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diff --git a/23425-h/23425-h.htm b/23425-h/23425-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c16842f --- /dev/null +++ b/23425-h/23425-h.htm @@ -0,0 +1,4425 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title> The Project Gutenberg eBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge +</title> +<style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + + h1 { + font-size: xx-large; + font-weight: normal; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + } + + h2 { + font-style: normal; + margin-top: 3.5em; + margin-bottom: 2em; + font-size: large; + letter-spacing: 0.35ex; + } + + p.author { + font-size: large; + letter-spacing: 0.3ex; + padding-left: 0.3ex; + text-align: center; + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; + } + + p.subtitle { + font-size: large; + font-weight: normal; + letter-spacing: 0.3ex; + padding-left: 0.1ex; + text-align: center; + margin-bottom: 7em; + } + + p.publisher { + font-size: medium; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + text-align: center; + margin-bottom: 3.5em; + } + + p.copyright { + text-align: center; + font-size: small; + margin-bottom: 3.5em; + } + + p.edition, p.dedication { + text-align: center; + font-size: medium; + letter-spacing: 0.35ex; + margin-top: 3.5em; + margin-bottom: 0em; + } + + + p.printinfo { + text-align: center; + font-size: small; + margin-top: 3.5em; + } + + table.toc { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + font-size: medium; + width: 60%; + line-height: 100%; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + padding: 0.2em; + background-position: center; + } + + table.toc td.onpage { + text-align: right; + vertical-align: middle; + padding-left: 1em; + } + + body { + margin-left: 20%; + margin-right: 20%; + } + + .pagenum { + position: absolute; + right: 1%; + font-size: small; + letter-spacing: 0ex; + padding-left: 0ex; + text-align: right; + color: gray; + background-color: inherit; + } + + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding-bottom: 1em; + padding-right: 1em; + padding-top: 1em; + padding-left: 1em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(90%,90%,90%); + color: black; + font-size: smaller; + } + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + + a:hover { + text-decoration: underline; + } + + a:active { + text-decoration: underline; + } + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + + em.antiqua { + font-family: "Courier New", monospace; + font-size: smaller; + font-style: normal; + } + + .dropcap { + float: left; + line-height: 25px; + padding-top: 0px; + font-size: 200%; + margin-top: 0.05em; + margin-right: 0.05em; + } + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Kurtisane Jamaica + +Author: Hans Bethge + +Release Date: November 9, 2007 [EBook #23425] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p class="author">Hans Bethge</p> +<h1>Die Kurtisane Jamaica</h1> +<p class="subtitle">Novellen</p> + + +<p class="publisher">1922<br /> + Gyldendalscher Verlag Berlin</p> +<p class="edition">Zweites bis viertes Tausend</p> +<p class="copyright"> Copyright by Gyldendalscher Verlag Berlin 1922<br /> + Alle Rechte vorbehalten </p> + + +<h2>Inhalt</h2> +<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> + <tr> + <td><a href="#Die_Kurtisane_Jamaica">Die Kurtisane Jamaica</a></td> + <td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Schloss_Carnin">Schloß Carnin</a></td> + <td class="onpage"><a href="#Page_29">29</a></td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Das_Bildnis_der_Geliebten">Das Bildnis der Geliebten</a></td> + <td class="onpage"><a href="#Page_71">71</a></td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Nebelnacht">Nebelnacht</a></td> + <td class="onpage"><a href="#Page_89">89</a></td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Ebeth">Ebeth</a></td> + <td class="onpage"><a href="#Page_107">107</a></td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Die_Hochzeit_des_Freundes">Die Hochzeit des Freundes</a></td> + <td class="onpage"><a href="#Page_131">131</a></td> + </tr> +</table> + + + +<p class="dedication">Wilibald Hachfeld<br /> + gewidmet</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span></p> +<h2><a name="Die_Kurtisane_Jamaica" id="Die_Kurtisane_Jamaica"></a>Die Kurtisane Jamaica</h2> + +<p> <span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span></p> +<p> <span class="dropcap">S</span>ie wurde Jamaica genannt, des holden, südlichen + Ovales wegen, das ihr Gesicht zeigte, und wegen der bräunlich hingehauchten + Farbe ihres Teints, der an eine eben angerauchte Meerschaumpfeife gemahnte.</p> + +<p>Jamaica hatte seelenvolle Hände, ihr Mund +war wie ein Schwertstich, ihre großen Augen +hatten einen perlenhaften Glanz. Sie war schlank, +schmalschulterig und biegsam, ihr Wesen war stolz +und konnte unnahbar sein. Gewiß, sie war eine +Kurtisane, wie man hören wird, aber sie hätte +auch für eine Fürstin aus irgend einem exotischen +Lande gelten können.</p> + +<p>Als ich sie das erstemal sah, war ein Frühsommertag. Sie ging langsam + und aufrecht über die Straße, mit etwas gerafftem Kleid, von einem + großen, schwarzen Hut überdacht. Eine vollendete Dame, dachte ich, + ein märchenhaftes Geschöpf.<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span></p> + +<p>Ich folgte ihr straßenweit. Wie eine holde Verlockung +schritt die schlanke Gestalt vor mir her, +mit dem vollen braunen Haar und dem schwarzen +Hut, dessen Federn sich schwankend bewegten wie +die dunkeln Segel eines Schiffes auf dem Ozean. +Dann stieg sie unvermutet in einen Wagen, fuhr +fort, – und ich hatte das Nachsehen.</p> + +<p>Nach einiger Zeit sah ich sie wieder, – ich folgte +ihr von neuem, lebhaft erregt, da trat ein Freund +an mich heran, klopfte mir auf die Schulter und +fragte:</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>»Einer Frau nach«, entgegnete ich. »Sie geht +dort vorn, wie eine Fürstin aus dem Süden.«</p> + +<p>»Schwärmer«, sagte der Freund, dann lugte +er aus. Ein Lächeln ging über sein Gesicht.</p> + +<p>»Das ist Jamaica«, sagte er.</p> + +<p>»Jamaica?«</p> + +<p>»Ja, – eine Kurtisane. Sie hatte ein Verhältnis +mit einem Prinzen aus dem Hause Hohenzollern. +Später war es ein Künstler, jetzt ist es +ein schwedischer Graf, wenn ich nicht irre.«<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span></p> + +<p>»Wie gut Du unterrichtet bist«, sagte ich, mit +einer kleinen Bitterkeit in der Stimme. »Kennst +Du sie übrigens?«</p> + +<p>Er nickte.</p> + +<p>»Stelle mich doch vor«, sagte ich.</p> + +<p>Wir gingen schneller, erreichten sie bald, mein +Freund begrüßte sie und stellte mich vor. Dann +schlenderten wir alle drei durch den Frühsommertag, +Jamaica in der Mitte. Sie plauderte reizend, +etwas bestrickend Graziöses war in der Art, wie +sie sich gab. Ich war hingerissen.</p> + +<p>Plötzlich sagte mein Freund, der sehr geschickt +in solchen Dingen war: »Ah, Irene!« Er tat, +als sähe er eine Bekannte in einem Omnibus, +verabschiedete sich schnell, lief fort und sprang auf +das Vehikel. Ich war mit Jamaica allein. Plaudernd +schritten wir weiter.</p> + +<p>Ich sah sie mitunter von der Seite an; ein +feines Profil, zart und kapriziös, lange, dunkle +Augenwimpern und eine ziemlich sinnliche Nase. +Sie hatte so etwas Unbefangenes, wie sie sprach, +so etwas Natürliches in Gang und Haltung, daß<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +man sich wohl und froh an ihrer Seite fühlte. Wir +setzten uns vor ein Café und tranken etwas Kühlendes, +während das bunte Leben der Großstadt +an uns vorüberflutete. Von einem Blumenmädchen +kaufte ich einen Strauß roter Nelken, sie +steckte ihn sich vor die Brust und sog aus dem Strohhalm +die braune Flüssigkeit der Eisschokolade in +ihren schlanken Hals.</p> + +<p>Nachher trennten wir uns, da sie, wie sie sagte, +zur Schneiderin mußte. Wir bestimmten einen +der nächsten Abende, um in den Zirkus zu gehen. +Sie gab mir die dünne Hand und sagte: »Auf +Wiedersehen!«, wobei sie zwischen den roten Lippen +die Perlenreihe ihrer Zähne sehen ließ. Dann stieg +sie in eine Droschke, die Nelken auf der Brust.</p> + +<p>Ich schlenderte durch die Menschen hin und +hatte immer noch Jamaica in meinen Augen und +in meinem Hirn, ihre Gestalt, ihr Lächeln, ihr +Profil, die Meerschaumfarbe ihrer Haut, ihre +reizend rieselnde Stimme. Mir wurde die Zeit +lang bis zum Wiedersehen, ich saß zu Haus, und +statt zu arbeiten, malte ich den Namen Jamaica<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +aufs Papier, – und dann kam der Abend, aber +Jamaica kam nicht.</p> + +<p>Ich wartete auf dem kleinen Platz in der Nähe +des Zirkus, wo wir uns verabredet hatten, ging +auf und nieder, ein paar Rosen in der Hand, sah +nach der Uhr, war ungehalten, wartete weiter, +sah mich, ironisch lächelnd, selbst, wie ich als ein +genarrter Liebhaber hier wartend auf und nieder +ging, dann, als schließlich eine öde Stunde verronnen +war, stampfte ich unwillig mit dem Fuß +auf, schenkte die Rosen einem vorübergehenden +Ladenmädchen und ging allein in den Zirkus.</p> + +<p>In einer Loge mir schräg gegenüber saß Jamaica. +Sie schob gerade ein Stück Konfekt in den roten +Mund, an ihrer Seite saß ein blonder Herr, vermutlich +der schwedische Graf.</p> + +<p>Ich merkte bald, sie hatte mich gesehen, hin und +wieder schweifte ihr Auge über mich hin. Nachher +in der Pause begegneten wir uns im Marstall, sie +tat, als kannte sie mich nicht. Als wir einmal +betrachtend nebeneinander bei demselben Pferde +standen, sie zwischen mir und dem Grafen, nahm<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +sie flugs meine Hand und drückte sie ein wenig, +ohne mich anzusehen, und während sie im Gespräch +mit ihrem Freunde blieb.</p> + +<p>Es war doch etwas, es war doch ein Händedruck! +Nachher saß sie mir wieder gegenüber, hoheitsvoll, +und schob Konfekt in ihren Mund. Nach Schluß der +Vorstellung sah ich sie mit dem Grafen in einem +Automobil fortfahren, Blicke der Bewunderung +folgten ihr. Ich fühlte mich ausgestoßen, ich war +voll Neid, voll quälender Eifersucht, voll trotziger, +aufrührerischer Gefühle. Ich wollte an ihrer +Seite sein, – was scherte mich dieser schwedische +Graf!</p> + +<p>Mürrisch, ein angeführter Liebhaber, ging ich +allein durch die nächtlichen Straßen und dann in +eine Weinstube, um zu Abend zu essen. Ein vermaledeiter +Zufall wollte, daß dort schon Jamaica +saß, mit ihrem Freunde, bei Austern und Wein. +Sie sah mich erstaunt an und lächelte. Sie mußte +denken, daß ich ihr nachgefahren sei. Ich verließ +also das Restaurant, ging in ein anderes und +ertrank meinen Groll in Burgunder.<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span></p> + +<p>Am nächsten Morgen traf ein Briefchen ein, in +dem sie sich entschuldigte, höhere Pflichten hätten sie +verhindert usw. Der Ausdruck »höhere Pflichten« +amüsierte mich nicht etwa, sondern ärgerte mich.</p> + +<p>Sie kam eines Nachmittags zum Tee. Schlank, +in brauner Seide, diskret und musterhaft angezogen. +Sie rauchte von meinen türkischen Zigaretten, +plauderte von Theater und Rennplatz und +fühlte sich offenbar sehr wohl in meinen weichen +Sesseln und auf dem Lamafell meines Diwans. +Es war mir eine Lust, ihr zuzusehen. Weiß Gott, +sie hatte zuweilen Bewegungen, bei denen man zu +fühlen meinte, daß sie von einem unsichtbaren +Hermelin umflossen sei. Mitunter saß sie plötzlich +schweigend da, mit einem klugen, etwas schwermütigen +Glanz im Auge, als dächte sie an etwas +ungeheuer Ernstes. Sie war ein wenig nervös, +besonders ihre Hände, im übrigen machte sie +den Eindruck einer weltlichen, aber vornehmen +jungen Frau. Nur wie sie küßte und wie sie mitunter +saugend die Arme um mich legte, das war +Kurtisanen-Art.<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span></p> + +<p>Sie kam öfter. Wir sprachen nicht von Liebe, +obwohl ich sie von mal zu mal heftiger liebte, aber +ich wollte ihr meine Gefühle nicht zeigen. Da, +eines Nachmittags, als ich plaudernd auf dem +Diwan ausgestreckt lag und sie bei mir saß, warf +sie plötzlich die Arme um mich, starrte mich an, +mit den Augen eines schönen Tieres, und während +sich die Farbe ihres Gesichts verdunkelte, quoll es +ihr wie Lava zwischen den Lippen durch: »Ich liebe +Dich!« Darauf folgte ein Ausbruch so ungezügelter +Leidenschaft, daß ich glaubte, sie wollte +mich ersticken.</p> + +<p>Von diesem Tage an war eine Nuance der +Demut in ihrem Wesen zu mir, die ich liebte und +die mich entzückte. Wir verlebten glückliche Stunden, +nur der Gedanke an den schwedischen Grafen +marterte mich und verursachte mir schlaflose +Nächte. Immer, wenn ich zu ihr davon anfangen +wollte, drückte sie mir schweigend ihre kleine Hand +vor den Mund, so daß ich nicht sprechen durfte. +Ja, ich war eifersüchtig, aber ich merkte, sie hatte +nicht die mindeste Absicht, sich von dem Grafen zu<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +trennen. Ich hatte keine besonderen Mittel, und sie +war sehr verwöhnt.</p> + +<p>Eines Tages sagte sie mir lachend, sie wolle auf +einige Wochen in ein Seebad reisen, der Schwede +ginge auf einen Monat zu Verwandten in seine +Heimat. Sie bat, ich möge mit ihr reisen. Ich +sagte sogleich zu, worauf sie ausgelassen durch das +Zimmer tanzte.</p> + +<p>Ein paar Tage später trafen wir in einem +reizend gelegenen Ostseebade ein, das ganz von +Buchen- und Nadelholzwäldern umgeben ist. Wir +mieteten in einer schön gelegenen Villa auf der +Höhe, von der Veranda aus übersahen wir den +Strand und die weite Fläche des Meeres.</p> + +<p>Entzückend waren die Tage, welche folgten. +Wir ritten viel, es gab ganz brauchbare Pferde +zu mieten, und Jamaica fühlte sich im Sattel sehr +glücklich. Wir trabten häufig in erster Frühe am +Meere entlang, wenn die Sonne noch mit den +silbernen Morgenwolken kämpfte und der Frühwind +kräftig über das Wasser wehte.</p> + +<p>Am Strand hatten wir eine Burg geschaufelt<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +und mit zahllosen bunten Wimpeln geschmückt. +Jamaica trug gewöhnlich einen dunkelblauen +Tuchrock, eine helle Seidenbluse und Panama. +Sie lag am liebsten faul im Sande, indem sie die +rinnenden Körnchen behaglich durch die Finger +gleiten ließ und in den blauen Himmel starrte; +oder sie las Maupassant und rauchte Zigaretten. +Ich sah sie immer mit einem feinen, wohligen +Empfinden des Verliebtseins vor mir liegen: den +schlanken Körper, das dunkle Haar auf dem hellen +Sande, die blutlosen Hände, die zierlichen Fesseln +der Füße unter den durchbrochenen Seidenstrümpfen.</p> + +<p>Das Essen nahmen wir auf der Veranda unseres +Zimmers. Nebenan aß ein Ehepaar mit seinen +zwei halbwüchsigen Buben, auf der anderen Seite +ein Engländer. Diesen sahen wir öfter, wie er +über die Balustrade seiner Veranda hinauslehnte +und eine Shagpfeife rauchte. Er hatte ein scharfgeschnittenes +Gesicht und klare, wasserfarbene +Augen. Jamaica ahmte ihn mitunter nach, indem +sie sich grotesk auf die Balustrade stützte, mit<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +steifem Nacken und etwas vorgeschobener Unterlippe +hinausstarrte, ein paar Tabakswolken vor +sich hinpaffte und ein langgezogenes »<em class="antiqua">o yes</em>« hören +ließ. Eines Morgens begegneten wir ihm zu +Pferde. Das Pferd war zu klein für ihn, seine +Beine hingen lang herab, und aus der Ferne sah +er aus wie Don Quichotte. Er grüßte uns, als +er vorüberritt. Jamaica sah sich mehrmals lachend +nach ihm um, was ich überflüssig fand.</p> + +<p>Ja, erst lachte sie über ihn und machte sich über +ihn lustig, aber ich merkte bald, daß er sie näher +zu interessieren begann, mehr als sie selber vielleicht +noch ahnte. Als ich eines Mittags nach Hause +kam und auf die Veranda trat, sah ich, daß sich +Jamaica über die Balustrade lehnte, ebenso der +Engländer nebenan, und daß sie miteinander plauderten. +Ich gestehe offen, es durchfuhr mich heiß +vor Eifersucht. Jamaica hatte ein so strahlendes +und, wie ich fand, beinahe hingebendes Gesicht, +während sie mit ihm sprach, daß ich innerlich +empört war über diesen Verrat und wie in einem +Blitz schon jählings alles voraussah, wie es kommen<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +mußte. Als sie mich erblickte, war sie ganz unbefangen +und stellte mich als ihren Gatten vor. +Nachher bei Tisch sagte sie: »Er ist wirklich sehr +nett.« »So?« fragte ich.</p> + +<p>Sie war auch fürderhin zutraulich und liebevoll +zu mir, wie ich es gewohnt war, aber jene Nuance +der Demut, von der ich vorhin sprach und die ich +so liebte, meinte ich nicht mehr zu empfinden. Ich +wurde wohl etwas verschlossener in meinem Wesen, +ich lachte nicht mehr so unbefangen, und dann +kamen bald Tage, wo ich deutlich merkte, daß +Jamaicas Gefühle lauer wurden. Sie hatte noch +immer etwas Anschmiegsames, aber ich fühlte, sie +zwang sich dazu, sie gab sich Mühe, liebevoll zu +mir zu sein, da sie mich nicht betrüben wollte. Mit +Schmerzen nahm ich dies alles wahr und konnte +es nicht hindern. Ihr verändertes Wesen hatte +zur Folge, daß meine Liebe nur noch wuchs. Sie +merkte diese sich steigernde Leidenschaft, und ich +fühlte, wie peinlich sie ihr war. Die gegenseitige +untergründige Quälerei, die zwei Menschen so +nervös machen kann, fing schon an, in mir strudelte<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +es schon wie in einem aufgeregten Gewässer, aber +ich beherrschte mich noch völlig. In diesem Zustand +trat ein unsinniger Gedanke an mich heran, nämlich +der Gedanke, Jamaica zu heiraten, damit sie +mir nicht entrinnen könne, und dieser Gedanke +nahm bald ganz von mir Besitz.</p> + +<p>Eines Morgens besuchte uns der Engländer in +unserer Burg am Strande. Jamaica las gerade, +sie sah auf und ein schnelles Glänzen ging über +ihr Gesicht. Er zeigte uns eine kleine Versteinerung, +die er gefunden hatte, und da Jamaica so +begeistert davon war, schenkte er sie ihr. Sein +Betragen war im übrigen völlig korrekt, nur verdroß +mich die übermäßige Ruhe in seinem Wesen, +die etwas Überhebliches hatte. Er bat, gelegentlich +in der Frühe mit uns ausreiten zu dürfen; +Jamaica zeigte sich sehr erfreut über diesen Vorschlag. +Dann reichte er uns beiden die Hand +und ging.</p> + +<p>»Du hättest freundlicher zu ihm sein können«, +sagte Jamaica, als er fort war.</p> + +<p>»Findest Du?« fragte ich nur; sonst nichts.<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span></p> + +<p>Sie las weiter und hielt dabei, ich sah es wohl, +die kleine Versteinerung fest umschlossen in ihrer +seelenvollen Hand.</p> + +<p>Für den Nachmittag hatten wir Pferde bestellt. +Wir ritten den Strand entlang, es war ein heißer, +erschlaffender Tag. Wir sprachen wenig, es war +etwas zwischen uns, das uns die Lust zum Sprechen +nahm.</p> + +<p>Wir ritten einen kleinen Galopp; ich sah +Jamaica scharf von der Seite an, dann sagte ich:</p> + +<p>»Jamaica, ich will etwas von Dir wissen.«</p> + +<p>»Was?« fragte sie tiefatmend und sah mich +erstaunt an.</p> + +<p>»Liebst Du den Engländer?«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Doch«, sagte ich, »denkst Du, ich merke es +nicht? Ich halte es nicht aus.«</p> + +<p>Sie reichte mir die Hand herüber, mit einem +freundlichen, teilnahmsvollen Lächeln. So gibt +man die Hand einem guten Kinde zum Abschied, +dachte ich. Ich nahm sie nicht.</p> + +<p>»Jamaica, ich liebe Dich!« sagte ich nun. »Ich<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +wüßte nicht, wie ich meine Tage in Zukunft ohne +Dich verbringen sollte. Ich will, daß Du von jetzt +ab nur mir gehörst – verstehst Du? – nur mir +und keinem andern. Sag, willst Du meine Frau +werden?«</p> + +<p>Sie entgegnete nichts und sah nur mit gedecktem +Blick auf die Mähne ihrer Stute.</p> + +<p>»Ich möchte, daß wir uns heiraten. Jamaica, +sag doch etwas!«</p> + +<p>Meine Worte klangen, als ob sie vor ihr auf +den Knien lägen, – aber sie lächelte.</p> + +<p>»Nein, nie!« sagte sie bestimmt.</p> + +<p>»Du willst nicht?« rief ich gekränkt und hart.</p> + +<p>»Nie!«</p> + +<p>Die Wut packte mich. Sie widersetzte sich diesem +Wunsch, sie sträubte sich gegen dieses Geschenk, +durch das ich mich ihr ganz zu eigen geben wollte?</p> + +<p>»Ich <em class="gesperrt">will</em> es!« rief ich noch einmal. + »Ich werde Dich zwingen!«</p> + +<p>»Ich hasse Dich!« schrie sie mir nun entgegen, +während ihre Augen vor Zorn erglühten. »Ich +verachte Dich! Ich liebe den Engländer!«<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span></p> + +<p>Da hob ich die Reitpeitsche und ließ sie mit +Wucht auf ihren schönen Rücken niedersausen. +Sie stieß einen verängsteten Schrei aus, wobei +sie wie ein Kind in sich zusammensank, und ihr +Pferd ging durch.</p> + +<p>Ich sah, wie sie rasend fortjagte, und konnte +nichts dagegen tun. Hallo, dachte ich, was wird +das werden? Sie hielt sich eine Weile, dann merkte +ich, die Kräfte verließen sie, sie taumelte hin und +her und fiel schließlich zu Boden. Glücklicherweise +blieb sie nicht im Bügel hängen, ich atmete auf. +Das Pferd machte kurz darauf halt, sah sich verwundert +um und sprang in kleinen Sätzen verlegen +hin und her.</p> + +<p>Ich eilte herzu, stieg ab und hob Jamaica auf. +Sie war kreideblaß und halb ohnmächtig.