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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:05:38 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Betrachtung, by Franz Kafka
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Betrachtung
+
+Author: Franz Kafka
+
+Release Date: November 18, 2007 [EBook #23532]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BETRACHTUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+ FRANZ KAFKA
+
+ BETRACHTUNG
+
+
+
+
+ MDCCCCXIII
+
+ ERNST ROWOHLT VERLAG
+
+ LEIPZIG
+
+
+
+
+ Dies Buch wurde in 800 numerierten
+ Exemplaren im November 1912 von der
+ Offizin Poeschel & Trepte gedruckt
+ No.
+
+
+ Copyright 1912 by Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig
+
+
+
+
+ Für M. B.
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Kinder auf der Landstraße 1
+
+Entlarvung eines Bauernfängers 17
+
+Der plötzliche Spaziergang 27
+
+Entschlüsse 32
+
+Der Ausflug ins Gebirge 36
+
+Das Unglück des Junggesellen 39
+
+Der Kaufmann 42
+
+Zerstreutes Hinausschaun 51
+
+Der Nachhauseweg 53
+
+Die Vorüberlaufenden 56
+
+Der Fahrgast 59
+
+Kleider 63
+
+Die Abweisung 66
+
+Zum Nachdenken für Herrenreiter 70
+
+Das Gassenfenster 75
+
+Wunsch, Indianer zu werden 77
+
+Die Bäume 79
+
+Unglücklichsein 80
+
+
+
+
+Kinder auf der Landstraße
+
+
+Ich hörte die Wagen an dem Gartengitter vorüberfahren, manchmal sah ich
+sie auch durch die schwach bewegten Lücken im Laub. Wie krachte in dem
+heißen Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen
+von den Feldern und lachten, daß es eine Schande war.
+
+Ich saß auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen
+den Bäumen im Garten meiner Eltern.
+
+Vor dem Gitter hörte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im
+Augenblick vorüber; Getreidewagen mit Männern und Frauen auf den Garben
+und rings herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen
+Herrn mit einem Stock langsam spazieren gehn und paar Mädchen, die Arm
+in Arm ihm entgegenkamen, traten grüßend ins seitliche Gras.
+
+Dann flogen Vögel wie sprühend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken,
+sah, wie sie in einem Atemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, daß
+sie stiegen, sondern daß ich falle, und fest mich an den Seilen haltend
+aus Schwäche ein wenig zu schaukeln anfing. Bald schaukelte ich stärker,
+als die Luft schon kühler wehte und statt der fliegenden Vögel zitternde
+Sterne erschienen.
+
+Bei Kerzenlicht bekam ich mein Nachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf
+der Holzplatte und, schon müde, biß ich in mein Butterbrot. Die stark
+durchbrochenen Vorhänge bauschten sich im warmen Wind, und manchmal
+hielt sie einer, der draußen vorüberging, mit seinen Händen fest, wenn
+er mich besser sehen und mit mir reden wollte. Meistens verlöschte die
+Kerze bald und in dem dunklen Kerzenrauch trieben sich noch eine
+Zeitlang die versammelten Mücken herum. Fragte mich einer vom Fenster
+aus, so sah ich ihn an, als schaue ich ins Gebirge oder in die bloße
+Luft, und auch ihm war an einer Antwort nicht viel gelegen.
+
+Sprang dann einer über die Fensterbrüstung und meldete, die anderen
+seien schon vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf.
+
+»Nein, warum seufzst Du so? Was ist denn geschehn? Ist es ein
+besonderes, nie gut zu machendes Unglück? Werden wir uns nie davon
+erholen können? Ist wirklich alles verloren?«
+
+Nichts war verloren. Wir liefen vor das Haus. »Gott sei Dank, da seid
+Ihr endlich!« -- »Du kommst halt immer zu spät!« -- »Wieso denn ich?«
+-- »Gerade Du, bleib zu Hause, wenn Du nicht mitwillst.« -- »Keine
+Gnaden!« -- »Was? Keine Gnaden? Wie redest Du?«
+
+Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf. Es gab keine Tages- und keine
+Nachtzeit. Bald rieben sich unsere Westenknöpfe aneinander wie Zähne,
+bald liefen wir in gleichbleibender Entfernung, Feuer im Mund, wie Tiere
+in den Tropen. Wie Kürassiere in alten Kriegen, stampfend und hoch in
+der Luft, trieben wir einander die kurze Gasse hinunter und mit diesem
+Anlauf in den Beinen die Landstraße weiter hinauf. Einzelne traten in
+den Straßengraben, kaum verschwanden sie vor der dunklen Böschung,
+standen sie schon wie fremde Leute oben auf dem Feldweg und schauten
+herab.
+
+»Kommt doch herunter!« -- »Kommt zuerst herauf!« -- »Damit Ihr uns
+herunterwerfet, fällt uns nicht ein, so gescheit sind wir noch.« -- »So
+feig seid Ihr, wollt Ihr sagen. Kommt nur, kommt!« -- »Wirklich? Ihr?
+Gerade Ihr werdet uns hinunterwerfen? Wie müßtet Ihr aussehen?«
+
+Wir machten den Angriff, wurden vor die Brust gestoßen und legten uns
+in das Gras des Straßengrabens, fallend und freiwillig. Alles war
+gleichmäßig erwärmt, wir spürten nicht Wärme, nicht Kälte im Gras, nur
+müde wurde man.
