben ist nur ein Nachdenken eines Vorhergedachten. +Giebt es keine unmittelbare Evidenz der Nichtexistenz der Dinge in diesem +Sinne, so ist der seltene Fall, wo sich Evidenz und Evidenz wie Ja und +Nein gegenüber stehen, also ausgeschlossen, der einzige Fall, in dem wir +uns auf eine Evidenz nicht berufen könnten. Für die Nichtexistenz von +Dingen in unsrem Sinne scheint auch kein Beweis geführt werden zu können. +Positivisten wie Stuart Mill, welche sich auf die fortdauernde Möglichkeit +der Empfindungen, aus denen sich das Vorstellungsbild der Dinge ergiebt, +zurückziehen, müssen diese Möglichkeit als reale fassen und bedürfen daher +für sie eines Ermöglichungsgrundes, den sie nur in den Dingen in unsrem +Sinne finden können. Idealisten wie Berkeley, Rehmke können gegen die +Annahme von Dingen als Gedanken Gottes oder des Bewusstseins überhaupt von +ihrem Standpunkte aus keinen Beweis zu erbringen versuchen. + +Hingegen können wir unsere Annahme von solchen Dingen, die wir durch +unmittelbare Einsicht gewinnen, auch noch durch einen Beweis stützen. Seit +Cartesius ist in der Philosophie die abstrakte Trennung von Leib und +Seele, von Körperwelt und Bewusstsein, die von ihm aus bloss methodischen +Gründen eingeführt wurde, zu einer gewohnheitsmässigen Annahme geworden, +über deren Recht oder Unrecht kaum noch reflektiert wird. Aristoteles und +den mittelalterlichen Philosophen war diese Annahme völlig fremd. Auch +unsere Psychologie setzt die abstrakte Trennung von Leib und Seele als +selbstverständlich voraus, sie geht darum von den Empfindungen als den +Anfangszuständen des Bewusstseins aus und legt auf Grund derselben und im +Anschluss an sie den reichen Inhalt des Bewusstseinslebens dar. Das bietet +methodische Vorteile und ist insofern nicht zu verwerfen. Allein schon +eine Definition der Empfindung ist unmöglich ohne Zuhilfenahme +körperlicher Vorgänge, der Sinnesreize und Gehirnerregungen. Ausserdem +wird niemand bestreiten, dass das Kind von Empfindungen als +Bewusstseinsvorgängen noch nichts weiss. In unsrem entwickelten +Bewusstseinsleben treten ferner die Empfindungen nie als Empfindungen, als +Bewusstseinsvorgänge auf. Man hat deshalb gesagt, sie seien uns nicht als +Empfindungen sondern als objektivierte Vorstellungen gegeben. Was heisst +das? Werden Empfindungen je objektiviert und dadurch zu Vorstellungen? Die +Theorie der Objektivation und Projektion ist veranlasst durch die Farben, +die Empfindungen sind und doch von uns in der Ferne als den Dingen +anhaftend gesehen werden. Allein mit den Farbenempfindungen sind +entsprechende Tastempfindungen associiert, die wir nur haben können, wenn +wir den Gegenstand berühren. Es ist darum begreiflich, dass wir beim Sehen +des Gegenstandes uns in Gedanken an seinen Ort versetzen und ihn nun +unmittelbar, wie mit den Tastempfindungen so auch mit den +Gesichtsempfindungen der Farben umkleiden (hierin liegt der Grund, wie bei +der Erörterung über die Erinnerung deutlich werden wird, warum wir bei der +äussern Wahrnehmung nicht leicht von einer Einsicht reden). Wir würden +nicht von objektivierten oder gar projizierten Empfindungen als dem +unmittelbar Gegebenen reden, sondern vorziehen zu sagen, dass uns die +Empfindungen nicht als Empfindungen ursprünglich gegeben sind sondern als +Erkenntnismittel. + +Auf einer gewissen Stufe des entwickelten Bewusstseins hören schon beim +unmündigen Kinde die Empfindungen auf unverstandene Zustände zu sein. Es +erhebt sich der auf das Wesen der Dinge und die Wahrheit gerichtete Blick +des Geistes, durchdringt die sinnliche Hülle der Empfindungen, die in +jedem andere und besondere sind, und erfasst das für alle Zeit und darum +auch für alle Denkenden den Empfindungen irgend entsprechende, jedenfalls +mit ihnen zusammengehörende Sein und Etwas, d. h. das für alle Zeit und +für alle Denkenden gültige Wesen der Dinge in der unbestimmten Weise, wie +es eben dem Begriffe des Seins und Etwas entspricht. Natürlich bleibt die +Empfindung das Kleid, die Hülle dieses unbestimmten Seins und Etwas, der +Stützpunkt, das Schwungbrett, um mit Platon zu reden, für diesen Blick des +Geistes, das er nicht entbehren kann. Empfindungen als +Bewusstseinsvorgänge sind Abstraktionen, als Erkenntnismittel für die +Aussenwelt sind sie das ursprünglich Gegebene. Aber auch für die höchsten +Begriffe können wir dieses Erkenntnismittel, wie Aristoteles zuerst sieht, +nicht entbehren. Kein Begriff ohne Phantasiebild -- dieser Satz stammt von +ihm. Er will sagen: kein Begriff ohne wieder auflebende Empfindungen, die +als Erkenntnismittel funktionieren. Dem Blick des Geistes, der das den +Empfindungen entsprechende Sein findet oder entdeckt, folgt das +Einleuchten der Zusammengehörigkeit und diesem die Einsicht in die +Zusammengehörigkeit. Aber nur von dem ganz unbestimmten Sein und Etwas der +Dinge, das freilich für alle Zeit und für alle Denkenden gilt, giebt uns +diese Einsicht Kunde, nicht von seiner Beschaffenheit. Etwas Näheres von +seiner Beschaffenheit, freilich noch unbestimmt genug, erfahren wir nach +dem Einheitsgesetz unsres Erkennens, nach dem alle Wahrheit und damit +alles Wesen der Dinge Gedanke Gottes ist. Hiernach muss dann auch das mit +den Empfindungen zusammengehörende Sein und Etwas als Gedanke Gottes +gefasst werden. Davon haben wir dann eine mittelbare, eine durch das +Einheitsgesetz vermittelte Erkenntnis. + +Wir gehen bei unsrer Beweisführung davon aus, dass nicht bloss unser Leib +sondern auch die Körperwelt mit unsrem Bewusstsein eine Einheit bilden. +Denn nur unter dieser Voraussetzung scheint eine unmittelbare Erkenntnis +der Körperwelt aus den Empfindungen und durch sie, wenn auch nur ganz +unbestimmt, als eines Etwas oder Seienden möglich zu sein. Aber besteht +jene Annahme zu recht? Können wir wirklich nicht bloss von einer Einheit +unsres Leibes, sondern auch der Körperwelt mit unsrem Bewusstsein reden? +Zunächst unterscheidet das Kind seinen eigenen Leib noch nicht von fremden +Körpern. Erst die Schmerzgefühle, welche mit den Angriffen auf den Leib +verbunden sind, machen ihm klar, dass es sich mit dem eigenen Körper +anders verhält als mit fremden Körpern. Dann steht doch auch der eigene +Körper mit der ganzen Körperwelt in einer auf beständigem Austausch +beruhenden Verbindung; sie bilden mit einander eine unauflösliche Einheit, +in dem es kein Leeres und keine Sprünge giebt. (Horror vacui. Natura non +facit saltus.) Natürlich leugnen wir nicht, dass das Verhältnis des +Bewusstseins zu dem, was wir unsren Leib nennen, ein andres ist als zu den +fremden Körpern. Aber erstens ist dies Verhältnis uns unbekannt; zweitens +ist es nicht zu allen Teilen des eigenen Leibes das gleiche, scheint zu +vielen Teilen desselben vielmehr kein engeres zu sein wie zu der übrigen +Körperwelt; drittens endlich ist dieses Verhältnis, was die Erkenntnis des +eigenen und der fremden Körper angeht, sicher das gleiche, und bloss in +dieser Hinsicht kommt dieses Verhältnis für uns hier in Betracht. + +Wir fragen endlich, wie weit denn unsre Einsicht bezüglich der Aussenwelt +reicht? Wir antworten: genau so weit, als unsere wirkliche Erkenntnis; +denn diese ist mit der Einsicht ein und dasselbe. Natürlich gehört Raum +und Zeit, Substanz und Ursache, nicht minder aber auch Materie und Kraft, +in denen die gleichen irrationalen, dem Denken inkommensurabeln, durch +dasselbe nicht aufzuhellenden Elemente enthalten sind, bloss zu der +Erscheinung der Welt in unsrem Bewusstsein. Abgesehen von den Urteilen +über das in diesen Formen Verbundene giebt es keinerlei Einsicht von +ihnen, was natürlich nicht hindert, dass wir von dem in diesen Formen +Gegebenen, unter ihnen Erfassten eine Einsicht haben. Sehen wir aber von +dieser Erscheinung der Aussenwelt in uns ab, so bleibt kaum etwas anderes +übrig, als ein unbestimmtes Seiendes, das freilich im Gegensatz zu dieser +Erscheinung objektiv für alle Zeit und für alle Denkenden gültig ist, und +in diesem Sinne existiert. Giebt es eine Vielheit von Dingen in der +Aussenwelt, die wir freilich nur nach den sinnfälligen Eigenschaften ihrer +Erscheinung unterscheiden können? Wir werden behaupten müssen, dass wir +davon eine einsichtige Erkenntnis haben, sofern es sich um die grossen +Himmelskörper einschliesslich unsrer Erde und um die kleinen Menschen-, +Tier- und Pflanzenkörper handelt, auch bezüglich der Atome der Physiker, +bezüglich der Aggregatzustände Luft, Wasser, Erde, ferner der Berge, +Flüsse, Thäler, Meere. Aber was diese vielen Dinge der Natur sind, die wir +nur nach ihrer Erscheinung im Bewusstsein bestimmen und unterscheiden +können, insbesondere, wodurch sie sich in Wirklichkeit unterscheiden, +wissen wir nicht. Die Vielheit stellt sich uns ferner als eine gebrochene +Einheit dar. Natürlich haben wir auch von den Ergebnissen der +beschreibenden Naturwissenschaften, sofern sie wirklich wissenschaftliche +Ergebnisse sind, einsichtige Erkenntnisse, bei denen freilich immer +vorbehalten bleibt, was es mit den Körpern, von denen sie handeln, +eigentlich auf sich hat, was sie abgesehen von ihrer Erscheinung in unsrem +Bewusstsein sein mögen. Das Gleiche gilt von den Ergebnissen der Chemie, +Astronomie, Physik, Mechanik und zwar in um so höherem Grade, je weiter +wir uns in diesen Wissenschaften von den verwickelten Verhältnissen des +Einzelwirklichen entfernen, jemehr wir von ihnen abstrahieren. Bis an die +äusserste Grenze der Abstraktion gehen wir in der Geometrie und +Arithmetik, und daher rührt die durchsichtige Klarheit der Sätze dieser +Wissenschaften. Bei der Geometrie bleibt freilich noch der Raum und die +Ausdehnung mit dem in ihnen enthaltenen irrationalen Elemente gleichsam +als Hindernis einer vollkommen uneingeschränkten Einsicht bestehen, die +wir erst für die Sätze der Arithmetik, bei der auch dieses Hindernis in +Fortfall kommt, in Anspruch nehmen können. + + + Einundzwanzigste Untersuchung. + + +Über die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins. + +Die Erkenntnis der Aussenwelt ist, wie wir sehen, überall durch +unüberschreitbare Schranken eingeengt. Wenn wir von der Existenz der Dinge +und Vorgänge der Aussenwelt und ebenso der Beziehungen zwischen ihnen auch +eine wirkliche, in der Einsicht bestehende Erkenntnis haben, so bleibt uns +die nähere Beschaffenheit dieser Dinge und ebenso der Vorgänge doch +verborgen. Wir können sie nur nach ihrer Erscheinung in unsrem Bewusstsein +näher bestimmen, und diese mag für ihre Unterscheidung ausreichen, kann +uns aber über ihre Beschaffenheit keine Belehrung geben. Der Aussenwelt +steht die Innenwelt unsres Bewusstseins gegenüber. Können wir von dieser +Einsichten, Erkenntnisse gewinnen, die umfassender und vertiefter sind, +wie manchmal behauptet wird? Von einer Reihe von Forschern, die sich an +Brentano anschliessen, wird angenommen, dass wir Einsichten überhaupt nur +von den Gegenständen der innern Wahrnehmung, also von der eigenen +Innenwelt haben können, nicht aber von den Gegenständen der äussern +Wahrnehmung, also von der Aussenwelt, sofern sie Gegenstand der äussern +Wahrnehmung ist. + +Jedenfalls ist jeder Bewusstseinsvorgang durch das Merkmal der Bewusstheit +charakterisiert, das man als ein Wissen des Bewusstseinsvorganges um sich +selbst bezeichnen kann. Jeder hat sich selbst zu seinem Inhalte. In diesem +Sinne kann man sagen: jede Vorstellung stellt etwas vor, mag sie richtig +sein oder nicht, und das ist der nicht von ihr verschiedene Inhalt. Dieses +Wissen des Bewusstseinsvorganges um sich selbst muss natürlich immer wahr +sein: in ihm kann es keinen Irrtum, keine Falschheit geben. Aber es ist +kein eigentliches Wissen, kein namentliches, vorstellungsmässiges, +begriffliches Wissen. Wir gewinnen durch dasselbe noch keine +Vorstellungen, Begriffe von den Bewusstseinsvorgängen. Dieses +uneigentliche Wissen ist keine Einsicht, keine Erkenntnis. Aber wir können +über die Bewusstseinsvorgänge reflektieren und diese Reflexion, selbst ein +Bewusstseinsvorgang, ist von den Bewusstseinsvorgängen, die ihren +Gegenstand bilden, verschieden. Durch die Reflexion nun gewinnen wir +zweifellos nicht bloss von der Existenz sondern auch von der +Beschaffenheit der Bewusstseinsvorgänge eine Einsicht, eine Erkenntnis. +Wir stehen ihnen nicht ratlos gegenüber wie den Dingen und Vorgängen der +Natur oder müssen uns mit einer ganz unbestimmten Erkenntnis derselben +begnügen. Wir wissen, was es mit ihnen auf sich hat, wodurch sie sich von +einander unterscheiden auf Grund von Merkmalen, die wir in den +Bewusstseinsvorgängen selbst finden. Allerdings sind alle unsere +Vorstellungen, die wir von den Bewusstseinsvorgängen haben, aus dem +sinnlichen Gebiete entlehnte, übertragene, ursprünglich also sinnliche und +mit Bezug auf die Bewusstseinsvorgänge nur bildliche Vorstellungen. Wir +bedürfen dieser Krücken der sinnlichen Vorstellungen bei jedem Schritte, +den unser Denken thut und können ihrer nirgends entraten, auch nicht, wenn +es sich um die Erkenntnis unserer Bewusstseinsvorgänge handelt. Aber wir +wissen sehr wohl zwischen dem ursprünglichen und übertragenen Sinne dieser +Vorstellungen, z. B. der Vorstellung Vorstellen, zu unterscheiden und +geben ihnen unwillkürlich bei der Übertragung auf die Bewusstseinsvorgänge +eine diesen entsprechende andere Bedeutung. Hier kommt das mit jedem +Bewusstseinsvorgang verbundene, uneigentliche Wissen des +Bewusstseinsvorgangs um sich selbst zur Geltung und verhindert eine +Herabziehung der Bewusstseinsvorgänge in das sinnliche Gebiet. Die +Empfindungen, insofern