</p> + +<p>»Verzeih«, sagte ich; sie entgegnete nichts und +sah mich nicht an. Sie atmete hastig und lehnte +sich ein ganz klein wenig an mich, sehr ermattet.</p> + +<p>»Verzeih«, sagte ich nochmals. Schließlich gab +ich ihr die Zügel meines Pferdes und ging hin, +um das ihrige einzufangen. Es ließ sich ganz<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +willig festnehmen; es war durchnäßt und dampfte +wie ein Schornstein. Ich führte es zu Jamaica, +diese hatte sich vor Schwäche in den Sand gekauert; +da hockte sie, schön und blaß wie eine +Perle, es sah rührend aus. Jetzt erhob sie sich, ich +merkte, sie wollte das Pferd wieder besteigen.</p> + +<p>»Hilf mir«, sagte sie.</p> + +<p>Ich half ihr in den Sattel und sprang dann +selbst auf.</p> + +<p>»Ich reite allein nach Haus«, sagte sie tonlos. +Ich wagte nichts zu erwidern. Im Schritt, ganz +gebrochen, ritt sie am Meere entlang heimwärts, +ein trauriges Bild.</p> + +<p>Ich trabte in die entgegengesetzte Richtung. Noch +oft sah ich mich um, – es war immer derselbe +melancholische Anblick: in müdem Schritt trottete +der dampfende Gaul dahin, die müde Jamaica +über sich. Ich bog in die Wälder ein, kam an einem +See, an Forsthäusern, an mehreren Dörfern vorüber +und zögerte stundenlang, ehe ich heimritt.</p> + +<p>Als ich abends heimkam, war Jamaica fort, +ohne ein Wort hinterlassen zu haben. Durch den<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +Wirt erfuhr ich, daß auch der Engländer abgereist +sei. Ich mußte lächeln, obwohl mir übel zumute +war. Ich zündete mir eine Zigarre an, setzte mich +auf die Balustrade der Veranda und sah lange +aufs Meer, trotzig, allein, mit wirren, durcheinander +stürmenden Gefühlen.</p> + +<p>Am nächsten Tage reiste ich auch, nicht nach +Haus, sondern zu einem Freunde aufs Land. Wir +saßen stundenlang, während die Sonne brannte, +in einem Boot und angelten, schossen nach Raubvögeln, +schwammen, ritten, sahen den Pfauen zu, +wie sie auf der Wiese Rad schlugen und schrieen: +Päo! Päo! – und abends kamen der Förster und +der Pastor des nächsten Dorfes, um mit uns zu +zechen.</p> + +<p>Als ich nach Wochen braungebrannt wieder in +der Stadt eintraf und in einer Droschke vom +Bahnhof aus meiner Wohnung zustrebte, sah ich +Jamaica an mir vorüberfahren, in einem reizenden +Sommerkleid, das ich noch nicht kannte. Sie +saß an der Seite des Engländers, ihr Gesicht +war von unaussprechlicher Heiterkeit. Wie eine<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +biegsame Blume des Südens saß sie da, aufrecht +und stolz den schönen Rücken, den ich schlug.</p> + +<p>Lebwohl, Jamaica. Lebwohl.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span></p> +<h2><a name="Schloss_Carnin" id="Schloss_Carnin"></a>Schloß Carnin</h2> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span></p> +<p><span class="dropcap">I</span>ch, Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, erzähle eine Geschichte. Ich + spiele eine traurige Rolle darin, dennoch erzähle ich sie.</p> + +<p>Ich war zu Gast bei dem Grafen Lockwitz auf +Schloß Carnin. Das Schloß ist ein altes Herrenhaus +mit hohen Fenstern und einer Terrasse vor +der Auffahrt. Auf dieser Terrasse saßen wir oft. +Sie war das Zentrum, wo man sich traf, – hier +nahmen wir den Kaffee nach Tisch, hier saßen wir +an den Abenden, in leichte Mäntel gehüllt, +plauderten und pafften blauen Rauch in die Luft, +während aus den Wiesen das Gebrüll weidender +Kühe herüberdrang oder vom Dorfe her ein Lied +der jungen Mädchen, die durch den Abend gingen.</p> + +<p>Ein runder Rasenplatz, von Kieswegen eingefaßt, +lag vor der Terrasse. Dann ging der Blick +in eine Allee gekappter Linden, welche die Zufahrt +zum Schlosse bildete. Hinter der Allee sah man<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +Felder und in ihnen eine Mühle mit Sparrenflügeln. +Der Raps blühte in den Feldern, zitronengelb, +und Wolken seines Duftes quollen herüber, +wenn ein Luftzug kam. Zu beiden Seiten des +Schlosses lag der Park. Er hatte köstliche alte +Bäume, die weit in das Land ragten, und war +von einem Gewässer durchflossen, das sich an +manchen Stellen teichartig erweiterte, und in dessen +versteckten Winkeln giftgrüne Algen und unentwirrbarer +Froschlöffel wucherten. Hatte man den +Park durchwandert, so kam man an den Deich. +Und war man den Deich hinangestiegen, so blickte +man in die Niederung der Elbe, in der Weiden an +schmalen Wasserprielen wuchsen und wilde Enten +flogen. Ganz hinten, ein silbergraues Band, sah +man den Fluß. Große Schiffe fuhren auf ihm zu +Tal, gespenstisch wie Phantome, und in der Ferne, +meilenweit, ahnte man das Meer.</p> + +<p>Pfingsten stand bevor; es fiel in die zweite Juniwoche. +Ich wollte das Fest noch auf Carnin verleben, +dann wollte ich Abschied nehmen von diesem +einsamen Haus, von diesem Park und diesen<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +Menschen, die mir teuer waren. Ich hatte mancherlei +auf Carnin gemalt. Der Graf war kunstliebend +und zeichnete mit Geschmack. Wir saßen oft vor +den gleichen Motiven, ich malte und er zeichnete. +Die Gräfin, scheinbar jünger als ihre Jahre, war +musikalisch. Nicht selten, wenn ich im Park saß, +drangen ihre Melodien herüber: sie spielte Klavier +und sang mit einer seelisch bewegten Stimme. Zuweilen +sang sie auch kleine Lieder zur Laute, abends, +wenn wir auf der Terrasse saßen. Tagsüber widmete +sie sich ihren Kindern. Die älteste Tochter, Komteß +Anna, war siebzehn Jahre alt und schien eher die +Schwester der Gräfin zu sein. Auch äußerlich +ähnelte sie der Mutter, nur daß sie größer war. +Ja, wenn die beiden schlanken Gestalten Arm in +Arm durch den Garten gingen, und man sah sie +von weitem, so hätte man schwören mögen, daß sie +Schwestern seien.</p> + +<p>Dann kam ein dreizehnjähriges Komteßlein +namens Charlotte, ein ernstes Kind mit zarten +Gliedern und einem regen Geist. Sie machte Verse +und schrieb sie in ein rosaseidenes Buch, sie ging<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +oft allein und nachdenklich unter den Bäumen des +Parkes oder fuhr in der Gondel, Blumen im Schoß, +und man hörte dann, wenn man in der Nähe +vorüberging, wie sie sang. Sie war ein reich und +fast zu frühe entwickeltes Kind, und ihre träumerischen +Augen waren oft weit entfernt, in heimlichen +Regionen der Wünsche und der Gedanken. +Sie hatte Tage, an denen sie sich müde fühlte und +bleich aussah, und gerade an solchen Tagen trieb +es sie, ihre Verslein zu dichten und sich einsamen +Gedanken hinzugeben. Wir hatten Freundschaft +geschlossen und wandelten häufig zusammen die +Lindenallee hinunter in die Felder, pflückten Feldblumen +und sahen den Flügeln der Mühle zu, die, +wenn man näher kam, unheimlich durch die Luft +rauschten und knarrten, so daß man, wenn es +gerade dämmerte, Angst verspürte und am liebsten +schnell davongelaufen wäre.</p> + +<p>Ferner gab es zwei Buben von acht und zehn +Jahren, Fred und Klaus, zu allen tollen Streichen +aufgelegt, zu denen sie nicht selten auch mich +zu verführen suchten. Sie wurden von einem<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +Hauslehrer unterrichtet, einem jungen blauäugigen +Theologen aus Husum. Außerdem war eine +Gouvernante da, ein gescheites Wesen, das mehr +zu beobachten als mitzuerleben liebte. Das waren +die Menschen auf Schloß Carnin.</p> + +<p>Ich hatte die blonde Charlotte gemalt, wie sie +auf einer Bank unter einer blühenden Kastanie +saß, dicht neben dem Schloßgraben, über den eine +weiße Brücke führte. Ich hatte die beiden Jungen +gemalt, wie sie im Grase lagen. Und in der +Dämmerung hatte ich das Schloß gemalt, als ein +graues, mystisches, weltentlegenes Haus, mit den +weißen, geheimnisvollen Gestalten der Gräfin +und der Komteß Anna auf der Terrasse. Dies Bild +schien mir das beste zu sein, das ich auf Carnin +gemacht hatte. Es hatte etwas Mystisches, die +Luft der Dämmerung war weich und lau, man +spürte den Frühling darin.</p> + +<p>Nun kam Pfingsten. Komteß Anna erwartete +den Besuch einer Freundin, der Graf den eines +jungen Freundes, eines Assessors aus der Kreisstadt. +Zwei Tage vor dem Fest kamen die beiden an.<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +Die Komteß war ihrer Freundin bis zur Eisenbahnstation +entgegengefahren. Es war gegen +Abend, ich hatte bei Tag im Sonnenlicht gemalt, +nun schlenderte ich mit Charlotte durch den Park, +dann durch die Felder, wo wir im Westen die +Glut des Himmels anstaunten, in der ungeheure +goldene Wolken schwammen. Charlotte hatte ein +leichtes Sommerkleid an, das die dünnen Ärmchen +freiließ. Die Luft war schwül und windstill, und +der gelbe Raps duftete verschwenderisch. Wir +gingen schweigend. Da fuhr die Kleine plötzlich +auf, wies zur Landstraße hinüber und rief: »Sie +kommen!«</p> + +<p>Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, +eine Staubwolke schwebte hinter ihm. Charlotte +und ich faßten uns bei der Hand und liefen zur +Landstraße hinüber. Dort pflanzten wir uns auf +und winkten mit den Taschentüchern, während der +Wagen vorüberfuhr. Auch Komteß Anna winkte +und die Freundin und der Assessor. Die Freundin +war schwarzhaarig, sie hatte schöne, freie Augen +und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +und Feines an ihr, eine bezaubernde Anmut. Ich +sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung. Ein +feines Kind, dachte ich, das wäre etwas für deinen +Pinsel, Tedrahn!</p> + +<p>Ich schlenderte mit Charlotte zum Schloß zurück. +Wir hatten den Wagen so lange vor uns, bis er +in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs +Blumen gepflückt, sie gab mir davon ab, als +ich auf mein Zimmer ging, um mich zum Essen +umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, +sondern in einem alten weißen Hause, das quer +daneben lag, und das man das »Kavalierhaus« +nannte.</p> + +<p>Als ich dann zum Schloß hinüberschritt, stand +Komteß Anna mit ihrer Freundin auf der Terrasse. +Die Komteß hatte ein weißes Tuch um die Schultern +und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin +war kleiner von Gestalt. Ich wußte, daß sie auch +siebzehnjährig war. Sie hatte ein bordeauxrotes +Tuchkleid an, das Haar lag ihr üppig im Nacken. +Ich schritt die Stufen zur Terrasse hinauf, Komteß +Anna stellte vor: »Herr Konrad Tedrahn,<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +Kunstmaler von Beruf, Fräulein Leonore Helfinger +aus Lübeck.«</p> + +<p>»Ah, Lübeck!« sagte ich sofort, »ich kenne die +Stadt und liebe sie. Wie lebt man dort eigentlich? +Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?«</p> + +<p>In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas +lässig, sie war ja siebzehn Jahre alt, also ein Kind.</p> + +<p>»Nein«, entgegnete sie in gleichgültigem Ton, +»ich gehe nicht viel aus.«</p> + +<p>Sie wendete sich wieder an die Komteß und +plauderte mit ihr, als ob ich nicht vorhanden sei.</p> + +<p>›Etwas eigensinnig‹, dachte ich, – ›aber schön, +mit allen Reizen der Jugend, feingliedrig und stolz, +vielleicht etwas hochmütig. Hier ist etwas zu tun, +Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten +Kopf mit dem schwarzen Haar und den Augen +des erwachenden Mai, – wo bringe ich ihn hin? +Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor +den blauen Himmel, der von dünnen, weißen, +wehenden Wolken bewegt ist? Ich möchte sie tanzen +sehen, ich möchte auch sehen, wie sie läuft. Ich +möchte die Bewegungen ihres Körpers sehen, die<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft, +beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.‹</p> + +<p>Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende +Malereien. Ich verwünschte es im stillen, daß +Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, +denn ich fühlte, sie würde mich malerisch beschäftigen, +ich würde Bilder der Phantasie komponieren, +während ich mit meinen wirklichen Bildern während +dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun +hatte. Denn in drei Tagen mußte ich reisen, +also wozu diese unnütze Verwirrung in meiner +Arbeit.</p> + +<p>Ein Diener erschien in der Glastür und bat zu +Tisch. Wir gingen hinein, die andern waren schon +in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf +machte mich mit dem Assessor bekannt. Man +begab sich in das schöne Eßzimmer, in dem schon +die Lichter brannten und die Gardinen gegen den +Park zu herabgelassen waren. Ich hatte meinen +alten Platz neben der Gräfin, Leonore Helfinger +saß mir schräg gegenüber. Der Graf begrüßte sie +und den Assessor, indem er sein Glas erhob. Es<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +wurde Champagner getrunken, wie immer, wenn +ein neuer Gast aus Carnin einzog.</p> + +<p>Ich sagte leise zur Gräfin: »Die kleine Helfinger +ist ja wundervoll. Durch meinen Kopf schwirren +Bilder auf Bilder, wie ich sie malen möchte.«</p> + +<p>»Ich kenne sie kaum«, sagte die Gräfin, »nur +aus Annas Erzählungen. Die Mädchen haben die +Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist +schön zu nennen.«</p> + +<p>Nach Tisch warfen wir die Mäntel über und +gingen auf die Terrasse. Die Herren rauchten +englische Zigaretten. Auch Komteß Anna zündete +sich eine Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl +zurück und stieß kleine Wölkchen in die Luft. +Leonore stand am weißen Geländer der Terrasse +und sah in den Abend. Es war ein schöner Abend, +im Dorf Carnin sangen die Mädchen wieder, der +Mond stand am Himmel. Der Graf und der +Assessor kamen in ein Gespräch über Brahms. +Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man +hörte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema +angeschlagen wurde. Charlotte stand neben mir<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen +geschoben.</p> + +<p>»Heute steht der Mond schon über dem Kavalierhaus«, +sagte sie, »gestern stand er noch über den +gescheckten Ulmen.«</p> + +<p>Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit +fast strengem Mund hinauf, – aber so streng dieser +Mund erschien, es lag etwas Schwärmerisches +um ihn her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich +das Mondlicht auf den feuchten jungen Lippen +brach. Der Mond stand über dem Dach des +Kavalierhauses und wandelte dem riesigen Wipfel +einer Kastanie zu. Nicht die mindeste Bewegung +lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der +geöffneten Glastür lehnte, sagte etwas von allzu +lauen Frühlingsnächten, es würde einen regnerischen +Sommer geben.</p> + +<p>»Wir sollten eine Gondelfahrt machen«, schlug +die Gräfin vor.</p> + +<p>Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, +aber gerade sie mußte zurückbleiben, da +ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu kühl<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> +für sie. Wir verließen die Terrasse: die Gräfin, +Komteß Anna, Leonore und ich. Wir schritten +um das Schloß herum und durch den dunklen Park +hinab zum Teich.</p> + +<p>Die Gräfin setzte sich an das Steuer des Bootes, +ich nahm die Ruder. Wir trieben sacht dahin. +Mitunter hörten wir am Ufer ein Plumpsen, es +waren aufgeschreckte Frösche, die in das Wasser +sprangen. Leonore und Komteß Anna saßen dicht +vor mir, der Mond schien in ihre Gesichter. Ich +spürte den Duft dieser frischen, jugendlichen Gestalten. +Leonore hatte ein grünes Jäckchen an, +ihr Kopf war unbedeckt. Sie sah herrlich aus. +Einmal merkte ich, wie sie zusammenschauerte. Es +war die Abendluft über dem Wasser. Ich lenkte +zum Bootssteg zurück.</p> + +<p>Plaudernd schritten wir über den Rasen zum +Schloß hinan. Leonore lachte ein paarmal hell +auf, ich weiß nicht mehr worüber. Das Lachen +höre ich noch, es war wie das Plätschern eines +Brunnens. Ich fühlte immer deutlicher, daß ich +sie malen müßte. Als ich ihr Gutenacht wünschte,<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +sagte sie: »Morgen zeigen Sie mir Ihre Bilder.«</p> + +<p>»Gewiß!« sagte ich. Meine Augen umfingen +ihren Kopf mit dem schwarzen Haar wie ein +Gemälde.</p> + +<p>In meinem Zimmer brannte die Lampe schon. +Ich setzte mich hin, nahm Kreide und Papier und +suchte den Umriß von Leonores Kopf zu zeichnen. +Dann machte ich einen Umriß von ihrer ganzen +Figur. Dann wieder nur die Stirn mit dem +Haar. Dann strich ich alles aus, da alles Unsinn +war.</p> + +<p>Ich zündete eine Zigarette an und schritt im +Zimmer auf und ab. Ein schöner Kopf, ein süßer +Kopf. Am schönsten so: halbes Profil und ein +klein wenig nach unten geneigt. Bei Tisch hatte +ich sie so gesehen und dicht vor mir im Kahn. So, +dachte ich, müßte sie mir einmal sitzen, mit dieser +geneigten Nase, mit dieser großen Linie des Haares. +Ich ging wieder an den Tisch und machte von +neuem ein paar Zeichnungen aus der Erinnerung. +Warum war dieses Mädchen jetzt nach Carnin +gekommen! Sie nahm mir beinahe das Interesse<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +an meinen großen Bildern fort, an denen ich noch +zu arbeiten hatte. Wäre sie doch geblieben, wo +sie war! Unwillig warf ich die Kreide fort, entkleidete +mich und legte mich schlafen. Draußen +schrie eine Eule in den Ulmen. Durch die Dunkelheit +sah ich noch immer ein junges, holdes Profil, +Züge von einer verhaltenen Leidenschaft, zartrosige +Wangen und schwarzes Haar ... Pastell, +dachte ich, in Pastell muß man es machen. Lockere, +leichte Farben, das Ganze nur wie ein Hauch. +Mit diesen Gedanken schlief ich ein.</p> + +<p>Der nächste Tag war der Sonnabend vor dem +Fest. Ich stand früh auf und nahm das Frühstück +auf meinem Zimmer. Dann schleppte ich eins +der Bilder in den Park, um es im Frühlicht fertig +zu machen. Es stellte ein Rosenbeet dar, rechts +und links hohe Taxusbäume, hinten ein altes +Gartenhäuschen mit hohem Dach. Ich malte also. +Während ich malte, dachte ich: das Bild ist leer, +es ist unvollständig. Vor dem Hause fehlt etwas. +Die Gestalt der Leonore Helfinger müßte vor dem +Gartenhaus stehen, rechts von der Tür, und sich<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +neigen, um eine Blume zu pflücken. Ich kniff die +Augen zu und stellte mir vor, wie das Bild dann +aussehen würde. Gut, gut. Aber es war ja zu +spät! Schade um dich, du leeres Bild. Ich seufzte +und malte weiter, unlustig und unzufrieden.</p> + +<p>Ich hörte Lachen, blickte mich um und sah die +beiden Freundinnen im Sonnenlicht daherschlendern. +Sie waren beide in Weiß und hatten +gelbe, großkrempige Strohhüte auf.</p> + +<p>»Guten Morgen, Herr Maler!« rief Leonore +lachend. »Schon so früh bei der Arbeit?«</p> + +<p>»Ja, aber es fleckt nicht«, erwiderte ich, »ich bin +unzufrieden.«</p> + +<p>»Wie schade!« sagte sie, indem sie meine Malerei +betrachtete. »Ihr Bild gefällt mir, das ist wirklich +der tauige Morgen, der da webt. Ich fände es +freilich schöner, wenn eine Figur vor dem Häuschen +stünde. Das Bild würde voller dadurch. Finden +Sie nicht?«</p> + +<p>Ich mußte lächeln.</p> + +<p>»Gewiß finde ich das«, entgegnete ich. »Vielleicht +haben Sie die Freundlichkeit, sich einmal<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +dort vor dem Hause aufzustellen, damit ich die +Wirkung sehe.«</p> + +<p>Sie lief hinüber.</p> + +<p>Komteß Anna sprach: »Leonore hat recht, – +sehen Sie, wie reizend sie dort zwischen den Blumen +steht?«</p> + +<p>»Ja«, sagte ich, »schade, daß ich nicht eher darauf +gekommen bin! Schade! Wenn Sie wüßten, +Komteß, wie Ihre Freundin mich malerisch entzückt!« +Zu Leonore rief ich hinüber: »Kommen +Sie, ich werde sonst traurig, wenn ich Sie noch +länger so stehen sehe. Warum sind Sie nicht eher +nach Carnin gekommen? Wie gern würde ich Sie +malen! Ich möchte eine Skizze von Ihnen machen, +heute nachmittag, darf ich?«</p> + +<p>»Gern.«</p> + +<p>»Hier im Park, in der Sonne, ich freue mich +darauf.«</p> + +<p>Komteß Anna drängte, zu gehen. Die Mädchen +wollten eine Morgenwanderung in die Marsch +unternehmen. Sie verabschiedeten sich und verschwanden +zwischen den Bäumen. Ich sah die<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +hellen Kleider sich verlieren im Dunkelgrün. Dann +arbeitete ich weiter, voll Mißmut. Ich sehnte mich +nach andrer Arbeit, aber ich mußte doch meine +armen Bilder fertig machen ...</p> + +<p>Gegen Mittag kam ich, eine Leinwand unter +dem Arm, vom Park her über den Rasenplatz vor +dem Schloß. Ich hörte schon aus der Ferne Lachen +und Rufe. Die Mädchen spielten Tennis, mit +Charlotte und dem Assessor. Fred und Klaus hoben +die Bälle auf. Ich blieb, um die Ecke des Schlosses +biegend, stehen und sah gerade, wie Leonore, den +Schläger mit allen Kräften schwingend, sich hoch +auf den Zehen erhob und den Ball durch die Lüfte +jagte. Sie stieß einen kleinen Schrei dabei aus, +ihr Kleid hatte einen wirbelnden Schwung um +die Fesseln der Füße.</p> + +<p>Schön, schön, schön! dachte ich. Wundervoll! +Sie hat eine Hingabe in der Bewegung ...</p> + +<p>Oben von meinem Fenster aus sah ich dem +Spiel noch eine Weile zu. Ich setzte mich ans +Fenster, hinter die Gardine, so daß mich keiner sah, +und skizzierte einige Bewegungsstudien. Dann<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +mußte ich wieder in den Park hinab zum Malen. +Nach Tisch kamen die Freundinnen samt Charlotte +auf mein Arbeitszimmer, um die Bilder anzusehen. +Leonore sah auch die Studien vom +Tennisspiel auf einem Stuhle liegen.