+
+Wenn man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da
+wollte man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen
+mit erhobenem Kinn, dafür aber in einen tieferen Graben fallen. Dann
+wollte man, den Arm quer vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen
+die Luft werfen und wieder bestimmt in einen noch tieferen Graben
+fallen. Und damit wollte man gar nicht aufhören.
+
+Wie man sich im letzten Graben richtig zum Schlafen aufs äußerste
+strecken würde, besonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und
+lag, zum Weinen aufgelegt, wie krank auf dem Rücken. Man zwinkerte, wenn
+einmal ein Junge, die Ellbogen bei den Hüften, mit dunklen Sohlen über
+uns von der Böschung auf die Straße sprang.
+
+Den Mond sah man schon in einiger Höhe, ein Postwagen fuhr in seinem
+Licht vorbei. Ein schwacher Wind erhob sich allgemein, auch im Graben
+fühlte man ihn, und in der Nähe fing der Wald zu rauschen an. Da lag
+einem nicht mehr soviel daran, allein zu sein.
+
+»Wo seid Ihr?« -- »Kommt her!« -- »Alle zusammen!« -- »Was versteckst Du
+Dich, laß den Unsinn!« -- »Wißt Ihr nicht, daß die Post schon vorüber
+ist?« -- »Aber nein! Schon vorüber?« -- »Natürlich, während Du geschlafen
+hast, ist sie vorübergefahren.« -- »Ich habe geschlafen? Nein so etwas!«
+-- »Schweig nur, man sieht es Dir doch an.« -- »Aber ich bitte Dich.« --
+»Kommt!«
+
+Wir liefen enger beisammen, manche reichten einander die Hände, den
+Kopf konnte man nicht genug hoch haben, weil es abwärts ging. Einer
+schrie einen indianischen Kriegsruf heraus, wir bekamen in die Beine
+einen Galopp wie niemals, bei den Sprüngen hob uns in den Hüften der
+Wind. Nichts hätte uns aufhalten können; wir waren so im Laufe, daß wir
+selbst beim Überholen die Arme verschränken und ruhig uns umsehen
+konnten.
+
+Auf der Wildbachbrücke blieben wir stehn; die weiter gelaufen waren,
+kehrten zurück. Das Wasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als wäre
+es nicht schon spät abend. Es gab keinen Grund dafür, warum nicht einer
+auf das Geländer der Brücke sprang.
+
+Hinter Gebüschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle
+Coupées waren beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer
+von uns begann einen Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten
+singen. Wir sangen viel rascher als der Zug fuhr, wir schaukelten die
+Arme, weil die Stimme nicht genügte, wir kamen mit unseren Stimmen in
+ein Gedränge, in dem uns wohl war. Wenn man seine Stimme unter andere
+mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen.
+
+So sangen wir, den Wald im Rücken, den fernen Reisenden in die Ohren.
+Die Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die Mütter richteten die Betten
+für die Nacht.
+
+Es war schon Zeit. Ich küßte den, der bei mir stand, reichte den drei
+Nächsten nur so die Hände, begann den Weg zurückzulaufen, keiner rief
+mich. Bei der ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog
+ich ein und lief auf Feldwegen wieder in den Wald. Ich strebte zu der
+Stadt im Süden hin, von der es in unserem Dorfe hieß:
+
+»Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!«
+
+»Und warum denn nicht?«
+
+»Weil sie nicht müde werden.«
+
+»Und warum denn nicht?«
+
+»Weil sie Narren sind.«
+
+»Werden denn Narren nicht müde?«
+
+»Wie könnten Narren müde werden!«
+
+
+
+
+Entlarvung eines Bauernfängers
+
+
+Endlich gegen 10 Uhr abends kam ich mit einem mir von früher her nur
+flüchtig bekannten Mann, der sich mir diesmal unversehens wieder
+angeschlossen und mich zwei Stunden lang in den Gassen herumgezogen
+hatte, vor dem herrschaftlichen Hause an, in das ich zu einer
+Gesellschaft geladen war.
+
+»So!« sagte ich und klatschte in die Hände zum Zeichen der unbedingten
+Notwendigkeit des Abschieds. Weniger bestimmte Versuche hatte ich schon
+einige gemacht. Ich war schon ganz müde.
+
+»Gehn Sie gleich hinauf?« fragte er. In seinem Munde hörte ich ein
+Geräusch wie vom Aneinanderschlagen der Zähne.
+
+»Ja.«
+
+Ich war doch eingeladen, ich hatte es ihm gleich gesagt. Aber ich war
+eingeladen, hinaufzukommen, wo ich schon so gerne gewesen wäre, und
+nicht hier unten vor dem Tor zu stehn und an den Ohren meines Gegenübers
+vorüberzuschauen. Und jetzt noch mit ihm stumm zu werden, als seien wir
+zu einem langen Aufenthalt auf diesem Fleck entschlossen. Dabei nahmen
+an diesem Schweigen gleich die Häuser rings herum ihren Anteil, und das
+Dunkel über ihnen bis zu den Sternen. Und die Schritte unsichtbarer
+Spaziergänger, deren Wege zu erraten man nicht Lust hatte, der Wind, der
+immer wieder an die gegenüberliegende Straßenseite sich drückte, ein
+Grammophon, das gegen die geschlossenen Fenster irgendeines Zimmers
+sang, -- sie ließen aus diesem Schweigen sich hören, als sei es ihr
+Eigentum seit jeher und für immer.
