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+Project Gutenberg's Geschichte Alexanders des Grossen, by Joh. Gust. Droysen
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Geschichte Alexanders des Grossen
+
+Author: Joh. Gust. Droysen
+
+Release Date: December 6, 2007 [EBook #23756]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE ALEXANDERS DES GROSSEN ***
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+Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
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+ Anmerkung: Gegenüber dem Originaltext wurden folgende
+ Änderungen vorgenommen:
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+ Passagen, die im Originaltext in griechischer Schrift
+ gehalten sind, werden im vorliegenden Text in lateinischen
+ Buchstaben, eingeschlossen in "+", wiedergegeben. Andere
+ Passagen, die im Original nicht in Fraktur gedruckt waren,
+ sind hier mit "#" gekennzeichnet. Passagen, die im
+ Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier mit "_"
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+ Vom Autor vorgegebene unterschiedliche Schreibweisen wie
+ "Tyros" und "Tyrus", "Achäer" und "Achaier", wurden
+ beibehalten. Offensichtliche Druckfehler im Text wurden
+ berichtigt.
+
+
+
+
+ [Illustration: Alexander-Büste]
+
+
+
+
+ Geschichte Alexanders des Großen
+
+ von
+
+ Joh. Gust. Droysen
+
+
+ Mit einem Vorwort von
+
+ Sven Hedin
+
+ und einer Einleitung von
+
+ Dr. Arthur Rosenberg
+
+ Privatdozent der alten Geschichte an der Universität Berlin
+
+
+ Mit dem einzigen bisher bekannten authentischen Alexander-Porträt,
+ der sogenannten Azara-Herme im Louvre, als Titelbild
+ und einer Karte der Feldzüge Alexanders
+
+ [Illustration: Verlags-Signet]
+
+ R. v. Decker's Verlag
+
+ G. Schenck, Königlicher Hofbuchhändler
+
+ Berlin 1917
+
+
+ Der Anhang enthält:
+
+ 1. die Anmerkungen Droysens der Ausgabe letzter Hand,
+ 2. ein Register sämtlicher vorkommender Personen- und Ortsnamen,
+ 3. eine Verdeutschung makedonischer Heeresausdrücke,
+ 4. einen Stammbaum Alexanders des Großen.
+
+ [Illustration: Druckerei-Signet]
+
+ Druck
+ der Spamerschen
+ Buchdruckerei in Leipzig
+
+ [Illustration: Karte der Feldzüge Alexanders]
+
+
+
+
+ Vorwort
+
+
+Die erste Auflage von J. G. Droysens »Geschichte Alexanders des Großen«
+erschien im Jahre 1833 und erwies sich von vornherein als eine derjenigen
+seltenen und ausgezeichneten historischen Veröffentlichungen, die lange
+Jahre hindurch ihren Wert unverändert beibehalten. Im Jahre 1898 kam eine
+fünfte Auflage heraus. Jetzt, da diese wertvolle Arbeit zum sechsten Male
+der Öffentlichkeit übergeben wird, sind seit ihrem ersten Erscheinen 84
+Jahre vergangen.
+
+Daß eine historische Arbeit während so langer Zeit ihre hohe Rangstufe hat
+behaupten können, beruht ohne Zweifel zum großen Teil auf der Natur ihres
+Quellenmaterials. Die Schicksale Alexanders sind von seinen klassischen
+Geschichtschreibern geschildert worden, und innerhalb der von diesen
+gezogenen Grenzen mußte der moderne Forscher sich bewegen. Jedoch schließt
+das nicht aus, daß sich in den letzten Jahren neues Licht über viele
+Einzelheiten verbreitet hat. Die von Alexander durchzogenen Gebiete von
+West-Asien sind heute unvergleichlich viel besser bekannt, als zur Zeit
+Droysens, und man hat deshalb jetzt die Spuren des makedonischen Königs
+weit besser verfolgen können, als ehedem. An der Hand der vorhandenen
+genauen Karten vom Hindukusch, hat man bezüglich der Pässe, über die
+Alexander seine Heere geführt hat, seine Schlüsse ziehen können. Wiederholt
+sind neue Beiträge zur Kenntnis seiner Märsche gegeben worden und nicht
+zum wenigsten haben deutsche Forscher dazu beigetragen.
+
+Alexanders Feldzug gehört zu den glänzendsten Taten der Kriegsgeschichte,
+und kaum irgendeiner der großen Namen der alten Zeit ist von solchem Glanz
+umstrahlt wie der seine. Jahrtausende haben nicht vermocht, seinen Ruhm
+erblassen zu lassen. Über seine Eigenschaften als Feldherr sagt Hans
+Delbrück in seiner Geschichte der Kriegskunst (II, 227): »Alexander war
+nicht nur ein großer Feldherr, sondern auch ein Feldherr im großen Stil.
+Aber er war noch mehr. Er nimmt dadurch eine einzigartige Stellung ein, daß
+er den welterobernden Strategen und den unübertroffenen, tapferen,
+ritterlichen Vorkämpfer in einer Person vereinigt. Kunstvoll führt er das
+Heer an den Feind heran, überwindet Geländehindernisse, läßt es aus
+Engpässen aufmarschieren, kombiniert die verschiedenen Waffen je nach den
+verschiedenen Umständen verschieden von stärkster Gesamtwirkung, sichert
+strategisch seine Basis und seine Verbindungen, sorgt für die Verpflegung,
+wartet ab, bis die Vorbereitungen und Rüstungen vollendet sind, stürmt
+vorwärts, verfolgt nach dem Siege bis zur äußersten Erschöpfung der Kräfte,
+und derselbe Mann kämpft in jedem Gefecht an der Spitze seiner Ritterschaft
+mit Speer und Schwert, dringt an der Spitze der Sturmkolonne in die Bresche
+oder überspringt als erster die feindliche Mauer.«
+
+Nicht nur Europa ist es, das seinem Namen Bewunderung zollt. Auch im
+westlichen Asien, das so reich an sagen- und legendenhaften Gestalten ist,
+lebt seine Erinnerung noch fort. Wie oft hört man nicht in Turkestan
+geographische Namen, wie Iskender-tagh, Iskender-kul oder andere
+Gegenstände als Berge und Seen, die mit seinem Namen verknüpft sind.
+Oberhalb Babylon gibt es einen Kanal, der noch seinen Namen trägt, Nahr
+Iskenderije. In Unkenntnis betreffend den Platz, wo er starb, und die
+Stelle, wohin seine Leiche übergeführt wurde, machen verschiedene Orte in
+Zentralasien darauf Anspruch, seine irdische Hülle zu bergen. Im Jahre 1890
+besuchte ich in Margelan ein »Gur-i-Iskender Bek« oder Alexanders Grab. Die
+Margelan-Bewohner waren stolz darauf, dieses Grab zu besitzen. Auf dem in
+ihrer Einbildung bemerkenswerten Platz erhob sich eine kleine Moschee, auf
+deren Mauer eine Inschrift bekundete, daß der Zar die Mittel zur
+Wiederherstellung der Grabmoschee bewilligt hatte. Mitten auf dem Hofe sah
+man einen großen gemauerten Grabstein, unter welchem der Heldenkönig
+angeblich ruht.
+
+Auch andere als Geschichtsforscher haben Grund, sich in das Studium des
+Feldzuges Alexanders zu vertiefen. So habe ich z. B. in meinem Buche »Über
+Land nach Indien« (II, 200) an der Hand der Schilderungen, die wir über
+Alexanders Feldzug durch das südliche Belutschistan besitzen, zu beweisen
+versucht, daß das Klima in diesem Teil von Asien seit jener Zeit keine
+nennenswerten Veränderungen aufzuweisen hat. Wenn man das erste Kapitel von
+Delbrücks Heereszahlen liest, fühlt man sich doch versucht, in Frage zu
+stellen, ob Alexander wirklich vermocht hat, mit 30 bis 40 000 Kämpfern,
+einer Anzahl, die Droysen ebenfalls anführt, nach Westen aufzubrechen.
+
+Für einen Forschungsreisenden, der das Glück gehabt hat, bis zur Quelle des
+Indus vorzudringen, ist es von großem Interesse, Arrians Geschichte über
+Alexanders Vorstellungen über das Verhältnis des Indussystems zum Nil zu
+lesen. Der große Feldherr tritt hier auch als Entdeckungsreisender im
+großen Stil hervor, und es wird einem klar, daß auch die geographischen
+Probleme Gegenstand seiner Aufmerksamkeit waren. »Zwar hatte er früher in
+dem Indus, dem einzigen Flusse außer dem Nil, Krokodile gesehen, und an den
+Ufern des Acesines ebensolche Bohnen, wie sie der Boden Ägyptens
+hervorbringt, und zudem gehört, daß der Acesines sich in den Indus ergieße,
+und bildete sich nun ein, die Quellen des Nils aufgefunden zu haben: der
+Nil, glaubte er nämlich, entspringe hier irgendwo in Indien, durchströme
+hierauf viel ödes Land und verliere daselbst seinen Namen Indus; wo er
+sodann seinen Lauf wieder durch bewohntes Land fortsetze, werde er nun von
+den Äthiopen jener Gegend und den Ägyptern Nil genannt, -- wie ihm auch
+Homer nach dem Lande Ägyptos den Namen Ägyptos beigelegt habe -- und
+ergieße sich dann endlich in das Mittelmeer. Und demgemäß habe er auch in
+einem Briefe an die Olympias neben anderen Nachrichten über das indische
+Land ihr geschrieben, daß er die Quellen des Nil glaube aufgefunden zu
+haben, wobei er freilich seine Schlüsse in einer so wichtigen Sache auf
+recht unbedeutende und nichtssagende Beweisgründe stützte. Als er sich
+jedoch genauer über den Fluß Indus erkundigt, habe er von den Eingeborenen
+erfahren: der Hydaspes fließe in den Acesines, der Acesines in den Indus,
+und beide geben an diesen ihren Namen ab; der Indus dagegen ergieße sich in
+das große Meer, und zwar in zwei Mündungen, ohne in irgendeiner Verbindung
+mit Ägypten zu stehen. Darauf habe er im Briefe an seine Mutter die
+Nachricht über den Nil wieder getilgt«....
+
+Da er also anfänglich in dem Glauben lebte, daß er die Quelle des Nils
+entdeckt hätte (#Nili se caput reperisse arbitrabatur#), aber nachher
+erfuhr, daß er es nur mit dem Indus zu tun hatte, muß er seine Fahrt
+abwärts dieses Flusses, in der Annahme, dessen Quelle entdeckt zu haben,
+begonnen haben. Denn daß er davon überzeugt war, sich in unmittelbarer
+Nähe der Quelle befunden zu haben, geht sowohl aus Arrian als aus Strabo
+hervor, von denen letzterer vom Aornus sagt: #cujus radices Indus non
+procul a fonte suo alluit#. Um ausfindig machen zu können, was die alten
+Geographen unter »Indus-Quelle« verstanden, wäre es von Wert gewesen, zu
+erfahren, wo Aornus lag. Aller Wahrscheinlichkeit nach glaubte man, daß die
+Quelle gerade an dem Punkt gelegen war, wo die gewaltige Wassermenge der
+Talmündung entströmte, hinter der nichts anders als hohe, unübersteigbare
+Berge sichtbar waren. Noch vor 250 Jahren wurde die Hydrographie des
+Himalaja in dieser Weise dargestellt; man konnte ja auch nichts anderes
+erwarten, da das ganze Bergland im Norden eine vollständige #Terra
+incognita# war.
+
+Droysens Arbeit über Alexander gehört zu den Büchern, die ich stets nahe
+zur Hand habe und zu denen ich immer gleich gerne zurückkehre. Die am
+meisten sagenähnliche Epoche im Leben des Heldenkönigs spielt sich ja auf
+dieser alten asiatischen Erde, wo ich dreizehn glückliche Jahre verbracht
+habe, ab. Einzig und allein dieser Umstand erklärt es, daß ich dazu
+aufgefordert wurde, zu dieser neuen Auflage von Droysens Buch über
+Alexanders Leben ein Vorwort zu schreiben. Noch im Sommer 1916 hatte ich
+Gelegenheit, mich seines Namens zu erinnern, als ich in Begleitung des
+Professors Koldewey die Ruinen Babylons durchwanderte. Wir kamen damals
+auch zu den Überresten von Emach, Ninmachs Tempel, von denen Koldewey
+annimmt, daß es hier war, wo Alexander, auch während seiner letzten
+Krankheit, seine täglichen Opfer darbrachte. (Vergleiche auch Koldewey: Die
+Tempel von Babylon und Borsippa, Leipzig 1911, Seite 17.)
+
+In Hindenburgs Vaterland, in diesem Deutschland, das mit unsterblichem Ruhm
+seinen Kampf fast gegen die ganze übrige Welt auskämpft, wird Makedoniens
+König, Asiens Eroberer zahlreichere Freunde und Bewunderer finden, als
+jemals zuvor.
+
+ Stockholm, 28. März 1917.
+ Sven Hedin
+
+
+
+
+ Einleitung
+
+
+Droysens Buch über Alexander den Großen gehört unstreitig zu den
+klassischen Werken der deutschen historischen Prosa: die Gediegenheit der
+Forschungen, die Tiefe der Auffassung, die Frische des Stils, wie sie in
+dem Buche zutage treten, berechtigen zu diesem Urteil. »Droysens
+Verständnis für den idealen Gehalt der Vergangenheit, seine lebhafte
+Auffassung historischer Charaktere und seine Anlage für deren
+Vergegenwärtigung trafen mit der Lehre Hegels von der Verkörperung der
+großen, weltbewegenden Ideen in den Heroen der Geschichte zusammen. Diesem
+Zusammentreffen ist Droysens erste historische Arbeit, sein Alexander von
+Makedonien entsprungen«, schreibt Max Duncker in seiner trefflichen,
+unmittelbar nach dem Tode des Forschers verfaßten biographischen Skizze.
+Man muß freilich gestehen, daß die allgemeinen Prinzipien der heutigen
+historischen Wissenschaft nicht mehr die gleichen sind wie die des jungen
+Droysen. Was wir heute suchen, ist nicht der »ideale Gehalt der
+Vergangenheit«, sondern einfach die Vergangenheit an sich, und unser Urteil
+über geschichtliche Persönlichkeiten ist von der Lehre Hegels nicht mehr
+beeinflußt. Indessen, in der Praxis der historischen Arbeit verfuhr Droysen
+durchaus modern. Das Ideale der antiken Geschichte sucht er niemals durch
+Schönfärberei oder willkürliche Auswahl der überlieferten Tatsachen zu
+gewinnen, sondern in streng kritischer, voraussetzungsloser Untersuchung
+der Tradition will Droysen sich das Bild des griechischen Staates und
+seiner Leistungen schaffen: wenn dieses Bild dann groß und erhaben wirkt,
+und vorbildlich für die eigene Zeit, so ist das für den Geschichtschreiber
+erfreulich, aber es belastet das Gewissen des Gelehrten nicht. Was den
+zweiten Punkt betrifft, so kommt es ja tatsächlich oftmals vor, daß die
+großen politischen Gedanken der Völker in einzelnen Männern gewissermaßen
+Fleisch und Blut gewinnen, von ihnen vollkommen erfaßt und in die
+Wirklichkeit umgesetzt werden. Es genügt hier, an den Gedanken der
+deutschen Einheit und an Bismarck zu erinnern. Aber so gewaltig Bismarcks
+Können und Wollen auch gewesen ist, er hätte sein Ziel nicht erreicht, wenn
+ihm das Schicksal nicht einen Monarchen an die Seite gestellt hätte, der
+ihn und seine Ideen verstand und es ihm möglich machte, sein Werk zu
+schaffen. Und wenn wir nicht nur an Bismarck, sondern auch an Kaiser
+Wilhelm I. denken, kommen wir zu einer rechten Würdigung des historischen
+Alexander so gut wie des Alexanderbildes von Droysen. So wenig auch
+äußerlich Wilhelm I. und Alexandros, der Sohn des Philippos, miteinander
+gemein haben, der schlichte, durch und durch solide, seinen Mitarbeitern
+unbedingt treue, norddeutsche Fürst, der im Bilde des Greises in der
+Nachwelt weiterlebt -- und auf der anderen Seite der hochbegabte, aber
+theatralische Südländer, auf dessen Andenken es lastet, daß er _seinen_
+Moltke heimtückisch umbringen ließ, und den Roman und Legende durch zwei
+Jahrtausende zum Heldenjüngling gestaltet haben: die Jahrzehnte, in denen
+das deutsche Volk seine Einigung und Weltstellung gewann, stehen unter dem
+Zeichen Wilhelms I., und die Epoche, in der das hellenische Volk, frisch
+geeinigt, die Weltherrschaft eroberte, ist das Zeitalter Alexanders.
+
+Droysen hat den König Alexander für einen ganz großen Menschen, für einen
+Genius ersten Ranges, gehalten. Die moderne Forschung ist zum Teil andere
+Wege gegangen. Es läßt sich, bei der Dürftigkeit des auf uns gekommenen
+authentischen Materials, nicht ganz sicher entscheiden, wer recht hat, ob
+Johann Gustav Droysen, oder -- um gleich den Namen seines Antipoden zu
+nennen, Julius Beloch. Fest steht es, daß die hellenische Welteroberung
+zugleich eine Tat des Königs Alexander gewesen ist, daß sich die
+Entwicklung der Nation und das Leben des einen Mannes nicht trennen läßt.
+
+Aber auch schon für Droysen selbst ist die Sache wichtiger gewesen als die
+Person: die Bedeutung Alexanders liegt für ihn darin, daß er das Ende einer
+Weltepoche bezeichnet, und den Anfang einer neuen. Diese neue Epoche bringt
+die »Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung über die Völker
+ausgelebter Kulturen«, mit einem Wort: die Entstehung des Hellenismus. Es
+bleibt für alle Zeiten eine wissenschaftliche Großtat Droysens, daß er, man
+kann wohl sagen, der Entdecker des Hellenismus geworden ist. Drei Jahre
+nach dem Erscheinen der Alexandergeschichte folgte ihre Fortsetzung, die
+Schilderung der Epoche der Diadochen (1836), 1843 schloß sich die
+Geschichte der nächsten Generation griechischer Herrscher, der sog.
+Epigonen an. In einer zweiten Auflage hat Droysen alle drei Bände als
+»Geschichte des Hellenismus« vereinigt (1877/78). Für den einseitigen
+Klassizismus hört das vorbildliche Griechentum mit Chaironeia und
+Demosthenes auf: was danach kommt, ist Entartung und Verfall. Tatsächlich
+ist es aber gerade die hellenistische Periode, in der das griechische Volk
+politisch die größten Erfolge gehabt hat, so daß man direkt berechtigt ist,
+von einer griechischen Weltherrschaft im Zeitalter des Hellenismus zu
+sprechen, und auch die kulturellen Schöpfungen dieser Epoche lassen sich
+aus der Entwicklung der abendländischen Menschheit nicht wegdenken. Droysen
+hat als erster durch ein großzügiges Geschichtswerk die welthistorische
+Bedeutung des Jahrhunderts von Alexander bis zur Intervention der Römer im
+Osten klargelegt, sowie den Zusammenhang der politischen Begebenheiten
+dieser Zeit mit glänzender Kombinationskraft aus der vielhaft trümmerhaften
+Überlieferung zu gewinnen gesucht.
+
+Zur rechten Würdigung Alexanders und des Hellenismus waren freilich zwei
+Vorfragen zu lösen, die wieder untereinander eng zusammenhängen: es sind
+die Probleme der Nationalität der Makedonen, und der Politik des
+Demosthenes. In beiden Fragen hat Droysen den gleichen Standpunkt gewonnen,
+wie ihn im wesentlichen auch die neueste Forschung einnimmt. Freilich ist
+der Streit über beide Probleme noch nicht beendet. Die Frage, ob die
+Makedonen Griechen gewesen sind, oder nicht, ist von einschneidender
+Bedeutung: wenn ja, dann haben Philipp und Alexander den Hellenen die
+nationale Einigung gegeben, wenn nein -- dann sind die Griechen unter die
+Herrschaft ausländischer Zwingherren geraten, welche sie für ihre Zwecke
+ausnutzten. Eine Entscheidung der Frage kann nur eine Prüfung der Sprache
+der Makedonen geben; leider ist unsere Kenntnis des makedonischen Dialekts
+nur mäßig, aber das sprachliche Material läßt doch den Schluß ziehen, daß
+die Makedonen ein griechischer Stamm gewesen sind: diese Überzeugung hat
+bereits Droysen trefflich vertreten. Wenn er freilich die Makedonen, ebenso
+wie die anderen, in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Nordstämme, als
+»Pelasger« bezeichnet, so werden wir diesen Namen hier lieber nicht
+anwenden; denn die Theorie von den »Pelasgern« als den Urgriechen läßt sich
+heutzutage nicht mehr aufrechterhalten. Sie ist eine Spekulation der
+Mythenhistoriker des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Von der
+Auffassung der Makedonenfrage hängt auch gutenteils das Urteil über die
+Politik des Demosthenes ab. Waren König Philipp und sein Sohn keine
+Hellenen, dann war Demosthenes der Vorkämpfer gegen die Fremdherrschaft, im
+anderen Falle aber nur der Vertreter eines überlebten Partikularismus. Die
+Bewunderung für Demosthenes als literarische Erscheinung hat in alter und
+neuer Zeit dazu geführt, daß man auch seine politische Wirksamkeit in der
+Verklärung sah. Mit ausgezeichneten Gründen bekämpft Droysen diese
+Auffassung: den Patriotismus des Atheners will er nicht leugnen, und das
+Attribut des »größten Redners aller Zeiten« will er ihm nicht entziehen.
+Aber Droysen bezweifelt es, daß Demosthenes als Staatsmann groß, und daß er
+überhaupt »der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands« gewesen
+ist. In einer glücklichen Kombination malt Droysen das Bild der
+griechischen Zustände aus, wie sie sich nach einem Siege des Demosthenes
+unstreitig gestaltet hätten: »Mochten die attischen Patrioten den Kampf
+gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen
+Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben, keins dieser
+Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt gewesen.« Die neueste
+Forschung ist in der Kritik an Demosthenes noch weiter gegangen als
+Droysen: es scheint sich immer mehr herauszustellen, daß Demosthenes zwar
+ein großer Advokat, aber ein recht kleiner Mensch gewesen ist. Aber darüber
+darf man ein Zweites nicht vergessen: das ist die rührende Aufopferung, mit
+der das athenische Volk sein Blut für all die Dinge verspritzt hat, die ihm
+seine Politiker vorgaukelten. Droysen geht viel zu weit, wenn er von dem
+»schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Bürgertum Athens«
+spricht. Der wahre Held von Chaironeia ist nicht der Redner, der auf dem
+Marktplatz mit seinen gut vorbereiteten Tiraden den Makedonenkönig
+vernichtete, sondern es ist der schlichte athenische Handwerksmeister und
+Familienvater, der pflichtgemäß für seine republikanische Freiheit unter
+den Lanzen der makedonischen Veteranen den Tod findet. Die Stimmung der
+Kämpfer von Chaironeia ist in einer Grabschrift für die Gefallenen rührend
+zum Ausdruck gekommen. Die vier Verszeilen mögen hier -- in der Übersetzung
+von Wilamowitz -- Platz finden:
+
+ Zeit, du überschauest alles Menschenschicksal, Freud und Leid,
+ Das Geschick, dem wir erlagen, künde du der Ewigkeit.
+ Auf Boiotiens Schlachtfeld sanken wir, gefällt vom Feindesspeere,
+ Was wir wollten, war, zu wahren unseres heiligen Hellas Ehre.
+
+Freilich, man mag der überwundenen Partei die Gerechtigkeit widerfahren
+lassen, die ihr zukommt, sachlich bleibt die Auffassung Droysens
+unanfechtbar, daß nur der Sieg des makedonischen Königtums die griechische
+Nation von dem Fluch der Kleinstaaterei erlösen und die in ihr
+schlummernden Kräfte erwecken konnte.
+
+Das Thema der Alexandergeschichte hatte ohne Zweifel für Droysen einen
+aktuellen Reiz: in der Einigung der Hellenen durch die makedonische
+Dynastie wird er ein Vorbild gesehen haben, in dessen Art er auch die
+Lösung der deutschen Frage erstrebte. Am 6. April 1848 hat Droysen erklärt,
+daß »Preußen sich Deutschland eingliedern, durch seine große und gesunde
+Machtorganisation, sein Heer und seine Finanzen den Rahmen des neuen Ganzen
+bilden müsse«. Als Abgeordneter in der Paulskirche war er bemüht, »der
+Einigung Deutschlands unter der Oberherrschaft der Hohenzollern Anhänger zu
+werben«. Der starke Anteil an den Forderungen seiner eigenen Zeit hat ja
+dazu geführt, daß Droysen auch als Forscher das Gebiet der griechischen
+Geschichte mit dem der preußischen vertauschte, daß er auf die »Geschichte
+des Hellenismus« die Biographie des Feldmarschalls Yorck und die vielen
+Bände der »Preußischen Politik« folgen ließ.
+
+Hat aber auch für den Leser von 1917 die Geschichte Alexanders einen
+unmittelbaren Reiz, abgesehen von der Belehrung über eine wichtige Epoche
+der Vergangenheit? Man wird diese Frage wohl bejahen dürfen, und zwar wegen
+des hervorragenden kriegsgeschichtlichen Interesses, das die Feldzüge des
+makedonischen Königs erwecken. Man kann wohl sagen, daß wir bei der
+Eroberung des Perserreiches durch Alexander zum erstenmal in der
+Weltgeschichte die systematische Arbeit eines denkenden Generalstabs
+verfolgen können. Größere Truppenbewegungen sind natürlich auch schon in
+der Epoche vor Alexander erdacht und geleitet worden. Achtbar sind z. B.
+die Leistungen des Perserreichs auf diesem Gebiete. Als König Darius seinen
+sog. Skythenzug vorbereitete, hatte er eine Armee etwa aus der Gegend des
+heutigen Bagdad in die Dobrudscha zu versetzen: eine Leistung, die auch im
+Zeitalter der Eisenbahnen und Automobile recht achtbar wäre; um so mehr im
+Altertum mit seiner primitiven Technik. Aber die Soldaten des Perserkönigs
+hatten diesen Weg im eigenen Lande, unterstützt von der eigenen
+Reichsverwaltung zurückzulegen: das Feindesland begann eigentlich erst an
+der Donaumündung. Als nun aber die wirkliche militärische Aufgabe
+einsetzte, die Perser die untere Donau überschritten und in Beßarabien
+vordrangen, da begannen auch die Schwierigkeiten des Unternehmens deutlich
+zu werden: bekanntlich haben die Perser bald den Rückzug antreten müssen.
+Das ist etwa ein Beispiel für das militärische Können der Epoche um 500 vor
+Christus. Die kriegerischen Unternehmungen der griechischen Staaten des 5.
+und 4. Jahrhunderts zeichnen sich ebenfalls durch ihre Langsamkeit,
+Schwerfälligkeit und relative Ergebnislosigkeit aus. Welch anderes Bild
+geben da die Feldzüge Alexanders! Die makedonische Armee beginnt ihre
+Offensive mit der Überschreitung der Dardanellen und schlägt einen starken,
+durchaus achtbaren Feind überall, wo sie ihn trifft. Ein geheimer
+Mechanismus scheint dieses Heer zu lenken, im Winter geht es ebenso
+vorwärts wie im Sommer, Flußlinien, Hochgebirgsketten, Wüsten werden glatt
+überwunden. Jede feindliche Festung fällt, wenn es auch manchmal recht viel
+Zeit und Mühe kostet. Etappenlinien von vielen Hunderten von Kilometern, im
+Feindesland, werden in Ordnung gehalten, weite Gebiete okkupiert und sofort
+in eigene Verwaltung genommen. So passiert diese Armee Kleinasien und
+dringt dann über Syrien nach Ägypten vor, es folgt der Vormarsch nach
+Mesopotamien, Babylon wird genommen, das eigentliche Persien betreten. Das
+gewaltige Iran wird durchzogen; über Afghanistan und den Hindukusch zieht
+die griechische Armee nordwärts bis tief in die Wüsten von Turkestan; daran
+schließt sich der letzte Akt: die Expedition nach Indien. All diese
+erstaunlichen Leistungen sind nicht denkbar ohne eine vorbedachte, mit
+einem fein verzweigten Apparat arbeitende Heeresleitung. Einen
+zwanzigjährigen König, und sei er noch so geistvoll, wird man nicht gut als
+den alleinigen Urheber solcher Erfolge ansehen: hier arbeitet ein
+Generalstab, so gut wie in den Operationen des deutschen Heeres 1870/71
+oder 1914/17. Wir wissen auch genau, wer die Generalstäbler Alexanders
+gewesen sind: es sind die alten Generale aus der Schule seines Vaters, die
+sog. Adjutanten (Somatophylakes), welche dem König bei der Kriegführung zur
+Seite stehen, und als Chef des makedonischen Generalstabs tritt, auch noch
+in unserer höfisch gefärbten Überlieferung, der alte Parmenion deutlich
+genug hervor.
+
+In den Feldzügen Alexanders fehlt, wenn man sie richtig erfaßt, das
+romantisch-enthusiastische Element durchaus; im Gegenteil, mit ruhiger
+Überlegung, und geradezu pedantischer Vorsicht, werden die nötigen
+Entschlüsse gefaßt. Diesen Charakter der militärischen Dispositionen
+Alexanders hat Droysen vortrefflich hervorgehoben, nur führt er durchweg
+den König selbst als den geistigen Leiter des Krieges ein, während
+tatsächlich Alexander in den meisten Fällen nach dem Rat seiner Adjutanten
+gehandelt haben wird.
+
+Die vorliegende neue Auflage des Droysenschen Werkes gibt ohne jede
+Änderung den Text der letzten, vom Verfasser selbst veranstalteten Ausgabe
+wieder. Das Material zur Geschichte Alexanders hat sich seitdem nur
+unbedeutend vermehrt, aber in einigen immerhin bemerkenswerten
+Gesichtspunkten ist doch die moderne Forschung über Droysen hinausgekommen.
+Im folgenden sollen diese Punkte wenigstens kurz erörtert werden. Der Leser
+kann sich dann ohne Mühe selbst die Auffassung Droysens von den
+betreffenden Fragen berichtigen.
+
+
+In erster Linie ist hier die Schilderung des persischen Heeres und die
+Schätzung seiner Stärke zu nennen. Droysen hält noch an den überlieferten
+Zahlen fest. Am Granikos nimmt er 20 000 persische Reiter und ebenso viele
+griechische, im Dienste des Perserkönigs stehende Söldner an. Die Armee,
+welche Alexander bei Issos besiegte, schätzt er auf Hunderttausende,
+darunter 30 000 griechische und 100 000 asiatische Schwerbewaffnete, und
+auch bei Gaugamela läßt er eine persische Riesenarmee auftreten. Indessen
+haben die Forschungen von Eduard Meyer und Hans Delbrück über das persische
+Heerwesen zu dem Ergebnis geführt, daß der Perserkönig niemals ein
+Millionenheer aufgestellt hat; die Armeen, mit denen König Alexander zu
+kämpfen hatte, sind erheblich schwächer gewesen; schwerlich stärker an Zahl
+als die makedonischen Sieger selbst. An sich wäre es ja durchaus möglich
+gewesen, daß das Perserreich, das etwa 50 Millionen Einwohner zählte, ein
+Millionenheer aufgebracht hätte. Aber im persischen Reich hat eine
+allgemeine Wehrpflicht, wie in den antiken griechischen und in den modernen
+Staaten, niemals existiert. Die persische Armee war vielmehr eine
+Berufsarmee, und Berufsheere sind niemals sehr stark. Die iranische Nation,
+welche die eigentlich staatserhaltende Kraft im Perserreich darstellte,
+lieferte dem König zunächst eine ausgezeichnete Adelsreiterei, sodann eine
+große Zahl erprobte Bogenschützen. Mit diesen Tausenden von Rittern und
+Zehntausenden von Schützen haben die ersten Perserkönige die militärisch
+nur wenig leistungsfähigen orientalischen Großmächte: Babylonien, Lydien,
+Ägypten niedergeworfen. Im eroberten Gebiet richteten sich die Perser
+ähnlich ein wie später die Türken im 15. bis 17. Jahrhundert: der Herrscher
+wies seinen Rittern große Lehensgüter an. Auf dem Besitze eines solchen
+Gutes lastete die Verpflichtung, im Kriegsfalle eine Anzahl Reiter zu
+stellen; vielleicht auch ein paar iranische Bogenschützen zu unterhalten.
+Neben diesen Lehenstruppen stand dann die königliche Garde, die 10 000 sog.
+»Unsterblichen«, entsprechend etwa den Janitscharen des Sultans. Eine
+solche Berufsarmee bleibt auf der Höhe, solange der Staat dauernd Krieg
+führt und die Maschinerie im Gang bleibt. Wenn aber längere Perioden des
+Friedens kommen, verrostet das Uhrwerk leicht. So ist es dem Türkischen
+Reich im 18. Jahrhundert ergangen: aus den Janitscharen wurde ein Korps von
+Staatspensionären, das keinen Feind mehr schreckte. Ähnlich gestaltete sich
+die Entwicklung im Perserreich, als die Periode der ständigen Kriege mit
+König Xerxes aufhörte. Die Inhaber der Lehen wurden allmählich zu bequem,
+um wirkliche Krieger zu unterhalten, und wenn der König die Heeresfolge
+ansagte, schickten sie statt dessen ihre Hausdiener (vgl. Xenophon, Cyrop.
+VIII 8, 20). Immerhin hat sich wenigstens die persische Reiterei in den
+Alexanderschlachten tapfer geschlagen. Die asiatische Infanterie dagegen
+war völlig verkommen, statt ihrer stellte man schon seit dem Ausgang des 5.
+Jahrhunderts lieber griechische Söldner ein.
+
+Die operierende persische Feldarmee ist zur Zeit ihrer höchsten Blüte,
+unter König Xerxes, im Feldzug von 480/79, höchstens 50 000 Mann stark
+gewesen; unter Darius III. waren es höchstens ebenso viele, wahrscheinlich
+aber weniger Leute. Die phantastische Vorstellung von den Millionenheeren
+des Perserkönigs hat die griechische Volkstradition des 5. Jahrhunderts
+gebildet, auf der die Darstellung Herodots beruht. Die späteren
+Geschichtschreiber haben dann diese Auffassung übernommen, und die
+Historiker Alexanders sind von der Tradition nicht abgewichen: im
+Gegenteil, sie haben die Furchtbarkeit des Perserheeres mit Behagen
+ausgemalt, um die Größe der makedonischen Kriegstaten ins rechte Licht zu
+rücken.
+
+Der griechische Bund, an dessen Spitze König Alexander stand, hatte nur
+etwa 1/10 der Einwohnerzahl des Perserreichs. Aber seine militärische Kraft
+war weit überlegen. Hellas war damals stark übervölkert: viele Tausende von
+kühnen und kräftigen Männern waren bereit, in den Osten zu ziehen, um sich
+dort eine neue Heimat zu erobern. Dem makedonischen Volksheer winkte im
+Orient ein ruhmvoller, leichter Sieg und unermeßliche Beute; auch die
+kräftigen Barbarenstämme der Balkanhalbinsel, die dem makedonischen König
+unterstanden, waren militärisch nicht unwichtig. Alles in allem war König
+Alexander imstande, zur Zeit der Schlacht bei Gaugamela mit 50 000 Mann
+Kerntruppen -- mit einer Kavallerie, die dem Feind zumindest gewachsen, und
+einer Infanterie, die ihm in jeder Beziehung überlegen war -- die Perser
+anzugreifen. Etwa ebenso viele Leute mögen zur selben Zeit als
+Etappentruppen und Garnisonen das weite Gebiet von den Dardanellen bis
+Mesopotamien gedeckt haben. Endlich stand noch eine starke Reservearmee
+daheim, bereit, etwaige partikularistische Bewegungen in Griechenland
+niederzuwerfen. Im ganzen ist es wohl kaum übertrieben, wenn man die
+damalige Gesamtstärke der Heere Alexanders auf etwa 150 000 gute Soldaten
+berechnet. Das war eine Heeresmacht, gegen die kein anderer Staat der Welt
+aufkommen konnte, auch nicht das Perserreich mit seinem durchaus überlebten
+Wehrsystem. Diese Erwägungen mögen die Leistungen König Alexanders und
+seines Heeres leichter verständlich machen; sie können aber die Bewunderung
+für die Taten der makedonischen Heeresleitung nicht vermindern.
+
+Eine der merkwürdigsten Episoden in der Geschichte Alexanders ist
+unstreitig sein Zug zu der Oase des Ammon, wo er sich von den Priestern als
+der Sohn des Gottes begrüßen ließ. Droysen schildert dieses Ereignis in
+anschaulicher und eindringlicher Art. Die Frage drängt sich auf, was
+Alexander bei dem ägyptischen Gott gewollt, welche Absichten er mit seiner
+Erklärung zum Gottessohn verfolgt hat. Droysen meint, der König habe
+gewollt, daß ihn »in das Innere des Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine
+höhere Verheißung begleiten« sollte, »in der die Völker ihn als den zum
+König der Könige, zum Herrn von Aufgang bis Niedergang Erkorenen erkennen
+sollten«. Aber tatsächlich hat wohl Alexander mit jenem mystischen Vorgang
+gar nicht auf die Orientalen, sondern allein auf die Griechen wirken
+wollen. Der Gedanke von der Göttlichkeit des Herrschers war den Untertanen
+des Perserkönigs -- außerhalb von Ägypten -- fremd: den Iraniern, welche
+sich zur Religion des Zarathustra bekannten, den babylonischen Verehrern
+des Marduk und der Istar, den semitischen Dienern ihrer Stammesgottheiten,
+und all den anderen Völkern des Ostens wurde der fremde Eroberer wahrlich
+deshalb nicht ehrwürdiger oder sympathischer, weil er sich als der Sohn des
+ägyptischen Ammon ausgab. In Ägypten war freilich die Auffassung zu Hause,
+daß der Pharao der Sohn des großen Sonnengottes sei, und die Priester waren
+gern bereit, auch jedem fremden Herrscher, der es wünschte, dieses Attribut
+zu erteilen. Aber eine solche Anerkennung konnte Alexander in jedem
+beliebigen ägyptischen Heiligtum empfangen; hätte er wirklich dem Herzen
+des ägyptischen Volkes näherkommen wollen, dann würde er sich an einen der
+führenden nationalen Tempel gewandt haben, aber sicher nicht an den Ammon
+der libyschen Oase, der im ägyptischen Kulturleben so gut wie nichts
+bedeutete. Indessen, und das bringt uns der Lösung des Rätsels näher, der
+Ammon von Siwas war -- über Kyrene -- schon seit dem 5. Jahrhundert in
+Griechenland bekannt geworden, und sein Orakel erfreute sich dort einer
+gewissen Autorität, seitdem Delphi aus der Mode gekommen war. Wenn also
+Alexander für die Hellenen ein Gott sein wollte, dann war das Ammonsorakel
+die Stelle, deren Autorität er sich mit Aussicht auf Erfolg zu bedienen
+vermochte. Was bedeutete aber die Anerkennung der Gottheit Alexanders durch
+die griechischen Gemeinden? Nichts mehr und nichts weniger als eine
+vollkommene Reform der hellenischen Bundesverfassung. Die beschränkten
+Kompetenzen des Bundespräsidenten, wie sie für König Philipp ausreichend
+gewesen waren, genügten für Alexander nicht. Er wünschte, wenn er es für
+nötig hielt, ohne Hindernis in die griechischen Angelegenheiten eingreifen
+zu können, ohne zugleich die Selbständigkeit der griechischen Republiken
+ganz aufzuheben. Da bot sich der bequeme Ausweg, daß der ehemalige
+Bundespräsident zum Staatsgott der einzelnen Gemeinden wurde: nunmehr
+mußten seine Erlasse als göttliche Gebote befolgt werden. Was dies in der
+Praxis zu bedeuten hatte, zeigte sich sofort, als Alexander die Verordnung
+über die Rückkehr der Verbannten erließ. Dieser Akt, der die Parteikämpfe
+in den griechischen Kleinstaaten formell abschließen sollte, wäre nach den
+Artikeln des Korinthischen Bundes -- wie auch Droysen treffend hervorhebt
+-- nicht möglich gewesen. Dagegen konnte der »Gott« Alexander ohne weiteres
+eine solche Maßregel durchführen.
+
+Das »Gottkönigtum«, wie es Alexander begründete, sollte noch die
+bedeutsamsten Folgen für die spätere Entwicklung des Altertums haben. Es
+blieb die maßgebende Form, in der sich eine starke monarchische Gewalt mit
+der republikanischen Selbständigkeit einer größeren Zahl von Stadtstaaten
+wenigstens einigermaßen vereinigen ließ. Die hellenistischen Monarchien des
+Orients waren so organisiert, und das römische Kaisertum ging dann die
+gleiche Bahn.
+
+Hat Alexander selbst an seine Göttlichkeit geglaubt? Droysen deutet die
+Möglichkeit an, daß der König gewisse pantheistische Gedanken von einer
+Einheit zwischen der Gottheit und den Menschen gehabt hat; Gedanken, in
+denen sich griechische Philosophie und ägyptische Priesterweisheit
+vereinigten. Aber wenn wir die praktisch-politische Bedeutung des Zuges zum
+Ammonion in den Vordergrund stellen, in der Art, wie es von den neueren
+Forschern vor allem Eduard Meyer getan hat, werden wir auch hier wohl eine
+einfachere Lösung suchen müssen. Über das wirkliche religiöse Innenleben
+Alexanders läßt sich kaum etwas Bestimmtes sagen. Wenn er sich den
+»Kinderglauben« bewahrt hatte, kann es nur der an die Götter seiner
+makedonischen Heimat gewesen sein. Aber daneben konnte er sehr wohl
+glauben, daß er für die Angehörigen seines Reichs selbst ein »Gott« sei.
+Perikles hat einmal in einer berühmten Rede erklärt, daß man die Existenz
+der Götter erschließe aus der Verehrung, die sie finden, und aus den
+Wohltaten, die sie den Menschen erweisen. In diesem Sinne war auch der
+große König, der all den vielen Griechenstädten Frieden, Wohlstand, ja die
+Existenz sicherte, ein »Gott«. Daß er Wunder tun, durch seinen Willen die
+Naturgesetze aufheben könne, hat Alexander sicher nicht angenommen.
+
+Wenn man die Geschichte Alexanders überdenkt, drängt sich unwillkürlich
+die Frage auf, ob es wirklich den wahren Interessen des
+griechisch-makedonischen Volkes entsprochen hat, daß ein hellenisches
+Riesenreich gegründet wurde, das sich vom Adriatischen Meere aus bis tief
+nach Indien erstreckte. Dieses Problem, an dem man bei der Würdigung des
+Staatsmannes Alexander nicht vorübergehen kann, ist von Droysen nicht
+gestellt worden. Es ist doch bemerkenswert, daß der Hellenismus nichts von
+dem gewaltigen Gebiet behauptet hat, das er damals eroberte. Das
+griechische Volk bewohnt heute im großen und ganzen denselben Raum, wie
+zur Zeit Philipps von Makedonien. Damit vergleiche man die
+Dauerhaftigkeit, welche die Eroberungen des Romanismus gehabt haben, wie
+sich aus dem römischen Kaiserreich heraus die lateinischen Nationen
+Westeuropas entwickeln, wie selbst ein so spät und oberflächlich
+romanisiertes Land wie Dakien seinen lateinischen Charakter bis auf den
+heutigen Tag behauptete. Der Unterschied erklärt sich daraus, daß Rom in
+weitem Umfang bäuerliche Kolonisten ansetzte, während die Griechen im
+Orient im wesentlichen nur in die Städte gingen, sowie als Offiziere und
+Beamte die herrschende Oberschicht bildeten. Daher fegte der erste beste,
+politische Mißerfolg die hellenische Kolonisation wieder weg, während der
+romanische, mit dem Boden verwachsene Bauer, sich nicht mehr verdrängen
+ließ. Aber warum haben die Römer so gründlich kolonisiert und die Griechen
+der hellenistischen Zeit so oberflächlich?
+
+Aus dem einfachen Grund, daß Griechenland gar nicht so viele Menschen übrig
+hatte, um nach dem römischen System zu kolonisieren. Das römische Italien
+hatte zudem beschränktere Aufgaben zu lösen, erst sog es die Lombardei und
+Venetien auf, dann wurden Spanien und Südfrankreich lateinisch gemacht,
+und allmählich drang das Römertum weiter vor. Das griechische Volk dagegen
+gewann mit einem Schlage ein Riesenreich, dessen Hellenisierung so gut wie
+unmöglich war. Daß schon König Philipp den Eroberungskrieg in Asien geplant
+hat, steht fest. Aber es bleibt doch sehr zweifelhaft, ob er -- der größte
+Staatsmann, den das griechische Volk hervorgebracht hat -- bis nach Indien
+und Turkestan gegangen wäre. Kleinasien hätte sicher auch Philipp für das
+Griechentum erobern wollen; vielleicht hätte er auch die Perser vom
+Mittelmeer verdrängt, indem er in irgendeiner Form Syrien und Ägypten unter
+seine Autorität brachte: den Zug über den Euphrat möchte man ihm nicht
+zutrauen. In Kleinasien waren die Küsten bereits griechisch, und auch die
+Eingeborenen, wie die Karer, Lyder und Lykier, waren auf dem besten Wege
+sich zu hellenisieren. Wäre es möglich gewesen, all die hellenischen
+Volkssplitter, die sich unter und nach Alexander im ganzen Orient
+zerstreuten, in Kleinasien zu vereinigen, so wäre dieses Land in wenigen
+Generationen vollkommen griechisch geworden. Aber daneben hatte das
+griechische Volk noch eine andere Aufgabe, deren Lösung freilich nicht so
+glanzvoll war wie die Eroberung des Ostens: das wäre die Gewinnung und
+Besiedlung des Rumpfes der Balkanhalbinsel gewesen. Hier wie überall hatte
+König Philipp das Richtige erkannt und dessen Durchführung angebahnt. Das
+von ihm gegründete Philippopolis trägt noch heute seinen Namen und zeugt
+von der Absicht des Makedonen, das griechische Volks- und Sprachgebiet bis
+zum Balkangebirge auszudehnen. Es ist geradezu das Verhängnis der Griechen
+geworden, daß an dieser Aufgabe nicht weiter gearbeitet worden ist. Die
+Weltgeschichte hätte eine andere Wendung genommen, wenn etwa die
+Balkanhalbinsel -- nebst dem westlichen Kleinasien -- ein einheitliches
+Nationalgebiet geworden wäre, in der Art, wie sich das zuerst so
+vielsprachige Italien unter dem römischen Einfluß umgewandelt hat. Eben
+dadurch, daß Alexander, die gerade damals vorhandene militärische
+Überlegenheit Makedoniens voll ausnutzend, das griechische Weltreich
+gründete, hat er seinem Volke den Weg zur wirklichen nationalen Größe
+dauernd verbaut[1].
+
+ [1] Es wird für die Leser dieses Buches von Interesse sein,
+ daß während des Weltkrieges deutscher Forschung im fernen
+ Asien eine nicht unwichtige Bereicherung unserer Kenntnis der
+ Alexander-Zeit gelungen ist: Die Expedition Hentig, die 1915
+ in Afghanistan weilte, hat -- wie kürzlich mitgeteilt wurde
+ -- die Lage der von Alexander in diesem Lande gegründeten
+ Griechenstädte zum ersten Male einwandfrei festgestellt.
+
+Diese Betrachtungen sollen weiter nichts darstellen als eine kleine
+Ergänzung zu Droysens trefflichem Werke, das hoffentlich auch in dieser
+Ausgabe der Wissenschaft und der Geschichte des Altertums neue Freunde
+werben wird.
+
+ Berlin.
+ Arthur Rosenberg.
+
+
+
+
+ Erstes Buch
+
+ +Tade men leusseis, phaidim' Achilleu+
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Die Aufgabe -- Der Gang der griechischen Entwicklung --
+ König Philipp und dessen Politik -- Der Korinthische Bund
+ von 338 -- Das Perserreich bis Darius III.
+
+
+Der Name Alexander bezeichnet das Ende einer Weltepoche, den Anfang einer
+neuen.
+
+Die zweihundertjährigen Kämpfe der Hellenen mit den Persern, das erste
+große Ringen des Abendlandes mit dem Morgenlande, von dem die Geschichte
+weiß, schließt Alexander mit der Vernichtung des Perserreiches, mit der
+Eroberung bis zur afrikanischen Wüste und über den Jaxartes, den Indus
+hinaus, mit der Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung über die
+Völker ausgelebter Kulturen, mit dem Anfang des Hellenismus.
+
+Die Geschichte kennt kein zweites Ereignis so erstaunlicher Art; nie vorher
+und nachher hat ein so kleines Volk so rasch und völlig die Übermacht eines
+so riesenhaften Reiches niederzuwerfen und an Stelle des zertrümmerten
+Baues neue Formen des Staaten- und Völkerlebens zu begründen vermocht.
+
+Woher hat die kleine Griechenwelt die Kühnheit zu solchem Wagnis, die Kraft
+zu solchen Siegen, die Mittel zu solchen Folgewirkungen? Woher erliegt das
+Königtum der Perser, das so viele Reiche und Lande zu erobern und zwei
+Jahrhunderte lang zu beherrschen vermocht, das soeben noch zwei
+Menschenalter hindurch die Hellenen der asiatischen Küste zu Untertanen
+gehabt, über die der Inseln und des Mutterlandes die Rolle des
+Schiedsrichters gespielt hat, dem ersten Stoß des Makedonen?
+
+Einen Teil der Erklärung gibt der in aller Richtung völlige Gegensatz
+zwischen beiden Gestaltungen, der, geographisch vorgebildet, in der
+geschichtlichen Entwicklung fort und fort gesteigert, zur letzten
+Entscheidung gereift war, als Alexander gegen Darius auszog.
+
+Den alten Kulturvölkern Asiens gegenüber sind die Hellenen ein junges Volk;
+erst allmählich haben sich sprachverwandte Stämme in diesem Namen
+zusammengefunden; das glückliche Schaffen einer nationalen, das vergebliche
+Suchen einer politischen Einheit ist ihre Geschichte.
+
+Bis zu der Zeit, wo jener Name Geltung gewann, wissen sie von ihrer Vorzeit
+nur Unsicheres, Sagenhaftes. Sie glauben Autochthonen in der
+gebirgsreichen, buchtenreichen Halbinsel zu sein, die sich vom Skardos und
+den Axiosquellen südwärts bis zum Tänaron erstreckt. Sie gedenken eines
+Königs Pelasgos, der in Argos geherrscht, dessen Reich auch Dodona und
+Thessalien, auch die Abhänge des Pindos, Päonien, alles Land »bis zum
+hellen Wasser des Strymon« umfaßt habe; ganz Hellas, sagen sie, hat einst
+Pelasgia geheißen.
+
+Die Stämme des Nordens blieben in ihren Bergen und Tälern, bei ihrem
+Bauern- und Hirtenleben, in altertümlicher Frömmigkeit, die die Götter noch
+ohne besondere Namen nur »Mächte« nannte, »weil sie alles machen«, und die
+in dem Wechsel von Licht und Dunkel, von Leben und Tod, in den Vorgängen
+der Natur Zeugnisse und Beispiel von deren strengem Walten erkannte.
+
+Andere Stämme führte die Not daheim oder Wanderlust hinab an das nahe Meer
+und über das Meer, mit Krieg und Seeraub Gewinn zu suchen oder mit Wagnis
+und Gewalt sich eine neue Heimat zu gründen. Da war denn der persönlichen
+Kraft alles anheimgegeben und die volle entschlossene Selbständigkeit die
+Bedingung erfolgreichen Tuns und sicheren Gewinnes; ihnen verwandelte sich
+das Bild der Gottheit; für sie waren und galten statt der stillen in der
+Natur lebenden und wirkenden Götter solche Mächte, wie sie nun ihr Leben
+bewegten und erfüllten, Mächte des energischen Wollens, des entschlossenen
+Handelns, der gewaltigen Hand. Wie äußerlich, so innerlich verwandelten sie
+sich; sie wurden Hellenen. Die einen begnügten sich von den Bergen in die
+Ebenen Thessaliens, Boiotiens, den Peloponnes hinabzusteigen und da zu
+bleiben; andere lockte das Ägäische Meer mit seinen schönen Inseln, die
+Küste in dessen Osten mit ihren weiten Fruchtebenen, hinter denen die Berge
+zum inneren Hochland Kleinasiens aufsteigen; und die schwellende Bewegung
+machte immer neue Scharen lose ihnen zu folgen.
+
+Wenn daheim, wo »Könige«, mit ihren »Hetairen«, ihren Kriegsgesellen, in
+die nächstgelegenen Täler oder Ebenen wandernd, die Alteingesessenen
+ausgetrieben oder untertänig gemacht hatten, sich ein Herrentum der
+Hetairen entwickelte, das bald genug auch das Königtum, mit dem sie
+begonnen, beseitigte oder bis auf den Namen beschränkte, um in strenger
+Geschlossenheit und Stetigkeit die Adelsherrschaft zu sichern, -- so
+suchten und fanden die Ausgetriebenen und Hinausgezogenen, um sich in der
+Fremde und unter Fremden fester zu begründen und rühriger auszubreiten,
+bald um so freiere Formen und um so raschere, dreistere Spannung des
+Lebens; sie eilten der Heimat weit voraus an Reichtum, Lebenslust und
+heiterer Kunst.
+
+Die Gesänge der Homeriden sind das Vermächtnis dieser bewegten Zeit, dieser
+Völkerwanderungen, mit denen die Hellenen in dem engen und doch so reichen
+Kreise der alten und neuen Heimat die Anfangsgründe ihres geschichtlichen
+Lebens lernten.
+
+Dies Meer mit seinen Inseln, seinen Küsten ringsum war nun ihre Welt.
+Gebirge umziehen sie von der Nähe des Hellesponts bis zum Isthmus, von da
+bis zum tänarischen Vorgebirge; selbst durch das Meer hin bezeichnen
+Kythera, Kreta, Rhodos die Umschließung, die auf der karischen Küste sich
+in mächtigeren Gebirgsformen erneut und in reichen Flußtälern, Fruchtebenen
+und Berghängen zum Meere sich absenkend bis zum schneereichen Ida und dem
+Hellespont hinzieht.
+
+Jahrhunderte hat sich das hellenische Leben in diesem geschlossenen Kreise
+bewegt, wundervoll namentlich bei denen, die sich in dem ionischen Namen
+geeint fühlen, erblühend. »Wer sie da sieht«, sagt der »blinde Sänger von
+Chios« von der Festfeier der Ionier auf Delos, »die stattlichen Männer, die
+schöngegürteten Frauen, ihre eiligen Schiffe, ihre unendliche Habe, der
+möchte meinen, daß sie frei seien von Alter und Tod.« In immer neuen
+Aussendungen von ihnen, bald auch von den anderen Stämmen auf den Küsten
+und Inseln wie daheim, erblühten neue Hellenenstädte an der Propontis, im
+Pontos bis zur Mündung des Tanais und am Fuß des Kaukasus; es entstand in
+Sizilien und Süditalien ein neues Hellas; Hellenen besiedelten die
+afrikanische Küste an der Syrte; an den Gestaden der Seealpen bis zu den
+Pyrenäen erwuchsen hellenische Pflanzstädte. So nach allen Seiten, soweit
+sie mit ihren geschwinden Schiffen gelangen konnten, griffen diese Hellenen
+hinaus, als gehöre ihnen die Welt, überall in kleinen Gemeinwesen
+geschlossen, geschickt, mit den Umwohnern, von welcher Sprache und Art sie
+sein mochten, fertig zu werden und sich, was sie da nach ihrem Sinn fanden,
+anzueignen und anzuähneln, in bunter Verschiedenartigkeit der Dialekte,
+Kulte, Betriebsamkeit je nach Ort und Art ihrer Stadt, in steter Rivalität
+der einen gegen die anderen, der Ausgezogenen gegen ihre Mutterstädte, und
+doch, wenn sie zu den olympischen Festen von nah und fern zusammenströmten,
+alle in denselben Wettkämpfen um den Preis ringend, an denselben Altären
+opfernd, an denselben Gesängen sich entzückend.
+
+Gesängen, die ihnen in zahllosen Mythen und Sagen, in den Abenteuern und
+Wanderzügen und Kämpfen ihrer Väter das Bild ihrer selbst gaben, vor allen
+die schönsten und ihnen die liebsten die von den Zügen nach dem Osten.
+Immer wieder richtet sich mit ihnen ihr Sinn morgenwärts. Aus dem
+Morgenlande entführt Zeus die sidonische Königstochter und nennt Europa
+nach ihrem Namen. Nach dem Morgenlande flüchtet Io, den hellenischen Gott
+zu umarmen, den ihr in der Heimat Heras Eifersucht versagt. Auf dem Widder
+mit goldenem Vließ will Helle nach dem Osten flüchten, um dort Frieden zu
+finden; aber sie versinkt in das Meer, ehe sie das nahe jenseitige Ufer
+erreicht. Dann ziehen die Argonauten aus, das goldene Vließ aus dem Walde
+von Kolchis heimzuholen; das ist die erste große Heldenfahrt nach dem
+Morgenlande, aber mit den Helden zurück kommt Medea, die Zauberin, die Haß
+und Blutschuld in die Königshäuser von Hellas bringt, bis sie, mißehrt und
+verstoßen von dem Heros Athens, zurückflüchtet in die medische Heimat.
+
+Dem Argonautenzuge folgte ein zweiter Heldenkampf, der heimatliche Krieg
+gegen Theben, das traurige Vorbild des Hasses und der Bruderkämpfe, die
+Hellas zerrütten sollten. In verhängnisvoller Verblendung hat Laios gegen
+das Orakel des Gottes einen Sohn gezeugt, hat Ödipus, über seine Eltern und
+sein Vaterland in Zweifel, den Gott gefragt; er kehrt, die Fremde suchend,
+zur Heimat zurück, erschlägt den Vater, zeugt mit der Mutter, herrscht in
+der Stadt, der besser das Rätsel der männermordenden Sphinx nie gelöst
+wäre. Als er endlich seiner Schuld inne wird, zerstört er das Licht seiner
+sehenden Augen, verflucht sich, sein Geschlecht, seine Stadt; und das
+Geschick eilt seinen Fluch zu erfüllen, bis der Bruder den Bruder
+erschlagen hat, bis die Epigonen den Tod ihrer Väter gerächt haben, bis ein
+Trümmerhaufe die Stätte drei- und vierfacher Blutschuld deckt.
+
+So in Frevel und Blutschuld eilt die Zeit der Heroen ihrem Ende zu. Die
+Fürstensöhne, die um die schöne Helena geworben haben, sitzen daheim bei
+Weib und Kind, kämpfen nicht mehr gegen Riesen und Frevel. Da rufen die
+Herolde Agamemnons zum Heereszuge gen Osten, nach dem Schwur, den einst die
+Freier getan; denn der troische Königssohn, den Menelaos gastlich in seinen
+Palast aufgenommen, hat ihm seine Gemahlin, die vielumworbene, entführt.
+Von Aulis ziehen die Fürsten Griechenlands gen Asien, mit den Fürsten ihre
+Hetären und ihre Völker. Jahrelang kämpfen und dulden sie; der herrliche
+Achill sieht seinen Patroklos fallen und rastet nicht, bis er Hektor, der
+ihn getötet, erschlagen und um die Mauern Trojas geschleift hat; dann
+trifft ihn selbst der Pfeil des Paris, und nun, wie der Gott es verkündet,
+ist der Fall Trojas nahe. In furchtbarem Untergang büßt die Stadt den
+Frevel des Gastrechtschänders. Die Ausgezogenen haben erreicht, was sie
+gewollt; aber die Heimat ist für sie verloren; die einen sterben in den
+Fluten des empörten Meeres, andere werden in die Länder ferner Barbaren
+verschlagen, andere erliegen der blutigen Tücke, die am heimatlichen Herde
+ihrer harrt. Die Zeit der Heroen ist zu Ende und es beginnt die Alltagswelt
+»wie nun die Menschen sind«.
+
+So die Sagen, die Mahnungen und Ahnungen aus alten Zeiten. Und als die
+Gesänge der Homeriden vor anderen neuen Sangesweisen verstummten, begannen
+sie sich zu erfüllen.
+
+Nie bisher hatten die Hellenen mit mächtigen Feinden sich zu messen gehabt.
+Jede Stadt an ihrem Teil hatte der Gefahr, die ihr etwa kam, sich zu
+erwehren oder ihr geschickt auszuweichen vermocht. Sie waren wohl nach
+Sprache und Sitte, zu Gottesfeier und Festspielen wie _ein_ Volk, aber
+politisch zahllose Städte und Staaten nebeneinander, ungeeint; nur daß das
+dorische Herrentum in Sparta, wie es sich die alten Bewohner des
+Eurotastales unterworfen, so auch die nächstgelegenen Grenzlandschaften von
+Argos, von Arkadien erobert, die Dorer Messeniens zu Heloten gemacht,
+endlich die meisten Städte in dem Peloponnes zu einer Bundesgenossenschaft
+geeinigt hatte, in der jede Stadt ein Herrentum dem der Spartanerstadt
+analog bewahrte oder erneute. Den Peloponnes beherrschend, der schon
+beginnenden Bewegung der untertänigen unteren Massen feind, mit dem Ruhm,
+vielerorten die Tyrannis, die da und dort aus jener beginnenden Bewegung
+erwachsen war, gebrochen zu haben, galt Sparta für die Hüterin echt
+hellenischer Art und für die leitende Macht in der hellenischen Welt.
+
+Um diese Zeit begann den weit und weiter hinaus schwellenden Kreisen der
+Griechenwelt eine Gegenströmung bedenklicher Art. Die Karthager gingen an
+die Syrte vor, die Kyrenaiker zu hemmen; sie besetzten Sardinien, sie
+vereinten sich mit den Etruskern, die Phokier aus Korsika zu verdrängen.
+Die Städte Ioniens, ungeeint, fast jede durch inneren Hader geschwächt,
+vermochten sich nicht mehr des lydischen Königs zu erwehren; einzeln
+schlossen sie mit ihm Verträge, zahlten ihm für die halbe Freiheit, die er
+ihnen ließ, Tribut. Schon erhob sich im fernen Osten Kyros mit seinem
+Perservolk, brachte das Königtum Mediens an sich, begründete die Macht der
+»Meder und Perser«; ihre Heere siegten am Halys, drangen nach Sardes vor,
+brachen das Lyderreich. Umsonst wandten sich die Hellenenstädte Asiens
+Hilfe bittend an Sparta; sie versuchten Widerstand gegen die Perser, eine
+nach der anderen wurden sie unterworfen; auch die nächstgelegenen Inseln
+ergaben sich. Sie alle mußten Tribut zahlen, Heeresfolge leisten; in den
+meisten erhob sich unter dem Zutun des Großkönigs eine neue Art von
+Tyrannis, die der Fremdherrschaft; in anderen erneuten die Vornehmen unter
+persischem Schutz ihre Gewalt über den Demos; sie wetteiferten in
+Dienstbeflissenheit; 600 hellenische Schiffe folgten dem Großkönige zum
+Zuge gegen die Skythen, mit dem auch die Nordseite der Propontis und die
+Küsten bis zum Strymon persisch wurden.
+
+Wie tief waren diese einst stolzen und glücklichen Ionierstädte gebeugt.
+Nicht lange ertrugen sie es; sie empörten sich, nur von Eretria und Athen
+mit Schiffen unterstützt, die bald heimkehrten. Der Zug der Ionier nach
+Sardes mißlang; zu Land und See rückte die Reichsmacht Persiens heran; es
+folgte die Niederlage in der Bucht von Milet, die Zerstörung dieser Stadt,
+die furchtbarste Züchtigung der Empörer, die völlige Verknechtung.
+
+Das schönste Drittel des Griechentums war zerbrochen, durch Deportation,
+durch endloses Flüchten entvölkert. Die phönikischen Flotten des Großkönigs
+beherrschten das Ägäische Meer. Schon begannen die Karthager von der
+Westspitze Siziliens, die sie behauptet hatten, vorzudringen; die Hellenen
+Italiens ließen es geschehen, mit eigenem Hader vollauf beschäftigt; es war
+der Kampf zwischen Sybaris und Kroton entbrannt, der mit dem Untergang von
+Sybaris endete, während die Etrusker nach Süden vordringend schon auch
+Kampanien erobert hatten; die Kraft des italischen Griechentums begann zu
+erlahmen.
+
+Man sah in der hellenischen Welt wohl, wo der Fehler lag. In der Zeit des
+Kampfes gegen den Lyderkönig hatte Thales gemahnt, alle Städte Ioniens zu
+_einem_ Staat zu einigen, in der Art, daß jede Stadt fortan nur eine
+Gemeinde in diesem Staat sein sollte. Und als die persische Eroberung
+begann, empfahl Bias von Priene allen Ioniern, gemeinsam auszuwandern und
+im fernen Westen sich ansiedelnd auszuführen, was Thales geraten hatte.
+
+Aber die ganze bisherige Entwicklung der hellenischen Welt, ihre eigenste
+Stärke und Blüte war bedingt gewesen durch die völlig freie Bewegung und
+Beweglichkeit, nach allen Seiten hin sich auszudehnen, immer neue Sprossen
+zu treiben, durch diesen unendlich lebensvollen Partikularismus der kleinen
+und kleinsten Gemeinwesen, der, ebenso spröde und selbstgefällig, wie immer
+nur auf das Nächste und Eigenste gewandt, sich nun als die größte Gefahr,
+als das rechte »panhellenische Unheil« erwies.
+
+Nicht auf den Wegen Spartas lag es, die rettende Macht Griechenlands zu
+werden. Und zu wie wirksamen Gestaltungen sich aus der beginnenden freieren
+Bewegung des Demos die Tyrannis da und dort erhoben hatte, auf Gewalt gegen
+den Herrenstand und Gunst der Massen gegründet, war sie immer wieder
+zusammengesunken.
+
+Nur an einer Stelle, in Athen, folgte ihrem Sturz statt der Wiederkehr des
+Herrentums, wie sie Sparta erwartet und betrieben hatte, eine kühne,
+freiheitliche Reform, eine Verfassung »mit gleichem Recht für alle«, mit
+nur kommunaler Selbständigkeit der Ortsgemeinden innerhalb des attischen
+Staates, damit eine innere Kraftentwicklung, die kaum begonnen, dem
+vereinten Angriff der Herrenstaaten rings umher, den Sparta leitete, die
+Stirn zu bieten vermochte. Selbst den Tyrannen nach Athen zurückzuführen
+war nun Sparta bereit; da die anderen Peloponnesier es versagten, setzten
+wenigstens die Ägineten, die in Athen einen Rivalen zur See fürchteten, den
+Kampf fort. Ihrer stärkeren Flotte sich zu erwehren, mußte Athen die den
+Ioniern zu Hilfe gesandten Schiffe heimrufen; und um dieser Hilfe willen
+hatte es, als Milet gefallen war, die Rache des Großkönigs zu erwarten.
+
+Schon zog dessen Landheer und Flotte vom Hellespont her die Küste entlang,
+die Griechenstädte dort, die Thraker des Binnenlandes, den makedonischen
+König unterwerfend. Die Edlen Thessaliens suchten die persische
+Freundschaft, die herrschenden Dynastenfamilien in Boiotien, voll
+Erbitterung gegen Athen, nicht minder. Des Königs Herolde durchzogen die
+Inseln und Städte, Erde und Wasser zu fordern; die nach Athen gesandten
+wurden vom Felsen gestürzt. Daß Sparta desgleichen tat, gab beiden, die
+soeben noch widereinander gestanden, einen gemeinsamen Feind. Aber als die
+Perser nach Euböa kamen, Eretria zerstörten, auf der attischen Küste bei
+Marathon landeten, zögerte Sparta, dem Hilferuf Athens zu folgen. Von allen
+Hellenen nur die Plataier fochten an der Seite der Athener; der Tag von
+Marathon rettete Athen und Hellas.
+
+Es war nur eine erste Abwehr. Athen mußte auf neue, schwerere Gefahr gefaßt
+sein. Ihr zu begegnen wies Themistokles die Wege, an Kühnheit der Gedanken
+und Tatkraft sie auszuführen der größte Staatsmann, den Athen gehabt hat.
+
+Vor allem, nicht zum zweiten Male durften die Barbaren von der See her
+Attika plötzlich überfallen können; auch für Sparta und die Peloponnesier
+hing Wohl und Wehe daran, der feindlichen Übermacht den näheren Weg zur See
+zu verlegen. Die Seestaaten von Hellas, Ägina, Korinth, Athen besaßen nicht
+soviel Kriegsschiffe, wie die asiatischen Hellenen allein zur Perserflotte
+stellten. Nach Themistokles' Antrag -- das Silber der laurischen Bergwerke
+bot die Mittel dazu -- wurde die Flotte Athens verdreifacht, im Piräus ein
+fester Kriegshafen geschaffen, bald die langen Mauern gebaut, die Stadt und
+den Hafen zusammenzuschließen. Daß für die Flotte die Masse ärmerer Bürger,
+die nicht zum Hoplitendienst pflichtigen, als Ruderer mit zu der Pflicht
+und Ehre des Dienstes herangezogen wurden, steigerte den demokratischen Zug
+in der Verfassung und gab demselben zugleich die Disziplin des strengeren
+Dienstes auf der Flotte.
+
+Ein Zweites ergab sich mit dem Heranziehen der ungeheuren Heeresmacht des
+Großkönigs. Daß zugleich die Karthager in Sizilien losbrachen, mußte die
+Griechenwelt erkennen lassen, in welchem Umfange sie bedroht sei. Aber
+allerorten war in ihr Hader und Haß und Nachbarfehde, die Zersplitterung
+und Zerrüttung des eigensinnigsten Kleinlebens. Nur daß die Tyrannen von
+Syrakus und Akragas sich verbündeten und die ganze Streitkraft des
+hellenischen Siziliens vereinigten, gab dort Hoffnung dem punischen Angriff
+zu widerstehen. Wie gleiche Einigung in Hellas schaffen? Auf Themistokles'
+Rat unterordnete sich Athen der Hegemonie Spartas; Sparta und Athen luden
+alle hellenischen Städte zu einem Waffenbunde ein, dessen Bundesrat in
+Korinth tagen sollte. Solcher Bund hätte nur die Hinzugetretenen binden
+können; es galt den kühnsten Schritt zu tun, aus der nationalen
+Gemeinschaft, die bisher nur in der Sprache, dem Götterkult, dem geistigen
+Leben bestanden hatte, ein politisches Prinzip zu machen, so eine
+Eidgenossenschaft aller Hellenen wenigstens für den Kampf gegen die
+Barbaren zu schaffen. Das Synedrion in Korinth verfuhr und verfügte in
+diesem Sinne; es beschloß, daß alle Fehde zwischen griechischen Städten
+ruhen solle, bis die Barbaren besiegt seien; es erklärte für Hochverrat,
+den Persern mit Wort oder Tat Dienste zu leisten; und welche Stadt sich den
+Persern ergebe, ohne bezwungen zu sein, sollte dem delphischen Gott geweiht
+und gezehntet werden, wenn der Sieg errungen sei.
+
+Der Tag von Salamis rettete Hellas, der Sieg an der Himera Sizilien. Aber
+dem hellenischen Bunde waren daheim nur die meisten Städte des Peloponnes,
+von denen in Mittel- und Nordgriechenland außer Athen nur Thespiä, Platää,
+Potidäa beigetreten. Mit den Schlachten bei Platää und Mykale wurde das
+Land bis über den Olymp hinaus, wurden die Inseln und die ionische Küste,
+in den nächsten Jahren auch der Hellespont und Byzanz befreit. In derselben
+Zeit schlug der Tyrann von Syrakus mit den Kymäern vereint die Etrusker in
+der Bucht von Neapel; die Tarentiner, die von den Japygern eine schwere
+Niederlage erlitten hatten, in neuen Kämpfen siegreich, wurden Herren des
+Adriatischen Meeres.
+
+Aber weder die italischen und sizilischen Hellenen schlossen sich dem Bunde
+an, der auf dem Isthmus gegründet war, noch erzwang dieser selbst, unter
+der schlaffen und mißtrauischen Hegemonie Spartas, in Boiotien, im
+Spercheioslande, in Thessalien den Beitritt. Den Athenern, die bei Salamis
+mehr Schiffe als die übrigen zusammengestellt, die die Befreiung der Inseln
+und Ioniens von Sparta ertrotzt hatten, boten die Befreiten die Hegemonie
+der gemeinsamen Seemacht an, und Sparta ließ geschehen, was es nicht
+hindern konnte; es entstand ein Bund im Bunde.
+
+Schon war Themistokles, in dem die Spartaner ihren gefährlichsten Feind
+sahen, seinen Gegnern in Athen erlegen, derjenigen Partei, die in dem Bunde
+mit Sparta zugleich einen Halt gegen die schwellende demokratische Bewegung
+daheim sah und erhalten wollte. Vielleicht hätte er dem Seebunde, den Athen
+schloß, eine andere, festere Gestalt gegeben; die Staatsmänner, die ihn
+ordneten, begnügten sich mit loseren Formen, mit dem gleichen Recht der
+Staaten, die er umschloß, mit der Schonung ihres Partikularismus. Nur zu
+bald zeigten sich die Schäden der so geformten Union; die Notwendigkeit,
+zur Bundespflicht zu zwingen, Versäumnis, Widersetzlichkeit, Abfall zu
+strafen, ließ die nur führende Stadt zur herrschenden und herrischen, die
+freien Bündner zu Untertanen werden, die selbst der Jurisdiktion des
+attischen Demos unterworfen waren.
+
+Herrin des Seebundes zum Schutz des Meeres und zum Kampf gegen die
+Barbaren, hatte Athen die Inseln des Ägäischen Meeres, die hellenischen
+Städte auf dessen Nordseite bis Byzanz, die Küste Asiens vom Eingang in den
+Pontus bis Phaselis am Pamphylischen Meer inne, eine Macht, unter deren
+belebenden Impulsen der hellenische Handel und Wohlstand, nun weithin
+geschützt, sich von neuem erhob, Athen selbst in allen Richtungen des
+geistigen Lebens kühn und schöpferisch voranschreitend der Mittelpunkt
+einer im vollsten Sinn panhellenischen Bildung wurde.
+
+Mochte Sparta noch den Namen der Hegemonie haben, es sah seine Bedeutung
+tief und tiefer sinken; es begann unter der Hand die Mißstimmung bei den
+Bündnern Athens zu nähren, während schon Argos, Megara, die Achäer, selbst
+Mantinea, sich mit Athen verbanden. Daß dann die helotisch verknechteten
+Messenier sich empörten, und die Spartaner, außerstande sie zu bewältigen,
+die Bundeshilfe Athens forderten, daß Athen sie ihnen gewährte, und sie,
+ehe der Kampf beendet war, Tücke und Verrat fürchtend, wieder heimsandten,
+führte zu der verhängnisvollen Entscheidung. Das attische Volk wandte sich
+von denen ab, die den Hilfezug geraten, gab, ihren Einfluß für immer zu
+beseitigen, den demokratischen Institutionen des Staates eine
+durchgreifende Steigerung, kündigte den hellenischen Bund und damit die
+spartanische Hegemonie auf, beschloß zu allen hellenischen Städten, die
+nicht schon im Seebund waren, zu senden, sie zum Abschluß einer neuen und
+allgemeinen Einigung aufzufordern.
+
+Der Bruch war unheilbar. Es begann ein Kampf heftigster Art, nicht bloß in
+den hellenischen Landen: Ägypten war unter einem Nachkommen der alten
+Pharaonen von dem Großkönige abgefallen, rief die Hilfe Athens an; ein
+selbständiges Ägypten hätte dauernd die Flanke der persischen Macht
+bedroht, die syrischen Küsten, Cypern, Kilikien hätten sich in gleicher
+Weise losgerissen; Athen sandte eine Flotte nach dem Nil.
+
+Das kühnste Wagnis attischer Politik mißlang. Ägypten erlag den Persern,
+nach schweren Verlusten dort, nach blutigen, nicht immer siegreichen
+Kämpfen an den heimischen Grenzen schloß Athen, um die Scharte gegen die
+Barbaren auszuwetzen, mit den Spartanern Frieden, opfernd, was es ihrem
+Bunde auf dem Festlande entzogen hatte.
+
+Daß Athen innehielt, versöhnte Sparta so wenig wie die Herrenstaaten und
+den Partikularismus. Daß Athen um so fester die Zügel seiner
+Bundesherrschaft anzog, steigerte die Erbitterung der Beherrschten, die
+schon an den Spartanern, an dem Perserkönig sicheren Rückhalt zu finden
+hoffen durften. Daß Perikles trotzdem und trotz der breiten Macht und dem
+gefüllten Schatz Athens nur mit der Überlegenheit weiser Mäßigung und des
+streng innegehaltenen Vertragsrechtes den Frieden und mit ihm die attische
+Seeherrschaft, diese durchaus nur in dem Umfange, den sie einmal hatte, zu
+erhalten gedachte, ließ Athen nach außen hin die Initiative verlieren und
+im Innern die Opposition derer erstarken, die nur in weiterer Steigerung
+der Demokratie, in ihrer völligen Durchführung auch bei den Bündnern, in
+Ausdehnung der Herrschaft über die pontischen, die sizilisch-italischen
+Griechenstädte die Möglichkeit sahen, der dreifachen Gefahr, welche die
+attische Macht bedrohte, zu begegnen: der Rivalität Spartas und der
+Herrenstaaten, dem lauernden Haß der Perser, dem Abfall der Bündner.
+
+Das sind die Elemente des furchtbaren Krieges, der die hellenische Welt
+dreißig Jahre lang durchtoben und bis in die Fundamente zerrütten, in dem
+die in Athen und unter dem Schutze Athens gereifte Fülle von Wohlstand,
+Bildung und edler Kunst, die damit sich verbreitende Fassung des ethischen
+Wesens sich tief und tiefer zersetzen sollte.
+
+Es gab in diesem Kriege einen Moment -- Alkibiades und die sizilische
+Expedition bezeichnen ihn --, wo der Sieg der attischen Macht, die
+Erweiterung derselben auch über die westlichen Meere gewiß schien; die
+Karthager waren in höchster Sorge, »daß die Attiker gegen ihre Stadt
+heranziehen würden«. Aber der geniale Leichtsinn dessen, der auf seinem
+Goldschilde den blitzschleudernden Eros führte, gab der Intrige seiner
+oligarchischen und demokratischen Gegner daheim die Gelegenheit, ihn, der
+allein das begonnene Unternehmen hätte hinausführen können, zu stürzen. Er
+ging zu den Spartanern, er wies ihnen die Wege, wie Athen zu bewältigen
+sei, er gewann ihnen die Satrapen Kleinasiens und das Gold des Großkönigs,
+freilich gegen die Anerkennung Spartas, daß dem Großkönige wieder gehören
+solle, was ihm ehedem gehört habe.
+
+In ungeheuren Wechseln raste der Krieg weiter; mit persischem Gold bezahlt,
+erschien auch die Flotte Siziliens, sich mit der Spartas, Korinths, der
+abgefallenen Bündner Athens zu vereinigen. Unvergleichlich, wie das
+attische Volk da gekämpft, mit immer neuer Spannkraft sein
+zusammenbrechendes Staatswesen zu retten versucht, wie es bis auf den
+letzten Mann und einen letzten goldenen Kranz im Schatz den Kampf
+fortgesetzt hat. Nach dem letzten Siege, den es errang, dem bei den
+Arginusen, ist Athen den Parteien im Innern, dem Verrat seiner Feldherren,
+dem Hunger erlegen; der Spartaner Lysandros brach die langen Mauern,
+übergab Athen der Herrschaft der Dreißig.
+
+Nicht bloß die Macht Athens war zertrümmert. In diesem langen und
+furchtbaren Kriege hatte sich das Wesen des attischen Demos verwandelt. Von
+den einst glücklichen Elementen seiner Mischung waren die stetigen dahin;
+es war mit der Entfesselung aller demokratischen Leidenschaft die
+zersetzende Aufklärung übermächtig geworden, die ihm die Oligarchen erzogen
+hatte, welche in jener Verfassung der Dreißig unumschränkt das erschöpfte
+Volk zu knechten unternahmen, unter ihnen die entarteten Reste der alten
+großen Familien, die der Krieg gelichtet hatte. Noch gründlicher war in dem
+alten hoplitischen Bauernstande aufgeräumt, den die feindlichen
+Einlagerungen auf dem attischen Gebiet erst Jahr für Jahr, dann für Jahre
+lang in die Stadt getrieben hatten, wo er, ohne seine Arbeit, verarmend,
+mit in den Strudel des städtischen Lebens gezogen, Pöbel wurde. Wenn dann
+nach Jahr und Tag die Landflüchtigen ihre Rückkehr erzwangen, die Dreißig
+von dannen jagten, die Demokratie herstellten -- es war nur der Name
+Athens, der Name der solonischen Verfassung, der hergestellt wurde; alles
+war verarmt, armselig, ohne Kraft und Schwung; und daß man mit doppelt
+eifersüchtiger Fürsorge die Machtbefugnisse der Ämter minderte, dem Einfluß
+hervorragender Persönlichkeiten möglichst vorbeugte, neue Formen fand, die
+irgend mögliche Beschränkung der demokratischen Freiheit unmöglich zu
+machen, fixierte diese bedenklichste Form des Staatswesens in der
+bedenklichsten Phase ihrer Schwankungen, in der der Ernüchterung nach dem
+Rausch.
+
+Mit dem Ruf der Befreiung hatte Sparta dreißig Jahre vorher allen Haß, alle
+Furcht und Mißgunst gegen Athen, allen Partikularismus um sich vereint. Nun
+hatte es den vollsten Sieg; Sparta war das Entzücken des nun überall
+wiederkehrenden Herrentums und Lysandros ihr Held, ja ihr Gott; ihm wurden
+Altäre errichtet und Festdienste gestiftet. Das alte Recht Spartas auf die
+Hegemonie schien nun endlich das Griechentum zu vereinigen.
+
+Aber es war nicht mehr die alte Spartanerstadt; daß die Bürger ohne
+Eigentum, in strenger Ordnung und Unterordnung, ganz Soldat seien, waren
+die ersten Forderungen der vielbewunderten lykurgischen Verfassung gewesen;
+jetzt mit dem Siege schwand der Nimbus, in dem man Sparta zu sehen sich
+gewöhnt hatte; jetzt zeigte sich, wie Habgier, Genußgier, jede Art von
+Entartung, wie Geistesarmut neben Herrschsucht, Brutalität neben Heimtücke
+und Heuchelei da heimisch sei. Stetig sank die Zahl der Spartiaten, in dem
+nächstfolgenden Zeitalter gab es deren nur noch tausend statt der neun-
+oder zehntausend in den Zeiten der Perserkriege. Die daheim zu starrem
+Gehorsam und äußerer Zucht Gewöhnten herrschten nun als Harmosten um so
+willkürlicher und gewaltsamer in den Städten von Hellas, überall bemüht,
+die gleiche oligarchische Ordnung durchzuführen, zu der sich in Sparta
+selbst die alte vielbewunderte Aristokratie verwandelt hatte; überall deren
+Einführung, Austreibung der besiegten Partei, Konfiskation ihrer Güter; die
+hellenische Welt von der wogenden Masse politischer Flüchtlinge und ihren
+Entwürfen und Versuchen gewaltsamer Heimkehr in stetem Gären und Brodeln.
+
+Freilich schickte Sparta sofort ein Heer nach Asien, aber für den Empörer
+Kyros, gegen den Großkönig, seinen Bruder, ein Söldnerheer. Und als Kyros
+in der Nähe von Babylon gefallen, die 10 000 in der Schlacht unbesiegt,
+unbesiegt auch auf der weiten, kampfreichen Irrfahrt durch die fremde Welt
+wieder bis ans Meer gelangt und heimgekehrt waren, als des Großkönigs
+Satrapen die hellenischen Städte Asiens wieder in Besitz nahmen, deren
+Tribute forderten, da ließ Sparta den jungen König Agesilaos nach Asien
+ziehen, der, als sei es ein Nationalkrieg der Hellenen und er ein zweiter
+Agamemnon, mit einem feierlichen Opfer in Aulis begann, nur daß die
+boiotische Behörde das Opfer störte und die Opfernden aus dem Heiligtum
+trieb; weder Theben, noch Korinth, noch Athen, noch die anderen Bündner
+leisteten die geforderte Bundeshilfe, und die erste Tat des Agesilaos in
+Asien war, daß er mit des Großkönigs Satrapen Waffenstillstand schloß.
+
+Schon war in den hellenischen Landen die Erbitterung gegen Sparta ärger,
+als sie je gegen Athen gewesen war. Die Thebaner hatten die Flüchtlinge
+Athens unterstützt, ihre Vaterstadt zu befreien; die Korinther hatten
+dulden müssen, daß in ihrer Tochterstadt Syrakus, die in schwersten
+Parteikämpfen krankte, und der zur Ruhe zu helfen sie einen ihrer besten
+Bürger gesandt hatten, die Partei, welche die Spartaner unterstützten, mit
+dem Morde des korinthischen Mittelmannes die Tyrannis des Dionysios
+gründete; empörender als alles war, wie die Spartaner, um Elis zum Gehorsam
+zu zwingen, das Land des Gottesfriedens mit Krieg überzogen, verheerten und
+in seine Gaue auflösten.
+
+Wenn man in der Hofburg zu Susa, eingedenk jenes Griechenzuges fast bis
+Babylon, mit Sorge dem Anmarsch des Agesilaos entgegengesehen, wenn man die
+noch schwerere Gefahr einer neuen Empörung Ägyptens, mit der sofort Sparta
+in Verbindung trat, erkennen mochte, so bot ein attischer Flüchtling,
+Konon, einer der zehn Strategen der Arginusen, den Plan zur sichersten
+Abwehr. Der Satrap Pharnabazos erhielt das nötige Geld, die bedeutenderen
+Staaten in Hellas zum offenen Kampf gegen Sparta zu treiben, zugleich eine
+Flotte zu schaffen, die unter Konons Führung die Seemacht Spartas vom Meere
+jagen sollte. Wieder mit dem Ruf der Befreiung, als Bund der Hellenen
+erhoben sich Korinth, Theben, Athen, Argos gegen Sparta; ihrem ersten Siege
+folgte die schleunige Heimkehr des Agesilaos, mit dem Kampf bei Koronäa
+erzwang er sich den Rückzug durch Boiotien. Aber schon hatte Konon die
+Spartaner besiegt, die Hälfte ihrer Schiffe vernichtet. Dann segelte
+Pharnabazos mit der Flotte nach Griechenland hinüber, überall verkündend,
+daß er nicht die Knechtschaft, sondern Freiheit und Unabhängigkeit bringe,
+landete selbst auf Cythere, hart an der Küste Lakoniens, erschien dann auf
+dem Isthmos in dem Bundesrat der Hellenen, zur eifrigen Fortsetzung des
+Kampfes mahnend, überließ, um selbst heimzukehren, dem Konon die Hälfte der
+Flotte, der nun nach Athen eilte, für persisches Geld die langen Mauern
+herstellen, wieder eine attische Flotte gründen, ein Heer Söldner werben
+ließ; die leichte Waffe der Peltasten, die Iphikrates erfand und
+ausbildete, überholte die taktische Kunst Spartas.
+
+Es wurde für Sparta hohe Zeit, Wandel zu schaffen. Das Mittel lag nahe zur
+Hand; wenn das persische Gold versiegte, hatte die Begeisterung und die
+Macht der Feinde Spartas ein Ende. Antalkidas, der nach Susa gesandt wurde,
+trug es über Konon davon; der Großkönig sandte den »Befehl« an die
+Hellenen: »Er halte für gerecht, daß die Städte Asiens ihm gehörten und von
+den Inseln Cypern und Klazomenä, den Athenern aber Lemnos, Imbros und
+Skyros, daß alle anderen hellenischen Städte groß und klein autonom seien;
+die, welche diesen Frieden nicht annähmen, werde er mit denen, die ihn
+wollten, zu Land und zu Wasser mit Schiffen und Geld bekämpfen.« Mit einer
+mächtigen Flotte, zu der teils die griechischen Städte Kleinasiens, teils
+der Tyrann von Syrakus die Schiffe stellte, fuhr Antalkidas durch die
+Cykladen heim; die Schiffe der Gegner zogen sich eiligst zurück.
+
+Dieser Friede war die Rettung Persiens; mit dem zugesprochenen Besitz von
+Cypern -- es kostete noch Jahre, die Insel zu bewältigen -- konnte der
+Großkönig hoffen, auch Ägypten niederzuwerfen; mit der Zuwendung der drei
+Inseln war Athen befriedigt, mit der verkündeten Autonomie in Hellas bis in
+die kleinsten Gebiete der Hader getragen, jedes Bündnis, jede
+landschaftliche Zusammenschließung, jede neue Machtbildung im
+panhellenischen Sinn unmöglich gemacht, und Sparta der Hüter und Büttel
+dieser persischen Politik über Griechenland.
+
+Sparta war tätig genug, mit der Auflösung der landschaftlichen und
+Ortsverbände nach dem Prinzip der Autonomie das von Lysandros begonnene
+System der Oligarchisierung, das der Korinthische Krieg unterbrochen hatte,
+zu vollenden. Daß Olynth die Städte auf der Chalkidike zu einem Bunde
+vereinigte, auch nicht wollende mit Drohung zum Beitritt zwang, und die so
+Bedrohten in Sparta um Hilfe baten, gab Anlaß zu einem Heereszuge dorthin,
+dem sich nach langem Widerstand die Stadt beugen, ihren Bund auflösen
+mußte. Auf dem Hinzuge hatten die Spartaner Theben überfallen, Oligarchie
+eingerichtet, alles, was nicht gut spartanisch war, ausgetrieben, in die
+Kadmeia eine Besatzung gelegt. Es war die Mittagshöhe der spartanischen
+Macht, auch darin die Höhe, daß nach der rechten Natur eines Machtsystems
+jede Regung, die sich gegen ihren Druck erhob, nur neuen Anlaß gab, ihn zu
+steigern und der gesteigerte Druck zu neuem Widerstand trieb, der die
+gesteigerte Gewalt ihn niederzuwerfen rechtfertigte.
+
+Nur daß eine kleine Lücke in dieser Berechnung war. Wohl hatte Lysandros
+die Macht Athens gebrochen, nicht aber die Bildung, die in Athen erblüht,
+nicht den demokratischen Zug der Zeit, der mit ihr erwachsen war. Je
+gewaltsamer das Herrentum Spartas wurde, desto mehr wandten sich die
+Oppositionen derselben Demokratie zu, die die stärkste Waffe Athens gegen
+Sparta gewesen war. Und die befohlene Autonomie wirkte in eben dieser
+Richtung; überall lösten sich die alten Bande, die sonst einer größeren
+Stadt die kleineren um sie her pflichtig gehalten hatten, bis in die
+letzten Winkel und Täler drang die zersetzende Autonomie und die trotzige
+Anmaßung der Freiheit; die hellenische Welt zerbröckelte sich immer weiter,
+in immer kleinere Atome und entwickelte in der immer steigenden Gärung
+dieses entfesselten und höchst erregten Kleinlebens eine Fülle von Kräften
+und Formen, von Reibungen und explosiven Elementen, welche die doch nur
+mechanische und äußerliche Gewalt Spartas bald nicht mehr zu beherrschen
+vermögen sollte.
+
+Dazu ein anderes. Solange in dem attischen Seebunde das Ägäische Meer die
+Mitte der hellenischen Welt gewesen war, solange die hellenischen Städte,
+die es umsäumten, die immer bereite Macht des Bundes hinter sich fühlten,
+hatten die Barbaren wie im Osten so im Norden sich möglichst ferngehalten;
+wenn damals die thrakischen Stämme am Hebros vorzudringen wagten, so hatte
+ihnen Athen mit der Anlage von Amphipolis am Strymon -- 10 000 Ansiedler
+wurden dorthin gesandt -- den Weg nach den hellenischen Städten der Küste
+verlegt; das Erscheinen einer attischen Flotte im Pontos hatte genügt, auch
+dort die Seewege und die Küsten zu sichern; in den Tagen der attischen
+Macht erstarkte die Hellenisierung der Insel Cypern; selbst in Ägypten
+hatte eine hellenische Flotte gegen die Perser gekämpft, selbst Karthago
+die Seemacht Athens gefürchtet.
+
+Mit dem Frieden des Antalkidas waren nicht bloß die Städte der asiatischen
+Küste preisgegeben; das Meer der Mitte war verloren, die Inseln derselben,
+obschon dem Namen nach autonom, die Buchten und Küsten von Hellas selbst
+lagen wie entblößt da. Und zugleich begannen die Völker im Norden rege zu
+werden; die Küstenstädte von Byzanz bis zum Strymon, nur von ihren Mauern
+und ihren Söldnern geschützt, hätten dem Andringen der thrakischen Völker
+nicht lange zu widerstehen vermocht; die noch lose geeinten makedonischen
+Landschaften, deren Hader wie erst die Athener, so nun Sparta und die
+Städte der Chalkidike nährten, waren selbst in steter Gefahr, von den
+Odrysen im Osten, den Triballern im Norden, den Illyriern im Westen
+überschwemmt zu werden; schon drängte hinter diesen die keltische
+Völkerwanderung zwischen der Adria und der Donau vorwärts. Die Triballer
+begannen ihre Raubzüge, die sie bald bis Abdera führen sollten; es brachen
+die Illyrier bis nach Epiros ein, siegten in einer großen Schlacht, in der
+15 000 Epiroten erschlagen wurden, durchheerten das Land bis in die
+Gebirge, die es von Thessalien scheiden, wandten sich dann rückwärts, durch
+die offeneren Gebirgspässe nach Makedonien einzubrechen. Gegen solche
+Gefahren sich zu schützen, hatte Olynth die Städte der Chalkidike zu einem
+Bunde vereint; daß die Spartaner ihn zerstörten, machte den Norden der
+Griechenwelt wehrlos gegen die Barbaren.
+
+In derselben Zeit war größere Gefahr über das westliche Griechentum
+gekommen. Seit die Seemacht Athens gebrochen war, hatten die Karthager in
+Sizilien von neuem vorzudringen begonnen, Himera im Norden, Selinunt,
+Akragas, Gela, Kamarina bewältigt; Dionys von Syrakus ließ, um den Frieden
+zu gewinnen, diese Städte in dem Tribut der Punier. Es brachen die Kelten
+über die Alpen nach Italien ein, unterwarfen das etruskische Land am Po,
+überstiegen den Apennin, brannten Rom nieder; es brachen die Samniter gegen
+die Griechenstädte Kampaniens vor, unterwarfen eine nach der anderen,
+während Dionys die im brettischen Lande an sich riß; nur Tarent hielt sich
+aufrecht. Wenigstens die Tyrannis von Syrakus war rüstig und tätig; in
+immer wieder erneutem Kampf entriß Dionys den Karthagern die Küste der
+Insel bis Akragas, schlug die etruskischen Seeräuber und plünderte ihren
+Schatz in Agylla, gewann in großangelegten Kolonisationen bis zur
+Pomündung hinauf und auf den Inseln der illyrischen Küste die Herrschaft in
+der Adria; -- ein Fürst, der, mit geordnetem Regiment, fürsorgender
+Verwaltung, gleich energischer Willkür gegen die wüste demokratische wie
+partikularistische »Freiheit«, mit seinem Heere von griechischen,
+keltischen, iberischen, sabellischen Söldnern und einer mächtigen Flotte,
+mit seiner verwegenen, treulosen und zynischen Politik gegen Freund und
+Feind der letzte Schutz und Halt, so schien es, für das Griechentum im
+Westen war -- ein principe in der Art, wie ihn der große Florentiner sich
+gewünscht hat, das Italien seiner Zeit zu retten, im übrigen auf der Höhe
+damaliger Bildung, wie er denn Philosophen, Künstler und Dichter an seinen
+Hof zog und selbst Tragödien dichtete. Die Tyrannis des Dionys und die
+nicht minder machiavellistische Spartanermacht unter Agesilaos sind die
+Typen hellenischer Politik in diesen trüben Zeiten.
+
+Es sollten noch trübere folgen. Aus der Bildung, deren Mittelpunkt Athen
+war, aus den Schulen der Rhetoren und Philosophen gingen politische
+Theorien hervor, die, möglichst unbekümmert um die tatsächlichen Zustände
+und die gegebenen Bedingungen, die Formen und Funktionen des idealen
+Staates entwickelten, des Staates vollendeter Freiheit und Tugend, der
+allein allem Schaden abhelfen könne und alles Heil bringen werde. Vorerst
+nur ein verwirrendes Element mehr in der wirren Gärung von Herrschaft und
+Knechtung, von Willkür und Ohnmacht, von aller argen Sucht und Kunst des
+Reichwerdens und dem um so trotzigeren Neide der ärmeren Massen, zumal da,
+wo die Demokratie ihnen das gleiche Recht und dem mehreren Teil die
+Entscheidung gab. Wenn man verfolgt, wie die Schulen des Platon, des
+Isokrates usw., wie die Philosophie, die Rhetorik, die Aufklärung in den
+freien Städten, an den Höfen der Dynasten und Tyrannen bis Sizilien, Cypern
+und dem pontischen Heraklea, selbst bis an die Satrapenhöfe sich
+verbreitete und Einfluß gewann, so sieht man wohl, wie sich über allen
+Partikularismus und alle Lokalverfassung eine neue Art der Gemeinschaft,
+man möchte sagen die der Souveränität der Bildung erhob, von der das
+brutale Herrentum Spartas am weitesten entfernt war.
+
+Nicht von der Theorie ging der entscheidende Umschlag aus, aber dem
+gelungenen gab sie den Nimbus einer großen Tat, sie half seine Wirkungen
+steigern; mit der steigenden Flut fahrend, ging sie daran, sich zu
+verwirklichen.
+
+Drei Jahre lang trug Theben die spartanischen Harmosten, die spartanische
+Besatzung auf der Kadmeia, die freche Willkür der unter ihrem Schutz
+herrschenden Oligarchie, immer neue Hinrichtungen und Austreibungen.
+Endlich wagten die Geflüchteten die Befreiung der Vaterstadt; unter
+Pelopidas' Führung, im glücklich durchgeführten Verrat überfielen,
+ermordeten sie die Oligarchen, riefen das Volk auf, mit ihnen die
+Demokratie zu verteidigen und die alte Macht der Stadt über Boiotien
+herzustellen. Daß Epaminondas, der edle, philosophische, freisinnige, in
+dessen Geist das schöne Bild einer großen Zukunft lebte, hinzutrat, gab der
+Bewegung ihren idealen Schwung. Die Besatzung der Kadmeia wurde zum Abzug
+gezwungen, die Städte Boiotiens, deren Autonomie »des Großkönigs Frieden«
+geboten hatte, wieder in den boiotischen Bund gezogen, Orchomenos, Tanagra,
+Platää, Thespiä, die sich weigerten, mit gewaffneter Hand gezwungen, ihre
+Mauern gebrochen, ihr Gemeinwesen aufgelöst, die Bürger ausgetrieben.
+
+Vergebens suchten die Spartaner zu hemmen. Daß eben jetzt Athen sich
+aufrichtete, mit raschem Entschluß daranging, eine neue Flotte, eine neue
+Symmachie, aber mit der Devise der Autonomie zu schaffen, zeigte den
+Spartanern die schwellende Gefahr. Schon griff Theben über die böotischen
+Grenzen hinaus, versuchte die Phokier in den neuen Bund zu zwingen,
+verbündete sich mit Jason von Pherai, der die Macht über Thessalien den
+Dynasten zu entwinden verstanden hatte, die dauernde kriegerische
+Herrschaft an seine Hand zu ketten gedachte. Bei Naxos schlugen die
+attischen Strategen die Flotte Spartas, mit der Schlacht von Leuktra gewann
+Theben den Weg nach dem Peloponnes, in dem, wie die Furcht vor Sparta dahin
+war, ein neues lärmendes Leben begann; unter dem Schutz der siegreichen
+Waffen Thebens wurde überall das Joch der Oligarchie gebrochen, die
+zerstreuten Dorfschaften zu städtischen Gemeinwesen vereint, selbst die
+verknechteten Messenier befreit und ihr Staat hergestellt.
+
+Jenen Sieg dankte Athen einer raschen und geschickten Finanzmaßregel, die
+dann freilich eine Wirkung nach innen hatte, welche von der Demokratie
+nicht viel mehr als die Form und den Schein übrigließ. Die reicheren Bürger
+leisteten auf Grund einer neuen Schatzung die zum Bau einer Flotte und zur
+Werbung von Söldnern nötigen Mittel, in Gruppen verteilt, in denen je die
+Reichsten die Vorschüsse gaben und die Leitung übernahmen. Der Demos ließ
+sich diese Plutokratie, die ihn nichts kostete, gefallen, um so mehr
+gefallen, da sie ihm mit jenem Siege von Naxos einen neuen Seebund schuf,
+welcher Macht, Geldzahlungen, Kleruchien in Aussicht stellte. Die Inseln
+und Küstenstädte traten diesem gern bei, da er Schutz versprach und
+ausdrücklichst die Autonomie, wie sie der Großkönig befohlen hatte, zur
+Grundlage nahm. So versuchte Athen zwischen dem sinkenden Sparta und dem
+emporsteigenden Theben balancierend ein Nachbild seiner einstigen
+Herrlichkeit zu schaffen, bald auch die Nichtwollenden zwingend. Vor allem
+Amphipolis galt es heranzuziehen, das ja Athen einst gegründet, mit dem es
+die thrakischen Küsten beherrscht hatte; auf alle Weise, mit Hilfe der
+Makedonen, der thrakischen Fürsten versuchte es zum Ziele zu gelangen. Von
+Olynth unterstützt, widerstand Amphipolis den wiederholten Angriffen
+Athens.
+
+Schon trat eine vierte Macht in diesen Wettkampf um die hellenische
+Führung. Der mächtige Jason von Pherai, von den Thessalern nach der alten
+Art ihres Landes mit dem Amt des Tagos, der Feldhauptmannschaft, betraut,
+der rastlos geworben und Schiffe gebaut, ein Kriegsheer geschaffen hatte,
+wie es Hellas noch nicht gesehen, er ließ bekannt werden, daß seine Rüstung
+den Barbaren im Osten gelte, daß er über Meer gegen den Perserkönig zu
+ziehen gedenke. Schon wie zur Weihung des beginnenden Werkes schickte er
+sich an, in feierlichem Pomp das pythische Fest in Delphoi zu begehen, da
+wurde er von Verschworenen ermordet, sieben Jünglingen, die dann die
+hellenische Welt als »Tyrannenmörder« feierte. Nach blutigem Familienhader
+kam der Rest seiner Macht in die Hand seines Schwagers Alexandros von
+Pherai; ihn haben nach einem Jahrzehnt seine nächsten Verwandten
+umgebracht.
+
+So wurde Theben des Rivalen in seinem Rücken frei, und Sparta lag tief
+getroffen danieder; der neuen Erhebung Athens den Vorrang abzulaufen, baute
+auch Theben sich eine Flotte, begann sich auf den Meeren fühlbar zu machen.
+Kaum befreit, meinte nun das vereinte Arkadien schon nicht mehr der
+Thebaner zu bedürfen, selbst die Herrschaft in dem Peloponnes fordern zu
+können. Sie zogen den Argivern zu Hilfe, deren Angriff auf Epidauros gegen
+Athen und Korinth zu decken, sie brachen in das Eurotastal ein und rissen
+ein Stück Lakoniens an sich; dann kam den Spartanern Hilfe von dem Tyrannen
+Dionys, 2000 keltische Söldner, und die Arkader wurden zurückgeworfen; nur
+um so ungestümer wandten sie sich gegen ihre westlichen Nachbarn; sie
+warfen sich auf Olympia, die nächste Feier des Gottesfestes zu leiten, und
+in dem Heiligtum des Gottes wurde die Schlacht geliefert, in der sie die
+Elier von dannen trieben; und die unermeßlichen Schätze des Tempels
+zerrannen unter ihren Händen.
+
+So hier, so überall, jeder gegen jeden; es schien in dem Griechentum nur
+noch Kraft und Leidenschaft genug, zu lähmen, was noch mächtig war, und
+niederzubrechen, was emporzusteigen drohte. Von Dankbarkeit, Treue, großen
+Gedanken, von nationalen Aufgaben blieb wenig oder gar nichts in der
+hellenischen Politik, und das Söldnertum und Flüchtlingswesen zerrüttete
+jede feste Ordnung und demoralisierte die Menschen.
+
+Selbst Theben fühlte sich nicht stark genug, das, was es Neues geschaffen,
+aufrechtzuerhalten; es fürchtete, daß Sparta und Athen am Perserhofe die
+Gründung von Megalopolis und Messenien als Verletzung des Friedens, »den
+der Großkönig befohlen«, denunzieren und persisches Gold zum ferneren Kampf
+gewinnen könnten. Pelopidas ward mit einigen Männern aus dem Peloponnes
+nach Susa gesandt, wo schon spartanische Gesandte waren, schleunigst auch
+attische erschienen. Vor dem Großkönige und seinem Hofe kramten nun diese
+hellenischen Männer den Schmutz ihrer Heimat aus; aber Pelopidas gewann den
+Vorsprung. Der Großkönig befahl, daß die Messenier autonom bleiben, die
+Athener ihre Schiffe auf das Land ziehen, Amphipolis autonom sein und unter
+dem Schutz des Großkönigs stehen solle; wer diesen Bestimmungen nicht Folge
+leiste, gegen den solle man zu Felde ziehen; welche Stadt nicht mitziehen
+wolle, gegen die solle man zuerst ausziehen.
+
+Es war der Antalkidasfriede von thebanischer Seite. Und Theben lud nun die
+Staaten von Hellas zu sich, des Königs Befehl zu vernehmen. Die Spartaner
+wiesen ihn zurück, die Arkader protestierten gegen die Ladung nach Theben,
+die Korinther weigerten sich des Eides auf den Frieden des Großkönigs, und
+in Athen wurden die heimkehrenden Gesandten als Verräter hingerichtet.
+
+Dann fand Pelopidas bei einem zweiten Versuch, Thessalien zu befreien, den
+Tod. Epaminondas zog aus, die Ordnung in dem Peloponnes herzustellen, er
+besiegte die Spartaner und die mit ihnen verbündeten Elier, Mantineer,
+Achäer bei Mantinea; er selbst fand in der Schlacht den Tod. Und der
+Spartanerkönig, der alte Agesilaos, ließ sich von den Ephoren den Auftrag
+geben, nach Ägypten zu ziehen, warb Söldner für ägyptisches Geld und führte
+dem Könige Tachos, der schon 10 000 Helden in Sold hatte, deren noch 1000
+zu, die versuchte Erneuerung des Pharaonentums gegen den Großkönig zu
+verteidigen.
+
+Mit dem Tage von Mantinea endete die Macht Thebens, die, getragen und
+veredelt durch die Persönlichkeit einzelner Männer, nach deren Ende weder
+die befreiten oder neugegründeten Städte festzuhalten, noch die boiotischen
+Städte, die vernichtet, die benachbarten Phokier, Lokrer, Malier, Euboier,
+die mit Gewalt an Theben gekettet waren, zu versöhnen verstand. Nach dem
+kurzen Rausch der Hegemonie, zu Übermut und Insolenz verwöhnt, wurde das
+sinkende Theben nur um so unleidlicher.
+
+Auch Athens zweiter Seebund gewann keinen hohen Flug. Durch Sorglosigkeit,
+Habgier, durch Ränke schmiedende Staatsmänner verleitet, schon längst
+daran gewöhnt, statt der eigenen Bürger Söldner ins Feld zu schicken, ließ
+es seine Strategen bei Freund und Feind Geld erpressen, statt Krieg zu
+führen, attische Beamte und Besatzungen in die Bundesstädte legen, wohl
+auch Bündner -- so die auf Samos -- austreiben, an attische Kleruchen ihre
+Häuser und Äcker austeilen, so völlig das Recht und die Pflicht des
+geschlossenen Bundes mißachtend, daß die mächtigeren die erste Gelegenheit
+zum Abfall wahrnahmen. Es gelang nicht mehr, sie zu bezwingen: Athen verlor
+zum zweiten Male seine Seeherrschaft; aber es behielt noch Samos und einige
+andere Plätze; es hatte in seinen Werften über 350 Trieren, mehr als ein
+anderer hellenischer Staat.
+
+Nicht minder im Sinken schien das westliche Griechentum. Bis zu seinem Tode
+hatte Dionys von Syrakus seine Herrschaft straff und fest gehalten; unter
+seinem gleichnamigen Sohne unternahm die Philosophie, Dion, Kallippos,
+Platon selbst, an dem Hofe des Tyrannen ihre Ideale zu verwirklichen, bis
+der junge Herr der Dinge überdrüssig wurde und die andere Seite seiner
+verbildeten Geistesarmut hervorzukehren begann. In den wüsten zehn Jahren
+seiner Herrschaft und dem nicht minder wüsten Jahrzehnt danach verkam das
+Haus, und das Reich des kühnen Gründers zerbröckelte.
+
+Wundervoll sind die Erzeugnisse des Griechentums in Poesie und Kunst und
+allen Gebieten des intellektuellen Lebens auch noch in dieser Zeit; die
+Namen des Platon, des Aristoteles genügen, zu bezeichnen, welche
+Schöpfungen dieses Zeitalter den früheren hinzugefügt hat. Aber die
+öffentlichen und privaten Zustände waren schwer krank; sie waren
+hoffnungslos, wenn man fortfuhr, sich im Kreis zu bewegen.
+
+Nicht bloß, daß die alten bindenden Formen des Glaubens und der Sitte, des
+Familienlebens, der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung gebrochen
+oder doch durch das Scheidewasser der Aufklärung zerfressen waren; nicht
+bloß, daß mit dem um so hastigeren politischen Wechsel in den kleinen
+Gemeinwesen die Seßhaftigkeit zerstört, mit dem Anwachsen der zuströmenden
+Masse politischer Flüchtlinge die Gefahr neuer, schlimmerer Explosionen
+fort und fort gesteigert wurde, ein wüstes Söldnertum, schon völlig auf das
+»Gewerbe« organisiert, sich über die Welt zerstreute, für oder gegen
+Freiheit, Tyrannei und Vaterland, für oder gegen die Perser, Karthager,
+Ägypter und wo sonst Sold zu verdienen war, zu kämpfen. Schlimmer war, daß
+dies hochgebildete Griechentum in immer neuen Anläufen, das Ideal des
+Staates zu verwirklichen, nur die Schäden mehrte, die es heilen wollte, daß
+es von falschen Voraussetzungen aus nach nicht minder falschen Zielen rang,
+daß es, immer nur auf die Autonomie der kleinen und kleinsten Gemeinwesen,
+auf das unbedingte persönliche Freisein und Mitherrschen bedacht, keine
+Formen fand, auch nur die Autonomie und Freiheit sicherzustellen,
+geschweige denn die Fülle großer nationaler Güter, die es besaß, ja die
+schon ernstlich bedrohte Existenz der Nation selbst zu schützen.
+
+Was Hellas brauchte, lag auf der Hand. »Unter den Staaten, die bisher die
+Hegemonie gehabt,« sagt Aristoteles, »hat jeder es für sein Interesse
+gehalten, die der eigenen entsprechende Verfassung, die einen die
+Demokratie, die anderen die Oligarchie in den von ihnen abhängigen Städten
+durchzuführen, indem sie nicht auf dem Wohl, sondern auf den eigenen
+Vorteil Bedacht nahmen, so daß nie oder selten und nur bei wenigen das
+Staatswesen der rechten Mitte zustande kam; und in den Bevölkerungen ist es
+zur Gewohnheit geworden, nicht die Gleichheit zu wollen, sondern entweder
+zu herrschen oder beherrscht zu werden.« Kurz und scharf bezeichnet der
+große Denker den fieberhaften und erschöpfenden Zustand, der daraus
+entsteht: Austreibung, Gewaltsamkeit, Rückkehr der Flüchtlinge,
+Güterteilung, Schuldaufhebung, Freigebung der Sklaven zu Zwecken des
+Umsturzes; bald stürzt sich der Demos auf die Besitzenden, bald üben die
+Reichen oligarchische Gewalt an dem Demos; Gesetz und Verfassung schützt
+nirgend mehr die Minorität gegen die Majorität, ist in der Hand dieser nur
+noch eine Waffe gegen jene; die Rechtssicherheit ist dahin, der innere
+Friede in jedem Augenblick in Gefahr; jede demokratische Stadt ist ein Asyl
+für demokratische, jede oligarchische für oligarchische Flüchtlinge, die
+kein Mittel verschmähen und versäumen, ihre Rückkehr und den Umsturz der
+Dinge dort herbeizuführen, um den Besiegten dasselbe anzutun, was sie von
+ihnen haben leiden müssen. Zwischen den hellenischen Staaten, den kleinen
+und kleinsten, gibt es kein anderes öffentliches Recht als diesen
+Kriegszustand leidenschaftlichen Parteihaders, und die kaum geschlossenen
+Bündnisse zersprengt der nächste Parteiwechsel in den verbündeten Staaten.
+
+Mit jedem Tage zeigte sich schärfer und mahnender, daß die Zeiten der
+autonomen Kleinstaaterei, der partiellen Bündnisse mit oder ohne Hegemonie
+vorüber, daß neue staatliche Formen nötig seien, panhellenische, so
+gesteigerte, daß in ihnen die bisher vermengten Begriffe Stadt und Staat
+sich schieden und die Stadt kommunale Stellung innerhalb des Staates fand,
+wie in der attischen Demenverfassung vorgebildet, in dem älteren Seebund
+versucht, aber nur in der Macht der Bundesgewalt, nicht in dem gleichen
+kommunalen Recht der Bundesglieder durchgeführt war. Und nicht bloß das, in
+dem Griechentum waren seitdem zu viele Kräfte, Ansprüche, Rivalitäten
+erwachsen, zu viele Bedürfnisse und Erregungen zur Gewohnheit, zu viel
+Leben Bedingung des Lebens geworden, als daß es, in den engen Raum daheim
+gebannt, in dem alles Kleine groß und alles Große klein erschien, sich mit
+dem, was es war und hatte, noch hätte ersättigen oder weiter entwickeln
+können. Unermeßliche Elemente der Gärung erfüllten es, solche, die eine
+Welt umzugestalten fähig waren; auf den heimischen Boden gebannt, in der
+heimischen Art beharrend konnten sie nur gleich jener Drachensaat des
+Kadmos sich selbst zerfleischen und zerstören. Es kam alles darauf an, daß
+ihrem wirr wuchernden Hader ein Ende gemacht, ihnen ein neues weites Feld
+fruchtbarer Tätigkeiten geöffnet, in großen Gedanken alle edlere
+Leidenschaft entflammt, der Fülle noch ungebrochener Lebenstriebe Licht und
+Luft geschafft werde.
+
+Seit Lysandros' Siege die alt-attische Macht niedergebrochen hatten, war
+die äußere Gefahr für die Griechenwelt von allen Seiten her in stetem
+Steigen; mehr als je in schon völlig verschiedene Kreise zerlegt, verlor
+sie an allen ihren nationalen Grenzen immer mehr Terrain. Das Griechentum
+Libyens war von den Puniern hinter die Syrte zurückgedrängt; das Siziliens
+verlor an dieselben Punier die größere Westhälfte der Insel, das Italiens
+starb bei dem Andrang der Völkerstämme des Apennin Glied für Glied ab. Die
+Barbaren des unteren Donaulandes, von den in Italien zurückgestauten Kelten
+gedrängt, begannen ihre Versuche, nach dem Süden durchzubrechen. Die
+hellenischen Städte an der West- und Nordseite des Pontos hatten Mühe, sich
+der Triballer, der Geten, der Skythen zu erwehren, von denen auf der
+Südseite fand wenigstens Heraklea in der Tyrannis, die ein Schüler Platons
+dort gründete, einigen Halt. Die anderen Hellenenstädte Kleinasiens standen
+unter dem Perserkönige, von dessen Satrapen, von Dynasten, von
+dienstwilligen Oligarchen mehr oder weniger willkürlich beherrscht und
+ausgebeutet. Auch die reichen Inseln an der Küste beherrschte der persische
+Einfluß; das hellenische Meer gehörte den Hellenen nicht mehr; der Friede
+des Antalkidas hatte dem Hofe von Susa und den Höfen der Satrapen den Hebel
+in die Hand gegeben, in dem wohlgepflegten Hader der führenden Staaten das
+Griechentum tief und tiefer zu zerrütten und, während die großen
+politischen Dinge dort durch die »Befehle« des Großkönigs entschieden
+wurden, von der kriegstüchtigen hellenischen Mannschaft so viel an sich zu
+ziehen, wie nötig schien.
+
+Niemals ist in Hellas der Gedanke des nationalen Kampfes gegen die
+Persermacht vergessen worden; er war den Hellenen, was jahrhundertelang der
+abendländischen Christenheit der Kampf gegen die Ungläubigen. Selbst Sparta
+hatte wenigstens zeitweise seine Herrsch- und Habgier mit dieser Larve zu
+verdecken gesucht; Jason von Pherai sah für die Tyrannis, die er gründete,
+in dem nationalen Kampf, zu dem er sich anschickte, die Rechtfertigung. Je
+deutlicher die Ohnmacht und innere Zerrüttung des übergroßen Reiches wurde,
+je leichter und einträglicher die Arbeit erschien, es zu vernichten, desto
+allgemeiner und zuversichtlicher wurde die Erwartung, daß es geschehen
+werde und geschehen müsse. Mochte Platon und seine Schule bemüht sein, den
+Idealstaat zu finden und zu verwirklichen, Isokrates, von dem eine doch
+breitere und populärere Wirkung ausging, kam immer wieder darauf zurück,
+daß man den Kampf gegen Persien beginnen müsse: ein solcher Krieg werde
+mehr ein Festzug als ein Feldzug sein; wie ertrage man den Schimpf, daß
+diese Barbaren die Wächter des Friedens in Hellas sein wollten, während
+Hellas imstande sei, Taten zu verrichten, die würdig seien, daß man die
+Götter darum bitte. Und Aristoteles sagt: die Hellenen könnten die Welt
+beherrschen, wenn sie zu einem Staat vereinigt wären.
+
+Der eine wie andere Gedanke lag nahe genug, nahe genug auch der, beides,
+die Vereinigung der Hellenen und den Kampf gegen die Perser, als _ein_ Werk
+zusammenzufassen, nicht das eine warten zu lassen, bis das andere getan
+sei. Nur wie solche Gedanken verwirklichen?
+
+König Philipp von Makedonien unternahm es. Er mußte es, kann man sagen,
+wenn er das zerrüttete Königtum seines Hauses herstellen und sicherstellen
+wollte. Immer wieder hatte die Politik Athens, Spartas, Olynths, Thebens,
+der thessalischen Machthaber den Hader in der königlichen Familie genährt,
+Usurpation einzelner fürstlicher Häupter des Landes unterstützt, die
+Barbaren auf den makedonischen Grenzen zu Einbrüchen und Raubzügen nach
+Makedonien veranlaßt. Hatten sie alle keinen anderen Rechtstitel zu ihrem
+Verfahren gehabt als die Ohnmacht des makedonischen Königtums, so bedurfte
+es nur der Herstellung genügender Macht, um dessen Rat gegen sie zu
+erweisen, und sie hatten keinerlei Anspruch auf rücksichtsvollere oder
+schonendere Maßregeln von seiten des makedonischen Königtums, als sie
+selbst solange gegen dessen Interesse sich erlaubt hatten.
+
+Philipps Erfolge gründen sich auf den sicheren Unterbau, den er seiner
+Macht zu geben verstand, auf die schrittweise vorgehende Bewegung seiner
+Politik gegenüber der bald hastigen, bald schlaffen, immer in ihren Mitteln
+oder ihren Zielen sich verrechnenden der hellenischen Staaten, vor allem
+auf die Einheit, das Geheimnis, die Schnelligkeit und Konsequenz seiner
+Unternehmungen, die von denen, die sie treffen sollten, so lange für
+unmöglich gehalten wurden, bis ihnen nicht mehr zu entgehen oder zu
+widerstehen war. Während Thessalien mit Alexandros' Ermordung in Zerrüttung
+sank, die Athener auf den Bundesgenossenkrieg, die Thebaner auf den
+heiligen Krieg, der die Phokier zur Folgeleistung zwingen sollte, alle
+Aufmerksamkeit wandten, die Spartaner sich bemühten, in dem Peloponnes
+wieder einigen Einfluß zu gewinnen, rückte Philipp nach Süden und Osten
+seine Grenzen so weit vor, daß er mit Amphipolis den Paß nach Thrakien, mit
+dem Bergrevier des Pangäon dessen Goldminen, mit der Küste Makedoniens den
+Thermäischen Busen und den Zugang zum Meere, mit Methone den Weg nach
+Thessalien hatte. Dann riefen ihn die Thessalier, von den Phokiern auf das
+schwerste bedroht, zu Hilfe; er kam, er hatte schweren Stand gegen die
+wohlgeführte Kriegsmacht der Tempelräuber; erst mit nachrückender
+Verstärkung warf er sie zurück; er stand am Eingang der Thermopylen; er
+legte makedonische Besatzung nach Pagasä, er war damit Meister des
+thessalischen Hafens und des Weges nach Euböa. Da gingen den Athenern die
+Augen auf; unter Demosthenes' Führung begannen sie den Kampf gegen die
+Macht, welche, so schien es, die Hand nach der Herrschaft über Hellas
+ausstreckte.
+
+An dem Patriotismus des Demosthenes und dessen Eifer für die Ehre und Macht
+Athens wird niemand zweifeln; und mit vollstem Recht wird er als der größte
+Redner aller Zeiten bewundert. Ob er in gleichem Maße als Staatsmann groß,
+ob er der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands war, ist eine
+andere Frage. Wenn in diesem Kampfe der Sieg gegen Makedonien entschieden
+hätte, was wäre das weitere Schicksal der Griechenwelt gewesen? Im besten
+Fall die Herstellung einer attischen Macht, wie sie soeben zum zweitenmal
+zusammengebrochen war, entweder einer Bundesmacht auf Grund der Autonomie
+der Bündner, die weder den Barbaren im Norden zu wehren, noch den Barbaren
+im Osten die Stirn zu bieten, noch das sinkende Griechentum im Westen an
+sich zu ziehen und zu schützen vermocht hätte, -- oder einer attischen
+Herrschaft über untertänige Gebiete, wie denn schon jetzt Samos, Lemnos,
+Imbros, Skyros in solcher zum Teil kleruchischer Form, in loserer Tenedos,
+Prokonnesos, der Chersones, Delos in attischem Besitz waren; in dem Maße,
+als die Athener ihre Herrschaft erweitert hätten, würden sie größerer
+Eifersucht, heftigerem Gegendruck von rivalisierenden Staaten zu begegnen
+gehabt, sie würden nur die schon so tief eingefressene Spaltung und
+Zerrissenheit der hellenischen Welt gemehrt, sie würden jede Hilfe, auch
+die der Perser, der thrakischen, illyrischen Barbaren, der Tyrannis, wo sie
+sich gerade fand, willkommen geheißen haben, um sich zu behaupten. Oder
+wollte Athen nur die unberechenbaren Veränderungen, welche die Macht
+Makedoniens über Hellas zu bringen drohte, abwehren, nur die Zustände
+erhalten, wie sie waren? Sie waren so elend und beschämend wie möglich und
+wurden in dem Maße unhaltbarer und explosiver, als man sie länger in dieser
+Zerfahrenheit und Verkrüppelung des Kleinlebens ließ, in dem der
+Griechenwelt ein Glied nach dem anderen abstarb. Mochten die attischen
+Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der
+hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben,
+keines dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt, mit der
+erneuten Herrschaft des attischen Demos über Bündner oder untertänige Orte,
+mit der verschlissenen und vernutzten Demokratie, ihren Sykophanten,
+Demagogen und Soldtruppen zu erhalten gewesen. Es war ein Irrtum des
+Demosthenes, der vielleicht seinem Herzen, gewiß nicht seinem Verstande
+Ehre macht, wenn er glauben konnte, mit diesem schwatzhaft, unkriegerisch,
+banausisch gewordenen Bürgertum Athens, selbst wenn er es mit der Macht
+seiner Rede zu glänzenden Entschlüssen hinreißen, selbst für einen Moment
+zu Taten galvanisieren konnte, noch große Politik machen, noch einen langen
+und schweren Kampf durchführen zu können; ein noch schwererer Irrtum, wenn
+er glauben konnte, durch Bündnisse mit Theben, Megalopolis, Argos und
+welchen Staaten sonst, im Augenblick der Gefahr zusammengeklittert, der
+erstarkenden Macht des Königs Philipp Halt gebieten zu können, der, selbst
+wenn man ihm ein Treffen abgewann, mit doppelter Macht zurückgekehrt wäre,
+während die hellenischen Bündnisse mit der ersten Niederlage ein Ende
+hatten. Demosthenes mußte wissen, was es bedeutete, daß nicht er selbst der
+Kriegsheld war, die politischen Projekte hinauszuführen, die er empfahl,
+daß er sie und mit ihnen die Geschicke des Staates Feldherren wie dem
+eigenwilligen Chares, dem wüsten Charidemos anvertrauen mußte, die es
+wenigstens verstanden, mit Söldnerbanden fertig zu werden und ihnen die
+nötige »Zehrung« zu schaffen. Er mußte wissen, daß in Athen selbst, sowie
+er Einfluß gewann, sich die Reichen, die Trägen, die Selbstsüchtigen wider
+ihn zusammenfinden, daß, auf sie gestützt, seine persönlichen Gegner alle
+Schikanen und Schwerfälligkeiten der Verfassung benützen würden, seine
+Pläne zu kreuzen, Pläne, deren Wert von einem attischen Mann nach dem Tage
+von Chaironeia mit dem bitteren Worte bezeichnet worden ist: »Verloren wir
+nicht, so waren wir verloren.«
+
+Zum Verständnis dessen, was dieser großen Katastrophe folgt, ist es nötig,
+den Verlauf des Ringens zwischen Athen und Makedonien, das so endete, in
+seinen wesentlichen Zügen zu verfolgen.
+
+Demosthenes' große politische Tätigkeit begann, als Philipps Erfolge gegen
+die Phokier, seine Einwirkung auf die Parteiungen Euboias, sein Vordringen
+über Amphipolis hinaus das Emporwachsen einer Machtbildung erkennen ließ,
+die über alle bisherigen Voraussetzungen hellenischer Politik hinausging.
+Daß die Athener -- zunächst mit der Besetzung der Thermopylen 352, nach
+Philipps ersten Erfolgen gegen die Phokier -- zeigten, was sie wollten,
+wies ihrem Gegner seinen weiteren Weg. Noch hatten sie ihre Flotte, damit
+auf dem Meere eine Überlegenheit, der nur Raschheit und Entschlossenheit
+fehlte, um die erst werdende makedonische Flotte zu erdrücken. Athen war
+für Philipp der gefährlichste Feind in Hellas; er mußte vereinzelt, in
+raschen Zügen überholt werden.
+
+Olynthos, an der Spitze der wieder verbündeten chalkidischen Städte, hatte
+vier Jahre vorher, als um Amphipolis noch gestritten wurde, sich mit
+Philipp gegen Athen verbündet, hatte aus seiner Hand das mit attischen
+Kleruchen besetzte Potidaia angenommen; auch die Olynther hielten sich klug
+genug, von dem, den sie schon fürchteten, Vorteil zu ziehen; jetzt nach dem
+ersten Erfolg Philipps über die Phokier sandten sie nach Athen, ein Bündnis
+anzutragen; daß sie den geflüchteten Prätendenten des makedonischen
+Königtums in ihren Schutz nahmen, ihn auszuliefern sich weigerten, ergriff
+Philipp, um den Kampf gegen sie zu beginnen. Trotz der Hilfe, die Athen
+sandte, wurde der chalkidische Bund besiegt, Olynth zerstört und die
+anderen Städte des Bundes makedonische Landstädte (348).
+
+Zugleich hatten die Athener vergebens einen Zug nach Euboia unternommen;
+von den Tyrannen der einzelnen Städte hielten die meisten zu Philipp; er
+hatte damit eine Stellung, die Attika in der Flanke bedrohte. Er selbst
+wandte sich von Olynth -- schon zum drittenmal -- gegen den Thrakerkönig
+Kersobleptes, der, von Athen veranlaßt, Olynth unterstützt hatte. Schon war
+die makedonische Flotte imstande, auf den attischen Inseln Lemnos, Imbros
+und Skyros zu plündern, attische Kauffahrer aufzubringen; selbst die
+Paralos, eine der heiligen Trieren Athens, war am Gestade von Marathon
+gekapert und als Trophäe nach Makedonien abgeführt worden. Und von den
+Phokiern auf das härteste bedrängt, bat Theben bei Philipp um Beistand, lud
+ihn ein, den Paß der Thermopylen zu besetzen. Dieser schlimmsten Wendung
+zuvorzukommen, erbot sich Athen zum Frieden; daß Philipp die
+Unterhandlungen hinzog und Athen die Phokier und Kersobleptes, die
+Tempelräuber und den Barbaren, mit in den Frieden einzuschließen forderte,
+um die Thermopylen und den Hellespont zu decken, schließlich (346) auch
+ohne die Bedingungen den Frieden zu genehmigen bereit war, zeigte, wieviel
+an Gewicht Philipp gewonnen, Athen verloren hatte. Die gleichzeitige letzte
+Krisis des heiligen Krieges fügte eine weitere Wirkung hinzu.
+
+Noch hielten die Phokier die Thermopylen, in Boiotien die von Theben
+abgefallen Städte Orchomenos und Koroneia besetzt; freilich der delphische
+Tempelschatz ging auf die Neige, aber sie hofften auf Athen, und der
+Spartanerkönig Archidamos kam ihnen mit tausend Hopliten zu Hilfe. Mit der
+Absicht, das delphische Heiligtum in Spartas Hand gelangen zu lassen,
+bewirkte Philipp die Heimkehr der Spartaner; gegen freien Abzug mit seinen
+8000 Söldnern überließ der Führer der Phokier -- es war in den Tagen, da
+der Demos von Athen jenen Frieden genehmigte -- den Makedonen die
+Thermopylen. Philipp rückte in Boiotien ein; Orchomenos, Koronea ergaben
+sich; Theben war froh, diese Städte durch Philipp zurückzuerhalten. In
+Gemeinschaft mit den Thebanern und Thessalern berief Philipp den Rat der
+Amphiktyonen; Athen beschickte ihn nicht. So wurde das Urteil über die
+Phokier gesprochen: sie wurden aus dem heiligen Bunde ausgestoßen, ihre 22
+Städte aufgelöst, deren Mauern zerstört, die mit den Söldnern Abgezogenen
+als Tempelräuber verflucht und vogelfrei erklärt; kaum daß die Hinrichtung
+aller Waffenfähigen im Lande, welche die Oitaer beantragten, abgelehnt
+wurde. Durch weiteren Beschluß der Amphiktyonen wurde die Stimme der
+Phokier auf Philipp übertragen, die Leitung der pythischen Feier, der
+Schutz des delphischen Heiligtums in seine Hand gelegt.
+
+So trat er an die Spitze dieses heiligen Bundes, der durch das, was soeben
+geschehen war, wie zu keiner Zeit früher eine politische Bedeutung gewonnen
+hatte. Die nächste Anwendung davon traf Athen, das die gefaßten Beschlüsse,
+die an Philipp übertragene Befugnis anzuerkennen zögerte; eine
+amphiktyonische Gesandtschaft kam nach Athen, die ausdrückliche Zustimmung
+zu fordern. Wurde sie verweigert, so sprach die Versammlung den Bann über
+Athen aus, und Philipps Macht war zur Stelle, ihn zu vollziehen.
+Demosthenes selbst empfahl, einem heiligen Krieg aus dem Wege zu gehen.
+
+Sicheren Schrittes ging Philipps Politik weiter. Schon hatte er die Hand
+über ein Königtum von Epiros; die Städte in dem Peloponnes führte ihm die
+Hoffnung auf gemeinsamen Kampf gegen Sparta zu; in Elis, Sikyon, Megara, in
+Arkadien, Messenien, Argos herrschten die ihm Zugewandten. Dann setzte er
+sich in Akarnanien fest, schloß ein Bündnis mit den Ätoliern, überwies
+ihnen Naupaktos, das sie sich wünschten. Von der Landseite war die Macht
+Athens umstellt und so gut wie gelähmt. Aber noch hatten sie das Meer; ihre
+Flotte sicherte ihnen mit dem Chersones den Hellespont und die Propontis.
+Dort mußte Philipp sie zu treffen suchen. Während er ihnen die
+Versicherungen seiner Freundschaft und friedlichen Gesinnungen fort und
+fort wiederholte, warf er sich von neuem auf Kersobleptes und die ihm
+verwandten kleineren Fürsten in Thrakien, unterwarf sich das Land zu beiden
+Seiten des Hebros, sicherte es durch eine Reihe von Städten, die er im
+Binnenlande gründete, und die hellenischen Städte am Pontos bis Odessos
+hinauf traten gern mit ihm in Bündnis. So mächtig war der Eindruck seiner
+Erfolge, daß der Getenkönig an der unteren Donau um seine Freundschaft bat,
+ihm seine Tochter zur Ehe sandte.
+
+In demselben Maße erschreckten diese Erfolge die hellenischen Gegner
+Philipps. Daß die Athener die Wiedereinsetzung der thrakischen Fürsten, die
+ihre Bundesgenossen seien, forderten, und, um den gefährdeten Chersones zu
+schützen, Kleruchen dorthin sandten, daß die Stadt Kardia sich weigerte,
+sie aufzunehmen, und Philipps Vorschlag, die Streitfrage durch ein
+Schiedsgericht abzutun, von Athen abgelehnt, von den attischen Strategen
+die schon makedonischen Orte an der Propontis überfallen und zerstört
+wurden, leitete einen neuen Krieg ein.
+
+Philipp hatte mit Byzanz, Perinth, anderen Städten, die sich im
+Bundesgenossenkriege von Athen freigemacht, Bündnisse geschlossen und kraft
+deren zum Kampf gegen die Thraker ihren Beistand gefordert; sie leisteten
+ihn nicht, sie fürchteten seine wachsende Macht; Athen bot ihnen Bündnis
+und Kriegshilfe. Schon hatte es ihm die meisten Städte Euboias entfremdet,
+schon mit Korinth, den Akarnanen, Megara, Achaia, Korkyra Bündnis
+geschlossen, mit Rhodos und Kos wieder angeknüpft; es ließ am Hofe von Susa
+auf die Gefahren, die dem Perserreiche die wachsende Macht Philipps drohe,
+hinweisen; der attische Strateg im Chersones empfing persische Subsidien,
+und der Eifer des attischen Demos für die Rettung der hellenischen Freiheit
+wuchs mit jedem Tag.
+
+Philipp wandte sich nach dem Siege über die Thraker gegen Perinth, gegen
+Byzanz, den Schlüssel des Pontos; fielen diese Städte, so war die Macht
+Athens an der Wurzel getroffen. Auf Philipps Ultimatum antworteten die
+Athener mit der Erklärung, daß er den geschworenen Frieden gebrochen habe;
+sie sandten den Byzantinern die versprochene Flotte; von Rhodos, Kos,
+Chios, den Verbündeten von Byzanz, kam Hilfe; die nächstgesessenen Satrapen
+eilten, Perinth zu unterstützen, sandten Truppen nach Thrakien -- Philipp
+mußte weichen.
+
+Er zog gegen die Skythen. Für seine neue Gründung im Hebroslande war der
+Skythenkönig Ateas diesseits der Donaumündungen ein gefährlicher Nachbar;
+er schlug ihn. Dann zog er durch das Gebiet der Triballer heimwärts; auch
+sie, den Grenzen Makedoniens oft lästige Nachbarn, sollten seine Macht
+fürchten lernen. Er mußte seines Rückens sicher sein, um den entscheidenden
+Stoß gegen die Athener führen zu können.
+
+Sie arbeiteten ihm in die Hand. In dem delphischen Tempel hatten sie ihre
+alten Weihgeschenke für die Schlacht von Platää erneut, mit der Inschrift:
+»Aus der Beute der zum gemeinsamen Kampf gegen die Hellenen vereinten
+Perser und Thebaner.« In der Versammlung der Amphiktyonen erhoben auf Anlaß
+Thebens die Lokrer von Amphissa darüber Beschwerde und beantragten eine
+schwere Geldstrafe; der attische Gesandte Aischines antwortete ihnen mit
+dem Vorwurf, daß sie delphisches Tempelland bebaut hätten; er erhitzte die
+Versammelten so, daß der Beschluß gefaßt wurde, diese Tempelräuber sofort
+zu züchtigen; aber die Bauern von Amphissa trieben die Amphiktyonen und die
+Delphier, die mit ihnen gekommen waren, zurück. Nach solchem Schimpf
+beschloß man eine außerordentliche Versammlung der Amphiktyonen zu berufen,
+die das Nötige verfügen sollte, die Frevler zu züchtigen. Gesandte Athens,
+Thebens kamen nicht, Sparta war seit dem Ausgang des heiligen Kriegs
+ausgeschlossen; die zur Versammlung Erschienenen beschlossen einen heiligen
+Zug gegen Amphissa, übertrugen ihn den nächstgesessenen Stämmen. Er hatte
+geringen Erfolg; die von Amphissa verharrten in ihrem Trotz. Die nächste
+Versammlung (im Herbst 339) übertrug dem König Philipp die Züchtigung der
+Gottesfrevler, die Hegemonie des heiligen Krieges.
+
+Er eilte herbei, nicht bloß um die Bauern von Amphissa zu züchtigen. Athen
+hatte den Krieg wider ihn erneut, hatte ihn vor Byzanz und Perinth zu
+weichen genötigt; mit dem Zuge für den delphischen Gott konnte er seine
+Landmacht in die Nähe der attischen Grenzen führen, den Krieg da
+fortsetzen, wo den Athenern ihre Seemacht nichts half; daß sie selbst den
+Handel mit Amphissa eingeleitet hatten, daß sie nun gegen den, der ihn
+hinauszuführen kam, sich wenden mußten, enthüllte vor den Augen aller Welt
+ihr Unrecht und die inneren Widersprüche ihrer Politik. Er durfte auf
+Theben rechnen, das ihm, zumal seit dem Kriege gegen die Phokier, voll
+Erbitterung gegen Athen und den rettenden Waffen Makedoniens zu Dank
+verpflichtet, durch Bündnis verknüpft war. Mit Nikaia am Südausgang der
+Thermopylen, das er den Thessaliern überwiesen, stand ihm der Weg nach dem
+Süden offen. Er ließ einen Teil seines Heeres von Heraklea, am Nordeingang
+der Thermopylen, durch den Paß der Landschaft Doris, den nächsten Weg nach
+Amphissa, vorgehen; mit dem größeren Teil zog er über Nikaia durch den Paß,
+der nach Elatea in das obere phokische Tal der Kephissos hinabführt; im
+Spätherbst 339 stand er in Elatea, verschanzte sich dort; die offenen
+Grenzen Boiotiens und die Straße nach Attika lagen vor ihm, hinter ihm die
+Pässe, die seine Verbindung mit Thessalien und Makedonien sicherten.
+
+Er sandte nach Theben; er bot, wenn die Stadt mit ausziehe gegen Athen,
+Anteil an der Siegesbeute und Gebietserweiterung, forderte, wenn sie nicht
+mitkämpfen wolle, wenigstens freien Durchzug. Zugleich waren attische
+Gesandte nach Theben gekommen; dem Eifer des Demosthenes gelang es trotz
+allem, was seit zwanzig Jahren nicht geschehen war, ein Bündnis zwischen
+Athen und Theben zustande zu bringen. Theben sandte eine Schar Söldner den
+Lokrern von Amphissa zu Hilfe; Athen überließ ihnen 10 000 Mann, die es
+geworben; beide Städte riefen die verbannten Phokier auf, in ihre Heimat
+zurückzukehren, halfen ihnen einige der wichtigsten Plätze des Landes neu
+befestigen. Aber die Makedonen drangen auf Amphissa vor, schlugen die
+Soldhaufen des Feindes; Amphissa wurde zerstört. Der Hauptmacht Philipps in
+Phokis zu begegnen, rüsteten Athen und Theben mit höchstem Eifer, riefen
+auch ihre Bürger unter die Waffen; das attische Heer zog nach Theben,
+vereinte sich mit dem boiotischen. Zwei glückliche Gefechte erhöhten ihre
+Zuversicht; auch Korinth, Megara, andere von den Verbündeten Athens sandten
+Hilfstruppen.
+
+Aber Philipp wich nicht; er zog Verstärkungen aus Makedonien heran; mit
+denen, die sein Sohn Alexander nachführte, war sein Heer bei 30 000 Mann
+stark. Es mag in dieser Zeit gewesen sein, daß der König nach Theben
+sandte, Unterhandlungen anzubieten; der heftige Widerspruch des Demosthenes
+machte die Friedensneigung der Böotarchen wirkungslos. Wenn nur in gleichem
+Maße das Heer der Verbündeten -- der Zahl nach war es dem makedonischen
+überlegen -- militärisch die Initiative zu ergreifen verstanden hätte; sie
+standen in fester Stellung am Eingang nach Phokis, am Kephissos. Eine
+Bewegung Philipps nach der Linken zwang sie rückwärts zu gehen, in die
+boiotische Ebene. Bei Chaironeia traf sie Philipp zur Schlacht (August
+338); das lange schwankende Gefecht entschied der Reiterangriff, den
+Alexander führte; es war der vollständigste Sieg; das Heer der Verbündeten
+war zersprengt und vernichtet. Das Schicksal Griechenlands lag in Philipps
+Hand.
+
+Er hatte weder den Siegesübermut, noch lag es in den Wegen seiner Politik,
+Griechenland zu einer Provinz Makedoniens zu machen. Nur die Thebaner
+erfuhren für ihren Abfall die verdiente Strafe. Sie mußten die Verbannten
+wieder aufnehmen, aus ihnen einen neuen Rat bestellen, der über die
+bisherigen Führer und Verführer der Stadt Tod oder Verbannung verhängte.
+Der boiotische Bund wurde aufgehoben, die Gemeinden von Platää, Orchomenos,
+Thespiä wiederhergestellt, Oropos, das Theben zwanzig Jahre früher von
+Attika abgerissen, an Athen zurückgegeben, endlich auf die Kadmeia eine
+makedonische Besatzung gelegt, eine Position, nicht bloß Theben, sondern
+Attika und ganz Mittelgriechenland in Ruhe zu halten.
+
+Mit so viel Strenge Theben, mit ebenso viel Nachsicht wurde Athen
+behandelt. In der ersten Aufregung nach der Niederlage hatte man dort sich
+zu einem Kampf auf Leben und Tod angeschickt; man hatte Charidemos an die
+Spitze des Heeres stellen, man hatte die Sklaven bewaffnen wollen -- das
+Schicksal Thebens und die Erbietungen des Königs kühlten den Eifer ab; man
+nahm den Frieden an, wie ihn der König durch einen Gefangenen, den Redner
+Demades, anbieten ließ: die Athener erhielten alle Gefangenen ohne Lösegeld
+zurück, sie behielten Delos, Samos, Imbros, Lemnos, Skyros, sie kamen
+wieder in den Besitz von Oropos; es wurde -- vielleicht nur der Form nach
+-- ihrem Belieben freigestellt, ob sie dem gemeinen Frieden des Königs mit
+den Hellenen und dem Bundesrate, den er mit denselben errichten werde,
+beitreten wollten. Der attische Demos beschloß Ehren aller Art für den
+König, gab ihm, seinem Sohn Alexander, seinen Feldherren Antipatros und
+Parmenion das Bürgerrecht, errichtete ihm als einem »Wohltäter der Stadt«
+ein Standbild auf der Agora; anderes mehr.
+
+Es war doch nicht die Furcht allein, auf die der König sein Werk in Hellas
+zu gründen gedachte; und die makedonische Partei, auf die er rechnete oder
+die sich neu bildete, bestand doch nicht bloß aus Verrätern und
+Bestochenen, wie es Demosthenes darstellt. Es ist bedeutsam, daß Demaratos
+von Korinth einer der treuesten Anhänger des Königs war, Timoleons Freund
+und Kampfgenosse in der Befreiung Siziliens, wenn einer erfüllt von dem
+großen Gedanken des nationalen Kampfes gegen die Perser. Auch andere mögen
+sich zu der Ansicht bekannt haben, die Aristoteles mit den Worten
+ausgesprochen hat: daß das Königtum seiner Natur nach allein imstande sei,
+über den Parteien zu stehen, welche das griechische Staatsleben
+zerrütteten, allein das Staatswesen der rechten Mitte schaffen könne; »denn
+die Aufgabe des Königs ist, Wächter zu sein, daß die Besitzenden nicht in
+ihrem Eigentum geschädigt, der Demos nicht mit Willkür und Übermut
+behandelt werde.« Die so oft versuchte Tyrannis hat dies Werk nicht
+vollbringen können, »denn sie steht nicht, wie das altgegründete Königtum,
+auf eigenem Recht, sondern auf der Gunst des Demos oder auf Gewalt und
+Unrecht«.
+
+Verfuhr nun Philipp in solchem Sinn?
+
+Ohne das attische Gebiet zu berühren, zog er weiter nach dem Peloponnes.
+Hatten Megara, Korinth, Epidauros, andere Städte sich hinter ihren Mauern
+zu verteidigen gedacht, so baten sie nun um Frieden; der König gewährte ihn
+den einzelnen, den Korinthern unter der Bedingung, daß sie Akrokorinth
+einer makedonischen Besatzung übergaben; ähnliche Friedensschlüsse mit der
+Weisung, zum Abschluß des allgemeinen Friedens Bevollmächtigte nach Korinth
+zu senden, folgten bei seinem weiteren Marsch durch den Peloponnes. Nur
+Sparta wies jedes Erbieten zurück; bis an das Meer zog Philipp durch das
+lakonische Gebiet, ordnete dann nach dem Spruch eines Schiedsgerichts aus
+allen Hellenen die Grenzen Spartas gegen Argos, Tegea, Megalopolis,
+Messenien, so daß die wichtigsten Pässe in die Hände derer kamen, die sich
+lieber mit der Vernichtung des verhaßten Staates aller künftigen Sorge
+befreit gesehen hätten.
+
+Schon waren die Gesandten der Staaten in Hellas -- nur Spartas nicht -- in
+Korinth versammelt; dort wurde »der gemeinsame Friede und Bundesvertrag«
+errichtet, vielleicht auf Grund des von König Philipp vorgelegten
+Entwurfes, gewiß nicht in der Form eines makedonischen Befehls. Die
+Freiheit und Autonomie jeder hellenischen Stadt, der ungestörte Besitz
+ihres Eigentums und dessen gegenseitige Garantie, freier Verkehr und steter
+Friede zwischen ihnen, das waren die Grundlagen dieser Einigung; sie zu
+sichern und ihre Befugnisse auszuführen wurde ein »gemeinsamer Bundesrat«
+bestellt, zu dem jeder Staat Beisitzer senden solle; namentlich war die
+Aufgabe dieses Synedrions, darüber zu wachen, »daß in den verbündeten
+Staaten keine Verbannung oder Hinrichtung wider die bestehenden Gesetze,
+keine Konfiskation, Schuldaufhebung, Güterteilung, Sklavenbefreiung zum
+Zweck des Umsturzes« vorkomme. Zwischen den so geeinten Staaten und dem
+makedonischen Königtum wurde ein ewiger Bund zu Schutz und Trutz errichtet;
+kein Hellene sollte gegen den König Kriegsdienste tun oder seinen Feinden
+hilfreich sein bei Strafe der Verbannung und des Verlustes von Hab und
+Gut. Das Gericht über Bundbrüchige wurde dem Rat der Amphiktyonen
+überwiesen. Endlich der Schlußstein des Ganzen: es wurde der Krieg gegen
+die Perser beschlossen, »um die von ihnen an den hellenischen Heiligtümern
+geübten Frevel zu rächen«; es wurde König Philipp zum Feldherrn dieses
+Krieges zu Lande und zur See mit unumschränkter Gewalt ernannt.
+
+Philipp ging nach Makedonien zurück, alle Vorbereitungen zu dem großen
+nationalen Kriege zu treffen, den er mit dem nächsten Frühling zu beginnen
+gedachte. Jene Hilfesendung der Satrapen nach Thrakien gab ihm den
+Rechtsgrund zum Kriege gegen den Großkönig.
+
+Wie denkwürdig, daß in derselben Zeit die Geschicke Siziliens auf
+entgegengesetztem Wege sich herstellten. In kläglichstem Zustande, von
+Tyrannen bedrückt und von den Karthagern bedroht, hatten sich die Patrioten
+Siziliens nach Korinth gewandt, um Rettung zu bitten. Von dort wurde ihnen
+mit geringer Macht der hochherzige Timoleon gesandt. Er brach die Tyrannis
+in Syrakus, der Reihe nach in den anderen Städten, er warf die Karthager
+auf ihre alten Grenzen in der Westecke der Insel zurück (339); er zog in
+die befreiten Städte neue hellenische Ansiedler in Menge, er erneute in
+ihnen die demokratische Freiheit und die Autonomie; in Sizilien schien die
+Art des Staatenlebens, die in der Heimat zusammenbrach, von neuem erblühen
+zu sollen. Aber den Tod des Hochgefeierten (337) überdauerte der
+neugeschaffene Zustand nur kurze Frist; noch ehe die Karthager sich zu
+neuen Angriffen erhoben, waren diese Demokratien auf dem Wege der
+Oligarchie oder der Tyrannis, in neuem Nachbarhader. Am wenigsten aus
+Großgriechenland konnte ihnen Rettung kommen; den noch nicht verkommenen
+Städten dort erwuchsen aus der eben jetzt rasch schwellenden Bewegung der
+italischen Völker neue Bedrängnisse; jener König Archidamos von Sparta, den
+die Tarentiner in Dienst nahmen, fand, an der Spitze seiner Söldner gegen
+die Messapier kämpfend, den Tod, an demselben Tage, heißt es, da Philipp
+bei Chaironeia siegte.
+
+Mit dieser Schlacht und dem Korinthischen Bunde war wenigstens in dem
+heimatlichen Gebiet der Hellenen eine Einigung geschaffen, die inneren
+Frieden und nach außen eine gemeinsame nationale Politik verbürgte -- eine
+Einigung nicht bloß völkerrechtlicher, sondern staatsrechtlicher Art, wie
+sie einst Thales und Bias den Ioniern empfohlen hatten, nicht eine
+Hegemonie, wie sie die Athener in den Tagen ihres schönsten Ruhmes nur zu
+bald zur Herrschaft hatten umbilden müssen, um sie zu erhalten, noch
+weniger eine solche, wie sie Sparta mit dem Frieden des Antalkidas namens
+des Großkönigs und in Ausführung seiner Politik durchzusetzen versucht
+hatte, sondern eine Bundesverfassung mit geordnetem Rat und Gericht über
+die verbündeten Staaten, mit kommunaler Autonomie der einzelnen, mit
+dauerndem Landfrieden und freiem Verkehr zwischen ihnen, mit der Garantie
+aller für jeden, endlich zu dem beschlossenen Kriege gegen die Perser so
+gefaßt, daß das Wesentliche der Militärhoheit und der auswärtigen Politik
+jedes Staates durch den Bundeseid an den Hegemonen des Bundes, den
+makedonischen Machthaber, übertragen war.
+
+Wie schwerer Kämpfe, wie scharfer Maßnahmen es bedurft haben mochte, zu
+diesem Ergebnis zu gelangen, der makedonische König ehrte sich und die
+Hellenen, wenn er voraussetzte, daß der Kampf gegen die Perser, der so erst
+möglich wurde, die Macht der doch gemeinsamen nationalen Sache, die Erfolge
+nach außen und die Segnungen im Innern, die das gelungene Werk verhieß, die
+Niederlagen und Opfer vergessen machen werde, die dessen Schaffung
+gefordert hatte. Nicht bloß seine wiederholten Erklärungen und die in dem
+Bundesvertrage übernommene Pflicht verbürgten ihnen, daß seine Waffen dem
+großen nationalen Kampf geweiht sein würden; sein eigenes Interesse hatte
+ihm von Anfang her diese Politik vorgezeichnet, die Kraft Griechenlands zu
+sammeln, um den Kampf gegen die Persermacht wagen zu können, diesen Kampf
+zu unternehmen, um die irgend noch gesunden Kräfte im hellenischen
+Staatenleben desto sicherer zu vereinigen und dauernd zu verschmelzen.
+
+Seine Macht, die und die allein Hellas wie ein schützender Wall gegen die
+Barbaren des Nordens deckte, denen Italien schon erlag, war nun so weit und
+in feierlichster Weise berufen, an der Spitze des geeinten Hellas den Kampf
+gegen die Barbaren im Osten durchzuführen. Das bedeutete: Befreiung der
+hellenischen Inseln und Städte, die seit dem Sturz Athens, seit dem Frieden
+des Antalkidas dem persischen Joch von neuem verfallen waren, -- die
+Erschließung Asiens für den freien Verkehr und die Industrie von Hellas,
+für das Einströmen des hellenischen Lebens, -- der Überfülle unruhiger,
+gärender, verwilderter Elemente, an denen es bisher in seiner wirren
+Kleinstaaterei auf den Tod gekrankt, deren es so krankend nur immer mehr,
+immer zerstörendere erzeugt hatte, Raum und Gelegenheit und lockende
+Aussicht vollauf in neuen Verhältnissen neue Tätigkeiten zu finden und in
+der Fülle neuer Aufgaben arbeitend zu genesen.
+
+Der kosmopolitische Zug, den in dem Griechentum zugleich mit dem zähen
+Partikularismus der Weltverkehr, das Flüchtlingswesen, das Söldnertum, die
+Kurtisanen, die Aufklärung und Bildung entwickelt hatten, mußte endlich,
+wenn er nicht den Rest nationalen Bestandes nutzlos vergeuden sollte, in
+geordneter Bewegung, in vorgedachten Wirkungen die ihm entsprechende
+Gestaltung finden. In dem Zuge nach Asien konnte er es.
+
+
+War auf der europäischen Seite so alles zur letzten Entscheidung bereit, so
+hatte auf der asiatischen in entsprechender Weise das große Reich der
+Perser den Punkt erreicht, wo es in den Machtelementen, in denen einst
+seine Erfolge begründet gewesen waren, erschöpft und nur noch durch die
+träge Kraft des Bestehens gehalten schien.
+
+Es ist wenig, was von der Natur und Art dieses Perserreiches überliefert
+wird, und dieses Wenige meist sehr äußerlicher Art, fast nur von denen
+aufgefaßt, welche in den Persern nur die Barbaren sahen und verachteten;
+und nur in der großen Gestalt des Dareios, wie sie einer der
+Marathonkämpfer in seinem Drama von den Perserkriegen geschildert hat,
+empfindet man etwas von dem doch tief-mächtigen Wesen dieses edlen Volkes.
+
+Vielleicht darf man diesen Eindruck ergänzen und vertiefen durch das, was
+dasselbe in der unmittelbarsten Gestaltung seines inneren Lebens, in seiner
+Religion und seiner heiligen Geschichte ausgesprochen hat. Sie bezeugen die
+höhere ethische Kraft, mit der die Perser den anderen Völkern Asiens
+gegenüber in die Geschichte eintreten, die ernste und feierliche Auffassung
+dessen, um deswillen der einzelne und das Volk lebt.
+
+Rein sein in Werken, rein in Worten, rein in Gedanken, das ist es, was
+diese Religion fordert; die Wahrhaftigkeit, die Heiligung des Lebens, die
+Pflichterfüllung mit vollster Selbstverleugnung ist das Gesetz, wie es
+durch Zarathustra, den Verkünder des göttlichen Wortes, offenbart worden
+ist. In den Sagen von Dschemschid und Gustasp, von den Kämpfen gegen Turan
+entwickeln sich ihnen, sehr anders als den Hellenen in ihren Gesängen von
+Troja und Theben und den Argonauten, die Vorbildlichkeiten dessen, was das
+wirkliche Leben suchen und meiden soll.
+
+Denn die Hochebenen vom Demawend bis zum Sindhflusse durchschwärmten in
+unvordenklicher Vorzeit wüste Horden; da erschien der Verkünder des alten
+Gesetzes, der Hort des Menschen, Haoma, verkündete seine Lehre dem Vater
+Dschemschids, und die Menschen begannen sich anzusiedeln und den Acker zu
+bauen. Und als Dschemschid König wurde, ordnete er das Leben seines Volkes
+und die Stände seines Reichs; unter dem Glanz seiner Herrschaft starben die
+Tiere nicht, und die Pflanzen verwelkten nicht, an Wasser und Früchten war
+nie Mangel, es war nicht Frost noch Hitze, nicht Tod noch Leidenschaft, und
+Friede überall. Er sprach in seinem Stolz: »Verstand ist durch mich, gleich
+mir ist noch keiner gekrönt; die Erde ist geworden, wie ich verlangt;
+Speise und Schlaf und Freude haben die Menschen durch mich; die Macht ist
+bei mir und den Tod habe ich von der Erde genommen; darum müssen sie mich
+den Weltschöpfer nennen und anbeten.« Da wich der Glanz Gottes von ihm;
+Zohak, der verderbliche, kam über ihn, begann seine furchtbare Herrschaft;
+es folgte eine Zeit wilden Aufruhrs, aus der endlich siegend Feridun der
+Held hervorging; er und nach ihm sein Geschlecht, das der »Männer des
+ersten Glaubens«, herrschten über Iran, immer wieder in schwerem Kampf mit
+den wüsten Turaniern, bis dann unter dem sechsten nach Feridun, dem Könige
+Gustasp, Zarathustra erschien, der Bote des Himmels, den König zu
+unterweisen, damit er dem Gesetz gemäß denke, spreche, handle.
+
+Die Grundlage des neuen Gesetzes war der ewige Kampf des Lichts und der
+Finsternis, des Ormuzd und der sieben Erzfürsten des Lichts gegen Ahriman
+und die sieben der Finsternis; beide mit ihren Heerscharen ringen um die
+Herrschaft der Welt; alles Geschaffene gehört dem Licht, aber die
+Finsternis nimmt mit teil an dem rastlosen Kampf; nur der Mensch steht
+zwischen beiden, um nach freier Wahl dem Guten zu helfen oder dem Bösen
+Raum zu lassen. Die Söhne des Lichtes, die Iranier, kämpfen so den großen
+Kampf für Ormuzd, seinem Reiche die Welt zu unterwerfen, sie nach dem
+Vorbilde des Lichtwerdens zu ordnen und in Gedeihen und Reinheit zu
+erhalten.
+
+So der Glaube dieses Volkes und die Impulse, aus denen sich ihm sein
+geschichtliches Leben entwickelt; teils ackerbauende, teils Hirtenstämme in
+dem Gebirgsland Persis, unter ihren edlen Geschlechtern, von deren
+zahllosen Burgen noch nach Jahrhunderten die Rede ist, an ihrer Spitze der
+Stamm der Pasargaden, deren edelstem Geschlecht, dem der Achämeniden, das
+Stammkönigtum des Volkes zusteht. Da hat denn der Königssohn Kyros am Hofe
+des Großkönigs in Ekbatana so viel Hochmut und Erschlaffung und
+verächtliches Wesen gesehen, daß er die Herrschaft an sein strengeres Volk
+zu bringen für wohlgetan hält. Er ruft, so lautet die Sage, die Stämme
+zusammen, läßt sie den einen Tag ein Stück Feld urbar machen und die ganze
+Last der Untertänigkeit fühlen, beruft sie anderen Tags zum festlichen
+Mahl; er fordert sie auf zu wählen zwischen jenem traurigen Knechtsleben,
+das an der Scholle haftet, und dem herrlicheren des Siegers; und sie wählen
+Kampf und Sieg. So zieht er gegen die Meder aus, besiegt sie, wird Herr des
+Reiches, das bis zum Halys und bis zum Jaxartes reicht. Weiter kämpfend,
+unterwirft er das lydische Königtum und das Land bis zum Meer der Jaonen,
+das babylonische Reich bis an die Grenze Ägyptens. Kyros' Sohn Kambyses
+fügt das Reich der Pharaonen hinzu; keins der altgeschichtlichen Völker und
+Reiche widersteht der Kraft des jungen Volkes. Aber des Großkönigs Zug über
+Ägypten hinaus in die Wüste, seinen jähen Tod benutzen die Meder; ihre
+Priester, die Magier, machen einen aus ihrer Mitte zum Großkönig, nennen
+ihn des Kyros jüngeren Sohn, erlassen den Völkern den Kriegsdienst und die
+Tribute auf drei Jahre; und die Völker fügen sich willig. Nach Jahr und Tag
+erhebt sich Dareios der Achämenide mit den Häuptern der sechs anderen
+Stämme, sie ermorden den Magier und seine vornehmsten Anhänger. »Die
+Herrschaft, welche unserm Geschlecht entrissen war, diese brachte ich
+wieder zurück; ich habe wiederhergestellt die Heiligtümer und die Verehrung
+dessen, der des Reiches Schützer ist; so gewann ich durch Ormuzds Gnade das
+Entrissene zurück, ich stellte das Reich glücklich, Persien, Medien und die
+anderen Provinzen, wie ehedem«, so sagt eine Inschrift des Dareios.
+
+Dareios hat das Reich organisiert. Da es keine persische Bildung gab, die
+wie einst die von Babel und Assur die mit Gewalt Unterworfenen auch
+innerlich hätte besiegen und umbilden können, da die Religion des Lichtes,
+die eigenste Kraft und der Vorzug des persischen Volkes, nicht bekehren
+konnte noch wollte, so mußte die Einheit und Sicherheit des Reiches auf die
+Organisation der Macht gestellt werden, die es gegründet hatte und
+beherrschen sollte. Es war der vollste Gegensatz dessen, was sich als das
+Wesen der Griechenwelt entwickelt hat: in diesem _ein_ Volk, zu zahllosen
+kleinen und kleinsten Kreisen in freier Autonomie, in dem Drang
+unerschöpflicher Erregbarkeit und Eigenartigkeit sich differenzierend und
+auseinander lebend -- in dem Perserreich viele Nationen, meist ausgelebte
+und einer eigenen Lebensgestaltung nicht mehr fähige, zusammengeballt durch
+die Gewalt der Waffen und zusammengehalten durch die strenge und stolze
+Überlegenheit des Perservolkes und des Großkönigs, des »gottgleichen
+Menschen«, an dessen Spitze.
+
+Diese Monarchie, vom griechischen Meer bis zum Himalaja, von der
+afrikanischen Wüste bis zu den Steppen des Aralsees, läßt die Völker in
+ihrer Art, in ihren gewohnten Zuständen, schützt sie in dem, »was ihr Recht
+verlangt«, ist tolerant gegen alle Religionen, sorgt für den Verkehr, den
+Wohlstand der Völker, läßt ihnen selbst ihre Stammfürsten, wenn sie sich
+unterwerfen und Tribut zahlen -- aber stellt über sie alle hoch hin das
+starkgefugte Gerüst einer militärischen und Verwaltungseinheit, deren
+Träger aus dem herrschenden Stamm, dem der »Perser und Meder«, berufen
+werden. Die gleiche Religion, die harte und strenggeübte Lebensweise in
+Feld und Wald, die Erziehung der zum Dienst berufenen edlen Jugend am Hofe
+und unter den Augen des Großkönigs, dazu die an diesem Hofe versammelte
+Kriegsmacht der zehntausend Unsterblichen, der zweitausend Lanzenträger und
+zweitausend Reiter, die aus allen Teilen des weiten Reiches in die Hofburg
+zusammenfließenden und in dem Reichsschatz aufgesammelten Tribute und
+Geschenke, die geordneten Rangstufen und Ämterfolge der am Hofe
+versammelten Edlen bis zu den »Tischgenossen«, den »Verwandten« des
+Großkönigs hinauf -- das alles zusammen gibt der Zentralstelle des Reiches
+die Macht und Wucht, der zusammenhaltende und beherrschende Mittelpunkt zu
+sein. Das Netz von Heerstraßen, die durch das ganze Reich erbaut werden,
+die Poststationen mit immer bereiten Stafetten, die Festungen an allen
+wichtigen Paß- und Grenzpunkten sichern die Verbindung und das möglichst
+schnelle Einschreiten der zentralen Macht. Des Großkönigs Boten können so
+von Susa bis Sardes -- 350 Meilen -- in weniger als zehn Tagen Depeschen
+überbringen, und in jeder Landschaft steht militärische Macht bereit,
+auszuführen, was sie befohlen.
+
+Für die Verwaltung teilt Dareios das Reich in zwanzig Satrapien, nicht nach
+der Nationalität oder nach historischen Motiven; es sind geographische
+Gebiete, wie sie die natürlichen Grenzen bestimmen. Das Verhältnis der dort
+Heimischen zum Reich besteht nur darin, daß sie in Gehorsam bleiben, ihre
+Tribute zahlen und wenn ein allgemeines Aufgebot ergeht, den Heeresdienst
+leisten, den Satrapen mit seinem Hofe und die in den Hauptstädten und
+Grenzfesten ihres Bereichs stehenden Truppen des Großkönigs unterhalten.
+Die Satrapen -- »Könige nur dem Großkönige untertan« -- haften für den
+Gehorsam und die Ordnung in ihrer Satrapie, zu deren Schutz sowie zur
+Vergrößerung des Gebietes und des Tributes sie mit und ohne Befehl von der
+Hofburg Kriege führen und Frieden schließen. Sie selbst überlassen dann
+wohl einzelne Distrikte ihres Gebietes Eingeborenen oder sonst von ihnen
+Begünstigten, die dort die Tribute erheben und das Regiment führen. Die
+Truppen in der Satrapie stehen zu ihrer Verfügung, aber unter
+Befehlshabern, die der König unmittelbar bestellt, oft mit dem Heerbefehl
+über mehrere beieinander liegende Satrapien. Die Wachsamkeit und
+Tüchtigkeit der Truppen, die Treue der Satrapen, die stete durch die
+Sendboten geübte Aufsicht des Großkönigs über sie, diese abgestufte
+Pyramide monarchischer Organisation ist die Form, die die untertänigen
+Länder und Völker zusammenhält.
+
+In reichen Dotationen, in immer neuen Gnadengeschenken und Ehren, dem hohen
+Sold des Kriegsdienstes haben die Edlen und das Volk Persiens den Mitgenuß
+der Herrschaft ihres Königs. Dies, und anderseits die stete Überwachung und
+Kontrolle, die strengste Disziplin, die willkürliche und oft blutig geübte
+Strafgewalt des Königs erhält die zum Dienst Berufenen in Furcht und
+Pflichttreue. Wehe dem Satrapen, der auch nur säumig ist, für den Ackerbau,
+für den Wohlstand seiner Provinz, für Bewässerung zu sorgen, Paradiese
+anzulegen, dessen Provinz sich entvölkert oder im Anbau zurückgeht, der die
+Untertanen bedrückt; des Königs Wille ist, daß sie in ihrem Sein und Tun
+rechte Diener der reinen Lehre seien. Sie alle sollen auf den König und nur
+auf ihn sehen; wie Ormuzd, dessen Abbild und Werkzeug er ist, die Welt des
+Lichtes beherrscht und gegen die des verderblichen, Arges sinnenden Ahriman
+kämpft, so ist er unumschränkt, unfehlbar, über alle und über alles.
+
+So die Grundzüge dieser Machtbildung, die aus dem eigensten Wesen des
+Perservolkes, seiner altgewohnten schlichten Anhänglichkeit an das
+Stammhaupt, dem stolzen Zuge der Legitimität in der alten
+Geschlechtsverfassung hervorgegangen ist. Diese grandiose Organisation
+despotischer Macht war darauf gestellt, daß die persönliche Würdigkeit und
+Kraft des einen, der sie innehatte, sich in jedem Nachfolger erneute, daß
+der Hof und der Harem in seiner Nähe, die Satrapen und Kriegsobristen in
+der Ferne nicht aufhörten, von ihm bestimmt und beherrscht zu werden, daß
+das herrschende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und Rauheit und der
+fraglosen Hingebung an den Gott-König getreu blieb.
+
+Unter Dareios hat die persische Macht die höchste Blüte erlebt, deren sie
+fähig war; auch die unterworfenen Völker segneten sein Regiment; selbst in
+den griechischen Städten fanden sich überall angesehene Männer, die für den
+Preis der Tyrannis gern sich und ihre Mitbürger unter das persische Joch
+beugten; die moralische Achtung der edlen Perser vor den klugen Hellenen
+wird darum nicht größer geworden sein. Nach Dareios, nach den Niederlagen
+von Salamis und Mykale begannen sich Anfänge der Stockung und des Sinkens
+zu zeigen, dem das Reich, einer inneren Entwicklung unfähig, verfallen
+mußte, wenn es aufhörte, siegend und erobernd zu wachsen. Schon mit dem
+Ausgang des Xerxes wurde die Erschlaffung der despotischen Kraft und der
+Einfluß des Hofes und Harems fühlbar; die Eroberungen an der thrakischen
+Küste, der Hellespont und der Bosporus, die hellenischen Inseln und Städte
+an der Küste Kleinasiens waren verloren; bald versuchten einzelne der
+unterworfenen Völker sich frei zu machen, schon fand die Empörung Ägyptens
+und die Herstellung der altheimischen Dynastie von Hellas her
+Unterstützung. Je glücklicher dagegen die Satrapen der vorderen Lande
+ankämpften und je mehr sie den persönlichen Willen und die Kraft ihres
+Herren nachlassen sahen, desto dreister wurden sie, im eigenen Interesse zu
+verfahren, nach selbständiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien
+zu trachten. Aber noch war der festgefugte Bau des Reiches stark genug und
+in dem Adel und Volk Persiens die gewohnte Zucht und Treue lebendig genug,
+um die da und dort ausbrechenden Schäden zu überwinden.
+
+Ernster wurde die Gefahr, als mit dem Ausgang Dareios' II. (424 bis 404)
+dessen jüngerer Sohn Kyros sich zum Aufstande gegen den älteren, Artaxerxes
+II., der die Tiara bereits empfangen hatte, erhob. Kyros, nicht vor der
+Thronbesteigung des Vaters geboren wie der Bruder, sondern als der Vater
+schon König war, glaubte sich in demselben besseren Recht, kraft dessen
+einst Xerxes dem Dareios gefolgt war; noch der Vater hatte ihn, den
+Liebling der Mutter Parysatis, als »Karanos« nach Kleinasien gesandt, als
+»Herrn«, wie es scheint, ihm die Satrapien Kappadokien, Phrygien und Lydien
+gegeben; hatten die bisherigen Satrapen an der Seeküste, Tissaphernes und
+Pharnabazos, in dem schweren Kampf zwischen Athen und Sparta miteinander
+rivalisierend, bald die eine, bald die andere Macht begünstigt, so trat
+Kyros in der nach dem Interesse des Reiches gewiß richtigen Politik rasch
+und entschieden auf die Seite Spartas. Selbst nach dem Zeugnis der Griechen
+war dieser junge Fürst voll Geist und Energie, von militärischem Talent, in
+der strengen Art seines Volkes; dem Spartaner Lysandros konnte er den Park
+zeigen, den er meist mit eigener Hand geschaffen habe; und als dieser
+ungläubig auf seine goldene Kette und seine glänzende Kleidung sah, schwur
+Kyros bei Mithras: daß er des Tages nicht eher Speise zu sich nehme, als
+bis er in Landarbeit oder kriegerischer Übung seine Pflicht getan. Die
+militärische Kunst und Tüchtigkeit der Hellenen hatte er kennen und
+würdigen gelernt; daß zumeist durch seine Unterstützung Lysandros der
+Athener Meister geworden, mit dem Falle Athens die Seemacht, welche bisher
+dem Reiche schweren Abbruch getan, zu Ende war und Sparta ausdrücklich die
+Rückkehr der asiatischen Griechenstädte unter die persische Herrschaft
+zugesagt hatte, mochte es ihm unbedenklich erscheinen lassen, als Kern des
+Heeres, mit dem er das ihm gebührende Reich in Besitz zu nehmen gedachte,
+13 000 griechische Söldner, ein buntes Gemisch aus allen griechischen
+Staaten, zu werben, denen dann noch Sparta 700 Hopliten nach Issos
+nachsandte. Tissaphernes, der Satrap Ioniens, der persönliche Feind des
+Kyros, hatte rechtzeitig Warnungen nach Susa gesandt; mit dem Aufgebot des
+Reichs rückte Artaxerxes gegen den Empörer aus; am Eingang Babyloniens, bei
+Kunaxa, traf er ihn zur Schlacht. Nach dem Siege der Griechen auf ihrem
+Flügel, stürmte Kyros mit 600 Reitern auf die 6000 Reiter, die den König
+umgaben, durchbrach sie, drang auf den König selbst ein, verwundete ihn,
+erlag dann unter den Streichen des Königs und seiner Getreuen. Des Königs
+Wunde heilte sein Arzt, der Grieche Ktesias. Auch des Kyros Harem fiel in
+des Königs Hand, unter den Gefangenen zwei Griechinnen, die von ihren
+Eltern dem Prinzen nach Sardes gebracht waren; die eine von ihnen, eine
+Milesierin, flüchtete sich glücklich in das Lager der Hellenen, die andere,
+die schöne und hochgebildete Milto von Phokaia, die in des Großkönigs Harem
+überging, hat dann dort, wie die Griechen erzählen, lange eine bedeutende
+Rolle gespielt.
+
+Äußerlich war die Macht des Großkönigs mit dem Tage von Kunaxa hergestellt.
+Aber es war ein Zeugnis tiefer Zerrüttung, daß unmittelbar vor der Schlacht
+viele Edle aus dem Reichsheer zu dem Empörer übergegangen waren; es war ein
+bedenklicheres Symptom, daß dies Häuflein Griechen auf dem Schlachtfelde
+die Massen des Reichsheeres durchbrochen und geschlagen, und dann mitten
+durch das Reich in geschlossenen Reihen marschierend die Küste des Pontos
+erreicht hatte. War denn die Organisation des Reiches nichts, daß ein
+feindliches Heer so ungestraft drei, vier Satrapien durchziehen, deren
+Grenzfesten mißachten konnte? Nimmermehr hätte der Empörer die Pässe des
+Taurus überschreiten können, wenn der Satrap Kilikiens, aus dem
+altheimischen Stamm der Syennesis, wenn die persische Flotte, die unter dem
+Ägypter Tamos stand, ihre Schuldigkeit getan hätten. Vor allem, daß Kyros,
+mit zu großer Macht in den vorderen Satrapien, die rings von den Küsten her
+mit griechischem Wesen durchzogen waren, griechisches Kriegsvolk in Masse
+hatte an sich ziehen können, zeigte, daß man mit jenen Satrapien behutsamer
+und strenger als bisher verfahren müsse. Nicht das Satrapensystem war
+fehlerhaft; es war der Fehler der zentralen Stelle, daß die Karanen und
+Satrapen sich hatten gewöhnen können, Politik auf eigene Hand zu machen,
+wie Territorialherren zu regimentieren, in den Stadttyrannen,
+Steuerpächtern, dotierten Günstlingen sich persönlichen Anhang zu schaffen,
+welcher Macht genug gab, nach oben zu trotzen und nach unten zu drücken.
+
+Vielleicht war es nicht erst in diesem Zusammenhange, daß die Zahl der
+Satrapien Kleinasiens -- nach der Einrichtung des Dareios I. nur vier --
+gemehrt, daß namentlich die große Satrapie Phrygien, welche von der
+Propontis bis zum Taurus und den armenischen Gebirgen das ganze innere
+Hochland umfaßte, in drei Satrapien -- Phrygien am Hellespont, Großphrygien
+und Kappadokien -- zerschlagen, von der Satrapie Ionien das ganze Karien
+und die Südküste bis Kilikien abgelöst, daß endlich Kilikien fortan ohne
+Satrapen gelassen und, so scheint es, unmittelbares Reichsland wurde.
+
+Schon waren die Spartaner unter Agesilaos' Führung in den vorderen Landen,
+den Kampf gegen das Reich zu wagen. Daß Tissaphernes, der in sein früheres
+Amt zurückgekehrt war, nicht energischer verfuhr, nicht mehr erreichte, gab
+der Königinmutter die Handhabe, den Tod ihres Lieblings an dem Verhaßten zu
+rächen; ihm ward ein Nachfolger gesandt mit dem Befehl ihn zu ermorden.
+
+Von sehr ernster Bedeutung war, daß zugleich Ägypten in Waffen stand. Noch
+bei Kunaxa hatte auch ägyptisches Kriegsvolk in dem Heere des Großkönigs
+gekämpft; aber man wußte in dem Griechenheere bereits, daß Ägypten
+abgefallen sei; jener Tamos flüchtete mit der Flotte nach Ägypten, und
+Sparta trat mit Memphis in Verbindung, empfing von dort Subsidien und die
+Zusage weiterer Hilfe. Nur zu leicht konnten auch die phönizischen Städte,
+auch Cypern, wo der König Euagoras das griechische Wesen eifrig förderte,
+dem Beispiel Ägyptens folgen; die ganze maritime Macht Persiens stand auf
+dem Spiel, während die griechische Landmacht die Satrapien Kleinasiens
+bedrängte; dem Reich wiederholte sich die Gefahr der perikleischen Zeit in
+gesteigertem Maße. Wie ihr wehren?
+
+Den rechten Weg wies der Athener Konon, der nach der letzten Niederlage der
+attischen Macht Zuflucht am Hofe des Euagoras gefunden hatte. Auf seinen
+Rat erhielt der Satrap von Phrygien am Hellespont Befehl, eine Flotte
+zusammenzubringen und den Staaten in Hellas mit persischem Golde den Kampf
+gegen Sparta möglich zu machen. Mit Konons Sieg bei Knidos, mit der
+Schilderhebung von Theben, Korinth, Athen, mit des Pharnabazos Seezuge bis
+zur lakonischen Küste und seinem Erscheinen in der Versammlung der
+Verbündeten zu Korinth war Agesilaos zu schleuniger Heimkehr gezwungen.
+Bald hart bedrängt, suchte Sparta des Großkönigs Gunst und Bündnis; es
+sandte Antalkidas, jenen Frieden zu schließen, in dem Sparta dem Reiche die
+Griechenstädte Asiens und Cypern obendrein preisgab. Nicht mehr
+militärisch, aber diplomatisch war damit Persien der Griechen Meister; bald
+den Spartanern, bald den Athenern, bald den Thebanern seine Gunst
+zuwendend, hielt der Hof von Susa die noch streitbaren Staaten
+Griechenlands in Atem; er ließ sie sich selbst zerfleischen.
+
+Nur daß mit diesem Ringen in Hellas auch die Empörer des Großkönigs,
+Cypern, Ägypten, die syrische Küste, Gelegenheit fanden, sich dorther
+Beistand zu gewinnen, und die Satrapen Kleinasiens schon nicht mehr bloß
+nach der Weisung der Hofburg sich zu dem Wirrsal in Hellas verhielten. Des
+zu gütigen Artaxerxes Hand war nicht fest genug, die Zügel anzuziehen.
+Trotz zehnjährigen Kampfes erlangte er von dem cyprischen Könige nichts,
+als daß er sich zur Zahlung des Tributes wie ehedem verstand. Ägyptens
+wurde er trotz des hellenischen Söldnerheeres, das er sandte, trotz des
+Iphikrates, der es führte, nicht mehr Herr. Die empörten Kadusier in den
+Gebirgen der kaspischen Pässe vermochte er mit aller Anstrengung nicht
+wieder zu unterwerfen. Die Bergvölker zwischen Susa, Ekbatana und
+Persepolis hatten sich der Botmäßigkeit entzogen; sie forderten und
+erhielten, wenn der Großkönig mit seinem Hofe durch ihr Gebiet zog, Tribut
+für den Durchzug. Schon empörten sich einige der Satrapen Kleinasiens,
+Ariobarzanes in Phrygien am Hellespont, Autophradates in Lydien, Mausollos,
+Orontes; nur der Verrat des Orontes, den sie zum Führer gewählt hatten,
+rettete dem Großkönige die Halbinsel.
+
+Noch trauriger zeigen die Überlieferungen, freilich die griechischen, des
+alternden Artaxerxes Schwäche im Bereich seines Hofes; er erscheint da wie
+ein Spielball in den Händen seiner Mutter, seines Harems, seiner Eunuchen.
+Sein Sohn Dareios, den er, ein Neunziger, zum Nachfolger ernannt mit dem
+Recht, schon jetzt die Tiara zu tragen, soll wegen einer Gunst, die ihm von
+dem Vater versagt worden, eine Verschwörung gegen dessen Leben angezettelt
+und dann auf des Vaters Befehl, dem sie verraten worden, mit dem Tode
+gebüßt haben. Zum Thron der nächste war nun Ariaspes, nach ihm Arsames;
+aber ein dritter Sohn Ochos, so wird erzählt, trieb den ersten mit falschen
+Gerüchten von des Vaters Ungnade zum Selbstmord, ließ den zweiten durch
+gedungene Mörder beseitigen. Gleich darauf starb Artaxerxes II. Ochos
+folgte ihm.
+
+Ochos erscheint in der Überlieferung als ein asiatischer Despot echter Art,
+blutdürstig und schlau, energisch und wollüstig, in der kalten und
+berechneten Entschiedenheit seiner Handlungen nur desto furchtbarer; ein
+solcher Charakter konnte wohl die im Innersten zerrüttete Persermacht noch
+einmal zusammenraffen und mit dem Schein von Kraft und Frische beleben, die
+empörten Völker und die trotzigen Satrapen zur Unterwürfigkeit zwingen,
+indem er sie auch seine Launen, seine Mordlust, seine wahnsinnige Wollust
+schweigend anzusehen gewöhnte. Er begann mit der Ermordung seiner jüngeren
+Brüder, ihres Anhanges; und der persische Hof nannte ihn voll Bewunderung
+mit dem Namen seines Vaters, der keine Tugend als die Sanftmut gehabt habe.
+
+Die Art, wie der Thronwechsel geschah, vielleicht schon die blutigen
+Vorgänge, die ihm vorausgingen, waren Anlaß oder Vorwand zu neuen
+Empörungen in den vorderen Satrapien, zu dreisterem Vorgehen Ägyptens. Es
+erhob sich Orontes, der Ionien, Artabazos, der Phrygien am Hellespont
+hatte; attische Inschriften bezeugen die Verbindung des Orontes mit Athen.
+Artabazos hatte zwei rhodische Männer, die Brüder Mentor und Memnon, beide
+tüchtige Kriegsleute, an sich gezogen, sich mit ihrer Schwester vermählt,
+seine griechischen Söldner unter ihren Befehl gestellt. Die attischen
+Strategen Chares, Charidemos, Phokion leisteten ihm Beistand. Andere
+Satrapen blieben auf des Königs Seite; namentlich der von Karien, Mausollos
+aus dem alten Dynastengeschlecht des Landes; sein Werk war der Abfall der
+attischen Bundesgenossen (357), Rhodos, Kos, Chios voran; nur um so
+eifriger half Athen den empörten Satrapen; das gegen sie gesandte
+königliche Heer wurde durch Chares' Beistand geschlagen; die Athener
+jubelten wie über einen zweiten marathonischen Sieg. Aber eine persische
+Gesandtschaft erschien in Athen, über Chares Beschwerde zu führen, drohte,
+300 Trieren den Feinden Athens zum Beistand zu senden; man beeilte sich,
+den Zorn des Königs zu begütigen, schloß mit den empörten Bundesgenossen
+Frieden (355). Auch ohne attische Hilfe kämpfte Artabazos weiter; sein
+Schwager Memnon unternahm einen Zug gegen den Tyrannen im kimmerischen
+Bosporus, mit dem Heraklea im Kriege war, die wichtigste Stadt an der
+bithynischen Küste des Pontos. Artabazos selbst gewann Unterstützung von
+den Thebanern, die ihm ihren Feldherrn Pammenes mit 5000 Söldnern sandten;
+mit deren Hilfe schlug er des Königs Truppen in zwei Schlachten. Dann ließ
+Artabazos den thebanischen Feldherrn gefangensetzen, weil er mit den
+Gegnern in Verhandlung zu stehen schien; Pammenes mag Weisung dazu aus
+Theben empfangen haben, wohin der Großkönig große Geldsummen hatte senden
+lassen. Rasch sank nun das Glück des Artabazos; er mußte flüchten (um 351),
+er und Memnon fanden an dem makedonischen Hofe Zuflucht, Mentor ging nach
+Ägypten.
+
+Ägypten war seit lange der rechte Herd des Kampfes gegen die Persermacht.
+Noch als Artaxerxes II. das Reich hatte, war dort von Tachos, dem Sohn des
+Nektanebos, ein großes Unternehmen gerüstet; mit einem Heere von 80 000
+Ägyptern, 10 000 griechischen Söldnern, zu denen Sparta unter dem alten
+Agesilaos noch 1000 sandte, einer Flotte von 200 Schiffen, deren Befehl der
+Athener Chabrias übernahm, gedachte Tachos auch das syrische Land zu
+erobern. Aber Tachos hatte sich durch Mißtrauen und Zurücksetzung den König
+Agesilaos, durch Erpressungen das ägyptische Volk so verfeindet, daß,
+während er in Syrien stand, seines Oheims Sohn Nektanebos II. sich zum
+Pharao aufwerfen konnte, und da Agesilaos auch die griechischen Truppen
+dem neuen Herrn zuwandte, blieb dem Tachos kein anderer Ausweg, als nach
+Susa zu flüchten und des Großkönigs Gnade anzuflehen. Gegen Nektanebos
+erhob sich in Mendes ein anderer Prätendent, er fand Zulauf in Menge; es
+kam so weit, daß der Pharao samt seinen Griechen umstellt, mit Wällen und
+Gräben dicht und dichter eingeschlossen wurde, bis gegen die 100 000 Mann
+der alte Agesilaos mit seinen Griechen anrückte und den ganzen mendesischen
+Haufen auseinander- und in Flucht trieb; es war die letzte Tat des alten
+Spartanerkönigs; im Begriff nach Sparta heimzusegeln, starb er (358).
+
+Die dürftigen Überlieferungen dieser Zeit geben nur an, daß noch Artaxerxes
+II. seinen Sohn Ochos gegen Ägypten gesandt habe, daß das Unternehmen
+gescheitert sei, daß Ochos, gleich nachdem er König geworden, gegen die
+Kadusier gekämpft, sie besiegt habe.
+
+Wenige Jahre darauf, um 354, war man in Athen in lebhafter Sorge über die
+großen Rüstungen, die König Ochos mache, größere als seit Xerxes' Zeit
+gemacht seien; man meinte, er wolle zuerst Ägypten unterwerfen, um sich
+dann auf Griechenland zu stürzen; auch Dareios habe erst Ägypten
+unterworfen, dann sich gegen Hellas gewandt, auch Xerxes zuerst das empörte
+Ägypten bewältigt, dann seinen Zug nach Hellas unternommen; man sprach in
+Athen, als sei er schon auf dem Wege: seine Flotte liege bereit, Truppen
+übers Meer zu führen, auf 1200 Kamelen werde ihm der Schatz nachgeführt;
+mit seinem Golde werde er zu seinem asiatischen Heere hellenische Söldner
+in Masse anwerben; Athen müsse eingedenk der Tage von Marathon und Salamis
+den Krieg wider ihn beginnen. So schnell freilich war das Reichsheer nicht
+beieinander. Und bevor es kam, hatte sich zu der noch währenden Empörung in
+Kleinasien auch Phönikien erhoben. Die Sidonier unter ihrem Fürsten Tennes
+beredeten auf dem Tage zu Tripolis die anderen Städte zum Abfall; man
+verbündete sich mit Nektanebos, man zerstörte die königlichen Schlösser und
+Paradiese, verbrannte die Magazine, ermordete die Perser, die in den
+Städten waren; sie alle, namentlich das durch Reichtum und Erfindungen
+ausgezeichnete Sidon, rüsteten mit größtem Eifer, warben Söldner, machten
+ihre Schiffe fertig. Der Großkönig, dessen Reichsheer sich bei Babylon
+sammelte, befahl dem Satrapen Belesys von Syrien und dem Mazaios, dem
+Verwalter Kilikiens, den Angriff auf Sidon. Aber Tennes, unterstützt von
+4000 griechischen Söldnern unter Mentors Führung, die ihm Nektanebos
+sandte, leistete glücklichen Widerstand. Zu gleicher Zeit erhoben sich die
+neun Städte von Cypern, verbanden sich mit den Ägyptern und Phönikiern,
+gleich ihnen unter ihren neun Fürsten unabhängig zu sein. Auch sie rüsteten
+ihre Schiffe, warben griechische Söldner. Nektanebos selbst war auf das
+beste gerüstet; der Athener Diophantos, der Spartaner Lamios standen an der
+Spitze seiner Söldner.
+
+»Mit Schimpf und Schande«, sagt ein attischer Redner dieser Zeit, »mußte
+Ochos abziehen.« Er rüstete einen dritten Zug, er forderte die hellenischen
+Staaten auf, ihn zu unterstützen; es war in den letzten Stadien des
+heiligen Krieges; wenigstens Theben sandte ihm 1000 Söldner unter Lakrates,
+Argos 3000 unter Nikostratos; in den asiatischen Griechenstädten waren 6000
+Mann geworben, die unter Bagoas' Befehl gestellt wurden. Der Großkönig
+befahl dem Satrapen Idrieus von Karien den Angriff auf Cypern; er selbst
+wandte sich gegen die phönikischen Städte. Vor solcher Übermacht entsank
+diesen der Mut; nur die Sidonier waren entschlossen, den äußersten
+Widerstand zu leisten; sie verbrannten ihre Schiffe, um sich die Flucht
+unmöglich zu machen. Aber auf Mentors Rat hatte König Tennes bereits
+Unterhandlungen angeknüpft, sie beide verrieten die Stadt; als die Sidonier
+bereits die Burg und die Tore in Feindes Hand und jede Rettung unmöglich
+sahen, zündeten sie die Stadt an und suchten den Tod in den Flammen; 40 000
+Menschen sollen umgekommen sein. Den cyprischen Königen sank der Mut, sie
+unterwarfen sich.
+
+Mit dem Fall Sidons war der Weg nach Ägypten frei. Das Heer des Großkönigs
+zog an der Küste südwärts; nicht ohne bedeutende Verluste gelangte es durch
+die Wüste, welche Asien und Ägypten scheidet, unter die Mauern der
+Grenzfestung Pelusion, welche von 5000 Griechen unter Philophron
+verteidigt wurde; die Thebaner unter Lakrates, voll Begier ihren Waffenruhm
+zu bewähren, griffen sogleich an, wurden zurückgeworfen; nur die
+einbrechende Nacht rettete sie vor schwerem Verlust. Nektanebos durfte
+hoffen, den Kampf zu bestehen; er hatte 30 000 Griechen, ebenso viele
+Libyer, 60 000 Ägypter, dazu zahllose Nilschiffe, dem Feind jeden
+Flußübergang zu wehren, selbst wenn er die Verschanzungen, die am rechten
+Nilufer entlang errichtet waren, genommen hatte.
+
+Der Großkönig teilte seine Macht. Er selbst zog den Nil aufwärts, Memphis
+bedrohend. Die boiotischen Söldner und persisches Fußvolk unter Lakrates
+und dem lydischen Satrapen Roisakes sollten Pelusion berennen; die Söldner
+von Argos unter Nikostratos und 1000 auserwählte Perser unter Aristazanes
+wurden mit 80 Trieren ausgesandt, im Rücken von Pelusion eine Landung zu
+versuchen; eine vierte Abteilung, in ihr Mentors Söldner und die 6000
+Griechen des Bagoas, rückte südwärts von Pelusion auf, die Verbindung mit
+Memphis abzuschneiden. Dem verwegenen Nikostratos gelang die Landung im
+Rücken der feindlichen Linie, er schlug die dort stehenden Ägypter, die
+unter Kleinias von Kos zu deren Unterstützung eilenden griechischen
+Söldner. Nektanebos eilte, seine Truppen rückwärts auf Memphis
+zusammenzuziehen. Nach tapferem Widerstande übergab Philophron Pelusion
+gegen freien Abzug. Mentor und Bagoas wandten sich gegen Bubastis; die
+Aufforderung zur Unterwerfung, die Drohung, bei unnützem Widerstande die
+Züchtigung, die Sidon erlitten, zu wiederholen, brachte den Zwiespalt
+zwischen den Griechen, die bereit waren, ihr Leben daran zu setzen, und den
+feigen Ägyptern zum Ausbruch; die Griechen kämpften weiter; der endlichen
+Einnahme der Stadt -- sie hätte dem Bagoas, dem Liebling des Königs, das
+Leben gekostet, wenn nicht Mentor zu seiner Rettung herbeigeeilt wäre
+-- folgte die Besetzung der noch übrigen Plätze des niederen Landes. Der
+anrückenden Übermacht gegenüber hielt sich Nektanebos nicht mehr in seiner
+Hauptstadt sicher; er rettete sich mit seinen Schätzen stromauf nach
+Äthiopien.
+
+So erlag -- um 344 -- Ägypten Artaxerxes III. Er ließ das Land, das sechzig
+Jahre dem Reiche entfremdet gewesen war, seinen Zorn fühlen. Die Zeiten des
+Kambyses erneuten sich. Es folgten Hinrichtungen in Menge, Plünderungen
+ärgster Art; mit eigener Hand durchbohrte der Großkönig den heiligen Stier
+Apis, befahl, die Tempel ihres Schmuckes, ihres Goldes, selbst ihrer
+heiligen Bücher zu berauben. »Der Dolch« hieß er fortan im Munde des
+Volkes. Nachdem Pherendakes zum Satrapen eingesetzt, die griechischen
+Söldner überreich beschenkt in die Heimat entlassen waren, kehrte der König
+unter unermeßlicher Beute, mit Ruhm bedeckt, nach Susa zurück.
+
+Wie schwer hatten die attischen Redner vor einem Jahrzehnt, als Artaxerxes
+III. erst zu rüsten begann, die Gefahr für Hellas geschildert, wenn Ägypten
+wieder persisch würde. Jetzt hatte man in Athen nur die Sorge um die
+wachsende Macht des makedonischen Königs, der schon die Hand nach Perinth
+und Byzanz ausstreckte. Freilich, Philipp mochte meinen, eilen zu müssen,
+ehe die Persermacht -- denn griechische Söldner, griechische Bundesgenossen
+fand sie so viele, als sie bezahlen wollte -- sich auf Europa stürze; über
+sein Gebiet zuerst hätte sich die Flut der Barbaren ergossen.
+
+Das Perserreich stand so gewaltig da wie in seinen besten Tagen; und daß es
+gelernt hatte, mit griechischen Feldherren, griechischen Söldnern seine
+Kriege zu führen, schien ihm eine neue Überlegenheit zu sichern, solange
+die Griechenwelt blieb, wie sie war, voll vagabunder Kräfte, in zahllose
+Autonomien zerrissen, in jeder Stadt immer wechselnde Parteiherrschaft. Der
+Großkönig hatte das ganze Reich seiner Vorfahren wieder, bis auf das, was
+Dareios und Xerxes jenseits des Hellespontes dem Reich einverleibt hatten,
+Thrakien, Makedonien, Thessalien. In seinem Chiliarchen Bagoas, in dem
+Rhodier Mentor besaß er zwei treffliche Werkzeuge zu weiterem Wirken;
+miteinander in geschworener Gemeinschaft, dienten sie dem Herrn, lenkten
+sie ihn, Bagoas allmächtig am Hofe und in den oberen Satrapien, Mentor mit
+der Küste Kleinasiens betraut, zugleich, wie erscheint, als Karanos, wie
+einst Kyros, an der Spitze der Kriegsmacht Kleinasiens.
+
+Auf Mentors Antrag gewährte der Großkönig die Begnadigung des Artabazos,
+des Memnon und ihrer Familien, die am makedonischen Hofe Zuflucht gefunden
+hatten; sie kehrten zurück. Aus dieser Zeit Mentors ist ein Zug
+überliefert, der bedeutsame Zusammenhänge erschließt. Ein Bithynier,
+Eubulos, seines Zeichens ein Wechsler, hatte, wohl auf dem Wege der
+Tributpachtung, die Stadt Atarneus, das feste Assos, die reiche Küste
+gegenüber Lesbos an sich gebracht, sie seinem getreuen Hermeias vererbt,
+einem dreimal entlaufenen Sklaven, wie man in dem klatschsüchtigen Athen
+sagte; man kannte ihn dort als Schüler Platons, als Freund des Aristoteles;
+nach Platons Tod folgte Aristoteles seiner Einladung nach Atarneus (348/47)
+zu längerem Aufenthalt. Gegen diesen reichen »Tyrannen« wandte sich Mentor,
+lud ihn, um ihm die Wege zur Gnade des Großkönigs zu zeigen, zu einer
+Zusammenkunft ein, ließ ihn dann greifen, schickte ihn nach Susa, wo er ans
+Kreuz geschlagen wurde; er selbst bemächtigte sich seiner Schätze, seines
+Gebietes. Nur seine Nichte und Adoptivtochter rettete sich, flüchtete zu
+Aristoteles; er nahm das verarmte, »aber sittsame und wackere Mädchen« zur
+Frau.
+
+Es war in der Zeit, da Philipp gegen die Thraker zog, Byzanz, Perinth
+bedroht schienen. Demosthenes empfahl damals den Athenern, Gesandte an den
+Großkönig zu schicken, ihm den Zweck der makedonischen Rüstungen
+darzulegen; es sei ja einer der mächtigsten Freunde Philipps und Mitwisser
+aller seiner Pläne bereits aufgegriffen und in des Königs Hand. Den
+Perinthern sandte Arsites, der Satrap Phrygiens am Hellespont, Geld,
+Proviant, Waffen, Soldtruppen unter dem Athener Apollodoros. Aber auf die
+Bitte der attischen Gesandtschaft um persische Subsidien antwortete der
+Großkönig in einem »sehr stolzen und barbarischen Schreiben«. Mochte er die
+Athener nur verachten oder auch ihnen Verderben sinnen, die Dinge in Hellas
+rollten rasch weiter, vollendeten sich in derselben Zeit, da ihn ein jähes
+Ende traf.
+
+Seit der glorreichen Rückkehr aus Ägypten saß er in seiner Hofburg, in
+zügelloser Willkür und Grausamkeit herrschend. Alle fürchteten und haßten
+ihn; der einzige, dem er Vertrauen schenkte, mißbrauchte es. Sein
+Vertrauter Bagoas war ein Ägypter; dem Glauben und Aberglauben seines
+Vaterlandes, zu dessen Untergang er selbst geholfen, ganz ergeben, hatte er
+die Schändung der vaterländischen Heiligtümer und die Ermordung des
+heiligen Apis nicht vergessen; je mehr im Reich und am Hofe die Erbitterung
+gegen den Großkönig wuchs, desto kühner wurden die Pläne seines tückischen
+Günstlings. Der Eunuch gewann den Arzt des Königs, ein Gifttrank machte dem
+Leben des Verhaßten ein Ende; das Reich war in des Eunuchen Hand; um desto
+sicherer seine Stelle zu behaupten, ließ er des Königs jüngsten Sohn Arses
+zum König weihen, die Brüder desselben ermorden; nur einer, Bisthanes,
+rettete sich. Das geschah etwa zu der Zeit der Schlacht von Chaironeia.