</p> + +<p>»Stammt das von heute?« fragte sie.</p> + +<p>»Ja«, entgegnete ich, »erkennen Sie sich nicht? +Das sind Sie. Sie hatten ein paar Bewegungen, +die mich begeisterten.«</p> + +<p>Sie sah mich an, etwas fragend. Ihr Blick +war sehr schön. Ein seelenvolles Auge, dachte ich, +beinahe kobaltblau, eigentümlich.</p> + +<p>Dann gingen wir in den Park. Ich setzte +Leonore in die Sonne vor eine grünumsponnene +Laube und skizzierte sie. Komteß Anna und +Charlotte gingen ans Wasser hinab. Sie +schritten singend über eine Brücke. Singend entschwanden +sie.</p> + +<p>Ich skizzierte Leonore von vorn. Das Licht lag +spielend in ihrem Haar. Es flirrte über die weiße +Stirn und die rosigen Wangen, und das Grün +der Laube gab der Haut und dem weißen Kleid<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +einen eigentümlichen Ton; dies alles war schwierig +zu malen.</p> + +<p>Leonore plauderte. Erst antwortete ich, wenn +auch zerstreut, dann hörte ich nicht mehr hin. +Schließlich sagte sie nichts mehr. Es kam etwas +Mattes in ihre Züge, ich merkte es wohl. »Verzeihen +Sie«, sagte ich, »wenn ich schlecht darauf +achte, was Sie sagen. Ich bin zu sehr beschäftigt +mit dieser Studie. Wenn mich etwas malerisch +in Anspruch nimmt, empfinde ich nichts andres. +Verzeihen Sie.«</p> + +<p>»Aber bitte«, entgegnete sie. Es klang müde, +es klang ein wenig trotzig, es klang herb. Damals +achtete ich nicht darauf, ich malte sie ja, das war +mir genug. Ich hatte keinen andern Wunsch, als +Bilder nach ihr zu malen, ich alberner Geselle!</p> + +<p>Die Skizze wurde gut. Ich hörte zur richtigen +Zeit auf, so daß sie das Unmittelbare, im Moment +Empfundene behielt. Es war Leben darauf, das +Gesicht lebte und das Licht der Junisonne auch.</p> + +<p>»So habe ich doch wenigstens einen Begriff, +einen Anhaltspunkt«, sagte ich. »Ich danke Ihnen.«<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span></p> + +<p>Auch ihr gefiel die Studie. Wir schritten zusammen +zum Schloß hinüber, ich sprach vom Malen +im Freien im allgemeinen. Unterwegs pflückte +sie eine rosa Rose und reichte sie mir. Dann ging +sie ins Schloß und ich ins Kavalierhaus, um mir +eine andre Leinwand zu holen. Die Rose legte +ich oben auf den Tisch, ich vergaß, sie ins Wasser +zu stellen. Es war ja auch nur eine Rose, es gab +deren viele im Park von Carnin.</p> + +<p>Dann kam wieder einer der schönen Abende. +Wir saßen wie meist auf der Terrasse, der Mond +stand am Himmel, die Sterne hatten einen metallisch +blanken Glanz. Die Gräfin, ein weißseidenes Tuch +um die Schultern, griff Akkorde auf der Gitarre +und sang ein französisches Lied. Dann spielte sie +deutsche Volkslieder, und wir sangen mit. In den +Pausen hörten wir ein süßes Tönen aus der Ferne, +das waren die wandernden Mädchen in Carnin. +Einmal hörten wir ein unterdrücktes Kichern ganz +in der Nähe. Der Graf wußte sofort, was es zu +bedeuten hatte. Er sah zu den Fenstern hinauf, +hinter denen Fred und Klaus jetzt eigentlich schlafen<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +sollten. Die Jungen lugten in ihren Hemden zum +Fenster hinaus und hörten unserm Singen zu. +Jetzt, da der Graf sie energisch zu Bett schickte, +riefen sie noch einmal »Gute Nacht!«, man hörte, +wie sie lachten, dann schlossen sie die Fenster, und +es war wieder still.</p> + +<p>Man begab sich in den Salon, um noch eine +Tasse Tee zu trinken. Vorher verabschiedete sich +Charlotte, da ihre Schlafenszeit gekommen war. +»Charlotte«, sagte ich, »morgen ist Pfingsten, da +kommen ganz früh die Elben von der Geest herunter, +um die Maien zu bringen, du weißt. Ich möchte +die Elben gern zu Gesicht bekommen, hoffentlich +finde ich früh genug aus dem Bett. Ich werde sie +für Dich um eine kleine Maie extra bitten, – ja?«</p> + +<p>»Das wäre reizend«, sagte sie, »aber Sie +müssen auch für Fräulein Leonore eine Maie zu +bekommen suchen, sie hat doch heute so fein stillgehalten +beim Malen.«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte ich.</p> + +<p>»Fräulein Leonore liebe ich sehr«, flüsterte +Charlotte, als verkünde sie mir ein Geheimnis,<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +»ihr Mund ist doch bezaubernd, und auch ihre +Augen, – nicht wahr?«</p> + +<p>Dann ging sie, ich sah dem Schreiten ihrer +Kinderfüße nach. Darauf sah ich zu Leonore hinüber. +Sie saß in einem großen geblümten Polsterstuhl +und führte gerade eine Schale Tee an die +Lippen. Das rote Licht einer Lampe, auf der ein +karmoisinfarbener Schirm lag, fiel auf sie. Natürlich +sah ich sofort wieder ein Bild. Es war mein +Verhängnis, daß ich immer Bilder, Bilder, Bilder +sah, wenn meine Augen auf dies Mädchen +fielen. Das rötliche Licht war magisch um sie her. +Der zwanglos gehobene Arm, das schimmernde +Haar, – ich war schon wieder ganz mit einem +malerischen Problem beschäftigt. Da brachte mir +ein Diener Tee. Und kurz darauf trat der Assessor +auf mich zu und verstrickte mich in ein Gespräch.</p> + +<p>Der Graf machte, ehe er sich zurückzog, einen +Vorschlag, der von allen freudig begrüßt wurde. +Er schlug nämlich vor, daß man am folgenden +Tage in den seidenen Kostümen des achtzehnten +Jahrhunderts, deren es in der Kleiderkammer des<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +Schlosses eine Menge gab, zum Diner kommen +sollte. Auch er und die Gräfin versprachen, sich zu +kostümieren.</p> + +<p>Man trennte sich. Der Assessor und ich saßen +noch eine Weile in den alten Lederstühlen der +Bibliothek bei Tabak und Bier.</p> + +<p>Endlich fingen wir an zu gähnen, erhoben uns +und schlenderten zum Kavalierhaus hinüber. Es +war eine laue, windstille Nacht, der Jasmin duftete +betäubend. Unsere Schritte klangen einsam hallend +auf dem hellen Kies, sonst hörte man nichts.</p> + +<p>»Übrigens, dies Fräulein Helfinger«, sagte der +Assessor, ehe wir in das Kavalierhaus eintraten, +»ein entzückendes Geschöpf. Man möchte sie immer +ansehen, finden Sie nicht?«</p> + +<p>»Ein Bild«, entgegnete ich, »ein wirkliches +Bild, ich versichere Sie, ich kann es beurteilen, +ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie +sie will, es ist immer ein Bild. Es macht mich +rasend, daß ich keine Zeit habe, sie zu malen. +Was ist eine Skizze?«</p> + +<p>»Ja, ja, ich glaube Ihnen«, sagte der Assessor.<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span></p> + +<p>Pfingstsonntag. Früh hatte ich zu arbeiten, +nachher läuteten die Glocken zum Kirchgang; müde +ließ ich meine Hände ruhen. Ich sah, wie das +gräfliche Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die +Jungen gemeinsam zur Kirche schritten. Der +Assessor streifte durch den Park, in weißen Beinkleidern +und blauer Jacke. Als er mich sah, kam +er auf mich zu und fragte, ob ich mit Tennis spielen +wolle; die jungen Damen warteten schon auf der +Terrasse. »Jawohl«, sagte ich, »mit Vergnügen.« +Der Assessor half mir die Malsachen schleppen, +dann spielten wir Tennis.</p> + +<p>Die Mädchen hatten dunkelblaue, fußfreie Kleider +und weiße Blusen an. Komteß Anna hatte +einen roten Filzhut über das Haar gestülpt, Leonore +trug das Haar frei. Ich spielte mit Komteß +Anna, der Assessor mit Leonore. Ein Diener suchte +die Bälle. Ich verwünschte es im stillen, daß ich +an diesem Spiel teilnahm, ich hätte viel lieber +daneben gesessen und Studien nach Leonores +Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig +und doch von so starkem Temperament.<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span></p> + +<p>»Warum sehen Sie mich immer so an?« fragte +sie einmal, nicht unwillig, sondern mit einem Lächeln.</p> + +<p>»Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch«, +entgegnete ich, »verzeihen Sie, wenn ich +Sie so oft ansehe.«</p> + +<p>Ich machte eine Verbeugung wie vor einer +Dame, wobei ich dachte: Diese Verbeugung ist +unnötig, sie ist ja ein Kind. Ich bemühte mich, +sie in Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile +gelang es mir. Dann fiel ich in meinen alten +Fehler zurück.</p> + +<p>Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach +ihr zu machen. Sie hatte Bewegungen beim +Spiel, die sie wie eine Blüte erscheinen ließen; +das war, wenn sie den Hals streckte und den Kopf +etwas zurückwarf. Einmal gab sie mir einen Ball +in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre +Augen, als sie mir den Ball gab. Das sind süße, +leidenschaftliche Augen, dachte ich, und dieses +sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie +ich das malen könnte. Ich dachte immer nur ans +Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle!<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span></p> + +<p>Nachmittags probte alles alte Kostüme. Ich +hatte mir einen Rock aus hellgrauer Seide hervorgesucht, +der mit Rosengirlanden bestickt war; +dazu einen Kavalierdegen und Eskarpins. In +diesem Kostüm saß ich noch eine Weile am Tisch +meines Zimmers und machte aus der Erinnerung +Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. +Dann tönte das Gong, ich ging zum Diner +hinüber ins Schloß.</p> + +<p>In dem blauen Salon traf ich die beiden +Freundinnen. Ich blieb wie angewurzelt stehen. +Die Mädchen sahen so überraschend echt in ihren +Kostümen aus, daß ich meinte, ich sähe eine Vision +aus der Zeit des <em class="antiqua">ancien régime</em>. Leonore trug ein +langes, silberbesticktes Gewand aus blaugrauem +Brokat, das hinten schleppte. Hals und Schultern +waren frei. Sie trug eine hohe bepuderte Coiffüre, +in der eine mattrote Rose steckte. Auf der einen +Wange, nahe der Schläfe, lag ein schwarzes +Pflästerchen. Ich sah sie zuerst im Profil, sie blickte +gegen das Licht zum Fenster hin und hielt spielend +einen alten Fächer in der Hand.<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span></p> + +<p>Komteß Anna war in Grünblau. Auch sie +hatte bepudertes Haar, ihr Gewand war glockenförmig. +Sie trat mir lachend entgegen und fragte:</p> + +<p>»Wie gefallen wir Ihnen, Marquis?«</p> + +<p>»Ich bin hingerissen«, sagte ich, »Sie sollten +immer solche Kleider tragen. Auch Sie, Fräulein +Helfinger.«</p> + +<p>Leonore sah mich an, mit einem Lächeln. Wie +wundervoll war die blaßrote Rose in ihrem bepuderten +Haar! Wie mädchenhaft hold die Linie +von dem feinen Hals zu den Schultern.</p> + +<p>»Wahrhaftig, man sollte das malen«, sagte ich, +»ganz in Silber und Grau.« Ich kniff die Augen +ein wenig zu und betrachtete sie.</p> + +<p>Da verschwand das Lächeln von ihrem Mund.</p> + +<p>Sie wendete sich ab, fast verdrossen, und sah +wieder zum Fenster hinaus, mit verhangenem +Blick, als dächte sie an Fernes. Ich sah hinüber +zu ihr und dachte: Wie reizend wäre es, wenn +ich sie jetzt skizzieren könnte! ...</p> + +<p>Nun kamen die andern. Die Gräfin kam in +schwarzer Seide, mit grauer Perücke. Der Graf<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +hatte eine Uniform aus der Zeit der Freiheitskriege +angelegt. Charlotte trug ein geblümtes +Kleidchen von 1830. Auf ihrem offenen Haar, +das zu langen Locken gedreht war, lag ein dünner +Kranz aus Tausendschönchen. Dieses zarte Kind +war wie ein schwebendes Lied, wie eine verwehende +Melodie.</p> + +<p>Der Assessor trug ein Kostüm vom Schnitt des +meinigen, aber in Hellblau. Die Gouvernante +hatte ein Gewand aus der Schwedenzeit angelegt. +Der Hauslehrer ging in einem altväterlichen Rock +mit breiten Aufschlägen aus Samt. Fred und +Klaus kamen in ihren Matrosenkitteln und machten +bösartige Glossen über die andern.</p> + +<p>Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte +Leonore zu führen. Leicht und ernst hing sie an +meinem Arm, ein Traum.</p> + +<p>Bei Tisch war ich mir immer bewußt, daß ein +Profil von seltener Kostbarkeit an meiner Seite +war; daß ich jammervoll die Zeit versäumte, da +ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie +Grubbe zu sprechen, den Roman von Jens Peter<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch +gelesen habe.</p> + +<p>»Ja«, sagte sie, »ich habe es gelesen, aber ich +habe es zerrissen und verbrannt.«</p> + +<p>Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt!</p> + +<p>»Später werden Sie das Buch wieder lesen«, +sagte ich, »dann werden Sie es nicht verbrennen, +sondern Sie werden es lieben.«</p> + +<p>Sie zuckte mit den Schultern.</p> + +<p>»Wissen Sie, wie ich Sie malen möchte?« sagte +ich. »Wie Marie Grubbe möchte ich Sie malen, +als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo +sie in der Laube sitzt und mit den nackten Armen +in den Rosen wühlt.«</p> + +<p>Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches +in ihren Augen. Ich nahm das Glas, in dem der +Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf +ihr Wohl. Auch sie nahm ihr Glas, wir stießen +an. Ich sehe noch die holde Neigung ihres Kopfes, +da wir anstießen. Auf ihren rosigen Wangen +waren Spuren weißen Puders zu bemerken, der +aus dem Haar herabgeglitten war.<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span></p> + +<p>Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich +suchte alles Wichtige der Form und der Farbe in +mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend, +daß ich immer nur ihr Äußeres betrachtete?</p> + +<p>»Sie ahnen nicht«, sagte ich, »wie die mattrote +Rose zum Grau Ihres Haares steht. Es ist eine +Harmonie, die mich begeistert.«</p> + +<p>»Darf ich Ihnen die Rose schenken?« fragte sie +demütig.</p> + +<p>»Nein, nein«, entgegnete ich, »lassen Sie die +Blüte in Ihrem Haar, es gibt keinen besseren +Platz für sie!«</p> + +<p>Ich nahm die Rose nicht, die sie mir anbot.</p> + +<p>Sie sah müde vor sich hin. »Ich werde sie +Ihnen heute Abend schenken, ehe wir uns trennen«, +sagte sie leise.</p> + +<p>»Oh, ich danke Ihnen«, erwiderte ich, »ich +danke Ihnen.«</p> + +<p>Nach Tisch ging alles in den Park. Ich lief +hinüber auf mein Zimmer, ergriff ein Skizzenbuch +und steckte es in die Brust. Es war gegen Sonnenuntergang. +Es war die Stunde, wo die Bäume<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +des Parks in einer stillen Verklärung in die Lüfte +ragen, wo alle Umrisse größer und feierlicher zu +werden beginnen. Die Abendsonne hing goldig +in den Wipfeln der Kastanien. Wir schritten +paarweis die gewundenen Kieswege hin, Leonore +und ich zuletzt. Es war ein traumhaftes +Bild, die bunten, in Seide gekleideten Menschen +zwischen den Bäumen und blühenden Bosketts +des alten Gartens, der solche bepuderten Menschen +schon früher gesehen hatte und sehr erstaunt +sein mochte, sie plötzlich noch einmal auftauchen +zu sehen.</p> + +<p>Wir kamen über eine weiße Brücke und spiegelten +uns in dem dunkeln Wasser. Leonore und ich +verweilten einige Zeit auf der Brücke, die andern +entschwanden. Es war nicht genau zu erkennen, +wohin sie gegangen waren. Wir schlenderten +durch den Eichenhain, jenseits des Wassers, Leonore +und ich allein. Wir kamen an den Deich, ein +schräger Pfad führte empor. Ich mußte Leonores +Arm freilassen, sie schritt langsam vor mir hinan. +Ich sehe noch den schönen Umriß der schlanken,<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +aufwärtsschreitenden Gestalt, den bloßen Nacken +und das graue Haar ...</p> + +<p>Auf dem Deich umflammte uns die Abendsonne. +Zu unsern Füßen lagen die Wiesen der Marsch, +ganz mit rotblühendem Sauerampfer bestanden +und übergossen von den purpurnen Strahlen des +vergehenden Lichts. Es war ein so ungeheures +Rot in den Wiesen eingefangen, daß man glaubte, +man sähe über ein blutiges, loderndes Meer. Wir +blickten hinaus, Leonore hatte ein kleines süßes +Staunen im Gesicht, ihr Mund war ein wenig +geöffnet. Etwas Wehes war um ihre Gestalt. +Ich holte schnell das Skizzenbuch hervor, um die +Linien ihres Profils festzuhalten. Da sah sie, was +ich tat, – und es geschah etwas ...</p> + +<p>Sie starrte mich an, mit flammendem, zornigem +Blick, aus dem eine ersterbende Leidenschaft grüßte. +Dann hob sie die Arme empor und dehnte sie mir +entgegen, sehnsüchtig, mit einer Gebärde des Überschwangs! +Dann ließ sie die Arme sinken, ermüdet, +mit einem Zittern.</p> + +<p>Ich stand da wie ein geschlagener Knabe. Mir<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +war, als sei auf einmal eine Binde von meinen +Augen gerissen. Ja, plötzlich sah ich klar. Dieser +junge stolze Mensch da vor mir war erfüllt gewesen +von einem strahlenden Gefühl der Liebe, – ich +aber hatte sie immer nur malen wollen, meine +blöden Augen hatten nichts weiter als das +Malerische an ihr gesehen! Jetzt merkte ich, wie +sehr ich sie durch mein Betragen verletzt hatte. Ich +hatte sie ja mit Füßen getreten! In ihr war eine +schöne Welle aufgestiegen, die ihr Gefühl mit Macht +zu mir hinübertrug, – ich aber hatte kalt nur ihr +Äußeres betrachtet, um es für meine Malereien +zu verwenden!</p> + +<p>Für einen Augenblick kam etwas Unruhiges in +sie. Dann hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen.</p> + +<p>»Kommen Sie«, sagte sie kühl, »wir wollen zu +den andern gehen.« Damit war sie schon auf dem +Wege den Deich hinab. In mir siedete es. Was sollte +ich tun, um diesen tiefgekränkten Menschen zu versöhnen? +Es kreiste und schwankte vor meinen Augen.</p> + +<p>»Fräulein Leonore –«, sagte ich, wie um Verzeihung +bittend.<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span></p> + +<p>Aber sie hörte nicht. Etwas Abweisendes lag +um ihren Mund, auch ihre Augen waren streng +und herbe. Wir hörten Lachen, die Kleider der +andern schimmerten vor uns durch das Laub.</p> + +<p>»Hallo!« rief Leonore.</p> + +<p>Begrüßung. Dann stieg alles hinauf auf den +Deich. Man plauderte, lachte, staunte laut über +das purpurne Lichtmeer in den Wiesen. Leonore +sprach unbefangen mit Komteß Anna und dem +Assessor. Ich wagte mich nicht an ihre Seite, ich +war innerlich zerschmettert. Mir war elend zu +Sinn wie in einer Krankheit.</p> + +<p>Leonore lachte, scherzte, und auf dem Rückweg +nach dem Schloß hängte sie sich plaudernd in +Charlottes Arm. Sie schien sehr fröhlich zu sein, +aber mich sah sie nicht. In mir wallte es auf und +nieder, es fiel mir schwer, an der Unterhaltung +teilzunehmen, in die mich der Graf und die Gräfin +verstrickten. Ich tappte wie ein Traumwandler hin.</p> + +<p>Nachher Tanz im Schloß. Die Gräfin drehte +einen kleinen Leierkasten. Ich tanzte zuerst mit +Leonore; sie bat bald, aufzuhören. Ich sprach ein<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +paar Worte in demütigem Ton zu ihr, sie antwortete +nicht. Mit den andern war sie froh und +unbefangen, mitunter beinahe ausgelassen, so daß +ich erstaunte. Ihre Mienen wurden streng und +abweisend, sobald sie in meine Nähe kam. Einmal +stand sie in der Nische eines Fensters allein +und sah in den dunkelnden Park. Ich trat neben +sie, voll Demut, bittende Worte stammelnd, und +suchte ihre Hand zu küssen. Sie verhinderte es, +sie schüttelte abwehrend das Haupt und winkte +Charlotte zu uns herüber, damit wir nicht allein +in der Nische ständen.</p> + +<p>Der ganze Abend war eine Qual. Es sah elend +in mir aus. Ich dachte daran, wie ich sie mit +kühlem Auge und ruhigem Blut gemalt und +skizziert hatte – und hätte mich züchtigen mögen. +Du verdientest, daß man dich an den Pranger +stellte und öffentlich auspeitschte, dachte ich. Ich +begriff mich selbst nicht, mir graute vor meinem +albernen Künstlertum, ich haßte mich wie einen +Feind.</p> + +<p>Leonore wußte es einzurichten, daß wir während<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +des Abends nur in die flüchtigste Berührung +kamen. Hin und wieder warb ich voll Demut +um einen freundlichen Blick von ihr, aber umsonst. +Es war zum Verzweifeln.</p> + +<p>Beim Gutenachtwünschen trat sie vor mich hin +und sagte: »Ich versprach, Ihnen die Rose aus +meinem Haar zu schenken. Sehen Sie doch, sie +ist verloren gegangen, ich kann Ihnen die Rose +nicht schenken. Verzeihen Sie.«</p> + +<p>Ich verneigte mich, sie wendete sich zu den +andern. Sie hatte die Rose fortgeworfen, das +ist klar. Ich biß mich auf die Lippen, in mir stieg +es auf vor Weh und Gram. Ich sah ihr nach, +wie sie mit Komteß Anna und Charlotte das +Zimmer verließ. Das schleppende Gewand sah +ich und die blassen, jugendlich schönen Schultern +und die Haltung der Arme im Kerzenlicht ... +Aber diesmal dachte ich nicht ans Malen, ich war +erfüllt von Qual und Sehnsucht.</p> + +<p>Der folgende Tag war entsetzlich. Es war mein +letzter Tag auf Carnin, er machte mich krank und +matt. Leonore wich mir aus, sie vermied es, auch<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +nur einen Augenblick mit mir allein zu sein. +Wir spielten Tennis, sie lachte und schwang den +Schläger mit Obacht und Grazie, sie plauderte +harmlos mit den andern, aber zu mir sprach sie +niemals. Ich merkte: Es ist alles hoffnungslos; +du hast ihr Gefühl zu heftig mit Füßen getreten; +hier ist nichts mehr gutzumachen; es geschieht dir +recht, Kunstmaler Tedrahn!</p> + +<p>Wie warb ich um einen Blick, um ein freundliches +Wort von ihr, wie habe ich mich gedemütigt! +Aber sie blieb hart und kalt, sie beachtete mich +nicht, sie war nicht zu erweichen, sie strafte mich +mit Verachtung.</p> + +<p>Ich litt, ich dachte: wenn doch dieser Tag erst +zu Ende wäre, du erträgst es ja nicht! Aber ich +wußte auch, daß nach diesem Tage alles vorüber +sein würde, daß ich sie nicht wiedersehen würde, +daß ich ruhelos sein würde und voll Kasteiung +gegen mich selbst, im Bewußtsein meines verrückten +Benehmens, das mir dieses Glück für immer +verscherzt hatte.