+
+Und mein Begleiter fügte sich in seinem und -- nach einem Lächeln --
+auch in meinem Namen, streckte die Mauer entlang den rechten Arm
+aufwärts und lehnte sein Gesicht, die Augen schließend, an ihn.
+
+Doch dieses Lächeln sah ich nicht mehr ganz zu Ende, denn Scham drehte
+mich plötzlich herum. Erst an diesem Lächeln also hatte ich erkannt, daß
+das ein Bauernfänger war, nichts weiter. Und ich war doch schon Monate
+lang in dieser Stadt, hatte geglaubt, diese Bauernfänger durch und durch
+zu kennen, wie sie bei Nacht aus Seitenstraßen, die Hände vorgestreckt,
+wie Gastwirte uns entgegentreten, wie sie sich um die Anschlagsäule, bei
+der wir stehen, herumdrücken, wie zum Versteckenspielen und hinter der
+Säulenrundung hervor zumindest mit einem Auge spionieren, wie sie in
+Straßenkreuzungen, wenn wir ängstlich werden, auf einmal vor uns schweben
+auf der Kante unseres Trottoirs! Ich verstand sie doch so gut, sie waren
+ja meine ersten städtischen Bekannten in den kleinen Wirtshäusern gewesen,
+und ich verdankte ihnen den ersten Anblick einer Unnachgiebigkeit, die
+ich mir jetzt so wenig von der Erde wegdenken konnte, daß ich sie schon
+in mir zu fühlen begann. Wie standen sie einem noch gegenüber, selbst
+wenn man ihnen schon längst entlaufen war, wenn es also längst nichts
+mehr zu fangen gab! Wie setzten sie sich nicht, wie fielen sie nicht
+hin, sondern sahen einen mit Blicken an, die noch immer, wenn auch nur
+aus der Ferne, überzeugten! Und ihre Mittel waren stets die gleichen:
+Sie stellten sich vor uns hin, so breit sie konnten; suchten uns
+abzuhalten von dort, wohin wir strebten; bereiteten uns zum Ersatz eine
+Wohnung in ihrer eigenen Brust, und bäumte sich endlich das gesammelte
+Gefühl in uns auf, nahmen sie es als Umarmung, in die sie sich warfen,
+das Gesicht voran.
+
+Und diese alten Späße hatte ich diesmal erst nach so langem Beisammensein
+erkannt. Ich zerrieb mir die Fingerspitzen an einander, um die Schande
+ungeschehen zu machen.
+
+Mein Mann aber lehnte hier noch wie früher, hielt sich noch immer für
+einen Bauernfänger, und die Zufriedenheit mit seinem Schicksal rötete
+ihm die freie Wange.
+
+»Erkannt!« sagte ich und klopfte ihm noch leicht auf die Schulter.
+Dann eilte ich die Treppe hinauf und die so grundlos treuen Gesichter
+der Dienerschaft oben im Vorzimmer freuten mich wie eine schöne
+Überraschung. Ich sah sie alle der Reihe nach an, während man mir den
+Mantel abnahm und die Stiefel abstaubte. Aufatmend und langgestreckt
+betrat ich dann den Saal.
+
+
+
+
+Der plötzliche Spaziergang
+
+
+Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu
+Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim
+beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen
+hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn
+draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben
+selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch
+stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen
+müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor
+gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen
+Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen
+erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut,
+je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr
+oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse
+wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die
+man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn
+man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich
+gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung
+erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste
+Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die
+langen Gassen hinläuft, -- dann ist man für diesen Abend gänzlich aus
+seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man
+selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel
+schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt.
+
+Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen
+Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.
+
+
+
+
+Entschlüsse
+
+
+Aus einem elenden Zustand sich zu erheben, muß selbst mit gewollter
+Energie leicht sein. Ich reiße mich vom Sessel los, umlaufe den Tisch,
+mache Kopf und Hals beweglich, bringe Feuer in die Augen, spanne die
+Muskeln um sie herum. Arbeite jedem Gefühl entgegen, begrüße A.
+stürmisch, wenn er jetzt kommen wird, dulde B. freundlich in meinem
+Zimmer, ziehe bei C. alles, was gesagt wird, trotz Schmerz und Mühe mit
+langen Zügen in mich hinein.
+
+Aber selbst wenn es so geht, wird mit jedem Fehler, der nicht ausbleiben
+kann, das Ganze, das Leichte und das Schwere, stocken, und ich werde
+mich im Kreise zurückdrehen müssen.
+
+Deshalb bleibt doch der beste Rat, alles hinzunehmen, als schwere Masse
+sich verhalten und fühle man sich selbst fortgeblasen, keinen unnötigen
+Schritt sich ablocken lassen, den anderen mit Tierblick anschaun, keine
+Reue fühlen, kurz, das, was vom Leben als Gespenst noch übrig ist, mit
+eigener Hand niederdrücken, d. h., die letzte grabmäßige Ruhe noch
+vermehren und nichts außer ihr mehr bestehen lassen.
+
+Eine charakteristische Bewegung eines solchen Zustandes ist das
+Hinfahren des kleinen Fingers über die Augenbrauen.
+
+
+
+
+Der Ausflug ins Gebirge
+
+
+»Ich weiß nicht«, rief ich ohne Klang, »ich weiß ja nicht. Wenn
+niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses
+getan, niemand hat mir etwas Böses getan, niemand aber will mir helfen.