+
+Bald empfand Arses den frechen Stolz des Eunuchen; er vergaß ihm nicht den
+Mord seines Vaters und seiner Brüder. Bagoas eilte ihm zuvorzukommen; nach
+kaum zweijähriger Regierung ließ er den König mit seinen Kindern ermorden;
+zum zweiten Male war die Tiara in seinen Händen. Aber das königliche Haus
+war verödet; durch Ochos' Hand waren Artaxerxes' II. Söhne, durch Bagoas
+Ochos' Söhne und Enkel ermordet bis auf jenen Bisthanes, der sich durch die
+Flucht gerettet hatte. Noch lebte ein Sohn jenes Dareios, dem sein Vater
+Artaxerxes II. die Tiara gewährt, die erbetene Gunst versagt hatte, des
+Namens Arbupalos; aber die Augen der Perser wandten sich auf Kodomannos,
+der einer Seitenlinie des Achämenidenhauses angehörte; er war der Sohn des
+Arsames, des Brudersohnes von Artaxerxes II., und der Sisygambis, einer
+Tochter desselben Artaxerxes; in dem Kriege, den Ochos gegen die Kadusier
+geführt, hatte er die Herausforderung ihres riesigen Anführers, da kein
+anderer sich zu stellen wagte, angenommen und ihn bewältigt; damals war ihm
+von den Persern der Preis der Tapferkeit zuerkannt, sein Name von alt und
+jung gefeiert worden, der König Ochos hatte ihn mit Geschenken und
+Lobpreisungen überhäuft, ihm die Satrapie Armenien gegeben. Mochte Bagoas
+jener Stimmung der Perser nachgegeben, oder sich mit der Hoffnung
+geschmeichelt haben, daß Kodomannos für die Tiara, die er durch ihn
+erlangt, ihm ergeben bleiben werde; früh genug sollte er erkennen, wie sehr
+er sich getäuscht hatte. Der König -- Dareios nannte er sich -- haßte den
+Mörder und verachtete seinen Rat; Bagoas beschloß, ihn aus dem Wege zu
+räumen, er mischte ihm Gift in den Becher; Dareios war gewarnt; er rief den
+Eunuchen und hieß ihn, als wäre es ein Zeichen seiner Gunst, den Becher
+trinken. So fand Bagoas eine späte Strafe.
+
+Die Zügel der Herrschaft waren in der Hand eines Königs, wie ihn Persien
+lange nicht gehabt hatte; schön und ernst, wie der Asiate sich gern seinen
+Herrscher denkt, allen huldreich und von allen verehrt, an allen Tugenden
+seiner großen Ahnen reich, und frei von den scheußlichen Lastern, die das
+Leben des Ochos geschändet und zum Verderben des Reichs gemacht hatten,
+schien Dareios berufen, das Reich, das er ohne Schuld und Blut erworben,
+von den Schäden zu heilen, an denen es krankte. Keine Empörung störte den
+Beginn seiner Herrschaft; Ägypten war dem Reiche wiedergegeben, Baktrien,
+Syrien dem Könige treu und gehorsam; von den Küsten Ioniens bis an den
+Indus schien Asien so sicher, wie seit lange nicht, geeint unter dem edlen
+Dareios. Und dieser König sollte der letzte Enkel des Kyros sein, der über
+Asien herrschte, gleich als ob ein unschuldiges Haupt büßen müsse, was
+nicht mehr zu heilen war.
+
+Schon stieg im fernen Westen das Wetter, das Persien vernichten sollte,
+empor. Schon hatten die seeländischen Satrapen Botschaft gesandt, daß der
+makedonische König mit den Staaten von Hellas Frieden und Bündnis
+geschlossen habe, daß er sein Heer rüste, um mit dem nächsten Frühling in
+die Provinzen Kleinasiens einzubrechen. Dareios wünschte auf jede Weise
+diesen Krieg zu vermeiden; er mochte ahnen, wie sein ungeheures Reich, in
+sich zerrüttet und abgestorben, nur eines äußeren Anstoßes bedürfe, um
+zusammenzubrechen. So zögernd, versäumte er die letzte Frist, dem Angriff,
+den er fürchtete, zuvorzukommen.
+
+In derselben Zeit, da er das Königtum übernahm, sandte König Philipp die
+ersten Truppen unter Parmenions und Attalos' Befehl über den Hellespont,
+sich in den griechischen Städten der nächsten Satrapien festzusetzen. Schon
+war an die Genossen des hellenischen Bundes die Weisung erlassen, ihre
+Kontingente nach Makedonien, ihre Trieren zur makedonischen Flotte zu
+senden. Er selbst gedachte demnächst aufzubrechen, um an der Spitze der
+makedonisch-hellenischen Macht das Werk zu beginnen, für das er bisher
+gearbeitet hatte.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Das makedonische Land, Volk, Königtum -- König Philipps II.
+ innere Politik -- Der Adel; der Hof -- Olympias -- Alexanders
+ Jugend -- Zerwürfnis im Königshause. Attalos -- Philipps II.
+ Ermordung
+
+
+Aber war Philipp, waren seine Makedonen Griechen, den Kampf gegen die
+Perser im Sinne des hellenischen Volkes und der hellenischen Geschichte
+übernehmen zu können?
+
+Die Verteidiger der alten partikularistischen Politik und der hellenischen
+»Freiheit« haben es oft bestritten, und ihr großer Wortführer Demosthenes
+geht in seinem patriotischen Eifer so weit, zu versichern, daß Philipp
+weder ein Hellene, noch mit Hellenen verwandt sei, sondern zu den Barbaren
+gehöre, die nicht einmal zu Sklaven brauchbar seien.
+
+Ältere Überlieferungen geben eine andere Auffassung. Äschylos läßt, wie
+schon angeführt ist, den König Pelasgos von Argos sagen, sein Volk,
+Pelasger nach ihm geheißen, wohne bis zu des Strymon klaren Wassern und
+umfasse wie das Bergland Dodona, so das Land am Pindos und die weiten Gaue
+Päoniens. Also dem alten Marathonkämpfer gelten die Völkerschaften, die das
+Flußgebiet des Haliakmon und des Axios bewohnen, für gleichen Stammes mit
+der alten Bevölkerung der Lande vom Olympos bis zum Tänaron, mit der im
+Westen des Pindos. Der hohe Pindos, der Thessalien vom Bergland Dodona und
+von Epiros scheidet, bildet in seinen nördlichen Fortsetzungen bis zum
+Schar-Dagh, dem alten Skardos, die Scheidung zwischen Makedonien und
+Illyrien; dann wendet sich das Gebirge nach Osten zu den Quellen des
+Strymon und weiter südostwärts auf dessen linker Seite als Orbelos zur
+Küste hinab, die natürliche Grenze des makedonisch-paionischen Gebietes
+auch gegen die thrakischen Völker im Osten und Norden vollendend. In dem so
+umschlossenen Gebiet durchbrechen der Haliakmon, der Axios mit seinen
+Nebenflüssen, der Strymon eine zweite, eine dritte Gebirgsreihe, die, dem
+Pindos-Skardos-Orbelos gleichsam konzentrisch, die innerste Küstenebene,
+die von Pella und Thessalonike am Thermaischen Busen, umschließt; und der
+Doppelkranz von Talkesseln, durch welche die drei Ströme hindurchbrechen
+und, wenigstens der Axios und Haliakmon, in dieser Küstenebene einander
+nahe das Meer erreichen, macht die Bevölkerung dieser Lande wie von Natur
+in kantonale Stämme zerfallen, und die Ebene der Küste zu deren gemeinsamer
+Mitte und Malstatt.
+
+Nach den Erzählungen Herodots ist das Volk, das später den Namen Dorier
+geführt, aus Thessalien gedrängt, an den Pindos in das Tal des Haliakmon
+gezogen und hat dort den Namen Makedonen geführt. Andere Sagen lassen
+Argeas, den Stammvater der Makedonen, von Argos in die Orestis, am
+Quellgebiet des Haliakmon, ausziehen, und erklären damit den Namen
+Argeaden, mit dem das Königshaus wohl genannt wird. Nach anderer
+Überlieferung, die dann die landesübliche wurde, waren drei Brüder,
+Herakliden aus dem Fürstengeschlecht von Argos, das vom Temenos abstammt,
+nach Norden zu den Illyriern, dann weiter in das obere Land Makedoniens
+gekommen, hatten sich dann in Edessa festgesetzt, an den mächtigen
+Kaskaden, mit denen die Wasser in die weite, fruchtreiche Küstenlandschaft
+treten. Hier in Edessa, das auch Aigai genannt wird, habe Perdikkas, der
+jüngste der drei Brüder, das Königtum begründet, das dann in allmählichem
+Wachstum die nächstgelegenen Landschaften Emathia, Mygdonia, Bottiäa,
+Pieria, Amphaxitis in dem Namen der Makedonen vereinigte.
+
+Sie gehörten zu denselben pelasgischen Stämmen, die einst alles hellenische
+Land innegehabt hatten, und von denen auch andere später den Hellenen,
+hinter deren Entwicklung sie zurückgeblieben, als Barbaren oder
+Halbbarbaren erschienen. Die Religion, die Sitte der Makedonen bezeugt
+diese Gemeinschaft; mögen an den Grenzen Vermischungen mit illyrischen,
+mit thrakischen Stämmen stattgefunden haben, die makedonische Sprache
+erweist sich als den älteren Dialekten der hellenischen nahestehend.
+
+Bis in die späte Zeit ist in der makedonischen Kriegsverfassung der Name
+der Hetairen in Übung geblieben. War derselbe, wie wohl nicht zu zweifeln,
+mit der Gründung des Königtums in das Land gekommen, so hatten die
+makedonischen Herakliden das gleiche Los mit ihren Vorfahren in dem
+Peloponnes, in ein fremdes Land eingewandert, ihre Macht und ihr Recht auf
+die Unterwerfung der dort Altheimischen gründen zu müssen; nur daß hier
+mehr als in anderen dorischen Landen das Alte mit dem Neuen sich mischte
+und zu einem Ganzen verschmolz, welches die Frische, aber auch die rohe
+Derbheit der Väter, man möchte sagen die Heroenzeit in ihrer unpoetischen
+Gestalt, bewahrte. Es gab da Sitten höchst altfränkischer Art; wer noch
+keinen Feind getötet, mußte den Halfter umgegürtet tragen; wer noch keinen
+Eber im freien Anlauf erlegt hatte, durfte beim Gastmahl nicht liegen,
+mußte sitzen; bei der Leichenfeier hatte des Verstorbenen Tochter den
+Scheiterhaufen, auf dem der Leichnam verbrannt war, auszulöschen; es wird
+berichtet, daß die Trophäen des ersten Sieges, den Perdikkas über die
+einheimischen Stämme davontrug, durch den Willen der Götter über Nacht von
+einem Löwen umgerissen wurden, zum Zeichen, daß man nicht Feinde besiegt,
+sondern Freunde gewonnen habe, und seitdem sei es makedonische Sitte
+geblieben, über besiegte Feinde, ob Hellenen oder Barbaren, keine Trophäen
+zu errichten; weder Philipp nach dem Tage von Chaironeia, noch Alexander
+nach den Siegen über die Perser, die Inder, habe es getan.
+
+In den Jahren dieser Siege schreibt Aristoteles: in den hellenischen Landen
+habe sich das Königtum nur in Sparta, bei den Molossern und in Makedonien
+erhalten; bei den Spartanern und Molossern, weil es in seiner
+Machtvollkommenheit so beschränkt worden sei, daß die Könige nicht mehr
+beneidet würden. Während allerorten sonst das Königtum, das sich in dem
+niederen Volk eine Stütze zu gewinnen versäumt hatte, dem Emporkommen des
+Herrenstandes erlegen war, während gegen diesen Herrenstand selbst das
+niedere Volk, lange von allem Anteil an der Leitung des öffentlichen Lebens
+ausgeschlossen und in Druck gehalten, sich endlich aufgelehnt, die edlen
+Geschlechter ihrer Vorrechte beraubt und sie in das gleiche Recht des
+demokratischen Gemeinwesens herabgezogen hatte, war Makedonien in seiner
+altertümlichen Königsherrschaft geblieben, da hier die Elemente der Reibung
+und des Hasses in dem Verhältnis der Stände nicht zur Ausbildung kamen; »an
+Reichtum und Ehre über alle hervorragend«, sagt Aristoteles, blieb hier das
+alte Königtum.
+
+Es gab hier Gefahren anderer Art. Das Königtum gehörte dem königlichen
+Geschlecht; aber die Erbfolge in demselben war nicht so fest normiert, daß
+sie jeden Zweifel und Hader im voraus ausgeschlossen hätte. Je freier hier
+die königliche Gewalt blieb, um so mehr forderte sie von dem, der sie
+innehatte, persönliche Tüchtigkeit und Leistung; und nur zu oft geschah es,
+daß Unmündige, Unfähige, Lässige dem tüchtigeren Bruder oder Vetter weichen
+mußten. So hat nach Alexandros' I. Tod dessen jüngerer Sohn Perdikkas II.
+nicht geruht, bis er seine älteren Brüder Amyntas, Philippos, Alketas zur
+Seite geschoben hatte; so hat Perdikkas' Sohn Archelaos, der in
+unrechtmäßiger Ehe geboren war, den rechtmäßigen Erben verdrängt und, ehe
+er heranwuchs, ermordet. In anderen Fällen gab die Vormundschaft, die
+geordnete Form der Prostasie die Handhabe zur Usurpation.
+
+Dazu noch ein anderes. Mehrere Beispiele zeigen, daß jüngeren Söhnen des
+Königs, auch wohl Fremden, Teile des Landes zu erblichem Besitz abgetreten
+wurden, gewiß unter der Oberhoheit des Königs, aber doch mit so fürstlicher
+Befugnis, daß sie auch zu Waffendienst aufbieten und eigene Truppen halten
+durften. So hatte der jüngere Bruder des ersten Alexandros, Arrhidaios, das
+Fürstentum Elymiotis im oberen Lande erhalten, und es blieb in dessen
+Geschlecht; so des Perdikkas Bruder Philippos ein Gebiet am oberen Axios.
+Das Königtum konnte nicht erstarken, wenn es diese Fürstenlinien nicht zur
+Gefolgschaft zu halten vermochte, zumal solange die Paionen, die Agrianer,
+die Lynkestier, andere Grenzgebiete unter selbständigen Fürsten ihnen
+Rückhalt gaben. Zuerst Alexandros I., in der Zeit der Perserkriege, scheint
+die Lynkestier, die Paionen, die Oresten, die Tymphaier zur Anerkennung der
+makedonischen Oberhoheit gezwungen zu haben; aber die Fürsten dort
+behielten ihren Fürstenstand und damit ihre fürstlichen Güter.
+
+Von der Verfassung und Verwaltung Makedoniens[1] ist zu wenig überliefert,
+als daß man sagen könnte, wie weit sich des Königs Macht erstreckt habe.
+Wenn König Archelaos im letzten Jahrzehnt des Peloponnesischen Krieges eine
+Fülle neuer Einrichtungen schaffen, wenn Philipp II. das Münzwesen seines
+Landes, das bis dahin höchst ungleichartig gewesen war, neugestalten, wenn
+er ein völlig neues Heerwesen schaffen konnte, so muß das Königtum eine
+sehr weitgehende Befugnis regelnder Verordnung gehabt haben. Aber gewiß
+bestimmte, was Recht sei, die Gewohnheit und das Herkommen, ergänzte den
+Mangel der Verfassung. Man wird wohl sagen dürfen, daß das Königtum ebenso
+weit von asiatischer Despotie, wie das Volk von Leibeigenschaft und
+sklavischer Unterwürfigkeit entfernt war; »die Makedonen sind freie
+Männer«, sagt ein alter Schriftsteller, nicht Penesten, wie die Masse des
+Volkes in Thessalien, nicht Heloten, wie im spartanischen Lande, sondern
+ein Bauernvolk, gewiß nicht ohne freien und erblichen Besitz, gewiß nicht
+ohne Gemeindeverfassung mit Ortsversammlung und Ortsgericht, alle zu den
+Waffen pflichtig, wenn der König das Land aufruft. Noch in später Zeit gilt
+das Heer als versammeltes Volk, wird zur Volksversammlung berufen zu
+Beratung und Gericht.
+
+ [1] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+In diesem Heere tritt deutlich ein zahlreicher Adel hervor unter dem Namen
+der »Hetairen«, der Kriegsgesellen, wie ihn schon die homerischen Gesänge
+kennen. Diesen Adel wird man kaum als Herrenstand bezeichnen dürfen; was
+ihn auszeichnete, war wohl nur größeres Besitztum, die Erinnerung edler
+Abstammung, nähere Beziehung zur Person des Königs, der treue Dienste mit
+Ehren und Geschenken belohnte. Selbst die Familien von fürstlichem Adel,
+die früher in den oberen Landschaften selbständige Herrschaft gehabt und,
+nachdem sie von dem mächtigeren Königtum Makedoniens abhängig geworden,
+doch den Besitz ihres Territoriums behalten hatten, traten wohl mit ihrem
+Volk in die Verhältnisse ein, welche für das Königsland galten. Größere
+Städte in hellenischem Sinne gab es in diesem Bauern- und Adelslande nicht;
+die an der Küste liegenden waren hellenische Kolonien, selbständige
+Gemeinwesen, im bewußten Gegensatz gegen das Binnenland.
+
+Gegen die Zeit der Perserkriege, namentlich unter dem ersten Alexandros,
+»dem Philhellenen«, wie Pindar ihn nennt, begannen lebhaftere Beziehungen
+Makedoniens zum Griechentum. Schon dessen Vater hatte dem aus Athen
+geflüchteten Hippias, Peisistratos' Sohn, Zuflucht und Besitz in seinem
+Lande angeboten. Alexandros selbst, der dem Heere der Perser nach Hellas
+folgen mußte, tat, was er konnte -- man erinnere sich der Schlacht bei
+Platää --, den Hellenen hilfreich zu sein; ihm wurde auf Grund seiner
+nachgewiesenen Abstammung von den Temeniden von Argos die Zulassung zu den
+olympischen Wettkämpfen gewährt, als Anerkennung, daß er Hellene sei.
+
+Wie er, so waren seine nächsten Nachfolger, mit mehr oder minder Geschick
+und Kraft darauf gewandt, ihr Land in unmittelbaren Zusammenhang mit dem
+Verkehr, dem politischen Leben und der Bildung der Hellenen zu bringen. Die
+Nähe der reichen und handelskundigen Kolonien in Chalkidike, die durch sie
+veranlaßten vielfachen Berührungen mit den Hauptmächten von Hellas, die um
+deren Besitz kämpften und den Einfluß Makedoniens suchten oder fürchteten,
+die fast ununterbrochenen Kämpfe in Hellas selbst, welche manchen berühmten
+Namen die Heimat zu meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre
+zu suchen veranlaßten, das alles begünstigte die Fortschritte Makedoniens.
+
+Vor allem wichtig und erfolgreich war die Zeit des Königs Archelaos;
+während das übrige Hellas von dem Peloponnesischen Kriege verwirrt und
+zerrissen wurde, schritt unter seiner umsichtigen Leitung Makedonien rasch
+vorwärts; er baute feste Plätze, deren bisher das Land entbehrt hatte; er
+legte Straßen an; er entwickelte die begonnene Ordnung des Heerwesens; »er
+tat in allem«, sagt Thukydides, »mehr für Makedonien als die acht Könige
+vor ihm«. Er stiftete Festspiele nach Art der hellenischen, die bei Dion,
+unfern dem Grabe des Orpheus, dem olympischen Zeus und den Musen gefeiert
+wurden, gymnische und musische. Sein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und
+Künstlern aller Art und der Vereinigungspunkt des makedonischen Adels,
+wurde das Vorbild für das Volk und dessen fortschreitende Entwicklung;
+Archelaos selbst galt den Zeitgenossen für den reichsten und glücklichsten
+Menschen der Welt.
+
+Nach ihm begann schwerer als zuvor innerer Hader, vielleicht von einer
+Reaktion gegen die Neuerungen der sich sammelnden Königsmacht veranlaßt
+oder geschürt, gerichtet zugleich gegen die neue Bildung und Sitte, für die
+das Königtum eingetreten war; Tendenzen, die der Lage der Sache nach in den
+Fürstengeschlechtern und einem Teil der Hetairen ihre Träger fanden und von
+der Politik der leitenden Staaten in Hellas bestens gefördert wurden,
+während die Masse des Volkes, so scheint es, dabei gleichgültig blieb.
+
+Schon gegen König Archelaos hatte sich der Lynkestierfürst Arrhabaios in
+Verbindung mit dem elymiotischen Sirrhas in Waffen erhoben, vielleicht
+unter dem Vorwand, die Beseitigung des echten Erbfolgers zu rächen,
+vielleicht für Amyntas, des Arrhidaios Sohn, Enkel des Amyntas, den
+Perdikkas zur Seite geschoben hatte, den Nächstberechtigten aus dem
+königlichen Hause. Archelaos hatte den Frieden damit erkauft, daß er seine
+Töchter, die ältere dem Sirrhas von Elymiotis, die jüngere dem Amyntas
+vermählte. Dann wurde er, wie es heißt, durch Zufall auf der Jagd getötet.
+Ihm folgte sein unmündiger Sohn Orestes unter Vormundschaft des Äropos,
+aber der Vormund ermordete ihn, wurde selbst König. Äropos ist gewiß der
+Sohn jenes Arrhabaios, aus dem bakchiadischen Fürstengeschlecht der
+Lynkestis an der Grenze der Illyrier, mit deren Hilfe seine Vorfahren so
+oft gegen die Könige von Makedonien gekämpft hatten; was Äropos, seine
+Söhne und Enkel in den folgenden sechzig Jahren getan, bezeichnet sie als
+die steten Gegner der neuen monarchischen Tendenzen des Königshauses, als
+Vertreter des althergebrachten loseren Zustandes. Immer neue Empörungen und
+Thronwechsel, die folgen, sind der Beweis für das Ringen des
+Königsgeschlechtes und der partikularistischen Richtungen.
+
+Äropos verstand das Königtum zu behaupten; aber als er 392 starb,
+bemächtigte sich Amyntas der Kleine der Gewalt; ihn ermordete Derdas 391,
+und des Äropos Sohn Pausanias wurde König. Wieder diesen verdrängte jener
+Amyntas, des Arrhidaios Sohn (390-369); die älteste Linie des Königshauses
+trat mit ihm wieder in ihr Recht.
+
+Die Jahre seiner Regierung sind voller Wirren, die das zerrüttete
+Makedonien zur leichten Beute jedes Überfalles zu machen schienen.
+Vielleicht von den Lynkestiern herbeigerufen, brachen die Illyrier
+verheerend in das Land, besiegten des Königs Heer, zwangen ihn selbst zur
+Flucht über die Grenzen. Zwei Jahre lang hatte Argaios das Königtum inne,
+ob aus dem Königshause, ob ein Bruder des Pausanias, ob ein Lynkestier, muß
+dahingestellt bleiben. Aber mit thessalischer Hilfe kam Amyntas zurück,
+gewann das Königtum wieder, freilich in elendem Zustande; die Städte, die
+Landschaften an der Küste waren in der Gewalt der Olynthier, selbst Pella
+schloß dem Könige die Tore. Daß er sich mit Eurydike vermählte, die beiden
+Fürstenhäusern, dem von Elymais und von Lynkestis, angehörte, mag geschehen
+sein, um endlich Versöhnung zu schaffen.
+
+Es folgten die Wirkungen des Antalkidischen Friedens, der Zug der Spartaner
+gegen Olynthos; Amyntas schloß sich dem Zuge an, auch Derdas, der Fürst der
+Elymiotis, folgte mit 400 Reitern. Aber man kam nicht so bald zum Ziel;
+Derdas wurde gefangen. Und nachdem endlich (380) Olynth gebrochen war,
+erhob sich Theben, es folgten Spartas Niederlagen bei Naxos, bei Leuktra;
+Olynth erneuerte den Chalkidischen Bund; Jason von Pherai vereinte die
+Macht Thessaliens, nötigte wie Alketas von Epiros, so Amyntas III. in
+seinen Bund zu treten; an der Schwelle großer Erfolge wurde er ermordet
+(370). Der schwache Amyntas hätte sich seiner Oberhoheit nicht zu erwehren
+vermocht. Er starb wenig später: ihm folgte der älteste seiner drei Söhne,
+Alexandros II.; von seiner Mutter, der Elymiotin, kam ihm ein rasches
+Verderben. Sie hatte schon lange geheime Buhlschaft mit Ptolemaios, aus
+unbekanntem Geschlecht, dem Mann ihrer Tochter, gehabt; sie veranlaßte ihn,
+während Alexandros, von den Thessaliern zu Hilfe gerufen, glücklich
+kämpfte, die Waffen gegen ihn zu erheben; er behauptete gegen den
+Heimeilenden das Feld; dann eilte Theben, sich einzumischen, es galt
+Makedonien zu lähmen, bevor es weitere Erfolge in Thessalien gewann;
+Pelopidas stiftete einen Vergleich, nach dem Alexandros dreißig Edelknaben
+als Geiseln stellte, Ptolemaios, so scheint es, ein Teilfürstentum mit der
+Stadt Aloros -- nach dieser wird er genannt -- erhielt. Ein Vergleich, der
+nur gemacht schien, den König sicherer zu verderben; während eines
+festlichen Tanzes wurde er ermordet: dem Mörder gab die Mutter ihre Hand
+und, unter dem Namen der Vormundschaft für ihre jüngeren Söhne Perdikkas
+und Philippos, das Königtum (368-365). Gegen ihn erhob sich, von vielen
+Makedonen gerufen, von der Chalkidike kommend, Pausanias -- er heißt »aus
+dem Königshause«; von welcher Linie desselben er stammt, ist nicht mehr zu
+erkennen. Er machte rasche Fortschritte; Eurydike flüchtete mit ihren
+beiden Kindern zu Iphikrates, der mit attischer Macht in der Nähe war; er
+schlug den Aufstand nieder. Aber fester stand darum Ptolemaios nicht; die
+Ermordung Alexanders war ein Bruch des Vertrages mit Theben; an Pelopidas,
+der mit einem Heere in Theben stand, wandten sich die Freunde des
+Ermordeten; er kam mit einem rasch geworbenen Heere; aber des Ptolemaios
+Gold zerrüttete es; Pelopidas begnügte sich, einen neuen Vertrag mit ihm zu
+schließen; als Pfand seiner Treue stellte Ptolemaios 50 Hetairen und seinen
+Sohn Philoxenos; vielleicht war es bei diesem Anlaß, daß auch Philippos
+nach Theben kam.
+
+Aber Perdikkas III., sowie er herangewachsen war, rächte den Mord seines
+Vaters mit dem Morde des Usurpators. Sich dem Einflusse Thebens zu
+entziehen, hielt er sich zu Athen, kämpfte an Timotheos' Seite mit Ruhm
+gegen die Olynthier. Dann aber brachen, vielleicht von den Lynkestiern
+aufgerufen, die Illyrier über die Grenze herein; er kämpfte anfangs
+glücklich gegen sie, dann in einer großen Schlacht fand er und 4000 Mann
+den Tod; das Land wurde weithin von den Illyriern verwüstet, die Paionen
+brachen von Norden ins Land.
+
+Unter solchen Umständen übernahm Philippos das Regiment 359, zunächst für
+des Perdikkas unmündigen Sohn Amyntas. Er war schon -- wohl seit des
+Ptolemaios Ende -- im Lande; nach einem Vergleich, zu dem Platon dem
+Perdikkas geraten haben soll, war ihm ein Teilfürstentum zugewiesen worden;
+die Truppen, die er dort hielt, gaben ihm einen ersten Anhalt. Die Gefahr
+war groß; die Illyrier, die Paionen standen im Lande, es kamen die älteren
+Prätendenten Argaios, Pausanias, von Athen, von den Thrakerfürsten
+unterstützt; drei Bastardsöhne seines Vaters forderten das Königtum. Von
+dem bereiten Willen des Landes gestützt, überstand Philipp die erste Not;
+mit Vorsicht, Gewandtheit, Entschlossenheit rettete er das Reich vor den
+Illyriern, Thrakern, Paionen, das Königtum vor den Prätendenten, das
+königliche Haus vor neuen Intrigen und Verwirrungen. Und als die Athener,
+die die Torheit gehabt hatten, der gemeinsamen Sache wider ihn für seine
+Anerkennung ihres Anspruchs auf Amphipolis den Rücken zu kehren, über seine
+Erfolge in Sorge gerieten und mit »Grabos dem Illyrier, Lyppeios dem
+Paionen und Ketriporis dem Thraker und seinen Brüdern« ein Schutz- und
+Trutzbündnis schlossen, damit Barbareneinbrüche von drei Seiten zugleich
+die Macht Makedoniens brächen, ehe sie völlig gesammelt wurde und
+erstarkte, da war Philipp -- schon hatte er Amphipolis genommen und die
+Bürgerschaft gewonnen -- rasch an den Grenzen, und die Barbaren, die noch
+lange nicht zum Werk fertig waren, mußten eilen, sich zu unterwerfen.
+
+Um 356 waren die Grenzen gegen die Barbaren bis auf weiteres gesichert. In
+kurzem schwanden die Parteien am Hofe; von der der Lynkestier waren
+Ptolemaios und Eurydike tot; einer von den Söhnen des Äropos, Alexandros,
+wurde später durch Vermählung mit des treuen Antipatros Tochter, die beiden
+anderen, Heromenes und Arrhabaios, durch andere Gnaden gewonnen,
+Arrhabaios' Söhne Neoptolemos und Amyntas am Hofe erzogen. Die beiden
+Prätendenten Argaios und Pausanias verschwinden in der geschichtlichen
+Überlieferung. Den rechtmäßigen Thronerben endlich, des Perdikkas Sohn
+Amyntas, in dessen Namen Philipp im Anfange die Regierung geführt hatte,
+knüpfte er, als er erwachsen war, durch die Vermählung seiner Tochter Kynna
+an sein Interesse.
+
+So war Makedonien in der Hand eines Fürsten, der mit Planmäßigkeit und
+Gewandtheit die Kräfte seines Reiches zu entwickeln, zu benutzen und bis zu
+dem Grade zu erhöhen verstand, daß sie dem großen Gedanken, an der Spitze
+des Griechentums gegen die Persermacht in die Schranken zu treten,
+schließlich gewachsen waren. In den geschichtlichen Überlieferungen, wie
+sie uns vorliegen, sind über die staunenswürdigen Erfolge des Königs die
+Machtelemente, durch welche sie errungen wurden, vergessen; und während sie
+die Hand, die einen Staat Griechenlands nach dem anderen zu sich
+herüberzog, in jedem einzelnen ihrer schlauen Griffe beobachten, lassen sie
+uns über den Körper, dem diese Hand angehört, und dem sie ihre Kraft und
+Sicherheit dankt, fast völlig im Dunkeln; das verführerische Gold, das sie
+dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spenden lassen, erscheint fast
+als das einzige oder doch wesentliche Mittel, mit dem Philipp gewirkt.
+
+Faßt man das innere Leben seines Staates näher ins Auge, so treten deutlich
+zwei Momente hervor, die, schon früher angeregt, aber durch Philipp erst zu
+ihrer ganzen Bedeutung entwickelt, die Basis seiner Macht wurden.
+
+»Mein Vater«, sagt Alexander bei Arrian zu den meuternden Makedonen in Opis
+324, »übernahm euch, als er König wurde, umherziehend, mittellos, die
+meisten in Felle gekleidet, auf den Bergen Schafe weidend und elend genug
+zu deren Schutz gegen die Illyrier, Thraker und Triballer kämpfend; er hat
+euch die Chlamys der Soldaten gegeben, euch in die Ebene hinabgeführt, euch
+gelehrt, den benachbarten Barbaren im Kampf gewachsen zu sein.« Gewiß war
+früher schon, wenn es Krieg gab, jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach
+Beendigung des Krieges wieder zu seinem Pflug oder zu seiner Herde
+zurückzukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung übernahm,
+die Kämpfe, mit denen er namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung
+sein von allen Seiten bedrohtes Land zu schützen hatte, gaben Veranlassung,
+das, was schon König Archelaos begonnen, vielleicht die dann folgenden
+inneren Wirren wieder zerrüttet hatten, wiederaufzunehmen und weiter zu
+entwickeln. Auf Grund jener Kriegspflicht schuf er ein Nationalheer, das,
+fort und fort gesteigert, schließlich wohl 40 000 Mann zählte.
+
+Er verstand nicht bloß, es zu formieren, sondern ihm Zucht und militärische
+Tüchtigkeit zu geben. Es wird berichtet, daß er den unnützen Troß, die
+Bagagewagen des Fußvolkes abschaffte, den Reitern nur je einen Pferdeknecht
+gestattete, daß er oft, auch in der Sommerhitze, marschieren, oft Märsche
+von 6-7 Meilen, mit vollem Gepäck und Proviant für mehrere Tage, machen
+ließ. So strenge war die Zucht des Heeres, daß in dem Kriege von 338 zwei
+hohe Offiziere, die sich eine Lautenschlägerin mit ins Lager gebracht
+hatten, verabschiedet wurden. Mit dem Dienst selbst entwickelte sich die
+feste Ordnung von Befehlenden und Gehorchenden und eine Stufenfolge des
+Ranges, in der nur Verdienst und anerkannte Tüchtigkeit steigen ließ.
+
+Die Erfolge dieser Militärverfassung zeigten sich bald. Sie bewirkte, daß
+sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als ein Ganzes, die
+Makedonen als _ein_ Volk fühlen lernten; sie machten es möglich, daß die
+neugewonnenen Gebiete mit dem alten Makedonien zusammenwuchsen. Vor allem,
+sie gab in dieser Einheit und in dem militärischen Typus, der fortan
+vorherrschend wurde, dem makedonischen Volk das Selbstgefühl kriegerischer
+Tüchtigkeit und die ethische Kraft fester Ordnung und Unterordnung, deren
+Spitze der König selbst war. Und wieder bot ihm für seine Zwecke das
+Bauernvolk seines Landes ein fügsames und derbes Material, der Adel der
+Hetairen die Elemente zu einem Offizierstande voll Ehrgefühl und Wetteifer
+sich auszuzeichnen. Ein Heer dieser Art mußte den Söldnerhaufen oder gar
+dem herkömmlichen Bürgeraufgebot der hellenischen Staaten, ein Volkstum
+von dieser Derbheit und Frische dem überbildeten, in Demokratie und
+städtischem Leben überreizten oder abgestumpften Griechentum überlegen
+sein. Die Gunst des Schicksals hatte diesem makedonischen Lande die alte
+Kraft und Art erhalten, bis es demselben zuteil wurde, sie in großen
+Aufgaben zu bewähren; sie hatte hier in dem Kampf des Königtums mit dem
+Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenstande,
+sondern dem Königtum den Sieg gegeben. Und dieses Königtum eines freien und
+kräftigen Bauernvolkes, diese militärische Monarchie gab jetzt diesem Volke
+die Form, die Kraft und Richtung, welche auch die Demokraten in Hellas wohl
+als wesentlich erkannt, aber festzuhalten und zu dauernden Organisationen
+zu entwickeln nicht vermocht hatten.
+
+Dagegen mußte die Bildung, das eigenste Ergebnis des hellenischen Lebens,
+ganz und völlig dem makedonischen Volksleben gegeben, so das schon von
+früheren Fürsten Begonnene fortgesetzt werden. Das Vorbild des Königs und
+seines Hofes war hier von der größten Wichtigkeit, und der Adel des Landes
+trat bald in die ebenso natürliche wie wirksame Stellung, den gebildeten
+Teil der Nation auszumachen; ein Unterschied, der sich in solcher Art in
+keinem der griechischen Hauptstaaten zu entwickeln vermocht hatte, da die
+Spartaner alle roh und den Heloten und Perioiken ihres Landes gegenüber nur
+Herren waren, die freien Athener aber sich wenigstens selbst ohne Ausnahme
+für höchst gebildet hielten, während andererorts freilich mit der
+Demokratie der Herrenstand aufgehört hatte, aber um mit dem Unterschiede
+von reich und arm das Niveau des geistigen Lebens desto sicherer sinken zu
+machen.
+
+Philipp hatte in den Tagen des Epaminondas in Theben gelebt; ein Schüler
+des Platon, Euphraios von Oreos, hatte früh auf sein Schicksal Einfluß
+gehabt; ihn selbst nennt Isokrates einen Freund der Literatur und der
+Bildung; daß er Aristoteles zum Lehrer seines Sohnes berief, bezeugt es. Er
+sorgte, so scheint es, durch Einrichtung von Lehrvorträgen aller Art, die
+zunächst für die Edelknaben in seiner Umgebung bestimmt waren, für die
+Bildung des jungen Adels, den er so viel als möglich an den Hof zu ziehen,
+an seine Person zu fesseln und für den unmittelbaren Dienst des Königtums
+vorzuüben suchte. Als Edelknaben und bei reiferer Jugend in den Scharen der
+Hetairen als Leibwächter (Somatophylakes) des Königs, als Kommandierende
+bei den verschiedenen Abteilungen des Heeres, in Gesandtschaften an
+hellenische Staaten, wie sie so häufig vorkamen, hatte der Adel Gelegenheit
+genug, sich auszuzeichnen oder den Lohn für geleistete Dienste zu
+empfangen; überall aber bedurfte er jener Bildung und attischen Sitte, wie
+sie der König wünschte und selbst besaß. Sein eifrigster Gegner mußte
+gestehen, daß Athen kaum einen an feiner Geselligkeit ihm Ähnlichen
+aufzuweisen habe; und wenn es an seinem Hofe für gewöhnlich nach der derben
+makedonischen Art mit Gelagen und Lärm und Trunkenheit herging,
+»zentaurenhaft, lästrygonenhaft«, wie Theopomp sagt, so waren die Hoffeste,
+der Empfang fremder Gesandtschaften, die Feier der großen Spiele desto
+glänzender nach hellenischer Art und Geschmack, alles prächtig und
+großartig, nichts kleinlich und karg. Die Domänen des Königshauses, die
+Grundsteuern des Landes, die Zölle der Häfen, die Bergwerke am Pangaion,
+die jährlich an 1000 Talent Ertrag gaben, vor allem die Ordnung und
+Wirtschaftlichkeit der Verwaltung, die Philipp durchgeführt, machten sein
+Königtum so überlegen, wie es in der hellenischen Welt nur einmal
+vorgekommen war, in der perikleischen Zeit Athens.
+
+Selbst attischen Gesandten konnte der Hof von Pella mit seiner Opulenz,
+seinem militärischen Glanz, dem Adel, der dort versammelt war, wohl
+imponieren. Mehrere dieser edlen Geschlechter, wie schon bemerkt, waren
+fürstlichen Ursprungs; so das Bakchiadengeschlecht von Lynkestis; so das
+Geschlecht des Polysperchon, fürstlich im tymphaiischen Lande; so das des
+Orontes, dem die Landschaft Orestis gehört zu haben scheint; des Orontes
+älterer Sohn Perdikkas erhielt die Führung der Phalanx von Orestis,
+derselben, wie es scheint, welche, als er selbst Hipparch wurde, an seinen
+Bruder Alketas überging. Das bedeutendste unter diesen fürstlichen
+Geschlechtern, eine Seitenlinie des Königshauses, war das von Elymiotis,
+entstammt von dem oben erwähnten Fürsten Derdas aus der Zeit des
+Peloponnesischen Krieges; um das Jahr 380 hatte ein zweiter Derdas den
+Besitz des Landes und war damals, mit Amyntas von Makedonien und den
+Spartanern verbündet, gegen Olynth gezogen; später wird er als von den
+Olynthiern gefangen erwähnt. Wenn Philippos dessen Schwester Phila zur
+Gemahlin genommen hat, so wird er damit ihn fester an sich zu ketten oder
+ein Zerwürfnis auszugleichen bezweckt haben. Des Derdas Brüder, Machatas
+und Harpalos werden in des Königs Umgebung erwähnt. Aber es blieben
+zwischen Philipp und dieser Familie Spannungen, die nicht immer geschickt
+genug verhehlt wurden, und die der König vielleicht absichtlich nährte, um
+durch zweifelhafte Gunst sie etwas fern und in Besorgnis zu halten; kaum
+konnte Machatas in einer Rechtssache, in welcher der König zu Gericht saß,
+einen gerechten Spruch erlangen, und Philipp unterließ nicht, eine
+Unrechtlichkeit, die ein Verwandter des Hauses sich zuschulden kommen
+lassen, zur öffentlichen Kränkung der Familie zu benutzen; die Bitten, die
+des Machatas Bruder für ihn einlegte, wurden nicht ohne Schärfe
+zurückgewiesen.
+
+Von den zahlreichen edlen Geschlechtern, die an dem Hofe von Pella
+versammelt waren, verdienen zwei wegen ihrer besonderen Wichtigkeit
+Erwähnung, das des Jollas und des Philotas. Philotas' Sohn war jener treue
+und besonnene Feldherr Parmenion, dem Philipp wiederholt die Führung der
+wichtigsten Expeditionen anvertraute; ihm dankte er den Sieg über die
+Dardaner 356, durch ihn ließ er 343 Euboia besetzen; Parmenions Brüder
+Asandros und Agathon, noch mehr seine Söhne Philotas, Nikanor und Hektor
+nahmen später bedeutenden Anteil an dem Ruhme des Vaters; seine Töchter
+verbanden sich mit den vornehmsten Söhnen des Landes: die eine mit Koinos,
+dem Phalangenführer, die andere mit Attalos, dem Oheim einer späteren
+Gemahlin des Königs. In nicht minder einflußreicher und ehrenvoller
+Stellung war des Jollas Sohn Antipatros oder, wie ihn die Makedonen
+nannten, Antipas; das bezeichnet des Königs Wort: »Ich habe ruhig
+geschlafen, denn Antipas wachte«; seine erprobte Treue und die nüchterne
+Klarheit, mit der er militärische wie politische Verhältnisse auffaßte,
+machten ihn für das hohe Amt eines Reichsverwesers, das er bald genug
+einnehmen sollte, vollkommen geeignet; die Vermählung mit seiner Tochter
+schien das sicherste Mittel, die hohe Familie der Lynkestier zu gewinnen;
+seine Söhne Kassandros, Archias und Jollas erhielten erst später Bedeutung.
+
+So der Hof, so die Nation, wie sie durch Philipp gestaltet waren; man darf
+hinzufügen, daß das monarchische Element in dem makedonischen Staatsleben
+ebenso durch die geschichtliche Stellung dieses Staates, wie durch die
+Persönlichkeit Philipps ein entschiedenes Übergewicht erhalten mußte. Erst
+in dem Ganzen dieses Zusammenhanges ist des Königs Charakter und
+Handlungsweise begreiflich. In dem Mittelpunkte von Widersprüchen und
+Gegensätzen der eigentümlichsten Art, Grieche im Verhältnis zu seinem
+Volke, Makedone für die Griechen, war er jenen um die hellenische List und
+Hinterlist, diesen um die makedonische Derbheit und Tatkraft voraus, beiden
+überlegen an scharfer Fassung seiner Ziele, an folgerichtiger Durchführung
+seiner Entwürfe, an Verschwiegenheit und Raschheit in der Ausführung. Er
+verstand seinen Gegnern stets ein Rätsel zu sein, ihnen immer anders, an
+anderer Stelle, in anderer Richtung zu erscheinen, als sie erwarteten. Von
+Natur zu Wollust und Genuß geneigt, war er in seinen Neigungen ebenso
+rücksichtslos wie unbeständig; oft schien er von seinen Leidenschaften
+völlig beherrscht zu werden und war doch in jedem gegebenen Fall ihrer
+völlig Herr, so nüchtern und kalt, wie es seine Zwecke forderten; und man
+kann zweifeln, ob in seinen Tugenden oder in seinen Fehlern mehr sein
+eigenstes Wesen hervortrat. In ihm stellt sich die Bildung seines
+Zeitalters, ihre Glätte, Klugheit, Frivolität, ihre Verbindung von großen
+Gedanken und raffinierter Geschmeidigkeit wie in _einem_ Bilde dar.
+
+Das entschiedene Gegenteil von ihm war seine Gemahlin Olympias[2], die
+Tochter des Epirotenkönigs Neoptolemos, aus dem Geschlechte Achills;
+Philipp hatte sie in seinen jungen Jahren bei der Mysterienfeier auf
+Samothrake kennengelernt und sich mit Einwilligung ihres Vormundes und
+Oheims Arybbas mit ihr vermählt. Schön, verschlossen, voll tiefer Gluten,
+war sie dem geheimnisvollen Dienste des Orpheus und Bacchos, den dunklen
+Zauberkünsten der thrakischen Weiber eifrigst ergeben; in den nächtlichen
+Orgien, so wird berichtet, sah man sie vor allen in wilder Begeisterung,
+den Thyrsos und die Schlange schwingend, durch die Berge stürmen; ihre
+Träume wiederholten die phantastischen Bilder, deren ihr Gemüt voll war;
+sie träumte, so heißt es, in der Nacht vor der Hochzeit, es umtose sie ein
+mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Schoß, daraus
+dann ein wildes Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen
+verschwinde.
+
+ [2] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Wenn die Überlieferung sagt, daß außer vielen anderen Zeichen in der Nacht,
+da Alexander geboren wurde, der Artemistempel zu Ephesos mit seinem
+Megabyzos an der Spitze seiner Verschnittenen und Hierodulen den Hellenen
+ein echt morgenländisches Heidentum, niedergebrannt sei, daß ferner der
+König Philipp die Nachricht von der Geburt seines Sohnes zu gleicher Zeit
+mit drei Siegesbotschaften erhielt, so spricht sie sagenhaft den Sinn des
+reichsten Heldenlebens und den großen Gedanken eines Zusammenhanges aus,
+wie ihn die Forschung nachzuweisen sich oft umsonst bemüht und öfter
+überhoben hat.
+
+Von König Philipp sprechend, sagt Theopompos: »Nie hat, alles in allem
+gerechnet, Europa einen solchen Mann getragen, wie den Sohn des Amyntas.«
+Aber das Werk, in dem er das Ziel seines Lebens sah, zu vollbringen, fehlte
+ihm, dem Zähen, Rechnenden, mit unverdrossener Arbeit sich Mühenden, ein
+letztes Etwas, das auf seinem Wege nicht lag. Er mag jenen Gedanken als
+Mittel ergriffen haben, die Griechenwelt zu einigen, den Blick seiner
+Makedonen hoch und höher zu heben; es war der Gedanke, den die Bildung, die
+Geschichte des Griechentums ihm gab; die Notwendigkeit der Verhältnisse, in
+denen er so lange, so schwer zu ringen hatte, trieb ihn zu diesem Gedanken,
+nicht die Notwendigkeit und die unwiderstehliche Macht dieses Gedankens zu
+dessen Ausführung; man möchte zweifeln, ob er an ihn glaubte, wenn man ihn
+in immer neuen Vorbereitungen zögern und zur Seite lenken sieht; gewiß
+waren diese erforderlich; aber den Ossa auf den Pelion türmend, erreicht
+man den Olymp der Götter doch nicht. Wohl sah er jenseits des Meeres das
+Land der Siege und der Zukunft Makedoniens; dann aber trübte sich sein
+Blick, und seine Pläne umwölkten sich mit den luftigen Gestaltungen seiner
+Wünsche. Dasselbe Verlangen nach dem großen Werke teilte von ihm sich
+seinen Umgebungen, dem Adel, dem gesamten Volke mit, es wurde der stets
+durchdringende Grundton des makedonischen Lebens, das lockende Geheimnis
+der Zukunft: man kämpfte gegen die Thraker und siegte über die Griechen;
+aber der Orient war das Ziel, für das man kämpfte und siegte.
+
+Unter solchen Umgebungen verlebte Alexander seine Kinderjahre, und früh
+genug mögen die Sagen vom Morgenlande, vom stillen Goldstrom und dem
+Sonnenquell, dem goldenen Weinstock mit smaragdenen Trauben, und der
+Nysawiese des Dionys des Knaben Seele beschäftigt haben; dann wuchs er
+heran und hörte von den Siegen bei Marathon und Salamis und von den
+heiligen Tempeln und Gräbern, die der Perserkönig mit seinen Sklavenheeren
+zerstört und geschändet habe, und wie damals auch sein Ahnherr, der erste
+Alexandros, den Persern Erde und Wasser habe darbringen, ihnen Heeresfolge
+gegen die Hellenen leisten müssen, wie nun Makedonien nach Asien ziehen und
+die Ahnen rächen werde. Als einst Gesandte aus der persischen Königsburg
+nach Pella kamen, fragte er sie sorgsam nach den Heeren und Völkern dieses
+Reichs, nach Gesetz und Brauch, nach Verfassung und Leben der Völker; die
+Perser erstaunten über den Knaben.
+
+Von nicht minderer Wichtigkeit war, daß Aristoteles, der größte Denker des
+Altertums, des Heranwachsenden Lehrer wurde (345-344). Philipp soll bei der
+Geburt seines Sohnes ihn darum ersucht, er soll ihm geschrieben haben:
+»Nicht daß er geboren ist, sondern daß er in Deinen Tagen geboren ist,
+macht mich froh; von Dir erzogen und gebildet wird er unserer würdig und
+der Bestimmung, die einst sein Erbe ist, gewachsen sein.« Der die Welt dem
+Gedanken erobert hat, erzog den, der sie mit dem Schwerte erobern sollte;
+ihm gebührt der Ruhm, dem leidenschaftlichen Knaben die Weihe und Größe
+der Gedanken, den Gedanken der Größe gegeben zu haben, der ihn den Genuß
+verachten und die Wollust fliehen lehrte, der seine Leidenschaft adelte und
+seiner Kraft Maß und Tiefe gab. Alexander bewahrte für seinen Lehrer
+allezeit die innigste Verehrung: seinem Vater danke er nur sein Leben,
+seinem Lehrer, daß er würdig lebe.
+
+Unter solchen Einflüssen bildete sich sein Genius und sein Charakter; voll
+Tatenlust und Ruhmbegier trauerte er wohl um die Siege seines Vaters, die
+ihm nichts mehr zu tun übriglassen würden. Sein Vorbild war Achilles, aus
+dessen Geschlecht er sich gern entstammt zu sein rühmte, und dem er durch
+Ruhm und Leid ähnlich werden sollte. Wie jener seinen Patroklus, so liebte
+er den Freund seiner Jugend, Hephaistion; und wenn er seinen großen
+Ahnherrn glücklich pries, daß Homer der Nachwelt das Gedächtnis seiner
+Taten überliefert habe, so ist die Heldensage der morgen- und
+abendländischen Völker nicht müde geworden, den Namen Alexanders mit allem
+Wunderglanz menschlicher und übermenschlicher Größe zu schmücken. Er liebte
+mehr seine Mutter als seinen Vater; von jener hatte er den Enthusiasmus und
+die tiefe Innigkeit des Empfindens, die ihn in der Reihe der Helden alter
+und neuer Zeit unterscheidet. Dem entsprach sein Äußeres: sein scharfer
+Gang, sein funkelnder Blick, das zurückfliegende Haar, die Gewalt seiner
+Stimme bekundete den Helden; wenn er ruhte, bezauberte die Milde seiner
+Miene, das sanfte Rot, das auf seiner Wange spielte, sein
+feuchtaufblickendes Auge, das ein wenig zur linken geneigte Haupt. In
+ritterlichen Übungen war er vor allen ausgezeichnet; schon als Knabe
+bändigte er das wilde thessalische Roß Bukephalos, an welches sich kein
+anderer wagen wollte, und das ihm späterhin in allen seinen Kriegen als
+Schlachtroß diente. Die erste Waffenprobe legte er unter seines Vaters
+Regierung ab; er bezwang, als Philipp Byzanz belagerte, die Maider und
+gründete dort eine Stadt mit seinem Namen; noch höheren Ruhm gewann er in
+der Schlacht von Chaironeia, die durch seine persönliche Tapferkeit
+gewonnen wurde. Im Jahre darauf schlug er den illyrischen Fürsten Pleurias
+in einer sehr hartnäckigen Schlacht. Der Vater sah, so scheint es, neidlos
+in dem Sohn den einstigen Vollender seiner Pläne; er wird nach so vielen
+Erschütterungen, die die Nachfolge des Königshauses über das Land gebracht,
+über die Zukunft desselben beruhigt gewesen sein, wenn ihm zur Seite der
+Nachfolger stand, der den höchsten Aufgaben des Königtums gewachsen schien,
+dem, so soll sein Ausspruch gewesen sein, »Makedonien zu klein sein werde,«
+der, »nicht, wie er selbst, vieles, was nicht mehr zu ändern, zu bereuen
+haben werde«.
+
+Dann begannen Irrungen zwischen Vater und Sohn; Alexander sah seine Mutter
+von Philipp vernachlässigt, thessalische Tänzerinnen und griechische
+Buhlerinnen ihr vorgezogen; dann gar wählte sich der König eine zweite
+Gemahlin aus den edlen Töchtern des Landes, des Attalos Nichte Kleopatra.
+Das Beilager, so ist die Erzählung, wurde nach makedonischer Sitte glänzend
+und lärmend gefeiert; man trank und lachte; schon waren alle vom Wein
+erhitzt, da rief Attalos, der jungen Königin Oheim: »Bittet die Götter, ihr
+Makedonen, daß sie unserer Königin Schoß segnen und dem Lande einen
+rechtmäßigen Thronerben schenken mögen!« Alexander war zugegen; im
+heftigsten Zorn schrie er ihm zu: »Gelte ich dir als ein Bastard,
+Lästerer?« und schleuderte den Becher gegen ihn. Der König sprang wütend
+auf, riß das Schwert von der Seite, stürzte auf den Sohn, ihn zu
+durchbohren; der Wein, die Wut, die Wunde von Chaironeia machten seinen
+Schritt unsicher; er taumelte, fiel zu Boden. Die Freunde eilten, Alexander
+aus dem Saale zu entfernen; »seht, Freunde,« sagte er beim Hinausgehen,
+»mein Vater will von Europa nach Asien gehen und kann nicht den Weg von
+Tisch zu Tisch vollenden«. Er verließ mit der Mutter Makedonien; sie ging
+nach ihrer Heimat Epiros, er weiter zu den Illyriern.
+
+Nicht lange danach kam Demaratos, der korinthische Gastfreund, nach Pella;
+nach dem Gruße fragte der König, wie es unter den Hellenen aussähe und ob
+sie Frieden und Eintracht hielten. Mit edler Freimütigkeit antwortete der
+Gastfreund: »O König, schön fragst du nach Fried' und Eintracht im
+hellenischen Lande und hast dein eigen Haus mit Unfrieden und Haß erfüllt
+und, die dir die Nächsten und Liebsten sein sollten, von dir entfremdet!«
+Der König schwieg; er wußte, wie Alexander geliebt wurde, was er galt und
+war; er fürchtete, den Hellenen Anlaß zu bösem Leumund und vielleicht zu
+böseren Plänen zu geben. Demaratos selbst mußte das Geschäft des
+Vermittlers übernehmen; bald waren Vater und Sohn versöhnt, Alexander
+kehrte zurück.
+
+Aber Olympias vergaß nicht, daß sie mißehrt und verstoßen war; sie blieb in
+Epiros; sie drang in ihren Bruder, die Waffen gegen Philipp zu erheben,
+sich der Abhängigkeit von ihm frei zu machen. Sie wird auch ihren Sohn zu
+warnen und aufzureizen nicht unterlassen haben. Anlaß zu Mißtrauen fand
+sich genug; Attalos und dessen Freunde standen überall voran. Als gar den
+Gesandten des karischen Dynasten Pixodaros, die um ein Bündnis mit Philipp
+warben und Verschwägerung beider Häuser vorschlugen, für des Dynasten
+Tochter Arrhidaios zum Gemahl angeboten wurde, des Königs Sohn von der
+Thessalerin, da meinte Alexander nicht anders, als daß sein Recht auf die
+Nachfolge in Gefahr sei. Seine Freunde stimmten bei; sie rieten, mit
+Entschlossenheit und höchster Eile den Plänen des Vaters
+entgegenzuarbeiten. Ein Vertrauter, der Schauspieler Thessalos, wurde zum
+karischen Dynasten gesandt: er möge doch seine Tochter nicht dem
+blödsinnigen Bastard preisgeben; Alexander, des Königs rechtmäßiger Sohn
+und einstiger Thronerbe, sei bereit, eines so mächtigen Fürsten Eidam zu
+werden. Philipp erfuhr die Sache und zürnte auf das heftigste; in Gegenwart
+des jungen Philotas, eines der Freunde Alexanders, warf er ihm die
+Unwürdigkeit seines Mißtrauens und seiner Heimlichkeiten vor: er sei seiner
+hohen Geburt, seines Glückes, seines Berufes nicht wert, wenn er sich nicht
+schäme, eines Karers Tochter, des Barbarenkönigs Sklavin, heimzuführen. Die
+Freunde Alexanders, die ihn beraten, Harpalos, Nearchos, Ptolemaios, des
+Lagos Sohn, die Brüder Erigyios und Laomedon, wurden vom Hofe und aus dem
+Lande verwiesen, Thessalos' Auslieferung in Korinth gefordert.
+
+So kam das Jahr 336. Die Rüstungen zum Perserkriege wurden mit der größten
+Lebhaftigkeit betrieben, die Kontingente der Bundesstaaten aufgerufen, nach
+Asien eine bedeutende Heeresmacht unter Parmenion und Attalos
+vorausgesandt, die Plätze jenseits des Hellesponts zu besetzen und die
+hellenischen Städte zu befreien, dem großen Bundesheere den Weg zu öffnen.
+Seltsam genug, daß der König so seine Macht zersplitterte, doppelt seltsam,
+daß er einen Teil derselben, der nicht auf alle Fälle stark genug war,
+daran gab, ehe er der politischen Verhältnisse daheim völlig sicher war.
+Ihm entgingen die Bewegungen in Epiros nicht; sie schienen einen Krieg in
+Aussicht zu stellen, der nicht bloß den Perserzug noch mehr zu verzögern
+drohte, sondern, wenn er glücklich beendet wurde, keinen bedeutenden Gewinn
+gebracht, im entgegengesetzten Falle das mühsame Werk, das der König in
+zwanzigjähriger Arbeit vollendet hatte, mit einem Schlage zerstört haben
+würde. Der Krieg mußte vermieden, der Molosser durfte nicht in so
+unzuverlässiger Stellung zu Makedonien gelassen werden; er wurde durch
+einen Antrag gewonnen, der ihn zugleich ehrte und seine Macht sicherte.
+Philipp verlobte ihm seine und Olympias' Tochter Kleopatra; noch im Herbst
+desselben Jahres sollte das Beilager gehalten werden, welches der König
+zugleich als das Fest der Vereinigung aller Hellenen und als die gemeinsame
+Weihe für den Perserkrieg mit der höchsten Pracht zu feiern beschloß; hatte
+doch auf seine Frage, ob er den Perserkönig besiegen werde, der delphische
+Gott ihm geantwortet: »Siehe, der Stier ist gekränzt; nun endet's; bereit
+ist der Opferer.«
+
+Unter den jungen Edelleuten des Hofes war Pausanias, ausgezeichnet durch
+seine Schönheit und in des Königs hoher Gunst. Bei einem Gelage hatte er
+schwere Beschimpfung von Attalos erlitten, dann sich, auf das höchste
+entrüstet, an den König gewandt, der, was Attalos getan, wohl tadelte, aber
+sich begnügte, den Beleidigten mit Geschenken zu begütigen, ihn in die
+Reihe der Leibwächter aufzunehmen. Darauf vermählte sich Philipp mit
+Attalos' Nichte, Attalos mit Parmenions Tochter; Pausanias sah keine
+Hoffnung sich zu rächen; desto tiefer nagte der Gram und das Verlangen
+nach Rache und der Haß gegen den, der ihn um sie betrogen. In seinem Hause
+war er nicht allein; die lynkestischen Brüder hatten nicht vergessen, was
+ihr Vater, was ihr Bruder gewesen war; sie knüpften geheime Verbindung mit
+dem Perserkönige an; sie waren um desto gefährlicher, je weniger sie es
+schienen. Im stillen fanden sich mehr und mehr Unzufriedene zusammen;
+Hermokrates, der Sophist, schürte die Glut mit der argen Kunst seiner Rede,
+er gewann Pausanias' Vertrauen. »Wie erlangt man den höchsten Ruhm?« fragte
+der Jüngling. »Ermorde den, der das Höchste vollbracht hat«, war des
+Sophisten Antwort.
+
+Es kam der Herbst, mit ihm die Hochzeitfeier; in Aigai, der alten Residenz
+und, seit Pella blühte, noch der Könige Begräbnisort, sollte das Beilager
+gehalten werden; von allen Seiten strömten Gäste herbei, in festlichem Pomp
+kamen die Theoren aus Griechenland, viele mit goldenen Kränzen für Philipp,
+die Fürsten der Agrianer, Paionen, Odryser, die Großen des Reiches, der
+ritterliche Adel des Landes, unzähliges Volk. In lautem Jubel, unter
+Begrüßungen und Ehrenverleihungen, unter Festzügen und Gelagen vergeht der
+erste Tag; Herolde laden zum nächsten Morgen in das Theater. Ehe noch der
+Morgen graut, drängt sich schon die Menge durch die Straßen zum Theater in
+buntem Gewühl; von seinen Edelknaben und Leibwächtern umgeben naht endlich
+der König im festlichen Schmuck; er sendet die Begleitung vorauf in das
+Theater, er meint ihrer inmitten der frohen Menge nicht zu bedürfen. Da
+stürzt Pausanias auf ihn zu, durchstößt seine Brust, und während der König
+niedersinkt, eilt er zu den Pferden, die ihm am Tore bereit stehen;
+flüchtend strauchelt er, fällt nieder; Perdikkas, Leonnatos, andere von den
+Leibwächtern erreichen ihn, durchbohren ihn.
+
+In wilder Verzweiflung löst sich die Versammlung; alles ist in Bestürzung,
+in Gärung. Wem soll das Reich gehören, wer es retten? Alexander ist der
+Erstgeborene des Königs; aber man fürchtet den wilden Haß seiner Mutter,
+die dem Könige zu Gefallen mancher verachtet und mißehrt hat. Schon ist sie
+in Aigai, die Totenfeier ihres Gemahls zu halten; sie scheint das
+Furchtbare geahnt, vorausgewußt zu haben; den Mord des Königs nennt man
+ihr Werk, sie habe dem Mörder die Pferde bereit gehalten. Auch Alexander
+habe um den Mord gewußt, ein Zeichen mehr, daß er nicht Philipps Sohn,
+sondern unter schwarzen Zauberkünsten empfangen und geboren sei; daher des
+Königs Abscheu gegen ihn und seine wilde Mutter, daher die zweite Ehe mit
+Kleopatra. Dem Knaben, den sie eben geboren, gebühre das Reich; und habe
+nicht Attalos, ihr Oheim, des Königs Vertrauen gehabt? Der sei würdig, die
+Regentschaft zu übernehmen. Andere meinen, das nächste Recht an das Reich
+habe Amyntas, Perdikkas' Sohn, der als Kind die Zügel des vielbedrohten
+Reiches an Philipp habe überlassen müssen; nur Philipps Trefflichkeit mache
+seine Usurpation verzeihlich; nach unverjährbarem Recht müsse Amyntas jetzt
+die Herrschaft erhalten, deren er sich in langer Entsagung würdig gemacht
+habe. Dagegen behaupten die Lynkestier und ihr Anhang: wenn ältere
+Ansprüche gegen Philipps Leibeserben geltend gemacht würden, so habe vor
+Perdikkas und Philipps Vater ihr Vater und ihr Bruder das Reich besessen,
+dessen sie nicht länger durch Usurpation beraubt bleiben dürften; überdies
+seien Alexander und Amyntas fast noch Knaben, dieser von Kindheit an der
+Kraft und Hoffnung zu herrschen entwöhnt, Alexander unter dem Einfluß
+seiner rachedürstenden Mutter, durch Übermut, verkehrte Bildung im
+Geschmack des Tages, Verachtung der alten guten Sitte den Freiheiten des
+Landes gefährlicher als selbst sein Vater Philipp; sie dagegen seien
+Freunde des Landes und aus jenem Geschlecht, das zu aller Zeit die alte
+Sitte aufrechtzuerhalten gestrebt habe; ergraut unter den Makedonen, mit
+den Wünschen des Volkes vertraut, dem großen Könige in Susa befreundet,
+könnten sie allein das Land vor dessen Zorn schützen, wenn er Genugtuung
+für den tollkühn begonnenen Krieg Philipps zu fordern komme; zum Glück sei
+das Land durch die Hand ihres Freundes früh genug von einem Könige befreit,
+der das Recht, der des Volkes Wohl, der Schwüre und Tugend für nichts
+geachtet habe.
+
+So die Parteien; aber das Volk haßte die Königsmörder und fürchtete den
+Krieg nicht; es vergaß Kleopatras Sohn, da der Vertreter seiner Partei
+fern war; es kannte den Sohn des Perdikkas nicht, dessen Tatlosigkeit
+Beweis genug für seine Unfähigkeit schien. Auf Alexanders Seite war alles
+Recht und die Teilnahme, welche unverdiente Kränkungen erwecken, außerdem
+der Ruhm der Kriege gegen die Maider, die Illyrier, des Sieges von
+Chaironeia, der schönere Ruhm der Bildung, Leutseligkeit und
+Hochherzigkeit; selbst den Geschäften des Reiches hatte er schon mit Glück
+vorgestanden; er besaß das Vertrauen und die Liebe des Volkes; namentlich
+des Heeres war er sicher. Der Lynkestier Alexandros erkannte, daß für ihn
+keine Hoffnung blieb; er eilte zu Olympias' Sohn, er war der erste, der ihn
+als König der Makedonen begrüßte.
+
+Alexanders Anfang war »nicht die einfache Übernahme eines zweifellosen
+Erbes«; er, der Zwanzigjährige, sollte zeigen, ob er König zu sein Beruf
+und Kraft habe. Er ergriff die Zügel der Herrschaft mit sicherer Hand, und
+die Verwirrung war vorüber. Er berief nach makedonischer Sitte das Heer,
+seine Huldigung zu empfangen: nur der Name des Königs sei ein anderer, die
+Macht Makedoniens, die Ordnung der Dinge, die Hoffnung auf Eroberung
+dieselbe. Er ließ die alte Dienstpflicht; er erließ denen, die dienten,
+alle anderen Dienste und Lasten. Häufige Übungen und Märsche, die er
+anordnete, stellten den militärischen Geist bei den Truppen, den die
+jüngsten Vorgänge gelockert haben mochten, wieder her und machten sie
+seiner Hand sicher.
+
+Der Königsmord forderte die strengste Strafe; sie war zugleich das
+sicherste Mittel, das neue Regiment zu befestigen. Es kam an den Tag, daß
+die lynkestischen Brüder vom Perserkönige, der den Krieg mit Philipp
+fürchtete, bestochen waren und in der Hoffnung, durch persische Hilfe das
+Reich an sich zu reißen, eine Verschwörung gestiftet hatten, für deren
+geheime Pläne Pausanias nur das blinde Werkzeug gewesen war; die
+Mitverschworenen wurden in den Tagen der Leichenfeier hingerichtet, unter
+ihnen die Lynkestier Arrhabaios und Heromenes; ihr Bruder Alexandros wurde
+begnadigt, weil er sich unterworfen hatte; des Arrhabaios Sohn Neoptolemos
+flüchtete zu den Persern.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Gefahren von außen -- Der Zug nach Griechenland 336 -- Erneuerung
+ des Bundes von Korinth -- Das Ende des Attalos --
+ Die Nachbarn im Norden -- Feldzug nach Thrakien, an die Donau,
+ gegen die Illyrier -- Zweiter Zug nach Griechenland -- Zerstörung
+ Thebens -- Zweite Erneuerung des Bundes von Korinth
+
+
+Rasch und mit fester Hand hatte Alexander die Zügel der Herrschaft
+ergriffen, die Ruhe im Innern hergestellt. Aber von außen liefen höchst
+beunruhigende Nachrichten ein.
+
+In Kleinasien hatte Attalos, auf seine Truppen rechnend, die er zu gewinnen
+verstanden, den Plan gefaßt, unter dem Scheine, die Ansprüche seines
+Großneffen, des Sohnes der Kleopatra, zu vertreten, die Herrschaft an sich
+zu reißen; seine Heeresmacht, mehr noch die Verbindungen, die er mit den
+Feinden Makedoniens angeknüpft hatte, machten ihn gefährlich. Dazu begann
+eine Bewegung in den hellenischen Landen, die einen allgemeinen Abfall
+besorgen ließ. Die Athener hatten auf die Nachricht von Philipps Tod -- die
+erste empfing Demosthenes durch geheime Boten des Strategen Charidemos, der
+wohl in der Nähe der thrakischen Küsten auf Station war -- ein Freudenfest
+gefeiert, dem Gedächtnis des Mörders einen Ehrenbeschluß gewidmet;
+Demosthenes selbst hatte diese Anträge gestellt, er hatte, in der
+Ratsversammlung sprechend, Alexander einen Gimpel genannt, der sich aus
+Makedonien nicht hinauswagen werde; er setzte alles in Bewegung, Athen,
+Theben, Thessalien, das ganze Hellas zum offenen Bruch mit Makedonien zu
+vermögen, als bände der Eid des mit dem Vater geschworenen Bundesvertrages
+die Staaten, die ihm geschworen, nicht gegen den Sohn. Er sandte Boten und
+Briefe an Attalos, er unterhandelte mit Persien über Hilfsgelder gegen
+Makedonien. Athen rüstete zum Kriege, machte die Flotte bereit; Theben
+schickte sich an, die makedonische Besatzung aus der Kadmeia zu treiben;
+die Ätoler, bisher Freunde Makedoniens, beschlossen, die von Philipp aus
+Akarnanien Verjagten mit gewaffneter Hand zurückzuführen; die Ambrakioten
+verjagten die makedonische Besatzung und richteten Demokratie ein; Argos,
+die Elier, die Arkader waren bereit, das makedonische Joch abzuwerfen, und
+Sparta hatte sich ihm nie unterworfen.
+
+Umsonst schickte Alexander Gesandte, die sein Wohlwollen für Hellas, seine
+Achtung vor den bestehenden Freiheiten versicherten; die Hellenen
+schwelgten in der Zuversicht, daß nun die alte Zeit des Ruhmes und der
+Freiheit zurückgekehrt sei; sie meinten, der Sieg sei unzweifelhaft; bei
+Chaironeia habe die ganze makedonische Macht unter Philipp und Parmenion
+mit Mühe die Heere Athens und Thebens besiegt; jetzt seien alle Hellenen
+vereint, ihnen gegenüber ein Knabe, der kaum seines Thrones sicher sei, der
+lieber in Pella den Lehren des Aristoteles nachhängen als mit Hellas zu
+kämpfen wagen werde; sein einziger erprobter Feldherr Parmenion sei in
+Asien, mit ihm ein bedeutender Teil des Heeres, schon von den persischen
+Satrapen bedrängt, ein anderer unter Attalos bereit, sich für die Hellenen
+gegen Alexander zu erklären; selbst die thessalischen Ritter, selbst das
+Kriegsvolk der Thraker und der Paionen sei der makedonischen Macht
+entzogen, nicht einmal der Weg nach Hellas ihr mehr offen, wenn Alexander
+wagen sollte, sein Reich den Einfällen der nordischen Nachbarn und den
+Angriffen des Attalos preiszugeben. In der Tat drohten die Völker im Norden
+und Osten, sich der Abhängigkeit von Makedonien zu entziehen, oder bei dem
+ersten Anlaß die Grenzen des Reiches räuberisch zu überfallen.
+
+Alexanders Lage war peinlich und dringend. Seine Freunde -- auch die jüngst
+verbannten waren zurückgekehrt -- beschworen ihn, nachzugeben, ehe alles
+verloren sei, sich mit Attalos zu versöhnen und das vorausgesandte Heer an
+sich zu ziehen, die Hellenen gewähren zu lassen, bis der erste Rausch
+vorüber sei, die Thraker, Geten, Illyrier durch Geschenke zu gewinnen, die
+Abtrünnigen durch Gnade zu entwaffnen. So hätte sich freilich Alexander in
+Makedonien recht festsetzen und sein Land in Frieden regieren können; er
+hätte vielleicht allmählich denselben Einfluß über Hellas und dieselbe
+Macht über die umwohnenden Barbaren, die sein Vater gehabt hatte, gewinnen,
+ja endlich wohl auch an einen Zug nach Asien denken können, wie der Vater
+sein Leben lang. Alexander war anderer Art; der Entschluß, den er faßte,
+zeigt ihn in der ganzen Macht und Kühnheit seines Geistes. Wie von einem
+Helden späterer Jahrhunderte gesagt worden ist: »Sein Genius zog ihn.«
+
+Das Gewirr der Gefahren ordnete sich ihm in drei Massen: der Norden, Asien,
+Hellas. Zog er gegen die Völker im Norden, so gewann Attalos Zeit, seine
+Macht zu verstärken und vielleicht nach Europa zu führen; das Bündnis der
+hellenischen Städte erstarkte, und er war gezwungen, als Treubruch und
+offene Empörung der Staaten zu bekämpfen, was jetzt noch als Parteisache
+und als Einflüsterungen verbrecherischer und von persischem Golde
+bestochener Demagogen bestraft werden konnte. Zog er gegen Hellas, so
+konnte auch eine geringe Macht den Marsch durch die Pässe sperren und lange
+aufhalten, während Attalos durch nichts gehindert war, in seinem Rücken zu
+operieren und sich mit den aufrührerischen Thrakern zu vereinen. Das
+Unstatthafteste war, gegen Attalos selbst zu ziehen; die griechischen
+Staaten wären zu lange sich selbst überlassen gewesen, Makedonen gegen
+Makedonen zum Bürgerkriege geführt, in dem vielleicht persische Satrapen
+den Ausschlag gegeben hätten, endlich Attalos, der nur als Verbrecher
+angesehen werden durfte, als eine Macht behandelt worden, gegen die zu
+kämpfen den König in den Augen der Hellenen und Barbaren erniedrigt hätte.
+Verstand man ihn zu treffen, so war die Kette gesprengt, und das Weitere
+fand sich von selbst.
+
+Attalos wurde als des Hochverrats schuldig zum Tode verurteilt; einer der
+»Freunde«, Hekataios von Kardia, erhielt den Befehl, an der Spitze eines
+Korps nach Asien überzusetzen, sich mit den Truppen Parmenions zu
+vereinigen, Attalos lebend oder tot nach Makedonien einzubringen. Da von
+den Feinden im Norden schlimmstenfalls nicht mehr als verwüstende Einfälle
+zu fürchten waren und ein späterer Zug sie leicht unterwerfen konnte,
+beschloß der König, mit seinem Heere in Hellas einzurücken, bevor ihm dort
+eine bedeutende Heeresmacht entgegengestellt werden konnte.
+
+Um diese Zeit kamen Boten des Attalos nach Pella, welche die Gerüchte, die
+über ihn verbreitet seien, Verleumdung nannten, in schönklingenden Worten
+seine Ergebenheit versicherten und zum Zeichen seiner aufrichtigen
+Gesinnung die Briefe, die er von Demosthenes über die Rüstungen in Hellas
+empfangen habe, in des Königs Hand legten. Der König, der aus diesen
+Dokumenten und aus Attalos' Annäherung auf den geringen Widerstand, den er
+in Hellas zu erwarten habe, schließen durfte, nahm seinen Befehl nicht
+zurück; auf des alten Parmenion Diensttreue, obschon Attalos dessen
+Schwiegersohn war, konnte er sich verlassen.
+
+Er selbst brach nach Thessalien auf; er zog an der Meeresküste den Pässen
+des Peneios zu; den Hauptpaß Tempe, sowie den Seitenpaß Kallipeuke fand er
+stark besetzt. Sie mit der Waffe in der Hand zu nehmen, war schwierig,
+jeder Verzug gefahrbringend; Alexander schuf sich einen neuen Weg. Südwärts
+vom Hauptpaß erheben sich die Felsmassen des Ossa, weniger steil vom Meere
+her als neben dem Peneios emporsteigend; zu diesen minder steilen Stellen
+führte Alexander sein Heer, ließ es, wo es nötig war, Stufen in das Gestein
+sprengen und kam, so das Gebirge übersteigend, in die Ebene Thessaliens, im
+Rücken des thessalischen Postens. Er war ohne Schwertstreich Herr des
+Landes, das er gewinnen, nicht unterwerfen wollte, um für den Perserkrieg
+der trefflichen thessalischen Reiter gewiß zu sein. Er lud die Edlen
+Thessaliens zu einer Versammlung; er erinnerte an die gemeinschaftliche
+Abstammung vom Geschlecht Achills, an die Wohltaten seines Vaters, der das
+Land von dem Joche des blutigen Tyrannen von Pherai befreit und durch die
+Wiederherstellung der uralten Tetrarchien des Aleuas für immer vor
+Aufständen und Tyrannei gesichert habe; er verlangte nichts, als was sie
+freiwillig seinem Vater gegeben hätten, und die Anerkennung der in dem
+hellenischen Bunde demselben übertragenen Hegemonie von Hellas; er
+versprach, die einzelnen Familien und Landschaften, wie sein Vater, in
+ihren Rechten und Freiheiten zu lassen und zu schützen, in den
+Perserkriegen ihren Rittern den vollen Anteil an der Kriegsbeute zu geben,
+Phthia aber, die Heimat ihres gemeinsamen Ahnherrn Achilles, durch
+Steuerfreiheit zu ehren. Die Thessalier eilten, so günstige und ehrenvolle
+Bedingungen anzunehmen, durch gemeinsamen Beschluß Alexander in den Rechten
+seines Vaters zu bestätigen, endlich, wenn es not tue, mit Alexander zur
+Unterdrückung der Unruhen nach Hellas zu ziehen. Wie die Thessaler, so mit
+dem gleichen Entgegenkommen gewann er die anwohnenden Änianen, Malier,
+Dolopier, -- Stämme, deren jeder in dem Rat der Amphiktyonen eine Stimme
+hatte, und mit deren Zutritt ihm der Weg durch die Thermopylen offen stand.
+
+Die schnelle Einnahme und Beruhigung Thessaliens hatte den hellenischen
+Staaten nicht Zeit gelassen, die wichtigen Pässe des Oitagebirges zu
+besetzen. Es lag nicht in Alexanders Plan, durch gewaltsame Maßregeln einer
+Bewegung, die womöglich nur als das törichte Werk einer Partei erscheinen
+sollte, Vorwand und Bedeutung zu geben. Durch die Nähe der makedonischen
+Heeresmacht erschreckt, beeilte man sich in Hellas, den Schein tiefen
+Friedens anzunehmen. Weil demnach die früheren Verhältnisse, wie sie von
+Philipp gegründet waren, noch bestanden, berief Alexander die Amphiktyonen
+nach den Thermopylen, forderte und erhielt von ihnen durch gemeinsamen
+Beschluß die Anerkennung seiner Hegemonie. In derselben Absicht gewährte er
+den Ambrakioten die Autonomie, die sie mit der Austreibung der
+makedonischen Besatzung hergestellt hatten: er habe selbst sie ihnen
+anbieten wollen, sie seien ihm nur zuvorgekommen.
+
+Wenn auch die Thessaler, die Amphiktyonen, Alexanders Hegemonie anerkannt
+hatten, von Theben, Athen, Sparta waren keine Gesandten in den Thermopylen
+erschienen. Vielleicht brach Theben jetzt noch los; es hätte auf die
+Zustimmung vieler Staaten, vielleicht auf ihren Beistand rechnen können.
+Freilich gerüstet waren sie nicht; Sparta hatte, seit Epaminondas am
+Eurotas gelagert, sich nicht erholen können; in der Kadmeia, in Chalkis,
+auf Euboia, in Akrokorinth lag noch makedonische Besatzung; in Athen wurde,
+wie immer, viel deklamiert und wenig getan; selbst als die Nachricht kam,
+daß der König bereits in Thessalien sei, daß er mit den Thessalern vereint
+in Hellas einrücken werde, daß er sich über die Verblendung der Athener
+sehr erzürnt geäußert habe, waren, obschon Demosthenes nicht aufgehört
+hatte, den Krieg zu predigen, die Rüstungen nicht eifriger betrieben
+worden. Rasches Vorgehen des makedonischen Heeres konnte Hellas vor großem
+Unheil retten.
+
+Alexander rückte aus den Thermopylen in die boiotische Ebene hinab, lagerte
+sich nahe bei der Kadmeia; von Widerstand der Thebaner war keine Rede. Als
+man in Athen erfuhr, daß Theben in Alexanders Händen sei, so daß jetzt ein
+Marsch von zwei Tagen den Feind vor die Tore der Stadt bringen konnte,
+verging auch den eifrigsten Freiheitsmännern der Mut; es wurde beschlossen,
+in Eile die Mauern in Verteidigungsstand zu setzen, das platte Land zu
+räumen, alle fahrende Habe nach Athen zu flüchten, »so daß die viel
+bewunderte und viel umstrittene Stadt wie ein Stall voll Rinder und Schafe
+wurde«, zugleich beschlossen, dem Könige Gesandte entgegenzuschicken, die
+ihn begütigen, um Verzeihung bitten sollten, daß seine Hegemonie nicht
+sofort von den Athenern anerkannt sei; vielleicht ließ sich noch der Besitz
+von Oropos retten, das man zwei Jahre vorher aus Philipps Hand empfangen
+hatte. Demosthenes, der einer der Gesandten war, kehrte auf dem Kithairon
+um, entweder seines Schreibens an Attalos eingedenk, oder um sein
+Verhältnis mit Persien nicht bloßzustellen; mochten die anderen Gesandten
+die Bitten des attischen Demos überbringen. Alexander nahm sie gütig auf,
+verzieh das Geschehene, erneuerte die früher mit seinem Vater geschlossenen
+Verträge, verlangte nur, daß Athen zu den weiteren Verhandlungen
+Bevollmächtigte nach Korinth sende. Der Demos hielt es angemessen, dem
+jungen Könige noch größere Ehren als zwei Jahre vorher seinem Vater zu
+dekretieren.
+
+Alexander zog weiter nach Korinth, wohin die Bevollmächtigten der
+Bundesstaaten beschieden waren. Auch Sparta mag geladen worden sein; darauf
+führt die Erwähnung der spartanischen Erklärung: es sei nicht Herkommen bei
+ihnen, anderen zu folgen, sondern selbst zu führen. Alexander hätte sie
+unschwer zwingen können; es wäre weder klug noch der Mühe wert gewesen, er
+wollte nichts als die möglichst schleunige Beruhigung Griechenlands und die
+Anerkennung der Hegemonie Makedoniens gegen die Perser. In diesem Sinne
+wurde die Formel des Bundes erneut und beschworen, Alexander zum
+unumschränkten Strategen der Hellenen ernannt.
+
+Alexander hatte erreicht, was er wollte. Es wäre von Interesse, die
+Stimmung zu kennen, wie sie nun in den hellenischen Landen über ihn war;
+wahrscheinlich weder so empört, noch so nur erheuchelt, wie es der
+verbissene Freiheitseifer attischer Redner, oder der affektierte
+Tyrannenhaß griechischer Moralisten der römischen Kaiserzeit möchte glauben
+machen. Die andere Seite zeigt es, wenn, von den asiatischen Hellenen
+gesandt, Delius von Ephesos, der Schüler Platons, zu Alexander gekommen war
+und ihn »am meisten drängte und entflammte«, den Krieg gegen die Perser zu
+beginnen. Unter den ihm Nächstbefreundeten waren Erigyios und Laomedon
+geborene Lesbier, nach Amphipolis übersiedelt, denen das Elend ihrer von
+Perserfreunden beherrschten Heimat bekannt genug gewesen sein wird, -- eine
+traurige Erläuterung der Autonomie, die der Großkönig in dem Antalkidischen
+Frieden den Inseln von Rhodos bis Tenedos zugesichert hatte; für das
+Griechentum dort gab es keine Rettung, wenn nicht Alexander kam und siegte.
+In Hellas selbst hatte nur Theben, nicht unverschuldet, den Untergang
+seiner Autonomie zu beklagen; in Athen war die Stimmung der
+leichtfertigsten Menge, die je geherrscht hat, je von den letzten
+Eindrücken und den nächsten Hoffnungen abhängig; und Spartas mürrische
+Abkehr bezeugt doch mehr Konsequenz der Schwäche als der Stärke, mehr üble
+Laune als echtes Selbstgefühl. Man darf vermuten, daß der verständigere
+Teil des hellenischen Volkes sich dem großen nationalen Unternehmen, an
+dessen Schwelle man stand, und dem jugendlichen Helden, der sich für
+dasselbe einsetzte, zuwandte; die Tage, welche Alexander in Korinth
+zubrachte, schienen den Beweis dafür zu geben. Von allen Seiten waren
+Künstler, Philosophen, politische Männer dorthin geeilt, den königlichen
+Jüngling, den Zögling des Aristoteles, zu sehen; alle drängten sich in
+seine Nähe, suchten einen Blick, ein Wort von ihm zu erhaschen. Nur
+Diogenes von Sinope blieb ruhig in seiner Tonne am Ringplatz der Vorstadt.
+So ging Alexander zu ihm; er fand ihn vor seiner Tonne liegen und sich
+sonnen; er begrüßte ihn, fragte ihn, ob er irgendeinen Wunsch habe; »geh
+mir ein wenig aus der Sonne«, war des Philosophen Antwort. Der König sagte
+darauf zu seinem Gefolge: »Beim Zeus, wenn ich nicht Alexander wäre, möchte
+ich Diogenes sein.« Vielleicht nur eine Anekdote, wie deren unzählige von
+dem Sonderling erzählt wurden.
+
+Alexander kehrte mit dem Winter nach Makedonien zurück, um sich zu dem bis
+jetzt verschobenen Zuge gegen die barbarischen Völker an der Grenze zu
+rüsten. Attalos war nicht mehr im Wege; Hekataios hatte sich mit Parmenion
+vereinigt, und da sie ihre Macht nicht stark genug glaubten, Attalos
+inmitten der Truppen, die er zu gewinnen verstanden hatte, festzunehmen,
+ließen sie ihn dem Befehl gemäß ermorden; die verführten Truppen, teils
+Makedonen, teils hellenische Söldner, kehrten zur Treue zurück.
+
+So in Asien; in Makedonien selbst hatte Olympias ihres Sohnes Abwesenheit
+benutzt, die Wollust der Rache bis auf den letzten Tropfen zu genießen. Der
+Mord des Königs war, wenn nicht ihr Werk, gewiß ihr Wunsch gewesen; aber
+noch lebten die, um deren Willen sie und ihr Sohn Unwürdiges hatten dulden
+müssen; auch die junge Witwe Kleopatra und ihr Säugling sollten sterben.
+Olympias ließ das Kind im Schoß der Mutter ermorden und zwang die Mutter,
+sich am eigenen Gürtel aufzuknüpfen. Es wird berichtet, daß Alexander der
+Mutter darüber zürnte; mehr als zürnen konnte der Sohn nicht. Noch war der
+Mut der Gegner nicht gebrochen; immer neue Anzettelungen wurden entdeckt;
+an einem Plan zur Ermordung Alexanders fand man Amyntas beteiligt, den Sohn
+des Königs Perdikkas, den Philipp nachmals mit seiner Tochter Kynna
+vermählt hatte; er wurde hingerichtet.
+
+Indes hatte das nach Asien vorausgesandte Korps sich an der Küste nach
+Osten und Süden ausgedehnt; das freie Kyzikos an der Propontis stützte
+dessen linke Flanke, auf der rechten hatte Parmenion Gryneion im Süden des
+Kaikos besetzt; und schon hatte sich in Ephesos der Demos erhoben und die
+persisch gesinnte Oligarchie ausgetrieben, für das weitere Vordringen
+Parmenions ein wichtiger Stützpunkt. Gewiß sah der Demos allerorten, der
+von Tyrannen wie in den Städten der Insel Lesbos, von Oligarchen wie in
+Chios und Kos gedrückt und in persischer Unterwürfigkeit gehalten wurde,
+mit steigender Erregung auf die Fortschritte der makedonischen Truppen.
+Mochte deren Voraussendung ein Fehler, für Alexanders Anfänge eine
+Verlegenheit gewesen sein, jetzt konnte dies Korps und die Aufregung, die
+es veranlaßte, wenigstens für den thrakischen Feldzug den Rücken decken;
+die Positionen, die es besetzt hatte, und die makedonische Flotte, die im
+Hellespont lag, machten einen Versuch der Perser, nach Thrakien
+hinüberzugehen, unmöglich.
+
+Allerdings war es dringend nötig, die Thraker, Geten, Triballer, Illyrier
+die Überlegenheit der makedonischen Waffen fühlen zu lassen, um mit ihnen,
+bevor das große Unternehmen nach Asien begonnen wurde, ein haltbares
+Verhältnis herzustellen. Diese Völkerschaften, die Makedonien von drei
+Seiten umgaben, waren in der Zeit Philipps teils zu Untertanen, teils zu
+pflichtigen Verbündeten des makedonischen Königtums gemacht oder doch, wie
+die illyrischen Stämme, durch wiederholte Niederlagen in ihren räuberischen
+Streifzügen gehemmt worden. Jetzt mit Philipps Tode schien diesen Barbaren
+die Zeit gekommen, sich der lästigen Abhängigkeit zu entschlagen und unter
+ihren Häuptlingen in alter Unabhängigkeit zu streifen und zu heeren, wie
+ihre Väter getan.
+
+So standen jetzt die Illyrier unter ihrem Fürsten Kletosi auf, dessen Vater
+Bardyllis, erst Kohlenbrenner, dann König, die verschiedenen Gaue zu
+gemeinsamen Raubzügen vereint und in den schlimmsten Zeiten des Amyntas und
+des Aloriten Ptolemaios auch makedonische Grenzgebiete besetzt hatte, bis
+endlich Philipp in schweren Kämpfen ihn bis hinter den lychnitischen See
+zurückgeworfen hatte. Wenigstens die Pässe im Süden desselben gedachte
+jetzt Kleitos zu gewinnen. Gemeinsame Sache mit ihm zu machen, rüsteten
+sich die Taulantiner unter ihrem Fürsten Glaukias, die neben und hinter
+jenen bis zur Seeküste bei Apollonia und Dyrrhachion saßen. Nicht minder
+schickten sich die Autariaten, die seit zwei Menschenaltern in den Tälern
+des Brongos und Angros, der serbischen und bulgarischen Morawa, saßen, von
+der allgemeinen Bewegung ergriffen, zu einem Einbruch in das makedonische
+Gebiet an.
+
+Noch gefährlicher schien der zahlreiche, den Makedonen feindliche
+Thrakerstamm der Triballer, die jetzt im Norden des Haimosgebirges und
+längs der Donau hinab wohnten. Sie hatten schon einmal, um 370, als die
+Autariaten sie aus ihrem Lande an der Morawa verdrängt hatten, den Weg über
+die Gebirge bis Abdera gefunden und waren dann mit Beute beladen zur Donau
+zurückgekehrt, wo sie die Geten aus ihren Sitzen trieben. Die
+Ausgetriebenen zogen sich auf die weiten Ebenen auf dem linken Donauufer
+zurück, die wie die Sumpfwälder der Donaumündung und die Steppe der
+Dobrudscha die Skythen, die der alte König Ateas beherrschte, innehatten;
+so bedrängten sie ihn, daß der alte König endlich durch Vermittlung der ihm
+befreundeten Griechen in Apollonia Philipps Hilfe anrief; aber bevor diese
+kam, hatte er seinen Frieden mit den Geten gemacht und kehrte seine Waffen
+gegen den, der zu seiner Hilfe heranzog; er büßte es mit schwerer
+Niederlage (339). Aber den mit reicher Beute heimkehrenden Philipp -- er
+wählte den Weg durch das Gebiet der Triballer -- überfielen die, welche er
+zu schrecken gedacht haben mochte, nahmen ihm einen Teil seiner Beute ab,
+und die Wunde, die er davontrug, zwang ihn heimzuziehen, ohne sie erst zu
+züchtigen; im Herbst darauf hatte ihn der amphiktyonische Krieg nach Hellas
+gerufen, dann die Bewältigung Thebens, die Ordnung des Korinthischen
+Bundes, dann der Krieg gegen den Illyrier Pleurias in Anspruch genommen;
+bevor er sich gegen die Triballer hatte wenden können, hatte ihn der Tod
+ereilt. Wie hätten die Anfänge eines jungen Königs und die nur zu bekannten
+Spannungen am Hofe zu Pella nicht die Triballer ebenso locken sollen wie
+die Illyrier?
+
+Wenn sie sich jetzt erhoben, so würden die ihnen nächstgesessenen
+Thrakerstämme, die »selbst den Räubern als Räuber furchtbar« im Haimos
+hausten, die Maider, Besser, Korpillen, nicht etwa ihren Einbruch
+abgewehrt, sondern sich mit ihnen vereint und die Gefahr verdoppelt haben;
+auch die südlicher in der Rhodope bis zum Nessostal hinab wohnenden, die
+sogenannten freien Thraker, hätten sicher, wie ehedem bei dem Zug gegen
+Abdera, mit den Triballern gemeinsame Sache gemacht. Und der im Norden
+nächstgelegenen, halb untertänigen Gebiete, namentlich des zwischen dem
+Strymon und dem oberen Axios gelegenen und immer noch bedeutenden
+Fürstentums der Paionen[3] war das makedonische Königtum noch keineswegs
+für alle Fälle sicher, obschon sie sich für den Augenblick noch ruhig
+verhielten. Nicht weniger unzuverlässig schienen die Thraker im Flußgebiet
+des Hebros und bis an die Propontis im Süden, den Pontos im Osten, einst
+viele kleine Fürstentümer, zusammen von bedeutender Macht, solange sie in
+dem odrysischen Königtum -- sie alle stammten aus diesem Königshause des
+Teres, des Odrysenkönigs in der perikleischen Zeit -- eine Art
+zusammenhaltender Einigung gehabt hatten; von König Philipp waren sie in
+langen und schweren Kämpfen mehr und mehr getrennt und zur Abhängigkeit
+gezwungen worden; daß Athen die Wiedereinsetzung des Kersobleptes und des
+alten Teres von Philipp forderte, hatte den schweren Krieg von 340
+veranlaßt. Möglich, daß nach dem Siege von Chaironeia Philipp auch in den
+thrakischen Verhältnissen Ordnung gemacht hat; es kann kein Zweifel sein,
+daß einzelne dieser Fürsten ihr Erbe behielten, aber in Abhängigkeit von
+Makedonien, die ihnen zu ertragen unleidlich genug sein mochte; doppelt
+unleidlich, da die makedonischen Ansiedlungen am Hebros und vielleicht ein
+makedonischer Strateg als Statthalter sie zwang, Ruhe zu halten. Ohne daß
+diese Völker die Verwirrung nach Philipps Ermordung zu offenbaren
+Feindseligkeiten benutzt, oder mit den Verschworenen, mit Attalos, mit den
+Athenern in Verbindung gestanden hätten, war die Besorgnis vor ihnen im Rat
+Alexanders so groß, daß alle Nachgiebigkeit, und selbst wenn sie abfielen,
+Nachsicht für geratener hielten, als mit Strenge Unterwürfigkeit und
+Achtung für die bestehenden Verträge zu fordern. Alexander erkannte, daß
+Nachgiebigkeit und halbe Maßregeln und Makedonien, wenn es angriff,
+unüberwindlich war, zur Defensive erniedrigt, die wilden und raublüsternen
+Barbaren kühner, den Perserkrieg unmöglich gemacht hätten, da man weder die
+Grenzen ihren Angriffen preisgeben, noch sie als leichtes Fußvolk in den
+Perserkriegen entbehren konnte.
+
+ [3] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Jetzt waren die Gefahren im hellenischen Lande glücklich beseitigt und die
+Jahreszeit so weit vorgerückt, daß man die Gebirge ohne bedeutende
+Hindernisse zu durchziehen hoffen durfte. Da diejenigen der bezeichneten
+Völkerschaften, welche zu Makedonien gehörten, noch nichts Entschiedenes
+unternommen hatten, oder wenigstens seit Alexanders Rückkehr nach
+Makedonien an weitere Wagnisse nicht zu denken schienen, da auf der anderen
+Seite, um sie von jedem Gedanken an Abfall und Neuerungen abzuschrecken,
+die Überlegenheit der makedonischen Waffen und der bestimmte Wille, diese
+geltend zu machen, gleichsam vor ihren Augen gezeigt werden mußte, so
+beschloß der König einen Zug gegen die Triballer, welche noch nicht dafür
+bestraft worden waren, daß sie Philipp auf dem Rückmarsche vom Skythenzuge
+überfallen und beraubt hatten.
+
+Dem Könige standen zwei Wege über das Gebirge in das Land der Triballer
+offen, entweder am Axiosstrom aufwärts durch die nördlichen Pässe und das
+Gebiet der allezeit treuen Agrianer in die Ebene der Triballer
+hinabzugehen, oder ostwärts durch das Gebiet der freien Thraker ins Tal des
+Hebros zu ziehen und dann nach dem Haimos hinaufzusteigen, um die Triballer
+an ihrer Ostgrenze zu überfallen; dieser zweite Weg war vorzuziehen, weil
+er durch das Gebiet unsicherer Völkerschaften, namentlich der odrysischen
+Thraker führte. Zugleich wurde Byzanz aufgefordert, eine Anzahl
+Kriegsschiffe nach den Donaumündungen zu senden, um den Übergang über
+diesen Strom möglich zu machen. Antipatros blieb zur Verwaltung des Reiches
+in Pella zurück.
+
+Von Amphipolis aus zog der König zuerst gegen Osten, durch das Gebiet der
+freien Thraker, Philippoi, dann den Orbelos zur Linken lassend, im
+Nessostal hinauf und über diesen Fluß. Darauf ging er über die Rhodope, um
+durch das Gebiet der Odryser zu den Haimospässen zu gelangen. Nach einem
+Marsche von zehn Tagen, so heißt es, stand Alexander am Fuß des Gebirges;
+der Weg, der sich hier eng und steil zwischen den Höhen hindurchdrängt, war
+von den Feinden besetzt, die mit aller Macht den Übergang hindern zu wollen
+schienen, teils Gebirgsbewohner dieser Gegend, teils freie Thraker. Nur mit
+Dolch und Jagdspieß bewaffnet, mit einem Fuchsbalg statt des Helmes
+bedeckt, so daß sie gegen die schwerbewaffneten Makedonen nicht das Feld
+halten konnten, wollten sie die feindliche Schlachtlinie, wenn sie gegen
+die Höhen anrückte, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit denen
+sie die Höhen besetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung bringen, um über
+die aufgelösten Reihen herzufallen. Alexander, der die Gefahr sah und sich
+überzeugte, daß der Übergang an keiner anderen Stelle möglich sei, gab dem
+Fußvolk die Weisung, sobald die Wagen herabrollten, überall, wo es das
+Terrain gestattete, die Linien zu öffnen und die Wagen durch diese Lücken
+hinfahren zu lassen; wo sie nicht nach den Seiten hin ausweichen könnten,
+sollten die Leute, das Knie gegen den Boden gestemmt, die Schilder über
+ihre Häupter fest aneinander schließen, damit die niederfahrenden Wagen
+über sie wegrollten. Die Wagen kamen und jagten teils durch die Öffnungen,
+teils über die Schilddächer hinweg, ohne Schaden zu tun. Mit lautem
+Geschrei drangen jetzt die Makedonen auf die Thraker ein; die Bogenschützen
+vom rechten Flügel aus vorgeschoben, wiesen die anprallenden Feinde mit
+ihren Geschossen zurück und deckten den bergaufsteigenden Marsch der
+Schwerbewaffneten; sowie diese in geschlossener Linie vordrangen,
+vertrieben sie mit leichter Mühe die schlechtbewaffneten Barbaren aus ihrer
+Stellung, so daß sie dem auf dem linken Flügel mit den Hypaspisten und
+Agrianern anrückenden König nicht mehr standhielten, sondern die Waffen
+wegwarfen und, so gut sie konnten, flüchteten. Sie verloren fünfzehnhundert
+Tote; ihre Weiber und Kinder und alle ihre Habe wurde den Makedonen zur
+Beute und unter Lysanias und Philotas in die Seestädte auf den Markt
+geschickt.
+
+Alexander zog nun die sanfteren Nordabhänge des Gebirges hinab in das Tal
+der Triballer, über den Lyginos (wohl die Jantra bei Tirnowo), der hier
+etwa drei Märsche von der Donau entfernt strömt. Syrmos, der
+Triballerfürst, hatte, von Alexanders Zuge in Kenntnis gesetzt, die Weiber
+und Kinder der Triballer zur Donau vorausgeschickt und sie auf die Insel
+Peuke überzusetzen befohlen; ebendahin hatten sich bereits die den
+Triballern benachbarten Thraker geflüchtet; auch Syrmos selbst war mit
+seinen Leuten dahin geflohen; die Masse der Triballer dagegen hatte sich
+rückwärts dem Flusse Lyginos zu, von dem Alexander tags zuvor aufgebrochen
+war, gezogen, wohl um sich der Pässe in seinem Rücken zu bemächtigen. Kaum
+hatte das der König erfahren, so kehrte er schnell zurück, um sie
+aufzusuchen, und überraschte sie, da sie sich eben gelagert hatten; sie
+stellten sich schnell an dem Saume des Waldes auf, der sich an dem Fluß
+entlangzog. Während die Kolonnen der Phalanx heranzogen, ließ Alexander die
+Bogenschützen und Schleuderer vorauseilen, mit Pfeilen und Steinen die
+Feinde auf das offene Feld zu locken. Diese brachen hervor, und indem sie,
+namentlich auf dem rechten Flügel, sich zu weit wagten, sprengten rechts
+und links drei Ilen der Ritterschaft auf sie ein; schnell rückten im
+Mitteltreffen die anderen Ilen und hinter ihnen die Phalanx vor; der Feind,
+der sich bis dahin wacker gehalten hatte, stand dem Andrang der
+geharnischten Reiter und der geschlossenen Phalanx nicht und floh durch den
+Wald zum Fluß zurück; dreitausend kamen auf der Flucht um, die anderen
+retteten sich, durch das Dunkel des Waldes und der hereinbrechenden Nacht
+begünstigt.
+
+Alexander setzte seinen früheren Marsch fort und kam am dritten Tage an die
+Ufer der Donau, wo ihn bereits die Schiffe von Byzanz erwarteten; sofort
+wurden sie mit Bogenschützen und Schwerbewaffneten bemannt, um die Insel,
+auf welche sich die Triballer und Thraker geflüchtet hatten, anzugreifen;
+aber die Insel war gut bewacht, die Ufer steil, der hier eingeengte Strom
+reißend, der Schiffe zu wenig, und die Geten am Nordufer schienen bereit,
+mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Alexander zog seine Schiffe zurück
+und beschloß, sofort die Geten am jenseitigen Ufer anzugreifen; wenn er
+durch die Demütigung Herr der beiden Ufer war, konnte sich auch die
+Donauinsel nicht halten.
+
+Die Geten, etwa viertausend Mann zu Pferde und mehr als zehntausend zu Fuß,
+hatten sich am Nordufer der Donau vor einer schlechtbefestigten Stadt, die
+etwas landeinwärts lag, aufgestellt; sie mochten erwarten, daß der Feind
+tagelang brauchen werde, über den Strom zu kommen, daß sich so Gelegenheit
+finden werde, die einzelnen Abteilungen, die landeten, zu überfallen und
+aufzureiben. Es war Mitte Mai, die Felder neben der Getenstadt mit Getreide
+bedeckt, das hoch genug in den Halmen stand, um landende Truppen den Augen
+des Feindes zu entziehen. Alles kam darauf an, die Geten mit schnellem
+Überfall zu fassen; da die Schiffe aus Byzanz nicht Truppen genug aufnehmen
+konnten, so brachte man aus der Gegend eine Menge kleiner Nachen zusammen,
+deren sich die Einwohner bedienten, wenn sie auf dem Strome fischten,
+Freibeuterei trieben oder Freunde im unteren Dorfe besuchten; außerdem
+wurden die Felle, unter denen die Makedonen nächtigten, mit Heu ausgefüllt
+und fest zusammengeschnürt. In der Stille der Nacht setzten fünfzehnhundert
+Reiter und viertausend Mann Fußvolk unter Führung des Königs über den
+Strom, landeten unter dem Schutze des weiten Getreidefeldes unterhalb der
+Stadt. Mit Tagesanbruch rückten sie durch die Saaten vor, vorauf das
+Fußvolk, mit der Weisung, das Getreide mit den Sarissen niederzuschlagen
+und, bis sie an ein unbebautes Feld kämen, vorzurücken. Dort ritt die
+Reiterei, die bisher dem Fußvolke gefolgt war, unter des Königs Anführung
+bei dem rechten Flügel auf, während links, an den Fluß gelehnt, die Phalanx
+in ausgebreiteter Linie unter Nikanor vorrückte. Die Geten, erschreckt
+durch die unbegreifliche Kühnheit Alexanders, der so leicht den größten
+aller Ströme, und das in einer Nacht, überschritten, eilten, weder dem
+Andrang der Reiter, noch der Gewalt der Phalanx gewachsen, sich in die
+Stadt zu werfen; und als sie auch dahin die Feinde nachrücken sahen,
+flüchteten sie, indem sie von Weibern und Kindern mit sich nahmen, was die
+Pferde tragen konnten, weiter ins Innere des Landes. Der König rückte in
+die Stadt ein, zerstörte sie, sandte die Beute unter Philippos und
+Meleagros nach Makedonien zurück, opferte am Ufer des Stromes dem Retter
+Zeus, dem Herakles und dem Strome Dankopfer. Es war nicht seine Absicht,
+die Grenzen seiner Macht bis in die weiten Ebenen, die sich nordwärts der
+Donau ausbreiten, auszudehnen; der breite Strom war, nachdem die Geten die
+Macht der Makedonen kennengelernt hatten, eine sichere Grenze, und in der
+Nähe weiter kein Volksstamm, dessen Widerstand man zu fürchten gehabt
+hätte. Nachdem der König mit jenen Opfern das nördlichste Ziel seiner
+Unternehmungen bezeichnet hatte, kehrte er noch am gleichen Tag von einer
+Expedition, die ihm keinen Mann gekostet hatte, in sein Lager im Süden des
+Flusses zurück.
+
+So schwer und plötzlich getroffen, schickten die Völkerschaften, die in der
+Nähe der Donau wohnten, Gesandte mit den Geschenken ihres Landes in des
+Königs Lager, baten um Frieden, der ihnen gern gewährt wurde; auch der
+Triballerfürst Syrmos, der wohl einsah, daß er seine Donauinsel nicht zu
+halten imstande sein werde, unterwarf sich. Hierher kam auch von den Bergen
+am Adriatischen Meere eine Gesandtschaft keltischer Männer, die wie ein
+Augenzeuge erzählt, »groß von Körper sind und Großes von sich denken«, und,
+von des Königs großen Taten unterrichtet, um seine Freundschaft werben
+wollten. Beim Gelage fragte sie der junge König, was sie wohl am meisten
+fürchteten? Er meinte, sie sollten ihn nennen; sie antworteten: »Nichts,
+als daß etwa der Himmel einmal auf sie fallen möchte; aber eines solchen
+Helden Freundschaft gelte ihnen am höchsten.« Der König nannte sie Freunde
+und Bundesgenossen und entließ sie reich beschenkt, meinte aber nachmals
+doch, die Kelten seien Prahler.
+
+Nachdem so mit der Bewältigung der freien Thraker auch die odrysischen zur
+Ruhe gezwungen, mit dem Siege über die Triballer die makedonische Hoheit
+über die Völker südwärts der Donau hergestellt, durch die Niederlage der
+Geten die Donau als Grenze gesichert, somit der Zweck dieser Expedition
+erreicht war, eilte Alexander südwärts, durch das Gebiet der ihm
+verbündeten Agrianer (in der Ebene von Sofia) nach Makedonien
+zurückzukehren. Er hatte bereits die Nachricht, daß der Fürst Kleitos mit
+seinen Illyriern sich des Passes von Pelion bemächtigt habe, daß der
+Taulantinerfürst Glaukias schon heranziehe, sich mit Kleitos zu vereinigen,
+daß die Autariaten mit ihnen im Einverständnis sich anschickten, das
+makedonische Heer in seinem Marsche durch die Gebirge zu überfallen.
+
+Alexanders Lage war schwierig; noch mehr als acht Tagemärsche von den
+Pässen der Westgrenze entfernt, welche die Illyrier bereits überschritten
+hatten, war er nicht mehr imstande, Pelion, den Schlüssel zu den beiden
+Flußtälern des Haliakmon und des Apsos (Devol), zu retten; hielt ein
+Überfall der Autariaten ihn auch nur zwei Tage auf, so waren die vereinten
+Illyrier und Taulantiner stark genug, von Pelion aus bis in das Herz
+Makedoniens vorzudringen, die wichtige Linie des Erigonstromes zu besetzen
+und, während sie selbst die Verbindung mit ihrer Heimat durch den Paß von
+Pelion offen hatten, den König von den südlichen Landschaften seines
+Reiches und von Griechenland abzuschneiden, wo bereits gefährliche
+Bewegungen merkbar wurden. Freilich lag Philotas mit einer starken
+Besatzung in der Kadmeia, und Antipatros in Makedonien hatte noch Truppen
+zur Hand, ihn zu unterstützen; aber ohne die Heeresmacht, die mit dem
+Könige war, vermochten sie wenig; und diese Heeresmacht war in ernstem
+Gedränge; für Alexander stand Großes auf dem Spiel; ein unglückliches
+Treffen, und alles, was er und sein Vater mühsam erreicht hatten, stürzte
+zusammen.
+
+Langaros, der Fürst der Agrianer, der ihm schon bei Philipps Lebzeiten
+unzweideutige Beweise seiner Anhänglichkeit gegeben, und dessen Kontingent
+in dem eben beendeten Feldzuge mit ausgezeichnetem Mute gefochten hatte,
+war ihm mit seinen Hypaspisten und den schönsten und tüchtigsten Truppen,
+die er sonst noch hatte, entgegengekommen; und als nun Alexander, voll
+Besorgnis über den Aufenthalt, den ihm die Autariaten verursachen könnten,
+sich nach ihrer Macht und Bewaffnung erkundigte, berichtete ihm Langaros,
+er brauche vor diesen Menschen, den schlechtesten Kriegsvölkern im Gebirge,
+nicht besorgt zu sein; er selbst wolle, wenn der König es gestatte, in ihr
+Land einfallen, so daß sie genug mit sich selbst zu tun haben und an
+feindliche Überfälle nicht weiter denken sollten. Alexander gab seine
+Zustimmung, und Langaros drang plündernd und verwüstend in ihre Täler ein,
+so daß sie den Marsch der Makedonen nicht weiter störten. Der König ehrte
+die treuen Dienste des treuen Bundesgenossen, verlobte ihm seine
+Halbschwester Kynna und lud ihn ein, nach Beendigung des Krieges nach Pella
+zu kommen, um die Hochzeit zu feiern. Langaros starb gleich nach dem Zuge
+auf dem Krankenbette.
+
+In dem mächtigen Gebirgswall, der die Wasserscheide zwischen den
+makedonischen und illyrischen Strömen bildet, ist südöstlich vom
+lychnitischen See (dem See von Ochrida) eine fast zwei Meilen breite Lücke,
+durch die der Apsos (Devol) nach Westen fließt; sie bildet das natürliche
+Tor zwischen dem makedonischen Oberlande und Illyrien. König Philipp hatte
+nicht eher geruht, als bis er sein Gebiet bis an den See erweitert hatte;
+unter den Positionen und Kastellen, welche die Wege dorthin beherrschten,
+war die Bergfestung Pelion die beste und wichtigste; wie ein Außenwerk
+gegen die Vorberge nach Illyrien zu gelegen, die sie im Kreise umgaben,
+schützte sie auch den Weg, der aus dem Tale des Erigon südwärts zu dem des
+Haliakmon und in das südliche Makedonien führte; die Straße von hier nach
+Pelion ging an dem eingeschnittenen Bette des Apsos hinab und war
+stellenweise so eng, daß ein Heer kaum zu vier Schilden hindurchziehen
+konnte. Diese wichtige Position war bereits in den Händen des illyrischen
+Fürsten; Alexander rückte in Eilmärschen den Erigon aufwärts, um womöglich
+die Festung vor Ankunft der Taulantiner wiederzunehmen.
+
+Vor der Stadt angekommen, bezog er am Apsos ein Lager, um am folgenden
+Tage zu stürmen. Kleitos hatte schon auch die waldigen Höhen rings um die
+Stadt besetzt, so den Rücken der Feinde, wenn sie den Angriff versuchen
+sollten, bedrohend; nach der Sitte seines Landes schlachtete er zum Opfer
+drei Knaben, drei Mädchen, drei schwarze Widder, rückte dann vor, als wolle
+er mit den Makedonen handgemein werden; doch sobald diese gegen die Höhen
+anrückten, verließen die Illyrier eiligst ihre feste Stellung, ließen
+selbst die Schlachtopfer liegen, die den Makedonen in die Hände fielen, und
+zogen sich in die Stadt zurück, unter deren Mauern sich jetzt Alexander
+lagerte, um sie, da der Überfall mißlungen war, mit einer Umwallung
+einzuschließen und zur Übergabe zu zwingen. Aber schon am folgenden Tage
+zeigte sich Glaukias mit einer starken Heeresmacht auf den Höhen; Alexander
+mußte es aufgeben, mit seinen gegenwärtigen Streitkräften auf die mit
+Kriegsvolk gefüllte Festung Sturm zu wagen, bei dem er den Feind auf den
+Bergen im Rücken gehabt hätte. Es bedurfte in dieser Stellung großer
+Vorsicht. Philotas, der mit einem Trupp Reiter und den nötigen Gespannen
+zum Fouragieren abgeschickt wurde, wäre fast in die Hände der Taulantiner
+gefallen; nur Alexanders schnelles Nachrücken mit den Hypaspisten, den
+Agrianern und Bogenschützen, und 300 von der Ritterschaft sicherte
+Philotas' Rückkehr, rettete den wichtigen Transport. Die Lage des Heeres
+wurde von Tage zu Tage peinlicher; in der Ebene fast eingeschlossen, hatte
+Alexander weder Truppen genug, Entscheidendes gegen die Macht beider
+Fürsten zu wagen, noch hinreichend Proviant, um sich bis zur Ankunft von
+Verstärkungen zu halten. Er mußte zurück, aber der Rückzug schien doppelt
+gefährlich; Kleitos und Glaukias glaubten nicht ohne Grund, den König auf
+diesem höchst ungünstigen Boden in ihren Händen zu haben; die überragenden
+Berge hatten sie mit zahlreicher Reiterei, mit vielen Akontisten,
+Schleuderern und Schwerbewaffneten besetzt, die das Heer in jenem engen
+Wege überfallen und niedermetzeln konnten, während die Illyrier aus der
+Festung den Abziehenden in den Rücken fielen.
+
+Durch eine kühne Bewegung, wie sie nur ein makedonisches Heer auszuführen
+imstande war, machte Alexander die Hoffnungen der Feinde zuschanden.
+Während die meisten der Reiterei und sämtliche Leichtbewaffnete, dem Feinde
+in der Stadt zugewandt, jede Gefahr von dieser Seite unmöglich machten,
+rückte die Phalanx, zu 120 Mann Tiefe formiert, die Flanken mit 200 Reitern
+gedeckt in der Ebene vor, mit der größten Stille, damit die Kommandos
+schnell vernommen würden. Die Ebene war bogenförmig von Höhen umschlossen,
+von welchen herab die Taulantiner die Flanken der vorrückenden Masse
+bedrohten; aber das ganze Viereck fällte die Spieße, drang gegen die Höhen
+vor, machte dann plötzlich rechtsum, rückte in dieser Richtung vor, kehrte
+sich, da ein anderer Haufen der Feinde die neue Flanke bedrohte, gegen
+diesen; so abwechselnd, vielfach und mit der größten Präzision eine Stelle
+mit der anderen tauschend, rückten die Makedonen zwischen den feindlichen
+Höhen hin, formierten sich endlich aus der linken Flanke »wie zu einem
+Keile«, als wollten sie durchbrechen. Bei dem Anblick dieser unangreifbaren
+und mit ebensoviel Ordnung wie Schnelligkeit ausgeführten Bewegungen wagten
+die Taulantiner keinen Angriff und zogen sich von den ersten Anhöhen
+zurück. Als nun aber die Makedonen das Schlachtgeschrei erhoben und mit den
+Spießen an ihre Schilde schlugen, kam ein panischer Schrecken über die
+Barbaren, und eiligst flohen sie über die Höhen nach der Stadt hinein. Nur
+eine Schar hielt noch eine Anhöhe besetzt, über welche der Weg führte;
+Alexander befahl den Hetairen seiner Stabswache, aufzusitzen, gegen die
+Anhöhe vorzusprengen; wenn der Feind Miene machte, sich zu widersetzen,
+sollte die Hälfte von ihnen von den Pferden springen und gemischt mit denen
+zu Pferd zu Fuß kämpfen. Aber die Feinde zogen sobald sie dies
+Herausstürmen sahen, rechts und links von der Anhöhe hinab. Der König
+besetzte nun diese, ließ die noch übrigen Ilen der Ritterschaft, die
+zweitausend Bogenschützen und Agrianer eilig nachrücken, dann die
+Hypaspisten und nach ihnen die Phalangen durch den Fluß gehen und jenseits
+in Schlachtordnung links aufrücken, die Wurfgeschütze dort auffahren. Er
+selbst blieb indes auf jener Anhöhe mit der Nachhut und beobachtete die
+Bewegungen der Feinde, welche kaum den Übergang des Heeres bemerkten, als
+sie auch schon an den Bergen hin vorrückten, um über die mit Alexander
+zuletzt Abziehenden herzufallen. Ein Ausfall des Königs gegen sie und der
+Schlachtruf der Phalanx, als wolle sie durch den Fluß zurück anrücken,
+schreckte sie zurück, und Alexander führte seine Bogenschützen und Agrianer
+im vollen Laufe in den Fluß. Er selbst ging zuerst hinüber und ließ, sobald
+er sah, daß seine Nachhut vom Feinde gedrängt wurde, das Wurfgeschütz gegen
+die Feinde jenseits spielen, die Bogenschützen mitten im Fluß umwenden und
+schießen; während nun Glaukias mit seinen Taulantinern sich nicht in die
+Schußweite wagte, gingen die letzten Makedonen durch den Fluß, ohne daß
+Alexander bei dem ganzen gefährlichen Manöver auch nur einen Mann verloren
+hätte; er selbst hatte an den gefährlichsten Punkten gefochten, er war am
+Halse durch einen Keulenschlag, am Kopfe durch einen Steinwurf verwundet.
+
+Durch diese Bewegung hatte Alexander nicht bloß sein Heer aus
+augenscheinlicher Gefahr gerettet, sondern er konnte von seiner Stellung am
+Ufer des Flusses aus alle Wege und Operationen der Feinde übersehen und sie
+in Untätigkeit halten, falls er Verstärkungen heranziehen wollte. Indes
+gaben ihm die Feinde früher Gelegenheit, einen Handstreich auszuführen, der
+dem Kriege hier ein schnelles Ende machte. Sie hatten sich, in der Meinung,
+jener Rückzug sei ein Werk der Furcht gewesen, in langer Linie vor Pelion
+gelagert, ohne sich mit Wall und Graben zu schützen oder auf den
+Vorpostendienst die nötige Sorgfalt zu wenden. Das erfuhr Alexander; in der
+dritten Nacht ging er unbemerkt mit den Hypaspisten, Agrianern,
+Bogenschützen und zwei Phalangen über den Fluß und ließ, ohne die Ankunft
+der übrigen Kolonnen abzuwarten, die Bogenschützen und Agrianer vorrücken;
+diese brachen an der Seite des Lagers ein, wo am wenigsten Widerstand
+möglich war; und die Feinde, aus tiefem Schlafe aufgeschreckt, unbewaffnet,
+ohne Leitung oder Mut zum Widerstande, wurden in den Zelten, in der langen
+Gasse des Lagers, auf dem regellosen Rückzuge niedergehauen, viele zu
+Gefangenen gemacht, den anderen bis an die Berge der Taulantiner
+nachgesetzt; wer entkam, rettete sich mit Verlust seiner Waffen. Kleitos
+selbst hatte sich in die Stadt geworfen, sie dann angezündet und sich unter
+dem Schutz der Feuersbrunst zu Glaukias in das Taulantinerland geflüchtet.
+So wurde die alte Grenze auf dieser Seite wiedergewonnen und den besiegten
+Fürsten, wie es scheint, unter der Bedingung der Friede gegeben, daß sie
+die Oberhoheit Alexanders anerkannten.
+
+Die raschen und heftigen Stöße, mit denen der König, mehr als einmal in
+gewagten Angriffen, die Illyrier niederwarf, lassen seine Ungeduld
+erkennen, hier fertig zu werden. Während er mit den Illyriern noch vollauf
+zu tun hatte, war im Süden eine Bewegung ausgebrochen, die, wenn sie nicht
+schnell gedämpft wurde, den großen Plan eines Perserzuges noch lange
+hindern, vielleicht für immer unmöglich machen konnte.
+
+Die Hellenen hatten zwar Alexanders Hegemonie anerkannt, das Bündnis mit
+ihm auf dem Bundestage zu Korinth beschworen; aber er war ja nun mit seiner
+Kriegsmacht weit hinweg, und die Worte derer, die an die alte Freiheit und
+den alten Ruhm mahnten, fanden bald offene Ohren und Herzen. Freilich
+solange in der Hofburg von Susa noch Alexanders Jugend verachtet wurde,
+hielt man es für geraten, zu lavieren; den Athenern wird noch in den Ohren
+geklungen haben, was ihnen jüngst der Großkönig geschrieben: »Ich will euch
+kein Geld geben, bittet mich nicht, denn ihr bekommt doch nichts.« Aber
+allmählich wurde dort erkannt, was für ein Feind dem Reich in Alexander
+erstanden sei. Es wurde Memnon -- sein Bruder war wohl nicht mehr am Leben
+-- mit 5000 hellenischen Söldnern gegen die bereits in Asien gelandeten
+makedonischen Truppen ins Feld geschickt. Aber die Bewegung unter den
+asiatischen Hellenen drohte ihm einen schweren Stand; es gab kein besseres
+Schutzmittel als das oft erprobte, die Feinde des Reiches in Hellas und
+durch die Hellenen zu bekämpfen.
+
+Dareios erließ ein Schreiben an die Hellenen, sie zum Kriege gegen
+Alexander aufzufordern; er sandte Geld an die einzelnen Staaten, nach Athen
+300 Talente, die der Demos noch verständig genug war, nicht anzunehmen;
+aber Demosthenes nahm sie, um sie im Interesse des Großkönigs und gegen
+den beschworenen Frieden zu verwenden. Er stand mit dem Strategen des
+Großkönigs in brieflichem Verkehr, natürlich um für den Kampf gegen
+Alexander Mitteilungen zu geben und zu empfangen. Hand in Hand mit Lykurgos
+und den anderen gleichgesinnten Volksführern, tat er, was nötig war, einen
+neuen Kampf gegen die makedonische Macht vorzubereiten und einzuleiten,
+namentlich die Flüchtlinge Thebens, deren viele in Athen Aufnahme gefunden,
+zu neuen Wagnissen aufzufordern. Je ferner Alexander war, je länger er
+fernblieb, desto größer wurde der Mut und der Eifer dieser Partei; schon
+wurden Gerüchte von einer Niederlage Alexanders im Lande der Triballer
+verbreitet und geglaubt. Auch in Arkadien, in Elis, in Messenien, bei den
+Ätolern erwachte die alte Neuerungssucht und neue Hoffnungen; vor allen
+fühlten die Thebaner das Joch der makedonischen Herrschaft; die Besatzung
+in ihrer Burg schien sie unablässig an ihre jetzige Schmach und den Verlust
+ihres einstigen Ruhmes zu mahnen.
+
+Da verbreitete sich gewisse Nachricht, Alexander sei im Kampf gegen die
+Triballer gefallen; Demosthenes brachte einen Menschen vor das versammelte
+Volk, der eine Wunde aus dieser Schlacht aufzuweisen hatte, in der
+Alexander vor seinen Augen gefallen sein sollte. Wer konnte zweifeln? Wer
+hätte nicht mit Freuden sich von denen überzeugen lassen, die sagten: jetzt
+sei die Zeit gekommen, des makedonischen Joches frei zu werden; die
+Verträge, die man mit Alexander geschlossen, hätten mit seinem Tode ein
+Ende; der Großkönig, bereit die Freiheit der hellenischen Staaten zu
+schützen, habe reichliche Subsidien in die Hände der Männer, welche mit ihm
+nichts als das Wohl und die Freiheit der Hellenen im Sinne hätten, zur
+Unterstützung aller gegen die Makedonen gerichteten Unternehmungen
+niedergelegt. Nicht weniger als das persische Gold wirkte für solche Pläne,
+daß neben Demosthenes der unbestechliche Lykurgos für sie sprach. Das
+Notwendigste war, daß ungesäumt gehandelt, daß mit einer großen Tat der
+allgemeinen Erhebung ein Mittelpunkt gegeben wurde.
+
+Begreiflich, daß in dem schwer gestraften Theben, daß unter den
+Geflüchteten und Verbannten Thebens in Athen und überall die Stimmung dazu
+war, das Äußerste zu wagen. Schon einmal waren Verbannte von Athen aus zur
+Befreiung der Kadmeia ausgezogen; Pelopidas hatte sie geführt, die Siege
+von Leuktra und Mantineia waren die stolzen Früchte jener Heldentat
+gewesen. Freilich in dem Bundesvertrage hatte jede Stadt ausdrücklich
+gelobt, nicht gestatten zu wollen, daß von ihr aus Flüchtlinge die Heimkehr
+zu erzwingen unternähmen; aber der König, mit dem man den Bund beschworen,
+war jetzt tot. Gewiß nicht ohne Einverständnis mit Demosthenes, vielleicht
+von ihm mit einem Teil des persischen Geldes, das in seinen Händen war,
+unterstützt, verließen mehrere der Flüchtlinge Athen; nachts kamen sie nach
+Theben, wo ihre Freunde sie schon erwarteten. Sie begannen damit, zwei
+Führer der makedonischen Partei, die, nichts ahnend, von der Kadmeia
+herabgekommen waren, zu ermorden. Sie beriefen die Bürgerschaft zur
+Versammlung, berieten, was geschehen, was zu hoffen sei; sie beschworen das
+Volk bei dem teuren Namen der Freiheit und des alten Ruhmes, das Joch der
+Makedonen abzuschütteln, ganz Griechenland und der persische König seien
+bereit, ihnen beizustehen; und als sie verkündeten, daß Alexander nicht
+mehr zu fürchten, daß er in Illyrien gefallen sei, da beschloß das Volk,
+die alte Freiheit herzustellen, wieder Boiotarchen zu bestellen, die
+Besatzung aus der Kadmeia zu vertreiben, durch Gesandte die anderen Staaten
+zum Beistand aufzurufen.
+
+Alles schien den glücklichsten Erfolg zu versprechen; die Elier hatten
+bereits die Anhänger Alexanders verjagt; die Ätoler waren in Bewegung,
+Athen rüstete, Demosthenes sandte Waffen nach Theben, die Arkader rückten
+aus, den Thebanern zu helfen. Und als Gesandte des Antipatros nach dem
+Isthmos kamen, die schon bis dahin Vorgerückten an die geschlossenen
+Verträge zu mahnen, zur vertragsmäßigen Bundeshilfe aufzufordern, hörte man
+nicht auf sie, sondern auf die flehende Bitte der thebanischen Gesandten,
+die, mit wollenumwundenen Ölzweigen in den Händen, zum Schutz der heiligen
+Sache aufriefen. Nur um so eifriger wurde man in Theben selbst; die
+Kadmeia ward mit Palisaden und anderen Werken eingeschlossen, so daß der
+Besatzung dort weder Hilfe noch Lebensmittel zukommen konnten; die Sklaven
+wurden freigegeben, sie und die Metöken zum Kriege gerüstet; die Stadt war
+mit Vorräten und Waffen vollauf versehen; bald mußte die Kadmeia fallen,
+dann war Theben und ganz Hellas frei, dann die Schande von Chaironeia
+gerächt, und der Bundestag von Korinth, dies Trugbild von Selbständigkeit
+und Sicherheit, verschwand vor dem fröhlichen Lichte eines neuen Morgens,
+der schon über Hellas hereinzubrechen schien.
+
+Da verbreitete sich das Gerücht, ein makedonisches Heer rücke in
+Eilmärschen heran, stehe nur zwei Meilen entfernt in Onchestos. Die Führer
+beschwichtigten das Volk; es werde Antipatros sein; seit Alexander tot sei,
+brauche man die Makedonen nicht mehr zu fürchten. Dann kamen Boten: es sei
+Alexander selbst; sie wurden übel empfangen; Alexander, der Lynkestier,
+Äropos' Sohn, sei es. Tags darauf stand der König, der totgeglaubte, mit
+seinem Heere unter den Mauern der Stadt.
+
+Wie alles in diesem ersten Kriege des Königs überraschend, plötzlich, wie
+voll Nerv und Muskel ist, so vor allem dieser Marsch. Vierzehn Tage vorher
+hatte er den letzten Schlag bei Pelion getan; auf die Nachrichten, was in
+Theben geschehen, war er aufgebrochen, in sieben Tagen durch das Gebirge
+bis Pellineion am oberen Peneios marschiert; nach raschem Weitermarsch zum
+Spercheios, durch die Thermopylen, nach Boiotien hinein, stand er jetzt bei
+Onchestos, zwei Meilen von Theben, fast 60 Meilen von Pelion. Sein
+plötzliches Erscheinen hatte zunächst den Erfolg, daß die arkadischen
+Hilfsvölker nicht über den Isthmos hinauszurücken wagten, daß die Athener
+ihre Truppen so lange zurückzuhalten beschlossen, bis sich der Kampf gegen
+Alexander entschieden habe, daß sich die Orchomenier, Platäer, Thespier,
+Phokier, andere Feinde der Thebaner, die sich schon der ganzen Wut ihrer
+alten Peiniger preisgegeben glaubten, mit doppeltem Eifer den Makedonen
+anschlossen. Der König hatte nicht im Sinn, sofort zur Gewalt zu schreiten;
+er führte sein Heer von Onchestos heran, ließ es vor den nördlichen Mauern
+nahe beim Gymnasium des Iolaos lagern; er erwartete, daß die Thebaner
+angesichts seiner Macht die Torheit ihres Unternehmens erkennen und um
+gütlichen Vergleich bitten würden. Sie waren, obschon ohne alle Aussicht
+auf Hilfe, so weit entfernt sich beugen zu wollen, daß sie ihre Reiter und
+leichtes Volk sofort einen Ausfall machen ließen, der die feindlichen
+Vorposten zurückdrängte, und die Kadmeia nur eifriger bedrängten. Auch
+jetzt noch zögerte Alexander, einen Kampf zu beginnen, der, einmal
+begonnen, schweres Unheil über eine hellenische Stadt bringen mußte; er
+rückte am zweiten Tage an das südliche Tor, welches nach Athen hinausführt
+und an welches innerhalb die Kadmeia stößt; er bezog hier ein Lager, um zur
+Unterstützung der in der Burg liegenden Makedonen in der Nähe zu sein; er
+zögerte noch weiter mit dem Angriff. Man sagt, er habe die in der Stadt
+wissen lassen, daß, wenn sie den Phönix und Prothytes, die Urheber ihres
+Abfalles, auslieferten, das Geschehene vergeben und vergessen sein solle.
+Es gab manche in der Stadt, die empfahlen und verlangten, daß man an den
+König senden und um Verzeihung für das Geschehene bitten sollte; aber die
+Boiotarchen, die Verbannten, die, welche sie zur Rückkehr aufgefordert
+hatten, von Alexander keiner freundlichen Aufnahme gewärtig, reizten die
+Menge zum hartnäckigsten Widerstande; es soll dem Könige geantwortet sein:
+wenn er den Frieden wolle, so möge er ihnen Antipatros und Philotas
+ausliefern; es soll die Aufforderung erlassen sein, wer mit ihnen und dem
+Großkönige Hellas befreien wolle, möge zu ihnen in die Stadt kommen.
+Alexander wollte auch jetzt noch nicht angreifen.
+
+Aber Perdikkas, der mit seiner Phalanx die Vorhut des makedonischen Lagers
+hatte und in der Nähe der feindlichen Außenwerke stand, hielt die
+Gelegenheit zu einem Angriffe für so günstig, daß er Alexanders Befehl
+nicht abwartete, gegen die Verschanzungen anstürmte, sie durchbrach und
+über die Vorwache der Feinde herfiel. Schnell brach auch Amyntas mit seiner
+Phalanx, die zunächst an der des Perdikkas stand, aus dem Lager hervor,
+folgte ihm zum Angriff auf den zweiten Wall. Der König sah ihre Bewegungen
+und fürchtete für sie, wenn sie allein dem Feinde gegenüberblieben; er ließ
+eilig die Bogenschützen und Agrianer in die Umwallung eindringen, das Agema
+nebst den anderen Hypaspisten ausrücken, aber vor den äußeren Werken
+haltmachen. Da fiel Perdikkas schwer verwundet beim Angriff auf den zweiten
+Wall, doch die zwei Phalangen, in Verbindung mit den Schützen und
+Agrianern, erstürmten den Wall, drangen durch den Hohlweg des elektrischen
+Tores in die Stadt bis zum Herakleion vor, und mit lautem Geschrei wandten
+sich die Thebaner, stürzten sich auf die Makedonen, so daß diese mit
+bedeutendem Verluste -- siebzig von den Bogenschützen fielen, unter ihnen
+ihr Führer, der Kreter Eurybotas -- fliehend sich auf die Hypaspisten
+zurückzogen. In diesem Augenblick rückte Alexander, der die Thebaner ohne
+Ordnung verfolgen sah, mit geschlossener Phalanx schnell auf sie an; sie
+wurden geworfen, sie flüchteten so übereilt, daß die Makedonen mit ihnen in
+das Tor eindrangen, während zugleich an anderen Stellen die Mauer, die
+wegen der vielen Außenposten ohne Verteidiger war, erstiegen und besetzt,
+die Verbindung mit der Kadmeia hergestellt wurde. Jetzt war die Stadt
+verloren; die Besatzung der Kadmeia warf sich mit einem Teile der
+Hereingedrungenen in die Unterstadt auf das Amphieion; andere stiegen über
+die Mauern und rückten im Sturmschritt auf den Markt. Umsonst kämpften die
+Thebaner mit der größten Tapferkeit; von allen Seiten drangen die Feinde
+ein; überall war Alexander und befeuerte die Seinigen durch Wort und
+Beispiel; die thebanische Reiterei, in die Straßen zersprengt, jagte durch
+die noch freien Tore ins offene Feld hinaus; von dem Fußvolk rettete sich,
+wer es konnte, ins Feld, in die Häuser, in die Tempel, die mit wehklagenden
+Weibern und Kindern angefüllt waren. Voll Erbitterung richteten jetzt nicht
+sowohl die Makedonen, als die Phokier, die Platäer und die übrigen Boiotier
+ein gräßliches Blutbad an; selbst Weiber und Kinder wurden nicht geschont,
+ihr Blut besudelte die Altäre der Götter. Erst das Dunkel der Nacht machte
+dem Plündern und Morden ein Ende; von den Makedonen sollen 500 gefallen,
+von den Thebanern 6000 erschlagen worden sein, bis des Königs Befehl dem
+Gemetzel ein Ende machte.
+
+Am folgenden Tage berief er eine Versammlung der Genossen des Korinthischen
+Bundes, welche an dem Kampfe teilgenommen hatten, und überwies ihnen die
+Entscheidung über das Schicksal der Stadt. Die Richter über Theben waren
+dieselben Platäer, Orchomenier, Phokier, Thespier, welche den furchtbaren
+Druck der Thebaner lange hatten erdulden müssen, deren Städte ehemals von
+ihnen zerstört, deren Söhne und Töchter von ihnen geschändet und als
+Sklaven verkauft waren. Sie beschlossen: die Stadt solle dem Erdboden
+gleichgemacht, das Land, mit Ausnahme des Tempellandes, unter Alexanders
+Bundesgenossen verteilt, alle Thebaner mit Weib und Kind in die Sklaverei
+verkauft, nur den Priestern und Priesterinnen, den Gastfreunden Philipps,
+Alexanders und der Makedonen die Freiheit geschenkt werden; Alexander gebot
+auch Pindars Haus und Pindars Nachkommen zu verschonen. Dann wurden 30 000
+Menschen jedes Alters und Standes verkauft und in die weite Welt zerstreut,
+hierauf die Mauern niedergerissen, die Häuser ausgeräumt und zerstört; das
+Volk des Epaminondas war nicht mehr, die Stadt ein grauenvoller
+Schutthaufen, »der Kenotaph ihres Ruhmes«; eine makedonische Wache oben auf
+der einsamen Burg hütete die Tempel und die »Gräber der Lebendigen«.
+
+Das Schicksal Thebens war erschütternd; kaum ein Menschenalter vorher hatte
+es die Hegemonie in Hellas gehabt, seine heilige Schar Thessalien befreien,
+seine Rosse im Eurotas tränken lassen; jetzt war es von der Erde vertilgt.
+Die Griechen aller Parteien sind unerschöpflich in Klagen über Thebens
+Fall, und nur zu oft ungerecht gegen den König, der es nicht retten konnte.
+Er hat nachmals, wenn Thebaner unter den Söldnerscharen Asiens als
+Kriegsgefangene in seine Hände fielen, sie nie anders als mit Großmut
+behandelt; schon jetzt, während der Kampf kaum beendet war, verfuhr er in
+gleicher Weise. Eine edle Thebanerin, so wird erzählt, wurde gefangen und
+gebunden vor ihn gebracht; ihr Haus war von Alexanders Thrakern
+niedergerissen, sie selbst von den Anführern derselben geschändet, dann
+unter wilden Drohungen nach ihren Schätzen gefragt; sie hatte den Thraker
+an einen im Gebüsch versteckten Brunnen geführt: darin seien die Schätze
+versenkt; und als er hinabstieg, hatte sie Steine auf ihn
+hinabgeschleudert, bis er tot war. Nun brachten die Thraker sie vor des
+Königs Richterstuhl; sie sagte aus: sie sei Timokleia, jenes Theagenes
+Schwester, der als Feldherr bei Chaironeia gegen Philipp für die Freiheit
+der Hellenen gefallen war. So glaubwürdig wie die Erzählung ist ihr Schluß,
+daß Alexander der hochherzigen Frau verziehen, ihr und ihren Verwandten die
+Freiheit geschenkt habe.
+
+Der Fall und Untergang Thebens war wohl dazu angetan, die Hellenen und ihre
+kurzatmige Begeisterung zu ernüchtern. Die Elier eilten, die Anhänger
+Alexanders, die sie verbannt hatten, wieder heimzurufen; die Arkader riefen
+ihre Kriegsscharen vom Isthmos zurück und verdammten die zum Tode, die zu
+diesem Hilfszuge gegen Alexander aufgemuntert hatten; die einzelnen Stämme
+der Ätoler schickten Gesandte an den König und baten um Verzeihung für das,
+was bei ihnen geschehen sei. Ähnlich anderer Orten.
+
+Die Athener hatten die Flüchtlinge Thebens trotz des Bundeseides heimkehren
+lassen, hatten auf Demosthenes' Antrag beschlossen, Beistand nach Theben zu
+schicken, die Flotte auszusenden; aber das Zögern Alexanders hatten sie
+nicht benutzt, ihre Truppen -- in zwei Märschen hätten sie dort sein können
+-- ausrücken zu lassen. Sie feierten gerade die großen Mysterien (im Anfang
+September), als Flüchtende die Nachricht von dem Falle der Stadt brachten;
+in höchster Bestürzung wurde die Feier unterbrochen, alles bewegliche Gut
+vom Lande in die Stadt geflüchtet, dann eine Versammlung gehalten, die auf
+Demades' Vorschlag beschloß, eine Gesandtschaft von zehn Männern, die dem
+Könige genehm seien, zu senden, um wegen seiner glücklichen Rückkehr aus
+dem Triballerlande und dem Illyrischen Kriege, sowie wegen der
+Unterdrückung und gerechten Bestrafung des Aufruhrs in Theben Glück zu
+wünschen, zugleich aber um die Vergünstigung zu bitten, daß die Stadt ihren
+alten Ruhm der Gastfreundschaft und Barmherzigkeit auch an den
+thebanischen Flüchtlingen bewähren dürfe. Der König forderte die
+Auslieferung des Demosthenes, des Lykurgos, ferner des Charidemos, des
+erbitterten Gegners der makedonischen Macht, die seiner Art lukrativer
+Kriegsführung ein Ende machte, des Ephialtes, der jüngst als Gesandter nach
+Susa gesandt worden war und anderer; denn diese seien nicht bloß die
+Ursache der Niederlage, die Athen bei Chaironeia, sondern auch aller der
+Unbilden, die man nach Philipps Tode sich gegen dessen Andenken und den
+rechtmäßigen Erben des makedonischen Königtums erlaubt habe; den Fall
+Thebens hätten sie nicht minder verschuldet, als die Unruhestifter in
+Theben selbst; die von diesen jetzt in Athen Zuflucht gefunden, müßten
+gleichfalls ausgeliefert werden. Die Forderung Alexanders veranlaßte die
+heftigsten Erörterungen in der Volksversammlung zu Athen; Demosthenes
+beschwor das Volk, »nicht wie die Schafe in der Fabel ihre Wächterhunde dem
+Wolfe auszuliefern«. Das Volk wartete in seiner Ratlosigkeit auf des
+strengen Phokion Meinung; sein Rat war, um jeden Preis des Königs
+Verzeihung zu erkaufen und nicht durch unbesonnenen Widerstand zum Unglück
+Thebens auch noch Athens Untergang hinzuzufügen; jene zehn Männer, die
+Alexander fordere, sollten jetzt zeigen, daß sie aus Liebe zum Vaterlande
+sich auch dem größten Opfer zu unterziehen bereit seien. Demosthenes aber
+bewog durch seine Rede das Volk, durch fünf Talente den makedonisch
+gesinnten Redner Demades, daß dieser an den König gesandt wurde und ihn
+bat, diejenigen, welche strafbar seien, dem Gerichte des attischen Volkes
+zu überlassen.
+
+Der König tat es, teils aus Achtung vor Athen, teils aus Eifer für den Zug
+nach Asien, während dessen er keine verdächtige Unzufriedenheit in
+Griechenland zurücklassen wollte; nur die Verbannung des Charidemos, jenes
+wüsten Abenteurers, den selbst Demosthenes ehedem verabscheut hatte, wurde
+verlangt; Charidemos floh nach Asien zum Perserkönige. Nicht lange darauf
+verließ auch Ephialtes Athen und ging zur See fort.
+
+Nachdem auf diese Weise Hellas beruhigt, durch die Vernichtung Thebens und
+die makedonische Besatzung in der Kadmeia auch für die Zukunft neuen
+Bewegungen hinlänglich vorgebeugt schien, brach Alexander aus dem Lager
+vor Theben auf und eilte im Herbste 335 nach Makedonien zurück. Ein Jahr
+hatte hingereicht, sein vielgefährdetes Königtum fest zu gründen; des
+Gehorsams der barbarischen Nachbarvölker, der Ruhe in Hellas, der
+Anhänglichkeit seines Volkes gewiß, konnte er den nächsten Frühling zum
+Beginn des Unternehmens bestimmen, das für das Schicksal Asiens, für die
+Wege von Jahrhunderten entscheidend werden sollte.
+
+Die nächsten Monate waren den Rüstungen zum großen Kriege gewidmet; von
+Griechenland, von Thessalien, von den Gebirgen und Tälern Thrakiens kamen
+Scharen der Verbündeten; Söldner wurden geworben, Schiffe zur Überfahrt
+nach Asien gerüstet. Der König hielt Beratungen, die Operationen des
+Feldzuges nach den Erkundigungen, die über die Beschaffenheit der östlichen
+Länder, über die militärische Wichtigkeit der Stromtäler, der Bergzüge, der
+Städte und Landschaften eingezogen waren, zu entwerfen. Wie gern erführen
+wir Genaueres darüber, namentlich, ob man am Hofe zu Pella eine Vorstellung
+von den geographischen Verhältnissen des Reiches, das man anzugreifen
+gedachte, von dessen Ausdehnung jenseits des Taurus, jenseits des Tigris
+hatte. Gewiß kannte man die Anabasis des Xenophon, vielleicht die persische
+Geschichte des Ktesias; manches mochte man von Hellenen, die in Asien in
+Sold gewesen, von persischen Gesandtschaften, von Artabazos und Memnon, die
+jahrelang als Flüchtlinge am makedonischen Hofe gelebt hatten, erkundet
+haben. Aber wie sorgfältig man Nachrichten gesammelt haben mochte, es
+konnte kaum mehr sein als ein unsicheres Material zu Entwürfen für den
+Krieg bis zum Euphrat und allenfalls bis zum Tigris; von der Gestaltung der
+Länder weiter nach Osten, von den Entfernungen dort hatte man unzweifelhaft
+keine Vorstellung.
+
+Dann wurden die Angelegenheiten der Heimat geordnet, Antipatros zum
+Reichsverweser bestellt, mit genügender Heeresmacht um die Ruhe in Hellas
+zu sichern, die Grenzen Makedoniens zu decken, die zugewandten Völker umher
+in Gehorsam zu halten; es wurden die Fürsten der verbündeten
+Barbarenstämme zur persönlichen Teilnahme am Kampfe aufgefordert, damit
+das Reich vor Neuerungen desto sicherer, die Stammesgenossen unter ihrer
+Führung desto tapferer wären. Noch eine Sorge wurde im Kriegsrate besonders
+von Antipatros und Parmenion angeregt: wessen, im Fall eines
+unvorhergesehenen Unglückes, die Thronfolge im Reiche sein solle? Sie
+beschworen den König, sich vor dem Feldzuge zu vermählen und die Geburt
+eines Thronerben zu erwarten. Er verwarf ihre Anträge: es sei seiner, der
+Makedonen und Hellenen unwürdig, an Hochzeit und Ehebett zu denken, wenn
+Asien zum Kampfe bereit stehe. Sollte er warten, bis die schon aufgebotene
+Flotte der Phönikier und Cyprioten herankäme, das schon aufgebotene
+Reichsheer des Großkönigs sich sammelte und über den Taurus kam? Er durfte
+nicht länger zögern, wenn er Kleinasien und damit die Basis zum weiteren
+Kampf gewinnen wollte.
+
+Es wird berichtet, daß er so verfahren, als wenn er für immer von
+Makedonien Abschied nehmen wolle. Was daheim ihm gehörte, Landgüter,
+Waldungen und Dörfer, selbst Hafenzölle und andere Einkünfte, habe er an
+die Freunde verschenkt, und auf Perdikkas' Frage, als fast alles verteilt
+gewesen sei: was denn ihm bleibe? habe er geantwortet: »die Hoffnung«; da
+habe denn Perdikkas seinen Anteil verschmäht: »Laß uns, die wir mit dir
+kämpfen werden, die Hoffnung mit dir teilen«; und manche Freunde seien dem
+Beispiel des Perdikkas gefolgt. Die Erzählung wird übertrieben sein, aber
+der Stimmung vor dem Auszuge entspricht sie; der König verstand es, sie
+hoch und höher zu spannen; der Enthusiasmus, der ihn erfüllte, entflammte
+seine Generale, den ritterlichen Adel, der ihn umgab, das gesamte Heer, das
+ihm folgte; den Heldenjüngling an ihrer Spitze, forderten sie siegesgewiß
+eine Welt zum Kampfe heraus.
+
+
+
+
+ Zweites Buch
+
+ +Dios plagan echousin eipein.+
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Die Vorbereitungen zum Kriege -- Das Münzwesen -- Die
+ Bundesverhältnisse des Königtums -- Die Armee -- Übergang
+ nach Asien -- Schlacht am Granikos -- Besetzung der Westküste
+ Kleinasiens -- Eroberung von Halikarnaß -- Zug durch Lykien,
+ Pamphylien, Pisidien -- Organisation der neuen Gebiete
+
+
+Alexanders Unternehmen erscheint auf den ersten Blick in nicht geringem
+Mißverhältnis zu den Hilfsmitteln, die ihm zur Verfügung standen. Und nur
+die kleinere Hälfte seines Werkes war, den Feind aus dem Felde zu schlagen;
+er mußte daran denken, wie die Erfolge der Waffen dauernd gemacht werden
+sollten.
+
+Denn der räumlichen Ausdehnung nach kam das Ländergebiet, über dessen
+Kräfte er verfügen konnte, kaum dem dreißigsten Teile des Perserreiches
+gleich; nicht minder ungleich stellte sich das Zahlenverhältnis der
+Bevölkerungsmassen hier und dort, seiner und der persischen Streitkräfte zu
+Wasser und zu Lande. Fügt man hinzu, daß der makedonische Schatz beim Tode
+Philipps erschöpft und mit 500 Talenten Schulden belastet war, während in
+den Schatzkammern des Großkönigs zu Susa, Persepolis, Ekbatana usw.
+ungeheuere Vorräte edlen Metalls aufgehäuft lagen, daß Alexander nach
+Beendigung seiner Rüstungen, zu denen er 800 Talente hatte aufnehmen
+müssen, nicht mehr als 60 Talente zur Verfügung hatte, den Krieg gegen
+Asien zu beginnen, so erscheint sein Unternehmen tollkühn und fast
+chimärisch.
+
+Der Charakter der uns erhaltenen Überlieferungen gestattet nicht, aus ihnen
+auf die Fragen, die sich hier aufdrängen, Antwort zu erwarten. Selbst der
+verständige Arrian gibt nur den äußeren, fast nur den militärischen
+Sachverlauf mit gelegentlicher moralischer Würdigung seines Helden, kaum
+daß er von denen, die militärisch in Rat und Tat seine Helfer waren, mehr
+als die Namen anführt; von der Verwaltung, den Finanzen, den politischen
+Organisationen, von der Kanzlei, dem Kabinett des Königs, von den Personen,
+die in diesen Funktionen des Königs Werkzeuge waren, sagt er nichts; er
+unterläßt es, sich und dem Leser klarzumachen, wie die Taten und Erfolge,
+von denen er berichtet, möglich waren und wirklich wurden, mit welchen
+Mitteln inwieweit vorausgeplant, von welchen Zielen und nach welchen
+praktischen Gesichtspunkten bestimmt, durch welche Macht des Willens, der
+überlegenen Einsicht, der militärischen und politischen Genialität.
+
+Aus der Fülle von Fragen, die damit angedeutet sind, genügt es vorerst,
+diejenigen hervorzuheben, die hier an der Schwelle des staunenswürdigsten
+Siegeslaufes die wesentlichen sind.
+
+Es hat nicht an solchen gefehlt, die dem Charakter Alexanders und seiner
+Genialität damit gerecht zu werden glaubten, daß sie ihn wie einen
+Phantasten darstellten, der mit seinen nicht minder enthusiastischen
+Kriegsvölkern nach Asien gezogen sei, die Perser zu schlagen, wie und wo er
+sie fände, vom Zufall erwartend, wie ihn der nächste Tag weiterführen
+werde. Andere haben gemeint, daß er den Gedanken, mit dem sich sein Vater
+getragen, den Philosophen, Redner, Patrioten immer von neuem empfohlen, der
+recht eigentlich von der hellenischen Bildung gezeugt und entwickelt worden
+sei, nur eben ausgeführt habe.
+
+Der Gedanke, bevor er zur Tat geworden, ist nur ein Traum, ein Phantom, ein
+Spiel der erregten Phantasie; erst dem, der ihn ausführt, gewinnt er
+Gestalt, Fleisch und Bein, den Impuls eigener Bewegung, das Hier und Jetzt
+seines Wirkens, und mit den Bedingnissen und Gegenwirkungen in Raum und
+Zeit immer neue Schranken, immer schärfere Ausprägungen, mit denen seiner
+Kraft zugleich die seiner Schwächen.
+
+Ist Alexander wie ein Abenteurer, wie ein Träumer hinausgezogen mit dem
+summarischen Gedanken, Asien bis zu den ungekannten Meeren, die es
+umgrenzen, zu erobern? Oder hat er gewußt, was er wollte und was er wollen
+konnte? Hat er danach seine militärischen und politischen Pläne entworfen,
+seine Maßregeln getroffen?
+
+Es handelt sich nicht darum, aus der Reihenfolge seiner Erfolge rückwärts
+schließend, deren planmäßigen Zusammenhang aufzuweisen und die Evidenz als
+Beweis zu geben; es fragt sich, ob es Beweise gibt, daß vor dem begonnenen
+Werk schon vor seinem Geiste stand, wie es werden sollte.
+
+Vielleicht daß eine Tatsache dafür anzuführen ist, von der freilich unsere
+Quellen nicht sprechen. Außer wenigen Inschriften und Kunstwerken haben wir
+unmittelbare Überreste aus jener Zeit nur in den Münzen, deren Tausende,
+goldene, silberne, kupferne mit dem Gepräge Alexanders erhalten sind,
+stumme Zeugen, welche die Forschung endlich zu sprechen gelehrt hat.
+Verglichen mit den Gold- und Silbermünzen der Perserkönige, der zahllosen
+Griechenstädte, der makedonischen Könige vor Alexander, ergeben sie einen
+Vorgang sehr bemerkenswerter Art.
+
+Im früheren ist erwähnt worden, daß König Philipp in seinen Landen eine
+neue Münzordnung eingeführt habe; sie war, nach dem Ausdruck eines
+berühmten Forschers, gleichsam eine entfernte Anbahnung zur Eroberung
+Persiens. Sie bestand darin, daß er, während in der hellenischen Welt die
+Silberwährung, wie im Perserreich die Goldwährung herrschte, Gold auf den
+Fuß der Dareiken prägte, daneben Silber auf denjenigen Fuß, der dem
+Handelswert des Goldes am nächsten entsprach. Also er setzte die
+Goldwährung »nicht an die Stelle, sondern an die Seite der bisher in der
+griechischen Welt allein üblichen Silberwährung, er führte damit in seinem
+Reiche Doppelwährung ein«. Nach dem Verhältnis des Goldes zu Silber, das im
+Handel 1:12,51 stand, normierte er seine Silberstücke, deren 15 auf ein
+Goldstück von 8,60 Gramm gehen sollten, auf 7,24 Gramm; es war im
+wesentlichen der Fuß des verbreiteten rhodischen Silbergeldes.
+
+Die Goldmünzen Alexanders sind von demselben Gewicht und Feingehalt wie die
+»Philippeer«, aber seine Silbermünzen folgen einem völlig anderen System;
+es sind Tetradrachmen von 17,00-17,20 Gramm und deren Stücklung, ganz nach
+dem attischen System, mit der Wertung des Goldes gegen Silber wie 1:12,30.
+Nicht bloß geschah diese Verminderung in der Absicht, von der Doppelwährung
+des Vaters zur reinen Silberwährung der Hellenen zurückzukehren, wie denn
+im weiteren die »Alexanderdrachme« zur allgemeinen, in dem ganzen Reiche
+gültigen Zahlungseinheit erhoben worden ist, sondern -- und dies ist das
+für unsere Frage Bedeutsamere -- es gibt in der großen Masse Drachmengeldes
+von Alexander auch nicht ein Stück nach dem philippischen Fuß.
+
+Man wird nicht annehmen wollen, daß diese Neuordnung ohne wesentliche
+Motive eingeführt wurde. Hatte Philipp die Doppelwährung eingeführt, so war
+seine Absicht gewesen, bei dem Sinken des Goldpreises im Handel mit der
+griechischen Welt, wo die Silberwährung galt, den Preis beider edlen
+Metalle zu fixieren und sie damit im Gleichgewicht zu erhalten. Sank der
+Wert des Goldes weiter, so mußte auch aus Makedonien das Silber abfließen,
+wie bisher schon aus Persien, in dem Maße als der Wert des Silbers höher
+war als der des Goldes, für das man es kaufen konnte. Mit der neuen
+Münzordnung, die Alexander einführte, war dem persischen Golde sozusagen
+der Krieg erklärt; das Gold war zur bloßen Ware gemacht, zu einer Ware,
+die, wenn die Schätze des Perserkönigs erobert und das dort in Masse tot
+liegende Gold dem Verkehre zurückgegeben wurde, sich immerhin weiter
+entwerten konnte, ohne daß die auf Silber gestellten Preise in der
+griechischen Welt dadurch in gleichem Maße erschüttert wurden. Das Silber
+nach attischem Fuß wurde fortan zum Wertmaß, die Tetradrachme zum Nominal
+einer Münzeinheit, in der sich ungefähr alle hellenischen Münzsysteme wie
+ebenso vielerlei Brüche in ihrem Generalnenner zusammen finden konnten. Und
+nach einem halben Menschenalter war die »Alexanderdrachme« die Weltmünze.
+
+Ob mit dieser Umgestaltung des makedonischen Münzsystems zugleich eine
+finanzielle Hilfe für die augenblicklichen Geldgeschäfte gesucht wurde, ob
+Alexander und sein Ratgeber die wirtschaftliche Wirkung der Maßregel
+berechnet, ob sie die weitere Entwertung des Goldes, wenn die persischen
+Schätze in Umlauf gesetzt wurden, vorausgesehen haben, muß dahingestellt
+bleiben. Genug, wenn uns eine tiefeingreifende Maßregel darauf aufmerksam
+macht, bis zu welchen Punkten hin der große Plan, ehe man zur Ausführung
+schritt, vorbedacht worden ist.
+
+Eine zweite Vorfrage ist, wie das Unternehmen, zu dem Alexander auszog,
+basiert war, oder ob es sein Wille war, sobald er den Hellespont hinter
+sich hatte, seine Basis aufzugeben und, wie man wohl den Ausdruck gebraucht
+hat, die Schiffe hinter sich zu verbrennen.
+
+Dem weiteren Verlauf der Darstellung muß es vorbehalten bleiben, zu
+rechtfertigen, warum auf die so gestellte Alternative hier nicht
+eingegangen werden kann. Wenigstens vorerst lag für Alexander alles daran,
+seiner Basis sicher zu sein, und nur soweit er es militärisch und politisch
+war, konnte er den entscheidenden ersten Stoß wagen und dessen Wirkung zu
+entwickeln hoffen.
+
+Der Machtbereich Alexanders erstreckte sich von Byzanz bis zum Eurotas und
+landeinwärts über den Haimos und Pindos bis gegen die Donau und die Adria;
+ein Gebiet, das von den vier Seiten des Ägäischen Meeres die nördliche und
+westliche wie im rechten Winkel umschloß, während dessen Ostseite die zum
+Perserreich gehörenden, aber von Griechenstädten besetzten Gestade
+Kleinasiens bilden; Kreta, das der offenen Südseite dieses Meeres vorliegt,
+war griechisch, aber eine Welt für sich wie Großgriechenland und Sizilien,
+wie die Griechenstädte im Norden und Süden des Pontus.
+
+Vollkommen sicher war Alexander des Gebietes, das auf dem Scheitel jenes
+rechten Winkels lag und gleichsam den Keil- und Schlußstein seines
+Machtbereiches bildete. Hier in den makedonischen Landen, mit Einschluß der
+Tymphaia und Paraunia im Westen, des Strymonlandes im Osten, war er der
+geborene König, dem der Adel, der Bauer, die Städte -- auch die
+griechischer Gründung, wie Amphipolis -- unbedingt ergeben waren.
+
+An dieses Kernland seiner Macht schlossen sich die übrigen Gebiete rechts
+und links und rückwärts in den mannigfachsten politischen Formen von
+völliger Abhängigkeit bis zur losen Föderation.
+
+Von besonderer Wichtigkeit war das thrakische Land, derjenige Teil des
+Machtbereiches, der vom Eingang des Hellespontes bis zum Ausgang des
+Bosporus der Küste Kleinasiens nahe liegt und sie flankiert. Das
+Thrakerreich, das einst das Becken des Hebros bis in die Berge hinauf
+beherrscht hatte, war von König Philipp zerstört worden, und wenn noch, wie
+es scheint, ein Rest desselben als Fürstentum der Odrysen bestand, so war
+es von Makedonien zur Heeresfolge abhängig. Thrakien war, wenn es gestattet
+ist, den römischen Begriff zu übernehmen, eine Provinz des makedonischen
+Staates geworden. Sie zu behaupten, waren an dominierenden Punkten des
+Landes die neuen Städte Philippopolis, Kalybe, Beroia, Alexandropolis,
+andere gegründet und kolonisiert worden, nicht freie Kolonien in
+althellenischer Art, sondern militärische Stationen, immerhin mit
+bürgerlichem Gemeinwesen und kommunaler Autonomie, in die zur Füllung aus
+der Nähe und Ferne zum Teil zwangsweise Ansiedler gesetzt wurden. Das Land
+Thrakien stand -- wenigstens seit 335 wissen wir davon -- unter einem
+makedonischen Strategen. Es muß dahingestellt bleiben, wie weit dessen
+Amtsbereich über die Haimospässe hinaus sich erstreckte, und ob ein zweiter
+Strateg, wie eine unsichere Nachricht aus dem Jahre 331 oder 326 vermuten
+läßt, die Gegenden »am Pontos« verwaltete, oder ob die Völkerschaften vom
+Haimos bis zur Donau nach dem Feldzug von 335 nur zu friedlicher
+Nachbarschaft und vielleicht zu Tribut verpflichtet waren. Die
+Griechenstädte an der thrakischen Küste des Pontos, von Apollonia und
+Mesembria bis Kallatis und Istros hinauf, waren wohl schon dem Philipp
+befreundet; aber sie scheinen auch nach dem Feldzug von 335 nicht in ein
+engeres Verhältnis zu Makedonien getreten zu sein. Von Byzanz wurden zu
+jenem Feldzug Schiffe an die Donau gesandt, gewiß auf Grund eines nur
+symmachischen Verhältnisses; denn Byzanz hat in der Zeit Alexanders und der
+Diadochen keine Alexandermünzen geprägt, war also ein selbständiger Staat
+geblieben, wie die griechischen Städte des Korinthischen Bundes; ob Byzanz
+in diesen getreten war, ob nicht vielmehr Verträge für sich mit Makedonien
+geschlossen, muß dahingestellt bleiben.
+
+Sehr bemerkenswert ist, daß von fast allen Griechenstädten der thrakischen
+Südküste Alexandermünzen geprägt sind, wie von den makedonischen Pella,
+Amphipolis, Skione usw.; also sie stehen wie diese unter dem makedonischen
+Münzgesetz, sie sind wie diese, immerhin mit kommunaler Autonomie, nicht
+mehr »Selbststaaten«. Von diesen, wenn man will, königlichen Städten in
+Thrakien liegen Abdera, Maronea auf der Straße zum Hellespont, Kardia auf
+dem Eingang zum Chersones, Krithote am Nordeingang des Hellespont gegenüber
+von Lampsakos, Sestos und Koile an der Stelle des Übergangs nach Abydos,
+Perinthos und Selymbria an der Propontis.
+
+Im Norden Makedoniens ist das Fürstentum der Paionen und weiter das der
+Agrianer unter der Hoheit Makedoniens, mit dem Recht oder Pflicht des
+Waffendienstes in dem Heere des Königs; wenigstens von den paionischen
+Fürsten gibt es auch aus der Zeit gleich nach Alexander Münzen, aber weder
+nach dem makedonischen Münzfuß, noch mit dem Gepräge Alexanders.
+
+Die Völkerschaften im Norden von ihnen bis zum Adriatischen Meere, die
+Triballer, Autariaten, Dardaner, die Taulantiner, die Illyrier des Kleitos
+sind mit dem Feldzuge von 335 zur Ruhe und zu Verträgen gezwungen, in denen
+sie ihre Abhängigkeit von Makedonien haben anerkennen müssen; ob bis zur
+Tributpflichtigkeit, muß dahingestellt bleiben.
+
+Sehr eigentümlich ist das Verhältnis des Königtums von Epiros zu
+Makedonien. Seit König Philipp es dem Arybbas entrissen und an dessen
+Neffen Alexandros, den Bruder der Olympias, übergeben und bis an den
+ambrakischen Busen erweitert hatte, stand es wie eine natürliche Stütze an
+der Seite Makedoniens; die Vermählung des jungen Königs mit Philipps
+Tochter, vielleicht eine Art Mitbesitz der Königin Olympias, schien es noch
+enger an das makedonische Interesse knüpfen zu müssen. Wie seltsam, daß
+trotzdem die Epiroten weder in den Kämpfen von 335 für Makedonien
+eintreten, noch an dem großen Zuge nach Asien sich beteiligen; vielmehr
+unternimmt der Epirotenkönig ein Jahr darauf »mit 15 Kriegsschiffen und
+zahlreichen Fahrzeugen zum Transport von Truppen und Pferden« seinen Zug
+nach Italien, man kann nicht einmal sagen, ob im Einverständnis mit
+Makedonien. Wäre ein solches zu erweisen, so gewänne man für die Auffassung
+der politischen Gedanken dieser Zeit ein wichtiges Moment mehr. Aber
+vielleicht darf man sich erinnern, daß die Verfassung der Molosser bei
+weitem nicht in dem Maße königlich war, wie die makedonische, sondern durch
+die Eide, die der König dem Volk, das Volk dem König leistete, in hohem
+Maße gebunden; wohl so, daß der König nur über das, was sein Königsgut ihm
+brachte, freie Verfügung hatte; und so mag der Molosserkönig seinen Zug
+nicht im Namen des epirotischen Staates unternommen, sondern auf eigene
+Kosten und Gefahr ein geworbenes Heer nach Italien geführt haben, um,
+ähnlich wie mehr als ein spartanischer König, in fremdem Dienst zu kämpfen.
+
+In welcher Weise die griechischen Staaten sich zu Makedonien verhielten,
+ist früher aufgeführt worden. Es wird hier nötig sein, auf diese Frage
+zurückzukommen, um einige Punkte von politischer Bedeutung zu berühren, die
+freilich nicht mehr alle ins klare zu bringen sind.
+
+Nicht erst der Korinthische Bund knüpfte die Thessaler an Alexander; in
+eigener Verfassung standen sie in ihren vier Landschaften zu einem
+Gemeinwesen vereint neben Makedonien jener Verfassung, die ihnen König
+Philipp gegeben oder erneut hatte, und kraft deren die militärischen und
+finanziellen Mittel des Landes dem makedonischen Könige so gut wie zur
+freien Verfügung standen. Ob in dieser Verfassung auch die Bergstämme
+Thessaliens, die von alters her »zugewandten Kantone«, die Doloper,
+Ainianen, Malier usw., begriffen waren, oder ob nur die amphiktyonische
+Verbindung sie an Makedonien knüpfte, ist nicht mehr zu erkennen.
+
+Auch die Ätoler scheinen nicht in dem Korinthischen Bunde gestanden,
+sondern ihre früheren Sonderverträge mit Makedonien, durch die sie 338
+Herren von Naupaktos geworden waren, erneut zu haben.
+
+Der Korinthische Bund umfaßte »Hellas bis zu den Thermopylen«; nur Sparta
+war nicht beigetreten. Aus den früher angeführten Artikeln der
+Bundesverfassung erhellt, daß sie nicht bloß der führenden Macht dienen
+sollte, sich der Hegemonie über Hellas und der hellenischen Kontingente zum
+Perserkriege zu versichern, sondern zugleich den Landfrieden innerhalb des
+Bundesgebietes und den Besitzstand auf Grund der 338 getroffenen
+Feststellungen zu erhalten und jeden ferneren Einfluß der persischen
+Politik auf die einzelnen verbündeten Staaten auszuschließen. Über die
+Organisation des Bundes fehlen weitere Nachrichten in dem Maße, daß nicht
+einmal zu erkennen ist, ob das Synedrion in Korinth dauernd vereinigt war
+oder nur zu gewissen Zeiten zusammentrat, ob Makedonien in demselben Sitz
+und Stimme hatte, ob nicht vielmehr Makedonien außer dem Bunde stand und
+der König nur als »unumschränkter Feldherr« für den Perserkrieg über die
+vertragsmäßigen Kontingente und die auswärtige Politik der Bundesstaaten
+die Verfügung hatte. In dem Seebunde der perikleischen Zeit hatte Athen
+über seine Bundesgenossen eine wirkliche Herrschaft gehabt und streng genug
+gehandhabt, selbst ihre Prozesse vor die attischen Gerichtshöfe gezogen; in
+dem zweiten attischen Seebunde hatte der attische Staat und die Gesamtheit
+der autonomen Bundesgenossen nebeneinander gestanden, in der Art, daß das
+Synedrion der Verbündeten, ständig in Athen versammelt, mit Rat und Volk
+von Athen über die zu treffenden Maßregeln verhandelte und auf die Anträge
+des Synedrion der Demos von Athen die entscheidenden Beschlüsse faßte. Wenn
+König Philipp bei Gründung des Korinthischen Bundes sich mit einer ungleich
+loseren Form begnügte, wenn Alexander trotz des zweimal gegebenen Anlasses
+deren festere nicht forderte oder erzwang, so muß es ihm entweder nicht
+nötig oder unmöglich erschienen sein, diese Föderation nach heutiger
+Ausdrucksweise über die bloß völkerrechtliche zu einer staatsrechtlichen
+Vereinigung zu entwickeln.
+
+Man wird dies beachten müssen, um die Konsequenzen, die sich daraus
+ergaben, richtig zu würdigen. Die Art, wie der Bund gegründet, wie er dann
+gebrochen und von neuem beschworen worden war, zeigte hinlänglich, daß die
+geschworenen Eide allein nicht ausreichten, Alexander der Hilfe der
+Bundesstaaten gegen den Großkönig und ihres Beharrens bei der gemeinsamen
+Politik zu versichern. Wenigstens ein Surrogat dafür gab das Parteiwesen in
+fast jeder hellenischen Stadt und der althergebrachte echt
+partikularistische Nachbarhader der Städte untereinander; und es konnte die
+makedonische Politik kein Vorwurf treffen, wenn sie ihren Anhängern
+Vorschub leistete, um nicht das Heft in die Hände derer kommen zu lassen,
+die nach Lage der Dinge die persische Partei waren, wenn sie fortfuhren
+wider den geschlossenen Bund zu arbeiten. Zur weiteren Sicherung lagen in
+Akrokorinth, in Chalkis, auf Euböa, in der Kadmeia makedonische
+Besatzungen; und als ihr Rückhalt, keineswegs bloß um die Barbarenstämme
+jenseits des Haimos und in Illyrien in Respekt zu halten, ließ Alexander
+bei seinem Abmarsch eine bedeutende Kriegsmacht, vielleicht die volle
+Hälfte der eigentlich makedonischen Truppen, in Makedonien zurück, die sich
+zugleich mit dem jährlichen Nachwuchs an Rekruten verstärkte und als Depot
+der für die Armee in Asien auszubildenden Ersatztruppen diente.
+
+Noch blieb ein sehr wesentlicher Übelstand. Die makedonische Seemacht war
+bei weitem nicht der persischen gewachsen. Der Großkönig konnte, wie sich
+demnächst zeigte, ohne weiteres 400 Kriegsschiffe in See schicken, seine
+Flotte war die der Phönikier und Cyprier, der besten Seeleute der alten
+Welt; mit den Inseln der Westküste Kleinasiens, die, obschon nach dem
+Antalkidischen Frieden autonom, unter Tyrannen oder Oligarchen ganz zur
+Verfügung des Großkönigs standen, war er, wenn er wollte, Herr des
+Ägäischen Meeres. Hätten die Staaten des Korinthischen Bundes ihre
+Kriegsschiffe mit denen Makedoniens vereint -- und Athen allein hatte deren
+über 350 in seinen Schiffshäusern --, so wäre es leicht gewesen, sich
+dieses Meeres zu versichern, bevor die persische Seemacht herankam. Die
+makedonische Politik hat es weder bei der Gründung des Bundes, noch bei
+dessen Erneuerung für möglich oder für rätlich erachtet, bedeutende
+maritime Leistungen von den hellenischen Staaten zu fordern. Wenn sie es
+vorzog, dem Kampfe wider die Persermacht auch für den ersten einleitenden
+Feldzug wesentlich den Charakter eines Landkrieges zu geben, so liegt es
+auf der Hand, daß es politische, nicht militärische Gründe waren, die sie
+dazu bestimmten.
+
+Alexander mußte sich mit seiner Landmacht des Erfolges völlig sicher
+halten, oder richtiger -- denn hier schließt sich unsere dritte Frage an --
+er mußte die Stärke der nach Asien bestimmten Feldarmee, ihre Ausrüstung,
+ihre Organisation, das Verhältnis der Waffen in ihr so berechnet haben, daß
+er sich des Erfolges völlig sicher halten durfte.
+
+Die makedonische Kriegsmacht hatte schon König Philipp auf etwa 30 000 Mann
+Fußvolk und gegen 4000 Reiter gebracht; sie hatte unter ihm ihre
+eigentümliche Ausbildung erhalten; es war die entwickelte hellenische
+Militärorganisation, auf die Verhältnisse Makedoniens übertragen und ihnen
+entsprechend weitergebildet; sie war natürlich darauf gestellt, die
+verschiedenen Waffen, Infanterie und Kavallerie, leichte und schwere
+Truppen, Landesaufgebot und Soldtruppen in ungleich freierer und
+wirksamerer Durchbildung als in der hellenischen Kriegskunst bisher
+erreicht war, verwenden zu können.
+
+Bei seinem Aufbruch nach Asien ließ Alexander, freilich nach einer Angabe,
+die sich als sehr unzuverlässig erweist, 12 000 Mann Fußvolk und 1500
+Reiter unter Antipatros' Befehl in Makedonien zurück, und ihre Stelle
+ersetzten 1500 thessalische Reiter, 600 Reiter und 7000 Mann Fußvolk
+hellenischer Bundestruppen, 5000 hellenische Söldner, außerdem Thraker zu
+Fuß, odrysische und päonische Reiter. Die Gesamtstärke des Heeres[4], das
+nach dem Hellespont marschierte, wird nach der sichersten Überlieferung auf
+»nicht viel über 30 000 Mann zu Fuß und mehr als 500 Reiter« angegeben.
+
+ [4] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Die Gesamtstärke des Fußvolkes und der Reiterei war nach den Waffen und zum
+Teil nach Landsmannschaften geteilt, nicht nach Art der römischen Legionen
+und der Divisionen neuester Zeit, die in ihrer Verbindung aller Waffen
+gleichsam Armeen im kleinen sind. Gegen Feinde, wie die Völkermassen
+Asiens, die, ohne militärische Ordnung und Kunst, zu einem Hauptschlage
+zusammengerafft, mit einer Niederlage alles verloren geben, mit einem Siege
+über organisierte Truppen nichts als erneute Gefahr gewinnen, gegen solche
+Feinde hat die Ordnung nach der Waffe und der Landsmannschaft den Vorzug
+der einfachsten taktischen Form und der natürlichen inneren
+Geschlossenheit; in denselben Gegenden, in denen Alexanders Phalanx des
+Dareios Heer übermannte, erlagen sieben römische Legionen den ungestümen
+Angriffen der Parther.
+
+Das Heer, das Alexander nach Asien führte, behielt als Grundlage die
+makedonische Organisation; die Kontingente der Bundesgenossen, die
+hinzukamen, sowie die außer dem alten Bestande von Geworbenen neu
+hinzugefügten Mietvölker dienten nur dazu, diese Organisation, der sie
+eingefügt wurden, nach ihren beiden Elementen, der Beweglichkeit und der
+Stetigkeit, möglichst zu vervollständigen.
+
+In der hellenischen Taktik war das schwere Fußvolk die überwiegende Waffe
+gewesen, bis in den Peltasten eine leichtere Infanterie hinzugefügt worden
+war, der die Spartaner erlagen. Auch in dem makedonischen Heere bildeten in
+der Schlachtordnung diese beiden Formen des Fußvolkes, die Phalangiten und
+die Hypaspisten, die der Zahl nach stärkste Macht.
+
+Das Eigentümliche der Phalanx bestand in der Bewaffnung der einzelnen und
+in ihrer Zusammenordnung. Die Phalangiten sind Hopliten im hellenischen
+Sinn, wenn auch nicht ganz so schwer wie die hellenischen; sie sind
+ausgerüstet mit Helm, Brustharnisch, Beinschienen und einem Rundschilde,
+der die Breite des Mannes deckt; ihre Hauptwaffe ist die makedonische
+Sarissa, ein Spieß von 14-16 Fuß Länge, und das kurze griechische Schwert.
+Für das Nahgefecht in Masse bestimmt, mußte sie so geordnet sein, daß sie
+einerseits den heftigsten Anlauf des Feindes ruhig erwarten, anderseits die
+feindlichen Reihen mit einem Vorstoß zu durchbrechen sicher sein konnten;
+sie standen in der Regel sechzehn Mann tief, indem die Spieße der ersten
+fünf Glieder über die Front hinausragten, dem gegen sie anstürmenden Feinde
+eine undurchdringliche, ja unangreifbare Mauer; die folgenden Reihen legten
+ihre Sarissen auf die Schultern der Vordermänner, so daß der Angriff dieser
+»Schlachthaufen« durch die furchtbare Doppelgewalt der Schwere und Bewegung
+durchaus unwiderstehlich war. Nur die vollendete gymnastische Ausbildung
+der einzelnen machte die Einheit, Präzision und Schnelligkeit, mit welcher
+die auf engen Raum zusammengedrängte Menschenmasse die künstlichsten
+Bewegungen ausführen mußte, möglich; sie sind in der Schlacht, wie zwei
+Jahrtausende später der Tataren Aga die geschlossenen brandenburgischen
+Bataillone, Vierecke von Pikenieren und Musketieren, genannt hat,
+»wandernde Kastelle«. Von diesen makedonischen Hopliten, den »Pezetairen«,
+waren in dem Heere, das nach Asien zog, sechs Taxeis oder Phalangen, die
+unter den Strategen Perdikkas, Koinos, Amyntas, Andromenes' Sohn,
+Meleagros, Philippos, Amyntas' Sohn, Krateros standen; die Taxeis scheinen
+kantonweise gebildet zu sein und rekrutiert zu werden, so war die des
+Koinos aus Elymiotis, die des Perdikkas aus der Orestis und Lynkestis, die
+des Philippos, die später Polysperchon führte, aus der Tymphaia.
+
+Die hellenischen Schwerbewaffneten, Söldner sowohl wie Bündner standen
+unter besonderem Kommando; Strateg der Bündner war Antigonos, der spätere
+König, Strateg der Söldner Menandros, einer der Hetären. Für größere
+Aktionen scheinen diese Bündner und Söldner mit den makedonischen Hopliten
+kombiniert worden zu sein in der Art, daß die soundso viel Lochen der
+makedonischen Taxis, die Pezetären, mit soundso viel Bündnern und Söldnern
+die Phalanx des Perdikkas, des Koinos usw. bildeten. Das gesamte schwere
+Fußvolk in Alexanders Heer mag sich auf 18 000 Mann belaufen haben.
+
+Sodann die eigentümlich makedonische Truppe der Hypaspisten. Schon der
+Athener Iphikrates hatte, um eine Waffe zu haben, die behender zum Angriffe
+als die Hopliten und schwerer als die Leichtbewaffneten wäre, ein Korps mit
+linnenen Panzern, mit leichterem Schild und längerem Schwert, als die
+Hopliten trugen, unter dem Namen von Peltasten errichtet. In Makedonien
+fand diese neue Waffengattung Eingang vielleicht für die Truppen, die, im
+Gegensatz gegen das Aufgebot der Miliz, in beständigem Dienst gehalten
+wurden, wie ihr Name, der Trabanten, Schildtruppen (des Königs) bedeutet,
+anzudeuten scheint. Der Feldzug von 335 hat uns die Verwendung dieses Korps
+in mehrfachen Beispielen gezeigt. Oft hinderte das Terrain den vollen
+Gebrauch der Phalanx, öfter noch waren Überfälle, rasche Züge, Handstreiche
+aller Art zu wagen, zu denen die Phalangen nicht beweglich, die leichten
+Truppen nicht fest genug waren; Höhen zu besetzen, Flußübergänge zu
+forcieren, Kavallerieangriffe zu unterstützen und auszunutzen, waren diese
+Hypaspisten vor allen geeignet. Das ganze Korps, »die Hypaspisten der
+Hetairen«, wie sie bezeichnet werden, führte Nikanor, dessen Bruder
+Philotas die Ritterschaft der Hetairen befehligte, der Sohn des Parmenion.
+Die erste Taxis führte den Namen des Agema, des königlichen Geleites der
+Hypaspisten.
+
+In der Reiterei den ersten Rang haben die makedonischen und thessalischen
+Ilen. Sie sind aus dem ritterlichen Adel Makedoniens und Thessaliens;
+gleich an Waffen, Übung und Ruhm wetteifern sie unter den Augen des Königs,
+sich auszuzeichnen, der in der Regel an ihrer Spitze kämpft. Von welcher
+Bedeutung diese Waffe für Alexanders Unternehmen war, zeigt jede der großen
+Schlachten, die er geschlagen hat, und vielleicht mehr noch Kavalkaden, wie
+die letzte Verfolgung des Dareios, die Jagd auf Bessos. Gleich furchtbar in
+Masse wie im Einzelkampf, waren Alexanders Reiter durch Ordnung und Übung
+der asiatischen Reiterei, in wie großen Massen sie auch erscheinen mochte,
+überlegen, ihr Angriff auf das feindliche Fußvolk in der Regel
+entscheidend. Sie haben Helm, Halsberge, Brustharnisch, Achsel- und
+Hüftstücke; auch das Roß ist an Stirn und Brust gepanzert; sie führen den
+Stoßspeer und an der Seite das Schwert. Die makedonischen Hetairen führt
+Philotas, des Parmenion Sohn, wie es scheint mit dem Namen Hipparch; sie
+führen den Namen der »Ritterschaft der Hetairen«. Sie bilden acht Ilen
+oder Geschwader, die bald nach ihrem Ilarchen, bald nach makedonischen
+Landschaften benannt werden. In der Schlacht bei Arbela stehen die
+einzelnen Geschwader unter Kleitos, Glaukias, Ariston, Sopolis,
+Herakleides, Demetrios, Meleagros und Hegelochos. Das Geschwader des
+Sopolis heißt nach Amphipolis am Strymon, das des Herakleides nach der
+Landschaft Bottiaia usw. Das des Kleitos wird die königliche Ile genannt
+und bildet das Agema der Ritterschaft. Unter den thessalischen Ilen ist die
+von Pharsalos die stärkste und tüchtigste; den Befehl über die thessalische
+Ritterschaft hat Kalas, des Harpalos Sohn.
+
+Auch hellenische Reiter, Bundeskontingente, sind mit im Heer; sie werden in
+der Regel den thessalischen zugeordnet, aber als besonderes Korps; sie
+stehen unter Befehl des Philippos, Menelaos' Sohn. Geworbene Reiter aus
+Hellas kommen erst in den späteren Feldzügen vor.
+
+Endlich die leichten Truppen zu Fuß und zu Pferd. Sie kommen teils aus dem
+oberen Makedonien, teils aus den Ländern der Thraker, Paionen, Agrianer, je
+nach der Art ihres Landes mit Schutz- und Trutzwaffen gerüstet, durch das
+in ihrer Heimat übliche Jagen und Wegelagern und die unzähligen kleinen
+Kriege ihrer Häuptlinge geübt, waren sie zum fliegenden Gefecht, zur
+Deckung des Marsches, zu alledem, wozu man im beginnenden achtzehnten
+Jahrhundert die Panduren, Husaren, Ulanen, Tataren verwenden lernte,
+geeignet.
+
+Unter dem leichten Fußvolk der Zahl nach am bedeutendsten sind die Thraker,
+die Sitalkes, wohl aus dem thrakischen Fürstenhause, führt. Daß sie mehrere
+Taxen bilden, läßt auf ihre Zahl schließen; sie werden als Akontisten, als
+Speerwerfer bezeichnet; sie scheinen den kleinen Schild geführt zu haben,
+wie ja die Waffe der Peltasten den Thrakern nachgeahmt worden ist. Dann die
+Agrianer, auch sie sind Akontisten, sie stehen unter Führung des Attalos,
+der vielleicht ein Sohn des Fürsten Langaros war. Endlich die
+Bogenschützen, teils Makedonen, teils geworbene, wohl meist aus Kreta; fast
+kein Gefecht, in dem sie und die Agrianer nicht voran sind; in einem Jahre
+ist dreimal die Stelle des Toxarchen neu besetzt worden; bei Eröffnung des
+Krieges führte sie Klearchos.
+
+Daneben die leichte Reiterei, teils makedonische, teils Paionen, Odryser,
+Völkerstämme, deren Tüchtigkeit im Reiterdienst seit alten Zeiten berühmt
+gewesen ist; ihre Zahl ist nicht festzustellen. Die Paionen führte Ariston,
+die odrysischen Thraker Agathon, des Tyrimmas Sohn, beide wohl aus
+fürstlichem Stamm. Sie und das makedonische Korps der Sarissophoren unter
+des Lynkestiers Amyntas Führung werden unter dem Namen der Prodromen, der
+Plänkler, befaßt.
+
+Mit diesen leichten Truppen kam in Alexanders Heer ein Element zur Geltung,
+das in der hellenischen Kriegskunst bisher nicht in seinem vollen Wert
+anerkannt worden war. Die leichten Truppen in den griechischen Heeren vor
+ihm hatten weder durch ihre Anzahl, noch durch ihre Anwendung große
+Bedeutung erlangen, auch einer gewissen Geringschätzung nicht frei werden
+können, da sie teils aus dem niederen Volke, teils barbarische Söldner
+waren, deren Stärke in jener Kunst heimlicher Überfälle, lärmender
+Angriffe, scheinbar verwirrter Rückzüge bestand, die den hellenischen
+Kriegsleuten zweideutig und widerwärtig erschien. Der berühmte spartanische
+Feldherr Brasidas selbst gestand, daß der Angriff dieser Völkerschaften mit
+ihrem wildschallenden Kriegsgeschrei und dem drohenden Schwenken ihrer
+Waffen etwas Schreckendes, ihr willkürliches Überspringen aus Angriff in
+Flucht, aus Unordnung in Verfolgung etwas Furchtbares habe, davor nur die
+strenge Ordnung eines hellenischen Kriegshaufens zu sichern vermöge. Jetzt
+traten diese leichten Völker als wesentliche Bestandteile des makedonischen
+Heeres auf, um in dessen Aktion nach der Eigentümlichkeit ihrer nationalen
+Kampfweise verwertet zu werden, zugleich ihrerseits durch die feste
+Disziplin, die in dieser Armee herrschte, gehalten und in ihrem Wert
+gesteigert.
+
+Über die Marschordnung und Lagerordnung der Armee fehlt es an nennenswerten
+Nachrichten. Für größere Aktionen wiederholt sich im wesentlichen dasselbe
+Schema der Aufstellung, das, um in der weiteren Darstellung Wiederholungen
+zu vermeiden, hier in seinen charakteristischen Punkten bezeichnet werden
+mag. Die Mitte bildet das schwere Fußvolk in der regelmäßig wechselnden
+Folge der sechs Phalangen, jede unter ihrem Strategen. An die Phalangen
+schließen sich rechts die Taxeis der Hypaspisten, an diese die acht
+Geschwader der makedonischen Ritterschaft in ihrer regelmäßig wechselnden
+Folge; die leichten Truppen des rechten Flügels, die Ilen der Sarissophoren
+und die der Päonen sowie die Agrianer und Bogenschützen, werden nach den
+Umständen als Plänkler, zur einleitenden Attacke, als Flankendeckung für
+die Spitze des Flügels usw. verwandt. Dem linken Flügel der Phalanx
+schließen sich zunächst, wenn sie nicht anderweitig, z. B. zur Deckung des
+Lagers, verwandt werden, die Thraker des Sitalkes an, als Peltasten den
+Hypaspisten des rechten Flügels entsprechend; dann die hellenischen
+Kontingente zu Pferd, darauf die thessalische Ritterschaft, endlich die
+leichten Truppen dieses Flügels, die odrysischen Reiter des Agathon, in den
+nächstfolgenden Kriegsjahren auch eine zweite Abteilung Bogenschützen. Die
+Schlachtlinie hat zwischen der dritten und vierten Phalanx ihre Mitte, von
+dort aus rechnet man die beiden »Flügel«, von denen der rechte, in der
+Regel zum Angriff bestimmte, unter des Königs Führung, der linke unter der
+Parmenions steht.
+
+In zwei Momenten tritt die Eigentümlichkeit der Armee Alexanders am
+stärksten hervor.
+
+In den griechischen Heeren war die Zahl der Reiter immer gering gewesen; in
+den Schlachten des Epaminondas steigt das Verhältnis derselben zum Fußvolk
+auf 1:10. In dem Heere Alexanders ist es fast doppelt so stark 1:6. Schon
+bei Chaironeia hatte Alexander an der Spitze der Reitermasse des linken
+Flügels die fast verlorene Schlacht glänzend entschieden. Für den Kampf
+gegen die Heere des Großkönigs, die in den Reitervölkern Asiens ihre Stärke
+hatten, verstärkte er eben diese Waffe, der er die eigentlich offensive
+Rolle bestimmte; es galt den Feind in seiner Stärke zu treffen.
+
+Es verdient beachtet zu werden, daß den Griechen und Makedonen der
+Steigbügel und das Hufeisen unbekannt waren; gewiß auch den Reitervölkern
+Asiens, die sonst ohne weiteres überlegen gewesen sein würden. Bei den
+ungeheuren Strapazen, den langen Märschen in Winterszeit auf dem Glatteis
+der Gebirgswege, die Alexander in den späteren Feldzügen den Pferden seiner
+Kavallerie zumutete, muß man sich der fehlenden Hufeisen erinnern. Nicht
+minder eine Steigerung der Strapazen für die Reiter war es, daß sie ohne
+Sattel und Steigbügel, mit bloß festgeschnallten Decken ritten; für das
+Gefecht war der Reiter durch den Mangel des Steigbügels auf eine Weise
+gehindert, die wir uns schwer vorstellen können; indem er nicht in seinem
+Steigbügel stehend, sondern durchaus nur sitzend den Stoß oder Hieb führen
+konnte, hatte er sozusagen nur die Kraft der oberen Hälfte des Körpers zur
+Verfügung, und es mußte um so mehr auf die Vehemenz der geschlossenen, den
+Feind durchbrechenden Masse gerechnet werden. Es scheint, daß die
+Ausbildung des Reiters besonders darauf gerichtet sein mußte, ihn zu
+freiester Bewegung auf seinem Pferde zu gewöhnen, wie sich vielleicht etwas
+derart noch auf Bildwerken aus dieser Zeit wiedererkennen läßt.
+
+Noch schärfer ist diese Armee dadurch charakterisiert, daß sie nicht bloß
+Offiziere, sondern einen wirklichen Offizierstand hatte. Wie in späteren
+Jahrhunderten das von Gustav Adolf gegründete #Gymnasium illustre# des
+Ritterhauses eine rechte »Akademie ritterlicher Übungen«, so war die
+»Somatophylakia«, das Korps der »königlichen Knaben«, militärisch und
+wissenschaftlich die Vorschule der jungen makedonischen Edelleute; aus
+dieser gingen die »Hetairen« der Ritterschaft, die Offiziere der
+Hypaspisten, der Pezetairen, der Sarissophoren usw. hervor, um zu den
+höheren Stufen emporzusteigen, wie solches Avancement noch in mehrfachen
+Beispielen erkennbar ist. Als höchste Rangstufe, oder doch zunächst um den
+König, die sieben Somatophylakes und, wie es scheint, die im engeren Sinne
+Hetairen Genannten, die einen wie die anderen zu Rat und Dienst und
+vorübergehenden Kommandos stets zu des Königs Verfügung. Dann als höchster
+Offizier nach dem Könige der alte Parmenion wie daheim Antipatros, ob mit
+besonderem Titel, muß dahingestellt bleiben. Dann -- man weiß nicht in
+welcher Reihenfolge -- die Hipparchen der verschiedenen Reiterkorps, die
+Strategen der Phalangen, der Hypaspisten, der hellenischen Bundesgenossen,
+der Söldner; darauf wohl die Ilarchen der Kavallerie, die Chiliarchen der
+Hypaspisten, die Taxiarchen der Pezetairen usw. Wenn gelegentlich auch die
+»Hegemonen« der Bundesgenossen, der Söldner zum Kriegsrat berufen werden,
+so scheinen damit Kommandierende wie Sitalkes, der die thrakischen
+Akontisten, Attalos, der die Agrianer, Agathon und Ariston, die die
+odrysischen und päonischen Reiter führten, gemeint zu sein, vielleicht auch
+die Führer der hellenischen Kontingente, der Lochen hellenischer Söldner.
+Eine Menge technischer Fragen, die sich hier noch aufdrängen, sind nach dem
+vorhandenen Material nicht mehr zu beantworten; aber man tut wohl, sich der
+Lücken zu erinnern, die damit in unserer Kenntnis bleiben. Daß das Heer
+Feldgeschütz mit sich führte, zeigt das Gefecht bei Pelion. Nicht bloß die
+Bespannung für diese, für die Bagage- und Proviantwagen mehrte die Masse
+der Pferde, für die gesorgt werden mußte; nach einer Bestimmung des Königs
+Philipp durfte jeder Reiter nur einen Knecht mit sich führen; aber doch
+einen, der natürlich gleichfalls beritten war. Wenn, wie noch heute, für
+das Pferd täglich vier Metzen Hafer oder Gerste gerechnet und -- wie bei
+dem Marsche nach Asien hinein doppelt notwendig war -- Fourage auf drei
+Tage mitgenommen wurde, so konnte das zweite Pferd nicht wohl zu dem
+Reitknecht noch Massen Heu und 24 Metzen Hartkorn tragen, sondern es war
+ein Handpferd (Saumtier) nötig, das zugleich das Gepäck des Hetären trug.
+Gewiß galt dies bei der thessalischen Ritterschaft wie bei der
+makedonischen; beide zusammen auf 3000 Kombattanten gerechnet, gibt schon
+9000 Pferde; wie es mit den hellenischen Reitern, mit den Sarissophoren und
+Paionen gehalten wurde, wissen wir nicht. Nach einer zweiten Anordnung
+Philipps war auf je zehn Phalangiten ein Lastträger bewilligt;
+wahrscheinlich bei den Bündnern und Söldnern ebenso. -- Natürlich mußte im
+Hauptquartier des Königs eine Kanzlei, eine Intendantur, eine
+Kassenverwaltung sein usw. Gelegentlich erfährt man, daß Harpalos, einer
+der 337 verbannten Freunde Alexanders, der zum Kriegsdienst körperlich
+untauglich war, die Kasse des Königs zu verwalten erhielt, daß ein anderer
+dieses Kreises, der Mytilenäer Laomedon, weil er der Sprache der Barbaren
+kundig war, zur Obhut über die gefangenen Barbaren bestellt wurde. Und im
+Verlauf des Feldzugs im baktrischen Lande wird ein Vorgang erwähnt, der auf
+die Organisation des Lazarettwesens ein Streiflicht fallen läßt.
+
+So das Heer Alexanders. Sein Vater hatte es organisiert, in scharfer
+Disziplin und zahlreichen Feldzügen tüchtig gemacht, in der festen
+Verbindung der thessalischen mit der makedonischen Ritterschaft eine
+Kavallerie geschaffen, wie sie die hellenische Welt noch nicht gesehen.
+Aber bis zur vollen Wirkung seiner militärischen Überlegenheit, bis zur
+freien und vollen Handhabung, man möchte sagen bis zum Verständnis seiner
+eigenen Kraft hatte Philipp sich nicht erhoben; bei Chaironeia, wo er die
+makedonischen Reiter des rechten Flügels führte, durchbrach er die
+andrängende Linie des Feindes nicht, er ließ selbst die Phalanx, wenn auch
+in Ordnung, zurückgehen; daß Alexander auf die heftig nachdrängende Linie
+des Feindes mit der thessalischen Ritterschaft des linken Flügels einbrach,
+entschied den Erfolg des Tages. Schon da, noch mehr in den Kämpfen des
+Jahres 335, hatte Alexander gezeigt, daß er kühner, plötzlicher, immer
+entscheidend die unwiderstehliche Offensivkraft dieses Heeres zu verwenden
+verstand, nicht minder, daß er zugleich der Feldherr und der erste Soldat
+seines Heeres und im vollsten Sinn des Wortes dessen Vorkämpfer war. Wenn
+irgend etwas, so war die Art, wie er sich persönlich einsetzte und immer an
+der Spitze des entscheidenden Stoßes auf den Feind stürzte, dazu angetan,
+den Wetteifer seiner Offiziere und seiner Truppen zu entflammen. Sein Heer
+war der Zahl nach gering, aber in so organischer Gestaltung, bei solcher
+taktischen Ausbildung der einzelnen Waffen, unter solcher Führung zog es
+mit der vollen moralischen Überlegenheit, sich des Sieges gewiß zu fühlen,
+nach Asien.
+
+Das Perserreich war nicht dazu angetan, Widerstand zu leisten; in seiner
+Ausdehnung, in dem Verhältnis der beherrschten Völker, in der mangelhaften
+Organisation der Verwaltung und der Heeresmacht lag die Notwendigkeit
+seines Falles.