</p> + +<p>Und der Tag ging hin, dieser qualvolle,<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +zermürbende Tag. Abends saßen wir das letztemal +auf der Terrasse. Der Graf ließ Sekt reichen, +als Abschiedstrunk. Wir stießen an, mein Glas +stieß klirrend an Leonores, sie lachte Charlotte +dabei an, mich sah sie nicht. Sie sah schön aus, +sie hatte ein blaues Tüchlein über dem schwarzen +Haar. Ich hielt es nicht aus, ich verabschiedete +mich, da ich noch zu packen hätte. In aller Frühe +des folgenden Tages mußte ich fahren, ich sagte +allen Lebewohl. Leonore gab mir die Hand, sie +war ruhig und kühl.</p> + +<p>Dann schritt ich in meinem Zimmer auf und +ab, wie ein gemartertes Tier im Käfig, stundenlang. +Ich hörte die Stimmen von der Terrasse her. +Mitunter hielt ich an und lauschte, – wenn ich +Leonores Stimme zu hören meinte. Ich war voll +wirrer, qualvoller Empfindungen, und ein Gefühl +unbeschreiblichen Ekels quoll in mir auf, wenn ich +die Bilder sah, die gegen die Wand lehnten. Einmal +erhob ich den Fuß und rannte ihn blindlings +in eins der Bilder hinein, voll Wut auf diese +verfluchte Kunst, die mich um das schönste menschliche<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +Erleben gebracht hatte. Mit diesem Fußtritt des +Hasses hatte ich mein bestes Bild zerstört, das +Bild des abendlichen Schlosses mit den Gestalten +der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. +Es war hinüber, ich stieß ein Gelächter aus.</p> + +<p>Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Ich packte, +ich suchte zu lesen, ich sah lange Zeit, Zigaretten +rauchend, aus dem Fenster in die warme, duftende +Nachtluft, zum Schloß hinüber, wo ich das Fenster +erkennen konnte, hinter dem Leonore schlief. Dann +wanderte ich wieder hin und her. Ich begann +einen Brief an Leonore zu schreiben und zerriß +ihn wieder. Ich legte mich aufs Bett, ohne mich +auszukleiden, und erwartete den Morgen.</p> + +<p>In aller Frühe klopfte der Diener und brachte +Tee. Dann hörte ich den Wagen auf dem Kies +vorfahren, mein Gepäck wurde aufgeladen, ich +warf den Mantel um, ging hinunter, und die +tauige Luft tat meinen erhitzten Wangen wohl. +Das Handpferd wieherte in die Frühe, voll Übermut. +Ich blickte noch einmal zu dem Fenster hinauf, +hinter dem Leonore lag. Ich fühlte mich elend,<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +ausgestoßen und krank. Mich fröstelte, als hätte +ich Fieber. Die Schimmel zogen an, es ging die +Lindenallee hinunter, dann durch die gelben Rapsfelder, +aus denen schwere Wolken von Duft aufstiegen.</p> + +<p>Die Sonne lag golden über den Feldern, die +Lerchen sangen. Mich marterten die Lerchen und +die Sonne. Ach, könnte ich doch schlafen, dachte ich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span></p> +<h2><a name="Das_Bildnis_der_Geliebten" id="Das_Bildnis_der_Geliebten"></a>Das Bildnis der Geliebten</h2> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span></p> +<p><span class="dropcap">G</span>regor, ein Student der Medizin, war ein +hübscher Bursche. Er war schlank gewachsen, +hatte eine schöne Stirn, und seine Augen waren +groß und klug. Aber der Arme war brustkrank. +Man sah es ihm zwar kaum an, nur wenn er +hüstelte und seine schlechten Tage hatte, merkte +man es.</p> + +<p>Seit kurzer Zeit hatte er eine Geliebte mit +Namen Mimi, eine kleine Verkäuferin in einem +Weißwarengeschäft. Dort hatte er sie das erstemal +gesehen, als er sich einige Taschentücher gekauft +hatte. Er hatte dabei, während sie ihm die Tücher +vorzeigte, besonders ihre Hände bewundert, die +schmal und rosig waren und deren Finger sich so +auffallend vornehm und ruhig bewegten. Dann +hatte er, ganz erstaunt über die schwermütige +Schönheit der Hände, in das Gesicht des Mädchens +hinaufgeblickt und hatte ein Paar Augen<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +darin gesehen, die noch viel schöner waren: silbergraue +Augen, mit einem zärtlichen Glanz und von +langen, braunen Wimpern eingefaßt. Gregor +starrte so lange in diese Sterne hinein, bis das +Mädchen unwillig wurde. Sie fing an mit Nachdruck +von den Taschentüchern zu sprechen. Er entschloß +sich für irgendwelche, ließ sie sich einpacken +und stolperte hinaus.</p> + +<p>Er kam bald wieder, sah sich von neuem Taschentücher +an und benahm sich diesmal besonnener +und gesitteter. Sie war freundlich zu ihm und +dachte bei sich: ›Ein hübscher Mensch; nur etwas +kränklich sieht er aus; aber eine so schöne Stirn +habe ich selten gesehen.‹</p> + +<p>Er empfand es wohl, daß sie liebenswürdig +war, und bemerkte mit innerem Jubel die Gefälligkeit +ihrer Hände. Er ging, nachdem er sich wieder +von den Tüchern hatte geben lassen, wie ein Trunkener +heim, öffnete zu Haus das Paketchen und +befühlte lächelnd den weißen Stoff, den auch ihre +Hände berührt hatten.</p> + +<p>Als er dann das drittemal kam, fand er schon<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +den Mut zu einem scherzenden Wort. Sie ging +darauf ein und dachte wieder: ›Wie hübsch und +schlank er ist.‹ Zum Schluß reichte er ihr die Hand, +und sie zögerte nicht, die ihrige hineinzulegen. Dies +war das letztemal, daß er Taschentücher bei ihr +gekauft hatte.</p> + +<p>Am Abend des folgenden Tages nämlich, um +die Stunde, da man die Läden schließt, tat er so, +als ginge er zufällig an ihrem Geschäft vorüber, +irgendeinem andern Ziele zu. Als sie den Laden +verließ, stellte er sich, als sei er ganz erstaunt, +plötzlich ihr Gesicht auftauchen zu sehen, grüßte, +richtete ein paar Worte an sie, und auf einmal +waren sie im Gespräch. Sie gingen zusammen +durch die Straßen, plauderten, und wenn ihre +Augen sich trafen, erkannte ein jeder von ihnen +die sehnsüchtigen Gefühle des andern. So schritten +sie durch den sanften Herbstabend und kamen in +einen öffentlichen Garten, wo gerade das erste +Laub von den Bäumen fiel. Sie fanden eine stille +Bank, legten die Arme umeinander und küßten +sich. Er griff glücklich in ihr braunes Haar<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +und entzückte sich an der sanften Linie ihrer +Schultern.</p> + +<p>So hatte der Student Gregor eine Geliebte +bekommen, die Mimi hieß.</p> + +<p>Sie waren viel zusammen. Er holte sie des +Abends vom Geschäft ab, dann gingen sie zu ihm +und aßen etwas. Danach nahmen sie sich bei der +Hand und wanderten durch die Straßen oder in +einen Park, bis sie müde wurden.</p> + +<p>So lebten sie dahin, jung und glücklich. Nur +die Stunden, in denen er sich elend fühlte, warfen +graue Schatten in ihr Dasein. Er suchte zwar +diese Zustände und Stimmungen zu verbergen, +aber es gelang ihm nicht. Sie fühlte wohl, wie +es mit ihm stand.</p> + +<p><br />Eines Abends, als Gregor seine Geliebte nach +Haus begleitete, klagte sie über Schmerzen im +Halse. Am nächsten Morgen hatte sich der Zustand +so verschlimmert, daß sie nicht fähig war, das +Geschäft zu besuchen. Sie fieberte und mußte das +Bett hüten. Gregor ahnte etwas und ging schon<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +im Laufe des Vormittags zu ihr, um nachzusehen. +Er fand Mimi blaß und müde in den Kissen. Sie +freute sich wie ein Kind, als sie ihn kommen sah, +und küßte lächelnd seine Hände. Gregor ließ sich +an ihrem Lager nieder, fühlte ihren Puls und sah +in den Hals. Dann schrieb er ein Rezept und +gab es der Wirtin, die forteilte, um die Medizin +zu besorgen. Gregor nahm Mimis Hand, neigte +sich auf ihr Bett und sprach freundliche Worte +zu ihr nieder.</p> + +<p>Allmählich schlossen sich ihre Augen, und ihre +Brust begann ruhiger zu gehen. Sie schlief ein. +Gregor betrachtete die Ruhe ihres weißen Gesichtchens +und dachte: ›Nun ist sie auch krank.‹ Mit +diesem Gefühl mischte sich ein anderes, merkwürdiges. +Es war beinahe wie ein Triumph. +Ihm war, als empfände er es als eine Befriedigung, +daß er nun nicht mehr allein von ihnen +beiden der Bemitleidenswerte sei. Aber dieses +Empfinden, kaum entstanden, verdroß ihn aufs +tiefste, und er schalt sich niedrig und gemein. Er +mußte husten. Er wußte ja, daß er unendlich<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +kränker war als sie. Sie war nur erkältet, das +ging vorüber. Bei ihm saß es tiefer.</p> + +<p>Es klopfte. Die Wirtin kam und brachte die +Medizin. Er nahm sie ab, entkorkte die kleine +Flasche und stellte sie auf das Nachttischchen. Er +wollte Mimi nicht wecken, der Schlaf tat ihr besser +als alle Medizin. Er blieb an ihrem Bette sitzen, +horchte auf ihren Atem, und tausend Vorstellungen +zogen durch sein Gehirn. Sein Auge wanderte +in dem Zimmer umher, das er noch nicht sehr oft +betreten hatte. Es war ursprünglich ein Mietszimmer +nach der Schablone gewesen, aber jetzt +konnte man überall die Spuren sorgender Hände +entdecken. So war das Zimmer wohnlich und +freundlich geworden, es hatte ein Gesicht bekommen, +es war das Zimmer der kleinen Mimi mit +dem beweglichen Sinn für das Bunte und Heitere.</p> + +<p>An der dem Bett gegenüber gelegenen Wand +stand ein schmaler Schreibtisch, der den Eindruck +machte, als würde er selten oder nie benutzt. Allerhand +Sächelchen standen darauf herum, kleine +Tiere aus Porzellan, chinesische Figürchen und<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +ein paar Flacons und bunte Kästen. In der Mitte +von dem allen prunkte eine flache silberne Schale, +angefüllt mit Photographien. Gregor ging auf +leisen Füßen hinüber, holte sich die Schale an das +Bett und stöberte in den Bildern herum. Es waren +Freundinnen und Verwandte Mimis, die Kinder +ihrer Wirtin und dergleichen mehr. Ganz zuunterst +lag ein kleines Bildnis, das den Studenten, sobald +er es sah, auf das sonderbarste berührte. Es stellte +Mimi dar. Auf der Rückseite war vermerkt: +sechzehn Jahre alt.</p> + +<p>Sie stand in einem weißen Kleidchen da, und die +ganze Figur war zu sehen. Ihre schönen Augen +blickten geradeaus, die Hände hielt sie auf dem +Rücken verschränkt. Es war das Bildnis eines +reinen, unberührten Kindes, das noch von dem +Brausen der Welt und von sich selbst nichts +weiß. Wie eine weiße Blüte im Frühling stand +sie da.</p> + +<p>Gregor staunte das Bild an wie ein enthülltes +Geheimnis. Er vergaß darüber ganz, daß die +lebende Geliebte da neben ihm lag und atmete.<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +Er empfand nichts weiter als die Schönheit dieses +lieblichen Bildes. Seine Augen sogen sich förmlich +fest daran.</p> + +<p>Mimi bewegte sich und sprach einige zusammenhanglose +Worte. Gregor steckte die gefundene +Photographie in die Brusttasche und trug die +silberne Schale auf den Schreibtisch zurück. Dann +trat er wieder an das Bett, gerade als Mimi erwachte. +Sie sah ihn aus fieberigen Augen an. +Er wagte kaum in diese Augen hineinzusehen, wie +in dem Bewußtsein einer Schuld. Er goß einige +Tropfen Medizin in einen Löffel und reichte +sie ihr. Sie nahm den Trank und ließ den +matten Kopf schnell wieder zurück in die Kissen +sinken.</p> + +<p>Nachher, als sie wieder schlief, nahm er das +Bild von neuem vor. Er meinte, nie so glücklich +gewesen zu sein wie jetzt, da er sich im Besitz +dieses Schatzes wußte. Er führte das Bild an +die Lippen und küßte es mit geschlossenen Augen. +Es wollte ihm scheinen, daß er erst jetzt gefunden +habe, was er bisher noch immer unbewußt entbehrt<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +hatte. Ja, ihm war, als müßte die Zukunft nun +hell und freundlich sein. Er drückte das Bild an +die Brust, voll leidenschaftlichen Fühlens, und +sprach zu ihm in erregten Gedanken. Aber wenn +seine Augen dann neben sich auf die ahnungslos +Schlafende niederfielen, trübten sie sich und verloren +den Ausdruck der Freude.</p> + + +<p><br />Nach einer Woche ungefähr war Mimi leidlich +wiederhergestellt. Als er sie das erstemal ausführte, +lenkten sie ihre Schritte in jenen Park, in +dem sie sich das erstemal geküßt hatten. Sie fanden +auch die Bank wieder, auf der sie damals gesessen +hatten, und da gerade ein schöner sonnendurchwobener +Tag war, ließen sie sich für ein Weilchen +auf dem vertrauten Sitze nieder. Mimi sah noch +bleich aus, aber sie wurde von einem unsagbar +wohligen Gefühl durchströmt, wie es die Genesenden +zu empfinden pflegen. Er hatte seinen +Arm in den ihrigen gelegt, und ihre Hände ruhten +vereint in Mimis Schoß. Das Mädchen sprach +mit sanfter Stimme:<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span></p> + +<p>»Jetzt sind die Bäume leer. Damals hing noch +fast alles Laub zu unseren Häupten. Weißt Du +noch?«</p> + +<p>»Ich weiß.«</p> + +<p>»Damals küßtest Du mich in großer Liebe. +Hast Du mich noch so lieb?«</p> + +<p>»Ja, ja, ja, ich habe Dich noch so lieb. Immer.«</p> + +<p>Er mußte, indem er es sagte, an das Bild +denken, das auf seinem Herzen lag. Daher kam +die Innigkeit in seine Stimme. Aber er vergaß, +Mimi zu küssen.</p> + +<p>»Warum küßt Du mich nicht?« fragte sie.</p> + +<p>»Mimi, warst Du sehr schön, als Du sechzehn +warst? Schön wie ein Engel warst Du, glaube ich.«</p> + +<p>»Ich verstehe Deine Worte nicht. Hast Du +mich nicht mehr lieb?«</p> + +<p>»Doch, doch. Aber ich gäbe meine Seligkeit +hin, wenn ich Dich hätte sehen können, als Du +sechzehn warst.«</p> + +<p>Dann legte er schnell sein Gesicht auf ihres und +küßte ihre Augen, ihre Stirn, ihre Wangen, ihren +Mund, mit wilder Leidenschaft. Es war, weil<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +seine Gedanken meinten, ein süßes, vielgeliebtes +Bild zu küssen.</p> + + +<p><br />Mimi merkte, daß eine Veränderung in Gregor +vorgegangen war. Er zeigte sich über die Maßen +zerstreut, hustete mehr als früher und wurde immer +spärlicher in den Äußerungen seiner Liebe. Das +bekümmerte Mädchen dachte nach, worin diese +Veränderung ihren Grund haben könnte. Sie +meinte zuerst, daß sie eine Folge der offenbaren +Verschlechterung seines körperlichen Zustandes sei. +Gregor war zweifellos sehr krank. Er sprach gar +nicht mehr über sein Leiden, desto schwerer mußte +es ihn innerlich bedrücken. Aber dann kamen auch +gute Tage, an denen er sich leicht fühlte wie ein +Vogel in der Luft: sein Benehmen aber blieb das +gleiche. Er griff ihr nicht mehr mit der Hand +übers Haar, und aus seinen Küssen schlug kein +Feuer.</p> + +<p>Mimi fühlte: seine Krankheit ist es nicht. Zumindest ist es seine Krankheit + nicht allein. Es ist ein anderes Mädchen, das seine Gedanken beschäftigt<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> und ihn zu mir so lau sein läßt. Er liebt eine andere + und will es nicht gestehen, mir nicht und vielleicht sich selber nicht. Aber + er soll es mir sagen, das ist er mir schuldig, denn ich kann diese grauen, schleppenden + Tage nicht länger ertragen.</p> + +<p>Eines Abends, es war in seiner Wohnung, +sprach sie dann ganz ruhig zu ihm, – freilich, es +kostete sie große Mühe, daß sie diese Ruhe erzwang +–:</p> + +<p>»Gregor, Du liebst mich nicht mehr. Ich fühle +es an allem, Du trägst das Bild einer andern +in Dir. Lüge nicht. Erlöse mich, gestehe es ein.«</p> + +<p>Gregor sah bleich und mit verlorenen Augen +an dem Mädchen vorüber, wie in eine Ferne. +Dann rang es sich tropfenweise von seinen Lippen:</p> + +<p>»Das Bild einer andern? Das ist nicht wahr! +Dein Bild und kein anderes trage ich in mir, bei +meiner Seele!«</p> + +<p>Er senkte den Kopf zu Boden und starrte vor +sich hin, dumpf und schweigend. Mimi wagte +nichts zu erwidern. Sie sah ihn an, verängstigt<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +und in großem Mitleid. Sie wußte nicht, was +sie tun oder sagen sollte. Da bemerkte sie, daß +sich ein paar Tränen aus seinen Augen stahlen +und zu Boden stürzten. Ein unendlicher Jammer +ergriff sie, daß sie selbst laut hätte weinen mögen. +Aber das tat sie nicht. Sie stand auf und setzte +sich neben ihn, ergriff sein Haupt, lehnte es an +ihre Brust und sprach:</p> + +<p>»Armer Gregor.«</p> + +<p>Da schlang er seine Arme um ihren Leib, fest, +als übermanne ihn die Furcht, daß er die Geliebte +verlieren könne. Er schluchzte zum Herzzerbrechen, +es war, als ob eine wilde innere +Zerrüttung ihn wahnsinnig machen wolle.</p> + +<p>Aber als er sich beruhigt hatte und Mimi ihn +mit Vorsicht zu fragen wagte, was ihm sei? was +ihn quäle? er solle sich doch durch eine Aussprache +erleichtern, schüttelte er abwehrend den Kopf und +sagte nur:</p> + +<p>»Es ist nichts. Du kannst mir nicht helfen. Es +wird alles vorübergehen.«</p> + +<p>Damit mußte sie sich begnügen. Es schmerzte<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +sie freilich, daß er es verschmähte, sich ihr anzuvertrauen. +Früher hatte er ihr nie etwas verschwiegen. +Aber sie dachte bei sich: Ich werde es +dennoch erfahren. Es ist eine andere, ich weiß es +gewiß. Es wird alles offenbar werden.</p> + + +<p><br />Für einen Sonntagnachmittag hatte man sich +derart verabredet, daß Mimi um drei Uhr zu +Gregor kommen sollte, um ihn abzuholen; bis +dahin hatte er in der Klinik zu tun. Mimi verfrühte +sich und traf schon vor der festgesetzten +Stunde in Gregors Wohnung ein. Sie wartete, +und als sie ihn endlich die Treppe heraufkommen +hörte, schlüpfte sie schnell in das anstoßende Schlafzimmer, +um sich zu verbergen und dem Geliebten +eine Überraschung zu bereiten. Gregor trat in sein +Zimmer, legte Hut und Mantel ab, hustete heftig +und legte sich auf den Diwan. Mimi beobachtete +ihn durch die Portière, ohne daß er eine Ahnung +von ihrer Anwesenheit hatte. Er fühlte eine Weile +seinen Puls und neigte bedenklich den Kopf hin +und her, als ob er einen fremden Patienten vor<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> +sich habe. Dann griff er in die Brusttasche und +holte eine Photographie hervor. Er sah sie lange +an, mit verzückten Augen. Darauf führte er sie +an den Mund und küßte sie mit Leidenschaft. Er +drückte sie an sein Herz, an seine Stirn, auf seine +Augen und küßte sie wieder, unablässig, aufgeregt +wie ein Wahnsinniger.</p> + +<p>Mimi traute ihren Augen nicht. Es schwirrte +ihr durch den Kopf wie ein Schwarm nächtiger +Vögel. Ein Gedanke jagte den andern. Dann +stand es ihr klar im Bewußtsein: das Bild da +ist es, das Bild!</p> + +<p>Sie wußte kaum, was sie tat. Sie stürzte aus +ihrem Versteck zu Gregor hinein, vor den Diwan. +Gregor schrie laut auf, dann starrte er sie an, mit +verglasten Augen, unwissend was das zu bedeuten +habe. Sie riß ihm mit Windesschnelle das Bild +aus den Händen. Es berührte sie fast lächerlich, +als sie dann sah, wen es darstellte. Sie zerriß +das Bild, ehe er es hindern konnte, in kleine +Fetzen und warf sie verächtlich beiseite. Gregor +stand auf und reckte seine Arme hoch über den<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +Kopf, mit einer verzweifelten Gebärde. Dann +brach er zusammen und fiel rücklings über den +Diwan. Ein kleiner Streifen hellroten Blutes +war ihm auf die Lippen getreten. Auch aus der +Nase quollen einige rote Tropfen.</p> + +<p>Als Mimi ihn so sah, rief sie um Hilfe. Sie +warf sich über ihn und nannte seinen Namen. +Erst laut, als wollte sie ihn wecken, dann flüsternd +und schmeichelnd, wie ein Kind. Es war fruchtlos, +Gregor rührte sich nicht.</p> + +<p>Die Wirtin hatte die Schreie gehört und trat +in das Zimmer. Sie erkannte, was not tat, und +lief zum Arzt. Als dieser kam und die bewußtlose +Mimi mit Mühe von dem Körper Gregors +losgelöst hatte, sagte er:</p> + +<p>»Ein Blutsturz. Er ist tot.«</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span></p> +<h2><a name="Nebelnacht" id="Nebelnacht"></a>Nebelnacht</h2> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span></p> +<p><span class="dropcap">E</span>inmal brachte ich im Sommer einige Wochen +in dem kleinen norddeutschen Dorfe Silben +zu. Es ist anmutig gelegen, in einer fruchtbaren, +an Bäumen reichen Gegend, durch die sich ein +helles Flüßchen schlängelt. Dieses ist auf beiden +Ufern mit Weiden bestanden, die ihre trauernden +Zweige in das Wasser niederhängen lassen; und +in größeren Abständen mit hochragenden Silberpappeln, +die wispernd auf ihre heroischen Spiegelbilder +niederschauen. Ich streifte damals viel im +Freien herum und kam während des Tages mit +Menschen wenig in Berührung. Nur an einigen +Abenden der Woche ging ich ins Wirtshaus, um +ein paar Stunden mit dem Arzt, dem Förster, +mitunter auch dem Pfarrer, zu verplaudern.</p> + +<p>Es war ein besonders heißer Sommer. Wir +hatten nichts als Tage voll Sonne. Alle Menschen +sahen kupfern aus, wie Zulus.<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span></p> + +<p>Am Abend stellten sich zuweilen unvermutet +Nebel ein und verhüllten das Land. Es waren +gewöhnlich feine, weiße Strichnebel, die über die +Felder und Wiesen zogen, gleich durchsichtigen, +seidenen Geweben oder wie verfitztes Garn. Sie +verschoben sich unablässig, zerstoben hier und +tauchten dort wieder auf, geisterhaft schön. Wenn +dann über ihnen die Sterne zu scheinen anfingen +oder der Mond seine blassen Strahlen in sie +hineinwarf, daß sie funkelten gleich Silbersträhnen +oder perlenbesetzten Gewändern, so schien diese +Landschaft ganz unwirklich, als ob sie einem Traum +entstiegen wäre.