+Lauter niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur daß mir niemand hilft --,
+sonst wäre lauter niemand hübsch. Ich würde ganz gern -- warum denn
+nicht -- einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen.
+Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand
+aneinander drängen, diese vielen quer gestreckten und eingehängten Arme,
+diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, daß
+alle in Frack sind. Wir gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken,
+die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge
+frei! Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen.«
+
+
+
+
+Das Unglück des Junggesellen
+
+
+Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter
+schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, wenn man einen Abend
+mit Menschen verbringen will, krank zu sein und aus dem Winkel seines
+Bettes wochenlang das leere Zimmer anzusehn, immer vor dem Haustor
+Abschied zu nehmen, niemals neben seiner Frau sich die Treppe
+hinaufzudrängen, in seinem Zimmer nur Seitentüren zu haben, die in
+fremde Wohnungen führen, sein Nachtmahl in einer Hand nach Hause zu
+tragen, fremde Kinder anstaunen zu müssen und nicht immerfort
+wiederholen zu dürfen: »Ich habe keine«, sich im Aussehn und Benehmen
+nach ein oder zwei Junggesellen der Jugenderinnerungen auszubilden.
+
+So wird es sein, nur daß man auch in Wirklichkeit heute und später
+selbst dastehen wird, mit einem Körper und einem wirklichen Kopf, also
+auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.
+
+
+
+
+Der Kaufmann
+
+
+Es ist möglich, daß einige Leute Mitleid mit mir haben, aber ich spüre
+nichts davon. Mein kleines Geschäft erfüllt mich mit Sorgen, die mich
+innen an Stirne und Schläfen schmerzen, aber ohne mir Zufriedenheit in
+Aussicht zu stellen, denn mein Geschäft ist klein.
+
+Für Stunden im voraus muß ich Bestimmungen treffen, das Gedächtnis des
+Hausdieners wachhalten, vor befürchteten Fehlern warnen und in einer
+Jahreszeit die Moden der folgenden berechnen, nicht wie sie unter Leuten
+meines Kreises herrschen werden, sondern bei unzugänglichen
+Bevölkerungen auf dem Lande.
+
+Mein Geld haben fremde Leute; ihre Verhältnisse können mir nicht
+deutlich sein; das Unglück, das sie treffen könnte, ahne ich nicht; wie
+könnte ich es abwehren! Vielleicht sind sie verschwenderisch geworden
+und geben ein Fest in einem Wirtshausgarten und andere halten sich für
+ein Weilchen auf der Flucht nach Amerika bei diesem Feste auf.
+
+Wenn nun am Abend eines Werketages das Geschäft gesperrt wird und ich
+plötzlich Stunden vor mir sehe, in denen ich für die ununterbrochenen
+Bedürfnisse meines Geschäftes nichts werde arbeiten können, dann wirft
+sich meine am Morgen weit vorausgeschickte Aufregung in mich, wie eine
+zurückkehrende Flut, hält es aber in mir nicht aus und ohne Ziel reißt
+sie mich mit.
+
+Und doch kann ich diese Laune gar nicht benützen und kann nur nach
+Hause gehn, denn ich habe Gesicht und Hände schmutzig und verschwitzt,
+das Kleid fleckig und staubig, die Geschäftsmütze auf dem Kopfe und von
+Kistennägeln zerkratzte Stiefel. Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere
+mit den Fingern beider Hände und mir entgegenkommenden Kindern fahre ich
+über das Haar.
+
+Aber der Weg ist zu kurz. Gleich bin ich in meinem Hause, öffne die
+Lifttür und trete ein.
+
+Ich sehe, daß ich jetzt und plötzlich allein bin. Andere, die über
+Treppen steigen müssen, ermüden dabei ein wenig, müssen mit eilig
+atmenden Lungen warten, bis man die Tür der Wohnung öffnen kommt, haben
+dabei einen Grund für Ärger und Ungeduld, kommen jetzt ins Vorzimmer, wo
+sie den Hut aufhängen, und erst bis sie durch den Gang an einigen
+Glastüren vorbei in ihr eigenes Zimmer kommen, sind sie allein.
+
+Ich aber bin gleich allein im Lift, und schaue, auf die Knie gestützt,
+in den schmalen Spiegel. Als der Lift sich zu heben anfängt, sage ich:
+
+»Seid still, tretet zurück, wollt Ihr in den Schatten der Bäume, hinter
+die Draperien der Fenster, in das Laubengewölbe?«
+
+Ich rede mit den Zähnen und die Treppengeländer gleiten an den
+Milchglasscheiben hinunter wie stürzendes Wasser.
+
+»Flieget weg; Euere Flügel, die ich niemals gesehen habe, mögen Euch ins
+dörfliche Tal tragen oder nach Paris, wenn es Euch dorthin treibt.
+
+Doch genießet die Aussicht des Fensters, wenn die Prozessionen aus
+allen drei Straßen kommen, einander nicht ausweichen, durcheinander gehn
+und zwischen ihren letzten Reihen den freien Platz wieder entstehen
+lassen. Winket mit den Tüchern, seid entsetzt, seid gerührt, lobet die
+schöne Dame, die vorüberfährt.
+
+Geht über den Bach auf der hölzernen Brücke, nickt den badenden Kindern
+zu und staunet über das Hurra der tausend Matrosen auf dem fernen
+Panzerschiff.