+
+Betrachtet man den Zustand des Perserreiches, wie er zu der Zeit war, als
+Dareios III. den Thron bestieg, so erkennt man leicht, wie alles in
+Auflösung und zum Untergange reif war. Der Grund war nicht die
+Sittenverderbnis des Hofes, des herrschenden Stammes, der beherrschten
+Völker; stete Begleiterin des Despotismus, tut sie niemals der despotischen
+Gewalt Abbruch, die, wie das Reich der Osmanen lange genug den Beweis
+gegeben hat, unter der liederlichsten Hof- und Haremswirtschaft, unter
+steten Kabalen und Schändlichkeiten der Großen, unter gewaltsamen
+Thronwechseln und unnatürlicher Grausamkeit gegen die eben noch allmächtige
+Partei, immer wieder diplomatische und militärische Erfolge nach allen
+Seiten hin zu gewinnen vermag. Persiens Unglück ist eine Reihe schwacher
+Regenten gewesen, welche die Zügel der Herrschaft nicht so fest anzuziehen
+vermocht hatten, wie es zum Bestehen des Reiches nötig war; daraus folgte,
+daß in den Völkern die Furcht, in den Satrapen der Gehorsam, im Reiche die
+einzige Einheit schwand, die es zusammenhielt; in den Völkern, die überall
+noch ihre alte Religion, ihre Gesetze und Sitten, und zum Teil einheimische
+Fürsten hatten, nahm das Verlangen nach Selbständigkeit, in den Satrapen,
+zu mächtigen Statthaltern großer und entfernter Länderstrecken, die Begier
+nach unabhängiger Macht, in dem herrschenden Volke, das im Besitz und der
+Gewohnheit der Gewalt, die Bedingungen ihrer Gründung und ihrer Dauer
+vergessen hatte, die Gleichgültigkeit gegen den Großkönig und gegen das
+Geschlecht der Achämeniden überhand. In den hundert Jahren fast gänzlicher
+Untätigkeit, welche auf Xerxes' Kriegszug nach Europa gefolgt waren, hatte
+sich in den griechischen Landen eine eigentümliche Kriegskunst entwickelt,
+mit der sich Asien zu messen vermied und verlernte; der Zug der Zehntausend
+hatte gezeigt, daß die griechische Kriegsart mächtiger sei als die
+ungeheuren Völkerheere Persiens; ihr vertrauten sich die Satrapen an, wenn
+sie sich empörten, ihr der König Ochos, als er den Aufstand in Ägypten zu
+unterdrücken auszog; so das Königtum, auf die Siege der persischen Waffen
+gegründet, sich durch griechische Söldner zu erhalten genötigt war.
+
+Allerdings hatte Ochos noch einmal die Einheit des Reiches äußerlich
+hergestellt, und mit der blutigen Strenge, die der Despotismus fordert,
+seine Macht geltend zu machen gewußt; aber es war zu spät, er selbst
+versank in Untätigkeit und Schwäche, die Satrapen behielten ihre allzu
+mächtige Stellung, und die Völker, namentlich die der westlichen Satrapien,
+vergaßen unter dem erneuten Druck nicht, daß sie schon nahe daran gewesen,
+ihn abzutun. Nach neuen und furchtbaren Verwirrungen war endlich der Thron
+an Dareios gekommen; er hätte statt tugendhaft energisch, statt großmütig
+rücksichtslos, statt milde Despot sein müssen, wenn das Reich durch ihn
+sollte gerettet werden; er hatte die Verehrung der Perser, und die Satrapen
+waren ihm ergeben, aber das rettete ihn nicht; er wurde geliebt, nicht
+gefürchtet, und bald sollte sich zeigen, wie vielen unter den Großen des
+Reiches ihr eigener Vorteil höher galt als der Wille und die Gunst eines
+Herrn, an dem sie alles, nur nicht Herrschergröße bewundern konnten.
+
+Dareios' Reich erstreckte sich vom Indus bis zum hellenischen Meere, vom
+Jaxartes bis zur Libyschen Wüste. Seine oder vielmehr seiner Satrapen
+Herrschaft war nicht nach dem Charakter der verschiedenen Völker, über die
+sie herrschten, verschieden; sie war nirgends volkstümlich, nirgends durch
+eine von ihr aus entwickelte und tief hinabgreifende Organisation
+gesichert; sie beschränkte sich auf momentane Willkür, auf stete
+Erpressungen und auf eine Art Erblichkeit der Amtsgewalt, wie sie, ganz
+gegen den Sinn monarchischer Herrschaft, in den langen Zeiten schlaffen
+Regimentes üblich geworden war, so daß der Großkönig kaum noch eine andere
+Gewalt über sie hatte als die der Waffen oder die, welcher sie aus
+persönlichen Rücksichten sich fügen mochten. Die volkstümlichen Zustände,
+welche in allen Ländern des persischen Reiches fortbestanden, machten den
+morschen Koloß nur noch unfähiger, sich zur Gegenwehr zu erheben; die
+Völker von Iran, Ariana, den baktrischen Ländern waren allerdings
+kriegerisch, und mit jeder Art von Herrschaft zufrieden, solange sie diese
+zu Krieg und Beute führte; und hyrkanische, baktrische, sogdianische Reiter
+bildeten die stehenden Satrapenheere in den meisten Provinzen; aber
+besondere Anhänglichkeit für das persische Königtum war keineswegs bei
+ihnen zu finden, und so furchtbar sie einst in den Völkerheeren des Kyros,
+Kambyses und Dareios zum Angriff gewesen waren, ebenso unfähig waren sie
+zur ernsten und nachhaltigen Verteidigung, zumal wenn ihnen griechische
+Kriegsübung und Tapferkeit gegenüberstand. Die westlichen Völker gar, stets
+mit Mühe und oft nur durch blutige Gewalt in Unterwürfigkeit gehalten,
+waren, wenn ein siegreicher Feind ihren Grenzen nahte, gewiß bereit, die
+persische Sache zu verlassen. Kaum waren die Griechen der kleinasiatischen
+Küste durch Oligarchie oder durch Tyrannen, deren Existenz von der Macht
+der Satrapen und des Reiches abhing, in Abhängigkeit zu erhalten, und die
+Völker im Innern der Halbinsel hatten, seit zwei Jahrhunderten in stetem
+Druck, weder die Kraft noch das Interesse, sich für Persien zu erheben;
+selbst an den früheren Empörungen der kleinasiatischen Satrapen hatten sie
+nicht teilgenommen; sie waren stumpf, indolent, ohne Erinnerung ihrer
+Vergangenheit. Dasselbe galt von den beiden Syrien diesseits und jenseits
+der Wasser; die Knechtschaft langer Jahrhunderte hatte diesen Völkern den
+Nacken gebeugt, sie ließen über sich ergehen, was auch kommen mochte; nur
+an der Küste Phönikiens war das alte bewegliche Leben, mit ihm mehr Gefahr
+als Treue für Persien, und nur die Eifersucht gegen Sidon und der eigene
+Vorteil vermochte Tyrus den Persern treu zu erhalten. Ägypten endlich hatte
+niemals seinen Haß gegen die Fremdlinge aufgegeben oder verleugnet, und die
+Verwüstungen des Ochos konnten es wohl lähmen, aber nicht gewinnen. Alle
+diese Länder, von dem persischen Reiche zum eigenen Verderben erobert,
+waren bei einem kühnen Angriffe von Westen her so gut wie verloren.
+
+Deshalb hatte die persische Politik seit lange keine höhere Sorge, als die
+Eifersucht der hellenischen Staaten zu nähren, die mächtigen zu schwächen,
+die schwachen aufzureizen und zu unterstützen, und durch ein ausgebildetes
+System von Bestechungen und Verfeindungen eine Gesamttätigkeit der
+Hellenen, der Persien nicht Widerstand zu leisten vermocht hätte, zu
+hintertreiben. Lange war dies gelungen, bis endlich das makedonische
+Königtum, schnell und sicher vorwärtsschreitend, alle diese Bemühungen
+zuschanden zu machen drohte. Mit dem Siege von Chäronea, mit der darauf
+folgenden Gründung des Hellenischen Bundes mußte man in der Hofburg von
+Susa wissen, was bevorstand.
+
+Erst Dareios -- er wurde König um die Zeit, als Philipp ermordet wurde --
+ergriff Maßregeln gegen die schon über den Hellespont gekommenen Truppen.
+Er überwies dem Rhodier Memnon, dem Bruder Mentors, was an hellenischen
+Söldnern zur Hand war, mit dem Befehl, den Makedonen entgegenzuziehen und
+die Grenzen des Reiches zu schützen. Es war leicht zu sehen, daß auf diese
+Weise wohl ein einzelnes Korps, nicht aber das makedonisch-griechische
+Heer, dessen Avantgarde es war, und welches sich bereits zum Übergange nach
+Asien rüstete, aufzuhalten sei; ebensowenig konnte bis zu dessen Ankunft
+ein persisches Reichsheer aufgeboten, zusammengezogen, nach Kleinasien
+gesandt sein; es schien am leichtesten und geratensten, die Gefahr in ihrer
+Wurzel zu ertöten. So wurden Verbindungen am makedonischen Hofe angeknüpft
+und König Philipp -- so erklärt Alexander in einem späteren Schreiben an
+den Großkönig -- mit dessen Wissen und Willen ermordet. Das gefürchtete
+Unternehmen schien mit einem Schlage vereitelt, die Unruhen, die in
+Thessalien, Hellas, Thrakien, Illyrien ausbrachen, ließen die letzte
+Besorgnis schwinden; als gar Attalos an der Spitze seiner Truppen und im
+Einverständnis mit den leitenden Staatsmännern Athens sich gegen Alexanders
+Thronbesteigung erklärte, da schienen die persischen Intrigen noch einmal
+den Sieg davon getragen zu haben. Schon hatte sich Memnon gegen Magnesia,
+das Parmenion und Attalos besetzt hatten, gewandt, hatte ihnen durch
+geschickte Manöver empfindliche Verluste beigebracht. Indes hatte
+Alexander die Angelegenheiten Makedoniens geordnet, Griechenland beruhigt;
+Attalos war beseitigt, die Truppen schnell zur Treue zurückgekehrt;
+Parmenion hatte mit dem einen Teile des Heeres Gryneion erobert, sich dann
+auf Pitane gewandt, während mit dem andern Kalas, des Harpalos Sohn, sich
+im Innern der Landschaft Troas festzusetzen suchte. Daß der makedonische
+König sich zum Feldzug gegen die Thraker, Triballer, Illyrier anschickte,
+gab dem persischen Hofe eine neue Frist; allerdings wurde das Reichsheer,
+die Seemacht der Seeküsten aufgeboten; aber vorerst mußte man auf Abfall
+und Empörung in Hellas rechnen, erwarten, wie weit Memnon mit seinen
+geringen Streitkräften reichen werde.
+
+Der wichtigste Punkt zum Schutz gegen eine Invasion vom Hellespont her war
+Kyzikos; auf einer Insel erbaut, nur durch einen seichten Meeresarm vom
+nahen Festlande getrennt, in den letzten Jahrzehnten mit mächtigen Mauern
+umgeben, mit Schiffshäusern für 200 Trieren versehen, bot diese stark
+bevölkerte freie Stadt dem, der sie besaß oder dem sie sich anschloß, eine
+Position, welche die Propontis, das asiatische Ufer bis Lampsakos, den
+Osteingang des Hellespont beherrschte. Es war für das makedonische Korps in
+Asien von großem Wert, daß die Stadt der persischen Sache abgewandt war.
+Memnon gedachte sie durch einen Handstreich zu nehmen; an der Spitze von
+5000 griechischen Söldnern brach er aus seinen Besitzungen -- im westlichen
+Bithynien -- auf und zog in Eilmärschen heran; fast wäre es ihm gelungen,
+sich der Stadt, deren Tore, da man Kalas' Heer zu sehen glaubte, nicht
+geschlossen waren, zu bemächtigen; da das mißlang, verwüstete er das
+städtische Gebiet und eilte nach der Äolis, wo Parmenion Pitane belagerte;
+Memnons Erscheinen entsetzte die Stadt. Dann brach er -- auch die Stadt
+Lampsakos gehörte ihm -- schnell nach Troas auf, wo er Kalas bereits
+bedeutend vorgedrungen fand; Lampsakos gab seinen Bewegungen einen
+trefflichen Stützpunkt; an Truppen überlegen, siegte er in einem Gefechte,
+und Kalas war gezwungen, sich an den Hellespont zurückzuziehen und sich auf
+die feste Stellung von Rhoiteion zu beschränken.
+
+Es ist unklar, ob wenigstens diese Position von Kalas gehalten wurde;
+jedenfalls Parmenion selbst war demnächst am Hofe zu Pella. Vielleicht hat
+der König diesen zurückberufen, weil es nach der Beendigung des Feldzuges
+im Norden nur nötig schien, die Punkte, die den Übergang nach Asien
+deckten, gleichsam als Brückenkopf festzuhalten; und mit der Flotte zur
+Seite genügte dazu eine geringere Truppenzahl in Rhoiteion und vielleicht
+Abydos. Um so auffallender dann, daß Memnon, der ein vorzüglicher Feldherr
+war, nicht schärfer drängte, die ganze Küste zu säubern; die Satrapen
+warfen ihm späterhin vor, daß er, um sich unentbehrlich zu machen, den
+Krieg zu verlängern suche; entweder das, oder die Eifersucht der Satrapen
+entzog ihm die Mittel, mehr zu tun.
+
+Mit dem Frühling 334 war die Flotte des Großkönigs zum Aussegeln bereit; es
+war an die Satrapen und Befehlshaber in Kleinasien Befehl gesandt, nach der
+Küste vorzurücken und den Makedonen an der Schwelle Asiens die Spitze zu
+bieten. In der Ebene von Zeleia versammelte sich diese Kriegsmacht, 20 000
+Mann persische, baktrische, medische, hyrkanische, paphlagonische Reiter
+und ebenso viele griechische Söldner, ein Heer, das, wie es sich demnächst
+zeigte, tapfer und groß genug war, um gut geführt dem Feinde den Weg zu
+verlegen. Aber der Großkönig hatte keinen obersten Befehlshaber ernannt;
+die gemeinschaftliche Beratung der Anführer sollte über den Gang der
+Unternehmungen entscheiden; es waren außer Memnon Arsites, Hyparch von
+Phrygien am Hellespont, der zunächst bedrohten Landschaft, Spithridates,
+Satrap von Lydien und Ionien, Atizyes, Satrap von Großphrygien,
+Mithrobuzanes, Hyparch von Kappadokien, der Perser Omares und andere
+persische Große. Unzweifelhaft war unter diesen Memnon der bewährteste,
+wenn nicht der einzige Feldherr; doch als Grieche und Liebling des Königs
+verhaßt, hatte er im Kriegsrate weniger Einfluß, als für die persische
+Sache zu wünschen gewesen wäre.
+
+Während dieser Rüstungen in Kleinasien war Alexander mit den seinigen so
+weit gediehen, daß er mit dem Anfang des Frühlings 334 aufbrechen konnte.
+Er zog über Amphipolis am Strymon längs der Küste über Abdera, Maroneia,
+Kardia; am zwanzigsten Tage war er in Sestos. Schon lag seine Flotte im
+Hellespont. Parmenion erhielt den Befehl, die Reiterei und den größeren
+Teil des Fußvolks von Sestos nach Abydos zu führen. Mit dem übrigen Fußvolk
+ging der König nach Elaius, den troischen Gestaden gegenüber, auf dem
+Grabhügel des Protesilaos, des ersten Helden, der im Kriege gegen Troja
+gefallen war, zu opfern, damit ihm glücklicher als jenem der Zug gen Osten
+würde. Dann wurde das Heer eingeschifft; 160 Trieren und viele Lastschiffe
+kreuzten an diesen Tagen zwischen den schönen, im Frühlingsschmuck
+prangenden Gestaden des Hellespont, den einst Xerxes gejocht und gegeißelt
+hatte; Alexander, selbst am Steuer seines königlichen Schiffes, lenkte vom
+Grabe des Protesilaos aus nach der Bucht hinüber, die seit den Zeiten
+Achills und Agamemnons der Hafen der Achaier hieß, und an der die Grabhügel
+des Aias, des Achilleus und Patroklos emporragten. Auf der Höhe des
+Hellespontes opferte er dem Poseidon, spendete den Nereiden aus goldener
+Schale. Dann nahte man dem Gestade; Alexanders Triere war die erste am
+Ufer; vom vorderen Bug schleuderte der König seine Lanze in das Land der
+Feinde, sprang dann, der erste von allen, in voller Rüstung an den Strand.
+Altäre, gebot er, sollten fortan diese Stelle bezeichnen. Dann zog er mit
+seinen Strategen und dem Geleit der Hypaspisten nach den Ruinen Ilions,
+opferte im Tempel der ilischen Athena, weihte ihr seine Waffen, nahm statt
+deren von den Waffen des Tempels, namentlich den heiligen Schild, der für
+den des Achill gegolten haben mag. Auch am Altare des herdschirmenden Zeus
+opferte er dem Schatten des Priamos, um dessen Zorn gegen Achills
+Geschlecht zu versöhnen, da Achilleus' Sohn den greisen König am heiligen
+Herde erschlagen hatte. Vor allem ehrte er das Andenken seines großen Ahnen
+Achill, er kränzte und salbte des Helden Grab, das Grab des Patroklos sein
+Freund Hephaistion; dann folgten Wettkämpfe aller Art. Viele, Eingeborene
+und Hellenen, kamen, dem Könige goldene Kränze darzubringen, unter ihnen
+der Athener Chares, der Herr von Sigeion, derselbe, dessen Auslieferung er
+im vorigen Jahre gefordert hatte. Zum Schluß der Festlichkeiten befahl der
+König den Wiederaufbau Ilions, gab den Bürgern der neuen Stadt Autonomie
+und Steuerfreiheit und versprach ihrer noch weiter zu gedenken.
+
+Dann zog er nach der Ebene von Arisbe, wo das übrige Heer, das unter
+Parmenions Führung bei Abydos gelandet war, ein Lager bezogen hatte.
+Unverzüglich brach man auf, um den Feinden zu begegnen, von denen man
+wußte, daß sie etwa fünfzehn Meilen ostwärts um Zeleia sich zusammengezogen
+hatten. Der Marsch ging über Perkote nach Lampsakos, der Stadt des Memnon;
+die Bürger wußten sich keine andere Rettung, als durch eine Gesandtschaft
+des Königs Gnade zu erflehen; an deren Spitze stand Anaximenes, der als
+wissenschaftlicher Mann wohlbekannt und bei König Philipp früher gern
+gesehen war; auf seine Fürbitte verzieh Alexander der Stadt.
+
+Von Lampsakos aus rückte das Heer unweit der Küste weiter, als Vorhut
+voraus der Lynkestier Amyntas mit einer Ile der Ritterschaft, der von
+Apollonia und vier Ilen der Sarissophoren. Wie sie nahten, ergab sich die
+Stadt Priapos an der Propontis unfern der Mündung des Granikos; gerade
+jetzt war dieser Platz, der die vom Granikos durchströmte Ebene Adrasteia
+beherrscht, von Wichtigkeit, da nach den Berichten des Amyntas das
+persische Heer an die Ufer des Granikos vorgerückt und demnach dort der
+erste Zusammenstoß mit dem Feinde zu erwarten war.
+
+Wenn Alexander sichtlich möglichst bald zu schlagen wünschte, so hätten die
+Perser ihm um so mehr ausweichen sollen. Im Kriegsrat in Zeleia hatte
+Memnon widerraten, einen Kampf zu beginnen, der kaum einen Sieg und, wenn
+man siegte, kaum einen Vorteil hoffen lasse; die Makedonen seien an Fußvolk
+den Persern weit überlegen, und doppelt gefährlich, da sie unter Führung
+ihres Königs kämpfen würden, während Dareios dem persischen Heere fehle;
+selbst angenommen, daß die Perser siegten, so würde den Makedonen der
+Rücken gedeckt und ihr Verlust nur der eines vergeblichen Angriffes sein;
+die Perser dagegen verlören durch eine Niederlage das Land, das sie zu
+verteidigen hätten: das einzig Ersprießliche sei, jedes entscheidende
+Gefecht zu vermeiden; Alexander sei nur auf kurze Zeit mit Lebensmitteln
+versehen, man müsse sich langsam zurückziehen, eine Einöde hinter sich
+lassen, in der die Feinde keinen Unterhalt, kein Vieh, kein Obdach fänden;
+dann werde Alexander ohne Schlacht besiegt sein, durch kleinen Schaden dem
+größeren und unberechenbaren vorgebeugt werden. Memnons Meinung fand im
+Rate der persischen Feldherren kein Gehör, man hielt sie der Hoheit
+Persiens nicht würdig; namentlich widersprach Arsites von Phrygien am
+Hellespont: in seiner Satrapie werde er auch nicht ein Haus anzünden
+lassen. Die übrigen Perser stimmten mit ihm für die Schlacht, ebensosehr
+aus Kampfeslust, wie aus Abneigung gegen den griechischen Fremdling, der
+schon zuviel beim Großkönig galt und den Krieg verlängern zu wollen schien,
+um noch höher in des Königs Gnade zu steigen. Sie rückten den Makedonen bis
+an den Granikos entgegen; sie beschlossen, von den steilen Ufern dieses
+Flusses aus jedes Weiterrücken Alexanders zu hindern; sie stellten sich an
+dem rechten Ufer so auf, daß der Rand des Flusses von der persischen
+Reiterei, das ansteigende Terrain in einiger Entfernung hinter ihr von den
+griechischen Söldnern besetzt war.
+
+Indes rückte Alexander über die Ebene Adrasteia dem Granikos[5] zu, das
+schwere Fußvolk in die zwei Kolonnen des rechten und linken Flügels
+geteilt, auf der rechten Flanke die makedonische, auf der linken die
+thessalische und griechische Reiterei; die Packtiere mit dem größeren Teil
+des leichten Fußvolkes folgten den Kolonnen; die Vorhut bildeten die
+Sarissophoren und etwa fünfhundert Mann leichtes Fußvolk unter Hegelochos'
+Führung. Schon näherte sich die Hauptmasse dem Flusse, als eilends einige
+von den Sarissophoren zurückgesprengt kamen mit der Nachricht, die Feinde
+ständen jenseits des Flusses in Schlachtordnung, und zwar die Reiter in
+ausgedehnter Linie längs dem steilen und lehmigen Flußufer, eine Strecke
+rückwärts das Fußvolk. Alexander durchschaute die Fehler der feindlichen
+Dispositionen, welche die Waffe des ungestümen Angriffs zur Verteidigung
+eines schwierigen Terrains, und die trefflichen griechischen Söldner zu
+müßigen Zuschauern eines Kampfes machten, dem nur sie gewachsen waren; ein
+dreistes Vorgehen mit Kavallerie mußte hinreichen, das jenseitige Ufer und
+damit die Schlacht zu gewinnen, deren Erfolge zu sichern und zu benutzen
+die Hypaspisten und Phalangen folgen sollten. Er ließ die Truppen aus den
+Marschkolonnen rechts und links aufmarschieren und sich in Schlachtordnung
+setzen. Parmenion kam zu ihm, den Kampf zu widerraten: es sei ratsam, sich
+vorerst an dem Ufer des Flusses zu lagern; der Feind, an Fußvolk schwächer,
+werde nicht wagen, in der Nähe der Makedonen zu übernachten, er werde sich
+zurückziehen und so es möglich machen, daß man am andern Morgen, bevor die
+Perser ausgerückt und aufgestellt seien, den Übergang ohne Gefahr
+bewerkstellige; jetzt dagegen scheine ein Übergang nicht ohne Gefahr: der
+Tag neige sich, der Fluß sei an manchen Stellen tief und reißend, das Ufer
+jenseits steil, man könne nicht in Linie passieren, man müsse in Kolonnen
+durch den Fluß gehen; die feindliche Reiterei werde diese in die Flanke
+nehmen und niederhauen, ehe sie zum Fechten kämen; der erste Unfall aber
+sei nicht bloß für den Augenblick empfindlich, sondern für die Entscheidung
+des Krieges höchst bedenklich. Der König antwortete: »Wohl erkenne ich das,
+aber ich würde mich schämen, wenn ich den Hellespont leicht überschritten
+hätte, und dies kleine Wasser uns abhalten sollte, hinüberzugehen, wie wir
+sind; auch würde das weder mit dem Ruhme der Makedonen, noch mit meiner
+Art, einer Gefahr gegenüber, stimmen; die Perser, glaube ich, würden Mut
+fassen, als könnten sie sich mit Makedonen messen, weil sie nicht sofort
+erführen, was sie fürchten.« Mit diesen Worten schickte er Parmenion nach
+dem linken Flügel, den er führen sollte, während er selbst zu den
+Geschwadern des rechten ritt.
+
+ [5] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+An dem Glanze seiner Waffen und an der weißen Feder seines Helmes, an der
+Ehrerbietung der ihn Umgebenden sahen die Perser jenseits, daß Alexander
+ihrem linken Flügel gegenüberstand, und daß dort der Hauptangriff zu
+erwarten sei; sie eilten, den Kern ihrer Reiterei in dichten Reihen ihm
+gegenüber hart an das Ufer zu stellen; dort war Memnon mit seinen Söhnen
+und Arsames mit seinen eigenen Reitern; dann folgte in der Schlachtlinie
+der phrygische Hyparch Arsites, der lydische Satrap Spithridates mit den
+hyrkanischen Reitern und vierzig edlen Persern in seinem Geleit, dann die
+weiteren Reiterhaufen des Zentrums, endlich die des rechten Flügels unter
+Rheomithres. Eine kurze Zeit standen beide Heere schweigend in gespannter
+Erwartung einander gegenüber, -- die Perser bereit, auf den Feind, wenn er
+durch den Fluß anrückend die steilen Ufer heraufkomme und ehe er sich
+ordnen könne, zu stürzen, Alexander mit raschem Blick erspähend, wie und wo
+der Angriff möglich sei. Dann bestieg er sein Schlachtroß, rief den Truppen
+zu, ihm zu folgen und als Männer zu kämpfen, gab das Zeichen zum Vorrücken.
+Voran Amyntas der Lynkestier mit den Sarissophoren und Paionen und einer
+Taxis (der Hypaspisten), ihm zugeordnet die Ile von Apollonia, von
+Ptolemaios, Philipps Sohn, geführt, die diesen Tag die erste Stelle in der
+Ritterschaft, den ersten Angriff hatte. Sowie sie im Fluß waren, folgte der
+König an der Spitze der übrigen Ilen der Hetairen unter dem Schall der
+Trompeten und des Schlachtgesanges; er wollte, während Ptolemaios durch
+seinen Angriff den äußersten linken Flügel des Feindes beschäftigte, mit
+den sieben Ilen, halb rechts aufrückend, rechts an Ptolemaios, links an die
+nachrückende Linie des Fußvolkes gelehnt, auf das Zentrum der Feinde
+einbrechen und dasselbe sprengen. Mit dem linken Flügel sollte Parmenion,
+dem Flusse zu in schräger Linie folgend, den rechten Flügel des Feindes
+lähmen.
+
+Sobald sich Amyntas und Ptolemaios dem feindlichen Ufer des Flusses nahten,
+begann das Gefecht. Die Perser, hier von Memnon und dessen Söhnen geführt,
+widersetzten sich mit aller Macht ihrem Hinaufdringen, indem sie teils vom
+hohen Ufer herab ihre Wurflanzen schleuderten, teils unmittelbar an das
+Wasser vorgingen und die Heraufsteigenden zurückdrängten; diese, durch den
+schlüpfrigen Lehm am Ufer noch mehr behindert, hatten schweren Stand,
+großen Verlust, zumal die am meisten rechts, während denen links sich schon
+eine Stütze bot. Denn schon war der König mit dem Agema der Ritterschaft
+durch den Fluß, stürmte schon gegen die Stelle des Ufers an, wo die
+dichteste Masse der Feinde und die Heerführer hielten. Sofort begann hier,
+um die Person des Königs, der heftigste Kampf, in den die anderen Ilen,
+eine nach der andern, durch den Fluß folgend, mit eingriffen; ein
+Reitergefecht, das in seiner Hartnäckigkeit, Stetigkeit und der Wut des
+Handgemenges einem Kampfe des Fußvolkes glich; Roß an Roß, Mann an Mann
+gedrängt, kämpften die Makedonen mit ihren Speeren, die Perser mit ihren
+leichteren Wurflanzen und bald mit ihren krummen Säbeln, jene, um die
+Perser vom Ufer zurück auf das Blachfeld zu werfen, diese, um die Makedonen
+in den Strom zurückzustoßen. Des Königs weißen Helmbusch sah man im
+dichtesten Getümmel; in dem heftigen Gefecht zersplitterte sein Speer, er
+rief seinem Stallmeister zu, ihm einen anderen zu reichen; auch dem war
+sein Speer zerbrochen, und er kämpfte mit dem umgekehrten Stumpf; kaum daß
+Demaratos von Korinth dem Könige seine Waffe gereicht, so sprengte auch
+schon ein neuer Schwarm erlesener persischer Reiter heran, Mithridates, ihr
+Führer, jagte voraus und auf Alexander zu, sein Wurfspieß verwundete des
+Königs Schulter; ein Speerstoß Alexanders streckte den persischen Fürsten
+tot zu Boden. In demselben Augenblick jagte des Gefallenen Bruder,
+Rhoisakes, auf Alexander zu, zerschmetterte mit einem Hiebe dessen Helm, so
+daß der Säbel noch die Stirnhaut ritzte; Alexander bohrte ihm den Speer
+durch den Harnisch bis tief in die Brust, und Rhoisakes stürzte rücklings
+vom Pferde. Zugleich war der libysche Satrap Spithridates an Alexander
+herangesprengt; schon hatte er über des Königs Nacken seinen Säbel zum
+tödlichen Schlage erhoben, da kam ihm der schwarze Kleitos zuvor, mit einem
+Hiebe trennte er des Barbaren Arm vom Rumpfe, gab ihm dann den Todesstoß.
+Immer wilder wurde der Kampf; die Perser fochten mit höchster Tapferkeit,
+den Tod ihrer Fürsten zu rächen, während immer neue Scharen über den Fluß
+setzten, eindrangen, niedermetzelten; umsonst suchten Niphates, Petines,
+Mithrobuzanes zu widerstehen, umsonst Pharnakes, des Dareios Schwager,
+Arbupalos, der Enkel des Artaxerxes, die sich schon lösenden Massen zu
+halten; bald lagen sie erschlagen auf dem Felde. Das Zentrum der Perser war
+durchbrochen, die Flucht wurde allgemein; etwa tausend, nach andern
+zweitausendfünfhundert Perser waren geblieben, die übrigen flohen weit
+zersprengt vom Schlachtfelde. Alexander verfolgte sie nicht weit, da noch
+die ganze Masse des feindlichen Fußvolkes unter Omares auf den Höhen stand,
+entschlossen, den Ruhm griechischer Söldner gegen die makedonischen Waffen
+zu bewähren. Es war das einzige, was ihnen übrigblieb; müßige Zuschauer
+eines blutigen Kampfes, den ihre Mitwirkung vielleicht gewonnen haben
+würde, ohne bestimmte Befehle für den Fall, den der Stolz der persischen
+Fürsten unmöglich geglaubt hatte, blieben sie geschlossen auf ihrer Höhe,
+die wenigstens einen ehrenvollen Rückzug zu sichern vermocht hätte; die
+blinde Flucht der Reiterscharen hatte sie preisgegeben; auf sich
+beschränkt, erwarteten sie den Angriff des siegreichen Heeres und den
+eigenen Untergang, den sie so teuer als möglich zu machen entschlossen
+waren. Alexander ließ die Phalanx auf sie anrücken, zugleich von allen
+Seiten alle Reiter, auch die thessalischen und hellenischen des linken
+Flügels, auf sie einbrechen. Nach kurzem furchtbarem Kampfe, in welchem dem
+Könige ein Pferd unter dem Leibe erstochen wurde, waren die Söldner
+bewältigt; es entkam niemand, außer wer sich etwa unter den Leichen
+verborgen hatte; zweitausend von diesen Söldnern wurden gefangengenommen.
+
+Alexanders Verlust war verhältnismäßig gering; beim ersten Angriff waren
+fünfundzwanzig Ritter von der Ile von Apollonia geblieben, es waren
+außerdem etwa sechzig Mann von der Reiterei und dreißig vom Fußvolke
+gefallen. Sie wurden am folgenden Tage in ihrer Waffenrüstung und mit allen
+militärischen Ehren begraben, ihren Eltern und Kindern daheim alle Steuern
+erlassen. Für die Verwundeten trug Alexander persönlich Sorge, ging zu
+ihnen, ließ sich ihre Wunden zeigen, sich von jedem erzählen, wie er sie
+empfangen. Er befahl auch, die gefallenen persischen Führer, auch die
+griechischen Söldner, die im Dienste des Feindes den Tod gefunden hatten,
+zu bestatten; die gefangenen Griechen dagegen wurden in Fesseln geschlagen
+und zu öffentlicher Strafarbeit nach Makedonien abgeführt, weil sie wider
+den gemeinsamen Beschluß Griechenlands und für die Perser gegen
+Griechenland gefochten hatten; nur die von Theben erhielten Verzeihung. Das
+reiche persische Lager fiel in Alexanders Hände; die Beute des Sieges
+teilte er mit seinen Bundesgenossen; seiner Mutter Olympias schickte er von
+den goldenen Bechern, purpurnen Teppichen und anderen Kostbarkeiten, die in
+den Zelten der persischen Fürsten gefunden waren; er gebot zum Andenken der
+fünfundzwanzig Ritter, die zuerst im Kampfe gefallen waren, ebensoviel
+Bronzestatuen von dem Bildhauer Lysippos gießen und in Dion aufstellen zu
+lassen. Er sandte dreihundert vollständige Rüstungen nach Athen als
+Weihgeschenk für Pallas Athene, mit der Aufschrift: »Alexander, Philipps
+Sohn und die Hellenen, mit Ausnahme der Lakedämonier, von den Barbaren in
+Asien.«
+
+Mit dem Siege am Granikos war die Macht Persiens diesseits des Taurus
+vernichtet, die Streitmacht der Satrapien, welche die Vormauer des Reiches
+bildete, zerstreut, entmutigt, so zusammengeschmolzen, daß sie nicht wieder
+im offenen Felde mit den Makedonen zusammenzutreffen wagen durfte; auch die
+persischen Besatzungen der einzelnen großen Städte, zu klein, um einer
+siegreichen Armee zu widerstehen, konnten als überwunden gelten. Dazu kam,
+daß viele Führer der Perser, namentlich der lydische Satrap, gefallen
+waren, daß Arsites, der Hyparch Phrygiens am Hellespont, bald nach der
+Schlacht, wie es hieß, aus Reue und Angst vor Verantwortlichkeit sich
+selbst entleibt hatte, daß endlich die wichtigen Küstenstriche um so
+leichter eine Beute der Makedonen werden mußten, da sich in den reichen
+griechischen Städten noch immer demokratisch gesinnte Männer fanden, denen
+sich jetzt Gelegenheit bot, des persischen Joches und der persisch
+gesinnten Oligarchen frei zu werden.
+
+Alexander konnte nicht zweifelhaft sein, wohin er sich wenden müsse, um die
+Wirkung seines Sieges auf die vorteilhafteste Weise zu benutzen und zu
+steigern. Ein schnelles Eindringen in das Innere Kleinasiens hätte ihn
+weite Gebiete, große Beute, Land und Leute gewinnen lassen; aber sein Zweck
+war, die Macht des Großkönigs zu vernichten; schon war eine Perserflotte im
+Ägäischen Meere, die, wenn er ins Innere vorgedrungen wäre, hinter seinem
+Rücken operieren und sich der Küsten bemächtigen, mit Hellas Verbindung
+anknüpfen konnte. Seine Erfolge zu Lande mußten sie überholen; seine
+Operationsbasis zum weiteren Vordringen nach Osten mußte so breit und so
+sicher als möglich sein; stützte er sich nur auf den Hellespont, so blieben
+die Satrapien am Ägäischen Meere in der Hand des Feindes, der von da aus
+seine Flanke beunruhigen konnte. Es war notwendig, die ganze West- und
+Südküste Kleinasiens zu besetzen, um über den Taurus vordringen zu können.
+Diese Küstenstriche, voll hellenischer oder hellenisierter Städte, wurden
+unter dem Eindruck der gewonnenen Schlacht je schneller, desto sicherer für
+das Interesse des siegenden Griechentums gewonnen.
+
+Alexander übergab die Satrapie in Phrygien am Hellespont Kalas, dem Sohne
+des Harpalos, der, durch zweijährigen Aufenthalt in diesen Gegenden schon
+bekannt, geeignet schien, die in militärischer Hinsicht höchst wichtige
+Landschaft zu verwalten; es wurde nichts Weiteres in der Verwaltung
+geändert, auch die Abgaben blieben dieselben, wie sie an den Großkönig
+entrichtet worden waren. Die nicht griechischen Einwohner des Binnenlandes
+kamen größtenteils, sich freiwillig zu unterwerfen; sie wurden ohne
+weiteres in ihre Heimat entlassen. Die Zeliten, die mit dem Perserheere an
+den Granikos ausgezogen waren, erhielten Verzeihung, weil sie gezwungen am
+Kampfe teilgenommen hatten. Parmenion wurde nach Daskylion, der Residenz
+des phrygischen Satrapen, detachiert; er nahm die Stadt, die von der
+persischen Besatzung bereits geräumt war, in Besitz. Weiter ostwärts in
+dieser Richtung vorzudringen, war für den Augenblick nicht nötig, da
+Daskylion für den Marsch nach Süden als Rückendeckung genügte.
+
+Alexander selbst wandte sich südwärts, um auf Sardes, die Residenz der
+Satrapie Lydien, zu gehen. Sardes war berühmt wegen seiner alten Burg, die,
+auf einer isolierten, schroff abstürzenden Felsmasse, welche vom Tmolos in
+die Ebene vorspringt, gelegen und mit dreifacher Mauer umgeben, für
+uneinnehmbar galt; es befand sich in derselben der Schatz der reichen
+Satrapie, welcher dem Befehlshaber der Stadt Gelegenheit bieten konnte, die
+überdies bedeutende Besatzung zu vermehren und zu versorgen, und eine
+starke Macht in Sardes hätte der persischen Seemacht die beste Stütze
+gegeben. Um so willkommener war, daß etwa zwei Meilen von der Stadt
+Mithrines, der persische Befehlshaber der Besatzung, nebst den
+angesehensten Bürgern erschien, diese die Stadt, jener die Burg mit dem
+Schatz zu übergeben. Der König sandte Amyntas, des Andromenes Sohn, voraus,
+die Burg zu besetzen, er selbst folgte nach kurzer Rast; den Perser
+Mithrines behielt er fortan in seiner Nähe und zeichnete ihn auf jede Weise
+aus, gewiß ebensosehr, um seine Unterwerfung zu belohnen, als um zu zeigen,
+wie er sie belohne. Den Sardianern und allen Lydiern gab er die Freiheit
+und die Verfassung ihrer Väter wieder, deren sie zwei Jahrhunderte lang
+unter dem Druck persischer Satrapen entbehrt hatten. Um die Stadt zu ehren,
+beschloß er die Burg mit einem Tempel des olympischen Zeus zu schmücken;
+als er sich nach der tauglichsten Stelle im Bereiche der Akropolis umsah,
+erhob sich plötzlich ein Wetter, unter Donner und Blitz ergoß sich ein
+heftiger Regenschauer über den Platz, wo einst der lydische Königspalast
+gestanden hatte; diese Stelle wählte der König für den Tempel, der fortan
+die hohe Burg des vielgefeierten Krösus schmücken sollte.
+
+Sardes wurde der zweite wichtige Punkt in der Operationslinie Alexanders,
+das Tor zum Innern Kleinasiens, zu dem die großen Straßen von diesem
+Mittelpunkte des vorderasiatischen Handels hinaufführen. Die
+Statthalterschaft Lydiens erhielt des Parmenion Bruder Asandros; eine Schar
+Reiter und leichtes Fußvolk wurde als Besatzung der Satrapie unter seinen
+Befehl gestellt; mit ihm blieben Nikias und Pausanias aus der Schar der
+Hetairen zurück, dieser als Befehlshaber der Burg von Sardes und ihrer
+Besatzung, zu der das Kontingent von Argos bestimmt wurde, jener zur
+Verteilung und Erhebung der Tribute. Ein anderes Korps, das aus den
+Kontingenten der Peloponnesier und der übrigen Hellenen bestand, wurde
+unter Kalas und dem Lynkestier Alexandros, der an Kalas' Stelle den Befehl
+über die thessalische Ritterschaft erhalten hatte, nach dem Gebiet, das dem
+Rhodier Memnon gehörte, abgesandt. Nach dem Fall von Sardes mochte es
+notwendig erscheinen, auch auf der linken Flanke die Okkupation
+weiterzuführen und mit der weiteren Küste der Propontis die Straße ins
+Innere am Sangarios hinauf zu gewinnen. Die Flotte endlich -- Nikanor
+führte sie -- wird nach dem Siege am Granikos Befehl erhalten haben, nach
+Lesbos und Milet zu segeln; es wird bei ihrem Erscheinen geschehen sein,
+daß Mytilene dem makedonischen Bunde beitrat.
+
+Der König selbst wandte sich mit der Hauptmacht von Sardes aus nach Ionien,
+dessen Städte seit langen Jahren das Joch persischer Besatzungen oder
+persisch gesinnter Oligarchen getragen hatten und sich, wie sehr sie auch
+durch die lange Knechtschaft gebeugt sein mochten, nicht ohne lautes
+Verlangen ihrer alten Freiheit erinnerten, die ihnen jetzt noch einmal wie
+durch ein Wunder der Götter wiederkehren zu wollen schien. Nicht als ob
+sich diese Stimmung überall geäußert hätte; wo die oligarchische Partei
+stark genug war, mußte der Demos schweigen; aber man durfte gewiß sein,
+daß, wenn die befreiende Macht nahte, die Demokratie hoch aufflammen werde;
+immerhin, daß dann nach hellenischer Art ungezügelte Freude und
+leidenschaftlicher Haß gegen die Unterdrücker den Beginn der neuen Freiheit
+bezeugten.
+
+Ephesos, die Königin unter den ionischen Städten, ging den anderen mit
+einem großen Beispiele voran. Noch zu Philipps Zeit, vielleicht infolge
+jener Beschlüsse von Korinth 338, hatte der Demos sich frei gemacht.
+Autophradates war mit einem Heere vor die Stadt gerückt, hatte deren
+Behörden zu Unterhandlungen zu sich beschieden, hatte dann während
+derselben die Bevölkerung, die an keine weitere Gefahr dachte, von seinen
+Truppen überfallen, viele gefangennehmen, viele töten lassen. Seit dieser
+Zeit war wieder eine persische Besatzung in Ephesos, und die Gewalt in den
+Händen des Syrphax und seines Geschlechtes.
+
+Unter denen, die nach Philipps Tode den Hof von Pella verlassen hatten, war
+Amyntas, des Antiochos Sohn, dessen Bruder Heraklides die Ile der
+Ritterschaft von Bottiaia führte; obschon Alexander ihn nie anders als
+gütig behandelt hatte, war er, mochte er sich irgendeiner Schuld bewußt
+sein, oder argen Wünschen Raum gebend, aus Makedonien geflüchtet und nach
+Ephesos gekommen, wo ihn die Oligarchie auf alle Weise ehrte. Indes war die
+Schlacht am Granikos geschlagen, Memnon hatte sich mit einigen Überresten
+der geschlagenen Truppen nach der ionischen Küste gerettet und flüchtete
+weiter auf Ephesos zu. Hier hatte die Nachricht von der Niederlage der
+Perser die heftigste Aufregung hervorgebracht; das Volk hoffte, die
+Demokratie wiederzugewinnen, die Oligarchie war in höchster Gefahr; da
+erschien Memnon vor der Stadt; die Partei des Syrphax eilte, ihm die Tore
+zu öffnen, und begann in Verbindung mit den persischen Truppen auf das
+ärgste gegen die Volkspartei zu wüten; das Grab des Herophthos, des
+Befreiers von Ephesos, wurde aufgewühlt und entweiht, der heilige Schatz im
+großen Tempel der Artemis geplündert, des Königs Philipp Bildsäule im
+Tempel umgestürzt, kurz, es geschah alles, was den Untergang der
+Gewaltherrschaft noch mehr als ihren Beginn zu schänden pflegt. Indes
+rückte Alexanders siegreiches Heer immer näher; Memnon war bereits nach
+Halikarnassos gegangen, um dort möglichst kräftige Verteidigungsmaßregeln
+zu treffen; und Amyntas, der bei der Aufregung des Volkes sich nicht mehr
+sicher, noch die Stadt gegen die Makedonen zu behaupten für möglich halten
+mochte, eilte mit den in der Stadt liegenden Söldnern, sich zweier Trieren
+im Hafen zu bemächtigen, und flüchtete zur persischen Flotte, welche
+vierhundert Segel stark bereits im Ägäischen Meere erschienen war. Kaum sah
+sich das Volk von den Kriegsscharen befreit, als es auch in allgemeiner
+Empörung gegen die oligarchische Partei aufstand; viele vornehme Männer
+flüchteten, Syrphax und sein Sohn und die Söhne seiner Brüder retteten sich
+in die Tempel, das wütende Volk riß sie von den Altären hinweg und
+steinigte sie; man suchte die übrigen, sie dem gleichen Tode zu opfern. Da
+rückte Alexander, einen Tag nach Amyntas' Flucht, in die Stadt ein, tat dem
+Morden Einhalt, befahl, die um seinetwillen Verbannten wiederaufzunehmen,
+die Demokratie für alle Zeit in Geltung zu lassen; er überwies die Abgaben,
+die bisher an Persien entrichtet worden waren, der Artemis und dehnte das
+Asylrecht des Tempels auf ein Stadion von den Tempelstufen aus. Mag die
+neue Umgrenzung des Tempelbezirks mit bestimmt gewesen sein, künftigem
+Streit zwischen dem Tempel und der politischen Gemeinde vorzubeugen, dem
+Hader in der Gemeinde selbst wurde durch die Vermittlung des Königs ein
+Ende gemacht, »und wenn ihm irgend etwas zum Ruhm gereicht,« sagt Arrian,
+»so ist es das, was er damals in Ephesus tat.«
+
+In Ephesus kamen zu Alexander Abgeordnete aus Tralleis und Magnesia am
+Maiandros, um ihm die beiden Städte, die wichtigsten im nördlichen Karien,
+zu übergeben; Parmenion wurde mit einem Korps von fünftausend Mann Fußvolk
+und zweihundert Pferden abgesandt, um die Städte in Besitz zu nehmen. Zu
+gleicher Zeit wurde Alkimachos, Lysimachos' Bruder, mit ebensoviel Truppen
+nordwärts nach den äolischen und ionischen Städten detachiert, mit dem
+Befehl, überall die Oligarchie aufzuheben, die Volksherrschaft
+wiedereinzurichten, die alten Gesetze wiederherzustellen, die bisher an
+Persien entrichteten Tribute ihnen zu erlassen. Es wird die Wirkung dieser
+Expeditionen gewesen sein, daß auch in Chios die Oligarchie, an deren
+Spitze Apollonides stand, gestürzt, daß auf Lesbos die Tyrannis in Antissa
+und Eresos gebrochen, Mytilene mit einer makedonischen Besatzung gesichert
+wurde.
+
+Der König selbst blieb noch einige Zeit in Ephesos, das ihm der Verkehr mit
+Apelles, dem größten unter den damals lebenden Malern doppelt liebmachen
+mochte; das Bild Alexanders, mit dem Blitze in der Hand, das noch lange
+eine Zierde des großen Tempels der Artemis war, entstand in dieser Zeit.
+Ihn beschäftigten mancherlei Pläne zur Förderung der griechischen
+Küstenstädte; vor allem befahl er, die Stadt Smyrna, die seit der Zeit der
+Zerstörung durch die lydischen Könige sich in mehrere Flecken aufgelöst
+hatte, wiederherzustellen, die Stadt Klazomenai durch einen Damm mit ihrer
+Hafeninsel zu verbinden, die Landenge von Klazomenai bis Teos zu
+durchstechen, damit die Schiffe nicht nötig hätten, den weiten Umweg um das
+schwarze Vorgebirge zu machen. Das Werk ist nicht zustandegekommen, aber
+noch in später Zeit wurden auf der Landenge in einem dem Könige Alexander
+geweihten Haine Wettkämpfe von dem »Bunde der Ionier« zum Gedächtnis ihres
+Befreiers gehalten.
+
+Nachdem Alexander noch im Tempel der Artemis geopfert und eine Musterung
+der Truppen, die in vollem Waffenschmucke und wie zur Schlacht aufgestellt
+waren, gehalten hatte, brach er folgenden Tages mit seinem Heere, das aus
+vier Ilen makedonischer Ritter, den thrakischen Reitern, den Agrianern und
+Bogenschützen und etwa 12 000 Mann Hopliten und Hypaspisten bestand, auf
+der Straße nach Milet auf. Die Stadt war wegen ihres geräumigen Hafens für
+die persische Flotte, wenn sie das Ägäische Meer halten sollte, beim
+Herannahen der späten Jahreszeit von der größten Wichtigkeit. Der
+Befehlshaber der persischen Besatzung von Milet, der Grieche Hegesistratos,
+hatte früher in einem Schreiben dem Könige die Übergabe der Stadt
+angeboten, aber, von der Nähe der großen persischen Flotte unterrichtet,
+die wichtige Hafenstadt den Persern zu erhalten beschlossen. Desto eifriger
+war Alexander, die Stadt zu erobern.
+
+Milet liegt auf einer Landzunge im Süden des latmischen Meerbusens, drei
+Meilen südwärts von dem Vorgebirge Mykale, vier von der Insel Samos, die
+man am Horizont aus dem Meere hervorragen sieht; die Stadt selbst, in die
+äußere und die mit starken Mauern und tiefem Graben versehene innere Stadt
+geteilt, öffnet nach dem Meerbusen zu vier Häfen, von denen der größte und
+wichtigste auf der Insel Lade etwas von der Küste entfernt liegt; groß
+genug, um einer Flotte Schutz zu gewähren, ist er mehr als einmal
+Veranlassung gewesen, daß Seekriege in seiner Nähe geführt und durch seine
+Besetzung entschieden sind; die zunächst an der Stadt liegenden Häfen
+werden durch kleine Felseneilande voneinander geschieden, sie sind für den
+Handel sehr bequem, aber weniger geräumig, und werden durch die Reede der
+Insel Lade mitbeherrscht. Die reiche Handelsstadt war von den Persern nicht
+eben bedrückt, ihr war ihre Demokratie gelassen worden; sie mag gehofft
+haben, neutral zwischen den kämpfenden Mächten verharren zu können; sie
+hatte nach Athen gesandt, um Hilfe zu bitten.
+
+Nikanor, der die »hellenische Flotte« führte, erreichte vor Ankunft der
+überlegenen Perserflotte die Höhe von Milet und ging mit seinen
+hundertundsechzig Trieren bei der Insel vor Anker. Zu gleicher Zeit war
+Alexander unter den Mauern der Stadt erschienen, hatte sich der äußeren
+Stadt bemächtigt, die innere mit einem Wall eingeschlossen, zur Verstärkung
+der wichtigen Position von Lade die Thraker und gegen 4000 Mann Söldner auf
+die Insel übersetzen lassen und seiner Flotte die Weisung gegeben, von der
+Seeseite Milet auf das sorgfältigste zu sperren. Drei Tage darauf erschien
+die persische Flotte; die Perser steuerten, da sie die Meerbucht von
+hellenischen Schiffen besetzt sahen, nordwärts und gingen, vierhundert
+Segel stark, bei dem Vorgebirge Mykale vor Anker.
+
+Daß die hellenische und die persische Seemacht einander so nahe lagen,
+schien ein entscheidendes Seegefecht unvermeidlich zu machen; viele
+Strategen Alexanders wünschten es; man glaubte des Sieges gewiß zu sein, da
+sogar der alte vorsichtige Parmenion zum Kampfe riet; denn ein Adler -- das
+läßt ihn Arrian anführen -- sei am Ufer beim Spiegel des Schiffes
+Alexanders sitzend gesehen worden; stets hätten die Griechen zur See über
+die Barbaren gesiegt, und das Zeichen des Adlers lasse keinen Zweifel, was
+der Götter Wille sei; ein gewonnenes Seegefecht werde der ganzen
+Unternehmung von außerordentlichem Nutzen sein, durch eine verlorene
+Schlacht könne nichts weiter verloren werden, als was man schon jetzt nicht
+mehr habe, denn mit ihren vierhundert Segeln seien die Perser doch Herren
+der See; er selbst erklärte sich bereit, an Bord zu gehen und an dem Kampfe
+teilzunehmen. Alexander wies es zurück: unter den jetzigen Verhältnissen
+eine Seeschlacht zu wagen, würde ebenso nutzlos, wie gefährlich, es würde
+tollkühn sein, mit hundertsechzig Schiffen gegen die Übermacht der
+feindlichen Flotte, mit seinen wenig geübten Seeleuten gegen die Kyprier
+und Phöniker kämpfen zu wollen; die Makedonen, unbezwinglich auf dem festen
+Lande, dürften den Barbaren nicht auf dem Meere, das ihnen fremd sei und wo
+überdies tausend Zufälligkeiten mit in Betracht kämen, preisgegeben werden;
+der Verlust eines Treffens würde den Erwartungen von seinem Unternehmen
+nicht bloß bedeutenden Eintrag tun, sondern für die Hellenen die Losung zum
+Abfall werden; der Erfolg eines Sieges könne nur gering sein, da der Gang
+seiner Unternehmungen auf dem festen Lande die Perserflotte von selbst
+vernichten werde; das sei auch der Sinn jenes Zeichens; so wie der Adler
+sich auf das Land gesetzt, so werde er die persische Seemacht vom Lande aus
+überwältigen; es sei nicht genug, nichts zu verlieren; nicht zu gewinnen,
+sei schon Verlust. Die Flotte blieb ruhig auf der Reede bei Lade.
+
+Indes kam Glaukippos, ein angesehener Milesier, ins Lager des Königs, im
+Namen des Volkes und der Söldnerscharen, in deren Hand jetzt die Stadt sei,
+zu erklären: Milet sei bereit, seine Tore und Häfen den Makedonen und
+Persern in gleicher Weise zu öffnen, wenn Alexander die Belagerung aufheben
+wolle. Der König erwiderte: er sei nicht nach Asien gekommen, um sich mit
+dem zu begnügen, was man ihm werde zugestehen wollen, er werde seinen
+Willen durchzusetzen wissen; von seiner Gnade möge man Strafe oder
+Verzeihung für die Wortbrüchigkeit erwarten, die die Stadt zu einem ebenso
+strafbaren als vergeblichen Widerstand veranlaßt habe; Glaukippos möge
+schleunigst in die Stadt zurückkehren und den Milesiern melden, daß sie
+eines Sturmes gewärtig sein könnten. Mit dem nächsten Tage begannen die
+Sturmböcke und Mauerbrecher zu arbeiten, bald lag ein Teil der Mauer in
+Bresche; die Makedonen drangen in die Stadt, während ihre Flotte, sobald
+sie von ihrem Ankerplatze aus den Sturm gegen die Stadt gewahrte, dem Hafen
+zuruderte und den Eingang sperrte, so daß die Trieren, dicht aneinander
+gedrängt und die Schnäbel hinausgewendet, der Perserflotte Hilfe zu leisten
+und den Milesiern, sich zur Perserflotte zu retten, unmöglich machten. Die
+Milesier und Söldner, in der Stadt von allen Seiten gedrängt und ohne
+Aussicht auf Rettung, suchten ihr Heil in der Flucht; die einen schwammen
+auf ihren Schilden zu einem der Felseneilande der Häfen, andere suchten auf
+Booten den makedonisch-hellenischen Trieren zu entkommen; die meisten kamen
+in der Stadt um. Jetzt Meister der Stadt, setzten die Makedonen, von dem
+König selbst geführt, nach dem Eiland über, und schon waren die Leitern von
+den Trieren an die steilen Ufer geworfen, um die Landung zu erzwingen; da
+befahl der König, voll Mitleid mit jenen Tapferen, die sich auch jetzt noch
+zu verteidigen oder rühmlich zu sterben bereit seien, ihrer zu schonen und
+ihnen Gnade unter der Bedingung anzubieten, daß sie in seinem Heere Dienst
+nähmen; so wurden dreihundert griechische Söldner gerettet. Allen
+Milesiern, die nicht beim Sturme umgekommen waren, schenkte Alexander Leben
+und Freiheit.
+
+Die Perserflotte hatte den Fall Milets von Mykale aus angesehen, ohne das
+Geringste zur Rettung der Stadt tun zu können. Jeden Tag lief sie gegen die
+hellenische Flotte aus, in der Hoffnung, sie zum Kampfe herauszulocken und
+kehrte abends unverrichteter Sache nach der Reede des Vorgebirges zurück,
+einem höchst unbequemen Ankerplatz, da sie ihr Trinkwasser nachts aus dem
+Mäandros, etwa drei Meilen weit, holen mußte. Der König gedachte sie aus
+ihrer Position zu treiben, ohne seine Flotte ihre sichere und sichernde
+Stellung aufgeben zu lassen; er sandte die Reiter und drei Taxen vom
+Fußvolk unter Philotas' Führung an der Küste entlang nach dem Vorgebirge
+Mykale, mit dem Befehle, jede Landung der Feinde zu hindern; nun auf dem
+Meere gleichsam blockiert, waren sie bei gänzlichem Mangel an Wasser und
+Lebensmitteln genötigt, nach Samos zu gehen, um das Nötige an Bord zu
+nehmen. Dann kehrten sie zurück, fuhren wieder, zum Kampf herausfordernd,
+in Schlachtordnung auf; da die hellenische Flotte ruhig bei Lade blieb,
+sandten sie fünf Schiffe dem Hafen zu, der, zwischen dem Lager und den
+kleinen Inseln gelegen, das Heer von der Flotte trennte, in der Hoffnung,
+die Schiffe unbemannt zu überraschen, da es bekannt war, daß sich das
+Schiffsvolk in der Regel von den Schiffen zerstreue, um Holz und Vorräte zu
+holen. Sobald Alexander jene fünf Schiffe heransteuern sah, ließ er mit dem
+gerade anwesenden Schiffsvolke zehn Trieren bemannen und in See gehen, um
+auf den Feind Jagd zu machen. Die persischen Schiffe kehrten, bevor jene
+heran waren, schleunigst um, sich zu ihrer Flotte zurückzuziehen; eines,
+das schlecht segelte, fiel den Makedonen in die Hände und wurde
+eingebracht; es war aus Jasos in Karien. Das persische Geschwader zog sich,
+ohne Weiteres gegen Milet zu versuchen, nach Samos zurück.
+
+Der König hatte sich durch die letzten Vorfälle überzeugt, daß die
+Perserflotte auf die Bewegungen seiner Landmacht keinen nennenswerten
+Einfluß mehr üben, vielmehr durch die fortschreitende Okkupation der Küsten
+bald völlig vom Festland abgedrängt, gezwungen sein werde, auf weiteres
+Eingreifen in die entscheidenden Aktionen zu verzichten und einstweilen bei
+den Inseln vor Anker zu liegen. Auf dem Festlande, in der ganzen Kraft der
+Offensive, sah Alexander seine Seemacht jetzt, da sie unmöglich gegen den
+dreimal stärkeren Feind die See halten konnte, auf die Verteidigung
+beschränkt; so wichtige Dienste sie ihm beim Beginn des Feldzuges und zur
+Deckung der ersten Bewegungen des Landheeres geleistet hatte, sie war ihm,
+seit die persische Macht in Kleinasien unterlegen, ohne besonderen Nutzen,
+dagegen der Aufwand, den sie verursachte, außerordentlich; hundertsechzig
+Trieren forderten an dreißigtausend Mann Matrosen und Epibaten, fast
+ebensoviel Mannschaft als das Heer, das das Perserreich über den Haufen
+stürzen sollte; sie kosteten monatlich mehr als fünfzig Talente Gold, und
+vielleicht ebensoviel Unterhalt, ohne, wie das Landheer, das nicht viel
+teurer zu unterhalten war, mit jedem Tage neue Eroberung und neue Beute zu
+machen. Alexanders Kassen waren erschöpft und hatten vorerst keine
+bedeutenden Zuflüsse zu erwarten, da den befreiten griechischen Städten
+ihre Abgaben erlassen wurden, die inländischen weder gebrandschatzt noch
+geplündert, sondern nur nach dem alten, sehr niedrigen Ansatz besteuert
+werden sollten. Dies waren die Gründe, die den König veranlaßten, im Herbst
+334 seine Flotte aufzulösen; er behielt nur wenige Schiffe zum Transport
+längs der Küste bei sich, unter diesen zwanzig, die Athen gestellt hatte,
+sei es, um dadurch die Athener zu ehren oder um ein Unterpfand ihrer Treue
+zu haben, falls die feindliche Flotte, wie zu vermuten, sich nach Hellas
+wenden sollte.
+
+Jetzt nach Auflösung der Flotte, wurde es für Alexander doppelt wichtig,
+jede Küstenlandschaft, jede Seestadt, jeden Hafen zu besetzen, um dadurch
+jene Kontinentalsperre durchzusetzen, mit welcher er die persische Seemacht
+mattzusetzen hoffte. Noch war an der Küste des Ägäischen Meeres Karien, und
+in Karien Halikarnassos übrig, doppelt wichtig durch seine Lage am Eingange
+dieses Meeres und dadurch, daß sich in diese sehr feste Stadt der letzte
+Rest der persischen Macht in Kleinasien zum Widerstande gesammelt hatte.
+
+Karien war vor etwa fünfzig Jahren zur Zeit des zweiten Artaxerxes unter
+die Herrschaft des Dynasten Hekatomnos von Halikarnassos gekommen, der, dem
+Namen nach persischer Satrap, so gut wie unabhängig und bereit war, diese
+Unabhängigkeit bei der ersten Veranlassung mit gewaffneter Hand geltend zu
+machen; er hatte seine Residenz nach dem Innern seines Landes, nach Mylasa,
+verlegt und von hier aus seine Herrschaft bedeutend auszudehnen verstanden.
+Sein Sohn und Nachfolger Mausollos verfolgte die Pläne des Vaters, er
+vergrößerte auf jede Weise seine Macht und seine Reichtümer; dann auch mit
+Lykien betraut, beherrschte er zwei wichtige Seeprovinzen Kleinasiens; um
+so näher lag es ihm, seine Seemacht -- schon der Vater hatte, als
+persischer Nauarch, gegen Cypern gekämpft -- weiter zu entwickeln; er
+verlegte die Residenz wieder nach Halikarnaß, das er durch Zusammenziehung
+von sechs kleinen Ortschaften vergrößerte; er erregte den
+Bundesgenossenkrieg gegen die Athener, um deren Seemacht zu schwächen;
+selbst nach Milet streckte er seine Hand aus. Nachdem dann seine Schwester
+und Gemahlin Artemisia, die ihm nach karischer Sitte in der Herrschaft
+folgte, gestorben war, übernahm der zweite Bruder Idrieus die Regierung;
+von den Zeitumständen begünstigt, behauptete er Chios, Kos und Rhodus.
+Seine Schwester und Gemahlin Ada folgte ihm, wurde aber schon nach vier
+Jahren durch ihren jüngeren Bruder Pixodaros der Herrschaft beraubt, so daß
+ihr nichts als die Bergfestung Alinda blieb. Pixodaros beabsichtigte, durch
+eine Verbindung mit dem makedonischen Königshause, dessen Pläne in
+Beziehung auf Asien kein Geheimnis mehr waren, sich zu einem Kampfe um
+seine Unabhängigkeit vorzubereiten. Daß er auch Gold auf seinen Namen
+prägte, was -- so ist die Meinung -- keinem Satrapen zustand, würde zeigen,
+wieweit er schon zu sein glaubte. Der Hader am Hofe Philipps störte seine
+Pläne, so daß er dem Wunsche des Perserkönigs, seine Tochter mit dem edlen
+Perser Othontopates zu vermählen, entgegenkam, und nach seinem im Jahre 335
+erfolgten Tode wurde Othontopates Herr der karischen Dynastie.
+
+Sobald jetzt Alexander in Karien einrückte, eilte Ada ihm entgegen; sie
+versprach, ihn auf jede Weise bei der Eroberung Kariens zu unterstützen,
+ihr Name selbst würde ihm Freunde gewinnen; die Wohlhabenden im Lande,
+unzufrieden über die erneute Verbindung mit Persien, würden sich sofort für
+sie entscheiden, da sie im Sinne ihres Bruders stets gegen Persien und für
+Griechenland Partei genommen habe; sie bat den König, als Treupfand ihrer
+Gesinnung ihre Adoption anzunehmen. Alexander wies es nicht zurück, er ließ
+ihr die Herrschaft von Alinda; die Karier wetteiferten, sich ihm zu
+ergeben, namentlich die griechischen Städte; er stellte ihre Demokratie
+her, gab ihnen Autonomie, entließ sie der Tributpflicht.
+
+Nur Halikarnaß war noch übrig; dorthin hatte sich Othontopates
+zurückgezogen; ebendahin war Memnon, nachdem er in Ephesus und Milet weder
+die Gelegenheit günstig, noch die Zeit hinreichend gefunden hatte, um
+erfolgreichen Widerstand zu organisieren, mit den Resten der am Granikos
+geschlagenen Armee gekommen, um mit dem karischen Satrapen vereinigt die
+letzte wichtige Position auf der kleinasiatischen Küste zu halten. Die
+Stadt war auf drei Seiten von mächtigen Mauern umschlossen, auf der
+vierten, der südlichen, dem Meere zugewandt; sie hatte drei Burgen, die
+Akropolis auf den Höhen ihrer Nordseite, die Salmakis an der Südwestecke,
+hart am Meere an dem Hals einer Halbinsel, die die Bai von Halikarnaß
+westwärts schließt, endlich die Königsburg auf einer kleinen Insel am
+Eingang des Hafens, der den innersten Teil der Bai bildet. Memnon schickte
+Weib und Kind an den Großkönig, angeblich, um sie aller Gefahr zu
+entziehen, in der Tat, um ein Zeichen und Unterpfand seiner Treue zu geben,
+die sein griechischer Ursprung nur zu oft schon zu verdächtigen Gelegenheit
+gegeben hatte. Diese Hingebung zu ehren und seinem anerkannten und oft
+erprobten Feldherrntalent die gebührende Wirksamkeit zu eröffnen, hatte ihm
+der Perserkönig den Oberbefehl über die gesamte persische Seemacht und die
+Küsten übertragen; wenn noch etwas für Persien zu retten war, schien er der
+Mann zu sein, der retten konnte. Mit außerordentlicher Tätigkeit hatte er
+das feste Halikarnaß noch durch neue Werke, namentlich durch einen breiten
+und tiefen Graben verstärkt, die aus Persern und Söldnern bestehende
+Besatzung vermehrt, seine Kriegsschiffe in den Hafen der Stadt gezogen, um
+durch sie die Verteidigung zu unterstützen und die Stadt im Falle einer
+längeren Belagerung mit Lebensmitteln zu versehen; er hatte die Insel
+Arkonnesos, welche die Bai im Osten beherrschte, befestigen lassen, nach
+Myndos, Kaunos, Thera, Kallipolis Besatzungen gelegt, kurz alles so
+vorbereitet, daß Halikarnaß der Mittelpunkt höchst erfolgreicher Bewegungen
+und ein Bollwerk gegen das Vordringen der Makedonen werden konnte. Eben
+darum waren nicht wenige von der besiegten Partei in Hellas nach
+Halikarnassos gegangen, unter ihnen die Athener Ephialtes und Thrasybulos;
+auch von den beim Morde des Königs Philipp Geflüchteten der Lynkestier; und
+jener Amyntas, des Antiochos Sohn, scheint sich mit den Söldnern von
+Ephesos hierher gerettet zu haben. Gelang es, in dieser starken Position
+der makedonischen Macht standzuhalten, so war sie -- denn die persische
+Flotte beherrschte das Meer -- von der Heimat abgeschnitten, und Hellas mit
+dem Ruf der Freiheit unschwer zu neuer Schilderhebung zu bewegen.
+
+Indes rückte Alexander heran und lagerte sich, auf eine langwierige
+Belagerung gefaßt, etwa tausend Schritte vor den Wällen der Stadt. Die
+Feindseligkeiten eröffneten die Perser durch einen Ausfall auf die soeben
+anrückenden Makedonen, der jedoch ohne viele Mühe zurückgeschlagen wurde.
+Wenige Tage nachher zog sich der König mit einem bedeutenden Teile des
+Heeres nordwestlich um die Stadt hin, teils um die Mauern zu besichtigen,
+besonders aber, um von hier aus die nahe Stadt Myndos, die für den Fortgang
+der Belagerung von großer Wichtigkeit werden konnte, zu besetzen, da ihm
+von der Besatzung dort die Übergabe versprochen war, wenn er nachts vor den
+Toren der Stadt sein wollte. Er kam, aber niemand öffnete; ohne
+Sturmleitern und Maschinen, da das Heer nicht wie zu einem Sturm ausgezogen
+war, ließ der König, erzürnt, so betrogen zu sein, sofort seine
+Schwerbewaffneten unter die Mauern der Stadt rücken und das Untergraben
+derselben beginnen. Ein Turm stürzte, ohne jedoch Bresche genug zu geben,
+daß man mit Erfolg hätte angreifen können. In Halikarnaß war mit
+Tagesanbruch der Abzug der Makedonen bemerkt und sofort zur See
+Unterstützung nach Myndos geschickt; Alexander mußte unverrichteter Sache
+in seine Stellung vor Halikarnaß zurückkehren.
+
+Die Belagerung der Stadt begann; zunächst wurde der Wallgraben, der
+fünfundvierzig Fuß breit und halb so tief war, unter dem Schutz mehrerer
+sogenannter Schildkrötendächer ausgefüllt, damit die Türme, von denen aus
+die Mauern von Verteidigern gesäubert werden und die Maschinen, mit denen
+Bresche gelegt wird, gegen die Mauern vorgeschoben werden konnten. Schon
+standen die Türme den Mauern nahe, als die Belagerten über Nacht einen
+Ausfall machten, die Maschinen zu verbrennen; schnell verbreitete sich der
+Lärm durch das Lager; aus dem Schlafe geweckt, eilten die Makedonen ihren
+Vorposten zu Hilfe, und nach kurzem Kampfe bei dem Lichte der Lagerfeuer
+mußten die Belagerten in die Stadt zurück, ohne ihren Zweck erreicht zu
+haben. Unter den hundertfünfundsiebzig Leichen der Feinde fand man auch die
+des Lynkestiers Neoptolemos. Auf Seiten der Makedonen waren nur zehn Tote,
+aber dreihundert Verwundete, da man bei der Dunkelheit der Nacht sich nicht
+hinlänglich hatte decken können.
+
+Die Maschinen begannen zu arbeiten; bald lagen zwei Türme und die Mauer
+zwischen ihnen auf der nordöstlichen Seite der Stadt in Schutt; ein dritter
+Turm war stark beschädigt, so daß eine Untergrabung ihn leicht zum Sturz
+bringen mußte. Da saßen eines Nachmittags zwei Makedonen aus der Phalanx
+des Perdikkas in ihrem Zelt beim Wein und sprachen gegeneinander groß von
+sich und ihren Taten, sie schwuren, ganz Halikarnaß auf ihre Lanzenspitze
+zu nehmen und die persischen Memmen in der Stadt dazu; sie nahmen Schild
+und Speer und rückten zusammen gegen die Mauern, sie schwangen ihre Waffen
+und schrien nach den Zinnen hinauf; dies sahen und hörten die auf der Mauer
+und machten gegen die zwei Männer einen Ausfall; diese aber wichen nicht
+vom Platz, wer ihnen zu nahe kam, wurde niedergemacht, und wer zurückwich,
+dem nachgeworfen. Aber die Zahl der Feinde mehrte sich mit jedem
+Augenblick, und die zwei Männer, die überdies tiefer standen, erlagen fast
+dem Andrange der Mehrzahl. Indes hatten ihre Kameraden im Lager diesen
+sonderbaren Sturmlauf mit angesehen und liefen nun auch hin, mitzuhelfen;
+ebenso mehrte sich der Zulauf aus der Stadt, es entspann sich ein
+hartnäckiger Kampf unter den Mauern. Bald waren die Makedonen im Vorteil,
+warfen den Feind in die Tore zurück, und da die Mauern hier für den
+Augenblick fast von Verteidigern entblößt und an einer Stelle bereits
+eingestürzt waren, so schien nichts als der Befehl des Königs zum
+allgemeinen Angriff zu fehlen, um die Stadt einzunehmen. Alexander gab ihn
+nicht; er hätte gern die Stadt unversehrt erhalten; er hoffte, daß sie
+kapitulieren werde.
+
+Aber die Gegner hatten hinter jener Bresche eine neue Mauer halbmondförmig
+von Turm zu Turm erbaut. Der König ließ die weiteren Arbeiten auf diese
+richten; Schirmwände aus Weiden geflochten, hohe hölzerne Türme,
+Schilddächer mit Mauerbrechern wurden in den einspringenden Winkel, der
+schon von Schutt und Trümmern gereinigt und zum Beginn der neuen
+Sturmarbeiten geebnet war, vorgeschoben. Wieder machten die Feinde einen
+Ausfall, um die Maschinen in Brand zu stecken, während von den beiden
+Türmen und der Mauer aus ihr Angriff auf das lebhafteste unterstützt wurde;
+schon brannten mehrere Schirmwände und selbst ein Turm, kaum noch schützten
+die unter Philotas zur Feldwacht aufgestellten Truppen die übrigen; da
+erschien Alexander zum Beistand, eilig warfen die Feinde Fackeln und Waffen
+hinweg und zogen sich hinter die Mauern zurück, von wo sie, den Angreifern
+in die Flanke und zum Teil im Rücken, ihre Geschosse wirksam genug
+schleuderten.
+
+Bei so hartnäckigem Widerstand hatte der König allen Grund, schärfer
+anzufassen. Er ließ die Maschinen von neuem arbeiten; er selbst war bei der
+Arbeit, leitete sie. Da beschloß Memnon -- es heißt, auf Ephialtes'
+dringende Mahnung, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen -- einen
+allgemeinen Ausfall. Ein Teil der Besatzung brach unter Ephialtes' Führung
+bei der vielgefährdeten Stelle der Mauer heraus, während die anderen aus
+einem zweiten Tor, dem Tripylon, wo der Feind es am wenigsten erwartete,
+gegen das Lager hin ausrückten. Ephialtes kämpfte mit dem größten Mute,
+seine Leute warfen Feuerbrände und Pechkränze in die Maschinen; aber ein
+kräftiger Angriff des Königs, der von den hohen Belagerungstürmen mit einem
+Hagel von Geschossen und großen Steinen unterstützt wurde, zwang die Feinde
+nach sehr hartnäckigem Kampfe zum Weichen; viele, unter ihnen Ephialtes,
+blieben auf dem Platze, noch mehrere unterlagen auf der Flucht über den
+Schutt der eingestürzten Mauer und durch die engen Toreingänge. Indes
+hatten sich auf der anderen Seite den Feinden zwei Taxen Hypaspisten und
+einiges leichtes Fußvolk unter dem Leibwächter Ptolemaios entgegengeworfen;
+lange währte der Kampf, Ptolemaios selbst, der Chiliarch der Hypaspisten
+Addaios, der Anführer der Bogenschützen Klearchos, mancher andere namhafte
+Makedone war bereits gefallen, als es endlich gelang, die Feinde
+zurückzudrängen; unter der Menge der Fliehenden brach die enge Brücke, die
+über den Graben führte, viele stürzten hinab und kamen, teils von den
+Nachstürzenden erdrückt, teils von den Spießen der Makedonen getroffen, um.
+Bei dieser allgemeinen Flucht hatten schnell die in der Stadt
+Zurückgebliebenen die Tore schließen lassen, damit nicht mit den Fliehenden
+zugleich die Makedonen den Eingang erzwängen; vor den Toren drängten sich
+nun große Haufen unglücklicher Flüchtlinge zusammen, die, ohne Waffen, ohne
+Mut und Rettung, den Makedonen preisgegeben, sämtlich niedergemetzelt
+wurden. Mit Entsetzen sahen die Belagerten, daß die Makedonen, von so
+großen Erfolgen angefeuert und von der hereinbrechenden Nacht begünstigt,
+im Begriff standen, die Tore zu erbrechen, in die Stadt selbst
+einzudringen; statt dessen hörten sie das Signal zum Rückzug blasen. Der
+König wünschte auch jetzt noch die Stadt zu retten; er hoffte, daß nach
+diesem Tage, der ihm nur vierzig Tote, dem Feinde dagegen an tausend
+gekostet und deutlich genug gezeigt hatte, daß einem neuen Angriff wohl der
+Fall der Stadt folgen dürfte, von seiten der Belagerten Anträge gemacht
+werden würden, die er nur erwartete, um diesem unnatürlichen Kampf von
+Griechen gegen eine griechische Stadt ein Ende zu machen.
+
+In Halikarnaß berieten die beiden Befehlshaber, Memnon und Othontopates,
+welche Maßregeln zu ergreifen seien; es entging ihnen nicht, daß sie unter
+den jetzigen Umständen, da bereits ein Teil der Mauer eingestürzt, ein
+anderer dem Einsturz nahe, die Besatzung durch viele Tote und Verwundete
+geschwächt war, die Belagerung nicht mehr lange würden aushalten können;
+und wozu sollten sie die Stadt halten, da doch das Land bereits verloren
+war? Der Hafen, den zu behaupten für die Flotte von Wichtigkeit war, konnte
+durch Besetzung der Salmakis und der Königsburg vor den Häfen, sowie durch
+die Behauptung der am karischen Meerbusen belegenen festen Plätze genugsam
+gesichert werden. Sie beschlossen, die Stadt preiszugeben. Um Mitternacht
+sahen die makedonischen Feldwachen über den Mauern eine Feuersbrunst
+emporlodern: Flüchtende, die aus der brennenden Stadt sich ins Feld zu den
+makedonischen Vorposten retteten, berichteten, daß der große Turm, der
+gegen die makedonischen Maschinen gerichtet war, die Waffenmagazine, die
+Stadtviertel zunächst an den Mauern brannten; man sah, wie ein heftiger
+Wind das Feuer in die Stadt hineintrieb; man erfuhr, daß das Umsichgreifen
+der Flamme von denen in der Stadt auf alle Weise gefördert werde. Sogleich
+ließ Alexander trotz der Nacht aufbrechen, die brennende Stadt zu besetzen;
+wer noch beim Anzünden beschäftigt war, wurde niedergehauen; Widerstand
+fand man nirgends; die Einwohner, die man in ihrer Wohnung fand, verschonte
+man. Endlich graute der Morgen, die Stadt war von dem Feind geräumt, sie
+hatten sich auf die Salmakis und die Königsinsel zurückgezogen, von wo aus
+sie den Hafen beherrschen und, selbst fast vollkommen sicher, die
+Trümmerstätte, die in den Händen der Feinde war, beunruhigen konnten.
+
+Dies erkannte der König; um sich nicht mit der Belagerung der Burg
+aufzuhalten, die ihm unter den jetzigen Umständen nicht mehr entscheidende
+Resultate bringen konnte, ließ er, nachdem die in der letzten Nacht
+Gefallenen begraben waren, den Park seiner Belagerungsmaschinen nach
+Tralleis vorausgehen, die Überbleibsel der Stadt, die sich so hartnäckig
+der gemeinsamen Sache der Hellenen widersetzt hatte, da sie durch die Nähe
+der Perser in der Nähe der Salmakis und auf Arkonnesos nur gefährlicher
+wurden, von Grund aus zerstören; die Bürgerschaft wurde in die sechs
+Flecken aufgelöst, die vierzig Jahre früher der Dynast Mausollos in seiner
+Residenz vereinigt hatte. Ada erhielt die Satrapie über Karien wieder,
+unter der die hellenischen Städte dort autonom und tributfrei blieben. Die
+Einkünfte des Landes blieben der Fürstin; Alexander ließ zu ihrem und des
+Landes Schutz 3000 Mann Söldner und etwa zweihundert Reiter unter
+Ptolemaios' Befehl zurück, der den Auftrag erhielt, zur gänzlichen
+Vertreibung der Feinde aus den Küstenplätzen, die sie noch besetzt
+hielten, sich mit dem Befehlshaber von Lydien zu vereinigen, demnächst die
+Belagerung der Salmakis durch Einschließung zu beginnen.
+
+Die späte Jahreszeit war herangekommen; mit dem Fall von Halikarnaß konnte
+Alexander die Eroberung der Westküste Kleinasiens als beendet ansehen; die
+neubegründete Freiheit in den griechischen Städten der Küste und die
+makedonischen Besatzungen in Phrygien am Hellespont, Lydien und Karien
+sicherten diese Gegenden vor neuen Angriffen der Perserflotte. Dieser auch
+die Südküste Kleinasiens zu sperren, sowie die Landschaften im Innern
+Kleinasiens zu unterwerfen, mußte der Zweck der nächsten Operationen sein.
+Da vorauszusehen war, daß weder in den Küstenstädten, denen wegen der
+Jahreszeit von der See her nicht leicht Hilfe kommen konnte, noch auch im
+Innern des Landes, das längst von den Persern so gut wie völlig geräumt
+war, der Widerstand groß sein werde, so war es unnötig, das ganze Heer an
+diesem beschwerlichen Zuge teilnehmen zu lassen; überdies mußte zu den
+großen Bewegungen, die den Feldzug des nächsten Jahres eröffnen sollten,
+das Heer mit frischen Truppen aus der Heimat verstärkt werden. Bei dem
+Heere befanden sich viele Kriegsleute, die sich jüngst erst verheiratet
+hatten; diese wurden auf Urlaub nach der Heimat entlassen, um den Winter
+hindurch bei Weib und Kind zu sein. Ihre Führung übernahmen drei
+Neuvermählte aus der Zahl der Befehlshaber, des Seleukos Sohn Ptolemaios,
+einer der Leibwächter des Königs, des alten Parmenion Schwiegersohn Koinos
+und Meleagros, beide Strategen der Phalanx; sie erhielten den Auftrag,
+zugleich mit den Beurlaubten möglichst viel frische Mannschaften nach Asien
+mitzubringen und im Frühling in Gordion zur großen Armee zu stoßen. Man
+kann sich vorstellen, mit welchem Jubel dieser Urlaub angenommen, mit
+welcher Freude die heimkehrenden Krieger von den Ihrigen empfangen und
+angehört wurden, wenn sie von ihren Taten und ihrem König, von der Beute
+und den schönen Ländern Asiens erzählten; es schien, als ob Asien und
+Makedonien aufhörten, einander fern und fremd zu sein.
+
+Von den in Asien zurückbleibenden mobilen Truppen (denn einige tausend Mann
+waren als Besatzungen verwendet) bildete Alexander zwei Marschkolonnen; die
+kleinere unter Parmenions Befehl, bestehend aus der makedonischen und
+thessalischen Ritterschaft, den Truppen der Bundesgenossen, sowie dem Park
+der Wagen und Maschinen, ging über Tralleis nach Sardes, um in der
+lydischen Ebene zu überwintern und mit dem Beginn des Frühlings nach
+Gordion aufzubrechen; die größere Kolonne, aus den Hypaspisten, den Taxen
+der Phalanx, den Agrianern, Bogenschützen, Thrakern gebildet, brach, unter
+Führung des Königs selbst von Karien auf, um die Seeküste und die inneren
+Landschaften Kleinasiens zu durchziehen und in Besitz zu nehmen.
+
+Der Marsch ging über den festen Grenzplatz Hyparna, dessen Besatzung, aus
+griechischen Söldnern bestehend, gegen freien Abzug auch die Burg übergab,
+nach der Landschaft Lykien. Lykien war seit der Zeit des Kyros dem
+persischen Reiche einverleibt, hatte aber nicht bloß seine eidgenössische
+Verfassung behalten, sondern auch bald seine Unabhängigkeit so weit
+wiedererlangt, daß es nur einen bestimmten Tribut nach Susa zahlte, bis
+dann der Satrap von Karien, wie erwähnt ist, auch Lykien zugewiesen
+erhielt. Noch in den letzten Jahren hatte der Perserkönig die
+Gebirgslandschaft Milyas, auf der Grenze gegen Phrygien, zu Lykien
+geschlagen. Persische Besatzungen standen in Lykien nicht; Alexander fand
+kein Hindernis bei der Besitznahme dieser an Städten reichen und durch
+Seehäfen ausgezeichneten Provinz. Telmissos und jenseits des Xanthosflusses
+Pinara, Xanthos, Patara und an dreißig kleinere Ortschaften im oberen
+Lykien ergaben sich den Makedonen; dann rückte Alexander -- es war in der
+Mitte des Winters -- an die Quellen des Xanthos hinauf, in die Landschaft
+Milyas; hier empfing er die Gesandtschaft der Phaseliten, die ihm nach
+hellenischer Sitte einen goldenen Ehrenkranz darbrachten, Gesandte mehrerer
+Städte des unteren Lykiens, die wie jene sich ihm zu Frieden und
+Freundschaft erboten. Den Phaseliten -- aus ihrer Stadt war der ihm
+befreundete Dichter Theodektes, der jüngst in Athen gestorben war und
+dessen Vater noch lebte -- versprach er, demnächst zu ihnen zu kommen und
+dort einige Zeit zu rasten. Von den lykischen Gesandten, die nicht minder
+freundlich aufgenommen wurden, forderte er, denen, die er dazu senden
+werde, ihre Städte zu übergeben. Er bestellte demnächst einen der ihm
+Nächstbefreundeten, Nearchos von Amphipolis, der aus Kreta gebürtig war,
+zum Satrapen über Lykien und die östlich daran grenzenden Küstenlande. Aus
+späteren Vorgängen erhellt, daß sich zu dieser Zeit ein Kontingent
+lykischer Schiffe bei der Perserflotte befand; man wird annehmen dürfen,
+daß Alexander deren Zurückberufung entweder als Folge der getroffenen
+Vereinbarung voraussetzte, oder als Bedingung dessen, was er gewährte,
+forderte. Denn unzweifelhaft ist den Lykiern, den Termele, wie sie sich
+selbst nannten, ihre alte, wohlgeordnete Bundesverfassung geblieben:
+dreiundzwanzig Städte, jede mit Rat und Volksversammlung, mit einem
+»Strategen« an der Spitze ihrer Verwaltung, der vielleicht mit dem
+lykischen Namen eines »Königs« der Stadt bezeichnet wurde, dann für das
+ganze Bundesgebiet die Versammlung der Städte, in der die sechs
+bedeutendsten je drei Stimmen, die mittleren je zwei, die kleineren je eine
+hatten; nach demselben Verhältnis die Verteilung der Bundessteuern, als
+Leiter der Union der »Lykiarch«, dessen Name vielleicht gleichfalls »König«
+war; dieser, wie die übrigen Bundesbehörden durch Wahl der
+Bundesversammlung bestellt.
+
+Dann zog der König nach Phaselis. Die Stadt, dorisch ihrem Ursprunge nach,
+und bedeutend genug, inmitten der lykischen Umgebung sich als hellenische
+Stadt zu behaupten, lag außerordentlich günstig an der pamphylischen
+Meeresbucht und den drei Häfen, denen sie ihren Reichtum dankte; gegen
+Westen erheben sich die Berge in mehreren Terrassen hintereinander, bis zur
+Höhe von siebentausend Fuß, in flachen Bogen sich um die pamphylische Bucht
+bis Perge hinziehend, dem Ufer des Meeres so nah, daß der Weg an mehreren
+Stellen nur dann nicht von der Brandung bedeckt wird, wenn der Nordwind das
+Wasser von der Küste zurücktreibt; will man diesen Weg vermeiden, so muß
+man den bei weitem beschwerlicheren und längeren durch die Berge
+einschlagen, der gerade damals durch einen pisidischen Stamm, der sich beim
+Eingang des Gebirges ein Bergschloß gebaut hatte und von da aus die
+Phaseliten heimsuchte, gesperrt wurde. Alexander griff in Verbindung mit
+den Phaseliten dieses Raubnest an und zerstörte es. Freudenmahle feierten
+diese glückliche Befreiung der oft geängstigten Stadt und die Siege des
+makedonischen Königs; es mochte seit Kimons Siegen am Eurymedon das
+erstemal sein, daß die Stadt ein hellenisches Heer sah. Auch Alexander
+scheint in diesen Tagen frohen Sinnes gewesen zu sein; man sah ihn nach
+einem Gastmahle mit seinen Getreuen im frohen Festzuge nach dem Markte
+ziehen, auf dem die Bildsäule des Theodektes stand und sie mit
+Blumenkränzen schmücken, das Andenken des ihm werten Mannes zu feiern.
+
+In eben diesen Tagen war es, daß ein verruchter Plan ans Licht kam, doppelt
+verrucht, weil er von einem der vornehmsten Befehlshaber des Heeres
+ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut hatte. Der
+König war vielfach gewarnt worden, noch vor kurzem hatte Olympias in einem
+Briefe ihren Sohn beschworen, vorsichtig gegen frühere Feinde zu sein, die
+er jetzt für seine Freunde halte.
+
+Der Verräter war Alexandros der Lynkestier, in dem die zweideutigen
+Ansprüche seiner Familie auf das makedonische Königtum einen ebenso
+heimtückischen wie hartnäckigen Vertreter fanden. Der gleichen Teilnahme an
+jener Verschwörung zum Morde des Königs Philipp verdächtig, die zweien
+seiner Brüder die Todesstrafe gebracht hatte, war er, weil er dem Sohn des
+Ermordeten sich sofort unterworfen und ihn zuerst als König begrüßt hatte,
+nicht bloß straflos geblieben, sondern Alexander behielt ihn in seiner
+Umgebung, übergab ihm manches wichtige Kommando, so noch zuletzt die
+Führung der thessalischen Ritterschaft für den Zug gegen Memnons Land und
+nach Bithynien. Aber selbst das Vertrauen des Königs vermochte nicht, des
+argen Mannes Gesinnung zu ändern; das Bewußtsein eines vergeblichen, aber
+nicht bereuten Verbrechens, der ohnmächtige Stolz, doppelt gekränkt durch
+die Großmut des glücküberhäuften Jünglings, das Andenken an zwei Brüder,
+deren Blut für den gemeinsamen Plan geflossen, die eigene Herrschsucht, die
+desto heftiger quälte, je hoffnungsloser sie war, kurz Neid, Haß, Begier,
+Furcht, das mögen die Triebfedern gewesen sein, die den Lynkestier die
+Verbindung mit dem persischen Hofe wiederanzuknüpfen oder vielleicht nicht
+abzubrechen bewogen; jener Neoptolemos, der in Halikarnaß für die Perser
+kämpfend den Tod gefunden hatte, war sein Neffe; durch Antiochos' Sohn
+Amyntas, der, aus Makedonien landesflüchtig, beim Herannahen des
+makedonischen Heeres von Ephesus zunächst wohl nach Halikarnaß geflohen,
+dann weiter bis zum Perserhofe gegangen war, hatte Alexandros schriftliche
+und mündliche Eröffnungen an den Großkönig gelangen lassen und Sissines,
+einer von Dareios' Vertrauten, kam, angeblich um Befehle an Atizyes, den
+Satrapen von Großphrygien, zu bringen, mit geheimen Aufträgen nach den
+vorderen Landen, zunächst bemüht, sich in die Kantonierungen der
+thessalischen Ritterschaft einzuschleichen. Von Parmenion aufgefangen,
+gestand er den Zweck seiner Sendung, den er, unter Bedeckung nach Phaselis
+vor den König geführt, dahin bezeichnete, daß er im Namen des Großkönigs
+dem Lynkestier, wenn er Alexander ermorde, tausend Talente und das Königtum
+Makedonien habe versprechen sollen.
+
+Sofort berief der König die Freunde, mit ihnen zu beraten, wie gegen den
+Beschuldigten zu verfahren sei. Ihre Meinung war, daß es früher schon nicht
+wohlgetan gewesen sei, einem so zweideutigen Manne den Kern der Reiterei
+anzuvertrauen; um so notwendiger scheine es jetzt, ihn wenigstens sofort
+unschädlich zu machen, bevor er die thessalische Ritterschaft noch mehr für
+sich gewinne und sie in seine Verräterei verwickle. Demnach wurde einer der
+zuverlässigsten Offiziere, Amphoteros, Krateros' Bruder, an Parmenion
+abgesandt; in der Landestracht, um unkenntlich zu sein, von einigen
+Pergäern begleitet, gelangte er unerkannt an den Ort seiner Bestimmung;
+nachdem er seine Aufträge gesagt hatte -- denn der König hatte so
+gefährliche Dinge nicht einem Briefe, der leicht aufgefangen und
+mißbraucht werden konnte, anvertrauen wollen --, wurde der Lynkestier in
+der Stille aufgehoben und festgesetzt; ihn zu richten, verschob der König
+auch jetzt noch, teils aus Rücksicht auf Antipatros, dessen Schwiegersohn
+der Hochverräter war, besonders aber, um nicht zu beunruhigenden Gerüchten
+im Heere und in Griechenland Anlaß zu geben.
+
+Nach diesem Aufenthalt brach Alexander von Phaselis auf, um Pamphylien und
+den wichtigsten Ort des Landes, Perge, zu erreichen. Einen Teil des Heeres
+sandte er auf dem langen und beschwerlichen Gebirgswege, den er durch die
+Thraker wenigstens für das Fußvolk hatte gangbar machen lassen, voraus,
+während er selbst, wie es scheint, mit der Ritterschaft und einem Teil des
+schweren Fußvolks den Küstenweg einschlug; in der Tat ein gewagtes
+Unternehmen, da jetzt in der Winterzeit der Weg überflutet war; den ganzen
+Tag brauchte man, um das Wasser zu durchwaten, das stellenweise den Leuten
+bis an den Nabel reichte; aber das Beispiel und die Nähe des Königs, der
+das Wort »unmöglich« nicht kannte, ließ die Truppen wetteifern, alle Mühe
+mit Ausdauer und mit Freudigkeit zu überstehen; und als sie endlich am
+Ziele angelangt, auf ihren Weg, auf die schäumende Brandung, die ihn
+bedeckte, zurücksahen, da war es ihnen wie ein Wunder, das sie unter ihres
+Heldenkönigs Führung vollbracht. Die Kunde von diesem Zuge verbreitete sich
+mit märchenhaften Zusätzen geschmückt, unter den Hellenen: der König sei
+trotz des heftigen Südwindes, der das Wasser bis in die Berge
+hinaufgepeitscht, an das Gestade hinabgezogen, und plötzlich habe der Wind
+sich gedreht und von Norden her die Wasser zurückgejagt; andere wollten gar
+wissen, daß er sein Heer trockenen Fußes durch das Meer geführt habe; und
+der Peripatetiker Kallisthenes, der zuerst die Geschichte dieser Feldzüge
+schrieb, denen er selbst beiwohnte, verstieg sich zu der Phrase: das Meer
+habe dem Könige seine Huldigung darbringen wollen und sei vor demselben
+niedergefallen; er brauchte das Wort Proskynesis, mit dem die Hellenen die
+persische Sitte des Niederfallens vor dem Großkönig bezeichnen. Der König
+selbst schrieb in einem Briefe -- wenn er echt ist -- die einfachen Worte:
+er habe durch die pamphylische Leiter, so nannte man die Bergabhänge dort,
+einen Weg machen lassen und sei von Phaselis hindurchgezogen.
+
+So rückte Alexander in den Küstensaum der Landschaft Pisidien, der
+Pamphylien genannt wird, mit seinem Heere ein; diese Küstenlandschaft
+erstreckt sich, vom Taurusgebirge im Norden begenzt, bis jenseits der Stadt
+Side, wo das Gebirge sich wieder dicht an die Küste drängt, um sich
+nordöstlich über Kilikien, der ersten Landschaft jenseits des Taurus,
+hinzuziehen, dergestalt, daß Alexander mit der Besetzung Pamphyliens die
+Unterwerfung der Seeküste diesseits des Taurus beendet nennen konnte.
+Perge, der Schlüssel zum Übergang über die Gebirge im Norden und Westen zu
+den inneren Landschaften, ergab sich; die Stadt Aspendos schickte Gesandte
+an den König, sich zur Übergabe zu erbieten, zugleich zu bitten, daß ihr
+keine makedonische Besatzung gegeben werde, eine Bitte, die Alexander unter
+der Bedingung gewährte, daß Aspendos außer Ablieferung einer bestimmten
+Anzahl von Pferden, deren Haltung sie dem Perserkönige statt Tributes
+leistete, noch fünzig Talente zur Löhnung seiner Soldaten zahlen solle. Er
+selbst brach nach Side auf, der Grenzstadt Pamphyliens, die dafür galt,
+einst von Auswanderern aus Kyme in Äolis gegründet zu sein; aber die
+Sprache dieser Hellenen -- die der Heimat hatten sie vergessen, die des
+Landes nicht angenommen -- war eigener Art. Alexander ließ in ihrer Stadt
+eine Besatzung zurück, die so wie die gesamte Küste der pamphylischen Bucht
+unter Nearchos' Befehl gestellt wurde.
+
+Darauf trat er den Rückzug nach Perge an; die mit einer Besatzung von
+Landeseingeborenen und fremden Söldlingen versehene Bergfestung Syllion zu
+überrumpeln, mißlang ihm; er überließ seinem Statthalter, sie einzunehmen,
+da ihm bereits die Nachricht zugekommen war, daß die Aspendier weder die
+Pferde, wie sie versprochen, ausliefern, noch die fünfzig Talente, zu denen
+sie sich verpflichtet, zahlen wollten, sondern sich zum ernsthaften
+Widerstande gerüstet hatten. Er rückte gegen Aspendos, besetzte die von
+ihren Einwohnern verlassene Unterstadt; ohne sich durch die Festigkeit der
+Burg, in die sich die Aspendier geflüchtet hatten, noch durch den Mangel an
+Sturmzeug zur Nachgiebigkeit bewegen zu lassen, schickte er die Gesandten,
+welche die Bürger, durch seine Nähe geschreckt, an ihn abgesandt hatten, um
+sich auf Grundlage des früheren Vertrages zu ergeben, mit der Weisung
+zurück, daß die Stadt, außer den früher verlangten Pferden und fünfzig
+Talenten, noch fünfzig Talente zahlen und die angesehensten Bürger als
+Geiseln stellen, wegen des Gebietes, das sie ihren Nachbarn gewaltsam
+entrissen zu haben beschuldigt wurde, sich einer gerichtlichen Entscheidung
+unterwerfen, dem Statthalter des Königs in dieser Gegend gehorchen und
+jährlichen Tribut zahlen solle. Der Mut der Aspendier hatte rasch ein Ende;
+sie fügten sich.
+
+Der König zog wieder nach Perge, von dort weiter durch das rauhe
+Gebirgsland der Pisidier nach Phrygien zu marschieren. Jetzt dieses in
+viele Stämme geteilte, zum Teil in nachbarlichen Fehden begriffene Bergvolk
+Tal für Tal zu unterwerfen, konnte nicht in seiner Absicht liegen; genug,
+wenn er sie seine starke Hand fühlen ließ, sich den Durchmarsch zu
+erzwingen; die so geöffnete Straße zwischen der pamphylischen Küste und
+Phrygien dauernd zu sichern, mußte er seinen künftigen Befehlshabern in den
+Gebieten, die das rauhe Gebirgsland umgaben, überlassen.
+
+Die Straße, die er wählte, führt von Perge westwärts durch die Küstenebene
+an den Fuß der Gebirge, dann in einen sehr schwierigen Paß, der, von der
+Bergfeste Termessos beherrscht, durch eine kleine Truppenzahl selbst einem
+großen Heere leicht gesperrt werden konnte; an einer steilen Bergwand zieht
+sich der Weg hinauf, der von einem ebenso steilen Berge auf der anderen
+Seite überragt wird; und hinten in dem Sattel zwischen beiden liegt die
+Stadt. Beide Berge fand der König von den Barbaren -- denn ganz Termessos
+war ausgezogen -- so besetzt, daß er vorzog, sich vor dem Paß zu lagern,
+überzeugt, daß die Feinde, wenn sie die Makedonen so rasten sähen, die
+Gefahr für nicht dringend halten, den Paß durch eine Feldwache sichern und
+in die Stadt zurückkehren würden. So geschah es, die Menge zog sich zurück,
+nur einzelne Posten zeigten sich auf der Höhe; sofort rückte der König mit
+leichtem Fußvolk vor, die Posten wurden zum Weichen gebracht, die Höhen
+besetzt, das Heer zog ungehindert durch den Paß und lagerte sich vor der
+Stadt. Dort ins Lager kamen Gesandte der Selgier, die, pisidischen Stammes,
+wie die Termessier, aber mit denselben in fortwährender Fehde, mit dem
+Feind ihrer Feinde Vergleich und Freundschaft schlossen und fortan treu
+bewahrten. Termessos zu erobern würde längeren Aufenthalt nötig gemacht
+haben; Alexander brach ohne weiteren Verzug auf.
+
+Er rückte gegen die Stadt Sagalassos, die, von den streitbarsten aller
+Pisidier bewohnt, am Fuße der obersten Terrasse der pisidischen
+Alpenlandschaft liegt und den Eingang in die Hochebene Phrygiens öffnet;
+die Höhe auf der Südseite der Stadt hatten die Sagalasser, mit Termessiern
+vereint, besetzt und sperrten so den Makedonen den Weg. Sofort ordnete
+Alexander seine Angriffslinie; auf dem rechten Flügel rückten die Schützen
+und die Agrianer vor, dann folgten die Hypaspisten, die Taxen der Phalanx;
+die Thraker des Sitalkes bildeten die Spitze des linken Flügels; den Befehl
+des linken Flügels übertrug er, bezeichnend genug, dem Lynkestier Amyntas,
+wie er selbst den rechten übernahm. Schon war man bis an die steilste
+Stelle des Berges vorgerückt, als sich plötzlich die Barbaren rottenweis
+auf die Flügel des heranrückenden Heeres stürzten, mit doppelten Erfolg, da
+sie bergab gegen die Bergansteigenden rannten. Die Bogenschützen des
+rechten Flügels traf der heftigste Angriff, ihr Anführer fiel, sie mußten
+weichen; die Agrianer hielten stand, schon war das schwere Fußvolk nahe
+heran, Alexander an der Spitze; die heftigsten Angriffe der Barbaren
+zerschellten an der geschlossenen Masse der Beschildeten, im Handgemenge
+erlagen die leichtbewehrten Pisidier unter der schweren Waffe der
+Makedonen: fünfhundert lagen erschlagen, die anderen flüchteten, der Gegend
+kundig entkamen sie. Alexander rückte auf dem Hauptwege nach und nahm die
+Stadt.
+
+Nach dem Fall von Sagalassos wurden von den übrigen pisidischen Plätzen die
+einen mit Gewalt genommen, die anderen kapitulierten. Damit war der Weg
+nach der Hochfläche geöffnet, mit der Phrygien jenseits der Gebirge von
+Sagalassos beginnt. In einer östlichen Senkung dieser Hochfläche liegt der
+See von Egerdir, in der Größe des Bodensees, im Süden und Osten mit
+mächtigen Bergmassen umgürtet; etwa acht Meilen westlich von diesem ein
+kleinerer See, der askanische, von dessen Nordspitze etwa drei Meilen
+entfernt der Höhenzug streicht, an dessen Nordseite die Quellen des
+Maiandros liegen. In den Pässen, die zum Tal des Maiandros führen, liegt
+die alte Stadt Kelainai, wo einst Xerxes nach seinen Niederlagen in Hellas
+und auf dem Meere eine mächtige Burg gebaut hatte, das Vordringen der
+Hellenen von der befreiten Küste her zurückzuhalten; Kelänä war seitdem der
+Mittelpunkt der phrygischen Satrapie, die Residenz des Satrapen.
+
+Dorthin wandte sich Alexander von Sagalassos aus; an dem askanischen See
+vorüber, in fünf Märschen erreichte er die Stadt. Er fand die Burg -- der
+Satrap Atizyes war geflüchtet -- in den Händen von 1000 karischen und 100
+hellenischen Söldnern; sie erboten sich, wenn der persische Entsatz an dem
+Tage -- sie nannten ihn -- für den er ihnen zugesagt worden, nicht
+angekommen sei, Stadt und Burg zu übergeben. Der König ging darauf ein; er
+hätte nicht ohne bedeutenden Zeitverlust der Burg Meister werden können;
+und in dem Maße, als er schneller Gordion erreichte und mit den dorthin
+beschiedenen anderen Teilen seines Heeres nach dem Tauros vorrückte, machte
+er den Entsatz der Stadt unmöglich. Er ließ ein Kommando von etwa 1500 Mann
+in Kelainai zurück. Er übertrug die Satrapie Phrygien dem Antigonos,
+Philippos' Sohn, der bisher die Kontingente der Bundesgenossen befehligt
+hatte, ernannte zu deren Strategen Balakros, des Amyntas Sohn.
+
+Nach zehntägiger Rast in Kelainai zog er weiter nach Gordion am Sangarios,
+von wo die große Straße über den Halys und durch Kappadokien nach Susa
+führt.
+
+Nicht eben dem Umfange nach groß war, was Alexander mit diesem ersten
+Kriegsjahr erreicht hatte; und die Staatsmänner und Kriegskundigen in
+Hellas mögen die Nase gerümpft haben, daß der hochgefeierte Sieg am
+Granikos nichts weiter eingebracht habe, als die Eroberung der West-und der
+halben Südküste Kleinasiens, Eroberungen, die Memnon in kluger Berechnung
+habe geschehen lassen, um sich indes zum Herrn des Meeres und der Inseln zu
+machen und so Alexanders Verbindung mit Makedonien zu durchreißen.
+
+Die Motive, nach denen Alexander verfuhr, liegen auf der Hand. Es konnte am
+wenigsten seine Absicht sein, immer mehr Gebiet zu okkupieren und immer
+tiefer ins Innere Kleinasiens vorzudringen, solange die persische Seemacht
+noch das Meer beherrschte und in Hellas unberechenbare Wirren veranlassen
+konnte; genug, daß er sie mit den Wirkungen, die er seiner ersten großen
+Schlacht gegeben hatte, vollständig von der Küste und den Hafenplätzen
+ausschloß, von denen aus sie ihn, wenn er mit dem zweiten Feldzug weiter
+nach Osten vordrang, im Rücken hätte gefährden können.
+
+Freilich von den hellenischen Traditionen unterschied sich die Art seines
+Vordringens gar sehr. Die attische Macht zu den Zeiten des Kimon und
+Perikles hatte sich kaum je über die Küstenstädte Kleinasiens hinaus
+landeinwärts gewagt; und wenn die Spartaner in den Tagen des Thibron und
+Agesilaos, wenn gar Chares und Charidemos mit den Streitkräften des zweiten
+attischen Seebundes es getan, so waren sie nach einigen Plünderungen und
+Brandschatzungen wieder umgekehrt. Alexanders militärische Maßregeln waren
+auf definitive Besitznahme, auf einen dauernden Zustand gerichtet.
+
+Entsprachen diesem Zwecke die politischen Einrichtungen, die der König
+traf?
+
+Was davon während dieses ersten Feldzuges erkennbar wird, schloß sich
+allerdings den Formen an, die dort bisher bestanden hatten, aber so, daß
+sie mit wesentlicher Veränderung ihres Inhaltes ihre Bedeutung zu verändern
+schienen. Es blieb die Satrapie in Phrygien, am Hellespont, in Lydien, in
+Karien; aber in Lydien wurde neben dem Satrapen ein besonderer Beamter für
+die Verteilung und Erhebung der Tribute bestellt; in Karien erhielt die
+Fürstin Ada die Satrapie, aber die starke Truppenmacht in derselben
+befehligte ein makedonischer Strateg; ebenso ein eigener Chef der
+Militärmacht -- wohl auch mit dem Namen Strateg -- wurde in Lydien dem
+Satrapen zur Seite gesetzt. Vielleicht wurde schon hier die
+Finanzverwaltung der Satrapie in unmittelbare Beziehung zu dem Schatzamt
+gestellt, welches -- ob erst in dieser Zeit, ist nicht mehr zu ersehen --
+Harpalos, des Machatas Sohn, erhielt.
+
+Daß die Kompetenz des Satrapen viel schärfer, als im Perserreiche der Fall
+gewesen, umgrenzt, daß sie nicht als Herren in ihrem Territorium, sondern
+als königliche Beamte bestellt wurden, zeigt sich an der Tatsache, daß es
+von den Satrapen des Alexanderreiches bis 306 keine Münzen gibt, während im
+Perserreich schon unter Dareios I., dem Begründer des Verwaltungssystems
+des Reiches, das Münzrecht von den Satrapen geübt worden ist. Es scheint
+auf die durch Alexander begründete Ordnung zu gehen, wenn in einer Schrift
+aus der Diadochenzeit die verschiedenen Wirtschaftsformen, die der Könige,
+der Satrapen, der Städte, der Privaten, in der Art unterschieden werden,
+daß für die königliche Wirtschaft die Hauptzweige seien die Münzpolitik,
+die Regelung von Ausfuhr und Einfuhr, die Führung des Hofhaltes, für die
+der Satrapen vor allem die Grundsteuer, dann die Einnahme von den
+Bergwerken, die von den Emporien, die von den Erträgen der Felder und des
+Marktverkehrs, die von den Herden, endlich Kopfsteuer und Gewerbesteuer.
+
+Nicht minder bedeutsam war, wie Alexander die politische Stellung der
+Bevölkerungen ordnete. Es scheint sein Gedanke gewesen zu sein, da, wo
+irgend organisierte Gemeinwesen bestanden oder einst bestanden hatten,
+diese in allen kommunalen Sachen frei schalten zu lassen. Nicht bloß den
+hellenischen Städten Asiens wurde in diesem Sinne ihre Autonomie
+hergestellt und durch Herstellung der Demokratie gesichert; auch die
+althergebrachte Föderation der Lykier blieb, wie wir annehmen durften, in
+voller Wirksamkeit, unzweifelhaft gegen die Bedingung, daß das lykische
+Kontingent von zehn Kriegsschiffen, das sich noch bei der Perserflotte
+befand, zurückgerufen werde. Und die Lyder, so sagen unsere Quellen,
+»erhielten ihre Gesetze wieder und wurden frei«. Wie immer diese Gesetze
+der Lyder gewesen sein mögen -- wir wissen nichts Weiteres von ihnen --,
+jedenfalls beweist deren Herstellung, daß hinfort in diesem Lande wieder
+die Gesetze, nicht die Willkür und das Gewaltrecht der Eroberer wie bisher
+gelten solle; sie beweist, daß dies einst tapfere, gewerbtätige,
+hochgebildete Volk des Krösus von dem Joche der Fremdherrschaft, unter dem
+es verkommen war, befreit sein und sich in seiner volkstümlichen Art und
+Einheit wieder zu erheben versuchen sollte.
+
+Von denjenigen Bevölkerungen, die -- so die »Barbaren« in den Gebirgen
+Kleinphrygiens -- ohne eigenes Gemeinwesen lebten, wurde, wenn sie sich
+freiwillig ergaben, nur »der Tribut, den sie bisher geleistet hatten«,
+gefordert. Nicht minder bezeichnend ist, daß der Tribut, den die Epheser
+bisher an den Großkönig gezahlt hatten, fortan dem Heiligtum der Artemis
+entrichtet werden sollte, während Erythräa, wie eine Inschrift bezeugt,
+Ilion, das Alexander als Stadt herstellen ließ, gewiß ähnlich die anderen
+Griechenstädte der Küste mit der Autonomie zugleich die Entlastung vom
+Tribut erhielten. Dagegen wurden die Städte Pamphyliens, die nur noch dem
+Namen nach griechisch waren, namentlich Aspendos, nach dem Versuch,
+unterhandelnd den König zu täuschen, zur Tributzahlung verpflichtet und
+unter die Verwaltung des Satrapen gestellt. Die Burg von Halikarnaß,
+mehrere Inseln blieben noch Jahr und Tag in der Gewalt der Perser; das
+Gemeinwesen von Halikarnaß wurde in die Ortschaften, aus denen es die
+karischen Dynastien synoikisiert hatten, aufgelöst; die Inseln -- von
+mehreren werden wir sehen, daß der Demos sich für Alexander erhob -- wurden
+wohl behandelt wie Griechenstädte des befreiten Festlandes.
+
+Daß diese Städte nicht bloß in ihrer kommunalen Freiheit hergestellt,
+sondern wieder freie Staaten wurden, wie sie bis zum Frieden des
+Antalkidas gewesen waren, beweisen ihre Münzen aus dieser Zeit; sie haben
+nicht das Gepräge des Königs, sondern das autonome der prägenden Stadt;
+sie folgen nicht einmal der von Alexander eingeführten Münzordnung,
+sondern mehrere der bei ihnen hergebrachten. Und wenn noch nach einem
+Jahrhundert von den Seleukiden Städte in der Äolis als »in unserer
+Bundesgenossenschaft« stehende bezeichnet werden, so ist das unzweifelhaft
+die von Alexander begründete Form.
+
+Es liegt die Frage nahe, ob diese befreiten und hergestellten Politien der
+Inseln und der asiatischen Küste der Föderation der in dem Synedrion von
+Korinth vereinten Griechenstaaten beigetreten sind? Von der Insel Tenedos
+wissen wir es durch ein bestimmtes Zeugnis; daß der Ausdruck, der von
+dieser gebraucht ist, sich bei Mytilene auf Lesbos und bei anderen Städten
+nicht wiederholt, gestattet den Schluß, daß es bei diesen nicht geschehen
+ist. Es konnte, so scheint es, wohl Alexanders Interesse sein, sich in
+diesen befreiten Hellenenstädten ein Gegengewicht gegen den Bund derer zu
+schaffen, die zum großen Teil mit Waffengewalt in die Verbindung mit
+Makedonien gezwungen und nichts weniger als zuverlässige Verbündete waren;
+auch war der »Bund der Hellenen innerhalb der Thermopylen« nicht bloß zum
+Kriege gegen Persien errichtet, sondern zugleich, um Friede, Recht und
+Ordnung in dem Gebiete des Bundes aufrechtzuerhalten; zu diesem Zweck wäre
+für die Inseln und die Städte Asiens das Synedrion in Korinth zu entlegen
+und zum regelmäßigen Beschicken ungeeignet gewesen.
+
+Man wird unbedenklich voraussetzen dürfen -- bestimmte Angaben sind darüber
+nicht vorhanden --, daß Alexander auch diese Griechenstädte außerhalb des
+Bundes zur Anerkennung seiner unumschränkten Strategie und zu bestimmten
+Leistungen für den großen Krieg verpflichtete; ob er mit jeder einzeln in
+solchem Sinn Verträge schloß, ob er sie veranlaßte, für diesen Zweck und
+zugleich zur Handhabung des Landfriedens wie im Hellenikon einige analoge
+Föderationen zu schließen, etwa als Äoler, Ioner usw., ist nach den
+vorliegenden Materialien nicht mehr zu erkennen. Wenigstens von einer
+derartigen Verbindung haben wir, zuerst aus der Zeit des Antigonos (um
+306), urkundliche Nachricht; es ist ein »Koinon der Städte«[6] in der
+Landschaft des Idagebirges, vereinigt um den Dienst der Athena von Ilion,
+mit einem Synedrion, das namens der Städte Beschlüsse faßt; in der
+Inschrift werden als Teilnehmer dieses Bundes Gargara am Adramyttenischen
+Meerbusen, Lampsakos am Hellespont genannt.
+
+ [6] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Wir sahen, wie Alexander darauf gewandt war, das Emporkommen dieser
+altgriechischen Städte zu fördern; wenn er ihnen so neidlos und mit vollen
+Händen gab, so mochte er hoffen, sie an die neue Ordnung der Dinge, die in
+Hellas noch bei weitem nicht sicher stand, desto fester zu knüpfen; er
+mochte hoffen, daß sie der kleinen Gaunervorteile der Herrengunst und der
+Weichbildpolitik, an die sie sich in der langen Zeit der Fremdherrschaft
+gewöhnt hatten, über den unermeßlichen Segen ihrer neuen Lage, freie
+Politien, Reichsstädte in dem Reich ihres Befreiers zu sein, verlernen und
+vergessen würden.
+
+Den Hellenen, die in diesen asiatischen Ländern von der Propontis bis zum
+kyprischen Meere wohnten, muß der Kontrast der neuen gegen die bisherigen
+Verhältnisse sich lebhaft genug aufgedrängt haben, es muß ihnen gewesen
+sein, als wenn ihnen nun endlich Licht und Luft wiedergegeben werde.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Persische Rüstungen -- Die persische Flotte unter Memnon und
+ die Griechen -- Alexanders Marsch über den Taurus -- Okkupation
+ Kilikiens -- Schlacht bei Issos -- Das Manifest --
+ Aufregung in Hellas -- Die Belagerung von Tyrus -- Die
+ Eroberung Gazas -- Okkupation Ägyptens
+
+
+Auf Seiten der Perser war die Nachricht von der Schlacht am Granikos mit
+mehr Unwillen als Besorgnis aufgenommen worden. Man wird die eigentliche
+Bedeutung des unternommenen Angriffes und damit die Gefahr, die dem Reiche
+drohte, verkannt, man wird geglaubt haben, Alexanders Erfolge seien das
+zufällige Glück eines Tollkühnen, seien durch die Fehler, die sie nur
+erleichtert, verschuldet worden; meide man diese, so werde allen weiteren
+Gefahren vorgebeugt, und des Makedonen Glück zu Ende sein. Vor allem schien
+Mangel an Einheit und planmäßiger Führung des Heeres das Unglück am
+Granikos herbeigeführt zu haben; Memnons Rat, man bekannte es jetzt, hätte
+befolgt werden, er selbst das Heer von Anfang her führen sollen. So wurde
+ihm wenigstens jetzt der alleinige und unumschränkte Befehl über die
+persische Land- und Seemacht in den vorderen Satrapien übertragen.
+
+In der Tat schien in diesem Hellenen dem makedonischen Könige ein
+gefährlicher Gegner gefunden zu sein; schon die hartnäckige Verteidigung
+von Halikarnaß zeigte sein Talent und seine Tatkraft; dann bis auf wenige
+Punkte von der Küste verdrängt, faßte er, begünstigt durch die Auflösung
+der makedonischen Flotte, den Plan, Alexander von Europa abzuschneiden, den
+Krieg nach Hellas hinüberzuspielen, und von dort aus in Verbindung mit
+Makedoniens zahlreichen Feinden in Hellas die Kraft Alexanders in ihrer
+Wurzel zu zerstören. Er hatte eine mächtige Flotte von phönikischen und
+kyprischen Schiffen, auch zehn lykische, zehn von Rhodos, drei von Mallos
+und Soloi in Kilikien befanden sich bei derselben; die Seeburg von
+Halikarnaß war noch in seiner Gewalt, Rhodos, Kos, gewiß alle Sporaden
+hielten zu ihm, die attischen Kleruchen, die Samos innehatten, wohl nicht
+minder; die Oligarchen und Tyrannen auf Chios und Lesbos harrten nur seines
+Beistandes, der Demokratie und der Verbindung mit Makedonien ein Ende zu
+machen; die Patrioten in Hellas hofften von ihm die Herstellung der
+hellenischen Freiheit.
+
+Von der Reede von Halikarnaß war Memnon mit der Flotte nach Chios gegangen;
+durch den Verrat der Oligarchen, die hier früher das Regiment gehabt,
+Apollonides an ihrer Spitze, gewann er die Insel; er stellte die Oligarchie
+wieder her, die ihm den Besitz der Insel sicherte. Er segelte nach Lesbos,
+wohin Chares von Sigeion mit Söldnern und Schiffen gekommen war, den
+Tyrannen Aristonikos von Methymna auszutreiben, derselbe Athener Chares,
+der Alexander bei seiner Landung in Sigeion so ergeben begrüßt hatte; er
+forderte von Memnon, ihn bei seinem Unternehmen nicht zu stören. Aber
+Memnon kam als des Tyrannen »väterlicher Freund und Gastfreund« und jagte
+mit leichter Mühe den einst attischen Strategen von dannen. Schon hatten
+sich ihm die anderen Städte der Insel ergeben, aber die bedeutendste,
+Mytilene, hatte ihrem Bunde mit Alexander treu und sich auf die
+makedonische Besatzung, die sie aufgenommen, verlassend, seine Aufforderung
+abgewiesen. Memnon begann sie zu belagern, bedrängte sie auf das härteste;
+durch einen Wall und fünf Lager auf der Landseite eingeschlossen, durch ein
+Geschwader, das den Hafen sperrte und ein anderes, welches das Fahrwasser
+nach Hellas beobachtete, aller Aussicht auf Hilfe beraubt, wurde sie auf
+das Äußerste gebracht. Schon kamen von anderen Inseln Gesandte an Memnon;
+in Euboia besorgten die Städte, die makedonisch gesinnt waren, in kurzer
+Frist ihn kommen zu sehen; die Spartaner waren bereit, sich zu erheben. Da
+erkrankte Memnon, und nachdem er Pharnabazos, seinem Neffen, dem Sohne des
+Artabazos, bis zur weiteren Entscheidung des Großkönigs seine Gewalt
+übertragen hatte, sank er, wenn nicht für seinen Ruhm, doch für Dareios'
+Hoffnungen zu früh, ins Grab.
+
+Als Dareios, so wird erzählt, die Botschaft von Memnons Tode empfing,
+berief er einen Kriegsrat, unschlüssig, ob er dem Gegner, der rastlos
+vorrückte, die nächsten Satrapien entgegenschicken, oder ihm in Person und
+an der Spitze des Reichsheeres begegnen solle. Die Perser empfahlen, daß er
+selbst das schon versammelte Reichsheer ins Feld führe; unter den Augen des
+Königs der Könige werde das Heer zu siegen wissen, eine Schlacht genüge,
+Alexander zu vernichten. Aber der Athener Charidemos, der, vor Alexander
+flüchtig, dem Großkönig doppelt erwünscht gekommen war, riet, nicht ohne
+Zustimmung, vorsichtig zu sein, nicht alles auf einen Wurf zu setzen, nicht
+am Eingange Asiens Asien selbst preiszugeben, das Reichsaufgebot und die
+Gegenwart des höchsten Herrn auf die letzte Gefahr aufzusparen, zu der es
+nie kommen werde, wenn man dem tollkühnen Makedonen mit Geschick und
+Vorsicht zu begegnen wisse; an der Spitze von hunderttausend Mann, von
+denen ein Drittel Griechen, verbürge er sich dafür, den Feind zu
+vernichten. Auf das heftigste widersprachen die stolzen Perser: jene Pläne
+seien des persischen Namens unwürdig, sie seien ein ungerechter Vorwurf
+gegen die Tapferkeit der Perser; sie anzunehmen, werde ein Zeichen des
+traurigsten Argwohns, das Bekenntnis einer Ohnmacht sein, an deren Statt
+des Großkönigs Gegenwart nichts als Begeisterung und Hingebung finden
+werde; sie beschworen den schwankenden Herrn, nicht auch das letzte einem
+Fremdling anzuvertrauen, der nichts wolle, als an der Spitze des Heeres
+stehen, um das Reich des Kyros zu verraten. Zornig sprang Charidemos auf,
+beschuldigte sie der Verblendung, der Feigheit und Selbstsucht: ihnen wäre
+ihre Ohnmacht und die furchtbare Macht der Griechen nicht bekannt, sie
+würden das Reich des Kyros ins Verderben stürzen, wenn nicht des Großkönigs
+Weisheit ihm jetzt folge. Der Perserkönig, ohne Vertrauen zu sich selbst
+und doppelt gegen andere mißtrauisch, in dem Gefühl persischer Hoheit
+verletzt, berührte des Fremdlings Gürtel und die Trabanten schleppten den
+hellenischen Mann hinaus, ihn zu erdrosseln; sein letztes Wort an den König
+soll gewesen sein: »Meinen Wert wird deine Reue bezeugen, mein Rächer ist
+nicht fern.« Im Kriegsrate wurde beschlossen, den Makedonen bei ihrem
+Eintritt in das obere Asien mit dem Reichsaufgebot unter des Großkönigs
+persönlicher Führung entgegenzutreten, von der Flotte soviel griechische
+Söldner, als möglich sei, heranzuziehen, die Pharnabazos so bald als
+möglich in Tripolis an der phönikischen Küste ausschiffen solle. Tymondas,
+Mentors Sohn, wurde nach Tripolis gesandt, diese Völker zu übernehmen und
+dem Reichsheere zuzuführen, dem Pharnabazos die ganze Gewalt, die Memnon
+innegehabt hatte, zu übertragen.
+
+Pharnabazos und Autophradates hatten indes die Belagerung von Mytilene
+fortgesetzt und glücklich beendet; die Stadt hatte sich unter der Bedingung
+ergeben, daß gegen die Zurückführung der Verbannten und die Vernichtung der
+mit Alexander errichteten Bundesurkunde die makedonische Besatzung frei
+abziehen, und die Stadt nach den Bestimmungen des Antalkidischen Friedens
+wieder Bundesgenossin von Persien sein sollte. Aber sobald die beiden
+Perser im Besitze der Stadt waren, achteten sie des Vertrages nicht weiter;
+sie ließen eine Besatzung unter Befehl des Rhodiers Lykomedes in der Stadt,
+setzten einen der früher Verbannten, Diogenes, als Tyrannen ein; in
+schweren Kontributionen, die teils von einzelnen Bürgern, teils von der
+ganzen Stadt gefordert wurden, ließen sie Mytilene den ganzen Druck des
+persischen Joches fühlen. Dann eilte Pharnabazos, die Söldner nach Syrien
+zu bringen; dort empfing er die Weisung, den Oberbefehl an Memnons Stelle
+zu übernehmen, dessen Pläne freilich durch diese Ablieferung der Söldner in
+ihrem Nerv durchschnitten waren; die rasche und durchschlagende Offensive,
+die Sparta, Athen, das ganze hellenische Festland entflammt haben würde,
+war nicht mehr möglich.
+
+Dennoch versuchten Pharnabazos und Autophradates etwas der Art. Sie sandten
+den Perser Datames mit zehn Trieren nach den Kykladen und fuhren selbst
+mit hundert Schiffen nach Tenedos; sie nötigten die Insel, die sich der
+hellenischen Sache angeschlossen hatte, zu den Bestimmungen des
+Antalkidischen Friedens -- so war auch hier die Formel -- zurückzukehren.
+Augenscheinlich war es auf die Besetzung des Hellespont abgesehen.
+
+Alexander hatte bereits, um wenigstens die Verbindung mit Makedonien durch
+eine Flotte zu sichern, zu deren Bildung Hegelochos an die Propontis
+gesandt mit der Weisung, sämtliche aus dem Pontos herabkommenden Schiffe
+anzuhalten und zum Kriegsdienst einzurichten. Nach Athen wurde Antimachos
+gesandt mit der Aufforderung, das Bundeskontingent von Schiffen zu stellen
+und der makedonischen Flotte die Ausrüstung von Schiffen in den attischen
+Häfen zu gestatten; es wurde ihm verweigert. Antipatros ließ durch Proteas
+Schiffe aus Euböa und dem Peloponnes zusammenziehen, um das Geschwader des
+Datames, das schon bei der Insel Siphnos vor Anker lag, zu beobachten, eine
+Maßregel, die höchst nötig war, da die Athener von neuem Gesandte an den
+Perserkönig gesandt, ja auf die Nachricht, daß ihre aus dem Pontos
+zurückkehrenden Getreideschiffe angehalten und zum Kampf gegen die
+Perserflotte verwendet würden, eine Flotte von hundert Segeln unter
+Menestheus, Iphikrates' Sohn, in See zu schicken beschlossen hatten;
+Hegelochos hielt es für angemessen, die angehaltenen attischen Schiffe zu
+entlassen, um den Athenern den Vorwand, ihre hundert Trieren zur
+Perserflotte stoßen zu lassen, zu entziehen. Um so ersprießlicher war es,
+daß Proteas mit seinem Geschwader von fünfzehn Schiffen die persischen
+Schiffe bei Siphnos nicht bloß festhielt, sondern auch durch einen
+geschickten Überfall so überraschte, daß acht derselben samt ihrer
+Mannschaft in seine Hände fielen, die beiden anderen die Flucht ergriffen
+und, von Datames geführt, sich zu der Flotte retteten, die in der Gegend
+von Chios und Miletos kreuzte und die Küsten plünderte.
+
+Damit war die erste und wohl größte Gefahr, die Memnons Plan hätte bringen
+können, beseitigt; der rasche Angriff des Proteas hatte einem Abfall der
+Griechen vorgebeugt. Aber zeigten nicht diese Erfolge selbst, daß
+Alexander unrecht getan hatte, die Flotte aufzulösen, die er nach kaum
+sechs Monaten von neuem zu bilden genötigt war? Alexander hatte ein
+sicheres Gefühl von dem Maße der Tatkraft und der Einsicht, das er von den
+persischen Führern erwarten konnte und taxierte seine hellenischen
+Bundesgenossen so, wie der Erfolg sie gezeigt hat; wenn auch sie zum Abfall
+geneigt und ihre Schiffe mit den persischen zu vereinigen bereit waren,
+Antipatros mußte sie auf dem festen Lande im Zaume halten können; endlich
+war es keineswegs so schwierig, in Eile eine neue Flotte aufzustellen, um
+die Küsten gegen einen Feind zu decken, der nicht verstand, an
+entscheidender Stelle aufzutreten. Alexander konnte, um den Seekrieg
+unbekümmert, seinen Kriegsplan weiter verfolgen, das um so mehr, da jeder
+Schritt vorwärts die Existenz der feindlichen Flotte selbst gefährdete,
+indem er die Küsten ihrer Heimat nahm. Dies ins Werk zu setzen war der
+Zweck des nächsten Feldzuges.
+
+Mit dem Frühling 333 vereinigten sich in Gordion die verschiedenen
+Abteilungen des makedonischen Heeres; von Süden her aus Kelainai rückten
+die Truppen ein, welche mit Alexander den Winterfeldzug gemacht hatten; von
+Sardes führte Parmenion die Reiterei und den Train der großen Armee heran;
+aus Makedonien kamen die Neuverheirateten von ihrem Urlaub zurück, mit
+ihnen eine bedeutende Zahl Neuausgehobener, namentlich 3000 Makedonen zu
+Fuß und 300 zu Pferde, 200 thessalische, 150 elische Reiter, so daß
+Alexander trotz der zurückgelassenen Besatzungen nicht viel weniger
+Mannschaft als am Granikos beisammen hatte. Wie der Geist dieser Truppen
+war, läßt sich aus ihren Erfolgen bisher und aus dem, was als Preis
+weiteren Kampfes ihrer wartete, abnehmen; in dem Stolz der errungenen Siege
+neuer Siege gewiß, sahen sie Asien schon als ihre Beute an; sie selbst, ihr
+König und die Götter waren ihnen Gewähr für den Erfolg.
+
+Auch Gesandte aus Athen kamen nach Gordion, den König um Freigebung der
+Athener, die in der Schlacht am Granikos gefangen und gefesselt nach
+Makedonien abgeführt waren, zu bitten; ob wohl mit Berufung auf den in
+Korinth beschworenen Bund und ihre Bundestreue? Ihnen wurde der Bescheid,
+wiederzukommen, wenn der nächste Feldzug glücklich zu Ende geführt sei.
+
+Die Stadt Gordion, der uralte Sitz phrygischer Könige, hatte auf ihrer Burg
+die Paläste des Gordios und Midas und den Wagen, an dem Midas einst erkannt
+worden war als der von den Göttern zur Herrschaft Phrygiens Erkorene; das
+Joch an diesem Wagen war durch einen aus Baumbast geschürzten Knoten so
+künstlich befestigt, daß man weder dessen Anfang noch Ende bemerken konnte;
+es gab ein Orakel, daß, wer den Knoten löse, Asiens Herrschaft erhalten
+werde. Alexander ließ sich die Burg, den Palast, den Wagen zeigen, er hörte
+dies Orakel, er beschloß es zu erfüllen und den Knoten zu lösen; umsonst
+suchte er ein Ende des Bastes, und verlegen sahen die Umstehenden sein
+vergebliches Bemühen; endlich zog er sein Schwert und durchhieb den Knoten,
+das Orakel war, gleichviel wie, erfüllt.
+
+Das Heer brach tags darauf auf und marschierte am Südabhange der
+paphlagonischen Grenzgebirge nach Ankyra; dorthin kam eine Gesandtschaft
+der Paphlagonier, dem Könige die Unterwerfung ihres Landes unter der
+Bedingung anzubieten, daß keine makedonischen Truppen nach Paphlagonien
+kämen. Der König gewährte es; Paphlagonien blieb unter einheimischen
+Dynastien, vielleicht unter Kompetenz der Statthalterschaft von Phrygien
+und Hellespont.
+
+Weiter ging der Zug nach Kappadokien, jenseits des Halys durch die bis zum
+Iris gelegenen Gebiete dieser großen Satrapie, die ohne Widerstand
+durchzogen und, obschon die nördlichen Landschaften derselben nicht
+okkupiert werden konnten, doch als makedonische Satrapie an Sabiktas
+übertragen wurde. Daß in den Griechenstädten am Pontos die demokratische
+Partei auf Befreiung durch Alexander hoffte, ist wenigstens durch ein
+Beispiel bezeugt. Doch blieb dort die persische Partei -- so in Sinope --
+oder die Tyrannis -- so in Herakleia -- vorerst noch im Besitze der Macht.
+Alexander durfte die wichtigeren Unternehmungen nicht hinausschieben, um
+die abgelegene Küste des Pontus zu besetzen; er zog den Küsten des
+Mittelmeeres zu. Der Weg, den er nahm, führte an den Nordabhang des Tauros
+zu den kilikischen Pässen oberhalb Tyana, denselben, die vor etwa siebzig
+Jahren der jüngere Kyros mit seinen zehntausend Griechen überschritten
+hatte.
+
+Alexander fand die Höhe mit starken Posten besetzt; er ließ das übrige Heer
+lagern und brach selbst mit den Hypaspisten, den Schützen und Agrianern um
+die erste Nachtwache auf, die Feinde beim Dunkel der Nacht zu überfallen.
+Kaum hörten die Wachen ihn anrücken, so verließen sie in eiliger Flucht den
+Paß, den sie mit leichter Mühe hätten sperren können, wenn sie sich nicht
+auf verlorenem Posten geglaubt hätten. Arsames, der kilikische Satrap,
+schien sie nur vorgeschoben zu haben, um Zeit zu gewinnen, das Land zu
+plündern und zu verwüsten, und sich dann sicher, eine Einöde in seinem
+Rücken, auf Dareios, der schon vom Euphrat her anrückte, zurückziehen zu
+können. Desto eiliger zog Alexander durch die Pässe, und mit seiner
+Reiterei und den Leichtesten der Leichtbewaffneten auf Tarsos zu, so
+schnell, daß Arsames, der die Feinde weder so nahe, noch so rasch geglaubt
+hatte, in eiliger Flucht, ohne die Stadt oder das Land geplündert zu haben,
+sein Leben für einen baldigen Tod rettete.
+
+Von Nachtwachen, Eilmärschen und der Mittagsonne eines heißen
+Spätsommertages ermattet, kam Alexander mit seinen Truppen zum Kydnos,
+einem klaren und kalten Bergstrome, der nach Tarsus hinabströmt. Schnell
+und nach dem Bade verlangend, warf er Helm, Harnisch und Kleid ab und eilte
+in den Strom; da überfiel ihn ein Fieberschauer, er sank unter; halbtot,
+bewußtlos wurde er aus dem Strom gezogen und in sein Zelt getragen. Krämpfe
+und brennende Hitze schienen die letzten Zeichen des Lebens, das zu
+erretten alle Ärzte verzweifelten; die Rückkehr des Bewußtseins wurde zur
+neuen Qual; schlaflose Nächte und der Gram um den nahen Tod zehrten die
+letzte Kraft hinweg. Die Freunde trauerten, das Heer verzweifelte; der
+Feind war nah, niemand wußte Rettung. Endlich erbot sich der akarnanische
+Arzt Philippos, der den König von Kindheit an kannte, einen Trank zu
+bereiten, der helfen werde; Alexander bat um nichts als eilige Hilfe;
+Philippos versprach sie. Zu derselben Zeit erhielt Alexander von Parmenion
+ein Schreiben, das ihm Vorsicht empfahl: Philippos, der Arzt, habe von
+Dareios tausend Talente und das Versprechen, mit einer Tochter des
+Großkönigs vermählt zu werden, um Alexander zu vergiften. Alexander gab den
+Brief seinem Arzte und leerte, während jener las, den Becher. Ruhig las der
+Arzt, er wußte sich aller Schuld rein; er beschwor den König, ihm zu
+vertrauen und zu folgen, bald werde dann sein Leiden vorüber sein; er
+sprach mit ihm von der Heimat, von seiner Mutter und seinen Schwestern, den
+nahen Siegen und den wunderreichen Ländern des Ostens; seine treue Sorgfalt
+ward durch des Königs baldige Genesung belohnt; Alexander kehrte zurück in
+die Reihen seiner Makedonen.
+
+Die Kriegsoperationen wurden mit doppeltem Eifer fortgesetzt. Die
+Landschaft Kilikien war in der Kette der persischen Satrapien der Ring, der
+die des vorderen und oberen Asiens zusammenhielt. Die stärkste
+Defensivstellung des Perserreiches gegen den Westen hatte Alexander mit den
+Pässen des Tauros rasch genommen; er mußte sich des ganzen Gebietes an
+ihrem Südabhange versichern, um die zweite Paßregion, die des amanischen
+Gebirges gegen Syrien, gewinnen und behaupten zu können. Während Parmenion
+mit den Söldnern und Bundestruppen, mit den thessalischen Ilen und den
+Thrakern des Sitalkes ostwärts vorrückte, die Pässe nach dem oberen Asien
+zu besetzen, ging der König westwärts, um sich der Straße nach Laranda und
+Ikonion, des sogenannten rauhen Kilikiens zu versichern, dessen Bewohner,
+freie räuberische Bergvölker wie ihre pisidischen Nachbarn, leicht die
+Verbindung mit Kleinasien stören konnten.
+
+Er zog von Tarsos nach der Stadt Anchiale, die, von Sardanapal gegründet,
+das Standbild dieses assyrischen Königs aufbewahrte, mit der merkwürdigen
+Inschrift: »Anchiale und Tarsos hat Sardanapal an einem Tage gegründet; du
+aber, Fremdling, iß, trinke, liebe; was sonst der Mensch hat, ist nicht der
+Rede wert.« Dann kam er nach Soloi, der Heimat der »Soloikismen«, die,
+obschon griechischen Ursprungs, den Persern so anhing, daß Alexander nicht
+nur eine Besatzung in der Stadt zurückließ, sondern ihr eine Buße von
+zweihundert Talenten Silbers auferlegte. Von hier aus machte er mit drei
+Phalangen und mit den Schützen und Agrianern einen Streifzug in das rauhe
+Kilikien; in sieben Tagen hatte er teils durch Gewalt, teils in Güte die
+Unterwerfung dieser Gebirgsbewohner vollendet, damit seine Verbindung mit
+den westlichen Provinzen gesichert. Er kehrte nach Soloi zurück; er empfing
+hier von seinen Befehlshabern in Karien die Nachricht, daß Othontopates,
+der noch die Seeburg von Halikarnaß gehalten, in einem hartnäckigen Gefecht
+bewältigt, daß mehr als 1000 Mann gefangen seien. Zur Feier des glücklichen
+begonnenen Feldzuges und der Wiedergenesung des Königs wurden in Soloi
+mannigfache Festlichkeiten veranstaltet; durch das große Opfer, das dem
+Asklepios gebracht wurde, durch den Festaufzug des gesamten Heeres, durch
+den Fackellauf, durch die gymnischen und künstlerischen Wettkämpfe mag in
+den, der hellenischen Sitte fast schon entwöhnten Soliern die Erinnerung an
+die Heimat und ihre Vorfahren erweckt worden sein; nun war die Zeit der
+Barbaren vorüber, hellenisches Leben gewann Raum in den Ländern
+vieljähriger Knechtschaft; hellenischer Ursprung, sonst inmitten
+asiatischer Barbarei verachtet und vergessen, wurde ein großes Recht.
+Alexander gab den Soliern demokratische Verfassung; wenige Wochen später,
+gleich nach der entscheidenden Schlacht, sandte er Befehl, ihnen die
+Brandschatzung zu erlassen und ihre Geiseln zurückzugeben.
+
+Nach Tarsos zurückgekehrt, ließ der König seine Ritterschaft unter
+Philotas' Führung über das aleische Feld an den Pyramosstrom vorrücken,
+während er selbst mit dem übrigen Heere an der Küste entlang über Magarsos
+nach Mallos zog, zwei Städten, in denen es hellenische Erinnerungen gab, an
+die der König anknüpfen konnte; namentlich in Mallos hatte sich das Volk
+schon vor dem Erscheinen Alexanders gegen seine bisherigen Unterdrücker
+erhoben; den blutigen Kampf zwischen der persischen und der Volkspartei
+entschied und stillte erst Alexanders Erscheinen; er erließ der Stadt, die
+ihren Ursprung von Argos herleitete wie das makedonische Königshaus, den
+Tribut, den sie bisher an den Großkönig gezahlt, gab ihr die Freiheit,
+ehrte ihren Gründer Amphilochos von Argos mit Heroenfeier.
+
+Noch während des Aufenthaltes in Mallos erhielt Alexander die Nachricht,
+daß der König Dareios mit einem ungeheuren Heere vom Euphrat herangerückt
+sei, und bereits einige Zeit in der syrischen Stadt Sochoi, zwei Tagereisen
+von den Pässen entfernt stehe. Alexander berief sofort einen Kriegsrat;
+alle waren der Meinung, man müsse eiligst aufbrechen, durch die Pässe
+vorrücken, die Perser, wo man sie auch finde, angreifen. Der König befahl,
+am folgenden Morgen aufzubrechen. Der Marsch ging von Mallos um den
+tiefeinschneidenden Meerbusen hin nach Issos.
+
+Von Issos führen zwei Wege nach Syrien; der eine, beschwerlichere, geht
+erst nordwärts (nach Topra Kalessi), dann ostwärts durch Schluchten und
+Pässe über die amanischen Berge; Alexander wählte diesen nicht, seinen
+Soldaten wären durch den Wechsel von Berg und Tal und durch die
+Unwegsamkeit der Gegend doppelt ermüdet an den Feind gekommen; und er
+durfte sich nicht früher von der Küste dieser Bucht entfernen, als bis sie
+ganz in seiner Gewalt und den feindlichen Schiffen gesperrt war. Er rückte,
+mit Zurücklassung der Kranken, die im Rücken der Armee am sichersten waren,
+von Issos aus auf der gewöhnlichen und den Griechen durch Xenophons
+Beschreibung bekannten Straße südwärts an der Meeresküste hin, durch die
+sogenannten Strandpässe nach der Küstenstadt Myriandros, unfern vom Eingang
+der syrischen Hauptpässe (Pässe von Bailan), um von hier aus mit dem
+nächsten Morgen in die Ebene von Syrien und nach Sochoi aufzubrechen. Über
+Nacht begann heftiges Unwetter, es waren die ersten Novembertage; Sturm und
+Regen machten den Aufbruch unmöglich; das Heer blieb im Lager von
+Myriandros, etwa drei Meilen südwärts der Strandpässe; in wenig Tagen
+hoffte man den Feind auf der Ebene von Sochoi zur entscheidenden Schlacht
+zu treffen.
+
+In der Tat, entscheidend mußte das nächste Zusammentreffen der
+beiderseitigen Heere werden. Das persische Heer zählte nach
+Hunderttausenden, unter diesen hellenische Söldner, mit den jüngst unter
+dem Akarnanen Banor und dem Thessaler Aristomedes gelandeten 30 000; unter
+der Masse asiatischen Kriegsvolkes bei hunderttausend Mann
+schwerbewaffnetes Fußvolk (Kardaker) und die gepanzerten persischen Reiter.
+Dareios vertraute auf diese Macht, auf seine gerechte Sache, auf seinen
+Kriegsruhm; er glaubte gern den stolzen Versicherungen seiner Großen und --
+so wird erzählt -- einem Traume kurz vor dem Auszuge aus Babylon, der ihm
+günstig genug von den Chaldäern gedeutet war; er hatte das makedonische
+Lager in dem Scheine einer ungeheuren Feuersbrunst, den makedonischen König
+in persischer Fürstentracht durch Babylons Straßen reiten, dann Roß und
+Reiter verschwinden sehen. So der Zukunft sicher, war er über den Euphrat
+gezogen; umgeben von der ganzen kriegerischen Pracht eines »Königs der
+Könige«, begleitet von seinem Hofstaat und Harem, von den Harems der
+persischen Satrapen und Fürsten, von den Scharen der Eunuchen und Stummen,
+zu den Hunderttausenden unter Waffen eine endlose Karawane geschmückter
+Wagen, reicher Baldachine, lärmenden Trosses, lagerte er nun bei Sochoi;
+hier in der weiten Ebene, die ihm Raum gab, die erdrückende Übermacht
+seines Heeres zu entwickeln und namentlich seine Reitermassen wirksam zu
+verwenden, wollte er den Feind erwarten, um ihn zu vernichten.
+
+Es soll Arsames gewesen sein, der aus Kilikien flüchtend ins Lager die
+erste Nachricht von Alexanders Nähe, von dessen Anmarsch brachte; nach dem,
+was er meldete, schien der Feind über die amanischen Pässe anrücken zu
+wollen; man erwartete täglich die Staubwolke im Westen. Es verging ein Tag
+nach dem anderen, man wurde gleichgültig gegen die Gefahr, die nicht näher
+kam; man vergaß, was schon verloren war; man spottete des Feindes, der das
+enge Küstenland nicht zu verlassen wage, der wohl ahne, daß die Hufe der
+persischen Rosse hinreichen würden, seine Macht zu zertreten. Nur zu gern
+hörte Dareios die übermütigen Worte seiner Großen: der Makedone werde,
+eingeschüchtert durch die Nähe der Perser, nicht über Tarsos hinausgehen,
+man müsse ihn angreifen, man werde ihn vernichten. Vergebens widersprach
+der Makedone Amyntas: nur zu bald werde Alexander den Persern
+entgegenrücken, sein Säumen sei nichts als ein Vorzeichen doppelter Gefahr;
+um keinen Preis dürfe man sich in die engen Täler Kilikiens hinabwagen, das
+Feld von Sochoi sei für die persische Macht das geeignete Schlachtfeld,
+hier könne die Menge siegen oder besiegt sich retten. Aber Dareios,
+mißtrauisch gegen den Fremdling, der seinen König verraten, durch die
+Schmeichelreden seiner Großen und durch die eigenen Wünsche berauscht,
+endlich durch die Unruhe der Schwäche und durch sein Verhängnis
+vorwärtsgetrieben, beschloß, die Stellung von Sochoi aufzugeben und den
+Feind, der ihn meide, aufzusuchen. Das unnötige Heergerät, die Harems, der
+größte Teil des Schatzes, alles, was den Zug hindern konnte, wurde unter
+Kophenes, dem Bruder des Pharnabazos, nach Damaskos gesandt, während der
+König, um den Umweg über Myriandros zu meiden, durch die amanischen Pässe
+nach Kilikien einrückte und in Issos ankam. Dies geschah an demselben Tage,
+da Alexander nach Myriandros gezogen war. Die Perser fanden in Issos die
+Kranken des makedonischen Heeres, sie wurden unter grausamen Martern
+umgebracht; die frohlockenden Barbaren meinten, Alexander fliehe vor ihnen;
+sie glaubten, er sei von der Heimat abgeschnitten, sein Untergang gewiß.
+Ungesäumt brachen die Völker auf, die Fliehenden zu verfolgen.
+
+Allerdings war Alexander abgeschnitten; man hat ihn der Unvorsichtigkeit
+angeklagt, daß er die amanischen Tore nicht besetzt, daß er keine Besatzung
+in Issos zurückgelassen, sondern die zurückbleibenden Kranken einem
+grausamen Feinde preisgegeben habe; sein ganzes Heer, sagt man, hätte elend
+untergehen müssen, wenn die Perser eine Schlacht vermieden, das Meer durch
+ihre Flotte, die Rückzugslinie Alexanders durch eine hartnäckige Defensive
+gesperrt, jedes Vorrücken durch ihre Reiterschwärme beunruhigt und durch
+Verwüstungen, wie sie Memnon geraten, doppelt gefährlich gemacht hätten.
+Alexander kannte die persische Kriegsmacht; er wußte, daß die Verpflegung
+von so vielen Hunderttausenden auf seiner Marschlinie und in dem engen
+Kilikien auf längere Zeit eine Unmöglichkeit war, daß jenes Heer, nichts
+weniger als ein organisches Ganzes zu einem System militärischer
+Bewegungen, durch die er hätte umgarnt werden können, unfähig sei, daß im
+schlimmsten Falle eine Reihe rascher und kühner Märsche von seiner Seite
+jene unbehilfliche Masse zum Nachrücken gezwungen, verwirrt, aufgelöst und
+jedem Überfall bloßgegeben hätte. Er hatte nicht erwarten können, daß die
+Perser das für sie so günstige Terrain aufgeben, daß sie gar in die enge
+Strandebene am Pinaros vorrücken würden.
+
+Dareios hatte es getan; von flüchtigen Landleuten benachrichtigt, daß
+Alexander kaum einige Stunden entfernt jenseits der Strandpässe stehe und
+nichts weniger als auf der Flucht sei, mußte er sich, da er sein ungeheures
+Heer weder schnell zurückziehen konnte, noch es gegen diese Thermopylen
+Kilikiens vorzuschieben wagte, in der engen Ebene gelagert zu einer
+Schlacht bereitmachen, für die er jetzt die Vorteile des Angriffs dem
+Feinde überlassen mußte. In der Tat, hätte es irgendein Strategem gegeben,
+den Großkönig zum Aufbruch aus der Ebene von Sochoi und zu dieser Bewegung
+nach dem Strand Kilikiens hinab zu nötigen, so würde es Alexander, selbst
+wenn es einen größeren Verlust als den des Lazaretts von Issos gegolten
+hätte, mit Freuden gewagt haben. So unglaublich schien ihm das erste
+Gerücht von Dareios' Nähe, daß er einige Offiziere auf einer Jacht an der
+Küste entlang fahren ließ, um sich von der wirklichen Nähe des Feindes zu
+überzeugen.
+
+Einen anderen Eindruck machte dasselbe Gerücht auf die Truppen Alexanders;
+sie hatten dem Feinde in einigen Tagen und auf offenem Felde zu begegnen
+gehofft; jetzt war alles unerwartet und übereilt; jetzt stand der Feind in
+ihrem Rücken, schon morgen sollte gekämpft werden; man werde, hieß es, was
+man schon besessen, dem Feinde durch eine Schlacht entreißen, jeden Schritt
+rückwärts mit Blut erkaufen müssen; vielleicht aber seien die Pässe schon
+besetzt und gesperrt, vielleicht müsse man sich, wie einst die Zehntausend,
+durch das Innere Kleinasiens durchschlagen, um, statt Ruhm und Beute, kaum
+das nackte Leben in die Heimat zu bringen; und das alles, weil man nicht
+vorsichtig vorgerückt sei; man halte den gemeinen Soldaten nicht wert und
+gebe ihn, wenn er verwundet zurückbleibe, seinem Schicksal und den Feinden
+preis. So und ärger noch murrten die Soldaten, während sie ihre Waffen
+putzten und ihre Speere schärften, weniger aus Mutlosigkeit, als weil es
+anders, wie sie erwartet hatten, gekommen war, und um sich des
+unbehaglichen Gefühls, das die tapfersten Truppen bei der Nähe einer lange
+erwarteten Entscheidung ergreift, mit lautem Scheltwort zu entschlagen.
+
+Alexander kannte die Stimmung seiner Truppen; ihn beunruhigte diese
+Ungebundenheit nicht, die der Krieg erzeugt und fordert. Sobald ihm jene
+Offiziere von dem, was sie gesehen, Bericht erstattet hatten, namentlich,
+daß die Ebene von der Pinarosmündung bei Issos mit Zelten bedeckt, daß
+Dareios in der Nähe sei, berief er die Strategen, Ilarchen und Befehlshaber
+der Bundesgenossen, teilte ihnen die empfangenen Meldungen mit, zeigte, daß
+unter allen denkbaren Möglichkeiten die jetzige Stellung des Feindes den
+sichersten Erfolg verspreche; der Schein, umgangen zu sein, so läßt ihn
+Arrian sagen, werde sie nicht beirren; sie hätten zu oft rühmlich gekämpft,
+um den Mut bei scheinbarer Gefahr sinken zu lassen; stets Sieger, gingen
+sie stets Besiegten entgegen; Makedonen gegen Meder und Perser, erfahrene,
+unter den Waffen ergraute Krieger gegen die längst der Waffen entwöhnten
+Weichlinge Asiens, freie Männer gegen Sklaven, Hellenen, die für ihre
+Götter und ihr Vaterland freiwillig kämpften, gegen entartete Hellenen, die
+für nicht einmal hohen Sold ihr Vaterland und den Ruhm ihrer Vorfahren
+verrieten, die streitbarsten und freiesten Autochthonen Europas gegen die
+verächtlichsten Stämme des Morgenlandes, kurz, Kraft gegen Entartung, das
+höchste Wollen gegen die tiefste Ohnmacht, alle Vorteile des Terrains, der
+Kriegskunst, der Tapferkeit gegen persische Horden, könne da der Ausgang
+des Kampfes zweifelhaft sein? Der Preis dieses Sieges aber sei nicht mehr
+eine oder zwei Satrapien, sondern das Perserreich; nicht die Reiterscharen
+und Söldner am Granikos, sondern das Reichsheer Asiens, nicht persische
+Satrapen, sondern den Perserkönig würden sie besiegen; nach diesem Sieg
+bleibe ihnen nichts weiter zu tun, als Asien in Besitz zu nehmen und sich
+für alle Mühsale zu entschädigen, die sie gemeinsam durchkämpft. Er
+erinnerte an das, was sie gemeinsam ausgeführt, er erwähnte, wie die
+einzelnen bei den Aktionen bisher sich ausgezeichnet hatten, sie mit ihrem
+Namen nennend. Das und vieles andere, was vor der Schlacht im Munde des
+tapferen Feldherrn tapfere Männer anzufeuern geeignet ist, sprach Alexander
+mit der ihm eigentümlichen Hoheit und Begeisterung; niemand, den nicht des
+jugendlichen Helden Worte ergriffen hätten; sie drängten sich heran, ihm
+die Hand zu reichen und ein tapferes Wort hinzuzufügen. Sie verlangten,
+gleich aufzubrechen, gleich zu kämpfen. Alexander entließ sie mit dem
+Befehl, zunächst dafür zu sorgen, daß die Truppen gehörig abkochten, einige
+Reiter und Bogenschützen nach den Strandpässen vorauszuschicken, mit den
+übrigen Truppen für den Abend zum Marsch bereit zu sein.
+
+Am späten Abend brach das Heer auf, erreichte um Mitternacht die Pässe,
+machte bei den Felsen halt, um etwas zu ruhen, während die geeigneten
+Vorposten vorgeschoben waren. Mit der Morgenröte wurde aufgebrochen, durch
+die Pässe in die Strandebene zu ziehen.
+
+Diese Ebene erstreckt sich von den Strandpässen etwa fünf Meilen nordwärts
+bis zur Stadt Issos[7]; auf der Westseite vom Meere, auf der Ostseite von
+den zum Teil hohen Bergen eingeschlossen, erweitert sie sich, je mehr sie
+sich von den Pässen entfernt. In der Mitte, wo sie über eine halbe Meile
+breit ist, durchströmt sie südwestwärts ein kleiner Gebirgsfluß, der
+Pinaros (Deli-tschai), dessen nördliche Ufer zum Teil abschüssig sind; er
+kommt nordöstlich aus den Bergen, die, seinen Lauf begleitend, auf seinem
+Südufer eine bedeutende Berghöhe in die Ebene vorschicken, so daß sich mit
+dem Laufe des Pinaros die Ebene etwas bergein fortsetzt. In einiger
+Entfernung nordwärts vom Pinaros begann das persische Lager.
+
+ [7] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Sobald Dareios Nachricht erhielt, daß Alexander zu den Strandpässen
+zurückgekehrt, daß er bereit sei, eine Schlacht anzubieten und bereits
+anrücke, wurde so schnell und so gut es sich tun ließ, die persische
+Heeresmasse geordnet. Freilich war das sehr beschränkte Terrain der
+Übermacht nicht günstig, destomehr schien es zu einer nachhaltigen
+Defensive geeignet; der Pinaros mit seinen abschüssigen Ufern war wie Wall
+und Graben, hinter dem sich die Masse des Heeres ordnen sollte. Um dies
+ohne alle Störung bewerkstelligen zu können, ließ Dareios 30 000 Reiter und
+20 000 Mann leichtes Fußvolk über den Fluß gehen, mit der Weisung, sich
+demnächst rechts und links auf die Flügel der Linie zurückzuziehen. Sodann
+wurde die Linie des Fußvolks so geordnet, daß die 30 000 hellenischen
+Söldner unter Thymondas den rechten Flügel bildeten, den linken 60 000
+Kardaker; andere 20 000 Kardaker wurden weiter links bis auf die Höhe
+geschoben, bestimmt, den rechten Flügel Alexanders zu gefährden; sobald die
+Makedonen zum Angriff an den Pinaros gerückt waren, stand wenigstens ein
+Teil jenes Korps im Rücken des rechten Flügels. Der enge Raum gestattete
+auf Seiten der Perser nur, die bezeichneten Truppen zur unmittelbaren
+Teilnahme an der Schlacht zu bestimmen; die Mehrzahl der Völker, aus
+leichtem und schwerem Fußvolk bestehend, rückte hinter der Linie
+kolonnenweise auf, so daß immer neue Truppen ins Treffen geführt werden
+konnten. Nachdem alles geordnet war, wurde den vorgeschickten
+Reiterschwärmen das Zeichen zum Rückzuge gegeben; sie verteilten sich
+rechts und links auf die Flügel; aber das Terrain schien auf dem linken den
+Gebrauch der Reiterei unmöglich zu machen, weshalb auch die dorthin
+bestimmten auf den rechten Flügel verlegt wurden, so daß nun der Küste
+zunächst die gesamte Reiterei, die eigentlich persische Macht, unter
+Führung des Nabarzanes vereint war. Dareios selbst nahm nach der persischen
+Sitte auf seinem Schlachtwagen im Zentrum der gesamten Linie seine
+Stellung, umgeben von einer Reiterschar der edelsten Perser, die sein
+Bruder Oxathres befehligte. Der Schlachtplan war, daß das Fußvolk eine
+Stellung hinter dem Pinaros behaupten sollte, zu welchem Ende die weniger
+steilen Stellen des Ufers mit Verschanzungen ausgefüllt wurden, auf dem
+rechten Flügel dagegen die persische Reiterei sich mit aller Gewalt auf den
+linken Flügel der Makedonen werfen, während die Truppen von den Bergen her
+den Feinden in den Rücken fielen.
+
+Alexander hatte, sobald das Terrain freier wurde, aus seiner Marschkolonne,
+in der das schwere Fußvolk, die Reiterei, die Leichtbewaffneten
+nacheinander herangezogen, das schwere Fußvolk rechts und links in
+Schlachtlinie zu sechzehn Mann Tiefe aufrücken lassen; beim weiteren
+Vorrücken öffnete sich die Ebene mehr und mehr, so daß auch die Reiterei,
+auf dem linken Flügel die der hellenischen Bündner und die Geworbenen aus
+Elis, auf dem rechten, der wie gewöhnlich den Angriff machen sollte, die
+thessalische und makedonische, aufreiten konnte. Schon erkannte man in der
+Ferne die lange Linie des Perserheeres; die Höhen zur Rechten sah man mit
+feindlichem Fußvolk bedeckt, man bemerkte, wie sich vom linken Flügel der
+Feinde große Schwärme Reiterei längs der Schlachtlinie hinabzogen, um sich
+auf dem rechten, wo das Terrain freier war, wie es schien, zu einem großen
+Reiterangriff zu vereinen. Alexander befahl den thessalischen Ilen, hinter
+der Front, damit es der Feind nicht sähe, nach dem linken Flügel
+hinabzureiten, und zunächst nach den kretischen Bogenschützen und den
+Thrakern des Sitalkes, die eben jetzt in die Schlachtlinie bei den
+Phalangen aufrückten, einzuschwenken; er befahl Parmenion, der den linken
+Flügel kommandierte, mit den geworbenen Reitern von Elis, die nun links auf
+die Thessaler folgten, sich so dicht als möglich an das Meer zu halten,
+damit die Schlachtlinie nicht von der Seeseite umgangen werde. Auf seinem
+rechten Flügel ließ er rechts von der makedonischen Ritterschaft die Ilen
+der Sarissophoren unter Protomachos, die Paionen unter Ariston, die
+Bogenschützen unter Antiochos aufrücken. Gegen die auf den Bergen in seiner
+Rechten aufgestellten Kardaker formierte er aus den Agrianern unter
+Attalos, einem Teil der Bogenschützen und einigen Reitern eine zweite
+Front, die gegen die Schlachtlinie einen Winkel bildete.
+
+Je näher man dem Pinaros kam, desto deutlicher erkannte man die bedeutende
+Ausdehnung der feindlichen Linie, die weit über den rechten Flügel des
+makedonischen Heeres hinausreichte; der König hielt für nötig, zwei von den
+makedonischen Ilen, die des Peroidas und Pantordanos, hinter der Front nach
+dem äußersten Flügel vorzuschieben; er konnte schon in die Schlachtlinie
+statt ihrer die Agrianer, die Bogenschützen und Reiter des Seitenkorps
+ziehn; denn ein heftiger Angriff, den sie auf die ihnen gegenüberstehenden
+Barbaren gemacht, hatte diese geworfen und sich auf die Höhen zu flüchten
+genötigt, so daß jetzt jene dreihundert Hetairen hinreichend schienen, sie
+fernzuhalten und die Bewegungen der Schlachtlinie von dieser Seite her zu
+sichern.
+
+Mit diesem Aufmarsch, wie er sich ohne Hast, mit kleinen Pausen zum
+Ausruhen, vollzog, hatte Alexander nicht bloß jenes in seine Rechte
+vorgeschobene Flankenkorps des Feindes weit seitab gedrängt; er hatte
+zugleich rechts mit dem leichten Volk zu Fuß und zu Roß seine Linie über
+den linken Flügel des Feindes hinausgerückt, so daß dieses den Stoß, den er
+mit den Ilen der Hetairen zu führen gedachte, decken und die Spitze der
+feindlichen Linken beschäftigen konnte, bis er sich auf das Zentrum des
+Feindes gestürzt hatte, ihm zur Linken die Hypaspisten, die nächsten
+Phalangen, ihm folgend. War das Zentrum des Feindes gebrochen, so hoffte er
+dessen rechten Flügel, der durch die hellenischen Söldner und die
+Reitermassen ein entschiedenes Übergewicht über Parmenions Flügel hatte,
+gleichzeitig mit seinen Ilen in der Flanke, mit seinen Hypaspisten in der
+Front zu fassen und zu vernichten. Er konnte voraussehen, daß sein erster
+Stoß um so entscheidender wirken werde, da der Großkönig sich nicht bei der
+Reiterei auf dem rechten Flügel, die den Hauptangriff hätte machen können,
+sondern im Mittelpunkt der Defensive befand, die, wenn schon durch die
+natürlichen Uferwände des Pinaros und durch Erdaufschüttungen geschützt,
+einem scharfen Angriff nicht widerstehen zu können schien.
+
+Alexander ließ seine Linie langsam vorrücken, um mit größter Ordnung und
+durchaus geschlossen auf den Feind einbrechen zu können. Er ritt an der
+Front entlang, sprach zu den einzelnen Abteilungen, rief diesen, jenen der
+Führer mit Namen an, erwähnend, was sie schon Rühmliches getan; überall
+jauchzten ihm die Scharen zu, forderten, nicht länger zu zögern, den
+Angriff zu beginnen. Sobald sich die ganze Linie in geschlossener Ordnung
+auf Pfeilschußweite den Feinden genähert hatte, warf sich Alexander unter
+dem Schlachtrufe des Heeres mit seiner Ritterschaft in den Pinaros. Ohne
+von dem Pfeilhagel des Feindes bedeutenden Verlust zu erleiden, erreichten
+sie das jenseitige Ufer, stürzten sich mit solcher Gewalt auf die
+feindliche Linie, daß diese nach kurzem vergeblichen Widerstande sich zu
+lösen und zu weichen begann. Schon sah Alexander des Perserkönigs
+Schlachtwagen, er drang auf diesen vor; es entspann sich das blutigste
+Handgemenge zwischen den edlen Persern, die ihren König verteidigten und
+den makedonischen Rittern, die ihr König führte; es fielen Arsames,
+Rheomithres, Atizyes, der ägyptische Satrap Sabakes; Alexander selbst ward
+im Schenkel verwundet; desto erbitterter kämpften die Makedonen; dann
+wandte Dareios seinen Wagen aus dem Getümmel, ihm folgten die nächsten
+Reihen, die links gegen die Höhe vorgeschobenen; bald war hier die Flucht
+allgemein. Die Paionen, die Agrianer, die beiden Ilen des äußersten
+makedonischen Flügels stürzten sich von rechts her auf die verwirrten
+Haufen und vollendeten an dieser Seite den Sieg.
+
+Indes hatte dem heftigen Vorrücken Alexanders das schwere Fußvolk der Mitte
+nicht in gleicher Linie folgen können, so daß da Lücken entstanden, die der
+Eifer, nachzukommen, schon durch die steilen Ufer des Pinaros gehemmt, nur
+vergrößerte; als Alexander schon in dem Zentrum der Feinde wütete und ihr
+linker Flügel wankte, eilten die Hellenen des Perserheeres, sich auf die
+makedonischen Hopliten, denen sie sich an Mut, Waffen und Kriegskunst
+gewachsen wußten, da, wo in deren Linie die größte Lücke war, zu werfen. Es
+galt, den schon verlorenen Sieg wieder zu gewinnen; gelang es, die
+Makedonen wieder von dem steilen Ufer zurück und über den Fluß zu drängen,
+so war Alexander in der Flanke entblößt und so gut wie verloren. Diese
+Gefahr feuerte die Pezetairen zu doppelter Anstrengung an; sie hätten den
+Sieg, den Alexander schon gewonnen, preisgegeben, wenn sie wichen. Den
+Kampf des gleichen Mutes und der gleichen Kraft machte der alte Haß
+zwischen Hellenen und Makedonen noch blutiger; man wütete doppelt, weil der
+Feind des Feindes Fluch und Todesseufzer verstand. Schon war Ptolemaios,
+des Seleukos Sohn, der die vorletzte Taxis führte, schon waren zahlreiche
+Offiziere gefallen; nur kaum noch, mit äußerster Anstrengung hielt man hier
+das Gefecht, das sich in der Nähe des Gestades bereits für die Perser zu
+entscheiden schien.
+
+Nabarzanes mit den persischen Reitern war über den Pinaros gesetzt und
+hatte sich mit solchem Ungestüm auf die thessalischen Reiter geworfen, daß
+eine der Ilen ganz zersprengt wurde, die anderen sich nur durch die
+Gewandtheit ihrer Pferde, sich immer von neuem rasch sammelnd und bald da,
+bald dort dem Feinde mit neuem Stoß zuvorkommend, zu behaupten vermochten;
+es war nicht möglich, daß sie auf die Dauer der Übermacht und der Wut der
+persischen Reiter widerstanden. Aber schon war der linke Flügel der Perser
+gebrochen und Dareios suchte, statt in der Schlacht und bei seinen
+Getreuen, sein Heil in der Flucht. Alexander sah seine Phalangen in Gefahr;
+er eilte, sie zu retten, ehe er den flüchtigen König weiter verfolgte; er
+ließ seine Hypaspisten links schwenken und den griechischen Söldnern,
+während die Hopliten der Phalanx von neuem ansetzten, in die Flanke fallen,
+die, unfähig, dem Doppelangriff zu widerstehen, geworfen, zersprengt,
+niedergemacht wurden. Die Massen hinter ihnen, die als Reserve hätten
+dienen und nun den Kampf aufnehmen können, waren der Flucht des Großkönigs
+gefolgt. Die Reiter des Nabarzanes, die noch im heißesten Kampf und im
+Vordringen waren, erreichte jetzt das Geschrei: »Der König flieht«; sie
+begannen zu stocken, sich zu lockern, zu fliehen; von den Thessalern
+verfolgt, jagten sie über die Ebene. Alles stürzte den Bergen zu, die
+Schluchten füllten sich; das Gedränge aller Waffen und Nationen, der
+zermalmende Hufschlag der stürzenden Pferde, das Geschrei der
+Verzweifelnden, die mörderische Wut ihrer Todesangst unter den Klingen und
+Spießen der verfolgenden Makedonen und deren jubelndes Siegesgeschrei --
+das war das Ende des glorreichen Tages von Issos.
+
+Der Verlust der Perser war ungeheuer, der Wahlplatz mit Leichen und
+Sterbenden bedeckt, die Schluchten des Gebirges mit Leichen gesperrt, und
+hinter dem Wall von Leichen des Königs Flucht sicher.
+
+Dareios, der, sobald Alexanders erster Angriff glückte, sein Viergespann
+gewendet hatte, war durch die Ebene bis zu den Bergen gejagt; dann hemmte
+der jähe Boden seine Eile, er sprang vom Wagen, ließ Mantel, Bogen und
+Schild zurück und warf sich auf eine Stute, die zu ihrem Füllen im Stall
+mit der Eile, die Dareios verlangte, heimjagte. Alexander setzte ihm nach,
+solange es Tag war; den Großkönig zu fangen, schien der Siegespreis des
+Tages; er fand in der Schlucht dessen Schlachtwagen, Schild, Mantel, Bogen;
+mit diesen Trophäen kehrte er ins Lager der Perser zurück, das ohne Kampf
+von seinen Leuten besetzt und zur Nachtruhe eingerichtet war.
+
+Die Beute, die man machte, war, außer dem üppigen Prunke des Lagers und den
+kostbaren Waffen der persischen Großen, an Geld und Geldeswert nicht
+bedeutend, da die Schätze, die Feldgerätschaften, die Hofhaltungen des
+Großkönigs und der Satrapen nach Damaskos gesendet waren. Aber die
+Königinmutter Sisygambis, die Gemahlin des Dareios und deren Kinder fielen
+mit dem Lager, in dem sie über der Verwirrung der Flucht vergessen waren,
+in des Siegers Hand. Als Alexander, vom Verfolgen zurückgekehrt, mit seinen
+Offizieren im Zelte des Dareios zu Nacht aß, hörte er das Wehklagen
+weiblicher Stimmen in der Nähe und erfuhr, daß es die königlichen Frauen
+seien, die Dareios für tot hielten, weil sie gesehen, wie sein Wagen, sein
+Bogen und Königsmantel im Triumph durch das Lager gebracht war; sogleich
+sandte er Leonnatos, einen der Freunde, an sie mit der Versicherung:
+Dareios lebe, sie hätten nichts zu fürchten, er sei weder ihr noch Dareios'
+persönlicher Feind, es handle sich im ehrlichen Kampf um Asiens Besitz, er
+werde ihren Rang und ihr Unglück zu ehren wissen. Er hielt ihnen sein Wort;
+nicht allein, daß sie die Schonung genossen, die dem Unglück gebührt, auch
+die Ehrerbietung, an die sie in den Tagen des Glückes gewöhnt waren, wurde
+ihnen nach wie vor gezollt, der Dienst um sie nach persischer Sitte
+fortgesetzt. Alexander wollte sie nicht als Kriegsgefangene, sondern als
+Königinnen halten, er wollte über den Unterschied von Griechen und Barbaren
+die Majestät des Königstums gestellt sehen. Hier zuerst wurde erkennbar,
+wie er sein Verhältnis zu Persien zu gestalten dachte. Unter gleichen
+Umständen hätten die Athener und Spartaner ihren Haß oder ihre Habgier das
+Schicksal der feindlichen Fürstinnen bestimmen lassen; Alexanders Benehmen
+war ebensosehr ein Beweis freierer oder doch weiterblickender Politik, wie
+sie für seinen hochherzigen Sinn zeugt. Seine Zeitgenossen priesen diesen,
+weil sie oder solange sie jene nicht begriffen; fast keine Tat Alexanders
+haben sie mehr bewundert als diese Milde, wo er den stolzen Sieger, diese
+Ehrerbietung, wo er den Griechen und den König hätte zeigen können;
+denkwürdiger als alles schien ihnen, daß er, darin größer als sein großes
+Vorbild Achill, das Recht des Siegers auf des Besiegten Gemahlin, die doch
+für die schönste aller asiatischen Frauen galt, geltend zu machen
+verschmähte; von ihrer Schönheit auch nur zu sprechen, wo er nahe war,
+verbot er, damit auch nicht _ein_ Wort den Gram der edlen Frau vermehre.
+Man erzählte nachmals, der König sei, nur von seinem Lieblinge Hephaistion
+begleitet, in das Zelt der Fürstinnen gekommen, dann habe die
+Königinmutter, ungewiß, wer von beiden gleich glänzend gekleideten Männern
+der König sei, sich vor Hephaistion, der höher von Gestalt war, in den
+Staub geworfen, nach persischer Sitte anzubeten; aber da sie, durch
+Hephaistions Zurücktreten über ihren Irrtum belehrt, in der höchsten
+Bestürzung ihr Leben verwirkt geglaubt, habe Alexander lächelnd gesagt: »Du
+hast nicht geirrt, auch der ist Alexander«; dann habe er den sechsjährigen
+Knaben des Dareios auf den Arm genommen, ihn geherzt und geküßt.
+
+Der Verlust des makedonischen Heeres in dieser Schlacht wird auf 300 Mann
+vom Fußvolk, 150 Reiter angegeben. Der König selbst war am Schenkel
+verwundet. Trotzdem besuchte er am Tage nach der Schlacht die Verwundeten;
+er ließ die Gefallenen mit allem militärischen Gepränge, indem das ganze
+Heer zur Schlacht ausrückte, bestatten; die drei Altäre am Pinaros wurden
+ihr Denkmal, die Stadt Alexanders am Eingange der syrischen Pässe das
+Denkmal des großen Tages von Issos, der mit einem Schlage die persische
+Macht vernichtet hatte.
+
+Von dem persischen Heere sollen gegen 100 000 Mann, darunter 10 000 Reiter,
+umgekommen sein. Daß es auf seinem linken Flügel zuerst geschlagen und nach
+dem Meere zu aufgerollt war, hatte die Reste desselben völlig zersprengt.
+Die Masse flüchtete über die Berge nach dem Euphrat; andere Haufen waren
+nordwärts in die kilikischen Berge geflohen und hatten sich von da nach
+Kappadokien, Lykaonien, Paphlagonien geworfen; teils Antigonos von
+Phrygien, teils Kalas von Kleinphrygien bewältigte sie. Von den
+hellenischen Söldnern retteten sich etwa 8000 vom Schlachtfelde über die
+amanischen Berge nach Syrien, erreichten, von Amyntas, dem makedonischen
+Flüchtling geführt, in ziemlich geordnetem Rückzuge Tripolis, wo am Strande
+noch die Trieren lagen, auf denen sie gekommen waren; sie besetzten von
+diesen so viele, als zu ihrer Flucht nötig waren, verbrannten die anderen,
+um sich nicht den Feinden in die Hände fallen zu lassen, fuhren dann nach
+Kypros hinüber. Andere mögen auf anderen Wegen die See erreicht haben und
+nach dem Tainaron gezogen sein, neue Dienste zu suchen. Mit denen auf
+Cypern wandte sich Amyntas nach Pelusion, dort des bei Issos gefallenen
+Satrapen Sabakes Stelle, mit der bereits der Perser Mazakes betraut war, an
+sich zu bringen. Schon war er bis vor die Tore von Memphis gedrungen,
+schon Herr des wichtigsten Teiles von Ägypten, als seine Söldner, durch
+ihre frechen Plünderungen verhaßt und wieder, um zu plündern, in der Gegend
+zerstreut, von den Ägyptern, die der Satrap aufgerufen, überfallen und
+sämtlich, Amyntas mit ihnen, erschlagen wurden.
+
+Dareios selbst hatte auf seiner Flucht bis Onchai die Reste seines
+persischen Volkes und etwa 4000 hellenische Söldner gesammelt und mit
+diesen in unablässiger Eile seinen Weg nach Thapsakos fortgesetzt, bis er
+hinter dem Euphrat sich vor weiterer Gefahr sicher glaubte. Mehr als der
+Verlust der Schlacht und einiger Satrapien mochte der der Seinigen, mehr
+als die Schande der Niederlage und der Flucht die Schande, der er seine
+Gemahlin, die schönste Perserin, in den Händen des stolzen Feindes
+preisgegeben fürchtete, sein Herz kränken; und indem er über sein
+häusliches Unglück und seinen Kummer wohl die Gefahr und Ohnmacht seines
+Reiches, aber nicht seinen erhabenen Rang vergaß, glaubte er Großes zu tun,
+wenn er dem Sieger in großmütiger Herablassung einen ersten Schritt
+entgegenkam. Er schickte bald nach der Schlacht Gesandte an Alexander mit
+einem Schreiben, das darlegte, wie dessen Vater Philipp mit dem Großkönig
+Artaxerxes in Freundschaft und Bundesgenossenschaft gestanden, aber nach
+dessen Tod gegen den Großkönig Arses zuerst und ohne den geringsten Anlaß
+von seiten Persiens Feindseligkeiten begonnen, wie dann bei dem erfolgten
+neuen Thronwechsel in Persien Alexander selbst versäumt habe, an ihn, den
+König Dareios, Gesandte zu schicken, um die alte Freundschaft und
+Bundesgenossenschaft zu befestigen, vielmehr mit Heeresmacht nach Asien
+eingebrochen sei und den Persern vieles und schweres Unglück bereitet habe;
+deshalb habe er, der Großkönig, seine Völker versammelt und wider ihn
+geführt; da der Ausgang der Schlacht wider ihn entschieden habe, so fordere
+er, der König, von ihm, dem Könige, seine Gemahlin, seine Mutter und
+Kinder, die kriegsgefangen seien, ihm zurückzugeben; er erbiete sich,
+Freundschaft und Bundesgenossenschaft mit ihm zu schließen; er fordere ihn
+auf, die Überbringer dieser Botschaft, Menikos und Arsimas, durch
+Bevollmächtigte zurückbegleiten zu lassen, um die nötigen Gewährleistungen
+zu geben und zu empfangen.
+
+Auf dieses Schreiben und die anderweitigen mündlichen Eröffnungen der
+königlichen Botschafter antwortete Alexander in einem Schreiben, das er
+seinem Gesandten Thersippos, welcher mit jenen an den Hof des Dareios
+abging, zu übergeben befahl, ohne sich auf weitere mündliche
+Unterhandlungen einzulassen. Das Schreiben lautete:
+
+»Eure Vorfahren sind nach Makedonien und in das übrige Hellas gekommen und
+haben, ohne den geringsten Anlaß von Seiten der Hellenen, mannigfaches
+Unglück über uns gebracht. Ich, zum Feldherrn der Hellenen erwählt und
+entschlossen, die Perser entgelten zu lassen, was sie uns getan, bin nach
+Asien hinübergegangen, nachdem Ihr neuerdings Veranlassung zum Kriege
+gegeben habt. Denn die Perinthier, die meinen Vater beleidigt hatten, habt
+Ihr unterstützt und nach Thrakien, über das wir Herren sind, hat Ochos
+Kriegsmacht gesandt; mein Vater ist unter den Händen von Meuchelmördern,
+die, wie Ihr selbst auch in Briefen an jedermann erwähnt habt, von Euch
+angestiftet wurden, umgekommen; mit Bagoas gemeinschaftlich hast Du den
+König Arses ermordet und Dir den persischen Thron unrechtmäßigerweise,
+nicht nach dem Herkommen der Perser, sondern mit Verletzung ihrer
+heiligsten Rechte angemaßt; Du hast in Beziehung auf mich Schreiben, die
+nichts weniger als freundschaftlich waren, den Hellenen, um sie zum Kriege
+gegen mich aufzureizen, zukommen lassen; hast an die Spartaner und gewisse
+andere Hellenen Geld gesandt, das zwar von keinem der anderen Staaten, wohl
+aber von den Spartanern angenommen worden ist; hast endlich durch Deine
+Sendlinge meine Freunde zu verführen und den Frieden, den ich den Hellenen
+gegeben habe, zu stören gesucht. Aus diesen Gründen bin ich gegen Dich zu
+Felde gezogen, nachdem die Feindseligkeiten von Dir begonnen sind. Im
+gerechten Kampfe Sieger zuerst über Deine Feldherren und Satrapen, jetzt
+auch über Dich und die Heeresmacht, die mit Dir war, bin ich durch die
+Gnade der unsterblichen Götter auch des Landes Herr, das Du Dein nennest.
+Wer von denen, die in Deinen Reihen wider mich gekämpft haben, nicht im
+Kampfe geblieben ist, sondern sich zu mir und in meinen Schutz begeben hat,
+für den trage ich Sorge; keiner ist ungern bei mir, vielmehr treten alle
+gern und freiwillig unter meinen Befehl. Da ich so Herr über Asien bin, so
+komm auch Du zu mir; solltest Du zu irgendeiner Besorgnis, im Fall Du
+kämest, Grund zu haben glauben, so sende einige Deiner Edlen, um die
+gehörigen Sicherheiten zu empfangen. Bei mir angelangt, wirst Du um die
+Zurückgabe Deiner Mutter, Deiner Gemahlin, Deiner Kinder und um was Du
+sonst willst, bittend geneigtes Gehör finden; was Du von mir verlangen
+wirst, soll Dir werden. Übrigens hast Du, wenn Du von neuem an mich
+schickst, als an den König von Asien zu senden, auch nicht an mich wie an
+Deinesgleichen zu schreiben, sondern mir, dem Herrn alles dessen, was Dein
+war, Deine Wünsche mit der gebührenden Ergebenheit vorzulegen,
+widrigenfalls ich mit Dir als dem Beleidiger meiner königlichen Majestät
+verfahren werde. Bist Du aber über den Besitz der Herrschaft anderer
+Meinung, so erwarte mich noch einmal zum Kampf um dieselbe im offenen Felde
+und fliehe nicht; ich für meinen Teil werde Dich aufsuchen, wo Du auch
+bist.«
+
+Ist dieses Schreiben, so wie es vorliegt, erlassen worden, so war es nicht
+bloß für den geschrieben, an den es gerichtet war, sondern ein Manifest,
+das der Sieger zugleich an die Völker Asiens und an die Hellenen richtete.
+
+Auch an die Hellenen. Noch war die Perserflotte im Ägäischen Meere, und
+ihre Nähe nährte die Aufregung in den Staaten von Hellas. Ein Sieg dort,
+eine dreiste Landung auf dem Isthmos oder in Euboia hätte mit der dann
+unzweifelhaften Schilderhebung der Hellenen unberechenbare Wirkungen
+gehabt, Makedonien selbst sehr ernsten Gefahren ausgesetzt. Darum, so
+scheint es, war Alexander so spät von Gordion aufgebrochen; er hätte im
+Notfalle von dort in fünfzehn Tagesmärschen den Hellespont erreichen
+können. Vielleicht erst die Nachricht von der Abführung der hellenischen
+Söldner nach Tripolis mochte ihn zum Aufbruch bestimmt haben; ohne diese
+durften die Bewegungen der persischen Flotte, die überdies um die in
+Tripolis bleibenden Schiffe gemindert war, seinem militärischen Blick als
+bloße Ostentation erscheinen.
+
+Bei weitem nicht so urteilten die Patrioten in Hellas. Wie mochte ihnen der
+Mut wachsen, als Hegelochos durch den tapferen Beschluß der Athener,
+hundert Trieren in See zu schicken, geschreckt, die angehaltenen attischen
+Schiffe freigegeben hatte; wie gar, als die makedonische Besatzung in
+Mytilene gezwungen wurde, zu kapitulieren, die ganze Insel zum
+Antalkidischen Frieden zurückkehrte, Tenedos die mit Alexander und dem
+Korinthischen Bunde geschlossenen Verträge aufgeben und sich wieder zu dem
+Antalkidischen Frieden bekennen mußte. Der glorreiche Antalkidische Friede
+war dem hellenischen Patriotismus das rettende Prinzip, unter diesem Banner
+gedachte man den Greuel des Korinthischen Bundes aus dem Felde zu schlagen.
+Damals wurde auf der attischen Rednerbühne mit offnen Worten der Bruch mit
+Alexander empfohlen, trotz der geschlossenen Verträge; »in diesen steht,«
+sagt ein Redner, »wenn wir teilhaben wollen an dem gemeinen Frieden; also
+können wir auch das Gegenteil wollen.«
+
+Noch beherrschte die persische Flotte, trotz der kleinen Schlappen, die
+Datames erlitten, das Ägäische Meer. Nach der Einnahme von Tenedos hatten
+die persischen Admirale ein Geschwader unter Aristomenes in den Hellespont
+gesandt, sich der Küsten dort zu bemächtigen, sie selbst waren, die
+ionische Küste brandschatzend, nach Chios gegangen; freilich versäumten
+sie, die wichtige Position von Halikarnaß zu decken, wo Othontopates noch
+die Seeburg hielt; diese fiel -- in Soloi erhielt Alexander die Nachricht
+davon -- in die Hand der Makedonen; nach dem schweren Verlust an
+Mannschaft, den die Perser erlitten, mußten wohl auch die Punkte auf dem
+Festlande, die sie noch hatten, Myndos, Kaunos, das Triopion aufgegeben
+werden; nur Kos, Rhodos, Kalymna, damit der Eingang in die Bucht von
+Halikarnaß blieben noch persisch. Sie wußten, daß Dareios bereits über den
+Euphrat vorgerückt sei, mit einem Heere, in dem die griechischen Söldner
+allein der ganzen Armee Alexanders gleichkamen, mit einer unermeßlichen
+Übermacht an Reitern.
+
+Es ist nicht klar, welche Motive die nächst weitere Aktion der Admirale
+bestimmten, ob das Vordringen des Hegelochos, der auf Alexanders Weisung
+von neuem eine Flotte im Hellespont gesammelt hatte, dem Aristomenes mit
+seinem Geschwader erlag, der Tenedos wieder gewann, -- oder die Absicht,
+mit der erwarteten Niederlage Alexanders zugleich die allgemeine Empörung
+in Hellas aufflammen zu machen. Sie ließen eine Besatzung in Chios, einige
+Schiffe bei Kos und Halikarnaß zurück; sie gingen mit 100 Schiffen, den am
+besten fahrenden, nach Siphnos. Dort kam König Agis zu ihnen, freilich mit
+nur einer Triere, aber mit einem großen Plan, zu dessen Ausführung er sie
+ersuchte, soviel Schiffe und Truppen als möglich mit ihm nach dem
+Peloponnes zu senden, ihm Geld zu weiteren Werbungen zu geben. Auch in
+Athen war die Stimmung auf das höchste erregt oder doch die Patrioten
+bemüht, sie zu entzünden; »als Alexander«, sagt Äschines drei Jahre später,
+in einer Rede gegen Demosthenes, »in Kilikien eingeschlossen war und Mangel
+an allem litt, wie du sagtest und nächster Tage, wie deine Worte waren, von
+der persischen Reiterei niedergestampft sein sollte, da faßte das Volk
+deine Zudringlichkeiten nicht, noch die Briefe, die du in deinen Händen
+haltend umhergingst, mochtest du auch den Leuten mein Gesicht zeigen, wie
+entmutigt und verstört es aussehe, auch wohl mich als das Opfertier
+bezeichnen, das fallen werde, sobald dem Alexander etwas begegnet sei.« Und
+doch, sagt Äschines, empfahl Demosthenes noch zu zögern; desto eifriger
+mögen Hypereides, Moirokles, Kallisthenes gedrängt haben, mit Agis vereint
+die hellenischen Staaten, die nur das Zeichen zum Abfall zu erwarten
+schienen, gegen Antipatros und Makedonien zu führen. Es muß dahingestellt
+bleiben, ob auch mit Harpalos Verbindungen angeknüpft wurden, dem
+Schatzmeister Alexanders, der sich jüngst, gewiß nicht mit leeren Händen,
+aus dem Staube gemacht hatte und nun in Megara war.
+
+Aber statt der erwarteten Siegesnachricht aus Kilikien kam die von der
+gänzlichen Niederlage des Großkönigs, von der völligen Vernichtung des
+Perserheeres. Die Athener mochten Gott danken, daß sie noch nichts getan,
+was sie weiter zu gehen zwang. Die persischen Admirale eilten zu retten,
+was noch zu retten war. Pharnabazos segelte mit zwölf Trieren und 1500
+Söldnern nach der Insel Chios, deren Abfall er fürchten mußte,
+Autophradates mit dem größten Teil der Flotte -- auch die tyrischen Schiffe
+unter dem Könige Azemilkos waren mit ihm -- nach Halikarnaß. König Agis
+erhielt statt der großen Land- und Seemacht, die er gefordert hatte,
+dreißig Talente und zehn Schiffe; er sandte sie seinem Bruder Agesilaos
+nach dem Tänaron mit der Weisung, den Schiffsleuten die volle Löhnung
+auszuzahlen und dann nach Kreta zu eilen, um sich der Insel zu versichern;
+er selbst folgte nach einigem Aufenthalt in den Kykladen dem Autophradates
+nach Halikarnaß. An Unternehmungen zur See konnte nicht weiter gedacht
+werden, da die phönikischen Geschwader -- denn daß Alexander nicht nach dem
+Euphrat marschierte, zeigte sich bald genug -- nur die Jahreszeit
+abwarteten, um in die Heimat zu segeln, die sich vielleicht schon den
+Makedonen hatte ergeben müssen. Auch die kyprischen Könige glaubten für
+ihre Insel fürchten zu müssen, sobald die phönikische Küste in Alexanders
+Gewalt war.
+
+Es ist in neuerer Zeit als seltsam, als planlos bezeichnet worden, daß
+Alexander nicht nach der Schlacht von Issos die Verfolgung der Perser
+fortgesetzt, den Euphrat zu überschreiten sich beeilt habe, um dem Reich
+der Perser ein Ende zu machen. Es wäre töricht gewesen, er würde einen Stoß
+in die Luft getan haben, während sein Rücken noch keineswegs gesichert war.
+Der Zug der hellenischen Söldner nach Pelusion konnte ihn daran erinnern,
+daß er Ägypten haben mußte, wenn er seinen Marsch ins Innere Asiens sicher
+basieren wollte. Nicht Babylon und Susa waren der Siegespreis für Issos,
+sondern daß die Küste des Mittelmeeres bis zum öden Strand der Syrte ihm
+offenstand, daß zunächst Phönikien, dieses unerschöpfliche Arsenal des
+Perserreiches, mochte es sich unterwerfen oder verteidigen wollen, seine
+Flotte aus den griechischen Meeren zurückziehen mußte, daß damit die von
+Sparta begonnene Bewegung, ohne jede weitere Unterstützung von seiten
+Persiens, bald gebrochen werden konnte, daß endlich mit der Besetzung des
+Nillandes, der dann kein wesentliches Hindernis weiter entgegentreten
+konnte, die Operationsbasis für den Feldzug nach dem weiteren Osten ihre
+volle Breite und Festigkeit hatte.
+
+Dem entsprechend mußte der Gang der weiteren Unternehmungen sein. Alexander
+sandte Parmenion mit den thessalischen Reitern und anderen Truppen das Tal
+des Orontes aufwärts nach Damaskos, der Hauptstadt Koilesyriens, wohin die
+Kriegskasse, das Feldgerät, die ganze kostbare Hofhaltung des Großkönigs,
+sowie die Frauen, Kinder, Schätze der Großen von Sochoi aus gesendet worden
+waren. Durch den Verrat des syrischen Satrapen, der mit den Schätzen und
+der Karawane so vieler edler Perserinnen und ihrer Kinder flüchten zu
+wollen vorgab, fielen diese und die Stadt in Parmenions Hände. Die Beute
+war ungemein groß; unter den vielen tausend Gefangenen befanden sich die
+Gesandten von Athen, Sparta und Theben, die vor der Schlacht bei Issos zu
+Dareios gekommen waren. Auf Parmenions Bericht von dieser Expedition befahl
+Alexander, alles, was an Menschen und Sachen in seine Hände gefallen sei,
+nach Damaskos zurückzubringen und zu bewachen, die griechischen Gesandten
+ihm sofort zuzuschicken. Sobald diese angekommen waren, entließ er die
+beiden Thebaner ohne weiteres, teils aus Rücksicht für ihre Person, indem
+der eine, Thessaliskos, des edlen Ismenias Sohn, der andere, Dionysidoros,
+ein olympischer Sieger war, teils aus Mitleid mit ihrer unglücklichen
+Vaterstadt und dem nur zu verzeihlichen Haß der Thebaner gegen Makedonien;
+den Athener Iphikrates, den Sohn des Feldherrn gleichen Namens, behielt er
+aus Achtung für dessen Vater und um den Athenern einen Beweis seiner
+Nachsicht zu geben, in hohen Ehren um seine Person; der Spartiate Euthykles
+dagegen, dessen Vaterstadt gerade jetzt offenbaren Krieg begonnen hatte,
+wurde vor der Hand als Gefangener zurückbehalten; er ist späterhin, als die
+immer größeren Erfolge der makedonischen Waffen das Verhältnis zu Sparta
+änderten, in seine Heimat entlassen worden.
+
+Während Parmenions Zug nach Damaskos hatte Alexander die Verhältnisse
+Kilikiens geordnet. Wir erfahren wenig darüber aber das wenige ist
+bezeichnend. Dies Gebiet, das militärisch wichtiger war als irgendein
+anderes, und das in den freien und tapferen Stämmen des Tauros eine
+gefährliche Umgebung hatte, mußte in durchaus feste Hand gelegt werden. Der
+König übertrug es einem der sieben Leibwächter, dem Balakros, Nikanors
+Sohn; es scheint, daß ihm mit der Satrapie zugleich die Strategie
+übertragen wurde; wir finden demnächst des Balakros Kämpfe gegen die
+Isaurier erwähnt. Man glaubt, unter den Münzen Alexanders vom älteren Typus
+eine bedeutende Zahl von kilikischem Gepräge zu erkennen. Für Syrien,
+soweit es durch Parmenion besetzt war -- Koilesyrien -- wurde Menon,
+Kerdimmas' Sohn, zum Satrapen ernannt. Über Phönikien konnte der König noch
+nicht verfügen; dort erwarteten ihn nicht geringe Schwierigkeiten.
+
+Die politische Stellung der phönikischen Städte im Perserreich war
+besonderer Art, eine Folge ihrer geographischen Lage und ihrer inneren
+Verhältnisse. Seit Jahrhunderten zur See mächtig, entbehrten sie des für
+Seemächte fast unentbehrlichen Vorteils der insularen Lage; sie waren
+nacheinander die Beute der Assyrer, der Babylonier, der Perser geworden.
+Aber auf der Landseite durch die hohen Bergketten des Libanon fast vom
+Binnenlande abgeschnitten und teilweise auf kleinen Küsteninseln erbaut,
+die wenigstens dem unmittelbaren und fortwährenden Einfluß der auf dem
+Festlande herrschenden Macht nicht ganz zur Hand waren, behaupteten sie mit
+ihrer alten Verfassung die alte Selbständigkeit insoweit, daß sich die
+Perserkönige gern mit der Oberherrlichkeit und der Befugnis, die
+phönikische Flotte aufzubieten, begnügten. Die einst sehr bedrohliche
+Rivalität der Griechen in Handelsschiffahrt, Industrie, Seemacht war,
+seitdem der alte attische Seebund zusammengebrochen war, überholt; und
+selbst in den Zeiten der völligen Unabhängigkeit dieser Städte war ihre
+Betriebsamkeit und ihr Wohlstand vielleicht nicht so groß gewesen wie
+jetzt unter der Perserherrschaft, die ihrem Handel ein unermeßliches
+Hinterland sicherte. Während sonst in allen dem Perserreiche einverleibten
+Ländern die frühere volkstümliche Zivilisation entartet oder vergessen war,
+blieb in Phönikien der alte Handelsgeist und die Art von Freiheit, die der
+Betrieb des Handels fordert. Auch bei den Phönikern hatte es nicht an
+Versuchen gefehlt, sich der Herrschaft des Großkönigs zu entziehen; wenn es
+trotz der Erschlaffung der Persermacht damit nicht gelungen war, so lag der
+Grund in der inneren Verfassung und mehr noch in den scharf ausgeprägten
+Sonderinteressen der untereinander eifersüchtigen Städte. Als zur Zeit des
+Königs Ochos Sidon auf dem Bundestage zu Tripolis die beiden anderen
+Hauptstädte des Bundes, Tyros und Arados, zur Teilnahme an der Empörung
+aufrief, versprachen sie Hilfe, warteten aber untätig das Ende eines
+Unternehmens ab, das, falls es glückte, sie mit befreite, falls es
+mißglückte, mit Sidons Verlusten ihre Macht und ihren Handel mehren mußte.
+Sidon unterlag, brannte nieder, verlor die alte Verfassung und
+Selbständigkeit und Byblos, so scheint es, trat statt ihrer in den
+Bundesrat von Tripolis oder hob sich wenigstens seit dieser Zeit so, daß es
+fortan neben Arados und Tyros eine Rolle zu spielen vermochte.
+
+Die neun Städte von Kypros, in ihrem Verhältnis zum Perserreiche den
+phönikischen ähnlich, aber durch ihren zum Teil hellenischen Ursprung und
+die größere Gunst ihrer Lage ungeduldiger frei zu sein, hatten zu gleicher
+Zeit mit Sidon, König Pnytagoras von Salamis an ihrer Spitze, sich empört,
+waren aber unter Pnytagoras' Bruder Euagoras bald nach Sidons Fall zum
+Gehorsam zurückgekehrt; und wenn nach einiger Zeit Pnytagoras die
+Herrschaft von Salamis wiedererhielt, so war völlige Hingebung an das
+persische Reich die Bedingung gewesen, unter der er, wie ehedem, der erste
+unter den kleinen Fürsten von Cypern sein durfte.
+
+Zwanzig Jahre waren nach jenem Aufstand verflossen, als Alexander seinen
+Krieg gegen Persien begann. Die Schiffe der Phöniker unter ihren »Königen«,
+die von Tyros unter Azemilkos, die der Aradier unter Gerostratos, die von
+Byblos unter Enylos, ihnen zugesellt die von Sidon; ferner die kyprischen
+Schiffe unter Pnytagoras und den anderen Fürsten, waren auf des
+Perserkönigs Aufruf in die hellenischen Gewässer gegangen, hatten dort,
+freilich bald unter schlaffer Führung, ohne großen Erfolg den Krieg
+geführt. Die Schlacht von Issos änderte für die phönikischen Städte die
+Lage der Dinge völlig. Wenn sie gemeinsame Sache gemacht, wenn sie ihre
+Seemacht vereinigt hätten, jeden Punkt, auf den sich der Feind werfen
+wollte, gemeinsam zu unterstützen, wenn die Admirale des Großkönigs die
+hellenischen Gewässer und die jetzt wirkungslose Offensive aufgegeben
+hätten, um die phönikischen Häfen zu verteidigen, so ist nicht abzusehen,
+wie die nur kontinentale Macht des Eroberers es über die maritime
+Verteidigung dieser befestigten und volkreichen Städte hätte davontragen
+sollen. Aber die phönikischen Städte waren trotz ihres Bundes nichts
+weniger als geeint, am wenigsten seit dem, was sie in Sidon hatten
+geschehen lassen. Die Sidonier werden den Sieg von Issos mit Jubel begrüßt
+haben; sie durften hoffen, durch Alexander wiederzuerhalten, was sie im
+Kampfe gegen den persischen Despoten eingebüßt hatten. Byblos, durch Sidons
+Fall gehoben, mußte ebenso besorgt sein, alles zu verlieren, wie es, auf
+dem Festlande gelegen, unfähig war, dem siegreichen Heere Alexanders zu
+widerstehen; Arados und Tyros dagegen lagen im Meere; doch hatte Arados,
+weniger durch ausgebreiteten Handel als durch Besitzungen auf dem Festlande
+mächtig, durch Alexanders Heranrücken mehr zu verlieren als Tyros, das mit
+den 80 Schiffen, die es noch daheim hatte, sich auf seiner Insel sicher
+glaubte.