</p> + +<p>Eines Tages kam ich bei anbrechender Dunkelheit +und klarstem Wetter, von allerlei Streifereien +ermüdet, ins Dorf zurück, begab mich in meine +einfache Behausung, lieferte der Bauersfrau, +deren Dach mich beherbergte, einige Vögel aus, +die ich geschossen hatte, und fiel über das ländliche +Abendessen her. Ich weiß noch, daß es rosenroten +Schinken gab, kerniges Schwarzbrot, Eier und +Bier. Dann las ich bei der Lampe in einem Buch<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +und machte mich schließlich, als es draußen an der +Kirchuhr zehn schlug, auf, um in das Gasthaus +zu gehen und dort den Rest des Abends mit den +Stammgästen zu verbringen. Als ich zur Haustür +hinaustrat, lag das Dorf im Nebel. Er stand +dick, wie eine Mauer, nach allen Seiten hin und +regte sich nicht. Ich war überrascht. So massig +und leblos hatte ich ihn noch nicht gesehen. Aus +den einzelnen Häusern in der Nähe schimmerten +die abendlichen Lichter, blutrot und trübe, von +einem Dunstkreis umgeben. Ich tappte, halb aufs +Geratewohl, vorwärts und langte endlich bei dem +Wirtshaus an. Als ich aber die Tür öffnete und +eintreten wollte, bemerkte ich, daß es das Wirtshaus +gar nicht war. Der Nebel hatte mir einen +Streich gespielt, ich war fehlgegangen. Und ich +hätte doch, als ich das Haus so vor mir hatte +liegen sehen, wetten mögen, daß es der Gasthof +gewesen sei. Ein Kind des betreffenden Hauses +brachte mich in die Wirtschaft hinüber, wo der +Arzt und der Förster schon auf mich warteten. Es +war noch ein dritter Mensch bei ihnen, ein<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span> +Geschäftsreisender, der das Dorf gerade passierte. +Die Männer rauchten Zigarren, nur der Förster +Tabak aus einer Handpfeife mit grünem Porzellankopf, +tranken Bier und spielten Skat. Als +ich mich zu ihnen setzte, ließen sie die Karten +ruhen, begrüßten mich, man stellte mich dem Geschäftsreisenden +vor, und dann ließ ich mir einen +Schnaps geben und erzählte, was mir soeben in +dem Nebel zugestoßen sei, d. h. daß ich das Wirtshaus +nicht habe finden können und in die Irre +gegangen sei.</p> + +<p>»Seien Sie froh, daß Ihnen nichts Schlimmeres +zugestoßen ist«, sagte der Arzt. »Wer diesen +Nebel nicht kennt, soll sich vorsehen. Ich kann +Ihnen eine Geschichte erzählen.«</p> + +<p>»Erzählen Sie doch«, sagte ich.</p> + + +<p><br />Der Arzt erzählte:</p> + +<p>Es ist schon eine Weile her. Ich wohnte erst +ein halbes Jahr in diesem Nest. Sie wissen, ich +habe Pferd und Wagen, wegen der Patienten in +den umliegenden Dörfern. Eines Tages wurde<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> +mir der Gaul krank und durfte den Stall nicht +verlassen. In einer der folgenden Nächte kommt +man und ruft mich dringend zu einem Kranken +nach Riebach, einem Ort etwa eine Meile östlich. +Ich fluche und wettere, und am Ende muß ich den +Mann zu Fuß zu seinem schwerkranken Vater +nach Riebach begleiten. Es war eine helle, sternklare +Frühherbstnacht, weich und duftig, und +eigentlich war es eine Lust, so durch die mondbeschienenen +Felder zu schreiten. Die unbequeme +Müdigkeit war mir bald aus den Gliedern gewichen, +mit ihr die schlechte Laune, und ich +empfand eine wahre Freude an diesem nächtlichen +Spaziergang. Ich sah und hörte allerhand Heimliches, +Ungewohntes, das mir reizvoll war. So +das Piepsen mancher Vögel im Traum, von denen +man nicht wußte, wo sie schliefen. Das merkwürdige +Säuseln mancher Baumkronen, von +Luftzügen bewegt, die man sich in der stillen Nacht +nicht zu erklären wußte. Das unvermutete +Rascheln und Rennen im Feld, das von aufgescheuchten +Tieren herkam.<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span></p> + +<p>Auf einer alten Steinbrücke hatten wir den +Fluß zu überschreiten. Das lautlose Wasser blitzte +und strahlte in unzähligen feinen Silberstrichen, +durch die eine rastlose flimmernde Bewegung ging. +Gleich jenseits der Brücke duckte sich eine kleine +Schenke an den Weg. Auf dem Dach lag der +Mond wie Schnee. Aus einem der niedrigen +Fenster schien ein Licht in die Nacht. Wir gingen +daran vorüber und hörten von drinnen einige +lachende Stimmen. Mein Begleiter sagte mir, +daß es italienische Arbeiter seien, die eine Straße +in der Nähe ausbesserten und in der Schenke +wohnten. Bald war wieder die große Stille um +uns her.</p> + +<p>Schließlich gelangten wir an unser Ziel, in +das von ziemlich baumarmen Feldern umgebene +Dorf, dessen Turm wir schon vorher gegen den +hellen Himmel hatten aufragen sehen. Bei dem +Kranken war nicht viel zu tun. Es handelte sich +um einen der Fälle, die man allein sich zu Ende +kämpfen lassen muß. Es war vorauszusehen, +daß der Alte spätestens am Abend des folgenden<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +Tages sich für immer ausstrecken werde. Ich +konnte mich nur bemühen, ihm das Letzte möglichst +leicht zu machen. Ich blieb etwa eine halbe Stunde +am Krankenbett und wandte mich dann zum Gehen. +Da ich das Wohnzimmer der Leute durchschritt, +fragte mich der junge Bauer, ob ich nicht, ehe ich +wieder heimwandere, irgendeine Stärkung zu mir +nehmen wolle. Dieses Anerbieten kam mir sehr +erwünscht, denn die nächtliche Wanderung hatte +mir Hunger verursacht. Ich setzte mich also und +befriedigte mit Genuß meinen gesunden Appetit, +während sich einige Schritte von mir entfernt ein +Mensch unter gelinden Schmerzen langsam auflöste. +Endlich erhob ich mich, schärfte dem jungen +Bauer noch einmal die Verhaltungsmaßregeln +ein und ging davon. Als ich ins Freie trat, sah +ich, daß sich vielfache silberne Nebelstriche über die +Felder gelagert hatten. Sie schweiften und wehten +leise hin und her. Der Himmel war noch klar und +voller Sterne, und der Weg war gut zu erkennen. +Ich schritt zu und merkte nun auch, daß es kühler +geworden war. Mitunter, wenn die Nebel an<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> +mir vorbeistrichen, wehte mich ein eiskalter Hauch +an. Nach und nach bezog sich das Firmament, +die Gestirne erloschen, und die Nebel wurden +dichter und zahlreicher. Weiß der Himmel, woher +sie kamen, sie schienen aus der Erde zu wachsen, +sie türmten sich wie Wolken übereinander, sie +schoben und drängten sich, bis sie schließlich feststanden +und sich nicht mehr rührten. Ich kam +wieder an der Wegschenke vorbei, die jetzt ohne +Licht, schlafend und lautlos, an dem Flußufer +hockte. Sie hob sich im Nebel wie eine dunkle, +klobige Masse ab, wie etwas unheimlich Lebloses, +in dem aber das Leben doch wohnte und nur darauf +lauerte, daß man es weckte. Dann passierte ich +die Brücke. Ich schritt an dem linken Geländer +entlang und konnte das rechte nur noch wie einen +Schatten wahrnehmen. Jenseits des Flusses wurde +es noch schlimmer. Es kam mir vor, daß kleine +Wirbel von Nebeln um mich her tanzten, zuweilen +eröffnete sich einmal ein Ausblick, einige Bäume, +ein Stück Feld oder Gebüsch wurden sichtbar, dann +schnürte sich wieder alles zu, es wehte trügerisch<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> +durcheinander, jetzt schob sich von da, jetzt von dort +eine Nebelwand gegen mich vor, und ich bereute +es durchaus, diesen nichtswürdigen Weg unternommen +zu haben. Angst überfiel mich. Zur Umkehr +war es zu spät. Ich hatte keine Ahnung, +wo ich mich befand, ob ich überhaupt auf dem +richtigen Wege war und in welcher Richtung +unser Dorf lag. Ich hatte gar keine Anhaltspunkte +mehr und tastete einfach auf gut Glück in +die Finsternis hinein. Dabei traten allerhand +scheußliche Vorstellungen vor mich hin. So: wenn +jetzt einige von den italienischen Arbeitern betrunken +irgendwoher auf mich zuwankten und mich niederschlügen. +Oder: wenn ich jetzt mit dem Kopf +gegen den Stamm eines Baumes stieße und besinnungslos +hinstürzte. Oder: wenn ich jetzt an +den Fluß käme und sähe ihn nicht.</p> + +<p>Zuweilen machte ich kopfschüttelnd halt. Ich +sagte mir, daß eigentlich jeder Schritt, den ich +tat, eine Torheit sei. Vielleicht ging ich in einer +Richtung, die mich von Silben immer mehr entfernte. +Vielleicht war ich auch schon längst an<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> +dem Dorf vorbeigegangen, denn der Zeit nach +hätte ich wohl schon zu Haus sein müssen. Es +war eine Lage zum Verzweifeln, und ich machte +mich auf das Schlimmste gefaßt. Dabei merkte +ich zum Überfluß, daß ich von dem Fußweg abgekommen +war und mich auf einem Stoppelfeld +befand. Es war, um die Fassung zu verlieren. +Ich schimpfte wütend vor mich hin, aber das war +zu nichts nütze. Ich tastete weiter, wie ein Blinder, +den sein Führer im Stich gelassen hat. Plötzlich +mußte ich denken: wenn ich jetzt stürzte, in eine +Sandgrube oder irgendwohin, und müßte da die +Nacht durch liegen bleiben und vielleicht auch noch +den kommenden Tag und immer so fort, – es +war ein abscheulicher Gedanke. Während ich ihm +noch nachhing, merkte ich, daß ich den Boden +unter den Füßen verlor, ich fiel, schlug mit den +Armen in die Luft, fühlte ein Krachen im Kopf, +ein Schwindel folgte, und dann war alles still.</p> + +<p>Als ich zur Erkenntnis der Dinge kam, spürte +ich ein dumpfes Gefühl im Kopf und einen feinen +Schmerz im Knöchel des linken Fußes. Ich<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +betastete mich vorsichtig, fühlte nasse Erde an den +Kleidern, und als ich mich rühren wollte, tat der +Fuß heftiger weh. Ich riß die Augen auf. Es war +stockdunkel und nicht die Hand vor dem Gesicht zu +erkennen. Ich versuchte mich zu erheben, aber der +Fuß ließ es nicht zu. Sobald ich ihn bewegte, hatte +ich einen Schmerz, als ob mir einer mit einem +stumpfen Messer die Sehne durchschneide. Ich +wußte, daß das zum mindesten eine heftige Verstauchung, +vermutlich aber ein Knochenbruch war.</p> + +<p>Da lag ich nun, krank, hilflos in einer schauerlichen +Nacht. Ich überlegte, was ich tun könnte, +aber ich kam auf nichts. Ich fühlte mit den +Händen nach allen Seiten und stieß überall auf +Erde. Es war allem Anschein nach eine leere +Kalkgrube, in die ich gefallen war. Ich befand mich +also sicher in der Nähe des Dorfes. Ich dachte +daran, daß man mich vielleicht hören würde, wenn +ich tüchtig schrie. Und nun schrie ich, laut und +lauter, immer von neuem, in immer anderen +Tönen, und dann brüllte ich wie ein Tier. Meine +eigene Stimme begann mir unheimlich zu werden.<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +Ich hörte auf. Es war ja doch alles vergebens. +Eine Antwort erfolgte nicht. Überhaupt war +ringsum nicht der leiseste Laut zu vernehmen.</p> + +<p>Nun kam mir in den Sinn, was wohl aus +mir geworden wäre, wenn die Grube schon mit +dem gelöschten weißen Kalk angefüllt gewesen +wäre. Ich sah mich in Gedanken hineinsinken, +langsam, ohne daß ich die Glieder regen konnte, +und dann kam mir der schwammige Brei an die +Kehle, ich schrie noch einmal, der Schrei erstickte +im Kalk, und dieser drang mir ätzend in Mund +und Nase. Die Sinne vergingen mir.</p> + +<p>Meine Lage war gewiß nicht beneidenswert; +aber wenn ich an den Kalk dachte, – das war +noch teuflischer.</p> + +<p>Andere Bilder traten vor mich hin. Wenn sich jetzt zum Beispiel – so + dachte ich – die Erde oben durch irgendeinen Zufall lockern würde, + und die Grube bräche in sich zusammen und verschüttete mich. Ich würde + es mir ruhig gefallen lassen müssen, denn ich konnte mich ja kaum bewegen, + viel weniger mich erheben. Ich würde eben einfach<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> nach einigen Minuten in der Finsternis ersticken. Unwillkürlich + richtete ich das Auge nach oben, an die Ränder der Grube. Sie hoben sich + kaum gegen das graue Einerlei des Nebels ab, der über ihnen hinzog. Ich + sah noch eine ganze Weile nach oben, voll Furcht. Mein Herz schlug, daß + ich es hörte. Es stand mir ganz außer Zweifel, daß die Grube + einfallen <em class="gesperrt">müßte</em>, ich wollte nur den Augenblick abwarten und + dann die Augen schließen. ...</p> + +<p>Der Augenblick kam nicht, und ich wurde wieder +ruhiger. Ich begann zu frieren. Es schien mir, +als stelle sich Fieber ein. Ich hüllte mich, so fest +es ging, in meine Kleider und zog den Hut über die +Ohren. So lag ich, dösend, mit durcheinanderschwirrenden +Gedanken, und jede Minute wurde +mir zur Ewigkeit. Was sollte aus mir werden?!</p> + +<p>Ich brüllte noch einmal, mit Aufbietung aller +Kräfte, wild, wahnsinnig. Es verhallte ungehört. +Alles blieb still. Nun gab ich es endgültig auf.</p> + +<p>Einmal war mir, als ob ein Knistern über +mir am Rande der Grube hinhusche. Zuerst<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> +wagte ich nicht aufzuschauen. Die Angst packte +mich schon wieder, dann schielte ich doch hinauf, +und nun schien mir, daß dort oben in dem +ziehenden Nebel sich eine Gestalt über den Rand +der Grube zu mir niederneige, eine vage, zerfließende, +schweigende Gestalt, nur wie ein +Schatten. Ich strengte meine Augen an und +verhielt mich still. Als ich ganz fest hinschaute, +sah ich schließlich gar nichts mehr, und nun hätte +ich über meine dummen Einbildungen beinahe +gelacht. Es war nichts als ein Nebelstreifen gewesen, +natürlich, was sollte es denn sonst gewesen +sein? Ja, und was war mir Narren denn überhaupt +Schlimmes geschehen? War nicht diese +ganze Angst verrückt und meine Lage im Grunde +recht harmlos? Ich lag da in einer Kalkgrube, +mit verletztem Fuß und übrigens vollem Magen, +fror etwas und hatte einfach dem Morgen entgegenzusehen, +wo die Arbeiter kommen und mich +finden würden. Man würde mich hinaufholen, +auf einen Wagen bringen und nach Hause fahren. +Da, das war das ganze. War das nun so<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +etwas Gräßliches, wovor man ein Grauen haben +konnte? Ich war doch recht kindisch.</p> + +<p>Ich fing an, ganz ruhig und geduldig zu werden +und fügte mich in meine Lage mit Gleichmut. +Bald spürte ich, daß ich müde wurde. Ich lehnte +den Kopf an die Wand der Grube und schloß die +Augen. Es war mir alles gleichgültig, ich wußte +nur, daß ich sehr müde war und schlafen mußte. +Ab und zu fühlte ich noch kalte Schauer mich +überfallen. Zuweilen war mir auch, als ob mein +Herz stillstände. Dann trat mir endlich nichts +mehr in das Bewußtsein, und ich begann hinüberzudämmern.</p> + +<p>Als ich erwachte und die Augen aufschlug, war +es heller Tag. Ich hustete, fror und fühlte mich +schlecht. Mein Fuß brannte wie Feuer. Ich sah +ein, es war höchste Zeit, daß etwas mit mir +geschah, es konnte sonst leicht zu spät werden. Der +Nebel war völlig verschwunden, ein hellblauer, +strahlender Himmel leuchtete durch die viereckige +Grube zu mir herab. Plötzlich hörte ich ganz in +der Nähe Stimmen. Hallo! Ich rief, rief. Dann<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +lauschte ich. Die Stimmen brachen ab; mir schien, +sie flüsterten. Einige Augenblicke später neigte sich +der Körper eines Menschen über die Grube. Es +war unser Pfarrer im Amtsornat. Ich sehe noch +seine großen, verwunderten Augen und das +mächtige Sammetbarett auf dem blonden Kopf. +Dann drängten sich andere Köpfe vor, alle erschreckt +und erstaunt. Man holte schnell eine Leiter +und schob sie zu mir hinunter. Es kam jemand +herabgeklettert und half mir behutsam an der +Leiter auf. Nun sah ich, daß ich mich auf dem +neuangelegten Teil des Kirchhofs befand. Ich +hatte die Nacht in einem frisch geschaufelten Grab +gelegen. Man trug mich vorsichtig in das Leichenhäuschen +hinüber, damit ich dort warte, bis ein +Wagen käme. Während des Wartens sah ich +durch die Fenster des Häuschens, wie man einen +Sarg vom Leichenwagen lud und auf jene Stelle +hinabließ, wo ich die vergangene Nacht zugebracht +hatte.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span></p> +<h2><a name="Ebeth" id="Ebeth"></a>Ebeth</h2> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span></p> +<p><span class="dropcap">A</span>n einem Herbsttag, als die Ahornblätter in +der Sonne wie Kupfer waren, sah ich +Ebeth das erstemal. Es war in einem Vergnügungsgarten +vor den Toren der Stadt. Sie +fuhr mit einer Freundin auf einem von Glasbehängen +überglitzerten Karussell, zu dem eine +Drehorgel spielte, in den Akkorden der Melancholie. +Die Mädchen aßen Schokolade, sie saßen +lachend quer über glotzäugigen Holzpferden da, +und an Ebeth floß ein weißes, welliges Kleid +herunter. Sie wiegte sich sacht in den Hüften, +zur Melodie des klagenden Walzers. Wie hell +und lustig war ihr Lachen, wie weich war dieses +Wiegen der Hüften, wie wallte das Kleid an +ihren schlanken Gliedern hin! Nachher tanzten +wir. Ich fühlte sie kaum beim Tanz, sie tanzte +nicht hüpfend, sondern schwebend, und man hatte +das Empfinden, daß sie einem zwischen den<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span> +Armen zerrinnen könne wie ein Gebilde aus +Nebel.</p> + +<p>Als Ebeth das erstemal zu mir kam, hatte sie +weiße Schuhe an den Füßen, und unter dem Kinn +trug sie eine blaue Schleife aus Seide, – aber +das Blau ihrer Augen war seidiger, zarter und +schimmernder. Wie sie die Arme um mich warf! +Mir war, ich sollte in einer Wolke duftender +Rosen untergehen. Wie sie dann sprach, gleich +einem zwitschernden Vogel, der Lieder singt, von +denen er nichts weiß. Ihre Lippen waren rot wie +Blutstropfen und hatten einen sanften rhythmischen +Schwung. Sie waren es besonders, die +dem Gesicht jenen schwer zu beschreibenden Reiz +verliehen, dem man nicht widerstehen konnte.</p> + +<p>Ebeth! Wenn ich an das Jahr zurückdenke, +das wir zusammen durchlebten, so ist mir, ich sähe +in einen Sommergarten mit unzähligen Blüten +und Düften und mit Sonne, in der die Flügel +schillernder Schmetterlinge gaukeln. Wenn ich +an Dich denke, so ist mir, als höre ich den warmen +Sommerwind leise wehend über die Felder treiben,<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +die rot sind von wucherndem Mohn, und ich +vernehme das geheimnisvolle Schlürfen kleiner, +lange vergangener Schritte.</p> + +<p>Wenn Ebeth kam, war Jugend, Glück und +Licht in meinem Zimmer. Bis in die Stunden +des Nachmittags arbeitete sie in einem Bureau. +Dann kam sie. Meist brachte sie Blumen mit, +zumal gelbe Rosen, die sie abgöttisch liebte. In +gewissen übermütigen Launen war sie fähig, ihr +ganzes Vermögen für diese Blüten hinzugeben. +Sie hatte gar keinen Begriff von der Bedeutung +des Geldes. Was sie hatte, gab sie ohne Bedenken +aus, auch für Fremde und selbst auf die Gefahr +hin, daß sie selber dadurch in Verlegenheit kam. +Zu Hause hatte sie Berge von Schokolade liegen, +die sie an Kinder zu verteilen pflegte. Ihr Herz litt +es nicht, daß ein armer Blinder oder Lahmer an ihr +vorüberging, ohne daß sie ihm eine Gabe zusteckte.</p> + +<p>Geradezu eine Leidenschaft aber waren die +Käufe in den Blumenläden. Sie war unverbesserlich +darin, und alles Ermahnen blieb +fruchtlos. Wenn ich ihr Vorstellungen über ihren<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +Leichtsinn machte, stand sie mit ihrem Kindergesicht +da, sah mich schweigend an, und wenn ich geendet +hatte, wußte ich, daß alles an ihr vorübergerauscht +war wie an einer Wand. Einmal, es war im +Februar, schleppte sie ein Rosenbukett von der +Größe eines Wagenrades ins Haus. Sie sei so +glücklich, sagte sie, sie möchte am liebsten allen +Menschen etwas Freundliches sagen, denn die +Sonne sei so goldig um alles draußen, und man +merke deutlich, daß der Frühling in Kürze kommen +müsse. Da habe sie sich nicht bezwingen können, +sie habe den wundervollen Strauß, der ihr aus +dem Schaufenster so verlockend entgegengelacht +habe, ohne Besinnen gekauft. Sie rankte sich an +mir auf wie eine Rebe und wühlte in meinem +Haar. Als sie sich beruhigt hatte, sagte ich ihr +wieder, wie lieb, aber wie unvernünftig sie sei. +Meine Rede wurde sehr inständig, und als ich am +Schlusse sicher glaubte, diesmal Eindruck auf sie +gemacht zu haben, sprach sie kein Wort, sondern +nahm nur meinen Kopf in beide Hände und lachte.</p> + +<p>So war Ebeth.<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span></p> + +<p>Ganz aus dem Häuschen geriet sie, wenn sie +schöne Kinder zu Gesicht bekam. Hier fand ihre +Zärtlichkeit keine Grenzen, und nicht selten machte +sie auf der Straße halt, um sich in den reizendsten +Liebkosungen zu ergehen, wenn sie einem solchen +anmutigen Wesen begegnete. Sie verstand es, +so vertraut mit Kindern zu verkehren, als hätte sie +nie in ihrem Leben etwas anderes getan. Sie +hat mir auch oft gestanden, daß es ihr sehnlichstes +Wünschen sei, solch ein Geschöpfchen ihr eigen zu +nennen, und ich weiß, daß ihr nicht selten vor +stillem Neid die Tränen nahe waren, wenn sie +eine junge Mutter mit ihrem Kinde an sich vorübergehen +sah.</p> + +<p>Für gewöhnlich freilich erinnerte sie nicht an +eine Mutter. Sie war vielmehr wie ein Kind: +unbedacht in allem, was sie tat, immer nur dem +Andrang des Gefühls nachgebend und unfähig, +über den Tag hinaus zu denken, an dem sie lebte. +Sie war von einer Offenherzigkeit, die erstaunlich +war; von einer Ehrlichkeit im Gebrauch der +Worte, die ich bewunderte. Nie hat sie mich<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span> +belogen, nie ein Gefühl geheuchelt, das sie nicht +hatte, nie hat sie mir etwas verborgen, was in +ihr vorging. Wenn wir zusammen durch die +Stadt gingen und einem Manne begegneten, +dessen Gesicht ihr gefiel, sagte sie einfach, wenn +er vorüber war: »Der war schön, findest Du +nicht?