+
+Verfolget nur den unscheinbaren Mann und wenn Ihr ihn in einen Torweg
+gestoßen habt, beraubt ihn und seht ihm dann, jeder die Hände in den
+Taschen, nach, wie er traurig seines Weges in die linke Gasse geht.
+
+Die verstreut auf ihren Pferden galoppierende Polizei bändigt die Tiere
+und drängt Euch zurück. Lasset sie, die leeren Gassen werden sie
+unglücklich machen, ich weiß es. Schon reiten sie, ich bitte, paarweise
+weg, langsam um die Straßenecken, fliegend über die Plätze.«
+
+Dann muß ich aussteigen, den Aufzug hinunterlassen, an der Türglocke
+läuten, und das Mädchen öffnet die Tür, während ich grüße.
+
+
+
+
+Zerstreutes Hinausschaun
+
+
+Was werden wir in diesen Frühlingstagen tun, die jetzt rasch kommen?
+Heute früh war der Himmel grau, geht man aber jetzt zum Fenster, so ist
+man überrascht und lehnt die Wange an die Klinke des Fensters.
+
+Unten sieht man das Licht der freilich schon sinkenden Sonne auf dem
+Gesicht des kindlichen Mädchens, das so geht und sich umschaut, und
+zugleich sieht man den Schatten des Mannes darauf, der hinter ihm
+rascher kommt.
+
+Dann ist der Mann schon vorübergegangen und das Gesicht des Kindes ist
+ganz hell.
+
+
+
+
+Der Nachhauseweg
+
+
+Man sehe die Überzeugungskraft der Luft nach dem Gewitter! Meine
+Verdienste erscheinen mir und überwältigen mich, wenn ich mich auch
+nicht sträube.
+
+Ich marschiere und mein Tempo ist das Tempo dieser Gassenseite, dieser
+Gasse, dieses Viertels. Ich bin mit Recht verantwortlich für alle
+Schläge gegen Türen, auf die Platten der Tische, für alle Trinksprüche,
+für die Liebespaare in ihren Betten, in den Gerüsten der Neubauten, in
+dunklen Gassen an die Häusermauern gepreßt, auf den Ottomanen der
+Bordelle.
+
+Ich schätze meine Vergangenheit gegen meine Zukunft, finde aber beide
+vortrefflich, kann keiner von beiden den Vorzug geben und nur die
+Ungerechtigkeit der Vorsehung, die mich so begünstigt, muß ich tadeln.
+
+Nur als ich in mein Zimmer trete, bin ich ein wenig nachdenklich, aber
+ohne daß ich während des Treppensteigens etwas Nachdenkenswertes
+gefunden hätte. Es hilft mir nicht viel, daß ich das Fenster gänzlich
+öffne und daß in einem Garten die Musik noch spielt.
+
+
+
+
+Die Vorüberlaufenden
+
+
+Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann,
+von weitem schon sichtbar -- denn die Gasse vor uns steigt an und es ist
+Vollmond -- uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst
+wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft
+und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.
+
+Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im
+Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei
+die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide
+einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht
+will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes,
+vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder
+auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler,
+vielleicht hat der erste Waffen.
+
+Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein
+getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.
+
+
+
+
+Der Fahrgast
+
+
+Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig
+unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt,
+in meiner Familie. Auch nicht beiläufig könnte ich angeben, welche
+Ansprüche ich in irgendeiner Richtung mit Recht vorbringen könnte. Ich
+kann es gar nicht verteidigen, daß ich auf dieser Plattform stehe, mich
+an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen mich tragen lasse, daß Leute
+dem Wagen ausweichen oder still gehn oder vor den Schaufenstern ruhn. --
+Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgültig.
+
+Der Wagen nähert sich einer Haltestelle, ein Mädchen stellt sich nahe
+den Stufen, zum Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob
+ich sie betastet hätte. Sie ist schwarz gekleidet, die Rockfalten
+bewegen sich fast nicht, die Bluse ist knapp und hat einen Kragen aus
+weißer kleinmaschiger Spitze, die linke Hand hält sie flach an die Wand,
+der Schirm in ihrer Rechten steht auf der zweitobersten Stufe. Ihr
+Gesicht ist braun, die Nase, an den Seiten schwach gepreßt, schließt
+rund und breit ab. Sie hat viel braunes Haar und verwehte Härchen an der
+rechten Schläfe. Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich
+nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an
+der Wurzel.
+
+Ich fragte mich damals: Wieso kommt es, daß sie nicht über sich
+verwundert ist, daß sie den Mund geschlossen hält und nichts dergleichen
+sagt?
+
+
+
+
+Kleider
+
+
+Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen und Behängen sehe,
+die über schönen Körper schön sich legen, dann denke ich, daß sie nicht
+lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu
+glätten, Staub bekommen, der, dick in der Verzierung, nicht mehr zu
+entfernen ist, und daß niemand so traurig und lächerlich sich wird
+machen wollen, täglich das gleiche kostbare Kleid früh anzulegen und
+abends auszuziehn.
+
+Doch sehe ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfache reizende
+Muskeln und Knöchelchen und gespannte Haut und Massen dünner Haare
+zeigen, und doch tagtäglich in diesem einen natürlichen Maskenanzug
+erscheinen, immer das gleiche Gesicht in die gleichen Handflächen legen
+und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen.
+
+Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es
+ihnen im Spiegel abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn
+und kaum mehr tragbar.