+
+Als nun Alexander vom Orontes her sich dem Gebiete der phönikischen Städte
+nahte, kam ihm auf dem Wege Straton, des aradischen Fürsten Gerostratos
+Sohn, entgegen, überreichte ihm namens seines Vaters einen goldenen Kranz
+und unterwarf ihm dessen Gebiet, welches den nördlichsten Teil der
+phönikischen Küste umfaßte und sich eine Tagesreise weit landeinwärts bis
+zur Stadt Mariamne erstreckte; auch die große Stadt Marathos, in der sich
+Alexander einige Tage aufhielt, gehörte zum Gebiete von Arados. Auf seinem
+weiteren Zuge nahm er Byblos durch vertragsmäßige Übergabe. Die Sidonier
+eilten, sich dem Sieger der verhaßten Persermacht zu ergeben; Alexander
+nahm auf ihre ehrenvolle Einladung die Stadt in Besitz, gab ihr ihr
+früheres Gebiet und ihre frühere Verfassung wieder, indem er dem
+Abdollonymos, einem in Armut lebenden Nachkommen der sidonischen Könige,
+die Herrschaft übertrug; er brach dann nach Tyros auf.
+
+Auf dem Wege dahin begrüßte ihn eine Deputation der reichsten und
+vornehmsten Bürger von Tyrus, an ihrer Spitze der Sohn des Fürsten
+Azemilkos; sie erklärten, daß die Tyrier bereit seien zu tun, was Alexander
+verlangen werde. Der König dankte ihnen und belobte ihre Stadt; er gedenke
+nach Tyros zu kommen, um im Tempel des tyrischen Herakles ein feierliches
+Opfer zu halten.
+
+Es war gerade das, was die Tyrier nicht wollten: unter den jetzigen
+Verhältnissen, darüber waren die Lenker der Stadt einig, müsse sie, wie zur
+Zeit der sidonischen Empörung mit so glücklichem Erfolge geschehen sei, mit
+der strengsten Neutralität ihre Unabhängigkeit sichern, um bei jedem
+Ausgange des Krieges ihren Vorteil zu finden; und sie könne es, da die
+Marine der Stadt trotz dem im Ägäischen Meere befindlichen Geschwader
+bedeutend genug sei, den gefaßten Beschlüssen Achtung zu verschaffen; noch
+habe die persische Seemacht in allen Meeren die Oberhand und Dareios rüste
+schon ein neues Heer, um das weitere Vordringen der Makedonen zu hemmen;
+wenn er siege, so werde die Treue der Tyrier um so reicher belohnt werden,
+da bereits die übrigen phönikischen Städte die persische Sache verraten
+hätten; unterliege er, so werde Alexander, ohne Seemacht wie er sei,
+vergebens gegen die Stadt im Meere zürnen, Tyros dagegen noch immer Zeit
+haben, auf seine Flotte, seine Bundesgenossen in Cypern, dem Peloponnes und
+Libyen, sowie auf die eigenen Hilfsmittel und die unangreifbare Lage der
+Stadt gestützt, mit Alexander die Bedingungen, die dem Interesse der Stadt
+entsprächen, einzugehen. Überzeugt, eine Auskunft, die zugleich
+schicklich, gefahrlos und ersprießlich sei, gefunden zu haben, meldeten die
+Tyrier dem makedonischen Könige ihren Beschluß: sie würden sich geehrt
+fühlen, wenn er ihrem heimischen Gott in dem Tempel von Alttyros auf dem
+Festlande seine Opfer darbringe; sie seien bereit zu gewähren, was er sonst
+fordern werde, ihre Insel müsse für die Makedonen und Perser geschlossen
+bleiben.
+
+Alexander gab sofort alle weiteren Unterhandlungen auf; er beschloß das zu
+erzwingen, was für den Fortgang seiner Unternehmungen ihm unentbehrlich
+war. Das seemächtige Tyros, neutral in seinem Rücken, hätte allem
+Übelwollen und Abfall in den hellenischen Landen, hätte dem schon
+begonnenen Kampf des Königs Agis, dessen Bruder schon Kreta gewonnen hatte,
+einen Mittelpunkt und Halt gegeben. Er berief die Strategen, Ilarchen,
+Taxiarchen, sowie die Führer der Bundestruppen, teilte das Geschehene mit
+und eröffnete seine Absicht, Tyrus um jeden Preis einzunehmen; weder könne
+man den Marsch nach Ägypten wagen, solange die Perser noch eine Seemacht
+hätten, noch den König Dareios verfolgen, während man die Stadt Tyros mit
+ihrer offenbar feindlichen Gesinnung, dazu Ägypten und Cypern, die noch in
+den Händen der Perser seien, im Rücken habe; der griechischen
+Angelegenheiten wegen sei das noch weniger möglich; mit Hilfe der Tyrier
+könnten sich die Perser wieder der Seemacht bemächtigen und, während man
+auf Babylon losgehe, mit noch größerer Heeresmacht den Krieg nach Hellas
+hinüberspielen, wo die Spartaner schon offenbar aufgestanden seien und die
+Athener bisher mehr die Furcht als der gute Wille für Makedonien
+zurückgehalten habe; werde dagegen Tyros eingenommen, so habe man Phönikien
+ganz, und die phönikische Flotte, der größte und schönste Teil der
+persischen Seemacht, werde sich zu Makedonien halten müssen; denn weder die
+Matrosen, noch die übrige Bemannung der phoinikischen Schiffe würden,
+während ihre eigenen Städte besetzt wären, den Kampf zur See auszufechten
+geneigt sein; Kypros würde sich gleichfalls entschließen müssen zu folgen,
+oder sofort von der makedonisch-phönikischen Flotte genommen zu werden;
+habe man aber einmal auf der See diese vereinte Seemacht, zu der auch noch
+die Schiffe von Cypern kämen, so sei Makedoniens Herrschaft zur See wohl
+entschieden, der Zug nach Ägypten sicher und des Erfolges gewiß; und sei
+erst Ägypten unterworfen, so brauche man wegen der Verhältnisse in Hellas
+nicht weiter besorgt sein; den Zug nach Babylon könne man, über die
+heimischen Zustände beruhigt, mit desto größeren Erwartungen beginnen, da
+dann die Perser zugleich vom Meere und von den Ländern diesseits des
+Euphrat abgeschnitten seien. Die Versammlung überzeugte sich von der
+Notwendigkeit, die stolze Seestadt zu unterwerfen; aber ohne Flotte sie zu
+erobern, schien unmöglich. Immerhin unmöglich für den ersten Blick; aber
+das als notwendig Erkannte mußte auch zu ermöglichen sein; kühne Pläne
+durch kühnere Mittel zu verwirklichen gewohnt, beschloß Alexander, die
+Inselstadt landfest zu machen, um dann die eigentliche Belagerung zu
+beginnen.
+
+Neutyrus, auf einer Insel von einer halben Meile Länge und geringerer
+Breite erbaut, war vom festen Lande durch eine Meerenge von etwa tausend
+Schritt Breite getrennt, die in der Nähe der Insel etwa noch drei Faden
+Fahrwasser hatte, in der Nähe des Festlandes dagegen seicht und schlammig
+war. Alexander beschloß, an dieser Stelle einen Damm durch das Meer zu
+legen; das Material dazu lieferten die Gebäude des von den Einwohnern
+verlassenen Alttyrus und die Zedern des nahen Libanon; Pfähle ließen sich
+leicht in den weichen Meeresgrund treiben, und der Schlick diente dazu, die
+eingelassenen Werkstücke miteinander zu verbinden. Mit dem größten Eifer
+wurde gearbeitet, der König selbst war häufig zugegen; Lob und Geschenke
+machten den Soldaten die harte Arbeit leicht.
+
+Die Tyrier hatten bisher, auf ihre Schiffe, auf die Stärke und Höhe ihrer
+Mauern vertrauend, ruhig zugesehen; jetzt schien es Zeit, den übermütigen
+Feind die Torheit seines Wagnisses und die Überlegenheit einer uralten
+Meisterschaft in der Maschinenkunst erfahren zu lassen. Der Damm erreichte
+bereits das Fahrwasser; sie brachten auf die dem Lande zugewandte Seite
+ihrer hohen Mauer soviel Geschütz als möglich und begannen Pfeile und
+Steine gegen die ungedeckten Arbeiter auf dem Damm zu schleudern, während
+diese zugleich von beiden Seiten durch die Trieren der Tyrier hart
+mitgenommen wurden. Zwei der Türme, die Alexander am Ende des Dammes
+errichten ließ, mit Schirmdecken und Fellen überhangen und mit Wurfgeschütz
+versehen, schützten die Arbeiter vor den Geschossen von der Stadt her und
+vor den Trieren; mit jedem Tage rückte der Damm, wenn auch wegen des
+tieferen Wassers langsamer, vor. Dieser Gefahr zu begegnen bauten die
+Tyrier einen Brander in folgender Weise. Ein Frachtschiff wurde mit dürrem
+Reisig und anderen leicht entzündbaren Stoffen angefüllt, dann am Galeon
+zwei Mastbäume befestigt und mit einer möglichst weiten Galerie umgeben, um
+in derselben mehr Stroh und Kien aufhäufen zu können; überdies brachte man
+noch Pech und Schwefel und andere Dinge derart hinein; ferner wurden an die
+beiden Masten doppelte Rahen befestigt, an deren Enden Kessel mit allerlei
+das Feuer schnell verbreitenden Brennstoffen hingen; endlich wurde der
+hintere Teil des Schiffes schwer beladen, um das vordere Werk möglichst
+über den Wasserspiegel emporzuheben. Bei dem nächsten günstigen Winde
+ließen die Tyrier diesen Brander in See gehen; einige Trieren nahmen ihn
+ins Schlepptau und brachten ihn gegen den Damm; dann warf die in dem
+Brander befindliche Mannschaft Feuer in den Raum und in die Masten und
+schwamm zu den Trieren, die das brennende Gebäude mit aller Gewalt gegen
+die Spitze des Dammes trieben. Der Brander erfüllte, von einem starken
+Nordwestwinde begünstigt, vollkommen seinen Zweck; in kurzer Zeit standen
+die Türme, die Schirmdächer, die Gerüste und Faschinenhaufen auf dem Damm
+in hellen Flammen, während sich die Trieren an den Damm oder vor dem Winde
+vor Anker legten und durch ihr Geschütz jeden Versuch, den Brand zu
+löschen, vereitelten. Zugleich machten die Tyrier einen Ausfall, ruderten
+auf einer Menge von Boten über die Bai hinaus, zerstörten in kurzem die
+Pfahlroste vor dem Damm und zündeten die Maschinen, die noch etwa übrig
+waren, an. Durch das Fortreißen jener Roste wurde der noch unfertige Teil
+des Dammes entblößt und den immer heftiger anstürmenden Wellen
+preisgegeben, so daß der vordere Teil des Werkes durchrissen und
+hinweggespült in den Wellen verschwand.
+
+Man hat wohl gesagt, Alexander habe nach diesem unglücklichen Ereignis, das
+ihm nicht bloß eine Menge Menschen und alle Maschinen gekostet, sondern
+auch die Unmöglichkeit gezeigt habe, Tyros vom Lande her zu bewältigen, die
+Belagerung ganz aufgeben, den von Tyros angebotenen Vertrag annehmen und
+nach Ägypten ziehen sollen. Das wäre nach seinem Charakter und nach seinen
+Plänen noch unmöglicher gewesen als die Eroberung der Insel. Je mächtiger
+und unabhängiger Tyros seiner Landmacht gegenüberstand, desto notwendiger
+war es, die stolze Stadt zu demütigen; je zweifelhafter der Erfolg
+besorglicheren Gemütern erscheinen mochte, desto bestimmter mußte Alexander
+ihn erzwingen; _ein_ Schritt rückwärts, _ein_ aufgegebener Plan, _eine_
+halbe Maßregel hätte alles vereitelt. In dieser Zeit mag es gewesen sein,
+daß von neuem Gesandte des Dareios eintrafen, die für des Großkönigs
+Mutter, Gemahlin und Kinder ein Lösegeld von zehntausend Talenten, ferner
+den Besitz des Landes diesseits des Euphrat, endlich mit der Hand seiner
+Tochter Freundschaft und Bundesgenossenschaft anboten. Als Alexander seine
+Generale versammelte und ihnen die Anträge des Perserkönigs mitteilte,
+waren die Ansichten sehr geteilt; Parmenion namentlich äußerte, daß, wenn
+er Alexander wäre, er unter den gegenwärtigen Umständen jene Bedingungen
+annehmen und sich nicht länger dem wechselnden Glück des Krieges aussetzen
+würde. Alexander antwortete: auch er würde, wenn er Parmenion wäre, also
+handeln; doch da er Alexander sei, so laute seine Antwort an Dareios: daß
+er weder Geld von Dareios brauche, noch einen Teil des Landes statt des
+Ganzen nehme; was Dareios an Land und Leuten, an Geld und Gut habe, sei
+sein und, wenn es ihm beliebe, Dareios' Tochter zu heiraten, so könne er
+es, ohne daß Dareios sie ihm gebe; er möge in Person kommen, wenn er etwas
+von seiner Güte empfangen wolle.
+
+Mit doppeltem Eifer wurden die Belagerungsarbeiten fortgesetzt, namentlich
+der Damm vom Lande aus in größerer Breite wiederhergestellt, um einerseits
+dem Werke selbst mehr Festigkeit zu geben, anderseits mehr Raum für Türme
+und Maschinen zu gewinnen. Zu gleicher Zeit erhielten die Kriegsbaumeister
+den Auftrag, neue Maschinen sowohl für den Dammbau als für den Sturm auf
+die mächtigen Mauern zu errichten. Alexander selbst ging während dieser
+vorbereitenden Arbeiten mit den Hypaspisten und Agrianern nach Sidon, dort
+eine Flotte zusammenzubringen, mit der er Tyros zu gleicher Zeit von der
+Seeseite her blockieren könne. Gerade jetzt -- es mag um Frühlingsanfang
+gewesen sein -- kamen die Schiffe von Arados, Byblos und Sidon aus den
+hellenischen Gewässern zurück, wo sie auf die Nachricht von der Schlacht
+bei Issos sich von der Flotte des Autophradates getrennt und, sobald es die
+Jahreszeit erlaubte, zur Heimfahrt aufgemacht hatten; es waren an achtzig
+Trieren unter Gerostratos und Enylos von Byblos; auch die Stadt Rhodus, die
+sich vor kurzem für Alexanders Sache entschieden hatte, sandte zehn
+Schiffe; dann lief auch das schöne Geschwader der kyprischen Könige, von
+etwa hundertundzwanzig Segeln, in den Hafen von Sidon ein; dazu kamen
+einige Schiffe aus Lykien und Kilikien und selbst ein makedonisches, das
+Proteas, der sich durch seinen Überfall bei Siphnos ausgezeichnet hatte,
+der Neffe des schwarzen Kleitos, führte, so daß sich Alexanders Seemacht
+wohl auf 250 Schiffe belief, darunter auch Vier- und Fünfruderer.
+
+Während die Flotte vollständig ausgerüstet und der Bau der Maschinen
+beendet wurde, unternahm Alexander einen Streifzug gegen die arabischen
+Stämme in Antilibanon, deren Unterwerfung um so wichtiger war, da sie die
+Straßen, die vom Tale des Orontes nach der Küste führen, beherrschten und
+die Karawanen aus Chalybon und Damaskos von ihren festen Bergschlössern aus
+überfallen konnten. Von einigen Geschwadern der Ritterschaft, von den
+Hypaspisten, den Agrianern und Bogenschützen begleitet, durchzog der König
+die schönen Täler der Libanonketten; mehrere Burgen der Araber wurden
+erstürmt, andere ergaben sich freiwillig, alle erkannten die Oberherrschaft
+des makedonischen Königs an, der nach elf Tagen schon wieder nach Sidon
+zurückkehrte, wo kurz vorher viertausend Mann griechische Söldner, die
+Kleandros geworben, sehr zur rechten Zeit eintrafen. Die Rüstungen zur
+förmlichen Belagerung des mächtigen Tyros waren so weit, daß Alexander,
+nachdem er die Bemannung seiner Schiffe, um in offener Seeschlacht und
+namentlich im Entern ein entschiedenes Übergewicht über die Tyrier zu
+haben, mit Hypaspisten verstärkt hatte, von der Reede von Sidon aus in See
+stechen konnte. In voller Schlachtlinie steuerte er auf Tyros los, auf dem
+linken Flügel Krateros und Pnytagoras, er selbst mit den übrigen cyprischen
+Königen und den phönikischen auf dem rechten; er gedachte die tyrische
+Flotte womöglich sogleich durch eine Schlacht von der See zu verdrängen und
+dann durch Sturm oder Blockade die Stadt zur Übergabe zu zwingen.
+
+Die Stadt hat zwei Häfen, beide auf der dem Lande zugekehrten Seite der
+Insel, der sidonische rechts von dem Damm der Makedonen, der ägyptische
+links, durch den weit vorspringenden südlichen Teil der Insel vom offenen
+Meer entfernter. Die Tyrier hatten, solange sie nicht wußten, daß sich die
+cyprischen und phönikischen Geschwader unter Alexanders Befehl befanden,
+die Absicht gehabt, ihm zu einer Seeschlacht entgegenzusegeln; jetzt sahen
+sie am Horizont die meilenlange Linie der feindliche Flotte herauffahren,
+mit der es ihre Schiffe, an Zahl wohl dreimal schwächer, um so weniger
+aufzunehmen wagen durften, da sie die beiden Häfen vor einem Überfall
+schützen mußten, wodurch die Zahl der verfügbaren Schiffe noch mehr
+verringert wurde. Sie begnügten sich, die enge Mündung des Nordhafens, der
+dem ersten Angriffe ausgesetzt war, durch eine dicht gedrängte Reihe von
+Trieren mit seewärts gewandten Schnäbeln so zu sperren, daß jeder Versuch
+zum Durchbrechen unmöglich war. Alexander hatte, sobald seine Geschwader
+auf die Höhe von Tyrus gekommen waren, haltmachen lassen, um die feindliche
+Flotte zum Gefecht zu erwarten, war dann, als kein feindliches Schiff ihm
+entgegenkam, unter vollem Ruderschlage gegen die Stadt losgesteuert,
+vielleicht in der Hoffnung, durch einen heftigen Anlauf den Hafen zu
+gewinnen. Die dichte Reihe der Trieren in der engen Hafenmündung zwang ihn,
+diesen Plan aufzugeben; nur drei Schiffe, die am weitesten aus dem Hafen
+hinauslagen, wurden in den Grund gebohrt; die Besatzung rettete sich durch
+Schwimmen zum nahen Ufer.
+
+Alexander hatte die Flotte nicht fern von dem Damm sich an den Strand legen
+lassen, wo sie Schutz vor dem Winde hatte. Am folgenden Tage ließ er die
+Blockade der Stadt beginnen. Die kyprischen Schiffe unter dem Admiral
+Andromachos und ihren eigenen Königen sperrten den Nordhafen, während die
+phönikischen, bei denen er selbst blieb, sich vor den ägyptischen Hafen
+legten. Es galt nun, die Maschinen und Türme nahe genug an die Mauern zu
+bringen, um entweder Bresche zu legen oder Fallbrücken auf die Zinnen zu
+werfen. Zu dem Ende war nicht bloß der Damm mit einer Menge von Maschinen
+bedeckt, sondern auch eine große Anzahl von Lastschiffen und alle Trieren,
+die nicht besonders segelten, zum Teil auf das kunstreichste mit
+Mauerbrechern, Katapulten und anderen Maschinen ausgerüstet. Aber den
+Maschinen vom Damme her widerstand die feste, aus Quadern erbaute Mauer,
+deren Höhe von hundertfünfzig Fuß, noch vermehrt durch die Aufstellung
+hölzerner Türme auf den Zinnen, die makedonischen Türme mit ihren
+Fallbrücken unschädlich machte. Und wenn sich die Maschinenschiffe rechts
+und links vom Damm den Mauern nahten, so wurden sie schon von fern mit
+einem Hagel von Geschossen, Steinen und Brandpfeilen empfangen; wenn sie
+dennoch näher an den Strand hinruderten, um endlich anzulegen, fanden sie
+die Anfahrt durch eine Menge versenkter Steine unmöglich gemacht. Man
+begann, die Steine herauszuschaffen, von den schwankenden Schiffen aus an
+sich schon eine mühselige Arbeit, und sie wurde dadurch verdoppelt und oft
+ganz vereitelt, daß tyrische, mit Schirmdächern versehene Fahrzeuge die
+Ankertaue der arbeitenden Schiffe kappten und sie so der treibenden Stömung
+und dem Winde preisgaben. Alexander ließ ebenso bedeckte Fahrzeuge vor den
+Ankern beilegen, um die Taue zu schützen; aber tyrische Taucher schwammen
+unter dem Wasser bis in die Nähe der Schiffe und zerschnitten deren Kabel,
+bis endlich die Anker an eisernen Ketten in den Seegrund gelassen wurden.
+Jetzt konnten die Schiffe ohne weitere Gefahr arbeiten; die Steinmassen
+wurden aus dem Fahrwasser in die Nähe des Dammes hinweggeschafft, so daß
+die einzelnen Maschinenschiffe sich endlich der Mauer nähern konnten. Das
+Heer war voll Kampfbegier und Erbitterung; hatten doch die Tyrier gefangene
+Makedonen auf die Höhe der Mauer geführt, sie dort -- recht vor den Augen
+ihrer Kameraden im Lager -- geschlachtet und ins Meer geworfen.
+
+Den Tyriern entging nicht, wie sich mit jedem Tage die Gefahr mehrte, und
+wie ihre Stadt ohne Rettung verloren sei, wenn sie nicht mehr die Oberhand
+auf dem Meere habe. Sie hatten auf Hilfe, namentlich von Karthago, gehofft;
+sie hatten erwartet, daß die Kyprier wenigstens nicht gegen sie kämpfen
+würden; von Karthago kam endlich das heilige Schiff der Festgesandtschaft,
+es brachte die Botschaft, daß der Mutterstadt keine Hilfe werden könnte.
+Und schon waren sie so gut wie eingesperrt, da vor dem Nordhafen die
+kyprische, vor dem südlichen die phönikische Flotte ankerte, so daß sie
+nicht einmal ihre ganze Marine zu _einem_ Ausfall, der noch die einzige
+Rettung zu sein schien, vereinigen konnten. Mit desto größerer Vorsicht
+rüsteten sie im Nordhafen hinter ausgespannten Segeln, die völlig
+verdeckten, was da geschah, ein Geschwader von drei Fünfruderern, ebenso
+vielen Vierruderern und sieben Trieren aus, bemannten diese mit
+auserlesenem Schiffsvolk; die Stille der Mittagstunde, in der Alexander
+selbst auf dem Festlande in seinem Zelte zu ruhen, sowie die Mannschaften
+der meisten Schiffe sich, um frisches Wasser und Lebensmittel zu holen, auf
+dem Strande zu befinden pflegten, war zum Ausfall bestimmt. Unbemerkt aus
+dem Hafen gefahren, ruderten sie, sobald sie den auf der Nordseite
+stationierten und fast ganz unbewachten Schiffen der kyprischen Fürsten
+nahe kamen, mit lautem Schlachtruf auf dieselben los, bohrten beim ersten
+Anlauf die Pentere des Pnytagoras, die des Androkles von Amathos, die des
+Pasikrates von Kurion in den Grund, jagten die übrigen auf den Strand,
+begannen sie zu zertrümmern. Indes hatte Alexander, der diesen Tag früher
+als gewöhnlich zu seinen Schiffen auf die Südseite zurückgekommen war und
+sehr bald die Bewegung vor dem Hafen jenseits der Stadt bemerkt hatte, die
+Mannschaften an Bord kommandiert, schleunigst seine Schiffe bemannt, den
+größten Teil derselben unmittelbar vor dem Südhafen auffahren lassen, um
+einem Ausfall der Tyrier von dieser Seite zuvorzukommen, war dann mit fünf
+Trieren und allen Fünfruderern seines Geschwaders um die Insel
+herumgesteuert, dem bereits siegreichen tyrischen zu. Von der Mauer der
+Stadt gewahrte man Alexanders Nahen; mit lautem Geschrei, mit Zeichen jeder
+Art suchte man den schon Verfolgenden die Gefahr kundzutun und sie zum
+Rückzuge zu bewegen; über den Lärm des anhaltenden Gefechtes bemerkten sie
+es nicht eher, als bis das feindliche Geschwader sie fast schon erreicht
+hatte; schnell wendeten die tyrischen Schiffe und ruderten in der größten
+Eile dem Hafen zu; nur wenige erreichten ihn; die meisten wurden in den
+Grund gebohrt oder so beschädigt, daß sie zu künftigem Seedienst
+unbrauchbar waren; noch dicht vor der Mündung fiel ein Fünfruderer und ein
+Vierruderer in des Feindes Hand, während sich die Mannschaft schwimmend
+rettete.
+
+Dieser Ausgang des Tages war für das Schicksal der Stadt von schwerer
+Bedeutung; sie hatte mit dem Meere gleichsam das Glacis der Festung
+verloren. Die tyrischen Schiffe lagen nun tot in den beiden Häfen, die, von
+denen des Feindes auf das strengste bewacht, auf Seiten der Tyrier durch
+Sperrketten vor einem Einbruch gesichert wurden. Damit begann der letzte
+Akt der Belagerung, die, von beiden Seiten ein immer höher gesteigerter
+Wettkampf von Erfindungen, mechanischen Mitteln und technischer Kunst,
+alles übertraf, was je in dieser Art von Barbaren und Hellenen unternommen
+worden war. Hatten die Tyrier, die anerkannt größten Techniker und
+Maschinenbauer der damaligen Welt, alles Unerwartete geleistet, sich zu
+schützen, so waren Alexanders Ingenieure, unter ihnen Diades und Chairias
+aus der Schule des Polyeides, nicht minder erfinderisch gewesen, deren
+Künste zu überbieten. Jetzt, nachdem der König durch seinen Damm einen
+festen Angriffspunkt und für seine Schiffe einen ziemlich sicheren
+Ankerplatz gewonnen, nachdem er den Meeresgrund gereinigt und seinen
+Maschinen das Anlegen an den Mauern möglich gemacht, nachdem er die
+tyrische Seemacht vom Meere verdrängt hatte, so daß ihm nichts mehr zu tun
+übrigblieb, als die Mauern zu übersteigen oder zu durchbrechen, erst jetzt
+begann für ihn die mühevollste und gefährlichste Arbeit. Die Wut der Tyrier
+wuchs mit der Gefahr, ihr Fanatismus mit dem Nahen des Unterganges.
+
+Dem Damme gegenüber waren die Mauern zu hoch und zu dick, um erschüttert
+oder erstiegen zu werden; nicht viel mehr richteten die Maschinen auf der
+Nordseite aus; die Mächtigkeit der in Zement gefügten Quadermassen schien
+jeder Gewalt zu trotzen. Mit desto größerer Hartnäckigkeit verfolgte
+Alexander seinen Plan; er ließ auf der Südseite der Stadt die Maschinen
+anrücken, arbeiten, nicht eher ruhen, als bis die Mauer, bedeutend
+beschädigt und durchbrochen, zu einer Bresche zusammenstürzte. Sogleich
+wurden Fallbrücken hineingeworfen, ein Sturm versucht; es entbrannte der
+härteste Kampf; vor der Wut der Verteidiger, vor den Geschossen, den
+ätzenden, glühenden Massen, die sie schleuderten, den schneidenden,
+fassenden Maschinen, die sie arbeiten ließen, mußten die Makedonen weichen;
+der König gab die zu kleine Bresche auf, hinter die bald von den Tyriern
+eine neue erbaut wurde.
+
+Begreiflich, daß die Zuversicht im Heere zu wanken begann. Desto
+ungeduldiger war der König, ein Ende zu machen; jene erste Bresche hatte
+ihm gezeigt, wo er die trotzende Stadt fassen müsse; er wartete nur stille
+See ab, den Versuch zu erneuern. Drei Tage nach dem vergeblichen Angriff --
+es war im August -- war das Meer ruhig, die Luft klar, der Horizont
+wolkenlos, alles so, wie des Königs Plan es forderte. Er berief die Führer
+der zum Angriff bestimmten Truppen, sagte ihnen das Nötige. Dann ließ er
+die mächtigsten seiner Maschinenschiffe im Süden gegen die Mauer anrücken
+und arbeiten, während zwei andere Schiffe, das eine mit den Hypaspisten
+Admets, das andere mit Koinos' Phalangiten, bereit lagen, zum Sturm
+anzulegen, wo es möglich sein werde; er selbst ging mit den Hypaspisten; zu
+gleicher Zeit ließ er sämtliche Schiffe in See gehen, einen Teil der
+Trieren sich vor die Häfen legen, um während des Sturms vielleicht die
+Hafenketten zu sprengen und in die Bassins einzudringen; alle anderen
+Schiffe, welche Bogenschützen, Schleuderer, Ballisten, Katapulte,
+Sturmböcke oder Ähnliches an Bord hatten, verteilten sich rings um die
+Insel, mit dem Befehl, entweder wo es möglich sei zu landen, oder innerhalb
+Schußweite unter den Mauern zu ankern und die Tyrier von allen Seiten so zu
+beschießen, daß sie, unschlüssig, wo am meisten Gefahr oder Schutz sei,
+desto leichter dem Sturm erlägen.
+
+Die Maschinen begannen zu arbeiten, von allen Seiten flogen Geschosse und
+Steine gegen die Zinnen, an allen Punkten schien die Stadt gefährdet, als
+plötzlich der Teil der Mauer, auf den es Alexander abgesehen hatte,
+zertrümmert zusammenstürzte und eine ansehnliche Bresche öffnete. Sogleich
+legten die beiden Fahrzeuge mit Bewaffneten an der Stelle der
+Maschinenschiffe bei, die Fallbrücken wurden hinabgelassen, die Hypaspisten
+eilten über die Brücke, Admetos war der erste auf der Mauer, der erste, der
+fiel; durch den Tod ihres Führers entflammt, unter den Augen des Königs,
+der schon mit dem Agema folgte, drangen die Hypaspisten vor; bald waren die
+Tyrier aus der Bresche verdrängt, bald ein Turm, bald ein zweiter erobert,
+die Mauer besetzt, der Wallgang nach der Königsburg frei, den der König
+nehmen ließ, weil von dort leichter in die Stadt hinabzukommen war.
+
+Währenddessen waren die Schiffe von Sidon, Byblos, Arados in den Südhafen,
+dessen Sperrketten sie gesprengt hatten, eingedrungen, hatten die dort
+liegenden Schiffe teils in den Grund gebohrt, teils auf das Ufer getrieben;
+ebenso waren die zyprischen Schiffe in den Nordhafen eingelaufen und hatten
+bereits das Bollwerk und die nächsten Punkte der Stadt besetzt. Die Tyrier
+hatten sich überall zurückgezogen, sich vor dem Agenorion gesammelt, dort
+sich geschlossen zur Wehre zu setzen. Da rückte von der Königsburg der
+König mit den Hypaspisten, von der Hafenseite her Koinos mit den
+Phalangiten gegen diese letzten geordneten Haufen der Tyrier; nach kurzem,
+höchst blutigem Kampf wurden auch diese bewältigt und niedergemacht.
+Achttausend Tyrier fanden den Tod. Der Rest der Einwohner, so weit sie
+nicht entkamen, an dreißigtausend Menschen, wurden in die Sklaverei
+verkauft. Denen, die sich in den Heraklestempel geflüchtet hatten,
+namentlich dem König Azemilkos, den höchsten Beamten der Stadt und einigen
+karthagischen Festgesandten ließ Alexander Gnade angedeihen.
+
+Es mag sein, daß die Sidonier und andere Phönikier auf ihren Schiffen
+Tausende ihrer tyrischen Landsleute bargen und retteten; nicht minder, daß
+ein Teil der alten Bevölkerung blieb oder sich wieder zusammenfand. Die
+Stadt mit ihrem trefflichen Hafen zu erhalten und zu begünstigen, für eine
+Flotte vielleicht die beste Station auf der ganzen syrischen Küste, hatte
+Alexander allen Grund, schon um sich mitten unter den anderen Seestädten in
+diesen Gewässern, die ihre Fürsten und ihre Flotten, wenn auch unter
+makedonischer Hoheit behielten, die beherrschende Position zu sichern. Aber
+das alte Gemeinwesen der Stadt und, so scheint es, das Königtum in ihr
+hatte ein Ende. Tyros wurde der makedonische Waffenplatz an dieser Küste
+und, wie man annehmen darf, eine der dauernden Stationen der Flotte.
+
+Alexanders Siegesfeier war, daß er das Heraklesopfer, das ihm von den
+Tyriern geweigert war, im Herakleion der Inselstadt beging, wobei das Heer
+in voller Rüstung dazu ausrückte und die gesamte Flotte auf der Höhe der
+Insel im Festaufzuge vorübersteuerte; unter Wettkampf und Fackellauf wurde
+die Maschine, welche die Mauer gesprengt hatte, durch die Stadt gezogen und
+im Herakleion aufgestellt, das Heraklesschiff der Tyrier, das schon früher
+in Alexanders Hände gefallen war, dem Gott geweiht.
+
+Die Kunde von diesen tyrischen Vorgängen muß unermeßlichen Eindruck
+gemacht, sie muß wie der Tag von Issos dem Morgenlande, so und noch mehr
+den abendländischen Küstenlanden bis zu den Säulen des Herakles die
+überwältigende Wucht dieses makedonischen Kriegsfürsten fühlbar gemacht
+haben. Die mächtige Inselstadt, die stolze Flotte, die Handelsschiffahrt,
+der Reichtum dieser weltberühmten Stadt war dahin; der achilleische Zorn
+des Siegers hatte sie niedergeworfen.
+
+Er hatte neuen Widerstand im südlichen Syrien zu erwarten. Von Tyros hatte
+er die Juden unter ihrem Hohenpriester Jaddua aufgefordert, sich zu
+unterwerfen; unter dem Vorwande, durch ihren Untertaneneid dem persischen
+Könige verpflichtet zu sein, hatten sie die Zufuhren und anderweitigen
+Leistungen, die Alexander forderte, verweigert; im Gegensatz zu ihnen hatte
+Sanballat, den der Hof von Susa zum Satrapen in Samaria bestellt hatte,
+sich dem Sieger zugewandt. Größere Sorge machte die Grenzfestung Gaza; in
+dem palästinischen Syrien bei weitem die wichtigste Stadt, auf der
+Handelsstraße vom Roten Meer nach Tyros, von Damaskos nach Ägypten, als
+Grenzfestung gegen die so oft unruhige ägyptische Satrapie für die
+Perserkönige stets ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, war sie von
+Dareios einem seiner treuesten Diener, dem Eunuchen Batis, anvertraut
+worden, der kühn genug dem Vordringen des siegreichen Feindes ein Ziel zu
+setzen gedachte. Er hatte die bedeutende persische Besatzung der Stadt
+durch Werbungen bei den Araberstämmen, die bis an die Küste im Süden Gazas
+wohnten, verstärkt; er hatte Vorräte für eine lange Belagerung angehäuft,
+überzeugt, daß, wenn er jetzt den Feind aufzuhalten vermöchte, einerseits
+die reiche Satrapie Ägypten in Gehorsam bleiben, anderseits der Großkönig
+Zeit gewinnen werde, seine neuen Rüstungen im oberen Asien zu vollenden, in
+die unteren Satrapien herabzukommen und den tollkühnen Makedonen über den
+Tauros, den Halys, den Hellespont zurückzujagen. Der lange Widerstand, den
+Tyros geleistet hatte, erhöhte den Mut des Eunuchen um so mehr, da die
+Flotte, der Alexander die endliche Einnahme der Inselstadt dankte, vor Gaza
+nicht anzuwenden war; denn die Stadt lag eine halbe Meile von der Küste,
+die überdies, durch Sandbänke und Untiefen gesperrt, einer Flotte kaum zu
+landen gestattete; von der Küste an erstreckte sich landeinwärts eine tiefe
+Sandgegend bis zum Fuße des Erdrückens, auf dem Gaza erbaut war. Die Stadt
+selbst hatte bedeutenden Umfang und war mit einer hohen und mächtigen Mauer
+umgeben, die jedem Widder und jedem Geschoß widerstehen zu können schien.
+
+Alexander brach etwa mit Anfang September 332 von Tyros auf; ohne bei der
+festen Stadt Ake, welche den Eingang in das palästinische Syrien schließt,
+Widerstand zu finden, rückte er gegen Gaza, lagerte sich auf der Südseite,
+wo die Mauer am leichtesten angreifbar schien; er befahl sofort, die
+erforderlichen Maschinen zu zimmern und aufzustellen. Aber die
+Kriegsbaumeister erklärten, es sei bei der Höhe des Erdrückens, auf dem die
+Stadt liege, unmöglich, Maschinen zu errichten, die sie zu erreichen und zu
+erschüttern vermöchten. Um keinen Preis durfte Alexander diese Festung
+unbezwungen lassen; je schwieriger den Seinen die Aufgabe schien, desto
+mehr wollte er sie gelöst, auch hier das Unmögliche möglich gemacht sehen.
+Er befahl auf der am meisten zugänglichen Südseite einen Damm gegen die
+Stadt hin aufzuschütten, der die Höhe des Erdrückens, auf dem die Mauern
+standen, erreichte. Die Arbeit wurde möglichst beeilt; sobald sie vollendet
+war, wurden die Maschinen gegen die Mauer aufgefahren und begannen mit
+Tagesanbruch zu arbeiten; währenddessen opferte Alexander gekränzt und im
+kriegerischen Schmucke und erwartete ein Zeichen; da flog -- so wird
+erzählt -- ein Raubvogel über den Altar hin und ließ ein Steinchen auf des
+Königs Haupt hinabfallen, fing sich selbst aber in dem Tauwerk einer
+Maschine; der Zeichendeuter Aristandros deutete das Zeichen dahin, daß der
+König zwar die Stadt erobern werde, jedoch sich an diesem Tage wohl zu
+hüten habe. Alexander blieb in der Nahe der schützenden Maschinen, die
+nicht ohne Erfolg gegen die mächtigen Mauern arbeiteten. Plötzlich und mit
+großer Heftigkeit machten die Belagerten einen Ausfall, warfen Feuer in die
+Schirmdächer und Geschütze, beschossen von der hohen Mauer herab die
+Makedonen, welche in den Maschinen arbeiteten und zu löschen suchten,
+drängten diese so, daß sie bereits sich von ihrem Damme zurückzuziehen
+begannen. Länger hielt sich Alexander nicht, an der Spitze seiner
+Hypaspisten rückte er vor, half, wo am meisten Gefahr war, brachte die
+Makedonen von neuem in den Kampf, so daß sie wenigstens nicht ganz von dem
+Damme zurückgeworfen wurden; da traf ihn ein Katapultenpfeil, fuhr ihm
+durch Schild und Panzer in die Schulter. Der König sank, die Feinde
+drängten jubelnd heran, die Makedonen wichen von der Mauer zurück.
+
+Des Königs Wunde war schmerzhaft, aber nicht gefährlich; sie hatte das
+Zeichen zur Hälfte wahr gemacht, nun mochte auch der glücklichere Teil
+desselben sich erfüllen. Eben jetzt waren die Maschinen, die die Mauern von
+Tyrus gebrochen hatten, im nahen Hafen Majumas angekommen; um sie anwenden
+zu können, befahl der König, Dämme von zwölfhundert Fuß Breite und
+zweihundertfünfzig Fuß Höhe konzentrisch mit den Mauern der Stadt
+aufzuschütten; zu gleicher Zeit wurden Minen bis unter die Mauern
+getrieben, so daß diese an einigen Stellen durch ihre eigene Schwere, an
+anderen vor den Stößen der Sturmböcke auf den Dämmen zusammensanken. Gegen
+diese schadhaften Stellen begann man zu stürmen; zurückgeschlagen,
+wiederholte man den Angriff zum zweiten-, zum drittenmal; endlich beim
+vierten Sturm, als die Phalangen von allen Seiten heranrückten, als immer
+neue Strecken der Mauer zusammenstürzten und die Maschinen immer
+furchtbarer wirkten, als die tapferen Araber schon zu viele Tote und
+Verwundete zählten, um noch an allen Orten den gehörigen Widerstand zu
+leisten, gelang es den Hypaspisten, Sturmleitern in die Breschen zu werfen
+und über den Schutt der eingestürzten Mauern einzudringen, die Tore
+aufzureißen und dem gesamten Heere den Eingang in die Stadt zu öffnen. Ein
+noch wilderer Kampf begann in den Straßen der Stadt; die tapferen Gazäer
+verteidigten ihre Posten bis auf den Tod; ein gräßliches Blutbad endete den
+heißen Tag; an zehntausend Barbaren sollen gefallen sein; ihre Weiber und
+Kinder wurden in die Sklaverei verkauft. Reiche Beute fiel in des Siegers
+Hand, namentlich an arabischen Spezereien, für die Gaza der Stapelplatz
+war. Alexander zog die Bevölkerung der umliegenden philistäischen und
+arabischen Ortschaften in die Stadt; eine dauernde Besatzung machte sie zu
+einem Waffenplatz, der für Syrien und für Ägypten gleich wichtig war.
+
+Nach den jüdischen Überlieferungen[8] hat Alexander nach dem Fall Gazas
+einen Zug in das Gebiet des jüdischen und samaritanischen Landes
+unternommen; in der Nähe Jerusalems, so sagen sie, sei ihm der Hohepriester
+mit den Priestern und vielem Volk in Festkleidern entgegengekommen, habe
+ihn als den begrüßt, von dem in ihren heiligen Büchern geschrieben stehe,
+daß er die Herrschaft der Perser brechen werde; der König habe sich in
+allem huldreich gegen sie erwiesen, ihnen ihre Gesetze gelassen und ihnen
+gewährt, in jedem siebenten Jahre der Schatzung frei zu sein, habe auch in
+dem Tempel Jehovas unter der Weisung des Hohepriesters ein feierliches
+Opfer gebracht. Noch anderes, Widersprechendes wird erzählt.
+
+ [8] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Es mag gestattet sein, noch einen Augenblick bei den syrischen Landen zu
+verweilen. Die dürftigen Notizen, die nach den alten Überlieferungen über
+die neue Ordnung der Dinge in diesen Gebieten anzuführen wären, geben im
+entferntesten nicht eine klare Vorstellung, lassen nicht einmal erkennen,
+ob hier in derselben Art und nach demselben Schema wie in den Satrapien
+Kleinasiens verfahren wurde.
+
+Wenigstens einiges zur Ergänzung bieten die Münzen. Das Silbergeld
+Kleinasiens bis zum Tauros, sahen wir, mit dem bekannten Gepräge Alexanders
+geschlagen, gehörte sämtlich späteren Klassen der Alexandermünzen an,
+denen, die in und nach den Zeiten der Diadochen geschlagen sind; wir können
+noch von einzelnen dieser Städte nachweisen, daß sie in der Zeit Alexanders
+und solange sein Reich der Form nach bestand (bis 306), Münzen eigenen
+Gepräges schlugen; wir durften daraus folgern, daß die Griechenstädte
+Kleinasiens, sowie die des lykischen Bundes, durch Alexander zu freien, ihm
+verbündeten Staaten gemacht wurden und daß sie in dieser ihrer staatlichen
+Selbständigkeit das Münzrecht eben so souverän übten wie Athen und Argos
+und die anderen Staaten des Korinthischen Bundes. Jenseits des Tauros
+beginnt eine andere Weise; die zahlreichen Silbermünzen mit
+Alexandergepräge, die aus den kilikischen Städten erhalten sind, gehören
+sämtlich den älteren Klassen an; ebenso die von Komagene, Damaskus, von
+Arados, Sidon, Ake, Askalon; und zwar wird hier in der Umschrift fast immer
+Alexander König genannt, was bei den gleichzeitigen Münzen von Makedonien,
+Thrakien und Thessalien in der Regel nicht der Fall ist.
+
+Also in Kilikien, Syrien, Koilesyrien und Phönikien läßt Alexander das
+städtische Gemeinwesen, aber die Städte werden nicht wie die griechischen
+Kleinasiens autonome Staaten; ihre Münzen zeigen, daß sie entweder im
+Auftrage des Königs und unter ihrer Verantwortlichkeit prägen, oder daß sie
+nur innerhalb des von Alexander eingeführten Münzsystems und mit dessen
+Typen, nur Königsgeld prägen dürfen.
+
+Noch ein Weiteres darf hinzugefügt werden. Im Jahre 1863 wurde in der Nähe
+von Sidon beim Umgraben eines Gartens ein Schatz von 3000 Goldstücken
+gefunden, der nicht wie die Funde von 1829 und 1852 zerstreut wurde,
+sondern wenigstens zum größeren Teil von Kundigen untersucht und
+verzeichnet werden konnte. Unter den so beschriebenen 1531 Stateren waren
+besonders zahlreich die von Ake und Sidon, von Arados; von Kilikien gab es
+einzelne Stücke; von den Städten Makedoniens, Thrakiens, Thessaliens waren
+ziemlich viele mit einem oder mehreren Typen vertreten; an Gepräge aus
+Hellas fehlte es fast ganz, von Kleinasien fanden sich Kios, Klazomenä(?)
+Pergamon, Rhodos mit ihrem eigenen Gepräge, ebenso König Pnytagoras vom
+kyprischen Salamis vor. »Diese Münzen«, sagt der eine Bericht, »waren
+beinahe durchgehend neu; ein großer Teil namentlich die in Sidon geprägten,
+noch rauh wie sie eben vom Prägestock gekommen zu sein schienen.« Daß sich
+unter diesen Münzen keine der Diadochen, die 306 den Königstitel angenommen
+haben, fanden, sowie der Umstand, daß drei von Ake mit den Jahreszahlen 23
+und 24 bezeichnet waren, ließ mit Sicherheit schließen, daß dieser Schatz
+vor 306 und bald nach 310 vergraben worden ist, also zu einer Zeit, wo
+formell noch die Monarchie Alexanders und die von ihm geschaffene
+Reichsverwaltung bestand.
+
+Sehr bemerkenswert ist, daß sich unter diesen vielen Goldmünzen auch nicht
+eine von Tyros fand; es kann Zufall sein, wenn wir auch vermuten durften,
+daß zunächst nach der Eroberung der Stadt ihre politische Berechtigung
+minderer Art war als die anderer phönikischer Städte. Von besonderem
+Interesse sind die Jahresziffern auf den Münzen von Ake; es finden sich die
+entsprechenden auf anderweitig bekannten Münzen von Arados, und zwar von 21
+bis zu 76; es wird in der Geschichte der Diadochen davon zu reden sein, daß
+Arados 258 durch die Seleukiden volle Unabhängigkeit erhielt und damit eine
+neue Ära begann; also Arados wie Ake hatte eine frühere Ära mit der
+Befreiung vom Perserjoch begonnen, und man kann nur zweifeln, ob diese von
+dem Siege am Granikos oder dem issischen datieren.
+
+Wenigstens aus diesen Münzen ergibt sich nicht, daß auch die anderen Städte
+diese Jahresrechnung eingeführt haben; aber jenen beiden Städten gewiß galt
+dieser Sieg Alexanders als Befreiung und als ein neuer Anfang.
+
+Lange genug hatte der Widerstand von Tyros, dann noch der von Gaza des
+Königs Zug nach Ägypten verzögert; jetzt endlich, Jahr und Tag nach der
+Schlacht bei Issos, gegen den Anfang Dezember 332 brach er von Gaza auf. Es
+galt die letzte Provinz des Großkönigs am Mittelmeer zu nehmen, die, wenn
+sie treu oder in treuen Händen gewesen wäre, vermöge ihrer günstigen
+örtlichen Verhältnisse lange Widerstand zu leisten vermocht hätte. Aber wie
+sollte sich das ägyptische Volk für die Sache eines Königs, an den es durch
+nichts als die Ketten einer ohnmächtigen und darum doppelt verhaßten
+Herrschaft gefesselt war, zu kämpfen bereit fühlen? Überdies lag in der
+Natur der Ägypter weniger Neigung zu Kampf als zur Ruhe, mehr Geduld und
+Arbeitsamkeit als Geist und Kraft; und wenn dessenungeachtet während der
+zweihundert Jahre der Dienstbarkeit öfter Versuche gemacht worden waren,
+die fremde Herrschaft abzuschütteln, so hat an diesen das Volk im ganzen um
+so weniger Anteil genommen, als es seit der Auswanderung der einheimischen
+Kriegerkaste daran gewöhnt war, fremde, besonders hellenische Söldner für
+Ägypten kämpfen und höchstens Tausende von Eingeborenen als wüsten Haufen
+oder als Packknechte mitziehen zu sehen. Überhaupt war der damalige Zustand
+Ägyptens der der vollkommensten Stagnation; alle inneren Verhältnisse,
+Überreste der längst untergegangenen Pharaonenzeit, standen im offenbarsten
+Widerspruch mit jedem der geschichtlichen Wechselfälle, deren das Land seit
+dem Sturze des priesterlichen Königtums soviel erfahren hatte; die Versuche
+der saitischen Könige, ihr Volk durch Handel und Verbindung mit fremden
+Völkern zu beleben, hatten nur das heimische Wesen noch mehr verwirren und
+verstocken müssen; die persische Herrschaft, der sie erlagen, hatte dann
+freilich mit dem dumpfen, stets zunehmenden Abscheu gegen die unreinen
+Fremdlinge, mit wiederholten Empörungen solcher, die sich pharaonischen
+Blutes rühmten, zu kämpfen, aber zu selbständiger Erhebung und eigener
+Bewegung war Ägypten nicht mehr gekommen; in sich versunken, in
+afrikanischer Indolenz und Genußsucht, belastet mit allen Nachteilen und
+allem Aberglauben eines Kastenwesens, von dem die Zeit nichts als die
+abgestorbene Form übriggelassen hatte, bei alle dem durch die überreiche
+Fruchtbarkeit ihres Landes, der kein freier und lebendiger Verkehr nach
+außen Wert und Reiz gab, mehr gedrückt als gefördert, bedurften die Ägypter
+mehr als irgendein Volk einer Widergeburt, einer neuen und erfrischenden
+Durchgärung, wie sie nur das hochgespannte hellenische Wesen und dessen
+Herrschaft bringen konnte.
+
+Ägypten war, sobald Alexander nahte, für den Perserkönig verloren; sein
+Satrap Mazakes, des bei Issos gefallenen Sabakes Nachfolger, hatte die
+unter Amyntas' Führung gelandeten griechischen Söldner aus Eifersucht oder
+mißverstandenem Eifer, statt sie zur Verteidigung des Landes in Sold zu
+nehmen, niedermetzeln lassen; jetzt, nach dem Fall von Tyros und Gaza, als
+durch die feindliche Okkupation, die bis zu den Araberstämmen der Wüste
+hinausreichte, Ägypten vom oberen Persien durchaus abgeschnitten war, schon
+die von Tyros gekommene Flotte vor Pelusion lag, blieb dem Satrapen und den
+wenigen Persern um ihn freilich nichts übrig, als sich möglichst schnell zu
+unterwerfen.
+
+So geschah es, daß, als Alexander von Gaza aus nach einem Marsche von
+sieben Tagen in Pelusion eintraf, Mazakes ihm ohne weiteres Ägypten
+übergab. Während der König seine Flotte auf dem pelusischen Nilarm stromauf
+sandte, ging er selbst über Heliopolis nach Memphis, um sich mit derselben
+dort wieder zu treffen. Alle Städte, zu denen er kam, ergaben sich ohne
+Weigerung; ohne das geringste Hindernis besetzte er Memphis, die große
+Hauptstadt des Nillandes, dessen Unterwerfung damit vollbracht war.
+
+Er wollte mehr als unterwerfen; die Völker, zu denen er kam, sollten
+innewerden, daß er komme, zu befreien und aufzurichten, daß er ehre, was
+ihnen heilig, gelten lasse, was nach ihrer Landesart sei. Nichts hatte die
+Ägypter tiefer getroffen, als daß König Ochos den heiligen Stier in Memphis
+niedergestochen hatte; Alexander opferte, wie den anderen Göttern der
+Ägypter, so dem Apis im Phthatempel zu Memphis; er ließ dort von
+hellenischen Künstlern gymnische und musische Wettkämpfe halten, zum
+Zeichen, wie fortan das Fremde hier heimisch, das Einheimische auch den
+Fremden ehrwürdig sein werde. Die Achtung, die er den ägyptischen Priestern
+zollte, mußte ihm diese Kaste um so mehr gewinnen, je tiefer sie von der
+oft fanatischen Intoleranz der persischen Fremdlinge herabgewürdigt worden
+war.
+
+Mit der Besitznahme Ägyptens hatte Alexander die Eroberung der
+Mittelmeerküsten, die unter persischer Herrschaft gestanden, vollendet. Der
+kühnste Gedanke der perikleischen Politik, in der Befreiung Ägyptens der
+See- und Handelsherrschaft Athens ihren Schlußstein und dauernde Sicherung
+zu geben, war nun nicht bloß erfüllt, sondern weit überboten: der
+hellenischen Welt war das Ostbassin des Mittelmeeres gewonnen und mit der
+Herrschaft über Ägypten die nahe Meeresbucht, von der aus die Seestraßen
+nach Äthiopien und dem Wunderland Indien führten. Unermeßliche Aussichten
+knüpften sich an den Besitz Ägyptens.
+
+Wie Alexander sie ergriff und zu verwirklichen gedachte, zeigte das
+Nächste, was er von Memphis aus unternahm.
+
+Er hatte in Pelusion an der östlichen Ecke des Delta eine starke Besatzung
+gelassen; von dort sollte im nächsten Frühling der Zug nach dem inneren
+Asien ausgehen. Von Memphis aus fuhr er mit den Hypaspisten, dem Agema der
+makedonischen Ritterschaft, den Agrianern und Bogenschützen den westlichen
+Nilarm hinab nach Kanobos, von da längs der Küste nach Rakotis, einem alten
+Grenzposten gegen Libyen. Der Flecken lag auf der acht Meilen langen
+Nehrung, welche das Haffwasser Mareotis vom Meere trennt, vor der Küste
+sieben Stadien von ihr entfernt die Insel Pharos, jenes Robbeneinland der
+homerischen Gesänge. Der König erkannte, wie überaus geeignet der Strand
+zwischen der Mareotis und dem Meere zur Gründung einer Stadt, der Meeresarm
+zur Herstellung eines großen und fast gegen jeden Wind sichernden Hafens
+sei.
+
+Er selbst, so wird erzählt, wollte sofort seinem Baumeister Deinokrates den
+Plan der Stadt, die Straßen und Märkte, die Lage der Tempel für die
+hellenischen Götter und für die ägyptische Isis bezeichnen; da eben nichts
+anderes zur Hand war, ließ er seine Makedonen ihr Mehl ausstreuend die
+Linien des Grundrisses ziehen, worauf unzählige Vögel von allen Seiten
+herbeigeflogen kamen, von dem Mehl zu fressen, ein Zeichen, das der weise
+Aristandros auf den künftigen Wohlstand und ausgebreiteten Handel der Stadt
+deutete. Es ist bekannt, auf welch außerordentliche Weise dieses Zeichen
+und des Königs Gedanken erfüllt worden sind; die Bevölkerung der Stadt
+wuchs reißend schnell, ihr Handel verband demnächst die abendländische Welt
+mit dem neu erschlossenen Indien, sie wurde der Mittelpunkt für das
+hellenische Leben der nächsten Jahrhunderte, die Heimat der aus dem Orient
+und Okzident zusammenströmenden Weltbildung und Weltliteratur, das
+herrlichste und dauerndste Denkmal ihres großen Gründers.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Die persischen Rüstungen -- Alexanders Marsch nach Syrien, über
+ den Euphrat, nach dem Tigris. Schlacht bei Gaugamela -- Marsch
+ nach Babylon -- Besetzung von Susa -- Zug nach Persepolis
+
+
+Stets ist das stolze Recht des Sieges der Sieg eines höheren Rechts, des
+Rechts, das die höhere Spannkraft, die überlegene Entwicklung, die
+treibende Kraft eines neuen zukunftreichen Gedankens gibt. In solchen
+Siegen vollzieht sich die Kritik dessen, was bisher war und galt, aber
+nicht weiter führt, mächtig und selbstgewiß schien, aber in sich krank und
+brüchig ist. Nicht das Herkommen noch das ererbte Recht, nicht
+Friedlichkeit noch Tugend noch sonstiger persönlicher Wert schützt dann vor
+der überwältigenden Macht dessen, dem das Verhängnis geschichtlicher Größe
+zuteil geworden ist. Siegend, solange er zu wagen, zu kämpfen,
+niederzuwerfen findet, baut er auf, indem er noch zerstört, schafft so eine
+neue Welt, aber aus den Trümmern, auf dem Trümmerfeld seiner Zerstörungen.
+Was er besiegt und gebrochen hat, überdauert ihn in seinem Werk.
+
+Die Überlieferungen von Alexanders Geschichte heben mehr oder weniger
+geflissentlich den Gegensatz zwischen ihm und Dareios, zwischen dem Helden
+der Tat und dem Helden des Leidens hervor. Sie schildern Dareios als milde,
+edel, treu, als ein Muster der Ehrerbietung gegen seine Mutter, der Liebe
+und Herzlichkeit gegen seine Gemahlin und seine Kinder, als den Persern
+wegen seiner Gerechtigkeit, seiner ritterlichen Tapferkeit, seines
+königlichen Sinnes hochverehrt. Es mag sein, daß er für ruhige Zeiten ein
+König gewesen wäre, wie ihn die Throne Asiens selten gesehen; aber von dem
+Strome der Begebenheiten, dem zu widerstehen vielleicht einem Kambyses
+oder Ochos gelungen wäre, schon ergriffen, bot er, sich und sein Reich noch
+zu retten, auch zu unwürdigen und verbrecherischen Plänen die Hand, ohne
+damit mehr zu erreichen als das lastende Bewußtsein, nicht mehr ohne Schuld
+an dem zu sein, gegen den er vergebens rang. Und mit der wachsenden Gefahr
+mehrte sich die Verwirrung, die Haltungslosigkeit und das Unrecht in allem,
+was er tat oder versuchte; immer dunkler umzog sich die Zukunft für das
+persische Königtum und dessen gerechte Sache; schon war das Tor gen Asien
+erbrochen, schon die reichen Satrapien der Küste des Siegers Beute, schon
+die Grundfeste der Achämenidenmacht erschüttert. Und hätte vielleicht der
+Großkönig selbst nach seiner milden Art gern das Verlorene verschmerzt und
+dem Frieden noch größere Opfer gebracht, so sollte ihn, dessen Sinn weniger
+an Thron und Reich als an Weib und Kind zu hängen schien, das größte Maß
+des Schmerzes, wie er ihn empfand, die Größe seines Sturzes empfinden
+lassen.
+
+Dies Motiv ist es, das jene Überlieferungen mit den lebhaftesten Farben
+ausmalen. Sie heben hervor, daß des Großkönigs Mutter Sisygambis, seine
+Kinder, seine Gemahlin, die schönste der Frauen Asiens, ihm doppelt teuer,
+da sie ein Kind unter dem Herzen trägt, Alexanders Gefangene sind. Die
+Hälfte seines Reiches und ungeheure Schätze bietet Dareios dem Feinde für
+die Gefangenen, der stolze Feind fordert Unterwerfung oder neuen Kampf.
+Dann kommt Tireus der Eunuch, der gefangenen Königin Diener, der aus dem
+Lager des Feindes geflohen ist, zum Dareios, bringt ihm die
+Trauerbotschaft, die Königin sei in den Geburtswehen gestorben. Da schlägt
+sich Dareios die Stirn, laut jammernd, daß Stateira tot sei, daß die
+Königin der Perser selbst der Ehre des Grabes entbehren müsse. Der Eunuch
+tröstet ihn: weder im Leben noch im Tode habe es ihr der makedonische König
+vergessen, daß sie eines Königs Gemahlin sei, er habe sie und die Mutter
+und die Kinder in höchsten Ehren gehalten bis auf diesen Tag, er habe die
+königliche Leiche mit aller Pracht nach persischer Weise bestatten lassen
+und mit Tränen ihr Gedächtnis geehrt. Bestürzt fragt Dareios, ob sie
+keusch, ob sie treu geblieben, ob Alexander sie nicht gezwungen habe zu
+seinem, wider ihren Willen. Da wirft sich der treue Eunuch ihm zu Füßen,
+beschwört ihn, nicht das Andenken seiner edlen Herrin zu beschimpfen und
+sich nicht selbst in seinem endlosen Unglück den letzten Trost zu rauben,
+den, von einem Feinde überwunden zu sein, der mehr als ein Sterblicher zu
+sein scheine; er beschwört es mit den höchsten Eiden, daß Stateira treu und
+keusch gestorben, daß Alexanders Tugend ebenso groß sei wie seine Kühnheit.
+Dareios hebt die Hände gen Himmel und fleht zu den Göttern: »Wollt mir mein
+Reich zu erhalten und wieder aufzurichten gewähren, damit ich als Sieger
+dem Alexandros vergelten kann, was er den Meinen getan; soll ich aber nicht
+länger Asiens Herr sein, so gebt die Tiara des großen Kyros keinem anderen
+als ihm.«
+
+Schon war des Großkönigs Aufgebot in alle Satrapien des Reichs gesandt, von
+dem, wenn auch große, doch im Verhältnis zum Ganzen nicht bedeutende
+Länderstrecken in Feindesland waren. Ganz Iran, Ariana, Baktrien, alles
+Land bis zu den Quellen des Euphrat stand noch unberührt; es waren die
+tapfersten und treuesten Völker Asiens, die nur auf des Königs Befehl
+warteten, ins Feld zu rücken; was galt Ägypten, Syrien, Kleinasien gegen
+die ungeheure Länderstrecke vom Taurus bis zum Indus, vom Euphrat bis zum
+Jaxartes, was der Verlust stets unzuverlässiger Küstenvölker gegen die
+treuen Meder und Perser, gegen die Reiterschwärme der baktrischen Ebene und
+die tapferen Bergvölker der kaspischen und kurdischen Gebirge? Waren es
+nicht seit des ersten Dareios Zeit die jetzt verlorenen Küstenlande und die
+Bemühungen um die Seeherrschaft, zu denen sie nötigten, so gut wie allein
+gewesen, die Gefahr und Unheil über das Reich des Kyros gebracht, die
+Perser zum eigenen Verderben in die ewigen Streitigkeiten der Hellenen
+verwickelt hatten? Jetzt galt es, das Innere des Morgenlandes zu retten,
+die hohe Burg Iran zu verteidigen, die Asien beherrscht; jetzt rief der
+König der Könige die Edlen seines Stammes, die Enkel der sieben Fürsten,
+die getreuen Satrapen, an der Spitze ihrer Volker für den Ruhm und die
+Herrschaft Persiens zu kämpfen; in ihre Hand legte er sein Schicksal;
+nicht hellenische Söldner, nicht hellenische Feldherren und makedonische
+Flüchtlinge sollten die Eifersucht und das Mißtrauen der Seinen wecken; die
+wenigen tausend Fremdlinge, die mit ihm von Issos geflüchtet waren, hatte
+das gemeinsame Unglück mit den Söhnen Asiens vereinigt; ein echt
+asiatisches Heer sollte dem Heere Europas vor den Bergwällen Irans
+entgegentreten.
+
+Die Ebene von Babylon war zum Sammelplatz des großen Völkerheeres bestimmt.
+Aus dem fernsten Asien führte Bessos, der baktrische Satrap, die Baktrier,
+die Sogdianer, die streitbaren indischen Völker aus dem Berglande des
+indischen Kaukasus heran; ihm hatten sich das turkestanische Reitervolk der
+Saker unter Mauakes und die Daer aus der Steppe des Aralsees angeschlossen.
+Die Völker aus Arachosien und Drangiana und die indischen Bergbewohner der
+Paravetiberge kamen unter ihrem Satrapen Barsaentes, ihre westlichen
+Nachbarn aus Areia unter dem Satrapen Satibarzanes, die persischen,
+hyrkanischen und tapurischen Reiterschwärme aus Chorassan, dem Schwertlande
+Irans, unter Phrataphernes und seinen Söhnen. Dann die Meder, einst die
+Herren Asiens, deren Satrap Atropates zugleich die Kadusier, Sakasener und
+Albaner aus den Tälern des Kur, des Araxes und des Urmea-Sees führte. Von
+Süden her, von den Küsten des Persischen Meeres, kamen die Völker
+Gedrosiens und Karmeniens unter Okontobates und Ariobarzanes, dem Sohne des
+Artabazos, die Perser unter Orxines, aus dem Geschlechte der sieben
+Fürsten. Die Susianer und Uxier führte Oxyathres, der Sohn des susianischen
+Satrapen Abulites; die Scharen von Babylon sammelten sich unter Bupales'
+Befehl, die aus Armenien kamen unter Orontes und Mithraustes, die aus
+Syrien diesseits und jenseits der Wasser unter Mazaios; selbst aus dem
+kappadokischen Land, dessen Westen nur der Zug des makedonischen Heeres
+berührt hatte, kamen Reisige unter ihres Dynasten Ariarathes Führung.
+
+So sammelte sich während des Frühjahrs 331 das Reichsheer des Perserkönigs
+in Babylon, an vierzigtausend Pferde und Hunderttausende von Menschen,
+dazu zweihundert Sensenwagen und fünfzehn Elefanten, die vom Indus
+hergebracht waren. Es heißt, daß gegen die sonstige Gewohnheit von dem
+Könige für die Bewaffnung des Heeres, namentlich der Reiter, gesorgt worden
+sei. Vor allem galt es, einen Kriegsplan zu entwerfen, der dem Perserheere
+möglich machte, mit der ganzen Wucht seiner Massen und dem Ungestüm seiner
+ungeheuren Reitermacht zu wirken.
+
+Zwei Ströme, der Euphrat und Tigris, durchschneiden in diagonaler Richtung
+das Tiefland, das sich am Fuße des iranischen Gebirgswalles hinabzieht;
+über sie führen die Wege von den Küsten des Mittelmeeres zum oberen Asien.
+Es war ein naheliegender Gedanke, dem Feinde an den Stromübergängen
+entgegenzutreten; es war verständig, die Hauptmacht des Großkönigs hinter
+dem Tigris aufzustellen, da dieser einerseits schwerer zu passieren ist,
+anderseits eine am Euphrat verlorene Schlacht sie nach Armenien geworfen
+und Babylon, sowie die großen Straßen nach Persis und Medien preisgegeben
+hätte, wogegen eine Stellung hinter dem Tigris Babylon deckte, eine
+gewonnene Schlacht den Feind in den weiten Wüstenebenen von Mesopotamien
+aller Verfolgung preisgab, eine verlorene den Rückzug nach den östlichen
+Satrapien offenließ. Dareios begnügte sich, an den Euphrat einige tausend
+Mann unter Mazaios vorauszusenden, um die Passage des Flusses beobachten zu
+lassen; er selbst ging von Babylon aus in die Gegend von Arbela, einem
+Hauptorte auf der großen Heerstraße, die weiter jenseits des Lykos zu der
+großen Ebene von Ninive führt, welche sich westwärts bis an das linke Ufer
+des reißenden Tigris und nordwärts bis an die Vorhöhen des Zagrosgebirges
+ausdehnt; dort mochte er, sobald Alexander herankam, an die Ufer des
+Stromes rücken und ihm den Übergang unmöglich machen wollen.
+
+Während der König Dareios für die Osthälfte seines Reiches an ihrer
+Schwelle mit allen Streitkräften, die sie aufbringen konnte, zu kämpfen
+bereit stand, war im fernen Westen der letzte Rest der persischen Macht
+erlegen.
+
+Was hätte die persische Flotte im hellenischen Meere leisten können, wenn
+sie zur rechten Zeit agiert, wenn sie die von König Agis im Peloponnes
+eingeleitete Bewegung mit aller Kraft unterstützt hätte. Aber zögernd, ohne
+Plan und Entschluß, hatte sie im Sommer 333 den Moment einer entscheidenden
+Offensive versäumt; und doch blieb sie, schon durch die Absendung der
+Schiffe, die die Söldner nach Tripolis führten, geschwächt, auch nach der
+Schlacht von Issos und als schon die phönikische Küste von den Feinden
+bedroht war, in jenen westlichen Stationen, die nur für die Offensive einen
+Sinn hatten, statt nach Phönikien zu eilen, den Widerstand von Tyrus zu
+unterstützen und die unsicheren Kontingente der Flotte beieinander zu
+halten. Mit dem Frühling 332 segelten die phönikischen, die cyprischen
+Schiffe heim, aber Pharnabazos und Autophradates blieben mit dem Rest der
+Flotte im Ägäischen Meer, schon so gering an Macht, daß sie sich nur mit
+Mühe, nur noch durch die Beihilfe der von ihnen begünstigten oder
+eingesetzten Tyrannen in dem Besitz von Tenedos, Lesbos, Chios, Kos zu
+behaupten vermochten. Durch Antipatros' Umsicht und feste Haltung alles
+Einflusses im übrigen Hellas beraubt, standen sie nur noch mit Agis in
+unmittelbarer Verbindung; aber die Bewegung, die dieser im Einverständnis
+mit ihnen im Peloponnes zu erregen gehofft hatte, war durch die allmähliche
+Auflösung der Seemacht gleichfalls ins Stocken geraten, nur Kreta hatte er
+durch seinen Bruder besetzen lassen. Indes entwickelte die makedonische
+Flotte unter den Nauarchen Hegelochos und Amphoteros während des Jahres 332
+in den griechischen Gewässern ein so bedeutendes Übergewicht, daß zunächst
+die Tenedier, die nur gezwungen das Bündnis mit Alexander gegen das
+persische Joch vertauscht hatten, den Makedonen ihren Hafen öffneten und
+das frühere Bündnis von neuem proklamierten. Ihrem Beispiele folgten die
+Chier, die, sobald sich die makedonische Flotte auf ihrer Reede zeigte,
+gegen die Tyrannen und die persische Besatzung einen Aufstand machten und
+die Tore öffneten; der persische Admiral Pharnabazos, der damals mit
+fünfzehn Trieren im Hafen von Chios lag, sowie die Tyrannen der Insel
+kamen in die Gewalt der Makedonen; und als während der Nacht Aristonikos,
+der Tyrann von Methymna auf Lesbos, mit einigen Kaperschiffen vor dem
+Hafen, den er noch in den Händen der Perser glaubte, erschien und
+einzulaufen begehrte, ließ ihn die makedonische Hafenwache ein, machte dann
+die Mannschaft der Trieren nieder und brachte den Tyrannen als Gefangenen
+in die Burg. Immer mehr sank das Ansehen der Perser und ihre Partei; schon
+hatte auch Rhodus zehn Trieren zur makedonischen Flotte vor Tyros gesandt;
+jetzt sagten sich auch die Koer von der persischen Sache los; und während
+Amphoteros mit sechzig Schiffen dorthin abging, wandte sich Hegelochos mit
+der übrigen Flotte nach Lesbos. Dort hatte sich Chares, dem im Jahre vorher
+sein Versuch auf Methymna mißglückt war, mit 2000 Söldnern eingefunden,
+Mytilene besetzt und im Namen des Darius den Herrn zu spielen begonnen; der
+alte attische Kriegsmann hatte nicht beabsichtigt, ein großes Spiel zu
+wagen, er kapitulierte auf freien Abzug, zog mit seinen Kriegsleuten nach
+der attischen Insel Imbros, später nach Tänaron, dem großen Söldnermarkt.
+Die Übergabe Mytilenes gab auch den anderen Städten der Insel den Mut, frei
+zu sein; sie erneuten ihre demokratische Verfassung. Dann segelte
+Hegelochos südwärts nach Kos, das sich bereits in Amphoteros' Händen
+befand. Nur Kreta war noch von den Lakedämoniern besetzt; Amphoteros
+übernahm ihre Unterwerfung und segelte mit einem Teil der Flotte dorthin
+ab, mit dem anderen ging Hegelochos nach Ägypten, um selbst die Meldung von
+dem Ausgang des Kampfes gegen die persische Seemacht zu überbringen,
+zugleich die Gefangenen abzuliefern, alle bis auf Pharnabazos, der auf der
+Insel Kos zu entweichen Gelegenheit gefunden hatte. Alexander befahl, die
+Tyrannen den Gemeinden, die sie geknechtet hatten, zum Gericht
+zurückzusenden; diejenigen aber, welche die Insel Chios an Memnon verraten
+hatten, wurden mit einer starken Eskorte nach der Nilinsel Elephantine, den
+südlichsten Grenzposten des Reiches, ins Elend geschickt.
+
+So war mit dem Ausgang des Jahres 332 der letzte Rest einer persischen
+Seemacht, die das makedonische Heer im Rücken zu gefährden und dessen
+Bewegungen zu hindern vermocht hätte, vernichtet. Die Reihe von
+Waffenplätzen, die sich vom thrakischen Bosporus über die Küsten
+Kleinasiens und Syriens bis zu dem neugegründeten Alexandreia hin
+erstreckte, diente ebensosehr zur vollkommenen Behauptung der unterworfenen
+Lande, wie sie für die weiteren Unternehmungen nach Osten eine breite Basis
+gab. Der neue Feldzug sollte in eine neue und fremde Welt und unter Völker
+führen, denen die hellenische Weise fremd, das freie Verhältnis der
+Makedonen zu ihrem Fürsten unverständlich, denen der König ein Wesen
+höherer Art war. Wie hätte Alexander verkennen können, daß die Völker, die
+er zu einem Reiche zu vereinen gedachte, ihre Einheit zunächst nur in ihm
+finden würden und erkennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von
+Ilion als den hellenischen Helden bezeichnete, wenn die Völker Kleinasiens
+in dem Löser des Gordischen Knotens den verheißenen Überwinder Asiens
+erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyros und der Feier im Phthatempel
+zu Memphis der siegende Fremdling sich mit den besiegten Völkern und ihrer
+heiligsten Sitte versöhnt hatte, so sollte ihn jetzt in das Innere des
+Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der
+die Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Aufgang bis
+Niedergang Erkorenen erkennen mochten.
+
+In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das verwitterte Felsenbild
+der hütenden Sphinx und die halbversandeten Pyramiden der Pharaonen stehen,
+in dieser einsamen, totenstillen Wüste, die sich vom Saume des Niltales
+abendwärts in unabsehbarer Ferne erstreckt, und mit deren Flugsand ein
+glühender Mittagswind die mühsame Spur des Kamels verweht, liegt wie im
+Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen überschattet, von Quellen und
+Bächen und dem Tau des Himmels getränkt, die letzte Stätte des Lebens für
+die rings ersterbende Natur, der letzte Ruheplatz für den Wanderer in der
+Wüste; unter den Palmen der Oase steht der Tempel des geheimnisvollen
+Gottes, der einst auf heiligem Kahne vom Lande der Äthiopen zum
+hunderttorigen Theben gekommen, der von Theben durch die Wüste gezogen
+war, auf der Oase zu ruhen und dem suchenden Sohne sich kundzutun in
+geheimnisvoller Gestalt. Ein frommes priesterliches Geschlecht wohnte um
+den Tempel des Gottes, fern von der Welt, in heiliger Einsamkeit, in der
+Ammon Zeus, der Gott des Lebens, nahe war; sie lebten für seinen Dienst und
+für die Verkündigung seiner Orakel, die zu hören die Volker nah und fern
+heilige Boten und Geschenke sandten. Zu dem Tempel in der Wüste beschloß
+der makedonische König zu ziehen, um große Dinge den großen Gott zu fragen.
+
+Was aber wollte er fragen? Seine Makedonen erzählten sich wunderbare
+Geschichten aus früherer Zeit; damals von wenigen geglaubt, von vielen
+verlacht, von allen gekannt, waren sie durch diesen Zug von neuem angeregt
+worden; man erinnerte sich der nächtlichen Orgien, die Olympias in den
+Bergen der Heimat feierte; man wußte von ihren Zauberkünsten, um deren
+willen sie König Philipp verstoßen; er habe sie einst in ihrem Schlafgemach
+belauscht und einen Drachen in ihrem Schoß gesehen; vertraute Männer, die
+er nach Delphi geschickt, hätten ihm des Gottes Antwort gebracht: er möge
+dem Ammon Zeus opfern und ihn vor allen Göttern ehren. Man meinte, auch
+Herakles sei einer sterblichen Mutter Sohn gewesen; man wollte wissen, daß
+Olympias ihrem Sohne auf dem Wege zum Hellespont das Geheimnis seiner
+Geburt vertraut habe. Andere hielten dafür, der König wolle für seinen
+weiteren Zug Gottes Rat erfragen, wie ja auch Herakles getan, als er nach
+dem Riesen Antäos ausgezogen und Perseus, ehe er die Fahrt zu den Gorgonen
+unternommen; beide seien des Königs Ahnherren, deren Beispiel er gern
+nachahme. Was er wirklich wollte, erfuhr niemand; nur wenige Truppen
+sollten ihm folgen.
+
+Von Alexandreia brach der Zug auf und wandte sich zunächst längs der
+Meeresküste gen Paraitonion, der ersten Ortschaft der Kyrenaier, die
+Gesandte und Geschenke -- 300 Kriegsrosse und 5 Viergespanne -- sandten und
+um ein Bündnis mit dem Könige baten, das ihnen gewährt wurde. Von hier
+führte der Weg südwärts durch wüste Sandstrecken, über deren eintönigen
+Horizont kein Baum, kein Hügel hervorragt; den Tag hindurch heiße Luft voll
+feinen Staubes; der Sand oft so lose, daß jeder Schritt unsicher war;
+nirgends ein Grasplatz zum Ruhen, nirgends ein Brunnen oder Quell, der den
+brennenden Durst hätte stillen können; -- Regenwolken, die bald, ein
+Geschenk der Jahreszeit, wiederholentlich Erquickung gaben, galten für eine
+Wundergabe des Gottes in der Wüste. So zog man weiter; keine Spur
+bezeichnete den Weg, und die niedrigen Dünen in diesem Sandmeer, die mit
+jedem Winde Ort und Form wechseln, vermehrten nur die Verwirrung der
+Führer, die schon die Richtung zur Oase nicht mehr zu finden wußten; -- da
+zeigten sich an der Spitze des Zuges ein paar Raben, sie erschienen wie
+Boten des Gottes, und Alexander befahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu
+folgen. Mit lautem Krähen flogen sie davon, sie rasteten mit dem Zuge, sie
+flatterten weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten sich die
+Wipfel der Palmen, und die schöne Oase des Ammon empfing den Zug des
+Königs.
+
+Alexander war überrascht von der Heiterkeit dieses heiligen Bezirkes, der,
+reich an Oliven und Datteln, an kristallinischem Salz und heilsamen
+Quellen, von der Natur zu dem frommen Dienste des Gottes und dem stillen
+Leben seiner Priester bestimmt schien. Als der König darauf, so wird
+erzählt, das Orakel zu hören verlangte, begrüßte der Älteste unter den
+Priestern ihn in dem Vorhofe des Tempels, gebot dann seinen Begleitern
+allen, draußen zu verweilen und führte ihn in die Zelle des Gottes; nach
+einer kleinen Weile kam Alexander heiteren Angesichtes zurück und
+versicherte, die Antwort sei ganz nach seinem Wunsche ausgefallen. Dasselbe
+soll er in einem Briefe an seine Mutter wiederholt haben: wenn er sie
+wieder sähe bei seiner Rückkehr wolle er ihr die geheimen Orakel, die er
+empfangen, mitteilen. Dann beschenkte er den Tempel und die
+gastfreundlichen Bewohner der Oase auf das reichlichste und kehrte nach
+Memphis in Ägypten zurück.
+
+Alexander hatte die Antwort des Gottes verschwiegen, desto lebhafter war
+die Neugier oder Teilnahme seiner Makedonen; die mit im Ammonion gewesen
+waren, erzählen Wunderbares von jenen Tagen; des Oberpriesters erster Gruß,
+den sie gehört hätten, sei gewesen: »Heil dir, o Sohn!« und der König habe
+erwidert: »O Vater, so sei es; dein Sohn will ich sein, gib mir die
+Herrschaft der Welt!« Andere verlachten diese Märchen; der Priester habe
+Griechisch reden und den König mit der Formel »Paidion« anreden wollen,
+statt dessen aber, mit einem Sprachfehler »Paidios« gesetzt, was man
+wahrlich für »Sohn des Zeus« nehmen könne. Schließlich galt als das Sichere
+über diesen Vorgang: Alexander habe Gott gefragt, ob alle, die an seines
+Vaters Tod schuld hätten, gestraft seien; darauf sei geantwortet: er möge
+besser seine Worte wägen, nimmermehr werde ein Sterblicher den verletzen,
+der ihn gezeugt; wohl aber seien die Mörder Philipps des Makedonenkönigs
+alle gestraft. Und zum zweiten habe Alexander gefragt, ob er seine Feinde
+besiegen werde, und der Gott habe geantwortet: ihm sei die Herrschaft der
+Welt bestimmt, er werde siegen, bis er zu den Göttern heimgehe. Diese und
+ähnliche Erzählungen, die Alexander weder bestätigte noch widerrief,
+dienten dazu, um seine Person ein Geheimnis zu verbreiten, das dem Glauben
+der Völker an ihn und seine Sendung Reiz und Gewißheit lieh und den
+aufgeklärten Hellenen nicht seltsamer zu scheinen brauchte als des
+Herakleitos Wort, daß die Götter unsterbliche Menschen, die Menschen
+sterbliche Götter seien, nicht seltsamer als der Heroenkult der Gründer in
+den neueren wie älteren Kolonien oder die Altäre und Festdienste die vor
+zwei Menschenaltern dem Spartaner Lysandros gewidmet worden waren.
+
+Es läge nahe, an dieser Stelle noch eine andere Frage aufzuwerfen,
+diejenige, mit der man doch erst den Kern der Sache treffen würde. Wie hat
+sich Alexander den Zweck dieses Zuges ins Ammonion, die geheinmisvollen
+Vorgänge in dem Tempel dort gedacht? Hat er die Welt täuschen wollen? Hat
+er selbst geglaubt, was er sie wollte glauben machen? Hat er, sonst so
+klaren und freien Sinnes, seines Wollens und Könnens so gewiß, Momente
+innerer Unsicherheit gehabt, in denen sein Gemüt eine Stütze, einen
+Ruhepunkt in dem Überirdischen suchte? Man sieht, es handelt sich bei
+dieser Frage um die religiösen und sittlichen Voraussetzungen, unter denen
+das Wollen und Handeln dieses leidenschaftlichen Charakters stand, um das
+innerste Wesen seiner Persönlichkeit, man könnte sagen, um sein Gewissen.
+Ganz verstehen könnte man ihn nur von diesem Mittelpunkt seines Wesens aus,
+zu dem das, was er tut und schafft, nur die Peripherie ist, nur Stücke der
+Peripherie, von denen uns in der Überlieferung nur Fragmente erhalten sind.
+Dem Poeten steht es zu, zu der Handlung, die er darstellt, die Charaktere
+so zu dichten, daß sich aus ihnen erklärt, was sie tun und leiden. Die
+historische Forschung steht unter einem anderen Gesetz; auch sie sucht von
+den Gestalten, deren geschichtliche Bedeutung sie zu verfolgen hat, ein
+möglichst klares und begründendes Bild zu gewinnen; sie beobachtet, soweit
+ihre Materialien es gestatten, deren Tätigkeiten, Begabungen, Tendenzen;
+aber sie dringt nicht bis zu der Stelle, wo alle diese Momente ihren Quell,
+ihren Impuls, ihre Norm haben. Das tiefinnerste Geheimnis der Seele zu
+finden, damit den sittlichen Wert, das will sagen, den ganzen Wert der
+Person richtend zu bestimmen, hat sie keine Methoden und keine Kompetenz.
+Genug, daß sie für die Lücken, die ihr so bleiben, eine Art von Ersatz hat,
+indem sie die Persönlichkeiten in einem anderen Zusammenhang als dem, wo
+ihr sittlicher Wert liegt, in dem ihres Verhältnisses zu den großen
+geschichtlichen Entwicklungen, ihres Anteils an überdauernden Leistungen
+und Schöpfungen, in ihrer Kraft oder Schwäche, ihren Plänen und
+Veranstaltungen, ihrer Begabung und Energie, dieselben zu ermöglichen,
+auffaßt und sie da nach ihrer Bedeutung einreiht, übt sie die
+Gerechtigkeit, die ihr zusteht, und gewährt sie ein Verständnis, das nicht
+tiefer, aber weiter und freier ist, als jenes nur psychologische.
+
+Wenigstens berührt mag hier ein Punkt werden, in dem sich bedeutsame Linien
+zu kreuzen scheinen.
+
+Seit jenem merkwürdigen Ausspruch des Herakleitos, seit dem Äschyleischen
+»in vielen Namen _eine_ Gestalt«, haben die Dichter und Denker der
+hellenischen Welt nicht aufgehört, in den vielen Göttergestalten und deren
+Mythen, die ihrem Volke Religion waren, den tieferen Sinn zu suchen und in
+ihm die Rechtfertigung ihres Glaubens zu finden. Man weiß, bis zu welchen
+Punkten Aristoteles diese Fragen vertieft hat. Alexander wird nicht bloß
+dessen populären Dialog gelesen haben, in dem er schildert, wie ein Blick
+in die Herrlichkeit der Welt und die ewige Bewegung der Gestirne dem, der
+sie zum erstenmal sehe, die Überzeugung geben würde, »daß wirklich Götter
+seien, daß so Staunenswürdiges ihr Wirken und Werk sei«. Aus des großen
+Denkers Vorträgen mag auch er die Überzeugung gewonnen haben, daß die frühe
+Vorzeit den Himmel und die Gestirne, die sich in ewigen Sphären an ihm
+bewegen, als Gottheiten angeschaut, deren Tun und Wirken »in mythischer
+Gestalt« ausgesprochen habe, daß »zur Überredung der vielen sowie um der
+Gesetze und des Gebrauches willen« diese Mythen beibehalten, auch
+weiterausgeführt und Wunderliches hinzugefügt worden sei, daß aber die
+wahre Gottheit, das »Unbewegt-Bewegende«, das »nicht durch andere Ursache
+als sich selbst Gewordene«, ohne Stoff, ohne Teile, ohne Vielheit sei,
+reine Form, reiner Geist, sich selbst denkend, bewegend ohne zu handeln und
+zu bilden, zu dem sich alles »aus Sehnsucht« bewegt als dem ewig Guten, dem
+höchsten Zweck.
+
+Wie nun, wenn Alexander im Ammonion einer Gotteslehre, einer Symbolik
+begegnete, die, in ähnlichen Spekulationen sich vertiefend, zugleich die
+Gewißheit des Jenseits, seines Gerichtes und seiner Verklärungen, die
+Pflichten und die Ordnung des Lebens hienieden, das darauf Vorbereitung
+sei, das Wesen des Priestertums und des Königtums zu _einem_ großen und in
+sich geschlossenen System zu verbinden verstanden hatte? Schon Monumente
+aus der alten Pharaonenzeit sprechen von »dem Gott, der sich selbst zum
+Gott gemacht hat, der durch sich selbst besteht, dem einzigen nicht
+erzeugten Erzeuger im Himmel und auf Erden, dem Herrn der seienden und
+nicht seienden Wesen«. Und daß diese Gedanken in voller Lebendigkeit
+bewahrt und vielleicht weitergeführt worden sind, lehrt eine denkwürdige
+Inschrift aus Dareios' II. Zeit und zu seinen Ehren; da ist Ammon-Ra der
+Gott, der sich selbst erzeugte, der sich offenbart in allem, was da ist,
+der von Anbeginn war und das Bleibende ist in allem, was da ist; die
+anderen Götter sind wie Prädikate für ihn, wie Tätigkeiten von ihm: »Es
+sind die Götter in deinen Händen und die Menschen zu deinen Füßen; du bist
+der Himmel, du bist die Tiefe; die Menschen preisen dich als den
+Unermüdlichen in der Sorge für sie; dir sind ihre Werke geheiligt.« Dann
+folgt das Gebet für den König: »Laß glücklich sein deinen Sohn, der da
+sitzet auf deinem Thron, mach' ihn dir ähnlich, laß als König ihn herrschen
+in deinen Würden; und wie deine Gestalt ist segenspendend, wenn du dich
+erhebest als Ra, so ist das Wirken deines Sohnes nach deinem Wunsch,
+Dareios, der ewig lebe; die Furcht vor ihm, die Achtung vor ihm, seines
+Ruhmes Glanz, sie seien im Herzen aller Menschen in jedem Lande, wie die
+Furcht vor dir, die Achtung vor dir im Herzen der Götter und Menschen
+weilt.«
+
+Wenn die Priester des Ammonion Alexander als Sohn des Ammon-Ra, als
+Zeus-Helios begrüßt haben, so taten sie es in der vollen Wahrhaftigkeit
+ihrer religiösen Überzeugung und der tieferen Symbolik, in der sie ihre
+Gotteslehre faßten. Alexander, so wird erzählt, habe die Darlegungen des
+Priesters Psammon, des »Philosophen«, mit Aufmerksamkeit angehört,
+namentlich: daß jeder Mensch von einem Gott regiert werde (+basileuontai
+hypo theou+), denn das in jedem Herrschende und Mächtige sei göttlich; dem
+habe Alexander entgegnet: allerdings sei der gemeinsame Vater aller
+Menschen Gott (+ton theon+), aber die Besten wähle er sich zu besonderer
+Kindschaft.
+
+Und nun zurück zu dem Zusammenhang der historischen Ereignisse, deren mit
+dem Frühling 331 eine neue bedeutsame Reihe beginnen sollte.
+
+Nach Memphis zurückgekehrt, fand Alexander zahlreiche Gesandtschaften aus
+den hellenischen Landen, deren keine ohne geneigtes Gehör und möglichste
+Erfüllung ihrer Anträge in die Heimat zurückkehrte. Mit ihnen zugleich
+waren neue Truppen angekommen, namentlich vierhundert Mann hellenische
+Söldner unter Menidas und fünfhundert thrakische Reiter unter
+Asklepiodoros, und wie es scheint noch einige tausend Mann Fußvolk, die
+sofort in das Heer eingereiht wurden, welches schon in den Rüstungen zum
+Aufbruch begriffen war. Dann ordnete Alexander die Verwaltung des
+ägyptischen Landes mit besonderer Vorsicht, namentlich darauf bedacht,
+durch Zerlegung der amtlichen Befugnisse die Vereinigung zu großer Macht in
+_einer_ Hand zu vermeiden, die bei der militärischen Bedeutung dieser
+großen Satrapie und den reichen Machtelementen in ihr nicht ohne Gefahr
+gewesen wäre. Peukestas, des Makartatos Sohn, und Balakros, des Amyntas
+Sohn, erhielten die Strategie des Landes und den Befehl über die dort
+zurückbleibenden Truppen mit Einschluß der Besatzungen von Pelusion und
+Memphis, im ganzen etwa viertausend Mann, den Befehl über die Flotte von
+dreißig Trieren der Nauarch Polemon; die in Ägypten ansässigen oder
+einwandernden Griechen wurden unter eine besondere Behörde gestellt; die
+ägyptischen Kreise oder Nomen behielten ihre alten Nomarchen, mit der
+Bestimmung, an diese nach der früheren Taxe ihre Abgaben einzuzahlen; die
+Oberaufsicht über die sämtlichen rein ägyptischen Kreise wurde anfangs
+zwei, dann einem Ägypter, sowie die über die libyschen Kreise einem
+griechischen Manne übertragen; der Verwalter der arabischen Kreise,
+Kleomenes, der, ein Grieche aus Naukratis in Ägypten, die Sprache und
+Sitten des Landes kannte, erhielt zugleich die Weisung, die von den
+Nomarchen aller Kreise gesammelten Tribute in Empfang zu nehmen, sowie ihm
+auch insbesondere die Sorge für den Bau der Stadt Alexandreia übertragen
+wurde.
+
+Nach diesen Einrichtungen, nach einer Reihe von Beförderungen in der Armee,
+nach neuen Festlichkeiten in Memphis und einem feierlichen Opfer, das Zeus
+dem Könige dargebracht wurde, brach Alexander mit dem Frühling 331 nach
+Phönikien auf; zugleich mit ihm traf die Flotte in dem Hafen von Tyrus ein.
+Die kurze Zeit, die der König hier verweilte, verging unter großen und
+prächtigen Festlichkeiten nach hellenischem Brauch; zu den Opfern, die im
+Heraklestempel gefeiert wurden, hielt das Heer Wettkämpfe aller Art; die
+berühmtesten Schauspieler der hellenischen Städte waren berufen, diese Tage
+zu verherrlichen, und die kyprischen Könige, die nach griechischer Sitte
+die Chöre stellten und schmückten, wetteiferten an Pracht und Geschmack
+miteinander. Dann lief die attische Tetrere Paralia, die stets nur in
+heiligen oder besonders wichtigen Angelegenheiten gesendet wurde, in den
+Hafen der Stadt ein; die Gesandten, die sie brachte, kamen, dem Könige
+Glück zu wünschen und die unverbrüchlichste Treue ihrer Vaterstadt zu
+versichern, eine Aufmerksamkeit, die Alexander mit der Freilassung der am
+Granikos gefangenen Athener erwiderte.
+
+Es galt, für eine lange Abwesenheit von den westlichen Landen Fürsorge zu
+treffen. Bis auf Sparta und Kreta war in Hellas alles in Ruhe; nur daß noch
+zahlreiche Seeräuber, die Nachwirkung der persischen Unternehmungen, die
+Meere unsicher machten. Amphoteros erhielt Befehl, die Austreibung der
+spartanischen und persischen Besatzungen aus Kreta zu beschleunigen, dann
+auf die Seeräuber Jagd zu machen, den Peloponnesiern, die etwa von Sparta
+aus bedrängt werden könnten, Hilfe und Schutz zu bieten; die Cyprier und
+Phoinikier wurden angewiesen, ihm hundert Schiffe nach dem Peloponnes
+nachzusenden. Zu gleicher Zeit wurden einige Veränderungen in der
+Verwaltung der bisher unterworfenen Länder vorgenommen; es wurde nach
+Lydien an die Stelle des Satrapen Asandros, der auf Werbung nach
+Griechenland ging, der Magnesier Menandros von den Hetären gesandt, an
+dessen Stelle Klearchos den Befehl über die fremden Völker erhielt; es
+wurde die Satrapie Syriens von Memnon, der nicht mit der gehörigen Sorgfalt
+für die Bedürfnisse des durch seine Provinz ziehenden Heeres gesorgt hatte,
+auf den jüngst angekommenen Asklepiodoros übertragen, zugleich diesem der
+unmittelbare Befehl über das Land des Jordan, dessen bisheriger
+Befehlshaber Andromachos von den Samaritanern erschlagen worden war, und
+die Bestrafung der Samaritaner übertragen. Endlich wurde die
+Finanzverwaltung in der Art geordnet, daß die Generalkasse, die bisher mit
+der Kriegskasse vereinigt gewesen war, von derselben getrennt und, wie
+schon für Ägypten geschehen war, so für Syrien und Kleinasien bis zum
+Tauros je eine besondere Hauptkasse eingerichtet wurde. Für die Satrapien
+westwärts vom Tauros erhielt dies Amt Philoxenos, für die syrischen Länder
+mit Einschluß der phönikischen Städte Koiranos, wogegen die Verwaltung der
+Kriegskasse an den reuigen Harpalos gegeben wurde, dem der König aus alter
+Freundschaft oder aus politischen Rücksichten verzieh, was er getan hatte.
+
+Dann endlich brach das Heer von Tyros auf und zog die große Heerstraße am
+Orontes hinab, vielleicht auf dem Marsche durch Zuzüge aus den
+kleinasiatischen Besatzungen verstärkt, dem Euphrat zu; etwa 40 000 Mann
+Fußvolk und 7000 Reiter stark, erreichte es um den Anfang August Thapsakos,
+den gewöhnlichen Übergangsort. Eine Abteilung Makedonen war vorausgesandt
+worden, zwei Brücken über den Strom zu schlagen; sie waren noch nicht ganz
+vollendet, denn das jenseitige Ufer hatte der Perser Mazaios, mit etwa
+10 000 Mann zur Deckung des Flusses abgesandt, bisher besetzt gehalten, so
+daß es für die viel schwächere makedonische Vorhut zu gewagt gewesen wäre,
+die Brücken bis an das jenseitige Ufer fortzuführen. Beim Anrücken der
+ganzen Armee zog sich Mazaios eilends zurück; zu schwach, um den Posten
+gegen Alexanders Übermacht zu behaupten, hätte er, seine Truppen
+aufopfernd, höchstens das Vorrücken der Feinde in etwas verzögern können,
+was für den Großkönig, dessen Rüstungen bereits vollendet waren, kein
+erheblicher Gewinn gewesen wäre.
+
+Alexander ließ sofort den Bau beider Brücken vollenden und sein Heer auf
+das Ostufer des Euphrat hinüberrücken. Selbst wenn er vermutete, daß das
+persische Heer in der Ebene von Babylon, in der es sich gesammelt hatte,
+zum Kampfe und zur Verteidigung der Reichsstadt bereitstand, durfte er
+nicht, wie siebzig Jahre früher die Zehntausend, den Weg längs des Euphrat,
+den jene genommen hatten, einschlagen. Die Wüsten, durch welche derselbe
+führt, wären in der Hitze des Sommers doppelt mühselig gewesen, und die
+Verpflegung eines so bedeutenden Heeres hätte die größten Schwierigkeiten
+gehabt. Er wählte die große nördliche Straße, welche nordostwärts über
+Nisibis durch das kühlere und weidenreiche Hügelland, das die Makedonen
+später Mygdonien nannten, an den Tigris und dann an der linken Seite des
+Stromes hinab in die Ebene von Babylon führt.
+
+Da brachte man eines Tages einige der feindlichen Reiter, die in der Gegend
+umherschwärmten, gefangen vor den König; sie sagten aus: daß Dareios
+bereits von Babylon aufgebrochen sei und auf dem linken Ufer des Tigris
+stehe, entschlossen, seinem Gegner mit aller Kraft den Übergang über den
+Strom zu wehren; seine jetzige Macht sei viel größer als die in den
+issischen Pässen; sie selbst wären auf Kundschaft ausgesandt, damit sich
+das Perserheer zur rechten Zeit und am rechten Orte den Makedonen gegenüber
+am Tigris aufstellen könne.
+
+Alexander durfte nicht wagen, einen so breiten und reißenden Strom, wie den
+Tigris, unter den Pfeilen der Feinde zu überschreiten; er mußte erwarten,
+daß Dareios die Gegend von Ninive, wo der gewöhnliche Heerweg über den
+Strom führt, besetzt halten werde; es kam alles darauf an, möglichst bald
+auf derselben Seite des Stromes mit dem Feinde zu sein; es galt, den
+Übergang unbemerkt zu bewerkstelligen. Alexander veränderte sofort die
+Marschroute und ging, während ihn Dareios auf der weiten Ebene der Trümmer
+von Ninive erwartete, nordöstlich in Eilmärschen auf Bedzabde. Kein Feind
+war in der Nähe, die Truppen begannen den sehr reißenden Strom zu
+durchwaten; mit der größten Anstrengung, doch ohne weiteren Verlust,
+gewannen sie das östliche Ufer. Alexander gewährte seinen erschöpften
+Truppen einen Tag Ruhe; sie lagerten sich längs den bergigen Ufern des
+Stromes.
+
+Das war am 20. September. Der Abend kam, die ersten Nachtwachen rückten auf
+ihre Posten am Fluß und auf den Bergen; der Mond erhellte die Gegend, die
+vielen den makedonischen Berglanden ähnlich schien; da begann sich das
+Licht des Vollmondes zu verdunkeln; bald war die Scheibe des hellen
+Gestirnes völlig in Dunkel gehüllt. Es schien ein großes Zeichen der
+Götter; besorgt traten die Kriegsleute aus ihren Zelten; viele fürchteten,
+daß die Götter zürnten; andere erinnerten, daß, als Xerxes gegen
+Griechenland gezogen, seine Magier die Sonnenfinsternis, die er in Sardes
+gesehen, dahin gedeutet hätten, daß die Sonne das Gestirn der Hellenen, der
+Mond das der Perser sei; jetzt verhüllten die Götter das Gestirn der
+Perser, zum Zeichen ihres baldigen Unterganges. Dem Könige selbst deutete
+der zeichenkundige Aristandros: das Ereignis sei zu seinen Gunsten, noch in
+demselben Monate werde es zur Schlacht kommen. Dann opferte Alexander dem
+Mond, der Sonne, der Erde, und auch die Opferzeichen verhießen Sieg. Mit
+Anbruch des Morgens brach das Heer auf, um dem Heere der Perser zu
+begegnen.
+
+In südlicher Richtung, auf der linken Seite die Vorhöhen der gordyäischen
+Gebirge, auf der rechten den reißenden Tigris zog das makedonische Heer
+weiter, ohne auf eine Spur der Feinde zu stoßen. Endlich am 24. wurde von
+der Vorhut gemeldet, im Blachfelde zeige sich feindliche Reiterei, wie
+stark, lasse sich nicht erkennen. Das Heer wurde rasch geordnet und rückte
+zum Kampf fertig vor. Bald kam die weitere Meldung: man könne die Zahl der
+Feinde auf ungefähr tausend Pferde schätzen. Alexander ließ die königliche
+und eine andere Ile Hetairen und von den leichten Reitern (den Plänklern)
+die Paionen aufsitzen und eilte mit ihnen, indem er dem übrige Heere
+langsam nachzurücken befahl, dem Feinde entgegen. Sobald ihn die Perser
+heransprengen sahen, jagten sie mit verhängtem Zügel davon; Alexander
+setzte ihnen nach, die meisten entkamen, manche stürzten, sie wurden
+niedergehauen, einige gefangen. Vor Alexander gebracht, sagten sie aus, daß
+Dareios nicht weit südwärts bei Gaugamela an dem Flusse Bumodos, in einer
+nach allen Seiten hin ebenen Gegend stehe, daß sein Heer sich wohl auf eine
+Million Menschen und mehr als vierzigtausend Pferde belaufe, daß sie selbst
+unter Mazäos auf Kundschaft gesandt gewesen seien. Sofort machte Alexander
+halt; ein Lager wurde am Hasser aufgeschlagen und sorgfältig verschanzt;
+in der Nähe einer so ungeheuren Übermacht war die größte Vorsicht geboten;
+vier Tage Rast, die den Truppen gegönnt wurden, reichten hin, alles zur
+entscheidenden Schlacht vorzubereiten.
+
+Da sich weiter keine feindlichen Truppen zeigten, so war vorauszusetzen,
+daß Dareios eine für seine Streitkräfte günstige Gegend besetzt habe und
+sich nicht wie früher durch das Zögern seiner Feinde und seine eigene
+Ungeduld in ein ihm ungelegenes Terrain hinauslocken lassen wolle.
+Alexander beschloß deshalb, ihm entgegenzurücken. Während alle unnötige
+Bagage und die zum Kampf untauglichen Leute im Lager zurückblieben, brach
+das Heer in der Nacht vom 29. zum 30. September etwa um die zweite
+Nachtwache, auf. Gegen Morgen erreichte man die letzten Hügel; man war dem
+Feind auf sechzig Stadien nahe, aber die Hügel, die man vor sich hatte,
+entzogen ihn noch dem Blick. Dreißig Stadien weiter, als das Heer über jene
+Hügel kam, sah Alexander in der weiten Ebene, etwa eine Stunde entfernt,
+die dunklen Massen der feindlichen Linie. Er ließ seine Kolonnen
+haltmachen, berief die Freunde, die Strategen, die Ilarchen, die Anführer
+der Bundesgenossen und Soldtruppen und legte ihnen die Frage vor, ob man
+sofort angreifen oder an Ort und Stelle sich lagern und verschanzen und das
+Schlachtfeld zuvor rekognoszieren solle? Die meisten waren dafür, das Heer,
+das von Kampflust brenne, sogleich gegen den Feind zu führen; Parmenion
+dagegen riet zur Vorsicht: die Truppen seien durch den Marsch ermüdet, die
+Perser, schon länger in dieser günstigen Stellung, würden wohl nicht
+versäumt haben, sie auf jede Weise zu ihrem Vorteil einzurichten; man könne
+nicht wissen, ob nicht eingerammte Pfähle oder heimliche Gruben die
+feindliche Linie deckten; die Kriegsregel erfordere, daß man sich erst
+orientiere und lagere. Diese Ansicht des alten Feldherrn drang durch;
+Alexander befahl, die Truppen in der Ordnung, wie sie in die Schlacht
+rücken sollten, auf den Hügeln im Angesicht der Feinde (bei Börtela), sich
+lagern zu lassen. Das geschah am 30. September morgens.
+
+Dareios seinerseits, obschon er lange Zeit die Ankunft der Makedonen
+erwartet und in dem weiten Blachfelde jedes Hindernis bis auf das
+Dorngestrüpp und die einzelnen Sandhügel, die den stürmischen Angriff
+seiner Reiterschwärme oder den Lauf der Sensenwagen hätten stören können,
+aus dem Wege geräumt hatte, war durch die Nachricht von Alexanders Nähe und
+dem sehr eiligen Rückzuge seiner Vorposten unter Mazäos in einige Unruhe
+versetzt worden; doch in der stolzen Zuversicht seiner Satrapen, die kein
+unberufener Warner mehr störte, und den endlosen Reihen seines Heeres, vor
+denen kein Charidemos oder Amyntas dem dichten Häuflein der Makedonen den
+nur zu gerechten Vorzug zu geben wagte, endlich in den eigenen Wünschen,
+die so gern ihre Blindheit für besonnene Kraft halten und die
+zuversichtlichen Worte der Schmeichler lieber hören als die ernsten
+Mahnungen des schon Geschehenen, fand der Perserkönig bald Beruhigung und
+Selbstvertrauen; seine Großen überzeugten ihn leicht, daß er bei Issos
+nicht dem Feinde, sondern dem engen Raume erlegen sei; jetzt sei Raum für
+die Kampflust seiner Hunderttausende, für die Sensen seiner Kriegswagen,
+für seine indischen Elefanten; jetzt sei die Zeit gekommen, dem Makedonen
+zu zeigen, was ein persisches Reichsheer sei. Da sah man am Morgen des 30.
+auf der Hügelreihe nordwärts das makedonische Heer geordnet und wie zur
+Schlacht geschart heranrücken; man erwartete, daß es sofort zum Angriff
+vorgehen werde; auch die persischen Völker ordneten sich über die weite
+Ebene hinaus zur Schlacht.
+
+Es folgte kein Angriff, man sah den Feind sich lagern; nur ein Reiterhaufe
+mit einigen Scharen leichten Fußvolkes untermischt, zog von den Hügeln
+herab durch die Ebene und, ohne sich der Linie der Perser zu nahen, wieder
+zum Lager zurück. Der Abend kam; beabsichtigten die Feinde einen
+nächtlichen Angriff? Das persische Lager, ohne Wall und Graben, hätte nicht
+Schutz gegen einen Überfall gewährt; die Völker erhielten Befehl, die Nacht
+hindurch unter den Waffen und in Schlachtordnung zu bleiben, die Pferde
+gesattelt neben sich bei den Wachtfeuern zu halten. Dareios selbst ritt
+während der Nacht an den Linien entlang, um die Völker durch sein Antlitz
+und seinen Gruß zu begeistern. Auf dem äußersten linken Flügel standen die
+Völker des Bessos, die Baktrianer, Daer und Sogdianer, vor ihnen hundert
+Sensenwagen, zu ihrer Deckung links vorgeschoben 1000 baktrische Reiter und
+die massagetischen Skythen, Mann und Roß gepanzert. Rechts auf Bessos
+folgten die Arachosier und Berginder, dann eine Masse Perser, die aus
+Reiterei und Fußvolk gemischt war, dann die Susier und die Kadusier, welche
+sich an das Mitteltreffen anschlossen. Dieses Mitteltreffen umfaßte
+zunächst die edelsten Perserscharen, die sogenannten Verwandten des Königs
+nebst der Leibwache der Apfelträger; zu beiden Seiten derselben die
+hellenischen Söldner, die sich noch im Dienst des Königs befanden; ferner
+noch ein Mitteltreffen die Inder mit ihren Elefanten, die sogenannten
+Karier, Nachkommen der einst nach den oberen Satrapien Deportierten, die
+mardischen Bogenschützen, vor ihnen fünfzig Sensenwagen. Das Zentrum,
+welches in der Schlacht am Pinaros so bald durchbrochen war, zu verstärken,
+waren hinter demselben die Uxier, die Babylonier, die Küstenvölker des
+Persischen Meeres und die Sitakener aufgestellt; es schien so in zwei- und
+dreifachem Treffen fest und dicht genug, um den König in seine Mitte
+aufzunehmen. Auf dem linken Flügel, zunächst an den Mardiern, standen die
+Albaner und Sakasener, dann Phrataphernes mit seinen Parthern, Hyrkanern,
+Tapuriern und Saken, dann Atropates mit den medischen Völkern, nach ihnen
+die Völker aus Syrien diesseits und jenseits der Wasser, endlich auf dem
+äußersten linken Flügel die kappadokischen und armenischen Reitervölker,
+vor ihnen fünfzig Sensenwagen.
+
+Die Nacht verging ruhig; Alexander hatte, nachdem er mit seinem
+makedonischen Geschwader und dem leichten Fußvolke vom Rekognoszieren des
+Schlachtfeldes zurückgekommen war, seine Offiziere um sich versammelt und
+ihnen angezeigt, daß er am folgenden Tage den Feind anzugreifen gedenke: er
+kenne ihren und ihrer Truppen Mut, mehr als _ein_ Sieg habe ihn erprobt;
+vielleicht würde es notwendiger sein ihn zu zügeln, als anzufeuern; sie
+möchten ihre Leute vor allem erinnern, schweigend anzurücken, um desto
+furchtbarer beim Sturm den Schlachtgesang zu erheben: sie selbst sollten
+besonders Sorge tragen, seine Signale schnell zu vernehmen und schnell
+auszuführen, damit die Bewegungen rasch und mit Präzision vor sich gingen;
+sie möchten sich überzeugen, daß auf jedem der Ausgang des großen Tages
+beruhe; der Kampf gelte nicht mehr Syrien und Ägypten, sondern dem Besitz
+des Orients; es werde sich entscheiden, wer herrschen solle. Mit lautem
+Zuruf antworteten ihm seine Generale; dann entließ sie der König, gab den
+Truppen Befehl zur Nacht zu essen und sich dann der Ruhe zu überlassen. Bei
+Alexander im Zelte waren noch einige Vertraute, als Parmenion, wie erzählt
+wird, hereintrat, und nicht ohne Besorgnis von der unendlichen Menge der
+persischen Wachtfeuer und dem dumpfen Tosen, das durch die Nacht
+herübertöne, berichtete: die feindliche Übermacht sei zu groß, als daß man
+bei Tage und in offener Schlacht sich mit ihr zu messen wagen dürfe; er
+rate, jetzt bei Nacht anzugreifen, das Unvermutete und die Verwirrung eines
+Überfalls werde durch die Schrecken der Nacht verdoppelt werden. Alexanders
+Antwort soll gewesen sein, er wolle den Sieg nicht stehlen. Weiter wird
+erzählt, daß Alexander sich bald darauf zur Ruhe gelegt und ruhig den
+übrigen Teil der Nacht geschlafen habe; schon sei es hoher Morgen, schon
+alles bereit zum Ausrücken gewesen, nur der König habe noch gefehlt,
+endlich sei der alte Parmenion in sein Zelt gegangen und habe ihn dreimal
+beim Namen gerufen, bis Alexander sich endlich ermuntert, sich rasch
+gerüstet habe.
+
+Am Morgen des 1. Oktober rückte das makedonische Heer aus dem Lager auf den
+Höhen, beim Gepäck wurde thrakisches Fußvolk zurückgelassen. Bald stand das
+Heer in der Ebene in Schlachtordnung; in der Mitte die sechs Taxen der
+Phalanx, auf ihrer Rechten die Hypaspisten und weiter die acht Ilen der
+makedonischen Ritterschaft; der Linken der Phalanx, der Taxis des Krateros,
+sich anschließend die Reiter der hellenischen Bundesgenossen, dann die
+thessalische Ritterschaft. Den linken Flügel führte Parmenion, der mit der
+pharsalischen Ile, der stärksten der thessalischen Ritterschaft, die Spitze
+des Flügels bildete. Auf der Spitze des rechten Flügels, mit dem Alexander
+den Angriff machen wollte, an die königliche Ile sich anschließend ein Teil
+der Agrianer, der Bogenschützen und Balakros mit den Akontisten. Da bei der
+ungeheuren Übermacht des Feindes Überflügelung unvermeidlich war und doch
+dem Gewaltstoß der Offensive, der die Entscheidung bringen mußte, nur so
+viel Kräfte entzogen werden durften als die Rücken- und Flankendeckung der
+angreifenden Schlachtlinie durchaus forderte, ließ Alexander hinter den
+Flügeln seiner Linie rechts und links je ein zweites Treffen formieren,
+das, wenn der Feind die Linie im Rücken bedrohte, kehrtmachen und so eine
+zweite Front bilden, wenn er gegen die Flanke losging, mit einer
+Viertelschwenkung sich im Haken an die Linie anschließen sollte. Als
+Reserve des linken Flügels rückten auf: das thrakische Fußvolk, ein Teil
+der Bündnerreiter unter Koiranos, die odrysischen unter Agathon, am
+weitesten links die Söldnerreiter unter Andromachos; auf dem rechten
+Flügel: Kleandros mit den alten Söldnern, die Hälfte der Bogenschützen
+unter Brison, der Agrianer unter Attalos, dann Aretes mit den
+Sarissophoren, Ariston mit den paionischen Reitern, am Flügel rechts die
+neugeworbenen hellenischen Reiter unter Menidas, die heute an der
+gefährlichsten Stelle ihre Waffenprobe machen sollten.
+
+Die Heere beginnen vorzurücken; Alexander mit der makedonischen
+Ritterschaft, dem rechten Flügel, ist dem feindlichen Zentrum, den
+Elefanten der Inder, dem Kern des feindlichen Heeres, der doppelten
+Schlachtlinie gegenüber, von dem ganzen linken Flügel der Feinde überragt.
+Er läßt aus der rechten Flanke halbrechts vorrücken, des Kleitos Ile und
+das leichte Volk zu ihrer Rechten voran, dann die zweite, die dritte usw.
+Ile, die Hypaspisten usw., staffelförmig eine Abteilung nach der andern;
+Bewegungen, die mit der größten Stille und Ordnung ausgeführt werden,
+während die Feinde bei ihren großen Massen eine Gegenbewegung aus ihrer
+linken Flanke nicht ohne Verwirrung versuchen. Immer noch überragt ihre
+Linie bei weitem die der Makedonen, und die skythischen Reiter des
+äußersten Flügels traben schon zum Angriff gegen die leichten Truppen in
+Alexanders Flanke vor, sind ihnen schon nahe. Ohne sich durch dies Manöver
+irremachen zu lassen, setzt Alexander seine Bewegung halbrechts vorwärts
+fort; nicht mehr lange und er wird an der hier zum Gebrauch der Sensenwagen
+geebneten Stelle vorüber sein. Von deren vernichtendem Einbrechen -- es
+stehen hier hundert Wagen der Art -- hat sich der Perserkönig besonderen
+Erfolg versprochen; er befiehlt jetzt jenen skythischen und den tausend
+baktrischen Reitern, den feindlichen Flügel zu umreiten und damit das
+weitere Vorrücken des Feindes zu hindern. Alexander läßt gegen sie die
+hellenischen Reiter des Menidas vorgehen; ihre Zahl ist zu gering, sie
+werden geworfen. Die Bewegung der Hauptlinie fordert hier möglichst festen
+Widerstand, die paionischen Reiter unter Ariston werden zu Menidas'
+Unterstützung vorgeschickt; vereint stürmen sie vor, so heftig, daß die
+Skythen und die tausend Baktrier weichen müssen. Aber schon jagt die Masse
+der anderen baktrischen Reiter an Alexanders Flügel vorüber, die geworfenen
+sammeln sich um sie, die ganze Übermacht stürzt sich auf Ariston und
+Menidas; auf das heftigste wird gekämpft; die Skythen, Mann und Roß
+gepanzert, setzen den Päonen und Veteranen hart zu, deren viele fallen;
+aber sie weichen nicht, sie machen Ile um Ile ihren Schock, sie drängen die
+Übermacht für den Augenblick zurück.
+
+Die makedonische Front hat sich indes in schräger Linie weiter und weiter
+vorgeschoben; jetzt sind die makedonischen Ilen und die Hypaspisten den
+hundert Sensenwagen des linken Flügels gegenüber, da brechen diese los und
+jagen gegen die Linie heran, die sie zerreißen sollen. Aber die Agrianer
+und die Bogenschützen empfangen sie unter lautem Geschrei mit einem Hagel
+von Pfeilen, Steinen und Speeren; viele werden schon hier aufgefangen, die
+stutzenden Pferde bei den Zügeln ergriffen und niedergestochen, das
+Riemenzeug durchhauen, die Knechte herabgerissen; die anderen, welche auf
+die Hypaspisten zu jagen, werden entweder von den dicht verschildeten
+Rotten mit vorgestreckten Spießen empfangen und von den stürzenden
+Gespannen im Laufe gehemmt, oder jagen durch die Öffnungen, welche die
+schnell rechts und links eindublierten Rotten bilden, unbeschädigt und ohne
+zu beschädigen, hindurch, um hinter der Front den Reitknechten in die Hände
+zu fallen.
+
+Nun beginnt die ganze Massenlinie des Perserheeres, die sich bisher links
+geschoben, wie zum Angriff vorzurücken, während das Reitergefecht in
+Alexanders Flanke von Ariston und Menidas nur noch mit der größten
+Anstrengung unterhalten wird. Jetzt dem Feinde vielleicht auf
+Pfeilschußweite nahe, läßt Alexander in rascherem Tempo vorgehen, befiehlt
+zugleich, daß Aretes mit den Sarissophoren -- es ist die letzte Kavallerie
+seines zweiten Treffens -- den schwer Kämpfenden unter Menidas und Ariston
+zu Hilfe eilt. So wie man auf Seiten der Perser diese Bewegung sieht,
+traben die nächsten Reitermassen des Flügels den Baktriern nach; es
+entsteht so eine Lücke in ihrem linken Flügel. Der Moment, den Alexander
+erwartet, ist da. Er läßt das Signal zum Vorstoß geben, an der Spitze von
+Kleitos' Ile sprengt er voran, die anderen Ilen, die Hypaspisten folgen mit
+Alala! im Sturmschritt; dieser Keilangriff reißt die feindliche Linie
+völlig auseinander; schon sind auch die nächsten Phalangen, Koinos,
+Perdikkas heran, mit vorstarrenden Spießen stürmen sie auf die
+Schlachthaufen der Susianer, der Kadusier, auf die Scharen, die den Wagen
+des Königs Darius decken; nun ist kein Halten, kein Widerstand mehr. Den
+wütenden Feind vor Augen, inmitten der plötzlichsten, wildesten,
+lärmendsten Verwirrung, der mit jedem Augenblick wachsenden Gefahr für
+seine Person ratlos gegenüber, gibt er alles verloren, wendet sich zur
+Flucht; nach tapferster Gegenwehr folgen die Perser, ihres Königs Flucht zu
+schirmen; die Flucht, die Verwirrung reißt die Schlachthaufen der zweiten
+Linie mit sich. Das Zentrum ist vernichtet.
+
+Zugleich hat die ungeheure Heftigkeit, mit der Aretes in die feindlichen
+Haufen eingebrochen, das Gefecht im Rücken der Linie entschieden; die
+skythischen, baktrischen, persischen Reiter suchen, von den Sarissophoren,
+den hellenischen, päonischen Reitern auf das heftigste verfolgt, das Weite.
+Der linke Flügel der Perser ist vernichtet.
+
+Anders der rechte. Den raschen Bewegungen des Angriffes haben Alexanders
+Schwerbewaffnete nur mit Mühe folgen, sie haben nicht geschlossen bleiben
+können; zwischen der letzten Taxis, der des Krateros und der rechts ihr
+nächsten, die Simmias führt, ist eine Lücke entstanden; Simmias hat
+haltmachen lassen, da Krateros und der ganze Flügel Parmenions in schwerer
+Gefahr ist. Ein Teil der Inder und der persischen Reiter der feindlichen
+Mitte hat jene Lücke rasch benutzt, hat sich da hindurch, vom zweiten
+Treffen nicht gehindert, auf das Lager gestürzt, die wenigen Thraker,
+leicht bewaffnet und keines Angriffes gewärtig, vermögen den mörderischen
+Kampf in den Lagerpforten nur mit größter Anstrengung zu halten; da brechen
+die Gefangenen los, fallen ihnen während des Kampfes in den Rücken; die
+Thraker werden überwältigt; schreiend und jubelnd stürzen sich die Barbaren
+ins Lager zu Raub und Mord. Wie die Führer der zweiten Linie links,
+Sitalkes, Koiranos, der Odryser Agathon, Andromachos innewerden, was
+geschehen ist, lassen sie kehrtmachen, führen ihre Truppen so schnell wie
+möglich gegen das Lager, werfen sich auf den schon plündernden Feind,
+überwältigen ihn nach kurzem Gefecht; viele Barbaren werden niedergemacht,
+die anderen jagen ohne Ordnung rückwärts, auf das Schlachtfeld zurück, den
+makedonischen Ilen ins Eisen.
+
+Parmenion hatte -- denn zugleich mit jenem Durchbruch durch die Lücke waren
+die anderen Inder und Perser, die parthischen Reiter mit ihnen, der
+thessalischen Ritterschaft in die Flanke gekommen -- an Alexander die
+Meldung gesandt, daß er in schwerer Gefahr sei, daß er Verstärkung haben
+müsse, oder alles sei verloren. Die Antwort des Königs soll gelautet haben:
+Parmenion müsse von Sinnen sein, jetzt Hilfe zu verlangen, mit dem Schwert
+in der Hand werde er zu siegen oder zu sterben wissen. Aber die schon
+begonnene Verfolgung gibt Alexander auf, um erst zu helfen; er eilt mit
+allem, was er an Truppen zur Stelle hat, nach dem rechten persischen
+Flügel, der noch steht; er stößt zuerst auf die schon aus dem Lager
+zurückgeschlagenen Perser, Inder, Parther, die sich schnell (im Kehrt)
+sammeln und geschlossen in Ilentiefe ihn empfangen. Das Reitergefecht, das
+sich hier entspinnt, ist furchtbar und lange schwankend; Mann gegen Mann
+wird gerungen, die Perser kämpfen um ihr Leben; an sechzig von den Hetairen
+fallen, sehr viele, unter ihnen Hephaistion, Menidas, werden schwer
+verwundet; endlich ist der Sieg auch hier entschieden; die sich
+durchgeschlagen, überlassen sich unaufhaltsam der Flucht.
+
+Ehe Alexander so kämpfend bis zum rechten Flügel der Perser hindurchdrang,
+hatte auch die thessalische Ritterschaft, so schwer sie von Mazaios
+bedrängt wurde, das Gefecht wiederhergestellt, die kappadokischen,
+medischen, syrischen Reitermassen zurückgeschlagen; sie war bereits im
+Verfolgen, als Alexander zu ihr kam. Da er auch hier das Werk getan sah,
+jagte er zurück und in der Richtung, die der Großkönig genommen zu haben
+schien, über das Schlachtfeld; er setzte ihm nach, solange es noch hell
+war. Er erreichte, während Parmenion das feindliche Lager am Bumodos, die
+Elefanten und Kamele, die Wagen und Lasttiere der ungeheuren Bagage nahm,
+den Lykos-Fluß, vier Stunden jenseits des Schlachtfeldes. Hier fand man ein
+furchtbares Gewirre flüchtender Barbaren, noch gräßlicher durch die
+Dunkelheit der einbrechenden Nacht, durch das erneute Gemetzel, durch den
+Einsturz der überfüllten Flußbrücke; bald machte die Furcht den Heerweg
+frei, aber Alexander mußte, da Pferde und Reiter von der ungeheuren
+Anstrengung auf das äußerste ermüdet waren, einige Stunden rasten lassen.
+Um Mitternacht, als der Mond aufgegangen war, brach man von neuem auf nach
+Arbela, wo man Dareios, sein Feldgerät, seine Schätze zu erbeuten hoffte.
+Man kam im Laufe des Tages dort an, Dareios war fort; seine Schätze, sein
+Wagen, sein Bogen und Schild, sein und seiner Großen Feldgerät, ungeheure
+Beute fiel in Alexanders Hände.
+
+Dieser große Sieg auf der Ebene von Gaugamela[9] kostete nach Arrian der
+makedonischen Ritterschaft allein 60 Tote; es waren über 1000 Pferde, davon
+die Hälfte bei der makedonischen Ritterschaft, gestürzt oder getötet; nach
+den höchsten Angaben fielen makedonischerseits 500 Mann; Zahlen, die gegen
+den Verlust der Feinde, der auf 30 000 Mann, ja 90 000 Mann angegeben wird,
+unverhältnismäßig erscheinen, wenn man nicht bedenkt, daß einerseits, bei
+der trefflichen Bewaffnung der Makedonen, im Handgemenge nicht viele
+tödlich verwundet wurden, und daß anderseits erst beim Verfolgen das
+Fleischhandwerk beginnen konnte; alle Schlachten nicht bloß des Altertums
+beweisen, daß der Verlust der Fliehenden bis ins Unglaubliche größer ist
+als der der Kämpfenden.
+
+ [9] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Mit dieser Schlacht war Dareios' Macht gebrochen; von seinem zersprengten
+Heere sammelten sich einige tausend baktrische Reiter, die Überreste der
+hellenischen Söldner, gegen 2000 Mann unter dem Ätoler Glaukias und dem
+Phokier Patron, die Melophoren und Verwandten, im ganzen ein Heer von 3000
+Reitern und 6000 Mann zu Fuß; mit diesen wandte sich Dareios in
+unaufhaltsamer Flucht nordostwärts durch die Pässe Mediens nach Ekbatana;
+dort hoffte er vor dem furchtbaren Feinde wenigstens für den Augenblick
+sicher zu sein, dort wollte er abwarten, ob sich Alexander mit den
+Reichtümern von Susa und Babylon begnügen, ihm das altpersische Land lassen
+werde, das mächtige Gebirgswälle von dem aramäischen Tieflande scheiden;
+erstieg der unersättliche Eroberer dennoch die hohe Burg Irans, dann war
+des Großkönigs Plan, weit und breit verwüstend über die Nordabhänge des
+Hochlandes nach Baktrien, dem letzten Quartier des einst so weiten Reiches,
+zu flüchten.
+
+Von der großen Masse der Zersprengten, die südwärts in der Richtung auf
+Susa und Persien geflohen war, fanden sich noch 25 000, nach anderen 40 000
+Mann zusammen, die unter Führung des persischen Satrapen Ariobarzanes, des
+Artabazos Sohn, die persischen Pässe besetzten und sich hinter ihnen auf
+das sorgfältigste verschanzten. Wenn irgendwo, so war an dieser Stelle noch
+das persische Reich zu retten; es wäre vielleicht gerettet worden, wenn
+Dareios nicht den nächsten Weg gesucht, nicht durch seine Flucht nach dem
+Nordabhang von Iran die Satrapien südwärts sich selbst und der Treue der
+Satrapen überlassen hätte. Denn diese waren nicht alle wie Ariobarzanes
+gesinnt; sie mochten in ihrer ebenso verlockenden wie schwierigen Stellung
+gern den landflüchtigen Herrn vergessen, um sich der Hoffnung einer
+vielleicht längst ersehnten Unabhängigkeit hinzugeben, oder durch
+freiwillige Unterwerfung von dem großmütigen Sieger mehr zu gewinnen, als
+sie durch die Flucht ihres Königs verloren hatten. Die Völker selbst, die,
+wenn Darius an den Pforten Persiens für sein Königtum zu kämpfen hätte
+wagen wollen, nach ihrer Weise zu neuem Kampf zusammengeströmt wären, und
+die natürliche Grenze ihres Landes, die sich so oft und so wirksam in der
+Geschichte geltendgemacht hat, vielleicht mit Erfolg verteidigt hätten,
+diese kriegerischen Reiter- und Räubervölker, die Alexander zum Teil mit
+Mühe und spät bewältigt, zum Teil nie anzugreifen gewagt hat, waren durch
+jene Flucht des Darius sich selbst überlassen und gleichsam auf verlorenen
+Posten gestellt, ohne daß die Sache des Königs von ihnen den geringsten
+Vorteil gehabt hätte. So gewann der Sieg von Gaugamela durch die
+unglaubliche Verwirrung, in welche Darius, zu allem bereit, um irgend etwas
+zu retten, immer tiefer versank, jene lawinenhaft wachsende Wirkung, welche
+die persische Macht bis auf den letzten Rest vertilgen sollte.
+
+Alexander folgte weder dem Großkönige die Gebirgspässe hinauf, noch den auf
+der Straße nach Susa Flüchtenden. Er zog an den Vorbergen der iranischen
+Randgebirge entlang die Straße nach Babylon, der Königin im weiten
+aramäischen Tieflande, und seit Dareios Hystaspis' Zeit der Kapitale des
+persischen Reiches; der Besitz dieser Weltstadt war der erste Preis des
+Sieges von Gaugamela. Alexander erwartete Widerstand zu finden; er wußte,
+wie ungeheuer die »Mauern der Semiramis« seien, was für ein Netz von
+Kanälen sie umschließe, wielange die Stadt die Belagerung des Kyros und
+Dareios ausgehalten hatte; er erfuhr, daß sich Mazaios, der bei Gaugamela
+am längsten und glücklichsten das Feld behauptet, nach Babylon geworfen
+habe; es war zu fürchten, daß sich die Szenen von Halikarnaß und Tyros
+wiederholten. Alexander ließ, sobald er sich der Stadt nahte, sein Heer
+schlagfertig vorrücken; aber die Tore öffneten sich, die Babylonier mit
+Blumenkränzen und reichen Geschenken, die Chaldäer, die Ältesten der
+Stadt, die persischen Beamten an der Spitze, kamen ihm entgegen; Mazaios
+übergab die Stadt, die Burg, die Schätze und der abendländische König hielt
+seinen Einzug in die Stadt der Semiramis.
+
+Hier wurde den Truppen längere Rast gegeben; es war die erste wahrhaft
+morgenländische Großstadt, die sie sahen; ungeheuer in ihrem Umfange,
+voller Bauwerke der staunenswürdigsten Art: die Riesenmauer, die hängenden
+Gärten der Semiramis, des Belos Würfelturm, an dessen massigem Bau sich
+Xerxes' wahnsinnige Wut über die salaminische Schmach vergebens versucht
+haben sollte; dazu die endlose Menschenmenge, die hier aus Arabien und
+Armenien, aus Persien und Syrien zusammenströmte, dazu die überschwengliche
+Pracht und Lüsternheit des Lebens, der tausendfältige Wechsel raffinierter
+Wollust und ausgewähltester Genüsse; dieser ganze märchenhafte Zauber
+morgenländischer Taumellust ward hier den Söhnen des Abendlandes als Preis
+so vieler Mühen und Siege. Wohl mochte der kräftige Makedone, der wilde
+Thraker, der heißblütige Grieche hier Sieges- und Lebenslust in überreichen
+Zügen schlürfen und auf duftigen Teppichen, bei goldenen Bechern, im
+lärmenden Jubelschall babylonischer Gelage schwelgen, mochte mit wilderer
+Begier den Genuß, mit neuem Genuß sein brennendes Verlangen, mit beiden den
+Durst nach neuen Taten und neuen Siegen steigern. So begann sich Alexanders
+Heer in das asiatische Leben hineinzuleben und sich mit denen, die das
+Vorurteil von Jahrhunderten gehaßt, verachtet, Barbaren genannt, zu
+versöhnen und zu verschmelzen; es begann sich Morgen- und Abendland zu
+durchgären und eine Zukunft vorzubereiten, in der beide sich selbst
+verlieren sollten.
+
+Mag es klares Bewußtsein, glückliches Ungefähr, notwendige Folge der
+Umstände genannt werden, jedenfalls traf Alexander in den Maßregeln, die er
+wählte, die einzig möglichen und die richtigen. Hier in Babylon war mehr
+als irgendwo bisher das Heimische mächtig, naturgemäß und in seiner Art
+fertig; während Kleinasien dem hellenischen Leben nahe, Ägypten und Syrien
+demselben zugänglich war und mit ihm durch das gemeinsame Meer in
+Verbindung stand, in Phönikien griechische Sitten schon länger in den
+Häusern der reichen Kaufherren und vieler Fürsten eingeführt, im Lande des
+Nildelta durch griechische Ansiedelungen, durch Kyrenes Nachbarschaft,
+durch mannigfache Verbindungen mit hellenischen Staaten seit der
+Pharaonenzeit bekannt und eingebürgert war, lag Babylon fern von aller
+Berührung mit dem Abendlande, tief stromab bei dem Doppelstrome des
+aramäischen Landes, das durch die Natur, durch Handel, Sitte und Religion,
+durch die Geschichte vieler Jahrhunderte eher nach Indien und Arabien als
+nach Europa wies; hier in Babylon lebte man noch in dem vollen Leben einer
+uralten Kultur, man schrieb noch wie seit Jahrhunderten Keilschrift auf
+Tonplatten, beobachtete und berechnete den Lauf der Gestirne, zählte und
+maß nach einem vollendeten metrischen System, war in aller technischen
+Kultur immer noch in unerreichter Meisterschaft. In dieses fremde,
+buntgemischte, in sich gesättigte Völkerleben kamen jetzt die ersten
+hellenischen Elemente, der Masse nach unbedeutend gegen das Heimische und
+ihm nur durch die Fähigkeit, sich ihm anzuschmiegen, überlegen.
+
+Dazu ein Zweites. Im Felde geschlagen war freilich die persische Macht;
+überwunden, hinweggetilgt war sie noch keineswegs. Wollte Alexander nur als
+Makedone und Hellene an des Großkönigs Stelle herrschen, so war er schon zu
+weit gegangen, als er die Grenzen abendländischer Nachbarschaft
+überschritt, auch jenseits der syrischen Wüste seine Eroberung
+fortzusetzen. Wollte er die Völker Asiens nichts als den Namen der
+Knechtschaft tauschen, sie nichts als den härteren, den demütigenden Druck
+höherer oder doch kühnerer geistiger Entwicklung empfinden lassen, so war
+kaum der Augenblick des Sieges ihres Gehorsams gewiß, und _ein_ Wutausbruch
+der Volksmasse, _eine_ Seuche, _ein_ zweifelhafter Erfolg hätte genügt, die
+Chimäre selbstsüchtiger Eroberung zu zerstören. Alexanders Macht, der Masse
+nach den asiatischen Gebieten und Völkern gegenüber unverhältnismäßig
+gering, mußte in den Wohltaten, die sie den Besiegten brachte, ihre
+Rechtfertigung, in deren Zustimmung, ihren Halt und ihre Zukunft finden;
+sie mußte sich gründen auf die Anerkennung jeder Volkstümlichkeit in Sitte,
+Gesetz und Religion, soweit sie mit dem Bestehen des Reiches vereinbar war.
+Was die Perser so tief gedrückt hatten und so gern erdrückt hätten, was nur
+ihre Ohnmacht oder Sorglosigkeit der Tat, nicht dem Rechte nach hatte
+gewähren lassen, das mußte nun neu und frei erstehen und sich unmittelbar
+zum hellenischen Leben verhalten, um mit ihm verschmelzen zu können. War
+nicht desselben Weges und seit Jahrhunderten die wundervolle koloniale
+Entwicklung der Hellenen vor sich gegangen? Hatte nicht bei den Skythen im
+taurischen Lande wie bei den Afrikanern der Syrte, in Kilikien wie an der
+keltischen Rhonemündung ihre Begabung, das Fremde aufzufassen,
+anzuerkennen, sich mit ihm zu verständigen und zu verschmelzen, die Fülle
+neuer lebensvollster Gestaltungen geschaffen, hellenisierend das
+Hellenische selbst der Zahl und der Spannkraft nach fort und fort
+gesteigert? Daß in dieser Richtung Alexanders Gedanken gingen, dafür kann
+als Beweis gelten, wie er in Memphis und Tyros und immerhin auch Jerusalem
+Feste feierte nach der Landesart, wie er in Babylon die von Xerxes
+geplünderten Heiligtümer von neuem zu schmücken, den Belosturm
+wiederherzustellen, den Dienst der babylonischen Götter fortan frei und
+prächtig, wie zu Nebukadnezars Zeit, zu begehen befahl. So gewann er die
+Völker für sich, indem er sie sich selbst und ihrem volkstümlichen Leben
+wiedergab; so machte er sie fähig, auf tätige und unmittelbare Weise in den
+Zusammenhang des Reiches, das er zu gründen im Sinne trug, einzutreten,
+eines Reiches, in dem die Unterschiede von Abend und Morgen, von Hellenen
+und Barbaren, wie sie bis dahin die Geschichte beherrscht hatten,
+untergehen sollten zu der Einheit einer Weltmonarchie.
+
+Wie aber sollte das Reich organisiert und verwaltet, wie in der politischen
+und militärischen Form der Gedanke durchgeführt werden, der für das
+bürgerliche und kirchliche Wesen die Norm gab? Sollten fortan die Satrapen,
+die Umgebung des Königs, die Großen des Reiches, das Heer nur Makedonen
+und Hellenen sein, so war jene Ineinsbildung nur Vorwand oder Illusion, die
+Volkstümlichkeit nicht anerkannt, sondern nur geduldet, die Vergangenheit
+nur durch das Unglück und schmerzliche Erinnerungen an die Zukunft
+geknüpft, und statt der asiatischen Herrschaft, die wenigstens in demselben
+Weltteile erwachsen war, ein fremdes, unnatürliches, doppelt schweres Joch
+über Asien gekommen.
+
+Die Antwort auf diese Fragen bezeichnet die Katastrophe in Alexanders
+Heldenleben; es ist der Wurm, der an der Wurzel seiner Größe nagt, das
+Verhängnis seiner Siege, das ihn besiegt.
+
+Während der König Persiens die letzten Wege flieht, beginnt Alexander sich
+mit dem Glanze des persischen Königtums zu schmücken, die Großen Persiens
+um sich zu sammeln, sich mit dem Namen, den er bekämpft und gedemütigt hat,
+zu versöhnen, dem makedonischen Adel einen Adel des Morgenlandes
+hinzuzufügen.
+
+Schon seit dem Herbst 334 ist Mithrines von Sardes, dann seit dem Fall von
+Tyros und Gaza Mazakes und Amminapes von Ägypten in Amt und Ehren bei ihm.
+Der Tag von Gaugamela hat den Stolz und das Selbstvertrauen der persischen
+Großen gebrochen, sie lernen die Dinge mit anderen Augen als bisher
+ansehen; die Übertritte mehren sich, zumal seit Mithrines die stets
+hochgehaltene Satrapie Armenien, Mazaios, der, wenn einer, tapfer gegen
+Alexander gekämpft, die reiche babylonische erhalten hat. Der persische
+Adel zu einem guten Teil gibt die Sache des landflüchtigen Achämeniden auf
+und sammelt sich um den Sieger.
+
+Natürlich, daß ihnen Alexander, soweit irgend möglich, entgegenkommt. Aber
+ebenso natürlich, daß, wenn er einem Perser eine Satrapie gibt, oder seine
+bisherige läßt, neben demselben die bewaffnete Macht in der Satrapie aus
+makedonischen Truppen gebildet und unter makedonische Befehlshaber gestellt
+wird; ebenso natürlich, daß die Finanz der Satrapien von dem
+Geschäftsbereich des Satrapen getrennt, die Tributerhebung an makedonische
+Männer gegeben wird.
+
+So jetzt in der babylonischen Satrapie. Dem Satrapen Mazaios wurde für die
+Tribute Asklepiodoros an die Seite gesetzt; die Stadt Babylon erhielt eine
+starke Garnison, die auf der Burg ihr Quartier nahm, unter Agathon, dem
+Bruder Parmenions, während die Strategie über die bei dem Satrapen
+bleibenden Truppen Apollodoros aus Amphipolis erhielt; außerdem wurde
+Menos, einer der sieben Somatophylakes, als Hyparch für Syrien, Phönikien
+und Kilikien bestellt, und die nötigen Truppen unter seinen Befehl
+gestellt, die große Passage von Babylon zur Küste und die Transporte aus
+dem Morgenlande nach Europa und umgekehrt zu sichern, eine Einrichtung, die
+wegen der Raubsucht der in der Wüste hausenden Beduinenstämme doppelt
+notwendig wurde. Der erste Transport war eine Summe von etwa dreitausend
+Talent Silber, von denen ein Teil an Antipatros gehen sollte, damit er den
+eben jetzt beginnenden Krieg gegen Sparta mit Nachdruck führen könne, das
+übrige aber zu möglichst ausgedehnten Werbungen für die große Armee
+bestimmt ward.
+
+Während des etwa dreißigtägigen Aufenthaltes in Babylon war Susa, die Stadt
+des persischen Hoflagers und der königlichen Schätze, auf gütlichem Wege
+gewonnen worden. Schon von Arbela aus hatte Alexander den Makedonen
+Philoxenos, wie es scheint an der Spitze eines leichten Korps,
+vorausgesandt, um sich der Stadt und der königlichen Schätze zu versichern;
+er erhielt jetzt von ihm den Bericht, daß sich Susa freiwillig ergeben
+habe, daß die Schätze gerettet seien, daß sich der Satrap Abulites der
+Gnade Alexanders unterwerfe. Alexander langte zwanzig Tage nach seinem
+Aufbruch von Babylon in Susa an; er nahm sofort die ungeheuren Schätze in
+Besitz, die in der hohen Burg der Stadt, dem kissischen Memnonion der
+griechischen Dichter, seit den ersten Perserkönigen aufgehäuft lagen;
+allein des Goldes und Silbers waren fünfzigtausend Talente, dazu noch die
+aufgehäuften Vorräte von Purpur, Rauchwerk, edlen Gesteinen, der ganze
+überreiche Hausrat des üppigsten aller Höfe, auch mehrfache Beute aus
+Griechenland von Xerxes' Zeit her, namentlich die Erzbilder der
+Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton, die Alexander den Athenern
+zurücksandte.
+
+Während das Heer noch in Susa und an den Ufern des Choaspes verweilte, kam
+der Strateg Amantas, welcher vor einem Jahre von Gaza aus heimgesandt war,
+Verstärkungen zu holen, mit den neuen Truppen heran. Ihre Einordnung in die
+verschiedenen Heeresabteilungen war zugleich der Anfang einer neuen
+Formation der Armee[10], die im Lauf des nächsten Jahres und nach den neuen
+Gesichtspunkten, die der Fortgang des Krieges in den oberen Satrapien an
+die Hand gab, weiter entwickelt wurde; den Anfang machte, daß die Ilen der
+makedonischen Ritterschaft in zwei Lochen formiert und damit so zu sagen
+taktisch verdoppelt wurden.
+
+ [10] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Im späteren wird auf diese Reorganisation zurückzukommen sein. Sie leitet
+die große Umwandlung ein, die, wie man Alexanders Verhalten in ihr auch
+beurteilen mag, aus der Konsequenz des Werkes, das er unternommen hatte,
+und den Bedingungen, die das Gelingen forderte, sich notwendig ergab.
+
+Alexander gedachte demnächst, es mochte Mitte Dezember sein, nach den
+Königsstädten der Landschaft Persis aufzubrechen, mit deren Besitz der
+Glaube der Völker die Herrschaft über Asien untrennbar verbunden zu denken
+gewohnt war; er dort auf dem Throne der Großkönige, in den Palästen des
+Kyros, Dareios und Xerxes bestand für sie der Beweis für den Sturz der
+Achämenidendynastie. Er eilte, die Angelegenheiten des susianischen Landes
+zu ordnen. Er bestätigte dem Satrapen Abulites die Satrapie, übergab die
+Burg der Stadt Susa an Mazaros, die Feldhauptmannschaft der Satrapie nebst
+einem Korps von dreitausend Mann an Archelaos; er wies die Schlösser von
+Susa der Mutter und den Kindern des Perserkönigs, die bisher in seiner Nähe
+gewesen waren, als künftige Residenz an und umgab sie mit königlichem
+Hofstaat; man erzählt, daß er einige griechische Gelehrte an dem Hofe der
+Prinzessinnen zurückließ, mit dem Wunsch, sie möchten von diesen Griechisch
+lernen. Nach diesen Einrichtungen brach er mit dem Heere nach Persien auf.
+
+Unter den mannigfachen militärischen Schwierigkeiten, welche Alexanders
+Feldzüge denkwürdig machen, ist die Orientierung in völlig fremden Ländern
+nicht die geringste. Jetzt galt es, aus dem Tiefland nach dem hohen Iran
+hinaufzusteigen, nach Landschaften, von deren Gestaltung, von deren
+Ausdehnung, von deren Hilfsmitteln, Straßen, klimatischen Verhältnissen,
+die Griechenwelt bisher auch nicht die geringste Kenntnis hatte. Man wird
+annehmen dürfen, daß sich Alexander aus den Mitteilungen der persischen
+Männer, deren er bereits genug in seiner Umgebung hatte, eine ungefähre
+Vorstellung von den geographischen Verhältnissen der Gebiete, auf die er
+sich zunächst zu wenden hatte, zu bilden verstand; das einzelne mußte sich
+dann aus den Umständen und aus Erkundigungen an Ort und Stelle ergeben.
+
+Zunächst galt es, aus der Ebene Susianas durch höchst schwierige Pässe nach
+den Königstädten in der hohen Persis zu gelangen. Die Straße, die Alexander
+einzuschlagen oder vielmehr sich zu öffnen hatte, war die, welche für die
+Züge des persischen Hofes zwischen Persepolis und Susa eingerichtet war.
+Sie führte zunächst durch die reiche susianische Ebene, über den Kopratas
+(Disful) und den Eulaios (Karun bei Shuster), die sich vereinigen und als
+Pasitigris (kleiner Tigris) in das »Erythräische Meer« fließen, -- dann
+weiter über zwei Flüsse, deren alte Namen nicht mehr festzustellen sind,
+den Jerahi bei Ram Hormus und den Tab (Arosis?). Zwischen beiden führt ein
+Paß aus der Ebene in die Berge, derselbe Paß, wie es scheint, der von den
+Alten der Paß der Uxier genannt wurde. Denn die Uxier wohnten teils in der
+Ebene, teils in den Bergen, die diese im Nordosten begleiten; nur die in
+der Ebene waren dem Großkönige unterworfen; die Berguxier gewährten, wenn
+der Hof des Weges zog, nur gegen reiche Geschenke den Durchzug durch jenen
+Paß, den sie in ihrer Gewalt hatten. Dieselben Randgebirge des hohen Iran,
+die bei Ninive bis nah an den Tigris reichen, begleiten in südöstlichem
+Zuge die Ebene der Susianer und der Uxier, in mehreren Terrassen
+hintereinander bis zur Schneehöhe emporsteigend; weiter südöstlich, wo
+statt der Ebene und sie gleichsam fortsetzend das Erythräische Meer tief
+in das Land einschneidet, mehrt sich die Zahl dieser von der Küste
+aufsteigenden Terrassen bis zu acht und neun Berglinien hintereinander,
+über die man von dem Meerbusen aus gegen zwanzig Meilen entfernt die
+Schneedecke des Kuh-i-Baena als Zentralmasse emporragen sieht. In dieses
+Labyrinth von Bergzügen, durchbrechenden Bergströmen, kleinen Ebenen,
+Pässen zwischen ihnen, führt die »Fahrstraße«; nachdem sie jene Uxierpässe
+hinter sich hat, nach Bebehan, dann südöstlich über die Ebene von Lasther,
+weiter ostwärts zu der von Basht, dann in die von Fahiyan, von so mächtigen
+Bergen umschlossen, daß das Dorf nur am Morgen die Sonne sieht, den übrigen
+Tag im Schatten liegt. Dies nach Osten streichende Tal schließt der
+Felskegel von Kala-Safid, der mit der Feste auf seiner Höhe den Weg völlig
+sperrt. Das sind die persischen Pässe auf der Fahrstraße über Schiras nach
+Persepolis; wer sie vermeiden will, wendet sich bei Fahiyan südwärts und
+erreicht über Kasran »bösen Feldweg auf und nieder« Schiras. Daß man jenen
+Paß nordwärts umgehen, daß man vom Tab her einen kürzeren Weg als die
+Fahrstraße nehmen kann, zeigt Alexanders Marsch. Gleich bei Bebehan führt
+ein Weg zur Linken nordostwärts, ersteigt bei Tang-i-Tobak die nächsthöhere
+Terrasse und scheint dann bei Basht in die große Straße zu führen; dann
+wieder bei Fahiyan wird ein Weg angegeben, der gerade nordwärts in das
+Gebirge führt und jenseits Kala-Safid in die hinter der Feste liegende
+kleine Ebene hinabsteigt.
+
+So die Wege, die Alexander zu nehmen hatte, um Persepolis und Pasargadai zu
+erreichen; die Jahreszeit war nichts weniger als günstig, es mußte schon
+tiefer Schnee in den Bergen liegen, es mußten die bei der Seltenheit der
+Ortschaften häufigen Biwaks und die kalten Nächte den an sich schon
+beschwerlichen Zug noch schwieriger machen; es kam dazu, daß man Widerstand
+von seiten der Uxier und noch mehr von seiten des Ariobarzanes, der sich
+mit bedeutender Truppenmacht in den höheren Pässen verschanzt hatte,
+erwarten konnte. Dennoch eilte Alexander nach Persien, nicht bloß um sich
+des Landes, der Schätze von Persepolis und Pasargadai und des Weges ins
+Innere Irans zu versichern, sondern und namentlich, damit nicht durch
+längeres Zögern der Perserkönig Zeit gewann, große Rüstungen zu machen und
+sich von Medien hierher zu wenden, um die Heimat des persischen Königtums
+und die hohe Pforte der Achämeniden hinter den so schwierigen persischen
+Pässen zu verteidigen.
+
+So zog Alexander mit seinem Heere über die Ebene Susianas, überschritt in
+wenigen Tagen den Pasitigris und betrat das Gebiet der talländischen Uxier,
+die, schon dem Perserkönige unterworfen und unter der Herrschaft des
+susianischen Satrapen, sich ohne weiteres ergaben. Die Berguxier dagegen
+sandten Abgeordnete an ihn mit der Botschaft: nicht anders würden sie ihm
+den Durchzug gestatten, als wenn sie die Geschenke, die die Perserkönige
+gegeben hätten, auch von ihm erhielten. Je wichtiger die freie Passage nach
+dem oberen Lande war, destoweniger konnte Alexander sie in den Händen des
+trotzigen Bergvolkes lassen; er ließ ihnen sagen, sie möchten in die
+Engpässe kommen und sich dort ihr Teil holen.
+
+Mit dem Agema und den anderen Hypaspisten, mit noch etwa achttausend Mann
+meist leichter Truppen wandte er sich, von Susianern geführt, bei Nachtzeit
+auf einen anderen sehr schwierigen Gebirgspfad, der von den Uxiern
+unbesetzt geblieben war; mit Tagesanbruch erreichte er die Dorfschaften
+derselben: die meisten derer, die daheim waren, wurden auf ihren Lagern
+ermordet, die Häuser geplündert und den Flammen preisgegeben. Dann eilte
+das Heer zu den Engpässen, wohin sich die Uxier von allen Seiten versammelt
+hatten. Alexander sandte Krateros mit einem Teile des Heeres auf die Höhen
+hinter der von den Uxiern besetzten Enge, während er selbst gegen den Paß
+mit größerer Eile vorrückte, so daß die Barbaren, umgangen, durch die
+Schnelligkeit des Feindes erschreckt, aller Vorteile, die der Engpaß
+gewähren konnte, beraubt, sich sofort, als Alexander in geschlossenen
+Reihen anrückte, fliehend zurückzogen; viele stürzten in die Abgründe,
+viele werden von den verfolgenden Makedonen, noch mehr von Krateros'
+Truppen auf der Höhe, nach der sie sich retten wollten, erschlagen.
+Alexander war anfangs willens, den ganzen Stamm der Berguxier aus diesen
+Gegenden zu versetzen; Sisygambis, die Königinmutter, legte Fürbitte für
+sie ein; man sagt, Madates, ihrer Nichte Gemahl, sei ihr Anführer gewesen.
+Alexander ließ auf der Königin Bitten diesen Hirtenstämmen ihr Bergland; er
+legte ihnen einen jährlichen Tribut von tausend Pferden, fünfhundert Haupt
+Zugvieh, dreißigtausend Schafen auf; Geld und Ackerland hatten sie nicht.
+
+So war der Eingang in die höheren Gebirge geöffnet; und während Parmenion
+mit der einen Hälfte des Heeres, namentlich den schwerer Bewaffneten vom
+Fußvolk, den thessalischen Reitern und dem Train, auf der großen Heerstraße
+weiterzog, eilte Alexander selbst mit dem makedonischen Fußvolk, der
+Ritterschaft, den Sarissophoren, den Agrianern und Schützen auf dem
+nächsten, aber beschwerlichen Gebirgswege die persischen Pässe zu
+erreichen. Eilmärsche brachten ihn am fünften Tage an den Eingang
+derselben, den er durch mächtige Mauern gesperrt fand; der Satrap
+Ariobarzanes, so hieß es, stehe mit vierzigtausend Mann Fußvolk und
+siebenhundert Reitern hinter der Mauer in einem festen Lager, entschlossen,
+den Eingang um jeden Preis zu sperren. Alexander lagerte sich; am nächsten
+Morgen wagte er sich in die von hohen Felsen eingeschlossene Paßgegend
+hinein, um die Mauer anzugreifen; ihn empfing ein Hagel von
+Schleudersteinen und Pfeilen, Felsmassen von den Abhängen hinabgestürzt,
+von drei Seiten ein erbitterter Feind; vergebens versuchten einzelne die
+Felsenwände zu erklimmen, die Stellung der Feinde war unangreifbar.
+Alexander zog sich in sein Lager, eine Stunde vor dem Paß, zurück.
+
+Seine Lage war peinlich; nur dieser Paß führte nach Persepolis, er mußte
+genommen werden, wenn nicht eine gefährliche Unterbrechung eintreten
+sollte; aber an diesen Felswänden schienen die höchsten Anstrengungen der
+Kunst und des Mutes scheitern zu müssen; und doch hing alles von der
+Einnahme dieser Pässe ab. Von Gefangenen erfuhr Alexander, daß diese
+Gebirge meist mit dichten Wäldern bedeckt seien, daß kaum einzelne
+gefährliche Fußsteige hinüberführten, daß sie jetzt doppelt mühselig wegen
+des Schnees in den Bergen sein würden, daß anderseits nur auf diesen
+Felsenpfaden die Pässe zu umgehen und in das von Ariobarzanes besetzte
+Terrain zu gelangen sei. Alexander entschloß sich zu dieser, vielleicht der
+gefährlichsten Expedition seines Lebens.
+
+Krateros blieb mit seiner und Meleagros' Phalanx, mit einem Teile der
+Bogenschützen und fünfhundert Mann der Ritterschaft im Lager zurück, mit
+der Weisung, durch Wachtfeuer und auf jede andere Weise dem Feinde die
+Teilung der Armee zu verbergen, dann aber, wenn er von jenseits der Berge
+herüber die makedonischen Trompeten höre, mit aller Gewalt gegen die Mauer
+zu stürmen. Alexander selbst brach mit den Phalangen Amyntas, Perdikkas,
+Koinos, mit den Hypaspisten und Agrianern, mit einem Teile der Schützen und
+dem größten Teil der Ritterschaft unter Philotas in der Nacht auf und stieg
+nach einem sehr beschwerlichen Marsche von mehr als zwei Meilen über das
+mit tiefem Schnee bedeckte Gebirge. Er war am anderen Morgen jenseits;
+rechts die Bergkette, die an den Pässen und über dem Lager der Feinde
+endete, vor der Front das Tal, das sich zur Ebene des Araxes, über den hin
+der Weg nach Persepolis führt, ausbreitet, im Rücken die mächtigen Gebirge,
+die, mit Mühe überschritten, vielleicht bei einem Unfalle den Rückweg, die
+Rettung unmöglich machten. Alexander teilte nach einiger Rast sein Heer; er
+ließ Amyntas, Koinos, Philotas mit ihren Korps in die Ebene hinabgehen,
+sowohl um auf dem Wege nach Persepolis über den Fluß eine Brücke zu
+schlagen, als auch um den Persern, wenn sie überwältigt wären, den Rückzug
+auf Persepolis zu sperren; er selbst rückte mit seinen Hypaspisten, mit der
+Taxis des Perdikkas, mit dem Geleit der Ritterschaft und einer Tetrarchie
+derselben, mit den Schützen und Agrianern rechts gegen die Pässe hin; ein
+höchst beschwerlicher Marsch, durch die Waldung des Berges, durch den
+heftigen Sturm, durch das Dunkel der Nacht doppelt schwierig. Vor
+Tagesanbruch traf man die ersten Vorposten der Perser, sie wurden
+niedergemacht; man nahte den zweiten, wenige entkamen zu der dritten
+Postenreihe, um sich mit dieser nicht in das Lager, sondern in die Berge zu
+flüchten.
+
+Im persischen Lager ahnte man nichts von dem, was vorging; man glaubte die
+Makedonen unten vor dem Tale, man hielt sich in diesem winterlichen
+Sturmwetter in den Zelten, überzeugt, daß Sturm und Schnee das Angreifen
+unmöglich machen werde; so war alles im Lager ruhig, als plötzlich, es war
+in der Frühstunde, rechts auf den Höhen die makedonischen Trompeten
+schmetterten und von den Höhen herab, aus dem Tale herauf zugleich der
+Sturmruf ertönte. Schon war Alexander im Rücken der Perser, während
+Krateros vom Tal herauf den Sturm begann, leicht die schlecht verwahrten
+Eingänge erbrach; die dort Flüchtenden rannten dem vordringenden König ins
+Eisen; sich zu der verlassenen Stellung zurückwendend, trafen sie sie
+bereits von einem dritten Haufen besetzt, denn Ptolemäus war mit 3000 Mann
+zurückgelassen, um von der Seite her einzudringen. So trafen von allen
+Seiten die Makedonen in dem feindlichen Lager zusammen. Hier begann ein
+gräßliches Gemetzel. Fliehende stürzten den Makedonen in die Schwerter,
+viele in die Abgründe, alles war verloren; Ariobarzanes schlug sich durch,
+er entkam mit wenigen Reitern in die Gebirge und auf heimlichen Wegen
+nordwärts nach Medien.
+
+Alexander brach nach kurzer Rast gen Persepolis auf; auf dem Wege soll ihm
+ein Schreiben des Tiridates, der des Königs Schätze unter sich hatte,
+zugekommen sein, ihn zur Eile zu mahnen, da sonst der Schatz geplündert
+werden könne. Um desto schneller die Stadt zu erreichen, ließ er das
+Fußvolk zurück und jagte mit den Reitern voraus; mit Tagesanbruch war er an
+der Brücke, die von der Vorhut bereits geschlagen war. Seine unvermutete
+Ankunft -- er war fast der Kunde von dem Gefecht vorausgeeilt -- machte
+allen Widerstand und alle Unordnung unmöglich; die Stadt, die Paläste, die
+Schätze wurden ohne weiteres in Besitz genommen. Ebenso schnell fiel
+Pasargadai dem Sieger mit neuen größeren Schätzen zu; viele tausend Talente
+Gold und Silber, unzählige Prachtgewebe und Kostbarkeiten wurden hier
+aufgehäuft gefunden; man erzählt, daß zehntausend Paar Maultiere und
+dreitausend Kamele nötig gewesen, um sie von dannen zu bringen.
+
+Wichtiger noch als diese Reichtümer, mit denen Alexander dem Feinde sein
+bedeutendstes Machtmittel entriß, und die seine Freigebigkeit aus den toten
+Schatzgewölben in den Verkehr der Völker, dem sie so lange entzogen
+gewesen, zurückzuführen verstand, war der Besitz dieser Gegend selbst, der
+eigentlichen Heimat des persischen Königtums. In dem Tale von Pasargadai
+hatte Kyros die medische Herrschaft bewältigt und zur Erinnerung des großen
+Sieges dort sein Hoflager, seine Paläste und sein Grab gebaut, zwischen den
+Monumenten irdischer Pracht ein einfaches Felsenhaus, bei dem fromme Magier
+jeden Tag opferten und beteten. Noch reicher an Prachtbauten war die
+Talebene von Persepolis mit ihren am Araxes und Medos sich westwärts und
+ostwärts hinauf fortsetzenden Tälern. Dareios, des Hystaspes Sohn, der
+zuerst Erde und Wasser von den Hellenen gefordert, der den Philhellenen
+Alexandros, den makedonischen König, zu einem persischen Satrapen gemacht
+hatte, war hier nach dem falschen Smerdes zum Großkönig erhoben worden,
+hatte sich hier seinen Palast, seinen Säulenhof und sein Grab gebaut; von
+vielen seiner Nachfolger war mit neuen Prachtgebäuden, mit Jagdrevieren und
+Paradiesen, mit Palästen und Königsgräbern das Felsental des Bendemir
+erfüllt; die Königspforte der vierzig »Säulen«, der stolze Felsenbau auf
+dreifacher Terrasse, die Kolossalbilder von Rossen, von Stieren am
+Eingange, ein Riesenplan von Gebäuden höchster Pracht und feierlichster
+Größe schmückten den heiligen Bezirk, den die Völker Asiens ehrten als den
+Ort der Königsweihe und der Huldigungen, als Herd und Mittelpunkt des
+mächtigen Reiches. Dies Reich war jetzt gestürzt; Alexander saß auf dem
+Throne desselben Xerxes, der einst auf der Strandhöhe der salaminischen
+Bucht sein Prachtzelt aufgeschlagen, dessen frevelnde Hand die Akropolis
+Athens niedergebrannt, die Tempel der Götter und die Gräber der Toten
+zerstört hatte. Jetzt war der makedonische König, der hellenische
+Bundesfeldherr, Herr in diesen Königsstädten, diesen Palästen; jetzt schien
+die Zeit gekommen, altes Unrecht zu rächen und die Götter und die Toten im
+Hades zu versöhnen; hier an diesem Herde der persischen Herrlichkeit sollte
+das Recht der Vergeltung geübt und die alte Schuld gesühnt, es sollte den
+Völkern Asiens der augenfällige Beweis geliefert werden, daß die Macht, die
+sie bisher geknechtet, ab und tot, daß sie für immer ausgetilgt sei. Es
+liegen hinlänglich Beweise vor, daß es nicht die Tat eines aufgeregten
+Momentes, sondern ruhiger Überlegung war, wenn Alexander gebot, den
+Feuerbrand in das Zederngetäfel des Königspalastes zu werfen. Parmenion war
+anderer Ansicht gewesen, hatte dem Könige geraten, des schönen Gebäudes,
+seines Eigentumes, zu schonen, nicht die Perser zu kränken in den
+Denkmälern ihrer einstigen Größe und Herrlichkeit. Der König hielt dafür,
+daß die Maßregel, die er beabsichtigte, nützlich und notwendig sei. So
+brannte ein Teil des Palastes von Persepolis nieder. Dann befahl der König,
+die Flamme zu löschen.
+
+Vielleicht war dieser Brand des Palastes im Zusammenhang mit einer Art
+Inthronisation, die Alexander gefeiert zu haben scheint. Es wird erzählt,
+daß der Korinther Demaratos, als er Alexander auf dem Thron der Großkönige
+unter goldenem Baldachin sitzen sah, sich geäußert habe: um wie große Wonne
+diejenigen gekommen seien, welche diesen Tag nicht mehr erlebt hätten.
+
+Noch ein zweites Vielleicht darf hier zur Erwähnung kommen, ein solches,
+das für die Gesamtauffassung Alexanders und seines Verfahrens nicht ohne
+Gewicht ist.
+
+Bedeutete der Vorgang in Persepolis die feierliche Totsprechung der
+Achämenidenmacht und die förmliche Besitzergreifung des ledig erklärten
+Reiches, so darf man fragen, ob erst jetzt oder schon jetzt der Moment
+gekommen war, in so drastischer Symbolik den unwiderruflichen Abschluß
+auszusprechen und das Urteil zu vollstrecken. Hatte die Schlacht bei
+Gaugamela die Persermacht definitiv gebrochen, warum zögerte dann Alexander
+ein halbes Jahr, den Schritt zu tun, zu dem die Weltstadt Babylon oder die
+Hofburg in Susa sich immerhin ebenso gut geeignet hätte? Oder wenn er ihn
+verschob, weil mit jenem Siege, mit der Besitznahme von Babylon und Susa
+noch nicht Genügendes gewonnen schien, war dann etwa die Okkupation der
+Landschaft Persis militärisch und politisch von so großer Bedeutung, wenn
+noch Medien mit Ekbatana in Dareios' Hand war, und damit der weite Norden
+und Osten des Reichs, damit der kürzere Weg zum Tigris und der großen
+königlichen Straße von Susa bis Sardes, damit für ein in Medien sich
+sammelndes Heer von Reitermassen des Ostens die Möglichkeit, die lange und
+dünnbesetzte Linie zu durchreißen, die Alexander mit den westlichen
+Satrapien und mit Europa verband?
+
+Die Überlieferungen, die uns vorliegen, sind nicht der Art, daß wir
+voraussetzen dürfen, in ihnen alles Wesentliche erwähnt zu finden. Sie sind
+redselig genug, wo es sich um die moralische Beurteilung Alexanders
+handelt; von seinen militärischen Aktionen geben sie ungefähr genug, um
+deren summarischen Zusammenhang erkennen zu lassen; über sein politisches
+Handeln, über die Motive, die ihn bestimmten, die Zielpunkte, die er im
+Auge behielt, sagen sie wenig oder nichts, so daß auf Grund der
+Information, die sie uns geben, auch die Vorstellung gerechtfertigt hat
+scheinen können, Alexander habe den Hellespont überschritten mit dem sehr
+einfachen Plan, bis zu dem noch unbekannten Ganges und dem eben so
+unbekannten Meer im Osten, in das er sich ergießt, zu marschieren.
+
+Daß sich Alexander einen Friedensschluß möglich dachte, in welcher Form,
+auf welcher Grundlage, das hatte die Antwort gezeigt, die er nach der
+Schlacht bei Issos auf die eben so dürftigen wie hochmütigen Anträge des
+Großkönigs gegeben hatte. Die Forderung, die er in derselben voranstellte,
+ergab sich aus der Sachlage und aus der Summe der vorausliegenden
+geschichtlichen Tatsachen. Einst hatten Dareios' Vorfahren den
+makedonischen König gezwungen, sich ihrer Oberhoheit zu unterwerfen, ihr
+Satrap zu sein; sie hatten von den hellenischen Staaten Erde und Wasser
+gefordert, sie hatten nicht aufgehört, sich als geborene Herren auch über
+die Hellenen und die Barbaren Europas anzusehen, sie hatten im
+Antalkidischen Frieden und auf Grund desselben »Befehle« zur Nachachtung an
+die hellenischen Staaten erlassen; sie hatten, als König Philipp gegen
+Perinth und Byzanz kämpfte, ohne weiteres Truppen wider ihn gesandt, als
+stehe ihnen zu, über die griechische Welt ihre Hand zu halten und
+einzuschreiten, wann und wie es ihnen beliebe. Lag in dem Wesen Persiens,
+der »Monarchie Asiens«, dieser Anspruch der Oberherrlichkeit auch über die
+hellenische Welt, so konnte der Zweck des Krieges, zu dessen Führung
+Alexander sich an der Spitze der Makedonen und Hellenen erhoben hatte, kein
+anderer sein, als diesem Anspruch des Großkönigs gründlich und für immer
+ein Ende zu machen. Alexander hatte nach der Schlacht bei Issos den
+Anträgen des Dareios eine und nur eine Forderung entgegengestellt: die der
+Anerkennung, daß nicht mehr Dareios, sondern Alexander Herr und König in
+Asien sei; er war bereit, für diese Anerkennung dem besiegten Gegner
+Zugeständnisse zu machen, ihm, so ungefähr ist der Ausdruck, alles zu
+gewähren, von dessen Angemessenheit er ihn, den Sieger, überzeugen werde:
+wenn er diese Anerkennung weigere, dann möge er einer neuen Schlacht
+gewärtig sein. Auf solche Alternative gestellt, hatte Dareios den weiteren
+Kampf gewählt; er hatte die zweite größere Schlacht, mit ihr die weite
+Länderstrecke von den Meeresküsten bis zu den Randgebirgen Irans verloren.
+Mußte er jetzt nicht innewerden, daß er der Macht Alexanders nicht
+gewachsen sei? Zeigte nicht jeder weitere Marsch desselben, daß er
+tatsächlich sei, wofür er anerkannt zu werden gefordert hatte, Herr in
+Asien, und daß es keine Macht mehr gebe, die ihn hindern könne, zu tun, was
+er wolle? Konnte Dareios noch zweifeln, daß er sich beugen, sich ihm
+unterordnen müsse, wenn er noch irgend etwas retten, wenn er die ihm teuren
+Pfänder, die in des siegreichen Gegners Hand waren, wiedergewinnen wolle?
+
+Alexander mag nach dem Tage von Gaugamela erwartet haben, daß Dareios an
+ihn senden, ihm eingehendere Anträge als nach dem von Issos machen, sich
+vor der Macht der Tatsachen beugen werde; er mag, da ihm nicht angemessen
+scheinen konnte, unmittelbar die Initiative zu ergreifen, der Königinmutter
+-- auf deren Fürbitte hatte er den Uxiern verziehen -- Andeutungen gemacht
+haben, daß er friedlichen Erbietungen ihres Sohnes gern Gehör schenken
+werde. Er konnte auch jetzt geneigt sein, dem besiegten Gegner, wenn er den
+geschehenen Wechsel der Macht anerkenne, einen Frieden zu gewähren, der ihm
+Land und Leute ließ und ihm seine Familie wiedergab. Was Alexander jetzt
+innehatte, die Länderstrecken vom Meere bis zu den Bergsteilen, die Iran
+umschließen, bildete ein großes zusammenhängendes, auch der Volksart nach
+ziemlich gleichartiges Ganze, groß und reich genug, um, zu einem Reich mit
+Makedonien und Hellas vereint, die beherrschende Macht Asiens zu sein,
+durch seine Küsten dem Westen nah genug, um die Herrschaft über das
+Mittelmeer hinzuzufügen, zu der mit dem ägyptischen Alexandrien der Grund-
+und Eckstein gelegt war. Ein Friedensschluß in solchem Sinn würde das Werk
+der siegreichen Waffen mit der Anerkennung durch den, der ihnen erlegen
+war, besiegelt haben.
+
+So die hypothetische Linie, die zu zeichnen angemessen schien, um die Lücke
+zu bezeichnen, die in unseren Überlieferungen ist; die Vorgänge in
+Persepolis bekommen einen Akzent mehr, wenn man jene Lücke sich so ergänzt
+denkt. Wenn Alexander Friedensanträge gewünscht, wenn er sie monatelang
+erwartet hatte, wenn sie auch nach dem Fall von Susa, auch nach der
+Forcierung der Pässe nach Persien hinauf, nach Besitznahme der alten
+Königsstätten dort nicht kamen, so war endlich die Hoffnung auf einen
+vertragsmäßigen Abschluß aufzugeben und der Akt zu vollziehen, mit dem die
+Achämenidenmacht tot erklärt, die Besitzergreifung der Monarchie über Asien
+verkündet wurde.
+
+Es war der Urteilsspruch, den zu vollstrecken die nächstweitere
+militärische Aufgabe sein mußte.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+ Aufbruch aus Persepolis -- Dareios' Rückzug aus Ekbatana --
+ Seine Ermordung -- Alexander in Parthien -- Das Unternehmen
+ Zopyrions, Empörung Thrakiens, Schilderhebung des
+ Agis, seine Niederlage, Beruhigung Griechenlands
+
+
+Vier Monate verweilte Alexander in den Königsstädten der persischen
+Landschaft. Nicht bloß, um das Heer sich erholen zu lassen; es wird richtig
+sein, was die minder guten Quellen berichten, daß er in diesen
+Wintermonaten gegen die räuberischen Bewohner der nahen Gebirge auszog, um
+das Land für immer gegen ihre Einfälle zu sichern. Es waren namentlich die
+Mardier in den südlichsten Gebirgen, die, ähnlich den Uxiern, bisher in
+fast völliger Unabhängigkeit gelebt hatten. Durch sehr mühselige Züge in
+ihre schneebedeckten Bergtäler zwang sie Alexander sich zu unterwerfen. Die
+Satrapie Karmanien, der sich Alexander bei diesem Zuge genaht haben mochte,
+unterwarf sich und der Satrap Aspastes wurde in ihrem Besitze bestätigt.
+Schon war dem edlen Phrasaortes, dem Sohn jenes Rheomithres, der in der
+Schlacht bei Issos den Tod gefunden, die Satrapie Persis übergeben. Daß
+eine Besatzung von 3000 Mann für Persepolis bestellt wurde, ist nicht
+hinreichend sicher überliefert; ebenso daß ein Zuzug von 5000 Mann Fußvolk
+und 1000 Reitern hier oder demnächst auf dem Marsch eingetroffen sei. Dann
+endlich -- es mochte Ende April sein -- wurde nach Medien aufgebrochen,
+wohin Dareios mit dem Reste des Heeres nach der Schlacht bei Arbela
+geflüchtet war.
+
+Nach dem Verlust der Schlacht war Dareios durch die medischen Gebirge nach
+Ekbatana gegangen mit der Absicht, hier abzuwarten, was Alexander
+unternehmen werde, und sobald derselbe ihm auch hierher nachsetzte, in den
+Norden seines Reiches zu flüchten, alles hinter sich verheerend, damit
+Alexander ihm nicht folgen könne. Zu dem Ende hatte er bereits die Karawane
+seines Harems, seine Schätze und Kostbarkeiten an den Eingang der
+kaspischen Pässe nach Ragai gesandt, um durch sie, wenn schleunige Flucht
+nötig werde, nicht behindert zu sein. Indes verging ein Monat nach dem
+andern, ohne daß sich auch nur ein feindliches Streifkorps in den Pässen
+des Zagrosgebirges oder an der inneren Grenze Mediens zeigte. Dann war
+Ariobarzanes, der heldenmütige Verteidiger der persischen Tore, in Ekbatana
+angekommen; man mochte jetzt von Südosten her die Makedonen erwarten; aber
+kein Feind ließ sich sehen. Gefielen dem Sieger die Schätze von Persepolis
+und Pasargadai vielleicht besser als ein neuer Kampf? Hielten ihn und sein
+übermütiges Heer die neuen und betäubenden Genüsse des Morgenlandes
+gefesselt? Noch sah sich Dareios von treuen Truppen, von hochherzigen
+Perserfürsten umgeben; mit ihm war der Kern des persischen Adels, die
+Chiliarchie, die Nabarzanes führte, Atropates von Medien, Autophradates von
+Tapurien, Phrataphernes von Hyrkanien und Parthien, Satibarzanes von Areia,
+Barsaentes von Arachosien und Drangiana, der kühne Baktrier Bessos, des
+Großkönigs Verwandter, mit ihm dreitausend baktrische Reiter, die sich mit
+ihm aus der letzten Schlacht gerettet hatten; ferner des Großkönigs Bruder
+Oxathres und vor allem der greise Artabazos, der vielbewährte Freund des
+Dareios, vielleicht der würdigste Name des Persertums, mit ihm seine Söhne;
+auch des Großkönigs Ochos Sohn, Bisthanes, auch des abtrünnigen Mazaios von
+Babylon Sohn, Artabelos, war in Ekbatana. Noch hatte Dareios einen Rest
+seiner griechischen Söldnerscharen unter des Phokiers Patron Führung; er
+erwartete die Ankunft mehrerer tausend Kadusier und Skythen; nach Ekbatana
+konnten die Völker von Turan und Ariana noch einmal zu den Waffen gerufen
+werden, um sich unter ihren Satrapen um die Person des Königs zu sammeln
+und den Osten des Reiches zu verteidigen; die medische Landschaft bot
+Positionen genug, in denen man sich verteidigen konnte, namentlich die
+kaspischen Pässe, die den Eingang nach den östlichen und nördlichen
+Satrapien bildeten, konnte man auch gegen einen übermächtigen Feind leicht
+behaupten und ihm dauernd sperren. Dareios beschloß, noch einmal das Glück
+der Waffen zu versuchen und mit dem Heere, das er bis zur Ankunft
+Alexanders versammelt haben werde, den Feind am weiteren Vordringen zu
+hindern. Er mochte durch die Gesandten Spartas und Athens, die sich in
+seinem Hoflager befanden, erfahren haben, welch tiefen Eindruck die
+Nachricht von der Schlacht von Gaugamela in Hellas gemacht habe und daß die
+antimakedonische Partei bereit sei, daß viele Staaten sich entweder schon
+mit Sparta offen vereint hätten oder nur des Königs Agis ersten Erfolg
+erwarteten, um von dem Korinthischen Bunde abzufallen, daß sich so in
+Griechenland ein Umschwung der Verhältnisse vorbereite, der die Makedonen
+bald genug aus Asien zurückzukehren zwingen werde. Dareios mochte hoffen,
+glauben zu dürfen, daß das Ende seines Unglücks nicht mehr fern sei.
+
+Schon nahte Alexander. Paraitakene, die Landschaft zwischen Persis und
+Medien, hatte sich unterworfen und Oxyathres, den Sohn des susianischen
+Satrapen Abulites, zum Satrapen erhalten; auf die Nachricht, daß Dareios
+unter den Mauern von Ekbatana, an der Spitze eines bedeutenden Heeres von
+Baktrianern, Griechen, Skythen, Kadusiern den Angriff erwarten werde, eilte
+Alexander, den Feind möglichst bald zu treffen. Er ließ, um desto schneller
+fortzukommen, die Bagage mit ihrer Bedeckung zurück und betrat nach zwölf
+Tagen das medische Gebiet; da erfuhr er, daß weder die Kadusier noch die
+Skythen, die Dareios erwartet, eingetroffen seien, daß Dareios, um ein
+entscheidendes Zusammentreffen zu verzögern, sich bereits zum Rückzuge nach
+den kaspischen Pässen, wohin die Weiber, Wagen und Feldgerät vorausgegangen
+seien, anschickte. Doppelt eilte Alexander, er wollte Dareios selbst in
+seiner Gewalt haben, um allem weiteren Kampfe um den Perserthron ein Ende
+zu machen. Da kam, drei Tagereisen von Ekbatana, Bisthanes, des Königs
+Ochos Sohn, einer von denen, die dem Großkönig bis dahin gefolgt waren,
+ins makedonische Lager; er bestätigte das Gerücht, daß Dareios weiter
+geflohen, daß er vor fünf Tagen aus Ekbatana gezogen sei, daß er die
+Schätze Mediens, etwa siebentausend Talente, mit sich genommen habe, ein
+Heer von sechstausend Mann Fußvolk und dreitausend Pferden ihn begleite.
+
+Alexander eilte nach Ekbatana; schnell wurde dort alles Nötige geordnet; es
+wurden die Thessaler und die übrigen Bundesgenossen, so viele ihrer nicht
+freiwillig weiterdienen wollten, mit vollem Sold und einem Geschenk von
+zweitausend Talenten in die Heimat gesandt; aber nicht wenige blieben; es
+wurde der Perser Oxydates, der in Susa, früher von Dareios zum ewigen
+Gefängnis verdammt, durch Alexander befreit war und darum doppelten
+Vertrauens würdig schien, an Atropates' Stelle, der mit Dareios war, zum
+Satrapen über Medien bestellt; es wurde Parmenion beauftragt, die Schätze
+aus Persis in die Burg von Ekbatana zu bringen und dem Harpalos zu
+übergeben, der zu ihrer Verwaltung bestellt wurde und vorerst zu deren
+Bewachung sechstausend Makedonen mit den nötigen Reitern und leichten
+Truppen behielt; Parmenion sollte dann nach Übergabe des Schatzes mit den
+Soldtruppen, den Thrakern usw. an dem Lande der Kadusier vorüber nach
+Hyrkanien marschieren. Kleitos, der krank in Susa zurückgeblieben war,
+erhielt Befehl, sobald es seine Gesundheit gestatte, die sechstausend Mann,
+die vorläufig bei Harpalos blieben ins Parthische zu führen, um sich dort
+mit der großen Armee wieder zu vereinen. Mit den übrigen Phalangen, mit der
+makedonischen Ritterschaft, den Söldnerreitern des Erigyios, den
+Sarissophoren, den Agrianern und Schützen eilte Alexander dem fliehenden
+Dareios nach; in elf höchst angestrengten Tagemärschen, in denen viele
+Menschen und Pferde liegenblieben, erreichte er Ragai, von wo aus für
+Alexanders Eile noch ein starker Marsch von acht Meilen bis zum Eingang der
+kaspischen Tore war. Aber die Nachricht, daß Dareios bereits jenseits des
+Passes sei und einen bedeutenden Vorsprung auf dem Wege nach Baktrien
+voraushabe, sowie die Erschöpfung seiner Truppen bewog den König, einige
+Tage in Ragai zu rasten.
+
+Um dieselbe Zeit lagerte Dareios mit seinem Zuge wenige Tagereisen im Osten
+der kaspischen Pässe. Er hatte kaum noch zwanzig Meilen Vorsprung; er mußte
+sich überzeugen, daß es einerseits unmöglich sei, bei der ungeheuren
+Schnelligkeit, mit der Alexander nacheilte, das baktrische Land fliehend zu
+erreichen, daß er anderseits, wenn doch gekämpft werden mußte, möglichst
+seinen Marsch verlangsamen müsse, damit die Truppen mit frischer Kraft den
+vom Verfolgen ermatteten Feinden gegenüberträten; schon waren aus dem
+persischen Zuge manche zu Alexander übergegangen, bei weiterer Flucht mußte
+man immer mehr Abfall fürchten. Dareios berief die Großen seiner Umgebung
+und gab ihnen seine Absicht kund, das Zusammentreffen mit den Makedonen
+nicht länger zu meiden, sondern noch einmal das Glück der Waffen versuchen
+zu wollen. Diese Erklärung machte tiefen Eindruck auf die Versammelten; das
+Unglück hatte die meisten entmutigt, man dachte mit Entsetzen an neuen
+Kampf; wenige waren bereit, ihrem Könige alles zu opfern, unter ihnen
+Artabazos; gegen ihn erhob sich Nabarzanes, der Chiliarch: die dringende
+Not zwinge ihn, ein hartes Wort zu sprechen; hier zu kämpfen sei der
+sicherste Weg zum Verderben, man müsse weiter nach Osten flüchten, dort
+neue Heere rüsten; aber die Völker trauten dem Glück des Königs nicht mehr;
+nur eine Rettung gebe es; Bessos habe bei den östlichen Völkern großes
+Ansehen, die Skythen und Inder seien ihm verbündet, er sei Verwandter des
+königlichen Hauses; der König möge ihm, bis der Feind bewältigt sei, die
+Tiara abtreten. Der Großkönig riß seinen Dolch aus dem Gürtel, kaum entkam
+Nabarzanes; er eilte, sich mit seiner Perserschar von dem Lager des Königs
+zu sondern; Bessos folgte ihm mit den baktrischen Völkern. Beide handelten
+im Einverständnis und nach einem längst vorbereiteten Plane; Barsaentes von
+Drangiana und Arachosien wurde leicht gewonnen; die übrigen Satrapien der
+Ostprovinzen waren, wenn nicht offenbar beigetreten, doch geneigt, ihrem
+Vorteile, als ihrer Pflicht zu dienen. Darum beschwor Artabazos den König,
+nicht seinem Zorne zu folgen, bei den Meuterern sei die größere
+Streitmacht, ohne sie sei man verloren, er möge sie durch unverdiente
+Gnade zur Treue oder zum Schein des Gehorsams zurückrufen. Indes hatte
+Bessos versucht, die Schar der Perser zum Aufbruch gen Baktrien zu bewegen;
+aber sie schauderten noch vor dem Gedanken des offenbaren Verrates; sie
+wollten nicht ohne den König fliehen. Bessos' Plan schien mißlungen; desto
+hartnäckiger verfolgte er ihn; er schilderte ihnen die Gefahr, in die sie
+der Großkönig stürze, er gewöhnte sie, die Möglichkeit eines Verbrechens zu
+denken, das allein retten könne. Da erschien Artabazos mit der Botschaft,
+der König verzeihe das unüberlegte Wort des Nabarzanes und die eigenwillige
+Absonderung des Bessos. Beide eilten in des Königs Zelt, sich vor ihm in
+den Staub zu werfen und mit heuchlerischem Geständnis ihre Reue zu
+beglaubigen.
+
+Des anderen Tages rückte der Zug auf dem Wege nach Thara weiter; die dumpfe
+Stille, die mißtrauische Unruhe, die überall herrschte, offenbarte mehr
+eine drohende als überstandene Gefahr. Der Führer der Griechen bemühte
+sich, in die Nähe des Königs zu kommen, dessen Wagen Bessos mit seinen
+Reitern umgab. Endlich gelang es dem treuen Fremdling; er sagte dem Könige,
+was er fürchte; er beschwor ihn, sich dem Schutze der griechischen Truppen
+anzuvertrauen, nur dort sei sein Leben sicher. Bessos verstand nicht die
+Sprache, wohl aber die Miene des hellenischen Mannes; er erkannte, daß
+nicht länger zu zögern sei. Man langte am Abend in Thara an; die Truppen
+lagerten, die Baktrier dem Zelte des Königs nahe; in der Stille der Nacht
+eilten Bessos, Nabarzanes, Barsaentes, einige Vertraute in das Zelt,
+fesselten den König, schleppten ihn in den Wagen, in dem sie ihn als
+Gefangenen mit sich gen Baktrien führen wollten, um sich mit seiner
+Auslieferung den Frieden zu erkaufen. Die Kunde von der Tat verbreitete
+sich schnell im Lager, alles löste sich in wilde Verwirrung auf; die
+Baktrier zogen gen Osten weiter, mit Widerstreben folgten ihnen die meisten
+Perser; Artabazos und seine Söhne verließen den unglücklichen König, dem
+sie nicht mehr helfen konnten, zogen sich mit den griechischen Söldnern und
+den Gesandten aus Hellas nordwärts in die Berge der Tapurier zurück;
+andere Perser, namentlich des Mazaios Sohn Artabelos und Bagisthanes von
+Babylon, eilten rückwärts, sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen.
+
+Alexander hatte seine Truppen einige Tage in Ragai rasten lassen; am Morgen
+des sechsten brach er wieder auf; er erreichte mit einem starken Marsche
+den Westeingang der Pässe (Aiwan-o-i-Koif); folgenden Tages zog er durch
+diese Pässe, die, fast drei Stunden lang, seinen Marsch nicht wenig
+verzögerten, dann noch so weit, als an diesem Tage zu kommen möglich war,
+durch die wohlbebaute Ebene von Choarene (Khuar) bis zu dem Saum der
+Steppe, über die der Weg ostwärts nach der parthischen Hauptstadt
+Hekatompylos, dem Mittelpunkt der Heerstraßen gen Hyrkanien, Baktrien und
+Ariana, führt. Während das Heer hier lagerte und einige Truppen sich in der
+Gegend zerstreuten, um für den Weg durch die Steppe zu fouragieren, kamen
+Bagisthanes und Artabelos in das makedonische Lager, unterwarfen sich der
+Gnade des Königs; sie sagten aus, daß Bessos und Nabarzanes sich der Person
+des Großkönigs bemächtigt hätten und eiligst gen Baktrien zögen; was weiter
+geschehen, wüßten sie nicht. Mit desto größerer Eile beschloß Alexander die
+Fliehenden zu verfolgen; indem er den größeren Teil der Truppen unter
+Krateros mit dem Befehl, langsam nachzurücken, zurückließ, eilte er selbst
+mit der Ritterschaft, den Plänklern, den Leichtesten und Kräftigsten vom
+Fußvolk den Fliehenden nach. So die Nacht hindurch bis zum folgenden
+Mittag; und wieder nach wenigen Stunden Rast die zweite Nacht hindurch; mit
+Sonnenaufgang erreichte man Thara, wo vier Tage früher Dareios von den
+Meuterern gefangengenommen war. Hier erfuhr Alexander von des Großkönigs
+Dolmetscher Melon, der krank zurückgeblieben war, daß Artabazos und die
+Griechen sich nordwärts in die tapurischen Berge zurückgezogen hätten, daß
+Bessos an Dareios' Statt die Gewalt in Händen habe und von den Persern und
+Baktriern als Gebieter anerkannt werde, daß der Plan der Verschworenen sei,
+sich in die Ostprovinzen zurückzuziehen und dem Könige Alexander gegen den
+ungestörten und unabhängigen Besitz des persischen Ostens die Auslieferung
+des Dareios anzubieten, wenn er dagegen weiter vordringe, ein möglichst
+großes Heer zusammenzubringen und sich gemeinschaftlich im Besitz der
+Herrschaften, die sie hätten, zu behaupten, vorläufig aber die Führung des
+Ganzen in Bessos' Händen zu lassen, angeblich wegen seiner Verwandtschaft
+mit den königlichen Hause und seines nächsten Anrechtes auf den Thron. --
+Alles drängte zur größten Eile; kaum gönnte sich Alexander während des
+heißen Tages Rast, am Abend jagte er weiter, die Nacht hindurch; fast
+erlagen Mann und Roß; so kam er mittags in ein Dorf (etwa Bakschabad), in
+dem tags zuvor die Verschworenen gelagert, das sie am Abend verlassen
+hatten, um, wie gesagt wurde, fortan bei Nacht ihren Zug fortzusetzen; sie
+konnten nicht mehr als einige Meilen voraus sein; aber die Pferde waren
+erschöpft, die Menschen mehr als ermattet, der Tag heiß; auf Erkundigung
+bei den Einwohnern, ob es nicht einen kürzeren Weg den Fliehenden nach
+gebe, erfuhr Alexander, der kürzere sei öde, ohne Brunnen. Diesen beschloß
+er zu verfolgen; er wählte 500 Pferde der Ritterschaft und für sie die
+Offiziere und die tapfersten Leute des Fußvolkes aus, ließ diese in ihren
+Waffen aufsitzen; mit dem Befehl, daß die Agrianer unter Attalos möglichst
+rasch auf dem Heerwege nachrücken, die anderen Truppen unter Nikanor
+marschmäßig folgen sollten, zog er mit seinen »Doppelkämpfern« um die
+Abenddämmerung den wasserlosen Heideweg hinab. Viele erlagen der
+übermäßigen Anstrengung und blieben am Wege liegen. Als der Morgen graute,
+sah man die zerstreute, unbewehrte Karawane der Hochverräter; da jagte
+Alexander auf sie los; der plötzliche Schrecken verwirrte den langen Zug,
+mit wildem Geschrei sprengten die Barbaren auseinander; wenige versuchten
+Widerstand, sie erlagen bald; die übrigen flohen in wilder Hast, Dareios'
+Wagen in der Mitte, ihm zunächst die Verräter. Schon nahte Alexander; nur
+ein Mittel noch konnte retten; Bessos und Barsaentes durchbohrten den
+gefesselten König und jagten fliehend nach verschiedenen Seiten. Dareios
+verschied kurz darauf. Die Makedonen fanden den Leichnam, und Alexander,
+so wird erzählt, deckte seinen Purpur über ihn.
+
+So endete der letzte Großkönig aus dem Geschlecht der Achämeniden. Nicht
+dem erlag er, gegen den er sein Reich zu behaupten vergebens versucht
+hatte; die Schlachten, die er verloren, hatten ihn mehr als Gebiet und
+Königsmacht, sie hatten ihn Glauben und die Treue seines Perservolkes und
+seiner Großen gekostet; ein Flüchtling unter den Verrätern, ein König in
+Ketten, so fiel er von den Dolchen seiner Satrapen, seiner Blutsverwandten
+durchbohrt; ihm blieb der Ruhm, nicht um den Preis der Tiara sein Leben
+erkauft, noch dem Verbrechen ein Recht über das Königtum seines
+Geschlechtes zugestanden zu haben, sondern als König gestorben zu sein. Als
+König ehrte ihn Alexander; er sandte den Leichnam zur Bestattung in die
+Gräber von Persepolis; Sisygambis begrub den Sohn.
+
+Alexander hatte mehr erreicht, als er hatte erwarten können. Nach zwei
+Schlachten hatte er den geschlagenen König fliehen lassen; aber seit er,
+Herr der Königsstädte des Reiches, auf dem Thron des Kyros und nach
+persischer Weise die Huldigung der Großen entgegengenommen hatte, seit er
+den Völkern Asiens als ihr Herr und König galt und gelten mußte, durfte der
+flüchtige König nicht länger den Namen seiner verlorenen Herrlichkeit, eine
+Fahne zu immer neuem Aufruhr, durch die weiten Länder des Ostens tragen.
+Der Wille und die Notwendigkeit, den Feind zu fangen, wurde nach der
+heroischen Natur Alexanders zur persönlichen Leidenschaft, zum
+achilleischen Zorn; er verfolgte mit einer Hast, die an das Ungeheure
+grenzt, und die, vielen seiner Tapferen zum Verderben, ihn dem gerechten
+Vorwurf despotischer Schonungslosigkeit aussetzen würde, wenn er nicht
+selbst Mühe und Ermüdung, Hitze und Durst mit seinen Truppen geteilt,
+selbst die wilde Jagd der vier Nächte geführt und bis zur letzten
+Erschöpfung ausgehalten hätte. Damals, heißt, es, brachten ihm Leute einen
+Trunk Wasser im Eisenhelm; er dürstete und nahm den Helm, er sah seine
+Reiter traurig nach dem Labetrunk blicken und gab ihn zurück: »Tränke ich
+allein, meine Leute verlören den Mut.« Da jauchzten die Makedonen: »Führe
+uns, wohin du willst! Wir sind nicht ermattet, wir dürsten auch nicht, wir
+sind nicht mehr sterblich, solange du unser König bist!« So spornten sie
+ihre Rosse und jagten mit dem König weiter, bis sie den Feind sahen und den
+toten Großkönig fanden.
+
+Man hat Alexanders Glück darin wieder erkennen wollen, daß sein Gegner tot,
+nicht lebend in seine Hände gefallen sei; er würde stets ein Gegenstand
+gerechter Besorgnis für Alexander, ein Anlaß gefährlicher Wünsche und Pläne
+für die Perser gewesen sein, und endlich würde doch nur über seinen
+Leichnam der Weg zum ruhigen Besitze Asiens geführt haben; Alexander sei
+glücklich zu preisen, daß ihm nur die Frucht, nicht auch die Schuld des
+Mordes zugefallen, er habe sich um der Perser willen das Ansehen geben
+können, als beklage er ihres Königs Tod. Vielleicht hat Alexander, wie nach
+ihm der große Römer, über den verbrecherischen Untergang seines Feindes
+sich der Vorteile zu freuen vergessen, die ihm aus dem Blute eines Königs
+zufließen sollten; große Geister fesselt an den Feind ein eigenes Band,
+eine Notwendigkeit, möchte man sagen; wie die Macht des Schlages sich nach
+dem Gegenstand bestimmt, den er treffen soll. Bedenkt man, wie die
+Königinmutter, wie die Gemahlin und Kinder des Großkönigs von Alexander
+aufgenommen waren, wie er überall ihr Unglück zu ehren und zu lindern
+suchte, so kann man nicht zweifeln, welches Schicksal er dem gefangenen
+Könige gewährt hätte; in des Feindes Hand wäre dessen Leben sicherer
+gewesen als unter Persern und Blutsverwandten.
+
+Es ist ein anderer Punkt in diesen Vorgängen, in dem man Alexanders Glück
+erkennen kann -- sein Glück oder sein Verhängnis. Wäre Dareios lebend in
+seine Hand gefallen, so hätte er dessen Verzicht auf die Länder, die ihm
+bereits entrissen waren, dessen Anerkennung der neuen Machtgründung in
+Asien gewinnen, sie vielleicht damit erkaufen können, daß er ihm die
+östlichen Satrapien überließ; er hätte dann hier, wie er später in Indien
+mit dem König Poros getan, an der Grenze seines Reiches ein Königtum
+bestehen lassen, das in losen Formen der Abhängigkeit nur seine Oberhoheit
+anerkannte. Mit der Ermordung des Dareios war die Möglichkeit eines solchen
+Abschlusses dahin; wenn Alexander ihn möglich gehalten, wenn er wirklich
+daran gedacht hatte, endlich einmal haltzumachen, so riß ihn jetzt das
+Verbrechen, das an seinem Gegner verübt war, weiter, in das Unabsehbare
+hinaus. Die Mörder nahmen die Macht und den Titel in Anspruch, die der
+legitime König nicht zu behaupten vermocht hatte; sie waren Usurpatoren
+gegen Alexander, wie sie Verräter an Dareios geworden waren. Das natürliche
+Vermächtnis des ermordeten Königs bestellte den, der ihn besiegt, zum
+Rächer an seinen Mördern; die Majestät des persischen Königtums, durch das
+Recht des Schwertes gewonnen, ward jetzt zum Schwerte des Rechtes und der
+Rache in Alexanders Hand; sie hatte keinen Feind mehr als die letzten
+Vertreter, keinen Vertreter als den siegreichen Feind desselben Königtums.
+
+In den entsetzlichen Vorgängen dieser letzten Tage hatte sich die Stellung
+der persischen Großen völlig verändert. Die ihrem König nach der Schlacht
+von Gaugamela nicht verlassen hatten, meist Satrapen der östlichen
+Provinzen, hatten ihre eigene Sache geschützt, wenn sie um die Person des
+Königs zusammenhielten. Jene Aufopferung und rührende Anhänglichkeit des
+Artabazos, der, einst in Pella an König Philipps Hofe ein willkommener
+Gast, einer ehrenvollen Aufnahme bei Alexander hätte gewiß sein können,
+teilten wenige, da sie ohne Nutzen voll Gefahr erschien. Sobald des
+Großkönigs Unglück ihren Vorteil, ja die Existenz ihrer Macht auf das Spiel
+setzte, begannen sie sich und ihre Ansprüche auf Kosten dieses Königs zu
+schützen, durch dessen Verblendung und Schwäche allein sie das Reich der
+Perser ins Verderben gestürzt glaubten; das ewige Fliehen des Dareios
+brachte nun, nach dem Verlust so vieler und schöner Länder, auch ihre
+Satrapien in Gefahr; es schien ihnen billig, lieber etwas zu gewinnen, als
+alles zu verlieren, lieber den Rest des Perserreiches zu behaupten, als
+auch ihn noch für eine verlorene Sache zu opfern; wenn nur durch sie noch
+Dareios König sein konnte, so glaubten sie nicht minder, sich ohne Dareios
+im Besitz ihrer Herrschaft behaupten zu können.