sie Erkenntnismittel der Aussenwelt sind und als +solche immer unter Mitwirkung der Sinnesorgane, sei es der äussern, sei es +bloss der innern, der Gehirnerregungen, funktionieren, gehören dem +sinnlichen Gebiete an, ja sie konstituieren dasselbe. Insofern wir aber +bei der Reflexion über die Empfindungen von dieser ihrer körperlichen +Seite absehen, bilden sie, wie alle Bewusstseinsvorgänge, einen Gegensatz +wie zu allem Körperlichen, so auch zu allem Sinnlichen. Es ist unrichtig +zu sagen, dass wir von den Bewusstseinsvorgängen nur Vorstellungen haben +und nicht wissen, was diesen Vorstellungen eigentlich entspricht; von +unsren gegenwärtigen Gefühlen, gegenwärtigen Wollungen und gar von unsren +gegenwärtigen Vorstellungen sollen wir blosse Vorstellungen haben. Es +leuchtet unmittelbar ein, dass diese Annahme falsch ist, abgesehen von den +widersinnigen Konsequenzen, zu denen sie führt. Müssten wir ja dann auch +von den Vorstellungen unsrer Bewusstseinsvorgänge nur Vorstellungen haben +und von diesen Vorstellungen wieder nur Vorstellungen und so fort ohne +Ende. Man könnte denken, die Übertragung der aus dem sinnlichen Gebiete +entlehnten Vorstellungen auf die Bewusstseinsvorgänge könne nur in +Urteilen geschehen. Allein diese Urteile setzen das Einleuchten der +Zusammengehörigkeit der Bewusstseinsvorgänge mit den Vorstellungen und die +Einsicht in diese Zusammengehörigkeit voraus, die Übertragung geht also, +wie der Einsicht und dem Einleuchten, so auch dem Urteil voran, und wir +werden sie dem Blick des Geistes zuschreiben müssen, dem wir die +wesentlichen Merkmale verdanken. + +Man kann die Bewusstseinsvorgänge isolieren, wie wir das thun, wenn wir +sie durch übertragene Vorstellungen näher bestimmen. Das ist ein +abstraktes Verfahren, welches zu diesem Zwecke angewendet werden kann und +in der Psychologie gute Dienste thut. Aber man darf nicht glauben, dass +die Bewusstseinsvorgänge in Wirklichkeit auch isoliert von einander sind. +Sie liegen nicht nebeneinander wie die Atome eines Körpers, haben vielmehr +einen übergreifenden, die gleichzeitigen und sogar auch die vorangehenden +Bewusstseinsvorgänge mit umfassenden Charakter. Ohne dieses Übergreifen +ist das Zustandekommen des Sinnenbildes der Ausdehnung, in dem die +gleichzeitigen Empfindungen, und des Sinnenbildes der Bewegung, in dem die +aufeinanderfolgenden Empfindungen in bewusster Weise zusammenhängen oder +einen bewussten Zusammenhang bilden, nicht zu erklären. Die den einzelnen +Bewusstseinsvorgängen eigentümliche Bewusstheit oder das Wissen um sich +selbst greift hier auch auf die andern gleichzeitigen oder vorausgehenden +und nachfolgenden Empfindungen hinüber. Das, was wir Einheit des +Bewusstseins nennen, vermöge deren wir von _unsrem_ Bewusstsein reden und +dieses den fremden Bewusstseinen gegenüberstellen, hat hierin seinen +Grund. Es ist zu beachten wichtig, dass wir nicht bloss eine wirkliche +Einsicht und Erkenntnis von der Existenz und Beschaffenheit der +Bewusstseinsvorgänge haben, sondern ebenso auch von ihrer Zugehörigkeit zu +unsrem Bewusstsein, oder dass sie unsere Bewusstseinsvorgänge sind. Auch +von dem besonderen Zusammenhange zwischen Vorstellungen und Gefühlen, +Gefühlen und Wollungen, zwischen Überlegung, Entschluss, Vorsatz, +Ausführung -- mag uns die Art dieses Zusammenhangs auch dunkel bleiben -- +haben wir eine Einsicht, eine wirkliche Erkenntnis, also wenigstens davon, +dass dieser Zusammenhang besteht. Wir wissen, was wir beabsichtigen, und +wann wir ohne Absicht handeln und darum für den Erfolg unserer Handlungen +entweder gar nicht oder nicht völlig verantwortlich sind, und dieses +Wissen beruht auf einer Einsicht und Erkenntnis. Das Gefühl der Reue und +der Verantwortung und ihr Gegenteil hat darin seinen Grund. + +Giebt es auf Einsicht beruhende Erinnerungen, sind Erinnerungen wirkliche +Erkenntnisse? Zweifellos können sie das sein und sind es in Wirklichkeit +oft genug. Eigentlich können wir uns nicht an Dinge und Vorgänge, sondern +nur an unsere Wahrnehmung der Dinge und Vorgänge erinnern. Die Erinnerung +ist ein Wissen der Zusammengehörigkeit eines vergangenen +Bewusstseinsvorganges mit dem gegenwärtigen, daher seiner Zugehörigkeit zu +unsrem Bewusstsein. Dass uns diese Eigentümlichkeit der Erinnerung bei der +Erinnerung selbst weniger zum Bewusstsein kommt, hat seinen Grund darin, +dass wir bei den Erinnerungen uns ganz in die Zeit des vergangenen +Vorgangs versetzen und mit unsrem Denken nur bei ihm verweilen; ähnlich +wie wir bei der Wahrnehmung uns an den Ort des Gegenstandes versetzen. Das +ist auch der Grund, warum wir nicht leicht von einer Einsicht sprechen +weder bei der Erinnerung noch bei der Wahrnehmung. Die Einsicht setzt +immer zwei Glieder voraus, deren Zusammengehörigkeit uns einleuchtet. Bei +dieser Versetzung in die Zeit des erinnerten und an den Ort des +wahrgenommenen Gegenstandes scheint aber immer nur ein Glied vorhanden zu +sein. Kommen wir aber auf dem Wege der Reflexion dazu, die Erscheinung des +Dinges in unsrem Bewusstsein von dem wahrgenommenen Dinge selbst oder den +gegenwärtigen Erinnerungsakt von dem vergangenen erinnerten +Bewusstseinsvorgang zu unterscheiden, so leuchtet uns die +Zusammengehörigkeit beider ein, und wir begreifen, dass wir auch bei der +Wahrnehmung und Erinnerung von einer Einsicht sprechen müssen. Sehen wir +unter dieser Voraussetzung ab von der Bedeutung der Zeit, der +Vergangenheit in ihrem Verhältnis zur Gegenwart, die wir nicht kennen, +sehen wir ferner ab von Ausdehnung, Bewegung, Raum, Substanz, die nur die +Erscheinung der Dinge und Vorgänge im Bewusstsein ausmachen können (falls +bei der Erinnerung auch äussere Dinge und Vorgänge, sofern sie +wahrgenommen wurden, in Frage kommen), so kann es keinem Zweifel +unterliegen, dass es Erinnerungen giebt, die in einer Einsicht oder +wirklichen Erkenntnis bestehen. Die ganz klaren und deutlichen sind von +dieser Art. Wer kann leugnen, dass er eine auf Einsicht beruhende +Gewissheit davon hat, heute Morgen aufgestanden zu sein, einen Spaziergang +gemacht zu haben, auf demselben jemand getroffen oder gesprochen zu haben, +von Kummer erfüllt gewesen zu sein beim Tode eines Angehörigen, beim +Verlust eines Vermögens usw.? Sogar darüber, ob unsere Erinnerung ungenau, +lückenhaft, verschwommen ist, können wir unter Umständen eine auf Einsicht +beruhende Gewissheit haben. Ist das Gedächtnisbild von einem früheren +Bewusstseinsvorgang von dieser Beschaffenheit, so werden die mit dem +früheren Bewusstseinsvorgang verbundenen Gefühle auch nur zum Teil in +lückenhafter, verwischter Weise wieder aufleben. Das hat eine Spannung, +ein Unbehagen zur Folge, worin wir etwa den psychologischen +Anknüpfungspunkt für das Einleuchten der Nichtzusammengehörigkeit, (die in +diesem Falle als Nichtangemessenheit bestimmt werden muss) des +Gedächtnisbildes mit dem Bewusstseinsvorgang erblicken können, der die +Einsicht in diese Nichtzusammengehörigkeit folgt. + +So sicher es aber auch ist, dass wir Erinnerungen haben, die in Einsichten +bestehen und also wirkliche Erkenntnisse sind, so sind die bei der +Erinnerung gewonnenen Einsichten doch mancherlei Einschränkungen +unterworfen, und wir müssen ihnen gegenüber mancherlei Vorbehalte machen. +Noch mehr ist das der Fall, wenn wir von der Erkenntnis unseres Ich +sprechen. Wie jeder Bewusstseinsvorgang ein Wissen, freilich ein +uneigentliches Wissen von sich selbst hat, das wir seine Bewusstheit +nennen, so hat auch das, was wir unser Ich, unser Selbst nennen, ein +Bewusstsein von sich. Wir haben ein Ich-Bewusstsein, ein +Selbst-Bewusstsein, die Zusammengehörigkeit unsres Ich, unsres Selbst mit +diesem Bewusstsein von sich leuchtet uns unmittelbar ein; davon haben wir +eine Einsicht, eine Erkenntnis, eine unmittelbare Einsicht, die jeden +Zweifel ausschliesst. Wenn Hume behauptet, dass er in sich jederzeit nur +ein Bündel von Vorstellungen findet, so hat er eben vergessen, dass dazu +ein Vorfinder, eben das Ich, erforderlich ist. Aber was ist dieses Ich, +dieses Selbst? Das ist eine andere Frage. Und hier fehlt uns offenbar die +Einsicht oder Erkenntnis. Sicher ist es nicht unser Körper oder einer +seiner Teile, die Augen, die Ohren, die wir, auch abgesehen von ihrer +Erscheinung in unsrem Bewusstsein, unterscheiden müssen, obgleich das Wort +Ich lange Zeit hindurch von unsren Kindern und von vielen Erwachsenen ihr +Leben hindurch nur oder fast nur von ihrem Leibe verstanden wird, also von +dem leiblichen Ich; obgleich ferner das Ich von dem, was dem Leibe, +abgesehen von seiner Erscheinung im Bewusstsein, entspricht, nicht +getrennt werden kann, soll es nicht zu einem blossen Abstraktum werden. +Ohne dieses, dem sinnlich erscheinenden Leib Entsprechende ist ja kein +Bewusstsein denkbar, und ohne Annahme des Bewusstseins können wir auch von +keinem Ich reden. Sicher ist es ferner keine Substanz, die nur zur +Erscheinungsform der körperlichen Dinge gehören kann. Auch mit dem +Selbst-Bewusstsein oder Ich-Bewusstsein, das nur sein Merkmal bildet, kann +das Ich und Selbst nicht verselbigt werden. Es ist der Ausdruck für die +Zusammengehörigkeit der Bewusstseinsvorgänge zu Einem Bewusstsein, aber +doch kein blosses Wort; vielleicht ist es das Band dieser +Zusammengehörigkeit, das sich ebenso zu der Gesamtheit der +Bewusstseinsvorgänge verhält wie der Eine Denkende zum Reich der Wahrheit. +Hier sind wir auf blosse Vermutungen angewiesen, es fehlt uns jede +Einsicht und damit die wirkliche Erkenntnis. Wenn wir urteilen: ich freue +mich, ich bin traurig, ich stelle mir vor, so haben wir zweifellos eine +Einsicht und wirkliche Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit unsrer +Bewusstseinsvorgänge mit dem Ich- oder Selbstbewusstsein, von ihrer +Zugehörigkeit zu unsrem Bewusstsein, diese leuchtet uns unmittelbar ein. +Aber vorbehalten bleibt, was es mit dem Ich und Selbst auf sich hat. + +Wir sehen, nicht bloss für die Erkenntnis der Aussenwelt, auch für die +Erkenntnis unsrer eignen Innenwelt giebt es unübersteigliche oder +wenigstens bis jetzt nicht überwundene Schranken; auch hier müssen wir +Vorbehalte machen, wenn wir von Einsicht und wirklicher Erkenntnis reden +wollen. Freilich besteht, was die Erkenntnis der Aussenwelt und die unsrer +eigenen Innenwelt angeht, ein wesentlicher Unterschied. Sehen wir vom Ich +ab, so wissen wir doch, was wir unter Händen haben, wenn wir uns mit den +Bewusstseinsvorgängen beschäftigen; wir kennen ihre Merkmale und können +sie danach von einander unterscheiden, während wir von den Dingen und +Vorgängen der Natur in der That nicht wissen, was sie sind, und sie +lediglich nach ihrer Erscheinung in unsrem Bewusstsein von einander +unterscheiden können. Bei den Bewusstseinsvorgängen fällt natürlich ihre +Erscheinung im Bewusstsein mit ihnen selbst zusammen. Denn diese ihre +Erscheinung im Bewusstsein ist nichts anderes als das mit ihnen verbundene +Wissen von sich selbst, das wir ihre Bewusstheit nennen. Die Reflexion ist +nur eine Wiederholung dieses mit jedem Bewusstseinsvorgange verbundenen +Wissens von sich selbst. + + + Zweiundzwanzigste Untersuchung. + + +Weitere Schranken unseres Erkennens. + +Eine Schranke unsrer Erkenntnis, der Innen- und Aussenwelt, haben wir +bisher absichtlich unerwähnt gelassen. Wir erkennen das Wesen der Dinge +und Vorgänge der Natur wie der Vorgänge unsres Bewusstseins, ihre +Wahrheit, erst dann, wenn wir ihre Stellung in dem System aller Wahrheit +erfasst haben. Davon sind wir aber mit all den erörterten Einsichten und +Erkenntnissen noch weit entfernt. Wir gewinnen mit ihnen sozusagen nur die +Glieder dieses Systems. Über ihren Zusammenhang innerhalb desselben, auf +den doch alles ankommt, bleiben wir völlig im Dunkeln. Das ist die letzte, +höchste, eine allgemeine Schranke unserer Erkenntnis, die sowohl für die +Erkenntnis der Aussenwelt wie für die Erkenntnis der Innenwelt gilt. +Weitere, näher liegende, ebenfalls allgemeine Schranken unsrer Erkenntnis +bedürfen einer besondren Erörterung. + +Wir bezeichnen gewöhnlich als unser Wissen alles das, von dem wir eine +Gewissheit haben. Die Gewissheit verbindet sich aber auch oft genug mit +einem blinden Dafürhalten und ist in diesem Falle ohne vernünftigen Grund. +Wenn wir die zahlreichen Quellen des blinden Dafürhaltens ins Auge fassen, +wenn wir insbesondere erwägen, wie oft unsre Zuneigungen und Abneigungen, +unsre Interessen auf unsre Überzeugungen einen massgebenden und +bestimmenden Einfluss ausüben, wie oft nach dem Sprichwort der Wunsch der +Vater des Gedankens ist, werden wir kaum zweifeln können, dass die Zahl +der auf blindem Dafürhalten beruhenden und darum des Charakters der +Vernünftigkeit entbehrenden Wissensinhalte sehr gross ist und kaum +überschätzt werden kann. Diese Wissensinhalte können natürlich nicht als +Erkenntnisse im eigentlichen Sinne gelten. + +Von den Erkenntnissen im eigentlichen Sinne müssen ferner die sogenannten +Kenntnisse, die auf einer blossen Kenntnisnahme, auf einem blossen +Kennenlernen beruhen, sorgfältig unterschieden werden. Sie bilden die +unübersehbar grosse Gruppe der associativen Wissensinhalte, bei denen +ebenfalls in keiner Weise von einer Einsicht die Rede sein kann. Wir haben +Gesichtsempfindungen von den Dingen; mit ihnen zusammen treten die +Gehörsempfindungen oder Gehörsvorstellungen von den auf diese Dinge +angewendeten Worten auf; sie associieren sich mit den ersteren und werden +gelegentlich, wenn sich die Gesichtsempfindungen wiederholen, +reproduziert. Wir sagen dann, das Ding heisst