+
+
+
+
+Die Abweisung
+
+
+Wenn ich einem schönen Mädchen begegne und sie bitte: »Sei so gut, komm
+mit mir« und sie stumm vorübergeht, so meint sie damit:
+
+»Du bist kein Herzog mit fliegendem Namen, kein breiter Amerikaner mit
+indianischem Wuchs, mit wagrecht ruhenden Augen, mit einer von der Luft
+der Rasenplätze und der sie durchströmenden Flüsse massierten Haut, Du
+hast keine Reisen gemacht zu den großen Seen und auf ihnen, die ich weiß
+nicht wo zu finden sind. Also ich bitte, warum soll ich, ein schönes
+Mädchen, mit Dir gehn?«
+
+»Du vergißt, Dich trägt kein Automobil in langen Stößen schaukelnd durch
+die Gasse; ich sehe nicht die in ihre Kleider gepreßten Herren Deines
+Gefolges, die Segensprüche für Dich murmelnd in genauem Halbkreis hinter
+Dir gehn; Deine Brüste sind im Mieder gut geordnet, aber Deine Schenkel
+und Hüften entschädigen sich für jene Enthaltsamkeit; Du trägst ein
+Taffetkleid mit plissierten Falten, wie es im vorigen Herbste uns
+durchaus allen Freude machte, und doch lächelst Du -- diese Lebensgefahr
+auf dem Leibe -- bisweilen.«
+
+»Ja, wir haben beide recht und, um uns dessen nicht unwiderleglich
+bewußt zu werden, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause
+gehn.«
+
+
+
+
+Zum Nachdenken für Herrenreiter
+
+
+Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen
+der erste sein zu wollen.
+
+Der Ruhm, als der beste Reiter eines Landes anerkannt zu werden, freut
+beim Losgehn des Orchesters zu stark, als daß sich am Morgen danach die
+Reue verhindern ließe.
+
+Der Neid der Gegner, listiger, ziemlich einflußreicher Leute, muß uns in
+dem engen Spalier schmerzen, das wir nun durchreiten nach jener Ebene,
+die bald vor uns leer war bis auf einige überrundete Reiter, die klein
+gegen den Rand des Horizonts anritten.
+
+Viele unserer Freunde eilen den Gewinn zu beheben und nur über die
+Schultern weg schreien sie von den entlegenen Schaltern ihr Hurra zu
+uns; die besten Freunde aber haben gar nicht auf unser Pferd gesetzt, da
+sie fürchteten, käme es zum Verluste, müßten sie uns böse sein, nun
+aber, da unser Pferd das erste war und sie nichts gewonnen haben, drehn
+sie sich um, wenn wir vorüberkommen und schauen lieber die Tribünen
+entlang.
+
+Die Konkurrenten rückwärts, fest im Sattel, suchen das Unglück zu
+überblicken, das sie getroffen hat, und das Unrecht, das ihnen
+irgendwie zugefügt wird; sie nehmen ein frisches Aussehen an, als müsse
+ein neues Rennen anfangen und ein ernsthaftes nach diesem Kinderspiel.
+
+Vielen Damen scheint der Sieger lächerlich, weil er sich aufbläht und
+doch nicht weiß, was anzufangen mit dem ewigen Händeschütteln,
+Salutieren, Sich-Niederbeugen und In-die-Ferne-Grüßen, während die
+Besiegten den Mund geschlossen haben und die Hälse ihrer meist
+wiehernden Pferde leichthin klopfen.
+
+Endlich fängt es gar aus dem trüb gewordenen Himmel zu regnen an.
+
+
+
+
+Das Gassenfenster
+
+
+Wer verlassen lebt und sich doch hie und da irgendwo anschließen möchte,
+wer mit Rücksicht auf die Veränderungen der Tageszeit, der Witterung,
+der Berufsverhältnisse und dergleichen ohne weiteres irgend einen
+beliebigen Arm sehen will, an dem er sich halten könnte, -- der wird es
+ohne ein Gassenfenster nicht lange treiben. Und steht es mit ihm so, daß
+er gar nichts sucht und nur als müder Mann, die Augen auf und ab
+zwischen Publikum und Himmel, an seine Fensterbrüstung tritt, und er
+will nicht und hat ein wenig den Kopf zurückgeneigt, so reißen ihn doch
+unten die Pferde mit in ihr Gefolge von Wagen und Lärm und damit endlich
+der menschlichen Eintracht zu.
+
+
+
+
+Wunsch, Indianer zu werden
+
+
+Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden
+Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem
+zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen,
+bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land
+vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und
+Pferdekopf.
+
+
+
+
+Die Bäume
+
+
+Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf,
+und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann
+man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar
+das ist nur scheinbar.
+
+
+
+
+Unglücklichsein
+
+
+Als es schon unerträglich geworden war -- einmal gegen Abend im November
+-- und ich über den schmalen Teppich meines Zimmers wie in einer
+Rennbahn einherlief, durch den Anblick der beleuchteten Gasse
+erschreckt, wieder wendete, und in der Tiefe des Zimmers, im Grund des
+Spiegels doch wieder ein neues Ziel bekam, und aufschrie, um nur den
+Schrei zu hören, dem nichts antwortet und dem auch nichts die Kraft des
+Schreiens nimmt, der also aufsteigt, ohne Gegengewicht, und nicht
+aufhören kann, selbst wenn er verstummt, da öffnete sich aus der Wand
+heraus die Tür, so eilig, weil doch Eile nötig war und selbst die
+Wagenpferde unten auf dem Pflaster wie wildgewordene Pferde in der
+Schlacht, die Gurgeln preisgegeben, sich erhoben.