+
+Sie hatten Dareios gefangengenommen; Alexanders plötzlicher Angriff trieb
+sie, ihn zu ermorden, um sich selbst zu retten; sie flohen, um die
+Verfolgung zu erschweren, in zwei Haufen, Bessos auf dem Wege nach
+Chorassan nach Baktrien, Nabarzanes mit den Resten seiner Chiliarchie und
+von dem parthischen Satrapen begleitet nach Hyrkanien, um von dort aus gen
+Baktrien zu eilen und sich mit Bessos zu vereinigen. Ihr Plan war, die
+persische Monarchie wenigstens im Osten aufrechtzuerhalten und dann aus
+ihrer Mitte, wie einst nach Smerdes' Ermordung, einen neuen König der
+Könige zu ernennen. Indes war es klar, daß, wenn Phrataphernes aus
+Parthien, Satibarzanes aus Areia, Barsaentes aus Drangiana hinweg nach
+Baktrien gingen, um unter Bessos' Führung, wie verabredet war, zu kämpfen,
+jedenfalls ihre Satrapien dem Feinde in die Hände fielen, und sie ihre
+Länder einer sehr fernen Zukunft opferten; so blieb Phrataphernes in
+Hyrkanien stehen, und Nabarzanes schloß sich ihm an; Satibarzanes ging nach
+Areia, Barsaentes nach Drangiana, um nach den weiteren Unternehmungen
+Alexanders ihre Maßregeln zu nehmen; die nämliche Selbstsucht, die sie zum
+Königsmorde vereint hatte, zerriß die letzte Macht, die dem Feinde noch
+hätte entgegentreten können, und indem sie jeder nur sich und den eigenen
+Vorteil im Auge hatten, sollten sie vereinzelt desto sicherer dem Schwerte
+des Furchtbaren erliegen.
+
+Alexander war nach jenem Überfall, bei der gänzlichen Erschöpfung seiner
+Leute, nicht imstande gewesen, Dareios' Mörder, die nach allen Seiten hin
+flohen, zu verfolgen. In der Ebene von Hekatompylos rastete er, um die
+zurückgebliebenen Truppen an sich zu ziehen und die Angelegenheiten der
+Satrapie Parthien zu ordnen. Der Parther Aminapes, der sich dem Könige bei
+dessen Eintritt in Ägypten mit Mazakes unterworfen hatte, erhielt die
+Satrapie, Tleopolemos, aus der Schar der Hetairen, wurde ihm an die Seite
+gesetzt.
+
+Im Norden der Stadt beginnen die Vorberge der Elburskette, die von den
+Tapuriern bewohnt wurde; von einzelnen Pässen durchschnitten, trennt sie
+die Grenzen von Parthien im Süden und Hyrkanien im Norden, die erst weiter
+in den Klippenzügen von Chorassan aneinanderstoßen; der Besitz der Pässe,
+die als Verbindung zwischen dem Kaspischen Meere und dem Innern, zwischen
+Iran und Turan so wichtig sind, war für den Augenblick doppelt notwendig
+für Alexander, weil sich einerseits die griechischen Söldner von Thara aus
+in die tapurischen Berge zurückgezogen hatten, anderseits Nabarzanes und
+Phrataphernes jenseits des Gebirges in Hyrkanien standen. Alexander verließ
+die Straße von Chorassan, auf der sich Bessos geflüchtet hatte, um sich
+dieser wichtigen Paßgegend zu versichern. Zadrakarta, eine Hauptstadt
+Hyrkaniens am Nordabhange des Gebirges, ward als Vereinigungspunkt der drei
+Heeresabteilungen bestimmt, mit denen Alexander nach Hyrkanien zu gehen
+beschloß. Auf dem längsten aber bequemsten Wege führte Erigyios, von
+einigen Reiterabteilungen begleitet, die Bagage und Wagen hinüber; Krateros
+mit seiner und mit Amyntas' Phalanx, mit sechshundert Schützen und ebenso
+vielen Reitern, zog über die Berge der Tapurier, um sie und zugleich die
+griechischen Söldner, wenn er sie träfe, zu unterwerfen; Alexander selbst
+mit den übrigen Truppen schlug den kürzesten, aber beschwerlichen Weg ein,
+der nordwestlich von Hekatompylos in die Berge führt. Mit der größten
+Vorsicht rückten die Kolonnen vor, bald der König mit den Hypaspisten, den
+leichtesten unter den Phalangiten und einem Teil der Bogenschützen voraus,
+Posten auf den Höhen zu beiden Seiten des Weges zurücklassend, um den
+Marsch der Nachkommenden zu sichern, die die wilden Stämme jener Berge
+beutelüstern zu überfallen bereit lagen; sie zu bekämpfen wäre zu
+zeitraubend, wenn nicht gar erfolglos gewesen. Mit den Bogenschützen
+vorauseilend, machte Alexander, in der Ebene auf der Nordseite des Gebirgs
+angelangt, an einem nicht bedeutenden Fluß halt, die Nachrückenden zu
+erwarten. In den nächsten vier Tagen kamen sie, zuletzt die Agrianer, die
+Nachhut des Zuges, nicht ohne einzelne Gefechte mit den Barbaren, von den
+Bergen herab. Dann rückte Alexander auf dem Wege nach Zadrakarta vor, wo
+demnächst auch Krateros und Erigyios eintrafen, Krateros mit dem Bericht,
+daß er zwar die griechischen Söldner nicht getroffen habe, daß aber die
+Tapurier teils mit Gewalt unterworfen seien, teils sich freiwillig ergeben
+hätten.
+
+Schon in dem Lager am Flusse waren zu Alexander Boten von dem Chiliarchen
+Nabarzanes gekommen, der sich bereit erklärte, die Sache des Bessos zu
+verlassen und sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen; auf dem weiteren
+Wege war der Satrap Phrataphernes nebst anderen der angesehensten Perser,
+die bei dem Großkönige gewesen waren, zu Alexander gekommen, sich zu
+unterwerfen. Der Chiliarch, einer von denen, die Dareios gebunden hatten,
+mochte sich mit Straflosigkeit begnügen müssen; sein Name, sonst einer der
+ersten im Reiche, wird nicht weiter genannt. Phrataphernes dagegen und
+seine beiden Söhne Pharasmanes und Sissines gewannen bald Alexanders
+Vertrauen, dessen sie sich in mehr als einer Gefahr würdig zeigen sollten;
+der Vater erhielt seine Satrapien Parthien und Hyrkanien zurück. Dann kam
+auch Artabazos mit dreien seiner Söhne, Arsames, Kophenes und Ariobarzanes,
+dem Verteidiger der persischen Pässe; Alexander empfing sie so, wie ihre
+Treue gegen den unglücklichen Dareios es verdiente; Artabazos war ihm aus
+der Zeit bekannt, wo derselbe mit seinem Schwager, dem Rhodier Memnon, am
+Hofe zu Pella Zuflucht gefunden hatte; er war dem abendländischen Wesen
+schon nicht mehr fremd; er und seine Söhne nahmen fortan in Alexanders
+Umgebung neben den vornehmsten Makedonen eine ehrenvolle Stellung ein. Mit
+ihnen zugleich war Autophradates, der Satrap der Tapurier, gekommen; auch
+er wurde mit Ehren aufgenommen und in dem Besitz seiner Satrapie bestätigt.
+Mit Artabazos war von den griechischen Truppen eine Gesandtschaft
+eingetroffen, bevollmächtigt, im Namen der ganzen Schar mit dem Könige zu
+kapitulieren; auf seine Antwort, daß das Verbrechen derer, die wider den
+Willen von ganz Hellas für die Barbaren gekämpft hätten, zu groß sei, als
+daß mit ihnen kapituliert werden könne, daß sie sich auf Gnade und Ungnade
+ergeben, oder so gut sie könnten, retten möchten, erklärten die
+Bevollmächtigten, daß sie bereit seien, sich zu ergeben, der König möge
+jemanden mitsenden, unter dessen Führung sie sicher ins Lager kämen.
+Alexander wählte dazu Artabazos, ihren Führer auf dem Rückzuge von Thara,
+und Andronikos, einen der angesehensten Makedonen, den Schwager des
+schwarzen Kleitos.
+
+Alexander erkannte die außerordentliche Wichtigkeit der hyrkanischen
+Satrapie, ihrer Engpässe, ihrer hafenreichen Küsten, ihrer zum Schiffbau
+trefflichen Waldungen; schon jetzt mochte ihn der große Plan einer
+kaspischen Flotte, eines Verkehrs zwischen diesen Küsten und dem Osten
+Asiens, einer Entdeckungsfahrt in diesem Meere beschäftigen; noch mehr als
+dies forderte die Verbindung zwischen den bisherigen Eroberungen und den
+weiteren Heereszügen vollkommene Besitznahme dieser paßreichen
+Gebirgslandschaft, die das Südufer des Kaspischen Meeres beherrscht.
+Alexander hatte sich soeben der Pässe der tapurischen Distrikte versichert;
+Parmenion war beauftragt, mit dem Korps, das in Medien stand, durch das
+nördliche Medien und die kaspischen Westpässe im Lande der Kadusier nach
+dem Meeresstrande hinabzurücken, um die Straße, welche Armenien und Medien
+mit dem Tale des Kur und dem Kaspischen Meere verbindet, zu öffnen; er
+sollte von dort aus, am Strande entlang nach Hyrkanien und weiter der
+großen Armee nachziehen. Noch hatten die Mardier, deren Wohnsitze der Name
+des Amardosflusses zu bezeichnen scheint, sich nicht unterworfen; der König
+beschloß, gleich jetzt gegen sie auszuziehen. Während die Hauptmasse des
+Heeres im Lager zurückblieb, zog er selbst an der Spitze der Hypaspisten,
+der Phalangen Koinos und Amyntas, der Hälfte der Ritterschaft und den
+neuformierten Akontisten zu Pferd an der Küste entlang gen Westen. Die
+Mardier fühlten sich, da noch nie ein Feind in ihre Wälder eingedrungen
+war, völlig sicher, sie glaubten den Eroberer aus dem Abendlande schon auf
+dem weiteren Marsch nach Baktrien; da rückte Alexander von der Ebene heran;
+die nächsten Ortschaften wurden genommen, die Bewohner flüchteten sich in
+die waldigen Gebirge. Mit unsäglicher Mühe zogen die Makedonen durch diese
+wegelosen, dicht verwachsenen und schauerlichen Wälder nach; oft mußten sie
+sich mit dem Schwerte den Weg durch das Dickicht bahnen, während bald hier,
+bald da einzelne Haufen von Mardiern sie überfielen oder aus der Ferne mit
+ihren Speeren warfen; als aber Alexander immer höher hinaufdrang und die
+Höhen mit seinen Märschen und Posten immer dichter einschloß, schickten die
+Mardier Gesandte an ihn und unterwarfen sich und ihr Land seiner Gnade; er
+nahm von ihnen Geiseln, ließ sie übrigens in ungestörtem Besitz und stellte
+sie unter den Satrapen Autophradates von Tapurien.
+
+In das Lager von Zadrakarta zurückgekehrt, fand Alexander bereits die
+griechischen Söldner, fünfzehnhundert an der Zahl, mit ihnen die Gesandten
+von Sparta, Athen, Kalchedon, Sinope, die, an Dareios gesandt, seit Bessos'
+Verrat sich mit den Griechen zurückgezogen hatten. Alexander befahl, daß
+von den griechischen Söldnern diejenigen, welche schon vor dem
+Korinthischen Vertrage in persischem Solde gewesen waren, ohne weiteres
+entlassen, den anderen unter der Bedingung, daß sie in das makedonische
+Heer einträten, Amnestie bewilligt werden sollte; Andronikos, der sich für
+sie verwendet hatte, erhielt den Befehl über sie. Die Gesandten betreffend
+entschied der König, weil Sinope nicht mit in dem hellenischen Bunde sei,
+überdies der Stadt die Gesandtschaft an den Perserkönig als ihren Herrn
+nicht zum Vorwurf gemacht werden könne, deren Gesandte sofort auf freien
+Fuß zu setzen, ebenso die von Kalchedon zu entlassen, die von Sparta und
+Athen dagegen, die offenbar verräterische Verbindungen mit dem gemeinsamen
+Feind aller Hellenen unterhalten hätten, festzunehmen und bis auf weiteren
+Befehl in Verwahrsam zu halten.
+
+Demnächst brach Alexander aus dem Lager auf und rückte in die Residenz der
+hyrkanischen Satrapie ein, um nach kurzer Rast die weiteren Operationen zu
+beginnen.
+
+Während dieser Vorfälle in Asien hatte in Europa das Glück der
+makedonischen Waffen noch eine gefährliche Probe zu bestehen; die
+Entscheidung war um so wichtiger, da Sparta, nach Athens Niederlage, nach
+Thebens Fall, der namhafteste Staat in Hellas, sich an die Spitze dieser
+Bewegungen gestellt hatte.
+
+König Agis war, wie wir sahen, Ausgangs des Jahres 333 trotz der eben
+eingetroffenen Nachricht von der Schlacht bei Issos, mit der noch bei
+Siphnos ankernden persischen Seemacht im Einverständnis, in Aktion
+getreten, hatte durch seinen Bruder Agesilaos Kreta besetzen lassen. Hätte
+damals Athen sich entschließen wollen, der Bewegung beizutreten, so würden
+-- denn ohne weiteres hätten hundert Trieren aus dem Piräus in See gehen
+können -- bedeutende Erfolge möglich gewesen sein. Aber da Athen nicht zu
+diesem Entschluß kam, so wagten auch die anderen Genossen des hellenischen
+Bundes nicht, die beschworenen Verträge zu brechen, und der Beistand
+einiger Tyrannen und Oligarchen auf den Inseln hätte die persische Seemacht
+nicht stark genug gemacht, um gegen Amphoteros und Hegelochos
+standzuhalten; mit dem Frühling 332, mit der Belagerung von Tyros löste sie
+sich völlig auf, bis zum Ende des Jahres waren alle Inseln des Ägäischen
+Meeres, auch Kreta befreit. Dennoch wurde es in Hellas nicht ruhig, weder
+die Siege Alexanders, noch die Nähe des bedeutenden Heeres, das der
+Reichsverweser in Makedonien unter den Waffen hatte, machten die Patrioten
+an ihren Plänen und an ihren Hoffnungen irre; unzufrieden mit allem, was
+geschehen war und noch geschah, noch immer in dem Wahne, daß es möglich und
+gerechtfertigt sei, trotz des beschworenen Bundes und der makedonischen
+Übermacht, Sonderpolitik in alter Art zu treiben, um die alte
+Staatenfreiheit zu erneuern, benutzten sie jede Gelegenheit, in der
+leichtsinnigen und leichtgläubigen Menge Mißgunst, Besorgnis, Erbitterung
+zu nähren; Thebens unglückliches Ende war ein unerschöpflicher Quell zu
+Deklamationen, den korinthischen Bundestag nannten sie eine
+schlechtberechnete Illusion: alles, was von den Makedonen ausging, selbst
+Ehren und Geschenke, wurde verdächtigt oder als Schmach für freie Hellenen
+bezeichnet. Alexander wolle nichts, als das Synedrion selbst und jeden
+einzelnen Beisitzer desselben zu Werkzeugen der makedonischen Despotie
+machen; die Einheit der Hellenen sei eher im Hasse gegen Makedonien als im
+Kampfe gegen Persien zu finden; ja die Siege über Persien seien für
+Makedonien nur ein Mittel mehr, die Freiheit der hellenischen Staaten zu
+vernichten. Natürlich war die Rednerbühne Athens der rechte Ort, dieses
+Mißvergnügen in sehr erregten Debatten zur Schau zu stellen; nirgends
+standen sich die beiden Parteien schärfer gegenüber; und das Volk, bald von
+Demosthenes, Lykurgos, Hypereides, bald von Phokion, Demades und Äschines
+bestimmt, widersprach sich oft genug selbst in seinen souveränen
+Beschlüssen; während man mit dem Synedrion des Bundes wetteifernd
+Glückwünsche und goldene Kränze an Alexander sandte, war und blieb auch
+nach dem Tage von Gaugamela Dropidas als attischer Gesandter am Hoflager
+des Großkönigs; während so Athen Verbindungen unterhielt, die nach dem
+Bundesvertrage offenbarer Verrat waren, ereiferten sich die attischen
+Redner über die neuen Vertragsverletzungen, die sich Makedonien erlaube.
+Nur daß man es vorzog, sich nicht in Gefahr zu begeben; man begnügte sich
+mit finsteren Gedanken und bedeutsamen Worten.
+
+Nur Agis gab, auch nachdem sein Bruder durch Amphoteros und die
+makedonische Flotte aus Kreta gedrängt war, die einmal begonnene Aktion
+nicht auf. Er hatte von den bei Issos zersprengten Söldnern eine bedeutende
+Zahl an sich gezogen, der Werbeplatz auf dem Tainaron bot ihm so viel
+Kriegsvolk, als er Geld hatte anzuwerben; er hatte mit den Patrioten
+namentlich in den peloponnesischen Städten Verbindungen angeknüpft, die den
+besten Erfolg versprachen; die Umsicht und Kühnheit, mit der er seine Macht
+und seinen Anhang zu mehren verstand, gab den Gegnern Makedoniens nah und
+fern die Zuversicht naher Rettung.
+
+In eben dieser Zeit fand ein Unternehmen, das mit großen Hoffnungen
+begonnen worden war, ein trauriges Ende. Ob der Zug des Epiroten
+Alexandros nach Italien im Einverständnis mit dem makedonischen Könige oder
+in Rivalität gegen denselben unternommen sein mochte, es gab einen Moment,
+wo er mit seinen Siegen das Griechentum Italiens sich stolzer denn je
+erheben zu sollen schien. Aber die Tarentiner, die in ihm nur einen
+Kondottiere gegen die italienischen Völker in den Bergen hatten haben
+wollen, begannen seine hochfliegenden Pläne zu fürchten, und die
+hellenischen Städte waren mit ihnen einig, daß man ihn lähmen müsse, bevor
+er ihrer Freiheit gefährlich werde. Der Fortgang seiner Waffen stockte, er
+wurde von einem lukanischen Flüchtling ermordet, sein Heer von den
+Sabellern bei Pandosia aufgerieben. Seinem Tode folgten Irrungen im
+Molosserlande wegen der Erbfolge; ein unmündiger Knabe, den ihm die
+makedonische Kleopatra, Alexanders Schwester, geboren, war sein Erbe; aber
+Olympias -- sie lebte, wie es scheint, im epirotischen Lande -- suchte der
+Witwe, ihrer Tochter, das Regiment zu entreißen: »Das Land der Molosser
+gehöre ihr«, schrieb sie den Athenern, die in Dodona ein Bild der Dione
+hatte schmücken lassen, als dürfe dergleichen nicht ohne ihre Erlaubnis
+geschehen. Daß so in dem Königshause selbst Zwist begann, konnte die
+Hoffnungen der Patrioten in Hellas nur erhöhen.
+
+Als Alexander im Frühling 331 auf dem Marsch zum Euphrat in Tyros war,
+wußte er bereits von den weiteren Bewegungen des Agis; er begnügte sich
+damals, hundert phönikische und kyprische Schiffe aufzubieten, die sich mit
+Amphoteros vereinigen sollten, die ihm getreuen Städte im Peloponnes zu
+schützen. Er ehrte die attischen Gesandten, die ihm in Tyrus mit
+Glückwünschen und goldenen Kränzen entgegengekommen waren, und gab die am
+Granikos gefangenen Athener frei, um sich den attischen Demos zu
+verpflichten; er schien geflissentlich vermeiden zu wollen, daß es zwischen
+den makedonischen und spartanischen Waffen zum offenbaren Kampfe käme, der
+bei der Stimmung in den hellenischen Landen -- selbst in Thessalien begann
+sie unsicher zu werden -- sehr bedenkliche Folgen haben konnte; im Begriff,
+einen neuen und entscheidenden Schlag gegen Dareios zu führen, hoffte er,
+daß der Eindruck desselben die Aufregung in Hellas entmutigen werde.
+
+So mußte Antipatros während des Jahres 331 ruhig die Rüstungen des
+Spartanerkönigs und dessen wachsenden Einfluß im Peloponnes mit ansehen,
+sich begnügen, mit der Autorität Makedoniens in den Bundesstädten soweit zu
+wirken, als es irgend möglich war, im übrigen die Bewegungen der
+feindlichen Partei sorgfältig und immer kriegsbereit zu beobachten; er
+durfte die durch den Tod des Molosserkönigs entstandenen Irrungen nicht
+benutzen, die, wie es scheint, gelockerte Abhängigkeit des Landes von
+Makedonien herzustellen und selbst den Unwillen und den bitteren Vorwurf
+der Königin Olympias, die mit makedonischer Kriegsmacht ihren Anspruch auf
+das molossische Erbe durchgeführt sehen wollte, mußte er ruhig ertragen.
+
+Indes hatte die Bewegung in Hellas eine sehr ernste Wendung genommen. Die
+Nachricht von Gaugamela -- sie konnte Ausgangs 331 in Athen sein -- mußte
+die Gegner Makedoniens entweder zur Unterwerfung oder zu einer letzten
+Kraftanstrengung veranlassen. Alexanders Fernsein, der Hader in Epirus,
+die, wie man wußte, wachsende Mißstimmung in den thrakischen Landen empfahl
+und begünstigte ein rasches Wagnis. Bald mochte man über Sinope erfahren,
+daß der Großkönig sich nach Medien gerettet, daß er zum nächsten Frühling
+die Völker seiner östlichen Satrapien nach Ekbatana beschieden habe, daß er
+den Kampf gegen den Makedonen fortzusetzen entschlossen sei. Noch durfte
+man wenigstens Subsidien von ihm erwarten; und wie sollte Alexander, von
+dessen Zuge nach Susa, nach dem hohen Persien man schon wissen konnte,
+wagen, sein Heer, das kaum zur Besetzung der endlos weiten Wege bis zum
+Hellespont rückwärts hinreichte, mit Entsendungen nach Makedonien und zum
+Kampf gegen die Hellenen zu schwächen. Wenn man jetzt noch unschlüssig
+zögerte, so konnte der letzte Rest der Persermacht erliegen, so mußte man
+erwarten, daß Alexander demnächst an der Spitze ungeheurer Heeresmassen wie
+ein zweiter Xerxes Hellas überfluten und zu einer Satrapie seines Reiches
+machen werde. Die Erregbarkeit des Volksgeistes, die begeisterten
+Deklamationen patriotischer Redner, die dem Zeitalter eigentümliche Lust am
+Übertriebenen und Unglaublichen, und nicht an letzter Stelle der alte
+Nimbus der Spartanermacht, die sich so glorreich von neuem erhob, -- alles
+vereinte sich, eine Eruption hervorzubringen, die für Makedonien
+verhängnisvoll werden konnte.
+
+Es folgen höchst merkwürdige Ereignisse, von denen uns freilich nur
+einzelne zerstreute Notizen überliefert sind, deren Zusammenhang, ja deren
+zeitliche Folge nicht mehr festgestellt werden kann.
+
+Es ist neuester Zeit die obere Hälfte eines attischen Inschriftsteines[11]
+gefunden worden, mit einem Relief geschmückt, von dem noch die Reste von
+zwei Pferden, ein Mann im Himation, der in der Rechten eine Schale zum
+Spenden hält, eine Athena, die die Hand, wie es scheint, zu ihm hinstreckt,
+zu erkennen ist; darunter »Rhebulas, des Seuthes Sohn, des Kotys Bruder...«
+Folgt dann ein Volksbeschluß, von dem nur die Datierung übrig ist, die etwa
+dem 10. Juni 330 entspricht. Was konnte den Sohn des Seuthes nach Athen
+geführt haben, daß ihn die Athener mit einem so geschmückten Ehrendekret
+auszeichneten?
+
+ [11] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Arrian freilich berichtet über die Vorgänge dieses Jahres in Hellas,
+Makedonien, Thrakien nichts, aber die auf Kleitarchos zurückführenden
+Überlieferungen geben einiges. Diodor sagt: »Memnon, der makedonische
+Strateg in Thrakien, der Truppen hatte und voll Ehrgeiz war, regte die
+Barbaren auf und griff, als er sich stark genug sah, selbst zu den Waffen,
+weshalb Antipatros seine Kriegsmacht aufbot, nach Thrakien eilte, wider ihn
+kämpfte.« Noch weitere Momente bietet Justin; nachdem er das Ende des
+Dareios berichtet hat, fährt er fort: »Während dies geschah, empfing
+Alexander Briefe des Antipatros aus Makedonien, in denen von dem Kriege des
+Spartanerkönigs Agis in Griechenland, von des Molosserkönigs Krieg in
+Italien, von dem Kriege seines Strategen Zopyrion in Skythien berichtet
+war«; und weiterhin: »Zopyrion, der von Alexander als Strateg des Pontos
+bestellt war, in der Meinung, lässig zu sein, wenn er nicht auch etwas
+unternehme, ging mit einem Heere von dreißigtausend Mann gegen die Skythen
+und fand mit seiner ganzen Macht den Untergang.«
+
+Freilich Curtius, der doch im wesentlichen auf dieselbe Quelle zurückführt,
+berichtet von Zopyrion und dem thrakischen Aufstande so, daß man glauben
+muß, diese Dinge wären volle vier Jahre später geschehen; aber es sind
+unzweifelhaft die gleichen Vorgänge: »Alexander habe, aus Indien nach
+Persien zurückgekehrt, Berichte über das, was während seiner Abwesenheit in
+Asien und Europa geschehen, empfangen; daß Zopyrion, als er einen Krieg
+gegen die Geten unternahm, durch plötzlich entstandenen Sturm mit seinem
+ganzen Heere untergegangen sei, daß auf die Nachricht von dieser Niederlage
+Seuthes die Odryser, seine Landsleute, zum Abfall veranlaßt habe, daß da
+Thrakien fast verloren gewesen sei, nicht einmal Griechenland...« da
+beginnt eine längere Lücke im Text des Curtius.
+
+Also nach der Auffassung des Curtius hat die schwere Niederlage des
+Zopyrion dem thrakischen Fürsten Seuthes den Entschluß zur Empörung
+gegeben; nach Diodor ist Memnon, der Strateg im makedonischen Thrakien, der
+Anstifter dieses Abfalls; nach einer anderen Nachricht, die aus dem Kreise
+derselben kleitarchischen Überlieferung zu stammen scheint, ist zugleich
+das Gerücht vom Tode Alexanders verbreitet; nach einer anderen gleichen
+Ursprungs hat Antipatros gegen die »Vierländer«, die am Hämos und bis zur
+Rhodope hinüber wohnen, ausziehen müssen und sie durch eine Kriegslist zur
+Heimkehr veranlaßt.
+
+Man sieht ungefähr, wie hier die Dinge zusammenhängen. Alexander hatte im
+Spätherbst 331 von Susa aus Menes mit 3000 Talenten nach der Küste gesandt
+mit der Weisung, an Antipatros so viel zu übermachen, wie derselbe zum
+Kriege gegen Agis brauchen werde. Mag Zopyrion, der Strateg am Pontos,
+gewiß ohne Weisung Alexanders, gewiß ohne Gutheißung des Antipatros, sein
+Unternehmen gegen die Skythen etwa im Herbst 331 begonnen haben, seines
+Heeres Untergang war eine so schwere Schwächung der makedonischen Macht,
+daß Memnon, der Strateg in Thrakien, den Versuch, sich unabhängig zu
+machen, wagen konnte; und der odrysische Fürst Seuthes war mit Freuden zum
+Abfall bereit, die thrakischen Völker im Gebirge, jene Besser, unter den
+Räubern als Räuber berüchtigt, rückten ins Feld; über das ganze Gebiet im
+Norden und Süden des Hämos verbreitete sich der Aufstand.
+
+Das wird die große Botschaft gewesen sein, die im Frühling 330 Rhebulas,
+des Seuthes Sohn, nach Athen brachte, gewiß mit dem Antrage, die Bündnisse,
+die Athen mit so vielen seiner Vorfahren, namentlich mit Ketriporis, mit
+Kersobleptes gegen König Philipp geschlossen hatte, gegen Alexander zu
+erneuern.
+
+Schon hatte im Peloponnes der Kampf begonnen. König Agis hatte
+makedonische Söldner unter Korragos angegriffen und völlig vernichtet. Von
+Sparta aus ergingen Aufrufe an die Hellenen, für die Freiheit mit der
+Stadt Lykurgs gemeinsame Sache zu machen. Die Elier, alle Arkader außer
+Megalopolis, alle Achäer außer Pellene erhoben sich; Agis eilte,
+Megalopolis zu belagern, das ihm den Weg nach dem Norden sperrte: »Mit
+jedem Tage erwartete man den Fall der Stadt; Alexander stand jenseits der
+Grenzen der Welt, Antipatros zog erst sein Heer zusammen; wie der Ausgang
+sein werde, war ungewiß«, so sagt Äschines einige Wochen später.
+
+Schon zündete die Flamme des Aufruhrs auch im mittleren Hellas, auch
+jenseits der Thermopylen; die Ätoler überfielen die akarnanische Stadt
+Oiniadai, zerstörten sie; die Thessaler, die Perrhaiber standen auf. Wenn
+Athen jetzt mit seiner bedeutenden Macht der Bewegung beitrat, so schien
+alles erreichbar.
+
+Noch aus den dürftigen Spuren, die uns übrig sind, erkennt man, wie heftig
+in Athen debattiert sein muß. Aus einer Inschrift erfährt man von einem
+platäischen Mann, der eine bedeutende Summe »für den Krieg« darbrachte, und
+das Ehrendekret zum Dank dafür hat der ehrwürdige Lykurgos beantragt.
+Derselbe zog den Leokrates, einen der Reichen, der nach der Niederlage von
+Chäronea geflüchtet war und in Rhodus, dann in Megara große Geschäfte
+gemacht hatte, wegen Verrats vor Gericht, da er nach Athen zurückzukehren
+gewagt hatte; aber der Verklagte fand bei vielen Angesehenen und Reichen
+Fürsprache, und in dem Gericht waren die Stimmen für und wider ihn gleich
+geteilt. Wie zum Gegenschlag brachte Äschines die alte Klage gegen
+Ktesiphon, die seit 337 geruht hatte, wieder in Gang; es galt, dessen
+damaligen Antrag auf einen Ehrenkranz für Demosthenes als ungesetzlich
+strafen zu lassen; zur Entscheidung kam der Prozeß einige Wochen später,
+als schon alles entschieden war; in der Rede, die Äschines damals hielt,
+führt er an, wie Demosthenes große Worte gemacht habe, als werde die Stadt
+von gewissen Personen »gekappt, ausgekernt, die Muskeln ihrer Kraft
+durchschnitten«; daß er auf der Rednerbühne gesagt habe: »Ich bekenne mich
+dazu, die Politik Spartas unterstützt, die Thessalier und Perrhaiber zum
+Abfall veranlaßt zu haben«. Also Demosthenes hatte -- etwa im Frühling 330
+-- seine Verdienste um die Schürung des Aufstandes öffentlich rühmen
+können. So lebhaft Äschines, Demades, Phokion entgegenarbeiten mochten,
+sichtlich trieb die Stimmung der Stadt dem Kriege zu; es wurde der Antrag
+gestellt, die Flotte auszurüsten und denen, die von Alexander abgefallen
+seien, zu Hilfe zu senden. Da ergriff, so wird erzählt, Demades, der damals
+die Kasse der Festgelder verwaltete, das letzte Mittel; allerdings erklärte
+er, seien die Mittel für die vorgeschlagene Expedition vorhanden; er habe
+dafür gesorgt, daß in der Theorikenkasse genug sei, um für das nächste Fest
+der Choen jedem Bürger eine halbe Mine zu zahlen; er stelle den Athenern
+anheim, ob sie das ihnen zukommende Geld lieber für Rüstung und Krieg
+verwenden wollten. Wenn die Athener gegen die Rüstung entschieden, so war
+es vielleicht nicht um der Festfeier willen; im Frühling 331 hatte
+Amphoteros 100 kyprische und phönikische Schiffe Verstärkung erhalten; wenn
+er mit seiner Flotte zwischen Ägina und Sunion kreuzte, so konnte er das
+Aussegeln der attischen unmöglich machen.
+
+Indes lag Agis immer noch vor Megalopolis, die Stadt verteidigte sich mit
+höchster Anstrengung; daß sie nicht so rasch, wie man erwartet hatte,
+gewonnen wurde, mochte den Eifer derer abkühlen, die sich gern erhoben
+hätten, wenn Agis bis zum Isthmus und weiter vorgerückt wäre und sie
+gedeckt hätte. Da kam die Nachricht, daß Antipatros mit Heeresmacht
+heranrücke.
+
+Er war, sobald er Memnon bewältigt hatte, nach dem Süden aufgebrochen;
+nachdem er im schnellen Durchzuge die Bewegung in Thessalien unterdrückt,
+im Weitermarsch die Kontingente wenigstens der zuverlässigsten Verbündeten
+an sich gezogen hatte, kam er mit einem bedeutenden Heere -- es wird auf
+40 000 Mann angegeben -- über den Isthmus; er war stark genug, für den
+angebotenen Beistand derer zu danken, die jetzt angaben, für des Königs
+Sache gerüstet zu haben. Agis, dessen Heer nur 20 000 Mann Fußvolk und 2000
+Reiter stark gewesen sein soll, gab die Belagerung von Megalopolis auf um
+etwas rückwärts auf dem Wege nach Sparta in günstigerem Terrain, wo er der
+Übermacht widerstehen zu können hoffte, den Angriff zu erwarten. Es folgte
+eine höchst blutige Schlacht, in der die Spartaner und ihre Bundesgenossen,
+wie die erhaltenen Berichte es darstellen, Wunder der Tapferkeit
+verrichteten, bis König Agis, mit Wunden bedeckt, von allen Seiten
+eingeschlossen, endlich dem Andrang erlag und den Tod fand, den er suchte.
+Antipatros hatte, wenn auch mit bedeutendem Verlust, vollständig gesiegt.
+
+Mit dieser Niederlage brachen die Hoffnungen der hellenischen Patrioten und
+der Versuch, die Hegemonie Spartas zu erneuern, zusammen. Eudamidas, des
+gefallenen kinderlosen Königs jüngerer Bruder und Nachfolger, der von
+Anfang her gegen diesen Krieg gewesen war, empfahl nun, obschon die
+Bundesgenossen sich mit nach Sparta zurückgezogen hatten, den weiteren
+Widerstand aufzugeben; es wurde an Antipatros gesandt und um Frieden
+gebeten. Dieser forderte fünfzig spartanische Knaben als Geiseln; man bot
+ihm ebenso viele Männer, damit begnügte sich der Sieger; er verwies die
+Frage über den Friedensbruch an das Synedrion des Bundes, das nach Korinth
+berufen wurde; nach vielen Beratungen überwies es die Sache an Alexander,
+worauf spartanische Gesandte nach dem fernen Osten abgingen. Des Königs
+Entscheidung war so mild als möglich; er verzieh das Geschehene, nur
+sollten die Elier und Achaier, denn sie waren Genossen des hellenischen
+Bundes, Sparta nicht -- an Megalopolis 120 Talente als Entschädigung
+zahlen. Man darf vermuten, daß Sparta nun dem Bunde beitreten mußte; in
+der Verfassung des altheraklidischen Staates wurde nichts geändert, dessen
+Gebiet nicht von neuem gemindert.
+
+Auch in Athen wird sich die Spannung der Gemüter nun gelöst haben, wenn man
+natürlich auch nicht aufhörte, sich in bitterem Grollen zu gefallen. Bald
+nach Agis' Niederlage wurde der Prozeß gegen Ktesiphon vor den Richtern
+verhandelt. »Gedenket der Zeit«, sagt Aischines den Richtern, »in der ihr
+das Urteil sprecht; in wenigen Tagen werden die Pythien gefeiert, und das
+Synedrion der Hellenen versammelt sich; des Demosthenes Politik in diesen
+Zeitläuften wird der Stadt zum Vorwurfe gemacht; wenn ihr ihm den Kranz
+gewährt, wie Ktesiphon beantragt, werdet ihr dafür gelten, mit denen, die
+den gemeinen Frieden brechen, eines Sinnes zu sein.« Die Athener werden es
+sich als eine große politische Tat angerechnet haben, daß sich nicht ein
+Fünftel der Stimmen für Äschines ergab. Damit verfiel dieser in eine Buße
+von tausend Drachmen; er zahlte sie nicht, er verließ Athen und ging nach
+Ephesus, und in den nächsten Dionysien erhielt Demosthenes den goldenen
+Kranz, der, ihm nach der Schlacht von Chäronea bestimmt, jetzt die
+Gutheißung seiner Politik von damals und jetzt aussprach.
+
+Die allgemeinen Verhältnisse in Hellas wurden mit solchen Demonstrationen
+nicht mehr geändert; seit dem Zusammenbrechen der spartanischen Erhebung
+traten sie in den Hintergrund.
+
+
+
+
+ Drittes Buch
+
+ +Ailinon, ailinon eipe, to d' eu nikatô.+
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Verfolgung des Bessos -- Aufstand in Areia -- Marsch des
+ Heeres nach Süden, durch Areia, Drangiana, Arachosien, bis
+ zum Südabhang des indischen Kaukasus -- Der Gedanke Alexanders
+ und Aristoteles' Theorie -- Die entdeckte Verschwörung --
+ Die neue Heeresorganisation
+
+
+Um die Zeit der spartanischen Niederlage stand Alexander in Hyrkanien, am
+Nordabhange jenes Gebirgswalles, der Iran und Turan scheidet, vor ihm die
+Wege nach Baktrien und Indien, nach dem unbekannten Meere, das er jenseits
+beider Länder als Grenze seines Reiches zu finden erwarten mochte, hinter
+ihm die Hälfte des Perserreiches, und Hunderte von Meilen rückwärts die
+hellenische Heimat. Er wußte von Agis' Schilderhebung, von dessen
+wachsendem Einfluß im Peloponnes, von der unsicheren Stimmung im übrigen
+Griechenland, welche die Alternativen des Kriegsglückes doppelt gefährlich
+machte; er kannte die Bedeutung dieses Gegners, dessen Vorsicht, dessen
+Tätigkeit. Und doch ging er weiter und weiter gen Osten, ohne Truppen an
+Antipatros zu senden oder günstige Nachrichten abzuwarten. Wenn nun Agis
+gesiegt hätte? Oder trotzte Alexander auf sein Glück? Verachtete er die
+Gefahr, der er nicht mehr begegnen konnte? Wagte er nicht, um Griechenland
+zu retten, die Königsmörder mit halb soviel Truppen zu verfolgen, als zu
+den Siegen von Gaugamela und von Issos hingereicht hatten?
+
+Einst war freilich die Ruhe der Griechen und ihre Anerkennung der
+makedonischen Hegemonie die wesentliche Grundlage seiner Macht und seiner
+Siege gewesen; jetzt garantierten ihm seine Siege die Ruhe Griechenlands,
+und der Besitz Asiens die fernere Geltung dieser Hegemonie, die ihm
+streitig zu machen mehr töricht als gefährlich gewesen wäre. Unterlag
+Antipatros, so waren die Satrapen in Lydien und Phrygien, in Syrien und
+Ägypten bereit, im Namen ihres Königs nicht Erde und Wasser, wohl aber
+Genugtuung für Treubruch und Verrat zu fordern; und diese Freiheitsliebe
+der Mißvergnügten, dies zweideutige Heldentum der Phrase, Intrige und
+Bestechung hätte kein Marathon gefunden.
+
+Der König durfte, unbekümmert um die Bewegungen in seinem Rücken, die Pläne
+weiter verfolgen, welche das Verbrechen des Bessos und seiner Genossen ihm
+aufzwang oder möglich machte. Durch den Besitz der kaspischen Pässe, durch
+die Besatzungen, die am Eingange des medischen Paßweges zum Tigris in
+Ekbatana zurückgeblieben waren, durch die mobile Kolonne, welche die Linie
+des Euphrat beherrschte, war Alexander, wennschon durch einen Doppelwall
+von Gebirgen vom syrischen Tieflande getrennt, doch der Verbindung mit den
+westlichen Provinzen seines Reiches sicher genug, um die große Länder- und
+Völkergrenze der hyrkanischen Gebirge zum Ausgangspunkt neuer
+Unternehmungen machen zu können.
+
+Nachdem er seinem Heere einige Rast gegönnt, nach hellenischer Sitte
+Festspiele und Wettkämpfe angestellt und den Göttern geopfert hatte, brach
+er aus der hyrkanischen Residenz auf. Er hatte für den Augenblick etwa
+20 000 Mann zu Fuß und 3000 Reiter um sich, namentlich die Hypaspisten,
+deren bewährter Strateg Nikanor, Parmenions Sohn, nur zu bald einer
+Krankheit erliegen sollte, den größeren Teil der Phalangiten, endlich die
+gesamte makedonische Ritterschaft unter Führung des Philotas, dessen Vater
+Parmenion den wichtigen Posten in Ekbatana befehligte, von leichten Truppen
+hatte Alexander die Schützen und Agrianer bei sich; während des Marsches
+sollten nach und nach die anderen Korps wieder zur Armee stoßen, namentlich
+Kleitos die 6000 Phalangiten von Ekbatana nach Parthien, Parmenion selbst
+die Reiter und leichten Truppen, mit denen er zurückgeblieben war, nach
+Hyrkanien nachführen.
+
+Es ist ausdrücklich bezeugt, daß Alexanders Absicht war, nach Baktra, der
+Hauptstadt der großen baktrischen Satrapie, zu gehen. Dorthin, wußte er,
+hatte sich Bessos mit seinem Anhang zurückgezogen, dorthin alle, die es mit
+der altpersischen Sache hielten, beschieden, um sich dem makedonischen
+Eroberer, wenn er über Hyrkanien hinauszugehen wage, entgegenzustellen.
+Alexander durfte hoffen, mit schnellem Marsch an die Ufer des Oxos die
+letzte namhafte Heeresmacht, die ihm noch widerstehen wollte, zu treffen
+und zu vernichten, bevor der Zuzug aus den arianischen Landen sich mit ihr
+vereinigt habe; und wenn sein Marsch diese arianischen Satrapien für jetzt
+rechts liegen ließ, so war zu erwarten, daß vor dem Schlage, der die
+Königsmörder niederschmettern sollte, auch sie sich beugen würden.
+
+Er folgte der großen Straße, die von Hyrkanien am Nordabhange des Gebirges,
+dann durch die Teile Parthiens und Areias, die der turanischen Wüste
+zunächst liegen, nach Baktriana führt. Als er die Grenze Areias erreicht
+hatte, kam ihm in Susia, der nächsten Stadt Areias, der Satrap des Landes
+Satibarzanes entgegen, sich und das Land ihm zu unterwerfen, zugleich
+wichtige Mitteilungen über Bessos zu machen. Er ließ Satibarzanes im Besitz
+seiner Satrapie; Anaxippos von den Hetairen mit 60 Mann Akontisten zu Pferd
+wurde zur Bewachung des Platzes und Aufnahme der nachkommenden Kolonnen
+zurückgelassen, Anordnungen, welche zeigten, daß Alexander unter der Form
+einer Oberherrlichkeit, die nicht viel bedeutete, den mächtigen Satrapen in
+der Flanke seines Marsches zunächst nur in Untätigkeit halten wollte, um
+seinen eiligen Marsch sicher fortsetzen zu können. Denn schon hatte Bessos,
+wie Satibarzanes angab und mehrere der Perser, welche aus Baktrien nach
+Susia kamen, bestätigten, die Tiara, den Titel König von Asien, den
+Königsnamen Artaxerxes angenommen, hatte Scharen flüchtiger Perser und
+viele Baktrianer um sich gesammelt, erwartete Hilfsheere aus den nahen
+skythischen Gebieten.
+
+So rückte Alexander auf dem Wege nach Baktra vor; schon waren auch die
+bundesgenössischen Reiter, die Philippos aus Ekbatana nachführte, die
+Söldnerreiter und die Thessaler, welche von neuem Dienste genommen hatten,
+zum Heere gestoßen. Der König durfte hoffen, so verstärkt und mit der ihm
+gewöhnlichen Schnelligkeit den Usurpator binnen kurzem zu überwältigen. Er
+war in vollem Marsch, als ihm höchst beunruhigende Nachrichten aus Areia
+zukamen: Satibarzanes habe treuloserweise den makedonischen Posten
+überfallen, sämtliche Makedonen nebst ihrem Führer Anaxippos erschlagen,
+das Volk seiner Satrapie zu den Waffen gerufen; Artakoana, die Königsstadt
+der Satrapie, sei der Sammelplatz der Empörer, von dort aus wolle der
+treubrüchige Satrap, sobald Alexander über die Grenze Areias hinaus sei,
+sich mit Bessos vereinigen und die Makedonen, wo er sie träfe, mit dem
+neuen König Artaxerxes Bessos gemeinschaftlich angreifen. Alexander konnte
+sich nicht verhehlen, daß solche Bewegung in der Flanke seiner Marschroute
+von der größten Gefahr sei; von Areia aus konnte er gänzlich abgeschnitten,
+von dort aus der Usurpation des Bessos vielfache Unterstützung zuteil
+werden; und der Satrap der zunächst an Areia grenzenden Landschaften
+Drangiana und Arochosien war Barsaentes, einer der Königsmörder; es war
+vorauszusehen, daß er sich der Bewegung der Areier anschließen werde. Unter
+solchen Umständen den Zug gegen Baktrien fortzusetzen, wäre tollkühn
+gewesen; und selbst auf die Gefahr hin, dem Usurpator Zeit zu größeren
+Rüstungen zu lassen, mußte er den Operationsfehler, die ganze Flanke seiner
+Bewegungen einem verdächtigen Bundesgenossen anvertraut zu haben, schnell
+und entschieden wieder gutzumachen, das ganze Gebiet in der Flanke erst zu
+unterwerfen suchen. Er gab die Verfolgung des Bessos und die Unterwerfung
+des baktrischen Landes auf, für jetzt um sich des Besitzes von Areia und
+der übrigen arianischen Länder zu vergewissern und von dort her die
+unterbrochenen Unternehmungen gegen den Usurpator mit doppelter Sicherheit
+fortsetzen zu können.
+
+An der Spitze zweier Phalangen, der Bogenschützen und Agrianer, der
+makedonischen Ritterschaft und der Akontisten zu Pferd brach der König
+eiligst gegen den empörten Satrapen auf, während das übrige Heer unter
+Krateros an Ort und Stelle lagerte. Nach zwei höchst angestrengten
+Tagemärschen stand Alexander vor der Königsstadt Artakoana; er fand alles
+in heftiger Bewegung; durch den unerwarteten Überfall bestürzt und von dem
+zusammengebrachten Kriegsvolk verlassen, war Satibarzanes mit wenigen
+Reitern über das Gebirge zu Bessos entflohen; die Areier hatten ihre
+Ortschaften verlassen und sich in die Berge geflüchtet. Alexander warf sich
+auf sie, dreizehntausend Bewaffnete wurden umzingelt und teils
+niedergehauen, teils zu Sklaven gemacht. Dies schnelle und strenge Gericht
+unterwarf die Areier; dem Perser Arsames wurde die Satrapie anvertraut.
+
+Areia ist eines der wichtigsten Gebiete Persiens, es ist das Passageland
+zwischen Iran, Turan und Ariana; wo der Areiosstrom seinen Lauf plötzlich
+nordwärts wendet, kreuzen sich die großen Heerstraßen aus Hyrkanien und
+Parthien, aus Margiana und Baktrien, aus dem Oasengebiet von Seistan und
+dem Hochtal des Kabulstromes; eine makedonische Kolonie, Alexandreia in
+Areia, wurde an dieser wichtigen Stelle gegründet, und noch heute lebt
+unter dem Volke von Herat die Erinnerung an Alexander, den Gründer ihrer
+reichen Stadt.
+
+Alexander wird aus den Erkundigungen, die er bei der Veränderung seiner
+Marschrichtung eingezogen, ein ungefähres Bild von der Lage der arianischen
+Satrapien gegen Baktrien und Indien, von den Gebirgen und Strömen, welche
+die Gestaltung dieser Länder bestimmen, von den Straßen und Pässen, die sie
+verbinden, gewonnen haben; es wird ihm notwendig erschienen sein, erst die
+ganze Südflanke des baktrischen Landes zu okkupieren, bevor er sich gegen
+den Usurpator in Baktrien wandte, ihm die Unterstützung, die er aus den
+arianischen und indischen Ländern an sich ziehen konnte, zu entziehen, ihn
+so in weitem Bogen einschließend schließlich auf den äußersten Flügel der
+feindlichen Aufstellung zu stoßen, nach demselben strategischen System, das
+nach den Schlachten am Granikos, bei Issos, bei Gaugamela maßgebend gewesen
+war. Mit dem Marsch nach Areia hinauf war diese Bewegung, die zunächst nach
+Drangiana und Arachosien führte, bereits eingeleitet. Alexander zog, sobald
+Krateros wieder zu ihm gestoßen war, südwärts, um die einzelnen Distrikte
+dieses damals reichen und wohlbevölkerten Landes zu unterwerfen. Barsaentes
+wartete seine Ankunft nicht ab, er flüchtete über die Ostgrenze seiner
+Satrapie zu den Indern, die ihn späterhin auslieferten. Alexander rückte im
+Tale des Flusses Adreskan, der zum See Areia (Haräva) hinabfließt, in das
+Land der Dranger oder Zaranger, deren Hauptstadt Prophtasia sich ohne
+weiteres ergab.
+
+Südwärts von den Drangern wohnten in den damals noch nicht versandeten
+Fruchtebenen des südlichen Seistans die Ariaspen oder, wie die Griechen sie
+nannten, Euergeten, ein friedliches ackerbautreibendes Volk, das, seit
+uralten Zeiten in diesem »Frühlingslande« heimisch, jenes stille, fleißige
+und geordnete Leben führte, welches in der Lehre Zarathustras mit so hohem
+Preise geschildert wird. Alexander ehrte ihre Gastfreundschaft auf
+vielfache Weise; es war ihm gewiß von besonderem Wert, dies wohlhabende und
+oasenartige Ländchen inmitten der arianischen Gebirgs- und Wüstenlande sich
+geneigt zu wissen; ein längerer Aufenthalt unter diesen Stämmen, eine
+kleine Erweiterung ihres Gebietes, die sie längst gewünscht hatten, die
+Aufrechthaltung ihrer alten Gesetze und Verfassung, die denen der
+griechischen Städte in keiner Weise nachzustehen schienen, endlich ein
+Verhältnis zum Reiche, das jedenfalls unabhängiger war, als das der anderen
+Satrapien, das etwa waren die Mittel, mit denen Alexander das merkwürdige
+Volk der Ariaspen, ohne Kolonien unter ihnen zurückzulassen oder
+Gewaltmaßregeln zu brauchen, für die neue Ordnung der Dinge gewann.
+
+Nicht minder friedlich zeigten sich ihm die Stämme der Gedrosier, deren
+Gaue er bei weiterem Marsch berührte. Ihre nördlichen Nachbarn, die
+Arachosier, unterwarfen sich; ihre Wohnsitze erstreckten sich bis in die
+Paßgegend, welche in das Gebiet der zum Indus strömenden Flüsse
+hinüberführt; darum gab Alexander diese Satrapie dem Makedonen Menon,
+stellte 4000 Mann Fußvolk und 600 Reiter unter seinen Befehl, und befahl
+jenes arachosische Alexandrien (Kandahar) zu gründen, das, an dem Eingange
+der Pässe gelegen und bis auf den heutigen Tag eine der blühendsten Städte
+jener Gegend, in dem neueren Namen das Andenken ihres Gründers bewahrt hat.
+Aus dem arachosischen Lande rückte das makedonische Heer unter vielen
+Beschwerden -- es war um den Untergang der Plejaden, Mitte November, und
+die Berggegenden mit tiefem Schnee bedeckt -- in das Land der
+Paropamisaden, des ersten indischen Volksstammes, den es auf seinem Zuge
+fand; nordwärts von diesem erhebt sich der indische Kaukasos, über den der
+Weg in das Land des Bessos führte.
+
+So etwa die Märsche, mit welchen Alexander in den letzten Monaten des
+Jahres 330 sein Heer von dem Nordsaume Chorassans bis an den Fuß des
+indischen Kaukasos führte. Voll Mühseligkeit und arm an kriegerischem Ruhm,
+sollte diese Zeit durch ein Verbrechen eine traurige Berühmtheit erlangen;
+es galt Alexander zu ermorden, wie Dareios ermordet worden war; der Plan
+rechnete auf die Stimmung des Heeres, das des rastlosen Weiterziehens
+übersatt schien.
+
+Daß mit dem, was der König tat und tun ließ, mannigfache Erwartungen
+getäuscht, Besorgnisse genährt, Mißstimmungen gerechtfertigt wurden, war
+bei der immer weiter schwellenden Eroberung, bei der Eile der
+Neugestaltungen, die sie forderte, bei der Richtung, die er ihnen geben zu
+müssen glaubte, unvermeidlich.
+
+Ein neuerer Forscher ist in der Beurteilung Alexanders zu dem Ergebnis
+gekommen, daß »sein alles verschlingendes Gelüst Eroberung gewesen sei,
+Eroberung nach West und Ost, Süd und Nord«, eine Erklärung, mit der er dann
+freilich dem Verstande nichts weiter schuldig bleibt. Wenn Alexander in so
+unwiderstehlichen Erfolgen, wie es geschah, siegte, wenn er die
+Machtgestaltung, von der bis dahin die Völker Asiens zusammengehalten
+waren, sprengte, wenn er in dem Niederbrechen der bisherigen zugleich die
+Anfänge einer neuen schuf, so mußte er im voraus des Planes gewiß sein,
+nach dem er sein Werk aufbauen wollte, des Gedankens, der auch den ersten
+Anfängen des Werkes, dessen Anfänge sie sein sollten, ihre Richtung und ihr
+Maß gegeben haben mußte.
+
+Der tiefste Denker des Altertums, des Königs Lehrer Aristoteles, hat ihn in
+dieser Frage mehrfach beraten; er hat ihm empfohlen, zu den Hellenen sich
+als Hegemon, zu den Barbaren sich als Herr zu verhalten, die Hellenen als
+Freunde und Stammgenossen, die Barbaren, als wären sie Tiere und Pflanzen,
+zu behandeln. Er ist der Ansicht, daß die Natur selbst diese Unterscheidung
+begründe: denn, sagt er, »die Völker in den kalten Gegenden Europas sind
+voll Mut, aber zu geistiger Arbeit und Kunstfertigkeit nicht geeignet,
+daher leben sie meist frei, sind aber zu Staatsleben und zur Beherrschung
+anderer unfähig; die in Asien sind geweckten Geistes und zu den Künsten
+geschickt, aber ohne Mut, daher haben sie Herrscher und sind sie Sklaven;
+das Volk der Hellenen, wie es zwischen beiden wohnt, so hat es an beider
+Art teil; es ist ebenso mutvoll, wie denkend, es hat daher Freiheit und das
+beste Staatsleben und ist befähigt, über alle zu herrschen, wenn es _ein_
+Staatswesen bildet«. Gewiß eine richtige Betrachtung, wenn das Leben der
+Völker sein und bleiben müßte, wie es die Natur einmal vorausbestimmt hat;
+aber auch dann, wenn die Geschichte -- und Aristoteles gibt wenig auf sie
+-- nicht neue Kräfte und Bedingungen entwickelte, war gegenüber den
+Aufgaben, die dem Sieger in Asien erwuchsen, des tiefen Denkers Rat
+doktrinär, unbrauchbar für das drängende, augenblickliche, praktische
+Bedürfnis, am wenigsten geeignet, einen möglichen, geschweige denn einen
+moralisch zu rechtfertigenden Zustand zu gründen. Der Philosoph wollte nur
+die Summe des Bisherigen erhalten und fortsetzen; der König sah in der
+unermeßlichen Wandlung, in dieser Revolution, die das Ergebnis und die
+Kritik des Bisherigen war, die Elemente einer neuen Gestaltung, die über
+jenen Schematismus hinausgehen, in der jene angeblichen
+Naturnotwendigkeiten durch die Macht der fortschreitenden Geschichte
+überwunden werden sollten.
+
+Wenn das Zusammenbrechen der persischen Macht ein Beweis war, daß sie sich
+und ihre Lebenskraft völlig erschöpft hatte, war denn das hellenische Wesen
+schließlich mit seiner Freiheit und dem Trugbild der besten Verfassung in
+besseren Zuständen? War es auch nur stark genug gewesen, sich der
+beschämenden Abhängigkeit von der persischen Politik, sich der drohenden
+Invasionen der Barbaren des Nordens zu erwehren, solange jede Stadt nur
+ihrer Freiheit und ihrer Lust, über andere Herr zu sein, gelebt hatte? Und
+selbst die Makedonen, hatten sie auch nur irgendeine Bedeutung, auch nur
+Sicherheit in ihren eigenen Grenzen gehabt, bevor sich ihr Königtum
+entschlossen und stark emporrichtete, sie lehrte und sie zwang, nicht bloß
+zu sein und zu bleiben, wie sie so lange gewesen waren? Wenn Alexander
+seines Lehrers Politik las, so fand er da eine Stelle bedeutsamer Art; es
+ist die Rede von der Gleichheit der Rechte und Pflichten unter den Genossen
+des Staates, und daß in ihr das Wesen der besten Staatsordnung beruhe. »Ist
+aber einer durch so überlegene Tüchtigkeit ausgezeichnet, daß die
+Tüchtigkeit und die politische Macht der anderen mit der dieses einzelnen
+nicht vergleichbar ist, dann kann man ihn nicht mehr als Teil ansehen; man
+würde dem an Tüchtigkeit und Macht in solchem Maß Ungleichen Unrecht tun,
+wenn man ihn als gleich setzen wollte; ein solcher wäre wie ein Gott unter
+Menschen: daraus ergibt sich, daß auch die Gesetzgebung notwendig sich auf
+die, welche an Geburt und Macht gleich sind, beschränkt; aber für jene gibt
+es kein Gesetz, sie selbst sind Gesetz; wer für sie Gesetze geben wollte,
+würde lächerlich werden; sie würden vielleicht so antworten, wie bei
+Antisthenes die Löwen, als in der Tierversammlung die Hasen eine Rede
+hielten und forderten, daß alle gleichen Teil erhalten müßten.«
+
+So Aristoteles' Anschauungen; gewiß waren sie von ihm ohne alle persönliche
+Beziehung gemeint; aber wer sie las, konnte er anders, als dabei an
+Alexander zu denken? »Daß dieses Königs Geist über das menschliche Maß
+großgeartet gewesen sei,« sagt Polybios, »darin stimmen alle überein«.
+Seine Willensstärke, seinen weiten Blick, seine intellektuelle
+Überlegenheit bezeugten seine Taten und die strenge, ja starre
+Folgerichtigkeit ihres Zusammenhanges. Was er gewollt, wie er sein Werk
+sich gedacht hat -- und das gerechte Urteil wird nur diesen Maßstab anlegen
+wollen --, nur auf Umwegen, nur aus dem, was ihm davon zu verwirklichen
+gelang, ist es annähernd zu erkennen. Alexander stand in der Höhe der
+Bildung, der Erkenntnisse seiner Zeit; er wird von dem Beruf des Königs
+nicht minder groß gedacht haben, als »der Meister derer, welche wissen«.
+Aber nicht wird ihm wie seinem großen Lehrer in der Konsequenz des
+Gedankens der Monarchie und des »Wächteramtes des Monarchen« gelegen haben,
+die Barbaren wie Tiere und Pflanzen behandeln zu müssen, noch wird er
+gemeint haben, daß seine Makedonen darum von seinem Vater her zu den Waffen
+erzogen seien, damit sie, wie der Philosoph es aussprach, »Herren über die
+seien, denen es gebühre, Sklaven zu sein«, noch weniger, daß erst sein
+Vater, dann er die Hellenen zu der Korinthischen Föderation gezwungen habe,
+damit sie das wehrlos gemachte Asien mit ihrer raffinierten Selbstsucht und
+ihrer dreisten Anstelligkeit ausbeuten und aussaugen könnten.
+
+Er hatte Asien furchtbar getroffen; er wird des Speeres seines Ahnherrn
+Achill gedacht, er wird das Charisma des echten Königsspeeres darin erkannt
+haben, daß es die Wunde, die es geschlagen, auch heile. Mit der Vernichtung
+des alten Reiches, mit dem Ende des Dareios war er der Erbe der Macht über
+zahllose Völker, die bisher als Sklaven beherrscht worden waren; es war ein
+echtes Königswerk, sie zu befreien, so weit sie frei zu sein verstanden
+oder lernen konnten, sie in dem, was sie Löbliches und Gesundes hatten, zu
+erhalten und zu fördern, in dem, was ihnen heilig und ihr Eigenstes war, zu
+ehren und zu schonen. Er mußte sie zu versöhnen, zu gewinnen wissen, um sie
+selbst zu Mitträgern des Reiches zu machen, das sie mit der hellenischen
+Welt fortan vereinigen sollte; in dieser Monarchie mußte mit dem errungenen
+Siege nicht mehr von Siegern und Besiegten die Rede sein, sie mußte den
+Unterschied von Hellenen und Barbaren vergessen machen. Gelang es ihm, die
+Bewohner dieses weiten west-östlichen Reiches so zu einem Volke zu
+verschmelzen, daß sie sich mit ihren Begabungen und Mitteln gegenseitig
+ergänzten und ausglichen, ihnen inneren Frieden und sichernde Ordnungen zu
+schaffen, sie die »Kunst der Muße« zu lehren, ohne damit »wie das Eisen die
+Stählung« zu verlieren, so konnte er meinen, ein großes und »wohltätiges
+Werk« geschaffen zu haben, ein solches, wie nach Aristoteles' Wort zur
+wahren Begründung des Königtums notwendig ist. War es sein Ehrgeiz, sein
+Siegespreis, sein Enthusiasmus, ein west-östliches Reich hellenistischer
+Art zu schaffen, »die Monarchie«, wie es spätere Zeiten nach der Vision des
+Propheten genannt haben, »von den Persern auf die Hellenen zu übertragen«,
+so wies ihm die Notwendigkeit der Dinge mit jedem Tage deutlicher und
+zwingender die Wege, die er einschlagen müsse, das begonnene Werk
+hinauszuführen.
+
+Es lagen auf diesem Wege Schwierigkeiten unermeßlicher Art,
+Willkürlichkeiten, Gewaltsamkeiten, Unnatürlichkeiten, die das Begonnene
+unmöglich zu machen schienen. Sie machten ihn nicht stutzen; sie steigerten
+nur die Heftigkeit seines Willens, die stiere Selbstgewißheit seines
+Handelns. Das Werk, das er in der Begeisterung seiner Jünglingsjahre
+begonnen hatte, beherrschte ihn; lawinenartig wachsend, riß es ihn hin,
+Zerstörung, Verwüstung, Leichenfelder bezeichneten seine Bahn; mit der
+Welt, die er besiegte, verwandelte sich sein Heer, seine Umgebung, er
+selbst. Er stürmte weiter, er sah nur sein Ziel, in diesem sah er seine
+Rechtfertigung.
+
+Er durfte glauben, daß sich die Notwendigkeit dessen, was er wollte, von
+selbst ergeben, aus dem, was geschah, auch dem Nichtwollenden sich
+überzeugend aufdrängen werde. Mochte sein hellenistisches Reich vorerst in
+der Form sich wenig von dem der Achämeniden unterscheiden, der wesentliche
+und in seinen Folgen unabsehbare Unterschied lag in der neuen Kraft, die er
+dem asiatischen Leben zuführte; was die Waffensiege begonnen hatten, konnte
+er dem durchgebildeten, aufgeklärten, unendlich beweglichen und quellenden
+Geiste des Griechentums ruhig weiter wirkend zu vollenden überweisen. Für
+den Moment kam alles darauf an, die Elemente, die sich mischen und
+durchgären sollten, einander zu nähern und aneinander zu binden. Die
+asiatische Art war passiver, mißtrauischer, in ihrer Masse schwerfälliger
+und verstockter; von der Schonung, mit der man sie behandelte, von dem
+Verständnis ihrer Eigenart und ihres Vorurteils, von ihrer völligen
+Fügsamkeit hing für den Anfang die Existenz des neuen Reiches ab. Auch sie
+mußten in Alexander ihren König sehen; er war zunächst und allein die
+Einheit des weiten Reiches, der Kernpunkt, um den sich die neue
+Kristallisation bilden sollte. Wie er ihren Göttern geopfert und Feste
+gefeiert hatte, so wollte er auch in seiner Umgebung, in den Festen seines
+Hoflagers zeigen, daß er auch den Asiaten angehöre. Seit dem Ende des
+Dareios begann er, die Asiaten, die zu ihm kamen, im asiatischen Kleide und
+mit asiatischem Zeremoniell zu empfangen, die nüchterne Alltäglichkeit des
+makedonischen Feldlagers mit dem blendenden Pomp des morgenländischen
+Hoflebens abwechseln zu lassen; der nächste Tag sah ihn wieder an der
+Spitze der Makedonen im Kampf voran, unermüdlich bei Strapazen, voll Sorge
+und Umsicht für die Truppen, jedem einzelnen entgegenkommend und
+zugänglich.
+
+In keiner Zeit war die makedonische Art besonders fügsam gewesen; der Krieg
+und die unermeßlichen Erfolge, die er gebracht, hatte den harten und
+stolzen Sinn dieser Hetären nur noch gesteigert. Nicht alle begriffen, wie
+Hephaistion, die Absichten und die Politik ihres Königs, oder hatten, wie
+Krateros, Hingebung und Selbstverleugnung genug, dieselbe um der
+Diensttreue willen zu unterstützen; die meisten verkannten und
+mißbilligten, was der König tat oder unterließ. Während Alexander alles
+versuchte, um die Besiegten zu gewinnen und sie in den Makedonen ihre
+Sieger vergessen zu lassen, hielten viele in ihrem Hochmut und ihrer
+Selbstsucht ein Verhältnis gänzlicher Unterwürfigkeit zur Grundlage aller
+weiteren Einrichtungen für unerläßlich, nahmen als sich von selbst
+verstehend zu der despotischen Machtvollkommenheit der früheren Satrapen
+noch das grausame Gewaltrecht von Eroberern in Anspruch. Während Alexander
+den Kniefall der persischen Großen und die Anbetung, die ihm die
+Morgenländer schuldig zu sein glaubten, mit derselben Huld empfing wie die
+Ehrengesandtschaften der Griechen und den soldatischen Zuruf seiner
+Phalangen, hätten sie sich gern als die Gleichen ihres Königs, alles andere
+tief unter sich im Staube der Unterwürfigkeit gesehen; und während sie sich
+selbst, soviel es das Kriegslager und die Nähe ihres laut mißbilligenden
+Königs gestattete, der ganzen Üppigkeit und Zügellosigkeit des asiatischen
+Lebens ohne anderen Zweck als den des verwildertsten Genusses hingaben,
+verargten sie ihrem Könige das medische Kleid und den persischen Hofstaat,
+in dem ihn die Millionen Asiens als ihren Gott-König erkannten und
+anbeteten. So waren viele der makedonischen Großen im bösesten Sinne des
+Wortes zu Asiaten geworden, und der asiatische Hang zu Despotie, Kabale und
+Ausschweifung vereinigte sich mit jenem makedonischen Übermaß von
+Heftigkeit und Selbstgefühl, das sie noch immer nach Ruhm begierig, im
+Kampf tapfer, zu jedem Wagnis bereit machte.
+
+Sobald Alexander morgenländisches Wesen in seine Hofhaltung aufzunehmen
+begann, persische Große um sich versammelte, sie mit gleicher Huld und
+Freigebigkeit wie die Makedonen an sich zog, mit gleichem Vertrauen
+auszeichnete, mit wichtigen Aufträgen ehrte, mit Satrapien belehnte, war es
+natürlich, daß die makedonischen Großen, als geschähe ihnen Abbruch und
+Erniedrigung, auf dies asiatische Unwesen, das der König begünstigte, ihren
+Abscheu wandten und demgegenüber sich als die Vertreter des alt und echt
+makedonischen Wesens fühlten. Viele, besonders die älteren Generale aus
+Philipps Zeit, verhehlten ihre Mißgunst gegen die Perser, ihr Mißtrauen
+gegen Alexander nicht; sie bestärkten und steigerten sich gegenseitig in
+dem Ärger, zurückgesetzt und von dem, der ihnen alles danke, undankbar
+behandelt zu sein; jahrelang hätten sie kämpfen müssen, um jetzt die Frucht
+ihrer Siege in die Hände der Besiegten übergehen zu sehen; der König, der
+jetzt die persischen Großen wie ihresgleichen behandelte, werde sie selbst
+bald wie diese einstigen Sklaven des Perserkönigs behandeln; Alexander
+vergesse den Makedonen, man müsse auf seiner Hut sein.
+
+Der König kannte diese Stimmungen; seine Mutter, so wird berichtet, habe
+ihn wiederholt gewarnt, ihn beschworen, vorsichtig gegen die Großen zu
+sein, ihm Vorwürfe gemacht, daß er zu vertraut und zu gnädig gegen diesen
+alten Adel Makedoniens sei, daß er mit überreicher Freigebigkeit aus
+Untertanen Könige mache, ihnen Freunde und Anhang zu gewinnen Gelegenheit
+gebe, sich selbst seiner Freunde beraube. Alexander konnte sich nicht
+verhehlen, daß selbst unter seiner nächsten Umgebung viele seine Schritte
+mit Mißtrauen oder Mißbilligung betrachteten; in Parmenion war er gewohnt,
+einen steten Warner zu haben; von dessen Sohn Philotas wußte er, daß er
+seine Einrichtungen unverhohlen gemißbilligt, ja über seine Person sich in
+sehr schonungsloser Weise geäußert habe; er hielt es dem heftigen und
+finsteren Sinne des sonst tapferen und im Dienst unermüdlichen Hipparchen
+zugute; tiefer kränkte es ihn, daß selbst der schlichte und hochherzige
+Krateros, den er vor allen hochachtete, nicht immer mit dem, was geschah,
+einverstanden war, daß selbst Kleitos, der das Agema der Ritterschaft
+führte, sich ihm entfremdete. Immer deutlicher trat unter den makedonischen
+Generalen eine Spaltung hervor, die, wenn auch für jetzt ohne bedeutende
+Folgen, doch die Stimmungen verbitterte und selbst im Kriegsrat schon in
+peinlicher Gereiztheit hervorbrach; die Heftigeren wollten den Krieg
+beendet, das Heer aufgelöst, die Beute verteilt sehen; nicht ohne ihre
+Einwirkung schien auch im Heer das Verlangen nach der Heimat laut und
+lauter zu werden.
+
+So steigerte sich die Mißstimmung; schon wurde mit Geschenken, mit
+Nachsicht und Vertrauen der König ihrer nicht mehr Herr. Es konnte und
+durfte nicht lange in dieser Weise fortgehen; die Kriegszucht des Heeres
+und die Folgeleistung der Offiziere, das waren die ersten Bedingungen nicht
+bloß für das Gelingen der militärischen Unternehmungen, sondern auch für
+die Erhaltung des schon Gewonnenen und die Sicherheit der Armee selbst;
+wenn sich Alexander von Krateros, Kleitos, Philotas, Parmenion, von den
+Hetairen auch keiner Tat gewärtig sein mochte, so mußte er des Beispiels
+und der schon unsicheren Stimmung im Heere wegen eine Krisis
+herbeiwünschen, die ihm die Faktion offen gegenüberstellte und sie
+niederzutreten Gelegenheit bot.
+
+Alexander rastete im Herbste des Jahres 330 mit seinem Heere in der
+Hauptstadt des Drangianerlandes. Krateros war von dem baktrischen Wege her
+wieder zu ihm gestoßen; auch Koinos, Perdikkas und Amyntas mit ihren
+Phalangen, auch die makedonische Ritterschaft des Philotas und die
+Hypaspisten waren um ihn; ihr Führer Nikanor, Philotas' Bruder, war vor
+kurzem gestorben, dem Könige ein schmerzlicher Verlust; durch den Bruder
+hatte er ihn feierlich bestatten lassen. Ihr Vater Parmenion stand mit den
+meisten der übrigen Truppen im fernen Medien, die Straße nach der Heimat
+und die reichen Schätze des Perserreiches zu hüten; im nächsten Frühling
+sollte er wieder zu der großen Armee stoßen. »Da erhielt Alexander die
+Anzeige von dem Verrat des Philotas«, sagt Arrian und führt dann summarisch
+an, wie gegen denselben verfahren worden sei. Ausführlicher hat die Quelle,
+der Diodoros, Curtius, Plutarchos folgen, die Sache erzählt, ob der
+Wahrheit entsprechender, mag dahingestellt bleiben. Sie sagen im
+wesentlichen folgendes.
+
+Unter den Mißvergnügten in des Königs Umgebung war Dimnos aus Chalästra in
+Makedonien. Er vertraute dem Nikomachos, mit dem er in Buhlschaft lebte,
+daß er von dem Könige an seiner Ehre gekränkt, daß er entschlossen sei,
+sich zu rächen; vornehme Personen seien mit ihm einverstanden, allgemein
+werde eine Änderung der Dinge gewünscht; der König, allen verhaßt und im
+Wege, müsse aus dem Wege geräumt werden; in drei Tagen müsse er tot sein.
+Für des Königs Leben besorgt, aber zu scheu, ihm so Großes selbst zu
+enthüllen, teilt Nikomachos den verruchten Plan seinem Bruder Kebalinos mit
+und beschwört ihn, mit der Anzeige zu eilen. Der Bruder begibt sich ins
+Schloß, wo der König wohnt; um alles Aufsehen zu meiden, wartet er im
+Eingang, bis einer der Strategen herauskomme, dem er die Gefahr entdecken
+könne. Philotas ist der erste, den er sieht; ihm sagt er, was er erfahren,
+er macht ihn verantwortlich für die schleunige Meldung und für das Leben
+des Königs. Philotas kehrt zum Könige zurück, er spricht mit ihm von
+gleichgültigen Dingen, nicht von der nahen Gefahr; auf Kebalinos' Fragen,
+der ihn am Abend aufsucht, antwortet er, es habe sich nicht machen lassen,
+am nächsten Tage werde noch Zeit genug sein. Doch auch am andern Tage
+schweigt Philotas, obschon mehrfach mit dem König allein. Kebalinos schöpft
+Verdacht; er wendet sich an Metron, einen der königlichen Knaben, er teilt
+ihm die nahe Gefahr mit, fordert von ihm eine geheime Unterredung mit dem
+Könige. Metron bringt ihn in das Waffenzimmer Alexanders, sagt diesem
+während des Bades von dem, was Kebalinos ihm entdeckt, läßt dann ihn selbst
+hervortreten. Kebalinos vervollständigt den Bericht, sagt, daß er nicht
+schuld an der Verzögerung dieser Anzeige sei, und daß er diese, bei dem
+auffallenden Benehmen des Philotas und der Gefahr weiterer Verzögerung,
+unmittelbar an den König machen zu müssen geglaubt habe. Alexander hört ihn
+nicht ohne tiefe Bewegung; er befiehlt, sofort Dimnos festzunehmen. Der
+sieht die Verschwörung verraten, seinen Plan vereitelt, er entleibt sich.
+Dann wird Philotas zum Könige beschieden; er versichert, die Sache für eine
+Prahlerei des Dimnos und nicht der Rede wert gehalten zu haben; er gesteht,
+daß Dimnos' Selbstmord ihn überrasche, der König kenne seine Gesinnung.
+Alexander entläßt ihn, ohne Zweifel an seiner Treue zu äußern, er ladet ihn
+ein, auch heute nicht bei Tafel zu fehlen. Er beruft einen geheimen
+Kriegsrat, teilt da das Geschehene mit. Die Besorgnis der treuen Freunde
+vermehrt des Königs Verdacht eines weiteren Zusammenhanges und seine Unruhe
+über Philotas' rätselhaftes Benehmen; er befiehlt das strengste
+Stillschweigen über diese Verhandlung: er bescheidet Hephaistion und
+Krateros, Koinos und Erigyios, Perdikkas und Leonnatos zu Mitternacht zu
+sich, die weiteren Befehle zu empfangen. Zur Tafel versammeln sich die
+Getreuen bei dem Könige, auch Philotas fehlt nicht; man trennt sich spät am
+Abend. Um Mitternacht kommen jene Generale, von wenigen Bewaffneten
+begleitet; der König läßt die Wachen im Schloß verstärken, läßt die Tore
+der Stadt, namentlich die nach Ekbatana führenden, besetzen, sendet
+einzelne Kommandos ab, diejenigen, die als Teilnehmer der Verschwörung
+bezeichnet sind, in der Stille festzunehmen, schickt endlich 300 Mann zu
+Philotas' Quartier, mit dem Befehl, erst das Haus mit einer Postenreihe zu
+umstellen, dann einzudringen, den Hipparchen festzunehmen und ins Schloß zu
+bringen. So vergeht die Nacht.
+
+Am anderen Morgen wird das Heer zur Versammlung berufen. Niemand ahnt, was
+geschehen; dann tritt der König selbst in den Kreis: er habe das Heer nach
+makedonischer Sitte zum Gericht berufen, ein hochverräterischer Plan gegen
+sein Leben sei an den Tag gekommen. Nikomachos, Kebalinos, Metron legen
+Zeugnis ab, der Leichnam des Dimnos ist die Bestätigung ihrer Aussage. Dann
+bezeichnet der König die Häupter der Verschwörung: an Philotas sei die
+erste Anzeige gebracht, daß am dritten Tage der Mord geschehen solle;
+obschon er täglich zweimal in das Schloß komme, habe er den ersten, den
+zweiten Tag kein Wort geäußert; dann zeigt er Briefe des Parmenion, in
+denen der Vater seinen Söhnen Philotas und Nikanor rät: »sorgt erst für
+Euch, dann für die Euren, so werden wir erreichen, was wir bezwecken«; er
+fügt hinzu, daß diese Gesinnungen durch eine Reihe von Tatsachen und
+Äußerungen bestätigt und Zeugnis für das schnödeste Verbrechen seien; schon
+bei König Philipps Ermordung habe Philotas sich für den Prätendenten
+Amyntas entschieden; seine Schwester sei Gemahlin des Attalos gewesen, der
+ihn selbst und seine Mutter Olympias lange verfolgt, ihn von der Thronfolge
+zu verdrängen gesucht, sich endlich, mit Parmenion nach Asien
+vorausgesandt, empört habe; trotzdem sei diese Familie von ihm mit jeder
+Art von Auszeichnung und Vertrauen geehrt worden; schon in Ägypten habe er
+von den frechen und drohenden Äußerungen, die Philotas gegen die Hetäre
+Antigone oft wiederholt, sehr wohl gewußt, aber sie seinem heftigen
+Charakter zugut gehalten; dadurch sei Philotas nur noch herrischer und
+hochfahrender geworden; seine zweideutige Freigebigkeit, seine zügellose
+Verschwendung, sein wahnsinniger Hochmut hätten selbst den Vater besorgt
+gemacht und ihn zu der häufigen Warnung, sich nicht zu früh zu verraten,
+veranlaßt; längst hätten sie nicht mehr dem Könige treulich gedient, und
+die Schlacht von Gaugamela sei fast durch Parmenion verloren worden; seit
+Dareios' Tode aber seien ihre verräterischen Pläne gereift, und während er
+fortgefahren, ihnen alles anzuvertrauen, hätten sie den Tag seiner
+Ermordung bestimmt, die Mörder gedungen, den Umsturz alles Bestehenden
+vorbereitet. Mit der tiefsten Bestürzung, so sagt die Schilderung des
+Vorganges, haben die Makedonen den König angehört; daß dann Philotas
+gebunden vorgeführt wird, bewegt sie nicht minder, erweckt ihr Mitleid; der
+Strateg Amyntas ergreift das Wort gegen den Schuldigen, der ihnen allen
+mit dem Leben des Könige die Hoffnung der Heimkehr vernichtet haben würde.
+Dann noch heftiger der Strateg Koinos, des Philotas Schwager; schon hat er
+einen Stein ergriffen, das Gericht nach makedonischer Sitte zu beginnen;
+der König hält ihn zurück; erst müsse Philotas sich verteidigen; er selbst
+verläßt die Versammlung, um nicht durch seine Gegenwart die Freiheit der
+Verteidigung zu beeinträchtigen. Philotas leugnet die Wahrheit der
+Beschuldigungen; er verweist auf seine, seines Vaters, seiner Brüder treue
+Dienste; er gesteht, die Anzeige des Kebalinos verschwiegen zu haben, um
+nicht als nutzloser und lästiger Warner zu erscheinen, wie sein Vater
+Parmenion in Tarsos, als er vor der Arznei des akarnanischen Arztes gewarnt
+habe; aber Haß und Furcht foltere stets den Despoten, und das sei es ja,
+was sie alle beklagten. Unter der heftigsten Aufregung entscheiden die
+Makedonen, daß Philotas und die übrigen Verschworenen des Todes schuldig
+seien; der König vertagt das Gericht bis zum folgenden Tage.
+
+Noch fehlt das Geständnis des Philotas, der zugleich über die Schuld seines
+Vaters und der Mitverschworenen Licht verbreiten muß; der König beruft
+einen geheimen Rat; die meisten verlangen das Todesurteil sofort zu
+vollstrecken; Hephaistion, Krateros, Koinos raten, erst das Geständnis zu
+erzwingen; dafür entscheidet sich die Stimmenmehrheit; die drei Strategen
+erhalten den Auftrag, bei der Folter gegenwärtig zu sein. Unter den Martern
+bekennt Philotas, daß er und sein Vater von Alexanders Ermordung
+gesprochen, daß sie die bei Dareios' Lebzeiten nicht gewagt hätten, da
+nicht ihnen, sondern den Persern der Vorteil davon zugefallen wäre, daß er,
+Philotas, mir der Vollstreckung geeilt habe, ehe sein Vater durch den Tod,
+dem sein greises Leben nahe sei, dem gemeinschaftlichen Plane entrissen
+würde, daß er diese Verschwörung ohne Vorwissen des Vaters angestiftet. Mit
+diesen Zeugnissen tritt der König am nächsten Morgen in die Versammlung des
+Heeres; Philotas wird vorgeführt und von den Lanzen der Makedonen
+durchbohrt.
+
+Auch die besten Quellen, die, denen Arrian folgt, Ptolemaios und
+Aristobulos, bestätigen, daß schon in Ägypten Anzeigen von den
+verräterischen Plänen des Philotas an den König gebracht worden seien, daß
+dieser sich bei der Freundschaft, die zwischen ihm und Philotas bestanden,
+bei der hohen Achtung, die er dem Vater Parmenion stets bezeugt, nicht habe
+entschließen können, sie zu glauben. Ptolemaios bezeugt, daß der König
+selbst vor versammeltem Kriegsvolk die Anklage gesprochen, daß Philotas
+sich verteidigt habe, daß namentlich die Verheimlichung der Anzeige ihm als
+Verbrechen angerechnet worden sei. Die Folter erwähnt er nicht.
+
+Auch Parmenion war des Todes schuldig erkannt worden. Es erschien
+notwendig, das Urteil so schnell wie möglich zu vollstrecken; er stand an
+der Spitze einer bedeutenden Truppenmasse, die er bei seinem großen Ansehen
+im Heere und mit den Schätzen, die ihm zur Bewachung anvertraut waren, und
+die sich auf viele tausend Talente beliefen, leicht zu dem Äußersten
+bringen konnte; selbst wenn er an der Verräterei seines Sohnes keinen
+unmittelbaren Anteil hatte, schien nach dessen Hinrichtung das Schlimmste
+möglich. Er stand in Ekbatana, 30 bis 40 Märsche entfernt; was konnte, wenn
+er sich empörte, in dieser Zeit geschehen? Der König durfte bei solchen
+Umständen nicht sein Begnadigungsrecht üben, er durfte nicht wagen, den
+Feldherrn offenbar und inmitten der so leicht irre zu führenden Truppen
+verhaften zu lassen; Polydamas, aus der Schar der Hetairen, wurde nach
+Ekbatana an Sitalkes, Menidas und Kleandros gesandt, mit dem schriftlichen
+Befehl des Königs, Parmenion in der Stille aus dem Wege zu räumen. Auf
+schnellen Dromedaren, von zwei Arabern begleitet, kam Polydamas mit der
+zwölften Nacht in Ekbatana an; der thrakische Fürst und die beiden
+makedonischen Befehlshaber entledigten sich sofort ihres Auftrages.
+
+In Prophtasia gingen indes die Untersuchungen weiter. Auch Demetrios, einer
+der sieben Leibwächter, wurde, der Verbindung mit Philotas verdächtig,
+gefangengesetzt; Ptolemaios, des Lagos Sohn, erhielt seine Stelle. Die
+Söhne des Tymphaiers Andromenes waren dem Philotas sehr befreundet gewesen,
+und Polemon, der jüngste der Brüder, der in einer Ile der Ritterschaft
+stand, hatte sich, sobald er von der Gefangennahme seines Hipparchen
+Philotas gehört, in blinder Angst auf die Flucht begeben; seine und seiner
+Brüder Teilnahme an der Verschwörung erschien um so glaublicher. Amyntas,
+Simmias, Attalos, alle drei Strategen der Phalangiten, wurden vorgeführt,
+namentlich gegen Amyntas mehrfache Beschuldigungen geltend gemacht. Dieser
+verteidigte sich und seine Brüder dergestalt, daß die Makedonen ihn aller
+Schuld freisprachen; dann bat er um die Vergünstigung, seinen entflohenen
+Bruder zurückbringen zu dürfen; der König gestattete es; er reiste noch
+desselben Tages ab, er brachte Polemon zurück; das und der rühmliche Tod,
+den Amyntas bald darauf in einem Gefecht fand, benahmen dem Könige den
+letzten Verdacht gegen die Brüder, die fortan von ihm auf mannigfache Weise
+ausgezeichnet wurden.
+
+Bemerkenswert ist, daß bei Gelegenheit dieser Untersuchungen die Sache des
+Lynkestiers Alexandros, der vier Jahre früher in Kleinasien einen Anschlag
+auf des Königs Leben gemacht hatte, damals aber auf ausdrücklichen Befehl
+des Königs nur festgenommen war, jetzt zur Sprache gebracht wurde. Mag es
+wahr sein, daß das Heer seine Hinrichtung forderte, dem Könige konnte es
+notwendig scheinen, einen Mann, den er, mit Rücksicht auf seine
+Verschwägerung mit dem Reichsverweser in Makedonien bisher der gerechten
+Strafe vorenthalten, dem jetzt geforderten Urteil des Heeres zu
+überantworten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß neue Anlässe hinzukamen,
+gerade jetzt ihn vor Gericht zu stellen; leider berichten unsere Quellen
+nichts Genaueres. Aber wenn Philotas eingestanden, daß der Zweck der
+Verschwörung Alexanders Ermordung gewesen sei, so mußte die erste und im
+voraus bedachte Frage sein, wer nach ihm das Diadem tragen solle; der
+zunächst Berechtigte war Arrhidaios, König Philipps Sohn; aber auch wenn er
+mit beim Heere war, es konnte niemandem einfallen, die Gewalt einem so gut
+wie Blödsinnigen zu übergeben; ebenso wenig, einem zum Königtum völlig
+Unberechtigten, etwa Parmenion oder seinem Sohn oder einem anderen der
+Generale das Diadem zu übertragen; der Lynkestier konnte den Verschworenen
+um so geeigneter dazu scheinen, als Antipatros, auf den gewiß besondere
+Rücksicht zu nehmen war, durch die Erhebung seines Eidams für die neue
+Ordnung der Dinge, so mochte man meinen, gewonnen werden konnte. Vielleicht
+darf erwähnt werden, daß Antipatros, sobald er von den Vorgängen in
+Prophtasia und Ekbatana unterrichtet war, Schritte getan zu haben scheint,
+die ohne solchen Zusammenhang unbegreiflich wären; es wird erzählt, daß er
+mit den Ätolern, die Alexander wegen der Zerstörung der ihm ergebenen Stadt
+Diniadai auf das strengste zu züchtigen befohlen hatte, insgeheim
+Unterhandlungen angeknüpft habe; eine Vorsicht, die für den Augenblick
+keine weitere Wirkung hatte, aber dem Könige nicht unbekannt blieb und, so
+wurde geglaubt, sein Mißtrauen in einer Weise erregte, die, wenn auch erst
+nach Jahren, ihren Ausdruck finden sollte.
+
+So endete dieser trostlose Handel, trostlos auch, wenn das Gericht über
+Philotas gerecht, die Ermordung Parmenions eine politische Notwendigkeit
+gewesen war. Es macht das Geschehene nicht erträglicher, wenn Philotas nach
+den Überlieferungen bei aller persönlichen Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit
+gewaltsam, selbstsüchtig, tückisch gewesen sein, wenn der Vater selbst ihn
+gemahnt haben soll, vorsichtiger, minder hochfahrend zu sein; noch weniger,
+wenn Parmenion auch in seinen dienstlichen Beziehungen sich mehrfach des
+Königs Tadel zugezogen haben soll. Mochte der König meinen, von seinen
+höchsten Offizieren die strengste Folgeleistung fordern, inmitten des
+Krieges die Zügel der Disziplin doppelt scharf anziehen zu müssen, -- daß
+er in den Kreisen der Höchstkommandierenden zu strafen fand und so strafen
+zu müssen glaubte, war ein bedenkliches Symptom für den Zustand seines
+Heeres, und eine erste schlimme Scharte in dem bisher so festen und scharf
+gefugten Instrument seiner Macht, der einzigen Bürgschaft für seine Erfolge
+und sein Werk.
+
+Seine Spannkraft und sein imperatorischer Geist wird die zerrüttenden
+Nachwirkungen dieser Vorgänge zu bewältigen, rasch und völlig die erregten
+Truppen wieder in die Hand zu bekommen verstanden haben. Aber daß Philotas,
+daß Parmenion dieser Armee fehlten, war und blieb ein unersetzlicher
+Schaden, ein dauernder Flecken.
+
+Es mag dahingestellt bleiben, ob in den bezeichneten Zusammenhang auch die
+Formationsveränderungen zu rechnen sind, die wenigstens teilweise in diese
+Winterrast fallen, oder ob sie mehr noch von der sich verändernden
+militärischen Aufgabe veranlaßt wurden.
+
+Seit dem Ende des Dareios gab es in den bisher persischen Landen keine
+organisierte feindliche Kriegsmacht mehr; es konnten noch da und dort
+Massen aufgeboten und ins Feld geführt werden, aber sie hatten nichts mehr
+von dem Wesen des persischen Reichsheeres, auf das Alexander beim Beginn
+des Kampfes die Formation seiner Feldarmee berechnet hatte, weder die
+Haupttruppen der Großkönige und die Kardaker, noch einen Kern hellenischer
+Söldner und deren taktische Übung. Der weitere Krieg mußte sich wesentlich
+auf den Kampf gegen lose Massen, auf deren Sprengung, rasche Verfolgung,
+jede Art des kleinen Krieges einrichten. Es mußten die Truppenkörper so
+formiert werden, daß sich aus ihnen mit Leichtigkeit Armeen im kleinen
+zusammenstellen ließen; sie mußten beweglicher, in ihrer Taktik noch mehr
+als bisher aggressiv werden, die leichten Truppen mußten eine noch größere
+Ausdehnung erhalten. Endlich war es notwendig, Fürsorge zu treffen, daß
+auch asiatische Aushebungen zur Verwendung kommen konnten, nicht bloß um
+die Masse des Heeres zu vergrößern und in dem Maß, als man sich von den
+Rekrutierungen aus der Heimat entfernte, näheren Ersatz zu schaffen.
+
+Schon im Winter vorher waren die acht Ilen der Ritterschaft zu je zwei
+Lochen formiert, deren jeder seinen Lochagen erhielt; jetzt wurden je acht
+dieser Lochen zu einer Hipparchie vereint, so daß es fortan, wenn der
+moderne Ausdruck erlaubt ist, zwei Regimenter dieser schweren Kavallerie zu
+acht immerhin schwächeren Schwadronen gab. Die eine Hipparchie erhielt
+Kleitos, des Dropidas Sohn, der bisher die königliche Ile der Ritterschaft
+geführt hatte, der »schwarze Kleitos«, die zweite Hephaistion. Bereits in
+dem Feldzuge des nächsten Jahres ist die Zahl der Hipparchien weiter
+vermehrt.
+
+In gleicher Weise sind die Söldnerreiter, welche 400 Mann stark unter
+Menidas 331 zum Heere gekommen waren, so vermehrt worden, daß sie mehr als
+eine Hipparchie bilden.
+
+Schon ist auch eine Waffe der Akontisten zu Pferd eingerichtet, ihre Zahl
+ist nicht mehr zu erkennen.
+
+Die nicht minder bedeutenden Veränderungen in der Formation des Fußvolkes,
+die in dem indischen Feldzuge hervortreten, scheinen erst nach den großen
+Verstärkungen, die das Heer in Baktrien erhielt, durchgeführt zu sein.
+
+Schon in Persepolis hatte der König Befehl in die Satrapien gesandt, junge
+Mannschaften auszuheben, im ganzen 30 000 Mann, die nach makedonischer Art
+zum Dienst ausgebildet und dann als »Epigonen« in die Armee eingestellt
+werden sollten. Aber schon demnächst, bei seinem zweijährigen Aufenthalt in
+den baktrischen Landen nahm er Baktrier, Sogdianer, Paropamisaden usw.,
+namentlich als Reiter in Dienst.
+
+Mit einem Wort, das Heer des Königs, bisher aus Makedonen, Hellenen und
+europäischen Barbaren bestehend, begann sich in dem hellenistischen
+Charakter, den Alexander seinem Reiche geben wollte, zu entwickeln; und
+während überall in den Mittelpunkten der Satrapien mehr oder weniger starke
+makedonisch-hellenistische Garnisonen zurückblieben und sich, so dauernd
+angesiedelt, aus der bloß militärischen Ordnung auch zu zivilen
+Gemeinwesen, zu Politien nach hellenischer Art umbildeten, mußten in der
+Feldarmee die eingereihten Asiaten durch die militärische Gemeinschaft und
+Disziplin sich zu hellenisieren beginnen.
+
+Diese Feldarmee war doch nicht bloß ein militärischer Körper; sie umschloß
+noch andere Elemente, andere Funktionen; sie bildete eine höchst
+eigentümliche Welt für sich. Das Feldlager war zugleich das Hoflager,
+umschloß die zentrale Verwaltung des ungeheuren Reiches, dessen obersten
+Zivildienst, das Kassawesen, die Intendanturgeschäfte, die Vorräte für
+Bewaffnung und Bekleidung der Armee, für den Unterhalt der Menschen und
+Tiere, den Lazarettdienst; mit dem Heere zogen Händler, Techniker,
+Lieferanten, Spekulanten aller Art, nicht wenige Literaten, nicht bloß die
+zum Unterricht der jungen Herren von Adel bestimmten; auch Gäste,
+hellenische und Asiaten, Laien und priesterliche; an einem Troß von Weibern
+wird es nicht gefehlt haben; wenn der Lynkestier Alexandros seit den
+Vorgängen in Pisidien gefangen dem Heere folgte, so wird auch der
+schwachsinnige Arrhidaios, Philipps Bastard, nicht zurückgelassen sein.
+Kurz, dies Feld- und Hoflager war gleichsam die bewegliche Residenz des
+Reichs, der mächtige und mächtig pulsierende Schwer- und Mittelpunkt
+desselben, der sich von einem Lande zum anderen schob und weilend wie
+weitereilend sein Machtgewicht wirken ließ.
+
+Vielleicht darf an dieser Stelle noch ein anderer Punkt angeführt werden,
+auf den die Natur der Sache zu führen scheint. Alexanders Truppen waren in
+der Bekleidung ausgezogen, welche dem Klima und der Landessitte der Heimat
+entsprach; war sie für die doch sehr anderen Verhältnisse Irans, Turans,
+Indiens, für die Strapazen endloser Märsche, für die unvermeidlichen
+schroffen Wechsel der Ernährung, für Sonnenglut, Winterwetter im
+Hochgebirge, bald tropischer Regenmonate in gleichem Maße angemessen? Ergab
+nicht die Fürsorge für die Gesundheit der Mannschaften die Notwendigkeit,
+den Leib mit dichter schließenden Kleidungen warm zu halten, den Schädel
+vor Sonnenstich zu hüten, die Beine einzuhüllen, die Füße besser als mit
+Sandalen oder niederen Schuhen zu schützen, vielleicht nach der Art, wie
+man sie bei den Völkern dort in Gebrauch sah? Ist das vielleicht die
+Einführung asiatischer Tracht, die dem Könige zu schwerem Vorwurf gemacht
+wird? Freilich in der Dürftigkeit unserer Überlieferungen findet sich auf
+diese, wie auf so viele Fragen keine Antwort.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Alexanders Zug nach Baktra -- Verfolgung des Bessos, dessen
+ Auslieferung -- Zug gegen die Skythen am Jaxartes -- Empörung
+ in Sogdiana -- Bewältigung der Empörer -- Winterrast
+ in Zariaspa -- Zweite Empörung der Sogdianer -- Bewältigung
+ -- Rast in Marakanda -- Kleitos' Ermordung --
+ Einbruch der Skythen nach Zariaspa. Winterrast in Nautaka --
+ Die Burgen der Hyparchen -- Vermählung mit Roxane -- Verschwörung
+ der Edelknaben -- Kallisthenes' Strafe
+
+
+Der nächste Feldzug galt dem oxianischen Lande. Dort hatte Bessos, der die
+Tiara des Großkönigs und den Namen Artaxerxes angenommen, eifrigst
+Vorbereitungen getroffen, um sich dem weiteren Vordringen der Makedonen zu
+widersetzen. Außer den Truppen, die noch seit der Ermordung des Großkönigs
+um ihn waren, hatte er aus Baktrien und Sogdiana etwa 7000 Reiter um sich
+versammelt, auch einige tausend Daer waren zu ihm gestoßen; mehrere Große
+des Landes, Dataphernes und Oxyartes aus Baktrien, Spitamenes aus Sogdiana,
+Katanes aus Parätakene, befanden sich bei ihm; auch Satibarzanes hatte
+sich, nachdem seine Empörung im Rücken Alexanders mißglückt war, nach
+Baktrien geflüchtet -- ein Unfall, der für Bessos den großen Vorteil mit
+sich zu führen schien, daß Alexander, zumal von dem großen Wege nach
+Baktrien abgelenkt, wahrscheinlich die schwer zugänglichen Pässe über den
+Kaukasus scheuen, und den Feldzug gegen Baktrien entweder ganz aufgeben
+oder wenigstens Zeit zu neuen und größeren Rüstungen lassen, vielleicht
+einen Einfall nach dem nahen Indien machen werde; und dann konnte es nicht
+schwer sein, in den neuunterworfenen Ländern in seinem Rücken einen
+allgemeinen Aufstand zu organisieren.
+
+Bessos ließ die Gegenden am Nordabhange des Gebirges mehrere Tagereisen
+weit verwüsten, um so jedes Eindringen eines feindlichen Heeres unmöglich
+zu machen; er übergab dem Satibarzanes, welcher auf die Anhänglichkeit
+seiner ehemaligen Untertanen rechnen konnte, etwa zweitausend Reiter, um
+mit diesen eine Diversion im Rücken der Makedonen zu machen, die, wenn sie
+glückte, den Feind gänzlich abschnitt. Die Areier erhoben sich bei dem
+Erscheinen ihres ehemaligen Herrn, ja der von Alexander eingesetzte Satrap
+Arsames selbst schien die Empörung zu begünstigen. Auch nach Parthien hin
+sandte Bessos einen seiner Getreuen, Barzanes, um dort eine Insurrektion
+zugunsten des alten Persertums zu bewirken.
+
+Alexander erhielt die Nachricht von dem neuen Aufstand der Areier in
+Arachosien; sofort sandte er die Reiterei der Bundesgenossen, sechshundert
+Mann, unter ihren Führern Erigyios und Karanos, sowie die griechischen
+Söldner unter Artabazos, sechstausend Mann, unter denen auch die in den
+kaspischen Pässen übergetretenen unter Andronikos waren, nach Areia, ließ
+zugleich dem Satrapen in Hyrkanien und Parthien, Phrataphernes, den Befehl
+zukommen, mit seinen Reiterscharen zu jenen zu stoßen. Zu gleicher Zeit war
+der König selbst aus dem Arachosischen aufgebrochen und unter der
+strengsten Winterkälte über die nackten Paßhöhen, welche das Gebiet der
+Arachosier von dem der Paropamisaden trennen, gezogen. Er fand dies
+Hochland stark bevölkert, und obschon jetzt tiefer Schnee die Felder
+überdeckte, doch Vorräte genug in den zahlreichen Dörfern, die ihn
+freundlich aufnahmen. Er eilte in die offenere Landschaft des oberen
+Kabulstromes hinab und über diesem bis an den Fuß des hohen Hindukusch, des
+»Kaukasus«, jenseits dessen Baktrien liegt. Hier hielt er Winterrast.
+
+Das Land von Kabul, ungefähr unter derselben Breite wie Cypern und Kreta,
+ist ein Hochtal, das gegen 6300 Fuß über dem Meere liegt, also um 500 Fuß
+höher als St. Moritz und Silvaplana im oberen Engadin. Von dort führen
+sieben Pässe über den Hindukusch nach dem Stromtale des Oxos; drei von
+diesen steigen an den Quellflüssen des Pundschir aufwärts, am östlichsten
+der von Khewak, der Tulpaß, der mit einer Paßhöhe von 13200 Fuß nach
+Anderab führt; diese und noch mehr die drei nächsten, welche zu den Quellen
+des Surkab hinabführen, sind vier bis fünf Monate hindurch vom Schnee so
+bedeckt, daß man sie kaum passieren kann; man muß dann den westlichsten
+Paß, den von Bamihan, einschlagen, auf dem man mit etwa sechzig Meilen von
+Kabul nach Balch gelangt; dieser Weg führt durch mehrere Bergketten
+diesseits und jenseits des Hauptgebirges, und die Täler zwischen denselben
+sind an Quellen, an Weide und Herden reich, von friedlichen Hirtenstämmen
+bewohnt. Ein neuerer Reisender, der den letztgenannten dieser Pässe
+durchzogen, schreibt: »Wir zogen vier Tage (es war im Mai) unter
+Steilklippen und Felsenwänden hin, welche die Sonne vor unserem Gesichte
+verbargen, und sich über uns zu einer senkrechten Höhe von 2000 bis 3000
+Fuß erhoben; mir ist die Nase hier erfroren und von den Schneefeldern das
+Auge fast erblindet; wir konnten nur des Morgens weiter, wo der Schnee
+überfroren war; diese Gebirge sind fast ohne Bewohner, und unser Lager war
+'des Bergstroms Bett' während des Tages.«
+
+Alexander lagerte, das hohe Gebirge »zu seiner Linken«, an einer Stelle, wo
+er den beschwerlichen Ostpässen, namentlich dem nach Anderab, näher war als
+dem bequemeren Westpaß. Mußte ihn Bessos nicht über diesen erwarten und
+danach seine Maßregeln getroffen haben? Es war angemessen, die näheren
+Pässe zu wählen und lieber dem Heere eine längere Rast zu gewähren, um so
+mehr, als die Pferde des Heeres durch die Wintermärsche schwer mitgenommen
+waren. Es kam noch ein anderer Umstand hinzu; was der König im Kabullande
+hörte und sah, mußte ihn erkennen lassen, daß hier die Eingangspforte zu
+einer neuen Welt sei, voll kleiner und großer Staaten, voll kriegerischer
+Volksstämme, bei denen die Nachricht von der Nähe des Eroberers
+unzweifelhaft Aufregung genug veranlassen mußte, vielleicht selbst
+Maßregeln, ihm, wenn er nach Norden weitergezogen, die Rückkehr durch die
+Pässe, die er jetzt vor sich hatte, unmöglich zu machen. Zur Sicherung
+dieser Position wurde an der Stelle, wo das Heer lagerte (ungefähr wo jetzt
+Begram liegt), eine Stadt »Alexandreia am Kaukasus« angelegt und ihr eine
+starke Besatzung gegeben; es wurde der Perser Proexes zum Satrapen des
+Landes, Neiloxenos von den Hetären zum Episkopus bestellt.
+
+Sobald die Tage der strengen Kälte vorüber waren, brach Alexander aus der
+Winterrast auf, um das erste Beispiel eines Gebirgsüberganges zu geben, mit
+dessen staunenswerter Kühnheit nur die ähnlichen Wagnisse Hannibals zu
+wetteifern vermögen. Die Verhältnisse, unter denen Alexander den Marsch
+unternehmen mußte, erschwerten denselben bedeutend; noch war das Gebirge
+mit Schnee bedeckt, die Luft kalt, die Wege beschwerlich; zwar fand man
+zahlreiche Dorfschaften und die Einwohner friedlich und bereitwillig, zu
+geben, was sie hatten, aber sie hatten nichts als ihre Herden; die Berge,
+ohne Waldung, und nur hier und da mit Terpentinbüschen bewachsen, boten
+keine Feuerung dar; ohne Brot und ungekocht wurde das Fleisch genossen, nur
+gewürzt mit dem Silphion, das in den Bergen wächst. So zog man vierzehn
+Tage lang durch das Gebirge; je näher man den Nordabhängen kam, desto
+drückender wurde der Mangel; man fand die Talgelände verwüstet und verödet,
+die Ortschaften niedergebrannt, die Herden fortgetrieben; man war genötigt
+sich von Wurzeln zu nähren und das Zugvieh der Bagage zu schlachten. Nach
+unsäglicher Anstrengung, von der Witterung und dem Hunger mitgenommen, mit
+Verlust vieler Pferde, in traurigstem Auszuge, erreichte das Heer endlich
+am fünfzehnten Tage die erste baktrische Stadt Drapsaka oder Adrapsa (wohl
+das heutige Anderab), noch hoch im Gebirge.
+
+Alexander stand am Eingang eines Gebietes doch sehr anderer Art, als die er
+bisher leicht genug unterworfen hatte. Baktrien und Sogdiana waren Länder
+uralter Kultur, einst ein eigenes Reich, vielleicht die Heimat des
+Zarathustra und der Lehre, die sich über ganz Iran verbreitet hatte. Dann
+den Assyrern, den Medern, Persern unterworfen, hatte dieses Land, im Norden
+und Westen von den turanischen Völkern umgeben und stets von ihren
+Einfällen bedroht, die hervorragende Bedeutung eines zum Schutz Irans
+wesentlichen, zur militärischen Verteidigung organisierten Vorlandes
+bewahrt. Daß Bessos, »Satrap des Landes der Baktrier«, in der Schlacht von
+Arbela zugleich mit den Sogdianern und den an Baktrien grenzenden Indern
+die skythischen Saken, nicht als seine Untertanen, sondern als »Verbündete
+des Großkönigs«, geführt hatte, ließ hier eine Einheit der militärischen
+Leitung und eine Mitwirkung der Skythenstämme erwarten, der gegenüber die
+Bewältigung dieser Lande doppelt schwierig werden konnte.
+
+Vielleicht, daß sie der plötzliche Anmarsch des makedonischen Heeres von
+unerwarteter Seite her erleichterte. Nach kurzer Rast rückte Alexander in
+raschen Märschen durch die Pässe, welche die nördlichsten Vorberge bilden,
+nach Aornos hinab und von dort über die Fruchtebenen Baktriens nach Baktra,
+der Hauptstadt des Landes; nirgends fand er Widerstand.
+
+Bessos, solange die Feinde noch fern waren, voll Zuversicht und in dem
+Wahne, daß die Gebirge und die Verwüstungen an ihrer Nordseite das
+oxianische Land schützen würden, hatte kaum von dem Anrücken Alexanders
+gehört, als er eilends aus Baktra aufbrach, über den Oxos floh und, nachdem
+er die Fahrzeuge, die ihn über den Strom gesetzt, verbrannt hatte, sich mit
+seinem Heere nach Nautaka im Sogdianerlande zurückzog. Noch hatte er einige
+tausend Sogdianer unter Spitamenes und Oxyartes, sowie die Daer vom Tanais
+bei sich; die baktrischen Reiter hatten, sobald sie sahen, daß ihr Land
+preisgegeben wurde, sich von Bessos getrennt und in ihre heimatlichen
+Gebiete zerstreut, so daß Alexander mit leichter Mühe alles Land bis zum
+Oxos unterwarf. Zu gleicher Zeit kam Artabazos und Erigyios aus Areia
+zurück; Satibarzanes war nach kurzem Kampfe besiegt, der tapfere Erigyios
+hatte ihn mit eigener Hand getötet; die Areier hatten die Waffen sofort
+gestreckt und sich unterworfen. Alexander sandte den Solier Stasanor in
+jene Gegenden mit dem Befehl, den bisherigen Satrapen Arsames, der bei dem
+Aufstande eine zweideutige Rolle gespielt hatte, zu verhaften und statt
+seiner die Statthalterschaft zu übernehmen. Die reiche baktrische Satrapie
+erhielt der greise Artabazos, denen, die sich in ihr Schicksal ergaben,
+gewiß zu nicht geringer Beruhigung. Aornos, am Nordeingang der Pässe, wurde
+zum Waffenplatz ausersehen; es wurden die Veteranen, die zum ferneren
+Dienst untauglich waren, sowie die thessalischen Freiwilligen, deren
+Dienstzeit um war, in die Heimat entlassen.
+
+So war mit dem Frühling des Jahres 329 alles bereit, die Unterwerfung des
+transoxianischen Landes zu beginnen. Die eigentümlichen Verhältnisse
+desselben hätten, gehörig benutzt, einen langen und vielleicht glücklichen
+Widerstand möglich gemacht. Das fruchtreiche, dichtbevölkerte Talland von
+Marakanda, im Westen durch weite Wüsten, im Süden, Osten und Norden durch
+Gebirge mit höchst schwierigen Pässen geschützt, war nicht bloß leicht
+gegen jeden Angriff zu verteidigen, sondern überdies zu steter Beunruhigung
+Areias, Parthiens und Hyrkaniens günstig gelegen; leicht konnten dort
+bedeutende Kriegsheere zusammengebracht werden; die daischen und
+massagetischen Schwärme in den westlichen Wüsten, die skythischen Horden
+jenseits des Jaxartes waren stets zu Raubzügen geneigt; selbst indische
+Fürsten hatten sich bereit erklärt, an einem Kriege gegen Alexander Anteil
+zu nehmen. Wenn auch die Makedonen siegten, boten die Wüsten im Westen, die
+Felsburgen des oberen Landes sichere Zuflucht und Ausgangspunkte zu neuen
+Erhebungen.
+
+Um so wichtiger war es für Alexander, sich der Person des Bessos zu
+bemächtigen, bevor seine Usurpation des königlichen Namens zur Losung eines
+allgemeinen Aufstandes wurde. Er brach aus Baktra auf, um Bessos zu
+verfolgen. Nach einem mühseligen Marsche über das ödere Land, das das
+Fruchtgebiet um Baktra vom Oxos trennt, erreichte das Heer das Ufer des
+mächtigen und reißenden Stromes. Nirgend waren Kähne zum Übersetzen,
+hindurchzuschwimmen oder hindurchzuwaten bei der Breite des Stromes
+unmöglich, eine Brücke zu schlagen zu zeitraubend, da man weder Holz genug
+in der Nähe hatte, noch das weiche Sandbett und der heftige Strom des
+Flusses das Einrammen von Pfählen leicht hätte bewerkstelligen lassen.
+Alexander griff zu denselben Mitteln, deren er sich an der Donau mit so
+gutem Erfolg bedient hatte; er ließ die Felle, unter denen die Truppen
+nächtigten, mit Stroh füllen und fest zunähen, dann zusammenbinden,
+pontonartig ins Wasser legen, mit Balken und Brettern überdecken und so
+eine fliegende Brücke zustande bringen, über welche das gesamte Heer in
+Zeit von fünf Tagen den Strom passierte. Ohne Aufenthalt rückte Alexander
+auf der Straße von Nautaka vor.
+
+Während dieser Zeit hatte das Schicksal des Bessos eine Wendung genommen,
+wie sie seines Verbrechens und seiner Ohnmacht würdig war. In steter Flucht
+vor Alexander, jedes Wollens und Handelns unfähig, schien er den Großen in
+seiner Umgebung ihre letzte Hoffnung zu vereiteln; natürlich, daß selbst in
+solcher Erniedrigung der Name der Macht noch lockte; und gegen den
+Königsmörder ward Unrecht für erlaubt gehalten. Der Sogdianer Spitamenes,
+von dem Anrücken des feindlichen Heeres unterrichtet, hielt es an der Zeit,
+durch Verrat an dem Verräter sich Alexanders Gunst zu erwerben. Er teilte
+den Fürsten Dataphernes, Katanes, Oxyartes seinen Plan mit, sie
+verständigten sich bald, sie griffen den »König Artaxerxes«, sie meldeten
+an Alexander: wenn er ihnen eine kleine Heeresabteilung schicke, wollten
+sie den Bessos, der in ihrer Gewalt sei, ausliefern. Auf diese Nachricht
+gewährte Alexander seinen Truppen einige Ruhe und sandte, während er selbst
+in kleineren Tagemärschen nachrückte, den Leibwächter Ptolemaios den
+Lagiden mit etwa sechstausend Mann voraus, die hinreichend schienen, selbst
+wenn das Barbarenheer sich der Auslieferung des Bessos widersetzen sollte,
+dieselbe zu bewerkstelligen. In vier Tagen legte dieses Korps einen Weg von
+zehn Tagereisen zurück und erreichte die Stelle, wo tags zuvor Spitamenes
+mit seinen Leuten gelagert hatte. Hier erfuhr man, daß Spitamenes und
+Dataphernes in Beziehung auf Bessos' Auslieferung nicht sicher waren;
+deshalb befahl Ptolemaios dem Fußvolk, langsam nachzurücken, während er
+selbst an der Spitze der Reiter weiter eilte; bald stand er vor den Mauern
+eines Fleckens, in dem sich Bessos, von Spitamenes und den anderen
+Verschworenen verlassen, mit dem kleinen Rest seiner Truppen befand; ihn
+mit eigener Hand auszuliefern hatten sich die Fürsten geschämt. Ptolemaios
+ließ den Flecken umzingeln, die Einwohner durch einen Herold auffordern,
+Bessos auszuliefern, so werde er ihrer schonen. Man öffnete die Tore, die
+Makedonen rückten ein, nahmen Bessos fest und zogen in geschlossener
+Kolonne zurück, mit ihrer Beute zu Alexander zu stoßen; Ptolemaios ließ
+vorher anfragen, wie Alexander befehle, daß der gefangene Königsmörder vor
+ihm erscheinen solle. Alexander befahl, ihn nackt, im Halseisen gefesselt
+vorzuführen, ihn rechts an dem Wege, wo er mit dem Heere vorüberziehen
+würde, aufzustellen. So geschah es; als Alexander ihm gegenüber war und
+seiner ansichtig wurde, ließ er seinen Wagen halten und fragte ihn: warum
+er Dareios, seinen König und Herrn, seinen Verwandten und Wohltäter,
+festgenommen, gefangen fortgeschleppt, endlich ermordet habe? Bessos
+antwortete: er habe dies nicht auf seine Entscheidung allein getan, sondern
+in Übereinstimmung mit allen, die damals um Dareios' Person gewesen seien,
+in der Hoffnung, sich so des Königs Gnade zu verdienen. Darauf ließ ihn der
+König geißeln und durch den Herold bekanntmachen, was ihm der Königsmörder
+gesagt habe. Bessos ward nach Baktra abgeführt, um dort gerichtet zu
+werden.
+
+So hat Ptolemaios diesen Vorgang berichtet, während nach Aristobulos
+Spitamenes und Dataphernes selbst den Bessos in Ketten übergeben haben.
+Damit scheint angedeutet, was die kleitarchische Überlieferung noch
+bestimmter hervorhebt, daß Spitamenes, Dataphernes, Katanes, Oxyartes von
+dem Könige zu Gnaden aufgenommen, wohl auch in ihrem Besitz bestätigt
+worden sind. Alexander mochte glauben, damit auch des sogdianischen Landes
+sicher zu sein. Er zog zwar von Nautaka weiter nach Marakanda, der
+Hauptstadt Sogdianas, ließ auch dann, weiter nach dem Jaxartes
+marschierend, eine Besatzung in Marakanda zurück; aber unsere Quellen
+erwähnen nicht, daß er einen Satrapen der Sogdianer bestellt, noch daß er
+andere Maßregeln der Unterwerfung getroffen habe; er forderte nur eine
+bedeutende Lieferung von Pferden, um seine Reiter, die im Hochgebirge und
+auf dem weiteren Hermarsch viele Verluste erlitten hatten, wieder
+vollständig beritten zu machen.
+
+Um so bemerkenswerter ist die beiläufige Notiz in unseren Quellen, daß
+Alexander die »Hyparchen des baktrischen Landes«[12] nach Zariaspa
+beschieden habe, zu einer Zusammenkunft, die mit dem Worte bezeichnet wird,
+das bei den Griechen für die im Perserreich üblichen jährlichen Musterungen
+in den Karanien hergebracht ist. Selbst wenn Alexander die baktrischen
+Hyparchen nur zur Musterung beschieden hat, um sie zur Heeresfolge
+aufzubieten -- in keinem anderen Teile der persischen Monarchie hatte er
+bisher Ähnliches getan. Gedachte er diesen Landen am Oxos ein anderes
+Verhältnis zu seinem Reich, eine andersgeartete Organisation zu geben als
+den bisher eroberten? Wir werden sehen, daß er später in Sogdiana einen der
+Großen des Landes zum »König« bestellte, daß er sich mit der Tochter eines
+anderen vermählte, daß er einem dritten -- er wird ausdrücklich Hyparch
+genannt --, nachdem er ihn auf seiner Felsenburg zur Kapitulation genötigt,
+seine Burg und sein Gebiet ließ, daß er einen vierten, der in gleichem
+Falle war, in gleicher Weise zu Gnaden annahm, ihm auf ein größeres Gebiet
+Aussicht machte. Die in diesen Landen zahlreichen edlen Herren mit ihren
+Burgen, ihren Gebieten, die in unseren Quellen erwähnt werden, diese
+»Hyparchen«, wie sie genannt werden, erscheinen wie Lehnsfürsten, wie
+Territorialherren unter des Reiches Hoheit, wie die Pehlewanen im
+Schah-nâme. Es waren die Elemente vorhanden, eine Einrichtung zu treffen,
+die nach der Lage dieser Lande sich wohl empfehlen konnte; und vielleicht
+war die Ernennung des Artabazos in diesem Sinne gemeint. Wir kommen auf die
+Frage im späteren zurück.
+
+ [12] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Schon mit seinen Märschen bis Marakanda konnte Alexander eine ungefähre
+Vorstellung von der charakteristischen Formation des transoxianischen
+Landes gewonnen haben. War er über Kilif am Oxos nach Nautaka (Karschi)
+marschiert, so hatte er zur Linken die weite Wüste gehabt, während ihn zur
+Rechten die zum Teil bis 3000 Fuß hohen Vorberge eines Hochgebirges
+begleiteten, dessen Schneegipfel (namentlich den Hazreti-Sultân) er auf dem
+weiteren Marsch, von Nautaka am Kaschkafluß hinauf nach Schehrisebz, als
+er den Paß von Karatübe überstieg, etwa zehn Meilen im Osten erblickte.
+Dann stieg er in das Tal des Sogdflusses, des Zerafschan, den die Griechen
+Polytimetus nannten, hinab nach Samarkand, das noch 2150 engl. Fuß über dem
+Meere liegt, fast unter demselben Meridian mit Balk, mit der Mündung des
+Derbentflusses in den Oxos, die 300 Fuß über dem Meere ist, mit Schehrisebz
+in dem Tal des Kaschka, mit jenem Paß von Karatübe von fast 3000 Fuß Höhe.
+Die hohe Talmulde des Sogdflusses ist im Norden durch neue von Ost nach
+West streichende Bergzüge begleitet, durch welche nordostwärts die Pässe
+zum Jaxartes hinabführen, der von Osten herab kommend bei Chodshent in
+plötzlicher Wendung nordwärts weiterströmt; an dieser Stelle treten die
+Berge vom Süden und die höheren von Norden her nahe an den mächtigen Strom,
+scheiden so das reiche Tal des mittleren Jaxartes, die Ferghana, von dem
+unteren, dem zur Linken sich die weite Wüste ausdehnt. Chodshent ist von
+Samarkand in der Luftlinie etwa 30 Meilen entfernt, Balk von Samarkand etwa
+42 Meilen, Balk von Chodshent 60, doppelt so weit wie Mailand von Basel.
+
+Noch ein anderes Moment in der Formation dieser weiten Gebiete darf
+hervorgehoben werden. Jenes Anderab oder Adrapsa, wo Alexander nach
+Übersteigung der Hochpässe des Kaukasus im Beginn dieses Jahres gerastet
+hatte, liegt ungefähr unter dem gleichen Meridian mit der Nordwendung des
+Jaxartes bei Chodshent, beide 65 Meilen in der Luftlinie voneinander
+entfernt. Als Alexander von Anderab in der Richtung auf Kundus, wie es
+scheint, hinabstieg, war er auf wenige Meilen der Stelle nahe, wo die
+beiden mächtigen Ströme Koktscha und Abi-Pandscha, jener von den indischen
+Hochketten, dieser von dem riesigen Pamirplateau, dem »Dach der Welt«,
+herabströmend, sich zum Oxos vereinigen. Unterhalb dieser Stelle erhält der
+mächtige Strom eine Reihe von Zuflüssen von Norden her aus dem
+schneereichen Hochgebirge, das dem Jaxartes parallel und ihm bis auf
+fünfzehn bis zwanzig Meilen nahe, nach dem Süden mehrere Gebirgsketten
+hinabsendet, zwischen ihnen jene mehr oder minder engen Flußtäler, die sich
+nach dem Oxos öffnen und unter sich nur durch schwierige Paßwege in
+Verbindung stehen. Erst mit dem vierten, dem westlichsten dieser Zuflüsse,
+dem von Derbent, der zehn Meilen nördlich von Balk sich in den Oxus
+ergießt, verändert sich der Charakter der Landschaft; das massige Gebirge
+mit den Schneekuppen zwischen den Quellen des Derbent und dem Sogd bei
+Samarkand sendet fächerartig seine Ausläufer nach West, Südwest und Süd;
+und die von ihnen entspringenden Wasser vereinigen sich in dem Kaschka, der
+an Karschi (Nautaka) vorüberfließt, dann in der Wüste verrinnt. Auch der
+Sogdfluß, in weitem Bogen aus westlicher in südliche Richtung sich wendend,
+strömt an Buchara vorüber dem Oxos zu, aber verliert sich, ehe er ihn
+erreicht, in einer Steppenlache.
+
+Für die politische Gestaltung scheint hier vor allem maßgebend, daß die
+breit entwickelte Absenkung nach dem Oxos dem Lauf des Jaxartes gleichsam
+den Rücken kehrt, daß das Tal des Sogdflusses, durch Schneegebirge von dem
+übrigen Stromsystem des Oxos getrennt, nur wie ein Vorland, eine Barriere
+desselben gegen den Jaxartes und die Wüsten in dessen Westen ist, daß der
+Bergzug, den man in dem Paß des Eisernen Tores überschreitet, die
+natürliche Grenze zwischen diesem Vorland und dem talreichen baktrischen
+Lande bildet, daß dies Land in dem Plateau von Pamir einen natürlichen
+Abschluß und Bollwerk gegen das hohe innere Asien hat.
+
+Wenigstens die Übersicht der weiteren militärischen Tätigkeit Alexanders in
+diesen Gebieten wird sich nun leichter gewinnen lassen.
+
+Er zog von Marakanda nordostwärts, die Ufer des Tanais, den die Anwohner
+Jaxartes »den großen Strom« nannten, zu erreichen. Die Heerstraße von
+Marakanda nach Kyropolis, der letzten Stadt des Reiches, nicht fern von den
+Südufern des Tanais, führt durch die Pässe der von räuberischen Stämmen
+bewohnten oxischen Berge, durch die Landschaft von Uratübe. Hier war es, wo
+einige Scharen Makedonen, beim Fouragieren in den Bergen verirrt, von den
+Barbaren überfallen und niedergemacht oder gefangen wurden; sofort rückte
+Alexander mit den leichteren Truppen gegen sie aus. Sie hatten sich, an
+30 000 Bewaffnete, auf ihre steilen und mit Burgen besetzten Berge
+zurückgezogen, von denen aus sie die heftigen und wiederholten Angriffe der
+Makedonen mit Schleudern und Pfeilen zurückschlugen; unter den vielen
+Verwundeten war Alexander selbst, dem durch einen Pfeilschuß das Schienbein
+zerschmettert wurde; dadurch zu neuer Wut entflammt, nahmen die Seinigen
+endlich die Höhe. Der größte Teil der Barbaren wurde niedergehauen, andere
+stürzten sich von den Felsen hinab und zerschmetterten in den Abgründen;
+nicht mehr als 8000 blieben am Leben, sich dem Könige zu unterwerfen.
+
+Alexander zog dann aus diesen Berggegenden nordwärts, ohne Widerstand zu
+finden. Der eigentümliche Charakter dieser Landschaft Ferghana hat sie zu
+allen Zeiten zu einer wichtigen Völkergrenze und zur Vormauer
+orientalischer Kultur gegen die Horden der turanischen Steppen gemacht. Im
+Süden und Osten durch mächtige Gebirge, im Norden durch den Strom und die
+Bergzüge, die ihm ihre wilden Gebirgswasser zusenden, geschützt, ist sie
+nur von Westen und Nordwesten her fremden Einfällen offen; und allerdings
+lauern dort in der weiten Steppe, die sich auf beiden Seiten des unteren
+Jaxartes ausdehnt, die Wanderhorden streitbarer Völkerschaften, welchen das
+Altertum den gemeinsamen Namen der Skythen zu geben pflegt; es sind die
+Turanier der alten Parsensage, gegen deren Invasionen gewiß frühzeitig jene
+merkwürdige Reihe von Grenzburgen errichtet worden ist, die unter anderen
+und anderen Völkerverhältnissen ihre Wichtigkeit bis in die neue Zeit
+behauptet haben. Alexander fand sieben Städte dieser Art vor, die, wenige
+Meilen voneinander entfernt, den »Rand der Steppe« begleiten; die
+bedeutendste unter ihnen war die Stadt Cyrus, die, größer und stärker
+befestigt als die übrigen, für die Hauptfeste der Landschaft galt.
+Alexander ließ in diese Pässe makedonische Besatzungen einrücken, während
+er selbst mit der Armee einige Stunden nordöstlich an der Stelle lagerte,
+wo der Tanais mit plötzlicher Wendung gen Norden die letzten Stromengen
+bildet, um sich dann durch die Sandsteppen weiter zu wühlen. Alexander
+erkannte die Wichtigkeit dieser Lokalität, der natürlichen Grenzfeste
+gegen die Räuberhorden der Wüste; von hier aus war es leicht, den Einfällen
+der Skythen im Norden und Westen zu begegnen; für einen Feldzug in ihr
+Gebiet bot sie den gelegensten Ausgangspunkt; Alexander hoffte, daß sie
+nicht minder wichtig für den friedlichen Verkehr der Völker werden müßte;
+und wenn, was kaum zu bezweifeln, schon in jener Zeit Handelsverbindungen
+des Tieflandes mit dem Inneren Hochasiens bestanden, so führte aus dem
+Lande der Serer die einzige Gebirgsstraße, die von Kaschgar, den riesigen
+bis 25 000 Fuß hohen Gebirgswall des Thian-schian hinab über Osch
+unmittelbar zu dieser Stelle hin, die zu einem Markte der umwohnenden
+Völker überaus günstig gelegen war.
+
+In der Tat schienen sich die Verhältnisse mit den skythischen Nachbarn
+freundlich gestalten zu wollen; von dem merkwürdigen Volke der Abier, sowie
+von den »Skythen Europas«, kamen Gesandtschaften an den König, mit ihm
+Bündnis und Freundschaft zu schließen; Alexander ließ mit diesen Skythen
+einige seiner Hetairen zurückreisen, angeblich, damit sie in seinem Namen
+Freundschaft mit ihrem Könige schließen sollten, in der Tat aber, um über
+das Land der Skythen, über die Größe der Bevölkerung, über die Lebensweise,
+die körperliche Beschaffenheit und das Kriegswesen der Skythen sichere
+Nachricht zu erhalten.
+
+Indes begann im Rücken Alexanders eine Bewegung, welche mit
+außerordentlicher Gewalt um sich griff. Der Haß gegen die fremden Eroberer,
+vereint mit dem wildbeweglichen Sinn, der zu allen Zeiten die herrschende
+Klasse der Bevölkerung dieser Lande ausgezeichnet hat, bedurfte nur eines
+Anstoßes und eines Führers, um in wilder Empörung auszubrechen; und
+Spitamenes, der sich in seinen hochfahrenden Hoffnungen getäuscht sehen
+mochte, eilte, diese Stimmungen, das Vertrauen, das ihm Alexander geschenkt
+hatte, und dessen Fernsein zu benutzen. Die Sogdianer, die mit ihm an
+Bessos' Flucht und Vergewaltigung teilgenommen, bildeten den Kern einer
+Erhebung, zu der die Bevölkerung der sieben Städte den ersten Anstoß und
+vielleicht das verabredete Signal gab; die von Alexander in diesen Städten
+zurückgelassenen Besatzungen wurden von den Einwohnern ermordet. Nun
+loderte der Aufruhr auch im Tal des Sogdflusses empor; die nicht große
+Besatzung in Marakanda schien kaum imstande, ihm Widerstand zu leisten, sie
+schien dem gleichen Schicksal verfallen. Die Massageten, die Daer, die
+Saken in der Wüste, alte Kampfgenossen des Spitamenes und durch die
+Makedonen nicht minder bedroht, durch die Vorspieglung von Mord und
+Plünderung leicht zur Teilnahme gereizt, eilten sich der Bewegung
+anzuschließen. In den baktrischen Landen wurde das Gerücht verbreitet, daß
+die Zusammenkunft der Hyparchen nach Zariaspa, die Alexander angesetzt
+hatte, bestimmt sei, die Führer des Volks mit einem Schlage über Seite zu
+schaffen; man müsse der Gefahr vorbeugen, sich sichern, ehe es zum
+Äußersten komme. Oxyartes, Katanes, Chorienes, Haustanes, viele andere
+folgten dem im Sogdlande gegebenen Beispiel. Die Kunde von diesen Vorgängen
+verbreitete sich über den Jaxartes in die Steppen der asiatischen Skythen;
+voll Mordlust und Raubgier drängten sich die Horden an die Ufer des
+Stromes, um sogleich bei dem ersten Erfolge, den die Sogdianer erringen
+würden, mit ihren Pferden den Strom zu durchschwimmen und über die
+Makedonen herzufallen. Wie mit einem Schlage war Alexander von
+unermeßlichen Gefahren umringt; der geringste Unfall oder Verzug mußte ihm
+und seinem Heere den Untergang bereiten; es bedurfte seiner ganzen Energie
+und Kühnheit, um schnell und sicher den Weg der Rettung zu finden.
+
+Er rückte eiligst nach Gaza, der nächsten der sieben Festen, indem er
+Krateros gegen Kyropolis, wohin sich die meisten Barbaren der Umgegend
+geworfen hatten, voraussandte mit dem Befehl, die Stadt mit Wall und Graben
+einzuschließen und Maschinen bauen zu lassen. Vor Gaza angekommen, ließ er
+sofort gegen die nicht hohen Erdwälle der Stadt den Angriff beginnen;
+während Schleuderer, Schützen und Maschinen mit einem Hagel von Geschossen
+die Wälle bestrichen und rein fegten, war das schwere Fußvolk von allen
+Seiten her zugleich zum Sturm herangerückt, hatte die Leitern angelegt, die
+Mauern erstiegen, und in kurzem waren die Makedonen Herren der Stadt; auf
+Alexanders ausdrücklichen Befehl mußten alle Männer über die Klinge
+springen; die Weiber, Kinder, alle Habseligkeiten wurden den Soldaten
+preisgegeben, die Stadt in Brand gesteckt. Noch an demselben Tage wurde die
+zweite Feste angegriffen und auf die gleiche Weise erstürmt, die Einwohner
+traf dasselbe Schicksal. Am nächsten Morgen standen die Phalangen vor der
+dritten Stadt, auch sie fiel bei dem ersten Sturm. Die Barbaren der zwei
+nächsten Festen sahen die Rauchsäule der eroberten Stadt emporsteigen;
+einige, aus derselben entronnen, brachten die Nachricht von dem
+fürchterlichen Ende der Stadt; die Barbaren in beiden Städten hielten alles
+für verloren, in hellen Haufen stürzten sie aus den Toren, in die Berge zu
+flüchten. In der Erwartung, daß es geschehen werde, hatte Alexander bereits
+in der Nacht seine Reiterei vorausgesandt, mit dem Befehl, die Wege um
+beide Städte zu beobachten; so rannten die fliehenden Barbaren den
+dichtgeschlossenen Ilen der Makedonen in die Klinge und wurden meist
+niedergemacht, ihre Städte genommen und niedergebrannt.
+
+Nachdem so in zwei Tagen die fünf nächsten Festen bewältigt waren, wandte
+sich Alexander gegen Kyropolis, vor der bereits Krateros mit seinen Truppen
+angekommen war. Diese Stadt größer als die schon eroberten, mit stärkeren
+Mauern und im Innern mit einer Burg versehen, war von ungefähr
+fünfzehntausend Mann verteidigt, den streitbarsten Barbaren der Umgegend.
+Alexander ließ sofort das Sturmzeug auffahren und gegen die Mauern zu
+arbeiten beginnen, um möglichst bald eine Bresche zum Angriff zu gewinnen.
+Während die Aufmerksamkeit der Belagerten auf die so bedrohten Punkte
+gerichtet war, bemerkte er, daß der Fluß, der durch die Stadt herabkam,
+ausgetrocknet, wie er war, durch die Lücke, die sich dort in der Mauer
+befand, einen Weg darbiete, in die Stadt zu kommen. Er ließ Hypaspisten,
+Agrianer und Schützen auf das nächstgelegene Tor losrücken, während er
+selbst mit wenigen anderen durch das Flußbette unbemerkt in die Stadt
+hineinschlich, zu dem nächsten Tore eilte, es erbrach, die Seinigen
+einrücken ließ. Die Barbaren, obschon sie alles verloren sahen, warfen
+sich mit der wildesten Wut auf Alexander; ein blutiges Gemetzel begann,
+Alexander, Krateros, viele der Offiziere wurden verwundet, desto heftiger
+drangen die Makedoner vor; während sie den Markt der Stadt eroberten, waren
+auch die Mauern überstiegen; die Barbaren, von allen Seiten umringt, warfen
+sich in die Burg; sie hatten an achttausend Tote verloren. Sofort schloß
+Alexander die Burg ein; es bedurfte nicht langer Anstrengungen,
+Wassermangel nötigte sie zur Übergabe.
+
+Nach dem Falle dieser Stadt war von der siebenten und letzten Feste kein
+langer Widerstand zu erwarten; nach dem Berichte des Ptolemaios ergab sie
+sich, ohne einen Angriff abzuwarten, auf Gnade und Ungnade; nach anderen
+Nachrichten wurde auch sie mit Sturm genommen und die Bevölkerung
+niedergemacht. Wie dem auch sei, Alexander mußte gegen die aufrührerischen
+Barbaren dieser Gegend um so strenger verfahren, je wichtiger ihr Gebiet
+war; er mußte sich um jeden Preis in vollkommen sicheren Besitz dieser
+Paßgegend setzen, ohne welche an die Behauptung des sogdianischen Landes
+nicht zu denken war; mit dem Blute der trotzenden Gegner, mit der Auflösung
+aller alten Verhältnisse mußte die Einführung des Neuen, das Transoxiana
+für Jahrhunderte umgestalten sollte, beginnen.
+
+Durch die Unterwerfung der sieben Städte, aus denen die Reste der
+Bevölkerung zum Teil in Fesseln abgeführt wurden, um in der neuen Stadt
+Alexandreia am Tanais angesiedelt zu werden, hatte sich Alexander den
+freien Rückweg nach Sogdiana erkämpft; es war die höchste Zeit, daß die in
+Marakanda zurückgelassene und von Spitamenes belagerte Besatzung Hilfe
+erhielt. Aber schon standen die skythischen Horden, durch die Empörung der
+sieben Städte gelockt, an den Nordufern des Stromes bereit, über die
+Abziehenden herzufallen; wollte Alexander nicht alle am Tanais errungenen
+Vorteile und eine Zukunft neuen Ruhmes und neuer Macht aufgeben, so mußte
+er die am Strome genommene Position auf das vollständigste befestigen und
+den Skythen ein für allemal die Lust zu Invasionen verleiden, bevor er nach
+Sogdiana zurückkehrte; vorläufig schien es genug, wenn einige tausend Mann
+zum Entsatz von Marakanda geschickt wurden. In einem Zeitraume von etwa
+zwanzig Tagen waren die Werke der neuen Stadt für den dringendsten Bedarf
+fertig und für die ersten Ansiedler die notwendigen Wohnungen errichtet;
+makedonische Veteranen, ein Teil der griechischen Söldner, überdies aus den
+Barbaren der Umgegend, wer da wollte, und die aus den zerstörten Festungen
+fortgeführten Familien bildeten die erste Bevölkerung dieser Stadt, der der
+König unter den gebräuchlichsten Opfern, Wettkämpfen und Festlichkeiten den
+Namen Alexandreia gab.
+
+Indessen lagerten die skythischen Horden noch immer am jenseitigen Ufer des
+Flusses; sie schossen wie zum Kampf herausfordernd Pfeile hinüber; sie
+prahlten und lärmten, die Fremdlinge würden wohl nicht wagen, mit Skythen
+zu kämpfen, wagten sie es, so sollten sie inne werden, welch ein
+Unterschied zwischen den Söhnen der Wüste und den persischen Weichlingen
+sei. Alexander beschloß über den Strom zu gehen und sie anzugreifen; aber
+die Opfer gaben ihm keine günstigen Zeichen; auch mochte er von der Wunde,
+die er bei der Einnahme von Kyropolis empfangen, noch nicht so weit
+hergestellt sein, um persönlich an dem Zuge teilnehmen zu können. Als aber
+die Skythen mit ihrem Prahlen immer frecher wurden, und zugleich aus
+Sogdiana die bedrohlichsten Nachrichten einliefen, ließ der König seinen
+Zeichendeuter Aristandros zum zweiten Male opfern und den Willen der Götter
+erforschen; wieder verkündeten die Opfer nichts Gutes, sie bezeichneten
+persönliche Gefahr für den König. Da befahl Alexander mit den Worten, daß
+er sich selbst lieber der höchsten Gefahr aussetzen, als länger den
+Barbaren zum Gelächter dienen wolle, die Truppen an das Ufer rücken zu
+lassen, die Wurfgeschütze aufzufahren, die zu Pontons verwandelten
+Zeltfelle zum Übergang bereit zu machen. Es geschah; während auf dem
+jenseitigen Ufer die Skythen auf ihren Pferden laut lärmend auf und nieder
+jagten, rückten die makedonischen Scharen in voller Rüstung längs dem
+Südufer auf, vor ihnen die Wurfmaschinen, die dann plötzlich alle zugleich
+Pfeile und Steine über den Strom zu schleudern begannen. Das hatten die
+halbwilden Skythen noch nie gesehen; bestürzt und verwirrt wichen sie vom
+Ufer zurück, während Alexanders Truppen unter dem Schmettern der Trompeten
+über den Fluß zu gehen begannen; die Schützen und Schleuderer, die ersten
+am jenseitigen Ufer, deckten den Übergang der Reiterei, die zunächst
+folgte; sobald diese hinüber war, eröffneten die Sarissophoren und die
+schweren griechischen Reiter, im ganzen etwa zwölfhundert Pferde stark, das
+Gefecht; die Skythen, ebenso flüchtig zum Rückzug, wie wild im Angriff,
+umschwärmten sie bald von allen Seiten, beschossen sie mit einem Hagel von
+Pfeilen, setzten, ohne einem Angriff standzuhalten, der weit kleineren Zahl
+der Makedonen hart zu. Da aber brachen die Schützen und Agrianer mit dem
+gesamten leichten Fußvolk, das eben gelandet war, auf den Feind los; bald
+begann an einzelnen Punkte ein stehendes Treffen; es zur Entscheidung zu
+bringen, gab der König drei Hipparchien der Hetairen und den Akontisten zu
+Pferd den Befehl zum Einhauen; er selbst sprengte an der Spitze der übrigen
+Geschwader, die in tiefen Kolonnen vorrückten, den Feinden in die Flanke,
+so daß diese jetzt, von allen Seiten angegriffen, nicht mehr imstande, sich
+zum fliegenden Gefecht zu zerstreuen, an allen Punkten zurückzujagen
+begannen; die Makedonen setzten ihnen auf das heftigste nach. Die wilde
+Hast, die drückende Hitze, der brennende Durst machte die Verfolgung höchst
+anstrengend; Alexander selbst, auf das äußerst erschöpft, trank, ohne
+abzusitzen, von dem schlechten Wasser, das die Salzsteppe bot, schnell und
+heftig stellte sich die Wirkung des unglücklichen Trunkes ein; dennoch
+jagte er den Feinden noch meilenweit nach; endlich versagten seine Kräfte,
+die Verfolgung wurde abgebrochen, der König krank in das Lager
+zurückgetragen; mit seinem Leben stand alles auf dem Spiele.
+
+Indes genas er bald. Der Angriff auf die Skythen hatte ganz den erwünschten
+Erfolg; es kamen Gesandte ihres Königs, das Vorgefallene zu entschuldigen:
+es sei die Nation ohne Anteil an diesem Zuge, den ein einzelner Haufe
+beutelüstern auf eigene Hand unternommen; ihr König bedauere die durch
+denselben veranlaßten Verwirrungen; er sei bereit, sich den Befehlen des
+großen Königs zu unterwerfen. Alexander gab ihnen die in dem Gefechte
+Gefangenen, etwa 150 an der Zahl, ohne Lösegeld frei, eine Großmut, die auf
+die Gemüter der Barbaren nicht ihren Eindruck zu machen verfehlte, und die,
+mit seinen staunenswürdigen Waffentaten vereint, seinem Namen jenen Nimbus
+mehr als menschlicher Hoheit gaben, an welche die Einfalt roher Völker eher
+zu glauben als zu zweifeln geneigt ist. Wie sieben Jahre früher an der
+Donau auch unbesiegte Völker ihre Huldigungen darbrachten, so kamen jetzt
+auch von den sakischen Skythen Gesandte, dem Könige Frieden und
+Freundschaft anzutragen. Damit waren sämtliche Völker in der Nachbarschaft
+von Alexandreia beruhigt und traten zum Reiche in das Verhältnis, mit
+welchem Alexander für jetzt sich begnügen mußte, um desto schneller in
+Sogdiana erscheinen zu können.
+
+Allerdings standen die Dinge in Sogdiana sehr gefährlich; dem Aufstande,
+welcher von Spitamenes und seinem Anhange begonnen war, hatte sich der
+sonst friedliche, arbeitende Teil der Bevölkerung, vielleicht mehr aus
+Furcht als aus Neigung, angeschlossen; die makedonische Besatzung von
+Marakanda ward belagert und bedeutend bedrängt, dann hatte sie einen
+Ausfall gemacht, den Feind zurückgeschlagen und sich ohne Verlust in die
+Burg zurückgezogen; das war etwa um dieselbe Zeit geschehen, als Alexander,
+nach der schnellen Unterwerfung der sieben Festungen, Entsatz schickte. Auf
+die Nachricht davon hatte Spitamenes die Belagerung aufgehoben und sich in
+westlicher Richtung zurückgezogen. Indes waren die makedonischen Truppen,
+die Alexander nach dem Fall von Kyropolis abgesandt, in Marakanda
+angekommen, 66 makedonische Reiter, 800 griechische Söldnerreiter, 1500
+schwerbewaffnete Söldner; die Führung der Expedition hatten Andromachos,
+Karanos und Menedemos, ihnen hatte Alexander den Lykier Pharnuches, der der
+Landessprache kundig war, zugeordnet, überzeugt, daß das Erscheinen eines
+makedonischen Korps die Empörer in die Flucht zu jagen hinreichen, im
+übrigen es besonders darauf ankommen werde, sich mit der sonst
+friedliebenden Masse der Bevölkerung Sogdianas zu verständigen. Die
+Makedonen hatten sich, als sie die Gegend von Marakanda bereits von
+Spitamenes geräumt sahen, denselben zu verfolgen beeilt; bei ihrem Nahen
+war er in die Wüste an der Grenze Sogdianas geflüchtet; indes war es ihnen
+notwendig erschienen, noch weiter zu verfolgen, die Skythen in der Wüste,
+welche den Empörern Zuflucht zu gestatten schienen, zu züchtigen. Dieser
+unüberlegte Angriff auf die Skythen hatte zur Folge, daß Spitamenes sie zu
+offenbarem Beistande bewegen und seine Streitmacht mit sechshundert jener
+kühnen Reiter, wie sie in der Steppe heimisch sind, vermehren konnte. Er
+rückte den Makedonen auf der Grenze der Steppe entgegen; ohne einen
+förmlichen Angriff auf sie zu machen oder von ihnen zu erwarten, begann er
+die geschlossenen Reihen des makedonischen Fußvolkes zu umschwärmen und aus
+der Ferne zu beschießen, der makedonischen Reiterei, wenn sie auf ihn
+losrückte, zu entfliehen und sie durch wilde Flucht zu ermüden, an immer
+anderen und anderen Punkten seine Angriffe erneuernd. Die Pferde der
+Makedonen waren durch die starken Märsche und durch Mangel an Futter
+erschöpft, viele von den Leuten lagen schon tot oder verwundet auf dem
+Platze; Pharnuches forderte, die drei Befehlshaber sollten die Führung
+übernehmen, da er nicht Soldat und mehr zum Unterhandeln als zum Kämpfen
+gesendet sei; sie weigerten sich, die Verantwortung für eine Expedition zu
+übernehmen, die schon so gut wie mißglückt war; man begann, sich von dem
+freien Felde zu dem Strome zurückzuziehen, um dort unter dem Schutz eines
+Gehölzes den Feinden Widerstand zu leisten. Aber der Mangel an Einheit und
+Befehl vereitelte die letzte Rettung; an den Fluß gekommen, ging Karanos
+ohne Meldung an Andromachos mit den Reitern hinüber; das Fußvolk, in dem
+Wahne, daß alles verloren sei, stürzte sich in wilder Hast nach, um das
+jenseitige Ufer zu erreichen. Kaum gewahrten dies die Barbaren, so
+sprengten sie von allen Seiten heran, gingen oberhalb und unterhalb über
+den Fluß, und von allen Seiten umzingelnd, von hinten nachdrängend, von den
+Flanken her einhauend, die an das Ufer Steigenden zurückdrängend, ohne den
+geringsten Widerstand zu finden, trieben sie die Makedonen auf einen Werder
+im Flusse zusammen, wo die Barbaren von den beiden Ufern her den Rest der
+Truppen mit Pfeilen durchbohrten. Wenige waren gefangen, auch diese wurden
+ermordet; die meisten, unter ihnen die Befehlshaber, waren gefallen; nur
+vierzig Reiter und dreihundert Mann vom Fußvolk hatten sich gerettet.
+Spitamenes selbst rückte sofort mit seinen Skythen gegen Marakanda und
+begann, durch die errungenen Vorteile ermutigt und von der Bevölkerung
+unterstützt, die Besatzung der Stadt zum zweiten Male zu belagern.
+
+Diese Nachrichten nötigten den König, auf das schleunigste die Verhältnisse
+mit den skythischen Völkern am Tanais zu ordnen; zufrieden, in der
+neugegründeten Stadt am Tanais zugleich eine Grenzwarte und eine wichtige
+Position für künftige Unternehmungen zu besitzen, eilte er, indem er den
+größeren Teil des Heeres unter Krateros' Führung nachrücken ließ, an der
+Spitze des leichten Fußvolks, der Hypaspisten und der Hälfte der
+Hipparchien nach dem Sogdtale; mit verdoppelten Tagemärschen stand er am
+vierten Tage vor Marakanda. Spitamenes war auf die Kunde von seinem
+Herannahen geflüchtet. Der König folgte, sein Weg führte über jene
+Ufergegend, die an den Leichen makedonischer Krieger als Walstatt des
+unglücklichen Gefechtes kenntlich war; er begrub die Toten, so feierlich es
+die Eile gestattete, setzte dann den flüchtenden Feinden weiter nach, bis
+die Wüste, die sich endlos gen Westen und Norden ausdehnt, vom weiteren
+Verfolgen abzustehen nötigte. So war Spitamenes mit seinen Truppen aus dem
+Lande gejagt; die Sogdianer, im Bewußtsein ihrer Schuld und voll Furcht vor
+des Königs gerechtem Zorn, hatten sich bei seinem Herannahen hinter die
+Erdwälle ihrer Städte geflüchtet, und Alexander war an ihnen, um erst
+Spitamenes zu verjagen, vorübergeeilt; seine Absicht war nicht, sie
+ungestraft zu lassen; je gefährlicher dieser wiederholte Abfall, je
+wichtiger der sichere Besitz dieses Landes, und je unzuverlässiger eine
+erzwungene Unterwerfung der Sogdianer war, desto notwendiger erschien die
+größte Strenge gegen die Empörer. Sobald Alexander vom Saum der Wüste
+zurückkehrte, begann er das reiche Land zu verwüsten, die Dörfer
+niederzubrennen, die Städte zu zerstören, bei zwölf Myriaden Menschen
+sollen bei dieser greuelhaften Züchtigung niedergemetzelt worden sein.
+
+Nachdem auf diese Weise Sogdiana beruhigt war, ging Alexander, indem er
+Peukolaos mit dreitausend Mann zurückließ, nach Zariaspa im Baktrianischen,
+wohin er die Hyparchen des Landes zu jener Versammlung berufen hatte. Mögen
+die Baktrier, geschreckt durch das harte Gericht, welches über Sogdiana
+verhängt worden, sich nun unterworfen, oder von Anfang her ihre Teilnahme
+für die Empörung minder betätigt haben, jedenfalls fand Alexander
+militärische Unternehmungen gegen sie für jetzt nicht nötig, und von einer
+Bestrafung des vielleicht beabsichtigten Abfalls in Baktrien ist nicht mehr
+als eine unsichere Notiz überliefert. Diejenigen von den Großen, welche mit
+in den sogdianischen Aufstand verwickelt waren, hatten sich in die Berge
+geflüchtet und hielten in den dortigen Felsenschlössern sich für sicher.
+
+Der Winter 329 auf 328, den Alexander in Zariaspa zubrachte, war in
+vielfacher Beziehung merkwürdig. Die Versammlung der baktrianischen Großen,
+das Eintreffen neuer Kriegsvölker aus dem Abendlande, zahlreiche
+Gesandtschaften europäischer und asiatischer Völker, dazu das rüstige
+Treiben in diesem stets siegreichen, abgehärteten Heere, das bunte Gemisch
+makedonischen Soldatenlebens, persischen Prunkes und hellenischer Bildung,
+das alles zusammen gibt das ebenso seltsame wie charakteristische Bild für
+die Hofhaltung des jugendlichen Königs, der sehr wohl wußte, daß er zu dem
+Ruhm seiner Siege und Gründungen noch die feierliche Pracht des
+Morgenlandes und die volle Majestät des höchsten irdischen Glückes
+hinzufügen müsse, wenn nicht die neugewonnenen Völker an der Größe irre
+werden sollten, die sie als überirdisch zu verehren bereit waren.
+
+In den altpersischen Formen hielt hier Alexander über Bessos Gericht. Der
+Königsmörder wurde der Versammlung der nach Zariaspa berufenen Großen in
+Ketten vorgeführt; Alexander selbst sprach die Anklage, die Berufenen, so
+scheint es, das Urteil, daß er schuldig sei. Er befahl, wie es das
+persische Herkommen gebot, ihm Nase und Ohren abzuschneiden, ihn nach
+Ekbatana abzuführen, ihn dort auf dem Tage der Meder und Perser ans Kreuz
+zu schlagen. Vor den Augen der Versammlung verstümmelt und gestäupt, ward
+Bessos zur Hinrichtung nach Ekbatana abgeführt.
+
+Um diese Zeit trafen Phrataphernes, der parthische Satrap, und Stasanor von
+Areia in Zariaspa ein; sie brachten in Fesseln den treulosen Arsames, der
+als Satrap von Areia die Invasion des Satibarzanes begünstigt hatte, den
+Perser Barzanes, dem von Bessos die parthische Satrapie übergeben worden
+war, sowie einige andere Großen, die der Usurpation des Bessos ihre
+Unterstützung geliehen hatten. Mit ihnen war der letzte Rest einer
+Opposition vernichtet, die bei besserer Führung das Gewaltrecht der
+Eroberung in sehr ernstes Gedränge zu bringen vermocht hätte; wer jetzt
+noch Partei gegen Alexander hielt, schien sich einer untergegangenen Sache
+oder der leichtsinnigsten Selbsttäuschung zu opfern.
+
+Unter den Gesandtschaften, die im Laufe des Winters in des Königs Hoflager
+eintrafen, waren besonders die der europäischen Skythen merkwürdig.
+Alexander hatte im vorigen Sommer mit den skythischen Gesandten einige
+seiner Hetairen zurückgehen lassen; diese kamen jetzt in Begleitung einer
+zweiten Gesandtschaft zurück, welche von neuem die Huldigungen ihres Volkes
+und Geschenke, wie sie den Skythen die wertvollsten erschienen,
+überbrachte: ihr König sei in der Zwischenzeit gestorben, des Königs Bruder
+und Nachfolger beeile sich, dem Könige Alexander seine Ergebenheit und
+Bundestreue zu versichern, des zum Zeichen biete er ihm seine Tochter zur
+Gemahlin an; verschmähe sie Alexander, so möge er gestatten, daß sich die
+Töchter seiner Großen und Häuptlinge mit den Großen von Alexanders Hof und
+Heer vermählten; er selbst sei bereit, wenn Alexander es wünsche,
+persönlich bei ihm zu erscheinen, um seine Befehle entgegenzunehmen; er und
+seine Skythen seien gewillt, sich in allem und jedem den Befehlen des
+Königs zu unterwerfen. Alexanders Bescheid war seiner Macht und den
+damaligen Verhältnissen angemessen; ohne auf die Vorschläge zu einer
+skythischen Brautfahrt einzugehen, entließ er die Gesandten reichbeschenkt
+und mit der Versicherung seiner Freundschaft für das Volk der Skythen.
+
+Um dieselbe Zeit war der Chorasmierkönig Pharasmanes mit einem Gefolge von
+fünfzehnhundert Pferden nach Zariaspa gekommen, dem großen Könige
+persönlich seine Huldigung zu bringen, da bei der freundlichen Aufnahme,
+die Spitamenes unter den ihm benachbarten Massageten gefunden hatte, er
+selbst leicht verdächtigt werden konnte; er herrschte über das Land des
+unteren Oxus und versicherte, Nachbar des kolchischen Stammes und des
+Weibervolkes der Amazonen zu sein; er erbot sich, wenn Alexander einen
+Feldzug gegen die Kolchier und Amazonen zu unternehmen und die Unterwerfung
+des Landes bis zum Pontos Euxinus zu versuchen geneigt sei, ihm die Wege zu
+zeigen und für die Bedürfnisse des Heeres auf diesem Zuge zu sorgen.
+Alexanders Antwort auf diese Anträge läßt einen Blick in den weiteren
+Zusammenhang seiner Pläne tun, die, so kühn sie auch sind, von der
+merkwürdigen Einsicht in das geographische Verhältnis der verschiedenen
+Länderstrecken, von deren Dasein durch seine Züge die erste Kunde
+verbreitet wurde, das sicherste Zeugnis ablegen. Er hatte sich bereits
+durch den Augenschein und durch die Berichte seiner Gesandtschaft und der
+Eingeborenen überzeugt, daß der Ozean, mit dem er das Kaspische Meer auch
+jetzt noch in unmittelbarer Verbindung glaubte, keineswegs der Nordgrenze
+des Perserreiches nahe sei, und daß skythische Horden noch ungemessene
+Landstrecken gen Norden inne hätten, daß es unmöglich sei, für das neue
+Reich auf dieser Seite eine Naturgrenze in dem großen Meere zu finden;
+dagegen erkannte er sehr wohl, daß für die vollkommene Unterwerfung des
+iranischen Hochlandes, die seine nächste Absicht blieb, der Besitz der
+angrenzenden Tiefländer wesentliche Bedingung sei, und die Folgezeit hat
+gelehrt, wie richtig er den Euphrat und Tigris, den Oxos und Jaxartes, den
+Indus und Hydaspes zu Stützpunkten seiner Herrschaft über Persien und
+Ariana gemacht hat. Er antwortete dem Pharasmanes, daß er für jetzt nicht
+daran denken könne, in die pontischen Landschaften einzudringen; sein
+nächstes Werk müsse die Unterwerfung Indiens sein; dann, Herr von Asien,
+gedenke er nach Hellas zurückzukehren und durch den Hellespont und den
+Bosporus in den Pontus mit seiner ganzen Macht einzudringen; bis auf diese
+Zeit möge Pharasmanes das, was er jetzt anbiete, aufschieben. Für jetzt
+schloß der König mit ihm Freundschaft und Bündnis, empfahl ihn den Satrapen
+von Baktrien, Parthien und Areia, und entließ ihn mit allen Zeichen seines
+Wohlwollens.
+
+Noch gestatteten die Verhältnisse keineswegs, den indischen Feldzug zu
+beginnen. Sogdiana war zwar unterworfen und verheert worden, aber das
+strenge Strafgericht, das Alexander über das unglückliche Land verhängt
+hatte, weit entfernt, die Gemüter zu beruhigen, schien nach einer kurzen
+Betäubung in allgemeiner Wut seinen Rückschlag finden zu sollen; bei
+Tausenden waren die Einwohner in die ummauerten Plätze, in die Berge, in
+die Bergschlösser der Häuptlinge des oberen Landes und der oxianischen
+Grenzgebirge geflüchtet; überall, wo die Natur Schutz bot, lagen Banden von
+Geflüchteten, um so gefährlicher, je hoffnungsloser ihre Sache war.
+Peukolaos vermochte nicht, mit seinen dreitausend Mann die Ordnung
+aufrechtzuerhalten und das platte Land zu schützen; von allen Seiten her
+sammelten sich die Massen zu einem furchtbaren Aufgebot, und es schien nur
+ein Anführer zu fehlen, der die Abwesenheit Alexanders benutzte.
+Spitamenes, der, nach dem Überfall am Polytimetos zu urteilen, nicht ohne
+militärisches Geschick war, scheint, ins Land der Massageten geflüchtet,
+ohne weitere Verbindung mit diesem zweiten Abfall der Sogdianer gewesen zu
+sein; wenigstens wäre sonst nicht zu begreifen, warum er nicht früher mit
+seinen Skythen herbeieilte. Denn daß Alexander den Aufstand so weit
+entwickeln ließ, ehe er ihn zu unterdrücken eilte, war ein Zeichen, daß für
+den Augenblick seine Streitkräfte nicht so angetan waren, diese kühnen und
+zahlreichen Feinde in ihren Bergen aufzusuchen; nach der Besetzung der
+Alexanderstädte in Arachosien, am Paropamisos und Tanais konnten kaum mehr
+als zehntausend Mann verfügbar sein. Erst im Laufe des Winters trafen
+bedeutende Verstärkungen aus dem Abendlande ein; eine Kolonne Fußvolk und
+Reiter, die Nearchos, der Satrap von Lykien, und Asandros von Karien
+geworben hatten, eine zweite, die Asklepiodoros, der Satrap von Syrien, und
+Menes, der Hyparch, heranführte, eine dritte unter Epokillos, Menidas und
+Ptolemaios, dem Strategen der Thraker, im ganzen fast 17 000 Mann zu Fuß
+und 2600 Reiter, so daß nun erst der König Truppen genug um sich hatte, die
+Erhebung Sogdianas bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen.
+
+Mit dem Frühjahr 328 verließ er das Hoflager von Zariaspa, woselbst in den
+Lazaretten die Kranken von der makedonischen Ritterschaft nebst einer
+Bedeckung von etwa 80 Mann Söldnerreitern und einige Edelknaben
+zurückblieben. Das Heer ging an den Oxos; eine Ölquelle, die neben dem
+Zelte des Königs hervorsprudelte, ward von Aristandros für ein Zeichen
+erklärt, daß man zwar siegen, aber mit vieler Mühe siegen werde; und in der
+Tat bedurfte es großer Vorsicht, diesen Feinden, die von allen Seiten her
+drohten, zu begegnen. Der König teilte sein Heer so, daß Meleagros,
+Polysperchon, Attalos, Gorgias mit ihren Phalangen in Baktra zurückblieben,
+das Land in Obhut zu halten, während das übrige Heer, in fünf Kolonnen
+geteilt, unter Führung des Königs, des Hipparchen Hephaistion, des
+Leibwächters Ptolemaios, des Strategen Perdikkas, des baktrischen Satrapen
+Artabazos, dem der Strateg Koinos beigegeben war, in verschiedenen
+Richtungen in das sogdianische Land einrückten. Über die Einzelheiten der
+Unternehmungen sind keine Nachrichten überliefert; nur im allgemeinen wird
+angeführt, daß die verschiedenen festen Plätze des Landes teils durch Sturm
+genommen wurden, teils sich freiwillig unterwarfen; in kurzer Zeit war der
+wichtigste Teil des transoxianischen Landes, das Tal des Polytimetos,
+wieder in des Königs Gewalt, und von den verschiedenen Seiten her trafen
+die einzelnen siegreichen Kolonnen in Marakanda zusammen. Indes waren noch
+die Berge im Osten und Norden in Feindeshand, und man durfte vermuten, daß
+Spitamenes, der sich zu den raublüsternen Horden der Massageten geflüchtet
+hatte, dieselben zu neuen Einfällen bereden werde; zu gleicher Zeit mußte
+alles angewendet werden, um dem furchtbar zerrütteten Zustande des Landes
+möglichst schnell durch eine neue und durchgreifende Organisation ein Ende
+zu machen, besonders der zersprengten, obdachlosen und der notwendigsten
+Bedürfnisse entblößten Bevölkerung zu helfen und sie zu beruhigen. Demnach
+erhielt Hephaistion den Auftrag, neue Städte zu gründen, in diese die
+Einwohner der Dorfschaften zu vereinigen, Lebensmittel herbeizuschaffen,
+während Koinos und Artabazos gegen die Skythen zogen, um womöglich des
+Spitamenes habhaft zu werden, Alexander selbst aber mit der Hauptmacht
+aufbrach, mit der Einnahme der einzelnen Bergschlösser die Unterwerfung des
+Landes zu vollenden. Er nahm sie ohne große Mühe. Er kehrte nach Marakanda
+zurück, dort zu rasten. Furchtbare Vorgänge sollten diese Ruhetage
+bezeichnen.
+
+Der greise Artabazos hatte um Enthebung von seinem Dienst gebeten, der
+König statt seiner den Hipparchen Kleitos, den schwarzen Kleitos, wie man
+ihn nannte, zum Satrapen von Baktrien bestimmt. Große Jagden, Gastmähler
+füllten die Tage. Unter diesen war der eines dionysischen Festes, statt
+dessen, so heißt es, der König die Dioskuren feierte; der Gott habe darum
+gezürnt, und so sei der König zu schwerer Schuld gekommen; nicht ungewarnt;
+er habe schöne Früchte vom Meere her gesandt erhalten und Kleitos einladen
+lassen, sie mit ihm zu essen; Kleitos habe darüber das Opfer, das er eben
+bringen wollen, verlassen, und sei zum Könige geeilt; drei zum Opfer
+besprengte Schafe seien ihm nachgelaufen; nach Aristandros' Deutung ein
+trauriges Zeichen; der König habe für Kleitos zu opfern befohlen, doppelt
+in Sorge durch einen seltsamen Traum, den er in der letzten Nacht gehabt,
+und in dem er Kleitos in schwarzem Kleide zwischen den blutenden Söhnen
+Parmenions habe sitzen sehen.
+
+Abends, so ist die weitere Erzählung, kam Kleitos zur Tafel; man war beim
+Weine froh bis in die Nacht hinein; man pries Alexanders Taten: er habe
+Größeres getan als die Dioskuren, selbst Herakles sei ihm nicht zu
+vergleichen; nur der Neid sei es, der dem Lebenden die gleichen Ehren mit
+jenen Heroen mißgönne. Schon war Kleitos vom Wein erhitzt; die persische
+Umgebung des Königs, die übergroße Bewunderung der Jüngeren, die frechen
+Schmeicheleien hellenischer Sophisten und Rhetoren, die der König in seiner
+Nähe duldete, hatten ihn schon lange verdrossen; jenes leichtsinnige
+Spielen mit den Namen der großen Heroen brachte ihn auf: das sei nicht die
+Art, des Königs Ruhm zu feiern, seine Taten seien auch nicht so gar groß,
+wie jene meinten, zum guten Teile gebühre den Makedonen der Ruhm. Alexander
+hörte mit Unwillen so verletzende Reden von einem, den er vor allen
+ausgezeichnet, doch schwieg er. Immer lauter wurde der Streit; auch König
+Philipps Taten kamen zur Sprache; und als nun behauptet wurde, er habe
+nichts Großes und Bewunderungswürdiges getan, sein Ruhm sei, Alexanders
+Vater zu heißen, da sprang Kleitos auf, den Namen seines alten Königs zu
+vertreten, Alexanders Taten zu verkleinern, sich selbst und die alten
+Strategen zu rühmen, des toten Parmenion und seiner Söhne zu gedenken, alle
+die glücklich zu preisen, die gefallen oder hingerichtet seien, ehe sie die
+Makedonen mit medischen Ruten gepeitscht und bei den Persern um Zutritt zum
+Könige bitten gesehen. Mehrere der alten Strategen standen auf, verwiesen
+dem von Wein und Eifer Erhitzten seine Rede, sie suchten vergeblich die
+steigende Unruhe zu stillen; Alexander wandte sich zu seinem Tischnachbarn,
+einem Hellenen: »Nicht wahr, ihr Hellenen scheint euch unter den Makedonen
+wie Halbgötter unter Tieren umherzuwandeln?« Kleitos lärmte weiter; er
+wandte sich mit lauter Stimme an den König: »Diese Hand hat dich am
+Granikos errettet; du aber rede, was dir gefällt, und lade fürder nicht
+freie Männer zu deiner Tafel, sondern Barbaren und Sklaven, die deines
+Kleides Saum küssen und deinen persischen Gürtel anbeten!« Länger hielt
+Alexander seinen Zorn nicht, er sprang auf, nach seinen Waffen zu greifen;
+die Freunde hatten sie fortgeschafft; er schrie seinen Hypaspisten auf
+makedonisch zu, ihren König zu rächen; keiner kam; er befahl den Trompeter
+Lärm zu blasen, schlug ihn mit der Faust ins Angesicht, da er nicht
+gehorchte: geradeso weit sei es mit ihm gekommen, wie mit Dareios zu jener
+Zeit, da er von Bessos und dessen Genossen gefangen fortgeschleppt sei und
+nichts als den elenden Namen des Königs gehabt habe; und der ihn verrate,
+das sei dieser Mensch, der ihm alles danke, dieser Kleitos. Kleitos, der
+von den Freunden hinausgeführt war, trat in dem Augenblick, da sein Name
+genannt wurde, zum anderen Ende des Saales wieder herein: »Hier ist
+Kleitos, o Alexander!« und rezitierte dann die Verse des Euripides von dem
+üblen Brauch, daß das Heer »mit seinem Blut Siege erkämpfe, aber deren Ehre
+nur dem Feldherrn zugeschrieben werde, der preislich in seinem hohen Amt
+thronend das Volk verachte, er, der doch nichts sei«. Da riß Alexander
+einer Wache die Lanze aus der Hand und schleuderte sie gegen Kleitos, der
+sofort tot zu Boden sank. Entsetzt wichen die Freunde; des Königs Zorn war
+gebrochen; Bewußtsein, Schmerz, Verzweiflung bewältigten ihn; man sagt, er
+habe den Speer aus Kleitos' Brust gezogen und gegen den Boden gestemmt,
+sich auf der Leiche zu ermorden; die Freunde hielten ihn zurück, sie
+brachten ihn auf sein Lager. Dort lag er weinend und wehklagend, rief den
+Namen des Ermordeten, den Namen seiner Amme Lanike, der Schwester des
+Ermordeten: das sei der schöne Ammenlohn, den ihr Pflegling zahle; ihre
+Söhne seien für ihn kämpfend gefallen, ihren Bruder habe er mit eigener
+Hand ermordet, ermordet den, der sein Leben gerettet; er dachte des greisen
+Parmenion und seiner Söhne, er wurde nicht satt, sich anzuklagen als den
+Mörder seiner Freunde sich zu verfluchen und den Tod zu rufen. So lag er
+drei Tage lang über Kleitos' Leichnam, eingeschlossen in seinem Zelte, ohne
+Schlaf, ohne Speise und Trank, endlich vor Ermattung stumm; nur einzelne
+tiefe Seufzer tönten noch aus dem Zelte hervor. Die Truppen, voll banger
+Sorge um ihren König, kamen zusammen und richteten über den Toten; er sei
+mit Recht getötet; sie riefen nach ihrem Könige; der hörte sie nicht;
+endlich wagten es die Strategen, das Zelt zu öffnen, sie beschworen den
+König, seines Heeres und seines Reiches zu gedenken, sie sagten, nach den
+Zeichen der Götter habe Dionysos die unselige Tat verhängt; es gelang ihnen
+endlich, den König zu beruhigen; er befahl dem zürnenden Gotte zu opfern.
+
+So im wesentlichen die Angaben unserer Quellen; sie genügen nicht, den
+wirklichen Verlauf des schrecklichen Ereignisses, noch weniger zwischen dem
+Mörder und dem Ermordeten das Maß der Schuld festzustellen. Wie furchtbar
+die Tat war, zu der den König der wilde Zorn des Momentes hinriß, -- in
+Kleitos trat ihm zum erstenmal die ganze Entrüstung und Empörung entgegen,
+die sein Wollen und sein Tun unter denen, auf deren Kraft und Treue er sich
+verlassen mußte, hervorgerufen hatte, die tiefe Kluft, die ihn von der
+Empfindung der Makedonen und Hellenen trennte. Er bereute den Mord, er
+opferte den Göttern; was er anderes hätte tun sollen, unterlassen die
+Moralisten, die ihn verdammen, zu sagen.
+
+Während dieser Vorgänge in Marakanda hatte Spitamenes noch einen Versuch
+gemacht, in die baktrischen Lande einzudringen; unter den Massageten, zu
+denen er mit dem Rest seiner Sogdianer geflüchtet war, hatte er einen
+Haufen von 600 bis 800 Reitern angeworben und war an deren Spitze plötzlich
+vor einem der festen Grundplätze erschienen, hatte die Besatzung
+herauszulocken gewußt und sie dann von einem Hinterhalt her überfallen; der
+Befehlshaber des Platzes fiel in die Hände der Skythen, seine Leute waren
+meist geblieben, er selbst wurde gefangen mit fortgeschleppt. Durch diesen
+Erfolg kühner gemacht, erschien Spitamenes wenige Tage darauf vor Zariaspa;
+die Besatzung dort, zu der auch die Wiedergenesenen aus den Lazaretten,
+meist Hetairen von der Ritterschaft, zu rechnen waren, schien zu bedeutend,
+um einen Angriff rätlich zu machen; plündernd und brennend zogen sich die
+Massageten über die Felder und Dörfer der Umgegend zurück. Als das Peithon,
+der die Verwaltung dort hatte, und Aristonikos, der Kitharöde, erfuhren,
+riefen sie die achtzig Reiter, die Wiedergenesenen von der Ritterschaft und
+die Edelknaben, die dort waren, zu den Waffen und eilten vor die Tore, die
+plündernden Barbaren zu züchtigen; diese ließen ihre Beute im Stich und
+entkamen mit Mühe, viele wurden gefangen und niedergemacht, und fröhlichen
+Mutes zog die kleine Schar zur Stadt zurück. Spitamenes überfiel sie aus
+einem Hinterhalt mit solchem Ungestüm, daß die Makedonen geworfen und fast
+abgeschnitten wurden; sieben von den Hetairen, sechzig von den Söldnern
+blieben auf dem Platze, unter ihnen der Kitharöde; Peithon fiel schwer
+verwundet in die Hände der Feinde; es war nahe daran, daß die Stadt selbst
+in ihre Gewalt kam. Schnell ward Krateros von dem Vorfall unterrichtet, die
+Skythen warteten seine Ankunft nicht ab, sondern zogen sich gen Westen
+zurück, indem sich immer neue Haufen mit ihnen vereinten. Am Rande der
+Wüste holte sie Krateros ein, es entspann sich ein hartnäckiger Kampf;
+endlich entschied sich der Sieg für die Makedonen; mit Verlust von 150 Mann
+floh Spitamenes in die Wüste zurück, die jede weitere Verfolgung unmöglich
+machte.
+
+Nachrichten solcher Art mochten mehr als die Bitten der Freunde oder der
+Trost frecher Schmeichler dazu dienen, den König seiner Pflicht
+zurückzugeben. Es wurde von Marakanda aufgebrochen; die dem Kleitos
+bestimmte Satrapie von Baktra erhielt Amyntas, Koinos blieb mit seiner und
+Meleagros' Taxis und vierhundert Mann von der Ritterschaft, mit sämtlichen
+Akontisten zu Pferd und den anderen Truppen, die bisher Amyntas gehabt, zur
+Deckung der Sogdiana zurück; Hephaistion ging mit einem Korps nach dem
+baktrischen Lande, um die Verpflegung des Heeres für den Winter zu
+besorgen; Alexander selbst zog nach Xenippa, wohin viele der baktrischen
+Empörer sich geflüchtet hatten. Bei der Nachricht von Alexanders Anrücken
+wurden sie von den Einwohnern, die nicht durch unzeitige Gastfreundschaft
+ihr Hab und Gut in Gefahr bringen wollten, verjagt und suchten nun durch
+heimlichen Überfall den Makedonen Abbruch zu tun; etwa 2000 Pferde stark
+warfen sie sich auf einen Teil des makedonischen Heeres; erst nach einem
+lange schwankenden Gefechte wurden sie zum Weichen gezwungen; sie hatten
+gegen 800 Mann, teils Tote, teils Gefangene, verloren; so
+zusammengeschmolzen, ohne Führer, ohne Proviant, zogen sie es vor, sich zu
+unterwerfen. Dann wandte sich der König gegen die Felsenburg des
+Sisimithres »im baktrianischen Lande«; es kostete schwere Anstrengungen,
+ihr nahe zu kommen, schwerere, den Sturm vorzubereiten; bevor der Angriff
+erfolgte, ergab sich Sisimithres.
+
+Indes hatte Spitamenes, bevor ihm von den Erfolgen des Feindes und von
+dessen Macht das ganze Grenzgebiet gesperrt würde, noch einen Versuch auf
+das sogdianische Land machen zu müssen geglaubt; an der Spitze der mit ihm
+Geflüchteten, und mit 300 skythischen Reitern, die die versprochene Beute
+lockte, erschien er plötzlich vor Bagai an der sogdischen Grenze gegen die
+Wüste der Massageten. Von diesem Einfall benachrichtigt, rückte Koinos
+schleunig mit Heeresmacht gegen ihn; nach einem blutigen Gefechte wurden
+die Skythen mit Verlust von 800 Mann zum Rückzuge gezwungen. Die Sogdianer
+und Baktrier, die auch den letzten Versuch scheitern sahen, verließen,
+Dataphernes an ihrer Spitze, den Spitamenes auf der Flucht und ergaben sich
+an Koinos; die Massageten, um die Beute im Sogdianerlande betrogen,
+plünderten die Zelte und Wagen der Abtrünnigen; sie flohen mit Spitamenes
+der Wüste zu. Da kam die Nachricht, daß Alexander gegen die Wüste im Anzuge
+sei; sie schnitten dem Spitamenes den Kopf ab und schickten ihn an den
+König.
+
+Der Tod dieses ebenso kühnen wie verbrecherischen Gegners machte der
+letzten Besorgnis ein Ende; es begann dem »Garten des Orients« endlich die
+Ruhe, deren er nur bedurfte, um selbst nach so vielen Kämpfen und
+Zerrüttungen bald wieder zu dem alten Wohlstand zu erblühen. Der Winter war
+herangekommen, der letzte, den Alexander in diesen Landen zuzubringen
+gedachte; die verschiedenen Heeresabteilungen sammelten sich um Nautaka,
+die Winterquartiere zu beziehen. Dorthin kamen die Satrapen der
+nächstgelegenen Landschaften, Phrataphernes von Parthien und Stasanor von
+Areia, die im vergangenen Winter bei ihrer Anwesenheit in Zariaspa
+verschiedene, wahrscheinlich auf das Heerwesen bezügliche Aufträge erhalten
+hatten. Phrataphernes wurde zurückgesandt, um den Satrapen der Mardier und
+Tapurier, Autophradates, der Alexanders Befehle auf eine gefährliche Weise
+zu mißachten begann, festzunehmen. Stasanor ging in seine Lande zurück.
+Nach Medien wurde Atropates mit dem Befehle gesandt, den Satrapen Oxydates,
+der sich pflichtvergessen gezeigt hatte, zu entsetzen und dessen Stelle zu
+übernehmen. Auch Babylon erhielt, da Mazaios gestorben war, in der Person
+des Stamenes einen neuen Satrapen. Sopolis, Menidas und Epokillos gingen
+nach Makedonien, Truppen von dort zu holen.
+
+Die Winterrast in Nautaka wurde, so scheint es, zu Vorbereitungen für den
+indischen Feldzug benutzt, den Alexander gegen den Sommer des nächsten
+Jahres, sobald die Hochgebirge zugänglicher wurden, zu beginnen gedachte.
+Noch hielten sich in den diesseitigen Bergen einige Burgen, auf die sich
+die letzte Kraft der Widerspenstigen zurückgezogen hatte.
+
+Der König wandte sich mit dem ersten Beginn des Frühlings gegen den
+»sogdianischen Felsen«, auf den der Baktrier Oxyartes die Seinigen
+geflüchtet hatte, weil er die Feste für unnehmbar hielt. Sie war mit
+Lebensmitteln für eine lange Belagerung versehen, ihren Bedarf an Wasser
+hatte sie durch den reichlich gefallenen Schnee, der zugleich das Ersteigen
+der Felsen doppelt gefährlich machte. Vor dieser Burg angekommen, ließ
+Alexander sie zur Übergabe auffordern, indem er allen, die sich in
+derselben befanden, freien Abzug versprach; ihm wurde geantwortet: er möge
+sich geflügelte Soldaten suchen. Entschlossen, auf jeden Fall den Felsen zu
+nehmen, ließ er im Lager durch den Herold ausrufen: die Felsenstirn, die
+über der Burg hervorrage, müsse erstiegen werden, zwölf Preise seien denen
+bestimmt, die zuerst, hinaufkämen, zwölf Talente dem ersten, dem zwölften
+ein Talent; für alle, die an dem Wagnis teilnähmen, würde es ruhmvoll sein.
+Dreihundert Makedonen, die im Bergklettern geübt waren traten hervor und
+empfingen die nötigen Weisungen; dann versah sich jeder mit einigen
+Eisenpflöcken, wie sie beim Zelten gebraucht werden, und mit starken
+Stricken. Um Mitternacht nahten sie der Stelle des Felsens, die am
+steilsten und deshalb unbewacht war. Anfangs stiegen sie mühsam, bald
+begannen jäh abstürzende Felswände, glatte Eislagen, lose Schneedecken; mit
+jedem Schritt wuchs die Mühe und die Gefahr. Dreißig dieser Kühnen stürzten
+in den Abgrund, endlich mit Tagesanbruch hatten die anderen den Gipfel
+erreicht und ließen ihre weißen Binden im Winde flattern. Sobald Alexander
+das verabredete Zeichen sah, sandte er von neuem einen Herold, der den
+feindlichen Vorposten zurief: die geflügelten Soldaten hätten sich
+gefunden, sie seien über ihren Häuptern, weiterer Widerstand sei unmöglich.
+Bestürzt, daß die Makedonen einen Weg auf den Felsen gefunden hatten,
+zögerten die Barbaren nicht länger, sich zu ergeben, und Alexander zog in
+die Felsenburg ein. Reiche Beute fiel hier in seine Hand, unter diesem
+viele Frauen und Töchter sogdianischer und baktrischer Edlen, auch des
+Oxyartes schöne Tochter Roxane. Sie war die erste, für die er in Liebe
+entbrannte; er verschmähte das Recht des Herrn über die Gefangene; die
+Vermählung mit ihr sollte den Frieden mit dem Lande besiegeln. Auf die
+Kunde davon eilte Roxanens Vater zu Alexander; um der schönen Tochter
+willen ward ihm verziehen.
+
+Noch blieb die Burg des Chorienes im Lande der Parätakenen, des
+»gebirgigen« Landes am oberen Oxus, wohin sich mehrere der Abtrünnigen
+geflüchtet hatten. In den unwegsamen waldigen Bergschluchten, die man
+durchziehen mußte, lag noch der tiefe Schnee; häufige Regenschauer,
+Glatteis, furchtbare Gewitter machten die Märsche noch beschwerlicher. Das
+Heer litt an dem Notwendigsten Mangel, viele blieben erstarrt liegen; des
+Königs Beispiel, der Mangel und Mühsal mit den Seinen teilte, hielt allein
+noch den Mut der Truppen aufrecht; es wird erzählt, daß der König, als er
+abends am Biwakfeuer saß, sich zu erwärmen, und einen alten Soldaten von
+Kälte erstarrt und wie bewußtlos heranwanken sah, aufstand, ihm die Waffen
+abnahm, ihn auf seinem Feldstuhl beim Feuer niedersitzen ließ; als der
+Veteran sich erholt hatte, seinen König erkannte und bestürzt aufstand,
+sagte Alexander heiter: »Siehst du, Kamerad, auf des Königs Stuhl zu sitzen
+bringt bei den Persern den Tod, dir hat es das Leben wiedergegeben.«
+Endlich langte man vor der Burg an; sie lag auf einem hohen und schroffen
+Felsen, an dem nur ein schmaler und schwieriger Pfad hinaufführte; überdies
+strömte auf dieser allein zugänglichen Seite in einer sehr tiefen Schlucht
+ein reißender Bergstrom vorüber. Alexander, gewohnt, keine Schwierigkeit
+für unüberwindlich zu halten befahl sofort, in den Tannenwäldern, die
+ringsumher die Berge bedeckten, Bäume zu fällen und Leitern zu bauen, um
+vorerst die Schlucht zu gewinnen. Tag und Nacht wurde gearbeitet, mit
+unsäglicher Mühe gelangte man endlich in die Tiefe hinab; nun wurde der
+Strom mit einem Pfahlwerk überbaut, Erde aufgeschüttet, die Schlucht
+ausgefüllt; bald arbeiteten die Maschinen und schleuderten Geschosse in die
+Burg hinauf. Chorienes, der bisher die Arbeiten der Makedonen gleichgültig
+mit angesehen hatte, erkannte mit Bestürzung, wie sehr er sich verrechnet
+habe; einen Ausfall auf die Gegner zu machen, verhinderte die Natur des
+Felsens, gegen Geschosse von oben her waren die Makedonen durch ihre
+Schirmdächer geschützt. Endlich mochten frühere Beispiele ihn überzeugen,
+daß es sicherer sei, sich mit Alexander zu vergleichen, als es zum
+Äußersten kommen zu lassen; er ließ Alexander durch einen Herold um eine
+Unterredung mit Oxyartes bitten; sie wurde gestattet, und Oxyartes wußte
+seinem alten Kampfgenossen leicht die letzten Zweifel zu nehmen, die ihm
+geblieben sein mochten. So erschien Chorienes, von einigen seiner Leute
+umgeben, vor Alexander, der ihn auf das huldvollste empfing und ihm Glück
+wünschte, daß er sein Heil lieber einem rechtschaffenen Mann als einem
+Felsen anvertrauen wolle. Er behielt ihn bei sich im Zelte und bat ihn, von
+seinen Begleitern einige abzusenden, mit der Anzeige, daß die Feste durch
+gütlichen Vertrag an die Makedonen übergeben und daß allen, die sich auf
+der Burg befänden, das Vergangene verziehen sei. Am Tage darauf zog der
+König, von 500 Hypaspisten begleitet, hinauf, um die Burg in Augenschein zu
+nehmen; er bewunderte die Festigkeit des Platzes und ließ den für eine
+lange Belagerung getroffenen Vorsichtsmaßregeln und Einrichtungen alle
+Gerechtigkeit widerfahren. Chorienes verpflichtete sich, das Heer auf zwei
+Monate mit Lebensmitteln zu versorgen; er ließ aus den überaus reichen
+Vorräten seiner Burg den makedonischen Truppen, die durch die Kälte und die
+Entbehrungen der letzten Tage sehr mitgenommen waren, Brot, Wein und
+eingesalzenes Fleisch zeltweise verteilen.
+
+Alexander gab ihm die Burg und das umliegende Gebiet zurück; er selbst
+ging mit dem größten Teile des Heeres nach Baktra, indem er Krateros mit
+600 Mann von der Ritterschaft, mit seiner Taxis und drei anderen weiter
+nach Parätakene hinein gegen Katanes und Haustanes, die einzigen noch
+übrigen Empörer, absandte; die Barbaren wurden in einer blutigen Schlacht
+überwunden, Katanes erschlagen, Haustanes gefangen vor Alexander gebracht,
+das Land zur Unterwerfung gezwungen; in kurzem folgte Krateros mit seinen
+Truppen dem Könige nach Baktra.
+
+Es mag gestattet sein, hier auf eine frühere Bemerkung zurückzukommen, die,
+unsicher wie sie ist, nur den Anspruch macht, auf einen Punkt hinzuweisen,
+der für den Zusammenhang wichtig ist. Ein späterer Schriftsteller, der aus
+sehr guten Quellen gearbeitet hat, gibt bei Gelegenheit der
+Satrapienverteilung im Sommer 326 die Notiz: das Königtum in Sogdiana habe
+Oropios innegehabt, nicht als väterliches Erbe, sondern Alexander habe es
+ihm gegeben; da es ihm aber geschehen sei, daß er infolge eines Aufstandes
+flüchtend seine Herrschaft verloren, so sei auch Sogdiana an den Satrapen
+von Baktrien gekommen. Daß kein anderer Schriftsteller davon weiß, ist nach
+der Art unserer Überlieferung kein Grund zum Mißtrauen gegen diese
+Nachricht. Welcher Name sich in dem gewiß fehlerhaften Oriopos verbirgt,
+ist nicht mehr zu erkennen, vielleicht der eines der Großen, die nach
+tapferem Widerstande ihren Frieden mit Alexander machten und sich ergeben
+zeigten, wie jener Chorienes oder wie Sisimithres, von dem Curtius sagt,
+der König habe ihm seine Herrschaft zurückgegeben und ihm Hoffnung auf eine
+noch größere gemacht.
+
+Sind diese Beobachtungen richtig, so hat Alexander hier im oxianischen
+Lande dasselbe System für seine Reichsmarken versucht, das, wie wir sehen
+werden, im indischen Lande zu umfassender Anwendung kam; die Sogdiana wird
+die transoxianische Mark unter einem abhängigen Könige; sie und die bis an
+den Tanais hin begründeten hellenistischen Freistädte, hinter ihnen die
+große Satrapie Baktrien, welche auch noch die reichbevölkerte Margiana
+umfaßt, decken die den schweifenden Horden der Wüste zugewandte Seite des
+Reiches, die großen Straßen nach Hekatompylos, nach dem arischen
+Alexandrien, über den Kaukasus nach Indien, die Handelsstraße durch die
+Ferghana nach dem hohen Asien. Man begreift, warum Alexander die Ferghana
+selbst, das heutige Ckokand, nicht seinem Reich hat zufügen wollen; er
+begnügt sich, mit Chodshent den Paß dorthin in seiner Gewalt zu haben; mit
+noch einem Vorlande mehr würde er die Nordmark seines Reiches und die Kraft
+der Defensive nur geschwächt haben.
+
+
+Es waren zwei Jahre verflossen, seit Alexander in diese Landschaften
+gekommen war und ein Unternehmen begonnen hatte, das, je größere
+Schwierigkeiten zu überwinden gewesen waren, desto vollständiger gelungen
+schien. Es hatte Mühe genug, blutiger Maßregeln, immer neuer Kämpfe gegen
+empörte Massen und gegen den trotzigen Widerstand der Herren aus ihren
+Felsenburgen bedurft. Jetzt war die Bevölkerung gebändigt, die Häupter des
+Landes gezüchtigt und ihre Burgen zerstört, denen, die sich endlich
+unterwarfen, verziehen; es war in einer bedeutenden Zahl neuer Städte dem
+hellenistischen Leben, für das auch diese Lande gewonnen werden sollten,
+Kraft, Anhalt und Beispiel gegeben; es war eine Form des Regimentes
+gegründet worden, das der besonderen Art dieser Lande und der militärischen
+Bedeutung derselben angemessen schien. Den Abschluß bildete die Vermählung
+des Königs mit der schönen Tochter eines dieser sogdianischen Pehlevanen,
+die jetzt gefeiert wurde; mag immerhin persönliche Neigung der nächste
+Anlaß zu dieser Verbindung gewesen sein, sie war ebensosehr eine Maßregel
+der Politik, gleichsam ein äußeres Zeichen und Vorbild der Verschmelzung
+Asiens und Europas, die Alexander als die Folgewirkung seiner Siege, als
+die Bedingung der Dauer dessen, was er schaffen wollte, erkannte und in
+allmählicher Erweiterung durchzuführen versucht hat.
+
+Freilich lagen in diesem Wollen, in dieser sich weit und weiter treibenden
+Verwirklichung Notwendigkeiten von sehr bedeutsamer Art. Nach der Natur der
+Elemente, die sich zusammenfinden und verschmelzen sollten, mußte das
+sprödere, gebundenere, durch die Wucht der trägen Masse stärkere asiatische
+vorerst überwiegen; sollte es gewonnen werden, so war es unvermeidlich, daß
+die Anschauungsweise, die Vorurteile, die Gewöhnungen der orientalischen
+Völker die Richtung gaben, in der sie, wenn die abendländische Macht sie
+nicht bloß unterworfen haben und beherrschen, sondern gewinnen und
+versöhnen wollte, an diese gewöhnt werden und an dem unendlich reicher
+entwickelten Wesen der Sieger allmählich teilzunehmen lernen konnten. Darum
+die asiatische Hofhaltung, mit der sich Alexander umgab, darum seine der
+medischen sich nähernde Tracht, in der er erschien, wenn die Waffen ruhten,
+darum das Zeremoniell und die Pracht des Hofes, die der Morgenländer als
+das »Gewand des Staates« an seinem Gebieter zu sehen fordert, darum endlich
+das Märchen von des Königs göttlicher Abstammung, über die er selbst mit
+seinen Vertrauten scherzte.
+
+Die Makedonen ihrerseits hatten längst über die Reichtümer Asiens, über das
+neue wunderreiche Leben, das sich mit jedem Tage in steigender Flut über
+sie ergoß, über die steten Strapazen des Heeresdienstes und den ersten
+Taumel des Sieges, des Ruhmes und der Herrschaft jene Einfalt und
+Dürftigkeit abgetan, die vor einem Jahrzehnt noch der Spott der attischen
+Rednerbühne gewesen war; die Begeisterung für ihren König, der nach wie vor
+unter ihnen kämpfte, der wunderbare Glanz seines Heldentums, in dessen
+Wiederschein sie sich sonnten, der Reiz des Herrseins, das jedem in seiner
+Sphäre hohes Selbstgefühl und die Begier zu neuen Taten gab, hatte sie
+vergessen lassen, daß sie friedliche Bauern und Hirten in der Heimat sein
+konnten. Und in der Heimat die Hirten und Bauern und Städter, wie überholt
+von dem plötzlichen Aufschwung ihres kleinen Landes zu der Höhe des Ruhmes
+und der geschichtlichen Größe, -- sie hörten der Heimkehrenden wunderbare
+Erzählungen, sahen die Reichtümer Asiens dem Vaterlande zuströmen, lernten
+schnell sich als das erste Volk der Welt fühlen; die Hoheit des Königtums,
+das einst nah und vertraulich auf _einer_ Scholle Erde mit ihnen geweilt
+hatte, wuchs wie die Entfernungen nach Babylon, nach Ekbatana, nach
+Baktrien und Indien, ins Unendliche.
+
+Das Volk der Hellenen endlich, geographisch in so viele exzentrische Kreise
+auseinandergelegt, und da, wo es in dichter Masse beieinander saß,
+politisch nach wie vor höchst zersplittert und höchst partikularistisch,
+kam im Verhältnis zu den Völkermassen Asiens der Zahl der unmittelbar
+Beteiligten nach kaum in Rechnung; desto mehr fiel das, was man als die
+Summe der geschichtlichen Entwicklungen der Griechenwelt bezeichnen kann,
+ihre Bildung, ins Gewicht. Die Elemente dieser Bildung oder richtiger ihrer
+Ergebnisse für den einzelnen und für das Gemeinleben waren die Aufklärung
+und die demokratische Autonomie. Die Aufklärung mit allem ihrem Segen und
+Unsegen, da Unglaube, dort Aberglaube, oft beides zugleich, hatte die
+Geister der alten schlichten Religiosität, dem Glauben an die ewigen Mächte
+und der Scheu vor ihnen entwöhnt, und nur noch die Hefe von Zeremonien,
+Opfern, Zeichen und Zauberwirkungen war in der Sitte und in konventioneller
+Geltung geblieben; klug sein galt jetzt statt fromm sein; Frivolität, Lust
+am Wagen und Gewinnen, der Ehrgeiz, sich irgendwie hervorzutun und das
+Raffinement mit dem, was man Besonderes konnte oder hatte, zu wuchern, das
+waren und wurden immer mehr die Impulse der praktischen Moral. Die
+Demokratie war die gegebene Form für das Gemeinwesen auf solcher Basis; wie
+schon Solon von seinen Athenern gesagt hatte: »Jeder für sich gehen sie des
+Fuchses Wege, vereint sind sie betäubten Verstandes.« Je breiter sich diese
+Demokratie entwickelt hatte, die Freiheit mit Sklavenarbeit und die Sklaven
+als ihre arbeitende Klasse, desto dreister und schärfer war jener
+Individualismus geworden, der in der hellenischen Staatenwelt die
+Rivalitäten immer spröder, die Schwächeren auf ihre Ohnmacht trotziger, die
+Stärkeren in ihrer Macht selbstsüchtiger gemacht, die Zerbröcklung und
+gegenseitige Zähmung endlich bis zu unmöglichen Zuständen getrieben hatte,
+-- bis Alexanders Siege völlig neue Bahnen öffneten und jeder Kraft und
+Begierde und Begabung, aller Fahrigkeit und Wagelust ein unermeßliches Feld
+ersprießlicher Arbeit erschlossen. Mochte daheim in Sparta, Athen, mancher
+Stadt sonst Trauer, Groll, arger Wille genug bleiben, mochten die Hellenen
+in Taurien mit ihren Skythen, die in Sizilien und Großgriechenland mit den
+Puniern und Italikern sich schlagen und vertragen, so gut es ging
+-- Tausende und aber Tausende lockte die erschlossene neue Welt des fernen
+Morgenlandes, sie folgten den Werbern Alexanders oder zogen auf eigene Hand
+ihm nach, in seinem Heere zu dienen oder im Lager allerlei Geschäft und
+Verdienst zu versuchen, in den neuen Städten sich anzusiedeln; sie
+gewöhnten sich an die asiatische Art zu leben, auch wohl an asiatische
+Unterwürfigkeit gegen den König und die großen Herren, wenn ihnen übrigens
+nur ihre Freimütigkeit und ihr sonstiger Betrieb nach hellenischer Art
+blieb; »die Gebildeten«, soweit sie nicht vorzogen, Gegner des Neuen zu
+sein, wurden um so enthusiastischere Bewunderer des großen Königs;
+Rhetoren, Poeten, Witzlinge, Meister und Bewunderer geistreicher Rede, wie
+sie waren, gefielen sie sich darin, Phrasen, wie sie auf die Helden von
+Marathon und Salamis, auf Heroen wie Perseus und Herakles, auf die Siege
+des Bacchos und Achilleus hergebracht waren, auf ihn anzuwenden; selbst die
+Ehren der alten Heroen und des Olymps mußten zum Preise des mächtigen
+Herrschers dienen. Längst hatten die Sophisten gelehrt, daß alle die, zu
+welchen man wie zu Göttern betete, eigentlich ausgezeichnete Kriegshelden,
+gute Gesetzgeber, vergötterte Menschen seien; und so gut manches Geschlecht
+sich von Zeus oder Apollon abzustammen rühme, ebensogut könne ja wieder der
+Menschen einer durch große Taten wie einst Herakles in den Olymp kommen,
+oder wie Harmodios und Aristogeiton heroischer Ehren teilhaftig werden.
+Hatten nicht hellenische Städte dem Lysandros, dem Vernichter der attischen
+Macht, Altäre gestiftet und Opfer gebracht und Päane gesungen? Hatte Thasos
+nicht in feierlicher Gesandtschaft »Agesilaos dem Großen«, wie man ihn
+nannte, die Apotheose und die Errichtung eines Tempels angetragen? Um
+wieviel Größeres hatte Alexander getan? Kallisthenes schrieb in seiner
+Geschichte ohne Bedenken von dem Orakel des Ammon, das Alexander als Sohn
+des Zeus bezeichnet hatte, von dem der Branchiden bei Miletos, das den
+gleichen Ausspruch getan. Wenn späterhin in hellenischen Staaten ihm
+göttliche Ehren zu gewähren in Vorschlag gebracht wurde, so war es nicht im
+Interesse der Religion, sondern Parteisache, daß dem Antrage teilweise
+widersprochen wurde.