so und so. Das ist natürlich +ein lediglich associatives Wissen, ohne alle Einsicht. Alles Namen- und +Wortwissen in der eigenen und fremden Sprache, alle Benennungsurteile sind +von dieser Art, da die Namen und Worte nur willkürliche Zeichen sind für +das, was sie bedeuten. Nicht bloss mit den Worten steht es so, es ist +vielfach nicht anders mit den Sachen. Wie selten haben wir +verhältnismässig eine Einsicht in den Zusammenhang der Teile, aus denen +wir die Dinge zusammensetzen, der Eigenschaften, die wir ihnen beilegen, +des Geschehens in Natur und Geschichte, wenigstens wenn wir über die +nächsten Zusammenhänge bei diesem Geschehen hinausgehen wollen. Die +Wissenschaft stellt sich die Aufgabe, diese Zusammenhänge darzulegen, +oder, was dasselbe ist, die Gesetze für dieselben zu finden. Aber wie weit +ist sie von der Lösung dieser ihrer Aufgabe entfernt. Sehr oft haben diese +Zusammenhänge für uns nur den Charakter des zufällig Verbundenen oder des +Zusammengeratenen, von dem es nur ein associatives Wissen geben kann, weil +das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und damit die Einsicht fehlt. + +Es ist endlich klar, wenn wir auf Grund einer geringeren oder grösseren +Zahl von Einzelfällen einen allgemeinen Satz aufstellen, wenn wir mit +andren Worten einen Induktionsschluss ziehen, so hat dieser Satz, je nach +der Zahl der Fälle, eine grössere oder geringere Wahrscheinlichkeit, aber +von dieser Wahrscheinlichkeit haben wir doch eine Einsicht, eine wirkliche +Erkenntnis, eine Einsicht in seine Wahrscheinlichkeit. + + + Dreiundzwanzigste Untersuchung. + + +Erkenntnis der Innenwelt andrer. + +Wir haben gesehen, wie wir zur Erkenntnis unserer eigenen Innenwelt +gelangen und welche Schranken für diese Erkenntnis vorhanden sind. Aber +wie steht es mit unserer Erkenntnis der Innenwelt andrer? Haben wir eine +auf Einsicht beruhende wirkliche Erkenntnis von fremden Bewusstseinen? +Allgemein wird jetzt angenommen, dass diese Erkenntnisse, wenn es +wirkliche Erkenntnisse sind, auf dem Wege des Analogieschlusses zustande +kommen. Mit unsren Bewusstseinsvorgängen sind Ausdrucksbewegungen, z. B. +Lachen und Weinen mit Freude und Trauer, ausserdem Mienen, Gebärden als +Zeichen bestimmter Gefühle, Worte als Zeichen bestimmter Gedanken +verbunden. Nehmen wir diese nun an andren wahr, so schliessen wir, dass +auch bei ihnen die gleichen Bewusstseinsvorgänge vorhanden sein müssen. +Sollte wirklich alle Erkenntnis fremder Bewusstseine auf diesem Wege +zustande kommen? Sollte beispielsweise das Kind die Freude, die Trauer, +den Zorn und Unwillen der Mutter, ihre Liebe, ihren Beifall nur auf diesem +Wege kennen lernen? Ist das Kind, wenn es anfängt in dieser Weise in das +Bewusstsein der Mutter Blicke zu thun, wohl imstande, die mit seinen +Bewusstseinsvorgängen verbundenen Ausdrucksbewegungen, insbesondere seine +mit ihnen verbundenen Mienen, die fast ausschliesslich in Betracht kommen, +genau zu kennen, um sie mit den Mienen der Mutter vergleichen und daraus +bei der Mutter auf ähnliche Bewusstseinsvorgänge schliessen zu können? Das +scheint den Beobachtungen, die wir am Kinde machen können, durchaus zu +widersprechen. Aber auch soweit wir Erwachsene fremde Bewusstseine +erkennen, spielt dieser schwerfällige Analogieschluss, wie die Reflexion +deutlich lehrt, keine Rolle. Unsre Erkenntnis der fremden Bewusstseine +giebt sich uns als eine unmittelbare kund und, wie es scheint, kann sie +auch beim Kinde keine andere sein. + +Aber wie ist das möglich? Der blosse Anblick der Bewegung eines andren, +z. B. beim Stossen einer Billardkugel, beim Springen über einen Graben, +erzeugt in uns, wenn nicht die gleiche Bewegung, so doch den Ansatz dazu. +Ähnlich kann man beobachten, dass die Gefühlsäusserungen eine ansteckende +Wirkung ausüben. Begegnen wir finstern Mienen, so verdüstert sich auch +unwillkürlich unsere eigene Miene. Wo alles lacht, müssen auch wir lachen; +wo alles weint, können wir uns des Weinens nicht enthalten, und wenn wir +auch nicht wirklich mitlachen oder mitweinen sollten, so werden wir doch +fröhlich oder traurig gestimmt. So lange wir Kinder sind und noch nicht +gelernt haben, unsren Gefühlsäusserungen Zügel anzulegen, werden wir nicht +bloss fröhlich mit den Fröhlichen und traurig mit den Traurigen; wir +lachen wirklich mit den einen und weinen mit den andren. Das ist die +Regel. Natürlich giebt es Ausnahmen, bei Kindern sowohl als bei +Erwachsenen, wenn sie sehr egoistische, sehr gefühllose Naturen sind. Das +Merkwürdige hierbei ist nur, dass die ansteckende Wirkung nicht bloss bei +den Gefühlsäusserungen stehen bleibt, sondern sofort auch, und wie es +wenigstens bei den Erwachsenen scheint, mit grösserer Sicherheit auf die +Gefühle selbst übergeht. Nehmen wir nun an, dass wir von unsren +Mitmenschen nach ihrer leiblichen Erscheinung bereits eine Erkenntnis +gewonnen haben, ist es dann nicht natürlich, dass wir in diesen uns +aufgedrängten Gefühlen und sonstigen Bewusstseinsvorgängen ihre eigenen +erblicken, dass die Zusammengehörigkeit dieser ihrer Bewusstseinsvorgänge +mit ihrer leiblichen Erscheinung sich uns aufdrängt, uns unmittelbar +einleuchtet und wir so eine unmittelbare Einsicht, eine unmittelbare +wirkliche Erkenntnis von dieser Zusammengehörigkeit und damit von den +fremden Bewusstseinen gewinnen? So erklärt sich denn die allbekannte +Erscheinung von der unwillkürlich in unsren Kindern auftretenden Abneigung +gegen Personen, die Kinder nicht leiden können oder die von schlechter +Gemütsart sind. Das Gefühl der Abneigung gegen Kinder, gegen alle Menschen +überhaupt, teilt sich den Kindern mit, und in diesem Gefühle lesen sie +gleichsam unmittelbar in der Seele des andren und sehen, was in ihr +vorgeht. Ich brauche nicht zu bemerken, dass diese Erscheinung zu den +Erfahrungen gehört, die wir täglich an uns selbst machen können und die +somit als eine allgemein menschliche Erscheinung betrachtet werden muss, +mithin auch für das Leben der Erwachsenen gilt. Die Unmittelbarkeit der +Erkenntnis der fremden Bewusstseine hat im Grunde nichts Auffälliges. Das +Gegenteil ist nur scheinbar natürlicher; der Raum, der uns anscheinend von +dem fremden Bewusstsein trennt, gehört selbstverständlich nur unserer +Vorstellung an. Eine actio in distans, Einwirkung aus der Ferne muss nach +dem jetzigen Stande der Naturwissenschaft sogar für die Körperwelt +angenommen werden, wenigstens so lange, als noch nicht nachgewiesen ist, +dass die Gravitation zu ihrer Wirkung Zeit braucht; bis jetzt gilt diese +Wirkung als eine unzeitliche oder zeitlose. Von der actio in distans der +Körper bis zum immediatum commercium animarum ist nur ein Schritt. + +Freilich hat die Erkenntnis anderer, insbesondere ihres Innern, auch ihre +Schranken. Schon Aristoteles und Locke sagen, dass wir nicht wissen +können, ob die Empfindungen etwa von rot und grün, die wir beim Anblick +von Blut und Gras haben, bei andren die gleichen und nicht vielmehr die +umgekehrten sind, so dass ihnen beim Gras die Empfindung gegenwärtig ist, +die wir beim Blut haben, und umgekehrt. Da wir alle von Jugend an gelernt +haben, das Gras grün und das Blut rot zu nennen, so würden natürlich die +sprachlichen Bezeichnungen die gleichen bleiben. Da ferner für unsre +Erkenntnis andrer, so unmittelbar sie ist, doch ihre Gefühlsäusserungen +massgebend sind, so muss natürlich immer vorausgesetzt werden, dass diese +Gefühlsäusserungen natürliche sind und nicht etwa künstlich zum Zweck der +Verstellung oder der schauspielerischen Darstellung hervorgebracht werden. +Pestalozzi betont, dass darüber, ob eine Handlung aus selbstlosen oder +selbstsüchtigen Motiven hervorgeht, ob sie mit andren Worten sittlich oder +unsittlich ist, nur jeder bei sich selbst urteilen kann. Natürlich gilt +das Gleiche auch davon, ob neben dem negativen Moment der Selbstlosigkeit +auch das positive Moment der rückhaltlosen Hingabe an Gott, des +persönlichen Verhältnisses zu ihm, worin das Wesen der Religiosität +besteht, für das Zustandekommen der Handlung bestimmend war. Obgleich sich +das nun nicht bestreiten lässt, so ist doch anderseits auch nicht zu +leugnen, dass wir auf Grund von Erfahrungen, die wir an uns und an andren +machen, andren mehr Vertrauen schenken können und müssen als uns selbst, +andere für ehrlicher, uneigennütziger, hingebender, opferwilliger halten +müssen als uns selbst. In Bezug auf mich selbst bin ich doch eben wegen +meiner Eigenliebe, die zum Selbstbeschönigen und Selbstbetrügen führt, +viel mehr der Täuschung ausgesetzt, als in Bezug auf andere. Abgesehen +davon ist das in Wort und That vorliegende Leben des Einzelnen ebenso +Ausdruck seines Innern wie die Gefühlsäusserungen, und wenn wir hier das +Natürliche, Nichtkünstliche und Nichtverstellte von seinem Gegenteil +unterscheiden können, muss das auch dort gelten. Ist aber dies der Fall, +dann kann sich mit der Erkenntnis der Lebensführung des Einzelnen, wie sie +sich äusserlich kundgiebt, auch die Vorstellung der Sittlichkeit, der +Religiosität verbinden und die Zugehörigkeit dieser innern Vorzüge zu ihr +uns einleuchten, sodass wir nun auch von diesem Leben nach seiner innern +sittlich religiösen Seite eine Einsicht und wirkliche Erkenntnis haben +können. Oft macht das Leben eines Menschen auf uns einen so +überwältigenden Eindruck, dass wir bezüglich der Lauterkeit und Reinheit +seiner Gesinnung eine durch nichts zu erschütternde Überzeugung gewinnen +und uns sagen müssen und wirklich sagen, dass, wenn hier keine Einsicht +vorhanden ist, es überhaupt keine Einsicht giebt. Es ist merkwürdig, dass +die solchen seltenen Menschen Nahestehenden und mit ihnen Umgehenden trotz +der entgegengesetzten Erfahrung, die sie an sich selbst und an andren +machen, in diesem ihre Einsicht betreffenden Urteil übereinstimmen, auch +wenn der sogenannte Verehrungssinn in ihnen wenig oder gar nicht +entwickelt ist. Natürlich sind wir bei dieser auf Einsicht +zurückzuführenden Erkenntnis des Innern andrer auch auf ihre Worte als +ungewollte und unbeabsichtigte Selbstbeurteilungen angewiesen, also auch +auf die Mitteilungen andrer. Ob und inwiefern wir bezüglich der +Mitteilungen andrer auch von wirklichen Erkenntnissen oder Einsichten +reden können, darüber bedarf es einer besondren Untersuchung, der wir den +Titel Geschichtliche Erkenntnisse geben, da die geschichtlichen +Mitteilungen unter den Mitteilungen andrer die erste Stelle einnehmen. + + + Vierundzwanzigste Untersuchung. + + +Geschichtliche Erkenntnisse. + +Den Mitteilungen andrer gegenüber sind wir gewohnt, von einem Dafürhalten +zu reden, das wir mit dem geringschätzigen Namen Glauben bezeichnen und +insofern dem Wissen als etwas Minderwertiges gegenüberstellen. Wir +vergessen dabei gewöhnlich, dass unser ganzes Gerichtsverfahren, auch wenn +es sich bei ihm um Leben und Tod handelt, auf Zeugenaussagen, also auf +einem Glauben in diesem Sinne beruht, und dass das Leben in der Familie, +in der Gesellschaft, im Staate, jeder Verkehr mit unsresgleichen ohne ihn +unmöglich würde. Sicher ist, dass blosse Mitteilungen an sich genommen +keine Einsichten sind, wenigstens nicht für diejenigen, denen die +Mitteilungen gemacht werden. Mitgeteilte Urteile sind zunächst noch keine +von uns gefällten Urteile, bei denen die Zugehörigkeit des Prädikates zum +Subjekt uns einleuchtet. Aber wir haben gesehen, wie unübersehbar gross +die Wissensinhalte sind, die wir uns selbst verdanken und bei denen +ebenfalls von einem solchen Einleuchten keine Rede sein kann. Wir +bezeichneten diese Wissensinhalte als Kenntnisse und unterschieden sie von +den Erkenntnissen. Mit diesen Kenntnissen stehen die Mitteilungen zunächst +auf einer Stufe. Aber ebenso wie die blossen Kenntnisse können auch sie +unter Umständen zu Einsichten oder Erkenntnissen erhoben werden. Es ist +also insofern kein Grund vorhanden, sie den Wissensinhalten gegenüber, die +wir uns selbst verdanken und die blosse Kenntnisse sind, für minderwertig +zu halten. + +Sicher ist ferner, dass wir bezüglich der mitgeteilten Urteile sehr häufig +nicht zu einer unmittelbaren Einsicht in die Zusammengehörigkeit des +Prädikats mit dem Subjekte gelangen können, uns vielmehr mit der Einsicht, +dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will, begnügen +müssen, und dass wir erst hieraus auf die Zusammengehörigkeit des +Prädikats mit dem Subjekte schliessen können. Aber auch von den +Wissensinhalten, die wir uns selbst verdanken und die zunächst blosse +Kenntnisse sind, gilt, dass wir sehr oft nur eine mittelbare Einsicht von +ihnen gewinnen und sie nur durch diese mittelbare Einsicht zu eigentlichen +Erkenntnissen erheben können. Wenn wir eine wirkliche Einsicht gewinnen, +ist es in der That nicht von Bedeutung, ob dieselbe mittelbar oder +unmittelbar ist, ebenso wenig, ob sie eine äussere ist, vermittelt durch +Einsicht in die Fähigkeiten und Gesinnungen der Mitteilenden, oder eine +innere, vermittelt durch Einsicht in Sätze, die von selbst einleuchten. +Auch die äussere mittelbare Einsicht führt in letzter Instanz auf Sätze +zurück, die durch sich selbst einleuchtend sind. Ich möchte deshalb +vorschlagen, die im Deutschen (im Englischen hat sowohl believe +dafürhalten, als faith Glauben im religiösen Sinne eine ganz andere +Bedeutung) übliche Unterscheidung des Glaubens von dem Wissen fallen zu +lassen und an ihre Stelle die andere von Wissensinhalten, die wir uns +selbst und die wir andren verdanken, zu setzen. Es ist dies die bei den +Engländern übliche Unterscheidung zwischen Kenntnissen