« Sie sagte es in einer Weise, daß es mich +nicht verletzen konnte. Freilich, ich war immer +erstaunt, so oft sie es sagte. Ich verstand ihren +Geschmack nicht. Die Gesichter, die ihr gefielen, +auch die weiblichen, hatten immer etwas +Stumpfes, Geistloses, und zuweilen fand ich sie +von einer bedenklichen sinnlichen Roheit, so daß +ich mich nicht enthalten konnte, Ebeth gelegentlich +zu fragen: »Sehe ich denn auch so aus?« »Nein«, +sagte sie und schmiegte sich an mich, »das ist ja +gerade das Gute, daß Du nicht so aussiehst.«</p> + +<p>Sie kleidete sich immer nett, sauber und geschmackvoll, +meist in heiteren Farben. Sie bevorzugte +weiß und blau. Einmal, im Frühling, +hatte sie sich einen kostbaren großkrempigen Hut +in diesen Farben hergestellt, der lange mein<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> +Entzücken war. Unter diesem Hute sah sie aus, +als wäre sie ein verirrtes Prinzeßchen aus dem +Märchenland. Ich fühlte, daß die Leute auf der +Straße still standen und ihr nachsahen, wenn sie +plaudernd an meinem Arme hing.</p> + +<p>Ihr Körper war so geschmeidig und wohlgeformt, +daß die Kleider immer als etwas Herabrieselndes +bei ihr erschienen. Als bade sie sich in +den dünnen, gleitenden Wellen dieser Stoffe, +welche die schwebende Leichtigkeit ihres Ganges +und den Liebreiz ihrer Bewegungen nur wenig +behinderten.</p> + +<p>Wenn wir ausgingen, gab es etwas, was wir +aufs peinlichste vermeiden mußten: nämlich einem +Fuhrwerk zu begegnen, dessen Kutscher auf die +Pferde einhieb. Wenn Ebeth sah, daß man ein +Tier quälte, geriet sie in eine heftige nervöse +Aufregung, daß sie kaum mehr zu besänftigen +war. Ich habe eine ganze Reihe von Szenen +mit ihr durchgemacht, wo sie Fuhrleute zitternd +mit den liebevollsten Worten zu bewegen suchte, +von dem Auspeitschen auf die Pferde abzulassen, und<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span> +sie konnte so rührend bitten, daß ihr Bemühen +zuweilen von Erfolg gekrönt war. Brutalere +Burschen suchte sie durch Geld zu bestechen, und +wenn alles nichts fruchten wollte, die rohen Gemüter +zu erweichen, so hatte sie in der schmerzlichen, +zuweilen wahnsinnig gesteigerten Erregung, in +der sie nichts mehr von sich selber wußte, Worte +der Beleidigung für jene Gesellen bereit, die, +wenn sie ihr gerichtlich zur Last gelegt worden +wären, was natürlich nie geschah, ihr obendrein +noch ärgerliche Strafen zugezogen hätten.</p> + +<p>Das Ende solcher Szenen war immer, daß +Ebeth körperlich auf das Jammervollste ermattet +war, quälende Atemnot bekam und mitunter noch +stundenlang nachher von Schüttelfrösten heimgesucht +wurde. Sie sah dann bleich aus wie eine +Wand, und ich ängstigte mich um sie, denn ich +wußte, daß ihre Gesundheit nur zart und besonders +das Herz nicht in Ordnung war. Darum gab ich +mir alle Mühe, sie vor jenen Erregungen zu +bewahren. Ich lag auf der Straße eigentlich +immer auf der Lauer. Sobald ich bemerkte, daß<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> +man irgendwo in der Ferne auf ein Pferd einschlug, +machte ich unter irgendeinem Vorwand +kehrt oder bog mit ihr in die nächste Seitenstraße +ein. In den meisten Fällen freilich hatte sie die Quälerei +schon eher als ich bemerkt, denn ihr Instinkt +war nach dieser Richtung erstaunlich entwickelt.</p> + +<p>Ebeths Kränklichkeiten machten mir Sorge. +Ich wußte, sie tanzte zuviel. Aber sie tanzte so +leidenschaftlich gern, daß es unmöglich war, es +ihr ganz zu verbieten. Es war ihr fast notwendig +wie Brot und Atmen. Ich wehrte so viel es ging. +Nicht selten hörte sie auch auf mich. Einmal aber +übernahm sie sich so, daß sie gezwungen wurde, +das geliebte Vergnügen auf lange hinaus ganz +zu meiden.</p> + +<p>Es war ein Frühlingsabend, lau, müde machend +und verworrene Wünsche bringend, die man nicht +zu nennen weiß. Wir saßen, es war ein Sonntag, +mit einer kleinen Gesellschaft Bekannter im +Tanzsaal eines Vergnügungsgartens, nachdem +wir nachmittags in den Wäldern gewesen waren. +Ebeth sprudelte über von Laune und Lustigkeit.<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> +Aber sie sah blasser aus als sonst. Unter ihren +viel zu glänzenden Augen lagen dunkle Schatten. +Sie hatte ein paar gelbe Rosen auf der Brust, +zu denen sie sich öfter niederneigte, um den Duft +einzusaugen. Sie tanzte unbändig und trällerte +obendrein die Melodien mit. Ich bat sie, sich mehr +zu schonen, aber sie lachte nur. Ich sah sie hinschweben +durch die Reihen der Tanzenden, verlor +mich in die heitere Grazie ihrer Bewegungen +und dachte: Kind. Da sah ich, wie sie erschlaffte, +taumelte und umfiel. Ich sprang auf, eilte hinüber, +nahm sie auf den Arm und trug sie in ein Nebenzimmer. +Sie war bewußtlos und bleich wie der +Tod. Ihr Atem röchelte. Ich knöpfte ihr die Brust +auf und besprengte sie mit kaltem Wasser. Allmählich +kam sie wieder zu sich. Als sie die Augen +aufschlug, sah sie mich groß an und erkannte mich.</p> + +<p>»... zuviel getanzt ...«, murmelte sie und +schloß die Augen wieder.</p> + +<p>»Ja«, sagte ich.</p> + +<p>»... nicht böse sein ...«, flüsterte sie, lächelte +und griff nach meiner Hand.<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span></p> + +<p>Wie hätte man ihr böse sein können? –</p> + +<p>Zuweilen gingen wir ins Theater. Auch Konzerte +besuchten wir, und hier bewies sie ein auffallend +feines Verständnis. Die Musik wirkte am +nachdrücklichsten auf sie. Es konnte geschehen, daß +sie nach einem Konzert, von dem sie besonders +heftig bewegt worden war, noch im Traum die +Melodien zu singen versuchte, die sie am Abend +gehört hatte. Wir sangen auch allerlei Lieder in +den Wäldern. Denn wir gingen viel in die dunkeln, +leise rauschenden Kiefern, die sich um die Stadt +hinziehen. Wir ließen uns auf dem hohen Ufer +des Flusses nieder, wo die wilden Enten fliegen, +sahen über den Fluß in die Ebene, ließen unsere +Augen den großen Kähnen folgen, die langsam +stromabwärts trieben, und Ebeths Hand ruhte +auf meiner Schulter. Traumhafte Stunden des +Sonnenunterganges, wo seid ihr?</p> + +<p>Es war an einem Regentage im Herbst. Wir +waren in meinem Zimmer, Ebeth lag müde und +blaß auf dem Diwan, und der Regen sickerte sanft +an das Fenster, in eintöniger Melodie. Ich saß<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span> +neben ihr, wir schwiegen beide. Plötzlich schlang +sie die Arme um mich, zog mich an sich und drückte +meinen Kopf unsinnig heftig an die Brust. Ich +sagte nichts. Allmählich wurde sie ruhiger. Dann +nahm sie auf einmal meine Hand, biß mit aller +Kraft hinein, daß das Blut kam, und wollte sich +totlachen. Die Narbe dieser Wunde ist eine der +wenigen Erinnerungen an Ebeth, die ich habe.</p> + +<p>Einige Tage später war ein Sonnentag; +dennoch sieht dieser Tag grau aus in meiner +Erinnerung.</p> + +<p>Sie kam des Nachmittags, Blumen in der +Hand, und war wie immer. Nur etwas hutsamer +schien sie und ein klein wenig ernster als sonst. +Wir tranken Kaffee, plauderten, und Ebeth nähte +etwas. Als dann das rötliche Licht der Abendsonne +in den Gardinen hing, setzten wir uns ans +Fenster und sahen den feinen, schnell dunkelnden +Wolken über den Dächern zu. Ebeths Augen +blickten schimmernd in die Ferne. Als ich genau +in sie hineinsah, fand ich, daß etwas darin war, +was ich noch nicht kannte. Wir schwiegen. Ein<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span> +paarmal war mir, als wolle sie etwas sagen. +Endlich sprach sie, ohne mich anzusehen, während +sie ein Haar von mir zwischen die Zähne nahm:</p> + +<p>»Weißt Du, daß wir uns trennen werden?«</p> + +<p>Ich fühlte einen Stich in der Brust, bezwang +mich jedoch und fragte:</p> + +<p>»Wie meinst Du das?«</p> + +<p>»Frage nicht«, sagte sie, »bist Du mir böse?«</p> + +<p>»Nein«, sagte ich, »Du darfst doch tun, was +Du willst.«</p> + +<p>Wir waren wieder still. Die Zeit rann, als +habe sie bleierne Gewichte an den Füßen. Endlich +sagte Ebeth:</p> + +<p>»Ich werde Dir öfter schreiben, – darf ich?«</p> + +<p>»Gewiß«, sagte ich und lächelte, »ich werde +es immer gern sehen.«</p> + +<p>»Du bist gut«, sagte sie. Und dann:</p> + +<p>»Komm, wir wollen in den Stadtpark gehen. +Die Abendstunde ist so schön unter den Bäumen.«</p> + +<p>Ich nickte. Sie stand auf. Ich half ihr in das +Jackett. Sie setzte den Hut auf, ich band ihr den +Schleier fest.<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span></p> + +<p>Dann gingen wir in den Park, und sie hing +an meinem Arme wie sonst. Sie plauderte vom +Meer, wo ich im Sommer einige Tage mit ihr +gewesen war, und ich merkte, wie sie sich Mühe +gab, ungezwungen und heiter zu sein. Die gleiche +Mühe gab auch ich mir. So unterhielten wir uns +recht gut, lachten sogar, und die Leute, die uns +sahen, mußten meinen, daß wir ein jungverliebtes +Pärchen seien.</p> + +<p>Wir traten in ein Kaffeehaus und tranken +etwas. Mitunter mußte ich Ebeth ansehen, verwirrt, +staunend und gewillt, mir jeden Zug ihres +Wesens deutlich einzuprägen. Als wir das Kaffee +verließen, brannten draußen die Laternen schon.</p> + +<p>»Jetzt gehe ich«, sagte sie, sah an mir vorüber +und reichte mir die Hand.</p> + +<p>»Leb wohl, Ebeth«, sagte ich.</p> + +<p>Sie wollte noch irgend etwas sprechen, aber ich +wandte mich und ging.</p> + +<p>Der Lärm der Menschen quoll um mich her. +Der Himmel war ganz dunkel geworden. Ich +schlenderte langsam durch die Straßen, dösig und<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span> +beklommen. Als ich nachher in mein Zimmer +trat, setzte ich mich einsam in die Dunkelheit, in +der noch der feine Duft ihrer Kleider war.</p> + +<p>Hin und wieder kamen Kartengrüße. Grüße +in der feinen, langgezogenen Kinderhandschrift mit +den kapriziösen Schnörkeln. Dann blieben auch +die aus, und ich hörte nichts mehr von ihr. Mein +Leben lief weiter, auch ohne sie, aber ich gedachte +ihrer oft, ihrer schwebenden Füße, ihres Leichtsinns, +ihres Lachens. An einem Wintertag, um Weihnachten, +als weiße Flocken vom Himmel trieben, +sah ich sie unvermutet wieder. Sie sah schlecht +aus, sehr blaß, müde und ein wenig verwahrlost, +was mich am meisten wunder nahm. Als ich den +Burschen sah, an dessen Arm sie hing, erschrak ich. +Es war, wie ich befürchtet hatte, eins jener +stumpfen, dabei stark sinnlichen und rohen Gesichter, +an denen sie zu meinem Unwillen schon früher +Geschmack gefunden hatte. Diesen Menschen also +liebte sie?</p> + +<p>Wieder sah ich sie lange nicht. Mir war immer, +als ob sie mir eines Tages schreiben müßte, einen<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> +armen, elenden Brief, und es gab Stunden, in +denen ich darauf geschworen hätte, daß sie mir +einen Brief von Ebeth bringen müßten, – aber +ich irrte mich.</p> + +<p>Dann freilich kam dennoch ein Brief. Nicht +von ihr zwar, sondern von ihrer Vermieterin, aus +einem der ärmlichsten Teile der Stadt. Die +Person schrieb in kaum zu entziffernden Buchstaben, +daß das Fräulein schwer krank liege und +öfter von mir spreche. Das Fräulein würde sich +gewiß sehr freuen, wenn ich sie einmal besuchen +würde. Sie sei sehr hinfällig.</p> + +<p>Ich ging hin. Es war eine armselige Kammer, +in die ich geführt wurde. Dort lag Ebeth in einer +Ecke auf schmutzigem Bett, abgemagert, mit müde +flackernden Augen, ein Bild des Jammers. Als +sie mich kommen sah, zog ein Schimmer der Freude +über ihr Gesicht. Sie streckte mir die Hand +entgegen und lächelte, indem sie meinen Namen +nannte.</p> + +<p>Dann erzählte sie. Der andere hatte sie verlassen, +gerade zu der Zeit, als sie sich Mutter<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span> +werden fühlte, was sie sich immer so innig gewünscht +hatte. Gleichzeitig habe sich ihr Herzleiden verschlimmert, +wozu wohl besonders die vielen erregten +Szenen mit jenem Manne beigetragen hätten, den +sie so liebe. Denn sie liebe ihn noch immer unbeschreiblich +und werde niemals von dieser Liebe +lassen, da er ihr das Teuerste auf der Erde sei. +Sie habe ihre Arbeit aufgeben müssen und liege +nun hier bei einer herzlosen Frau, die ewig mißgelaunt +sei, ihr schlechtes Essen gebe und nur darauf +ausgehe, sich an ihr zu bereichern. Jetzt sei sie +so weit, daß sie nichts mehr bezahlen könne, und +um das kommende Kindchen, daß doch nur neue +Kosten verursachen werde, trage sie die größte +Sorge. Sie sei von allen verlassen, fühle sich +krank wie nie und glaube, daß sie sterben müsse.</p> + +<p>Sie weinte.</p> + +<p>Ich gab mir Mühe, ihren Mut wieder aufzurichten, +machte ihr Vorwürfe, daß sie sich nicht +längst an mich gewendet habe und versprach ihr, +daß sie aus diesen Verhältnissen herausgenommen +und vor allem der sorgfältigen Behandlung eines<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span> +Arztes unterstellt werden solle. Dann werde alles +wieder gut werden.</p> + +<p>Ihre Dankbarkeit war rührend. Sie suchte +meine Hände zu küssen, was ich verhinderte. Ja, +sagte sie, nun hoffe sie auch noch einmal, sie werde +bestimmt wieder gesund werden, sie wolle sich dazu +zwingen mit allen Kräften, die ihr noch zu Gebote +ständen, und wenn es erst erreicht sei, werde sie +auch den Andern wiedersehen, und wenn sie wieder +hübsch wäre, werde er sie auch wieder lieben. +Dieser Gedanke schien der Gipfel aller ihrer +Hoffnungen zu sein.</p> + +<p>»Kannst Du ihn nicht vergessen?« fragte ich.</p> + +<p>»Nein«, erwiderte sie, mit einem seligen Glanz +im Auge, »ich weiß zwar, daß er schlechter ist +als irgendeiner und tausendmal schlechter als +Du, – aber für mich ist er das Liebste und +Schönste in der Welt.«</p> + +<p>Ich ließ sie in eine saubere Wohnung schaffen, +sie erhielt eine Diakonissin zur Pflege, der Arzt +ging täglich zu ihr. Gleich nach seinem ersten +Besuch hatte ich eine Unterredung mit ihm, in<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> +der er mir mitteilte, daß sie sterben müsse, da das +Leiden schon zu weit vorgerückt sei.</p> + +<p>Es wurde auch nicht wieder besser mit ihr. +Sie wurde zwar zufrieden und in gewisser Hinsicht +glücklich, aus Freude an der Reinlichkeit um sich +her, an der liebreichen Pflege und meinen täglichen +Besuchen. Aber das Bett hat sie nicht mehr verlassen. +Sie glaubte selbst noch an Genesung. Doch +war von Tag zu Tag zu beobachten, wie ihre +Kräfte verfielen.</p> + +<p>Eines Tages, als sie sehr verzagt war, eröffnete +sie mir mit leise flehender Stimme einen Wunsch, +den zu erfüllen mir nicht leicht wurde. Sie bat +mich nämlich, zu dem Manne zu gehen, den sie +liebte, und ihn zu bitten, daß er noch einmal zu +ihr kommen möge, sie könne es vor Sehnsucht +nach ihm nicht ertragen. Sie habe auch das +untrügliche Gefühl, daß, wenn sie ihn wiedergesehen +habe, sie schneller genesen werde.</p> + +<p>Ich ging zu ihm. Von seinem Benehmen zu +mir, den Gebärden, die er hatte, den Worten, +die er in den Mund nahm, erzähle ich nichts.<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> +Nachdem ich alle Mühen aufgeboten hatte, +versprach der Mann, daß er am nächsten Tage +zu einer festgesetzten Stunde zu Ebeth kommen +werde.</p> + +<p>Ich war zu der betreffenden Zeit bei ihr. Sie +ordnete sich mit zitternden Händen das Haar, +glühte vor Erwartung und sah ihm entgegen wie +eine Braut dem Bräutigam. Als es klingelte, +öffnete ich und ließ ihn in Ebeths Zimmer. Ich +blieb draußen im Korridor. Ich hörte einen kleinen, +erleichterten Aufschrei, als er eintrat. Nach fünf +Minuten ungefähr kam er wieder heraus, schritt +stumpf an mir vorüber und verließ die Wohnung. +Ich ging zu Ebeth hinein. Sie lag mit dem Kopf +nach der Wand zu, wie eine Tote. Nie ist mir +ein Mensch bejammernswerter erschienen als sie +in diesem Augenblick. Ich trat an das Fenster und +sah in den Frühsommertag, durch den das freudlose +Treiben der Großstadt flutete. Dann hörte +ich, wie Ebeth sich bewegte. Ich trat zu ihr, setzte +mich neben sie und ergriff ihre Hand. Schüttelfröste +wallten über sie hin, während sie das Gesicht<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span> +in den Kissen verbarg. Als sie ruhiger wurde, +merkte ich, wie der Schlaf kam, sie zu umfangen. +Ich blieb bei ihr, ihre magere Hand in meiner, bis +sie erwachte, als es dunkel war.</p> + +<p>Drei Tage später, am Vormittag, wurde ihr +Zustand so schlimm, daß man mich holen ließ. +Der Arzt war schon da. Er gab mir ein Zeichen, +daß es zu Ende gehe. Ich setzte mich zu ihr auf +die Bettkante, sah in ihre großen, brennenden +Augen, küßte noch einmal die Stirn der Lebenden +und ihre Hand. Sie war auffallend unruhig, +in einer dunklen Vorahnung des Kommenden. +Aus ihren armen hastigen Bewegungen waren +tausend letzte Wünsche zu erkennen. Ich fragte, +ob ich ihr irgend etwas zuliebe tun könne. Sie +schüttelte den Kopf. Ob sie noch irgendeinen +Menschen zu sehen wünsche, den sie gern habe, +eine Freundin oder einen Freund.</p> + +<p>»Nein«, flüsterte sie.</p> + +<p>Dann hauchte sie nur noch ein einziges Wort, +das ich nicht verstand, während ihre Augen schon +geschlossen waren. Zwei Stunden später starb sie<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span> +in meinen Armen, bewußtlos, das Kind unter +dem Herzen.</p> + +<p>Zweimal im Jahre besuche ich ihr Grab, im +Mai und im Herbst. Im Mai höre ich dort die +Nachtigall schlagen, im Herbst sehe ich die Blätter +von den Linden treiben, sehe die letzte gelbe Rose +über Ebeth welken und denke an den fernen +Oktobertag, da ich sie zum ersten Male sah, +lachend, in weißem Kleid.</p> + +<p>Auf ihrem Grabstein steht nur »Ebeth«, mit großen Buchstaben +in Gold.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span></p> +<h2><a name="Die_Hochzeit_des_Freundes" id="Die_Hochzeit_des_Freundes"></a>Die Hochzeit des Freundes</h2> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span></p> +<p><span class="dropcap">F</span>ridolin war jung, lang und hellblond. Etwas +Ruhiges war in seinem Wesen. Er war zu +besonnen, um sich von einer Leidenschaft knechten +zu lassen, und zu leichten Sinnes, um sich über +eine Torheit zu erregen, die er begangen hatte.</p> + +<p>Auf das engste vertraut fühlte er sich mit der +Schönheit des Meeres. Er meinte, daß es nichts +Größeres, Rätselvolleres und doch dem Fühlen +des Menschen Vertrauteres gäbe als diese in +ewigem Wechsel sich erneuende Bewegung, und +daß es nichts gäbe, was einen tieferen Frieden +und zugleich eine so herrliche Lust an der Fülle +des Daseins verliehe. Am Meere trieb er sich +oft herum. Hier schien ihm alles verklärt von +einem unbeschreiblichen Glanz: der spritzende +Gischt wie das wehende Dünengras und die unheimlichen +Vögel, die den Strand bevölkern; +der scharfe Geruch von Salz und trocknenden<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span> +Fischen, der Strandhafer und die Disteln, mit +denen der Westwind spielt; das Mondlicht, das +über das dunkle Wasser hinschillert, mit unzähligen +blitzenden Klecksen; und jene göttlich faulen +Stunden, da man, die brennende Pfeife im Munde, +in einsamen Booten liegt, ziellos dahintreibt und +mit wunschlosen Augen in den Himmel schaut.</p> + +<p>Was die Liebe anlangt, so ist zu sagen, daß +ihn am ehesten jene Mädchen entzündeten, aus +deren gerade erwachenden Augen das blaue Frühlingsleuchten +strahlt, das von den Blüten des +Sommers noch nichts weiß; jene, deren zaghaft +gegebene Hand ein reicheres Geschenk bedeutet +als das Glühen der Wissenden, und die, wenn +sie tanzen, wie junge, im Wind bewegte Zweige +sind. Das Ende seiner Neigungen freilich war +immer bitter, denn es war die Entsagung. Er +hatte noch keinen Sinn dafür, daß es hold sei, +das eigene Leben mit einem andern dauernd zu +verketten. Er war zu sehr in seine Jugend verstrickt, +und sein Freiheitsgefühl war viel zu +groß, als daß er sich schon hätte entschließen<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span> +können, einen mit Obacht vorgeschriebenen Weg +zu gehen.</p> + + +<p><br />Er hatte einen Jugendfreund mit Namen Wilibald. +Dieser war jetzt Leutnant in einem pommerschen +Infanterieregiment und hatte sich mit +der Tochter eines hinterpommerschen Gutsbesitzers +verlobt. Die Hochzeit stand nahe bevor. Fridolin +erinnerte sich einer hübschen Szene aus der Kindheit, +wo er mit dem Freunde in einem blühenden +Hollunderbusch gesessen hatte, in dem sie, +mit ernster Miene Zigaretten aus Kartoffelkraut +rauchend und unendlich wichtige Gespräche über die +Zukunft führend, sich das Wort gegeben hatten, daß +einst der eine auf der Hochzeit des andern zugegen +sein werde. Nun machte sich Fridolin auf, um an +der Hochzeitsfeier seines Freundes teilzunehmen.</p> + +<p>Er reiste mit einem andern Jugendgenossen, +Paul, der auch geladen war. Es war im März, +und nach langen Regentagen waltete der Vorfrühling +in seiner ganzen Schönheit. Die Luft +war erfüllt von Sonne und tausend seltsamen<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span> +süßen Ahnungen. Die werdende Natur schien +mit Schleiern von Gold behangen zu sein, nachdem +das Auge sie wochenlang nur in Grau gesehen +hatte. Paul und Fridolin saßen plaudernd +im Zuge, der sie nach Norden trug. Sie ergingen +sich in bunten Erinnerungen, und die Tage ihrer +Kindheit standen so klar vor ihnen auf, als +hätten sie sie gestern erst preisgegeben.