+
+Alles dies vorausgesetzt, kann man sich ein ungefähres Bild von der
+Umgebung Alexanders machen. Dies bunte Durcheinander der
+verschiedenartigsten Interessen, das geheime Spiel von Rivalitäten und
+Intrigen, der unablässige Wechsel von Gelagen und Kämpfen, von
+Festlichkeiten und Strapazen, von Überfluß und Entbehrung, von strengem
+Dienst im Felde und zügellosen Genüssen in den Kantonierungen, dazu das
+stete Weiterdringen in andere und andere Länder, ohne Sorge für die
+Zukunft, und nur der Gegenwart gewiß, das alles vereinte sich, der Umgebung
+Alexanders jene abenteuerliche und phantastische Haltung zu geben, die zu
+dem wunderbaren Glanze seiner Siegeszüge paßte. Neben seiner überwiegenden
+Persönlichkeit treten die einzelnen selten aus der Masse hervor, ihr
+Verhältnis zum Könige ist ihr Charakter; so der edle Krateros, der, so
+heißt es, den König, der milde Hephaistion, der den Alexander liebe; so der
+immer zuverlässige und dienstbereite Lagide Ptolemaios, der ruhige, durch
+und durch treue Koinos, der reckenhafte Lysimachos. Kenntlicher sind die
+allgemeinen Charaktere: die makedonischen Edlen, militärisch, trotzig,
+herrisch, bis zum Gespreizten voll Selbstgefühl; die asiatischen Fürsten,
+zeremoniös, prunkend, Meister in jeder Kunst des Luxus, der Unterwürfigkeit
+und Intrige; die Hellenen, teils im Kabinett des Königs, wie der Kardianer
+Eumenes, oder für andere technische Zwecke beschäftigt, teils als Dichter,
+Künstler, Philosophen im Gefolge des Königs, der auch unter den Waffen der
+Musen nicht vergaß, und weder Geschenke noch Huld und Herablassung sparte,
+um die auszuzeichnen, welche er um den Ruhm der Wissenschaft beneidete.
+
+Unter diesen Hellenen in Alexanders Gefolge waren besonders zwei Literaten,
+die durch sonderbare Verknüpfung der Umstände einige Bedeutung in den
+Verhältnissen des Hoflagers gewannen. Der eine war der oben erwähnte
+Olynthier Kallisthenes; Schüler und Neffe des großen Aristoteles, der ihn
+seinem königlichen Zöglinge zugesandt hatte, begleitete er den König nach
+dem Osten, um als Augenzeuge die Großtaten der Makedonen der Nachwelt zu
+überliefern; er soll gesagt haben: er sei zu Alexander gekommen, nicht um
+sich Ruhm zu erwerben, sondern ihn berühmt zu machen; daß ein göttliches
+Wesen in ihm sei, werde man nicht um deswillen glauben, was Olympias von
+seiner Geburt lüge, es werde von dem abhängen, was er in seinem
+Geschichtswerk der Welt sagen werde. Die Fragmente dieses Geschichtswerkes
+zeigen, wie hoch er ihn gefeiert hat; von jenem Zuge über den pamphylischen
+Strand sagt er, die Wellen des Meeres hatten sich niedergelegt, wie um vor
+dem Könige die Proskynesis zu machen; vor der Schlacht von Gaugamela läßt
+er den König die Hand zu den Göttern erheben und ausrufen: wenn er des Zeus
+Sohn sei, so möchten sie ihm beistehen und für die hellenische Sache
+entscheiden. Seine hohe Bildung, sein Talent des Vortrages, seine gemessene
+Haltung gaben ihm auch in militärischen Kreisen Ansehen und Einfluß. Sehr
+anders Anaxarchos von Abdera, der »Eudämoniker«: er war ein Mann von Welt,
+dem König stets untertänig und oft lästig; einst bei einem Gewitter soll er
+ihn gefragt haben: »Donnerst du, Sohn des Zeus?« worauf Alexander lachend
+geantwortet habe: »Ich mag mich meinen Freunden nicht so furchtbar zeigen,
+wie du wohl wünschest, der du deswegen meine Tafel verachtest, daß ich
+statt der Fische nicht Satrapenköpfe aufsetzen lasse«; ein Ausdruck, dessen
+sich Anaxarchos, so heißt es, bedient hatte, als er den König sich an einem
+Gericht kleiner Fische, die ihm Hephaistion geschickt, freuen sah. In
+welchem Sinne seine Schrift vom Königtum geschrieben sein mochte, wird man
+aus den Trostgründen schließen dürfen, mit denen er, wie erzählt wird, nach
+Kleitos' Ermordung den König aufzurichten suchte: »Weißt du nicht, o König,
+daß darum die Gerechtigkeit zur Beisitzerin des Königs Zeus gemacht ist,
+weil alles, was Zeus tut, gut und recht ist? Ebenso muß, was ein König auf
+dieser Welt getan, zunächst von ihm selbst, dann von der übrigen Menschheit
+für Recht erkannt werden.«
+
+Es ist nicht mehr ersichtlich, wann und auf welchen Anlaß sich die
+Beziehungen des Königs zu Kallisthenes zu lockern begannen. Einst, so wird
+erzählt, war Kallisthenes beim Könige zur Tafel und wurde von diesem
+aufgefordert, beim Wein eine Lobrede auf die Makedonen zu halten; er tat es
+mit der ihm eigentümlichen Kunst unter dem lautesten Beifall der
+Anwesenden. Dann sagte der König: es sei leicht, das Ruhmreiche zu rühmen,
+er möge seine Kunst beweisen, indem er gegen dieselben Makedonen spräche
+und durch gerechten Tadel sie des Besseren belehren. Das tat der Sophist
+mit schneidender Bitterkeit: der Griechen unselige Zwietracht habe die
+Macht Philipps und Alexanders gegründet, im Aufruhr komme auch ein Elender
+bisweilen zu Ehren. Empört sprangen die Makedonen auf, und Alexander sagte:
+»Nicht von seiner Kunst, sondern von seinem Haß gegen uns hat der Olynthier
+einen Beweis gegeben.« Kallisthenes aber ging heim und sagte dreimal zu
+sich selbst: »Auch Patroklos mußte sterben und war mehr denn du!«
+
+Daß der König die asiatischen Großen nach dem Zeremoniell der persischen
+Hofsitte empfing, war natürlich; es war eine für sie empfindliche
+Ungleichheit, wenn die Hellenen und Makedonen sich ohne solche Formen der
+Ehrerbietung der Majestät des Königs nahen durften. Wie einmal des Königs
+Stellung und Auffassung war, mochte es ihm erwünscht sein, daß, diesen
+Unterschied zu beseitigen, die morgenländische Proskynesis zur Hofsitte
+werde; aber ebenso mochte er den Vorurteilen, an welchen mancher haftete,
+nicht durch einen Befehl Anlaß zur Mißdeutung und Unzufriedenheit geben
+wollen. Hephaistion und einige andere übernahmen es, die Sache einzuleiten;
+beim nächsten Gelage, so heißt es, habe es zur Ausführung kommen sollen;
+von Anaxarchos sei da in diesem Sinn gesprochen worden, von Kallisthenes in
+eingehender und ernst abmahnender Weise und in unmittelbarer Anrede an den
+König so schroff dagegen, daß der König, sichtlich verletzt, jede weitere
+Erwähnung der Sache untersagt habe. Eine andere Erzählung sagt: der König
+habe bei Tafel die goldene Schale genommen und zunächst denen, mit welchen
+die Proskynesis verabredet gewesen sei, zugetrunken; dann sei der so
+Begrüßte, nachdem er seine Schale geleert, aufgestanden, habe die
+Proskynesis gemacht, sei dann vom Könige geküßt. Als nun die Reihe an
+Kallisthenes gekommen und der König ihm zugetrunken, dann mit Hephaistion,
+der an seiner Seite gesessen, weitergesprochen, habe der Philosoph die
+Schale geleert, sich erhoben, zu Alexander zu gehen und ihn zu küssen; der
+König habe nicht bemerken wollen, daß die Proskynesis unterlassen sei, aber
+einer der Hetairen habe gesagt: »Küsse ihn nicht, o König, er ist der
+einzige, der nicht angebetet.« Alexander habe ihm darauf den Kuß geweigert
+und Kallisthenes, indem er sich hinweggewendet, gesagt: »So gehe ich um
+einen Kuß ärmer fort.«
+
+Noch manches andere wird von diesen Vorgängen berichtet; bemerkenswert
+erscheint die Angabe, daß Hephaistion gesagt habe, auch von Kallisthenes
+sei in der vorhergehenden Besprechung die Proskynesis ausdrücklich
+zugesagt, nicht minder die Angabe, daß Lysimachos, der Somatophylax, und
+zwei andere den König auf des Sophisten hochmütiges Verhalten hingewiesen,
+Äußerungen von ihm über Tyrannenmord angeführt hätten, die um so mehr zu
+beachten seien, da viele der jungen Edelleute an ihm hingen, seine Worte
+wie Orakel, ihn selbst wie den einzigen Freien unter den Tausenden des
+Heeres betrachteten.
+
+Nach einer schon von König Philipp herstammenden Einrichtung wurden die
+Söhne des makedonischen Adels mit ihrem Eintritt ins Jünglingsalter
+einberufen, um als »königliche Knaben« um des Königs Person und militärisch
+als seine »Leibwächter« ihre Laufbahn zu beginnen; sie waren im Felde seine
+nächste Begleitung, sie hatten die Nachtwache in seinem Quartier, sie
+führten ihm das Pferd vor, sie waren um ihn bei Tafel und auf der Jagd; sie
+standen unmittelbar unter seiner Obhut, und nur er durfte sie strafen; er
+sorgte für ihre wissenschaftliche Ausbildung, zunächst für sie waren wohl
+die Philosophen, Rhetoren und Poeten, die Alexander begleiteten, berufen
+worden.
+
+Unter diesen jungen Adligen war Hermolaos, der Sohn des Sopolis, desselben,
+der von Nautaka aus auf Werbung nach Makedonien gesandt war. Hermolaos,
+ein eifriger Verehrer des Kallisthenes und seiner Philosophie, hatte, so
+scheint es, die Ansichten und Tendenzen seines Lehrers mit Begeisterung
+aufgefaßt; mit jugendlichem Unwillen sah er diese Vermischung des
+persischen und hellenischen Wesens, die Zurücksetzung des makedonischen
+Herkommens. Bei einer Jagd, als ein Eber auf die Wildbahn kam und dem
+Könige, der nach Hofsitte den ersten Wurf hatte, vor den Speer rannte,
+erlaubte sich der junge Mann den ersten Wurf und erlegte das Tier; ein
+Dienstvergehen, das der König unter anderen Umständen vielleicht nicht
+beachtet hätte, bei Hermolaos aber als absichtlich ansah und demgemäß
+bestrafte, indem er ihn züchtigen und ihm sein Pferd nehmen ließ. Hermolaos
+fühlte nicht sein Unrecht, nur die empörende Kränkung, die ihm angetan sei.
+Sein Busenfreund war Sostratos, der Sohn des Tymphäers Amyntas, desselben,
+der mit seinen drei Brüdern bei Philotas' Prozeß in den Verdacht der
+Mitschuld gefallen war, und, um sich aller Schuld frei zu zeigen, den Tod
+im Kampfe gesucht hatte; diesem Sostratos teilte sich Hermolaos mit: das
+Leben sei ihm verleidet, wenn er sich nicht rühren könnte. Leicht war
+Sostratos gewonnen; es sei ja Alexander, der ihm schon den Vater entrissen,
+der ihm jetzt den Freund beschimpft habe. Die beiden Jünglinge zogen noch
+vier andere aus der Schar der Edelknaben ins Geheimnis; es waren
+Antipatros, der Sohn des Asklepiodoros, des gewesenen Statthalters von
+Syrien, Epimenes, Arseas' Sohn, Antiklas, Theokritos' Sohn, und der
+thrakische Philotas, des Karsis Sohn; sie verabredeten, in der Nacht, wenn
+Antipatros die Wache habe, den König im Schlafe zu ermorden.
+
+Der König, so wird erzählt, habe diese Nacht mit den Freunden gegessen, sei
+dann länger als sonst in ihrer Gesellschaft geblieben; als er nach
+Mitternacht habe aufbrechen wollen, sei ein syrisches Weib, eine
+Wahrsagerin, die ihm seit Jahren gefolgt sei und anfangs wenig beachtet,
+allmählich, da sich ihr Rat und ihre Warnung mehrfach bewährt, seine
+Beachtung und sein Ohr gewonnen habe, -- diese Syrerin sei, da er fortgehen
+wollte, plötzlich ihm gegenüber gewesen und habe ihm gesagt: er möge
+bleiben und die Nacht durchtrinken. Der König habe dem Rat Folge geleistet,
+und so sei für diese Nacht der Plan der Verschworenen vereitelt worden.
+Sicherer scheint das Weitere zu sein; die unglücklichen jungen Leute gaben
+ihren Plan nicht auf, sie beschlossen, ihn in der nächsten Nachtwache, die
+auf sie fiel, auszuführen; Epimenes sah tags darauf seinen Busenfreund
+Charikles, den Sohn des Menandros, sagte ihm, was bereits geschehen, was
+noch im Werke sei. Bestürzt eilte Charikles zu seines Freundes Bruder
+Eurylochos, beschwor ihn, durch schnelle Anzeige den König zu retten;
+dieser eilte in des Königs Zelt und entdeckte dem Lagiden Ptolemaios den
+furchtbaren Plan. Auf seine Anzeige befahl der König, sofort die
+Verschworenen zu verhaften; sie wurden verhört, gefoltert; sie bekannten
+ihren Plan, ihre Genossen, Kallisthenes' Mitwissenschaft; auch dessen
+Verhaftung erfolgte. Das zum Kriegsgericht berufene Heer sprach über die
+Verschworenen das Urteil, vollzog es nach makedonischer Art. Kallisthenes,
+der Hellene und nicht Soldat war, wurde in Ketten gelegt, um später
+gerichtet zu werden. Alexander soll darüber an Antipatros geschrieben
+haben: »Die Knaben sind von den Makedonen gesteinigt worden, den Sophisten
+aber will ich selbst bestrafen, und auch diejenigen, die ihn zu mir
+geschickt haben, und die in ihren Städten Verräter gegen mich aufnahmen.«
+Kallisthenes ist dann während des indischen Feldzuges nach Aristobulos'
+Angabe als Gefangener gestorben, nach Ptolemaios gefoltert und gehängt
+worden.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Das indische Land -- Die Kämpfe diesseits des Indus -- Der
+ Übergang über den Indus -- Zug nach dem Hydaspes -- Der
+ Fürst von Taxila -- Krieg gegen den König Poros -- Schlacht
+ am Hydaspes -- Kämpfe gegen die freien Stämme -- Das
+ Heer am Hyphasis -- Umkehr
+
+
+Indien ist eine Welt für sich. In der Eigenartigkeit seiner Natur, seiner
+Bevölkerung, seiner Religion und Bildung völlig in sich abgeschlossen, war
+es der Westwelt des Altertums jahrhundertelang nur dem Namen nach, nur wie
+ein Wunderland am Ostsaume der Erde bekannt. Von zwei Seiten umfluten es
+ozeanische Meere, in denen spät erst Betriebsamkeit und Wissenschaft die
+Straßen der leichtesten und sichersten Verbindung erschließen sollte; von
+zwei anderen Seiten türmen sich zu zwei- und dreifacher Umwallung
+Gebirgsmassen empor, zum Teil die höchstragenden der Erde, deren
+Schneepässe im Norden, deren glühende Felsspalten im Westen nur dem frommen
+Pilger, dem wandernden Handelsmann, dem Räuber der Wüste mühsame Wege zu
+öffnen scheinen, nicht dem Völker- und Weltverkehr.
+
+Der Bevölkerung Indiens selbst ist die Erinnerung ihrer Vorzeit in zeit-
+und raumlosen Phantastereien verschwommen und verkommen, seit sie aufgehört
+hat, sich selbst anzugehören; aber dem voraus liegt eine Vergangenheit
+großer und mannigfacher Entwicklungen, das Werden und Reifen der
+religiösen, hierarchischen, politischen Bildungen, in denen sich jene
+Eigenartigkeit der indischen Welt vollendet hat. In ihrer Mittagshöhe,
+bevor sie noch den ersten Schritt abwärts getan, scheint sie der
+makedonische Eroberer gesehen zu haben, der erste Europäer, der den Weg
+nach Indien gefunden.
+
+Er fand die Stelle, die wie ein Tor zu dem indischen Lande ist. Ein Strom
+durchbricht da den Gebirgswall, der Indien von der Westwelt scheidet;
+entsprungen in den Hochgebirgen, denen einander nah die Gewässer von
+Baktrien und Ariana entquellen, stürzt sich der Kophen, mit zahlreichen
+Zuflüssen von Norden her verstärkt, ostwärts zu dem Bette des mächtigen
+Indus hinab; umsonst türmen sich rechts und links von diesem Weststrom die
+wildesten Felsenmassen empor, sie öffnen seinen reißenden Wassern ein
+eingeengtes Tal, nach dem die lachende Ebene von Peschawar zu dem
+fruchtüppigen Tropenklima Indiens hinabführt. Aber es ist noch nicht das
+rechte Indien, das sich hier öffnet; die fünf Ströme des Pandschab, die
+Überschwemmungen der Sommermonate, der breite Gürtel der Wüste im Osten und
+Süden machen das Abendland Indiens zu einer zweiten Schutzwehr des heiligen
+Gangeslandes; es ist, als habe die Natur einen Liebling vor Gefahren, denen
+sie einen Weg geöffnet, doch noch zu schützen versuchen wollen. An das
+Gangesland knüpft sich alles Heilige und Große, was der Hindu kennt; dort
+ist der uralte fromme Glaube und die strenge Sonderung der Kasten, die aus
+Brahma gezeugt sind, heimisch, dort sind die heiligsten Orte der
+Wallfahrten und der Strom des geweihten Wassers. Die Stämme im Abend der
+Wüste, obschon verwandten Geschlechtes und Glaubens, sind abgewichen von
+der strengen Reinheit des göttlichen Gesetzes, sie haben nicht den Verkehr
+mit der Welt draußen gemieden, sie haben nicht die Würde königlicher
+Herrschaft, nicht die Lauterkeit der Kasten, nicht die Abgeschlossenheit
+gegen die unreinen und verhaßten Fremdlinge bewahrt, die doch Bedingung,
+Sicherung und Beweis des heiligen Lebens ist; sie sind die Entarteten und
+den Fremdlingen preisgegeben.
+
+So schon in Alexanders Zeit. Die damals im Gangeslande hochentwickelten
+brahmanischen Völker arischen Stammes hatten vergessen, daß auch sie einst
+in dem Lande der »sieben Ströme« gesessen haben, daß sie in grauer Vorzeit
+wandernd durch jenes Westtor gekommen sind, wie denn Namen ihrer
+ruhmreichsten Geschlechter, die sich am Oxos und Jaxartes erhalten haben,
+auf ihre früheren Sitze schließen lassen. Ihrem Wanderzuge sind andere
+Völker arischer Sprache und Art dorthin nachgezogen; aber zu großen
+Wagnissen nicht stark oder nicht begehrlich genug, blieben sie mit ihren
+Herden auf den Gebirgsweiden am Kophen und dessen Nebenflüssen bis zum
+Indus hin.
+
+Dann ward Assyrien mächtig, gewann vom Tigris ausgehend wie das breite
+syrische Tiefland, so das arische Hochland; aber Semiramis sah, so wird
+erzählt, an der Indusbrücke die Kamele der westlichen Steppen vor den
+Elefanten des indischen Ostens flüchten. Dann folgten die Meder, die
+Perser; und seit Kyros' Zeit wird unter den Satrapien des Reiches auch
+Gandara, es werden in den persischen Heeren des Xerxes Gandarener und
+andere Inder aufgeführt; und Dareios sandte von seiner Stadt Kaspatyros --
+wohl Kabul -- einen hellenischen Mann nach dem Indus, um diesen hinab bis
+ins Meer zu fahren, der dann auch durch das Arabische Meer zurückkehrte,
+eine Sendung, die des Großkönigs umfassende Pläne ahnen läßt; aber die
+Kämpfe Persiens im Abendlande und das rasch einbrechende Sinken des Reiches
+ließ sie nicht zur Erfüllung kommen.
+
+Nie hat sich die Herrschaft der Achämeniden bis jenseits des Indus
+erstreckt; die Ebene am Fuß des Paropamisos mit den westlichen Zweigen
+indischer Bevölkerung war das letzte Gebiet, das die Großkönige besaßen;
+von dort her waren die Elefanten des letzten Perserkönigs, die ersten,
+welche die Westwelt sah; mit ihnen nahmen in der Schlacht bei Gaugamela die
+Inder, »die an Baktrien grenzten«, unter Bessos' Führung, die Berginder
+unter Barsaentes, dem Satrapen von Arachosien, teil. Jenseits des Indus
+folgte eine Kette unabhängiger Staaten, die sich über die fünf Ströme gen
+Osten bis zur Wüste, gen Süden bis zur Indusmündung ausdehnte, eine
+Musterkarte kleinerer und größerer Völker, Fürstentümer und Republiken, ein
+buntes Durcheinander politischer Zersplitterung und religiöser Verwirrung,
+untereinander ohne andere Gemeinschaft als die der gegenseitigen Eifersucht
+und des steten Wechsels von treulosen Bündnissen und selbstsüchtigen
+Fehden.
+
+Alexander hatte mit der Unterwerfung des sogdianischen Landes die
+Besitznahme des Perserreiches vollendet; die Satrapie des Paropamisos, die
+er im Jahre 329 besetzt, in der er Alexandreia am Kaukasus gegründet hatte,
+war zum Ausgangspunkte des Zuges nach Indien bestimmt. Der
+militärisch-politische Gedanke dieses Kriegszuges wird in unseren Quellen
+nicht angegeben; er wird sich aus dem Zusammenhang der weiteren Ereignisse
+hinlänglich ergeben.
+
+Alexander hatte bereits über den Indus hinaus mehrfache Verbindungen;
+namentlich die mit dem Fürsten Taxila (Takschaçila) waren von großer
+Bedeutung. Dessen Königreich lag auf dem Ostufer des Indus, der Mündung des
+Kophen gegenüber; es erstreckte sich ostwärts nach dem Hydaspes (Vitasta)
+in einer Ausdehnung, die man der der ägyptischen Statthalterschaft
+gleichschätzte. Der Fürst, mit mehreren seiner Nachbarn, namentlich dem
+Paurava, dem Fürsten Poros am Hydaspes, verfeindet und zugleich nach
+Erweiterung seines Gebietes begierig, hatte den König während seines
+Aufenthaltes in Sogdiana zu einer indischen Heerfahrt aufgefordert und sich
+bereit erklärt, die Inder, die sich ihm zu widersetzen wagen würden, mit
+ihm gemeinsam zu bekämpfen. Auch ein Fürst aus dem Lande diesseits des
+Indus war bereits in des Königs Umgebung, Sisikottos, der, wohl als die
+Makedonen von Arachosien her anrückten, zu Bessos nach Baktrien gegangen
+war, dann, als dessen Unternehmen kläglich zusammenbrach, sich dem Sieger
+zugewandt hatte und ihm fortan in treuer Ergebenheit diente. Durch solche
+Verbindungen konnte Alexander über die indischen Verhältnisse, über die
+Natur des Landes und seiner Bevölkerung Hinreichendes in Erfahrung bringen,
+um den Gang seines Unternehmens und die zu demselben erforderlichen
+Vorbereitungen und Streitkräfte mit einiger Sicherheit zu bestimmen.
+
+In den Vorbereitungen, die er während des letzten Jahres gemacht hatte,
+läßt sich die richtige Würdigung der bevorstehenden Schwierigkeiten nicht
+verkennen. Das verfügbare Heer, das seit der Vernichtung der persischen
+Macht nicht eben bedeutend zu sein brauchte, um die einzelnen Satrapien zu
+unterwerfen, reichte in der Stärke, die es die zwei letzten Jahre in
+Baktrien gehabt hatte, zum Kampfe gegen die stark bevölkerten und mit
+großer Kriegsmacht versehenen indischen Staaten nicht aus. Wohl waren immer
+neue Tausende, teils Makedonen, wie es scheint nach ihrer Dienstpflicht,
+teils thrakische, agrianische, hellenische Söldner, von Beute und Ruhm
+gelockt, gen Asien nachgezogen, so daß die anfängliche Zahl von 35 000
+Kombattanten, mit denen Alexander 334 begonnen hatte, im Laufe der sechs
+Jahre trotz der Verluste, welche die unausgesetzten Anstrengungen, die Züge
+durch Schneegebirge und Wüsten, die klimatischen Einflüsse und die
+ebensooft durch Mangel wie durch Überfluß ungesunde Lebensweise
+hervorgebracht haben mußte, sich dennoch verdoppelt haben mochte. Aber
+teils hatte der König die hellenischen, die thessalischen Bundesgenossen
+heimgehen lassen, teils waren Truppen in bedeutender Menge als Besatzungen
+der okkupierten Länder und der Hauptwaffenplätze in denselben
+zurückgeblieben; das baktrianische Gebiet allein behielt ein Korps von
+10 000 Mann Fußvolk und 3500 Reitern; nicht minder mußten bedeutende
+Streitkräfte im arachosischen Alexandrien, in Ekbatana, Babylon, Ägypten
+usw. stehen, wenn schon es wahrscheinlich ist, daß namentlich die
+Westsatrapien nicht von der großen Armee, sondern aus Europa ihre
+Besatzungen ergänzten. Für den indischen Feldzug hatte der König aus den
+streitbaren Völkern der arianischen und oxianischen Lande sein Heer
+verstärkt. Daß auch Phönikier, Kyprier, Ägypter in bedeutender Zahl beim
+Heere waren, zeigt sich demnächst bei der Ausrüstung der Indusflotte. Die
+Stärke des Heeres um die Zeit, als es den Indus hinabzog, betrug nach
+zuverlässiger Angabe 120 000 Mannen[13].
+
+ [13] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Man sieht, dem Material nach war dies Heer schon nicht mehr ein
+hellenisch-makedonisches, wohl aber der Organisation nach; und die
+Tatsache, daß die folgenden Feldzüge mit diesem Heer geführt sind,
+gestattet auf die feste Disziplin, auf die Armeeverwaltung und deren
+Organisation, auf die Autorität der Befehlenden, vor allem auf den
+militärischen Geist und die vollendete Tüchtigkeit des Offizierkorps
+sichere Schlüsse; Dinge, von denen freilich in den Überlieferungen so gut
+wie nichts steht, und die doch am wenigsten in dem kriegsgeschichtlichen
+Bilde Alexanders zu entbehren sind. Das Heer, das solche Fülle fremdartiger
+Elemente in den festen Rahmen der makedonischen Formation aufnahm und sich
+anbildete, wurde der Kern und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, eine Schule
+der hellenistischen Gestaltung, die sich ebenso aus der Natur des neuen
+Reiches ergab, wie dessen Schaffung allein möglich machte. Wenn Alexander
+wie in Ägypten und den syrischen Landen, in Iran und Baktrien, so demnächst
+in Indien Tausende seiner Kriegsleute als Besatzung und Bürger der neuen
+Städte zurückließ und dafür in sein Heer Asiaten in größerer Zahl aufnahm,
+so zeigt das mehr als alles andere die kühne Konsequenz seines Gedankens
+und seine Zuversicht auf dessen Richtigkeit und Macht; und es begreift
+sich, daß er durch die versuchten Oppositionen des makedonischen Stolzes
+und des hellenischen Liberalismus sich nicht beirren ließ; mit der Macht
+einer imperatorischen Persönlichkeit war er gewiß, auch ferneren Hoch- und
+Schwachmütigkeiten zum Trotz, alles dem Zuge seines Willens folgen zu
+machen.
+
+Gegen Ende des Frühlings 327 brach Alexander von Baktrien auf. Die
+Gebirgswege, die vor zwei Jahren so viele Mühe gemacht hatten, lagen jetzt
+frei von Schnee; Vorräte waren reichlich vorhanden; auf einer kürzeren
+Straße erreichte man nach einem zehntägigen Marsche die Stadt Alexandreia
+am Südabhange des Gebirges.
+
+Der König fand sie nicht in dem Zustande, wie er erwartet hatte;
+Neiloxenos, der seine Befehlshaberstelle nicht mit der notwendigen Umsicht
+und Kraft verwaltet hatte, wurde entsetzt, auch der Perser Proexes verlor
+sein Amt als Satrap der Paropamisaden. Aus der Umgegend wurde die
+Bevölkerung der Stadt vermehrt, vom Heere blieben die zum Dienst
+Untauglichen in ihr zurück; den Befehl über die Stadt und ihre Besatzung,
+sowie den Auftrag, für ihren weiteren Ausbau Sorge zu tragen, erhielt
+Nikanor von den Hetairen; Tyriaspes wurde zum Satrapen des Landes bestellt,
+dessen Grenze fortan der Kophenfluß sein sollte. Alexander zog durch dies
+schöne, blumen- und fruchtreiche Land zunächst nach Nikaia, die Opfer, die
+er der Athena brachte, bezeichneten, so war es seine Weise, den Beginn
+eines neuen Feldzuges.
+
+Das Heer nahte sich der Grenze der Paropamisaden, die da, wo die obere
+Ebene des Kophen sich schließt, gewesen sein wird[14]. Dort tritt der schon
+bedeutende Fluß in das Felsental, das wie ein Tor zu dem Lande des Indus
+ist; auf seiner Südseite begleiten ihn die Vorberge des hohen Sefid-Kuh,
+die von Dakka bis zur Feste Ali-masjed und Jamrud nahe vor Peschawar am
+rechten Ufer des Stromes die sieben Meilen langen Khaibarpässe bilden,
+während auf seinem linken Ufer vom Norden her wie Querriegel mehrere
+bedeutende Gebirgszüge, die sich von der Hochkette des westlichen Himalaja
+abzweigen, bis nahe an seine Ufer streichen. Der Choaspes (Jarkhun oder
+Kunar) und weiter östlich der Guräos (Pandjkora), beide mit zahlreichen
+Nebenflüssen und Nebentälern, bilden die vielen Bergkantone dieses Landes
+»diesseits des Indus«, deren Bewohner unter dem Namen der Açvaka
+zusammengefaßt werden, wenn auch die einzelnen Distrikte, meist unter
+eigenen Fürsten, ihre besonderen Namen führten. Im Kophental selbst wohnten
+die Astakener, wohl so genannt, weil sie im Westen (Asta) des Indus
+wohnten.
+
+ [14] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Alexander hatte von Nikaia aus Herolde an die indischen Fürsten, die am
+unteren Lauf des Kophen und am Ufer des Indus herrschten, vorausgesandt; er
+ließ sie zu sich entbieten, ihre Huldigung zu empfangen. So kam der Fürst
+von Taxila, mehrere Rajas des Landes diesseits des Indus, nach der
+prunkenden Art der Hindufürsten auf geschmückten Elefanten und mit reichem
+Gefolge; sie brachten dem Könige kostbare Geschenke, sie boten ihm ihre
+Elefanten, es waren fünfundzwanzig, zum beliebigen Gebrauch. Alexander
+eröffnete ihnen: er hoffe im Laufe dieses Sommers das Gebiet bis zum Indus
+zu beruhigen, er werde die vor ihm erschienenen Fürsten belohnen,
+diejenigen, welche sich nicht unterworfen hätten, zum Gehorsam zu zwingen
+wissen; er gedenke den Winter am Indus zuzubringen, um in dem nächsten
+Frühling die Feinde seines Verbündeten, des Fürsten von Taxila, zu strafen.
+Sodann teilte er seine gesamten Streitkräfte in zwei Armeen, von denen die
+eine unter Perdikkas und Hephaistion an dem rechten Ufer des Kophen zum
+Indus hinabziehen sollte, während er selbst mit der anderen das sehr
+schwierige, von streitbaren Völkern bewohnte Land im Norden desselben
+Flusses durchziehen wollte. Es galt mit dieser Doppelbewegung den Stämmen
+im Norden und Süden des Kophen durch gleichzeitigen Angriff gemeinsamen
+Widerstand und gegenseitige Unterstützung unmöglich zu machen, zugleich mit
+dem Vordringen durch die nördlichen Quertäler die Pässe im Süden zu
+überholen, mit dem Vordringen durch diese Pässe die Stämme im Norden, gegen
+welche des Königs Kolonne vordrang, in der Flanke zu fassen, in der Ebene
+zwischen Peschawar und Attock sich vereinigend. Der Wege und Pässe hinter
+sich Meister, konnten sie daran gehen, den Indus zu überschreiten.
+
+Demnach rückten Hephaistion und Perdikkas mit den Phalangen Gorgias,
+Kleitos, Meleagros, mit der Hälfte der makedonischen Ritterschaft und
+sämtlichen Söldnerreitern, am Kophenfluß, auf dessen rechtem Ufer, wo die
+Gandarer wohnten, hinab, indem die indischen Fürsten, die dem Könige
+gehuldigt hatten, mit ihnen in ihre Länder zurückkehrten. Sie hatten
+Befehl, alle bedeutenden Plätze zu besetzen oder, falls ihre Übergabe
+geweigert werde, sie mit Gewalt zu unterwerfen, an den Ufern des Indus
+angelangt, sofort den Bau der Indusbrücke zu beginnen, über welche
+Alexander nach dem Innern Indiens vorzurücken gedachte.
+
+Alexander selbst ging mit den Hypaspisten, der anderen Hälfte der
+Ritterschaft, mit der größeren Zahl der Phalangen, mit den Bogenschützen,
+den Agrianern und den Akontisten zu Pferd über den Kophen und durch den Paß
+von Dshelalabad ostwärts[14]. Hier kommt der Choes oder Choaspes, der aus
+den Gletschern des Puschti-kur im Hochgebirge entspringt, in die Talebene
+hinab, zunächst aufwärts längs den mächtigen Felsenlagen des Khond ein
+wildes Talland bildend, dessen andere Seite der kaum weniger mächtige
+Gebirgszug schließt, der dies Tal von dem des Guräos scheidet; für
+militärische Bewegungen ein äußerst schwieriges Terrain. Das Volk der
+Aspasier hatte hier seine Sitze, seine Bergfesten, seine zahlreichen
+Herden; einige Tage nordwärts am Choaspes lag die Fürstenstadt, wichtig
+auch durch die Gebirgsstraße, die hier vorüber (in dem Tal von Tschitral)
+über das Hochgebirge nach dem Quelllande des Oxos führt. Sobald Alexander
+über diesen Fluß gesetzt war, und dem sich allmählich verengenden Tale
+folgend die Südgrenze des aspasischen Landes erreichte, flüchteten sich die
+Einwohner teils in die Berge, teils in die festen Städte, entschlossen, den
+Makedonen Widerstand zu leisten. Desto mehr eilte Alexander vorwärts; mit
+der gesamten Reiterei und 800 Hypaspisten, die gleichfalls beritten gemacht
+wurden, rückte er voraus und gelangte bald zu der ersten Stadt der
+Aspasier, die mit einer doppelten Mauer versehen war und durch eine
+bedeutende unter den Wällen aufgestellte Streitmacht verteidigt wurde.
+Unmittelbar vom Marsch aus griff der König an; nach einem heftigen Gefecht,
+in dem er selbst in der Schulter, und von seiner nächsten Umgebung die
+Leibwächter Ptolemaios und Leonnatos verwundet wurden, mußten sich die
+Barbaren hinter die Mauern ihrer Stadt zurückziehen. Der Abend, die
+Erschöpfung der Truppen, die Wunde des Königs machten weiteren Kampf
+unmöglich; die Makedonen lagerten hart an den Mauern der Stadt. Früh am
+nächsten Morgen begann der Sturm; die Mauer ward erstiegen und besetzt;
+erst jetzt sah man die zweite stärkere Mauer der Stadt, die gleichfalls auf
+das sorgsamste besetzt war. Indes war die Hauptmasse des Heeres
+nachgerückt; sofort wurde zum neuen Angriff geschritten; während die
+Schützen von allen Seiten her die Posten auf den Mauern trafen, wurden die
+Sturmleitern angelegt, bald waren hie und da die Zinnen erklommen; die
+Feinde hielten nicht länger stand, sie suchten aus den Toren der Stadt auf
+die Berge zu entkommen; viele wurden erschlagen; die Makedonen, über des
+Königs Wunde erbittert, schonten niemand; die Stadt selbst wurde dem
+Erdboden gleichgemacht.
+
+ [14] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Dieser erste rasche Erfolg verfehlte nicht, den gewünschten Eindruck zu
+machen. Eine zweite Stadt Andaka ergab sich sofort. Krateros wurde hier mit
+dem schweren Fußvolk zurückgelassen, die übrigen Städte in der Nähe zur
+Unterwerfung zu zwingen und dann über das Gebirge nach Arigäon im Tal des
+Guraios (Pandjkora) zu marschieren. Alexander selbst wandte sich mit den
+übrigen Truppen nordostwärts zum Euaspla, um in möglichster Schnelle die
+Stadt zu erreichen, in der er den Fürsten des Landes in seine Gewalt zu
+bekommen hoffte. Bereits am zweiten Tage erreichte er die Stadt, doch war
+die Kunde von seinem Anrücken vorausgeeilt; die Stadt stand in vollen
+Flammen, die Wege zu den Bergen waren mit Fliehenden bedeckt; ein
+fürchterliches Gemetzel begann, doch hatte der Fürst selbst mit seiner
+zahlreichen und wohlbewehrten Leibwache bereits die unwegsamen Höhen
+erreicht. Ptolemaios, der im Getümmel den fürstlichen Zug erkannt und
+heftig verfolgt hatte, rückte, sobald das emporsteigende Gelände für seine
+Pferde zu steil wurde, zu Fuß an der Spitze der wenigen Hypaspisten, die um
+ihn waren, in möglichster Eile den Fliehenden nach; da machte plötzlich der
+Fürst mit seinem Geleit kehrt, stürmte auf die Makedonen los, warf sich
+selbst auf Ptolemaios, schleuderte ihm den Speer gegen die Brust;
+Ptolemaios, durch seinen Harnisch gerettet, rannte dem Fürsten die Lanze
+durch die Hüften und riß den Sterbenden zu Boden. Der Fall des Fürsten
+entschied den Sieg; während die Makedonen verfolgten und niedermetzelten,
+begann der Lagide den fürstlichen Leichnam seiner Rüstung zu berauben. Das
+sahen die Aspasier von den Bergen; sie stürzten sich in wilder Wut herab,
+wenigstens die Leiche ihres Fürsten zu retten; indes war auch Alexander
+herangekommen; ein heftiges Gefecht entspann sich, mit Mühe wurde der
+Leichnam behauptet, erst nach schwerem Kampf zogen sich die führerlosen
+Barbaren tief in die Berge zurück.
+
+Nicht willens, weiter in das Hochgebirge vorzudringen, wandte sich
+Alexander an dem Euaspla hinauf ostwärts, um durch die Bergpässe, die dem
+Tale des Guräos zuführen, die Stadt Arigäon zu erreichen. Er fand die Stadt
+niedergebrannt und verlassen, die Bevölkerung war in die Berge geflohen.
+Die Wichtigkeit dieser Lokalität, welche die Straße zum Choaspes
+beherrscht, bewog den König, Krateros, der von Süden heranrückte, mit dem
+Wiederaufbau der Stadt zu beauftragen, indem er die zum Dienst
+untauglichen Makedonen, und von den Landeseinwohnern alle, die sich dazu
+bereit erklärten, hier anzusiedeln befahl. Auf diese Weise waren die beiden
+Paßwege zum Choaspes durch die Besetzung von Andaka und Arigaion in
+Alexanders Macht. Doch schien es notwendig, die tapferen Alpenbewohner im
+Norden der Stadt, die in den Bergen eine drohende Stellung innehatten, das
+Übergewicht der makedonischen Waffen fühlen zu lassen. Alexander rückte von
+Arigaion aus gegen das Alpenland; am Abend lagerte er am Fuß der Berge;
+Ptolemaios, zum Rekognoszieren ausgesandt, brachte die Nachricht, daß der
+Feuer in den Bergen eine sehr große Zahl sei, daß man auf eine bedeutende
+Übermacht des Feindes schließen müsse. Sofort wurde der Angriff
+beschlossen; ein Teil des Heeres hielt die Stellung am Fuß des Gebirges,
+mit dem übrigen rückte der König selbst die Berge hinauf; sobald er der
+feindlichen Feuer ansichtig wurde, ließ er Leonnatos und Ptolemaios sich
+rechts und links um die Stellung des Feindes hinziehen, um durch einen
+gleichzeitigen Angriff von drei Seiten dessen Übermacht zu teilen; er
+selbst rückte gegen die Höhen, wo die größte Masse der Barbaren stand. Kaum
+sahen diese die Makedonen vorrücken, so stürzten sie sich im Vertrauen auf
+ihre Übermacht von den Höhen herab auf Alexander; ein hartnäckiger Kampf
+entspann sich. Währenddessen rückte auch Ptolemaios heran; da aber die
+Barbaren hier nicht herabkamen, war er genötigt, auf ungleichem Boden den
+Kampf zu beginnen; mit ungemeiner Anstrengung gelang es ihm endlich, die
+Abhänge zu erklimmen, die Feinde, die mit dem größten Mute kämpften, nach
+der Seite der Höhen zurückzudrängen, die er, um sie nicht durch
+vollständige Umzinglung zur verzweifelten Gegenwehr zu bringen, unbesetzt
+gelassen. Auch Leonnatos hatte auf seiner Seite die Feinde zum Weichen
+gebracht, und schon verfolgte Alexander die geschlagene Hauptmacht der
+Mitte, ein furchtbares Blutbad vollendete den mühsam erkämpften Sieg;
+40 000 Mann wurden kriegsgefangen; ungeheure Rinderherden, der Reichtum
+dieses Alpenvolkes, fielen in die Hände des Siegers; Ptolemaios berichtet,
+es seien über 230 000 Haupt Vieh gewesen, von denen Alexander die
+schönsten ausgesucht habe, um sie zum Behuf des Feldbaues nach Makedonien
+zu schicken.
+
+Indessen war die Nachricht eingelaufen, daß die Assakener in dem nächsten
+Flußtal, dem des Suastos, sich auf das eifrigste rüsteten, daß sie Söldner
+von jenseits des Indus her an sich gezogen und bereits eine Streitmacht von
+30 000 Mann Fußvolk, 20 000 Pferden, 30 Elefanten beisammen hätten. Der
+König mußte, um ihr Land zu erreichen, zuvor das Tal des tiefen und
+reißenden Guraios hinab, dessen oberen Teil er unterworfen hatte; er rückte
+mit einem Teile seiner Truppen schnell voraus, während Krateros mit den
+übrigen, sowie mit den schweren Maschinen von Arigaion aus langsamer
+folgte. Die Bergwege, die kalten Nächte machten den Marsch beschwerlich;
+desto lachender und reicher war das Talgebiet, zu dem man hinabstieg; rings
+Weingelände, Haine von Mandelbäumen und Lorbeeren, friedliche Dörfchen an
+den Bergen hinaufgebaut, unzählige Herden auf den Alpen weidend. Hier, so
+wird erzählt, kamen die Edelsten des Landes, Akuphis an ihrer Spitze, zum
+Zelt des Königs; als sie eintraten und ihn im Glanz seiner Waffen, auf die
+Lanze gestützt und mit hohem Helme dasitzen sahen, knieten sie staunend
+nieder; der König hieß sie aufstehen und reden. Sie nannten den Namen ihrer
+Feste Nysa, berichteten, sie seien aus dem Westen hergekommen, seit jener
+Zeit hätten sie selbständig und glücklich unter einer Aristokratie von
+dreißig Edlen gelebt. Darauf erklärte Alexander, daß er ihnen ihre Freiheit
+und Selbständigkeit lassen werde, daß Akuphis unter den Edlen des Landes
+die Vorstandschaft haben, daß endlich einige hundert Reiter zum Heere des
+Königs stoßen sollten. Dies mag ungefähr das Wahre von einer Sache sein,
+die, vielleicht nicht ohne das Zutun des Königs selbst, auf das
+wundervollste ausgeschmückt, weitererzählt wurde; fortan hießen die Nysäer
+unmittelbare Nachkommen von den Begleitern des Dionysos, dessen Züge der
+griechische Mythos bereits bis Indien ausgedehnt hatte; die tapferen
+Makedonen fühlten sich, in weiter Ferne von ihrem Vaterlande, heimisch
+unter heimatlichen Erinnerungen.
+
+Von Nysa ging Alexander ostwärts durch den heftig strömenden Guraios zum
+Lande der Assakener. Diese zogen sich bei seinem Herannahen in ihre festen
+Städte zurück; unter diesen war Massaga die bedeutendste; der Fürst des
+Landes hoffte sich in ihr zu behaupten. Alexander rückte nach und lagerte
+sich unter den Mauern der Stadt; die Feinde, im Vertrauen auf ihre Macht,
+machten sofort einen Ausfall; ein scheinbarer Rückzug lockte sie eine halbe
+Stunde weit von den Toren hinweg, in ordnungsloser Hast mit wildem
+Siegesgeschrei verfolgten sie; da wandten sich die Makedonen plötzlich und
+rückten im Sturmschritt gegen die Inder vor, voran das leichte Volk, der
+König an der Spitze der Phalangen ihnen nach; nach kurzem Gefecht flohen
+die Inder mit bedeutendem Verlust zurück; Alexander folgte ihnen auf den
+Fersen, aber seine Absicht, mit ihnen zugleich in das Tor einzubrechen,
+wurde vereitelt. So ritt er an der Mauer hin, die Angriffspunkte für den
+nächsten Tag zu bestimmen; da traf ihn ein Pfeilschuß von den Zinnen der
+Stadt her; mit einer leichten Fußwunde kehrte er ins Lager zurück. Am
+nächsten Morgen begannen die Maschinen zu arbeiten, bald lag eine Bresche;
+die Makedonen suchten durch sie in die Stadt zu dringen, die tapfere und
+umsichtige Verteidigung des Feindes zwang sie endlich, am Abend zu weichen.
+Mit Heftigkeit wurde des anderen Tages der Angriff unter dem Schutz eines
+hölzernen Turmes, der mit seinen Geschossen einen Teil der Mauer von
+Verteidigern rein hielt, erneut; doch auch so kam man noch um keinen
+Schritt vorwärts. Die Nacht wurde mit Zurüstungen verbracht, neue
+Sturmböcke, neue Schirmdächer, endlich ein Wandelturm an die Mauer
+geschafft, dessen Fallbrücke unmittelbar auf die Zinnen führen sollte. Am
+Morgen rückten die Phalangen aus, zugleich führte der König selbst die
+Hypaspisten in den Turm, er erinnerte sie, daß sie auf gleiche Weise Tyros
+genommen hätten; alle brannten vor Begier zu kämpfen und die Stadt zu
+erobern, die ihnen schon zu lange widerstanden. Die Fallbrücke ward
+hinabgelassen, die Makedonen drängten sich auf sie, jeder wollte der erste
+sein; unter der übergroßen Last brach die Brücke, die Tapferen stürzten
+zerschmettert in die Tiefe. Lautschreiend sahen das die Inder, sie
+schleuderten von den Zinnen herab Steine, Balken, Geschosse auf die
+Makedonen, sie drängten sich aus den Mauerpforten aufs Feld hinaus, die
+Verwirrung zu benutzen; überall zogen sich die Makedonen zurück; kaum daß
+es der Phalanx Alketas, der es der König geboten, gelang, die Sterbenden
+vor der Wut der Feinde zu sichern und ins Lager zurückzubringen. Das alles
+mehrte nur die Erbitterung und die Kampfbegier der Makedonen; am nächsten
+Tage ward der Turm von neuem an die Mauer gebracht, von neuem die
+Fallbrücke hinabgesenkt; doch leisteten die Inder den erfolgreichsten
+Widerstand, wennschon ihre Reihen immer lichter, die Gefahr für sie immer
+größer wurde. Da ward ihr Fürst von einem Katapultenpfeil getroffen und
+sank tot nieder. Dies endlich bewog die Belagerten, Unterhandlungen
+anzuknüpfen, um sich der Gnade des Siegers zu ergeben; und Alexander voll
+gerechter Anerkennung der Tapferkeit seiner Feinde, war gern bereit, einen
+Kampf abzubrechen, der nicht ohne viel Blutvergießen zu Ende geführt wäre;
+er forderte die Übergabe der Stadt, den Eintritt der indischen Söldner in
+das makedonische Heer, die Auslieferung der fürstlichen Familie. Die
+Bedingungen wurden angenommen, die Mutter und Tochter des Fürsten kamen in
+des Königs Lager; die indischen Söldner rückten bewaffnet aus und lagerten
+sich in einiger Entfernung von dem Heere, mit dem sie hinfort vereint
+werden sollten. Doch voll Abscheu gegen die Fremdlinge, und des Gedankens,
+fortan mit diesen vereint gegen ihre Landsleute kämpfen zu müssen, unfähig,
+faßten sie den unglücklichen Plan, nachts aufzubrechen und sich an den
+Indus zurückzuziehen. Alexander erhielt davon Nachricht; überzeugt, daß
+Unterhandlungen vergeblich, Zaudern gefährlich sein würde, ließ er sie
+nachts umzingeln und niederhauen. So war er Herr des wichtigsten Postens im
+Assakenerlande.
+
+Von Massaga aus schien es leicht, die Okkupation des herrenlosen Landes zu
+vollenden; Alexander sandte demnach einige Truppen unter Koinos südwärts zu
+der Festung Bazira, überzeugt, daß sie sich auf die Nachricht von Massagas
+Fall ergeben werde; eine andere Abteilung unter Alketas ging nordwärts
+gegen die Festung Ora, mit dem Befehl, die Stadt zu blockieren, bis die
+Hauptarmee nachrückte. Bald liefen von beiden Orten ungünstige Nachrichten
+ein; Alketas hatte nicht ohne Verlust einen Ausfall der Oriten abgewehrt,
+und Koinos, weit entfernt, Bazira zur Übergabe bereit zu finden, hatte
+Mühe, sich vor der Stadt zu halten. Schon wollte Alexander dorthin
+aufbrechen, als er die Nachricht erhielt, daß Ora in Verbindung mit dem
+Fürsten Abisares (von Kaschmir) getreten sei und durch dessen Vermittlung
+eine bedeutende Zahl Truppen von den Bergbewohnern im Norden erhalten habe;
+deshalb sandte er Befehl an Koinos, bei Bazira einen haltbaren Punkt zu
+verschanzen, um die Verbindungen der Festung abzuschneiden, dann mit seinen
+übrigen Truppen zu ihm zu marschieren. Er selbst eilte nach Ora; die Stadt,
+obschon fest und tapfer verteidigt, vermochte sich nicht zu halten, sie
+wurde mit Sturm genommen; reiche Beute, darunter einige Elefanten, fiel in
+die Hand der Makedonen. Indes hatte Koinos den befohlenen Abzug von Bazira
+begonnen; sobald die Inder diese Bewegung bemerkten, brachen sie aus den
+Toren hervor, warfen sich auf die Makedonen; es folgte ein scharfes
+Gefecht, in dem sie endlich zum Rückzuge gezwungen wurden. Als sich dazu
+die Kunde verbreitete, daß selbst Ora den Feinden erlegen sei,
+verzweifelten die Baziriten, sich in ihrer Feste halten zu können; sie
+verließen um Mitternacht die Stadt und zogen sich auf die Felsenburg Aornos
+am Indus nah der Südgrenze des Assakenerlandes zurück.
+
+Durch die Besitznahme der drei Plätze Massaga, Ora und Bazira war Alexander
+Herr der Gebirgslandschaft im Norden des Kophen, an der südwärts das Gebiet
+des Fürsten Astes von Peukela lag. Dieser Fürst hatte, so scheint es, sein
+Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn vergrößert und selbst südlich des
+Kophenflusses festen Fuß gefaßt; Sangaios, der als Flüchtling zu Taxiles
+gekommen war, hatte seine Herrschaft durch ihn verloren; als Alexanders
+Herolde die Fürsten Indiens gen Nikäa beschieden, hatte Astes so wenig wie
+Assakenos Folge geleistet. Aber der glückliche Fortgang der makedonischen
+Waffen, das Anrücken des Königs, der Tod des Assakenos bewogen den Fürsten
+von Peukela, um wenigstens nicht persönlich dem großen Könige und seiner
+furchtbaren Kriegsmacht gegenüberzutreten, sein Stammland zu verlassen und
+in seinem neuen Gebiete südwärts vom Kophen Zuflucht zu suchen; dort auf
+einer festen Felsenburg hoffte er der makedonischen Südarmee Trotz bieten
+zu können. Indessen hatte Hephaistion bei seinem Vorrücken sich vor die
+Festung gelegt und sie nach einer dreißigtägigen Belagerung erstürmt; bei
+dem Sturme war Astes selbst umgekommen, und Sangaios, der sich bei Taxiles
+befand, wurde mit Bewilligung Alexanders in den Besitz der Stadt gesetzt.
+Die Stadt Peukela selbst, ohne Herrn und ohne Verteidiger, ergab sich,
+sobald Alexander aus dem benachbarten Assakenerlande heranzog, freiwillig;
+sie erhielt makedonische Besatzung. Ihrem Beispiele folgten die anderen
+minder bedeutenden Städte bis zum Indus, zu dem der König hinabziehend nach
+Embolima, einige Meilen oberhalb der Kophenmündung, ging.
+
+So war im Laufe des Sommers durch eine Reihe bedeutender und mühseliger
+Kämpfe das Land von den Paropamisaden bis zum Indus unterworfen. Auf der
+Südseite des Kophen, wo das Flußtal bald durch öde Gebirge geschlossen
+wird, hatte Hephaistion das Land in Besitz genommen, und die Bergfeste des
+Astes sowie Orabatis, die er genommen und mit Makedonen besetzt hatte,
+wurden die militärischen Stützpunkte für die Behauptung des Südufers. Im
+Norden waren nacheinander die Flußtäler des Choaspes, des Guraios und des
+Suastos, das Gebiet der Aspasier, der Guraier, der Assakener und
+Peukelaoten durchzogen, die Barbaren am oberen Choaspes und am Guräos weit
+in die Gebirge zurückgesprengt, endlich durch die Festungen Andaka und
+Arigaion das Tal der Guraier, durch Massaga, Ora, Bazira das Gebiet der
+Assakener, durch Peukela das Westufer des Indus gesichert. Das Land trat,
+obschon es zum guten Teil unter einheimischen Fürsten blieb, fortan in ein
+Verhältnis der Abhängigkeit gegen Makedonien, und erhielt unter dem Namen
+des diesseitigen Indien einen eigenen Satrapen.
+
+Nur eine Bergfeste in der Nähe des Indus war noch von Indern besetzt; die
+Makedonen nannten sie Aornos, gleich als ob der Flug der Vögel nicht zu ihr
+hinausgereicht hätte. Von der Mündung des Kophen in den Indus etwa fünf
+Meilen entfernt, erhebt sich ein letzter Vorsprung der nordwestlichen
+Gebirge, eine einzelne Felskuppe, die nach der Angabe der Alten am Fuß etwa
+vier Meilen im Umfang und eine Höhe von 5000 Fuß haben soll; auf der Platte
+dieser steilen Bergmasse lag jene merkwürdige Felsenfestung, deren Mauern
+Gärten, Quellen und Holzung umschlossen, so daß sich Tausende von Menschen
+jahraus, jahrein oben erhalten konnten. Dorthin hatten sich viele Inder des
+flachen Landes geflüchtet, voll Vertrauen auf die Sicherheit dieses
+Königssteines, von dessen Uneinnehmbarkeit mannigfache Sagen im Schwange
+waren. Desto notwendiger war es für den König, diesen Felsen zu erobern; er
+mußte den moralischen Eindruck berechnen, den eine glückliche Unternehmung
+gegen Aornos auf seine Truppen und auf die Inder zu machen nicht verfehlen
+konnte; er mußte vor allem darauf Rücksicht nehmen, daß dieser wichtige
+Punkt in Feindeshand den gefährlichsten Bewegungen in seinem Rücken Anlaß
+und Anhalt werden konnte. Jetzt, nachdem das Land umher unterworfen,
+nachdem es durch die feste Stellung am Indus möglich geworden war, das
+Belagerungsheer, wielange auch die Belagerung währen mochte, mit Vorräten
+zu versorgen, begann Alexander seine ebenso verwegenen, wie gefährlichen
+Operationen. Sein unerschütterlicher Wille, diese Feste zu nehmen, war das
+einzige, was den glücklichen Erfolg denkbar machte. Er ließ Krateros in
+Embolima am Indus zurück; er nahm nur die Agrianer, Bogenschützen, die
+Taxis des Koinos und eine Auswahl leichtester Leute von den anderen Taxen,
+200 Reiter von den Hetairen, 100 Bogenschützen zu Pferd mit sich; er
+lagerte sich mit diesem Korps am Fuße des Felsens. Aber nur ein Weg führte
+hinauf, und dieser war so geschickt angelegt, daß er an jedem Punkte leicht
+und vollkommen verteidigt werden konnte. Da kamen Leute aus der Nähe des
+Felsens zu ihm, die sich ihm ergaben und sich erboten, ihn zu der Stelle
+des Felsens zu führen, von wo aus die Feste anzugreifen und nicht schwer zu
+nehmen sein werde. Ptolemaios, des Lagos Sohn, der Somatophylax, wurde mit
+den Agrianern, dem übrigen leichten Volk und ausgewählten Hypaspisten
+beauftragt, mit den indischen Männern den Felsen zu ersteigen; auf rauhen
+und schwierigen Fußsteigen gelangte er, den Barbaren unbemerkt, zu der
+bezeichneten Stelle, verschanzte sich dort durch ein Pfahlwerk und zündete
+das verabredete Feuerzeichen an. Sobald dies der König gesehen, beschloß er
+den Sturm für den nächsten Morgen, in der Hoffnung, daß Ptolemaios von der
+Höhe des Gebirges aus zugleich angreifen werde. Indes war es unmöglich, von
+der Tiefe her das Geringste zu gewinnen; die Inder, von dieser Seite
+vollkommen sicher, wandten sich mit desto größerer Keckheit gegen die von
+Ptolemaios besetzten Höhen, und nur mit der größten Anstrengung gelang es
+dem Lagiden, sich hinter seinen Schanzen zu behaupten. Seine Schützen und
+Agrianer hatten den Feind sehr mitgenommen, der sich mit Anbruch der Nacht
+in seine Feste zurückzog.
+
+Alexander hatte sich durch diesen unglücklichen Versuch überzeugt, daß es
+unmöglich sei, von der Tiefe aus zum Ziel zu gelangen; er sandte daher
+durch einen der Gegend kundigen Mann über Nacht den schriftlichen Befehl an
+Ptolemaios, daß er, wenn am nächsten Tage an einer dem Ptolemaios näheren
+Stelle der Sturm versucht und dann gegen die Stürmenden von der Feste aus
+ein Ausfall gemacht werde, von der Höhe herab den Feinden in den Rücken
+kommen und um jeden Preis die Vereinigung mit Alexander zu bewerkstelligen
+suchen solle. So geschah es; mit dem nächsten Frührot stand der König da an
+dem Fuße des Gebirges, wo Ptolemaios hinaufgestiegen war. Bald eilten die
+Inder dorthin, die schmalen Fußsteige zu verteidigen; bis Mittag wurde auf
+das hartnäckigste gekämpft, dann begannen die Feinde ein wenig zu weichen;
+Ptolemaios tat seinerseits das Mögliche; gegen Abend waren die Pfade
+erstiegen, und beide Heeresabteilungen vereinigt. Der immer eiligere
+Rückzug der Feinde und der durch den Erfolg hochaufgeregte Mut seiner
+tapferen Krieger bewogen den König, die fliehenden Inder zu verfolgen, um
+vielleicht unter der Verwirrung den Eingang in die Feste zu erzwingen; es
+mißlang, und zu einem Sturm war das Terrain zu eng.
+
+Er zog sich auf die von Ptolemaios verschanzte Höhe zurück, die, niedriger
+als die Feste, von dieser durch eine weite und tiefe Schlucht getrennt war.
+Es galt, die Ungunst dieser örtlichen Verhältnisse zu überwältigen und die
+Schlucht mit einem Damm zu durchbauen, um der Feste wenigstens so weit zu
+nahen, daß das Geschütz deren Mauern erreichen konnte. Mit dem nächsten
+Morgen begann die Arbeit; der König war überall, zu loben, zu ermuntern,
+selbst Hand anzulegen; mit lebendigstem Wetteifer wurde gearbeitet, Bäume
+gefällt, in die Tiefe gesenkt, Felsstücke aufgetürmt, Erde aufgeschüttet;
+schon war am Ende des ersten Tages eine Strecke von dreihundert Schritten
+gebaut; die Inder, anfangs voll Spott über dies tollkühne Unternehmen,
+suchten am nächsten Tage die Arbeit zu stören; bald war der Damm weit genug
+vorgerückt, daß die Schleuderer und die Maschinen von seiner Höhe aus ihre
+Angriffe abzuwehren vermochten. Am sechsten Tage war der Damm bis in die
+Nähe einer Kuppe gelangt, die, in gleicher Höhe mit der Burg, von den
+Feinden besetzt war; sie zu behaupten oder zu erobern, wurde für das
+Schicksal der Feste entscheidend. Eine Zahl auserwählter Makedonen wurde
+gegen sie gesandt; ein entsetzlicher Kampf begann; Alexander selbst eilte
+an der Spitze seiner Leibschar nach; mit der größten Anstrengung wurde die
+Höhe erstürmt. Dies und das stete Nachrücken des Dammes, den nichts mehr
+aufzuhalten vermochte, ließ die Inder daran verzweifeln, sich auf die Dauer
+gegen einen Feind zu behaupten, den Felsen und Abgründe nicht hemmten, und
+der den staunenswürdigen Beweis gab, daß Menschenwille und Menschenkraft
+auch die letzte Scheidewand, welche die Natur in ihren Riesengestaltungen
+aufgetürmt, zu überwinden und zu einem Mittel seiner Zwecke umzuschaffen
+imstande sei. Sie sandten an Alexander einen Herold ab, mit dem Erbieten,
+unter günstigen Bedingungen die Feste zu übergeben; sie wollten nur bis zur
+Nacht Zeit gewinnen, um sich dann auf geheimen Wegen aus der Feste in die
+Ebene zu zerstreuen. Alexander merkte ihre Absicht; er zog seine Posten
+ein und ließ sie ungestört ihren Abzug beginnen; dann wählte er 700
+Hypaspisten aus, zog in der Stille der Nacht den Felsen hinauf und begann
+die verlassene Mauer zu erklettern; er selbst war der erste oben; sobald
+seine Schar an verschiedenen Punkten nachgestiegen war, stürzten sie alle
+mit lautem Kriegsgeschrei über die nur zur Flucht gerüsteten Feinde; viele
+wurden erschlagen, andere zerschmetterten in den Abgründen; am nächsten
+Morgen zog das Heer klingenden Spiels in die Felsenfeste ein. Reiche und
+fröhliche Opfer feierten dies glückliche Ende einer Unternehmung, die nur
+der Kühnheit Alexanders und der Tapferkeit seiner Truppen möglich war. Die
+Befestigung der Burg selbst wurde mit neuen Werken vermehrt, eine
+makedonische Besatzung in dieselbe gelegt, der Fürst Sisikottos, der sich
+des Königs Vertrauen zu erwerben gewußt hatte, zu ihrem Befehlshaber
+ernannt. Der Besitz dieser Feste war für die Behauptung des diesseitigen
+Indiens von großer Wichtigkeit; sie beherrschte die Ebene zwischen Suastos,
+Kophen und Indus, die man von ihr meilenweit übersieht, die Mündung des
+Kophen in den Indus.
+
+Indessen hatten sich gefährliche Bewegungen im Assakenerlande gezeigt; der
+Bruder des in Massaga gefallenen Fürsten Assakenos hatte ein Heer von
+20 000 Mann und 15 Elefanten zusammengebracht und sich in die Gebirge des
+oberen Landes geworfen; die Feste Dyrta war in seinen Händen; er hoffte
+sich durch die Unzugänglichkeit dieser wilden Gebirgsgegend genug
+geschützt, er hoffte, der Weitermarsch des Königs werde ihm bald
+Gelegenheit geben, seine Macht zu erweitern. Desto notwendiger war es, ihn
+zu vernichten. Sobald Aornos eingenommen war, eilte der König mit einigen
+tausend Mann leichter Truppen nach Dyrta im oberen Lande; die Nachricht von
+seinem Anrücken hatte hingereicht, den Prätendenten in die Flucht zu jagen;
+mit ihm war die Bevölkerung der Umgegend entflohen. Der König sandte
+einzelne Korps aus, die Gegend zu durchziehen und die Spur des flüchtigen
+Fürsten und besonders der Elefanten aufzufinden; er erfuhr, daß alles in
+die Gebirgswildnis ostwärts geflohen sei; er drang nach. Dichte Urwaldung
+bedeckt diese Gegenden: das Heer mußte sich mühsam den Weg bahnen. Man
+griff einzelne Inder auf; sie berichteten, die Bevölkerung sei über den
+Indus in das Reich des Abisares geflüchtet, die Elefanten, fünfzehn an der
+Zahl, habe man auf den Wiesen am Strom freigelassen. Da kam auch schon ein
+Haufe indischer Soldaten vom fliehenden Heere, das, über das Ungeschick des
+Fürsten mißvergnügt, sich empört und ihn erschlagen hatte; sie brachten den
+Kopf des Fürsten. Nicht gewillt, ein Heer ohne Führer in unwegsames Gebiet
+zu verfolgen, ging der König mit seinen Truppen zu den Induswiesen hinab,
+um die Elefanten einzufangen; von indischen Elefantenjägern begleitet,
+machte er Jagd auf die Tiere; zwei stürzten in Abgründe, die übrigen wurden
+eingefangen. Hier in den dichten Waldungen am Indus ließ der König Bäume
+fällen und Schiffe zimmern. Bald war eine Stromflotte erbaut, wie sie der
+Indus noch nicht gesehen, auf der der König mit seinem Heere den breiten
+und zu beiden Seiten mit vielen Städten und Dörfern bedeckten Strom
+hinabfuhr; er landete an der Brücke, die von Hephaistion und Perdikkas
+bereits über den Indus geschlagen war.
+
+In den Berichten, die uns erhalten sind, sprechen sich lebhaft genug die
+mächtigen Eindrücke aus, welche das Heer aus dem Abendlande in dieser
+indischen Welt, in die es seit dem Frühling 327 eingerückt war, empfing.
+Die gewaltigen Naturformen, die üppige Vegetation, die zahmen und die
+wilden Tiere, die Menschen, ihre Religion und Sitten, ihre Staats- und
+Kriegsweise, alles war hier fremdartig und staunenswürdig, alle Wunder, die
+Herodotos, die Ktesias von ihr berichtet hatten, schienen durch die
+Wirklichkeit weit überboten zu werden. Bald sollte man inne werden, daß man
+bis jetzt erst die Vorhöfe dieser neuen Welt gesehen habe.
+
+Am Indus rastete das Heer, sich von den Anstrengungen des Winterfeldzuges
+im Gebirgsland, den ein großer Teil der Truppen mitgemacht hatte,
+auszuruhen. Dann, gegen Frühlingsanfang, schickte es sich an, mit den
+Kontingenten der Fürsten in der diesseitigen Satrapie verstärkt, über den
+Indus zu gehen. Da erschien eine Gesandtschaft des Fürsten von Taxila vor
+dem Könige; sie versicherte von neuem die Ergebenheit ihres Herrn; sie
+überbrachte dem Könige kostbare Geschenke, 3000 Opfertiere, 10 000 Schafe,
+30 Kriegselefanten, 200 Talente Silber, endlich 700 indische Reiter, das
+Bundeskontingent ihres Herrn; sie übergab dem Könige die Residenz des
+Fürsten, die herrlichste Stadt zwischen dem Indus und dem Hydaspes.
+
+Dann befahl der König, die Weihe des Indusüberganges zu beginnen; unter
+gymnastischen und ritterlichen Wettkämpfen wurde am Stromufer geopfert; und
+die Opfer waren günstig. So begann der Übergang über den mächtigen Strom;
+ein Teil des Heeres zog über die Schiffbrücke, andere setzten auf Booten
+hinüber, der König selbst und sein Gefolge auf zwei Jachten
+(Dreißigruderern), die dazu bereitlagen. Neue Opfer feierten die glückliche
+Vollendung des Überganges. Dann zog das große Heer auf der Straße von
+Taxila weiter, durch reich bevölkerte und im Schmucke des Frühlings
+prangende Gegenden, nordwärts mächtige Schneeberge, die Grenze von
+Kaschmir, südwärts die weiten und herrlichen Ebenen, welche das Duab des
+Indus und Hydaspes erfüllen. Eine Stunde vor der Residenz sah das staunende
+Heer zum ersten Male indische Büßer, die nackt, einsam, regungslos unter
+den Glutstrahlen der Mittagssonne und den Unwettern der Regenzeit das
+heilige Werk ihrer Gelübde erfüllen.
+
+Als Alexander der Stadt nahte, zog ihm der Fürst im höchsten Pomp, mit
+geschmückten Elefanten, gewappneten Scharen und kriegerischer Musik
+entgegen; und als nun der König sein Heer halten und ordnen ließ, sprengte
+der Fürst seinem Zuge voraus und zu Alexander hin, begrüßte ihn
+ehrerbietigst, übergab ihm sein Reich und sich selbst. Dann zog Alexander
+an der Spitze seines Heeres, der Fürst an seiner Seite, in die prächtige
+Residenz. Hier folgten zu Ehren des großen Königs eine Reihe von
+Festlichkeiten, deren Glanz durch die Anwesenheit mehrerer Fürsten des
+Landes, die ihre Geschenke und Huldigungen darzubringen gekommen waren,
+erhöht wurde. Alexander bestätigte sie alle in ihrem Besitz und erweiterte
+das Gebiet einiger nach ihrem Wunsche und ihrem Verdienst, namentlich das
+des Taxiles, der zugleich für die Fürsorge, mit der er die Südarmee
+aufgenommen hatte, und für die Aufmerksamkeit, mit der er dem Könige
+wiederholt entgegengekommen, auf das reichlichste beschenkt wurde; auch von
+dem »Gaufürsten« Doxaris kamen Gesandte und Geschenke. Auch Abisares von
+Kaschmir schickte eine Gesandtschaft nach Taxila, es war sein Bruder, von
+den Edelsten seines Landes begleitet; er brachte Kleinodien, Elfenbein,
+feine Webereien, Kostbarkeiten aller Art zum Geschenk, versicherte die
+treue Ergebenheit seines fürstlichen Bruders und stellte die heimliche
+Unterstützung, die derselbe den Assakenern zugewandt haben sollte, durchaus
+in Abrede.
+
+Wie damals die Angelegenheiten des Duablandes geordnet wurden, ist nicht
+deutlich zu erkennen; jedenfalls lagen die Gebietserweiterungen in der
+diesseitigen Satrapie, sowie anderseits die Fürsten sämtlich unter die
+Suzeränität Alexanders traten; vielleicht erhielt Taxiles das Prinzipat
+unter den Rajahs diesseits des Hydaspes, wenigstens geschieht im Verhältnis
+zu Alexander fortan nur seiner Erwähnung. Es blieb in seiner Residenz eine
+makedonische Besatzung, sowie die dienstunfähige Mannschaft zurück; die
+indische »Satrapie« wurde dem Philippos, dem Sohne des Machatas,
+anvertraut, dessen hohe Geburt und vielfach bewährte Anhänglichkeit an
+Alexander der Wichtigkeit dieses Postens entsprach; seine Provinz umfaßte
+außer dem ganzen rechten Indusgebiet auch die Aufsicht über die im Reiche
+des Taxiles und der anderen Fürsten zurückbleibenden Truppen.
+
+Daß der Fürst von Taxila sich so bereitwillig dem Könige anschloß, hatte
+wohl seinen Grund in der Verfeindung zwischen ihm und seinem mächtigeren
+Nachbarn, dem Fürsten Poros aus dem alten Geschlechte der Paurava, der
+jenseits des nächsten Stromes, des Hydaspes, ein Reich von »mehr als
+hundert Städten« beherrschte, über eine bedeutende Kriegsmacht gebot,
+mehrere Nachbarfürsten, namentlich den von Kaschmir, zu Verbündeten hatte.
+Seine und ihre Gegner waren wie am Indus der Fürst von Taxila, so auf ihrer
+anderen Seite die freien Völker in den Vorbergen des Himalaja, in den Duabs
+jenseits des Akesines und in den unteren Gebieten des Fünfstromlandes. Die
+Feindschaft dieser »Königslosen« (Arattas) gegen die Fürsten, unter denen
+Paurava zwischen Hydaspes und Akesines der mächtigste war, lähmte den
+Widerstand des reichen und dichtbevölkerten Pandschab gegen die
+abendländische Invasion.
+
+Von Taxila aus hatte Alexander an Poros gesandt und ihn auffordern lassen,
+ihm an der Grenze seines Fürstentums entgegenzukommen und ihm zu huldigen.
+Poros hatte die Antwort zurückgesandt, er werde den König an der Grenze
+seines Reiches mit gewaffneter Hand erwarten; zu gleicher Zeit hatte er
+seine Bundesgenossen aufgeboten, hatte den Fürsten Abisares, der ihm, trotz
+der noch neuerdings gegebenen Versicherungen seiner Ergebenheit für
+Alexander, Hilfstruppen versprochen hatte, um deren schleunige Zusendung
+ersucht, war selbst an den Grenzstrom seines Reiches gerückt und hatte sich
+auf dessen linkem Ufer gelagert, entschlossen, dem Feinde um jeden Preis
+den Übergang zu wehren. Auf diese Nachricht sandte Alexander den Strategen
+Koinos an den Indus zurück mit dem Befehl, die Fahrzeuge der Stromflotte
+zum Transport über Land zersägen und auf Wagen möglichst schnell an den
+Hydaspes bringen zu lassen. Zu gleicher Zeit brach das Heer nach den
+üblichen Opfern und Kampfspielen von Taxila auf; es waren fünftausend Mann
+indische Truppen des Taxiles und der benachbarten Fürsten dazugestoßen; die
+Elefanten, die Alexander in Indien erbeutet oder als Geschenk erhalten
+hatte, blieben zurück, da die makedonischen Pferde nicht an ihren Anblick
+gewöhnt waren und sie überdies der den Makedonen eigentümlichen
+Angriffsweise nur hinderlich gewesen wären.
+
+Während des Marsches begannen die ersten Schauer des tropischen Regens; die
+Wasser strömten rauschender, die Wege wurden beschwerlicher, häufige
+Gewitter, mit Orkanen verbunden, verzögerten den Marsch vielfach. Man nahte
+der Südgrenze des Fürstentums von Taxila; eine lange und ziemlich enge
+Paßstraße führte hier in das Gebiet des Spitakes, eines Verwandten und
+Bundesgenossen des Poros; sie war durch die Truppen dieses Fürsten, welche
+die Höhen zu beiden Seiten besetzt hielten, gesperrt; durch ein kühnes
+Reitermanöver unter der unmittelbaren Führung Alexanders wurden die Feinde
+überrascht, aus ihrer Stellung gedrängt und dermaßen in die Enge getrieben,
+daß sie erst nach bedeutendem Verlust das freie Feld gewannen. Spitakes
+selbst eilte, ohne an die weitere Verteidigung seines Fürstentums zu
+denken, mit dem Reste seiner Truppen sich mit Poros zu vereinigen.
+
+Etwa zwei Tage später erreichte Alexander das Ufer des Hydaspes, der jetzt
+eine Breite von fast zwölfhundert Schritten hatte; auf dem jenseitigen Ufer
+sah man das weitläufige Lager des Fürsten Poros und das gesamte Heer in
+Schlachtordnung vorgerückt, vor demselben, gleich Festungstürmen,
+dreihundert Kriegselefanten; man bemerkte, wie nach beiden Seiten hinaus
+bedeutende Scharen abgesandt wurden, um die Postenlinie längs dem Stromufer
+zu verstärken, und namentlich die wenigen Furten, die das hohe Wasser noch
+gangbar ließ, zu beobachten. Alexander erkannte die Unmöglichkeit, unter
+den Augen des Feindes den Strom zu passieren; er lagerte sich auf dem
+rechten Ufer, den Indern gegenüber. Er begann damit, durch mannigfache
+Truppenbewegungen den Feind über den Ort des beabsichtigten Überganges zu
+verwirren und seine Aufmerksamkeit zu ermüden: er ließ zugleich durch
+andere Abteilungen seines Heeres die Ufergegend nach allen Seiten hin
+rekognoszieren, durch andere das von Verteidigern entblößte Gebiet des
+Spitakes brandschatzen, von allen Seiten her große Vorräte zusammenbringen,
+als ob er noch lange an dieser Stelle zu bleiben gedächte; er wußte bis in
+das feindliche Lager das Gerücht zu verbreiten, daß er in dieser Jahreszeit
+den Flußübergang allerdings für unmöglich halte, das Ende der Regenzeit
+abwarten wolle, um wenn das Wasser gefallen sei, den Angriff über den Strom
+hin zu versuchen. Zu gleicher Zeit aber mußten die Bewegungen der
+makedonischen Reiterei, das Auf- und Abfahren stark bemannter Boote, das
+wiederholte Ausrücken der Phalangen, die trotz der heftigsten Regengüsse
+oft stundenlang unter den Waffen und wie zum Kämpfen bereitstanden, den
+Fürsten Poros in steter Besorgnis vor einem plötzlichen Angriff halten; ein
+paar Inseln im Flusse gaben Veranlassung zu kleinen Gefechten; es schien,
+als ob sie, sobald es zum ernsteren Kampfe käme, von entscheidender
+Wichtigkeit werden müßten.
+
+Indes erfuhr Alexander, daß Abisares von Kaschmir, trotz aller neuerdings
+wiederholten Versicherungen seiner Ergebenheit, nicht bloß heimlich
+Verbindungen mit Poros unterhalte, sondern bereits mit seiner ganzen Macht
+heranrücke, um sich mit demselben zu vereinigen. War es auch von Anfang her
+keineswegs des Königs Absicht gewesen, die Regenzeit hindurch untätig am
+rechten Flußufer stehenzubleiben, so bewog ihn doch diese Nachricht noch
+mehr, ernstlich an einen baldigen Angriff zu denken, da der Kampf gegen die
+vereinte Macht des Abisares und Poros schwierig, wenn nicht gefährlich
+werden konnte. Aber es war unmöglich, hier im Angesicht des Feindes über
+den Fluß zu gehen; das Strombett selbst war durch die Fülle und Strömung
+des Wassers unsicher und das niedrige Ufer drüben voll schlammiger
+Untiefen; es wäre tollkühn gewesen die Phalangen unter den Geschossen des
+dicht geordneten und sicherstehenden Feindes ans Ufer führen zu wollen;
+endlich war vorauszusehen, daß die makedonischen Pferde vor dem Geruch und
+dem heiseren Geschrei der Elefanten, die das jenseitige Ufer deckten, beim
+Anlegen scheuen, zu fliehen versuchen, sich von den Fähren hinabstürzen,
+die gefährlichste Verwirrung anrichten würden. Es kam alles darauf an, das
+feindliche Ufer zu erreichen, darum ließ Alexander, es war um Mitternacht,
+im Lager Lärm blasen, die Reiterei an verschiedenen Stellen des Ufers
+vorrücken und sich mit Kriegsgeschrei und unter dem Schmettern der
+Trompeten zum Übersetzen anschicken, die Boote auslaufen, die Phalangen
+unter dem Schein der Wachtfeuer an die Furten rücken. Sofort wurde es auch
+im feindlichen Lager laut, die Elefanten wurden vorgetrieben, die Truppen
+rückten an das Ufer, man erwartete bis zum Morgen den Angriff, der doch
+nicht erfolgte. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Nächten, und
+immer von neuem sah sich Poros getäuscht; er wurde es müde, seine Truppen
+umsonst in Regen und Wind die Nächte durch stehenzulassen; er begnügte sich
+damit, den Fluß durch die gewöhnlichen Posten zu bewachen.
+
+Das rechte Ufer des Flusses ist von einer Reihe rauher Höhen begleitet, die
+sich drei Meilen stromauf hinziehen und dort zu bedeutenden,
+dichtbewaldeten Bergen emporsteigen, an deren Nordabhang ein kleiner Fluß
+zum Hydaspes hinabeilt. Wo er mündet, verändert der Hydaspes, der von
+Kaschmir herab bis hierher südwärts strömt, plötzlich und fast im rechten
+Winkel seine Richtung und eilt, zur Rechten die rauhe Bergreihe, zur Linken
+eine weite und fruchtbare Niederung, südlich weiter. Der Bergecke
+gegenüber, unter der Mündung jenes Flüßchens, liegt im Strome die hohe und
+waldige Insel Jamad, oberhalb deren die gewöhnliche Straße von Kaschmir
+über den Hydaspes führt. Dies war der Ort, den Alexander zum Übergange
+ausersehen. Eine Reihe Feldposten war vom Lager aus längs dem Ufer
+aufgestellt, jeder dem folgenden nahe genug, sich einander sehen und
+zurufen zu können; ihr Rufen, ihre nächtlichen Wachtfeuer, die neuen
+Truppenbewegungen in der Nähe des Lagers, hätten den Feind vollkommen über
+den Ort des bevorstehenden Überganges täuschen müssen, wenn er sich nicht
+schon daran gewöhnt hätte, dergleichen nicht mehr für bedeutend zu halten.
+Alexander seinerseits hatte auf die Nachricht, daß Abisares nur noch drei
+Tagemärsche entfernt stehe, alles vorbereitet, den entscheidenden Schlag zu
+wagen. Krateros blieb mit seiner Hipparchie, mit der Reiterei der
+Arachosier und Paropamisaden, mit den Phalangen Alketas und Polysperchon
+und den 5000 Mann der indischen Gaufürsten in der Nähe des Lagers; er wurde
+angewiesen, sich ruhig zu verhalten, bis er die Feinde drüben entweder ihr
+Lager verlassen oder in der Nähe desselben geschlagen sähe; wenn er dagegen
+bemerke, daß die feindlichen Streitkräfte geteilt würden, so sollte er,
+falls die Elefanten ihm gegenüber am Ufer zurückblieben, den Übergang nicht
+wagen; falls sie mit stromauf gegen die bei der Insel übersetzenden
+Makedonen geführt würden, so sollte er sofort und mit seinem ganzen Korps
+übersetzen, da die Elefanten allein dem glücklichen Erfolg eines
+Reiterangriffs Schwierigkeiten in den Weg stellten. Ein zweites Korps, aus
+den Phalangen Meleagros, Gorgias und Attalos, aus den Söldnern zu Fuß und
+zu Roß bestehend, rückte anderthalb Meilen stromauf, mit der Weisung,
+sobald sie jenseits des Flusses die Schlacht begonnen sähen, korpsweise
+durch den Strom zu gehen. Der König selbst brach mit den Hipparchien
+Hephaistion, Perdikkas, Demetrios und dem Agema der Ritter unter Koinos,
+mit den skythischen, baktrischen und sogdianischen Reitern, mit den
+daischen Bogenschützen zu Pferde, mit den Chiliarchien der Hypaspisten, den
+Phalangen Kleitos und Koinos, den Agrianern und Schützen, am Morgen aus dem
+Lager auf. Alle diese Bewegungen wurden durch den anhaltenden Regen zwar
+erschwert, aber zugleich dem Auge des Feindes entzogen; um desto sicherer
+zu sein, zog der König hinter den waldigen Uferhöhen zu dem Orte hin, den
+er zum Übergang ausersehen. Am späten Abend kam er dort an; schon war hier
+der Transport zersägter Fahrzeuge, den Koinos vom Indus herangeschafft
+hatte, unter dem Schutz der dichten Waldung wieder instandgesetzt und
+verborgen worden, auch an Fellen und Balken zu Flößen und Fähren war
+Vorrat; die Vorbereitungen zum Übergang, das Hinablassen der Fahrzeuge, das
+Füllen der Häute mit Stroh und Werg, das Zimmern der Flöße füllte die Nacht
+aus; furchtbare Regengüsse, von Sturm und Gewitter begleitet, machten es
+möglich, daß das Klirren der Waffen, das Hauen der Zimmerleute jenseits
+nicht gehört wurde; der dichte Wald auf dem Vorgebirge und auf der Insel
+verbarg die Wachtfeuer der Makedonen.
+
+Gegen Morgen legte sich der Sturm, der Regen hörte auf, der Strom flutete
+rauschend an den hohen Ufern der Insel vorüber; oberhalb derselben sollte
+das Heer übersetzen; der König selbst, von den Leibwächtern Ptolemaios,
+Perdikkas, Lysimachos, von Seleukos, der die »königlichen Hypaspisten«
+führte, und einer erlesenen Schar Hypaspisten begleitet, befand sich auf
+der Jacht, welche den Zug eröffnete; auf den anderen Jachten folgten die
+übrigen Hypaspisten; auf Booten, Stromkähnen, Flößen und Fähren die
+Reiterei und das Fußvolk; im ganzen 4000 Reiter, 1000 Bogenschützen zu
+Pferd, fast 6000 Hypaspisten, endlich die Leichtbewaffneten zu Fuß, die
+Agrianer, Akontisten, Bogenschützen, vielleicht 4000 Mann. Die beiden
+Phalangen blieben am rechten Ufer zur Deckung und Beobachtung des Weges von
+Kaschmir zurück. Und schon steuerten die Jachten an dem hohen und waldigen
+Ufer der Insel vorüber; sobald man an deren Nordecke war, sah man die
+Reiter der feindlichen Vorposten, die beim Anblick der herüberfahrenden
+Heeresmacht eiligst über das Blachfeld zurücksprengten. So war das
+feindliche Ufer von Verteidigern entblößt und niemand da, die Landung zu
+hindern; Alexander war der erste am Ufer, nach ihm legten die anderen
+Jachten an, bald folgte die Reiterei und das übrige Heer, rasch wurde alles
+in Marschkolonnen formiert, um weiterzurücken; da zeigte sich, daß man auf
+einer Insel war; die Gewalt des Stromes, dessen Bett sich an dieser Stelle
+gen Westen wendet, hatte das niedrige Erdreich am Ufer durchbrochen und
+einen neuen wasserreichen Arm gebildet. Lange suchten die Reiter vergebens
+und mit Lebensgefahr eine Furt hindurch, überall war das Wasser zu breit
+und zu tief; es schien nichts übrig, als die Fahrzeuge und Fähren um die
+Spitze dieser Insel herbeizuschaffen; es war die höchste Gefahr, daß durch
+den damit entstehenden Zeitverlust der Feind zur Absendung eines
+bedeutenden Truppenkorps, das das Landen erschweren, ja unmöglich machen
+konnte, Zeit gewann; da fand man endlich eine Stelle, die zu durchwaten
+war; mit der größten Mühe hielt sich Mann und Pferd gegen die heftige
+Strömung, das Wasser ging denen zu Fuß bis an die Brust, die Pferde hatten
+nur den Kopf über Wasser. Nach und nach gewannen die verschiedenen
+Abteilungen das jenseitige Ufer; in geschlossener Linie, rechts die
+turanische Reiterei, ihr zunächst die makedonischen Geschwader, dann die
+Hypaspisten, das leichte Fußvolk endlich auf dem linken Flügel, rückte das
+Heer auf, dann mit rechtsum den Strom hinab in der Richtung zum feindlichen
+Lager. Um das Fußvolk nicht zu ermüden, ließ Alexander langsam nachrücken
+und ging selbst mit der gesamten Reiterei und den Bogenschützen unter
+Tauron eine halbe Stunde weit voraus; er glaubte, wenn Poros auch mit
+seiner ganzen Macht entgegenrückte, an der Spitze der trefflichen und den
+Indern überlegenen Reiterei das Gefecht, bis das Fußvolk nachkam, halten
+zu können, wenn dagegen die Inder, durch das plötzliche Erscheinen
+erschreckt, sich zurückzögen, an seinen 5000 Reitern zum Einhauen und zum
+Verfolgen genug zu haben.
+
+Poros seinerseits hatte, als ihm von seinen zurücksprengenden Vorposten das
+Heranrücken bedeutender Truppenmassen gemeldet war, im ersten Augenblick
+geglaubt, es sei Abisares von Kaschmir mit seinem Heere; aber sollte der
+Bundesfreund versäumt haben, sein Herannahen zu melden, oder doch, nachdem
+er über den Strom gesetzt, Nachricht von seiner glücklichen Ankunft
+vorauszusenden? Es war nur zu klar, daß die Gelandeten Makedonen seien, daß
+der Feind den Übergang über den Strom, der ihm Tausende hätte kosten
+müssen, ungehindert und glücklich zustande gebracht habe, und daß ihm jetzt
+das diesseitige Ufer nicht mehr streitig gemacht werden könne. Indes
+schienen die Truppenmassen, die man noch am jenseitigen Ufer stromauf- und
+stromabwärts aufgestellt sah, zu beweisen, daß das den Fluß vorgeschobene
+Korps nicht bedeutend sein könnte. Poros hätte alles daransetzen müssen,
+dasselbe, da es einmal über den Strom war, abzuschneiden und zu vernichten;
+er hätte sofort die Offensive ergreifen müssen, die durch seine
+Schlachtwagen und Elefanten so sehr begünstigt und fast gefordert wurde;
+statt dessen war es ihm nur darum zu tun, für jetzt das weitere Vordringen
+des Feindes aufzuhalten und jedes entscheidende Zusammentreffen bis zur
+Ankunft des Abisares zu vermeiden. Er sandte seinen Sohn mit zweitausend
+Reitern und einhundertundzwanzig Schlachtwagen den Makedonen entgegen; er
+hoffte, mit diesen den König Alexander aufhalten zu können.
+
+Sobald Alexander dieses Korps über die Uferwiesen heranrücken sah, glaubte
+er nicht anders, als daß Poros mit seinem ganzen Heere heranziehe, und daß
+dies der Vortrab sei; er ließ seine Reiter sich zum Gefecht fertigmachen;
+dann bemerkte er, daß hinter diesen Reitern und Wagen kein weiteres Heer
+folgte; sofort gab er den Befehl zum Angriff. Von allen Seiten her jagten
+die turanischen Reiter auf den Feind los, ihn zu verwirren und zu
+umzingeln; geschwaderweise sprengten die Makedonen nach zum Einhauen,
+umsonst suchten die Inder zu widerstehen, sich zurückzuziehen; in kurzer
+Zeit waren sie trotz der tapfersten Gegenwehr gänzlich geschlagen,
+vierhundert Tote blieben auf dem Platze, unter ihnen der königliche Prinz;
+die Wagen, außerstande, in dem tiefen und aufgefahrenen Wiesengrunde
+schnell zu entkommen, fielen den Makedonen in die Hände, die jetzt mit
+doppelter Kampflust vorwärts rückten.
+
+Die Überreste des zersprengten Korps brachten die Nachricht von ihrer
+Niederlage, von des Prinzen Tod, von Alexanders Anrücken ins Lager zurück;
+Poros sah zu spät ein, welchen Feind er gegenüber hatte; die Zeit drängte,
+den Folgen einer halben Maßregel, die die Gefahr nur beschleunigte, soviel
+noch möglich war, zu begegnen. Die einzige Rettung war, sich noch jetzt mit
+Übermacht auf den heranrückenden Feind zu werfen und ihn zu vernichten,
+bevor er Zeit gewann, mehr Truppen an sich zu ziehen und so den letzten
+Vorteil, den Poros noch über ihn hatte, auszugleichen; doch durfte das Ufer
+dem makedonischen Lager gegenüber nicht entblößt werden, damit nicht das da
+schlagfertig stehende Heer den Übergang erzwänge und die Schlachtlinie der
+Inder im Rücken bedrohe. Demnach ließ Poros einige Elefanten und mehrere
+tausend Mann im Lager zurück, um die Bewegungen des Krateros zu beobachten
+und das Ufer zu decken; er selbst rückte mit seiner gesamten Reiterei, 4000
+Pferde stark, mit 300 Schlachtwagen, mit 30 000 Mann Fußvolk und 200
+Elefanten gegen Alexander aus. Sobald er über den morastigen Wiesengrund,
+der sich in der Nähe des Stromes dahinzog, rechts hinaus war und das
+sandige freie Feld, das für die Entwicklung seiner Streitmacht und die
+Bewegung der Elefanten gleich bequem war, erreicht hatte, ordnete er sein
+Heer nach indischem Brauch zur Schlacht, vorauf die furchtbare Linie der
+zweihundert Elefanten, die, je fünfzig Schritte voneinander, fast eine
+Meile Terrain beherrschten, hinter ihnen als zweites Treffen das Fußvolk,
+in Scharen von etwa 150 Mann zwischen je zwei Elefanten aufgestellt; an
+die letzte Schar des rechten und linken Flügels, die über die
+Elefantenlinie hinausreichte, schlossen sich je zweitausend Mann Reiter an;
+die beiden Enden der weiten Schlachtlinie wurden durch je
+einhundertfünfzig Wagen gedeckt, von denen jeder zwei Schwerbewaffnete,
+zwei Schützen mit großen Bogen und zwei bewaffnete Wagenlenker trug. Die
+Stärke dieser Schlachtlinie bestand in den zweihundert Elefanten, deren
+Wirkung um so furchtbarer werden mußte, da die Reiterei, auf welche
+Alexander den Erfolg des Tages berechnet hatte, nicht imstande war, ihnen
+gegenüber das Feld zu halten.
+
+In der Tat hätte ein gut geführter Angriff die Makedonen vernichten müssen;
+die Elefanten hätten gegen die feindliche Linie losbrechen und, von den
+einzelnen Abteilungen Fußvolk wie Geschütz durch Scharfschützen gedeckt,
+die Reiterei aus dem Felde jagen und die Phalanx zerstampfen, die indische
+Reiterei nebst den Schlachtwagen die Fliehenden verfolgen und die Flucht
+über den Strom abschneiden müssen; selbst die außerordentlich gedehnte und
+den Feind weit überflügelnde Schlachtlinie konnte von großem Erfolg sein,
+wenn die Wagen und Reiter auf beiden Flügeln sogleich, wenn die Elefanten
+losbrachen, dem Feinde mit einer halben Schwenkung in die Flanke fielen; in
+jedem Falle mußte Poros, sobald er den Feind zu Gesicht bekam, den Angriff
+beginnen, um nicht den Vorteil der Offensive und namentlich die Wahl des
+Punktes, wo das Gefecht beginnen sollte, dem Feinde zu überlassen. Er
+zögerte: Alexander kam ihm zuvor und benutzte seinerseits alles mit der
+Umsicht und Kühnheit, die allein der Übermacht des Feindes das
+Gleichgewicht zu halten vermochte.
+
+Dem Raume nach kam sein kleines Heer der feindlichen Schlachtlinie mit
+ihren Elefanten und den Kriegswagen auf den Flügeln kaum zum vierten Teile
+gleich. Auch hier wie in seinen früheren Schlachten, mußte er in schiefer
+Linie vorrücken, auf einen Punkt mit voller Gewalt stoßen; er mußte -- und
+mit seinen Truppen durfte er es wagen -- der unbehilflichen Masse des
+Feindes gegenüber gleichsam in aufgelöster Gefechtsweise vorgehend, sich
+auf den Feind stürzen, und dann als Wirkung des siegreichen Vordringens der
+einzelnen Truppenteile erwarten, daß sie zur rechten Zeit an der rechten
+Stelle sich zusammenfänden. Da die Überlegenheit der Inder in den
+Elefanten bestand, so mußte der entscheidende Schlag diese vermeiden, er
+mußte gegen den schwächsten Punkt der feindlichen Linie, und, um vollkommen
+zu gelingen, mit dem Teil des Heeres ausgeführt werden, dessen
+Überlegenheit unzweifelhaft war. Alexander hatte 5000 Mann Reiterei,
+während der Feind auf jedem Flügel deren nur etwa 2000 hatte, welche, zu
+weit voneinander entfernt, um sich rechtzeitig unterstützen zu können, nur
+in den 150 Wagen, die neben ihnen aufgefahren standen, eine zweideutige
+Stützung hatten. Teils der makedonische Kriegsgebrauch, teils die
+Rücksicht, möglichst in der Nähe des Flusses anzugreifen, um nicht ganz von
+dem jenseits aufgestellten Korps des Krateros abgedrängt zu werden,
+veranlaßte den König, den rechten Flügel zur Eröffnung des Gefechtes zu
+bestimmen. Sobald er in der Ferne die indische Schlachtlinie geordnet sah,
+ließ er die Reiter haltmachen, bis die einzelnen Chiliarchien des Fußvolkes
+nachkamen. Voll Begier, sich mit dem Feinde zu messen, kamen sie in vollem
+Lauf; sie Atem schöpfen zu lassen und den Feind fernzuhalten, bis sie in
+Reih und Glied waren, mußten die Reiter, da und dort vorsprengend, den
+Feind beschäftigen. Jetzt war die Linie des Fußvolks, rechts die Edelschar
+des Seleukos, dann das Agema und die übrigen Chiliarchien unter Antigonos,
+im ganzen gegen 6000 Hypaspisten, ihnen zur Linken das leichte Fußvolk
+unter Tauron, geordnet; sie erhielten den Befehl, nicht eher in Aktion zu
+treten, als bis sie den linken Flügel des Feindes durch den Angriff der
+Reiter geworfen und auch das Fußvolk in der zweiten Linie in Verwirrung
+sähen.
+
+Schon rückten die Reiter, mit denen der König den Angriff zu machen
+gedachte, die Hipparchien Hephaistion und Perdikkas und die daischen
+Bogenschützen, etwa 3000 Mann, rasch halbrechts vorwärts, während Koinos
+mit dem Agema und der Hipparchie Demetrios weiter rechts hinabzog mit der
+Weisung, sich, wenn die ihm gegenüberstehenden Reiter des Feindes den von
+dem ersten Stoß erschütterten zu Hilfe rechts abritten, in deren Rücken zu
+werfen.
+
+Sobald Alexander der feindlichen Reiterlinie auf Pfeilschußweite genaht
+war, ließ er die 1000 Daer voraneilen, um die indischen Reiter durch einen
+Hagel von Pfeilen und durch den Ungestüm ihrer wilden Pferde zu verwirren.
+Er selbst zog sich noch weiter rechts, der Flanke der indischen Reiter zu,
+sich, ehe sie, durch den Angriff der Daer bestürzt und verwirrt, sich in
+Linie setzen und ihm entgegengehen könnten, mit aller Kraft auf sie zu
+stürzen. Diese nahe Gefahr vor Augen, eilte der Feind, seine Reiter zu
+sammeln und zum Gegenstoß vorgehen zu lassen. Aber sofort brach Koinos auf,
+den so rechts Schwenkenden, die ihm gegenübergestanden hatten, in den
+Rücken zu fallen. Durch diese zweite Gefahr völlig überrascht und in ihrer
+Bewegung gestört, versuchten die Inder, um den beiden Reitermassen, die sie
+zugleich bedrohten, die Spitze zu bieten, eine doppelte Front zu formieren;
+daß Alexander den Augenblick dieser Umformung zum Einbrechen benutzte,
+machte es ihnen unmöglich, seinen Stoß zu erwarten; sie sprengten von
+dannen, um hinter der festen Linie der Elefanten Schutz zu suchen. Da ließ
+Poros einen Teil der Tiere wenden und gegen die feindliche Reiterei
+treiben; ihr heiseres Geschrei ertrugen die makedonischen Pferde nicht,
+scheu flohen sie rückwärts. Zugleich war die Phalanx der Hypaspisten im
+Sturmschritt angerückt; gegen sie brachen die anderen Elefanten der Linie
+los, es begann der furchtbarste Kampf; die Tiere durchbrachen die
+dichtesten Reihen, zerstampften sie, schlugen heulend mit ihren Rüsseln
+nieder, durchbohrten mit ihren Fangzähnen; jede Wunde machte sie wütender.
+Die Makedonen wichen nicht, die Reihen aufgelöst, kämpften sie wie im
+Einzelkampf mit den Riesentieren, aber ohne weitere Erfolg, als den, noch
+nicht vernichtet oder aus dem Felde geschlagen zu sein. Durch das
+Vordringen der Elefanten ermutigt, brachen die indischen Reiter, die sich
+eiligst gesammelt und formiert hatten, zum Angriff gegen die makedonischen
+Reiter vor; aber diese an Körperkraft und Übung ihnen weit überlegen,
+warfen sie zum zweiten Male, so daß sie wieder sich hinter die Elefanten
+retteten. Schon hatte sich durch den Gang des Gefechtes auch Koinos mit den
+Hipparchien des Königs vereinigt, so daß nun seine gesamte Reiterei in
+geschlossener Masse vorgehen konnte. Sie warf sich mit voller Gewalt auf
+das indische Fußvolk, das, unfähig zu widerstehen, in ordnungsloser Eile,
+dicht von den Feinden verfolgt, mit großem Verlust zu den kämpfenden
+Elefanten floh. So drängten sich die Tausende auf den gräßlichen Kampfplatz
+der Elefanten zusammen; schon war Freund und Feind in dichter und blutiger
+Verwirrung beieinander; die Tiere, meist ihrer Führer beraubt, durch das
+wüste Geschrei des Kampfes verwirrt und verwildert, vor Wunden wütend,
+schlugen und stampften nieder, was ihnen nahe kam, Freund und Feind. Die
+Makedonen, denen das weite Feld offen stand, sich den Tieren gegenüber frei
+zu bewegen, wichen, wo sie heranrasten, beschossen und verfolgten sie, wenn
+sie umkehrten, während die Inder, die zwischen ihnen sich bewegen mußten,
+sich weder bergen noch retten konnten. Da endlich soll Poros, der von
+seinem Elefanten aus den Kampf leitete, vierzig noch unversehrte Tiere
+vereinigt haben, um mit ihnen vordringend den furchtbaren Kampf zu
+entscheiden; Alexander habe seine Bogenschützen, Agrianer und Akontisten
+ihnen entgegengeworfen, die dann, gewandt wie sie waren, auswichen, wo die
+schon wilden Tiere gegen sie getrieben wurden, aus der Ferne sie und ihre
+Führer mit ihren Geschossen trafen, oder auch sich vorsichtig
+heranschlichen, mit ihren Beilen ihnen die Ferse zu durchhauen. Schon
+wälzten sich viele von diesen sterbend auf dem Felde voll Leichen und
+Sterbenden, andere wankten in ohnmächtiger Wut schnaubend noch einmal gegen
+die sich schon schließende Phalanx, die sie nicht mehr fürchtete.
+
+Indes hatte Alexander seine Reiter jenseits des Kampfplatzes gesammelt,
+während diesseits die Hypaspisten sich Schild an Schild formierten. Jetzt
+erfolgte des Königs Befehl zum allgemeinen Vorrücken gegen den umringten
+Feind, dessen aufgelöste Masse der Doppelangriff zermalmen sollte. Nun war
+kein weiterer Widerstand; dem furchtbaren Gemetzel entfloh, wer es
+vermochte, landeinwärts, in die Sümpfe des Stromes, in das Lager zurück.
+Schon waren von jenseits des Stromes dem Befehl gemäß Krateros und die
+anderen Strategen übergesetzt und, ohne Widerstand zu finden, ans Ufer
+gestiegen; sie trafen zur rechten Zeit ein, um den durch achtstündigen
+Kampf ermatteten Truppen die Verfolgung abzunehmen.
+
+An zwanzigtausend Inder waren erschlagen, unter ihnen zwei Söhne des Poros
+und der Fürst Spitakes, desgleichen alle Anführer des Fußvolks, der
+Reiterei, alle Wagen- und Elefantenlenker; dreitausend Pferde und mehr als
+hundert Elefanten lagen tot auf dem Felde, gegen achtzig Elefanten fielen
+in die Hände des Siegers. König Poros hatte, nachdem er seine Macht
+gebrochen, seine Elefanten überwältigt, sein Heer umzingelt und in völliger
+Auflösung sah, kämpfend den Tod gesucht; zu lange schützte ihn sein
+goldener Panzer und die Vorsicht des treuen Tieres, das ihn trug; endlich
+traf ein Pfeil seine rechte Schulter; zum weiteren Kampfe unfähig, und
+besorgt, lebendig in des Feindes Hand zu fallen, wandte er sein Tier, aus
+dem Getümmel zu entkommen. Alexander hatte des indischen Königs hochragende
+greise Gestalt auf dem geschmückten Tier immer wieder gesehen, überall
+ordnend und anfeuernd, oft im dichtesten Getümmel; voll Bewunderung für den
+tapferen Fürsten eilte er ihm nach, sein Leben auf der Flucht zu retten; da
+stürzte sein altes und treues Schlachtroß Bukephalos, von dem heißen Tage
+erschöpft, unter ihm zusammen. Er sandte den Fürsten von Taxila dem
+Fliehenden nach; als dieser seinen alten Feind erblickte, wandte er sein
+Tier und schleuderte mit der letzten Anstrengung den Speer gegen den
+Fürsten, dem dieser nur durch die Behendigkeit seines Pferdes entging.
+Alexander sandte andere Inder, unter ihnen den Fürsten Meroes, der ehemals
+dem Könige Poros befreundet gewesen war. Poros, vom Blutverlust erschöpft
+und von brennendem Durst gequält, hörte ihn gelassen an, dann kniete sein
+Tier nieder und hob ihn mit dem Rüssel sanft zur Erde; er trank und ruhte
+ein wenig, bat dann den Fürsten Meroes, ihn zu Alexander zu führen. Als der
+König ihn kommen sah, eilte er ihm, von wenigen seiner Getreuen begleitet,
+entgegen, er bewunderte die Schönheit des greisen Fürsten und den edlen
+Stolz, mit dem er ihm, obschon besiegt, entgegentrat. Alexander soll ihn
+nach der ersten Begrüßung gefragt haben, wie er sich behandelt zu sehen
+wünsche; »königlich«, sei Poros Antwort gewesen; darauf Alexander: »Das
+werde ich schon um meinetwillen tun, verlange, was dir um deinetwillen lieb
+sein wird«; und Poros darauf: in jenem Wort sei alles enthalten.
+
+Alexander bewies sich königlich gegen den Besiegten; seine Großmut war die
+richtige Politik. Der Zweck des indischen Feldzugs war nicht, die
+unmittelbare Herrschaft über Indien zu erobern. Alexander konnte nicht
+Völker, deren hohe und eigenartige Entwicklung ihm, je weiter er vordrang,
+desto bedeutender entgegentrat, mit einem Schlage zu unmittelbaren Gliedern
+eines makedonisch-persischen Reiches machen wollen. Aber bis an den Indus
+hin Herr alles Landes zu sein, über den Indus hinaus das entscheidende
+politische Übergewicht zu gewinnen und hier dem hellenistischen Leben
+solchen Einfluß zu sichern, daß im Laufe der Zeiten selbst eine
+unmittelbare Vereinigung Indiens mit dem übrigen Asien ausführbar werden
+konnte, das waren, so scheint es, die Absichten, die Alexanders Politik in
+Indien geleitet haben; nicht die Völker, wohl aber die Fürsten mußten von
+ihm abhängig sein. Die bisherige Stellung des Poros in dem Fünfstromlande
+des Indus konnte für die Politik Alexanders den Maßstab abgeben. Offenbar
+hatte Poros bis dahin ein Prinzipat in dem Gebiet der fünf Ströme gehabt
+oder gesucht, und eben dadurch die Eifersucht des Fürsten von Taxila rege
+gemacht; sein Reich umfaßte zunächst zwar nur die hochkultivierten Ebenen
+zwischen dem Hydaspes und Akesines, doch hatte im Westen des Hydaspes sein
+Vetter Spitakes, im Osten des Akesines in der Gandaritis sein Großneffe
+Poros wahrscheinlich durch ihn selbst die Herrschaft erhalten, so daß der
+Bereich seines politischen Übergewichtes sich ostwärts bis an den Hyarotis
+erstreckte, der die Grenze gegen die freien indischen Völker bildete; ja
+mit Abisares verbündet, hatte er seine Hand sogar nach ihrem Lande
+auszustrecken gewagt, und wenn schon seine Bemühungen an der Tapferkeit
+dieser Stämme gescheitert waren, so blieb ihm doch ein entschiedenes
+Übergewicht in den Ländern des Indus. Alexander hatte Taxiles' Macht schon
+bedeutend vergrößert; er durfte nicht alles auf die Treue _eines_ Fürsten
+bauen; das gesamte Land der fünf Ströme dem Zepter des verbündeten Fürsten
+zu unterwerfen, wäre der sicherste Weg gewesen, ihm die Abhängigkeit von
+Alexander zu verleiden, und hätte ihm die Mittel an die Hand gegeben, sich
+derselben zu entziehen, um so mehr, da die alte Feindschaft gegen den
+Fürsten Poros ihn in den freien Stämmen leicht Verbündete hätte finden
+lassen. Alexander konnte seinen Einfluß in Indien auf keinen sicherern
+Grund bauen, als auf die Eifersucht dieser beiden Fürsten. Es kam hinzu,
+daß, wenn er Poros als Fürsten anerkannte, er zugleich damit die Befugnis
+gewann, die östlicheren Völker als Feinde seines neuen Verbündeten
+anzugreifen und auf ihre Unterwerfung seinen weiteren Einfluß in diesen
+Gegenden zu gründen; er mußte Poros' Macht in dem Maße vergrößern, daß sie
+fortan dem Fürsten Taxila das Gleichgewicht zu halten vermochte, ja er
+durfte ihm größere Gewalt anvertrauen und selbst die Herrschaft über die
+bisherigen Widersacher geben, da ja Poros fortan gegen sie sowie gegen
+Taxiles in der Gunst des makedonischen Königs allein sein Recht und seinen
+Rückhalt finden konnte.
+
+Das etwa waren die Gründe, die Alexander bestimmten, nach dem Siege am
+Hydaspes Poros nicht nur in seiner Herrschaft zu bestätigen, sondern ihm
+dieselbe bedeutend zu vergrößern. Er begnügte sich, an den beiden
+wichtigsten Übergangspunkten des Hydaspes hellenistische Städte zu gründen;
+die eine an der Stelle, wo der Weg von Kaschmir herab an den Strom kommt,
+und wo die Makedonen selbst in das Land des Poros hinübergegangen waren,
+erhielt ihren Namen vom Bukephalos, die andere etwa zwei Meilen weiter
+stromab, wo die Schlacht geschlagen war, wurde Nikaia genannt. Alexander
+selbst ließ sein Heer in dieser schönen und reichen Gegend dreißig Tage
+rasten; die Leichenfeier für die im Kampf Gefallenen, die Siegesopfer, mit
+Wettkämpfen aller Art verbunden, der erste Anbau der beiden neuen Städte
+füllten diese Zeit reichlich aus.
+
+Den König selbst beschäftigten die vielfachen Anordnungen, welche dem Siege
+seine Wirkung sichern sollten. Vor allem wichtig war das politische
+Verhältnis zu dem Fürsten Abisares, der trotz der beschworenen Verträge an
+dem Kampf gegen Alexander teilzunehmen im Sinne gehabt hatte. Es kam um
+diese Zeit von Sisikottos, dem Befehlshaber auf Aornos, die Nachricht, daß
+die Assakener den von Alexander eingesetzten Fürsten erschlagen und sich
+empört hätten; die früheren Verbindungen dieses Stammes mit Abisares und
+dessen offenbare Treulosigkeit machten es nur zu wahrscheinlich, daß er
+nicht unbeteiligt an diesen gefährlichen Bewegungen sei; die Satrapen
+Tyriaspes am Paropamisos und Philippos in der Satrapie Indien erhielten den
+Befehl, mit ihren Heeren zur Unterdrückung des Aufstandes auszurücken. Um
+dieselbe Zeit kam eine Gesandtschaft des Fürsten Poros von Gandaritis, des
+»feigen Poros«, wie ihn die Griechen nannten, der es sich zum Verdienst
+anrechnen zu wollen schien, seinen fürstlichen Verwandten und Beschützer
+nicht gegen Alexander unterstützt zu haben, und die Gelegenheit günstig
+hielt, sich durch Unterwürfigkeit gegen Alexander des lästigen
+Verhältnisses gegen den greisen Verwandten freizumachen. Wie mußten die
+Gesandten erstaunen, als sie denselben Fürsten, den sie wenigstens in
+Ketten und Banden zu seines Siegers Füßen zu sehen erwartet hatten, in
+höchsten Ehren und in dem vollen Besitz seines Reiches an Alexanders Seite
+sahen; es mochte nicht die günstigste Antwort sein, die sie von seiten des
+hochherzigen Königs ihrem Fürsten zu überbringen erhielten. Freundlicher
+wurden die Huldigungen der nächsten freien Stämme, die deren
+Gesandtschaften mit reichen Geschenken überbrachten, entgegengenommen; sie
+unterwarfen sich freiwillig einem Könige, vor dessen Macht sich der
+mächtigste Fürst des Fünfstromlandes hatte beugen müssen.
+
+Desto notwendiger war es, die noch Zögernden durch die Gewalt der Waffen zu
+unterwerfen. Es kam dazu, daß Abisares, trotz seines offenbaren Abfalls,
+und vielleicht im Vertrauen auf die von Gebirgen geschützte Lage seines
+Fürstentums, weder Gesandte geschickt, noch irgend etwas getan hatte, um
+sich bei Alexander zu rechtfertigen; ein Zug in das Gebirgsland sollte die
+Bergstämme unterwerfen und zugleich den treulosen Fürsten an seine Gefahr
+und seine Pflicht erinnern. Alexander brach nach dreitägiger Rast von den
+Ufern des Hydaspes auf, indem er Krateros mit dem größten Teil des Heeres
+zurückließ, um den Bau der beiden Städte zu vollenden. Von den Fürsten
+Taxiles und Poros begleitet, mit der Hälfte der makedonischen Ritterschaft,
+mit Auserwählten von jeder Abteilung des Fußvolks, mit dem größten Teile
+der leichten Truppen, denen eben jetzt der Satrap Phrataphernes von
+Parthien und Hyrkanien die Thraker, die ihm gelassen waren, zugeführt
+hatte, zog Alexander nordostwärts gegen die Glausen oder Glaukaniker, wie
+die Griechen sie nannten, die in den waldreichen Vorbergen oberhalb der
+Ebene wohnten, eine Bewegung, die zugleich den Gebirgsweg nach Kaschmir
+öffnete. Jetzt endlich beeilte sich Abisares, durch schnelles Einlenken die
+Verzeihung des Königs zu gewinnen; durch eine Gesandtschaft, an deren
+Spitze sein Bruder stand, unterwarf er sich und sein Land der Gnade des
+Königs; er bezeugte seine Ergebenheit mit einem Geschenk von vierzig
+Elefanten. Alexander mißtraute den schönen Worten; er befahl, Abisares
+sollte sofort persönlich vor ihm erscheinen, widrigenfalls er selbst an der
+Spitze eines makedonischen Heeres zu ihm kommen werde. Er zog weiter in die
+Berge hinauf. Die Glausen unterwarfen sich; ihr reichbevölkertes Gebiet --
+es zählte 37 Städte, von denen keine unter 5000 und mehrere über 10 000
+Einwohner hatten, außerdem eine große Zahl von Dörfern und Flecken -- wurde
+dem Fürsten Poros untergeben. Die Waldungen dieser Gegenden boten in
+reicher Fülle, was Alexander wünschte; er ließ in Menge Holz fällen und
+nach Bukephala und Nikaia hinabflößen, wo unter Krateros' Aufsicht die
+große Stromflotte gebaut werden sollte, auf der er nach Unterwerfung
+Indiens zum Indus und zum Meere hinabzufahren gedachte.
+
+Das Heer rückte ostwärts zum Akesines hinab; Alexander hatte Nachricht
+erhalten, daß der Fürst Poros von Gandaritis, durch das Verhältnis, in
+welches sein Großoheim zu Alexander getreten war, für sich selbst in
+Besorgnis und an der Möglichkeit verzweifelnd, daß die unlautere Absicht
+seiner Unterwürfigkeit verziehen werde, soviel Bewaffnete und Schätze als
+möglich zusammengebracht habe und nach den Gangeslanden geflohen sei.
+Angekommen an den Ufern des mächtigen Akesines, sandte Alexander den
+Fürsten Poros in sein Land zurück, mit dem Auftrage, Truppen auszuheben und
+diese nebst allen Elefanten, die nach der Schlacht am Hydaspes noch
+kampffähig seien, ihm nachzuführen. Alexander selbst ging mit seinem Heere
+über den Strom, der hochangeschwollen, in einer Breite von fast dreiviertel
+Stunden ein durch Klippen und Felsenvorsprünge gefährliches Talbett
+durchwogte, und in seiner wilden, strudelreichen Strömung vielen auf Kähnen
+Übersetzenden verderblich wurde; glücklicher brachten sie die Zelthäute
+hinüber. Hier, auf dem linken Stromufer blieb Koinos mit seiner Phalanx
+zurück, um für den Übergang der nachrückenden Heeresabteilungen Sorge zu
+tragen und aus den Ländern des Poros und Taxiles alles zur Verpflegung der
+großen Armee Gehörige zu beschaffen. Alexander selbst eilte durch den
+nördlichen Teil der Gandaritis, ohne Widerstand zu finden, gen Osten
+weiter; er hoffte, den treulosen Poros (von Gandaritis) noch einzuholen; er
+ließ in den wichtigsten Plätzen Besatzungen zurück, die die nachrückenden
+Korps des Krateros und Koinos erwarten sollten. Am Hyarotis, dem östlichen
+Grenzfluß der Gandaritis, wurde Hephaistion mit zwei Phalangen, mit seiner
+und des Demetrios Hipparchie und der Hälfte der Bogenschützen südwärts
+detachiert, die Herrschaft des landesflüchtigen Fürsten in ihrer ganzen
+Ausdehnung zu durchziehen, die etwa zwischen Hyarotis und Akesines
+ansässigen freien Stämme zu unterwerfen, auf dem linken Ufer des Akesines
+an der großen Straße eine Stadt zu gründen und das gesamte Land an den
+getreuen Poros zu übergeben. Mit dem Hauptheere ging Alexander selbst über
+den minder schwer zu passierenden Strom und betrat nun das Gebiet der
+sogenannten freien Inder.
+
+Es ist eine merkwürdige und in den eigentümlichen Naturverhältnissen des
+Pandschab begründete Erscheinung, daß sich hier in allen Jahrhunderten,
+wenn auch unter anderen und anderen Namen, republikanische Staaten gebildet
+und erhalten haben, wie sie dem sonstigen Despotismus Asiens entgegen und
+dem strenggläubigen Inder des Gangeslandes ein Greuel sind; die
+Pendschanadas nennt er mit Verachtung Arattas, die Königslosen; auch die
+Fürsten, wenn sie deren haben, nicht aus alter und heiliger Kaste, sind
+ohne alles Recht, Usurpatoren. Fast scheint es, als ob das Fürstentum des
+Poros selbst diesen Charakter an sich getragen habe; aber der Versuch, das
+ganze königlose Indien in seine Gewalt zu bringen, war an den kriegerischen
+und mächtigen Stämmen jenseits des Hyarotis gescheitert; es bedurfte der
+europäischen Waffen, sie zu bewältigen. Nur wenige von ihnen unterwarfen
+sich, ohne den Kampf zu versuchen; die meisten erwarteten den Feind mit
+gewaffneter Hand; unter diesen die Kathaier oder Katharer, die, berühmt als
+der kriegerischste Stamm des Landes, nicht nur selbst auf das trefflichste
+zum Kriege gerüstet waren, sondern auch die freien Nachbarstämme zu den
+Waffen gerufen und mit sich vereinigt hatten.
+
+Auf die Nachricht von ihren Rüstungen eilte Alexander ostwärts durch das
+Gebiet der Adraisten, die sich freiwillig unterwarfen; am dritten Tage
+nahte er der Kathäerhauptstadt Sangala; sie war von bedeutendem Umfang, mit
+starken Mauern umgeben, auf der einen Seite durch einen See geschützt, auf
+der anderen erhob sich in einiger Entfernung von den Toren ein Bergrücken,
+der die Ebene beherrschte; diesen hatten die Kathaier nebst ihren
+Verbündeten so stark als möglich besetzt, hatten um den Berg ihre
+Streitwagen zu einem dreifachen Verhau ineinandergeschoben, und lagerten
+selbst in dem innerem Bezirk dieser mächtigen Wagenburg; selbst
+unangreifbar, vermochten sie jeder Bewegung des Feindes schnell und mit
+bedeutender Macht zu begegnen. Alexander erkannte das Drohende dieser
+Stellung, welche den Berichten von der Kühnheit und kriegerischen
+Gewandtheit dieses Volkes vollkommen entspricht; je mehr er von ihnen
+Überfall und kühnes Wagnis erwarten durfte, desto schneller glaubte er
+Entscheidendes wagen zu müssen.
+
+Er ließ sofort die Bogenschützen zu Pferd vorgehen, den Feind zu
+umschwärmen und zu beschießen, um demselben einen Ausfall gegen die noch
+nicht zum Gefecht formierten Truppen unmöglich zu machen. Indes rückten auf
+den rechten Flügel das Agema der Ritterschaft und die Hipparchie des
+Kleitos, die Hypaspisten, die Agrianer auf, auf den linken die Phalangen,
+die Hipparchie des Perdikkas, der den linken Flügel führte; die
+Bogenschützen wurden auf beide Flügel verteilt. Während des Aufmarsches kam
+auch die Nachhut heran; deren Reiter wurden auf beide Flanken verteilt, das
+Fußvolk verwandt, die Phalanx dichter zu machen. Schon begann Alexander
+seinen Angriff; er hatte bemerkt, daß die Wagenreihe nach der linken Seite
+des Feindes hin minder dicht, das Terrain dort freier war; er hoffte durch
+eine heftige Reiterattacke gegen diesen schwachen Punkt den Feind zu einem
+Ausfall zu vermögen, durch den dann der Verhau geöffnet war. Er sprengte an
+der Spitze seiner zwei Hipparchien auf diese Stelle los; die feindlichen
+Wagen blieben geschlossen, ein Hagel von Speeren und Pfeilen empfing die
+makedonischen Reiter, die natürlich nicht die Waffe waren, eine Wagenburg
+zu stürmen oder zu sprengen. Alexander sprang vom Pferde, stellte sich an
+die Spitze des schon anrückenden Fußvolkes, führte es im Sturmschritt
+heran. Ohne große Mühe wurden die Inder zurückgeworfen; sie zogen sich in
+den zweiten Wagenring zurück, wo sie, in dem kleinerem Umkreise, den sie zu
+verteidigen hatten, dichter geschlossen und an jedem Punkt zahlreicher, mit
+besserem Erfolg kämpfen konnten; für die Makedonen war der Angriff doppelt
+beschwerlich, indem sie die Wagen und Wagentrümmer des schon gesprengten
+Ringes erst zusammenschieben mußten, um dann zwischen ihnen in einzelnen
+Trupps vorzudringen; es begann ein mörderischer Kampf, und die makedonische
+Tapferkeit hatte eine harte Probe gegen die kriegsgewandten und mit der
+höchsten Erbitterung kämpfenden Feinde zu bestehen. Als aber auch diese
+Wagenlinie durchbrochen war, verzweifelten die Kathaier, sich so
+furchtbarem Feinde gegenüber noch hinter der dritten halten zu können; in
+eiliger Flucht retteten sie sich hinter die Mauern der Stadt.
+
+Alexander umschloß noch desselben Tags die Stadt mit seinem Fußvolk, bis
+auf die eine Seite, an der ein nicht eben tiefer See lag; diesen umstellte
+er mit seinen Reitern; er glaubte, daß die Kathaier, durch den Ausgang
+dieses Tages bestürzt, in der Stille der Nacht aus ihrer Stadt zu flüchten
+versuchen und ihren Weg über den See nehmen würden. Er hatte recht
+vermutet. Um die zweite Nachtwache bemerkten die Reiterposten jenseits an
+der Stadtmauer ein großes Gedränge von Menschen, bald begannen sie durch
+den See zu waten, versuchten das Ufer und dann das Weite zu gewinnen. Sie
+wurden von den Reitern aufgefangen und niedergehauen; schreiend flohen die
+übrigen zur Stadt zurück; der Rest der Nacht verging ruhig.
+
+Am anderen Morgen ließ Alexander die Belagerungsarbeiten beginnen; es wurde
+ein doppelter Wall von der Nähe des Sees aus rings um die Mauern bis wieder
+an den See geführt; den See selbst umgab eine doppelte Postenlinie; es
+wurden die Schirmdächer und Sturmböcke aufgerichtet, gegen die Mauer zu
+arbeiten und Bresche zu legen. Da brachten Überläufer aus der Stadt die
+Nachricht, die Belagerten wollten in der nächsten Nacht einen Ausfall
+versuchen; nach dem See zu, wo die Lücke in der Walllinie sei, gedächten
+sie durchzubrechen. Den Plan der Feinde zu vereiteln, ließ der König drei
+Chiliarchien der Hypaspisten, sämtliche Agrianer und eine Taxis
+Bogenschützen unter Befehl des Somatophylax Ptolemaios die Stelle besetzen,
+wo der Feind ziemlich sicher zu erwarten war; er befahl ihm, wenn die
+Barbaren den Ausfall wagen sollten, sich ihnen mit aller Macht zu
+widersetzen, zugleich Lärm blasen zu lassen, damit sofort die übrigen
+Truppen ausrücken und in den Kampf eilen könnten. Ptolemaios eilte seine
+Stellung zu nehmen, sie so viel wie möglich zu befestigen; er ließ von den
+am vorigen Tage noch stehengebliebenen Wagen möglichst viele herfahren und
+in die Quere aufstellen, die noch nicht eingesetzten Schanzpfähle an
+mehreren Stellen zwischen Mauer und Teich in Haufen zusammentragen, um den
+im Dunkel Fliehenden die ihnen bekannten Wege zu verlegen. Unter diesen
+Arbeiten verstrich ein guter Teil der Nacht. Endlich um die vierte
+Nachtwache öffnete sich das Seetor der Stadt, in hellen Haufen brachen die
+Feinde hervor; sofort ließ Ptolemaios Lärm blasen, setzte sich zugleich
+mit seiner schon bereitstehenden Mannschaft in Bewegung. Während die Inder
+noch zwischen den Wagen und Pfahlhaufen den Weg suchten, war schon
+Ptolemaios mit seinen Scharen mitten unter ihnen, und nach langem und
+unordentlichem Gefechte sahen sie sich gezwungen, zur Stadt
+zurückzufliehen.
+
+So war den Indern jeder Weg zur Flucht abgeschnitten. Zugleich traf Poros
+wieder ein, er brachte die übrigen Elefanten und 5000 Inder mit. Das
+Sturmzeug war fertig und wurde an die Mauern gebracht; sie wurden an
+mehreren Stellen unterminiert, mit so günstigem Erfolg, daß es in kurzer
+Zeit da und dort Breschen gab. Nun wurden die Leitern angelegt, die Stadt
+mit stürmender Hand genommen; wenige von den Belagerten retteten sich,
+desto mehr wurden von den erbitterten Makedonen in den Straßen
+niedergemacht; man sagt an 17 000, eine Zahl, die nicht unwahrscheinlich
+ist, da Alexander, um die Unterwerfung dieses kriegerischen Volksstammes
+möglich zu machen, den strengen Befehl gegeben hatte, jeden Bewaffneten
+niederzuhauen; die 70 000 Gefangenen, welche erwähnt werden, scheinen die
+übrige Bevölkerung der indischen Stadt ausgemacht zu haben. Die Makedonen
+selbst zählten gegen 100 Tote und ungewöhnlich viel Verwundete, nämlich
+1200, unter diesen den Somatophylax Lysimachos, zahlreiche andere
+Offiziere.
+
+Gleich nach der Erstürmung der Stadt sandte Alexander den Kardianer Eumenes
+mit 300 Reitern nach den beiden mit den Kathaiern verbündeten Städten, mit
+der Anzeige von dem Falle Sangalas und der Aufforderung, sich zu ergeben:
+sie würden, wenn sie sich dem Könige freiwillig unterwürfen, ebensowenig zu
+fürchten haben, wie so viele andere Inder, welche die makedonische
+Freundschaft schon als ihr wahres Heil zu erkennen anfingen. Aber die aus
+Sangala Geflüchteten hatten die gräßlichsten Berichte von Alexanders
+Grausamkeit und dem Blutdurst seiner Soldaten mitgebracht; an die
+freundlichen Worte des Eroberers glaubte niemand, in eiliger Flucht
+retteten die Einwohner der beiden Städte sich und von ihrem Hab und Gut,
+soviel sie mitnehmen konnten. Auf die Meldung hiervon brach Alexander
+schleunigst aus Sangala auf, die Fliehenden zu verfolgen; sie hatten zu
+weiten Vorsprung, nur einige hundert, die vor Ermattung zurückgeblieben
+waren, fielen in seine Hände und wurden niedergemacht. Der König kehrte
+nach Sangala zurück; die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht, das Gebiet
+derselben an die benachbarten Stämme, die sich freiwillig unterworfen
+hatten, verteilt, in deren Städte Besatzungen, die Poros hinzuführen
+entsandt wurde, gelegt.
+
+Nach der Züchtigung von Sangala und dem Schrecken, den die übertreibenden
+Gerüchte von der wilden Grausamkeit der fremden Eroberer verbreiteten,
+wußte Alexander durch Milde und Großmut, wo sich Gelegenheit dazu gab,
+desto wirksamer zu beruhigen. Bald bedurfte es keines weiteren Kampfes:
+wohin er kam, unterwarf sich ihm die Bevölkerung. Dann betrat er das Gebiet
+des Fürsten Sopeithes[15], dessen Herrschaft sich über die ersten
+Bergketten des Imaos und in die Reviere der Steinsalzlager an den
+Hyphasisquellen erstreckte. Das Heer nahte sich der fürstlichen Residenz,
+in der, man wußte es, sich Sopeithes befand; die Tore waren geschlossen,
+die Zinnen der Mauern und Türme ohne Bewaffnete; man zweifelte, ob die
+Stadt verlassen oder Verrat zu fürchten sei. Da öffneten sich die Tore: in
+dem bunten und flimmernden Staate eines indischen Rajahs, in hellfarbigen
+Kleidern, in Perlenschnüren und Edelsteinen mit goldenem Schmuck, von
+schallender Musik begleitet, mit einem reichen Gefolge zog der Fürst
+Sopeithes dem Könige entgegen und brachte mit vielen und kostbaren
+Geschenken, unter denen eine Meute Tigerhunde, seine Huldigung dar; sein
+Fürstentum ward ihm bestätigt und, wie es scheint, vergrößert. Dann zog
+Alexander weiter in das benachbarte Gebiet des Fürsten Phegeus; auch dieser
+eilte, seine Huldigung und seine Geschenke darzubringen; er blieb im Besitz
+seines Fürstentums. Es war das östlichste Land, das Alexander in seinem
+Siegeslaufe betreten sollte.
+
+ [15] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Die historische Tradition hat diesen Punkt in der Geschichte Alexanders auf
+bemerkenswerte Weise verdunkelt. Selbst von dem Äußerlichen wird nicht
+Genügendes und Übereinstimmendes angegeben; manche der Makedonen sollen
+Unglaubliches in die Heimat berichtet, es soll Krateros seiner Mutter
+geschrieben haben: bis zum Ganges seien sie vorgedrungen und hätten diesen
+ungeheuren Strom voll Haifische und brandend wie das Meer gesehen. Andere
+nannten wenigstens den Hyphasis der Wahrheit gemäß als das Ende des
+makedonischen Zuges; aber, um doch irgendwie zu erklären, warum der
+Eroberung ein Ziel gesetzt worden, haben sie aus dem letzten Anlaß der
+Umkehr einen Kausalzusammenhang hergeleitet, über dessen Wert weder die
+sonstige Glaubwürdigkeit der Berichterstatter noch der verdachtlose Glaube,
+der ihnen seit zwei Jahrtausenden geschenkt worden, täuschen darf.
+
+Alexander, so wird erzählt, war an den Hyphasis vorgedrungen, mit der
+Absicht, auch das Land jenseits zu unterwerfen, denn es schien ihm kein
+Ende des Krieges, solange noch irgend Feindliches da war. Da erfuhr er,
+jenseits des Hyphasis sei ein reiches Land und drinnen ein Volk, das
+fleißig den Acker baue, die Waffen mit Mut führe, sich einer wohlgeordneten
+Verfassung erfreue; denn die Edelsten beherrschten das Volk ohne Druck und
+Eifersucht; die Kriegselefanten seien dort mächtiger, wilder und in
+größerer Zahl als irgendwo sonst in Indien. Das alles erregte des Königs
+Verlangen, weiterzudringen. Aber die Makedonen sahen mit Sorge, wie ihr
+König Mühe auf Mühe, Gefahr auf Gefahr häufe; sie traten hier und da im
+Lager zusammen, sie klagten um ihr trauriges Los, sie schwuren einander,
+nicht weiter zu folgen, wenn es Alexander auch geböte. Als der König das
+erfuhr, eilte er, bevor die Unordnung und die Mutlosigkeit der Truppen um
+sich griffe, die »Führer der Taxeis« zu berufen. »Da sie«, so sprach er,
+»ihm nicht weiter, von gleicher Gesinnung beseelt, folgen wollten, so habe
+er sie herbeschieden, um entweder sie von der Rätlichkeit des weiteren
+Zuges zu überzeugen, oder von ihnen überzeugt zurückzukehren; erscheine
+ihnen das bisher Durchkämpfte und seine eigene Führung tadelnswert, so habe
+er nichts Weiteres zu sagen; er kenne für den hochherzigen Mann kein andere
+Ziel alles Kämpfens als die Kämpfe selbst; wolle jemand das Ende seiner
+Züge wissen, so sei es nicht mehr weit bis zum Ganges, bis zum Meere im
+Osten; dort werde er seinen Makedonen den Seeweg zum Hyrkanischen, zum
+Persischen Meere, zum libyschen Strande, zu den Säulen des Herakles zeigen;
+die Grenzen, die der Gott dieser Welt gegeben, sollten die Grenzen des
+makedonischen Reiches sein; noch aber sei jenseits des Hyphasis bis zum
+Meer im Osten manches Volk zu bewältigen, und von dort bis zum Hyrkanischen
+Meere schweiften noch die Horden der Skythen unabhängig umher; seien denn
+die Makedonen vor Gefahren bange? Vergäßen sie ihres Ruhmes und der
+Hoffnung? Einst, wenn die Welt überwunden, werde er sie heimführen gen
+Makedonien, überreich an Habe, an Ruhm, an Erinnerungen.« Nach dieser Rede
+Alexanders entstand ein langes Schweigen, niemand wagte entgegenzusprechen,
+niemand beizustimmen; umsonst forderte der König wiederholt zum Sprechen
+auf: er werde auch der entgegengesetzten Meinung Gehör schenken. Lange
+schwieg man; endlich erhob sich Koinos, des Polemokrates Sohn, der Strateg
+der elymiotischen Phalanx, der so oft, jüngst noch in der Schlacht am
+Hydaspes, sich bewährt hatte; »der König wolle, daß das Heer nicht sowohl
+seinem Befehl, als der eigenen Überzeugung folge; so spreche er denn nicht
+für sich und die Führer, da sie zu allem bereit seien, sondern für die
+Menge im Heer, nicht um ihr zu gefallen, sondern zu sagen, was dem Könige
+selbst für jetzt und künftig das Sicherste sein werde; sein Alter, seine
+Wunden, des Königs Vertrauen gäben ihm ein Recht, offen zu sein; je mehr
+Alexander und das Heer vollbracht, desto notwendiger sei es, endlich ein
+Ziel zu setzen; wer von den alten Kriegern noch übrig sei, wenige im Heere,
+andere in den Städten zerstreut, sehnten sich nach der Heimat, nach Vater
+und Mutter, nach Weib und Kind zurück; dort wollten sie den Abend ihres
+Lebens, im Schoß der Ihrigen, in der Erinnerung ihres tatenreichen Lebens,
+im Genuß des Ruhmes und der Habe, die Alexander mit ihnen geteilt,
+verleben; solches Heer sei nicht zu neuen Kämpfen geschickt, Alexander möge
+sie heimführen, er werde seine Mutter wiedersehen, er werde die Tempel der
+Heimat mit Trophäen schmücken; er werde, wenn er nach neuen Taten verlange,
+ein neues Heer rüsten und gegen Indien oder Libyen, gegen das Meer im
+Osten oder jenseits der Heraklessäulen ziehen, und die gnädigen Götter
+würden ihm neue Siege gewähren; der Götter größtes Geschenk aber sei die
+Mäßigung im Glück; nicht den Feind, wohl aber die Götter und ihr Verhängnis
+müsse man scheuen.« Unter allgemeiner Bewegung schloß Koinos seine Rede;
+viele vermochten die Tränen nicht zu hemmen; es war offenbar, wie der
+Gedanke der Heimkehr ihr Herz erfüllte. Unwillig über die Äußerungen des
+Strategen und die Zustimmung, die sie fanden, entließ Alexander die
+Versammlung. Am nächsten Tage berief er sie von neuem; »er werde«, so
+sprach er, »in kurzem weitergehen, er werde keinen Makedonen nötigen, zu
+folgen, noch seien genug der Tapferen übrig, die nach neuen Taten
+verlangten, die übrigen möchten heimziehen, es sei ihnen erlaubt; sie
+möchten in ihrer Heimat berichten, daß sie ihren König mitten in
+Feindesland verlassen hätten.« Nach diesen Worten verließ er die
+Versammlung und zog sich in sein Zelt zurück; während dreier Tage zeigte er
+sich den Makedonen nicht; er erwartete, daß sich die Stimmung im Heere
+ändern, daß sich die Truppen zur weiteren Heerfahrt entschließen würden.
+Die Makedonen empfanden des Königs Ungnade schwer genug, aber ihr Sinn
+änderte sich nicht. Dessenungeachtet opferte der König am vierten Tage an
+den Ufern des Stromes wegen des Überganges, die Zeichen des Opfers waren
+nicht günstig; darauf berief er die ältesten und die ihm anhänglichsten der
+Hetairen, verkündete ihnen und durch sie dem Heere, daß er die Rückkehr
+beschlossen habe. Die Makedonen weinten und jubelten vor Freude, sie
+drängten sich um des Königs Zelt und priesen ihn laut, daß er, stets
+unbesiegt, sich von seinen Makedonen habe besiegen lassen.
+
+So die Erzählung nach Arrian; bei Curtius und Diodor ist sie in einigen
+Nebenumständen verändert und erweitert, die sozusagen rhetorischer Natur
+sind. Alexander habe die Truppen, um sie für den weiteren Feldzug geneigt
+zu machen, auf Plünderung in die sehr reichen Ufergegenden des Hyphasis,
+also in das befreundete Land des Phegeus, ausgesandt, und während der
+Abwesenheit der Truppen den Weibern und Kindern der Soldaten Kleider und
+Vorräte aller Art, namentlich den Sold eines Monats zum Geschenk gemacht;
+dann habe er die mit Beute heimkehrenden Soldaten zur Versammlung berufen
+und nicht etwa im Kriegsrat, sondern vor dem gesamten Heere die wichtige
+Frage über den weiteren Zug verhandelt.
+
+Strabo sagt: Alexander sei zur Umkehr bewogen worden durch gewisse heilige
+Zeichen, durch die Stimmung des Heeres, das den weiteren Heereszug wegen
+der ungeheueren Strapazen, die es bereits erduldet, versagte, vor allem
+aber, weil die Truppen durch den anhaltenden Regen sehr gelitten hätten.
+Diesen letzten Punkt muß man in seiner ganzen Bedeutsamkeit vor Augen
+haben, um die Umkehr am Hyphasis zu begreifen. Kleitarch, den man in den
+Worten Diodors wiedererkennt, stellt das Elend der Truppen in den
+krassesten Bildern dar: »wenige von den Makedonen«, sagt er, »waren übrig,
+und diese der Verzweiflung nahe, durch die Länge der Feldzüge waren den
+Pferden die Hufe abgenutzt, durch die Menge der Schlachten die Waffen der
+Krieger stumpf und zerbrochen; hellenische Kleider hatte niemand mehr,
+Lumpen barbarischer und indischer Beute, elend aneinander geflickt, deckten
+die benarbten Leiber der Welteroberer; seit siebzig Tagen waren die
+furchtbarsten Regengüsse unter Stürmen und Gewittern vom Himmel
+herabgeströmt.« Allerdings waren gerade jetzt die Peschekal, die tropischen
+Regen, mit den weiten Überschwemmungen der Ströme in ihrer vollen Höhe; man
+vergegenwärtige sich, was ein abendländisches Heer, seit drei Monaten im
+Lager oder auf dem Marsche, durch dies furchtbare Wetter, durch die
+dunstige Nässe des ungewohnten Klimas, durch den unvermeidlichen Mangel an
+Bekleidung und den gewohnten Lebensmitteln gelitten haben, wieviel Menschen
+und Pferde der Witterung und den Krankheiten, die sie erzeugte, erlegen
+sein mußten, wie endlich durch das um sich greifende Siechtum, durch die
+unablässige Qual der Witterung, der Entbehrung, der schlechten Wege und
+unaufhörlichen Märsche, durch die gräßliche Steigerung des Elends, der
+Sterblichkeit und der Hoffnungslosigkeit die moralische Kraft mit der
+physischen zugleich gebrochen sein mochte, -- und man wird es begreiflich
+finden, daß in diesem sonst so kriegstüchtigen und enthusiastischen Heere
+Mißmut, Heimweh, Erschlaffung, Indolenz einreißen, das allgemeine und
+einzige Verlangen sein konnte, dies Land, ehe zum zweiten Male die
+furchtbaren Monate der tropischen Regen kämen, weit hinter sich zu haben.
+Und wenn Alexander jener Stimmung im Heere und der Weigerung weiterer
+Heeresfolge nicht mit rücksichtsloser Strenge entgegentrat, sondern, statt
+sie durch alle Mittel soldatischer Disziplin zu brechen und zu strafen, ihr
+endlich nachgab, so ist dies ein Beweis, daß ihr nicht Meuterei und Haß
+gegen den König zugrunde lag, sondern daß sie die nur zu begreifliche Folge
+jener endlosen Leiden der letzten drei Monate war.
+
+Wohl scheint es Alexanders Wille gewesen zu sein, seine siegreichen Waffen
+bis zum Ganges und bis zum Gestade des Ostmeeres hinauszutragen. Nicht mit
+gleicher Wahrscheinlichkeit lassen sich die Gründe angeben, die ihn dazu
+bestimmten. Vielleicht waren es die Berichte von der kolossalen Macht der
+Fürsten am Ganges, von den unendlichen Schätzen der dortigen Residenzen,
+von allen Wundern des fernen Ostens, wie er sie in Europa und Asien hatte
+preisen hören, vielleicht nicht minder das Verlangen, in dem östlichen
+Meere eine Grenze der Siege und neue Wege zu Entdeckungen und
+Weltverbindungen zu finden; vielleicht war es ein Versuch, durch ein
+äußerstes Mittel den Mut der Truppen aufzurichten, deren moralische Kraft
+unter der Riesenmacht der tropischen Natur zusammenbrach. Er mochte hoffen,
+daß die Kühnheit seines neuen Planes, daß die große Zukunft, die er dem
+verzagenden Blicke seiner Makedonen zeigte, daß sein Aufruf und der
+wiederentzündete Enthusiasmus seines unablässigen Vorwärts sein Heer alles
+Leiden vergessen lassen und mit neuer Kraft entflammen werde. Er hatte sich
+geirrt; Ohnmacht und Klage war das Echo seines Aufrufs. Der König versuchte
+das ernstere Mittel der Beschämung und seiner Unzufriedenheit; er entzog
+sich den Blicken seiner Getreuen, er ließ sie seinen Unwillen fühlen, er
+hoffte, sie durch Scham und Reue aus ihrem Elend und ihrer Demoralisation
+emporzureißen; bekümmert sahen die Veteranen, daß ihr König zürne, zu
+ermannen vermochten sie sich nicht. Drei Tage herrschte im Lager das
+qualvolle Schweigen; Alexander mußte erkennen, daß alles Bemühen
+vergeblich, schärfere Versuche bedenklich seien. Er ließ an den Ufern des
+Stromes die Opfer zum Übergange feiern, und die gnädigen Götter weigerten
+ihm die günstigen Zeichen der weiteren Heerfahrt; sie geboten,
+heimzukehren. Der Ruf zur Heimkehr, der nun durch das Lager ertönte, wirkte
+wie ein Zauber auf die Gemüter der Entmutigten; jetzt war das Leiden
+vergessen, jetzt alles Hoffnung und Jubel, jetzt in allen neue Kraft und
+neuer Mut; von allen Alexander allein mag trauernd gen Abend geblickt
+haben.
+
+Diese Umkehr Alexanders am Hyphasis, für ihn der Anfang seines
+Niederganges, wenn man die Summe seines Lebens und Strebens in der Devise
+des abendländischen Monarchen neuerer Zeit, der sich zuerst rühmen konnte,
+daß in seinem Reiche die Sonne nicht untergehe, in dem #plus ultra# zu
+finden glaubt, -- sie war, nach dem Sinne seiner Aufgabe in der Geschichte
+eine Notwendigkeit, vorbereitet und vorgedeutet in dem Zusammenhang dessen,
+was er bis daher getan und begründet hatte; und selbst wenn man zweifeln
+kann, ob seine eigene Einsicht oder die Gewalt der Umstände ihn zu diesem
+Entschlusse zwangen, dessen Bedeutung bleibt dieselbe. Der weitere Feldzug
+gen Osten hatte den Westen so gut wie preisgegeben; schon jetzt waren aus
+den persischen und syrischen Provinzen Berichte eingegangen, die deutlich
+genug zeigten, welche Folgen von einer noch längeren Abwesenheit des
+Königs, von der noch weiteren Entfernung der streitbaren Macht zu erwarten
+waren; Unordnungen aller Art, Bedrückungen gegen die Untertanen, Anmaßungen
+der Satrapen, gefährliche Wünsche und verbrecherische Versuche von
+persischen und makedonischen Großen, die, während Alexander an den Indus
+hinabgezogen war, sich ohne Aufsicht und Verantwortung zu fühlen begannen,
+hätten durch einen weiteren Feldzug in die Gangesländer ungefährdet weiter
+wuchern und vielleicht zu einer vollkommenen Auflösung des noch keineswegs
+fest gegründeten Reiches führen können. Selbst angenommen, daß der
+außerordentliche Geist Alexanders noch aus dem fernsten Osten her die
+Zügel der Herrschaft fest und streng anzuziehen vermocht hätte, die größten
+Erfolge in den Gangesländern wären für das Bestehen des Reiches am
+gefährlichsten gewesen; die ungeheuere Ausdehnung dieses Stromgebietes
+hätte einen unverhältnismäßigen Aufwand von abendländischen Besatzungen
+gefordert, und endlich doch eine wahrhafte Unterwerfung und Verschmelzung
+mit dem Reiche unmöglich gemacht.
+
+Dazu ein Zweites; eine Wüste von nicht geringerer Ausdehnung als die
+Halbinsel Kleinasien, scheidet die Ostländer Indiens vom Fünfstromlande;
+ohne Baum, ohne Gras, ohne anderes Wasser als das brackige der engen, bis
+dreihundert Fuß tiefen Brunnen, unerträglich durch den wehenden Flugsand,
+durch den glühenden Staub, der in der schwülen Luft flirrt, noch
+gefährlicher durch den plötzlichen Wechsel der Tageshitze und der
+nächtlichen Kühle, ist diese traurige Einöde die fast unüberwindliche
+Vormauer des Gangeslandes; nur ein Weg führt vom Norden am Saume der
+Imaosketten vom Hyphasis und Hesudros zu den Strömen des Ganges, und mit
+Recht nennen ihn die Morgenländer ein zu schwaches Band, um das große und
+überreiche Gangesland an die Krone von Persien zu heften.
+
+Endlich wird man sagen dürfen, daß Alexanders Politik, wenn man sie von dem
+ersten Eintritt in das indische Land an verfolgt, mit Sicherheit schließen
+läßt, daß seine Absicht nicht gewesen ist, das Fünfstromland, geschweige
+gar die Länder des Ganges zu unmittelbaren Teilen seines Reiches zu machen.
+Das Reich Alexanders hatte mit der indischen Satrapie im Westen des Indus
+seine natürliche Grenze; mit den Hochpässen des »Kaukasus« beherrschte er,
+wie nordwärts das Land des Oxos und Sogdflusses, so südwärts das des Kophen
+und Indus; was ostwärts vom Indus lag, sollte unter einheimischen Fürsten
+unabhängig, aber unter makedonischem Einfluß bleiben, wie derselbe in der
+eigentümlichen Stellung der Fürsten Taxiles und Poros zueinander und zum
+Könige sicher genug begründet war; selbst der so hoch begünstigte Poros
+erhielt nicht alles Land bis zum östlichen Grenzstrom des Pandschab; wie
+auf der einen Seite Taxiles, so wurden auf der anderen Seite die
+unabhängigen Fürstentümer des Phegeus und Sopeithes ein Gegengewicht, zwei
+Fürsten, die, zu unbedeutend, um mit eigener Macht etwas wagen zu können,
+einzig in der Ergebenheit gegen Alexander Kraft und Halt finden konnten. So
+waren diese Fürsten, ähnlich dem Rheinbunde der neueren Zeit, durch
+gegenseitige Furcht und Eifersucht der Abhängigkeit von der überlegenen
+Macht Alexanders, wenn er auch nach Westen zurückkehrte, gesichert; sollte
+eine Eroberung des Gangeslandes möglich sein, so hätte Alexander das
+Fünfstromland, wie früher in Baktrien und Sogdiana, wenn auch mit denselben
+strengen Mitteln und gleichem Zeitaufwand sich vollkommen unterwerfen
+müssen, und selbst des sogdianischen Landes Meister, hatte er es
+aufgegeben, von dort bis zu dem Meere vorzudringen, das er nordwärts hinter
+den Gebieten der Skythen nahe geglaubt hatte. In gleicher Weise wird er von
+Poros und Taxiles erfahren haben, welche Weiten bis zum Ganges, bis zu dem
+Meere, in das dessen Wasser strömen, zu durchmessen seien. Das Land am
+Kophenfluß, den Vorhof Indiens, hatte er mit fester Hand gefaßt, wie in der
+Sogdiana eine Nordmark, so in den abhängigen Fürstentümern im Fünfstromland
+ein noch entwickelteres Marksystem begründet; er scheint sich von Anfang an
+her überzeugt zu haben, daß die Bevölkerung des Induslandes in allen
+Verhältnissen des Lebens, des Staates und der Religion zu eigentümlich
+entwickelt und in ihrer Entwicklung zu fertig war, als daß sie schon jetzt
+für das hellenistische Reich gewonnen werden konnte; Alexander konnte nicht
+daran denken, jenseits der nur verbündeten Fürstentümer eine neue Reihe von
+Eroberungen seinem Reiche in der Form unmittelbarer Abhängigkeit
+einzuverleiben. Und wenn er bereits nach der Schlacht am Hydaspes den Bau
+einer Flotte beginnen ließ, die sein Heer den Indus hinab zum Persischen
+Meere bringen sollte, so zeigt dies unzweideutig, daß er auf dem Wege des
+Indus, nicht des Ganges, zurückzukehren die Absicht hatte, daß also sein
+Zug gegen die Gangesländer nicht mehr als ein Streifzug, eine »Kavalkade«
+sein sollte. Man darf vermuten, daß, wenn sie mehr hätte sein wollen, sie,
+wie Napoleons großer Feldzug gen Osten, von einer Operationsbasis kaum
+bewältigter Fürstentümer aus, die nur durch die schwachen Bande der
+Dankbarkeit, der Furcht und Selbstsucht an den Eroberer gefesselt waren,
+wahrscheinlich einen ebenso traurigen Ausgang gehabt haben würde.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+ Die Rückkehr -- Die Flotte auf dem Akesines -- Der Kampf
+ gegen die Maller -- Alexander in Lebensgefahr -- Die Kämpfe
+ am unteren Indus -- Abmarsch des Krateros -- Die Kämpfe im
+ Indusdelta -- Alexanders Fahrt in den Ozean -- Sein Abmarsch
+ aus Indien
+
+
+Es mochte in den letzten Tagen des August 326 sein, als sich das
+makedonische Heer an den Ufern des Hyphasis zum Rückmarsch rüstete. Nach
+den Anordnungen des Königs errichtete das Heer an den Ufern des Stromes
+zwölf mächtige turmähnliche Altäre, zum Dank für die Götter, die es bisher
+siegreich hatten vordringen lassen, und zum Gedächtnis dieses Königs und
+dieses Heeres. Alexander opferte auf diesen Altären, während von den
+Truppen Kampfspiele aller Art nach hellenischem Brauche gefeiert wurden.
+
+Dann brach das Heer nach Westen auf; es war befreundetes Land, durch
+welches der Weg führte; ohne andere Schwierigkeiten, als die des noch immer
+häufigen Regens, gelangte man zum Hyarotis, und über diesen durch die
+Landschaft Gandaritis an die Ufer des Akesines; hier an der Passage des
+Stromes stand bereits die Stadt, mit deren Bau Hephaistion beauftragt
+worden war, fertig. Alexander ließ hier kurze Zeit rasten, um teils für die
+Hinabfahrt zum Indus und ins »große Meer« die nötigen Vorbereitungen zu
+treffen, teils die neue Stadt zu kolonisieren, zu welchem Ende die Inder
+der Umgegend zur Ansiedlung aufgefordert und zugleich die kampfunfähigen
+Söldner aus dem Heere hierselbst ansässig gemacht wurden.
+
+Während dieser Rastzeit kam der Bruder des Fürsten Abisares von Kaschmir
+und andere kleine Fürsten der oberen Gegenden, alle mit vielen und
+kostbaren Geschenken, dem großen Könige ihre Huldigungen darzubringen;
+namentlich sandte Abisares dreißig Elefanten und ließ in Antwort auf den
+Befehl, den der König ihm hatte zukommen lassen, in Person zu erscheinen,
+seine vollkommenste Ergebenheit versichern und eine Krankheit, die ihn
+darniedergeworfen, als Entschuldigung für sein Nicherscheinen angeben. Da
+die von Alexander nach Kaschmir gesandten Makedonen diese Angaben
+bestätigten, und das jetzige Benehmen des Fürsten für seine weitere
+Ergebenheit zu bürgen schien, so wurde ihm sein Fürstentum als Satrapie
+übergeben und der Tribut bestimmt, den er hinfort zu entrichten habe, auch
+das Fürstentum des Arsakes (Uraça in der Nähe von Kaschmir) in den Bereich
+seiner Macht gegeben. Nach feierlichen Opfern zur Weihe der neuen Stadt
+ging Alexander über den Akesines, gegen Mitte September trafen die
+verschiedenen Heeresabteilungen in Bukephala und Nikaia am Hydaspes
+zusammen.
+
+Es war ein großer und zukunftreicher Gedanke des Königs, aus dem Gebiet des
+Indusstromes, das er jetzt nach Osten durchzogen hatte, nicht etwa auf dem
+Wege, den er gekommen, in sein Reich zurückzukehren, sondern ebenso in den
+Ländern stromabwärts die Gewalt seiner Waffen geltend zu machen und den
+Samen des hellenistischen Lebens auszustreuen. Sein Verhältnis zu dieser
+neuentdeckten indischen Welt, nicht das eines unmittelbaren Herrschers,
+sondern auf den jetzt zum ersten Male eröffneten Verkehr mit jenen Völkern
+begründet, auf das allmähliche Wachstum dieser neuen Verbindungen und
+Anfänge berechnet, hätte, wenn etwa nur die indische Satrapie mit dem
+Kophenstrome das vermittelnde Band blieb, weder durchgreifend wirken, noch
+selbst für die Dauer bestehen können. Wenn auch jene Satrapie die
+Hauptstraße des gegenseitigen Verkehrs darbot, so mußte doch die ganze
+Linie des Indusstromes in den Händen der Makedonen sein, es mußten die
+tiefer am Strome wohnenden Völker denselben Einfluß wie die Völker des
+Fünfstromlandes anerkennen lernen, es mußte um so entschiedener gegen sie
+verfahren werden, je mehr manche derselben, namentlich die Maller und
+Oxydraker, auf ihre Unabhängigkeit und ihren kriegerischen Ruhm trotzten
+und jeden fremden Einfluß verabscheuten oder verachteten; vor allem mußte
+dieser Einfluß selbst durch hellenistische Kolonien am Indusstrome Halt und
+Nachdruck erhalten. In diesem Plane war es, daß Alexander schon, als er von
+dem Hydaspes gen Osten aufgebrochen war, den Befehl zum Bau der großen
+Stromflotte gegeben hatte, mit der er zum Indus und bis zum großen Meere
+hinabzusegeln gedachte; jetzt, da es unmöglich geworden war, den Feldzug
+bis zum Ganges und zum Ostmeere fortzusetzen, mochte sich Alexander mit
+doppeltem Eifer zu dieser Expedition wenden, die, wenn nicht ebensoviel
+Ruhm und Beute, wie die Heerfahrt zum Ganges, so doch gewiß große Erfolge
+erwarten ließ.
+
+Während der vier Monate, die Alexander vom Hydaspes entfernt gewesen, hatte
+sich die äußere Gestalt dieser Gegend, in der seine beiden Städte lagen,
+vollkommen verwandelt. Die Regenzeit war vorüber, die Wasser begannen in
+ihr altes Bett zurückzutreten, und weite Reisfelder, auf dem Fruchtboden
+der Überschwemmungen im üppigsten Grün, zogen sich auf der linken Seite des
+Stromes hinab; das Ufer drüben unter den waldigen Höhen war meilenweit mit
+Schiffswerften bedeckt, auf denen Hunderte von großen und kleinen
+Fahrzeugen teils noch gezimmert wurden, teils schon fertig standen;
+Flößholz aus dem Gebirge, Kähne mit Vorräten aller Art, Transporte von Bau-
+und Kriegsmaterial kamen auf dem Strome daher, dessen Ufer das bunte
+Treiben eines lagernden und rastenden Heeres aller Nationen seltsam genug
+belebte. Alexanders nächste Sorge war, die beiden Festen, die, schnell und
+auf tiefem Grunde erbaut, in ihren Erdwällen und Baracken durch die Gewalt
+des Wassers manchen Schaden erlitten hatten, vollständiger und dauerhafter
+auszubauen. Dann wurde die Ausrüstung der Schiffe begonnen; nach
+hellenischer Sitte ernannte Alexander aus der Zahl der Reichsten und
+Vornehmsten in seiner Umgebung 33 Trierarchen, denen diese Leiturgie, die
+Ehrenleistung einer stattlichen und tüchtigen Schiffsausrüstung, zum
+Gegenstand eines für die Sache selbst sehr förderlichen Wetteifers wurde.
+Das Verzeichnis dieser Trierarchen gibt eine lehrreiche Übersicht der
+Umgebung des Königs. Es sind 24 Makedonen: die sieben Leibwächter des
+Königs, sowie der demnächst als achter dazu ernannte Peukestas; der Strateg
+und Hipparch Krateros, von den Strategen der Phalanx Attalos, von den
+Chiliarchen der Hypaspisten Nearchos, ferner Laomedon, der nicht Soldat
+war, Androsthenes, der nach der Rückkehr nach Babylon die Flotte um Arabien
+führte; von den übrigen elf Makedonen wird keiner sonst erwähnt, mancher
+von ihnen mag wie Laomedon im Zivil- oder wenigstens Intendanturdienst
+gestanden haben, Geschäfte, deren Umfang und Bedeutung bei diesem Heere,
+auch wenn nichts davon überliefert ist, sich von selbst versteht. Dann sind
+sechs Hellenen Trierarchen, unter ihnen des Königs Schreiber, Eumenes von
+Kardia, und der Larissäer Medios, einer der Vertrautesten des Königs.
+Endlich der Perser Bagoas und zwei Cyprioten, Königssöhne. Ob diese
+Trierarchen die ganze Flotte oder nur die größeren Schiffe, die 80
+Dreißigruderer, ausrüsteten, ist nicht mehr zu erkennen.
+
+Zur Bemannung der Stromflotte wurden aus dem Heere die Phöniker, Ägypter,
+Cyprier, Griechen der Inseln und asiatischen Küste ausgewählt und als
+Schiffsleute und Ruderer auf die Fahrzeuge verteilt; und in weniger als
+einem Monat war alles zur Abfahrt fertig. Tausend Fahrzeuge aller Art lagen
+auf dem Strom bereit, unter diesen die achtzig als Kriegsschiffe
+eingerichtet, zweihundert unbedeckte Schiffe zum Transport von Pferden;
+alle übrigen Fahrzeuge, aus den Ufergegenden, wie man sie gerade vorfand,
+beigetrieben, waren zum Fortschaffen von Truppen und zum Nachfahren der
+Lebensmittel und Kriegsmaterialien bestimmt, wovon nach einer unsicheren
+Nachricht eben jetzt große Transporte zugleich mit neuen Truppen,
+sechstausend Reitern und mehreren tausend Mann Fußvolks, angekommen sein
+sollen.
+
+In den ersten Tagen des November sollte die Stromfahrt beginnen. Der König
+berief die Hetairen und die indischen Gesandten, die beim Heere waren,
+ihnen das weiter Nötige mitzuteilen. Er durfte die Hoffnung aussprechen,
+daß der Frieden, den er dem Fünfstromlande wiedergegeben, für die Dauer
+gegründet und durch seine Anordnung gesichert sein werde. Dem Fürsten Poros
+wurden die Erweiterungen seines Gebiets, die sieben Völker und zweitausend
+Städte umfaßten und sich bis in die Nähe des Hyphasis erstreckten,
+bestätigt, sein Verhältnis zu den Nachbarfürsten Abisares, Sopeithes und
+Phegeus festgestellt, dem Fürsten Taxiles der unabhängige Besitz seiner
+alten und neuen Länder zuerkannt, die abhängigen Fürstentümer im Bereich
+der indischen Satrapie mit ihren Tributen und anderweitigen Verpflichtungen
+an den dortigen Satrapen verwiesen, ihre, sowie die anderen indischen
+Kontingente in die Heimat entlassen. Sodann die Weisungen für den ferneren
+Zug: der König selbst werde mit allen Hypaspisten, mit den Agrianern und
+Bogenschützen, mit dem Geleit der Ritterschaft, im ganzen etwa achttausend
+Mann, zu Schiffe gehen, der Chiliarch Nearchos den Befehl über die gesamte
+Flotte, Onesikritos aus Astypaleia die Führung des königlichen Schiffes
+erhalten; die übrigen Truppen sollten in zwei Kolonnen verteilt zu beiden
+Seiten des Stromes hinabziehen, die eine unter Krateros' Führung auf dem
+rechten, dem westlichen Ufer, die andere größere, bei welcher die
+zweihundert Elefanten, auf dem linken unter Hephaistions Führung; beide
+wurden angewiesen, möglichst schnell vorzurücken, drei Tage stromabwärts
+haltzumachen und die Stromflotte zu erwarten; dort sollte der Satrap
+Philippos von der indischen Satrapie zu ihnen stoßen.
+
+Noch eine Trauerfeier war zu begehen, ehe es zum Aufbruch kam. Der Hipparch
+und Strateg Koinos war einer Krankheit erlegen; die Überlieferung scheint
+anzudeuten, daß der König ihm jenen Vorgang am Hyphasis nicht vergessen
+habe: »nach den Umständen glänzend« wurde er bestattet.
+
+Dann kam der zur Abfahrt bestimmte Tag; mit dem Morgen begann das
+Einschiffen der Truppen; auf beiden Seiten des Stromes hatten Hephaistion
+und Krateros ihre Phalangen, ihre Reiterei, ihre Elefanten in glänzender
+Schlachtlinie aufrücken lassen; während sich ein Schiffsgeschwader nach dem
+anderen ordnete, hielt der König an den Ufern des Stromes feierliche Opfer
+nach hellenischem Brauch; nach der Weisung der vaterländischen Priester
+opferte er den Göttern der Heimat, dem Poseidon, der hilfreichen
+Amphitrite, dem Okeanos, den Nereiden, dem Strome Hydaspes; dann stieg er
+auf sein Schiff, trat an den Bord des Vorderteiles und spendete aus
+goldener Schale, ließ den Trompeter das Signal zum Aufbruch blasen, und
+unter Trompetenschmettern und Alalageschrei schlugen die Ruder von allen
+Schiffen zugleich in die Wellen. So fuhr das segelbunte Geschwader, die
+achtzig Kriegsschiffe vorauf, in schönster Ordnung den Strom hinab, ein
+wunderbares und unbeschreibliches Schauspiel. »Mit nichts vergleichen läßt
+sich dies Rauschen des Ruderschlages, der auf allen Schiffen zugleich sich
+wechselnd hob und senkte, dies Kommando der Schiffsführer, wenn das Rudern
+ruhen, wenn wieder beginnen sollte, das Alala der Matrosen, mit dem sie die
+Ruder wieder ins Wasser schlugen; zwischen den hohen Ufern hallte das Rufen
+desto mächtiger, und in den Schluchten bald rechts, bald links gab das Echo
+es zurück; dann wieder umschlossen Wälder den Strom, und fern in der
+Waldeinsamkeit widerhallte der Fahrenden Ruf; bei Tausenden standen die
+Inder an den Ufern und sahen staunend dies fahrende Heer und die
+Streitrosse auf den Schiffen mit bunten Segeln, und die wunderbare stets
+gleiche Ordnung der Geschwader; sie jauchzten dem Rufe der Ruderer entgegen
+und zogen, ihre Lieder singend, den Strom mit hinab. Denn es gibt kein
+Volk, das den Gesang und Tanz mehr liebt als die Inder.«
+
+Nach einer dreitägigen Fahrt kam der König zu der Ufergegend, wo Krateros
+und Hephaistion die Flotte erwarten sollten; sie lagerten schon zu beiden
+Seiten des Stromes. Hier rastete Heer und Flotte zwei Tage, um den Satrapen
+Philippos mit der Nachhut der großen Armee herankommen zu lassen. Sobald
+die gesamte makedonische Kriegsmacht -- 120 000 Kombattanten zählte sie
+jetzt -- beieinander war, traf der König die Einrichtungen, welche beim
+baldigen Einrücken in fremdes Gebiet und zunächst zur Unterwerfung des
+Landes bis zur Akesinesmündung nötig waren; namentlich wurde Philippos
+linksab an den Akesines detachiert, um sich des westlichen Stromufers zu
+versichern; Hephaistion und Krateros zogen rechts und links vom Hydaspes
+etwas landeinwärts weiter; jenseits der Akesinesmündung sollte die gesamte
+Heeresmacht wieder zusammentreffen, um den Feldzug gegen die Maller und
+Oxydraker von dort aus zu beginnen. Denn schon war von den bedeutenden
+Rüstungen, die diese großen und streitbaren Völker machten, Nachricht
+eingelaufen; schon hätten sie, hieß es, ihre Weiber und Kinder in die
+festen Plätze gebracht, und bei vielen Tausenden zögen sich Bewaffnete an
+den Hyarotis zusammen. Der König glaubte um so mehr vorwärtseilen und den
+Feldzug eröffnen zu müssen, ehe der Feind seine Rüstungen vollendet hätte.
+So ging die Flotte nach zweitägiger Rast weiter den Strom hinab; überall,
+wo sie anlangte, unterwarfen sich die Anwohner freiwillig oder wurden mit
+leichter Mühe dazu gezwungen.
+
+Am fünften Tage hoffte Alexander die Mündung des Akesines in den Hydaspes
+zu erreichen; er hatte bereits in Erfahrung gebracht, daß diese Stelle für
+die Schiffahrt schwierig sei, daß sich die Ströme unter starkem
+Wellenschlag und vielen Strudeln vermischten, um dann in ein schmales Bett
+zusammengedrängt mit Ungestüm weiterzuströmen. Diese Nachrichten waren auf
+der Flotte verbreitet und zugleich zur Vorsicht ernstlich ermahnt worden.
+Gegen Ende der fünften Tagefahrt hörte man aus Süden her ein gewaltiges
+Brausen, ähnlich dem der Meeresbrandung bei hohler See; staunend hielten
+die Ruderer der ersten Geschwader inne, unschlüssig, ob das Meer, oder ein
+Unwetter, oder was sonst nahe sei; dann belehrt und ermahnt zu rüstiger
+Arbeit, wenn sie der Mündung nahten, fuhren sie weiter. Immer mächtiger
+wurde das Brausen, die Ufer verengten sich, schon sah man die Mündung, eine
+wildwogende, schaumige Stromesbrandung, in der die Flut des Hydaspes
+senkrecht auf die Wassersäule des Akesines stürzt und in strudelnder,
+tosender Wut gegen ihn kämpft, um pfeilgeschwind mit ihm zwischen den engen
+Ufern hinabzubrausen. Noch einmal ermahnten die Steuerleute zur Vorsicht
+und zur höchsten Anstrengung der Arbeit, um durch die Gewalt der Ruder die
+Strömung, die die Schiffe in die Strudel gerissen hätte, wo sie unrettbar
+verloren waren, zu überwinden und möglichst schnell aus der Stromenge in
+freieres Wasser zu gelangen. Und schon riß der Strom die Menge mit sich
+fort, mit unsäglicher Mühe hielten Ruder und Steuer die Richtung; mehrere
+Fahrzeuge wurden überwältigt, in die Strudel gerissen, kreiselnd umgedreht,
+die Ruder zerbrochen, die Flanken beschädigt, sie selbst mit genauer Not
+vor dem Untergehen gerettet; besonders die langen Schiffe waren in großer
+Gefahr, zwei von ihnen, gegeneinandergejagt, zerschellten und versanken;
+leichtere Fahrzeuge trieben ans Ufer; am glücklichsten kamen die breiten
+Lastschiffe durch, die, von dem Strudel ergriffen, zu breit um
+umzuschlagen, von der Gewalt der Wellen selbst wieder in die rechte
+Richtung gebracht wurden. Alexander selbst soll mit seinem Schiffe in den
+Strudeln und in der augenscheinlichsten Lebensgefahr gewesen sein, so daß
+er schon sein Oberkleid abgeworfen hatte, um sich in das Wasser zu stürzen
+und sich durch Schwimmen zu retten.
+
+So kam die Flotte nicht ohne bedeutenden Verlust über die gefährliche
+Stelle hinaus; erst eine Stunde abwärts wurde das Wasser ruhiger und
+freier; der Strom wendet sich hier um die Uferhügel rechts hin; hinter
+ihnen konnte man bequem und vor der Strömung gesichert anlegen, zugleich
+war das weit hinausreichende Uferland zum Auffangen der hinabtreibenden
+Scheiter und Leichname geeignet. Der König ließ hier die Flotte anlegen und
+befahl dem Nearch, die Ausbesserung der beschädigten Fahrzeuge möglichst
+schnell zu bewerkstelligen. Er selbst benutzte die Zeit zu einer Exkursion
+ins Land, damit die streitbaren Völker dieser Landschaft, die Siber und
+Agalasser, den Mallern und Oxydrakern, von denen sie der Akesines trennte,
+nicht etwa bei dem bevorstehenden Angriff der Makedonen zu Hilfe kämen.
+Nach einem Marsche von sechs Meilen, der dazu benutzt wurde, durch
+Verwüstungen Schrecken zu verbreiten, stand Alexander vor der nicht
+unbedeutenden Hauptstadt der Siber; sie wurde ohne große Mühe erstürmt.
+Nach einem anderen Berichte ergab sie sich freiwillig.
+
+Bei seiner Rückkehr zum Akesines fand Alexander die Flotte in segelfertigem
+Stand, auch war Krateros im Lager, Hephaistion und Philippos oberhalb der
+Strommündung angekommen. Sofort wurden die Anordnungen für den Zug gegen
+die Maller getroffen, deren Gebiet etwa sieben Meilen stromabwärts bei der
+Hyarotismündung begann und an diesem Strome weit gen Norden hinaufreichte.
+Sie waren, das wußte der König, auf einen Angriff gefaßt und gerüstet; sie
+mußten erwarten, daß das makedonische Heer zur Hyarotismündung hinabgehen
+und von da aus in ihr Gebiet eindringen werde, da es durch eine wasserlose
+Wüste von mehreren Meilen Breite vom Akesines getrennt war, und also von
+der Gegend der Schiffsstation aus unangreifbar schien. Der König beschloß,
+sie auf diesem Wege, wo sie es am wenigsten erwarteten, und in dem oberen
+Teil ihres Landes, unfern von den Grenzen der Gandaritis und der Kathäer,
+plötzlich anzugreifen und sie von da aus den Hyarotisstrom hinabzudrängen;
+an den Mündungen dieses Flusses sollten sie, wenn sie Zuflucht oder
+Beistand auf dem jenseitigen Ufer des Akesines suchten, den Makedonen
+wiederum in die Hände fallen. Deshalb ging zunächst die Flotte unter Nearch
+dorthin ab, um das rechte Ufer des Akesines der Hyarotismündung gegenüber
+zu besetzen und so die Verbindung des mallischen Landes mit dem Uferlande
+drüben abzuschneiden; Krateros sollte mit seinen Truppen, mit den Elefanten
+und der Phalanx Polysperchon, die bis daher bei Hephaistion gewesen waren,
+und mit den Truppen des Philippos, die den Hydaspes oberhalb seiner Mündung
+übersetzten, drei Tage später auf der Station Nearchs eintreffen und mit
+dieser bedeutenden Heeresmacht auf dem rechten Stromufer die Basis für die
+kühnen Operationen jenseits bilden. Sobald Nearchos und Krateros
+aufgebrochen waren, teilte Alexander das noch übrige Heer in drei Korps;
+während er selbst mit dem einen den Überfall im Innern des Mallerlandes
+bewerkstelligen und die Feinde stromab treiben würde, sollte Hephaistion,
+der mit dem zweiten Korps fünf Tage früher ausrückte, die Linie des
+Hyarotis besetzen, um die Fliehenden aufzufangen, der Lagide Ptolemaios
+dagegen mit dem dritten Korps drei Tage später ausrücken, um den etwa
+rückwärts zum Akesines Flüchtenden den Weg zu sperren.
+
+Die Maller und Oxydraker ihrerseits, so heißt es, hatten zwar bei der
+Nachricht von Alexanders Herannahen ihre alten Fehden beigelegt, sich zu
+gegenseitiger Hilfeleistung durch Geiseln verpflichtet und ein sehr
+bedeutendes Heer, über sechzigtausend Mann Fußvolk, zehntausend Reiter,
+siebenhundert Streitwagen zusammengebracht, waren aber bei der Wahl eines
+gemeinsamen Anführers -- denn sie gehörten zu den Aratten, den Indern ohne
+Fürsten -- miteinander so uneins geworden, daß sich die Heeresmacht
+auflöste und die Kontingente der einzelnen Distrikte sich in ihre festen
+Städte zerstreuten; eine Angabe, die zwar nicht durch besondere Autorität
+verbürgt wird, aber durch die Eigentümlichkeit des Operationsplanes, den
+Alexander entworfen, einige Bestätigung erhält. Nach anderen Berichten
+hatten die Maller und Oxydraker die Absicht, sich zu verbünden, und würden
+dann eine bedeutende Kriegsmacht den Makedonen entgegengestellt haben,
+weshalb eben Alexander so eilte, um der Vereinigung mit seinem Angriff
+zuvorzukommen.
+
+An dem zum Aufbruch bezeichneten Tage, gegen Mitte November, rückte
+Alexander aus; mit ihm waren die Hypaspisten, die Schützen und Agrianer,
+die Phalanx Peithon, die Hälfte der makedonischen Hipparchien und die
+Bogenschützen zu Pferd. In kurzer Entfernung vom Akesines begann die Wüste;
+nach einem fünfstündigen Marsche gelangte man zu einem Wasser; dort wurde
+haltgemacht, Mittag gehalten, ein wenig geruht, Wasser in die Behälter, wie
+sie jeder hatte, geschöpft, dann weitermarschiert; den noch übrigen Teil
+des Tages und die folgende Nacht durch ging es in möglichster Eile weiter;
+am anderen Morgen sah man, nach einem Marsche von fast acht Meilen, die
+mallische Stadt Agalassa mit ihrer Burg gen Osten liegen. Hierher hatten
+sich viele Maller zurückgezogen; sie lagerten unbewacht und unbewaffnet vor
+den Mauern der Stadt, die die Menschenmenge nicht faßte; sie waren so
+vollkommen überzeugt, daß ein Überfall durch die Wüste her unmöglich sei,
+daß sie das herannahende Heer für alles andere, nur nicht für Makedonen
+hielten. Und schon waren Alexanders Reiter mitten unter ihnen; an
+Widerstand war nicht zu denken; Tausende wurden niedergehauen; was fliehen
+konnte, rettete sich in die Stadt, die Alexander von der Reiterei
+einschließen ließ, bis das Fußvolk nachkäme, um den Sturm zu beginnen.
+Sobald dieses heran war, entsandte der König schleunigst Perdikkas mit zwei
+Hipparchien und den Agrianern zu einer benachbarten Stadt, in die sich
+viele Inder geflüchtet hatten, mit der Weisung, dieselbe auf das
+sorgfältigste zu beobachten, selbst jedoch nichts gegen sie zu unternehmen,
+bevor das Heer von Agalassa nachrücke, damit nicht die Flüchtlinge zugleich
+die Nachricht von der Nähe der Makedonen weiter landein verbreiteten. Indes
+begann Alexander den Sturm; die Inder, die schon bei dem ersten Überfall
+hart mitgenommen waren, verzweifelten, die Mauern behaupten zu können; von
+den Toren und Türmen zurückfliehend, wurden sie von den nachdringenden
+Makedonen größtenteils erschlagen, nur einige Tausend flüchteten sich in
+die Burg und wehrten sich von dort herab mit dem Mute der Verzweiflung;
+mehr als ein Angriff der Makedonen wurde zurückgeschlagen, die immer
+steigende Erbitterung, der Zuruf und das Beispiel des Königs, die
+Erschöpfung der Gegner ließ die Makedonen endlich den Sieg erringen, für
+dessen Mühe sie sich mit einem gräßlichen Gemetzel unter den Indern
+rächten; von den zweitausend, welche die Burg verteidigt hatten, entkam
+keiner.
+
+Indessen hatte Perdikkas die Stadt, gegen die er gesandt war, bereits von
+den Einwohnern verlassen gefunden; er beeilte sich, den Fliehenden
+nachzusetzen; er holte sie in der Tat noch ein, und die sich nicht über den
+Strom oder in das Sumpfland an dessen Ufer gerettet hatten, wurden
+erschlagen. Der König seinerseits hatte nach Erstürmung der Burg von
+Agalassa den Seinigen wenige Stunden Ruhe gegönnt; mit Einbruch der Nacht
+ließ er, nachdem eine kleine Besatzung in die Burg gelegt war, aufbrechen
+und dem Hyarotis zu marschieren, um den Mallern der Umgegend die Flucht auf
+das jenseitige Ufer abzuschneiden. Gegen Morgen erreichte er die Furt des
+Flusses, die meisten der Feinde waren schon hinübergeflüchtet; die noch
+zurückgeblieben, wurden niedergehauen; er selbst setzte sogleich durch den
+Strom, bald waren die fliehenden Scharen eingeholt, von neuem begann das
+Gemetzel; wer entkam, rettete sich in eine naheliegende Feste, die übrigen
+ergaben sich dem Sieger. Sobald das Fußvolk nachgekommen war, entsandte der
+König Peithon mit seiner Phalanx und zwei Geschwadern gegen diese Feste;
+sie fiel beim ersten Sturm, und die Maller in ihr wurden zu
+Kriegsgefangenen gemacht, worauf Peithon wieder zum Könige stieß.
+
+Dieser war indessen gegen eine Brahmanenstadt, in die sich gleichfalls
+viele Maller geworfen hatten, vorgerückt und hatte sofort die Mauern
+umzingelt und sie zu untergraben beginnen lassen; zugleich von den
+Geschossen der Makedonen schwer mitgenommen, zogen sich die Inder in die
+Burg der Stadt zurück; eine Schar Makedonen war allzu kühn vorgegangen und
+mit in die Burg hineingedrungen; aber sie vermochte sich nicht gegen die
+Übermacht zu halten; fast abgeschnitten, schlug sie sich mit bedeutendem
+Verluste durch. Da steigerte sich die Erbitterung der Truppen; sofort ließ
+Alexander Sturmleitern heranbringen und die Burgmauern unterminieren;
+sobald ein Turm und der daranstoßende Teil der Mauer eingestürzt war und
+eine Bresche zum Stürmen darbot, war Alexander der erste auf den Trümmern,
+ihm nach drangen jubelnd die Makedonen, und in kurzer Zeit war die Mauer
+trotz der tapfersten Gegenwehr von Feinden gesäubert; viele von ihnen
+wurden im Kampfe erschlagen, andere warfen sich in die Gebäude, steckten
+sie in Brand und schleuderten, während die Feuersbrunst ungehemmt um sich
+griff, aus den brennenden Häusern Speere und Balken auf die Makedonen, bis
+sie der Glut und dem Dampf erlagen. Wenige fielen lebend den Makedonen in
+die Hände, gegen fünftausend waren beim Sturm und beim Brande der Burg
+umgekommen.
+
+Alexander ließ hier seine durch die ungeheuren Anstrengungen der letzten
+fünf Tage erschöpften Truppen einen Tag ruhen; mit frischen Kräften zogen
+sie dann aus, die anderen mallischen Städte auf der Südseite des Hyarotis
+zu erobern; aber überall waren die Einwohner vor ihrer Ankunft bereits
+entflohen; es schien nicht nötig, die einzelnen Haufen aufzusuchen; es
+genügte, ihnen die Städte zu zerstören. So mehrere Tage; dann folgte wieder
+ein Ruhetag, damit die Truppen zum Angriff auf die größte Stadt diesseits,
+in die sich, auf ihre Stärke vertrauend, viele Maller geworfen haben
+sollten, frische Kraft sammeln konnten.
+
+Um die waldigen Ufer stromaufwärts, im Rücken der ferneren Bewegungen, den
+zersprengten Mallern nicht zum Zufluchtsort und zum Sammelplatz für eine
+gefährliche Diversion werden zu lassen, wurde die Phalanx Peithon, die
+Hipparchie Demetrios und die nötigen Haufen leichtes Volk an den Strom
+zurückgesandt, mit dem Auftrag, die Inder dort in den Wäldern und Sümpfen
+aufzusuchen und alle, die sich nicht freiwillig ergäben, niederzuhauen. Mit
+den übrigen Truppen zog der König selbst, in der Erwartung eines
+hartnäckigen Kampfes, auf die oben bezeichnete Stadt los; aber so groß war
+der allgemeine Schrecken, den die makedonischen Waffen verbreitet hatten,
+daß die Inder in der großen Stadt, an der Möglichkeit sie zu behaupten
+verzweifelnd, sie preisgaben, sich über den nahen Strom zurückzogen und
+dessen hohe Nordufer besetzten, in der Hoffnung, von dieser allerdings
+günstigen Position aus den Übergang der Makedonen hindern zu können. Sobald
+Alexander davon unterrichtet war, brach er schleunigst mit der gesamten
+Reiterei auf und befahl dem Fußvolk, ohne Verzug nachzurücken. Angekommen
+an dem Strom, ließ er, unbekümmert um die jenseits aufgestellte Linie der
+Feinde, sofort den Übergang beginnen; und die Inder, durch die Kühnheit
+dieses Manövers in Schrecken gesetzt, zogen sich, ohne den ungleichen Kampf
+zu versuchen, in geschlossener Ordnung zurück; aber sobald sie bemerkten,
+daß ihnen nicht mehr als vier- bis fünftausend Mann Reiter gegenüber waren,
+wandte sich ihre ganze Linie, wohl fünfzigtausend Mann stark, gegen
+Alexander und dessen Reiterkolonne und versuchte sie vom Ufer, das sie
+bereits besetzt hatten, hinabzudrängen. Mit Mühe und nur durch eine Reihe
+künstlicher Bewegungen, durch welche jedem Handgemenge ausgewichen wurde,
+behaupteten sich die Reiter auf diesem schwierigen Terrain, bis nach und
+nach einige Scharen leichten Volks und namentlich die Schützen nachgekommen
+waren und man jenseits auch schon das schwere Fußvolk dem Ufer nahen sah.
+Jetzt begann Alexander vorzurücken; aber die Inder wagten nicht, den
+Angriff zu erwarten, sie wandten sich zur Flucht in eine benachbarte, stark
+befestigte Stadt; die Makedonen verfolgten sie lebhaft, töteten viele auf
+der Flucht und machten nicht eher, als unter den Mauern der Stadt halt.
+
+Der König ließ sofort die Stadt von der Reiterei umzingeln; doch wurde es
+später Abend, ehe das Fußvolk herankam; zugleich waren alle, die Reiterei
+von dem Flußübergange und der heftigen Verfolgung, das Fußvolk von dem
+weiten und schweren Marsche, so erschöpft, daß für diesen Tag nichts weiter
+unternommen werden konnte; so wurde das Lager rings um die Stadt her
+aufgeschlagen. Aber mit dem ersten Morgen begann der König mit der einen,
+Perdikkas mit der zweiten Hälfte des Heeres von allen Seiten das Stürmen
+gegen die Mauern; die Inder vermochten nicht, sie zu behaupten, sie zogen
+sich von allen Seiten auf die stark befestigte Burg zurück. Alexander ließ
+auf seiner Seite ein Tor der Stadtmauer erbrechen und drang an der Spitze
+seiner Leute, ohne Widerstand zu finden, in die Stadt und durch die Straßen
+zur Burg; sie war mit starken Mauern versehen, die Türme wohlbemannt, die
+Belagerungsarbeit unter den Geschossen der Feinde gefährlich. Dennoch
+begannen die Makedonen sofort zu untergraben; andere brachten ein paar
+Sturmleitern heran, versuchten sie anzulegen; der ununterbrochene
+Pfeilregen von den Türmen machte selbst die Mutigsten stutzen. Da ergriff
+der König eine Leiter; in der Linken den Schild, in der Rechten sein
+Schwert, stieg er empor, ihm nach Peukestas und Leonnatos auf derselben,
+ein alter Kriegshauptmann Abreas auf einer zweiten Leiter. Schon ist der
+König bis an die Zinne; den Schild vor sich aufgestützt, zugleich kämpfend
+und sich wehrend, stürzt er die einen rücklings von der Mauer hinab, stößt
+die anderen mit seinem Schwert nieder; die Stelle vor ihm ist einen
+Augenblick frei, er schwingt sich auf die Zinne, ihm folgt Perdikkas,
+Leonnatos, Abreas; schon dringen die Hypaspisten mit lautem Geschrei auf
+den zwei Leitern nach, überfüllt brechen diese zusammen, der König auf der
+Zinne ist abgeschnitten. An seiner glänzenden Rüstung, an seinem Helmbusch
+erkennen ihn die Inder; zu nahen wagt ihm niemand, aber Pfeile, Speere,
+Steine werden aus den Türmen herab, aus der Burg herauf auf ihn
+geschleudert; seine Getreuen rufen ihm zu zurückzuspringen und seines
+Lebens zu schonen; er mißt mit einem Blick die Mauerhöhe zur Burg hinein,
+und schon ist der kühne Sprung getan. Er steht allein innerhalb der
+feindlichen Mauer; mit dem Rücken an sie gelehnt erwartet er die Feinde.
+Schon wagen sie zu nahen, schon dringt ihr Führer auf ihn ein; mit einem
+Schwertstoß durchbohrt ihn Alexander, einen zweiten wirft er mit einem
+Stein nieder, ein dritter, ein vierter sinkt unter des Königs Schwert. Die
+Inder weichen zurück, sie beginnen von allen Seiten her Pfeile, Speere,
+Steine, was jeder hat, auf ihn zu werfen; noch schützt ihn sein Schild,
+dann ermüdet sein Arm. Schon sind auch Peukestas, Leonnatos, Abreas
+herabgesprungen, an seiner Seite; aber Abreas sinkt, von einem Pfeil ins
+Gesicht getroffen, nieder; jauchzend sehen es die Inder, mit doppeltem
+Eifer schießen sie; ein Pfeil trifft des Königs Brust, der Panzer ist
+durchbohrt, ein Blutstrahl sprüht hervor, mit ihm der Atem der Lunge. In
+der Spannung des Kampfes bemerkt es der König nicht, er fährt fort, sich zu
+wehren; der Blutverlust macht ihn ermatten, seine Knie schwanken; ihm
+vergehen die Sinne; er sinkt an seinem Schilde nieder. Wilder dringen die
+Inder ein. Peukestas stellt sich über den Gefallenen, deckt ihn mit dem
+Schilde von Ilion, das er trägt, Leonnatos beschirmt ihn von der anderen
+Seite; schon trifft sie Pfeil auf Pfeil; sie halten sich kaum noch
+aufrecht; der König verblutet.
+
+Indes ist vor den Mauern die wildeste Bewegung; die Makedonen haben ihren
+König in die Stadt hinabspringen sehen; es ist nicht möglich, daß er sich
+rettet, und sie vermögen ihm nicht zu folgen; man will Sturmleitern,
+Maschinen, Bäume anlegen; alles hält nur auf, jeder Augenblick Säumnis kann
+sein Tod sein; sie müssen ihm nach, die einen treiben Pflöcke in die Mauer
+und klimmen empor, andere steigen auf den Schultern der Kameraden zu den
+Zinnen hinan. Da sehen sie den König am Boden, Feinde dicht umher, schon
+sinkt Peukestas; vor Wut und Jammer schreiend stürzen sie sich hinab; sie
+scharen sich schnell um den Gefallenen, dicht verschildet rücken sie vor
+und drängen die Barbaren hinweg. Andere werfen sich auf das Tor, reißen es
+auf, heben die Torflügel aus den Angeln, und mit wildem Geschrei stürzen
+die Kolonnen hinein in die Burg. Nun geht es mit doppelter Macht auf den
+Feind; sie schlagen alles tot, Weiber, Kinder werden durchbohrt, das Blut
+soll ihre Rache kühlen. Andere tragen den König auf seinem Schilde fort;
+noch ist der Pfeil in seiner Brust; man versucht, ihn herauszuziehen, ein
+Widerhaken hält ihn zurück; der Schmerz läßt den König aus seiner Ohnmacht
+erwachen; seufzend bittet er, den Pfeil aus der Wunde zu lösen, die Wunde
+mit seinem Schwert zu erweitern. So geschieht es, reichlich rieselt das
+Blut hervor, eine neue Ohnmacht überfällt ihn; Leben und Tod scheint über
+ihn zu ringen. Weinend stehen die Freunde um sein Lager, die Makedonen vor
+dem Zelt; so vergeht der Abend und die Nacht.
+
+Schon waren Gerüchte von diesem Kampf, von der Wunde, vom Tode des Königs
+in das Lager an der Hyarotismündung gekommen und hatten dort eine
+unbeschreibliche Bewegung hervorgerufen. Zuerst Schrecken, lautes Jammern
+und Weinen; dann wurde es stiller, man begann zu fragen was nun werden
+solle? Es wuchs die Sorge, die Entmutigung, die Qual der Ratlosigkeit; wer
+sollte des Heeres Führer werden? Wie sollte das Heer in die Heimat
+zurückkehren? Wie die endlosen Länderstrecken, die furchtbaren Ströme, die
+öden Gebirge, die Wüsteneien hindurch Weg und Rat finden? Wie sich
+verteidigen vor allen den streitbaren Völkern, die ihre Freiheit zu
+verteidigen, ihre Unabhängigkeit wiederzuerkämpfen, ihre Rache an den
+Makedonen zu stillen nicht länger zögern würden, da Alexander nicht mehr zu
+fürchten war? Und als die Nachricht kam, noch lebe der König, so glaubte
+man es kaum, so verzweifelte man, daß er dem Tode entrinnen werde; als ein
+Schreiben von dem Könige selbst kam, daß er in kurzem in das Lager
+zurückkehren werde, hieß es, der Brief sei von den Leibwächtern und
+Strategen erdichtet, um die Gemüter zu beruhigen, der König sei tot und
+sie ohne Rat und Rettung.
+
+Indes war Alexander wirklich vom Tode gerettet und nach sieben Tagen seine
+Wunde, wennschon noch offen, doch ohne weitere Gefahr; die Nachrichten aus
+dem Lager und die Besorgnis, es möchte im Heer der Glaube, er sei tot,
+Unordnungen erzeugen, veranlaßten ihn, seine völlige Herstellung nicht
+abzuwarten, sondern schon jetzt zum Heere zurückzukehren. Er ließ sich zum
+Hyarotis hinab auf eine Jacht tragen, auf der ein Zelt für sein
+Krankenlager errichtet war; ohne Ruderschlag, um die Erschütterung zu
+vermeiden, nur von der Strömung getragen, nahte die Jacht am vierten Tage
+dem Lager. Die Kunde, Alexander komme, war vorausgeeilt, wenige glaubten
+sie. Schon sah man zwischen der Uferwaldung die Jacht mit dem Zelte den
+Strom herabkommen; mit ängstlicher Spannung standen die Truppen längs dem
+Ufer. Der König ließ das Zelt aufschlagen, damit ihn alle sähen. Noch
+meinten sie, es sei der tote König, den das Schiff bringe. Ehe es das Ufer
+erreichte, hob er den Arm, wie den Seinigen zum Gruß. Da erscholl der
+freudigste Aufschrei der Tausende, sie streckten die Hände gen Himmel empor
+oder ihrem Könige entgegen, Freudentränen mischten sich in den immer neuen
+Jubelruf. Dann legte die Jacht an, einige Hypaspisten brachten ein Lager,
+den König aus dem Schiff in sein Zelt zu tragen; er befahl ein Pferd zu
+bringen; als das Heer ihn wieder hoch zu Roß sah, erbrauste ein
+Freudengeschrei und Händeklatschen und Schilderklang, daß die Ufer drüben
+und die Waldungen umher widerhallten. Dem Zelte nah, das für ihn bereit
+war, stieg er vom Pferde, damit seine Kriegsleute ihn auch gehen sähen; da
+drängten sie sich von allen Seiten heran, seine Hand, sein Knie, sein Kleid
+zu berühren, oder auch nur ihn von nahe zu sehen, ihm ein gutes Wort
+zuzurufen, ihm Bänder und Blumen zuzuwerfen.
+
+Bei diesem Empfang wird geschehen sein, was Nearchos aufgezeichnet hat. Dem
+Könige seien von einigen Freunden Vorwürfe gemacht worden, daß er sich so
+der Gefahr ausgesetzt habe: das sei der Soldaten, nicht des Feldherrn
+Sache; ein alter Boiotier, der das gehört und des Königs Mißstimmung
+darüber bemerkt habe, sei herangetreten und habe in seinem boiotischen
+Dialekt gesagt: »Dem Mann die Tat, o Alexandros; aber wer kämpft, muß
+leiden.« Der König habe ihm zugestimmt und ihm das gute Wort auch später
+nicht vergessen.
+
+Die schnelle Eroberung der mallischen Hauptstadt hatte den mächtigsten
+Eindruck auf sämtliche Völkerschaften dieser Gegend gemacht. Die Maller
+selbst, obschon noch weite Strecken ihres Gebietes von den Makedonen nicht
+berührt waren, verzweifelten, längeren Widerstand zu leisten; in einer
+demütigen Gesandtschaft ergaben sie sich und ihr Land dem Könige. Die
+Oxydraker oder Sudraker, die mit den Mallern als die tapfersten Völker
+Indiens berühmt waren und eine bedeutende Streitmacht ins Feld stellen
+konnten, zogen es vor, sich zu unterwerfen; eine große Gesandtschaft,
+bestehend aus den Befehlshabern der Städte, den Herren der Landschaft und
+einhundertundfünfzig der Vornehmen des Landes, kamen mit reichen
+Geschenken, zu allem, was der König fordern würde, bevollmächtigt; sie
+sagten, daß sie nicht schon eher vor dem Könige erschienen, sei ihnen zu
+verzeihen, da sie mehr noch als irgendein anderes Volk Indiens ihre
+Freiheit liebten, die sie seit undenklichen Zeiten, seit dem Zuge des
+Gottes, den die Griechen Dionysos nennen, bewahrt hätten; dem Alexandros
+aber -- denn er solle ja von den Göttern stammen, und seine Taten seien
+Beweis dafür -- unterwürfen sie sich gern und seien bereit, einen Satrapen,
+den er setzen werde, aufzunehmen, Tribut zu zahlen und Geiseln zu stellen,
+so viele der König verlangen würde. Er verlangte tausend der Edelsten des
+Volkes, die, wenn er wolle, ihm als Geiseln folgen oder den Krieg bis zur
+Unterwerfung der noch übrigen Landschaften Indiens mitmachen sollten. Die
+Oxydraker stellten die Tausend, sandten außerdem freiwillig fünfhundert
+Kriegswagen mit, jeden mit zwei Kriegsleuten und seinem Wagenführer, worauf
+Alexander die Tausend huldreich entließ, die Kriegswagen aber seinem Heere
+zufügte; ihr Gebiet nebst dem der Maller wurde der Satrapie Indien unter
+Philippos zugewiesen.
+
+Nachdem Alexander hergestellt war und den Göttern in feierlichen Opfern und
+Kampfspielen für seine Genesung gedankt hatte, brach er aus seinem Lager an
+der Hyarotismündung auf. Während des Aufenthaltes an dieser Stelle waren
+viele neue Schiffe gebaut worden, so daß jetzt bedeutend mehr Truppen als
+bisher mit dem Könige stromab fahren konnten; es waren mit ihm 10 000 Mann
+Fußvolk, von den Leichtbewaffneten die Schützen und Agrianer, 1700 Mann
+makedonische Ritterschaft. So segelte der König aus dem Hyarotis in den
+Akesines hinab, durch das befreundete Land der Oxydraker, an der
+Hyphasismündung vorüber bis zur Vereinigung des mächtigen Pandschnad mit
+dem Indus. Nur die Abastaner (Ambastha) hatte Perdikkas im Vorübergehen zur
+Unterwerfung zwingen müssen; die anderen Völkerschaften nah und fern
+schickten Gesandtschaften mit vielen und kostbaren Geschenken, feinen
+Webereien, Edelsteinen und Perlen, bunten Schlangenhäuten,
+Schildkrötenschalen, gezähmten Löwen und Tigern; auch neue Dreißigruderer
+und Lastschiffe in bedeutender Zahl, die der König im Land des Xathras
+hatte bauen lassen, kamen den Strom herab. Hier, wo der Indus den
+Pandschnad, die vereinigten fünf östlichen Nebenströme aufnimmt, und wo für
+den Verkehr zwischen dem Innern des Landes und der Indusmündung sich der
+natürliche Mittelpunkt bildet, beschloß Alexander eine hellenische Stadt zu
+gründen, die ebenso wichtig für die Behauptung des Landes, wie durch den
+Indushandel bedeutend und blühend werden mußte; sie sollte der südlichste
+Punkt der indischen Satrapie des Philippos sein, der hier mit einer
+ansehnlichen Heeresmacht, bestehend aus den sämtlichen thrakischen Truppen
+und einer verhältnismäßigen Zahl Schwerbewaffneter aus den Phalangen
+zurückblieb, mit dem Auftrage, namentlich für den sicheren Handel in dieser
+Gegend die möglichste Sorge zu tragen, einen geräumigen Hafen im Indus,
+Schiffswerften und Speicher anzulegen und auf alle Weise das Aufblühen
+dieses Alexandriens zu befördern.