erster und zweiter +Hand. Das Wort Glaube bleibt besser wie das englische faith auf seine +religiöse Bedeutung beschränkt. + +Überblicken wir nun einmal das unermesslich grosse Gebiet der +Wissensinhalte, die wir andren verdanken, oder der Kenntnisse zweiter +Hand, gegenüber der kleinen Zahl von Wissensinhalten, die wir uns selbst +verdanken, oder der Kenntnisse erster Hand, und erwägen wir die +Konsequenzen, zu denen es führt, wenn wir die erstren als minderwertig +gegenüber den letztren betrachten wollen! Man bedenke, die ganze +Geschichte, die Geographie fremder Länder und Völker, die wir nicht selbst +gesehen, die Reisebeschreibungen und Naturbeschreibungen von Gegenständen +und Dingen, die wir nicht selbst erforschten, die Geschichte der +Wissenschaften, auch die Lehren der Biologie, Chemie und Physik, selbst +der Mathematik, die wir nicht nachgeprüft haben -- und welcher Fachmann +wäre im Stande, alles vor ihm Erforschte nachzuprüfen? -- alles das sind +Kenntnisse zweiter Hand, deren Wahrheit wir nur mittelbar erkennen, sofern +wir auf sie aus der Einsicht, dass die uns diese Kenntnisse Mitteilenden +die Wahrheit wussten und auch sagen wollten, schliessen. Können wir diese +sämtlichen Wissensinhalte, weil wir sie der Mitteilung andrer verdanken, +für minderwertiger halten als die geringe Zahl der durch eigene Thätigkeit +gewonnenen Wissensinhalte, die doch grösstenteils auch nur Kenntnisse sind +und insofern mit ihnen auf einer Stufe stehen? Oder doch für +minderwertiger als diejenigen unter ihnen, welche eigentliche Erkenntnisse +sind, insbesondere als die Begriffsurteile der Arithmetik, der Logik, der +Metaphysik und die diesen Begriffsurteilen sich nähernden, freilich nicht +ohne Vorbehalt als Erkenntnisse zu betrachtenden allgemeinen Lehrsätze der +Geometrie, Astronomie, Physik, Mechanik? Wegen der allgemeinen +Anwendbarkeit der Begriffsurteile und dieser sich ihnen nähernden +Lehrsätze ist ihr Nutzen für den Aufbau der Wissenschaften nicht hoch +genug anzuschlagen, und insofern mögen sie höherwertig sein als die +einfachen Thatsachenurteile. Aber der Erkenntniswert der Begriffsurteile +ist offenbar nicht grösser als der der Thatsachenurteile. Hier wie dort +besteht er in dem Einleuchten der Zusammengehörigkeit und der Einsicht in +dieselbe, was beides bei Thatsachen ebensowohl vorhanden sein kann als bei +Begriffen. Ausserdem hat die Wahrheit der Thatsachenurteile ebenso einen +überzeitlichen Charakter wie die Wahrheit der Begriffsurteile. Die meisten +der auf Mitteilung beruhenden Urteile, ausser denen, die zu den +erklärenden Naturwissenschaften und zur Mathematik gehören, sind solche +Thatsachenurteile; die geschichtlichen Wissenschaften bestehen fast +lediglich aus ihnen. + +Es ist wichtig zu beachten, dass den geschichtlichen Thatsachen, die wir +sämtlich der Mitteilung andrer verdanken, kein geringerer, im Gegenteil +sicher ein höherer Erkenntniswert zukommt als, ganz allgemein gesprochen, +den Wissensinhalten der Naturwissenschaften, von denen wir viele durch +unsere eigene Beobachtung gewinnen und die wir, wenn sie durch Beobachtung +andrer gewonnen wurden, nachprüfen können, die ferner wegen ihrer +grösseren Einfachheit eher die Herstellung gesetzlicher, den +Begriffsurteilen sich nähernder Zusammenhänge ermöglichen. Wir haben +gesehen, dass sich uns die Natur als eine gebrochene Einheit, nicht als +eine wahre Vielheit darstellt; damit hängt zusammen, dass das Einzelne in +der Natur nur als Beispiel einer Gattung und Art und nicht als solches +Bedeutung hat. Den Botaniker interessiert dieses bestimmte Exemplar einer +viola tricolor nur als Beispiel der Art. Ganz anders in der Geschichte. +Die geschichtlichen Personen bilden eine wirkliche Vielheit. Jede einzelne +hat ihren Wert, ist sozusagen eine Gattung, eine Art für sich. Eben darum +stellen die geschichtlichen Thatsachen dem Erkennen eine viel schwerer zu +bewältigende Aufgabe als die Naturthatsachen; sie bieten dem Erkennen zu +gleicher Zeit aber auch einen Reichtum und eine Lebensfülle, hinter der +die reichste und lebensvollste Ausstattung der Naturgestalten +zurückbleibt. Die Geschichte ist die Quelle von Gedanken, welche uns der +Lösung des Rätsels des Weltgeschehens näher bringen, während die Natur +unsren Fragen gegenüber verstummt. Von dem Körperlichen, dem eigentlichen +Gegenstande der Naturwissenschaft, wissen wir strenggenommen nicht, was es +ist; von den Triebfedern und Beweggründen menschlicher Handlungen, die +sich uns als die Hebel der geschichtlichen Entwicklung darstellen, haben +wir eine eigentliche, in einer Einsicht bestehende Erkenntnis. Ausserdem +ist das Körperliche sicher dem für die Geschichte massgebenden und +bestimmenden Geistigen untergeordnet und hat in ihm seinen Zweck. Was +haben beispielsweise die freilich bloss hypothetisch angenommenen +Ätherschwingungen und die wirklich zu konstatierenden Luftschwingungen +sonst für einen Zweck, als in unserem Bewusstsein die Farben und die Töne +zu erzeugen und damit den Künsten der Malerei und Musik zur Geburt zu +verhelfen? Es giebt einen der Natur innewohnenden Zweckzusammenhang, der +in der Ermöglichung und Herausbildung des Bewusstseins, vor allem des +menschlichen Bewusstseins, seine Spitze hat und in ihm, wie es scheint, +seinen Abschluss findet. Es scheint nicht richtig, die Natur als Gegensatz +zum Geiste zu betrachten; vielmehr stellt sie sich uns dar als eine +Stufenleiter zum Geiste, der uns nicht bloss in unsrem Bewusstsein sondern +mehr noch in der Geschichte offenbar wird. Man könnte sagen, die Natur +oder Körperwelt sei für uns, die wir allein das Bewusstsein seiner +Beschaffenheit nach kennen, das Nichtbewusstsein, also Gegensatz des +Bewusstseins. Allein das ist nur ein andrer Ausdruck für unser +Nichtwissen. Eher kann man sagen, das Niedere sei um des Höheren willen, +also in letzter Instanz alles für das Bewusstsein da. Herausbildung des +Nervensystems als Bedingung der Empfindung, des Bewegungssystems als +Werkzeug des Willens -- das scheint der ganze Zweck des tierischen und +menschlichen Körpers zu sein. Wofür wäre die Farbenpracht, der +Formenreichtum der Pflanzenwelt, wenn nicht für das sehende Auge? + +Oder soll etwa das Bewusstsein seinen Zweck in der Natur haben und ihr als +Mittel dienen? Allein die Natur geht die Jahrtausende hindurch ihren +unabänderlichen Gang nach ehernen Gesetzen, die das Bewusstsein entdecken +und dann sich dienstbar machen, aber nicht im geringsten ändern kann. Das +Antlitz des Weltalls und der Erde bleibt das gleiche Jahrtausende +hindurch, ohne von dem Bewusstsein einen ändernden Einfluss zu erfahren. +Die Benutzung der Naturgesetze zu seinen, nämlich des Menschen Zwecken, +das sich Dienstbarmachen und Beherrschen der Natur, das Zwingen derselben +zum Gehorsam im Experiment kraft dieser Gesetze ist ferner unerklärbar, +wenn das Bewusstsein der Natur wie das Mittel dem Zweck untergeordnet oder +um der Natur willen vorhanden wäre. + +Es bleibt noch eine dritte Möglichkeit, nämlich mit der mechanischen +Naturauffassung den Zweckbegriff ganz zu eliminieren. Allein die Anhänger +dieser Auffassung können der Entwicklungshypothese nicht entbehren und +führen mit ihr gleichsam durch eine Hinterthür den Zweckbegriff wieder in +die Wissenschaft ein. Die Entwicklungshypothese verlegt die +Zielstrebigkeit, die Aristoteles zur Ermöglichung der Selbstentfaltung und +Selbstentwicklung für jedes einzelne Naturding in Anspruch nahm, in das +Ganze der Natur. Das Niedere ist nach ihr dem Höheren untergeordnet und +dient ihm als Mittel zum Zwecke. Man sucht freilich die Zweckmässigkeit +mechanisch zu erklären. Nur was seiner Umgebung angepasst und für den +Verkehr mit ihr eingerichtet ist, soll daseinsberechtigt und lebensfähig +sein. Woher kommt die Anpassung und Einrichtung? Es passt sich selbst an, +richtet sich selbst ein; vermöge seines Selbsterhaltungstriebes kommt es +zur Selbstentfaltung und Selbstentwicklung. Das ist eben das, was +Aristoteles Zielstrebigkeit nennt. Man sagt, das Stärkere erhält sich, +weil es besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet ist. Aber das gilt +nicht eigentlich vom Stärkeren, sondern vom feiner Organisierten, vom +Empfänglicheren, Reizbareren, also von dem Vollkommneren. Dieses ist das +Stärkere. Mit andren Worten, die Entwicklung zum Vollkommneren, die +Zielstrebigkeit setzt sich durch, hält sich aufrecht. Der Geruchssinn des +Parfumeriefabrikanten, der Geschmackssinn des Gourmands, der Gehörssinn +des Musikdirigenten, der Gesichtssinn des Mikroskopikers wird durch die +infolge der Übung und Gewöhnung wiederholt auftretenden und einander +weckenden Empfindungen feiner, zarter, für Unterschiede empfänglicher, +keineswegs aber gröber, stärker. Wäre das letztere der Fall, dann liesse +sich durch Summierung der wiederauflebenden Empfindungen alles sehr leicht +erklären, rein mechanisch; alle Vervollkommnung wäre nur ein +Stärkerwerden. Aber es ist anders in der Natur; man kann von einem +aristokratischen Prinzip als dem herrschenden, in letzter Instanz +ausschlaggebenden reden. Das Bessere, das Vollkommnere gewinnt im +Allgemeinen den Sieg, das Stärkere nur ausnahmsweise. Dem gegenüber +versagt die mechanische Erklärung. Dass sich das Bessere, Vollkommnere +durchsetzt und erhält, scheint ohne Zielstrebigkeit nicht erklärt werden +zu können. + +Die fortschreitende Entwicklung der Natur ist nicht zu leugnen. Sie +vollzieht sich durch Zusammenfassung des Nebeneinanderliegenden, +Getrennten zur Einheit, durch Bildung kleinerer Ganzen, z. B. der +Himmelskörper im Weltenraum, der Krystalle, Pflanzen, Tiere auf der Erde, +und innerhalb dieser letztern durch Herstellung von Mittelpunkten zuerst +und dann von Systemen, die das kleine Ganze beherrschen: Ernährungs-, +Nerven-, Bewegungssystem. Aber wie langsam geht diese Entwicklung vor +sich, ihr Alter zählt nach Jahrmilliarden! Die eigentliche Stätte +unablässiger, augenscheinlicher, fortschreitender Entwicklung ist die +Geschichte. Insofern kann man sie als die an Intensität freilich alles +Vorausgehende hinter sich lassende Fortsetzung der Natur bezeichnen. Auch +in ihr handelt es sich um Herausbildung von Einheiten; aber diese +Einheiten sind nicht Zusammenfassungen neben- und aussereinanderliegender +Teile, sondern Einheiten, die in einem Bewusstsein von sich selbst, an dem +alle ihre Glieder teilnehmen, bestehen: Volk, Staat, Gesellschaft, Nation. +Einheiten ferner im strengen Sinne, nämlich geistige Einheiten, +Persönlichkeiten, welche die eigentlichen Träger der geschichtlichen +Entwicklung bilden. Sie sind Träger von Ideen, welche die Massen bewegen. +Darin liegt ihre Bedeutung. Die Geschichte bewährt sich gerade durch diese +in ihr hervortretenden, in den Persönlichkeiten verkörperten Ideen als +fortschreitende Entwicklung. Die Frage, ob es einen Fortschritt in der +Geschichte giebt, sollte darum von rechtswegen gar nicht gestellt werden. +Für die Wissenschaft und Religion hat man ihn nicht leugnen können; +zeitweilige Rückschritte sind nur Anläufe zu kräftiger Erhebung. Man wird +hienach nicht bestreiten können, dass die Geschichte einen viel +bedeutsameren und gehaltreicheren Erkenntnisgegenstand ausmacht als die +Natur. Es giebt ohne Zweifel in der fortschreitenden Entwicklung der Natur +etwas Neues, das aus den vorausgehenden Faktoren nicht erklärt werden +kann, -- das Organische gegenüber dem Unorganischen ist, wie das Tier +gegenüber der Pflanze, ein solches Neues -- wenn man nicht etwa den Satz +ex nihilo fit nihil zu leugnen versucht. Das gilt in noch viel höherem +Grade von der Geschichte. Hier ist das Neue an das Individuum gebunden, +und die Bedeutung des Individuums bedingt und bestimmt den geschichtlichen +Fortschritt. + + + Fünfundzwanzigste Untersuchung. + + +Künstlerische und wissenschaftliche Inspiration. + +Es giebt eine alte Unterscheidung von drei Erkenntnisquellen: Erfahrung, +Vernunft und Offenbarung. Man begegnet ihr heute nicht mehr. Sie gilt für +veraltet. Indes hat sie doch ihr gutes Recht. Die Redeweise: es war mir +oder kam über mich wie eine Offenbarung, wird nicht selten gebraucht, und +viele werden gestehen müssen, dass sie so etwas wirklich erlebt haben. Man +spricht allgemein von einer künstlerischen Inspiration. Die schöpferische +Einbildungskraft ist etwas andres. Worin liegt der Unterschied? Was ist +unter dieser Inspiration, Eingebung, die als Offenbarung bezeichnet werden +muss, zu verstehen? + +Es bedarf eines Blickes des Geistes, um das Wesentliche von dem +Unwesentlichen in den Dingen unterscheiden, um die Merkmale ihres +Begriffes auffinden und entdecken zu können. Nicht jeder verfügt über +diesen Blick. Viele bleiben an dem Äusserlichen und Nebensächlichen mit +ihrem Denken haften. Wir sagen dann, sie können nicht denken. Wie sie des +eigentümlichen Erlebnisses, das wir als Einsicht bezeichnen, ermangeln und +sich kaum über die Stufe des bloss associativen Wissens erheben, so fehlt +ihnen auch der Blick des Geistes, durch den allein das Wesentliche erfasst +werden kann. Eines solchen Blickes bedarf es nun auch, um den Gedanken zu +erfassen, der in einem Kunstwerke ausgedrückt ist. Aber für den Künstler +selbst, der den Gedanken in dem Stoffe verwirklicht, genügt dieser Blick +nicht. Ihm muss der Gedanke _gegeben_ werden. Und das geschieht eben durch +die Eingebung oder Inspiration. Sie ist, wie ersichtlich, von dem Blicke +des Geistes, durch den wir das Wesen, den Kern der Sache erfassen, +verschieden. Dieser Blick orientiert sich an der äussern Erscheinung