</p> + +<p>Fridolin blickte durch das geöffnete Fenster des +Zuges, durch das die Sonne hereinkam, in die +vorüberfliegende Landschaft. Er war überrascht +von dem, was er sah. Er hatte gemeint, auf +dieser Reise in die ödesten Bezirke zu geraten, +und nun sah er sich unvermutet von einer Natur +umgeben, die mit seinem landschaftlichen Fühlen +im schönsten Einklang stand. Ein wundervoll +blauer Himmel lag über der Erde, und die +Strahlen der lange entbehrten Sonne umwoben +jedes Ding mit einem goldhaltigen Schimmer. +Braune Heideflächen, aus denen einzelne Birken, +von dem ersten Glanz des kommenden Laubes +verklärt, hervorragten, wechselten mit kleinen<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span> +Nadelwäldern, Ackerstreifen und fetten Wiesen +ab. Dann flog der Zug an Mooren vorbei, in +deren schwarzen Lachen die Sonne wie bleiches +Silber lag. Aufgeschichtete Torfhaufen sah man, +und die vereinzelten Bäume, die sich aus dem +Moor aufreckten, waren verkrüppelte Wesen von +spukhafter Form, die, so dachte Fridolin, wenn +man sie im Mondlicht sähe, etwas Furchterregendes +haben müßten. Hier und da stand ein bemooster, +grünlich schimmernder Windbock und +ließ seine Flügel treiben. Über die Wiesen schritt +der Storch. Einzelne Gehöfte, von Linden oder +Eschen umgeben, die sie gegen die Winde schützten, +lagen malerisch durch das Land verstreut. Verblüffend +waren die kleinen Seen, die zuweilen +auftauchten. Ihr Wasser war so märchenhaft +blau, daß es schien, ein Stück des Himmels sei +in sie hineingefallen.</p> + +<p>Blau und Gold waren die herrschenden Farben +in der Landschaft. Die Höhen, die in der Ferne +auftauchten, waren ultramarin. Fridolin war +es, er schaue in eine Wunderwelt.<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span></p> + +<p>Am späten Nachmittag, als die Farben matter +wurden und sich ein feines, langsam zunehmendes +Grau überall einzumischen begann, kam die kleine +Station, auf der man aussteigen mußte. Fridolin +lehnte, als der Zug einlief, aus dem Fenster, um +Auslug zu halten. Der Bräutigam, in Uniform +mit Pelzkragen, stand auf dem Bahnsteig und +winkte. Die beiden Freunde waren nicht die +einzigen, die den Zug verließen. Noch etwa fünf, +sechs andre Wagentüren öffneten sich, und Herren +mit Hut- und Helmschachteln, auch mehrere Damen +stiegen aus. Wilibald begrüßte die einzelnen, +stellte vor und überwies das Gepäck an die +Diener. Dann ordnete sich die kleine, bunt +zusammengewürfelte Kolonne in einer Reihe +draußen wartender Landauer, die sie dem ungefähr +eine Stunde entfernt liegenden Gutshof +zuführen sollte.</p> + +<p>Die Führung übernahm eine Jagdkalesche. Ein +Paar schwarzbrauner Traber zog sie. Wilibald +saß auf dem Bock und hatte die Zügel in Händen. +Neben ihm saß Fridolin. Hinter ihnen<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> +ein Bruder der Braut, Paul und eine Reihe +Leutnants.</p> + +<p>Erst kam eine Pappelchaussee. Rechts und +links, auf hügeligem Gelände, dehnte sich Feld +und Heide. Ein kräftiger Wind strich von den +Feldern her. Wilibalds Augen glänzten. Er +knallte die Peitsche über die Gäule hin, sah +zwischen den nickenden Köpfen durch und schien +an etwas Fernes zu denken. Plötzlich kehrte er +das Gesicht zu dem neben ihm sitzenden Freunde +und blitzte ihn mit goldenen Augen an.</p> + +<p>Da sprach Fridolin:</p> + +<p>»Sie hat blaue Augen, und in ihrem Haar ist +ein Ton wie Bernstein. Habe ich recht?«</p> + +<p>Wilibald nickte.</p> + +<p>»Das Schönste ist ihr Lachen«, erwiderte er, +»Es ist wie ein Quell unter Blumen. In einer +halben Stunde sind wir bei ihr.«</p> + +<p>Der Wagen bog in einen sandigen Feldweg +ein, um einen Hügel herum, und nun fuhr man +auf einmal mitten in die untergehende Sonne +hinein. Sie ging ganz ohne Strahlen hinüber,<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span> +gleich einem riesigen Blutstropfen, der in einer +bläulich dunstigen Atmosphäre hing. Auf einer +Höhe rechts von dem roten Gestirn türmte sich +ein armseliges Dorf empor, in wilden Linien. +Weiße Häuser und hochragende Dächer aus +Stroh. Eine alte, dickköpfige Kirche krönte +das Ganze.</p> + +<p>»Das ist Garzigar«, erklärte Wilibald, indem +er mit der Peitsche hinüberwies. »In der Kirche +findet morgen die Trauung statt. Heute machen +wir noch einen Bogen darum.«</p> + +<p>Fridolin war entzückt von diesem alten, hochgebauten +Nest, das, die mächtige Sonne zur +Linken, wie eine trotzige Faust aus der Einsamkeit +der Heide ragte.</p> + +<p>»Ich bin starr«, sagte er, »Ihr habt Punkte +in diesem Lande, die unbeschreiblich sind. Wenn +ich Maler wäre, hier ließe ich mich nieder.«</p> + +<p>Wilibald nickte. »Das Land ist schöner als +man ahnt. Sind Dir die blauen Töne der +Ferne aufgefallen? Sie verschwinden fast nie.«</p> + +<p>»Wie Ultramarin«, sagte Fridolin.<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span></p> + +<p>»Die Farbe kommt von der Feuchtigkeit der +Moore und von der Nähe des Meeres. ›Das +blaue Ländchen‹ heißt die Gegend im Munde +der Leute. An manchen Tagen ist das Blau so +fabelhaft, daß man mit dem Finger hineintauchen +möchte, in der Meinung, daß es abfärben müßte.«</p> + +<p>»Sieh jetzt die Sonne hinter den Birken. +Wundervoll.«</p> + +<p>»Gleich ist sie hinüber. Jetzt taucht auch +Obliwitz auf, unser einsamer Gutshof. Dort +neben dem Wäldchen die weißlichen Häuser. +Auf dem höchsten weht eine Fahne.«</p> + +<p>Ein Hohlweg kam. Hinter ihm tat sich ein +Moor auf, mit verkrüppelten Kiefernbeständen +und halb verfallenen Hütten. In den schwarzen +Pfützen blänkerte die Abendröte.</p> + +<p>Ein Volk Avosetten fuhr auf und stürmte über +das Moor in die Dämmerung. Ein Hund schlug +an und hörte nicht mehr auf mit Belfern. Man +fuhr an kleinen, strohgedeckten Arbeiterhäusern +vorüber, die etwas abseits von dem Gutshof +lagen. Die feiernden Leute standen vor den Türen<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span> +und zogen die Mützen. Eine mit Tannengrün +und Feldblumen umwundene Ehrenpforte wölbte +sich über den Weg. In großen bunten Lettern +trug sie die Inschrift: »Willkommen«. Mit +Hurrarufen fuhr man darunter hinweg. Wenige +Minuten später bog man rasselnd in den weitläufigen +Gutshof ein.</p> + +<p>Im Herrenhause brannten schon die Lichter. +Der Vater der Braut stand vor der Tür und +begrüßte die Ankommenden. Sein Verwalter, +ein junger, blonder Mensch, stand neben ihm. Im +Hause wimmelte es schon von Gästen. Während +Paul und Fridolin den Korridor des Seitenflügels +passierten, rauschte eine Wolke junger +Mädchen in hellen Kleidern an ihnen vorüber. +Die Freunde nahmen ein gemeinsames Zimmer +in Beschlag, säuberten sich und zogen sich um.</p> + +<p>Während Paul sich rasierte, klopfte es.</p> + +<p>Fridolin öffnete, der Bräutigam trat herein, +im Überrock.</p> + +<p>»Ihr müßt so fürlieb nehmen«, sagte er, +»Es sind der Gäste zuviel. Wenn Ihr Wünsche<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span> +habt, wendet Euch an meinen Burschen. Morgen +spielt Ihr Brautführer. Paul ist für diesen +Zweck ein Fräulein Gleiß zugefallen, braunhaarig +und lustig, mit hübschen Augen. Du, +Fridolin, führst eine große, blonde. Heute erkennst +Du sie an einem blauen Kleid. Asta von +Sebnitz heißt sie.«</p> + +<p>»Oho!« machte Fridolin, »das klingt ja ganz +feudal.«</p> + +<p>»Ist es auch«, entgegnete Wilibald. »Ostpreußischer +Adel, kühl und hochmütig. Du wirst +ja sehen. Jetzt muß ich weiter. Macht schnell +und erscheint bald. Adio!«</p> + +<p>Er stieß ein übermütiges Gejubel aus und +verschwand.</p> + +<p>Bald darauf begaben sich Paul und Fridolin +in die Gesellschaftsräume. Wilibald führte sie +erst zu seiner Braut hinüber, die ein taubengraues, +mit rosa Seide durchsetztes Kleid angelegt +hatte und, indem sie sich sicher, aber durchaus +mädchenhaft bewegte, ungemein reizend aussah.</p> + +<p>Dann wurde weiter vorgestellt. Den Verwandten,<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span> den älteren Herrschaften, den jungen Mädchen. Als + alles vorüber war, zog sich Fridolin in eine Fensternische zurück. + Er sah durch die unverhüllten Scheiben auf den dunkelnden Hof, wo ein Knecht + ein paar Pferde in den Stall führte und zwei Frauen blanke Eimer mit Milch + trugen. Dann hielt er im Zimmer Umschau. Von den Namen hatte er so viel wie + nichts verstanden. Gern hätte er gewußt, wo die Dame sei, die er + morgen zu Tisch führen sollte. Ein blaues Kleid sollte sie tragen. Er sah + keins.</p> + +<p>Paul trat zu ihm, nahm seinen Arm, und sie +gingen ins Nebenzimmer. Hier schien der Tummelplatz +der Jugend zu sein. Man lachte, plauderte, +und kleine Gläser mit Sherry wurden herumgereicht. +Die Freunde nahmen an dem Tischchen +Platz, an dem die Braut und der Bräutigam +saßen. Ein Diener bot Zigaretten an. Fridolin +nahm eine zwischen die Lippen, beugte sich +zu Wilibald hinüber und fragte:</p> + +<p>»Du, wo ist eigentlich dies Fräulein Asta?«<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span></p> + +<p>Wilibald sah sich um, dann sagte er:</p> + +<p>»Dort drüben. Die Schlanke in Blau.«</p> + +<p>Fridolin sah hinüber. In demselben Augenblick +berührten sich Astas Augen mit den seinigen. +Aber nur flüchtig und offenbar zufällig. Sie +blieb dabei im Gespräch mit den andern.</p> + +<p>Sie saß auf einem niedrigen englischen Lehnstuhl, +in etwas lässiger Haltung. Ihr Haar, von +einem eigentümlich silberigen Aschblond, hing ihr, +zu einem dicken Knoten geordnet, im Nacken. Sie +trug ein einfaches blaues Kleid, ohne Schmuck. +Die Bewegungen ihrer Glieder zeigten eine vornehme +Ruhe, und um den feinen Mund, dem +man es ansah, daß er viel und gern zu schweigen +pflegte, lag ein stiller Ausdruck des Stolzes und +eine süße, seltsame Herbheit.</p> + +<p>Fridolin sah sie im Profil, und zwar fast die +ganze Gestalt. Sie schien schlank zu sein wie +eine Gerte und zerbrechlich wie Glas. In der +einen Hand, die schmal und matt über die Lehne +des Stuhles hing, hielt sie eine Rose von dunkler +Glut. Sie paßte nicht zu ihr. Fridolin hatte<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> +das Gefühl, als hätte diese Blüte von dem +zartesten Gelb sein müssen.</p> + +<p>Er folgte jeder Linie ihres Körpers mit Obacht +und bemühte sich, jede Einzelheit ihres äußeren +Wesens in den Schatz seiner Erinnerung aufzunehmen. +Plötzlich wurde er verwirrt. Es war +ihm auf einmal ganz deutlich, als schöbe sich +etwas in die Luft, das seine Fäden zwischen ihm +und jenem Mädchen zu spinnen begann. Er +machte eine kleine, verlegene Bewegung, errötete +ein wenig, sah schnell fort und wandte sich plaudernd +an den Bräutigam. Dann mußte er doch +wieder hinüberblicken. Sie hörte mit Lächeln +einem älteren Herrn zu und roch zuweilen vergnüglich +an der Rose. Fridolin wollte durchaus, +daß sie ihn ansah. Sie tat ihm den Willen +nicht. Er versuchte es mit aller Gewalt durch +die Energie seines Blickes zu erzwingen. Sie +dachte gar nicht daran, zu ihm hinüberzusehen.</p> + +<p>Ein Diener meldete, daß serviert sei. Alles +erhob sich. Zwei große, mit Blumen überschüttete +Tafeln waren gedeckt, eine für die Jugend, eine<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span> +für das Alter. Man setzte sich. Fridolin kam +an die Seite eines älteren Mädchens. Er suchte +nach Asta und fand sie am andern Ende des +Tisches. Sie streifte ihn während der Dauer +des Mahles mit keinem Blick. Er hatte das +Gefühl, daß es Absicht sei. Sie hatte hin und +wieder ein reizendes Lächeln über die Dinge des +Gesprächs, wobei der eigentümlich herbe Zug um +ihre Lippen nicht verschwand. Sonst war ihr +Wesen Ruhe und Gelassenheit. »Du sollst mich +noch ansehen«, dachte Fridolin voll Trotz, »Du +sollst es noch spüren, wie der Stolz und die +Ruhe in Deiner Brust zerbrechen gleich einem +Gebäude aus Glas.«</p> + +<p>Nach Tisch verteilte man sich wieder in den +verschiedenen Zimmern. Als Kaffee herumgereicht +wurde, trat Fridolin kurz entschlossen auf Asta +zu und sprach:</p> + +<p>»Ich werde das Vergnügen haben, Sie morgen +zu Tisch zu führen.«</p> + +<p>Sie maß ihn etwas verwundert mit den +Augen.<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span></p> + +<p>»Ah –« machte sie, ohne daß sie Lust zu +haben schien, sich in eine Unterhaltung mit ihm +einzulassen. Sie roch an der Rose in ihrer +Hand, blickte an ihm vorüber und nickte dem +Bräutchen zu, das drüben in einem Ring junger +Mädchen saß.</p> + +<p>Fridolin schwieg absichtlich. Da sah sie ihn +wieder mit ihren ruhigen Augen an, und in +diesem Blick lag die Frage: Weißt Du sonst +nichts zu sagen?</p> + +<p>Fridolin dachte: Das ist doch stark. Dann +fing er mit Absicht vom Wetter zu sprechen an, +was sie mit Gleichgültigkeit über sich ergehen ließ.</p> + +<p>Während der kleinen szenischen Aufführungen, +wie sie an Polterabenden üblich sind, stand er im +Hintergrund, kaute nervös an seinem Schnurrbart +und hatte ungleich mehr auf die Schönheit +eines blassen Profiles acht als auf die dargestellten +Dinge, welche die andern belachten. Astas fein +geäderte Schläfen fielen ihm auf. Es war ihm +ein wohliges Gefühl, zu verfolgen, wie sich ihr +matter Glanz langsam in das üppige Haar verlor.<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span></p> + +<p>Nachher kam er noch einmal in ihre Nähe. +Ein kleiner Kreis hatte sich auf niedrigen Polsterstühlen +zusammen getan, und einige Mädchen +pafften Zigaretten in die Luft. Die Braut hatte +einen braunen Jagdhund hereingelassen, ihren +Liebling, den jeder zu verhätscheln bestrebt war. +Am meisten schien er sich zu Asta hingezogen zu +fühlen, die auch am besten mit ihm umzugehen +wußte. Während sie ihm freundlich über Kopf +und Rücken fuhr, griff auch Fridolin nach ihm. +Er tat es zu lebhaft, und das Tier stieß einen +Kleffer aus. Asta sah den Ungeschickten strafend +an, stieß seine Hand fort und sagte barsch:</p> + +<p>»Lassen Sie den Hund.«</p> + +<p>Fridolin richtete sich auf und maß sie mit +kühlem Auge. Er fühlte sich nicht veranlaßt, +irgend etwas zu entgegnen. Es reizte ihn und +wurde ihm bald eine heimliche Freude, sie ebenso +rauh und abweisend zu behandeln, wie sie ihn.</p> + +<p>Die Damen zogen sich zur Ruhe zurück. Die +Herren gruppierten sich noch um eine gemeinsame +Tafel, rauchten und tranken Bier, russischen<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span> +Kümmel und Danziger Goldwasser. Als es eins +schlug, gingen auch sie auseinander, um sich für +den folgenden Tag ihre Frische zu bewahren.</p> + +<p>Fridolin wurde, während er zu Bett lag, das +Gefühl von Astas heftig stoßender Hand nicht +los. Es war klar, sie hatte es mit Absicht vermieden, +freundlich zu ihm zu sein. Er sah nachdenklich +einem viereckigen silbernen Flecken zu, +der langsam über die Tapete wanderte, ein Stück +von dem Mondlicht, das durch die unverhangenen +Scheiben fiel. Dann lächelte er, schloß die Augen +und schlief langsam ein.</p> + +<p>Nicht weit von ihm war das Zimmer, in dem +Asta schlief. Sie war voll Unruhe, wachte mehrmals +auf, sah immer dieselbe lange, biegsame +Gestalt mit den ruhigen Augen, wollte sie +nicht sehen, biß sich die Lippen wund und lauschte +auf den Frühjahrswind, der draußen in kurzen +Stößen durch den Garten fuhr.</p> + + +<p><br />Für den Mittag des nächsten Tages war die +Trauung angesagt. Asta erschien in rosa Seide.<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span> +Sie sah blasser aus als gestern. Um den Ausschnitt +der Brust zog sich ein feiner Gazeschleier, +und ein Hals kam zum Vorschein, schlank und +zart wie der Stengel einer Blüte. Fridolin trat +zu ihr und reichte ihr einen Strauß aus weißen +Rosen. Sie drückte ihn wohlig an ihr Gesicht und +warf Fridolin einen Blick entgegen, über den er +erschrak. So hatte sie ihn noch nicht angesehen.</p> + +<p>»Welch schöne Blumen«, sagte sie. Sie vergrub +sich ganz hinein und sog den Duft auf.</p> + +<p>Fridolin schwieg. Sie warf einen Pelz über, +und er half ihr in einen der Landauer, die zur +Kirche fuhren. Noch ein andres Paar saß mit +in dem Wagen. Sie waren ziemlich die letzten, +die in der kleinen Kirche anlangten. Bald kam +das Brautpaar, man ordnete sich, und während +die Orgel einsetzte und die Kinder auf dem Chore +sangen, schritt man langsam nach vorn an den +Altar. Asta hing am Arme Fridolins. Er fühlte +sie kaum. Sie ging gerade aufgerichtet, sehr stolz +und sehr ruhig. Er sah mit flüchtigem Blick ihr +Profil, das feine Kinn, die süßen Schläfen, den<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span> +Hals. Da erlaubte er sich, ihren Arm ein wenig +fester an sich zu drücken. Sofort fühlte er, daß +der Zug um ihre Lippen noch herber wurde.</p> + +<p>Dann standen sie am Altar nebeneinander. +Das Gefühl, sie so dicht an seiner Seite zu +haben, beglückte ihn. Nach einer Weile flüsterte +sie: »Mich friert.« Fridolin sah sich um, bemerkte +einen Offiziersmantel über einem Stuhl, +nahm ihn und legte ihn um Astas Schultern. +Nun war es reizend zu sehen, wie sie in diesem +Mantel, der sie so gut kleidete, dastand, gerade +und schlank, blauen Auges, jung, schön, einer +spröden Knospe vergleichbar.</p> + +<p>»Schöner als jetzt«, sagte Fridolin leise, +»können Sie niemals sein.«</p> + +<p>Sie tat, als höre sie ihn nicht. Doch rieselte +etwas durch sie hin, lau und wohlig, und sie +fühlte, es drohte etwas umzukippen in ihr. Für +einen Augenblick freilich nur.</p> + +<p>Der Prediger sprach und die Orgel klang, +und die Kinder sangen mit hellen Stimmen, +und die goldne Sonne fiel durch die bunten<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span> +Scheiben auf die Fliesen um den Altar her, +und dann fuhr man lachend, von jagenden +Pferden gezogen, nach Hause zurück, und durch +dies alles hindurch brauste es in Fridolin: +Asta, Asta, Asta!</p> + +<p>In ihr war alles wieder aufgerichtet, stolz +und still.</p> + + +<p><br />Als sie nachher bei Tisch nebeneinander saßen, +quälten sie sich mit Worten ab, von denen sie beide +fühlten, daß sie klanglos, leer und nur gesprochen +waren, um ein gänzliches Schweigen zu verhindern. +Er beobachtete ihre feinen, zerbrechlichen +Handgelenke und dachte dabei an Porzellan. Auch +an den Vorfrühling mußte er denken, der draußen +sein Wesen trieb. Dann nahm er sein Glas und +hob es ihr entgegen.</p> + +<p>»Auf unsere Jugend!« sagte er.</p> + +<p>»Ja, Jugend«, erwiderte Asta, »es klingt wie +Reichtum und Sehnsucht. Heut sind wir traurig +und voll unklarer Wünsche, und morgen möchten +wir mit den Lerchen in den Himmel steigen, möchten<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span> +umarmen und zerdrücken, was um uns ist, – und +unser Übermut ist grenzenlos.«</p> + +<p>»Ich kenne diese Stimmung«, sprach Fridolin, +»wenn ich sie habe, laufe ich zu meinem Freund, +rüttle ihn und brülle ihn an, daß er meint, ich sei +irrsinnig. Es ist wie eine Befreiung.«</p> + +<p>»Und dann die Stunden des Hochmuts ...«</p> + +<p>»So waren Sie gestern abend.«</p> + +<p>»Das ist nicht wahr«, sagte sie ernst. Dann, +nach einer Pause: »Ich wollte Ihnen nur die +Richtung geben, wie Sie sich zu mir verhalten +sollten.«</p> + +<p>»Sie waren schrecklich. Habe ich das verdient?«</p> + +<p>»Ja. Vielleicht sollte ich auch jetzt nicht anders +zu Ihnen sein.«</p> + +<p>»Warum?«</p> + +<p>»Weil ich zu wissen glaube, wer Sie sind. Ich +glaube, es sind Mauern, die sich zwischen meinem +und Ihrem Gefühl erheben. Sie verstehen die +Mädchen vielleicht zu lieben, – ihre Liebe zu achten +verstehen Sie nicht.«</p> + +<p>Fridolin war erstaunt. So offen hatte man<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span> +noch nicht zu ihm gesprochen. Eine Pause trat +in der Unterhaltung ein. Sie sah ihn an und +mußte lächeln.</p> + +<p>Der Jagdhund war wieder im Zimmer, strich +zu Asta hin und schmiegte sich an ihre Füße. +Sie neigte sich und fuhr mit der Hand liebkosend +über sein Fell. Auch Fridolin tat, als streichle +er das Tier. In Wirklichkeit aber griff er nach +Astas Hand, löste sie energisch von dem Fell des +Tieres los und hielt sie fest. Sie ließ es geschehen, +ihr war, als müßte sie ihm wehren, aber ein +schlaffes, willenloses Gefühl beherrschte sie. So +saßen sie eine Weile, schweigend, Hand in Hand, +während die andern meinten, daß sie mit dem +Hunde beschäftigt seien. Fridolin sprach leise durch +die Zähne hin: »Asta«. Da war es, als besänne +sie sich wieder; als bäume sich etwas in ihr auf. +»Lassen Sie mich los!« flüsterte sie energisch, indem +sie sich aufreckte. Und als Fridolin sich nicht +bequemte, ihrem Verlangen nachzukommen, noch +einmal und heftiger: »Lassen Sie mich los!«</p> + +<p>Fridolin gab die Hand frei. Sie sahen sich<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span> +nicht an, und eine Weile sprachen sie nichts. Dann +kamen wieder die gleichgültigen Worte. Hinter +diesen aber brannte es rot in Fridolin: Ich liebe +Dich! – und sein Gefühl war wirr und dunkel. +Er wußte, hier war etwas seltsam Hohes und +Keusches, etwas, von dem er fühlte, daß man es +lieben könnte sein Leben lang; dann aber sah er +blitzschnell Fesseln und enge Wege vor sich, und +»Freiheit! Freiheit!« sang sein Herz. Und auch +in Asta sah es wirr aus. Wie ein Bach im +Frühling rauschte es in ihr; aber machtvoll trotzte +sie dagegen auf: »Ich will nicht!