+
+Es mochte im Februar des Jahres 325 sein, als das makedonische Heer von
+Alexandreia zu den Ländern des unteren Indus aufbrach; der größere Teil
+desselben nebst den Elefanten war unter Krateros auf das östliche Ufer des
+Stromes hinübergesetzt, wo die Wege besser und die anwohnenden Völker noch
+nicht alle zur Unterwerfung geneigt waren. Der König selbst fuhr mit den
+obengenannten Truppen den Strom hinab. Heer und Flotte kam ohne Hindernis
+in das Land der Çudra, das die Hellenen Sogdoi oder Sodroi nannten, und
+machte bei deren Hauptstadt halt; sie wurde unter dem Namen des sogdischen
+Alexandrien zu einer hellenischen Kolonie gemacht, bedeutend befestigt, mit
+Hafen und Schiffswerften versehen und dem Satrapen des unteren Indus,
+dessen Gebiet sich von der Pandschnadmündung bis zum Meere erstrecken
+sollte, als Residenz angewiesen, Peithon aber mit einem Heere von 10 000
+Mann zum Satrapen bestellt.
+
+Die Stelle des sogdischen Alexandrien ist für den unteren Lauf des Indus
+eine der wichtigsten; hier beginnt sich der Charakter des Stromes, der
+Landschaft, der Bevölkerung entschieden zu ändern. Die Solimanketten, die
+den Indus von Norden nach Süden begleitet haben, wenden sich fast in
+rechtem Winkel nach Westen zu den Bholanpässen. Die Wüste, die dem Indus
+auf seiner Ostseite nahegeblieben ist, weicht zurück; der Strom bildet mit
+Nebenarmen, die er rechts und links aussendet, viele Inseln und Werder;
+fruchtreiches, dichtbevölkertes Marschland dehnt sich längs den Ufern aus;
+bald wird die Nähe ozeanischer Einflüsse merkbar. Hierzu kommt ein zweites,
+nicht minder merkwürdiges Verhältnis: während sich ostwärts ein
+einförmiges, unabsehbares Flachland ausdehnt, sieht man, sowie man weiter
+südwärts kommt, über der Ebene im Westen einen mächtigen Gebirgswall
+emporsteigen, der die Landschaft schließend bis zum Kap Monz hinabzieht;
+der heutige Lauf des Indus geht in weitem Bogen bis an den Fuß dieser
+Gebirge und wendet sich dann wieder ostwärts nach Haidarabad, wo die
+Deltabildung beginnt; im Altertum strömte der Indus auf der Sehne dieses
+Bogens von Bhukor nach Haidarabad südwärts, bei Bhukor eine niedrige
+Kalksteinkette bespülend, die er jetzt nach Westen hin durchbrochen hat;
+sie trägt noch jetzt die Trümmer von Alor, der alten Kapitale des Landes
+Sindh. Dies Land Sindh ist wie ein Garten, Weinberge schmücken die Hügel,
+der Weihrauch des arabischen Tropenklimas, die Blumenflur feuchtwarmer
+Tropengegend, der Mais der sumpfigen Ufergegenden gedeihen hier
+nebeneinander; Städte und Flecken in zahlloser Menge schmücken das Land,
+auf dem Strom und dessen Kanälen ist steter Verkehr, und die Bevölkerung,
+südländisch, dunkelfarbig, unter fürstlichem Regiment, unterscheidet sich
+sehr von den Völkern der oberen Indusländer; hier hat die Kaste der
+Brahmanen hohen Rang und entscheidenden Einfluß auf das öffentliche Leben,
+und das Tun der Fürsten wird ebensosehr durch religiöse Vorurteile wie von
+Argwohn und endlosen Rivalitäten bestimmt; eine Charakteristik, die im
+Laufe der Jahrhunderte, bei allem Wechsel der Herrschaft, der Religion, ja
+der Natur selbst sich gleichgeblieben ist.
+
+Diese Eigentümlichkeiten des Landes und der Bevölkerung machten sich im
+Verhältnis zu Alexander sofort geltend. Die Unterwerfung der Maller hatte
+allen Widerstand der nächstwohnenden Völker aufhören lassen, und in
+ununterbrochenem Siegeszuge war das Heer bis in das Land der Sogdier
+gekommen. Aber auf freiwillige Unterwerfung der weiteren Völkerschaften
+wartete der König vergebens; weder die Fürsten selbst, noch Gesandtschaften
+der Fürsten kamen, dem Herrn des Induslandes zu huldigen; den mächtigen
+Fremdling zu verachten, mochten die Einflüsterungen der hochmütigen
+Brahmanen oder das Vertrauen auf ihre eigene Macht sie verführt haben. Nur
+der Fürst Sambos hatte sich freiwillig unterworfen; abhängig von dem
+mächtigeren Musikanos, mochte er dem fremden Herrscher lieber als dem
+Nachbarfürsten dienstbar sein wollen, und Alexander hatte ihn als Satrapen
+in seinem Berglande bestätigt, oder, was richtiger sein dürfte, in dem
+gleichen Verhältnis, wie die tributären Fürsten der Satrapie Oberindiens
+ihm seine Herrschaft gelassen.
+
+Die unabhängige Stellung, welche Musikanos und die übrigen Fürsten des
+Landes behaupten zu wollen schienen, nötigte den König, noch einmal die
+Gewalt der Waffen zu versuchen. Vom sogdischen Alexandrien aus fuhr er
+möglichst schnell stromabwärts in jenen Indusarm hinein, der gegen die
+Berge hin und zu der Residenz des Musikanos führt; er erreichte dessen
+Grenzen, bevor der Fürst einen Überfall ahnen mochte. Durch die Nähe der
+Gefahr geschreckt, suchte dieser seinen hochmütigen Trotz durch schnelle
+und niedrige Unterwürfigkeit vergessen zu machen; in Person kam er dem
+Könige entgegen, er brachte viele und köstliche Geschenke, unter diesen
+seine sämtlichen Elefanten; er unterwarf sich und das Land der Gnade des
+Königs, er gestand ein, großes Unrecht getan zu haben -- das gewisseste
+Mittel, des Königs Großmut für sich zu gewinnen. Er erhielt Verzeihung;
+sein Land blieb ihm unter makedonischer Hoheit. Alexander bewunderte die
+üppige Natur dieser Landschaft; die Residenz des Fürsten, günstig zur
+Behauptung des ganzen Landes gelegen, sollte durch eine Burg, die Krateros
+zu bauen Befehl erhielt, und durch eine makedonische Besatzung gesichert
+werden.
+
+Der König brach mit den Schützen, den Agrianern, der Hälfte der Hipparchien
+gegen das Land der Prästier und gegen den Fürsten Oxykanos oder, wie ihn
+andere nennen, Portikanos, auf; nicht geneigt, sich zu unterwerfen, hatte
+sich dieser mit bedeutender Streitmacht in seiner Hauptstadt
+eingeschlossen. Der König nahte, nahm eine der ersten Städte des
+Fürstentums ohne Mühe; aber der Fürst, nicht durch das Beispiel des
+Musikanos geblendet, erwartete den Feind hinter den Mauern seiner Residenz.
+Alexander kam, begann die Belagerung, am dritten Tage war sie so weit
+gediehen, daß sich der Fürst in die Burg der Stadt zurückzog und
+Unterhandlungen anknüpfen wollte; es war zu spät, schon war die Mauer der
+Burg durch eine Bresche geöffnet, die Makedonen drangen ein, die Inder im
+Kampf der Verzweiflung wurden überwältigt, der Fürst erschlagen. Nach dem
+Falle der Hauptstadt und des Fürsten war es leicht, die übrigen zahlreichen
+Städte dieses reichen Landes zu unterwerfen; Alexander gab sie der
+Plünderung preis; er hoffte durch das Schicksal der Prästier die Völker zu
+schrecken und sie endlich die Unterwerfung, die er erzwingen konnte,
+freiwillig darbringen zu sehen.
+
+Aber schon waren neue Bewegungen an einem Punkte, wo man sie nicht vermutet
+hätte, ausgebrochen. Der Fürst Sambos hatte mit Schrecken gesehen, daß
+Musikanos nicht bloß ungestraft geblieben, sondern in hohe Gunst bei dem
+Könige gekommen sei; er glaubte fürchten zu müssen, daß jetzt die Strafe
+für seinen Abfall folgen werde; die Brahmanen seines Hofes, ohne anderes
+Interesse als das des Hasses gegen den siegenden Fremdling, verstanden
+seine Angst zu nähren und ihn endlich zu dem verkehrtesten Schritt, den er
+tun konnte, zu bewegen; er floh über den Indus in die Wüste und ließ in
+seinem Lande Verwirrung und Aufruhr zurück. Der König eilte dorthin; die
+Hauptstadt Sindomana öffnete die Tore und unterwarf sich der Gnade
+Alexanders um so lieber, da sie nicht teil an dem Abfall hatte; die
+Elefanten und Schätze des Fürsten wurden ausgeliefert, die anderen Städte
+des Landes folgten dem Beispiel der Residenz; nur eine, in welche sich die
+Brahmanen, die den Abfall veranlaßt, geflüchtet hatten, wagte Widerstand;
+sie wurde genommen, die schuldigen Brahmanen hingerichtet.
+
+Der blinde Fanatismus der heiligen Kaste, um so wilder, je hoffnungsloser
+er war, hatte, durch das Schicksal der Brahmanen des Sambos ungeschreckt,
+während des Königs Abwesenheit den Fürsten Musikanos und die Bevölkerung
+seines Landes zum wildesten Haß gegen die Fremden, zur offenen Empörung,
+zur Ermordung der makedonischen Besatzungen aufzureizen gewußt; zu beiden
+Seiten des Stromes loderte die Flamme des Aufruhrs, alles griff zu den
+Waffen; und wäre der Wut die Kraft des Willens und der Führung gleich
+gewesen, so hätte der König hier schweren Stand gehabt. Aber kaum nahte er,
+so floh Musikanos über den Indus; er sandte Peithon nach, ihn zu verfolgen;
+er selbst zog gegen die Städte, die, ohne gegenseitigen Beistand, ohne
+verständige Führung und ohne Hoffnung sich zu retten, dem Sieger schnell in
+die Hände fielen. Die Strafen des Abfalls waren streng, unzählige Inder
+wurden bei den Erstürmungen erschlagen oder nach dem Siege hingerichtet,
+die Überlebenden in Sklaverei verkauft, ihre Städte zerstört, die wenigen,
+die stehenblieben, mit Burgen und makedonischer Besatzung versehen, die
+das Land der Trümmer und der Verwüstung bewachen sollten. Musikanos selbst
+war gefangen worden, er und viele Brahmanen wurden des Todes schuldig
+erkannt und an den Landstraßen des Landes, dessen Unglück sie verschuldet,
+aufgeknüpft.
+
+Der König kehrte jetzt zu seiner Flotte und dem Lager seines Heeres zurück;
+die energische Strenge, mit der er die Empörungen erstickt und gestraft
+hatte, schien endlich auf die Gemüter der Inder den bezweckten Eindruck zu
+machen. Vor allen beeilte sich der Fürst Möris von Pattala, dessen
+Herrschaft sich über das Indusdelta erstreckte, sich dem Könige zu
+unterwerfen; er kam nach Alexandreia, ergab sich und sein Land der Gnade
+des Königs und erhielt dafür seine Landschaft unter denselben Bedingungen,
+wie sie dem Fürsten Musikanos und den anderen Fürsten, welche im Bereich
+makedonischer Satrapien saßen, vorgeschrieben worden waren. Nachdem
+Alexander von ihm nähere Erkundigungen über die Natur des Indusdelta, das
+bei Pattala beginnt, über die Strommündungen und den Ozean, in den sie sich
+ergießen, eingezogen, sandte er ihn in sein Land zurück mit dem Befehl,
+alles zur Aufnahme des Heeres und der Flotte vorzubereiten.
+
+Mit dieser Unterwerfung des Möris, des letzten noch unabhängigen Fürsten im
+Induslande, waren die kriegerischen Bewegungen des Zuges beendet;
+wenigstens war kein großer und allgemeiner Kampf, höchstens noch
+vereinzelter Widerstand und leicht zu unterdrückende Unordnungen in dem
+weiteren Induslande zu erwarten. Der ganzen vereinten Kriegsmacht bedurfte
+es nicht weiter; es kam die Zeit der Rückkehr. Des Königs Wunsch, den
+Seeweg von Indien nach Persien zu entdecken, sein Plan, die südlichen
+Küstenlandschaften zwischen beiden Ländern, die bisher noch nicht durch
+seine unmittelbare Gegenwart unterworfen, zum Teil von unabhängigen Stämmen
+bewohnt waren, zu durchziehen, machten gleichfalls nicht die Verwendung des
+ganzen Heeres nötig, das zu unterhalten in den überreichen indischen
+Ländern leicht gewesen war, aber auf dem Küstenwege durch oft wüste
+Landstriche mit mannigfachen Schwierigkeiten verknüpft sein mußte. Überdies
+waren aus den nordöstlichen Gegenden des Reichs Nachrichten eingelaufen,
+welche es notwendig machten, eine bedeutende makedonische Streitmacht in
+jenen Ländern zu zeigen. Der baktrische Fürst Oxyartes, der eben jetzt beim
+Heere eingetroffen war, hatte die Nachricht von einem Aufstande der
+hellenischen Militärkolonien in Baktra mitgebracht. Zwistigkeiten unter den
+alten Kriegsleuten, so sagt die nicht sehr glaubwürdige Quelle, die diese
+Dinge berichtet, hatten zu blutigen Auftritten geführt; von Furcht vor
+Strafe weitergetrieben, hatten sie sich der Burg Baktra bemächtigt, die
+Barbaren zum Abfall aufgerufen, dem Athenodoros, ihrem Rädelsführer, der
+sie jenseits in die hellenische Heimat zurückzuführen versprach, den
+königlichen Namen gegeben; gegen Athenodoros hatte ein gewisser Bikon, voll
+Eifersucht auf dessen Königtum, Ränke geschmiedet, ihn auf einem Gastmahl
+bei Boxos, einem vornehmen Barbaren, ermordet und anderen Tags vor dem
+versammelten Heere sich gerechtfertigt; mit Mühe war es den Hauptleuten
+gelungen, ihn vor der Wut des Heeres zu schützen; sie selbst hatten sich
+dann wieder gegen ihn verschworen, ihn auf die Folter gespannt, um ihn dann
+gleichfalls zu töten; da waren die Soldaten hereingedrungen, hatten ihn von
+der Folter befreit und waren unter seiner Führung, dreitausend an der Zahl,
+aufgebrochen, um den Weg in die Heimat zu suchen. Es ließ sich erwarten,
+daß dieser Haufe bereits von den Truppen der Satrapie zur Ruhe gebracht
+sein werde; doch war es notwendig, für jeden Fall Fürsorge zu treffen. Auch
+in der Satrapie des Paropamisos war nicht alles in der Ordnung; Tyriaspes
+hatte durch Bedrückungen und Ungerechtigkeiten aller Art die Bevölkerung
+gegen sich aufgereizt, so daß laute Beschwerde gegen ihn beim Könige
+einlief; er wurde seines Amtes entsetzt und der Fürst Oxyartes statt seiner
+gen Alexandreia gesandt. Beunruhigender waren die Nachrichten aus dem
+Innern Arianas; der Perser Ordanes hatte sich unabhängig erklärt und die
+Herrschaft der Ariaspen am unteren Etymandros usurpiert. Hier vor allem war
+es wichtig, eine bedeutende makedonische Streitmacht erscheinen zu lassen,
+um die Gefahr im Keim zu ersticken.
+
+Ungefähr der dritte Teil des Fußvolkes stand unter Krateros zum Marsch nach
+Arachosien hinauf bereit; er hatte die Phalangen des Attalos, Antigonos,
+Meleagros, einen Teil der Bogenschützen, sämtliche Elefanten, dazu die
+Hetären zu Fuß und zu Roß die, zum Dienst nicht mehr tauglich, in die
+Heimat ziehen sollten. Er sollte, so lautete sein Auftrag, durch Arachosien
+und Drangiana nach Karmanien marschieren, sollte die böswilligen Neuerungen
+in jenen Gegenden unterdrücken, sollte namentlich die dortigen Satrapen
+veranlassen, Transporte von Lebensmitteln nach der gedrosischen Küste, die
+Alexander demnächst zu durchziehen gedachte, hinabzusenden.
+
+Nach der Absendung des Krateros brach auch der König auf; er selbst fuhr
+mit der Flotte den Strom hinab, während Peithon mit den Bogenschützen zu
+Pferd und den Agrianern auf das linke Stromufer hinüberging, um dort die
+angelegten Städte mit Bewohnern aus der Umgegend zu besetzen, die Reste von
+Unordnung in dem hartgestraften Lande zu unterdrücken und sich dann in
+Pattala wieder mit dem Hauptheere zu vereinigen; das übrige Heer führte
+Hephaistion auf dem rechten Indusufer zu derselben Stadt hinab.
+
+Schon am dritten Tage der Fahrt erhielt Alexander die Nachricht, daß der
+Fürst von Pattala, statt alles zum Empfange des Heeres zu bereiten, mit dem
+größten Teil der Einwohner in die Wüste geflohen sei; vielleicht aus Furcht
+vor dem mächtigen Könige, wahrscheinlicher von den Brahmanen aufgeregt.
+Alexander eilte desto schneller vorwärts, überall waren die Ortschaften von
+den Einwohnern verlassen; er erreichte, es war gegen Ende Juli, Pattala.
+Die Straßen und Häuser waren leer, alles bewegliche Gut geflüchtet, die
+große Stadt wie ausgestorben. Sofort wurden leichte Truppen ausgesandt, die
+Spur der Geflüchteten zu verfolgen; einige wurden vor den König gebracht,
+der sie mit unerwarteter Milde empfing und sie an ihre Landsleute aussandte
+mit der Aufforderung, in Frieden zu ihrer Behausung und ihren Geschäften
+zurückzukehren und ohne Besorgnis wegen ihres weiteren Schicksals zu sein,
+da ihnen nach wie vor nach ihrer Sitte und ihren Gesetzen zu leben, ihren
+Handel, Gewerbe und Ackerbau in Sicherheit zu treiben erlaubt sein werde.
+Auf diese Versicherung des Königs kehrten die meisten zurück, und Alexander
+konnte an die Ausführung des großen Planes gehen, um derentwillen ihm der
+Besitz der Indusmündungen so wichtig war.
+
+Er ahnte oder erfuhr, daß dasselbe Meer, in welches sich der Indus ergießt,
+den Persischen Golf bilde, und daß zu der Mündung des Euphrat und Tigris
+demnach ein Seeweg von den Indusmündungen aus zu finden sei; seine
+Herrschaft, die zum erstenmal die entlegensten Völker in unmittelbare
+Verbindung brachte, und welche nicht bloß auf die Gewalt der Waffen,
+sondern mehr noch auf die Interessen der Völker selbst begründet sein
+sollte, mußte vor allem auf die Förderung der Handelsverbindungen, auf die
+Begründung eines großen Verbandes aller auch noch so entlegenen Teile des
+Reiches, und die Wirkungen eines umfassenden Welt- und Völkerverkehrs, wie
+er noch nicht existiert hatte, bedacht sein. Überall hatte er diese
+Rücksicht vor Augen gehabt; die zur militärischen Behauptung von Iran und
+Turan gegründeten Städte waren ebenso viele Haltepunkte für die
+Karawanenzüge; die in Indien gegründeten festen Städte sicherten die Straße
+von Ariana hinab und durch das Fünfstromland, die Stromfahrt auf dem Indus
+und seinen Nebenströmen; das ägyptische Alexandrien, seit den vier oder
+fünf Jahren, die es stand, war schon ein Zentralpunkt für den Handel der
+heimatlichen Meere geworden; jetzt mußte dieses System des großen
+Weltverkehrs durch die Besetzung des Indusdelta, durch die Gründung eines
+günstig gelegenen ozeanischen Handelsplatzes, endlich durch das Eröffnen
+von Handelsstraßen, wie sie die Reihe hellenischer Städte ins Innere hinauf
+schon vorzeichnete, und wie sie der maritime Zusammenhang der Indus- und
+Euphratmündungen hoffen ließ, seine Vollendung erhalten.
+
+Pattala, an der Stromscheide des Indusdelta belegen, bot sich von selbst
+zur Vermittlung des Handels nach dem Innern und dem Ozeane dar; es
+beherrschte zugleich in militärischer Hinsicht das untere Indusland; darum
+wurde Hephaistion beauftragt, die Burg der Stadt auf das sorgfältigste zu
+befestigen und demnächst Schiffswerften und einen geräumigen Hafen bei der
+Stadt zu erbauen. Zu gleicher Zeit sandte der König in die wüsten,
+baumlosen Gegenden, die nicht weit ostwärts von der Stadt begannen, mehrere
+Truppenabteilungen mit dem Auftrage, Brunnen zu graben und das Land
+bewohnbar zu machen, damit auch von dieser Seite her die Verbindung mit
+Pattala erleichtert und den Karawanen aus den Ländern des Ganges und des
+Dekhan geöffnet wäre. Ein Überfall der in der Wüste hausenden Horden störte
+nur für einen Augenblick die Arbeit.
+
+Nach einer längeren Rastzeit, während der der Bau der Burg ziemlich
+vollendet, der der Werften bereits vorgerückt war, beschloß der König, in
+Person die Indusmündungen, ihre Schiffbarkeit und ihre Gelegenheit für den
+Handel zu untersuchen und zugleich auf den Ozean, den bisher noch kein
+Grieche befahren, hinauszuschiffen. Zunächst wollte er dem Hauptarm des
+Stromes, der rechts hinabführte, folgen; während Leonnatos mit 1000 Reitern
+und 9000 Hopliten und Leichtbewaffneten auf dem inneren Ufer hinabzog, fuhr
+er selbst mit den schnellsten Schiffen seiner Flotte, den Halbtrieren,
+Dreißigruderern und einigen Kerkuren den Strom hinab, freilich ohne Führer,
+die des Stromes kundig waren, da die Bewohner von Pattala und die Inder
+überhaupt keine Seeschiffahrt trieben und überdies die Anwohner des
+Stromes, wenn die Makedonen nahten, entflohen. Er vertraute auf den Mut und
+die Geschicklichkeit seiner Schiffsleute; er konnte nicht ahnen, auf welche
+Probe die unerhörte Gewalt ozeanischer Erscheinungen sie stellen würde.
+
+Es war gerade in der Mitte des Sommers und der Strom in seiner größten
+Füllung, die niedrigen Ufergegenden zum Teil überschwemmt, die Fahrt um so
+schwieriger. Am ersten Tage fuhr man ohne weiteres Hindernis; aber am
+zweiten Tage, man mochte zehn Meilen unterhalb Pattala sein, erhob sich ein
+heftiger Wind von Süden her und staute die Wasser des Stromes auf, daß die
+Wellen hoch gingen und sich brandend brachen, und mehr als ein Schiff
+unterging, andere bedeutend beschädigt wurden. Man eilte, das Ufer zu
+gewinnen, um den Schaden so schnell und so gut wie möglich auszubessern;
+zugleich schickte der König Leichtbewaffnete aus, um von den geflüchteten
+Uferanwohnern einige einfangen zu lassen, die der Gegend kundig wären. Mit
+diesen fuhr man am nächsten Morgen weiter; immer breiter ergoß sich der
+mächtige Strom zwischen den flachen und öden Ufern, man begann die kühlere
+Seeluft zu spüren; der Wellenschlag im Strome wurde heftiger und das Rudern
+beschwerlicher, ein scharfer Seewind wehte entgegen; es schien, von ihm
+zurückgedrängt, der wachsende Strom gefährlich zu werden, und die Schiffe
+lenkten in einen Kanal ein, den die am vorigen Tage aufgefangenen Fischer
+zeigten. Immer schneller und mächtiger schwollen die Wasser, und mit Mühe
+vermochte man die Schiffe rasch genug an Land zu bringen. Kaum waren sie
+angelegt, so begann der Strom ebenso schnell zu fallen; die Fahrzeuge
+blieben zum größten Teil auf dem Trockenen oder senkten sich in den
+Uferschlamm; man war voll Staunen und ratlos. So vergingen einige Stunden,
+endlich wollte man darangehen, die Schiffe wieder flott zu machen und
+womöglich das Fahrwasser zu gewinnen; siehe, da begann das gefährliche
+Schauspiel von neuem, rauschend schwoll die Flut, überflutete das
+schlammige Moor, hob die eingesunkenen Fahrzeuge mit sich empor; immer
+schneller wachsend, brandete sie gegen die festeren Ufer, warf die
+Fahrzeuge, die dorthin sich gerettet, auf die Seite, so daß viele
+umstürzten, viele zerschellten und versanken; ohne Ordnung und Rettung
+trieben die Schiffe auf der schweren Flut bald gegen das Land, bald
+gegeneinander, und ihr Zusammenstoßen war um so gefährlicher, je heftiger
+die schwellende Bewegung des Gewässers wurde. Mit so vielen Gefahren und
+Verlusten erkaufte der König die erste Erfahrung von der ozeanischen Ebbe
+und Flut, die hier, wohl noch zehn Meilen von der eigentlichen
+Strommündung, um so gewaltiger war, da sie mit der ungeheuren, gegen sie
+andrängenden Wassersäule des Indus zu kämpfen hatte, dessen zwei Meilen
+breite Mündung ihrem Eindringen vollkommenen Spielraum gibt.
+
+Sobald Alexander diese Fährlichkeiten überstanden und von ihrer
+regelmäßigen Wiederkehr die Mittel gelernt hatte, ihnen zu entgehen,
+sandte er, während die schadhaften Schiffe ausgebessert wurden, zwei
+tüchtige Fahrzeuge den Strom hinab zu der Insel Skilluta, wo, wie die
+Fischer sagten, der Ozean nahe und das Ufer zum Anlegen bequem und
+geschützt sei. Da sie die Nachricht zurückbrachten, daß die Insel bequeme
+Ufer habe, von bedeutender Größe und mit Trinkwasser wohl versehen sei,
+fuhr er mit der Flotte dorthin und ließ den größten Teil derselben unter
+dem Schutz des Ufers anlegen; schon sah man von hier die schaumbedeckte
+Brandung der Indusmündung und darüber den hohen Horizont des Ozeans, und
+kaum erkannte man jenseits des zwei Meilen breiten Stromes die niedrige,
+baum- und hügellose Küste. Alexander steuerte mit den besten seiner Schiffe
+weiter, um die eigentliche Strommündung zu passieren und zu untersuchen, ob
+sie fahrbar sei; bald verschwand die Westküste ganz aus seinem Blicke, und
+in endlose Ferne dehnte sich der hochwogende Ozean gen Abend; nach einer
+Fahrt von vier Meilen erreichte man ostwärts eine zweite Insel, an deren
+flacher und öder Sandküste schon rings der Ozean brandete; es wurde Abend
+und die Schiffe kehrten mit der Flut zurück zu der Insel, bei der die
+Flotte gelandet war; ein feierliches Opfer für Ammon, wie es der Gott durch
+ein Orakel geboten, feierte dies erste Erblicken des Ozeans und des letzten
+Landes im Süden der bewohnten Erde. Am anderen Morgen fuhr der König wieder
+hinaus, landete auf jener Insel im Meere und opferte auch dort den Göttern,
+die, wie er sagte, ihm von Ammon bezeichnet seien; dann fuhr er in die
+offenbare See hinaus, umherzuschauen ob noch irgendwo festes Land zu
+erblicken sei; und als die Küsten rings verschwunden und nichts mehr als
+Himmel und Meer zu sehen war, schlachtete er Stieropfer dem Poseidon und
+senkte sie hinab in den Ozean, spendete dazu aus goldener Schale, und warf
+auch sie in die Flut, mischte neue Spenden den Nereiden und den rettenden
+Dioskuren und der silberfüßigen Thetis, der Mutter seines Ahnherrn
+Achilles; er betete, daß sie gnädig seine Geschwader aufnehmen und gen
+Abend zu den Mündungen des Euphrat geleiten möchten, und zum Gebet warf er
+den goldnen Becher in das Meer.
+
+Dann kehrte er zur Flotte und mit der Flotte in den Strom zurück und fuhr
+gen Pattala hinauf. Dort war der Bau der Burg vollendet und der des Hafens
+begonnen, dort auch Peithon mit seinem Heere angekommen, der seine Aufträge
+vollkommen erfüllt, das flache Land beruhigt, die neuen Städte bevölkert
+hatte. Der König hatte den rechten Arm der Indusmündung und die
+mannigfachen Hemmnisse, die er für die Schiffahrt hatte, kennengelernt;
+denn es vereinten sich die Monsunwinde und das hohe Wasser des Stromes in
+dieser Jahreszeit, ihn schwierig zu machen. Er beschloß, auch den zweiten,
+den östlichen Hauptarm des Flusses hinabzufahren und zu untersuchen, ob
+dieser vielleicht zur Schiffahrt geeigneter sei. Nachdem man eine gute
+Strecke südostwärts gefahren, breitete sich das Wasser zu einem sehr großen
+See aus, der durch den Zufluß einiger kleiner und größerer Flüsse von
+Morgen her gespeist wurde und einem Busen des Meeres ähnlich war; selbst
+Seefische fand man hier. An den Ufern des Sees legte die Flotte an, indem
+eingeborene Führer die bequemsten Stellen zeigten. Der König ließ hier den
+größten Teil der Truppen nebst sämtlichen Kerkuren unter Leonnatos zurück
+und fuhr selbst auf den Halbtrieren und den Dreißigruderern durch den See
+zur Indusmündung hinab. Er kam an das Meer, ohne die gewaltige Brandung
+oder die hohe Flut zu erblicken, die den westlichen breiteren Indusarm
+gefährlich machte; er ließ an der Strommündung anlegen und ging mit einigen
+seiner Hetairen drei Tagesreisen weit am Meeresstrande hin, teils um die
+Natur der Küste zu untersuchen, teils um Brunnen für den Gebrauch der
+Seefahrer graben zu lassen. Dann kehrte er zu seinen Schiffen und mit
+diesen durch den See stromauf nach Pattala zurück, während ein Teil des
+Heeres längs dem Ufer hinaufzog, um auch hier in der sonst dürren Gegend
+Brunnen zu graben. Von Pattala aus fuhr er zum zweiten Male in den See
+zurück, traf die Vorrichtungen zum Bau eines Hafens und mehrerer
+Schiffswerften und ließ zu ihrem Schutze eine kleine Besatzung zurück.
+
+Auf diese Weise war alles dem großen Plane des Königs gemäß organisiert, zu
+dessen Vollendung nur noch eins, aber freilich auch das Schwierigste und
+Gefahrvollste übrig war, die Entdeckung des Seeweges selbst, der hinfort
+den Indus und Euphrat verbinden sollte. Betrachtet man den Zustand der
+damaligen Schiffahrt und Erdkunde, so wird man der Kühnheit eines solchen
+Planes Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der Bau der Schiffe war
+unvollkommen und am wenigsten auf die Eigentümlichkeit ozeanischer Gewässer
+berechnet; das einzige Regulativ einer Seefahrt waren die Gestirne und die
+Seeküste, deren Nähe natürlich oft gefährlich werden mußte; die Phantasie
+der Hellenen bevölkerte den Ozean mit Wundern und Ungeheuern aller Art, und
+die Makedonen, unerschrocken und tapfer, wo sie dem Feinde ins Auge sahen,
+waren gegen das falsche Element ohne Waffe und nicht ohne Furcht. Und wer
+endlich sollte die Führung übernehmen? Der König selbst, kühn genug zum
+kühnsten Wagnis, und selbst bereit, dem Ozean den Sieg abzutrotzen, durfte
+sich um so weniger an die Spitze der Flotte stellen, da im Reiche schon
+während seiner indischen Feldzüge manche Unordnungen vorgefallen waren, die
+dringend seine Rückkehr forderten; der Landweg nach Persien war schwierig,
+und die makedonischen Landtruppen bedurften, um diese öden und furchtbaren
+Gegenden zu durchziehen, seiner persönlichen Führung um so mehr, da sie nur
+ihm vollkommen vertrauten. Wen also zum Führer der Flotte wählen? Wer hatte
+Mut, Geschick und Hingebung genug? Wer konnte die Vorurteile und die Furcht
+der zur Flotte kommandierten Truppen beschwichtigen und statt des Wahnes,
+als würden sie sorglos der augenscheinlichen Gefahr preisgegeben, ihnen
+Vertrauen zu sich selbst, zu ihrem Führer und zu dem glücklichen Ende ihres
+Unternehmens einflößen?
+
+Der König teilte alle diese Bedenken dem treuen Nearchos mit und fragte ihn
+um Rat, wem er die Flotte anvertrauen sollte. Nearchos nannte ihm einen
+nach dem anderen, der König verwarf sie alle; der eine schien nicht
+entschlossen, ein anderer nicht ergeben genug, um für ihn sich Gefahren
+auszusetzen, andere waren mit dem Seewesen, mit dem Geist der Truppen nicht
+genug vertraut oder voll Verlangen nach der Heimat und nach den
+Bequemlichkeiten eines ruhigen Lebens. Nearchos, so erzählt er selbst in
+seinen Denkwürdigkeiten, bot endlich sich selbst an: »Ich, o König, will
+wohl die Führung der Flotte übernehmen und mit Gottes Hilfe Schiffe und
+Menschen wohlbehalten bis zum Perserlande bringen, wenn anders das Meer
+schiffbar und das Unternehmen für menschliche Kräfte überhaupt ausführbar
+ist.« Der König sprach dagegen: einen so treuen und hochverdienten Mann
+könne er nicht neuen Gefahren aussetzen. Nearchos bat um so dringender, und
+der König verhehlte sich nicht, daß gerade er vor allen dazu geeignet sei;
+die Truppen, welche den bewährten Führer der Flotte verehrten und des
+Königs große Zuneigung für ihn kannten, durften in dieser Wahl eine Gewähr
+für sich selbst sehen, da ja Alexander nicht einen Freund und einen seiner
+besten Befehlshaber an die Spitze eines Unternehmens gestellt haben würde,
+an dessen Erfolg er selbst verzweifelte. So wurde Nearchos, des Androtimos
+Sohn der in Kreta geboren und in Amphipolis Bürger war, zum Führer der
+Meerfahrt bestellt, die glücklichste Wahl, die der König treffen konnte.
+Mochten die zur Flotte kommandierten Truppen anfangs mutlos und über ihr
+Schicksal besorgt gewesen sein, die Wahl ihres Führers, die Trefflichkeit
+und Pracht der Zurüstungen, die Zuversicht, mit der ihr König einen
+glücklichen Erfolg verhieß, der Ruhm, an der kühnsten und gefahrvollsten
+Unternehmung, welche je gewagt worden, Anteil zu haben, endlich das
+Beispiel des großen Königs, der die brandende Mündung des Indus hindurch
+auf die Höhe des Ozeans gefahren war, das alles ließ sie mit Freudigkeit
+den Tag der Abfahrt erwarten.
+
+Alexander hatte Gelegenheit gehabt, sich über die Natur der Monsuns zu
+unterrichten; sie wehen regelmäßig während des Sommers von Südwest, während
+des Winters von Nordost, doch werden diese Nordostmonsuns an der gerade
+westwärts streichenden Küste von Gedrosien zu einem beständigen Ostwinde;
+dieser beginnt mit einigem Schwanken im Oktober, wird gegen Ende des Monats
+stehend und weht dann unausgesetzt bis in den Februar. Diese
+Eigentümlichkeit des Indischen Ozeans, höchst günstig für die beabsichtigte
+Küstenfahrt der Flotte mußte natürlich benutzt, das Absegeln der Flotte
+auf Ende Oktober bestimmt werden. Der Aufbruch des Landheeres durfte nicht
+so lange verschoben werden, da einesteils der Zustand des Reiches
+Alexanders baldige Rückkehr forderte, anderseits für die Flotte, die sich
+nicht auf die weite Fahrt verproviantieren konnte, an der Küste Vorräte
+aufgestapelt und Brunnen gegraben werden mußten. Demnach gab der König den
+Befehl, daß die Flotte bis zum November in den Stationen von Pattala
+bleiben sollte, ließ Vorräte auf vier Monate zu ihrem Unterhalt
+zusammenbringen und rüstete sich dann selbst zum Aufbruch aus Pattala.
+
+
+
+
+ Viertes Buch
+
+ +Tad' ouch hyp' allôn, alla tois hautou pterois+
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+ Der Abmarsch -- Kämpfe im Lande der Oreiten -- Zug des
+ Heeres durch die Wüste Gedrosiens -- Ankunft der Reste des
+ Heeres in Karmanien -- Nearchos in Harmozia -- Zerrüttung
+ im Reich -- Strafgerichte -- Rückkehr nach Persien -- Zweite
+ Flucht des Harpalos -- Die Hochzeitfeier in Susa -- Neue Organisation
+ des Heeres -- Aufbruch nach Opis
+
+
+Den Westen des Induslandes begrenzen mächtige Gebirge, die sich von dem
+Kophenflusse bis zum Ozean hinabziehen. Unmittelbar über der Brandung des
+Meeres ragen ihre letzten Felsenmassen noch gegen 1800 Fuß hoch empor. Von
+wenigen Pässen durchschnitten, sind sie zwischen dem Deltalande des Indus
+und dem wüsten Küstensaum Gedrosiens, zwischen dem Lande Sindh und der
+hohen Steppe Arianas eine vollkommene Scheidewand. Gen Morgen ist eine
+feuchte Tropenwärme, Wasserfülle, üppige Vegetation, eine reiche Tierwelt,
+dichte Bevölkerung mit dem weitverzweigten geselligen Verkehr, mit den
+tausend Erzeugnissen und Bedürfnissen einer unvordenklichen Zivilisation;
+jenseits der Grenzgebirge, die in nackten Felsen übereinander emporsteigen,
+ein Labyrinth von Felswänden, Klippenzügen, Bergsteppen, in ihrer Mitte das
+Tafelland von Kelat, nackt, traurig, von trockener Kälte oder kurzer,
+sengender Sommerglut, in Wahrheit die »Wüste der Armut«. Im Norden und
+Westen umschließen sie steile Felsgehänge, an deren Fuß das Sandmeer der
+Wüste Arianas flutet, ein endloser Ozean, mit der rötlich schillernden
+Atmosphäre des glühenden Flugsandes, mit dem wellenhaften Wechsel stets
+treibender Dünen, in denen der Pilger verirrt und das Kamel untersinkt. So
+der traurige Weg ins Innere; noch öder und furchtbarer ist die Einöde der
+Küste und der Weg durch sie hin gen Westen. Wenn man von Indien aus durch
+die Pässe des großen Scheidegebirges gestiegen, so öffnet sich eine tiefe
+Landschaft, links das Meer, gen Westen und Norden Gebirge, in der Tiefe ein
+Fluß, der zum Ozean eilt, das letzte strömende Wasser auf diesem Wege;
+Getreidefelder am Fuß der Berge, Dörfer und Flecken in der Ebene zerstreut,
+die letzten auf einem Wege von Monaten. Gen Norden führen aus dieser
+»Ebene« schlimme Zickzackpässe in die Bergwüste von Kelat; im Westen ziehen
+sich die Berge der Oreiten bis ans Meer hinab. Man übersteigt sie, und nun
+beginnen die Schrecken der Einöde; die Küste ist flach, sandig, heiß, ohne
+Gras und Strauch, von den Sandbetten vertrockneter Ströme durchfurcht, fast
+unbewohnbar, die elenden Fischerhütten, die einzeln auf meilenweit an dem
+Strande zerstreut sind, von Fischgräten und Seetang erbaut, unter einsamen
+Palmengruppen, die wenigen Menschen noch elender als ihr Land. Eine
+Tagereise landein streichen nackte Klippenzüge, von Gießbächen durchrissen,
+die in der Regenzeit plötzlich anschwellen, reißend und brausend zur Küste
+stürzen und dort die tiefen Mündungsbetten auswühlen, sonst das Jahr
+hindurch trocken liegen, mit Genist, Mimosen und Tamarisken überwuchert,
+voll von Wölfen, Schakalen und Mückenschwärmen. Hinter jenen Klippenzügen
+dehnt sich die Wüste Gedrosien, mehrere Tagereisen breit, von einzelnen
+Wanderstämmen durchzogen, dem Fremdling mehr als furchtbar; Einöde, Dürre,
+Wassermangel sind hier die kleinsten Leiden; tags stechende Sonne,
+glühender Staub, der das Auge entzündet und den Atem erdrückt, nachts
+durchfröstelnde Kühle und das Heulen hungriger Raubtiere, nirgend ein
+Obdach oder Grasplatz, nirgend Speise und Trank, nirgend ein sicherer Weg
+oder ein Ziel des Weges. Durch diese Wüste, so wird erzählt, zog die
+Königin Semiramis aus Indien heim, und von den Hundertausenden ihres Heeres
+kehrten mit ihr nicht zwanzig Menschen nach Babylon zurück; auch Kyros soll
+diesen Rückweg genommen und das gleiche Schicksal erfahren haben; selbst
+der Fanatismus des Islam hat nicht gewagt, erobernd in diese Wüste
+einzudringen; der Kalif verbot seinem Feldherrn Abdallah dies Land, das der
+sichtliche Zorn des Propheten getroffen habe.
+
+Alexander hat diesen Weg gewählt, nicht um Größeres zu vollbringen als
+Kyros und Semiramis, wie das Altertum, noch um die Verluste der indischen
+Heerfahrt durch größere Verluste vergessen zu machen, wie der Scharfsinn
+neuerer Geschichtschreiber gemeint hat. Er mußte diesen Weg wählen; es
+durften nicht zwischen den Satrapien des Indus und des Persischen Meeres
+herrenlose Länderstrecken und ununterworfene Völkerstämme den Zusammenhang
+der Okkupation stören; sie durften es um so weniger, da die Klippenzüge am
+Saum der Einöde räuberischen Horden und rebellischen Satrapen ein stetes
+Asyl geboten hätten. Noch wichtiger war die Rücksicht auf die Flotte,
+welche längs der wüsten Küste dahinfahren und den Seeweg zwischen Indien
+und Persien öffnen sollte; sie konnte nicht auf Monate lang verproviantiert
+und mit Wasser versehen werden; um beides einzunehmen, mußte sie von Zeit
+zu Zeit an die Küste gehen, von der sie sich bei der Natur der damaligen
+Nautik überhaupt nicht entfernen durfte. Sollte diese Expedition irgend
+glücken und ihr Zweck, die Fahrt vom Euphrat zum Indus zu öffnen, erreicht
+werden, so war es vor allem notwendig, die Küste zugänglich zu machen,
+Wasserbrunnen zu graben, Vorräte zu beschaffen, Widerstand von seiten der
+Einwohner zu hindern, die Bevölkerung namentlich der reicheren Distrikte
+mit in den Verband des Reiches zu ziehen. Dies waren die Gründe, die den
+König veranlaßten, durch Gedrosien zurückzukehren, obschon ihm die Natur
+jener Landesstrecke nicht unbekannt sein konnte; er durfte seinen großen
+Plan nicht um der Gefahren willen, die unvermeidlich waren, preisgeben, er
+durfte die Opfer nicht scheuen, die ihm das Unternehmen kosten sollte, von
+dem er, und mit Recht, außerordentliche Erfolge erwartete. Der Satrap von
+Karmanien, Sibyrtios, wird die Weisung erhalten haben von Westen her,
+soweit möglich, dem Heere das Nötige entgegenzusenden; und man wird wohl so
+viel erkundet haben, daß die zunächst an Indien grenzende Landschaft, wenn
+man sie besetzte, im Innern bewohnte und fruchtbare Täler genug besaß, um
+dem Zuge längs der Küste die nötigen Vorräte zu schaffen.
+
+Die Überlieferungen gestatten nicht, auch nur ungefähr anzugeben, wie groß
+die Zahl der Truppen war, die der König durch Gedrosien führte. Man darf
+die Flotte vielleicht auf 100 Schiffe, ihre Bemannung auf 12 000 Mann und
+etwa 2000 Epibaten rechnen; bedeutend stärker wird das Heer, das Krateros
+durch Arachosien führte, gewesen sein. Nach einer sicheren Nachricht war
+die Gesamtmacht des Königs, als er im sogdianischen Alexandrien stand,
+120 000 Mann; rechnet man vielleicht 30 000 Mann, die bei dem indischen
+Satrapen und in den neugegründeten Städten zurückblieben, so könnten 30 000
+bis 40 000 Kombattanten mit dem Könige gezogen sein. Dies nur, um daran zu
+erinnern, was man wissen müßte, um sich eine pragmatisch deutliche
+Vorstellung von diesem Zuge der Heimkehr machen zu können.
+
+Es mochte gegen Ende August des Jahres 325 sein, als Alexander aus Pattala
+und dem indischen Lande aufbrach; bald war das Grenzgebirge erreicht und
+auf dem nördlicheren Paßwege überstiegen; etwa mit dem neunten Tage kam man
+in die Tallandschaft des Ariosstromes, an dem diesseits die Arbiten,
+jenseits bis in die Berge die Oreiten wohnten; beide Stämme hatten sich
+noch nicht unterworfen; deshalb teilte Alexander sein Heer, ihr Land zu
+durchziehen und nötigenfalls zu verwüsten. Von ihm selbst, von Leonnatos,
+von Ptolemäus geführt, zogen einige Kolonnen in das Land hinab, während
+Hephaistion das übrige Heer nachführte. Alexander wandte sich links dem
+Meere zu, um zugleich der Küste entlang für den Bedarf seiner Flotte
+Brunnen graben zu lassen, demnächst aber die Oreiten, die für streitbar und
+zahlreich galten, zu überfallen. Die Arbiten hatten beim Heranrücken der
+Makedonen ihre Dörfer verlassen und sich in die Wüste geflüchtet. Er kam an
+den Arbiosfluß, der seicht und schmal, wie er war, leicht überschritten
+wurde; ein nächtlicher Marsch durch die Sandgegend, die sich von dessen
+rechtem Ufer abendwärts erstreckte, brachte ihn mit Tagesanbruch an die
+wohlbebauten Felder und Dorfschaften der Oreiten. Sofort bekam die Reiterei
+Befehl, geschwaderweise aufzurücken und, um desto mehr Feld zu bedecken, in
+gemessenen Distanzen vorzugehen, während das Fußvolk in geschlossener Linie
+nachfolgte. So wurde ein Dorf nach dem anderen angegriffen und
+eingenommen; wo die Einwohner Widerstand versuchten und mit ihren
+Giftpfeilen gegen die makedonischen Speere zu kämpfen wagten, wurden sie
+leicht bewältigt, ihre Dörfer verbrannt, sie selbst niedergehauen oder zu
+Gefangenen gemacht und in die Sklaverei verkauft. Das untere Gebiet der
+Oreiten ward ohne bedeutenden Verlust unterworfen; auch die Pfeilwunde, die
+das Leben des Lagiden Ptolemaios in Gefahr brachte, wurde schnell und
+glücklich geheilt; an einem Wasser lagerte und rastete Alexander und
+wartete die Ankunft Hephaistions ab. Mit ihm vereinigt zog er weiter zu dem
+Flecken Rambakia, dem größten im Lande der Oreiten; die Lage desselben
+schien günstig für den Verkehr und zur Behauptung des Landes; Alexander
+beschloß, ihn zur Hauptstadt der oreitischen Satrapie zu machen und zu
+kolonisieren; Hephaistion erhielt den Befehl zur Gründung des oreitischen
+Alexandreia. Der König selbst brach mit der Hälfte der Hypaspisten und
+Agrianer, mit dem Geleit seiner Ritterschaft und den berittenen Schützen
+gegen die Berge hin auf, welche das Gebiet der Oreiten und Gedrosier
+voneinander scheiden; denn in den dortigen Pässen, durch welche der Weg
+nach Gedrosien führte, hatten sich, so war dem Könige berichtet, die
+Oreiten und Gedrosier in sehr bedeutender Macht aufgestellt, um vereinigt
+den Makedonen den Weg zu sperren. Sobald die Makedonen dem Eingang der
+Pässe nahten, flohen die Barbaren vor einem Feinde, dessen unwiderstehliche
+Kraft sie ebensosehr wie seinen Zorn nach dem Siege fürchteten; die
+Häuptlinge der Oreiten kamen in demütiger Unterwürfigkeit zu ihm herab,
+sich, ihr Volk und ihr alles seiner Gnade zu übergeben. Alexander empfing
+sie huldvoller, als sie erwartet; er trug ihnen auf, ihre zersprengten
+Dorfschaften wieder zu sammeln, und ihnen in seinem Namen Ruhe und
+Sicherheit zu versprechen; er legte es ihnen ans Herz, seinem Satrapen
+Apollophanes, den er über ihr, der Arbiten und der Gedrosier Land setzte,
+zu gehorchen und namentlich den Anordnungen, die zur Versorgung der
+makedonischen Flotte getroffen werden würden, gebührend nachzukommen. Zu
+gleicher Zeit wurde Leonnatos der Leibwächter mit einem bedeutenden Heere,
+bestehend aus sämtlichen Agrianern, einem Teil der Bogenschützen, einigen
+hundert Pferden der Makedonen und hellenischen Söldner, einer
+entsprechenden Zahl Schwerbewaffneter und asiatischer Truppen in der neuen
+Satrapie zurückgelassen, mit dem Befehl, die Ankunft der Flotte an diesen
+Gestaden zu erwarten und alles zu deren Aufnahme vorzubereiten, die
+Kolonisation der neuen Stadt zu vollenden, den etwa noch vorkommenden
+Unordnungen und Widersetzlichkeiten von seiten des Volkes zu begegnen und
+alles anzuwenden, um die bisher unabhängigen Oreiten für die neuen
+Verhältnisse zu gewinnen; Apollophanes wurde angewiesen, alles zu tun, um
+in das Innere von Gedrosien Schlachtvieh und Vorräte zusammenbringen zu
+lassen, damit das Heer nicht Mangel leide.
+
+Dann brach Alexander aus dem Lande der Oreiten nach Gedrosien auf. Schon
+wurde der heiße und flache Küstensaum breiter und öder, die Hitze
+stechender, der Weg beschwerlicher; man zog tagelang durch einsame
+Sandstrecken, in denen von Zeit zu Zeit Palmengruppen einen ärmlichen
+Schatten unter der fast senkrechten Sonne boten; häufiger waren
+Myrrhenbüsche, stark duftend in der Glut der Sonne und in der Fülle des
+unbenutzt ausschwitzenden Harzes; die phönikischen Kaufleute, die mit
+zahlreichen Kamelen dem Heere folgten, sammelten hier viel von dieser
+köstlichen Ware, die im Abendlande unter dem Namen der arabischen Myrrhe so
+beliebt war. In der Nähe der See oder der Flüsse blühte die starkduftende
+Tamariske, über den Boden hin wucherte die Schlingwurzel der Narden und
+vielrankiges Dorngebüsch, in dem sich die Hasen, die der nahende Heereszug
+aufgescheucht, wie Vögel im Dohnenstrich fingen. In der Nähe solcher Plätze
+wurde übernachtet und aus den Blättern der Myrrhen und Narden die
+nächtliche Streu bereitet. Aber mit jedem neuen Marsche wurde die Küste
+öder und unwegsamer. Die Bäche erstarben im heißen Sande, auch die
+Vegetation hörte auf; von Menschen und Tieren war auf weite Strecken keine
+Spur; man begann die Nächte zu marschieren, um während des Tages zu ruhen;
+man zog tiefer landein, um auf dem nächsten Wege diese Einöde
+zurückzulegen und zugleich für die Flotte Vorräte an die Küste zu schaffen;
+einzelne Trupps wurden an die Küste hinabgesandt, die Vorräte aufzustapeln,
+Brunnen zu graben, die Zugänglichkeit des Strandes für die Schiffe zu
+untersuchen. Einige dieser Reiter unter Thoas' Führung brachten die
+Nachricht, an der Küste seien wenige ärmliche Fischerhütten, aus
+Walfischrippen und Seemuscheln erbaut; die Bewohner, armselig und
+stumpfsinnig, lebten von gedörrten Fischen und Fischmehl und tränken das
+brackige Wasser der Sandgruben; man hatte das Gebiet der Ichthyophagen
+erreicht. Tiefer landein, so hieß es, finde man einzelne Dorfschaften;
+dorthin mußte das Heer, da der Mangel an Lebensmitteln schon empfindlich zu
+werden begann. Nach langen, ermüdenden Nachtmärschen, in denen schon nicht
+mehr die strengste Ordnung und Manneszucht zu erhalten war, erreichte man
+diese Gegend; von den Vorräten, die sie darbot, wurde möglichst sparsam an
+das Heer verteilt, um das übrige, mit dem königlichen Siegel verwahrt und
+auf Kamele gepackt, an die Küste zu schicken; aber sobald Alexander mit den
+ersten Kolonnen zum weiteren Marsche aufbrach, rissen die bei den Vorräten
+bestellten Wachen die Siegel auf, und von ihren hungernden Kamelen
+schreiend umdrängt, teilten sie aus, was sie bewahren sollten, unbekümmert,
+wie sie ihr Leben verwirkten, um es vor dem Hungertode zu retten. Alexander
+ließ es ungeahndet; er eilte, neue Vorräte aufzutreiben und sie unter
+sicherer Bedeckung hinabzusenden; er befahl den Einwohnern, aus dem Innern
+des Landes so viel Getreide, Dattelfrucht und Schlachtvieh als irgend
+möglich aufzubringen und an die Küsten zu schaffen; zuverlässige Männer
+wurden zurückgelassen, diese Transporte zu besorgen.
+
+Indes zog das Heer weiter; es nahte dem furchtbarsten Teil der Wüste; in
+gräßlicher Steigerung wuchs der Hunger, das Elend, die Zügellosigkeit. Auf
+zehn, auf fünfzehn Meilen weit kein Wasser, der Sand tief, heiß, wellenhaft
+wie ein stürmisches Meer zu breiten Dünen aufgeweht, durch die man mit
+jedem Schritte tief einsinkend sich mit endloser Mühe hinschleppte, um
+sogleich dieselbe Arbeit von neuem zu beginnen; dazu das Dunkel der Nacht,
+die furchtbar wachsende Auflösung aller Ordnung, die letzte Kraft durch
+Hunger und Durst erschöpft oder zu eigennütziger Gier verwildert. Man
+schlachtete die Pferde, Kamele, Maultiere und aß ihr Fleisch; man spannte
+das Zugvieh von den Wagen der Kranken und überließ diese ihrem Schicksal,
+um in trauriger Hast weiterzuziehen; wer vor Müdigkeit oder Entkräftung
+zurückblieb, fand den Morgen kaum noch die Spur des großen Heeres wieder,
+und fand er sie, so bemühte er sich umsonst, dasselbe einzuholen; in
+schrecklichen Zuckungen verschmachtete er unter der glühenden Mittagssonne
+oder verirrte in dem Labyrinth der Dünen, um vor Hunger und Durst langsam
+dahinzusterben. Glücklich die anderen, wenn sie vor Tagesanbruch Brunnen
+erreichten, um zu rasten; aber oft mußte man noch marschieren, wenn schon
+die Sonne durch die rötliche Glutluft herabbrannte und der Sand unter
+wunden Füßen glühte; dann stürzten die Tiere röchelnd zusammen, und den
+hinsinkenden Menschen brach das Blut jählings aus Auge und Mund, oder sie
+kauerten sich todmatt nieder, während die Reihen aufgelöst in
+gespenstischer Stille an den sterbenden Kameraden vorüberwankten; kam man
+endlich zu den Wassern, so stürzte alles hin und trank in hastiger Gier, um
+die letzte Labung mit einem qualvollen Tode zu büßen. An einer der
+Raststellen -- ein fast ausgetrocknetes Wasser floß vorüber -- lagerte das
+Heer einen Tag und ruhte unter den Zelten; da füllte sich plötzlich das
+Strombett und brausend schwollen die Wasser über; Waffen, Tiere, Zelte,
+Menschen wurden mit hinweggerissen, und ehe man sich noch zu besinnen und
+zu helfen vermochte, war schon die Verwüstung auf ihrem Gipfel; Alexanders
+Zelt und ein Teil seiner Waffen wurden ein Raub der Flut, deren Gewalt er
+selbst mit Mühe entrann. So häuften sich die Schrecken; und als endlich gar
+bei dem weiteren Marsche, als ein heftiger Wind die Dünen der Wüste
+durcheinandertrieb und allen Weg spurlos verwehte, die landeingeborenen
+Führer verirrten und nicht mehr wo noch wohin wußten, da sank auch dem
+Mutigsten der Mut, und der Untergang schien allen gewiß. Alexander sammelte
+die kräftigsten der Ritter, eine kleine Schar, um sich, mit ihnen das Meer
+zu suchen; er beschwor sie, die letzten Kräfte zusammenzunehmen und ihm zu
+folgen. Sie ritten mittagswärts durch die tiefen Dünen, von Durst gequält
+in der tiefsten Erschöpfung; die Pferde stürzten zusammen, die Reiter
+vermochten nicht sich weiterzuschleppen, nur der König mit fünf anderen war
+unermüdlich vorgedrungen; sie sahen endlich die blaue See, sie ritten
+hinab, sie gruben mit ihren Schwertern im Sande nach süßem Wasser, und ein
+Quell sprudelte hervor, sie zu erquicken; dann eilte Alexander zurück zum
+Heere und führte es hinab an den kühleren Strand und zu den süßen Quellen,
+die dort rieselten. Nun fanden die Führer sich wieder zurecht und führten
+das Heer noch sieben Tage lang an der Wüste, wo an Wasser nicht Mangel und
+auch hier und da Vorräte und Dorfschaften waren; mit dem siebenten Tage
+wandte man sich landeinwärts und zog durch fruchtprangende und heitere
+Gegenden nach Pura, der Residenz der Satrapie Gedrosien.
+
+So erreichte das Heer endlich das Ziel seines Weges, aber in welchem
+Zustande! Der Marsch von der Oreiten Grenze durch die Wüste hatte sechzig
+Tage gewährt; aber die Leiden und Verluste auf diesem Marsche waren größer
+als alles Frühere zusammengenommen. Das Heer, das so stolz und reich aus
+Indien ausgezogen, war auf ein Viertel zusammengeschmolzen, und dieser
+traurige Überrest des welterobernden Heeres war abgezehrt und entstellt, in
+zerlumpten Kleidern, fast ohne Waffen, die wenigen Pferde abgemagert und
+elend, das Ganze ein Aufzug des tiefsten Elends, der Auflösung und
+Niedergeschlagenheit. So kam der König nach Pura. Hier ließ er rasten,
+damit sich die erschöpften Truppen erholten und die auf dem Wege Verirrten
+sich sammelten. Der Satrap über Oreitis und Gedrosien, der den Befehl
+erhalten, die Wege der Wüste mit Vorräten versorgen zu lassen, und durch
+dessen Fahrlässigkeit dem Heere selbst noch die Erleichterung, welche die
+Wüste gestattet hätte, entzogen worden war, erhielt von hier aus seine
+Entlassung; Thoas wurde zu seinem Nachfolger in der Satrapie bestimmt.
+
+Dann brach Alexander nach Karmanien auf, wo er Krateros mit seinem Heere
+und mehrere Befehlshaber der oberen Provinzen, die er dorthin beordert, zu
+treffen hoffte. Es mochte Anfang Dezember sein; von der Flotte und ihren
+Schicksalen hatte man nicht die geringste Nachricht; war die dem
+hochherzigen Nearchos übertragene Expedition schon an sich gefahrvoll, und
+die gänzliche Ungewißheit über den Fortgang höchst beunruhigend, so mochte
+Alexander nach den jüngsten Erlebnissen und ihrer unbeschreiblichen
+Furchtbarkeit eher alles zu fürchten, als das Gelingen eines großen Planes
+zu hoffen geneigt sein; jene Küste, die dem größten Teil seines Heeres den
+elendesten Untergang gebracht hatte, war für die Flotte die letzte und
+einzige Zuflucht; und öde, flachsandig, hafenlos wie sie war, schien sie
+eher die unberechenbaren Wechselfälle von Wind und Wetter gefährlicher zu
+machen, als vor ihnen retten zu können; ein Orkan, und Flotte und Heer
+konnten spurlos vernichtet sein, eine unvorsichtige Fahrt, und der Ozean
+war weit genug zu endlosem Irren und rettungslosem Treiben.
+
+Da kam der Hyparch der Gegend zum Könige mit der Nachricht, fünf Tage
+südwärts an der Mündung des Flusses Anamis sei Nearch wohlbehalten mit der
+Flotte gelandet, habe auf die Nachricht, daß sich der König im oberen Lande
+befinde, sein Heer sich hinter Wall und Graben lagern lassen und werde
+demnächst persönlich vor Alexander erscheinen. Des Königs Freude war im
+ersten Augenblick außerordentlich, bald genug drängte Ungeduld, Zweifel,
+größere Bekümmernis sie zurück; umsonst erwartete man Nearchs Ankunft; es
+verstrich ein Tag nach dem anderen; Boten auf Boten wurden ausgesandt, die
+einen kamen zurück mit dem Bericht, sie hätten nirgend Makedonen der Flotte
+gesehen, nirgend von ihnen Kunde erhalten; andere blieben ganz aus; endlich
+befahl Alexander, den Hyparchen, der treulose Märchen geschmiedet und mit
+der Trauer des Heeres und des Königs Spott getrieben, festzunehmen und in
+Ketten zu legen. Er war trauriger denn zuvor und von Leiden des Körpers und
+der Seele bleich.
+
+Der Hyparch hatte die volle Wahrheit gesagt: wirklich war Nearchos mit
+seiner Flotte an der karmanischen Küste; glücklich hatte er ein
+Unternehmen, dem an Gefahren und Wundern schon an sich nichts ähnlich war,
+und das überdies durch das Zusammentreffen zufälliger Umstände überaus
+erschwert worden war, vollbracht.
+
+Schon am Indusstrome hatten diese Schwierigkeiten begonnen; kaum war
+Alexander mit dem Landheere über die Grenzen Indiens gegangen, so hatten
+die Inder, die sich jetzt frei und sicher glaubten, bedenkliche Unruhen
+begonnen, so daß die Flotte nicht mehr in Indus sicher zu sein schien.
+Nearchos hatte, da es nicht seine Aufgabe war, das Land zu behaupten,
+sondern die Flotte zum Persischen Meerbusen zu führen, sich schnell und
+ohne die Zeit der stehenden Ostwinde abzuwarten, zur Abfahrt bereitet, war
+am 21. September[16] abgesegelt und hatte in wenigen Tagen die Kanäle des
+Indusdeltas hinter sich; dann war er durch heftige Südwinde genötigt
+worden, unter dem Vorgebirge, das Indien vom Arbitenlande trennt, in einem
+Hafen, den er nach Alexander nannte, ans Land zu gehen und daselbst
+vierundzwanzig Tage zu rasten, bis sich endlich die regelmäßigen Winde
+gesetzt hatten. Mit dem 23. Oktober war er weitergeschifft, war unter
+mannigfaltigen Gefahren, bald zwischen Klippen hindurchsteuernd, bald gegen
+die gewaltige Brandung des Ozeans ankämpfend, an der Arbiosmündung
+vorübergesegelt, und nach einem furchtbaren Seesturm am 30. Oktober, der
+drei Fahrzeugen den Untergang brachte, bei Kokala an das Land gegangen, um
+zehn Tage zu rasten und die schadhaften Schiffe auszubessern; es war das
+der Ort, an dem kurz zuvor Leonnatos die Barbaren der Umgegend in einem
+blutigen Treffen überwältigt hatte; der Satrap Apollophanes von Gedrosien
+war bei dieser Gelegenheit erschlagen worden. Hier reichlich mit Vorräten
+versehen und nach wiederholten Zusammenkünften mit Leonnatos, war Nearchos
+weiter gen Westen gefahren, und am 10. November lag das Geschwader vor der
+Mündung des Flusses Tomeros, an dessen Ufern bewaffnete Oreiten haufenweise
+standen, um die Einfahrt der Flotte zu hindern; ein kühner Überfall
+genügte, sie zu bewältigen und für einige Tage einen ruhigen Landungsplatz
+zu gewinnen.
+
+ [16] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Mit dem 21. November war die Flotte zu der Küste der Ichthyophagen
+gekommen, jener armseligen und furchtbaren Einöde, bei der das Elend des
+Landheeres begann; auch das Schiffsheer hatte viel zu leiden, der Mangel an
+süßem Wasser und an Vorräten wurde mit jedem Tage drückender. Endlich fand
+man in einem Fischerdorfe hinter dem Vorgebirge Bageia einen Eingeborenen
+Namens Hydrakes, der sich erbot, die Flotte als Lotse zu begleiten; er war
+ihr von großem Nutzen; unter seiner Leitung vermochte man fortan größere
+Fahrten zu machen und dazu die kühleren Nächte zu benutzen. Unter immer
+steigendem Mangel fuhr man bei der öden Sandküste Gedrosiens vorüber, und
+schon hatte die Unzufriedenheit der Schiffsleute einen gefährlichen Grad
+erreicht; da endlich erblickte man die mit Fruchtfeldern, Palmhainen und
+Weinbergen bedeckten Gestade Karmaniens; jetzt war die Not vorüber, jetzt
+nahte man der langersehnten Einfahrt in das Persische Meer, man war in
+befreundetem Gebiet. Man sah zur Linken die weit ins Land vorspringende
+Landspitze Arabiens, die Maketa genannt wurde, von wo, so erfuhr man, der
+Zimt und andere indische Waren nach Babylon gebracht werden.
+
+An der Küste Harmozia und an der Mündung des Anamis landete die Flotte, und
+das Schiffsvolk lagerte an den Stromufern, nach so vielen Mühen sich
+auszuruhen und der überstandenen Gefahren zu gedenken, denen zu entkommen
+mancher verzweifelt haben mochte; von dem Landheere wußte man nichts, seit
+der Küste der Ichthyophagen hatte man alle Spur von demselben verloren. Da
+geschah es, daß einige von Nearchs Leuten, die ein wenig landein gegangen
+waren, um Lebensmittel zu suchen, in der Ferne einen Menschen in
+hellenischer Tracht sahen; sie eilten auf ihn zu und erkannten sich unter
+Freudentränen als hellenische Männer; sie fragten ihn, woher er käme, wer
+er wäre? Er antwortete, er komme vom Lager Alexanders, der König sei nicht
+ferne von hier; und frohlockend führten sie ihn zu Nearchos, dem er dann
+angab, daß Alexander etwa fünf Tage weit landein stehe, und sich zugleich
+erbot, ihn zum Hyparchen der Gegend zu bringen. Das geschah; Nearchos
+überlegte mit diesem, wie er zum Könige hinaufkommen möchte. Während er zu
+den Schiffen zurückkehrte, um hier alles zu ordnen und das Lager
+verschanzen zu lassen, war der Hyparch, in der Hoffnung, durch die erste
+Nachricht von der glücklichen Ankunft der Flotte des Königs Gunst zu
+gewinnen, auf dem kürzesten Wege in das innere Land hinaufgeeilt und hatte
+dort jene Botschaft überbracht, die ihm selbst so viel Leid zuzog, da deren
+Bestätigung ausblieb.
+
+Endlich, so erzählt Nearchos selbst das Weitere, waren die Einrichtungen
+für die Flotte und das Lager so weit gediehen daß er mit Archias von Pella,
+dem zweiten Befehlshaber der Flotte, und mit fünf oder sechs Begleitern von
+dem Lager aufbrach und ins Innere wanderte. Diesen begegneten auf dem Wege
+einige von den ausgesandten Boten Alexanders; aber sie erkannten weder den
+Nearchos noch den Archias, so sehr hatte sich ihr Äußeres verwandelt; ihr
+Haupt- und Barthaar war lang, ihr Gesicht bleich, ihre Gestalt abgezehrt,
+ihre Kleidung zerlumpt und voll Schiffsteer; und als diese sie fragten, in
+welcher Richtung wohl Alexanders Lager stände, zeigten sie ihnen Bescheid
+und zogen vorüber. Archias aber ahnte das Rechte und sprach: »Es scheint,
+daß die Männer ausgesandt sind, uns zu suchen; daß sie uns nicht erkennen,
+ist gar wohl zu begreifen, wir mögen wohl sehr anders als in Indien
+aussehen; laß uns sagen, wer wir sind, und sie fragen, wohin sie reisen.«
+Das tat Nearchos; sie antworteten, sie suchten den Nearchos und das Heer
+von der Flotte. Da sagte Nearchos: »Ich bin es, den ihr suchet, führt uns
+zum Könige!« Da nahmen sie sie jubelnd auf ihre Wagen und fuhren zum Lager;
+einige aber eilten voraus und zum Zelte des Königs und sprachen: »Nearchos
+und Archias und fünf andere mit ihnen kommen soeben daher.« Da sie aber von
+dem übrigen Heere und von der Flotte nichts wußten, glaubte der König, daß
+jene wohl unvermutet gerettet, aber Heer und Flotte untergegangen sei, und
+seine Trauer war größer denn vorher. Da trat Nearchos und Archias herein.
+Alexander erkannte sie kaum wieder, er reichte dem Nearchos die Hand,
+führte ihn zur Seite und weinte lange Zeit; endlich sprach er: »Daß ich
+dich und Archias wiedersehe, läßt mich den ganzen Verlust minder
+schmerzlich empfinden; nun aber sprich, wie ist meine Flotte und mein Heer
+zugrunde gegangen?« Nearchos antwortete: »O König, beides ist dir erhalten,
+deine Flotte und dein Heer; wir aber sind als die Boten ihrer Erhaltung zu
+dir gekommen.« Da weinte Alexander noch mehr, und lauter Jubel war um ihn
+her; er aber schwur bei Zeus und Ammon, daß ihm dieser Tag teurer wäre als
+der Besitz von ganz Asien.
+
+Schon war auch Krateros mit seinem Heere und den Elefanten nach einem
+glücklichen Marsche durch Arachosien und Drangiana in Karmanien angelangt;
+er hatte sich auf die Nachricht von Alexanders ungeheueren Verlusten
+beeilt, sein frisches und kräftiges Heer dem Könige zuzuführen. Mit ihm
+zugleich trafen die Befehlshaber, die seit fünf Jahren in Medien gestanden
+hatten, ein; es waren Kleandros mit den Veteranen der Söldner, Herakon mit
+den Söldnerreitern, die früher Menidas geführt hatte, Sitalkes mit dem
+thrakischen Fußvolk, Agathon mit den odrysischen Reitern, im ganzen
+fünftausend Mann zu Fuß und tausend Reiter. Auch der Satrap Stasanor von
+Areia und Drangiana, und Pharasmanes, der Sohn des parthischen Satrapen
+Phrataphernes, waren mit Kamelen, Pferden und Herden Zugvieh nach Karmanien
+gekommen, zunächst in der Absicht dem Heere, das sie noch nicht angelangt
+glaubten, bei dem Zuge durch die Wüste die notwendigen Bedürfnisse zu
+beschaffen; doch auch jetzt noch waren sie mit dem, was sie brachten,
+willkommen, die Kamele, Pferde, Rinder wurden im Heere auf die übliche
+Weise verteilt. Dies alles, dazu die glückliche Natur des karmanischen
+Landes, die Pflege und Ruhe, die hier den Soldaten zuteil wurde, endlich
+die unmittelbare Anwesenheit des Königs, dessen Tätigkeit nie ernster und
+durchgreifender gewesen war, machten in kurzer Zeit die Spuren des
+furchtbaren Elends verschwinden und gaben dem makedonischen Heere Haltung
+und Selbstvertrauen zurück. Dann wurden Festlichkeiten mannigfacher Art
+veranstaltet, um den Göttern für die glückliche Beendigung des indischen
+Feldzuges, für die Heimkehr des Heeres und die wunderbare Erhaltung der
+Flotte zu danken; Zeus dem Erretter, Apollon, dem Fluchabwehrer, dem
+Erderschütterer Poseidon und den Göttern des Meeres wurde geopfert, es
+wurden Festzüge gehalten, Festchöre gesungen, Kampfspiele aller Art
+gefeiert; in dem Gepränge des Festzuges ging Nearchos bekränzt an des
+bekränzten Königs Seite, und das jubelnde Heer warf Blumen und bunte Bänder
+auf sie. In allgemeiner Heerversammlung wiederholte der Nearch den Bericht
+seiner Fahrt; er und andere der Führer, sowie viele vom Heere, wurden vom
+Könige durch Geschenke, durch Beförderungen und Auszeichnungen aller Art
+geehrt, namentlich wurde Peukestas, bisher Alexanders Schildträger und bei
+dem Sturm auf die Mallerstadt sein Retter, der hergebrachten Zahl der
+sieben Somatophylakes als achter hinzugefügt.
+
+Zu gleicher Zeit gab der König die Weisungen für den weiteren Zug: die
+Flotte sollte ihre Fahrt längs der Küste des Persischen Meerbusens
+fortsetzen, in die Mündung des Pasitigris einlenken und stromauf in den
+Fluß von Susa fahren; mit dem größeren Teil des Landheeres, mit den
+Elefanten und der Bagage sollte Hephaistion, um die schwierigen Wege, den
+Schnee und die Winterkälte in den Berggegenden zu vermeiden, an die flache
+Küste, die Vorräte genug und in jetziger Jahreszeit milde Luft und bequeme
+Wege hatte, hinabziehen, um sich in der Ebene von Susa mit der Flotte und
+dem übrigen Heere wieder zu vereinigen. Alexander selbst wollte mit der
+makedonischen Ritterschaft und dem leichten Fußvolk, namentlich den
+Hypaspisten und einem Teile der Bogenschützen, auf dem nächsten Wege durch
+die Berge über Pasargadai und Persepolis gen Susa ziehen.
+
+
+So kehrte Alexander in den Bereich der Länder zurück, die ihm seit Jahren
+unterworfen waren; es war hohe Zeit, daß er zurückkehrte. Arge Unordnungen
+und gefährliche Neuerungen waren an mehr als einem Punkte entstanden; nur
+zu bald hatte der Geist der Zügellosigkeit und Anmaßung, der in den
+Satrapen des früheren Perserreiches geherrscht hatte, auch bei den
+jetzigen Statthaltern und Anführern Eingang gefunden; während des Königs
+Abwesenheit ohne Aufsicht und im Besitz fast unumschränkter Gewalt, hatten
+viele Satrapen, sowohl Makedonen als Perser, die Völker auf das
+furchtbarste bedrückt, hatten ihrer Habgier, ihrer Wollust alles erlaubt,
+hatten selbst die Tempel der Götter und die Gräber der Toten nicht
+geschont; ja auf den Fall, daß Alexander nicht aus den Ländern Indiens
+zurückkehrte, hatten sie sich bereits mit Söldnerhaufen umgeben und alle
+Anstalten getroffen, um sich nötigenfalls mit gewaffneter Hand im Besitz
+ihrer Provinzen zu behaupten. Die tollkühnsten Pläne, die ausschweifendsten
+Wünsche, die überspanntesten Hoffnungen waren an der Tagesordnung; die
+ungemessene Aufregung dieser Jahre, in denen alles Herkömmliche und Gewisse
+abgetan und das Unwahrscheinlichste möglich schien, fand keine Sättigung
+mehr als im zügellosesten Wagen und der Betäubung maßlosen Genusses oder
+Verlustes. Das wilde Würfelspiel des Krieges, in dem Asien gewonnen war,
+wie leicht konnte es umschlagen, wie leicht mit einem Wurfe des Königs
+übergroßes Glück wie gewonnen so zerronnen sein. Auch das gestürzte
+Persertum begann sich mit neuer Hoffnung aufzurichten, und es war bereits
+mehr als ein Versuch von seiten morgenländischer Großen gemacht worden, die
+kaum geknüpften Bande zu zerreißen und unabhängige Fürstentümer zu gründen,
+oder im Namen des altpersischen Königtums, das gewiß sich erneuern werde,
+die Völker zum Abfall zu reizen. Und als nun nach der jahrelangen
+Abwesenheit des Königs, nach dem immer wilderen Umsichgreifen der Unordnung
+und der Usurpation, die Kunde von dem Untergange des Heeres in der
+gedrosischen Wüste sich verbreitete, da mochte die Bewegung an allen Orten
+und in allen Gemütern einen Grad erreichen, der den Umsturz alles
+Bestehenden befürchten ließ.
+
+Das waren die Verhältnisse, unter denen Alexander mit den Überresten seines
+Heeres in die Westprovinzen zurückkehrte. Es stand alles auf dem Spiel;
+_ein_ Zeichen von Besorgnis oder Schwäche, und das Reich stürzte über
+seinem Gründer in Trümmer; nur die kühnste Entschlossenheit, die ernsteste
+Kraft des Willens und der Tat konnte den König und sein Reich retten;
+Gnade und Langmut wäre Geständnis der Ohnmacht gewesen, und hätte die
+Völker, die auch jetzt noch dem Könige anhingen, um ihre letzte Hoffnung
+gebracht. Es bedurfte der strengsten und schonungslosesten Gerechtigkeit,
+um den empörend mißhandelten Völkern ihr Recht zu sichern und ihr Vertrauen
+zu der Macht des Königs zu retten; es bedurfte rascher und durchgreifender
+Maßregeln, um der Majestät des Königtums ihren vollen Glanz wiederzugeben
+und die Schrecken ihres Zornes zu verbreiten. Und vielleicht war Alexander
+jetzt in der dunklen Stimmung, die den zürnenden Selbstherrscher furchtbar
+macht. Wie weit lag hinter ihm der Enthusiasmus des beginnenden
+Siegeslaufes, die freudige Zuversicht der Jugend und unermeßlicher
+Hoffnungen; zu oft in seinem Vertrauen getäuscht, hatte er gelernt, zu
+argwöhnen, hart und ungerecht zu sein. Er mochte es für notwendig halten.
+Eine Welt hatte er umgestaltet; er hatte sich mit ihr verwandelt; es galt
+jetzt die Zügel der unumschränkten Gewalt fest zu fassen und zu halten; es
+galt jetzt schnelles Gericht, neuen Gehorsam, strenges Regiment.
+
+Schon in Karmanien hatte Alexander zu strafen gefunden. Er hatte den
+Satrapen Aspastes, der sich im Jahre 330 unterworfen und seine Stelle
+behalten hatte, abgesetzt; umsonst eilte Aspastes dem nahenden Herrn in
+beflissener Unterwürfigkeit entgegen; als sich der schwere Verdacht, der
+auf ihm lastete, in der Untersuchung bestätigte, wurde er den Händen des
+Henkers übergeben. Sibyrtios war statt seiner für Karmanien bestimmt
+worden; da aber Thoas, der an Apollophanes' Stelle ins Land der Oreiten
+gehen sollte, erkrankte und starb, so wurde Sibyrtios dorthin gesandt und
+statt seiner Tleopolemos, des Pythophanes Sohn, den seine bisherige
+Stellung in der parthischen Satrapie bewährt hatte, nach Karmanien berufen.
+Die Unordnungen, die im Innern Arianas durch den Perser Ordanes
+angestiftet, durch den, wie es scheint, gleichzeitigen Tod des Satrapen
+Menon von Arachosien freien Spielraum gewonnen hatten, waren von Krateros
+auf seinem Durchgange ohne Mühe unterdrückt worden; er brachte den Empörer
+in Ketten vor den König, der ihn der gerechten Strafe übergab; die
+erledigte Satrapie Arachosien wurde mit der von Ora und Gedrosien unter
+Sibyrtios vereinigt.
+
+Auch aus Indien kam böse Zeitung; Taxiles berichtete, Abisares sei
+gestorben und der Satrap Philippos im diesseitigen Indien von den Söldnern,
+die unter ihm dienten, erschlagen worden, doch hätten die makedonischen
+Leibwächter des Satrapen den Aufruhr sofort erdrückt und die Anführer
+hingerichtet. Alexander übertrug die einstweilige Verwaltung der Satrapie
+dem Fürsten von Taxila und Eudemos, dem Anführer der in Indien stehenden
+Thraker, und gebot ihnen, den Sohn des Abisares als Nachfolger im Reiche
+Kaschmir anzuerkennen.
+
+Von Medien waren Herakon, Kleandros und Sitalkes mit dem größten Teile
+ihrer Truppen nach Karmanien zu kommen beordert und gekommen; von den
+Einwohnern der Provinz und von ihren eigenen Truppen wurden sie arger Dinge
+beschuldigt: sie hätten die Tempel geplündert, die Gräber aufgewühlt, sie
+hätten sich jede Art von Bedrückung und Frevel gegen die Untertanen
+erlaubt. Nur Herakon wußte sich zu rechtfertigen und wurde auf freien Fuß
+gesetzt; Kleandros und Sitalkes wurden vollständig überführt, mit ihnen
+eine Menge mitschuldiger Soldaten, wie es heißt, sechshundert, auf der
+Stelle niedergehauen. Dieses schnelle und strenge Gericht, machte überall
+den tiefsten Eindruck; man gedachte der vielfachen Rücksichten, welche der
+König haben mußte, diese Männer, die heimlichen Vollstrecker des
+Todesurteils an Parmenion, und diese bedeutende Zahl alter Soldaten, deren
+er jetzt so sehr bedurfte, zu schonen; die Völker erkannten, daß der König
+in Wahrheit ihr Beschützer, daß es nicht sein Wille sei, sie wie Knechte
+behandelt zu sehen; die Satrapen und Befehlshaber dagegen konnten erkennen,
+was auch sie zu erwarten hätten, wenn sie nicht mit reinem Gewissen vor den
+Stufen des Thrones zu erscheinen vermochten. Manche von ihnen suchten, so
+wird erzählt, im Bewußtsein ihrer Schuld neue Schätze zusammenzuraffen,
+ihre Söldnerscharen zu verstärken, sich so zu rüsten, um nötigenfalls
+trotzen zu können; da erging ein königliches Schreiben an die Satrapen,
+welches gebot, sofort die Söldner, soviel nicht im Namen des Königs
+geworben seien, zu entlassen.
+
+Indes war der König aus Karmanien nach Persien gezogen: der Satrap
+Phrasaortes, den er hier bestellt hatte, war zur Zeit des indischen
+Feldzuges gestorben; Orxines, einer der Vornehmsten des Landes, hatte, im
+Vertrauen auf seine Geburt und seinen Einfluß, die Satrapie übernommen.
+Bald zeigte sich, daß er den Pflichten der Satrapie, die er ungeheißen auf
+sich genommen, keineswegs nachgekommen sei. Schon das erzürnte den König,
+daß er das Grab des großen Kyros im Haine von Pasargadai vernachlässigt
+fand; bei seiner früheren Anwesenheit in Pasargadai hatte er die Kuppe des
+Steinhauses, in der der Sarg stand, öffnen, das Grab von neuem schmücken
+lassen und den am Grabe wachenden Magiern die Fortsetzung ihres frommen
+Dienstes geboten; er wollte das Andenken des großen Königs auf jede Weise
+geehrt wissen; jetzt war das Grab erbrochen, alles fortgeschleppt außer dem
+Sarge und der Bahre, der Sargdeckel weggerissen, der Leichnam
+hinausgeworfen, alle Kostbarkeiten geraubt. Er gab dem Aristobulos Befehl,
+die Reste des Leichnams wieder in den Sarg zu legen, alles so, wie es vor
+dem Einbruch gewesen, herzustellen, die Steintür der Kuppe wieder
+einzusetzen und mit dem königlichen Siegel zu verschließen. Er selbst
+untersuchte, wer den Frevel begangen; die Magier, welche die Grabeswache
+gehabt, wurden ergriffen und auf die Folter gespannt, um die Täter zu
+nennen; doch wußten sie nichts, sie mußten entlassen werden; auch die
+weiteren Nachforschungen ergaben keine sichere Spur; es war niemand da, den
+Frevel zu büßen; aber auf dem Satrapen lastete die Schuld der
+Fahrlässigkeit, daß dieses in seinem Lande hatte geschehen können. Bald
+sollten schwerere Vergehen des Satrapen zutage kommen; Alexander war von
+Pasargadai gen Persepolis gezogen, die Residenz des Orxines; die lautesten
+Klagen wurden hier von seiten der Einwohner über ihn geführt: er habe sich
+die schnödesten Gewalttätigkeiten erlaubt, um seiner Habgier zu frönen; er
+habe die Heiligtümer geplündert, die dortigen Königsgräber erbrochen, den
+königlichen Leichen ihren Schmuck geraubt. Die Untersuchung ergab seine
+Schuld; er wurde gehenkt. Der Leibwächter Peukestas, des Alexandros Sohn,
+erhielt die Satrapie; er schien vor allen geschickt, dieses Hauptland des
+Persertums zu verwalten, da er sich ganz in die asiatische Lebensweise
+hineingefunden hatte, medische Kleidung trug, der Persersprache mächtig war
+und sich gern und bequem im persischen Zeremoniell bewegte, Dinge, welche
+die Perser mit Entzücken an ihrem neuen Gebieter sahen.
+
+Um dieselbe Zeit traf der Satrap Atropates von Medien bei dem Könige ein;
+er brachte den Meder Baryaxes, der es gewagt hatte, die Tiara anzunehmen
+und sich König der Meder und Perser zu nennen; er mochte darauf gerechnet
+haben, daß die Bevölkerung der Satrapie, durch die Frevel der makedonischen
+Besatzungen empört, zum Abfall bereit sein würde; er und die Teilnehmer
+seiner Verschwörung wurden hingerichtet.
+
+Der König zog durch die persischen Pässe nach Susa hinab. Die Szenen von
+Karmanien und Susa erneuten sich; die Völker scheuten sich nicht mehr,
+laute Klagen über ihre Bedrücker zu erheben; sie wußten, daß Alexander sich
+ihrer annehme. In Susa wurde der Satrap Abulites und dessen Sohn Oxyathres,
+der Satrap der Parätakenen, die schwerster Dinge schuldig waren,
+hingerichtet. Auch der kaum in dem Prozeß der medischen Erpressungen
+freigesprochene Herakon, der früher in Susa gestanden hatte, wurde
+überführt, hier den Tempel geplündert zu haben, und hingerichtet.
+
+So folgten Schlag auf Schlag die strengsten Strafen, und mit Recht mochte
+denen, die sich nicht schuldrein wußten, vor ihrer eigenen Zukunft bange
+sein. Unter diesen war Harpalos, des Machatas Sohn, aus dem
+Fürstengeschlecht der Elymiotis. Durch frühere Verbindungen und wesentliche
+Dienstleistungen dem Könige wert, hatte er von Anfang her die größten
+Beweise von dessen Gunst erhalten und war beim Beginn des Persischen
+Krieges, da seine körperliche Beschaffenheit ihn zum Kriegsdienste
+untauglich machte, zum Schatzmeister ernannt worden; schon einmal hatte er
+sich arger Ungesetzlichkeiten schuldig gemacht, er war kurz vor der
+Schlacht von Issos in Gemeinschaft mit einem gewissen Tauriskon, der den
+Plan angegeben hatte, mit den königlichen Kassen davongegangen, um sich zu
+dem Molosserkönig Alexandros, welcher damals in Italien kämpfte, zu
+begeben; doch hatte Harpalos seinen Entschluß geändert und sich in Megara
+niedergelassen, um dort seinem Vergnügen zu leben. Damals hatte der König,
+der Zeiten eingedenk, wo Harpalos mit Nearchos, Ptolemaios und wenigen
+anderen seine Sache gegen König Philipp vertreten und darum Schande und
+Verbannung gelitten hatte, dem Leichtfertigen verziehen, ihn zurückberufen,
+ihm von neuem das Schatzamt übergeben; die ungeheuren Schätze von
+Pasargadai und Persepolis in Ekbatana wurden unter seine Verwaltung
+gestellt, zugleich waren, so scheint es, die Schatzämter der unteren
+Satrapien unter seiner Aufsicht; sein Einfluß herrschte über den ganzen
+Westen Asiens. Indes zog Alexander immer weiter gen Osten, und Harpalos,
+unbekümmert um die Verantwortlichkeit seiner Stellung und an Genuß und
+Verschwendung gewöhnt, begann mit den königlichen Schätzen auf das
+zügelloseste zu prassen und den ganzen Einfluß seiner Stellung auf Tisch
+und Bett zu verwenden. Der ganzen Welt war sein Leben zum Skandal, und der
+Spott der hellenischen Komiker wetteiferte mit dem Unwillen ernsterer
+Männer, seinen Namen der allgemeinen Verachtung zu überliefern; von dem
+Geschichtschreiber Theopompos kam in jener Zeit ein offenes Sendschreiben
+an Alexander heraus, in welchem er den König aufforderte, diesem Unwesen
+ein Ende zu machen: von der wüsten Liederlichkeit asiatischer Weiber noch
+nicht gesättigt, habe Harpalos die Pythionike, die berüchtigtste Buhlerin
+Athens, die erst bei der Sängerin Bakchis gedient habe, mit dieser dann in
+das Frauenhaus der Kupplerin Sinope gezogen sei, nach Asien kommen lassen
+und sich ihren Launen auf die unwürdigste Weise gefügt; als sie gestorben,
+habe er mit unverschämter Verschwendung dieser Person zwei Grabmonumente
+erbaut, und man staune mit Recht, daß, während den Tapferen von Issos, die
+für den Ruhm Alexanders und die Freiheit Griechenlands gefallen seien,
+weder von jenem noch von irgendeinem der Statthalter ein Denkmal der
+Erinnerung geweiht sei, zu Athen und zu Babylon bereits die prächtigsten
+Monumente für diese fertig daständen; denn dieser Pythionike, die in Athen
+lange genug jedermann feil gewesen, habe Harpalos, der sich Alexanders
+Freund und Beamten nenne, die Frechheit gehabt, Tempel und Altar zu
+errichten und als Heiligtum der Aphrodite Pythionike zu weihen, ohne Scheu
+vor der Strafe der Götter, und der Majestät des Königs zum Hohn. Nicht
+genug das; kaum sei diese gestorben, so habe Harpalos sich auch schon eine
+zweite Mätresse aus Athen verschrieben, die nicht minder berüchtigte
+Glykera, ihr habe er den Palast von Tarsos zur Residenz eingerichtet, habe
+ihr auf Rossos ein Standbild errichtet, wo er neben dem des Königs sein
+eigenes aufzustellen gedenke, habe den Befehl erlassen, daß niemand ihm
+einen goldenen Ehrenkranz weihen dürfe, ohne zugleich der Mätresse, daß man
+vor ihr anbeten, sie mit dem Namen Königin begrüßen solle; kurz alle Ehre,
+die nur der Königinmutter oder der Gemahlin Alexanders gebühren würde,
+vergeude der Großmeister vom Schatzamt an die attische Dirne. Diese und
+ähnliche Berichte waren an den König gekommen; er hatte sie anfangs für
+unglaublich oder übertrieben gehalten, überzeugt, daß Harpalos nicht auf so
+wahnsinnige Weise die schon einmal verscherzte Gnade aufs Spiel setzen
+werde; bald genug bestätigte Harpalos selbst alle jene Beschuldigungen
+durch seine Flucht. Er hatte sich darauf verlassen, daß Alexander nie
+zurückkehren werde; jetzt sah er die strengen Gerichte gegen die, welche
+sich durch denselben Irrtum hatten verführen lassen; er verzweifelte daran,
+Verzeihung zu erlangen; er raffte, was er an Geld erreichen konnte -- es
+war die ungeheure Summe von fünftausend Talenten --, zusammen, warb sich
+sechstausend Söldner, zog, von diesen begleitet, mit seiner Glykera und dem
+Töchterchen, das ihm Pythionike geboren hatte, durch Kleinasien an die
+ionische Küste hinab, brachte dreißig Schiffe zusammen, um nach Attika
+überzusetzen; Ehrenbürger von Athen, mit den angesehensten Männern der
+Stadt befreundet und durch reiche Getreidespenden bei dem Volke beliebt,
+zweifelte er nicht, mit seinen Schätzen dort willkommen und vor einer
+Auslieferung an Alexander sicher zu sein.
+
+Während sich so der letzte Schuldige unter den Großen des Reiches der
+Verantwortlichkeit zu entziehen suchte, war Alexander mit seinem Heere,
+etwa Februar 324, in Susa eingerückt. Bald nach ihm traf auch Hephaistion
+ein mit den übrigen Truppen, den Elefanten und der Bagage, und Nearchos
+führte die Flotte, die ohne weitere Fährlichkeit die Küste des Persischen
+Meeres umschifft hatte, den Strom hinauf. Die Satrapen und Befehlshaber
+kamen den königlichen Befehlen gemäß mit ihrem Gefolge, es kamen die
+Fürsten und Großen des Morgenlandes, vom Könige geladen, mit ihren Frauen
+und Töchtern zur Residenz; von allen Seiten strömten Fremde aus Asien und
+Europa herbei, um den großen Festlichkeiten, die in Susa vorbereitet waren,
+beizuwohnen.
+
+Es galt ein wunderbares, im Laufe der Jahrhunderte einziges Fest zu
+begehen. In der Hochzeitfeier von Susa sollte sich die Verschmelzung des
+Abend- und Morgenlandes, der hellenistische Gedanke, in dem der König die
+Kraft und die Dauer seines Reiches zu finden gedachte, vorbildlich
+vollenden.
+
+Die Beschreibung dieses an Pracht und Feierlichkeit alles übertreffenden
+Festes geben die Augenzeugen etwa in folgender Weise: das große königliche
+Zelt war zu diesem Feste hergerichtet; die Kuppe desselben, mit bunten,
+reichgestickten Stoffen überbreitet, ruhte auf fünfzig hohen, mit Gold und
+Silber überzogenen, mit kostbaren Gesteinen ausgelegten Säulen; rings
+diesen Mittelraum umschließend hingen kostbare, golddurchwirkte, mit
+vielfachen Schildereien durchwebte Teppiche von gold- und silberbelegten
+Stäben herab; der Umfang des ganzen Zeltes betrug vier Stadien. Inmitten
+des Saales war die Tafel gedeckt, auf der einen Seite standen die hundert
+Diwans der Bräutigame, auf silbernen Füßen ruhend, mit hochzeitlichen
+Teppichen überbreitet, nur der des Königs in der Mitte von Gold; ihnen
+gegenüber die Plätze für die Gastfreunde des Königs; rings umher die Tafeln
+für die Gesandtschaften, für die Fremden im Lager, für Heer und
+Schiffsvolk. Dann gaben die Heertrompeten vom königlichen Zelte her das
+Zeichen zum Beginne des Festes; die Gäste des Königs, es waren neuntausend,
+setzten sich zum Mahle. Und wieder verkündete das Schmettern der Trompeten
+durch das Lager, daß der König jetzt den Göttern spende; mit ihm spendeten
+seine Gäste, jeder aus goldener Schale, dem Festgeschenk des Königs. Dann
+wieder eine Fanfare, und nach persischer Sitte trat der Zug der
+verschleierten Bräute herein und die Fürstentöchter gingen jede zu ihrem
+Bräutigam; Stateira, des Großkönigs Tochter, zu Alexander, ihre jüngere
+Schwester Drypetis zu Hephaistion, dem Liebling des Königs, Oxathres'
+Tochter Amastris, des Großkönigs Nichte, zu Krateros, des medischen Fürsten
+Atropates Tochter zu Perdikkas, des greisen Artabazos Tochter Artakama zum
+Lagiden Ptolemaios, dem Leibwächter, und ihre Schwester Artonis zu Eumenes,
+dem Geheimschreiber des Königs, die Tochter des Rhodiers Mentor zu
+Nearchos, die Tochter des Spitamenes von Sogdiana zu Seleukos, dem Führer
+der jungen Edelscharen; und so die anderen, jede zu ihrem Bräutigam.
+
+Fünf Tage nacheinander folgten Feste auf Feste; von den Gesandtschaften,
+von den Städten und Provinzen des Reichs, von Bundesfreunden aus Asien und
+Europa wurden dem Könige unzählige Hochzeitsgeschenke überreicht, allein an
+goldenen Kränzen 15 000 Talente. Und er wieder gab mit vollen Händen; viele
+von den Bräuten waren elternlos; er sorgte für sie wie ein Vater, allen gab
+er königliche Mitgift, allen, die sich mit an diesem Tage vermählt,
+überreiche Geschenke, allen Makedonen, die asiatische Mädchen gefreit --
+mehr denn 10 000 schrieben ihre Namen auf --, gab er Aussteuer. Neue
+Gastmähler und fröhliche Gelage, Schauspiele, Festaufzüge, Ergötzlichkeiten
+aller Art füllten die nächsten Tage; das Lager war voll Lustbarkeit und
+fröhlichen Getümmels, hier Rapsoden und Harfenspieler aus Großgriechenland
+und Ionien, da Gaukler und Seiltänzer aus Indien, dort Magier und
+Kunstreiter aus den persischen Ländern, dann wieder hellenische
+Tänzerinnen, Flötenbläserinnen, Schauspielerbanden. Denn auch dramatische
+Spiele -- es war ja die Zeit der großen Dionysien -- wurden aufgeführt,
+unter diesen ein Satyrspiel, Agen, angeblich von dem Byzantier Python
+verfaßt, voll heiteren Spottes über die Flucht des Harpalos, des lahmen
+Großmeisters vom Schatzamte. Da ward durch Heroldsruf verkündet, daß der
+König die Schulden seines Heeres auf sich nehme und bezahlen werde, daß
+deshalb jeder die Summe, die er schuldig sei, aufschreiben und demnächst in
+Empfang nehmen solle. Anfangs schrieben sich nur wenige auf; die meisten,
+namentlich die Hauptleute und Offiziere mochten fürchten, daß Alexander nur
+in Erfahrung bringen wolle, wer nicht mit seiner Löhnung auskomme und zu
+verschwenderisch lebe. Als dies der König hörte, schalt er sehr über dieses
+Mißtrauen, ließ Tische an verschiedenen Punkten des Lagers aufstellen und
+Goldstücke ausschütten, mit dem Befehl, daß jedem, der eine Rechnung
+vorzeige, der Betrag derselben ohne weiter nach seinem Namen zu fragen,
+ausgezahlt werden sollte. Nun kamen alle und freuten sich nicht sowohl, daß
+sie ihre Schulden los würden, als daß dieselben unbekannt blieben; denn
+diese tapferen Männer hatten mit mehr als denkbarer Sorglosigkeit
+gewirtschaftet; trotz aller Beute und aller königlichen Geschenke war doch
+das ganze Heer so tief in Schulden, daß zu dieser Deckung nicht weniger als
+20 000 Talente gehörten. Namentlich hatten die Offiziere maßlos
+verschwendet, und da der König sich oft mißbilligend über ihren unsinnigen
+Aufwand geäußert hatte, mochten sie sehr froh sein, ohne sein weiteres
+Wissen an den Geldtisch treten und ihren erschütterten Finanzen schnell
+aufhelfen zu können. Auch Antigenes, so wird erzählt, der Führer der
+Hypaspisten in der Schlacht am Hydaspes, der im Jahre 340 vor Perinth ein
+Auge verloren hatte und seiner Bravour wie seiner Habsucht wegen gleich
+bekannt war, trat damals an den Goldtisch und ließ sich eine namhafte Summe
+auszahlen; dann wurde entdeckt, daß er ohne alle Schulden, und die
+vorgezeigten Rechnungen falsch seien. Alexander war über diesen schmutzigen
+Handel sehr erzürnt, verwies Antigenes vom Hofe und nahm ihm sein Kommando.
+Der tapfere Strateg war über diese Beschimpfung außer sich, und man konnte
+nicht zweifeln, daß er sich in seiner Schande und Trauer ein Leides antun
+werde. Das jammerte den König, er verzieh ihm, rief ihn an den Hof zurück,
+gab ihm sein Kommando wieder und ließ ihm die Summe, die er in Anspruch
+genommen. -- Zu gleicher Zeit mit jener großen Schuldentilgung verteilte
+Alexander an die durch Tapferkeit, durchkämpfte Gefahr oder treuen Dienst
+um seine Person Ausgezeichneten wahrhaft königliche Geschenke; er kränzte
+mit goldenen Kränzen den Leibwächter Peukestas, den Satrapen in Persis, der
+ihn in der Mallerstadt mit dem Schilde gedeckt, den Leibwächter Leonnatos,
+den Befehlshaber im Oreitenlande, der bei eben jenem gefährlichen Sturm an
+seiner Seite gekämpft, am Flusse Tomeros die Barbaren besiegt und mit
+glücklichem Eifer die Angelegenheiten in Ora geordnet hatte, ferner den
+Nauarchen Nearchos, der die Fahrt vom Indus zum Euphrat so ruhmvoll
+geführt, den Onesikritos, den Führer des königlichen Schiffes auf dem Indus
+und vom Indus gen Susa, ingleichen den treuen Hephaistion und die übrigen
+Leibwächter, den Pelläer Lysimachos, den Aristonus, des Pisaios Sohn, den
+Hipparchen Perdikkas, den Lagiden Ptolemaios und Peithon von Eordäa.
+
+Noch eine andere Feier mag dieser Zeit angehören, eine ernste und in ihrer
+Art ergreifende. Aus Indien war einer jener Büßer auf dem Felde von Taxila
+auf Alexanders Einladung, dessen Macht und dessen Liebe zur Weisheit er
+bewunderte, trotz seines Meisters Unwillen und seiner Mitbürger Spott dem
+makedonischen Heere gefolgt; sein milder Ernst, seine Weisheit und
+Frömmigkeit hatten ihm die Hochachtung des Königs erworben, und viele edle
+Makedonen, namentlich der Lagide Ptolemaios und Lysimachos der Leibwächter,
+verkehrten gern mit ihm; sie nannten ihn Kalanos, nach dem Wort, mit dem er
+sie zu begrüßen pflegte; sein einheimischer Name soll Sphines gewesen sein.
+Er war hochbetagt; im persischen Lande fühlte er sich zum erstenmal in
+seinem Leben krank. Er sagte zum Könige, er wolle nicht dahinsiechen, es
+sei schöner, zu enden, bevor sein körperliches Leiden ihn zwinge, seine
+bisherige Lebensregel zu verlassen. Vergebens waren des Königs
+Einwendungen; bei ihm daheim gelte nichts unwürdiger, als wenn die Ruhe des
+Geistes durch Krankheit gestört werde, es fordere die Regel seines
+Glaubens, daß er den Scheiterhaufen besteige. Der König sah wohl, daß er
+nachgeben müsse; er befahl dem Leibwächter Ptolemaios, ihm den
+Scheiterhaufen zu errichten und alles Weitere feierlichst zu ordnen. Als
+der bestimmte Tag gekommen war, zog das Heer früh morgens im festlichen
+Zuge hinaus, vorauf die Reiterei und das Fußvolk in vollem Waffenglanze,
+und die Kriegselefanten in ihrem Aufzuge, dann Scharen Weihrauchtragender,
+dann andere, die goldene und silberne Schalen trugen und königliche
+Gewänder, um sie mit dem Weihrauch in die Flammen zu werfen; dann Kalanos
+selbst; ihm war, da er schon nicht mehr zu gehen vermochte, ein nysäisches
+Roß gebracht worden, er konnte es nicht mehr besteigen; in einer Sänfte
+ward er hinausgetragen. Als der Zug an dem Fuß des Scheiterhaufens
+angelangt war, stieg Kalanos aus seiner Sänfte, nahm mit einem Händedruck
+von jedem der Makedonen, die um ihn waren, Abschied, bat sie, zu seinem
+Gedächtnis den heutigen Tag in freudiger Feier mit ihrem Könige
+zuzubringen, bald werde er ihn in Babylon wiedersehen; er schenkte das
+nysäische Roß dem Lysimachos und die Schalen und Gewänder den Umstehenden.
+Dann begann der fromme Inder seine Todenweihe; er besprengte sich wie ein
+Opfertier, er schnitt eine Locke von seinem Haupte und weihte sie der
+Gottheit, er kränzte sich nach heimatlicher Weise und stieg, indem er
+indische Hymnen sang, den Scheiterhaufen hinan; dann sah er noch einmal auf
+das Heer hinab, wandte sein Angesicht zur Sonne und sank auf die Knie, um
+anzubeten. Dies war das Zeichen; es ward Feuer in den Scheiterhaufen
+geworfen, die Heertrompeten schmetterten, das Heer rief den Schlachtruf
+dazu, und die Elefanten erhoben ihre fremdartige Stimme, als ob sie den
+sterbenden Büßer ihrer Heimat ehren wollten. Anbetend lag er auf dem
+Scheiterhaufen und regte sich nicht, bis die Flammen über ihn
+zusammenschlugen und ihn den Blicken entzogen.
+
+Alexander selbst hätte dem Ende des ihm werten Mannes nicht beiwohnen
+wollen, sagt Arrian. Er berichtet bei diesem Anlaß, was der älteste jener
+Büßer, der Lehrer der anderen, jenem auf seine Aufforderung, mit ihm zu
+gehen, geantwortet habe: »Des Zeus Sohn, wenn anders Alexander es sei, sei
+auch er, und weder wünsche er sich etwas, was Alexander Herr wäre, ihm zu
+gewähren, noch auch fürchte er etwas, was er über ihn verhängen könne; ihm
+solange er lebe, genüge der indische Boden, der jahraus, jahrein, was an
+der Zeit sei, gewähre; und wenn er sterbe, so werde er der unwillkommenen
+Hausgenossenschaft seines Körpers frei und eines reineren Lebens
+teilhaftig.« Auch wird angeführt, daß Alexander über den Tod des Kalanos
+staunend gesagt habe: »Der hat mächtigere Gegner, als ich bin, überwunden.«
+
+Es ist wie ein Gleichnis, daß sich so in diesem Könige die Gedankenwelt des
+Abendlandes, wie sie sein Lehrer Aristoteles vollendet hatte, mit der, die
+in dem Gangeslande erwachsen war, begegnete, -- die Pole von Entwicklungen,
+die er in der ganzen Weite und Mannigfaltigkeit dessen, was sie an
+praktischen Formen und Zuständen hinter sich hatten und ideell in sich
+trugen, zusammenzufassen und zu verschmelzen gedachte.
+
+Es war nicht Willkür, nicht auf Grund falscher Prämissen, noch in einer
+Kette von Trugschlüssen, daß er so verfuhr. Aus dem ersten Impuls, der sich
+ihm aus der Geschichte des hellenischen Lebens wie von selbst ergeben
+hatte, folgte in vollkommen richtigen Syllogismen alles Weitere, was er
+tat; und daß ihm jede nächste Folgerung gelang wie die früheren, schien
+Beweis genug, daß er richtig folgerte. Ihm wurde nicht das Glück zuteil,
+einen Gegner zu finden, der ihm Ziel und Maß setzte; nur daß die moralische
+Kraft seines Heeres am Hyphasis zu Ende war, hatte ihn überzeugen können,
+daß auch seine Machtmittel ihre Grenze hätten; und in der gedrosischen
+Wüste hatte er inne werden müssen, daß die Natur gewaltiger sei als sein
+Wille und seine Macht. Aber die Formen, in denen er das Werk, das er
+geschaffen, auf die Dauer zu gründen gedachte, das System der neuen
+Ordnung, das er eingeleitet, war weder am Hyphasis noch in der Wüste
+widerlegt, und die Oppositionen makedonischer- und hellenischerseits, die
+versuchten Empörungen der Asiaten da und dort, sie waren bisher so rasch
+und so leicht niedergeworfen, daß sie ihn nicht irremachen konnten.
+
+Das begonnene Werk selbst führte und zwang ihn weiter; auch wenn er
+gewollt, er hätte den gewaltigen Strom nicht mehr aufhalten, noch
+rückwärtsdrängen können.
+
+Den Vermählungen in Susa folgte ein zweiter, tiefgreifender Akt; längst
+vorbereitet, mußte er sich jetzt wie von selbst vollziehen.
+
+Seit dem Ende des Dareios schon waren asiatische Truppen mit zum Heere
+gezogen worden; aber bisher hatten sie in den Waffen und in der Weise ihres
+Landes gekämpft, sie waren stets nur als untergeordnete Hilfskorps
+angesehen und von dem Stolz der makedonischen Krieger trotz ihrer
+trefflichen Mitwirkung in den indischen Feldzügen nicht als ebenbürtig
+angesehen worden. Je weiter sich in allen übrigen Verhältnissen die
+Annäherung der verschiedenen Nationalitäten entwickelte, desto notwendiger
+wurde es, auch in dem Heerwesen die Unterschiede von Siegern und Besiegten
+zu vertilgen.
+
+Das wirksamste Mittel war, Asiaten in die Reihe der makedonischen Truppen
+mit gleichen Waffen und gleicher militärischer Ehre aufzunehmen; der König
+hatte schon vor fünf Jahren die dazu nötigen Vorbereitungen getroffen,
+namentlich in allen Satrapien des Reiches junge Leute ausheben und in
+makedonischer Weise bewaffnen und einüben lassen. Auch für die
+Hellenisierung der Völker konnte durch nichts schneller und sicherer
+gewirkt werden, als wenn die Jugend an hellenische Bewaffnung und
+Heerdienst gewöhnt, in das Reichsheer aufgenommen und in den militärischen
+Geist, der zunächst noch die Stelle einer neugewordenen einigen
+Nationalität in dem ungeheuren Reiche vertreten mußte, unmittelbar
+hineingezogen wurde.
+
+Viele Rücksichten vereinigten sich, ihre Einberufung gerade jetzt zu
+veranlassen. Die Zahl sämtlicher im aktiven Heere befindlichen Makedonen
+war durch die indischen Feldzüge und den Zug durch Gedrosien bis auf
+vielleicht 25 000 Mann zusammengeschmolzen; fast die Hälfte von diesen war
+seit dem Auszuge von 334 unter den Waffen. Es lag auf der Hand, daß diese
+Veteranen nach so ungeheuren Strapazen, namentlich den Erlebnissen in
+Indien und in der gedrosischen Wüste, zu neuen Wagnissen stumpf sein und
+nach Ruhe und endlichem Genuß dessen, was sie gewonnen, verlangen mochten;
+Alexander wird erkannt haben, daß es zu den großen Entwürfen, die seinen
+unermüdlichen Geist beschäftigten, des Enthusiasmus, des Wetteifers, der
+physischen und moralischen Kraft junger Truppen bedürfe, daß der Stolz, das
+Selbstgefühl und der Eigenwille dieser alten Makedonen leicht eine Fessel
+für ihn selbst werden konnte, zumal da sie nach der alten
+kameradschaftlichen Vertraulichkeit zu ihrem Könige an eine Freiheit im
+Urteilen und Verhalten gewöhnt waren, wie sie zu den ganz veränderten
+Verhältnissen nicht mehr passend erschien; ja er mußte fürchten, daß sie
+endlich bei irgendwelcher Gelegenheit die Szenen vom Hyphasis zu erneuern
+versuchen könnten, daß es ihnen längst feststand, daß nicht das allgemeine
+Unglück, sondern ihr fester Wille, keinen Schritt weiter zu marschieren,
+den König gezwungen habe, nachzugeben. Es scheint seit jener Zeit eine
+gewisse Entfremdung zwischen dem Könige und den Makedonen im Heere fühlbar
+geworden zu sein, und manche Ereignisse seitdem hatten nur dazu beitragen
+können, dieselbe zu steigern; selbst die Art, wie das Heer des Königs
+Anerbieten einer allgemeinen Schuldentilgung angenommen, hatte ihn
+empfinden lassen, wie tief das Mißtrauen bereits gedrungen war. Er mochte
+gehofft haben, durch schrankenlose Freigebigkeit, mit der er Geschenke und
+Ehren an die Makedonen verteilte, durch die Hochzeitfeier, die er mit
+Tausenden seiner Veteranen zugleich feierte, der Stimmung im Heere Herr zu
+werden; es war ihm nicht gelungen. Er mußte einer gefährlichen Krisis
+entgegensehen, die durch jeden weiteren Schritt zur hellenistischen
+Gestaltung des Reiches nur schneller herbeigeführt wurde; er mußte doppelt
+eilen, sich mit einer militärischen Macht zu umgeben, an deren Spitze er im
+Notfall seinen alten Phalangiten entgegenzutreten vermochte.
+
+Die Satrapen aus den eroberten Ländern und den neuerbauten Städten kamen
+mit der jungen Mannschaft, die nach dem Befehl von 331 ausgehoben worden
+war, ins Lager bei Susa; es waren im ganzen 30 000 Mann in makedonischer
+Bewaffnung, in allen Übungen des makedonischen Heerwesens ausgebildet.
+Zugleich erhielt das Korps der Ritterschaft eine völlig neue Formation; es
+wurden aus den baktrisch-sogdischen, arianischen, parthischen Reitern,
+sowie aus den persischen Euaken die durch Rang, Schönheit oder sonstigen
+Vorzug Ausgezeichneten teils in die Lochen der Ritterschaft verteilt, teils
+aus ihnen und makedonischen Rittern eine fünfte Hipparchie gebildet; auch
+in das Agema der Ritterschaft wurden Asiaten aufgenommen, namentlich
+Artabelos und Hydarnes, des verstorbenen Satrapen Mazaios Söhne, Kophenes,
+des Artabazos Sohn, Sissines und Phradasmenes, des Satrapen Phrataphernes
+von Parthien Söhne, Histanes, Roxanes Bruder, die Brüder Autobares und
+Mithrobaios, und endlich der baktrische Fürst Hystaspes, der die Führung
+des Agema erhielt[17].
+
+ [17] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Alles das erzürnte die makedonischen Truppen auf das heftigste. Alexander,
+so hieß es, werde jetzt ganz zum Barbaren, er verachte Makedonien um des
+Morgenlandes willen; schon damals, als er sich in medischen Kleidern zu
+zeigen begonnen, hätten würdige Männer alles Unglück geahnt, das aus jenem
+Anfang entspringen werde; jetzt erfülle es sich, jetzt seien dem Könige
+diejenigen die liebsten, welche die Sprache und Sitte der Heimat
+verlernten; Peukestas werde darum mit Ehren und Geschenken vom Könige
+überhäuft, weil er den Erinnerungen der Heimat am frechsten Hohn spreche;
+was helfe es, daß Alexander mit den Makedonen gemeinschaftlich Hochzeit
+halte, es seien ja asiatische Weiber und diese gar nach persischer Sitte
+angetraut; und jetzt die Neulinge in makedonischen Waffen, diese Barbaren
+in gleicher Ehre mit den Veteranen Philipps! Es sei offenbar, daß Alexander
+der Makedonen müde sei, daß er alle Anstalten treffe, ihrer nicht mehr zu
+bedürfen, daß er die nächste Gelegenheit benutzen werde, sie ganz beiseite
+zu schaffen.
+
+So die alten Truppen; es bedurfte nur eines Anstoßes, um diese Stimmung zum
+Ausbruch zu bringen; und bald genug sollte sich derselbe finden.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+ Der Soldatenaufruhr in Opis -- Zurücksendung der Veteranen --
+ Zersetzung der Parteien in Athen -- Befehl zur Rückkehr der
+ Verbannten -- Harpalos' Umtriebe in Athen, der harpalische
+ Prozeß -- Die innere Politik Alexanders und ihre Wirkungen
+
+
+Alexander hatte beschlossen, mit seiner Heeresmacht den Tigris aufwärts zu
+der Stadt Opis, wo sich die große Straße nach Medien und dem Abendlande
+scheidet, zu ziehen; die Lage der Stadt ließ schon den Zweck des Marsches
+erraten. Zu gleicher Zeit lag es ihm am Herzen, sich über die Natur der
+Euphrat- und Tigrismündungen, über die Schiffbarkeit dieser Ströme und über
+den Zustand der Wasserbauten namentlich im Tigris, von denen das Wohl und
+Wehe der tiefliegenden Ufergegenden abhängt, zu unterrichten. Er übergab
+die Führung des Heeres an Hephaistion mit dem Befehl, auf der gewöhnlichen
+Straße an dem Tigris hinaufzuziehen. Er selbst bestieg mit seinen
+Hypaspisten, mit dem Agema und einer nicht bedeutenden Schar der
+Ritterschaft die Schiffe Nearchs, welche bereits den Eulaios herauf und bis
+in die Nähe von Susa gekommen waren. Er fuhr mit diesen, es mochte im April
+sein, den Strom von Susa hinab. Als sich die Flotte der Mündung nahte,
+wurden die meisten Schiffe, da sie durch die Fahrt von Indien her sehr
+mitgenommen waren, hier zurückgelassen; die schnellsten Segler wählte der
+König aus, um in den Persischen Meerbusen hinabzusegeln, während die
+anderen Schiffe durch den Kanal, welcher den Eulaios und Tigris nicht weit
+von ihrer Mündung verbindet, in den großen Strom gehen sollten.
+
+Er selbst schiffte nun den Eulaios hinab in den Persischen Meerbusen, fuhr
+dann an der Küste und den Mündungen der verschiedenen Kanäle entlang bis
+zur Tigrismündung, und nachdem er sich über alles genau unterrichtet und
+namentlich die nötigen Anweisungen zur Gründung einer Stadt Alexandreia,
+zwischen dem Tigris und Eulaios hart am Strande gegeben hatte, steuerte er
+in den Tigris hinein und den Fluß stromauf; bald traf er die übrigen
+Schiffe und nach einigen Tagen das Landheer unter Hephaistion, das an den
+Ufern des Stromes lagerte. Bei der weiteren Fahrt stieß die Flotte mehr als
+einmal auf mächtige Flußdämme, welche von den Persern errichtet worden
+waren, angeblich um jeden feindlichen Einfall vom Meere her unmöglich zu
+machen; Alexander ließ, nicht bloß weil er Angriffe von der See her nicht
+weiter fürchtete, sondern namentlich um den Strom für Handel und Schiffahrt
+zu öffnen, diese Dämme, wo er sie fand, einreißen; zu gleicher Zeit traf er
+die nötigen Einrichtungen, um die Kanäle, die teils verstopft waren, teils
+ihre Deiche durchbrochen hatten, wieder zu reinigen und mit den nötigen
+Schleusen und Deichen zu versehen.
+
+Es mochte im Monat Juli sein, als Heer und Flotte in Opis anlangten; man
+lagerte in der Umgegend der reichen Stadt. Die Mißstimmung der
+makedonischen Truppen hatte sich seit dem Aufbruche aus Susa keineswegs
+vermindert; die übertriebensten und verkehrtesten Gerüchte von dem, was der
+König mit ihnen beabsichtige, fanden Glauben und steigerten ihre
+Besorgnisse bis zur höchsten Spannung.
+
+Da wurden sie zur Versammlung berufen; auf der Ebene vor Opis traten die
+Truppen an; der König hielt eine Ansprache, den Makedonen, wie er meinte,
+Erfreuliches zu verkünden: »Viele unter ihnen seien durch vieljährige
+Dienste, durch Wunden und Strapazen erschöpft; er wolle sie nicht, wie
+frühere Verabschiedete, in den neuen Städten ansiedeln; er wisse, daß sie
+gern die Heimat wiedersähen; wer von den Veteranen bei ihm bleiben wolle,
+dem werde er diese Hingebung so zu vergelten wissen, daß sie
+beneidenswerter als die Heimgekehrten erscheinen und in der Jugend der
+Heimat das Verlangen nach gleichen Gefahren und gleichem Ruhm verdoppeln
+sollten; da jetzt Asien unterworfen und beruhigt sei, so könnten möglichst
+viele an der Entlassung teilnehmen.« Hier unterbrach den König ein wildes
+und verworrenes Geschrei: er wolle die Veteranen los sein, er wolle ein
+Barbarenheer um sich haben; nachdem er sie abgenutzt, danke er sie jetzt
+mit Verachtung ab, werfe er sie alt und entkräftet ihrem Vaterlande und
+ihren Eltern zu, von denen er sie sehr anders erhalten. Immer wilder ward
+der Tumult: er solle sie alle entlassen; mit dem, den er seinen Vater
+nenne, möge er fürder ins Feld ziehen! So tobte die Versammlung; der
+Soldatenaufruhr war in vollem Zuge. Im heftigsten Zorn stürzte Alexander
+von der Bühne herab, unbewaffnet, wie er war, unter die lärmende Menge, die
+Offiziere seiner Umgebung ihm nach; mit mächtiger Faust packte er die
+nächsten Schreier, übergab sie seinen Hypaspisten, zeigte dort- und dahin,
+andere Schuldige zu ergreifen. Dreizehn wurden ergriffen; er befahl, sie
+zum Tode abzuführen. Der Schrecken machte dem Lärm ein Ende. Dann hielt der
+König eine zweite Ansprache, die Meuterei zu züchtigen.
+
+Mögen die Worte, die ihn Arrian sprechen läßt, aus guter Quelle stammen
+oder frei nach der Situation erfunden sein, sie verdienen nach ihrem
+Hauptinhalt angeführt zu werden: »Nicht um euren Abzug rückgängig zu
+machen, werde ich noch einmal zu euch sprechen; ihr könnt gehen, wohin ihr
+wollt, meinethalben! Nur euch zeigen will ich, was ihr durch mich geworden.
+Mein Vater Philipp hat Großes an euch getan! Da ihr sonst arm und ohne
+feste Wohnsitze mit euren ärmlichen Herden in den Gebirgen umherirrtet,
+stets den Überfällen der Thraker, Illyrier, Triballer ausgesetzt, hat mein
+Vater euch angesiedelt, euch statt des Felles das Kriegskleid gegeben, euch
+über die Barbaren der Nachbarschaft zu Herren gemacht, eurem Fleiße die
+Bergwerke des Pangaion, eurem Handel das Meer geöffnet. Thessalien, Theben,
+Athen, den Peloponnes unterworfen, die unumschränkte Hegemonie aller
+Hellenen zu einem Perserkriege erworben; das hat Philippos vollbracht,
+Großes an sich, im Verhältnis zu dem später Vollbrachten Geringes. Von
+meinem Vater her fand ich weniges Gold und Silber an Geräten im Schatze,
+nicht mehr denn sechzig Talente, an Schuld fünfhundert Talente; ich selbst
+mußte achthundert Talente Schuld hinzufügen, um den Feldzug beginnen zu
+können; da öffnete ich euch, obschon die Perser das Meer beherrschten, den
+Hellespont, ich besiegte die Satrapen des Großkönigs am Granikos; ich
+unterwarf die reichen Satrapien Kleinasiens und ließ euch die Früchte des
+Sieges genießen; euch kamen die Reichtümer Ägyptens und Cyrenes zugute,
+euer ward Syrien und Babylon, euer Baktra, euer die Schätze Persiens und
+die Kleinodien Indiens und das Weltmeer; aus eurer Mitte sind die Satrapen,
+die Befehlshaber, die Strategen. Was habe ich selbst von alle den Kämpfen,
+außer den Purpur und das Diadem? Nichts habe ich für mich erworben, und es
+ist niemand, der meine Schätze zeigen könnte, wenn er nicht eure Habe und
+was für euch bewahrt wird, zeigt; und warum sollte ich mir Schätze häufen,
+da ich esse, wie ihr esset, und schlafe, wie ihr schlaft; ja mancher von
+euch lebt köstlicher denn ich, und manche Nacht muß ich durchwachen, damit
+ihr ruhig schlafen könnt. Oder bin ich, wenn ihr Mühe und Gefahr duldetet,
+ohne Kummer und Sorge gewesen? Wer kann sagen, daß er mehr um mich, als ich
+um ihn geduldet? Wohl, wer von euch Wunden hat, der zeige sie, und ich will
+die meinen zeigen; kein Glied an meinem Körper ist ohne Wunde und keine Art
+von Geschoß oder Waffe, deren Narbe ich nicht an mir trage; von Schwert und
+Dolch, von Bogen und Katapultenpfeil, von Steinwurf und Keulenschlag bin
+ich verwundet worden, da ich für euch und euren Ruhm und eure Bereicherung
+kämpfte und euch siegend über Länder und Meere, über Gebirge, Ströme und
+Wüsteneien führte. Die gleiche Ehe mit euch habe ich geschlossen, und die
+Kinder vieler von euch werden meinen Kindern verwandt sein; und wer von
+euch verschuldet war, unbekümmert wie es bei so reichem Solde, bei so
+reicher Beute möglich gewesen, dem habe ich seine Schuld getilgt; die
+meisten von euch haben goldene Kränze empfangen für sie zum dauernden
+Zeugnis ihrer Tapferkeit und meiner Achtung. Und wer gefallen ist im
+Kampfe, dessen Tod war rühmlich und dessen Begräbnis ehrenvoll; von vielen
+derselben stehen eherne Statuen daheim, und ihre Eltern sind hochgeehrt,
+frei von Abgaben und öffentlichen Lasten. Endlich ist keiner von euch unter
+meiner Führung fliehend gefallen. Und jetzt hatte ich die Kampfesmüden
+unter euch, zur Bewunderung und zum Stolz unserer Heimat, zu entlassen im
+Sinn; ihr aber wollt alle hinwegziehen; so zieht alle hin! Und wenn ihr in
+die Heimat kommt, so sagt daß ihr euren König, der die Perser, die Meder,
+die Baktrier und Saker besiegt, der die Uxier und Arachosier und Drangianer
+bewältigt, der die Parther, Chorasmier und Hyrkanier längs das Kaspischen
+Meeres gewonnen, der den Kaukasus jenseits der kaspischen Pässe
+überstiegen, der den Oxus und Tanais überschritten und den Indus, wie nur
+Dionysos vor ihm, den Hydaspes, den Akesines, den Hyarotis und, hättet ihr
+ihn nicht gehindert, den Hyphasis, der den Indus hinab in den Ozean fuhr,
+der durch die Wüste Gedrosiens zog, die niemand vor ihm mit einem Heere
+durchzogen, dessen Flotte vom Indus durch den Ozean nach Persien kam, --
+daß ihr diesen eueren König Alexander verlassen und ihn zu schützen den
+besiegten Barbaren übergeben habt; das zu verkünden wird euch gewiß
+rühmlich vor den Menschen und fromm vor den Göttern sein; ziehet hin!« Nach
+diesen Worten stieg er heftigen Schrittes von der Tribüne und eilte nach
+der Stadt zurück.
+
+Betroffen standen die Makedonen und schwiegen; nur die Leibwächter und die
+ihm vertrautesten unter den Hetären waren gefolgt. Allmählich begann sich
+das peinliche Schweigen in der Versammlung zu lösen; man hatte erhalten,
+was man gefordert; man fragte: Was nun? Was weiter? Sie alle waren
+entlassen, sie waren nicht mehr Soldaten; der Dienst und die militärische
+Ordnung, die sie bisher zusammengehalten, war gelöst, sie waren ohne
+Führung, ohne Rat und Willen; die einen riefen zu bleiben, wieder andere
+schrien zum Aufbruch; so wuchs der Tumult und das wüste Geschrei, keiner
+befahl, keiner gehorchte, keine Rotte hielt sich beisammen; in kurzem war
+das Heer, das die Welt erobert, eine wüste und verworrene Menschenmasse.
+
+Alexander hatte sich in das Königsschloß von Opis zurückgezogen; in der
+heftigsten Aufregung, wie er war, vergaß er die Sorge für seinen Körper; er
+wollte niemand sehen, niemand sprechen. So den ersten, so den zweiten Tag.
+Indes hatte in dem Lager der Makedonen die Verwirrung einen gefährlichen
+Grad erreicht; schnell und furchtbar zeigten sich die Folgen der Meuterei
+und das Unglück, das sinnlos Geforderte im Übermaß erreicht zu haben; ihrem
+Schicksal und ihrer Anarchie überlassen, ohnmächtig und haltungslos, da
+ihnen nicht widerstanden worden, ohne Entschluß zu wollen, ohne Kraft zu
+handeln, ohne das Recht und die Pflicht und die Ehre ihres Standes, -- was
+konnten sie beginnen, wenn sie nicht Hunger oder Verzweiflung zur
+offenbaren Gewalt trieb?
+
+Alexander mußte sich vor einem Äußersten schützen; zugleich wollte er den
+letzten und freilich gewagten Versuch machen, die Makedonen zur Reue zu
+bringen. Er beschloß, sich ganz den asiatischen Truppen anzuvertrauen, sie
+nach dem Gebrauch des makedonischen Heeres zu ordnen, sie mit allen Ehren,
+die einst die Makedonen gehabt hatten, auszuzeichnen; er durfte erwarten,
+daß, wenn diese so das letzte Band zwischen sich und ihrem Könige zerrissen
+sähen, sie entweder reuig um Vergebung flehen oder bis zur Wut empört zu
+den Waffen greifen würden; er war gewiß, daß er an der Spitze seiner
+asiatischen Truppen über die führerlosen Haufen den Sieg davontragen werde.
+Er berief am dritten Tage die Perser und Meder in das Königsschloß,
+eröffnete ihnen seinen Willen, wählte aus ihnen Hauptleute und Anführer im
+neuen Heere, nannte viele von ihnen mit dem Ehrennamen königlicher
+Verwandten, gab ihnen nach morgenländischer Weise das Vorrecht des Kusses;
+dann wurden die asiatischen Truppen nach makedonischer Weise in Hipparchien
+und Phalangen geteilt, es wurde ein persisches Agema, persische Hetären zu
+Fuß, eine persische Schar Hypaspisten-Silberschildner, persische
+Ritterschaft der Hetairen, ein Agema persischer Ritterschaft gebildet; es
+wurden die Posten am Schlosse von Persern besetzt und ihnen der Dienst beim
+Könige übertragen; es wurde den Makedonen der Befehl gesandt, das Lager zu
+räumen und zu gehen, wohin sie wollten, oder sich, wenn sie es vorzögen,
+einen Führer zu wählen und gegen Alexander, ihren König, ins Feld zu
+rücken, um dann von ihm besiegt zu erkennen, daß sie ohne ihn nichts
+seien.
+
+Sobald dieser Befehl des Königs im Lager bekannt wurde, hielten sich die
+alten Truppen nicht länger; sie liefen nach dem Königsschlosse, legten ihre
+Waffen vor den Toren nieder, zum Zeichen ihrer Unterwerfung und ihrer Reue;
+vor den geschlossenen Toren stehend schrien und flehten sie, hineingelassen
+zu werden, um die Urheber des Aufruhrs auszuliefern: sie würden Tag und
+Nacht nicht von hinnen weichen, bis sich der König erbarme.
+
+Nicht lange, und der König trat heraus; da er seine Veteranen so in Reue
+sah, da er ihren Freudenruf und ihr erneutes Jammern hörte, vermochte er
+nicht, seinen Tränen zu wehren; dann trat er näher, um zu ihnen zu
+sprechen; sie drängten sich um ihn und hörten nicht auf mit Flehen, gleich
+als fürchteten sie das erste Wort ihres vielleicht noch nicht erweichten
+Königs. Ein alter geachteter Offizier, einer der Hipparchen der
+Ritterschaft, Kallines, trat hervor, im Namen aller zu sprechen: was die
+Makedonen vor allem schmerze, sei, daß er Perser zu seinen Hetairen gemacht
+habe, daß Perser sich nun Alexanders Verwandte nennen und ihn küssen
+dürften, und von den Makedonen sei nie einer dieser Ehre teilhaftig
+geworden. Da rief der König: »Euch alle mache ich zu meinen Verwandten und
+nenne euch also von Stund' an!« Er ging auf Kallines zu, ihn zu küssen; und
+es küßte ihn von den Makedonen, wer es wollte; sie nahmen ihre Waffen auf
+und zogen jauchzend in ihr Lager zurück. Alexander aber gebot zur Feier der
+Versöhnung ein großes Opfer zu bereiten, und opferte den Göttern, denen er
+pflegte. Dann wurde ein großes Mahl gehalten, an dem fast das gesamte Heer
+teilnahm, in der Mitte der König, ihm zunächst die Makedonen, nach diesem
+die Perser, und weiter viele von den übrigen Völkerschaften Asiens; der
+König trank aus denselben Mischkrügen mit seinen Truppen und spendete mit
+ihnen die gleichen Spenden; hellenische Seher und die persischen Magier
+vollzogen dazu die heiligen Gebräuche. Der Trinkspruch, den der König
+sprach, war, daß die Götter alles Heil gewähren möchten, vor allem aber
+Eintracht und Gemeinschaft des Reiches den Makedonen und Persern. Es soll
+die Zahl derer, die an diesem Mahle teilnahmen, neuntausend gewesen sein;
+und diese alle spendeten zu gleicher Zeit und sangen den Lobgesang dazu.
+
+So der Ausgang dieser schweren Krisis; es war das letzte Aufbäumen des
+altmakedonischen Wesens in seiner eigensten und gewichtigsten Gestaltung;
+nun war es moralisch bewältigt. Die Maßregeln, denen es erlegen war, gaben
+diesem Siege Alexanders eine doppelte Wichtigkeit. Der Vorzug, den der
+König der makedonischen Kriegsmacht bisher hatte zugestehen müssen, war
+abgetan, asiatische Truppen traten in die Namen und Ehren des
+altmakedonischen Heeres ein; es gab fortan zwischen Siegern und Besiegten
+keinen anderen Unterschied, als den des persönlichen Wertes und der Treue
+für den König.
+
+Wie mächtig, wie überwältigend in diesem Vorgang des Königs Persönlichkeit
+erscheinen mag, sie erklärt nicht alles. Immerhin kann man sagen: wenn das
+System Alexanders diese Probe zu bestehen vermochte, so ist das ein
+sicherer Beweis, daß dies Reichssystem, das so schnell und kühn aufgebaut
+war, so weit fertig und fest dastand, daß das Gerüst und die stützenden
+Träger seiner Gründung hinweggebrochen werden konnten. Aber hätten nicht
+ebensowohl die Veteranen in Opis den Sieg davontragen und damit dem
+Ixionsrausch des Königs ein Ende machen, den Beweis geben können, daß er in
+seiner Inbrunst statt der Göttin eine Wolke umarmt habe? Unfehlbar, wenn
+sie selbst noch in Wahrheit Makedonen gewesen wären; sie waren es nicht
+mehr, sie hatten selbst das Neue, das sie bekämpften, in sich aufgenommen;
+sie hatten sich in das asiatische Leben hineingelebt, ohne diesem neuen
+Elemente das Recht, zu dem es berufen war, zugestehen zu wollen; und dieser
+Hochmut, nun als Sieger dessen, das auch sie im innersten Wesen besiegt und
+durchdrungen hatte, gelten zu wollen, war die Schule, um derentwillen sie
+erlagen. Indem das makedonische Heer, das Werkzeug, mit dem das Werk der
+neuen Zeit geschaffen war, von der mächtigen Hand des Meisters gebrochen
+wurde, war das Werk selbst fertig gesprochen und über seine Art und Wesen
+keine Frage mehr. Was auch die Zerwürfnisse und Verwirrungen der
+nächstfolgenden Zeit an den äußeren Formen dieses Reiches gerüttelt und
+zerstört haben, das hellenistische Leben, die große Einigung der
+hellenischen und asiatischen Welt mit allem Segen und Unsegen, den sie in
+sich trug, war für Jahrhunderte gegründet.
+
+So hatte sich das Neue durch alle Stadien innerer und äußerer Gefährdungen
+hindurchgekämpft; als Gedanke einer neuen Zeit erkannt, als Prinzip des
+neuen Königtums ausgesprochen, als Regiment des Reiches im Gange, als
+Heeresmacht organisiert, als Zersetzung und Umgestaltung des Völkerlebens
+in voller Arbeit, hatte es nur noch möglichst durchgreifend und den
+wesentlichen Interessen der Völker gemäß sich zu betätigen. Dies war die
+Arbeit für die kurze Spanne Leben, welche das Schicksal dem Könige noch
+gönnen wollte, ihr Zweck oder doch ihr Erfolg.
+
+Selbst die Zurücksendung der Veteranen mußte in diesem Sinne wirken; noch
+nie waren in solcher Zahl Truppen aus Asien in die Heimat zurückgekehrt,
+und mehr als alle früheren hatten diese 10 000 Veteranen asiatisches Wesen
+in sich aufgenommen; ihr Beispiel, ihr Ruhm, ihr Reichtum, alles, was sie
+an verwandelten Ansichten und Bedürfnissen, an neuen Ansprüchen und
+Erfahrungen mitbrachten, mußte unter den Ihrigen in der Heimat von nicht
+minder starkem Einfluß sein, als ihn das Abendländische auf das Leben der
+östlichen Völker bereits ausübte -- ob einen segensreichen, ist, wenn man
+der kleinen Leute, der Bauern und Hirten daheim gedenkt, eine andere Frage.
+Auf das feierlichste wurden die Veteranen aus dem Lager von Opis entlassen;
+Alexander verkündete ihnen, daß sie jeder den Sold bis zur Heimat und
+überdies ein Geschenk von einem Talente erhalten sollten; die Kinder, die
+morgenländische Frauen ihnen geboren, möchten sie, so forderte er, bei ihm
+lassen, damit sie nicht ihren Frauen und Kindern daheim Anlaß zu Unfrieden
+würden; er werde dafür sorgen, daß die Soldatenkinder makedonisch und zu
+Soldaten erzogen würden; und wenn sie Männer geworden, dann hoffe er sie
+nach Makedonien zurückzuführen und ihren Vätern wiederzugeben; für die
+Kinder der in den Feldzügen Gefallenen versprach er auf gleiche Weise zu
+sorgen, der Sold ihrer Väter werde ihnen bleiben, bis sie selbst sich
+gleichen Sold und gleichen Ruhm im Dienste des Königs erwerben würden; zum
+Zeichen seiner Fürsorge gäbe er ihnen den treuesten seiner Generale, den er
+wie sein eigen Haupt liebe, den Hipparchen Krateros, zum Hüter und Führer
+mit. So zogen die Veteranen von Opis aus, mit ihnen die Strategen
+Polysperchon, Kleitos, Gorgias, vielleicht auch Antigenes von den
+Hypaspisten, von der Ritterschaft Polydamas und Amantas; bei der
+Kränklichkeit des Krateros war Polysperchon als zweiter Befehlshaber der
+Truppen bestellt.
+
+Die Weisungen für Krateros bezogen sich nicht bloß auf die Zurückführung
+der Veteranen; der Hauptzweck seiner Sendung war, die politische und
+militärische Leitung daheim an Antipatros' Stelle zu übernehmen, der
+dagegen Befehl erhielt, den Ersatz für die heimkehrenden Gruppen zum Heere
+zu führen. Schwerlich war dies der entscheidende Grund; es mag vieles
+zusammengekommen sein, den Wechsel in der höchsten Stelle daheim notwendig
+zu machen. Die Uneinigkeit zwischen der Königinmutter und Antipatros hatte
+den höchsten Grad erreicht; immerhin mag die überwiegende, vielleicht die
+alleinige Schuld auf seiten der leidenschaftlichen und herrischen Königin
+gewesen sein; verfuhr sie doch im epirotischen Lande, nachdem ihr Bruder
+Alexandros in Italien gefallen war, als sei sie Herrin des Landes; und
+dessen junge Witwe, ihre Tochter Kleopatra, kehrte, vielleicht um höchst
+persönlichen Gefahren zu entgehen, mit ihrem fünfjährigen Knaben, dem
+rechten Erben des molossischen Königtums, nach Makedonien zurück. Alexander
+hatte die Mutter stets hochgeehrt und ihr jede Sohnespflicht erfüllt, aber
+ebenso entschieden ihre Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten
+zurückgewiesen; dennoch wurde sie nicht müde zu intrigieren, ihrem Sohne
+Vorwürfe und Klagen aller Art zu schreiben, eifersüchtig auf dessen Neigung
+zu Hephaistion auch diesen mit bitteren Briefen heimzusuchen, vor allem
+aber gegen Antipatros unablässig die heftigsten Beschuldigungen nach Asien
+zu senden. Antipatros seinerseits beschwerte sich ebenso bitter über die
+Königinmutter und deren Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten.
+Es wird die bezeichnende Äußerung Alexanders angeführt: »Antipatros weiß
+nicht, daß eine Träne meiner Mutter tausend solcher Briefe auslöscht.« Sein
+Vertrauen zu dem Reichsverweser in Makedonien erhöhten sie nicht; es war
+doch möglich, daß derselbe den Verlockungen der großen Gewalt, die ihm
+übertragen war, nicht widerstand: und wenn Antipatros nach der Hinrichtung
+seines Eidams Philotas insgeheim mit den Ätolern angeknüpft hatte, so war
+um so mehr Vorsicht geboten, wenn auch die immer neuen Beschwerden und
+Warnungen, die Olympias sandte, sich, soweit wir sehen, als nicht begründet
+erweisen mochten. Jedenfalls bezeugt Arrian, daß man von keiner Äußerung
+oder Handlung des Königs wisse, die seine Sinnesänderung gegen Antipatros
+bezeugt habe; er vermutet, daß ihm der König nicht als Strafe befohlen,
+nach Asien zu kommen, sondern nur, um vorzubeugen, daß beiden, seiner
+Mutter und dem Reichsverweser, nicht etwa Unseliges und selbst für ihn
+Unheilbares aus diesem Zwist entstände. Auch sollte Antipatros sein Amt
+keineswegs sofort niederlegen und nach Asien kommen, sondern das Regiment
+der ihm anvertrauten Länder bis zur Ankunft des Krateros, die sich bei den
+langsamen Märschen der Veteranen über Jahr und Tag hinziehen konnte,
+fortsetzen. Die sonderbare Wendung, die die hellenischen Angelegenheiten
+gerade jetzt nahmen, machte die Anwesenheit des erprobten Statthalters in
+Makedonien doppelt notwendig.
+
+
+Wenn es irgendein gesundes nationales Empfinden in der hellenischen Welt
+gab, so hätten, sollte man meinen, die Siege Alexanders am Granikos, bei
+Issos, bei Gaugamela, die Befreiung der Hellenen Asiens, die Vernichtung
+der Handelsmacht von Tyros, die Vernichtung der Persermacht auch die
+Unversöhnlichen versöhnen, das Volk der Hellenen in allen Nerven
+erfrischen, es hätte mit freudigem Wetteifer mit an dem Werk sein müssen,
+für das einzutreten die hellenischen Staaten vertragsmäßig nicht bloß die
+Pflicht, sondern das Recht hatten. Die tonangebenden Staaten verstanden den
+Patriotismus und die nationale Sache anders. Wir sahen, wie Athen in dem
+Jahre der Schlacht von Issos daran war, seine Seemacht für Persien
+einzusetzen, wie König Agis in der Zeit, da Dareios auf der Flucht ermordet
+wurde, gegen die Makedonen im Felde lag, wie die kleinen Staaten nur auf
+dessen ersten Sieg warteten, um sich ihm anzuschließen.
+
+Mit der Niederlage der Spartaner im Sommer 330 war es in Hellas still
+geworden, aber der Groll und die Verstocktheit geblieben; die Größe der
+Zeit sahen sie nicht. »Was gibt es Unerwartetes und Ungehofftes,« sagte
+Aischines in einer Rede im Herbst 330, »das in unseren Tagen nicht
+geschehen wäre? Denn wir haben nicht ein gewöhnliches Menschenleben gelebt,
+sondern unsere Jahre sind zu einer Wunderzeit für die nach uns Lebenden
+geworden.« Und seitdem war noch Wunderbareres geschehen; diese fünf Jahre,
+ebenso reich an staunenswürdigen Taten im fernen Asien, wie kleinlich und
+schlaff daheim in Hellas, dort die Eroberung der baktrischen Länder,
+Indiens, die Erschließung des südlichen Ozeans, hier die fadenscheinige
+Trivialität kleinstaatlicher Geschäftigkeit und Phrasen über Phrasen, -- in
+der Tat, der moralische Wert, oder will man lieber, das Nettogewicht dieser
+hellenischen Politik und Politien sank tiefer und tiefer.
+
+Seitdem die Wucht der makedonischen Macht übergroß, weiterer Widerstand
+gegen sie, der einzige Gedanke, der dem öffentlichen Leben der Staaten in
+Hellas, namentlich dem Athens und Spartas, noch ein Ferment gegeben hatte,
+unmöglich geworden war, erlahmte auch der letzte Rest politischer Tatkraft
+in den Massen, und der Unterschied der Parteien, wie sie sich in der Losung
+für oder wider Makedonien entwickelt hatten, begann sich zu verwirren und
+zu verwischen.
+
+Wenigstens in Athen läßt sich diese Zersetzung der Parteien und die
+wachsende Haltlosigkeit des Demos einigermaßen beobachten. Lykurgos, der
+zwölf Jahre hindurch die Finanzen des Staates vortrefflich verwaltet hatte,
+mußte sie bei den Wahlen von 336 in die Hand des Mnesaichmos, seines
+politischen und persönlichen Gegners, übergehen sehen. Der
+leidenschaftliche Hypereides, sonst immer an Demosthenes' Seite, wandte
+sich seit den Vorgängen von 330, seit der damals versäumten Schilderhebung
+gegen Makedonien von ihm und trat bald genug als Ankläger wider ihn auf.
+Freilich Aischines war nicht mehr in Athen; er hatte, als die attischen
+Geschwornen in dem Prozeß gegen Ktesiphon -- es war kurz nach der
+Niederlage des Königs Agis -- zugunsten des Verklagten und damit zu Ehren
+des Demosthenes entschieden hatten, die Heimat verlassen, um fortan in
+Rhodos zu leben. Aber es blieb in Athen noch Phokion, der strenge Patriot,
+der Alexanders glänzende Geschenke zurückwies, der in gleichem Maße seines
+Vaterlandes Verfall begriff und beklagte, und das nur zu erregbare Volk von
+Athen von jedem neuen Versuch zum Kampf gegen Makedonien, dem er es nicht
+mehr gewachsen sah, zurückzuhalten suchte. Es blieb Demades, dessen Einfluß
+nicht minder auf sein Verhältnis zu Makedonien, als auf seine
+Friedenspolitik, wie sie den Wünschen der Wohlhabenden entsprach und die
+genußlüsterne Menge mit Festschmausereien und Geldspenden zu ködern möglich
+machte, begründet war; »nicht der Krieger« so sprach er einst in der
+Ekklesia, »wird meinen Tod beklagen, denn ihm nützt der Krieg, und der
+Friede ernährt ihn nicht, wohl aber der Landmann, der Handwerker, der
+Kaufmann und jeder, der ein ruhiges Leben liebt, für sie habe ich Attika
+nicht mit Wall und Graben, wohl aber mit Frieden und Freundschaft gegen die
+Mächtigen geschützt.«
+
+Und wenn Demosthenes selbst in der Zeit, da sich König Agis erhob, zwar in
+Sparta und sonst, wie man glaubte, zum Losschlagen getrieben hatte und doch
+in Athen nur »wundersame Reden« führte, wenn er, wie man nicht minder
+sagte, unter der Hand mit Olympias, mit Alexander selbst Beziehungen
+anknüpfte, so war das nicht dazu angetan, das Vertrauen des Demos auf seine
+Leitung zu erhöhen; wenn man auch in dem schweren Jahre der Teuerung ihm,
+dem geschickten Verwalter, das Amt der Fürsorge für die Getreidezufuhr
+übertrug, in betreff der politischen Leitung der Stadt hörte die Ekklesia
+ihn wie seine Gegner rechts und links, und in der Regel wird der endliche
+Beschluß des souveränen Demos unberechenbar gewesen sein.
+
+Die Zeit der Kleinstaaten war vorüber; in allen Beziehungen zeigte sich,
+daß diese Brocken und Bröckchen des staatlichen Kleinlebens der
+neugewordenen Machtbildung gegenüber unhaltbar geworden seien, daß die
+vollkommen verwandelten politischen und gesellschaftlichen Zustände eine
+gründliche Umgestaltung auch in der Verfassung der Staaten forderten. Und
+wenn Alexanders Gedanke war, die Demokratie den hellenischen Städten nur
+noch für ihre kommunale Verwaltung zu belassen und sie mit der Macht und
+Autorität seiner großen Monarchie zusammenfassend zu überbauen, wenn dies
+Werk, durch seinen zu frühen Tod, oder will man lieber, durch die innere
+Notwendigkeit des hellenischen Wesens unvollendet geblieben ist, so liegt
+ebenda der Grund jenes trostlosen Hinsiechens, mit dem das nächste
+Jahrhundert der hellenischen Geschichte den Ruhm besserer Zeiten besudeln
+sollte.
+
+Im Sinne jenes Planes war es, daß Alexander zwei Maßregeln beschloß, die
+allerdings tief einschnitten.
+
+Er forderte auch von den Hellenen göttliche Ehren. Was man auch in betreff
+der persönlichen Ansicht des Königs und deren Umwandlung aus diesem Gebot
+folgern mag, jedenfalls war es weder so unerhört und frevelhaft, wie es dem
+auf monotheistischer Grundlage entwickelten Empfinden erscheinen darf, noch
+ist der wesentlich politische Charakter dieser Maßregel zu verkennen. Das
+hellenische Heidentum war seit lange gewohnt, die Götter anthropomorphisch
+anzusehen, wie das Wort des alten Denkers lautet: »Die Götter sind
+unsterbliche Menschen, die Menschen sterbliche Götter.« Weder die heilige
+Geschichte noch die Dogmatik ruhte auf der festen Basis geoffenbarter, ein
+für allemal als göttlichen Ursprungs geltender Lehrschriften; es gab für
+religiöse Dinge keine andere Norm und Form als das Empfinden und Meinen der
+Menschen, wie es war und mitlebend sich entwickelte, daneben ebenfalls die
+Weisungen der Orakelstätten und die vielerlei Zeichendeutungen, die eben
+auch nur, wie der schwimmende Kork auf dem Strome, die Bewegung, der sie
+folgten, bezeichneten. Wenn nun das Orakel des Zeus Ammon, wie man auch
+spotten mochte, am Ende doch den König als Zeus' Sohn bezeichnet hatte,
+wenn Alexander, aus dem Geschlechte des Herakles und Achilleus, eine Welt
+erobert und umgestaltet, wenn er in Wahrheit Größeres als Herakles und
+Dionysos vollbracht hatte, wenn die Aufklärung seit lange die Gemüter von
+dem tieferen religiösen Bedürfnis entwöhnt, von den Ehren und Festen der
+Götter nur die Lustbarkeiten, die äußere Zeremonie und die kalendarische
+Bedeutung übriggelassen hatte, so wird man es begreiflich finden, daß für
+das damalige Griechentum der Gedanke an göttliche Ehren und Vergötterung
+eines Menschen nicht allzu fernlag. Wie natürlich vielmehr dergleichen im
+Sinne der damaligen Zeit war, beweisen die nächsten Jahrzehnte bis zum
+Überdruß, nur daß der große Alexander der erste war, der für sich das in
+Anspruch nahm, was nach ihm die erbärmlichsten Fürsten und die
+verworfensten Menschen von Hellenen und Griechen, vor allem von den
+Athenern für ein Billiges erhalten konnten. Mag den einen Alexander dafür
+gelten, an seine eigene Gottheit geglaubt, den anderen, dieselbe für nichts
+als für eine polizeiliche Maßregel gehalten zu haben es wird von ihm der
+Ausspruch überliefert: »Zeus sei freilich aller Menschen Vater, aber nur
+die besten mache er zu seinen Söhnen.« Die Völker des Morgenlandes sind
+gewöhnt, ihren König als ein Wesen höherer Art zu verehren, und allerdings
+ist dieser Glaube, wie das Bedürfnis einer solchen Vorstellung sich auch
+nach den Sitten und den Vorurteilen der Jahrhunderte umzugestalten mag, die
+Basis jeder Monarchie, ja jeder Form von Herrentum; selbst die dorischen
+Aristokratien des Altertums gaben den von den Heroen ihrer Gründung
+Abstammenden dieses Vorrecht dem untertänigen Volk gegenüber, und das
+demokratische Athen gründete auf ein durchaus analoges Vorurteil gegen die
+Sklaven die Möglichkeit einer Freiheit, gegen welche die Monarchie
+Alexanders wenigstens den Vorzug hat, die Barbaren nicht als zur Sklaverei
+geboren anzusehen. Er empfing von den Barbaren die »Anbetung«, die sie
+ihrem Könige, dem »gottgleichen Menschen«, darzubringen gewohnt waren;
+sollte die hellenische Welt in dieser Monarchie ihre Stelle und ihre Ruhe
+finden, so war der erste und wesentlichste Schritt, die Griechen zu
+demselben Glauben an seine Majestät, den Asien hegte, und in dem er die
+wesentlichste Garantie seines Königtums erkannte, zu veranlassen und zu
+gewöhnen.
+
+Zu der Zeit, als in Asien die letzten Schritte zur Verschmelzung des Abend-
+und Morgenländischen getan wurden, ergingen nach Griechenland hin die
+Aufforderungen, durch öffentliche Beschlüsse dem Könige göttliche Ehren zu
+gewähren. Gewiß taten die meisten Städte, was gefordert wurde. Der Beschluß
+der Spartaner lautete: da Alexander Gott sein will, so sei er Gott. In
+Athen brachte Demades den Vorschlag vor das Volk; Pytheas trat auf, gegen
+ihn zu sprechen: es sei gegen die solonischen Gesetze, andere als die
+väterlichen Götter zu ehren; als gegen ihn eingewandt ward, wie er, noch so
+jung, wagen könne, in so wichtigen Dingen zu sprechen, antwortete er:
+Alexander sei noch jünger. Auch Lykurgos erhob sich gegen den Vorschlag:
+was würde das für ein Gott sein, dessen Heiligtum verlassend man sich
+reinigen müßte. Bevor man in Athen zum Schluß kam, trat eine zweite Frage
+hinzu, welche unmittelbar in das bürgerliche Gemeinwesen eingriff.
+
+Dies war eine Anordnung des Königs über die Verbannten der hellenischen
+Staaten[18]. Die Verbannungen waren zum größten Teil Folge politischer
+Veränderungen, sie hatten wegen der Siege, die die Makedonen seit den
+letzten fünfzehn Jahren davongetragen, natürlich die Gegner Makedoniens
+vorzüglich betroffen. Viele dieser politischen Flüchtlinge hatten früher in
+den Heeren des persischen Großkönigs Dienst und fortgesetzten Kampf gegen
+Makedonien gefunden; nach Persiens Fall irrten sie hilflos und heimatlos in
+der Welt umher; manche mochten Dienste im makedonischen Heere nehmen,
+andere wurden, während Alexander in Indien stand, von den Satrapen auf
+eigene Hand angeworben, noch andere zogen vagabundierend nach Griechenland
+zurück, um in der Nachbarschaft ihrer Heimatstädte auf eine Veränderung der
+Dinge zu warten, oder gingen nach dem Werbeplatz auf dem Tänaron, um von
+dort aus in irgend jemandes Sold zu treten. Die bedeutende Zahl dienstloser
+Leute mußte sich dort, seitdem Alexander allen Satrapen die Entlassung
+ihrer Söldner geboten, außerordentlich vermehrt haben; und in demselben
+Maße als sie zahlreich, unglücklich und hoffnungslos waren, mußten sie für
+die Ruhe in Hellas gefährlich werden. Diese Gefahr abzuwenden gab es kein
+Mittel, als den Verbannten die Heimkehr zu bereiten; dadurch wurde auch
+denen, die durch makedonischen Einfluß verbannt waren, ihr Haß zur
+Dankbarkeit umgewandelt und die makedonische Partei in den einzelnen
+Staaten verstärkt; die Staaten selbst waren fortan für die innere Ruhe
+Griechenlands verantwortlich, und wenn dann der innere Zwiespalt von neuem
+hervorbrach, hatte die makedonische Macht die Handhabe, einzugreifen.
+Freilich war die Maßregel gegen die Artikel des Korinthischen Bundes, ein
+offenbarer Eingriff in die dort garantierte Souveränität der Staaten, die
+zu demselben gehörten; es war vorauszusehen, daß die Ausführung der
+königlichen Weisung selbst in den Familien und in den Besitzverhältnissen
+Anlaß zu endlosen Verwirrungen geben mußte. Aber in erster Reihe kam diese
+Wohltat den Gegnern Makedoniens zu gut; es war an der Zeit, daß wie die
+Gegensätze nationaler Feindschaft zwischen Hellenen und Asiaten, so die der
+politischen Parteiung in den hellenischen Städten vor der Einheit des allen
+gemeinsamen Reiches dahinschwanden; das echt königliche Begnadigungsrecht
+in dieser Weise und in dieser Ausdehnung zu üben, war der erste Akt der
+höheren Autorität des Reiches, an die Alexander die Griechen zu gewöhnen
+hoffte.
+
+ [18] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Zur Verkündigung diese Maßregel hatte er den Stageiriten Nikanor nach
+Griechenland gesandt; bei der Feier der olympischen Spiele des Jahres 324
+sollte das königliche Schreiben publiziert werden. Die Kunde davon hatte
+sich im voraus verbreitet; von allen Seiten strömten die Verbannten gen
+Olympia, um das Wort der Erlösung zu vernehmen. In den einzelnen Staaten
+dagegen trat mannigfache Aufregung hervor, und während sich viele freuten,
+mit den Angehörigen und Befreundeten wieder vereint zu leben und durch eine
+große und allgemeine Amnestie die Ruhe und den Wohlstand besserer Zeiten
+zurückkehren zu sehen, mochten andere in diesem Befehl einen Eingriff in
+die Rechte ihres Staates und den Beginn großer innerer Verwirrungen
+verabscheuen. In Athen erbot sich Demosthenes zur Architheorie gen Olympia,
+um dort an Ort und Stelle mit dem Bevollmächtigten Alexanders zu
+unterhandeln und ihm die Folgen jener Maßregel und die Heiligkeit der
+korinthischen Verträge vorzustellen; seine Bemühungen konnten nichts mehr
+ändern. Während der Feier der hundertundvierzehnten Olympiade, Ende Juli
+324, in Gegenwart der Hellenen aus allen Landschaften, unter denen sich der
+Verbannten an 20 000 befanden, ließ Nikanor durch den Herold, der im
+Wettkampf der Herolde gekränzt war, das Dekret des Königs vorlesen: »Der
+König Alexander den Verbannten der griechischen Städte seinen Gruß. An
+eurer Verbannung sind nicht wir schuld gewesen; aber die Rückkehr zur
+Heimat wollen wir allen, mit Ausschluß derer, auf denen Blutschuld haftet,
+bewirken. Demnach haben wir an Antipatros erlassen, daß er die Städte,
+welche die Aufnahme weigern, dazu zwinge.« Mit unendlichem Jubel wurde der
+Heroldsruf aufgenommen, und nach allen Seiten hin zogen die Verbannten mit
+ihren Landsleuten der langentbehrten Heimat zu.
+
+Nur Athen und die Ätoler weigerten sich, dem Befehl des Königs Folge zu
+leisten. Die Ätoler hatten die Öniaden vertrieben und fürchteten deren
+Rache um so mehr, da sich Alexander selbst für sie und ihr Recht
+entschieden hatte. Die Athener aber sahen sich im Besitz der wichtigsten
+Insel, die ihnen aus der Zeit ihrer früheren Herrschaft geblieben war,
+gefährdet; sie hatten in Timotheos' Zeit die Bewohner von Samos vertrieben
+und das Land unter attische Kleruchen verteilt; diese hätten jetzt, nach
+dem Befehl des Königs, den früheren Bewohnern weichen und das, was sie seit
+mehr als dreißig Jahren selbst bewirtschaftet oder in Pacht ausgetan
+hatten, aufgeben müssen. Am empfindlichsten oder am geeignetsten
+aufzureizen mochte der Umstand sein, daß der König diesem Befehl die Form
+gegeben hatte, als wenn er einfach das gute Recht der Flüchtlinge zur
+Geltung bringe, als wenn es der Zustimmung der Staaten, die es betraf, gar
+nicht bedürfe, obschon die Verträge von 324 ausdrücklich bestimmten, daß
+keiner der verbündeten Staaten den Flüchtlingen aus einem verbündeten Staat
+zu Versuchen gewaltsamer Heimkehr behilflich sein sollte. Mit dem Befehl
+Alexanders war sichtlich, so konnte man sagen, die Autonomie und
+Souveränität des attischen Staates in Frage gestellt, und der Demos, wenn
+er demselben Folge leistete, bekannte sich dazu, dem makedonischen Königtum
+untertänig zu sein. War der Demos schon so seiner Ahnen unwürdig, Athen
+schon so ohnmächtig, sich dem despotischen Befehl beugen zu müssen? Gerade
+jetzt trat ein unerwartetes Ereignis ein, das, gehörig benutzt, die Macht
+der Athener bedeutend zu heben und ihrer Weigerung Nachdruck zu geben
+versprach.
+
+Harpalos, der flüchtige Großschatzmeister Alexanders, hatte sich, wie
+erwähnt worden, auf der Küste Kleinasiens mit dreißig Schiffen,
+sechstausend Söldnern und den ungeheuren Schätze, die ihm anvertraut
+gewesen waren, gen Attika eingeschifft und war etwa im Februar dieses
+Jahres glücklich auf der Reede von Munychia angelangt. Er rechnete auf den
+günstigen Eindruck, den seine Getreidespenden in dem Hungerjahre auf das
+Volk gemacht hatten, auf sein Bürgerrecht, das ihm damals von dem Demos
+dekretiert war; Phokions Schwiegersohn Charikles hatte dreißig Talente von
+ihm empfangen, um das Grabmal der Pythionike zu bauen; auch andere
+einflußreiche Männer mochte er sich durch Geschenke verpflichtet haben.
+Aber auf Demosthenes' Rat hatte der Demos seine Aufnahme abgelehnt; dem
+Strategen Philokles, der die Hafenwache hatte, war die Weisung gegeben,
+ihn, falls er die Landung zu erzwingen versuchen sollte, mit Gewalt
+abzuwehren. Darauf war Harpalos mit seinen Söldnern und seinem Schatz nach
+dem Tänaron gesegelt; mochten nach den Verkündigungen Nikanors viele von
+den Reisläufern auf dem Tänaron in die Heimat ziehen, dasselbe Dekret
+brachte bei den Ätolern und in Athen Wirkungen hervor, wie sie Harpalos nur
+wünschen konnte. Er ging zum zweiten Male nach Attika, ohne Söldner, nur
+mit einem Teil seines gestohlenen Geldes. Philokles wehrte ihm den Eingang
+nicht; Harpalos war ja attischer Bürger, kam nun ohne Kriegsvolk, als
+Schutzflehender. So, in demütiger Gestalt, erschien er vor dem Demos von
+Athen, stellte ihm seine Schätze und seine Söldner zur Verfügung, gewiß
+nicht ohne anzudeuten, daß jetzt mit kühnem Entschluß große Dinge zu
+vollbringen seien.
+
+Schon war aus Kleinasien von des Königs Schatzmeister Philoxenos die
+Aufforderung nach Athen gekommen, den Schatzräuber auszuliefern. Es begann
+ein lebhafter Streit um diese Frage; der leidenschaftliche Hypereides war
+der Ansicht, daß man die herrliche Gelegenheit, Hellas zu befreien, nicht
+aus der Hand geben dürfe; die Freunde Makedoniens mögen ebenso eifrig die
+Auslieferung gefordert haben; aber selbst Phokion widersetzte sich diesem
+Vorschlage; Demosthenes stimmte ihm bei, schlug dem Volke vor, den
+Schutzflehenden und sein Geld in Verhaft zu nehmen, bis seinetwegen jemand
+von Alexander beschickt sei. Das Volk beschloß seinem Antrage gemäß,
+beauftragte ihn selbst mit der Übernahme des Gelder, die folgenden Tages
+geschehen sollte. Demosthenes fragte den Harpalos sofort nach der Summe,
+die er mit sich habe. Dieser nannte 700 Talente. Am folgenden Tage, als die
+Summe auf die Akropolis gebracht werden sollte, fanden sich nur noch 350
+Talente; Harpalos schien die Nacht, die man ihm sonderbarerweise noch sein
+gestohlenes Geld gelassen, benutzt zu haben, um sich Freunde zu gewinnen.
+Und Demosthenes unterließ, dem Volke die fehlende Summe anzuzeigen; er
+begnügte sich, zu veranlassen daß dem Areopag die Untersuchung übertragen
+wurde mit der Zusage der Straflosigkeit für die, welche das empfangene Geld
+freiwillig abliefern würden.
+
+Alexander scheint erwartet zu haben, daß Harpalos mit seinen Schätzen und
+den Söldnern von den Athenern bereitwillig würde aufgenommen werden;
+wenigstens hatte er in die Seeprovinzen den Befehl gesandt, die Flotte
+bereitzuhalten, um nötigenfalls Attika unverzüglich überfallen zu können;
+und in dem Lager Alexanders war damals viel die Rede von einem Kriege gegen
+Athen, auf den sich die Makedonen infolge der alten Feindschaft gar sehr
+freuten. In der Tat hatten die Athener, wenn sie ernstlich der
+Zurückführung der Verbannten sich zu widersetzen, dem Könige die göttlichen
+Ehren zu versagen, ihre volle Unabhängigkeit geltend zu machen
+beabsichtigten, in den Erbietungen und den Mitteln dieses Schutzflehenden
+alles, was ihnen zunächst zu einer energischen Verteidigung nötig war; sie
+hätten hoffen können, daß die Ätoler, die Spartaner, daß die Achäer und
+Arkader, denen der König die gemeinsamen Landtage ihrer Städte untersagt
+hatte, sich ihnen anschließen würden. Aber, wenn sie sich nicht verbergen
+konnten, daß Harpalos zum zweitenmal seine Pflicht in des Königs Dienst
+gebrochen und durch ein gemeines Verbrechen großen Stils dessen Strafe
+herausgefordert hatte, so hätte es ihnen nicht zur Unehre gereicht, wenn
+sie die geforderte Auslieferung bewilligt und dem, der sie als Beamter des
+Königs forderte, die weitere Verantwortung anheimgegeben hätten. Sie zogen
+es vor, sich für halbe Maßregeln zu entscheiden, die, weit entfernt, einen
+sicheren und ehrenvollen Ausweg zu bieten, der Stadt eine
+Verantwortlichkeit aufbürdeten, die sie sehr bald in eine höchst
+zweideutige Lage bringen sollte.
+
+Daß Philoxenos die Forderung der Auslieferung dringender wiederholte,
+scheint sich von selbst zu verstehen; es mag richtig sein, daß auch von
+Antipatros, von Olympias dasselbe Verlangen gestellt wurde. Da war eines
+Morgens Harpalos, trotz der Wächter, die man ihm gesetzt hatte,
+verschwunden. Es wäre unmöglich gewesen, wenn die zu seiner Obhut bestellte
+Kommission, Demosthenes all ihrer Spitze, ihre Schuldigkeit getan hätte;
+begreiflich, daß sofort gesagt und geglaubt wurde, Demosthenes habe sich
+wie die und die anderen bestechen lassen.
+
+Er konnte nicht weniger tun, als sofort Untersuchung zu fordern, mit der
+nach seinem Antrage gleichfalls der Areopag beauftragt wurde. Der Strateg
+Philokles forderte und erhielt einen gleichen Beschluß des Volkes.
+
+Langsam genug gingen die Untersuchungen des Areopags vorwärts. Noch war die
+Frage unerledigt, ob man dem König die göttlichen Ehren zugestehen solle;
+man mußte darüber zum Beschluß kommen, um die Gesandten abfertigen zu
+können, die in Babylon sein sollten, bevor er dahin zurückkehre. Ob man
+die göttlichen Ehren gewähren, den Ausgewiesenen die Heimkehr gestatten
+solle, wurde von neuem vor dem Demos verhandelt; auch Demosthenes sprach da
+wiederholentlich. »Als du den Zeitpunkt gekommen glaubtest,« sagt später
+Hypereides in dem Prozeß gegen Demosthenes, »daß der Areopag die
+Bestochenen kundmachen werde, da wurdest du plötzlich kriegerisch und
+versetztest die Stadt in Aufregung, um den Enthüllungen zu entgehen; als
+aber der Areopag die Verkündigung hinausschob, weil er noch nicht zum
+Schluß gekommen sei, da empfahlst du, dem Alexander die Ehren des Zeus, des
+Poseidon und welches Gottes er sonst wolle, zu gewähren.« Also Demosthenes
+riet in Sachen der göttlichen Ehren nachzugeben, in betreff der Verbannten
+es auf das Äußerste ankommen zu lassen. In diesem Sinne wurden die
+Gesandten instruiert und etwa Anfang November abgesandt.
+
+Harpalos hatte sich, aus Athen flüchtend, nach dem Tänaron begeben, hatte
+sich von dort mit seinen Söldnern und seinen Schätzen -- denn auf die
+Schilderhebung in Hellas schien keine Hoffnung mehr zu sein -- nach Kreta
+begeben, war dort von seinem Freunde, dem Spartaner Thibron, ermordet
+worden, der dann mit den Söldnern und den Schätzen nach Cyrene flüchtete.
+Des Ermordeten vertrautester Sklave, der ihm die Rechnung geführt hatte,
+flüchtete nach Rhodos und wurde dem Philoxenos ausgeliefert. Er bekannte,
+was er von dem Gelde des Harpalos wußte.
+
+So konnte Philoxenos die Liste der verwendeten Summen und die Namen derer,
+die davon empfangen, nach Athen senden. Demosthenes' Name war nicht unter
+diesen. Nach sechs Monaten hatte der Areopag seine Nachforschungen und
+Haussuchungen beendet und übergab nun die Sache dem Gericht. Es begann jene
+merkwürdige Reihe der harpalischen Prozesse, in denen die namhaftesten
+Männer Athens als Kläger oder Verklagte beteiligt waren; unter den Klägern
+Pytheas, Hypereides, Mnesaichmos, Himeraios, Stratokles, unter den
+Verklagten auch Demades, der 6000 Stateren empfangen haben sollte, auch
+Philokles der Strateg, Charikles, des Phokion Schwiegersohn, auch
+Demosthenes. Er leugnete nicht, daß er 20 Talente von dem Gelde des
+Harpalos genommen habe, aber nur als vorläufigen Ersatz für die gleiche
+Summe, die er früher der Theorikenkasse vorgeschossen, wovon er nicht gern
+habe sprechen wollen; er beschuldigte den Areopag, daß er ihn Alexander zu
+Gefallen habe beseitigen wollen; er führte seine Kinder vor, um das Mitleid
+der Geschworenen zu erregen. Alles vergeblich; er wurde verurteilt, das
+Fünffache dessen, was er erhalten hatte, zu zahlen, und da er die Summe
+nicht aufzubringen vermochte, ins Gefängnis geworfen, aus dem er
+Gelegenheit fand oder erhielt, am sechsten Tage zu entweichen.
+
+Dieser Ausgang der harpalischen Prozesse war für Athen verhängnisvoll; die
+Geschworenen der Heliaia, der unmittelbare Ausdruck der öffentlichen
+Meinung, hatten allerdings das Wort der Ankläger gar wohl beachtet, daß sie
+über die Angeklagten, ein anderer aber über sie urteilen werde, und daß sie
+es sich selber schuldig seien, auch noch so berühmte Männer zu strafen;
+einmal unter so schiefen Prämissen, wie sie durch die in dem harpalischen
+Handel so unsicher geführte attische Politik gestellt waren, hatten sie
+nach politischen Rücksichten, nicht ohne übereilte Strenge gegen die einen,
+mit noch unverdienterer Nachsicht gegen andere entschieden. Freigesprochen
+wurde Aristogeiton, der nach der Anzeige des Areopag zwanzig Talente
+empfangen hatte, der frechste und verächtlichste unter den Führern des
+Volkes. Vielleicht noch andere. Dagegen mußte der große Gegner der
+makedonischen Monarchie die Heimat meiden; mit ihm sank die Stütze der
+altdemokratischen Partei und ihrer Traditionen. In Philokles verlor der
+Staat einen Feldherrn, der wenigstens oft genug zu diesem wichtigen Amte
+vom Volke erwählt worden war. Demades blieb trotz seiner Verurteilung und
+sein Einfluß herrschte um so sicherer, je unbedeutender, besorglicher und
+gewissenloser die Männer waren, die nach jenen Prozessen an der Leitung des
+Volkes teilnahmen; die Politik Athens wurde noch mehr als früher schwankend
+und bald unterwürfig. Man hatte den Verbannten die Heimkehr geweigert, man
+fürchtete fort und fort, daß sie von Megara aus und gestützt auf des Königs
+Amnestie die attische Grenze überschreiten würden; dennoch geschah zum
+Schutz der Stadt nichts, als daß eine Theorengesandtschaft an den König
+dekretiert wurde, die ihn um die Erlaubnis, die Verbannten nicht
+aufzunehmen, bitten sollte, eine Maßregel, die wenigstens im Interesse der
+attischen Freiheit vollkommen ungeschickt war, da der Staat einerseits
+seine Willensmeinung, bei der Bestimmung des Korinthischen Bundes zu
+bleiben, bereits kundgegeben hatte, anderseits des Königs abschlägige
+Antwort nur zu gewiß vorauszusehen war.
+
+Mehr als die äußere Wirkung dieser Vorgänge bedeutete die moralische
+Niederlage derjenigen Prinzipien, als deren Vertreter und Vorbild Athen
+angesehen wurde und sich selbst ansah. Einst hatte jener Kleon, der dem
+Demos seiner Zeit für den schärfsten Demokraten galt, demselben Demos
+gesagt: »Die Demokratie sei unfähig über andere zu herrschen«; wenn jetzt
+sich Athen der monarchischen Autorität, wie das hellenistische Königtum
+Alexanders sie geltend machte, fügen mußte, so war der letzte Anhalt dahin,
+den die Kleinstaaterei und die Selbstüberschätzung des Partikularismus noch
+gehabt hatte, die immer nicht hatte begreifen wollen, daß ein »spannelanges
+Fahrzeug gar kein Fahrzeug sei«; und die begonnene neue Gestaltung
+wirklicher Macht lagerte sich ruhig und mächtig auch über die hellenische
+Welt, freilich von ihr ein großes Opfer fordernd, aber ein Opfer, das
+Alexander selbst von sich und von seinen Makedonen forderte, mit dem er
+rechtfertigte und sühnte, was er vollbrachte.
+
+Ein berühmter Forscher hat Alexander den genialsten Staatsmann seiner Zeit
+genannt. Er war als Staatsmann, was Aristoteles als Denker. Der Denker
+konnte in der Stille und Abgezogenheit seines Geistes seinem
+philosophischen Systeme die ganze Geschlossenheit und Vollendung geben, die
+nur in der Welt der Gedanken möglich ist. Wenn das staatsmännische Werk
+Alexanders vorerst nur skizzenhaft und nicht ohne mannigfache Fehlgriffe im
+einzelnen, wenn die Art, wie er schuf, als persönliche Leidenschaft und
+Willkür oder vom Zufall bestimmt erscheint, so darf man nicht vergessen,
+daß es die ersten, aus der Friktion riesenhafter Verhältnisse
+hervorspringenden Gedanken sind, die ihm sofort und wie im Fluge zu Normen,
+Organisationen, Bedingungen weiteren Tuns werden, noch weniger verkennen,
+wie jeder dieser Gedankenblitze immer weitere Gesichtskreise erschloß und
+erhellte, immer heißere Friktionen schuf, immer drängendere Aufgaben
+stellte.
+
+Die Armseligkeit der auf uns gekommenen Überlieferungen versagt uns jeden
+Einblick in die Werkstatt dieser Tätigkeit, in die hochgespannte
+intellektuelle und moralische Arbeit dessen, der sich so unermeßliche
+Aufgaben stellte und sie löste. Kaum, daß das, was uns noch vorliegt, das
+Äußerlichste von dem, was durch ihn geschehen, was zur Ausführung und
+Wirkung gelangt ist, fragmentarisch erkennen läßt. Fast nur in dem
+räumlichen Umfang dieser Geschehnisse geben sie uns ein Maß für die Kraft,
+die solche Wirkungen erzeugte, für den Willen, der sie leitete, für den
+Gedanken, dem sie entsprangen, eine Vorstellung von der Größe Alexanders.
+
+Mag der nächste Impuls seines Tuns gewesen sein, den großen Kampf
+hinausführend, den sein Vater vorbereitet hatte, dem Reich, das er sich
+eroberte, Sicherheit und Dauer zu geben -- mit dem glücklichen Radikalismus
+der Jugend ergriff oder erfand er sich zu diesem Zweck Mittel, die seine
+Kriegszüge an Kühnheit, seine Schlachten an Siegesgewalt übertrafen.
+
+Das Kühnste war, was ihm die Moralisten bis auf den heutigen Tag zum
+schwersten Vorwurf machen, er zerbrach das Werkzeug, mit dem er seine
+Arbeit begonnen hatte, oder will man lieber, er warf das Banner, unter dem
+er ausgezogen war, das, den stolzen Haß der Hellenen gegen die Barbaren zu
+sättigen, in den Abgrund, den seine Siege schließen sollten.
+
+In einer denkwürdigen Stelle bezeichnet Aristoteles als die Aufgabe seiner
+»Politik«, diejenige Staatsform zu finden, welche nicht die an sich
+vollkommenste, aber die brauchbarste sei: »Welche also ist die beste
+Verfassung und das beste Leben für die meisten Staaten und die meisten
+Menschen, wenn man an Tugend nicht mehr verlangt als das Maß der
+Durchschnittsmenschen, noch an Bildung mehr als ohne besondere
+Begünstigung der Natur und der Umstände möglich ist, noch eine Verfassung,
+wie sie nur im Reiche der Ideale liegen kann, sondern ein Leben, das
+mitzuleben, eine Verfassung, in der sich zu bewegen den meisten Menschen
+möglich ist?« Er sagt: darauf komme es an, eine solche Staatsordnung zu
+finden, welche aus den gegebenen Bedingungen sich entwickelnd leicht
+Eingang und Teilnahme gewinnen wird; »denn es ist kein geringeres Werk,
+eine Staatsordnung zu verbessern, als eine von Grund aus neue zu schaffen,
+wie ja auch das Umlernen ebenso schwer ist als das Erlernen«. So weit geht
+der Philosoph in seinem Realismus; aber wenn er von den meisten Menschen,
+den meisten Staaten spricht, denkt er nur an die hellenische Welt, denn die
+Barbaren sind ja wie Tiere und Pflanzen.
+
+Auch Alexander denkt völlig realistisch; aber er bleibt nicht vor den
+»gegebenen Bedingungen« stehen, oder vielmehr seine Siege haben deren neue
+geschaffen; der Bereich, für den er sein politisches System einzurichten
+hat, umfaßt die Völker Asiens bis zum Indus und Jaxartes. Und er hat
+gesehen, daß diese Barbaren nicht wie Tiere und Pflanzen sind, sondern auch
+sie Menschen mit ihren Bedürfnissen, Begabungen, Tugenden, auch ihre Art zu
+sein voll gesunder Elemente, solcher zum Teil, die denen, welche in ihnen
+Barbaren verachtet haben, schon verlorengegangen sind. Waren die Makedonen
+vortreffliche Soldaten, so hatte König Philipp sie dazu erzogen, und
+Alexander gedachte, so wie er schon die Thraker, Agrianer und Odryser ihnen
+ebenbürtig gemacht hatte, ebenso die Asiaten zu gleicher Tüchtigkeit und
+Zucht zu gewöhnen; der Feldzug in Indien zeigte, in welchem Maße es ihm
+damit gelang. Von hellenischer Bildung aber hatten die makedonischen Bauern
+und Hirten und Kohlenbrenner auch nicht mehr als ihre barbarischen Nachbarn
+jenseits des Rhodope und des Haimos; und die Doloper, Ätoler, Änianen,
+Malier, die Bauern von Amphissa sind in den hellenischen Landen nicht eben
+anders angesehen worden. Diese hellenische Bildung selbst aber, wie
+überschwenglich reich immer an Kunst und Wissenschaft, wie unvergleichlich,
+intellektuelle Gewandtheit und die Virtuosität persönlicher Strebsamkeiten
+zu entwickeln, -- sie hatte die Menschen klüger, nicht besser gemacht; die
+ethischen Kräfte, auf die das Leben der Familie, des bürgerlichen, des
+staatlichen Gemeinwesens sich gründen muß, hatte sie in dem Maße, als sie
+sich steigerte, geschwächt und zersetzt, wie von den Trauben, wenn der Wein
+daraus gekeltert ist, nur die Trebern bleiben. Hätte Alexander nur den
+Hellenen und Makedonen Asien erobern, ihnen die Asiaten zu Sklaven geben
+wollen, sie wären nur um so schneller zu Asiaten, aber im schlimmsten Sinne
+zu Asiaten geworden. War es Herrschaft und Verknechtung, was seit
+Jahrhunderten der hellenischen Welt in immer neuen Kolonien immer weitere
+Ausdehnung, immer frische, lebensvolle Schößlinge gebracht hatte? War
+hellenisches Leben bis zu den Libyern an der Syrte, den Skythen am
+mäotischen See, den keltischen Stämmen zwischen den Alpen und Pyrenäen
+nicht in derselben Weise hinausgezogen, wie sie nun Alexander über die
+weite Feste Asiens auszubreiten gedachte? War nicht das hellenische
+Söldnertum, das so lange und in immer größeren Scharen in aller Welt umher
+und nur zu oft gegen die hellenische Heimat selbst seine Kräfte vergeudet
+hatte, ein Beweis, daß die hellenische Heimat nicht mehr Raum genug hatte
+für die Fülle von Kräften, die sie erzeugte? Hatte sich nicht die Macht der
+Barbaren, die den Hellenen als geborene Sklaven galten, seit einem
+Jahrhundert fast nur noch durch die Streitkräfte, die Hellas ihnen
+verkaufte, aufrechterhalten?
+
+Gewiß hatte Aristoteles recht, zu fordern, daß auf die gegebenen
+Bedingungen weitergebaut werden müsse; aber er senkte die Sonde seines
+Denkens nicht tief genug ein, wenn er diese Gegebenheiten so nahm, wie sie
+nach ihren schwachen und schwächsten Seiten, wie sie in ihren unhaltbar
+gewordenen Formen waren. Daß die hellenische wie asiatische Welt vor den
+Gewaltstößen der makedonischen Eroberung zusammengebrochen war, daß sich
+durch sie die geschichtliche Kritik völlig verrotteter gedankenlos, unwahr
+gewordener Zustände vollzog, war nur die eine Seite der großen Revolution,
+die Alexander über die Welt brachte. Die Erinnerungen und die Kultur
+Ägyptens rechneten nach Jahrtausenden; welche Fülle polytechnischer
+Meisterschaft, astronomischer Beobachtungen, alter Literaturen bot die
+syrisch-babylonische Welt; und erschloß sich nicht in der lauteren
+Parsenlehre der Iranier und Baktrianer, in der Religion und Philosophie des
+Wunderlandes Indien eine Welt ungeahnter Entwicklungen, vor denen der noch
+so selbstgefällige hellenische Bildungsstolz staunen mochte? In der Tat,
+diese Asiaten waren nicht Barbaren wie die Illyrier, Triballer, Geten,
+nicht Wilde und Halbwilde, wie sich der hellenische Nativismus gern alles
+dachte, was nicht Griechisch sprach; ihnen gegenüber hatten die Eroberer
+nicht bloß zu geben, sondern auch zu empfangen; es galt zu lernen und
+umzulernen.
+
+Und damit -- so könnte man schließen -- begann der zweite Teil der Aufgabe,
+die sich Alexander gestellt hatte, die Friedensarbeit, die, schwieriger als
+die Waffensiege, diesen in gesicherten Zuständen ihre Rechtfertigung und
+eine Zukunft geben mußte.
+
+Wie er aus Indien heimkehrend die Lage seines Reiches gefunden hatte, mußte
+er inne werden, welche Schäden an dem zu hastigen Aufbau, so wie er noch
+war, hafteten. Die Strenge seiner Strafen mochte der unmittelbaren Gefahr
+wehren, von neuen Freveln zurückschrecken, den Bedrückten wie den
+Bedrückern zeigen, daß ein scharfes Auge und eine gewaltige Hand über ihnen
+sei. Aber das Schwerere war, nach solchen zehn Jahren voll ungeheurer
+Wechsel und unermeßlicher Aufregungen, nach allen den Steigerungen der
+Leidenschaften, der Ansprüche und Genüsse bei den Siegern, der Furcht und
+Erbitterung bei den Besiegten alle wieder zum ruhigen Atmen, zum Gleichmaß,
+zur Alltäglichkeit zu gewöhnen.
+
+Wenigstens in Alexanders Art, vielleicht in der Lage der Dinge, mit denen
+er zu rechnen hatte, lag es nicht, in solcher Weise zu verfahren. Die
+Sonnenhöhe seines Lebens hatte er überschritten; es ging nun niederwärts
+und die Schatten wuchsen.
+
+
+Es mag an dieser Stelle gestattet sein, die hauptsächlichsten Momente
+hervorzuheben, die das weiterdrängende Schwellen und Steigen der Flut von
+Schwierigkeiten bezeichnen, die nun einsetzte. In dem Maße, wie aus dem
+Getanen und den Prinzipien, die es in sich trug, Zuständlichkeiten werden
+sollten, traten Konsequenzen, Widersprüche, Unmöglichkeiten hervor, in
+denen das »andere Antlitz«, das der vollbrachten Tat, sich zeigte; und um
+so heftiger drängte die schwellende Bewegung weiter.
+
+Wie die Maßregel, die Nikanor bei der olympischen Feier verkündete, gewirkt
+hat, ist angegeben worden. Aber die nun Heimkehrenden hatten daheim ihr
+Haus, ihre Äcker gehabt, die seitdem konfisziert, verkauft und
+weiterverkauft waren. In jeder hellenischen Stadt folgten der Heimkehr der
+Flüchtlinge Ärgernisse und Prozesse mannigfachster Art. In Mytilene half
+man sich mit einem Vertrage zwischen den Verbannten und den
+Zurückgebliebenen, nach dem eine gemeinsame Kommission die
+Besitzverhältnisse regeln sollte; in Eresos ließ man »nach dem Befehl des
+Königs« die Gerichte den Flüchtlingen gegen die Tyrannen, die sie
+ausgetrieben hatten, deren Nachkommen und Anhänger ihr Recht schaffen; in
+Kalymna übertrug man fünf Bürgern aus Jasos das Schiedsgericht. Es sind
+zufällige Notizen, die sich erhalten haben; in der Natur der Sache lag es,
+daß ungefähr jede hellenische Stadt in derselben Frage gleiche Aufregung
+durchmachen mußte.
+
+Eine zufällige Notiz ähnlicher Art läßt erkennen, daß Alexander einst den
+am Sipylos in Alt-Magnesia angesiedelten Soldaten je ein Ackerlos
+zugewiesen hatte; wann, unter welchen Umständen, mit welchen Rechten, ist
+nicht zu ersehen, noch ob die angesiedelten Makedonen, Söldner oder was
+sonst waren. Gewiß war das kein vereinzelter Fall; aus Münzen sieht man,
+daß in Dokimeion, in Blaundos Makedonen, in Apollonia Thraker angesiedelt
+worden sind. Waren die Ackerlose, die solchen Ansiedlern gegeben wurden,
+auf städtischen Besitz angewiesen, oder waren sie aus königlichen Domänen?
+Dieselbe Frage wiederholt sich bei den »mehr als siebzig Städten«, die
+Alexander gründete; und in welcher Verfassung, mit welchem Recht saßen
+diese Ansiedler neben den alten Einwohnern oder den Einheimischen, die mit
+in die Stadt zu ziehen veranlaßt wurden? Was war oder wurde königliche
+Domäne? In welchem Sinn verfügte Alexander über die Städte Kios, Gergethos,
+Elaia, Mylasa, wenn er dem Phokion anbot, sich eine von ihnen zu wählen?
+
+Wir wissen nicht, inwieweit Alexander das alte System der Verwaltung, den
+persischen Steuerkataster, das hergebrachte Abgabensystem änderte oder
+ließ. Arrian gibt an, der König habe bei seiner Rückkehr nach Persien so
+hart gestraft, um sie zu schrecken, die er »als Satrapen, Hyparchen und
+Nomarchen« zurückgelassen habe; waren das die Rangstufen der Verwaltung?
+Wiederholten sie sich in allen Satrapien, oder gab es, wie Ägypten dafür
+ein Beispiel scheint, für die verschiedenen Gebiete des weiten Reiches
+verschiedene Verwaltungssysteme, ein anderes etwa für die syrischen Lande,
+ein anderes für die iranischen, für die baktrischen? War etwa nur in den
+Satrapien Kleinasiens und den Landen syrischer Zunge das Kassenwesen und
+die Tributerhebung besonderen Beamten unterstellt? Wie ihr Verhältnis zu
+den militärischen Befehlshabern in der Satrapie bestimmt, wie die Kompetenz
+der verschiedenen Beamtungen umgrenzt, wie es mit der Dotierung der einen
+und anderen bestellt war, ist ebensowenig zu ersehen. Aber gelegentlich
+erfährt man, daß Kleomenes von Naukratis, der das ägyptische Arabien
+verwaltete, den Ausfuhrzoll auf Getreide vermehren, daß er alles Getreide
+in seiner Provinz aufkaufen konnte, um von der Teuerung, die namentlich in
+Athen drückend war, Gewinn zu ziehen, daß er die heiligen Krokodile usw.
+besteuerte. Von Antimenes, dem Rhodier, der, man sieht nicht deutlich
+welches Amt in Babylon erhalten hatte, wird angegeben, daß er den außer
+Brauch gekommenen Zoll von zehn Prozent auf alle Einfuhr nach Babylon
+erneut, daß er eine Sklavenassekuranz eingerichtet habe, die gegen zehn
+Drachmen Beitrag für den Kopf jedem Herrn, dem ein Sklave entlief, die
+Erstattung seines Wertes sicherte. Mehr als noch eine und die andere
+Einzelheit derart erfahren wir nicht; ebensowenig wie in der Verwaltung die
+Städte neben den Stämmen (+ethnê+), wie die Dynasten, die Tempelstaaten
+(Ephesos, Komana usw.), die abhängigen Fürsten standen.
+
+Eins der stärksten Fermente für die neu werdenden Zustände muß die
+ungeheure Masse edlen Metalles gewesen sein, die die Eroberung Asiens in
+Alexanders Hand brachte. Vor dem peloponnesischen Kriege war Athen damit,
+daß es auf der Akropolis außer den silbernen und goldenen Geräten 9000
+Talente geprägtes Silber im Schatz hatte, die größte Kapitalmacht der
+hellenischen Welt gewesen, und vor allem darin hatte es seine politische
+Überlegenheit über die noch völlig in der Naturalwirtschaft verharrenden
+Staaten des Peloponnesischen Bundes gesichert gesehen. Jetzt handelte es
+sich um ganz andere Summen. Außer dem, was Alexander in dem persischen
+Lager bei Issos, in Damaskus, in Arbela usw. erbeutete, fand er, wie
+angegeben wird, in Susa 50 000 Talente, in Persepolis ebensoviel, in
+Pasargadai 6000, weitere Summen in Ekbatana; es sollen dort von ihm 180 000
+Talente niedergelegt worden sein. Was sonst an goldenen und silbernen
+Geräten, an Purpur, Edelsteinen, Kleinodien usw. in Alexanders Hand fiel,
+was in den Satrapien, was in Indien hinzugekommen ist, wird nicht
+angegeben.
+
+Man wird auf jene Ziffern keine statistische Berechnung der Massen Goldes
+und Silbers gründen wollen, die mit der Eroberung Alexanders und im Lauf
+von zehn Jahren dem Verkehr wieder zugeführt wurden.
+
+Aber wenn die neue Kriegsmacht, welche nun über Asien herrschte, die bisher
+totgelegten Reichtümer entfesselte, wenn sie von ihr wie das Blut vom
+Herzen ausströmten, so sieht man, wie damit, daß Arbeit und Verkehr sie in
+immer rascherer Zirkulation durch die lang unterbundenen und welkgewordenen
+Glieder des Reichs verbreiteten, das ganze wirtschaftliche Leben der
+Völker, deren Kraft die persische Herrschaft vampyrhaft ausgesogen hatte,
+sich aufrichten und steigern mußte. Freilich war damit ein entsprechendes
+Steigen der Preise, eine Verschiebung der Schwerpunkte des bisherigen
+Weltverkehrs, das Sinken der Handelsbilanz für diejenigen Plätze, von denen
+er sich abwandte, unvermeidlich verbunden, ein Umstand, aus dem vielleicht
+manche Erscheinungen in den althellenischen Landen, welche die nächste
+Folgezeit brachte, zu erklären sind.
+
+Nach Herodots Angabe war der jährliche Betrag der Tribute im persischen
+Reich nach der Grundsteuer 14560 euboische Talente. Eine freilich nicht aus
+bester Quelle stammende Angabe rechnet in dem letzten Jahre Alexanders den
+Ertrag des Tributs auf 30 000 Talente und fügt hinzu, daß im Schatz nur
+noch 50 000 Talente gewesen seien. Vor allem drückend war in der persischen
+Zeit die endlose Masse der Naturalleistungen gewesen, wie denn die für den
+königlichen Hof allein auf 13 000 Talente jährlich berechnet worden sind;
+und jeder Satrap, jeder Hyparch und Dynast folgte in seinem Bereich dem
+Beispiel des Großkönigs. Aus einigen Andeutungen ist zu schließen, daß
+Alexander das System der Naturallieferungen aufhob; in demselben Maße wie
+früher des Großkönigs Anwesenheit eine Stadt oder Landschaft aussog, sollte
+sie fortan durch den Aufenthalt des königlichen Hoflagers gewinnen. Die
+Pracht, mit der sich der König namentlich in der letzten Zeit umgab,
+erdrückte nicht mehr, sondern förderte Verkehr und Wohlstand; und wenn
+erzählt wird, daß er, um sein ganzes Hofgesinde in Purpur zu kleiden, den
+Befehl nach Ionien sandte, allen Vorrat an Purpurstoffen daselbst
+aufzukaufen, so läßt dieser einzelne Fall auf anderähnliche schließen. Es
+versteht sich wohl von selbst, daß auch die Satrapen, die Strategen usw. in
+den Provinzen nicht mehr auf Naturallieferungen gestellt waren; nicht
+minder, daß ihre ordnungsmäßigen Einnahmen hoch genug waren, sie mit dem
+nötigen Glanz leben zu lassen; was man auch von ihrer oft unsinnigen
+Verschwendung sagen mag, sie gaben zu verdienen. Durch reiche Schenkungen,
+z. B. bei den von Opis heimziehenden Veteranen ein Talent für den Mann,
+sorgte der König dafür, daß auch die Truppen, zumal die Ausgedienten,
+bequem leben konnten; und wenn der Soldat oft genug mehr verbrauchte, als
+er hatte, so bezahlte der König mit unerschöpflicher Freigebigkeit dessen
+Schulden. Daß er für Dichter, Künstler, Philosophen, Virtuosen, für jede
+Art wissenschaftlicher Forschung immer offene Hand hatte, ist bekannt; und
+wenn es heißt, daß Aristoteles behufs seiner naturhistorischen
+Untersuchungen die Summe von 800 Talenten zu seiner Verfügung erhielt, so
+würde man an der Wahrheit dieser Angabe zu zweifeln geneigt sein, wenn sie
+nicht durch den Umfang seiner Leistungen begreiflich würde.
+
+Wenigstens erinnert mag hier werden an die großen Bauunternehmungen
+Alexanders, von denen gelegentliche Erwähnung geschieht, so die
+Wiederherstellung des Kanalsystems in Babylonien, die Aufräumung der
+Abzugsgräben vom Kopaissee, der Wiederaufbau der verfallenen Tempel in
+Hellas, wozu er 10 000 Talente angewiesen haben soll, der Dammbau bei
+Klazomenä und die Durchstechung der Landenge von dort nach Teos, manches
+andere.
+
+Genug, um anzudeuten, was dem wirtschaftlichen Leben Alexanders Erfolge
+bedeuteten. Vielleicht nie wieder ist in diesen Beziehungen von dem
+persönlichen Einfluß _eines_ Mannes eine so plötzliche und so
+tiefgreifende, so ungeheure Bereiche umfassende Umgestaltung ausgegangen.
+Sie war nicht das Ergebnis zusammentreffender Zufälligkeiten, sondern,
+soviel zu erkennen ist, gewollt und mit bewußter Konsequenz durchgeführt.
+Wenn einmal die Völker Asiens aufgerüttelt waren, wenn der Westen die
+Genüsse des Ostens, der Osten die Künste des Westens kennen und bedürfen
+gelernt hatte, wenn die Abendländischen, die in Indien oder Baktrien
+geblieben, die Asiaten, die aus allen Satrapien am Hofe versammelt waren,
+des Heimischen in der Fremde nur um so mehr begehrten, wenn das
+Durcheinander der verschiedensten Lebensweisen und Bedürfnisse, wie es sich
+zur höchsten Pracht gesteigert am Königshofe fand, in den Satrapien, in den
+Häusern der Vornehmen, in allen Kreisen des Lebens mehr oder minder zur
+herrschenden Mode werden mußte, so ergab sich unmittelbar das Bedürfnis
+eines großen und durchgreifenden Handelsverkehrs, und es kam vor allem
+darauf an, demselben die sichersten und bequemsten Straßen zu öffnen und
+ihm in einer Reihe bedeutender Zentralpunkte Zusammenhang und Stetigkeit zu
+geben. Diese Rücksicht, neben der militärischen, hat Alexander von Anfang
+an bei seinen Gründungen und Kolonisierungen im Auge gehabt, und die
+meisten seiner Städte sind bis auf den heutigen Tag die bedeutendsten
+Emporien Asiens; nur daß heute die Karawanenzüge räuberischen Überfällen
+und willkürlichen Bedrückungen der Gewalthaber ausgesetzt sind, während in
+Alexanders Reiche die Straßen gesichert, die Räuberstämme der Gebirge und
+der Wüsten in Furcht gehalten oder zur Ansiedelung genötigt, die
+königlichen Beamten zur Förderung und Sicherung des Verkehrs verpflichtet
+und bereit waren. Auch die Kauffahrtei auf dem Mittelmeer wuchs
+außerordentlich, und schon jetzt begann das ägyptische Alexandrien
+Mittelpunkt des mittelländischen Verkehrs zu werden, der nach des Königs
+Plänen bald vor den Räubereien etruskischer und illyrischer Piraten
+geschützt werden sollte. Besonders wichtig aber war die unermüdliche
+Sorgfalt, mit der Alexander neue maritime Verbindungen zu eröffnen suchte;
+schon war es ihm gelungen, den Seeweg vom Indus zum Euphrat und Tigris zu
+finden; die Gründung hellenistischer Hafenstädte an den Mündungen dieser
+Ströme gab dem Verkehr auf dieser Seite die nötigen Stützpunkte; was
+Alexander tat, denselben in Aufnahme zu bringen und dem Inneren des
+syrischen Tieflandes mit den Strommündungen in ähnlicher Weise, wie den
+Indusmündungen mit den oberen Induslandschaften, unmittelbare
+Handelsverbindung zu schaffen, wie er die Auffindung eines weiteren
+Seeweges vom Persischen Meerbusen aus um die Halbinsel Arabien bis in das
+Rote Meer und in die Nähe von Alexandrien plante, wie er Heer- und
+Handelsstraßen vom ägyptischen Alexandrien aus abendwärts an der Südküste
+des Mittelmeeres entlang zu führen beabsichtigte, wie er endlich in der
+Hoffnung, eine Verbindung des Kaspischen Meeres mit dem nördlichen und
+weiter dem Indischen Ozean aufzufinden, in den hyrkanischen Wäldern Schiffe
+zu bauen anordnete, davon wird demnächst die Rede sein.