des +Wesens, er ist durch sie bedingt und wird durch sie bestimmt, obgleich er +sozusagen durch sie hindurchdringt und über sie hinausgeht. Die +Inspiration oder Eingebung hingegen ist ein objektiver Zustand, der ohne +unser Zuthun zustande kommt, dem gegenüber wir uns leidend verhalten. Sie +setzt natürlich in uns eine Empfänglichkeit voraus, die mannigfach +vermittelt ist; ihre Auffassung hängt darum von einer bestimmten +Entwicklung des Bewusstseins ab. Man kann die Inspiration mit dem +Einleuchten der Zusammengehörigkeit vergleichen und muss dann die +Auffassung der Inspiration mit der Einsicht zusammenstellen. Auch bei der +Eingebung handelt es sich um Zusammenhänge, um Zusammengehörigkeiten, +freilich andrer, höherer Art als bei dem Einleuchten, wie sie +beispielsweise das Motto der Goetheschen Iphigenie darstellt: Alles +irdische Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit. In der schaffenden +Thätigkeit des Künstlers nun spielt vor allem die Inspiration oder +Eingebung eine Rolle, sie macht sich die Phantasie des Künstlers dienstbar +und lässt sie an seiner Schöpferkraft teilnehmen. Die so schöpferisch +gewordene Phantasie schaltet und waltet mit ihrem sinnlichen Stoff gemäss +der Eingebung, ihn formend und gestaltend. + +Natürlich sagen wir nicht, dass alle Ideen, die unsren Kunstwerken +zugrunde liegen oder die in ihnen verkörpert sind, auf einer Eingebung +beruhen. Oft ist das Kunstwerk ja nur eine Darstellung des in Erfahrung +und Geschichte Gegebenen, freilich so, wie es sich im Geiste des Künstlers +spiegelt, wie es seiner Auffassung entspricht. Diese Spiegelung oder +Auffassung hängt natürlich, wie die Auswahl der darzustellenden +Gegenstände, von der Individualität des Künstlers ab. Man wird +demgegenüber schwerlich von einer auf Eingebung beruhenden Idee reden +können, wenn man nicht etwa für diese Individualität, wie überhaupt für +die Bedeutung des Individuums in der Geschichte etwas der Eingebung +Analoges in Anspruch nehmen will, das nicht bloss Gedanken im menschlichen +Bewusstsein sondern Wirklichkeiten erzeugt. Abgesehen davon wird man nicht +leugnen können, dass vielen Kunstwerken, insbesondere Werken der redenden +Kunst, Ideen zugrunde liegen, die auf einer Eingebung beruhen, die mit +andren Worten aus dem in Erfahrung und Geschichte Gegebenen nicht erklärt +werden können. Das Motto der Goetheschen Iphigenie ist unzweifelhaft eine +solche Idee, wenn auch für Goethe diese Idee keine eigentliche Eingebung +war, sondern dem reichen Schatze der Eingebungen entnommen wurde, die in +der christlichen Religion gegeben sind und deren Mittelpunkt eben diese +Idee bildet. + +Können wir auch von einer wissenschaftlichen Inspiration reden? Ohne +Zweifel müssen wir es! Wird das Forschungsergebnis, zu dem man nur mühsam +durch langwierige Arbeit gelangt, nicht meistens schon mit +vorausschauendem Blicke vorweggenommen, und ist nicht dieser +vorausschauende, das Ergebnis vorwegnehmende Blick der Ansporn, der uns +zur Forschungsarbeit drängt, und das Licht, das uns hierbei leitet? Alle +grossen wissenschaftlichen Entdeckungen, wie alle Entdeckungen überhaupt, +scheinen so auf ursprünglichen Intuitionen zu beruhen, die vielfach +Eingebungen sind. Das Ergebnis wird oft erst auf sehr verwickelten und +verschlungenen Wegen gewonnen, und doch steht es uns von Anfang an +deutlich vor der Seele. Wie ist das zu erklären, wenn das Ergebnis nicht +eine Eingebung, Inspiration ist? Wir sprechen davon, dass uns Gedanken +einfallen, wodurch der Fortschritt im Denken vielfach bedingt ist. Oft +sind das freilich nur Reminiscenzen aus der Lektüre, aus den Gesprächen +mit andren, oft nur mehr oder minder berechtigte Verallgemeinerungen, oft +blosse Associationen. Aber wir wissen auch, dass das keineswegs immer der +Fall ist. Nicht selten tritt uns ein Gedanke, der gleichsam aus der +verborgenen Tiefe unsres Innern auftaucht, als etwas durchaus Neues +entgegen, für das wir in unsrem bisherigen Geistesleben vergebens nach +Anknüpfungspunkten suchen. Solche Gedanken werden wir doch Eingebungen +nennen müssen. Das Ergreifen, Erfassen derselben im Bewusstsein ist von +dem Blicke für das Wesentliche, der durch die Erscheinung der Dinge und +Vorgänge im Bewusstsein bedingt und bestimmt ist, verschieden. Solche +Gedanken drängen sich uns auf, werden uns so aufgenötigt, wie wir von den +Empfindungen sagen, dass sie uns aufgedrängt, aufgenötigt werden. Von +unsrem Bewusstsein scheinen sie nicht hervorgerufen oder erzeugt zu +werden; aus ihm scheinen sie nicht hervorzugehen oder zu entstehen, +vielleicht aus den uns selbst verborgenen Tiefen unseres Wesens. Durch +dieses Sichaufdrängen und Sichaufnötigen, das die auf Eingebung beruhenden +Gedanken mit den Empfindungen gemein haben, unterscheiden sie sich +insbesondere von dem Wesentlichen, das wir durch einen einfachen Blick des +Geistes erfassen, bei dem von einer innren Nötigung, einem innren Zwange +nichts zu verspüren ist. + +Natürlich bilden auch die eingegebenen Gedanken Zusammenhänge, +Zusammengehörigkeiten, sie treten in der Form von Urteilen auf; aber das +Einleuchten dieser Zusammengehörigkeit und das mit ihr verbundene +Einsehen, der Blick für das Wesentliche verbindet sich nicht ohne weiteres +mit den eingegebenen Gedanken, ist auch grundverschieden von dem +Sichaufdrängen, das die eingegebenen Gedanken wie die Empfindungen +charakterisiert. Wie bei dem Blicke des Geistes für das Wesentliche, so +ist auch bei dem ihm folgenden Einleuchten und Einsehen der +Zusammengehörigkeit von irgendwelcher Nötigung, irgendwelchem Zwange +nichts zu entdecken. Die auf Eingebung beruhenden Gedanken stellen sich +meistens dann ein, wenn der Blick für das Wesentliche versagt, sodass ihr +Aufleuchten gleichsam einen Ersatz, eine Ergänzung für diesen Blick +bildet. Wir kennen das Wesen des Körperlichen nicht, können es vielmehr +nur nach seiner Erscheinung in unsrem Bewusstsein charakterisieren und +näher bestimmen. Wenn man das Körperliche für den Gegensatz des Geistigen +erklärt, so geschieht das auf Grund einer Eingebung in unsrem Sinne; der +Erfahrung folgend würde es eher als eine Stufenleiter zum Geistigen hin +betrachtet werden müssen. Aber auch diese Betrachtung findet in der +Erfahrung keine ausreichende Stütze und muss insofern ebenfalls als +Eingebung bezeichnet werden. Natürlich sind solche Eingebungen keine +Erkenntnisse; es kommt darauf an, sie zu verifizieren. Die +wissenschaftliche Arbeit hat in ihnen wohl einen Ansporn und ein Licht, +aber sie beginnt erst mit der Eingebung und muss so lange fortgesetzt +werden, bis die Zusammengehörigkeit der Eingebung mit dem Wirklichen +einleuchtet und eingesehen wird. Dann erst wird die Eingebung zur +Erkenntnis. + +Der Ausdruck Eingebung ist insofern ein vorläufiger. Zu einer wirklichen, +von der Einbildung sich unterscheidenden Eingebung wird ein Gedanke erst +dadurch, dass wir ihn zu einer wirklichen Erkenntnis erheben. Von den +beiden Gedanken über das Wesen des Körperlichen, die wir erwähnten, +scheint sicher zu sein, dass sie zu wirklichen Erkenntnissen nicht erhoben +werden können. Nach dem ersteren Gedanken, der die Natur als Gegensatz zum +Bewusstsein fasst, müsste man die Natur etwa als Schranke des +Bewusstseins, als symbolischen Ausdruck seiner Endlichkeit auffassen, dem +sich dann die scheinbar unendliche Ausdehnung der Natur im Raume als +symbolischer Ausdruck ihrer vorgeblichen Unendlichkeit zur Seite stellt. +Nach dem letzteren Gedanken müsste man etwa annehmen, dass die Natur in +einer stufenweisen Entwicklung allmählich zu einem geistigen Dasein +verklärt würde, wie es die Anschauung des neuen Testamentes ist oder zu +sein scheint. Aber was in beiden Fällen die Wirklichkeit der Natur +eigentlich sein soll, bleibt völlig dunkel. + +Wenn wir an dem wirklichen Bestehen von Eingebungen nicht zweifeln können, +so fragt es sich, woher sie kommen. Wir haben gesehen, dass das Wesen der +Dinge in ihrer Wahrheit besteht und dass sie nur dadurch, dass sie wahr +sind, wirklich sein können. Ihre Wahrheit ist Bedingung ihrer Wirklichkeit +und ihr gegenüber das Massgebende und Entscheidende. Alle Dinge hängen so +mit dem Reiche der Wahrheit, mit dem System der Wahrheit zusammen -- eine +einzelne Wahrheit giebt es streng genommen nicht -- sind von ihm +durchdrungen oder in dasselbe eingegliedert. Das gilt natürlich auch von +unsrem Bewusstsein, von unsrem Erkennen und allen dasselbe vorbereitenden +Vorgängen. Sie sind aufs engste mit dem Reiche oder System der Wahrheit +verbunden, und aus dieser Verbindung erklärt es sich, dass scheinbar +unvermittelt in uns Gedanken auftreten oder, wie wir gewöhnlich sagen, uns +eingegeben werden. + +Es giebt sicher zwei Erkenntnisquellen, das Wort im weitesten Sinne +genommen: nicht Quellen, aus denen wir die Erkenntnisse schöpfen, sondern +Ausgangspunkte, zwei verschiedene Ausgangspunkte für unser Erkennen, die +dasselbe bedingen und seinem Inhalte nach bestimmen. Das sind einerseits +die Empfindungen als Erkenntnismittel der Aussenwelt und die +Bewusstseinsvorgänge als Erkenntnismittel der Innenwelt, beide zusammen +das ausmachend, was wir als Erfahrung bezeichnen können, wenn wir darunter +eben den Ausgangspunkt für das Erkennen verstehen. Diesen stehen +anderseits die Eingebungen gegenüber. Die Erkenntnis ist natürlich von +beiden verschieden. Sie ist Sache des Denkens, der Vernunft, und besteht +weder in einer blossen Umformung der Empfindungen, wie Condillac und die +Sensualisten meinen, noch in einer blossen Umformung der +Bewusstseinsvorgänge. Dass uns die Eingebungen, die nur dem +hochentwickelten Bewusstsein zuteilwerden können, in den an die Erfahrung +sich anschliessenden Formen des Denkens gegeben werden, hindert natürlich +nicht, sie als Ausgangspunkt für das Erkennen in dem erörterten Sinne zu +betrachten. + + + Sechsundzwanzigste Untersuchung. + + +Religiöse Erkenntnisse. + +Nimmt man an, dass es künstlerische und wissenschaftliche Inspirationen +giebt, so wird man auch den religiösen Inspirationen seine Anerkennung +nicht versagen können. Die Religion ist, ganz allgemein gefasst, das +Bewusstsein von der Verbindung des Menschen mit Gott und ein auf Grund +dieses Bewusstseins eingeleiteter Verkehr des Menschen mit Gott, der in +der rückhaltlosen Hingabe des Willens, der Person, des ganzen Wesens an +Gott seinen Grund hat und in einer persönlichen Beziehung zu Gott besteht. +Wird nun unter Gott, wie es in der Religion der Fall ist, das über der +Welt der Erscheinungen erhabene Wesen verstanden, in dem alles wirkliche +Sein und alle Wahrheit ihren Grund hat, so ist begreiflich, dass gerade +auf religiösem Gebiete die Inspirationen die grösste Rolle spielen. Sie +sind von der Religion ihrem wahren Wesen nach unabtrennbar. Das kann man +nur leugnen, wenn man dieses Wesen völlig verkennt oder in sein Gegenteil +verkehrt. In allen weltbewegenden Religionen treten Seher, Propheten auf, +die sich solcher von Gott empfangener Inspirationen rühmen. Sofern sie +eine neue religiöse Bewegung herbeiführen, nennen wir sie Gründer, Stifter +der Religionen oder Verbesserer, Reformatoren. Der Inhalt ihrer +Inspirationen sind keineswegs, nicht einmal grösstenteils, Zukunftsbilder, +sondern die ganze Natur und Menschenwelt umspannende Gedanken, die über +das eigentliche Wesen und die Wahrheit der Dinge, d. h. über ihre Stellung +und Bedeutung für die Gesamtheit des Wirklichen oder im System der +Wahrheit Licht verbreiten. Sie haben deshalb zu allen Zeiten das lebhafte +Interesse des Philosophen geweckt, dem es um die Erkenntnis des Wesens und +der Wahrheit der Dinge zu thun ist. + +Allerdings sind diese Gedanken in erster Linie praktischer Natur, denn die +Religion ist zunächst eine praktische, das Gefühl und den Willen angehende +Angelegenheit. Aber sie schliessen die umfassendsten und bestimmtesten +theoretischen Voraussetzungen ein, ohne die sie Halt und Bestand verlieren +und bei deren Veränderung sie selbst völlig verändert werden. Und diese +theoretischen Voraussetzungen sind nicht etwa darum wahr, weil sie sich +praktisch für das Gefühl und den Willen bewähren. Der Wert der Praxis +liegt gerade darin, dass diese Voraussetzungen wahr sind. Wie alles in der +Welt, so erhält auch sie ihren Wert nur durch die Wahrheit, die sie +natürlich nicht verbürgen und garantieren kann. Es ist eine den +Religionsbegriff verflachende und entleerende Auffassung, wenn man +erklärt, die Religion bestehe in blossen Gefühlen, und wenn man sie in +diesem Sinne mit Gesinnungen verselbigt. Als ob Gesinnungen ohne +theoretische Grundlagen denkbar wären! Gewiss, das Wesen der Religion, ihr +Herz und ihre Seele besteht nicht in theoretischen Anschauungen, nicht in +Lehren, sondern in der persönlichen Hingabe der Menschen an Gott, in dem +Opfer seiner selbst. Aber wie verschieden ist doch die stoische Hingabe an +den Weltlauf, die auch von den Stoikern als Gehorsam gegen Gott bezeichnet +wird, und die christliche Ergebung in den Willen Gottes! Worin liegt die +Verschiedenheit? Nun darin, weil die diesen Gesinnungen zugrunde liegende +Lehre eine andere ist. Heilswahrheiten sind nicht wahr, weil sie uns Heil +bringen, sondern weil sie wahr sind, deshalb bringen sie uns Heil. Der +Glaube als rückhaltlose Hingabe an Gott setzt die Erkenntnis Gottes als +der rückhaltlosen Hingabe an uns voraus. Er soll den Frieden des Innern +und die Kraft zum sittlichen Handeln bringen. Aber man kann nicht auf +Probe glauben, abgesehen davon, dass das keine rückhaltlose Hingabe wäre. +Mit andren