«</p> + +<p>Den Kaffee nahm man im Gartenzimmer, +jetzt einer Art Wintergarten, in dem Palmen und +Oleanderbäume standen. Es war fast dunkel +geworden. Für eine Weile öffnete man die Glasflügeltür, +und nun konnte man über dem Garten +das Licht der ersten Sterne funkeln sehen. Der +kühle Geruch taugenäßter Wiesen drang herein. +Eine Wiesenschnarre lärmte in der Ferne, in +harten, unmelodischen Lauten. Dann lauschte man +einem Schwarm unsichtbarer, schnellfliegender<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span> +Kraniche, die aus der dunkeln Luft herunterschrien.</p> + +<p>»Welch schöner Abend«, sagte Asta, »später +werden wir Mondschein haben.«</p> + +<p>Fridolin saß neben ihr, an einem Tischchen, +hielt eine Tasse Kaffee in der Hand und sah hinaus.</p> + +<p>»Ja«, sagte er, scheinbar abwesend.</p> + +<p>Dann, als man in der Nähe lauter wurde und +lachte, neigte er sich plötzlich zu dem Mädchen und +sprach leis, aber heftig:</p> + +<p>»Sie sind hart zu mir –«</p> + +<p>»Wie können Sie das sagen –«</p> + +<p>»Asta –«</p> + +<p>»Nennen Sie mich nicht so. Sie haben kein +Recht dazu. Was wünschen Sie?«</p> + +<p>»Ich will –«, er schwieg und biß sich auf die +Lippen.</p> + +<p>Sie lächelte und zuckte die Achseln. Dann +schüttelte sie nachdenklich das Haupt. Dann sah +sie ihn an, mit dem Ausdruck stiller Innigkeit. +Ein Wort sagte sie nicht. Aber Fridolin war es, +als sollte er jetzt niederknien, um ihre Hände zu<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span> +küssen und seinen Kopf in ihren Schoß zu legen. +Doch er beherrschte sich, und schon eine Sekunde +später hatten die dunkeln, sich widersprechenden +Gefühle wieder Raum in seiner Brust.</p> + +<p>Gerade während diese stummen Wogen zwischen +den beiden jungen Menschen hin und wieder +fluteten, trat der Brautvater in den Türrahmen, +klatschte in die Hände und rief: »Bitte tanzen!«</p> + +<p>Man hörte schon den Flügel und einige Geigen +herüberklingen. Alles stand auf und begab sich +in die größeren Zimmer zurück, wo die Tafeln +fortgeräumt waren. Einige Paare tanzten schon. +Bald entfaltete sich ein buntes Gewirbel. Fridolin +lehnte dumpf an einem Türpfosten und sah dem +Treiben zu. Er sah Asta am Arm eines Leutnants +vorüberschweben, blaß, mit niedergeschlagenen +Wimpern. Dann tanzte sie mit andern. Später, +als sie einmal ruhte, trat er vor sie hin, verbeugte +sich und gab ihr den Arm. Sie umschritten den +kleinen Saal ein paarmal, darauf tanzten sie. +Sie tanzte leicht und lässig. Fridolin meinte, +tausend blaue Blumen blühten unter seinen Füßen.<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> +Nun war er in den matten Duft ihrer Haare eingehüllt +und hörte ihr weiches Atmen und fühlte +die kleine schlanke Hand in seiner liegen.</p> + +<p>Er drückte sie an sich, mit Macht. Sie fühlte, +daß ihr Stolz nahe daran war, jämmerlich zu +zerschellen, wie ein Kahn in der Brandung der +See. Zugleich aber lohte wieder die Empörung +in ihr auf, und wieder siegte dieses Gefühl, und +sie sagte mit hartem Klang:</p> + +<p>»Sie sind kühn, ich wünsche, daß wir aufhören +mit tanzen.«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Sofort.«</p> + +<p>»Ich will nicht.«</p> + +<p>»Ich schreie, wenn Sie nicht aufhören.«</p> + +<p>Er ließ ab, führte sie auf ihren Platz, verneigte +sich und verließ dann, ohne daß es auffiel, das +Zimmer. Er warf sich einen Pelz über und ging +hinaus in die Mondnacht.</p> + +<p>Die Gebäude des Gutshofes lagen weiß wie +Milch in der kühlen Luft. Aus der Ferne konnte +man, wenn gerade ein Windhauch herüberwehte,<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span> +die Musik hören, zu der die Knechte und Mägde +tanzten, denen dieser Tag auch ein Festtag war. +Fridolin schritt über den leeren, gepflasterten Hof +und sah seinen Schatten neben sich wandern. +Er ging durch eine Pforte in das Feld und auf +ein kleines Gehölz von ragenden Kiefern zu, die +sich wie drohende Recken gegen den hellen Himmel +abhoben. Unter diesen Kiefern lag ein +kleiner Friedhof, den verstorbenen Mitgliedern +der Gutsfamilie als Ruhestätte dienend. Das +letzte der Gräber, das einige frische Kränze trug, +war noch ziemlich jung, hier hatte man die +Mutter der Braut vor nicht viel mehr als einem +Jahre eingegraben. Hohe Eisenkreuze mit gepreßten +Goldlettern standen auf den Gräbern, +überall wucherte Epheu, und auch an manchen +Kreuzen strebte er mit wilder Umarmung empor.</p> + +<p>Fridolin schritt den schmalen Weg zwischen den Gräbern hin. Er empfand + den wundersamen Frieden dieser Stätte und sah vertraulich zum Mond auf, + der mit ihm langsam durch die Kronen der Kiefern schlenderte. Dann blieb er<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span> am Rande des Gehölzes vor einem der Hügel stehen, + und nun waren es die Schatten ringsum, die ihn seltsam erfüllten. Welche + Schatten! Da waren zunächst, von übertriebener Länge und Geradheit, + die Schatten der Kiefernstämme, die sich fest und sicher weit über + das Feld hinlegten, wie Mastbäume oder wie schwarze Furchen; endlich verloren + sie sich in einem eigentümlichen Gewirr von Dunkelheit: das waren die Schatten + der Kronen. Viel unheimlicher als diese langen, toten Kiefernschatten aber waren + die Schatten der Kreuze. In ihnen nämlich schien ein verstecktes Leben + zu schlummern und nur darauf zu warten, daß es in einer geheimnisvollen + Stunde auferstünde, doch nicht ein frohes Leben, sondern ein Leben voll + düsteren Ernstes und gewaltsamer Entbehrung, ohne Lachen und ohne Licht. + Und dann glitt sein Auge auf seinen eigenen, kleinen, harmlosen Schatten über, + und er dachte daran, daß dieser Schatten ihm im Grunde ebenso fremd sei + wie die Schatten der Kiefern und Kreuze um ihn her, denn er hatte nicht den + geringsten<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span> + lebendigen Teil an ihm. Und doch vermochte nur er ihm Bewegung zu verleihen, + wenn auch kein Leben, und wäre dieser Schatten nicht, so wäre er nicht. + Und wenn man jetzt, so dachte er, dorthin, wo er selbst gerade stand, einen + andern Menschen stellen würde, einen von ihm gänzlich verschiedenen, + der nur ungefähr die gleichen Formen des Körpers hatte (oder auch + eine leblose Puppe dieser Art), so würde der Schatten, der dort läge, + dem seinen zum Verwechseln ähnlich sein, so wie die Schatten der Kreuze + einander glichen, ohne daß man den einen vom andern hätte unterscheiden + können. Während Fridolin dies bedachte, wurde ihm auf einmal siedend + heiß. Gleich darauf breitete er beide Arme aus, so daß auch sein + eigener Schatten dem eines Kreuzes glich. Wenn jetzt hier jemand käme, + dachte er, dessen Auge nicht die Dinge, sondern nur die Schatten der Dinge zu + sehen vermöchte, so würde er nicht ahnen können, daß hier + ein Mensch stünde, sondern er würde wähnen, zwischen lauter Kreuzen + zu wandern.<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span></p> + +<p>Er ließ die Arme wieder sinken, sah sein Abbild +mit einem heimlichen Mißtrauen an und +wurde unwillig über die Unruhe und das törichte +Spiel dieses Bildes, während ihn die unveränderliche +Hoheit der übrigen Schattenbilder mit +Neid und Sehnsucht erfüllte. Er nahm sie noch +einmal alle in sich auf, dann aber hatte er der +Schatten genug. Er schritt in das freie Feld +hinüber, das so hell vom Mondlicht übergossen +war, als stünde es voll weißer Blüten, und +wanderte auf einem Rain entlang, indem seine +Füße den Tau von unzähligen Gräsern streiften. +Die Felder und Wiesen schliefen, nicht eine Grille +war wach. Der Mond hing zwischen großen, +silberumrandeten Wolken. Jetzt tauchte eine die +Wiesen durchquerende, endlose Schlangenlinie +niedriger Bäume auf, in deren Zweigen das +Mondlicht wie ein silberner Schleier hing. Fridolin +unterschied, daß es Weiden waren, und als er +sie erreicht hatte, sah er, daß sie den Ufern eines +lautlos gleitenden Flüßchens folgten. Eine Holzbrücke +führte über dieses hinweg; Fridolin lehnte<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> +an das Geländer und sah in das Wasser, das +schwarz wie Tinte erschien, während es ein Ende +weiter abwärts von einem weißlichen Glanz +überleuchtet war. Er suchte erst die kaum +hörbar flüsternden Weiden und dann das geheimnisvoll +fließende Wasser mit den Augen zu +durchdringen, fühlte das lautlose Leben und die +unaufhörlich ziehende Veränderung, die unter +ihm war, und der unbeschreibliche Zauber, der +über nächtlichen Flüssen liegt, trat auf einmal +mit solcher Gewalt vor ihn hin, daß ihm sein +eigenes klopfendes Herz inmitten dieses großen, +unbegreiflichen Webens nur wie ein nichtiger +Spuk erschien.</p> + +<p>Als er jenseits über die Felder weiterschritt, +tauchten ein paar Arbeiterhäuser, hingeduckt wie +schlafende Tiere, vor ihm auf; aber ehe er sie +erreichte, kam er an einen kleinen, etwas tiefer +gelegenen, eirunden Teich. Er schritt an seinen +Rand hinab und streckte sich in das Heidekraut. +In der Mitte des Teiches lag der Mond, eine +silberne Kugel. Wenn ein Windhauch kräuselnd<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> +über die Wasserfläche fuhr, wurde aus der Kugel +ein breites Gitter von endlosen Silberstrichen. +Drüben, nicht weit vom anderen Ufer entfernt, +reckte sich ein Ziehbrunnen schräg und schwarz +gegen den Himmel und schien die Einsamkeit dieser +Stätte noch zu erhöhen. Fridolin nahm ein +Zweiglein Heidekraut zwischen die Lippen, sah +in den Teich und nach dem Ziehbrunnen hinüber +und dachte an Asta.</p> + +<p>Es war eine sinnlose Quälerei für sie beide, +und es schien ihm klar, daß es seine Pflicht war, +ein Ende zu machen. Aber wie? Er fing an, +seinen Gefühlen mit Sorgfalt nachzugehen, und +glaubte zu finden, daß er dieses stolze Mädchen +heftiger liebe als irgendein anderes zuvor. Dann +aber dachte er über die vergangenen Erlebnisse nach, +dachte an die Unzuverlässigkeit menschlicher Gefühle +und besonders der seinigen, dachte vor allem +an die unerschütterte Freude am Erleben, die noch +in ihm war und die er als einen köstlichen Besitz +empfand, und schließlich sagte er sich mit aller +Bestimmtheit: Preisgeben, preisgeben, Fridolin,<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span> +es ist die einzige Möglichkeit. Sei klug, du kennst +dich ja, bleib einsam, das Leben ist weit, und es +blühen der Rosen viele; geh fort, sei traurig +und klage; aber bleibe einsam, unbeständiger +Fridolin!</p> + +<p>Er sprang auf, riß einen kleinen Kieselstein mit +hoch und warf ihn ärgerlich in den Teich, daß es +plumpste und eine Garbe silberner Tropfen aufsprang.</p> + +<p>»Preisgeben«, murmelte er, – und dann fing +er an, sich selber gröblich zu belügen, indem er +sich vormachte, daß er vollkommen ausgesöhnt +mit diesem klugen Entschlusse sei, indem er ihn +vor sich selber als den einzig sinngemäßen pries +und so tat, als wäre diese ganze Angelegenheit +in ihm klipp und klar.</p> + +<p>Er schritt den Uferrand hinauf, blickte noch +einmal auf den Teich zurück, ging an den Ziehbrunnen, +betastete ihn, machte einen Bogen um +die Arbeiterhäuser herum und sah, wie drüben +auf dem Hauptweg ein sich umarmendes Paar +hinschritt, das sich wahrscheinlich aus der Schenke<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> +fortgestohlen hatte, um einen heimlicheren Winkel +für seine Liebe aufzusuchen.</p> + +<p>Auf mehreren Umwegen gelangte er in den +Gutspark, blieb einen Augenblick vor dem verödeten +Sandsteinbecken des großen Springbrunnens +stehen, blickte zum Mond und den +phantastischen Wolkenformen des Himmels auf +und sah dann die rötlich erleuchteten Fenster des +Herrenhauses wieder vor sich liegen. Er trat +ganz dicht unter eins der Fenster und lauschte. +Ein unbestimmtes Surren von Stimmen schlug +an sein Ohr, die Musik schwieg. Man hatte +aufgehört zu tanzen und vergnügte sich offenbar +mit allerlei zeitvertreibenden Spielen. Er schritt +um das Haus herum, kam an das dunkle Fenster +seines Zimmers, stieß den Fensterflügel zurück +und schwang sich über das Gesims in die Stube. +Er entkleidete sich im Dunkeln und legte sich hin. +Schlafen konnte er nicht; sein Blut wallte ruhelos +hin und her. Mitunter wurde ihm so heiß, +daß er am liebsten aufgesprungen und ans offene +Fenster getreten wäre, um sich zu kühlen. Er sah<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> +Asta, hörte ihre Stimme, fühlte ihre kleine weiße +Hand, sah sich selber neben ihr, heftig bewegt und +unfähig, die Worte zu finden, die er suchte, fühlte +den Stolz ihres Auges, und einmal war er nahe +daran, laut loszubrüllen wie ein verzogenes Kind.</p> + +<p>Lange lag er so. Endlich hörte er ein schnell +anschwellendes Getümmel auf den Korridoren +und wußte, daß die Gäste sich jetzt zur Ruhe +begaben. Hier und da klappte eine Tür, Geträller +war zu hören, ein feines Lachen, ein +Zuruf, ein Gähnen, dann wurde es wieder +still. Eine Stunde später öffnete man ungeschickt +laut die Tür zu seinem Zimmer. Fridolin tat, +als schliefe er, aber durch die Wimpern hindurch +beobachtete er genau, was vorging. Zwei Leutnants, +lachend und mit geröteten Gesichtern, +schleppten Paul herein, der völlig betrunken war. +Der eine Leutnant, auffallend durch abstehende +Ohren und einen riesigen blonden Schnurrbart, +trug einen brennenden Leuchter in der Hand, +den er schief hielt und von dem infolgedessen +das Wachs fortwährend auf die Dielen tropfte.<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> +Paul, der nicht das geringste mehr von sich +wußte, ließ alles mit sich geschehen. Die Leutnants +setzten ihn aufs Bett, zogen ihm allmählich +sämtliche Kleidungsstücke aus, nannten ihn eigentümlicher +Weise immer »Majestät« und lachten +unmäßig dabei. Als ihr Opfer bis auf das +Hemd entkleidet war, schleppten sie es an den +Waschtisch und gossen ihm eine Kanne Wasser +über den Kopf. Paul gab nicht einen Mucks +von sich und hielt auch meistens die Augen geschlossen, +die so klein schienen wie die eines +Ferkelchens. Die Leutnants packten ihn ins +Bett, deckten ihn zu, legten mit eigentümlich +pathetischen Gebärden einen Rosenstrauß auf +seine Bettdecke, warfen einen scheuen Blick auf +Fridolin, nahmen den Leuchter und verließen +dann, nachdem sie erst so unnötig laut gewesen +waren, merkwürdigerweise auf Zehenspitzen und +mit leisem Flüstern das Zimmer.</p> + +<p>Paul schlief sofort und fing an zu schnarchen. +Fridolin war erst belustigt durch die groteske +Szene, deren Zeuge er gewesen war, dann<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> +gewannen die tieferen Bilder des verflossenen +Tages wieder Raum in ihm, und er hörte Asta +immer von neuem mit der ganzen Energie ihrer +Stimme zu ihm sprechen: »Ich wünsche, daß wir +aufhören mit tanzen. Sofort.«</p> + +<p>Es währte lange, ehe er Schlaf fand. Er +schlief leis und unruhig.</p> + + +<p><br />Am nächsten Vormittag sollte Asta reisen. Sie sahen sich noch beim Frühstück, + doch saßen sie so weit voneinander ab, daß sie kein Wort miteinander + wechseln konnten. Fridolin empfand es eigentlich als eine Wohltat. Ihre Augen + berührten sich mitunter. Asta schien ganz lustig zu sein; die Bewegungen + ihrer Hände und ihres Kopfes waren viel lebhafter als gestern. Der Leutnant + an ihrer Seite, es war der mit den abstehenden Ohren, zog sie in eine Unterhaltung, + die ihr volles Interesse zu haben schien. Aber einmal bemerkte Fridolin, daß + sie auf einen Augenblick die Augen schloß, wie in einem starken nervösen + Gefühl oder von einer heftigen Ermattung ergriffen.<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> Nach dem Frühstück trat er zu ihr, sah sie an, nahm + lächelnd ihre Hand und sagte leise: »Leben Sie wohl«. Dann + führte er die Hand an den Mund und biß hinein. Aber die Hand schien + fühllos zu sein, denn sie zuckte nicht einmal. »Leben Sie wohl!« + sagte Asta und lachte. Fridolin merkte trotz alledem, daß dieses Lachen + nicht ehrlich war.</p> + +<p>Er wollte den Abschied am Reisewagen nicht +miterleben. Er ließ sich ein Pferd aus dem Stall +ziehen, einen jungen Rappen, und stieg in den +Sattel. Als er eben den Hof verlassen hatte, +bemerkte er an seinem Ärmel einen goldigen +Blitz. Er sah nach und fand, daß es ein langes, +aschblondes Haar war, das nur von Asta stammen +konnte. Die ganze Schönheit des blassen Mädchens +trat mit einem so wehmütigen Schimmer und so +überwältigend vor ihn hin, daß ihm war, er +müsse liebkosend ihren Namen nennen und für +alles um Verzeihung bitten. Er gab das Haar +dem Winde preis, biß die Lippen zusammen, stach +die Sporen mit unsinniger Heftigkeit in die Seiten<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span> +des Pferdes, so daß es sich bäumte, und jagte +über Feld und Gräben, gleich einem Besessenen.</p> + +<p>Nachdem er auch die Heide durchquert hatte, +wurde der Boden moorig, und er mußte abbiegen. +Er ritt in ein Wäldchen junger Birken +ein, deren weiße Stämme in der blauen, sonnigen +Luft wie reines Silber glänzten, während das +Zweigwerk, braunrot und voll keimenden Saftes, +von einem violetten Duft durchwoben war. +Dunkelgrüne Wacholderbüsche waren über den +Waldboden hin verstreut. Fridolin machte einigemal +halt, um schöne Durchblicke durch die hellen +Stämme auf das Moor und die roten Dächer +eines fernen Dorfes zu genießen.</p> + +<p>Draußen kam er auf eine sandige Höhe. Nahe +dem Horizont erkannte er das Dunkelblau eines +kommenden Regens. Plötzlich drang ein Lärmen +aus der Luft. Er sah empor. Zwei große, weiße +Vögel, blendend von der Sonne beschienen, +stürmten mit vorgereckten Hälsen durch die Luft +und schrieen. Als er weiter Umschau hielt, auf +das Wäldchen zu seinen Füßen, auf das rote<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> +Dorf, auf ein paar blaue, moorige Teiche und +die Wege ringsher, sah er in der Richtung nach +Garzigar den Reisewagen mit den beiden Braunen. +Und wieder spornte er den Gaul und flog über +Moor und Heide und Feld, und als er dann +endlich in Obliwitz einritt, ermattet und triefend +gleich dem Tier, auf dem er saß, rief ihm der +Brautvater, der gerade aus dem Schafstall kam, +mit deutlicher Stimme entgegen:</p> + +<p>»Wenn Sie glauben, junger Mann, daß ich +noch einmal die Dummheit begehe, Ihnen ein +Pferd aus meinem Stall zu geben, irren Sie sich!«</p> + + +<p><br />Fridolin fuhr von Obliwitz direkt ans Meer. +Er kletterte auf den Dünen herum, legte sich an +den Strand, trieb in Booten durch das sonnige +Wasser, das er selten so blau gesehen zu haben +meinte, pflückte sich Sträuße von Leberblümchen, +die auf einigen Hügeln in blauen Mengen standen, +und fühlte, daß er an der See noch niemals so +unruhig und verstört gewesen war. Aus jedem +Raunen des Wassers hörte er die Stimme eines<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> +Mädchens, das blonde Haare hatte; wo er einen +wehenden Halm sah, dachte er an dünne Handgelenke, +und die Bläue des Himmels sah er nur +als Vergleich mit dem Blau zweier jugendlicher +Augen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er +setzte sich hin und schrieb an Asta, daß er am +nächsten Tage auf der Heimreise um eine bestimmte +Zeit mit dem Schnellzuge durch S. kommen +werde, der Stadt, wo sie bei Verwandten zu +Besuch war. Er schrieb, der sehnlichste Wunsch, +den er habe, sei, sie am Bahnhof noch einmal +wiederzusehen.</p> + +<p>Er fuhr, und als er sich S. näherte, stürmte +sein Blut vor Erregung. Er stand, als der Zug +einlief, am Fenster und erkannte sie sogleich. Sie +trug ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Federhut +und an den Händen gelbe dänische Handschuhe. +Merkwürdig, sobald er sie sah, hatte er seine Ruhe +wiedergefunden. Sie winkte ihm zu, er sprang, +als der Zug hielt, herab, ging ihr entgegen, nahm +ihre Hand und küßte sie.</p> + +<p>Was sie hierauf miteinander sprachen, war sehr<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> +einfach: Erkundigungen nach ihrem Befinden, +wie es ihm am Meere gefallen habe, wie ihr die +Hochzeitsfeier bekommen sei, wie lange sie noch +bei ihren Verwandten zu bleiben gedenke. Sie +sagte, daß sie noch etwa vierzehn Tage in S. zu +bleiben gedenke, und er, daß er die See nie so +schön gesehen habe, daß er aber nicht in der richtigen +Stimmung gewesen sei, sie zu genießen. Dann +hieß es »Einsteigen!«, sie gab ihm schnell die +Hand, er küßte sie, indem er den Handschuh zurückstreifte, +auf den Puls. Dann bestieg er den Wagen, +der Zug setzte sich in Bewegung, und langsam +verschwand ihre dunkle Gestalt, während er winkte +und noch bis zuletzt den herben Zug um ihre +Lippen sah.</p> + +<p>Sie hatten nichts mehr gemein in ihrem späteren Leben. Wenn sie einst + sterben werden, wird keiner ahnen, daß sie in den Tagen ihrer Jugend voneinander + wußten.</p> + + +<p class="printinfo">Der Druck des Buches erfolgte in der Druckerei von<br /> + Gebr. Mann zu Berlin. Die Einbandzeichnung ist von<br /> + Walter Tiemann.</p> + +<div class="note"> +<b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br /> + +Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde +zur besseren Übersicht an den Buchanfang verschoben. Offensichtliche +Druckfehler und Inkonsistenzen wurden korrigiert. +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA *** + +***** This file should be named 23425-h.htm or 23425-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/3/4/2/23425/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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