+
+Noch ein anderer Gesichtspunkt verdient auch an dieser Stelle hervorgehoben
+zu werden, der der begonnenen Völkermischung, in der Alexander zugleich das
+Ziel und das Mittel seiner Gründungen sah. In einer Zeit von zehn Jahren
+war eine Welt entdeckt und erobert worden, waren die Schranken gefallen,
+die Morgen- und Abendland schieden, und die Wege geöffnet, die fortan die
+Länder des Aufganges und Niederganges miteinander vereinen sollten. Ein
+alter Schriftsteller sagt: »Wie in einem Becher der Liebe waren die
+Elemente allen Völkerlebens ineinander gemischt, und die Völker tranken
+gemeinsam aus diesem Becher und vergaßen der alten Feindschaft und der
+eigenen Ohnmacht.«
+
+Es ist hier nicht der Ort, darzulegen, zu welchen Folgen sich diese
+Völkermischung entwickelt hat; sie sind die Geschichte der nächsten
+Jahrhunderte. Aber schon in diesen ihren Anfängen lassen sich die
+Richtungen erkennen, die sich dann in Kunst, Wissenschaft, Religion, in
+allem menschlichen Erkennen und Wollen immer breiter entfaltet haben, oft
+wüst genug, oft zu Entartungen, in denen nur der historische Blick, der
+über Jahrhunderte hin die Zusammenhänge erfaßt, den in der Tiefe wirkenden
+mächtigen Zug des Fortschreitens zu entdecken vermag. Es war für die
+hellenische Kunst kein Gewinn, daß sie die stille Größe harmonischer
+Verhältnisse zu dem asiatischen Prunk gewaltiger Massen zu steigern, den
+Idealismus ihrer Darstellungen in der Üppigkeit kostbarer Materialien und
+realistischer Augenlust zu überbieten lernte. Die düstere Pracht der
+ägyptischen Tempel, die phantastischen Burg- und Saalbauten von Persepolis,
+die Riesentrümmer von Babylon, die indischen Architekturen mit ihren
+Schlangenidolen und den lagernden Elefanten unter den Säulen, das alles
+wurde dem hellenischen Künstler mit den Traditionen seiner heimatlichen
+Kunst vermischt, immerhin ein reicher Schatz neuer Anschauungen und
+Entwürfe; aber schon schweiften die Konzeptionen ins Ungeheure; man
+erinnere sich jenes Riesenplans des Deinokrates, den Berg Athos zu einer
+Statue Alexanders auszumeißeln, deren eine Hand eine Stadt von zehntausend
+Einwohnern tragen, die andere einen Bergstrom in mächtigen Kaskaden in das
+Meer hinabgießen sollte. Wohl erhob sich so erregt und gesteigert demnächst
+die Kunst in den Porträtköpfen der Münzen, in den statuarischen der Denker
+und Dichter zu der höchsten individuellen Wahrheit und Lebendigkeit, in
+großen plastischen Kompositionen -- so in der pergamenischen -- zu dem
+kühnsten Ausdruck bewegtester Leidenschaftlichkeit und weitgespannter
+Gedanken. Dann folgte rasches Sinken bei um so öderem Luxus und um so
+virtuoserem Kunstgewerbe.
+
+Auch die poetische Kunst versuchte es, an diesem neuen Leben Anteil zu
+gewinnen; sie entwickelte in der sogenannten neuen Komödie und in der
+Elegie eine Feinheit psychologischer Beobachtung und eine Virtuosität, die
+Charaktere und Situationen des täglichen Lebens, des sozialen Kleinlebens
+möchte man sagen, des wirklichen wie des idyllisch-fingierten zu schildern,
+die lebhafter als alles andere empfinden läßt, wieweit hinweg man von dem
+alten Zuge der großen Gemeininteressen, der großen Gedanken und
+Leidenschaften ist, die das Leben lebenswert machen. So dem Individuellen
+und Realistischen hingegeben, hat die hellenische Poesie weder aus den
+Heldenkämpfen, die sie jetzt sich vollziehen sah, noch aus den
+staunenswürdigen neuen Gestaltungen, die ihr durch sie erschlossen wurden,
+sich neue Bahnen gewonnen, wenn man nicht die taumelwilde galliambische
+Poesie der Selbstverstümmelung dafür nehmen will; sie hat nicht mehr
+vermocht, die Farbenpracht persischer Märchen oder die überirdische
+Feierlichkeit monotheistischer Psalmen und Prophetien in sich aufzunehmen;
+sie kehrte, wenn sie sich über das beliebte Tagtägliche erheben wollte, zur
+Nachahmung ihrer klassischen Zeit zurück und überließ es dem Morgenlande,
+die Erinnerung an den gemeinsamen Helden Iskander in tausend Sagen und
+Gesängen von Geschlecht zu Geschlecht zu vererben. Unter den redenden
+Künsten der Hellenen konnte nur die jüngste, die noch frisch und lebendig
+unter den Zeitgenossen blühte, neue Formen zu gewinnen versuchen, und die
+sogenannte asianische Beredsamkeit, blühend und überreich an Schmuck, ist
+ein charakteristisches Erzeugnis dieser Zeit.
+
+Desto fruchtbarer war die Umgestaltung, welche in den Wissenschaften
+begann. Durch Aristoteles war jener großartige Empirismus ins Leben
+gerufen, dessen die Wissenschaft bedurfte, um des ungeheuren Vorrates von
+neuem Stoff, den Alexanders Züge jedem Zweige des menschlichen Erkennens
+eroberten, Herr zu werden. Der König, selbst Schüler des Aristoteles und
+mit allem, was die Studien hellenischer Ärzte, Philosophen und Rhetoren
+bisher geleistet hatten, vertraut, bewahrte stets das lebendigste Interesse
+für dieselben; ihn begleiteten auf seinen Zügen Männer von allen Fächern
+der Wissenschaft; sie beobachteten, forschten, sammelten, sie vermaßen die
+neuen Länder und die Hauptstraßen in denselben. Ebenso begann für die
+geschichtlichen Studien eine neue Epoche; man konnte jetzt an Ort und
+Stelle forschen, konnte die Sagen der Völker mit ihren Denkmalen, ihre
+Schicksale mit ihren Sitten vergleichen, und trotz der unzähligen Irrtümer
+und Märchen, welche durch die sogenannten Schriftsteller Alexanders
+verbreitet wurden, ist doch erst mit dieser Zeit das Material und demnächst
+die Methode für die große geschichtliche und geographische Forschung
+gewonnen worden. In mancher Beziehung konnte die hellenische Wissenschaft
+unmittelbar von dem Morgenländer lernen, und die große Tradition
+astronomischer Beobachtungen in Babylon, die bedeutende Arzneikunde, die im
+indischen Lande gewesen zu sein scheint, die eigentümlichen Kenntnisse der
+Anatomie und Mechanik unter den Priestern Ägyptens gewannen unter der Hand
+hellenischer Forscher und Denker neue Bedeutung. Die eigentümliche
+Entwicklung des hellenischen Geistes hatte die Philosophie als den
+Inbegriff alles Wissens dargestellt; jetzt emanzipierten sich die einzelnen
+Richtungen des Erkennens; die exakten Wissenschaften begannen sich, auf
+selbständige Empirie gestützt, zu entfalten, während die Philosophie,
+uneins über das Verhältnis des Denkens zur Wirklichkeit, bald die
+Erscheinungen für die Gedanken, bald die Erkenntnis für die Erscheinungen
+unzulänglich nannte.
+
+Es liegt in der Natur der Sache, daß die Umgestaltung des Völkerlebens in
+sittlicher, sozialer, religiöser Beziehung langsamer und bis auf einzelne
+Eruptionen unmerklich vor sich gehen mußte; und wenn gegen das Neue,
+welches unter Alexanders Regiment natürlicherweise zu plötzlich, zu
+unvorbereitet, oft gewaltsam ins Leben gerufen war, mit seinem Tode eine
+Reaktion hervortrat, welche in den dreißig Jahren der Diadochenkämpfe sich
+bald dieser, bald jener Partei anschloß, so war das Resultat kein anderes,
+als daß das Neue endlich zur Gewohnheit wurde und, nach den volkstümlichen
+Verschiedenheiten modifiziert, solche Formen annahm, in die sich das Leben
+der Völker unter einem fortan gleichen und gemeinsamen Prinzip weiter
+hineinbilden konnte. Auf ein allmähliches Verschwinden nationaler
+Vorurteile, auf eine gegenseitige Annäherung in Bedürfnissen, Sitten und
+Ansichten, auf ein positives und unmittelbares Verhalten der sonst
+entzweiten Volkstümlichkeiten gründete sich ein vollkommen neues, soziales
+Leben; und wie etwa in neuer Zeit gewisse Anschauungen, Voraussetzungen,
+Konvenienzen bis zu den Moden hinab die Einheit der zivilisierten Welt
+bekunden, so hat sich in jener hellenistischen Zeit und, darf man vermuten,
+unter ähnlichen Formen, eine Weltbildung durchgearbeitet, die am Nil und
+Jaxartes dieselben konventionellen Formen als die der guten Gesellschaft,
+der gebildeten Welt geltend machte. Attische Sprache und Sitte wurde die
+Richtschnur der Höfe von Alexandreia und Babylon, von Baktra und Pergamon;
+und als der Hellenismus seine politische Selbständigkeit dem römischen
+Staate gegenüber verlor, begann er in Rom die Herrschaft der Mode und
+Bildung zu gewinnen. So darf man den Hellenismus mit Recht die erste
+Welteinheit nennen; während das Achämenidenreich nichts als ein äußerliches
+Aggregat von Ländermassen war, deren Bevölkerungen nur die gleiche
+Knechtschaft miteinander gemein hatten, blieb in den Ländern des
+Hellenismus, selbst als sie zu verschiedenen Reichen zerfielen, die höhere
+Einheit der Bildung, des Geschmacks, der Mode, oder wie man sonst dies
+stets wechselnde Niveau konventioneller Meinungen und Gewohnheiten nennen
+will.
+
+Auf die sittlichen Zustände der Völker werden politische Veränderungen
+stets in dem Verhältnis der unmittelbaren Beteiligung weniger, vieler,
+aller an den Funktionen des Staates wirken. Dieselbe geschichtliche
+Versumpfung, welche die Völker Asiens bisher in den stumpfsten politischen
+Formen, den despotischen und hierarchischen, hatte verharren lassen, ließ
+sie zunächst und zum guten Teil bei dem unermeßlichen Wechsel, der über
+sie gekommen war, stumm und passiv; wenn sich Alexander vielfach ihrem
+Herkommen und ihrer Überzeugung gefügt hatte, so zeigt das, auf welchem
+Wege allein es möglich war, sie allmählich über sich selbst hinauszuführen.
+Natürlich war der Erfolg dieser Bemühungen je nach dem Charakter der
+verschiedenen Völker sehr verschieden, und während die Uxier und die
+Mardier erst lernen mußten, den Acker zu bestellen, »die Hyrkaner, ehelich
+zu leben, die Sogdianer, ihre alternden Väter zu ernähren statt zu töten«,
+hatte der Ägypter schon seinen Abscheu gegen die kastenlosen Fremdlinge,
+der Phöniker die Greuel seiner Molochsopfer zu verlernen begonnen. Dennoch
+konnte erst die Folgezeit allmählich eine neue und gleichartige Weise zu
+sein, zu denken und zu handeln heranbilden, um so mehr, da den meisten
+altasiatischen Völkern die Grundlage ihrer Moral, ihrer persönlichen und
+rechtlichen Verhältnisse, welche den Hellenen dieser Zeit nur noch in dem
+positiven Gesetz oder in der entwickelten Erkenntnis ethischer Prinzipien
+gegeben schien, in der Religion enthalten war und durch sie gewiß und
+zwingend galt. Die Völker Asiens aufzuklären, ihnen die Fesseln des
+Aberglaubens, der unfreien Frömmigkeit zu zerreißen, ihnen das Wollen und
+Können selbstgewisser Verständigkeit zu erwecken und zu allen Konsequenzen,
+den heilvollen wie gefährlichen, zu steigern, kurz, sie für das
+geschichtliche Leben zu emanzipieren, das war die Arbeit, welche der
+Hellenismus in Asien zu vollbringen versucht und zum Teil, wenn auch erst
+spät, vollbracht hat.
+
+Schneller und entschiedener ist die Umgestaltung der sittlichen Zustände in
+dem makedonischen und hellenischen Volkstum hervorgetreten. Beiden
+gemeinsam wird in Alexanders Zeit die Steigerung alles Könnens und Wollens,
+die Überspannung der Ansprüche und der Leidenschaften, das Leben in dem
+Moment und für ihn, der rücksichtslose Realismus; und doch, wie verschieden
+sind sie in jeder Beziehung. Der Makedone, vor drei Jahrzehnten noch voll
+bäuerischer Einfalt, an der Scholle haftend und in dem gleichgültigen
+Einerlei seiner armen Heimat zufrieden, denkt jetzt nichts als Ruhm, Macht
+und Kampf; er fühlt sich Herr einer neuen Welt, die er stolzer ist zu
+verachten als erobert zu haben; aus den unablässigen Kriegsfahrten hat er
+jenes trotzige Selbstgefühl, jene kalte militärische Schroffheit, jene
+Geringschätzung der Gefahr und des eigenen Lebens heimgebracht, wie die
+Zeiten der Diadochen sie oft genug in der Karikatur zeigen; und wenn große
+geschichtliche Durchlebungen der Denkweise und der Physiognomie der Völker
+ihr Gepräge geben, so sind die Narben des zehnjährigen morgenländischen
+Krieges, die in endlosen Strapazen, in Entbehrungen und Ausschweifungen
+aller Art tiefgefurchten Züge der Typus der Makedonen. Anders das
+hellenische Wesen daheim. Dessen Zeit ist vorüber; weder von dem Drange zu
+neuen Taten, noch von dem Bewußtsein politischer Macht gehoben, begnügen
+sich diese einst so rüstigen Hellenen mit dem Glanze ihrer Erinnerungen;
+das Prahlen ersetzt ihnen den Ruhm, und übersättigt von Genuß suchen sie um
+so mehr dessen oberflächlichste Form, den Wechsel; um so leichtfertiger,
+fahriger, parrhesiastischer, um so entfernter jeder einzelne, sich einer
+Verantwortung oder Autorität unterzuordnen, und um so loser und zuchtloser
+insgemein geht das Griechentum in jene geistreiche, oberflächliche, nervöse
+Vielgeschäftigkeit, in jene Lernbildung über, die immer das letzte Stadium
+in dem Leben der Völker bezeichnet; alles Positive, alles Haltende und
+Zusammenhaltende, selbst das Gefühl, Schlacke geworden zu sein, geht dahin;
+das Werk der Aufklärung hat sich vollbracht.
+
+Man darf wohl sagen, daß durch diese Aufklärung, so nivellierend und widrig
+sie im einzelnen erscheint, die Kraft des Heidentums gebrochen und eine
+geistigere Entwicklung der Religion möglich geworden ist. Nichts ist in
+dieser Beziehung wirksamer gewesen als jene sonderbare Erscheinung der
+Göttermischung, der Theokratie, an der in den nächstfolgenden Jahrhunderten
+alle Völker des Hellenismus Anteil nahmen.
+
+Wenn man die Gottheiten, die Kulte, die Mythen des Heidentums als eigensten
+und lebendigsten Ausdruck der ethnographischen und geschichtlichen
+Verschiedenheit der Völker betrachten darf, so lag da für das Werk, das
+Alexander schaffen wollte, die größte Schwierigkeit. Seine Politik traf den
+Nerv der Sache, wenn er, in dessen Person und Regiment zunächst jene
+Einheit sich darstellen mußte, in seiner unmittelbaren Umgebung so gut den
+indischen Büßer Kalanos und den persischen Magier Osthanes, wie den
+lykischen Zeichendeuter Aristandros hatte, wenn er den Gottheiten der
+Ägypter, der Perser, der Babylonier, dem Baal von Tarsus, dem Jehova der
+Juden sich in gleicher Weise wie ihre Gläubigen zuwandte und, alle
+Zeremonien und Ansprüche ihres Kultus erfüllend, dessen Bedeutung und
+Inhalt als offene Frage zur Seite ließ, vielleicht da und dort schon
+Anschauungen und Geheimlehren priesterlicher Weisheit begegnend, die in
+pantheistischer, deistischer, nihilistischer Fassung des Volksglaubens dem
+entgegenkam, was den gebildeten Hellenen ihre Philosophie gab. Des Königs
+Beispiel wird rasch genug in weiten und weiteren Kreisen gewirkt haben; man
+begann, nun dreister als es schon immer hellenische Art gewesen, Götter der
+Fremde heimisch zu machen und die heimatlichen Götter in denen der Fremde
+wiederzuerkennen, die Sagenkreise und Theogonien der verschiedenen Völker
+zu vergleichen und in Einklang zu bringen; man begann sich zu überzeugen,
+daß alle Völker, in mehr oder minder glücklichem Bilde, in ihren Göttern
+dieselbe Gottheit verehrten, mehr oder minder tief gefaßt dieselbe Ahnung
+des Überirdischen, des Absoluten, des letzten Zweckes oder Grundes
+auszusprechen versuchten, und daß die Unterschiede der göttlichen Namen,
+Attribute, Ämter, nur äußerliche und zufällige, zu berichtigen und zu ihrem
+Gedanken zu vertiefen seien.
+
+So offenbarte es sich, daß die Zeit lokaler und nationaler, das heißt
+heidnischer Religionen vorüber, daß die endlich sich einigende Menschheit
+einer einigen und allgemeinen Religion bedürftig und fähig sei; die
+Theokratie war selbst nichts als ein Versuch, durch Verschmelzung aller
+jener verschiedenen Religionssysteme eine Einheit hervorzubringen; nur daß
+sie auf diesem Wege in der Tat doch nimmer erreicht werden konnte. Es war
+die Arbeit der hellenistischen Jahrhunderte, die Elemente einer höheren und
+wahrhafteren Einigung zu erwirken, das Gefühl der Endlichkeit und Ohnmacht,
+das Bedürfnis der Buße und des Trostes, die Kraft der tiefsten Demut und
+der Erhebung bis zur Freiheit in Gott und zur Kindschaft Gottes zu
+entwickeln; es sind die Jahrhunderte der Entgötterung der Welt und der
+Herzen, der tiefsten Verlorenheit und Trostlosigkeit, des immer lauteren
+Rufes nach dem Erlösenden.
+
+In Alexander hat sich der Anthropomorphismus des hellenischen Heidentums
+erfüllt; ein Mensch ist Gott geworden; sein, des Gottes, ist das Reich
+dieser Welt, in ihm der Mensch erhöht zu der höchsten Höhe der Endlichkeit,
+durch ihn die Menschheit erniedrigt, vor dem anzubeten, der der sterblich
+Geborenen einer ist.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+ Alexanders Zug nach Medien -- Hephaistions Tod -- Kampf
+ gegen die Kossäer -- Rückkehr nach Babylon -- Gesandtschaften
+ -- Expeditionen ins südliche Meer -- Rüstungen, neue
+ Pläne -- Alexanders Krankheit -- Sein Tod
+
+
+Am Schluß von sieben Kriegsjahren schreibt ein großer Kriegsfürst neuerer
+Zeit: so viele Feldzüge hätten ihn zum Greise gemacht; und er stand in der
+vollsten Manneskraft, im Anfang der vierziger Jahre, als er sie begann.
+Alexander hatte zwölf Jahre hindurch unablässig im Felde gelegen, schwere
+Verwundungen, mehr als eine lebensgefährliche, erlitten; endlose Strapazen,
+die Spannungen und Aufregungen unermeßlicher Wagnisse, schon auch jene
+erschütternden Vorgänge am Hyphasis, jenen furchtbaren Zug durch die
+gedrosische Wüste, den Aufruhr der Veteranen in Opis durchgemacht; er hatte
+Kleitos erstochen, Philotas, Parmenion hinrichten lassen. Die
+Überlieferungen sagen nicht, ob sein Geist und sein Körper noch in
+derselben Spannkraft und Frische war wie in den Tagen des Donaufeldzuges
+und am Granikos, oder ob er »nervös« zu werden begann, sich früh altern
+fühlte. Die nächste Zeit sollte ihm neue schmerzliche Erregungen bringen.
+
+Bald nach dem Aufbruch der Veteranen aus Opis verließ auch er mit den
+übrigen Truppen diese Stadt, um nach Ekbatana hinaufzuziehen.
+
+Medien vor allem hatte während des Königs Aufenthalt in Indien von der
+Zügellosigkeit und dem Übermut makedonischer Beamten und Befehlshaber viel
+gelitten, die Bevölkerung dort trotz der vielfachen Anreizungen zum
+Aufstande sich treu bewährt; Baryaxes, der vergebens die Fahne des Aufruhrs
+erhoben hatte, war durch den Satrapen Atropates dem Gerichte des Königs
+überliefert worden. Trotzdem mochte da noch Anlaß genug sein zu
+untersuchen, zu ordnen, auszugleichen, es mochte namentlich die Plünderung
+des Schatzes und des Harpalos Flucht genauere Feststellungen fordern. Auch
+war die große Straße durch die medischen Berge noch keineswegs so sicher,
+wie es für den lebhaften Verkehr zwischen den syrischen Satrapien und dem
+oberen Lande erforderlich war; unter der Reihe der Bergvölker von Armenien
+bis zur karmanischen Küste waren immer noch die Kossäer, die räuberischen
+Bewohner des Zagrosgebirges, nicht gedemütigt, und jeder Transport, der
+nicht mit bedeutender Bedeckung den Weg der medischen Pässe einschlug,
+ihren Überfällen ausgesetzt. Das etwa waren die Gründe, welche den König
+bewogen, seine Rückkehr nach Babylon, sowie den Beginn der neuen
+Unternehmungen gen Süden und Westen, für welche die Zurüstung in vollem
+Gange war, bis zum nächsten Frühjahr zu verschieben.
+
+Er ging, es mochte gegen Ende August 324 sein, von Opis aus auf der
+gewöhnlichen medischen Straße nach Ekbatana; die Truppen folgten in
+mehreren Abteilungen durch die nördlichen Distrikte der Landschaft
+Sittakene. Alexander war über den Flecken Karrai und von da in vier Tagen
+nach Sambata gekommen; er blieb hier sieben Tage, bis die verschiedenen
+Kolonnen zusammengetroffen waren. Mit drei Tagemärschen erreichte man die
+Stadt Kelonai (Holwan), wenige Meilen von den Zagrospässen, von Hellenen
+bewohnt, die, zur Zeit der Perserkriege hierhergebracht, in Sprache und
+Sitten noch immer das Hellenische, wenn auch nicht rein, bewahrten. Von
+hier zog Alexander zu der Paßgegend von Bagistane; er besuchte die
+berühmten Anlagen in der Ebene vor dem Gebirge, die man den Garten der
+Semiramis nannte. Bei seinem weiteren Zuge kam er in die nysäischen Felder,
+in welchen die ungeheuren Roßherden der Könige weideten; er fand an Pferden
+noch fünfzig- bis sechzigtausend. Das Heer verweilte hier einen Monat. Der
+Satrap Atropates von Medien kam, hier an den Grenzen seiner Satrapie den
+König zu begrüßen; er brachte, so wird erzählt, hundert Weiber zu Roß, mit
+Streitäxten und kleinen Schilden bewaffnet, in das Lager, indem er
+aussagte, dies seien Amazonen; eine Erzählung, die zu den sonderbarsten
+Ausschmückungen Anlaß gegeben hat.
+
+Ein ärgerlicher Vorfall sollte diese Zeit der Rast unterbrechen. In der
+Umgebung Alexanders befanden sich Eumenes und Hephaistion. Eumenes von
+Kardia, welcher die erste Stelle in dem Kabinett des Königs hatte und von
+demselben wegen seiner großen Gewandtheit und Zuverlässigkeit vielfach und
+namentlich noch bei der Hochzeitfeier von Susa durch die Vermählung mit
+Artabazos' Tochter geehrt war, scheint in Sachen des Geldes in üblem Rufe
+gestanden zu haben; es galt dafür, daß der König den unentbehrlichen
+Archigrammateus, so oft er dessen Vorteil mit seinem Pflichteifer oder
+seiner Hingebung in Kollision sehe, auf das freigebigste bedenke. Nur
+einmal, so wird erzählt -- es war noch in Indien und der König hatte die
+Ausrüstung der Stromflotte, da seine Kassen erschöpft waren, als Ehrensache
+den Großen in seiner Umgebung überlassen --, ärgerte sich Alexander zu sehr
+an dem auffallenden Verhalten des Kardianers, als daß er sich hätte
+versagen sollen, ihn zu beschämen. Eumenes sollte dreihundert Talente
+verwenden; er gab nur hundert und versicherte, daß er kaum diese mit aller
+Mühe habe zusammenbringen können; und doch kannte Alexander seinen
+Reichtum. Er machte ihm keine Vorwürfe, nahm aber das Dargebotene nicht an;
+er befahl, in der Stille der Nacht das Zelt des Eumenes anzuzünden, um ihn
+dann, wenn er in voller Angst vor dem Feuer, dem übrigens sogleich wieder
+Einhalt getan werden sollte, seine Schätze herausschleppen ließe, dem
+allgemeinen Spotte preiszugeben. Das Feuer griff so schnell um sich, daß es
+das ganze Zelt mit allem, was in demselben war, namentlich den zahlreichen
+Schriftstücken der Kanzlei, verzehrte; das geschmolzene Gold und Silber,
+das man in der Asche fand, betrug allein über tausend Talente. Alexander
+ließ ihm sein Geld und sandte an die Satrapen und Strategen Befehl,
+Abschriften von den an sie erlassenen Zuschriften und Weisungen
+einzusenden. Bei den Makedonen des Heerlagern war Eumenes, der »mit der
+Schreibtafel und dem Griffel statt mit Speer und Schwert« diente, und der
+trotzdem nur zu viel Einfluß und Ansehen beim Könige zu haben schien, wenig
+beliebt; und daß ihn vor allen Hephaistion, der durch sein nahes Verhältnis
+zu Alexander oft genug mit ihm in Berührung kam, nicht mochte, war nach dem
+Charakter des edlen Pelläers natürlich. Alles, was von diesem berichtet
+wird, zeigt seinen edlen, ritterlichen, hingebenden Sinn, seine unbegrenzte
+und wahrhaft rührende Anhänglichkeit für den König. Alexander liebte in ihm
+den Gespielen seiner Knabenjahre; aller Glanz des Thrones und des Ruhmes,
+und jener Wechsel in seinem äußeren und inneren Leben, um dessentwillen
+mancher, dem er viel vertraut, an ihm irre geworden war, hatten ihr
+herzinniges Verhältnis nicht zu stören vermocht; ihre Freundschaft hatte
+die schwärmerische Weichheit des Jünglingsalters, dem sie beide fast noch
+angehörten; die Erzählung, wie Alexander einen Brief von seiner Mutter voll
+Vorwürfe und Klagen, die er auch dem Freunde gern verschwieg, durchlas und
+Hephaistion sich über des Freundes Schultern lehnte und mitlas, und der
+König ihm dann den Siegelring auf den Mund drückte, gibt das Bild, wie man
+sich beide denken mag.
+
+Hephaistion und Eumenes hatten schon mehrfach miteinander Streit gehabt,
+und ihre gegenseitige Abneigung bedurfte keines großen Anlasses, um in
+neuen Zwist auszubrechen. Ein Geschenk, das eben jetzt Hephaistion vom
+Könige erhielt, genügte, des Kardianers Neid auf das heftigste zu erregen
+und einen Wortwechsel hervorzurufen, in dem bald beide alle Rücksichten und
+sich selbst vergaßen. Alexander tat dem ärgerlichen Gezänk Einhalt; dem
+Eumenes gab er ein gleiches Geschenk, an Hephaistion wandte er sich mit dem
+Scheltwort, ob er sich und seine Würde nicht besser kenne; er forderte von
+beiden das Versprechen, fortan jede Uneinigkeit zu meiden und sich
+miteinander auszusöhnen. Hephaistion weigerte es, er war der tief
+Gekränkte, und Alexander hatte Mühe, ihn zu beruhigen; ihm zuliebe reichte
+Hephaistion endlich die Hand zur Versöhnung.
+
+Nach diesen Vorgängen und einer dreißigtägigen Rast in dem nysäischen Tale
+brach das Heer nach Ekbatana auf und erreichte in sieben Tagen, etwa mit
+dem Ausgange des Oktober, diese große und reiche Stadt. Es ist zu bedauern,
+daß die alten Überlieferungen nichts von den Anordnungen, Gründungen und
+Organisationen, die zu Ekbatana, wie es scheint, des Königs besondere
+Tätigkeit in Anspruch nahmen, berichten; reicher sind sie an Schilderungen
+der Festlichkeiten, welche in der medischen Residenz gefeiert wurden,
+namentlich der der Dionysien.
+
+Alexander hatte seine Residenz in dem königlichen Schlosse genommen; das
+Schloß, ein Denkmal aus der Zeit der medischen Größe, lag unter der Burg
+der Stadt, in einer Ausdehnung von sieben Stadien; die Pracht dieses
+Gebäudes grenzte an das Märchenhafte; alles Holzwerk war von Zedern und
+Zypressen, das Gebälk, die Decken, die Säulen in den Vorhallen und den
+inneren Räumen mit goldenen oder silbernen Platten belegt, die Dächer mit
+Silberplatten bedeckt. In ähnlicher Weise war der Tempel der Anytis in der
+Nähe des Palastes geschmückt, seine Säulen mit goldenen Kapitellen gekrönt,
+das Dach mit goldenen und silbernen Ziegeln gedeckt. Freilich war schon
+manches von diesem kostbaren Schmuck durch die Raubgier jener makedonischen
+Befehlshaber, die so arg in Medien gehaust hatten, entwendet worden, aber
+noch immer bot das Ganze ein Bild der staunenswürdigsten Herrlichkeit. Die
+Umgebung stimmte mit der Pracht der königlichen Residenz; im Rücken des
+Palastes erhob sich der aufgeschüttete Hügel, dessen Höhe die äußerst feste
+Burg mit ihren Zinnen, Türmen und Schatzgewölben krönte; vor ihr die
+ungeheure Stadt in einem Umfange von fast drei Meilen, im Norden die Gipfel
+des hohen Orontes, durch dessen Schluchten sich die großen Wasserleitungen
+der Semiramis herabzogen.
+
+In dieser wahrhaft königlichen Stadt feierte Alexander die Dionysien des
+Herbstes 324; sie begannen mit den großen Opfern, mit denen Alexander den
+Göttern seinen Dank für das Glück, das sie ihm gewährt, darzubringen
+gewohnt war. Dann folgten Festlichkeiten aller Art, Kampfspiele,
+Festaufzüge, künstlerische Wettkämpfe; Gastmähler und Gelage füllten die
+Zwischenzeit. Unter diesen zeichnete sich das des Satrapen Atropates von
+Medien durch schwelgerische Pracht aus; das gesamte Heer hatte er zu Gast
+geladen, und die Fremden, welche von nah und fern zur Schau der Feste in
+Ekbatana zusammengeströmt waren, umstanden die weite Reihe von Tafeln, an
+denen die Makedonen jubelten und unter Trompetenschall durch Heroldsruf
+ihre Trinksprüche, ihre guten Wünsche für den König und die Geschenke, die
+sie ihm weihten, verkünden ließen; der lauteste Jubel folgte dem Spruch des
+Gorgos, des königlichen Waffenmeisters: »Dem König Alexander, dem Sohn des
+Zeus Ammon, weiht Gorgos einen Kranz von dreitausend Goldstücken, und, wenn
+er Athen belagert, zehntausend Rüstungen nebst ebenso vielen Katapulten und
+allen Geschossen, so viele er zum Kriege braucht.«
+
+So die lärmenden und überreichen Festlichkeiten dieser Tage, nur Alexander
+war nicht zur Freude gestimmt; Hephaistion war krank. Umsonst bot sein Arzt
+Glaukias alle Kunst auf, er vermochte dem zehrenden Fieber nicht Einhalt zu
+tun. Alexander konnte sich nicht den Festlichkeiten entziehen, er mußte den
+kranken Freund verlassen, um sich dem Heere und dem Volk zu zeigen. Er
+befand sich gerade, es war am siebenten Tage und die Knaben hatten ihren
+Wettkampf, unter der fröhlichen Menge, die auf dem Stadion auf und ab
+wogte; da wurde ihm die Nachritt gebracht, daß es mit Hephaistion schlecht
+stehe; er eilte zum Schloß, in das Zimmer des Kranken, Hephaistion war eben
+verschieden. Die Hand der Götter konnte nicht Schwereres über Alexander
+verhängen; drei Tage saß er bei der teuren Leiche, lange klagend, dann vor
+Gram verstummend, ohne Speise und Trank, am Kummer sich weidend und der
+Erinnerung an den schönen Freund, der ihm in der Blüte des Lebens entrissen
+war. Es schwiegen die Feste, Heer und Volk klagte um den Edelsten der
+Makedonen, und die Magier löschten das heilige Feuer in den Tempeln, als ob
+ein König gestorben sei.
+
+Als die Tage der ersten Trauer vorüber waren, und die Getreuen mit ihren
+Bitten erreicht hatten, daß sich der König von seines Freundes Leiche
+trennte, ordnete er den Trauerzug, der die Leiche nach Babylon führen
+solle. Auf Eumenes' Anregung brachten die Strategen, Hipparchen, Hetairen
+Waffen, Kleinodien, Gaben aller Art, den Wagen zu schmücken, der die
+Leiche trug; Perdikkas erhielt den Befehl, sie nach Babylon zu geleiten,
+dort sollte der Scheiterhaufen erbaut, dort im Frühlinge die Kampfspiele
+der Totenfeier gehalten werden; mit Perdikkas ging Deinokrates, den
+Prachtbau des Scheiterhaufens zu leiten.
+
+Es war gegen Ende des Jahres 324 und in den Bergen lag bereits tiefer
+Schnee, als Alexander mit seinem Heere aus Ekbatana aufbrach, um durch die
+Berge der Kossäer gen Babylon zu ziehen; er wählte diese Jahreszeit, weil
+die räuberischen Stämme im Gebirge jetzt nicht aus ihren Tälern auf die
+schneebedeckten Berghöhen flüchten konnten. Mit dem leichteren Teil seiner
+Truppen ging er, während die übrigen auf der großen Straße vorauszogen,
+südwärts, denn in dieser Richtung bis zu den ihnen verwandten Oxiern hin,
+wohnten und wanderten diese Hirtenstämme. In zwei Kolonnen, die eine unter
+des Königs, die andere unter des Lagiden Ptolemaios Befehl, wurden die
+Bergtäler durchstreift, die meist kleinen Horden, die sich stets auf das
+kühnste zur Wehr setzten, einzeln überwältigt, ihre Raubtürme erbrochen,
+viele Tausende erschlagen und zu Gefangenen gemacht, die anderen zur
+Unterwerfung gezwungen, ihnen vor allem feste Ansiedlung und das Bebauen
+des Feldes zur Pflicht gemacht. Nach Verlauf von vierzig Tagen war das
+unabhängige Bergvolk in dem Gebirgslande der Passagen wie früher die Uxier,
+Kadusier, Mardier und Paraitakenen, zum Gehorsam gebracht und wenigstens
+der erste Anfang zur Zivilisation gemacht.
+
+Dann zog Alexander in kleinen Tagesmärschen, um die einzelnen
+Truppenabteilungen aus den Bergtälern an sich zu ziehen, nach Babylonien
+hinab. In Babylon wollte er seine gesamten Kräfte zu neuen Unternehmungen
+vereinigen, Babylon sollte der Mittelpunkt des Reiches und die königliche
+Residenz werden. Die Stadt war durch ihre Größe, ihren alten Ruhm, ihre
+Lage besonders dazu geeignet; sie war der Stapelplatz für den Südhandel,
+für die Gewürze Indiens, die Spezereien Arabiens; sie lag in der Mitte
+zwischen den Völkern des Abend- und Morgenlandes; sie war dem Westen näher,
+auf den sich nach der Bewältigung des Ostens Alexanders unternehmender
+Blick wenden mußte. Gen Westen lag jenes Italien, wo seiner Schwester
+Gemahl, der Epeirotenkönig, Ehre und Leben eingebüßt hatte, lag das
+silberreiche Iberien, das Land der phönikischen Kolonien, deren
+Mutterstädte jetzt zum neuen Reiche gehörten, lag jenes Karthago, das seit
+den ersten Perserkriegen und dem damaligen Bunde mit Persien nicht
+aufgehört hatte, gegen die Hellenen in Libyen und Sizilien zu kämpfen. Die
+großen Veränderungen in der Ostwelt hatten Alexanders Ruhm bis zu den
+fernsten Völkern getragen, die teils mit Hoffnung, teils mit Besorgnis auf
+diese Riesenmacht blicken mochten; sie mußten die Notwendigkeit erkennen,
+sich mit dieser Macht, in deren Hand das Schicksal der Welt lag, in
+Beziehung zu setzen und ihr entgegenkommend der eigenen Zukunft die Wege zu
+ebnen.
+
+So geschah es, daß Gesandte auch ferner Völker in das Lager kamen, teils um
+Huldigungen und Geschenke zu überbringen, teils um über Streitigkeiten mit
+Nachbarvölkern des Könige schiedsrichterliche Entscheidung einzuholen; und
+erst jetzt, sagt Arrian, schien es dem Könige und seiner Umgebung, daß er
+Herr über Land und Meer sei. Alexander ließ sich das Verzeichnis der
+Landschaften geben, um die Reihenfolge ihrer Audienzen zu bestimmen; den
+Vortritt hatten die mit heiligen Dingen Beauftragten, namentlich die
+Gesandten von Elis, von Ammonion, vom delphischen Tempel, von Korinth,
+Epidauros usw., nach Maßgabe der Bedeutung der Stelle, von der sie kamen;
+dann folgten die, welche Geschenke überbrachten, welche über Streitigkeiten
+mit Nachbarvölkern verhandeln wollten, die mit inneren und Privatsachen
+Beauftragten, zuletzt die hellenischen Abgeordneten, welche Vorstellungen
+gegen die Zurückführung der Verbannten machen sollten.
+
+Unsere Quellen für die Geschichte Alexanders haben es nicht der Mühe wert
+geachtet, alle diese Gesandtschaften zu nennen; sie führen nur diejenigen
+an, welche in irgendeiner Beziehung denkwürdig waren, und nur aus den
+anderweitig geschichtlichen Verhältnissen der genannten Völker läßt sich
+über die näheren Absichten ihrer Sendung einiger Aufschluß finden. Daß
+Gesandte der Brettier, Lukaner, Etrusker gekommen seien, hat Arrian ohne
+weiteres Bedenken angegeben, ob auch römische[19], wie von manchen
+Schriftstellern gesagt sei, bezweifelt er. Aus der Lage der Verhältnisse in
+Italien muß sich ergeben, ob Anlaß dazu war.
+
+ [19] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Die Brettier und Lukaner hatten seit dem Kriege mit dem Molosser Alexandros
+Grund genug, vor der Macht seines Schwagers, des Siegers über Asien, des
+natürlichen Beschirmers der hellenischen Welt, in Sorge zu sein. Gegen sie
+war der Molosser von dem reichen Handelsstaat Tarent zu Hilfe gerufen
+worden; er hatte sie und die ihnen verbündeten Samniten in einer großen
+Schlacht bei Pästum geschlagen, er hatte an der Ostküste der Halbinsel die
+Messapier, die Daunier zu Paaren getrieben; er war von Meer zu Meer
+mächtig, und die Römer traten mit ihm in ein Bündnis zum gemeinsamen
+Angriff auf die Samniten, deren Kämpfe im Süden sie benutzt hatten, ihr
+Gebiet bis Kampanien hinein auszudehnen und mit römischen Ansiedlungen zu
+befestigen. Aber die wachsende Macht des Epeiroten, vielleicht die
+Besorgnis, daß er sich zum Herrn Großgriechenlands machen wolle, veranlaßte
+die Tarentiner, sich denen zuzuwenden, gegen die sie ihn gerufen hatten;
+ein lukanischer Flüchtling ermordete den König; damit hatten die Samniten
+freie Hand sich gegen die Römer zu wenden, die schon auch Kyme, die älteste
+hellenische Stadt an diesen Küsten, auch Kapua in Besitz genommen hatten.
+Mit ihrem Versuch, sich auch in Neapolis und Palaiopolis festzusetzen,
+begann (328) der große Samnitenkrieg, der nach wechselnden Erfolgen her und
+hin demnächst in den kaudinischen Pässen und dem Unterwerfungsvertrag der
+Römer einen ersten Abschluß finden sollte. Daß die Griechenstädte Italiens,
+statt die Gunst dieser Jahre zu benutzen, ungeeint und ohne Tatkraft, wie
+sie waren, auf den Eroberer Asiens ihre Hoffnung setzten, war ebenso
+natürlich, wie die Besorgnis der Italiker, daß er kommen und ihnen die
+reichen Küstenstädte, die sie endlich gewonnen hatten, aus der Hand reißen
+werde; hatte er doch den Krotoniaten Beutestücke des Sieges von Gaugamela
+gesandt, weil einst gegen Xerxes einer der Ihrigen bei Salamis mitgekämpft
+hatte. Mag es Zufall sein, daß unter den Gesandtschaften keine der Samniten
+genannt wird, oder mag von ihnen keine gekommen sein, das kluge und
+weiterblickende patrizische Regiment in Rom, das in dem schweren Kampf
+gegen die Samniten die Völker hinter ihnen, die Lukaner, Apulier usw. zu
+gewinnen verstanden, sich mit dem Molosser verbündet hatte, konnte sich
+sehr wohl veranlaßt sehen, in dem Moment, wo es die Griechenstädte
+Kampaniens zu unterwerfen gedachte, sich der Gunst dessen zu versichern,
+dessen Einspruch zu fürchten war. Aus einer anderweitigen Nachricht ergibt
+sich, daß Alexander den Römern in betreff der ihnen untertänig gewordenen
+Antiaten, die fortfuhren mit den Etruskern vereint Seeräuberei zu treiben,
+Mahnungen habe zukommen lassen.
+
+Eine Gesandtschaft der Etrusker erklärt sich aus den mannigfachen
+Konflikten, die ihnen aus ihren Seeräubereien mit den hellenischen Staaten
+erwuchsen; war doch eben jetzt von den Athenern eine Expedition
+ausgerüstet, um am Ausgang des Adriatischen Meeres eine Kolonie zu gründen,
+die ihnen in den dortigen Gewässern einen festen Handels- und Stapelplatz
+sichern und ihre Kauffahrtei dort schützen sollte.
+
+Nicht minder erklärlich sind die Sendungen der Karthager, Libyer, Iberier.
+Alexanders Besitznahme von Phönikien mußte sowohl Karthago wie die übrigen
+punischen Kolonien in Nordafrika und Iberien, welche mit dem Mutterlande
+noch immer in naher Verbindung standen, veranlassen, dem Herrscher des
+mächtigen Reiches, von dem sie wohl mehr als Rivalität im Handel zu
+fürchten hatten, ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen; namentlich die
+Karthager werden beachtet haben, was nach ihren früheren Beziehungen zu der
+hellenischen Welt und nach dem Charakter des kriegsgewaltigen Königs für
+sie in Aussicht stand; und die Grenzstreitigkeiten mit den Hellenen
+Siziliens, die seit Timoleons Siegen nicht aufgehört hatten, boten Anlaß
+vollauf zu einer Einmischung, die für die punische Republik nur zu
+bedenkliche Folgen haben konnte. Um so natürlicher war es, daß sie die
+Freundschaft des mächtigen Königs suchten. Wenn angeführt wird, daß die
+libyschen Gesandten mit Kränzen und Glückwünschen wegen der Eroberung
+Asiens gekommen seien, so sind damit die Stämme im Süden Kyrenes gemeint.
+
+Unter den übrigen Gesandtschaften werden namentlich die der europäischen
+Skythen, der Kelten, der Äthiopen genannt, letztere dem Könige vielleicht
+um so wichtiger, je mehr ihn jetzt der Plan, Arabien zu umschiffen und die
+Seestraße, die bereits den Indus und Euphrat verband, bis in das Rote Meer
+und zur ägyptischen Ostküste fortzusetzen, beschäftigte.
+
+Denn schon war der Befehl nach Phönikien gesandt, Matrosen auszuheben,
+Schiffe zu bauen, sie zerlegt über Land nach dem Euphrat zu schaffen.
+Nearch war beauftragt, die Flotte den Euphrat hinauf nach Babylon zu
+führen; bald nach der Ankunft des Königs in Babylon sollte der Zug gegen
+die Araber eröffnet werden. Zu gleicher Zeit ward Herakleides, des Argaios
+Sohn, mit einer Schar Schiffszimmerleute nach dem Strande des Kaspischen
+Meeres abgesandt, mit dem Auftrage, in den Waldungen der hyrkanischen
+Gebirge Schiffsbauholz zu fällen und Kriegsschiffe sowohl mit als ohne Deck
+nach hellenischer Art zu zimmern. Auch diese Expedition hatte den Zweck,
+zunächst zu untersuchen, ob das Kaspische Meer eine nördliche Durchfahrt
+darbiete und ob es mit dem maiotischen See oder dem offenen Meer im Norden
+und durch dasselbe mit den indischen Gewässern in Verbindung stehe.
+Alexander mochte hoffen, mit dieser Expedition jenen Skythenfeldzug, den er
+vor fünf Jahren mit dem Chorasmierkönig besprochen hatte, in Ausführung zu
+bringen. Ebenso waren für die Landmacht neue und sehr bedeutende
+Verstärkungen angeworben, welche im Laufe des Frühlings in Babylon
+eintreffen sollten. Es war offenbar, daß Alexander Großes vorhatte; es
+schien, als ob zu gleicher Zeit Feldzüge gegen Norden, Süden und Westen
+unternommen werden sollten; vielleicht daß er sie einzelnen Feldherren zu
+übertragen gedachte, während er vorerst das Ganze von Babylon, der Residenz
+seines Reiches, aus zu leiten sich vorbehielt.
+
+Die Truppen und ihre Führer werden voll ungeduldiger Spannung, neue
+Feldzüge fürchtend oder hoffend, gen Babylon hinabgezogen sein. Sie wußten
+nicht, wie tief ihr König seit des Freundes Tod gebeugt, wie er umsonst mit
+kühnen und kühneren Plänen den Gram seines Herzens zu übertäuben bemüht
+war; sie wußten nicht, wie ihm die Freude des Lebens zerstört, wie seine
+Seele trüber Ahnungen voll war; mit Hephaistion war ihm seine Jugend zu
+Grabe getragen, und kaum an der Schwelle der männlichen Jahre begann er zu
+altern; der Gedanke des Todes schlich sich in seine Seele.
+
+Der Tigris war überschritten; schon sah man die Zinnen der Riesenstadt, da
+kamen dem Heereszuge die Vornehmsten der Chaldäer, der sternkundigen
+Priester von Babylon, entgegen; sie nahten sich dem Könige, sie führten ihn
+zur Seite und drangen in ihn, den Weg nach Babylon nicht weiter zu
+verfolgen: die Stimme des Gottes Bel habe ihnen offenbart, daß ihm der
+Einzug in Babylon jetzt nicht zum Heile sei. Alexander antwortete mit dem
+Verse des Dichters: der beste Seher sei der, welcher glücklich weissage.
+Sie fuhren fort: »Nicht gen Westen schauend, o König, nicht von dieser
+Seite des Stromes komme nach Babylon; umgehe die Stadt, bis du gen Morgen
+siehst.«
+
+Er ließ das Heer am Ostufer des Euphrat lagern, er zog am folgenden Tage
+auf dieser Seite des Stromes hinab, um dann hinüberzugehen und von Westen
+her in die Stadt einzuziehen; der Strom hatte weithin sumpfige Ufer; nur
+innerhalb der Stadt waren Brücken; es hätte weiter Umwege bedurft, um zu
+den westlichen Quartieren von Babylon zu gelangen. Damals, heißt es, kam
+der Sophist Anaxarchos zum Könige und bekämpfte mit philosophischen Gründen
+des Königs Aberglauben; glaublicher ist, daß Alexander, bald Herr des
+ersten Eindrucks, die Sache für weiteren Zeitverlust und größere Umwege zu
+unbedeutend anzusehen suchte, daß er die Folgen, welche die zu große
+Besorglichkeit von seiner Seite im Heer und Volk hätte hervorbringen
+müssen, mehr scheute als die etwaige Gefahr, daß er nicht zweifelhaft sein
+konnte, wie guten Grund die Chaldäer hatten, seine Anwesenheit in Babylon
+nicht zu wünschen. Er hatte bereits im Jahre 330 den Befehl gegeben, den
+riesigen Tempel des Bel, der seit Xerxes' Zeit als Ruine dastand,
+wiederherzustellen; während seiner Abwesenheit war der Bau ins Stocken
+geraten, die Chaldäer hatten das ihre dazu getan, um den Ertrag der reichen
+Tempelgüter, die zur Erhaltung des Baues bestimmt waren, nicht zu
+verlieren. So war es begreiflich, wenn ihm die Sterne den Eintritt in
+Babylon untersagten oder möglichst erschwerten; wider den Rat der Chaldäer
+rückte Alexander an der Spitze seines Heeres von Morgen her in die
+östlichen Quartiere der Stadt ein; er ward von den Babyloniern freudig
+empfangen; mit Festlichkeiten und Gelagen feierten sie seine Rückkehr.
+
+Es befand sich, so berichtet Aristobulos, zu dieser Zeit der Amphipolite
+Peithagoras, aus priesterlichem Geschlecht und der Opferschau kundig, in
+Babylon; sein Bruder Apollodoros, der seit dem Jahre 331 Strateg der
+Landschaft war, hatte bei Alexanders Rückkehr aus Indien mit den Truppen
+der Satrapie entgegenziehen müssen, und da ihn das strenge Strafgericht,
+welches der König über die schuldigen Satrapen ergehen ließ, auch für seine
+Zukunft besorgt machte, sandte er an seinen Bruder nach Babylon, über sein
+Schicksal die Opfer zu beschauen. Peithagoras hatte ihn dann fragen lassen,
+wen er am meisten fürchte, über den wolle er schauen; auf des Bruders
+Antwort, die den König und Hephaistion nannte, hatte Peithagoras Opfer
+angestellt, und nach der Opferschau dem Bruder nach Ekbatana geschrieben:
+Hephaistion werde ihm bald nicht mehr im Wege sein; diesen Brief hatte
+Apollodor am Tage vor Hephaistions Tode empfangen. Ferner opferte
+Peithagoras über Alexander; er fand dieselbe Schau und schrieb seinem
+Bruder dieselbe Antwort. Apollodoros, so heißt es, ging selbst zum Könige,
+um zu zeigen, daß seine Hingebung größer sei als seine Sorge für das eigene
+Wohl; er sagte ihm von der Opferschau über Hephaistion und ihrer Erfüllung;
+auch über ihn habe Peithagoras nichts Glückliches geschaut, er möge sein
+Leben hüten und die Gefahren, vor denen die Götter warnten, meiden. Jetzt
+in Babylon ließ der König Peithagoras zu sich kommen, ihn befragen, welche
+Schau er gehabt habe, daß er so seinem Bruder geschrieben? »Die Leber des
+Opfers sei ohne Kopf gewesen«, war die Antwort. Alexander dankte dem Seher,
+daß er ihm offen und sonder Trug die Wahrheit gesagt, entließ ihn mit
+allen Zeichen seines Wohlwollens. Aber er war betroffen über dies
+Zusammentreffen der hellenischen Opferschau mit den Warnungen der
+Astrologen; es war ihm unheimlich in den Mauern dieser Stadt, die er
+vielleicht besser gemieden hätte; ihn beunruhigte der längere Aufenthalt in
+den Palästen, vor denen ihn die Götter vergebens gewarnt hatten. Aber er
+konnte noch nicht hinweg.
+
+Es waren neue Gesandtschaften aus den hellenischen Ländern eingetroffen,
+auch mehrere Makedonen, sowie Missionen der Thraker, Illyrier, anderer
+abhängiger Völker, um, so hieß es, über den Reichsverweser Antipatros Klage
+zu führen. Antipatros selbst soll seinen Sohn Kassandros gesandt haben, zu
+rechtfertigen, was er getan; vielleicht wünschte er zugleich dem Könige,
+bei dem sich bereits sein Sohn Jollas als Mundschenk befand, in seinem
+ältesten Sohn ein neues Unterpfand seiner Treue zu geben und durch dessen
+Bemühung das gestörte Verhältnis zu Alexander, bevor er selbst seinem
+Befehle gemäß bei Hofe eintraf, wiederherzustellen. Es wird, freilich nach
+wenig zuverlässigen Gewährsmännern, von ärgerlichen Auftritten zwischen dem
+Könige und Kassandros gemeldet.
+
+Von den Verhandlungen der hellenischen Gesandtschaft wird Näheres nicht
+berichtet; es ist wahrscheinlich, daß, da bei den kurz vorher empfangenen
+Gesandtschaften die örtlichen und Privatangelegenheiten meist nach den
+Wünschen der Beteiligten abgemacht, die Vorstellungen gegen die
+Zurückführung der Verbannten dagegen ein für allemal abgewiesen waren,
+jetzt besonders nur Glückwünsche wegen der indischen Siege und der
+Heimkehr, goldene Kränze und Danksagungen für die Aufhebung der Exile und
+andere Wohltaten des Königs dargebracht wurden. Der König bezeugte ihnen
+seinen Dank mit Ehren und Geschenken, namentlich sandte er den Staaten die
+einst von Xerxes geraubten Statuen und Weihgeschenke, so viele er deren in
+Pasargadai, Susa, Babylon und sonst noch vorgefunden hatte, zurück.
+
+Auch die örtlichen Angelegenheiten der großen Residenz mochten des Königs
+Anwesenheit verlängern; wenigstens wird überliefert, daß Alexander,
+nachdem er die von ihm angeordneten Bauten in Augenschein genommen und
+gesehen hatte, wie namentlich die Wiederherstellung des Beltempels fast
+liegen geblieben war, sofort das Werk mit dem größten Eifer zu fördern
+befahl, und da für den Augenblick die Truppen ohne Beschäftigung waren,
+dieselben zum Baudienst kommandierte. So arbeiteten 20 000 Menschen zwei
+Monate hindurch, um nur erst die Trümmer ganz abzutragen und die Baustelle
+zu reinigen; die späteren Ereignisse hinderten den Beginn des eigentlichen
+Baues.
+
+Endlich konnte Alexander Babylon verlassen; die Stromflotte, von Nearchos
+geführt, war aus dem Tigris durch den Persischen Meerbusen den Euphrat
+hinaufgekommen und lag unter den Mauern der Residenz; auch aus Phönikien
+waren die Schiffe angelangt; zwei Penteren, drei Tetreren, zwölf Trieren
+und dreißig Dreißigruderer waren von den Werften der Küste zerlegt über
+Land nach Tapsakos gebracht, dort wieder zusammengefügt und den Strom
+hinabgekommen; auch hatte der König in Babylon selbst Schiffe zu bauen
+befohlen, und zu dem Ende, da die Landschaft weit und breit keine anderen
+Bäume als Palmen hat, die Zypressen, die sich in den königlichen Gärten von
+Babylon in großer Menge befanden, umhauen lassen. So war die Flotte bald
+auf bedeutenden Bestand gebracht; und da der Strom keine geeignete
+Hafenstelle hatte, erging der Befehl, unfern der Residenz ein großes Bassin
+auszugraben, das Raum und Werften für tausend Schiffe bieten sollte. Aus
+Phönikien und den übrigen Strandgegenden kamen Matrosen, Zimmerleute,
+Kaufherren, Krämer in Menge herbei, um infolge des königlichen Aufrufs mit
+den Schiffen die neue Handelsstraße zu benutzen, oder sich für den nächsten
+Feldzug auf die Flotte zu verdingen. Während dieser Rüstungen wurde
+Mitkalos von Klazomenä mit 500 Talenten nach Phönikien und Syrien gesandt,
+um dort möglichst viele Strandbewohner und Schiffer anzuwerben und nach dem
+unteren Euphrat hinabzuführen; der Plan des Könige war, an den Küsten des
+Persischen Meerbusens und auf den Inseln desselben Kolonien zu gründen, um
+durch diese den Verkehr in den südlichen Gewässern emporzubringen und
+zugleich in ihnen eine Sicherung der arabischen Küste zu schaffen.
+Alexander wußte von den vielen und eigentümlichen Produkten dieses Landes,
+die er um so leichter in den großen Verkehr zu bringen hoffte, je
+ausgedehnter und hafenreicher das Küstenland der Halbinsel ist. Die weite
+Wüste von den Grenzen Ägyptens bis nahe bei Tapsakos und Babylon war von
+Beduinenstämmen durchschweift, welche die Grenzen der anstoßenden Satrapien
+sowie die Landstraßen oft genug beunruhigten; wenn sie zur Unterwerfung
+gezwungen wurden, so war außer der Sicherung der Grenzen und Straßen
+namentlich eine bei weitem kürzere Verbindung zwischen Babylon und Ägypten
+gewonnen; es mußte dann vor allem die peträische Landschaft sowie die
+Nordspitzen des Roten Meeres in Besitz genommen und kolonisiert werden, es
+mußten sich an diesen Stellen die Landwege durch das Araberland mit dem
+Seewege um die arabische Küste, dessen Entdeckung die nächste Absicht war,
+vereinigen.
+
+Bereits waren drei Schiffe den Strom hinab ins Meer gesandt worden.
+Zunächst kehrte Archias mit seinem Dreißigruderer zurück; er hatte südwärts
+von der Euphratmündung eine Insel gefunden; er berichtete, sie sei klein,
+dicht bewaldet, von einem friedlichen Völkchen bewohnt, das die Göttin
+Artemis verehre und in ihrem Dienst die Hirsche und wilden Ziegen der Insel
+ungestört weiden lasse; sie liege in der Nähe des Meerbusens der Stadt
+Gerra, von der aus die Hauptstraße durch das Innere Arabiens zum Roten und
+Mittelländischen Meere führe, und deren Einwohner als betriebsame und
+reiche Handelsleute genannt würden. Alexander gab, seltsam genug, dieser
+Insel den Namen jenes Ikaros, der den kühnen Flug bis in die Sonnennähe
+gewagt und in den Wellen mit allzu frühem Tode gebüßt hat. Von der Insel
+Ikaros aus, berichtete Archias weiter, sei er südostwärts zu einer zweiten
+Insel gekommen, welche die Bewohner Tylos nannten; sie sei groß, weder
+steinig noch waldig, zum Feldbau geschickt und ein glückliches Eiland; er
+hätte hinzufügen können, daß sie inmitten der unerschöpflichen Perlenriffe
+liege, von denen sich schon manche Sage unter den Makedonen verbreitet
+hatte. Bald darauf kam das zweite Schiff, das Androsthenes geführt hatte,
+zurück; er war dicht an der Küste hinabgesteuert und hatte ein großes Stück
+des arabischen Strandes beobachtet. Am weitesten von den ausgesandten
+Schiffen war das gekommen, welches der Steuermann Hieron aus Soloi führte;
+er hatte Weisung erhalten, die ganze Halbinsel Arabien zu umschiffen und
+seine Einfahrt in den Meerbusen, der sich nordwärts bis wenige Meilen von
+Hereonpolis in Ägypten hinaufzieht, zu suchen; er hatte, obschon er einen
+bedeutenden Teil der arabischen Gestade hinabgekommen war, nicht weiter zu
+gehen gewagt; er brachte die Nachricht, die Größe der Halbinsel sei
+außerordentlich und möchte der von Indien wohl gleichkommen; er sei
+südwärts bis zu einem Vorgebirge gekommen, das sich weit ostwärts in die
+offene See hinaus erstrecke; die nackten und öden Sandufer möchten eine
+weitere Fahrt sehr erschweren.
+
+Während die Bauten[20] in und um Babylon und die Arbeiten auf den
+Schiffswerften, das Ausgraben des Hafenbassins, das Abtragen des Belturmes,
+das grandiose Gebäude des Scheiterhaufens für Hephaistion rasch gefördert
+wurden, ging Alexander mit einigen Schiffen den Euphrat hinab, um die
+großen Deicharbeiten an dem Pallakopas zu besichtigen. Dieser Kanal ist
+etwa zwanzig Meilen unterhalb Babylon aus dem Euphrat gen Westen gegraben
+und endet in einen See, der, von den Wassern des Stromes gespeist, sich
+längs der Grenze des arabischen Landes südwärts in einer Reihe von Sümpfen
+bis zum Persischen Meerbusen fortsetzt. Der Kanal ist für die Landschaft
+von unberechenbarer Wichtigkeit; wenn im Frühling die Wasser des Stromes zu
+schwellen beginnen und, während unter der Sommersonne der Schnee in den
+armenischen Bergen schmilzt, immer mächtiger und höher hinabfluten, würde
+die ganze Landschaft der Überschwemmung ausgesetzt sein, wenn nicht dem
+Strom durch die Kanäle und besonders durch den Pallakopas ein Abfluß
+gegeben wäre, der dann zugleich das Stromland schützt und den vom Strom
+entfernteren Gegenden die Segnungen der reichsten Wässerung bringt; wenn
+aber der Euphrat mit dem Herbste wieder abnimmt, ist es notwendig, den
+Kanal schnell zu schließen, weil sonst der Strom diesem kürzeren Wege, sich
+zu ergießen, folgen und sein Bett verlassen würde. Die Arbeit wird dadurch
+erschwert, daß die Stelle des Ufers, wo der Kanal beginnt, losen Grund hat,
+so daß die Aufschüttungen selbst außerordentliche Mühe machen und dann doch
+nicht genügenden Widerstand gegen die starke Strömung des Euphrat leisten;
+auch sind die Deiche des Kanals bei hohem Wasser stets der Gefahr, ganz
+zertrümmert zu werden, ausgesetzt, und es kostet ungeheure Arbeit, sie zu
+rechter Zeit zur Schließung des Kanals wiederherzustellen. So arbeiteten
+jetzt auf Befehl des Satrapen von Babylon zehntausend Menschen schon seit
+drei Monaten an diesen Deichen; Alexander fuhr hinab, die Arbeit zu
+besichtigen; er wünschte irgendeine Abhilfe jenes Übelstandes zu finden. Er
+fuhr weiter stromab, um das Ufer zu untersuchen; er fand eine Stunde
+unterhalb der Kanalmündung einen festen Uferrand, der allen Erwartungen
+entsprach; hier befahl er einen Kanal durchzubrechen und ihn nordwestlich
+in das alte Bett des Pallakopas zu führen, dessen Mündung dann für immer
+zugedämmt und verschüttet werden sollte; so hoffte er, werde es ebenso
+leicht sein, den Abfluß des Euphrat im Herbste zu sperren, wie ihn wieder
+mit dem Frühjahr zu öffnen. Um sich weiter von der Natur dieser Gegenden
+westwärts zu überzeugen, fuhr er zum Pallakopas zurück und durch diesen in
+den See und längs der arabischen Grenze; die Schönheit der Ufer, mehr noch
+die Wichtigkeit dieser Gegend bestimmten ihn, hier eine Stadt anzulegen,
+welche zugleich den Weg nach Arabien öffnete und Babylonien vor Überfällen
+der Beduinen schützte, da weiter südwärts bis zum Meerbusen der See und die
+Moräste das Stromland decken. Der Bau der Stadt und der Befestigungen wurde
+sogleich begonnen und griechische Söldner, teils Veteranen, teils
+Freiwillige, daselbst angesiedelt.
+
+ [20] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Indes war in Babylon der Bau des Scheiterhaufens für Hephaistion beendet,
+die großen Leichenspiele zu seinem Gedächtnis sollten beginnen; dies und
+das Eintreffen der neuen Truppen machten des Königs Rückkehr in seine
+Residenz notwendig. Der König, so wird erzählt, war um so weniger
+bedenklich zurückzukehren, da sich die Weissagungen der Chaldäer bereits
+bei seiner neulichen, freilich nur kurzen Anwesenheit in Babylon als
+nichtig erwiesen zu haben schienen. So begann die Rückfahrt; auf derselben
+sollten die Gräber der früheren babylonischen Könige, die in den Sümpfen
+erbaut waren, besucht werden. Alexander selbst stand am Steuer seines
+Schiffes und führte es in diesem durch Untiefen und Röhricht schwierigen
+Gewässer; ein plötzlicher Windstoß riß ihm die königliche Kausia, die er
+nach makedonischer Sitte trug, vom Haupt, und während sich das Diadem von
+derselben löste und hinwegflatternd in dem Röhricht bei einem alten
+Königsgrabe hängenblieb, sank sie selbst unter und ward nicht
+wiedergefunden; das Diadem aber zu holen, schwamm ein phönikischer Matrose,
+der sich auf dem Schiffe befand, hinüber, und band es, um bequemer
+schwimmen zu können, um seine Schläfe; -- ein schweres Zeichen, das Diadem
+um eines fremden Menschen Haupt! Die Zeichendeuter, die der König jetzt
+stets in seiner Nähe hatte, beschworen ihn, das Zeichen zu zerstören und
+den Unglücklichen zu enthaupten; Alexander, so heißt es, ließ den Matrosen
+züchtigen, weil er des Königs Diadem gering genug geachtet, es um seine
+Stirn zu binden; er gab ihm aber ein Talent zum Geschenk, weil er schnell
+und kühn das Zeichen des Königtums zurückgebracht hatte.
+
+Bei seiner Rückkehr nach Babylon fand Alexander die neuen Truppen, die er
+erwartet hatte. Peukestas, der Satrap von Persien, hatte 20 000 Perser und
+außerdem eine bedeutende Zahl von Kossäern und Tapuriern, die zu den
+streitbarsten Stämmen Persiens gehören, hergeführt; von Karien war
+Philoxenos mit einem Heere, mit einem zweiten Menandros von Lydien, Menidas
+mit den Reitern aus Makedonien, die er bringen sollte, eingetroffen.
+Namentlich die persischen Mannschaften empfing der König mit großer Freude;
+er belobte den Satrapen wegen ihrer vortrefflichen Haltung und die Leute
+wegen der Bereitwilligkeit, mit der sie seinem und des Satrapen Aufruf
+gefolgt seien.
+
+Überaus merkwürdig ist die neue Formation, die er mit dem Eintritt dieser
+asiatischen Truppen seinem Fußvolke oder doch einem Teile desselben gab.
+Bisher hatte es in dem makedonischen Heer kein Korps von kombinierten
+Waffen, keine Armee im kleinen gegeben; wenn auch fast für jede Aktion
+Infanterie und Kavallerie, leichte und schwere, mit- und nebeneinander
+verwandt worden waren, sie wurden nur für diesen Fall kombiniert und
+blieben getrennte Waffen. Die neue Formation gab den bisherigen Charakter
+der Phalanx auf; sie schuf eine Kombination von Schwerbewaffneten,
+Peltasten und leichtem Fußvolk, mit der sich eine völlig neue Art der
+Taktik ergab. Hatte bisher jede Taxis der Phalanx aus sechzehn Gliedern
+Hopliten bestanden, so wird jetzt die Rotte so gebildet, daß im ersten
+Gliede der Dekadarch, der sie kommandiert, ein Makedone, im zweiten ein
+makedonischer Doppelsöldner, im dritten ein altgedienter Makedone
+(Dekastateros), ein gleicher im sechzehnten Gliede als Uragos steht; die
+zwischen ihnen stehenden Glieder 4 bis 15 sind Perser, teils Akontisten,
+die einen Speer mit Wurfriemen führen, teils Bogenschützen. Waren es jene
+20 000 Perser, die so eingereiht wurden, so bildeten sie mit den Makedonen,
+denen sie zugeteilt waren, ein Korps von reichlich 26 000 Mann, also, die
+unvermeidlichen Manquements abgerechnet, etwa 12 Taxen, jede zu 125 Mann
+Front. Es blieb mit dieser Formation der Anmarsch in geschlossener Masse;
+dann zum Gefecht entwickelte sich die Phalanx zu drei Treffen, es
+deployierten rechts und links durch die Intervalle die Bogenschützen zum
+ersten Fernangriff, es folgten die Speerwerfer; die ersten drei Glieder und
+das letzte blieben als Triarier oder richtiger als Soutien zurück, und wenn
+die Bogenschützen und Akontisten nach ihrem Tirailleurgefecht sich durch
+die Intervalle und in ihre Glieder zurückgezogen, ging das Ganze in
+geschlossener Masse auf den schon erschütterten Feind los. Die Taktik
+dieser neuen Formation verband alle Vorzüge der italischen Legion in ihrer
+Manipularordnung mit den wesentlichen der früheren Phalanx: Massenwirkung
+und Beweglichkeit, -- für die leichten Truppen schnellste Verwendbarkeit
+gegen den angreifenden Feind und sichere Deckung während des Handgemenges,
+-- die Phalangen immer noch wandelnde Kastelle, aber solche, die von sich
+selber aus Ausfälle der leichten Truppen möglich machten und so den
+weiteren Rayon beherrschten, den diese hervorbrechend mit ihren Pfeilen
+bestreichen konnten.
+
+Schon diese Neuordnung, die im Hinblick auf die Völker Italiens gemacht
+schien, mußte auffallen; dazu kamen Gerüchte, daß in die Provinzen des
+Mittelmeeres Befehle zur Rüstung unzähliger Schiffe gesandt seien, Gerüchte
+von Kriegszügen nach Italien, Sizilien, Iberien, Afrika. Es schien in der
+Tat, als ob, während die Flotte gegen die Küstenländer Arabiens in See
+gehen sollte, das Landheer durch Arabien oder auf welchem Wege sonst gen
+Westen ziehen werde, die Barbaren des Abendlandes, die Feinde des
+Griechentums in Afrika und Italien zu unterwerfen.
+
+Das Einrangieren der neuen, namentlich persischen Mannschaften leitete
+Alexander selbst; es geschah im königlichen Garten, der König saß auf dem
+goldenen Thron, mit dem Diadem und im königlichen Purpur; zu beiden Seiten
+die Getreuen auf niedrigeren Sesseln mit silbernen Füßen; hinter diesen in
+gemessener Entfernung die Eunuchen, nach morgenländischem Brauch mit
+gekreuzten Armen, in medischer Tracht; Schar auf Schar zogen dann die neuen
+Truppen vorüber, wurden gemustert und an die Phalangen verteilt. So mehrere
+Tage; an einem derselben war der König, von den Anstrengungen ermüdet, vom
+Throne aufgestanden, und nachdem er Diadem und Purpur auf demselben
+zurückgelassen, zu einem Bassin im Garten gegangen, um ein Bad zu nehmen;
+nach der Hofsitte folgten die Getreuen, während die Eunuchen an ihren
+Plätzen blieben. In kurzer Frist kam ein Mensch daher, schritt ruhig durch
+die Reihen der Eunuchen, die ihn nach persischer Sitte nicht hindern
+durften, stieg die Stufen des Thrones hinauf, schmückte sich mit dem Purpur
+und Diadem, setzte sich an des Königs Stelle, blickte stier vor sich hin;
+die Eunuchen zerrissen ihre Kleider, sie schlugen sich Brust und Stirn und
+wehklagten über das furchtbare Zeichen. Gerade jetzt kam der König zurück,
+er erschrak vor seinem Doppelgänger auf dem Thron; er befahl, den
+Unglücklichen zu fragen, wer er sei, was er wolle. Der blieb regungslos
+sitzen, sah stier vor sich hin; endlich sprach er: »Ich heiße Dionysios und
+bin von Messene; ich bin verklagt und in Ketten vom Strand hierher
+gebracht; jetzt hat der Gott Sarapis mich erlöst und geboten, Purpur und
+Diadem zu nehmen und still hier zu sitzen.« Er ward auf die Folter
+gebracht, er sollte bekennen, ob er verbrecherische Absichten hege, ob er
+Genossen habe; er blieb dabei, es sei ihm von dem Gott geheißen. Man sah,
+des Menschen Verstand war gestört; die Wahrsager forderten seinen Tod.
+
+Es mochte im Mai des Jahres 323 sein, die Stadt Babylon war voll
+kriegerischen Lebens; die Tausende der neuen Truppen, voll Begier nach dem
+Feldzuge, in dem sie ihre erste Waffenprobe machen sollten, übten sich, in
+der neuen Ordnung zu fechten; die Flotte, die bereits unter Tau und Segel
+war, lief fast täglich, unter großem Zulauf von Zuschauern aus der
+Residenz, von ihrer Station aus, um sich im Steuern und Rudern zu üben; der
+König selbst war meist zugegen und verteilte an die Sieger im Wettkampf Lob
+und goldene Kränze. Man wußte, daß demnächst der Feldzug eröffnet werden
+würde; man glaubte, daß sich an die Leichenfeier für Hephaistion die
+üblichen Opfer und Gastmähler anschließen würden, bei denen der König den
+Beginn der neuen Kriegsoperationen zu verkünden pflegte.
+
+Unzählige Fremde waren zu der Feier herbeigeströmt, unter diesen
+Gesandtschaften aus Hellas, die infolge der Beschlüsse, dem Könige
+göttliche Ehren zu erweisen, den Charakter von heiligen Theoren angenommen
+hatten, als solche vor dem König erschienen und anbetend nach hellenischem
+Brauch die goldenen Kränze weihten, mit denen die Staaten der Heimat den
+Gott-König zu ehren wetteiferten. Dann kehrten auch des Königs Theoren aus
+dem Ammonion zurück, die angefragt hatten, wie der Gott gebiete, daß
+Hephaistion geehrt werde; sie brachten die Antwort, man solle ihm wie einem
+der Heroen opfern. Nach Empfang dieser Botschaft befahl der König, die
+Totenfeier und die ersten Opfer für den Heros Hephaistion zu begehen.
+
+Es war ein Teil der Mauern Babylons abgetragen; dort erhob sich in fünf
+Absätzen, bis zu einer Höhe von zweihundert Fuß emporgetürmt, das
+Prachtgebäude des Scheiterhaufens, zu dem der König zehntausend Talente
+bestimmt, die Freunde, die Großen, die Gesandten, die Babylonier
+zweitausend Talente hinzugefügt hatten; das Ganze leuchtete von Gold und
+Purpur, von Gemälden und Bildhauerwerken; auf der Höhe des Gebäudes standen
+Sirenenbilder, aus denen herab die Trauerchöre für den Toten erklangen.
+Unter Totenopfern, Trauerzügen und Klagegesängen ward der Scheiterhaufen
+den Flammen übergeben; Alexander war zugegen, vor seinen Augen sank das
+wundervolle Werk in Flammen lodernd zusammen und ließ nichts zurück als
+Zerstörung und Öde und Trauer um den Verlorenen. Dann folgten die Opfer zu
+Ehren des Heros Hephaistion; Alexander selbst weihte dem erhöhten Freunde
+die ersten Spenden, zehntausend Opferstiere wurden zu seinem Gedächtnis
+geopfert und an das gesamte Heer, das der König zum Festmahl geladen,
+verteilt.
+
+Andere Festlichkeiten füllten die nächsten Tage; der König opferte, denn
+schon war der Tag zur Abfahrt der Flotte und zum Beginn des arabischen
+Feldzuges bestimmt, den Göttern, denen er pflegte, in üblicher Weise; er
+opferte dem guten Glücke, er opferte nach der Weisung seiner Wahrsager auch
+den Göttern, die dem Übel wehren. Und während das gesamte Heer bei dem
+Opfermahl und dem Weine, den der König spendete, fröhlich war, hatte er die
+Freunde bei sich zum Abschiedsmahle versammelt, das er seinem Admiral
+Nearchos gab. Dies war am 15. Daisios gegen Abend; als die meisten Gäste
+schon hinweg waren, kam der Thessaler Medios, einer der Hetairen, und bat
+den König, noch einer kleinen Gesellschaft bei ihm beizuwohnen, es werde
+ein heiteres Gelag sein. Alexander hatte den edlen Thessaler gern, er ging
+mit ihm; die Fröhlichkeit der vertrauten Männer heiterte auch ihn auf; er
+trank ihnen der Reihe nach zu; gegen Morgen trennte man sich, man
+versprach, sich am nächsten Abend wiederzufinden.
+
+Alexander ging heim, badete, schlief bis spät am Tage; zur Abendtafel ging
+er wieder zu Medios, man trank wieder fröhlich bis tief in die Nacht.
+Unwohl kehrte der König zurück; er badete, aß ein wenig, legte sich
+fiebernd zur Ruhe. Am Morgen des 17. Daisios fühlte er sich sehr unwohl;
+durch die Gemütsbewegungen der jüngsten Zeit, durch die Gelage, die in den
+letzten Tagen schnell aufeinander gefolgt waren, für eine Krankheit nur zu
+empfänglich, wurde er von dem Fieber außerordentlich angegriffen; er mußte
+sich auf seinem Lager zum Altare tragen lassen, um dort das Morgenopfer,
+wie er jeden Tag pflegte, zu halten; dann lag er im Männersaale auf dem
+Ruhebett, ließ die Befehlshaber hereinkommen, gab ihnen die nötigen Befehle
+für den Aufbruch; das Landheer sollte am 21. aufbrechen, die Flotte, mit
+der er selbst fahren werde, den Tag darauf. Dann ließ er sich gegen Abend
+auf seinem Ruhebette zum Euphrat hinabtragen, auf ein Schiff bringen, zu
+den Gärten jenseits fahren; dort nahm er ein Bad; unter Fieberschauern
+brachte er die Nacht zu.
+
+Am anderen Morgen nach dem Bade und dem Morgenopfer ging er in sein
+Kabinett und lag dort den Tag über auf dem Ruhebett; Medios war bei ihm und
+suchte ihn mit Gesprächen aufzuheitern; der König beschied die Anführer für
+den nächsten Morgen vor sich; nachdem er wenig zu Nacht gegessen, legte er
+sich zur Ruhe; das Fieber nahm zu, des Königs Zustand verschlimmerte sich;
+die Nacht hindurch war er ohne Schlaf.
+
+Am Morgen des 19., nach dem Bade und dem Opfer, wurde Nearchos und die
+übrigen Offiziere der Flotte vorgelassen; der König eröffnete ihnen, daß
+seiner Krankheit wegen die Abfahrt um einen Tag verschoben werden müsse,
+daß er jedoch bis dahin so weit wiederhergestellt zu sein hoffe, um den 22.
+zu Schiffe gehen zu können. Er blieb im Badezimmer; Nearch mußte sich an
+sein Lager setzen und von seiner Fahrt auf dem Ozean berichten; Alexander
+hörte mit Aufmerksamkeit zu; er freute sich, bald ähnliche Gefahren selbst
+zu durchleben. Indes verschlimmerte sich sein Zustand, die Heftigkeit des
+Fiebers wuchs; dennoch berief er am Morgen des 20. nach dem Bade und Opfer
+die Offiziere der Flotte, befahl, auf den 22. alles zu seinem Empfang auf
+den Schiffen und zur Abfahrt bereitzuhalten. Nach dem Bade am Abend neue
+heftige Fieberschauer; des Königs Kräfte schwanden sichtlich; es folgte
+eine schlaflose, qualvolle Nacht. Am Morgen ließ sich Alexander im
+heftigsten Fieber hinaus vor das große Bassin tragen und hielt mit Mühe das
+Opfer; dann ließ er die Offiziere vor, gab noch einige Befehle über die
+Fahrt der Flotte, besprach sich mit den Strategen über die Besetzung
+einiger Offizierstellen, übertrug ihnen die Auswahl der zu Befördernden mit
+der Ermahnung, streng zu prüfen.
+
+Es kam der 22., der König lag schlecht danieder; er ließ sich dennoch zum
+Altare tragen, opferte; er befahl, daß die Abfahrt der Flotte verschoben
+werde. Es folgte eine traurige Nacht; kaum vermochte der König am anderen
+Morgen noch zu opfern; er befahl, daß sich die Strategen in den Vorzimmern
+des Schlosses versammeln, daß die Chiliarchen und Pentakosiarchen im
+Schloßhofe beisammen bleiben sollten; er ließ sich aus den Gärten zurück in
+das Schloß tragen. Mit jedem Augenblicke wurde er schwächer; als die
+Strategen eintraten, erkannte er sie zwar noch, vermochte aber nicht mehr
+zu sprechen. Diese Nacht, den folgenden Tag, die folgende Nacht währte das
+Fieber, der König lag sprachlos.
+
+Die Überlieferungen von dem Eindruck, den des Königs Krankheit im Heere und
+in der Stadt hervorgebracht, sind glaublich genug. Die Makedonen drängten
+sich um das Schloß, sie verlangten ihren König zu sehen; sie fürchteten, er
+sei schon tot und man verhehle es; sie ließen mit Wehklagen, mit Drohungen
+und Bitten nicht ab, bis man ihnen die Tür öffnete; sie gingen dann alle
+nacheinander an ihres Königs Lager vorbei, und Alexander hob das Haupt ein
+wenig, reichte jedem die Rechte, winkte mit dem Auge seinen Veteranen den
+Abschiedsgruß. Denselben Tag, es war der 27. Daisios[21], gingen Peithon,
+Peukestas, Seleukos, andere in den Tempel des Sarapis und fragten den Gott,
+ob es dem Könige besser sei, wenn er sich in den Tempel des Gottes bringen
+lasse und zu dem Gotte bete; ihnen ward die Antwort: »Bringet ihn nicht;
+wenn er dort bleibt, wird ihm bald besser werden.« Tags darauf, am 28.
+Daisios gegen Abend, starb Alexander.
+
+ [21] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
+
+Noch zahlreiche andere Überlieferungen gibt es von den Vorgängen dieser
+letzten Tage; sie sind unzuverlässig, zum Teil sichtlich in guter oder
+böser Absicht erfunden. Insonderheit wird durch keine sichere Angabe
+bestätigt, daß Alexander auf seinem Sterbelager über die Nachfolge im
+Reich, über die Form der Regentschaft, über die notwendigen nächsten
+Maßregeln irgend etwas durch Worte oder Zeichen bestimmt habe. Tat er es
+nicht, so wird er die Klarheit und Spannkraft des Geistes, zu erkennen, was
+sein Tod bedeuten werde, schon nicht mehr gehabt haben, als er zu empfinden
+begann, daß er nahe. Jener stumme Abschied von seinen Makedonen bezeichnet
+wohl die letzten, nur noch halbwachen Regungen seines verklingenden
+Bewußtseins; die Agonien, die dann folgten, mögen die trostlose Zukunft
+dessen, was er geschaffen und gewollt, seinem brechenden Auge entrückt
+haben.
+
+Mit seinem letzten Atemzuge begann der Hader seiner Großen, die Meuterei
+seines Heeres, das Zusammenbrechen seines Hauses, der Untergang seines
+Reiches.
+
+ +diapephrourêtai bios.+
+
+
+
+
+ Anmerkungen
+
+ Zum ersten Buch
+
+
+ Anmerkung 1 zu Seite 70:
+
+Über die _makedonische Verfassung_ ist wenig bekannt. Außer den im Text
+angeführten Einzelheiten sind noch folgende Punkte bemerkenswert.
+
+Wenn sich das makedonische Königshaus dorischen Ursprungs rühmt, so findet
+sich doch von dorischen Phylen im Volk und Adel des Landes keine Spur.
+Dagegen tritt die Teilung nach Landschaften merklich hervor. Das
+makedonische Königshaus ist, wie sich aus den S. 69 angeführten Worten des
+Aristoteles ergibt, nicht beschränkt wie in Sparta und Epeiros; es regiert
++basilikôs, ou tyrannikôs+, Isokr. Phil. 175, wie denn Kallisthenes (bei
+Arr. IV, 11, 6) von den Königen sagt: +ou bia, alla nomô Makedonôn nôn
+archontes dietelesan+. Noch Polybios führt ein Beispiel an, wie frei sich
+die Makedonen ihren Königen gegenüber verhielten, und fügt hinzu (V. 27,
+6): +eichon gar aei tên toiautên isêgorian Makedones pros tous basileis+.
+Die Könige nahmen in die Zahl der Hetären auch Fremde auf (Arr. I, 15, 6)
+und Theopomp. Fr. 249 sagt von König Philipp II: +hoi hetairoi autou ek
+pollôn topôn synerrhyêkotes -- hoi men gar ex autês tês chôras, hoi de ek
+Thettalias, hoi de ek tês allês Hellados, ouk aristindon exeilegmenoi+.
+Nach demselben besaßen die 800 Hetären Philipps so viel Land wie 10 000
+Hellenen; also Makedonien hatte noch große Güter in Menge, die es in der
+hellenischen Welt, wenigstens der innerhalb der Thermopylen, nicht mehr
+gab.
+
+
+ Anmerkung 2 zu Seite 81:
+
+_Olympias_ ist die Tochter des Neoptolemos, der schon in der Urkunde des
+attischen Seebundes von 377 mit seinem Vater Alketas genannt wird. Nach
+Alketas' Tod teilte Neoptolemos mit seinem Bruder Arybbas nach kurzer
+gemeinsamer Regierung das Königtum der Molosser, und als Neoptolemos starb,
+übernahm Arybbas die Vormundschaft für dessen Kinder Olympias und
+Alexandros. Olympias wurde 357 Philipps Gemahlin, bald war auch Alexandros
+am Hofe zu Pella. Schon 352 fand Philipp Anlaß zum Kriege gegen Arybbas;
+dann als Alexandros zwanzig Jahre alt war, veranlaßte er ihn, die Waffen
+gegen ihn zu erheben, während Arybbas nach Athen geflüchtet den Befehl an
+die attischen Strategen erwirkte, ihn und seine Kinder wieder in den Besitz
+der Herrschaft zu setzen. Damals eroberte Philipp auch die Städte in der
+Kassopia am ambrakischen Meerbusen und übergab sie dem Alexandros. Arybbas
+scheint bald gestorben zu sein; von seinen Söhnen Alketas und Aiakides ist
+die nächsten fünfzehn Jahre nicht die Rede. -- Nach den »Gesch. des Hell.«
+II{2}, 2, S. 354 gegebenen Nachweisen ist Alexander Olympias' Sohn 356 nach
+dem 24. September und vor Mitte Dezember geboren. Daß Philipp mit der
+Nachricht von dieser Geburt zugleich die von drei Siegen, dem in den
+Olympien, dem über die Dardaner und dem über Poteidaia, das sich ergeben
+mußte, erhalten, ist wenigstens in betreff des ersten sicher aus dem
+Stegreif erfunden, da die Olympien um den ersten Vollmond nach der
+Sommersonnenwende, also spätestens Ende Juli gefeiert wurden. -- Für die
+ehelichen Verhältnisse Philipps ist die einzig eingehende Angabe die des
+Satyros bei Athen. XII, 557; wenigstens ergibt sich aus dessen Worten, daß
+Olympias für seine rechte und eigentliche Gemahlin galt; von den anderen
+nennt Satyros vor ihr die Illyrierin Audata, die (Elymiotin) Phila, die
+beiden Thessalerinnen Nikasipolis und Philinna; er nennt nach ihr die
+»Thrakerin« Meda und des Artalos Nichte Kleopatra, beide mit der
+Bezeichnung +epeisêgage tê Olympiadi+. Philinna, des Arrhidaios Mutter,
+galt nicht als rechtmäßige Gemahlin, auch wohl Nikasipolis nicht. Möglich,
+daß die beiden anderen vor 356 gestorben waren.
+
+
+ Anmerkung 3 zu Seite 101:
+
+Das _Fürstentum der Paionen_ in dieser Zeit ist nicht völlig sicher.
+Bezeugt ist der Bestand desselben in den ersten Jahren des König
+Philipps II. durch #Diod.# XVI, 22 und #C. I. A.# II, 66, Urkunde des
+Bündnisses der Athener mit Ketriporis dem Thraker und seinen Brüdern,
+Grabos dem Illyrier und Lykkeios dem Päonen (Lykpeios heißt er auf seinen
+Münzen, obschon auch solche mit +LYKKEIOU+ vorzukommen scheinen); von
+diesen drei Fürsten sagt Diodor, daß Philipp sie besiegt habe +kai ênankase
+prosthesthai tois Makedosi+. Ob das Fürstentum im päonischen Lande damit
+aufhörte oder weiter bestand, läßt sich nach den bis jetzt bekannten
+Materialien nicht entscheiden. Dann wird 310 wieder ein König der Päonen
+erwähnt (Diod. XX, 19), Audoleon, der Sohn des Patraos; von Audoleon gibt
+es Tetradrachmen mit +Audoleontos basileôs+ ganz mit dem Gepräge der von
+Alexander und nach dessen Münzfuß; andere Münzen von ihm (ohne +basileôs+)
+sowie von seinem Vater folgen nicht dem makedonischen Münzfuß, ein sicherer
+Beweis für ihr loses Verhältnis zum Reich. Daß Audoleons Sohn, dem
+Lysimachos um 282 sein Fürstentum entriß, Ariston hieß wie der Führer der
+päonischen Reiter in Alexanders Heer, legt die Vermutung nahe, daß dieser
+zum Fürstenhause gehörte, das Fürstentum also wohl auch in Alexanders Zeit
+bestand (Arr. I, 5, 1). Doch hat H. Droysen darauf aufmerksam gemacht, daß
+auf den schönen Didrachmen des Patraos der von dem päonischen Reiter
+niedergestoßene Feind durch seinen Hut und Schild als Makedone bezeichnet
+ist.
+
+
+ Zum zweiten Buch
+
+ Anmerkung 4 zu Seite 135:
+
+Das _Heer Alexanders_ läßt sich nach seiner Zusammensetzung und der
+Truppenstärke der verschiedenen Waffen nur noch ungefähr bestimmen, worüber
+der Nachweis im Hermes XII, 266 ff. gegeben worden ist. In den
+überlieferten Bezeichnungen der Truppenteile vermischen sich drei Elemente:
+
+Nach dem Gesichtspunkt der Nationalität hat die Armee: 1. Makedonen, die in
+der schweren Reiterei sowie im schweren Fußvolk nach Landschaften formiert
+sind. 2. Hellenen, teilweise gleichfalls nach Landschaften bezeichnet. 3.
+Barbaren: Thraker, Päonen, Agrianer, Odryser.
+
+Nach dem Gesichtspunkt des Dienstverhältnisses enthält die Armee: 1.
+Untertanen des Königs, edel und unedel, die teils nach einer Art
+Lehnspflicht, teils, wie es scheint, als stehende Truppen, teils nach
+allgemeiner Wehrpflicht im Aufgebot dienen. 2. Bundesgenossen, die von
+verbündeten Städten und Fürsten vertragsmäßig als Kontingente gestellt
+werden. 3. Söldner, hellenische und nichthellenische, die sich durch den
+Werbevertrag verpflichten zu dienen. Aus unseren Materialien ist nicht zu
+erkennen, inwieweit die Thraker, Odryser, Päonen, Agrianer Söldner oder
+Bundesgenossen sind.
+
+Nach dem Gesichtspunkt der Waffenart ergibt sich folgende Übersicht, deren
+Zahlenangaben im Hermes gerechtfertigt sind:
+
+ 1. Kavallerie:
+
+Schwere:
+ makedonische Ritterschaft der Hetairen 8 Ilen 1800 Mann
+ (die Ile 150-300 M. stark)
+ thessalische Ritterschaft 8 Ilen 1200
+ hellenische Bundesgenossen 8 Ilen 400
+ ----
+ 3400
+
+Leichte:
+ makedonische Sarissophoren} Prodromoi {8 Ilen} 1200
+ Päonen } {8 Ilen}
+ Odrysische Reiter 8 Ilen 600
+ ----
+ 1800
+ -----------
+ 5200 Mann
+
+ 2. Infanterie:
+
+Hopliten:
+ makedonische Pezetairoi 6 Taxeis 9000 Mann
+ (in jeder etwa 3 Lochen zu 500 M.)
+ hellenische Bundesgenossen 6 Lochen 4000
+ hellenische Söldner 6 Lochen 6000
+ ----
+ 19000
+
+Peltasten:
+ makedonische Hypaspisten (Hetairoi) (5) Taxeis 3000
+ hellenische Bundesgenossen (5) Lochen 1000
+ hellenische Söldner (5) Lochen 1000
+ thrakische Akontisten (4) Taxeis 4000
+ ----
+ 9000
+
+Leichtbewaffnete:
+ makedonische Bogenschützen 500
+ kretische Bogenschützen 500
+ Agrianer Akontisten 1000
+ ----
+ 2000
+ -----------
+ 30000 Mann
+ --------------
+ 35200 Mann
+
+Außer den in obigem Verzeichnis angeführten Truppenteilen war in der Armee
+noch ein kleines Korps +hoi basilikoi paides+ oder +basilikoi
+sômatophylakes+, die jungen Edelleute, unter Führung des Seleukos; sie
+bilden eine Abteilung in dem Korps der Hypaspisten.
+
+Mit dem gleichen Namen +sômatophylakes+ werden die Sieben genannt, welche
+gleichsam die Generaladjutanten des Königs sind und gelegentlich zur
+Führung von Phalangen, von kombinierten Truppen usw. verwendet werden.
+
+Aus #Arr.# III, 19, 5 ergibt sich, daß die thessalischen Ritter als
+Bundesgenossen dienen, sie stehen unter einem makedonischen Hipparchen
+(zuerst Kalas, des Harpalos Sohn), wie die Reiterkontingente der
+hellenischen Staaten (unter Philippos, des Menelaos Sohn).
+
+Daß die Kontingente der Bündner an Fußvolk unter einem makedonischen
+Strategen stehen (zuerst Antigonos), ebenso die hellenischen Söldner zu Fuß
+(unter Menandros), während Bündner wie Söldner in den Schlachten nicht als
+besondere Korps von Hopliten und Peltasten erscheinen, läßt auf die Art,
+wie die Phalanx formiert wird, schließen: nämlich so, daß soundso viele
+Lochen (Bundesgenossen wie Söldner) Schwerbewaffnete je einer der sechs
+makedonischen Taxeis zugeordnet und von deren Strategen kommandiert werden;
+wahrscheinlich ist ebenso mit den Peltasten der Kontingente und der Söldner
+verfahren worden.
+
+
+ Anmerkung 5 zu Seite 153:
+
+_Das Schlachtfeld am Granikos_ ist durch eine Skizze, die H. Kiepert 1842
+an Ort und Stelle aufgenommen hat, sichergestellt. Er fand dicht unterhalb
+der Stelle, wo der Weg vom Hellespont nach Brussa den Bigha-Tschai
+(Granikos) überschreitet, dessen altes Bett an der Abendseite einer
+Bodenschwellung, die sich gegen sechs Kilometer nordostwärts hinzieht und
+mit einem Steilrand von 10-13 Meter gegen den alten Flußlauf, der zu einem
+Sumpfsee (Edje-Gö) geworden ist, abfällt.
+
+Die _Zeit der Schlacht_ ist nicht genau zu bestimmen; Plutarch nennt
+(#Cam.# 19) den Thargelion als den Monat der Schlacht; er erzählt (#Alex.#
+16), dem Könige sei geraten worden, die Schlacht zu verschieben, da es
+gegen den makedonischen Brauch sei, im Monat Daisios zu schlagen (+exagein
+tên stratian+), worauf Alexander befohlen habe, den Monat als den zweiten
+Artemisios zu bezeichnen. Daß der Artemisios der makedonische Schlachtmonat
+gewesen sei, ist sonst nicht überliefert; und die Gleichsetzung des
+attischen Thargelion mit dem makedonischen Daisios kann nur sehr
+bedingterweise für zutreffend gelten.
+
+
+ Anmerkung 6 zu Seite 191:
+
+Die Alex. I{2}, 1 S. 235 geäußerte Vermutung, daß auch ein _Koinon der
+ionischen Städte_ begründet worden, ist bereits durch zwei Inschriften
+bestätigt. In der einen, der sehr umfangreichen Urkunde, in der der König
+Antigonos (also zwischen 306-301) den Synoikismos von Lebedos und Theos
+anordnet, wird u. a. die Art, wie von ihnen gemeinsam die Feier der
+Panionien beschickt werden soll, bestimmt (#Le Bas-Waddington# II Nr. 86).
+Die andere (Arch. Zeit. 1872 S. 188) ist aus Smyrna, und ihr Anfang lautet:
++edoxen Iônôn tô koinô tôn triskaideka poleôn, epeidê Hippostratos
+Hippodamou Milêsios philos ôn tou basileôs Lysimachou kai stratêgos epi tôn
+poleôn tôn Iadôn katastatheis+ usw. Damit erhält die Angabe Strabos XIV S.
+644, daß auf dem Isthmos zwischen Erythrai und Teos dem Alexander ein Hain
+geweiht sei +kai agôn apo tou koinou Iônôn Alexandreia katangelletai
+synteloumenos entautha+ ihre volle Bedeutung.
+
+
+ Anmerkung 7 zu Seite 207:
+
+_Das Schlachtfeld von Issos_ ist in neuerer Zeit von Favre und Mandrot
+besucht und genauer als früher gezeichnet worden. Die Zeit der Schlacht ist
+nach Arrian II, 11, 10 der Maimakterion des Archonten Nikostratos, also
+etwa November 333.
+
+
+ Anmerkung 8 zu Seite 242:
+
+Über Alexanders Verhalten gegen _Jerusalem und Samaria_ ist es bei dem
+gänzlichen Schweigen glaubwürdiger Schriftsteller unmöglich, Sicheres zu
+finden. Was im Text angegeben ist, findet sich im #Josephus Ant.# XI, 8,
+2-7. Die talmudische Überlieferung (#Derenbourg, Essai sur l'histoire et la
+géographie de la Palestine, Paris# 1867, S. 71) nennt als den Hohenpriester
+dieses Vorganges den berühmten _Simeon_, den Gerechten, den Enkel des
+Jaddua; während die samaritanische Tradition denselben Vorgang von dem
+samaritanischen Hohenpriester Hiskiah erzählt. Nach Josephus ist Sanballat
+ein Kuthaier wie die Bevölkerung von Samaria, und er hat seine Tochter an
+Manasse, den Bruder des Jaddua, vermählt, der, eben dieser Ehe wegen von
+den Juden ausgetrieben, ihn veranlaßt, einen Tempel auf dem Berge Garizim
+zu errichten und ihn zum Hohenpriester desselben zu bestellen; Sanballat
+hat sich nach dem Siege von Issos den Makedonen zugewandt, ist, bevor
+Alexander nach Gaza gezogen, gestorben. Nach der talmudischen Tradition
+haben die Kuthaier von Samaria bei Alexander um die Erlaubnis gebeten, den
+Tempel in Jerusalem zu zerstören, worauf die Juden in jenem feierlichen
+Zuge vor ihm erschienen sind und die Erlaubnis erwirkt haben, ihrerseits
+den Tempel in Garizim zu zerstören. In der Tat ist dieser Tempel erst viel
+später, zur Zeit des Johannes Hyrkanos, zerstört worden. Nach Hekataios
+(#Joseph. contra Apionem# II, 4) hat Alexander +tên Samareitin chôran+
+tributfrei den Juden überlassen; vielleicht sind nur die drei Toparchien
+gemeint, von denen 1. Makk. 11, 28 u. 34 die Rede; aber danach mit Graetz
+(Geschichte der Israeliten 1876, S. 224) in dem Fragment des Hekataios zu
+emendieren, scheint zu gewagt. -- Aus Arrian II, 13, 7 ergibt sich, daß,
+nachdem Parmenion Damaskos genommen, Menon des Kerdimmas Sohn zum Satrapen
+von Koilesyrien bestellt worden ist; sichtlich derselbe, der nach III, 6, 8
+abgesetzt wird, weil er nicht die nötige Fürsorge für die Verpflegung des
+Heeres beim Marsch von Ägypten nach dem Euphrat gehabt hat. Nach Curtius
+(IV, 5, 9) hat Parmenion bei seinem Abmarsch aus Damaskos nach Dyros dem
+Andromachos den Befehl in Syrien übergeben; nach IV, 8, 9 erfährt Alexander
+bei seinem Abmarsch aus Ägypten, daß die Samaritaner Andromachos umgebracht
+haben; er straft sie und bestellt Menon zu dessen Nachfolger; eine Angabe,
+die dem Arrian gegenüber nicht bestehen kann. Nach Eusebius #Chr. II, 114
+ed.# Schöne (zum Jahr 1680 #a. A.# d. i. Ol. 111, 1, bei Hier. zum Jahr
+1685 #a. A.# d. i. Ol. 112, 1) hat Alexander bei diesem Anlaß die Makedonen
+in Samaria angesiedelt (+tên Samareian polin helôn Makedonas en autê
+katôkise+), nach S. 118 ist es geschehen, als Perdikkas Reichsverweser war:
+#Samaritanorum urbem a Perdicca constructam#, oder nach Petermann #incolis
+frequentatam#. Kurz die sämtlichen, auf Jerusalem und Samaria bezüglichen
+Angaben sind so widersprechend, daß man darauf verzichten muß, den
+pragmatischen Zusammenhang der Vorgänge daraus zu rekonstruieren.
+
+
+ Anmerkung 9 zu Seite 275:
+
+Das Terrain des _Schlachtfeldes von Gaugamela_ hat zuerst die von Felix
+Jones 1852 edierte #Map of the country of Niniveh#, dann 1876 Cernik in
+Petermanns Ergänzungsheft II, 75 gegeben, letzterer in den Wasserläufen in
+der Nähe von Kermelis von Jones mehrfach abweichend. Die Darstellung der
+Schlacht folgt der neueren Aufnahme. -- Der gewöhnliche Weg der Karawanen
+geht von Erbil in ziemlich gerader Richtung westwärts über einen nicht
+hohen, aber an Defileen reichen Bergrücken Dehir Dagh zu dem breiten und
+wasserreichen Zâb (Zarb el Kebir), den man bei Eski Kelek überschreitet;
+dann wieder über einen steinigen Rücken Arka Dagh zu dem steinigen Bett des
+Ghasîr. Jenseits dieses Flusses, über den man bei Zara-Chatun geht,
+erreicht man nach kurzem Ansteigen eine breite, unabsehbare Ebene (#Rich.,
+Narrat.# II, 23), die #equitabilis et vasta planities# bei #Curt.# IV, 9,
+10. Zehn Kilometer von Zara-Chatun kommt man nach Kermelis (nach Petermann
+II, 323 »Kermelés, ein christliches Dorf«), an dem vorüber ein Bach, der
+vom Meklub-Dagh kommt, zum Tigris läuft. Dreizehn Kilometer weiter erreicht
+man das Dorf Abu Zuaga, das in einer flachen Senkung liegt, durch welche
+ein Bach südwarts fließt, um sich mit dem von Kermelis zu vereinigen.
+Halbwegs zwischen beiden Dörfern liegt ein wenig nordwärts zur Seite
+Börtela (nach Petermann Bértilli, gewöhnlich Bártoli genannt) auf einer von
+den Bergen im Norden (Meklub-Dagh) vorspringenden Terrainschwellung.
+Petermanns Weg war von Ghasîr aus etwas nördlicher, zwischen Kermelês links
+und Derdschille (Terdjila) rechts über Dschakülle (Schaakuli) bei Bertilli
+(Börtela), das links blieb und bei Châsne tepe (Hazna) vorüber nach
+Mosul. -- Von Erbil führt ein anderer, bequemerer aber etwas weiterer Weg
+an dem Wasser von Erbil am Südabhang des Dehir Dagh zur Mündung des Ghasîr
+in den Zâb (Lykos) bei Wardak und dann zum Plateau bei Kermelis hinauf, das
+20-30 Meter höher ist als der Zâb bei Wardak. -- Das sind die Hauptpunkte
+des Schlachtfeldes. Da nach #Arr.# III, 8, 7 und VI, 11, 5 Dareios bei
+Gaugamela am Bumodos lagerte, der nach der höchsten Angabe 600, nach der
+geringsten Angabe 500 Stadien von Arbela entfernt ist (#Arr.# III, 15, 5),
+so kann nicht der Ghasîr der Bumodos sein, da der Weg von Erbil über
+Eski-Kelek nach Zara-Chatun nach Niebuhr und Kinneir (#Persia#, S. 152) nur
+6 Meilen, also 240 Stadien beträgt. Nimmt man Kermelis für Gaugamela und
+den Bach dort für den Bumodos, so bekommt man, wenn Dareios über Wardak
+nach Kermelis marschiert ist, reichlich 9 Meilen, mit 1/6 für Umwege
+gerechnet 420-440 Stadien. Wenn Curtius (IV, 9, 8) die Perser vom Lykos zum
+Bumodos 80 Stadien marschieren läßt, so paßt dies auf keine Stelle zwischen
+Zâb und Ghasîr, wohl aber auf die Entfernung von Wardak bis zum Wasser von
+Kermelis. Dareios kann sich unmöglich an dem eingesenkten und steinigen
+Flußtal des Ghasîr aufgestellt haben, und Gaugamela lag nach #Arr.# III, 8,
+7 +en chôrô homalô pantê+.
+
+
+ Anmerkung 10 zu Seite 283:
+
+Die Angaben über die _Ergänzung des Heeres_ an dieser Stelle wie während
+der ganzen Kriegszeit sind nicht derart, daß man Sicheres daraus
+kombinieren könnte. In betreff der in Susa eintreffenden begnügt sich
+Arrian (III, 16, 10) mit dem summarischen Ausdruck: +Amyntas ho Andromachou
+syn dynamei aphiketo+. Nach #Diod.# XVII, 65 und #Curt.# V, 1, 40 waren es
+6000 Mann Fußvolk und 500 Reiter Makedonen, 600 thrakische Reiter, 3500
+Mann thrakisches Fußvolk (+Tralleeis+ bei Diod.), aus dem Peloponnes 4000
+Söldner zu Fuß und fast 1000 (bei Curt. 380) Reiter, außerdem 50 junge
+makedonische Edelleute +pros tên sômatophylakian+. -- Aus Arrians Ausdruck
+(III, 16, 11) +tous pezous de prosethêke tais taxesi ... kata ethnê
+hekastous syntaxas+ darf man schließen, daß nicht neue, schon formierte
+Truppenkörper (+taxeis+ usw.) aus der Heimat nachrückten, sondern
+Ersatzmannschaften, die bei denjenigen mobilen Truppen, aus deren Kantons
+sie ausgehoben waren, eingestellt wurden, daß also in der Heimat die
++taxeis+ der und der Kantone zurückgeblieben waren, die dort ebenso +kata
+ethnê+ ergänzt wurden wie die mobilen sechs Taxeis (der Elymiotis, der
+Tymphaia usw.), acht Ilen (von Amphipolis, Bottiaia usw.). Ob später (für
+den indischen Feldzug) von den in der Heimat zurückgebliebenen Taxeis
+einige mobil gemacht und nachmarschiert sind, ist nicht mehr zu erkennen.
+
+
+ Anmerkung 11 zu Seite 315:
+
+Die Inschrift von 330, auf welche der Text sich bezieht, steht jetzt #C. I.
+A. II, 175b#; die Überschrift lautet: +Rhêboulas, Seuthou hyios, Kotuos
+adelphos angel+... was vielleicht +Angelê[lthen+ sein soll, wenigstens
+scheint die Ergänzung +angelos+ nicht einmal zu dem Relief, das darüber
+steht, zu passen. Es ist natürlich nur eine Vermutung, aber eine
+naheliegende, daß dieser _Rhebulas_ dem thrakischen Fürstenhause angehört,
+und daß der hier als sein Vater genannte Seuthes derselbe ist, von dem
+Curtius (X, 1, 43) angibt: #Seuthes Odrysas populares suos ad defectionem
+compulerat.# Der Name Seuthes wiederholt sich in dem odrysischen
+Fürstenhause. Kotys, der von 380-357 das Fürstentum hatte, war Sohn des
+Königs Seuthes, der aus Alkibiades' letzten Jahren bekannt ist. Nach Kotys'
+Tode teilten seine drei Söhne das Reich. Kersobleptes erhielt wohl das
+eigentliche Reich am Hebros, und Kardia stand um 353 unter seinem Einfluß;
+dort stieß an sein Gebiet das seines Bruders Amadokos, das westwärts bis
+Maroneia reichte (#Dem. Arist.# 183). Dem dritten Bruder Barisades war, so
+scheint es, das Gebiet von Maroneia ostwärts über den goldreichen Pangaion
+bis an die alte makedonische Grenze zugefallen; er war bald (schon 357)
+gestorben und Kersobleptes bekriegte seine Söhne und Amadokos. Es ist
+wahrscheinlich, daß die erwähnten »Ketriporis und seine Brüder« eben diese
+Söhne des Barisades sind (Dittenberger, Hermes XIV, S. 299). Der König
+Seuthes, der sich 322 gegen Lysimachos erhob (#Diod.# XVIII, 14), ist wohl
+unzweifelhaft derselbe, den die Inschrift von 330 nennt; und wenn der eine
+seiner Söhne den Namen Kotys führte, so liegt die Vermutung nahe, daß es
+eben die alte odrysische Königsfamilie war, der sie angehörten, daß also
+Kersobleptes seines Großvaters Namen dem Sohn, seines Vaters Namen dem
+Enkel gab; nicht minder nahe die Vermutung, daß Sitalkes, der in Alexanders
+Heer die 5000 thrakischen Akontisten führte, aus demselben Hause und
+vielleicht Kersobleptes' ältester Sohn war.
+
+
+ Zum dritten Buch
+
+ Anmerkung 12 zu Seite 355:
+
+Daß Alexander die _Hyparchen des baktrischen Landes_ zu einem Syllogos
+beruft, gibt einen Einblick in die persischen Verfassungsverhältnisse. Die
+Erklärung des Wortes +syllogos+ gibt Xenophon (#Oec.# IV, 6 und #Cyr.# VI,
+2, 11); es ist die jährliche Musterung der +misthophorôn kai tôn allôn hois
+hôplisthai prostetaktai+ mit Ausschluß der Besatzungen in den Akropolen.
+Der +syllogos+ für Kleinasien war bei Kastelos (#Xen. An.# I, 1, 2), und
+Bessos wird demnächst nach Ekbatana geführt +hôs ekei en tô Mêdôn te kai
+Persôn syllogô apothanoumenos+ #Arr.# IV, 7, 3, Ekbatana (Ha-gma-tâna) ist
+nach Spiegel (Die Keilinschriften, S. 195 u. 221) wörtlich
+Zusammen-kunfts-ort. Ein solcher Syllogos war es, in dem die Perser vor der
+Schlacht am Granikos berieten (#Arr.# I, 12, 10). Bemerkenswert ist, daß
+Dareios I. in der Inschrift von Behistan II, 13 angibt, er habe Fravartes
+den Meder, der sich in Medien empört, in der Gegend von Ragâ besiegt:
+»Fravartes wurde ergriffen und zu mir geführt, ich schnitt ihm Nase, Ohren
+und Zunge ab, ich führte sein .... an meinem Hof (wörtlich Pforte oder Tür)
+wurde er gefesselt gehalten, alles Volk sah ihn, dann ließ ich ihn in
+Hangmatana kreuzigen.« Ein anderer Empörer in Persien (III, 5) wird mit
+seinen Anhängern in einer Stadt Persiens gekreuzigt; einen dritten aus der
+Landschaft Açagarta (Sagartien, II, 14) besiegt der gegen ihn Gesandte:
+»und führte ihn her zu mir, drauf schnitt ich ihm die Nase und die Ohren ab
+und führte sein ... an meinem Hof wurde er gefesselt gehalten, alle Leute
+sahen ihn, dann kreuzigte ich ihn in Abira.« In Arbela ist also wohl der
++syllogos+ für Sagartien oder vielleicht ganz Assyrien. -- Was sich Arrian
+unter dem Wort Hyparch denkt, das er in diesen baktrischen Vorgängen
+mehrfach braucht, ergibt sich aus IV, 21, 1, wo Chorienes der Herr einer
+Felsenburg genannt wird +kai alloi tôn hyparchôn ouk oligoi+ und IV, 21, 9,
+wo Alexander dem Chorienes seine Burg zurückgibt +kai hyparchos einai
+hosônper kai proteros+.
+
+
+ Anmerkung 13 zu Seite 397:
+
+Die _Stärke des Heeres_ beim Beginn der Fahrt den Indus hinab gibt Arrian
+(#Ind.# 19) an. -- Arrian nennt Reiter aus Arachosien und den Paropamisaden
+(V, 12, 7), baktrische, sogdianische, skythische Reiter, Daer als
+Bogenschützen zu Pferd. Im indischen Feldzuge kommen folgende Taxeis mit
+Namen vor: einmal die alten, Koinos (IV, 25, 6), Polysperchon (IV, 25, 6),
+Meleagros (IV, 22, 7); die des Krateros wird zuletzt in der letzten
+baktrischen Expedition (IV, 22, 1) genannt und ist entweder in Baktrien
+geblieben oder infolge einer höheren Stellung, die Krateros erhielt, an
+einen anderen Strategen gegeben; sodann die schon im baktrischen Feldzuge
+genannten: Philotas (IV, 24, 1), Alketas (IV, 22, 7), Attalos (IV, 24, 1),
+Gorgias (IV, 22, 7), Kleitos (IV, 22, 7 wohl der weiße Kleitos), Balakros
+(IV, 24, 10); endlich noch Philippos (IV, 24, 10), Peithon (IV, 6, 1),
+Antigenes (V, 16, 3; VI, 17, 3). Da Antigenes in der Diadochenzeit
+wiederholt als Führer der Hypaspisten genannt wird, so ergibt sich aus V,
+16, 3: +tôn pezôn tên phalanga Seleukô kai Antigenei kai Taurôni+, daß die
+Taxis des Antigenes nicht schweres Fußvolk, keine sogenannte Phalanx war.
+Philippos, des Machatas Sohn, ist bereits vor der Schlacht am Hydaspes zum
+Satrapen in Indien bestellt, und wenn derselbe Philippos der Strateg jener
+Taxis war, so hat sie dann wohl einen anderen Strategen erhalten;
+vielleicht Peithon des Krateuas Sohn (VI, 6, 1: +tôn pezetairôn poloumenôn
+tên Peithônos taxin+). -- Die Formation der makedonischen Ritterschaften
+der Hetären hat sich seit 330 mehr und mehr erweitert; nach Arrian (VI, 22,
+7) zählt das Heer außer dem Agema der Ritterschaft acht Hipparchien, von
+deren Führern fünf gelegentlich genannt werden: Hephaistion, Perdikkas,
+Demetrios (V, 12, 2), Kleitos (VI, 6, 4), Krateros (V, 11, 3). Das Agema
+führt Koinos (V, 16, 3). Die Stärke dieser Hyparchien läßt sich aus der
+Schlacht am Hydaspes so weit bestimmen, daß deren vier mit den sogdischen,
+baktrischen, skythischen Reitern und den 1000 dahischen Bogenschützen zu
+Pferd (#Arr.# V, 16, 4) 5000 waren (V, 14, 1). Wenn in dieser Schlacht von
+den Hetären 20, von den Barbaren 200 gefallen sind (#Arr.# V, 18, 4), so
+gibt das natürlich kein Maß für die Stärke des einen und anderen Korps.
+
+
+ Anmerkung 14 zu Seite 400:
+
+Der Feldzug Alexanders in dem _Gebirgslande auf der linken Seite des
+Kabulflusses_ ist bei der unzulänglichen Kunde von diesen Gebieten noch
+nicht hinlänglich aufzuklären, namentlich hat man für die Ansetzung der im
+Lauf desselben erwähnten Städte und Festen keinerlei Anhalt. Nur eine
+Stelle ist durch General Cunningham mit Sicherheit festgestellt, die der
+Feste Aornos, der Tafelberg von Rani-gat, und nach der Schilderung, die Dr.
+Bellew von den Trümmern auf diesem »Königstein« gibt, darf man in ihnen
+wohl einen Neubau hellenistischer Architektur erkennen. -- Es wird nicht
+überliefert, liegt aber wohl in der Natur der Sache, daß das Vorgehen
+Alexanders in zwei Kolonnen im Norden und Süden des Kophen den im Text
+angedeuteten Zweck hatte. Die Kurumpässe im Süden des Sefid-Kuh ließ der
+König unberücksichtigt, da sie seine Bewegung exzentrisch gemacht haben
+würden. Anders motiviert Strabo (XV, S. 697) Alexanders Operationen: »Er
+hatte in Erfahrung gebracht, daß die Gegenden im Norden und in den Bergen
+fruchtbar und wohl bevölkert seien, die südlichen dagegen ganz wasserlos
+oder, wo Ströme flössen, von glühender Hitze und mehr für Tiere als für
+Menschen passend; deshalb und weil er die Flüsse, ihren Quellen näher,
+leichter passieren zu können meinte, ging er die nördlichsten Wege.«
+
+
+ Anmerkung 15 zu Seite 438:
+
+Dieser _Sopeithes_, Fürst im Lande der Kathaier, wird in dem Açvapati König
+der Kekaya wieder erkannt, der schon im #Çatap. Br.#, dann auch im
+#Ramâyana# vorkommt, nicht ohne Erwähnung seiner vortrefflichen Hunde, der
+Tigerhunde bei #Diod.# XVII, 92, der #nobiles ad venandum canes#, wie sie
+#Curt.# IX, 1, 24 eingehend beschreibt. Jetzt ist von diesem Fürsten eine
+Silberdrachme bekannt, die auf der Vorderseite den behelmten Kopf des
+Königs Seleukos I. hat, auf der Rückseite einen Hahn, daneben einen
+Hermesstab und die Beischrift +SÔPHYTOU+ (S. v. Sallet, Die Nachfolger
+Alexanders in Baktrien und Indien, S. 87).
+
+
+ Zum vierten Buch
+
+ Anmerkung 16 zu Seite 495:
+
+Die _Chronologie der Fahrt Nearchs_ ist dadurch unsicher, daß bei Arrian
+(#Ind.# 21) ein falscher Archont genannt und zugleich neben dem attischen
+Monatstage (20. Boedromion) nicht das entsprechende makedonische Datum,
+sondern nur das Jahr (11. Jahr Alexanders) angegeben ist. Aber die Angabe,
+daß Nearch am 20. Boedromion vom Indus abgefahren ist, gewährt ein relativ
+sicheres Datum; es ist, wenn man Idelers Berechnung des metonischen Zyklus
+für die Ansetzung der entsprechenden julianischen Daten in konventioneller
+Weise gelten läßt, der 21. September; die Fahrt vom Indus bis Harmozia ist
+ziemlich überzeugend auf 80 Tage berechnet worden und danach die Daten S.
+495 angesetzt.
+
+
+ Anmerkung 17 zu Seite 515:
+
+In der neuen _Organisation der Ritterschaft der Hetairen_ fällt die Angabe,
+daß eine fünfte Hipparchie gebildet worden sei, da es während des indischen
+Feldzugs, wie aus Arrian (IV, 22, 7; 23, 1; 24, 1) geschlossen werden darf,
+deren, das Agema ungerechnet, acht gab. Ob der Zug durch die Wüste so große
+Verluste gebracht hatte, daß die Reste der Hetairen zu vier schwachen
+Hipparchien zusammengezogen waren, muß dahingestellt bleiben. Jedenfalls
+war der Zweck der neuen Formation zugleich, wie Arrian (VII, 29, 4) angibt,
+die alten persischen +homotimoi+ in das Korps der Hetären einzureihen, wie
+nicht minder die +mêlophoroi+ in die Taxeis. Anderer Art sind die 30 000
+Perser (wohl überhaupt Asiaten), die nach makedonischer Art bewaffnet und
+eingeübt von den Satrapen nach Babylon geführt wurden, und die Arrian
+»Epigonen« nennt. Diese sind es, die Alexander auf Anlaß der Meuterei in
+Opis in makedonischer Weise als Hetären, Hypaspisten, Pezetären usw.
+formiert und an die Stelle der Makedonen treten läßt (#Arr.# VII, 11, 1).
+
+
+ Anmerkung 18 zu Seite 531:
+
+Über die Wirkungen des Dekrets, das den _Verbannten die Rückkehr_ in ihre
+Heimat gestattete, geben die Inschriften mehrerer Städte Andeutungen. Zwei
+derselben sind Hellen. II{2}, 2, S. 361, 363 wiederabgedruckt worden. Von
+besonderem Interesse ist die von Conze in Mytilene gefundene und in seiner
+Reise nach Lesbos Taf. VIII, 2 mitgeteilte, die sich nach Blaß im Hermes
+XIII, S. 384 als zu #C. I. Gr.# II, 2166 gehörig erweist und dieselbe
+ergänzt. Der in den samischen Inschriften erwähnte _Gorgos_ von Jasos, der
+sich, wie sie bezeugen, insbesondere bei Alexander darum bemüht hatte, daß
+die seit dreißig und mehr Jahren von attischen Kleruchen besetzte Insel den
+vertriebenen Samiern zurückgegeben werde, ist der Waffenmeister und
+Metalleut Alexanders, von dem Strabo eine Schrift über die Salz- und
+Bergwerke im Lande des Fürsten Sopeithes kannte. Es mag gestattet sein,
+hier die Berichtigung eines Irrtums hinzuzufügen, der in der Korrektur der
+letzten Ausgabe übersehen worden ist; Samos gehörte nicht, wie es S. 23
+heißt, zum zweiten attischen Seebund in der Zeit, da die Athener die Samier
+austrieben und die Insel an attische Kleruchen verteilten.
+
+
+ Anmerkung 19 zu Seite 566:
+
+Mag die _Gesandtschaft der Römer an Alexander_ in den späteren
+Alexandergeschichten des Aristos und Asklepiades (#Arr.# VII, 15, 5)
+ausgeschmückt worden sein, daß Kleitarchos (Fragm. 23) nach dem Zeugnis des
+Plinius (#H. N.# III § 57) sie erwähnt hat, ist für diesen Fall ein
+ziemlich glaubwürdiges Zeugnis; denn Kleitarch schrieb zu einer Zeit, wo
+der Name der Römer noch nicht eben Großes bedeutete. Aristoteles nennt --
+abgesehen von einer kurzen Notiz über Sommerpflanzen (#de plant. 1. 7, p.
+821b#) Rom nur in einem Fragment bei #Plut. Cam.# 22, und Plutarch
+berichtigt ihn: +Aristotelês de to men halônai tên polin hypo Keltôn
+akribôs dêlos estin akêkoôs, ton de sôsanta Leukion einai phêsin -- ên de
+Markos, ou Leukios, ho Kamillos+ was verständigerweise nichts anderes
+heißen kann, als daß Aristoteles dem Retter Roms einen falschen Vornamen
+gegeben habe. Plinius (#H. N.# III, § 57) sagt: #Theophratus -- primus
+externorum aliqua de Romanis diligentius scripsit, nam Theopompus, ante
+quem nemo mentionem habuit, urbem dumtaxat a Gallis captam dicit,
+Clitarchus ab eo proximus legationem tantum ad Alexandrum missam#; von dem
+angeblichen Brande Roms wissen diese ältesten Zeugen nichts. Wenn #Liv.#
+IX, 18 sagt: #Alexandrum ne fama quidem illis notum fuisse arbitror#, so
+beweist das ebensowenig wie das Schweigen der römischen Annalisten über
+eine solche Sendung (+oute tis Rhômaiôn hyper tês presbeias tautês mnêmên
+epouêsato tina+, #Arr.# VII, 15, 6). Wenigstens das #interdictum mari
+Antiati populo est# in den Friedensbedingungen von 338 v. Chr. #Liv.# VIII,
+14 (wesentlich abweichend von den Bedingungen desselben Friedens, die
+#Liv.# VIII, 11 zu lesen sind) beweist wohl nicht, daß der Name
+antiatischer Piraten fortan von den Meeren verschwunden ist. Denn Livius'
+Ausdruck: #Antium nova colonia missa ... navis inde longae abactae,
+interdictum mari Antiati populo est et civitas data#, bietet, wie von
+Zöller und anderen nachgewiesen, Konfusion in Menge: wenn sich zwanzig
+Jahre später die Antiaten in Rom beschwerten, daß sie #sine legibus# und
+#sine magistratibus# seien (#Liv.# IX, 20), so zeigt das deutlich, daß
+nicht den Antiaten insgemein die #civitas#, noch das Recht, sich als
+Kolonisten einzuschreiben, gegeben ist, daß vielmehr zwischen der dahin
+deduzierten römischen Kolonie und dem #populus# weder ein gemeinsames
+Recht, noch eine gemeinsame Behörde bestand.
+
+
+ Anmerkung 20 zu Seite 574:
+
+Mit guten Gründen ist neuerer Zeit wahrscheinlich gemacht worden, daß
+Diodors _Schilderung von Babylon_ (II, 7 ff.) aus Kleitarchos stammt. Daß
+die Stadt mit ihren Bauwerken, daß das Kanalsystem und die Wasserbauten am
+Euphrat bis Sippara und weiter hinauf, zu Alexanders Zeit im wesentlichen
+noch erhalten waren, wird man kaum bezweifeln dürfen. Seit Nebukadnezar
+hatte man die vier großen Kanäle, die zwischen Sippara und Babylon zum
+Tigris hinüber führen, das große Bassin bei Sippara auf dem linken Ufer des
+Euphrat zur Regulierung der Überschwemmungen des Stromes, die beiden großen
+Kanäle auf der rechten Seite des Euphrat, den Naarsanes, der oberhalb, den
+Pallakopas, der 800 Stadien unterhalb Babylon abgeleitet war. Daß Penteren
+und Tetreren von Thapsakos herab auf dem Euphrat nach Babylon geführt
+werden konnten, sowie die Fahrt des Nearchos mit der Flotte den Euphrat
+aufwärts bis Babylon und die Fahrt von Trieren aus dem Euphrat (auf dem
+Königskanal) nach dem Tigris zeigt, daß das große Kanalisationssystem, auf
+dem der Handel, die Fruchtbarkeit, zum großen Teil die Bewohnbarkeit des
+babylonischen Landes beruhte, noch keineswegs verkommen war. In diesem
+Zusammenhang gewinnen die Anlagen, die Alexander hinzufügte, ihre
+Bedeutung. Er befahl die Aushebung eines zweiten großen Bassins in der Nähe
+von Babylon mit Schiffshäusern für tausend große Schiffe (#Arr.# VII, 19,
+4); er veranlaßte die Umlegung der Stelle, wo der Pallakopas aus dem Strom
+abgeleitet war, denn die bisherige Stelle, wo die Ufer niedrig und sumpfig
+waren, gewährte nicht hinlängliche Schließung und setzte bei hohem Wasser
+das niedrige Land dahinter weiten Überflutungen aus; Alexander fand eine
+Meile weiter auf der rechten Seite des Stromes eine Stelle, die geeignet
+war +hypo sterrhotêtos tês gês+ das Wasser sicher zu hemmen. Solches Ufer
+»hoch und lehmig« sah Petermann aus seiner Fahrt von Babylon nach
+Suq-esch-Schiuch bei Samwat, einer Stelle, die auch sonst bemerkenswert
+genug ist und die Anlage einer Alexandreia, wie sie der König dort gründete
+(VII, 21, 7), wohl rechtfertigt.
+
+
+ Anmerkung 21 zu Seite 582:
+
+Der _Todestag Alexanders_ ist nach der völlig zuverlässigen Angabe der
+Ephemeriden der 28., nach Aristobulos der 30. Daisios. Welcher julianische
+Tag des Jahres 323 diesem Datum entspricht, ist nicht mit Sicherheit
+festzustellen. Wenn Justin (XII, 16, 1) sagt: #decessit Alexander mense
+Junio annos tres et XXX natus#, so ist diese für uns älteste Reduktion
+derart, daß sie nach den sonstigen Kombinationen, die Alex. II. 2, S. 343
+dargelegt sind, wohl richtig sein kann; wenigstens hat Jeep so den Text
+gegeben; hat wirklich, wie neuerdings versichert worden, die
+handschriftliche Überlieferung #mense uno#, so ist schwer zu sagen, was das
+heißen könnte.
+
+
+
+
+ Personen- und Sachregister
+
+nebst Verdeutschung einiger häufig vorkommender Fachausdrücke des
+makedonischen Heeres und einem Stammbaum der Familie Alexanders. Das
+Register ist in dieser Ausgabe neu hinzugefügt und von Privatdozent
+Dr. Rosenberg revidiert worden.
+
+
+_Abastaner (Ambastha)_, Volk am Indus 466
+
+_Abdaios_, Chiliarch 175
+
+_Abdera_, griech. Stadt in Thrakien 21, 131, 151
+
+_Abdollonymos_ von Sidon 226
+
+_Abisares_, Fürst von Kaschmir 407, 415 u. ff., 418, 422 u. ff.,
+ 430 u. ff., 502
+
+_Abreas_, Taxiarch 469
+
+_Abulites_, Satrap von Susa 251, 282 u. ff., 297, 504
+
+_Abydos_, griech. Stadt am Hellespont 131, 150, 152
+
+_Ada_, Regentin in Karien 170, 176
+
+_Admetos_, Führer der Hypaspisten 237
+
+_Adrasteia_ (Kleinasien) 152
+
+_Adreskan_, Fluß in Areia (Afghanistan) 328
+
+_Agalassa_, Stadt der Maller (Indien) 457 u. ff.
+
+_Agathon_, Bruder Parmenions 80, 140, 141, 271, 274, 282, 498
+
+_Agesilaos_, spartan. König 17 u. ff., 26, 54 u. ff., 57 u. ff.
+
+_Agesilaos_, Bruder des spartan. Königs Agis 221, 311
+
+_Agis_, spartan. König 220, 227, 253, 296, 312, 317 u. ff.
+
+_Aischines_, Athener 220, 312, 317 u. ff.
+
+_Ake_, Stadt in Syrien 240
+
+_Akesines_, Strom im Pandschab (Chenab?) 416, 433, 449 u. ff.
+
+_Akuphis_, indischer Fürst 404
+
+_Albaner_ (Volk im Kaukasus) 251
+
+_Aleuas_, Fürst von Thessalien 94
+
+_Alexander der Große_ (356-323)
+ Eltern, Geburt und Kinderjahre 82
+ sein Lehrer Aristoteles 83
+ Jugendzeit und erste Taten, Anteil an der Schlacht bei
+ Chaironeia (338) 40, 84
+ Irrungen zwischen Vater und Sohn 85
+ Ermordung seines Vaters und Thronbesteigung (336) 90
+ der Zug nach Griechenland 94
+ Erneuerung des Bundes von Korinth 97
+ die Feldzüge an der Donau gegen die Thraker und Illyrier 99 u. ff.
+ zweiter Zug nach Griechenland und die Zerstörung Thebens (335) 115 u. ff.
+ Aufbruch nach Kleinasien (334) 151 u. ff.
+ Schlacht am Granikos (334) 153 u. ff.
+ Fall von Sardes 160
+ Fall von Ephesos 163
+ von Milet 167
+ von Halikarnassos, 177
+ Durchzug durch Lykien, Pisidien, Pamphylien 178 u. ff.
+ in Gordion (333) 198
+ in Tarsos, nach dem Bad im Kydnos dem Tode nahe 199 u. ff.
+ in der Schlacht bei Issos 263 u. ff.
+ sein Verhalten gegen die Mutter und Gemahlin Dareios' III. 213, 214
+ Manifest an Dareios 217
+ zieht in Sidon ein 226
+ belagert und nimmt Tyrus und Gaza ein (332) 227 u. ff.
+ besetzt Ägypten 246
+ und gründet Alexandreia 247
+ sein Zug nach der Ammonsoase (331) 256 u. ff.
+ sein Marsch nach Syrien, über den Euphrat an den Tigris (331) 262 u. ff.
+ Schlacht bei Gaugamela 270 u. ff.
+ Einzug in Babylon 277
+ Besetzung Susas 282
+ Einnahme von Persepolis und Pasargadai (330) 286 u. ff.
+ Einnahme von Ekbatana 298
+ verfolgt den Dareios 298 u. ff.
+ und die Empörer unter Bessos 300 u. ff.
+ Dareios' Ermordung 302 u. ff.
+ in Parthien und Hyrkanien 306 u. ff.
+ verfolgt Bessos 324 u. ff.
+ Gründung Alexandreias in Areia (Herat in Afghanistan) (330) 327
+ und Alexandreias in Arachosien (Kandahar in Afghanistan) 328
+ Verschwörung gegen sein Leben, die Hinrichtung des Philotas und die
+ Ermordung Parmenions 327 u. ff.
+ Marsch über den Hindukusch nach Baktrien (329) 350 u. ff.
+ verfolgt und nimmt Bessos in der Satrapie Sogdiana (Buchara)
+ gefangen 351 u. ff.
+ in Sogdiana (Buchara) und im Ferghanagebiet 352 u. ff.
+ gründet Alexandreia am Jaxartes (Chodjent am Syr Darja) 363
+ läßt Bessos hinrichten 371
+ ersticht Kleitos 375
+ erobert die Burgen der sogdianischen Hyparchen 379 u. ff.
+ vermählt sich mit Roxane 383
+ bricht von Baktrien nach Indien auf (327) 398 u. ff.
+ besetzt das Land diesseits des Indus 400 u. ff.
+ und überschreitet den Indus 413
+ und zieht in Taxila, der Residenz des Fürsten Taxiles ein 414
+ besiegt Poros in der Schlacht am Hydaspes (326) 423
+ erreicht den Hyphasis, seinen östlichsten Punkt 439
+ beschließt die Umkehr (326) 441 u. ff.
+ schifft sich auf dem Akesines ein 452
+ bekämpft die Maller und gerät in äußerste Lebensgefahr 457 u. ff.
+ fährt in den Ozean 476 u. ff.
+ Rückmarsch durch Gedrosien 488 u. ff.
+ trifft mit Nearch nach dessen erfolgreicher Meerfahrt zusammen 497
+ kehrt nach Pasargadai, Persepolis und Susa zurück (324) 499 u. ff.
+ daselbst Strafgericht über habsüchtige und grausame
+ Statthalter 503 u. ff.
+ vermählt sich mit Stateira, große Hochzeitsfeierlichkeiten 507 u. ff.
+ beschwichtigt den Veteranenaufstand in Opis 518 u. ff.
+ marschiert nach Ekbatana 558 u. ff.
+ Tod des Hephaistion 563
+ empfängt Gesandtschaften von europäischen und afrikanischen
+ Völkern 565 u. ff.
+ rüstet neue Heere und Schiffe aus 568 u. ff.
+ will Arabien umschiffen und auf neue Kriegszüge ausgehen 578 u. ff.
+ begeht die Leichenfeier für Hephaistion 579 u. ff.
+ erkrankt an Fieber und stirbt am 27. Daisios (323) 581
+
+_Alexandreia_ in Ägypten 247
+
+_Alexandreia_ in Arachosien (Kandahar in Afghanistan) 328
+
+_Alexandreia_ in Areia (Herat in Afghanistan) 327
+
+_Alexandreia_ am Kaukasus (ungefähr Begram bei Kabul
+ in Afghanistan) 350, 398
+
+_Alexandreia eschate_ am Tanais (Chodjent am Syr-Darja) 362
+
+_Alexandreia_ im Land der Oreiten 489
+
+_Alexandreia_ am Indus (an der Mündung des Pandschab) 466
+
+_Alexandreia_ am Tigris 517
+
+_Alexandropolis_ in Thrakien 130
+
+_Alexandros I._ von Makedonien 25, 32, 69 u. ff., 83
+
+_Alexandros II._ von Makedonien, Sohn des Amyntas 74
+
+_Alexandros der Lynkestier_, Schwiegersohn des Antipatros 75, 90, 161,
+ 180 u. ff., 342, 346
+
+_Alexandros_, König von Epirus, Bruder der Olympias 131, 132, 313,
+ 525, 566
+
+_Alinda_ in Karien 170
+
+_Alketas_, König von Epirus 73
+
+_Alketas_, Sohn des Orontes, Oberst Alexanders 79, 406 u. ff., 419
+
+_Alketas_, Sohn Alexandros' I. 69
+
+_Alkimachos_, Lysandros' Bruder 163
+
+_Alor_ im Lande Sindh 468
+
+_Alvaka_, ind. Volk. »diesseits des Indus« 399
+
+_Amantas_, Stratege Alexanders 283, 525
+
+_Amastris_, Nichte Dareios' III., Gemahlin des Krateros 508
+
+_Aminapes_, Parther, maked. Satrap in Parthien 306
+
+_Amminapes_ in Ägypten 281
+
+_Ammonsoase_ 256 u. ff.
+
+_Amphaxitis_, Landschaft in Makedonien 67
+
+_Amphilochos_ von Argos 202
+
+_Amphipolis_, Stadt in Thrakien 20, 24, 27, 32, 34, 75, 131, 152
+
+_Amphoteros_, Krateros' Bruder 181
+ Flottenführer Alexanders 253 u. ff., 263, 312 u. ff., 318
+
+_Amyntas_, Sohn Alexandros' I. 69
+
+_Amyntas_ (der Kleine) II., König von Makedonien 73
+
+_Amyntas III._, Sohn des Arrhidaios, König von Makedonien 72, 73
+
+_Amyntas_, Sohn Perdikkas' III. 76, 89, 99
+
+_Amyntas_ der Lynkestier, Oberst Alexanders 116, 137, 152, 155, 185,
+ 288, 339, 342, 377
+
+_Amyntas_, Sohn des Antiochos (auf Seiten der Perser) 162, 171, 181,
+ 204, 215, 216
+
+_Amyntas_, Sohn des Andromenos 160
+
+_Anaxarchos_ von Abdera, Sophist am Hoflager Alexanders 388, 569
+
+_Anaximenes_ von Lampsakos, Historiker 152
+
+_Anaxippos_, makedon. Befehlshaber in Susa (Areia) 325, 326
+
+_Anchiale_ in Kilikien 200
+
+_Andaka_, Stadt im Land der Aspasier (Nordwestindien) 400
+
+_Anderab_ (oder Adrapsa) in Afghanistan 349, 356
+
+_Androkles_ von Amathos 235
+
+_Andromachos_, Admiral Alexanders 233, 263
+
+_Andromachos_, Reiterführer Alexanders 27, 274, 365
+
+_Andronikos_, Bruder des »schwarzen« Kleitos 309 u. ff., 348
+
+_Androsthenes_, Trierarch Alexanders 451, 574
+
+_Ankyra_ in Paphlagonien 199
+
+_Antigenes_, Chiliarch der Hypaspisten 425, 473, 509
+
+_Antigonos_, Stratege der Bundesgenossen 137, 186, 215
+
+_Antiklas_, Sohn des Antiklas, einer der Edelknaben 391 u. ff.
+
+_Antimachos_, Feldherr Alexanders 196
+
+_Antiochos_, Feldherr Alexanders 209
+
+_Antipatros_, Sohn des Jollas, Reichsverweser in Makedonien 41, 75,
+ 103, 114 u. ff., 121, 196, 220, 253, 314, 318 u. ff., 343, 525, 571
+
+_Antipatros_, Sohn des Asklepiodoros, einer der Edelknaben 391 u. ff.
+
+_Antissa_ auf Lesbos 163
+
+_Aornos_ in Baktrien (im nördl. Afghanistan) 351, 352
+
+_Aornos_, Felsenburg am Indus (Tafelberg am Rani-gat) 407, 409 u. ff.
+
+_Apelles_, griech. Maler 163
+
+_Apollodoros_, Athener 62
+
+_Apollodoros_ aus Amphipolis 282, 570
+
+_Apollonia_ in Thrakien 130, 152
+
+_Apollonides_, Oligarch in Chios 163, 193
+
+_Apollophanes_, Satrap der Oreiten und Gedrosier 489, 495
+
+_Arachosien_, Satrapie (südl. Afghanistan) 251, 326 u. ff., 473 u. ff.
+
+_Arados_, phönik. Hafen 224 u. ff.
+
+_Aralsee_ 251
+
+_Arbela_ (Mesopotamien) 252, 275 u. ff.
+
+_Arbiten_, ind. Stamm am Erythräischen Meer (in Belutschistan) 488 u. ff.
+
+_Arbupalos_, Enkel des Artaxerxes 63, 157
+
+_Archelaos_, makedon. Befehlshaber 283
+
+_Archelaos_, Sohn Perdikkas' II., König in Makedonien 69, 71
+
+_Archias_, Sohn des Antipatros, zweiter Befehlshaber der Flotte 497, 573
+
+_Archidamos_, König von Sparta 35, 43
+
+_Areia_, pers. Satrapie (Afghanistan) 251, 306, 325, 472
+
+_Areiasee_ (Haräva in Afghanistan) 328
+
+_Aretes_, Führer der Sarissophoren 271, 273
+
+_Argaios_, makedon. Prätendent 73, 75, 76
+
+_Argeas_, Stammvater der Makedonen 67
+
+_Ariarathes_, Fürst der Kappadokier 251
+
+_Ariaspen_, Stamm in Seistan (Afghanistan) 328
+
+_Ariaspes_, Sohn Artaxerxes' III. 56
+
+_Arigaion_, Stadt im Tal des Guräos (Pandjkora) 404
+
+_Ariobarzanes_, Satrap von Phrygien 55, 251, 276, 285, 287 u. ff., 308
+
+_Arisbe_ (Kleinasien) 152
+
+_Aristandros_, Zeichendeuter 240, 247, 266, 363, 372, 373
+
+_Aristazanes_, pers. Heerführer 60
+
+_Aristobulos_, Historiker 340, 392, 503, 570
+
+_Aristomedes_ aus Thessalien, hellenischer Söldnerführer 203
+
+_Aristomenes_, athen. Flottenführer 219, 220
+
+_Ariston_, Führer der paionischen Reiter Alexanders 139, 140, 209, 271, 272
+
+_Aristonikos_, Tyrann von Methymna 193, 254
+
+_Aristonikos_, Kitharöde 376
+
+_Aristoteles_ 27, 28, 31, 41, 62, 68, 78, 83, 329 u. ff.
+
+_Arkonnesos_ bei Halikarnassos 171
+
+_Äropos_, König von Makedonien 72, 73
+
+_Arrhabaios_, Sohn des Aeropos, Lynkestier 72, 75, 90
+
+_Arrhidaios_, Sohn Perdikkas' II. 69, 72, 86
+
+_Arrhidaios_, Sohn Philipps II. und der Kleopatra 342, 346
+
+_Arrian_, Historiker 76, 125, 163, 337, 565 u. ff.
+
+_Arsames_, persischer Prinz 56
+
+_Arsames_, Satrap von Kilikien 199, 203, 211
+
+_Arsames_, Satrap Alexanders in Areia 308, 348, 369
+
+_Arses_, persischer König 63, 217
+
+_Arsimas_, Gesandter des Dareios 216
+
+_Arsites_, Satrap von Phrygien 62, 150, 153, 155, 158
+
+_Artabazos_, pers. Satrap von Phrygien, später makedon. Satrap von
+ Baktrien 56, 57, 62, 121, 296, 299 u. ff., 308, 351, 372 u. ff.
+
+_Artabelos_, Sohn des Mazaios 296, 301, 515
+
+_Artakoana_, Hauptstadt der pers. Satrapie Areia 326
+
+_Artaxerxes II._ 52 u. ff., 55 u. ff., 58 u. ff.
+
+_Artaxerxes III._ 61 u. ff.
+
+_Artemistempel_ in Ephesos 82
+
+_Arybbas_, Vormund der Olympias 82
+
+_Asandros_, Bruder Parmenions 80, 160, 263, 372
+
+_Asklepiodoros_, Satrap von Syrien 372
+
+_Asklepiodoros_, thrakischer Reiterführer 262, 263, 282
+
+_Asparses_, pers. Satrap von Karmanien 295
+
+_Aspasier_, indischer Stamm diesseits des Indus (Chitral) 400
+
+_Aspastes_, Satrap Alexanders 501
+
+_Aspendos_ in Kilikien 183
+
+_Assakenos_, indischer Fürst 407
+
+_Assos_, Stadt in Kleinasien 62
+
+_Astakener_ (auch Assakener), indisches Volk im Kophental
+ (Kabultal) 399, 404 u. ff.
+
+_Astes_, Fürst von Peukela (Land südl. des Kophen [Kabul]) 407 u. ff.
+
+_Atarneus_, Stadt in Kleinasien 62
+
+_Ateas_, König der Skythen 38, 100
+
+_Athenodoros_, Befehlshaber in Baktra 472
+
+_Äthiopien_ 60, 247, 568
+
+_Atizyes_, Satrap von Großphrygien 181, 186, 211
+
+_Atropates_, Satrap von Medien 251, 296, 298, 378, 504, 559
+
+_Attalos_, Schwiegersohn Parmenions, Oheim Kleopatras, der Gemahlin
+ Philipps (empört sich gegen Alexander) 65, 80, 85 u. ff., 92 u. ff., 98
+
+_Attalos_, Oberst Alexanders 139, 148, 210, 271, 302, 342, 372, 419, 473
+
+_Attock_, ind. Festung an der afghanischen Grenze 400
+
+_Autariaten_, Volk im heutigen Serbien 100 u. ff.
+
+_Autophradates_, Satrap von Lydien und später von Tapurien 55, 161,
+ 195, 221, 231, 253, 296, 308 u. ff., 378
+
+_Axios_, Fluß in Makedonien 66 u. ff.
+
+_Azemilkos_, König von Tyrus 221, 224 u. ff.
+
+
+_Babylon_ 17, 18, 59, 251 u. ff., 264 u. ff., 276 u. ff., 564 u. ff.
+
+_Bagai_, Stadt an der Grenze Sogdianas 378
+
+_Bagistane_ in Medien 559
+
+_Bagisthanes_ aus Babylon 301
+
+_Bagoas_, Freund Artaxerxes' III. 59 u. ff., 217
+
+_Baktra_, Hauptstadt von Baktrien (Balkth in Afghanistan) 325 u. ff.,
+ 347 u. ff., 351 u. ff., 382, 472
+
+_Baktrien_, Satrapie (nördl. Afghanistan) 64, 251, 299 u. ff., 306,
+ 327, 347 u. ff.
+
+_Balakros_, Sohn des Amyntas 186, 262
+
+_Balakros_, Sohn des Nikanor, makedon. Satrap von Kilikien 223
+
+_Balkth_ (Baktra) in Afghanistan 349
+
+_Bamihan_, Paß in Afghanistan 349
+
+_Banor_ aus Akarnanien, hellen. Söldnerführer 203
+
+_Bardyllis_ von Illyrien 99
+
+_Barsaentes_, Satrap von Arachosien und Drangiana 251, 296, 299 u. ff.,
+ 306, 327
+
+_Baryaxes_, Meder 504, 559
+
+_Barzanes_, Anhänger des Bessos 348, 369
+
+_Basht_ in der Provinz Persis, dem heutigen Farsistan 285
+
+_Batis_, pers. Befehlshaber von Gaza 239
+
+_Bazira_, Stadt im Assakenerland 406 u. ff.
+
+_Bebehan_ (im südl. Persien) 285
+
+_Bedzabde_ am Tigris 265
+
+_Belesys_, Satrap von Syrien 59
+
+_Beroia_, Stadt in Thrakien 130
+
+_Bessos_, Satrap von Baktrien, Mörder Dareios' III., nachher Großkönig
+ unter dem Namen Artaxerxes 251, 296, 299 u. ff., 325 u. ff.,
+ 347 u. ff., 368
+
+_Bisthanes_, Sohn des pers. Königs Ochos 63, 296 u. ff.
+
+_Bholanpässe_ an der Indusmündung 467
+
+_Bhukor_ am unteren Indus 467
+
+_Bottiaia_, Landschaft in Makedonien 67
+
+_Brasidas_, spartanischer Feldherr 140
+
+_Brettier_, ital. Bevölkerung, Gesandtschaft an Alexander 566
+
+_Brison_, Führer der Bogenschützen 271
+
+_Bubastis_, Stadt in Ägypten 60
+
+_Bukephala_, von Alexander gegründete Stadt im Pandschab 430, 449
+
+_Bukephalos_ 84, 428
+
+_Bumodos_, Fluß bei Gaugamela 266
+
+_Bupales_, Befehlshaber der Babylonier 251
+
+_Byblos_, phönik. Stadt 224 u. ff.
+
+_Byzanz_ 12, 13, 37, 39, 61, 62, 84, 102, 130
+
+
+_Chairias_, Ingenieur Alexanders 236
+
+_Chalybon_ (Syrien) 231
+
+_Chares_ von Sigeion, athenischer Söldnerführer 34, 56 u. ff., 152,
+ 193, 254
+
+_Charidemos_, athenischer Söldnerführer 34, 41, 57, 91, 120, 194
+
+_Charikles_, Sohn des Menandros, einer der Edelknaben 392
+
+_Chaironeia_ 40
+
+_Chitral_ (diesseits des Indus) am Choaspes (Kunar) 400
+
+_Chios_, Insel 57, 193, 219 u. ff., 254
+
+_Choarene_ (Khuar in Chorassan) 301
+
+_Choaspes_ (Kunar), Nebenfluß des Kophen (Kabul) 399 u. ff.
+
+_Chorassan_, ostpers. Satrapie 251, 306 u. ff.
+
+_Chorienes_, sogdianischer Fürst 360, 380 u. ff.
+
+_Çudra_ (Sogdoi oder Sodroi), ind. Volk am Indus 467
+
+_Cypern_ 14, 18 u. ff., 215
+
+
+_Daer_ (Volk am Aralsee) 251, 347, 351
+
+_Dakka_, Stadt in Afghanistan 399
+
+_Damaskos_ 204, 222 u. ff., 231
+
+_Dareios I._ 48 u. ff.
+
+_Dareios II._ 52
+
+_Dareios III. Kodomannos_ Wird König von Persien 64
+ fordert die Hellenen zum Krieg gegen Alexander auf 112
+ seine Regierung 145
+ stellt Memnon an die Spitze seines Heeres 148
+ Kriegsrat nach Memnons Tod 194
+ rückt vom Euphrat her Alexander entgegen 199
+ in der Schlacht bei Issos und seine Flucht 208 u. ff.
+ sein Brief an Alexander 216
+ sein Schmerz um Stateira 249 u. ff.
+ in der Schlacht bei Gaugamela 267 u. ff.
+ Erbeutung seiner Schätze in Arbela 275
+ Flucht nach Ekbatana 276, 295
+ aus Ekbatana nach Kaspien 297 u. ff.
+ Verrat des Bessos und Barsaentes 300
+ seine Ermordung 302
+
+_Daskylion_, Stadt in Phrygien 159
+
+_Datames_, pers. Flottenführer 195 u. ff., 219
+
+_Dataphernes_ aus Baktrien 347, 353 u. ff., 378
+
+_Deinokrates_, Baumeister Alexanders 247, 564
+
+_Delios_ von Ephesos, Schüler Platons 97
+
+_Demades_, athenischer Redner 41, 119, 120, 312, 318, 528
+
+_Demaratos_ von Korinth 41, 85 u. ff., 156. 291
+
+_Demetrios_, Hipparch Alexanders 139, 341, 420, 425, 433
+
+_Demosthenes_ 32 u. ff., 39 u. ff., 41, 62, 66, 91 u. ff., 113 u. ff.,
+ 220, 312, 318, 533 u. ff.
+
+_Derdas_, Fürst der Elymiotis 73, 80
+
+_Derdas_ (II.), Fürst der Elymiotis 80
+
+_Diades_, Ingenieur Alexanders 236
+
+_Dimnos_ aus Chalästra 337 u. ff.
+
+_Diogenes_ von Sinope 98
+
+_Dion_, Ort in Makedonien 72
+
+_Dionysodoros_, theban. Gesandter 222
+
+_Diophantos_, athenischer Söldnerführer 59
+
+_Disful_, Fluß und gleichnamige Stadt in der heutigen pers. Provinz
+ Chusistan 284
+
+_Dodona_ (Kultstätte in Epirus) 4, 66
+
+_Drangiana_, persische Satrapie (Afghanistan) 251, 306, 327 u. ff., 473
+
+_Drapsaka_ (oder Adrapsa) im Hindukusch (Afghanistan) 350
+
+_Dropidas_, att. Gesandter bei Dareios 312
+
+_Drypetis_, Tochter Dareios' III., Gemahlin Hephaistions 508
+
+_Dyrta_, Feste im Assakenerland 412
+
+
+_Edessa_ in Makedonien 67
+
+_Ekbatana_ (Hamadan) 47, 55, 276, 292, 295 u. ff., 558 u. ff.
+
+_Elaisis_ (am Hellespont) 151
+
+_Elephantine_ (Nilinsel) 254
+
+_Elymiotis_, Fürstentum in Makedonien 69, 73, 79
+
+_Emathia_, Landschaft in Makedonien 67
+
+_Embolima_, Stadt am Indus oberhalb der Mündung des Kophen (Kabul) 408
+
+_Enylos_, König von Byblos 225, 231
+
+_Ephesos_, Stadt in Kleinasien 161 u. ff.
+
+_Ephialtes_, Athener 120, 171, 174
+
+_Epimenes_, Sohn des Arseas, einer der Edelknaben 391 u. ff.
+
+_Epokillos_, Strateg der Thraker 372, 379
+
+_Eresos_ auf Lesbos 163
+
+_Erigyios_, Stratege Alexanders 86, 97, 306, 338, 348, 351
+
+_Erythräisches Meer_ (Persischer Golf) 284
+
+_Etrusker_, Volk in Italien 566 u. ff.
+
+_Euagoras_, König von Cypern 52, 224
+
+_Eubulos_ aus Bithynien 62
+
+_Eudamidas_, Bruder des spartan. Königs Agis 319
+
+_Eudemos_, Anführer der Thraker 502
+
+_Eulaios_ (Karun bei Shuster), Fluß in Persis, dem heutigen Farsistan 284
+
+_Eumenes_, Geheimschreiber Alexanders 437, 451, 508, 560 u. ff.
+
+_Euphraios_ von Oreos 78
+
+_Euphrat_ 199, 219, 264 u. ff.
+
+_Eurydike_, Königin 73 u. ff.
+
+_Eurylochos_, Bruder des Epimenes, einer der Edelknaben 392
+
+_Euthykles_, spartan. Gesandter 222
+
+
+_Fahiyan_ in Persis, dem heutigen Farsistan 285
+
+_Ferghanagebiet_ 358
+
+
+_Gandara_ in Indien 395
+
+_Gaugamela_ in Mesopotamien 266 u. ff.
+
+_Gaza_, Stadt in Palästina 239 u. ff.
+
+_Gedrosia_, pers. Satrapie (Belutschistan) 251, 328 u. ff., 486 u. ff.
+
+_Gerostratos_, Fürst von Arados 225, 231
+
+_Geten_, thrakischer Stamm 99, 105 u. ff.
+
+_Glaukias_, Arzt Alexanders 563
+
+_Glaukias_, ätol. Söldnerführer im persischen Heer 276
+
+_Glaukias_, Fürst der Taulantiner 100, 107 u. ff., 139
+
+_Glaukippos_, Milesier 166
+
+_Gordyäisches Gebirge_ 267
+
+_Gordion_, Stadt in Kleinasien 177, 178, 186, 197 u. ff.
+
+_Gorgias_, Oberst Alexanders 372, 419, 525
+
+_Grabos_, Illyrier 75
+
+_Granikos_, Fluß in Kleinasien 152 u. ff.
+
+_Gryneion_ an der Propontis 99
+
+_Guraios_ (Pandjkora), Nebenfluß des Kophen (Kabul) 399 u. ff.
+
+
+_Haidarabad_ am unteren Indus 467
+
+_Haliakmon_, Fluß in Griechenland 66 u. ff., 107
+
+_Halikarnassos_ (Kleinasien) 162, 169 u. ff., 192 u. ff., 201, 219 u. ff.
+
+_Harmozia_, Küstenlandschaft am Persischen Golf 496
+
+_Harpalos_, des Machatas Sohn, Alexanders Schatzmeister 80, 86, 220,
+ 264, 298, 504 u. ff., 534 u. ff.
+
+_Haustanes_, sogdian. Fürst 360, 382
+
+_Hegelochos_, Admiral Alexanders 139, 196, 219, 220, 253 u. ff.
+
+_Hegesistratos_, pers. Befehlshaber in Milet 164
+
+_Hekataios_ von Kardia 93, 98
+
+_Hekatomnos_ von Halikarnassos 169
+
+_Hekatompylos_, Hauptstadt von Parthien (Damgan in Chorassan) 301, 306, 383
+
+_Hektor_, Sohn Parmenions 80
+
+_Heliopolis_ (Ägypten) 246 u. ff.
+
+_Hephaistion_, der Freund Alexanders 84, 214, 275, 338 u. ff., 344,
+ 372 u. ff., 377, 389 u. ff., 400 u. ff., 420, 425, 452 u. ff.,
+ 473 u. ff., 489, 508, 510, 516, 560 u. ff., 563
+
+_Heraklea_ am Schwarzen Meer 22, 30, 39, 57, 198
+
+_Herakleides_, Unterführer Alexanders 139, 162, 568
+
+_Herakleitos_, Philosoph 258, 259
+
+_Heraklidenstammbaum_ 67
+
+_Herakon_, Söldnerführer 498, 502, 504
+
+_Herat_ in Afghanistan (Alexandreia in Areia) 327
+
+_Hermokrates_, Sophist 88
+
+_Hermolaos_, Sohn des Sopolis, einer der Edelknaben 390 u. ff.
+
+_Himalajagebirge_ 399
+
+_Hieron_, Steuermann 574
+
+_Hindukusch_ 348 u. ff.
+
+_Histanes_ Roxanes Bruder 515
+
+_Hyarotis_, Strom im Pandschab (Bias) 433, 454
+
+_Hydarnes_, Sohn des Mazaios 515
+
+_Hydaspes_, indischer Strom (Dschilam) 396, 415 u. ff., 446, 450, 454
+
+_Hyparna_, Festung in Lykien 178
+
+_Hypereides_, athen. Staatsmann 220, 312, 527, 535
+
+_Hyphasis_, Strom in Indien 439
+
+_Hyrkanien_, pers. Provinz (am Kaspischen Meer) 306 u. ff., 327
+
+
+_Iberier_, Gesandtschaft an Alexander 567
+
+_Ichthyophagen_, Küstenvolk am Erythräischen Meer (Belutschistan) 491
+
+_Idrieus_, Satrap von Karien 59, 170
+
+_Ikonien_ in Kilikien 200
+
+_Ilion_ 151
+
+_Illyrien und der Illyrische Feldzug_ 66, 67, 73, 75, 99, 108 u. ff.
+
+_Indus_ 399 u. ff.
+
+_Iphikrates_, hellenischer Feldherr 18, 55, 74, 137
+
+_Iphikrates_, Sohn des Feldherrn 222
+
+_Iran_ 250, 307
+
+_Issos_ in Kilikien 202 u. ff.
+
+_Istros_, Stadt am Pontus 130
+
+
+_Jaddua_, Hohepriester der Juden 239
+
+_Jamrud_, indische Festung an der afghanischen Grenze 399
+
+_Jason_ von Pherai, Herzog von Thessalien 23, 24, 30, 73
+
+_Jaxartes_ (Tanais, jetzt Syr-Darja), Fluß in Turkestan 356
+
+_Jerahi_, Fluß bei Nam Hormus in Persis, dem heutigen Farsistan 284
+
+_Jerusalem_ 242
+
+_Jollas_, Vater des Antipatros 80
+
+_Jollas_, Sohn des Antipatros 81
+
+
+_Kabul_, Stadt in Afghanistan 349
+
+_Kabulstrom_ 327
+
+_Kadusier_, Volk in Iran 251
+
+_Kala-Safid_ in Persis, dem heutigen Farsistan 285
+
+_Kalanos_, indischer Büßer 510, 511
+
+_Kalas_, Harpalos' Sohn, General Alexanders 139, 149, 159, 161, 215
+
+_Kallatis_, Stadt am Pontus 130
+
+_Kallipeuke_, Paß in Thessalien 94
+
+_Kallipolis_ bei Halikarnassos 171
+
+_Kallisthenes_ aus Olynth, Schüler des Aristoteles 182, 387 u. ff.
+
+_Kallisthenes_, Athener 220
+
+_Kalybe_, Stadt in Thrakien 130
+
+_Kalymna_, Insel im Ägäischen Meer 219
+
+_Kandahar_ (Alexandreia in Arachosien) 328
+
+_Kanobos_, ägyptische Hafenstadt 247
+
+_Karanos_, griech. Söldnerführer 349, 365
+
+_Kardia_, griech. Stadt in Thrakien 37, 131, 151
+
+_Karmanien_, südpers. Satrapie (Kerman) 251, 473, 493 u. ff.
+
+_Karthager_, Gesandtschaft an Alexander 567
+
+_Kaschgar_ 359
+
+_Kaschmir_ 407, 415, 418 u. ff.
+
+_Kassandros_ Sohn des Antipatros 81, 571
+
+_Katanes_, sogdian. Fürst aus Parätakene 347, 353 u. ff., 384
+
+_Kathäer_ (oder Katharer), indischer Volksstamm 434
+
+_Kaunos_ bei Halikarnassos 171, 219
+
+_Kebalinos_, Bruder des Nikomachos 337 u. ff.
+
+_Kelainai_ in Phrygien 186, 197
+
+_Kelonai_ in Medien 559
+
+_Kelten_, Gesandtschaft an Alexander 568
+
+_Kersobleptes_, Thrakerkönig 35, 37, 101
+
+_Ketriporis_, Thraker 75
+
+_Khaibarpässe_ (indisch-afghanische Grenze) 399
+
+_Khewak_, Paß in Afghanistan 349
+
+_Kimon_ 180
+
+_Klazomenai_ 19, 164
+
+_Kleandros_, griech. Söldnerführer 232, 271, 341, 498, 502
+
+_Klearchos_, Feldherr Alexanders 174, 263
+
+_Kleinias_ von Kos 60
+
+_Kleitos_, Fürst in Illyrien 99 u. ff.
+
+_Kleitos_, Sohn des Dropidas, Reiteroberst Alexanders 139, 156, 273,
+ 298, 324, 336 u. ff., 344, 373, 435
+
+_Kleitos_, Oberst Alexanders 420, 525
+
+_Kleomenes_, Verwalter von Ägypten 262
+
+_Kleopatra_, Nichte des Attalos und zweite Gemahlin Philipps 85, 98
+
+_Kleopatra_, Gattin des Epeirotenkönigs Alexandros 525
+
+_Kleopatra_, Schwester Alexanders 87, 313
+
+_Kodomannos_ (später Dareios) III. 63 u. ff.
+
+_Koile_, griech. Stadt am Hellespont (Kleinasien) 131
+
+_Koinos_, Schwiegersohn Parmenions, makedon. Oberst 80, 137, 177, 237,
+ 273, 288, 338, 340, 372 u. ff., 377, 406 u. ff., 415, 420, 425 u. ff.,
+ 433, 440, 452
+
+_Koiranos_, Unterführer Alexanders 264, 271, 274
+
+_Kokala_, Hafen am Erythräischen Meer 495
+
+_Kokand_ 383
+
+_Kophen_ (Kabul), Strom in Baktrien (indisch-afghanischer Grenzstrom)
+ 395 u. ff.
+
+_Kophenes_, Sohn des Artabazos 204, 308, 515
+
+_Kopratas_, Disful, Fluß in Persis, dem heutigen Chusistan 284
+
+_Korragos_, maked. Söldnerführer 317
+
+_Kos_ (Insel) 57, 193, 219, 254
+
+_Krateros_, General Alexanders 137, 274, 286, 288, 301, 307 u. ff.,
+ 326 u. ff., 336 u. ff., 360, 367, 377, 382, 401 u. ff., 409, 419 u. ff.,
+ 427, 432, 451 u. ff., 467, 469, 473 u. ff., 493, 498, 508, 525
+
+_Krithote_, griech. Stadt am Hellespont 131
+
+_Kydnos_, Fluß 199
+
+_Kynna_, Tochter Philipps und Gemahlin des Thronerben Amyntas 99, 108
+
+_Kyropolis_ in Sogdiana (Turkestan) 357, 360 u. ff.
+
+_Kyros_ der Jüngere 17, 52
+
+_Kyzikos_ an der Propontis 99, 149
+
+
+_Lade_ (Insel vor Milet) 164 u. ff.
+
+_Lakrates_, Söldnerführer 59, 60
+
+_Lamios_, spartanischer Söldnerführer 59
+
+_Lampsakos_, griech. Stadt am Hellespont (Kleinasien) 131, 149, 152
+
+_Langaros_, Fürst der Agrianer 107
+
+_Laomedon_ aus Lesbos 86, 97, 144, 451
+
+_Laranda_ in Kilikien 200
+
+_Lasther_, Ebene in Persis, dem heutigen Farsistan 285
+
+_Leonnatos_, Leibwächter Alexanders 88, 214, 338, 401 u. ff., 461,
+ 475, 478, 489, 510
+
+_Lesbos_ (Insel) 193, 254
+
+_Libyer_, Gesandtschaft an Alexander 567
+
+_Lukaner_, ital. Bevölkerung, Gesandtschaft an Alexander 566
+
+_Lykomedes_ aus Rhodos, persischer Heerführer 195
+
+_Lykos_, Fluß bei Arbela 252
+
+_Lykurgos_, athen. Staatsmann 113, 120, 312, 527
+
+_Lynkestis_, makedonisches Fürstentum 70, 73
+
+_Lysandros_, spartan. Admiral 15 u. ff., 19 u. ff., 52, 258
+
+_Lysimachos_ aus Pella, General Alexanders 387, 390, 420, 437, 510
+
+_Lysippos_, Bildhauer 158
+
+
+_Machatas_, Bruder des Fürsten Derdas von Elymiotis, Schwager
+ König Philipps 80
+
+_Madates_, Verwandter des persischen Königshauses 287
+
+_Magarsos_ in Kilikien 201
+
+_Magnesia_ (Kleinasien) 148, 163
+
+_Majumas_, Hafen von Gaza 240
+
+_Maketa_ in Arabien (Maskat) 496
+
+_Maller_, Volk am Indus 454 u. ff.
+
+_Mallos_ in Kilikien 201 u. ff.
+
+_Marakanda_ in Sogdiana (Samarkand) 352 u. ff., 360 u. ff., 367
+
+_Marathos_, phönik. Stadt 226
+
+_Mardier_, Volk in Hyrkanien 309 u. ff.
+
+_Mareotissee_ (Ägypten) 247
+
+_Mariamne_, phönik. Stadt 225
+
+_Maronea_, griech. Stadt in Thrakien 130, 131
+
+_Massaga_, Stadt im Land der Assacener 405
+
+_Massageten_, Volk in Turkestan 376
+
+_Mauakes_, turkestan. Reiterführer 251
+
+_Mausollos_, persischer Satrap 55, 57, 169, 176
+
+_Mazaios_, Perser, Satrap von Babylon 59, 251, 252, 264, 268, 275,
+ 277 u. ff., 379
+
+_Mazakes_, Satrap von Ägypten 215, 245 u. ff., 281
+
+_Mazaros_, makedon. Befehlshaber von Susa 283
+
+_Medien_, pers. Provinz 309, 558 u. ff.
+
+_Medios_ aus Larissa, Vertrauter Alexanders 451, 580
+
+_Megalopolis_, Stadt im Peloponnes 25, 317 u. ff.
+
+_Megara_ 13, 36 u. ff., 40, 42, 220
+
+_Meleagros_, Oberst Alexanders 137, 177, 288, 372, 377, 419, 473
+
+_Melon_, Dolmetscher Dareios' III. 301
+
+_Memnon_ aus Rhodus, persischer Feldherr 56 u. ff., 62, 112, 148 u. ff.,
+ 154 u. ff., 161 u. ff., 170 u. ff., 174 u. ff., 192 u. ff.
+
+_Memnon_, Satrap von Syrien 263
+
+_Memnon_, Stratege von Thrakien 315 f.
+
+_Memphis_ in Ägypten 54, 60 u. ff., 215, 246 u. ff., 261 u. ff.
+
+_Menandros_, Heerführer Alexanders 137, 263
+
+_Mendes_, ägyptischer König 58
+
+_Menedemos_, griech. Söldnerführer 365
+
+_Menes_, Hyparch von Sogdiana 372
+
+_Menestheus_, Sohn des Iphikrates 196
+
+_Menidas_, griech. Söldnerführer 262, 271, 272, 275, 341, 372, 379, 498
+
+_Menikos_, Gesandter des Dareios 216
+
+_Menon_, maked. Satrap von Arachosien 329, 501
+
+_Menos_, Leibwächter Alexanders 282
+
+_Mentor_ aus Rhodos, Bruder des Memnon, persischer Heerführer 56, 59, 148
+
+_Meroes_, indischer Fürst 428
+
+_Mesembria_, Stadt am Pontus 130
+
+_Methymna_ auf Lesbos 193, 254
+
+_Metron_, aus dem Korps der königlichen Knaben 338 u. ff.
+
+_Milet_, Stadt in Kleinasien 9, 10, 164 u. ff.
+
+_Mithraustes_, Führer der Armenier 251
+
+_Mithridates_, persischer Fürst 156
+
+_Mithrines_, persischer Befehlshaber 160, 281
+
+_Mithrobuzanes_, Reiterführer 150, 157
+
+_Moirokles_, Spartaner 220
+
+_Molosser_, Stamm in Epirus 68
+
+_Möris_ von Pattala, indischer Fürst, am Indusdelta 471, 473
+
+_Musikanos_, indischer Fürst 468 u. ff., 470 u. ff.
+
+_Mygdonia_, Landschaft in Makedonien 67
+
+_Mygdonia_ in Mesopotamien 265
+
+_Mylasa_ in Karien 169
+
+_Myndos_ bei Halikarnassos 171 u. ff., 219
+
+_Myriandros_ in Syrien 202 u. ff.
+
+_Mytilene_ auf Lesbos 161, 163, 193, 195, 219, 254
+
+
+_Nabarzanes_, persischer Reiterführer 208, 212, 296, 299, 306 u. ff.
+
+_Nautaka_ in Sogdiana (Karschi in Buchara) 350 u. ff., 378
+
+_Nearchos_, Chiliarch, später Nauarch 86, 179, 372, 451, 456, 479 u. ff.,
+ 494 u. ff., 507, 510, 568, 572, 580
+
+_Neiloxenos_, Befehlshaber in Alexandreia und im indischen
+ Kaukasus 350, 398
+
+_Nektanebos II._, ägyptischer Pharao 57 u. ff.
+
+_Neoptolemos_, Sohn des Arrhabaios 76, 90, 173, 181
+
+_Neoptolemos_, Schwiegervater des Königs Philipp 81
+
+_Nikäa_, von Alexander gegründete Stadt am Hydaspes 430, 449
+
+_Nikäa_, Stadt südwestlich von Alexandreia (Paropamisus) 398 u. ff.
+
+_Nikanor_, Sohn Parmenions, Stratege Alexanders 80, 105, 138, 161, 165,
+ 302, 324, 336, 398, 533
+
+_Nikias_, Makedone 160 u. ff.
+
+_Nikomachos_, Makedone 337 u. ff.
+
+_Nikostratos_, Söldnerführer 59, 60
+
+_Ninive_ (Mosul) 252, 265
+
+_Niphates_, persischer Satrap 157
+
+_Nisibis_ in Mesopotamien 265
+
+_Nysa_, Stadt am Guräos (Pandjkora) 404 u. ff.
+
+
+_Ochos_, persischer König 56, 58, 145, 147, 217
+
+_Ochridasee_ 108
+
+_Okontobates_, persischer Satrap von Gedrosien 251
+
+_Olympias_, Mutter Alexanders 81 u. ff., 85, 98, 158, 256, 313, 525
+
+_Omares_, persischer Heerführer 150, 157
+
+_Onchai_ (Syrien) 216
+
+_Onchestos_ (bei Theben) 115
+
+_Onesikritos_ aus Astypaleia, Trierarch 452, 510
+
+_Opis_, Stadt am Tigris 517 u. ff.
+
+_Ora_, Festung im Land der Assakener (am Indus) 407 u. ff.
+
+_Ordanes_, Perser, makedonischer Satrap 472, 501
+
+_Oreiten_, Stamm am Erythräischen Meer 488 u. ff.
+
+_Oresten_, makedon. Völkerschaft 70
+
+_Orestes_, Sohn des makedonischen Königs Archelaos 72
+
+_Orontes_, Fürst der Landschaft Orestis in Makedonien 79
+
+_Orontes_, persischer Satrap 55, 56, 79, 251
+
+_Orontes_, Fluß in Syrien 222, 225
+
+_Oropios_, König von Sogdiana 382
+
+_Orxines_, persischer Heerführer 251, 503
+
+_Othontopates_, persischer Heerführer 170, 175, 201, 219
+
+_Oxathres_, Bruder des Dareios III., Führer der persischen Reiterei
+ 209, 251, 296 u. ff.
+
+_Oxos_, Fluß in Baktrien (Amu-Darja in Turkestan) 349
+
+_Oxyartes_, baktrischer Fürst 347, 351, 353 u. ff., 360 u. ff., 379, 472
+
+_Oxyathres_, Satrap der Parätakenen 504
+
+_Oxydates_, persischer Satrap 298, 378
+
+_Oxydraker_ oder _Sudraker_, Volk am Indus 454 u. ff., 465
+
+_Oxykanos_ (oder _Portikanos_), indischer Fürst 469
+
+
+_Pammenes_, thebanischer Feldherr 57
+
+_Pandschnad_, Nebenfluß des Indus 466
+
+_Pantordanos_, Reiterführer 210
+
+_Päonen_, Volk nördlich von Makedonien 69 u. ff., 75, 209
+
+_Parätonion_ bei Kyrene 256
+
+_Paraitakene_, Landschaft zwischen Persis und Medien 297, 382
+
+_Parmenion, Feldherr Alexanders_
+ Seine Herkunft und seine bisherigen Erfolge 80
+ Vermählung seiner Tochter mit Attalos 87
+ nach Alexanders Thronbesteigung in Asien gegen die Perser 92 u. ff.
+ höchster Offizier Alexanders 142
+ seine Expedition gegen Magnesia und am Hellespont 148 u. ff.
+ erhält den Befehl, die Reiterei von Sestos nach Abydos zu führen 150
+ in der Schlacht am Granikos 154 u. ff.
+ wird nach Phrygien detachiert 159
+ wird nach Tralleis und nach Phrygien gesandt 163
+ vor Milet 165
+ geht nach Sardes 178
+ entdeckt den Verrat des Lynkestiers Amyntas 181
+ warnt den todkranken Alexander vor dem Arzt Philipp 200
+ in der Schlacht bei Issos 209
+ nach Damaskos gesandt 222 u. ff.
+ vor der Schlacht bei Gaugamela 267, 270
+ in der Schlacht selbst 274
+ auf dem Marsch nach Persepolis und Pasargadai 287
+ in Pasargadai 291
+ bringt die Schätze aus Persis nach Ekbatana 298
+ von Medien nach Hyrkanien beordert 309
+ Befehlshaber in Ekbatana 324
+ seine Verschwörung gegen Alexander und sein Tod 338 u. ff.
+
+_Paropamisusgebirge_, Indischer Kaukasus 329, 348, 396 u. ff., 472
+
+_Parthien_, persische Satrapie (heutiges Chorassan) 306 u. ff.,
+ 328 u. ff., 327
+
+_Pasargadai_ (Murghab) 285 u. ff., 499, 503
+
+_Pasikrates_ von Kurion, Fürst auf Cypern 235
+
+_Pasitigris_ (Kleiner Tigris), Fluß in Persis 284 u. ff.
+
+_Patara_ (Lykien) 178
+
+_Patron_, phokischer Söldnerführer im persischen Heer 276, 296
+
+_Pattala_, Stadt und Land im Indusdelta 471, 473 u. ff.
+
+_Pausanias_, Sohn des Aeropos, König von Makedonien 73, 75, 76
+
+_Pausanias_, der Lynkestier, Philipps Mörder 74 u. ff., 87 u. ff.
+
+_Pausanias_, makedonischer Heerführer 160
+
+_Peithagoras_ aus Amphipolis 570
+
+_Peithon_, makedonischer Satrap in Zariaspa und später am unteren Indus
+ 376 u. ff., 458 u. ff., 467, 470, 473, 478, 582
+
+_Pella_ (makedonische Residenz) 67, 70, 73, 79, 80, 121, 131
+
+_Pelusion_ (Ägypten) 60, 215, 246 u. ff., 262
+
+_Perdikkas I._, makedonischer König 67, 68, 74
+
+_Perdikkas III._, Sohn Alexanders II., König von Makedonien 74
+
+_Perdikkas_, Sohn des Orontes, Leibwächter Alexanders 79, 88, 116,
+ 137, 273, 288, 338, 372, 399 u. ff., 419 u. ff., 435, 458 u. ff.,
+ 466, 508, 510, 564
+
+_Perge_ (Pamphylien) 181 u. ff.
+
+_Perinthos_, griechische Stadt an der Propontis 37, 39, 61, 62, 131
+
+_Perkota_ (Kleinasien) 152
+
+_Peroidas_, Reiterführer 210
+
+_Persepolis_, Stadt in Persien 55, 285 u. ff., 299, 503
+
+_Peschawar_, indische Grenzfestung 394, 399 u. ff.
+
+_Petines_, persischer Satrap 157
+
+_Peukela_, Fürstentum im nordwestlichen Indien 407, 408
+
+_Peukestas_, Alexanders Schildträger, später achter Leibwächter 451,
+ 459 u. ff., 499, 510, 582
+
+_Peukestas_, des Makartatos Sohn, Befehlshaber in Ägypten 262
+
+_Peukolaos_, Offizier Alexanders 368, 371
+
+_Pharasmanes_, König der Chorasmier 370
+
+_Pharasmanes_, Sohn des persischen Satrapen Phrataphernes 308
+
+_Pharnabazos_, Sohn des Artabazos, persischer Satrap 18, 52, 55,
+ 194 u. ff., 221, 253
+
+_Pharnakes_, Satrap des Dareios 157
+
+_Pharnuches_, Lykier 365 u. ff.
+
+_Phaselis_ (Lykien) 13, 179 u. ff.
+
+_Phegeus_, indischer Fürst 438
+
+_Pherendakes_, persischer Satrap in Ägypten 61
+
+_Phila_, Schwester des Fürsten Derdas von Elymiotis, Gemahlin
+ König Philipps 80
+
+_Philippopolis_ in Thrakien 130
+
+_Philipp II. von Makedonien_ (359-336), Sohn Amyntas' III.
+ Philipp und sein Verhältnis zu seinem Vater und seinen Brüdern 71
+ wird nach dem Tode Perdikkas' III. König (359) 75
+ Sicherstellung seines Königtums 31
+ Erweiterung der Grenzen 32
+ Organisierung des Heeres 77
+ Erziehung und Bildung des jungen Adels 78
+ Feste am Königshof in Pella 79
+ sein Charakter 81
+ Vermählung mit Olympias 82
+ Kampf mit den griechischen Staaten 33 u. ff.
+ an der Spitze der Amphiktyonen 36
+ seine Politik 37
+ Feldzug gegen die Skythen 38
+ im »heiligen Krieg« 39
+ Sieg bei Chaironeia 40, 84
+ Durchzug durch den Peloponnes 42
+ Schutz- und Trutzbündnis mit den Griechen 42
+ Hochzeit mit Kleopatra, Olympias und Alexander verlassen ihn 43
+ Ernennung zum Feldherrn der Hellenen gegen die Perser 43
+ seine Ermordung 88
+
+_Philippos_, Sohn Alexandros' I., Bruder Perdikkas' II. 69
+
+_Philippos_, Sohn des Machatas, Satrap von »Indien« 137, 325, 415,
+ 431, 452, 454, 465, 502
+
+_Philippos_, Arzt Alexanders 199
+
+_Philokles_, athenischer Stratege 534, 536 u. ff.
+
+_Philophron_, griechischer Söldnerführer 60
+
+_Philotas_, Sohn Parmenions 80, 86, 107 u. ff., 138, 167, 174, 288,
+ 324, 336 u. ff.
+
+_Philotas_ aus Thrakien, Sohn des Karsis, einer der Edelknaben 391 u. ff.
+
+_Philoxenos_, Schatzmeister Alexanders, Sohn des Ptolemaios von Aloros
+ 74, 263, 282, 535 u. ff.
+
+_Phokion_, athenischer Staatsmann 57, 120, 312, 318, 528
+
+_Phradasmenes_, Sohn des Phrataphernes 515
+
+_Phrasaortes_, Satrap von Persis 295, 503
+
+_Phrataphernes_, Satrap von Parthien 251, 296, 306 u. ff., 348, 369,
+ 378, 432
+
+_Pieria_, Landschaft in Makedonien 67
+
+_Pinara_ (Lykien) 178
+
+_Pinaros_ (Fluß bei Issos) 205 u. ff.
+
+_Pitane_ (Kleinasien) 149
+
+_Pixodaros_ von Karien 86, 170
+
+_Platon_ 22, 27, 30, 62, 78
+
+_Pleurias_, illyrischer Fürst 84, 100
+
+_Pnytagoras_, König von Salamis 224 u. ff., 232 u. ff.
+
+_Polemon_, Admiral Alexanders 262, 341 u. ff.
+
+_Polydamas_, makedonischer Leibwächter 341, 525
+
+_Polysperchon_, Oberst Alexanders 79, 137, 372, 419, 525
+
+_Poros_ (Paurava), indischer Fürst im Pundjab 304, 397, 415 u. ff.,
+ 422 u. ff., 432, 437, 452
+
+_Poros II._, Großneffe des Königs, indischer Fürst 429, 431
+
+_Prästier_, indischer Stamm am unteren Indus 469
+
+_Priapos_ (Kleinasien) 152
+
+_Proexes_, Perser, makedonischer Satrap im indischen Kaukasus
+ (Paropamisus) 350, 398
+
+_Prophtasia_ in Drangiana (Farrah in Afghanistan) 328, 341
+
+_Proteas_, makedonischer Flottenführer 196, 231
+
+_Protomachos_, Unterfeldherr Alexanders 209
+
+_Psammon_, Priester im Ammonion 261
+
+_Ptolemaios_ von Aloros, Vormund von Perdikkas und Philipp 74 u. ff.
+
+_Ptolemaios_, Philipps Sohn 155
+
+_Ptolemaios_, Sohn des Lagos, Leibwächter 86, 174 u. ff., 340, 353 u. ff.,
+ 392, 401 u. ff., 410, 420, 436, 456, 489, 508, 510, 564
+
+_Ptolemaios_, Sohn des Seleukos, Leibwächter 177, 212
+
+_Pundschir_, Stromsystem in Afghanistan 349
+
+_Pura_, Residenz der Satrapie Gedrosien (Bunpur im südwestlichen
+ Persien) 493
+
+
+_Ragai_ (Rei, südwestlich von Teheran) 296, 298, 301
+
+_Rakotis_, ägyptischer Grenzposten 247
+
+_Rambakia_, Ort im Land der Oreiten (Belutschistan) 489
+
+_Rhebulas_, Sohn des Seuthes 315 u. ff.
+
+_Rheomithres_, persischer Führer 211
+
+_Rhodos_ 56, 57, 193, 219
+
+_Rhoiteion_ (Kleinasien) 149 u. ff.
+
+_Roisakes_, Satrap von Lydien 60, 156
+
+_Römergesandtschaft_ an Alexander 568
+
+_Roxane_, Tochter des sogdianischen Fürsten Oxyartes 380 u. ff.
+ Vermählung mit Alexander 383
+
+
+_Sabakes_, Satrap von Ägypten 211, 215
+
+_Sabiktas_, makedonischer Satrap 198
+
+_Sagalassos_ (in Pisidien) 185 u. ff.
+
+_Sakasener_, Volk im Kaukasus 251
+
+_Saker_, turkestanisches Reitervolk 251
+
+_Samarkand_ (Marakanda) 350
+
+_Sambos_, indischer Fürst 468, 470 u. ff.
+
+_Samos_ 167, 168, 193
+
+_Sanbakat_, persischer Statthalter in Samaria 239
+
+_Sangaios_, indischer Fürst 407 u. ff.
+
+_Sangala_, Hauptstadt der Kethäer (Amritsar im Pandschab bei Lahore) 434
+
+_Sardes_, lydische Residenz 8, 53, 160 u. ff., 178, 197
+
+_Satibarzanes_, Satrap von Areia 251, 296, 306, 325 u. ff., 347 u. ff.,
+ 351, 369
+
+_Sefid-Kuh_, Grenzgebirge in Afghanistan (Indien vorgelagert) 399
+
+_Seistan_ in Persien 327 u. ff.
+
+_Seleukos_, Führer der Hypaspisten 420, 425, 508, 582
+
+_Selymbria_, griechische Stadt an der Propontis 131
+
+_Sestos_, griechische Stadt am Hellespont (Kleinasien) 131, 151
+
+_Seuthes_, Fürst in Thrakien 316
+
+_Siber_, indischer Stamm am Indus 455 u. ff.
+
+_Sibyrtios_, Satrap in Karmanien 487, 501, 502
+
+_Side_ (Pamphylien) 183
+
+_Sidon_ 59, 60, 147, 224 u. ff.
+
+_Simmias_, Stratege Alexanders 342
+
+_Sindh_, Land am unteren Indus 468
+
+_Sindomana_, Hauptstadt des Fürsten Sambos (am unteren Indus) 470
+
+_Sinope_ am Pontos 198
+
+_Siphnos_, Insel im Ägäischen Meer 196, 220
+
+_Sirrhas_, Fürst der Elymiotis in Makedonien 72
+
+_Sisikottos_, indischer Fürst 396, 412, 431
+
+_Sisimithres_, baktrischer Fürst 377
+
+_Sissines_, Sohn des persischen Satrapen Phrataphernes 181, 308, 515
+
+_Sisygambis_, Mutter Dareios' III. 63, 213, 249, 287, 303
+
+_Sitalkes_, Führer der Thraker 141, 185, 200, 209, 274, 341, 498, 502
+
+_Skardos_, Gebirge in Makedonien 66
+
+_Skilluta_, Insel an der Indusmündung 477
+
+_Skione_, griechische Stadt in Thrakien 131
+
+_Skythen_ (in Europa), Gesandtschaft an Alexander 568
+
+_Skythen_, in Turkestan 359 u. ff.
+
+_Sochoi_, syrische Stadt 202 u. ff.
+
+_Sogdiana_, persische Satrapie 251, 351 u. ff.
+
+_Sogdoi_ (oder Sodroi), indisches Volk am Indus 467
+
+_Soloi_ in Kilikien 201
+
+_Sopeithes_, indischer Fürst 438
+
+_Sopolis_, Unterführer Alexanders 139, 379
+
+_Sostratos_, Sohn des Tymphäers Amyntas, einer der Edelknaben 391 u. ff.
+
+_Spitakes_, indischer Fürst 416 u. ff., 428
+
+_Spitamenes_ aus Sogdiana 347, 351 u. ff., 359 u. ff., 365 u. ff.,
+ 376 u. ff.
+
+_Spithridates_, Satrap 150, 155 u. ff.
+
+_Stamenes_, makedonischer Satrap in Babylon 379
+
+_Stasanor_ von Areia, makedonischer Satrap 351, 369, 378, 498
+
+_Stateira_, Gemahlin Dareios' III. 213, 249
+
+_Stateira_, Tochter Dareios' III., wird Gemahlin Alexanders 508
+
+_Straton_, Sohn des Gerostratos 225
+
+_Strymon_, Fluß in Makedonien 66 u. ff.
+
+_Surkab_, Fluß in Afghanistan 349
+
+_Susa_, Residenz des Perserkönigs 18, 37, 52, 55, 61, 282, 507 u. ff.
+
+_Susia_, Stadt in der persischen Satrapie Areia (Kuschk in Afghanistan) 325
+
+_Syllion_, Bergfestung in Kilikien 183
+
+_Syrmos_, Triballerfürst 104, 106
+
+_Syrphax_, persischer Satrap 162 u. ff.
+
+
+_Tab_ (Arosis?), Fluß in Persien 284
+
+_Tachos_, ägyptischer König 26, 57 u. ff.
+
+_Tamos_, Ägypter, Führer der persischen Flotte 53, 54
+
+_Tanais_ (Jaxartes, jetzt Syr-Darja), Fluß in Turkestan 357
+
+_Tänaron_, Gebirge 4, 66, 215
+
+_Tang-i-Tobak_, Gebirge in Persis 285
+
+_Tapurier_, Volk in Parthien 307
+
+_Tarsos_ in Kilikien 199
+
+_Taulantiner_, Volk in Illyrien 100 u. ff.
+
+_Tauron_, Führer der Bogenschützen 421, 425
+
+_Tauros_, Gebirge 199 u. ff.
+
+_Taxila_, Reich und Residenz des indischen Fürsten Taxiles 414 u. ff.
+
+_Taxiles_, indischer Fürst im Pandschab 396, 399 u. ff., 407 u. ff.,
+ 413 u. ff., 428, 432, 452, 502
+
+_Telmissos_ (Lykien) 178
+
+_Temenos_, Heraklide 67
+
+_Tenedos_, Insel 196, 219
+
+_Tennes_, Fürst von Sidon 58, 59
+
+_Teos_ (Kleinasien) 164
+
+_Teres_, König der Odrysen 101
+
+_Termessos_, in Pisidien 184
+
+_Thapsakos_ in Syrien 216, 264
+
+_Thara_ (Abdakabâd in Chorassan) 300, 301, 307
+
+_Theben_ 95 u. ff., 114 u. ff.
+
+_Theodektes_ (Dichter) 178
+
+_Theopompos_, Historiker 79, 82, 505
+
+_Thera_ bei Halikarnassos 171
+
+_Thermäischer Busen_ (Golf von Saloniki) 67
+
+_Thersippos_, Gesandter Alexanders 217
+
+_Thessalien_ 94 u. ff.
+
+_Thessaliskos_, thebanischer Gesandter 222
+
+_Thessalonike_ (Saloniki) 67
+
+_Thessalos_, Schauspieler 86
+
+_Thoas_, Führer der Reiterei 491, 493, 501
+
+_Thraker_ 103 u. ff., 315 u. ff.
+
+_Thrasybulos_, Athener 171
+
+_Thymondas_, hellenischer Söldnerführer 208
+
+_Tigris_ 252, 264 u. ff.
+
+_Tiridates_, persischer Schatzmeister 289
+
+_Tleopolemos_, makedonischer Befehlshaber in Parthien 306, 501
+
+_Tralleis_ (Kleinasien) 163, 176, 178
+
+_Triballer_, illyrisches Volk 99, 102 u. ff.
+
+_Tripolis_, Hafen an der syrischen Küste 59, 195, 224
+
+_Troja_ 7, 149, 151
+
+_Tulpaß_, Paß von Afghanistan 349
+
+_Turan_ 307, 327
+
+_Tyana_ (Kleinasien) 199
+
+_Tymondas_, Mentors Sohn, Neffe des Memnon 195
+
+_Tymphäer_, makedonischer Stamm 70
+
+_Tyriaspes_, Satrap am Paropamisos 398, 430, 472
+
+_Tyrus_ 147, 224 u. ff.
+
+
+_Uratübe_, Ferghanagebiet (in Turkestan) 357
+
+_Uxier_, Volk in Persien 284
+
+
+_Xanthos_ (Lykien) 178
+
+_Xenippa_ in Baktrien 377
+
+_Xerxes_ 52, 151
+
+
+_Zadrakarta_, Hauptstadt Hyrkaniens (im Elbursgebirge) 307 u. ff.
+
+_Zariaspa_ in Baktrien 360, 368 u. ff., 376
+
+_Zeleia_ (Kleinasien) 150, 152
+
+_Zopyrion_, makedonischer Stratege am Pontus 315 u. ff.
+
+
+
+
+ Verdeutschung häufig vorkommender Fachausdrücke des
+ makedonischen Heeres
+
+ Agema = Garde
+ Agrianer = leicht bewaffnetes Hilfsvolk
+ Akontisten = Speerwerfer
+ Chiliarch = Führer von 1000 Mann
+ Epibaten = Seesoldaten
+ Hetairen = »Genossen«, besonders die makedonische Ritterschaft
+ Hipparch = Reiterführer
+ Hopliten = schwer Bewaffnete
+ Hypaspisten = Zwischenstufe zwischen schwerem und leichtem Fußvolk
+ Ile = Eskadron
+ Ilarch = Reiterführer
+ Lochos = Kompagnie
+ Nauarch = Admiral
+ Peltasten = ähnlich den Hypaspisten
+ Pezetairen = »Genossen zu Fuß« -- schwere makedonische Infanterie
+ Phalanx = schwere makedonische Infanterie mit der langen Lanze
+ Sarissophoren = mit dem langen Spieß Bewaffnete
+ Somatophylakes = Leibwächter (Generaladjutanten) Alexanders
+ Somatophylakia = Korps der königlichen Knaben
+ Taxis = Regiment
+ Taxiarch = Oberst
+ Toxarch = Führer der Schützen
+ Trierarch = Schiffskapitän
+
+
+
+
+ Stammbaum Alexanders des Großen
+
+Amyntas III. (390-369)
+vermählt mit Eurydike
+---------------------
+ |
+ |
+ |
+ Alexandros II.,
+ Perdikkas III. +359,
+ | Philipp II., 359-336, vermählt mit Olympias, vermählt mit Kleopatra,
+ | ------------------------------------------- Nichte des Attalos
+ | | -----------------------
+ | | |
+ Amyntas | |
+ unter Vormundschaft Philipps, | |
+ mit dessen Tochter Kynna | Arrhidaios
+ vermählt, später hingerichtet |
+ |
+ Kynna, Alexander der Große 336-323, Kleopatra
+ ---------------------------
+
+
+
+
+ Inhalt
+ Seite
+
+ Vorwort von Dr. Sven von Hedin VII
+
+ Einleitung von Dr. Arthur Rosenberg XIII
+
+
+ Erstes Buch
+
+ Erstes Kapitel: Die Aufgabe -- Der Gang der griechischen
+ Entwicklung -- König Philipp II. und dessen Politik --
+ Der Korinthische Bund von 338 -- Das Perserreich bis
+ Dareios III. 3
+
+ Zweites Kapitel: Das makedonische Land, Volk, Königtum
+ -- König Philipps II. innere Politik -- Der Adel;
+ der Hof -- Olympias -- Alexanders Jugend -- Zerwürfnis
+ im Königshause. Attalos -- Philipps II. Ermordung 66
+
+ Drittes Kapitel: Gefahren von außen -- Der Zug nach
+ Griechenland 336 -- Erneuerung des Bundes von Korinth
+ -- Das Ende des Attalos -- Die Nachbarn im Norden --
+ Feldzug nach Thrakien, an die Donau, gegen die Illyrier
+ -- Zweiter Zug nach Griechenland -- Zerstörung Thebens
+ -- Zweite Erneuerung des Bundes von Korinth 91
+
+
+ Zweites Buch
+
+ Erstes Kapitel: Die Vorbereitungen zum Kriege -- Das
+ Münzwesen -- Die Bundesverhältnisse des Königtums --
+ Die Armee -- Übergang nach Asien -- Schlacht am
+ Granikos -- Okkupation der Westküste Kleinasiens -- Eroberung
+ von Halikarnaß -- Zug durch Lykien, Pamphylien,
+ Pisidien -- Organisation der neuen Gebiete 125
+
+ Zweites Kapitel: Persische Rüstungen -- Die persische
+ Flotte unter Memnon und die Griechen -- Alexanders
+ Marsch über den Taurus -- Okkupation Ciliciens --
+ Schlacht bei Issos -- Das Manifest -- Aufregung in
+ Hellas -- Die Belagerung von Tyrus -- Die Eroberung
+ Gazas -- Okkupation Ägyptens 192
+
+ Drittes Kapitel: Die persischen Rüstungen -- Alexanders
+ Marsch nach Syrien, über den Euphrat, nach dem Tigris.
+ Schlacht bei Gaugamela -- Marsch nach Babylon --
+ Besetzung von Susa -- Brand von Persepolis 248
+
+ Viertes Kapitel: Aufbruch aus Persepolis -- Dareios'
+ Rückzug aus Ekbatana -- Seine Ermordung -- Alexander
+ in Parthien und Hyrkanien -- Das Unternehmen Zopyrions,
+ Empörung Thrakiens, Schilderhebung des Agis,
+ seine Niederlage, Beruhigung Griechenlands 295
+
+
+ Drittes Buch
+
+ Erstes Kapitel: Verfolgung des Bessos -- Aufstand in Areia
+ -- Marsch des Heeres nach Süden, durch Areia, Drangiana,
+ Arachosien, bis zum Südabhang des indischen Kaukasus --
+ Der Gedanke Alexanders und Aristoteles' Theorie -- Die
+ entdeckte Verschwörung -- Die neue Heeresorganisation 323
+
+ Zweites Kapitel: Alexander nach Baktra -- Verfolgung
+ des Bessos, dessen Auslieferung -- Zug gegen die Skythen
+ am Jaxartes -- Empörung in Sogdiana -- Bewältigung
+ der Empörer -- Winterrast in Zariaspa -- Zweite Empörung
+ der Sogdianer -- Bewältigung -- Rast in Marakanda
+ -- Kleitos' Ermordung -- Einbruch der Skythen
+ nach Zariaspa. Winterrast in Nautaka -- Die Burgen der
+ Hyparchen -- Vermählung mit Roxane -- Verschwörung
+ der Edelknaben -- Kallisthenes' Strafe 347
+
+ Drittes Kapitel: Das indische Land -- Die Kämpfe diesseits
+ des Indus -- Der Übergang über den Indus --
+ Zug nach dem Hydaspes -- Der Fürst von Taxila -- Krieg
+ gegen den König Poros -- Schlacht am Hydaspes --
+ Kämpfe gegen die freien Stämme -- Das Heer am Hyphasis
+ -- Umkehr 393
+
+ Viertes Kapitel: Die Rückkehr -- Die Flotte auf dem Akesines
+ -- Der Kampf gegen die Maller -- Alexander in
+ Lebensgefahr -- Die Kämpfe am unteren Indus -- Abmarsch
+ des Krateros -- Die Kämpfe im Indusdelta -- Alexanders
+ Fahrt in den Ozean -- Sein Abmarsch aus Indien 448
+
+
+ Viertes Buch
+
+ Erstes Kapitel: Der Abmarsch -- Kämpfe im Lande der
+ Oreiten -- Zug des Heeres durch die Wüste Gedrosiens --
+ Ankunft der Reste des Heeres in Karmanien -- Nearchos
+ in Harmozia -- Zerrüttung im Reich -- Strafgerichte --
+ Rückkehr nach Persien -- Zweite Flucht des Harpalos --
+ Die Hochzeitfeier in Susa -- Neue Organisation des Heeres
+ -- Aufbruch nach Opis 485
+
+ Zweites Kapitel: Der Soldatenaufruhr in Opis --
+ Zurücksendung der Veteranen -- Zersetzung der Parteien
+ in Athen -- Befehl zur Rückkehr der Verbannten --
+ Harpalos' Umtriebe in Athen, der harpalische Prozeß --
+ Die innere Politik Alexanders und ihre Wirkungen 516
+
+ Drittes Kapitel: Alexanders Zug nach Medien -- Hephaistions
+ Tod -- Kampf gegen die Kossaier -- Rückkehr nach
+ Babylon -- Gesandtschaften -- Aussendungen ins südliche
+ Meer, Rüstungen, neue Pläne -- Alexanders Krankheit --
+ Sein Tod 558
+
+ Anmerkungen 587
+
+ Personen- und Sachregister 597
+
+ Verdeutschung der Fachausdrücke im makedonischen Heer 615
+
+ Stammbaum Alexanders des Großen 616
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte Alexanders des Grossen, by
+Joh. Gust. Droysen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE ALEXANDERS DES GROSSEN ***
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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