Worten: die Erkenntnis, auf der der Glaube beruht und die uns +seine Wirkung verbürgt, ist nicht um dieser Wirkung willen wahr, und der +diese Erkenntnisse einschliessende Glaube erhält nicht durch diese seine +Wirkung seine Wahrheit. Dass der Glaube seine Wahrheit nicht erhält durch +seine Wirkungen, geht schon daraus hervor, dass die Wirkungen rein +psychologisch auch eintreten, wenn der Glaube falsch ist, d. h. wenn die +in ihm enthaltene Annahme, also das intellektuelle Element in ihm, nicht +wahr ist. Ohne dieses intellektuelle Element, dass Gott ist, dass er die +Liebe ist, kommt kein Glaube zustande, ohne dasselbe kann er keinen +Augenblick bestehen. Ist es nicht wahr, so ist er Trug, Täuschung, +Einbildung, also völlig wertlos, trotz seiner guten Wirkungen. + +Aber hat das intellektuelle Element, von dessen Wahrheit wir reden, in der +Religion nur Bedeutung als Voraussetzung, als bedingender Bestandteil? +Muss man nicht vielmehr sagen, die Wahrheit sei das Einzige, was um seiner +selbst willen geschätzt werden müsse, alles andere könne nur darum +geschätzt werden, weil es wahr ist (nur weil es wahr ist, ist es ja auch +wirklich)? Wir sprechen von wahrer, wirklicher Liebe, von wahrer, +wirklicher Sittlichkeit, von wahrem, wirklichem Menschsein und meinen +damit eine Liebe, wie sie sein soll, eine Sittlichkeit, wie sie sein soll, +einen Menschen, wie er sein soll. Das ist natürlich Wahrheit in andrem +Sinne; Wahrheit als Übereinstimmung mit einem Ideal. Aber im höchsten +Sinne ist Liebe, Sittlichkeit, Mensch nur wahr, insofern sie eine Stellung +in der Gesamtheit des Wirklichen haben, die durch das System der Wahrheit +bestimmt wird, also als Glieder des Reiches der Wahrheit -- nur insofern +haben sie eine ewige Bedeutung und einen unvergänglichen Wert. Insofern +ist dann die Wahrheit alles in allem, das einzige, das wahrhaft höchste +Gut. Dieser höchste Sinn der Wahrheit muss auch für die Religion gelten. +Als einzelne Wahrheit oder Teilwahrheit ist sie blosse Voraussetzung, +bedingender Bestandteil der Religion; als Wahrheit im höchsten Sinn ist +sie auch für die Religion alles. Was Voraussetzung, bedingender +Bestandteil und insofern Anfang für Glaube, Liebe, Sittlichkeit, Religion +ist, dass muss auch das Ende, das höchste Ziel sein. In diesem höchsten +Sinne wird in der christlichen Religion Gott als die Wahrheit bezeichnet +und die Erkenntnis mit dem ewigen Leben verselbigt, oder das ewige Leben +auf die Erkenntnis zurückgeführt. »Das ist das ewige Leben, das sie Dich +erkennen und den Du gesandt hast, Jesum Christum.« In diesem höchsten +Sinne des Wortes Wahrheit wird dann auch in der christlichen Religion +alles auf Gott, den König im Reiche der Wahrheit, bezogen, alles sub +specie aeternitatis betrachtet, alles nach seiner ewigen Bedeutung im +Gegensatze zu dem vergänglichen Scheine ins Auge gefasst und gewertet. In +diesem höchsten Sinne des Wortes Wahrheit endlich wird alle Wahrheit in +der christlichen Religion als auf Eingebung, Inspiration, Offenbarung +beruhend betrachtet. + +Für die Erkenntnis der Wahrheit in diesem höchsten Sinne gilt dann +freilich auch wieder Glaube, Liebe und Sittlichkeit als Bedingung. »Wer +meine Worte hält und danach thut, der wird erkennen, dass sie wahr sind«. +Insofern muss zugestanden werden, dass die Wahrheit wohl an sich, nicht +aber für uns das höchste Gut ist. Für uns ist die Sittlichkeit ein höheres +Gut als die Wahrheit und hinwiederum die Seligkeit, der Friede, ein +höheres Gut als die Sittlichkeit. Denn nur wenn wir die Seligkeit oder den +Frieden erlangt haben, können wir sittlich leben, und das sittliche Leben +hinwiederum ist Bedingung der Erkenntnis der Wahrheit im vollen Sinne des +Wortes. Insofern gilt der Primat des Willens, nicht der Primat des +Intellekts; insofern können wir auch die beiden letzten Glieder der für +das Zustandekommen des Glaubens wichtigen Reihe notitia assensus +(Einsicht) fiducia umkehren und sagen notitia fiducia assensus, was +übrigens auf den alten Satz von der fides quaerens intellectum +hinauskommt. + +Man unterscheidet Eingebung und Offenbarung. Eingebungen, Inspirationen +werden einem Einzelnen zuteil, und wenn dieser sie andren mitteilt als von +Gott stammend oder auf Inspiration beruhend, so werden sie Offenbarungen +genannt. Kann der, dem die Eingebung zuteil wird, diese wirklich als +Eingebung erkennen? Will man das bezüglich der künstlerischen und +wissenschaftlichen Eingebungen nicht leugnen, so ist kein Grund vorhanden, +es für die religiösen Eingebungen zu bestreiten. Dass der religiös +Inspirierte seine Eingebungen auf Gott zurückführt, spricht nicht dagegen. +Gott ist ihm der König und Herrscher im Reiche der Wahrheit, und vom +Gläubigen wie von dem Künstler und Gelehrten gilt, dass er sein ganzes +Sein und Wesen von diesem Reiche der Wahrheit zu Lehen trägt und nur als +Glied dieses Reiches ein Sein und Wesen besitzt. Wie alle Dinge, so stehen +auch die bevorzugten Menschen, die Künstler, Gelehrten und religiös +Inspirierten unter dem unmittelbaren Einflusse dieses Reiches und werden +von ihm unmittelbar berührt. Warum sollten sie nicht eine Einsicht und +darum eine wirkliche Erkenntnis davon gewinnen können, dass ein in ihnen +auftauchender Gedanke nicht das Ergebnis ihres Nachdenkens, noch weniger +das Endglied einer rein mechanisch sich vollziehenden Association, sondern +etwas wirklich Neues ist, das nur jenem geheimnisvollen Reiche der +Wahrheit entstammen kann, das wir um des überzeitlichen Charakters aller +Wahrheit willen annehmen mussten? + +Können auch diejenigen, denen die Eingebung als von Gott stammend +verkündigt wird, eine Einsicht davon gewinnen, dass sie wahr ist, können +sie mit andren Worten eine Einsicht davon gewinnen, dass der Verkündende +die Wahrheit sagen kann und sagen will? Denn diese Einsicht ist der +einzige Weg, auf dem wir uns von der Wahrheit einer Mitteilung durch +andre, sofern sie eben eine Mitteilung ist und bleibt, überzeugen können. +Massgebend hierfür und entscheidend ist einzig und allein der Eindruck der +Persönlichkeit des Verkündigers nach seiner sittlichen und religiösen +Seite. Es giebt und gab zu allen Zeiten Persönlichkeiten, die in beider +Hinsicht einen überwältigenden Eindruck auf uns ausüben, solange wir uns +gegen solche Eindrücke nicht verhärtet und abgestumpft haben, wie wir ja +auch gegenüber dem Eindrucke der Wahrheit, dem Einleuchten oder der +Evidenz blind und gleichgültig werden können. Wenn wir jenen +überwältigenden Eindruck erfahren, dann ist es einfach konsequent, +jedenfalls einzig vernünftig, dass wir ihren auf Religion und Sittlichkeit +sich beziehenden Aussagen rückhaltlosen Glauben schenken oder sie auf +Grund dieser mittelbaren Einsicht für wahr halten -- was auch immer +geschieht, wenn nicht die eigenen Neigungen und Interessen jenen Aussagen +widerstreiten. Ob wir unmittelbar von der Wahrheit dieser Aussagen eine +Einsicht oder Erkenntnis gewinnen können, ist eine andere Frage, die aber +für den Religiösen nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Jener +überwältigende Eindruck wird bei ihm ein Ergriffensein des Gemüts und +Sichunterwerfen des Willens zur unmittelbaren Folge haben, das eine +Verstärkung durch die unmittelbare Einsicht in die Wahrheit jener Aussagen +schwerlich und nie, sehr häufig und leicht aber eine Abschwächung erfährt, +da die unmittelbare Einsicht in die Wahrheit selbst die Gefahr mit sich +bringt, die Wahrheit zu einer blossen Verstandes- oder Kopfwahrheit +herabzusetzen. Darum begnügt sich der Religiöse gern und freudig mit der +äusseren Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung, die sich darauf stützt, +dass der die Offenbarung Verkündigende die Wahrheit sagen konnte und sagen +wollte. + +*Schluss.* + +Man wird sagen, unsere Darlegung sei Metaphysik. Gewiss mit Recht! Wir +kennen keine andren Wahrheiten als die einen überzeitlichen Charakter +haben, und Wahrheit in diesem Sinne ist Metaphysik, auch wenn man sie +durch ihre unlösbare Verbindung mit dem Erkennen davor schützt, Ding an +sich zu sein. Wer die Metaphysik in diesem Sinne leugnet, für den giebt es +keine Wahrheit mehr. Er ist unrettbar dem Skepticismus verfallen. Oder +nicht? Man sagt, Wahrnehmungen, die sich bewähren, sind wahr, wie die +Wahrnehmung, dass Digitalis den Puls herabsetzt, Chinin Fieber beseitigt. +Oder Wahrnehmungen, die sich als Teil einem widerspruchslosen System von +Sätzen einordnen lassen, sind wahr. In beiden Fällen werden aus den +Wahrnehmungen Erfahrungen. Das erstere ist die empiristische +Wahrheitstheorie, das letztere die rationalistische. Aber es fragt sich, +woher wir wissen, dass etwas sich bewährt, das etwas sich einem +widerspruchslosen System von Sätzen einordnen lässt. Doch nur daraus, dass +es uns einleuchtet und wir es einsehen. Was immer uns aber einleuchtet und +was immer wir einsehen, das leuchtet uns ein, oder das sehen wir ein als +eine Wahrheit, die für alle Zeiten und darum auch für alle Denkenden gilt. +Das Sichbewährende ist, wie alles induktiv Erschlossene, nur +wahrscheinlich, das Widerspruchslose nur möglicherweise wahr. Oft wenn die +Verhältnisse einfach überschaubar sind, haben wir schon bei der einzelnen +Wahrnehmung eine Einsicht in die Wahrheit. Wir erkennen z. B. sofort, dass +der glühende Ofen verbrennt, dass Wasser aus Wasser- und Sauerstoff +besteht; ebenso dass gleichseitige Dreiecke gleiche Winkel haben, dass +Peripheriewinkel die Hälfte der Centriwinkel ausmachen. Dort bedarf es nur +Einer Wahrnehmung, hier nur einer beliebig gewählten Figur. Das Probieren, +Versuchen der Wiederholung einer Wahrnehmung oder ihrer Einordnung in ein +System hat seinen Wert: die Wiederholung, um unsere Lebenszwecke zu +sichern und zu fördern, die Einordnung, um ein Erkenntnisideal zu +verwirklichen; aber beides ist kein Prüfstein der Wahrheit. + + + + + +NAMEN- UND SACHREGISTER. + + +*A.* + +*Abhängigkeit* völlige aller Dinge von Gott S. 51. + +*Absehen* nicht das Wesen der Abstraktion S. 21, -- von dem in den +Sinnenbildern der Ausdehnung und Bewegung und den entsprechenden +Kategorien enthaltenen irrationalen Element S. 49, 57--58. + +*Abstraktion*, worin sie besteht S. 21--22, -- geht der Generalisation +voran, durch sie gewinnen wir unter anderm auch die wesentlichen Merkmale +S. 9, -- sie schafft neue Einzelgebilde des Denkens, ist verschieden von +den negativen Urteilen S. 21--22. + +*actio in distans* S. 68. + +*Allgemein* nicht dasselbe mit wesentlich S. 8. + +*Allgemeingültigkeit* Folge der überzeitlichen Geltung S. V, 5. + +*Analyse und analytisches Verfahren* nur die Kehrseite des Zieles des +Erkennens, seine bloss formale Folgeerscheinung S. 24, -- thut dem +Erkennen, nicht Genüge S. 27, 29; warum man alle Urteile für analytische +halten könnte S. 26 und 27. + +*Analogieschluss*, ob notwendig für die Erkenntnis fremder Bewusstseine +S. 67. + +*Animismus* S. 12. + +*Ansteckende Wirkung* der Gefühlsäusserungen und Gefühle S. 67--68. + +*Anerkennen* der erkannten Wahrheit Pflicht S. 43--44. + +*Anfang* und Vorhandensein in der Zeit S. 50. + +*Aperçu* und Intuition, inwiefern dem Blick für das Wesentliche ähnlich +S. 10, -- inwiefern von ihm verschieden S. 80. + +*Aphaireisthai*, *abstrahere* s. *Abstraktion*. + +*Aristokratisches Prinzip* in der Natur: das Vollkommnere nicht das +Stärkere siegt S. 75--76. + +*Aristoteles* gegen die Trennung des Erkennens vom Gegenstand S. 1, -- +gegen die Trennung von Leib und Seele S. 54, -- seine Kategorienlehre, in +der das sinnfällige Wirkliche die erste Rolle spielt S. 45, 47, -- +unbewegter Beweger S. 30, -- kein Begriff ohne Phantasievorstellung S. 55, +59. + +*Aristoteliker*: Prädikat der allgemeinere Begriff S. 27. + +*Art*, inwiefern sie zu den Prädikabilien gehört S. 46. + +*Assensus*, inwiefern ihm die fiducia vorangeht S. 85. + +*Associatives Wissen* S. 65. + +*Association* der Willensimpulse mit den Sinnenbildern S. 12. + +*Aufgenötigt*, *aufgedrängt*, Empfindungen, Gedanken, auch Eingebungen; +aber nicht das Einleuchten, die Einsicht S. 22, 38, 78, 80. + +*Augustins* veritates aeternae S. 7. + +*Ausdehnung*, Sinnenbild und Begriff derselben S. 11, irrationales Element +in der Ausdehnung S. 48. + +*Aussenwelt*, was darunter nicht zu verstehen ist S. 52, 57; wir haben von +ihrer Existenz, nicht von ihrer Beschaffenheit eine unmittelbare Einsicht +S. 53; warum wir bezüglich der Aussenwelt nicht leicht von einer Einsicht +sprechen S. 61, 62 und 55; sie steht mit unserm Bewusstsein in +untrennbarem Zusammenhang S. 56 und 63. + +*Ausgangspunkte* zwei verschiedene für unser Erkennen, Erkenntnismittel +nicht eigentliche Erkenntnisquellen S. 81--82. + +*Ausserwesentlich* das Zufällige, das Notwendige zum Teil, ob es zum +Seienden gehört oder nicht S. 46. + +*B.