+
+Als kleines Gespenst fuhr ein Kind aus dem ganz dunklen Korridor, in dem
+die Lampe noch nicht brannte, und blieb auf den Fußspitzen stehn, auf
+einem unmerklich schaukelnden Fußbodenbalken. Von der Dämmerung des
+Zimmers gleich geblendet, wollte es mit dem Gesicht rasch in seine
+Hände, beruhigte sich aber unversehens mit dem Blick zum Fenster, vor
+dessen Kreuz der hochgetriebene Dunst der Straßenbeleuchtung endlich
+unter dem Dunkel liegen blieb. Mit dem rechten Ellbogen hielt es sich
+vor der offenen Tür aufrecht an der Zimmerwand und ließ den Luftzug von
+draußen um die Gelenke der Füße streichen, auch den Hals, auch die
+Schläfen entlang.
+
+Ich sah ein wenig hin, dann sagte ich »Guten Tag« und nahm meinen Rock
+vom Ofenschirm, weil ich nicht so halb nackt dastehen wollte. Ein
+Weilchen lang hielt ich den Mund offen, damit mich die Aufregung durch
+den Mund verlasse. Ich hatte schlechten Speichel in mir, im Gesicht
+zitterten mir die Augenwimpern, kurz, es fehlte mir nichts, als gerade
+dieser allerdings erwartete Besuch.
+
+Das Kind stand noch an der Wand auf dem gleichen Platz, es hatte die
+rechte Hand an die Mauer gepreßt und konnte, ganz rotwangig, dessen
+nicht satt werden, daß die weißgetünchte Wand grobkörnig war und die
+Fingerspitzen rieb. Ich sagte: »Wollen Sie tatsächlich zu mir? Ist es
+kein Irrtum? Nichts leichter als ein Irrtum in diesem großen Hause. Ich
+heiße Soundso, wohne im dritten Stock. Bin ich also der, den Sie
+besuchen wollen?«
+
+»Ruhe, Ruhe!« sagte das Kind über die Schulter weg, »alles ist schon
+richtig.«
+
+»Dann kommen Sie weiter ins Zimmer herein, ich möchte die Tür
+schließen.«
+
+»Die Tür habe ich jetzt gerade geschlossen. Machen Sie sich keine Mühe.
+Beruhigen Sie sich überhaupt.«
+
+»Reden Sie nicht von Mühe. Aber auf diesem Gange wohnt eine Menge Leute,
+alle sind natürlich meine Bekannten; die meisten kommen jetzt aus den
+Geschäften; wenn sie in einem Zimmer reden hören, glauben sie einfach
+das Recht zu haben, aufzumachen und nachzuschaun, was los ist. Es ist
+einmal schon so. Diese Leute haben die tägliche Arbeit hinter sich; wem
+würden sie sich in der provisorischen Abendfreiheit unterwerfen!
+Übrigens wissen Sie es ja auch. Lassen Sie mich die Türe schließen.«
+
+»Ja was ist denn? Was haben Sie? Meinetwegen kann das ganze Haus
+hereinkommen. Und dann noch einmal: Ich habe die Türe schon geschlossen,
+glauben Sie denn, nur Sie können die Türe schließen? Ich habe sogar mit
+dem Schlüssel zugesperrt.«
+
+»Dann ist gut. Mehr will ich ja nicht. Mit dem Schlüssel hätten Sie gar
+nicht zusperren müssen. Und jetzt machen Sie es sich nur behaglich,
+wenn Sie schon einmal da sind. Sie sind mein Gast. Vertrauen Sie mir
+völlig. Machen Sie sich nur breit ohne Angst. Ich werde Sie weder zum
+Hierbleiben zwingen, noch zum Weggehn. Muß ich das erst sagen? Kennen
+Sie mich so schlecht?«
+
+»Nein. Sie hätten das wirklich nicht sagen müssen. Noch mehr, Sie hätten
+es gar nicht sagen sollen. Ich bin ein Kind; warum soviel Umstände mit
+mir machen?«
+
+»So schlimm ist es nicht. Natürlich, ein Kind. Aber gar so klein sind
+Sie nicht. Sie sind schon ganz erwachsen. Wenn Sie ein Mädchen wären,
+dürften Sie sich nicht so einfach mit mir in einem Zimmer einsperren.«
+
+»Darüber müssen wir uns keine Sorge machen. Ich wollte nur sagen: Daß
+ich Sie so gut kenne, schützt mich wenig, es enthebt Sie nur der
+Anstrengung, mir etwas vorzulügen. Trotzdem aber machen Sie mir
+Komplimente. Lassen Sie das, ich fordere Sie auf, lassen Sie das. Dazu
+kommt, daß ich Sie nicht überall und immerfort kenne, gar bei dieser
+Finsternis. Es wäre viel besser, wenn Sie Licht machen ließen. Nein,
+lieber nicht. Immerhin werde ich mir merken, daß Sie mir schon gedroht
+haben.«
+
+»Wie? Ich hätte Ihnen gedroht? Aber ich bitte Sie. Ich bin ja so froh,
+daß Sie endlich hier sind. Ich sage >endlich<, weil es schon so spät
+ist. Es ist mir unbegreiflich, warum Sie so spät gekommen sind. Da ist
+es möglich, daß ich in der Freude so durcheinander gesprochen habe und
+daß Sie es gerade so verstanden haben. Daß ich so gesprochen habe, gebe
+ich zehnmal zu, ja ich habe Ihnen mit Allem gedroht, was Sie wollen. --
+Nur keinen Streit, um Himmelswillen! -- Aber wie konnten Sie es glauben?