* + +*Bacon* und die Methode der Naturwissenschaften S. 9. + +*Bedeutung* der überzeitlichen Geltung der Wahrheit S. 4, -- von Raum und +Zeit für das Reich der Wahrheit S. 30, 50, -- der Zeit S. 5, 62. + +*Begriff* von Ausdehnung und Bewegung verschieden von den entsprechenden +Sinnenbildern und Vorstellungen S. 11--12, -- von Punkt, Linie, Fläche, +Geist desgleichen S. 14; -- umfasst die wesentlichen Merkmale S. 21, 7--8, +-- umfasst nicht alle Merkmale, die einem Ding und nur ihm zukommen S. 8, +46, -- der Religion S. 69, 82; -- der Philosophie S. 15--17. Der _Eine_ +Begriff, welcher die Stellung der Dinge im System der Wahrheit bestimmt, +und unsere Begriffe S. 15, 18, 21. + +*Begriffsworte* enthalten eine Wissensdisposition, die betreffenden +Urteile fällen zu können S. 11. + +*Believe* Dafürhalten, S. 71. + +*Berkeley* über die Dinge als Gedanken Gottes S. 53, 54. + +*Berührung* enthält ein irrationales Element a) als Bestandteil der +Ausdehnung, b) als Bestandteil der Substanz S. 48--49. + +*Beschränktheit* als seiendes Nichtsein S. 47. + +*Bewegung*, Sinnenbild und Begriff derselben S. 11; irrationales Element +in der Bewegung S. 48. + +*Beweis* für die Existenz der Aussenwelt S. 54--56. + +*Bewusstheit* Wissen des Bewusstseinsvorgangs um sich selbst S. 58, -- +uneigentliches, nicht namentliches, nicht begriffliches Wissen, keine +Einsicht oder Erkenntnis S. 59, -- hat einen übergreifenden Charakter +S. 60--61, -- analog dem Bewusstsein des Ich und Selbst von sich S. 63, -- +ist die Erscheinung der Bewusstseinsvorgänge im Bewusstsein, die sich in +der Reflexion wiederholt S. 64, -- kommt bei der Übertragung der +sinnlichen Vorstellungen auf die Bewusstseinsvorgänge zur Geltung S. 59. + +*Bewusstsein* der Wahrheit S. 6; unser Bewusstsein und die fremden +Bewusstseine S. 61; Ich- und Selbstbewusstsein S. 63. + +*Beziehung* auf die Objektivität gleich Bewusstsein der Wahrheit S. 6--7, +-- setzt zwei Glieder voraus S. 28, -- eine Kategorie S. 28. + +*Bild*, was ihm eigentümlich ist S. 17. + +*Bildliche* Vorstellungen S. 59. + +*Blick des Geistes für das Wesentliche*, eine Abstraktion (s. d.) S. 9; -- +schafft, erzeugt ein neues Gebilde des Denkens, ist Voraussetzung der +Urteile der zergliedernden, der verbindenden, der negativen S. 13, 21, 14, +-- vermittelt die Übertragung der sinnlichen Vorstellungen auf die +Bewusstseinsvorgänge S. 60, -- erste Stufe des Erkenntnisvorgangs, noch +keine Erkenntnis S. 20, 21; doppelte Funktion dieses Blickes: +Vereinzelung, Zusammenfassung, Trennen, Zusammenschauen S. 13, 21. + +*Blinde* Überzeugung, worauf sie sich gründet S. 34, -- Gewissheit, +wodurch von der einsichtigen verschieden S. 36, -- Wissensinhalte sehr +zahlreich S. 65, 25. + +*Brentano* über äussere und innere Wahrnehmung S. 58. + +*C.* + +*Caput mortuum* das Ding an sich, ein toter Punkt S. VI. + +*Cartesius* Trennung von Leib und Seele S. 1, 54. + +*Causari* hervorgebracht werden, verschieden von sequi folgen S. 32. + +*Christliche* Ergebung und stoischer Gehorsam S. 83, -- Religion, +Mittelpunkt derselben S. 79; inwiefern sie Gott als die Wahrheit erklärt +S. 85. + +*Commercium immediatum animarum* unmittelbare, gegenseitige Beeinflussung +der Bewusstseine S. 68. + +*Condillac* S. 82. + +*Criterium quo cognoscitur* -- das, wodurch wir erkennen, die Einsicht, +Kennzeichen der Wahrheit im uneigentlichen Sinne S. 24. + +*Criterium secundum quod cognoscitur* -- das, gemäss dem wir erkennen, das +Einleuchten Kennzeichen der Wahrheiten im eigentlichen Sinne S. 24. + +*Cues* Nikolaus v., ideelle Existenz der Dinge wahrer als die +zeiträumliche S. 7. + +*D.* + +*Definition* der Empfindung unmöglich ohne Zuhülfenahme körperlicher +Vorgänge S. 54, -- der Wahrheit gewöhnliche, a) falsche Auffassung b) +richtige Auffassung S. 1, 2. Was gehört in die Definition? S. 8. + +*Denken*, inwiefern Gegenstand der Logik S. IV. + +*Denkgesetze* Formalgesetze: das Gesetz des Enthaltenseins und des Grundes +S. 33. + +*Denknotwendigkeit* oft nur Folgerung aus der Gewissheit S. 39, -- in +keinem Falle Grund unserer Einsicht in die Wahrheit S. 40, 41, 42. + +*Descartes* s. Cartesius. + +*Ding an sich* ein ungereimter Begriff S. VI, -- führt zu einer Auffassung +der Definition der Wahrheit, die alle Erkenntnis unmöglich macht S. 1, die +Wahrheit nicht Ding an sich S. 5, 6, 31. + +*Dinge im Allgemeinen* S. 50. + +*E.* + +*Eckhart* S. 7. + +*Eigenschaft*, das Eigentümliche derselben S. 28, warum sie ein +Selbstständiges voraussetzt S. 41, und Proprietät S. 46. + +*Einbildung* und Eingebung S. 81. + +*Einbildungskraft* schöpferische verschieden von Eingebung S. 77, 78. + +*Eingebung* verglichen mit dem Einleuchten, dem Blick für das Wesentliche, +der Einsicht S. 10, 78, 80, -- noch kein Erkennen, vielmehr Ausgangspunkt +(zweiter) für das Erkennen S. 81, 82, wann Gedanken Eingebungen sind +S. 79, 81, worin die Eingebungen ihren Grund haben S. 81. + +*Einheit* Gesetz der Einheit S. 30, 31, -- Kategorie S. 47; -- gebrochene +in der Natur S. 57, 73 -- des Bewusstseins S. 61. + +*Einleuchten* und *Einsicht*, Verschiedenheit beider S. 22, 23, 24, +Einleuchten keinerlei Zwang S. 22, 34, 38, 43, 80, -- verglichen mit +Inspiration und Auffassen der Inspiration S. 78, -- wirklich oder bloss +vermeintlich S. 35, 36, 37, 38; Schein des Einleuchtens, wie beseitigt +S. 37; Einleuchten unmittelbar oder mittelbar S. 37, 38. Einsicht innere +und äussere S. 71, 87. Einleuchten keine Erkenntnis, Grund der Erkenntnis +S. 22, 34, 38, Einleuchten Massstab, Kennzeichen der Wahrheit; das, nach +dem wir über Wahrheit und Falschheit urteilen S. 24. + +*Einsicht* Erkenntnis S. 23, Sehen, Wahrnehmen der Zusammengehörigkeit +S. 34, -- verschieden von Urteil, Bewusstsein der Wahrheit, Gewissheit +S. 23, keine wahrscheinliche oder zweifelhafte Einsicht möglich S. 35, 36 +-- hat keine Grade S. 36, -- unmittelbare in die Existenz der Aussenwelt +S. 53 -- in die religiös-sittliche Beschaffenheit eines Andern S. 70, +diese der Grund, dass wir seinen Aussagen über Religion und Sittlichkeit +Glauben schenken S. 87, -- subjektiv wie die Gewissheit S. 23; inwiefern +kann die unmittelbare Einsicht grundlos, inwiefern der Grund der Einsicht, +das Einleuchten, als subjektiv bezeichnet werden? S. 31, die vorausgehende +Einsicht für die nachfolgende Reflexion eigentliches Kennzeichen der +Wahrheit (criterium secundum quod), Einsicht an sich genommen nur +uneigentlich sogenanntes Kennzeichen der Wahrheit (criterium quo) S. 24. + +*Einzelwirklichkeit* -- Gegensatz Gesamtwirklichkeit S. 4, Gesamtheit des +Wirklichen S. 15. Gesetze für das Einzelwirkliche; auch das Gesetz des +ausgeschlossenen Dritten gilt nur für das Einzelwirkliche S. 29. + +*Empfindungen* a) als Gegenstand der Reflexion S. 60, b) als +Erkenntnismittel S. 55, 59, c) isoliert vom Körper bei Cartesius und in +der Psychologie S. 54, Definition der Empfindungen S. 54. + +*Enargein* Einleuchten S. 24. + +*Einzelgebilde* des Denkens, die wesentlichen Merkmale S. 13, -- überhaupt +das durch Abstraktion Geschaffene S. 21; das Urteil kein Einzelgebilde, +vom Denken geschaffene Verbindung S. 23. + +*Enthaltensein*, Gesetz des Enthaltenseins für Begriffe S. 26; Gesetz des +Enthaltenseins für Urteile -- das Gesetz des Grundes S. 32; im +Enthaltensein eine Denknotwendigkeit vorhanden S. 40. + +*Entwicklung* fortschreitende in der Natur S. 76, 81, 74. + +*Entwicklungstheorie* führt den Zweckbegriff wieder ein S. 75. + +*Erfahrung* Ausgangspunkt des Erkennens a) die Empfindungen als +Erkenntnismittel der Aussenwelt, b) die Bewusstseinsvorgänge als +Erkenntnismittel der Innenwelt, -- keine Erkenntnis S. 82. + +*Erinnerung*, was sie ist S. 61; warum wir bei ihr nicht leicht von +Einsicht reden S. 61--62, unter welchen Vorbehalten es einsichtige +Erinnerungen gibt S. 62. + +*Erkennen* hat eine metaphysische Bedeutung S. V, VI; a) empiristischer +Begriff, b) rationalistischer Begriff des Erkennens S. 2, -- Lehre vom +Erkennen erster Teil der Logik, Lehre vom Denken zweiter Teil S. IV; das +Erkennen und die Wahrheit S. IV, 2; die Wahrheit unabtrennbar vom Erkennen +S. VI, 2, 5, 31, -- nicht Abdruck, Spiegelbild, müssige Wiederholung der +Wirklichkeit, besitzt die Wirklichkeit selbst S. 6, 17. Erkennen gleich +Einsicht verschieden vom Urteil S. 23, 6. + +*Erkenntnisideal* S. 88 + +*Erkenntnismittel* S. 55, 82. + +*Erkenntniswert* der Naturwissenschaften und Geschichte S. VI, 73, 76, -- +der Begriffs- und Thatsachenurteile S. 72. + +*Erklärung* mechanische der Natur, wann möglich? S. 75, -- psychologische +der Entstehung und Zusammensetzung unserer Vorstellungen der Weltdinge +S. 52, 12. + +*Ermöglichung* der Empfindungen S. 52, Gesetz der Ermöglichung S. 32. + +*Evidenz evidentia* Einleuchten S. 24. + +*Ewigkeitscharakter* der Wahrheit S. V, 4. + +*Existenz* der Aussenwelt unmittelbar erkannt S. 53, -- des Ich +desgleichen; keine Erkenntnis seiner Beschaffenheit S. 63--64. + +*F.* + +*Faith* Glaube in religiösem Sinne S. 71. + +*Fiducia* religiöser Glaube, der dem assensus der Zustimmung des +Verstandes oder dem einsichtigen Urteil vorangeht, ein und dasselbe mit + +*Fides* quaerens intellectum religiöser Glaube, der die einsichtige +Erkenntnis erstrebt d. h. die mit ihr verbundene äussere Einsicht durch +die innere zu ergänzen sucht S. 85. + +*Farbe*, Wesen der Farbe S. 16, unsere Auffassung der Farben Grund der +Objektivationstheorie S. 54, 55. + +*Formalgesetze* Denkgesetze, das des Enthaltenseins und des Grundes S. 33. + +*Formalkategorien* Raum und Zeit S. 50. + +*Formen* (3) des Gesetzes des Widerspruchs S. 33. + +*Formulierung* falsche des Kausalitätsgesetzes S. 31--32. + +*Fragen*, ihr Wert S. 16--17, Philosophie Wissenschaft der Fragen S. 16, +-- ob die Dinge so sind, wie wir sie wahrnehmen, thöricht, ungereimt +S. 34, 52. + +*G.* + +*Gattung*, wann Proprietät S. 46, 8, verglichen mit der Zahl S. 46. + +*Gebiet* das sinnliche konstituiert von den Empfindungen, inwiefern? +S. 59. + +*Gedanken* aufgedrängte S. 80, 22, -- Gottes die Dinge der Welt S. 53, 54, +56. + +*Gefühle* Grund der blinden Überzeugung S. 34; die Religion besteht nicht +in blossen Gefühlen S. 83. + +*Gegenstand* Unbestimmtheit des Wortes S. 2; einziger Gegenstand des +Erkennens die Wahrheit S. 2; im eigentlichen Sinne giebt es nur auf Grund +des Urteils Gegenstände S. 12. + +*Gegenständlicher* Charakter der Vorstellungen, wie kommt er zu Stande +S. 12. + +*Geist*, Blick des Geistes S. 9, 13--14, 20--21, 60; -- und Körper S. 16, +Begriff und Sinnenbild des Geistes S. 14. + +*Gelten* mehr als Existieren S. 4, vergl. ideelle Existenz in Gott wahrer +als zeiträumliche Existenz S. 7. + +*Gemüt*, Ergriffensein des Gemüts von der Wahrheit S. 43, 87. + +*Generalisation* S. 8--9. + +*Geschichte*, Erkenntniswert der Geschichte S. VI, 73, 76, Bedeutung des +Individuums in der Geschichte S. 73, 77, Fortschritt in der Geschichte +S. 76, Gedanken in der Geschichte S. 73, 76. + +*Gesamtheit des Wirklichen* s. *Einzelwirklichkeit*. + +*Gesetze* als Ausdruck des Wesens der Dinge S. 14; -- des Erkennens: +Grundgesetz, Urteilsgesetze S. 25 u. 29, Schlussgesetze S. 30 ff., Gesetz +der Gleichförmigkeit des Naturlaufs S. 38. + +*Gewissheit* einsichtige und blinde, ihr Unterschied S. 35--36. + +*Glaube* in religiösem Sinne S. 84, 71, 72; als Fürwahrhalten der +Mitteilungen andrer S. 70. + +*Glaubensüberzeugungen* geschichtliche Erkenntnisse S. V, Kant über +Glauben S. V. + +*Gleichheit* und Verschiedenheit Prädikabilien S. 46. + +*Goethe* über das Allgemeine und Besondere S. 9; Motto seiner Iphigenie +S. 78, 79. + +*Gravitation* zeitlos S. 68, Gesetz der -- S. 5 + +*Gott* als Bewusstsein überhaupt S. 5, 53, -- der Eine Erkennende vom +System der Wahrheit vorausgesetzt S. 30--31, 85, seinem Wesen nach +Selbstentäusserung, rückhaltlose Hingabe S. 51, 84. + +*Grund*, Gesetz des Grundes S. 32--33; subjektiver, objektiver Grund der +Wahrheit S. 30--31, 7. + +*Gut*, die Wahrheit an sich das höchste Gut S. 18, 44, 84--85, nicht für +uns S. 85, ein sittliches Gut, ein Gemeinschaftsgut S. 44. + +*H.* + +*Hegel* und die Evidenz des Gesetzes des Widerspruchs S. 38. + +*Heraklit* und die Evidenz des Gesetzes des Widerspruchs S. 38. + +*Homoiosis* Verähnlichung S. 6. + +*Horror vacui* kein leerer Raum S. 56. + +*Humes* Irrtum über das Ich S. 63. + +*I.* + +*Ich*, inwiefern erkennbar S. 63--64. + +*Ideal* der Erkenntnis S. 88. + +*Ideelle Existenz* wahrer als zeiträumliche S. 7. + +*Ideen*, Persönlichkeiten in der Geschichte, ihre Träger S. 76. + +*Ideenwelt* Platons dasselbe mit dem System der Wahrheit S. 7. + +*Immediatum commercium animarum* s. *Commercium*. + +*Inhaltsmerkmal* der Wahrheit S. 2; die negativen Begriffe keine +Inhaltsmerkmale S. 28. + +*Induktion* S. 9, 66. + +*Individualität* des Künstlers S. 78. + +*Individuation* Prinzip der -- S. 50. + +*Intellectus* s. *Fides quaerens intellectum*. + +*Irrational* vom Erkennen nicht aufzuhellen S. 48. + +*Inkommensurabel* vom Erkennen nicht aufzuhellen S. 48. + +*Intuitionen* s. *Aperçu*. + +*Inspirationen* s. *Eingebung*. + +*Isolierung* der Teile des Ausgedehnten und Bewegten durch die Abstraktion +S. 13, 21, der Empfindungen und körperlichen Vorgänge S. 54, der +Bewusstseinsvorgänge S. 60. + +*K.* + +*Kant* über Glauben und Wissen S. V, sein Einfluss auf die Logik S. I; +Trennung des Gegenstandes vom Erkennen -- Ding an sich S. VI und S. 1, -- +vom guten Willen S. 44. + +*Kategorien* des Aristoteles S. 45, -- vier: Ding, Eigenschaft, Vorgang, +Beziehung S. 28, Formalkategorien: Raum und Zeit; Realkategorien: Substanz +und Kausalität S. 50, Wesen und Einheit sind Kategorien S. 46--47; +Wirklichkeit eine Realkategorie S. 51. + +*Kausalität* Verursachung; Ursprung des Begriffs S. 12--13, 49, Ursache +und Vorgang S. 28, Gesetz der Kausalität S. 31--32; irrationales Element +S. 49; -- die Ermöglichung nicht hervorbringende Ursache S. 31, 50, -- als +symbolischer Ausdruck für die völlige Abhängigkeit der Dinge von Gott +S. 51. Siehe *Substanz*. + +*Kausalzusammenhang* S. 31. + +*Kenntnisnahme* verschieden von Erkennen S. 65. + +*Kenntnisse* keine Erkenntnisse S. 65--66, 71, -- erster und zweiter Hand +S. 72. + +*Kennzeichen* der Wahrheit S. IV, 3, nicht die Einsicht sondern das +Einleuchten S. 24. + +*Kinder* Erfahrungen an -- S. 67, -- unmündige S. 55, wodurch belehrt über +den Unterschied des eigenen von fremden Körpern S. 56. + +*Koinonia* Teilnahme an einer Sache S. 6. + +*Kopfwahrheit* S. 45, 87. + +*Körperwelt*, unser Bewusstsein unabtrennbar mit ihr verbunden S. 56, 63, +doppelte Auffassung ihres Wesens S. 74, 81, dreifache Auffassung ihres +Verhältnisses zum Geiste S. 74--75. + +*Konstante* Merkmale S. 9. + +*Kraft* enthält wie die Zeit und Kausalität ein irrationales Element, +gehört darum nur zur Erscheinung der Welt im Bewusstsein S. 57. + +*L.* + +*Leben* das ewige eine Erkenntnis S. 85. + +*Leib* und Seele untrennbar S. 1, 54, vergl. S. 63. + +*Locke* u. Aristoteles über die Schranken unserer Erkenntnis des +Innenlebens anderer S. 69. + +*Logik* als Denklehre in erster Linie Erkenntnislehre S. IV, -- formale u. +erkenntnistheoretische S. III--IV. + +*Logismus* formalistischer S. VI. + +*Lückenhaftigkeit* der Erinnerung, wie erkannt S. 62. + +*M.* + +*Materie* siehe *Kraft*. + +*Mathematik*, ob für alle verständlich S. VII, warum und inwiefern ihre +Lehrsätze durch- (ein-)sichtige Klarheit besitzen S. 58, 49. + +*Mensch*, Begriff des Menschen S. 8, Wesen des Menschen S. 16. + +*Merkmale*, Wertunterschiede unter den Merkmalen S. 8, -- wesentliche und +unwesentliche S. 6--7, 46, -- begriffliche und sinnfällige S. 10 ff. + +*Metaphysik* vermeintliche Grundvoraussetzung das Ding an sich S. VI, +Scheu vor der Metaphysik S. VI, Begriff der Wahrheit ist Metaphysik S. 87. + +*Metaphysische Bedeutung* des Erkennens S. VI. + +*Methode psychologische*, Isolierung der Empfindungen vom Körper S. 54, +der Bewusstseinsvorgänge von einander S. 60. + +*Mill, Stuart* S. 54, 52. + +*Mittelalterliche* Philosophie S. 1, 54. + +*Mitgeteilte* Urteile keine selbstgefällten S. 70--71. + +*Mitte* zwischen Bejahen und Verneinen ausgeschlossen für das +Einzelwirkliche S. 29. + +*N.* + +*Nacheinander* in der Zeit ausgeschlossen durch den Übergang S. 48. + +*Namenwissen* blosse Kenntnis S. 65--66. + +*Namentliches* begriffliches Wissen eigentliches Wissen S. 59. + +*Natur* Wissenschaft der Natur S. 57--58, Erkenntniswert geringer als der +der Geschichte S. VI, 73, 76, Auffassung der Natur mechanische S. 75, +Auffassung der Natur doppelte unverifizierbare S. 74, 81. + +*Natura non facit saltus* keine Sprünge in der Natur S. 56. + +*Nebeneinander*, ausgeschlossen durch die Berührung S. 48. + +*Neues* in Natur und Geschichte S. 77. + +*Newtons* Gravitationsgesetz S. 5. + +*Negation* nur im Urteil möglich, setzt aber den Blick für das, was anders +ist, voraus S. 14, 28. + +*Nichtsein* wirkliches S. 47. + +*Nichtseinsollendes* ob wirklich S. 19, 47. + +*Nihil.* *Ex nihilo fit nihil.* Aus Nichts wird Nichts S. 77. + +*Nötigung* keinerlei -- beim Einleuchten und der Einsicht. S. 22, 34, 38, +80. + +*Notwendigkeit des Denkens* scheinbare als Folge der Gewissheit. S. 39, +42--43 wirkliche einsichtige im Verhältnis des Enthaltenseins S. 40, +wirkliche einsichtige in den Unverträglichkeitsverhältnissen S. 41--42, +wirkliche einsichtslose S. 41. + +*O.* + +*Objektiver* Grund aller Wahrheit S. 31. + +*Objektivationstheorie*, Grund derselben S. 54, Ersatz derselben S. 55. + +*Offenbarung* im allgemeinen Sinne die Inspiration mit einschliessend +S. 77, im Unterschied von der Inspiration S. 85--86. + +*Ort* der Dinge, Ursprung des Bewusstseins derselben S. 52. + +*Ortsbestimmung* löst alles in Beziehungen auf, setzt darum ein +Unräumliches voraus S. 30. Prinzip der Individuation S. 50. + +*P.* + +*Parusia* Gegenwart S. 6. + +*Pestalozzi* über die Schranken unserer Erkenntnis des Innern anderer +S. 69. + +*Phantasie* schöpferische des Künstlers S. 78. + +*Phantasiebild* als Begleiter der Begriffe S. 55, 59. + +*Persönliches Verhältnis* das Wesen der Religiosität S. 69. + +*Persönlichkeiten* in der Geschichte als Träger der Ideen S. 76. + +*Philosophie* Wissenschaft vom Wesen der Dinge, Wissenschaft der Fragen +S. 16. + +*Prinzip* aristokratisches in der Natur S. 76, -- der Individuation S. 50. + +*Platons* Theätet S. VII, Ideenlehre S. 7, Ansicht vom Körper S. 16, 55. + +*Psychologische Methode* Isolierung der Empfindungen vom Körper S. 51, der +Bewusstseinsvorgänge von einander S. 60. + +*Primat des Intellekts, des Willens* S. 85. + +*Probe* auf Probe glauben in religiösem Sinne unmöglich S. 84. + +*Porphyrius* über die Prädikabilien S. 45. + +*Proprietät* und Eigenschaft S. 46. + +*R.* + +*Rationalistischer* Begriff des Erkennens S. 2, der Wahrheit S. 88. + +*Raum* als Kategorie S. 48, als Begriff S. 49, Formalkategorie, Prinzip +der Individuation S. 50, symbolischer Ausdruck der scheinbaren +Selbstständigkeit der Dinge, der Unendlichkeit S. 51, 81, enthält ein +irrationales Element, gehört darum nur zur Erscheinung der Welt in unserm +Bewusstsein S. 57. + +*Realgesetze* S. 33--34. + +*Realkategorien* S. 50. + +*Rehmke* S. 53, 54. + +*Religion*, positive Seite der Moral S. 69, ihr Wesen S. 82, 83, ihre +doppelte Wirkung S. 84, vergl. S. 85, Bedeutung der Erkenntnis in der +Religion S. 84--85. + +*Reflexion* verschieden von dem Bewusstheit genannten Wissen S. 59, +Wiederholung desselben S. 64, Empfindung als Gegenstand der Reflexion +S. 60. + +*S.* + +*Scheinbar*, inwiefern das Scheinbare wirklich S. 19, die geliehene +Selbstständigkeit verschieden von der anmasslichen nicht etwas bloss +Scheinbares S. 51, 19, scheinbare Selbstständigkeit, Symbol derselben +S. 51, 81. + +*Schöpfung* Akt der Selbstentäusserung S. 51. + +*Schranken* unübersteigliche oder noch nicht überwundene für die +Erkenntnis der Aussenwelt und unserer eigenen Innenwelt S. 64, für die +Erkenntnis der Innenwelt anderer S. 69. + +*Schluss* der Analogie S. 67, der Induktion S. 66, 9. + +*Selbstbewusstsein* unmittelbare Einsicht in die Zusammengehörigkeit der +Bewusstseinsvorgänge, die wir unsere nennen, mit dem Ich oder Selbst, +S. 63, 61. + +*Selbsterkenntnis* S. 69. + +*Selbstentäusserung* s. *Schöpfung*. + +*Seligkeit* als Friede, Voraussetzung der Sittlichkeit S. 85, 84. + +*Sensualisten* S. 82, VI. + +*Sinnfällige* Wirklichkeit S. 48, -- Eigenschaften S. 57. + +*Sinnliches* Gebiet, wodurch konstituiert S. 59--60, sinnliche Merkmale +S. 10. + +*Sinnenbilder*, was sie sind S. 11; die Grundbestandteile des Sinnlichen, +Sinnfälligen, die Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung S. 10--11, +einfache Sinnenbilder die genannten, aus ihnen entstehen erweiterte, neue, +umfassendere S. 49, Sinnenbilder und Vorstellungen S. 11--12, Sinnenbilder +und Begriffe S. 49. + +*Sittlichkeit* in dem negativen Moment der Selbstlosigkeit bestehend, das +einer Ergänzung bedarf S. 69, Kraft zum sittlichen Handeln S. 84; +inwiefern für uns ein höheres Gut als die Wahrheit S. 85. + +*Skepticismus* -- Folge der Leugnung des metaphysischen Charakters der +Wahrheit S. 87. + +*Spinoza* S. 4, 7. + +*Stoiker* S. 83. + +*Stoische Hingabe* S. 83. + +*Stufen*, Vorstufen und Stufen als Bestandteile des Erkenntnisvorgangs +S. 20, 21, S. 21--23. + +*Subjektiv* grundlos was unmittelbar einleuchtet, hat einen objektiven +Grund S. 31. + +*Subjekt* der Urteile das Einzelwirkliche S. 29, -- Sinnenbilder oder +Vorstellungen und wesentliche Merkmale S. 26. + +*Substanz* entsteht aus dem Willensding S. 12, setzt ein umfassenderes +Sinnenbild als die Ausdehnung voraus S. 49, begriffliche Bearbeitung, +Begriff der Substanz S. 13, 49, enthält das irrationale Element in +verdoppeltem Masse S. 49, gehört darum nur zur Erscheinung der Welt in +unserm Bewusstsein S. 57, symbolischer Ausdruck für die scheinbare +Selbständigkeit der Dinge S. 51. + +*Synthese* Ziel des Erkennens, nicht Analyse S. 27, 29, 24. + +*Symbolischer Ausdruck* für die scheinbare Selbständigkeit der Dinge Raum +und Substanz, für ihre völlige Abhängigkeit Zeit und Kausalität S. 51, 81. + +*System* der Wahrheit wesentlich S. 30, 24, 15, 4. + +*T.* + +*Thatsachen*, Urteile über Thatsachen überzeitlich S. 4, -- und Gedanken, +S. 3. + +*Trennung* abstrakte von Leib und Seele, Gegenstand und Erkennen S. VI, +VIII, 1, 54, Abstraktion ein Trennen, Isolieren S. 21, 13. + +*U.* + +*Übereinstimmung*, Gesetz der -- S. 25. + +*Übergreifender Charakter* der Bewusstheit, warum notwendig, S. 60, 61. + +*Übertragung* der sinnlichen Vorstellungen auf geistige Vorgänge wie +vermittelt? S. 59, 60. + +*Überzeugung*, blinde, ihr Grund S. 34--35, auch als Gewissheit von der +einsichtigen Gewissheit verschieden S. 36. + +*Unerkennbarkeit* des Wesens der Dinge S. 16, 24--25. + +*Untrennbarkeit* der Seele vom Leibe (seinem Wesen nach), des Gegenstandes +vom Erkennen S. VI, 1, 2, 5, 6, 31, 54. + +*Unverträglichkeitsverhältnisse* S. 41--42. + +*Urteil* gedankliches Gebilde, Verbindung von gedanklichen Einzelgebilden +S. 23, sein gedanklicher Ausdruck eine Analyse, schliesst bei allen +synthetischen, nicht auf dem Enthaltensein beruhenden Urteilen eine +Synthese als bedingenden Bestandteil ein, sprachlicher Ausdruck wieder +Synthese S. 26--27. + +*V.* + +*Verkündiger* der Offenbarung, kann die Eingebung als solche erkennen +S. 86, 79, wann glaubwürdig S. 86--87, 69--70. + +*Verstandesakt* die Einsicht S. 43, 87. + +*Vorgefundenes* Grundelement der Thatsachen S. 3, von doppelter Art: +Sinnenbilder und Vorstellungen S. 20--21. + +*Vorstellungen*, wie werden aus den Empfindungen Vorstellungen? S. 11--12, +sinnliche und übertragene S. 59, 60, keine blossen Vorstellungen von den +Bewusstseinsvorgängen S. 60. + +*W.* + +*Wahrheit*, metaphysischer immanenter empiristischer, rationalistischer +Wahrheitsbegriff S. V, 48, 87--88, keine einzelne Wahrheit S. 81, 24, 20, +4, Wahrheit und Wirklichkeit S. 86, 84, 81, 19, 5--6, 4, V, Wahrheit und +Wesen der Dinge S. 15, Wahrheit an sich höchstes Gut S. 18, 85, Wahrheit +kein Ding an sich S. 2, 5, 6, 31, 81. + +*Wahrscheinlichkeit* der Sätze der Induktion S. 66, das einzige, was die +empiristische Wahrheitstheorie verbürgt S. 88, keine wahrscheinliche +Einsicht sondern nur Einsicht in die Wahrscheinlichkeit S. 35--37. + +*Wesen* s. *Wahrheit* -- der Religiosität S. 69, -- der Farbe, -- des +Menschen S. 16, -- der Religion S. 83. + +*Wesentliche* s. *Blick für das Wesentliche*; -- Merkmale der Sinnenbilder +noch keine Erkenntnis des Wesens S. 21; ob immer mit Einsicht verbunden? +S. 25. + +*Wirklichkeit*, ganz und gar abhängig von der Wahrheit S. V, 4, 5--6, 19, +81, 84, 86, Sinnfällige Wirklichkeit S. 48, Wirklichkeit Realkategorie +S. 51, Was ist Wirklichkeit? S. 51, 4, VII. + +*Wissen*, Wissens-Disposition S. 11, -- uneigentliches nicht namentliches, +nicht begriffliches S. 59, Namenwissen S. 65--66, -- associatives S. 65, +Wissen und Glauben S. 70--71. + +*Wissenschaft*, Naturwissenschaft S. VI, beschreibende S. 57, erklärende +S. 73, Geschichtswissenschaft S. 72--73. + +*Wissenschaftliche* Inspiration S. 79--81. + +*Z.* + +*Zeit* vergl. *Raum*, -- symbolischer Ausdruck der thatsächlichen +Abhängigkeit und Beschränktheit S. 51, Zeitlichkeit des +Erkenntnisvorganges S. 5--6. + +*Ziel* des Erkennens, Synthese nicht Analyse S. 24. + +*Zielstrebigkeit* in der Natur S. 75. + +*Zulänglichkeit* des Kennzeichens der Wahrheit S. 3, 36--38. + +*Zusammengehörigkeit* S. VIII, 24, 20, 22, siehe *Einleuchten* und +*Einsicht*. + +*Zweckzusammenhang* in der Natur S. 74. + + A. W. Zickfeldt Osterwieck Harz + + + + + + +ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER + + +Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Änderungen +am Originaltext vorgenommen. + +Seite 7 Zeile 13 lies statt Unveränderliche *Veränderliche* (Diese +Anmerkung erscheint im Original auf Seite XVIII und wurde in der +Gutenberg-Fassung berücksichtigt). + +Auf den (Original-)Seiten XIII, 75, 90 und 91 wurden die Anfangsbuchstaben +'Ue' zu 'Ü' komprimiert. + +Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden +geänderten Fassung. + + + +sondern auch allem Vergänglichen, Unveränderlichen so entgegengesetzte +sondern auch allem Vergänglichen, Veränderlichen so entgegengesetzte + +nicht enbehren können. Um ihn zu vermeiden, mussten wir +nicht entbehren können. Um ihn zu vermeiden, mussten wir + +einer vermeinlichen Einsicht und eines vermeintlichen Einleuchtens +einer vermeintlichen Einsicht und eines vermeintlichen Einleuchtens + +ein solcher Notwendigkeitszusammenhang des Zusammengegehörigen +ein solcher Notwendigkeitszusammenhang des Zusammengehörigen + +reden, aber man darf eben nur dies mit dem Enthaltensein gegegebene +reden, aber man darf eben nur dies mit dem Enthaltensein gegebene + +auch zum Seienden? Gattung und Art sind oftenbar Prädikabilien, +auch zum Seienden? Gattung und Art sind offenbar Prädikabilien, + +Bakon und die Methode der Naturwissenschaften S. 9. +Bacon und die Methode der Naturwissenschaften S. 9. + +Subjektiv grundlos was ummittelbar +Subjektiv grundlos was unmittelbar + +ohne dass wir darum wüssten. Unsre Erkenntniss von den Dingen +ohne dass wir darum wüssten. Unsre Erkenntnis von den Dingen + +Persönliches Verhältnis das Wesen der Religiösität S. 69. +Persönliches Verhältnis das Wesen der Religiosität S. 69. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINFÜHRUNG IN DIE MODERNE LOGIK. ERSTER TEIL.*** + + + +CREDITS + + +January 5, 2008 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Juliet Sutherland, Ralf Stephan, and the Online Distributed + Proofreading Team at <http://www.pgdp.net/>. + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 24172-8.txt or 24172-8.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/1/7/24172/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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