+Wie konnten Sie mich so kränken? Warum wollen Sie mir mit aller Gewalt
+dieses kleine Weilchen Ihres Hierseins verderben? Ein fremder Mensch
+wäre entgegenkommender als Sie.«
+
+»Das glaube ich; das war keine Weisheit. So nah, als Ihnen ein fremder
+Mensch entgegenkommen kann, bin ich Ihnen schon von Natur aus. Das
+wissen Sie auch, wozu also die Wehmut? Sagen Sie, daß Sie Komödie
+spielen wollen, und ich gehe augenblicklich.«
+
+»So? Auch das wagen Sie mir zu sagen? Sie sind ein wenig zu kühn. Am
+Ende sind Sie doch in meinem Zimmer. Sie reiben Ihre Finger wie verrückt
+an meiner Wand. Mein Zimmer, meine Wand! Und außerdem ist das, was Sie
+sagen, lächerlich, nicht nur frech. Sie sagen, Ihre Natur zwinge Sie,
+mit mir in dieser Weise zu reden. Wirklich? Ihre Natur zwingt Sie? Das
+ist nett von Ihrer Natur. Ihre Natur ist meine, und wenn ich mich von
+Natur aus freundlich zu Ihnen verhalte, so dürfen auch Sie nicht
+anders.«
+
+»Ist das freundlich?«
+
+»Ich rede von früher.«
+
+»Wissen Sie, wie ich später sein werde?«
+
+»Nichts weiß ich.«
+
+Und ich ging zum Nachttisch hin, auf dem ich die Kerze anzündete. Ich
+hatte in jener Zeit weder Gas noch elektrisches Licht in meinem Zimmer.
+Ich saß dann noch eine Weile beim Tisch, bis ich auch dessen müde wurde,
+den Überzieher anzog, den Hut vom Kanapee nahm und die Kerze ausblies.
+Beim Hinausgehen verfing ich mich in ein Sesselbein.
+
+Auf der Treppe traf ich einen Mieter aus dem gleichen Stockwerk.
+
+»Sie gehen schon wieder weg, Sie Lump?« fragte er, auf seinen über zwei
+Stufen ausgebreiteten Beinen ausruhend.
+
+»Was soll ich machen?« sagte ich, »jetzt habe ich ein Gespenst im Zimmer
+gehabt.«
+
+»Sie sagen das mit der gleichen Unzufriedenheit, wie wenn Sie ein Haar
+in der Suppe gefunden hätten.«
+
+»Sie spaßen. Aber merken Sie sich, ein Gespenst ist ein Gespenst.«
+
+»Sehr wahr. Aber wie, wenn man überhaupt nicht an Gespenster glaubt?«
+
+»Ja meinen Sie denn, ich glaube an Gespenster? Was hilft mir aber
+dieses Nichtglauben?«
+
+»Sehr einfach. Sie müssen eben keine Angst mehr haben, wenn ein Gespenst
+wirklich zu Ihnen kommt.«
+
+»Ja, aber das ist doch die nebensächliche Angst. Die eigentliche Angst
+ist die Angst vor der Ursache der Erscheinung. Und diese Angst bleibt.
+Die habe ich geradezu großartig in mir.« Ich fing vor Nervosität an,
+alle meine Taschen zu durchsuchen.
+
+»Da Sie aber vor der Erscheinung selbst keine Angst hatten, hätten Sie
+sie doch ruhig nach ihrer Ursache fragen können!«
+
+»Sie haben offenbar noch nie mit Gespenstern gesprochen. Aus denen kann
+man ja niemals eine klare Auskunft bekommen. Das ist ein Hinundher.
+Diese Gespenster scheinen über ihre Existenz mehr im Zweifel zu sein,
+als wir, was übrigens bei ihrer Hinfälligkeit kein Wunder ist.«
+
+»Ich habe aber gehört, daß man sie auffüttern kann.«
+
+»Da sind Sie gut berichtet. Das kann man. Aber wer wird das machen?«
+
+»Warum nicht? Wenn es ein weibliches Gespenst ist z. B.« sagte er und
+schwang sich auf die obere Stufe.
+
+»Ach so«, sagte ich, »aber selbst dann steht es nicht dafür.«
+
+Ich besann mich. Mein Bekannter war schon so hoch, daß er sich, um mich
+zu sehen, unter einer Wölbung des Treppenhauses vorbeugen mußte. »Aber
+trotzdem«, rief ich, »wenn Sie mir dort oben mein Gespenst wegnehmen,
+dann ist es zwischen uns aus, für immer.«
+
+»Aber das war ja nur Spaß«, sagte er und zog den Kopf zurück.
+
+»Dann ist es gut«, sagte ich und hätte jetzt eigentlich ruhig spazieren
+gehen können. Aber weil ich mich gar so verlassen fühlte, ging ich
+lieber hinauf und legte mich schlafen.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Betrachtung, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BETRACHTUNG ***
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+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.